107 § 2 Der Begriff. Auch die sog. „technische Konsumtion“ 1 ) von Materialien in einem Fabrikationsprozesse ist nicht Konsumtion; durch sie wird zwar ein Gut planmäßig und zweckmäßig verbraucht, aber eine Bedarfsbefriedigung nicht ausgelöst, sondern erst vorbereitet. Wenn die Kohle ein Wohnzimmer heizt, befriedigt sie den Wärme bedarf seines Bewohners; wenn sie einen Dampfkessel heizt, hilft sie nur ein Gut herstellen, das Objekt der Konsumtion werden kann. Zur technischen Quasi-Kon sumtion gehört ebenso wie das Heizmaterial des Dampfkessels auch das Futter von Arbeitstieren, aber nicht der Unterhalt von Lohnarbeitern, auch wenn er in natura gewährt wird; der Begriff der Konsumtion, wie wir ihn fassen, steht und fällt mit dem Menschtum des Konsumenten; alle Wirtschaft wird nur nach ihrer Wirkung auf den Menschen beurteilt. Allerdings, auch über den Unterhalt der Lohnarbeiter hinaus ist ein großer Teil der Konsumtion „reproduktiv“, nach Says etwas zu engem Ausdruck; er er hält oder verbessert die Gesundheit des Konsumenten und seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, oder er baut die werdende Arbeitskraft des jungen Geschlechts auf. Er ist also nicht nur Selbstzweck, sondern zugleich erster Akt einer künf tigen Produktion, ist eigentlich technische Konsumtion. Aber ob der Konsument seine mit neuer Energie versorgten Muskeln produktiv betätigen wird, ist ungewiß, und darum hat es etwas für sich, den gordischen Knoten zu durchhauen und den Kon sumenten als Endstation und als bloßen Selbstzweck zu fingieren. Eine eigentümliche Abart ist die Konsumtion konsumierter Güter, die N a c h- k o n s u m t i o n. Sie spielt eine nicht geringe Rolle bei Gebrauchsgütern. Wenn jüngere Geschwister die abgelegten Kleider der aus ihnen herausgewachsenen älteren Geschwister tragen, so ist das noch keine Nachkonsumtion, sondern Weiterkon sumtion, wie wenn ein Wohnhaus von einem Benutzer auf den andern vererbt wird. Wohl aber findet die Nachkonsumtion abgelegter, verbrauchter Kleider sowohl durch Vermittlung der Wohltätigkeit wie des Althandels weiteste Verbreitung. Nach einer neueren Petersburger Ausgabenstatistik tragen in Arbeiterkreisen 45% der alleinwohnenden, 71% der verheirateten Personen abgelegte Kleider, trotz der Furcht vor Uebertragung ansteckender Krankheiten 2 ). Im 16. Jahrhundert kamen Schiffsladungen mit alten Hüten und Schuhen aus England über den Kanal und machten den französischen Gewerbetreibenden empfindliche Konkurrenz 3 ). Aber trotz einer gewissen Verstärkung des Angebots, die der Althandel dem Einfluß der kurzlebigen Mode verdankt, scheint heute die Nachkonsumtion in merklichem Rück gänge begriffen, sei es infolge veränderter Ansprüche der bisherigen Nachkonsu menten, oder infolge der geringeren Dauerhaftigkeit moderner Gebrauchsgüter. Wenn auf einem Spezialgebiete, in der Bücherkonsumtion, der Althandel neuer dings sogar eine bedeutende Ausdehnung erreicht hat, so liegt hier wieder nicht eigent lich Nachkonsumtion verbrauchter Ware vor, sondern Weiterkonsumtion. Dagegen sind allerdings die moderne Sitte des Kleiderabonnements und ähnliche Erscheinungen auf dem Gebiete des Möbelhandels, des Zahnersatzes usw. geeignet, der Nachkon sumtion Vorschub zu leisten. Eine scharfe Grenze zwischen Nach- und Weiterkon sumtion gibt es freilich nicht. Ein gröbliches Mißverständnis liegt einem ältern Sprachgebrauch zugrunde, der die Zubereitung der Speisen und überhaupt die wirtschaftliche Tä tigkeit der Hausfrau als Sphäre der Konsumtion dem verkehrswirtschaft lichen Produktionsprozeß entgegensetzt. Die Tätigkeit der Hausfrau stellt viel mehr das letzte oder vorletzte Stadium der Produktion vieler Waren vor. Der Unterschied ist nur der von verkehrswirtschaftlicher Warenproduktion für den Ver kauf und eigenwirtschaftlicher Güterproduktion für den Hausbedarf. Wäre die *) Nach Say: „reproduktive Konsumtion“; nach Cherbuliez: „wirtschaftliche Konsumtion“. 2 ) Archiv für Sozialwissenschaft 30, 66 f. 3 ) Sombart, Der moderne Kapitalismus, 1902, II 327. A