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        <title>Die Konsumtion</title>
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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Oldenberg</surname>
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        ﻿GRUNDRISS DER SOZIALÖKONOMIK.

BEARBEITET

VON

S. ALTMANN, TH. BRINKMANN, K. BÜCHER, J. ESSLEN, E. GOTHEIN, ER. VON GOTTL-OTTLILIEN-
FELD, K. GRÜNBERG, ERZ. GUTMANN, H. HAUSRATH, H. HERKNER, A. HETTNER, J. HIRSCH,
E. JAFFÜ, E. LEDERER, G. A. LEIST, PR. LEITNER, W. LOTZ, H. MAUER, R. MICHELS, P. MOLDEN-
HAUER, P. MOMBERT, K. OLDENBERG, E. VON PHILIPPOVICH, K. RATHGEN, A. SALZ, G. VON
SCHULZE-GAEVERNITZ, H. SCHUMACHER, J. SCHUMPETER, E. SCHWIEDLAND, H. SIEVERING,
W. SOMBART, O. SPANN, E. STEINITZER, P. SWART, TH. VOGELSTEIN, ADOLF WEBER, ALFRED
WEBER, MAX WEBER, M. WEYERMANN, IC. WIEDENFELD, FR. FREIHERRN VON WIESER,
R. WILBRANDT, W. WITTICH, W. WYGODZINSKI, O. VON ZWIEDINECK-SÜDENHORST.

Separatabdruck

aus Abteilung II

Karl Oldenburg

Die Konsumtion



Der Grundriß der Sozialökonomik erscheint im Verlage von
J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) in Tübingen, welcher ausführliche Pro-
spekte, Probehefte usw. unberechnet zur Verfügung stellt. — Der vor-
liegende Separatabdruck ist im Buchhandel nicht zu haben.
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        ﻿Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) in Tübingen.

GRUNDRISS

DER

SOZIALOKONOMIK

Vollständig in 10—12 Abteilungen

zu durchschnittlich ca. M. 12.—, in der Subskription zu ca. M. 10.—
Einband ca. M. 2.50, in der Subskription ca. M. 2.-.

Der „Grundriß der Sozialökonomik“ enthält eine nach der jeder
Abteilung beigegebenen »Einteilung des Gesamtwerkes« systematisch ange=
ordnete Darstellung der gesamten nationalökonomischen Disziplinen,
vorerst unter Ausschluß der Finanzwissenschaft und des Armenwesens. Der
Grundriß verfolgt wesentlich didaktische Zw’ecke, er will ein Lehrbuch,
nicht ein Nachschlagewerk sein.

Der Plan des Werkes ist unter besonderer Berücksichtigung der neuesten
Entwicklung der ökonomischen und soziologischen Forschung entworfen. Dem-
gemäß sind z. B. die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Technik, die
Grenzen und Beziehungen zwischen Nationalökonomie und Soziologie in
besonderen Abschnitten behandelt. Die tiefgreifenden Wandlungen im wirt-
schaftlichen Leben, wie in der Theorie der Volkswirtschaft und der Sozio-
logie, die durch die Fortschritte der Forschung fundamental veränderte Auf-
fassung von Aufgabe, Methode und Umfang des Gebiets schlossen für eine
Darstellung des heutigen Standes der Sozialökonomik jede Anknüpfung an
frühere enzyklopädische Bearbeitungen aus.

Die Schriftführung hat nach Vereinbarung Herr Professor Dr. Max
Weber übernommen.

Die beiden ersten Abteilungen erscheinen im Juni, 2—3 weitere
zu Anfang des Wintersemesters; der Rest soll im Laufe des Jahres
1915 folgen.

Jede Abteilung ist einzeln käuflich.

Bei Subskription auf das ganze Werk tritt eine Ermäßigung
des Preises ein.

Im Laufe des Druckes können sich möglicherweise Aenderungen in
der Verteilung des Stoffes auf die einzelnen „Abteilungen“ als notwendig
erweisen. Insbesondere bleiben nähere Mitteilungen über das Erscheinen
von 2 — 3 weiteren Abteilungen außerhalb des Rahmens der Einteilung
des Gesamt Werkes Vorbehalten.
        <pb n="4" />
        ﻿I. Buch B III: K. Olde nb erg, Die Konsumtion.

103

III.

Die Konsumtion.

Von

Karl Oldenberg.

Inhaltsübersicht.

Seite

§	1.	Die Literatur ................................................................ 104

§	2.	Der Begriff .................................................................. 105

§	3.	Wirtschaftlichkeit in der Konsumtion ..........................................109

§	4.	Wertmaßstäbe der Konsumtion ...................................................111

§	5.	Allgemeine Statistik der Konsumtion............................................123

§	6.	Haushaltsrechnungen........................................................... 130

§	7.	Moderne Wandlungen der Konsumtion ............................................ 139

§	8.	Zukunftsfragen der Konsumtion .................................................158

§	9.	Konsumtionspolitik............................................................ 159

§ 10. Speziell Einfluß der Steuern auf die Konsumtion ................. ...	160

Weltwirtschaftliches Archiv
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        ﻿104

I. Buch B 111: K. Oldenberg, Die Konsumtion.

§ 1. Die Literatur.

Was die nationalökonomische Theorie von der Konsumtion zu sagen hat, gehört
nicht nur zu ihren am meisten vernachlässigten Partien, sondern es hat in der An-
ordnung der Lehrbücher nicht einmal den ihm gebührenden Rangplatz. Im besten
Falle erscheint es als Anhang der Lehre von der Produktion und dem Umlauf der
Waren, statt Ausgangspunkt zu sein. Zwar kann die Produktion ihren hohen außer-
wirtschaftlichen Kulturwert haben, als Erziehungsmittel und als Trägerin der
Arbeitsfreude; aber unabhängig von diesen wichtigen Nebenwirkungen bleibt doch
das volkswirtschaftliche Ziel der Produktion durch alle privatwirtschaftlichen Ver-
hüllungen hindurch im wesentlichen die Deckung eines wirtschaftlichen Bedarfs, die
Konsumtion. Die Analyse der Volkswirtschaft muß daher, wenn man nicht alle
Zielsetzung ausschalten will, vom Bedarfe der Konsumenten ausgehen.

Diese Verkümmerung der Konsumtionslehre wird aus der Geschichte der Natio-
nalökonomie einigermaßen verständlich. Die merkantilistische Nationalökonomie
des 16.—18. Jahrhunderts betrachtete die Volkswirtschaft vom Standpunkt des
geldbedürftigen Landesherrn als fiskalisches Nutzungsobjekt; die klassische englische
Nationalökonomie des 18. und 19. Jahrhunderts betrachtete sie als eine Tausch-
wertfabrik. Der Begriff des Gebrauchswerts der Güter iür den Konsu-
menten, von der Physiokratenschule des 18. Jahrhunderts in die Nationalökonomie
eingeführt und von ihr gepflegt, spielt daher in den Lehrbüchern der klassischen
und neueren Nationalökonomie *) neben dem fast alleinherrschenden Tauschwert
meist nur noch die Rolle eines pensionierten Grundbegriffs, der der Vollständigkeit
wegen flüchtig dem Leser vorgestellt wird, und selten dringt die Betrachtung bis
zum Gebrauchszweck der Tauschwerte, zur Konsumtion vor. Und wenn auch
Adam Smith (1776) den Leser durch die gelegentliche Bemerkung überrascht:
consumption is the sole end and purpose of all production 2), und ein Jahrhundert
später J e v o n s (ähnlich wie in Deutschland Dühring) stoßseufzt: we, first of all,
need a theory of consumption of wealth, so ist doch namentlich in den englischen Lehr-
büchern die Konsumtionslehre Aschenbrödel geblieben; teilweise wurde selbst die
Existenzberechtigung eines besonderen Kapitels über die Konsumtion in Abrede
gestellt. Obwohl die Freihandelslehre mit ihrer Parteinahme für billige Warenpreise
zu einer Ehrung des Konsumenten-Interesses führte, wie bei dem rhetorischen Schön-
schreiber Bastiat, und obwohl das praktische Bedürfnis der Volkswirtschaft nach
schneller Kapitalbildung in die Probleme der Ausgabenwirtschaft: Sparsamkeit und
Luxus 3) hineinleitete, so blieb doch das von J.-B. S a y eingeführte Kapitel „Kon-
sumtion“ dürftig, auch wenn man es mit einer Lehre von den fiskalischen Ausgaben
und Schulden ausstopfte. Das sozialpolitische Interesse des 19. und 20. Jahrhunderts,
hat dann der Konsumtionslehre ein ausgiebiges neues, freilich wieder überwiegend
privatwirtschaftliches Gebiet im Studium der Familienbudgets und Haushalts-

*) Mit Ausnahme der mehr privatwirtschaftlichen Grenznutzenlehre.

2)	Wealth of nations, Buch 4, Kap. 8 gegen Ende.

3)	Vgl. Sommerlad, Art. „Luxus“ in der 3. Aufl. des Handwörterbuchs der Staats-
wissenschaften, und die dort zusammengestellte Literatur; auch Sombart, Luxus und
Kapitalismus, München und Leipzig 1913.
        <pb n="6" />
        ﻿Der Begriff.

105

rechnungen erschlossen 1), während die Erkenntnis der geschichtlichen Wandlungen
der Konsumtion, selbst in ihren Grundzügen, erst begonnen hat 2).

Eine psychophysische Grundlage der Konsumtionslehre haben Gossen3)
und andere sub jektivistische Theoretiker der Wertlehre zu konstruieren unternommen.
Zur Vorbereitung der von Jevons geforderten Konsumtionslehre hat der Amerikaner
Patten 4 *) 1889 einen bescheidenen, etwas willkürlich subjektiven, den Freunden
der Alkohol-Abstinenz willkommenen Anlauf genommen. Eine scharf pointierende,
psychologisch-kulturgeschichtliche Skizze der Bedürfnislehre hat Brentano6)
in knappem Rahmen neuerdings zu geben versucht. Auf anderem Blatte stehen die
monographischen Bearbeitungen einzelner Konsumtionsgebiete, wie Wohnungs-
frage •) und Alkoholkonsum 7). Nicht in unser Kapitel gehören die neueren Studien
auf dem Gebiete der Theorie der Wirtschaftskrisen, die aus einer Ueberproduktions-
immer mehr zu einer Unterkonsumtionstheorie wird.

Exzerpte aus der Konsumtionslehre einiger Theoretiker hat Maurice Block
in seinem bekannten dogmenhistorischen Lehrbuch 8) zusammengestellt; während
Wirminghaus in seiner Abhandlung „Die Lehre von der Konsumtion und
ihrem Verhältnis zur Produktion“ 9) den Versuch macht, die geschichtliche Ent-
wicklung der Ansätze einer Konsumtionslehre, namentlich in Deutschland, über-
sichtlich zu skizzieren.

§ 2. Der Begriff.

Konsumtion ist die Befriedigung eines Bedarfs. Die Bedürftigkeit des Menschen
ist der Grund alles Wirtschaftens, soweit die Befriedigung nicht durch Konsumtion
freier (nicht wirtschaftlicher) Güter geschehen kann, wie durch Aufnahme von
Luft durch den Atem. Konsumtion wirtschaftlicher Güter ist
es daher, die den Wirtschaftstheoretiker interessiert, und die allein im folgenden
unter Konsumtion verstanden werden soll.

Der Bedarf, der befriedigt werden soll, ist in der Regel ein subjektiv empfundener,
unter Umständen selbst ein auf Irrtum oder Torheit beruhender; aber in vielen Fällen
auch ein subjektiv nicht empfundener, oktroyierter, so oft beim Kinde, beim Pa-
tienten, beim Untertan.

Objekte der Konsumtion sind entweder gegenständliche Güter oder Dienst-
leistungen. Beide dienen der Bedarfsbefriedigung, und zwar die gegenständlichen

]-) Bibliographische und sachliche Uebersicht bei Stephans-Bauer, Die Konsumtion
nach Sozialklassen, im Handwörterbuch der Staatswissenschaften VI3 123 f.; A 1 b r e c h t,
Haushaltungsstatistik, Berlin 1912; Eulenburg, Die Bedeutung der Lebensmittelpreise
für die Ernährung, in Weyls Handbuch der Hygiene, 2. Aufl., III 1, 1912; Schiff, Zur
Methode und Technik der Haushaltungsstatistik, in Brauns Annalen für soziale Politik und
Gesetzgebung, Bd. 3, 1913, und in einer von Bauer S. 145 angekündigten Zukunftsschrift.

2)	Hervorzuheben: Grotjahn, Ueber Wandlungen in der Volksernährung, Leipzig
1902 (Bd. 20, Heft 2 der Staats- und sozialwissenschaftlichen Forschungen, herausgegeben
von G. Schmoller); vgl. dazu Max Weber in Schmollers Jahrbuch 1903, 728 f. (Rezension)
und K e s t n e r , Die Bedeutung der Haushaltungsbudgets für die Beurteilung des Ernäh-
rungsproblems, im Archiv für Sozialwissenschaft, Bd. 19 (1904).

Aus der physiologischen und hygienischen Literatur ist besonders zu nennen: R u b n e r,
Lehrbuch der Hygiene, 1. Aufl. 1890 (hier zitiert meist nach der 7. Aufl. 1903). Derselbe:
Hygienisches von Stadt und Land, 1898. Derselbe: Volksernährungsfragen, 1908. Derselbe:
Wandlungen in der Volksernährung, 1913. Cohn heim, Die Physiologie der Verdauung
und Ernährung, 1908.

3)	Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs, 1854.

Versuch einer Theorie der Bedürfnisse. Abdruck aus den Sitzungsberichten der Kgl.
Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1908.

*f) The consumption of wealth. 2. Aufl. Philadelphia 1901 (Publikation der University
of Pennsylvania).

6)	Bibliographie im Handwörterbuch der Staatswissenschaften VIII3 924f.

7)	Abderhalden, Bibliographie der gesamten wissenschaftlichen Literatur über den
Alkohol und den Alkoholismus, Berlin 1904. A. Elster, Der gegenwärtige Stand der Alko-
holfrage (Jahrbücher für Nationalökonomie, 3. Folge, Bd. 39 (1910), S. 509 f.). Hoppe,
Die Tatsachen über den Alkohol, 4. Aufl., München 1912.

8)	Les progres de la Science economique depuis Adam Smith, 2. Aufl. (1897) II 522 f.

*) In dem Sammelwerk „Die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im 19.

Jahrhundert“, Bd. I, Leipzig 1908.
        <pb n="7" />
        ﻿106	I. Buch B III: K. Olden b erg, Die Konsumtion.	§ 2

Güter möglicherweise wiederholt. Dienstleistungen wie die des Barbiers, des Schul-
lehrers wirken zwar längere Zeit nach, bis die Haare wieder gewachsen, die Schul-
lektionen vergessen sind; Schullektionen können auch künstlich, durch Repetieren,
wiederholt konsumiert werden, mit Hilfe der Erinnerung oder der Nachschrift; aber
die Konsumtion der Leistung selbst ist ein einmaliger Akt. Dagegen können manche
gegenständliche Güter, kann ein Kleidungsstück, eine Wohnung, ein Klavier, ein
Phonogramm, eben weil sie nicht vorübergehende Handlungen sind, wiederholt einer
Bedarfsbefriedigung dienen, sei es dem sich wiederholenden Bedarf desselben Konsu-
menten oder sukzessiv dem Bedarf mehrerer Konsumenten, bis Abnutzung erfolgt
ist. Man nennt diese Güter, die erst durch wiederholten Gebrauch verbraucht
werden, „Gebrauchsgüter“ im Gegensatz zu jenen „Verbrauchs-
güter n“. In dem Maße wie die Abnutzung (d. h. Vernichtung des Gebrauchs-
werts, der bedarfsbefriedigenden Eigenschaften des Guts) erfolgt, heißt auch das
Gebrauchsgut verbraucht oder konsumiert, auf deutsch eigentlich verzehrt, wobei
dem Sprachgebrauche das Verzehren von Nahrung als repräsentatives Beispiel der
Konsumtion vorschwebt. Eine elektrische Birne, die eine gewisse Nutzwirkung oder
Bedarfsbefriedigung 999 mal wiederholen kann, wird durch jeden Nutzungsakt zu
Viooo konsumiert, verliert x/1000 ihres Gebrauchswerts sowohl wie ihres Tauschwerts,
eventuell privatwirtschaftlich ihres Kaufpreises; und dies, obgleich der Konsument
natürlich den Verbrauch des Konsumtionsobjekts durch vorsichtigen Gebrauch zu
vermeiden, hinauszuschieben sucht.

Eine falsche, quasi - Konsumtion findet in dem Maße statt, als der Gebrauchs-
wert eines Guts zerstört wird, ohne einen Bedarf zu befriedigen; sei es durch
einen Unfall wie Feuersbrunst, oder durch mutwillige Zerstörung, z. B. im Kriege,
oder durch den stillen Einfluß kontinuierlich zerstörender Kräfte, indem außer dem
Zahn des Konsumenten auch der Zahn der Zeit an dem Gute nagt. Solche Wert-
verluste fallen natürlich am meisten ins Gewicht bei Gütern, die längere Zeit unge-
nutzt lagern, und ferner im feuchtwarmen Klima der Tropen. Durch Vorsichts-
maßnahmen und durch alsbaldigen Verbrauch der Güter wird dieses Verlustrisiko
eingeschränkt, aber nicht beseitigt, höchstens privatwirtschaftlich durch Versiche-
rung ausgeglichen. Das Residuum unvermeidlicher Verluste verkürzt also in jedem
Falle die durchschnittliche Gebrauchsdauer eines Guts, und es ist berechtigt, diese
„im Dienst“ erfolgenden, unvermeidlichen Verluste in den eigentlichen Konsum-
tionsverlust hineinzurechnen; gibt es doch Güter (z. B. Oelgemälde), deren Ab-
nutzung überhaupt nicht durch ihre Nutzwirkung selbst, sondern nur durch das Risiko
nutzlos zerstörender Wirkungen erfolgt. Obwohl die Abgrenzung mißlich und viel-
fach zweifelhaft ist, mag doch der außerordentliche Verlust vom normalen Ver-
brauch oder Konsum, der die im normalen Verlauf zu erwartende Zerstörung ein-
schließt, unterschieden werden.

Nicht verbraucht und nicht zerstört, sondern entwertet wird ein Gut,
wenn entweder der Bedarf sich verschoben oder nur die Schätzung der Eigenschaften
des Guts auf seiten der Käufer sich geändert hat. Die wirksame Einführung der
Abstinenz z. B. durch Volksabstimmung entwertet die Alkoholvorräte und Alkohol-
fabriken; es wird zwar nicht das Bedürfnis nach Alkohol, wohl aber die Möglichkeit
seiner Befriedigung ausgeschaltet. Aehnlich werden durch eine Verschiebung des Ver-
kehrs Gebäude, durch einen Wechsel der Mode die von ihm betroffenen Artikel ent-
wertet; während die Erkenntnis der schädlichen Wirkung eines beliebt gewesenen
Heilverfahrens, oder die Erfindung einer sparsameren Maschine, ohne Verschiebung
des schließlichen Bedarfs nur das bisherige Befriedigungsmittel selbst entwertet.
Bei einer partiellen Entwertung bewendet es, wenn das Verhältnis des Vorrats zum
Bedarf sich vergrößert. In allen diesen Fällen liegt Entwertung, nicht Konsumtion
vor, obgleich man einen Teil dieser Fälle mit einem wenig glücklichen Worte als
Meinungskonsumtion hat charakterisieren wollen.
        <pb n="8" />
        ﻿107

§ 2	Der Begriff.

Auch die sog. „technische Konsumtion“1) von Materialien in einem
Fabrikationsprozesse ist nicht Konsumtion; durch sie wird zwar ein Gut planmäßig und
zweckmäßig verbraucht, aber eine Bedarfsbefriedigung nicht ausgelöst, sondern erst
vorbereitet. Wenn die Kohle ein Wohnzimmer heizt, befriedigt sie den Wärme-
bedarf seines Bewohners; wenn sie einen Dampfkessel heizt, hilft sie nur ein Gut
herstellen, das Objekt der Konsumtion werden kann. Zur technischen Quasi-Kon-
sumtion gehört ebenso wie das Heizmaterial des Dampfkessels auch das Futter von
Arbeitstieren, aber nicht der Unterhalt von Lohnarbeitern, auch wenn er in natura
gewährt wird; der Begriff der Konsumtion, wie wir ihn fassen, steht und fällt mit dem
Menschtum des Konsumenten; alle Wirtschaft wird nur nach ihrer Wirkung auf den
Menschen beurteilt.

Allerdings, auch über den Unterhalt der Lohnarbeiter hinaus ist ein großer
Teil der Konsumtion „reproduktiv“, nach Says etwas zu engem Ausdruck; er er-
hält oder verbessert die Gesundheit des Konsumenten und seine wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit, oder er baut die werdende Arbeitskraft des jungen Geschlechts
auf. Er ist also nicht nur Selbstzweck, sondern zugleich erster Akt einer künf-
tigen Produktion, ist eigentlich technische Konsumtion. Aber ob der Konsument
seine mit neuer Energie versorgten Muskeln produktiv betätigen wird, ist ungewiß,
und darum hat es etwas für sich, den gordischen Knoten zu durchhauen und den Kon-
sumenten als Endstation und als bloßen Selbstzweck zu fingieren.

Eine eigentümliche Abart ist die Konsumtion konsumierter Güter, die N a c h-
k o n s u m t i o n. Sie spielt eine nicht geringe Rolle bei Gebrauchsgütern. Wenn
jüngere Geschwister die abgelegten Kleider der aus ihnen herausgewachsenen älteren
Geschwister tragen, so ist das noch keine Nachkonsumtion, sondern Weiterkon-
sumtion, wie wenn ein Wohnhaus von einem Benutzer auf den andern vererbt wird.
Wohl aber findet die Nachkonsumtion abgelegter, verbrauchter Kleider sowohl
durch Vermittlung der Wohltätigkeit wie des Althandels weiteste Verbreitung.
Nach einer neueren Petersburger Ausgabenstatistik tragen in Arbeiterkreisen 45%
der alleinwohnenden, 71% der verheirateten Personen abgelegte Kleider, trotz der
Furcht vor Uebertragung ansteckender Krankheiten 2). Im 16. Jahrhundert kamen
Schiffsladungen mit alten Hüten und Schuhen aus England über den Kanal und
machten den französischen Gewerbetreibenden empfindliche Konkurrenz 3). Aber
trotz einer gewissen Verstärkung des Angebots, die der Althandel dem Einfluß der
kurzlebigen Mode verdankt, scheint heute die Nachkonsumtion in merklichem Rück-
gänge begriffen, sei es infolge veränderter Ansprüche der bisherigen Nachkonsu-
menten, oder infolge der geringeren Dauerhaftigkeit moderner Gebrauchsgüter.
Wenn auf einem Spezialgebiete, in der Bücherkonsumtion, der Althandel neuer-
dings sogar eine bedeutende Ausdehnung erreicht hat, so liegt hier wieder nicht eigent-
lich Nachkonsumtion verbrauchter Ware vor, sondern Weiterkonsumtion. Dagegen
sind allerdings die moderne Sitte des Kleiderabonnements und ähnliche Erscheinungen
auf dem Gebiete des Möbelhandels, des Zahnersatzes usw. geeignet, der Nachkon-
sumtion Vorschub zu leisten. Eine scharfe Grenze zwischen Nach- und Weiterkon-
sumtion gibt es freilich nicht.

Ein gröbliches Mißverständnis liegt einem ältern Sprachgebrauch zugrunde,
der die Zubereitung der Speisen und überhaupt die wirtschaftliche Tä-
tigkeit der Hausfrau als Sphäre der Konsumtion dem verkehrswirtschaft-
lichen Produktionsprozeß entgegensetzt. Die Tätigkeit der Hausfrau stellt viel-
mehr das letzte oder vorletzte Stadium der Produktion vieler Waren vor. Der
Unterschied ist nur der von verkehrswirtschaftlicher Warenproduktion für den Ver-
kauf und eigenwirtschaftlicher Güterproduktion für den Hausbedarf. Wäre die

*) Nach Say: „reproduktive Konsumtion“; nach Cherbuliez: „wirtschaftliche
Konsumtion“.

2)	Archiv für Sozialwissenschaft 30, 66 f.

3)	Sombart, Der moderne Kapitalismus, 1902, II 327.

A
        <pb n="9" />
        ﻿108

I. Buch B III: K. Oldenberg, Die Konsumtion.

eigenwirtschaftliche Tätigkeit nicht Produktion, so würde ja in einem aus eigenwirt-
schaftlichen Bauern bestehenden Volke die Produktion überhaupt fehlen. Ver-
ständlich wird diese Begriffsverschiebung nur, wenn man vom Standpunkt der älteren
fiskalischen und kommerziellen Nationalökonomie das Augenmerk auf die Produk-
tion steuerbarer Tauschwerte oder verkäuflicher Waren beschränkt und demgemäß
den viel gemißhandelten Begriff der Produktivität so willkürlich einengt, wie es z. B.
Adam Smith getan hat. Wir umfassen vielmehr mit dem Begriffe der Produktion
z. B. eines Mittagessens alle die Aufwendungen, die für die Nutzung seiner Bestand-
teile im menschlichen Organismus erforderlich sind; also außer ihrer Fabrikation
das Zubereiten in der Küche und das Servieren im Eßzimmer, das Zerkleinern mit
Messer und Zähnen, den nötigen Verdauungsspaziergang ') und die unter Umständen
mühsame Ausscheidung und Abfuhr der Verdauungsrückstände; dies alles ist Pro-
duktion, großenteils eigenwirtschaftliche Produktion für den eigenen Bedarf, nicht
Konsumtion. Konsumtion ist nur der Empfang der Nutzwirkung des Guts durch den
Körper oder Geist des Konsumenten. Geistige Güter: ästhetische Genüsse und sitt-
liche Werte von dem Begriffe der Konsumtion auszuschließen, liegt kein Grund
vor; man denke an entgeltliche Konzerte.

Eine Grenzstörung zwischen Produktion und Konsumtion tritt ein,
wenn die Produktion selbst zugleich eine Befriedigung gewährt. Das sollte möglichst
bei aller Produktion der Fall sein. In Wirklichkeit trifft es in verschiedenstem
Maße zu; in der Eigenwirtschaft mehr als bei der verkehrswirtschaftlichen Arbeit,
bei der selbständigen und leitenden Arbeit mehr als bei der abhängigen, bei der
geistigen mehr als bei der mechanischen. Die Pflege von Wissenschaft und Kunst,
so hoch produktiv sie sein mag, ist ein Typus der Verschmelzung von Produktion
und Konsumtion. Ein Rentier, der eine Beschäftigung ausübt, um seinen Tätigkeits-
drang zu stillen, kann mehr Konsument als Produzent sein, und die produktive
Tätigkeit kann ins Spiel übergehen, das zur Konsumtion gehört.

Auch die Konsumtion selbst, ob sie nun selbstgewählt oder oktroyiert ist, kann
neben der Beseitigung der Unlust eines unbefriedigten Bedürfnisses positive sub-
jektive Lustgefühle auslösen. Diese Gefühle mag die Natur der Kon-
sumtion beigesellt haben, um die Befriedigung des Bedürfnisses sicherer herbei-
zuführen. Auch solche Lustgefühle sind ein zusätzlicher Bestandteil der Konsum-
tion, neben der objektiven Nutzwirkung. Aber in gewissem Maße ist subjektives
Wohlgefallen doch auch Bedingung dieses objektiven Konsumtionseffekts. So legt
die neuere Verdauungsphysiologie auf die gefällige Aufmachung der Speisen und
Getränke und auf Appetitreizmittel überhaupt Gewicht. Die seelischen und ge-
fühlsmäßigen Obertöne in der Konsumtion dürfen auch aus diesem Grunde nicht
überhört werden.

Der Umfang der Konsumtion ist sowohl durch die Menge der
verfügbaren Güter wie durch den Bedarf begrenzt. Der Bedarf, oder vielmehr das
Bedürfnis, wechselt individuell und mit dem Lebensalter; es wächst mit der Ge-
wöhnung und nimmt ab beim Altern. Niemandes Genußfähigkeit ist unbegrenzt,
und mit Bedauern muß der genußfreudige Konsument erfahren, daß die einzelnen
Genüsse einander im Wege stehen und die Ausnutzung der für die einzelne Genußart
an sich vorhandenen begrenzten Genußfähigkeit noch weiter einschränken.

Eine noch engere Grenze zieht aber in der Regel die jeweilig verfügbare Menge
der Befriedigungsmittel. Von dieser Seite her ist die Konsum tion in der verkehrslosen
Eigenwirtschaft durch die Produktion und den Gütervorrat, in der Verkehrswirt-
schaft auch durch die Kaufkraft der Bevölkerung nach oben begrenzt. Die jährliche
Kaufkraft in einem Lande ist eigentlich dem jährlichen Produktionswerte gleich;
ein Volk, das für 30 Milliarden Mark Güter produziert, kann auch für 30 Milliarden
Mark kaufen; aber die Kaufkraft differiert doch von dem Produktionswert insofern,

0 Bei gewissen modernen Nahrungsmitteln wird auch ein Teil der Verdauung in das ver-
kehrswirtschaftliche Produktionsstadium einbezogen.
        <pb n="10" />
        ﻿Wirtschaftlichkeit in der Konsumtion.

109

§ 3

als ein Schuldnerland einen Teil seiner Kaufkraft als Zinsen abgibt, ein Gläubigerland
sie durch den Zinsenbezug vom Auslande verstärkt. Ferner kann (in der Verkehrs-
wirtschaft wie in der Eigenwirtschaft) vom aufgesparten Gütervorrat einer voran-
gehenden Wirtschaftsperiode gezehrt werden, über die Produktion und Kaufkraft
der laufenden Wirtschaftsperiode hinaus; andererseits kann auch ein Teil der laufen-
den Produktion, unkonsumiert, den Gütervorrat vermehren, um künftiger Konsum-
tion oder Produktion zu dienen; diese „Ersparnis“, um deren Betrag sich die gegen-
wärtige Konsumtion vermindert, wird um so größer sein, je reichlicher der Augen-
blicksbedarf der Konsumenten schon gedeckt, je mehr ihr Zukunftssinn entwickelt
ist, je sicherer und rentabler *) die Ersparnisse plaziert werden können. Ob nun
diese Zukunftsfürsorge in Form der Aufsammlung von Vorräten oder (privatwirt-
schaftlich) durch Geldersparnisse erfolgt, in beiden Fällen bewirkt sie einen Auf-
schub der Konsumtion, ihre vorläufige Einschränkung (zum Teil bei gleich-
zeitiger Ausdehnung der technischen Quasi-Konsumtion). — Mit der Kreditwirt-
schaft beginnt für den einzelnen Konsumenten wie für das Volk die gefährliche Mög-
lichkeit, über die Kaufkraft des Einkommens und Vermögens hinaus von den volks-
wirtschaftlichen oder weltwirtschaftlichen Vorräten auf Kredit zu konsumieren.

In der Verkehrswirtschaft ist der Bedarf durch die verfügbare Kaufkraft nicht
nur im ganzen nach oben begrenzt, sondern auch zwischen den Konsumenten abge-
stuft, auch wenn die Bedürfnisse der Konsumenten gleich sind. So scheidet sich die
Bedarfsgröße von der Bedürfnisstärke. Bedarf ist die Summe
der von Kaufkraft unterstützten Bedürfnisse. In einer aus Reich und Arm ge-
mischten Bevölkerung mit ungleichem Einkommen, aber gleichen Bedürfnissen
werden daher durch die Deckung des kaufkräftigen Bedarfs die Bedürfnisse der ein-
zelnen Konsumenten ungleich befriedigt.

Konsumenten sind alle Menschen; also außer dem arbeitstätigen Teil
der Bevölkerung die Rentner, die Arbeitslosen und die Arbeitsunfähigen (Kinder,
Kranke, Greise): eine erhebliche Quote der Gesamtheit, besonders in Gläubiger-
ländern mit starker Rentnerbevölkerung und in der Großstadt, dem beliebten Stand-
orte der Konsumtion von Pachtrenten (Absentismus der Verpächter) und von Zinsen.
Soweit die Menschen nicht über eine Kaufkraft aus eigenem Erwerbe verfügen, wird
ihnen die Konsumtionsmöglichkeit durch Alimentationspflicht oder Wohltätigkeit
vermittelt.

Es kann demnach zwischen Produzenten und Konsumenten ein Interessengegen-
satz aufkommen, weil nicht alle Konsumenten zugleich Produzenten sind, zumal
im modernen Gläubiger- und Rentnerstaate. Insbesondere ist der reine Konsument
geborener Freihändler.

§ 3. Wirtschaftlichkeit in der Konsumtion.

Wenn wir im Bedarfe der Konsumtion einen Ausgangspunkt der Volkswirt-
schaftslehre sehen, so ist es doch nicht Aufgabe dieses Abschnitts, die Fäden im
einzelnen zu verfolgen, die von ihm ausgehend die Produktion in ihrer Richtung,
ihrem Standort, ihrer Betriebsgröße, ihren Schwankungen und ihrer Krisenge-
fährlichkeit determinieren. Diese Aufgabe ist andern Abschnitten dieses Werks

x) Daß steigender Zinsfuß die Sparquote vergrößert, ist wohl unbestritten. Mitunter wird
aber auch behauptet, sinkender Zinsfuß wirke ebenso, weil die an eine gewisse Zinseneinnahme
gewöhnten Kapitalisten den Zinsverlust einbringen möchten. Dann wäre jede Schwankung
des Zinsfußes, nach oben oder nach unten, dem Sparen förderlich, seine Stabilität schädlich.
Allein die Psychologie der Kapitalisten ist komplizierter als diese Formel. Mögen manche
Kapitalisten bei sinkendem Zinsfuß um so mehr sparen, so werden andre von einer gewissen
Grenze des Zinsfußes an lieber ihren Arbeitsverdienst steigern oder im Maße der Zinsenein-
buße ihre Konsumtion einschränken oder ihre Kinderzahl beschränken, oder endlich weniger
sparen; für die nachwachsende Generation der Kapitalisten vollends wird die Höhe des frü-
heren Zinsertrages kein Gesichtspunkt mehr sein. (Aehnlich J. Wolf, Nationalökonomie
als exakte Wissenschaft, 1908, S. 183.)
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        ﻿I. Buch B III: K. Olden b erg, Die Konsumtion.

Vorbehalten. Hier kam es nur darauf an, die zentrale Stellung des Konsumtions-
bedarfs im ganzen der Volkswirtschaft zu markieren; für die konstruktive Be-
trachtung der Volkswirtschaft ist der Bedarf ihr Ausgangspunkt, die realisierte
Konsumtion ihr Schlußpunkt.

Die erste Frage, die wir in diesem Teile des Handbuchs nach unsern obigen orien-
tierenden Erörterungen stellen, ist vielmehr die nach der rationellsten
Gestaltung der Konsumtion.

Rein wirtschaftlich beantwortet sie sich leicht: diejenige Konsum-
tion ist wirtschaftlich rationell (gehorcht dem „ökonomischen Prinzip“), die mit
den gegebenen Mitteln die meiste Befriedigung von Bedürfnissen erzielt. In einem
Volke wird dieses Maximum der Befriedigung ceteris paribus in dem Maße erreicht
werden, wie das Einkommen den Bedürfnissen entsprechend verteilt ist, also Be-
dürfnisstärke und Kaufkraft korrespondieren; bei ungleicher Einkommensverteilung
und gleichen Bedürfnissen befriedigt der Reiche auch entbehrliche Bedürfnisse mit
hohen Aufwendungen, verschwendet insofern Volkseinkommen und kauft in Miß-
erntejahren dem Armen das Brot vom Munde weg;'wie noch heute z. B. im Kriegs-
fall bei einer russisch-amerikanischen Sperrung der Getreideausfuhr die Engländer
wohl versuchen würden, die indischen Getreidevorräte zu kaufen und so die Hungers-
not auf das weniger wohlhabende Land abzuwälzen; und wie in älteren Jahrhunderten
bei den damals noch großen Unterschieden des örtlichen Geldwerts der Getreide-
handel in dem Rufe stand, die Hungersnöte nicht zu mildern, sondern (örtlich) zu
verschärfen; sein Interesse war ja, die Gebiete hohen Geldwerts und niedriger Preise
von Vorräten zu entblößen; erst bei gleichmäßig verteilter Kaufkraft ist der Handel
geeignet, die Bedürfnisse gleichmäßig zu befriedigen. Mag im Interesse der Pro-
duktion und aus Gründen nicht wirtschaftlicher Art ungleiche Einkommensver-
teilung vorzuziehen sein: dem Interesse der Konsumtion entspricht eine Verteilung
gemäß den Bedürfnissen. Ein Glück für den Armen *), daß der Bedarf des Reichen
an Existenzgütern seine durch die Bedürfnisstärke gezogene enge natürliche
Grenze hat.

Vom privatwirtschaftlichen Standpunkt des einzelnen Konsu-
menten, und darum indirekt auch vom Standpunkt der Volkswirtschaft ist ferner
diejenige Konsumtion die rationellste, die, auf der Grundlage wirtschaftlichster
Produktion, mit vollendeter Haushaltungskunst die Bedürfnisgrade des eigenen
Haushalts richtig einschätzt und die verfügbaren Geldmittel richtig zu Rate hält,
also zwischen Mitteln und Bedürfnissen des Einzelhaushalts das vorteilhafteste
Kompromiß findet, auch bei keiner Ausgabe verschwendet oder geizt.

Dabei ist freilich die Kommensurabilität der Bedürfnisse unter sich schon voraus-
gesetzt. Wie diese vorzustellen sei, macht die moderne „Grenznutze n“ - W ert-
lehre einigermaßen anschaulich, indem sie auf den verschiedenen Gebrauchswert
die Aufmerksamkeit lenkt, den jedes Gut in verschiedenen Mengen für dieselbe
Person besitzt: je größer die schon konsumierte oder erworbene Menge, um so kleiner
der Gebrauchswert einer hinzutretenden Konsumtionseinheit; wer schon eine große
Wohnung hat, schätzt jedes weitere Zimmer, das er hinzumieten könnte, weniger;
zwei Güter haben den gleichen Gebrauchswert, wenn ihr Bedürfnisgrad durch vorher
sukzessive erfolgte Teilbefriedigung so abgestimmt ist, daß der Konsument bereit
wäre, für die fernere Befriedigung beider im Höchstfälle annähernd das gleiche wirt-
schaftliche Opfer zu bringen. Indem nämlich kraft eines Naturgesetzes jedes Be-
dürfnis durch fortschreitende Teilbefriedigung abnimmt, wird es rationell, die Be-
friedigung bis zu einem Grade fortzusetzen, der noch annähernd die gleiche Genuß-
stärke auslöst, wie die letzte Teilbefriedigung eines andern Bedürfnisses mit gleichem
Aufwande an wirtschaftlichen Opfern.

So bildet sich für jeden Einzelfall eine bestimmte Rangordnung der Bedürfnisse,
allerdings aus zwei Faktoren komponiert, die wir aber gedankenmäßig trennen

!) Block II 520.
        <pb n="12" />
        ﻿Wertmaßstäbe der Konsumtion.

111

§ 4

können: Bedürfnisstärke und Kosten der Befriedigung. Wir können danach mit
Patten1) zwischen einer natürlichen und einer wirtschaftlichen
Rangordnung der Bedürfnisse unterscheiden. Die natürliche Rang-
ordnung können wir uns an dem Beispiel einer reichlich besetzten Büffettafel veran-
schaulichen, die ein Gastgeber seinen wählerischen Gästen zur Verfügung stellt.
Diese werden, unter Ausschaltung des wirtschaftlichen Gesichtspunktes, nur ihren
Gaumen über die Reihenfolge und Abmessung der Konsumtionsquanten entscheiden
lassen. Derselbe Fall liegt vor, wenn ein gewerbsmäßiger Gastwirt ein solches Büffet
seinen Kunden gegen pauschale Bezahlung des Couverts zur Verfügung stellt. Da-
gegen bei Sonderberechnung der verzehrten Werte für den einzelnen Gast würde
eine wesentlich andere, „wirtschaftliche“ Rangordnung der zum Konsum gewählten
Speisen resultieren, mit scheuer Vermeidung der kostspieligen Delikatessen, und mit
der volkswirtschaftlich erwünschten Wirkung, die knapp verfügbaren Speisen zu
schonen, und sie (bei gleich verteilter Zahlungsfähigkeit) denjenigen Konsumenten
vorzubehalten, die nach ihrer individuellen Geschmacksrichtung von ihnen die
größte Befriedigung erwarten. Im geschichtlichen Verlaufe wird daher eine Preis-
verschiebung, wie beispielsweise die bedeutende Verbilligung eines so begehrens-
werten Guts wie Zucker, die Rangordnung der Bedürfnisse revolutionieren können.

Die jeweilig privatwirtschaftlich rationelle, und bei gleicher Einkommensver-
teilung auch volkswirtschaftlich zweckmäßige Konsumtion wird demnach einerseits
durch ,den jeweiligen Stand der individuellen Bedürfnisse (mit Einschluß der Zu-
kunftsbedürfnisse) und durch den Grad ihrer augenblicklich schon erreichten Be-
friedigung, andererseits durch die jeweiligen Kosten der Güter bestimmt werden,
und diese Rangordnung wird bei wirtschaftlichem Verhalten der Konsumenten
und bei genügender Erkenntnis des eigenen wirtschaftlichen Interesses sich in jeder
Einzelwirtschaft auch tatsächlich durchsetzen.

Diese vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt gegebene Antwort ist indessen nur
formal, und läßt die konkrete Frage nach der Rangordnung der Bedürfnisse und
Güter offen. Diese Frage ist aber, wenn überhaupt, nur im Rahmen einer allgemei-
neren Erörterung über die Bedeutung der Konsumtion für den Menschen zu beant-
worten.

§ 4. Wertmaßstäbe der Konsumtion.

Eine verbreitete Auffassung sieht in der durch die Jahrhunderte steigenden
Produktivität der Volkswirtschaft und in der ihr entsprechenden Zunahme der Kon-
sumtion eine in ebenso gerader Linie ansteigende Verbesserung der Wohlfahrt des
Konsumenten, einen Anlaß zu freudiger Beglückwünschung. Rekordziffern aller-
wärts! Der heutige Konsument steht nach dieser Deutung turmhoch über seinen
Vorfahren, 1. weil er viel mehr Gebrauchswerte konsumiere, und 2. weil er den
nach Deckung des Existenzbedarfs ihm zur Verfügung bleibenden Verbrauch ent-
behrlicherer Güter viel mannigfaltiger und freier wählen könne. Der geschichtliche
Tatbestand ist nicht so einfach und nicht so schlechthin befriedigend, wie dieser
mechanische Jubiläumsmaßstab vermuten läßt.

I.	Das ursprüngliche Motiv der Konsumtion ist die Stillung des Hungers und
anderer Bedürfnisse, und die Erzielung des mit ihr verbundenen subjektiven Lust-
gefühls. Dieses natürliche Motiv fehlt selbstverständlich in keiner Geschichtsperiode
und bei keinem normalen Menschen; aber während es auf animalischer Kulturstufe
einen Hauptteil des Lebensinhalts füllt, verliert es bei höherer Kultur, die den Men-
schen einem ethischen Zwecke unterwirft, den Charakter des Selbstzwecks mehr
oder weniger. Das Lebensziel etwa des mittelalterlichen Menschen wird bis zu ge-
wissem Grade ein immaterielles, sittlich gebundenes, religiös gefärbtes; die landes-
übliche Konsumtion wird Mittel zum Zweck, zur pflichtmäßigen Fristung des Lebens,

*) S. 18.
        <pb n="13" />
        ﻿112

I. Buch B III: K. Oldenberg, Die Konsumtion.

§ 4

zum Unterhalt einer Familie und zur Wahrung der äußeren Sitte. Dahin zielte
wenigstens eine starke Tendenz der Entwicklung, so weit auch in concreto oft
Ideal und Wirklichkeit differieren mochten. Und wo die überweltlichen Impulse
beim Einzelnen versagten, da trat an ihre Stelle die Gebundenheit durch das Bei-
spiel der Nachbarn; diese Gebundenheit ist es in erster Linie, die die Konsumtion
zu einer gesellschaftlichen Erscheinung macht. Noch heute ist der Typus des genüg-
samen Landmanns nicht ausgestorben, dem das Verständnis für den Genußzweck
der Konsumtion fast abgeht, und der ein Hinausgehen über das Maß der über-
kommenen Lebenshaltung für sich und andere ebenso entschieden verwirft, wie
er ein Zurückbleiben hinter ihm als Pflichtverletzung scheut. Es ist neben dem
überweltlichen Imperativ die Rücksicht auf das Urteil der Nachbarn, es ist die gei-
stige Abhängigkeit von Gott und Menschen, was die Seele des damaligen Menschen
umklammert und sein unmittelbares Selbstinteresse an der Konsumtion verküm-
mern läßt.

Daß dieser Kulturzustand, so hoch man ihn sittlich werten mag, wenig geeignet
ist, Impulse zur fortschrittlichen Entwicklung der Volkswirtschaft auszulösen,
leuchtet ein; Gebundenheit der Konsumtion bedeutete zugleich Gebundenheit der
Volkswirtschaft. Ueber diesen toten Punkt hinaus führen zwei geschichtliche Ent-
wicklungsreihen: die Abschwächung des Gefühls der Abhängigkeit des Menschen
von Gott durch die moderne Aufklärung, und eine Umgestaltung seiner Abhängig-
keit vom Urteil des Nächsten. Die Wirkung auf die Konsumtion ist in beiden Fällen
ähnlich, wenigstens scheinbar ähnlich.

1. Die Abhängigkeit vom Urteil des Nächsten wird transformiert im Sinne des
Uebergangs vom Anerkennungstrieb zum Auszeichnungs-
trieb. Hatte die peinliche Anpassung an die für jeden Stand überkommene Lebens-
haltung den Anerkennungstrieb zur Voraussetzung, und die soziale Scham zum
Motive, so will der Auszeichnungstrieb sich über die Standesgenossen erheben, und
beruht auf sozialem Ehrgeiz. Zwar fehlt der Auszeichnungstrieb, die Leidenschaft
des aisv dcptatstistv, zu keiner geschichtlichen Zeit ganz, und ist die Bedingung
aller Führerschaft in Krieg und Frieden; allein in der Neuzeit dehnt er sich auf viel
breitere Schichten aus, je mehr er sich auf das wirtschaftliche Gebiet erstreckt.
Das wirtschaftliche Gebiet bedeutet für ihn ein neues Betätigungsfeld. Zu den
Eigenschaften, die das Individuum vor seinesgleichen auszeichnen, zählt auch die
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und diese kann unter Durchbrechung der Sitte
in einer individuell erhöhten Lebenshaltung Ausdruck finden: in prächtigerer Klei-
dung, im Essen und Trinken, im Schmuck der Wohnung, in ausgedehnter Gast-
lichkeit, im Umfang des sichtbaren Besitzes. Die erhöhte Lebenshaltung wird
zu einem willkommenen, weithin sichtbaren Zeugnis hervorragender Tüchtigkeit,
und reizt zur Nachahmung, entfesselt das Streben nach Ausgabensteigerung und
Einkommenssteigerung, sei es durch wirtschaftliche Mehrleistungen oder auf anderem
Wege. Die Ausgabensteigerung, die imponieren will, richtet sich in älterer Zeit
mit Vorliebe auf den Erwerb von Vieh und Grundbesitz, möglichst viel, eventuell
mit Schulden; in andern Fällen, namentlich seitens der ehrgeizigen Jugend, auf
eine bestimmte, durch die Sitte der nächst höheren Klasse orientierte Art kost-
spieliger Lebensführung, oder endlich auf eine kostspielige Lebenshaltung schlecht-
hin, auf Rekordleistungen; in allen Fällen werden solche Ausgaben bevorzugt, die
nach außen ins Auge fallen, Fassadenbedürfnisse: Gesellschaftsräume der Wohnung
mehr als Schlaf- und Wirtschaftsräume, Oberkleidung mehr als Unterkleidung usw.

Den Anstoß zu dieser folgenreichen Bewegung, zum Durchbruch des wirtschaft-
lichen Auszeichnungstriebes, kann eine gelegentliche Einkommensdifferenzierung
gegeben haben; möglicherweise aher auch die gesellschaftliche Mischung oder
auch nur Berührung von Bevölkerungsgruppen mit verschiedener Lebenshaltung;
wie beispielsweise die Kreuzzüge durch den Import orientalischen Prunks auf die
einfachere Lebenshaltung des Abendlands revolutionierend wirkten. Die Lawine muß
        <pb n="14" />
        ﻿Wertmaßstäbe der Konsumtion.

113

§ 4

ins Rollen gekommen sein. Mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft steht dieser
massenpsychologische Prozeß in enger Wechselwirkung. Die Verbreitung des wirt-
schaftlich betätigten Auszeichnungstriebs und der Geldwirtschaft wirkt andererseits
revolutionierend auf die gesellschaftliche Schichtung zurück, verdrängt die herge-
brachte Scheidung der Stände nach Geburt und Beruf durch eine Scheidung der
Klassen nach der Aufwandsfähigkeit, wirkt belebend auf den wirtschaftlichen Fort-
schritt, und dieser, eine verfeinerte Lebenshaltung ermöglichend, stachelt wieder
den Auszeichnungs- oder Rivalitätstrieb zu leidenschaftlichem Wetteifer an. Indem
die gesteigerte Norm der Lebenshaltung auch diejenigen Volksschichten, die noch
unter der Herrschaft des Anerkennungstriebes geblieben sind, zur Anspannung
aller wirtschaftlichen Kräfte zwingt &gt;), wird eine allgemeine Fortschrittsbewegung
ausgelöst, die aus sich heraus eine Art von volkswirtschaftlichem Enthusiasmus
erzeugt. Nicht ganz mit Unrecht hat man daher den Erwerbstrieb eine
Unterart des Auszeichnungstriebs genannt2), weil die Rivalität in der Ausgaben-
steigerung, daneben auch in der Gewinnung von finanziellem Einfluß, wenigstens
eine Hauptquelle des modernen Erwerbstriebs, jedoch neben andern Quellen 3) ist.

Durch diese geschichtliche Wandlung des Anerkennungs- in den Auszeichnungs-
trieb wird auch die bekannte Erscheinung 4) verständlich, daß in älterer Zeit (und
bei Völkern oder Volksschichten ohne entwickelten sozialen Ehrgeiz noch jetzt)
Steigerung des Einkommens zum Faulenzen oder Blaumachen führt, während sie
vom modernen Arbeiter unter Anregung des Arbeitseifers gern in Aufwendungen,
für bessere Lebenshaltung umgesetzt wird, den sozialen Aufstieg innerhalb der
Arbeiterklasse vermittelt.

Die unmittelbare, naive Aeußerung des wirtschaftlichen Auszeichnungstriebs,

Von dem Kleinkrieg zwischen Anerkennungs- und Auszeichnungestrieb gibt Pastor
Gailwitz aus zwei großen Industriedörfern bei Nordhausen eine anschauliche Schilderung
(in der Zeitschrift „Evangelisch-sozial“, Mai 1910): „Der Fabrikarbeiter hat Angst, etwas
Besonderes zu sein und von dem, was seine Genossen tun, abzuweichen. Es ist ihm unerträg-
lich, wenn über ihn gelacht und gestichelt wird. . . Die Wohnungen sind nach demselben Typus
gebaut. In einem Hause wohnen 4 bis 5 Familien, bei der Ernährung herrscht eine mehr als
kasernenmäßige Eintönigkeit . . . Dieselbe Gleichförmigkeit herrscht in der Mode. Im vorigen
Jahre erschienen einige Konfirmandinnen in breitrandigen roten Wollhüten, in 2 Monaten
war das so allgemeine Sitte geworden, daß höchstens 3—4 der Allerärmsten ohne diese Kopf-
zierde geblieben waren. Der einzelne erträgt es nicht, etwas anderes zu sein als die andern.
Damit steht der Einzelne unter einem harten Gesetz der Menschenknechtschaft. Er hat nicht
die Kraft in sich, anders zu sein als die Genossen ... Das fühlt jeder Einzelne instinktiv, und
darum ist er mißtrauisch und feindselig gegen den Genossen, der zuerst eine neue Mode auf-
bringt oder etwas Besonderes sein will. Die andern werden dadurch gezwungen, das nachzu-
machen und in der Regel über ihre Verhältnisse Geld auszugeben. Wenn die Frau eines Ge-
nossen ein neues Kleid erhält oder die Tochter einen neuen Hut, so gibt es wochenlang bei
den Nachbarn unzufriedene Gesichter, heftige Worte, ja Tränen, bis der soziale Ausgleich ge-
schlossen ist und Mutter und Kind in denselben Moden wie jene einherstolzieren können.“

2)	Schmoller, Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre, 1. Aufl. S. 32.

3)	Solche Quellen sind: Aussicht auf hochverzinsliche Anlage des Erworbenen, zuneh-
mende Rechtssicherheit, abstrakte Freude am Erwerb oder am Uebervorteilen, und überhaupt
die Psychologie des „rechenhaften“ kapitalistischen Plustriebs, auch des modernen Geschäfts-
sinns, von der spießbürgerlichen „Freude am guten jährlichen Geschäftsabschluß“ (Schmoller)
bis zum schönen Größenwahnsinn der Milliardäre. In einigen dieser Faktoren liegt eine Art
von objektivierender Umbiegung des egoistischen Erwerbstriebs, so in der freiwilligen und
freudigen Dienstbarkeit gegenüber einem fingierten Selbstzwecke des Kapitals oder der Firma
(vergleichbar dem Pflichtbewußtsein des Familiengutsbesitzers oder des Beamten oder des
Weltverbesserers). Damit hängt zusammen, daß der Uebergang von der alten Bedarfsdek-
kungswirtschaft“ in die „Erwerbswirtschaft“, wie man dieAera des Erwerbstriebs bezeichnet
hat, keineswegs immer mit einer entsprechenden Ausgabensteigerung Hand in Hand geht;
hat es doch auch starke kapitalistische Strömungen in Verbindung mit puritanisch einfacher
Lebenshaltung gegeben. Es muß darum in der Konsumtionslehre genügen, die Theorie des
Erwerbstriebs und der Erwerbswirtschaft statt Bedarfsdeckungswirtschaft kurz zu be-
rühren.

4)	Vgl. Brentano, Ueber das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitszeit zur Arbeits-
leistung. 2. Aufl., Leipzig 1893.

Sozialökonomik. II.	8

«
        <pb n="15" />
        ﻿114 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum.

§ 4

die Ausgabensteigerung, tritt in scharfen Konflikt r) mit dem Sparen, von dem in
§ 2 die Rede war; je mehr jährliche Ersparnis, um so weniger Aufwand. Am stärksten
wird die Tendenz zur Ausgabensteigerung sein in emporkommenden Volkswirt-
schaften; sie kennzeichnet den Emporkömmling. Kaum irgendwo ist der Zusammen-
hang von Kaufkraft und Ansehen enger als in Nordamerika. Altgesättigte und
stabile Volkswirtschaften wie die französische oder holländische kehren zu einer
gewissen Genügsamkeit der Lebenshaltung bei breit ausgedehnter Spartätigkeit
zurück. Vielleicht mit aus klimatischen Gründen sollen südländische Nationen zu
einem genügsamen Rentnertum neigen.

2.	Hand in Hand mit dem Siege des Auszeichnungstriebs über die gebundene
Sitte der überlieferten Lebenshaltung tritt die verstandesmäßige Aufklärung
gegenüber der gebundenen Weltanschauung des Mittelalters ihren Siegeszug an.
Wenn jener die Abhängigkeit' des Konsumenten von sozialen Mächten noch ver-
stärkt, macht diese ihn frei, aber nimmt ihm zugleich das Rückgrat, das bisher seiner
Seele Halt und Inhalt gab, und der leere Spielraum der Seele füllt sich mit Surrogat-
Inhalten. An die Stelle eines überweltlichen Lebensziels, das vorher den Menschen
regiert hat, drängen sich weltliche Lebensziele* 2), und mit in erster Linie wirtschaft-
liche: Konsumtionsinteressen im weitesten Wortsinn, darunter neben dem anima-
lischen Genußtriebe, der wieder mehr in seine ursprünglichen Rechte tritt, und
neben dem Reiz zu galantem Aufwande, dessen Ausdehnungsfähigkeit und geschicht-
liche Rolle unlängst Sombart3) in sehr helles Licht gerückt hat, mit verstärkter
Gewalt jener soziale Auszeichnungs- und Rivalitätstrieb, der sein Ziel mit wirtschaft-
lichen Mitteln erstrebt, und der erst unter dem Regime der Aufklärung seinen Ideal-
typus erreicht; „soziale Kapillarität“ hat ihn in seiner modernen Gestalt ein fran-
sösischer Gelehrter4 5 * *) mit Anspielung auf das physikalische Kapillaritätsgesetz ge-
nannt: „wie das Oel im Lampendocht zur Flamme emporklettert“, so drängt der
Mensch wie durch naturgesetzlichen Zwang sozial aufwärts, und dieser Trieb wird
zur stärksten Großmacht in der Seele des modernen Durchschnittsmenschen, und
zugleich zum stärksten unter den Faktoren, die die frei gewählte Konsumtion be-
herrschen. Man versteht die Richtung und den Sinn der heutigen Konsumtion
nicht, ohne den beherrschenden Einfluß dieses Triebs und ohne die verstärkte Wucht
einzuschätzen, mit der er im Zeitalter der Aufklärung in der führerlos und leer ge-
wordenen Seele wirkt8). Erst in diesem Milieu erreicht die Fortschrittstendenz der
Volkswirtschaft ihr heutiges Maximum.

Das äußerliche Ergebnis dieses Fortschritts ist jene gewaltige Steigerung des
Komforts, die eine oft überschwängliche internationale Befriedigung enthusiastischer
Volkswirte ausgelöst hat: der Fortschritt von der Einfachheit in der Lebenshaltung
zur Wohlhäbigkeit und zum Raffinement, vom Mehlbrei und der Salztunke der Vor-
fahren bis zum heutigen Menü, vom altfränkischen Bauernkittel bis zur Schneider-
akademie, von rohester Behausung bis zur großstädtischen Etage „mit allem Kom-
fort der Neuzeit“; und dieser Wechsel nicht nur zugunsten einer nicht allzu schmalen
Oberschicht, sondern mutatis mutandis für alle Einkommensstufen, mindestens in
der Gestalt reichlicher Flitterdekoration mit den Künsten des schönen Scheins, oft
nur des anspruchsvollen Scheins, im Dienste des sozialen Ehrgeizes. Von

x) Unter Umständen kann allerdings auch der Spartrieb auf seine Art dem Rivalitäts-
triebe dienen, z. B. durch Grunderwerb.

2)	Vielleicht hat seit dem 19. Jahrhundert auch der im Großbetrieb erfolgende Mechani-
sierungsprozeß gewerblicher Arbeit, die vorher in sich selbst Befriedigung gewährte, eine ähn-
liche Wirkung: die unbefriedigende Berufsarbeit weckt den Genußtrieb; vgl. S c h m o 11 e r„
Zur Sozial- und Gewerbepolitik der Gegenwart, 1890, S. 33—34.

3)	Luxus und Kapitalismus, passim.

4)	D u m o n t.

5)	Auch für Gurewitsch, Die Entwicklung der menschlichen Bedürfnisse und die

"Soziale Gliederung der Gesellschaft, Leipzig 1901, ist der soziale Ehrgeiz leitender Gesichts-

punkt für das Verständnis der Entwicklung der Bedürfnisse.

!k

*■

v.-
        <pb n="16" />
        ﻿Wertmaßstäbe der Konsumtion.

115

§ 4

solchem Demonstrationsaufwande *) ist der ganze Umkreis unserer Lebenshaltung
mehr durchsetzt, als wir uns bewußt sind; von den verschwenderischen Gesellschafts-
ausgaben und der „guten kalten“ Stube, die dem Mittelstände die Wohnung in so
unverantwortlicher Weise verteuert, bis zu den Launen der Sonntagskleidung und
unter Umständen selbst manchen Bestandteilen der täglichen Nahrung. Unzählige
Renommiergüter teilen dieses Schicksal der Konventionsheirat mit einem zahlungs-
fähigen, aber sonst wenig interessierten Konsumenten; ihr Hauptzweck ist die Do-
kumentierung der Zahlungsfähigkeit, und die moderne Uniformierung der Preise
erleichtert die Kontrolle. Natürlich kann die erstrebte Nutzwirkung dieser sozialen
Opferwilligkeit in den Schornstein fahren in dem Maße, wie die Lebenshaltung einer
sozialen Gruppe schließlich auf der ganzen Linie gesteigert wird, der Rivalitätsauf-
wand Einzelner zum konventionellen Aufwande Aller wird; eine Schraube ohne
Ende. Wo dagegen die alte ständische Sitte sich in Resten noch erhält, wie etwa in
der kleidsamen und billigen, aber auch anspruchslosen Blousentracht des franzö-
sischen Arbeiters, spart die Volkswirtschaft an Rivalitätskosten * 2). Der Auszeich-
nungstrieb strebt beständig den Kreis der konventionellen Bedürfnisse zu erweitern.
Wir kommen damit zu dem viel erörterten Begriffe des Luxus.

Im strengsten Sinne ist jede Konsumtion Luxus, die über den Existenzbedarf
hinausgeht. Allein die soziale Rivalität hat längst die physiologischen Mindest-
bedürfnisse durch konventionelle Anforderungen gesteigert, die das Existenzmini-
mum für jede soziale Gruppe differenzieren. Nennen wir Luxus nur denjenigen
Konsum, der dieses soziale Mindestmaß jeder Gruppe überschreitet, so erscheint
natürlich der einen sozialen Gruppe von ihrem Standpunkte als („relativer“) Luxus,
was zum sozialen Notbedarfe der andern gehört. „Absoluter“ Luxus ist dann nur,
was über den traditionellen Bedarf der jeweilig anspruchsvollsten sozialen Konsu-
mentenschicht hinausgeht; „individueller“ und „relativer“ Luxus, was den her-
kömmlichen Bedarf der eigenen sozialen Gruppe des Konsumenten überschreitet,
was nicht dem sozialen Anerkennungstriebe, sondern dem weitergehenden Aus-
zeichnungstriebe dient. Aber weniger dieser Doppelsinn des Begriffs, als die Ver-
schiedenheit der Standpunkte hat das Werturteil über den Luxus schwanken lassen.
Auch den relativen Luxus mag der mittelalterliche Moralist oder der Vertreter des
Naturalismus (16.—18. Jahrhundert) unter ethischen Gesichtspunkten, der mo-
dernere Volkswirt als Hemmnis der Kapitalbildung und als faux frais der sozialen
Rivalität, zeitweise auch als eine Gefahr für die Handelsbilanz des Landes schelten;
während andererseits jeder noch so maßlose „absolute“ oder „relative“ Luxus Gnade
finden kann sowohl in den Augen des grundsätzlichen Verehrers äußerlich meß-
barer Kultur, wie des rationalistischen Volkswirts, der mit scharfer aber schiefer
Logik jeden Luxus preist, der „Geld unter die Leute bringt“; als ob das Geld bei
produktiver statt luxuriös konsumtiver Verwendung nicht ebenso unter die Leute
käme und wahrscheinlich sogar eine beständigere Verdienstgelegenheit böte, als die
launische Luxusnachfrage vermag. Nur dem Sonderinteresse des Kapitalgewinns
ist die Luxuskonsumtion günstig, weil sie die jährliche Ersparnis verkleinert und da-
mit das Angebot von Leihkapital vermindert3).

Eine besonders scharfe Ausprägung findet die konventionelle Bedürfnissteigerung
in der Mode4). Mode ist eine Zeitströmung, die massenpsychologisch bestimmte

x) Von diesem ehrgeizigen Aufwande ist zu unterscheiden der auch der Demonstration
dienende spekulative Aufwand des kreditbedürftigen Geschäftsmanns und des Vaters
heiratsfähiger Töchter.

!) Lexis in Schönbergs Handbuch I4 795, Anm. 14.

3) Lexis, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, 1910, S. 220.

") Vgl. u. a. S o m b a r t 1902, II 327 f. Rasch, Das Eibenstocker Stickereigewerbe
unter der Einwirkung der Mode, 35. Ergänzungsheft der Zeitschrift für die gesamte Staats-
wissenschaft, Tübingen 1910. Tröltsch, Volkswirtschaftliche Betrachtungen über die
Mode, Marburg 1912. Weitere Literatur bei A. Elster, Wirtschaft und Mode, Jahrbücher
für Nationalökonomie und Statistik, August 1913.

8*
        <pb n="17" />
        ﻿116 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 4

Sorten von Gütern, namentlich von Gebrauchsgütern bevorzugt. Wohl paßt sie
sich allgemeinen Kulturströmungen, z. B. naturalistischen in der Kleidung, in großen
Zeiträumen an; aber ihr Charakteristikum ist gerade der strenge Zwang eines grund-
sätzlichen Wechsels der Konsumtion in kurzen Zeiträumen. Es wäre falsch, die
Wurzel der Mode nur in einem Abwechslungsbedürfnis des Menschen zu suchen.
Beim isolierten Bobinson würde das Abwechslungsbedürfnis solche Blüten nicht
treiben. Auch der Hinzutritt der Gefallsucht zu den Bobinsonschen Motiven würde
noch nicht unsere Mode erklären. Vielmehr entspricht der abrupte Modewechsel
auch dem Interesse des Handels an immer neuer Nachfrage; und zugleich will der
Modewechsel denjenigen Konsumenten mit einer gesellschaftlichen Prämie aus-
zeichnen, der dem- Gebot konventioneller Ausgaben am willfährigsten folgt, unter
Preisgabe von noch nicht abgenutzten Gebrauchsgütern, die von einer oft blinden
Mode außer Kurs gesetzt worden sind. Er ist ein scharfes Kontrollmittel zur öffent-
lichen Kennzeichnung des Konsumenten, der seinen noch „guten“ Hut der vor-
jährigen Saison im zweiten Jahre zu tragen versucht. Die frühere Stabilität der
konventionell gebotenen Lebenshaltung schlägt in ihr Gegenteil um; Tracht und
Mode sind Gegensätze. Eine Art Selbsthilfe des Konsumenten gegen kostspielige
Modetorheiten ist die Bevorzugung billiger, geringwertiger und namentlich nicht
dauerhafter Ware, deren Verbreitung mit der Mode eng zusammenhängt1).

Man wird verstehen, warum unter solchen Umständen die Mode auch auf die
Form der Produktion zurückwirken muß. Die Mode fordert einerseits billige Massen-
produktion, also großindustrielle Produktionsform, und lebt schon aus diesem Grunde
mit der Großindustrie auf, findet auch in den Warenhäusern Sukkurs. Aber zugleich
scheut sie die Fabrik, die mit ihrem fixen Kapital dem unbeständigen Modebedarf
nur mit schwerem Zinsverlust dienen kann. Die eigenste Domäne der Modewaren-
produktion ist darum die Hausindustrie, die im Klein- und Handbetrieb
mit wenig fixem Kapital doch an der Billigkeit großindustrieller Massenproduktion
einigermaßen Teil hat. Die Beweglichkeit der Hausindustrie und die verschärfte
Konkurrenz ihrer Kleinbetriebe fördert wieder die Beweglichkeit der Mode; während
andererseits, je mehr die Modeproduktion aus technischen Gründen in die Sphäre
der Fabrik übergreift, der drohende Verlust am fixen Kapital den Modewechsel in
gewissen technischen Schranken zu halten strebt2).

Die Unbeständigkeit, die aller Luxusindustrie eigen ist, erreicht in der Mode-
industrie ihren Höhepunkt. Das Bisiko dieser Unbeständigkeit wird aber gerade
in der hausindustriellen Betriebsform großenteils auf den Arbeiter abgewälzt; seine
Beschäftigung wird unregelmäßig; aber im Preis der Ware kommt dieses vom Arbeiter
getragene Risiko nicht zum Ausdruck und braucht darum den kaufenden Konsu-
menten nicht zu kümmern; es bedarf erst einer sozialen Aufklärungsarbeit, wie sie
von den sozialen Käuferligen geübt werden soll, um die Nachfrage hier und in andern
Punkten von sozialen Rücksichten beeinflussen zu lassen. Schließlich müssen Ar-
menpflege und Arbeitslosenversicherung einen Teil des Schadens decken.

Die Neuzeit beschleunigt das Tempo des Modewechsels, erstreckt ihren Macht-
bereich auf immer mehr Güterarten und ermöglicht durch vollkommenere Verkehrs-
mittel, z. B. Modezeitungen, ihre internationale Egalisierung, neben der es aber an
der Tendenz zu nationalen Sondermoden nicht fehlt. Im einzelnen nimmt der
Konsument auf die Richtung der Mode von heute auf morgen wenig Einfluß; ihm
liegt ja an der Qualität der Modewaren oft weniger als an ihrer augenfälligen Neu-
heit; so halten Produktion und Handel die Zügel im wesentlichen in der Hand. Daß
ihre vom Konsumenten mangelhaft kontrollierte Direktion in der verzweifelten
Suche nach effektvoller Neuheit die kostbare Kaufkraft der Konsumenten oft genug
in den unwahrscheinlichsten Geschmacksverirrungen vergeudet, ist eine Frucht
dieser Kulturblüte. Ein Glück, wenn eine aufstrebende Künstlerschule mit ihren

x) Vgl. Bücher, die Entstehung der Volkswirtschaft, 2. Aufl., S. 177.

*) R a s c h , S. 86 f.
        <pb n="18" />
        ﻿Wertmaßstäbe der Konsumtion.

117

§ 4

mehr oder weniger ausgereiften Ideen der erschöpften Phantasie gewerbsmäßiger
Modemacher aufhilft und die Zügel an sich reißt1); auch sie findet eine folgsame
Kundschaft. Am ehesten wird eine solche Einflußnahme auf die Fabrikation von
Gütern länger dauernden Gebrauchs gelingen, wie Wohnung und Wohnungsein-
richtung, im Gegensatz zu Kleidungsstücken, bei denen die atemlose Saisonmode
herrscht, regiert vom Schneider und von den Löwinnen der Bühne und der Halb-
welt. Selbst Konsumentenvereine für Verbesserung der Frauenkleidung oder der
Männertracht, wie sie neuerdings versucht worden sind, dürften auf diesem Lieb-
lingsgebiete der Mode ebenso einflußarm bleiben, wie in einem ähnlichen Falle Haus-
frauenvereine in der Preisbildung des Nahrungsmarkts; die Zahl der Konsumenten ist
größer, das Interesse jedes Einzelnen kleiner, als Zahl und Interesse der Produzenten.

Kaum jemals werden diese konventionellen Aufwendungen ganz willkürlich ge-
wählt, sondern sie knüpfen zunächst an wirklich empfundene Bedürfnisse an. Man
hat mit Recht hervorgehoben, daß die natürlichen Existenzbedürfnisse des Menschen
im Ablauf der Kulturgeschichte durch ästhetische und sittliche Modifikationen ver-
feinert und, ihrem wirtschaftlichen Werte nach, gesteigert werden. Diese Ver-
feinerung natürlicher Bedürfnisse ist wohl überall die erste Stufe im Aufstieg der
Lebenshaltung. Man will nicht nur den Hunger und Durst stillen, sondern auch die
damit verbundenen Lustgefühle steigern; die Kleidung soll den Körper nicht nur
wärmen, sondern auch schmücken; vollends die Gestaltung des Hauses wird durch
ästhetische, sittliche, gesellschaftliche Zwecke beherrscht. Ueberall werden die na-
türlichen Bedürfnisse mit einem kostspieligen Blätterschmucke umkleidet, und man
kann diesen bei wohlwollender Deutung in den meisten Fällen auch als den Träger
eines kulturellen Fortschritts ansprechen, ganz besonders im Falle der Verfeinerung
des Wohnens, die auf höherer Kulturstufe der Pflege des Essens den Rang abläuft2).
Wir wollen uns darum dieses Schmuckes freuen, ohne ihn zu überschätzen. Es ist
freilich großenteils nur eine Art optischer Täuschung, wenn wir, an den Komfort
moderner Wohnungen gewöhnt, die rohen Holzdielen unserer Vorfahren für weniger
zivilisiert halten; wir brauchen nur an Goethes Haus zu denken, dem „fast alle die
Verfeinerungen fehlten, die uns heute unentbehrlich dünken, wenn wir uns in unserer
Wohnung wohl fühlen sollen“; nicht die Kultur, sondern unsere konventionell be-
dingten Ansprüche sind fortgeschritten. Womit nicht in Abrede gestellt wird, daß
manche Ansprüche, an die der Mensch sich in den letzten Jahrzehnten gewöhnt hat,
auch Kulturwert besitzen.

3.	Zur Steigerung des Niveaus der Lebenshaltung wirkt außer den wachsenden
sozialen Ansprüchen ein fatales Naturgesetz mit, das zur Würdigung des Konsum-
tionsfortschritts nicht außer Acht bleiben darf: die Gewöhnung. Sie steigert
das Bedürfnis und schwächt die Genußempfindung. Sie wirkt wie ein Widerhaken,
der die Rückkehr zu anspruchsloserer Lebenshaltung aufs äußerste erschwert.

Jede Verbesserung der Lebenshaltung, wenn sie über den natürlichen Exi-
stenzbedarf hinausgeht, tritt zuerst als Luxus in die Erscheinung; sie wird zum Be-
standteile des Existenzbedarfs, wenn sie eine Zeitlang angedauert und im Standes-
kodex Aufnahme gefunden hat. Mit diesem sozialen Zwange geht aber Hand in Hand
die physiologische oder psychophysische Steigerung der Bedürftigkeit. Es gibt
keinen Wunsch, der nicht durch regelmäßig wiederkehrende Befriedigung zum emp-
findlichen Bedürfnis wird. Die halbe Flasche Wein, die Herr Schulze zum Mittag-
essen, oder die Zigarre, die er zum Nachmittagskaffee sich angewöhnt hat, bereitet
ihm Unbehagen, sobald sie ihm wieder entzogen wird; schon glaubt er diese Güter
nicht mehr entbehren zu können 3). Ebenso wird die zuerst nur aus sozialen Grün-

J) Im übrigen sind wirtschaftliche Mode und künstlerische Mode nicht wesensgleich.

2) Erbweisheitsspruch des modern zivilisierten Mittelstands: Wohne über deinem Stande, !
kleide dich nach deinem Stande, iß und trink unter deinem Stande.

f) Vgl. P a u 1 s e n , System der Ethik, 2. Aufl., Berlin 1891, S. 424: „Ich gestehe, daß
es mir trotz vieljähriger Erfahrung zweifelhaft geblieben ist, ob das Rauchen mehr Genuß oder
Plage macht. Ob jemals ein Vater mit Freuden sah, daß seine Söhne und Töchter es lernten?“
        <pb n="19" />
        ﻿118 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 4

den eingeführte Konsumtion allmählich zum wirklichen individuellen Bedürfnis,
das mit steigender Unlust droht, wenn es nicht immer neue Befriedigung erhält.

Durch diesen sanften Druck sieht sich der Konsument in immer neue Bedürf-
nisse verstrickt, und das Bedauerlichste ist, daß diese Aufwendungen ihm mit ab-
nehmender Genußempfindung lohnen. Denn gerade solche Bedürfnisse, die über
das bare Existenzminimum hinausgehen, unterliegen mehr oder weniger einem Gesetz
der Abstumpfung. Abstumpfung ist nicht zu verwechseln mit Sättigung.
Wohl führt die Befriedigung auch des elementarsten Bedürfnisses zu einer Sättigung,
die für jede weitere Konsumtion zurzeit dankt. Während aber das elementare Be-
dürfnis sich nach einem von der Natur abgemessenen Zeitraum wohl annähernd in
der vorigen Stärke wiederholt und für den Fall der Befriedigung unverminderten
Genuß verheißt, entbehren die in zweiter Reihe stehenden Bedürfnisse dieser Be-
ständigkeit und scheinen vielmehr den Konsumenten, der Befriedigung sucht, zum
Besten zu halten; nach ausgeklungener Befriedigung ersteht ein solches Bedürfnis
in verstärktem Maße neu, während die erneute Befriedigung nur noch einen abge-
schwächten Genußreiz auslöst. Man kann Brot mit Salz zur Stillung des Hungers
täglich annähernd mit der gleichen Befriedigung essen, während der täglich wieder-
holte Verbrauch von Caviar zum zweiten Frühstück bald von abnehmend freudigen
Gefühlen begleitet wäre 1). So kommt es, daß der durch seine konsumtiven Ante-
cedentien belastete Konsument sich nicht nur in zunehmendem Maße um den Lohn der
Aufwendungen für seine Wohlfahrt betrogen, sondern auch sukzessive auf eine
immer schmälere Auswahl von für ihn noch nicht ausgeleierten Genußmitteln be-
schränkt sieht. Auch die Aufnahmefähigkeit für geistige Genüsse (wenn es passive
Genüsse sind), obwohl sie sich durch eine größere Zähigkeit und Dehnbarkeit aus-
zeichnet, muß doch diesem Naturgesetz der Abstumpfung Tribut geben; selbst der
Liebhaber wird dasselbe Musikstück beliebig oft nicht mit unverminderter Freude
geigen hören. Es ist eine Art optischer Täuschung bei der Vorstellung der Luxus-
konsumtion; wir denken gern an den Uebergang zum Luxus mehr als an den Be-
harrungszustand. Der Konsument muß immer lavieren und abwechseln 2), um die
progressive individuelle Entwertung der erkauften Genüsse wenigstens abzuschwä-
chen. Sowohl die soziale Rivalität wie das physiologische Naturgesetz fordern
immer gesteigerten Aufwand für den Bereich der Genußkonsumtion. Man frage
den durchschnittlichen Hausvater, ob ihm nicht, in diesem niederträchtigen Wett-
lauf der oktroyierten sozialen Ansprüche, unabhängig von der Stufe seines Ein-
kommens immer noch gerade 10—20% seines Einkommens fehlen, um das soziale
Existenzminimum seiner Familie zu decken; man frage die durchschnittliche Haus-
frau, ob ihr nicht auch in einer geräumigen Wohnung, an die sie sich aber schon
gewöhnt hat, gerade noch nur ein Zimmer fehlt, und am Wirtschaftsgelde wieder die
obigen 10—20% fehlen; es scheint, das Bedürfnis des leidlich genügsamen Menschen
ist leider gleich 110—120% seines jeweiligen Einkommens3).

J) Andererseits ist auch fortgesetzte Nichtbefriedigung eines Bedürfnisses geeignet, dessen
Stärke schließlich zu vermindern.

2)	Selbst in der Ernährung. Vgl. H i n d h e d e , Eine Reform unserer Ernährung, Leip-
zig 1908, S. 196 f.: „Auf der Gewinnseite“ (der von Hindhede empfohlenen fleischarmen Kost)
„finden sich:... 2. der vorzügliche Appetit, der bewirkt, daß ein Stück Schwarzbrot mit But-
ter und einer dünnen Scheibe einfachen Meiereikäses mir weit besser schmeckt als die feinste
Delikatesse dem Lebemann. Für mich besteht nach vieljährigen Erfahrungen darüber kein
Zweifel, daß die „Freuden der Tafel“ dadurch, daß man wenig ißt und einfach ißt, sehr er-
höht werden. Ich brauche nur einen Blick auf das Gesicht des Lebemanns zu werfen, wenn
er nicht weiß, welche Leckerei er essen soll, um mir mit einem Schlage hierüber klar zu wer-
den. t Es ist erstaunlich und für Viele unglaublich, daß man der einfachen Kost nicht über-
drüssig wird, dagegen aber sehr bald der Luxuskost (vgl. die Erfahrungen der Sanatorien).“

3)	Sombart, Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert, 1903, S. 480: „Aber
gerade dieser Reichtum ist es, der uns zum Sklaven unserer Bedürfnisse gemacht hat. Wuch-
sen die Fähigkeiten, unsern Bedarf an Sachgütern zu befriedigen, so ist dieser Bedarf selber
immer um eine Nasenlänge den Mitteln zu seiner Befriedigung voraufgeeilt.“
        <pb n="20" />
        ﻿Wertmaßstäbe der Konsumtion.

119

§ 4

4.	Der mehr oder weniger konventionelle Charakter fast aller Konsumtion, die
Vergeudung durch den Rivalitätsaufwand, die Steigerung des Bedürfnisses durch die
Konsumtion selbst, die progressive Abstumpfung der Genußfähigkeit bedeuten
Abzüge vom Genußwert der heutigen hochgesteigerten Konsumtion. Der Einfluß
der Verkehrswirtschaft, des städtischen Lebens und der modernen Beschränkung der
Kinderzahl, auf den wir in einem folgenden Paragraphen hinweisen, bedingt weitere
Abzüge. Die ungleiche Verteilung des Einkommens, die eine optimale konsumtive
Ausnutzung der jeweilig verfügbaren Produktionskraft hindert und große Bevöl-
kerungsteile dem Elend preisgibt, bildet ein Kapitel für sich, muß aber in diesem
Zusammenhänge wenigstens erwähnt werden.

Wenn die Summe dieser Abzüge eine weitgehende Resignation im Werturteil
über den Konsumtionsfortschritt fordert: fehlt es daneben an Lichtseiten?

Vom Standpunkte sozialer Beurteilung bieten diese Abzüge selbst, namentlich
die Faktoren Rivalität und Abstumpfung x), einen gewissen Ausgleich für die äußer-
liche Ungleichheit der menschlichen Lose; es sind ja vorzugsweise die größeren Lose,
die durch solche Abzüge verkürzt werden.

Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte können wir als Gewinn registrieren, daß
infolge der Vervielfältigung und Verbesserung der Güter, in erster Linie der Nahrungs-
mittel, das physiologische Existenzminimum vollständiger befriedigt werden kann,
als sonst wenigstens für die neu entstandene städtische Bevölkerung möglich wäre.
Der besseren Sicherung des Existenzminimum dienen auch die großen Aufwendungen
auf dem Gebiet der Hygiene (Wasserleitung, Kanalisation usw.), die freilich teilweise
erst neu entstandenen Bedürfnissen entsprechen, und auf dem Gebiet der Kranken-
pflege. Von den Annehmlichkeiten des Lebens fällt namentlich die bessere Beleuch-
tung und die Verbesserung der Wege ins Gewicht; zweifelhafter ist die Verbesserung
des Wohnens. Daneben ist die Regelmäßigkeit der Konsumtion gesichert
worden; von der privatwirtschaftlichen Versicherung abgesehen, durch die Feuer-
wehr und durch eine wirksamere Vorsorge gegen plötzliche Hungersnöte, namentlich
durch die zwischen Mangel und Ueberfluß ausgleichende Wirkung der Transport-
mittel. Auch ohne diese Vorsorge besitzt ein reichlich konsumierendes Volk eine
latente Reserve für Notfälle in seiner Lebenshaltung selbst, in der Möglichkeit, in
knappen Jahren zur physiologischen Mindestnorm des Nahrungsbedarfs zeitweilig
zurückzukehren.

Aber vor allen andern Erwägungen bleibt es die Hauptsache, daß der wirtschaft-
liche Fortschritt seinen idealen Wert in sich selbst trägt, unabhängig vom Kon-
sumtionswerte der durch ihn geschaffenen Güter. Die Steigerung der Bedürfnisse,
auch wenn sie nicht zu gesteigerter Befriedigung führt, zwingt doch den Menschen
zur Anspannung seiner Kräfte und wird durch diese belebende Wirkung zu einer
der Grundlagen moderner Kultur. Sie ist das wirksamste Erziehungsmittel für die
träge Masse. Sie schafft auch in der Befriedigung des Erfolges Genußwerte, die
denen des Konsumtionsgenusses überlegen sind. Kurz, die Konsumtion, die uns als
Zweck erscheint, ist jetzt in Wirklichkeit vielmehr Mittel für einen höheren Zweck. Es
ist wie eine List der Natur, die den Menschen ködert, um ihn seiner Bestimmung
zuzuführen; wie der um seiner selbst willen erstrebte Genuß des Essens die Erhaltung
des Körpers zur Nebenfolge hat, und der Geschlechtsgenuß die Erhaltung der Mensch-
heit, so löst die lockende Aussicht auf Befriedigung brennender Bedürfnisse überhaupt
die Anspannung der Kräfte aus, die dem Leben Wert und Würde gibt, wenn sie. sitt-
lich rein bleibt. Und sie züchtet starke Menschen und starke Völker, die über die
andern herrschen und ihnen ihr Gepräge auf drücken * 2).

x) Vgl. J. W o 1 f a. a. 0. S. 163.

2) Darum haben auch im wirtschaftlichen Wettkampf der Völker nicht nur die bedürfnis-
losesten Völker einen Vorsprung, sondern möglicherweise auch die mit den stärksten Bedürf-
nissen. Haben die bedürfnislosesten eben in ihrer Genügsamkeit eine wirksame Waffe im Kampf
ums Dasein, so werfen dafür die bedürfnisstärksten die größere Energie in der Anspannung
        <pb n="21" />
        ﻿120 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum.

§4

II.	Bisher war von der Vermehrung und Verbesserung der Konsumtion die Rede;
wie verhält es sich mit der andern Errungenschaft, der freieren Konsum-
tionswahl?

An sich ist es richtig: je mehr das Existenzminimum überschritten und je mannig-
faltiger das Angebot von Kulturgütern ist, um so größer die individualisierende
Wahlfreiheit des Konsumenten. Trotzdem zeigt aber die Wirklichkeit eine weit-
gehende Gebundenheit und im Zusammenhänge damit eine erstaunliche
Gleichförmigkeit der Konsumtion.

Die Konsumtion steht zunächst in strenger Abhängigkeit von der Gewohn-
heit. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, daß der Mensch eine Nahrung, die er
und die seine Vorfahren lange gegessen haben, nicht nur gemütsmäßig lieb gewinnt,
sondern auch wohlschmeckend findet. So hat der Europäer eine eingewurzelte
Vorliebe für Brot, seine Nahrung aus Jahrtausenden, und zwar der Deutsche für
sein Roggenbrot, der Engländer und Franzose für sein Weizenbrot, wie der Italiener
für seine Polenta, der Eskimo 1) für seine Fettstoffe. Und diese Geschmacksvorliebe
wurzelt tief: „für die meisten Reisenden oder Auswanderer beginnt die wahre Fremde
nur da, wo anders gegessen wird, und nach manchen Erfahrungen in Amerika wird
bisweilen die Muttersprache früher verloren, als die Essensgewohnheiten“ 2). Offen-
bar ist es sehr zweckmäßig, daß die Natur den Geschmack so lenkt; aber die Wahl-
freiheit ist doch objektiv beschränkt, obgleich das beschränkende Moment mit dem
Subjekte des Konsumenten verwächst.

Anders bei einer zweiten, noch stärkeren Abhängigkeit, die wir schon kennen:
Regulierung des Konsums durch das Konventionelle, durch Sitte und
Mode. In dem Maße, wie sie das hergebrachte Existenzminimum erhöhen, verengen
sie den Bereich des wahlfreien Konsums. Sie führen geradezu das Regiment in
diesem Reiche einer angeblichen Freiheit, bis herab zu dem Schnitt der Kleidung
und der Farbe der Handschuhe. Sie uniformieren gleichzeitig die Konsumtion in
dem Maße, wie die Nivellierung der Stände und Klassen fortschreitet, und unter
dem Einfluß des egalisierenden Verkehrs. Auch die ursprünglichen, durch Gewohn-
heit gefestigten Konsumtionsunterschiede verschwinden so, aber erst sehr allmäh-
lich, und es entstehen sogar auf verkehrswirtschaftlicher Grundlage nationale Kon-
sumtionstypen neu, wie der Kaffeekonsum des Nordamerikaners und des Deutschen
im Gegensatz zum Teekonsum des Engländers. (Ebenso wirkt die Mode nicht immer
nur egalisierend, sondern unter dem Drucke ihres Neuerungsbedürfnisses bei Gütern
für dauernden Gebrauch auch variierend, wie neuerdings bei Möbeln.)

( In dritter Linie beherrscht das Angebot die Konsumtionswahl. Der Ein-
fluß des Angebots auf die Mode wurde schon erwähnt; aber auch sonst ist der Kon-
sument oft gezwungen, sich vom Händler und Fabrikanten bevormunden zu lassen,
bei fehlender Konkurrenz, oder er ist zu indifferent, um das Joch abzuschütteln.
Besonders der englische Kaufmann ist gegenüber den Wünschen des Konsumenten
""oft rücksichtslos. Das Interesse des Großbetriebs an billiger Massenproduktion und
des Großhandels am Engrosgeschäft steht hinter dieser Bevormundungstendenz,
und wirkt auf die Konsumtion wiederum uniformierend, ein Hohn auf den Indivi-
dualismus; bei gleichförmiger Ware spart der Großbetrieb an Produktionskosten,
der Handel an Zwischengliedern und an Reklamekosten. Die stärkste Triebkraft
dieser uniformierenden Wirkung ist die zunehmende Billigkeit des Warentransports;
sie verlängert den Aktionsradius des uniformierenden Handels und weitet die Dimen-

ihrer wirtschaftlichen Kräfte, zu der sie ihre Bedürftigkeit anregt, in die Wagschale. Es
können daher nicht nur die Bewohner der kühleren Erdzone denen der tropischen an wirt-
schaftlicher Energie und Ueberlebenschance gerade infolge ihrer Bedürftigkeit überlegen sein,
sondern auch von den Völkern, die unter gleichen Naturbedingungen leben, diejenigen, die
am stärksten begehren. Es mag sein, daß bei dieser zwiespältigen Entwicklungstendenz der
Völkermittelstand, die Nationen mit mittelmäßiger Bedürfnisstärke, im internationalen Wett-
bewerb, der ja in seiner vollen Schärfe erst bevorsteht, verschwinden werden.

Patten, S. 21.	!)Rubner 1913, S. 15.
        <pb n="22" />
        ﻿Wertmaßstäbe der Konsumtion.

121

§ 4

sionen des produzierenden Großbetriebs. Aber daneben mögen auch nationalpsycho-
logische Eigenschaften der Konsumenten mitwirken. Sehr weit scheint die Uni-
formität der Konsumtion in Ländern englischer Kultur zu gehen, wo die Wohnungen,
z. B. in Australien, in Bau und Einrichtung oft straßenweise nahezu identisch sein
sollen. Auch die bekannte Uniformität von Regiezigarren ist eine Funktion des
Großbetriebs. Nur ein Spezialfall dieser Art ist die uniformierende Wirkung des
Großbetriebs im letzten Stadium der Produktion vor der Genußreife, nach popu-
lärem Sprachgebrauch die gemeinsame Konsumtion: gleiches Menü für Alle an der
Table d’hote, kollektiver Genuß von Kunst, Wissenschaft, Gesellschaftsreisen,
plurale Eisenbahn- und Omnibusfahrt. Alle solche Großbetriebskonsumtion ist,
weil weniger wahlfrei als die individuelle, und darum oft ihr Genußziel verfehlend,
einerseits Verschwendung, aber andererseits kommt sie billiger. Ein weiterer Fort-
schritt auf dieser Bahn problematischer Verbilligdng und Uniformierung wäre die
Auflösung der heutigen Reste eigenwirtschaftlicher Haushaltung durch Zentral-
küchen, Zentralwaschanstalten, Zentralheizung usw. Das Extrem wäre die kom-
munistische Konsumtion in Massenhaushalten, mit großer Ersparnis an Kosten,
aber auch an Befriedigung.

Vorläufig aber bleibt der Konsumtionswahl immerhin noch Spielraum, für
die große Masse freilich nur in engen Grenzen. Selbst die Befriedigung des Existenz-
bedarfs läßt gewisse individuelle Modifikationen zu. Es ist die Frage, ob der Kon-
sument auch nur diese beengte Freiheit heute schon richtig zu gebrauchen versteht;
aber er soll es lernen. In welcher Richtung sich die freie Wahl der Ausgaben bewegt,
kann freilich nur mit einigen dürftigen Strichen angedeutet werden.

Brentano1) hat unlängst den Versuch gemacht, die Bedürfnisse nach ihrer
Rangfolge summarisch zu gruppieren. Auf die Befriedigung der baren Lebens-
notdurft (Nahrung, Kleidung, Wohnung, Ausruhe) und (auf höherer Kulturstufe
erst in zweiter Linie) des Geschlechtsbedürfnisses, das wir wohl mit dem Bedürfnis
des Unterhalts einer Familie auch nach dem Dringlichkeitsgrade kombinieren müssen,
läßt er das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Ausgleichung 2) folgen, das
sich mit jenen elementaren Bedürfnissen paart und das Mindestmaß der erforder-
lichen „Lebenshaltung“ bestimmt. Erst jenseits des Schwerpunkts dieser Bedürf-
nisse, die einen geschlossenen Komplex zu bilden scheinen, läßt Brentano für die
Masse der Menschen das Bedürfnis der Fürsorge für ihr Wohlbefinden in der Zeit
nach ihrem Tode folgen; anfechtbar, wenn er mit diesem rationalistisch umetiket-
tierten Bedürfnis die Religion gleichsetzt. Für viele steht sie mit an vorderster
Stelle, wie für einige die Vaterlandsliebe, oder wenigstens das Bedürfnis, einer geach-
teten Nation anzugehören. Die Rangordnung der folgenden Bedürfnisse gibt Bren-
tano nur mit Vorbehalt: Erheiterung, Heilung, Reinlichkeit, Bildung in Wissen-
schaft und Kunst, Schaffensbedürfnis, und darüber hinaus die Mehrzahl der al-
truistischen Bedürfnisse, mit einzelnen Ausnahmen wie Mutterliebe, die an früherer
Stelle rangiert.

Wo sollen wir in dieser Rangliste die freien Ausgaben suchen? Wir werden noch
zu erwähnen haben, daß am Familienbedürfnis heute durch freiwillige Beschränkung
der Kinderzahl gespart wird; es rückt damit schließlich in die Reihe der freien Be-
dürfnisse herab. Von den andern Posten wird besonders der der „Erheiterung“ ins
Auge fallen. Allein dieser so frei anmutende Begriff umfaßt doch wohl auch die
schwer lastenden Zwangsausgaben für standesgemäße Geselligkeit, und die für Ein-
haltung der landesüblichen Trinksitten 3).

*) S. 12 f.

2)	Mit Einschluß des Bedürfnisses nach Freiheit und Herrschaft.

3)	Ein Beispiel: „Nirgendwo herrschen so lästige Trinksitten wie in Australasien, in den
Städten, wie im Innern, namentlich in den Goldbezirken. Zu welcher Tageszeit es auch sein
mag, ob es sich um einen Besuch handelt oder um einen Geschäftsabschluß, stets wird der
Fremde aufgefordert: let us have a drink, und selbstverständlich hat er sich dann in gleicher
Weise zu revanchieren, so daß es nichts Seltenes ist, daß ein Kaufmann mit einem großen
        <pb n="23" />
        ﻿122 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 4

Nehmen wir das Jahreseinkommen von 60 Millionen Deutschen mit 30—35 Milliar-
den Mark, den täglichen Nahrungsbedarf mit 50 Pfennigen an, so würde der tägliche
Nahrungsbedarf der Nation 30 Millionen, der jährliche 11 Milliarden Mark, mit den
Ausgaben für Wohnung und Kleidung etwa 19 Milliarden Mark wert sein. Die Aus-
gaben des Reichs, des Staats, der Kommunen und Kommunalverbände werden amt-
lich für 1907 auf 11 y2 Milliarden Mark berechnet, von denen aber netto wahrschein-
lich nicht über die Hälf te Verwaltungsausgaben sind '), auch diese zum Teil sich
deckend mit Posten, die schon in den 19 Milliarden stecken. Immerhin bleiben für
freie Ausgaben nicht für Nahrung, Wohnung, Kleidung usw. nicht viele Milliarden
übrig, wenn wir noch 3—5 Milliarden als den Betrag der jährlichen Ersparnis abziehen.

Bei diesen Ansätzen erscheint es hoch, wenn allein der jährliche Alkoholkonsum
in Deutschland auf 3—4 Milliarden, der Tabakkonsum auf 6—800 Millionen Mark,
der Kaffeekonsum schon nach dem Einfuhrwert des Rohstoffs auf mehr als 200 Mil-
lionen Mark geschätzt wird; Summen, in denen allerdings einige 100 Millionen Mark
Zölle und Steuern enthalten sind, die in den Reichsausgaben wiederkehren. Beach-
tenswert ist, daß ein Gelehrter wie R u b n e r in den neueren Auflagen seines Lehr-
buchs der Hygiene * 2) den in Deutschland schnell zunehmenden Kaffee- und Teege-
nuß als hygienisch bedenklich charakterisiert.

Von anderen größeren Ausgabeposteri der breiten Masse dürfte z. B. für den
englischen Arbeiter die Ausgabe für Sportwetten ins Gewicht fallen. In Paris sollen
die Theatereinnahmen 1850—1907 von 8 auf 45 Millionen Fr. gestiegen sein, und zwar
durch die Einnahmen der sogenannten spectacles divers, cafes-concerts, music halls
u. dgl. 3). In Deutschland werden die jährlichen Ausgaben für die gewöhnlichste
Schundliteratur, namentlich Detektivromane und Räubergeschichten, auf 50—60
Millionen Mark veranschlagt; außerdem dürften die Ausgaben für höher stehende
erotische Romane beträchtlich sein. In neuester Zeit sollen an Eintrittsgeldern der
Kino-Theater z. B. in Nordamerika hunderte von Millionen Mark einkommen. Auf
den höheren Einkommensstufen schwillt das Reisenkonto enorm an, zu gutem Teil
allerdings nicht durch freie, sondern standesmäßig gebundene Ausgaben. Den Mil-
lionären scheint es an Ausgabenzwecken zu mangeln; bekannt sind die Exzentrizi-
täten amerikanischer Diners, mit denen der Gastgeber für seine Person Reklame
zu machen wünscht, vergleichbar dem Grundbesitzer der naturalwirtschaftlichen
Zeit, der auch seinen Reichtum und seinen wirtschaftlichen Vorrang von einer ge-
wissen Grenze an nur durch eine Gastfreiheit großen Stils zur Schau bringen konnte.
Ein breites Betätigungsfeld bilden überhaupt die altruistischen Aufwendungen,
und wohlhabende Yankees benutzen es reichlich; freilich stehen ihre menschen-
freundlichen Stiftungen, oft Bastarde von Auszeichnungstrieb und Altruismus, manch-
mal in einem auffälligen Gegensätze zu den Mitteln, mit denen die Millionen er-
worben sind. Einer der führenden amerikanischen Reichen aber empfiehlt die Ein-
führung einer Erbschaftssteuer von exorbitanter Höhe für Deszendenten, weil er
den Wert nicht im Reichtum, sondern im Erwerben sieht. Wir kommen damit auf
unsere frühere Wertung des wirtschaftlichen Fortschritts zurück.

Nicht viel anders ist mutatis mutandis die Antwor t, die Brentano in seiner Theorie
der Bedürfnisse auf diese letzten Fragen in Anlehnung an Goethe sucht. Er sieht
den Betrug des Konsumenten durch seinen Reichtum. Er unterscheidet zwischen
passiven Genüssen, die der Mensch kaufen kann, und der Befriedigung, die die Frucht
einer Willensbetätigung ist. Die passiven Genüsse, die den unerfahrenen Menschen
locken, sind trügerisch, auch wenn es geistige Genüsse sind. „Wo der Mensch in

Kundenkreis 10—20 drinks an einem Tage mit je y2 Schilling zu bezahlen hat“ (M a n e s , Ins
Land der sozialen Wunder, 1911, S. 206).

x) Denkschriftenband zur Begründung des Entwurfs eines Gesetzes betr.
Aenderungen im Finanzwesen, 1908, I 127 f.

2)	z. B. 7. Aufl. (1903), S. 472.

3)	C 1 6 m e n t, La döpopulation en France, Paris 1910, S. 289.
        <pb n="24" />
        ﻿Wertmaßstäbe der Konsumtion.

123

§ 4

Ruhe den süßen Empfindungen der Lust sich hingibt, wird die Seele abgestumpft
durch das träge Gefühl, das sie berauscht. Darauf das Verlangen nach gesteigerten
Reizmitteln. Allein auch wenn alle Mittel untätigen Ueberflusses erschöpft werden,
es verbleibt dem satten Besitzer von Reichtum, der nur passivem Genießen dient,
immer nur Unbefriedigtsein als schließliche Wirkung. Dieses Gefühl wächst in dem
Maße, in dem infolge der täglichen Gewohnheit des Genusses die Empfindlichkeit
sich abstumpft, und die Seele wird von Langweile verzehrt, der unerbittlichen Gei-
ßel solcher Reichen“1). Nur der Genuß (besser: die Befriedigung) jener andern,
selbsttätigen Art ist von Dauer, zumal wenn das Streben, das die Befriedigung aus-
löst, nicht egoistischen Zwecken dient, sondern altruistischen. Völker wie Familien,
die jenen passiven Genuß suchen, verfallen dem Niedergange; doppelt wenn der Reich-
tum nicht durch ihre eigne Willenskraft, sondern durch die der älteren Generation
erworben ist. Nur in der Willensbetätigung liegt das Heil, diese aber ist nicht käuf-
lich, ja der Ueberfluß an Geld ihr vielleicht weniger dienlich als der Mangel. Reich-
tum ist nicht ein Segen, sondern eine Gefahr. Nur ihn zu gewinnen und ihn für
andere zu verwenden, ist Glück, nicht ihn zu genießen. Die Flucht vor dem Ich,
das Suchen der Mühe und des Opfers ist das Geheimnis des Lebensglücks; „wenn
das Leben köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen“; so erscheint es
dem rückblickenden Auge, und so wird das Spiel des Lebens am reizvollsten. Aber
auf ihren Anspruch, Selbstzweck zu sein, muß die Konsumtion verzichten, und es
ist Sache der Erziehung, ihren Zweck zu objektivieren. So ist es ein Fortschritt,
wenn in weiten Kreisen Geld, das früher weichlichem Genüsse diente, zu Auf-
wendungen für tätigen Sport verwendet wird, oder wenn der Wohlhabende Geld
und Kräfte in den Dienst des gemeinen Wohls stellt. Der Reichtum soll mit tätiger
Willensanspannung nicht nur erworben, sondern auch verwendet werden; das ist
das Geheimnis der Lebenskunst des Konsumenten. Bezeichnet doch der Multi-
millionär Carnegie in seinem Buche „Das Evangelium des Reichtums“ es als die
höhere Aufgabe, eine gemeinnützige Stiftung verantwortlich zu verwalten, als nur
das Geld zu geben; er bevorzugt darum auch die Stiftung bei Lebzeiten. Unsere Kon-
sumtion wäre in der Tat so unerträglich, wie sie es für viele Junggesellen ist, hätten
wir nicht in der Familie mit ihren Ansprüchen an Entsagungskraft und Hingebung
ein bewährtes Mittel, unser Streben von dem persönlichen Konsumtionszweck ab-
zulenken; durch Beschränkung der Kinderzahl wird dieses Mittel freilich entwertet.
Diese Mischung des Egoismus mit Altruismus, diese Ablenkung des Konsumtions-
triebs auf noch breiterer Grundlage zu erzielen, ist das schwer erreichbare Ideal
kommunistischer Idealisten aller Zeiten gewesen2).

') Vgl. auch G o s s e n s, von Brentano zitierten Hinweis auf Ludwig XV. von Frank-
reich: „Seinen Höflingen und Maitressen gelang es durch Verschwendung der Kräfte eines
ganzen Volks, seine Hofhaltung so einzurichten, daß ihm Jedes, was dem Menschen auf der
Stufe der körperlichen und geistigen Ausbildung, auf welcher er sich befand, Genuß zu ge-
währen im Stande ist, fast ununterbrochen geboten wurde. Je mehr dieses Ziel erreicht wurde,
desto mehr mußte die Summe des Lebensgenusses des beklagenswerten Ludwig sinken, denn
der Punkt der größten Summe des Genusses war bei ihm bei allen Genüssen längst überschritten.
Folge davon war, daß es zuletzt selbst einer Pompadour, die doch vor nichts noch so Unnatür-
lichem zurückschreckte, wenn es für Ludwig Genuß versprach, nicht mehr gelingen wollte,
die tötlichste'^Langeweile zu verscheuchen. Und so ward lediglich das erreicht, ein ganzes
Volk unglücklich zu machen, um Ludwig selbst unglücklicher werden zu lassen, als der ge-
drückteste aller Leibeigenen seines weiten Reichs.“ Vgl. auch die Schilderungen aus der rö-
mischen Kaiserzeit in Friedländers Sittengeschichte Roms.

2) Nach Brentano (S. 65) gibt es zwar für Pflanze und Tier ein Optimum der Bedürf-
nisbefriedigung, das bekanntlich in der Lehre vom Pflanzenwachstum eine Rolle spielt, aber
für den Menschen nicht; denn die ihm eigentümlichen geistigen Bedürfnisse seien unbegrenzt
steigerbar und darum niemals optimal zu befriedigen. Wir bezweifeln die Unbegrenztheit
irgendeines konkreten menschlichen Bedürfnisses, und finden die Zweifelhaftigkeit einer opti-
malen Befriedigung vielmehr darin begründet, daß die Bedürfnisse des Menschen viel mehr
als die von Tier und Pflanze geschichtlich wechseln, und zwar namentlich die nicht wirtschaft-
lichen Bedürfnisse, die mit den wirtschaftlichen in der menschlichen Seele in eine scharfe
Konkurrenz treten. Der unmoderne Mensch mit seinen immateriellen Bedürfnissen mag einem
        <pb n="25" />
        ﻿124 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 5

Unsere Erörterung kommt so zu dem Schlüsse: der Konsument schätzt den Wert
der Konsumtion und ihres Inhalts verschieden nicht nur in verschiedenen Zeitaltern,
sondern auch je nach der Stufe seiner sittlichen Erziehung. Ob er die Konsumtion
in den Dienst überweltlicher Pflichten stellt, oder in den Dienst gesellschaftlicher
Rücksichten, oder in den Dienst der Selbsterziehung oder altruistischer Zwecke:
lediglich Selbstzweck ist ihm die Befriedigung seiner Bedürfnisse nur auf rohester,
reflexionsloser Kulturstufe. Daß vollends der mechanische Maßstab der verbrauch-
ten Wertmengen untauglich ist, die wirkliche Bedeutung der Konsumtionszunahme
für die Konsumenten erkennen zu lassen, sollte sich von selbst verstehen. Ein psy-
chophysisches Gesetz, das die Beziehung der Reizstärke zur Empfindung formuliert,
ist für das Gebiet der Konsumtion so einfach nicht zu finden.

§ 5. Allgemeine Statistik der Konsumtion.

Die tatsächliche Gestaltung der Konsumtion findet ihre einfachste Formel in
der Gewichtszahl von Gütern einer Gattung, die im Durchschnitt einer Bevöl-
kerung pro Kopf jährlich konsumiert werden. Wir wählen als Beispiel die ver-
hältnismäßig gut ausgebaute Statistik des Alkoholkonsums; die Statistik
der Alkoholbesteuerung hat die Grundlage gegeben.

Ueber den Alkoholkonsum gibt es eine große Literatur, auf die im ersten Para-
graphen schon hingewiesen wurde. Der Rahmen dieser Abhandlung erlaubt nur den
andeutenden Hinweis auf wenige Gesichtspunkte. Einerseits scheint es, so sehr das
gelegentlich bestritten wird, nach der neueren, hauptsächlich durch die englischen
Parlamentsdrucksachen fundierten Statistik, daß Weinproduktionsländer die stärk-
sten Trunkländer sind, ebenso wie Fleischproduktionsländer weitaus das meiste
Fleisch konsumieren. Nach S t r u v e s Tabelle &gt;) war im Durchschnitt der
Jahre 1900—1904/5 der Kopfkonsum reinen Alkohols, in Litern gemessen:

	Bier	Wein	Branntwein	zusammen
Frankreich	1,34	17,54	3,54	22,42
Italien	0,03	13,44	0,66	14,13
Belgien	8,72	0,56	3,69	12,97
Schweiz  Großbritannien	2,56	6,88	2,55	11,99
mit Irland	8,32	0,22	2,3	10,84
Dänemark	3,78		6,95	10,73
Deutschland	4,78	0,66	4J	9,54
Oesterreich-Ungarn	1,72  3,42	2,13	5,15	9,00
Vereinigte Staaten		0,28	2,7	6,4
Schweden	2,26	—	3,89	6,15
Rußland	0,18	—	2,47	2,65
Norwegen	0,67	—	1,58	2,25

Den Wirtschaftsgeographen wird es interessieren, daß die Gebiete stärksten
und schwächsten Konsums einigermaßen klimatische Einheiten bilden, und zwar
wird im kalten Klima am wenigsten Alkohol umgesetzt. Belgien mit seinem
starken Bier- und geringen Weinkonsum, sowie Großbritannien mit Irland, stehen
den Weinkonsumtionsländern in der Höhe des Alkoholverbrauchs am nächsten, zwei
Länder alter wirtschaftlicher Kultur. Im kalten Klima fällt der Branntwein mehr ins
Gewicht, zum Teil wohl aus Gründen der Pflanzengeographie. Den Ethnographen
würde es interessieren, daß Romanen, Germanen und Slaven eine absteigende Stufen-

fingierten Optimum der Befriedigung zeitweise näher gekommen sein als die Typen unserer
am meisten zivilisierten Zeitgenossen. Eine Wiederannäherung an dieses, nur in der Richtung
vorhandene, niemals greifbare Optimum wird von dem Gange der geistigen Kultur mehr als
von einer Vervollkommnung der wirtschaftlichen Befriedigungsmittel abhängig sein.

*) Abgedruckt im 3. Teile des amtlichen Denkschriftenbands zur Begrün-
dung des Entwurfs eines Gesetzes, betreffend Aenderungen im Finanzwesen, Berlin 1908,

S.	83. Neuere Daten (beim Wein nur für die Produktion) bei B a 11 o d , Grundriß der Sta-
tistik, 1913, S. 127 f.
        <pb n="26" />
        ﻿Allgemeine Statistik der Konsumtion.

125

§ 5

leiter des Alkoholkonsums darstellen, wenn nicht die natürlichen örtlichen Bedin-
gungen der Alkoholproduktion und -konsumtion diese Differenzierung aus nicht
ethnischen Gründen erklärten, bzw. der natürlich bedingte hohe Alkoholkonsum
der Weinländer vielleicht eine primäre Ursache der psychologischen Unterschiede
zwischen Romanen als Weinkonsumenten, Germanen und Slaven als Bierkonsu-
menten und Branntweinkonsumenten sein könnte. Der niedere Alkoholkonsum
Schwedens und Norwegens ist ein Erfolg der dortigen Alkoholgesetzgebung und des
Gotenburger Systems.

Zugleich scheint aber aus der obigen Tabelle hervorzugehen, daß der Alkohol-
konsum auch von der Höhe des Einkommens abhängt, so daß arme Länder wie Ruß-
land auf den billigen Branntwein angewiesen sind, um ihren Rauschbedarf auch nur
notdürftig zu befriedigen. (Es könnte freilich auch im städtischen Leben die Ursache
dieser Konsumsteigerung zu suchen sein.) Wir münden damit in die allgemeine
Regel ein, daß die entbehrlichen Bedürfnisse erst auf höheren Einkommensstufen
sich breit machen. Allerdings hat man zwischen Not- und Behäbigkeitsalkoholis-
mus *) unterscheiden wollen, in dem Sinne, daß nur der letztere eine Funktion reich-
lichen Einkommens sei, der erstere vielmehr ein Verzweiflungsprodukt wirtschaft-
lichen Elends * 2), zur Vortäuschung eines Kraftgefühls, das in weitesten Konsumen-
tenkreisen für echt gehalten wird, und zur Uebertäubung des Hungers und Lebens-
überdrusses. Allein im westlichen Europa und in Nordamerika scheint doch der
Notalkoholismus wenigstens in den Bevölkerungsschichten, die einer Konsum-
statistik zugänglich sind, zurückzutreten 3). Haushaltsrechnungen, von denen der
nächste Paragraph handeln wird, zeigen, daß nicht nur der Alkoholverbrauch mit dem
Einkommen der Familie zunimmt, sondern daß er auch mit abnehmender Kinder-
zahl rapide zunimmt, sowohl bei Arbeiter- wie bei Beamtenfamilien; zweiköpfige
Arbeiterfamilien geben im Durchschnitt nach der deutschen, allerdings nicht sehr
ausgedehnten Erhebung von 1907 4 *) jährlich 90 Mark, neunköpfige 53 Mark aus;
zweiköpfige Beamtenfamilien 98 Mark, achtköpfige nur 38 Mark. Man darf aber nicht
übersehen, daß die Angaben über den Alkoholkonsum nicht die zuverlässigsten
sein dürften.

Nimmt man für die letzten Jahrzehnte zunehmenden Wohlstand an, so scheint
auch die Zunahme des Alkoholkonsums seinen Zusammenhang mit dem Wohlstand
zu bestätigen; doch fragt sich auch hier, ob nicht der gleichzeitigen Urbanisierung
der im Wohlstand fortschreitenden Länder mindestens eine mitwirkende Rolle zu-
kommt. Nach Struve war der jährliche Konsum, in Litern Alkohol pro Kopf ge-
messen, in

	Frank-	Bel-	Ita- Großbrit.	Deutsch-	Oesterr.-	Ver.	Schwe-	Ruß-	Nor-
	reich	gien	lien u. Irland	land	Ung.	Staaten	den	land	wegen
1885—89	15,73	11,56	12,32	9,86	8,54	8,36	4,92	4,51	3,36	2,15
1890—94	18,44	12,42	12,43	10,67	9,27	8,18	5,69	4,64	2,56	2,7
1895—99	18,64	13,02	10,86 11,11	9,74	8,72	5,26	5,67	2,59	2,13
1900—04/5	22,42	12,97	14,13	10,84	9,54	9,00	6,4	6,15	2,65	2,25

Im 20. Jahrhundert zeigen einige Länder einen merklichen Rückgang des Kon-
sums 6), und zwar mindestens Deutschland auch über das Jahr 1905 hinaus, zum
Teil unter dem Einfluß erhöhter Besteuerung, auf den wir zurückkommen werden.

J) Es darf nicht übersehen werden, daß der Alkoholkonsum daneben drittens auch der
sozialen Rivalität dient, sofern eine „soziale Prahlsucht“ (S t e h r, Alkoholgenuß und wirt-
schaftliche Arbeit, 1904) beim Arbeiter ihr Ziel in der Stärke des Alkoholkonsums sucht, wie
bei der Arbeiterin im Putz.

а)	Vgl. K u b a t z , Zur Frage einer Alkoholkonsumstatistik, Greifswalder Dissertation,
München 1907, nach Wlassaks Terminologie.

3)	Beispiele von Notalkoholismus: Herkner, Arbeiterfrage, 3. Aufl. S. 466.

*) Bei dieser Erhebung ist übrigens der Parallelismus des Alkoholkonsums mit der Ein-

kommenshöhe zu vermissen.

б)	Vgl. auch Reichsarbeitsblatt 1910, S. 189 f. (Ziffern teilweise bis 1909).
        <pb n="27" />
        ﻿126 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum.

§5

Wahrscheinlich wirkt aber auch der Einfluß des körperlichen Sports x), sowie die
Konkurrenz anderer Luxusausgaben (wie der für Kinematographen), endlich auch
die Antialkoholbewegung mit.

Von den Arten des Alkohol geht der Branntwein im allgemeinen etwas zurück,
während das Bier, trotz rückgängigen Verbrauchs pro Kopf, doch relativ an Terrain
gewinnt. In der Zunahme des Bierkonsums in Gebieten mit früher geringeren Ver-
brauchsmengen kommt zugleich eine moderne Nivellierungstendenz zum Ausdruck:

Jährlicher Bierverbrauch Liter pro Kopf:

	Deutsches  Zollgebiet	Norddeutsches  Brausteuergebiet	Bayern	Württem-  berg	Baden	Reichsland
1874—78	91	65	241	196	77	39
1884—88	94	75	213	159	86	51
1894—98	117	98	237	186	132	76
1904—08	110	89	237	166	156	95
1909—11	101	79	235	163	140	90

Solche Berechnungen des Konsums für die ganze Reichsbevölkerung, die auch
für andere Güter vorliegen * 2) und am einfachsten für bloße Einfuhrartikel und für
Objekte der Reichsbesteuerung gemacht werden können, geben ein zutreffendes
Bild des Konsums und seiner Veränderungen natürlich nur bei Gütern, deren Ver-
brauch einigermaßen gleichmäßig in der Bevölkerung verbreitet ist; unter Um-
ständen muß man die Gliederung der Bevölkerung nach Geschlecht und Alter be-
rücksichtigen, so beim Tabakkonsum. Ferner ist bei dieser indirekten Konsumtions-
statistik, die auf den Anschreibungen der Produktion und der Ein- und Ausfuhr
beruht, nicht zu übersehen, daß viele Waren bis zum Konsum längere Zeit lagern
und daher fälschlich dem Konsum des Produktions- oder Einfuhrjahrs zugeschrieben
werden. Drittens ist zu beachten, daß viele Güter zum Teil technisch konsumiert
werden. Wenn z. B. der jährliche Brotgetreidekonsum auf etwa 230—240 kg, der
Kartoffelkonsum auf etwa 600 kg pro Kopf der reichsdeutschen Bevölkerung be-
rechnet wird, so stecken darin auch die verfütterten Mengen und die industriell,
z. B. zur Branntweinbrennerei verbrauchten. Und wenn die konsumierte Brotgetreide-
menge pro Kopf der Bevölkerung zeitweilig scheinbar zunimmt, so kann das z. B.
daran liegen, daß bei sinkendem Preise mehr Korn verfüttert wird, oder daß mit
Rücksicht auf die veränderte Nachfrage der Konsumenten beim Mahlen mehr Futter-
kleie zurückbehalten und dem menschlichen Konsum nur ein feineres Mehl zuge-
führt wird. Bei der Vergleichung längerer Zeiträume kommt auch in Betracht,
daß der frühere Konsum von Gerste und Hafer jetzt in den Hintergrund getreten ist.

An Salz werden zu Speisezwecken pro Kopf jährlich seit Jahrzehnten sehr

x) Cohnheim, S. 260: „Die praktischen Erfahrungen von Tausenden beweisen die
Unverträglichkeit großer sportlicher Leistungen mit Alkoholgenuß; sie ist es, die den Alkohol-
genuß unter jungen Leuten in letzter Zeit hat sinken lassen und die Trinksitten zu refor-
mieren beginnt.“

2)	Derartige Verbrauchsberechnungen für Deutschland bringt das Statistische Jahrbuch
des Deutschen Reichs in seinem 10. Abschnitt. Internationale Zusammenstellungen findet
man z. B. in Neumann-Spallarts und Jurascheks Uebersichten der Welt-
wirtschaft und im 3. Teil des Denkschriftenbands zur Begründung des Entwurfs
eines Gesetzes, betr. Aenderungen im Finanzwesen, 1908, S. 58 ff. Eine Erörterung der Grund-
lagen der deutschen Verbrauchsstatistik gibt B a 11 o d in dem von Zahn herausgegebenen
Werk: Die Statistik in Deutschland, 1911, II 607 ff. Aus der großen Spezialliteratur über die
Statistik des Fleischkonsums erwähne ich nur die zusammenfassende Darstellung von E ß 1 e n:
Die Entwicklung von Fleischerzeugung und Fleischverbrauch auf dem Gebiete des heutigen
Deutschen Reichs seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts, im Juniheft 1912 der Jahrbücher
für Nationalökonomie, und: Die Fleischversorgung des Deutschen Reichs, Stuttgart 1912; aus
der Literatur der Alkohol- und Tabak-Konsumstatistik: L i ß n e r in der Zeitschrift für So-
zialwissenschaft 1908, für die Statistik des Tabakkonsums auch Denkschrift zum Entwurf
eines Tabaksteuergesetzes 1908. Die nützliche Schrift von Apelt, Die Konsumtion der wich-
tigsten Kulturländer in den letzten Jahrzehnten, 1899, ist jetzt großenteils antiquiert durch
Ballods Grundriß der Statistik, 1913.
        <pb n="28" />
        ﻿Allgemeine Statistik der Konsumtion.

127

§ 5

regelmäßig 7%—8 kg in Deutschland verbraucht, obgleich der wesentlich niedrigere
Salzverbrauch in der Stadt und der zunehmende Konsum animalischer Nahrungs-
mittel einen im Reichsdurchschnitt rückgängigen Salzkonsum erwarten ließe. Diese
Beobachtung ist erfreulich; doch ist in andern Ländern der Konsum mehrmal
so hoch.

Der jährliche deutsche Tabak konsum betrug nach der korrigierten amtlichen
Berechnung in den Kalenderjahren 1862—70 1,4 kg, in den Erntejahren 1871—1911
1,6 kg ohne große Schwankungen; die Konsumsteigerung verbirgt sich in der Form
des Uebergangs vom billigen einheimischen zum teuren ausländischen Tabak, vom
Pfeifen-, Kau- und Schnupftabak zur Zigarre und Zigarette; eine Verfeinerung des
Geschmacks, der Mancher einen gewissen ästhetischen Kulturwert zusprechen wird.

Viel weiter rückwärts läßt sich der jährliche Konsum bloßer Einfuhr-
waren verfolgen. Er stieg im deutschen Zollgebiet, wenn man das Jahrfünft
1836—40 mit dem Zeitraum 1911—12 vergleicht, bei Gewürzen von 50 auf 160 g
pro Kopf, bei Tee von 4 auf 60 g, bei Kaffee von 1 auf 21 2/3 kg, bei Kakao von 10 auf
780 g, bei Südfrüchten von 60 auf 4300 g, bei Reis von 180 auf 2570 g und bei gesal-
zenen Heringen von 1 auf 2,7 kg 1). Die große Verbilligung des Seetransports kommt
in dieser Zunahme zum Ausdruck. Man kann für die Volksernährung im Mehrver-
brauch einiger dieser Waren, wenn man die schnelle Zunahme des konsumierten in-
ländischen Zuckers hinzunimmt, einen gewissen Ersatz sehen für den wahrscheinlich
bedeutenden Rückgang des Verbrauchs anderer Inlandsprodukte, namentlich der
nahrhaften groben Gemüse und vermutlich auch des deutschen Obstes pro Kopf.
Auf die Deutung des Mehrkonsums von einigen dieser Waren kommen wir zurück.

Der jährliche Verbrauch von Petroleum stieg von 1,87 kg im Jahrfünft
1871—75 auf 17 kg 1901—05, um dann auf 15—16 kg zu sinken. Während das
Petroleum zuerst, bei schneller Verbilligung, die älteren Beleuchtungsmittel ver-
drängte, wird es heute durch den schnell zunehmenden Verbrauch von Gas- und
elektrischem Licht zurückgedrängt. Die Beleuchtung im ganzen hat aber ohne
Zweifel stark zugenommen. Die Ausdehnung des Nachtlebens hängt damit zusammen.

Weit unsicherer ist die Erntestatistik. Unter Berücksichtigung der
Mehreinfuhr wurden im Reiche nach den Berechnungen und Schätzungen des Sta-
tistischen Reichsamts jährlich pro Kopf verbraucht Kilogramm:

	Weizen	Roggen	Gerste	Hafer	Kartoffeln
1893/94—1896/97	88,4	152,7	68,8	105,0	580
1897/98—1900/01	89,0	147,6	68,4	114,8	564
1901/02—1904/05	92,9	149,5	74,6	118,6	621
1905/06—1908/09	92,1	144,1	82,0	120,7	634
1909/10—1911/12	89,5	143,8	95,7	118,9	543

Danach hat der Brotgetreidekonsum trotz der Zunahme städtischen Lebens nur
wenig abgenommen, ist bei Berücksichtigung der in billigen Jahren vermutlich
mehr verfütterten Mengen wohl annähernd gleich geblieben. Daneben weist die
starke Verbrauchszunahme von Gerste, Hafer, und zeitweise Kartoffeln, bei gleich-
zeitig schnell ansteigender Mehreinfuhr anderer wichtiger Futtermittel auf die Zu-
nahme der Vieh Produktion hin. Und so unsicher Fleischproduktion und
Fleischkonsum statistisch zu fassen sind, die Tendenz ihrer schnellen Zunahme in
den westeuropäischen Industriestaaten steht fest.

Bei undichter Bevölkerung liefert die extensive Weidewirtschaft einen Ueberfluß
an Fleisch. Wir finden daher sowohl in der europäischen Vergangenheit wie heute
(außerhalb der Tropen) in Amerika2) und Australien sehr hohen Fleischkonsum, zum
Teil über den Fleischappetit hinaus. Als es in Argentinien vor 20 Jahren noch keine

1)	Ungerechnet % kg von deutschen Fischern auf See gesalzene Heringe.

2)	Auch der nordamerikanische Landmann selbst ist nach Aussage eines guten Kenners
ein enorm starker Fleischesser. Anderer Meinung ist R u b n e r 1913, S. 63.
        <pb n="29" />
        ﻿128 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 5

Mühlen gab, bekamen die einheimischen Landarbeiter trotz ihrer niedrigen Lebens-
haltung das sehr billige Fleisch dreimal täglich nach Belieben, über * 3/4 kg täglich,
gebraten und gekocht, mit etwas Schiffszwieback und Reis oder Nudeln; nur bei
starker Arbeit hielt man als Leckerbissen eine Zugabe von Mais in Milch gekocht
für nötig, um die Leute arbeitsfähig zu erhalten *). Es ist die natürliche Entwick-
lung, daß mit zunehmender Dichtigkeit der Bevölkerung der Fleischkonsum zu-
rücktritt zugunsten der Vegetabilien, die nicht so viel Bodenfläche für die Ernährung
einer gegebenen Zahl Menschen erfordern. Im dicht besiedelten China ist der Fleisch-
konsum minimal. Der früher in Deutschland hohe Fleischkonsum ging vom 16.
bis ins 19. Jahrhundert zurück, besonders auf dem Lande, als das Fleisch bei wach-
sender Bevölkerung knapper wurde. Gleich andern Ländern sind seitdem auch die
Vereinigten Staaten in diese Rückgangsperiode eingetreten, allerdings unter dem
mitwirkenden Einfluß ihres Exports; nach Wilsons Berechnung sank dort der Ver-
brauch pro Kopf von 1840—1900 von 100 auf 59% 2). Dagegen sehen wir im west-
lichen Europa während der letzten Menschenalter trotz hoher und steigender Preise
'eine schnelle und stetige Verbrauchszunahme, und zwar diese parallel mit dem
Wachstum der Städte und Großstädte und hauptsächlich in den Städten und Indu-
striegebieten. So stieg nach E ß 1 e n 3) im heutigen Gebiet des Deutschen Reichs
1816 4) bis 1911 der Fleischverbrauch pro Kopf von 13,6 auf 48,5 kg, am schnellsten
in den 90er Jahren. Großstädter essen mehr Fleisch als Kleinstädter. In Sachsen
war z. B. 1875 der Verbrauch an Rind- und Schweinefleisch pro Kopf auf dem Lande
und in den kleinen Städten 23,3 kg, in den Mittelstädten 34 kg, in Chemnitz 42,8 kg,
in Dresden 51,9 kg, in Leipzig 81,9 kg. Auf die Gründe des höheren städtischen
Fleischverbrauchs kommen wir zurück.

Der heutige Fleischverbrauch pro Kopf wird für Australien und Neuseeland
auf weit über 100 kg, für die Vereinigten Staaten noch auf 84 kg5 *), für Argentinien 8).
auf etwas weniger, für Großbritannien mit Irland, für Frankreich und für das Deut-
sche Reich auf einige 50 kg, für andere westeuropäische Staaten auf 30—40 kg, für
Schweden, Holland, Spanien, Rußland und namentlich Italien auf noch weniger
berechnet; Italien bis zu 13% kg herab. Diese Zahlen sind allerdings nicht so zuver-
lässig und nicht so gleichmäßig berechnet, daß man sie getrost vergleichen kann.
Am genauesten ist wohl die englische und die deutsche Berechnung. Und doch
dürfte selbst für Deutschland die amtliche Berechnung von mehr als 50 kg zu hoch
greifen. Nach B a 11 o d7) ist das Schlachtgewicht der verzehrten Tiere um etwa
10% überschätzt; die relativ zuverlässige sächsische Statistik führt auch auf einen
um mehrere Kilogramme kleineren Konsum, obwohl der industrielle Sachse doch
wohl mehr Fleisch konsumiert als der Deutsche im Durchschnitt; und die privaten
Haushaltsrechnungen städtischer Familien, von denen der nächste Paragraph be-
richten wird, zeigen noch sehr viel kleinere Konsumtionszahlen pro Kopf; eine der
Aufklärung bedürftige Differenz, die übrigens auch bei andern Artikeln (Zucker,

*) Max Weber im Deutschen Wochenblatt, 11. Januar 1894. Vgl. Rubner 1903,
S. 443: „Den Menschen durch alleinige Fleischzufuhr voll und ganz zu ernähren, ist bis
jetzt nicht geglückt. Es liegt der Grund nicht etwa an der ungenügenden Resorption des
Eiweißes, als vielmehr an dem Unvermögen, die notwendige Fleischmenge zu kauen.“ (Er-
nährung mit Hackfleisch müßte danach doch möglich sein.)

®) Jahrbücher für Nationalökonomie, Bd. 39, S. 366.

3)	Fleischversorgung, S. 242 f.

4)	In der Kriegszeit 1802—16 war aber die Fleischproduktion gesunken: in Preußen von
155 auf 144 Millionen kg. Ferner ist für 1816 die Schlachtung von Pferde- und Ziegenfleisch,
sowie ein etwaiger Ueberschuß der Fleischeinfuhr über die Ausfuhr nicht berücksichtigt; für
1911 machen aber diese drei Posten zusammen nicht viel über 1 kg aus.

5)	Nach B a 11 o d , Grundriß der Statistik, 1913, S. 125 nur 67 kg.

*) Nach B a 11 o d a. a. O. S. 126 würde auch in Argentinien (und Südbrasilien) nicht
weniger als in Australien pro Kopf verzehrt.

7) Vgl. Zahns Sammelwerk: Die Statistik in Deutschland, II 614. (Auch desselben

Verfassers Aufsatz in der Zeitschrift „Verwaltung und Statistik“, Dezember 1912, S. 360 f.)
        <pb n="30" />
        ﻿Allgemeine Statistik der Konsumtion.

129

§ 5

Kaffee, Milch, Bier) wiederkehrt *) und durch den Mehrkonsum einer schmalen
Oberschicht allein nicht erklärt werden kann * 2).

Sehr unsicher ist auch die Berechnung des Milch-, Butter - und Käse-
konsums, weil von den Berechnungsfaktoren der inländischen Produktion mit Sicher-
heit bekannt nur die Zahl der Milchkühe ist. Viel Sorgfalt hat man auf ihre Berech-
nung namentlich in England gewandt3 4).

Der Lebensmittelverbrauch einzelner Städte ist insoweit leicht zu
berechnen, als es sich um gemeindesteuerpflichtige Artikel handelt. Die kommunale
Lebensmittelbesteuerung gehört aber meist der Vergangenheit an und ist im Deut-
schen Reiche seit 1910 verboten. Die Berechnung mit Hilfe der Zufuhrstatistik
ist ein fragwürdiger Ersatz.

Der technische Konsum gehört weniger in die Statistik der Konsum-
tion als der Produktion. Von dem schnell wachsenden technischen Verbrauch von
Kohle und Eisen ohne weiteres auf bessere Lebenshaltung zu schließen, ist natürlich
nicht zulässig; „Eisenfresser“ sind unsere Konsumenten nicht. Immerhin ist für den
Kleidungsbedarf von Interesse, daß der Verbrauch roher Baumwolle pro Kopf von
€,34 kg jährlich im Jahrfünft 1836—40 sukzessive bis auf 7,6 kg 1912 gestiegen ist;
dabei trat aber die Baumwolle großenteils an die Stelle anderer Textilstoffe. Doch
hat auch der Verbrauch von Wolle und Jute schnell zugenommen, so daß eine starke
Verbrauchszunahme der Textilstoffe im ganzen feststeht. Die nächste Ursache
der Zunahme ist bei den drei genannten Textilstoffen der starke Preisfall; ihm ent-

x) Ebendort S. 823 f. (Feig). Bei diesen andern Artikeln sind die Differenzen eher zu
verstehen.

2)	E ß 1 e n (Fleischversorgung, Anlage 20) berechnet den Fleischverbrauch der Jahre
1904—11 auf durchschnittlich 45,1 kg Schlachtgewicht pro Kopf, gegenüber 52,3 kg der amt-
lichen Statistik. Rechnet man mit Eßlen (S. 42 f.) für Wild- und Geflügelfleisch noch

2 kg und für die im Schlachtgewicht nicht enthaltenen eßbaren Eingeweide usw. 10% hinzu,

so kommt man auf 51,8 kg Fleisch und Fleischfett; (nach Rubners Ansatz von 22,6 statt 10%
Zuschlag — 1913, S. 108 — erhält man 57,7 kg). Um aus dieser Bruttozahl die Fleischmenge
zu gewinnen, die der Konsument kauft, muß man erstens das Gewicht des Fleischfetts ab-
:ziehen, das der Schlächter gesondert verkauft, und zweitens den Gewichtsverlust, den das Fleisch
beim Schlächter erleidet: durch Trocknen, Räuchern, Einpökeln, Ausschälen, letzteres na-
mentlich in der Großstadt ins Gewicht fallend. Eßlen rechnet höchstens 30% des Schlacht-
gewichts als Fettgehalt, die er ganz abzieht, Rubner 35% des ganzen Fleisch- und Fettge-
wichts, von denen aber nicht mehr als 17% vom Schlächter abgetrennt würden. Den andern
Gewichtsverlust berechnet Eßlen nicht, während Rubner als Unterschied von Rohfleisch
und Reinfleisch 20% abzieht. Nach E ß 1 e n s Ansätzen käme man zu 42,4 kg Konsumenten-
fleisch, nach denen Rubners zu 38,3 kg. Wählt man überall die ungünstigsten Ansätze
aus, so bleiben nur 35,8 kg Konsumentenfleisch. Nach B a 11 o d (Verwaltung und Sta-
tistik 1912, S. 365) war 1911/12 der absolute Fleischkonsum infolge Futtermangels noch um
12—20% niedriger als 1910/11, trotz steigender Bevölkerung. — (Bei dieser Berechnung sind
.außer Betracht geblieben der Konsum an Fischfleisch, nach Eßlen 3%—4 kg netto, und an
tierischem Eiweiß in der Milch, im Käse und in den Eiern; der Eierkonsum dürfte wenigstens

4 kg erreichen.)

Dagegen kamen nach der noch zu erwähnenden umfangreichen Reichserhebung von 1907
;nur 21,2 kg Fleischverbrauch und 27,5 kg Fleisch- und Wurstverbrauch auf den Kopf der Ar-
beiterfamilie, 27,3 kg Fleischverbrauch und 33,7 kg Fleisch- und Wurstverbrauch auf den
Kopf der Lehrer- und Kleinbeamtenfamilie. (Der Verbrauch an Fischfleisch kann nach dem
Einkaufswerte vielleicht noch 2 kg betragen haben.) Die abweichenden Zahlangaben bei
Eßlen, Fleischversorgung, S. 45, beruhen auf einem Mißverständnis.

Bei dieser Erhebung fehlen allerdings die etwa in der eigenen Wirtschaft produzierten
und die im Gasthause verzehrten Fleischmengen. Sie sind dagegen angerechnet bei einer
.auf 320 Haushalte erstreckten Aufnahme des Deutschen Metallarbeiterverbands (veröffent-
licht 1910); nach ihr war der Fleischverbrauch ohne den Wurstverbrauch 25,1 kg.

Die Angaben der Haushaltsstatistik sind durch die verhältnismäßig große Zahl der Kinder,
die kleine der unverheirateten jungen Leute etwas herabgedrückt; sie würden sonst an die
niedrigste Berechnung der allgemeinen Konsumziffer wohl ungefähr heranreichen. Erwägt
man, daß in der allgemeinen Ziffer einerseits der niedrige Fleischverbrauch der ländlichen
Bevölkerung, andererseits der sehr hohe der bemittelten Oberschicht mit enthalten ist, so
ist ihre Abweichung von der Haushaltsstatistik nicht mehr auffällig.

3)	Journal of the Royal Statistical Society, London, namentlich 1902.

Sozialökonomik. II.

9
        <pb n="31" />
        ﻿130	I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschalt, Bedarf u. Konsum.	§ &amp;

spricht aber auch eine Massenfabrikation von geringer Haltbarkeit im Dienst der
Mode.

Ueber die Statistik des Wohnbedürfnisses vgl. den Abschnitt dieses
Handbuchs über die Wohnungsfrage, und den folgenden Paragraphen. Hier sei nur
erwähnt, daß eine Abnahme der Ueberfüllung großstädtischer Wohnungen, die
man neuerdings konstatiert hat, mit dem Rückgang der großstädtischen Kinder-
zahl zusammenhängt; die kleinere Familie kann eine größere Wohnung bezahlen,
und auf die erhöhte Zahl der Räume kommt eine verkleinerte Zahl von Köpfen.

§ 6. Haushaltsrechnungen.

Der Leser wird schon empfunden haben, daß die bisher vorgeführten! Zahlen
ein unwirkliches Bild geben, weil sie grobe Durchschnittszahlen sind. Selbst bei
Gütern allgemeinen Verbrauchs sind die Unterschiede enorm namentlich je nach
dem Einkommen der konsumierenden Familie. Einen wirklicheren Einblick in die
Konsumtion gibt erst das im vorigen Abschnitt nur gelegentlich herangezogene
Rechnungsbuch der Familie, dessen wimmelnde Ziffern freilich auch wieder zu
Durchschnitten, in erster Linie nach Einkommensstufen, zusammengefaßt werden
müssen, um übersichtlich zu werden.

Die Materialsammlung dieser Familienstatistik hat ihre Geschichte. Nachdem
man schon am Ende des 17. und im 18. Jahrhundert in England und Frankreich
wiederholt versucht hatte, auf mehr oder weniger konjekturaler Grundlage „Haus-
haltungsbudgets“ zu konstruieren, brachte um die Mitte des 19. Jahrhunderts das
erwachende sozialpolitische Interesse eine reiche Ernte von Haushaltungszahlen
der arbeitenden Klasse, und zwar mehr empirischer Art. Der erste internationale
statistische Kongreß, Brüssel 1853, entwarf ein Erhebungsformular. 1855 veröffent-
lichte der Belgier Ducpetiaux sein großes Sammelwerk Budgets economiques
des classes ouvrieres en Belgique, mit 199 Budgets von Vierkinderfamilien auf Grund
einer Enquete, und mit dem Eingeständnis des manchesterlichen Verfassers ange-
sichts des von ihm aufgedeckten Massenelends: das laisser aller dürfe nicht in ein
laisser souffrir, laisser mourir ausarten. Im selben Jahre 1855 erschien die erste
Auflage der Ouvriers europeens L e P 1 a y’s, des großen Verherrlichers der sozialen
Rolle der Familie; sie sucht auf Grund von 36 typischen Haushaltungsbudgets unter
den mannigfachsten, in monographischer Breite beschriebenen Umständen den
sozialkonservativsten und darum für gesunden Fortschritt zukunftsreichsten Typus,
der Lebensführung einer Arbeiterfamilie. Sie ist später durch eine sechsbändige
2. Auflage (1879) mit 57 Haushaltungsbudgets erweitert und zum Ausgangspunkt
einer Schule geworden, die das Werk des Meisters durch die zwölfbändige Publi-
kation Les ouvriers des deux mondes (1856—1909) fortführt und auf mehr als 100
Arbeiterfamilien ausdehnt. In Deutschland ist Leplays monographische Methode,
jedoch ohne seinen sozialkonservativen Gesichtspunkt, besonders von Schnap-
per-Arndt liebevoll fortgebildet und rationalisiert worden. Die erste zusammen-
fassende Bearbeitung der Zahlen wurde von dem sächsischen Statistiker Ernst
Engel 1857, spätere wurden von Hampke (1888), wieder Ernst Engel
(1895) und Andern versucht. Die letzten Jahrzehnte haben eine Fülle neuen Mate-
rials zusammengetragen, dessen Aufzählung hier nicht möglich ist; darunter eine
Anzahl neuerer Massenerhebungen. Von diesen zeichnet sich die jüngste englische-
(1908—10) durch ihren internationalen Umfang aus, die neueste nordamerikanische
(1904) durch die Zahl der verglichenen Familien (25 440), die deutsche für 1907 1)
durch ihre sorgfältige Methode; ihrer Beschreibung des Haushalts von 852 minder
bemittelten Familien (darunter 218 Familien kleiner Beamter und Lehrer) sind ge-
mäß einer Forderung Engels und Büchers nicht mehr Schätzungen oder kurzfristige

0 2. Sonderheft des Reichsarbeitsblatts, 1909.
        <pb n="32" />
        ﻿Haushaltsrechnungen.

131

§ 6

Anschreibungen, sondern Rechnungsbücher von mindestens einjähriger Dauer zu-
grunde gelegt; sie ist unter den wenigen, fast durchweg neueren und aus germani-
schen Gebieten stammenden Erhebungen auf gleicher Grundlage weitaus die größte.
In diesem Uebergang vom vorauseilenden „Budget“ 4 *) (Voranschlag) zur nach-
hinkenden „Rechnung“ liegt der wichtigste neuere Fortschritt der Haushaltungs-
statistik. Als eine besonders empfindliche Lücke ist die Spärlichkeit der Kenntnis
des Haushalts bemittelter Familien geblieben 2).

Bei all dieser Haushaltungsstatistik darf freilich nicht übersehen werden, daß
sie um so weniger typische Durchschnittsverhältnisse zum Ausdruck bringt, je sorg-
fältiger die Rechnungsbücher geführt worden sind; sie repräsentiert eine Auslese
der wirtschaftlichsten Familien. Eine andere, schwer zu überwindende Schwierig-
keit für die Vergleichung von Wirtschaftsrechnungen ergibt sich mit der fließenden
Grenze zwischen eigen- und verkehrswirtschaftlicher Haushaltung; schon eine Familie,
die für ihren Bedarf selbst schneidert und wäscht, kann ihre Wirtschaftsrechnung
schwer mit der einer andern Familie vergleichen, die beide Dienstleistungen bezahlt.
Auch die häufige Verschlingung des Familienhaushalts mit fremden Wirtschaften
(von Kostgängern, Dienstboten, erwerbstätigen Deszendenten) erschwert die Ein-
sicht wesentlich; dieser Schwierigkeit ist bisher wenig Rechnung getragen worden.

Das Ergebnis dieses gewaltigen Aufwands von Sammelmühe ist für die exaktere
Kenntnis sozialer Zustände und sozialen Elends ein reiches; für die Konsumtions-
theorie ist es nur bescheiden, auch wenn man es in den Faltenwurf des „Engelschen
Gesetzes“ und des „Schwabeschen Gesetzes“ kleidet; immerhin ist es lehrreich. Das
Engelsche Gesetz vom Jahre 1857 besagt, daß der Arme für das Existenz-
bedürfnis an Nahrung zwar einen geringeren Geldbetrag ausgibt als der Wohl-
habende, aber eine größere Quote seines Einkommens; je höher das Einkommen,
eine um so reichlichere Quote bleibt für minder unentbehrliche Ausgaben übrig.
Hat man doch von der Familie Rotschild gelegentlich gesagt, daß sie ohne Extra-
vaganzen kaum imstande sein würde, mehr als 1% ihres Einkommens für unent-
behrliche und entbehrliche eigene Bedürfnisse zu verausgaben, und zur Kapitali-
sierung von 99% quasi gezwungen sei. Dieses Engelsche Gesetz hätte man zwar
bei einiger Ueberlegung schon von vornherein vermuten können, weil der Nahrungs-
aufwand physiologisch beschränkt ist; aber doch befriedigt es, das von selbst Ein-
leuchtende auch statistisch im großen ganzen 3) bestätigt zu finden und sich zahlen-
mäßig veranschaulichen zu können, wie wenig Geld der kleine Mann für physiolo-
gisch entbehrliche Kulturzwecke übrig behält.

Es muß aber gleich hinzugefügt werden, daß die Quote der Nahrungsausgabe
nicht nur vom Einkommen, sondern auch von der Kopfzahl der Familie
abhängt. Kopfreiche Familien müssen zwar ihre Ernährung verbilligen4); aber da
sie an anderen Ausgaben noch mehr sparen, so steigt die Quote ihrer Nahrungsaus-
gaben 6 * * * 10). Sind nun die ärmeren Familien kopfreich, so kommt das Engelsche Gesetz
zu verschärftem Ausdruck; zeichnen sich dagegen die Familien der höheren Ein-
kommensstufen durch erhöhte Kopfzahl aus, so wird das Gesetz abgeschwächt.

4)	Der Ausdruck Familienbudgets wird übrigens vielfach sprachwidrig promiscue für Vor-
anschläge, Schätzungen und Rechnungen des Familienhaushalts gebraucht. Die Verwirrung
wird dadurch gesteigert, daß die Quellen oft nicht erkennen lassen, ob Voranschlag, Schätzung
oder Rechnung vorliegt.

2)	Eine Zusammenstellung der hauptsächlichen vorhandenen Daten über die Nahrung
bemittelter Familien gibt Grotjahn S. 11 f. Einen kleinen Beitrag hat das Statistische Reichs-
amt 1911 durch zwei Wirtschaftsrechnungen von Familien höherer Beamter beigesteuert
(3. Sonderheft des Reichsarbeitsblatts).

3)	Ueber abweichende Beobachtungen vgl. Kestner, S. 343.

4)	Nach der deutschen Erhebung von 1907 sinkt die absolute Nahrungsausgabe, auf den

erwachsenen Mann als Einheit umgerechnet, mit der Kopfzahl (2—9) bei 391 Familien von
478 auf 328 Mark.

s) Bei 851 Familien derselben Erhebung von 40,6% bei 2 Personen bis auf 58,2% bei

10 Personen.



9*
        <pb n="33" />
        ﻿132 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 6

In Wirklichkeit zeigt die deutsche Erhebung von 1907 bei größerem Einkommen
fast durchgängig auch größere Kopfzahl. Bei den Beamtenfamilien erklärt sich dieser
Parallelismus zum Teil aus den Alterszulagen des Gehalts; er findet sich aber auch
bei den Arbeiterfamilien Q, obwohl hier der Arbeitsverdienst der Eltern mit zu-
nehmendem Lebensalter wahrscheinlich sinkt* 2) und der Miterwerb der Kinder erst
bei den größten Familien ins Gewicht fällt.

Der Berliner Kommunalstatistiker Schwabe hat 1868 ein dem Engelschen
analoges „Gesetz“ für die Wohnungsausgabe formuliert: je kleiner
das Einkommen, um so größer die Wohnungsausgabenquote. Doch bedarf dieses
Gesetz einer dreifachen Einschränkung. Erstens gilt es wahrscheinlich nicht für die
Bewohner von Schlafstellen, über deren Haushalt wir noch wenig wissen. Zweitens
gilt es nur innerhalb der einzelnen Kommune oder gleichartiger Kommunen; da-
gegen ist in der Kleinstadt auf gleicher Einkommensstufe die Wohnungsausgabe
wesentlich niedriger als in der Großstadt, und die ländlichen Wohnungsausgaben
sind überhaupt schwer unter eine Regel zu bringen. Drittens sinkt die Wohnungs-
ausgabe mit steigendem Einkommen nicht ununterbrochen, sondern der repräsen-
tationspflichtige Mittelstand muß für die Wohnung (ebenso wie für die Kleidung)
relativ viel ausgeben und dafür in der Nahrung sich einschränken 3). Erst von einer
gewissen Untergrenze an, die je nach den Umständen etwa zwischen 1000 und 5000
Mark Einkommen liegt, scheint innerhalb der einzelnen Ortskategorie das Gesetz
Schwabes zu gelten, natürlich nur bei genügender Massenbeobachtung 4).

Mit zunehmendem Einkommen sinkt ferner die Quote der Ausgabe für Hei-
zung. Es steigt dagegen die Quote aller der Ausgaben, bei denen der ent-
behrliche Wertteil in die Wagschale fällt. Dahin gehört schon der Aufwand für
Kleidung und V erkehrsmittel, auch Getränke und Reiz-
mittel der Ernährung; der Kleidungsaufwand steigt auch bei sozial gehobener
Stellung aus Repräsentationsrücksichten; bei allen kommt jedoch auf den höheren
Einkommensstufen die Steigerung vielfach zum Stillstand oder nimmt wieder ab,
auch wenn der absolute Ausgabenbetrag noch zunimmt; zum Zeichen, daß die Be-
friedigung dieser Bedürfnisse sich ihrer Grenze nähert, wenn auch nicht in dem
Maße wie bei den erstgenannten Existenzbedürfnissen. Unentwegt steigt die Quote
der Ausgaben für Ersparnis und wohl auch V er Sicherung; am schnell-
sten die für Erziehung, die gleichfalls der Zukunft dient, und für persön-
liche Dienste. Es prägt sich darin einmal die noch immer zurückgebliebene
Entwicklung des Zukunftssinns aus, der erst bei reichlichem Einkommen sich einiger-
maßen Geltung verschafft, und andererseits die spezifische moderne Teuerung per-
sönlicher Dienste, die eine Befriedigung dieses mit großer Stärke auftretenden, aber
elastischen Bedürfnisses auf eine schmale Elite beschränkt. Für eine Mannigfaltigkeit
anderer Ausgaben: für Unterhaltung, Vergnügen und varia wird sich eine ähnliche

x) Die durchschnittliche Jahresausgabe betrug

bei 49 Arbeiterfamilien mit 2 Köpfen 1718 Mark

98	))	„ 3		1699	}}
127		„ 4		1768	
125	))	„ 5	1)	1898	) 1
56	)&gt;	„ 6	))	1912	))
36	a	„ 7		1921	)}
19	n	„ 8	it	2021	)f

„	9	„	„9	„	2460 „

Das erhöhte Einkommen zweiköpfiger Arbeiterfamilien erklärt sich vermutlich aus dem
hier noch ungehinderten Miterwerb der Frau.

2)	Zu erschließen aus der Tabelle auf S. 24* der Publikation.

3j Vgl. auch Pohle in der Zeitschrift für Sozialwissenschaft N. F. III, S. 121 f.

4)	Nach gewissen statistischen Erhebungen (Hamburg, Breslau) scheint es sogar, als ob
bei wachsender städtischer Grundrente das Schwabesche Gesetz sich immer schärfer auspräge.
Vgl. Reichsarbeitsblatt 1911, S. 365 f.: Einkommen und Miete in einigen deutschen
Großstädten.
        <pb n="34" />
        ﻿Haushaltsrechnungen.

133

§ 6

statistische Regelmäßigkeit schwerer nachweisen lassen; je individueller das Be-
dürfnis, um so schwankender die Durchschnittszahl.

Innerhalb der Nahrungsausgaben hat man eine mit dem Einkommen steigende
Quote der animalischen auf Kosten der pflanzlichen Nahrung beobachtet; wohl
nicht nur, weil die animalischen Nahrungsmittel teurer, wohlschmeckender und bis
zu gewissem Grade bekömmlicher sind, sondern auch weil die kleinen Beamten mit
sitzender Lebensweise, die in der reichsdeutschen Erhebung stark vertreten sind,
und deren Einkommen relativ hoch ist, sie physiologisch nötiger haben. Aber auch
mit zunehmender Kopfzahl der Familie nimmt die vegetarische Quote in der Nahrung
zu, weil die Ernährung verbilligt werden muß. Bezeichnend ist noch, daß nicht nur
Genußmittel wie Tee, Schokolade, Kakao, sondern auch Obst und Südfrüchte dem
Engelschen Gesetze nicht unterliegen; noch bezeichnender, daß mit dem Einkommen
die Ausgabe für Kleidung merklich schneller steigt, als die für Wäsche und Bett-
zeug, sowie für Reinigung von Kleidung und Wäsche (reichsdeutsche Erhebung).

Als Beispiel sei eine Tabelle der deutschen Erhebung von 1907 wieder-
gegeben, bei der wieder zu beachten ist, daß auf den höheren Einkommensstufen die
Lehrer- und Beamtenfamilien relativ stärker vertreten sind, und zwar dies in den
kleineren Orten, während in den großstädtischen Haushaltungen, die die große
Mehrzahl bilden (701 von 852), das Arbeiterelement überwiegt. Die Abstufung der
Prozentsätze für Nahrungs- und Genußmittel und für „sonstige Ausgaben“ ist be-
sonders augenfällig.

Familien mit einer Ausgabe von . . . Mark

		1200	1600	2000	2500	3000	4000	über	zusam-
Wohlhabenheitsstufen	unter  1900	bis	bis	bis	bis	bis	bis	5000	
		1600	2000	2500	3000	4000	5000		men
Zahl der Familien	13	171	234	190	103	102	34	5	852
Prozent der Ausgaben für									
Nahrungs- und Genußmittel	54,2 1	&gt;54,6	51,0	48,1	42,7	38,1	32,8	30,3	45,5
Wohnung und Haushalt	20,0 '	17,2	18,0	17,6	18,0	18,5	19,3	14,9	18,0
Heizung und Beleuchtung	6,2	4,8	4,5	4,0	3,9	3,6	3,1	3,1	4,1
Kleidung, Wäsche, Reinigung	9,2	9,5	11,5	12,6	14,3	14,0	14,7	14,9	12,6
Sonstiges	10,4	13,9	15,0	17,7	21,1	25,8	30,1	36,8	19,8

Von den „sonstigen Ausgaben“ fielen in % der Gesamtausgaben auf

bei Arbeiterfamilien bei Beamtenfamilien

Gesundheits- und Körperpflege	1,3	3,7
Unterricht	0,6	2,4
Geistige und gesellige Bedürfnisse	4,0	4,5
Staat, Gemeinde, Kirche	LI	2,0
Versicherung	3,0	4,0
Verkehrsmittel	1,4	1,1
Persönliche Bedienung	0,1	1,3
Geldgeschenke usw.	0,4	0,8
Schuldentilgung, Zinsen	0,4	1,6
Erwerbskosten	0,4	0,3
Andre Ausgaben	1,7	2,8
Nicht verteilte Naturalien	0,1	0,1
Ersparnisse	1,0	1,3

Für Zeitungen, Bücher, Vereine gaben im Durchschnitt Arbeiterfamilien 51,47 Mk.,
Beamtenfamilien 66,88 Mk. aus; für Vergnügungen: Arbeiterfamilien 21,23 Mk.,
Beamtenfamilien 76,12 Mk. Beide Posten zusammen decken sich mit den 4—4)4%
Ausgaben „für geistige und gesellige Bedürfnisse“, die in der Tabelle figurieren. Bei
einer Aufnahme, die das Berliner Statistische Amt für 908 Berliner Haushaltungen
(meist aus dem Industriearbeiterstande) mit einem durchschnittlichen Einkommen
von 1751 Mk. (1903) machte, ergab sich für Vergnügungen ein Durchschnittsbetrag

0 Bei Einkommen unter 1000 Mark steigt die Quote der Nahrungsausgaben, soweit die
wenigen Beispiele erkennen lassen, weit über 60% hinaus. Vgl. Eulen bürg, S. 19.
        <pb n="35" />
        ﻿134 I. Buch B III: K. O I d e n b e r gj, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 6

von 32,6 Mk.; außerdem aber für Zigarren und Tabak 30,3 Mk., Trinken im Wirts-
haus 65,4 Mk., Bier zu Hause 40,1 Mk., Branntwein 7,8 Mk., zusammen 177 Mk.,
gegenüber 359 Mk. für Wohnung, Heizung, Beleuchtung '). Offenbar ist bei so
engen Verhältnissen die Gefahr nicht zu unterschätzen, daß die Ausgaben für ent-
behrliche Zwecke, auch wenn ihr absoluter Betrag sehr bescheiden ist, doch den
Spielraum für das Existenzminimum bedenklich schmälern.

Es ist ein Mangel dieser Tabellen, daß sie die Größe der Familie nicht
berücksichtigen. Denn eine Familie mit 4 Kindern und 2000 Mark Einkommen
wird ungefähr auf derselben Wohlhabenheitsstufe stehen, wie ein kinderloses Ehe-
paar mit 1000 Mark. Es müßten daher die Ausgaben nicht nur auf die Kopfzahl
der Konsumenten bezogen, sondern es müßte auch die Kopfzahl dabei umgerechnet
werden, um die verschiedene natürliche Bedürftigkeit der Konsumenten nach Alter
und Geschlecht zu berücksichtigen. Nimmt man das Konsumtionsbedürfnis des
erwachsenen Mannes mit der Kopfzahl 1 an, so wäre die Bedürftigkeit des Kindes
je nach dem Alter mit einem Bruchteil von 1 anzusetzen, und entsprechend die der
Frau, des Greises, der Greisin. Auf diese korrigierte Kopfzahl wären die Ausgaben
zu beziehen.

Die Notwendigkeit einer solchen Umrechnung ist längst empfunden worden,
und mehrere Autoren, die Familienbudgets bearbeiteten, haben schon vor Jahr-
zehnten mit rohen Umrechnungsmaßstäben operiert. Aber erst Ernst Engel hat
1891 und 1895 auf Grund von anthropometrischen Zahlen des alten belgischen
Statistikers Quetelet einen leidlich rationellen Umrechnungsmaßstab für Kinder
jeden Alters konstruiert, dessen Einheit er zu Ehren Quetelets und nach Analogie
der elektrischen Maßbezeichnungen ein „Quet“ nannte. Das Quet ist das Erfor-
dernis des neugeborenen Kindes an Nahrung und andern Gütern; mit jedem Lebens-
jahre steigt das Erfordernis um 1/10 Quet; beim Manne erreicht es den Beharrungszu-
stand mit 25 Jahren, also 31/, Quets, bei der Frau mit 20 Jahren, also 3 Quets. Andere,
etwas summarischere Reduktionsfaktoren hat eine dänische Erhebung von 1897,
die nordamerikanische von 1903 (beide auf naturwissenschaftlicher Grundlage) und
die deutsche von 1907 angewandt. Die deutsche will neben der Nahrung die andern
Ausgabeposten wenigstens schätzungsweise mehr zur Geltung bringen 2) und stuft
darum die Sätze mehr ab, setzt also für die jüngsten Kinder eine relativ noch kleinere
Ausgabe an 3). Die meiste Anerkennung haben trotzdem Engels Quets gefunden,
zumal sie zwischen der dänischen und amerikanischen Rechnung Mittelwerte bilden,
und drei Gegenrechnungen von Kuzmäny4 5), Stephan Bauer6) und E.
Günther6) ihre annähernde Richtigkeit bestätigt haben. Diese Bestätigung ist
aber von zweifelhaftem Werte, weil nur die Nahrung berechnet ist, während die Quets
zugleich auch für andere Bedürfnisse Geltung beanspruchen7).

Eine Abgrenzung der Wohlhabenheitsstufen selbst unter Berücksichtigung
dieser Reduktionsfaktoren (Einkommen der Familie, dividiert durch Quets) ist
leider bisher selten versucht8), ja nicht einmal gefordert worden9). Wohl aber
hat man innerhalb der nach dem Familieneinkommen mechanisch gebildeten Wohl-
standsklassen die Ausgaben auf Quets usw. bezogen, um sie vergleichbar zu machen.

0 Vgl. Pohle, Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1906, S. 104t.||

2)	Die amerikanische Erhebung sah von ihnen sogar gänzlich ab.

3)	Vgl. auch Ritzraann, Maßstab zum Vergleich der Wirtschaftsrechnungen von
Familien, im Archiv für sociale Hygiene 1911.

*) Jahrbücher für Nationalökonomie, 3. Folge, Bd. 29 (1905), S. 794 f.

5)	Basler volkswirtschaftliche Arbeiten N. 2 (1911), S. VIII f.

6)	Schmollers Jahrbuch 1912, S. 1963 f.

’) Vgl. Schiff, S. 102.

8) So in der dänischen Publikation.

“) S c h i f f, der Leiter einer noch nicht publizierten österreichischen Erhebung, stellt
jetzt (1913) a. a. O. S. 96 f. diese von mir schon früher vertretene Forderung. Er verbessert
das Erhebungs- und Verarbeitungsverfahren auch sonst.
        <pb n="36" />
        ﻿Haushaltsrechnungen.

135

Wir ergänzen danach die obigen Tabellen, die nur Prozentsätze enthalten, durch eine
Uebersicht der absoluten Ausgabenbeträge, die auf die umgerechnete Kopfzahl
treffen. Nach dem Maßstab des Statistischen Reichsamts auf die Einheit des er-
wachsenen Mannes umgerechnet, betrug bei 391 ausgewählten Familien *) die Aus-
gabe in Mark:

Familien mit			für		
einer Gesamt- ausgabe von.. M.	Zahl	Nahrung	Wohnung Heizung, Kleidung Beleuchtung	Sonstiges	Zusammen
unter 2000	224	363	120	32	76	102	693
2000—3000	111	441	178	39	144	211	1015
über 3000	56	522	294	49	218	390	1472

Nach dem früher Gesagten würden sich diese Durchschnittssätze beider Ta-
bellen etwas differenzieren, wenn man sozial gleich zusammengesetzte Gruppen
nach der Ortsgröße unterschiede; in der Stadt, besonders in der Großstadt,
ist sowohl die absolute Ausgabe, wie die Ausgabenquote, für die Wohnung bedeutend
erhöht, und sind die andern Ausgaben und Ausgabequoten zusammen entsprechend
kleiner. Auch innerhalb der großstädtischen Gruppe steigt die Quote der Wohnungs-
ausgabe, einigermaßen parallel der Einwohnerzahl, bis fast zum Doppelten an. Und
dieselbe Verschiebungstendenz zeitlich: trotz gelegentlicher Schwankungen steigt
die Quote der städtischen Wohnungsausgabe mit dem Zeitablauf nicht unerheblich * 2).
Daran mag zum Teil der zunehmend großstädtische Charakter der Städte Schuld
sein, zum Teil die Verteuerung des Bauens durch steigende Löhne und Material-
preise, zum Teil auch die neuerdings bessere Ausstattung der Wohnungen. Aber
wenn unlängst für Berlin die Mietsteigerung einer typischen Arbeiterwohnung (mit
einem heizbaren Zimmer und Küche) 1880—1910 auf mehr als 50 % geschätzt3)
oder die Verteuerung der Wiener Schulbauten 1877—93 auf 38% berechnet4) wor-
den ist, so hat die bessere Ausstattung an dieser plötzlichen Zunahme doch wohl
nur einen bescheidenen Anteil. Jedenfalls geht die Mietsteigerung, wenn sie richtig
geschätzt ist, über die gleichzeitige Steigerung der Berliner Lebensmittelpreise5 * *)
weit hinaus, obgleich diese letzteren von den Mietpreisen (z. B. Selbstkosten des
Bäckers) mit abhängen.

In Paris hat nach L. March, dem Chef der französischen Statistik, 1824
bis 1908 die Miete sich fast verdreifacht, der Lebensunterhalt im ganzen aber durch
billigere Ernährung, Heizung und Beleuchtung sich verbilligt8). Im 20. Jahrhundert
ist dagegen die zunehmende Verteuerung des Wohnens zugleich eine Teilerscheinung
der allgemein abnehmenden Kaufkraft des Geldes, auch gegenüber den
andern Bedürfnissen. Die Ursachen dieser allgemeinen Teuerung sind an anderer
Stelle des Lehrbuchs zu erörtern. Ihre Wirkung ist natürlich ähnlich der einer
allgemeinen Schrumpfung des Einkommens; das Engelsche und Schwabesche Gesetz
machen sich in dem Sinne geltend, daß vom gleichen Einkommen eine größere Quote
als früher für Nahrung und Wohnung aufgewendet werden muß. Soweit diese
Teuerung nur der Ausdruck einer „inneren“ Wertminderung des Geldes ist, also nicht

4)	Nämlich denjenigen der Erhebung von 1907, die aus einer Kasse wirtschaften, also
weder Schlafgänger noch Dienstboten noch selbstverdienende erwachsene Kinder haben.

2)	Pohles Einwand (Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1906, S. 32 f.), die diesbezüg-
liche Statistik schnell wachsender Städte werde durch die zugezogenen Elemente getrübt,
fällt gegenüber der obigen These schon darum nicht ins Gewicht, weil die Zuzügler schwerlich
eine abnorm hohe Wohnungsausgabequote haben.

3)	Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 139, 2. Teil (1912),
S. 4. Nach Emmy Reich, Der Wohnungsmarkt in Berlin von 1840 bis 1910 (1912), S. 132
stieg die Durchschnittsmiete einer Wohnung mit einem heizbaren Zimmer 1880—1905 nur von
191 auf 255 M. = 34%.

4)	Ebendort Bd. 98, S. 52.

s) Ebendort Bd. 139, 2. Teil, S. 50.

6) Influence des variations des prix sur le mouvement des depenses menagtres ä Paris,

Nancy 1910. Zitiert nach p. 570 der Revue d’economie politique, 1910.
        <pb n="37" />
        ﻿136 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum.

§;e

von veränderten Beschaffungskosten der Güter ausgeht, wird sie zugleich das no-
minelle Volkseinkommen erhöht haben, wenn auch nicht notwendig in demselben
Maße. In welchem Umfange nun aber die Teuerung durch Zunahme des Volksein-
kommens im ganzen und der einzelnen sozialen Bevölkerungsschichten im besondern
ihren Ausgleich gefunden hat, ist wiederum nicht Gegenstand der Erörterung in der
Konsumtionslehre. Hier muß der Hinweis ausreichen, daß auch bei einer inneren
Geldwertminderung mindestens die Einkommenszunahme einzelner Klassen, wie
Lohnarbeiter, Gehaltsbezieher und Rentner, wahrscheinlich in der Regel mit der
Teuerung nicht Schritt hält, und daß die Schwierigkeiten der gewohnten Bedarfs-
deckung, die aus der Teuerung resultieren, die Gesundheit breiter Volksschichten
gefährden können und oft das Motiv zu Lohnkämpfen geben und den sozialen Frieden
stören.

Ueber das Maß der Teuerung in der jüngsten Vergangenheit geben
für Deutschland und andere Länder eine Reihe preisstatistischer Untersuchungen
Auskunftx). So wird für 7 deutsche Großstädte 2) von Calwer’) der jährliche
Nahrungsaufwand einer vierköpfigen Normalfamilie (auf Grund der Normalration
eines Marinesoldaten und der Markthallenpreise) beziffert:

1900	1063 Mark	1907	1177 Mark
1901	1069	„	1908	1186 ,
1902	1077	„	1909	1202 „
1903	1100 „	1910	1240	„
1904	1107	„	1911	1209	„
1905	1143	„	1912	1308	„
1906	1196	„		

Zahn4) berechnet auf anderer Grundlage Indexzahlen für die Nahrungskosteil
wenig bemittelter Familien in Bayern:

1881	93,2	1906	114,7
1900	100,0	1907	113,8
1901	100,6	1908	115,8
1902	103,3	1909	121,3
1903	103,0	1910	125,7
1904	104,4	1911	127,7
1905	110,7		

Für den Zeitraum 1900—1911 ergeben Calwers Zahlen eine Verteuerung der
Nahrung um 13,7 %, Zahns Zahlen 27,7 %, die Berechnungen des englischen Handels-
amts 5) (auch gewogene Mittelwerte) für Preußen 28%, Bayern 26%, Württemberg
32%, Baden 25%; die vielbenutzten Zahlen Calwers lassen demnach die Teuerung

x) Vgl. Reichsarbeitsblatt 1910 und 1911: Preisstatistische Arbeiten der amt-
lichen Arbeiterstatistik. B a 11 o d , Das Problem der Preisbewegung und Verbrauchsstei-
gerung in den letzten 40 Jahren, I. England, Zeitschrift des Preußischen Statistischen Landes-
amts 1912. Eulenburg in Weyis Handbuch der Hygiene III2 (1912), S. 5 f. (Auch des-
selben Autors Vortrag: Die Preissteigerung des letzten Jahrzehnts, Leipzig 1912.) Biermer,
Teuerung und Geldwert, 1912. B 1 o n d e 1, Le rencherissement de la vie, Paris 1911. Hoo-
ker, The course of prices at home and abroad, 1890—1910. Journal of the R. Statistical
Society, London, Dezember 1911. Ashley, The rise in prices and the cost of living, London
1912. Englisches Blaubuch Cd 6955, August 1913: Working dass rents and retail
prices in industrial towns of the United Kingdom in 1912. Die einschlägigen Publikationen
des Vereins für Sozialpolitik zur Generalversammlung im Herbst 1914 liegen
beim Abschluß dieser Zeilen erst teilweise vor.

2)	Danzig, Berlin, Dresden, Chemnitz, Leipzig, Stuttgart, München.

3)	Cal wer, Das Wirtschaftsjahr 1910, 1. Teil, Jena 1913, S. 346. Die Zahlen für 1911
und 1912 sind nach Calwers Wirtschaftsstatistischen Monatsberichten in dem erwähnten eng-
lischen Blaubuch S. 345 für die Woche berechnet und von mir mit 52 multipliziert worden.

4)	Bulletin de l’Institut international de statistique, Bd. 19,
3. Lieferung (1912). Die Zahl für 1911 ist in dem genannten englischen Blaubuch S. 343 auf
Grund der Preisstatistik in der Zeitschrift des Bayerischen Statistischen Landesamts berech-
net worden.

5)	Blaubuch, S. 346—350.
        <pb n="38" />
        ﻿Haushaltsrechnungen.

137

§ 6

noch als viel zu gering erscheinen 1). Sie mögen für den großstädtischen Konsu-
menten zutreffen; aber es scheint, als habe die zunehmende Zentralisation des An-
gebots in den Großstädten die Hauptlast der Teuerung auf das Land und die klei-
neren und mittleren Städte geschoben; es handelt sich dabei sowohl um das Ange-
bot auf dem Warenmärkte wie auf dem Arbeitsmarkte.

Seit 1911 ist eine weitere Preissteigerung gefolgt. Das gewogene Mittel von 17
Großhandelspreisen, zum Teil auch für nicht eßbare Lebensbedürfnisse, berechnet
Calwer 2) für 1895 auf 86,8, 1900 100,0, 1911 114,9, 1912 129,1. Von 1911 bis Ok-
tober 1913 stieg nach Pohle 3) das arithmetische Mittel aus 29 Großhandelspreisen
um 6%. Auf die zum Teil recht unsicher fundierten Versuche, eine noch schnellere
Steigerung der Arbeitslöhne für mehrere Länder nachzuweisen 4 5), kann hier nicht
eingegangen werden.

Daß mit der wirtschaftlichen Konjunktur der Verbrauch
steigen und fallen, und die Quote entbehrlicher Ausgaben sich verschieben muß,
ähnlich wie in Jahren der Teuerung, ergibt sich von selbst; in Jahren niedergehender
Konjunktur rückt jedes Einkommen auf eine tiefere Stufe der Kaufkraft6).

Nach Jahreszeiten schwankt nicht nur der Verbrauch an Kleidung,
sondern in erheblichem Maße auch an Nahrung, indem im Sommer nicht nur der Fett-
bedarf geringer ist, sondern auch der Appetit auf Fleisch nachzulassen pflegt6).
Der verringerten Nachfrage entspricht, wenigstens nach einer amerikanischen Sta-
tistik7), eine Verbilligung der Lebensmittel im Kleinhandel während der Sommer-
monate. Man sieht daraus, daß es nicht angeht, aus der Konsumtion eines Monats
auf den Jahresverbrauch zu schließen.

Mit Rücksicht auf die natürliche Begrenztheit des Nahrungsbedürfnisses

man geglaubt, in den Nahrungsausgaben der obersten Einkommensstufen eine
„freie Kostwahl“ sehen zu dürfen, die das subjektive Nahrungsbedürfnis
voll befriedigt, weil das Geld dazu ausreicht. Von freier Kostwahl ist jedoch in der
Wirklichkeit wenig die Rede. Wir sprachen schon von der weitgehenden Bindung
der Kostwahl durch die Macht der Gewohnheit und der Sitte und durch gesellschaft-
liche Rücksichten. Aber auch davon abgesehen, scheint es doch eine sehr schmale
Oberschicht zu sein, deren Kostwahl nicht auch durch die finanzielle Rücksicht ein-
geschränkt ist. Von freier Kost könnte höchstens dann die Rede sein, wenn die Sta-
tistik zeigte, daß wachsendes Einkommen von einer gewissen Grenze an die absolute
Nahrungsausgabe nicht mehr steigert. In der Statistik der Normalfamilien sehen wir
jedoch auch jenseits der Einkommensgrenze von 4000 Mark die absolute Ausgabe für
Nahrungszwecke noch etwas steigen, wenn auch nur noch langsam. Eine aus Frank-
furt a. M. mitgeteilte Wirtschaftsrechnung der Jahre 1896—1905 8) zeigt, daß noch
bei einem Einkommen von 10 000 Mark die damalige Teuerung zwar zu einer Mehr-
ausgabe für Nahrung, aber doch zu einer schlechteren Ernährung führte; während in

9 Brutzer (Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 139, Teil 2 (1912), S. 44 f.)
berechnet auf etwas anderer Basis als Calwer die Zunahme der Ausgaben einer vierköpfigen
Berliner Arbeiterfamilie für die wichtigsten Lebensmittel 1900—1910 auf 16—17%, fast genau
übereinstimmend mit Calwer; übrigens nach einer vorausgegangenen starken Wellenbewegung
der Teurungsziffer in den 80er und 90er Jahren.

2)	Die Zahlen sind die im B I a u b u c h S. 353 berichtigten.

3)	Statistische Beilage der Zeitschrift für Sozialwissenschaft.

4)	Für Deutschland vgl. z. B. die anonyme Schrift: Sisyphusarbeit oder po-
sitive Erfolge? Beiträge zur Wertschätzung der Tätigkeit der deutschen Gewerk-
schaften, Berlin 1910 (aus dem Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerk-
schaften Deutschlands). Im entgegengesetzten Sinne Stephan Bauer und Irving Fischer
in den Annalen für soziale Politik und Gesetzgebung 1912: Preissteigerung und Reallohn-
politik.

5)	Einige Zahlen im 109. Bande der Schriften des Vereins für Sozialpolitik, S. 237 f.

6)	Vgl. die Nürnberger Statistik bei E u 1 e n b u r g , S. 33.

7)	Reichsarbeitsblatt 1910, S. 685.

s) Henriette Fürth, Ein mittelbürgerliches Budget, 1907. Vgl. Eulen bürg, S. 19.
        <pb n="39" />
        ﻿138 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 6

einem Haushalt, dessen Jahresausgabe 1894—-1908 von 6600 auf 12 500 Mark stieg,
die auf die Personeneinheit berechnete absolute Nahrungsausgabe trotz der Teue-
rung sogar zurückging x). Am ehesten wird man von frei gewählter Kost da sprechen
können, wo einem reichlichen Einkommen ein Vermögen zur Seite steht, auf das un-
bedenklich zurückgegriffen wird, um das Einkommen zu ergänzen. Es empfiehlt
sich schon aus diesem Grunde, mit den Wirtschaftsrechnungen eine Uebersicht des
Vermögens der wirtschaftenden Familien zu verbinden 1 2).

In welchem Maße gesellschaftliche Standespflichten die
Ausgabequoten verschieben, zeigt folgende Tabelle der Reichsenquete, die zwischen
Arbeiter- und Beamtenfamilien unterscheidet. Die auf Beamtenfamilien bezüglichen
Zahlen sind eingeklammert.

Vom Hundert der Ausgaben entfallen auf

Gesamtausgabe	Nahrung	Wohnung	Heizung  Beleuchtung	Kleidung	Sonstiges
unter 2000 M.	53,0 (43,1)	17,4 (18,8)	4,5 (6,7)	10,4 (13,9)	14,7 (17,5)
2000—3000 M.	50,3 (39,2)	16,7 (19,3)	3,8 (4,2)	£12,2 (14,7)	17,0 (22,6)
über 3000 M. Kopfzahl	53,4 (35,0)	13,9 (19,1)	4,1 (3,5)	14,1 (14,4)	14,5 (28,0)
2—4	50,0 (34,8)	18,3 (20,9)	4,4 (3,8)	10,6 (14,4)	16,7 (26,1)
5—6	53,1 (37,9)	16,4 (17,9)	4,2 (3,9)	11,3 (14,4)	15,0 (25,9)
7—11	56,4 (39,1)	14,3 (16,8)	4,0 (3,8)	12,4 (14,7)	12,9 (25,6)

Die kleinere Wohnungsausgabe der Arbeiter fällt doppelt auf, weil die Arbeiter
mehr in Großstädten, die Beamten mehr in kleineren Orten wohnten.

Die Pflege der Haushaltungsstatistik ist auch für den Staat
als Fiskus (vgl. § 10) und als Arbeitgeber wichtig. Jede Erhöhung der Beamten-
gehälter oder Arbeiterlöhne, die mit der Teuerung begründet wird, sollte einer solchen
statistischen Grundlage nicht entbehren. Noch dringender wäre das Bedürfnis bei
staatssozialistischer Regelung des Arbeitslohns in privaten Unternehmungen, und
für nicht staatliche Einigungsämter zur Regulierung des Arbeitslohns. Der Na-
tionalökonom würde mit einer ausgebildeten Haushaltungsstatistik gern auch die
Preisstatistik und die Einsicht in örtliche und zeitliche Verschiedenheiten des Geld-
werts verfeinern. Ob auch der Geschäftsmann, wie Kestner3) meint, aus ihr
Anregungen entnehmen wird, um die Ausdehnungsfähigkeit im Verbrauch seiner
Produkte in einzelnen Käufergruppen durch Vergleichung mit dem Durchschnitts-
verbrauch abzuschätzen, ist mir zweifelhaft,

1)	3. Sonderheft des Reichsarbeitsblatts, S. 19.

2)	Soweit das Vermögen in Gebrauchsgegenständen besteht, erfordern deren Anschaf-
fungskosten und Abnutzungsquoten selbstverständlich in der Wirtschaftsrechnung genaue
Berücksichtigung. Dabei sind vor allem die Anschaffungen der Vorjahre zu beachten. Ist
z. B. im Anfang des Jahres 1908 für 200 Mark Tischwäsche gekauft worden, die 10 Jahre lang
vorhält, so ist jedes der Jahre 1908—1917 mit 20 Mark und einem Zinsenzuschlag zu belasten
Die im Anschaffungsjahr außerdem ausgelegten 180 Mark sind als Vermögensanlage anzusehen;
werden sie hier als reelle Ausgabe gebucht und erscheinen nachher noch einmal als Abnutzungs-
quoten, so liegt Doppelanschreibung vor. In praxi ist diese minutiöse, namentlich von Schnap-
per-Arndt gepflegte Berechnung aber meist zu umständlich.

Zum Teil hängt es mit fehlerhafter Buchführung über solches Gebrauchsvermögen zu-
sammen, daß sehr viele Wirtschaftsrechnungen mit Defizits abschließen, denen Wirt-
schaftsrechnungen mit Ueberschuß gegenüberstehen. Ein andrer Teil der Defizitfälle er-
klärt sich aber daraus, daß vom baren Kapital gezehrt worden ist, und der amtliche Kommen-
tator der Reichserhebung (S. 18*) hat unrecht, wenn er es als auffällig bezeichnet, daß gerade
auf den höheren Einkommensstufen die Fehlbeträge häufig sind.

3)	S. 346 f.
        <pb n="40" />
        ﻿139

§ 7

Moderne Wandlungen der Konsumtion.

§ 7. Moderne Wandlungen der Konsumtion.

Erst die Beschäftigung mit dem empirischen Detail dieser Wirtschaftsrech-
nungen hat nun den Anlaß geboten, in der bunten Fülle der Konsumtionsgestal-
tungen gewisse leitende Typen der Konsumtionsgeschichte zu unterscheiden und
Entwicklungstendenzen zu studieren, zunächst auf dem Gebiete der Ernährung 1).
Nach unserer heutigen Einsicht können wir Folgendes sagen.

1.	Die erste Unterscheidung, auf die wir Wert legen, ist die zwischen dem Kon-
sumenten der alten Eigenwirtschaft und dem der modernen V erkehrs-
wirtschaft. Der sich vollendende Uebergang aus der alten bäuerlichen Eigen-
wirtschaft, die ihre eigenen Produkte verbraucht, in die kaufende und verkaufende
Verkehrswirtschaft ist für alle Volkswirtschaft grundlegend, für den Gang der Kul-
turgeschichte von einschneidender Bedeutung. In diesem Abschnitte des Hand-
buchs handelt es sich nur um den direkten Einfluß, den er auf die Konsumtion übt.
Für die Produktion von tausendfachem Gewinn, ist er nicht ohne schwere Nachteile
für den Konsumenten, zunächst durch den Verlust von Konsumtionswerten.

a) Der Uebergang in die Verkehrswirtschaft bedeutet für den Konsumenten
eine Einbuße an ideellen Werten.

1.	Die spezifischen Affektionswerte der Eigenwirtschaft
gehen verloren, mag auch äußerlich die Lebenshaltung des verkehrswirtschaftlichen
Konsumenten komfortabler werden. Wie er nicht mehr für den Bedarf der eigenen
Familie arbeitet, so verzehrt er nicht mehr das Erzeugnis der eigenen Wirtschaft;
er ißt nicht das selbstgebaute Brot und trägt nicht die im eigenen Hause gesponnene
und gewebte Leinwand, sondern fremdes gekauftes Produkt. Sein wirtschaftliches
Leben ist innerlich verarmt, aber nur selten kommt diese Verarmung ihm durch
einen äußerlichen Maßstab zum Bewußtsein 2).

2.	Aber auch innerhalb der Verkehrswirtschaft potenziert sich diese Verarmung;
der mechanisierende Einfluß des Großbetriebs und die moderne Arbeits-
hetze beeinträchtigen die in der Produktion selbst, auch in der berufsteiligen
Produktion noch wurzelnde Befriedigung, die als solche ja Konsumtion ist; das
Tretrad verscheucht die Arbeitsfreude. Die abhängige Stellung des lebens-
länglichen Arbeitnehmers mindert zugleich die Berufsfreudigkeit, die die Arbeit
des selbständigen Produzenten verschönte.

3.	Indem die moderne Verkehrswirtschaft einen wachsenden Teil der Bevöl-
kerung in Großstädten konzentriert, trennt sie ihn von der Natur. Der Mensch
hat heute vergessen, wie er einst unmittelbar in der Natur gelebt hat, und mit welchem
Reichtum lebensvoller Eindrücke die Natur seinen Gesichtskreis gefüllt haben muß;
in der Stadt ist er bettelarm geworden. Am beklagenswertesten ist die Masse der
Großstadtjugend; wird doch Ostlondoner Volksschülern bei Exkursionen ins naturge-
schichtliche Museum zwischen Spirituspräparaten exotischer Tiere die Photographie je
eines Baumes mit und ohne Laub gezeigt, weil die Kinder in der Wirklichkeit beides
nicht sehen. Mag in der Uebergangszeit den Großstädter sein Großstadtstolz und

J) Eine Vorarbeit gaben schon die Studien Le Plays, dessen Konstruktionen aber
über das Gebiet der Konsumtion weit hinausgreifen. In neuerer Zeit hat neben Max Webers
Analyse der Ernährung ostelbischer Landarbeiter (Schriften des Vereins für Sozialpolitik,
Bd. 55, 1892, und Archiv für soziale Gesetzgebung 1894) namentlich Dr. med. G r o t j a h n
durch seine in § 1 zitierte Schrift (1902) trotz mancher Irrtümer anregend gewirkt. Von der
einschlägigen physiologischen Literatur (vgl. § 1) wird noch die Rede sein.

2)	Vgl. Max Weber im Archiv für soziale Gesetzgebung 1894, S. 11, Amn.: „Es ist
zweifellos, daß heute das ländliche Gesinde ganz unvergleichlich besser genährt ist, als irgend
eine andere Kategorie ländlicher Arbeiter. Der Deputant und verheiratete Tagelöhner würde
eine Kost, wie sie ihm seine Frau vorsetzt, niemals dauernd sich aus der Gutsküche bieten
lassen; die gleiche subjektive Befriedigung könnte ihm diese, wenn überhaupt, nur durch
ein erhebliches Mehrmaß von Leistungen dauernd verschaffen.“ Die vertragsmäßige Natural-
kost repräsentiert hier den verkehrswirtschaftlichen Typus insofern, als ihr der subjektive
Reiz des Eigenwirtschaftlichen fehlt.
        <pb n="41" />
        ﻿140 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 7

sein Fortschrittsbewußtsein subjektiv trösten, die Annäherung an den Beharrungs-
zustand muß ihm diesen Verlust an immateriellen Gütern schließlich zum Bewußt-
sein bringen. Seine enormen Aufwendungen für Naturgenuß zeigen, wie er schon
heute seine Einbuße einschätzt.

b) Mit diesen ideellen Konsumtionsverlusten in der Verkehrswirtschaft gehen
Hand in Hand konkrete Verschlechterungen der Konsumtion; in erster Linie eine
andere und vielfach unzweckmäßigere Wahl der Kost. Wir müssen
hier etwas weiter ausholen.

1.	In der verkehrslosen Eigenwirtschaft hat der Konsument nur eine enge Aus-
wahl zwischen den Gaben der Natur; die Produkte fremder Klimate sind ihm un-
erreichbar; nur die Erzeugnisse der eigenen Scholle ernähren ihn wie die Pflanze.
Auch die Wahl der Kleidung und der anderen Güter ist ebenso durch die Natur
vorgezeichnet. Auf dieser ursprünglichen Stufe füllt die durchaus bodenstän-
dige Konsumtion des Menschen ein Kapitel der Geographie, hauptsächlich der
Pflanzengeographie; dem europäischen Kornesser steht gegenüber der amerikanische
Maisesser, der ostasiatische Beisesser, mit den charakteristischen Zutaten und er-
gänzenden Nährstoffen, die das nationale Menü der Völker zusammensetzen. Die
auf Instinkt und Erfahrung gegründete, Jahrhunderte alte Erbweisheit der zweck-
mäßigen Nahrungswahl hat so jedem Volke und jeder territorialen Volksgruppe
einen der tausend Wege gezeigt, die zum Ziele der physiologischen Normalnahrung
mit gewissen chemischen Bestandteilen führen: je nach dem Maße der zu leistenden
Muskelarbeit und nach dem Körpergewichte und dem Umfang der Körperoberfläche
1750 ') bis 5000 und mehr 2) Kalorien (Energie-Einheiten) netto täglich für den
erwachsenen Mann, zusammengesetzt fast ausschließlich aus Kohlehydraten, Fett
und Eiweiß. Diese drei Stoffe, die in jeder nationalen Nahrung in gewissen Mengen-
verhältnissen annähernd wiederkehren und ihren weitaus überwiegenden Inhalt
bilden, können sich untereinander mehr oder weniger vertreten; dabei repräsentiert
nach Bubner3) 1 g Eiweiß oder Kohlehydrate 4,1 Kalorien, 1 g Fett 9,3 Kalorien.
Während danach das Fett die intensivste Nahrung, ist das Eiweiß die unersetzlichste
Nahrung; etwa 100 g der teuren Eiweißstoffe netto gelten gewöhnlich als Mindest-
maß, das durch die beiden andern Stoffe nicht ersetzt werden darf, weil das stick-
stoffhaltige Eiweiß das spezifische Material zum Aufbau der Muskeln und Organe
des Körpers liefert; soviel und nicht viel mehr oder weniger wird auch tatsächlich
verzehrt 4), ein Mehr vom Körper größtenteils nur mit dem Kalorienwerte ausgenützt,
nicht mit dem spezifischen Eiweißwerte. Dazu kommen netto meist über 50 g Fette 6)
und mindestens 4—500 g Kohlehydrate, um das nötige Maß der Kalorien voll zu
machen; sie fügen, wenn man es auf eine sehr summarische Formel bringen will,
zum fixen Anlagekapital des Eiweiß das umlaufende Betriebskapital des täglichen
Wärme- und Kräfteverbrauchs. Man mag als Repräsentanten dieser zusammen-
gesetzten Nahrung ein belegtes Butterbrot ansehen: das Brot enthält an festen Stoffen
hauptsächlich Kohlehydrate, die Butter Fett, die daraufgelegte Roastbeef- oder
Käseschnitte6) Eiweiß; ein noch einseitigerer Repräsentant der Kohlehydrate als
Brot ist die Kartoffel und vollends der Zucker. Aus dem Verhältnis zwischen Preis
und Kalorienwert der einzelnen Nahrungsmittel berechnet man ihren „Nährgeld-
wert“, und konstruiert die sparsamste Kost durch Zusammenstellung der preis-
würdigsten Nahrungsmittel, wobei aber auf ein Mindestmaß von Schmackhaftigkeit
und von Eiweißgehalt gesehen werden muß. In tausend Formen wiederholen die

’) Schneider.

2)	Bayerischer Holzknecht, New Yorker Bauarbeiter.

3)	Etwas abweichende Zahlen fand König und der Amerikaner Atwater.

4)	90—120 g Reineiweiß, 100—130 g Roheiweiß; vgl. Cohnheim, S. 452.

5)	Ausgenommen die sehr fettarme Nahrung des Japaners. Das andre Extrem bildet die
sog. Schmalzkost bayerischer Holzknechte (bis über 300 g Fett). Die deutsche Kost war
übrigens in früheren Menschenaltern wohl viel fettärmer als heute.

6)	Magerkäse.
        <pb n="42" />
        ﻿Moderne Wandlungen der Konsumtion.

141

§ 7

„Kostsätze“ der Wirklichkeit das Schema der Sollnahrung, der „Kostmaße“ mit
ihren drei Bestandteilen, die die Physiologie fordert (allerdings mit bemerkenswerten
Abweichungen). So berechnet Lichtenfeit den täglichen Durchschnittsverbrauch
eines erwachsenen Deutschen auf 115 g Eiweiß (bzw. Stickstoff), 90 g Fett, 549 g
Kohlehydrate = 3559 Kalorien, während V o i t und sein Schüler Rubner1)
für einen Mann von 70 kg Körpergewicht bei mittelschwerer Arbeit von täglich 9—10
Stunden eine Tagesmenge brutto von 118 g Eiweiß, 56 g Fett, 500 g Kohlehydraten
= 3055 2) Kalorien fordern. Wir kommen später auf die Frage zurück, wie das Ver-
hältnis jenes mittleren deutschen Kostsatzes zu dieser Norm des Voit-Rubnerschen
Kostmaßes zu deuten ist.

2.	In diesem deutschen Kostsatze der Gegenwart haben wir indessen längst
nicht mehr die überkommene bodenständige Nahrung, sondern eine Mischung aus ihr
und der willkürlich veränderten, auch durch ausländische Güter modifizierten ver-
kehrswirtschaftlichen Kost, wie sie am ausgeprägtesten in der Groß-
stadt sich findet. Die verkehrswirtschaftliche Kost wird aber trotz ihrer größeren
Mannigfaltigkeit durch beachtenswerte Nachteile gegenüber der eigenwirtschaft-
lichen charakterisiert. Einmal entbehrt sie noch der festen Sitte, die eine gewisse
Garantie gegen physiologisch unzweckmäßige Abweichungen gibt, und es ist sogar
fraglich, ob sie unter der Herrschaft der sozialen Rivalität eine solche Festigkeit je
gewinnen wird3). Zweitens bietet der Verkehr eine Mannigfaltigkeit entbehrlicher
und teilweise selbst schädlicher Güter an, deren Verbrauch früher auf engere Kreise
beschränkt war, auf dem Gebiete der Nahrung insbesondere Reizmittel. Im
Handel findet dieses Angebot einen berufsmäßigen, raffinierten und oft aufdringlichen
Vertreter4), unter Umständen auf Kosten des Konsums von Existenzgütern. Erst
auf diesem verkehrswirtschaftlichen Boden gedeiht auch der Auszeichnungstrieb in
der Konsumtion, oft zu gunsten der Kleidung auf Kosten der Nahrung: die Masse
der Konsumenten ist der wirtschaftlichen Verantwortung, die das Geldeinkommen
auflegt, noch nicht gewachsen. Drittens beginnt mit der Verkehrswirtschaft auch die
V erfälschung der Nahrungsmittel und überhaupt die Unsolidität in der
Güterherstellung5). Viertens wird in der verkehrswirtschaftlichen Bedarfsdeckung
schärfer gerechnet, knapper gewirtschaftet und die Grenze der Unter-
ernährung leichter überschritten6). Und wo wir heute noch Reste der Eigenwirt-
schaft finden, scheinen sie die Ernährung zu verbessern. So hat G r o t j a h n eine
relativ gute Ernährung namentlich in Arbeiterfamilien mit Schweinehaltung (weniger
mit Kuh- und Ziegenhaltung) gefunden, wie bei englischen Fabrikarbeitern 1850 und

4)	Lehrbuch der Hygiene, 7. Aufl. (1903), S. 475.

2)	Gelegentlich erhöht Rubner diesen Normalsatz auf 3000—3500 Kalorien, so in seiner
Schrift „Volksernährungsfragen“ (1908), S. 6.

3)	Noch fraglicher ist dies für Kleidung und Wohnung, die in der Verkehrswirtschaft
eine ähnliche Umwälzung erfahren.

4)	Vgl. auch Mataja, die Reklame, 1910.

6)	Vgl. Rubner 1898, S. 21: „Eine der bedenklichsten Schattenseiten einer Groß-
stadt ist in den Ernährungsverhältnissen zu suchen. Die Konsumenten beziehen die Nahrungs-
und Genußmittel in den allerseltensten Fällen von den Produzenten selbst; es fehlt daher
sehr häufig die Sicherheit darüber, ob man ein Kunst- oder ein Naturprodukt zur Ernährung
erhält. Fast alles Nährmaterial wird importiert und geht durch die Hände von vielen Per-
sonen. Der Nahrungsmittelfälschung, dem Verkauf verdorbener Waren, verdorbener Spei-
sen ist daher Tür und Tor geöffnet. Der Städter versteht sich auch meist schlecht auf die Be-
urteilung von Nahrungsmitteln, was anderseits die Fälschung und Unterschiebung schlechter
Ware sehr begünstigt. — Die kleinen Leiden wie leichtes Unwohlsein und Verdauungsstö-
rungen, welche beim Genüsse frischen, unverfälschten Materials so selten sind, sind bei dem
Städter ganz an der Tagesordnung, und jedermann findet es in der Ordnung, daß ihm dies
oder jenes nicht bekommt, und daß er dann und wann einen verdorbenen Magen hat. Wie
häufig werden Kindern und alten Leuten diese Verdauungsstörungen so verhängnisvoll wie
irgend eine andere schwere Krankheit!“

“) Max Weber in Schmollers Jahrbuch 1903, S. 732.
        <pb n="43" />
        ﻿142 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 7

1851 *). Ebenso fand er bei Bergleuten und Hüttenarbeitern verschiedener Länder
eine unvergleichlich bessere Ernährung, wenn sie nebenher Landwirtschaft trieben,
als wo sie nur auf Geldlohn angewiesen waren 3). Auch die bessere Ernährung von
Arbeitnehmern mit freier Station gehört in diesen Zusammenhang 3). Fünftens kann
in der Verkehrswirtschaft gewöhnlich nicht die Arbeitskraft der Fami-
lienglieder so ausgenutzt werden, wie in der bäuerlichen Eigenwirtschaft;
daher schlechtere Ernährung großer Familien.

3.	Den Vorzügen der Eigenwirtschaft stand in Mißerntejahren das Risiko der
Hungersnot gegenüber, dem, wie schon hervorgehoben wurde, die Verkehrs-
wirtschaft abhilft4). Am günstigsten sind daher Bevölkerungen situiert, die mit
ausgebreiteter Eigenwirtschaft den Anschluß an den Weltverkehr verbinden; es ist
nicht ausgeschlossen, daß die Langlebigkeit skandinavischer Völker, deren landwirt-
schaftliche Eigenproduktion freilich leicht überschätzt wird, damit zusammen-
hängt 8).

4.	Aber andererseits wirkt der Anschluß an den Verkehr auch auf die Eigenwirt-
schaft des Landmanns auflösend, und gefährdet seine Ernährung noch in besonderer
Weise, indem er ihm durch das Angebot lockender Preise erstens die Reservevorräte
entzieht und zweitens gerade die wertvollsten, transportabelsten Produkte seiner
Wirtschaft vom Munde nimmt; auch hier fängt das scharfe Rechnen an. Durch
diese Mobilisierung und „M erkantilisierung“ der Bodenprodukte scheinen
in Rußland und Indien die Hungersnöte vermehrt worden zu sein, weil die Korn-
vorräte aus früheren Jahren versilbert sind, um Schulden zu bezahlen 6). Der
russische Bauer verkauft auch die Eier, die er früher seinen Kindern gab. In
Deutschland wie in den Nachbarstaaten verkauft der Landwirt mehr als gut die
Produkte seiner Viehwirtschaft und ersetzt sie durch verkehrswirtschaftliche Surro-
gate wie Margarine, Kaffee, Zichorienbrühe, Bier, Schnaps, Süßigkeiten; nament-
lich sollen die Molkereigenossenschaften in der bäuerlichen Ernährung Verwüstungen

*) S. 37: „Sie verdanken dies dem Umstande, daß sie der noch in der Mitte des 19.?Jahr-
hunderts in den Vororten englischer Großstädte üblichen Sitte huldigten, auch ohne eigenen
Acker sich mit gekauften Kartoffeln ein Schwein zu mästen und für den Hausgebrauch zu
schlachten. Ermöglicht wurde dieser Brauch dadurch, daß in England auch die Arbeiter
weniger in Mietskasernen als in kleinen, einstöckigen Häusern wohnten und meist gegen-
wärtig noch wohnen. Die Hausschlachtungen in den englischen cottages hatten allerdings
den Uebelstand, daß die engen Gäßchen durch Schmutz, Mist und Schlachtabfälle auf das
gröblichste verunreinigt wurden. Die in den 60er Jahren in großartigem Maßstabe durchge-
führte Assanierung der englischen Städte beseitigte daher durch Verbote die Hausschlach-
tungen, wohl zum Vorteil der Reinlichkeit der Straßen, aber nicht zum Vorteil der Volksernäh-
rung.“

3)	S. 35 f.

3)	Man hat gelegentlich beobachtet, daß ein Dienstmädchen in der Großstadt mit halber
Naturalkost und halbem Kostgeld abmagert, weil sie das Kostgeld spart, dagegen in der näch-
sten Stellung mit voller Naturalkost die Fülle ihrer Formen alsbald wiedergewinnt. Auch
hier entspricht der Naturalwirtschaft gute, der Geldwirtschaft schlechtere Ernährung, unab-
hängig von der gesamten Einkommenshöhe. Ebenso dürfte der Uebergang des Handwerks-
gesellen zur geldwirtschaftlichen Selbstbeköstigung die Ernährung im Durchschnitt ver-
schlechtert haben. Vgl. z. B. Schriften des Vereins für Sozialpolitik,
Bd. 63, S. 44. Der Vorzug naturalwirtschaftlicher Beköstigung zeigt sich übrigens auch im
ländlichen Arbeitsverhältnis, wo überdies unter dem Einflüsse des Arbeitsmangels die Ge-
sindekost sich verbessert hat; nicht selten haben Bauern erklärt, sie würden ohne ihr Gesinde
gern einfacher essen. Die Lebenshaltung des Gesindes färbt dann auch auf die Arbeiter mit
eigenem Haushalt ab.

4)	Heute ist in Städten wie Berlin nicht einmal mehr ein Zusammenhang zwischen Lebens-
mittelpreisen und Sterblichkeit erkennbar; andere Einflüsse, wie die Konjunktur, überwiegen.
Vgl. B a 11 o d , Die mittlere Lebensdauer in Stadt und Land, 1899, S. 54—56.

*) Vgl. G r o t j a h n , S. 65.

•) Angedeutet von S o m b a r t, Die deutsche Volkswirtschaft, S. 463.
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        ﻿[Moderne Wandlungen der Konsumtion..

143

§ 7

angerichtet haben 1). Eine umfassende Bearbeitung deutscher amtlicher Enqueten
über diese Erscheinung ist unlängst von Dr. Kaup 2) veröffentlicht worden. Verschont
bleiben auf diesem Raubzuge der Geldwirtschaft die voluminösesten Produkte wie
Kartoffeln3), die den Transport nicht lohnen; das Vordringen der Kartoffelnahrung
bei geldgelohnten ländlichen Arbeitern hängt wohl damit zusammen. Das früher
verbreitete ungünstige Urteil über die Kartoffelkost wird aber heute nicht mehr
allgemein vertreten 4).

II. Die zweite große Umwälzung in der Konsumtion begleitet den Uebergang
vom Land- zum Stadtleben, und zwar im Zusammenhang mit einer Veränderung
in den physiologischen Bedürfnissen. Wohl niemand würde daran
zweifeln, daß die Wanderung eines Volks in ein Land mit kälterem Klima die Bedürf-
nisse an Kleidung, Wohnung und in gewissem Sinne auch Ernährung steigert. Dagegen
wird der physiologische Einfluß der Wanderung vom Lande in die Stadt auf die
Bedürfnisse des Konsumenten von nationalökonomischer Seite erst in jüngster Zeit
beachtet5).

1.	Wir bemerkten schon (§ 5), daß der Fleischkonsum, weil er reichliche Boden-
fläche voraussetzt, bei zunehmender Volksdichte in Deutschland seit dem 16. Jahr-
hundert zurückging und zwischen Stadt und Land sich differenzierte zu ungunsten
des Landmanns, obgleich dieser näher an der Quelle sitzt; daß er dagegen in den
letzten Menschenaltern international wieder rapide stieg, und zwar wiederum beson-

*) Ein von Kaup zitierter Spruch an einem hessischen Bauernhause verspottet diesen
bäuerlichen Erwerbssinn:

„Wer seine gute Milch verkauft,

„Und mit den Kindern schlechte sauft,

„Wer Butterlieferante ist
„Und selber Margarine frißt,

„Wer teures Auslandsfutter giebt
„Und hinterher zu klagen liebt,

„Daß er verschleudern muß die Körner,

„Der ist ein Rindvieh ohne Hörner.“

s) Ernährung und Lebenskraft der ländlichen Bevölkerung. Heft 6 der Schriften der
Zentralstelle für Volkswohlfahrt, 1910. Zahlenmäßig ist ein Rückgang des ländlichen Milch-
konsums pro Kopf, teilweise sogar unter den städtischen Kopfbetrag herab trotz der auf dem
Lande größeren Kinderzahl, nur unsicher zu berechnen; aber aus vielen Zeugnissen wird trotz
mannigfacher, auch amtlicher Bestreitung ein ausgedehnter, hygienisch bedenklicher Rück-
gang der Ernährung doch sehr wahrscheinlich; namentlich scheint die Kinderernährung schwer
zu leiden. Beim Milchverkauf soll mitsprechen, daß über die Einnahme der Bauer verfügt,
während der Erlös aus selbst gemachter Butter in die Haushaltskasse der Bäuerin floß. Ge-
steigert wird die Versuchung zum Verkauf der besten Nahrungsmittel in Gegenden mit zah-
lungskräftigem Fremdenverkehr (v. Schullern, Jahrbücher für Nationalökonomie,
Bd. 42, S. 468).

3)	Max Weber in Schmollers Jahrbuch 1903, S. 731.

4)	Schädlich ist Kartoffelkost, wie jede Kost aus eiweißarmen Nahrungsmitteln, bei man-
gelnder Muskelarbeit, aber nach neueren Untersuchungen für das sog. Stickstoffgleichgewicht
des Körpers immer noch günstiger als Brotnahrung; „dies ist eine gerade für die Volkser-
nährung wichtige Tatsache“ (R u b n e r , Lehrbuch, S. 576). Die Kartoffel hat außerdem
den Vorzug der warmen Kost. Der starke Wassergehalt der Kartoffel ist nach Bleibtreu
kein Nachteil, weil soviel Wasser dem Körper ohnehin zugeführt werden müßte. Vgl. auch
Kärger, Die Arbeiterpacht, 1893, S. 18 f„ und H i n d h e d e , Eine Reform unserer
Ernährung, 1908, S. 118 f., besonders S. 127. G r o t j a h n , der sonst die Kartoffelnahrung
nicht schätzt, gibt doch zu, daß auch wohlhabende Konsumenten Kartoffeln in beträchtlichen
Mengen verzehren, obwohl sie es nicht nötig haben (S. 14). Vielleicht stammt die Theorie
vom Kartoffelbauch vom Mißbrauch der Kartoffelkost durch eine ländliche Bevölkerung,
die beim Uebergang zu hausindustrieller Arbeit die hergebrachte landwirtschaftliche Kost
beibehielt.

*) Vgl. eine in Friedrich Naumanns Wochenschrift „Die Zeit“ 1903 zwischen Brentano
und mir geführte Polemik über die Lebenshaltung des englischen Arbeiters, und mein Re-
ferat über die volkswirtschaftliche Lage der deutschen Fleischversorgung, Archiv des Deut-
schen Landwirtschaftsrats 1907, S. 388 f.
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        ﻿144 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 7

ders in den Städten und Industriegebieten 4). Zugleich hat sich aber in diesen letzten
Menschenaltern die Nahrung des Städters noch in anderen Richtungen charakte-
ristisch verändert. Er verzehrt nach dem Kalorienwerte viel weniger, aber teurere
Kost. Fett und Eiweiß, am liebsten von tierischer FIerkunft, drängen die voluminösen
Kohlehydratnahrungsmittel aus ihrer früher beherrschenden Stellung. Nur die
konzentrierteste Form der Kohlehydrate, der sehr verbilligte Zucker, gewinnt an
Beliebtheit; die dem Landmann auch in großen Mengen bekömmliche Brot- und
Kartoffelnahrung wird vielfach zur Zukost degradiert; dem auf dem Lande herge-
brachten dunkeln Roggenbrot zieht der Städter instinktiv das Graubrot und Weiß-
brot vor, dem kleiehaltigen Mehl das stark gebeutelte und „totgemahlene“ Mehl,
den groben Graupen- und Griessorten die feineren; er vertauscht die groben Hülsen-
früchte 2) und Rüben mit wenig nährkräftigen grünen Gemüsen und Obst, die Milch
mit ihren konzentrierten Fabrikaten Butter und Käse, und zieht dem fetten Fleisch
das magere3) vor; er steigert den Verbrauch scharfer Reizmittel des Appetits, der
Verdauung und des Nervensystems überhaupt.

2.	Gewiß ist für diesen Kostwechsel die größere Kaufkraft des Städters eine not-
wendige Voraussetzung. Aber schon 1890 bemerkte der hochverdiente badische
Fabrikinspektor W ö r i s h o f f e r 4), daß man der zur Zigarrenarbeit übergegangenen
bäuerlichen Bevölkerung ihre verfeinerte Kost nicht vorwerfen dürfe; sie habe diese
bei sitzender Lebensweise und geringer Muskelleistung nötig. Und der schweizerische
Fabrikinspektor Schüler hatte schon 1883 in einer noch heute lesenswerten
kleinen Schrift5) betont, daß außer der sitzenden Lebensweise auch der Mangel an
frischer Luft und die oft hohe Temperatur der Arbeitsräume den Appetit des indu-
striellen Arbeiters herabsetze und ihm die grobe Bauernkost ungenießbar mache, auch
vermehrten Genuß von Reizmitteln erfordere. Auch ein deutscher Fabrikinspektor
hat bemerkt, daß bei sitzender Lebensweise das grobe Brot schlecht vertragen wird 6).

Die billige vegetabilische Ernährung scheint danach in der Regel nur bei kräftiger
Freiluftarbeit möglich. Für den mittelrussischen Fabrikarbeiter soll sie nur darum
erträglich sein, weil er periodisch aufs Land zurückkehrt und eine bäuerliche Konsti-
tution geerbt hat7). Darum ist im Gefängnis vegetabilische Kost schwer durchführ-

x) Die Verbrauchszunahme innerhalb der Städte erklärt sich zum Teil daraus, daß Mittel-
städte zu Großstädten mit schärfer ausgeprägten städtischen Lebensbedingungen wurden;
die Verbrauchszunahme auf dem Lande zum Teil durch dessen Industrialisierung.

!) R y b a r k in der Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1909, S. 433: der Konsum an
Hülsenfrüchten ist in Deutschland seit 1878 pro Kopf um mehr als die Hälfte zurückgegangen.

3)	Und zwar mageres Fleisch von fett gemästeten Tieren; vgl. W y g o d z i n s k i in
Schmollers Jahrbuch 1906, S. 1074.

4)	Die soziale Lage der Zigarrenarbeiter im Großherzogtum Baden, 1890, S. 1771, 215,
114, 128. „Wo die Einnahmen (der Zigarrenarbeiter) geringer sind, oder wo sie sich auf eine
zu große Zahl von Köpfen verteilen, wird die Lebensweise der kleinen Landwirte und Tag-
löhner auf dem Lande beibehalten. Dieselbe ist aber einer stärkeren körperlichen Anstrengung
angepaßt und eignet sich nicht für die von früh bis spät sitzenden Zigarrenarbeiter. Damit
hängt es auch zusammen, daß dieselben meist nur geringen Appetit haben und die rauhe Kost
der Bauern nicht vertragen können, was ihnen von dieser Seite häufig als ein Zeichen über-
mäßiger Ansprüche ausgelegt wird. Man kann es oft hören, daß die Zigarrenarbeiter den Appe-
tit wieder verlieren, sobald sie sich nur an den Tisch setzen. Ebenso konstatieren viele Eltern,
deren Kinder die Fabriken besuchen, daß die Kinder trockenes Brot in den Zwischenzeiten
nicht vertrügen“ usw.

5)	Ueber die Ernährung der Fabrikbevölkerung, S. 11 f.

•) Vgl. Lotz, Zolltarif, Sozialpolitik, Weltpolitik (1902), S. 50, Anm. 1: „Nach Aus-
künften, die mir von einem erfahrenen Fabrikinspektor gegeben wurden, ist übrigens in Süd-
deutschland das Verlangen der Fabrikarbeiter nach einem andern als dem groben schwarzen
Landbrot nicht etwa Modesache, sondern auf Erfahrungen bezüglich Verdaulichkeit bei sitzen-
der Lebensweise zurückzuführen, so daß der Industriestaat auch veränderte Brotqualität
zu fordern scheint.“ Auch Schüler (S. 43) begründet es ähnlich, daß die ostschweizerische
Fabrikbevölkerung die feineren Brotsorten vorziehe.

7)	v. Schulze-Gävernitz, Volkswirtschaftliche Studien aus Rußland, 1899,

S.	154. Dazu paßt, daß nach Wangemann (Zeitschrift „Die chemische Industrie“, 1904,
S. 26 f.) der äußerst sparsame italienische Wanderarbeiter, der in österreichisch-ungarischen
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        ﻿Moderne Wandlungen der Konsumtion.

145

bar, und V o i t') glaubte sogar berichten zu können, daß in Dänemark Verurteilung
zu Wasser und Brot auf 4 Wochen der Todesstrafe gleichgesetzt war, „da es fast
nie vorkam, daß der Verurteilte sie überlebte“ ‘. Andererseits ist für den Freiluftarbeiter
die grobe Kost geradezu Bedürfnis. So soll die ausgezeichnete Leistungsfähigkeit
irischer Landarbeiter beim Uebergang von der Kartoffel- und groben Getreidekost
zur modischen Weißbrot- und Teenahrung schnell nachlassen 2).

3.	Die Physiologen haben zu dieser volkswirtschaftlich bedeutsamen,
außerhalb des Laboratoriums geradezu aufdringlichen Beobachtung erst zögernd
Stellung genommen. Vielmehr scheint die populäre Meinung über die Mindestmaße
menschlicher Nahrung lange durch eine physiologische Theorie bestimmt worden zu
sein, die einseitig von städtischen Verhältnissen entnommen und außerdem von der
Ueberschätzung der Fleischnahrung durch Liebig und teilweise seine Schüler beein-
flußt war. Es ist ja allerdings für die Physiologen auch schwer, die Ernährung von
Landleuten experimentell zu fixieren, weil sie diese Leute beim Experiment gern
unter Bedingungen stellen, die von ihrer sonstigen Lebensweise stark abweichen.
Natürlich war ihnen das Vorkommen einer stark vegetabilischen und speziell an
Fleisch armen Kost, namentlich auf dem Lande, längst bekannt. Es ist nicht ohne
Interesse, wie sie und ihre Schüler mit diesen harten Tatsachen sich abfanden, ehe
sie den fundamentalen Unterschied ländlicher und städtischer Ernährungsbeding-
ungen erkannten3).

4.	Der enorme Vegetabilienkonsum schwer arbeitender Landleute, zum Teil
fast ohne animalisches Eiweiß, zusammen mit der herkulischen Arbeitsfähigkeit
dieser Konsumenten 4), wurde teils nur als auffällig registriert, teils trotz einwand-
freier Beglaubigung gelegentlich bezweifelt, teils endlich durch falsche Hypo-
thesen zu erklären versucht.

Es steht wohl fest, daß der kurzdärmige Mensch die vegetabilische Nahrung
weniger vollständig ausnutzt, als der langdärmige Pflanzenfresser5). Ein „er-
fahrener Gerichtsarzt“ behauptet nun, daß die ostelbische Bevölkerung, der die
Vegetabiliennahrung offenbar gut bekommt, sich eines um 0,5 m längeren Darms
erfreue, als die Industriebevölkerung der Rheinprovinz, der er infolge mangeln-
der Uebung eingeschrumpft sei6). Aber auch bei einem Gelehrten wie Hüppe7)
lesen wir, daß der vegetarisch lebende Japaner durch seinen um 7s längeren Darm
in den Stand gesetzt sei, die Reisnahrung besser auszunutzen, als der Europäer;
für letzteren ein wenig tröstliches Zukunftsbild: der längere Darm als Konkurrenz-

Kalziumkarbidfabriken sich gut ländlich von Polenta nährt, im Frühjahr die viel weniger
einträgliche Erdarbeit vorzieht; vielleicht aus physiologischen Gründen.

0 Sitzungsberichte der Münchener Akademie, mathematisch-physikalische Klasse, 1869,

S.	494.

2)	Report of the Agricultural Committee, London 1906, § 786.

3)	Vgl. jedoch Rubners Lehrbuch der Hygiene, 1. Aufl. 1890, S. 465: „Es scheint
der Gedanke noch wenig erwogen zu sein, ob nicht das zunehmende Bestreben nach Vermeh-
rung des animalischen Teils der Kost etwas den Städten und unserer Entwicklung der indu-
striellen Arbeit Eigentümliches sei. Die animalische Kost bedeutet eine eiweißreichere Kost;
nun scheint es — die Vermutung ist bereits von Fr. Hofmann ausgesprochen worden — nach
Versuchen des Verf., wie nach anderweitigen Beobachtungen sichergestellt, daß die Eiweiß-
stoffe einen Einfluß auf die Anregung der Tätigkeit unserer Verdauungsdrüsen entfalten und
dadurch die Resorptionszeit verkürzen.“ In späteren Auflagen finde ich diesen Passus nicht.
— Auch Munk vermutet 1896 (in Weyls Handbuch der Hygiene III, S. 63, 68, 96), Muskel-
tätigkeit erleichtere die Verwertung wasserreicher Speisen und verbessere die Resorption,
besonders beim Aufenthalt in freier Luft. Er bemerkt auch, daß der Gefangene eine mehr
animalische Kost brauche, weil der Mangel an freier Körperbewegung auf die Ausnützung
pflanzlicher Kost nicht ohne Einfluß zu sein scheine (S. 116).

4)	Verkannt z. B. von Hüppe, Handbuch der Hygiene, 1899, S. 373: „Bei seiner Kar-
toffelkost kann der Irländer und Oberschlesier noch arbeiten (!), aber der Handweber ist be-
reits nicht mehr zur Feldarbeit kräftig genug.“

') Munk in Weyls Handbuch der Hygiene III (1896), S. 67.

8)	Vgl. Graß!, Blut und Brot, 1905, S. 23.

’) Der moderne Vegetarianismus, 1900, S. 8. Handbuch der Hygiene, 1899, S. 371.

Sozialökonomik. II.	10
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        ﻿146	1. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 7

waffe in der wirtschaftlichen Rivalität der Rassen. Der unlängst verstorbene Mar-
burger Anatom Disse, der lange in Japan doziert hat, teilte mir jedoch mit, daß er als
erster Europäer hunderte japanischer Leichen seziert und die durchschnittliche Darm-
länge sogar etwas unterhalb der europäischen Norm gefunden habe. Auch die unver-
hältnismäßige Länge des Oberkörpers, die der Japaner dank seinen angeblich über-
lebensgroßen Verdauungswerkzeugen mit wilden Völkern teilen soll, wurde von Disse in
Abrede gestellt. Die älteren anatomischen Nachrichten aus Japan stammen bloß
von Missionaren. In altchinesischen Lehrbüchern der Anatomie finden sich übrigens
noch phantastischere Angaben über die Größe des Magens und Darms1). Moderne
Experimente haben ergeben, daß der japanische Darm den Reis nicht besser ausnutzt,
als der europäische 2). Die Japaner können eben als Bauernvolk überwiegend vege-
tarisch leben, aber auch in Japan finden wir den Gegensatz zwischen ländlicher und
städtischer Ernährung wieder3). Eine Verschiedenheit der Verdauungsorgane in
Stadt und Land ist bisher überhaupt noch nicht nachgewiesen, allerdings aber auch
diese Frage nach experimentellen Bemühungen, die kein entscheidendes Resultat
ergaben, noch nicht abschließend beantwortet worden4).

Andere Physiologen suchten dem Tatbestände durch die Annahme gerecht zu
werden, der vegetarische Landmann habe eine konzentrierte Eiweißnahrung nicht
zur Verfügung, und überfüttere sich darum mit Kartoffeln und anderen eiweißarmen
Vegetabilien so lange, bis sein absolutes Eiweißminimum gedeckt sei. Diese Inter-
preten tragen zwar dem Umstande Rechnung, daß der Landmann viel ißt; aber es
leuchtet doch wenig ein, daß eine Ueberladung des Körpers mit überschüssigen
Nährstoffen besonders leistungsfähige Arbeiter erzeuge. Diese Deutung ist denn auch
heute aufgegeben s).

5. Eine richtigere Deutung konnte erst gelingen, als auf der Basis von Voits
und Pettenkofers Versuchen aus den 60er Jahren der Irrtum Liebigs völlig über-
wunden war6), Muskelarbeit verbrauche im wesentlichen Eiweiß, Avährend Fette und
Kohlehydrate der Wärmeerzeugung dienen. Auf der Grundlage der neuen Er-
kenntnis, daß Muskelarbeit (ebenso wie Erzeugung der Körperwärme) im wesent-
lichen7) nur Kohlehydrate oder Fette verbrauche, formulieren einzelne moderne
Physiologen wie R u b n e r und Cohnheim jetzt mit aller wünschenswerten Schärfe
den Sachverhalt dahin: Muskelarbeit sei in der Stadt in der großen Mehrzahl der
Fälle relativ leicht und werde im Zeitalter unbelebter motorischer Kräfte immer
leichter; der moderne Industriearbeiter brauche daher zu seiner Ernährung immer
weniger Kohlehydrate und Fette, aber nicht weniger Eiweiß; indem er das Quan-
tum seiner Nahrung wesentlich zu reduzieren gezwungen sei, könne er seinen Eiweiß-
bedarf mit den eiweißarmen Vegetabilien der ländlichen Kost nicht mehr decken,
sondern müsse teuere Nahrungsmittel wie Fleisch und Eier hinzunehmen, die bei
geringem Nährwert viel Eiweiß bieten. So sei die gemischte Kost für den Industrie-
arbeiter und vollends für den geistigen Arbeiter bei Muskelruhe ein Naturgebot,
und kein Fortschritt gegenüber der Ernährung des Landmanns.

Rubner fügt 19138) hinzu, daß die muskelschwache Betätigung des städti-

x) Osawa, Zur Geschichte der Anatomie in Japan. Anatomischer Anzeiger, 27. Ja-
nuar 1896.

2)	Rubner (1903), S. 462. Ausführlicher in früheren Auflagen.

3)	Berichte über Handel und Industrie, zusammengestellt im Reichs-
amt des Innern, II 21, S. 675. Nach Schumacher (Handels- und Machtpolitik, heraus-
gegeben von Schmoller, Sering, Wagner, 1900, II 219) degeneriert der japanische Arbeiter
in der Fabrik.

*) Mitteilung des Herrn Prof. Cohnheim (1912). Vgl. S. 284—85 seines Werks.

6)	Rubner 1913, S. 35.

•) Näheres z. B. bei Hüppe, Handbuch der Hygiene, 1899, S. 226 f.

7)	Ueber den Eiweißverbrauch durch Muskelarbeit vgl. z. B. Rubner 1908, S. 25,
35, 36.

8)	S. 55 f.
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        ﻿Moderne Wandlungen der Konsumtion.

147

sehen Arbeitersx) diesen außerdem das Optimum körperlicher Leistungsfähigkeit
niemals erreichen lasse. „Zu einem idealen Gesundheitszustand gehört eine kräftig
entwickelte Muskulatur. Auch der reichste Mann kann sich diese nicht erkaufen,
er muß sie sich selbst erarbeiten.“ So kommt Rubner zu dem Schlüsse* 2):
„An und für sich werden sich die Menschen, nach ihrer Arbeitsfähigkeit und Arbeits-
übung betrachtet, so einteilen, daß das Landvolk den besseren Stamm darstellt und
die Städter den minderwertigeren.“ Mit der fortschreitenden Erleichterung städ-
tischer Muskelarbeit durch elementare Kraft muß dieser Unterschied sich immer
schärfer akzentuieren und die städtische Ernährung immer anspruchsvoller werden,
obwohl gleichzeitig der Ernährungszustand sich verschlechtert.

6.	Die Konsequenz dieser Entdeckung müßte das Eingeständnis sein, daß das
früher erwähnte Kostmaß der Voitschen Schule nicht für den mittleren Arbeiter
von 70 kg schlechthin, sondern höchstens für den städtischen Arbeiter Geltung
haben könne. Wir finden dieses Anerkenntnis in ziemlich deutlicher Form bei
Voits Schüler Rubner schon 1908 3) und noch mehr 1913 4). In seiner Schrift
des letzteren Jahres hebt Rubner sogar hervor, daß Voit speziell Münchener Konsum-
gewohnheiten mit zugrunde gelegt habe, und daß der Münchener auch für städ-
tische Verhältnisse schon damals ungewöhnlich viel Fleisch aß. Ja Rubner
fügt hinzu 5), daß Voits Zahlen nur als Norm für Massenkost ganzer sozialer Gruppen
gemeint seien, also in ihrer Eiweißnorm von 118 g für alle Fälle eine Risikoprämie
enthalten, 1. für den verschiedenen Nährgehalt gleichbenannter Speisen, 2. für das
dauernd individuell verschiedene Nahrungsbedürfnis, 3. für das zeitweilig erhöhte
Nahrungsbedürfnis z. B. von Personen, die gerade Durchfall gehabt haben, und über-
haupt für die wechselnde Ergiebigkeit von Resorption und Verdauung. Das generell
vorzuschreibende Kostmaß soll auch für den ungünstigsten Einzelfall zureichen
und muß darum viel höher gegriffen werden, als für den Durchschnitt der Konsu-
mentengruppe nötig wäre, und als dem tatsächlichen Durchschnittskonsum bei
individuell gerade zureichender Ernährung entspricht.

7.	Diese Aufklärungen standen im Zusammenhang mit langwierigen Debatten
in physiologischen Kreisen über das „Eiweißminimum“ in der täglichen
Kost des Konsumenten, ausgehend von den erwähnten häufigen Ausnahmefällen,
in denen man weniger als die geforderten 118 g Eiweiß fand. Neuerdings haben
einzelne Neuerer unter den Physiologen durch ihre Beobachtungen über die Be-
kömmlichkeit eiweißarmer Nahrung Aufsehen erregt, so der Amerikaner drit-
te n d e n , dem ein wohlhabender Landsmann zu Versuchszwecken größere Geld-
mittel zur Verfügung gestellt hatte, und ein dänischer Arzt PI i n d h e d e, der,
selbst von klein auf an fleischarme ländliche Kost gewöhnt, zuerst 1905 in Däne-
mark durch seine Theorie Aufsehen machte, daß die Milchkuh mit weit weniger
Eiweiß auskommen könne, als man auf Grund der Kellnerschen Norm glaubte, und
der dann mit gleicher Energie und Beredsamkeit an die Propaganda für Enteiweißung
der menschlichen Kost ging6) und jetzt an der Universität Kopenhagen ein gut aus-
gestattetes „Laboratorium für Ernährungsuntersuchungen“ leitet7). Auch viele
Aerzte erklären heute ein sehr kleines Eiweißminimum für ausreichend und hy-
gienisch vorteilhaft.

In der Tat hatten die Physiologen der alten Schule erst langsam begonnen,
die Physiologie des Eiweißverbrauchs eingehender zu erforschen. Rubner hat

r) Selbstverständlich ist ländliche und städtische oder industrielle Arbeit nicht ausnahms-

los mit schwerer und leichter Arbeit zu identifizieren.

2)	S. 58.	3) S. 70.

4)	S. 35—37, 39, 41.

5)	1908, S. 5, 37—40. 1913, S. 86.

') Hindhede, Eine Reform unserer Ernährung. Nach der 3. Auflage aus dem Dä-
nischen übersetzt. Leipzig 1908, K- F. Köhler.

r) Letzte Publikation: Studien über Eiweißminimum. Skandinavisches Archiv für Phy-
siologie 1913, S. 97 f.

10*
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        ﻿148 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum.

§ 7

sich erst jüngst beklagtx): „Die Erfahrungen, die ich seinerzeit in den Jahren 1877
bis 1879 und später gelegentlich meiner Ausnützungsversuche am Menschen über
den Eiweißbedarf der Erwachsenen gemacht hatte, sind mehr als ein Jahrzehnt
unbeachtet geblieben, obwohl sie für die Frage des Eiweißminimums wichtige Anhalts-
punkte gegeben hätten.“ Ebenso hat der Eiweißforscher A. K o s s e 1, eine Au-
torität auf dem Gebiete der Eiweißchemie, schon 1901 nachdrücklich darauf hinge-
wiesen i) 2), daß die verschiedenen Arten des Eiweiß den Organismus unter sehr ver-
schiedene Bedingungen stellen, und daß eine physiologische Verwertung der Ergeb-
nisse der Eiweißchemie aus den vorangehenden 12 Jahren „kaum noch angebahnt
ist“. Er hätte hinzufügen können, daß ein Physiologe wie Förster (1882) 3)
eine physiologische Bedeutung der chemischen Eiweißunterschiede geradezu in Ab-
rede gestellt hatte. R u b n e r hat neuerdings nicht nur die weiten individuellen
Unterschiede4) im Eiweißbedürfnis hervorgehoben, die gewöhnlich übersehen worden
seien, sondern auch die durch allgemeine Umstände bedingten Unterschiede5 *). Daß
es trotzdem theoretisch ein absolutes physiologisches Eiweißminimum gebe, ohne
dessen Deckung der Mensch zugrunde gehe, habe er zuerst nachgewiesen8). Dieses
Minimum gibt er 19037) auf etwas weniger als 42—47 g, 1908 8) auf 31,4 g, 19139)
etwa 30 g an, während „heutige Vertreter niederer Stickstoffzufuhr von 8—-10 g bis
50 und 60 g Eiweiß verlangen“ 10 *), nach seiner Meinung ganz willkürlich. Für prak-
tische Zwecke sei aber das absolute Minimum unbrauchbar; vielmehr müsse auf die
Zusammensetzung der Nahrung Rücksicht genommen werden n). Und zwar ist
nach seinen letzten Angaben das Eiweißbedürfnis befriedigt, d. h. eine Verkümme-
rung des Protoplasma der Körperzellen verhütet durch 102 g Eiweiß im Mais oder
76 g im Brot oder 54 g in Erbsen oder 38 g in Kartoffeln oder 34 g in Reis oder 30 g
in Fleisch, wenn dieses nicht in der üblichen irrationellen Form eines einzelnen Fleisch-
gerichts aufgenommen wirdI2). „Für denjenigen Menschen, welcher keine wesent-
liche Arbeit u. dgl. leistet, gelingt es überhaupt nicht, ausreichend Eiweiß mit ei-
weißarmen Vegetabilien zuzuführen“ 13).

Bei einer Zusammensetzung der Nahrung, wie Voit sie nach seinen großstäd-
tischen Beobachtungen zugrunde legte (Brot, etwas Kartoffeln, Gemüse, Milch,
Fleisch), mit schmackhaftem Wechsel der Speisen, bekömmlich und leicht verdaulich,
und bei gebührender Anrechnung der früher erwähnten Risikoprämien sieht Rub-
ner trotzdem in der Eiweißnorm von 100—120 g für einen kräftigen Arbeiter und
etwa 100 g für leichter arbeitende Personen „kein solches Eiweißübermaß, daß es
nötig wäre, an Korrekturen und Reduktionen zu denken“14). Dagegen „würde

i)	1908, S. 17.

a) Ueber den gegenwärtigen Stand der Eiweißchemie, in den Berichten der Deutschen
Chemischen Gesellschaft 1901, Nr. 13, S. 3214 f.

3)	Handbuch der Hygiene, herausgegeben von Pettenkofer und Ziemssen, 1. Teil, 1. Ab-
teilung, S. 35.

4)	1908, S. 22, 62. Rubner beklagt, daß die meisten Ernährungsangaben nicht einmal
das Körpergewicht verzeichnen, ganz abgesehen von andern individuellen Eigenschaften des

Konsumenten, die nach seinen Experimenten relevant sind.

5)	S. 27: anscheinend sparsamere Verwertung des zugeführten Eiweiß im Organismus
bei Eiweißmangel und zugleich knapper Eiweißzufuhr.

«) 1913, S. 38.	7) Lehrbuch, S. 466.

8)	S. 17.	9) S. 71.

10) S. 73. Hindhede fordert (1913) bei einer Gesamtnahrung von 3000 Kalorien

18—21 g Reineiweiß.

u) Er denkt dabei, abgesehen von dem verschiedenen Nährwert der verschiedenen Ei-
weißstoffe (1908, S. 13. 1913, S. 38), teils an die ungleiche Mischung der drei Grundstoffe in
den Nahrungsmitteln, teils an die mehr oder weniger vorteilhafte Verteilung des Eiweiß in
ihnen. „Von ganz besonderer Wichtigkeit erscheint die Beobachtung, daß bei Zufuhr stei-
gender Mengen derselben vegetabilischen Nahrungsmittel die Gesamteiweißzersetzung nicht

ansteigt“ (Lehrbuch 1903, S. 465 f.).

12) 1913, S. 71.

Lehrbuch 1903, S. 467.

u) 1913, S. 85.
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        ﻿Moderne Wandlungen der Konsumtion.

149

der Eiweißbedarf z. B. schon vermindert werden, wenn Jemand dauernd statt Brot
hauptsächlich Kartoffeln oder Reis genießen wollte, oder wenn wir in gleicher Weise
statt des Fleisches nur Milch oder Käse einführen wollten“ *). Das theoretische Ei-
weißminimum läge danach etwa zwischen 30 und 102 g; aber die praktische Eiweiß-
norm, die auch allen Wechselfällen Rechnung trägt, soll weit oberhalb des Mini-
mums liegen; wie weit, will Rubner nicht entscheiden2). Cohnheim3) schlägt
90—100 g vor, also weniger als Voit (118 g). Die Normziffer könnte natürlich nied-
riger sein, wenn es gelänge, durch eine zweckmäßig zusammengesetzte Kost zu
einem niedrigen Eiweißminimum zu kommen. „Die Möglichkeit einer anderen
Regelung der Kost, wie sie Chittenden z. B. angeführt hat, kann nur allmählich zum
Durchbruch kommen; wir werden also zum mindesten alle Ursache haben, einer
Steigung des Eiweißverbrauchs über die oben angegebene Grenze (118 g) hinaus in
keiner Weise das Wort zu reden“ 4).

8.	Was wird nun aus jenem Ueberschuß an Eiweiß, den der Erwachsene über
das Minimum hinaus seinem Körper zuführen soll? Er dient nicht zum Muskel-
ersatz usw., sondern bleibt zeitweilig im Körper, bis er nach Auslösung seines Ka-
lorienwerts aus ihm verschwindet5). Voit nannte ihn „zirkulierendes Eiweiß“,
und erkannte ihm eine große Bedeutung für die Energie und Kraftfülle des Konsu-
menten zu 6). Sein Schüler Rubner nennt ihn „Uebergangs“- oder „Vorrats-
eiweiß“ 7), hat über seine Existenzweise im Körper eine andere Vorstellung als Voit,
und sieht seine hohe Bedeutung eben in einer Kompensation der erwähnten zu-
fälligen Defizits im Eiweißhaushalte des Körpers. Ohne diesen Reservevorrat müsse
jede zufällige Unterschreitung des Minimum zu gefährlichen Zellverlusten führen,
die erst langsam durch verstärkte Eiweißzufuhr wieder ausgeglichen werden können,
und zwar bei Leuten mit schwacher Muskeltätigkeit außerordentlich langsam8);
der schwer arbeitende Landmann kann demnach, wenn Rubner Recht hat, die Ei-
weißreserve eher entbehren als der Städter, weil, „wie es scheint, das arbeitende
Organ mit kleinen Nahrungsüberschüssen auskommt, wo das ruhende zu wenig er-
hält“9); dadurch wird also das Konto des städtischen Eiweißbedürfnisses belastet.
Und er sieht die physiologische Nebenwirkung dieses Reserveeiweiß nicht lediglich
als günstig an: indem es die Körpertemperatur bedeutend erhöht, steigert es zwar
im kühlen Klima und bei schwacher Muskeltätigkeit das Gefühl körperlichen Be-
hagens, wird aber bei höherer Luftwärme und intensiver Muskelarbeit unbequem,
auch weil es zum Schwitzen zwingt; „nichts kann ungünstiger für eine gute Arbeits-
leistung sein, als eine übertrieben hohe Zufuhr von Eiweiß“ 10). Auch unter diesem
Gesichtspunkte erscheint der Organismus des weniger muskeltätigen Städters benach-
teiligt. Noch ungünstiger beurteilt Cohnheim11) die Wirkung reichlicher Ei-
weißnahrung.

9.	Indes der Kostwechsel in der Stadt, von dem unsere Erörterung ausging, ist
aus diesen zwei Gesichtspunkten offenbar noch nicht genügend erklärt: relativ ei-
weißreiche, wenig voluminöse Kost und Mehrbedarf an Eiweißreserve infolge schwa-
cher Muskelarbeit. Zum Beispiel der Uebergang zum Brot aus immer feinerem
Mehl hat ja mit dem kleineren Energiebedarf des Städters nichts zu tun, und der
ausnutzbare Eiweißgehalt des feinsten Weizenmehls ist kleiner als der der gleichen
Quantität des gröbsten, der des Brots aus feinstem Mehl kleiner als der einer gleichen
Gewichtsmenge Kleiebrot. Aber die bessere Ausnutzung des feinen Mehls in der

i) S. 86.	2) Ebendort.

3) S. 448.	4) Rubner 1908, S. 42.

5)	Ueber verschiedene Meinungen über den Verbleib des überschüssig genossenen Eiweiß

vgl. Hermann, Lehrbuch der Physiologie, 11. Auf). 1896, S. 232f.

6)	So in den Sitzungsberichten der Münchener Akademie, mathematisch-physikalische
Klasse, 1869, S. 495 und 525 f.

7)	Z. B. 1913, S. 72.

8)	1908, S. 118, 127.

10) S. 76 f.

s) 1913, S. 75.
“) S. 443 f.
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        ﻿

WEM



150 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 7

Verdauung weist darauf hin, daß der Verdauungsapparat nicht so wie beim Freiluft-
arbeiter funktioniert. Wir kommen damit auf die Beobachtung von Fabrikinspek-
toren zurück, daß sitzende Lebensweise, Mangel an frischer Luft und hohe Tempe-
ratur des Arbeitsraums appetitlos, verdauungsschwach und in der Kostwahl reiz-
bedürftig mache. Sie wird von R u b n e r im wesentlichen bestätigt und erweitert.
„Bei Leuten“, sagt er in seinem LehrbuchI), „welche sitzend ihre Arbeit verrichten
und sich nach vorn überbeugen, werden die Organe der Brust und des Unterleibes
gedrückt, der Pfortaderkreislauf beeinträchtigt, der geringere Verbrauch an Nah-
rungsstoffen, der Aufenthalt in der Stubenluft setzen den Appetit leicht abnorm
herab“. Und 1913 2): „Jede die Muskelarbeit ausschließende Arbeitsform hat den
Nachteil, daß die Muskelmasse von selbst abnimmt, womit sich auch die anderen Ge-
webe verändern. Auch die Verdauungsorgane sind bei einem Muskelarbeiter viel
leistungsfähiger und erstarken durch die Verarbeitung großer Kostmassen, die für
die Arbeit notwendig werden.“

Der Städter verlangt darum erstens ein Reizmittel für Appetit und Verdauung,
und zweitens ein konzentriertes animalisches eiweißreiches Nahrungsmittel auch
aus dem neuen Grunde, weil er die voluminöse vegetabilische Kost nicht gut verträgt.
Dieser erzwungene Uebergang zum animalischen Eiweiß ist aber für den Städter
nicht nur darum kostspielig, weil animalisches Eiweiß teurer ist, sondern anscheinend
auch, weil es der Zersetzung mehr unterliegt, wie vegetabilisches Eiweiß 3).

10.	Ein solches konzentriertes Eiweißnahrungsmittel, dessen Notwendigkeit
wir vorhin schon aus dem verringerten Kalorienbedarfe des Städters ableiteten,
wird aber noch aus einem dritten Grunde erfordert, auf den Rubner4) neuer-
dings nachdrücklich hinweist. Es handelt sich um eine Erscheinung, die er als
„Enteiweißung“ eines großen Teils der modernen Kost bezeichnet. Man kann viel-
leicht seine Theorie dahin erweitern, daß die moderne Ernährung und Technik der
Nahrungsmittelindustrie auf eine Isolierung der drei Nahrungsstoffe hindrängt.
Der Fettkonsum hat enorm zugenommen; die hergebrachte Brotkost z. B. wird durch
das Butterbrot und die Schmalzstulle verdrängt, und eine Reihe von Industrien ist
geschäftig, die konzentrierten Fettstoffe anzubieten. Das Fett ersetzt aber in der
Kost vermöge seines hohen spezifischen Nährwerts etwa die doppelte Menge von
Kohlehydraten, die dem städtischen Magen zu voluminös sind; und mit den Kohle-
hydraten verschwinden auch die mit ihnen in den Vegetabilien, z. B. im Brot ver-
bundenen mäßigen Eiweißmengen. In der übrigbleibenden Kohlehydratkost treten
die stark eiweißhaltigen groben Gemüse wie Leguminosen wohl wegen ihrer für den
Städter schwierigen Verdauung ebenso zurück, wie die relativ eiweißreichen groben
Brotsorten; die nahrhaften Suppen werden (sogar auf dem Lande) durch den Kaffee
und seine Surrogate verdrängt; während der Zucker, ein völlig eiweißfreier chemisch
reiner Kohlehydratstoff, mit den Fetten zusammen einen immer größeren Teil des
Kalorienbedarfs deckt. Auch die schon wegen ihrer Bequemlichkeit in der Groß-
stadt sehr beliebte Kost belegter Brötchen ist nach Rubners Feststellungen in Ber-
liner Restaurants überraschend eiweißarm. Zugleich wirkt auch der beträchtliche
Energiewert des Alkohols wie ein eiweißfreies Nahrungsmittel. So bleibt durch
eiweißhaltige Nahrungsmittel nur ein mäßiger Rest des Kalorienbedarfs zu decken
übrig, und zwingt, wenn das Eiweißminimum nicht unterschritten werden soll, zur
Auffindung eines konzentrierten Eiweißnahrungsmittels, das wenn möglich zugleich
die dringend nötige Funktion der Appetitreizung übernimmt.

11.	Diese gesuchte Größe ist (neben dem Käse) vor allem das Fleisch, das
im Mittelpunkt der großstädtischen Kost und besonders Restaurantkost steht.

i)	1903, S. 706.	2) S. 57.

3)	Vgl. S. 148, Fußnote 11. Es darf jedoch für die Kostenfrage nicht übersehen werden,
daß gemischte Nahrung etwas besser resorbiert wird, als einseitig vegetabilische (Rubner
1903, S. 474).

4)	1908, S. 34, 122 f. 1913, S. 97 f., 101 f.
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        ﻿Moderne Wandlungen der Konsumtion.

151

§ 7

Das Eiweiß, das neben einem starken Wassergehalt im magern Fleisch vorwiegt,
hat nicht mehr Nährwert als die gleiche Menge Kohlehydrate; aber es ist Eiweiß,
und daneben wird das Fleisch wohl hauptsächlich seiner vorzüglichen kulinarischen
Eigenschaften wegen vom Städter bevorzugt1). „Diese Eigenschaften sind aber
nicht etwa als ein wertloser Gaumenkitzel, sondern als objektiv bedeutungsvolle
Besonderheiten zu bewerten. Es ist ein alter Erfahrungssatz, daß durch Arbeit
der Appetit besonders gesteigert wird, und daß man dann selbst mit einfachen Nah-
rungsmitteln ohne alle besonderen Kochkünste auskommt. Der Magen eines mecha-
nischen Berufsarbeiters oder sporttreibenden Menschen verträgt nicht nur die Nah-
rung besser als ein Stubenhocker, sondern er ist auch in jeder Richtung genügsamer.
Am meisten finden wir das Streben nach einer reizvollen Kost bei Menschen mit
angestrengter geistiger Arbeit, die sich jede Muskelleistung versagen.“ Diese be-
sonderen Ansprüche des städtischen Konsumenten sind zu beachten bei Voits For-
derung: 118 g Eiweiß, und davon 35% in der Form des Fleisches.

12.	Der „Fleischreiz“ belebt nicht nur den notleidenden Appetit, sondern för-
dert durch die Extraktivstoffe des Fleisches auch die Tätigkeit der Verdauungs-
drüsen. Geistige Arbeiter nehmen gern auch scharfe Gewürze im Uebermaß hinzu,
um vom Alkohol, Kaffee und Tee nicht zu reden; während Brot und andere stärke-
mehlhaltige Nahrungsmittel auch durch den Süßreiz des Zuckers noch etwas weiter
zurückgedrängt werden. Angenommen, diese Reizmittel erreichen ihren Zweck, so
hinterlassen sie doch Nebenwirkungen2). „Es entstehen Stoffwechselkrank-
heiten, alle jene Krankheiten, die dann oft sehr langdauernde wiederholte Bäder-
kuren und ähnliches notwendig machen.“ Sowohl die Kosten dieser Kuren wie der
Ausfall an Arbeitsfähigkeit sind zu Lasten der städtischen Lebensverteuerung zu
buchen. Ebenso bedrohen die bekannten Krankheiten des chronischen Alkohol-
konsumenten gerade den Städter bei seinem weit geringeren Nahrungsumsatz in er-
höhtem Maße 3), auch wenn man das besondere Uebermaß des städtischen Alkohol-
konsums nicht in Anschlag bringt. Er trinkt mehr und verträgt weniger.

Die schweren spezifischen Krankheiten bei reichlicher Fleischnahrung beginnen,
abgesehen vom Kindesalter, mit den 30er und 40er Jahren4 *); zu ihnen zählt außer
Gicht und Rheumatismus namentlich auch die Arterienverkalkung. Die erhöhte
Sterblichkeit des Städters ist durch diese Krankheiten mitbedingt. Aber auch
die Darmverstopfung mit ihren Begleiterscheinungen (namentlich der verbreiteten
städtischen Modekrankheit: nervöse Dyspepsie und Magenhyperacidität)6) gilt als
Folge der Fleischkost, weil die unverdaulichen Zellulosebestandteile in der vege-
tabilischen Nahrung, die die Peristaltik des Darms zweckmäßig anregen, in der Fleisch-
kost knapp sind. Diesen Mangel soll der Massenkonsum der nährstoffarmen Obst-
früchte und grünen Gemüse ausgleichen; er soll zugleich dem Körper die minera-
lischen Stoffe zuführen, die in der sonstigen städtischen Kost gleichfalls knapp sind
und durch das oft weiche Wasser der städtischen Wasserleitungen 6) noch knapper
werden. „So sehen wir in der brot- und kartoffelarmen Kost des Amerikaners Obst
und Früchte eine viel größere Rolle spielen als bei uns, und die grob gemahlenen,
schlecht ausnutzbaren Bauernbrote, die als Volksnahrungsmittel zurücktreten,
halten als diätetische Kurmittel in die Kost des Wohlhabenden ihren Einzug“ 7).
Auch der immerhin starke Mehrverbrauch an Südfrüchten, den wir in der deutschen
Konsumtion vorhin fanden, findet vielleicht so als Folge der besonderen Bedürftig-
keit des Städters seine Erklärung.

') R u b n e r 1908, S. 81 f.	») Rubner 1908, S. 126, 92.

3) Rubner 1898, S. 31.	4) Ebendort S. 128.

6)	v. Noorden, Diätetische Zeit- und Streitfragen. Deutsche Revue 1909, Bd. 2,
S. 37.

') Weiches Wasser schont die Dampfkessel und soll aus diesem Grunde von manchen

Stadtverwaltungen bevorzugt werden, auch wo härteres Wasser erreichbar ist.

7)	Cohnheim S. 284.
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        ﻿152 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. §7

13.	Die Nebenwirkungen der städtischen Kost gehen noch weiter. Die zellulose-
arme Nahrung aus feinem Mehl (die schon den Kindern ihrer leichten Verdaulichkeit
wegen kurzsichtigerweise gereicht wird) verlangsamt nicht nur unmittelbar die Verdau-
ung, sondern macht auch durch mangelnde Uebung allmählich den Dickdarm träge
und leistungsunfähig1). Und nicht besser geht es den Kauwerkzeugen. Bekannt ist der
Kampf, der von zahnärztlicher Seite, namentlich von Rose2 3) und Kunerts),
gegen die Feinmehl- und Zuckernahrung geführt wird, die die Zähne nicht übt und
angreift, auch den Wuchs der Kiefer beeinträchtigen und dadurch Wucherungen
im Nasenrachenraum mit der Folge der Mundatmung begünstigen soll; bekannt ist
auch die Klage über Verschlechterung der Zähne in England infolge des starken
Weißbrot- und Zuckerkonsums4), die schnelle Verbreitung der Zahnkaries in Deutsch-
land schon im Kindesalter und besonders in den Städten und ihre Verbreitung in
andern modernen Ländern5). Schlechte Zähne verschlechtern aber wieder die Ver-
dauung. So muß, scheint es, die städtische Kost immer einseitiger und schließlich
zu einer richtigen Krankenkost werden6). Der Mensch ist bei starkem Kräfteumsatz
in frischer Landluft einfach zu ernähren, bei städtischer Lebensweise erstens teuer
und zweitens nicht leicht ohne degenerative Nebenwirkungen. Beide Posten gehören
ins Debetkonto der städtischen Existenzbedingungen7) und tragen bei, die Bedeu-
tung der steigenden Konsumtionsziffern abzuschwächen, mit denen der Industrie-
staatsbürger prunkt.

Eine gelegentlich vertretene Meinung8), daß die spezifische Bedürftigkeit des
städtischen Konsumenten vielleicht erst in der zweiten und dritten Generation zu
vollem Ausdruck kommen werde, ist angesichts dieser Degenerationsgefahr auch
für den ausreichend ernährten Städter nicht abzuweisen, wenn auch bisher nicht
bewiesen 9). Von anderer Seite wird vielmehr mit der Möglichkeit einer allmählichen
Anpassung des Körpers an städtische Existenzbedingungen gerechnet.

14.	In noch ungünstigerer Lage ist derjenige Teil der großstädtischen Bevölke-
rung, der die raffinierte Stadtkost entbehrt. Ersetzt er nicht die in der Berufstätig-
keit fehlende Muskelarbeit durch Sportübung, so unterliegt er den Gefahren der
Unterernährung. Am meisten gefährdet ist der Zuzügler vom Lande, der
bei abnehmendem Kalorienbedarfe seine gewohnte einfache ländliche Kost nur
verkleinert, und der muskelträge Städter, der aus wirtschaftlichen Gründen zu der-
selben einfachen Kost übergeht10), etwa bei rückgängigem Verdienste oder im Falle
der Fleischteuerung. Mit der unzureichenden Kost, die bei dem geschwächten Appetite
nicht einmal als solche empfunden wird, verbinden sich andere die Ernährung schädi-
gende großstädtische Einflüsse n) und so entsteht der verbreitete Typus des unter-

') v. N o o r d e n a. a. O.

2)	Zahnverderbnis und Beruf, Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde, Mai 1904,
und andere Abhandlungen in zahnärztlichen Zeitschriften.

3)	Unsere heutige falsche Ernährung. 3. Aufl. Breslau 1913, Selbstverlag. — Bekannt-

lich hält auch der Physiologe v. Bunge den Rübenzucker für ein schädliches Nahrungs-
mittel.

*) Man soll dort jetzt, um die Schädigung zu mildern, ein Brot einführen wollen, das
schmutzig weiß aussieht (Weingartz in den Sozialistischen Monatsheften 1911, S. 443).

6)	Kümmel, Die progressive Zahncaries, Archiv für soziale Gesetzgebung 1903.

6) Diese unliebsamen Nebenfolgen städtischer Kost helfen die Vegetarierbewegung ver-
stehen. Auch die englische Bewegung für japanische Diät nach den Siegen der Reis essenden
Japaner ist zu erwähnen. In Japan selbst haben dagegen die Erfahrungen des russischen
Krieges zur Einführung einer mehr gemischten Soldatennahrung geführt.

’) Selbstverständlich gilt das Gesagte nicht z. B. für städtische Transportarbeiter, die
starke Muskelarbeit zum Teil in freier Luft leisten. Man kann mitunter beobachten, daß
diese zwischen ihrer harten Arbeit eine aus trockenem Roggenbrot bestehende Mahlzeit ein-
nehmen. Unter dem Einfluß der Sitte gehen aber auch sie zu städtischer Kost über.

®) E ß 1 e n , Fieischversorgung, S. 60, und die dort zitierten Autoren.

9)	Vgl. Cohnheim, S. 284. Oben S. 146.

14) Rubner 1908, S. 114 f.

n) 1898, S. 34. 1913, S. 60. Rubner nennt ungünstige Wohnverhältnisse, die Hast
und Unruhe der Großstadt mit dem Kräfteverbrauch durch mangelnden Schlaf und Aus-
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        ﻿Moderne Wandlungen der Konsumtion.

153

§ 7

ernähi'ten Großstädters x): abgemagert, blutarm, schlaff; der Gewichtsverlust des
Körpers erstreckt sich infolge von Eiweißmangel auch auf das Protoplasma der
Zellen; zur Muskelschwäche gesellt sich Energielosigkeit, und bald auch aufreibende
Uebermüdung, weil es an Reservekräften fehlt; die Organe entarten greisenhaft;
unter den Folgewirkungen ist die mangelhafte Wärmeregulierung und die Anfälligkeit
namentlich gegenüber bakteriellen Erkrankungen hervorzuheben 2). Seuchen, die
in der dicht besiedelten Stadt ohnehin gefährlicher sind, verbreiten sich auch infolge
dieser Anfälligkeit leichter; „die Aufwendungen für Krankenpflege, Krankenhaus-
unterkunft, für Sieche und anderweitige Versorgungsbedürftige lasten schwer auf
Staat und Gemeinde“.

15.	Die Beachtung dieser Wandlungen im Nahrungsbedürfnis ist nicht nur für
die allgemeine Richtung der nationalen Wirtschaftspolitik, sondern auch für andere
wirtschaftliche Fragen wichtig. So hat man die Kost des preußischen Soldaten seit
der Mitte des 19. Jahrhunderts wiederholt verfeinern müssen, wohl infolge der zu-
nehmenden Quote von Leuten mit städtischen Ernährungsgewohnheiten. Anderer-
seits wäre es wahrscheinlich eine volkswirtschaftliche Ersparnis an Nahrungskosten,
wenn es gelänge, Werkstatt- und Freiluftarbeit in Personalunion zu verbinden.

16.	Dem unzureichenden Gebrauche großstädtischer Kostreizmittel steht ihr
Uebermaß gegenüber. Rubner3) hält mit seiner Ueberzeugung nicht zurück, daß
mit der Fleischkost der wohlhabenden Klassen ein entbehrlicher und schädlicher
Luxus getrieben werde, zum Teil aus „kosmetischen“ Gründen, im Interesse schlan-
ker Körperformen. Dieser scharf akzentuierte Fleischkultus der Oberschicht ist
nun schon durch lediglich psychologische Vermittlung nicht ohne Einfluß auf die
Wertschätzung des Fleischkonsums seitens der Menge. Schon längst war das Be-
dürfnis nach einer kostspieligen Reizkost das Charakteristikum führender Schichten,
insbesondere der akademischen Berufe gewesen 4). „Das Gebahren der wohlhabenden
Familien bringt den Fleischkultus zu Ehren und überträgt ihn dann auf weitere
Kreise“ B). „Die große Masse sieht in der Fleischkost das einzig Erstrebenswerte“6).
Nach dem früher Ausgeführten erkennen wir darin einen Anwendungsfall jener „so-
zialen Kapillarität“. Es sei dahingestellt, welche besonderen Gründe der schwächere
Fleischkonsum in Italien7) und vollends bei den ländlichen slavischen Völkern hat.
Für Deutschland meint Rubner8), daß selbst in Arbeiterkreisen der Fleischkonsum in
nicht seltenen Fällen so weit getrieben sei, daß eine Verminderung physiologisch
zweckmäßig wäre. Er meint an anderer Stelle9), daß gerade die sozial aufgestiegenen
Elemente eine Neigung haben, die charakteristischen Züge des teueren Ernährungs-
typus zunächst zu übertreiben. Und man kann verstehen, daß auf dieser psychologi-
schen Grundlage in unwirtschaftlicher Weise gerade die teueren Nahrungsmittel
zeitweise „in Mode kommen“, wie man sich ausdrückt, obgleich es sich nicht um
eine Mode handelt, sondern neben dem ehrgeizigen Motiv um einen massenpsychologi-
schen Irrtum über den Nährwert des Fleischs. Rubner10) weist darauf hin, wie

Schweifungen, die schädliche Hast auch beim Essen selbst. Natürlich treffen diese Bedingungen
der Ernährung noch weniger ausnahmslos für alle städtischen Konsumenten zu, als die Folgen
schwacher Muskeltätigkeit. Sie werden deshalb hier nur kurz erwähnt.

Noch schwerer als jedes dieser Momente dürfte in die Wagschale fallen, daß die städtische
Arbeiterfrau aus bekannten Gründen nicht gut haushält und kocht, im Industrielande Groß-
britannien noch weniger als in Deutschland und Frankreich. Auf 2 Milliarden Mark schätzt
der englische Nationalökonom Marshall die jährliche Warenvergeudung durch englische Haus-
frauen, ungerechnet die Schädigung der Verdauungsorgane durch mangelhaft zubereitete
Kost. Gerade für die in der Stadt nötige Kost fällt aber die Kochkunst besonders ins Ge-
wicht. Auch bei der Vergleichung von Nahrungsbudgets sollte man diesen gravierenden Ein-
fluß der Köchin niemals aus dem Auge lassen.

" 1908, S. 99 f., 135. 1913, S. 60.

1908, S. 102, 136, 138.	3) 1908, S. 128 f.

S. 32 f.	') S. 129.

S. 131.	7) 1913, S. 93.

S. 96.	8) S. 18.

9

9

9

*)

8)

10) 1913, S. 18.
        <pb n="55" />
        ﻿154 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum.

§ 7

auch sonst das Werturteil über Nahrungsmittel je nach der Zeitströmung geschwankt
habe, wie man z. B. zeitweise die Leguminosen als wertlos ansah. Auch an die Ueber-
schätzung des Alkohol als Kraftquelle ist zu erinnern.

Im Wege der sozialen Ansteckung, zunächst z. B. durch den Einfluß aus der
Großstadt heimkehrender ländlicher Bauarbeiter, die städtische Art angenommen
habenI), wird diese Ernährungsweise auch aufs Land verpflanzt und hat auch hier
eine weitgehende, aber physiologisch nicht begründete Aenderung der Kost angebahnt,
natürlich nur im Industriestaat.

17.	Im vorstehenden Vergleiche städtischer und ländlicher Ernährung wurde
noch nicht berücksichtigt, daß für den Städter die Nahrung im allgemeinen weniger
preiswert zur Verfügung ist. Von der Qualität verkehrswirtschaftlicher Nahrungs-
mittel war schon die Rede2). Daß der Preis von Landprodukten durch den Verkauf
in die Stadt gesteigert wird, scheint selbstverständlich, trifft aber aus mancherlei
Gründen nicht immer zu, weder bei Einfuhrwaren noch bei manchen Produkten
des Inlands. Es wurde schon gezeigt3), daß anscheinend in neuester Zeit das Preis-
niveau der Lebensmittel zwischen Großstadt und Land sich auszugleichen beginnt;
am übelsten dürfte dabei der Konsument der Mittelstadt fahren.

18.	Der empirische Beweis, daß die städtisch gewordene Bevölkerung ihren
Nahrungsbedarf heute schlechter befriedigt als die ländliche, wird mit Hilfe der Kon-
sumtionsstatistik schon darum nicht leicht zu führen sein, weil wir die unter ver-
schiedenen Existenzbedingungen erforderlichen Kostmaße nicht genügend kennen.
Unter diesem Gesichtspunkte ist Grotjahns Versuch, einen Rückgang der Ernäh-
rung für die Masse städtischer Arbeiter gegenüber der Landbevölkerung aus den Haus-
haltungszahlen zu erschließen, von K e s t n e r mit Recht kritisiert worden. Allein
dem naheliegenden Verdachte, daß die Masse der städtischen Bevölkerung ihr erhöhtes
Nahrungsbedürfnis nicht voll befriedige, steht doch die Beobachtung zur Seite, daß
der Landmann körperlich leistungsfähiger und in besserem Ernährungszustände zu
sein pflegt als der Städter. Und wenn es zutrifft, daß die Sterblichkeit wohl in der
Stadt, aber nicht auf dem Lande mit dem Wohlstände differiert4), wird sogar die
Annahme unabweislich, daß auf dem Lande nicht nur das Nahrungsbedürfnis, son-
dern die Existenzbedürfnisse überhaupt im allgemeinen so weit befriedigt sind,
wie sie den Konsumenten zum Bewußtsein kommen.

19.	Diese Beobachtung fällt aber zuungunsten der Stadt um so schwerer ins
Gewicht, als der Städter den Konsumtionsbedarf durch Einschränkung
seiner Kinderzahl niedrig hält. Bekanntlich hat der große Geburtenrückgang
der letzten Jahrzehnte in Deutschland sich ganz überwiegend in den Städten voll-
zogen, besonders in den Großstädten. War früher die Kinderzahl einer großstädti-
schen Familie mehr infolge der hohen Kindersterblichkeit niedrig, so steht sie heute
infolge des schnellen Geburtenrückgangs vielleicht noch tiefer unter der ländlichen.
Was die großstädtischen Eltern so an Arbeitskraft und an Ausgaben für Kinder sparen,
kann der Ernährung zugute kommen, und ohne diese Ersparnis an Familienlast
wäre der Mehrverbrauch des Städters gegenüber der ländlichen Familie kleiner.
Es wurde schon erwähnt, in welchem Maße eine Familie mit wachsender Kinderzahl
ihre Nahrungsausgaben pro Quet einschränkt. Bezeichnet man den Nahrungsver-
brauch der Erwachsenen in kinderloser Ehe mit der Ziffer 100, so sinkt er auf

bei	1	2	3	4	5	Kindern

(391 deutsche Familien 1907)	91,1	86,0	85,4	78,3	73,3

(1043 amerikanische Familien	1903)	90,2	80,0	71,1	62,4	54,7

Bei 5 Kindern beträgt hienach die durchschnittliche Einschränkung in Deutsch-
land gut 1/4, in den Vereinigten Staaten sogar fast die Hälfte; pro Kind in Deutsch-

1)	Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Band 54, S. 68 und 603.

2)	Oben S. 141.

3)	Oben S. 136.

4)	Westergaard und v. Bortkiewicz in Schmollers Jahrbuch 1903, 306.
        <pb n="56" />
        ﻿Moderne Wandlungen der Konsumtion.

155

§ 7

land 5,7%, in den Vereinigten Staaten 9,4% 1). Nimmt man die Beeinträchtigung
namentlich der mütterlichen Arbeitskraft hinzu, so läßt sich überschlagen, in welchem
Maße die Verkleinerung großstädtischer Familien auch nur um ein Kind den durch-
schnittlichen Verbrauch ceteris paribus gesteigert haben muß 2 3). Auch für die Beur-
teilung der modernen Verbrauchszunahme im ganzen ist dieses Mittelglied der Fami-
lienverkleinerung nicht zu übersehen. In Berlin

	standen	von je lOOOOEinw.		waren von je
		im Alter von		lOOOOEinw.
	0—15 J.	15—60 J.	über 60 J.	verheiratets)
1. Dez. 1890	2742	6733	523	4148
2.	„	1895	2664	* 6776	557	4268
1.	„	1900	2572	6828	593	4367
1.	„	1905	2464	6896	634	4462
1.	„	1910	2396	6905	697	4578

Auf je 1000 Verheiratete usw. entfielen Kinder von 0—15 Jahren:

in Berlin

1.	Dez.	1890	661

2.	„	1895	624

1.	„	1900	589

1.	„	1905	552

1.	„	1910	523

im' Reiche
879

831

Diese von vornherein in Berlin extrem niedrige Belastungsziffer ist also — durch
Rückgang der Kinderzahl und in kleinerem Umfange allerdings auch durch Vermeh-
rung der alten Leute — in 20 Jahren um mehr als 20% wei ter ermäßigt, und dement-
sprechend für den Mehrkonsum des Individuums Spielraum geschaffen worden.
Die durchschnittliche Konsumziffer des Reichs mußte schon dadurch gesteigert
werden, daß die großstädtische Bevölkerung mit ihrer niedrigen Belastungsziffer
schnell zunahm. Beachtenswert ist die enorme Vermehrung des Alkoholverbrauchs
in Frankreich4 *) in den letzten Menschenaltern zugleich mit dem Siegeszuge des
Zweikindersystems; ein Seitenstück zur heutigen Abstufung des Alkoholkonsums
in Deutschland je nach der Kinderzahl6). Man soll jedoch nicht übersehen, daß die
Verminderung der großstädtischen Kinderzahl zum Teil mit ersparter Kindersterb-
lichkeit parallel geht und insofern als Fortschritt zu begrüßen ist.

20.	Wir kehren nunmehr zu der vorhin verlassenen Frage zurück, ob die durch-
schnittliche Ernährung des deutschen Konsumenten der physiologischen Norm
entspricht. Selbstverständlich läßt sich bei unserer heutigen Kenntnis die Frage
nicht beantworten; weder ist die Statistik des Konsums genügend zuverlässig, noch
hat die Physiologie die Kostmaße der einzelnen Berufe schon ermittelt, noch kennen
wir das durchschnittliche Körpergewicht und andere für die Ernährung relevante
Eigenschaften in jeder Berufsart. Nur darum kann es sich handeln, ob schon aus den
vorhandenen Daten ein Anlaß zur Beunruhigung oder zur Befriedigung zu entneh-
men ist.

Weder das eine noch das andere trifft zu. Erinnert man sich, daß der von Lich-
tenfeit berechnete Durchschnittskonsum6) bei den Kohlehydraten und namentlich
beim Fett über Voits großstädtische Norm weit hinausging, so ist diese Ueberschrei-
tung vermutlich in erster Linie durch den erhöhten Kalorienbedarf unserer schwer
arbeitenden Landleute bedingt; es wäre auffallend, wenn sie fehlte. Auffallend ist
höchstens die einseitige Steigerung des Konsums von Fett, dem konzentriertesten

x) Nach Bauer im Handwörterbuch d. St.

2)	Speziell der städtische Fleischkonsum pro Kopf wird durch sinkende Kinderzahl doppelt
beeinflußt: erstens, weil Kinder weniger Fleisch essen, und zweitens, weil das freie Einkommen
mit sinkender Kinderzahl steigt.

3)	Mit Einrechnung der Geschiedenen, Eheverlassenen und Verwitweten.

*) A p e 11, S. 134 f.

6) Oben S. 125.

6) Eiweiß: 115 statt (Voits Norm) 118 g, Fett 90 statt 56 g, Kohlehydrate 549 statt 500 g.
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        ﻿156 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 7

Nahrungsmittel, verglichen etwa mit der viel bewunderten Kost des Japaners, die
durch ihre extreme Fettarmut und die damit verbundene Nötigung zu voluminöser
Kost vielleicht das Fettwerden verhütet; da der Japaner auch sehr wenig Fleisch
verzehrt, steht ihm freilich auch weniger animalisches Fett aus der inländischen
Produktion zur Verfügung; und andererseits ist die moderne Steigerung des Fett-
konsums in Westeuropa gewiß mit eine Folge des zunehmenden Fleischverbrauchs
und der organischen Verbundenheit von Fleisch- und Fettproduktion.

Daneben gibt das fast unmerkliche Zurückbleiben des Eiweißkonsums hinter
Voits Norm sicher zu keinem Bedenken Anlaß. Selbst wenn ein Konsum von
nur 115 g statistisch sicher wäre, würde er nichts weniger als auffällig klein
sein; die Voitsche Norm von 118 g soll ja nur für großstädtische und zwar
Münchener Fleischkonsumsitten gelten, und soll ferner eine Norm für Massen-
verpflegung sein, hinter der der Durchschnittskonsum bei individuell freier und dem
individuellen Bedarf angepaßter Kostwahl bedeutend Zurückbleiben darf; endlich
ist sie nur eine Schätzung, und geht jedenfalls über das niedrigste physiologische
Eiweißminimum um das Mehrfache hinaus. Man darf daher annehmen, daß außer
dem Eiweißminimum auch das im Sinne Rubners gemessene Eiweißbedürfnis für
den durchschnittlichen Konsumenten bei dem von Lichtenfeit ermittelten
Gesamtkonsum in vollem Maße gedeckt ist. Diese Annahme für den Durchschnitt
schließt eine Unterernährung in einzelnen Fällen oder Gruppen von Fällen, etwa
in hausindustriellen Bevölkerungsschichten, nicht aus, und vielleicht wird sich
künftig auf besserer physiologischer und statistischer Grundlage darüber etwas ermit-
teln lassen.

Auch ein moderner Physiologe wie Cohnheim1) nimmt an, daß das Eiweiß-
bedürfnis im durchschnittlichen deutschen Konsum fast überall gedeckt sei. R u b n e r
selbst hat sich neuerdings speziell über die Befriedigung des Fleischbedürfnisses
ausführlich geäußert. Nach Voits Schätzung sollen von den 118 g Eiweiß etwa 35%
in der Gestalt von Fleisch verzehrt werden. Danach wären 230 g Schlächterfleisch
= 191 g reines Fleisch für Massenkost und nach Münchener Art erforderlich. Rub-
ners 2) Rechnung, die an Eßlen anknüpft3), ergibt einen tatsächlichen Konsum
des Erwachsenen von 183 g im Durchschnitt des Reichs; für München selbst auf Grund
von Lichtenfelts Zahlen 289 g, für Berlin 259 g, also viel mehr als nötig. Dabei sind
freilich die auch nach Rubners Meinung4) für die Kostbedarfsmengen der ein-
zelnen Altersklassen nicht ganz zutreffenden Umrechnungssätze Quetelets zugrunde
gelegt. Da aber nach seiner Meinung Quetelet für den kindlichen Bedarf relativ zu
viel angesetzt hat, würden die obigen Konsumziffern des Erwachsenen sich noch
erhöhen. Andererseits hat Rubner selbst darauf hingewiesen, daß die vom Konsu-
menten gekauften Fleischmengen sich noch um die Abfälle im Haushalt verringern,
die sehr ins Gewicht fallen 5). Aber er kommt doch zu dem Schlüsse ®): „Man kann
getrost sagen, daß man auch ohne das Fleisch gesund und bei Kraft bleiben kann.
Wenn man aber behauptet, daß schon geringfügige Verminderungen der Fleischkost
unter allen Umständen eine Ernährungsunmöglichkeit und den Untergang einer
Nation heraufbeschwören können, so ist das eitles und unverständiges Gerede.“

9 a. a. O- S. 459.	2) 1913, S. 106 f.

3) Vgl. § 5.	*) S. 47.

6) S. 46: „Man weiß meistens nicht, wieviel in der Küche verloren wird, und nicht alle
Nahrungsmittel sind absolut gute Ware, daher geht manches schon in den Mülleimer, ehe es
verzehrt wird. Die Abfälle von Gemüse, Obst, auch Fleisch usw. sind wechselnd und unbe-
stimmt. Am verschiedensten sind die Abfälle bei Tisch und die Verluste durch das Aufbe-
wahren und Verderben der Speisen; erstere können zwischen 3 und 25% ausmachen; ich habe
einmal auf den enormen Fettreichtum der städtischen Sielwässer hingewiesen, die nicht we-
niger als etwa 20 g pro Kopf und Tag enthalten und zum großen Teil Küchenverluste dar-
stellen.“ Vgl. auch Rubner 1908, S. 72—73. In England und Nordamerika dürfte die
Vergeudung von Nahrungsmitteln noch größer als in Deutschland sein.

•) S. 83.
        <pb n="58" />
        ﻿Moderne Wandlungen der Konsumtion.

157

Es sei nur die zum Vorurteil erstarrte soziale Gewöhnung, die sich gegen jede Be-
schränkung eines als wichtig angesehenen Nahrungsmittels aufbäumeI).

Wir können dieser Formulierung Rubners nicht ohne Vorbehalt zustimmen.
So richtig es ist, daß mit einer noch dazu unzuverlässigen Fleischverbrauchsdurch-
schnittsziffer eine Unterernährung weder bewiesen noch in Abrede gestellt werden
kann, bleibt doch jeder Rückgang des Fleischverbrauchs in einer städtischen
Bevölkerung ein ernstes Symptom, das nach unserer früheren Ausführung die be-
ginnende Unterernährung einer städtischen Bevölkerungsschicht anzeigen kann.

21.	Daß der Städter auch in bezug auf Kleidung und Wohnung bedürftiger
ist als der Freiluftarbeiter, daß z. B. der Luftraum der Wohnung für ihn viel mehr ins
Gewicht fällt2) und daß er auch bei weitgehender Befriedigung dieser Sonderbedürf-
nisse doch auch in diesen Richtungen körperlich schlechter im Stande zu sein pflegt,
sei nur kurz bemerkt. Wir berühren damit schon das Grenzgebiet der Konsumtion
derjenigen Güter, die man als nicht wirtschaftliche anzusehen pflegt, insbesondere
der Konsumtion von Luft. Der Städter konsumiert schlechtere Luft, und ist eben
deswegen bedürftig in Beziehung auf den Wohnraum. Eine fortschreitende Ver-
schlechterung der Atemluft tritt aber ein mit dem Wachstum der Stadt, speziell
z. B. auch mit der Zunahme des Rauchs aus den Schornsteinen der Häuser und
Fabriken. Der Rauch verunreinigt erstens die Luft direkt und trägt zweitens zur
Nebelbildung bei, deren Zunahme man zahlenmäßig verfolgen kann; so gab es nach
R u b n e r 3) in London Nebel in den Monaten Dezember, Januar, Februar: 1870—75
93, 1875—80 119, 1880—85 131, 1885—90 156; so daß „der düstere, der Sonne feind-
liche Nebel sich immer mehr ausbreitet und vielleicht ein künftiges Geschlecht mit
Verderben zu bedrohen scheint“. Allein wir greifen damit über auf das Gebiet der
allgemeinen hygienischen Probleme des Stadtlebens, die unter dem Gesichtspunkte
der Konsumtion nicht erschöpfend erörtert werden können. Die zunehmende Unge-
sundheit wachsender Städte kann übrigens bekanntlich durch hygienische Reformen
wenigstens zeitweise überkompensiert werden.

Wir haben in diesem Paragraphen gesehen, wie große Aufgaben der heutigen
Produktion gestellt sind, um neben den gestiegenen sozialen Ansprüchen auch die
veränderten körperlichen Bedürfnisse der neuen großstädtischen Bevölkerungsmasse
zu befriedigen. Aber wir sahen auch, daß eben diese Kraftanstrengung auf dem
Gebiete der Produktion neue Kulturwerte schafft, die zugleich als ein Ersatz gelten
mögen für die Einbuße an ideellen Werten, die der Konsument durch die wirtschaft-
liche Entwicklung erlitten hat.

0 R u b n e r 1908, S. 132f. Rubner lehnt auch Momberts Rechnung ab, daß mit einem
täglichen Aufwande von 63 Pfg. keine ausreichende Ernährung möglich sei (1913, S. 45).

2)	Hervorgehoben schon von Rubner 1898, S. 25. Außer der geräumigen Wohnung
hat der lufthungrige Städter für sein Atmungsbedürfnis aber auch den täglichen Spaziergang,
den häufigen Ausflug ins Freie und den kostspieligen sommerlichen Landaufenthalt nötig
(Rubner S. 40 f.). Für den Großstädter tritt noch der häufige Wohnungswechsel hinzu,
als verteuernder und neben den Affektionswerten des Lebens auch die Gesundheit schädigender
Faktor: „Diese Wandersucht belastet gerade die Inhaber kleiner Wohnungen so sehr, daß
man im Durchschnitt die Ausgaben für Wohnungsänderung auf rund 10% der Miete veran-
schlagen kann. Die Behaglichkeit und Liebe zum eigenen Heim leidet darunter. Die Wan-
derung und Mischung der Bevölkerung ist aber auch von sanitärem Nachteil wegen der Krank-
heiten, die man häufig zugleich mit dem neuen Quartier acquiriert. Für die Entstehung der
Diphtherie bildet der Wohnungswechsel nicht so selten den unmittelbaren Anstoß. Eine
Wohnung ist einem abgelegten Kleidungsstück vergleichbar; es steckt mancherlei Gefähr-
liches in einer solchen abgelegten Kleidung, und mit der Wohnung und ihrem Wechsel verhält
es sich fast ebenso.“ (Rubner S. 27.)

3)	Flygienisches von Stadt und Land, 1898, S. 13, 22.
        <pb n="59" />
        ﻿158 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum.

§ 8

§ 8. Zukunftsfragen der Konsumtion.

Ueber die Zukunft der Konsumtion läßt sich natürlich nur in vagen Ver-
mutungen sprechen. Ob mit einer sozialen Hebung der Massen zu rechnen
sein wird, ob der ostasiatische, westeuropäische oder amerikanische Konsum-
tionstypus die Oberhand gewinnen wird, ob Kriege, Seuchen, Naturereignisse
die Existenzbedingungen verschlechtern oder verbessern werden, wie bald es
der chemischen Forschung gelingen mag, die natürliche Produktion der Nah-
rungs- und Bekleidungsmittel zu ergänzen: von all diesen Fragen hängt die
Wandlung des Konsumtionstypus und die Grenze der künftigen Konsumtions-
möglichkeit wie der Bevölkerungszunahme ab; andererseits würde ein starker Rück-
gang der Bevölkerungszunahme, wie er sich in den Ländern westeuropäischer Kultur
anzubahnen scheint, den Konsumtionsspielraum auskömmlicher erscheinen lassen.
Man hat öfter berechnet, daß die Fortdauer und Verallgemeinerung eines Geburten-
überschusses von jährlich 1—1%%, wie in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahr-
hunderts in vielen europäischen Staaten, bald zu einer phantastischen Bevölkerungs-
dichte führen müßte, ohne zu berücksichtigen, daß schon die Annäherung an einen
solchen Dichtigkeitsgrad hemmende Konsumtionsschwierigkeiten schaffen würde.
Die oft angekündigte Chance einer künstlichen Herstellung von Nahrungsstoffen
hat konkretere Gestalt gewonnen, seit EmilFischer 1907 in der Berliner Aka-
demie der Wissenschaften auf Grund seiner Proteinforschungen in der Darstellung
künstlicher Fermente den Weg wies, der in absehbarer Zeit die Nutzbarmachung
des Holzes für die tierische Ernährung in Aussicht stellt. Ohne diese Möglichkeit
zusätzlicher Nahrungsmengen zu berücksichtigen, hat man die maximale Ernährungs-
kraft der Erde mit sehr verschiedenen Schätzungen zu begrenzen versucht ’).

Nimmt man eine überwiegend vegetabilische Nahrung an, mit sehr wenig Nutz-
vieh und Zugvieh, so daß die Bodenfläche fast restlos unmittelbar dem menschlichen
Unterhalte dient, wie in Ostasien, und legt man vollends den mäßigen Nahrungs-
bedarf des durchschnittlich kleinen Ostasiaten zugrunde, so kommt man zu hohen
Maximalzahlen. Der englische Geograph Ravenstein berechnete 1890, daß
6 Milliarden Menschen auf der Erde leben können, der deutsche Statistiker v. Fircks
(1898) über 9 Milliarden, um von phantastischen Schätzungen bis zu 250 Milliarden
zu schweigen. Die heutige Erdbevölkerung bleibt wahrscheinlich hinter 2 Milliarden
erheblich zurück. Ballod berechnete 1912, unter Berücksichtigung der für Textil-
stoffe erforderlichen Fläche und bei der Annahme einer Steigerung der Ernten pro
Hektar auf das 1 y2—2 fache der heutigen amerikanischen Menge, entweder 6,8—7
Milliarden nach deutschem oder 22,4 Milliarden nach ostasiatischem Typus lebende
Menschen als Höchstzahl; bei gehobener Lebenshaltung wären diese Zahlen zu redu-
zieren, bei Entdeckung großer Lager von Phosphorsäure, dem für die künstliche
Düngung der Nahrungsfläche künftig knappen Bestandteil, zu erhöhen.

Daß der künftige Nahrungsbedarf auch von dem Maße der Stadtbildung und
Industrialisierung abhängt, ergibt sich aus den Ausführungen des vorigen Paragraphen.
Unter Umständen kann aber das Gesetz vom abnehmenden Bodenerträge die Mensch-
heit nötigen, wieder mehr zur landwirtschaftlichen Arbeit zurückzukehren, um dem
Boden durch arbeitsintensivste Bewirtschaftung maximale Erträge abzugewinnen;
während umgekehrt die wahrscheinlich dicht bevorstehende oder schon beginnende
Abnahme des relativen Ertrages im Bergbau geeignet ist, teils mehr Arbeitskräfte
dem Bergbau zuzuführen, teils den Verbrauch industrieller Waren und den Güter-
verkehr zu vermindern. Ballod vermutet, daß die Menschheit, um den Standard ihrer
Bedürfnisbefriedigung aufrecht zu halten, schließlich versuchen werde, sich den
subtropischen Gebieten zu akklimatisieren, die bei reichlichen Ernten eine Ersparnis

J) Vgl. zum Folgenden Ballod, Wieviel Menschen kann die Erde ernähren ? Jahr-
buch für Gesetzgebung 1912, S. 81 f.

gfea—MH—«.....
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        ﻿Konsumtionspolitik.

159

§ 9

an Brennmaterial, Bekleidung, Nahrung und Wohnungsaufwand zulassen; Weizen
und Roggen freilich gedeihen in der gemäßigten Zone besser.

§ 9. Konsumtionspolitik.

Nach alter Regel berühren wir zuletzt die Frage eines obrigkeitlichen
Einflusses auf die Konsumtion. Es wird kaum eine wirtschaftspolitische Maß-
nahme geben, die auf die Konsumtion ohne Einfluß wäre, wenn auch nur durch das
Mittelglied der Produktion. Aber an dieser Stelle des Handbuches können nur solche
obrigkeitliche Maßnahmen in Betracht kommen, die einen Einfluß dieser Art
geradezu bezwecken oder ihn doch unmittelbar üben.

Im ganzen läßt der moderne Staat den Konsumenten frei schalten. Luxusgesetze,
wie sie in älteren Jahrhunderten verbreitet waren, die noch die Unvernunft sozial
rivalisierender Konsumtionstendenzen als eine eindringende Neuerung empfanden *)
oder im Schmuckgebrauch der Edelmetalle obenein eine Schädigung des Geldumlaufs
sahen, sind aus der Mode gekommen. Der Staat verbietet oder erschwert nur noch
unsittliche Ausgaben, z. B. durch die Zensur unsittlicher Schaustellungen, mit einem
unter Umständen bedenklich weiten Arbitrium der entscheidenden Beamten, und
erschwert in eklatanten Fällen auch die unhygienische Konsumtion: durch seine
Wohnungsgesetzgebung und sonstige Sorge für gute Wohnungen, durch die Rege-
lung des Alkoholschankwesens, die mitunter bis zur Prohibition geht* 2), durch die
Nahrungsmittelpolizei3) und durch scharfe Besteuerung unhygienischer Konsum-
tionsmittel. Nur in Ausnahmefällen erstreckt sich die obrigkeitliche Fürsorge heute
noch auf ihr früheres Lieblingsgebiet, die Kleidung (Damenhüte im Theater, Hut-
nadeln in der Straßenbahn); ihr Schwergewicht ist auch nicht annähernd zu ver-
gleichen mit dem zwingenden Einfluß, den die Mode übt; höchstens daß den Staats-
dienern selbst eine Amtstracht vorgeschrieben wird. Eine Einschränkung der Pro-
duktion und Konsumtion zugleich bezwecken Maßnahmen, die im Interesse der
künftigen Konsumtion das volkswirtschaftliche Vermögen an Forsten, Kohlen-
schätzen usw. gegen Raubbau schützen wollen. Von einschneidender tatsäch-
licher Wirkung auf die Konsumtion sind diejenigen Steuern und Zölle auf Nah-
rungs- und Genußmittel wie auf Gebrauchsgüter, die ihrer Absicht nach dem fiskali-
schen oder schutzzöllnerischen Zwecke dienen. Auf sie kommt der nächste Para-
graph zurück.

Allein die obrigkeitliche Einflußnahme auf die Konsumtion beschränkt sich nicht
auf diese verbietende und ablenkende Funktion: kaufe diese Ware nicht! oder:
kaufe sie nicht vom Auslande! sondern der Staat bevormundet die Wahlfreiheit des
Konsumenten auch in positiver Richtung, überall wo das volkswirtschaftliche In-
teresse eine Produktion auch ohne selbsttätige Nachfrage der Konsumenten er-
fordert; sei es durch direktes Gebot: Schulzwang, Impfzwang, Versicherungszwang,
Alimentationszwang usw., sei es durch Subventionierung nützlicher Produktions-
zweige (wie Seefischerei), Pflege der Transportmittel4) und Gestaltung ihrer Tarife

J) Zum Teil richteten sich die Luxusordnungen direkt gegen den Auszeichnungstrieb,
indem sie gewisse Arten des Kleidungsaufwands als Standestracht einer Minderheit vorbe-
hielten.

s) Uebersicht im Reichsarbeitsblatt 1906, S. 553f.

3)	Beispiel: Reichsgesetz, betr. die Schlachtvieh- und Fleischbeschau, 1900.

4)	Der für den Konsumenten wichtigste Erfolg der modernen, großenteils staatlichen
Transportmittel, die Verhütung örtlicher Hungersnöte infolge von Mißernten (Rußland, In-
dien), wurde in früheren Generationen mitunter durch staatliche Getreidespeicher oder durch
die den Bäckern vorgeschriebenen Mehlvorräte (in Paris bis 1863) erstrebt. Heute wird die
Errichtung solcher Speicher für den Kriegsfall, und zwar nicht nur für den militärischen Be-
darf, in England und anderwärts ventiliert. In Rußland werden die Zuckerfabriken vom Staate
zum Halten eiserner Zuckervorräte für den Fall steigender Zuckerpreise genötigt.
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        ﻿160 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. §10

im Interesse mäßiger und stabiler Preise von Existenzgütern x), sei es durch eigenen
Dazwischentritt der Obrigkeit als nachfragendem Faktor: Staat oder Gemeinde be-
friedigen eigenhändig wichtige aber latente Bedürfnisse, die durch Nachfrage der
bedürftigen Konsumenten selbst nicht genügend zur Geltung gebracht werden,
entweder infolge der Enge ihres Gesichtskreises, oder wegen mangelnder Kaufkraft:
Pflege von Kunst und Wissenschaft, Wohlfahrtspflege bis zur amtlichen Speisung
von Schulkindern, Armenpflege; alles auf dem Gebiet öffentlicher Aufgaben,
das man mit dem Omnibusbegriffe des staatlichen (oder kommunalen) Kultur- und
Wohlfahrtszwecks umschreibt. Aber auch die Aufgaben des staatlichen Rechts-
und Machtzwecks sind nichts anderes, als eine bevormundende Lenkung der Nach-
frage. So können wir die Ausdehnung der staatlichen und kommunalen Tätigkeit
als eine zunehmende Verstaatlichung oder Kommunalisierung der Nachfrage be-
zeichnen. Eine positive obrigkeitliche Einflußnahme auf die Konsumtion finden
wir schließlich auch in den Wohlfahrtseinrichtungen öffentlicher Betriebe, die in der
Wohlfahrtspflege privater Arbeitgeber ihr Seitenstück finden; beide stellen zugleich
ein Stück Naturallohn dar.

Der obrigkeitlichen Konsumtionspolitik stehen als eine Art Selbsthilfe gegen die
Gefahren ungeregelter Konsumtion die Abstinenz- und Mäßigkeitsvereine zur Seite,
die gegen den Alkohol kämpfen; sie haben in germanischen Ländern mehr Anhang 2)
als in den romanischen Weinländern. Viel schwächer ist die Agitation gegen den
Tabakkonsum. Im wesentlichen der Vergangenheit gehören Vereine gegen den
Kleiderluxus an. Nicht ohne Bedeutung sind die Sittlichkeitsvereine, wenn auch
einen viel weitergehenden sittlichen Einfluß auf das ganze Gebiet der Konsumtion
die Kirche und noch intensiver die Sekte übt.

§ 10. Speziell Einfluß der Steuer auf die Konsumtion.

Wie jede Verteuerung einer Ware die Nachfrage vom Optimum der sonst mög-
lichen Befriedigung ablenkt, so auch die Verteuerung durch die Steuer, insbesondere
durch Aufwandsteuern, die einzelne Güter differenziell belasten.

Für die Wirkung der Steuer auf den Konsum ist die Zuckersteuer ein
Beispiel. Der deutsche Zuckerkonsum, in den 70er Jahren 6 kg pro Kopf, stieg bei

0 Die Verhütung starker Preisschwankungen bei wichtigen Nahrungsmitteln wurde,
abgesehen von den in der vorigen Fußnote erwähnten Maßnahmen gegen Hungersnöte und
Teuerung, und abgesehen von Brot- und Fleischtaxen, auch durch die gleitenden Qetreidezölle
erstrebt, die bei steigendem Qetreidepreis sich ermäßigen. Ueber ihre Bewährung, nament-
lich in England in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sind die Meinungen geteilt; während
unter dem Einfluß der freihändlerischen Antikornzollagitation das Urteil über sie mißgünstig
getrübt wurde, greift man neuerdings auf dieses Rezept zurück (Kühn, in Mentzel und v.
Lengerkes landwirtschaftlichem Kalender 1896. v. d. Goltz, Vorlesungen über Agrar-
wesen, 1899. Human, Der deutsch-russische Handelsvertrag, 1900. Gr ab ein, Die deut-
schen Getreidezölle der Zukunft, 1900. Krehl, Der bewegliche Getreidezoll, Greifswalder
Dissertation 1905. Henningsen, Die gleitende Skala für Getreidezölle, 1912). Das groß-
artigste Projekt für eine Stabilisierung des Getreidepreises ist die Monopolisierung der Ge-
treideeinfuhr, in Deutschland unter dem Etikett des Antrags Kanitz bekannt.

2)	ln Deutschland schneller Aufschwung (nach zeitweiligem Hochstande schon vor Jahr-
zehnten) im 20. Jahrhundert. Nach dem Reichsarbeitsblatte 1910, S. 196 stieg die Mitglieder-
zahl des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke (Mäßigkeit) 1900—1909
von 13 872 auf 34 618, des Guttemplerordens (Abstinenz) von 9237 auf 40 053 (ungerechnet
12 752 Jugendliche), des Deutschen Hauptvereins des Blauen Kreuzes (Abstinenz) von 9248
auf 35 302 (ungerechnet 6095 Jugendliche). Im ganzen waren 1909 abstinent in Deutschland
etwa 140 000 organisierte Personen (darunter 271 Mitglieder des Deutschen Bunds abstinenter
Studenten), ungerechnet die organisierten Anhänger der Mäßigkeit; nach anderer Schätzung
Anfang 1910 über 200 000 Personen. Unvergleichlich größer ist die Verbreitung der Abstinenz
in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Skandinavien, wie ja auch die Schankgesetz-
gebung des Auslands eine viel radikalere ist. Auch auf dem Höhepunkte der ersten deutschen
Mäßigkeitsbewegung, 1845, rechnete man mit viel größeren Zahlen: schätzungsweise 1 650 000
organisierte Abstinenzler und Mäßige. Vgl. die Skizze der Temperenzbewegung im Reichs-
arbeitsblatt 1906, S. 455 f.
        <pb n="62" />
        ﻿Speziell Einfluß der Steuer auf die Konsumtion.

161

§ 10

sinkendem Preise bis 1912 auf 11—12 kg. Am 1. September 1903 wurde die Reichs-
verbrauchsabgabe für 100 kg Zucker von 20 auf 14 Mark, der Zoll von 40 auf 18,8 Mk.
ermäßigt, der Kleinhandelspreis fiel von 40 auf 25 Pfg. pro kg, und der Verbrauch
stieg sprungweise von 11—12 auf 17 kg (1903/4), um auf dieser Höhe annähernd
zu bleiben. Daneben zeigt freilich die zunehmende Einbürgerung des Zuckers in
den Konsum auch eine gewisse Unabhängigkeit vom Preise.

Die umgekehrte Wirkung, die einer erhöhten Steuer auf den Konsum, kann
man am Branntweinverbrauch studieren. Die deutsche Branntwein-
steuer wurde am 1. Oktober 1909 bedeutend erhöht, bei Beginn des Betriebsjahrs
1909/10. Der Jahreskonsum pro Kopf der Bevölkerung war im Jahrfünft 1888/9
bis 1893/4 4,4—4,7 1, im Jahrfünft 1898/99—1902/3 4,3 1 Alkohol, sank 1903/4 bis
1907/8 auf 3,9 1, erreichte 1908/09 durch Vorverkauf vor der Steuer- und Zollerhöhung
scheinbar noch einmal 4,2 1 und sank in den drei folgenden Jahren auf 2,8, 3,0, 2,9 1.
Die schon vorhandene Tendenz eines Konsumrückgangs scheint durch die erhöhte
Steuer ruckweise beschleunigt worden zu sein. Im Jahre 1887 soll schon einmal
die Verteuerung des Branntweins durch die Steuer neben einer starken Verwässerung
des landläufigen Fabrikats zu einem bedeutenden Rückgänge des Verbrauchs ge-
führt haben, der sich aber nicht beziffern läßt.

Der Verbrauch von Gütern, die zum notwendigen Lebensbedarfe
gehören, wird von der Steuer natürlich weniger beeinflußt. Aber ein Einfluß, der
objektiv den Konsum wenig abzulenken vermag, kann doch subjektiv für den Kon-
sumenten um so empfindlicher sein. Das Salz bedürfnis des Körpers z. B. ist bei
sonst gegebener Ernährungsweise eine ziemlich feste Gi'öße, und seine Nichtbe-
friedigung von einer gewissen Grenze an 1) ein schwerer hygienischer Schaden; trotz-
dem soll die enorme Höhe der älteren Salzsteuern zu einer merklichen Verringerung
des Konsums geführt haben, soweit nicht der barbarische, aber für die Ernährung
und für den Fiskus heilsame Konsumtionszwang, die sog. Salzkonskription, den
Konsum hoch hielt. In England steigerte die Aufhebung der Salzsteuer den Ver-
brauch auf das Dreifache, 18 kg pro Kopf, statt 71/2—8 kg in Deutschland. Die
mehr vegetabilisch genährte Bevölkerung, also außer der ländlichen die ärmere
städtische, braucht am meisten Salz und wird durch die Steuer am meisten gefährdet.

Bei einem so viel entbehrlicheren Nahrungsmittel wie dem Fleisch ging
in Basel 1901—06 der Verbrauch pro Quet um 12% zurück, während die Preise
unter dem wesentlich mitwirkenden Einflüsse des Schweizer Fleischzolls um 12
bis 14% stiegen. „Familien mit einem Gesamtverbrauche von 3000 fr. reduzierten
den Fleischverbrauch um '/3 und gingen vielfach zu Alkoholabstinenz sowie zum
stärkeren Verbrauche von Teigwaren über“ 2).

Neben der volkswirtschaftlichen Beeinflussung des Konsums im ganzen durch
die Steuer ist von besonderem Interesse die sozial verschiedene Beein-
flussung des Haushalts von Reich und Arm. Wir berühren damit das viel erörterte
Problem der sozialen Verteilung der Steuerlast, dieses aber nicht in seinem ganzen
Umfange; uns interessiert hier hauptsächlich, wie die Last der Aufwand-
steuern verteilt ist; dagegen wie die Steuerlast im ganzen sozial wirkt, geht mehr
die Finanzwissenschaft und die Lehre der Einkommensverteilung an.

Die Aufwandsteuern, namentlich die Verbrauchssteuern, sollen bekanntlich die
breite Masse belasten, um den Druck der Erwerbssteuern, der hauptsächlich die
oberen Einkommensgruppen trifft, zu ergänzen. In welchem Umfange sie das tun,
ist aus zwei Gründen schwer festzustellen; einmal müßte man wissen, wieweit die
Steuer wirklich auf den Konsumenten überwälzt wird, und zweitens, wieviel die
Haushaltungen je nach der Einkommenshöhe und Kopfzahl von jedem Steuerobjekt
konsumieren, und eigentlich auch, wieviel sie ohne die Steuer konsumiert haben

*) Wieweit das Salz notwendiger Verbrauchsartikel, wieweit Genußmittel sei, ist strittig.
Vgl. Rubner 1903, S. 449 f.

a) Stephan Bauer, S. 144.

Sozialökonomik. II.

ll
        <pb n="63" />
        ﻿162 I. Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum.

§ 1«

würden. In ersterer Hinsicht kann selbst bei vollständiger Ueberwälzung eines Ko-
stenzusclilags auf den Konsumenten doch eine eigentümliche Verschiebung eintreten,
wie beispielsweise Lichtenfeit für Bonn nachzuweisen versucht hat, daß die Stei-
gerung des Getreidepreises nur auf den Preis des Luxusbrots überwälzt wurde,
während die Preise von Roggen- und Graubrot sanken. Oder es kann, namentlich
bei günstigen Abwanderungschancen, der lohnarbeitende Konsument die Steuer
auf seinen Arbeitgeber weiterwälzen. Zur Beantwortung der zweiten Frage war
man über die allgemeinen Wahrheiten des Engelschen und Schwabeschen Gesetzes
bis vor kurzem nicht wesentlich hinausgekommen, bis im Jahre 1895 F. J. N e u-
mann1) für 76 Haushaltungsbudgets (aus den Jahren 1872—90) die Belastung
mit Reichsverbrauchssteuern ausrechnete. 1908 hat sein Schüler G e r 1 o f f 2)
eine ähnliche Berechnung für 180 Haushaltungsbudgets gemacht, die den Jahren
1899 ff. angehören. Später sind sie von ihm auf die neuen Steuersätze von 1906
und 1909 umgerechnet worden 3). Trotz mancher Bedenken, die die Kritik4 *) gegen
die Zuverlässigkeit des Materials und die Sorgfalt seiner Verarbeitung geltend ge-
macht hat, ermöglicht auch Gerloffs Arbeit doch einen sehr schätzbaren Einblick.
Die Belastung beträgt bei einem Einkommen von

weniger als 800 M.
800—1200 M.
1200—2000 M.
2000—4000 M.
4000—10 000 M.
über 10 000 M.

nach Neumann

%

4,51—7,28

3,69—5,11

2,72—3,75

1,67—2,11

1,45—1,79

0,83—0,86

nach Gerloff 6)

%

3.56—	5,06 (6,71)

3.56—	4,96 (6,64)
2,76—3,72 (5,88)
1,70—2,34 (2,58)
0,95—1,30 (2,14)

In Gerloffs Berechnung setzt sich die Belastungsziffer aus folgenden Posten
zusammen: Steuerbelastung des Einkommens in Prozenten 6 *):

Salz Petroleum Fett, Schmalz	Fleisch ’)	Brotgetreide

Arme	0,33	0,44	0,07—0,14
Unbemittelte	0,31	0,39	0,07—0,14
Wenig Bemittelte	0,15	0,32	0,05—0,10
Bemittelte	0,07	0,28	0,03—0,06
Wohlhabende	0,03	0,07	0,02—0,04

(0,17)	0,08—0,16	(0,50)	1,14—2,28	(3,26)

(0,17)	0,12—0,248)	(0,72)	1,07—2,14	(2,90)

(0,12)	0,13—0,26	(0,83)	0,80—1,60	(2,47)

(0,07)	0,10—0,20	(0,59)	0,52—1,05	(1,46)

(0,04)	0,09—0,18	(0,56)	0,25—0,50	(0,73)

Zucker

Kaffee Tabak

Bier Branntwein

Arme

Unbemittelte
Wenig Bemittelte
Bemittelte
Wohlhabende

0,59—0,88 (0,59)
0,43—0,61 (0,43)
0,40—0,51 (0,40)
0,25—0,33 (0,25)
0,16—0,24 (0,16)

0,55	(0,78)	0,15	(0,19)	0,22	(0,88)

0,70	(1,05).	0,26	(0,33)	0,25	(1,00)

0,46	(0,63)	0,17	(0,40)	0,32	(1,28)

0,18	(0,27)	0,15	(0,31)	0,14	(0,56)

0,14	(0,20)	0,09	(0,34)	0,11(0,44)

0,07 (0,10)
0,06 (0,09)’
0,09 (0.13)
0,08 (0,12)
0,08 (0,12)

Die Spannung zwischen Mindest- und Höchstsatz der Belastung kommt im we-
sentlichen dadurch heraus, daß bei einigen Artikeln wie Brot mit der Möglichkeit
einer nur halben Ueberwälzung des Zolls gerechnet wird. In diesem Betrage wird

4) Zur Gemeindesteuerreform in Deutschland, S. 255 f. Vgl. Neumann, Die persön-
lichen Steuern vom Einkommen (1896), S. 44 f.

2)	Verbrauch und Verbrauchsbelastung kleiner und mittlerer Einkommen in Deutsch-
land um die Wende des 19. Jahrhunderts. Jahrbücher für Nationalökonomie, Bd. 35, S. 1 ff.
und S. 145 ff.

3)	Handwörterbuch der Staatswissenschaften VI3, 144.

4)	So Krüger in der Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 1910 und 1911.
Feig S. 823.

6) In Parenthese: Höchstbelastung nach dem Tarife von 1909.

*) In Parenthese die Höchstsätze nach dem Tarif von 1909. Da die Verbrauchszahlen
unter der Voraussetzung des alten Tarifs zugrunde gelegt sind, haben diese Ziffern nur eine
fiktive, aber gerade für die Frage der Konsumablenkung interessante Bedeutung.

’) In der ersten Tabelle ist der Fleischzoll nicht berücksichtigt, weil bei Neumann dieser
Posten fehlt.

*) Nach Krüger berichtigt.
        <pb n="64" />
        ﻿Speziell Einfluß der Steuer auf die Konsumtion.

163

natürlich auch die konkurrierende inländische Ware verteuert, obwohl sie steuer-
frei ist; diese Verteuerung ist zur Steuerlast gerechnet.

Die Tabelle zeigt, in wieviel stärkerem Maße das Budget der niederen Einkom-
mensstufen belastet wird; eine entsprechend stärkere Ablenkung des Konsums
der belasteten Artikel ist anzunehmen. Wo der Konsum eines versteuerten und ver-
teuerten Artikels eingeschränkt wird, muß gleichzeitig das physiologische Bedürfnis
durch ein Surrogat befriedigt werden, z. B. durch vermehrten Kartoffelkonsum bei
Verteuerung des Brots. Wo wie beim Salz der Konsum nicht leicht einzuschränken
ist, wird wenigstens jedes Korn um so sorgfältiger verwendet, während im wohl-
habenden Haushalte die achtlose Vergeudung nicht unbeträchtlich sein dürfte; und
es muß die Mehrausgabe für Salz bei andern Artikeln wieder eingespart werden.
Es besteht ja überhaupt bei gegebenem Einkommen eine gewisse gegenseitige Be-
dingtheit zwischen allen Ausgabeposten; der Verteuerung an einer Stelle muß eine
Ersparnis an anderer entsprechen. Auf den oberen Einkommensstufen, die durch
Erwerbssteuern belastet sind, kommt diese Bedingtheit auch darin zum Ausdruck,
daß auch um diesen Betrag der Erwerbssteuern die andern Ausgabeposten gekürzt
werden müssen. Wenn bei den entbehrlicheren Steuerobjekten der Verbrauch grö-
ßer gewesen sein würde ohne die Steuer, so wird der Rückgang des Verbrauchs den
Preis gedrückt und die Ueberwälzung der Steuer beeinträchtigt haben. Immerhin
ist Laspeyres *) der Nachweis gelungen, daß die Aufhebung der preußischen Mahl-
und Schlachtsteuer 1873 dem Konsumenten in vollem Umfange zugute gekommen
sei, woraus folgt, daß die Steuer, solange sie bestand, wahrscheinlich vom Konsu-
menten in vollem Umfange getragen wurde.

Da wir wissen, daß mit der Kopfzahl der Familie die Quote der Nahrungsaus-
gabe im Budget steigt, so müssen wir leider annehmen, daß ebenso wie die armen
auch die kinderreichen Familien von den Verbrauchssteuern vorzugsweise getroffen
und in ihrer Ernährung gefährdet werden.

Die Tabelle zeigt zweitens, daß die Steuerbelastung auf den mittleren Ein-
kommensstufen zwischen den beiden Erhebungszeiträumen annähernd gleich ge-
blieben zu sein scheint. Der scheinbare Rückgang der Belastung auf der obersten
und untersten Stufe läßt bei der unvollkommenen Vergleichbarkeit beider Erhe-
bungen keine sicheren Schlüsse zu. Wohl aber würde der Vergleich einzelner Ver-
brauchsobjekte, wie Zucker und Kaffee, wenn der Raum die Wiedergabe der de-
taillierten Tabelle Neumanns erlaubte, eine zunehmende Mehrbelastung der unteren
Klassen zeigen, die teilweise wenigstens sich wohl aus der Verbilligung dieser Ar-
tikel erklärt; die Verbilligung hat vorzugsweise auf den unteren Stufen den Kon-
sum (und damit die Steuerlast) gesteigert, während auf den oberen Stufen man sich
dem Sättigungspunkt schon näherte. Beim Petroleum läßt der starke Verbrauchs-
rückgang auf der obersten Stufe (von 205 auf 41 kg) den Einfluß von Gas- und elek-
trischer Beleuchtung erkennen. Der beträchtliche Rückgang des Kaffeekonsums
auf den oberen Stufen deutet auf Zunahme des Tee- und Kakaokonsums, vielleicht
auch des Surrogatenkonsums hin. Der Rückgang des Salz- und Zuckerkonsums auf den
oberen Stufen läßt angesichts der allgemeinen Verbrauchsstatistik auf zunehmenden
indirekten Verbrauch dieser Artikel in Suppenwürzen, Konserven und andern Prä-
paraten schließen. Dagegen zeigt der Branntweinverbrauch auch auf den unteren
Stufen einen starken Rückgang, dem eine beträchtliche Vermehrung des Bierver-
brauchs entspricht. So gibt diese Belastungsstatistik zugleich einen Einblick in Be-
darfsverschiebungen, die mit der Steuer nicht Zusammenhängen.

Es steht da in, ob auch bei den hier zugrunde hegenden Wirtschaftsrechnungen
die Familien der unteren Einkommensstufen die kinderärmeren sind, so daß ihre
Mehrbelastung bei gleicher Kinderzahl als noch schwerer erscheinen müßte.

Noch nicht angerechnet ist in den obigen Tabellen die Belastung des Haushalts

0 Finanzarchiv 1901.

11*
        <pb n="65" />
        ﻿164 I- Buch B III: K. Oldenberg, Wirtschaft, Bedarf u. Konsum. § 10

mit kommunalen und einzelstaatlichen Verbrauchsabgaben. Die
hauptsächlich in Süddeutschland und Sachsen verbreitet gewesenen kommunalen
Nahrungsmittelsteuern sind seit 1910 von Reichs wegen verboten; es bleiben aber
noch die staatlichen Fleischsteuern, hauptsächlich in Sachsen und Baden, die Ueber-
schüsse der kommunalen Schlachthausgebühren und die staatlichen und kommunalen
Getränkesteuern.

Wenn in Staaten mit hohen Nahrungssteuern die Belastung des Existenzbedarfs
eine stärkere ist, so bleibt es doch mißlich, diese internationale Belastungsdifferenz
zu beziffern; gelingt es wirklich, die Nahrungsmittelpreise gleicher Qualitäten für
zwei Länder zu vergleichen, so bleibt der Zweifel, ob die Preisdifferenz nicht andere
Gründe hat, und ob nicht Unterschiede in den Konsumgewohnheiten die Rechnung
umstoßen.

Aufgabe der Steuerpolitik ist tunlichste Entlastung des Konsums
von Existenzgütern, in erster Linie Beseitigung der steuertechnisch bequemen, aber
unbilligen und in Deutschland noch dazu unverhältnismäßig hohen Salzsteuer. Lei-
der sprechen bei den landwirtschaftlichen Zöllen, die gleichfalls den Existenzbedarf
treffen, noch vorläufig andere Gründe für die Beibehaltung, darunter vor allen das
Interesse der künftigen Konsumtion und der Konsumtion im Kriegsfall, deren
Gefährdung den Ausgang des Krieges entscheiden kann. Dagegen verdienen stärkere
Steuerbelastung unhygiensiche Genußmittel, deren Steuerfähigkeit im Auslande
schon jetzt viel mehr ausgenutzt wird, und, soweit es steuertechnisch angeht, Gegen-
stände der Rivalitätskonsumtion. Im letzteren Falle lenkt übrigens die Steuer den
Konsum nicht notwendig ab, sondern kann ihn sogar anziehen. So heißt es von der
Pudersteuer, die bis 1869 in England bestand, daß gerade der notorisch erhöhte Preis
die Nachfrage demonstrationssüchtiger Konsumenten angeregt habe. Die Volks-
wirtschaft kann nur gewinnen, wenn solche Geldopfer, die nun einmal der sozialen
Rivalität gebracht werden müssen, wenigstens dem Fiskus zu gute kommen, ohne
die Volkswirtschaft mit zusätzlichen Produktionskosten zu belasten. In ähnlichem
Sinne kann aber auch die Veranlagung namentlich der Klassen- und Ein-
kommensteuer volkswirtschaftlich sparsam in großem Maßstabe wirken, wenn sie
der alten Regel folgt, neben den direkten Indizien der Einkommenshöhe auch das
indirekte Symptom der offenkundigen Lebenshaltung heranzuziehen; eine mehr
und mehr antiquierte Veranlagungsmethode, die aber doch seit Generationen dem
Bewußtsein des Steuerzahlers sich so tief eingeprägt hat, daß sie die Steigerung der
Lebenshaltung wesentlich gehemmt und die Spartätigkeit gestärkt haben wird.
Umgekehrt muß jede Vermögens- und vollends Vermögenszuwachssteuer die Kon-
sumtion der wohlhabenden Schicht steigern, ihre Spartätigkeit hemmen; der Ent-
schluß zu jeder größeren Ausgabe wird durch die Hoffnung erleichtert, dem Fiskus
ein Stück Zuwachssteuer zu entziehen, und die verminderte Spartätigkeit kann durch
Steigerung des Zinsfußes und Druck auf den Kurs der Staatsanleihen den Fiskus
schädigen.
        <pb n="66" />
        ﻿382

Register.

A.

Abbe, E. 169; 195
Abfallverwertung 280 ; 282;
312

Abhängigkeit, direkte 5
—, indirekte 6
Abstinenzvereine 160
Abstumpfung 118
Abwanderung 62
Ackerbau 62
—, Entstehung des 229
Aesthesiometer 175
Agglomeration der Bevölke-
rung 54
Agrarstaat 67
Alkoholkonsum 124
Alkoholkonsumenten 151
Alter der Heiratenden 38
—, produktives 59
Altersaufbau 52; 58
Ammon, O. 195
Andree, K. 2; 3
Anerkennungstrieb 112
Anpassung 191
Anwendungsbereich eines
Fortschritts 337
Arbeit als Unlust 171
—, angelernte 193
—, auf primitiver Entwick-
lungsstufe 178
—, ausführende 195
—, Begriff der 170
—, geistige 169
—, gelernte 193; 194
— im Zunfthandwerk 184
—, industriell-kommerzielle
192

—, landwirtschaftliche 192
—, leitende 195
—, mechanische 166
—, objektive 170; 175; 180
—, produktive 196
—, Produktivität der 301
—, Reduktion der, auf nur
noch auslösende Verrich-
tungen 270
—, schöpferische 195
—, Spaltung der mechani-
sierten 298

Register.

Arbeit, Stellung der Antike
zur 182

—, Stellung des vorrefor-
matorischen Christentums
zur 182

—, subjektive 171; 175; 180
—, ungelernte 193; 194
—, unproduktive 196
—, Verschmelzung der be-
dienenden 299
—, wirtschaftliche 169
Arbeiten „um Gottes willen“
183

Arbeiter, angelernte, 189;
194

—, ungelernte 189
Arbeitserleichterung, subjek-
tive 191

Arbeitsfreude 172; 198
Arbeitsgelegenheit 85
Arbeitsgemeinschaft 198
Arbeitsgesänge 178; 179
Arbeitskräfte, Hierarchie der
194

Arbeitsmaschine 190
Arbeitsökonomie 197
—, ethische 198
Arbeitsresultate zur Messung
der Arbeit 175
Arbeitstechnik 181
Arbeitsteilung 68; 178; 183;
188.

—	innerhalb des Betriebs 289
Arbeitstrieb 198
Arbeitsverschiebung 190
Arbeitswechsel 190
Arbeitszerlegung 187
Aristoteles 34
„Arrangieren“ 283

Ashley 182; 186
Auffassung, kausale 4

—	teleologische 4
Aufklärung 114
Aufwand, Arten des 304
—, Begriff des 210
Augustinus 182
Auslese 90; 94; 198
Ausschaltung ungelernter Ar-
beiter 189

Auswanderer 65

Auswanderung 50; 67
Auszeichnungstrieb 112; 114
„Automatisieren“ 271
Automatisierung der Maschi-
nen 189

B.

Ballod 124; 126; 128; 129;

136; 142; 158
Banause 182	*

Bartholomew 20
Bastiat 104

Baukunst, romanische 185
Baumaterial 13
Bauwesen, Industrialisierung
des 255

Becher, J. J. 197
Begabungen 196
Bemessung mittelst des Geld-
lohnes 177
Bergbau 14
Berghaus 30

Berieselung, künstliche 19
Bernstein, E. 193
Bernward, Bischof von Hil-
desheim 183
Beruf 185

Berufe, einzelne 197
Berufsabteilungen 47
Berufsbildung 179
Berufsfreude 185; 191
Berufsgliederung 54
Berufsspaltung 184
Berufsstolz 185
Berufstechnik 247
Berufsverteilung 54
Berufswahl 42; 81; 198
Betrieb, Ausgestaltung des
309

—, Durchbildung des 311
—, Ergänzung des 312
—, optimale Gestaltung des
326

—, Theorie des 288
Bevölkerung, Dichte der 34;
66

Bevölkerungskapazität 45;
66; 73
        <pb n="67" />
        ﻿Bevölkerungspolitik 34; 62
Bevölkerungsproblem 34; 73
—, qualitatives 87; 89
—, quantitatives 72
Bevölkerungsstatistik 34; 35
Bevölkerungswechsel 57
Bielfeld 69
Binnenschiffahrt 19
Binnenwanderung 50; 60
Block, M. 105; 110
Boden als Fundstätte 351
— als Tragfläche 351
—, Milderung unserer Ab-
hängigkeit vom 351
Bodenbeschaffenheit 14
Bodenertrag 45; 66; 71; 77.

352 s. a. Gesetz
Bodengestaltung 10
—, Einfluß der, auf den Ver-
kehr 11.

Bodenpreise 51
v. Böhm-Bawerk 169; 171;
174.

Botero, G. 35.
Branntweinverbrauch 161 ;
163.

Brauchbarkeit, wirtschaft-
liche, eines Volkes 101.
Brentano, Lujo, 105; 113;

121; 122; 123; 143; 182
Brückner 3
Brunhe 3
Buchan 20
Buchdruck 240
Buckle 3

Bücher, K. 116; 169; 178;
180; 182; 184; 186; 190;
191

Burckhardt, J. 180; 182

C.

Calwer 136

Charakter, künstlerischer, der
Stoffveredlung 178
—, topographischer, der Ge-
wässer 17
Chinesen 98
Chisholm 3
Cohen, A. 169
Cohn 169

Cohnheim 105; 126; 140;

146;149;151;156
Culloch, Mc. 70

D.

Dampfmaschine 250
Darwin 90
Davis-Rühl 10
Deckert, E. 3
Degeneration 89
Detailhandel 193
Diehl 188
Diels 25

Register.

Dienstbotenberuf 193
Dietzel, H. 171; 192
Doren, A. 184
Dreifelderwirtschaft 63
Drude 25
Ducpetiaux 130
Dühring 104
Dürkheim 178

E.

Eckert 3
Edelmetalle 14
Edelsteine 14
Ehedauer 60
Eheschließungen 37; 61
Ehrenberg, H. 188; 193
Eigenproduktion 182
Eigentums- und Besitzver-
teilung 94
Eigenwirtschaft 139
Einsparungskraft eines Fort-
schritts 336

Einsparungsrate, erstentgan-
gene 325

Eis des Meeres 30
Eisenbahn 253
Eisen, Gewinnung und Bear-
beitung des 243
— —, Fortschritt darin 251
Eisner 166
Eiszeit 23

Eiweißminimum 147
Energetik 166
Engel, E. 130
Engelsches Gesetz 131
Engels, Fr. 188
Engler, A. 25
Entartung 89

Entwicklung, geographische 7
Erdbeben 12
Erdteile 7
Erfindung 333
Ergang 188
Ermüdung 167; 175
Ermüdungsgrad 175
Ernterertrag 64
Erntestatistik 127
Erschöpfung 167
Ersparnis 109; 114
Erwerbsarbeit der Frau 43
Erwerbstätigkeit eines Volkes
5; 7

Erwerbstrieb 113
Eßlen 126; 128; 129; 152
Ethik, calvinistisch-puritani-
sche 186

Existenzminimum 84
Exportmenge 37

F.

Fabrik 299
Fabriklehrlinge 194
Fabriksprache 196

383

Fachwerkarchitektur 186
Fähigkeiten, Vergleich der
wirtschaftlichen, in den ein-
zelnen Rassen 98
Familienstand 38
Fauna 29

Feld-Graswirtschaft 63
Fer6 166
Feuerwaffe 240
Fichte 172

Filiation der technischen
Probleme 345
Fischer, E. 158
Fischerei 31

Fleischkonsum 127; 150; 155;
156

Fleischverbrauch 161
Flora 28
Flußnetze 16
Form der Küsten 9
Fortpflanzung 83
Fortpflanzungsfähigkeit 39
Fortschritt 251; 336; 338;

339; 341; 342; 365; 380
—, technischer 188; 374; 376
—, wirtschaftlicher 68
Fortschritte 184
—, kapitalsparende bzw. zeh-
rende 357

—, der Landwirtschaft 254.
—, materialtechnische 365
—, produktionstechnische358,
359, 360, 361, 363
—, transporttechnische 364
Fortschrittlichkeit der mo-
dernen Technik 246; 345;
381

„forzierter“ Betrieb 315; 317
Francotte 182
Friedrich 3
Fruchtbarkeit 81
—, eheliche 39
Fundstätte, Boden als 351

0.

Gaswechsel 176
Gebärfähigkeit 40
Gebrauchswert 104
Gebundenheit des ländlichen
Besitzes 51
Geburten 38; 57
Geburtenrückgang 154
Geburtenüberschuß 54; 57;
80; 89

Gedeihfläche, Boden als 351
Gerloff 162

Geschlechtskrankheiten 40
Geschlechtstrieb 39
Geschlechtsverkehr 83
Gesellschaftsarbeit 176
Gesellschaftsklassen, einzelne
197

Gesetz vom abnehmenden
Bodenertrag 45; 66; 71;
77; 352
        <pb n="68" />
        ﻿384

Register.

Gesetz, vom steigenden Er-
trag 66; 71
—, Schwabesches 132
Gestaltung, rhythmische, der
Arbeitsbewegungen 179
Gesteine 13
Getreidepreise 37
Getreidezölle, geltende 160
Gewässer, Bedeutung der, für
den Verkehr 19
Gioja 73
Girard 182
Gleichtakte 179
Gliederung des Festlandes 7
Göhre 186
Goldmark 166
Gossen 105; 123; 171
Gotik 185

von Gottl-Ottlilienfeld 169
Gräbner 25

Grenzen, seitliche, des tech-
nischen Fortschritts 372
Grenznutzen 110
Griesbach, A. 25
Großbetrieb 42, 303
Großgrundbesitz 51
Großstädte 49
Großtechnik, antike 235
—, moderne 253
Grotjahn 105; 139; 142; 143;
154

Grünberg 180
Grundbesitzverteilung 50
Grundherrschaften 63
Grundrente 72
Grundrentenlehre 71
Güterverkehr 37
Güterverteilung 69, 70
Gurewitsch, B. 178

H.

Habitus der Tiere 29
Häfen 10
Hahn, E. 178
—, F. 3

Handarbeit, Ausschaltung der
354

Handarbeiter 188
Handelsbilanz 34; 78; 79
Handwerk 42
— als Lehen 185
Handwerker 189
Handwerkertechnik 232
Handwerkslehre 194
Hann 3; 20
Harms, B. 169
Harnack, A. 192
Haushaltsrechnungen 130
Heeren 2
Heilprin 29
Heiraten 84
Heiratsalter 37; 59, 83
Heiratsziffer, spezielle 38
Held 188
Hellpach, W. 24

Hemmungen des technischen
Fortschritts 376
Herbertson 20
Herder 2

Herkner 169; 188; 192; 193
Hettner 3, 21

Hierarchie der Arbeitskräfte
194

Hindhede 118; 143; 147; 148
Hippokrates 2
Hobson, J. A. 188; 197
Hochofen 243
Hoffmann, J. G. 49
von Humboldt, A. 2
Hygiene 46

I, J-

Jacobi 29
jevons 104; 171
Imbert 166

Industrialismus, moderner
196

Industrieexportstaat 79
Industriestaat 66; 67; 76; 77
Industriestaaten 69
„Intensivieren“ 265
von Justi, J. H. G. 35

K.

Kämmerer 188, 190
Kampf ums Dasein 62; 81;
94

Kapitalbildung 71
Kapitalgüter 71
Kapitalsklemme, Ueberwin-
dung der 356
Kapp 2

Kaufkraft des Geldes 135
Kaup 192
Kausalität 4
—, chemische 4
—, physikalische 4
—, physiologische 4
—, psychische 5
Kinderarbeit 43
Kirche, katholische 43
Kirchhoff 3
Klassenbildung 94.

—, soziale 90
Klassenhaß 191
Kleinhandel 42.

Klima 20.

—, kontinentales 22
—, ozeanisches 22
—, psychologische Wirkung
des 24

—, Veränderungen des 23
Klimate, außertropische 22
—, tropische 21
Klöster 182; 183
Klosterwerkstätten 183
Kobelt 29
Koppen 20, 21

Kohl 2

Kohlenbergbau 14
Kolonien 78
„Kombinieren“ 279
Kompaß 241

„Kompensation“ im Fort-
schritt 342

„komplementäre“ Fort-
schritte 342
Konjunktur 37
— und technischer Fort-
schritt 380
„Konsolidieren“ 270
Konsumtion 104
Konsumtionspolitik 159
Kontinente 7
„Kontinuisieren“ 273
„Kontinuität“ im Fortschritt
341

Kontordienst 193
„Kontrakonkurrenz“ imFort-
schritt 342
„Konzentrieren“ 276
Kossel, A. 148
Kostengüter 196
Kraepelin 166
Kraft, M. 169; 195; 197
Kraftmaschine 190
Krümmel, O. 30
Kulturpflanzen 28
Kundenproduktion 187
Küsten 9
—, Lage der 9
Küstentypen 9

L.

Land 7

Landarbeitermangel 45
Landflucht 193
Landwirtschaft, Fortschritte
der 254
Lange 180
Lapparent 10
Laspeyres 163
Lebensdauer 47
—, mittlere 58
Lebenserwartung, mittlere 58
Lebenshaltung 74; 84
Lebenskosten 42
Lebensmitteleinfuhr 65
Lebensnot, Grundverhältnis
der 206
Leclaire 195
Lehmann, A. 169; 176
Leistungsfähigkeit, kunstge-
werbliche 187
Leonardo da Vinci 242
Le Play 130; 139
Levasseur, E. 182; 184; 186;
188

Levenstein 188
Lexis 115

„Lex Julia et Papia Pop-
paea“ 34
Lief mann 196
        <pb n="69" />
        ﻿Lockmittel des Völkerver-
kehrs 14
Lohnfonds 70
Lohnfondstheorie 70
Lohntheorien 69; 70; 73
Lotmar, P. 197
Luxus 115

M.

Malthus 35; 69; 70; 73;
76; 82

Malthusianismus, propheti-
scher 73

Manufaktur 186; 290; 298
Martonne 3

Marx 85; 174; 186; 188
Maschine, Begriff der 291
—, Sinn der 292
—, Verhältnis der, zur Pro-
duktion 296
Maschinenwesen 191
Maschinenzeitalter 188
Mäßigkeitsvereine 160
Materialbasis, Aenderungen in
der 369

Materialeinholung 371
Materialverschiebung durch
, den Fortschritt 365
mechanisches Erfinden, Fä-
higkeit des 242
„Mechanisieren“ 271
Mechanisierung der ganzen
Material- und Lastenbewe-
gung 189
Meer 30

—, Wirkungen des 8
Merkantilisierung 142
Merkantilismus 34; 69
Merkantilisten 196
Messungsmöglichkeiten der
Arbeit 174
Metalltechnik 232
Methoden, exakte, zur Er-
mittlung der Ermüdung
176

Meyer, Ed. 180
Militärtauglichkeit 90
Mill, James, 70
Mineralien 14
Minerallagerstätten 13
Mittelmeere 7
Mode 115

Moment, religiöses 43
Mönch, Theophilus, 183
Montesquieu 2; 3; 5
Möser, Justus 35
Mosso 166; 175
Moszkowski 178
Motiv 4

„Mutation“ im Fortschritt
341

N.

Nahrungsmittelproduktion

64; 65

Sozialökonomik. II.

Register.

Nahrungsspielraum 62; 66;
73; 82

Nationaleinkommen 60; 78
Nationalvermögen 60
Natureinflüsse 6
Naturumgebung, unmittel-
bare 5
Neger 99

Neumann, F. J. 162
-, K. 2
Neurath, O. 182
„Normalisieren“ 272

0.

Obergrenzen des technischen
Fortschritts 374
Ordnung, gesellschaftliche 33
Organische Schranken der
menschlichen Wirkungs-
macht 349
Ostwald 176
Owen 195
Ozeane 7

P.

Passivität der Handelsbilanz
78

Patten 105; 111; 120; 171
Penck 10
Perthes 30
Peschei 2

Petroleumverbrauch 127; 163
Pflanzenwelt 25
Pflichtbewußtsein 198
von Philippovich 196
Phiüppson 3
Physiokraten 196
Physiologische Grundlagen
der körperlichen Arbeit 166
Ploetz, A. 197
Pohle 132; 134; 135
Prinzip, ökonomisches 58
—, wirtschaftliches 210
Prinzipien, betriebsgestalten-
de 287

—, der technischen Vernunft
261

—, theoretische, der Technik
258

Problemstellung, Arten der
technischen 218.
Produktion 68; 209
—, Ausmerzung des Zufälli-
gen aus der 349
—, Fortschritte im Sinne der
Ergänzung der 358
—, Fortschritte im Sinne der
Erleichterung der 361
—, Fortschritte im Sinne der
Kräftigung der 359
.—, Fortschritte im Sinne der
Verbesserung der 360
—, gewerbliche 69

385

Produktion, rationelle Gestal-
tung der 261

—, technischer Ausbau der
338

—, Umordnung der 247
Produktionsprozeß, kapitali-
stischer 41

Produktionsweise, sozialisti-
sche 191; 198
Produktivität 196; 221
— der Arbeit 71
—, privatwirtschaftliche 196
Proportion 197

Q.

Qualitäten, geringe wirt-
schaftliche 99
Quesnay 173
Quetelet 134; 156

R.

„Raffinieren“ 266.

Ranke, J. 183
Rasse 90; 98
Rassenbiologie 89
Rassengefährdung 89
Rathenau, W. 195
Rationalisierung des Ablaufs
eines Produktionsvorgan-
ges 265

— des Verlaufs der Produk-
tion 287

Rationalität, erwerbsmäßige
223

—, technische 220
—, wirtschaftliche 219
Ratzel 2; 3; 5
Ratzinger, G. 182, 184
Reallohn 72
Reclus 2; 3

Reinhold, K- Th. 169; 188
Rentabilität 196; 223
„Resultantenbildung“ im
Fortschritt 341
Reuleaux 188
Ricardo 70; 71
Richthofen 2; 3; 10
Riehl, W. H. 169
von Rieppel 193
Ritter, K. 2; 3; 4
Rodungen 63
Rohstoffproduktion 77
Roscher 170
Roth 166

Rubner 105; 120; 122; 127;
128; 141; 143; 145; 146;
147; 149; 150; 153; 156;
157; 166

Rückgang der Fruchtbarkeit
93

Rückwanderung 50
Rümelin 49
Ruskin, J. 184
25
        <pb n="70" />
        ﻿386

Register.

S.

Säuglingssterblichkeit 47; 59;
93

Salz, A., 169; 171; 174
Salzkonsum 163
Salzverbrauch 126; 161
Sammelwirtschaft 62.

Satz vom wachsenden Nut-
zen der Betriebsanlage 316

—	von der abnehmenden
Zinslast des Betriebes 318

—	von den auftauchenden
Möglichkeiten besserer An-
ordnung 307

—	von der fallenden Quote
304

—	von der steigenden Wich-
tigkeit des Kleinen 309

Say 104; 107
Schimper, W. 25
Schloß-Bernhard 175
Schlüter 3

von Schmoller 113; 114; 169;

178; 180; 184; 186
Schnapper-Arndt 130; 138
Schnellbetrieb 313
Schnellschneidstahl 190
Schönberg 184
Schott 30

Schreiberarbeit 193
von Schubert-Soldern 169
Schüler 144

von Schulze-Gaevernitz 188
Schurtz 178; 179
Seeschiffahrt 30
Selektion 90.

Senior 70
Sering 192
Sexualproportion 54
Shadwell 188
Shield, Nicholson, J. 169
Sievers 3

„Simplifizieren“ 265
Sinzheimer, L. 188
Sismondi 84; 188
Sklavenarbeit 180
Smith, A. 69;	104;	169;

174

Sombart 104; 107; 114; 115;
118; 142; 182; 184; 188;
195

Sommerlad 182
Sonnenfels 69
Spartätigkeit 164
Spencer 39
Stadtleben 143
Stammestechnik 231
Stand 185
Standesehre 191
Standort 353

Stand und Gliederung der
Bevölkerung 51
Steigerungen der persönlichen
Arbeitsleistungen 191
von Stein, Lorenz 36
Steinhausen, G. 182

Stephenson, George 253
Sterbetafel 59
Sterblichkeit 46; 57; 80
—, in Stadt und Land 91
Steuer 163
Steuerpolitik 164
Stieda 184; 186
Stilmuster, volkstümliche
180

Strabo 2
Strömungen 30
Stuhlmann, F. 178
Sueß 10
Supan 3

T.

Tabakkonsum 127
Tauglichkeit 92
Tauglichkeitsziffer 93
Taylor-System 351
Technik 68
—, Arten der 205
—, Begriff der 204
—, Entwicklung der 331
—, gewerbliche 184
—, Grundgedanke der 208
Technischer Fortschritt, Be-
griff des 332
—, Grenzen des 372
—, leitende Gedanken des
348

—, Maß des 335
—, praktische Aufgaben des
358

—, technologische Zusam-
menhänge im 341
—, und wirtschaftliche Ent-
wicklung 346
—, Wertstufen des 333
—, wirtschaftliche Rezep-
tion des 338

—, wirtschaftliche Zusam-
menhänge im 342
Technischer Wille 260; 350
Technisches Wirken 213
Technische Wissenschaften
259; 345

Technologischer Fortschritt
334

Teuerung 78; 81
Textilgewerbe, Industriali-
sierung der 248
Tierwelt 29

Tragfläche, Boden als 351
Tragweite, technische eines
Fortschritts 338
—, wirtschaftliche eines Fort-
schritts 339
Treves 166
Trinkwasser 18
Troeltsch, E. 182
Trouesart 29
Typen, genetische 4
„Typisieren“ 272

U.

Uebertragung 5
Uebervölkerung 34; 72; 73
Uebervölkerungsgefahr 73
Uebung 168

Unabhängigkeit, anscheinen-
de, von der Natur 6
„Unifizieren“ 275
Unternehmergewinn 72
Unternehmung 222
Untervölkerung 34; 73
Urtechnik 226

V.

Vegetation 26
Veraguth, O. 176
Verbrauch 68

Vereinigungen, gesellige, bei
der Arbeit 179
Verkehrswirtschaft 139; 141;
142

Verlagssystem 186
Vernunftprinzip der Technik
210; 258

Verteilung der Geschlechter
53

— des Festlandes 7
Viehzucht 62
Vierkandt, A. 178
Volkswachstum 55; 57
Volkswohlstand 74
Vulkane 12

W.

Wagner, Adolph, 170; 180
Wagner, H. 3
Wallace, A. K- 20
Wanderarbeit, slavische 193
Wanderbewegung 44; 45; 49;
60

Wanderung 5; 60
Wanderungsverlust 65
Wäntig 182; 184; 186
Wasser 16
Wasserhaushalt 17
Wasserkräfte 19
Wasserscheiden 16
Watt, James, 250
Weber, Alfred, 188
—, Max, 105; 128; 139; 141;

143; 166; 180; 182; 186
Wechseltakte 179
Wehrkraft 92
Weinand 182
Weizenpreis 37
Weltmarkt 76	'

Wendt, H. 180
Werkzeug, Entstehung des
227

Werkzeugmaschinen 189
Wert 196
Whitaker 171
        <pb n="71" />
        ﻿Register.

387

Widerstandsfähigkeit, physi-
sche gegenüber wirtschaft-
licher Betätigung 102
Willensenergie 198
Winde 30

Wirkung, trennende, des Mee-
res 8

—, verbindende, des Meeres 8
Wirkungen, pathologische 23
—, physiologische 23
Wirminghaus 105
Wirtschaft 33; 98
—, Begriff der 213

Wirtschaft, Inhalt der 209
—, moderne 97
Wirtschaft und Technik 215
Wirtschaften 210
Wirtschaftlichkeit 219
Wohlstand 79
Wohlstandstheorie 44 '
Wohnungsfrage 130, 157
Wohnungsmieten 42
Wohnungsverhältnisse 43
Wolf, J. 195
Wolframstahl 190
Würishoffer 144

Z.

Zahlenwerte 4
Zahlungsbilanz 78
Zeichnerarbeit 193
Zeit als Maßstab für die
Arbeit 174
—, geschichtliche 23
Zmavc 166

Zuckerkonsum 160; 163
Zug vom Lande 54
Zuntz 166; 176
Zuwachsrate 55; 57; 87
        <pb n="72" />
        ﻿Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) in Tübingen.

Dr. HEINRICH RICKERT, Professor in Freiburg i. B., DIE GRENZEN DER
NATURWISSENSCHAFTLICHEN BEGRIFFSBILDUNG. Eine logische Einleitung
in die historischen Wissenschaften.

Zweite, neubearbeitete Auflage.

M. 18.—, gebunden M. 20.—.

Für diejenigen, welche das bedeutende Buch von der ersten Auflage her kennen, braucht
man zur Empfehlung dieser zweiten Auflage nichts zu sagen, als daß sie in der Fassung der
ausschlaggebenden Gedanken noch schärfer und bestimmter, in der Darstellung noch klarer
und schöner geworden ist. Eine solche Beherrschung des Ausdruckes bei aller Schwierigkeit
und Feinheit des Gegenstandes ist nur möglich, wenn dieser Gegenstand eben bis in alle Fein-
heiten vollkommen durchgedacht und selber beherrscht ist.

Wer sich für die logischen Gründe der Wissenschaften und speziell für die logische Struk-
tur der Geschichtswissenschaft interessiert — ich denke vor allen an Historiker, die ihre
Wissenschaft so ernst als möglich nehmen —, der darf an dem Buche nicht Vorbeigehen.
Es ist auch so geschrieben, daß man nicht Philosoph oder Logiker zu sein braucht, um es zu
verstehen.	Basler Nachrichten vom 23. August 1913.

Dr. GEORGES CHATTERTON-HILL, Privatdozent in Genf, INDIVIDUUM UND
STAAT. Untersuchungen über die Grundlage der Kultur.	M. 5.—.

Dem Verfasser entgeht es nicht, daß die Geschichte zeigt, daß der Patriotismus keineswegs
immer sich als genügender Damm wider die Fluten des Materialismus und der Plutokratie
bewährt habe. Rom und Griechenland gingen daran zugrunde trotz der patriotischen Gegen-
wirkungen. Man begreift es daher, daß der Verfasser doch schließlich damit rechnet, daß
der Kampf der Völker der Gegenwart um die Behauptung ihrer Existenz zu einer Neu-
belebung der Religion führen werde. Er glaubt derartige Bestrebungen bereits
wahrzunehmen, besonders auch in Frankreich.

Es ist interessant, daß ein so nüchterner Denker, wie Chatterton-Hill es ist, zu diesem Ge-
danken kommt. Nicht irgendwelche mystische Bedürfnisse, nicht die Romantik des Ge-
fühls, sondern die empirische Beobachtung der Geschichte führt den Verfasser zu der For-
derung einer Rehabilitierung der Religion. Er sieht geradezu die Frage der Gegenwart darin,
ob man Mittel findet, der materialistischen und individualistischen Verwirtschaft-
lichung der Völker Motive einer V e rg e s e 11 s ch aft u n g entgegenzustellen. Und
er erblickt schließlich doch im nationalen Gedanken nur ein zweifelhaftes Surrogat für
die gesellschaftsbildende Macht der religiösen Idee.

R. Seeberg in der Kreuz-Zeitung vom 21. März 1914.

D. ERNST TROELTSCH, Professor in Heidelberg, Gesammelte Schriften. I. Band:
DIE SOZIALLEHREN DER CHRISTLICHEN KIRCHEN UND GRUPPEN.

M. 22.—, gebunden M. 26.—.

Der Heidelberger Theologe, dem wir die erste Geschichte des Protestantismus zu danken
haben, die den germanisch-konfessionellen durch einen universell-kulturgeschichtlichen Ge-
sichtspunkt ersetzt und dadurch die Enge traditionell-kirchengeschiehtlicher Betrachtungs-
weise grundsätzlich überwindet, bietet in dem neuen Werk, dem diese Anzeige gilt, den Unter-
bau für seine Gesamtauffassung des Christentums, seines Wesens und seiner Geschichte, indem
er darin die soziologische Idee des Christentums in seinen verschiedenen Entwicklungsphasen
untersucht und gleichzeitig das Verhältnis des jeweiligen christlichen Gemeinschaftsideals
zu Staat, Wirtschaft und Familie darstellt. Das Problem ,,Kirche und soziale Frage“
hat in gewissem Sinne den Anstoß für diese umfassende Monographie gegeben, empfängt
darin auch eine erschöpfende Behandlung gleichzeitig aber noch eine starke Erweiterung
in dem angedeuteten Sinn. Wir finden ferner in dem verwirrend reichhaltigen Buche
eine Geschichte der christlichen Ethik unter prinzipiellen wie unter praktischen Gesichts-
punkten, wobei insbesondere die Sozialethik in ihren sämtlichen Verzweigungen verfolgt
wird. Daraus erhellt schon, daß die Ueberschrift den Inhalt nur ungenügend andeutet,
zumal nicht nur die Lehren dargestellt, sondern vor allem die tatsächlichen sozialen Ein-
wirkungen auf Staat und Gesellschaft untersucht und geprüft werden, ob und inwieweit
daraus eine „innere Einheitlichkeit des Gesamtlebens“ hervorgegangen ist.

Strassburger Post vom 2. April 1913.

IV-ir
        <pb n="73" />
        ﻿Werke und Schriften sozialwissenschaftlichen und soziologischen Inhalts

aus dem Verlag von

J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) und der H. Laupp’schen Buchhandlung

in Tübingen.

Adler, G., Grundlagen der Karl Marx’schen
Kritik der bestehenden Volkswirtschaft.
1887.	Ermäßigter Preis M. 4.20.

Ashley, W. J., Das Aufsteigen der arbeitenden
Klassen Deutschlands im letzten Vierteljahr-
hundert. Ins Deutsche übertragen von P.
Scharf. Mit Diagrammen und Karten.
1906.	M. 1.50.

Bauer, W., Die öffentliche Meinung und ihre
geschichtlichen Grundlagen. Ein Versuch.
1914.	M. 8.—.

Bourguin, M., Die sozialistischen Systeme und
die wirtschaftliche Entwicklung. Mit Ge-
nehmigung des Verfassers nach der 2. ver-
besserten und erweiterten Aufl. des Original-
werkes ins Deutsche übertragen von L.
Katzenstein. 1906. M.8.—,geb.M.9.50.
Challaye, F., Revolutionärer Syndikalismus
und reformistischer Syndikalismus. Auto-
risierte Uebersetzung aus dem Französi-
schen. 1913.	M.	1.80.

Chatterton-Hill, G., Individuum und Staat.
Untersuchungen über die Grundlage der
Kultur. 1913.	M.	5.—.

Czapski, S., Ernst Abbe als Arbeitgeber.

(Staat u. Wirtschaft Heft 2). 1907. M.— .80.
Douglas, Ch. M., John Stuart Mill. Autori-
sierte deutsche Üebersetzung. 1897.

M. 3.60.

Eulenburg, F., Gesellschaft und Natur. Aka-
demische Antrittsrede. (Aus Archiv f. Sozw.
und Sozp.) 1905.	M.	—.80.

Handbuch der politischen Oekonomie. In Ver-
bindung mit einer Anzahl von Fachgelehr-
ten herausgegeben von G. von Schön-
berg. 4. Aufl.

II.	Band, 2. Halbband. Volkswirtschafts-
lehre. Zweiter Teil II. 1898.
Ermäßigter Preis M. 7.50, geb. M. 9.90.

III.	Band, 1. Halbband. Finanzwissen-
schaft. 1897.

Ermäßigter Preis M. 12.—, geb. M. 14.40.

III.	Band, 2. Halbband. Kommunales
Finanzwesen. — Verwaltungslehre. 1898.
Ermäßigter Preis M. 7.50, geb. M. 9.90.
Holl, K., Thomas Chalmers und die Anfänge
der kirchlich-sozialen Bewegung. (Aus
Zeitschr. f. Theol. u. Kirche. 1913. Heft 4.)
1913.	M.	1.40.

Kantorowicz, H. U., Rechtswissenschaft und
Soziologie. (Aus den Verhandlungen des
Ersten Deutschen	Soziologentages	vom

19.—22. Oktober	1910	in	Frankfurt	a. M.)

1911.	M.	1.—.

Kelsen, H., Ueber Grenzen zwischen juristi-
scher und soziologischer Methode. Vortrag
gehalten in der Soziologischen Gesellschaft
zu Wien. 1911.	M.	1.50.

Köhler, W., Geist und Freiheit. Allgemeine
Kritik des Gesetzesbegriffes in Natur- und
Geisteswissenschaft.	M. 4.80.

Kroner, R., Zweck und Gesetz in der Bio-
logie. Eine logische Untersuchung. 1913.

M. 4.—.

Kumpmann, K., Die Reichsarbeitslosenver-
sicherung. Zugleich ein Beitrag zur Arbeits-
losenfrage überhaupt. 1913. M. 3.—.

Loria, A., Die wirtschaftlichen Grundlagen
der herrschenden Gesellschaftsordnung. Au-
torisierte deutsche Ausgabe. Aus dem Fran-
zösischen von Dr. C. Grünberg. 1895.
Ermäßigter Preis M. 3.40, geb. M. 4.40.

Mayer-Moreau, K., Hegels Sozialphilosophie.
1910.	M. 2.50.

Menger, A., Das bürgerliche Recht und die
besitzlosen Volksklassen. 4. Aufl., mit der
3., verbess. u. vermehrten Aufl. gleichlaut.
(5. Tausend). 1908. M. 3.—, geb. M. 4.—.

Picht, W., Toynbee Hall und die englische
Settlement-Bewegung. Ein Beitrag zur
Geschichte der sozialen Bewegung in Eng-
land. Mit drei Kurven im Text. (Archiv f.
Sozw. und Sozp. 9. Ergh.) 1913.

Einzelpreis M. 6.—.

Plenge, J., Marx und Hegel. 1911. M. 4.—.

Praxis, Die, der kommunalen und sozialen
Verwaltung. Vorträge der Kölner Fort-
bildungskurse für Kommunal- und Sozial-
beamte, veranstaltet von der Hochschule für
kommunale und soziale Verwaltung.

•----I. Kursus. Die soziale Fürsorge der

kommunalen Verwaltung in Stadt und
Land. Mit 4 Diagrammen. 1913. M. 6.—,

geb. M. 7.25.

-----II. Kursus. Die neuen Aufgaben der

Sozialversicherung in der Praxis (Reichs-
versicherungsordnung und Angestellten-
versicherungsgesetz). 1913. M. 6.—,

geb. M. 7.25.

Ratzel, F., Der Lebensraum. Eine biogeo-
graphische Studie. (Aus Festgaben für
Albert Schäffle.) 1901.

Ermäßigter Preis M. 1.20.

Die Religion in Geschichte und Gegenwart.
Handwörterbuch in gemeinverständlicher
Darstellung. Unter Mitwirkung von Her-
mann Gunkel und Otto Scheel
herausgegeben von FriedrichMichael
Schiele und LeopoldZscharnack.
5 Bände Lexikon-Oktav. 1908/14.

geb. M. 145.—.

Rickert, H., Die Grenzen der naturwissen-
schaftlichen Begriffsbildung. Eine logische
Einleitung in die historischen Wissenschaf-
ten. 2. neubearbeitete Aufl. 1913.

M. 18.—, geb. M. 20.—.
        <pb n="74" />
        ﻿Werke und Schriften sozialwissenschaftlichen und soziologischen Inhalts

aus dem Verlag von

J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) und der H. Laupp’schen Buchhandlung

in Tübingen.

Ritschl, 0., Ueber Werturteile. 1895.

M. —.80.

Rümelin, G., (Kanzler der Universität Tü-
bingen von 1870 bis 1889) Kanzlerreden.
1907.	M. 7.—, geb. M. 8.50.

Inhalt: Ueber den Be-
griff eines sozialen Gesetzes.
Eine akademische Antritts-
rede. 1867. Ueber Hegel.
1870. Ueber das Ilechts-
geffthl. 1871. Ueber den
Begriff des Volkes. 1872.
Ueber die Lehre von den
Seelen vermögen.	1873.

Ueber das Verhältnis der
Politik zur Moral. 1874.
Ueber den Zusammenhang
der sittlichen und intellek-
tuellen Bildung. 187Ö. Ueber
einige psychologische Vor-
aussetzungen des Straf-
rechts. 1876. Ueber die
Arbeitsteilung in der Wis-
senschaft. 1877. Ueber Ge-
setze der Geschichte. 1878.
Ueber das Wesen der Ge-
wohnheit. 1879. Ueber die

Idee der Gerechtigkeit.
1880. Ueber die Tempe-
ramente. 1881. König Fried-
rich von Württemberg und
seine Beziehungen zur Lan-
des-Universität. 1882. Die
Entstehungsgeschichte der
Tübinger Universitätsver-
fassung. 1883. Ueber die
Lehre vom Gewissen. 1884.
Ueber die Arten und Stufen
der Intelligenz. 1885. Ueber
die Berechtigung der Fremd-
wörter. 1886. Ueber die
neuere deutsche Prosa.
1887. Ueber den Begriff
der Gesellschaft und einer
Gesellschaftslehre. 1888.
Ueber den Zufall. Ausge-
arbeitet für den 6. Novem-
ber 1889.

Schäffle, A. E. F., Bau und Leben des sozialen
Körpers. 2. Aufl. in 2 Bänden. 1896.

1.	Band: Allgemeine Soziologie. 1896.

M. 12.—, geb. M. 14.—.

2.	Band: Spezielle Soziologie. 1896.

M. 13.—, geb. M. 15.—.

------, Abriß der Soziologie. Herausgegeben

mit einem Vorwort von Karl Bücher.
1906.	M. 4.—, geb. M. 5.—.

Schmitt, C., Der Wert des Staates und die Be-
deutung des Einzelnen. 1914. M. 3.—.
von Schraut, M., Die persönliche Freiheit in
der modernen Volkswirtschaft. Mit einem
Geleitwort von Paul Laban d. 1907.

M. 2.50.

Schriften der Deutschen Gesellschaft für
Soziologie. I. Serie: Verhandlungen der
Deutschen Soziologentage.

------, 1. Band. Verhandlungen des Ersten

deutschen Soziologentages vom 19.—22.
Oktober 1910 in Frankfurt a. M. 1911.

M. 8.—, geb. M. 9.60.

I ii li a 11. Soziologie der
Geselligkeit. Vortrag von
Professor Dr. Georg S i m-
m e 1, Berlin. — Wege
und Ziele der Sozio-
logie. Eröffnungsrede von
Professor Dr. F. Tön-
nies, Kiel-Eutin. — Ge-
schäftsbericht von
Professor Dr. M a x We-
ber, Heidelberg. — Tech-
nik und Kultur. Vortrag
von Professor Dr. W e r-
n e r Sombart, Berlin.
— Die Begriffe Basse und
Gesellschaft und einige
damit zusammenhängende
Probleme. Vortrag von Dr.

Alfred Plötz, Mün-
chen. —• Das stoisch-christ-
liche Naturrecht und das
moderne profane Natur-
recht. Vortrag von Geh.
Kirchenrat Professor Dr.
Troeltscli -Heidelberg.

—	Soziologie der Panik,
Vortrag von Professor Dr.
G o t h e i n, Heidelberg. —
Wirtschaft und Recht. Vor-
trag von Professor Dr. A.
Voigt, Frankfurt a. M.

—	Rechtswissenschaft und
Soziologie. Vortrag von
Privatdozent Dr. Her-
mann Kantorowicz,
Freiburg i. Br. — Debatten.

Schriften der Deutschen Gesellschaft für
Soziologie. I. Serie: Verhandlungen der
Deutschen Soziologentage.

-----II. Band. Verhandlungen des Zweiten

Deutschen Soziologentages vom 20.—22.
Oktober 1912 in Berlin. 1913. M. 4.40,

geb. M. 6.—■.

Inhalt. Der soziolo-
gische Kulturbegriff. Vor-
trag von Professor Dr. A 1-
fred Weber, Heidel-
berg. — Die Nationalität in
ihrer soziologischen Bedeu-
tung. Referat von Pro-
fessor Dr. Paul B a r t h,
Leipzig. — Das Recht der
Nationalitäten. Vortrag v.
Professor Dr. Ferdinand
S c h m i d , Gautzsch bei
Leipzig. — Rechen-
schaftsbericht für
die beiden abgelaufenen

Max Weber, Heidel-
berg. — Die Nation als poli-
tischer Faktor. Referat v.
Dr. Ludo Moritz
Hartmann, Wien. —
Die rassentheoretische Ge-
schichtsphilosophie. Refe-
rat von Privatdozent Dr.
Franz Oppenhei-
mer, Berlin. — Die histo-
rische Entwicklung des Va-
terlandsgedankens. Refe-
rat von Professor Dr. R o-
bert. Michels, Turin.
— Debatten.

Jahre von Professor Dr.

Troeltsch, E., Gesammelte Schriften. I. Band:
Die Soziallehren der christlichen Kirchen
und Gruppen. 1. und 2. Hälfte. 1912.

M. 22.—, geb. M: 26.—.
Vorländer, K., Kant und Marx. 1911.

M. 7.—, geb. M. 9.—.
Vosberg-Rekow, Zusammenhang und Einheit
der geistigen und wirtschaftlichen Arbeit.
(Aus Festgaben für F. J. Neumann.) 1905.

M. 1.20.

Weber, Marianne, Die Frau und die objektive
Kultur. (In Logos IV. 3.) 1913. Preis des
Logosheftes	M. 4.50.

-----Fichte’s Sozialismus und sein Verhält-
nis zur Marx’schen Doktrin. (Abhdlgn.,
Volkswirtschaft!., der bad. Hochschulen.)
1900.	Ermäßigter Preis M. 1.50.

— — Ehefrau und Mutter in der Rechtsent-
wicklung. Eine Einführung. 1907.

M. 10.—, geb. M. 12.—.

Windelband, W., Ueber Willensfreiheit. Zwölf
Vorlesungen. 1. und 2. Aufl. 1904. M. 3.60,

geb.	M.	4.50.

------Einleitung in die Philosophie. (Grdr.

d. philos. Wissensch. herausg. von F. M e d i-
cus.) 1914. M. 7.50, geb. M. 10.—.

Wirtschaft und Recht der Gegenwart. Ein
Leitfaden für Studierende der technischen
Hochschulen und Bergakademien, sowie für
praktische Techniker und Bergleute. Heraus-
gegeben von Professor Dr. L. von Wiese.
2 Bde. Lex.	Oktav. 1912.	M.	32.—,

geb.	M.	36.—.

Jeder Band	einzeln	M.	18.—,

geb.	M.	20.—.

Witte, J., Ostasien und Europa. Das Ringen
zweier Weltkulturen. 1914.	M.	5.—,

geb.	M.	6.20.

Druck von EL Laupp jr in Tübingen.
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        ﻿
        <pb n="76" />
        ﻿Moderne Wandlungen der Konsumtion.

, bar, und V o i tJ) glaubte sogar berichten zu können, daß in Dänemark Verurteilung
zu Wasser und Brot auf 4 Wochen der Todesstrafe gleichgesetzt war, „da es fast
nie vorkam, daß der Verurteilte sie überlebte“ ‘. Andererseits ist für den Freiluftarbeiter
die grobe Kost geradezu Bedürfnis. So soll die ausgezeichnete Leistungsfähigkeit
irischer Landarbeiter beim Uebergang von der Kartoffel- und groben Getreidekost
; zur modischen Weißbrot- und Teenahrung schnell nachlassen * 2).

3.	Die Physiologen haben zu dieser volkswirtschaftlich bedeutsamen,
außerhalb des Laboratoriums geradezu aufdringlichen Beobachtung erst zögernd
Stellung genommen. Vielmehr scheint die populäre Meinung über die Mindestmaße
menschlicher Nahrung lange durch eine physiologische Theorie bestimmt worden zu
sein, die einseitig von städtischen Verhältnissen entnommen und außerdem von der
Ueberschätzung der Fleischnahrung durch Liebig und teilweise seine Schüler beein-
flußt war. Es ist ja allerdings für die Physiologen auch schwer, die Ernährung von

' Landleuten experimentell zu fixieren, weil sie diese Leute beim Experiment gern
unter Bedingungen stellen, die von ihrer sonstigen Lebensweise stark abweichen.
Natürlich war ihnen das Vorkommen einer stark vegetabilischen und speziell an
Fleisch armen Kost, namentlich auf dem Lande, längst bekannt. Es ist nicht ohne
Interesse, wie sie und ihre Schüler mit diesen harten Tatsachen sich abfanden, ehe
sie den fundamentalen Unterschied ländlicher und städtischer Ernährungsbeding-
ungen erkannten 3).

4.	Der enorme Vegetabilienkonsum schwer arbeitender Landleute, zum Teil
fast ohne animalisches Eiweiß, zusammen mit der herkulischen Arbeitsfähigkeit
dieser Konsumenten4), wurde teils nur als auffällig registriert, teils trotz einwand-
freier Beglaubigung gelegentlich bezweifelt, teils endlich durch falsche Hypo-
thesen zu erklären versucht.

Es steht wohl fest, daß der kurzdärmige Mensch die vegetabilische Nahrung
weniger vollständig ausnutzt, als der langdärmige Pflanzenfresser5). Ein „er-
fahrener Gerichtsarzt“ behauptet nun, daß die ostelbische Bevölkerung, der die
Vegetabiliennahrung offenbar gut bekommt, sich eines um 0,5 m längeren Darms
erfreue, als die Industriebevölkerung der Rheinprovinz, der er infolge mangeln-
der Uebung eingeschrumpft sei6). Aber auch bei einem Gelehrten wie Hüppe7)
lesen wir, daß der vegetarisch lebende Japaner durch seinen um Vs längeren Darm
in den Stand gesetzt sei, die Reisnahrung besser auszunutzen, als der Europäer;
. für letzteren ein wenig tröstliches Zukunftsbild: der längere Darm als Konkurrenz-

Kalziumkarbidfabriken sich gut ländlich von Polenta nährt, im Frühjahr die viel weniger
einträgliche Erdarbeit vorzieht; vielleicht aus physiologischen Gründen.

x) Sitzungsberichte der Münchener Akademie, mathematisch-physikalische Klasse, 1869,

S.	494.

s) Report of the Agricultural Committee, London 1906, § 786.

3)	Vgl. jedoch Rubners Lehrbuch der Hygiene, 1. Aufl. 1890, S. 465: „Es scheint
der Gedanke noch wenig erwogen zu sein, ob nicht das zunehmende Bestreben nach Vermeh-
rung des animalischen Teils der Kost etwas den Städten und unserer Entwicklung der indu-
striellen Arbeit Eigentümliches sei. Die animalische Kost bedeutet eine eiweißreichere Kost;
nun scheint es — die Vermutung ist bereits von Fr. Hofmann ausgesprochen worden — nach
Versuchen des Verf., wie nach anderweitigen Beobachtungen sichergestellt, daß die Eiweiß-
stoffe einen Einfluß auf die Anregung der Tätigkeit unserer Verdauungsdrüsen entfalten und
dadurch die Resorptionszeit verkürzen.“ ln späteren Auflagen finde ich diesen Passus nicht.
— Auch Munk vermutet 1896 (in Weyls Handbuch der Hygiene III, S. 63, 68, 96), Muskel-
tätigkeit erleichtere die Verwertung wasserreicher Speisen und verbessere die Resorption,

' besonders beim Aufenthalt in freier Luft. Er bemerkt auch, daß der Gefangene eine mehr
animalische Kost brauche, weil der Mangel an freier Körperbewegung auf die Ausnützung
pflanzlicher Kost nicht ohne Einfluß zu sein scheine (S. 116).

4)	Verkannt z. B. von Hüppe, Handbuch der Hygiene, 1899, S. 373: „Bei seiner Kar-
toffelkost kann der Irländer und Oberschlesier noch arbeiten (1), aber der Handweber ist be-
reits nicht mehr zur Feldarbeit kräftig genug.“

,	*) Munk in Weyls Handbuch der Hygiene III (1896), S. 67.

*) Vgl. G r a ß 1, Blut und Brot, 1905, S. 23.

’) Der moderne Vegetarianismus, 1900, S. 8. Handbuch der Hygiene, 1899, S. 371.

Sozialökonomik. II.	10
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
