154 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 7 auch sonst das Werturteil über Nahrungsmittel je nach der Zeitströmung geschwankt habe, wie man z. B. zeitweise die Leguminosen als wertlos ansah. Auch an die Ueber- schätzung des Alkohol als Kraftquelle ist zu erinnern. Im Wege der sozialen Ansteckung, zunächst z. B. durch den Einfluß aus der Großstadt heimkehrender ländlicher Bauarbeiter, die städtische Art angenommen haben I ), wird diese Ernährungsweise auch aufs Land verpflanzt und hat auch hier eine weitgehende, aber physiologisch nicht begründete Aenderung der Kost angebahnt, natürlich nur im Industriestaat. 17. Im vorstehenden Vergleiche städtischer und ländlicher Ernährung wurde noch nicht berücksichtigt, daß für den Städter die Nahrung im allgemeinen weniger preiswert zur Verfügung ist. Von der Qualität verkehrswirtschaftlicher Nahrungs mittel war schon die Rede 2 ). Daß der Preis von Landprodukten durch den Verkauf in die Stadt gesteigert wird, scheint selbstverständlich, trifft aber aus mancherlei Gründen nicht immer zu, weder bei Einfuhrwaren noch bei manchen Produkten des Inlands. Es wurde schon gezeigt 3 ), daß anscheinend in neuester Zeit das Preis niveau der Lebensmittel zwischen Großstadt und Land sich auszugleichen beginnt; am übelsten dürfte dabei der Konsument der Mittelstadt fahren. 18. Der empirische Beweis, daß die städtisch gewordene Bevölkerung ihren Nahrungsbedarf heute schlechter befriedigt als die ländliche, wird mit Hilfe der Kon sumtionsstatistik schon darum nicht leicht zu führen sein, weil wir die unter ver schiedenen Existenzbedingungen erforderlichen Kostmaße nicht genügend kennen. Unter diesem Gesichtspunkte ist Grotjahns Versuch, einen Rückgang der Ernäh rung für die Masse städtischer Arbeiter gegenüber der Landbevölkerung aus den Haus haltungszahlen zu erschließen, von K e s t n e r mit Recht kritisiert worden. Allein dem naheliegenden Verdachte, daß die Masse der städtischen Bevölkerung ihr erhöhtes Nahrungsbedürfnis nicht voll befriedige, steht doch die Beobachtung zur Seite, daß der Landmann körperlich leistungsfähiger und in besserem Ernährungszustände zu sein pflegt als der Städter. Und wenn es zutrifft, daß die Sterblichkeit wohl in der Stadt, aber nicht auf dem Lande mit dem Wohlstände differiert 4 ), wird sogar die Annahme unabweislich, daß auf dem Lande nicht nur das Nahrungsbedürfnis, son dern die Existenzbedürfnisse überhaupt im allgemeinen so weit befriedigt sind, wie sie den Konsumenten zum Bewußtsein kommen. 19. Diese Beobachtung fällt aber zuungunsten der Stadt um so schwerer ins Gewicht, als der Städter den Konsumtionsbedarf durch Einschränkung seiner Kinderzahl niedrig hält. Bekanntlich hat der große Geburtenrückgang der letzten Jahrzehnte in Deutschland sich ganz überwiegend in den Städten voll zogen, besonders in den Großstädten. War früher die Kinderzahl einer großstädti schen Familie mehr infolge der hohen Kindersterblichkeit niedrig, so steht sie heute infolge des schnellen Geburtenrückgangs vielleicht noch tiefer unter der ländlichen. Was die großstädtischen Eltern so an Arbeitskraft und an Ausgaben für Kinder sparen, kann der Ernährung zugute kommen, und ohne diese Ersparnis an Familienlast wäre der Mehrverbrauch des Städters gegenüber der ländlichen Familie kleiner. Es wurde schon erwähnt, in welchem Maße eine Familie mit wachsender Kinderzahl ihre Nahrungsausgaben pro Quet einschränkt. Bezeichnet man den Nahrungsver brauch der Erwachsenen in kinderloser Ehe mit der Ziffer 100, so sinkt er auf bei 1 2 3 4 5 Kindern (391 deutsche Familien 1907) 91,1 86,0 85,4 78,3 73,3 (1043 amerikanische Familien 1903) 90,2 80,0 71,1 62,4 54,7 Bei 5 Kindern beträgt hienach die durchschnittliche Einschränkung in Deutsch land gut 1/4, in den Vereinigten Staaten sogar fast die Hälfte; pro Kind in Deutsch 1 ) Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Band 54, S. 68 und 603. 2 ) Oben S. 141. 3 ) Oben S. 136. 4 ) Westergaard und v. Bortkiewicz in Schmollers Jahrbuch 1903, 306.