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        <title>Die Konsumtion</title>
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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Oldenberg</surname>
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        </author>
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            <idno>1011553732</idno>
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        GRUNDRISS  DER  SOZIALÖKONOMIK.

BEARBEITET
VON
S.  ALTMANN,  TH.  BRINKMANN,  K.  BÜCHER,  J.  ESSLEN,  E.  GOTHEIN,  ER.  VON  GOTTL-OTTLILIEN-FELD,
  K.  GRÜNBERG,  ERZ.  GUTMANN,  H.  HAUSRATH,  H.  HERKNER,  A.  HETTNER,  J.  HIRSCH,
E.  JAFFÜ,  E.  LEDERER,  G.  A.  LEIST,  PR.  LEITNER,  W.  LOTZ,  H.  MAUER,  R.  MICHELS,  P.  MOLDENHAUER, ­
  P.  MOMBERT,  K.  OLDENBERG,  E.  VON  PHILIPPOVICH,  K.  RATHGEN,  A.  SALZ,  G.  VON
SCHULZE-GAEVERNITZ,  H.  SCHUMACHER,  J.  SCHUMPETER,  E.  SCHWIEDLAND,  H.  SIEVERING,
W.  SOMBART,  O.  SPANN,  E.  STEINITZER,  P.  SWART,  TH.  VOGELSTEIN,  ADOLF  WEBER,  ALFRED
WEBER,  MAX  WEBER,  M.  WEYERMANN,  IC.  WIEDENFELD,  FR.  FREIHERRN  VON  WIESER,
R.  WILBRANDT,  W.  WITTICH,  W.  WYGODZINSKI,  O.  VON  ZWIEDINECK-SÜDENHORST.

Separatabdruck
aus  Abteilung  II

Karl  Oldenburg

Die  Konsumtion

Der  Grundriß  der  Sozialökonomik  erscheint  im  Verlage  von
J.  C.  B.  Mohr  (Paul  Siebeck)  in  Tübingen,  welcher  ausführliche  Prospekte, ­
  Probehefte  usw.  unberechnet  zur  Verfügung  stellt.  —  Der  vorliegende ­
  Separatabdruck  ist  im  Buchhandel  nicht  zu  haben.
        <pb n="2" />
        Verlag  von  J.  C.  B.  Mohr  (Paul  Siebeck)  in  Tübingen.

GRUNDRISS

DER

SOZIALOKONOMIK

Vollständig  in  10—12  Abteilungen
zu  durchschnittlich  ca.  M.  12.—,  in  der  Subskription  zu  ca.  M.  10.—
Einband  ca.  M.  2.50,  in  der  Subskription  ca.  M.  2.-.

Der  „Grundriß  der  Sozialökonomik“  enthält  eine  nach  der  jeder
Abteilung  beigegebenen  »Einteilung  des  Gesamtwerkes«  systematisch  angeordnete
  Darstellung  der  gesamten  nationalökonomischen  Disziplinen,
vorerst  unter  Ausschluß  der  Finanzwissenschaft  und  des  Armenwesens.  Der
Grundriß  verfolgt  wesentlich  didaktische  Zw’ecke,  er  will  ein  Lehrbuch,
nicht  ein  Nachschlagewerk  sein.
Der  Plan  des  Werkes  ist  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  neuesten
Entwicklung  der  ökonomischen  und  soziologischen  Forschung  entworfen.  Demgemäß ­
  sind  z.  B.  die  Beziehungen  zwischen  Wirtschaft  und  Technik,  die
Grenzen  und  Beziehungen  zwischen  Nationalökonomie  und  Soziologie  in
besonderen  Abschnitten  behandelt.  Die  tiefgreifenden  Wandlungen  im  wirtschaftlichen ­
  Leben,  wie  in  der  Theorie  der  Volkswirtschaft  und  der  Soziologie, ­
  die  durch  die  Fortschritte  der  Forschung  fundamental  veränderte  Auffassung ­
  von  Aufgabe,  Methode  und  Umfang  des  Gebiets  schlossen  für  eine
Darstellung  des  heutigen  Standes  der  Sozialökonomik  jede  Anknüpfung  an
frühere  enzyklopädische  Bearbeitungen  aus.
Die  Schriftführung  hat  nach  Vereinbarung  Herr  Professor  Dr.  Max
Weber  übernommen.
Die  beiden  ersten  Abteilungen  erscheinen  im  Juni,  2—3  weitere
zu  Anfang  des  Wintersemesters;  der  Rest  soll  im  Laufe  des  Jahres
1915  folgen.
Jede  Abteilung  ist  einzeln  käuflich.
Bei  Subskription  auf  das  ganze  Werk  tritt  eine  Ermäßigung
des  Preises  ein.
Im  Laufe  des  Druckes  können  sich  möglicherweise  Aenderungen  in
der  Verteilung  des  Stoffes  auf  die  einzelnen  „Abteilungen“  als  notwendig
erweisen.  Insbesondere  bleiben  nähere  Mitteilungen  über  das  Erscheinen
von  2  —  3  weiteren  Abteilungen  außerhalb  des  Rahmens  der  Einteilung
des  Gesamt  Werkes  Vorbehalten.
        <pb n="3" />
        I.  Buch  B  III:  K.  Olde  nb  erg,  Die  Konsumtion.

103

III.
Die  Konsumtion.
Von
Karl  Oldenberg.

Inhaltsübersicht.
Seite

§  1.  Die  Literatur  104
§  2.  Der  Begriff  105
§  3.  Wirtschaftlichkeit  in  der  Konsumtion  109
§  4.  Wertmaßstäbe  der  Konsumtion  111
§  5.  Allgemeine  Statistik  der  Konsumtion  123
§  6.  Haushaltsrechnungen  130
§  7.  Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion  139
§  8.  Zukunftsfragen  der  Konsumtion  158
§  9.  Konsumtionspolitik  159
§  10.  Speziell  Einfluß  der  Steuern  auf  die  Konsumtion  ...  160

Weltwirtschaftliches  Archiv
        <pb n="4" />
        104

I.  Buch  B  111:  K.  Oldenberg,  Die  Konsumtion.

§  1.  Die  Literatur.
Was  die  nationalökonomische  Theorie  von  der  Konsumtion  zu  sagen  hat,  gehört
nicht  nur  zu  ihren  am  meisten  vernachlässigten  Partien,  sondern  es  hat  in  der  Anordnung ­
  der  Lehrbücher  nicht  einmal  den  ihm  gebührenden  Rangplatz.  Im  besten
Falle  erscheint  es  als  Anhang  der  Lehre  von  der  Produktion  und  dem  Umlauf  der
Waren,  statt  Ausgangspunkt  zu  sein.  Zwar  kann  die  Produktion  ihren  hohen  außerwirtschaftlichen ­
  Kulturwert  haben,  als  Erziehungsmittel  und  als  Trägerin  der
Arbeitsfreude;  aber  unabhängig  von  diesen  wichtigen  Nebenwirkungen  bleibt  doch
das  volkswirtschaftliche  Ziel  der  Produktion  durch  alle  privatwirtschaftlichen  Verhüllungen ­
  hindurch  im  wesentlichen  die  Deckung  eines  wirtschaftlichen  Bedarfs,  die
Konsumtion.  Die  Analyse  der  Volkswirtschaft  muß  daher,  wenn  man  nicht  alle
Zielsetzung  ausschalten  will,  vom  Bedarfe  der  Konsumenten  ausgehen.
Diese  Verkümmerung  der  Konsumtionslehre  wird  aus  der  Geschichte  der  Nationalökonomie ­
  einigermaßen  verständlich.  Die  merkantilistische  Nationalökonomie
des  16.—18.  Jahrhunderts  betrachtete  die  Volkswirtschaft  vom  Standpunkt  des
geldbedürftigen  Landesherrn  als  fiskalisches  Nutzungsobjekt;  die  klassische  englische
Nationalökonomie  des  18.  und  19.  Jahrhunderts  betrachtete  sie  als  eine  Tauschwertfabrik. ­
  Der  Begriff  des  Gebrauchswerts  der  Güter  iür  den  Konsumenten, ­
  von  der  Physiokratenschule  des  18.  Jahrhunderts  in  die  Nationalökonomie
eingeführt  und  von  ihr  gepflegt,  spielt  daher  in  den  Lehrbüchern  der  klassischen
und  neueren  Nationalökonomie  *)  neben  dem  fast  alleinherrschenden  Tauschwert
meist  nur  noch  die  Rolle  eines  pensionierten  Grundbegriffs,  der  der  Vollständigkeit
wegen  flüchtig  dem  Leser  vorgestellt  wird,  und  selten  dringt  die  Betrachtung  bis
zum  Gebrauchszweck  der  Tauschwerte,  zur  Konsumtion  vor.  Und  wenn  auch
Adam  Smith  (1776)  den  Leser  durch  die  gelegentliche  Bemerkung  überrascht:
consumption  is  the  sole  end  and  purpose  of  all  production  2 ),  und  ein  Jahrhundert
später  J  e  v  o  n  s  (ähnlich  wie  in  Deutschland  Dühring)  stoßseufzt:  we,  first  of  all,
need  a  theory  of  consumption  of  wealth,  so  ist  doch  namentlich  in  den  englischen  Lehrbüchern ­
  die  Konsumtionslehre  Aschenbrödel  geblieben;  teilweise  wurde  selbst  die
Existenzberechtigung  eines  besonderen  Kapitels  über  die  Konsumtion  in  Abrede
gestellt.  Obwohl  die  Freihandelslehre  mit  ihrer  Parteinahme  für  billige  Warenpreise
zu  einer  Ehrung  des  Konsumenten-Interesses  führte,  wie  bei  dem  rhetorischen  Schönschreiber ­
  Bastiat,  und  obwohl  das  praktische  Bedürfnis  der  Volkswirtschaft  nach
schneller  Kapitalbildung  in  die  Probleme  der  Ausgabenwirtschaft:  Sparsamkeit  und
Luxus  3 )  hineinleitete,  so  blieb  doch  das  von  J.-B.  S  a  y  eingeführte  Kapitel  „Konsumtion“ ­
  dürftig,  auch  wenn  man  es  mit  einer  Lehre  von  den  fiskalischen  Ausgaben
und  Schulden  ausstopfte.  Das  sozialpolitische  Interesse  des  19.  und  20.  Jahrhunderts,
hat  dann  der  Konsumtionslehre  ein  ausgiebiges  neues,  freilich  wieder  überwiegend
privatwirtschaftliches  Gebiet  im  Studium  der  Familienbudgets  und  Haushalts-*)

  Mit  Ausnahme  der  mehr  privatwirtschaftlichen  Grenznutzenlehre.
2 )  Wealth  of  nations,  Buch  4,  Kap.  8  gegen  Ende.
3 )  Vgl.  Sommerlad,  Art.  „Luxus“  in  der  3.  Aufl.  des  Handwörterbuchs  der  Staatswissenschaften, ­
  und  die  dort  zusammengestellte  Literatur;  auch  Sombart,  Luxus  und
Kapitalismus,  München  und  Leipzig  1913.
        <pb n="5" />
        Der  Begriff.

105

rechnungen  erschlossen  1 ),  während  die  Erkenntnis  der  geschichtlichen  Wandlungen
der  Konsumtion,  selbst  in  ihren  Grundzügen,  erst  begonnen  hat  2 ).
Eine  psychophysische  Grundlage  der  Konsumtionslehre  haben  Gossen 3 )
und  andere  sub  jektivistische  Theoretiker  der  Wertlehre  zu  konstruieren  unternommen.
Zur  Vorbereitung  der  von  Jevons  geforderten  Konsumtionslehre  hat  der  Amerikaner
Patten  4  * )  1889  einen  bescheidenen,  etwas  willkürlich  subjektiven,  den  Freunden
der  Alkohol-Abstinenz  willkommenen  Anlauf  genommen.  Eine  scharf  pointierende,
psychologisch-kulturgeschichtliche  Skizze  der  Bedürfnislehre  hat  Brentano 6 )
in  knappem  Rahmen  neuerdings  zu  geben  versucht.  Auf  anderem  Blatte  stehen  die
monographischen  Bearbeitungen  einzelner  Konsumtionsgebiete,  wie  Wohnungsfrage ­
  •)  und  Alkoholkonsum  7 ).  Nicht  in  unser  Kapitel  gehören  die  neueren  Studien
auf  dem  Gebiete  der  Theorie  der  Wirtschaftskrisen,  die  aus  einer  Ueberproduktionsimmer
  mehr  zu  einer  Unterkonsumtionstheorie  wird.
Exzerpte  aus  der  Konsumtionslehre  einiger  Theoretiker  hat  Maurice  Block
in  seinem  bekannten  dogmenhistorischen  Lehrbuch  8 )  zusammengestellt;  während
Wirminghaus  in  seiner  Abhandlung  „Die  Lehre  von  der  Konsumtion  und
ihrem  Verhältnis  zur  Produktion“  9 )  den  Versuch  macht,  die  geschichtliche  Entwicklung ­
  der  Ansätze  einer  Konsumtionslehre,  namentlich  in  Deutschland,  übersichtlich ­
  zu  skizzieren.

§  2.  Der  Begriff.
Konsumtion  ist  die  Befriedigung  eines  Bedarfs.  Die  Bedürftigkeit  des  Menschen
ist  der  Grund  alles  Wirtschaftens,  soweit  die  Befriedigung  nicht  durch  Konsumtion
freier  (nicht  wirtschaftlicher)  Güter  geschehen  kann,  wie  durch  Aufnahme  von
Luft  durch  den  Atem.  Konsumtion  wirtschaftlicher  Güter  ist
es  daher,  die  den  Wirtschaftstheoretiker  interessiert,  und  die  allein  im  folgenden
unter  Konsumtion  verstanden  werden  soll.
Der  Bedarf,  der  befriedigt  werden  soll,  ist  in  der  Regel  ein  subjektiv  empfundener,
unter  Umständen  selbst  ein  auf  Irrtum  oder  Torheit  beruhender;  aber  in  vielen  Fällen
auch  ein  subjektiv  nicht  empfundener,  oktroyierter,  so  oft  beim  Kinde,  beim  Patienten, ­
  beim  Untertan.
Objekte  der  Konsumtion  sind  entweder  gegenständliche  Güter  oder  Dienstleistungen. ­
  Beide  dienen  der  Bedarfsbefriedigung,  und  zwar  die  gegenständlichen
] -)  Bibliographische  und  sachliche  Uebersicht  bei  Stephans-Bauer,  Die  Konsumtion
nach  Sozialklassen,  im  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften  VI 3  123  f.;  A  1  b  r  e  c  h  t,
Haushaltungsstatistik,  Berlin  1912;  Eulenburg,  Die  Bedeutung  der  Lebensmittelpreise
für  die  Ernährung,  in  Weyls  Handbuch  der  Hygiene,  2.  Aufl.,  III  1,  1912;  Schiff,  Zur
Methode  und  Technik  der  Haushaltungsstatistik,  in  Brauns  Annalen  für  soziale  Politik  und
Gesetzgebung,  Bd.  3,  1913,  und  in  einer  von  Bauer  S.  145  angekündigten  Zukunftsschrift.
2 )  Hervorzuheben:  Grotjahn,  Ueber  Wandlungen  in  der  Volksernährung,  Leipzig
1902  (Bd.  20,  Heft  2  der  Staats-  und  sozialwissenschaftlichen  Forschungen,  herausgegeben
von  G.  Schmoller);  vgl.  dazu  Max  Weber  in  Schmollers  Jahrbuch  1903,  728  f.  (Rezension)
und  K  e  s  t  n  e  r  ,  Die  Bedeutung  der  Haushaltungsbudgets  für  die  Beurteilung  des  Ernährungsproblems, ­
  im  Archiv  für  Sozialwissenschaft,  Bd.  19  (1904).
Aus  der  physiologischen  und  hygienischen  Literatur  ist  besonders  zu  nennen:  R  u  b  n  e  r,
Lehrbuch  der  Hygiene,  1.  Aufl.  1890  (hier  zitiert  meist  nach  der  7.  Aufl.  1903).  Derselbe:
Hygienisches  von  Stadt  und  Land,  1898.  Derselbe:  Volksernährungsfragen,  1908.  Derselbe:
Wandlungen  in  der  Volksernährung,  1913.  Cohn  heim,  Die  Physiologie  der  Verdauung
und  Ernährung,  1908.
3 )  Entwicklung  der  Gesetze  des  menschlichen  Verkehrs,  1854.
Versuch  einer  Theorie  der  Bedürfnisse.  Abdruck  aus  den  Sitzungsberichten  der  Kgl.
Bayerischen  Akademie  der  Wissenschaften,  München  1908.
*f)  The  consumption  of  wealth.  2.  Aufl.  Philadelphia  1901  (Publikation  der  University
of  Pennsylvania).
6 )  Bibliographie  im  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften  VIII 3  924f.
7 )  Abderhalden,  Bibliographie  der  gesamten  wissenschaftlichen  Literatur  über  den
Alkohol  und  den  Alkoholismus,  Berlin  1904.  A.  Elster,  Der  gegenwärtige  Stand  der  Alkoholfrage ­
  (Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  3.  Folge,  Bd.  39  (1910),  S.  509  f.).  Hoppe,
Die  Tatsachen  über  den  Alkohol,  4.  Aufl.,  München  1912.
8 )  Les  progres  de  la  Science  economique  depuis  Adam  Smith,  2.  Aufl.  (1897)  II  522  f.
*)  In  dem  Sammelwerk  „Die  Entwicklung  der  deutschen  Volkswirtschaftslehre  im  19.
Jahrhundert“,  Bd.  I,  Leipzig  1908.
        <pb n="6" />
        106  I.  Buch  B  III:  K.  Olden  b  erg,  Die  Konsumtion.  §  2
Güter  möglicherweise  wiederholt.  Dienstleistungen  wie  die  des  Barbiers,  des  Schullehrers ­
  wirken  zwar  längere  Zeit  nach,  bis  die  Haare  wieder  gewachsen,  die  Schullektionen ­
  vergessen  sind;  Schullektionen  können  auch  künstlich,  durch  Repetieren,
wiederholt  konsumiert  werden,  mit  Hilfe  der  Erinnerung  oder  der  Nachschrift;  aber
die  Konsumtion  der  Leistung  selbst  ist  ein  einmaliger  Akt.  Dagegen  können  manche
gegenständliche  Güter,  kann  ein  Kleidungsstück,  eine  Wohnung,  ein  Klavier,  ein
Phonogramm,  eben  weil  sie  nicht  vorübergehende  Handlungen  sind,  wiederholt  einer
Bedarfsbefriedigung  dienen,  sei  es  dem  sich  wiederholenden  Bedarf  desselben  Konsumenten ­
  oder  sukzessiv  dem  Bedarf  mehrerer  Konsumenten,  bis  Abnutzung  erfolgt
ist.  Man  nennt  diese  Güter,  die  erst  durch  wiederholten  Gebrauch  verbraucht
werden,  „Gebrauchsgüter“  im  Gegensatz  zu  jenen  „Verbrauchsgüter ­
  n“.  In  dem  Maße  wie  die  Abnutzung  (d.  h.  Vernichtung  des  Gebrauchswerts, ­
  der  bedarfsbefriedigenden  Eigenschaften  des  Guts)  erfolgt,  heißt  auch  das
Gebrauchsgut  verbraucht  oder  konsumiert,  auf  deutsch  eigentlich  verzehrt,  wobei
dem  Sprachgebrauche  das  Verzehren  von  Nahrung  als  repräsentatives  Beispiel  der
Konsumtion  vorschwebt.  Eine  elektrische  Birne,  die  eine  gewisse  Nutzwirkung  oder
Bedarfsbefriedigung  999  mal  wiederholen  kann,  wird  durch  jeden  Nutzungsakt  zu
Viooo  konsumiert,  verliert  x / 1000  ihres  Gebrauchswerts  sowohl  wie  ihres  Tauschwerts,
eventuell  privatwirtschaftlich  ihres  Kaufpreises;  und  dies,  obgleich  der  Konsument
natürlich  den  Verbrauch  des  Konsumtionsobjekts  durch  vorsichtigen  Gebrauch  zu
vermeiden,  hinauszuschieben  sucht.
Eine  falsche,  quasi  -  Konsumtion  findet  in  dem  Maße  statt,  als  der  Gebrauchswert ­
  eines  Guts  zerstört  wird,  ohne  einen  Bedarf  zu  befriedigen;  sei  es  durch
einen  Unfall  wie  Feuersbrunst,  oder  durch  mutwillige  Zerstörung,  z.  B.  im  Kriege,
oder  durch  den  stillen  Einfluß  kontinuierlich  zerstörender  Kräfte,  indem  außer  dem
Zahn  des  Konsumenten  auch  der  Zahn  der  Zeit  an  dem  Gute  nagt.  Solche  Wertverluste ­
  fallen  natürlich  am  meisten  ins  Gewicht  bei  Gütern,  die  längere  Zeit  ungenutzt ­
  lagern,  und  ferner  im  feuchtwarmen  Klima  der  Tropen.  Durch  Vorsichtsmaßnahmen ­
  und  durch  alsbaldigen  Verbrauch  der  Güter  wird  dieses  Verlustrisiko
eingeschränkt,  aber  nicht  beseitigt,  höchstens  privatwirtschaftlich  durch  Versicherung ­
  ausgeglichen.  Das  Residuum  unvermeidlicher  Verluste  verkürzt  also  in  jedem
Falle  die  durchschnittliche  Gebrauchsdauer  eines  Guts,  und  es  ist  berechtigt,  diese
„im  Dienst“  erfolgenden,  unvermeidlichen  Verluste  in  den  eigentlichen  Konsumtionsverlust ­
  hineinzurechnen;  gibt  es  doch  Güter  (z.  B.  Oelgemälde),  deren  Abnutzung ­
  überhaupt  nicht  durch  ihre  Nutzwirkung  selbst,  sondern  nur  durch  das  Risiko
nutzlos  zerstörender  Wirkungen  erfolgt.  Obwohl  die  Abgrenzung  mißlich  und  vielfach ­
  zweifelhaft  ist,  mag  doch  der  außerordentliche  Verlust  vom  normalen  Verbrauch ­
  oder  Konsum,  der  die  im  normalen  Verlauf  zu  erwartende  Zerstörung  einschließt, ­
  unterschieden  werden.
Nicht  verbraucht  und  nicht  zerstört,  sondern  entwertet  wird  ein  Gut,
wenn  entweder  der  Bedarf  sich  verschoben  oder  nur  die  Schätzung  der  Eigenschaften
des  Guts  auf  seiten  der  Käufer  sich  geändert  hat.  Die  wirksame  Einführung  der
Abstinenz  z.  B.  durch  Volksabstimmung  entwertet  die  Alkoholvorräte  und  Alkoholfabriken; ­
  es  wird  zwar  nicht  das  Bedürfnis  nach  Alkohol,  wohl  aber  die  Möglichkeit
seiner  Befriedigung  ausgeschaltet.  Aehnlich  werden  durch  eine  Verschiebung  des  Verkehrs ­
  Gebäude,  durch  einen  Wechsel  der  Mode  die  von  ihm  betroffenen  Artikel  entwertet; ­
  während  die  Erkenntnis  der  schädlichen  Wirkung  eines  beliebt  gewesenen
Heilverfahrens,  oder  die  Erfindung  einer  sparsameren  Maschine,  ohne  Verschiebung
des  schließlichen  Bedarfs  nur  das  bisherige  Befriedigungsmittel  selbst  entwertet.
Bei  einer  partiellen  Entwertung  bewendet  es,  wenn  das  Verhältnis  des  Vorrats  zum
Bedarf  sich  vergrößert.  In  allen  diesen  Fällen  liegt  Entwertung,  nicht  Konsumtion
vor,  obgleich  man  einen  Teil  dieser  Fälle  mit  einem  wenig  glücklichen  Worte  als
Meinungskonsumtion  hat  charakterisieren  wollen.
        <pb n="7" />
        107

§  2  Der  Begriff.
Auch  die  sog.  „technische  Konsumtion“ 1 )  von  Materialien  in  einem
Fabrikationsprozesse  ist  nicht  Konsumtion;  durch  sie  wird  zwar  ein  Gut  planmäßig  und
zweckmäßig  verbraucht,  aber  eine  Bedarfsbefriedigung  nicht  ausgelöst,  sondern  erst
vorbereitet.  Wenn  die  Kohle  ein  Wohnzimmer  heizt,  befriedigt  sie  den  Wärmebedarf ­
  seines  Bewohners;  wenn  sie  einen  Dampfkessel  heizt,  hilft  sie  nur  ein  Gut
herstellen,  das  Objekt  der  Konsumtion  werden  kann.  Zur  technischen  Quasi-Konsumtion ­
  gehört  ebenso  wie  das  Heizmaterial  des  Dampfkessels  auch  das  Futter  von
Arbeitstieren,  aber  nicht  der  Unterhalt  von  Lohnarbeitern,  auch  wenn  er  in  natura
gewährt  wird;  der  Begriff  der  Konsumtion,  wie  wir  ihn  fassen,  steht  und  fällt  mit  dem
Menschtum  des  Konsumenten;  alle  Wirtschaft  wird  nur  nach  ihrer  Wirkung  auf  den
Menschen  beurteilt.
Allerdings,  auch  über  den  Unterhalt  der  Lohnarbeiter  hinaus  ist  ein  großer
Teil  der  Konsumtion  „reproduktiv“,  nach  Says  etwas  zu  engem  Ausdruck;  er  erhält ­
  oder  verbessert  die  Gesundheit  des  Konsumenten  und  seine  wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit,  oder  er  baut  die  werdende  Arbeitskraft  des  jungen  Geschlechts
auf.  Er  ist  also  nicht  nur  Selbstzweck,  sondern  zugleich  erster  Akt  einer  künftigen ­
  Produktion,  ist  eigentlich  technische  Konsumtion.  Aber  ob  der  Konsument
seine  mit  neuer  Energie  versorgten  Muskeln  produktiv  betätigen  wird,  ist  ungewiß,
und  darum  hat  es  etwas  für  sich,  den  gordischen  Knoten  zu  durchhauen  und  den  Konsumenten ­
  als  Endstation  und  als  bloßen  Selbstzweck  zu  fingieren.
Eine  eigentümliche  Abart  ist  die  Konsumtion  konsumierter  Güter,  die  N  a  c  hk
  o  n  s  u  m  t  i  o  n.  Sie  spielt  eine  nicht  geringe  Rolle  bei  Gebrauchsgütern.  Wenn
jüngere  Geschwister  die  abgelegten  Kleider  der  aus  ihnen  herausgewachsenen  älteren
Geschwister  tragen,  so  ist  das  noch  keine  Nachkonsumtion,  sondern  Weiterkonsumtion, ­
  wie  wenn  ein  Wohnhaus  von  einem  Benutzer  auf  den  andern  vererbt  wird.
Wohl  aber  findet  die  Nachkonsumtion  abgelegter,  verbrauchter  Kleider  sowohl
durch  Vermittlung  der  Wohltätigkeit  wie  des  Althandels  weiteste  Verbreitung.
Nach  einer  neueren  Petersburger  Ausgabenstatistik  tragen  in  Arbeiterkreisen  45%
der  alleinwohnenden,  71%  der  verheirateten  Personen  abgelegte  Kleider,  trotz  der
Furcht  vor  Uebertragung  ansteckender  Krankheiten  2 ).  Im  16.  Jahrhundert  kamen
Schiffsladungen  mit  alten  Hüten  und  Schuhen  aus  England  über  den  Kanal  und
machten  den  französischen  Gewerbetreibenden  empfindliche  Konkurrenz  3 ).  Aber
trotz  einer  gewissen  Verstärkung  des  Angebots,  die  der  Althandel  dem  Einfluß  der
kurzlebigen  Mode  verdankt,  scheint  heute  die  Nachkonsumtion  in  merklichem  Rückgänge ­
  begriffen,  sei  es  infolge  veränderter  Ansprüche  der  bisherigen  Nachkonsumenten, ­
  oder  infolge  der  geringeren  Dauerhaftigkeit  moderner  Gebrauchsgüter.
Wenn  auf  einem  Spezialgebiete,  in  der  Bücherkonsumtion,  der  Althandel  neuerdings ­
  sogar  eine  bedeutende  Ausdehnung  erreicht  hat,  so  liegt  hier  wieder  nicht  eigentlich ­
  Nachkonsumtion  verbrauchter  Ware  vor,  sondern  Weiterkonsumtion.  Dagegen
sind  allerdings  die  moderne  Sitte  des  Kleiderabonnements  und  ähnliche  Erscheinungen
auf  dem  Gebiete  des  Möbelhandels,  des  Zahnersatzes  usw.  geeignet,  der  Nachkonsumtion ­
  Vorschub  zu  leisten.  Eine  scharfe  Grenze  zwischen  Nach-  und  Weiterkonsumtion ­
  gibt  es  freilich  nicht.
Ein  gröbliches  Mißverständnis  liegt  einem  ältern  Sprachgebrauch  zugrunde,
der  die  Zubereitung  der  Speisen  und  überhaupt  die  wirtschaftliche  Tätigkeit ­
  der  Hausfrau  als  Sphäre  der  Konsumtion  dem  verkehrswirtschaftlichen ­
  Produktionsprozeß  entgegensetzt.  Die  Tätigkeit  der  Hausfrau  stellt  vielmehr ­
  das  letzte  oder  vorletzte  Stadium  der  Produktion  vieler  Waren  vor.  Der
Unterschied  ist  nur  der  von  verkehrswirtschaftlicher  Warenproduktion  für  den  Verkauf ­
  und  eigenwirtschaftlicher  Güterproduktion  für  den  Hausbedarf.  Wäre  die
*)  Nach  Say:  „reproduktive  Konsumtion“;  nach  Cherbuliez:  „wirtschaftliche
Konsumtion“.
2 )  Archiv  für  Sozialwissenschaft  30,  66  f.
3 )  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus,  1902,  II  327.
A
        <pb n="8" />
        108

I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Die  Konsumtion.

eigenwirtschaftliche  Tätigkeit  nicht  Produktion,  so  würde  ja  in  einem  aus  eigenwirtschaftlichen ­
  Bauern  bestehenden  Volke  die  Produktion  überhaupt  fehlen.  Verständlich ­
  wird  diese  Begriffsverschiebung  nur,  wenn  man  vom  Standpunkt  der  älteren
fiskalischen  und  kommerziellen  Nationalökonomie  das  Augenmerk  auf  die  Produktion ­
  steuerbarer  Tauschwerte  oder  verkäuflicher  Waren  beschränkt  und  demgemäß
den  viel  gemißhandelten  Begriff  der  Produktivität  so  willkürlich  einengt,  wie  es  z.  B.
Adam  Smith  getan  hat.  Wir  umfassen  vielmehr  mit  dem  Begriffe  der  Produktion
z.  B.  eines  Mittagessens  alle  die  Aufwendungen,  die  für  die  Nutzung  seiner  Bestandteile ­
  im  menschlichen  Organismus  erforderlich  sind;  also  außer  ihrer  Fabrikation
das  Zubereiten  in  der  Küche  und  das  Servieren  im  Eßzimmer,  das  Zerkleinern  mit
Messer  und  Zähnen,  den  nötigen  Verdauungsspaziergang  ')  und  die  unter  Umständen
mühsame  Ausscheidung  und  Abfuhr  der  Verdauungsrückstände;  dies  alles  ist  Produktion, ­
  großenteils  eigenwirtschaftliche  Produktion  für  den  eigenen  Bedarf,  nicht
Konsumtion.  Konsumtion  ist  nur  der  Empfang  der  Nutzwirkung  des  Guts  durch  den
Körper  oder  Geist  des  Konsumenten.  Geistige  Güter:  ästhetische  Genüsse  und  sittliche ­
  Werte  von  dem  Begriffe  der  Konsumtion  auszuschließen,  liegt  kein  Grund
vor;  man  denke  an  entgeltliche  Konzerte.
Eine  Grenzstörung  zwischen  Produktion  und  Konsumtion  tritt  ein,
wenn  die  Produktion  selbst  zugleich  eine  Befriedigung  gewährt.  Das  sollte  möglichst
bei  aller  Produktion  der  Fall  sein.  In  Wirklichkeit  trifft  es  in  verschiedenstem
Maße  zu;  in  der  Eigenwirtschaft  mehr  als  bei  der  verkehrswirtschaftlichen  Arbeit,
bei  der  selbständigen  und  leitenden  Arbeit  mehr  als  bei  der  abhängigen,  bei  der
geistigen  mehr  als  bei  der  mechanischen.  Die  Pflege  von  Wissenschaft  und  Kunst,
so  hoch  produktiv  sie  sein  mag,  ist  ein  Typus  der  Verschmelzung  von  Produktion
und  Konsumtion.  Ein  Rentier,  der  eine  Beschäftigung  ausübt,  um  seinen  Tätigkeitsdrang ­
  zu  stillen,  kann  mehr  Konsument  als  Produzent  sein,  und  die  produktive
Tätigkeit  kann  ins  Spiel  übergehen,  das  zur  Konsumtion  gehört.
Auch  die  Konsumtion  selbst,  ob  sie  nun  selbstgewählt  oder  oktroyiert  ist,  kann
neben  der  Beseitigung  der  Unlust  eines  unbefriedigten  Bedürfnisses  positive  subjektive ­
  Lustgefühle  auslösen.  Diese  Gefühle  mag  die  Natur  der  Konsumtion ­
  beigesellt  haben,  um  die  Befriedigung  des  Bedürfnisses  sicherer  herbeizuführen. ­
  Auch  solche  Lustgefühle  sind  ein  zusätzlicher  Bestandteil  der  Konsumtion, ­
  neben  der  objektiven  Nutzwirkung.  Aber  in  gewissem  Maße  ist  subjektives
Wohlgefallen  doch  auch  Bedingung  dieses  objektiven  Konsumtionseffekts.  So  legt
die  neuere  Verdauungsphysiologie  auf  die  gefällige  Aufmachung  der  Speisen  und
Getränke  und  auf  Appetitreizmittel  überhaupt  Gewicht.  Die  seelischen  und  gefühlsmäßigen ­
  Obertöne  in  der  Konsumtion  dürfen  auch  aus  diesem  Grunde  nicht
überhört  werden.
Der  Umfang  der  Konsumtion  ist  sowohl  durch  die  Menge  der
verfügbaren  Güter  wie  durch  den  Bedarf  begrenzt.  Der  Bedarf,  oder  vielmehr  das
Bedürfnis,  wechselt  individuell  und  mit  dem  Lebensalter;  es  wächst  mit  der  Gewöhnung ­
  und  nimmt  ab  beim  Altern.  Niemandes  Genußfähigkeit  ist  unbegrenzt,
und  mit  Bedauern  muß  der  genußfreudige  Konsument  erfahren,  daß  die  einzelnen
Genüsse  einander  im  Wege  stehen  und  die  Ausnutzung  der  für  die  einzelne  Genußart
an  sich  vorhandenen  begrenzten  Genußfähigkeit  noch  weiter  einschränken.
Eine  noch  engere  Grenze  zieht  aber  in  der  Regel  die  jeweilig  verfügbare  Menge
der  Befriedigungsmittel.  Von  dieser  Seite  her  ist  die  Konsum  tion  in  der  verkehrslosen
Eigenwirtschaft  durch  die  Produktion  und  den  Gütervorrat,  in  der  Verkehrswirtschaft ­
  auch  durch  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung  nach  oben  begrenzt.  Die  jährliche
Kaufkraft  in  einem  Lande  ist  eigentlich  dem  jährlichen  Produktionswerte  gleich;
ein  Volk,  das  für  30  Milliarden  Mark  Güter  produziert,  kann  auch  für  30  Milliarden
Mark  kaufen;  aber  die  Kaufkraft  differiert  doch  von  dem  Produktionswert  insofern,
0  Bei  gewissen  modernen  Nahrungsmitteln  wird  auch  ein  Teil  der  Verdauung  in  das  verkehrswirtschaftliche ­
  Produktionsstadium  einbezogen.
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        Wirtschaftlichkeit  in  der  Konsumtion.

109

§  3

als  ein  Schuldnerland  einen  Teil  seiner  Kaufkraft  als  Zinsen  abgibt,  ein  Gläubigerland
sie  durch  den  Zinsenbezug  vom  Auslande  verstärkt.  Ferner  kann  (in  der  Verkehrswirtschaft ­
  wie  in  der  Eigenwirtschaft)  vom  aufgesparten  Gütervorrat  einer  vorangehenden ­
  Wirtschaftsperiode  gezehrt  werden,  über  die  Produktion  und  Kaufkraft
der  laufenden  Wirtschaftsperiode  hinaus;  andererseits  kann  auch  ein  Teil  der  laufenden ­
  Produktion,  unkonsumiert,  den  Gütervorrat  vermehren,  um  künftiger  Konsumtion ­
  oder  Produktion  zu  dienen;  diese  „Ersparnis“,  um  deren  Betrag  sich  die  gegenwärtige ­
  Konsumtion  vermindert,  wird  um  so  größer  sein,  je  reichlicher  der  Augenblicksbedarf ­
  der  Konsumenten  schon  gedeckt,  je  mehr  ihr  Zukunftssinn  entwickelt
ist,  je  sicherer  und  rentabler  *)  die  Ersparnisse  plaziert  werden  können.  Ob  nun
diese  Zukunftsfürsorge  in  Form  der  Aufsammlung  von  Vorräten  oder  (privatwirtschaftlich) ­
  durch  Geldersparnisse  erfolgt,  in  beiden  Fällen  bewirkt  sie  einen  Aufschub ­
  der  Konsumtion,  ihre  vorläufige  Einschränkung  (zum  Teil  bei  gleichzeitiger ­
  Ausdehnung  der  technischen  Quasi-Konsumtion).  —  Mit  der  Kreditwirtschaft ­
  beginnt  für  den  einzelnen  Konsumenten  wie  für  das  Volk  die  gefährliche  Möglichkeit, ­
  über  die  Kaufkraft  des  Einkommens  und  Vermögens  hinaus  von  den  volkswirtschaftlichen ­
  oder  weltwirtschaftlichen  Vorräten  auf  Kredit  zu  konsumieren.
In  der  Verkehrswirtschaft  ist  der  Bedarf  durch  die  verfügbare  Kaufkraft  nicht
nur  im  ganzen  nach  oben  begrenzt,  sondern  auch  zwischen  den  Konsumenten  abgestuft, ­
  auch  wenn  die  Bedürfnisse  der  Konsumenten  gleich  sind.  So  scheidet  sich  die
Bedarfsgröße  von  der  Bedürfnisstärke.  Bedarf  ist  die  Summe
der  von  Kaufkraft  unterstützten  Bedürfnisse.  In  einer  aus  Reich  und  Arm  gemischten ­
  Bevölkerung  mit  ungleichem  Einkommen,  aber  gleichen  Bedürfnissen
werden  daher  durch  die  Deckung  des  kaufkräftigen  Bedarfs  die  Bedürfnisse  der  einzelnen ­
  Konsumenten  ungleich  befriedigt.
Konsumenten  sind  alle  Menschen;  also  außer  dem  arbeitstätigen  Teil
der  Bevölkerung  die  Rentner,  die  Arbeitslosen  und  die  Arbeitsunfähigen  (Kinder,
Kranke,  Greise):  eine  erhebliche  Quote  der  Gesamtheit,  besonders  in  Gläubigerländern ­
  mit  starker  Rentnerbevölkerung  und  in  der  Großstadt,  dem  beliebten  Standorte ­
  der  Konsumtion  von  Pachtrenten  (Absentismus  der  Verpächter)  und  von  Zinsen.
Soweit  die  Menschen  nicht  über  eine  Kaufkraft  aus  eigenem  Erwerbe  verfügen,  wird
ihnen  die  Konsumtionsmöglichkeit  durch  Alimentationspflicht  oder  Wohltätigkeit
vermittelt.
Es  kann  demnach  zwischen  Produzenten  und  Konsumenten  ein  Interessengegensatz ­
  aufkommen,  weil  nicht  alle  Konsumenten  zugleich  Produzenten  sind,  zumal
im  modernen  Gläubiger-  und  Rentnerstaate.  Insbesondere  ist  der  reine  Konsument
geborener  Freihändler.
§  3.  Wirtschaftlichkeit  in  der  Konsumtion.
Wenn  wir  im  Bedarfe  der  Konsumtion  einen  Ausgangspunkt  der  Volkswirtschaftslehre ­
  sehen,  so  ist  es  doch  nicht  Aufgabe  dieses  Abschnitts,  die  Fäden  im
einzelnen  zu  verfolgen,  die  von  ihm  ausgehend  die  Produktion  in  ihrer  Richtung,
ihrem  Standort,  ihrer  Betriebsgröße,  ihren  Schwankungen  und  ihrer  Krisengefährlichkeit ­
  determinieren.  Diese  Aufgabe  ist  andern  Abschnitten  dieses  Werks
x )  Daß  steigender  Zinsfuß  die  Sparquote  vergrößert,  ist  wohl  unbestritten.  Mitunter  wird
aber  auch  behauptet,  sinkender  Zinsfuß  wirke  ebenso,  weil  die  an  eine  gewisse  Zinseneinnahme
gewöhnten  Kapitalisten  den  Zinsverlust  einbringen  möchten.  Dann  wäre  jede  Schwankung
des  Zinsfußes,  nach  oben  oder  nach  unten,  dem  Sparen  förderlich,  seine  Stabilität  schädlich.
Allein  die  Psychologie  der  Kapitalisten  ist  komplizierter  als  diese  Formel.  Mögen  manche
Kapitalisten  bei  sinkendem  Zinsfuß  um  so  mehr  sparen,  so  werden  andre  von  einer  gewissen
Grenze  des  Zinsfußes  an  lieber  ihren  Arbeitsverdienst  steigern  oder  im  Maße  der  Zinseneinbuße ­
  ihre  Konsumtion  einschränken  oder  ihre  Kinderzahl  beschränken,  oder  endlich  weniger
sparen;  für  die  nachwachsende  Generation  der  Kapitalisten  vollends  wird  die  Höhe  des  früheren ­
  Zinsertrages  kein  Gesichtspunkt  mehr  sein.  (Aehnlich  J.  Wolf,  Nationalökonomie
als  exakte  Wissenschaft,  1908,  S.  183.)
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        I.  Buch  B  III:  K.  Olden  b  erg,  Die  Konsumtion.
Vorbehalten.  Hier  kam  es  nur  darauf  an,  die  zentrale  Stellung  des  Konsumtionsbedarfs ­
  im  ganzen  der  Volkswirtschaft  zu  markieren;  für  die  konstruktive  Betrachtung ­
  der  Volkswirtschaft  ist  der  Bedarf  ihr  Ausgangspunkt,  die  realisierte
Konsumtion  ihr  Schlußpunkt.
Die  erste  Frage,  die  wir  in  diesem  Teile  des  Handbuchs  nach  unsern  obigen  orientierenden ­
  Erörterungen  stellen,  ist  vielmehr  die  nach  der  rationellsten
Gestaltung  der  Konsumtion.
Rein  wirtschaftlich  beantwortet  sie  sich  leicht:  diejenige  Konsumtion ­
  ist  wirtschaftlich  rationell  (gehorcht  dem  „ökonomischen  Prinzip“),  die  mit
den  gegebenen  Mitteln  die  meiste  Befriedigung  von  Bedürfnissen  erzielt.  In  einem
Volke  wird  dieses  Maximum  der  Befriedigung  ceteris  paribus  in  dem  Maße  erreicht
werden,  wie  das  Einkommen  den  Bedürfnissen  entsprechend  verteilt  ist,  also  Bedürfnisstärke ­
  und  Kaufkraft  korrespondieren;  bei  ungleicher  Einkommensverteilung
und  gleichen  Bedürfnissen  befriedigt  der  Reiche  auch  entbehrliche  Bedürfnisse  mit
hohen  Aufwendungen,  verschwendet  insofern  Volkseinkommen  und  kauft  in  Mißerntejahren ­
  dem  Armen  das  Brot  vom  Munde  weg;'wie  noch  heute  z.  B.  im  Kriegsfall ­
  bei  einer  russisch-amerikanischen  Sperrung  der  Getreideausfuhr  die  Engländer
wohl  versuchen  würden,  die  indischen  Getreidevorräte  zu  kaufen  und  so  die  Hungersnot ­
  auf  das  weniger  wohlhabende  Land  abzuwälzen;  und  wie  in  älteren  Jahrhunderten
bei  den  damals  noch  großen  Unterschieden  des  örtlichen  Geldwerts  der  Getreidehandel ­
  in  dem  Rufe  stand,  die  Hungersnöte  nicht  zu  mildern,  sondern  (örtlich)  zu
verschärfen;  sein  Interesse  war  ja,  die  Gebiete  hohen  Geldwerts  und  niedriger  Preise
von  Vorräten  zu  entblößen;  erst  bei  gleichmäßig  verteilter  Kaufkraft  ist  der  Handel
geeignet,  die  Bedürfnisse  gleichmäßig  zu  befriedigen.  Mag  im  Interesse  der  Produktion ­
  und  aus  Gründen  nicht  wirtschaftlicher  Art  ungleiche  Einkommensverteilung ­
  vorzuziehen  sein:  dem  Interesse  der  Konsumtion  entspricht  eine  Verteilung
gemäß  den  Bedürfnissen.  Ein  Glück  für  den  Armen  *),  daß  der  Bedarf  des  Reichen
an  Existenzgütern  seine  durch  die  Bedürfnisstärke  gezogene  enge  natürliche
Grenze  hat.
Vom  privatwirtschaftlichen  Standpunkt  des  einzelnen  Konsumenten, ­
  und  darum  indirekt  auch  vom  Standpunkt  der  Volkswirtschaft  ist  ferner
diejenige  Konsumtion  die  rationellste,  die,  auf  der  Grundlage  wirtschaftlichster
Produktion,  mit  vollendeter  Haushaltungskunst  die  Bedürfnisgrade  des  eigenen
Haushalts  richtig  einschätzt  und  die  verfügbaren  Geldmittel  richtig  zu  Rate  hält,
also  zwischen  Mitteln  und  Bedürfnissen  des  Einzelhaushalts  das  vorteilhafteste
Kompromiß  findet,  auch  bei  keiner  Ausgabe  verschwendet  oder  geizt.
Dabei  ist  freilich  die  Kommensurabilität  der  Bedürfnisse  unter  sich  schon  vorausgesetzt. ­
  Wie  diese  vorzustellen  sei,  macht  die  moderne  „Grenznutze  n“  -  W  ertlehre
  einigermaßen  anschaulich,  indem  sie  auf  den  verschiedenen  Gebrauchswert
die  Aufmerksamkeit  lenkt,  den  jedes  Gut  in  verschiedenen  Mengen  für  dieselbe
Person  besitzt:  je  größer  die  schon  konsumierte  oder  erworbene  Menge,  um  so  kleiner
der  Gebrauchswert  einer  hinzutretenden  Konsumtionseinheit;  wer  schon  eine  große
Wohnung  hat,  schätzt  jedes  weitere  Zimmer,  das  er  hinzumieten  könnte,  weniger;
zwei  Güter  haben  den  gleichen  Gebrauchswert,  wenn  ihr  Bedürfnisgrad  durch  vorher
sukzessive  erfolgte  Teilbefriedigung  so  abgestimmt  ist,  daß  der  Konsument  bereit
wäre,  für  die  fernere  Befriedigung  beider  im  Höchstfälle  annähernd  das  gleiche  wirtschaftliche ­
  Opfer  zu  bringen.  Indem  nämlich  kraft  eines  Naturgesetzes  jedes  Bedürfnis ­
  durch  fortschreitende  Teilbefriedigung  abnimmt,  wird  es  rationell,  die  Befriedigung ­
  bis  zu  einem  Grade  fortzusetzen,  der  noch  annähernd  die  gleiche  Genußstärke ­
  auslöst,  wie  die  letzte  Teilbefriedigung  eines  andern  Bedürfnisses  mit  gleichem
Aufwande  an  wirtschaftlichen  Opfern.
So  bildet  sich  für  jeden  Einzelfall  eine  bestimmte  Rangordnung  der  Bedürfnisse,
allerdings  aus  zwei  Faktoren  komponiert,  die  wir  aber  gedankenmäßig  trennen
!)  Block  II  520.
        <pb n="11" />
        Wertmaßstäbe  der  Konsumtion.

111

§  4

können:  Bedürfnisstärke  und  Kosten  der  Befriedigung.  Wir  können  danach  mit
Patten 1 )  zwischen  einer  natürlichen  und  einer  wirtschaftlichen
Rangordnung  der  Bedürfnisse  unterscheiden.  Die  natürliche  Rangordnung ­
  können  wir  uns  an  dem  Beispiel  einer  reichlich  besetzten  Büffettafel  veranschaulichen, ­
  die  ein  Gastgeber  seinen  wählerischen  Gästen  zur  Verfügung  stellt.
Diese  werden,  unter  Ausschaltung  des  wirtschaftlichen  Gesichtspunktes,  nur  ihren
Gaumen  über  die  Reihenfolge  und  Abmessung  der  Konsumtionsquanten  entscheiden
lassen.  Derselbe  Fall  liegt  vor,  wenn  ein  gewerbsmäßiger  Gastwirt  ein  solches  Büffet
seinen  Kunden  gegen  pauschale  Bezahlung  des  Couverts  zur  Verfügung  stellt.  Dagegen ­
  bei  Sonderberechnung  der  verzehrten  Werte  für  den  einzelnen  Gast  würde
eine  wesentlich  andere,  „wirtschaftliche“  Rangordnung  der  zum  Konsum  gewählten
Speisen  resultieren,  mit  scheuer  Vermeidung  der  kostspieligen  Delikatessen,  und  mit
der  volkswirtschaftlich  erwünschten  Wirkung,  die  knapp  verfügbaren  Speisen  zu
schonen,  und  sie  (bei  gleich  verteilter  Zahlungsfähigkeit)  denjenigen  Konsumenten
vorzubehalten,  die  nach  ihrer  individuellen  Geschmacksrichtung  von  ihnen  die
größte  Befriedigung  erwarten.  Im  geschichtlichen  Verlaufe  wird  daher  eine  Preisverschiebung, ­
  wie  beispielsweise  die  bedeutende  Verbilligung  eines  so  begehrenswerten ­
  Guts  wie  Zucker,  die  Rangordnung  der  Bedürfnisse  revolutionieren  können.
Die  jeweilig  privatwirtschaftlich  rationelle,  und  bei  gleicher  Einkommensverteilung ­
  auch  volkswirtschaftlich  zweckmäßige  Konsumtion  wird  demnach  einerseits
durch  ,den  jeweiligen  Stand  der  individuellen  Bedürfnisse  (mit  Einschluß  der  Zukunftsbedürfnisse) ­
  und  durch  den  Grad  ihrer  augenblicklich  schon  erreichten  Befriedigung, ­
  andererseits  durch  die  jeweiligen  Kosten  der  Güter  bestimmt  werden,
und  diese  Rangordnung  wird  bei  wirtschaftlichem  Verhalten  der  Konsumenten
und  bei  genügender  Erkenntnis  des  eigenen  wirtschaftlichen  Interesses  sich  in  jeder
Einzelwirtschaft  auch  tatsächlich  durchsetzen.
Diese  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt  gegebene  Antwort  ist  indessen  nur
formal,  und  läßt  die  konkrete  Frage  nach  der  Rangordnung  der  Bedürfnisse  und
Güter  offen.  Diese  Frage  ist  aber,  wenn  überhaupt,  nur  im  Rahmen  einer  allgemeineren ­
  Erörterung  über  die  Bedeutung  der  Konsumtion  für  den  Menschen  zu  beantworten. ­

§  4.  Wertmaßstäbe  der  Konsumtion.
Eine  verbreitete  Auffassung  sieht  in  der  durch  die  Jahrhunderte  steigenden
Produktivität  der  Volkswirtschaft  und  in  der  ihr  entsprechenden  Zunahme  der  Konsumtion ­
  eine  in  ebenso  gerader  Linie  ansteigende  Verbesserung  der  Wohlfahrt  des
Konsumenten,  einen  Anlaß  zu  freudiger  Beglückwünschung.  Rekordziffern  allerwärts!
  Der  heutige  Konsument  steht  nach  dieser  Deutung  turmhoch  über  seinen
Vorfahren,  1.  weil  er  viel  mehr  Gebrauchswerte  konsumiere,  und  2.  weil  er  den
nach  Deckung  des  Existenzbedarfs  ihm  zur  Verfügung  bleibenden  Verbrauch  entbehrlicherer ­
  Güter  viel  mannigfaltiger  und  freier  wählen  könne.  Der  geschichtliche
Tatbestand  ist  nicht  so  einfach  und  nicht  so  schlechthin  befriedigend,  wie  dieser
mechanische  Jubiläumsmaßstab  vermuten  läßt.
I.  Das  ursprüngliche  Motiv  der  Konsumtion  ist  die  Stillung  des  Hungers  und
anderer  Bedürfnisse,  und  die  Erzielung  des  mit  ihr  verbundenen  subjektiven  Lustgefühls. ­
  Dieses  natürliche  Motiv  fehlt  selbstverständlich  in  keiner  Geschichtsperiode
und  bei  keinem  normalen  Menschen;  aber  während  es  auf  animalischer  Kulturstufe
einen  Hauptteil  des  Lebensinhalts  füllt,  verliert  es  bei  höherer  Kultur,  die  den  Menschen ­
  einem  ethischen  Zwecke  unterwirft,  den  Charakter  des  Selbstzwecks  mehr
oder  weniger.  Das  Lebensziel  etwa  des  mittelalterlichen  Menschen  wird  bis  zu  gewissem ­
  Grade  ein  immaterielles,  sittlich  gebundenes,  religiös  gefärbtes;  die  landesübliche ­
  Konsumtion  wird  Mittel  zum  Zweck,  zur  pflichtmäßigen  Fristung  des  Lebens,

*)  S.  18.
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        112

I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Die  Konsumtion.

§  4

zum  Unterhalt  einer  Familie  und  zur  Wahrung  der  äußeren  Sitte.  Dahin  zielte
wenigstens  eine  starke  Tendenz  der  Entwicklung,  so  weit  auch  in  concreto  oft
Ideal  und  Wirklichkeit  differieren  mochten.  Und  wo  die  überweltlichen  Impulse
beim  Einzelnen  versagten,  da  trat  an  ihre  Stelle  die  Gebundenheit  durch  das  Beispiel ­
  der  Nachbarn;  diese  Gebundenheit  ist  es  in  erster  Linie,  die  die  Konsumtion
zu  einer  gesellschaftlichen  Erscheinung  macht.  Noch  heute  ist  der  Typus  des  genügsamen ­
  Landmanns  nicht  ausgestorben,  dem  das  Verständnis  für  den  Genußzweck
der  Konsumtion  fast  abgeht,  und  der  ein  Hinausgehen  über  das  Maß  der  überkommenen ­
  Lebenshaltung  für  sich  und  andere  ebenso  entschieden  verwirft,  wie
er  ein  Zurückbleiben  hinter  ihm  als  Pflichtverletzung  scheut.  Es  ist  neben  dem
überweltlichen  Imperativ  die  Rücksicht  auf  das  Urteil  der  Nachbarn,  es  ist  die  geistige ­
  Abhängigkeit  von  Gott  und  Menschen,  was  die  Seele  des  damaligen  Menschen
umklammert  und  sein  unmittelbares  Selbstinteresse  an  der  Konsumtion  verkümmern ­
  läßt.
Daß  dieser  Kulturzustand,  so  hoch  man  ihn  sittlich  werten  mag,  wenig  geeignet
ist,  Impulse  zur  fortschrittlichen  Entwicklung  der  Volkswirtschaft  auszulösen,
leuchtet  ein;  Gebundenheit  der  Konsumtion  bedeutete  zugleich  Gebundenheit  der
Volkswirtschaft.  Ueber  diesen  toten  Punkt  hinaus  führen  zwei  geschichtliche  Entwicklungsreihen: ­
  die  Abschwächung  des  Gefühls  der  Abhängigkeit  des  Menschen
von  Gott  durch  die  moderne  Aufklärung,  und  eine  Umgestaltung  seiner  Abhängigkeit ­
  vom  Urteil  des  Nächsten.  Die  Wirkung  auf  die  Konsumtion  ist  in  beiden  Fällen
ähnlich,  wenigstens  scheinbar  ähnlich.
1.  Die  Abhängigkeit  vom  Urteil  des  Nächsten  wird  transformiert  im  Sinne  des
Uebergangs  vom  Anerkennungstrieb  zum  Auszeichnungstrieb. ­
  Hatte  die  peinliche  Anpassung  an  die  für  jeden  Stand  überkommene  Lebenshaltung ­
  den  Anerkennungstrieb  zur  Voraussetzung,  und  die  soziale  Scham  zum
Motive,  so  will  der  Auszeichnungstrieb  sich  über  die  Standesgenossen  erheben,  und
beruht  auf  sozialem  Ehrgeiz.  Zwar  fehlt  der  Auszeichnungstrieb,  die  Leidenschaft
des  aisv  dcptatstistv,  zu  keiner  geschichtlichen  Zeit  ganz,  und  ist  die  Bedingung
aller  Führerschaft  in  Krieg  und  Frieden;  allein  in  der  Neuzeit  dehnt  er  sich  auf  viel
breitere  Schichten  aus,  je  mehr  er  sich  auf  das  wirtschaftliche  Gebiet  erstreckt.
Das  wirtschaftliche  Gebiet  bedeutet  für  ihn  ein  neues  Betätigungsfeld.  Zu  den
Eigenschaften,  die  das  Individuum  vor  seinesgleichen  auszeichnen,  zählt  auch  die
wirtschaftliche  Leistungsfähigkeit  und  diese  kann  unter  Durchbrechung  der  Sitte
in  einer  individuell  erhöhten  Lebenshaltung  Ausdruck  finden:  in  prächtigerer  Kleidung, ­
  im  Essen  und  Trinken,  im  Schmuck  der  Wohnung,  in  ausgedehnter  Gastlichkeit, ­
  im  Umfang  des  sichtbaren  Besitzes.  Die  erhöhte  Lebenshaltung  wird
zu  einem  willkommenen,  weithin  sichtbaren  Zeugnis  hervorragender  Tüchtigkeit,
und  reizt  zur  Nachahmung,  entfesselt  das  Streben  nach  Ausgabensteigerung  und
Einkommenssteigerung,  sei  es  durch  wirtschaftliche  Mehrleistungen  oder  auf  anderem
Wege.  Die  Ausgabensteigerung,  die  imponieren  will,  richtet  sich  in  älterer  Zeit
mit  Vorliebe  auf  den  Erwerb  von  Vieh  und  Grundbesitz,  möglichst  viel,  eventuell
mit  Schulden;  in  andern  Fällen,  namentlich  seitens  der  ehrgeizigen  Jugend,  auf
eine  bestimmte,  durch  die  Sitte  der  nächst  höheren  Klasse  orientierte  Art  kostspieliger ­
  Lebensführung,  oder  endlich  auf  eine  kostspielige  Lebenshaltung  schlechthin, ­
  auf  Rekordleistungen;  in  allen  Fällen  werden  solche  Ausgaben  bevorzugt,  die
nach  außen  ins  Auge  fallen,  Fassadenbedürfnisse:  Gesellschaftsräume  der  Wohnung
mehr  als  Schlaf-  und  Wirtschaftsräume,  Oberkleidung  mehr  als  Unterkleidung  usw.
Den  Anstoß  zu  dieser  folgenreichen  Bewegung,  zum  Durchbruch  des  wirtschaftlichen ­
  Auszeichnungstriebes,  kann  eine  gelegentliche  Einkommensdifferenzierung
gegeben  haben;  möglicherweise  aher  auch  die  gesellschaftliche  Mischung  oder
auch  nur  Berührung  von  Bevölkerungsgruppen  mit  verschiedener  Lebenshaltung;
wie  beispielsweise  die  Kreuzzüge  durch  den  Import  orientalischen  Prunks  auf  die
einfachere  Lebenshaltung  des  Abendlands  revolutionierend  wirkten.  Die  Lawine  muß
        <pb n="13" />
        Wertmaßstäbe  der  Konsumtion.

113

§  4

«

ins  Rollen  gekommen  sein.  Mit  dem  Aufkommen  der  Geldwirtschaft  steht  dieser
massenpsychologische  Prozeß  in  enger  Wechselwirkung.  Die  Verbreitung  des  wirtschaftlich ­
  betätigten  Auszeichnungstriebs  und  der  Geldwirtschaft  wirkt  andererseits
revolutionierend  auf  die  gesellschaftliche  Schichtung  zurück,  verdrängt  die  hergebrachte ­
  Scheidung  der  Stände  nach  Geburt  und  Beruf  durch  eine  Scheidung  der
Klassen  nach  der  Aufwandsfähigkeit,  wirkt  belebend  auf  den  wirtschaftlichen  Fortschritt, ­
  und  dieser,  eine  verfeinerte  Lebenshaltung  ermöglichend,  stachelt  wieder
den  Auszeichnungs-  oder  Rivalitätstrieb  zu  leidenschaftlichem  Wetteifer  an.  Indem
die  gesteigerte  Norm  der  Lebenshaltung  auch  diejenigen  Volksschichten,  die  noch
unter  der  Herrschaft  des  Anerkennungstriebes  geblieben  sind,  zur  Anspannung
aller  wirtschaftlichen  Kräfte  zwingt  &amp;gt;),  wird  eine  allgemeine  Fortschrittsbewegung
ausgelöst,  die  aus  sich  heraus  eine  Art  von  volkswirtschaftlichem  Enthusiasmus
erzeugt.  Nicht  ganz  mit  Unrecht  hat  man  daher  den  Erwerbstrieb  eine
Unterart  des  Auszeichnungstriebs  genannt 2 ),  weil  die  Rivalität  in  der  Ausgabensteigerung, ­
  daneben  auch  in  der  Gewinnung  von  finanziellem  Einfluß,  wenigstens
eine  Hauptquelle  des  modernen  Erwerbstriebs,  jedoch  neben  andern  Quellen  3 )  ist.
Durch  diese  geschichtliche  Wandlung  des  Anerkennungs-  in  den  Auszeichnungstrieb ­
  wird  auch  die  bekannte  Erscheinung  4 )  verständlich,  daß  in  älterer  Zeit  (und
bei  Völkern  oder  Volksschichten  ohne  entwickelten  sozialen  Ehrgeiz  noch  jetzt)
Steigerung  des  Einkommens  zum  Faulenzen  oder  Blaumachen  führt,  während  sie
vom  modernen  Arbeiter  unter  Anregung  des  Arbeitseifers  gern  in  Aufwendungen,
für  bessere  Lebenshaltung  umgesetzt  wird,  den  sozialen  Aufstieg  innerhalb  der
Arbeiterklasse  vermittelt.
Die  unmittelbare,  naive  Aeußerung  des  wirtschaftlichen  Auszeichnungstriebs,

Von  dem  Kleinkrieg  zwischen  Anerkennungs-  und  Auszeichnungestrieb  gibt  Pastor
Gailwitz  aus  zwei  großen  Industriedörfern  bei  Nordhausen  eine  anschauliche  Schilderung
(in  der  Zeitschrift  „Evangelisch-sozial“,  Mai  1910):  „Der  Fabrikarbeiter  hat  Angst,  etwas
Besonderes  zu  sein  und  von  dem,  was  seine  Genossen  tun,  abzuweichen.  Es  ist  ihm  unerträglich, ­
  wenn  über  ihn  gelacht  und  gestichelt  wird.  .  .  Die  Wohnungen  sind  nach  demselben  Typus
gebaut.  In  einem  Hause  wohnen  4  bis  5  Familien,  bei  der  Ernährung  herrscht  eine  mehr  als
kasernenmäßige  Eintönigkeit  .  .  .  Dieselbe  Gleichförmigkeit  herrscht  in  der  Mode.  Im  vorigen
Jahre  erschienen  einige  Konfirmandinnen  in  breitrandigen  roten  Wollhüten,  in  2  Monaten
war  das  so  allgemeine  Sitte  geworden,  daß  höchstens  3—4  der  Allerärmsten  ohne  diese  Kopfzierde ­
  geblieben  waren.  Der  einzelne  erträgt  es  nicht,  etwas  anderes  zu  sein  als  die  andern.
Damit  steht  der  Einzelne  unter  einem  harten  Gesetz  der  Menschenknechtschaft.  Er  hat  nicht
die  Kraft  in  sich,  anders  zu  sein  als  die  Genossen  ...  Das  fühlt  jeder  Einzelne  instinktiv,  und
darum  ist  er  mißtrauisch  und  feindselig  gegen  den  Genossen,  der  zuerst  eine  neue  Mode  aufbringt ­
  oder  etwas  Besonderes  sein  will.  Die  andern  werden  dadurch  gezwungen,  das  nachzumachen ­
  und  in  der  Regel  über  ihre  Verhältnisse  Geld  auszugeben.  Wenn  die  Frau  eines  Genossen ­
  ein  neues  Kleid  erhält  oder  die  Tochter  einen  neuen  Hut,  so  gibt  es  wochenlang  bei
den  Nachbarn  unzufriedene  Gesichter,  heftige  Worte,  ja  Tränen,  bis  der  soziale  Ausgleich  geschlossen ­
  ist  und  Mutter  und  Kind  in  denselben  Moden  wie  jene  einherstolzieren  können.“
2 )  Schmoller,  Grundriß  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre,  1.  Aufl.  S.  32.
3 )  Solche  Quellen  sind:  Aussicht  auf  hochverzinsliche  Anlage  des  Erworbenen,  zunehmende ­
  Rechtssicherheit,  abstrakte  Freude  am  Erwerb  oder  am  Uebervorteilen,  und  überhaupt
die  Psychologie  des  „rechenhaften“  kapitalistischen  Plustriebs,  auch  des  modernen  Geschäftssinns, ­
  von  der  spießbürgerlichen  „Freude  am  guten  jährlichen  Geschäftsabschluß“  (Schmoller)
bis  zum  schönen  Größenwahnsinn  der  Milliardäre.  In  einigen  dieser  Faktoren  liegt  eine  Art
von  objektivierender  Umbiegung  des  egoistischen  Erwerbstriebs,  so  in  der  freiwilligen  und
freudigen  Dienstbarkeit  gegenüber  einem  fingierten  Selbstzwecke  des  Kapitals  oder  der  Firma
(vergleichbar  dem  Pflichtbewußtsein  des  Familiengutsbesitzers  oder  des  Beamten  oder  des
Weltverbesserers).  Damit  hängt  zusammen,  daß  der  Uebergang  von  der  alten  Bedarfsdekkungswirtschaft“
  in  die  „Erwerbswirtschaft“,  wie  man  dieAera  des  Erwerbstriebs  bezeichnet
hat,  keineswegs  immer  mit  einer  entsprechenden  Ausgabensteigerung  Hand  in  Hand  geht;
hat  es  doch  auch  starke  kapitalistische  Strömungen  in  Verbindung  mit  puritanisch  einfacher
Lebenshaltung  gegeben.  Es  muß  darum  in  der  Konsumtionslehre  genügen,  die  Theorie  des
Erwerbstriebs  und  der  Erwerbswirtschaft  statt  Bedarfsdeckungswirtschaft  kurz  zu  berühren. ­

4 )  Vgl.  Brentano,  Ueber  das  Verhältnis  von  Arbeitslohn  und  Arbeitszeit  zur  Arbeitsleistung. ­
  2.  Aufl.,  Leipzig  1893.
Sozialökonomik.  II.  8
        <pb n="14" />
        114  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.

§  4

die  Ausgabensteigerung,  tritt  in  scharfen  Konflikt  r )  mit  dem  Sparen,  von  dem  in
§  2  die  Rede  war;  je  mehr  jährliche  Ersparnis,  um  so  weniger  Aufwand.  Am  stärksten
wird  die  Tendenz  zur  Ausgabensteigerung  sein  in  emporkommenden  Volkswirtschaften; ­
  sie  kennzeichnet  den  Emporkömmling.  Kaum  irgendwo  ist  der  Zusammenhang ­
  von  Kaufkraft  und  Ansehen  enger  als  in  Nordamerika.  Altgesättigte  und
stabile  Volkswirtschaften  wie  die  französische  oder  holländische  kehren  zu  einer
gewissen  Genügsamkeit  der  Lebenshaltung  bei  breit  ausgedehnter  Spartätigkeit
zurück.  Vielleicht  mit  aus  klimatischen  Gründen  sollen  südländische  Nationen  zu
einem  genügsamen  Rentnertum  neigen.
2.  Hand  in  Hand  mit  dem  Siege  des  Auszeichnungstriebs  über  die  gebundene
Sitte  der  überlieferten  Lebenshaltung  tritt  die  verstandesmäßige  Aufklärung
gegenüber  der  gebundenen  Weltanschauung  des  Mittelalters  ihren  Siegeszug  an.
Wenn  jener  die  Abhängigkeit'  des  Konsumenten  von  sozialen  Mächten  noch  verstärkt, ­
  macht  diese  ihn  frei,  aber  nimmt  ihm  zugleich  das  Rückgrat,  das  bisher  seiner
Seele  Halt  und  Inhalt  gab,  und  der  leere  Spielraum  der  Seele  füllt  sich  mit  Surrogat-Inhalten.
  An  die  Stelle  eines  überweltlichen  Lebensziels,  das  vorher  den  Menschen
regiert  hat,  drängen  sich  weltliche  Lebensziele *  2 ),  und  mit  in  erster  Linie  wirtschaftliche: ­
  Konsumtionsinteressen  im  weitesten  Wortsinn,  darunter  neben  dem  animalischen ­
  Genußtriebe,  der  wieder  mehr  in  seine  ursprünglichen  Rechte  tritt,  und
neben  dem  Reiz  zu  galantem  Aufwande,  dessen  Ausdehnungsfähigkeit  und  geschichtliche ­
  Rolle  unlängst  Sombart 3 )  in  sehr  helles  Licht  gerückt  hat,  mit  verstärkter
Gewalt  jener  soziale  Auszeichnungs-  und  Rivalitätstrieb,  der  sein  Ziel  mit  wirtschaftlichen ­
  Mitteln  erstrebt,  und  der  erst  unter  dem  Regime  der  Aufklärung  seinen  Idealtypus ­
  erreicht;  „soziale  Kapillarität“  hat  ihn  in  seiner  modernen  Gestalt  ein  fransösischer
  Gelehrter 4  5  *  * )  mit  Anspielung  auf  das  physikalische  Kapillaritätsgesetz  genannt: ­
  „wie  das  Oel  im  Lampendocht  zur  Flamme  emporklettert“,  so  drängt  der
Mensch  wie  durch  naturgesetzlichen  Zwang  sozial  aufwärts,  und  dieser  Trieb  wird
zur  stärksten  Großmacht  in  der  Seele  des  modernen  Durchschnittsmenschen,  und
zugleich  zum  stärksten  unter  den  Faktoren,  die  die  frei  gewählte  Konsumtion  beherrschen. ­
  Man  versteht  die  Richtung  und  den  Sinn  der  heutigen  Konsumtion
nicht,  ohne  den  beherrschenden  Einfluß  dieses  Triebs  und  ohne  die  verstärkte  Wucht
einzuschätzen,  mit  der  er  im  Zeitalter  der  Aufklärung  in  der  führerlos  und  leer  gewordenen ­
  Seele  wirkt 8 ).  Erst  in  diesem  Milieu  erreicht  die  Fortschrittstendenz  der
Volkswirtschaft  ihr  heutiges  Maximum.
Das  äußerliche  Ergebnis  dieses  Fortschritts  ist  jene  gewaltige  Steigerung  des
Komforts,  die  eine  oft  überschwängliche  internationale  Befriedigung  enthusiastischer
Volkswirte  ausgelöst  hat:  der  Fortschritt  von  der  Einfachheit  in  der  Lebenshaltung
zur  Wohlhäbigkeit  und  zum  Raffinement,  vom  Mehlbrei  und  der  Salztunke  der  Vorfahren ­
  bis  zum  heutigen  Menü,  vom  altfränkischen  Bauernkittel  bis  zur  Schneiderakademie, ­
  von  rohester  Behausung  bis  zur  großstädtischen  Etage  „mit  allem  Komfort ­
  der  Neuzeit“;  und  dieser  Wechsel  nicht  nur  zugunsten  einer  nicht  allzu  schmalen
Oberschicht,  sondern  mutatis  mutandis  für  alle  Einkommensstufen,  mindestens  in
der  Gestalt  reichlicher  Flitterdekoration  mit  den  Künsten  des  schönen  Scheins,  oft
nur  des  anspruchsvollen  Scheins,  im  Dienste  des  sozialen  Ehrgeizes.  Von

x )  Unter  Umständen  kann  allerdings  auch  der  Spartrieb  auf  seine  Art  dem  Rivalitätstriebe ­
  dienen,  z.  B.  durch  Grunderwerb.
2 )  Vielleicht  hat  seit  dem  19.  Jahrhundert  auch  der  im  Großbetrieb  erfolgende  Mechanisierungsprozeß ­
  gewerblicher  Arbeit,  die  vorher  in  sich  selbst  Befriedigung  gewährte,  eine  ähnliche ­
  Wirkung:  die  unbefriedigende  Berufsarbeit  weckt  den  Genußtrieb;  vgl.  S  c  h  m  o  11  e  r„
Zur  Sozial-  und  Gewerbepolitik  der  Gegenwart,  1890,  S.  33—34.
3 )  Luxus  und  Kapitalismus,  passim.
4 )  D  u  m  o  n  t.
5 )  Auch  für  Gurewitsch,  Die  Entwicklung  der  menschlichen  Bedürfnisse  und  die
"Soziale  Gliederung  der  Gesellschaft,  Leipzig  1901,  ist  der  soziale  Ehrgeiz  leitender  Gesichtspunkt ­
  für  das  Verständnis  der  Entwicklung  der  Bedürfnisse.

!k

*■

v.-
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        Wertmaßstäbe  der  Konsumtion.

115

§  4

solchem  Demonstrationsaufwande  *)  ist  der  ganze  Umkreis  unserer  Lebenshaltung
mehr  durchsetzt,  als  wir  uns  bewußt  sind;  von  den  verschwenderischen  Gesellschaftsausgaben ­
  und  der  „guten  kalten“  Stube,  die  dem  Mittelstände  die  Wohnung  in  so
unverantwortlicher  Weise  verteuert,  bis  zu  den  Launen  der  Sonntagskleidung  und
unter  Umständen  selbst  manchen  Bestandteilen  der  täglichen  Nahrung.  Unzählige
Renommiergüter  teilen  dieses  Schicksal  der  Konventionsheirat  mit  einem  zahlungsfähigen, ­
  aber  sonst  wenig  interessierten  Konsumenten;  ihr  Hauptzweck  ist  die  Dokumentierung
  der  Zahlungsfähigkeit,  und  die  moderne  Uniformierung  der  Preise
erleichtert  die  Kontrolle.  Natürlich  kann  die  erstrebte  Nutzwirkung  dieser  sozialen
Opferwilligkeit  in  den  Schornstein  fahren  in  dem  Maße,  wie  die  Lebenshaltung  einer
sozialen  Gruppe  schließlich  auf  der  ganzen  Linie  gesteigert  wird,  der  Rivalitätsaufwand ­
  Einzelner  zum  konventionellen  Aufwande  Aller  wird;  eine  Schraube  ohne
Ende.  Wo  dagegen  die  alte  ständische  Sitte  sich  in  Resten  noch  erhält,  wie  etwa  in
der  kleidsamen  und  billigen,  aber  auch  anspruchslosen  Blousentracht  des  französischen ­
  Arbeiters,  spart  die  Volkswirtschaft  an  Rivalitätskosten  *  2 ).  Der  Auszeichnungstrieb ­
  strebt  beständig  den  Kreis  der  konventionellen  Bedürfnisse  zu  erweitern.
Wir  kommen  damit  zu  dem  viel  erörterten  Begriffe  des  Luxus.
Im  strengsten  Sinne  ist  jede  Konsumtion  Luxus,  die  über  den  Existenzbedarf
hinausgeht.  Allein  die  soziale  Rivalität  hat  längst  die  physiologischen  Mindestbedürfnisse ­
  durch  konventionelle  Anforderungen  gesteigert,  die  das  Existenzminimum ­
  für  jede  soziale  Gruppe  differenzieren.  Nennen  wir  Luxus  nur  denjenigen
Konsum,  der  dieses  soziale  Mindestmaß  jeder  Gruppe  überschreitet,  so  erscheint
natürlich  der  einen  sozialen  Gruppe  von  ihrem  Standpunkte  als  („relativer“)  Luxus,
was  zum  sozialen  Notbedarfe  der  andern  gehört.  „Absoluter“  Luxus  ist  dann  nur,
was  über  den  traditionellen  Bedarf  der  jeweilig  anspruchsvollsten  sozialen  Konsumentenschicht ­
  hinausgeht;  „individueller“  und  „relativer“  Luxus,  was  den  herkömmlichen ­
  Bedarf  der  eigenen  sozialen  Gruppe  des  Konsumenten  überschreitet,
was  nicht  dem  sozialen  Anerkennungstriebe,  sondern  dem  weitergehenden  Auszeichnungstriebe ­
  dient.  Aber  weniger  dieser  Doppelsinn  des  Begriffs,  als  die  Verschiedenheit ­
  der  Standpunkte  hat  das  Werturteil  über  den  Luxus  schwanken  lassen.
Auch  den  relativen  Luxus  mag  der  mittelalterliche  Moralist  oder  der  Vertreter  des
Naturalismus  (16.—18.  Jahrhundert)  unter  ethischen  Gesichtspunkten,  der  modernere ­
  Volkswirt  als  Hemmnis  der  Kapitalbildung  und  als  faux  frais  der  sozialen
Rivalität,  zeitweise  auch  als  eine  Gefahr  für  die  Handelsbilanz  des  Landes  schelten;
während  andererseits  jeder  noch  so  maßlose  „absolute“  oder  „relative“  Luxus  Gnade
finden  kann  sowohl  in  den  Augen  des  grundsätzlichen  Verehrers  äußerlich  meßbarer ­
  Kultur,  wie  des  rationalistischen  Volkswirts,  der  mit  scharfer  aber  schiefer
Logik  jeden  Luxus  preist,  der  „Geld  unter  die  Leute  bringt“;  als  ob  das  Geld  bei
produktiver  statt  luxuriös  konsumtiver  Verwendung  nicht  ebenso  unter  die  Leute
käme  und  wahrscheinlich  sogar  eine  beständigere  Verdienstgelegenheit  böte,  als  die
launische  Luxusnachfrage  vermag.  Nur  dem  Sonderinteresse  des  Kapitalgewinns
ist  die  Luxuskonsumtion  günstig,  weil  sie  die  jährliche  Ersparnis  verkleinert  und  damit ­
  das  Angebot  von  Leihkapital  vermindert 3 ).
Eine  besonders  scharfe  Ausprägung  findet  die  konventionelle  Bedürfnissteigerung
in  der  Mode 4 ).  Mode  ist  eine  Zeitströmung,  die  massenpsychologisch  bestimmte

x )  Von  diesem  ehrgeizigen  Aufwande  ist  zu  unterscheiden  der  auch  der  Demonstration
dienende  spekulative  Aufwand  des  kreditbedürftigen  Geschäftsmanns  und  des  Vaters
heiratsfähiger  Töchter.

! )  Lexis  in  Schönbergs  Handbuch  I 4  795,  Anm.  14.

3 )  Lexis,  Allgemeine  Volkswirtschaftslehre,  1910,  S.  220.

")  Vgl.  u.  a.  S  o  m  b  a  r  t  1902,  II  327  f.  Rasch,  Das  Eibenstocker  Stickereigewerbe
unter  der  Einwirkung  der  Mode,  35.  Ergänzungsheft  der  Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft, ­
  Tübingen  1910.  Tröltsch,  Volkswirtschaftliche  Betrachtungen  über  die
Mode,  Marburg  1912.  Weitere  Literatur  bei  A.  Elster,  Wirtschaft  und  Mode,  Jahrbücher
für  Nationalökonomie  und  Statistik,  August  1913.

8*
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        116  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  4
Sorten  von  Gütern,  namentlich  von  Gebrauchsgütern  bevorzugt.  Wohl  paßt  sie
sich  allgemeinen  Kulturströmungen,  z.  B.  naturalistischen  in  der  Kleidung,  in  großen
Zeiträumen  an;  aber  ihr  Charakteristikum  ist  gerade  der  strenge  Zwang  eines  grundsätzlichen ­
  Wechsels  der  Konsumtion  in  kurzen  Zeiträumen.  Es  wäre  falsch,  die
Wurzel  der  Mode  nur  in  einem  Abwechslungsbedürfnis  des  Menschen  zu  suchen.
Beim  isolierten  Bobinson  würde  das  Abwechslungsbedürfnis  solche  Blüten  nicht
treiben.  Auch  der  Hinzutritt  der  Gefallsucht  zu  den  Bobinsonschen  Motiven  würde
noch  nicht  unsere  Mode  erklären.  Vielmehr  entspricht  der  abrupte  Modewechsel
auch  dem  Interesse  des  Handels  an  immer  neuer  Nachfrage;  und  zugleich  will  der
Modewechsel  denjenigen  Konsumenten  mit  einer  gesellschaftlichen  Prämie  auszeichnen, ­
  der  dem-  Gebot  konventioneller  Ausgaben  am  willfährigsten  folgt,  unter
Preisgabe  von  noch  nicht  abgenutzten  Gebrauchsgütern,  die  von  einer  oft  blinden
Mode  außer  Kurs  gesetzt  worden  sind.  Er  ist  ein  scharfes  Kontrollmittel  zur  öffentlichen ­
  Kennzeichnung  des  Konsumenten,  der  seinen  noch  „guten“  Hut  der  vorjährigen ­
  Saison  im  zweiten  Jahre  zu  tragen  versucht.  Die  frühere  Stabilität  der
konventionell  gebotenen  Lebenshaltung  schlägt  in  ihr  Gegenteil  um;  Tracht  und
Mode  sind  Gegensätze.  Eine  Art  Selbsthilfe  des  Konsumenten  gegen  kostspielige
Modetorheiten  ist  die  Bevorzugung  billiger,  geringwertiger  und  namentlich  nicht
dauerhafter  Ware,  deren  Verbreitung  mit  der  Mode  eng  zusammenhängt 1 ).
Man  wird  verstehen,  warum  unter  solchen  Umständen  die  Mode  auch  auf  die
Form  der  Produktion  zurückwirken  muß.  Die  Mode  fordert  einerseits  billige  Massenproduktion, ­
  also  großindustrielle  Produktionsform,  und  lebt  schon  aus  diesem  Grunde
mit  der  Großindustrie  auf,  findet  auch  in  den  Warenhäusern  Sukkurs.  Aber  zugleich
scheut  sie  die  Fabrik,  die  mit  ihrem  fixen  Kapital  dem  unbeständigen  Modebedarf
nur  mit  schwerem  Zinsverlust  dienen  kann.  Die  eigenste  Domäne  der  Modewarenproduktion ­
  ist  darum  die  Hausindustrie,  die  im  Klein-  und  Handbetrieb
mit  wenig  fixem  Kapital  doch  an  der  Billigkeit  großindustrieller  Massenproduktion
einigermaßen  Teil  hat.  Die  Beweglichkeit  der  Hausindustrie  und  die  verschärfte
Konkurrenz  ihrer  Kleinbetriebe  fördert  wieder  die  Beweglichkeit  der  Mode;  während
andererseits,  je  mehr  die  Modeproduktion  aus  technischen  Gründen  in  die  Sphäre
der  Fabrik  übergreift,  der  drohende  Verlust  am  fixen  Kapital  den  Modewechsel  in
gewissen  technischen  Schranken  zu  halten  strebt 2 ).
Die  Unbeständigkeit,  die  aller  Luxusindustrie  eigen  ist,  erreicht  in  der  Modeindustrie ­
  ihren  Höhepunkt.  Das  Bisiko  dieser  Unbeständigkeit  wird  aber  gerade
in  der  hausindustriellen  Betriebsform  großenteils  auf  den  Arbeiter  abgewälzt;  seine
Beschäftigung  wird  unregelmäßig;  aber  im  Preis  der  Ware  kommt  dieses  vom  Arbeiter
getragene  Risiko  nicht  zum  Ausdruck  und  braucht  darum  den  kaufenden  Konsumenten ­
  nicht  zu  kümmern;  es  bedarf  erst  einer  sozialen  Aufklärungsarbeit,  wie  sie
von  den  sozialen  Käuferligen  geübt  werden  soll,  um  die  Nachfrage  hier  und  in  andern
Punkten  von  sozialen  Rücksichten  beeinflussen  zu  lassen.  Schließlich  müssen  Armenpflege ­
  und  Arbeitslosenversicherung  einen  Teil  des  Schadens  decken.
Die  Neuzeit  beschleunigt  das  Tempo  des  Modewechsels,  erstreckt  ihren  Machtbereich ­
  auf  immer  mehr  Güterarten  und  ermöglicht  durch  vollkommenere  Verkehrsmittel, ­
  z.  B.  Modezeitungen,  ihre  internationale  Egalisierung,  neben  der  es  aber  an
der  Tendenz  zu  nationalen  Sondermoden  nicht  fehlt.  Im  einzelnen  nimmt  der
Konsument  auf  die  Richtung  der  Mode  von  heute  auf  morgen  wenig  Einfluß;  ihm
liegt  ja  an  der  Qualität  der  Modewaren  oft  weniger  als  an  ihrer  augenfälligen  Neuheit; ­
  so  halten  Produktion  und  Handel  die  Zügel  im  wesentlichen  in  der  Hand.  Daß
ihre  vom  Konsumenten  mangelhaft  kontrollierte  Direktion  in  der  verzweifelten
Suche  nach  effektvoller  Neuheit  die  kostbare  Kaufkraft  der  Konsumenten  oft  genug
in  den  unwahrscheinlichsten  Geschmacksverirrungen  vergeudet,  ist  eine  Frucht
dieser  Kulturblüte.  Ein  Glück,  wenn  eine  aufstrebende  Künstlerschule  mit  ihren
x )  Vgl.  Bücher,  die  Entstehung  der  Volkswirtschaft,  2.  Aufl.,  S.  177.
*)  R  a  s  c  h  ,  S.  86  f.
        <pb n="17" />
        Wertmaßstäbe  der  Konsumtion.

117

§  4

mehr  oder  weniger  ausgereiften  Ideen  der  erschöpften  Phantasie  gewerbsmäßiger
Modemacher  aufhilft  und  die  Zügel  an  sich  reißt 1 );  auch  sie  findet  eine  folgsame
Kundschaft.  Am  ehesten  wird  eine  solche  Einflußnahme  auf  die  Fabrikation  von
Gütern  länger  dauernden  Gebrauchs  gelingen,  wie  Wohnung  und  Wohnungseinrichtung, ­
  im  Gegensatz  zu  Kleidungsstücken,  bei  denen  die  atemlose  Saisonmode
herrscht,  regiert  vom  Schneider  und  von  den  Löwinnen  der  Bühne  und  der  Halbwelt. ­
  Selbst  Konsumentenvereine  für  Verbesserung  der  Frauenkleidung  oder  der
Männertracht,  wie  sie  neuerdings  versucht  worden  sind,  dürften  auf  diesem  Lieblingsgebiete ­
  der  Mode  ebenso  einflußarm  bleiben,  wie  in  einem  ähnlichen  Falle  Hausfrauenvereine ­
  in  der  Preisbildung  des  Nahrungsmarkts;  die  Zahl  der  Konsumenten  ist
größer,  das  Interesse  jedes  Einzelnen  kleiner,  als  Zahl  und  Interesse  der  Produzenten.
Kaum  jemals  werden  diese  konventionellen  Aufwendungen  ganz  willkürlich  gewählt, ­
  sondern  sie  knüpfen  zunächst  an  wirklich  empfundene  Bedürfnisse  an.  Man
hat  mit  Recht  hervorgehoben,  daß  die  natürlichen  Existenzbedürfnisse  des  Menschen
im  Ablauf  der  Kulturgeschichte  durch  ästhetische  und  sittliche  Modifikationen  verfeinert ­
  und,  ihrem  wirtschaftlichen  Werte  nach,  gesteigert  werden.  Diese  Verfeinerung ­
  natürlicher  Bedürfnisse  ist  wohl  überall  die  erste  Stufe  im  Aufstieg  der
Lebenshaltung.  Man  will  nicht  nur  den  Hunger  und  Durst  stillen,  sondern  auch  die
damit  verbundenen  Lustgefühle  steigern;  die  Kleidung  soll  den  Körper  nicht  nur
wärmen,  sondern  auch  schmücken;  vollends  die  Gestaltung  des  Hauses  wird  durch
ästhetische,  sittliche,  gesellschaftliche  Zwecke  beherrscht.  Ueberall  werden  die  natürlichen ­
  Bedürfnisse  mit  einem  kostspieligen  Blätterschmucke  umkleidet,  und  man
kann  diesen  bei  wohlwollender  Deutung  in  den  meisten  Fällen  auch  als  den  Träger
eines  kulturellen  Fortschritts  ansprechen,  ganz  besonders  im  Falle  der  Verfeinerung
des  Wohnens,  die  auf  höherer  Kulturstufe  der  Pflege  des  Essens  den  Rang  abläuft 2 ).
Wir  wollen  uns  darum  dieses  Schmuckes  freuen,  ohne  ihn  zu  überschätzen.  Es  ist
freilich  großenteils  nur  eine  Art  optischer  Täuschung,  wenn  wir,  an  den  Komfort
moderner  Wohnungen  gewöhnt,  die  rohen  Holzdielen  unserer  Vorfahren  für  weniger
zivilisiert  halten;  wir  brauchen  nur  an  Goethes  Haus  zu  denken,  dem  „fast  alle  die
Verfeinerungen  fehlten,  die  uns  heute  unentbehrlich  dünken,  wenn  wir  uns  in  unserer
Wohnung  wohl  fühlen  sollen“;  nicht  die  Kultur,  sondern  unsere  konventionell  bedingten ­
  Ansprüche  sind  fortgeschritten.  Womit  nicht  in  Abrede  gestellt  wird,  daß
manche  Ansprüche,  an  die  der  Mensch  sich  in  den  letzten  Jahrzehnten  gewöhnt  hat,
auch  Kulturwert  besitzen.
3.  Zur  Steigerung  des  Niveaus  der  Lebenshaltung  wirkt  außer  den  wachsenden
sozialen  Ansprüchen  ein  fatales  Naturgesetz  mit,  das  zur  Würdigung  des  Konsumtionsfortschritts ­
  nicht  außer  Acht  bleiben  darf:  die  Gewöhnung.  Sie  steigert
das  Bedürfnis  und  schwächt  die  Genußempfindung.  Sie  wirkt  wie  ein  Widerhaken,
der  die  Rückkehr  zu  anspruchsloserer  Lebenshaltung  aufs  äußerste  erschwert.
Jede  Verbesserung  der  Lebenshaltung,  wenn  sie  über  den  natürlichen  Existenzbedarf ­
  hinausgeht,  tritt  zuerst  als  Luxus  in  die  Erscheinung;  sie  wird  zum  Bestandteile ­
  des  Existenzbedarfs,  wenn  sie  eine  Zeitlang  angedauert  und  im  Standeskodex ­
  Aufnahme  gefunden  hat.  Mit  diesem  sozialen  Zwange  geht  aber  Hand  in  Hand
die  physiologische  oder  psychophysische  Steigerung  der  Bedürftigkeit.  Es  gibt
keinen  Wunsch,  der  nicht  durch  regelmäßig  wiederkehrende  Befriedigung  zum  empfindlichen ­
  Bedürfnis  wird.  Die  halbe  Flasche  Wein,  die  Herr  Schulze  zum  Mittagessen, ­
  oder  die  Zigarre,  die  er  zum  Nachmittagskaffee  sich  angewöhnt  hat,  bereitet
ihm  Unbehagen,  sobald  sie  ihm  wieder  entzogen  wird;  schon  glaubt  er  diese  Güter
nicht  mehr  entbehren  zu  können  3 ).  Ebenso  wird  die  zuerst  nur  aus  sozialen  GrünJ ­

 )  Im  übrigen  sind  wirtschaftliche  Mode  und  künstlerische  Mode  nicht  wesensgleich.

2 )  Erbweisheitsspruch  des  modern  zivilisierten  Mittelstands:  Wohne  über  deinem  Stande,  !
kleide  dich  nach  deinem  Stande,  iß  und  trink  unter  deinem  Stande.

f)  Vgl.  P  a  u  1  s  e  n  ,  System  der  Ethik,  2.  Aufl.,  Berlin  1891,  S.  424:  „Ich  gestehe,  daß
es  mir  trotz  vieljähriger  Erfahrung  zweifelhaft  geblieben  ist,  ob  das  Rauchen  mehr  Genuß  oder
Plage  macht.  Ob  jemals  ein  Vater  mit  Freuden  sah,  daß  seine  Söhne  und  Töchter  es  lernten?“
        <pb n="18" />
        118  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  4

den  eingeführte  Konsumtion  allmählich  zum  wirklichen  individuellen  Bedürfnis,
das  mit  steigender  Unlust  droht,  wenn  es  nicht  immer  neue  Befriedigung  erhält.
Durch  diesen  sanften  Druck  sieht  sich  der  Konsument  in  immer  neue  Bedürfnisse ­
  verstrickt,  und  das  Bedauerlichste  ist,  daß  diese  Aufwendungen  ihm  mit  abnehmender ­
  Genußempfindung  lohnen.  Denn  gerade  solche  Bedürfnisse,  die  über
das  bare  Existenzminimum  hinausgehen,  unterliegen  mehr  oder  weniger  einem  Gesetz
der  Abstumpfung.  Abstumpfung  ist  nicht  zu  verwechseln  mit  Sättigung.
Wohl  führt  die  Befriedigung  auch  des  elementarsten  Bedürfnisses  zu  einer  Sättigung,
die  für  jede  weitere  Konsumtion  zurzeit  dankt.  Während  aber  das  elementare  Bedürfnis ­
  sich  nach  einem  von  der  Natur  abgemessenen  Zeitraum  wohl  annähernd  in
der  vorigen  Stärke  wiederholt  und  für  den  Fall  der  Befriedigung  unverminderten
Genuß  verheißt,  entbehren  die  in  zweiter  Reihe  stehenden  Bedürfnisse  dieser  Beständigkeit ­
  und  scheinen  vielmehr  den  Konsumenten,  der  Befriedigung  sucht,  zum
Besten  zu  halten;  nach  ausgeklungener  Befriedigung  ersteht  ein  solches  Bedürfnis
in  verstärktem  Maße  neu,  während  die  erneute  Befriedigung  nur  noch  einen  abgeschwächten ­
  Genußreiz  auslöst.  Man  kann  Brot  mit  Salz  zur  Stillung  des  Hungers
täglich  annähernd  mit  der  gleichen  Befriedigung  essen,  während  der  täglich  wiederholte ­
  Verbrauch  von  Caviar  zum  zweiten  Frühstück  bald  von  abnehmend  freudigen
Gefühlen  begleitet  wäre  1 ).  So  kommt  es,  daß  der  durch  seine  konsumtiven  Antecedentien
  belastete  Konsument  sich  nicht  nur  in  zunehmendem  Maße  um  den  Lohn  der
Aufwendungen  für  seine  Wohlfahrt  betrogen,  sondern  auch  sukzessive  auf  eine
immer  schmälere  Auswahl  von  für  ihn  noch  nicht  ausgeleierten  Genußmitteln  beschränkt ­
  sieht.  Auch  die  Aufnahmefähigkeit  für  geistige  Genüsse  (wenn  es  passive
Genüsse  sind),  obwohl  sie  sich  durch  eine  größere  Zähigkeit  und  Dehnbarkeit  auszeichnet, ­
  muß  doch  diesem  Naturgesetz  der  Abstumpfung  Tribut  geben;  selbst  der
Liebhaber  wird  dasselbe  Musikstück  beliebig  oft  nicht  mit  unverminderter  Freude
geigen  hören.  Es  ist  eine  Art  optischer  Täuschung  bei  der  Vorstellung  der  Luxuskonsumtion; ­
  wir  denken  gern  an  den  Uebergang  zum  Luxus  mehr  als  an  den  Beharrungszustand. ­
  Der  Konsument  muß  immer  lavieren  und  abwechseln  2 ),  um  die
progressive  individuelle  Entwertung  der  erkauften  Genüsse  wenigstens  abzuschwächen. ­
  Sowohl  die  soziale  Rivalität  wie  das  physiologische  Naturgesetz  fordern
immer  gesteigerten  Aufwand  für  den  Bereich  der  Genußkonsumtion.  Man  frage
den  durchschnittlichen  Hausvater,  ob  ihm  nicht,  in  diesem  niederträchtigen  Wettlauf ­
  der  oktroyierten  sozialen  Ansprüche,  unabhängig  von  der  Stufe  seines  Einkommens ­
  immer  noch  gerade  10—20%  seines  Einkommens  fehlen,  um  das  soziale
Existenzminimum  seiner  Familie  zu  decken;  man  frage  die  durchschnittliche  Hausfrau, ­
  ob  ihr  nicht  auch  in  einer  geräumigen  Wohnung,  an  die  sie  sich  aber  schon
gewöhnt  hat,  gerade  noch  nur  ein  Zimmer  fehlt,  und  am  Wirtschaftsgelde  wieder  die
obigen  10—20%  fehlen;  es  scheint,  das  Bedürfnis  des  leidlich  genügsamen  Menschen
ist  leider  gleich  110—120%  seines  jeweiligen  Einkommens 3 ).

J )  Andererseits  ist  auch  fortgesetzte  Nichtbefriedigung  eines  Bedürfnisses  geeignet,  dessen
Stärke  schließlich  zu  vermindern.
2 )  Selbst  in  der  Ernährung.  Vgl.  H  i  n  d  h  e  d  e  ,  Eine  Reform  unserer  Ernährung,  Leipzig ­
  1908,  S.  196  f.:  „Auf  der  Gewinnseite“  (der  von  Hindhede  empfohlenen  fleischarmen  Kost)
„finden  sich:...  2.  der  vorzügliche  Appetit,  der  bewirkt,  daß  ein  Stück  Schwarzbrot  mit  Butter ­
  und  einer  dünnen  Scheibe  einfachen  Meiereikäses  mir  weit  besser  schmeckt  als  die  feinste
Delikatesse  dem  Lebemann.  Für  mich  besteht  nach  vieljährigen  Erfahrungen  darüber  kein
Zweifel,  daß  die  „Freuden  der  Tafel“  dadurch,  daß  man  wenig  ißt  und  einfach  ißt,  sehr  erhöht ­
  werden.  Ich  brauche  nur  einen  Blick  auf  das  Gesicht  des  Lebemanns  zu  werfen,  wenn
er  nicht  weiß,  welche  Leckerei  er  essen  soll,  um  mir  mit  einem  Schlage  hierüber  klar  zu  werden. ­
  t  Es  ist  erstaunlich  und  für  Viele  unglaublich,  daß  man  der  einfachen  Kost  nicht  überdrüssig ­
  wird,  dagegen  aber  sehr  bald  der  Luxuskost  (vgl.  die  Erfahrungen  der  Sanatorien).“
3 )  Sombart,  Die  deutsche  Volkswirtschaft  im  19.  Jahrhundert,  1903,  S.  480:  „Aber
gerade  dieser  Reichtum  ist  es,  der  uns  zum  Sklaven  unserer  Bedürfnisse  gemacht  hat.  Wuchsen ­
  die  Fähigkeiten,  unsern  Bedarf  an  Sachgütern  zu  befriedigen,  so  ist  dieser  Bedarf  selber
immer  um  eine  Nasenlänge  den  Mitteln  zu  seiner  Befriedigung  voraufgeeilt.“
        <pb n="19" />
        Wertmaßstäbe  der  Konsumtion.

119

§  4

4.  Der  mehr  oder  weniger  konventionelle  Charakter  fast  aller  Konsumtion,  die
Vergeudung  durch  den  Rivalitätsaufwand,  die  Steigerung  des  Bedürfnisses  durch  die
Konsumtion  selbst,  die  progressive  Abstumpfung  der  Genußfähigkeit  bedeuten
Abzüge  vom  Genußwert  der  heutigen  hochgesteigerten  Konsumtion.  Der  Einfluß
der  Verkehrswirtschaft,  des  städtischen  Lebens  und  der  modernen  Beschränkung  der
Kinderzahl,  auf  den  wir  in  einem  folgenden  Paragraphen  hinweisen,  bedingt  weitere
Abzüge.  Die  ungleiche  Verteilung  des  Einkommens,  die  eine  optimale  konsumtive
Ausnutzung  der  jeweilig  verfügbaren  Produktionskraft  hindert  und  große  Bevölkerungsteile ­
  dem  Elend  preisgibt,  bildet  ein  Kapitel  für  sich,  muß  aber  in  diesem
Zusammenhänge  wenigstens  erwähnt  werden.
Wenn  die  Summe  dieser  Abzüge  eine  weitgehende  Resignation  im  Werturteil
über  den  Konsumtionsfortschritt  fordert:  fehlt  es  daneben  an  Lichtseiten?
Vom  Standpunkte  sozialer  Beurteilung  bieten  diese  Abzüge  selbst,  namentlich
die  Faktoren  Rivalität  und  Abstumpfung  x ),  einen  gewissen  Ausgleich  für  die  äußerliche ­
  Ungleichheit  der  menschlichen  Lose;  es  sind  ja  vorzugsweise  die  größeren  Lose,
die  durch  solche  Abzüge  verkürzt  werden.
Vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  können  wir  als  Gewinn  registrieren,  daß
infolge  der  Vervielfältigung  und  Verbesserung  der  Güter,  in  erster  Linie  der  Nahrungsmittel, ­
  das  physiologische  Existenzminimum  vollständiger  befriedigt  werden  kann,
als  sonst  wenigstens  für  die  neu  entstandene  städtische  Bevölkerung  möglich  wäre.
Der  besseren  Sicherung  des  Existenzminimum  dienen  auch  die  großen  Aufwendungen
auf  dem  Gebiet  der  Hygiene  (Wasserleitung,  Kanalisation  usw.),  die  freilich  teilweise
erst  neu  entstandenen  Bedürfnissen  entsprechen,  und  auf  dem  Gebiet  der  Krankenpflege. ­
  Von  den  Annehmlichkeiten  des  Lebens  fällt  namentlich  die  bessere  Beleuchtung ­
  und  die  Verbesserung  der  Wege  ins  Gewicht;  zweifelhafter  ist  die  Verbesserung
des  Wohnens.  Daneben  ist  die  Regelmäßigkeit  der  Konsumtion  gesichert
worden;  von  der  privatwirtschaftlichen  Versicherung  abgesehen,  durch  die  Feuerwehr ­
  und  durch  eine  wirksamere  Vorsorge  gegen  plötzliche  Hungersnöte,  namentlich
durch  die  zwischen  Mangel  und  Ueberfluß  ausgleichende  Wirkung  der  Transportmittel. ­
  Auch  ohne  diese  Vorsorge  besitzt  ein  reichlich  konsumierendes  Volk  eine
latente  Reserve  für  Notfälle  in  seiner  Lebenshaltung  selbst,  in  der  Möglichkeit,  in
knappen  Jahren  zur  physiologischen  Mindestnorm  des  Nahrungsbedarfs  zeitweilig
zurückzukehren.
Aber  vor  allen  andern  Erwägungen  bleibt  es  die  Hauptsache,  daß  der  wirtschaftliche ­
  Fortschritt  seinen  idealen  Wert  in  sich  selbst  trägt,  unabhängig  vom  Konsumtionswerte ­
  der  durch  ihn  geschaffenen  Güter.  Die  Steigerung  der  Bedürfnisse,
auch  wenn  sie  nicht  zu  gesteigerter  Befriedigung  führt,  zwingt  doch  den  Menschen
zur  Anspannung  seiner  Kräfte  und  wird  durch  diese  belebende  Wirkung  zu  einer
der  Grundlagen  moderner  Kultur.  Sie  ist  das  wirksamste  Erziehungsmittel  für  die
träge  Masse.  Sie  schafft  auch  in  der  Befriedigung  des  Erfolges  Genußwerte,  die
denen  des  Konsumtionsgenusses  überlegen  sind.  Kurz,  die  Konsumtion,  die  uns  als
Zweck  erscheint,  ist  jetzt  in  Wirklichkeit  vielmehr  Mittel  für  einen  höheren  Zweck.  Es
ist  wie  eine  List  der  Natur,  die  den  Menschen  ködert,  um  ihn  seiner  Bestimmung
zuzuführen;  wie  der  um  seiner  selbst  willen  erstrebte  Genuß  des  Essens  die  Erhaltung
des  Körpers  zur  Nebenfolge  hat,  und  der  Geschlechtsgenuß  die  Erhaltung  der  Menschheit, ­
  so  löst  die  lockende  Aussicht  auf  Befriedigung  brennender  Bedürfnisse  überhaupt
die  Anspannung  der  Kräfte  aus,  die  dem  Leben  Wert  und  Würde  gibt,  wenn  sie.  sittlich ­
  rein  bleibt.  Und  sie  züchtet  starke  Menschen  und  starke  Völker,  die  über  die
andern  herrschen  und  ihnen  ihr  Gepräge  auf  drücken  *  2 ).

x )  Vgl.  J.  W  o  1  f  a.  a.  0.  S.  163.
2 )  Darum  haben  auch  im  wirtschaftlichen  Wettkampf  der  Völker  nicht  nur  die  bedürfnislosesten ­
  Völker  einen  Vorsprung,  sondern  möglicherweise  auch  die  mit  den  stärksten  Bedürfnissen. ­
  Haben  die  bedürfnislosesten  eben  in  ihrer  Genügsamkeit  eine  wirksame  Waffe  im  Kampf
ums  Dasein,  so  werfen  dafür  die  bedürfnisstärksten  die  größere  Energie  in  der  Anspannung
        <pb n="20" />
        120  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.

§4

II.  Bisher  war  von  der  Vermehrung  und  Verbesserung  der  Konsumtion  die  Rede;
wie  verhält  es  sich  mit  der  andern  Errungenschaft,  der  freieren  Konsumtionswahl? ­

An  sich  ist  es  richtig:  je  mehr  das  Existenzminimum  überschritten  und  je  mannigfaltiger ­
  das  Angebot  von  Kulturgütern  ist,  um  so  größer  die  individualisierende
Wahlfreiheit  des  Konsumenten.  Trotzdem  zeigt  aber  die  Wirklichkeit  eine  weitgehende ­
  Gebundenheit  und  im  Zusammenhänge  damit  eine  erstaunliche
Gleichförmigkeit  der  Konsumtion.
Die  Konsumtion  steht  zunächst  in  strenger  Abhängigkeit  von  der  Gewohnheit. ­
  Es  scheint  ein  Naturgesetz  zu  sein,  daß  der  Mensch  eine  Nahrung,  die  er
und  die  seine  Vorfahren  lange  gegessen  haben,  nicht  nur  gemütsmäßig  lieb  gewinnt,
sondern  auch  wohlschmeckend  findet.  So  hat  der  Europäer  eine  eingewurzelte
Vorliebe  für  Brot,  seine  Nahrung  aus  Jahrtausenden,  und  zwar  der  Deutsche  für
sein  Roggenbrot,  der  Engländer  und  Franzose  für  sein  Weizenbrot,  wie  der  Italiener
für  seine  Polenta,  der  Eskimo  1 )  für  seine  Fettstoffe.  Und  diese  Geschmacksvorliebe
wurzelt  tief:  „für  die  meisten  Reisenden  oder  Auswanderer  beginnt  die  wahre  Fremde
nur  da,  wo  anders  gegessen  wird,  und  nach  manchen  Erfahrungen  in  Amerika  wird
bisweilen  die  Muttersprache  früher  verloren,  als  die  Essensgewohnheiten“  2 ).  Offenbar ­
  ist  es  sehr  zweckmäßig,  daß  die  Natur  den  Geschmack  so  lenkt;  aber  die  Wahlfreiheit ­
  ist  doch  objektiv  beschränkt,  obgleich  das  beschränkende  Moment  mit  dem
Subjekte  des  Konsumenten  verwächst.
Anders  bei  einer  zweiten,  noch  stärkeren  Abhängigkeit,  die  wir  schon  kennen:
Regulierung  des  Konsums  durch  das  Konventionelle,  durch  Sitte  und
Mode.  In  dem  Maße,  wie  sie  das  hergebrachte  Existenzminimum  erhöhen,  verengen
sie  den  Bereich  des  wahlfreien  Konsums.  Sie  führen  geradezu  das  Regiment  in
diesem  Reiche  einer  angeblichen  Freiheit,  bis  herab  zu  dem  Schnitt  der  Kleidung
und  der  Farbe  der  Handschuhe.  Sie  uniformieren  gleichzeitig  die  Konsumtion  in
dem  Maße,  wie  die  Nivellierung  der  Stände  und  Klassen  fortschreitet,  und  unter
dem  Einfluß  des  egalisierenden  Verkehrs.  Auch  die  ursprünglichen,  durch  Gewohnheit ­
  gefestigten  Konsumtionsunterschiede  verschwinden  so,  aber  erst  sehr  allmählich, ­
  und  es  entstehen  sogar  auf  verkehrswirtschaftlicher  Grundlage  nationale  Konsumtionstypen ­
  neu,  wie  der  Kaffeekonsum  des  Nordamerikaners  und  des  Deutschen
im  Gegensatz  zum  Teekonsum  des  Engländers.  (Ebenso  wirkt  die  Mode  nicht  immer
nur  egalisierend,  sondern  unter  dem  Drucke  ihres  Neuerungsbedürfnisses  bei  Gütern
für  dauernden  Gebrauch  auch  variierend,  wie  neuerdings  bei  Möbeln.)
(  In  dritter  Linie  beherrscht  das  Angebot  die  Konsumtionswahl.  Der  Einfluß ­
  des  Angebots  auf  die  Mode  wurde  schon  erwähnt;  aber  auch  sonst  ist  der  Konsument ­
  oft  gezwungen,  sich  vom  Händler  und  Fabrikanten  bevormunden  zu  lassen,
bei  fehlender  Konkurrenz,  oder  er  ist  zu  indifferent,  um  das  Joch  abzuschütteln.
Besonders  der  englische  Kaufmann  ist  gegenüber  den  Wünschen  des  Konsumenten
""oft  rücksichtslos.  Das  Interesse  des  Großbetriebs  an  billiger  Massenproduktion  und
des  Großhandels  am  Engrosgeschäft  steht  hinter  dieser  Bevormundungstendenz,
und  wirkt  auf  die  Konsumtion  wiederum  uniformierend,  ein  Hohn  auf  den  Individualismus; ­
  bei  gleichförmiger  Ware  spart  der  Großbetrieb  an  Produktionskosten,
der  Handel  an  Zwischengliedern  und  an  Reklamekosten.  Die  stärkste  Triebkraft
dieser  uniformierenden  Wirkung  ist  die  zunehmende  Billigkeit  des  Warentransports;
sie  verlängert  den  Aktionsradius  des  uniformierenden  Handels  und  weitet  die  Dimenihrer
  wirtschaftlichen  Kräfte,  zu  der  sie  ihre  Bedürftigkeit  anregt,  in  die  Wagschale.  Es
können  daher  nicht  nur  die  Bewohner  der  kühleren  Erdzone  denen  der  tropischen  an  wirtschaftlicher ­
  Energie  und  Ueberlebenschance  gerade  infolge  ihrer  Bedürftigkeit  überlegen  sein,
sondern  auch  von  den  Völkern,  die  unter  gleichen  Naturbedingungen  leben,  diejenigen,  die
am  stärksten  begehren.  Es  mag  sein,  daß  bei  dieser  zwiespältigen  Entwicklungstendenz  der
Völkermittelstand,  die  Nationen  mit  mittelmäßiger  Bedürfnisstärke,  im  internationalen  Wettbewerb, ­
  der  ja  in  seiner  vollen  Schärfe  erst  bevorsteht,  verschwinden  werden.
Patten,  S.  21.  ! )Rubner  1913,  S.  15.
        <pb n="21" />
        Wertmaßstäbe  der  Konsumtion.

121

§  4

sionen  des  produzierenden  Großbetriebs.  Aber  daneben  mögen  auch  nationalpsychologische ­
  Eigenschaften  der  Konsumenten  mitwirken.  Sehr  weit  scheint  die  Uniformität ­
  der  Konsumtion  in  Ländern  englischer  Kultur  zu  gehen,  wo  die  Wohnungen,
z.  B.  in  Australien,  in  Bau  und  Einrichtung  oft  straßenweise  nahezu  identisch  sein
sollen.  Auch  die  bekannte  Uniformität  von  Regiezigarren  ist  eine  Funktion  des
Großbetriebs.  Nur  ein  Spezialfall  dieser  Art  ist  die  uniformierende  Wirkung  des
Großbetriebs  im  letzten  Stadium  der  Produktion  vor  der  Genußreife,  nach  populärem ­
  Sprachgebrauch  die  gemeinsame  Konsumtion:  gleiches  Menü  für  Alle  an  der
Table  d’hote,  kollektiver  Genuß  von  Kunst,  Wissenschaft,  Gesellschaftsreisen,
plurale  Eisenbahn-  und  Omnibusfahrt.  Alle  solche  Großbetriebskonsumtion  ist,
weil  weniger  wahlfrei  als  die  individuelle,  und  darum  oft  ihr  Genußziel  verfehlend,
einerseits  Verschwendung,  aber  andererseits  kommt  sie  billiger.  Ein  weiterer  Fortschritt ­
  auf  dieser  Bahn  problematischer  Verbilligdng  und  Uniformierung  wäre  die
Auflösung  der  heutigen  Reste  eigenwirtschaftlicher  Haushaltung  durch  Zentralküchen, ­
  Zentralwaschanstalten,  Zentralheizung  usw.  Das  Extrem  wäre  die  kommunistische ­
  Konsumtion  in  Massenhaushalten,  mit  großer  Ersparnis  an  Kosten,
aber  auch  an  Befriedigung.
Vorläufig  aber  bleibt  der  Konsumtionswahl  immerhin  noch  Spielraum,  für
die  große  Masse  freilich  nur  in  engen  Grenzen.  Selbst  die  Befriedigung  des  Existenzbedarfs ­
  läßt  gewisse  individuelle  Modifikationen  zu.  Es  ist  die  Frage,  ob  der  Konsument ­
  auch  nur  diese  beengte  Freiheit  heute  schon  richtig  zu  gebrauchen  versteht;
aber  er  soll  es  lernen.  In  welcher  Richtung  sich  die  freie  Wahl  der  Ausgaben  bewegt,
kann  freilich  nur  mit  einigen  dürftigen  Strichen  angedeutet  werden.
Brentano 1 )  hat  unlängst  den  Versuch  gemacht,  die  Bedürfnisse  nach  ihrer
Rangfolge  summarisch  zu  gruppieren.  Auf  die  Befriedigung  der  baren  Lebensnotdurft ­
  (Nahrung,  Kleidung,  Wohnung,  Ausruhe)  und  (auf  höherer  Kulturstufe
erst  in  zweiter  Linie)  des  Geschlechtsbedürfnisses,  das  wir  wohl  mit  dem  Bedürfnis
des  Unterhalts  einer  Familie  auch  nach  dem  Dringlichkeitsgrade  kombinieren  müssen,
läßt  er  das  Bedürfnis  nach  sozialer  Anerkennung  und  Ausgleichung  2 )  folgen,  das
sich  mit  jenen  elementaren  Bedürfnissen  paart  und  das  Mindestmaß  der  erforderlichen ­
  „Lebenshaltung“  bestimmt.  Erst  jenseits  des  Schwerpunkts  dieser  Bedürfnisse, ­
  die  einen  geschlossenen  Komplex  zu  bilden  scheinen,  läßt  Brentano  für  die
Masse  der  Menschen  das  Bedürfnis  der  Fürsorge  für  ihr  Wohlbefinden  in  der  Zeit
nach  ihrem  Tode  folgen;  anfechtbar,  wenn  er  mit  diesem  rationalistisch  umetikettierten ­
  Bedürfnis  die  Religion  gleichsetzt.  Für  viele  steht  sie  mit  an  vorderster
Stelle,  wie  für  einige  die  Vaterlandsliebe,  oder  wenigstens  das  Bedürfnis,  einer  geachteten ­
  Nation  anzugehören.  Die  Rangordnung  der  folgenden  Bedürfnisse  gibt  Brentano ­
  nur  mit  Vorbehalt:  Erheiterung,  Heilung,  Reinlichkeit,  Bildung  in  Wissenschaft ­
  und  Kunst,  Schaffensbedürfnis,  und  darüber  hinaus  die  Mehrzahl  der  altruistischen ­
  Bedürfnisse,  mit  einzelnen  Ausnahmen  wie  Mutterliebe,  die  an  früherer
Stelle  rangiert.
Wo  sollen  wir  in  dieser  Rangliste  die  freien  Ausgaben  suchen?  Wir  werden  noch
zu  erwähnen  haben,  daß  am  Familienbedürfnis  heute  durch  freiwillige  Beschränkung
der  Kinderzahl  gespart  wird;  es  rückt  damit  schließlich  in  die  Reihe  der  freien  Bedürfnisse ­
  herab.  Von  den  andern  Posten  wird  besonders  der  der  „Erheiterung“  ins
Auge  fallen.  Allein  dieser  so  frei  anmutende  Begriff  umfaßt  doch  wohl  auch  die
schwer  lastenden  Zwangsausgaben  für  standesgemäße  Geselligkeit,  und  die  für  Einhaltung ­
  der  landesüblichen  Trinksitten  3 ).

*)  S.  12  f.

2 )  Mit  Einschluß  des  Bedürfnisses  nach  Freiheit  und  Herrschaft.

3 )  Ein  Beispiel:  „Nirgendwo  herrschen  so  lästige  Trinksitten  wie  in  Australasien,  in  den
Städten,  wie  im  Innern,  namentlich  in  den  Goldbezirken.  Zu  welcher  Tageszeit  es  auch  sein
mag,  ob  es  sich  um  einen  Besuch  handelt  oder  um  einen  Geschäftsabschluß,  stets  wird  der
Fremde  aufgefordert:  let  us  have  a  drink,  und  selbstverständlich  hat  er  sich  dann  in  gleicher
Weise  zu  revanchieren,  so  daß  es  nichts  Seltenes  ist,  daß  ein  Kaufmann  mit  einem  großen
        <pb n="22" />
        122  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  4

Nehmen  wir  das  Jahreseinkommen  von  60  Millionen  Deutschen  mit  30—35  Milliarden ­
  Mark,  den  täglichen  Nahrungsbedarf  mit  50  Pfennigen  an,  so  würde  der  tägliche
Nahrungsbedarf  der  Nation  30  Millionen,  der  jährliche  11  Milliarden  Mark,  mit  den
Ausgaben  für  Wohnung  und  Kleidung  etwa  19  Milliarden  Mark  wert  sein.  Die  Ausgaben ­
  des  Reichs,  des  Staats,  der  Kommunen  und  Kommunalverbände  werden  amtlich ­
  für  1907  auf  11  y 2  Milliarden  Mark  berechnet,  von  denen  aber  netto  wahrscheinlich ­
  nicht  über  die  Hälf  te  Verwaltungsausgaben  sind  '),  auch  diese  zum  Teil  sich
deckend  mit  Posten,  die  schon  in  den  19  Milliarden  stecken.  Immerhin  bleiben  für
freie  Ausgaben  nicht  für  Nahrung,  Wohnung,  Kleidung  usw.  nicht  viele  Milliarden
übrig,  wenn  wir  noch  3—5  Milliarden  als  den  Betrag  der  jährlichen  Ersparnis  abziehen.
Bei  diesen  Ansätzen  erscheint  es  hoch,  wenn  allein  der  jährliche  Alkoholkonsum
in  Deutschland  auf  3—4  Milliarden,  der  Tabakkonsum  auf  6—800  Millionen  Mark,
der  Kaffeekonsum  schon  nach  dem  Einfuhrwert  des  Rohstoffs  auf  mehr  als  200  Millionen ­
  Mark  geschätzt  wird;  Summen,  in  denen  allerdings  einige  100  Millionen  Mark
Zölle  und  Steuern  enthalten  sind,  die  in  den  Reichsausgaben  wiederkehren.  Beachtenswert ­
  ist,  daß  ein  Gelehrter  wie  R  u  b  n  e  r  in  den  neueren  Auflagen  seines  Lehrbuchs ­
  der  Hygiene  *  2 )  den  in  Deutschland  schnell  zunehmenden  Kaffee-  und  Teegenuß ­
  als  hygienisch  bedenklich  charakterisiert.
Von  anderen  größeren  Ausgabeposteri  der  breiten  Masse  dürfte  z.  B.  für  den
englischen  Arbeiter  die  Ausgabe  für  Sportwetten  ins  Gewicht  fallen.  In  Paris  sollen
die  Theatereinnahmen  1850—1907  von  8  auf  45  Millionen  Fr.  gestiegen  sein,  und  zwar
durch  die  Einnahmen  der  sogenannten  spectacles  divers,  cafes-concerts,  music  halls
u.  dgl.  3 ).  In  Deutschland  werden  die  jährlichen  Ausgaben  für  die  gewöhnlichste
Schundliteratur,  namentlich  Detektivromane  und  Räubergeschichten,  auf  50—60
Millionen  Mark  veranschlagt;  außerdem  dürften  die  Ausgaben  für  höher  stehende
erotische  Romane  beträchtlich  sein.  In  neuester  Zeit  sollen  an  Eintrittsgeldern  der
Kino-Theater  z.  B.  in  Nordamerika  hunderte  von  Millionen  Mark  einkommen.  Auf
den  höheren  Einkommensstufen  schwillt  das  Reisenkonto  enorm  an,  zu  gutem  Teil
allerdings  nicht  durch  freie,  sondern  standesmäßig  gebundene  Ausgaben.  Den  Millionären ­
  scheint  es  an  Ausgabenzwecken  zu  mangeln;  bekannt  sind  die  Exzentrizitäten ­
  amerikanischer  Diners,  mit  denen  der  Gastgeber  für  seine  Person  Reklame
zu  machen  wünscht,  vergleichbar  dem  Grundbesitzer  der  naturalwirtschaftlichen
Zeit,  der  auch  seinen  Reichtum  und  seinen  wirtschaftlichen  Vorrang  von  einer  gewissen ­
  Grenze  an  nur  durch  eine  Gastfreiheit  großen  Stils  zur  Schau  bringen  konnte.
Ein  breites  Betätigungsfeld  bilden  überhaupt  die  altruistischen  Aufwendungen,
und  wohlhabende  Yankees  benutzen  es  reichlich;  freilich  stehen  ihre  menschenfreundlichen ­
  Stiftungen,  oft  Bastarde  von  Auszeichnungstrieb  und  Altruismus,  manchmal ­
  in  einem  auffälligen  Gegensätze  zu  den  Mitteln,  mit  denen  die  Millionen  erworben ­
  sind.  Einer  der  führenden  amerikanischen  Reichen  aber  empfiehlt  die  Einführung ­
  einer  Erbschaftssteuer  von  exorbitanter  Höhe  für  Deszendenten,  weil  er
den  Wert  nicht  im  Reichtum,  sondern  im  Erwerben  sieht.  Wir  kommen  damit  auf
unsere  frühere  Wertung  des  wirtschaftlichen  Fortschritts  zurück.
Nicht  viel  anders  ist  mutatis  mutandis  die  Antwor  t,  die  Brentano  in  seiner  Theorie
der  Bedürfnisse  auf  diese  letzten  Fragen  in  Anlehnung  an  Goethe  sucht.  Er  sieht
den  Betrug  des  Konsumenten  durch  seinen  Reichtum.  Er  unterscheidet  zwischen
passiven  Genüssen,  die  der  Mensch  kaufen  kann,  und  der  Befriedigung,  die  die  Frucht
einer  Willensbetätigung  ist.  Die  passiven  Genüsse,  die  den  unerfahrenen  Menschen
locken,  sind  trügerisch,  auch  wenn  es  geistige  Genüsse  sind.  „Wo  der  Mensch  in

Kundenkreis  10—20  drinks  an  einem  Tage  mit  je  y 2  Schilling  zu  bezahlen  hat“  (M  a  n  e  s  ,  Ins
Land  der  sozialen  Wunder,  1911,  S.  206).
x )  Denkschriftenband  zur  Begründung  des  Entwurfs  eines  Gesetzes  betr.
Aenderungen  im  Finanzwesen,  1908,  I  127  f.
2 )  z.  B.  7.  Aufl.  (1903),  S.  472.
3 )  C  1  6  m  e  n  t,  La  döpopulation  en  France,  Paris  1910,  S.  289.
        <pb n="23" />
        Wertmaßstäbe  der  Konsumtion.

123

§  4
Ruhe  den  süßen  Empfindungen  der  Lust  sich  hingibt,  wird  die  Seele  abgestumpft
durch  das  träge  Gefühl,  das  sie  berauscht.  Darauf  das  Verlangen  nach  gesteigerten
Reizmitteln.  Allein  auch  wenn  alle  Mittel  untätigen  Ueberflusses  erschöpft  werden,
es  verbleibt  dem  satten  Besitzer  von  Reichtum,  der  nur  passivem  Genießen  dient,
immer  nur  Unbefriedigtsein  als  schließliche  Wirkung.  Dieses  Gefühl  wächst  in  dem
Maße,  in  dem  infolge  der  täglichen  Gewohnheit  des  Genusses  die  Empfindlichkeit
sich  abstumpft,  und  die  Seele  wird  von  Langweile  verzehrt,  der  unerbittlichen  Geißel ­
  solcher  Reichen“ 1 ).  Nur  der  Genuß  (besser:  die  Befriedigung)  jener  andern,
selbsttätigen  Art  ist  von  Dauer,  zumal  wenn  das  Streben,  das  die  Befriedigung  auslöst, ­
  nicht  egoistischen  Zwecken  dient,  sondern  altruistischen.  Völker  wie  Familien,
die  jenen  passiven  Genuß  suchen,  verfallen  dem  Niedergange;  doppelt  wenn  der  Reichtum ­
  nicht  durch  ihre  eigne  Willenskraft,  sondern  durch  die  der  älteren  Generation
erworben  ist.  Nur  in  der  Willensbetätigung  liegt  das  Heil,  diese  aber  ist  nicht  käuflich, ­
  ja  der  Ueberfluß  an  Geld  ihr  vielleicht  weniger  dienlich  als  der  Mangel.  Reichtum ­
  ist  nicht  ein  Segen,  sondern  eine  Gefahr.  Nur  ihn  zu  gewinnen  und  ihn  für
andere  zu  verwenden,  ist  Glück,  nicht  ihn  zu  genießen.  Die  Flucht  vor  dem  Ich,
das  Suchen  der  Mühe  und  des  Opfers  ist  das  Geheimnis  des  Lebensglücks;  „wenn
das  Leben  köstlich  gewesen  ist,  so  ist  es  Mühe  und  Arbeit  gewesen“;  so  erscheint  es
dem  rückblickenden  Auge,  und  so  wird  das  Spiel  des  Lebens  am  reizvollsten.  Aber
auf  ihren  Anspruch,  Selbstzweck  zu  sein,  muß  die  Konsumtion  verzichten,  und  es
ist  Sache  der  Erziehung,  ihren  Zweck  zu  objektivieren.  So  ist  es  ein  Fortschritt,
wenn  in  weiten  Kreisen  Geld,  das  früher  weichlichem  Genüsse  diente,  zu  Aufwendungen ­
  für  tätigen  Sport  verwendet  wird,  oder  wenn  der  Wohlhabende  Geld
und  Kräfte  in  den  Dienst  des  gemeinen  Wohls  stellt.  Der  Reichtum  soll  mit  tätiger
Willensanspannung  nicht  nur  erworben,  sondern  auch  verwendet  werden;  das  ist
das  Geheimnis  der  Lebenskunst  des  Konsumenten.  Bezeichnet  doch  der  Multimillionär ­
  Carnegie  in  seinem  Buche  „Das  Evangelium  des  Reichtums“  es  als  die
höhere  Aufgabe,  eine  gemeinnützige  Stiftung  verantwortlich  zu  verwalten,  als  nur
das  Geld  zu  geben;  er  bevorzugt  darum  auch  die  Stiftung  bei  Lebzeiten.  Unsere  Konsumtion ­
  wäre  in  der  Tat  so  unerträglich,  wie  sie  es  für  viele  Junggesellen  ist,  hätten
wir  nicht  in  der  Familie  mit  ihren  Ansprüchen  an  Entsagungskraft  und  Hingebung
ein  bewährtes  Mittel,  unser  Streben  von  dem  persönlichen  Konsumtionszweck  abzulenken; ­
  durch  Beschränkung  der  Kinderzahl  wird  dieses  Mittel  freilich  entwertet.
Diese  Mischung  des  Egoismus  mit  Altruismus,  diese  Ablenkung  des  Konsumtionstriebs ­
  auf  noch  breiterer  Grundlage  zu  erzielen,  ist  das  schwer  erreichbare  Ideal
kommunistischer  Idealisten  aller  Zeiten  gewesen 2 ).
')  Vgl.  auch  G  o  s  s  e  n  s,  von  Brentano  zitierten  Hinweis  auf  Ludwig  XV.  von  Frankreich: ­
  „Seinen  Höflingen  und  Maitressen  gelang  es  durch  Verschwendung  der  Kräfte  eines
ganzen  Volks,  seine  Hofhaltung  so  einzurichten,  daß  ihm  Jedes,  was  dem  Menschen  auf  der
Stufe  der  körperlichen  und  geistigen  Ausbildung,  auf  welcher  er  sich  befand,  Genuß  zu  gewähren ­
  im  Stande  ist,  fast  ununterbrochen  geboten  wurde.  Je  mehr  dieses  Ziel  erreicht  wurde,
desto  mehr  mußte  die  Summe  des  Lebensgenusses  des  beklagenswerten  Ludwig  sinken,  denn
der  Punkt  der  größten  Summe  des  Genusses  war  bei  ihm  bei  allen  Genüssen  längst  überschritten.
Folge  davon  war,  daß  es  zuletzt  selbst  einer  Pompadour,  die  doch  vor  nichts  noch  so  Unnatürlichem ­
  zurückschreckte,  wenn  es  für  Ludwig  Genuß  versprach,  nicht  mehr  gelingen  wollte,
die  tötlichste'^Langeweile  zu  verscheuchen.  Und  so  ward  lediglich  das  erreicht,  ein  ganzes
Volk  unglücklich  zu  machen,  um  Ludwig  selbst  unglücklicher  werden  zu  lassen,  als  der  gedrückteste ­
  aller  Leibeigenen  seines  weiten  Reichs.“  Vgl.  auch  die  Schilderungen  aus  der  römischen ­
  Kaiserzeit  in  Friedländers  Sittengeschichte  Roms.
2 )  Nach  Brentano  (S.  65)  gibt  es  zwar  für  Pflanze  und  Tier  ein  Optimum  der  Bedürfnisbefriedigung, ­
  das  bekanntlich  in  der  Lehre  vom  Pflanzenwachstum  eine  Rolle  spielt,  aber
für  den  Menschen  nicht;  denn  die  ihm  eigentümlichen  geistigen  Bedürfnisse  seien  unbegrenzt
steigerbar  und  darum  niemals  optimal  zu  befriedigen.  Wir  bezweifeln  die  Unbegrenztheit
irgendeines  konkreten  menschlichen  Bedürfnisses,  und  finden  die  Zweifelhaftigkeit  einer  optimalen ­
  Befriedigung  vielmehr  darin  begründet,  daß  die  Bedürfnisse  des  Menschen  viel  mehr
als  die  von  Tier  und  Pflanze  geschichtlich  wechseln,  und  zwar  namentlich  die  nicht  wirtschaftlichen ­
  Bedürfnisse,  die  mit  den  wirtschaftlichen  in  der  menschlichen  Seele  in  eine  scharfe
Konkurrenz  treten.  Der  unmoderne  Mensch  mit  seinen  immateriellen  Bedürfnissen  mag  einem
        <pb n="24" />
        124  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  5

Unsere  Erörterung  kommt  so  zu  dem  Schlüsse:  der  Konsument  schätzt  den  Wert
der  Konsumtion  und  ihres  Inhalts  verschieden  nicht  nur  in  verschiedenen  Zeitaltern,
sondern  auch  je  nach  der  Stufe  seiner  sittlichen  Erziehung.  Ob  er  die  Konsumtion
in  den  Dienst  überweltlicher  Pflichten  stellt,  oder  in  den  Dienst  gesellschaftlicher
Rücksichten,  oder  in  den  Dienst  der  Selbsterziehung  oder  altruistischer  Zwecke:
lediglich  Selbstzweck  ist  ihm  die  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse  nur  auf  rohester,
reflexionsloser  Kulturstufe.  Daß  vollends  der  mechanische  Maßstab  der  verbrauchten ­
  Wertmengen  untauglich  ist,  die  wirkliche  Bedeutung  der  Konsumtionszunahme
für  die  Konsumenten  erkennen  zu  lassen,  sollte  sich  von  selbst  verstehen.  Ein  psychophysisches ­
  Gesetz,  das  die  Beziehung  der  Reizstärke  zur  Empfindung  formuliert,
ist  für  das  Gebiet  der  Konsumtion  so  einfach  nicht  zu  finden.
§  5.  Allgemeine  Statistik  der  Konsumtion.
Die  tatsächliche  Gestaltung  der  Konsumtion  findet  ihre  einfachste  Formel  in
der  Gewichtszahl  von  Gütern  einer  Gattung,  die  im  Durchschnitt  einer  Bevölkerung ­
  pro  Kopf  jährlich  konsumiert  werden.  Wir  wählen  als  Beispiel  die  verhältnismäßig ­
  gut  ausgebaute  Statistik  des  Alkoholkonsums;  die  Statistik
der  Alkoholbesteuerung  hat  die  Grundlage  gegeben.
Ueber  den  Alkoholkonsum  gibt  es  eine  große  Literatur,  auf  die  im  ersten  Paragraphen ­
  schon  hingewiesen  wurde.  Der  Rahmen  dieser  Abhandlung  erlaubt  nur  den
andeutenden  Hinweis  auf  wenige  Gesichtspunkte.  Einerseits  scheint  es,  so  sehr  das
gelegentlich  bestritten  wird,  nach  der  neueren,  hauptsächlich  durch  die  englischen
Parlamentsdrucksachen  fundierten  Statistik,  daß  Weinproduktionsländer  die  stärksten ­
  Trunkländer  sind,  ebenso  wie  Fleischproduktionsländer  weitaus  das  meiste
Fleisch  konsumieren.  Nach  S  t  r  u  v  e  s  Tabelle  &amp;gt;)  war  im  Durchschnitt  der
Jahre  1900—1904/5  der  Kopfkonsum  reinen  Alkohols,  in  Litern  gemessen:

Bier

Wein

Branntwein

zusammen

Frankreich

1,34

17,54

3,54

22,42

Italien

0,03

13,44

0,66

14,13

Belgien

8,72

0,56

3,69

12,97

Schweiz
Großbritannien

2,56

6,88

2,55

11,99

mit  Irland

8,32

0,22

2,3

10,84

Dänemark

3,78

6,95

10,73

Deutschland

4,78

0,66

4J

9,54

Oesterreich-Ungarn

1,72
3,42

2,13

5,15

9,00

Vereinigte  Staaten

0,28

2,7

6,4

Schweden

2,26

—

3,89

6,15

Rußland

0,18

—

2,47

2,65

Norwegen

0,67

—

1,58

2,25

Den  Wirtschaftsgeographen  wird  es  interessieren,  daß  die  Gebiete  stärksten
und  schwächsten  Konsums  einigermaßen  klimatische  Einheiten  bilden,  und  zwar
wird  im  kalten  Klima  am  wenigsten  Alkohol  umgesetzt.  Belgien  mit  seinem
starken  Bier-  und  geringen  Weinkonsum,  sowie  Großbritannien  mit  Irland,  stehen
den  Weinkonsumtionsländern  in  der  Höhe  des  Alkoholverbrauchs  am  nächsten,  zwei
Länder  alter  wirtschaftlicher  Kultur.  Im  kalten  Klima  fällt  der  Branntwein  mehr  ins
Gewicht,  zum  Teil  wohl  aus  Gründen  der  Pflanzengeographie.  Den  Ethnographen
würde  es  interessieren,  daß  Romanen,  Germanen  und  Slaven  eine  absteigende  Stufenfingierten ­
  Optimum  der  Befriedigung  zeitweise  näher  gekommen  sein  als  die  Typen  unserer
am  meisten  zivilisierten  Zeitgenossen.  Eine  Wiederannäherung  an  dieses,  nur  in  der  Richtung
vorhandene,  niemals  greifbare  Optimum  wird  von  dem  Gange  der  geistigen  Kultur  mehr  als
von  einer  Vervollkommnung  der  wirtschaftlichen  Befriedigungsmittel  abhängig  sein.
*)  Abgedruckt  im  3.  Teile  des  amtlichen  Denkschriftenbands  zur  Begründung ­
  des  Entwurfs  eines  Gesetzes,  betreffend  Aenderungen  im  Finanzwesen,  Berlin  1908,
S.  83.  Neuere  Daten  (beim  Wein  nur  für  die  Produktion)  bei  B  a  11  o  d  ,  Grundriß  der  Statistik, ­
  1913,  S.  127  f.
        <pb n="25" />
        Allgemeine  Statistik  der  Konsumtion.

125

§  5

leiter  des  Alkoholkonsums  darstellen,  wenn  nicht  die  natürlichen  örtlichen  Bedingungen ­
  der  Alkoholproduktion  und  -konsumtion  diese  Differenzierung  aus  nicht
ethnischen  Gründen  erklärten,  bzw.  der  natürlich  bedingte  hohe  Alkoholkonsum
der  Weinländer  vielleicht  eine  primäre  Ursache  der  psychologischen  Unterschiede
zwischen  Romanen  als  Weinkonsumenten,  Germanen  und  Slaven  als  Bierkonsumenten ­
  und  Branntweinkonsumenten  sein  könnte.  Der  niedere  Alkoholkonsum
Schwedens  und  Norwegens  ist  ein  Erfolg  der  dortigen  Alkoholgesetzgebung  und  des
Gotenburger  Systems.
Zugleich  scheint  aber  aus  der  obigen  Tabelle  hervorzugehen,  daß  der  Alkoholkonsum ­
  auch  von  der  Höhe  des  Einkommens  abhängt,  so  daß  arme  Länder  wie  Rußland ­
  auf  den  billigen  Branntwein  angewiesen  sind,  um  ihren  Rauschbedarf  auch  nur
notdürftig  zu  befriedigen.  (Es  könnte  freilich  auch  im  städtischen  Leben  die  Ursache
dieser  Konsumsteigerung  zu  suchen  sein.)  Wir  münden  damit  in  die  allgemeine
Regel  ein,  daß  die  entbehrlichen  Bedürfnisse  erst  auf  höheren  Einkommensstufen
sich  breit  machen.  Allerdings  hat  man  zwischen  Not-  und  Behäbigkeitsalkoholismus ­
  *)  unterscheiden  wollen,  in  dem  Sinne,  daß  nur  der  letztere  eine  Funktion  reichlichen ­
  Einkommens  sei,  der  erstere  vielmehr  ein  Verzweiflungsprodukt  wirtschaftlichen ­
  Elends  *  2 ),  zur  Vortäuschung  eines  Kraftgefühls,  das  in  weitesten  Konsumentenkreisen ­
  für  echt  gehalten  wird,  und  zur  Uebertäubung  des  Hungers  und  Lebensüberdrusses. ­
  Allein  im  westlichen  Europa  und  in  Nordamerika  scheint  doch  der
Notalkoholismus  wenigstens  in  den  Bevölkerungsschichten,  die  einer  Konsumstatistik ­
  zugänglich  sind,  zurückzutreten  3 ).  Haushaltsrechnungen,  von  denen  der
nächste  Paragraph  handeln  wird,  zeigen,  daß  nicht  nur  der  Alkoholverbrauch  mit  dem
Einkommen  der  Familie  zunimmt,  sondern  daß  er  auch  mit  abnehmender  Kinderzahl ­
  rapide  zunimmt,  sowohl  bei  Arbeiter-  wie  bei  Beamtenfamilien;  zweiköpfige
Arbeiterfamilien  geben  im  Durchschnitt  nach  der  deutschen,  allerdings  nicht  sehr
ausgedehnten  Erhebung  von  1907  4  * )  jährlich  90  Mark,  neunköpfige  53  Mark  aus;
zweiköpfige  Beamtenfamilien  98  Mark,  achtköpfige  nur  38  Mark.  Man  darf  aber  nicht
übersehen,  daß  die  Angaben  über  den  Alkoholkonsum  nicht  die  zuverlässigsten
sein  dürften.
Nimmt  man  für  die  letzten  Jahrzehnte  zunehmenden  Wohlstand  an,  so  scheint
auch  die  Zunahme  des  Alkoholkonsums  seinen  Zusammenhang  mit  dem  Wohlstand
zu  bestätigen;  doch  fragt  sich  auch  hier,  ob  nicht  der  gleichzeitigen  Urbanisierung
der  im  Wohlstand  fortschreitenden  Länder  mindestens  eine  mitwirkende  Rolle  zukommt. ­
  Nach  Struve  war  der  jährliche  Konsum,  in  Litern  Alkohol  pro  Kopf  gemessen, ­
  in

FrankBel ­

 ­

  Großbrit.

DeutschOesterr.- ­





SchweRuß ­

 ­

 ­



gien

lien  u.  Irland

land

Ung.

Staaten

den

land

wegen

1885—89

15,73

11,56

12,32  9,86

8,54

8,36

4,92

4,51

3,36

2,15

1890—94

18,44

12,42

12,43  10,67

9,27

8,18

5,69

4,64

2,56

2,7

1895—99

18,64

13,02

10,86  11,11

9,74

8,72

5,26

5,67

2,59

2,13

1900—04/5

22,42

12,97

14,13  10,84

9,54

9,00

6,4

6,15

2,65

2,25

Im  20.  Jahrhundert  zeigen  einige  Länder  einen  merklichen  Rückgang  des  Konsums ­
  6 ),  und  zwar  mindestens  Deutschland  auch  über  das  Jahr  1905  hinaus,  zum
Teil  unter  dem  Einfluß  erhöhter  Besteuerung,  auf  den  wir  zurückkommen  werden.

J )  Es  darf  nicht  übersehen  werden,  daß  der  Alkoholkonsum  daneben  drittens  auch  der
sozialen  Rivalität  dient,  sofern  eine  „soziale  Prahlsucht“  (S  t  e  h  r,  Alkoholgenuß  und  wirtschaftliche ­
  Arbeit,  1904)  beim  Arbeiter  ihr  Ziel  in  der  Stärke  des  Alkoholkonsums  sucht,  wie
bei  der  Arbeiterin  im  Putz.
а )  Vgl.  K  u  b  a  t  z  ,  Zur  Frage  einer  Alkoholkonsumstatistik,  Greifswalder  Dissertation,
München  1907,  nach  Wlassaks  Terminologie.
3 )  Beispiele  von  Notalkoholismus:  Herkner,  Arbeiterfrage,  3.  Aufl.  S.  466.
*)  Bei  dieser  Erhebung  ist  übrigens  der  Parallelismus  des  Alkoholkonsums  mit  der  Einkommenshöhe ­
  zu  vermissen.
б )  Vgl.  auch  Reichsarbeitsblatt  1910,  S.  189  f.  (Ziffern  teilweise  bis  1909).
        <pb n="26" />
        126  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.

§5

Wahrscheinlich  wirkt  aber  auch  der  Einfluß  des  körperlichen  Sports  x ),  sowie  die
Konkurrenz  anderer  Luxusausgaben  (wie  der  für  Kinematographen),  endlich  auch
die  Antialkoholbewegung  mit.
Von  den  Arten  des  Alkohol  geht  der  Branntwein  im  allgemeinen  etwas  zurück,
während  das  Bier,  trotz  rückgängigen  Verbrauchs  pro  Kopf,  doch  relativ  an  Terrain
gewinnt.  In  der  Zunahme  des  Bierkonsums  in  Gebieten  mit  früher  geringeren  Verbrauchsmengen ­
  kommt  zugleich  eine  moderne  Nivellierungstendenz  zum  Ausdruck:
Jährlicher  Bierverbrauch  Liter  pro  Kopf:

Deutsches
Zollgebiet

Norddeutsches
Brausteuergebiet

Bayern

Württemberg ­


Baden

Reichsland

1874—78

91

65

241

196

77

39

1884—88

94

75

213

159

86

51

1894—98

117

98

237

186

132

76

1904—08

110

89

237

166

156

95

1909—11

101

79

235

163

140

90

Solche  Berechnungen  des  Konsums  für  die  ganze  Reichsbevölkerung,  die  auch
für  andere  Güter  vorliegen  *  2 )  und  am  einfachsten  für  bloße  Einfuhrartikel  und  für
Objekte  der  Reichsbesteuerung  gemacht  werden  können,  geben  ein  zutreffendes
Bild  des  Konsums  und  seiner  Veränderungen  natürlich  nur  bei  Gütern,  deren  Verbrauch ­
  einigermaßen  gleichmäßig  in  der  Bevölkerung  verbreitet  ist;  unter  Umständen ­
  muß  man  die  Gliederung  der  Bevölkerung  nach  Geschlecht  und  Alter  berücksichtigen, ­
  so  beim  Tabakkonsum.  Ferner  ist  bei  dieser  indirekten  Konsumtionsstatistik, ­
  die  auf  den  Anschreibungen  der  Produktion  und  der  Ein-  und  Ausfuhr
beruht,  nicht  zu  übersehen,  daß  viele  Waren  bis  zum  Konsum  längere  Zeit  lagern
und  daher  fälschlich  dem  Konsum  des  Produktions-  oder  Einfuhrjahrs  zugeschrieben
werden.  Drittens  ist  zu  beachten,  daß  viele  Güter  zum  Teil  technisch  konsumiert
werden.  Wenn  z.  B.  der  jährliche  Brotgetreidekonsum  auf  etwa  230—240  kg,  der
Kartoffelkonsum  auf  etwa  600  kg  pro  Kopf  der  reichsdeutschen  Bevölkerung  berechnet ­
  wird,  so  stecken  darin  auch  die  verfütterten  Mengen  und  die  industriell,
z.  B.  zur  Branntweinbrennerei  verbrauchten.  Und  wenn  die  konsumierte  Brotgetreidemenge ­
  pro  Kopf  der  Bevölkerung  zeitweilig  scheinbar  zunimmt,  so  kann  das  z.  B.
daran  liegen,  daß  bei  sinkendem  Preise  mehr  Korn  verfüttert  wird,  oder  daß  mit
Rücksicht  auf  die  veränderte  Nachfrage  der  Konsumenten  beim  Mahlen  mehr  Futterkleie ­
  zurückbehalten  und  dem  menschlichen  Konsum  nur  ein  feineres  Mehl  zugeführt ­
  wird.  Bei  der  Vergleichung  längerer  Zeiträume  kommt  auch  in  Betracht,
daß  der  frühere  Konsum  von  Gerste  und  Hafer  jetzt  in  den  Hintergrund  getreten  ist.
An  Salz  werden  zu  Speisezwecken  pro  Kopf  jährlich  seit  Jahrzehnten  sehr

x )  Cohnheim,  S.  260:  „Die  praktischen  Erfahrungen  von  Tausenden  beweisen  die
Unverträglichkeit  großer  sportlicher  Leistungen  mit  Alkoholgenuß;  sie  ist  es,  die  den  Alkoholgenuß ­
  unter  jungen  Leuten  in  letzter  Zeit  hat  sinken  lassen  und  die  Trinksitten  zu  reformieren ­
  beginnt.“
2 )  Derartige  Verbrauchsberechnungen  für  Deutschland  bringt  das  Statistische  Jahrbuch
des  Deutschen  Reichs  in  seinem  10.  Abschnitt.  Internationale  Zusammenstellungen  findet
man  z.  B.  in  Neumann-Spallarts  und  Jurascheks  Uebersichten  der  Weltwirtschaft ­
  und  im  3.  Teil  des  Denkschriftenbands  zur  Begründung  des  Entwurfs
eines  Gesetzes,  betr.  Aenderungen  im  Finanzwesen,  1908,  S.  58  ff.  Eine  Erörterung  der  Grundlagen ­
  der  deutschen  Verbrauchsstatistik  gibt  B  a  11  o  d  in  dem  von  Zahn  herausgegebenen
Werk:  Die  Statistik  in  Deutschland,  1911,  II  607  ff.  Aus  der  großen  Spezialliteratur  über  die
Statistik  des  Fleischkonsums  erwähne  ich  nur  die  zusammenfassende  Darstellung  von  E  ß  1  e  n:
Die  Entwicklung  von  Fleischerzeugung  und  Fleischverbrauch  auf  dem  Gebiete  des  heutigen
Deutschen  Reichs  seit  dem  Anfang  des  19.  Jahrhunderts,  im  Juniheft  1912  der  Jahrbücher
für  Nationalökonomie,  und:  Die  Fleischversorgung  des  Deutschen  Reichs,  Stuttgart  1912;  aus
der  Literatur  der  Alkohol-  und  Tabak-Konsumstatistik:  L  i  ß  n  e  r  in  der  Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft ­
  1908,  für  die  Statistik  des  Tabakkonsums  auch  Denkschrift  zum  Entwurf
eines  Tabaksteuergesetzes  1908.  Die  nützliche  Schrift  von  Apelt,  Die  Konsumtion  der  wichtigsten ­
  Kulturländer  in  den  letzten  Jahrzehnten,  1899,  ist  jetzt  großenteils  antiquiert  durch
Ballods  Grundriß  der  Statistik,  1913.
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        Allgemeine  Statistik  der  Konsumtion.

127

§  5

regelmäßig  7%—8  kg  in  Deutschland  verbraucht,  obgleich  der  wesentlich  niedrigere
Salzverbrauch  in  der  Stadt  und  der  zunehmende  Konsum  animalischer  Nahrungsmittel ­
  einen  im  Reichsdurchschnitt  rückgängigen  Salzkonsum  erwarten  ließe.  Diese
Beobachtung  ist  erfreulich;  doch  ist  in  andern  Ländern  der  Konsum  mehrmal
so  hoch.
Der  jährliche  deutsche  Tabak  konsum  betrug  nach  der  korrigierten  amtlichen
Berechnung  in  den  Kalenderjahren  1862—70  1,4  kg,  in  den  Erntejahren  1871—1911
1,6  kg  ohne  große  Schwankungen;  die  Konsumsteigerung  verbirgt  sich  in  der  Form
des  Uebergangs  vom  billigen  einheimischen  zum  teuren  ausländischen  Tabak,  vom
Pfeifen-,  Kau-  und  Schnupftabak  zur  Zigarre  und  Zigarette;  eine  Verfeinerung  des
Geschmacks,  der  Mancher  einen  gewissen  ästhetischen  Kulturwert  zusprechen  wird.
Viel  weiter  rückwärts  läßt  sich  der  jährliche  Konsum  bloßer  Einfuhrwaren ­
  verfolgen.  Er  stieg  im  deutschen  Zollgebiet,  wenn  man  das  Jahrfünft
1836—40  mit  dem  Zeitraum  1911—12  vergleicht,  bei  Gewürzen  von  50  auf  160  g
pro  Kopf,  bei  Tee  von  4  auf  60  g,  bei  Kaffee  von  1  auf  2 1  2 / 3  kg,  bei  Kakao  von  10  auf
780  g,  bei  Südfrüchten  von  60  auf  4300  g,  bei  Reis  von  180  auf  2570  g  und  bei  gesalzenen ­
  Heringen  von  1  auf  2,7  kg  1 ).  Die  große  Verbilligung  des  Seetransports  kommt
in  dieser  Zunahme  zum  Ausdruck.  Man  kann  für  die  Volksernährung  im  Mehrverbrauch ­
  einiger  dieser  Waren,  wenn  man  die  schnelle  Zunahme  des  konsumierten  inländischen ­
  Zuckers  hinzunimmt,  einen  gewissen  Ersatz  sehen  für  den  wahrscheinlich
bedeutenden  Rückgang  des  Verbrauchs  anderer  Inlandsprodukte,  namentlich  der
nahrhaften  groben  Gemüse  und  vermutlich  auch  des  deutschen  Obstes  pro  Kopf.
Auf  die  Deutung  des  Mehrkonsums  von  einigen  dieser  Waren  kommen  wir  zurück.
Der  jährliche  Verbrauch  von  Petroleum  stieg  von  1,87  kg  im  Jahrfünft
1871—75  auf  17  kg  1901—05,  um  dann  auf  15—16  kg  zu  sinken.  Während  das
Petroleum  zuerst,  bei  schneller  Verbilligung,  die  älteren  Beleuchtungsmittel  verdrängte, ­
  wird  es  heute  durch  den  schnell  zunehmenden  Verbrauch  von  Gas-  und
elektrischem  Licht  zurückgedrängt.  Die  Beleuchtung  im  ganzen  hat  aber  ohne
Zweifel  stark  zugenommen.  Die  Ausdehnung  des  Nachtlebens  hängt  damit  zusammen.
Weit  unsicherer  ist  die  Erntestatistik.  Unter  Berücksichtigung  der
Mehreinfuhr  wurden  im  Reiche  nach  den  Berechnungen  und  Schätzungen  des  Statistischen ­
  Reichsamts  jährlich  pro  Kopf  verbraucht  Kilogramm:

Weizen

Roggen

Gerste

Hafer

Kartoffeln

1893/94—1896/97

88,4

152,7

68,8

105,0

580

1897/98—1900/01

89,0

147,6

68,4

114,8

564

1901/02—1904/05

92,9

149,5

74,6

118,6

621

1905/06—1908/09

92,1

144,1

82,0

120,7

634

1909/10—1911/12

89,5

143,8

95,7

118,9

543

Danach  hat  der  Brotgetreidekonsum  trotz  der  Zunahme  städtischen  Lebens  nur
wenig  abgenommen,  ist  bei  Berücksichtigung  der  in  billigen  Jahren  vermutlich
mehr  verfütterten  Mengen  wohl  annähernd  gleich  geblieben.  Daneben  weist  die
starke  Verbrauchszunahme  von  Gerste,  Hafer,  und  zeitweise  Kartoffeln,  bei  gleichzeitig ­
  schnell  ansteigender  Mehreinfuhr  anderer  wichtiger  Futtermittel  auf  die  Zunahme ­
  der  Vieh  Produktion  hin.  Und  so  unsicher  Fleischproduktion  und
Fleischkonsum  statistisch  zu  fassen  sind,  die  Tendenz  ihrer  schnellen  Zunahme  in
den  westeuropäischen  Industriestaaten  steht  fest.
Bei  undichter  Bevölkerung  liefert  die  extensive  Weidewirtschaft  einen  Ueberfluß
an  Fleisch.  Wir  finden  daher  sowohl  in  der  europäischen  Vergangenheit  wie  heute
(außerhalb  der  Tropen)  in  Amerika 2 )  und  Australien  sehr  hohen  Fleischkonsum,  zum
Teil  über  den  Fleischappetit  hinaus.  Als  es  in  Argentinien  vor  20  Jahren  noch  keine

1 )  Ungerechnet  %  kg  von  deutschen  Fischern  auf  See  gesalzene  Heringe.
2 )  Auch  der  nordamerikanische  Landmann  selbst  ist  nach  Aussage  eines  guten  Kenners
ein  enorm  starker  Fleischesser.  Anderer  Meinung  ist  R  u  b  n  e  r  1913,  S.  63.
        <pb n="28" />
        128  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  5

Mühlen  gab,  bekamen  die  einheimischen  Landarbeiter  trotz  ihrer  niedrigen  Lebenshaltung ­
  das  sehr  billige  Fleisch  dreimal  täglich  nach  Belieben,  über  *  3 / 4  kg  täglich,
gebraten  und  gekocht,  mit  etwas  Schiffszwieback  und  Reis  oder  Nudeln;  nur  bei
starker  Arbeit  hielt  man  als  Leckerbissen  eine  Zugabe  von  Mais  in  Milch  gekocht
für  nötig,  um  die  Leute  arbeitsfähig  zu  erhalten  *).  Es  ist  die  natürliche  Entwicklung, ­
  daß  mit  zunehmender  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  der  Fleischkonsum  zurücktritt ­
  zugunsten  der  Vegetabilien,  die  nicht  so  viel  Bodenfläche  für  die  Ernährung
einer  gegebenen  Zahl  Menschen  erfordern.  Im  dicht  besiedelten  China  ist  der  Fleischkonsum ­
  minimal.  Der  früher  in  Deutschland  hohe  Fleischkonsum  ging  vom  16.
bis  ins  19.  Jahrhundert  zurück,  besonders  auf  dem  Lande,  als  das  Fleisch  bei  wachsender ­
  Bevölkerung  knapper  wurde.  Gleich  andern  Ländern  sind  seitdem  auch  die
Vereinigten  Staaten  in  diese  Rückgangsperiode  eingetreten,  allerdings  unter  dem
mitwirkenden  Einfluß  ihres  Exports;  nach  Wilsons  Berechnung  sank  dort  der  Verbrauch ­
  pro  Kopf  von  1840—1900  von  100  auf  59%  2 ).  Dagegen  sehen  wir  im  westlichen ­
  Europa  während  der  letzten  Menschenalter  trotz  hoher  und  steigender  Preise
'eine  schnelle  und  stetige  Verbrauchszunahme,  und  zwar  diese  parallel  mit  dem
Wachstum  der  Städte  und  Großstädte  und  hauptsächlich  in  den  Städten  und  Industriegebieten. ­
  So  stieg  nach  E  ß  1  e  n  3 )  im  heutigen  Gebiet  des  Deutschen  Reichs
1816  4 )  bis  1911  der  Fleischverbrauch  pro  Kopf  von  13,6  auf  48,5  kg,  am  schnellsten
in  den  90er  Jahren.  Großstädter  essen  mehr  Fleisch  als  Kleinstädter.  In  Sachsen
war  z.  B.  1875  der  Verbrauch  an  Rind-  und  Schweinefleisch  pro  Kopf  auf  dem  Lande
und  in  den  kleinen  Städten  23,3  kg,  in  den  Mittelstädten  34  kg,  in  Chemnitz  42,8  kg,
in  Dresden  51,9  kg,  in  Leipzig  81,9  kg.  Auf  die  Gründe  des  höheren  städtischen
Fleischverbrauchs  kommen  wir  zurück.
Der  heutige  Fleischverbrauch  pro  Kopf  wird  für  Australien  und  Neuseeland
auf  weit  über  100  kg,  für  die  Vereinigten  Staaten  noch  auf  84  kg 5  * ),  für  Argentinien  8 ).
auf  etwas  weniger,  für  Großbritannien  mit  Irland,  für  Frankreich  und  für  das  Deutsche ­
  Reich  auf  einige  50  kg,  für  andere  westeuropäische  Staaten  auf  30—40  kg,  für
Schweden,  Holland,  Spanien,  Rußland  und  namentlich  Italien  auf  noch  weniger
berechnet;  Italien  bis  zu  13%  kg  herab.  Diese  Zahlen  sind  allerdings  nicht  so  zuverlässig ­
  und  nicht  so  gleichmäßig  berechnet,  daß  man  sie  getrost  vergleichen  kann.
Am  genauesten  ist  wohl  die  englische  und  die  deutsche  Berechnung.  Und  doch
dürfte  selbst  für  Deutschland  die  amtliche  Berechnung  von  mehr  als  50  kg  zu  hoch
greifen.  Nach  B  a  11  o  d 7 )  ist  das  Schlachtgewicht  der  verzehrten  Tiere  um  etwa
10%  überschätzt;  die  relativ  zuverlässige  sächsische  Statistik  führt  auch  auf  einen
um  mehrere  Kilogramme  kleineren  Konsum,  obwohl  der  industrielle  Sachse  doch
wohl  mehr  Fleisch  konsumiert  als  der  Deutsche  im  Durchschnitt;  und  die  privaten
Haushaltsrechnungen  städtischer  Familien,  von  denen  der  nächste  Paragraph  berichten ­
  wird,  zeigen  noch  sehr  viel  kleinere  Konsumtionszahlen  pro  Kopf;  eine  der
Aufklärung  bedürftige  Differenz,  die  übrigens  auch  bei  andern  Artikeln  (Zucker,

*)  Max  Weber  im  Deutschen  Wochenblatt,  11.  Januar  1894.  Vgl.  Rubner  1903,
S.  443:  „Den  Menschen  durch  alleinige  Fleischzufuhr  voll  und  ganz  zu  ernähren,  ist  bis
jetzt  nicht  geglückt.  Es  liegt  der  Grund  nicht  etwa  an  der  ungenügenden  Resorption  des
Eiweißes,  als  vielmehr  an  dem  Unvermögen,  die  notwendige  Fleischmenge  zu  kauen.“  (Ernährung ­
  mit  Hackfleisch  müßte  danach  doch  möglich  sein.)
®)  Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  Bd.  39,  S.  366.
3 )  Fleischversorgung,  S.  242  f.
4 )  In  der  Kriegszeit  1802—16  war  aber  die  Fleischproduktion  gesunken:  in  Preußen  von
155  auf  144  Millionen  kg.  Ferner  ist  für  1816  die  Schlachtung  von  Pferde-  und  Ziegenfleisch,
sowie  ein  etwaiger  Ueberschuß  der  Fleischeinfuhr  über  die  Ausfuhr  nicht  berücksichtigt;  für
1911  machen  aber  diese  drei  Posten  zusammen  nicht  viel  über  1  kg  aus.
5 )  Nach  B  a  11  o  d  ,  Grundriß  der  Statistik,  1913,  S.  125  nur  67  kg.
*)  Nach  B  a  11  o  d  a.  a.  O.  S.  126  würde  auch  in  Argentinien  (und  Südbrasilien)  nicht
weniger  als  in  Australien  pro  Kopf  verzehrt.
7 )  Vgl.  Zahns  Sammelwerk:  Die  Statistik  in  Deutschland,  II  614.  (Auch  desselben
Verfassers  Aufsatz  in  der  Zeitschrift  „Verwaltung  und  Statistik“,  Dezember  1912,  S.  360  f.)
        <pb n="29" />
        Allgemeine  Statistik  der  Konsumtion.

129

§  5

Kaffee,  Milch,  Bier)  wiederkehrt  *)  und  durch  den  Mehrkonsum  einer  schmalen
Oberschicht  allein  nicht  erklärt  werden  kann  *  2 ).
Sehr  unsicher  ist  auch  die  Berechnung  des  Milch-,  Butter  -  und  Käsekonsums, ­
  weil  von  den  Berechnungsfaktoren  der  inländischen  Produktion  mit  Sicherheit ­
  bekannt  nur  die  Zahl  der  Milchkühe  ist.  Viel  Sorgfalt  hat  man  auf  ihre  Berechnung ­
  namentlich  in  England  gewandt 3  4 ).
Der  Lebensmittelverbrauch  einzelner  Städte  ist  insoweit  leicht  zu
berechnen,  als  es  sich  um  gemeindesteuerpflichtige  Artikel  handelt.  Die  kommunale
Lebensmittelbesteuerung  gehört  aber  meist  der  Vergangenheit  an  und  ist  im  Deutschen ­
  Reiche  seit  1910  verboten.  Die  Berechnung  mit  Hilfe  der  Zufuhrstatistik
ist  ein  fragwürdiger  Ersatz.
Der  technische  Konsum  gehört  weniger  in  die  Statistik  der  Konsumtion ­
  als  der  Produktion.  Von  dem  schnell  wachsenden  technischen  Verbrauch  von
Kohle  und  Eisen  ohne  weiteres  auf  bessere  Lebenshaltung  zu  schließen,  ist  natürlich
nicht  zulässig;  „Eisenfresser“  sind  unsere  Konsumenten  nicht.  Immerhin  ist  für  den
Kleidungsbedarf  von  Interesse,  daß  der  Verbrauch  roher  Baumwolle  pro  Kopf  von
€,34  kg  jährlich  im  Jahrfünft  1836—40  sukzessive  bis  auf  7,6  kg  1912  gestiegen  ist;
dabei  trat  aber  die  Baumwolle  großenteils  an  die  Stelle  anderer  Textilstoffe.  Doch
hat  auch  der  Verbrauch  von  Wolle  und  Jute  schnell  zugenommen,  so  daß  eine  starke
Verbrauchszunahme  der  Textilstoffe  im  ganzen  feststeht.  Die  nächste  Ursache
der  Zunahme  ist  bei  den  drei  genannten  Textilstoffen  der  starke  Preisfall;  ihm  entx ­

 )  Ebendort  S.  823  f.  (Feig).  Bei  diesen  andern  Artikeln  sind  die  Differenzen  eher  zu
verstehen.
2 )  E  ß  1  e  n  (Fleischversorgung,  Anlage  20)  berechnet  den  Fleischverbrauch  der  Jahre
1904—11  auf  durchschnittlich  45,1  kg  Schlachtgewicht  pro  Kopf,  gegenüber  52,3  kg  der  amtlichen ­
  Statistik.  Rechnet  man  mit  Eßlen  (S.  42  f.)  für  Wild-  und  Geflügelfleisch  noch
2  kg  und  für  die  im  Schlachtgewicht  nicht  enthaltenen  eßbaren  Eingeweide  usw.  10%  hinzu,
so  kommt  man  auf  51,8  kg  Fleisch  und  Fleischfett;  (nach  Rubners  Ansatz  von  22,6  statt  10%
Zuschlag  —  1913,  S.  108  —  erhält  man  57,7  kg).  Um  aus  dieser  Bruttozahl  die  Fleischmenge
zu  gewinnen,  die  der  Konsument  kauft,  muß  man  erstens  das  Gewicht  des  Fleischfetts  ab-:ziehen,
  das  der  Schlächter  gesondert  verkauft,  und  zweitens  den  Gewichtsverlust,  den  das  Fleisch
beim  Schlächter  erleidet:  durch  Trocknen,  Räuchern,  Einpökeln,  Ausschälen,  letzteres  namentlich ­
  in  der  Großstadt  ins  Gewicht  fallend.  Eßlen  rechnet  höchstens  30%  des  Schlachtgewichts ­
  als  Fettgehalt,  die  er  ganz  abzieht,  Rubner  35%  des  ganzen  Fleisch-  und  Fettgewichts, ­
  von  denen  aber  nicht  mehr  als  17%  vom  Schlächter  abgetrennt  würden.  Den  andern
Gewichtsverlust  berechnet  Eßlen  nicht,  während  Rubner  als  Unterschied  von  Rohfleisch
und  Reinfleisch  20%  abzieht.  Nach  E  ß  1  e  n  s  Ansätzen  käme  man  zu  42,4  kg  Konsumentenfleisch, ­
  nach  denen  Rubners  zu  38,3  kg.  Wählt  man  überall  die  ungünstigsten  Ansätze
aus,  so  bleiben  nur  35,8  kg  Konsumentenfleisch.  Nach  B  a  11  o  d  (Verwaltung  und  Statistik ­
  1912,  S.  365)  war  1911/12  der  absolute  Fleischkonsum  infolge  Futtermangels  noch  um
12—20%  niedriger  als  1910/11,  trotz  steigender  Bevölkerung.  —  (Bei  dieser  Berechnung  sind
.außer  Betracht  geblieben  der  Konsum  an  Fischfleisch,  nach  Eßlen  3%—4  kg  netto,  und  an
tierischem  Eiweiß  in  der  Milch,  im  Käse  und  in  den  Eiern;  der  Eierkonsum  dürfte  wenigstens
4  kg  erreichen.)
Dagegen  kamen  nach  der  noch  zu  erwähnenden  umfangreichen  Reichserhebung  von  1907
;nur  21,2  kg  Fleischverbrauch  und  27,5  kg  Fleisch-  und  Wurstverbrauch  auf  den  Kopf  der  Arbeiterfamilie, ­
  27,3  kg  Fleischverbrauch  und  33,7  kg  Fleisch-  und  Wurstverbrauch  auf  den
Kopf  der  Lehrer-  und  Kleinbeamtenfamilie.  (Der  Verbrauch  an  Fischfleisch  kann  nach  dem
Einkaufswerte  vielleicht  noch  2  kg  betragen  haben.)  Die  abweichenden  Zahlangaben  bei
Eßlen,  Fleischversorgung,  S.  45,  beruhen  auf  einem  Mißverständnis.
Bei  dieser  Erhebung  fehlen  allerdings  die  etwa  in  der  eigenen  Wirtschaft  produzierten
und  die  im  Gasthause  verzehrten  Fleischmengen.  Sie  sind  dagegen  angerechnet  bei  einer
.auf  320  Haushalte  erstreckten  Aufnahme  des  Deutschen  Metallarbeiterverbands  (veröffentlicht ­
  1910);  nach  ihr  war  der  Fleischverbrauch  ohne  den  Wurstverbrauch  25,1  kg.
Die  Angaben  der  Haushaltsstatistik  sind  durch  die  verhältnismäßig  große  Zahl  der  Kinder,
die  kleine  der  unverheirateten  jungen  Leute  etwas  herabgedrückt;  sie  würden  sonst  an  die
niedrigste  Berechnung  der  allgemeinen  Konsumziffer  wohl  ungefähr  heranreichen.  Erwägt
man,  daß  in  der  allgemeinen  Ziffer  einerseits  der  niedrige  Fleischverbrauch  der  ländlichen
Bevölkerung,  andererseits  der  sehr  hohe  der  bemittelten  Oberschicht  mit  enthalten  ist,  so
ist  ihre  Abweichung  von  der  Haushaltsstatistik  nicht  mehr  auffällig.
3 )  Journal  of  the  Royal  Statistical  Society,  London,  namentlich  1902.
Sozialökonomik.  II.

9
        <pb n="30" />
        130  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschalt,  Bedarf  u.  Konsum.  §  &amp;amp;

spricht  aber  auch  eine  Massenfabrikation  von  geringer  Haltbarkeit  im  Dienst  der
Mode.
Ueber  die  Statistik  des  Wohnbedürfnisses  vgl.  den  Abschnitt  dieses
Handbuchs  über  die  Wohnungsfrage,  und  den  folgenden  Paragraphen.  Hier  sei  nur
erwähnt,  daß  eine  Abnahme  der  Ueberfüllung  großstädtischer  Wohnungen,  die
man  neuerdings  konstatiert  hat,  mit  dem  Rückgang  der  großstädtischen  Kinderzahl ­
  zusammenhängt;  die  kleinere  Familie  kann  eine  größere  Wohnung  bezahlen,
und  auf  die  erhöhte  Zahl  der  Räume  kommt  eine  verkleinerte  Zahl  von  Köpfen.
§  6.  Haushaltsrechnungen.
Der  Leser  wird  schon  empfunden  haben,  daß  die  bisher  vorgeführten!  Zahlen
ein  unwirkliches  Bild  geben,  weil  sie  grobe  Durchschnittszahlen  sind.  Selbst  bei
Gütern  allgemeinen  Verbrauchs  sind  die  Unterschiede  enorm  namentlich  je  nach
dem  Einkommen  der  konsumierenden  Familie.  Einen  wirklicheren  Einblick  in  die
Konsumtion  gibt  erst  das  im  vorigen  Abschnitt  nur  gelegentlich  herangezogene
Rechnungsbuch  der  Familie,  dessen  wimmelnde  Ziffern  freilich  auch  wieder  zu
Durchschnitten,  in  erster  Linie  nach  Einkommensstufen,  zusammengefaßt  werden
müssen,  um  übersichtlich  zu  werden.
Die  Materialsammlung  dieser  Familienstatistik  hat  ihre  Geschichte.  Nachdem
man  schon  am  Ende  des  17.  und  im  18.  Jahrhundert  in  England  und  Frankreich
wiederholt  versucht  hatte,  auf  mehr  oder  weniger  konjekturaler  Grundlage  „Haushaltungsbudgets“ ­
  zu  konstruieren,  brachte  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  das
erwachende  sozialpolitische  Interesse  eine  reiche  Ernte  von  Haushaltungszahlen
der  arbeitenden  Klasse,  und  zwar  mehr  empirischer  Art.  Der  erste  internationale
statistische  Kongreß,  Brüssel  1853,  entwarf  ein  Erhebungsformular.  1855  veröffentlichte ­
  der  Belgier  Ducpetiaux  sein  großes  Sammelwerk  Budgets  economiques
des  classes  ouvrieres  en  Belgique,  mit  199  Budgets  von  Vierkinderfamilien  auf  Grund
einer  Enquete,  und  mit  dem  Eingeständnis  des  manchesterlichen  Verfassers  angesichts ­
  des  von  ihm  aufgedeckten  Massenelends:  das  laisser  aller  dürfe  nicht  in  ein
laisser  souffrir,  laisser  mourir  ausarten.  Im  selben  Jahre  1855  erschien  die  erste
Auflage  der  Ouvriers  europeens  L  e  P  1  a  y’s,  des  großen  Verherrlichers  der  sozialen
Rolle  der  Familie;  sie  sucht  auf  Grund  von  36  typischen  Haushaltungsbudgets  unter
den  mannigfachsten,  in  monographischer  Breite  beschriebenen  Umständen  den
sozialkonservativsten  und  darum  für  gesunden  Fortschritt  zukunftsreichsten  Typus,
der  Lebensführung  einer  Arbeiterfamilie.  Sie  ist  später  durch  eine  sechsbändige
2.  Auflage  (1879)  mit  57  Haushaltungsbudgets  erweitert  und  zum  Ausgangspunkt
einer  Schule  geworden,  die  das  Werk  des  Meisters  durch  die  zwölfbändige  Publikation ­
  Les  ouvriers  des  deux  mondes  (1856—1909)  fortführt  und  auf  mehr  als  100
Arbeiterfamilien  ausdehnt.  In  Deutschland  ist  Leplays  monographische  Methode,
jedoch  ohne  seinen  sozialkonservativen  Gesichtspunkt,  besonders  von  Schnapper-Arndt ­
  liebevoll  fortgebildet  und  rationalisiert  worden.  Die  erste  zusammenfassende ­
  Bearbeitung  der  Zahlen  wurde  von  dem  sächsischen  Statistiker  Ernst
Engel  1857,  spätere  wurden  von  Hampke  (1888),  wieder  Ernst  Engel
(1895)  und  Andern  versucht.  Die  letzten  Jahrzehnte  haben  eine  Fülle  neuen  Materials ­
  zusammengetragen,  dessen  Aufzählung  hier  nicht  möglich  ist;  darunter  eine
Anzahl  neuerer  Massenerhebungen.  Von  diesen  zeichnet  sich  die  jüngste  englische-(1908—10)
  durch  ihren  internationalen  Umfang  aus,  die  neueste  nordamerikanische
(1904)  durch  die  Zahl  der  verglichenen  Familien  (25  440),  die  deutsche  für  1907  1 )
durch  ihre  sorgfältige  Methode;  ihrer  Beschreibung  des  Haushalts  von  852  minder
bemittelten  Familien  (darunter  218  Familien  kleiner  Beamter  und  Lehrer)  sind  gemäß ­
  einer  Forderung  Engels  und  Büchers  nicht  mehr  Schätzungen  oder  kurzfristige

0  2.  Sonderheft  des  Reichsarbeitsblatts,  1909.
        <pb n="31" />
        Haushaltsrechnungen.

131

§  6

Anschreibungen,  sondern  Rechnungsbücher  von  mindestens  einjähriger  Dauer  zugrunde ­
  gelegt;  sie  ist  unter  den  wenigen,  fast  durchweg  neueren  und  aus  germanischen ­
  Gebieten  stammenden  Erhebungen  auf  gleicher  Grundlage  weitaus  die  größte.
In  diesem  Uebergang  vom  vorauseilenden  „Budget“  4  * )  (Voranschlag)  zur  nachhinkenden ­
  „Rechnung“  liegt  der  wichtigste  neuere  Fortschritt  der  Haushaltungsstatistik. ­
  Als  eine  besonders  empfindliche  Lücke  ist  die  Spärlichkeit  der  Kenntnis
des  Haushalts  bemittelter  Familien  geblieben  2 ).
Bei  all  dieser  Haushaltungsstatistik  darf  freilich  nicht  übersehen  werden,  daß
sie  um  so  weniger  typische  Durchschnittsverhältnisse  zum  Ausdruck  bringt,  je  sorgfältiger ­
  die  Rechnungsbücher  geführt  worden  sind;  sie  repräsentiert  eine  Auslese
der  wirtschaftlichsten  Familien.  Eine  andere,  schwer  zu  überwindende  Schwierigkeit ­
  für  die  Vergleichung  von  Wirtschaftsrechnungen  ergibt  sich  mit  der  fließenden
Grenze  zwischen  eigen-  und  verkehrswirtschaftlicher  Haushaltung;  schon  eine  Familie,
die  für  ihren  Bedarf  selbst  schneidert  und  wäscht,  kann  ihre  Wirtschaftsrechnung
schwer  mit  der  einer  andern  Familie  vergleichen,  die  beide  Dienstleistungen  bezahlt.
Auch  die  häufige  Verschlingung  des  Familienhaushalts  mit  fremden  Wirtschaften
(von  Kostgängern,  Dienstboten,  erwerbstätigen  Deszendenten)  erschwert  die  Einsicht ­
  wesentlich;  dieser  Schwierigkeit  ist  bisher  wenig  Rechnung  getragen  worden.
Das  Ergebnis  dieses  gewaltigen  Aufwands  von  Sammelmühe  ist  für  die  exaktere
Kenntnis  sozialer  Zustände  und  sozialen  Elends  ein  reiches;  für  die  Konsumtionstheorie ­
  ist  es  nur  bescheiden,  auch  wenn  man  es  in  den  Faltenwurf  des  „Engelschen
Gesetzes“  und  des  „Schwabeschen  Gesetzes“  kleidet;  immerhin  ist  es  lehrreich.  Das
Engelsche  Gesetz  vom  Jahre  1857  besagt,  daß  der  Arme  für  das  Existenzbedürfnis ­
  an  Nahrung  zwar  einen  geringeren  Geldbetrag  ausgibt  als  der  Wohlhabende, ­
  aber  eine  größere  Quote  seines  Einkommens;  je  höher  das  Einkommen,
eine  um  so  reichlichere  Quote  bleibt  für  minder  unentbehrliche  Ausgaben  übrig.
Hat  man  doch  von  der  Familie  Rotschild  gelegentlich  gesagt,  daß  sie  ohne  Extravaganzen ­
  kaum  imstande  sein  würde,  mehr  als  1%  ihres  Einkommens  für  unentbehrliche ­
  und  entbehrliche  eigene  Bedürfnisse  zu  verausgaben,  und  zur  Kapitalisierung ­
  von  99%  quasi  gezwungen  sei.  Dieses  Engelsche  Gesetz  hätte  man  zwar
bei  einiger  Ueberlegung  schon  von  vornherein  vermuten  können,  weil  der  Nahrungsaufwand ­
  physiologisch  beschränkt  ist;  aber  doch  befriedigt  es,  das  von  selbst  Einleuchtende ­
  auch  statistisch  im  großen  ganzen  3 )  bestätigt  zu  finden  und  sich  zahlenmäßig ­
  veranschaulichen  zu  können,  wie  wenig  Geld  der  kleine  Mann  für  physiologisch ­
  entbehrliche  Kulturzwecke  übrig  behält.
Es  muß  aber  gleich  hinzugefügt  werden,  daß  die  Quote  der  Nahrungsausgabe
nicht  nur  vom  Einkommen,  sondern  auch  von  der  Kopfzahl  der  Familie
abhängt.  Kopfreiche  Familien  müssen  zwar  ihre  Ernährung  verbilligen 4 );  aber  da
sie  an  anderen  Ausgaben  noch  mehr  sparen,  so  steigt  die  Quote  ihrer  Nahrungsausgaben ­
  6  *  *  *  10 ).  Sind  nun  die  ärmeren  Familien  kopfreich,  so  kommt  das  Engelsche  Gesetz
zu  verschärftem  Ausdruck;  zeichnen  sich  dagegen  die  Familien  der  höheren  Einkommensstufen ­
  durch  erhöhte  Kopfzahl  aus,  so  wird  das  Gesetz  abgeschwächt.

4 )  Der  Ausdruck  Familienbudgets  wird  übrigens  vielfach  sprachwidrig  promiscue  für  Voranschläge, ­
  Schätzungen  und  Rechnungen  des  Familienhaushalts  gebraucht.  Die  Verwirrung
wird  dadurch  gesteigert,  daß  die  Quellen  oft  nicht  erkennen  lassen,  ob  Voranschlag,  Schätzung
oder  Rechnung  vorliegt.
2 )  Eine  Zusammenstellung  der  hauptsächlichen  vorhandenen  Daten  über  die  Nahrung
bemittelter  Familien  gibt  Grotjahn  S.  11  f.  Einen  kleinen  Beitrag  hat  das  Statistische  Reichsamt ­
  1911  durch  zwei  Wirtschaftsrechnungen  von  Familien  höherer  Beamter  beigesteuert
(3.  Sonderheft  des  Reichsarbeitsblatts).
3 )  Ueber  abweichende  Beobachtungen  vgl.  Kestner,  S.  343.
4 )  Nach  der  deutschen  Erhebung  von  1907  sinkt  die  absolute  Nahrungsausgabe,  auf  den
erwachsenen  Mann  als  Einheit  umgerechnet,  mit  der  Kopfzahl  (2—9)  bei  391  Familien  von
478  auf  328  Mark.
s )  Bei  851  Familien  derselben  Erhebung  von  40,6%  bei  2  Personen  bis  auf  58,2%  bei
10  Personen.

9*
        <pb n="32" />
        132  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  6

In  Wirklichkeit  zeigt  die  deutsche  Erhebung  von  1907  bei  größerem  Einkommen
fast  durchgängig  auch  größere  Kopfzahl.  Bei  den  Beamtenfamilien  erklärt  sich  dieser
Parallelismus  zum  Teil  aus  den  Alterszulagen  des  Gehalts;  er  findet  sich  aber  auch
bei  den  Arbeiterfamilien  Q,  obwohl  hier  der  Arbeitsverdienst  der  Eltern  mit  zunehmendem ­
  Lebensalter  wahrscheinlich  sinkt *  2 )  und  der  Miterwerb  der  Kinder  erst
bei  den  größten  Familien  ins  Gewicht  fällt.
Der  Berliner  Kommunalstatistiker  Schwabe  hat  1868  ein  dem  Engelschen
analoges  „Gesetz“  für  die  Wohnungsausgabe  formuliert:  je  kleiner
das  Einkommen,  um  so  größer  die  Wohnungsausgabenquote.  Doch  bedarf  dieses
Gesetz  einer  dreifachen  Einschränkung.  Erstens  gilt  es  wahrscheinlich  nicht  für  die
Bewohner  von  Schlafstellen,  über  deren  Haushalt  wir  noch  wenig  wissen.  Zweitens
gilt  es  nur  innerhalb  der  einzelnen  Kommune  oder  gleichartiger  Kommunen;  dagegen ­
  ist  in  der  Kleinstadt  auf  gleicher  Einkommensstufe  die  Wohnungsausgabe
wesentlich  niedriger  als  in  der  Großstadt,  und  die  ländlichen  Wohnungsausgaben
sind  überhaupt  schwer  unter  eine  Regel  zu  bringen.  Drittens  sinkt  die  Wohnungsausgabe ­
  mit  steigendem  Einkommen  nicht  ununterbrochen,  sondern  der  repräsentationspflichtige ­
  Mittelstand  muß  für  die  Wohnung  (ebenso  wie  für  die  Kleidung)
relativ  viel  ausgeben  und  dafür  in  der  Nahrung  sich  einschränken  3 ).  Erst  von  einer
gewissen  Untergrenze  an,  die  je  nach  den  Umständen  etwa  zwischen  1000  und  5000
Mark  Einkommen  liegt,  scheint  innerhalb  der  einzelnen  Ortskategorie  das  Gesetz
Schwabes  zu  gelten,  natürlich  nur  bei  genügender  Massenbeobachtung  4 ).
Mit  zunehmendem  Einkommen  sinkt  ferner  die  Quote  der  Ausgabe  für  Heizung. ­
  Es  steigt  dagegen  die  Quote  aller  der  Ausgaben,  bei  denen  der  entbehrliche ­
  Wertteil  in  die  Wagschale  fällt.  Dahin  gehört  schon  der  Aufwand  für
Kleidung  und  V  erkehrsmittel,  auch  Getränke  und  Reizmittel ­
  der  Ernährung;  der  Kleidungsaufwand  steigt  auch  bei  sozial  gehobener
Stellung  aus  Repräsentationsrücksichten;  bei  allen  kommt  jedoch  auf  den  höheren
Einkommensstufen  die  Steigerung  vielfach  zum  Stillstand  oder  nimmt  wieder  ab,
auch  wenn  der  absolute  Ausgabenbetrag  noch  zunimmt;  zum  Zeichen,  daß  die  Befriedigung ­
  dieser  Bedürfnisse  sich  ihrer  Grenze  nähert,  wenn  auch  nicht  in  dem
Maße  wie  bei  den  erstgenannten  Existenzbedürfnissen.  Unentwegt  steigt  die  Quote
der  Ausgaben  für  Ersparnis  und  wohl  auch  V  er  Sicherung;  am  schnellsten ­
  die  für  Erziehung,  die  gleichfalls  der  Zukunft  dient,  und  für  persönliche ­
  Dienste.  Es  prägt  sich  darin  einmal  die  noch  immer  zurückgebliebene
Entwicklung  des  Zukunftssinns  aus,  der  erst  bei  reichlichem  Einkommen  sich  einigermaßen ­
  Geltung  verschafft,  und  andererseits  die  spezifische  moderne  Teuerung  persönlicher ­
  Dienste,  die  eine  Befriedigung  dieses  mit  großer  Stärke  auftretenden,  aber
elastischen  Bedürfnisses  auf  eine  schmale  Elite  beschränkt.  Für  eine  Mannigfaltigkeit
anderer  Ausgaben:  für  Unterhaltung,  Vergnügen  und  varia  wird  sich  eine  ähnliche

x )  Die  durchschnittliche  Jahresausgabe  betrug
bei  49  Arbeiterfamilien  mit  2  Köpfen  1718  Mark

98

))

„  3

1699

}}

127

„  4

1768

125

))

„  5

1)

1898

)  1

56

)&amp;gt;

„  6

))

1912

))

36

a

„  7

1921

)}

19

n

„  8

it

2021

)f

„  9  „  „9  „  2460  „
Das  erhöhte  Einkommen  zweiköpfiger  Arbeiterfamilien  erklärt  sich  vermutlich  aus  dem
hier  noch  ungehinderten  Miterwerb  der  Frau.
2 )  Zu  erschließen  aus  der  Tabelle  auf  S.  24*  der  Publikation.
3 j  Vgl.  auch  Pohle  in  der  Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft  N.  F.  III,  S.  121  f.
4 )  Nach  gewissen  statistischen  Erhebungen  (Hamburg,  Breslau)  scheint  es  sogar,  als  ob
bei  wachsender  städtischer  Grundrente  das  Schwabesche  Gesetz  sich  immer  schärfer  auspräge.
Vgl.  Reichsarbeitsblatt  1911,  S.  365  f.:  Einkommen  und  Miete  in  einigen  deutschen
Großstädten.
        <pb n="33" />
        Haushaltsrechnungen.

133

§  6

statistische  Regelmäßigkeit  schwerer  nachweisen  lassen;  je  individueller  das  Bedürfnis, ­
  um  so  schwankender  die  Durchschnittszahl.
Innerhalb  der  Nahrungsausgaben  hat  man  eine  mit  dem  Einkommen  steigende
Quote  der  animalischen  auf  Kosten  der  pflanzlichen  Nahrung  beobachtet;  wohl
nicht  nur,  weil  die  animalischen  Nahrungsmittel  teurer,  wohlschmeckender  und  bis
zu  gewissem  Grade  bekömmlicher  sind,  sondern  auch  weil  die  kleinen  Beamten  mit
sitzender  Lebensweise,  die  in  der  reichsdeutschen  Erhebung  stark  vertreten  sind,
und  deren  Einkommen  relativ  hoch  ist,  sie  physiologisch  nötiger  haben.  Aber  auch
mit  zunehmender  Kopfzahl  der  Familie  nimmt  die  vegetarische  Quote  in  der  Nahrung
zu,  weil  die  Ernährung  verbilligt  werden  muß.  Bezeichnend  ist  noch,  daß  nicht  nur
Genußmittel  wie  Tee,  Schokolade,  Kakao,  sondern  auch  Obst  und  Südfrüchte  dem
Engelschen  Gesetze  nicht  unterliegen;  noch  bezeichnender,  daß  mit  dem  Einkommen
die  Ausgabe  für  Kleidung  merklich  schneller  steigt,  als  die  für  Wäsche  und  Bettzeug, ­
  sowie  für  Reinigung  von  Kleidung  und  Wäsche  (reichsdeutsche  Erhebung).
Als  Beispiel  sei  eine  Tabelle  der  deutschen  Erhebung  von  1907  wiedergegeben, ­
  bei  der  wieder  zu  beachten  ist,  daß  auf  den  höheren  Einkommensstufen  die
Lehrer-  und  Beamtenfamilien  relativ  stärker  vertreten  sind,  und  zwar  dies  in  den
kleineren  Orten,  während  in  den  großstädtischen  Haushaltungen,  die  die  große
Mehrzahl  bilden  (701  von  852),  das  Arbeiterelement  überwiegt.  Die  Abstufung  der
Prozentsätze  für  Nahrungs-  und  Genußmittel  und  für  „sonstige  Ausgaben“  ist  besonders ­
  augenfällig.

Familien  mit  einer  Ausgabe  von  .  .  .  Mark

1200

1600

2000

2500

3000

4000

über

zusamWohlhabenheitsstufen ­



unter
1900

bis

bis

bis

bis

bis

bis

5000

1600

2000

2500

3000

4000

5000

men

Zahl  der  Familien

13

171

234

190

103

102

34

5

852

Prozent  der  Ausgaben  für

Nahrungs-  und  Genußmittel

54,2  1

&amp;gt;54,6

51,0

48,1

42,7

38,1

32,8

30,3

45,5

Wohnung  und  Haushalt

20,0  '

17,2

18,0

17,6

18,0

18,5

19,3

14,9

18,0

Heizung  und  Beleuchtung

6,2

4,8

4,5

4,0

3,9

3,6

3,1

3,1

4,1

Kleidung,  Wäsche,  Reinigung

9,2

9,5

11,5

12,6

14,3

14,0

14,7

14,9

12,6

Sonstiges

10,4

13,9

15,0

17,7

21,1

25,8

30,1

36,8

19,8

Von  den  „sonstigen  Ausgaben“  fielen  in  %  der  Gesamtausgaben  auf
bei  Arbeiterfamilien  bei  Beamtenfamilien

Gesundheits-  und  Körperpflege

1,3

3,7

Unterricht

0,6

2,4

Geistige  und  gesellige  Bedürfnisse

4,0

4,5

Staat,  Gemeinde,  Kirche

LI

2,0

Versicherung

3,0

4,0

Verkehrsmittel

1,4

1,1

Persönliche  Bedienung

0,1

1,3

Geldgeschenke  usw.

0,4

0,8

Schuldentilgung,  Zinsen

0,4

1,6

Erwerbskosten

0,4

0,3

Andre  Ausgaben

1,7

2,8

Nicht  verteilte  Naturalien

0,1

0,1

Ersparnisse

1,0

1,3

Für  Zeitungen,  Bücher,  Vereine  gaben  im  Durchschnitt  Arbeiterfamilien  51,47  Mk.,
Beamtenfamilien  66,88  Mk.  aus;  für  Vergnügungen:  Arbeiterfamilien  21,23  Mk.,
Beamtenfamilien  76,12  Mk.  Beide  Posten  zusammen  decken  sich  mit  den  4—4)4%
Ausgaben  „für  geistige  und  gesellige  Bedürfnisse“,  die  in  der  Tabelle  figurieren.  Bei
einer  Aufnahme,  die  das  Berliner  Statistische  Amt  für  908  Berliner  Haushaltungen
(meist  aus  dem  Industriearbeiterstande)  mit  einem  durchschnittlichen  Einkommen
von  1751  Mk.  (1903)  machte,  ergab  sich  für  Vergnügungen  ein  Durchschnittsbetrag
0  Bei  Einkommen  unter  1000  Mark  steigt  die  Quote  der  Nahrungsausgaben,  soweit  die
wenigen  Beispiele  erkennen  lassen,  weit  über  60%  hinaus.  Vgl.  Eulen  bürg,  S.  19.
        <pb n="34" />
        134  I.  Buch  B  III:  K.  O  I  d  e  n  b  e  r  gj,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  6

von  32,6  Mk.;  außerdem  aber  für  Zigarren  und  Tabak  30,3  Mk.,  Trinken  im  Wirtshaus ­
  65,4  Mk.,  Bier  zu  Hause  40,1  Mk.,  Branntwein  7,8  Mk.,  zusammen  177  Mk.,
gegenüber  359  Mk.  für  Wohnung,  Heizung,  Beleuchtung  ').  Offenbar  ist  bei  so
engen  Verhältnissen  die  Gefahr  nicht  zu  unterschätzen,  daß  die  Ausgaben  für  entbehrliche ­
  Zwecke,  auch  wenn  ihr  absoluter  Betrag  sehr  bescheiden  ist,  doch  den
Spielraum  für  das  Existenzminimum  bedenklich  schmälern.
Es  ist  ein  Mangel  dieser  Tabellen,  daß  sie  die  Größe  der  Familie  nicht
berücksichtigen.  Denn  eine  Familie  mit  4  Kindern  und  2000  Mark  Einkommen
wird  ungefähr  auf  derselben  Wohlhabenheitsstufe  stehen,  wie  ein  kinderloses  Ehepaar ­
  mit  1000  Mark.  Es  müßten  daher  die  Ausgaben  nicht  nur  auf  die  Kopfzahl
der  Konsumenten  bezogen,  sondern  es  müßte  auch  die  Kopfzahl  dabei  umgerechnet
werden,  um  die  verschiedene  natürliche  Bedürftigkeit  der  Konsumenten  nach  Alter
und  Geschlecht  zu  berücksichtigen.  Nimmt  man  das  Konsumtionsbedürfnis  des
erwachsenen  Mannes  mit  der  Kopfzahl  1  an,  so  wäre  die  Bedürftigkeit  des  Kindes
je  nach  dem  Alter  mit  einem  Bruchteil  von  1  anzusetzen,  und  entsprechend  die  der
Frau,  des  Greises,  der  Greisin.  Auf  diese  korrigierte  Kopfzahl  wären  die  Ausgaben
zu  beziehen.
Die  Notwendigkeit  einer  solchen  Umrechnung  ist  längst  empfunden  worden,
und  mehrere  Autoren,  die  Familienbudgets  bearbeiteten,  haben  schon  vor  Jahrzehnten ­
  mit  rohen  Umrechnungsmaßstäben  operiert.  Aber  erst  Ernst  Engel  hat
1891  und  1895  auf  Grund  von  anthropometrischen  Zahlen  des  alten  belgischen
Statistikers  Quetelet  einen  leidlich  rationellen  Umrechnungsmaßstab  für  Kinder
jeden  Alters  konstruiert,  dessen  Einheit  er  zu  Ehren  Quetelets  und  nach  Analogie
der  elektrischen  Maßbezeichnungen  ein  „Quet“  nannte.  Das  Quet  ist  das  Erfordernis ­
  des  neugeborenen  Kindes  an  Nahrung  und  andern  Gütern;  mit  jedem  Lebensjahre ­
  steigt  das  Erfordernis  um  1 / 10  Quet;  beim  Manne  erreicht  es  den  Beharrungszustand ­
  mit  25  Jahren,  also  3 1 /,  Quets,  bei  der  Frau  mit  20  Jahren,  also  3  Quets.  Andere,
etwas  summarischere  Reduktionsfaktoren  hat  eine  dänische  Erhebung  von  1897,
die  nordamerikanische  von  1903  (beide  auf  naturwissenschaftlicher  Grundlage)  und
die  deutsche  von  1907  angewandt.  Die  deutsche  will  neben  der  Nahrung  die  andern
Ausgabeposten  wenigstens  schätzungsweise  mehr  zur  Geltung  bringen  2 )  und  stuft
darum  die  Sätze  mehr  ab,  setzt  also  für  die  jüngsten  Kinder  eine  relativ  noch  kleinere
Ausgabe  an  3 ).  Die  meiste  Anerkennung  haben  trotzdem  Engels  Quets  gefunden,
zumal  sie  zwischen  der  dänischen  und  amerikanischen  Rechnung  Mittelwerte  bilden,
und  drei  Gegenrechnungen  von  Kuzmäny 4  5 ),  Stephan  Bauer 6 )  und  E.
Günther 6 )  ihre  annähernde  Richtigkeit  bestätigt  haben.  Diese  Bestätigung  ist
aber  von  zweifelhaftem  Werte,  weil  nur  die  Nahrung  berechnet  ist,  während  die  Quets
zugleich  auch  für  andere  Bedürfnisse  Geltung  beanspruchen 7 ).
Eine  Abgrenzung  der  Wohlhabenheitsstufen  selbst  unter  Berücksichtigung
dieser  Reduktionsfaktoren  (Einkommen  der  Familie,  dividiert  durch  Quets)  ist
leider  bisher  selten  versucht 8 ),  ja  nicht  einmal  gefordert  worden 9 ).  Wohl  aber
hat  man  innerhalb  der  nach  dem  Familieneinkommen  mechanisch  gebildeten  Wohlstandsklassen ­
  die  Ausgaben  auf  Quets  usw.  bezogen,  um  sie  vergleichbar  zu  machen.

0  Vgl.  Pohle,  Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft  1906,  S.  104t.||
2 )  Die  amerikanische  Erhebung  sah  von  ihnen  sogar  gänzlich  ab.
3 )  Vgl.  auch  Ritzraann,  Maßstab  zum  Vergleich  der  Wirtschaftsrechnungen  von
Familien,  im  Archiv  für  sociale  Hygiene  1911.
*)  Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  3.  Folge,  Bd.  29  (1905),  S.  794  f.
5 )  Basler  volkswirtschaftliche  Arbeiten  N.  2  (1911),  S.  VIII  f.
6 )  Schmollers  Jahrbuch  1912,  S.  1963  f.
’)  Vgl.  Schiff,  S.  102.
8 )  So  in  der  dänischen  Publikation.
“)  S  c  h  i  f  f,  der  Leiter  einer  noch  nicht  publizierten  österreichischen  Erhebung,  stellt
jetzt  (1913)  a.  a.  O.  S.  96  f.  diese  von  mir  schon  früher  vertretene  Forderung.  Er  verbessert
das  Erhebungs-  und  Verarbeitungsverfahren  auch  sonst.
        <pb n="35" />
        Haushaltsrechnungen.

135

Wir  ergänzen  danach  die  obigen  Tabellen,  die  nur  Prozentsätze  enthalten,  durch  eine
Uebersicht  der  absoluten  Ausgabenbeträge,  die  auf  die  umgerechnete  Kopfzahl
treffen.  Nach  dem  Maßstab  des  Statistischen  Reichsamts  auf  die  Einheit  des  erwachsenen ­
  Mannes  umgerechnet,  betrug  bei  391  ausgewählten  Familien  *)  die  Ausgabe ­
  in  Mark:

Familien  mit

für

einer  Gesamtausgabe ­
  von..  M.

Zahl

Nahrung

Wohnung  Heizung,  Kleidung
Beleuchtung

Sonstiges

Zusammen

unter  2000

224

363

120  32  76

102

693

2000—3000

111

441

178  39  144

211

1015

über  3000

56

522

294  49  218

390

1472

Nach  dem  früher  Gesagten  würden  sich  diese  Durchschnittssätze  beider  Tabellen ­
  etwas  differenzieren,  wenn  man  sozial  gleich  zusammengesetzte  Gruppen
nach  der  Ortsgröße  unterschiede;  in  der  Stadt,  besonders  in  der  Großstadt,
ist  sowohl  die  absolute  Ausgabe,  wie  die  Ausgabenquote,  für  die  Wohnung  bedeutend
erhöht,  und  sind  die  andern  Ausgaben  und  Ausgabequoten  zusammen  entsprechend
kleiner.  Auch  innerhalb  der  großstädtischen  Gruppe  steigt  die  Quote  der  Wohnungsausgabe, ­
  einigermaßen  parallel  der  Einwohnerzahl,  bis  fast  zum  Doppelten  an.  Und
dieselbe  Verschiebungstendenz  zeitlich:  trotz  gelegentlicher  Schwankungen  steigt
die  Quote  der  städtischen  Wohnungsausgabe  mit  dem  Zeitablauf  nicht  unerheblich  *  2 ).
Daran  mag  zum  Teil  der  zunehmend  großstädtische  Charakter  der  Städte  Schuld
sein,  zum  Teil  die  Verteuerung  des  Bauens  durch  steigende  Löhne  und  Materialpreise, ­
  zum  Teil  auch  die  neuerdings  bessere  Ausstattung  der  Wohnungen.  Aber
wenn  unlängst  für  Berlin  die  Mietsteigerung  einer  typischen  Arbeiterwohnung  (mit
einem  heizbaren  Zimmer  und  Küche)  1880—1910  auf  mehr  als  50  %  geschätzt 3 )
oder  die  Verteuerung  der  Wiener  Schulbauten  1877—93  auf  38%  berechnet 4 )  worden ­
  ist,  so  hat  die  bessere  Ausstattung  an  dieser  plötzlichen  Zunahme  doch  wohl
nur  einen  bescheidenen  Anteil.  Jedenfalls  geht  die  Mietsteigerung,  wenn  sie  richtig
geschätzt  ist,  über  die  gleichzeitige  Steigerung  der  Berliner  Lebensmittelpreise 5  *  * )
weit  hinaus,  obgleich  diese  letzteren  von  den  Mietpreisen  (z.  B.  Selbstkosten  des
Bäckers)  mit  abhängen.
In  Paris  hat  nach  L.  March,  dem  Chef  der  französischen  Statistik,  1824
bis  1908  die  Miete  sich  fast  verdreifacht,  der  Lebensunterhalt  im  ganzen  aber  durch
billigere  Ernährung,  Heizung  und  Beleuchtung  sich  verbilligt 8 ).  Im  20.  Jahrhundert
ist  dagegen  die  zunehmende  Verteuerung  des  Wohnens  zugleich  eine  Teilerscheinung
der  allgemein  abnehmenden  Kaufkraft  des  Geldes,  auch  gegenüber  den
andern  Bedürfnissen.  Die  Ursachen  dieser  allgemeinen  Teuerung  sind  an  anderer
Stelle  des  Lehrbuchs  zu  erörtern.  Ihre  Wirkung  ist  natürlich  ähnlich  der  einer
allgemeinen  Schrumpfung  des  Einkommens;  das  Engelsche  und  Schwabesche  Gesetz
machen  sich  in  dem  Sinne  geltend,  daß  vom  gleichen  Einkommen  eine  größere  Quote
als  früher  für  Nahrung  und  Wohnung  aufgewendet  werden  muß.  Soweit  diese
Teuerung  nur  der  Ausdruck  einer  „inneren“  Wertminderung  des  Geldes  ist,  also  nicht
4 )  Nämlich  denjenigen  der  Erhebung  von  1907,  die  aus  einer  Kasse  wirtschaften,  also
weder  Schlafgänger  noch  Dienstboten  noch  selbstverdienende  erwachsene  Kinder  haben.
2 )  Pohles  Einwand  (Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft  1906,  S.  32  f.),  die  diesbezügliche ­
  Statistik  schnell  wachsender  Städte  werde  durch  die  zugezogenen  Elemente  getrübt,
fällt  gegenüber  der  obigen  These  schon  darum  nicht  ins  Gewicht,  weil  die  Zuzügler  schwerlich
eine  abnorm  hohe  Wohnungsausgabequote  haben.
3 )  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  Bd.  139,  2.  Teil  (1912),
S.  4.  Nach  Emmy  Reich,  Der  Wohnungsmarkt  in  Berlin  von  1840  bis  1910  (1912),  S.  132
stieg  die  Durchschnittsmiete  einer  Wohnung  mit  einem  heizbaren  Zimmer  1880—1905  nur  von
191  auf  255  M.  =  34%.
4 )  Ebendort  Bd.  98,  S.  52.
s )  Ebendort  Bd.  139,  2.  Teil,  S.  50.
6 )  Influence  des  variations  des  prix  sur  le  mouvement  des  depenses  menagtres  ä  Paris,
Nancy  1910.  Zitiert  nach  p.  570  der  Revue  d’economie  politique,  1910.
        <pb n="36" />
        136  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.

§;e

von  veränderten  Beschaffungskosten  der  Güter  ausgeht,  wird  sie  zugleich  das  nominelle ­
  Volkseinkommen  erhöht  haben,  wenn  auch  nicht  notwendig  in  demselben
Maße.  In  welchem  Umfange  nun  aber  die  Teuerung  durch  Zunahme  des  Volkseinkommens ­
  im  ganzen  und  der  einzelnen  sozialen  Bevölkerungsschichten  im  besondern
ihren  Ausgleich  gefunden  hat,  ist  wiederum  nicht  Gegenstand  der  Erörterung  in  der
Konsumtionslehre.  Hier  muß  der  Hinweis  ausreichen,  daß  auch  bei  einer  inneren
Geldwertminderung  mindestens  die  Einkommenszunahme  einzelner  Klassen,  wie
Lohnarbeiter,  Gehaltsbezieher  und  Rentner,  wahrscheinlich  in  der  Regel  mit  der
Teuerung  nicht  Schritt  hält,  und  daß  die  Schwierigkeiten  der  gewohnten  Bedarfsdeckung, ­
  die  aus  der  Teuerung  resultieren,  die  Gesundheit  breiter  Volksschichten
gefährden  können  und  oft  das  Motiv  zu  Lohnkämpfen  geben  und  den  sozialen  Frieden
stören.
Ueber  das  Maß  der  Teuerung  in  der  jüngsten  Vergangenheit  geben
für  Deutschland  und  andere  Länder  eine  Reihe  preisstatistischer  Untersuchungen
Auskunft x ).  So  wird  für  7  deutsche  Großstädte  2 )  von  Calwer’)  der  jährliche
Nahrungsaufwand  einer  vierköpfigen  Normalfamilie  (auf  Grund  der  Normalration
eines  Marinesoldaten  und  der  Markthallenpreise)  beziffert:

1900

1063  Mark

1907

1177  Mark

1901

1069  „

1908

1186  ,

1902

1077  „

1909

1202  „

1903

1100  „

1910

1240  „

1904

1107  „

1911

1209  „

1905

1143  „

1912

1308  „

1906

1196  „

Zahn 4 )  berechnet  auf  anderer  Grundlage  Indexzahlen  für  die  Nahrungskosteil
wenig  bemittelter  Familien  in  Bayern:

1881

93,2

1906

114,7

1900

100,0

1907

113,8

1901

100,6

1908

115,8

1902

103,3

1909

121,3

1903

103,0

1910

125,7

1904

104,4

1911

127,7

1905

110,7

Für  den  Zeitraum  1900—1911  ergeben  Calwers  Zahlen  eine  Verteuerung  der
Nahrung  um  13,7  %,  Zahns  Zahlen  27,7  %,  die  Berechnungen  des  englischen  Handelsamts ­
  5 )  (auch  gewogene  Mittelwerte)  für  Preußen  28%,  Bayern  26%,  Württemberg
32%,  Baden  25%;  die  vielbenutzten  Zahlen  Calwers  lassen  demnach  die  Teuerung

x )  Vgl.  Reichsarbeitsblatt  1910  und  1911:  Preisstatistische  Arbeiten  der  amtlichen ­
  Arbeiterstatistik.  B  a  11  o  d  ,  Das  Problem  der  Preisbewegung  und  Verbrauchssteigerung ­
  in  den  letzten  40  Jahren,  I.  England,  Zeitschrift  des  Preußischen  Statistischen  Landesamts ­
  1912.  Eulenburg  in  Weyis  Handbuch  der  Hygiene  III 2  (1912),  S.  5  f.  (Auch  desselben ­
  Autors  Vortrag:  Die  Preissteigerung  des  letzten  Jahrzehnts,  Leipzig  1912.)  Biermer,
Teuerung  und  Geldwert,  1912.  B  1  o  n  d  e  1,  Le  rencherissement  de  la  vie,  Paris  1911.  Hooker,
  The  course  of  prices  at  home  and  abroad,  1890—1910.  Journal  of  the  R.  Statistical
Society,  London,  Dezember  1911.  Ashley,  The  rise  in  prices  and  the  cost  of  living,  London
1912.  Englisches  Blaubuch  Cd  6955,  August  1913:  Working  dass  rents  and  retail
prices  in  industrial  towns  of  the  United  Kingdom  in  1912.  Die  einschlägigen  Publikationen
des  Vereins  für  Sozialpolitik  zur  Generalversammlung  im  Herbst  1914  liegen
beim  Abschluß  dieser  Zeilen  erst  teilweise  vor.
2 )  Danzig,  Berlin,  Dresden,  Chemnitz,  Leipzig,  Stuttgart,  München.
3 )  Cal  wer,  Das  Wirtschaftsjahr  1910,  1.  Teil,  Jena  1913,  S.  346.  Die  Zahlen  für  1911
und  1912  sind  nach  Calwers  Wirtschaftsstatistischen  Monatsberichten  in  dem  erwähnten  englischen ­
  Blaubuch  S.  345  für  die  Woche  berechnet  und  von  mir  mit  52  multipliziert  worden.
4 )  Bulletin  de  l’Institut  international  de  statistique,  Bd.  19,
3.  Lieferung  (1912).  Die  Zahl  für  1911  ist  in  dem  genannten  englischen  Blaubuch  S.  343  auf
Grund  der  Preisstatistik  in  der  Zeitschrift  des  Bayerischen  Statistischen  Landesamts  berechnet ­
  worden.
5 )  Blaubuch,  S.  346—350.
        <pb n="37" />
        Haushaltsrechnungen.

137

§  6

noch  als  viel  zu  gering  erscheinen  1 ).  Sie  mögen  für  den  großstädtischen  Konsumenten ­
  zutreffen;  aber  es  scheint,  als  habe  die  zunehmende  Zentralisation  des  Angebots ­
  in  den  Großstädten  die  Hauptlast  der  Teuerung  auf  das  Land  und  die  kleineren ­
  und  mittleren  Städte  geschoben;  es  handelt  sich  dabei  sowohl  um  das  Angebot ­
  auf  dem  Warenmärkte  wie  auf  dem  Arbeitsmarkte.
Seit  1911  ist  eine  weitere  Preissteigerung  gefolgt.  Das  gewogene  Mittel  von  17
Großhandelspreisen,  zum  Teil  auch  für  nicht  eßbare  Lebensbedürfnisse,  berechnet
Calwer  2 )  für  1895  auf  86,8,  1900  100,0,  1911  114,9,  1912  129,1.  Von  1911  bis  Oktober ­
  1913  stieg  nach  Pohle  3 )  das  arithmetische  Mittel  aus  29  Großhandelspreisen
um  6%.  Auf  die  zum  Teil  recht  unsicher  fundierten  Versuche,  eine  noch  schnellere
Steigerung  der  Arbeitslöhne  für  mehrere  Länder  nachzuweisen  4  5 ),  kann  hier  nicht
eingegangen  werden.
Daß  mit  der  wirtschaftlichen  Konjunktur  der  Verbrauch
steigen  und  fallen,  und  die  Quote  entbehrlicher  Ausgaben  sich  verschieben  muß,
ähnlich  wie  in  Jahren  der  Teuerung,  ergibt  sich  von  selbst;  in  Jahren  niedergehender
Konjunktur  rückt  jedes  Einkommen  auf  eine  tiefere  Stufe  der  Kaufkraft 6 ).
Nach  Jahreszeiten  schwankt  nicht  nur  der  Verbrauch  an  Kleidung,
sondern  in  erheblichem  Maße  auch  an  Nahrung,  indem  im  Sommer  nicht  nur  der  Fettbedarf ­
  geringer  ist,  sondern  auch  der  Appetit  auf  Fleisch  nachzulassen  pflegt 6 ).
Der  verringerten  Nachfrage  entspricht,  wenigstens  nach  einer  amerikanischen  Statistik ­
 7 ),  eine  Verbilligung  der  Lebensmittel  im  Kleinhandel  während  der  Sommermonate. ­
  Man  sieht  daraus,  daß  es  nicht  angeht,  aus  der  Konsumtion  eines  Monats
auf  den  Jahresverbrauch  zu  schließen.

Mit  Rücksicht  auf  die  natürliche  Begrenztheit  des  Nahrungsbedürfnisses

man  geglaubt,  in  den  Nahrungsausgaben  der  obersten  Einkommensstufen  eine
„freie  Kostwahl“  sehen  zu  dürfen,  die  das  subjektive  Nahrungsbedürfnis
voll  befriedigt,  weil  das  Geld  dazu  ausreicht.  Von  freier  Kostwahl  ist  jedoch  in  der
Wirklichkeit  wenig  die  Rede.  Wir  sprachen  schon  von  der  weitgehenden  Bindung
der  Kostwahl  durch  die  Macht  der  Gewohnheit  und  der  Sitte  und  durch  gesellschaftliche ­
  Rücksichten.  Aber  auch  davon  abgesehen,  scheint  es  doch  eine  sehr  schmale
Oberschicht  zu  sein,  deren  Kostwahl  nicht  auch  durch  die  finanzielle  Rücksicht  eingeschränkt ­
  ist.  Von  freier  Kost  könnte  höchstens  dann  die  Rede  sein,  wenn  die  Statistik ­
  zeigte,  daß  wachsendes  Einkommen  von  einer  gewissen  Grenze  an  die  absolute
Nahrungsausgabe  nicht  mehr  steigert.  In  der  Statistik  der  Normalfamilien  sehen  wir
jedoch  auch  jenseits  der  Einkommensgrenze  von  4000  Mark  die  absolute  Ausgabe  für
Nahrungszwecke  noch  etwas  steigen,  wenn  auch  nur  noch  langsam.  Eine  aus  Frankfurt ­
  a.  M.  mitgeteilte  Wirtschaftsrechnung  der  Jahre  1896—1905  8 )  zeigt,  daß  noch
bei  einem  Einkommen  von  10  000  Mark  die  damalige  Teuerung  zwar  zu  einer  Mehrausgabe ­
  für  Nahrung,  aber  doch  zu  einer  schlechteren  Ernährung  führte;  während  in

9  Brutzer  (Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  Bd.  139,  Teil  2  (1912),  S.  44  f.)
berechnet  auf  etwas  anderer  Basis  als  Calwer  die  Zunahme  der  Ausgaben  einer  vierköpfigen
Berliner  Arbeiterfamilie  für  die  wichtigsten  Lebensmittel  1900—1910  auf  16—17%,  fast  genau
übereinstimmend  mit  Calwer;  übrigens  nach  einer  vorausgegangenen  starken  Wellenbewegung
der  Teurungsziffer  in  den  80er  und  90er  Jahren.
2 )  Die  Zahlen  sind  die  im  B  I  a  u  b  u  c  h  S.  353  berichtigten.
3 )  Statistische  Beilage  der  Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft.
4 )  Für  Deutschland  vgl.  z.  B.  die  anonyme  Schrift:  Sisyphusarbeit  oder  positive ­
  Erfolge?  Beiträge  zur  Wertschätzung  der  Tätigkeit  der  deutschen  Gewerkschaften, ­
  Berlin  1910  (aus  dem  Korrespondenzblatt  der  Generalkommission  der  Gewerkschaften ­
  Deutschlands).  Im  entgegengesetzten  Sinne  Stephan  Bauer  und  Irving  Fischer
in  den  Annalen  für  soziale  Politik  und  Gesetzgebung  1912:  Preissteigerung  und  Reallohnpolitik. ­

5 )  Einige  Zahlen  im  109.  Bande  der  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  S.  237  f.
6 )  Vgl.  die  Nürnberger  Statistik  bei  E  u  1  e  n  b  u  r  g  ,  S.  33.
7 )  Reichsarbeitsblatt  1910,  S.  685.
s )  Henriette  Fürth,  Ein  mittelbürgerliches  Budget,  1907.  Vgl.  Eulen  bürg,  S.  19.
        <pb n="38" />
        138  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  6

einem  Haushalt,  dessen  Jahresausgabe  1894—-1908  von  6600  auf  12  500  Mark  stieg,
die  auf  die  Personeneinheit  berechnete  absolute  Nahrungsausgabe  trotz  der  Teuerung ­
  sogar  zurückging  x ).  Am  ehesten  wird  man  von  frei  gewählter  Kost  da  sprechen
können,  wo  einem  reichlichen  Einkommen  ein  Vermögen  zur  Seite  steht,  auf  das  unbedenklich ­
  zurückgegriffen  wird,  um  das  Einkommen  zu  ergänzen.  Es  empfiehlt
sich  schon  aus  diesem  Grunde,  mit  den  Wirtschaftsrechnungen  eine  Uebersicht  des
Vermögens  der  wirtschaftenden  Familien  zu  verbinden  1  2 ).
In  welchem  Maße  gesellschaftliche  Standespflichten  die
Ausgabequoten  verschieben,  zeigt  folgende  Tabelle  der  Reichsenquete,  die  zwischen
Arbeiter-  und  Beamtenfamilien  unterscheidet.  Die  auf  Beamtenfamilien  bezüglichen
Zahlen  sind  eingeklammert.

Vom  Hundert  der  Ausgaben  entfallen  auf

Gesamtausgabe

Nahrung

Wohnung

Heizung
Beleuchtung

Kleidung

Sonstiges

unter  2000  M.

53,0  (43,1)

17,4  (18,8)

4,5  (6,7)

10,4  (13,9)

14,7  (17,5)

2000—3000  M.

50,3  (39,2)

16,7  (19,3)

3,8  (4,2)

£12,2  (14,7)

17,0  (22,6)

über  3000  M.
Kopfzahl

53,4  (35,0)

13,9  (19,1)

4,1  (3,5)

14,1  (14,4)

14,5  (28,0)

2—4

50,0  (34,8)

18,3  (20,9)

4,4  (3,8)

10,6  (14,4)

16,7  (26,1)

5—6

53,1  (37,9)

16,4  (17,9)

4,2  (3,9)

11,3  (14,4)

15,0  (25,9)

7—11

56,4  (39,1)

14,3  (16,8)

4,0  (3,8)

12,4  (14,7)

12,9  (25,6)

Die  kleinere  Wohnungsausgabe  der  Arbeiter  fällt  doppelt  auf,  weil  die  Arbeiter
mehr  in  Großstädten,  die  Beamten  mehr  in  kleineren  Orten  wohnten.
Die  Pflege  der  Haushaltungsstatistik  ist  auch  für  den  Staat
als  Fiskus  (vgl.  §  10)  und  als  Arbeitgeber  wichtig.  Jede  Erhöhung  der  Beamtengehälter ­
  oder  Arbeiterlöhne,  die  mit  der  Teuerung  begründet  wird,  sollte  einer  solchen
statistischen  Grundlage  nicht  entbehren.  Noch  dringender  wäre  das  Bedürfnis  bei
staatssozialistischer  Regelung  des  Arbeitslohns  in  privaten  Unternehmungen,  und
für  nicht  staatliche  Einigungsämter  zur  Regulierung  des  Arbeitslohns.  Der  Nationalökonom ­
  würde  mit  einer  ausgebildeten  Haushaltungsstatistik  gern  auch  die
Preisstatistik  und  die  Einsicht  in  örtliche  und  zeitliche  Verschiedenheiten  des  Geldwerts ­
  verfeinern.  Ob  auch  der  Geschäftsmann,  wie  Kestner 3 )  meint,  aus  ihr
Anregungen  entnehmen  wird,  um  die  Ausdehnungsfähigkeit  im  Verbrauch  seiner
Produkte  in  einzelnen  Käufergruppen  durch  Vergleichung  mit  dem  Durchschnittsverbrauch ­
  abzuschätzen,  ist  mir  zweifelhaft,

1 )  3.  Sonderheft  des  Reichsarbeitsblatts,  S.  19.
2 )  Soweit  das  Vermögen  in  Gebrauchsgegenständen  besteht,  erfordern  deren  Anschaffungskosten ­
  und  Abnutzungsquoten  selbstverständlich  in  der  Wirtschaftsrechnung  genaue
Berücksichtigung.  Dabei  sind  vor  allem  die  Anschaffungen  der  Vorjahre  zu  beachten.  Ist
z.  B.  im  Anfang  des  Jahres  1908  für  200  Mark  Tischwäsche  gekauft  worden,  die  10  Jahre  lang
vorhält,  so  ist  jedes  der  Jahre  1908—1917  mit  20  Mark  und  einem  Zinsenzuschlag  zu  belasten
Die  im  Anschaffungsjahr  außerdem  ausgelegten  180  Mark  sind  als  Vermögensanlage  anzusehen;
werden  sie  hier  als  reelle  Ausgabe  gebucht  und  erscheinen  nachher  noch  einmal  als  Abnutzungsquoten, ­
  so  liegt  Doppelanschreibung  vor.  In  praxi  ist  diese  minutiöse,  namentlich  von  Schnapper-Arndt ­
  gepflegte  Berechnung  aber  meist  zu  umständlich.
Zum  Teil  hängt  es  mit  fehlerhafter  Buchführung  über  solches  Gebrauchsvermögen  zusammen, ­
  daß  sehr  viele  Wirtschaftsrechnungen  mit  Defizits  abschließen,  denen  Wirtschaftsrechnungen ­
  mit  Ueberschuß  gegenüberstehen.  Ein  andrer  Teil  der  Defizitfälle  erklärt ­
  sich  aber  daraus,  daß  vom  baren  Kapital  gezehrt  worden  ist,  und  der  amtliche  Kommentator ­
  der  Reichserhebung  (S.  18*)  hat  unrecht,  wenn  er  es  als  auffällig  bezeichnet,  daß  gerade
auf  den  höheren  Einkommensstufen  die  Fehlbeträge  häufig  sind.
3 )  S.  346  f.
        <pb n="39" />
        139

§  7

Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

§  7.  Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.
Erst  die  Beschäftigung  mit  dem  empirischen  Detail  dieser  Wirtschaftsrechnungen ­
  hat  nun  den  Anlaß  geboten,  in  der  bunten  Fülle  der  Konsumtionsgestaltungen ­
  gewisse  leitende  Typen  der  Konsumtionsgeschichte  zu  unterscheiden  und
Entwicklungstendenzen  zu  studieren,  zunächst  auf  dem  Gebiete  der  Ernährung  1 ).
Nach  unserer  heutigen  Einsicht  können  wir  Folgendes  sagen.
1.  Die  erste  Unterscheidung,  auf  die  wir  Wert  legen,  ist  die  zwischen  dem  Konsumenten ­
  der  alten  Eigenwirtschaft  und  dem  der  modernen  V  erkehrswirtschaft.
  Der  sich  vollendende  Uebergang  aus  der  alten  bäuerlichen  Eigenwirtschaft, ­
  die  ihre  eigenen  Produkte  verbraucht,  in  die  kaufende  und  verkaufende
Verkehrswirtschaft  ist  für  alle  Volkswirtschaft  grundlegend,  für  den  Gang  der  Kulturgeschichte ­
  von  einschneidender  Bedeutung.  In  diesem  Abschnitte  des  Handbuchs ­
  handelt  es  sich  nur  um  den  direkten  Einfluß,  den  er  auf  die  Konsumtion  übt.
Für  die  Produktion  von  tausendfachem  Gewinn,  ist  er  nicht  ohne  schwere  Nachteile
für  den  Konsumenten,  zunächst  durch  den  Verlust  von  Konsumtionswerten.
a)  Der  Uebergang  in  die  Verkehrswirtschaft  bedeutet  für  den  Konsumenten
eine  Einbuße  an  ideellen  Werten.
1.  Die  spezifischen  Affektionswerte  der  Eigenwirtschaft
gehen  verloren,  mag  auch  äußerlich  die  Lebenshaltung  des  verkehrswirtschaftlichen
Konsumenten  komfortabler  werden.  Wie  er  nicht  mehr  für  den  Bedarf  der  eigenen
Familie  arbeitet,  so  verzehrt  er  nicht  mehr  das  Erzeugnis  der  eigenen  Wirtschaft;
er  ißt  nicht  das  selbstgebaute  Brot  und  trägt  nicht  die  im  eigenen  Hause  gesponnene
und  gewebte  Leinwand,  sondern  fremdes  gekauftes  Produkt.  Sein  wirtschaftliches
Leben  ist  innerlich  verarmt,  aber  nur  selten  kommt  diese  Verarmung  ihm  durch
einen  äußerlichen  Maßstab  zum  Bewußtsein  2 ).
2.  Aber  auch  innerhalb  der  Verkehrswirtschaft  potenziert  sich  diese  Verarmung;
der  mechanisierende  Einfluß  des  Großbetriebs  und  die  moderne  Arbeitshetze ­
  beeinträchtigen  die  in  der  Produktion  selbst,  auch  in  der  berufsteiligen
Produktion  noch  wurzelnde  Befriedigung,  die  als  solche  ja  Konsumtion  ist;  das
Tretrad  verscheucht  die  Arbeitsfreude.  Die  abhängige  Stellung  des  lebenslänglichen ­
  Arbeitnehmers  mindert  zugleich  die  Berufsfreudigkeit,  die  die  Arbeit
des  selbständigen  Produzenten  verschönte.
3.  Indem  die  moderne  Verkehrswirtschaft  einen  wachsenden  Teil  der  Bevölkerung ­
  in  Großstädten  konzentriert,  trennt  sie  ihn  von  der  Natur.  Der  Mensch
hat  heute  vergessen,  wie  er  einst  unmittelbar  in  der  Natur  gelebt  hat,  und  mit  welchem
Reichtum  lebensvoller  Eindrücke  die  Natur  seinen  Gesichtskreis  gefüllt  haben  muß;
in  der  Stadt  ist  er  bettelarm  geworden.  Am  beklagenswertesten  ist  die  Masse  der
Großstadtjugend;  wird  doch  Ostlondoner  Volksschülern  bei  Exkursionen  ins  naturgeschichtliche ­
  Museum  zwischen  Spirituspräparaten  exotischer  Tiere  die  Photographie  je
eines  Baumes  mit  und  ohne  Laub  gezeigt,  weil  die  Kinder  in  der  Wirklichkeit  beides
nicht  sehen.  Mag  in  der  Uebergangszeit  den  Großstädter  sein  Großstadtstolz  und
J )  Eine  Vorarbeit  gaben  schon  die  Studien  Le  Plays,  dessen  Konstruktionen  aber
über  das  Gebiet  der  Konsumtion  weit  hinausgreifen.  In  neuerer  Zeit  hat  neben  Max  Webers
Analyse  der  Ernährung  ostelbischer  Landarbeiter  (Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,
Bd.  55,  1892,  und  Archiv  für  soziale  Gesetzgebung  1894)  namentlich  Dr.  med.  G  r  o  t  j  a  h  n
durch  seine  in  §  1  zitierte  Schrift  (1902)  trotz  mancher  Irrtümer  anregend  gewirkt.  Von  der
einschlägigen  physiologischen  Literatur  (vgl.  §  1)  wird  noch  die  Rede  sein.
2 )  Vgl.  Max  Weber  im  Archiv  für  soziale  Gesetzgebung  1894,  S.  11,  Amn.:  „Es  ist
zweifellos,  daß  heute  das  ländliche  Gesinde  ganz  unvergleichlich  besser  genährt  ist,  als  irgend
eine  andere  Kategorie  ländlicher  Arbeiter.  Der  Deputant  und  verheiratete  Tagelöhner  würde
eine  Kost,  wie  sie  ihm  seine  Frau  vorsetzt,  niemals  dauernd  sich  aus  der  Gutsküche  bieten
lassen;  die  gleiche  subjektive  Befriedigung  könnte  ihm  diese,  wenn  überhaupt,  nur  durch
ein  erhebliches  Mehrmaß  von  Leistungen  dauernd  verschaffen.“  Die  vertragsmäßige  Naturalkost ­
  repräsentiert  hier  den  verkehrswirtschaftlichen  Typus  insofern,  als  ihr  der  subjektive
Reiz  des  Eigenwirtschaftlichen  fehlt.
        <pb n="40" />
        140  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  7

sein  Fortschrittsbewußtsein  subjektiv  trösten,  die  Annäherung  an  den  Beharrungszustand ­
  muß  ihm  diesen  Verlust  an  immateriellen  Gütern  schließlich  zum  Bewußtsein ­
  bringen.  Seine  enormen  Aufwendungen  für  Naturgenuß  zeigen,  wie  er  schon
heute  seine  Einbuße  einschätzt.
b)  Mit  diesen  ideellen  Konsumtionsverlusten  in  der  Verkehrswirtschaft  gehen
Hand  in  Hand  konkrete  Verschlechterungen  der  Konsumtion;  in  erster  Linie  eine
andere  und  vielfach  unzweckmäßigere  Wahl  der  Kost.  Wir  müssen
hier  etwas  weiter  ausholen.
1.  In  der  verkehrslosen  Eigenwirtschaft  hat  der  Konsument  nur  eine  enge  Auswahl ­
  zwischen  den  Gaben  der  Natur;  die  Produkte  fremder  Klimate  sind  ihm  unerreichbar; ­
  nur  die  Erzeugnisse  der  eigenen  Scholle  ernähren  ihn  wie  die  Pflanze.
Auch  die  Wahl  der  Kleidung  und  der  anderen  Güter  ist  ebenso  durch  die  Natur
vorgezeichnet.  Auf  dieser  ursprünglichen  Stufe  füllt  die  durchaus  bodenständige ­
  Konsumtion  des  Menschen  ein  Kapitel  der  Geographie,  hauptsächlich  der
Pflanzengeographie;  dem  europäischen  Kornesser  steht  gegenüber  der  amerikanische
Maisesser,  der  ostasiatische  Beisesser,  mit  den  charakteristischen  Zutaten  und  ergänzenden ­
  Nährstoffen,  die  das  nationale  Menü  der  Völker  zusammensetzen.  Die
auf  Instinkt  und  Erfahrung  gegründete,  Jahrhunderte  alte  Erbweisheit  der  zweckmäßigen ­
  Nahrungswahl  hat  so  jedem  Volke  und  jeder  territorialen  Volksgruppe
einen  der  tausend  Wege  gezeigt,  die  zum  Ziele  der  physiologischen  Normalnahrung
mit  gewissen  chemischen  Bestandteilen  führen:  je  nach  dem  Maße  der  zu  leistenden
Muskelarbeit  und  nach  dem  Körpergewichte  und  dem  Umfang  der  Körperoberfläche
1750  ')  bis  5000  und  mehr  2 )  Kalorien  (Energie-Einheiten)  netto  täglich  für  den
erwachsenen  Mann,  zusammengesetzt  fast  ausschließlich  aus  Kohlehydraten,  Fett
und  Eiweiß.  Diese  drei  Stoffe,  die  in  jeder  nationalen  Nahrung  in  gewissen  Mengenverhältnissen ­
  annähernd  wiederkehren  und  ihren  weitaus  überwiegenden  Inhalt
bilden,  können  sich  untereinander  mehr  oder  weniger  vertreten;  dabei  repräsentiert
nach  Bubner 3 )  1  g  Eiweiß  oder  Kohlehydrate  4,1  Kalorien,  1  g  Fett  9,3  Kalorien.
Während  danach  das  Fett  die  intensivste  Nahrung,  ist  das  Eiweiß  die  unersetzlichste
Nahrung;  etwa  100  g  der  teuren  Eiweißstoffe  netto  gelten  gewöhnlich  als  Mindestmaß, ­
  das  durch  die  beiden  andern  Stoffe  nicht  ersetzt  werden  darf,  weil  das  stickstoffhaltige ­
  Eiweiß  das  spezifische  Material  zum  Aufbau  der  Muskeln  und  Organe
des  Körpers  liefert;  soviel  und  nicht  viel  mehr  oder  weniger  wird  auch  tatsächlich
verzehrt  4 ),  ein  Mehr  vom  Körper  größtenteils  nur  mit  dem  Kalorienwerte  ausgenützt,
nicht  mit  dem  spezifischen  Eiweißwerte.  Dazu  kommen  netto  meist  über  50  g  Fette  6 )
und  mindestens  4—500  g  Kohlehydrate,  um  das  nötige  Maß  der  Kalorien  voll  zu
machen;  sie  fügen,  wenn  man  es  auf  eine  sehr  summarische  Formel  bringen  will,
zum  fixen  Anlagekapital  des  Eiweiß  das  umlaufende  Betriebskapital  des  täglichen
Wärme-  und  Kräfteverbrauchs.  Man  mag  als  Repräsentanten  dieser  zusammengesetzten ­
  Nahrung  ein  belegtes  Butterbrot  ansehen:  das  Brot  enthält  an  festen  Stoffen
hauptsächlich  Kohlehydrate,  die  Butter  Fett,  die  daraufgelegte  Roastbeef-  oder
Käseschnitte 6 )  Eiweiß;  ein  noch  einseitigerer  Repräsentant  der  Kohlehydrate  als
Brot  ist  die  Kartoffel  und  vollends  der  Zucker.  Aus  dem  Verhältnis  zwischen  Preis
und  Kalorienwert  der  einzelnen  Nahrungsmittel  berechnet  man  ihren  „Nährgeldwert“, ­
  und  konstruiert  die  sparsamste  Kost  durch  Zusammenstellung  der  preiswürdigsten ­
  Nahrungsmittel,  wobei  aber  auf  ein  Mindestmaß  von  Schmackhaftigkeit
und  von  Eiweißgehalt  gesehen  werden  muß.  In  tausend  Formen  wiederholen  die
’)  Schneider.
2 )  Bayerischer  Holzknecht,  New  Yorker  Bauarbeiter.
3 )  Etwas  abweichende  Zahlen  fand  König  und  der  Amerikaner  Atwater.
4 )  90—120  g  Reineiweiß,  100—130  g  Roheiweiß;  vgl.  Cohnheim,  S.  452.
5 )  Ausgenommen  die  sehr  fettarme  Nahrung  des  Japaners.  Das  andre  Extrem  bildet  die
sog.  Schmalzkost  bayerischer  Holzknechte  (bis  über  300  g  Fett).  Die  deutsche  Kost  war
übrigens  in  früheren  Menschenaltern  wohl  viel  fettärmer  als  heute.
6 )  Magerkäse.
        <pb n="41" />
        Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

141

§  7

„Kostsätze“  der  Wirklichkeit  das  Schema  der  Sollnahrung,  der  „Kostmaße“  mit
ihren  drei  Bestandteilen,  die  die  Physiologie  fordert  (allerdings  mit  bemerkenswerten
Abweichungen).  So  berechnet  Lichtenfeit  den  täglichen  Durchschnittsverbrauch
eines  erwachsenen  Deutschen  auf  115  g  Eiweiß  (bzw.  Stickstoff),  90  g  Fett,  549  g
Kohlehydrate  =  3559  Kalorien,  während  V  o  i  t  und  sein  Schüler  Rubner 1 )
für  einen  Mann  von  70  kg  Körpergewicht  bei  mittelschwerer  Arbeit  von  täglich  9—10
Stunden  eine  Tagesmenge  brutto  von  118  g  Eiweiß,  56  g  Fett,  500  g  Kohlehydraten
=  3055  2 )  Kalorien  fordern.  Wir  kommen  später  auf  die  Frage  zurück,  wie  das  Verhältnis ­
  jenes  mittleren  deutschen  Kostsatzes  zu  dieser  Norm  des  Voit-Rubnerschen
Kostmaßes  zu  deuten  ist.
2.  In  diesem  deutschen  Kostsatze  der  Gegenwart  haben  wir  indessen  längst
nicht  mehr  die  überkommene  bodenständige  Nahrung,  sondern  eine  Mischung  aus  ihr
und  der  willkürlich  veränderten,  auch  durch  ausländische  Güter  modifizierten  verkehrswirtschaftlichen ­
  Kost,  wie  sie  am  ausgeprägtesten  in  der  Großstadt ­
  sich  findet.  Die  verkehrswirtschaftliche  Kost  wird  aber  trotz  ihrer  größeren
Mannigfaltigkeit  durch  beachtenswerte  Nachteile  gegenüber  der  eigenwirtschaftlichen ­
  charakterisiert.  Einmal  entbehrt  sie  noch  der  festen  Sitte,  die  eine  gewisse
Garantie  gegen  physiologisch  unzweckmäßige  Abweichungen  gibt,  und  es  ist  sogar
fraglich,  ob  sie  unter  der  Herrschaft  der  sozialen  Rivalität  eine  solche  Festigkeit  je
gewinnen  wird 3 ).  Zweitens  bietet  der  Verkehr  eine  Mannigfaltigkeit  entbehrlicher
und  teilweise  selbst  schädlicher  Güter  an,  deren  Verbrauch  früher  auf  engere  Kreise
beschränkt  war,  auf  dem  Gebiete  der  Nahrung  insbesondere  Reizmittel.  Im
Handel  findet  dieses  Angebot  einen  berufsmäßigen,  raffinierten  und  oft  aufdringlichen
Vertreter 4 ),  unter  Umständen  auf  Kosten  des  Konsums  von  Existenzgütern.  Erst
auf  diesem  verkehrswirtschaftlichen  Boden  gedeiht  auch  der  Auszeichnungstrieb  in
der  Konsumtion,  oft  zu  gunsten  der  Kleidung  auf  Kosten  der  Nahrung:  die  Masse
der  Konsumenten  ist  der  wirtschaftlichen  Verantwortung,  die  das  Geldeinkommen
auflegt,  noch  nicht  gewachsen.  Drittens  beginnt  mit  der  Verkehrswirtschaft  auch  die
V  erfälschung  der  Nahrungsmittel  und  überhaupt  die  Unsolidität  in  der
Güterherstellung 5 ).  Viertens  wird  in  der  verkehrswirtschaftlichen  Bedarfsdeckung
schärfer  gerechnet,  knapper  gewirtschaftet  und  die  Grenze  der  Unterernährung ­
  leichter  überschritten 6 ).  Und  wo  wir  heute  noch  Reste  der  Eigenwirtschaft ­
  finden,  scheinen  sie  die  Ernährung  zu  verbessern.  So  hat  G  r  o  t  j  a  h  n  eine
relativ  gute  Ernährung  namentlich  in  Arbeiterfamilien  mit  Schweinehaltung  (weniger
mit  Kuh-  und  Ziegenhaltung)  gefunden,  wie  bei  englischen  Fabrikarbeitern  1850  und

4 )  Lehrbuch  der  Hygiene,  7.  Aufl.  (1903),  S.  475.
2 )  Gelegentlich  erhöht  Rubner  diesen  Normalsatz  auf  3000—3500  Kalorien,  so  in  seiner
Schrift  „Volksernährungsfragen“  (1908),  S.  6.
3 )  Noch  fraglicher  ist  dies  für  Kleidung  und  Wohnung,  die  in  der  Verkehrswirtschaft
eine  ähnliche  Umwälzung  erfahren.
4 )  Vgl.  auch  Mataja,  die  Reklame,  1910.
6 )  Vgl.  Rubner  1898,  S.  21:  „Eine  der  bedenklichsten  Schattenseiten  einer  Großstadt ­
  ist  in  den  Ernährungsverhältnissen  zu  suchen.  Die  Konsumenten  beziehen  die  Nahrungsund ­
  Genußmittel  in  den  allerseltensten  Fällen  von  den  Produzenten  selbst;  es  fehlt  daher
sehr  häufig  die  Sicherheit  darüber,  ob  man  ein  Kunst-  oder  ein  Naturprodukt  zur  Ernährung
erhält.  Fast  alles  Nährmaterial  wird  importiert  und  geht  durch  die  Hände  von  vielen  Personen. ­
  Der  Nahrungsmittelfälschung,  dem  Verkauf  verdorbener  Waren,  verdorbener  Speisen ­
  ist  daher  Tür  und  Tor  geöffnet.  Der  Städter  versteht  sich  auch  meist  schlecht  auf  die  Beurteilung ­
  von  Nahrungsmitteln,  was  anderseits  die  Fälschung  und  Unterschiebung  schlechter
Ware  sehr  begünstigt.  —  Die  kleinen  Leiden  wie  leichtes  Unwohlsein  und  Verdauungsstörungen, ­
  welche  beim  Genüsse  frischen,  unverfälschten  Materials  so  selten  sind,  sind  bei  dem
Städter  ganz  an  der  Tagesordnung,  und  jedermann  findet  es  in  der  Ordnung,  daß  ihm  dies
oder  jenes  nicht  bekommt,  und  daß  er  dann  und  wann  einen  verdorbenen  Magen  hat.  Wie
häufig  werden  Kindern  und  alten  Leuten  diese  Verdauungsstörungen  so  verhängnisvoll  wie
irgend  eine  andere  schwere  Krankheit!“
“)  Max  Weber  in  Schmollers  Jahrbuch  1903,  S.  732.
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        142  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  7

1851  *).  Ebenso  fand  er  bei  Bergleuten  und  Hüttenarbeitern  verschiedener  Länder
eine  unvergleichlich  bessere  Ernährung,  wenn  sie  nebenher  Landwirtschaft  trieben,
als  wo  sie  nur  auf  Geldlohn  angewiesen  waren  3 ).  Auch  die  bessere  Ernährung  von
Arbeitnehmern  mit  freier  Station  gehört  in  diesen  Zusammenhang  3 ).  Fünftens  kann
in  der  Verkehrswirtschaft  gewöhnlich  nicht  die  Arbeitskraft  der  Familienglieder ­
  so  ausgenutzt  werden,  wie  in  der  bäuerlichen  Eigenwirtschaft;
daher  schlechtere  Ernährung  großer  Familien.
3.  Den  Vorzügen  der  Eigenwirtschaft  stand  in  Mißerntejahren  das  Risiko  der
Hungersnot  gegenüber,  dem,  wie  schon  hervorgehoben  wurde,  die  Verkehrswirtschaft ­
  abhilft 4 ).  Am  günstigsten  sind  daher  Bevölkerungen  situiert,  die  mit
ausgebreiteter  Eigenwirtschaft  den  Anschluß  an  den  Weltverkehr  verbinden;  es  ist
nicht  ausgeschlossen,  daß  die  Langlebigkeit  skandinavischer  Völker,  deren  landwirtschaftliche ­
  Eigenproduktion  freilich  leicht  überschätzt  wird,  damit  zusammenhängt ­
  8 ).
4.  Aber  andererseits  wirkt  der  Anschluß  an  den  Verkehr  auch  auf  die  Eigenwirtschaft ­
  des  Landmanns  auflösend,  und  gefährdet  seine  Ernährung  noch  in  besonderer
Weise,  indem  er  ihm  durch  das  Angebot  lockender  Preise  erstens  die  Reservevorräte
entzieht  und  zweitens  gerade  die  wertvollsten,  transportabelsten  Produkte  seiner
Wirtschaft  vom  Munde  nimmt;  auch  hier  fängt  das  scharfe  Rechnen  an.  Durch
diese  Mobilisierung  und  „M  erkantilisierung“  der  Bodenprodukte  scheinen
in  Rußland  und  Indien  die  Hungersnöte  vermehrt  worden  zu  sein,  weil  die  Kornvorräte ­
  aus  früheren  Jahren  versilbert  sind,  um  Schulden  zu  bezahlen  6 ).  Der
russische  Bauer  verkauft  auch  die  Eier,  die  er  früher  seinen  Kindern  gab.  In
Deutschland  wie  in  den  Nachbarstaaten  verkauft  der  Landwirt  mehr  als  gut  die
Produkte  seiner  Viehwirtschaft  und  ersetzt  sie  durch  verkehrswirtschaftliche  Surrogate ­
  wie  Margarine,  Kaffee,  Zichorienbrühe,  Bier,  Schnaps,  Süßigkeiten;  namentlich ­
  sollen  die  Molkereigenossenschaften  in  der  bäuerlichen  Ernährung  Verwüstungen

*)  S.  37:  „Sie  verdanken  dies  dem  Umstande,  daß  sie  der  noch  in  der  Mitte  des  19.?Jahrhunderts
  in  den  Vororten  englischer  Großstädte  üblichen  Sitte  huldigten,  auch  ohne  eigenen
Acker  sich  mit  gekauften  Kartoffeln  ein  Schwein  zu  mästen  und  für  den  Hausgebrauch  zu
schlachten.  Ermöglicht  wurde  dieser  Brauch  dadurch,  daß  in  England  auch  die  Arbeiter
weniger  in  Mietskasernen  als  in  kleinen,  einstöckigen  Häusern  wohnten  und  meist  gegenwärtig ­
  noch  wohnen.  Die  Hausschlachtungen  in  den  englischen  cottages  hatten  allerdings
den  Uebelstand,  daß  die  engen  Gäßchen  durch  Schmutz,  Mist  und  Schlachtabfälle  auf  das
gröblichste  verunreinigt  wurden.  Die  in  den  60er  Jahren  in  großartigem  Maßstabe  durchgeführte ­
  Assanierung  der  englischen  Städte  beseitigte  daher  durch  Verbote  die  Hausschlachtungen, ­
  wohl  zum  Vorteil  der  Reinlichkeit  der  Straßen,  aber  nicht  zum  Vorteil  der  Volksernährung.“ ­

3 )  S.  35  f.
3 )  Man  hat  gelegentlich  beobachtet,  daß  ein  Dienstmädchen  in  der  Großstadt  mit  halber
Naturalkost  und  halbem  Kostgeld  abmagert,  weil  sie  das  Kostgeld  spart,  dagegen  in  der  nächsten ­
  Stellung  mit  voller  Naturalkost  die  Fülle  ihrer  Formen  alsbald  wiedergewinnt.  Auch
hier  entspricht  der  Naturalwirtschaft  gute,  der  Geldwirtschaft  schlechtere  Ernährung,  unabhängig ­
  von  der  gesamten  Einkommenshöhe.  Ebenso  dürfte  der  Uebergang  des  Handwerksgesellen ­
  zur  geldwirtschaftlichen  Selbstbeköstigung  die  Ernährung  im  Durchschnitt  verschlechtert ­
  haben.  Vgl.  z.  B.  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,
Bd.  63,  S.  44.  Der  Vorzug  naturalwirtschaftlicher  Beköstigung  zeigt  sich  übrigens  auch  im
ländlichen  Arbeitsverhältnis,  wo  überdies  unter  dem  Einflüsse  des  Arbeitsmangels  die  Gesindekost ­
  sich  verbessert  hat;  nicht  selten  haben  Bauern  erklärt,  sie  würden  ohne  ihr  Gesinde
gern  einfacher  essen.  Die  Lebenshaltung  des  Gesindes  färbt  dann  auch  auf  die  Arbeiter  mit
eigenem  Haushalt  ab.
4 )  Heute  ist  in  Städten  wie  Berlin  nicht  einmal  mehr  ein  Zusammenhang  zwischen  Lebensmittelpreisen ­
  und  Sterblichkeit  erkennbar;  andere  Einflüsse,  wie  die  Konjunktur,  überwiegen.
Vgl.  B  a  11  o  d  ,  Die  mittlere  Lebensdauer  in  Stadt  und  Land,  1899,  S.  54—56.
*)  Vgl.  G  r  o  t  j  a  h  n  ,  S.  65.
•)  Angedeutet  von  S  o  m  b  a  r  t,  Die  deutsche  Volkswirtschaft,  S.  463.
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        [Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion..

143

§  7

angerichtet  haben  1 ).  Eine  umfassende  Bearbeitung  deutscher  amtlicher  Enqueten
über  diese  Erscheinung  ist  unlängst  von  Dr.  Kaup  2 )  veröffentlicht  worden.  Verschont
bleiben  auf  diesem  Raubzuge  der  Geldwirtschaft  die  voluminösesten  Produkte  wie
Kartoffeln 3 ),  die  den  Transport  nicht  lohnen;  das  Vordringen  der  Kartoffelnahrung
bei  geldgelohnten  ländlichen  Arbeitern  hängt  wohl  damit  zusammen.  Das  früher
verbreitete  ungünstige  Urteil  über  die  Kartoffelkost  wird  aber  heute  nicht  mehr
allgemein  vertreten  4 ).

II.  Die  zweite  große  Umwälzung  in  der  Konsumtion  begleitet  den  Uebergang
vom  Land-  zum  Stadtleben,  und  zwar  im  Zusammenhang  mit  einer  Veränderung
in  den  physiologischen  Bedürfnissen.  Wohl  niemand  würde  daran
zweifeln,  daß  die  Wanderung  eines  Volks  in  ein  Land  mit  kälterem  Klima  die  Bedürfnisse ­
  an  Kleidung,  Wohnung  und  in  gewissem  Sinne  auch  Ernährung  steigert.  Dagegen
wird  der  physiologische  Einfluß  der  Wanderung  vom  Lande  in  die  Stadt  auf  die
Bedürfnisse  des  Konsumenten  von  nationalökonomischer  Seite  erst  in  jüngster  Zeit
beachtet 5 ).
1.  Wir  bemerkten  schon  (§  5),  daß  der  Fleischkonsum,  weil  er  reichliche  Bodenfläche ­
  voraussetzt,  bei  zunehmender  Volksdichte  in  Deutschland  seit  dem  16.  Jahrhundert ­
  zurückging  und  zwischen  Stadt  und  Land  sich  differenzierte  zu  ungunsten
des  Landmanns,  obgleich  dieser  näher  an  der  Quelle  sitzt;  daß  er  dagegen  in  den
letzten  Menschenaltern  international  wieder  rapide  stieg,  und  zwar  wiederum  beson-*)

  Ein  von  Kaup  zitierter  Spruch  an  einem  hessischen  Bauernhause  verspottet  diesen
bäuerlichen  Erwerbssinn:
„Wer  seine  gute  Milch  verkauft,
„Und  mit  den  Kindern  schlechte  sauft,
„Wer  Butterlieferante  ist
„Und  selber  Margarine  frißt,
„Wer  teures  Auslandsfutter  giebt
„Und  hinterher  zu  klagen  liebt,
„Daß  er  verschleudern  muß  die  Körner,
„Der  ist  ein  Rindvieh  ohne  Hörner.“
s )  Ernährung  und  Lebenskraft  der  ländlichen  Bevölkerung.  Heft  6  der  Schriften  der
Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt,  1910.  Zahlenmäßig  ist  ein  Rückgang  des  ländlichen  Milchkonsums ­
  pro  Kopf,  teilweise  sogar  unter  den  städtischen  Kopfbetrag  herab  trotz  der  auf  dem
Lande  größeren  Kinderzahl,  nur  unsicher  zu  berechnen;  aber  aus  vielen  Zeugnissen  wird  trotz
mannigfacher,  auch  amtlicher  Bestreitung  ein  ausgedehnter,  hygienisch  bedenklicher  Rückgang ­
  der  Ernährung  doch  sehr  wahrscheinlich;  namentlich  scheint  die  Kinderernährung  schwer
zu  leiden.  Beim  Milchverkauf  soll  mitsprechen,  daß  über  die  Einnahme  der  Bauer  verfügt,
während  der  Erlös  aus  selbst  gemachter  Butter  in  die  Haushaltskasse  der  Bäuerin  floß.  Gesteigert ­
  wird  die  Versuchung  zum  Verkauf  der  besten  Nahrungsmittel  in  Gegenden  mit  zahlungskräftigem ­
  Fremdenverkehr  (v.  Schullern,  Jahrbücher  für  Nationalökonomie,
Bd.  42,  S.  468).
3 )  Max  Weber  in  Schmollers  Jahrbuch  1903,  S.  731.
4 )  Schädlich  ist  Kartoffelkost,  wie  jede  Kost  aus  eiweißarmen  Nahrungsmitteln,  bei  mangelnder ­
  Muskelarbeit,  aber  nach  neueren  Untersuchungen  für  das  sog.  Stickstoffgleichgewicht
des  Körpers  immer  noch  günstiger  als  Brotnahrung;  „dies  ist  eine  gerade  für  die  Volksernährung ­
  wichtige  Tatsache“  (R  u  b  n  e  r  ,  Lehrbuch,  S.  576).  Die  Kartoffel  hat  außerdem
den  Vorzug  der  warmen  Kost.  Der  starke  Wassergehalt  der  Kartoffel  ist  nach  Bleibtreu
kein  Nachteil,  weil  soviel  Wasser  dem  Körper  ohnehin  zugeführt  werden  müßte.  Vgl.  auch
Kärger,  Die  Arbeiterpacht,  1893,  S.  18  f„  und  H  i  n  d  h  e  d  e  ,  Eine  Reform  unserer
Ernährung,  1908,  S.  118  f.,  besonders  S.  127.  G  r  o  t  j  a  h  n  ,  der  sonst  die  Kartoffelnahrung
nicht  schätzt,  gibt  doch  zu,  daß  auch  wohlhabende  Konsumenten  Kartoffeln  in  beträchtlichen
Mengen  verzehren,  obwohl  sie  es  nicht  nötig  haben  (S.  14).  Vielleicht  stammt  die  Theorie
vom  Kartoffelbauch  vom  Mißbrauch  der  Kartoffelkost  durch  eine  ländliche  Bevölkerung,
die  beim  Uebergang  zu  hausindustrieller  Arbeit  die  hergebrachte  landwirtschaftliche  Kost
beibehielt.
*)  Vgl.  eine  in  Friedrich  Naumanns  Wochenschrift  „Die  Zeit“  1903  zwischen  Brentano
und  mir  geführte  Polemik  über  die  Lebenshaltung  des  englischen  Arbeiters,  und  mein  Referat ­
  über  die  volkswirtschaftliche  Lage  der  deutschen  Fleischversorgung,  Archiv  des  Deutschen ­
  Landwirtschaftsrats  1907,  S.  388  f.
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        144  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  7

ders  in  den  Städten  und  Industriegebieten  4 ).  Zugleich  hat  sich  aber  in  diesen  letzten
Menschenaltern  die  Nahrung  des  Städters  noch  in  anderen  Richtungen  charakteristisch ­
  verändert.  Er  verzehrt  nach  dem  Kalorienwerte  viel  weniger,  aber  teurere
Kost.  Fett  und  Eiweiß,  am  liebsten  von  tierischer  FIerkunft,  drängen  die  voluminösen
Kohlehydratnahrungsmittel  aus  ihrer  früher  beherrschenden  Stellung.  Nur  die
konzentrierteste  Form  der  Kohlehydrate,  der  sehr  verbilligte  Zucker,  gewinnt  an
Beliebtheit;  die  dem  Landmann  auch  in  großen  Mengen  bekömmliche  Brot-  und
Kartoffelnahrung  wird  vielfach  zur  Zukost  degradiert;  dem  auf  dem  Lande  hergebrachten ­
  dunkeln  Roggenbrot  zieht  der  Städter  instinktiv  das  Graubrot  und  Weißbrot ­
  vor,  dem  kleiehaltigen  Mehl  das  stark  gebeutelte  und  „totgemahlene“  Mehl,
den  groben  Graupen-  und  Griessorten  die  feineren;  er  vertauscht  die  groben  Hülsenfrüchte ­
  2 )  und  Rüben  mit  wenig  nährkräftigen  grünen  Gemüsen  und  Obst,  die  Milch
mit  ihren  konzentrierten  Fabrikaten  Butter  und  Käse,  und  zieht  dem  fetten  Fleisch
das  magere 3 )  vor;  er  steigert  den  Verbrauch  scharfer  Reizmittel  des  Appetits,  der
Verdauung  und  des  Nervensystems  überhaupt.
2.  Gewiß  ist  für  diesen  Kostwechsel  die  größere  Kaufkraft  des  Städters  eine  notwendige ­
  Voraussetzung.  Aber  schon  1890  bemerkte  der  hochverdiente  badische
Fabrikinspektor  W  ö  r  i  s  h  o  f  f  e  r  4 ),  daß  man  der  zur  Zigarrenarbeit  übergegangenen
bäuerlichen  Bevölkerung  ihre  verfeinerte  Kost  nicht  vorwerfen  dürfe;  sie  habe  diese
bei  sitzender  Lebensweise  und  geringer  Muskelleistung  nötig.  Und  der  schweizerische
Fabrikinspektor  Schüler  hatte  schon  1883  in  einer  noch  heute  lesenswerten
kleinen  Schrift 5 )  betont,  daß  außer  der  sitzenden  Lebensweise  auch  der  Mangel  an
frischer  Luft  und  die  oft  hohe  Temperatur  der  Arbeitsräume  den  Appetit  des  industriellen ­
  Arbeiters  herabsetze  und  ihm  die  grobe  Bauernkost  ungenießbar  mache,  auch
vermehrten  Genuß  von  Reizmitteln  erfordere.  Auch  ein  deutscher  Fabrikinspektor
hat  bemerkt,  daß  bei  sitzender  Lebensweise  das  grobe  Brot  schlecht  vertragen  wird  6 ).
Die  billige  vegetabilische  Ernährung  scheint  danach  in  der  Regel  nur  bei  kräftiger
Freiluftarbeit  möglich.  Für  den  mittelrussischen  Fabrikarbeiter  soll  sie  nur  darum
erträglich  sein,  weil  er  periodisch  aufs  Land  zurückkehrt  und  eine  bäuerliche  Konstitution ­
  geerbt  hat 7 ).  Darum  ist  im  Gefängnis  vegetabilische  Kost  schwer  durchführx
 )  Die  Verbrauchszunahme  innerhalb  der  Städte  erklärt  sich  zum  Teil  daraus,  daß  Mittelstädte ­
  zu  Großstädten  mit  schärfer  ausgeprägten  städtischen  Lebensbedingungen  wurden;
die  Verbrauchszunahme  auf  dem  Lande  zum  Teil  durch  dessen  Industrialisierung.
! )  R  y  b  a  r  k  in  der  Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft  1909,  S.  433:  der  Konsum  an
Hülsenfrüchten  ist  in  Deutschland  seit  1878  pro  Kopf  um  mehr  als  die  Hälfte  zurückgegangen.
3 )  Und  zwar  mageres  Fleisch  von  fett  gemästeten  Tieren;  vgl.  W  y  g  o  d  z  i  n  s  k  i  in
Schmollers  Jahrbuch  1906,  S.  1074.
4 )  Die  soziale  Lage  der  Zigarrenarbeiter  im  Großherzogtum  Baden,  1890,  S.  1771,  215,
114,  128.  „Wo  die  Einnahmen  (der  Zigarrenarbeiter)  geringer  sind,  oder  wo  sie  sich  auf  eine
zu  große  Zahl  von  Köpfen  verteilen,  wird  die  Lebensweise  der  kleinen  Landwirte  und  Taglöhner ­
  auf  dem  Lande  beibehalten.  Dieselbe  ist  aber  einer  stärkeren  körperlichen  Anstrengung
angepaßt  und  eignet  sich  nicht  für  die  von  früh  bis  spät  sitzenden  Zigarrenarbeiter.  Damit
hängt  es  auch  zusammen,  daß  dieselben  meist  nur  geringen  Appetit  haben  und  die  rauhe  Kost
der  Bauern  nicht  vertragen  können,  was  ihnen  von  dieser  Seite  häufig  als  ein  Zeichen  übermäßiger ­
  Ansprüche  ausgelegt  wird.  Man  kann  es  oft  hören,  daß  die  Zigarrenarbeiter  den  Appetit ­
  wieder  verlieren,  sobald  sie  sich  nur  an  den  Tisch  setzen.  Ebenso  konstatieren  viele  Eltern,
deren  Kinder  die  Fabriken  besuchen,  daß  die  Kinder  trockenes  Brot  in  den  Zwischenzeiten
nicht  vertrügen“  usw.
5 )  Ueber  die  Ernährung  der  Fabrikbevölkerung,  S.  11  f.
•)  Vgl.  Lotz,  Zolltarif,  Sozialpolitik,  Weltpolitik  (1902),  S.  50,  Anm.  1:  „Nach  Auskünften, ­
  die  mir  von  einem  erfahrenen  Fabrikinspektor  gegeben  wurden,  ist  übrigens  in  Süddeutschland ­
  das  Verlangen  der  Fabrikarbeiter  nach  einem  andern  als  dem  groben  schwarzen
Landbrot  nicht  etwa  Modesache,  sondern  auf  Erfahrungen  bezüglich  Verdaulichkeit  bei  sitzender ­
  Lebensweise  zurückzuführen,  so  daß  der  Industriestaat  auch  veränderte  Brotqualität
zu  fordern  scheint.“  Auch  Schüler  (S.  43)  begründet  es  ähnlich,  daß  die  ostschweizerische
Fabrikbevölkerung  die  feineren  Brotsorten  vorziehe.
7 )  v.  Schulze-Gävernitz,  Volkswirtschaftliche  Studien  aus  Rußland,  1899,
S.  154.  Dazu  paßt,  daß  nach  Wangemann  (Zeitschrift  „Die  chemische  Industrie“,  1904,
S.  26  f.)  der  äußerst  sparsame  italienische  Wanderarbeiter,  der  in  österreichisch-ungarischen
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        Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

145

bar,  und  V  o  i  t')  glaubte  sogar  berichten  zu  können,  daß  in  Dänemark  Verurteilung
zu  Wasser  und  Brot  auf  4  Wochen  der  Todesstrafe  gleichgesetzt  war,  „da  es  fast
nie  vorkam,  daß  der  Verurteilte  sie  überlebte“  ‘.  Andererseits  ist  für  den  Freiluftarbeiter
die  grobe  Kost  geradezu  Bedürfnis.  So  soll  die  ausgezeichnete  Leistungsfähigkeit
irischer  Landarbeiter  beim  Uebergang  von  der  Kartoffel-  und  groben  Getreidekost
zur  modischen  Weißbrot-  und  Teenahrung  schnell  nachlassen  2 ).
3.  Die  Physiologen  haben  zu  dieser  volkswirtschaftlich  bedeutsamen,
außerhalb  des  Laboratoriums  geradezu  aufdringlichen  Beobachtung  erst  zögernd
Stellung  genommen.  Vielmehr  scheint  die  populäre  Meinung  über  die  Mindestmaße
menschlicher  Nahrung  lange  durch  eine  physiologische  Theorie  bestimmt  worden  zu
sein,  die  einseitig  von  städtischen  Verhältnissen  entnommen  und  außerdem  von  der
Ueberschätzung  der  Fleischnahrung  durch  Liebig  und  teilweise  seine  Schüler  beeinflußt ­
  war.  Es  ist  ja  allerdings  für  die  Physiologen  auch  schwer,  die  Ernährung  von
Landleuten  experimentell  zu  fixieren,  weil  sie  diese  Leute  beim  Experiment  gern
unter  Bedingungen  stellen,  die  von  ihrer  sonstigen  Lebensweise  stark  abweichen.
Natürlich  war  ihnen  das  Vorkommen  einer  stark  vegetabilischen  und  speziell  an
Fleisch  armen  Kost,  namentlich  auf  dem  Lande,  längst  bekannt.  Es  ist  nicht  ohne
Interesse,  wie  sie  und  ihre  Schüler  mit  diesen  harten  Tatsachen  sich  abfanden,  ehe
sie  den  fundamentalen  Unterschied  ländlicher  und  städtischer  Ernährungsbedingungen ­
  erkannten 3 ).
4.  Der  enorme  Vegetabilienkonsum  schwer  arbeitender  Landleute,  zum  Teil
fast  ohne  animalisches  Eiweiß,  zusammen  mit  der  herkulischen  Arbeitsfähigkeit
dieser  Konsumenten  4 ),  wurde  teils  nur  als  auffällig  registriert,  teils  trotz  einwandfreier ­
  Beglaubigung  gelegentlich  bezweifelt,  teils  endlich  durch  falsche  Hypothesen ­
  zu  erklären  versucht.
Es  steht  wohl  fest,  daß  der  kurzdärmige  Mensch  die  vegetabilische  Nahrung
weniger  vollständig  ausnutzt,  als  der  langdärmige  Pflanzenfresser 5 ).  Ein  „erfahrener ­
  Gerichtsarzt“  behauptet  nun,  daß  die  ostelbische  Bevölkerung,  der  die
Vegetabiliennahrung  offenbar  gut  bekommt,  sich  eines  um  0,5  m  längeren  Darms
erfreue,  als  die  Industriebevölkerung  der  Rheinprovinz,  der  er  infolge  mangelnder ­
  Uebung  eingeschrumpft  sei 6 ).  Aber  auch  bei  einem  Gelehrten  wie  Hüppe 7 )
lesen  wir,  daß  der  vegetarisch  lebende  Japaner  durch  seinen  um  7s  längeren  Darm
in  den  Stand  gesetzt  sei,  die  Reisnahrung  besser  auszunutzen,  als  der  Europäer;
für  letzteren  ein  wenig  tröstliches  Zukunftsbild:  der  längere  Darm  als  Konkurrenz-Kalziumkarbidfabriken

  sich  gut  ländlich  von  Polenta  nährt,  im  Frühjahr  die  viel  weniger
einträgliche  Erdarbeit  vorzieht;  vielleicht  aus  physiologischen  Gründen.
0  Sitzungsberichte  der  Münchener  Akademie,  mathematisch-physikalische  Klasse,  1869,
S.  494.
2 )  Report  of  the  Agricultural  Committee,  London  1906,  §  786.
3 )  Vgl.  jedoch  Rubners  Lehrbuch  der  Hygiene,  1.  Aufl.  1890,  S.  465:  „Es  scheint
der  Gedanke  noch  wenig  erwogen  zu  sein,  ob  nicht  das  zunehmende  Bestreben  nach  Vermehrung ­
  des  animalischen  Teils  der  Kost  etwas  den  Städten  und  unserer  Entwicklung  der  industriellen ­
  Arbeit  Eigentümliches  sei.  Die  animalische  Kost  bedeutet  eine  eiweißreichere  Kost;
nun  scheint  es  —  die  Vermutung  ist  bereits  von  Fr.  Hofmann  ausgesprochen  worden  —  nach
Versuchen  des  Verf.,  wie  nach  anderweitigen  Beobachtungen  sichergestellt,  daß  die  Eiweißstoffe ­
  einen  Einfluß  auf  die  Anregung  der  Tätigkeit  unserer  Verdauungsdrüsen  entfalten  und
dadurch  die  Resorptionszeit  verkürzen.“  In  späteren  Auflagen  finde  ich  diesen  Passus  nicht.
—  Auch  Munk  vermutet  1896  (in  Weyls  Handbuch  der  Hygiene  III,  S.  63,  68,  96),  Muskeltätigkeit ­
  erleichtere  die  Verwertung  wasserreicher  Speisen  und  verbessere  die  Resorption,
besonders  beim  Aufenthalt  in  freier  Luft.  Er  bemerkt  auch,  daß  der  Gefangene  eine  mehr
animalische  Kost  brauche,  weil  der  Mangel  an  freier  Körperbewegung  auf  die  Ausnützung
pflanzlicher  Kost  nicht  ohne  Einfluß  zu  sein  scheine  (S.  116).
4 )  Verkannt  z.  B.  von  Hüppe,  Handbuch  der  Hygiene,  1899,  S.  373:  „Bei  seiner  Kartoffelkost ­
  kann  der  Irländer  und  Oberschlesier  noch  arbeiten  (!),  aber  der  Handweber  ist  bereits ­
  nicht  mehr  zur  Feldarbeit  kräftig  genug.“
')  Munk  in  Weyls  Handbuch  der  Hygiene  III  (1896),  S.  67.
8 )  Vgl.  Graß!,  Blut  und  Brot,  1905,  S.  23.
’)  Der  moderne  Vegetarianismus,  1900,  S.  8.  Handbuch  der  Hygiene,  1899,  S.  371.
Sozialökonomik.  II.  10
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        146  1.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  7

waffe  in  der  wirtschaftlichen  Rivalität  der  Rassen.  Der  unlängst  verstorbene  Marburger
  Anatom  Disse,  der  lange  in  Japan  doziert  hat,  teilte  mir  jedoch  mit,  daß  er  als
erster  Europäer  hunderte  japanischer  Leichen  seziert  und  die  durchschnittliche  Darmlänge ­
  sogar  etwas  unterhalb  der  europäischen  Norm  gefunden  habe.  Auch  die  unverhältnismäßige ­
  Länge  des  Oberkörpers,  die  der  Japaner  dank  seinen  angeblich  überlebensgroßen ­
  Verdauungswerkzeugen  mit  wilden  Völkern  teilen  soll,  wurde  von  Disse  in
Abrede  gestellt.  Die  älteren  anatomischen  Nachrichten  aus  Japan  stammen  bloß
von  Missionaren.  In  altchinesischen  Lehrbüchern  der  Anatomie  finden  sich  übrigens
noch  phantastischere  Angaben  über  die  Größe  des  Magens  und  Darms 1 ).  Moderne
Experimente  haben  ergeben,  daß  der  japanische  Darm  den  Reis  nicht  besser  ausnutzt,
als  der  europäische  2 ).  Die  Japaner  können  eben  als  Bauernvolk  überwiegend  vegetarisch ­
  leben,  aber  auch  in  Japan  finden  wir  den  Gegensatz  zwischen  ländlicher  und
städtischer  Ernährung  wieder 3 ).  Eine  Verschiedenheit  der  Verdauungsorgane  in
Stadt  und  Land  ist  bisher  überhaupt  noch  nicht  nachgewiesen,  allerdings  aber  auch
diese  Frage  nach  experimentellen  Bemühungen,  die  kein  entscheidendes  Resultat
ergaben,  noch  nicht  abschließend  beantwortet  worden 4 ).
Andere  Physiologen  suchten  dem  Tatbestände  durch  die  Annahme  gerecht  zu
werden,  der  vegetarische  Landmann  habe  eine  konzentrierte  Eiweißnahrung  nicht
zur  Verfügung,  und  überfüttere  sich  darum  mit  Kartoffeln  und  anderen  eiweißarmen
Vegetabilien  so  lange,  bis  sein  absolutes  Eiweißminimum  gedeckt  sei.  Diese  Interpreten ­
  tragen  zwar  dem  Umstande  Rechnung,  daß  der  Landmann  viel  ißt;  aber  es
leuchtet  doch  wenig  ein,  daß  eine  Ueberladung  des  Körpers  mit  überschüssigen
Nährstoffen  besonders  leistungsfähige  Arbeiter  erzeuge.  Diese  Deutung  ist  denn  auch
heute  aufgegeben  s ).
5.  Eine  richtigere  Deutung  konnte  erst  gelingen,  als  auf  der  Basis  von  Voits
und  Pettenkofers  Versuchen  aus  den  60er  Jahren  der  Irrtum  Liebigs  völlig  überwunden ­
  war 6 ),  Muskelarbeit  verbrauche  im  wesentlichen  Eiweiß,  Avährend  Fette  und
Kohlehydrate  der  Wärmeerzeugung  dienen.  Auf  der  Grundlage  der  neuen  Erkenntnis, ­
  daß  Muskelarbeit  (ebenso  wie  Erzeugung  der  Körperwärme)  im  wesentlichen ­
 7 )  nur  Kohlehydrate  oder  Fette  verbrauche,  formulieren  einzelne  moderne
Physiologen  wie  R  u  b  n  e  r  und  Cohnheim  jetzt  mit  aller  wünschenswerten  Schärfe
den  Sachverhalt  dahin:  Muskelarbeit  sei  in  der  Stadt  in  der  großen  Mehrzahl  der
Fälle  relativ  leicht  und  werde  im  Zeitalter  unbelebter  motorischer  Kräfte  immer
leichter;  der  moderne  Industriearbeiter  brauche  daher  zu  seiner  Ernährung  immer
weniger  Kohlehydrate  und  Fette,  aber  nicht  weniger  Eiweiß;  indem  er  das  Quantum ­
  seiner  Nahrung  wesentlich  zu  reduzieren  gezwungen  sei,  könne  er  seinen  Eiweißbedarf ­
  mit  den  eiweißarmen  Vegetabilien  der  ländlichen  Kost  nicht  mehr  decken,
sondern  müsse  teuere  Nahrungsmittel  wie  Fleisch  und  Eier  hinzunehmen,  die  bei
geringem  Nährwert  viel  Eiweiß  bieten.  So  sei  die  gemischte  Kost  für  den  Industriearbeiter ­
  und  vollends  für  den  geistigen  Arbeiter  bei  Muskelruhe  ein  Naturgebot,
und  kein  Fortschritt  gegenüber  der  Ernährung  des  Landmanns.
Rubner  fügt  1913 8 )  hinzu,  daß  die  muskelschwache  Betätigung  des  städtix

 )  Osawa,  Zur  Geschichte  der  Anatomie  in  Japan.  Anatomischer  Anzeiger,  27.  Januar ­
  1896.
2 )  Rubner  (1903),  S.  462.  Ausführlicher  in  früheren  Auflagen.
3 )  Berichte  über  Handel  und  Industrie,  zusammengestellt  im  Reichsamt ­
  des  Innern,  II  21,  S.  675.  Nach  Schumacher  (Handels-  und  Machtpolitik,  herausgegeben ­
  von  Schmoller,  Sering,  Wagner,  1900,  II  219)  degeneriert  der  japanische  Arbeiter
in  der  Fabrik.
*)  Mitteilung  des  Herrn  Prof.  Cohnheim  (1912).  Vgl.  S.  284—85  seines  Werks.
6 )  Rubner  1913,  S.  35.
•)  Näheres  z.  B.  bei  Hüppe,  Handbuch  der  Hygiene,  1899,  S.  226  f.
7 )  Ueber  den  Eiweißverbrauch  durch  Muskelarbeit  vgl.  z.  B.  Rubner  1908,  S.  25,
35,  36.
8 )  S.  55  f.
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        Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

147

sehen  Arbeiters x )  diesen  außerdem  das  Optimum  körperlicher  Leistungsfähigkeit
niemals  erreichen  lasse.  „Zu  einem  idealen  Gesundheitszustand  gehört  eine  kräftig
entwickelte  Muskulatur.  Auch  der  reichste  Mann  kann  sich  diese  nicht  erkaufen,
er  muß  sie  sich  selbst  erarbeiten.“  So  kommt  Rubner  zu  dem  Schlüsse *  2 ):
„An  und  für  sich  werden  sich  die  Menschen,  nach  ihrer  Arbeitsfähigkeit  und  Arbeitsübung ­
  betrachtet,  so  einteilen,  daß  das  Landvolk  den  besseren  Stamm  darstellt  und
die  Städter  den  minderwertigeren.“  Mit  der  fortschreitenden  Erleichterung  städtischer ­
  Muskelarbeit  durch  elementare  Kraft  muß  dieser  Unterschied  sich  immer
schärfer  akzentuieren  und  die  städtische  Ernährung  immer  anspruchsvoller  werden,
obwohl  gleichzeitig  der  Ernährungszustand  sich  verschlechtert.
6.  Die  Konsequenz  dieser  Entdeckung  müßte  das  Eingeständnis  sein,  daß  das
früher  erwähnte  Kostmaß  der  Voitschen  Schule  nicht  für  den  mittleren  Arbeiter
von  70  kg  schlechthin,  sondern  höchstens  für  den  städtischen  Arbeiter  Geltung
haben  könne.  Wir  finden  dieses  Anerkenntnis  in  ziemlich  deutlicher  Form  bei
Voits  Schüler  Rubner  schon  1908  3 )  und  noch  mehr  1913  4 ).  In  seiner  Schrift
des  letzteren  Jahres  hebt  Rubner  sogar  hervor,  daß  Voit  speziell  Münchener  Konsumgewohnheiten ­
  mit  zugrunde  gelegt  habe,  und  daß  der  Münchener  auch  für  städtische ­
  Verhältnisse  schon  damals  ungewöhnlich  viel  Fleisch  aß.  Ja  Rubner
fügt  hinzu  5 ),  daß  Voits  Zahlen  nur  als  Norm  für  Massenkost  ganzer  sozialer  Gruppen
gemeint  seien,  also  in  ihrer  Eiweißnorm  von  118  g  für  alle  Fälle  eine  Risikoprämie
enthalten,  1.  für  den  verschiedenen  Nährgehalt  gleichbenannter  Speisen,  2.  für  das
dauernd  individuell  verschiedene  Nahrungsbedürfnis,  3.  für  das  zeitweilig  erhöhte
Nahrungsbedürfnis  z.  B.  von  Personen,  die  gerade  Durchfall  gehabt  haben,  und  überhaupt ­
  für  die  wechselnde  Ergiebigkeit  von  Resorption  und  Verdauung.  Das  generell
vorzuschreibende  Kostmaß  soll  auch  für  den  ungünstigsten  Einzelfall  zureichen
und  muß  darum  viel  höher  gegriffen  werden,  als  für  den  Durchschnitt  der  Konsumentengruppe ­
  nötig  wäre,  und  als  dem  tatsächlichen  Durchschnittskonsum  bei
individuell  gerade  zureichender  Ernährung  entspricht.
7.  Diese  Aufklärungen  standen  im  Zusammenhang  mit  langwierigen  Debatten
in  physiologischen  Kreisen  über  das  „Eiweißminimum“  in  der  täglichen
Kost  des  Konsumenten,  ausgehend  von  den  erwähnten  häufigen  Ausnahmefällen,
in  denen  man  weniger  als  die  geforderten  118  g  Eiweiß  fand.  Neuerdings  haben
einzelne  Neuerer  unter  den  Physiologen  durch  ihre  Beobachtungen  über  die  Bekömmlichkeit ­
  eiweißarmer  Nahrung  Aufsehen  erregt,  so  der  Amerikaner  dritte ­
  n  d  e  n  ,  dem  ein  wohlhabender  Landsmann  zu  Versuchszwecken  größere  Geldmittel ­
  zur  Verfügung  gestellt  hatte,  und  ein  dänischer  Arzt  PI  i  n  d  h  e  d  e,  der,
selbst  von  klein  auf  an  fleischarme  ländliche  Kost  gewöhnt,  zuerst  1905  in  Dänemark ­
  durch  seine  Theorie  Aufsehen  machte,  daß  die  Milchkuh  mit  weit  weniger
Eiweiß  auskommen  könne,  als  man  auf  Grund  der  Kellnerschen  Norm  glaubte,  und
der  dann  mit  gleicher  Energie  und  Beredsamkeit  an  die  Propaganda  für  Enteiweißung
der  menschlichen  Kost  ging 6 )  und  jetzt  an  der  Universität  Kopenhagen  ein  gut  ausgestattetes ­
  „Laboratorium  für  Ernährungsuntersuchungen“  leitet 7 ).  Auch  viele
Aerzte  erklären  heute  ein  sehr  kleines  Eiweißminimum  für  ausreichend  und  hygienisch ­
  vorteilhaft.
In  der  Tat  hatten  die  Physiologen  der  alten  Schule  erst  langsam  begonnen,
die  Physiologie  des  Eiweißverbrauchs  eingehender  zu  erforschen.  Rubner  hat
r)  Selbstverständlich  ist  ländliche  und  städtische  oder  industrielle  Arbeit  nicht  ausnahmslos ­
  mit  schwerer  und  leichter  Arbeit  zu  identifizieren.
2 )  S.  58.  3 )  S.  70.
4 )  S.  35—37,  39,  41.
5 )  1908,  S.  5,  37—40.  1913,  S.  86.
')  Hindhede,  Eine  Reform  unserer  Ernährung.  Nach  der  3.  Auflage  aus  dem  Dänischen ­
  übersetzt.  Leipzig  1908,  K-  F.  Köhler.
r )  Letzte  Publikation:  Studien  über  Eiweißminimum.  Skandinavisches  Archiv  für  Physiologie ­
  1913,  S.  97  f.

10*
        <pb n="48" />
        148  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.

§  7
sich  erst  jüngst  beklagt x ):  „Die  Erfahrungen,  die  ich  seinerzeit  in  den  Jahren  1877
bis  1879  und  später  gelegentlich  meiner  Ausnützungsversuche  am  Menschen  über
den  Eiweißbedarf  der  Erwachsenen  gemacht  hatte,  sind  mehr  als  ein  Jahrzehnt
unbeachtet  geblieben,  obwohl  sie  für  die  Frage  des  Eiweißminimums  wichtige  Anhaltspunkte ­
  gegeben  hätten.“  Ebenso  hat  der  Eiweißforscher  A.  K  o  s  s  e  1,  eine  Autorität ­
  auf  dem  Gebiete  der  Eiweißchemie,  schon  1901  nachdrücklich  darauf  hingewiesen ­
  i)  2 ),  daß  die  verschiedenen  Arten  des  Eiweiß  den  Organismus  unter  sehr  verschiedene ­
  Bedingungen  stellen,  und  daß  eine  physiologische  Verwertung  der  Ergebnisse ­
  der  Eiweißchemie  aus  den  vorangehenden  12  Jahren  „kaum  noch  angebahnt
ist“.  Er  hätte  hinzufügen  können,  daß  ein  Physiologe  wie  Förster  (1882)  3 )
eine  physiologische  Bedeutung  der  chemischen  Eiweißunterschiede  geradezu  in  Abrede ­
  gestellt  hatte.  R  u  b  n  e  r  hat  neuerdings  nicht  nur  die  weiten  individuellen
Unterschiede 4 )  im  Eiweißbedürfnis  hervorgehoben,  die  gewöhnlich  übersehen  worden
seien,  sondern  auch  die  durch  allgemeine  Umstände  bedingten  Unterschiede 5  * ).  Daß
es  trotzdem  theoretisch  ein  absolutes  physiologisches  Eiweißminimum  gebe,  ohne
dessen  Deckung  der  Mensch  zugrunde  gehe,  habe  er  zuerst  nachgewiesen 8 ).  Dieses
Minimum  gibt  er  1903 7 )  auf  etwas  weniger  als  42—47  g,  1908  8 )  auf  31,4  g,  1913 9 )
etwa  30  g  an,  während  „heutige  Vertreter  niederer  Stickstoffzufuhr  von  8—-10  g  bis
50  und  60  g  Eiweiß  verlangen“  10  * ),  nach  seiner  Meinung  ganz  willkürlich.  Für  praktische ­
  Zwecke  sei  aber  das  absolute  Minimum  unbrauchbar;  vielmehr  müsse  auf  die
Zusammensetzung  der  Nahrung  Rücksicht  genommen  werden  n ).  Und  zwar  ist
nach  seinen  letzten  Angaben  das  Eiweißbedürfnis  befriedigt,  d.  h.  eine  Verkümmerung ­
  des  Protoplasma  der  Körperzellen  verhütet  durch  102  g  Eiweiß  im  Mais  oder
76  g  im  Brot  oder  54  g  in  Erbsen  oder  38  g  in  Kartoffeln  oder  34  g  in  Reis  oder  30  g
in  Fleisch,  wenn  dieses  nicht  in  der  üblichen  irrationellen  Form  eines  einzelnen  Fleischgerichts ­
  aufgenommen  wird I2 ).  „Für  denjenigen  Menschen,  welcher  keine  wesentliche ­
  Arbeit  u.  dgl.  leistet,  gelingt  es  überhaupt  nicht,  ausreichend  Eiweiß  mit  eiweißarmen ­
  Vegetabilien  zuzuführen“  13 ).
Bei  einer  Zusammensetzung  der  Nahrung,  wie  Voit  sie  nach  seinen  großstädtischen ­
  Beobachtungen  zugrunde  legte  (Brot,  etwas  Kartoffeln,  Gemüse,  Milch,
Fleisch),  mit  schmackhaftem  Wechsel  der  Speisen,  bekömmlich  und  leicht  verdaulich,
und  bei  gebührender  Anrechnung  der  früher  erwähnten  Risikoprämien  sieht  Rubner
  trotzdem  in  der  Eiweißnorm  von  100—120  g  für  einen  kräftigen  Arbeiter  und
etwa  100  g  für  leichter  arbeitende  Personen  „kein  solches  Eiweißübermaß,  daß  es
nötig  wäre,  an  Korrekturen  und  Reduktionen  zu  denken“ 14 ).  Dagegen  „würde

i)  1908,  S.  17.
a )  Ueber  den  gegenwärtigen  Stand  der  Eiweißchemie,  in  den  Berichten  der  Deutschen
Chemischen  Gesellschaft  1901,  Nr.  13,  S.  3214  f.
3 )  Handbuch  der  Hygiene,  herausgegeben  von  Pettenkofer  und  Ziemssen,  1.  Teil,  1.  Abteilung, ­
  S.  35.
4 )  1908,  S.  22,  62.  Rubner  beklagt,  daß  die  meisten  Ernährungsangaben  nicht  einmal
das  Körpergewicht  verzeichnen,  ganz  abgesehen  von  andern  individuellen  Eigenschaften  des
Konsumenten,  die  nach  seinen  Experimenten  relevant  sind.
5 )  S.  27:  anscheinend  sparsamere  Verwertung  des  zugeführten  Eiweiß  im  Organismus
bei  Eiweißmangel  und  zugleich  knapper  Eiweißzufuhr.
«)  1913,  S.  38.  7 )  Lehrbuch,  S.  466.
8 )  S.  17.  9 )  S.  71.
10 )  S.  73.  Hindhede  fordert  (1913)  bei  einer  Gesamtnahrung  von  3000  Kalorien
18—21  g  Reineiweiß.
u )  Er  denkt  dabei,  abgesehen  von  dem  verschiedenen  Nährwert  der  verschiedenen  Eiweißstoffe ­
  (1908,  S.  13.  1913,  S.  38),  teils  an  die  ungleiche  Mischung  der  drei  Grundstoffe  in
den  Nahrungsmitteln,  teils  an  die  mehr  oder  weniger  vorteilhafte  Verteilung  des  Eiweiß  in
ihnen.  „Von  ganz  besonderer  Wichtigkeit  erscheint  die  Beobachtung,  daß  bei  Zufuhr  steigender ­
  Mengen  derselben  vegetabilischen  Nahrungsmittel  die  Gesamteiweißzersetzung  nicht
ansteigt“  (Lehrbuch  1903,  S.  465  f.).
12 )  1913,  S.  71.
Lehrbuch  1903,  S.  467.

u )  1913,  S.  85.
        <pb n="49" />
        Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

149

der  Eiweißbedarf  z.  B.  schon  vermindert  werden,  wenn  Jemand  dauernd  statt  Brot
hauptsächlich  Kartoffeln  oder  Reis  genießen  wollte,  oder  wenn  wir  in  gleicher  Weise
statt  des  Fleisches  nur  Milch  oder  Käse  einführen  wollten“  *).  Das  theoretische  Eiweißminimum ­
  läge  danach  etwa  zwischen  30  und  102  g;  aber  die  praktische  Eiweißnorm, ­
  die  auch  allen  Wechselfällen  Rechnung  trägt,  soll  weit  oberhalb  des  Minimums ­
  liegen;  wie  weit,  will  Rubner  nicht  entscheiden 2 ).  Cohnheim 3 )  schlägt
90—100  g  vor,  also  weniger  als  Voit  (118  g).  Die  Normziffer  könnte  natürlich  niedriger ­
  sein,  wenn  es  gelänge,  durch  eine  zweckmäßig  zusammengesetzte  Kost  zu
einem  niedrigen  Eiweißminimum  zu  kommen.  „Die  Möglichkeit  einer  anderen
Regelung  der  Kost,  wie  sie  Chittenden  z.  B.  angeführt  hat,  kann  nur  allmählich  zum
Durchbruch  kommen;  wir  werden  also  zum  mindesten  alle  Ursache  haben,  einer
Steigung  des  Eiweißverbrauchs  über  die  oben  angegebene  Grenze  (118  g)  hinaus  in
keiner  Weise  das  Wort  zu  reden“  4 ).
8.  Was  wird  nun  aus  jenem  Ueberschuß  an  Eiweiß,  den  der  Erwachsene  über
das  Minimum  hinaus  seinem  Körper  zuführen  soll?  Er  dient  nicht  zum  Muskelersatz ­
  usw.,  sondern  bleibt  zeitweilig  im  Körper,  bis  er  nach  Auslösung  seines  Kalorienwerts ­
  aus  ihm  verschwindet 5 ).  Voit  nannte  ihn  „zirkulierendes  Eiweiß“,
und  erkannte  ihm  eine  große  Bedeutung  für  die  Energie  und  Kraftfülle  des  Konsumenten ­
  zu  6 ).  Sein  Schüler  Rubner  nennt  ihn  „Uebergangs“-  oder  „Vorratseiweiß“ ­
  7 ),  hat  über  seine  Existenzweise  im  Körper  eine  andere  Vorstellung  als  Voit,
und  sieht  seine  hohe  Bedeutung  eben  in  einer  Kompensation  der  erwähnten  zufälligen ­
  Defizits  im  Eiweißhaushalte  des  Körpers.  Ohne  diesen  Reservevorrat  müsse
jede  zufällige  Unterschreitung  des  Minimum  zu  gefährlichen  Zellverlusten  führen,
die  erst  langsam  durch  verstärkte  Eiweißzufuhr  wieder  ausgeglichen  werden  können,
und  zwar  bei  Leuten  mit  schwacher  Muskeltätigkeit  außerordentlich  langsam 8 );
der  schwer  arbeitende  Landmann  kann  demnach,  wenn  Rubner  Recht  hat,  die  Eiweißreserve ­
  eher  entbehren  als  der  Städter,  weil,  „wie  es  scheint,  das  arbeitende
Organ  mit  kleinen  Nahrungsüberschüssen  auskommt,  wo  das  ruhende  zu  wenig  erhält“ ­
 9 );  dadurch  wird  also  das  Konto  des  städtischen  Eiweißbedürfnisses  belastet.
Und  er  sieht  die  physiologische  Nebenwirkung  dieses  Reserveeiweiß  nicht  lediglich
als  günstig  an:  indem  es  die  Körpertemperatur  bedeutend  erhöht,  steigert  es  zwar
im  kühlen  Klima  und  bei  schwacher  Muskeltätigkeit  das  Gefühl  körperlichen  Behagens, ­
  wird  aber  bei  höherer  Luftwärme  und  intensiver  Muskelarbeit  unbequem,
auch  weil  es  zum  Schwitzen  zwingt;  „nichts  kann  ungünstiger  für  eine  gute  Arbeitsleistung ­
  sein,  als  eine  übertrieben  hohe  Zufuhr  von  Eiweiß“  10 ).  Auch  unter  diesem
Gesichtspunkte  erscheint  der  Organismus  des  weniger  muskeltätigen  Städters  benachteiligt. ­
  Noch  ungünstiger  beurteilt  Cohnheim 11 )  die  Wirkung  reichlicher  Eiweißnahrung. ­

9.  Indes  der  Kostwechsel  in  der  Stadt,  von  dem  unsere  Erörterung  ausging,  ist
aus  diesen  zwei  Gesichtspunkten  offenbar  noch  nicht  genügend  erklärt:  relativ  eiweißreiche, ­
  wenig  voluminöse  Kost  und  Mehrbedarf  an  Eiweißreserve  infolge  schwacher ­
  Muskelarbeit.  Zum  Beispiel  der  Uebergang  zum  Brot  aus  immer  feinerem
Mehl  hat  ja  mit  dem  kleineren  Energiebedarf  des  Städters  nichts  zu  tun,  und  der
ausnutzbare  Eiweißgehalt  des  feinsten  Weizenmehls  ist  kleiner  als  der  der  gleichen
Quantität  des  gröbsten,  der  des  Brots  aus  feinstem  Mehl  kleiner  als  der  einer  gleichen
Gewichtsmenge  Kleiebrot.  Aber  die  bessere  Ausnutzung  des  feinen  Mehls  in  der
i)  S.  86.  2 )  Ebendort.
3 )  S.  448.  4 )  Rubner  1908,  S.  42.
5 )  Ueber  verschiedene  Meinungen  über  den  Verbleib  des  überschüssig  genossenen  Eiweiß
vgl.  Hermann,  Lehrbuch  der  Physiologie,  11.  Auf).  1896,  S.  232f.
6 )  So  in  den  Sitzungsberichten  der  Münchener  Akademie,  mathematisch-physikalische
Klasse,  1869,  S.  495  und  525  f.
7 )  Z.  B.  1913,  S.  72.
8 )  1908,  S.  118,  127.
10 )  S.  76  f.

s )  1913,  S.  75.
“)  S.  443  f.
        <pb n="50" />
        WEM

150  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  7
Verdauung  weist  darauf  hin,  daß  der  Verdauungsapparat  nicht  so  wie  beim  Freiluftarbeiter ­
  funktioniert.  Wir  kommen  damit  auf  die  Beobachtung  von  Fabrikinspektoren ­
  zurück,  daß  sitzende  Lebensweise,  Mangel  an  frischer  Luft  und  hohe  Temperatur ­
  des  Arbeitsraums  appetitlos,  verdauungsschwach  und  in  der  Kostwahl  reizbedürftig
  mache.  Sie  wird  von  R  u  b  n  e  r  im  wesentlichen  bestätigt  und  erweitert.
„Bei  Leuten“,  sagt  er  in  seinem  Lehrbuch I ),  „welche  sitzend  ihre  Arbeit  verrichten
und  sich  nach  vorn  überbeugen,  werden  die  Organe  der  Brust  und  des  Unterleibes
gedrückt,  der  Pfortaderkreislauf  beeinträchtigt,  der  geringere  Verbrauch  an  Nahrungsstoffen, ­
  der  Aufenthalt  in  der  Stubenluft  setzen  den  Appetit  leicht  abnorm
herab“.  Und  1913  2 ):  „Jede  die  Muskelarbeit  ausschließende  Arbeitsform  hat  den
Nachteil,  daß  die  Muskelmasse  von  selbst  abnimmt,  womit  sich  auch  die  anderen  Gewebe ­
  verändern.  Auch  die  Verdauungsorgane  sind  bei  einem  Muskelarbeiter  viel
leistungsfähiger  und  erstarken  durch  die  Verarbeitung  großer  Kostmassen,  die  für
die  Arbeit  notwendig  werden.“
Der  Städter  verlangt  darum  erstens  ein  Reizmittel  für  Appetit  und  Verdauung,
und  zweitens  ein  konzentriertes  animalisches  eiweißreiches  Nahrungsmittel  auch
aus  dem  neuen  Grunde,  weil  er  die  voluminöse  vegetabilische  Kost  nicht  gut  verträgt.
Dieser  erzwungene  Uebergang  zum  animalischen  Eiweiß  ist  aber  für  den  Städter
nicht  nur  darum  kostspielig,  weil  animalisches  Eiweiß  teurer  ist,  sondern  anscheinend
auch,  weil  es  der  Zersetzung  mehr  unterliegt,  wie  vegetabilisches  Eiweiß  3 ).
10.  Ein  solches  konzentriertes  Eiweißnahrungsmittel,  dessen  Notwendigkeit
wir  vorhin  schon  aus  dem  verringerten  Kalorienbedarfe  des  Städters  ableiteten,
wird  aber  noch  aus  einem  dritten  Grunde  erfordert,  auf  den  Rubner 4 )  neuerdings ­
  nachdrücklich  hinweist.  Es  handelt  sich  um  eine  Erscheinung,  die  er  als
„Enteiweißung“  eines  großen  Teils  der  modernen  Kost  bezeichnet.  Man  kann  vielleicht ­
  seine  Theorie  dahin  erweitern,  daß  die  moderne  Ernährung  und  Technik  der
Nahrungsmittelindustrie  auf  eine  Isolierung  der  drei  Nahrungsstoffe  hindrängt.
Der  Fettkonsum  hat  enorm  zugenommen;  die  hergebrachte  Brotkost  z.  B.  wird  durch
das  Butterbrot  und  die  Schmalzstulle  verdrängt,  und  eine  Reihe  von  Industrien  ist
geschäftig,  die  konzentrierten  Fettstoffe  anzubieten.  Das  Fett  ersetzt  aber  in  der
Kost  vermöge  seines  hohen  spezifischen  Nährwerts  etwa  die  doppelte  Menge  von
Kohlehydraten,  die  dem  städtischen  Magen  zu  voluminös  sind;  und  mit  den  Kohlehydraten ­
  verschwinden  auch  die  mit  ihnen  in  den  Vegetabilien,  z.  B.  im  Brot  verbundenen ­
  mäßigen  Eiweißmengen.  In  der  übrigbleibenden  Kohlehydratkost  treten
die  stark  eiweißhaltigen  groben  Gemüse  wie  Leguminosen  wohl  wegen  ihrer  für  den
Städter  schwierigen  Verdauung  ebenso  zurück,  wie  die  relativ  eiweißreichen  groben
Brotsorten;  die  nahrhaften  Suppen  werden  (sogar  auf  dem  Lande)  durch  den  Kaffee
und  seine  Surrogate  verdrängt;  während  der  Zucker,  ein  völlig  eiweißfreier  chemisch
reiner  Kohlehydratstoff,  mit  den  Fetten  zusammen  einen  immer  größeren  Teil  des
Kalorienbedarfs  deckt.  Auch  die  schon  wegen  ihrer  Bequemlichkeit  in  der  Großstadt ­
  sehr  beliebte  Kost  belegter  Brötchen  ist  nach  Rubners  Feststellungen  in  Berliner ­
  Restaurants  überraschend  eiweißarm.  Zugleich  wirkt  auch  der  beträchtliche
Energiewert  des  Alkohols  wie  ein  eiweißfreies  Nahrungsmittel.  So  bleibt  durch
eiweißhaltige  Nahrungsmittel  nur  ein  mäßiger  Rest  des  Kalorienbedarfs  zu  decken
übrig,  und  zwingt,  wenn  das  Eiweißminimum  nicht  unterschritten  werden  soll,  zur
Auffindung  eines  konzentrierten  Eiweißnahrungsmittels,  das  wenn  möglich  zugleich
die  dringend  nötige  Funktion  der  Appetitreizung  übernimmt.
11.  Diese  gesuchte  Größe  ist  (neben  dem  Käse)  vor  allem  das  Fleisch,  das
im  Mittelpunkt  der  großstädtischen  Kost  und  besonders  Restaurantkost  steht.

i)  1903,  S.  706.  2 )  S.  57.
3 )  Vgl.  S.  148,  Fußnote  11.  Es  darf  jedoch  für  die  Kostenfrage  nicht  übersehen  werden,
daß  gemischte  Nahrung  etwas  besser  resorbiert  wird,  als  einseitig  vegetabilische  (Rubner
1903,  S.  474).
4 )  1908,  S.  34,  122  f.  1913,  S.  97  f.,  101  f.
        <pb n="51" />
        Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

151

§  7

Das  Eiweiß,  das  neben  einem  starken  Wassergehalt  im  magern  Fleisch  vorwiegt,
hat  nicht  mehr  Nährwert  als  die  gleiche  Menge  Kohlehydrate;  aber  es  ist  Eiweiß,
und  daneben  wird  das  Fleisch  wohl  hauptsächlich  seiner  vorzüglichen  kulinarischen
Eigenschaften  wegen  vom  Städter  bevorzugt 1 ).  „Diese  Eigenschaften  sind  aber
nicht  etwa  als  ein  wertloser  Gaumenkitzel,  sondern  als  objektiv  bedeutungsvolle
Besonderheiten  zu  bewerten.  Es  ist  ein  alter  Erfahrungssatz,  daß  durch  Arbeit
der  Appetit  besonders  gesteigert  wird,  und  daß  man  dann  selbst  mit  einfachen  Nahrungsmitteln ­
  ohne  alle  besonderen  Kochkünste  auskommt.  Der  Magen  eines  mechanischen ­
  Berufsarbeiters  oder  sporttreibenden  Menschen  verträgt  nicht  nur  die  Nahrung ­
  besser  als  ein  Stubenhocker,  sondern  er  ist  auch  in  jeder  Richtung  genügsamer.
Am  meisten  finden  wir  das  Streben  nach  einer  reizvollen  Kost  bei  Menschen  mit
angestrengter  geistiger  Arbeit,  die  sich  jede  Muskelleistung  versagen.“  Diese  besonderen ­
  Ansprüche  des  städtischen  Konsumenten  sind  zu  beachten  bei  Voits  Forderung: ­
  118  g  Eiweiß,  und  davon  35%  in  der  Form  des  Fleisches.
12.  Der  „Fleischreiz“  belebt  nicht  nur  den  notleidenden  Appetit,  sondern  fördert ­
  durch  die  Extraktivstoffe  des  Fleisches  auch  die  Tätigkeit  der  Verdauungsdrüsen. ­
  Geistige  Arbeiter  nehmen  gern  auch  scharfe  Gewürze  im  Uebermaß  hinzu,
um  vom  Alkohol,  Kaffee  und  Tee  nicht  zu  reden;  während  Brot  und  andere  stärkemehlhaltige ­
  Nahrungsmittel  auch  durch  den  Süßreiz  des  Zuckers  noch  etwas  weiter
zurückgedrängt  werden.  Angenommen,  diese  Reizmittel  erreichen  ihren  Zweck,  so
hinterlassen  sie  doch  Nebenwirkungen 2 ).  „Es  entstehen  Stoffwechselkrankheiten, ­
  alle  jene  Krankheiten,  die  dann  oft  sehr  langdauernde  wiederholte  Bäderkuren ­
  und  ähnliches  notwendig  machen.“  Sowohl  die  Kosten  dieser  Kuren  wie  der
Ausfall  an  Arbeitsfähigkeit  sind  zu  Lasten  der  städtischen  Lebensverteuerung  zu
buchen.  Ebenso  bedrohen  die  bekannten  Krankheiten  des  chronischen  Alkoholkonsumenten ­
  gerade  den  Städter  bei  seinem  weit  geringeren  Nahrungsumsatz  in  erhöhtem ­
  Maße  3 ),  auch  wenn  man  das  besondere  Uebermaß  des  städtischen  Alkoholkonsums ­
  nicht  in  Anschlag  bringt.  Er  trinkt  mehr  und  verträgt  weniger.
Die  schweren  spezifischen  Krankheiten  bei  reichlicher  Fleischnahrung  beginnen,
abgesehen  vom  Kindesalter,  mit  den  30er  und  40er  Jahren 4  * );  zu  ihnen  zählt  außer
Gicht  und  Rheumatismus  namentlich  auch  die  Arterienverkalkung.  Die  erhöhte
Sterblichkeit  des  Städters  ist  durch  diese  Krankheiten  mitbedingt.  Aber  auch
die  Darmverstopfung  mit  ihren  Begleiterscheinungen  (namentlich  der  verbreiteten
städtischen  Modekrankheit:  nervöse  Dyspepsie  und  Magenhyperacidität) 6 )  gilt  als
Folge  der  Fleischkost,  weil  die  unverdaulichen  Zellulosebestandteile  in  der  vegetabilischen ­
  Nahrung,  die  die  Peristaltik  des  Darms  zweckmäßig  anregen,  in  der  Fleischkost ­
  knapp  sind.  Diesen  Mangel  soll  der  Massenkonsum  der  nährstoffarmen  Obstfrüchte ­
  und  grünen  Gemüse  ausgleichen;  er  soll  zugleich  dem  Körper  die  mineralischen ­
  Stoffe  zuführen,  die  in  der  sonstigen  städtischen  Kost  gleichfalls  knapp  sind
und  durch  das  oft  weiche  Wasser  der  städtischen  Wasserleitungen  6 )  noch  knapper
werden.  „So  sehen  wir  in  der  brot-  und  kartoffelarmen  Kost  des  Amerikaners  Obst
und  Früchte  eine  viel  größere  Rolle  spielen  als  bei  uns,  und  die  grob  gemahlenen,
schlecht  ausnutzbaren  Bauernbrote,  die  als  Volksnahrungsmittel  zurücktreten,
halten  als  diätetische  Kurmittel  in  die  Kost  des  Wohlhabenden  ihren  Einzug“  7 ).
Auch  der  immerhin  starke  Mehrverbrauch  an  Südfrüchten,  den  wir  in  der  deutschen
Konsumtion  vorhin  fanden,  findet  vielleicht  so  als  Folge  der  besonderen  Bedürftigkeit ­
  des  Städters  seine  Erklärung.

')  R  u  b  n  e  r  1908,  S.  81  f.  »)  Rubner  1908,  S.  126,  92.
3 )  Rubner  1898,  S.  31.  4 )  Ebendort  S.  128.
6 )  v.  Noorden,  Diätetische  Zeit-  und  Streitfragen.  Deutsche  Revue  1909,  Bd.  2,
S.  37.
')  Weiches  Wasser  schont  die  Dampfkessel  und  soll  aus  diesem  Grunde  von  manchen
Stadtverwaltungen  bevorzugt  werden,  auch  wo  härteres  Wasser  erreichbar  ist.
7 )  Cohnheim  S.  284.
        <pb n="52" />
        152  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §7
13.  Die  Nebenwirkungen  der  städtischen  Kost  gehen  noch  weiter.  Die  zellulosearme ­
  Nahrung  aus  feinem  Mehl  (die  schon  den  Kindern  ihrer  leichten  Verdaulichkeit
wegen  kurzsichtigerweise  gereicht  wird)  verlangsamt  nicht  nur  unmittelbar  die  Verdauung, ­
  sondern  macht  auch  durch  mangelnde  Uebung  allmählich  den  Dickdarm  träge
und  leistungsunfähig 1 ).  Und  nicht  besser  geht  es  den  Kauwerkzeugen.  Bekannt  ist  der
Kampf,  der  von  zahnärztlicher  Seite,  namentlich  von  Rose 2  3 )  und  Kunert s ),
gegen  die  Feinmehl-  und  Zuckernahrung  geführt  wird,  die  die  Zähne  nicht  übt  und
angreift,  auch  den  Wuchs  der  Kiefer  beeinträchtigen  und  dadurch  Wucherungen
im  Nasenrachenraum  mit  der  Folge  der  Mundatmung  begünstigen  soll;  bekannt  ist
auch  die  Klage  über  Verschlechterung  der  Zähne  in  England  infolge  des  starken
Weißbrot-  und  Zuckerkonsums 4 ),  die  schnelle  Verbreitung  der  Zahnkaries  in  Deutschland ­
  schon  im  Kindesalter  und  besonders  in  den  Städten  und  ihre  Verbreitung  in
andern  modernen  Ländern 5 ).  Schlechte  Zähne  verschlechtern  aber  wieder  die  Verdauung. ­
  So  muß,  scheint  es,  die  städtische  Kost  immer  einseitiger  und  schließlich
zu  einer  richtigen  Krankenkost  werden 6 ).  Der  Mensch  ist  bei  starkem  Kräfteumsatz
in  frischer  Landluft  einfach  zu  ernähren,  bei  städtischer  Lebensweise  erstens  teuer
und  zweitens  nicht  leicht  ohne  degenerative  Nebenwirkungen.  Beide  Posten  gehören
ins  Debetkonto  der  städtischen  Existenzbedingungen 7 )  und  tragen  bei,  die  Bedeutung ­
  der  steigenden  Konsumtionsziffern  abzuschwächen,  mit  denen  der  Industriestaatsbürger ­
  prunkt.
Eine  gelegentlich  vertretene  Meinung 8 ),  daß  die  spezifische  Bedürftigkeit  des
städtischen  Konsumenten  vielleicht  erst  in  der  zweiten  und  dritten  Generation  zu
vollem  Ausdruck  kommen  werde,  ist  angesichts  dieser  Degenerationsgefahr  auch
für  den  ausreichend  ernährten  Städter  nicht  abzuweisen,  wenn  auch  bisher  nicht
bewiesen  9 ).  Von  anderer  Seite  wird  vielmehr  mit  der  Möglichkeit  einer  allmählichen
Anpassung  des  Körpers  an  städtische  Existenzbedingungen  gerechnet.
14.  In  noch  ungünstigerer  Lage  ist  derjenige  Teil  der  großstädtischen  Bevölkerung, ­
  der  die  raffinierte  Stadtkost  entbehrt.  Ersetzt  er  nicht  die  in  der  Berufstätigkeit ­
  fehlende  Muskelarbeit  durch  Sportübung,  so  unterliegt  er  den  Gefahren  der
Unterernährung.  Am  meisten  gefährdet  ist  der  Zuzügler  vom  Lande,  der
bei  abnehmendem  Kalorienbedarfe  seine  gewohnte  einfache  ländliche  Kost  nur
verkleinert,  und  der  muskelträge  Städter,  der  aus  wirtschaftlichen  Gründen  zu  derselben ­
  einfachen  Kost  übergeht 10 ),  etwa  bei  rückgängigem  Verdienste  oder  im  Falle
der  Fleischteuerung.  Mit  der  unzureichenden  Kost,  die  bei  dem  geschwächten  Appetite
nicht  einmal  als  solche  empfunden  wird,  verbinden  sich  andere  die  Ernährung  schädigende ­
  großstädtische  Einflüsse  n )  und  so  entsteht  der  verbreitete  Typus  des  unter-')
  v.  N  o  o  r  d  e  n  a.  a.  O.
2 )  Zahnverderbnis  und  Beruf,  Deutsche  Monatsschrift  für  Zahnheilkunde,  Mai  1904,
und  andere  Abhandlungen  in  zahnärztlichen  Zeitschriften.
3 )  Unsere  heutige  falsche  Ernährung.  3.  Aufl.  Breslau  1913,  Selbstverlag.  —  Bekanntlich ­
  hält  auch  der  Physiologe  v.  Bunge  den  Rübenzucker  für  ein  schädliches  Nahrungsmittel. ­

*)  Man  soll  dort  jetzt,  um  die  Schädigung  zu  mildern,  ein  Brot  einführen  wollen,  das
schmutzig  weiß  aussieht  (Weingartz  in  den  Sozialistischen  Monatsheften  1911,  S.  443).
6 )  Kümmel,  Die  progressive  Zahncaries,  Archiv  für  soziale  Gesetzgebung  1903.
6 )  Diese  unliebsamen  Nebenfolgen  städtischer  Kost  helfen  die  Vegetarierbewegung  verstehen. ­
  Auch  die  englische  Bewegung  für  japanische  Diät  nach  den  Siegen  der  Reis  essenden
Japaner  ist  zu  erwähnen.  In  Japan  selbst  haben  dagegen  die  Erfahrungen  des  russischen
Krieges  zur  Einführung  einer  mehr  gemischten  Soldatennahrung  geführt.
’)  Selbstverständlich  gilt  das  Gesagte  nicht  z.  B.  für  städtische  Transportarbeiter,  die
starke  Muskelarbeit  zum  Teil  in  freier  Luft  leisten.  Man  kann  mitunter  beobachten,  daß
diese  zwischen  ihrer  harten  Arbeit  eine  aus  trockenem  Roggenbrot  bestehende  Mahlzeit  einnehmen. ­
  Unter  dem  Einfluß  der  Sitte  gehen  aber  auch  sie  zu  städtischer  Kost  über.
®)  E  ß  1  e  n  ,  Fieischversorgung,  S.  60,  und  die  dort  zitierten  Autoren.
9 )  Vgl.  Cohnheim,  S.  284.  Oben  S.  146.
14 )  Rubner  1908,  S.  114  f.
n )  1898,  S.  34.  1913,  S.  60.  Rubner  nennt  ungünstige  Wohnverhältnisse,  die  Hast
und  Unruhe  der  Großstadt  mit  dem  Kräfteverbrauch  durch  mangelnden  Schlaf  und  Aus-
        <pb n="53" />
        Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

153

§  7

ernähi'ten  Großstädters  x ):  abgemagert,  blutarm,  schlaff;  der  Gewichtsverlust  des
Körpers  erstreckt  sich  infolge  von  Eiweißmangel  auch  auf  das  Protoplasma  der
Zellen;  zur  Muskelschwäche  gesellt  sich  Energielosigkeit,  und  bald  auch  aufreibende
Uebermüdung,  weil  es  an  Reservekräften  fehlt;  die  Organe  entarten  greisenhaft;
unter  den  Folgewirkungen  ist  die  mangelhafte  Wärmeregulierung  und  die  Anfälligkeit
namentlich  gegenüber  bakteriellen  Erkrankungen  hervorzuheben  2 ).  Seuchen,  die
in  der  dicht  besiedelten  Stadt  ohnehin  gefährlicher  sind,  verbreiten  sich  auch  infolge
dieser  Anfälligkeit  leichter;  „die  Aufwendungen  für  Krankenpflege,  Krankenhausunterkunft, ­
  für  Sieche  und  anderweitige  Versorgungsbedürftige  lasten  schwer  auf
Staat  und  Gemeinde“.
15.  Die  Beachtung  dieser  Wandlungen  im  Nahrungsbedürfnis  ist  nicht  nur  für
die  allgemeine  Richtung  der  nationalen  Wirtschaftspolitik,  sondern  auch  für  andere
wirtschaftliche  Fragen  wichtig.  So  hat  man  die  Kost  des  preußischen  Soldaten  seit
der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  wiederholt  verfeinern  müssen,  wohl  infolge  der  zunehmenden ­
  Quote  von  Leuten  mit  städtischen  Ernährungsgewohnheiten.  Andererseits ­
  wäre  es  wahrscheinlich  eine  volkswirtschaftliche  Ersparnis  an  Nahrungskosten,
wenn  es  gelänge,  Werkstatt-  und  Freiluftarbeit  in  Personalunion  zu  verbinden.
16.  Dem  unzureichenden  Gebrauche  großstädtischer  Kostreizmittel  steht  ihr
Uebermaß  gegenüber.  Rubner 3 )  hält  mit  seiner  Ueberzeugung  nicht  zurück,  daß
mit  der  Fleischkost  der  wohlhabenden  Klassen  ein  entbehrlicher  und  schädlicher
Luxus  getrieben  werde,  zum  Teil  aus  „kosmetischen“  Gründen,  im  Interesse  schlanker ­
  Körperformen.  Dieser  scharf  akzentuierte  Fleischkultus  der  Oberschicht  ist
nun  schon  durch  lediglich  psychologische  Vermittlung  nicht  ohne  Einfluß  auf  die
Wertschätzung  des  Fleischkonsums  seitens  der  Menge.  Schon  längst  war  das  Bedürfnis ­
  nach  einer  kostspieligen  Reizkost  das  Charakteristikum  führender  Schichten,
insbesondere  der  akademischen  Berufe  gewesen  4 ).  „Das  Gebahren  der  wohlhabenden
Familien  bringt  den  Fleischkultus  zu  Ehren  und  überträgt  ihn  dann  auf  weitere
Kreise“  B ).  „Die  große  Masse  sieht  in  der  Fleischkost  das  einzig  Erstrebenswerte“ 6 ).
Nach  dem  früher  Ausgeführten  erkennen  wir  darin  einen  Anwendungsfall  jener  „sozialen ­
  Kapillarität“.  Es  sei  dahingestellt,  welche  besonderen  Gründe  der  schwächere
Fleischkonsum  in  Italien 7 )  und  vollends  bei  den  ländlichen  slavischen  Völkern  hat.
Für  Deutschland  meint  Rubner 8 ),  daß  selbst  in  Arbeiterkreisen  der  Fleischkonsum  in
nicht  seltenen  Fällen  so  weit  getrieben  sei,  daß  eine  Verminderung  physiologisch
zweckmäßig  wäre.  Er  meint  an  anderer  Stelle 9 ),  daß  gerade  die  sozial  aufgestiegenen
Elemente  eine  Neigung  haben,  die  charakteristischen  Züge  des  teueren  Ernährungstypus ­
  zunächst  zu  übertreiben.  Und  man  kann  verstehen,  daß  auf  dieser  psychologischen ­
  Grundlage  in  unwirtschaftlicher  Weise  gerade  die  teueren  Nahrungsmittel
zeitweise  „in  Mode  kommen“,  wie  man  sich  ausdrückt,  obgleich  es  sich  nicht  um
eine  Mode  handelt,  sondern  neben  dem  ehrgeizigen  Motiv  um  einen  massenpsychologischen ­
  Irrtum  über  den  Nährwert  des  Fleischs.  Rubner 10 )  weist  darauf  hin,  wie

Schweifungen,  die  schädliche  Hast  auch  beim  Essen  selbst.  Natürlich  treffen  diese  Bedingungen
der  Ernährung  noch  weniger  ausnahmslos  für  alle  städtischen  Konsumenten  zu,  als  die  Folgen
schwacher  Muskeltätigkeit.  Sie  werden  deshalb  hier  nur  kurz  erwähnt.
Noch  schwerer  als  jedes  dieser  Momente  dürfte  in  die  Wagschale  fallen,  daß  die  städtische
Arbeiterfrau  aus  bekannten  Gründen  nicht  gut  haushält  und  kocht,  im  Industrielande  Großbritannien ­
  noch  weniger  als  in  Deutschland  und  Frankreich.  Auf  2  Milliarden  Mark  schätzt
der  englische  Nationalökonom  Marshall  die  jährliche  Warenvergeudung  durch  englische  Hausfrauen, ­
  ungerechnet  die  Schädigung  der  Verdauungsorgane  durch  mangelhaft  zubereitete
Kost.  Gerade  für  die  in  der  Stadt  nötige  Kost  fällt  aber  die  Kochkunst  besonders  ins  Gewicht. ­
  Auch  bei  der  Vergleichung  von  Nahrungsbudgets  sollte  man  diesen  gravierenden  Einfluß ­
  der  Köchin  niemals  aus  dem  Auge  lassen.
"  1908,  S.  99  f.,  135.  1913,  S.  60.
1908,  S.  102,  136,  138.  3 )  1908,  S.  128  f.
S.  32  f.  ')  S.  129.
S.  131.  7 )  1913,  S.  93.
S.  96.  8 )  S.  18.

9
9
9
*)
8 )

10 )  1913,  S.  18.
        <pb n="54" />
        154  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.

§  7
auch  sonst  das  Werturteil  über  Nahrungsmittel  je  nach  der  Zeitströmung  geschwankt
habe,  wie  man  z.  B.  zeitweise  die  Leguminosen  als  wertlos  ansah.  Auch  an  die  Ueberschätzung
  des  Alkohol  als  Kraftquelle  ist  zu  erinnern.
Im  Wege  der  sozialen  Ansteckung,  zunächst  z.  B.  durch  den  Einfluß  aus  der
Großstadt  heimkehrender  ländlicher  Bauarbeiter,  die  städtische  Art  angenommen
haben I ),  wird  diese  Ernährungsweise  auch  aufs  Land  verpflanzt  und  hat  auch  hier
eine  weitgehende,  aber  physiologisch  nicht  begründete  Aenderung  der  Kost  angebahnt,
natürlich  nur  im  Industriestaat.
17.  Im  vorstehenden  Vergleiche  städtischer  und  ländlicher  Ernährung  wurde
noch  nicht  berücksichtigt,  daß  für  den  Städter  die  Nahrung  im  allgemeinen  weniger
preiswert  zur  Verfügung  ist.  Von  der  Qualität  verkehrswirtschaftlicher  Nahrungsmittel ­
  war  schon  die  Rede 2 ).  Daß  der  Preis  von  Landprodukten  durch  den  Verkauf
in  die  Stadt  gesteigert  wird,  scheint  selbstverständlich,  trifft  aber  aus  mancherlei
Gründen  nicht  immer  zu,  weder  bei  Einfuhrwaren  noch  bei  manchen  Produkten
des  Inlands.  Es  wurde  schon  gezeigt 3 ),  daß  anscheinend  in  neuester  Zeit  das  Preisniveau ­
  der  Lebensmittel  zwischen  Großstadt  und  Land  sich  auszugleichen  beginnt;
am  übelsten  dürfte  dabei  der  Konsument  der  Mittelstadt  fahren.
18.  Der  empirische  Beweis,  daß  die  städtisch  gewordene  Bevölkerung  ihren
Nahrungsbedarf  heute  schlechter  befriedigt  als  die  ländliche,  wird  mit  Hilfe  der  Konsumtionsstatistik ­
  schon  darum  nicht  leicht  zu  führen  sein,  weil  wir  die  unter  verschiedenen ­
  Existenzbedingungen  erforderlichen  Kostmaße  nicht  genügend  kennen.
Unter  diesem  Gesichtspunkte  ist  Grotjahns  Versuch,  einen  Rückgang  der  Ernährung ­
  für  die  Masse  städtischer  Arbeiter  gegenüber  der  Landbevölkerung  aus  den  Haushaltungszahlen ­
  zu  erschließen,  von  K  e  s  t  n  e  r  mit  Recht  kritisiert  worden.  Allein
dem  naheliegenden  Verdachte,  daß  die  Masse  der  städtischen  Bevölkerung  ihr  erhöhtes
Nahrungsbedürfnis  nicht  voll  befriedige,  steht  doch  die  Beobachtung  zur  Seite,  daß
der  Landmann  körperlich  leistungsfähiger  und  in  besserem  Ernährungszustände  zu
sein  pflegt  als  der  Städter.  Und  wenn  es  zutrifft,  daß  die  Sterblichkeit  wohl  in  der
Stadt,  aber  nicht  auf  dem  Lande  mit  dem  Wohlstände  differiert 4 ),  wird  sogar  die
Annahme  unabweislich,  daß  auf  dem  Lande  nicht  nur  das  Nahrungsbedürfnis,  sondern ­
  die  Existenzbedürfnisse  überhaupt  im  allgemeinen  so  weit  befriedigt  sind,
wie  sie  den  Konsumenten  zum  Bewußtsein  kommen.
19.  Diese  Beobachtung  fällt  aber  zuungunsten  der  Stadt  um  so  schwerer  ins
Gewicht,  als  der  Städter  den  Konsumtionsbedarf  durch  Einschränkung
seiner  Kinderzahl  niedrig  hält.  Bekanntlich  hat  der  große  Geburtenrückgang
der  letzten  Jahrzehnte  in  Deutschland  sich  ganz  überwiegend  in  den  Städten  vollzogen, ­
  besonders  in  den  Großstädten.  War  früher  die  Kinderzahl  einer  großstädtischen ­
  Familie  mehr  infolge  der  hohen  Kindersterblichkeit  niedrig,  so  steht  sie  heute
infolge  des  schnellen  Geburtenrückgangs  vielleicht  noch  tiefer  unter  der  ländlichen.
Was  die  großstädtischen  Eltern  so  an  Arbeitskraft  und  an  Ausgaben  für  Kinder  sparen,
kann  der  Ernährung  zugute  kommen,  und  ohne  diese  Ersparnis  an  Familienlast
wäre  der  Mehrverbrauch  des  Städters  gegenüber  der  ländlichen  Familie  kleiner.
Es  wurde  schon  erwähnt,  in  welchem  Maße  eine  Familie  mit  wachsender  Kinderzahl
ihre  Nahrungsausgaben  pro  Quet  einschränkt.  Bezeichnet  man  den  Nahrungsverbrauch ­
  der  Erwachsenen  in  kinderloser  Ehe  mit  der  Ziffer  100,  so  sinkt  er  auf
bei  1  2  3  4  5  Kindern
(391  deutsche  Familien  1907)  91,1  86,0  85,4  78,3  73,3
(1043  amerikanische  Familien  1903)  90,2  80,0  71,1  62,4  54,7
Bei  5  Kindern  beträgt  hienach  die  durchschnittliche  Einschränkung  in  Deutschland ­
  gut  1/4,  in  den  Vereinigten  Staaten  sogar  fast  die  Hälfte;  pro  Kind  in  Deutsch1 ­
 )  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  Band  54,  S.  68  und  603.
2 )  Oben  S.  141.
3 )  Oben  S.  136.
4 )  Westergaard  und  v.  Bortkiewicz  in  Schmollers  Jahrbuch  1903,  306.
        <pb n="55" />
        Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

155

§  7

land  5,7%,  in  den  Vereinigten  Staaten  9,4%  1 ).  Nimmt  man  die  Beeinträchtigung
namentlich  der  mütterlichen  Arbeitskraft  hinzu,  so  läßt  sich  überschlagen,  in  welchem
Maße  die  Verkleinerung  großstädtischer  Familien  auch  nur  um  ein  Kind  den  durchschnittlichen ­
  Verbrauch  ceteris  paribus  gesteigert  haben  muß  2  3 ).  Auch  für  die  Beurteilung ­
  der  modernen  Verbrauchszunahme  im  ganzen  ist  dieses  Mittelglied  der  Familienverkleinerung ­
  nicht  zu  übersehen.  In  Berlin

standen

von  je  lOOOOEinw.

waren  von  je

im  Alter  von

lOOOOEinw.

0—15  J.

15—60  J.

über  60  J.

verheiratet s )

1.  Dez.  1890

2742

6733

523

4148

2.  „  1895

2664

*  6776

557

4268

1.  „  1900

2572

6828

593

4367

1.  „  1905

2464

6896

634

4462

1.  „  1910

2396

6905

697

4578

Auf  je  1000  Verheiratete  usw.  entfielen  Kinder  von  0—15  Jahren:

in  Berlin
1.  Dez.  1890  661
2.  „  1895  624
1.  „  1900  589
1.  „  1905  552
1.  „  1910  523

im'  Reiche
879
831

Diese  von  vornherein  in  Berlin  extrem  niedrige  Belastungsziffer  ist  also  —  durch
Rückgang  der  Kinderzahl  und  in  kleinerem  Umfange  allerdings  auch  durch  Vermehrung ­
  der  alten  Leute  —  in  20  Jahren  um  mehr  als  20%  wei  ter  ermäßigt,  und  dementsprechend ­
  für  den  Mehrkonsum  des  Individuums  Spielraum  geschaffen  worden.
Die  durchschnittliche  Konsumziffer  des  Reichs  mußte  schon  dadurch  gesteigert
werden,  daß  die  großstädtische  Bevölkerung  mit  ihrer  niedrigen  Belastungsziffer
schnell  zunahm.  Beachtenswert  ist  die  enorme  Vermehrung  des  Alkoholverbrauchs
in  Frankreich 4  * )  in  den  letzten  Menschenaltern  zugleich  mit  dem  Siegeszuge  des
Zweikindersystems;  ein  Seitenstück  zur  heutigen  Abstufung  des  Alkoholkonsums
in  Deutschland  je  nach  der  Kinderzahl 6 ).  Man  soll  jedoch  nicht  übersehen,  daß  die
Verminderung  der  großstädtischen  Kinderzahl  zum  Teil  mit  ersparter  Kindersterblichkeit ­
  parallel  geht  und  insofern  als  Fortschritt  zu  begrüßen  ist.
20.  Wir  kehren  nunmehr  zu  der  vorhin  verlassenen  Frage  zurück,  ob  die  durchschnittliche ­
  Ernährung  des  deutschen  Konsumenten  der  physiologischen  Norm
entspricht.  Selbstverständlich  läßt  sich  bei  unserer  heutigen  Kenntnis  die  Frage
nicht  beantworten;  weder  ist  die  Statistik  des  Konsums  genügend  zuverlässig,  noch
hat  die  Physiologie  die  Kostmaße  der  einzelnen  Berufe  schon  ermittelt,  noch  kennen
wir  das  durchschnittliche  Körpergewicht  und  andere  für  die  Ernährung  relevante
Eigenschaften  in  jeder  Berufsart.  Nur  darum  kann  es  sich  handeln,  ob  schon  aus  den
vorhandenen  Daten  ein  Anlaß  zur  Beunruhigung  oder  zur  Befriedigung  zu  entnehmen ­
  ist.
Weder  das  eine  noch  das  andere  trifft  zu.  Erinnert  man  sich,  daß  der  von  Lichtenfeit ­
  berechnete  Durchschnittskonsum 6 )  bei  den  Kohlehydraten  und  namentlich
beim  Fett  über  Voits  großstädtische  Norm  weit  hinausging,  so  ist  diese  Ueberschreitung
  vermutlich  in  erster  Linie  durch  den  erhöhten  Kalorienbedarf  unserer  schwer
arbeitenden  Landleute  bedingt;  es  wäre  auffallend,  wenn  sie  fehlte.  Auffallend  ist
höchstens  die  einseitige  Steigerung  des  Konsums  von  Fett,  dem  konzentriertesten

x )  Nach  Bauer  im  Handwörterbuch  d.  St.
2 )  Speziell  der  städtische  Fleischkonsum  pro  Kopf  wird  durch  sinkende  Kinderzahl  doppelt
beeinflußt:  erstens,  weil  Kinder  weniger  Fleisch  essen,  und  zweitens,  weil  das  freie  Einkommen
mit  sinkender  Kinderzahl  steigt.
3 )  Mit  Einrechnung  der  Geschiedenen,  Eheverlassenen  und  Verwitweten.
*)  A  p  e  11,  S.  134  f.
6 )  Oben  S.  125.
6 )  Eiweiß:  115  statt  (Voits  Norm)  118  g,  Fett  90  statt  56  g,  Kohlehydrate  549  statt  500  g.
        <pb n="56" />
        156  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  7

Nahrungsmittel,  verglichen  etwa  mit  der  viel  bewunderten  Kost  des  Japaners,  die
durch  ihre  extreme  Fettarmut  und  die  damit  verbundene  Nötigung  zu  voluminöser
Kost  vielleicht  das  Fettwerden  verhütet;  da  der  Japaner  auch  sehr  wenig  Fleisch
verzehrt,  steht  ihm  freilich  auch  weniger  animalisches  Fett  aus  der  inländischen
Produktion  zur  Verfügung;  und  andererseits  ist  die  moderne  Steigerung  des  Fettkonsums ­
  in  Westeuropa  gewiß  mit  eine  Folge  des  zunehmenden  Fleischverbrauchs
und  der  organischen  Verbundenheit  von  Fleisch-  und  Fettproduktion.
Daneben  gibt  das  fast  unmerkliche  Zurückbleiben  des  Eiweißkonsums  hinter
Voits  Norm  sicher  zu  keinem  Bedenken  Anlaß.  Selbst  wenn  ein  Konsum  von
nur  115  g  statistisch  sicher  wäre,  würde  er  nichts  weniger  als  auffällig  klein
sein;  die  Voitsche  Norm  von  118  g  soll  ja  nur  für  großstädtische  und  zwar
Münchener  Fleischkonsumsitten  gelten,  und  soll  ferner  eine  Norm  für  Massenverpflegung ­
  sein,  hinter  der  der  Durchschnittskonsum  bei  individuell  freier  und  dem
individuellen  Bedarf  angepaßter  Kostwahl  bedeutend  Zurückbleiben  darf;  endlich
ist  sie  nur  eine  Schätzung,  und  geht  jedenfalls  über  das  niedrigste  physiologische
Eiweißminimum  um  das  Mehrfache  hinaus.  Man  darf  daher  annehmen,  daß  außer
dem  Eiweißminimum  auch  das  im  Sinne  Rubners  gemessene  Eiweißbedürfnis  für
den  durchschnittlichen  Konsumenten  bei  dem  von  Lichtenfeit  ermittelten
Gesamtkonsum  in  vollem  Maße  gedeckt  ist.  Diese  Annahme  für  den  Durchschnitt
schließt  eine  Unterernährung  in  einzelnen  Fällen  oder  Gruppen  von  Fällen,  etwa
in  hausindustriellen  Bevölkerungsschichten,  nicht  aus,  und  vielleicht  wird  sich
künftig  auf  besserer  physiologischer  und  statistischer  Grundlage  darüber  etwas  ermitteln ­
  lassen.
Auch  ein  moderner  Physiologe  wie  Cohnheim 1 )  nimmt  an,  daß  das  Eiweißbedürfnis ­
  im  durchschnittlichen  deutschen  Konsum  fast  überall  gedeckt  sei.  R  u  b  n  e  r
selbst  hat  sich  neuerdings  speziell  über  die  Befriedigung  des  Fleischbedürfnisses
ausführlich  geäußert.  Nach  Voits  Schätzung  sollen  von  den  118  g  Eiweiß  etwa  35%
in  der  Gestalt  von  Fleisch  verzehrt  werden.  Danach  wären  230  g  Schlächterfleisch
=  191  g  reines  Fleisch  für  Massenkost  und  nach  Münchener  Art  erforderlich.  Rubners ­
  2 )  Rechnung,  die  an  Eßlen  anknüpft 3 ),  ergibt  einen  tatsächlichen  Konsum
des  Erwachsenen  von  183  g  im  Durchschnitt  des  Reichs;  für  München  selbst  auf  Grund
von  Lichtenfelts  Zahlen  289  g,  für  Berlin  259  g,  also  viel  mehr  als  nötig.  Dabei  sind
freilich  die  auch  nach  Rubners  Meinung 4 )  für  die  Kostbedarfsmengen  der  einzelnen ­
  Altersklassen  nicht  ganz  zutreffenden  Umrechnungssätze  Quetelets  zugrunde
gelegt.  Da  aber  nach  seiner  Meinung  Quetelet  für  den  kindlichen  Bedarf  relativ  zu
viel  angesetzt  hat,  würden  die  obigen  Konsumziffern  des  Erwachsenen  sich  noch
erhöhen.  Andererseits  hat  Rubner  selbst  darauf  hingewiesen,  daß  die  vom  Konsumenten ­
  gekauften  Fleischmengen  sich  noch  um  die  Abfälle  im  Haushalt  verringern,
die  sehr  ins  Gewicht  fallen  5 ).  Aber  er  kommt  doch  zu  dem  Schlüsse  ®):  „Man  kann
getrost  sagen,  daß  man  auch  ohne  das  Fleisch  gesund  und  bei  Kraft  bleiben  kann.
Wenn  man  aber  behauptet,  daß  schon  geringfügige  Verminderungen  der  Fleischkost
unter  allen  Umständen  eine  Ernährungsunmöglichkeit  und  den  Untergang  einer
Nation  heraufbeschwören  können,  so  ist  das  eitles  und  unverständiges  Gerede.“

9  a.  a.  O-  S.  459.  2 )  1913,  S.  106  f.
3 )  Vgl.  §  5.  *)  S.  47.
6 )  S.  46:  „Man  weiß  meistens  nicht,  wieviel  in  der  Küche  verloren  wird,  und  nicht  alle
Nahrungsmittel  sind  absolut  gute  Ware,  daher  geht  manches  schon  in  den  Mülleimer,  ehe  es
verzehrt  wird.  Die  Abfälle  von  Gemüse,  Obst,  auch  Fleisch  usw.  sind  wechselnd  und  unbestimmt. ­
  Am  verschiedensten  sind  die  Abfälle  bei  Tisch  und  die  Verluste  durch  das  Aufbewahren ­
  und  Verderben  der  Speisen;  erstere  können  zwischen  3  und  25%  ausmachen;  ich  habe
einmal  auf  den  enormen  Fettreichtum  der  städtischen  Sielwässer  hingewiesen,  die  nicht  weniger ­
  als  etwa  20  g  pro  Kopf  und  Tag  enthalten  und  zum  großen  Teil  Küchenverluste  darstellen.“ ­
  Vgl.  auch  Rubner  1908,  S.  72—73.  In  England  und  Nordamerika  dürfte  die
Vergeudung  von  Nahrungsmitteln  noch  größer  als  in  Deutschland  sein.
•)  S.  83.
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        Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

157

Es  sei  nur  die  zum  Vorurteil  erstarrte  soziale  Gewöhnung,  die  sich  gegen  jede  Beschränkung ­
  eines  als  wichtig  angesehenen  Nahrungsmittels  aufbäume I ).
Wir  können  dieser  Formulierung  Rubners  nicht  ohne  Vorbehalt  zustimmen.
So  richtig  es  ist,  daß  mit  einer  noch  dazu  unzuverlässigen  Fleischverbrauchsdurchschnittsziffer ­
  eine  Unterernährung  weder  bewiesen  noch  in  Abrede  gestellt  werden
kann,  bleibt  doch  jeder  Rückgang  des  Fleischverbrauchs  in  einer  städtischen
Bevölkerung  ein  ernstes  Symptom,  das  nach  unserer  früheren  Ausführung  die  beginnende ­
  Unterernährung  einer  städtischen  Bevölkerungsschicht  anzeigen  kann.
21.  Daß  der  Städter  auch  in  bezug  auf  Kleidung  und  Wohnung  bedürftiger
ist  als  der  Freiluftarbeiter,  daß  z.  B.  der  Luftraum  der  Wohnung  für  ihn  viel  mehr  ins
Gewicht  fällt 2 )  und  daß  er  auch  bei  weitgehender  Befriedigung  dieser  Sonderbedürfnisse ­
  doch  auch  in  diesen  Richtungen  körperlich  schlechter  im  Stande  zu  sein  pflegt,
sei  nur  kurz  bemerkt.  Wir  berühren  damit  schon  das  Grenzgebiet  der  Konsumtion
derjenigen  Güter,  die  man  als  nicht  wirtschaftliche  anzusehen  pflegt,  insbesondere
der  Konsumtion  von  Luft.  Der  Städter  konsumiert  schlechtere  Luft,  und  ist  eben
deswegen  bedürftig  in  Beziehung  auf  den  Wohnraum.  Eine  fortschreitende  Verschlechterung ­
  der  Atemluft  tritt  aber  ein  mit  dem  Wachstum  der  Stadt,  speziell
z.  B.  auch  mit  der  Zunahme  des  Rauchs  aus  den  Schornsteinen  der  Häuser  und
Fabriken.  Der  Rauch  verunreinigt  erstens  die  Luft  direkt  und  trägt  zweitens  zur
Nebelbildung  bei,  deren  Zunahme  man  zahlenmäßig  verfolgen  kann;  so  gab  es  nach
R  u  b  n  e  r  3 )  in  London  Nebel  in  den  Monaten  Dezember,  Januar,  Februar:  1870—75
93,  1875—80  119,  1880—85  131,  1885—90  156;  so  daß  „der  düstere,  der  Sonne  feindliche ­
  Nebel  sich  immer  mehr  ausbreitet  und  vielleicht  ein  künftiges  Geschlecht  mit
Verderben  zu  bedrohen  scheint“.  Allein  wir  greifen  damit  über  auf  das  Gebiet  der
allgemeinen  hygienischen  Probleme  des  Stadtlebens,  die  unter  dem  Gesichtspunkte
der  Konsumtion  nicht  erschöpfend  erörtert  werden  können.  Die  zunehmende  Ungesundheit ­
  wachsender  Städte  kann  übrigens  bekanntlich  durch  hygienische  Reformen
wenigstens  zeitweise  überkompensiert  werden.
Wir  haben  in  diesem  Paragraphen  gesehen,  wie  große  Aufgaben  der  heutigen
Produktion  gestellt  sind,  um  neben  den  gestiegenen  sozialen  Ansprüchen  auch  die
veränderten  körperlichen  Bedürfnisse  der  neuen  großstädtischen  Bevölkerungsmasse
zu  befriedigen.  Aber  wir  sahen  auch,  daß  eben  diese  Kraftanstrengung  auf  dem
Gebiete  der  Produktion  neue  Kulturwerte  schafft,  die  zugleich  als  ein  Ersatz  gelten
mögen  für  die  Einbuße  an  ideellen  Werten,  die  der  Konsument  durch  die  wirtschaftliche ­
  Entwicklung  erlitten  hat.

0  R  u  b  n  e  r  1908,  S.  132f.  Rubner  lehnt  auch  Momberts  Rechnung  ab,  daß  mit  einem
täglichen  Aufwande  von  63  Pfg.  keine  ausreichende  Ernährung  möglich  sei  (1913,  S.  45).
2 )  Hervorgehoben  schon  von  Rubner  1898,  S.  25.  Außer  der  geräumigen  Wohnung
hat  der  lufthungrige  Städter  für  sein  Atmungsbedürfnis  aber  auch  den  täglichen  Spaziergang,
den  häufigen  Ausflug  ins  Freie  und  den  kostspieligen  sommerlichen  Landaufenthalt  nötig
(Rubner  S.  40  f.).  Für  den  Großstädter  tritt  noch  der  häufige  Wohnungswechsel  hinzu,
als  verteuernder  und  neben  den  Affektionswerten  des  Lebens  auch  die  Gesundheit  schädigender
Faktor:  „Diese  Wandersucht  belastet  gerade  die  Inhaber  kleiner  Wohnungen  so  sehr,  daß
man  im  Durchschnitt  die  Ausgaben  für  Wohnungsänderung  auf  rund  10%  der  Miete  veranschlagen ­
  kann.  Die  Behaglichkeit  und  Liebe  zum  eigenen  Heim  leidet  darunter.  Die  Wanderung ­
  und  Mischung  der  Bevölkerung  ist  aber  auch  von  sanitärem  Nachteil  wegen  der  Krankheiten, ­
  die  man  häufig  zugleich  mit  dem  neuen  Quartier  acquiriert.  Für  die  Entstehung  der
Diphtherie  bildet  der  Wohnungswechsel  nicht  so  selten  den  unmittelbaren  Anstoß.  Eine
Wohnung  ist  einem  abgelegten  Kleidungsstück  vergleichbar;  es  steckt  mancherlei  Gefährliches ­
  in  einer  solchen  abgelegten  Kleidung,  und  mit  der  Wohnung  und  ihrem  Wechsel  verhält
es  sich  fast  ebenso.“  (Rubner  S.  27.)
3 )  Flygienisches  von  Stadt  und  Land,  1898,  S.  13,  22.
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        158  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.

§  8

gfea—MH—«

§  8.  Zukunftsfragen  der  Konsumtion.
Ueber  die  Zukunft  der  Konsumtion  läßt  sich  natürlich  nur  in  vagen  Vermutungen ­
  sprechen.  Ob  mit  einer  sozialen  Hebung  der  Massen  zu  rechnen
sein  wird,  ob  der  ostasiatische,  westeuropäische  oder  amerikanische  Konsumtionstypus ­
  die  Oberhand  gewinnen  wird,  ob  Kriege,  Seuchen,  Naturereignisse
die  Existenzbedingungen  verschlechtern  oder  verbessern  werden,  wie  bald  es
der  chemischen  Forschung  gelingen  mag,  die  natürliche  Produktion  der  Nahrungs- ­
  und  Bekleidungsmittel  zu  ergänzen:  von  all  diesen  Fragen  hängt  die
Wandlung  des  Konsumtionstypus  und  die  Grenze  der  künftigen  Konsumtionsmöglichkeit ­
  wie  der  Bevölkerungszunahme  ab;  andererseits  würde  ein  starker  Rückgang ­
  der  Bevölkerungszunahme,  wie  er  sich  in  den  Ländern  westeuropäischer  Kultur
anzubahnen  scheint,  den  Konsumtionsspielraum  auskömmlicher  erscheinen  lassen.
Man  hat  öfter  berechnet,  daß  die  Fortdauer  und  Verallgemeinerung  eines  Geburtenüberschusses ­
  von  jährlich  1—1%%,  wie  in  den  letzten  Jahrzehnten  des  19.  Jahrhunderts ­
  in  vielen  europäischen  Staaten,  bald  zu  einer  phantastischen  Bevölkerungsdichte ­
  führen  müßte,  ohne  zu  berücksichtigen,  daß  schon  die  Annäherung  an  einen
solchen  Dichtigkeitsgrad  hemmende  Konsumtionsschwierigkeiten  schaffen  würde.
Die  oft  angekündigte  Chance  einer  künstlichen  Herstellung  von  Nahrungsstoffen
hat  konkretere  Gestalt  gewonnen,  seit  EmilFischer  1907  in  der  Berliner  Akademie ­
  der  Wissenschaften  auf  Grund  seiner  Proteinforschungen  in  der  Darstellung
künstlicher  Fermente  den  Weg  wies,  der  in  absehbarer  Zeit  die  Nutzbarmachung
des  Holzes  für  die  tierische  Ernährung  in  Aussicht  stellt.  Ohne  diese  Möglichkeit
zusätzlicher  Nahrungsmengen  zu  berücksichtigen,  hat  man  die  maximale  Ernährungskraft ­
  der  Erde  mit  sehr  verschiedenen  Schätzungen  zu  begrenzen  versucht  ’).
Nimmt  man  eine  überwiegend  vegetabilische  Nahrung  an,  mit  sehr  wenig  Nutzvieh ­
  und  Zugvieh,  so  daß  die  Bodenfläche  fast  restlos  unmittelbar  dem  menschlichen
Unterhalte  dient,  wie  in  Ostasien,  und  legt  man  vollends  den  mäßigen  Nahrungsbedarf ­
  des  durchschnittlich  kleinen  Ostasiaten  zugrunde,  so  kommt  man  zu  hohen
Maximalzahlen.  Der  englische  Geograph  Ravenstein  berechnete  1890,  daß
6  Milliarden  Menschen  auf  der  Erde  leben  können,  der  deutsche  Statistiker  v.  Fircks
(1898)  über  9  Milliarden,  um  von  phantastischen  Schätzungen  bis  zu  250  Milliarden
zu  schweigen.  Die  heutige  Erdbevölkerung  bleibt  wahrscheinlich  hinter  2  Milliarden
erheblich  zurück.  Ballod  berechnete  1912,  unter  Berücksichtigung  der  für  Textilstoffe ­
  erforderlichen  Fläche  und  bei  der  Annahme  einer  Steigerung  der  Ernten  pro
Hektar  auf  das  1  y 2 —2  fache  der  heutigen  amerikanischen  Menge,  entweder  6,8—7
Milliarden  nach  deutschem  oder  22,4  Milliarden  nach  ostasiatischem  Typus  lebende
Menschen  als  Höchstzahl;  bei  gehobener  Lebenshaltung  wären  diese  Zahlen  zu  reduzieren, ­
  bei  Entdeckung  großer  Lager  von  Phosphorsäure,  dem  für  die  künstliche
Düngung  der  Nahrungsfläche  künftig  knappen  Bestandteil,  zu  erhöhen.
Daß  der  künftige  Nahrungsbedarf  auch  von  dem  Maße  der  Stadtbildung  und
Industrialisierung  abhängt,  ergibt  sich  aus  den  Ausführungen  des  vorigen  Paragraphen.
Unter  Umständen  kann  aber  das  Gesetz  vom  abnehmenden  Bodenerträge  die  Menschheit ­
  nötigen,  wieder  mehr  zur  landwirtschaftlichen  Arbeit  zurückzukehren,  um  dem
Boden  durch  arbeitsintensivste  Bewirtschaftung  maximale  Erträge  abzugewinnen;
während  umgekehrt  die  wahrscheinlich  dicht  bevorstehende  oder  schon  beginnende
Abnahme  des  relativen  Ertrages  im  Bergbau  geeignet  ist,  teils  mehr  Arbeitskräfte
dem  Bergbau  zuzuführen,  teils  den  Verbrauch  industrieller  Waren  und  den  Güterverkehr ­
  zu  vermindern.  Ballod  vermutet,  daß  die  Menschheit,  um  den  Standard  ihrer
Bedürfnisbefriedigung  aufrecht  zu  halten,  schließlich  versuchen  werde,  sich  den
subtropischen  Gebieten  zu  akklimatisieren,  die  bei  reichlichen  Ernten  eine  Ersparnis
J )  Vgl.  zum  Folgenden  Ballod,  Wieviel  Menschen  kann  die  Erde  ernähren  ?  Jahrbuch ­
  für  Gesetzgebung  1912,  S.  81  f.
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        Konsumtionspolitik.

159

§  9

an  Brennmaterial,  Bekleidung,  Nahrung  und  Wohnungsaufwand  zulassen;  Weizen
und  Roggen  freilich  gedeihen  in  der  gemäßigten  Zone  besser.

§  9.  Konsumtionspolitik.
Nach  alter  Regel  berühren  wir  zuletzt  die  Frage  eines  obrigkeitlichen
Einflusses  auf  die  Konsumtion.  Es  wird  kaum  eine  wirtschaftspolitische  Maßnahme ­
  geben,  die  auf  die  Konsumtion  ohne  Einfluß  wäre,  wenn  auch  nur  durch  das
Mittelglied  der  Produktion.  Aber  an  dieser  Stelle  des  Handbuches  können  nur  solche
obrigkeitliche  Maßnahmen  in  Betracht  kommen,  die  einen  Einfluß  dieser  Art
geradezu  bezwecken  oder  ihn  doch  unmittelbar  üben.
Im  ganzen  läßt  der  moderne  Staat  den  Konsumenten  frei  schalten.  Luxusgesetze,
wie  sie  in  älteren  Jahrhunderten  verbreitet  waren,  die  noch  die  Unvernunft  sozial
rivalisierender  Konsumtionstendenzen  als  eine  eindringende  Neuerung  empfanden  *)
oder  im  Schmuckgebrauch  der  Edelmetalle  obenein  eine  Schädigung  des  Geldumlaufs
sahen,  sind  aus  der  Mode  gekommen.  Der  Staat  verbietet  oder  erschwert  nur  noch
unsittliche  Ausgaben,  z.  B.  durch  die  Zensur  unsittlicher  Schaustellungen,  mit  einem
unter  Umständen  bedenklich  weiten  Arbitrium  der  entscheidenden  Beamten,  und
erschwert  in  eklatanten  Fällen  auch  die  unhygienische  Konsumtion:  durch  seine
Wohnungsgesetzgebung  und  sonstige  Sorge  für  gute  Wohnungen,  durch  die  Regelung ­
  des  Alkoholschankwesens,  die  mitunter  bis  zur  Prohibition  geht *  2 ),  durch  die
Nahrungsmittelpolizei 3 )  und  durch  scharfe  Besteuerung  unhygienischer  Konsumtionsmittel. ­
  Nur  in  Ausnahmefällen  erstreckt  sich  die  obrigkeitliche  Fürsorge  heute
noch  auf  ihr  früheres  Lieblingsgebiet,  die  Kleidung  (Damenhüte  im  Theater,  Hutnadeln ­
  in  der  Straßenbahn);  ihr  Schwergewicht  ist  auch  nicht  annähernd  zu  vergleichen ­
  mit  dem  zwingenden  Einfluß,  den  die  Mode  übt;  höchstens  daß  den  Staatsdienern ­
  selbst  eine  Amtstracht  vorgeschrieben  wird.  Eine  Einschränkung  der  Produktion ­
  und  Konsumtion  zugleich  bezwecken  Maßnahmen,  die  im  Interesse  der
künftigen  Konsumtion  das  volkswirtschaftliche  Vermögen  an  Forsten,  Kohlenschätzen ­
  usw.  gegen  Raubbau  schützen  wollen.  Von  einschneidender  tatsächlicher ­
  Wirkung  auf  die  Konsumtion  sind  diejenigen  Steuern  und  Zölle  auf  Nahrungs- ­
  und  Genußmittel  wie  auf  Gebrauchsgüter,  die  ihrer  Absicht  nach  dem  fiskalischen ­
  oder  schutzzöllnerischen  Zwecke  dienen.  Auf  sie  kommt  der  nächste  Paragraph ­
  zurück.
Allein  die  obrigkeitliche  Einflußnahme  auf  die  Konsumtion  beschränkt  sich  nicht
auf  diese  verbietende  und  ablenkende  Funktion:  kaufe  diese  Ware  nicht!  oder:
kaufe  sie  nicht  vom  Auslande!  sondern  der  Staat  bevormundet  die  Wahlfreiheit  des
Konsumenten  auch  in  positiver  Richtung,  überall  wo  das  volkswirtschaftliche  Interesse ­
  eine  Produktion  auch  ohne  selbsttätige  Nachfrage  der  Konsumenten  erfordert; ­
  sei  es  durch  direktes  Gebot:  Schulzwang,  Impfzwang,  Versicherungszwang,
Alimentationszwang  usw.,  sei  es  durch  Subventionierung  nützlicher  Produktionszweige ­
  (wie  Seefischerei),  Pflege  der  Transportmittel 4 )  und  Gestaltung  ihrer  Tarife

J )  Zum  Teil  richteten  sich  die  Luxusordnungen  direkt  gegen  den  Auszeichnungstrieb,
indem  sie  gewisse  Arten  des  Kleidungsaufwands  als  Standestracht  einer  Minderheit  vorbehielten. ­

s )  Uebersicht  im  Reichsarbeitsblatt  1906,  S.  553f.
3 )  Beispiel:  Reichsgesetz,  betr.  die  Schlachtvieh-  und  Fleischbeschau,  1900.
4 )  Der  für  den  Konsumenten  wichtigste  Erfolg  der  modernen,  großenteils  staatlichen
Transportmittel,  die  Verhütung  örtlicher  Hungersnöte  infolge  von  Mißernten  (Rußland,  Indien), ­
  wurde  in  früheren  Generationen  mitunter  durch  staatliche  Getreidespeicher  oder  durch
die  den  Bäckern  vorgeschriebenen  Mehlvorräte  (in  Paris  bis  1863)  erstrebt.  Heute  wird  die
Errichtung  solcher  Speicher  für  den  Kriegsfall,  und  zwar  nicht  nur  für  den  militärischen  Bedarf, ­
  in  England  und  anderwärts  ventiliert.  In  Rußland  werden  die  Zuckerfabriken  vom  Staate
zum  Halten  eiserner  Zuckervorräte  für  den  Fall  steigender  Zuckerpreise  genötigt.
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        160  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §10

im  Interesse  mäßiger  und  stabiler  Preise  von  Existenzgütern  x ),  sei  es  durch  eigenen
Dazwischentritt  der  Obrigkeit  als  nachfragendem  Faktor:  Staat  oder  Gemeinde  befriedigen ­
  eigenhändig  wichtige  aber  latente  Bedürfnisse,  die  durch  Nachfrage  der
bedürftigen  Konsumenten  selbst  nicht  genügend  zur  Geltung  gebracht  werden,
entweder  infolge  der  Enge  ihres  Gesichtskreises,  oder  wegen  mangelnder  Kaufkraft:
Pflege  von  Kunst  und  Wissenschaft,  Wohlfahrtspflege  bis  zur  amtlichen  Speisung
von  Schulkindern,  Armenpflege;  alles  auf  dem  Gebiet  öffentlicher  Aufgaben,
das  man  mit  dem  Omnibusbegriffe  des  staatlichen  (oder  kommunalen)  Kultur-  und
Wohlfahrtszwecks  umschreibt.  Aber  auch  die  Aufgaben  des  staatlichen  Rechtsund ­
  Machtzwecks  sind  nichts  anderes,  als  eine  bevormundende  Lenkung  der  Nachfrage. ­
  So  können  wir  die  Ausdehnung  der  staatlichen  und  kommunalen  Tätigkeit
als  eine  zunehmende  Verstaatlichung  oder  Kommunalisierung  der  Nachfrage  bezeichnen. ­
  Eine  positive  obrigkeitliche  Einflußnahme  auf  die  Konsumtion  finden
wir  schließlich  auch  in  den  Wohlfahrtseinrichtungen  öffentlicher  Betriebe,  die  in  der
Wohlfahrtspflege  privater  Arbeitgeber  ihr  Seitenstück  finden;  beide  stellen  zugleich
ein  Stück  Naturallohn  dar.
Der  obrigkeitlichen  Konsumtionspolitik  stehen  als  eine  Art  Selbsthilfe  gegen  die
Gefahren  ungeregelter  Konsumtion  die  Abstinenz-  und  Mäßigkeitsvereine  zur  Seite,
die  gegen  den  Alkohol  kämpfen;  sie  haben  in  germanischen  Ländern  mehr  Anhang  2 )
als  in  den  romanischen  Weinländern.  Viel  schwächer  ist  die  Agitation  gegen  den
Tabakkonsum.  Im  wesentlichen  der  Vergangenheit  gehören  Vereine  gegen  den
Kleiderluxus  an.  Nicht  ohne  Bedeutung  sind  die  Sittlichkeitsvereine,  wenn  auch
einen  viel  weitergehenden  sittlichen  Einfluß  auf  das  ganze  Gebiet  der  Konsumtion
die  Kirche  und  noch  intensiver  die  Sekte  übt.

§  10.  Speziell  Einfluß  der  Steuer  auf  die  Konsumtion.

Wie  jede  Verteuerung  einer  Ware  die  Nachfrage  vom  Optimum  der  sonst  möglichen ­
  Befriedigung  ablenkt,  so  auch  die  Verteuerung  durch  die  Steuer,  insbesondere
durch  Aufwandsteuern,  die  einzelne  Güter  differenziell  belasten.
Für  die  Wirkung  der  Steuer  auf  den  Konsum  ist  die  Zuckersteuer  ein
Beispiel.  Der  deutsche  Zuckerkonsum,  in  den  70er  Jahren  6  kg  pro  Kopf,  stieg  bei

0  Die  Verhütung  starker  Preisschwankungen  bei  wichtigen  Nahrungsmitteln  wurde,
abgesehen  von  den  in  der  vorigen  Fußnote  erwähnten  Maßnahmen  gegen  Hungersnöte  und
Teuerung,  und  abgesehen  von  Brot-  und  Fleischtaxen,  auch  durch  die  gleitenden  Qetreidezölle
erstrebt,  die  bei  steigendem  Qetreidepreis  sich  ermäßigen.  Ueber  ihre  Bewährung,  namentlich ­
  in  England  in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts,  sind  die  Meinungen  geteilt;  während
unter  dem  Einfluß  der  freihändlerischen  Antikornzollagitation  das  Urteil  über  sie  mißgünstig
getrübt  wurde,  greift  man  neuerdings  auf  dieses  Rezept  zurück  (Kühn,  in  Mentzel  und  v.
Lengerkes  landwirtschaftlichem  Kalender  1896.  v.  d.  Goltz,  Vorlesungen  über  Agrarwesen, ­
  1899.  Human,  Der  deutsch-russische  Handelsvertrag,  1900.  Gr  ab  ein,  Die  deutschen ­
  Getreidezölle  der  Zukunft,  1900.  Krehl,  Der  bewegliche  Getreidezoll,  Greifswalder
Dissertation  1905.  Henningsen,  Die  gleitende  Skala  für  Getreidezölle,  1912).  Das  großartigste ­
  Projekt  für  eine  Stabilisierung  des  Getreidepreises  ist  die  Monopolisierung  der  Getreideeinfuhr, ­
  in  Deutschland  unter  dem  Etikett  des  Antrags  Kanitz  bekannt.
2 )  ln  Deutschland  schneller  Aufschwung  (nach  zeitweiligem  Hochstande  schon  vor  Jahrzehnten) ­
  im  20.  Jahrhundert.  Nach  dem  Reichsarbeitsblatte  1910,  S.  196  stieg  die  Mitgliederzahl ­
  des  Deutschen  Vereins  gegen  den  Mißbrauch  geistiger  Getränke  (Mäßigkeit)  1900—1909
von  13  872  auf  34  618,  des  Guttemplerordens  (Abstinenz)  von  9237  auf  40  053  (ungerechnet
12  752  Jugendliche),  des  Deutschen  Hauptvereins  des  Blauen  Kreuzes  (Abstinenz)  von  9248
auf  35  302  (ungerechnet  6095  Jugendliche).  Im  ganzen  waren  1909  abstinent  in  Deutschland
etwa  140  000  organisierte  Personen  (darunter  271  Mitglieder  des  Deutschen  Bunds  abstinenter
Studenten),  ungerechnet  die  organisierten  Anhänger  der  Mäßigkeit;  nach  anderer  Schätzung
Anfang  1910  über  200  000  Personen.  Unvergleichlich  größer  ist  die  Verbreitung  der  Abstinenz
in  den  Vereinigten  Staaten,  Großbritannien,  Skandinavien,  wie  ja  auch  die  Schankgesetzgebung ­
  des  Auslands  eine  viel  radikalere  ist.  Auch  auf  dem  Höhepunkte  der  ersten  deutschen
Mäßigkeitsbewegung,  1845,  rechnete  man  mit  viel  größeren  Zahlen:  schätzungsweise  1  650  000
organisierte  Abstinenzler  und  Mäßige.  Vgl.  die  Skizze  der  Temperenzbewegung  im  Reichsarbeitsblatt ­
  1906,  S.  455  f.
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        Speziell  Einfluß  der  Steuer  auf  die  Konsumtion.

161

§  10
sinkendem  Preise  bis  1912  auf  11—12  kg.  Am  1.  September  1903  wurde  die  Reichsverbrauchsabgabe ­
  für  100  kg  Zucker  von  20  auf  14  Mark,  der  Zoll  von  40  auf  18,8  Mk.
ermäßigt,  der  Kleinhandelspreis  fiel  von  40  auf  25  Pfg.  pro  kg,  und  der  Verbrauch
stieg  sprungweise  von  11—12  auf  17  kg  (1903/4),  um  auf  dieser  Höhe  annähernd
zu  bleiben.  Daneben  zeigt  freilich  die  zunehmende  Einbürgerung  des  Zuckers  in
den  Konsum  auch  eine  gewisse  Unabhängigkeit  vom  Preise.
Die  umgekehrte  Wirkung,  die  einer  erhöhten  Steuer  auf  den  Konsum,  kann
man  am  Branntweinverbrauch  studieren.  Die  deutsche  Branntweinsteuer ­
  wurde  am  1.  Oktober  1909  bedeutend  erhöht,  bei  Beginn  des  Betriebsjahrs
1909/10.  Der  Jahreskonsum  pro  Kopf  der  Bevölkerung  war  im  Jahrfünft  1888/9
bis  1893/4  4,4—4,7  1,  im  Jahrfünft  1898/99—1902/3  4,3  1  Alkohol,  sank  1903/4  bis
1907/8  auf  3,9  1,  erreichte  1908/09  durch  Vorverkauf  vor  der  Steuer-  und  Zollerhöhung
scheinbar  noch  einmal  4,2  1  und  sank  in  den  drei  folgenden  Jahren  auf  2,8,  3,0,  2,9  1.
Die  schon  vorhandene  Tendenz  eines  Konsumrückgangs  scheint  durch  die  erhöhte
Steuer  ruckweise  beschleunigt  worden  zu  sein.  Im  Jahre  1887  soll  schon  einmal
die  Verteuerung  des  Branntweins  durch  die  Steuer  neben  einer  starken  Verwässerung
des  landläufigen  Fabrikats  zu  einem  bedeutenden  Rückgänge  des  Verbrauchs  geführt ­
  haben,  der  sich  aber  nicht  beziffern  läßt.
Der  Verbrauch  von  Gütern,  die  zum  notwendigen  Lebensbedarfe
gehören,  wird  von  der  Steuer  natürlich  weniger  beeinflußt.  Aber  ein  Einfluß,  der
objektiv  den  Konsum  wenig  abzulenken  vermag,  kann  doch  subjektiv  für  den  Konsumenten ­
  um  so  empfindlicher  sein.  Das  Salz  bedürfnis  des  Körpers  z.  B.  ist  bei
sonst  gegebener  Ernährungsweise  eine  ziemlich  feste  Gi'öße,  und  seine  Nichtbefriedigung ­
  von  einer  gewissen  Grenze  an  1 )  ein  schwerer  hygienischer  Schaden;  trotzdem ­
  soll  die  enorme  Höhe  der  älteren  Salzsteuern  zu  einer  merklichen  Verringerung
des  Konsums  geführt  haben,  soweit  nicht  der  barbarische,  aber  für  die  Ernährung
und  für  den  Fiskus  heilsame  Konsumtionszwang,  die  sog.  Salzkonskription,  den
Konsum  hoch  hielt.  In  England  steigerte  die  Aufhebung  der  Salzsteuer  den  Verbrauch ­
  auf  das  Dreifache,  18  kg  pro  Kopf,  statt  7 1 / 2 —8  kg  in  Deutschland.  Die
mehr  vegetabilisch  genährte  Bevölkerung,  also  außer  der  ländlichen  die  ärmere
städtische,  braucht  am  meisten  Salz  und  wird  durch  die  Steuer  am  meisten  gefährdet.
Bei  einem  so  viel  entbehrlicheren  Nahrungsmittel  wie  dem  Fleisch  ging
in  Basel  1901—06  der  Verbrauch  pro  Quet  um  12%  zurück,  während  die  Preise
unter  dem  wesentlich  mitwirkenden  Einflüsse  des  Schweizer  Fleischzolls  um  12
bis  14%  stiegen.  „Familien  mit  einem  Gesamtverbrauche  von  3000  fr.  reduzierten
den  Fleischverbrauch  um  '/ 3  und  gingen  vielfach  zu  Alkoholabstinenz  sowie  zum
stärkeren  Verbrauche  von  Teigwaren  über“  2 ).
Neben  der  volkswirtschaftlichen  Beeinflussung  des  Konsums  im  ganzen  durch
die  Steuer  ist  von  besonderem  Interesse  die  sozial  verschiedene  Beeinflussung ­
  des  Haushalts  von  Reich  und  Arm.  Wir  berühren  damit  das  viel  erörterte
Problem  der  sozialen  Verteilung  der  Steuerlast,  dieses  aber  nicht  in  seinem  ganzen
Umfange;  uns  interessiert  hier  hauptsächlich,  wie  die  Last  der  Aufwandsteuern ­
  verteilt  ist;  dagegen  wie  die  Steuerlast  im  ganzen  sozial  wirkt,  geht  mehr
die  Finanzwissenschaft  und  die  Lehre  der  Einkommensverteilung  an.
Die  Aufwandsteuern,  namentlich  die  Verbrauchssteuern,  sollen  bekanntlich  die
breite  Masse  belasten,  um  den  Druck  der  Erwerbssteuern,  der  hauptsächlich  die
oberen  Einkommensgruppen  trifft,  zu  ergänzen.  In  welchem  Umfange  sie  das  tun,
ist  aus  zwei  Gründen  schwer  festzustellen;  einmal  müßte  man  wissen,  wieweit  die
Steuer  wirklich  auf  den  Konsumenten  überwälzt  wird,  und  zweitens,  wieviel  die
Haushaltungen  je  nach  der  Einkommenshöhe  und  Kopfzahl  von  jedem  Steuerobjekt
konsumieren,  und  eigentlich  auch,  wieviel  sie  ohne  die  Steuer  konsumiert  haben
*)  Wieweit  das  Salz  notwendiger  Verbrauchsartikel,  wieweit  Genußmittel  sei,  ist  strittig.
Vgl.  Rubner  1903,  S.  449  f.
a )  Stephan  Bauer,  S.  144.
Sozialökonomik.  II.

ll
        <pb n="62" />
        162  I.  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.

§  1«

würden.  In  ersterer  Hinsicht  kann  selbst  bei  vollständiger  Ueberwälzung  eines  Kostenzusclilags
  auf  den  Konsumenten  doch  eine  eigentümliche  Verschiebung  eintreten,
wie  beispielsweise  Lichtenfeit  für  Bonn  nachzuweisen  versucht  hat,  daß  die  Steigerung ­
  des  Getreidepreises  nur  auf  den  Preis  des  Luxusbrots  überwälzt  wurde,
während  die  Preise  von  Roggen-  und  Graubrot  sanken.  Oder  es  kann,  namentlich
bei  günstigen  Abwanderungschancen,  der  lohnarbeitende  Konsument  die  Steuer
auf  seinen  Arbeitgeber  weiterwälzen.  Zur  Beantwortung  der  zweiten  Frage  war
man  über  die  allgemeinen  Wahrheiten  des  Engelschen  und  Schwabeschen  Gesetzes
bis  vor  kurzem  nicht  wesentlich  hinausgekommen,  bis  im  Jahre  1895  F.  J.  N  e  umann
 1 )  für  76  Haushaltungsbudgets  (aus  den  Jahren  1872—90)  die  Belastung
mit  Reichsverbrauchssteuern  ausrechnete.  1908  hat  sein  Schüler  G  e  r  1  o  f  f  2 )
eine  ähnliche  Berechnung  für  180  Haushaltungsbudgets  gemacht,  die  den  Jahren
1899  ff.  angehören.  Später  sind  sie  von  ihm  auf  die  neuen  Steuersätze  von  1906
und  1909  umgerechnet  worden  3 ).  Trotz  mancher  Bedenken,  die  die  Kritik 4  * )  gegen
die  Zuverlässigkeit  des  Materials  und  die  Sorgfalt  seiner  Verarbeitung  geltend  gemacht ­
  hat,  ermöglicht  auch  Gerloffs  Arbeit  doch  einen  sehr  schätzbaren  Einblick.
Die  Belastung  beträgt  bei  einem  Einkommen  von

weniger  als  800  M.
800—1200  M.
1200—2000  M.
2000—4000  M.
4000—10  000  M.
über  10  000  M.

nach  Neumann
%
4,51—7,28
3,69—5,11
2,72—3,75
1,67—2,11
1,45—1,79
0,83—0,86

nach  Gerloff  6 )
%
3.56—  5,06  (6,71)
3.56—  4,96  (6,64)
2,76—3,72  (5,88)
1,70—2,34  (2,58)
0,95—1,30  (2,14)

In  Gerloffs  Berechnung  setzt  sich  die  Belastungsziffer  aus  folgenden  Posten
zusammen:  Steuerbelastung  des  Einkommens  in  Prozenten  6  * ):

Salz  Petroleum  Fett,  Schmalz  Fleisch  ’)  Brotgetreide

Arme

0,33

0,44

0,07—0,14

Unbemittelte

0,31

0,39

0,07—0,14

Wenig  Bemittelte

0,15

0,32

0,05—0,10

Bemittelte

0,07

0,28

0,03—0,06

Wohlhabende

0,03

0,07

0,02—0,04

(0,17)  0,08—0,16  (0,50)  1,14—2,28  (3,26)
(0,17)  0,12—0,24 8 )  (0,72)  1,07—2,14  (2,90)
(0,12)  0,13—0,26  (0,83)  0,80—1,60  (2,47)
(0,07)  0,10—0,20  (0,59)  0,52—1,05  (1,46)
(0,04)  0,09—0,18  (0,56)  0,25—0,50  (0,73)

Zucker

Kaffee  Tabak

Bier  Branntwein

Arme
Unbemittelte
Wenig  Bemittelte
Bemittelte
Wohlhabende

0,59—0,88  (0,59)
0,43—0,61  (0,43)
0,40—0,51  (0,40)
0,25—0,33  (0,25)
0,16—0,24  (0,16)

0,55  (0,78)  0,15  (0,19)  0,22  (0,88)
0,70  (1,05).  0,26  (0,33)  0,25  (1,00)
0,46  (0,63)  0,17  (0,40)  0,32  (1,28)
0,18  (0,27)  0,15  (0,31)  0,14  (0,56)
0,14  (0,20)  0,09  (0,34)  0,11(0,44)

0,07  (0,10)
0,06  (0,09)’
0,09  (0.13)
0,08  (0,12)
0,08  (0,12)

Die  Spannung  zwischen  Mindest-  und  Höchstsatz  der  Belastung  kommt  im  wesentlichen ­
  dadurch  heraus,  daß  bei  einigen  Artikeln  wie  Brot  mit  der  Möglichkeit
einer  nur  halben  Ueberwälzung  des  Zolls  gerechnet  wird.  In  diesem  Betrage  wird
4 )  Zur  Gemeindesteuerreform  in  Deutschland,  S.  255  f.  Vgl.  Neumann,  Die  persönlichen ­
  Steuern  vom  Einkommen  (1896),  S.  44  f.
2 )  Verbrauch  und  Verbrauchsbelastung  kleiner  und  mittlerer  Einkommen  in  Deutschland ­
  um  die  Wende  des  19.  Jahrhunderts.  Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  Bd.  35,  S.  1  ff.
und  S.  145  ff.
3 )  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften  VI 3 ,  144.
4 )  So  Krüger  in  der  Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft  1910  und  1911.
Feig  S.  823.
6 )  In  Parenthese:  Höchstbelastung  nach  dem  Tarife  von  1909.
*)  In  Parenthese  die  Höchstsätze  nach  dem  Tarif  von  1909.  Da  die  Verbrauchszahlen
unter  der  Voraussetzung  des  alten  Tarifs  zugrunde  gelegt  sind,  haben  diese  Ziffern  nur  eine
fiktive,  aber  gerade  für  die  Frage  der  Konsumablenkung  interessante  Bedeutung.
’)  In  der  ersten  Tabelle  ist  der  Fleischzoll  nicht  berücksichtigt,  weil  bei  Neumann  dieser
Posten  fehlt.
*)  Nach  Krüger  berichtigt.
        <pb n="63" />
        Speziell  Einfluß  der  Steuer  auf  die  Konsumtion.

163

natürlich  auch  die  konkurrierende  inländische  Ware  verteuert,  obwohl  sie  steuerfrei ­
  ist;  diese  Verteuerung  ist  zur  Steuerlast  gerechnet.
Die  Tabelle  zeigt,  in  wieviel  stärkerem  Maße  das  Budget  der  niederen  Einkommensstufen ­
  belastet  wird;  eine  entsprechend  stärkere  Ablenkung  des  Konsums
der  belasteten  Artikel  ist  anzunehmen.  Wo  der  Konsum  eines  versteuerten  und  verteuerten ­
  Artikels  eingeschränkt  wird,  muß  gleichzeitig  das  physiologische  Bedürfnis
durch  ein  Surrogat  befriedigt  werden,  z.  B.  durch  vermehrten  Kartoffelkonsum  bei
Verteuerung  des  Brots.  Wo  wie  beim  Salz  der  Konsum  nicht  leicht  einzuschränken
ist,  wird  wenigstens  jedes  Korn  um  so  sorgfältiger  verwendet,  während  im  wohlhabenden ­
  Haushalte  die  achtlose  Vergeudung  nicht  unbeträchtlich  sein  dürfte;  und
es  muß  die  Mehrausgabe  für  Salz  bei  andern  Artikeln  wieder  eingespart  werden.
Es  besteht  ja  überhaupt  bei  gegebenem  Einkommen  eine  gewisse  gegenseitige  Bedingtheit ­
  zwischen  allen  Ausgabeposten;  der  Verteuerung  an  einer  Stelle  muß  eine
Ersparnis  an  anderer  entsprechen.  Auf  den  oberen  Einkommensstufen,  die  durch
Erwerbssteuern  belastet  sind,  kommt  diese  Bedingtheit  auch  darin  zum  Ausdruck,
daß  auch  um  diesen  Betrag  der  Erwerbssteuern  die  andern  Ausgabeposten  gekürzt
werden  müssen.  Wenn  bei  den  entbehrlicheren  Steuerobjekten  der  Verbrauch  größer ­
  gewesen  sein  würde  ohne  die  Steuer,  so  wird  der  Rückgang  des  Verbrauchs  den
Preis  gedrückt  und  die  Ueberwälzung  der  Steuer  beeinträchtigt  haben.  Immerhin
ist  Laspeyres  *)  der  Nachweis  gelungen,  daß  die  Aufhebung  der  preußischen  Mahlund
  Schlachtsteuer  1873  dem  Konsumenten  in  vollem  Umfange  zugute  gekommen
sei,  woraus  folgt,  daß  die  Steuer,  solange  sie  bestand,  wahrscheinlich  vom  Konsumenten ­
  in  vollem  Umfange  getragen  wurde.
Da  wir  wissen,  daß  mit  der  Kopfzahl  der  Familie  die  Quote  der  Nahrungsausgabe ­
  im  Budget  steigt,  so  müssen  wir  leider  annehmen,  daß  ebenso  wie  die  armen
auch  die  kinderreichen  Familien  von  den  Verbrauchssteuern  vorzugsweise  getroffen
und  in  ihrer  Ernährung  gefährdet  werden.
Die  Tabelle  zeigt  zweitens,  daß  die  Steuerbelastung  auf  den  mittleren  Einkommensstufen ­
  zwischen  den  beiden  Erhebungszeiträumen  annähernd  gleich  geblieben ­
  zu  sein  scheint.  Der  scheinbare  Rückgang  der  Belastung  auf  der  obersten
und  untersten  Stufe  läßt  bei  der  unvollkommenen  Vergleichbarkeit  beider  Erhebungen ­
  keine  sicheren  Schlüsse  zu.  Wohl  aber  würde  der  Vergleich  einzelner  Verbrauchsobjekte, ­
  wie  Zucker  und  Kaffee,  wenn  der  Raum  die  Wiedergabe  der  detaillierten ­
  Tabelle  Neumanns  erlaubte,  eine  zunehmende  Mehrbelastung  der  unteren
Klassen  zeigen,  die  teilweise  wenigstens  sich  wohl  aus  der  Verbilligung  dieser  Artikel ­
  erklärt;  die  Verbilligung  hat  vorzugsweise  auf  den  unteren  Stufen  den  Konsum ­
  (und  damit  die  Steuerlast)  gesteigert,  während  auf  den  oberen  Stufen  man  sich
dem  Sättigungspunkt  schon  näherte.  Beim  Petroleum  läßt  der  starke  Verbrauchsrückgang ­
  auf  der  obersten  Stufe  (von  205  auf  41  kg)  den  Einfluß  von  Gas-  und  elektrischer ­
  Beleuchtung  erkennen.  Der  beträchtliche  Rückgang  des  Kaffeekonsums
auf  den  oberen  Stufen  deutet  auf  Zunahme  des  Tee-  und  Kakaokonsums,  vielleicht
auch  des  Surrogatenkonsums  hin.  Der  Rückgang  des  Salz-  und  Zuckerkonsums  auf  den
oberen  Stufen  läßt  angesichts  der  allgemeinen  Verbrauchsstatistik  auf  zunehmenden
indirekten  Verbrauch  dieser  Artikel  in  Suppenwürzen,  Konserven  und  andern  Präparaten ­
  schließen.  Dagegen  zeigt  der  Branntweinverbrauch  auch  auf  den  unteren
Stufen  einen  starken  Rückgang,  dem  eine  beträchtliche  Vermehrung  des  Bierverbrauchs ­
  entspricht.  So  gibt  diese  Belastungsstatistik  zugleich  einen  Einblick  in  Bedarfsverschiebungen,
  die  mit  der  Steuer  nicht  Zusammenhängen.
Es  steht  da  in,  ob  auch  bei  den  hier  zugrunde  hegenden  Wirtschaftsrechnungen
die  Familien  der  unteren  Einkommensstufen  die  kinderärmeren  sind,  so  daß  ihre
Mehrbelastung  bei  gleicher  Kinderzahl  als  noch  schwerer  erscheinen  müßte.
Noch  nicht  angerechnet  ist  in  den  obigen  Tabellen  die  Belastung  des  Haushalts

0  Finanzarchiv  1901.

11*
        <pb n="64" />
        164  I-  Buch  B  III:  K.  Oldenberg,  Wirtschaft,  Bedarf  u.  Konsum.  §  10
mit  kommunalen  und  einzelstaatlichen  Verbrauchsabgaben.  Die
hauptsächlich  in  Süddeutschland  und  Sachsen  verbreitet  gewesenen  kommunalen
Nahrungsmittelsteuern  sind  seit  1910  von  Reichs  wegen  verboten;  es  bleiben  aber
noch  die  staatlichen  Fleischsteuern,  hauptsächlich  in  Sachsen  und  Baden,  die  Ueberschüsse
  der  kommunalen  Schlachthausgebühren  und  die  staatlichen  und  kommunalen
Getränkesteuern.
Wenn  in  Staaten  mit  hohen  Nahrungssteuern  die  Belastung  des  Existenzbedarfs
eine  stärkere  ist,  so  bleibt  es  doch  mißlich,  diese  internationale  Belastungsdifferenz
zu  beziffern;  gelingt  es  wirklich,  die  Nahrungsmittelpreise  gleicher  Qualitäten  für
zwei  Länder  zu  vergleichen,  so  bleibt  der  Zweifel,  ob  die  Preisdifferenz  nicht  andere
Gründe  hat,  und  ob  nicht  Unterschiede  in  den  Konsumgewohnheiten  die  Rechnung
umstoßen.
Aufgabe  der  Steuerpolitik  ist  tunlichste  Entlastung  des  Konsums
von  Existenzgütern,  in  erster  Linie  Beseitigung  der  steuertechnisch  bequemen,  aber
unbilligen  und  in  Deutschland  noch  dazu  unverhältnismäßig  hohen  Salzsteuer.  Leider ­
  sprechen  bei  den  landwirtschaftlichen  Zöllen,  die  gleichfalls  den  Existenzbedarf
treffen,  noch  vorläufig  andere  Gründe  für  die  Beibehaltung,  darunter  vor  allen  das
Interesse  der  künftigen  Konsumtion  und  der  Konsumtion  im  Kriegsfall,  deren
Gefährdung  den  Ausgang  des  Krieges  entscheiden  kann.  Dagegen  verdienen  stärkere
Steuerbelastung  unhygiensiche  Genußmittel,  deren  Steuerfähigkeit  im  Auslande
schon  jetzt  viel  mehr  ausgenutzt  wird,  und,  soweit  es  steuertechnisch  angeht,  Gegenstände ­
  der  Rivalitätskonsumtion.  Im  letzteren  Falle  lenkt  übrigens  die  Steuer  den
Konsum  nicht  notwendig  ab,  sondern  kann  ihn  sogar  anziehen.  So  heißt  es  von  der
Pudersteuer,  die  bis  1869  in  England  bestand,  daß  gerade  der  notorisch  erhöhte  Preis
die  Nachfrage  demonstrationssüchtiger  Konsumenten  angeregt  habe.  Die  Volkswirtschaft ­
  kann  nur  gewinnen,  wenn  solche  Geldopfer,  die  nun  einmal  der  sozialen
Rivalität  gebracht  werden  müssen,  wenigstens  dem  Fiskus  zu  gute  kommen,  ohne
die  Volkswirtschaft  mit  zusätzlichen  Produktionskosten  zu  belasten.  In  ähnlichem
Sinne  kann  aber  auch  die  Veranlagung  namentlich  der  Klassen-  und  Einkommensteuer ­
  volkswirtschaftlich  sparsam  in  großem  Maßstabe  wirken,  wenn  sie
der  alten  Regel  folgt,  neben  den  direkten  Indizien  der  Einkommenshöhe  auch  das
indirekte  Symptom  der  offenkundigen  Lebenshaltung  heranzuziehen;  eine  mehr
und  mehr  antiquierte  Veranlagungsmethode,  die  aber  doch  seit  Generationen  dem
Bewußtsein  des  Steuerzahlers  sich  so  tief  eingeprägt  hat,  daß  sie  die  Steigerung  der
Lebenshaltung  wesentlich  gehemmt  und  die  Spartätigkeit  gestärkt  haben  wird.
Umgekehrt  muß  jede  Vermögens-  und  vollends  Vermögenszuwachssteuer  die  Konsumtion ­
  der  wohlhabenden  Schicht  steigern,  ihre  Spartätigkeit  hemmen;  der  Entschluß ­
  zu  jeder  größeren  Ausgabe  wird  durch  die  Hoffnung  erleichtert,  dem  Fiskus
ein  Stück  Zuwachssteuer  zu  entziehen,  und  die  verminderte  Spartätigkeit  kann  durch
Steigerung  des  Zinsfußes  und  Druck  auf  den  Kurs  der  Staatsanleihen  den  Fiskus
schädigen.
        <pb n="65" />
        382

Register.

A.
Abbe,  E.  169;  195
Abfallverwertung  280  ;  282;
312
Abhängigkeit,  direkte  5
—,  indirekte  6
Abstinenzvereine  160
Abstumpfung  118
Abwanderung  62
Ackerbau  62
—,  Entstehung  des  229
Aesthesiometer  175
Agglomeration  der  Bevölkerung ­
  54
Agrarstaat  67
Alkoholkonsum  124
Alkoholkonsumenten  151
Alter  der  Heiratenden  38
—,  produktives  59
Altersaufbau  52;  58
Ammon,  O.  195
Andree,  K.  2;  3
Anerkennungstrieb  112
Anpassung  191
Anwendungsbereich  eines
Fortschritts  337
Arbeit  als  Unlust  171
—,  angelernte  193
—,  auf  primitiver  Entwicklungsstufe ­
  178
—,  ausführende  195
—,  Begriff  der  170
—,  geistige  169
—,  gelernte  193;  194
—  im  Zunfthandwerk  184
—,  industriell-kommerzielle
192
—,  landwirtschaftliche  192
—,  leitende  195
—,  mechanische  166
—,  objektive  170;  175;  180
—,  produktive  196
—,  Produktivität  der  301
—,  Reduktion  der,  auf  nur
noch  auslösende  Verrichtungen ­
  270
—,  schöpferische  195
—,  Spaltung  der  mechanisierten ­
  298

Register.
Arbeit,  Stellung  der  Antike
zur  182
—,  Stellung  des  vorreformatorischen
  Christentums
zur  182
—,  subjektive  171;  175;  180
—,  ungelernte  193;  194
—,  unproduktive  196
—,  Verschmelzung  der  bedienenden ­
  299
—,  wirtschaftliche  169
Arbeiten  „um  Gottes  willen“
183
Arbeiter,  angelernte,  189;
194
—,  ungelernte  189
Arbeitserleichterung,  subjektive ­
  191
Arbeitsfreude  172;  198
Arbeitsgelegenheit  85
Arbeitsgemeinschaft  198
Arbeitsgesänge  178;  179
Arbeitskräfte,  Hierarchie  der
194
Arbeitsmaschine  190
Arbeitsökonomie  197
—,  ethische  198
Arbeitsresultate  zur  Messung
der  Arbeit  175
Arbeitstechnik  181
Arbeitsteilung  68;  178;  183;
188.
—  innerhalb  des  Betriebs  289
Arbeitstrieb  198
Arbeitsverschiebung  190
Arbeitswechsel  190
Arbeitszerlegung  187
Aristoteles  34
„Arrangieren“  283
Ashley  182;  186
Auffassung,  kausale  4
—  teleologische  4
Aufklärung  114
Aufwand,  Arten  des  304
—,  Begriff  des  210
Augustinus  182
Auslese  90;  94;  198
Ausschaltung  ungelernter  Arbeiter ­
  189
Auswanderer  65

Auswanderung  50;  67
Auszeichnungstrieb  112;  114
„Automatisieren“  271
Automatisierung  der  Maschinen ­
  189

B.
Ballod  124;  126;  128;  129;
136;  142;  158
Banause  182  *
Bartholomew  20
Bastiat  104
Baukunst,  romanische  185
Baumaterial  13
Bauwesen,  Industrialisierung
des  255
Becher,  J.  J.  197
Begabungen  196
Bemessung  mittelst  des  Geldlohnes ­
  177
Bergbau  14
Berghaus  30
Berieselung,  künstliche  19
Bernstein,  E.  193
Bernward,  Bischof  von  Hildesheim ­
  183
Beruf  185
Berufe,  einzelne  197
Berufsabteilungen  47
Berufsbildung  179
Berufsfreude  185;  191
Berufsgliederung  54
Berufsspaltung  184
Berufsstolz  185
Berufstechnik  247
Berufsverteilung  54
Berufswahl  42;  81;  198
Betrieb,  Ausgestaltung  des
309
—,  Durchbildung  des  311
—,  Ergänzung  des  312
—,  optimale  Gestaltung  des
326
—,  Theorie  des  288
Bevölkerung,  Dichte  der  34;
66
Bevölkerungskapazität  45;
66;  73
        <pb n="66" />
        Register.

383

Bevölkerungspolitik  34;  62
Bevölkerungsproblem  34;  73
—,  qualitatives  87;  89
—,  quantitatives  72
Bevölkerungsstatistik  34;  35
Bevölkerungswechsel  57
Bielfeld  69
Binnenschiffahrt  19
Binnenwanderung  50;  60
Block,  M.  105;  110
Boden  als  Fundstätte  351
—  als  Tragfläche  351
—,  Milderung  unserer  Abhängigkeit ­
  vom  351
Bodenbeschaffenheit  14
Bodenertrag  45;  66;  71;  77.
352  s.  a.  Gesetz
Bodengestaltung  10
—,  Einfluß  der,  auf  den  Verkehr ­
  11.
Bodenpreise  51
v.  Böhm-Bawerk  169;  171;
174.
Botero,  G.  35.
Branntweinverbrauch  161  ;
163.
Brauchbarkeit,  wirtschaftliche, ­
  eines  Volkes  101.
Brentano,  Lujo,  105;  113;
121;  122;  123;  143;  182
Brückner  3
Brunhe  3
Buchan  20
Buchdruck  240
Buckle  3
Bücher,  K.  116;  169;  178;
180;  182;  184;  186;  190;
191
Burckhardt,  J.  180;  182

C.
Calwer  136
Charakter,  künstlerischer,  der
Stoffveredlung  178
—,  topographischer,  der  Gewässer ­
  17
Chinesen  98
Chisholm  3
Cohen,  A.  169
Cohn  169
Cohnheim  105;  126;  140;
146;149;151;156
Culloch,  Mc.  70

D.
Dampfmaschine  250
Darwin  90
Davis-Rühl  10
Deckert,  E.  3
Degeneration  89
Detailhandel  193
Diehl  188
Diels  25

Dienstbotenberuf  193
Dietzel,  H.  171;  192
Doren,  A.  184
Dreifelderwirtschaft  63
Drude  25
Ducpetiaux  130
Dühring  104
Dürkheim  178

E.

Eckert  3
Edelmetalle  14
Edelsteine  14
Ehedauer  60
Eheschließungen  37;  61
Ehrenberg,  H.  188;  193
Eigenproduktion  182
Eigentums-  und  Besitzverteilung ­
  94
Eigenwirtschaft  139
Einsparungskraft  eines  Fortschritts ­
  336
Einsparungsrate,  erstentgangene ­
  325
Eis  des  Meeres  30
Eisenbahn  253
Eisen,  Gewinnung  und  Bearbeitung ­
  des  243
—  —,  Fortschritt  darin  251
Eisner  166
Eiszeit  23
Eiweißminimum  147
Energetik  166
Engel,  E.  130
Engelsches  Gesetz  131
Engels,  Fr.  188
Engler,  A.  25
Entartung  89
Entwicklung,  geographische  7
Erdbeben  12
Erdteile  7
Erfindung  333
Ergang  188
Ermüdung  167;  175
Ermüdungsgrad  175
Ernterertrag  64
Erntestatistik  127
Erschöpfung  167
Ersparnis  109;  114
Erwerbsarbeit  der  Frau  43
Erwerbstätigkeit  eines  Volkes
5;  7
Erwerbstrieb  113
Eßlen  126;  128;  129;  152
Ethik,  calvinistisch-puritanische
  186
Existenzminimum  84
Exportmenge  37

F.

Fabrik  299
Fabriklehrlinge  194
Fabriksprache  196

Fachwerkarchitektur  186
Fähigkeiten,  Vergleich  der
wirtschaftlichen,  in  den  einzelnen ­
  Rassen  98
Familienstand  38
Fauna  29
Feld-Graswirtschaft  63
Fer6  166
Feuerwaffe  240
Fichte  172
Filiation  der  technischen
Probleme  345
Fischer,  E.  158
Fischerei  31
Fleischkonsum  127;  150;  155;
156
Fleischverbrauch  161
Flora  28
Flußnetze  16
Form  der  Küsten  9
Fortpflanzung  83
Fortpflanzungsfähigkeit  39
Fortschritt  251;  336;  338;
339;  341;  342;  365;  380
—,  technischer  188;  374;  376
—,  wirtschaftlicher  68
Fortschritte  184
—,  kapitalsparende  bzw.  zehrende ­
  357
—,  der  Landwirtschaft  254.
—,  materialtechnische  365
—,  produktionstechnische358,
359,  360,  361,  363
—,  transporttechnische  364
Fortschrittlichkeit  der  modernen ­
  Technik  246;  345;
381
„forzierter“  Betrieb  315;  317
Francotte  182
Friedrich  3
Fruchtbarkeit  81
—,  eheliche  39
Fundstätte,  Boden  als  351

0.
Gaswechsel  176
Gebärfähigkeit  40
Gebrauchswert  104
Gebundenheit  des  ländlichen
Besitzes  51
Geburten  38;  57
Geburtenrückgang  154
Geburtenüberschuß  54;  57;
80;  89
Gedeihfläche,  Boden  als  351
Gerloff  162
Geschlechtskrankheiten  40
Geschlechtstrieb  39
Geschlechtsverkehr  83
Gesellschaftsarbeit  176
Gesellschaftsklassen,  einzelne
197
Gesetz  vom  abnehmenden
Bodenertrag  45;  66;  71;
77;  352
        <pb n="67" />
        384

Register.

Gesetz,  vom  steigenden  Ertrag ­
  66;  71
—,  Schwabesches  132
Gestaltung,  rhythmische,  der
Arbeitsbewegungen  179
Gesteine  13
Getreidepreise  37
Getreidezölle,  geltende  160
Gewässer,  Bedeutung  der,  für
den  Verkehr  19
Gioja  73
Girard  182
Gleichtakte  179
Gliederung  des  Festlandes  7
Göhre  186
Goldmark  166
Gossen  105;  123;  171
Gotik  185
von  Gottl-Ottlilienfeld  169
Gräbner  25
Grenzen,  seitliche,  des  technischen ­
  Fortschritts  372
Grenznutzen  110
Griesbach,  A.  25
Großbetrieb  42,  303
Großgrundbesitz  51
Großstädte  49
Großtechnik,  antike  235
—,  moderne  253
Grotjahn  105;  139;  142;  143;
154
Grünberg  180
Grundbesitzverteilung  50
Grundherrschaften  63
Grundrente  72
Grundrentenlehre  71
Güterverkehr  37
Güterverteilung  69,  70
Gurewitsch,  B.  178

H.
Habitus  der  Tiere  29
Häfen  10
Hahn,  E.  178
—,  F.  3
Handarbeit,  Ausschaltung  der
354
Handarbeiter  188
Handelsbilanz  34;  78;  79
Handwerk  42
—  als  Lehen  185
Handwerker  189
Handwerkertechnik  232
Handwerkslehre  194
Hann  3;  20
Harms,  B.  169
Harnack,  A.  192
Haushaltsrechnungen  130
Heeren  2
Heilprin  29
Heiraten  84
Heiratsalter  37;  59,  83
Heiratsziffer,  spezielle  38
Held  188
Hellpach,  W.  24

Hemmungen  des  technischen
Fortschritts  376
Herbertson  20
Herder  2
Herkner  169;  188;  192;  193
Hettner  3,  21
Hierarchie  der  Arbeitskräfte
194
Hindhede  118;  143;  147;  148
Hippokrates  2
Hobson,  J.  A.  188;  197
Hochofen  243
Hoffmann,  J.  G.  49
von  Humboldt,  A.  2
Hygiene  46

I,  J-Jacobi
  29
jevons  104;  171
Imbert  166
Industrialismus,  moderner
196
Industrieexportstaat  79
Industriestaat  66;  67;  76;  77
Industriestaaten  69
„Intensivieren“  265
von  Justi,  J.  H.  G.  35

K.
Kämmerer  188,  190
Kampf  ums  Dasein  62;  81;
94
Kapitalbildung  71
Kapitalgüter  71
Kapitalsklemme,  Ueberwindung
  der  356
Kapp  2
Kaufkraft  des  Geldes  135
Kaup  192
Kausalität  4
—,  chemische  4
—,  physikalische  4
—,  physiologische  4
—,  psychische  5
Kinderarbeit  43
Kirche,  katholische  43
Kirchhoff  3
Klassenbildung  94.
—,  soziale  90
Klassenhaß  191
Kleinhandel  42.
Klima  20.
—,  kontinentales  22
—,  ozeanisches  22
—,  psychologische  Wirkung
des  24
—,  Veränderungen  des  23
Klimate,  außertropische  22
—,  tropische  21
Klöster  182;  183
Klosterwerkstätten  183
Kobelt  29
Koppen  20,  21

Kohl  2
Kohlenbergbau  14
Kolonien  78
„Kombinieren“  279
Kompaß  241
„Kompensation“  im  Fortschritt ­
  342
„komplementäre“  Fortschritte ­
  342
Konjunktur  37
—  und  technischer  Fortschritt ­
  380
„Konsolidieren“  270
Konsumtion  104
Konsumtionspolitik  159
Kontinente  7
„Kontinuisieren“  273
„Kontinuität“  im  Fortschritt
341
Kontordienst  193
„Kontrakonkurrenz“  imFortschritt
  342
„Konzentrieren“  276
Kossel,  A.  148
Kostengüter  196
Kraepelin  166
Kraft,  M.  169;  195;  197
Kraftmaschine  190
Krümmel,  O.  30
Kulturpflanzen  28
Kundenproduktion  187
Küsten  9
—,  Lage  der  9
Küstentypen  9

L.
Land  7
Landarbeitermangel  45
Landflucht  193
Landwirtschaft,  Fortschritte
der  254
Lange  180
Lapparent  10
Laspeyres  163
Lebensdauer  47
—,  mittlere  58
Lebenserwartung,  mittlere  58
Lebenshaltung  74;  84
Lebenskosten  42
Lebensmitteleinfuhr  65
Lebensnot,  Grundverhältnis
der  206
Leclaire  195
Lehmann,  A.  169;  176
Leistungsfähigkeit,  kunstgewerbliche ­
  187
Leonardo  da  Vinci  242
Le  Play  130;  139
Levasseur,  E.  182;  184;  186;
188
Levenstein  188
Lexis  115
„Lex  Julia  et  Papia  Poppaea“
  34
Lief  mann  196
        <pb n="68" />
        Register.

385

Lockmittel  des  Völkerverkehrs ­
  14
Lohnfonds  70
Lohnfondstheorie  70
Lohntheorien  69;  70;  73
Lotmar,  P.  197
Luxus  115
M.
Malthus  35;  69;  70;  73;
76;  82
Malthusianismus,  prophetischer ­
  73
Manufaktur  186;  290;  298
Martonne  3
Marx  85;  174;  186;  188
Maschine,  Begriff  der  291
—,  Sinn  der  292
—,  Verhältnis  der,  zur  Produktion ­
  296
Maschinenwesen  191
Maschinenzeitalter  188
Mäßigkeitsvereine  160
Materialbasis,  Aenderungen  in
der  369
Materialeinholung  371
Materialverschiebung  durch
,  den  Fortschritt  365
mechanisches  Erfinden,  Fähigkeit ­
  des  242
„Mechanisieren“  271
Mechanisierung  der  ganzen
Material-  und  Lastenbewegung ­
  189
Meer  30
—,  Wirkungen  des  8
Merkantilisierung  142
Merkantilismus  34;  69
Merkantilisten  196
Messungsmöglichkeiten  der
Arbeit  174
Metalltechnik  232
Methoden,  exakte,  zur  Ermittlung ­
  der  Ermüdung
176
Meyer,  Ed.  180
Militärtauglichkeit  90
Mill,  James,  70
Mineralien  14
Minerallagerstätten  13
Mittelmeere  7
Mode  115
Moment,  religiöses  43
Mönch,  Theophilus,  183
Montesquieu  2;  3;  5
Möser,  Justus  35
Mosso  166;  175
Moszkowski  178
Motiv  4
„Mutation“  im  Fortschritt
341
N.
Nahrungsmittelproduktion
64;  65
Sozialökonomik.  II.

Nahrungsspielraum  62;  66;
73;  82
Nationaleinkommen  60;  78
Nationalvermögen  60
Natureinflüsse  6
Naturumgebung,  unmittelbare ­
  5
Neger  99
Neumann,  F.  J.  162
-,  K.  2
Neurath,  O.  182
„Normalisieren“  272

0.
Obergrenzen  des  technischen
Fortschritts  374
Ordnung,  gesellschaftliche  33
Organische  Schranken  der
menschlichen  Wirkungsmacht ­
  349
Ostwald  176
Owen  195
Ozeane  7

P.

Passivität  der  Handelsbilanz
78
Patten  105;  111;  120;  171
Penck  10
Perthes  30
Peschei  2
Petroleumverbrauch  127;  163
Pflanzenwelt  25
Pflichtbewußtsein  198
von  Philippovich  196
Phiüppson  3
Physiokraten  196
Physiologische  Grundlagen
der  körperlichen  Arbeit  166
Ploetz,  A.  197
Pohle  132;  134;  135
Prinzip,  ökonomisches  58
—,  wirtschaftliches  210
Prinzipien,  betriebsgestaltende ­
  287
—,  der  technischen  Vernunft
261
—,  theoretische,  der  Technik
258
Problemstellung,  Arten  der
technischen  218.
Produktion  68;  209
—,  Ausmerzung  des  Zufälligen ­
  aus  der  349
—,  Fortschritte  im  Sinne  der
Ergänzung  der  358
—,  Fortschritte  im  Sinne  der
Erleichterung  der  361
—,  Fortschritte  im  Sinne  der
Kräftigung  der  359
.—,  Fortschritte  im  Sinne  der
Verbesserung  der  360
—,  gewerbliche  69

Produktion,  rationelle  Gestaltung ­
  der  261
—,  technischer  Ausbau  der
338
—,  Umordnung  der  247
Produktionsprozeß,  kapitalistischer ­
  41
Produktionsweise,  sozialistische ­
  191;  198
Produktivität  196;  221
—  der  Arbeit  71
—,  privatwirtschaftliche  196
Proportion  197

Q.
Qualitäten,  geringe  wirtschaftliche ­
  99
Quesnay  173
Quetelet  134;  156

R.
„Raffinieren“  266.
Ranke,  J.  183
Rasse  90;  98
Rassenbiologie  89
Rassengefährdung  89
Rathenau,  W.  195
Rationalisierung  des  Ablaufs
eines  Produktionsvorganges ­
  265
—  des  Verlaufs  der  Produktion ­
  287
Rationalität,  erwerbsmäßige
223
—,  technische  220
—,  wirtschaftliche  219
Ratzel  2;  3;  5
Ratzinger,  G.  182,  184
Reallohn  72
Reclus  2;  3
Reinhold,  K-  Th.  169;  188
Rentabilität  196;  223
„Resultantenbildung“  im
Fortschritt  341
Reuleaux  188
Ricardo  70;  71
Richthofen  2;  3;  10
Riehl,  W.  H.  169
von  Rieppel  193
Ritter,  K.  2;  3;  4
Rodungen  63
Rohstoffproduktion  77
Roscher  170
Roth  166
Rubner  105;  120;  122;  127;
128;  141;  143;  145;  146;
147;  149;  150;  153;  156;
157;  166
Rückgang  der  Fruchtbarkeit
93
Rückwanderung  50
Rümelin  49
Ruskin,  J.  184
25
        <pb n="69" />
        386

Register.

S.
Säuglingssterblichkeit  47;  59;
93
Salz,  A.,  169;  171;  174
Salzkonsum  163
Salzverbrauch  126;  161
Sammelwirtschaft  62.
Satz  vom  wachsenden  Nutzen ­
  der  Betriebsanlage  316
—  von  der  abnehmenden
Zinslast  des  Betriebes  318
—  von  den  auftauchenden
Möglichkeiten  besserer  Anordnung ­
  307
—  von  der  fallenden  Quote
304
—  von  der  steigenden  Wichtigkeit ­
  des  Kleinen  309
Say  104;  107
Schimper,  W.  25
Schloß-Bernhard  175
Schlüter  3
von  Schmoller  113;  114;  169;
178;  180;  184;  186
Schnapper-Arndt  130;  138
Schnellbetrieb  313
Schnellschneidstahl  190
Schönberg  184
Schott  30
Schreiberarbeit  193
von  Schubert-Soldern  169
Schüler  144
von  Schulze-Gaevernitz  188
Schurtz  178;  179
Seeschiffahrt  30
Selektion  90.
Senior  70
Sering  192
Sexualproportion  54
Shadwell  188
Shield,  Nicholson,  J.  169
Sievers  3
„Simplifizieren“  265
Sinzheimer,  L.  188
Sismondi  84;  188
Sklavenarbeit  180
Smith,  A.  69;  104;  169;
174
Sombart  104;  107;  114;  115;
118;  142;  182;  184;  188;
195
Sommerlad  182
Sonnenfels  69
Spartätigkeit  164
Spencer  39
Stadtleben  143
Stammestechnik  231
Stand  185
Standesehre  191
Standort  353
Stand  und  Gliederung  der
Bevölkerung  51
Steigerungen  der  persönlichen
Arbeitsleistungen  191
von  Stein,  Lorenz  36
Steinhausen,  G.  182

Stephenson,  George  253
Sterbetafel  59
Sterblichkeit  46;  57;  80
—,  in  Stadt  und  Land  91
Steuer  163
Steuerpolitik  164
Stieda  184;  186
Stilmuster,  volkstümliche
180
Strabo  2
Strömungen  30
Stuhlmann,  F.  178
Sueß  10
Supan  3

T.
Tabakkonsum  127
Tauglichkeit  92
Tauglichkeitsziffer  93
Taylor-System  351
Technik  68
—,  Arten  der  205
—,  Begriff  der  204
—,  Entwicklung  der  331
—,  gewerbliche  184
—,  Grundgedanke  der  208
Technischer  Fortschritt,  Begriff ­
  des  332
—,  Grenzen  des  372
—,  leitende  Gedanken  des
348
—,  Maß  des  335
—,  praktische  Aufgaben  des
358
—,  technologische  Zusammenhänge ­
  im  341
—,  und  wirtschaftliche  Entwicklung ­
  346
—,  Wertstufen  des  333
—,  wirtschaftliche  Rezeption ­
  des  338
—,  wirtschaftliche  Zusammenhänge ­
  im  342
Technischer  Wille  260;  350
Technisches  Wirken  213
Technische  Wissenschaften
259;  345
Technologischer  Fortschritt
334
Teuerung  78;  81
Textilgewerbe,  Industrialisierung ­
  der  248
Tierwelt  29
Tragfläche,  Boden  als  351
Tragweite,  technische  eines
Fortschritts  338
—,  wirtschaftliche  eines  Fortschritts ­
  339
Treves  166
Trinkwasser  18
Troeltsch,  E.  182
Trouesart  29
Typen,  genetische  4
„Typisieren“  272

U.
Uebertragung  5
Uebervölkerung  34;  72;  73
Uebervölkerungsgefahr  73
Uebung  168
Unabhängigkeit,  anscheinende, ­
  von  der  Natur  6
„Unifizieren“  275
Unternehmergewinn  72
Unternehmung  222
Untervölkerung  34;  73
Urtechnik  226

V.
Vegetation  26
Veraguth,  O.  176
Verbrauch  68
Vereinigungen,  gesellige,  bei
der  Arbeit  179
Verkehrswirtschaft  139;  141;
142
Verlagssystem  186
Vernunftprinzip  der  Technik
210;  258
Verteilung  der  Geschlechter
53
—  des  Festlandes  7
Viehzucht  62
Vierkandt,  A.  178
Volkswachstum  55;  57
Volkswohlstand  74
Vulkane  12

W.
Wagner,  Adolph,  170;  180
Wagner,  H.  3
Wallace,  A.  K-  20
Wanderarbeit,  slavische  193
Wanderbewegung  44;  45;  49;
60
Wanderung  5;  60
Wanderungsverlust  65
Wäntig  182;  184;  186
Wasser  16
Wasserhaushalt  17
Wasserkräfte  19
Wasserscheiden  16
Watt,  James,  250
Weber,  Alfred,  188
—,  Max,  105;  128;  139;  141;
143;  166;  180;  182;  186
Wechseltakte  179
Wehrkraft  92
Weinand  182
Weizenpreis  37
Weltmarkt  76  '
Wendt,  H.  180
Werkzeug,  Entstehung  des
227
Werkzeugmaschinen  189
Wert  196
Whitaker  171
        <pb n="70" />
        Register.

387

Widerstandsfähigkeit,  physische ­
  gegenüber  wirtschaftlicher ­
  Betätigung  102
Willensenergie  198
Winde  30
Wirkung,  trennende,  des  Meeres ­
  8
—,  verbindende,  des  Meeres  8
Wirkungen,  pathologische  23
—,  physiologische  23
Wirminghaus  105
Wirtschaft  33;  98
—,  Begriff  der  213

Wirtschaft,  Inhalt  der  209
—,  moderne  97
Wirtschaft  und  Technik  215
Wirtschaften  210
Wirtschaftlichkeit  219
Wohlstand  79
Wohlstandstheorie  44  '
Wohnungsfrage  130,  157
Wohnungsmieten  42
Wohnungsverhältnisse  43
Wolf,  J.  195
Wolframstahl  190
Würishoffer  144

Z.
Zahlenwerte  4
Zahlungsbilanz  78
Zeichnerarbeit  193
Zeit  als  Maßstab  für  die
Arbeit  174
—,  geschichtliche  23
Zmavc  166
Zuckerkonsum  160;  163
Zug  vom  Lande  54
Zuntz  166;  176
Zuwachsrate  55;  57;  87
        <pb n="71" />
        Verlag  von  J.  C.  B.  Mohr  (Paul  Siebeck)  in  Tübingen.

Dr.  HEINRICH  RICKERT,  Professor  in  Freiburg  i.  B.,  DIE  GRENZEN  DER
NATURWISSENSCHAFTLICHEN  BEGRIFFSBILDUNG.  Eine  logische  Einleitung
in  die  historischen  Wissenschaften.
Zweite,  neubearbeitete  Auflage.
M.  18.—,  gebunden  M.  20.—.
Für  diejenigen,  welche  das  bedeutende  Buch  von  der  ersten  Auflage  her  kennen,  braucht
man  zur  Empfehlung  dieser  zweiten  Auflage  nichts  zu  sagen,  als  daß  sie  in  der  Fassung  der
ausschlaggebenden  Gedanken  noch  schärfer  und  bestimmter,  in  der  Darstellung  noch  klarer
und  schöner  geworden  ist.  Eine  solche  Beherrschung  des  Ausdruckes  bei  aller  Schwierigkeit
und  Feinheit  des  Gegenstandes  ist  nur  möglich,  wenn  dieser  Gegenstand  eben  bis  in  alle  Feinheiten ­
  vollkommen  durchgedacht  und  selber  beherrscht  ist.
Wer  sich  für  die  logischen  Gründe  der  Wissenschaften  und  speziell  für  die  logische  Struktur ­
  der  Geschichtswissenschaft  interessiert  —  ich  denke  vor  allen  an  Historiker,  die  ihre
Wissenschaft  so  ernst  als  möglich  nehmen  —,  der  darf  an  dem  Buche  nicht  Vorbeigehen.
Es  ist  auch  so  geschrieben,  daß  man  nicht  Philosoph  oder  Logiker  zu  sein  braucht,  um  es  zu
verstehen.  Basler  Nachrichten  vom  23.  August  1913.
Dr.  GEORGES  CHATTERTON-HILL,  Privatdozent  in  Genf,  INDIVIDUUM  UND
STAAT.  Untersuchungen  über  die  Grundlage  der  Kultur.  M.  5.—.
Dem  Verfasser  entgeht  es  nicht,  daß  die  Geschichte  zeigt,  daß  der  Patriotismus  keineswegs
immer  sich  als  genügender  Damm  wider  die  Fluten  des  Materialismus  und  der  Plutokratie
bewährt  habe.  Rom  und  Griechenland  gingen  daran  zugrunde  trotz  der  patriotischen  Gegenwirkungen. ­
  Man  begreift  es  daher,  daß  der  Verfasser  doch  schließlich  damit  rechnet,  daß
der  Kampf  der  Völker  der  Gegenwart  um  die  Behauptung  ihrer  Existenz  zu  einer  Neubelebung ­
  der  Religion  führen  werde.  Er  glaubt  derartige  Bestrebungen  bereits
wahrzunehmen,  besonders  auch  in  Frankreich.
Es  ist  interessant,  daß  ein  so  nüchterner  Denker,  wie  Chatterton-Hill  es  ist,  zu  diesem  Gedanken ­
  kommt.  Nicht  irgendwelche  mystische  Bedürfnisse,  nicht  die  Romantik  des  Gefühls, ­
  sondern  die  empirische  Beobachtung  der  Geschichte  führt  den  Verfasser  zu  der  Forderung ­
  einer  Rehabilitierung  der  Religion.  Er  sieht  geradezu  die  Frage  der  Gegenwart  darin,
ob  man  Mittel  findet,  der  materialistischen  und  individualistischen  Verwirtschaftlichung
  der  Völker  Motive  einer  V  e  rg  e  s  e  11  s  ch  aft  u  n  g  entgegenzustellen.  Und
er  erblickt  schließlich  doch  im  nationalen  Gedanken  nur  ein  zweifelhaftes  Surrogat  für
die  gesellschaftsbildende  Macht  der  religiösen  Idee.
R.  Seeberg  in  der  Kreuz-Zeitung  vom  21.  März  1914.
D.  ERNST  TROELTSCH,  Professor  in  Heidelberg,  Gesammelte  Schriften.  I.  Band:
DIE  SOZIALLEHREN  DER  CHRISTLICHEN  KIRCHEN  UND  GRUPPEN.
M.  22.—,  gebunden  M.  26.—.
Der  Heidelberger  Theologe,  dem  wir  die  erste  Geschichte  des  Protestantismus  zu  danken
haben,  die  den  germanisch-konfessionellen  durch  einen  universell-kulturgeschichtlichen  Gesichtspunkt ­
  ersetzt  und  dadurch  die  Enge  traditionell-kirchengeschiehtlicher  Betrachtungsweise ­
  grundsätzlich  überwindet,  bietet  in  dem  neuen  Werk,  dem  diese  Anzeige  gilt,  den  Unterbau ­
  für  seine  Gesamtauffassung  des  Christentums,  seines  Wesens  und  seiner  Geschichte,  indem
er  darin  die  soziologische  Idee  des  Christentums  in  seinen  verschiedenen  Entwicklungsphasen
untersucht  und  gleichzeitig  das  Verhältnis  des  jeweiligen  christlichen  Gemeinschaftsideals
zu  Staat,  Wirtschaft  und  Familie  darstellt.  Das  Problem  ,,Kirche  und  soziale  Frage“
hat  in  gewissem  Sinne  den  Anstoß  für  diese  umfassende  Monographie  gegeben,  empfängt
darin  auch  eine  erschöpfende  Behandlung  gleichzeitig  aber  noch  eine  starke  Erweiterung
in  dem  angedeuteten  Sinn.  Wir  finden  ferner  in  dem  verwirrend  reichhaltigen  Buche
eine  Geschichte  der  christlichen  Ethik  unter  prinzipiellen  wie  unter  praktischen  Gesichtspunkten, ­
  wobei  insbesondere  die  Sozialethik  in  ihren  sämtlichen  Verzweigungen  verfolgt
wird.  Daraus  erhellt  schon,  daß  die  Ueberschrift  den  Inhalt  nur  ungenügend  andeutet,
zumal  nicht  nur  die  Lehren  dargestellt,  sondern  vor  allem  die  tatsächlichen  sozialen  Einwirkungen ­
  auf  Staat  und  Gesellschaft  untersucht  und  geprüft  werden,  ob  und  inwieweit
daraus  eine  „innere  Einheitlichkeit  des  Gesamtlebens“  hervorgegangen  ist.
Strassburger  Post  vom  2.  April  1913.

IV-ir
        <pb n="72" />
        Werke  und  Schriften  sozialwissenschaftlichen  und  soziologischen  Inhalts
aus  dem  Verlag  von
J.  C.  B.  Mohr  (Paul  Siebeck)  und  der  H.  Laupp’schen  Buchhandlung
in  Tübingen.

Adler,  G.,  Grundlagen  der  Karl  Marx’schen
Kritik  der  bestehenden  Volkswirtschaft.
1887.  Ermäßigter  Preis  M.  4.20.
Ashley,  W.  J.,  Das  Aufsteigen  der  arbeitenden
Klassen  Deutschlands  im  letzten  Vierteljahrhundert. ­
  Ins  Deutsche  übertragen  von  P.
Scharf.  Mit  Diagrammen  und  Karten.
1906.  M.  1.50.
Bauer,  W.,  Die  öffentliche  Meinung  und  ihre
geschichtlichen  Grundlagen.  Ein  Versuch.
1914.  M.  8.—.
Bourguin,  M.,  Die  sozialistischen  Systeme  und
die  wirtschaftliche  Entwicklung.  Mit  Genehmigung ­
  des  Verfassers  nach  der  2.  verbesserten ­
  und  erweiterten  Aufl.  des  Originalwerkes ­
  ins  Deutsche  übertragen  von  L.
Katzenstein.  1906.  M.8.—,geb.M.9.50.
Challaye,  F.,  Revolutionärer  Syndikalismus
und  reformistischer  Syndikalismus.  Autorisierte ­
  Uebersetzung  aus  dem  Französischen. ­
  1913.  M.  1.80.
Chatterton-Hill,  G.,  Individuum  und  Staat.
Untersuchungen  über  die  Grundlage  der
Kultur.  1913.  M.  5.—.
Czapski,  S.,  Ernst  Abbe  als  Arbeitgeber.
(Staat  u.  Wirtschaft  Heft  2).  1907.  M.—  .80.
Douglas,  Ch.  M.,  John  Stuart  Mill.  Autorisierte ­
  deutsche  Üebersetzung.  1897.
M.  3.60.
Eulenburg,  F.,  Gesellschaft  und  Natur.  Akademische ­
  Antrittsrede.  (Aus  Archiv  f.  Sozw.
und  Sozp.)  1905.  M.  —.80.
Handbuch  der  politischen  Oekonomie.  In  Verbindung ­
  mit  einer  Anzahl  von  Fachgelehrten ­
  herausgegeben  von  G.  von  Schönberg. ­
  4.  Aufl.
II.  Band,  2.  Halbband.  Volkswirtschaftslehre. ­
  Zweiter  Teil  II.  1898.
Ermäßigter  Preis  M.  7.50,  geb.  M.  9.90.
III.  Band,  1.  Halbband.  Finanzwissenschaft. ­
  1897.
Ermäßigter  Preis  M.  12.—,  geb.  M.  14.40.
III.  Band,  2.  Halbband.  Kommunales
Finanzwesen.  —  Verwaltungslehre.  1898.
Ermäßigter  Preis  M.  7.50,  geb.  M.  9.90.
Holl,  K.,  Thomas  Chalmers  und  die  Anfänge
der  kirchlich-sozialen  Bewegung.  (Aus
Zeitschr.  f.  Theol.  u.  Kirche.  1913.  Heft  4.)
1913.  M.  1.40.
Kantorowicz,  H.  U.,  Rechtswissenschaft  und
Soziologie.  (Aus  den  Verhandlungen  des
Ersten  Deutschen  Soziologentages  vom
19.—22.  Oktober  1910  in  Frankfurt  a.  M.)
1911.  M.  1.—.
Kelsen,  H.,  Ueber  Grenzen  zwischen  juristischer ­
  und  soziologischer  Methode.  Vortrag
gehalten  in  der  Soziologischen  Gesellschaft
zu  Wien.  1911.  M.  1.50.

Köhler,  W.,  Geist  und  Freiheit.  Allgemeine
Kritik  des  Gesetzesbegriffes  in  Natur-  und
Geisteswissenschaft.  M.  4.80.
Kroner,  R.,  Zweck  und  Gesetz  in  der  Biologie. ­
  Eine  logische  Untersuchung.  1913.
M.  4.—.
Kumpmann,  K.,  Die  Reichsarbeitslosenversicherung. ­
  Zugleich  ein  Beitrag  zur  Arbeitslosenfrage ­
  überhaupt.  1913.  M.  3.—.
Loria,  A.,  Die  wirtschaftlichen  Grundlagen
der  herrschenden  Gesellschaftsordnung.  Autorisierte ­
  deutsche  Ausgabe.  Aus  dem  Französischen ­
  von  Dr.  C.  Grünberg.  1895.
Ermäßigter  Preis  M.  3.40,  geb.  M.  4.40.
Mayer-Moreau,  K.,  Hegels  Sozialphilosophie.
1910.  M.  2.50.
Menger,  A.,  Das  bürgerliche  Recht  und  die
besitzlosen  Volksklassen.  4.  Aufl.,  mit  der
3.,  verbess.  u.  vermehrten  Aufl.  gleichlaut.
(5.  Tausend).  1908.  M.  3.—,  geb.  M.  4.—.
Picht,  W.,  Toynbee  Hall  und  die  englische
Settlement-Bewegung.  Ein  Beitrag  zur
Geschichte  der  sozialen  Bewegung  in  England. ­
  Mit  drei  Kurven  im  Text.  (Archiv  f.
Sozw.  und  Sozp.  9.  Ergh.)  1913.
Einzelpreis  M.  6.—.
Plenge,  J.,  Marx  und  Hegel.  1911.  M.  4.—.
Praxis,  Die,  der  kommunalen  und  sozialen
Verwaltung.  Vorträge  der  Kölner  Fortbildungskurse ­
  für  Kommunal-  und  Sozialbeamte, ­
  veranstaltet  von  der  Hochschule  für
kommunale  und  soziale  Verwaltung.
•  I.  Kursus.  Die  soziale  Fürsorge  der
kommunalen  Verwaltung  in  Stadt  und
Land.  Mit  4  Diagrammen.  1913.  M.  6.—,
geb.  M.  7.25.
II.  Kursus.  Die  neuen  Aufgaben  der
Sozialversicherung  in  der  Praxis  (Reichsversicherungsordnung ­
  und  Angestelltenversicherungsgesetz). ­
  1913.  M.  6.—,
geb.  M.  7.25.
Ratzel,  F.,  Der  Lebensraum.  Eine  biogeographische ­
  Studie.  (Aus  Festgaben  für
Albert  Schäffle.)  1901.
Ermäßigter  Preis  M.  1.20.
Die  Religion  in  Geschichte  und  Gegenwart.
Handwörterbuch  in  gemeinverständlicher
Darstellung.  Unter  Mitwirkung  von  Hermann ­
  Gunkel  und  Otto  Scheel
herausgegeben  von  FriedrichMichael
Schiele  und  LeopoldZscharnack.
5  Bände  Lexikon-Oktav.  1908/14.
geb.  M.  145.—.
Rickert,  H.,  Die  Grenzen  der  naturwissenschaftlichen ­
  Begriffsbildung.  Eine  logische
Einleitung  in  die  historischen  Wissenschaften. ­
  2.  neubearbeitete  Aufl.  1913.
M.  18.—,  geb.  M.  20.—.
        <pb n="73" />
        Druck  von  EL  Laupp  jr  in  Tübingen.

Werke  und  Schriften  sozialwissenschaftlichen  und  soziologischen  Inhalts
aus  dem  Verlag  von
J.  C.  B.  Mohr  (Paul  Siebeck)  und  der  H.  Laupp’schen  Buchhandlung
in  Tübingen.

Ritschl,  0.,  Ueber  Werturteile.  1895.
M.  —.80.
Rümelin,  G.,  (Kanzler  der  Universität  Tübingen ­
  von  1870  bis  1889)  Kanzlerreden.
1907.  M.  7.—,  geb.  M.  8.50.

Inhalt:  Ueber  den  Begriff ­
  eines  sozialen  Gesetzes.
Eine  akademische  Antrittsrede. ­
  1867.  Ueber  Hegel.
1870.  Ueber  das  Ilechtsgeffthl.
  1871.  Ueber  den
Begriff  des  Volkes.  1872.
Ueber  die  Lehre  von  den
Seelen  vermögen.  1873.
Ueber  das  Verhältnis  der
Politik  zur  Moral.  1874.
Ueber  den  Zusammenhang
der  sittlichen  und  intellektuellen ­
  Bildung.  187Ö.  Ueber
einige  psychologische  Voraussetzungen ­
  des  Strafrechts. ­
  1876.  Ueber  die
Arbeitsteilung  in  der  Wissenschaft. ­
  1877.  Ueber  Gesetze ­
  der  Geschichte.  1878.
Ueber  das  Wesen  der  Gewohnheit. ­
  1879.  Ueber  die

Idee  der  Gerechtigkeit.
1880.  Ueber  die  Temperamente. ­
  1881.  König  Friedrich ­
  von  Württemberg  und
seine  Beziehungen  zur  Landes-Universität.
  1882.  Die
Entstehungsgeschichte  der
Tübinger  Universitätsverfassung.
  1883.  Ueber  die
Lehre  vom  Gewissen.  1884.
Ueber  die  Arten  und  Stufen
der  Intelligenz.  1885.  Ueber
die  Berechtigung  der  Fremdwörter. ­
  1886.  Ueber  die
neuere  deutsche  Prosa.
1887.  Ueber  den  Begriff
der  Gesellschaft  und  einer
Gesellschaftslehre.  1888.
Ueber  den  Zufall.  Ausgearbeitet ­
  für  den  6.  November ­
  1889.

Schäffle,  A.  E.  F.,  Bau  und  Leben  des  sozialen
Körpers.  2.  Aufl.  in  2  Bänden.  1896.
1.  Band:  Allgemeine  Soziologie.  1896.
M.  12.—,  geb.  M.  14.—.
2.  Band:  Spezielle  Soziologie.  1896.
M.  13.—,  geb.  M.  15.—.
,  Abriß  der  Soziologie.  Herausgegeben
mit  einem  Vorwort  von  Karl  Bücher.
1906.  M.  4.—,  geb.  M.  5.—.
Schmitt,  C.,  Der  Wert  des  Staates  und  die  Bedeutung ­
  des  Einzelnen.  1914.  M.  3.—.
von  Schraut,  M.,  Die  persönliche  Freiheit  in
der  modernen  Volkswirtschaft.  Mit  einem
Geleitwort  von  Paul  Laban  d.  1907.
M.  2.50.
Schriften  der  Deutschen  Gesellschaft  für
Soziologie.  I.  Serie:  Verhandlungen  der
Deutschen  Soziologentage.
,  1.  Band.  Verhandlungen  des  Ersten
deutschen  Soziologentages  vom  19.—22.
Oktober  1910  in  Frankfurt  a.  M.  1911.
M.  8.—,  geb.  M.  9.60.

I  ii  li  a  11.  Soziologie  der
Geselligkeit.  Vortrag  von
Professor  Dr.  Georg  S  i  mm
  e  1,  Berlin.  —  Wege
und  Ziele  der  Soziologie. ­
  Eröffnungsrede  von
Professor  Dr.  F.  Tönnies, ­
  Kiel-Eutin.  —  Geschäftsbericht ­
  von
Professor  Dr.  M  a  x  Weber, ­
  Heidelberg.  —  Technik ­
  und  Kultur.  Vortrag
von  Professor  Dr.  W  e  rn
  e  r  Sombart,  Berlin.
—  Die  Begriffe  Basse  und
Gesellschaft  und  einige
damit  zusammenhängende
Probleme.  Vortrag  von  Dr.

Alfred  Plötz,  München. ­
  —•  Das  stoisch-christliche ­
  Naturrecht  und  das
moderne  profane  Naturrecht. ­
  Vortrag  von  Geh.
Kirchenrat  Professor  Dr.
Troeltscli  -Heidelberg.
—  Soziologie  der  Panik,
Vortrag  von  Professor  Dr.
G  o  t  h  e  i  n,  Heidelberg.  —
Wirtschaft  und  Recht.  Vortrag ­
  von  Professor  Dr.  A.
Voigt,  Frankfurt  a.  M.
—  Rechtswissenschaft  und
Soziologie.  Vortrag  von
Privatdozent  Dr.  Hermann ­
  Kantorowicz,
Freiburg  i.  Br.  —  Debatten.

Schriften  der  Deutschen  Gesellschaft  für
Soziologie.  I.  Serie:  Verhandlungen  der
Deutschen  Soziologentage.
II.  Band.  Verhandlungen  des  Zweiten
Deutschen  Soziologentages  vom  20.—22.
Oktober  1912  in  Berlin.  1913.  M.  4.40,
geb.  M.  6.—■.

Inhalt.  Der  soziologische ­
  Kulturbegriff.  Vortrag ­
  von  Professor  Dr.  A  1-fred
  Weber,  Heidelberg. ­
  —  Die  Nationalität  in
ihrer  soziologischen  Bedeutung. ­
  Referat  von  Professor ­
  Dr.  Paul  B  a  r  t  h,
Leipzig.  —  Das  Recht  der
Nationalitäten.  Vortrag  v.
Professor  Dr.  Ferdinand
S  c  h  m  i  d  ,  Gautzsch  bei
Leipzig.  —  Rechenschaftsbericht ­
  für
die  beiden  abgelaufenen

Max  Weber,  Heidelberg. ­
  —  Die  Nation  als  politischer ­
  Faktor.  Referat  v.
Dr.  Ludo  Moritz
Hartmann,  Wien.  —
Die  rassentheoretische  Geschichtsphilosophie. ­
  Referat ­
  von  Privatdozent  Dr.
Franz  Oppenheimer, ­
  Berlin.  —  Die  historische ­
  Entwicklung  des  Vaterlandsgedankens. ­
  Referat ­
  von  Professor  Dr.  R  obert.
  Michels,  Turin.
—  Debatten.

Jahre  von  Professor  Dr.
Troeltsch,  E.,  Gesammelte  Schriften.  I.  Band:
Die  Soziallehren  der  christlichen  Kirchen
und  Gruppen.  1.  und  2.  Hälfte.  1912.
M.  22.—,  geb.  M:  26.—.
Vorländer,  K.,  Kant  und  Marx.  1911.
M.  7.—,  geb.  M.  9.—.
Vosberg-Rekow,  Zusammenhang  und  Einheit
der  geistigen  und  wirtschaftlichen  Arbeit.
(Aus  Festgaben  für  F.  J.  Neumann.)  1905.
M.  1.20.

Weber,  Marianne,  Die  Frau  und  die  objektive
Kultur.  (In  Logos  IV.  3.)  1913.  Preis  des
Logosheftes  M.  4.50.
Fichte’s  Sozialismus  und  sein  Verhältnis ­
  zur  Marx’schen  Doktrin.  (Abhdlgn.,
Volkswirtschaft!.,  der  bad.  Hochschulen.)
1900.  Ermäßigter  Preis  M.  1.50.
—  —  Ehefrau  und  Mutter  in  der  Rechtsentwicklung. ­
  Eine  Einführung.  1907.
M.  10.—,  geb.  M.  12.—.
Windelband,  W.,  Ueber  Willensfreiheit.  Zwölf
Vorlesungen.  1.  und  2.  Aufl.  1904.  M.  3.60,
geb.  M.  4.50.
Einleitung  in  die  Philosophie.  (Grdr.
d.  philos.  Wissensch.  herausg.  von  F.  M  e  d  icus.)
  1914.  M.  7.50,  geb.  M.  10.—.
Wirtschaft  und  Recht  der  Gegenwart.  Ein
Leitfaden  für  Studierende  der  technischen
Hochschulen  und  Bergakademien,  sowie  für
praktische  Techniker  und  Bergleute.  Herausgegeben ­
  von  Professor  Dr.  L.  von  Wiese.
2  Bde.  Lex.  Oktav.  1912.  M.  32.—,
geb.  M.  36.—.
Jeder  Band  einzeln  M.  18.—,
geb.  M.  20.—.
Witte,  J.,  Ostasien  und  Europa.  Das  Ringen
zweier  Weltkulturen.  1914.  M.  5.—,
geb.  M.  6.20.
        <pb n="74" />
        Moderne  Wandlungen  der  Konsumtion.

,  bar,  und  V  o  i  t J )  glaubte  sogar  berichten  zu  können,  daß  in  Dänemark  Verurteilung
zu  Wasser  und  Brot  auf  4  Wochen  der  Todesstrafe  gleichgesetzt  war,  „da  es  fast
nie  vorkam,  daß  der  Verurteilte  sie  überlebte“  ‘.  Andererseits  ist  für  den  Freiluftarbeiter
die  grobe  Kost  geradezu  Bedürfnis.  So  soll  die  ausgezeichnete  Leistungsfähigkeit
irischer  Landarbeiter  beim  Uebergang  von  der  Kartoffel-  und  groben  Getreidekost
;  zur  modischen  Weißbrot-  und  Teenahrung  schnell  nachlassen  *  2 ).
3.  Die  Physiologen  haben  zu  dieser  volkswirtschaftlich  bedeutsamen,
außerhalb  des  Laboratoriums  geradezu  aufdringlichen  Beobachtung  erst  zögernd
Stellung  genommen.  Vielmehr  scheint  die  populäre  Meinung  über  die  Mindestmaße
menschlicher  Nahrung  lange  durch  eine  physiologische  Theorie  bestimmt  worden  zu
sein,  die  einseitig  von  städtischen  Verhältnissen  entnommen  und  außerdem  von  der
Ueberschätzung  der  Fleischnahrung  durch  Liebig  und  teilweise  seine  Schüler  beeinflußt ­
  war.  Es  ist  ja  allerdings  für  die  Physiologen  auch  schwer,  die  Ernährung  von
'  Landleuten  experimentell  zu  fixieren,  weil  sie  diese  Leute  beim  Experiment  gern
unter  Bedingungen  stellen,  die  von  ihrer  sonstigen  Lebensweise  stark  abweichen.
Natürlich  war  ihnen  das  Vorkommen  einer  stark  vegetabilischen  und  speziell  an
Fleisch  armen  Kost,  namentlich  auf  dem  Lande,  längst  bekannt.  Es  ist  nicht  ohne
Interesse,  wie  sie  und  ihre  Schüler  mit  diesen  harten  Tatsachen  sich  abfanden,  ehe
sie  den  fundamentalen  Unterschied  ländlicher  und  städtischer  Ernährungsbedingungen ­
  erkannten  3 ).
4.  Der  enorme  Vegetabilienkonsum  schwer  arbeitender  Landleute,  zum  Teil
fast  ohne  animalisches  Eiweiß,  zusammen  mit  der  herkulischen  Arbeitsfähigkeit
dieser  Konsumenten 4 ),  wurde  teils  nur  als  auffällig  registriert,  teils  trotz  einwandfreier ­
  Beglaubigung  gelegentlich  bezweifelt,  teils  endlich  durch  falsche  Hypothesen ­
  zu  erklären  versucht.
Es  steht  wohl  fest,  daß  der  kurzdärmige  Mensch  die  vegetabilische  Nahrung
weniger  vollständig  ausnutzt,  als  der  langdärmige  Pflanzenfresser 5 ).  Ein  „erfahrener ­
  Gerichtsarzt“  behauptet  nun,  daß  die  ostelbische  Bevölkerung,  der  die
Vegetabiliennahrung  offenbar  gut  bekommt,  sich  eines  um  0,5  m  längeren  Darms
erfreue,  als  die  Industriebevölkerung  der  Rheinprovinz,  der  er  infolge  mangelnder ­
  Uebung  eingeschrumpft  sei 6 ).  Aber  auch  bei  einem  Gelehrten  wie  Hüppe 7 )
lesen  wir,  daß  der  vegetarisch  lebende  Japaner  durch  seinen  um  Vs  längeren  Darm
in  den  Stand  gesetzt  sei,  die  Reisnahrung  besser  auszunutzen,  als  der  Europäer;
.  für  letzteren  ein  wenig  tröstliches  Zukunftsbild:  der  längere  Darm  als  Konkurrenz-Kalziumkarbidfabriken
  sich  gut  ländlich  von  Polenta  nährt,  im  Frühjahr  die  viel  weniger
einträgliche  Erdarbeit  vorzieht;  vielleicht  aus  physiologischen  Gründen.
x )  Sitzungsberichte  der  Münchener  Akademie,  mathematisch-physikalische  Klasse,  1869,
S.  494.
s )  Report  of  the  Agricultural  Committee,  London  1906,  §  786.
3 )  Vgl.  jedoch  Rubners  Lehrbuch  der  Hygiene,  1.  Aufl.  1890,  S.  465:  „Es  scheint
der  Gedanke  noch  wenig  erwogen  zu  sein,  ob  nicht  das  zunehmende  Bestreben  nach  Vermehrung ­
  des  animalischen  Teils  der  Kost  etwas  den  Städten  und  unserer  Entwicklung  der  industriellen ­
  Arbeit  Eigentümliches  sei.  Die  animalische  Kost  bedeutet  eine  eiweißreichere  Kost;
nun  scheint  es  —  die  Vermutung  ist  bereits  von  Fr.  Hofmann  ausgesprochen  worden  —  nach
Versuchen  des  Verf.,  wie  nach  anderweitigen  Beobachtungen  sichergestellt,  daß  die  Eiweißstoffe ­
  einen  Einfluß  auf  die  Anregung  der  Tätigkeit  unserer  Verdauungsdrüsen  entfalten  und
dadurch  die  Resorptionszeit  verkürzen.“  ln  späteren  Auflagen  finde  ich  diesen  Passus  nicht.
—  Auch  Munk  vermutet  1896  (in  Weyls  Handbuch  der  Hygiene  III,  S.  63,  68,  96),  Muskeltätigkeit ­
  erleichtere  die  Verwertung  wasserreicher  Speisen  und  verbessere  die  Resorption,
'  besonders  beim  Aufenthalt  in  freier  Luft.  Er  bemerkt  auch,  daß  der  Gefangene  eine  mehr
animalische  Kost  brauche,  weil  der  Mangel  an  freier  Körperbewegung  auf  die  Ausnützung
pflanzlicher  Kost  nicht  ohne  Einfluß  zu  sein  scheine  (S.  116).
4 )  Verkannt  z.  B.  von  Hüppe,  Handbuch  der  Hygiene,  1899,  S.  373:  „Bei  seiner  Kartoffelkost ­
  kann  der  Irländer  und  Oberschlesier  noch  arbeiten  (1),  aber  der  Handweber  ist  bereits ­
  nicht  mehr  zur  Feldarbeit  kräftig  genug.“
,  *)  Munk  in  Weyls  Handbuch  der  Hygiene  III  (1896),  S.  67.
*)  Vgl.  G  r  a  ß  1,  Blut  und  Brot,  1905,  S.  23.
’)  Der  moderne  Vegetarianismus,  1900,  S.  8.  Handbuch  der  Hygiene,  1899,  S.  371.
Sozialökonomik.  II.  10
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