112 I. Buch B III: K. Oldenberg, Die Konsumtion. § 4 zum Unterhalt einer Familie und zur Wahrung der äußeren Sitte. Dahin zielte wenigstens eine starke Tendenz der Entwicklung, so weit auch in concreto oft Ideal und Wirklichkeit differieren mochten. Und wo die überweltlichen Impulse beim Einzelnen versagten, da trat an ihre Stelle die Gebundenheit durch das Bei spiel der Nachbarn; diese Gebundenheit ist es in erster Linie, die die Konsumtion zu einer gesellschaftlichen Erscheinung macht. Noch heute ist der Typus des genüg samen Landmanns nicht ausgestorben, dem das Verständnis für den Genußzweck der Konsumtion fast abgeht, und der ein Hinausgehen über das Maß der über kommenen Lebenshaltung für sich und andere ebenso entschieden verwirft, wie er ein Zurückbleiben hinter ihm als Pflichtverletzung scheut. Es ist neben dem überweltlichen Imperativ die Rücksicht auf das Urteil der Nachbarn, es ist die gei stige Abhängigkeit von Gott und Menschen, was die Seele des damaligen Menschen umklammert und sein unmittelbares Selbstinteresse an der Konsumtion verküm mern läßt. Daß dieser Kulturzustand, so hoch man ihn sittlich werten mag, wenig geeignet ist, Impulse zur fortschrittlichen Entwicklung der Volkswirtschaft auszulösen, leuchtet ein; Gebundenheit der Konsumtion bedeutete zugleich Gebundenheit der Volkswirtschaft. Ueber diesen toten Punkt hinaus führen zwei geschichtliche Ent wicklungsreihen: die Abschwächung des Gefühls der Abhängigkeit des Menschen von Gott durch die moderne Aufklärung, und eine Umgestaltung seiner Abhängig keit vom Urteil des Nächsten. Die Wirkung auf die Konsumtion ist in beiden Fällen ähnlich, wenigstens scheinbar ähnlich. 1. Die Abhängigkeit vom Urteil des Nächsten wird transformiert im Sinne des Uebergangs vom Anerkennungstrieb zum Auszeichnungs trieb. Hatte die peinliche Anpassung an die für jeden Stand überkommene Lebens haltung den Anerkennungstrieb zur Voraussetzung, und die soziale Scham zum Motive, so will der Auszeichnungstrieb sich über die Standesgenossen erheben, und beruht auf sozialem Ehrgeiz. Zwar fehlt der Auszeichnungstrieb, die Leidenschaft des aisv dcptatstistv, zu keiner geschichtlichen Zeit ganz, und ist die Bedingung aller Führerschaft in Krieg und Frieden; allein in der Neuzeit dehnt er sich auf viel breitere Schichten aus, je mehr er sich auf das wirtschaftliche Gebiet erstreckt. Das wirtschaftliche Gebiet bedeutet für ihn ein neues Betätigungsfeld. Zu den Eigenschaften, die das Individuum vor seinesgleichen auszeichnen, zählt auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und diese kann unter Durchbrechung der Sitte in einer individuell erhöhten Lebenshaltung Ausdruck finden: in prächtigerer Klei dung, im Essen und Trinken, im Schmuck der Wohnung, in ausgedehnter Gast lichkeit, im Umfang des sichtbaren Besitzes. Die erhöhte Lebenshaltung wird zu einem willkommenen, weithin sichtbaren Zeugnis hervorragender Tüchtigkeit, und reizt zur Nachahmung, entfesselt das Streben nach Ausgabensteigerung und Einkommenssteigerung, sei es durch wirtschaftliche Mehrleistungen oder auf anderem Wege. Die Ausgabensteigerung, die imponieren will, richtet sich in älterer Zeit mit Vorliebe auf den Erwerb von Vieh und Grundbesitz, möglichst viel, eventuell mit Schulden; in andern Fällen, namentlich seitens der ehrgeizigen Jugend, auf eine bestimmte, durch die Sitte der nächst höheren Klasse orientierte Art kost spieliger Lebensführung, oder endlich auf eine kostspielige Lebenshaltung schlecht hin, auf Rekordleistungen; in allen Fällen werden solche Ausgaben bevorzugt, die nach außen ins Auge fallen, Fassadenbedürfnisse: Gesellschaftsräume der Wohnung mehr als Schlaf- und Wirtschaftsräume, Oberkleidung mehr als Unterkleidung usw. Den Anstoß zu dieser folgenreichen Bewegung, zum Durchbruch des wirtschaft lichen Auszeichnungstriebes, kann eine gelegentliche Einkommensdifferenzierung gegeben haben; möglicherweise aher auch die gesellschaftliche Mischung oder auch nur Berührung von Bevölkerungsgruppen mit verschiedener Lebenshaltung; wie beispielsweise die Kreuzzüge durch den Import orientalischen Prunks auf die einfachere Lebenshaltung des Abendlands revolutionierend wirkten. Die Lawine muß