Moderne Wandlungen der Konsumtion. 153 § 7 ernähi'ten Großstädters x ): abgemagert, blutarm, schlaff; der Gewichtsverlust des Körpers erstreckt sich infolge von Eiweißmangel auch auf das Protoplasma der Zellen; zur Muskelschwäche gesellt sich Energielosigkeit, und bald auch aufreibende Uebermüdung, weil es an Reservekräften fehlt; die Organe entarten greisenhaft; unter den Folgewirkungen ist die mangelhafte Wärmeregulierung und die Anfälligkeit namentlich gegenüber bakteriellen Erkrankungen hervorzuheben 2 ). Seuchen, die in der dicht besiedelten Stadt ohnehin gefährlicher sind, verbreiten sich auch infolge dieser Anfälligkeit leichter; „die Aufwendungen für Krankenpflege, Krankenhaus unterkunft, für Sieche und anderweitige Versorgungsbedürftige lasten schwer auf Staat und Gemeinde“. 15. Die Beachtung dieser Wandlungen im Nahrungsbedürfnis ist nicht nur für die allgemeine Richtung der nationalen Wirtschaftspolitik, sondern auch für andere wirtschaftliche Fragen wichtig. So hat man die Kost des preußischen Soldaten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wiederholt verfeinern müssen, wohl infolge der zu nehmenden Quote von Leuten mit städtischen Ernährungsgewohnheiten. Anderer seits wäre es wahrscheinlich eine volkswirtschaftliche Ersparnis an Nahrungskosten, wenn es gelänge, Werkstatt- und Freiluftarbeit in Personalunion zu verbinden. 16. Dem unzureichenden Gebrauche großstädtischer Kostreizmittel steht ihr Uebermaß gegenüber. Rubner 3 ) hält mit seiner Ueberzeugung nicht zurück, daß mit der Fleischkost der wohlhabenden Klassen ein entbehrlicher und schädlicher Luxus getrieben werde, zum Teil aus „kosmetischen“ Gründen, im Interesse schlan ker Körperformen. Dieser scharf akzentuierte Fleischkultus der Oberschicht ist nun schon durch lediglich psychologische Vermittlung nicht ohne Einfluß auf die Wertschätzung des Fleischkonsums seitens der Menge. Schon längst war das Be dürfnis nach einer kostspieligen Reizkost das Charakteristikum führender Schichten, insbesondere der akademischen Berufe gewesen 4 ). „Das Gebahren der wohlhabenden Familien bringt den Fleischkultus zu Ehren und überträgt ihn dann auf weitere Kreise“ B ). „Die große Masse sieht in der Fleischkost das einzig Erstrebenswerte“ 6 ). Nach dem früher Ausgeführten erkennen wir darin einen Anwendungsfall jener „so zialen Kapillarität“. Es sei dahingestellt, welche besonderen Gründe der schwächere Fleischkonsum in Italien 7 ) und vollends bei den ländlichen slavischen Völkern hat. Für Deutschland meint Rubner 8 ), daß selbst in Arbeiterkreisen der Fleischkonsum in nicht seltenen Fällen so weit getrieben sei, daß eine Verminderung physiologisch zweckmäßig wäre. Er meint an anderer Stelle 9 ), daß gerade die sozial aufgestiegenen Elemente eine Neigung haben, die charakteristischen Züge des teueren Ernährungs typus zunächst zu übertreiben. Und man kann verstehen, daß auf dieser psychologi schen Grundlage in unwirtschaftlicher Weise gerade die teueren Nahrungsmittel zeitweise „in Mode kommen“, wie man sich ausdrückt, obgleich es sich nicht um eine Mode handelt, sondern neben dem ehrgeizigen Motiv um einen massenpsychologi schen Irrtum über den Nährwert des Fleischs. Rubner 10 ) weist darauf hin, wie Schweifungen, die schädliche Hast auch beim Essen selbst. Natürlich treffen diese Bedingungen der Ernährung noch weniger ausnahmslos für alle städtischen Konsumenten zu, als die Folgen schwacher Muskeltätigkeit. Sie werden deshalb hier nur kurz erwähnt. Noch schwerer als jedes dieser Momente dürfte in die Wagschale fallen, daß die städtische Arbeiterfrau aus bekannten Gründen nicht gut haushält und kocht, im Industrielande Groß britannien noch weniger als in Deutschland und Frankreich. Auf 2 Milliarden Mark schätzt der englische Nationalökonom Marshall die jährliche Warenvergeudung durch englische Haus frauen, ungerechnet die Schädigung der Verdauungsorgane durch mangelhaft zubereitete Kost. Gerade für die in der Stadt nötige Kost fällt aber die Kochkunst besonders ins Ge wicht. Auch bei der Vergleichung von Nahrungsbudgets sollte man diesen gravierenden Ein fluß der Köchin niemals aus dem Auge lassen. " 1908, S. 99 f., 135. 1913, S. 60. 1908, S. 102, 136, 138. 3 ) 1908, S. 128 f. S. 32 f. ') S. 129. S. 131. 7 ) 1913, S. 93. S. 96. 8 ) S. 18. 9 9 9 *) 8 ) 10 ) 1913, S. 18.