Moderne Wandlungen der Konsumtion. 141 § 7 „Kostsätze“ der Wirklichkeit das Schema der Sollnahrung, der „Kostmaße“ mit ihren drei Bestandteilen, die die Physiologie fordert (allerdings mit bemerkenswerten Abweichungen). So berechnet Lichtenfeit den täglichen Durchschnittsverbrauch eines erwachsenen Deutschen auf 115 g Eiweiß (bzw. Stickstoff), 90 g Fett, 549 g Kohlehydrate = 3559 Kalorien, während V o i t und sein Schüler Rubner 1 ) für einen Mann von 70 kg Körpergewicht bei mittelschwerer Arbeit von täglich 9—10 Stunden eine Tagesmenge brutto von 118 g Eiweiß, 56 g Fett, 500 g Kohlehydraten = 3055 2 ) Kalorien fordern. Wir kommen später auf die Frage zurück, wie das Ver hältnis jenes mittleren deutschen Kostsatzes zu dieser Norm des Voit-Rubnerschen Kostmaßes zu deuten ist. 2. In diesem deutschen Kostsatze der Gegenwart haben wir indessen längst nicht mehr die überkommene bodenständige Nahrung, sondern eine Mischung aus ihr und der willkürlich veränderten, auch durch ausländische Güter modifizierten ver kehrswirtschaftlichen Kost, wie sie am ausgeprägtesten in der Groß stadt sich findet. Die verkehrswirtschaftliche Kost wird aber trotz ihrer größeren Mannigfaltigkeit durch beachtenswerte Nachteile gegenüber der eigenwirtschaft lichen charakterisiert. Einmal entbehrt sie noch der festen Sitte, die eine gewisse Garantie gegen physiologisch unzweckmäßige Abweichungen gibt, und es ist sogar fraglich, ob sie unter der Herrschaft der sozialen Rivalität eine solche Festigkeit je gewinnen wird 3 ). Zweitens bietet der Verkehr eine Mannigfaltigkeit entbehrlicher und teilweise selbst schädlicher Güter an, deren Verbrauch früher auf engere Kreise beschränkt war, auf dem Gebiete der Nahrung insbesondere Reizmittel. Im Handel findet dieses Angebot einen berufsmäßigen, raffinierten und oft aufdringlichen Vertreter 4 ), unter Umständen auf Kosten des Konsums von Existenzgütern. Erst auf diesem verkehrswirtschaftlichen Boden gedeiht auch der Auszeichnungstrieb in der Konsumtion, oft zu gunsten der Kleidung auf Kosten der Nahrung: die Masse der Konsumenten ist der wirtschaftlichen Verantwortung, die das Geldeinkommen auflegt, noch nicht gewachsen. Drittens beginnt mit der Verkehrswirtschaft auch die V erfälschung der Nahrungsmittel und überhaupt die Unsolidität in der Güterherstellung 5 ). Viertens wird in der verkehrswirtschaftlichen Bedarfsdeckung schärfer gerechnet, knapper gewirtschaftet und die Grenze der Unter ernährung leichter überschritten 6 ). Und wo wir heute noch Reste der Eigenwirt schaft finden, scheinen sie die Ernährung zu verbessern. So hat G r o t j a h n eine relativ gute Ernährung namentlich in Arbeiterfamilien mit Schweinehaltung (weniger mit Kuh- und Ziegenhaltung) gefunden, wie bei englischen Fabrikarbeitern 1850 und 4 ) Lehrbuch der Hygiene, 7. Aufl. (1903), S. 475. 2 ) Gelegentlich erhöht Rubner diesen Normalsatz auf 3000—3500 Kalorien, so in seiner Schrift „Volksernährungsfragen“ (1908), S. 6. 3 ) Noch fraglicher ist dies für Kleidung und Wohnung, die in der Verkehrswirtschaft eine ähnliche Umwälzung erfahren. 4 ) Vgl. auch Mataja, die Reklame, 1910. 6 ) Vgl. Rubner 1898, S. 21: „Eine der bedenklichsten Schattenseiten einer Groß stadt ist in den Ernährungsverhältnissen zu suchen. Die Konsumenten beziehen die Nahrungs und Genußmittel in den allerseltensten Fällen von den Produzenten selbst; es fehlt daher sehr häufig die Sicherheit darüber, ob man ein Kunst- oder ein Naturprodukt zur Ernährung erhält. Fast alles Nährmaterial wird importiert und geht durch die Hände von vielen Per sonen. Der Nahrungsmittelfälschung, dem Verkauf verdorbener Waren, verdorbener Spei sen ist daher Tür und Tor geöffnet. Der Städter versteht sich auch meist schlecht auf die Be urteilung von Nahrungsmitteln, was anderseits die Fälschung und Unterschiebung schlechter Ware sehr begünstigt. — Die kleinen Leiden wie leichtes Unwohlsein und Verdauungsstö rungen, welche beim Genüsse frischen, unverfälschten Materials so selten sind, sind bei dem Städter ganz an der Tagesordnung, und jedermann findet es in der Ordnung, daß ihm dies oder jenes nicht bekommt, und daß er dann und wann einen verdorbenen Magen hat. Wie häufig werden Kindern und alten Leuten diese Verdauungsstörungen so verhängnisvoll wie irgend eine andere schwere Krankheit!“ “) Max Weber in Schmollers Jahrbuch 1903, S. 732.