4 überwunden, in freiem Ausblick lag das Leben vor unferen Augen. Wir begannen diese J\etfe ohne den nahe bevorstehenden Krieg ernstlich zu fürchten. Wan erwartete zuversichtlich, daß es dem gefchick unserer Staatsmänner, namentlich Bismarcks, gelingen werde, den Krieg zu verhüten. So fuhren wir Anfang Juli zu nächst nach Kassel, um die dortige Industrie-Ausstellung zu sehen. In Hannover wurden Jugendfreunde meiner Mutter besucht. Die Keife ging über Oldenburg nach Ostfriesland, das inzwischen dem Lisenbahnnetz angeschlossen war; Iugenderinnerungen meiner Mutter wurden aufgefrischt. Inzwischen aber hatte sich die Lage Tag für Tag immer drohender gestaltet. Schon in Lsens schien der Krieg unvermeidlich, in Aurich vernahmen wir die Kriegs erklärung. Aber man empfand bei allem Lrnst der Lage wohltuend die Festigkeit und Sicherheit der preußischen Art. Im besonderen wurden alle Seezeichen schleunigst entfernt, so daß feindliche Kriegsschiffe unfehlbar stranden mußten. Tür uns galt es, die Keife eilig abzubrechen und auf irgendwelchen noch offenen Wegen Trankfurt zu erreichen. Unter nicht geringen Mühen gelang es, über Linden und Hamm nach Köln durchzukom men. Am Morgen des folgenden Tages empfingen wir un vergeßliche Lindrücke im Kölner Dom, wo eine unzählige Menschen menge sich zusammenfand und am gottesdienst teilnahm. Man empfand deutlich das Verschwinden alles Unterschiedes der Kon fessionen gegenüber der gemeinsamen Aufgabe des Vaterlandes. In Frankfurt angekommen, konnten wir aus den Fenstern unserer Wohnung die endlosen Militärzüge sehen, deren Insassen in den Krieg gingen; die füngeren gpmnasiasten waren eifrig bemüht, Lag und Wacht bei der Verpflegung der Truppen zu helfen. Man betrachtete damals fenen Krieg als eine sehr ernste Sache, und wenige dachten, daß er so rasch beendet werden würde. Bekannt lich meldeten zunächst die Tranzosen übertriebene Siegesnachrichten, dann kamen die Berichte von Wörth usw., die erste Wachricht darüber wurde im gottesdienst von der Kanzel verkündet. Dann kamen ein paar bange Tage um Metz herum, bis es deutlich wurde, daß die Sache sich zum Vorteil der Deutschen neigte. Treilich hörte man zugleich von sehr schweren Verlusten, durch die der Sieg erkämpft sei. Aber man war nun schon auf weitere gute Wachrichten gefaßt, bis schließlich die Wachrichten von Sedan alle Lrwartungen über trafen; namentlich bei der Jugend bewirkte die Wachricht von der gefangennähme Wapoleons einen stürmischen Jubel. Allgemein wurde damals ein rasches Lnde des Krieges erwartet. Wir wissen, daß er sich länger ausdehnte, und daß es an einzelnen Wechsel fällen nicht fehlte. Das Volk wurde recht ungeduldig, man ver stand nicht, weshalb die Belagerung von Paris fo langsam verlief;