Wertmaßstäbe der Konsumtion. 113 § 4 « ins Rollen gekommen sein. Mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft steht dieser massenpsychologische Prozeß in enger Wechselwirkung. Die Verbreitung des wirt schaftlich betätigten Auszeichnungstriebs und der Geldwirtschaft wirkt andererseits revolutionierend auf die gesellschaftliche Schichtung zurück, verdrängt die herge brachte Scheidung der Stände nach Geburt und Beruf durch eine Scheidung der Klassen nach der Aufwandsfähigkeit, wirkt belebend auf den wirtschaftlichen Fort schritt, und dieser, eine verfeinerte Lebenshaltung ermöglichend, stachelt wieder den Auszeichnungs- oder Rivalitätstrieb zu leidenschaftlichem Wetteifer an. Indem die gesteigerte Norm der Lebenshaltung auch diejenigen Volksschichten, die noch unter der Herrschaft des Anerkennungstriebes geblieben sind, zur Anspannung aller wirtschaftlichen Kräfte zwingt >), wird eine allgemeine Fortschrittsbewegung ausgelöst, die aus sich heraus eine Art von volkswirtschaftlichem Enthusiasmus erzeugt. Nicht ganz mit Unrecht hat man daher den Erwerbstrieb eine Unterart des Auszeichnungstriebs genannt 2 ), weil die Rivalität in der Ausgaben steigerung, daneben auch in der Gewinnung von finanziellem Einfluß, wenigstens eine Hauptquelle des modernen Erwerbstriebs, jedoch neben andern Quellen 3 ) ist. Durch diese geschichtliche Wandlung des Anerkennungs- in den Auszeichnungs trieb wird auch die bekannte Erscheinung 4 ) verständlich, daß in älterer Zeit (und bei Völkern oder Volksschichten ohne entwickelten sozialen Ehrgeiz noch jetzt) Steigerung des Einkommens zum Faulenzen oder Blaumachen führt, während sie vom modernen Arbeiter unter Anregung des Arbeitseifers gern in Aufwendungen, für bessere Lebenshaltung umgesetzt wird, den sozialen Aufstieg innerhalb der Arbeiterklasse vermittelt. Die unmittelbare, naive Aeußerung des wirtschaftlichen Auszeichnungstriebs, Von dem Kleinkrieg zwischen Anerkennungs- und Auszeichnungestrieb gibt Pastor Gailwitz aus zwei großen Industriedörfern bei Nordhausen eine anschauliche Schilderung (in der Zeitschrift „Evangelisch-sozial“, Mai 1910): „Der Fabrikarbeiter hat Angst, etwas Besonderes zu sein und von dem, was seine Genossen tun, abzuweichen. Es ist ihm unerträg lich, wenn über ihn gelacht und gestichelt wird. . . Die Wohnungen sind nach demselben Typus gebaut. In einem Hause wohnen 4 bis 5 Familien, bei der Ernährung herrscht eine mehr als kasernenmäßige Eintönigkeit . . . Dieselbe Gleichförmigkeit herrscht in der Mode. Im vorigen Jahre erschienen einige Konfirmandinnen in breitrandigen roten Wollhüten, in 2 Monaten war das so allgemeine Sitte geworden, daß höchstens 3—4 der Allerärmsten ohne diese Kopf zierde geblieben waren. Der einzelne erträgt es nicht, etwas anderes zu sein als die andern. Damit steht der Einzelne unter einem harten Gesetz der Menschenknechtschaft. Er hat nicht die Kraft in sich, anders zu sein als die Genossen ... Das fühlt jeder Einzelne instinktiv, und darum ist er mißtrauisch und feindselig gegen den Genossen, der zuerst eine neue Mode auf bringt oder etwas Besonderes sein will. Die andern werden dadurch gezwungen, das nachzu machen und in der Regel über ihre Verhältnisse Geld auszugeben. Wenn die Frau eines Ge nossen ein neues Kleid erhält oder die Tochter einen neuen Hut, so gibt es wochenlang bei den Nachbarn unzufriedene Gesichter, heftige Worte, ja Tränen, bis der soziale Ausgleich ge schlossen ist und Mutter und Kind in denselben Moden wie jene einherstolzieren können.“ 2 ) Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, 1. Aufl. S. 32. 3 ) Solche Quellen sind: Aussicht auf hochverzinsliche Anlage des Erworbenen, zuneh mende Rechtssicherheit, abstrakte Freude am Erwerb oder am Uebervorteilen, und überhaupt die Psychologie des „rechenhaften“ kapitalistischen Plustriebs, auch des modernen Geschäfts sinns, von der spießbürgerlichen „Freude am guten jährlichen Geschäftsabschluß“ (Schmoller) bis zum schönen Größenwahnsinn der Milliardäre. In einigen dieser Faktoren liegt eine Art von objektivierender Umbiegung des egoistischen Erwerbstriebs, so in der freiwilligen und freudigen Dienstbarkeit gegenüber einem fingierten Selbstzwecke des Kapitals oder der Firma (vergleichbar dem Pflichtbewußtsein des Familiengutsbesitzers oder des Beamten oder des Weltverbesserers). Damit hängt zusammen, daß der Uebergang von der alten Bedarfsdek- kungswirtschaft“ in die „Erwerbswirtschaft“, wie man dieAera des Erwerbstriebs bezeichnet hat, keineswegs immer mit einer entsprechenden Ausgabensteigerung Hand in Hand geht; hat es doch auch starke kapitalistische Strömungen in Verbindung mit puritanisch einfacher Lebenshaltung gegeben. Es muß darum in der Konsumtionslehre genügen, die Theorie des Erwerbstriebs und der Erwerbswirtschaft statt Bedarfsdeckungswirtschaft kurz zu be rühren. 4 ) Vgl. Brentano, Ueber das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeits leistung. 2. Aufl., Leipzig 1893. Sozialökonomik. II. 8