152 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. §7 13. Die Nebenwirkungen der städtischen Kost gehen noch weiter. Die zellulose arme Nahrung aus feinem Mehl (die schon den Kindern ihrer leichten Verdaulichkeit wegen kurzsichtigerweise gereicht wird) verlangsamt nicht nur unmittelbar die Verdau ung, sondern macht auch durch mangelnde Uebung allmählich den Dickdarm träge und leistungsunfähig 1 ). Und nicht besser geht es den Kauwerkzeugen. Bekannt ist der Kampf, der von zahnärztlicher Seite, namentlich von Rose 2 3 ) und Kunert s ), gegen die Feinmehl- und Zuckernahrung geführt wird, die die Zähne nicht übt und angreift, auch den Wuchs der Kiefer beeinträchtigen und dadurch Wucherungen im Nasenrachenraum mit der Folge der Mundatmung begünstigen soll; bekannt ist auch die Klage über Verschlechterung der Zähne in England infolge des starken Weißbrot- und Zuckerkonsums 4 ), die schnelle Verbreitung der Zahnkaries in Deutsch land schon im Kindesalter und besonders in den Städten und ihre Verbreitung in andern modernen Ländern 5 ). Schlechte Zähne verschlechtern aber wieder die Ver dauung. So muß, scheint es, die städtische Kost immer einseitiger und schließlich zu einer richtigen Krankenkost werden 6 ). Der Mensch ist bei starkem Kräfteumsatz in frischer Landluft einfach zu ernähren, bei städtischer Lebensweise erstens teuer und zweitens nicht leicht ohne degenerative Nebenwirkungen. Beide Posten gehören ins Debetkonto der städtischen Existenzbedingungen 7 ) und tragen bei, die Bedeu tung der steigenden Konsumtionsziffern abzuschwächen, mit denen der Industrie staatsbürger prunkt. Eine gelegentlich vertretene Meinung 8 ), daß die spezifische Bedürftigkeit des städtischen Konsumenten vielleicht erst in der zweiten und dritten Generation zu vollem Ausdruck kommen werde, ist angesichts dieser Degenerationsgefahr auch für den ausreichend ernährten Städter nicht abzuweisen, wenn auch bisher nicht bewiesen 9 ). Von anderer Seite wird vielmehr mit der Möglichkeit einer allmählichen Anpassung des Körpers an städtische Existenzbedingungen gerechnet. 14. In noch ungünstigerer Lage ist derjenige Teil der großstädtischen Bevölke rung, der die raffinierte Stadtkost entbehrt. Ersetzt er nicht die in der Berufstätig keit fehlende Muskelarbeit durch Sportübung, so unterliegt er den Gefahren der Unterernährung. Am meisten gefährdet ist der Zuzügler vom Lande, der bei abnehmendem Kalorienbedarfe seine gewohnte einfache ländliche Kost nur verkleinert, und der muskelträge Städter, der aus wirtschaftlichen Gründen zu der selben einfachen Kost übergeht 10 ), etwa bei rückgängigem Verdienste oder im Falle der Fleischteuerung. Mit der unzureichenden Kost, die bei dem geschwächten Appetite nicht einmal als solche empfunden wird, verbinden sich andere die Ernährung schädi gende großstädtische Einflüsse n ) und so entsteht der verbreitete Typus des unter- ') v. N o o r d e n a. a. O. 2 ) Zahnverderbnis und Beruf, Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde, Mai 1904, und andere Abhandlungen in zahnärztlichen Zeitschriften. 3 ) Unsere heutige falsche Ernährung. 3. Aufl. Breslau 1913, Selbstverlag. — Bekannt lich hält auch der Physiologe v. Bunge den Rübenzucker für ein schädliches Nahrungs mittel. *) Man soll dort jetzt, um die Schädigung zu mildern, ein Brot einführen wollen, das schmutzig weiß aussieht (Weingartz in den Sozialistischen Monatsheften 1911, S. 443). 6 ) Kümmel, Die progressive Zahncaries, Archiv für soziale Gesetzgebung 1903. 6 ) Diese unliebsamen Nebenfolgen städtischer Kost helfen die Vegetarierbewegung ver stehen. Auch die englische Bewegung für japanische Diät nach den Siegen der Reis essenden Japaner ist zu erwähnen. In Japan selbst haben dagegen die Erfahrungen des russischen Krieges zur Einführung einer mehr gemischten Soldatennahrung geführt. ’) Selbstverständlich gilt das Gesagte nicht z. B. für städtische Transportarbeiter, die starke Muskelarbeit zum Teil in freier Luft leisten. Man kann mitunter beobachten, daß diese zwischen ihrer harten Arbeit eine aus trockenem Roggenbrot bestehende Mahlzeit ein nehmen. Unter dem Einfluß der Sitte gehen aber auch sie zu städtischer Kost über. ®) E ß 1 e n , Fieischversorgung, S. 60, und die dort zitierten Autoren. 9 ) Vgl. Cohnheim, S. 284. Oben S. 146. 14 ) Rubner 1908, S. 114 f. n ) 1898, S. 34. 1913, S. 60. Rubner nennt ungünstige Wohnverhältnisse, die Hast und Unruhe der Großstadt mit dem Kräfteverbrauch durch mangelnden Schlaf und Aus-