Wertmaßstäbe der Konsumtion. 119 § 4 4. Der mehr oder weniger konventionelle Charakter fast aller Konsumtion, die Vergeudung durch den Rivalitätsaufwand, die Steigerung des Bedürfnisses durch die Konsumtion selbst, die progressive Abstumpfung der Genußfähigkeit bedeuten Abzüge vom Genußwert der heutigen hochgesteigerten Konsumtion. Der Einfluß der Verkehrswirtschaft, des städtischen Lebens und der modernen Beschränkung der Kinderzahl, auf den wir in einem folgenden Paragraphen hinweisen, bedingt weitere Abzüge. Die ungleiche Verteilung des Einkommens, die eine optimale konsumtive Ausnutzung der jeweilig verfügbaren Produktionskraft hindert und große Bevöl kerungsteile dem Elend preisgibt, bildet ein Kapitel für sich, muß aber in diesem Zusammenhänge wenigstens erwähnt werden. Wenn die Summe dieser Abzüge eine weitgehende Resignation im Werturteil über den Konsumtionsfortschritt fordert: fehlt es daneben an Lichtseiten? Vom Standpunkte sozialer Beurteilung bieten diese Abzüge selbst, namentlich die Faktoren Rivalität und Abstumpfung x ), einen gewissen Ausgleich für die äußer liche Ungleichheit der menschlichen Lose; es sind ja vorzugsweise die größeren Lose, die durch solche Abzüge verkürzt werden. Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte können wir als Gewinn registrieren, daß infolge der Vervielfältigung und Verbesserung der Güter, in erster Linie der Nahrungs mittel, das physiologische Existenzminimum vollständiger befriedigt werden kann, als sonst wenigstens für die neu entstandene städtische Bevölkerung möglich wäre. Der besseren Sicherung des Existenzminimum dienen auch die großen Aufwendungen auf dem Gebiet der Hygiene (Wasserleitung, Kanalisation usw.), die freilich teilweise erst neu entstandenen Bedürfnissen entsprechen, und auf dem Gebiet der Kranken pflege. Von den Annehmlichkeiten des Lebens fällt namentlich die bessere Beleuch tung und die Verbesserung der Wege ins Gewicht; zweifelhafter ist die Verbesserung des Wohnens. Daneben ist die Regelmäßigkeit der Konsumtion gesichert worden; von der privatwirtschaftlichen Versicherung abgesehen, durch die Feuer wehr und durch eine wirksamere Vorsorge gegen plötzliche Hungersnöte, namentlich durch die zwischen Mangel und Ueberfluß ausgleichende Wirkung der Transport mittel. Auch ohne diese Vorsorge besitzt ein reichlich konsumierendes Volk eine latente Reserve für Notfälle in seiner Lebenshaltung selbst, in der Möglichkeit, in knappen Jahren zur physiologischen Mindestnorm des Nahrungsbedarfs zeitweilig zurückzukehren. Aber vor allen andern Erwägungen bleibt es die Hauptsache, daß der wirtschaft liche Fortschritt seinen idealen Wert in sich selbst trägt, unabhängig vom Kon sumtionswerte der durch ihn geschaffenen Güter. Die Steigerung der Bedürfnisse, auch wenn sie nicht zu gesteigerter Befriedigung führt, zwingt doch den Menschen zur Anspannung seiner Kräfte und wird durch diese belebende Wirkung zu einer der Grundlagen moderner Kultur. Sie ist das wirksamste Erziehungsmittel für die träge Masse. Sie schafft auch in der Befriedigung des Erfolges Genußwerte, die denen des Konsumtionsgenusses überlegen sind. Kurz, die Konsumtion, die uns als Zweck erscheint, ist jetzt in Wirklichkeit vielmehr Mittel für einen höheren Zweck. Es ist wie eine List der Natur, die den Menschen ködert, um ihn seiner Bestimmung zuzuführen; wie der um seiner selbst willen erstrebte Genuß des Essens die Erhaltung des Körpers zur Nebenfolge hat, und der Geschlechtsgenuß die Erhaltung der Mensch heit, so löst die lockende Aussicht auf Befriedigung brennender Bedürfnisse überhaupt die Anspannung der Kräfte aus, die dem Leben Wert und Würde gibt, wenn sie. sitt lich rein bleibt. Und sie züchtet starke Menschen und starke Völker, die über die andern herrschen und ihnen ihr Gepräge auf drücken * 2 ). x ) Vgl. J. W o 1 f a. a. 0. S. 163. 2 ) Darum haben auch im wirtschaftlichen Wettkampf der Völker nicht nur die bedürfnis losesten Völker einen Vorsprung, sondern möglicherweise auch die mit den stärksten Bedürf nissen. Haben die bedürfnislosesten eben in ihrer Genügsamkeit eine wirksame Waffe im Kampf ums Dasein, so werfen dafür die bedürfnisstärksten die größere Energie in der Anspannung