Moderne Wandlungen der Konsumtion. 157 Es sei nur die zum Vorurteil erstarrte soziale Gewöhnung, die sich gegen jede Be schränkung eines als wichtig angesehenen Nahrungsmittels aufbäume I ). Wir können dieser Formulierung Rubners nicht ohne Vorbehalt zustimmen. So richtig es ist, daß mit einer noch dazu unzuverlässigen Fleischverbrauchsdurch schnittsziffer eine Unterernährung weder bewiesen noch in Abrede gestellt werden kann, bleibt doch jeder Rückgang des Fleischverbrauchs in einer städtischen Bevölkerung ein ernstes Symptom, das nach unserer früheren Ausführung die be ginnende Unterernährung einer städtischen Bevölkerungsschicht anzeigen kann. 21. Daß der Städter auch in bezug auf Kleidung und Wohnung bedürftiger ist als der Freiluftarbeiter, daß z. B. der Luftraum der Wohnung für ihn viel mehr ins Gewicht fällt 2 ) und daß er auch bei weitgehender Befriedigung dieser Sonderbedürf nisse doch auch in diesen Richtungen körperlich schlechter im Stande zu sein pflegt, sei nur kurz bemerkt. Wir berühren damit schon das Grenzgebiet der Konsumtion derjenigen Güter, die man als nicht wirtschaftliche anzusehen pflegt, insbesondere der Konsumtion von Luft. Der Städter konsumiert schlechtere Luft, und ist eben deswegen bedürftig in Beziehung auf den Wohnraum. Eine fortschreitende Ver schlechterung der Atemluft tritt aber ein mit dem Wachstum der Stadt, speziell z. B. auch mit der Zunahme des Rauchs aus den Schornsteinen der Häuser und Fabriken. Der Rauch verunreinigt erstens die Luft direkt und trägt zweitens zur Nebelbildung bei, deren Zunahme man zahlenmäßig verfolgen kann; so gab es nach R u b n e r 3 ) in London Nebel in den Monaten Dezember, Januar, Februar: 1870—75 93, 1875—80 119, 1880—85 131, 1885—90 156; so daß „der düstere, der Sonne feind liche Nebel sich immer mehr ausbreitet und vielleicht ein künftiges Geschlecht mit Verderben zu bedrohen scheint“. Allein wir greifen damit über auf das Gebiet der allgemeinen hygienischen Probleme des Stadtlebens, die unter dem Gesichtspunkte der Konsumtion nicht erschöpfend erörtert werden können. Die zunehmende Unge sundheit wachsender Städte kann übrigens bekanntlich durch hygienische Reformen wenigstens zeitweise überkompensiert werden. Wir haben in diesem Paragraphen gesehen, wie große Aufgaben der heutigen Produktion gestellt sind, um neben den gestiegenen sozialen Ansprüchen auch die veränderten körperlichen Bedürfnisse der neuen großstädtischen Bevölkerungsmasse zu befriedigen. Aber wir sahen auch, daß eben diese Kraftanstrengung auf dem Gebiete der Produktion neue Kulturwerte schafft, die zugleich als ein Ersatz gelten mögen für die Einbuße an ideellen Werten, die der Konsument durch die wirtschaft liche Entwicklung erlitten hat. 0 R u b n e r 1908, S. 132f. Rubner lehnt auch Momberts Rechnung ab, daß mit einem täglichen Aufwande von 63 Pfg. keine ausreichende Ernährung möglich sei (1913, S. 45). 2 ) Hervorgehoben schon von Rubner 1898, S. 25. Außer der geräumigen Wohnung hat der lufthungrige Städter für sein Atmungsbedürfnis aber auch den täglichen Spaziergang, den häufigen Ausflug ins Freie und den kostspieligen sommerlichen Landaufenthalt nötig (Rubner S. 40 f.). Für den Großstädter tritt noch der häufige Wohnungswechsel hinzu, als verteuernder und neben den Affektionswerten des Lebens auch die Gesundheit schädigender Faktor: „Diese Wandersucht belastet gerade die Inhaber kleiner Wohnungen so sehr, daß man im Durchschnitt die Ausgaben für Wohnungsänderung auf rund 10% der Miete veran schlagen kann. Die Behaglichkeit und Liebe zum eigenen Heim leidet darunter. Die Wan derung und Mischung der Bevölkerung ist aber auch von sanitärem Nachteil wegen der Krank heiten, die man häufig zugleich mit dem neuen Quartier acquiriert. Für die Entstehung der Diphtherie bildet der Wohnungswechsel nicht so selten den unmittelbaren Anstoß. Eine Wohnung ist einem abgelegten Kleidungsstück vergleichbar; es steckt mancherlei Gefähr liches in einer solchen abgelegten Kleidung, und mit der Wohnung und ihrem Wechsel verhält es sich fast ebenso.“ (Rubner S. 27.) 3 ) Flygienisches von Stadt und Land, 1898, S. 13, 22.