WEM 150 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 7 Verdauung weist darauf hin, daß der Verdauungsapparat nicht so wie beim Freiluft arbeiter funktioniert. Wir kommen damit auf die Beobachtung von Fabrikinspek toren zurück, daß sitzende Lebensweise, Mangel an frischer Luft und hohe Tempe ratur des Arbeitsraums appetitlos, verdauungsschwach und in der Kostwahl reiz- bedürftig mache. Sie wird von R u b n e r im wesentlichen bestätigt und erweitert. „Bei Leuten“, sagt er in seinem Lehrbuch I ), „welche sitzend ihre Arbeit verrichten und sich nach vorn überbeugen, werden die Organe der Brust und des Unterleibes gedrückt, der Pfortaderkreislauf beeinträchtigt, der geringere Verbrauch an Nah rungsstoffen, der Aufenthalt in der Stubenluft setzen den Appetit leicht abnorm herab“. Und 1913 2 ): „Jede die Muskelarbeit ausschließende Arbeitsform hat den Nachteil, daß die Muskelmasse von selbst abnimmt, womit sich auch die anderen Ge webe verändern. Auch die Verdauungsorgane sind bei einem Muskelarbeiter viel leistungsfähiger und erstarken durch die Verarbeitung großer Kostmassen, die für die Arbeit notwendig werden.“ Der Städter verlangt darum erstens ein Reizmittel für Appetit und Verdauung, und zweitens ein konzentriertes animalisches eiweißreiches Nahrungsmittel auch aus dem neuen Grunde, weil er die voluminöse vegetabilische Kost nicht gut verträgt. Dieser erzwungene Uebergang zum animalischen Eiweiß ist aber für den Städter nicht nur darum kostspielig, weil animalisches Eiweiß teurer ist, sondern anscheinend auch, weil es der Zersetzung mehr unterliegt, wie vegetabilisches Eiweiß 3 ). 10. Ein solches konzentriertes Eiweißnahrungsmittel, dessen Notwendigkeit wir vorhin schon aus dem verringerten Kalorienbedarfe des Städters ableiteten, wird aber noch aus einem dritten Grunde erfordert, auf den Rubner 4 ) neuer dings nachdrücklich hinweist. Es handelt sich um eine Erscheinung, die er als „Enteiweißung“ eines großen Teils der modernen Kost bezeichnet. Man kann viel leicht seine Theorie dahin erweitern, daß die moderne Ernährung und Technik der Nahrungsmittelindustrie auf eine Isolierung der drei Nahrungsstoffe hindrängt. Der Fettkonsum hat enorm zugenommen; die hergebrachte Brotkost z. B. wird durch das Butterbrot und die Schmalzstulle verdrängt, und eine Reihe von Industrien ist geschäftig, die konzentrierten Fettstoffe anzubieten. Das Fett ersetzt aber in der Kost vermöge seines hohen spezifischen Nährwerts etwa die doppelte Menge von Kohlehydraten, die dem städtischen Magen zu voluminös sind; und mit den Kohle hydraten verschwinden auch die mit ihnen in den Vegetabilien, z. B. im Brot ver bundenen mäßigen Eiweißmengen. In der übrigbleibenden Kohlehydratkost treten die stark eiweißhaltigen groben Gemüse wie Leguminosen wohl wegen ihrer für den Städter schwierigen Verdauung ebenso zurück, wie die relativ eiweißreichen groben Brotsorten; die nahrhaften Suppen werden (sogar auf dem Lande) durch den Kaffee und seine Surrogate verdrängt; während der Zucker, ein völlig eiweißfreier chemisch reiner Kohlehydratstoff, mit den Fetten zusammen einen immer größeren Teil des Kalorienbedarfs deckt. Auch die schon wegen ihrer Bequemlichkeit in der Groß stadt sehr beliebte Kost belegter Brötchen ist nach Rubners Feststellungen in Ber liner Restaurants überraschend eiweißarm. Zugleich wirkt auch der beträchtliche Energiewert des Alkohols wie ein eiweißfreies Nahrungsmittel. So bleibt durch eiweißhaltige Nahrungsmittel nur ein mäßiger Rest des Kalorienbedarfs zu decken übrig, und zwingt, wenn das Eiweißminimum nicht unterschritten werden soll, zur Auffindung eines konzentrierten Eiweißnahrungsmittels, das wenn möglich zugleich die dringend nötige Funktion der Appetitreizung übernimmt. 11. Diese gesuchte Größe ist (neben dem Käse) vor allem das Fleisch, das im Mittelpunkt der großstädtischen Kost und besonders Restaurantkost steht. i) 1903, S. 706. 2 ) S. 57. 3 ) Vgl. S. 148, Fußnote 11. Es darf jedoch für die Kostenfrage nicht übersehen werden, daß gemischte Nahrung etwas besser resorbiert wird, als einseitig vegetabilische (Rubner 1903, S. 474). 4 ) 1908, S. 34, 122 f. 1913, S. 97 f., 101 f.