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        <title>Lebenserinnerungen</title>
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            <forname>Rudolf</forname>
            <surname>Eucken</surname>
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        ﻿iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiimiiiHiiiiiiiiiiimiiiiiiHiiniiiiiiiiiiiiii
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        ﻿
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        ﻿
        <pb n="4" />
        ﻿Jlubolf Lucken
Lebenserinnerungen

£in Btücf deutschen Lebens

Verlag von K.	Koehler, Leipzig 1921
        <pb n="5" />
        ﻿
        <pb n="6" />
        ﻿I

Inhaltsverzeichnis.

^lker leil.	Scite

Oflfriesland. Land und Leute........................................  i

Llurich ...........................................................   5

Weine Eltern....................................................... 5

Erste Kind erfahre .................................................. 8

Nachbarstädte......................................................  10

3nfclrei(en.............................................................

Häusliches Leben.....................................................15

Das Ouricher grunnasium..............................................16

Weitere Entwicklung..................................................20

Schluß der gymnastalzeit.............................................22

Die Universitätsjahre..............................................  27

Berlin...............................................................38

Husum................................................................42

Zweiter Aufenthalt in Berlin.........................................44

Frankfurt............................................................48

Bafel................................................................53

Zweiter Teil.

Die Weiterentwicklung meines Lebens unk» Atrebens.

Jena ............................................................... 61

geistige und philosophische Lage des damaligen Deutschlands..........65

Das Mühen um eine Hauptrichtung .....................................67

i88r—1890. Die grundlegung einer selbständigen gedankenwelt und die

Begründung eines eignen Hauses.................................. 70

Die Durchbildung meiner Überzeugungen................................74

Weiterer Llusbau.................................................... 78

Erweiterung meines Wirkens über Deutschland hinaus...................82

Der Nobelpreis.......................................................83

3n England...........................................................84

Llmerika.............................................................86

Neue Llufgaben und weitere Pläne.................................... 93

Der Weltkrieg........................................................97

Erwägungen..........................................................104

Susklang ............................................................in

Schlust.............................................................1x6

Namen- und Sachregister.............................................1x9

Vgl. auch die Übersicht über Euckens Leben und Schriften am Llnfang des Negisters.
        <pb n="7" />
        ﻿Vorwort.

£s häufen sich ^etzt die „Lebenserinnerungen". Die ungeheure
politische und geisiige Erschütterung, welche durch die gegen-
wart geht, treibt zwingend zu einer Selbstbesinnung und zu einer
Selbstschau. Ober die Trage mustte sich aufdrängen, ob auch die
hier gebotenen Lebenserinnerungen etwas enthalten, was weiten
Kreisen bemerkenswert sein kann, oder ob sie sich nicht besser nur
an den engeren Kreis der persönlichen Bekannten gewendet hätten.
Wenn ich ^eneTrage bejahen zu dürfen glaubte, so geschah es aus
folgender Lrwägung.

Ich kann nicht von grasten laten berichten, auch war ich nicht
an bedeutenden politischen Wendungen beteiligt; aber ich konnte
den inneren Lauf des Lebens verfolgen und darüber hinaus
für notwendige Forderungen wirken. Ich erlebte die grasten
inneren Wandlungen der deutschen Verhältnisse: meine Jugendzeit
hatte weit einfachere und ruhigere Zustände, als sie uns später um-
fingen, das Leben verlief in engeren Bahnen, noch fehlte der riesen-
hafte Oufschwung von Industrie und Technik, es fehlten die grost-
siädte mit ihrer Onhäufung der Massen, es fehlte die Beherrschung
des Lebens durch die Tabrik, es verschlang noch nicht eine fieber-
hafte Orbeitskultur das ganze Leben, Namentlich feit den sieb-
ziger Jahren hat sich diese Veränderung mehr und mehr gesteigert.
Wer einen andersartigen Stand der Dinge erlebt hat, dem müssen,
auch bei voller Onerkennung der Leistungen, die Schränken und die
gefahren dieser Wendung gegenwärtig sein. Dann aber must er
nach bestem vermögen diesen gefahren entgegenwirken und für
einen Selbstwert des Lebens eintreten. In dieser Kichtung zu wir-
ken, das war meinem Leben als Oufgabe vorgezeichnet. Meine
Lebenserinnerungen haben namentlich von dem Kampf gegen die
veräusterlichung des Lebens zu berichten. Diese veräusterlichung ist
nicht eine Schranke und eine Schuld eines einzelnen Volkes, sondern
        <pb n="8" />
        ﻿OOÖOOÖÖOOOÖOOÖOOOOOOO V OOOCOOOOÖOÖÖOOOOOCXJOO

diese trifft die ganzeMenschheit und fordert auch von dieser eine gründ-
liche Wendung. Die hieraus erwachsenden Probleme bilden mit
ihrer persönlichen Färbung den Hintergrund meines Lebens, von
hier aus mag auch dasjenige einige Bedeutung erlangen, was
ohne diesen Zusammenhang gleichgültig erscheinen kann. Wer die
Überzeugung von der Notwendigkeit einer geistigen Deformation
teilt, der wird daher auch die bescheidenen Bemühungen mit
freundlicher Teilnahme begleiten, von denen meine Lebenserinne-
rungen berichten. 3ie sind nicht blast Lindrücke des einzelnen
Individuums, sie enthalten Lrlebnisse und Ausgaben sowohl des
deutschen Volkes als der gesamten Menschheit. Vast ich diese
Lrlebnisse von einem ruhigen Punkt aus beobachten konnte, das
mag ihrem Lindruck günsiig sein.

Jena, im Oktober 1920.

Nudolf Lucken.
        <pb n="9" />
        ﻿Land und Leute.

Ostfriesland, meine Heimat, ist von kleinem Umfange, aber
es hat eigentümliche Züge, und es hat dem deutfchen Leben
manches geleistet. Zwifchen der Nordsee, Holland, dem Herzog-
tum Urenberg mit feinen streng katholifchen Einwohnern, und
Oldenburg gelegen, ist es vorwiegend auf sich selbst angewiefen.
Die ganzen Jahrhunderte hatten einen harten Kampf gegen das
wilde Meer zu führen, und zerstörende Sturmstuten leben dauernd
in der Erinnerung der Bevölkerung fort. Der Boden ist ver-
fchiedener Urt, und er stellt den Einwohnern manche Üufgaben.
Der Kand, die Marschen, ist am fruchtbarsten, er besonders
hat den Keichtum des Landes begründet, dann kommt die geest
mit ihren auslangenden wirtschaftlichen Verhältnissen, endlich
das Moor, auf dem man ein hartes Leben zu führen hat. So
bilden Landwirtschaft, auch die hier sehr blühende Pferdezucht,
sodann die Seefahrt und der Handel die Quellen des wirtschaft-
lichen Wohlstandes. — Eigentümlich ist auch die nationale Lage.
Ostfriesland steht zwischen Holland und Deutschland; mannig-
fache Kulturbeziehungen weisen nach beiden Seiten; es hängt eng
mit fener Stellung zusammen, dast die Deformation hier schon
1520 Eingang fand und sich eigentümlich entwickelte. Ein Teil des
Landes wurde lutherisch, der andere reformiert; das Luthertum kam
vom Osten, während im Westen die holländischen Beziehungen vor-
anstanden. Noch zu meiner Jugendzeit überwog bei den Kefor-
mierten die holländische Kirchensprache. — Die ältere geschichte des
Landes ist mannigfach mit Sagen verwoben und hat noch fetzt
manche ungeklärte tragen. Die politischen Verhältnisse haben sich
eigenartig gestaltet, so dast Ostfriesland eine besondere Stellung in
Deutschland besäst. Im späteren Mittelalter herrsch teneinzelneHäupter
der Familien, durchgängig aber bestand eine volle Zemeindefreiheit,
so dast hier das Lehnswesen keinen Eingang fand. Nach un-
geheuren Zerrüttungen und wilden Kämpfen hob sich schliestlich
Lucken, Lebenserinnerungen.	7
        <pb n="10" />
        ﻿ÖÖOÖOÖOÖÖÖOÖOOOÖÖOOOÖ 2 OOOOOOÖOOOOOOOOOOOOOO

das Haus Zirksena zur Würde eines Keichsgrafen 1454 empor.
Über der graf und spätere Fürst war inehr der erste unter anderen
als ein souveräner Herr. Die fürstliche Wacht wurde durch die Land-
stände sehr beschränkt, welche sich nach alter Qrt in QSel, Städte
und Bauernschaft teilten, so dast auch die Bauernschaft am politischen
Leben selbständig teilnahm. Linzelne dürsten, vor allem Ldzard der
groste (1491—1528), haben Bedeutendes geleistet. Über durchgängig
wardas Leben einunabläfsigerKampfzwischen den dürsten und den
Ständen, welche gelegentlich eigene Heere aufstellten und auch eigene
gerichtshöfe befasten. Das fürstliche Haus hat aber dazu gewirkt,
die Selbständigkeit Ostfrieslands gegen Holland zur wahren. Zu
Qnfang des 16. Jahrhunderts lag es sehr nahe, dast das Land mit
Burgund vereinigt wurde und damit die Schicksale Hollands ge-
teilt hätte. Immerhin blieb dauernd bis zum Üussterben des
Fürstenhauses ein nicht geringer Linflust von Holland. Bis dahin
hatte Linden, die weitaus gröstke und reichste Stadt des Landes,
eine holländische garnison. 1744 kam Ostfriesland an preusten.
Friedrich der groste hat das Land besucht und viel Interesse für den
Üufschwung des Handels erwiesen, einzelne Ünekdoten von ihm leben
noch setzt im volksmunde. 1807 fiel Ostfriesland an Holland,
dann an Frankreich (Napoleon), 1815 wurde es Hannover ein-
verleibt. Den Ostfriesen war dies wenig genehm. Sie erwarteten von
der grösteren Wacht Preustens mehr Förderung für Handel und
Schiffahrt, sie hatten sich dort überhaupt wohl gefühlt, ganze Jahr-
zehnte hindurch wurde der geburtstag Friedrich Wilhelms III. in
kleineren Kreisen gefeiert; es ist charakteristisch, dast auch mein Vater
in seinem bis 1851 reichenden Notizbuch gewissenhaft den semaligen
geburtstag Friedrich Wilhelms III. noch lange nach dessen Tode ein-
getragen hat. — Kaum ein einzelnes deutsches Land hat eine so
entwickelte geschichtliche Forschung, wie Ostfriesland. Schon zu Be-
ginn des 16. Jahrhunderts sind bedeutende Werke darüber erschienen
und haben Liebe zur friesischen Heimat wie das Bewusttsein einer
Ligenartigkeit gestärkt. Werkwürdig ist es, dast die friesische Sprache,
die in der Witte des Witkelalters vollaufherrschte, schon im 16. Jahr-
hundert mehr und mehr zurückgedrängt wurde und nur in den
Dörfern eine feste Wurzel hatte. Das 17. Jahrhundert brachte dem
Niederdeutschen die volle Herrschaft. Wanche Bezeichnungen aber
haben sich in friesischer Form treu gehalten, und eine Fülle von
eigentümlichen friesischen Ligennamen sind setzt noch im gange
und Schwange.

Wenden wir uns näher zu den Linwohnern des Landes, unter
denen ich aufwuchs. Ligentümlich ist ihnen Lrnst und Festigkeit,
Tüchtigkeit der Qrbeit, eine groste Widerstandskraft gegenüber
gefahren, aber auch eine gewisse Kühe und Zurückhaltung, sa
        <pb n="11" />
        ﻿Schwerfälligkeit des Ausdrucks. Vas Volk ist mehr gediegen und
leistungsfähig als nach austen hin glänzend.

von Llnfang hakten die priesen harte Kämpfe zu führen, einen
Kampf gegen das wilde Meer, das ihre Fluren verheerte, einen
Kampf gegen anliegende dürsten, welche ihre Unabhängigkeit be-
drohten, einen Kampf auch zur Lrhaltung ihrer befonderen Ürt,
welche sie auch zähe gegen kirchliche Satzungen wahrten. So haben
sie eine graste Selbständigkeit in verfaffung, Sitte und Denkweise
erwiesen und sich einen eigentümlichen Lebensstil ausgebildet.
Schon von altersher trugen sie die Bezeichnung „freie Briefen".
Sie Haben ein ausgesprochenes Kechtsbewusttfein, und nichts ist
ihnen so unerträglich als eine Schmälerung ihres guten Kechts; es
ist kein Zufall, dast eine besonders verbreitete Schrift des grasten ost-
friesifchen Juristen Ihering den Titel trägt „Der Kampf ums Kecht"^.

Der Triefe hängt sehr an der Keligion, aber er ist von groster
Duldsamkeit für Llndersgläubige. Bemerkenswert ist auch, dast
schon feit der Deformation im gröstten Teil von Dsifriesland das
volle Kecht der gemeinde bestand, den geistlichen zu wählen, und
dast auch die Trauen, sofern sie Hausbesitzer waren, das volle

* Das alte friesische Recht isi reich an anschaulichen Wendungen, es zeigt
deutlich, dag diesem volksstamm keineswegs die gäbe dichterischer gestaltung
fehlt. Bemerkenswert isi dabei, dag die Briefen die Dreiheit über alles liebten,
dag sie aber keineswegs Anhänger einer völligen Gleichheit waren. Borchling
(Oie älteren Rechtsquellen Ostfrieslands, 1906, S. 12) sagt: „Kein anderes Recht
hat solche fein differenzierte und ausführliche Bugregisier aufzuweisen wie das
friesische, und darin siimmen die Lex Frisionum und die jüngeren osifriesifchen
gefetze aufs engsie überein". Übrigens zeigt das friesische Recht auch dieses,
dag es auf diesem Boden nicht an höherer Kultur fehlte; es zeigen z. B. Rkoor-
funde, dag um die Rütte des ersien Jahrtausends n. Lhr. die kunsivolle Borten-
weberei auch in Dsifriesland vorhanden war; charakteristisch für die Wertung
der Berufe ist eine Stelle aus der Lex Frisionum, die der feminae fresum
facienti die gleiche höh ere Buge zufprich t wie d ein goldfchmled und demHarfner.—

Eine besondere Höhe des friesischen Bauernstandes wird auch in amtlichen
Verfügungen anerkannt. Bemerkenswert ist eine Verfügung der Hannoverschen
Regierung vom 21. Februar 1S18 über „das Verhalten der Beamten in Ost-
friesland den Eingeborenen gegenüber", welche das Bahrbuch Vergesellschaft für
bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden (Bd. XV, 190;) mit-
teilt. Oie Beamten werden dabei angewiesen „bei allen Verhandlungen mit
Personen des dritten Standes niemals die befonderen Verhältnisse desselben in
Ostfriesland aus den Augen zu fetzen und in Erwägung zu ziehen, dag derost-
friestfche zu den Ständen gehörige Landmann freier gründ eigentllmer ist, und
sich darunter zum veil Personen befinden, welche an Bildung und Wohlhaben-
heit weit über den Sauern in anderen Provinzen stehen, ohne jedoch mehr Rechte
zu haben als die übrigen."

Die Beamten werden zugleich angewiesen, nicht mehr den Ausdruck „Amts-
unlertanen", sondern „Amts-Eingesessenen" zu verwenden.
        <pb n="12" />
        ﻿ÖÖOÖOOOOOOÖOÖOOÖOOÖOÖ 4



Wahlrecht hatten. Was die geistige Bewegung betrifft, fo hatte
Ostfriesland fchon vor der Deformation manche Schulen,
auch Dorfschulen, fa es ist wohl an keiner Stelle ein Schulzwang
früher erstrebt als in Ostfriesland. freilich ist dieser Schulzwang
nicht energisch ausgeführt. Das literarische Leben bewegt sich ent-
sprechend der abgeschlossenen Lage des Landes namentlich um ost-
friestsche tragen und Aufgaben. Die Ostfriesen haben ihre geistige
Kraft vor allem der eigenen Heimat gewidmet, aber es sei nicht
vergessen, dast das kleine Land dem deutschen Leben manche
hervorragende Morscher auf verschiedenen gebieten gegeben hat.
vor allem sind zwei ausgezeichnete Juristen aus Ostfriesland hervor-
gegangen. Hermann Lonring (1606 bis 1681), ein universaler
gelehrter, der von ganz kuropa gefeiert wurde; er hat das besondere
Verdienst, die deutsche Kechtsgeschichte begründet zu haben. Der
andere Jurist von erstem Kang ist allen bekannt: Kudolf Ihering.
Dann hat Ostfriesland in den beiden Tabricius bedeutende
llstronomen gehabt. David Tabrieius* ** korrespondierte eifrig mit
Kepler, seine Beobachtungen haben dazu beigetragen, das gewaltige
Werk Keplers über den Planeten Mars zu fordern; der Sohn,
Johannes Tabricius, aber ist der Entdecker der Sonnenstecke. (ln
der Medizin hat Ostfriesland ebenfalls zwei berühmte Männer
hervorgebracht. Keift* (fi8iZ) hat als ein hervorragenderMediziner
in den Freiheitskriegen die Lazarette geleitet und vorher mehrere

* David l5abricius(i;64—1617). llus feinem Briefwechsel mitKepleristnarnent-
lich eine Stelle bemerkenswert, welche den Unterschied der Weltanschauungen
beiderWänner klar beleuchtet. KeplerfWerkel, 332) schreibt: Tibi äeus in nsluram
venit, midi nstura sä äivinllslem aspirst.

** Neils llndenken wird nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch durch
die ehrenvolle Erwähnung in den goetheschen Werken dauernd festgehalten.
Im Juli 1814 versagten goethe und Niemer ein Vorspiel zu Theatervorstellun-
gen in Halle. Dies Vorspiel scheint in Neils früherem garten stattgefunden zu
haben. Wag goethe selbst nicht viel für jenes Vorspiel getan und Niemer die
Hauptsache geleistet haben: goethe ha! die hier dem llndenken Neils erwiesene
Lhrung in seine Werke aufgenommen. Ls heigt dort im dritten lluftritt:

Und dieses Leben sollt ihr billig kennen,

Das Land wohl kennen, dem es angehört,

Das immerdar ln feiner Tlurcn Nlittc
Den deutschen Biedersinn, die eigne Sitte,

Der edlen Dreiheit längsten Sprog gewährt:

Das meerenlrungcne Land von gärten, Wiesen,

Den reichen Wohnsitz jener tapfern Triefen.

(Siehe goethe, vollständige llusgabe letzter Hand, 11.28., 0.331.)

Merkwürdigerweise ist diese Huldigung des friesischen Lebens und Landes
wenig bekannt.
        <pb n="13" />
        ﻿bedeutende wissenschaftliche Werke geschaffen. Sodann ragt unter
den Medizinern Trerichs hervor, den wir nicht näher zu schildern
brauchen. So dürfen wir nicht denken, es fei Ostfriesland im
geistigen Leben zurückgeblieben.

Llnrlch.

eine engere Heimat ist Qurich, die Hauptstadt des Landes,
tl ♦ vSie verdankt ihre Bedeutung der zentralen Lage, alle
anderen ostfriesischen Städte liegen am Rande des Landes. So
war Üurich der gegebene Mittelpunkt. Die Stadt hatte so gut wie
keine Fabriken; sie war als der Sitz aller Behörden überwiegend
Beamtenstadt. Die Beamten selbst stammten zum guten Xeil aus
Hannover, (charakteristisch für die friesifche und niedersächsische
Llrt war dabei, dast die richterlichen Behörden in der Schätzung
des Volkes entschieden vor den Verwaltungsbehörden standen.
Die stille Stadt erhielt zu gewissen Zeiten eine eigentümliche wirt-
schaftliche Bedeutung durch ihre Jahrmärkte, namentlich durch
die pferdemärkte, die einen gewissen Wechselverkehr der ver-
schiedenen Orte bewirkten, weit über Ostfriesland hinaus. Lin den
Haupttagen dieser Jahrmärkte waren zu meiner Zeit die Schulen
geschlossen, alles bewegte sich um diesen Mittelpunkt.

Die Stadt hatte eine besondere geistige Atmosphäre, die wohl
als eine glückliche gelten durfte. Ruhe und Friede, welche durch
keine Lifenbahn gestört wurden, herrschten überall, jeder konnte
seinen Liebhabereien nachgehen, geistige Qrbeit wurde geschätzt, die
sozialen tragen schlummerten noch, nur ab und zu schlug eine
Welle aus dem grasten Leben des Landes hierher. Dazu kam eine
anspruchslose, aber anmutige Ratur. Die Stadt ist umgeben von
Wäldern und kleinen gehölzen, die den Spaziergängern volle Er-
holung bieten. Die Häuser waren klein, aber behaglich und oft
mit gärten versehen, von alters her umschlost ein Stadtgraben
dfe Stadt. Das Raturbild des ganzen wurde namentlich durch
einige sehr stattliche Windmühlen belebt. Leider wurde die schöne
Frühlingszeit oft durch das Moorbrennen gestört, das die gegend
zeitweilig mit trübem Rauch erfüllte.

JTtelne Eltern.

3ch wurde geboren am z. Januar 1846 als erstes Kind nach
zehnjähriger Lhe. Mein geburtshaus steht an der Lcke der
Ostersiraste und der Reustadt. Mein Vater kam aus dem
friesischen Zeverland. Lr stammte aus einem alten, ursprünglich
wohlhabenden Bauerngeschlecht, aber die Familie verlor durch
        <pb n="14" />
        ﻿6

die furchtbare Sturmflut 1825 ihr Besitztum. Das trieb meinen
Vater dazu, die Beamtenlaufbahn beim Postwesen einzuschlagen.
£r war zuerst Postverwalter in Wittmunö, dann aber Vor-
stand des Hauptpostamtes in Llurich. Lr hatte die beste Llussicht
eine gröstere Stellung im Hannoverschen zu erlangen, aber er
fühlte sich viel zu sehr als guter Ostfriese, um von der Heimat zu
scheiden. Ich war fünfeinhalb Jahr alt, als er starb, aber ich
habe einen deutlichen Lindruck von feiner Persönlichkeit. Lr
hing init groster Liebe an mir und pflegte mich täglich von der
kleinen Spielschule abzuholen, auch trug er gewissenhaft fedes
Monatsdatum meines Lllters in feine Notizen ein. Merkwürdig
ist es, dast ich von ihm eine Begabung für das Kopfrechnen
und ein grostes Interesse für Statistik und Handelsverhältnisse
ererbt habe, während meine Qngehörigen mütterlicherseits dafür
wenig Interesse hatten. Dieses Interesse für Statistik usw. hing
in keiner Weise mit meiner geistigen Hauptrichtung zusammen,
über es hat nrich treu begleitet, und meine Bremer Bekannten
haben mich oft damit geneckt, wie genau ich über die Handels-
beziehungen, über die Schiffahrt usw. orientiert war. Wahrschein-
lich hätte mein Vater stärker auf mich wirken können, wenn er
uns nicht so früh genommen wäre.

Unvergleichlich tiefer hat meine Mutter auf mich gewirkt, fa sie
hat die grundzllge ihres Wesens auf mich überkragen. Sie war
die Tochter eines sehr angesehenen und geschätzten geistlichen, der
(1776—1848) zu den Führern des ostfriesischen Nationalismus
gehörte*. Lr hat im geiste einer besonnenen Llufklürung un-
ermüdlich eine gemeinnützige Tätigkeit geübt. Jener Nationalis-
mus verstand das Lhristentum vornehmlich moralisch; Jesus erschien
an erster Stelle als Menschen- und Kinderfreund. Dieser Nationalis-
mus hatte unverkennbar eine gewisse Nüchternheit, und er hat den
Stand einer Popularphilosophie nicht überschritten, aber er hatte
graste Verdienste um die Kulturarbeit, an erster Stelle um den
Unterricht. Mein grostvatxr teilte lebhaft die Bestrebungen des
Lehrerstandes, und er hat in seinem Hause eine privatschule ein-
gerichtet, die Uber Deutschland hinaus von Holländern, Norwegern
usw. besucht wurde. Lluch an künstlerischen Llntrieben fehlte es
ihm nicht. Lr hat in feinen jüngeren Jahren Nomane geschrieben,
und einzelne seiner gedichte haben auch in weiteren Kreisen Linklang
gefunden. Lluch hat er eifrig für die Hebung des gartenwefens
gewirkt. Noch fetzt hat das Dorf, in dem er die Haupkzeit seines

* Über meinen grogvater Dr. pbil. .Rubels Lhrisioph gutermann imb über
feine Schriften berichtet ber „JTcuer ytefrolog ber Deutschen", 26. Jahrgang, 1848,
x. Dell, Seite 362 bis 375.
        <pb n="15" />
        ﻿ooooooooooooooooooooo

ooooooooooooocooooooo

Lebens wirkte, dank seiner Llnregung besonders gut gepflegte
Baumpflanzungen. Tür seine Ztellung zur Philosophie ist die
Tatsache bemerkenswert, dast er im Jahre 1801 an der Universität
.Rinteln mit einer Dissertation promovierte, welche den Titel trug:
„Der Mensch isi von Vatur entweder sittlich gut oder sittlich böse".
Llusdrücklich wird dabei bemerkt „nach Kantischen Prinzipien".
Tür Ostfriesland selbst war die Erwerbung dieser Doktorwürde
mehr eine Hemmung als eine Törderung seiner sozialen Stellung.
LIls Doktor der Philosophie erschien er leicht als ein vom Volk ab-
gelöster gelehrter, und ein „Doktor" außerhalb der Medizin galt
als etwas Wunderliches. Ls isi bemerkenswert, dasi dieser tüchtige,
rasilos tätige, um das Zemeinwohl unablässig bekümmerte Mann
nie eine Wahlsielle erhalten hat. Lr konnte an dem Orte seiner
Tätigkeit, dem kleinen Lggelingen, ruhig wirken und hatte dabei
den Vorteil, zwischen dem grösseren Jever und dem kleineren
Wittmund lebhafte gesellschaftliche Beziehungen unterhalten zu
können. Jedenfalls war das grostelterliche Haus voll geistiger
und gesellschaftlicher Anregungen. Meine Mutter empflng ihre
Bildung und ihren wissenschaftlichen Unterricht von ihrem Vater.
Dieser war keineswegs ein Treund von gelehrten Trauen; meine
Mutter meinte oft, dasi nach dieser Richtung wohl mehr hätte
geschehen können. Während mein grosioater geistig und wissen-
schaftlich schaltete, war die grostmutter überwiegend praktisch
gerichtet und hakte vor allen» den Lhrgeiz, alles, was nur möglich
war, im eigenen Hause zu erzeugen: es wurde gesponnen, ge-
webt, Bier gebraut usw. Meine Mutter hatte von Hause aus
einen frischen und geweckten 5inn, sie galt als klug und liebens-
würdig und wurde von allen Treunden sehr geschätzt. Sie
verstand es vortrefflich, die Lindrücke von Menschenleben und
Uatur wiederzugeben. Lie hat im Verlauf ihres Lebens eine
groste Llastizität und Kraft erwiesen. von einem jungen
talentvollen Lmder Maler Lamminga besitze ich ein Bild von
ihr, welches sie als funge, liebreizende Trau darstellt; mit einem
Zug tiefer Innerlichkeit, beinahe Schwermut, schaut sie uns an.
Ich hatte später die Treude, dast der berühmte Kunstkenner Jacob
Lurckhardt voll llnerkennung dieses Bild als ein „feines Bild"
bezeichnete. Meine Mutter war von Jugend an voll literarischer
Interessen, sie hatte ein ausgezeichnetes Urteil, und so konnte ihr
das übliche gesellschaftliche Leben und Treiben um die Mitte des
19. Jahrhunderts nicht voll genügen. Line innige Treude hatte sie
an der vatur, am Wald und am Meer. Sie hat in ihren Tage-
büchern dieser Treude wiederholt Vusdruck gegeben.
        <pb n="16" />
        ﻿8

O !..fvO	*.•.



Hrflc Kinderjahre.

Ili eine ersten Schicksale waren wenig glücklich. Beinahe wäre
U f viii) rasch durch einen Unfall aus dem Leben geschieden.
Ich saß, kaum einjährig, auf dem Schoß meiner Mutter, ergriff
aus einem Schlüsselkorb blitzartig ein offenes Vorhängeschloß
und steckte es in den Mund, um es herunterzuschlucken. Ls hing
nun alles daran, daß ich nicht erstickte. Meine Mutter bemühte
sich mit größter Kraft jenes Schloß zu erfassen und zurückzuziehen.
Inzwischen wurde aber der ganze Hals zerrissen. Lndlich gelang
es ihr das Schloß herauszuziehen, sie wurde dann ohnmächtig.
Das ganze Haus lief zusammen. Vier oder fünf Ürzke wurden
gerufen, sie alle glaubten, daß ich in einigen llugenblicken sierben
müsse. Der Hausarzt meinte: „Lassen Sie das Kind in Kühe ster-
ben". Trotzdem versuchte die großmutter mir etwas Haferschleim
einzuträufeln, und indem sie die Wirkung dessen sorgfältig beob-
achtete, gewahrte sie, daß ich einige Tropfen herunterschluckte. Dies
gab dem Hausarzt wieder Mut, und ich wurde gerettet. Über
natürlich war ich auf lange Zeit arg geschwächt.

Dieses Unglück war nicht das einzige. Lin Scharlachfieber
hatte in seinen Tolgen größere Wucherungen auf der Hornhaut
meiner Llugen hervorgerufen. Ich wurde dabei ärztlich zunächst
falsch behandelt, völlig vom Licht abgesperrt und ganze Wochen
in ein völliges Dunkel gebracht; alle Mittel, die ziemlich bar-
barisch waren, halfen nicht das mindeste. Lndlich eröffnete der
Llrzt meinen Litern, daß ich das Llugenlicht verlieren werde.
Natürlich wurden nun andere Ürzte zugezogen, der berühmte Llugen-
arzt, Dr. Lange in Lmden, hat mich gerettet, der uns befreundete
berühmte Professor Trerichs aber sein Urteil bestätigt. Ünfänglich
waren die Llugen noch sehr zart, ich wurde später ihretwegen
als dauernd untauglich zum Militärdienst erklärt, sie haben sich
aber im Laufe der Zeit immer mehr gekräftigt. Meine durch diese
Leiden geschwächte gesundheit wurde durch den wiederholten Be-
such von Seebädern sehr gefördert.

Olle diese Lrlebnisse gaben mir einen großen Lrnst und haben
mich bald in manches grübeln gebracht, um so mehr, weil die
schweren Verluste meiner Llngehörigen hinzu kamen. Zunächst
wurde mir mein einziger lieber kleiner Bruder genommen. Voch
am Weihnachtskage 1850 hatten wir miteinander vergnügt gespielt
und uns über einen gemeinsamen Schlitten gefreut. Llm Sylvester-
abend wurden wir nach dtr Kirche gebracht, um die Posaunen
zu hören, mit denen nach dortiger Sitte damals der Schluß des
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        ﻿9



ooooooooooocooooooooo

Jahres gefeiert wurde. Um 2. Januar aber wurde mein Bruder
schwer krank, und schon am 7. erfolgte der Tod. Ich selbst habe die
Lrlebnisse mit vollem Bewußtsein erlebt, sie sind mir heute noch
genau so gegenwärtig wie damals. Lief traf dieser Verlust des
blühenden und schönen Kindes meine Litern. Lr hat den unsicheren
gefundheitszustand meines Vaters schwer erschüttert. Zur Lrholung
sollten wir drei das Leebad Norderney besuchen, von einem
Kinderfest wurde ich dort heimgeholt, und es wurde mir mit-
geteilt, daß mein Vater gestorben fei. Die Leiche wurde im Wagen
durch das Watt nach Üurich überführt und dort bestattet. 5o kam
es über meine arme Mutter wie eine Lturmflut von Leiden. Uber
so tief sie das alles empfand, und so schmerzlich sie ihre Lieben ihr
ganzes Leben vermißt hat, so hat sie doch den Wut und die Kraft
zum Weiterleben nicht verloren. Uuf dringenden Wunsch der
hannoverschen verwandten wurde eine längere Keife dorthin unter-
nommen, die erste Keife, die ich machen durfte. Die Lahrt ging
damals zunächst nach Oldenburg, dann zu Lchiff nach Brake, von
da aus nach Bremen, wo ich die erste Lifenbahn erblickte, die auf
mich einen sehr unheimlichen kindruck machte. Jene Keife hat
meine Mutter sehr erquickt, und die herzliche gesinnung von
freunden und verwandten hat ihr wohlgetan. Dabei hatte sie
ein sie aufrichtendes Lrlebnis, das freilich mehr sie als mich berührte.
Wir trafen in der Post von gifhorn nach kelle mit einem würdigen
Kabbiner zusammen, der sich mit meiner Mutter unterhielt; dann
ergriff er mich, legte seine Hand auf meinen Kopf und segnete mich.
Lr sagte: „Lr wird durch ferne Länder gehen, und er wird großes
im Dienste gottes leisten", llufmeine tiefgebeugte Mutter hat dieses
Lreignis einen dauernden Lindruck gemacht. — In Vurich zogen wir
in ein bescheidenes, aber mit einem hübschen garten versehenes
Haus. Meine großmutter hatte sich dieses als ihren Witwensikz
gekauft. Ls lag außerhalb der eigentlichen Ltadt auf dem so-
genannten Zingel; der ötadtgraben trennte diesen Zingel von der
eigentlichen Ltadt, unmittelbar in der Nähe war eine stattliche Mühle,
die uns Wind und Wetter gewissenhaft verkündete. Line Haupt-
freude war für mich der garten, der unmittelbar an eine große
Wiese grenzte. Der garten war an erster Ltelle ein Nutzgarten
er versorgte uns mit Kartoffeln, Bohnen usw., aber er enthielkauch.
eine Ünzahl von Beerensträuchern und Obstbäumen. Ich selbst
hatte mir bald gewisse Lieblingsplätze erkoren, sei es in einer
Laube, sei es auf einem schräg liegenden Obstbaum, vor dem
Hause war ein kleiner Vorgarten mit Pappeln, und nach der
Llußenscite war Wein gepflanzt, der meist eine schöne Lrnte brachte.

DieNatur vonLlurich ist sehr günstig für die aufwachsendeIugend.
Die Ltadt liegt auf einem breiten Landstreifen, der sich durch das
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        ﻿IO

JIToor erstreckt. Verschiedene größere und kleinere gehölze bieten
angenehme Qufenthalksorte. Oie gärten zwischen den einzelnen
Fluren sind in der Lommerzeit von zahlreichen Schmetterlingen be-
lebt. Lluch fehlte es nicht an mannigfachen Blumen, die oft von den
Lcb ilern in Herbarien gesammelt wurden. Im Frühling wurde
damals am Himmelfahrtstage ein Lest gefeiert, welches die Jugend
sehr bewegte. £s wurden die Eingänge der Häuser, namentlich
die Vorgärten, mit Veilchen und Butterblumen in vorgeschriebenen
Normen geschmückt. Es war eine Ehre für alle Bewohner, den
sogenannten Brautpfad möglichst geschmackvoll einzurichten. Oie
Kinder suchten am vorangehenden Lonntag den ganzen Lag
hindurch zene Veilchen und Butterblumen. Wahrscheinlich erklärt
sich fene Sitte aus irgendeinem Ereignis, welches früher das ost-
friefifche fürstliche Haus betroffen hatte. Oie Litte war lediglich
auf Vurich beschränkt. In der frühesten Morgendämmerung be-
trachtete man die verschiedenen Llusschmückungen und verglich sie
mit den andern. Wer sich sener Litte entzog, der mußte manchen
Lchabernack erdulden; die Primaner aber vergnügten sich in der
Lrühe mit Kegelschieben.

Oa die damaligen Wege wenig erfreulich waren, so wurde die
Beförderung durch die sogenannten Lchüten (Llachbooke) auf dem
Kanal von Vurich nach Emden stark benutzt. Lie waren bezeich-
nend für das damalige ruhige und bequeme Leben. Diese Llach-
boote, welche ein Verdeck hatten, wurden von zwei Pferden gezogen.
Lie mußten durch die einzelnen Lchleusen herunter oder hinauf
gebracht werden. Während dieses Lchleusens konnte man sich
einige Zeit erlaben oder aussteigen. Von diesem Llachboot war
die Hälfte, die sogenannte Kasüte, für das gebildete Publikum be-
stimmt, das behaglich dort seinen Lee kochen konnte, während der
sogenannte Kaum für die gemüsefrauen bestimmt war. Je näher
dieser Kanal nach Emden kam, um so reicher wurden die Landsitze,
und schließlich tauchte die alte Ltadt mit ihren stattlichen Wällen
und Windmühlen auf.

37achbarsiädte

on den benachbarten Ltädten traten in meinen gesichtskreis

namentlich Emden und Esens, mit denen uns engere Lamilien-
beziehungen verbanden. Emden bewahrte noch immer das Bild
einer gesunkenen, aber würdigen größe. Leine Blütezeit lag in der
zweiten Hälfte des i6. Jahrhunderts. Es hat damals während der
Lreiheitskämpfe der Niederländer gegen die Lpanier eine große
Kölle gespielt. Viele vertriebene haben dort Zuflucht gefunden, und
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        ﻿der Handel erlebte eine großartige Lntwicklung. Der Ort erstritt
sich damals in harten Kämpfen das volle Stapelrecht. Besonders
imponiert das stattliche Kathaus, das nach dem Muster des Llnt-
werpener Kathaufes gegen Lude des iü. Jahrhunderts erbaut
wurde, und das neben manchen sehr wertvollen Silberstücken eine
großartige Küstzeugfammlung enthält, sie wird als die bedeu-
tendste in ganz Deutschland bezeichnet. Üuch manche Privathäuser
zeugen von dem glanz und dem Reichtum früherer Zeiten",
gerade während der damaligen Blütezeit kam eine große Sturm-
flut. Die £ms durchbrach ihr altes Bett und verlegte ihren Lauf
weiter links. Trotz größter Mühe konnte inan mit den damaligen
.Mitteln keine Zurückverlegung des großes Stromes erzwingen.
Linden war und blieb für lange Zeit vom Meere abgeschnitten,
diese Hemmung mußte den Handel sehr erschweren. Durch
Friedrich den großen und um den LInfang des ly. Jahrhunderts
erlebte Lmden einen neuen Lluffchwung, bis wieder eine Stockung
eintrat, endlich aber die letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts
durch gewaltige technische Bauten der Stadt eine unmittelbare Be-
teiligung am großhandel eröffneten. So hat Lmden recht wechsel-
volle gefchicke gehabt.

Besonders eng waren meine Beziehungen zu der kleinen Stadt
Lfens, denn dort wirkte als Kektor an der Lateinschule der jüngere
Bruder meiner Mutter, Larl giktermann. £r war ein sehr offener
und geistvoller Kopf, eine liebenswürdige und seelengute Persön-
lichkeit. Lr hat es aber im Leben nicht weit gebracht, teils weil er
seinen Weg geradeaus ging, teils auch well er wenig Talent befaß,
feine vortrefflichen Kräfte zur vollen Entwicklung zu bringen. Seine
philosophische und religiöse Bildung stand unter dem Linfluß des
Iunghegelianismus, namentlich Teuerbachs. Llugenfcheinlich hat
dieser Denker auf die damalige generation einen sehr starken Linfluß
ausgeübt. Manche hielten es für möglich, diese neue Lehre mit der
Keligion und nrit dem Lhristentum unmittelbar zu verbinden.
Natürlich konnte das nur geschehen, indem man alle gegensatze
abschliff und eine idealisierte Welt als Wirklichkeit fetzte. Ls kann

Lmden Hai unter feinen Staatsmännern einmal einen Mann von euro-
päischem Ituf gehabt: Johannes Lllthufius (LIlthaus). Lr war 1604—1638
Syndikus jener Stobt. Sein fiaatsphilofophifches Hauptwerk war die poli-
tica 1603 (verändert und vermehrt 1610, außerdem noch je dreimal vor und
nach feinem Tode gedruckt); er war auch in feiner literarischen Tätigkeit ein her-
vorragender Verfechter der städtischen und ständischen Interessen. Das Werk
„politica" ist in den späteren Llustagen deutlich mehr und mehr aus die ost-
friesischen und niederländischen Verhältnisse und Interessen zugeschnitten. Lha-
rakteristisch ist für lllthustus, der auch Kirchenältester feiner gemeinde war, dag
er 1617 ein gemeinsames Lrinnerungsfest für Luther und Zwingli vorschlug.
        <pb n="20" />
        ﻿12

kein Zweifel daran fein, dast gittermann aus voller Überzeugung
fene radikale Lehre und die religiöse Überzeugung verbinden
wollte. Ich habe selbst von ihm manche predigt gehört, aus der
vollste Wahrhaftigkeit fprach. Über diese Lage mustte Konflikte er-
geben, und an diesen hat es nicht gefehlt. Dazu war mein Onkel
ein sehr entschiedener Vorkämpfer Preussens und der deutschen
Linheit. Lr hat sich dazu mit voller Unerschrockenheit auch in der
Keaktionszeit bekannt und hat in dieser Zeit (18ZI) eine sechs-
wöchige Lestungsstrafe erlitten, die freilich recht behaglich aus-
fiel und die ihm einen Lhrenbecher von feinen Mitbürgern eintrug.
Über für feine amtliche Laufbahn war sie natürlich wenig günstig.
Die Stelle in £fms war recht bescheiden. Wiederholte Berufungen
von gemeinden auf einträgliche Pfarren hat mein Onkel, als mit
feiner Überzeugung unverträglich, abgelehnt. In der üähe vonLfens
hat er einen protesiankenverein gegründet; auch literarisch ist er für
eine freiere Quffaffung von Welt und Leben eingetreten. Lchliest-
lich ist er nach einer längeren Lehde an die Navigationsschule nach
Leer versetzt worden und hat dort fein Leben i8y2 beschlossen. Ich
habe ihn kurz vor feinem Tode besucht und habe unvergeßliche
Lindrücke von dieser Begegnung erhalten. Die grundzüge des
Lebens standen ihm gegen Lchluß seines Lebens mit Klarheit vor
Üugen, und von Beuerbach war wenig zu verspüren. Die harten
politischen und religiösen Kämpfe waren vorüber, und eine ruhige,
versöhnliche Ztimmung trug den Übschluß dieses Lebens. In
meiner Iugend hat er zunächst durch Diskussionen über die großen
tragen vielfach anregend auf mich gewirkt. Wir konnten damals
oft nicht zusammengehen, da ich von früh an die Unvereinbar-
keit von Beuerbach und Lhristentum klar durchschaute. Über er
brachte mir manche tragen, und in feiner Bibliothek konnte ich die
ersten philosophischen Bücher nach Herzenslust lesen, die mir sonst
nicht zugänglich waren. Die engen Beziehungen zwischen meiner
Mutter und diesem Bruder brachten es mit sich, daß wir die Weih-
nachtszeit in seiner Familie verbrachten und dort wohltuendepage
verlebten; hier konnte meine Mutter sich von ihrer Lagesarbeit
etwas erholen.

Inselreisen.

Bon besonderer Bedeutung waren für mich an erster 5telle
die Infelreisen, welche wir wiederholt ausführten, wir be-
suchten namentlich Langeoog, nur einmal Borkum. Wir waren
dort mit der Lamilie meines Onkels zusammen. Höchst eigen-
tümlich war damals eine derartige Badereise. Hchon die Beför-
derung war recht primitiv. Lin kleines Fährschiff, das gegen
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        ﻿ungünstige Winde sehr langsam aufkam, nahm uns auf. Bei
etwaigem Wenden der Segel mustten die weifenden sich auf den
Boden legen und diese Prozedur wiederholt auf sich nehmen. In
der Kafüte zu bleiben war bei der Lnge des Raumes nur beim
schlechtesten Wetter möglich. Kam man nach stundenlanger Reise
endlich ans Ziel, so fuhr ein Wagen, eigentlich mehr eine Karre
mit dem bezeichnenden Ramen „Wuppe", ins Meer an das Schiff
heran und führte die Passagiere in die Wohnung, welche man stch
schon vorher bei irgend einem bischer oder Seemann gesichert
hatte. Der Haushalt war schwierig, da die Damen den gröstten
Deil der Lebensmittel, darunter auch Fleisch und gemüse, vom
Festland beziehen mustten. Rur wenn das Fährschiff kam, er-
hielt die Insel Hefe, so dast dann Brot und Kuchen gebacken
werden konnte. Diese erfreuliche Tatsache wurde durch das Hissen
einer Flagge verkündet, die wenigen Kurgäste versammelten
sich schleunigst, um die ungewohnten Sachen zu geniesten. Die
schönste körperliche und geistige Erfrischung erhielt inan durch die
Spaziergänge an dem vorzüglichen Strande sowie durch die hier
recht kräftigen Bäder. Rachmittags versammelte man sich gern
auf dem sogenannten Rordstern unter einem Zeltdach, um dort
seinen Lee einzunehmen. Kleine LlusflUge wurden nach der Weisten
Düne unternommen, Muscheln und Seetiere gesammelt, gelegent-
lich auch das Meerleuchken bewundert. Bon den Höhen der hier
sehr stattlichen Dünen genost man einen weiten Blich, man konnte
dort durch das Fernrohr die Bewegungen der grasten hanseatischen
Dampfer genau verfolgen. So konnte die Phantasie sich in un-
ermestliche Weiten ergehen, und man durfte bei voller Stille sich
in der Rähe des grosten Lebens fühlen, primitiv war auch in-
sofern die geistige Lebenshaltung, als dort kein ständiger Pfarrer
war; zu besonderen Zeiten und zu hohen Festtagen kamen benach-
barte geistliche. Im übrigen lag die geistige Bersorgung in der
Hand eines alten biederen Schulmeisters, den mein Onkel stets
als Herr „Kollege" begrüstte. Mein Onkel hörte einst einen furcht-
baren Spektakel aus der Schule dringen, ohne dast derselbe eine
Unterbrechung erfuhr. Lluf sein Befragen erklärte der Lehrer stolz:
„Ich habe nach neuer Methode für meine Iungens eine Stunde
stiller Denkübungen eingerichtet". Das Berhältnis zu den einzelnen,
sehr wenig zahlreichen Kurgästen war ein enges, fa freundschaft-
liches. Man erzählte sich gegenseitig von seinen Freuden und kleinen
Leiden und fühlte sich ganz aufeinander angewiesen. Der Mensch
war damals noch nicht sich selbst so überdrüssig, wie er es fetzt
meist ist. Die Menschen fliehen fetzt oft zur Ratur nur, um immer
wieder mit den Menschen meist sehr Richtiges zu treiben und der
gegenseitigen Litelkeit zu fröhnen; traurig, dast die graste Ratur
        <pb n="22" />
        ﻿ihnen nichts anderes zu bieten vermag! Damals ging man ins
Leebad, um sich körperlich und geisiig auszuruhen und Kraft für
die Ürbeit des Winters zu gewinnen. Vngenehm war auch das
Verhältnis zu den einzelnen Insulanern, zu denen sich bald
freundliche Beziehungen anspannen. Die meisten Männer waren
Leeleute. Ihre Üuffassung betrachtete den Tod zur Lee nicht als
ein besonderes Unglück. Die Küstenbewohner pflegen sich über-
haupt ihre eigene Lebensüberzeugung zu bilden. Der Leemann
und seine Umgebung ist fesi überzeugt von dem Walten eines
Lchicksals, dem sich niemand entziehen kann. Ls gilt dann als
unmännlich, fa feige, sich gegen dieses Schicksal zu sträuben.
Merkwürdigerweise kann dieser grundgedanke sehr verschiedene
intellektuelle gestaltungen annehmen. Die Ltrengreligiösen sehen in
,jenen Lreignissen eine unmittelbare Rügung gottes; die Minder-
gläubigen unterwerfen sich dem Schicksal als einer dunklen Macht,
aber über die Tatsache eines allesbeherrfchenden Lchicksals ist
nicht der mindeste Zweifel. „Vas sollte so sein", das ist der übliche
Trost. Dieser Lchicksalsglaube lähmt keineswegs den Mut und
die Lnergie des Handelns, aber er verbietet alles unnütze grübeln
über das, was hätte kommen können. Ws ein teilnehmender Kur-
gast einem Langeooger die Trage vorlegte, wie es den Lin-
wohnern ginge, wenn ein plötzlicher Unfall oder eine schwere
Krankheit sie träfe, da doch kein Ürzt auf der Insel sei, so nieinte
jener wetterharte Mann: „Kun ja, dann müssen wir unseren
eigenen Tod sterben". — Inzwischen hat sich Langeoog zu einem
stattlichen Leebade gehoben, die frühere Schilderung trifft nicht
mehr zu. Ich aber denke mit groster Treude an die dort verlebten
Wochen; sie waren entscheidend für meine Lntwicklung, weil sie mir
gesundheit brachten und ich in tiefer Kühe graste Lindrücke empfing.

Zu grasten Keifen kam es sonst nicht, auster jener hannover-
schen Keife 1852 habe ich Ostfriesland bis zu meinen Studien-
jahren nicht verlassen. Um so mehr war meine Mutter bemüht,
durch kleine Tagesausslüge geist und gemüt zu erfrischen. Sie
hatte einmal bei Zschokke, einem ihrer Lieblingsschriftsteller, gelesen,
es tue der heranwachsenden Jugend gut, auch selbständige kleine
Tagesausslüge zu unternehmen. Vas habe ich dann mit einigen
Treunden öfters getan. Lin sehr einfaches Trühstück wurde mit-
gegeben. Unser gemeinsamer Trank war eine Mischung Sirup
und Lfsig. Dann wanderten wir vergnügt durch die einzelnen, oft
recht stattlichen Dörfer und hatten besondere Treude an den Tehnen
(auf dem Moor angelegten Kolonien), wo uns ein eigentümliches,
ungewohntes Leben umgab. Diese Kanäle verbanden nicht nur
die einzelnen Orte, sondern sie hatten manche kleinere Werften, wo
Legelfchiffe gebaut wurden. Lluch gab es dort glashütten, für die
        <pb n="23" />
        ﻿öas benachbarte JRoor Öen Brennstoff lieferte. £r(t später ist mir
klar geworden, wie glücklich die damalige Lage für die einzelnen
Schiffsbesitzer und Leeleute war. Ostfriesland hatte damals sehr
viele kleinere Holzschiffe, die namentlich nach Lngland oder nach
Norwegen fuhren, und von denen viele nur im Sommer ihre
wahrten ausführten. Viefe Leute waren sehr seegewandt; ste erreich-
ten gewöhnlich einen behaglichen, wenn auch bescheidenen Wohl-
stand, wenn nicht ein Seeunglück dazwischentrat. Über sie waren
auf sich selbst gestellt und konnten den Wettbewerb mit den grösseren
Schiffen zunächst aushalten. Später hat die technische Lntwick-
lung diese kleinen Schiffe zum guten Heil entwertet und die See-
leute meist in den Dienst der grasten Schiffahrtsgesellschaften ge-
trieben. Üuch auf diesem gebiete zeigt sich deutlich, wie die moderne
Industrie mit ihren technischen Leistungen das Individuum unter-
drückt und seiner Selbständigkeit beraubt.

Häusliches Leben.

ach dem Tode meines Bakers und meines Bruders waren meine
tJ ^Mutter und ich allein auf uns selbst angewiesen; von früher
Zeit an hat meine Mutter mein geistiges Streben geteilt und auch
ihre Sorgen mir mitgeteilt. Bor allem lag auf ihr als eine schwere
Sorge unsere wirtschaftliche Lrhaltung. Unser Bermögen war
gering, und die Witwenpension betrug damals jährlich nicht mehr
als 600 Mark. Mein Baker wollte für die Zukunft sorgen, aber
er hatte sich an eine sogenannte Tontine angeschlossen, wo alle Teil-
nehmer bis zu einem bestimmten Termine eine Summe zusammen-
zuschiesten hatten, um schliestlich die ganze Summe unter die
Überlebenden zu verteilen. Mein Baker starb kurz vor fenem Ter-
min. So mustte meine Mutter für andere Mittel sorgen. Dies hat
sie später in der Weise getan, dast sie Pensionäre nahm. £s war ein
üusterer Qnlast, der ihr diesen Weg zeigte. Lin angesehener Bürger
von Lsens hatte auf der Insel beobachtet, wie sorgfältig und um-
sichtig meine Mutter für mich sorgte. Lr kam nun mit der Bitte,
ihr den eigenen Sohn anvertrauen zu dürfen, der dann auch lange
Jahre hindurch bis zur Studienzeit in unserem Hause gelebt hat.
Diese Linrichtung siel meiner geistig regen Mutter schwer. Über
sie hat mit Llastizität und Lnergie das für uns Notwendige durch-
geführt und dabei den ihr anvertrauten Kindern das Llternhaus
nach besten Kräften ersetzt; noch fetzt erhalte ich schöne Zeichen
der Dankbarkeit. Haus und garten galt dabei als gemeinsames
Ligentum, kleine Teste wurden veranstaltet, unsere Dichter oft
abends gelesen. Kurz, was wirtschaftlich eine Notwendigkeit war.
        <pb n="24" />
        ﻿das wurde ihr eine Sache der Freude und der Hingebung. Tür
mich aber war es wesentlich, daß ich nicht einsam blieb, sondern
durch den alltäglichen Umgang gewann und mehr mit anderen
verkehren musste. Meine Mutter hatte einen gleichmäßigen frohen
3inn und einen großen Neiz für die Jugend; so ist ihr einst ein
kleines Mädchen auf der Straße begegnet, welches ste nicht kannte,
die aber ihre leuchtenden Üugen nicht wieder vergessen konnte. Trau
Dr. Schröder auf Schloß poggelow in Mecklenburg, geb. Peters,
welches dieses kleine Mädchen war, lernte ich erst in letzter Zeit
näher kennen, und ste erzählte mir: „Ich habe diese Llugen nicht ver-
gessen können, erst als ich Sie kennen lernte, wußte ich, wem sie
gehörten". Was Wunder, wenn in unserem Kreise ein froher Ton
herrschte und treue Freundschaften geschlossen wurden. Mir selbst
standen die beiden Brüder Voß am nächsten, der ältere starb
früh, der jüngere wirkt noch als hochangesehener Professor der
Mathematik an der Münchner Universität. Wie oft haben wir drei
heranwachsenden Knaben tragen gemeinsam besprochen, und sind
wir, da wir keine besonderen Kirchgänger waren, durch die Wälder
von Llurich gestreift. — Wir wissen, wie schwierig sich durchgängig
die gesellschaftliche Stellung von Beamtenwitwen gestaltet. Man
will und muß die frühere soziale Stellung behaupten und muß
dabei sich zugleich hart mühen und plagen. Meine Mutter
hat diese Stellung sich voll gewahrt. Man lebte damals in an-
spruchsloser Weise recht zufrieden. 5o haben wir wiederholt mit
näheren freunden den ganzen Tag im Walde zugebracht. Oie
Verpflegung war recht bescheiden, ein geeicht Neis und eine Tlafche
einfaches Weißbier war die Hauptsache. Über man genoß mit
vollen Zügen den frischen Wald, und man fühlte dadurch die
Kraft gehoben. Ülle Bestrebungen meiner Mutter hatten dabei
ein festes Ziel, mich auf die Höhe der akademischen Bildung zu
führen; darin sah sie ihre einzige Qufgabe. Von Jahr zu Jahr
wurde eine kleine Summe zurückgelegt, die ein sorgsamer Berater
aus altfüdischem geschlecht, mit dessen Onkel mich ein freundschaft-
liches Verhältnis verknüpfte, fürsorglich verwaltete.

Oas Lluricher gymnastum.

V^as Üuricher gpmnasium hatte seine ersten Ünfänge in der
F^/Neformationszeit, aber damals versah ein einziger klassisch
gebildeter Lehrer den ganzen Unterricht. 1646 wurde eine größere
Organisation eingeführt, seitdem trägt das gymnasium den Namen
„Ulrich-Schule". Deutlich waren noch die alten Titel. Ün der
Spitze stand früher der Nektar, dann ein Konrektor, ein Subrektor,
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        ﻿I?



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ein Kollaborator, schliestlich der Kantor. Line weitere Lntwicklung
hat der Verlauf des iy. Jahrhunderts gebracht. Ls hatte damals
Ostfriesland nur zwei volle gpmnasien, während Norden und Leer
nur Progpmnasien hatten. Das lluricher gpmnasium wurde
einerseits von den Söhnen der lluricher Kreise, andererseits von den
Löhnen der gutsbesitzer, geistlichen usw. besucht. Ls ergab sich
daraus eine graste Verschiedenheit der Qltersklassen, die auswärtigen
Schüler waren durchgängig erheblich älter. Sie pflegten in Bürger-
familien zu wohnen und hatten eine Lebensführung, die sehr nahe
an das studentische Leben grenzte. lluch darin bestand ein Unterschied,
dast diese Auswärtigen meist niederdeutsch, plattdeutsch, sprachen,
während wir lluricher in unseren Häusern hochdeutsch sprachen,
natürlich bei voller Beherrschung auch des Niederdeutschen. Dieses
Vorwiegen des Niederdeutschen hatte gute gründe; ich möchte
die jetzt vordringende Bewegung zum Niederdeutschen nicht be-
kämpfen. Über wir lluricher empfanden doch auch sehr den Mist-
stand, dast die deutsche, namentlich unsere klassische Kultur leicht wie
etwas Tremdes erschien; so war goethe den plattdeutsch sprechenden
Knaben schwer zugänglich, lluch die Wortwahl war durch diese
Scheidung von Hoch- und Niederdeutsch sehr beschränkt. Ls fehlte,
wie überhaupt dem norddeutschen Leben, der lebendige Zustrom aus
der Volkssprache. Wir alle, die wir im niederdeutschen Leben
standen, haben im geistigen Schaffen mit der gefahr einer ab-
strakten Sprache und Denkweise zu kämpfen. Wir können diese
gefahr bekämpfen, aber es fordert das volle Lnergie und bewustte
llrbeit. Ich selbst habe einmal meinen Mitschülern vorgeschlagen,
wir möchten in der Schule uns untereinander des Hochdeutschen
bedienen, um jene Kluft zu überwinden. Die Niehrzahl der Kame-
raden trat anfänglich meiner llufforderung bei, aber eine Minderzahl
hielt fest am Niederdeutschen, Tag für Tag gewann diese Minder-
zahl an Boden und schliestlich den Sieg. Ls erklärt sich das leicht
aus der frischen und knappen, dabei traulichen llrt, die das Nieder-
deutsche besitzt. Manche Redensarten und Lieblingswendungen
sind kaum hochdeutsch wiederzugeben, lluch ich selbst verwende sie
im häuslichen Leben gern.

Wenden wir uns von den Schülern zu den Lehrern. Sie waren
früher überwiegend Theologen, die eigentliche Philologie hat erst
im Laufe des 19. Jahrhunderts die volle Herrschaft erlangt. Die
Lehrer waren mehr Lrzieher als gelehrte, aber sie fetzten ihre beste
Kraft an die Sache, und sie traten in ein enges seelisches Verhältnis
zu den einzelnen Schülern. Das Technische trat zurück vor dem
Praktisch-Moralischen, gewisse Mängel waren unverkennbar. Die
einzelnen Leistungen griffen viel weniger ineinander, als es jetzt
gefordert wird. Ls wurde z. B. die Wahl der Lehrbücher zum guten

Lucken, Lebenserinnerungen.

2
        <pb n="26" />
        ﻿OOOOOOOCOöOOOOOOOOOOO 18 ooooooooooooooooooooc

Teil den einzelnen Lehrern überlassen. Buch wurde UNS wenig
künstlerische Ünschauung geboten; wir erhielten z. B. kein genügen-
des Bild von den klassischen Ltätten des antiken Lebens. Über alle
diese Mängel überwog der Borteil einer selbständigen und eigen-
tümlichen Lnkwicklung. Jeder konnte seine eigene Llrt entfalten, und
man hatte genügende Zeit, seinen besonderen Interessen nachzugehen.
Es herrschte noch nicht die unglückselige Einrichtung des sogenann-
ten Treiwilligen-Lxamens. Lie hat den Htand der höheren Lchulen
aufs schwerste geschädigt; die militärischen und die bureaukratischen
Interessen überwogen dabei die der geistigen und seelischen Lnt-
wicklung; nainentlich die niittleren Klassen haben sehr darunter
gelitten. Hannover und Ostfriesland kannten damals sene unglück-
liche Linrichtung nicht.

Wir alle, welche wir zenes gymnasium besucht haben, bewahren
den dortigen Lehrern und der dort herrschenden Denkweise eine auf-
richtige Dankbarkeit. Ls kann fremde nicht interessieren, wenn ich
das Bild der einzelnen Lehrer zeichne; ich möchte nur hervorheben,
was charakteristisch war. Direktor war Kothert, ein Westfale, der
von der Ltudienzeit her der Burschenschaft eine treue Ünhänglichkeit
bewahrte. Lr hat die Leitung dieses gpmnasiums in tüchtiger Weise
geführt und gute Disziplin gehalten. Lr führte uns im griechischen
Unterricht rasch zur Lektüre der Odyssee und hat uns dadurch un-
vergestliche Lindrücke geboten. Unter den anderen Lehrern zolle ich
Dank und freundschaftliche Gesinnung dem Konrektor Kuprecht.
Lr war der erste, der sich mit besonderer Wärme ineiner geistigen
Lntwicklung annahm und es durchsetzte, dast ich eine Klasse, die
Obertertia, übersprang. Leider hat später ein zunehmendes Ohren-
leiden seine Lehrtätigkeit vorzeitig gehemmt, aber dauernd bin ich mit
ihm in freundschaftlicher Korrespondenz geblieben. Der spätere
Direktor Bolkmar führte uns Primaner geschmackvoll und feinsinnig
in Meisterwerke der antiken Literatur ein, der Konrektor Tunck liest
uns die französische Literatur schätzen, der Konrektor Möhring för-
derte meine mathematischen iBeigungen. Bei weitem den stärksten Lin-
flust aber hatte der Kektor Wilhelm Keuter, welcher Klassenlehrer der
Sekunda war und sowohl durch den Religionsunterricht als durch
den deutschen Unterricht in den beiden oberen Klassen mit auster-
ordentlicher Diese und Wärme auf die Seelen wirkte. Lr war von
Haus aus inehr Theologe als Philologe, aber er war auch als
Philosoph ausgebildet und hatte sich namentlich gründlich mit
Hegel und mit Krause beschäftigt. Der Kern seines Lebens aber lag
in einem tiefen religiösen und moralischen Wirken auf die gemüter,
er setzte seine ganze Persönlichkeit dafür ein und gab sich eine un-
sägliche Mühe mit federn einzelnen, um ihn nicht blost intellektuell,
sondern geistig und namentlich moralisch zu bilden. Lr war
        <pb n="27" />
        ﻿19 OOOOOOOÖOOOOOOOOOOOOO

jeden Ougenblicf bereit, auf die Interessen jedes Schülers einzu-
gehen und auch ein sprödes Material unverdrossen zu bilden.
Namentlich in der Behandlung der Oufsätze hat er unermüdlich
gewirkt. £r hat nicht selten verschiedene Aufsatzthemen je nach der
Ort und Fassungskraft der Schüler gestellt. Oft hat er mir allein
ein besonderes Thema aufgegeben, um meinen philosophischen
Interessen entgegenzukommen. Dabei stand ich bei höchster Hoch-
achtung für Keuter in einem gewissen gegensatz zu ihm. £r war,
wenn auch in keiner Weise fanatisch, so doch ein strenggläubiger
Lutheraner. Ich aber war sowohl durch die Zusammenhänge
meiner Tamilie als durch meine eigenen £indrü^e freigestnnt.
Nun suchte er alles in mir zu erwecken, was mich nach seiner Über-
zeugung auf den rechten Weg führen könnte. £r hat oft mit mir
über diese Tragen gesprochen und dabei nie die Qukorikät des Lehrers,
sondern das Necht der Sache eingesetzt. Der blosten Oufklärung
war ich bei aller freien gesinnung von früh an fremd, aber ich
verdnnke Neuter, dast ich die schroffen Zegensätze des Lebens und
des geistigen Bestandes der Seele von Jugend auf durchschauen
konnte und dadurch in der Hauptrichtung meines eigenen Strebens
bestärkt wurde. Natürlich blieb ich Neuter dauernd verbunden,
wir haben regelmästig miteinander korrespondiert*. Ols ich ihn
zuletzt sah, hat er bitterlich geweint.

Sehr bedauerlich, ja empörend war es, dast der tiefinnerliche
und ganz und gar auf feine seelenbildende Orbeit gerichtete Lehrer
zum Schlust seines Lebens in politische Konflikte geriet und dabei
eine Behandlung erfuhr, die uns Ostfriesen empörte. Neuter
stammte aus Hildesheim und fühlte sich als Olthannoveraner.
Nun kam die Onnexion 1866; diese Onnexion mit der £ntthronung
des Königs widersprach seinem moralischen £mpfinden, und wie
er nie aus seiner Überzeugung Hehl machte, so hat er wahrscheinlich
auch zu den Schülern darüber gesprochen. Nun müssen irgend-
welche nichtostfriesische Schüler ihren Litern davon erzählt haben,
wahrscheinlich hat sich auch Klatsch daran geknüpft; kurz es wurde

* Veröffentlicht hat meines Wissens Reuter nur eine kleine Schrift „Lcfstngs
Erziehung des Menschengeschlechts. Darlegung des geholtes und des Zweckes"
(x88i, 80 Seiten).

Bemerkenswert ist die enge Beziehung Reuters mit unserem grasten Juristen
Zhering. Wie sehr dieser Reuter schätzte, zeigt ein Zugendbriefvom 17. Dezember
1840, in welchem Zhering schreibt: „Zch werde es stets anerkennen, welch' einen
wohltätigen stinflust Sie auf mein Leben gehabt haben, indem Sie nicht nur
den Sinn für Wissenschaft in mir erweckten, sondern mir auch die Verfolgung
meiner jetzigen Laufbahn so sehr erleichterten".

Zch selbst habe in den Dstfricsischen Monatsblättern 1881 meiner dankbaren
Schätzung Reuters in kurzen Worten llusdruck gegeben (S. 193—198).
        <pb n="28" />
        ﻿OOOOOOCÖOOOÖOOOOOOOOO 20 OOöOOöOöeOöOOöOÖOOOOO

eine peinliche Untersuchung auf ümtsentsetzung des ^vannes ein-
geleitet, die alle Instanzen beschäftigte. Die Osifriesen, welche ihn
durch die ganze Keihe der Jahre als einen politisch durchaus harm-
losen Mann kannten und seine einzigartigen Verdienste vollauf
anerkannten, waren erbittert über diese Behandlung ihres hoch-
verehrten Lehrers. Lie haben alles mögliche getan, ihrer Hoch-
schätzung Üusdruck zu geben und haben stch auch mit eindringend-
sten Vorstellungen an die höchsten Behörden gewandt. Lchliestlich
war das Lrgebnis nicht so schlimm, wie es zu Qnfang dünkte.
Über Deuter wurde in den Ruhestand versetzt und verlor, soviel
ich weist, auch einen Teil seiner bescheidenen Linnahme. Dieser 3mll
ist charakteristisch für die bureaukratische Ürt, die Deutschland wie
ein dichtes gewebe umsponnen hat. Diese Bureaukratie hat kein
Üugenmast für grost und klein, sie denkt in starren Lchablonen
und kann sich in keiner Weise in eine fremde Denkart versetzen
sowie kein I^echt einer Individualität würdigen. Wir erleben auch
bis zur gegenwart glanzstücke dessen. Üurich hatte in Deuter
einen Lehrer von gottes gnaden, der sein ganzes Leben dieser einen
Lache widmete, ganze generationen hat er gebildet und geistig
emporgehoben, und nun genügte ein, vielleicht unbesonnenes und
unkluges Wort, um die Lebenstätigkeit eines solchen Mannes
schwer zu hemmen.

Weitere Entwicklung.

3»zwischen klärten sich mir auch die Üussichten für meinen
Lebensweg. Die Lchule habe ich bald und ohne Mühe durch-
gemacht. Die Hauptzeit auster den Lehrstunden konnte ich meinen
Ürbeiten widmen, die sich zunächst mit den klassischen Lprachen,
dann aber auch mit philosophischen Werken befastten. Im Lommer
bin ich regelmästig morgens 5 Uhr aufgestanden, um ungestört
meine eigenen Lachen zu treiben, vor einer Keihe von Jahren
fand ein früherer Lchulgenoffe als besonders bemerkenswert an
mir, ich hätte so gut wie nichts für die Lchule gearbeitet und wäre
doch an der Lpitze der Klaffe geblieben. In den mittleren Klassen
hatte ich geradezu einen Ltoffhunger, er trieb mich dazu, ganze
Bände des Konversations-Lexikons rasch durchzulesen. In meiner
wissenschaftlichen Bildung trat in erster Linie zunächst die Mathe-
matik hervor. Üls Kind war ich ein hervorragender Kopfrechner;
später entwickelte sich auch eine ausgesprochene Neigung zur Mathe-
matik. Ich wurde dabei weniger von der geometrie mit ihrer
anschaulicheren ürt als von der reinen Qlgebra angezogen. Wie
hier so habe ich überhaupt meine eigene Ünlage von früh an
        <pb n="29" />
        ﻿OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO 21 OOOOOOOOOOOOÖOOOOOOOO

kritisch geprüft. Beim Dleulernen einer Sprache z. B. kam ich nicht
sofort auf die Höhe, aber je mehr die Üufgabe mich beschäftigte,
deslo sicherer fühlte ich mich, und derSchlust des Schuljahres pflegte
mich an der Spitze der Klasse zu finden. Die Neigung zur Mathe-
matik führte meine Mutter und mich zu dem Plane, auf einer
technischen Hochschule Mathematik und Physik zu studieren. Später
hat die Philosophie die Mathematik bei mir zurückgedrängt, doch
blieb ich bis zum Schlust meiner Schulfahre ein vortrefflicher
Mathematiker. Die Wendung zur Philosophie wurde verstärkt
durch das lebhafte religiöse Interesse, welches mich von früher
Jugend beseelte. MeinerTamilientradition entsprach ein gemästigter
Liberalismus; wir fühlten uns von der Orthodoxie, wie sie in Ost-
friesland damals vorherrschte, wenig befriedigt. Ls waren nicht
so sehr einzelne Sätze, welche die Meinigen zum Widerspruch trieben,
als die Überzeugung, dast diese Orthodoxie bei aller persönlichen
Tüchtigkeit den grasten Problemen nicht gewachsen sei. So gingen
wir von Haus aus unseren eigenen Weg. Dazu kamen meine
eigenen Lrfahrungen, welche mich stark zur Beschäftigung mit
religiösen Tragen trieben: der Verlust meiner Lieben, mein zarter
gesundheitszustand, die mir drohende Blindheit. So hatte meine
frühe Kinderzeit wenig Sonne, sie war voller Hemmungen. Über
ich setzte allen Hemmungen die Überzeugung entgegen, dast eine
höhere Macht wie überhaupt über der Menschheit, so auch für mich
selbst walte, und dast ich ihr vertrauen dürfe. Diesen glauben habe
ich keinen Üugenblick aufgegeben; wohl aber habe ich eine selbst-
ständige Kritik an dem überkommenen Kirchenglauben geübt.
Schon frühzeitig habe ich grasten Ünstost an der überlieferten Lehre
vom Mittleramt Lhristi und von der Stellvertretung durch ihn
genommen, und schon als kleines Kind habe ich meine Mutter mit
der Trage gequält, warum nicht gott selbst die Menschen zu sich
zöge und das Böse von ihnen wende. Diese Übweichung von dem
Kirchenglauben machte es mir unmöglich, Theologie zu studieren.
Das dort gebotene religiöse Leben schien mir zu eng und zu
gebunden; ich habe mich auch weiterhin viel mit theologischen
Problemen beschäftigt, aber ich habe keinen Üugenblick daran
gedacht, Theologe zu werden; die Lrfahrungen meines Onkels
konnten mich darin nur bestärken.

In der Politik waren wir Ostfriesen vor allem gute Deutsche;
ich erinnere mich noch, wie ängstlich wir in unseren llufsätzen
den Üusdruck „Hannoveraner" vermieden und nur von Deutschen
redeten. Zugleich war man durchgängig in Ostfriesland freisinnig,
nicht im Sinne der Berliner Demokratie, wohl aber im Sinne der
alten Tradition von den freien, selbständigen, vor allem auf das
-Recht bedachten Ostfriesen, üuch zur hannoverschen Kammer
        <pb n="30" />
        ﻿22

OOOOOOOOOÜOOOOOOOOOOO



pflegten die ostfriesischen Kreise überwiegend gemüßigt liberale
Übgeordnete zu wühlen, Wun aber kam seit dem Jahre 1858 die
Bewegung in preusten, welche eine Belebung der schlummernden
Kräfte und eine Linigung Deutschlands versprach, gröstte Hoff-
nungen für eine freiere Entwicklung und für die nationale Linigung
wurden auf den damaligen Prinzregenten, den spateren König
Wilhelm, gesetzt; auch die Jugend geriet in Bewegung. Später
fehlte es nicht an Lnttäufchungen; wir wissen, dast sich dann die
öache zu einem schroffen Konflikt zuspitzte. Ls war namentlich die
Heeresvorlage, welche die Geister aufregte und erbitterte. Der gute,
za notwendige Sinn der Heeresvorlage entging der öffentlichen
.Meinung, dazu fehlte es an Versuchen einer Üufklärung und
Verständigung; so witterte sie in zener Vorlage nur Weaktion und
Junkertum. Wir ereiferten uns leidenschaftlich darüber und fühlten
uns radikal gestimmt. Über so unreif das Leben damals in poli-
sifcher Hinsicht war, so wohltuend war die Wärme der moralischen
gesinnung, namentlich die Überzeugung, dast die gebildete Jugend
dazu berufen sei, ein einiges und freies Deutschland hervorzubringen.
Damals schlummerte noch die soziale gefahr mit ihren ungeheuren
Problemen. Üuch das lluftreten Lassalles wurde meist mit der be-
bequemen Wendung zurückgeschoben, man dürfe keine Staatshilfe
erbitten, sondern allein der Selbsthilfe vertrauen. So schien der
Kern der ganzen Wation in dem gebildeten Bürgerstande zu liegen.
Die Studierenden aber schienen besonders berufen, in dieser Wichtung
zu wirken. Der einzelne empfing daraus das Bewusttfein, dast sein
eigenes Bestreben etwas bedeute, za unentbehrlich sei. Ls war nach
meiner Überzeugung später ein groster Mangel, dast die aka-
demische Jugend viel zu wenig eigene Ideale für das ganze Leben
besäst, und dast sie nur die vorhandene Ordnung anerkennen sollte.

Schluß der gymnasialzeit.

^Heine Zpmnasialzeit nahte sich nunmehr ihrem Lnde. Meine
fj I ^.Mutter-und ich selbst durften freier an die Zukunft denken, wir
fühlten uns gehoben im Qusmalen schöner Pläne. Vas letzte Schul-
zahr brachte mir verschiedene anziehende llufgaben. Ich habe ver-
schiedene Kadetten in der Mathematik ausgebildet, dann erhielt ich
durch Weuter und mit Zustimmung des gpmnasialdirektors einen
eigentümlichen Üuftrag: ich sollte einen zungen Kaufmann, der zum
akademischen Studium übergehen wollte, zum Qbgangsexamen
vorbereiten. Ün erster Stelle galt es, den deutschen Üufsatz auf
die Höhe zu bringen, dann aber auch klassische Studien mit ihn.
        <pb n="31" />
        ﻿zu treiben. £s war das für mich, der ich damals 16 Jahre alt war,
eine nicht geringe Üufgabe, aber die Lache hat sich sehr nach Wunsch
gestaltet. In einem schattigen garten am Kanal, welcher sener
Familie gehörte, konnten wie ungestört unsere Studien treiben und
uns zugleich behaglich erholen. Die Sache gelang vollauf, und
senerhat das L^amen wohl bestanden; leider ist er aber bald gestorben.
Lluch weitere wissenschaftliche aufgaben kamen an mich: ich sollte
auf Linregung Keuters eine philosophische Lrörterung über Liceros
Tusculanen liefern, im besonderen das zweite Buch dieser Schrift
sowohl philologisch als philosophisch durcharbeiten und diese Ar-
beit gewissermaßen als Zeugnis meiner Leistungen dem gpmna-
sium einreichen. Vas habe ich am 27. Februar 1863 getan.
Keuter hat sie eingehend beurteilt. Qm wenigsten genügte nach
seiner Überzeugung meine Darstellung; auch könne man, so meinte
er, in den philosophischen Darlegungen leicht Widersprüche finden,
wenn man bloß auf die Worte sähe und nicht dem gedanken-
zusammenhang ergänzend zu Hilfe komme. Im ganzen fedoch be-
zeichnete Keuter diese Llrbeit als „geeignet, von Luckens Leistungs-
fähigkeit die schönsten Hoffnungen zu geben". Mitten unter diese
Llrbeiten und Pläne kam aber im Winter 1862 eine recht schwere
Masernkrankheit, die mir hohes lieber brachte und durch Monate
hindurch mich geschwächt hat. Sobald meine genesung in sicherem
Zuge war, hat Keuter mich in meinem Hause besucht und die not-
wendigen ausgaben mit mir durchgesprochen. So konnte ich doch
schließlich die Sache glücklich zu Lüde führen. Qm Lnde des Jahres
1862 war ich selbst und war auch meine Mutter in gehobener
Stimmung, das Ziel lag nun deutlich vor Llugen; es war uns
feierlich zumute, als der glockenfchlag die erste Stunde des neuen
Jahres verkündete. Die stille Zeit der Vorbereitung ging zu Lnde,
nun galt es alle Kraft aufzubieten, von der üniversität erwartete
ich das allergrößte: einen neuen Lebensstand. Ich konnte garnicht
die Zeit erwarten, in der es mir möglich wäre, selbständig zu den
tiefsten Quellen des Lrkennens vorzudringen und meinen eigenen
Weg zu gehen. Qlle Sorge schien hinter uns zu liegen, eine
schöne Zukunft sich uns zu eröffnen. Inzwischen war über die Wahl
meines Studiums eine genügende Klarheit gekommen. Mein Haupt-
ziel war die Philosophie, ich hoffte im Laufe .der Zeit darin eine
akademische Stellung erreichen zu können. Über zugleich wollte ich
mich auch den philologischen und historischen Dächern widmen,
einerseits aus äußeren gründen, um meiner Mutter und mir eine
sichere Lebensstellung zu geben, aber darüber hinaus auch aus
einem lebhaften Interesse für das Qltertum, im besonderen für seine
Denker, und für die geschichte, die; mich ebenfalls lebhaft anzog.
So habe ich mit gutem Mut die schriftliche und mündliche Prüfung
        <pb n="32" />
        ﻿24





bestanden und durfte frohen und dankbaren Linnes vom Qpnu
nasium und von den Lehrern scheiden.

Vun aber war ein schwerer Lntschlust zu fassen: es galt zu
entscheiden, ob ich mich von meiner Mutter trennen oder ob
sie mich zur Universität begleiten sollte. Verschiedene Treunde
hatten Bedenken gegen ein Llufgeben der Heimat, manche
fürchteten auch, das Zusammenleben würde mich einengen und
von einer Verbindung mit den Ltudiengenossen abhalten. Vun
war aber meine Mutter selbst aufs eifrigste bestrebt, mich in einen
engen Zusammenhang mit meinen freunden und überhaupt mit
der Umgebung zu bringen. Ich sollte nach ihrem plane mich
möglichst in allen Künsten und Wertigkeiten ausbilden, eifrig
Lchlittfchuhlaufen treiben, auch Tanzstunden nehmen, die mir
wenig angenehm waren; nUr die Musik war mir eine rechte Treude.
Luch die äusteren Umgangsformen sollten nicht vernachlässigt
werden. Kurz, sie wirkte meinem Ltreben nach Philosophieren,
grübeln, Linsamkeit mit besten Kräften entgegen, ihren Be-
mühungen war es vornehmlich zu verdanken, dast ich nicht ein
einseitiger gelehrter wurde. 5o war von dieser Leite aus für ein
Zusammenleben keine gefahr zu befürchten. Quch während der
Universitätsfahre hat sie unermüdlich gewirkt, meine Beziehungen
zur Umgebung auszubilden; manchen freunden wurde unser be-
scheidenes Heim lieb und wert.

War aber der Lntschlust für eine Trennung von Ostfriesland
gefastt, so mustten wir uns auch von unserem Haus trennen, und
es wurde zugleich der Lntschlust gefastt, den Hauptteil unserer
Möbel zu verkaufen. Vie Trennung von der Ltätte, an der ich meine
Iugend verlebte, ist mir nicht leicht gefallen. Quch war es mir
schmerzlich, dast manche Lieblingsstücke unseres Hausgerätes unter
den Hammer kamen. Über wir konnten unmöglich den ganzen
Hausrat in die weite Welt mitnehmen. Lo wurde nur ein Teil
verpackt und nach göttingen gesandt. Was immer aber dieser
Abschied von der Heimat an Vachkeilen brachte, das wurde weit
überwogen durch die Aussicht, in ein weiteres, freieres, reicheres
Leben zu kommen. Ich war bei fener Wendung zugleich ernst und
freudig gestimmt, ich hatte den glauben und die Zuversicht einer
aufstrebenden Iugend, und was noch wichtiger war: ich trug in
mir selbst eine feste Hauptrichtung, die ich durch mein ganzes
Leben festhalten konnte. Lchon damals bewegte sich mein Leben
und Ltreben um zwei Pole, dieser Unterschied, fa gegensatz, gab
meinem Ltreben einen Antrieb und eine Aufgabe: Linerseits be-
herrschten mich die grasten Probleme der Keligion und einer ihr
eng verbundenen Moral; von hier aus suchte ich eine feste Konzen-
tration meines Ltrebens und Lebens. Llndererfeits aber trieb mich
        <pb n="33" />
        ﻿OOOOOCOOOOOOOOOOOO*.X.:%.: 25 000:..s0!..!0%a.s0v:..!00ö0ö00!j0

die Sehnsucht nach mehr Weite und Dreiheit des Kulturlebens, das
verlangen nach einem klareren Lrkennen und nach mehr künst-
lerischem gestalten. Line Verbindung dieser beiden Üntriebe, das
war der grundzug meines Ltrebens; beides miteinander sollte
einer Lcbenserhöhung dienen, und es durchdrang mich ein zuver-
sichtlicher glaube, nach dieser Dichtung etwas leisten zu können.
Vlies nähere mustte sich allmählich weiterbilden, aber gegen einen
verneinenden Zweifel war ich gesichert. Diesen Bestrebungen konnte
ich aber nicht nachgehen ohne eine innere Kluft mit meiner Heimat
und dem von ihr gebotenen Leben zu empfinden. Das Leben
dort hatte einen festen Boden, und es war im Kerne tüchtig, aber
es hatte keine Probleme des ganzen Menschen, wie sie mich von
Jugend auf bewegten, es verwandelte das Dasein zu wenig in
volle Helbsttätigkeit. von diesem Lebensproblem aus mustte ich
auch die Unzulänglichkeit der dort gebotenen Keligion stark emp-
finden. Man liest sich die Keligion willig gefallen, man fiüchtete
sich in trüben Lagen zu ihr, aber man hatte kein dauerndes inneres
Verhältnis zu ihr, man hatte kein starkes verlangen nach ihr. Da-
zu stand mir der schroffe gegensatz des modernen Kulturlebens
mit seiner unbedingten Lebensbesahung und der christlichen Lebens-
verneinung mit klaren Zügen vor Vugen. Dabei bleibe ich durch
mein ganzes Leben meiner Heimat aufrichtig dankbar für die stille
Kühe, die ungestörte Lntwicklung meiner Kräfte, auch für manche
persönliche Qnregungen, aber die Hauptrichtung meines Weges
mustte ich selbst suchen, und ich habe sie nicht ohne manche Mühe
gefunden.

Zn solcher Ltimmung habe ich die Keife nach göttingen in
Begleitung eines Üuricher Htudiengenoffen angetreten. Meine
Mutter folgte mir einige Wochen später. Durch freundschaftliche
Vermittlung war eine kleine Ltage am Markt in göttingen für
uns gemietet. Mit groster innerer Lrregung habe ich diese Keife
begonnen. Qm frühen Morgen mustten wir zunächst auf der
Post von llurich nach Lmden fahren, um die Lisenbahn zu er-
reichen. Ls war mir eine graste Lreude, von den damals entsetz-
lichen Landstrasten durch die Lisenbahn befreit zu werden; ich
segnete in gedanken das Qndenken des Lrfinders. Zn Lmden
empfingen mich neue Lindrücke. Ültere Ltudenten begleiteten uns.
Über die Linrichtung der Ltudien wurde eifrig gesprochen, ich
must dabei einen sehr naiven Lindruck gemacht haben. Zch wollte
womöglich alle Hauptgebiete erfassen und namentlich eine zu-
sammenfassende Weltanschauung entwickeln. Zene Lreunde hatten
gute gründe, mir davon abzuraten; sie meinten mit Kecht, nur in
einer Wissenschaft könne man die Methoden beherrschen, in den
anderen müsse das Lrgebnis genügen. Über mir erschien das als
        <pb n="34" />
        ﻿6



zu klein und zu eng. Noch mehr werden sich meine Neisegenofsen
amüsiert haben über die Naivität, womit ich die Natureindrücke
auf mich wirken liest. Jeder Berg erschien mir als etwas Be-
sonderes und grostes, ich wollte womöglich auch die einzelnen
Namen genau wissen; dabei hatte ich keine Ahnung von der Höhe
der Berge, kurz ich empfing die buntesien Lindrücke. Line neue
Welt empfing mich. Bon Lmden aus fuhren wir über Osnabrück
und Winden nach Hannover, blieben einen Tag dort und kamen
dann nach göttingen. Nach göttingen zog mich Mannigfaches.
Ls fehlte nicht an persönlichen Beziehungen; für uns Osifriefen war
damals göttingen die nüchsie Universität. Dabei erfreute sich z,ene
Universität eines grostes Nuhmes und einer ausgezeichneten Lehrer-
schaft. In allen Fakultäten wirkten Morscher und gelehrte ersien
Kanges. Die Universität war damals von etwa 700 Htudenten
besucht, was für fene Zeit eine siattliche Zahl bedeutete. Dem
dortigen Leben war eigentümlich die Berbindung einer gewissen
Vornehmheit und einer grasten gediegenheit des wissenschaftlichen
öchaffens. Wichtig war in dieser Hinsicht auch die ausgezeichnete
Bibliothek. Die Universität hatte durchaus keinen provinziellen
Lharakter, sie wurde nicht nur aus den benachbarten gegenden,
sondern von ganz Deutschland, auch vielfach von Ausländern be-
sucht; z. B. von Lngländern, Zchotten, Llmerikanern und Ungarn.
Neben göttingen wäre für uns etwa Jena in Betracht, gekommen,
wo damals Kuno bischer eine glänzende Lehrtätigkeit entfaltete.
Liber die gründe für göttingen mustten überwiegen, Kuno Tischer
hätte tatsächlichfür meine Bestrebungen wenig geboten.
        <pb n="35" />
        ﻿

‘.."J O v ■••• *..*0	VV



Die Universitätsjahre.

^ ^ie ersten Lindrücke der Universität teilte ich wohl mit vielen
I^ültersgenossen. Man fühlte sich in eine fremde Welt versetzt,
man entbehrte des persönlichen Llemenks, welches die Heimat und die
genossen boten, man hatte.Mühe eine gleichmässige Ltimmung
zu wahren, man fühlte sich verloren in den: grasten getriebc.
Dazu kanr bei mir eine gewisse Lnttäuschung über die Professoren.
Ich hatte in meiner naiven Urt mir fene gelehrten als Weltweise
vorgestellt; ich erwartete von ihrem Wirken die Lröffnung groster
Ziele und fand mich natürlich darin enttäuscht. Weiter kam dazu
die Lchwierigkeit, dast mich zwei verschiedene Uufgaben fesselten.
Linerseits wollte ich die klassischen Htudien mit den angrenzenden
Hilfswissenschaften als die Hauptsache meiner Qrbeit behandeln,
andererseits stand meinem inneren Leben und Htreben die Philo-
sophie unbedingt voran. Diesen unverkennbaren Konflikt zwischen
llrbeit und gesinnung hoffte ich durch angespannte Tätigkeit über-
winden zu können. Diese Überwindung ist mir aber nicht leicht
geworden und die gefahr eines Bruches lag einmal recht nahe.

von den einzelnen Lehrern haben zunächst Lauppc, Lurtius,
v. Leutsch und Teichmüller auf mich gewirkt, lluch die Vorlesungen
von Waitz haben mich sehr angezogen. 5auppe hat unter den
Philologen am meisten für uns getan. Ihm kam zugute, dast er
eine Zeitlang gpmnasialdirektor in Weimar war und auch dem
literarischen Leben Weimars nahestand. Wit unermüdlicher 5org-
falt war er um seine Zuhörer bemüht, federn einzelnen von ihnen
stand seine Privatbibliothek zur Verfügung, und stets war er zu ein-
gehendem Kat erbötig. Heine vorlestingen zeigten Klarheit, Zcharf-
sinn, vielseitiges Wissen, eine geschmackvolle Torrn. Der Philosophie
stand er nicht näher. In anderer Weise wirkte Lurtius. Lr fesselte
uns durch sein künstlerisches vermögen und durch seine fugendliche
irische. Lr entwarf fesselnde Bilder der griechischen Welt, die mit
Hinreistender Wärme vorgetragen wurden. 3ehr beliebt war er als
Lxaminator; er liest die einzelnen Lsaminanden möglichst ihre
eigenen Wege gehen und warf nur gelegentlich ein Wort da-
        <pb n="36" />
        ﻿zwischen; leicht konnte man bei einiger gewandtheit selbst den
Lauf des L) amens leiten.. v. Leutfch war der eingefleischte Philo-
loge, dem der Philologe allen anderen Menschen voranging. Leine
Vorlesungen waren sehr gründlich, aber leider zu weitschweifig.
Lr behandelte die Ltudenten, falls sie tüchtige Philologen waren,
sehr liebenswürdig, und er lud öfter kleine Kreise seiner Zuhörer zum
Llbendessen ein, was damals in göttingen etwas Besonderes war.

Zu Lotze, der zweifellos der bedeutendste Denker jener Jahr-
zehnte war, habe ich kein näheres Verhältnis gewonnen. Leine
Vorlesungen waren ausgezeichnet durch Wissen, Klarheit und
Lchärfe. Über sie waren zu technisch für die meisten Zuhörer und
sie boten mir nicht viel für die Probleme, welche mich erfüllten.
Meine erste philosophische Vorlesung habe ich bei ihm überKeligions-
philosophie gehört. Ls wurden in ihr die verschiedenen gedanken-
gänge scharfsinnig entwickelt, aber ich vermiete durchgehende graste
Linien, und es schien mir oft, als ob er dem Lcharfsinn zu viel
zutraute. Wir waren feinen gründen nicht gewachsen, aber sie
überzeugten uns nicht vollauf. Die Psychologie galt für sein
Hauptkolleg, sie gab eine ausgezeichnete Einführung in die Pro-
bleme. Ich habe diesem hervorragenden Denker in smeiner Vor-
stellung sicherlich oft unrecht getan, aber ich konnte für mich nicht
das gewinnen, was mir die Hauptsache war: eine feste Lebens-
richtung. Jene Philosophie war für mich zu sehr eine gelehrten-
philosophie, die das ganze des gemeinsamen Lebens zu wenig be-
rührte und bewegte. Dazu kam ein eigentümliches Lrlebnis, welches
ich beim Doktorexamen hatte. Dieses Lfamen habe ich nicht in der
Philosophie abgelegt, sondern in der klassischen Philologie und in
der alten geschichte. Ober ich hatte mich Lotze als einem Mitglied
der Prüfungskommission vorzustellen. Ich berichtete ihm dabei
über meine aristotelischen Forschungen und bat ihn um sein In-
teresse dafür. Über er erklärte die Beschäftigung mit jenem Denker
für unfruchtbar. Lr meinte, seine Metaphysik und seine Psychologie
enthielten ohne Zweifel graste Wahrheiten, aber die Lchriften seien
zu schlecht überliefert, als dast man sie genügend verstehen könne;
die Lthik des Qristoteles aber sei unbedeutend, da möchte er lieber
einen guten französischen Vornan lesen. Das war ohne Zweifel ein
augenblicklicher Linfall jenes Denkers, eine paradoxe, die nicht so
ernst gemeint war, die mich aber, der ich allen Lifer und alle Hin-
gebung an diese Lache gewandt hatte, verletzte. Dast ich ihn, den
man mit gutem Kecht den modernen Leibniz genannt hat, als einen
führenden Denker schätze, das bedarf keines Wortes. Luch anerkenne
ich vollauf das gute Kecht und die Bedeutung einer solchen gelehrten-
philosophie, aber ich meine, dast die Philosophie nicht in sie auf-
gehen darf, namentlich wenn eine so zerrissene und eines festen
        <pb n="37" />
        ﻿Spaltes so bedürftige Seit die Menschheit umgibt, wie die gegen-
wart es ift.

Philosophisch hat mich in göttingen besonders Teichmüller ge-
fördert, ihm verdanke ich namentlich die Linführung in die Welt
des Aristoteles. Qus Seiten der Philologen war damals für Üristo-
teles so'gnt wie kein Interesse, fa einzelne von den Studenten tadel-
ten es, dast ich mich mit diesem Denker eingehend beschäftigte.
Teichmüller hat mich weniger durch seine Vorlesungen als durch
feine aristotelischen Übungen gefördert. Als ich mich zu fenen
Übungen bei ihm meldete, sagte er mir, ich wäre der einzige, der
bis dahin sich gemeldet hätte. Ich erwiderte, es würden sicherlich
mehrere Bekannte von mir kommen; die habe ich für die Sache ge-
wonnen. Diese Übungen gaben zunächst den Text des Aristoteles,
sie führten dann weiter in die sachlichen Probleme ein, und sie
zeigten Teichmüller als einen sehr kenntnisreichen, gewandten und
umfassenden Denker. £r war in gefahr, die historischen Daten zu
subjektiv zu behandeln, aber die Trische und die anregende Art, die
das Zanze beseelte, hat uns sehr gefördert. Namentlich berührte
es uns angenehm, dast er bei fenen Übungen, die in feinem eigenen
Haufe stattfanden, uns nach getaner Arbeit zum Tee einlud, dann
manches von feinen weiten .Reisen erzählte, uns Kupferstiche
und Photographien vorlegte, auch uns gelegentlich zum eigenen
Urteil aufforderte. So habe ich in göttingen von keinem mehr
empfangen als von ihm. Qus fenen Übungen ist das Thema
meiner Doktordissertation hervorgegangen, das ich freilich selbst
gewählt habe, und das mir durch die enge Verbindung der philo-
logischen und philosophischen Arbeit wertvoll war. Teichmüller
verdanke ich auch die Linführung in das Haus Trendelenburgs;
später wurde ich als fein üachfolger nach Bafel berufen. £r selbst
folgte dann einem Kuf nach Dorpat, wohin ihn persönliche Be-
ziehungen riefen. £r hat in der gelehrten Welt nicht die Anerkennung
gefunden, die ihm gebührte.—Unerwähnt möchte ich nicht lassen, dast
auch der Ästhetiker Bohtz sich meiner freundlich annahm, und dast
ich auch einzelne kunstphilosophische Vorlesungen bei ihm hörte. —
inzwischen warf ich mich mit ganzem Lifer auf das Studium der
grosten philosophischen Werke, und ich suchte ihren Lindruck auf
mich gewissenhaft festzulegen. Die Kritiken Kants wurden mit
voller Hingebung ergriffen, aber sie boten mir manche Pro-
bleme, denen ich einstweilen nicht gewachsen war. Lher durfte ich
mir ein selbständiges Urteil über das Hauptwerk von David Straust
zutrauen. Die dort gebotene mythische Deutung der Sage setzte
nach meiner Überzeugung einen historischen Kern schon voraus,
und es schien mir künstlich, die Prädikate, welche die Kirche
Lhristus beilegt, der ganzen Menschheit zuzuerkennen, da das
        <pb n="38" />
        ﻿nicht blosS eine äußere Ünöerung, sondern eine völlige Wandlung
bedeute.

Sair Philosophie war damals dort wenig Interesse. Linige Vor-
lesungen waren stark besucht, aber von eigenem Leben war wenig
zu verspüren. Die politischen und nationalen Interessen standen
im Vordergründe. Der Rückschlag gegen die spekulative Philo-
sophie war noch in voller Wirkung, man hörte manchen gering-
schätzigen Liusdruck über die Philosophie. Von den Denkern hatte
wohl Lchopenhauer die meisten freunde, vor Kant hatte man einen
großen Kespekt, später gewann Hartmann viel Interesse, und es
entwickelte sich im Neukantianismus (3% LI. Lange) eine eigentüm-
liche Denkweise.

Zwischen Professoren und Ltudenten bestand das beste Verhält-
nis. Wir hatten die größte Hochachtung für unsere Lehrer, und sie
waren uns gegenüber durchaus freundlich und gütig, aber man ver-
gaß nie den weiten Unterschied, welcher die erst Lernenden von den
Lpitzen der Forschung trennte. Ls fiel uns nicht ein, mit ihnen auf
dem 5ätß der gleichheit zu verkehren. Vuch lag es der damaligen Zeit
fern, eine Mitwirkung in akadeniifchen Llngelegenheiten zu erstreben.
Die einen waren vornehmlich mit dem korporativen Leben der Ver-
bindungen, die anderen mehr mit der wissenschaftlichen Llrbeit be-
schäftigt. Die Forschung galt entschieden als die Hauptsache des
ganzen. Daß die Zahl der Ltudenten weit geringer war als fetzt,
mußte den Lharakter des ganzen persönlicher gestalten.

Das damalige studentische Leben hatte weit weniger gliederung
als das fetzige. Die Ltudentenschaft keilte sich in Korps, Burschen-
schaften und Vichtinkorporierte. Unter diesen bildeten die sogenann-
ten „Blasen" festere Verbindungen. Oie Hauptstellung hakten
damals die Korps, deren es sieben gab. Burschenschaften und
Vichtverbindungs-Ltudenten gingen in mannigfachen tragen zu-
sammen. Ligentümlich war es, daß die Kräfte der verschiedenen
Dichtungen sich auf einem harmlosen gebiete miteinander maßen.
£s bestand damals ein literarisches Museum, das Lesezimmer und
gefellschaftszimmer besaß, auch Vergnügungen, namentlich Bälle,
veranstaltete. Die Ltudenten hakten das Kecht, außerordentliche
Mitglieder zu werden, und ihre Vertreter durften die Leitung der
Bälle übernehmen. Lo entstand die Trage, welche Partei möglichst
viel Ltimmen aufbringen könnte. Ls war ein eifriges Wirken und
Wühlen, „Keilen"; manche traten in das Museum ein, bloß um an
fener Wahl teilzunehmen, gewöhnlich hatten die Korps die Mehr-
zahl. Lpäter erschien es als ein großer Lieg, als die Vichtkorps-
studenten zeitweilig die Lache an sich nahmen.

Ich selbst hatte mich von LInfang an einer freieren Verbindung,
der „Crista", angeschlossen. Ls wurde mir aber bald klar, daß
        <pb n="39" />
        ﻿die Beteiligung Daran sich nicht mit Dem Zusammenleben mit
meiner Mutter vertrüge; so bin ich in aller Freundschaft von Den
priesen geschieden, bin aber Dauernd in guten Beziehungen mit
ihnen geblieben. Ich hatte Durch meine Mutter ein recht behagliches
häusliches Leben. Oft besuchten mich dortige freunde, nicht bloß
Deutsche, sondern auch Ungarn, Schotten usw. Ost wurden gemein-
same Spaziergänge und Liusstüge unternommen. Meine freunde
und ich haben z. B. einmal eine ganze Mondnacht im Walde zu-
gebracht. Lluch fehlte es nicht an Linladungen zu befreundeten
Familien. So gedenke ich mit besonderem Vergnügen der Lin-
ladungen von uns freunden seitens des ländlichen Pfarrhauses
chosdorf. Volkslieder wurden gesungen, manche tragen halb ernsi,
halb scherzhaft erörtert. Vor allem aber haben meine Mutter und
ich die anmutige gegend von göttingen vielfach durchwandert und
oft unser Mittagsmahl in einem einfachen Dorfwirtshause ein-
genommen. Sie hatte viel Freude an dem neuen bewegteren Leben, das
uns umfing. 3nir meine geistige Lntwicklung und für den gewinn
vielfacher Vnfchauung war wichtig, daß meine Mutter und ich
trotz unserer bescheidenen Mittel in federn Jahre eine größere cheise
unternahmen. Die erste dieser weisen ging nach Thüringen, wo
wir namentlich Lisenach und Weimar mit ehrfurchtsvoller gesin-
nung betraten und ferner uns der herrlichen thüringer Wälder
freuten. Die zweite Keise ging nach dem Harz, die dritte nach
dem chhein. Bei Stolzenfels habe ich zuerst den chhein mit ge-
hobenen gefühlen erblickt, dann fuhren wir über Köln nach Mainz
und Frankfurt, das damals fa die Hauptstadt des Bundes war
und manche bunte Uniformen aufwies. Daß ich schon vier Jahre
darauf eine angenehme Stellung in Frankfurt bekleiden sollte, das
konnte ich nicht voraussehen.

Frankfurt bringt mich auf den Türstentag von 1863. Ls war
damals eine eigentümliche Atmosphäre, feder fühlte, daß es so,
wie es bisher stand, nicht bleiben konnte, großdeutsche und Klein-
deutsche, wie sie damals hießen, stritten um die gestaltung der
deutschen Verhältnisse. Zn unserer Umgebung überwog die preu-
ßische Stimmung. Man fühlte deutlich genug, daß der von
Österreich mit seinem Völkergewirr betretene Weg nicht zum Ziele
lühre. In diese schwankende und schwüle Stimmung kam im No-
vember 1863 der Tod des dänischen Königs und stellte Deutschland
vor die SFrage, was aus den Herzogtümern Schleswig-Holstein
werden solle.^ Ls war die allgemeine Überzeugung, daß Deutsch-
land seine «stechte nicht aufgeben dürfe und daß alle deutschen
Regierungen bei dieser Trage zusammengehen müßten. Liber als-
bald erschienen auch hier große Zerwürfnisse, und in dieser Lage
fühlte das deutsche Volk und mit ihm auch die deutsche Studenten-
        <pb n="40" />
        ﻿sch äst sich berufen, dem Willen Deutschlands einen kräftigen Qus-
druck zu geben. Ls war für Hannover namentlich der io. Januar
1864, wo eine Landesversammlung aus allengegenden des König-
reiches abgehalten wurde, um die eigene Regierung zu einem
kräftigen vorgehen zu treiben. Luch manchen Ltudenten schien es
erwünscht, fene Versammlung zu besuchen. Wir fuhren in tiefer
Wacht mit einem sehr langsamen Zug nach Hannover, besich-
tigten die dortigen Museen und verübten natürlich auch manche
kleine Webereien. Mittags war fene Versammlung sehr siark be-
sucht. Unter den Hauptrednern war auch unser verehrter Lehrer
Lauppe. Ich hahe diese Weden mit großer Hingebung verfolgt,
aber ich habe sofort den Lindruck empfangen, daß in solchen
Massenversammlungen nicht der gehalt und die Wucht der Über-
zeugung entscheidet, sondern die Verwendung möglichst schroffer
und leidenschaftlicher Üusdrücke. Lchon von da an sind mir solche
Massenversammlungen in hohem grade unsympathisch gewesen.
Qm Qbend hatten wir noch eine besondere Treude, die uns sogar
zu einer gewissen politischen Demonstration verhalf. Qn fenem
Qbend wurde die Oper „Templer und Jüdin" gegeben. Oie Haupt-
rolle hatte Wiemann, der damals auf der Höhe seiner Kunst und
seines Wuhmes stand. Lr sang eine Qrie, die den Wortlaut hatte:
„Du stolzes Lngland freue dich" usw. Ltatt aber diese Worte zu
singen, sang er aus der damaligen Ltimmung heraus: „Du stolzes
Lngland schäme dich" usw. und setzte einige kräftige Worte gegen
Lngland hinzu. In dem Qugenblick, wo er solche Worte sagte, er-
hoben sich sämtliche Ltudenten, brachten dem Länger ein be-
geistertes Hoch und baten dringend um eine Wiederholung jener
Worte. Die Musik schwieg, er sang trotzdem. Der anwesende König
zog sich mit seiner Umgebung zurück, wir aber hatten das gefühl,
eine große Lache geleistet zu haben. Wiemann hat den Vorfall
in seinen Lrinnerungen erwähnt und berichtet, daß er damals
in eine unbedeutende Geldstrafe genommen worden fei. Qm folgen-
den Tag wurde unserem verehrten Lehrer eine Huldigung durch einen
Lorbeerkranz überbracht. Wir ließen es aber nicht bei jenen Worten
bewenden, sondern wir bildeten eine Qrt von Freikorps zugunsten
und zur Verteidigung der Wechte des Herzogs von Qugustenburg.
Ls wurde das leidlich organisiert; frühmorgens wurde unter der
Leitung eines verabschiedeten Offiziers exerziert, göttinger Bürger
waren so freundlich, uns mit gewehren zu versehen, die aber meist
so veraltet waren, daß ihre Verwendung nicht ungefährlich war.
Qllzu streng ging es dabei nicht zu. Den Feldwebeln, die unsere
Übungen im einzelnen leiteten, wurde eindringlich ein höfliches
Benehmen eingeschärft. Immerhin übten wir uns und hatten einmal
einen großen Übungsmarsch, der damit schloß, daß ein Teil der
        <pb n="41" />
        ﻿ötuöenten ein Wirtshaus besetzen, her größere Xets aber dieses
Haus erstürmen sollte. Dabei wurden natürlich manche lenster
zerschlagen. Schließlich einigten die Parteien sich beim glase Bier,
und der Besitzer erhielt eine reichliche Lntschädigung. Bald aber
wurde die Hache ernster; das eherne Waffenspiel um Schleswig
begann, Dann kam die Neugestaltung der Verhältnisse; für unsere
Bestrebungen war kein Platz, sie konnten leicht als Spielereien er-
scheinen. Liber es war doch bedauerlich, daß die darin erwiesene
gesinnung bei den Staatsmännern nicht das mindeste Verständnis
fand, daß alles „von oben" geordnet wurde.

Inzwischen verfolgte ich eifrig mein wissenschaftliches Ziel. Die
Hache verlief nicht glatt, es waren ernste Zweifel zu überwinden.
Ich hatte das Htudium der Philologie und der Philosophie in dem
guten glauben begonnen, beide Wissenschaften mit gleichem Lifer
betreiben zu können. Nach und nach aber wurde mir klar, daß
das auf die Dauer nicht möglich war. Wein unbegrenzter Wissens-
durst trieb mich dazu, in den beiden ersten Lemestern ungeheuer
viele Vorlesungen zu hören und allen Ünregungen zu folgen; so
wurden z. B. Politik, Neligionsphilosophie, Hanskrit mit Übungen
usw., dazu die wichtigsten philologischen Vorlesungen betrieben.
Ls mußte mir einleuchten, daß eine Lntscheidung nach dieser oder
fener Heike notwendig sei. Nun boten die damaligen philologischen
Vorlesungen für meine philosophischen Interessen recht wenig. Im
Hintergründe hatte ich noch immer die mathematischen Interessen,
und so erwog ich ernstlich den Plan, die Philologie aufzugeben
und mich der Naturwissenschaft und der Mathematik zu widmen.
Ich war schon nahe daran, niich als Ltudiosus der Naturwissen-
schaften einzuschreiben; meine gute Mutter war trotz der unverkenn-
baren Nachteile, die der Wechsel des Studiums bringen mußte,
einverstanden. Da betrat ich zu Beginn des dritten Semesters das
philologische Seminar und erfuhr, daß ich neben anderen zuni
ordentlichen Mitglied des Seminars ernannt fei. Diese Tatsache gab
mir doch zu denken. Ich konnte nicht ganz unbegabt für die sprach-
lichen Studien sein, wenn mir zene geschätzte Mitgliedschaft so zufiel.
Zch sah einen Wink des Schicksals darin, die alte Bahn getrost weiter
zu verfolgen, und ich habe diese Lntscheidung bald als durchaus
richtig erkannt. Denn meine Begabung lag nicht in der Natur-
wissenschaft, sondern in den geisteswissenschaften und in der ihnen
verbundenen Philosophie. freilich war nicht zu verkennen, daß
durch zene Wendung die Philosophie, wenn auch nicht meiner
Zrundüberzeugung, so doch meiner Arbeit ferner rückte. Über ich
war viel zu jung und viel zu unreif, um mir in der Philosophie
einen eigenen Weg zu suchen. So habe ich nun niit größerer Treude
und Konzentration mich den philologischen Üufgaben gewidmet,

Lucken, Lebenserinnerungen,

3
        <pb n="42" />
        ﻿0Uv000!..:y00J..!ö0:..!:J!..:v:..:000 34 ooooooooooooooooooooo

und ich habe schließlich in Aristoteles einen gegenständ gefunden, der
für mich beide Leiten verband. Zu Aristoteles stand ich in einem
eigentümlichen Verhältnis: der tiefste grundzug feines Strebens
konnte meiner mehr dualistischen Denkweise nicht entsprechen, aber
in der Lebensgesialtung und der Lebensweisheit habe ich ihn stets
als einen großen Weisen verehrt. Ühnlich ging es mir mit goethe,
bei dem mir ebenfalls tiefste Überzeugung und Lebensweisheit ein-
ander nicht voll zu entsprechen schienen.

Jene Verbindung von Philologie und Philosophie führte mich
zu meiner voktorarbeit über die Sprache des Aristoteles. Oie
aristotelischen Studien standen damals in hoher Schätzung. Hervor-
ragende Männer wie Trendelenburg, Bonitz, Brandis, Prantl usw.
beherrschten die Arbeit der Universitäten. Über die eigentümliche
Sprache des Üristoteles wurde wenig beachtet. Bonitz hatte nach
dieser Dichtung ausgezeichnete Untersuchungen geliefert, aber es
blieb noch manches zu tun; so konnten meine Untersuchungen
nicht als überflüssig erscheinen. Das Jahr 1866, in dem ich diese
Dissertation abschloß, war für mich besonders wichtig. Ich hatte
die Absicht im Sommersemester zu promovieren, was auch am

2.	Juni geschehen ist, und sofort das Oberlehrerefamen zu bestehen,
was dann im Oktober erfolgte. So waren fene Monate für mich
eine Zeit härtester Arbeit; ich bin damals oft schon vor 5 Uhr auf-
gestanden.

In diese arbeitsreiche Zeit fiel die große politische Wendung der
deutschen geschicke; sie ergriff auch unsere nächste Umgebung.
1865 noch feierten wir in göttingen die Linweihung eines neuen
Kollegienhauses. Der König, übrigens ein sehr stattlicher und
vornehm aussehender Mann, kam selbst nach göttingen, und
hat zu der Versammlung der Professoren und Studenten eine
gedankenreiche Kede gehalten. Diese ruhte auf dem grundgedanken,
daß wohl ein gemeinsames Streben das deutsche Leben zusammen-
halten, daß es aber auf dem Weg der Zwderalität geschehen müsse.
Übrigens verlief das Test glänzend. Die Studenten brachten einen
Tackelzug, und ihre Vertreter wurden zur königlichen Festtafel
eingeladen. Aber bald wurden die Wolken immer drohender.
Niemand aber konnte daran denken, daß gerade in göttingen
das Ungewitter sich entladen würde. Ich selbst empfing die
vachricht von diesem drohenden Unwetter in einem kleinen
Freundeskreis, der den gewinn eines wissenschaftlichen Preises
durch einen unserer genossen feierte. Am späten Abend rief einer
von diesen in großer Aufregung uns zu: die ganze Stadt ist
voller Soldaten! Natürlich stob unser Freundeskreis sofort aus-
einander; wir konnten noch etwas- nützen, um die Offiziere und
die Soldaten in ihre Quartiere zu führen. Wir erfuhren dann,
        <pb n="43" />
        ﻿OOOOÖOOOOOOOOOOOOOOOO 35 OOOOOOOOOOOOOOOOOÖÖOC

vast die hannoverschen Truppen unmittelbar und ohne alles gepäck
vom Lserzierplatz nach göttingen befördert wurden. 3o hatteir
fene Offiziere keine Möglichkeit gehabt, sich auch nur mit den nötigsten
Dingen zu versorgen. Zugleich verbreitete sich die Nachricht, dast
auch der König in göttingen anwesend sei und in dem gasthof
„Zur Krone" wohne. Nun gab es eine ungeheure Qufregung. Ülle
Verbindungen nach drausten waren zerstört, die sonderbarsten
gerächte durchschwirrten die 3tadt. 3o verbreitete sich unter an-
deren das gerächt, die Österreicher hätten sich Dresdens bemächtigt
und marschierten schon auf Berlin, und bayrische Truppen seien im
Vormarsch auf göttingen, um sich mit den Hannoveranern zu
vereinigen. Ls war mir selbst interessant zu erfahren, wie leicht sich
in solcher gespannten Lage bloste Möglichkeiten zu Wirklichkeiten
verdichten. Ich selbst habe mit Holdaten gesprochen, deren einer
ganz bestimmt versicherte, er selbst habe bayrische Truppen gesehen
und gesprochen. £r must natürlich irgendwelche andere Leute dafär
gehalten haben. Die HtuSenten waren politisch sehr geteilter
Meinung. Die meisten Ülthannoveraner waren erbittert gegen
preusten, alle aber waren einig, bei einer etwaigen Hchlacht den
Verwundeten möglichst zu helfen. £s wurden schon Vorbereitungen
zur Organisation der Hilfe getroffen. Bald aber verbreitete sich
das gerächt, der König und sein 5tab würden göttingen verlassen
und sich mit der Qrmee nach Thüringen begeben. Qm frühen
Morgen erfolgte diese Übreise; ich selbst habe von meiner Wohnung
aus den König auf seinem letzten Kitt gesehen. Ich wurde somit
Zeuge eines ergreifenden geschichtlichen llktes. Der König bog bei
diesem Kitt in eine verkehrte gasse ein und mustte erst durch den
Üdzutanten nach der richtigen öeite geleitet werden. War das
nicht ein Omen?

Nach dem Übzug der hannoverschen Truppen war göttingen
ohne alle Obrigkeit. Manche Htudenken verbreiteten übertriebene
Bilder von einer drohenden Plünderung, und diese fanden soweit
glauben, dast die Ltudentenschaft die Qufforderung erhielt, selbst
die Ordnung in der ötadt in die Hand zu nehmen. Sie erklärte
!lch dazu gern bereit, aber sie verlangte eine gewisse Bewaffnung;
sedem sollte ein gewehr und ein öäbel aus dem städtischen Zeug-
hause zustehen. So kam es denn auch. Wir marschierten und
patrouillierten durch die ganze Ltadt; Korps, Burschenschaften und
Wilde waren in diesem Talle völlig einig. Die akademischen Haupt-
gebäude wurden unter uns verteilt und genügend Hauptpunkte
eingerichtet. Während der Nacht waren durchweg Wachen aufgestellt
und wurde fortwährend patrouilliert. Jeder einzelne Trupp hatte
eine besondere Üufgabe. Ich selbst erhielt z. B. die Oufgabe, in
der Nacht von 12 bis 2 Uhr den göttinger Bahnhof daraufhin
        <pb n="44" />
        ﻿OOOOOOOOOÖOOOOOOOOOOO 36 OOOOOOOÖOOOÖOOOÖOOOOO

zu untersuchen, ob nicht bedenkliche SubjeFte sich dort versteckten.
Lchliestlich wurde diese Polizeitätigkeit der Ltudenten freilich zu
bunt und ausgelassen, so dast der damalige Prorektor sein tiefes
Bedauern darüber aussprach, dast die akademische Jugend so wenig
3inn für die Not des Vaterlandes habe; damit fand unsere obrig-
keitliche Tätigkeit ein rasches Lnde. Die Jugend vermag eben mit
grostem Trust der gesinnung eine Lust an kecken Htreichen unmittel-
bar zu verbinden. Nach wenigen Tagen kamen die preusten.

Inzwischen war die graste Wendung erfolgt, welche auf lange
Zeit das. öchicksal Deutschlands entschieden hat: die zur Bismarck-
fchen Politik. Diese Wendung spaltete auch die geister der Jugend.
Die zungen Leute waren vor zenem Krieg zum gröstten Teil ent-
schieden liberal, za oft radikal gesinnt, aber sie waren zugleich
durchaus national; wir hofften auf ein einiges Deutschland, das
mit der nationalen Wacht zugleich die politische Freiheit und die
volle Lntwicklung aller Kräfte bringen sollte. Die wirtschaftlichen
Tragen beschäftigten uns nur nebenbei; die gewaltige Ausdehnung
der modernen Industrie und Technik war damals erst im Werden;
was daraus an Verwicklungen entstehen mustte, das konnten wir
in keiner Weife übersehen. Vuch von Weltpolitik war damals
wenig die Kede; das einige Deutschland, so hoffte man, würde
alles in beste Ordnung bringen. Zugleich fühlte die akademische
Iugend sich besonders berufen, den grosten Üufstieg zu führen.
Zweifellos war dabei mancher Überschwang, auch viel Unreife des
Urteils; aber für die gesinnung war es ein Vorteil, dast man die
Vufgabe als eine eigene ergriff und sich verpflichtet fühlte, alle
Kraft dafür einzusetzen.

Die Bismarcksche Politik dagegen stellte die Lage unter einen
völlig neuen Ünblick. Hatten wir bis dahin die Linigung Deutsch-
lands vom gemeinsamen Willen des ganzen Volkes erwartet, so
wurde uns nun zene Leistung von oben her entgegengebracht. Die
einzelnen hatten kaum etwas Tigenes zu tun, sondern nur sich
willfährig der gebotenen gestaltung einzufügen. Die überwiegende
Mehrzahl folgte dieser Kichtung; es wirkte wohltuend und befesti-
gend, dast sich aus dem wirren getriebe Ser Parteien und der
sich gegenseitig widersprechenden Programme eine feste Hand her-
vorhob und ein deutliches Ziel vorhielt. Qndere aber konnten bei
aller Qnerkennung der überlegenen graste des Mannes die Tat-
sache nicht vollauf verwinden, dast zene Wendung ohne alle öelbst-
tätigkeit des Volkes erfolgte, und dast sie zugleich in die Bahnen
eines ausgesprochenen Kealismus geriet. Diesen Männern erschien
die Wendung als zu äusterlich, als zu einseitig militärisch und wirt-
schaftlich. lluch ich selbst konnte bei aller Qnerkennung und Be-
wunderung der genialen politischen und diplomatischen Leistungen
        <pb n="45" />
        ﻿*

OOOOOfcOOOOOOOOOOOOOOO 37 ooooooooooooooooooooo

Bismarcks keine reine Freude an ^ener Wendung empfinden. Ich
hatte gehofft, dem äußeren Llufschwung würde auch ein innerer
entsprechen, und es würde das Leben mehr in Lelbsttätigkeit gestellt
werden. Werner schien mir fene Politik die ideellen Faktoren des
menschlichen Zusammenseins zu unterschätzen, öo war mir später
unsympathisch der Kulturkampf, unsympathisch die schroffe Vrt,
wie die unserem Staatsverbande einverleibten Völker behandelt
und selbst in ihrer Muttersprache eingeengt wurden; unsympathisch
auch das Sozialistengesetz mit seinem verfehlten Versuch, eine welt-
geschichtlicheBewegung durch polizeilicheMaßregeln zu unterdrücken.

Die Schuld ^ener Wendung lag freilich weniger an Bismarck,
dessen unermeßliche Verdienste über aller Kritik flehen, als an der
Schlaffheit und Trägheit des deutschen Bürgertums, das völlig zu-
frieden war, wenn es ihm nur wirtschaftlich gut ging. Man erklärte
sich als „rcichstreu", was im gründe selbstverständlich war, man
bezahlte einen bescheidenen Beitrag für die Parteikasse, man besuchte
gelegentlich eine Versammlung und ließ das deutsche Leben mit
allen seinen inneren Problemen ruhig stehen, wie es stand. Ich
habe in Herren Zeiten wohl an das bekannte Wort gladstones ge-
dacht, Bismarck habe Deutschland größer, die Deutschen aber kleiner
gemacht. Dieser verzicht des deutschen Bürgertums auf einen
selbständigen Willen und auf seine Durchsetzung hat sich im Ver-
lauf der geschichte schwer gerächt; die Lache konnte nur so lange
gelingen, als ein überlegener geist das ganze lenkte; sobald die
Leitung an mittelmäßige und gar an schwankende Menschen kam,
war das Unglück nicht zu verhüten. Tür mich selbst ergab sich als
notwendige Tolge eine Zurückhaltung von allem politischen partei-
leben; ich konnte meine besondere Llufgabe nur in einer inneren
Kräftigung unseres Volkes und der Menschheit finden; das gab
mir im Verlauf der Zeit vollauf zu tun. Lrst später haben sich meine
Kreise erweitert.

0
        <pb n="46" />
        ﻿OOÜOOOOOOOOOOOOOOOOOO 38 OOOCOOOOOÜOOOOOOOOOOÖ

Berlin.

ende Oktober 1866 reiste ich über Magdeburg nach Berlin.

Meine Mutter blieb mehrere Wochen bei den ostfriesischen Ver-
wandten. In sehr bewegter Stimmung begab ich mich auf fene
cheise. Von Jugend auf hatte ich den Plan, Hannover zu verlassen
und nach Preußen zu gehen; ich glaubte hier ein weiteres und
bewegteres Leben zu sinden. Die göttinger gönner und freunde
hatten mich mit einer Tülle von Lmpfehlungen versehen, um mir
das Liufkommen zu erleichtern. Ls war ein frischer Oktober-
morgen, an dem ich von Magdeburg nach Berlin fuhr. Ich be-
grüßte Öle Helle Sonne als ein gutes Vorzeichen; Werder und
Potsdam brachten mir ungewohnte Bilder. Lin Treund, Dr. chohr-
bach, der leider mit seinen großen Ünlagen früh scheiden mußte,
empfing mich an der Bahn und führte mich zu seinen Litern.
Schon am Übend gelang es uns, eine Wohnung zu finden. Ich
kam nach Berlin in dem Streben und der Hoffnung, hier irgend-
welche bleibende Stellung zu erlangen. Lrst später ist mir voll
zum Bewußtsein gekommen, wie kühn, fa gewagt unser Unter-
nehmen war. Unsere Mittel waren sehr beschränkt und konnten
nur für kurze Zeit genügen. Wohl durfte ich mich auf meine guten
Lxamina und auf meine aristotelische Dissertation berufen; aber ob
sich femand um mich kümmern würde, war höchst unsicher. Die
nächste Aufgabe war, meine Lmpfehlungen abzugeben und mich
den leitenden Persönlichkeiten vorzustellen. Llm meisten gespannt
war ich auf Lrendelenburg, dem ich durch Leichmüller warm em-
pfohlen war. Lr empfing mich sofort in sehr freundlicher, fa herz-
licher Weise, unterhielt sich eingehend mit mir über meine Arbeiten
und gab mir wertvolle Ratschläge für die praktischen Aufgaben.
Lrendelenburg stand damals auf der Höhe seines Wirkens. Lr
hakte eine hervorragende literarische Lätigkeit, die sowohl eine selb-
ständige Weltanschauung vertrat, als sich klar und kräftig mit
anderen Denkern auseinandersetzte, welche geistige Tührer der Zeit
waren, so namentlich mit Hegel und mit Herbart. Seine Vor-
lesungen waren sehr besucht; er war nicht nur Mitglied, sondern
        <pb n="47" />
        ﻿OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO 39 OOOOOOOOOOOOOÖOÖOOOOO

auch Sekretär der preußischen ükademie, auch ein Hauptmitglied
der Staatsprüfungen. Ohne ihn schien damals in Berlin nichts
möglich. Wiederholt wurde er als Rektor und als Dekan erwählt.
Üuch genoß er die persönliche Hochschätzung des Königs Wilhelm.
Holskeiner Übstammung war er ein guter Preuße, er hatte dabei
in politischen und religiösen Dingen eine gemäßigte Stellung, aber
er vertrat stets seine Überzeugung mit voller Selbständigkeit. Qls
er bei der ersten preußischen Synode durch allerhöchstes Vertrauen
zum Mitglied ernannt wurde, hat er diese Ernennung mit Dank
abgelehnt, da er wohl ein treues glied der protestantischen Kirche
sei, sich aber nicht berufen fühle, am Qufbau kirchlicher Ord-
nungen mitzuwirken. Oie Ürbeitsfülle, welche gewöhnlich den
Berliner gelehrten bedrückt, hat ihn leider verhindert, eine Psycho-
logie und eine Lthik zu vollenden, die ihn seit langer Zeit beschäf-
tigten. Seine aristotelischen Übungen suchten die Schüler zu selb-
ständigen Forschern zu erziehen. Line große Ünzahl bedeutender
Staatsmänner und gelehrte sind aus dieser Schule hervorgegangen,
so z. B. der Reichskanzler Freiherr v. Hertling, in Ümerika Prä-
sident Porter von Pale, in Rumänien der Ministerpräsident JHajo--
rescu. Die philosophische Denkweise verband sich ihm eng mit der
geschichtlichen; auch die sprachliche Seite der Dinge fand sein volles
Interesse. Die ihm eigentümliche Lehre von der Bewegung fand
wenig Linklang, und im philosophischen System stand er Llristoteles
zu nahe, die Kantische Umwälzung fand hier nicht ihre volle
Würdigung. Über das ganze seiner Persönlichkeit und seines
Schaffens gab feinem Streben eine innere Wärme, eine geistige
Vornehmheit, eine innere Wucht; er war kraft seiner universalen
und ethischen Ürt ein Lrzieher großen Stiles für ganze gene-
rationen. Die Stimmung der folgenden Zeit war ihm nicht gün-
stig, sie hat oft das große verkannt, was Trendelenburg leistete
und war. Unser persönliches Verhältnis hat sich bald aufs schönste
gestaltet. Ich durfte ihn an den Sonnabend-Nachmittagen be-
gleiten und empfing dadurch vielfache llnregungen. Üuch von
seiner Familie wurde nicht nur ich selbst, sondern auch meine
Mutter in freundlicher, ^a herzlicher Weise aufgenommen. Üuch
das war für mich ein gewinn, daß ich mit den bedeutendsten Ber-
liner gelehrten durch kleine Übendgesellschaften bei Drendelenburg
zusammengeführt wurde. Drollig war mir dabei folgende Lpisodc.
Line kleine gesellschaft bestand neben Lrendelenburg namentlich
aus Mommfen und Haupt. Die beiden gerieten in eine Debatte
darüber, welche gelehrten in der Polemik die schärfsten seien.
Haupt erklärte, das seien ohne Zweifel die Theologen, denn bei der
Trage des vermeintlichen Seelenheiles kenne die Üufregung und
die Leidenschaft keine grenzen. Mommfen hörte das ruhig an und
        <pb n="48" />
        ﻿OOOOOOOOOOOOOOOOÖOOOÖ 40 OOOOÖOOOOOÖOOOOOOOOOO

erwiderte mit feinem Lächeln: „Wissen 3ie, lieber Herr Kollege, ich
kenne persönlich Philologen, die noch schärfer sind als die Theo/
logen, ich habe darunter sehr gute freunde". Natürlich merkte
jeder, auf wen die 3ache gemünzt war.

Während des ersten Winters hörte ich neben den Vorlesungen
Trendelenburgs verschiedene juristische und staatswissenschaftliche
Vorlesungen. Lodann war ich als das letzte Mitglied seines
pädagogischen 3eminars der letzte 3chüler des ehrwürdigen
Boeckh. Die einzelnen Mitglieder mustten eine Quittung für ein
empfangenes 3tipendium vorlegen; als ich diese ihm durch einen
Diener übergeben wollte, liest er mir sagen, ich möchte nur selbst
kommen; er sprach dann mit mir gütige und eindrucksvolle Worte
Uber sein eigenes Leben und über Menschenleben überhaupt,
kinige Tage darauf starb er. Lr war aus voller Überzeugung
Platoniker.

Üuch sonst begegnete man mir in Berlin sehr freundlich und ich
wurde in verschiedene Zesellschaften eingeführt. Liebenswürdig auf-
genommen wurde ich z. B. von dem Theologen Dörner, von dem
Philologen Kirchhofs von dem Juristen Nudorff, dem Legations-
rat Meper, dem Vorleser des Königs, ferner von der Familie
Köpke, um welche sich jeden 3onntag ein kleiner geistig belebter
Kreis versammelte. Üuch meine Mutter fand in diesem Kreise
freundliche Llufnahme. Weiter verkehrte ich gern in dem religions-
philosophischen Kreise, den der charaktervolle Krause um sich in
Weistensee versammelte. 5o wurde die Fremdheit Berlins für uns
rasch überwunden.

Nun aber galt es, eine amtliche Tätigkeit zu gewinnen, und
für diese Qufgabe war mir niemand wichtiger und förderlicher, als
der 3kadtschulrat Professor Or. Hoffmann; ich schulde ihm ein
herzliches und dankbares Llndenken. Lr vornehmlich hat es be-
wirkt, dast ich in Berlin bleiben konnte. Ihn leitete die Über-
zeugung, die wissenschaftlichen Lehrer sollten nicht ganz in der
Pädagogik aufgehen, sondern auch wissenschaftlich selbständig
wirken. Lr meinte, die bloste Pädagogik genüge wohl für die
unteren und mittleren Klassen; zurLrweckung eines vollen geistigen
Lebens aber sei ein eigenes wissenschaftliches Tortschreiten der
Lehrer selbst im höchsten Maste wünschenswert. In solcher ge-
sinnung hat er damals das städtische Lchulwesen geleitet. — Linst-
weilen blieb ich aber in einer unsicheren Lage. Das Tnde des
Iahres war gekommen. Ich hatte in ihm viel gearbeitet und er-
reicht, die beiden Lfanuna waren abgelegt, i eine neue Lebens-
bahn begonnen, aber der Blick in die Zukunft blieb verhüllt.
Der Iahreswechsel brachte meiner Mutter und mir diese Unsicher-
heit zu vollem Bewusttsein. In dieser Stimmung besuchten wir am
        <pb n="49" />
        ﻿SpIoefkrabenÖ den Berliner Dom und erwarteten bewegten
Herzens die weitere Zukunft. Dann aber brachte schon der y. Januar
eine Wendung. Der Stadtschulrat Hoffmann teilte mir mit, ich
solle als Probekandidat am Sophien-gpmnasium eintreten.
Damit gewann ich einen festen Boden in Berlin; ich sollte auch
sofort eine gewisse Linnahme erhalten. Zunächst freilich war diese
Wendung recht bescheiden, auch forderte ste einen unbequemen
Wechsel unserer Wohnung. Der Weg zu meinem gpmnasium betrug
eine volle halbe Stunde, man hatte damals noch nicht die bequemen
Beförderungsmittel der gegenwart. Über noch bevor wir diesen
Wohnungswechsel vollzogen, ergriffen mich neue Üufgaben und
führten mich von Berlin fort. £s war damals eine gute Zeit für
junge Philologen; innerhalb eines halben Jahres habe ich nicht
weniger als drei verschiedene Angebote erhalten, die teilweise sehr
verlockend waren. Bor allem wünschte der damalige Leiter des
preussischen Schulwesens, geheimrat Wiese, daß ich einen er-
krankten Oberlehrer in Stolp vertrete. Ls war ein nicht geringes
Lrstaunen bei den damaligen Kollegen, daß ich unmittelbar
zum Lhef des preußischen gelehrtenschulwesens berufen wurde.
£r bot mir jene Stolper Stelle in sehr freundlicher Weise an und
war nicht wenig befremdet, als ich dies mit aufrichtigem Dank,
aber entschieden ablehnte. Weine Kollegen fürchteten schon, ich
hätte dadurch meine Laufbahn schwer geschädigt. Über ganz bald
kam wieder eine neue Aufforderung von Wiese, ich solle eine gut-
dotierte Stelle als Oberlehrer am gymnasium und an der Real-
schule von Husum (Schleswig) annehmen. Ich hatte zunächst ver-
zweifelt wenig Lust zu dieser Aufgabe. Ich berief mich auch bei
Wiese darauf, ich sei noch zu jung für die dortige Stelle, dazu noch
Probekandidat. Das machte auf Wiese nicht den mindesten Lin-
druck, es sei das, so meinte er lächelnd, ein Wangel, der sich mit
jedem Tage verringere. Ich erbat mir eine Bedenkzeit von einem
Tage. £r erklärte diese Bedenkzeit für völlig überflüssig, gestattete
sie aber schließlich. Ich stürzte zu meiner Wutter und zuTrendelen-
burg und wir überlegten, was zu tun sei. Weine Wutter war
außer sich, weil sie ein Scheitern meiner wissenschaftlichen Pläne
befürchtete. Trendelenburg teilte die Bedenken, riet aber schließlich
trotzdem jene Stellung anzunehmen. £in Beharren auf meiner
Weigerung würde mich in eine unerquickliche Lage bringen, die für
einen jungen gelehrten, der am Anfang seiner Laufbahn siehe, be-
denklich wäre. Ich solle, so meinte Trendelenburg, guten Wutes
nach Husum gehen, dort Tüchtiges leisten und in der dortigen
Kühe wissenschaftlich weiterarbeiten. Die Berliner Treunde würden
schon dafür sorgen, daß ich nach einiger Zeit wieder nach Berlin
käme. Dem gewicht dieser gründe konnte ich mich nicht entziehen,
        <pb n="50" />
        ﻿»

entschied mich also für die ünnahme. So mussten wir in eine uns
völlig gleichgültige Stadt ziehen, und es konnte dabei der Bergleich
zwischen Berlin und Husum nicht zugunsten Husums ausfallen.

Husum.

£*11(11111 hak durch Theodor Storni eine künstlerische Verklärung
gefunden, und auch ich habe die Vorteile dieses Ortes voll
f empfunden. Das OTteer lag nahe, die Heide bewährte ihren
stillen Zauber, eine alte Kultur sprach aus manchem Bauwerke, die
Tüchtigkeit der Linwohner unterlag keinem Zweifel. Über ich selbst
war damals nicht in der rechten Stimmung, dieses alles voll zu
würdigen, im besonderen entbehrte ich schmerzlich die iVLHe eines
Waldes, an den ich von frühester Jugend an gewöhnt war. Dazu
war damals die Lage für einen aus preusten und fpeziell aus Berlin
berufenen Beamten wenig angenehm. Lben vorher waren die
grasten politischen Wandlungen in Schleswig-Holstein erfolgt, die
auf die Stimmung der um die deutsche Sache hochverdienten Be-
völkerung gar keine Rücksicht nahmen. Ls war begreiflich, dast
man in dem von Berlin kommenden Lehrer und Beamten vornehm-
lich den Tremden sah und sich gesellschaftlich wenig um ihn küm-
merte. Ündererseits war es ein groster Vorteil für mich, in dem da-
maligen gpmnasialdirektor gidionfen einen mir sehr wohlgesinnten,
dabei sowohl wissenschaftlich als künstlerisch feingebildeten Wann
zu finden; ihm vornehmlich verdanke ich, dast mein Ümt mir die
denkbar angenehmste Stellung brachte'". Die Hauptsache war, dast
ich mich in meiner Tätigkeit wohl fühlte und dast ich vortreffliche
Schüler hatte, die sich sogleich freundlich zu mir stellten. Sie waren
zum Teil älter als ich. Die Schüler glichen in mancher Beziehung
den Ostfriesen: nianche von ihnen verstanden auch die friesische
Sprache; ich habe nie die mindesten Schwierigkeiten mit ihnen ge-
habt. Die berühmteste und bedeutendste Persönlichkeit des Ortes

* Clus giöionfens gedichtet! fei nur folgende Stelle angeführt:
Nicht vom Tage sollst du leben,

Clus und nieder schwankt die Welle
Last dein Innres fröhlich weben
Stets verjüngten Daseins Quelle.

Ist Ursprünglichkeit dir eigen,

Darfst sie hegen, darfst sie zeigen,

So nur spürst du in der Zeit
Vorgefühl der Ewigkeit.
        <pb n="51" />
        ﻿W...................AO

............

war natürlich Theodor Ltorm. Ich habe aber bei aller Anerkennung,
fa Bewunderung feiner Kunst ein engeres persönliches Verhältnis
zu ihm nicht gefunden. Dabei must ich eines drolligen Lrlebniffes
gedenken, das, fooiel ich weist, keine Ltormbiographie erwähnt.
Der fehr musikalische Dichter war Leiter eines gefangvereins von
Herren und Damen und machte die Lache ausgezeichnet; alles
philisterhafte war ihm dabei gründlich zuwider, Nun entwarf er
ein Programm für ein Konzert, deffen Lchlust nach ernsten Dar-
bietungen auch das harmlofe Ltudentenlied „Qls wir jüngst in
Kegensburg waren" bilden follte. Qis aber die Probe begann, er-
klärten die Damen oder doch ihre Mehrzahl, das Stücf wäre un-
moralisch, und weigerten sich es aufzuführen. Das verfetzte Ltorm
in einen begreiflichen Zorn. £r meinte, dast könne man ihm doch
zutrauen, nichts Unpassendes darzubieten. Die Damen beharrten
auf ihrer Weigerung, das Konzert begann, ganz Hufum war aufs
höchste gefpannt, wie die Lache verlaufen werde. Das letzte Ltück
begann, und — sämtliche Damen verliesten das Podium. Nun erhob
stchLlorm und erklärte, erlege die Leitung diefes Vereins nach folcher
Behandlung nieder. Die Damen beharrten auf ihrem Ltandpunkt
und haben dann einen Mann aus Berlin zur Leitung berufen.
Diefer ist aber, foviel ich weist, nur einige Wochen in Hufum ge-
blieben und dann wieder abgereist. Nun triumphierten die Treundc
von Ltorm, Hufum war gefpalten, fchliestlich legte sich diegeistlichkeit
ins Mittel. Der fehr beliebte und tüchtige Propst Lafpers hat die
Häupter der Parteien zu einem freundschaftlichen Mittageffen
eingeladen; dort wurde die Lache geschlichtet und Ltorm blieb

Leiter.

Inzwischen ging meine philofophifche Arbeit ununterbrochen
fort. Meine Differtation forderte eine Lrgänzung durch eine Unker-
fuchung des gebrauchs der Präpositionen bei Aristoteles, wobei es
mir gelang, einen gewiffen Abschnitt der aristotelischen Meta-
physik als unecht zu erweisen; diese Lchrift ist im Verlage von Weid-
mann 1868 erschienen. Zugleich beschäftigten mich weitere Quf-
gaben. Ich plante schon damals eine Untersuchung über die
wissenschaftliche Methode der aristotelischen Philosophie. Zugleich
habe ich viel über die grosten Kulturprobleme der gegenwart nach-
gedacht, und es ist mir noch fetzt deutlich gegenwärtig, wie
ich in einem gefpräch mit meiner Mutter schon damals die un-

geheuren gefahren darlegte, welche die Kultur der gegenwart
durch den ihr innewohnenden gegenfatz bedrohen. Zunächst freilich
fesselte mich die strengwiffenfchaftliche Arbeit. Willkommene Unter-
brechungen und geistige Lrweiterungen brachten Keifen nach Ham-
burg und Umgebung, nach der ostholsteinifchcn Lchweiz und nach
Lübeck. In Holstein erfreuten uns die wundervollen Buchen-
        <pb n="52" />
        ﻿Waldungen und die stillen Leen. Lübeck aber bot ein prächtiges
Bild der großen Vergangenheit fener Hansastadt; auch die dortigen
Kunstwerke waren uns eine Freude und Lrquickung. Dann ging
es nach Kiel, das damals eine kleine und behagliche Stadt war.
gegen Schluß unseres schleswigschen Aufenthaltes haben wir auch
Tlensburg mit feiner Umgebung befucht. Daß dort eine fchwere
Trage entstehen konnte und daß um den alten Besitz mühfam zu
kämpfen war, das lag damals ganz fern.

Der Beginn des Jahres l86y brachte mir die erfehnte verfetzung
nach Berlin. Üußerlich war diefe Versetzung kein gewinn, aber ich
durfte nun sicher erwarten, allmählich aufklimmen zu können und
meine wissenschaftlichen Llrbeiten weiterzuführen. Lim Schluffe
meines Husumer llufenthaltes hat gidionfen im Schulprogramm
meine pädagogische Tätigkeit in höchst ehrenden Vusdrücken an-
erkannt.

Zweiter Aufenthalt in Berlin.

*4 ^er Llufenthalt in Berlin gestaltete sich naturgemäß weit ruhiger
&gt;■%/als der frühere. Ich mußte mich nunmehr an das alltägliche
Leben gewöhnen und mich mit den dortigen Verhältnissen befreun-
den. Trendelenburg nahm mich in gewöhnlicher güte auf, wir ver-
kehrten viel miteinander. Lluch entwickelte sich ein angenehmes per-
sönliches Verhältnis zu Bonitz, den ich unmittelbar vor meinem
Vbfchied von Berlin nach Husum kennengelernt hatte. £r hat mir
sofort die Korrektur des großen Index Aristotelicus übertragen,
und ich habe von dem geistvollen, lebenserfahrenen und liebens-
würdigen gelehrten vieles empfangen. £r war aus einer führen-
den Stellung an der Spitze des österreichischen gelehrten-Schul-
Wesens nach Berlin übergesiedelt, um das Direktorat des „grauen
Klosters" zu übernehmen; er trat damit aus fener Stellung in
eine einfachere ein. Über die gründe solcher Wendung hat er sich
mir gegenüber wiederholt ausgesprochen. Lntscheidend war für
ihn der ständige Streit der verschiedenen Nationen über die ge-
staltung des höheren Schulwesens. Oie Hauptfrage war immer,
wie viel Tschechisch, polnisch, Slowenisch oder Italienisch an den
Schulen zu treiben sei; die Qufgabe der geistigen Bildung trat dabei
weit zurück. £s war begreiflich, daß der ausgezeichnete Torscher
und Schulmann auf die Dauer diesen unfruchtbaren Streit
nicht ertragen mochte. Natürlich ergab auch das Verhältnis zur
katholischen Kirche für ihn, den norddeutschen Protestanten, manche
Verwicklung, aber er besaß einen großen Takt, und seine eminente
        <pb n="53" />
        ﻿pädagogische Bedeutung wurde von allen weiten anerkannt. Über
es fehlte nicht an sonderbaren Begegnungen, kr traf bei einem
Llussiug auf den Semmering mit einem geistlichen Herrn zusammen.
Oie Herren unterhielten sich lebhaft, und zener geistliche äußerte
große Bedenken gegen die liberale gestaltung des dortigen Unter-
richtswefens, er meinte schließlich „und der Schlimmste bei dem
allen ist der Bonitz". Bonitz suchte zu beschwichtigen, so schlimm
sei es nicht, und vielleicht hatte doch auch Bonitz etwas gutes an
sich. Oer geistliche Herr aber wurde immer erregter, kurz, eine Ver-
ständigung mißlang. Qls man in Wien ankam, hat Bonitz zenem
mit einer freundlichen Lmpfehlung feine Visitenkarte überreicht.
Bonitz hat nachher durch eine Keihe von Jahren das preußische
Schulwesen geleitet; leider konnte er diese eingreifende Tätigkeit
aus körperlichen gründen nicht lange fortsetzen.

fluch meines Verhältnisses zu Wiese muß ich an dieser Ltelle ge-
denken. klls ich von Husum wieder nach Berlin kam, fragte ich
vor allem Trendelenburg, wie Wiese Uber mein Verhalten denke.
Trendelenburg erzählte mir. Wiese wäre recht ärgerlich über mich,
er sähe in meinem Benehmen eine gewisse Untreue gegen meinen
Beruf; es war augenscheinlich, daß ich cs bei ihm völlig ver-
dorben hatte. Quch Trendelenburg fand es richtig, daß ich mög-
lichst bald zu Wiese gehe und ihm die gründe meines Handelns
offen darlege. Dieser empfing mich in recht ungnädiger Weise; es war
deutlich, daß unsere Wege auseinandergingen. So habe ich lange
Jahre nichts von ihm gehört, unsere Beziehungen waren völlig er-
loschen. Dann aber erhielt ich, als ich schon mehrere philoso-
phische Bücher geschrieben hatte, einen liebenswürdigen Brief von
ihm. Ls zwinge ihn, mir auszusprechen, daß ich damals doch
richtig gehandelt habe, als ich meinen eigenen Weg verfolgt hätte;
er wollte nicht unterlassen, mir seine Schätzung und seine besten
Wünsche auszusprechen. So bin ich schließlich mit aufrichtiger
Hochachtung und Dankbarkeit von ihm geschieden.

Weine amtliche Stellung am Triedrichs-gpmnastum war nicht
so bequem, wie die Husumer, ich hatte namentlich in den mittleren
Klassen zu unterrichten, was ^a in Berlin keine leichte Sache
und mir nicht immer voll gelungen ist. Über ich fühlte mich wohl
in dieser Tätigkeit, und ich wurde sehr freundlich von den Berliner
Kollegen aufgenommen. Damals war es, als ein älterer Kollege
mir in liebenswürdiger Weise"folgenden Kat erteilte. Um in Berlin
etwas zu gelten, dürfe man nie etwas loben, sondern müsse alles
tadeln; täte man das nicht, so gelte man als ein zurückgebliebener
Kleinstädter. Diesen Kat habe ich gewissenhaft befolgt und mich
dabei gut gestanden. — 1869 gab es in Berlin drei Sehenswürdig-
keiten: Bismarck, dessen überragende größe nunmehr außer Zweifel
        <pb n="54" />
        ﻿vyOuOuOOOOOOOOOO(X)yOO ^6

SOOOOOÖOOOOOOOOO

stand, Strousberg, der als Lifenbahnunternehmer eine führende
Ztellung hatte, und den Pastor Knaack, der eine Zielscheibe des
Berliner Witzes war, weil feine streng-biblifche Überzeugung die
Lrde als den Mittelpunkt der Welt erklärte. Mein Onkel Larl, in dem
noch der alte Theologe steckte, entschied sich bei gebotener Kürze de«
Aufenthaltes und notwendiger Üuswahl für Knaack, mustte aber
anerkennen, dast die dargebotene predigt vortrefflich und eindring-
lich war. — Nunmehr haben wir auch die Umgebung Berlins ge-
nossen. Wir fuhren wiederholt nach Potsdam und hatten nament-
lich Treude an dem Zauber der dortigen Leen. Tegel war damals
still und bot den wohltuenden Eindruck einer edlen Kultur. Ouch
Lberswalde und Treienwalde wurden besucht. Wir begannen
schon Berlin als unsere Heimat zu betrachten. Die öommerferien
brachten eine Keife nach Thüringen, die uns zum ersten Male auch
nach Jena führte. Lchon die Keife von llpolda aus machte einen
recht gemütlichen Eindruck. Wir hatten einen Lchnellzug bis llpolda
benutzt und erkundigten uns dann nach der Fahrgelegenheit nach
Jena. Uns wurde erwidert, das hätte noch gute Zeit, die Keifenden
würden abgerufen, wenn es Zeit wäre. Wir setzten uns in den
Omnibus und fuhren zur nächsten Ltation Isserstedt. Dort wurde
federn Herrn ohne weiteres ein Kännchen Lichtenhainer Bier in den
Wagen gereicht. Dann fuhren wir von der Höhe durch das an-
mutige Mühltal nach Jena. Die Ltadt hatte damals etwa yooo Lin-
wohner, sie war ohne Tabriken, alles war hier in den stillen Dienst
geistigen Lchaffens gestellt und durch eine graste Vergangenheit
geweiht. Das Paradies war noch nicht zerstückelt, die gärten hatten
um fene Zeit einen prächtigen Kofenflor. Man empfing den ent-
schiedenen Lindruck, dast es sich an diesem Orte gut leben lasse.
Linen vollen Tag verbrachten wir, um sowohl den Tuchsturm,
als auch den Torsi zu besuchen; alles das war ländlich und be-
haglich. Line gelegenheit, die Hauptzierde der damaligen Uni-
versität, Kuno Tischer, zu besuchen, hatte ich leider nicht. Lpäter
hat schon der bedauerliche Htreit zwischen Trendelenburg und Tischer
ein engeres Verhältnis zu diesem verhindert. Lchliestlich haben wir
doch in freundlicher Weise miteinander korrespondiert.

Om folgenden Morgen ging die Keife vom alten Posthause aus
in das Laaletal. Von einer Llfenbahn war damals noch keine
Kede. Morgens 7 Uhr begann die.Tahrt, auster uns hatten sich
nur noch ein paar Herren eingeschrieben. Wir alle freuten uns
über den Ünblick der Leuchtenburg, die vorwärts und rückwärts
lange das Bild beherrscht. In Kahla war ein Trühstück für die Keifen-
den bereitet, an dem sich feder beteiligte. Von Kudolstadk ging es
nach dem Lchwarzatal und bis nach Lchwarzburg. Überaus
wohltuend empfanden wir den grasten Kontrast zwischen dem

1
        <pb n="55" />
        ﻿00000000%

47

&gt;00000000000000000000

Berliner Leben und dem Qufenthalt im Weiten Hirsch, wo abends
ganze ^udel von Nehen und Hirschen zur Tränke zu kommen
pflegten und kein Laut die volle Nuhe slörte. Lluch der Blich vom
Trippflein hat uns sehr entzückt. Ich unterhielt mich dort mit einem
Herrn, der lange Jahre in LImerika zugebracht hatte; er meinte, er
hätte in dem fernen Lande viel der eigentümlich deutschen Natur
gedacht, dabei aber habe ihm namentlich der Trippflein und seine
Aussicht immer besonders deutlich vor Augen geschwebt. Unsere
Neise ging weiter nach Thüringen, Tranken und nach dem Tichtel-
gebirge, schließlich über Leipzig nach Berlin.







L
        <pb n="56" />
        ﻿ooooooooooooooooooooo 48

000000000000000000000

Frankfurt (1869-1871).

II UN aber erfolgte schon wiederum eine Wendung unserer Der;
tj G-Hältniffe. S(f)on vor 5er letzten Jleise empfing ich den Besuch
des frankfurter gpmnasialdirektors Mommfen, eines Bruders von
Theodor Mommfen. £r erzählte mir, er wolle sich für eine frank-
furter Stellung nach geeigneten Persönlichkeiten umsehen und
neben anderen auch mich kennen lernen. £s wurde aber nicht das
mindeste verabredet, und ich betrachtete die Sache schon als erledigt,
plötzlich aber empfing ich einen Lilbrief, der mir einen ehrenvollen
und vorteilhaften &lt;Kuf nach frankfurt brachte. Ich sollte als Nach-
folger des sehr geschätzten Professors Dr. Baumann, der nach
göttingen berufen war, die Leitung der Sekunda übernehmen.
Natürlich waren wir schnell entschlossen. Die alte Kaiferstadt zog
uns in hohem grade an, sowohl durch die herrliche Natur, als
durch ihre alte und reiche Kultur, frankfurt selbst war damals
nicht in besonderer Stimmung. Im Kriege 1866 hatte man die
Stadt sehr unfreundlich behandelt, sie beinahe als feindesland
zurückgesetzt. Später gab sich das bald, aber immerhin wurde es
den frankfurtern nicht leicht, die alte Unabhängigkeit zu vergessen.
Im Herbst i8by war es leicht, eine paffende Wohnung zu finden;
so haben auch wir uns dort angenehm eingerichtet. Damals
hatte die Stadt so gut wie keine fabriken, der gefamteindruck war
der eines vornehmen, hochgebildeten, anmutigen gemeinwefens.
Die Zahl der Linwohner war etwa 80000. graste genüste gewährten
neben den mannigfachen wissenschaftlichen und künstlerischen Dar-
bietungen kleine und gröstere Qusflüge nach Homburg, Wiesbaden,
Mainz, an den Khein, auch nach Heidelberg usw. Man konnte in
der schönen Natur gewiffermasten schwelgen. Alltäglich ergingen
wir uns gern in dem grasten Stadtwald, der bequeme Kuhepunkte
bot und der damals nicht überlaufen war.

Die Stätte meines Wirkens war das alte gpmnasium, das in
einem engen gästchen lag; seitdem sind aus ihm zwei prächtige
neue gymnasien entstanden. Die Zahl der Schüler war ver-
hältnismästig klein, wir hatten etwa 250 gpmnasiasten; das
        <pb n="57" />
        ﻿OOOOOOOOOOOOOOOOÖOOOO 49 ooooooooooooooooooooo

-Realgymnasium, die Musterschule, stand an Zchülerzahl weit voran,
von den einheimischen Frankfurtern pflegten das gpmnasium nur
die Höhne zu besuchen, welche sich auf die Universität vorbereiteten;
es waren das aber besonders tüchtige, geweckte und liebenswürdige
Leute. üus ihnen sind manche hervorragende Persönlichkeiten
hervorgegangen, welche eine Zierde des gesamten deutschen Lebens
bilden. Ls herrschte dort ein groster wissenschaftlicher Lifer und zu-
gleich eine frische und fröhliche Stimmung. für meine Stellung
und Tätigkeit war namentlich Mommsen als Direktor wichtig. Lr
war ein Mann von universaler Bildung, von einer grasten päda-
gogischen Leistungsfähigkeit und einer bewunderungswürdigen
Ürbeitskraft. Lr war nach 1848 von den Dänen aus feiner amt-
lichen Stellung in Husum vertrieben, hatte dann an zwei ver-
schiedenen Orten an Realschulen gewirkt, durfte aber Frank-
furt als den Höhepunkt seines Wirkens betrachten. Lr fand hier
manches zu tun. Ls hatte vorher eine bequeme, za etwas laxe Qrt
um sich gegriffen, den HchUIern waren manche Freiheiten er-
laubt, welche sich nicht mit einer strengeren Ordnung vertrugen;
so war es unbedingt notwendig, hier eine bessere Disziplin ein-
zuführen. Über es war begreiflich, dast manche Hchüler und Litern
das als unangenehm empfanden, und dast es anfänglich an Zu-
sammenstösten nicht fehlte. Über mehr und mehr haben sich die
frankfurter überzeugt, wie Tüchtiges sie an ihrem gpmnasial-
direktor hatten. Ho wurde vor kurzem das gedächtnis des
hervorragenden forfchers und Pädagogen einmütig und dank-
bar begangen. Ls war für das gpmnasium ein groster gewinn,
dast ein streng-wiffenfchaftlicher geist alle Linrichtungen durchdrang.
Dabei war Mommsen eifrig darauf bedacht, die überlieferten
freieren frankfurter Verhältnisse möglichst zu erhalten und sie
gegen die preustische Bureaukratie zu verteidigen. Ls gab z. B&gt; be-
sondere Htudientage, die dem Lmzelnen eine volle Lntwicklung seiner
Ligentümlichkeit erlaubten. Ls bestandnichtdasüblicheübiturienten-
examen, sondern die zungen Leute konnten sich für das ganze Jahr
selbst ein Hauptthema auswählen, über das dann vom Lehrerkolle-
gium geprüft wurde. Ülles zusammen hat dahin gewirkt, die zungen
Hecken in vollen flust und in eine selbständige Denkweise zu bringen.
Ls wurde dort manches geleistet, was auch heute noch beachtens-
wert ist. Die Üufstrebenden bedürfen dringend grösterer freiheit
und individueller Lntwicklung.

Üuch unter den Kollegen gab es bedeutende Persönlichkeiten.
Ün geist und Rednergabe übertraf Lreizenach seine Umgebung.
Ls gab keine Veranstaltung gehaltvoller und nationaler Ürt,
für die man ihn nicht zum leitenden Redner auserkor. Lr hat
namentlich das literarische Leben des gpmnasiums erheblich

Lucken, Lebenserinnerungen,

4
        <pb n="58" />
        ﻿gefördert. Dann wirkte eine später viel besprochene Persönlichkeit
bei uns: der katholische geschichtslehrer Iansfen. Lr hatte im be-
sonderen Religion und geschichte für die katholischen Zchüler zu
lehren; Schwierigkeiten dieser Stellung haben wir damals nicht
empfunden. Sowohl feine wissenschaftliche Tüchtigkeit als sein
liebenswürdiger Humor wurden allgemein geschätzt. Ich war ihin
schon als Niederdeutscher rasch nähergetreten, und ich habe öfter mit
ihm die Probleme der Zeit durchgesprochen. Lr war zunächst ein
gegner der Unfehlbarkeit und sprach mit großer Hochschätzung
von Döllinger. Später aber hat er sich dem Unfehlbarkeitsdogma
unterworfen und dies auch mir gegenüber für eine Pflicht des
Katholiken erklärt; er verstehe nicht die Wege der Vorsehung, aber
es fei eine heilige Pflicht, sich dem anzuschließen, was die Kirche als
Wahrheit erkläre. Ich stand überhaupt mit den katholischen Tor-
schern und Lehrern in dem besten Verhältnis, und es war mir ein
persönlicher Schmerz, daß der vortreffliche Professor Wedewer,
der Leiter der höheren katholischen Schule, so früh scheiden mußte.
Üuch später habe ich gerade bei gemäßigten Katholiken eine be-
sonders freundliche gesinnung nicht bloß für mich selbst, sondern
auch für mein geistiges Streben gefunden. Weine eigene Stellung
zu den Problemen war frei von aller konfessionellen Lnge.
Ich habe das große, ]a das Unentbehrliche am Katholizismus
stets vollauf anerkannt, ohne fe meiner freieren philosophischen und
protestantischen grundüberzeugung etwas zu vergeben. Linstweilen
müssen wir uns gegenseitig vertragen.

Lluch außerhalb des Lehrerkollegiums hatten wir manche freund-
schaftliche Beziehungen und geistige Törderungen. Ich gedenke z.B. des
geistvollen Lucae, der mich in die Anfänge der Anatomie einweihte
und in liebenswürdiger Weife auch auf meine philosophischen
Tragen einging. Terner haben wir freundschaftlich mit der Tamilie
des berühmten Naturforschers Schleiden verkehrt und manchen ge-
meinsamen Qusstug gemacht, Schleiden war ein bedeutender und
anregender Wann, der vorzüglich schildern konnte und uns nicht
nur von Dorpat, sondern auch von Jena vieles erzählt hat; er hatte
vollen Sinn für die Jugend und für die lebendige gegenwart.
3eine führende Stellung in der modernen Botanik ist ein Stück
des wissenschaftlichen Kuhmes Jenas.

Im Jahre 1870 beschäftigten wir uns sehr mit einer größeren
Keife nach der ostfriesischen Heimat zu den dortigen Verwandten
und Treunden. Wir konnten mit rechter Befriedigung die ver-
gangenen Jahre überdenken, und es war uns eine Treude, von
all diesen Erlebnissen den Treun des kreisen zu berichten; unsere
gemeinsame Lebensfahrt war ein Wagstück, aber dies Wag-
stück durften wir als gelungen betrachten, alle Sorgen waren
        <pb n="59" />
        ﻿überwunden, in freiem Ausblick lag das Leben vor unferen Augen.
Wir begannen diese J\etfe ohne den nahe bevorstehenden Krieg
ernstlich zu fürchten. Wan erwartete zuversichtlich, daß es dem
gefchick unserer Staatsmänner, namentlich Bismarcks, gelingen
werde, den Krieg zu verhüten. So fuhren wir Anfang Juli zu-
nächst nach Kassel, um die dortige Industrie-Ausstellung zu sehen.
In Hannover wurden Jugendfreunde meiner Mutter besucht. Die
Keife ging über Oldenburg nach Ostfriesland, das inzwischen
dem Lisenbahnnetz angeschlossen war; Iugenderinnerungen meiner
Mutter wurden aufgefrischt. Inzwischen aber hatte sich die Lage
Tag für Tag immer drohender gestaltet. Schon in Lsens schien
der Krieg unvermeidlich, in Aurich vernahmen wir die Kriegs-
erklärung. Aber man empfand bei allem Lrnst der Lage wohltuend
die Festigkeit und Sicherheit der preußischen Art. Im besonderen
wurden alle Seezeichen schleunigst entfernt, so daß feindliche
Kriegsschiffe unfehlbar stranden mußten. Tür uns galt es, die
Keife eilig abzubrechen und auf irgendwelchen noch offenen
Wegen Trankfurt zu erreichen. Unter nicht geringen Mühen
gelang es, über Linden und Hamm nach Köln durchzukom-
men. Am Morgen des folgenden Tages empfingen wir un-
vergeßliche Lindrücke im Kölner Dom, wo eine unzählige Menschen-
menge sich zusammenfand und am gottesdienst teilnahm. Man
empfand deutlich das Verschwinden alles Unterschiedes der Kon-
fessionen gegenüber der gemeinsamen Aufgabe des Vaterlandes. In
Frankfurt angekommen, konnten wir aus den Fenstern unserer
Wohnung die endlosen Militärzüge sehen, deren Insassen in den
Krieg gingen; die füngeren gpmnasiasten waren eifrig bemüht,
Lag und Wacht bei der Verpflegung der Truppen zu helfen. Man
betrachtete damals fenen Krieg als eine sehr ernste Sache, und
wenige dachten, daß er so rasch beendet werden würde. Bekannt-
lich meldeten zunächst die Tranzosen übertriebene Siegesnachrichten,
dann kamen die Berichte von Wörth usw., die erste Wachricht darüber
wurde im gottesdienst von der Kanzel verkündet. Dann kamen ein
paar bange Tage um Metz herum, bis es deutlich wurde, daß die
Sache sich zum Vorteil der Deutschen neigte. Treilich hörte man
zugleich von sehr schweren Verlusten, durch die der Sieg erkämpft
sei. Aber man war nun schon auf weitere gute Wachrichten gefaßt,
bis schließlich die Wachrichten von Sedan alle Lrwartungen über-
trafen; namentlich bei der Jugend bewirkte die Wachricht von der
gefangennähme Wapoleons einen stürmischen Jubel. Allgemein
wurde damals ein rasches Lnde des Krieges erwartet. Wir wissen,
daß er sich länger ausdehnte, und daß es an einzelnen Wechsel-
fällen nicht fehlte. Das Volk wurde recht ungeduldig, man ver-
stand nicht, weshalb die Belagerung von Paris fo langsam verlief;

4
        <pb n="60" />
        ﻿oooooooooooooöooooooo 52 ooooooocooooooooooooo

dann kamen die Heldentaten Werders, endlich mustte sich Paris
ergeben. Was die Triedensbedingungen betraf, so wurde vor dem
Kriege wenig an das Llfast gedacht; man hatte sich in diesen Ver-
lust gefunden. Üls nun aber der Kampf entbrannt war, da erhob
sich die allgemeine Forderung, die im gründe deutsch gebliebenen
Länder für Deutschland wiederzugewinnen.

Inzwischen war meine eigene wissenschaftliche Llrbeit ruhig
fortgeschritten, und ich durfte die baldige Vollendung meiner
Lchrift über die aristotelische Methode zuversichtlich erwarten.
Dann aber kam ein Lreignis, das meinen Lebensweg eine neue
Kichtung gab: die Berufung nach Bafel. Die Nachricht traf
mich ganz unerwartet. Üllerdings war mir aufgefallen, dast das
Baster Universitätsverzeichnis nicht den Namen Teichmüllers ent-
hielt, aber ich hatte nichts von einer Berufung gehört und er-
klärte mir fenen Umstand daraus, dast er einen Urlaub antreten
wolle. Lines Morgens aber überbrachte mir ein Dienstmann
einen von Trankfurt aus geschriebenen Brief von Teichmüller,
der mich bat, ihn sofort zu besuchen. Nun erfuhr ich,
dast er nach Dorpat übersiedeln wolle, wohin ihn Tamilien-
beziehungen riefen und wo ihn eine weit grössere Lehrtätigkeit er-
wartete, zugleich aber, dast man in Basel ernstlich daran denke,
mich als seinen Nachfolger zu berufen. Ich hatte nur meine
damals noch kleinen Lchriften den Behörden zu übersenden und
meine prinzipielle geneigtheit zu erklären; bald aber kam der da-
malige Leiter der Baster Universität, Natsherr und Professor
Bischer, zu mir, und die Lache war rasch in angenehmster
Weise erledigt. 5o war ich im Lllter von 25 Jahren ein wohl-
bestallter ordentlicher Professor der Philosophie und der Päda-
gogik. In Trankfurt bedauerte man meinen Tortgang aufrichtig,
Lehrer und Lchüler zeigten mir in mannigfacher Weise ihre
Lchätzung, auch die städtischen Behörden taten alles, mich in
Trankfurt zu halten, aber im gründe verstand feder vollauf, dast
ich die Berufung an eine Universität nicht ablehnen konnte. 5o bin
ich in aufrichtiger gesinnung und mit herzlicher Dankbarkeit von
Trankfurt geschieden. Ich stehe noch immer mit den damaligen
Lchülern in einer gewissen Verbindung und habe das Hoofährige
Jubiläum des alten gpmnasiums in treuer gesinnung miterlebt.
Ls war mir eine groste Treude, dast man damals an mich als
Testredner dachte; leider verhinderten gehäufte wissenschaftliche
Qrbeiten mein Kommen.
        <pb n="61" />
        ﻿OOOOOOOOÖOOOOOOÖOOOOO 53 ÖOOOOOOOOÖOOOOOOOOOÖO

Basel (1871 — 1874).

Übersiedlung nach Basel war keineswegs leicht. Linmal
mußten wir manches aufgeben, was uns eine liebe gewöhn-
heit war, und uns von manchen werten freunden trennen.
Dann hatten wir grosse Mühe, eine leidliche Wohnung in Bafel
zu finden, wir haben eine zusagende erst nach einem halben
Jahr gefunden. Buch hatten wir viele Sorge wegen unserer
Möbel. Der sie enthaltende Wagen traf sehr verspätet in Basel
ein, und wir mustten Dag für Dag uns darum bemühen. Über
schliesslich wurde alles glücklich überwunden, und wir haben uns
bald wohl in Bafel gefühlt. Die üniversität war dainals recht
klein (150 bis 160 Studenten), aber sie hatte eine grosse Zahl her-
vorragender Persönlichkeiten. So z. B. den Ratsherrn Bischer
selbst, der als Erforscher des klassischen Ültertums einen großen
chuf besäst und verschiedenen europäischen Ükademien als Mit-
glied angehörte. Sodann Jakob Burckhardt, der damals auf der
Höhe feines Wirkens stand, den tiefgründigen und geistvollen
Steffenfen, weiter die Dheologen Hagenbach, Schultz und von der
goltz, den Juristen Ü. Heustler, die Naturforscher Nütimeyer und
Schwendener, den Mediziner His, den Nationalökonomen Julius
Neumann, endlich Nietzsche. Ich habe gleich bei meiner Berufung
vom Ratsherrn Bischer Näheres über Nietzsches Berufung nach Bafel
gehört. Bischer kam nach Leipzig zu Nitschl, um einen zungen
Philologen für die Universität zu gewinnen. Dieser nannte zu-
nächst verschiedene andere Namen, endlich aber meinte er: wir
haben einen zungen Philologen, der entschieden bedeutender ist als
alle anderen, aber er ist noch nicht einmal Doktor. Bischer meinte:
das schadet nichts, wenn der Mann wirklich so bedeutend ist.
Dieses versicherte Kitfchl mit voller Entschiedenheit. So wurde die
Berufung ausgeführt. Bischer aber erklärte mir damals, man
wäre in Bafel sehr froh darüber, diesen hervorragenden Mann an
der Universität zu wissen. In enger Berbindung zu den aka-
demischen Kreisen stand auch der badische Staatsrat gelzer, dem
man einen bedeutenden politischen Linflust zuschrieb, und der wegen
        <pb n="62" />
        ﻿seiner charaktervollen und universalen Persönlichkeit allgemein ge-
schätzt wurde.

Ich begann bald meine Vorlesungen. Die Zahl meiner Zuhörer
war natürlich anfangs klein. Mein erskes Kolleg behandelte die
geschichke und das Zpstem der Pädagogik, wobei ich den ge-
wöhnlichen Gehler beging, viel zu viel Ltoff zu bringen. Ich
habe auch sofort aristotelische Übungen eingerichtet und hier die
Lthik mit sehr tüchtigen Ztudenten getrieben. Im folgenden Le-
nzester hatte ich schon 4.0 Zuhörer. Ouch die gesellschaftlichen Ver-
hältnisse in Basel gestalteten sich sehr zusagend. Wir gewannen
einerseits mit den deutschen Kollegen, andererseits mit den einheimi-
schen Familien mannigfache freundschaftliche Beziehungen. Damals
herrschte in Basel eine hochgebildete Llristokratie, welche sich mit
dem deutschen Wesen eng verwandt fühlte. Durch eine ganze Keihe
von Jahrhunderten waren daraus bedeutende Persönlichkeiten her-
vorgegangen; das -Keligiöfe gab einen festen Zrundton, aber es
war keineswegs eng und aufdringlich. Zugleich herrschte in diesen
Kreisen viel Zinn für die Kunst, sowohl für die bildende, als für
die Musik. Dazu kani eine unbeschränkte Opferwilligkeit für öffent-
liche Zwecke, bei der sich die gemeinsamen Üngelegenheiten ausge-
zeichnet befanden. 5o galt Bafel mitNecht als ein hervorragendes
Kulturzentrum selbständiger Llrk. Dabei herrschte im persönlichen
Verkehr ein recht freundlicher und ansprechender Ton. Wieder-
holt ist mir damals versichert worden, man fühle sich mit den
eigentlichen Norddeutschen und namentlich mit den Küsten-
bewohnern besonders verwandt, verwandter als mit den rede-
gewandten Mitteldeutschen und namentlich mit den selbstbewustten
Berlinern. Dast auch meine Mutter diese ganze Lage freudig be-
grüstte und auch für sich selbst vielfach Ünregung schöpfte, das
bedarf keiner Erwähnung. Zehr bedauerlich und schmerzlich aber
war mir in dieser Zeit der unerwartete Tod Trendelenburgs. Lr
hatte schon 1870 einen leichten Zchlaganfall gehabt, den alle
freunde auf seine mastlose Überbürdung mit geschäften schoben.
Über man hoffte, die sorgfältige und treue Pflege der Zeinigen
würde die Hemmung voll überwinden. Lr erbat und erhielt
einen längeren Urlaub, um sich in der grasten und stillen Natur
der Qlpen auszuruhen, und es schien, als ob er seine akademische
Tätigkeit bei genügender Vorsicht wieder würde aufnehmen kön-
nen. Ich habe in ^ener Zeit öfter mit ihm korrespondiert und
ihn über laufende wissenschaftliche Vorgänge orientiert; er hatte
damals einen verdriestlichen wissenschaftlichen Ztreit mit Kuno
Tischer, der sich zunächst auf die Behandlung Kants bezog, der
aber überhaupt di^ wissenschaftliche Ort der beiden Denker als recht
verschieden zeigte. Trendelenburg fand die philosophische llrt
        <pb n="63" />
        ﻿Mischers als sehr geistvoll, aber als zu subjektiv, über sein Redner/
vermögen äußerte er sich stets mit höchster Anerkennung. Ls hat
aber dieser wissenschaftliche Streit auf den gesundheitszustand
Trendelenburgs nicht eingewirkt, wie gelegentlich behauptet wurde;
dazu ging ihm die Lache nicht tief genug. Llnfang 1872 hörte
ich dann durch einen Berliner Bekannten von einer grasten Ver-
schlimmerung seines Befindens, und bald empfing ich die Todes-
nachricht. Ich verlor in Trendelenburg nicht nur einen mir sehr
sympathischen Torscher, sondern einen väterlichen Treund, der stets
darauf bedacht war, mich auch in meiner eigenen Llrt zu bestärken,
der in keiner Weife die Huldigung eines Schulhauptes verlangte.
Ich hatte an ihm auch in den akademischen Kreisen einen festen
Halt. In den Schriften der preussischen LIkademie hat Lenz ein ein-
gehendes Bild von Trendelenburg entworfen, das leider die wissen-
schaftliche Bedeutung und die edle Persönlichkeit des Mannes nicht
genügend würdigt; die einzelnenZüge mögen zutreffen, es fehlt aber
dem gesamtbild die innere Linheit und Wärnre. Ich selbst habe
mich wiederholt über Trendelenburg und seine wissenschaftliche
Stellung literarisch ausgesprochen.

Llbgesehen von diesem schmerzlichen Verlust, schien ich in Basel
auf der Höhe des Lebens zu stehen. Meine wissenschaftliche Lauf-
bahn hatte sich austerordentlich günstig gestaltet, alles griff in-
einander, zusagende, ja bedeutende Stellungen waren einander
rasch gefolgt, ich war den Mühen und gefahren eines Privat-
dozenten entgangen und in eine schöne Tätigkeit versetzt, die
allen meinen Wünschen entsprach und alle meine Kräfte an-
spannte. Scherzweise habe ich damals wohl geäustert, ich würde
in meinen Leistungen pränumerando bezahlt, ich hätte die Pflicht,
eine solche zuvorkommende Behandlung erst durch die Tat zu
beweisen. Trendelenburg aber gratulierte mir in einem herz-
lichen Briefe: „Mögen Sie Muste behalten! Muste in Ihren
Jahren, welcher Keichtum an möglichen Keimen!" So war mir
alles über Lrwarten gelungen. Liuch in der Lebensumgebung hatte
sich alles nach Wunsch gestaltet. Wir hatten eine sehr zusagende
Wohnung gemietet, deren groster garten unmittelbar an den Khein
grenzte, meine Mutter hatte besondere Treude daran; ich aber hatte
täglich meinen Weg nach der Universität über die alte Kheinbrücke
zurückzulegen, die einen herrlichen Blick auf das hochragende Mün-
ster gewährt. Liber eben fetzt, wo alles aufs beste zu stehen schien,
drohte eine gefahr, die zunächst nicht als eine schwere erschien, sich
aber bald als eine solche herausstellte, eine gefahr für die gefund-
heit und das Leben meiner Mutter. Meine Mutter war zart, aber
elastisch und von groster Willensstärke, so hatte sie die Mühen des
doppelten Umzuges gut überstanden. Wir haben damals noch
        <pb n="64" />
        ﻿00000000ö000w0000%j!..!00 56 wOOwOvOvwwvOöOOOOüOOO

verschiedene kleine Ausflüge gemacht, namentlich noch vor dem
Mnter einen großartigen Alpenblick auf der Trohburg genossen,
wo alle großen Zipfel aus dem sonstigen tiefen Nebel klar und
hell hervorragten. Werner haben wir mit der uns befreundeten
Tamilie des Philosophen Lengler in Treiburg noch am lo.Mai 1872
einen Ausflug nach dem im frischen grün prangenden Höllen-
tal gemacht. Wir hofften durch einen Aufenthalt auf dem Ltoos
eine völlige Kräftigung zu erreichen. Aber schon einige Tage nach
^enem Ausflug verschlimmerte sich das Befinden meiner Mutter
sehr. Hie fühlte sich sehr matt und schwach, ohne sedoch über beson-
dere Lchmerzen zu klagen. Aber offenbar hat sie sich schon damals
mit dem gedanken eines baldigen Todes stark beschäftigt. Lines
Morgens trat sie in beinahe feierlicher, aber freudiger Ltimmung
in das gemeinsame Trühstückszimmer und erzählte mir, sie hätte
im Traume nun endlich ein vollauf deutliches Bild ihres jüngeren
Lohnes gehabt, was ihr sonst nie gelungen war. Lie hat aber
weiter nicht geklagt und hat noch erlebt, daß mein erstes Luch
über die aristotelische Methode mir samt dem Honorar von dem
Weidmannschen Verlag übersandt wurde. Dann aberging es sehr
schnell abwärts, und am Zi.Mai ist sie ohne schweren Todeskamps
verschieden. Der behandelnde Professor Miescher hat mir dann
berichtet, dieser baldige Tod sei als ein großes glück zu betrachten,
es habe sich schon ein Krebsleiden entwickelt, wovon sie nicht die
mindeste Ahnung hatte.

Was der Verlust meiner Mutter für mich bedeutete, das ent-
zieht sich Worten. Aber bei allem Lchmerz mußte ich dankbar an-
erkennen, daß meiner Mutter ein innerlich reiches und edles Leben
beschieden war. Ihre Jugend war ruhig und heiter, in der Lhe
fand sie ein zusagendes Leben, aber zehn Jahre hindurch waren
dieser Lhe Kinder versagt. Dann gab die freudig begrüßte gebürt
ihrer beiden Kinder ihrem Leben einen reicheren Inhalt. Aber kaum
war das geschehen, so häuften sich Lorgen und Lchmerzen, sie
verlor rasch nacheinander den blühenden Lohn und den geliebten
Mann und war allein auf ihre eigene Kraft angewiesen. Nun
hat sie alle Mühe daran gesetzt, mir eine volle Lntwicklung
meiner Kräfte zu bereiten und alle Hemmungen zu überwinden;
das ist ihr vollkommen gelungen, und mit inniger Treude und
Dankbarkeit durfte sie solches gelingen vollauf erleben. Als ich von
meiner Basier Antrittsrede zurückkam, fand ich sie tiefbewegt in
Treudenträncn; ihr eigenes Werk war damit vollbracht, sie hatte
keine weiteren Wünsche an das Leben. Ich aber mußte nun auf
lange Jahre hinaus einsam weiterwandern.

Diese unerwartete Wendung mußte mich aufs schwerste er-
schüttern und meine Ltellung zum Leben wesentlich umgestalten.
        <pb n="65" />
        ﻿Jür einen jeöen von uns bedeutet der Verlust der Mutter einen
grasten Qusfall, ich aber wurde besonders hart dadurch betroffen.
Nicht nur war ich in praktischen Dingen recht verwöhnt und vielfach
auf ihre kluge und gütige Hilfe angewiesen, auch meine wissenschaft-
lichen Pläne pflegte ich meiner Mutter mitzuteilen und sie mit ihr zu
erörtern. So empfand ich die Lücke aufs schmerzlichste, und zunächst
hatte ich die gröstte Mühe, nur die tägliche Llrbeit zu verrichten.
£s ist aber ein Segen für den Mann in amtlicher Stellung, dast er
sich nicht ganz seinem eigenen Befinden hingeben darf, sondern die
pflichten des Berufes zu erfüllen hat. Oie l?reude an der Natur
habe ich zeitweise ganz verloren, auch die Qlpen verlockten mich
nicht. Ich bin wochenlang in der Nähe von Luzern gewesen, aber
nicht auf den Nigi gekommen.

Zugleich vollzog sich in meiner wissenschaftlichen Betätigung
eine eingreifende Wendung, die freilich längst vorbereitet war. von
Anfang an war es mein Streben, mich an erster Stelle den grasten
Lebensfragen der Philosophie zu widmen; Qristoteles war bei allent,
was er mir bot, im gründe nur eine Brücke zu weiterem Streben.
Meine seelische Lage hatte keinen vollen Anklang zwischen Ür-
beit und Denkweise. Meine Arbeit gehörte zunächst Aristoteles,
und ich konnte es nicht übelnehmen, nach üblicher deutscher
Schablone von Anfang an in die Klasse der Llristoteliker ein-
gereiht zu werden. Meine eigene Denkweise aber neigte sich mehr
zu Plato, ein gewisser Unterschied von Trendelenburg war dabei
nicht zu verkennen. Meine Schrift über die Methode der aristote-
lischen Philosophie war einerseits eine volle Anerkennung des
grasten Denkers, sie war aber zugleich eine kritische Würdigung
desselben*. Zn zener Zeit wurden verschiedene Anerbietungen an-
gesehener Verleger an mich gerichtet, Schriften über Qristoteles
zu übernehmen. Ich habe sie aber dankend abgelehnt. Mein

* allerdingsmust ich anerkennen, dastdervcrlaufmeineseigenenStrebens mich
vielfach vonSristoteles entfernt hat, aber ich bleibe ihm dauernd dankbar für feine ein-
greifen de Forderung. ^.Ll. Lange hat sich in feinem grasten Werke Uber denMateria-
lismus eingehend mit meinem Buch befchäftigl, er sieht anders als ich zu Llristo-
teles, aber er hat meine Forschungen sehr anerkannt. Lrfagt(Llnm.4y): „In diesem
mit grostcr gewifsenhaftigkeit und Sachkenntnis vcrfastten Büchlein zeigt sich
die Ansicht, welche wir längst hegten, glänzend bestätigt, dast nämlich gerade
die neu-arisiotelifche Schule, welche von Trendelenburg ausgegangen ist, fchliest-
lich am meisten dazu beitragen must, uns definitiv von llristoteles zu befreien.
Sei Lucken geht die Philosophie auf in der aristotelischen Philologie; aber dafür
ist auch diese Philologie gründlich und objektiv. Nirgends findet man die
Schäden der aristotelischen Methode so klar und übersichtlich dargelegt als hier."
Sehr anerkennend hat sich damals Lehrs über mein Buch ausgesprochen, den
ersten freundlichen Brief darüber habe ich von Ieller empfangen.
        <pb n="66" />
        ﻿Hauptzug ging schon damals entschieden nach der systema-
tischen Philosophie, auch das Thema meiner nächsten Qrbeit
war mir völlig klar: ich wollte über „die metaphysischen Vor-
aussetzungen der Lthik" schreiben; gewisse Entwürfe dazu be-
wahre ich noch heute auf. Ich wollte dabei untersuchen, weiche
Fassungen der Metaphysik mit einer Lthik vereinbar seien; es
sollte dabei ein analytischer Weg eingeschlagen werden. Meine
akademischen Vorlesungen aber sollten vornehmlich die Hauptfragen
der gegenwärtigen Philosophie behandeln und dazu eine selbstän-
dige Stellung nehmen. Vun aber warf jener Verlust mich gänzlich
aus der überlieferten Seelenlage und Stimmung. Ls wurde mir
sogar fraglich, ob ich überhaupt die akademische Laufbahn fest-
halten sollte. Ich habe mich ernstlich damit beschäftigt, ob es nicht
meine Pflicht fei, mich an erster Stelle den grasten sozialen Pro-
blemen zu widmen und dabei mit demSozialismus eineverbindung
zu suchen, freilich eine Verbindung freierer Ürt. Iene Tragen haben
mich von früh an beschäftigt, ich habe vieles darüber gelesen und
darüber gegrübelt, sie schienen ntir eng verbunden mit der not-
wendigen inneren Erneuerung der Menschheit, die mir immer als
die Hauptsache galt. Wenn ich rasch jenen Weg als für mich ungang-
bar erkannte, so bewirkte das namentlich der Linflust der flachen
negativen und positivistischen Denkweise, welche aus den führenden
geistern des Sozialismus sprach. Der Bahn Teuerbachs und Marx'
zu folgen, das war mir sowohl seelisch als wissenschaftlich ^unmög-
lich. So blieb ich bei der überkommenen Lebensführung. Ilm der
lähmenden Stimmungen Herr zu werden, schien es mir zweckmästig,
mich innerlich in eine ganz andere gedankenwelt zu versetzen, die
meiner gemütslagc entsprach und auch zugleich manche Qn-
regungen bot. Zu diesem Zweck habe ich int Winter 1872 die
bedeutenderen Kirchenväter zusantnienhüngend durchgelesen und
mich in die von ihnen vertretene Welt vertieft. Die einzelnen Lehren
kümmerten mich dabei wenig, es war die grundrichtung des Lebens,
die mich fesselte und mir wohltat; im besonderen gedenke ich gern
des gregor von cklyffa und der spekulativen Hauptschriften des
Qugustin. Diese Quellenforschungen sind später auch den „Lebens-
anschauungen der grasten Denker" zugute gekommen. einstweilen
blieb es in der philosophischen Qrbeit bei blosten Vorbereitungen.

Inzwischen hatte ich mich in Basel mehr und mehr eingelebt und
nrannigfache persönliche Beziehungen gewonnen. Wohltuend war
mir die geistesverwandtschaft, welche ich bei dem edlen und geist-
vollen Steffensen fand, wohltuend der freundschaftliche Verkehr,
den ich von Ünfang an mit dem hervorragenden ckkational-
ökonomen Iülius Tleumann gewann. Lin besonders enges freund-
schaftliches Verhältnis aber habe ich mit dem Kirchenhistoriker
        <pb n="67" />
        ﻿JluÖolf Htähelin gewonnen. £r verband mit geistiger Tiefe und
seelischer Äärme eine universale Denkweise, einen offenen Blick für
alle menschlichen Dinge und auch für die Natur, die gäbe scharfer
Beobachtung, dazu einen sprudelnden Humor. Lo war es mir ein
groster gewinn, in ihm einen echten Treund zu gewinnen. Leider ist
der vortreffliche Mann viel zu früh (lyoo) von uns gegangen.

Mit ihm und feiner Tamilie habe ich im Lämmer 1873 einen
ebenso wohltuenden wie genustreichen Llufenthalt im Berner Ober-
lande nahe der Pracht der Ülpenwelt (in Beatenberg) gehabt und
mich dadurch sehr erfrischt; nun erwachte bei mir auch wieder die
Treude an der grosten Natur.

Terner fehlte es nicht an manchen angenehnten Beziehungen zu
weiteren Lchweizer Kreisen. TlTit besonderer Treude gedenke ich der
Tage, welche ich als Teilnehmer der theologischen Prüfungen in
Zürich verlebte; es war das ein Kreis lebenserfahrener und sym-
pathischer Menschen, welcher dort unter der geschickten Leitung des
geistvollen Üntistes Tinsler zusammentraf.

Über eben nun, wo ich festen Boden in der Lchweiz fühlte, erhielt
ich in den Weihnachtstagen 187z ein Telegramm des Ienatfchen
Universitätskurators Leebeck, er wolle mich besuchen und mit
niir sprechen. Ich konnte mir natürlich denken, was dieser Besuch
bedeutete, und hatte während der folgenden Tage Zeit genug zu
überlegen, ob ich dauernd in der Lchweiz bleiben oder nach
Deutschland zurückkehren solle. Vieles fesselte mich in der Lchweiz
und besonders in Basel. Die herrliche Natur, die Tüchtigkeit und
Zuverlässigkeit der Bewohner, die feste gemütsart, welche ntanche
gemeinsame Züge mit der friesischen hatte. Dazu schwebte da-
mals das Projekt einer eidgenössischen Universität, die ein grösteres
Teld für wissenschaftliches Wirken geboten hätte. Über ich habe
mich bald für Deutschland und Jena entschieden; ich war zu
jung, um jetzt schon den Lauf nteines Lebens festzulegen; dazu
konnte mir nicht zweifelhaft fein, dast, solange ich unter dem Lin-
druck meines schweren Verlustes war, ich nicht die volle Trische und
die nötige Lpannkraft des Lchaffens erlangen würde; eine Ver-
änderung und eine Versetzung in eine neue Lage versprach, mein
Ltreben wesentlich zu fördern; auch konnte ich für einen auf-
strebenden Philosophen keinen besseren Wirkungsplatz wünschen
als Jena mit seiner grosten Tradition, die bis zu Kuno Tischer
reichte. Lo konnte ich der Unterredung mit Leebeck eine bereit-
willige Ltimmung entgegenbringen. Von Leebeck empfing ich beim
ersten Ünblick einen hervorragenden Lindruck. Line bewunderungs-
würdige geistige Weite, eine graste gäbe der llusfprache und an-
regenden Unterhaltung, dabei eine unverkennbare gütigkett und
Vornehmheit der gesinnung. Lr schilderte mir die jenaischen
        <pb n="68" />
        ﻿00000000000000000.0000 6o ooooooooooooooooooooo

Verhältnisse in einer sehr anziehenden Weise. Die äusterenöchwierig-
keiten wurden rasch überwunden, die Zustimmung der Regierungen
eingeholt, und so durfte ich mich als einen Jenenser betrachten.
Über ich darf sagen, dast der Übschied von Basel mir recht schwer
geworden ist. Üuch habe ich beim Qbschied viele Zeichen einer herz-
lichen gesinnung empfangen, so dast ich nur mit aufrichtigem
Dank an fene Zeit zurückdenken kann. Der Umzug gelang dank
freundlicher Hilfe ohne Hchwierigkeiten; ich war und ich bin sehr
unsicher in diesen praktischen Dingen, und so war es schließlich bei-
nahe ein Wunder, daß alles so gut verlief, vor meinem Linzug
habe ich schon einen kurzen Besuch in Jena gemacht, um mich
wegen einer Wohnung zu orientieren. Ls war auch damals un-
geheuer schwierig, eine Wohnung zu bekommen, erst nach U/g Jahren
erhielt ich eine solche, die, im dreien gelegen, allen meinen Wünschen
entsprach, sie führte unmittelbar in einen hübschen garten und von
da aus in das sogenannte Paradies.
        <pb n="69" />
        ﻿Zweiter Teil.

«

Die Weiterentwicklung meines Lebens
und Ltrebens.

Jena.

C^Ve allgemeine Lage von Jena bedarf keiner näheren Schilderung.

Noch wardieLtad t klein und ohneImbriken, sie zählte nicht mehr
als yovO Linwohner. Lrst das Jahr 1874 brachte eine kleine Bahn,
die aber noch nicht bis auf denlhüringer Wald fährte. Die Natur
hatte ihren alten Zauber, und es war mir eine besondere Freude, dasi
ich die Hauptpunkte der Umgebung noch mit meiner Mutter in ge-
hobener Stimmung besucht hatte. In Jena umfing mich ein frisch
aufstrebendes Leben. Line Qnzahl neu berufener gelehrter wirkte
mit voller Kraft. Ls wurde die Ienaifche Literaturzeitung begründet,
mit deren Hilfe man ein neues geistiges Zentrum bilden zu können
hoffte. Das äusiere Leben war einfach, aber ausreichend und
angenehm. Man empfand noch immer die Nachwirkung der
klassischen Zeit, noch bestand das Haus Trommann, das so eng
mit jener Zeit verknüpft war. Mich selbst berührte es merkwürdig,
als ich dort mit einem Lnkel von goethe zu einem kleinen
Mittagessen zusammentraf; natürlich war goethe der Mittelpunkt
des gespräches. Manche kannten ihn persönlich und erzählten
einzelne ansprechende Züge von ihm. flm weitesten erstreckte sich
die Lrinnerung des Orientalisten Stickel, der 181Z nach den Oktober-
tagen als Kind die flucht Napoleons in tiefer Nacht erlebte; er
konnte i8y2 bei dem bekannten Aufenthalte Bismarcks in Jena
diesem berichten, er habe den grössten Feldherrn, den grössten Dichter
und nun auch den grössten Staatsmann des Jahrhunderts gesehen.
Bekanntlich hat goethe an Jena und an seiner Natur besondere
Freude gehabt und versichert, dasi er hier nie einen unproduktiven
Üugenblick gehabt habe.

Der Mittelpunkt des gesellschaftlichen und geistigen Lebens war
damals das Haus Leebeck; die geistige Kraft des Mannes und das
        <pb n="70" />
        ﻿gesellschaftliche Talent der Trau, die eine Tochter des früheren
generalstabschefs von Krauseneck war, verbanden sich hier aufs
beste. Seebeck lebte ganz in der klassischen Zeit, mit der ihn, den
Sohn des bekannten Physikers, manche persönliche Lrirmerungen ver-
banden. Das Leben hatte ihn vor recht verschiedenartige Aufgaben
gestellt, denen er sich vollauf gewachsen zeigte; schliestlich fand er
in der Stellung des Universitätskurators, der das Zusammen-
wirken verschiedener Staaten eine besondere Bedeutung gab, eine
Tätigkeit, welche allen seinen Kräften und Wünschen entsprach,
kr war im gründe Hegelianer, aber ein solcher freier und
weiter Ürt, ihn leitete vornehmlich der gedanke an die Sache und
an ihre Torderung; alles Parteiwesen war ihm zuwider, subjektive
Sympathien und Llntipathien traten bei ihm gänzlich zurück. In
diesem Sinne hat er sehr erfolgreich für die Universität Jena ge-
wirkt, die der Mittelpunkt aller seiner Wünsche war, und eine
nicht geringe Zahl hervorragender Persönlichkeiten für die Uni-
versität gewonnen. Zu vielen davon stand er in einem herzlichen
Treundschaftsverhältnis. Üuch wustten er und feine weltgewandte
Trau einen feinen und geistig bewegten Kreis um sich zu ver-
sammeln; es ruhte auf diesem Kreise noch ein Übglanz goethischer
Denkweise, alles Niedrige war verbannt. In diesem Kreise habe ich
später meine zukünftige Lebensgefährtin gefunden.*

Unter den damaligen Kollegen gab es eine Tülle bedeutender
und sympathischer Persönlichkeiten, die teilweise weit über Jena, ja
über Deutschland hinaus bekannt waren. Haeckel war in der
vollen Kraft und Trifche seines Schaffens. Lr erregte schon da-
mals viel Streit, aber auch diejenigen, welche seine Weltanschauung
nicht teilten, mustten sein grostes wissenschaftliches und künst-
lerisches Bermögen unbedingt anerkennen. Dabei war er voller
Verdienste um Jena und von groster Selbstlosigkeit; verschiedene
glänzende Nufe lehnte er unbedenklich ab, um in Jena frei schaffen
zu können. Seebeck hatte den Humor, gegen Haeckel selbst zu
Lustern: „Sie müssen in Jena bleiben, hier schaden Sie noch am
wenigsten!" Unter den weiteren Spitzen der Universität stand die
Theologie voran, jeder Linzelne verkörperte dabei auf dem gründe
einer gemeinsamen freieren Denkweise eine eigentümliche Ürt. Hase
war damals schon etwa 74 Jahre alt, aber er hat noch eine ganze
.Keihe von Jahren seine Vorlesungen mit voller Trische gehalten und
auch literarisch unermüdlich weiter geschafft. Lr hatte eine sehr liebens-
würdige Llrt, sich zu den Menschen zu stellen und jeden in seiner

* Ich selbst habe in meinen „gesammelten Llufsätzen" ein Lebensbild von
Leebeck entworfen. Lluch Kuno bischer hat über diesen eingehend geschrieben:
,Erinnerungen an Moritz Leebeck" 1886.
        <pb n="71" />
        ﻿Ligentümlichkeit anzuerkennen. Der Jugend brachte er warme und
freudige Teilnahme entgegen. Leine llrt wurde von fremden in-
sofern bisweilen wohl unterschätzt, als man die innere Wärme
feines Wesens nicht voll genügend erkannte. Leinen Lchülern war
er ein gütiger und hilfsbereiter Berater, und wie wohlwollend er
für feine freunde sorgte, das habe ich selbst erfahren, als ich in
Jiom von einem sehr ernstlichen Tpphusanfall befallen war. Nie-
mand hat sich damals meiner so herzlich angenommen wie Hase.
In der theologischen Fakultät gewann damals vornehmlich pfleiderer
durch die Wärme seiner gesinnung und durch die irische seines
Ltrebens die fungen Leelen. Lipsius war bewunderungswert
durch die kritische Lchärfe seines Denkens und sein staunenswertes
historisches Wissen, so dast er in dieser Dichtung pfleiderer weit
übertraf. In unserer Fakultät war eine Zierde Hildebrand, zu dem
die hervorragendsten füngeren Ilationalökonomen pilgerten, und
der von der Lthik aus der Philosophie ein warmes Interesse ent-
gegenbrachte. Linen sehr geistvollen und anregenden Denker hatten
wir an dem Historiker Qdolf Lchmidt, der sowohl dem frankfurter
Parlament 1848 als dem Reichstag 1874—angehörte. Weine
näheren kollegialen Verhältnisse gestalteten sich sehr angenehm. In
fortlage hatte ich einen treuen und feinsinnigen Kollegen, der auf
kleinere Kreise aufs förderlichste wirkte. Unermüdlich und mit
fugendlicher Begeisterung wirkte Stop, der schon durch sein seelen-
volles Quge fesselte. Lluch mit dem späteren geistvollen gpmnasial-
direktor gustav Kichter verband mich bald ein freundschaftliches
Verhältnis.

Die stille Lage Ienas brachte es mit sich, dast manche der
älteren Kollegen eine gewisse Weltsremdheit hatten, und dast
sie sich auch in die modernen Verkehrsverhältnisse nur mühsam
hineinlebten: es fehlte nicht an kleinen Llnekdoten darüber. Wie man
damals über Lntfernungen dachte, dafür ist charakteristisch folgender,
Zug. fortlage war früher privatdozent in Heidelberg, er hatte sich
seine Braut aus Schleswig geholt, wo dann die Hochzeit ge-
feiert wurde; der amtierende geistliche hielt es für notwendig dar-
auf hinzuweisen, die funge frau möchte zuversichtlich in die Zu-
kunft blicken, denn derselbe gott walte in Schleswig und in
Heidelberg.

Die Zahl der Studenten war damals nicht grast. Ls wurde
als etwas Besonderes begrllstt, als im Sommersemester 1874 die
Zahl der Hörer gegen zoo erreichte. Ls kam dann längere Zeit ein
Stagnieren, bis später die Universität ein fortwährendes Quf-
steigen erreichte. Während dieser ganzen Zeit habe ich das Zu-
sammensein und Zusammenwirken mit den Studenten als einen
grasten Vorzug empfunden. Schon bevor ich nach Iena kam,
        <pb n="72" />
        ﻿OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOC 64



3C

hat Hchleiden sich mir gegenüber sehr anerkennend über die
Ienaischen Ltudenten ausgesprochen. 5ie haben von alters her
viel 5inn für Humor, und es kann gelegentlich die fröhliche Stim-
mung die grenzen überschreiten, aber im Kern war und isi diese
Htudentenschaft tüchtig, arbeitsam und anhänglich gegen die
Lehrer. Ich habe in der langen Zeit nieines Wirkens nie
irgendwelche Lchwierigkeiten oder Unannehmlichkeiten in dieser
Kichtung gehabt. Wohl aber haben die Hkudenten bei mannig-
fachen gelegenheiten durch Tackelzüge, Wagenauffahrten usw.
mich geehrt. Lin Vorteil für die Universität war es, dast Jena
trotz seines bescheidenen äusieren Umfanges durchaus nicht eine
provinzial-Universität war; von den verschiedenen gegenden
Deutschlands kamen die ötuöenten hierher, auch an Llusländern
verschiedener Zungen fehlte es nicht; das war auch für die Dozenten
ein Vorteil, dast ihre Ideen sich nach allen Dichtungen hin
verbreiten konnten. Dem inneren Bau des deutschen Lebens aber
war es günstig, dast Norddeutsche und Thüringer sich eng ver-
banden und sich gegenseitig ergänzten.

Jena ist nicht zu erwähnen ohne auch Weimars zu gedenken.
Treilich ist die Zeit schon lange vorüber, wo unter der Herrschaft
der Literatur „Weimar und Jena eine groste 5tadt" bildeten; im
Tortgang des 19. Jahrhunderts bestand wenig geistiger Verkehr
zwischen zenen beiden Htäöten; Wissenschaft und Kunst gingen ihre
eigenen Wege. Ls war im gründe nur der Hof mit seinen Lin-
ladungen, der die Professoren nach Weimar führte. Diese Lin-
ladungen waren liebenswürdig gehalten, aber sie ergaben kein
inneres Verhältnis der Lebenskreise. Nur der grostherzog Larl
Vlesander pstegte bei seinem Aufenthalt in Jena einen kleinen Kreis
vongelehrten einzuladen; dann wurden die schwersten und heikelsten
Tragen mit voller Offenheit behandelt; der Türst hatte offenbar
eine aufrichtige Treude daran, in dieser Weise über die laufenden
Tragen orientiert zu werden. In Weimar war der Ton steifer,
aber die Unterhaltung war nicht unbedeutend. Die Beziehungen
zu den anderen Höfen, die an der Universität teilnahmen, be-
schränkten sich auf gröstere Tamilienfeste, aber auch hier war er-
sichtlich, dast man auf die Teilnahme der gelehrten Wert legte.
Oie Universität wurde stets nicht als ein 5tück des Verwaltungs-
organismus, sondern als eine selbständige Korporation be-
handelt.

Übrigens war das Verhältnis des weimarischen Hofes zu Jena
früher intimer als später, wo die goethebestrebungen voranstanden;
man konnte nun die vermischen gelehrten leichter entbehren; diese
aber hatten mehr Interesse an dem grosten deutschen Leben als an
den Verhältnissen des weimarischen Kleinstaates.

,
        <pb n="73" />
        ﻿geistige und philosophische Lage des damaligen
Deutschlands.

ach meiner Rückkehr aus Öer Lchweiz fand ich das deutsche
tJ ^Leben in eigentümlicher Lage. Ls war ein großer militärischer
Lieg errungen, und Kraft und geschick eines grasten Htaatsmannes
schienen Deutschland aller gefahr enthoben zu haben. Uber von
innen her drohten geistige Verwicklungen, die freilich erst allmählich
ins Bewusttfein traten. Line starke Linfeitigkeit war nicht zu ver-
kennen: einerseits eine politische gestalkung, welche den Lchwerpunkt
des Wirkens in die Negierung legte und der Lelbsttätigkeit des
Volkes nur einen bescheidenen Linflust gestattete, andererseits ein
rasches Vordringen der wirtschaftlichen Interessen, die mehr und
mehr zur Hauptsache wurden. Ls wurde nach beiden Dichtungen
Treffliches geleistet, aber das Leben ging ausfchliestlich in solchen
Leistungen auf, es fehlte ein gemeinsames Ziel für den ganzen
Menschen, es fehlte eine innere Lrhöhung, es fehlte eine klare Uus-
einanderfetzung mit den Problemen und gegenfärzen des modernen
Lebens; der Hauptzug der Zeit ging nach einer unbedingten Bejahung
des Lebens, mehr und mehr zog das sichtbare Dasein alles ötreben
an sich, es war eine Unwahrhaftigkeit darin unverkennbar, dast das
äustere Bekenntnis der Zeit an einer geistigen Welt und an einer
Neligion christlicher Tärbung festhielt. Das ergab eine bloste Urbeits-
kultur, die innerhalb ihrer grenzen manches forderte und verbesserte,
die aber bei ihren Lrfolgen die öeele des Menschen vergast; es konnte
als ein Widerspruch erscheinen, dast dieses Volk fortfuhr, sich ein
Volk der Denker und Dichter zu nennen, da bei ihm keine innere
Notwendigkeit weder für die Kunst noch für die Neligion noch für
die Philosophie wirkte. Das war die Zeit, welche Nietzsche mit gutem
gründe gegeistelt hat; zunächst aber fand er für seinen wuch-
tigen Qngriff taube Ohren, er hat vor feiner schweren Lrkrankung
von keinem seiner Bücher eine neue Auflage erlebt und war einst-
weilen ein Prediger in der Wüste. Lrst vor und gegen i8yo
erfolgte ein Umschwung der Ltimmung, mit dem wir uns später
zu beschäftigen haben. In Summa war bei allem äusteren Wohl-
ergehen eine starke Veräusterlichung und Verflachung nicht zu
verkennen.

Line solche Lage brachte auch das philosophische Ltreben in eine
schwierige Lage. Ls bekämpften sich einerseits die Anhänger des
alten Idealismus, andererseits die Nealisten und postlivisien.
Jener Idealismus hielt den grundgedanken einer selbständigen
geisieswelt fest, aber er wollte die gewaltfamkeit der spekulativen
öpsteme mildern, ihren überkühnen gedankenflug mästigen, die

Lucken, Lebenserinnerungen.
        <pb n="74" />
        ﻿Lrfahrung in Natur und Menschenleben zu größerer geltung
bringen, auch den Befund der geschlchte sorgfältiger und un-
befangener würdigen. So hat er dem Streben mehr Besonnenheit
und Umsicht verliehen. Über so schätzbar die daraus erwachsenden
Leistungen waren, sie brachten keine selbständige grundrichtung,
sie gaben dem Leben keine neue gestaltung, wie unsere zerrissene
und gärende Zeit sie verlangt. Der hier gebotene Idealismus war
mehr eine Übwehr des vordringenden Realismus, mehr ein fest-
halten überkommener Ziele als ein ursprüngliches Schaffen aus
dem ganzen, als ein Eröffnen neuer Bahnen aus der welt-
geschichtlichen Lage der gegenwart.

So war es begreiflich, dast auf philosophischem gebiet der
Positivismus siegreich vordrang. £r nahm seine Stellung aus-
schließlich in dem von der Erfahrung gebotenen Dasein und kannte
keine selbständige Tatwelt, er schob das Weltproblem als vom
Menschen unlösbar zurück und suchte als „wissenschaftliche"
Philosophie sich aller Metaphysik zu entledigen, ihm wurde die
Philosophie vorwiegend zu einer systematischen Ordnung der
£inzelwi&gt;senschaften. Ohne Zweifel hat sowohl seine Kritik Über-
kommenergedankenmassen als sein unmittelbares Erfassen der Breite
der Wirklichkeit vieles in flust gebracht, aber sein Unternehmen,
von außen nach innen zu bauen und die ganze Wirklichkeit in ein
gewebe von Beziehungen, damit aber in eine bloße Üußenwelt zu
verwandeln, konnte unmöglich den Bedürfnissen des deutschen
geistes genügen; es ist kein Zufall, daß große Posikivisten wohl
frankreich und Lngland, nicht aber Deutschland geliefert hat.

Noch weniger konnte eine materialistische Populürphilosophie
in der llrt Haeckels und der Monisten der Tiefe des deutschen geistes
entsprechen. Oie subjektive gesinnung dieser Populärdenker sei in
keiner Weise bestritten, sie glaubten mit ihrer Uerstandesaufklärung
das menschliche Leben von Irrtum und Wahn befreien zu können,
sahen aber nicht die gähnende Leere, welcher ein solches Unternehmen
unrettbar verfiel. Ihr Unternehmen wäre aber mit seiner Dürftig-
keit nicht so sehr in die Massen eingedrungen, wenn nicht das ganze
des deutschen Lebens alles festen und erhöhenden Zieles entbehrt
hätte; die im Durchschnitt gebotene gedankenwelt war ein gemisch
von Intellektualismus und Naturalismus, ein geistiger Tiefstand
war nicht zu verkennen; spätere Zeiten werden sich darüber wundern,
wie es möglich war, daß ein Volk, das Männer wie Leibniz, Kant,
Hegel hervorgebracht hat, so sehr von allen guten geistern verlassen
war und sich seinerÜrmut wohl noch besonders rühmte. Die hier ge-
botene Kultur hatte alle Vorzüge, aber auch alle Schranken einer
bloßen Ürbeitskultur; wir waren tüchtige Qrbeiter, aber wir waren
flache Menschen.
        <pb n="75" />
        ﻿Das Mühen um eine Hauptrichtung.

Ilj ich selbst versetzte diese Lage in viel Lorgc und Unruhe, sie
fj # ^machte mir das ganze meines Ltrebens zum Problem.
Vor allem musite ich anerkennen, dasi die rasche Tolge von ver-
schiedenen Ltellungen eine ernsie gefahr für meine innere Bildung
war; in wenigen Jahren hatte ich mannigfachsie Llufgaben und
buntesie Lindrücke gehabt; mochte ich unentwegt meine arisiotelische
Forschung verfolgen, für meine philosophischeLelbstentwicklung war
nicht genügend Nuhe, eine Konzentration meiner Kräfte war un-
bedingt geboten. Nunmehr hatte ich die besten äusseren Bedingungen
zum Lchaffen, nun galt es, unabhängig von Llrisioteles eine eigene
gedankenwelt herauszuarbeiten. Das aber ist mir nur langsam
und unter vielfachen Blühen gelungen. Llllerdings galten mir
einzelne Hauptzüge des Ltrebens als sicher: ich musste das geisies-
leben über die Natur stellen ohne ihr ein gutes Necht zu bestreiten,
ein monistifches Zusammenwerfen beider Welten erschien mir un-
möglich ; das geistesleben aber fasste ich erstwesentlich ethisch, ethisch
im weiteren Linne, nicht intellektualistisch, ich habe den Intellektualis-
mus stets als eine Verflachung und Verflüchtigung der Wirk-
lichkeit abgelehnt, dabei aber die Bedeutung der gedankenarbeit
vollauf anerkannt; ich suchte eine enge Verbindung mit der ge-
schichte, aber ihre nähere Fassung stellte mir manche tragen; das
tiefe Dunkel der Welt hat mich von Jugend an stark befchäftigt,
aber ich fah nicht, wie mein Denken sich damit abfinden könnte; die
spekulative Philosophie in der Llrt Hegels galt mir als eine Über-
spannung des menschlichen Vermögens, aber das nähere Verhältnis
von Welt und Mensch war mir nicht genügend geklärt. So blieb
ich zunächst im Huchen.

andererseits aber konnte ich nicht müssig bleiben, es drängte
mich zwingend zu einer fördernden Tätigkeit. Lo suchte ich zunächst
einen Halt und ein Ziel in Werken, die wohl zu philosophischen
Problemen in enger Beziehung standen, die aber zunächst keine
systematische Stellungnahme forderten. Llus diesem Streben sind die
„grundbegriffe der gegenwart" (1878) hervorgegangen, die eine
Verbindung von geschichke und Kritik bringen sollten. Sie boten
mannigfache gedanken und Llnregungen und übten eine scharfe
Kritik der Zeitbewegungen, aber sie entbehrten einer genügen-
den positiven Förderung der Llufgaben. Die näheren Treunde,
wie Neuter und Seebeck, waren im gründe enttäuscht; ich selbst
habe in den späteren Lluflagen die Lache mehr ins positive ge-
wandt und meine eigene Ltellung weiter ausgebaut. Schon die
2. Lluflage (18YZ) hat wesentliche Umwandlungen vorgenommen:

1
        <pb n="76" />
        ﻿die geschichtlichen Eingaben wurden strenger auf das beschränkt,
was zum Verständnis der gegenwart erforderlich schien, der Be-
stand der gegenwart wurde schärfer und klarer herausgearbeitet,
endlich habe ich mit meiner eigenen Überzeugung eine entschiedenere
Stellung gewonnen. So ist das ganze schon in der zweiten Üuf-
lage stark von dem geschichtlichen ins Philosophische verschoben.
Über bei allen Klüngeln hat gleich die erste Üuflage manche freunde
gewonnen, und sie ist 1880 auf Ünregung des Präsidenten Noah
Porter durch Professor Stuart Phelps ins Englische übersetzt; das
war meine erste geistige Beziehung zu Ümerika.*

Es wurde mir wiederholt nahegelegt, den geschichtlichen Befund des
Buches von aller philosophischen Kritik abzulösen und daraus ein
nützliches Handbuch herauszuschälen, was alle Dichtungen gleich-
mäßig hätte befriedigen können. Doch dazu konnte ich mich nicht
entschließen. Um den grundgedanken des ganzen deutlich heraus-
zustellen, wurde seit der z. Üuflage (lyo/s) der Titel in den „geistige
Strömungen" verändert; sie liegen fetzt in 6. Üuflage vor.

Unmittelbar diesem Buch folgte die „geschichte der philosophi-
schen Terminologie, im Umriß dargestellt" 1879. Sie beruhte auf
eingehenden Studien zur geschichte der Begriffe. Es beschäftigte mich
damals der Plan einer gesamtgeschichte der philosophischen grund-
begriffe; aus diesem umfassenderen Plane ist fener Umriß der ge-
schichte der philosophischen Terminologie als Nebenschößling heraus-
gewachsen.

Uber die Begrenzung eines solchen Unternehmens war ich mir
völlig klar, nur als eine Einleitung und Ünregung konnte das
ganze einen Wert besitzen. Inzwischen ist das Interesse für die
philosophische Terminologie sehr gewachsen, und es sind verschiedene

* Über Jtoab Porter erschien 1893; Noah Porter. A memorial by friends.
Edited by George Merriam. New York, Charles Scribner’s sons (IV, 306).
Er gehörte der älteren generation an, welche in engem Zusammenhange mit dem
deutschen geiltesleben stand und dasürnamentlich durch Loleridge gewonnen war.
Er war im Winter 1853/4 in Berlin und war Trendelenburgs Hause befreundet.
Er verfocht entschieden die Notwendigkeit, in die Liusdrucksweisc und in die Be-
grifsswelt der deutschen Philosophie gründlich einzudringen. Über meine.Grund-
begriffe" äußerte er sich in seiner Einführung jenes Werkes sehr anerkennend:
“To the history and criticism of those conceptions, and their terminology,
Professor Bücken has brought thorough and careful reading, acute and
candid criticism and a clear and solid style, Whiie he is at hörne among
the Systems of the past, he seems equally familiär with the controversies
of the present. Above all, he has studied brevity, and has mastered the
art of expressing in few words the results of patient research and critical
discrimination”. 3n Deutschland hat es 15 3ahre gedauert, bis eine neue
Lluflage erschien.
        <pb n="77" />
        ﻿schützbare Werke darüber erschienen; eine volle Lösung der Üufgabe
übersteigt aber dasvermögen eines Linzelnen, hier bleibt eine Üufgabe
für eine Ükademie offen, die nur durch eine gemeinsame Ürbeit der
Hauptkulturvölker lösbar ist. Wiederholt habe ich darauf ge-
drungen. Ich selbst habe beim Üusbau meiner philosophischen
Überzeugungen diese Probleme nicht weiter verfolgt, und ich habe
meine5ammlungen zur gesamtgeschichte der philosophischen gründ-
begriffe vernichtet. 3mr einen fremden hatten sie keinen Wert, und
mich selbst fesselte bald ganz und gar die Weiterentwicklung meiner
eigenen gedankenwelt. Über fene Untersuchungen zur Termino-
logie haben mir manche Klärung gebracht.*

Jener Zeit des Luchens und Lchwankens kann ich nicht ge-
denken ohne zu erwähnen, dasi manche kreffsiche Männer meine
Bestrebungen mit freundlicher gesinnung begleitet haben; es waren
namentlich Mitglieder der älteren generation, welche mir eine liebens-
würdige Lchätzung entgegenbrachten. Lo z. B. Zeller, Harms,
Ulrici, Hchaarfchmidt, Wildauer, der mit unermüdlichem Lifer
für eine Berufung meiner nach Österreich wirkte; auch Heyder,
der mir eine Berufung nach Lrlangen vermittelte, must ich dank-
bar erwähnen. Üuch zu katholischen gelehrten wie Lengler und
Hoffmann stand ich in freundlichen Beziehungen. Lo fehlte es

* Wenn mein Umriß der philosophischen Terminologie an ersler Stelle
eine gelehrte Llrbeit war, so wurde er doch von gewissen philosophischen Über-
zeugungen getragen. Es heißt u. a. S. 217; „Die Erforschung der Terminologie
kann dafür wirken, daß die Tragen an der richtigen Stelle aufgenommen wer-
den, daß nicht unnützer Streit sich entfpinne, das Streben irrleite und herab-
ziehe. Konzentration des Kampfes auf die entfcheidenden Punkte, dazu mag
unser gegenständ dienen, den Kampf selbst aber wird er steigern, nicht ver-
mindern."

Über das Verhältnis der Waffen und der Einzelnen heißt es (S. 218):
„Unter befonderen Umständen vermögen die Waffenkräfte auch positiv zu
wirken, indem sie in den Dienst aufstrebender gefchichtlicher Bewegungen treten
und eine Neugestaltung vorbereiten, aber durch folche Strömungen werden nur
Bedingungen und Unterlagen hergestellt, großes positives Schaffen erfolgt
einzig und allein durch die mühevolle Llrbeit jener Persönlichkeiten, welche ihr
Leben an die Sache setzen. 3ur Negation und zur allgemeinen Wchtung ge-
nügen die elementaren Kräfte, die entfcheidenden Taten vollziehen sich in jenen
Einzelnen."

Llberzugleich gilt die Überzeugung, daß alle einzelne Llrbeit von einem ganzen
der Vernunft umfaßt wird, und daß die Pbilofophie als eine gefamtmacht
wirkt. „Bene zugleich dürftige und hochmütige Llnsicht, welche die philo-
fophie in erster Linie auf die fubjektive Neflepon der Individuen zurückführt,
erscheint schon von hier aus als unhaltbar" (S. 220). Über das Verhältnis zur
gefchichte aber heißt es (S. 220): „Erhebung über das geschichtliche bleibt das
Ziel, aber nur durch Versenkung in die geschichte kann daffelbe erreicht werden."
        <pb n="78" />
        ﻿meinem Streben nicht an wohlwollender Anerkennung. Das fedoch
konnte mir nicht entgehen, dast überwiegend die Ülteren für mich
eintraten, während den Jüngeren mein Streben gleichgültig war.
Ich stand eben mitten zwischen verschiedenen Lebenswogen: die
ältere Bpoche war vergangen, und ich konnte mich ihr nicht am
schließen, die Jüngeren aber verfolgten eine andere Nichtung; so
blieb meine Stellung eine einsame. Neben meinen Schriften habe
ich manche kleine Llufsätze über laufende Zeitfragen geschrieben; es
war namentlich die Üugsburger Llllgemeine Zeitung, die mir dabei
freundlich zur Hand ging.

3Hir die innere Unruhe, unter der ich damals stand, war mein
Verlangen bezeichnend, gröstere oder kleinere Neisen zu unter-
nehmen; fo war ich in Berchtesgaden und Umgebung, so in Bor-
kum, so in Sastnitz, so in Holland und Glandern, so zweimal
auch in Italien; alles das brachte mir natürlich mannigfache Lr-
weikerung und Forderung, aber es gab mir nicht einen festen
Stand im eignen Leben und Denken, es gewährte mir keine innere
Sicherheit und Dreiheit.	,

1881—1890

Die grundlegung einer selbständigen Gedankenwelt
und die Begründung eines eignen Hauses.

£ine Neihe von Jahren der LIrbeit war verstrichen, ohne mir den
ersehnten Qbschlust zu bringen, endlich aber schlossen sich mir
die gedanken genügend zusammen, um mich einer festen Haupt-
richtung gewist zu machen; es geschah das in entscheidender Weise
in den Jahren 1881 und 1882. Uber das Nähere meiner philo-
sophischen Überzeugung berichten meine Bücher, aber in aller
Kürze must ich darlegen, was ich in fener Nichtung suchte. Der
Üusgangspunkt meines Skrebens war der Begriff des Lebens; in
diesem Begriff aber unterschied ich deutlich eine niedere und eine
höhere Stufe, eine biologische und eine noologische; dort war das
Leben naturgebunden, hier erreichte es eine Selbständigkeit und ein
Beisichselbstsein, dort entstand ein Lebensgefllge, das in die Wechsel-
beziehungen der einzelnen Llemente aufging, hier führte eine ge-
samtmacht und war fähig, ein Neich der Inhalte hervorzubringen;
so traten das Dasein mit seiner Erfahrung und eine Tatwclt scharf
auseinander, um fchliestlich allerdings irgendwelche Qusgleichung
zu finden. Der Mensch aber gewann einen grundverschiedenen
Ünbstck, fe nachdem er ein Stück fener Beziehungswelt blieb
        <pb n="79" />
        ﻿ober aber jene Latwelt als seine eigne erlebte und sich damit über
den Ltand eines blosten Lltomes zu einem Weltwesen erhob. Line
nähere Lntwicklung dessen forderte eine eigentümliche Stellung
zwischen der alten und der neuen Denkart. Die alte Ort, wie sie
das Ültertum und auch das alte Christentum geistig umfastt, fetzte
eine geschlossene und den Menschen beherrschende Welt voraus, fei
es einen künstlerisch verstandenen Kosmos, fei es das Neich gottes
und der Kirche mit feinen ethischen Werten. Dabei hatte den un-
bedingten Vorrang der gedanke des ganzen, er hatte dem Menschen
sowohl das Ziel als die Kraft des Lebens zuzuführen. Nun kam
die graste Verschiebung des Lebensstandes durch die Neuzeit, vor-
nehmlich durch die Üufklärung. Der Üusgangspunkt und zugleich
die Hauptbewegung verlegte sich damit in den Menschen und sein
Denken; nun galt es alle Wirklichkeit vom Menschen aufzubauen
und von hier aus dem Leben einen Inhalt zu geben. Olle Lebens-
gebiete mustten sich damit neu gestalten, der Philosophie aber
wurde es zu einer unabweisbaren Üufgabe, eine innere Verbindung
zwischen dem Menschen und dem Llll herzustellen und ihm dieses
zum geistigen Besitz zu geben. In dieser Nichtung haben Männer
ersten Nanges wie öpinoza und Leibniz gewirkt, und es sind kühne
gedankengebäude daraus hervorgegangen. Der Weg und dasMittel
zur Verbindung mit dem Oll war dabei die Intelligenz, nur sie
schien imstande, den Menschen vollauf mit der Welt zu verbinden.
Kant aber zeigte die Voraussetzung dieser Lösung und erwies mit
unerbittlicher üchärfe, dast vom blosten Menschen aus nicht über
den Menschen hinauszukommen ist, und dast wir von der Lrschei-
nung aus nie ein Mich der Dinge erreichen; zugleich aber glaubte
er, von der Moral aus eine Welt der Dreiheit aufbauen zu können.
Ober einmal war das Mich der Moral zu eng, um den ganzen
geistigen Besitz in sich aufzunehmen, sodann drohte die Lcheidung
von theoretischer und praktischer Vernunft die Linheit der Wirklich-
keit aufzuheben. Diese unerträgliche Kluft suchten die leitenden
deutschen spekulativen Denker, vor allem Richte, Lchelling, Hegel,
zu überwinden, sie wollten damit unmittelbar ein Weltschaffen des
Menschen erreichen; sie konnten das aber nicht, ohne das ver-
mögen des Menschen zu überschätzen, absolutes und menschliches
Geistesleben als gleichwertig zu behandeln; zugleich fastten sie den
Lebensinhalt zu eng, und würdigten sie nicht genügend die un-
geheuren Verwicklungen des menschlichen Lebenssiandes; in einem
einzigen Zuge sollte sich ihnen die ganze Tülle der Wirklichkeit er-
öffnen und der Mensch sich zu schaffender gröste aus eignem ver-
mögen erheben. Die Tolge dieser Überspannung des Menschen
war der Positivismus mit feiner inneren Üblösung des Menschen
von der Welt; das aber ergab eine Beschränkung auf die
        <pb n="80" />
        ﻿Wohlfahrt des Menschen und auf das intellektuelle Vermögen des
bloßen Menschen, eine klägliche Verengung und Erniedrigung war
nicht zu vermeiden; der Mensch wird sich selbsi viel zu klein, wenn
er nicht ein Verhältnis zur Welt und eine Weltaufgabe in sich
trägt. Wird der Mensch ausschließlich auf sich selbsi angewiesen,
ob als Linzelner oder als Masse, das macht keinen wesentlichen
Unterschied, so bleibt ihm als Ziel des Ltrebens lediglich sein
eignes Befinden und Behagen, das glück als subjektives Lrgehen;
so wird er bei allen äußeren Erweiterungen geisiig an einen
Kerker gebannt; das aber kann einem denkenden und zur vollen
Helbsibesinnung geweckten Wesen nun und nimmer genügen.

öo sind wir heute in einer sehr unklaren, ja unerträglichen Lage:
der Mensch erscheint uns bald zu groß, bald zu klein; wir bedürfen
notwendig neuer Möglichkeiten, wir bedürfen einer durchgreifenden
Umwälzung, wir bedürfen eines neuen grundverhältnifses des
Menschen zur Welt. Begann die ältere Zeit vom ganzen der Welt
als einer vorhandenen grösie, so entbehrte das Leben einer vollen
Dreiheit und Ursprünglichkeit; begann aber die Weuzeit von den
einzelnen Llementen, und waren Dreiheit und Ursprünglichkeit die
Hauptanliegen, so gewann das Leben keinen fesien Halt und keine
volle Wahrheit, so drohte es immer wieder ins Bloßsubjektive und
Individuelle zu fallen. 5o wird es jetzt zu einer unabweisbaren
Qufgabe, Dreiheit und Wahrheit enger zu verknüpfen und aus l?orm
und Inhalt ein ganzes zu schaffen. Das aber kann nicht geschehen,
wenn nicht der grundbegriff des Menschen verändert und die Kluft
zwischen Mensch und Welt überbrückt wird; das Weltleben aber
hat seine fesien Bedingungen, und der Mensch muß ersi in dieses
gehoben werden, er muß verschiedene 5tufen durchlaufen, um die
Höhe des eigenen Wesens zu erreichen, er wird nicht absoluter
Hchöpfer, wohl aber ein Mitträger eines schaffenden Lebens; die
einzelnen Hauptrichtungen uud Lebensgebiete aber, wie Wissenschaft
und Kunst, Kelrgion und 5taat, sind nicht ein Werk der abgelösien
Punkte, sondern sie sind Erweisungen einer überlegenengesamtmachk,
die unmittelbar zum eignen Leben des Menschen werden kann.
Holche Überzeugung mußte auch den Kulturbegriff eigentümlich
gestalten, sie ergab auch eine neue Qrt der Metaphysik, sie war im-
stande, das Dunkel der Welt vollauf anzuerkennen, aber von einer
Tatwelt aus einen Kampf dagegen aufzunehmen.

Doch das läßt sich hier nicht weiter ausführen, hier genügt die
Bemerkung, daß ich an dieser 5telle einen fesien Punkt zu ergreifen
und dem Leben eine deutliche Wichtung geben zu können über-
zeugt war.

Wach geschehener Befestigung meiner Zrundüberzeugung konnte
ich frischer und freier in die Welt blicken und das Leben mutiger
        <pb n="81" />
        ﻿

gestalten. Zehn Jahre waren seit dem Lode meiner Mutter ver-
gangen, als ich die Linsamkeit aufgab und mich verlobte und bald
auch heiratete (1882). Ich habe meine Trau, Irene passow, kennen-
gelernt, als sie mit ihrer Mutter und mit ihrem füngeren Bruder nach
Jena übersiedelte. Line persönliche Beziehung ergab sich zunächst
durch die Bekanntschaft mit dem Hause Leebeck, mit dem das Haus
paffow verwandt war. Meine Lchwiegermutter war als Lochter des
hervorragenden Ürchäologen Ulrichs in Llthen geboren; ihre Mutter,
eine prächtige und charaktervolle Lrau, hakte sich nach dem frühen Tod
ihres ersten Mannes mit einem Lohn des bekannten Bürgermeisters
Lmidt, des Begründers von Bremerhaven, dem dichter Lmidt ver-
heiratet; fo ergaben sich vielfache Beziehungen zu angesehenen Bremer
Lamilien, auch der bekannte Ltaatsmann, Lchriftsieller und Über-
setzer Otto gildemeisier gehörte diesem Kreise an. Die Mutter
meiner Lrau war eine sehr geistvolle und unermüdlich tätige Lrau;
sie hatte ihren Mann, den gpmnasialdirektor passow, früh ver-
loren; nach Bremen übersiedelt, hat sie sich namentlich schrift-
stellerisch betätigt, im besonderen viel für die Weser-Zeitung ge-
wandt und fesselnd geschrieben; sie ist dann im Interesse der ge-
sundheit ihres jüngeren Lohnes nach Jena gezogen und hat das
dortige geistige Leben voll geteilt, weiter aber eine sehr geschätzte
Wirksamkeit für Wohltätigkeit und Kinderheime entfaltet. Obwohl
sie eine eigene Wohnung hatte, nahm sie tagtäglich an dem Lr-
gehen unseres Hauses regen Leih und sie hob das Leben unseres
Kreises in herzlicher und liebenswürdiger Weise. Meine Trau aber
war nicht fachgelehrt, sie gehörte nicht zu den gelehrten Trauen, aber
sie war voll geistiger Interessen und von einer ausgeprägten künst-
lerischen Begabung; mit diesen verband sie ein grostes praktisches
und organisatorisches geschick. Das war nicht nur für mein Leben,
sondern auch für mein philosophisches Denken ein groster gewinn:
es gewann dadurch mehr Anschaulichkeit und mehr Trische. Wir
sind dann bald nach einer hochgelegenen Billa gezogen, die nament-
lich in früherer Zeit, bevor die wachsende Tabriktätigkeit das Leben
einengte, eine ländliche Stille sowie einen herrlichen Blick auf Jena
und auf das Laaletal gewährte. Lpäter erwies es sich als groster
Vorzug, dast unsere heranwachsenden Kinder sich in voller Treiheit
bewegen und doch zugleich die güter der nahen Ltadt geniesten
konnten. Buch haben wir in der Villa Zeine, wie sie damals hiest,
manche fröhliche, dabei einfache gefellfchaft gegeben, im besonderen
auch manche Ltudenten aus verschiedenen gegenden und Ländern
bei uns gesehen, die oft mit Treude und Dankbarkeit des Zusammen-
seins gedachten. Ls herrschte dort eine wohltuende und liebens-
würdige Ltimmung, gelegentlich wurden auch gesellschaften künst-
lerischer Art veranstaltet.
        <pb n="82" />
        ﻿Die Durchbildung meiner Überzeugungen.

V» ür mich galt es nun die Grundgedanken durchzuarbeiten und
fJT auszuführen, die ich als für mein Ltreben entscheidend be-
trachtete. Mehrere Jahre habe ich in angestrengter Ürbeit die grund-
lagen meiner philosophischen Denkweife niederzulegen versucht. Im
Jahre 1885 erschienen die „prolegomena" und als Hauptwerk 1888:
„Die Linhcit des geisteslebens in Bewusttfein und Tat der Mensch-
heit". In fenen „prolegomena" suchte ich ein gesamtbild zu ent-
wickeln, das aus der Tiefe menschlichen Wesens alle Mannig-
faltigkeit des Daseins umfassen sollte. Ich schied dabei deutlich ein
Naturgeschehen des geistes von einem existenten Leben, sowie eine
geistige Nealität von einer seelischen Lxistenz.

Ls schien mir verfehlt, sei es zu Qnfang, sei es im Lrgebnis, von
vornherein einen besonderen Punkt festzulegen und daran alles
andere zu hängen; verfehlt, vor denr tatsächlichen geschehen Be-
dingungen, Tormen, Maste endgültig festzulegen. 5o erstrebte ich
einen geistigen Positivismus, dem die Tat mit ihrer eigenen Wirklich-
keit auch über die Wirklichkeit der Voraussetzungen und Be-
dingungen entschied.

Linen Üusgangspunkt fand ich in dem, was ich „Llrbeits-
welt" benannte; es galt dabei, durch ein Verfahren der Neduktion
die scheinbar festen und starren gebilde in lebendiges Tun auf-
zulösen und alles Besondere als Bezeugung eines ganzen zu ver-
stehen; es galt, ein Prinzipielles, das in der greifbaren Leistung
verschlossen, ja begraben war, zu erwecken und zu befreien. Wichtig
war mir dabei der Begriff des „Zyntagma" als eines auf ge-
schichtlichem Boden aufsteigenden gesamtgeschehens eigentümlicher
Qrt; diese Lyntagmen sollten von der Qrbeikswelt geprüft und es
sollte dadurch eine immanente Nealkritik des geschehens gewonnen
werden.

Die„Linheik des geisteslebens" sollte diese grundüberzeugungen
weiter ausführen; auch sie begann mit der gesamtarbeit der Mensch-
heit, wie sie in der geschichte verkörpert wird. Das Werk versetzte
unmittelbar in die Lebens sx&gt; steine der gegenwart, es prüfte mit
feinen Methoden sowohl das 5ystem des Naturalismus als das
des Intellektualismus; die positiven Leistungen wurden vollauf
anerkannt, dann aber eine immanente Kritik unternommen, bei der
sich als beiden Systemen gemeinsam die Leugnung der Ursprünglich-
keit und öelbstwertigkeit des seelischen Innenlebens ergab. Line
positive Leistung wurde dann durch die Lntwerfung eines
Lebensfpstems einer Personalwelt unternommen, und es wurde die
Behauptung durchgeführt,dast alleLebenssysteme sich aufdem gründe
        <pb n="83" />
        ﻿einer Personalwelt entwickeln müssen und nur in Verbindung mit
ihr einen geistigen gehalt erlangen; es wurde damit ein Kultursystem
des universalen Aelbstlebens erstrebt. Qbschliestend wurden als
die grundfehler des Waturalismus und des Intellektualismus
folgende angeführt: der Naturalismus irrt darin, dast ihm das,
was die Watur im Lrlebtwerden vom geiste wird und leistet, als
aus ihren eigenen Kräften hervorgebracht gilt, und dast damit
bloste Bedingungen des Geschehens für feine schaffenden gründe
ausgegeben werden. Der Intellektualismus aber irrt darin, dast er
den geistes- und den gedankengehalt gleichsetzt und die Denk-
Operationen nicht als die Torrn, sondern als den Kern der Wirklich-
keit behandelt.

gegen die nähere gestalkung beider Bücher war manches ein-
zuwenden. Zunächst bin ich in dem 5treben, die Darstellung lebendig
und anschaulich zu gestalten, nicht selten ins gekünstelte und ge-
zierte verfallen; ich wollte etwas unmittelbar erzwingen, was sich
nur durch eigene Erfahrung und Weiterarbeit erreichen lästt; vor
allem aber war der Inhalt vielfach noch nicht zur nötigen
Klarheit und gefchlofsenheit durchgearbeitet. Immerhin war das
Ltreben nicht wertlos, und es hat mich selbst weitergeführt. Die
Qufnahme meines Werkes war recht kühl. Ich must mit Dank
anerkennen, dast ein hervorragender Morscher wie Professor
Watorp es eingehend würdigte, und dast der viel zu früh ver-
storbene vortreffliche Leydel in Leipzig mit groster Wärme auf die
Bedeutung meines Ltrebens hinwies. Über das waren einzelne
Ltimmen.

Lin gegenstück und eine Lrgänzung fenes systematischen Werkes
bildeten „Die Lebensanschauungen der grasten Denker" (i8yo).
Diesen gegenständ hatte ich schon in Basel als eine Vorlesung be-
handelt und dafür sofort viel Teilnahme gefunden. Ls würde dabei
versucht, die gedankenwelten der grasten Denker von innen aus
zu beleben und die hier gebotene gestaltung des Menschenlebens an-
schaulich darzustellen. Das Werk forderte eine gründliche Forschung,
aber diese Forschung mustte im Hintergründe bleiben, um die
Hauptsache nicht zu schädigen; der Lchneider sollte nach dem Qus-
drucke Leibniz' „die Wähle nicht sehen lassen". Quch dies Buch blieb
anfänglich unbeachtet. Lin lebhafteres Interesse hat es zuerst
in Wien gefunden. Dann aber ging es rasch vorwärts, dem Lr-
schemen der 2. Quflage (1896) folgte rasch Lluflage über Quflage,
und augenblicklich ist die iz. und 16. Quflage im Druck, Natürlich
war ich eifrig bemüht, das Werk sowohl in der Torrn als im Inhalt
weiter und weiter zu verbessern und alle Lchwächen, welche meiner
Darstellung anhingen, möglichst zu heben. Das Buch ist fetzt in
eine groste Qnzahl fremder sprachen übersetzt.
        <pb n="84" />
        ﻿Eine gelegenheitsschrift war die Leebeck gewidmete Lchrift über
„Bilder undgleichnisse inderphilosophie"(i88o). Es schien mirnicht
unwichtig, dieses Problem näher zu erörtern und dabei das Wirken
der Phantasie auf die gedankenentwicklung zu verfolgen. Ich habe
später eine besondere Qbhandlung über die Bilder und gleichnisse
bei Kant geschrieben, und es ist mir eine besondere Treude, dast
noch in jüngster Zeit dieses Problem von juristischer Leite durch
meinen hochgeschätzten Kollegen bischer in seiner Bedeutung für
das Kecht anerkannt und vollauf gewürdigt ist. Lodann verfastte
ich 1886 dieLchrift„Beiträgezurgeschichteder neueren Philosophie";
sie sollte sich namentlich darum bemühen, die Bedeutung der älteren
deutschen Denker ins Licht zu stellen, da diese oft nicht genügend
anerkannt werden. Im besonderen war es mir wertvoll, den grasten
Naturforscher Kepler auch als einen bedeutenden Philosophen zu
zeigen. Liuch das möchte ich nicht unerwähnt lassen, dast ich an der
Festschrift zum zojährigen Doktor-Iubiläum des sehr verehrten
EduardZeller beteiligtwar; ich habe dort über die WürdigungLomte's
und despositivismus geschrieben. Quch bei diesemZegenstand forderte
ich eine Berufung von dem Bilde des Bewusttseins; wie es vorwiegend
durch die Endergebnisse, nicht durch die lebendigen Kräfte bestimmt
wird, an die schaffende und fortwirkende Tat der Menschheit; ich
forderte einen positlvismus, der die ganze Wirklichkeit umspannen,
den geist und die geschichte aufnehmen, durchgängig die lebendigen
Kräfte vor den Ergebnissen würdigen möchte. Lo war auch Uber die
Hauptschriften hinaus jener Zeitabschnitt für mich nicht unfruchtbar.

Inzwischen waren groste Wandlungen im staatlichen und im
literarischen Leben eingetreten. Der alte Kaiser war nach ruhm-
reicher und selbstloser Negierung gestorben; dast sein Lohn,
Kaiser Friedrich, nach erschütterndem Krankenlager ihm so bald
folgte, war für unser Haus ein besonderer Lchmerz. Denn der
Vater meiner Trau, Llrnold passow, war zusammen mit dem Kron-
prinzen wissenschaftlich erzogen worden und es war daraus ein
dauerndes Treundschaftsverhältms entstanden; auch bei unserer
Hochzeit erwies jener Prinz seine freundschaftliche Teilnahme. llls
ich ihm als Prorektor bei einem Weimarifchen Test begegnete, kam
er sofort zu mir und bat mich, nach der Tafel zu ihm zu kommen;
wirhabenuns dann längereZeitunterhalten,und die llrt, wie er über
den verstorbenen Treund sprach, zeigte die innigste Teilnahme und
Herzlichkeit; er war so ergriffen von der Erinnerung an seinen
Treund, dast mir später wohl der gedanke aufstieg, er selbst habe
schon damals die ihm drohende gefahr gefühlt. Nun war die
Herrschaft an Wilhelm II. gekommen, und es konnte damals nie-
mand voraussehen, dast dieser so bald sich von dem grasten Ltaats-
mann trennen und eigenwillig eigne Wege wagen werde.
        <pb n="85" />
        ﻿3n jene Zeit fiel auch ein Umschwung im literarischen Leben:
der geistlose und oberflächliche posttivismus hatte seine Nolle aus-
gespielt, eine stärkere Wendung der Zeit zum Subjekt war augen-
scheinlich. Hatte der Realismus seine Welt von den gegenständen
um uns her aufgebaut, so hielt sich der Subjektivismus ganz an
die Zuständlichkeit der Leele, an das freischwebende gefühl. Das
ergab ein völlig entgegengesetztes Leben: dort eine Bewegung von
austen nach innen, hier von innen nach allsten, dort die greifbare
Leistung, hier die unfastbare Stimmung, dort mehr Festigkeit,
hier mehr Flüssigkeit, dort ein Qrbeiten für die gesellschast, hier
ein Sorgen für das Befinden des Linzelnen, dort eine Übschleifung
der Unterschiede, hier eine Hervorkehrung des Ligentümlichen, dort
eine Linfügung in die Kette der Zeiten, hier eine Lrgreifung des un-
mittelbaren Üugenblicks, dort eine wissenschaftliche, technische und
soziale, hier eine ästhetische und individuelle Kultur, ein Überwiegen
des künstlerischen und literarischen Schaffens. Dieses Schaffen, dessen
bedeutendster Üusdruck Nietzsche war, war mir in manchen Stücken
sympathisch, aber es widersprach meinem metaphysischen und
religionsphilosophischen Streben; die fieberhafte Üufregung des
Subjekts schien mir dem Leben keine genügende Tiefe zu geben
und es zu wenig auf seine Selbsitätigkeit zu stellen. Nietzsche selbst
hat die Schranken jenes Subjektivismus vielfach überschritten, und
er ist trotz der Üblehnung aller Metaphysik zum Metaphysiker der
freischwebenden Stimmung geworden.

Nach Veröffentlichung jener Schriften durfte ich erwarten, auch
in der gelehrtenwelt mehr Beachtung zu finden, um so mehr, da
meine akademischen Vorlesungen fortwährend zahlreiche Hörer und
Schüler fanden. Tatsächlich ist damals die deutsche gelehrtenwelt
an meinen Bestrebungen mit voller gleichgültigkeit vorbeigegangen,
und es war unverkennbar, dast die akademischen Kreise meine
Tätigkeit als für die Wissenschaft wertlos betrachteten. 3n jener
Zeit waren zahlreiche Verschiebungen in den Universitäten ein-
getreten, aber ich habe nie eine Berufung an eine graste Universität
erhalten. Ls dauerte lange, bis überhaupt eine weitere Berufung an
mich kam. 3m3ahrei8y6 habe ich einen liebenswürdigen Nufnach
Treiburg durch die badische Negierung erhalten, aber ich konnte
trotz der Neize jenes Ortes mich nicht entschliesten, 3ena zu verlassen,
in das ich mich eingelebt hatte, wo meine Kinder prächtig gediehen,
wo ich auch bei den Studenten eine schöne Wirksamkeit fand. —
Willkommene Unterbrechungen brachten uns zwei Neisen nach
3talien, die erste 1890 nach Venedig und Tlorenz, das wir beide
besonders lieben, die zweite nach Nom, das unvergestlicheLindrücke
und bleibende Qnregungen gab; es fehlt dem Leben etwas, das
keine Tühlung mit Nom gewinnt.
        <pb n="86" />
        ﻿78

Weiterer Ausbau.

eine wissenschaftliche Arbeit musste sich nun darauf richten,
(F A ^die gewonnenen grundlagen näher auszubauen; dies
sollte zunächst in einem Buch „OerKampfum einen geistigen Lebens-
inhalt" geschehen. Ich empfand, über die Religion hinaus, stark
die Unwahrhaftigkeit des gegenwärtigen Lebens, das den Schein
einer geisiigkeit trug, in Wahrheit aber an erster Stelle von mate-
riellen Zielen beherrscht wurde. Oie von mir dargebotenen Unter-
suchungen mustten dem konventionellen und offiziellen Idealismus
schroff widersprechen, denn sie behandelten viel zu sehr die Probleme
als im Tlust, und sie verlangten viel zu eingreifende Umwand-
lungen, um denjenigen zu gefallen, denen alles fest und fertig
dünkte. Jene Schrift enthielt einen einfachen Qufbau. Sie bot
in einem aufsteigenden Teil drei Stufen der Bewegung: den
Kampf um eine Selbständigkeit des geisteslebens, den Kampf
um einen Lharakter des Zeisteslebens, den Kampf um eine Welt-
macht des geisteslebens. Oer absteigende Teil gab ein gesamtbild
im Uerhültnis zur Zeit, er behandelte dann die einzelnen Haupt-
gebiete. Vurch das ganze ging die Forderung, das zur llufrecht-
erhaltung des geistigen Lebensprozeffes Notwendige deutlich heraus-
zuarbeiten. Vas Luch (1896) hat zunächst einen begrenzten Kreis
von freunden gefunden, aber diesen ist es nach ihren Witteilungen
ein Halt und eine Treude gewesen; dann ist es immer mehr auch zu
anderen Kreisen vorgedrungen; ich hoffe, in der bevorstehenden
vierten Auflage noch kräftiger auf die Zeit wirken zu können.
£s wär und es ist mir völlig klar, dast nur die Lrringung eines
geistigen Lebensinhaltes die Menschheit vor einem inneren Zerfall
behüten kann! sie must entweder steigen oder sinken, ein Beharren
beim gegenwärtigen Stande ist unmöglich.

Dann aber war mein Hauptaugenmerk auf das Problem der
Keligion gerichtet, das mich ja von frühester Jugendzeit an be-
schäftigte. Ls war die starke Lmpfindung der Unwahrhaftigkeit
der gegenwärtigen Lage der Keligion, welche mich zu dem Titel
„Oer Wahrheitsgehalt der Keligion" wie zu einer Selbstverständ-
lichkeit zwang. Ls galt, den unvergänglichen Kern der Keligion
von dem zeitlichen gewande zu befreien und ihn in möglichster
Ursprünglichkeit herauszustellen. Diese Umwandlung mustte dabei
weit tiefer gehen, als gewöhnlich gefordert wird, auch eine klare
Auseinandersetzung mit dem geschichtlichen Christentum war un-
umgänglich; ich möchte meinen, dast keine meiner Schriften mehr
aus meinem eignen Leben hervorgegangen ist; eine eigentliche
Keligionsphilofophie zu liefern, lag mir dabei fern, mir lag alles
an einer Konzentration auf die entscheidenden Hauptpunkte.
        <pb n="87" />
        ﻿Das Erscheinen dieses Buches (lyoi) hat meine Stellung zur
Umgebung wesentlich verändert und gehoben, ich durste nun zu den
Herzen und gesinnungen vieler ernster Menschen sprechen, und die
Teilnahmlosigkeit der gelehrten Kreise konnte mir gleichgültig fein.
Das Buch hat von Einfang an manche warme, fa begeisterte
Treunde gefunden. Es war unter anderen der graf Kehna, der
zeitweilig zur Kegierung des grostherzogkums Baden berufen
schien, der sich sehr warm und herzlich über den Eindruck äusterte,
den fenes Buch auf ihn machte. Wissenschaftlich war es besonders
Professor Uorsiröm in gothenburg, der in der dortigen Handels-
zeitung mehrere zusammenhängende Elrtikel über das Luch schrieb
und von ihm eine eingreifende Förderung des religiösen Problems
erhoffte.* Buch das erfuhr ich, dast der König Oskar sich eingehend
mit dem Werk und überhaupt mit meinen Bestrebungen be-
schäftigte.

Eiuch in freieren katholischen Kreisen fand ich viele Sympathie.
Es war für mich ein groster gewinn, in Baron Friedrich von Hügel
in London einen dauernden Treund zu finden. Er hat mich wieder-
holt in Jena besucht, das lebhafteste Interesse für meine Schriften
bewiesen und später mir und den Weinigen eine sehr liebens-
würdige Llufnahme in London bereitet. Hügel wollte bei aller
Weite und Treiheit feines geistes in keiner Weife mit der katho-
lischen Kirche brechen, aber er hatte den vollsten Sinn für alles
Schaffende und Vertiefende, meine überkonfesfionelle Behandlung
der Keligion war ihm durchaus sympathisch. Öhnlich dachten
auch andere katholische Kreise in Deutschland, in Trankreich, in
Italien.

Diese Bewegungen und Bestrebungen überschritten Deutschland,
aber ich must anerkennen, dast ich auch hier manche Zeichen der
Schätzung fand. So habe ich im Jahre lyoo die Jahrhundert-
feier für die Ienaische Universität gehalten und in demselben
Jahre auch die goetherede. Es ist charakteristisch für den ver-
storbenen grostherzog Larl Ellefander, dast er den besonderen
Wunsch hatte, die goetherede fenes Jahres möchte von einem Mit-
glied derUniversitätIena gehalten werden; so wurdeich dazuerkoren.

Wichtiger war für mein Leben der gewinn eines engen Ver-
hältnisses zu dem Volksschullehrerstande, wie es sich von Jena aus

* Mit Aorsiröm bin ich bald in ein sehr herzliches Freundschaftsverhältnis
gekommen, das bis zu seinem Tode ununterbrochen fortbefiand. Die von der
Deutsch-schwedischen Bereinigung seit Juli 1920 herausgegebene Bierteljahrs-
schrift „Oeutsch-Lchwedische Blätter" bringt in ihrem zweiten Heft (Oktober 1920)
einen gehaltvollen Llussatz des Hauptmanns Liljedahl über dieses schöne Freund-
schaftsverhältnis unter der Überschrift „Aorsiröm und Lucken".
        <pb n="88" />
        ﻿entwickelt hat. Die Bedeutung dieses Lehrerstandes für die Bildung
unseres Volkes stand mir auster allem Zweifeh es war hier ein
eifriges Bildungsstreben unverkennbar, eine Sehnsucht zugleich nach
mehr Dreiheit und nach mehr Lebensgehalt. Das Lrziehungswerk
ist in unserem Leben viel zu selbständig geworden, um sich der Kirche,
sa auch dercheligion unbedingt unterzuordnen; diegeistige Lrhöhung
des ganzen Menschen must das Hauptziel sein. Die akademischen
Kreise aber konnten keine schönere Üufgabe finden, als dieses Streben
zu fördern und in die richtigen Bahnen zu leiten. Lo habe auch ich
es getan. Zuerst kamen die Lehrer nach Jena zu besonderen Kursen,
sodann aber dehnte die Sache sich über ganz Thüringen aus. Ls
wurde so eingerichtet, dasi der Dozent jedesmal zwei Stunden sprach,
und dast diese Stunden einen zusammenhängenden gegenständ
kulturgeschichtlicher, ethischer, religionsgeschichtlicher, überhaupt
philosophischer Ürt behandelten. Diese Vorlesungen wurden durch
eine cheihe von Wochen fortgesetzt; auch das machte sie den
üblichen vereinzelten Vorlesungen für das sogenannte gebildete
Publikum überlegen, dast sie den gemeinsamen Interessen eines
tüchtigen und aufstrebenden Standes genau entsprechen konnten.
Diese Tahrten, welche ich namentlich chik Beginn des Jahrhunderts
antrat, boten mir selbst viel Anregung und Treude. Die Be-
wegung begann von gotha aus, sie hat sich dann durch ganz
Thüringen verbreitet. Ich habe wohl zwölf verschiedene Orte be-
sucht und an mehreren Orten wie in gotha, Arnstadt, Lrfurt,
Schmalkalden, Naumburg wiederholt gesprochen. Dadurch habe
ich das Thüringer Land und auch die Thüringer Menschen besonders
gut kennen gelernt, und ich habe in diesen Kreisen manche anregen-
den und frohen Stunden verbracht. Dasi die Tahrten bisweilen
etwas anstrengend waren, hat diese Treude keineswegs vermindert;
auf meine gesundheit konnte und kann ich mich vollauf verlassen.

Weiter aber habe ich auch außerhalb Thüringens verschiedene
Vortragszyklen gehalten, so namentlich in Bremen, wo mich der
Lehrerverein dazu einlud, so auch in Hamburg, wo die Oberschul-
behörde die Sache leitete. Tür mich war es ein grosier gewinn, dasi
ich dadurch eine engere Beziehung zu aufstrebenden Bevölkerungs-
klassen gewann und zugleich meine Darstellung vom blast öchul-
mästigen befreien konnte; als höchstes Ziel mustte mir dabei
vorschweben, in dieser zerrissenen und unsicheren Zeit unserem Volk
ein geistiger Tührer und Berater zu werden; mir selbst aber gewann
damit das Leben mehr Weite und Trejheit.

Inzwischen gingen aber auch die wissenschaftlichen Arbeiten
eifrig weiter; es erschienen lyOZ die „gesammelte Aufsätze zur Philo-
sophie und Lebensanschauung", 1907 die „gründlichen einer neuen
Lebensanschauung" sowie eine Schrift über die „Hauptprobleme
        <pb n="89" />
        ﻿der Neligionsphilosophie der gegenwart", welche eine 5. Lluflage er-
lebte, 1908 dieLchrift über den „Linn und Wert des Lebens", die setzt
in 7. Lluflage vorliegt, sowie eine „Linführung in eine Philosophie
des geisteslebens", die setzt den einfacheren Titel ,Einführung in
die Philosophie" trägt. Qo hat mein Wirken für weitere Kreise meine
eigene philosophische Tätigkeit nicht gehemmt.

Lluch fehlte es setzt nicht an wissenschaftlichen Ünerkennungen:
1903 verlieh die theologische Takultätgiesten mir in einem sehr gütigen
Diplom, das an Welanchthon anknüpfte, den theologischen Lhren-
öoktor, und 1904 erhielt ich einen ehrenvollen und vorteilhaften
Nuf nach Tübingen als Nachfolger des ausgezeichneten Philosophen
Zigwark. Zur näheren Orientierung reisie ich mit meiner Trau
nach Tübingen; ich erhielt von Ltadt und Land, auch von der dor-
tigen Negierung, so viele wohltuende Lindrücke und es eröffnete
sich mir dort ein so zusagender Wirkungskreis, dast ich nahe daran
war, Jena zu verlassen, sa ich habe in einem Qugenblich schon
meine Zustimmung erklärt gehabt. Lchliestlich aber konnte ich mich
doch nicht von Jena trennen, obwohl Jena mir weit bescheidenere
Lebensbedingungen bot.

Lucken, Lebengerinnerungen

6
        <pb n="90" />
        ﻿82



Erweiterung meines Wirkens
über Deutschland hinaus.

E^^aß ich im Lluslande verhältnismäßig mehr Lknerkennung fand
X*/als in Deutschland, das hatte einen guten gründ. Ich habe
mich stets als einen guten Deutschen gefühlt, und ich habe auch im
Lluslande dem brecht der deutschen Hprache nicht das mindeste
vergeben, aber mein Hauptproblem war übernational, es erstreckte
sich über alle Völker und Kulturkreise. Ls galt, das gegenwärtige
Leben von einer starken Unwahrhaftigkeit zu befreien, an der es
leidet, und eine innere Erhöhung, fa Umwälzung des menschlichen
Lebensstandes zu fördern; dafür aber fand ich mehr Wärme und
mehr Unbefangenheit bei verschiedenen auswärtigen Völkern als in
Deutschland.

Wohl die intimsten Beziehungen habe ich zuerst zu Finnland
gewonnen. £s waren zunächst zwei füngere gelehrte, Lastren und
Boldt, mit denen ich in eine engere Beziehung trat, und die mich
bald durch ihre Tüchtigkeit und ihre geistige Lnergie lebhaft an-
zogen. Lie haben auch bald ein Interesse für meine gedankenwelt
bekundet und in größeren Llrtikeln niedergelegt. Dann aber kam
ein besonderer Linlaß, für Finnland einzutreten. Das Land war
vom Zarismus schwer unterdrückt; Treunde von Finnland hatten
die Hoffnung, durch Vorstellungen an den russischen Kaiser auf
Milderung des Druckes zu wirken. Tür diese Hache habe auch ich
mit einem kleinen Kreis aus verschiedenen Ländern eifrig gewirkt;
die deutsche Lidresse ist von Jena ausgegangen. Die Hache hatte
keinen äußeren Lrfolg; die Überreichung jener von den ersten ge-
lehrten und Künstlern aller Kulturvölker unterschriebenen Lldresse
wurde verweigert; aber zur inneren Htärkung des Landes hat sie
unverkennbar gewirkt; nichts ist trauriger, als wenn ein zweifel-
loses Unrecht die übrige Menschheit gleichgültig findet. Heitdem
bin ich in dauernder Beziehung mit Tinnland geblieben, und ich
habe in der deutschen Presse vielfach zur Förderung Tinnlands ge-
schrieben. Von Tinnland habe ich im Jahre lyoy auch eine liebens-
würdige Linladung des Lenats zur llbhaltung einer Llnzahl von
Vorträgen erhalten, der ich aber damals beim besten Willen nicht
folgen konnte. — Weitere wissenschaftliche Linladungen erhielt ich
        <pb n="91" />
        ﻿sodann 1903 von Holland durch die dortigen Ltudenten; sie wollten
mich gern über religionsphilosophische Probleme hören; so habe ich
damals in Utrecht, Ümsterdam und Leiden gesprochen, dort wohl-
tuende Lindrücke empfangen und bleibende freundschaftliche Be-
ziehungen gewonnen.

Der Alobelpreis.

un kam das Jahr 1908, dessen Verlauf inir die Zuerkennung
fß ^des literarischen Nobelpreises brachte. Die Möglichkeit dieser
Lache war wohl hier und da von schwedischen freunden angeregt,
aber sie erschien so unsicher, dast ich zunächst mich nicht damit
zu beschäftigen hatte. Licherer schien damals eine Berufung nach
den schottischen Universitäten, wo ich religiös-philosophische Vor-
lesungen halten sollte; diese Lache hat sich aber später zerschlagen.
Uls ich 1908 zu kurzem Vufenthalt zum Philosophen-Kongrcst nach
Heidelberg kam, war ich selbst überrascht, wie viel und herzliche
Teilnahme meine Bestrebungen in austerdeutschen Kreisen fanden.
Besonders liebenswürdig zeigten sich die Tranzosen. Ls war
deutlich, dast ich durch die Übersetzungen meiner Bücher in fremde
Lprachen schon ein Publikum gewonnen und mir eine Unabhängig-
keit vom deutschen gelehrten Publikum errungen hatte. Um fene
Zeit wurde ich auch von der schwedischen Llkademie der Wissen-
schaften zum auswärtigen Mitglied ernannt; sodann wurde ich
auf Ünregung des fetzigen Lrzbifchofs Löderblom als Lrster zur
Übhaltung von Vorlesungen für die Olaus Petri-Ltifkung* in
Upsala berufen. Lchliestlich kam am 14. November die Mit-
teilung der Verleihung des Nobelpreises. Wenn ich dabei einzelner
Persönlichkeiten dankbar zu gedenken habe, so ist es an erster Ltelle
mein unvergestlicher Treund Norström, dann aber auch die Herren
Hfärne, der erste Historiker Zchwedens, und Kctzius, der aus-
gezeichnete Naturforscher, der mit gründlichster Forschung eine tiefe
Welt- und Lebensanschauung verband.

Ls kamen dann eine Neihe glänzender Testlichkeiten, welche die
Teilnehmer auf die Höhe des Lebens führten; bei einem dieser Teste
sprach der fetzige König eingehend mit mir über das lebhafte
Interesse, das sein Vater, der König Oskar, meiner Philosophie,
im besonderen meiner Keligionsphilosophie, gewidmet habe; dieser
hat manche Vufzeichnungen darüber hinterlassen, die sich aber
fremden Llugen entziehen.

* Olaus Petri hat die Lutherfche Lehre in Schweden zum Liege geführt.

6»
        <pb n="92" />
        ﻿Bemerkenswert war, dast die Zuerkennung jenes Preises fast
mehr Zustimmung in der französischen Presse als in der deutschen
fand. Ohne Zweifel waren manche von meinen Landsleuten
erstaunt, mich unter jenen Preisträgern zu finden. Von mancher
privaten Leite wurde mir aber viel herzliche Gesinnung erwiesen.
So gedenke ich mit dankbarer Wehmut der herzlichen Worte, die
Lrnst von Wildenbruch bei diesem llnlast an mich richtete; er selbst
wäre besonders geeignet und berufen gewesen, jenen preis zu
empfangen, aber feine graste Leele war frei von jedem Neid.

Lngland.

|7ach Zuerteilung jenes Preises häuften sich sowohl die Über-
9J G-setzungen als auch die Linladungen ins Üusland. Weine
wissenschaftliche Ürbeit aber ging ununterbrochen fort; ich habe in
diesen Jahren neben kleineren Lachen und neuen Lluflagen zunächst
die Lchrift „Können wir noch Lhristen sein?" (lyn) veröffentlicht.
£s war mir eine innere Notwendigkeit, an diesem Punkte meine
Überzeugung klar und kräftig auszusprechen. Der Lrfolg dieser
Lchrift hat mich enttäuscht, gewist habe ich nicht den rechten Ton
getroffen, um die Trage anschaulich und eindringlich zu machen;
voraussichtlich werde ich aber später auf das Problem zurück-
kommen. lyi2 brachte die Lchrift „Lrkennen und Leben"; sie sollte
ein grösteres Werk über Lrkenntnislehre und Lebensgestaltung ein-
leiten. Lie war von vornherein als ein Ltück eines grösteren
Werkes gedacht, das schliestlich unter dem Titel „Wensch und
Welt" zuerst 1918, dann in zweiter lluflage 1920 erschienen ist;
der Krieg hat die Fortführung dieser Probleme arg verzögert, aber
an der Hauptsache habe ich auch den ganzen Krieg hindurch ge-
arbeitet.

Von den Linladungen war mir zunächst die wichtigste die, welche
1911 von Lngland an mich kam. Nächst dem skandinavischen
Norden, dem ich mich besonders verwandt fühlte, hatte ich be-
sonders viele sachliche und persönliche Beziehungen zu Lngland, und
es schien mir wichtig, diese weiter zu entwickeln. Lnglische und
deutsche Ürt schienen zu gegenseitiger Lrgänzung berufen.*

* 3n der Lchrift „ErPennen und Leben" S. 72ff. habe ich dies Problem weiter
ausgeführt. ltls die Ltärke des Deutschen erscheint die Entwersung von Welt-
gedantcn und die Weite des geistigen Horizontes, auch das vermögen, syste-
matisch und methodisch zu wirten; er kann danach streben, den INenschen über
alle Umgebung hinauszuheben und die ganze Unendlichkeit in seiner Seele zu be-
leben; auch seine wissenschaftliche und technische llrbeil kann es mit der aller Völker
aufnehmen, über der Deutsche verbleibt leicht bei grübelnder ltleflerion. auch
        <pb n="93" />
        ﻿von meiner Ltudienzeit her bin ich mit einzelnen hervor-
ragenden Persönlichkeiten Englands in Briefwechsel geblieben. Über-
setzungen meiner Bücher ins Englische verstärkten diese Beziehungen.
Line eigentliche Linladung erfolgte zunächst von den Unitariern.
Lchon zweimal und vor dem Nobelpreis hatten diese mich freund-
lich aufgefordert, die Lssex Hall Leeture zu halten. Ich sollte dort
aber nach dortiger Litte englisch sprechen; dazu konnte ich mich
nicht entschliesten, obwohl ich des Lnglischen leidlich mächtig war.
1911 aber erhielt ich eine sehr herzliche Bitte, meine Vorträge ruhig
in deutscher Lprache zu halten. Ver Vortrag und auch eine Kede
in einer englischen Kirche wurden sehr gut besucht und freund-
lich aufgenommen, auch die leitenden Blätter, wie z. B. die
„Times", brachten eingehende Berichte darüber*. Quch die daran
sich schliestenden Tage in London und Oxford waren genustreich
und anregend. Wir genossen dort durchgängig die liebens-
würdigste Gastfreundschaft. Ls war charakteristisch, dast der Lord-
mapor von London im Rückblick auf das vergangene Jahr den

neigt er stark zu einer Überschätzung bloger Fachgelehrsamkeit; so kann ihm das
Wissen tatlos über Sen Wassern schweben und den Weg zur Lebenserhöhung
nicht finden; dazu kommt bei jener intellektualistischen Llrt leicht ein Eigensinn
der Individuen, die vor allem darauf bedacht sind, etwas Besonderes zu sein
und als etwas Besonderes zu gelten, eine Llbncigung, sich gemeinsamen Zwecken
zu fügen.

Die Stärke des Engländers dagegen liegt in der gestaltung des praktischen
Lebens, in dem offenen Sinn für die Eindrücke der Erfahrung, in dem geschieh
die jeweilige Lage zu erfaffen und zu verwerten, besonders aber in dem llufbau
des gesellschaftlichen Lebens, deffen wiffenfchastliches Durchdringen unmittelbar
in fruchtbare Tätigkeit übergeht, Lluf diesem Boden vermögen die Individuen
sich in Freiheit zusammenzufinden und die individuelle veigung gemeinsamen
Zwecken unterzuordnen; solche Bereinigung erzeugt weit mehr Kraft in der sicht-
baren Welt und Sicherheit, sie zu beherrschen. Liber auch diese Llrt hat ihre
gefahren: Iener Zusammenschlug kann leicht der vollen Entwicklung der in-
dividuellen Llrt schaden und gleichförmigkeit erzeugen; auch wird hier nicht
genügend gewürdigt, dag das Weltproblem nicht erst nachträglich zum Leben
hinzukommt, sondern dag es von vornherein zu ihm gehört und seinen geistigen
Lharakler bilden hilft. Die volle Ursprünglichkeit und die Weile des geisieslebens
kann durch jene Sorge um den Stand der gefellschast Schaden leiden, und es
läge ein verfallen in den Utilitarismus nahe, wenn nicht eine starke, auch in
der sozialen Ordnung fest verankerte religiöse Überzeugung dem widerstände
und dem Leben und Streben der geseilschaft den Hintergrund einer ewigen und
selbstwertigen Ordnung gäbe. — Diese gegensätze sind im Kriege noch stärker
hervorgetreten.

* Einen eingehenden Bericht über mein Lluflreten in London brachte die
Christian World vom 8. Iuni 1911; die „christliche Welk" vom xi. Ianuar 1912
hat die grundgedanken ins Deutsche übertragen unter dem Titel „Lücken in
England".
        <pb n="94" />
        ﻿Besuch von Harnack und mir als ein gutes Zeichen für das Ver-
hältnis der beiden Nationen begrüßte. Merkwürdig war es, dast
ich mich auf religiösem und religionsgeschichtlichem gebiet oft mit
den Engländern besser verständigte, als mit vielen Deutschen; es
war und ist der unglückselige Intellektualismus, der manche Deutsche
an einer unbefangenenWürdigung der Lebensprobleme und Lebens-
kiefen hindert.

Amerika.

amerika hat mich von früher Jugend an sehr angezogen und be-
schäftigt. Namentlich interessierte mich das dortige Deutschtum,
und ich habe schon in meinen Kinderfahren deutschamerikanische
Zeitungen zu erwischen gesucht; der Verlauf meines Lebens hat
solche Lindrücke bestärkt und vertieft. In Llmerika wurde zuerst eins
meiner Bücher in eine fremde Sprache übertragen, bald empfing
ich auch» von gebürtigen Limerikanern manche Llnzeichen der
Llnerkennung meines Lkrebens; eine solche Teilnahme musste mir
im gegensatz zur gleichgültigkeit der deutschen gelehrtenkreise be-
sonders wohltun''. Line eigentümliche und anziehende Llufgabe
erhielt ich durch den mir persönlich bekannten Dr. I. M. Jlice in
New pork: es galt, für das von ihm geleitete Forum allmonatlich
einen von deutschen gelehrten geschriebenen und deutsche Probleme
behandelnden LIrtikel zu liefern; ich musste diese Linrichtung mit
besonderer Treude begrüben, da sie auf die Dauer ein besseres
gegenseitiges Verständnis der beiden großen Völker ergeben hätte;
leider hat die Lache aber nur ein paar Jahre gedauert; ich hatte
den Lindruck, dast der Üusbruch des spanischen Krieges und das
Llnwachsen einer imperialistischen Ltrömung in Llmerika einer
näheren Beschäftigung mit deutschen Tragen wenig günstig war.

Weiter erhielt ich im Jahre iyo6 aus Llmerika, d. h. von den
dortigen Deutschen, eine herzliche llufforderung, nach New pork
zu kommen und überhaupt zu dortigen deutschen Kreisen zu
sprechen. Ls hatte aber zunächst manche Lchwierigkeit, fencr Lin-
ladung zu folgen. IYI2 aber erfolgte eine offizielle Linladung durch
die preussische Negierung, als Üustausch-Professor nach Llmerika zu
gehen. Ich habe mich zunächst dagegen gesträubt, da ich eine

* Unter den Zeichen freundlicher Teilnahme möchte ich namentlich Sen regel-
mäßigen Briefwechsel mit Kev. Test in Richmond, Indiana, anführen. Lr
schrieb mir u. a. Uber meinen „Kampf um einen geistigen Lebensinhalt" im
Jahre 1896: You are certainly a thinker with an authentic message and
Mission to your conlemporaries in the interest of the supreme and eternal
verbiss; and I trust you may lang live to flght it out on the lins.
        <pb n="95" />
        ﻿Störung meiner wissenschaftlichen Pläne dadurch befürchtete, aber
Trau und Tochter haben mich bald bewogen, sene Linladung gern
anzunehmen. Ls wurde von Berlin aus alles sorgsam und um-
sichtig eingerichtet, und so schifften wir drei uns guten Mutes nach
llmerika ein. Die Ozeanreise war nicht stürmisch, nur etwas mehr
als einen Tag habe ich selbst ein wenig darunter gelitten, sonst aber
empfand ich sehr den unvergleichlichen Zauber einer solchen Ozean-
reise mit ihren gewaltigen Lindrüchen. Die Linfahrt nach Vew pork
war großartig. Die Zollschwierigkeiten wurden dank meiner Pässe
rasch überwunden. Irgendwelche Begrünung vom deutschen Kon-
sulat fehlte trotz des Hinweises in den Zeitungen; es waren drei
Amerikaner, die mich freundlichst begrüßten. Ich habe überhaupt
gefunden, daß von amtlicher Seite wenig für deutsche gelehrte ge-
schah. persönlich bin ich wohl mit dem englischen Botschafter
Lord Brpce, nicht aber mit dem deutschen Botschafter in nähere
Beziehung gekomnten. Merkwürdig war auch der offizielle Lm-
pfang im gegensatz zu Berlin: In Berlin pflegte der Kaiser die
Antrittsvorlesung des Qustaufch-Professors anzuhören und sich
eingehend mit den Herren zu unterhalten; auch für ihre Wohnung
wurde im voraus bestens gesorgt. Lils ich m Lambriöge
eintraf, war natürlich meine erste Llufgabe, mich dem Präsidenten
Lowell persönlich vorzustellen. Lr empfing mich freundlich, erwähnte
aber in keiner Weise irgendwelche Feierlichkeit zu meiner Linführung,
sondern meinte einfach: Sie können gleich anfangen. Lluch war
man in Lambridge nicht erbaut darüber, daß ich von Ünfang an
erklärt hatte, meine amtlichen Vorlesungen nur in deutscher Sprache
zu halten. Diese Vorlesungen selbst haben mich aber sehr erfreut.
Die eigentlichen Privatvorlesungen hatten eine beschränkte Zuhörer-
zahl, es waren etwa 20 Studenten, ähnlich stand es mit meinen
philosophischen Übungen; aber die Hörer waren sehr bei der Sache,
und es hat sich ein sehr herzliches Verhältnis zwischen uns ent-
wickelt; schließlich mußten wir uns alle zusammen photographieren
lassen. Anders stand es bei den öffentlichen Vorlesungen. Hier
wurde nur eineStunde wöchentlich angesetzt, dieseStunde aber durch
die Blätter verkündet. So versammelte sich hier ein großes Publikum
aus den besten Ständen von Boston, ich habe viele Zeichen freund-
licher Teilnahme aus diesen Kreisen empfangen. Lluch die gesell-
schaftlichen Beziehungen gestalteten sich sehr angenehm. In der
ersten Zeit wurden wir drei auf eine Keihe von Tagen im Hause
von Professor Ldward Moore in gütigster Weise aufgenommen.
Später wohnten wir in einem großen Hotel in Boston. Von den
gelehrten stand ich namentlich dem leider so früh verstorbenen
Münsterberg nahe. Lr und die Seinigen haben alles getan, uns
den dortigen Aufenthalt angenehm zu machen. Lin großer Vorteil
        <pb n="96" />
        ﻿jenes Bostoner Aufenthaltes war die Nähe des Ozeans, wir konnten
uns dort angesichts der Wellen ergehen und hatten nament-
lich bei eintretender Übenddämmerung wunderbare Bilder von der
großen Ltadt und ihrem Hafen. Bon Boston aus habe ich nach
dortiger Litte eine Neihe von Vorlesungen an verschiedenen Orken
gehalten. Besonders wertvoll war uns der gewaltige Lindruck des
Niagara, dessen weiteren Lauf wir unmittelbar in einer Privat-
eisenbahn verfolgen dursten. Unser Bostoner Üufenthalt ging mit
demIanuar zu Lüde. Wir haben uns dann nach New Port begeben,
wo uns im sogenannten Deutschen Haus der Lolumbia-Universität
ein eignes Heim zur Verfügung gestellt wurde. Die gewaltige
Ltadt mit ihrer herrlichen Lage fesselte uns sehr. lluch sind wir
dort in sehr verschiedene Kreise gekommen, selbst in die der hohen
Finanz, die uns übrigens sehr freundlich und nicht protzig auf-
nahmen. Die akademischen Kreise begrüßten mich und die Weinigen
sehr freundlich. Präsident Butler gab mir und Bergson, der damals
gleichzeitig mit mir einige Vorlesungen hielt, ein solennes Diner,
das höchst anregend verlief und uns beide in lebhafte gespräche
führte (wir sprachen dort englisch). Lluch ein großer Nout wurde
uns zu Lhren gegeben; jeder von uns beiden war dabei von einer
großen Lchar von Herren und mehr noch von Damen umgeben
und mit tragen bestürmt. Trau und Tochter sorgten genügend
dafür, daß ich dabei keinen Hunger und Durst hatte; schlimmer
ging es Bergson, der ohne Begleitung war und sich vor den Damen
nicht retten konnte; ich habe ihn schließlich mit gewalt aus jenem
Kreise herausgeholt und für fein leibliches Wohl gesorgt.

Der Üufenthalt in New pork gab mir auch volle gelegenheit,
mich über das deutsche Leben in Ümerika näher zu unterrichten.
Treilich bestand für mich wegen Zeitmangel keine Möglichkeit, mich
nach dem Westen zu begeben, wo ich mehr deutsches Leben an-
getroffen hätte. Was ich aber im Osten traf, war vom deutschen
Ltandpunkt aus wenig erfreulich. In Boston bestand ein deutscher
Verein, und als ich dort einmal Uber die weltgeschichtliche Be-
deutung des deutschen geistes sprach, war der öaal übervoll. Über
die Treunde sagten mir, daß sich selten eine größere Zahl an den
deutschen Bestrebungen beteilige; charakterisiisch war es auch, daß
sich in unserem großen Hotel keine einzige deutsche Zeitung befand,
und daß ich dort Nlühe hatte, mir die New porker Staats-Zeitung
zu besorgen. Das war ja nun in New Port besser, deutsche Zei-
tungen konnte ich hier zur genüge erhalten, aber im gesamtleben
spielte das deutsche Leben doch auch hier eine recht bescheidene Nolle.
Wan merkte kaum, daß in New pork mehrere hunderttausend
Deutsche waren. Ungünstig für die Lrhaltung des deutschen Lle -
ments wirkte bei den Ltädten, daß, während früher die Deutschen
        <pb n="97" />
        ﻿geschlossener wohnten und mit den andern Bewohnern weniger in
enge Beziehungen kamen, die modernen Verkehrsverhältnisse derartige
Unterschiede stark verwischt und die verschiedenen Bevölkerung«-
elemente bunt durcheinander gewürfelt haben. Lluch die Volksschulen,
die sogenannten Public Hchools, haben sehr dazu beigetragen, alle
Unterschiede aufzuheben. Lin Hauptgrund der Kraftlosigkeit des
deutschen Lebens war der Ivangel eines Zentrums für das deutsche
geistige Leben. Lluch die Höhne der Deutschen wurden unwillkürlich
in die englische Denkweise, fa in die Terminologie hineingetrieben.
Ich selbst erlebte den charakteristischen Tall, dast der philosophisch
sehr begabte Hohn einer hochstehenden deutschen Tamilie im ge-
wöhnlichen Leben die deutsche Lprache vollauf beherrschte und sich
überhaupt als ein Deutscher fühlte, aber in graste Lchwierigkeiten
geriet, sobald er technisch philosophische Tragen mit mir besprach.
Ivie die Verhältnisse in Llmerika waren, lag die Zefahr nahe, die
deutsche Denkweise als eine subalterne zu behandeln. Dagegen hätte
weit mehr von Deutschland selbst getan werden müssen. Ivan hätte
durch deutsche hochgebildete Lehrer, auch durch die Förderung kleiner
Bühnen, regelmästiger Vorträge usw. sehr viel mehr wirken können,
um das deutsche Leben zusammenzuhalten und sein Kulkurbewustt-
sein zu heben. Die offiziellen Behörden aber taten so gut wie nichts für'
dieses Ziel, und auch unsere heimische presse hat sich viel zu wenig
dieser wichtigen Hache angenommen. Wir müstten regelmästige
Korrespondenten zwischen Deutschland und Llmerika besitzen; fo
aber blieb aller Llustausch zufällig, und die einheimischen Deutschen
pflegten sich der Deutschen in Llmerika nur zu erinnern, wenn es
irgendwelche Hammlung zu veranstalten galt. Die Llustausch-Pro-
fessoren aber haben bei der Kürze ihres Liufenthaltes wenig dafür
wirken können; diefe Linrichtung müstte wesentlich anders gestaltet
werden, wenn sie nicht mehr dem Lchein, als der Lache dienen sollte.
Vast die Llustauschprofefsur uns persönlich mit einer Tülle tüchtiger
und liebenswürdiger Ivänner und Trauen zusammenführte, ist
eine andere Lache. — Übrigens wurde ich in vew pork ebenso
freundlich aufgenommen wie in Lambridge, obschon ich dort nicht
Llustauschprofessor war; der bloste Titel macht in Llmerika wenig
aus. vonvewpork aus haben wir weitere Llusflüge gemacht, und
ich habe an verschiedenen Orten Vorlesungen gehalten, so z. B. kn
Philadelphia und in Baltimore.

Ich kann diesen Kückblick auf die ganze Zeit nicht abschliesten,
ohne der vielen freundschaftlichen Beziehungen zu gedenken, welche
uns geboten wurden. Ls waren Ivänner und Trauen mit verschie-
denen Interessen, aber sie alle begegneten uns in liebenswürdiger
lveise und suchten uns den Llufenihalt angenehm zu machen, von
mehreren Universitäten wurde ich honoris oausa promoviert, so
        <pb n="98" />
        ﻿in öpmcuse zum Dr. of human letters, von der Lolumbia-Vniver-
sität zum Dr. of Istters, von öer New York University zum Dr. of law.
Vuch verschiedene Lectureships wurden mir angetragen, so in
Boston am Lowell-Institute, so in New TJori die Deems Lectureship;
gröstere Zyklen von Vorlesungen hielt ich im Lmith Lollege in Nort-
hampton und in Lchenectady. Ich hätte noch viele weitere Lin-
ladungen erhalten, wenn es mir möglich gewesen wäre, den Westen
zu besuchen. Übrigens möchte ich nicht unerwähnt lassen, dast auch
die kanadischen Universitäten Montreal und Toronto mir freund-
liche Linladungen sandten. Auch führten meine philosophischen Be-
strebungen zu festeren Verbindungen, so wurde eine Lucken-Llsso-
ziation in New park gebildet, ein Lucken-Klub in gektysburg am
Lutheran Lollege begründet usw.

Viele interessante Persönlichkeiten wurden mir persönlich bekannt,
so Noosevelt und Larnegie. Mit Noosevelt hatte ich ein sehr anregen-
des gespräch über den amerikanischen Idealismus und seine Zukunft,
er erwies dabei eine bedeutende geschichtliche Bildung; über Deutsch-
land sprach er damals in freundlicher Weise. Lharakteristisch erschien
mir ein gespräch mit einem weltgewandten Tinanzmann über die
Möglichkeit eines schon damals die gemüter bewegenden Krieges;
er meinte, es bestehe dafür nicht die mindeste geführt „Wir geben
das gcld dazu nicht, und ohne das können die Ltaaten nichts
machen". In einem anderen Kreise wurde die Behauptung auf-
gestellt, Deutschland würde in 20 Iahren das reichste Land der
Lrde fein!

Bemerkenswert war mir auch die dortige Stellung der Trauen,
gewisse Üusterlichkeiten der Litte werden beachtet, aber sie nehmen
keinen grasten Platz ein. Das aber glaubte ich zu bemerken, dast
die Trauen in den höheren Ltänden oft die Männer an Bildung
übertreffen; die überwiegend geschäftliche Tätigkeit kann leicht den
Bildungstrieb der Männer hemmen; dazu pflegen die Trauen in
fenen Kreisen mehr zu reisen und mannigfache Eindrücke in sich auf-
zunehmen. Oft fand ich ein lebhaftes Interesse der Trauen für
die grasten Lebensfragen des menschlichen geschiekes. Nament-
lich zwei Tragen sind mir immer wieder begegnet: „Lind wir un-
sterblich?" und „Haben wir einen freien Willen ?" Treilich verlangte
man dabei oft eine zu summarische Llntwork. In den ersten Kriegs-
fahren habe ich verschiedene Briefe von mir persönlich unbekannten
Damen erhalten, worin diese versicherten, dast sie über den Krieg
anders dächten als die Männer, und dast sie vor dem Mut und
vor der Tapferkeit der deutschen Loldaten die aufrichtigste Hoch-
achtung hätten.

Der persönlichen Liebenswürdigkeit, welche ich und die Meinigen
in Ümerika erfuhren, entsprach nicht vollauf die überwiegende
        <pb n="99" />
        ﻿9i Oö«

Behandlung der deutschen Verhältnisse durch die dortige Presse. Das
Urteil bewegte sich vielfach in schroffen gegensätzen. Einmal glaubte
man auf Deutschland als auf ein unfreies Land herabsehen zu
dürfen, man hielt sich dabei oft an Kleinigkeiten des Lebens;
zugleich aber hatte man graste Sorge, Deutschland möchte zu stark
und auch zu reich werden. fluch traute man uns manche, wenn
nicht militärische, (io doch wirtschaftliche Pläne zu. Namentlich war
man bedenklich wegen unseres Einflusses auf Südamerika. Lin
dortiger Kollege fragte mich, wir hätten wohl unter unseren Skuden-
ten sehr viele Südamerikaner. Ich erwiderte, sie wären seltene
Ausnahmen. Lr wunderte sich darüber und meinte: „Nun ja,
Sie haben ja doch die Qbsicht, Südamerika sich zu unterwerfen";
daraus erklärte er den vermeintlichen Zustrom der Studenten.
Überhaupt herrschte in Amerika eine graste Unkenntnis der euro-
päischen und namentlich der deutschen Verhältnisse. Ungünstig
war es auch, dast unsere radikale Presse die deutschen Zustände
recht schwarz zu nialen liebte; sie dachte nur an das Inland, nicht
an die Wirkung auf die änderen; das hat uns sehr geschadet.
Jedenfalls wäre es bei solcher Lage und bei vielfacher Verkennung
der deutschen Übsichten unbedingt notwendig gewesen, dast von
diplomatischer Seite mit gröstter Energie die Stimmung verbessert
und ein inneres Verhältnis der beiden Länder ausgebaut wurde.
Notwendig war im besonderen die Begründung einer grasten
deutschgesinnten Zeitung in englischer Sprache, denn nur mit Hilfe
dieser Sprache konnte man den nötigen Linstust gewinnen; sodann
bedurfte es dringend eines deutschen Telegraphenbüros, welches
unmittelbar alle Irrtümer, ja Lügen gewisser Londoner Blätter zer-
stören konnte. Ich habe diese Überzeugung sofort auch nach Berlin
berichtet und eine Denkschrift darüber eingereicht, um jene 3wr-
derungen eingehend zu begründen. Line Wirkung war nicht er-
sichtlich; wir haben jedenfalls durch unser diplomatisches Un-
geschick uns sehr geschädigt. —

Ich kenne die Ligentümlichkeiten und die Schwächen des
amerikanischen Lebens zur genüge, um kein unbedingtes Lob an-
zustimmen; aber ich must voll anerkennen die Lnergie des dortigen
Lebens, die grostzügigkeit des Unternehmens, die gegenseitige Hilfs-
bereitschaft, welche das amerikanische Leben durchdringt; in dieser
Nichtung hat das dortige Leben einen grasten Stil, grundverkehrt
ist die oft von Deutschen geäusterte Meinung, man dürfe in Llmerika
nichts kritisieren, sondern müsse alles gut finden. Ich habe offen
und entschieden auch auf die dortigen Schäden hingewiesen, und
ich bin überall trotz jener Kritik freundlich behandelt worden;
nur einen höhnischen Don verträgt kein Volk, das auf sich selbst
etwas hält.
        <pb n="100" />
        ﻿ooooooooooooooooooooo Y2



I"

Unser Aufenthalt in Amerika ging zu Lnde. Noch einmal sahen
wir die näheren freunde zum Abschied bei uns, dann mußten wir
uns trennen. Ls war rührend, wie beim Besteigen des Dampfers,
der uns nach Luropa bringen sollte, der bekannte Lchriftsteller
Kalph Waldo Trine uns bis an das Deck begleitete und in leb-
haftem gespräch solange bei uns verblieb, bis der Kapitän ihn
dringend aufforderte, das Stfjiff sofort zu verlassen, wenn er nicht
nach Luropa mitfahren wolle. Linnig fanden wir die amerikanische
Litte, beim letzten Übschied den Lcheidenden eine guirlande zu-
zuwerfen, so dast ^eder ein Ltück davon zum Abschied erhielt.

Die Kückkehr nach Luropa haben wir mit eigentümlichen Em-
pfindungen angetreten. Biel Liebe und Freundschaft war uns
erwiesen, und dabei war keine Aussicht auf ein Wiedersehen; der
Abschied von einem ganzen Weltteil ist etwas anderes, als eine
Keife in ein benachbartes Land. Die gewaltige Ltadt New ^fork
machte bei dem Abschied im Hellem Lonnenschein einen großartigen
Lindruck, langsam versanken die mächtigen Bauten, und wir
waren im Ozean. Wir hatten diesmal die südliche Koute gewählt
und haben das in keiner Weife bedauert. Unsere Keife war von
prächtigem Wetter begünstigt, die Azoren waren aus nächster Nähe
zu betrachten. Wir begrüßten herzlich die Küste von Luropa, die
einen durchgebildeteren Lindruck macht, gibraltar im Trühlmgs-
schmuck und mit seiner Blütenpracht war bezaubernd, dann ging
es weiter über Algier, Neapel und schließlich nach genua. Hier
empfing uns unser jüngerer Lohn; wir haben dann eine herrliche
Keife über die Kiviera, den Klont Lenis, Montreux und nach genf
gemacht. In genf war alle Zeit Hodler gewidmet, der uns feine
künstlerischen Lntwürfe zeigte und sich geistvoll über seine Kunst
aussprach. Linen großartigen Abschluß gewährte uns der Thuner
Lee mit feinen Alpenriesen, dann ging es über Bafel nach Haufe.
        <pb n="101" />
        ﻿93

JTeue Aufgaben und weitere Pläne.

3unächsi galt es ^etzt die mannigfachen Lindrücke durchzuarbeiten
und die daraus erwachsenden Uufgaben zu fördern. Meine
Vorlesungen in Lambridge und die Anregungen meiner Zuhörer
zeigten mir das Bedürfnis nach einer kleinen Lchrift, welche die
deutsche Philosophie für englische Leser behandeln sollte*. Zn Llme-
rika bewarben sich sofort verschiedene Berleger um die Lache, sie lsi
aber unter den Aufregungen und Stürmen der folgenden Zeiten
einsiweilen liegen geblieben. Lin Zeichen freundlicher gesinnung
erhielt ich noch im Lämmer 1914, indem mein jüngerer Lohn
seitens der Lolumbia-Universität eine sehr liebenswürdige Lin-
ladung erhielt, ein Jahr hindurch über die Hauptfragen der deut-
schen Lozialpolitik als glied des Lehrkörpers dort zu sprechen.
Lr war bereit, diese ehrenvolle Linladung anzunehmen, und wir
hatten schon für den Z. Oktober 1914 einen Platz auf dem Dampfer
Lolumbia für ihn belegt, als der Krieg alle Plane umwarf.

Weiter galt es nun, meine Urbeitspläne auszuführen. Jene
Lchrift über die deutsche Philosophie kam gut irr Zang. Ver-
schiedene neue Auflagen beschäftigten mich, zugleich empfand
ich gerade unter den Lindrüiken der Keife, wie notwendig eine
Kräftigung und Verinnerlichung des deutschen Lebens sei. Qus
dieser Überzeugung isi die Lchrift „Zur Sammlung der geisier"
hervorgegangen. Zn dieser Schrift habe ich nachdrücklich die ge-
fahr einer blosien Llrbeitskultur geschildert und mich darauf be-
rufen, dasi die Arbeit nur eine Seite des deutschen Lebens bilde,
dasi sie durch eine Zeisieskultur ergänzt werden müsse, wenn nicht
das Zanze und Innere des Menschen herabgedrückt werden sollte.
Bus Llnregung dieser Lchrift hat sich dann ein Kreis von freunden
im März 1914 in Darmsiadt zusammengefunden, um die wichtige
Lache durch persönliche Besprechung in 34usi zu bringen und
womöglich auch Ortsgruppen zu bilden. Die lLragc erwies sich
aber bei näherem Lingehen recht schwierig, und wir haben weitere

Sic sollte Sen Titel tragen: German Philosophy for English readers.
        <pb n="102" />
        ﻿Schritte verschoben^ zumal ich selbst damals schon an die groste ost-
asiatische cheise zu denken hatte, über darüber waren wir einig,
dast der innere Lebensstand bei uns Deutschen dem äusteren Wohl-
ergehen keineswegs entsprach''. — Inzwischen kamen neue aussichts-
reiche Qufgaben. Zu Pfingsten iyi/f habe ich zu den modernen
Theologen Hollands gesprochen und mich mit den Weinigen der herr-
lichen Blumenpracht namentlich Haarlems erfreut. Unmittelbar
darauf erhielt ich eine austerordentlich warnte Llufforderung nach
Londyn zu kommen, mich an dortigen Festlichkeiten zu beteiligen
und auch an verschiedenen Ltellen philosophisch zu sprechen. Ich

Bon Ser „Sammlung der geister" ist nach ein paar Monaten ein un-
veränderter Neudruck erschienen (Llnfang Februar 1914); ich durfte das als ein
willkommenes Zeugnis dafür begrüben, dag die dort behandelten Lebens-
fragen viel Teilnahme im deutschen Volke fanden. Über Sen damaligen Stand
des deutschen Lebens habe ich 2. Z f. folgendes gefügt:

„Lilles das lägt erwarten, dag eine frische und freudige Lebensstimmung
unfer ganzes Volk durchdringe und es vertrauensvoll von groger Vergangen-
heit zu noch grösterer Zukunft fortschreiten lasse. Liber unleugbar fehlt eine
solche Stimmung. Wir finden vielmehr bei Betrachtung des ganzen der Lebens-
lage und der Lebensschätzung viel Zweifel und Unsicherheit, wir finden die
Neigung weit verbreitet, an den Dingen mehr die Schranken und Fehler als
das grogc und gute zu sehen, über dem Haften am einzelnen Lindruck das
ganze ungewllrdigt zu lassen, bei Kritik und vemeinung zu bleiben und uns
dadurch die rechte iLreude auch an unbestreitbaren Lrfolgen zu stören; dazu
finden wir uns bei allen prinzipiellen tragen in arger Spaltung, und verlieren
wir in solcher Spaltung die Sicherheit und lLreudigkeit des eignen Beginnens."

Den Hauptgrund der Verwicklung fand ich in der Unterdrückung einer
geisteskultur durch eine bloste Llrbeitskultur. Diefer Verwicklung habe ich
unmittelbar vor dem Kriege in jener Schrift einen kräftigen Llusdruck ver-
liehen; ich fagte dort S. 82: „Nur der flachste Optimismus kann mit dem
kümmerlichen Neste auszukommen hoffen, den ein weitverbreiteter Zug der
Zeit von dem reichen Lrbe Ser weltgeschichtlichen Llrbeik noch festzuhalten ge-
ruht. So ist ein Lntweder-Oder nicht zu verkennen, wir treiben einer Kata-
strophe zu, wenn dem unvermeidlichen geistigen Sinken nicht energisch wider-
standen wird. Schon jetzt empfinden wir schmerzlich den Mangel an schaffen-
den Persönlichkeiten und an starken Lharaklcren, schon jetzt stockt bei uns das
geistige Schaffen und sinkt die sittliche Lnergie, soll das so weitergehen, sollen
wir immer mehr einen inneren Halt verlieren und unser Leben mehr und mehr
der Leere verfallen lassen? — Soll die geistige Lvolution der NIenfchheit das
Hauptergebnis haben, dast der Mensch darin sich selbst zerstört und sich alles
Wertes beraubt, indem er sich nur als ein etwas begabteres Tier versteht?"

Zustimmend erwähnteich auch Nietzsches Worte: „Nur das Volk lebt, das
feine Lrlebniffe in Lwigkeitswerten ausdrückt". 3m Herbst 1913 haben wir
die grasten Taten der Freiheitskriege gefeiert. Konnten wir unserem Leben einen
auch nur einigermasten entsprechenden Lwigkcitswert geben? War die §eier
nicht geistig und künstlerisch kläglich?
        <pb n="103" />
        ﻿war nahe daran, das anzunehmen, wurde aber bedenklich durch die
Lchwierigkeit, den auseinandergehenden religiösen Strömungen
des dortigen Lebens vollauf zu genügen: die Unitarier hakten mich
zuerst berufen, ihnen war ich zunächst freundschaftlich verbunden;
Sie neue Linladung aber ging mir von philosophisch gesinnten
Mitgliedern der Hochkirche zu. Ich fürchtete durch einen solchen
gegensatz in eine schiefe Lage zu kommen, öo habe ich schließlich
fene Linladung abgelehnt. Lharakteristifch für die damalige
Htimmung war es, daß der in London bestehende Preffe-Klub
auswärtiger Vertreter mir einstimmig eine liebenswürdige Lin-
ladung sandte, und daß mir dabei ausdrücklich versichert wurde,
auch die französischen Journalisten teilten diese gestnnung. Daß
auch darüber hinaus in französischen Kreisen eine freundliche
ötimmung für uns herrschte, zeigte der Besuch des angesehenen
Philosophen Boutrous, der sowohl in Berlin als in Jena in sym-
pathischer Weise gesprochen hat. Ltuch einer mich erfreuenden Lidresse
seitens bulgarischer Kreise möchte ich gedenken, die im Frühling
1914. an mich kam. Zu den Bulgaren hatte ich seit einer Keihe von
Jahren, fa Jahrzehnten manche wissenschaftliche und persönliche
Beziehungen, viele Ltudenten kamen nach Jena wegen der hier
blühenden Pädagogik, andere wegen der Philosophie. Mehrere
haben unter meiner Leitung promoviert, verschiedene von ihnen
sind in ihrem Vaterlande zu hohen Stellungen gekommen. Llus
dem Kreise dieser öchüler und freunde wurde an mich die Bitte
gerichtet, den von den früheren Kriegen tiefgebeugten Bulgaren
einen tröstenden und anerkennenden Brief zu schreiben, der durch
die dortigen Zeitungen zu veröffentlichen sei. Vas ist depn auch
geschehen, und nach einiger Zeit erhielt ich einen in französischer
Sprache verfaßten Dankbrief, der von allen öpitzen des bulgarischen
Volkes persönlich unterzeichnet war. Ich war sicherlich nicht der
Linzige, der einen solchen Dank erhielt, immerhin hat es mich auf-
richtig erfreut, in dieser Weise zu einem ganzen Volke ein persön-
liches Verhältnis zu erlangen'". Daß das auch gegenüber Finnland
in noch gesteigerter Weife geschah, wurde schon erwähnt. Von
bulgarischen Kreisen erhielt ich auch während des Krieges freund-
liche Linladungen, denen ich aber leider aus Mangel an Zeit nicht
folgen konnte.

* In jener bulgarischen Lldresse waren namentlich folgende Stellen be-
merkenswert:

„Vous etes, Nonsisur, äs css amis de !a Bulgarie qui par leurs pa-
roles, leurs ecrits et leurs actes ont mdrite sa reconnaissance eternelle“.

„Nous, soussignds, reprdsentants des institutions et des socidtes de
culture intellectuelle en Bulgarie, nous venons vous exprimer taute la
reconnaissance du peuple bulgare“.
        <pb n="104" />
        ﻿Inzwischen wurden mir neue Qufgaben von Japan und Lhina
gestellt. Zu Japan bestanden alte Beziehungen, indem der frühere
großherzog von Weimar ein besonderes Interesse für die evange-
lischen gemeinden in Iapan zeigte. Qn unserer Universität haben
die Iapaner sich als strebsam und tüchtig erwiesen, mehrere haben
bei mir promoviert, so ein Buddhist, der über die Bedeutung der
buddhistischen Lthik schrieb. Bald erwachte dort auch ein großes
Interesse für die Übersetzung meiner Hauptschriften; die meisten
von ihnen sind ins Iapanifche übersetzt. Daß man in Iapan an
mich dachte, erfuhr ich zuerst in Ümerika durch Wünsterberg, doch
nahm ich die Lache zunächst nicht ernstlich. Über schließlich kam
eine sehr freundliche Linladung, ich möchte an den beiden Keichs-
Universttäten Tokio und Kioto eine Keihe von Vorlesungen über
die großen Lebensprobleme halten. Das hatte einen besonderen
Keiz für mich, bot sich doch dadurch die gelegenheit, diese uns sonst
fremde und ferne Welt aufs genaueste zu sehen, und, was mich
besonders anzog, in einen unmittelbaren geistesaustaufch mit
leitenden japanischen Kreisen, namentlich mit den buddhistischen,
zu kommen. Nicht nur die gesinnung dieser akademischen Kreise
war sehr entgegenkommend, auch alles Üußerliche war sehr um-
sichtig überlegt. Wir, d. h. meine Trau und ich, sollten zunächst
über Kußland auf der sibirischen Bahn durch Korea fahren, wo
uns ein japanischer llbgesandter empfangen würde, um dann die
kurze Leereise nach Tokio anzutreten. Kaum hatten wir diese Lin-
ladung angenommen, so empfing ich eine dringende Bitte, auch die
Hauptstädte in Lhina zu besuchen. In ihnen sollte ich einige philo-
sophische Vorträge halten; ich sollte in deutscher Lprache reden, der
Vortrag aber für die Hörer vorher ins (chinesische übersetzt werden.
Die Kückreise sollte durch den indischen Ozean und über Ügppten
erfolgen. Da hat der plötzliche Üusbruch des Krieges alle Pläne
zerstört, und wir mußten dankbar sein, daß uns der Krieg nicht
draußen, entfernt von unseren Kindern, antraf.
        <pb n="105" />
        ﻿

Der Weltkrieg,

3u der Zeit, als ich zene Keife nach dem fernen Osten plante,
durfte man wie von einer glücklich erreichten Höhe aus-
schauen: fo viel das deutsche Leben auch an Problemen enthielt,
ein weiterer Üufstieg schien in Qussicht. Wir durften hoffen, daß
die gemeinsamen Probleme der Menschheit stark genug sein wür-
den, um die gegensiätze der Völker zu überwinden; und zugleich
war zu hoffen, daß keine Regierung sich mit der Verantwortung
belasten würde, einen furchtbaren Weltkrieg zu entzünden, dessen
unermeßliche Tolgen außer allem Zweifel waren, gerade zu Be-
ginn des Jahres 1Y14 schienen sich im besonderen die Beziehungen
zwischen Deutschland und Lngland zu bessern. Üuch fehlte es
in fenen Jahren nicht an Lrweifungen gegenseitiger Schätzung,
fa Freundschaft zwischen den beiden Hauptvölkern, verschiedene
Adressen wurden unterschrieben, welche die Bedeutung eines freund-
schaftlichen Zusammengehens betonten; die Ehrlichkeit dieses Ltre-
bens stand außer Zweifel. Ich selbst aber durfte hoffen, an den
gemeinsamen Problemen der Menschheit weiter zu arbeiten und
zugleich mein Land zu fördern; von allen Leiten kam man dabei
mir freundlich entgegen; ich erwähnteZapan und Lhina, aber auch
aus indifchen Kreisen kam an mich eine freundliche Linladung,
selbst australische freunde an den dortigen Universitäten hofften
mich dort zu sehen.

Daß ich, der ich mit unermüdlichem Lifer für die Verständigung
der Völker und für das Zusammengehen bei den großen Lebens-
fragen wirkte, durch den Üusbruch des Weltkrieges besonders
schmerzlich betroffen wurde, das bedarf keiner Lrörterung.

Über es konnte mir in keiner Weife zweifelhaft fein, daß ich meine
Stellung bei meinem eignen Volke zu nehmen hakte; das englische
Right or Wrong freilich wurde von mir nicht gebilligt, aber ich war
und bin fest davon überzeugt, daß das deutsche Volk ein gutes
Kecht hatte, in den Kampf zu gehen und sich gegen alle Üngriffe zu
verteidigen, gewiß war unsere Politik sehr angreifbar, fa unge-
schickt, es fehlte unseren Staatsmännern das rechte Üugenmaß für
das Notwendige und das Mögliche, unsere Politik schwankte
zwischen großsprechenden, fa verletzenden Worten und kleinen Taten,
auch waren über die besondere Lage hinaus große Verwicklungen

Lucken, Lebenscrinnerungen,

7
        <pb n="106" />
        ﻿in unseren Verhältnissen nicht zu verkennen. Der Hauptzug
des Lebens ging bei uns nach der wirtschaftlichen Dichtung;
schon das zeigt jedem unbefangenen Beobachter, das? unser Volk
nicht kriegslustig war; wer die wirtschaftlichen Interessen voran-
stellt, der kann keine Freude am Kriege mit seinem zerstörenden
Wirken haben. Über Deutschland mustte schon wegen seiner zen-
tralen und allen Qngriffen ausgesetzten Lage stark gerüstet sein;
die Trage konnte nur sein, ob die militärische Leistung nicht zu sehr
in das innere Staatsgefüge eingriff, auch mustten unerfreuliche
Vorgänge wie dieinZabern über Deutschland hinaus einen schlechten
Lindruck machen und den Schein einer Militärherrschaft erwecken;
ferner war es eine offene Trage, ob eine so starke Vermehrung
unserer Tlotte zu unserer Selbstverteidigung notwendig war, und
ob sie nicht das Misttrauen Lnglands erregen mustte; aber dies
alles kann nicht die Tatsache verdecken, dast Deutschland und auch
die deutsche Kegierung den Trieden ehrlich wollte und nur not-
gedrungen zu den Waffen griff.

Wie aber stand es bei unseren gegnern?

Die Linkreisungspolitik des Königs Ldward wirkte fort,
immer von neuem wurde die volle Übereinstimmung von Frank-
reich und Kustland sowie die gegenseitige Hilfsbereitschaft betont;
der Üusbau des russischen Lisenbahnnetzes /fand durchaus unter
strategischen gesichtspunkten, selbst die Üngriffspläne gegen Deutsch-
land wurden ungeniert erörtert, auch wurde alles Streben Deutsch-
lands, feine Seestellung zu verbessern, mit groster gehässtgkeit
gedeutet. Tür die Tührung des Krieges aber gab es unseren
gegnern ein Übergewicht, dast wir als Volk uns bei aller subjek-
tiven Wärme der gesinnung geistig nicht genügend mobilisieren
konnten. Die gegner haben geschickt den demokratischen Treihects-
gedanken zu ihren gunsten aufgerufen; sie hatten daran eine ge-
wisse Idee, die freilich recht flach war und kaum leidlich die selb-
stischen und materiellen Zwecke verdeckte, aber immerhin hatten
sie einen gewissen Kichtpunkt, der die Kräfte sammelte. Wie anders
hätte sich die Sache gestalten können, wenn wir aus der Tiefe
unseres Wesens den deutschen Begriff der echten Treiheit tatkräftig
hätten entwickeln und ihn in den Kampf führen können! Linzelne
waren in dieser Dichtung bemüht, aber eine gemeinsame Bewegung
zur Lrhöhung war nicht sichtbar, alles Heldentum der Linzelnen
konnte dafür keinen vollen Lrsatz bieten. Durch den ganzen Ver-
lauf des Krieges ist das seelische Llemenk bei uns nicht genügend
gewürdigt, die Wirkung auf den Seelenstand zu wenig beachtet
worden. Um so wärmer ist anzuerkennen, was das deutsche Volk
trotz jener Hemmungen geleistet hak; es hat Heldentaten verrichtet,
die ohne ein Seitenstück in der Zeschichte sind.
        <pb n="107" />
        ﻿Der Krieg begann. Üuch unsere beiden Löhne zogen willig und
freudig in den Krieg. Die Lache der geistigen Rührer, der soge-
nannten Intellektuellen, war es, den Mut zu starken und für das
gute Kecht Deutschlands einzutreten. Wir wissen, wie viel Ltaub
die bekannte Üdresse aufgewirbelt hat; sie war in der Dorm wenig
glücklich, sie war viel zu dogmatisch und summarisch gehalten.
Über sie hatte im Kern für jeden Unbefangenen ein gutes Necht:
war der Krieg von den gegnern ausgegangen — und darüber liest
schon das Verhalten Kustlands nicht den mindesten Zweifel —, so
befand sich Deutschland gegenüber der weit überlegenen Macht der
gegner im Ltande der Notwehr; mag der Begriff der Notwehr
schon im privaten Leben und mehr noch im Völkerleben voller
Probleme sein: darüber kann kein Zweifel bestehen, dast Lelbsi-
verteidigung und Notwehr grundverschieden von einer blosten Lr-
oberungslust sind.

Wie immer es aber mit dieser Drage stehen mag, die Pflicht
der Intellektuellen war es, die weiteren Kreise des Volkes ermutigend
zu stärken und zu beleben. Lo habe auch ich es vornehmlich in den
ersten Monaten, dann aber durch das ganze Jahr hindurch getan;
im ersten Kriegsjahre habe ich etwa 36 Vorträge an verschiedenen
Orten gehalten'^; es galt dabei die Bedeutung des deutschen
Wesens zu zeigen, bestehende gefahren aufzudecken, ungezügelte
Ltimmungen wie wilden Hast einzudämmen. Bei diesen Keden
habe ich manche unvergestliche Lindrücke empfangen, es gab
anfänglich keinen Unterschied der Parteien, es galt die Lelbst-
erhalkung des ganzen Volkes. Ich erinnere mich besonders eines
Vortrages im grosten Kathaussäal von Nürnberg; ich hatte
dort vor mehreren Dausenden zu sprechen; da aber auch eine
weitere Zahl keinen Platz fand, so habe ich nach einer kurzen
pause eine ähnliche Nede gehalten, die sich bis gegen Mitternacht
ausdehnte.

Nun kamen die grosten Liege, zunächst in Flandern und bei
Dannenberg. Die dadurch gehobene Ltimmung erhielt aber bald
einen unliebsamen Dämpfer durch den Kückzug an der Marne;
er bedeutete einen Lchicksalstag, einen die8 ater, für das deutsche Volk.
Im gründe war der ganze Krieg schon damals entschieden, denn ge-
lang es nicht, rasch bis nach Paris vorzudringen, so konnten wir auf
die Dauer dem ungeheuren Druck der gegner nicht standhalten. Ich
dachte oft an ein Wort, dast mir ein amerikanischer geschäftsmann
sagte: „Wir ümerikaner pflegen, wenn eine Lache nicht gut geht,

* lluch in Pest habe ich 1915 einen schönen, von allgemeiner Begeisterung ge-
tragenen llbend erlebt; die ersten Staatsmänner des Landes nahmen an einer
mir gegebenen Festtafel teil.

-*
        <pb n="108" />
        ﻿sie lieber ganz aufzugeben, als stückweise dieses oder fenes zu ver-
bessern, die Deutschen dagegen suchen möglichst das Verlorene
zu retten". Der ganze Verlauf des Krieges brachte uns in eine
schwere seelische Lage: einerseits die Sorgen und Qufregungen,
andererseits die Hoffnungen und Lrwartungen; es war ein viel-
facher Wechsel von glück und Unglück, der die Seelen zermürben
mustte. Zugleich die unablässig wachsende Schädigung durch die
Blockade mit ihrer Lnkziehung der notwendigen Lebensmittel; was
immer wir den gegnern antaten, das steht weit zurück hinter
der Wirkung fener Üushungerung; die grausamen waren nicht
wir, sondern die gegner. Dazu kamen die fortwährenden
Opfer an Menschenleben und an menschlichem glück, auch die
Schmälerung des wirtschaftlichen Wohlstandes. Besonders be-
dauerlich war die Schädigung und Herabdrückung des Mittel-
standes. Im Mittelstand hat sich von feher die Qusgleichung
der verschiedenen Bevölkerungsschichten vollzogen, im besonderen
war die Blüte eines aufstrebenden Mittelstandes ein groster Vor-
zug des deutschen Lebens, goethe meinte, es gäbe „kein an-
mutigeres Bild, als den deutschen Mittelstand". Wie aber steht es
damit fetzt?!

Qllen solchen Hemmungen und Verlusten hat das deutsche Volk
lange Zeit hindurch eine graste Tüchtigkeit, Tapferkeit und Aus-
dauer entgegengesetzt, es hat alle Opfer und Entbehrungen willig
ertragen. Linen gewissen Umschlag der Stimmung empfand
ich selbst zuerst im Oktober 1916. Wie öfters wurde ich auch
damals von der Berliner Urania zu einem öffentlichen Vortrag
über die nationalen Tragen eingeladen. Bis dahin waren meine
dortigen Vorlesungen übervoll, Manche konnten keinen Platz er-
halten. In fenem Oktober aber war das Haus nur halbvoll;
das war ein deutliches Zeichen, dast die nationale Begeisterung
im Hinken war.

Unabhängig von den Stimmungen habe ich selbst den ganzen
Krieg hindurch viele Vorträge gehalten; nach und nach mustten
diese ihrenTon etwas verändern, man konnte nicht mehr eine freudige
Seelenlage voraussetzen, sondern man hatte frischen Mut ein-
zuflösten, die wankende Stimmung zu befestigen, die Unmöglichkeit
einer Verständigung mit den hasterfüllten gegnern samt ihren
schweren Talgen eindringlich vorzuhalten. —

Zugleich habe ich auch literarisch alle Kraft und Mühe daran
gesetzt, unser Volk in der Kriegszeit zu fördern. So erschien gleich
nach Kriegsausbruch die Übhandlung „Die weltgeschichtliche Be-
deutung des deutschen geistes", ferner zu Weihnachten 1915 die
Schrift „Die Träger des deutschen Idealismus", die einen grasten
Lrfolg hatte und durch einen geschickten Vertrieb rasch in die
        <pb n="109" />
        ﻿Hände vieler Krieger kam (es wurden im Kriege nicht weniger als
zoooo Exemplare abgesetzt); 1917 veröffentlichte ich eine Schrift
über die „geistigen Forderungen der gegenwart", die rasch drei
Quflagen erlebte, weiter sind verschiedene Teldpostausgaben aus
meinen „gesammelten Quffätzen" in mehreren lluflagen erschienen;
auch habe ich zu den im Verlage von Hirzel erschienenen „Neutralen
Stimmen" (1916) eine grasiere Einleitung geschrieben, in der ich
die Bedeutung dieser „Weutralen Stimmen" erörterte und mich über
die damaligen Neutralen aussprach*.

So sehr ich aber das gute (stecht meines Volkes verteidigte, so
entschieden habe ich es mißbilligt, die geistigen Leistungen unserer
gegner zu schmähen und zu erniedrigen. Während des Krieges
habe ich in meinen philosophischen Übungen sowohl die Bedeutung
der französischen Philosophie als die der englischen in ihren Haupt-
werken zusammenhängend behandelt; keiner der Teilnehmer hat
davon etwas gemerkt, dasi wir politisch in einem harten Kampfe mit
fenen Völkern standen.

Endlich habe ich inmitten der llufregungen des Krieges mein
systematisches Hauptwerk „Wenfch und Welt" zum Qbfchlusi ge-
bracht, auch verschiedene neue lluflagen meinerBücher herausgegeben.

* Qis dauernd beachtenswert erscheint mir die Llbhandlung von Dr Edwin
3 Llapp, Professor der Nationalökonomie an der Universität New York
(nach dem NXanuskript übersetzt von Nt. 3k!e). Lie ist Ende Qpril 1916 ge-
schrieben, also noch vor Sem Llusbruch des Krieges mit Llmerika. Leite 32 heigt
es dort: „Die meisten unter uns hierzulande betrachten diesen Krieg als einen
Wirtschaftskrieg, sowohl seinen Ursachen als auch feiner Rührung nach. lkür uns
ist der Krieg ein solcher zwischen England und Deutschland. NXag seine un-
mittelbare Ursache gewesen sein, welche sie will . . . ., hierzulande herrscht all-
gemein das gefühl, dag ein Krieg zwischen England und Deutschland im Nat-
schlust der göltet stand".

Seite 48: „Der Zweck der englischen NIasinahmen war, Deutschland auszu-
hungern".

Leite 49 heisit es inbezug auf die p. Lt.: „Wir unternahmen niemals irgend-
welche ernsten Schritte zur Durchführung der heiligen Pflicht, die Nechte der
vereinigten Ltaatcn und ihrer Bürger zu wahren, wenn England diese Nechte
verletzte".

Leite 53: „Wir bestehen streng auf dem Buchstaben des gefetzes, wenn es sich
um unser Nechl handelt, Nlunition an die Exilierten zu verschiffen, über wir be-
stehen weder auf dem Buchstaben noch aus dem geiste des gesetzes, wenn es sich
darum handelt, Nahrung an die friedlichen Bewohner zu verschiffen".

Leite 53: „Offensichtlich stehen sowohl unser Volk wie unsere Negierung auf
seiten der Lllliierten".

Leite 54: „Zunächst ist es unzweifelhaft, dast der amerikanische Botschafter,
Herr Page, die Wahrheit sagte, als er vor einigen Zähren in London äusierte
Llmerika werde englisch geleitet und englisch regiert"
        <pb n="110" />
        ﻿Üuch des Qusbruches des Krieges mit Qmerika must ich mit
einigen Worten gedenken. Das Benehmen Amerikas war mir und
vielen von uns eine graste Lnttauschung; wir waren anfänglich
überzeugt, hast wenigstens die akademischen Kreise ein volles Ver-
ständnis für die deutsche Lage hätten; Haeckel und ich haben ge-
meinsam ein Lchreiben an die amerikanischen Universitäten zu-
gunsten der deutschen Quffassung gerichtet. Bald aber hörten wir,
dost die Ltimmung, wenige Ausnahmen abgerechnet, gegen uns
war. Ich kann noch immer die Hoffnung nicht aufgeben, hast
schliestlich die geistig führenden Kreise sich von der sklavischen Ab-
hängigkeit von der englischen Denkweise befreien und eigne Wege
einschlagen werden. Dann werden sie auch uns Deutsche gerechter
würdigen. Dem tatsächlichen Ausbruch des Krieges mit Llmerika
habe ich von Anfang an mit schweren Bedenken gegenüber ge-
standen; für mich war Amerika nicht ein fremdes Land, ich kannte
zu gut feine unbegrenzten Hilfsmittel und auch die Lnergie, welche
dieses Volk an eine einmal ergriffene, wenn auch zu Unrecht er-
griffene, Lache zu setzen pflegt, um nicht graste Lchädigungen
Deutschlands befürchten zu müssen. Zunächst schien es za nicht
so gefährlich, aber immer mehr verstärkte sich der Druck; ohne das
Eingreifen Amerikas wären wir schwerlich unterlegen.

Inzwischen war die graste Wendung am ly. Juli 1917 durch
den bedauerlichen Keichskagsbeschlust erfolgt. Die hier getroffene
Lntscheidung mit ihrem kindlichen vertrauen auf die edle gesinnung
der gegner und mit ihrer grenzenlosen Unkenntnis menschlicher

Leite 5;: „Unsere Unkenntnis von Deutschland ist ebenso grost gewesen wie
unsere Kenntnis von England. — Was wir an vachrichten über Deutschland
erhielten, kam grösttenteils über England".

Leite 58; „Unsere Unkenntnis des Leelenzustandes in Deutschland wurde
durch die englische Propaganda ausgenutzt. Die Engländer gaben uns eine
Lluffaffung des Leelenzustandes von Deutschland, wie wir ste nach ihrem Wunsche
haben sollten. — 3n diesen Vorstellungen war das Wort ,Deutschland* mit den
Begriffen »Heuchelei* und »Militarismus* gleichbedeutend".

Leite „Das gesagte mag vielleicht zur Erklärung dafür beitragen, wes-
halb die Negierung der vereinigten Ltaaten in diesem Kriege eine halbneutrale
Haltung angenommen hat, eine Haltung, die verlangt, dag die eine der krieg-
führenden Parteien den Buchstaben des gefetzes beobachtet, während sie der
anderen Partei gestattet, sowohl den Buchstaben als den geist des gefetzes zu
verletzen. Mehr als die Hälfte des Volkes hierzulande, und anscheinend auch
die Negierung in Washington, betrachtet die alliierten als die Kämpfer für
Demokratie und Dreiheit gegen die gemalten der Heuchelei und der grausamen
Herrschsucht".

Dies alles musterwägen, wer die Wendung Llmerikas zum Kriege verstehen
will; man war uns Deutschen von vornherein feindselig gesinnt und man
konnte sich nicht in unsere Lage versetzen.
        <pb n="111" />
        ﻿‘OOO 103 oo=:

Seelenlagen musite die Kraft und den Mut des Volkes lähmen;
das war für Deutschland der zweite Unglückskag, der zweite ckiss
ater, nach den Unglückstagen an der Marne. Trotzdem flackerte
Iyi8 noch einmal die Hoffnung auf einen glücklichen Llusgang auf.
Liuch die intellektuellen Kräfte wurden nun zu höchster Llnspannung
aufgeboten; ich selbst wurde in fenen Monaten mit einer grasten
Tülle von Lmladungen aus dem Osten und Westen bedacht. Ich
mustte mich zwischen diesen Llufforderungen entscheiden und habe
mich für Brüssel entschlossen, wohin ich mit einer grösteren Zahl
deutscher Professoren berufen war. Ich habe dort in dem glän-
zenden Saal des belgischen Senats fast Tag für Tag gesprochen,
auf besonderen Wunsch der Militärbehörde auch einmal zur ge-
samten garnison Brüssels. Von diesen Soldaten erhielt ich vor-
treffliche Lindrücke; die Unteroffiziere haben mich liebenswürdig
aufgenommen, mir alle Linrichtungen gezeigt, sie wollten mich in
feder Weise erfreuen. Merkwürdig war es aber, dast in den Offi-
zierskreisen keine Llhnung von einer inneren gefahr vorhanden
schien. Wiederholt habe ich mit Offizieren über die Llussichten und
über den seelischen Stand unseres Volkes gesprochen, aber ich erhielt
von fenen nur beruhigende Lindrücke: die Soldaten seien vortreff-
lich, die Waffen seien den anderen überlegen, neue Llbwehrmittel
seien in Vorbereitung; wohl betrachtete man die Sache als ernst,
aber man war guten Mutes. Die Brüsseler Lindrücke waren für
uns durchaus angenehm, wir Professoren bildeten einen Treundes-
kreis, den die gemeinsame Llufgabe eng verband. Wohltuend be-
rührte auch das freundschaftliche Zusammengehen der katholischen
und der protestantischen gelehrten. Die gemeinsame Llufgabe des
Vaterlandes hielt alle eng zusammen.

Voll solcher Lindrücke kehrte ich im Llpril iyi8 nach Jena zurück.
Liber nun empfing mich hier eine recht trübe Nachricht, die Nach-
richt von einer ernstlichen Verwundung unseres lieben künftigen
Schwiegersohnes Walt Jäger. Wir hatten diese Nachricht zunächst
nicht für so schlimm gehalten, ja sogar gehofft, er würde zur vollen
Heilung nach Jena kommen. Nun aber verschlimmerte sich sein
Zustand, es war eine Knieverletzung, die von den Ürzten immer
für recht ernst angesehen wird. Nach einer LInzahl von Tagen
ist er zur ewigen Nuhe entschlafen. Lr war das einzige Kind und
der Stolz seiner Litern, die alle Türsorge und alle Mittel daran
gesetzt hatten, ihm eine volle künstlerische Llusbildung zu geben;
bei aller Tüchtigkeit seiner LIllgemeinbildung, die er bis zur Uni-
versität fortsetzte, war nämlich seine Neigung und sein Streben ganz
und gar der Musik zugewandt. Lr hat volle drei Jahre in Brüssel
studiert und dort einen grosten preis als Pianist erhalten. Lluch
als Komponist hatte er sich schon in hervorragender Weise betätigt.
        <pb n="112" />
        ﻿Ote Beziehung zu meiner Tochter ging ebenfalls von der Musik
aus. Line Neihe von Jahren war diese Beziehung überwiegend
künstlerisch, dann aber fanden unter den gefahren des Krieges sich
die jungen Seelen zusammen; sie lebten in der Hoffnung, bald
zu heiraten und ein eigenes Heim zu begründen. Line Vnzahl von
Konzerten haben die beiden gemeinsam gegeben, so z. B. in
Hannover und Bremen. Die dortigen Treunde wie die dortigen
Zeitungen waren entzückt von dem künsilerifchen Zusammenwirken,
das hier in gefang und Begleitung geboten wurde. Man hätte,
so meinten jene, in dem Künsilerifchen unmittelbar auch die
seelische Linheit des Zusammenklingens in wohltuender, ja er-
greifender Meise erfahren. Nun kam der Tod des Mannes, der
durch die ganzen Kriegsjahre hindurch die lautersie und tapfersie
gesinnung bewiesen hatte; wir aber mustten uns damit begnügen,
fein Llndenken zu pflegen und feine Besiaktung in Jena in würdiger
Weife auszuführen. Das isi nur ein einzelner Tall von unzähligen
anderen, aber in ihm spiegelt sich «ein gemeinsames Schicksal: nie
hat ein Krieg fo tief in die persönlichen Verhältnisse eingegriffen, nie
so viel Lebensgedeihen geknickt.

Ls widerstrebt mir, den weiteren Tortgang des Krieges zu ver-
folgen und dem kläglichenZufammenbruch der deutschen Macht und
des deutschen Willens nachzugehen. Vas war wohl der traurigste
Üugenblick der ganzen deutschen geschichte, als ein Teil des deut-
schen Volkes sich selbst untreu wurde und alles gefühl für Scham
und Lhre ablegte. Schweigen wir lieber von diesen traurigen Vor-
gängen, sie haben das deutsche Leben um weite Zeiten zurück-
geworfen.

Erwägungen.

Q ^er Staatsmann must sich mit diesen Vorgängen unmittelbar
^-«/auseinandersetzen, der Philosoph kann nicht umhin, auf die
letzten gründe der Überzeugung zurückzugehen. Zunächst must er
zu dem uralten Problem einer sittlichen Ordnung der menschlichen
geschicke Stellung nehmen. Dast unsere äusteren geschicke nicht dem
inneren Verhalten entsprechen, dast glück und glückswürdigkeit oft
weit auseinandergehen, das ist eine alte Lrfahrung; aber wohl nie
ist diese Lrfahrung in so furchtbaren Zügen der Menschheit eingeprägt
worden, wie es jetzt geschehen ist. Nicht nur schien eine dunkle
Macht, ein blinder Zufall, über Leben und Wohlergehen Unzähliger
zu entscheiden, noch schlimmer war es, dast diese gewaltigen Kämpfe
keine sittliche Ordnung zeigten. Wir fanden eine erschütternde Bin-
dung des Höheren an ein Niederes, eines Ldlen an ein gemeines,
eines Wesenhaften an ein Nichtiges. Mag der Mensch in feinem
        <pb n="113" />
        ﻿Kreise eine gewisse Llusgleichung von Lchicksal und Lchuld suchen,
ihm fehlt die Macht, um das durchzuführen; in unserem mensch-
lichen Zusammensein siegt nicht das Linsichgute und Llnsichwahre,
sondern es siegt das, was auf die Menschen, wie sie einmal sind,
wirkt, es siegt, was sich in greifbare Leistung umsetzt, es siegt die
Kraft, die gutes und Böses als gleichwertig behandelt, die auch
schlechteste Mittel, wie Lisi und Betrug, unbedenklich verwendet; die
Hauptsache ist auf diesem Boden sich durchzusetzen, alles Halb-
wollen und alles schwanken in den Zielen auszutreiben.

So müssen wir offen bekennen, dast unsere Welt, wie die
Menschengeschichte sie bietet, kein Keich der Vernunft ist, eher kann
sie als eine Mischung von Vernunft und Unvernunft erscheinen,
als ein Kind von Vernunft und dunkler Notwendigkeit, um einen
Ausdruck plakos zu gebrauchen. Die Menschheit hat sich zu diesem
Problem in verschiedenen Zeiten verschieden verhallen. Das alte
Lhrisientum folgte dem gedanken der Ohnmacht des guten gegen-
über feindlichen Mächten innerhalb unserer Erfahrung. £s fehlte
ihm alle Hoffnung, dast der Lauf der Zeiten das bessere, dast etwa
eine den Dingen innewohnende Ordnung die Weltgeschichte zu einem
Weltgericht gestalte; der Verzicht auf diese Hoffnung war aber nur
möglich bei dem felsenfesten glauben an die Wirklichkeit einer
höheren Welt. Die Neuzeit war anderer Überzeugung, ihr wurde
die Welt zu einer Selbstentwicklung der Vernunft, an diese Selbst-
entwicklung hing sie alles glauben und alle Hoffnung. Wir
Kinder der gegenwark kommen demgegenüber in eine ungeheure
Verwicklung. Wir können nicht mit den alten Christen den Lauf
der Welt gehen lassen, wie er geht, wir müssen mit allen Kräften
für eine Hebung des Weltstandes wirken. Liber zugleich haben wir
den Menschenglauben verloren, welcher frühere Zeiten, namentlich
die Liufklärung, beseelte. Wir stehen fetzt vor einem unentrinnbaren
Dilemma: entweder erstrebt die Menschheit etwas Unmögliches,
indem sie sich auf die Kraft des blosten Menschen stellt, oder wir
müssen das Walten einer überlegenen Macht, eines schaffenden
Weltwillens, anerkennen; nur von ihm getragen und gehoben,
können wir als Holdaken gottes einen Kampf gegen das Dunkle
und Böse um uns und in uns aufnehmen. Nur von einem über-
legenen geistesleben aus kann sich uns der Blick auf die Wirklichkeit
aufhellen: unsere Welt mit ihren schweren Hemmungen und Ver-
wicklungen kann nicht das ganze der Wirklichkeit bilden, sie must
eine besondere Lirt besitzen und eine besondere Stellung einnehmen;
sie must in einem weiteren Zusammenhange stehen, um irgend-
welchen Sinn und die unentbehrliche Kraft zu erlangen. Das aber
verlangt eine Umwälzung des gewöhnlichen Weltanblickes; wir
müssen einerseits anerkennen, dast wir einer Welt des Kampfes und
        <pb n="114" />
        ﻿der Arbeit, nicht der Vollendung, angehören, andererseits aber
müssen wir an einer überwindenden geistigkeit als an einer Stufe des
selbständigen Schaffens teilhaben. Line solche Wendung ist tatsächlich
erfolgt; ste erweist sich uns sowohl in der Bildung eines eignen welt-
überlegenen und weltumfassenden persönlichen Lebens, als auch
in der Lröffnung einer selbständigen geisteswelt, za eines Reiches
gottes, das allepolitischeund soziale gesellschaft als eine bloßmensch-
liche gemeinschaft unvergleichlich überschreitet und ein inneres ge-
lingen des gemeinsamen Lebens erst möglich macht.

von hier aus ergibt sich ein eigentümliches Weltbild, das
unsere geschickt scharf beleuchtet. Unsere Wirklichkeit verläuft nicht
auf einer einzigen Fläche, sondern ste enthält drei verschiedene Stufen
geistigen Lebens; dieses Leben selbst hebt sich deutlich ab von dem
bloßen Dasein, das die sinnliche Erfahrung an uns bringt, es
erweist sich als eine Tatwelt, als ein Keich des Aktivismus. Aber
dieses Keich selbst enthält eine innere Bewegung und einen durch-
gehenden Aufstieg: zunächst gilt es eine grundlegende geistigkeit zu
erringen, sie bildet ein eignes Leben gegenüber der Beziehungs-
welt der Natur, sie ist auch die Voraussetzung aller Lrziehung
und Bildung; sodann erscheint gegenüber den ungeheuren Verwick-
lungen unseres Weltstandes um uns und in uns eine kämpfende
geistigkeit, sie ist der Hauptplatz der menschlichen Tätigkeit, die Stätte
unserer Arbeit; aber alle Arbeit kann uns auch beim gelingen
nicht genügen, dem Worte „Arbeiten und nicht verzweifeln" ist die
Lrwägung entgegenzusetzen, daß die bloße Arbeit ohne ein überle-
genes Ziel den denkenden Vlenfchen unvermeidlich zur Verzweiflung
treibt; erst eine überwindende geistigkeit eröffnet die Aussicht und
verspricht die Kraft zur Vollendung, erst sie gewährt dem Menschen-
leben den unentbehrlichen Halt und ein festes Ziel. Die aus dem
Zusammenwirken dieser Stufen und ihrer Auseinandersetzung
entstehende Bewegung durchdringt die Weltgeschichte, an ihr muß
auch der Linzelne teilnehmen, dem das Leben sich voll entfaltet und
dem sich die Tülle feiner Erfahrung erschließt. Der Stand der
Welt, der uns umfängt, mit feiner Unfertigkeit und mit feinen
Widersprüchen, mit seinem Angewiesensein auf eine der Ver-
wicklung überlegene Ordnung kann nicht das ganze der Wirklichkeit
fein und nicht in sich selbst den Abschluß tragen; er muß ein Aus-
schnitt einer weiteren Wirklichkeit, eine besondere Art des Lebens sein,
die ursprünglicherer gründe und Zusammenhänge bedarf, um
überhaupt zu bestehen und einen Sinn zu ergeben. So sehr wir aber
auf das Wirken einer selbständigen geistigkeit angewiesen sind, ihre
nähere gestaltung fällt unter die Tormen und grenzen der Arbeits-
welt; daher müssen unserem Leben für die höchsten Ziele Bilder und
Umrisse genügen. Tür die gesinnung aber bedarf es eines
        <pb n="115" />
        ﻿Heroismus, der durch alles Nein hindurch zuversichtlich aufeinZa ge-
richtet ist und dies allen Widerständen entgegenhält. Unser Leben
behält auch dann einen 5inn pnd Wert, wenn es mehr ein inneres
Vordringen als ein äusteres Überwinden, mehr ein Wecken und
Lammeln der Kräfte als ein volles Erreichen des Zieles ist, wenn
es in Zusammenhängen steht, die wir nicht klar durchschauen. 3o
dachte auch Luther, wenn er sagte: „Ls ist noch nicht getan und
geschehen, es ist aber im gange und Lchwange, es ist nicht das
Lndc, aber der Weg. Ls glühet und glänzet nicht alles, es feget sich
aber alles". Uns Menschen treibt aber eine solche Lage der
Dinge dazu, alle Kraft für das gute und Wahre aufzubieten, alle
Unklarheit auszutreiben, die Dinge nicht gehen zu lassen, wie sie
gehen, sondern ihnen ein Keich eines schaffenden Weltwillens mit
feiner Lwigkeit, feiner Unendlichkeit, feinem Beisichfelbstfein entgegen-
zusetzen. Von da aus müssen sich alle grasten und Werte wesentlich
verändern, in dieser gedanken- und geisieswelt werden uns auch
die Zweifel am Bestehen einer geistigen und sittlichen ördnung bei
aller Lchwierigkeit nicht ungerüstet finden.

Vas ganze des menschlichen Lebens trägt vorwiegend die
Signatur des Kampfes, aber der Kampf kann verfchiedene grade
haben; es ist nicht zu bezweifeln, dast er heute eine besondere
Höhe und Hpannung erreicht hat. Wie wir früher sahen, vollzieht
sich das weltgeschichtliche Leben auf seinen Höhen in grasten
Zusammenhängen, Lpntagmen, wie wir sie nannten; nur
diese Zusammenhänge verleihen ihm einen geistigen Lharakter,
ohne sie zerfällt es in lauter einzelne Bruchstücke, solcher Lebens-
zusammenhänge zeigt bekanntlich unser westlicher Kulturkreis drei:
die antike Welt mit ihrer Herrschaft der gestaltung, die christlich-
religiöse mit ihrer Heelenvertiefung, die moderne mit ihrer Kraft-
entwicklung; so sind 3wrm, gesinnung, Kraft die Hauptzüge der
Bewegung. Die gegenwärtige Lage aber schwankt haltlos zwischen
fenen verschiedenen Lösungen, sie empfindet stark das Bedürfnis
eines neuen Lebenszusammenhanges, der den Wahrheitsgehalt
aller früheren Leistungen in sich aufnehme und ihn zugleich einer
neuen Höhe zuführe; aber sie findet einstweilen nicht einen sicheren
Weg zum Ziele. Ls ist namentlich das Zufammenwirken zweier
groster Probleme, deren Zulammenstost die ganze Menschheit
fieberhaft bewegt und alles Wohlergehen zu zerstören droht. Lin
erster Stelle fehlt dem modernen Leben feit Jahrhunderten ein
fester Mittelpunkt und ein genügender Lebensinhalt, gegenüber
der zu engen und gebundenen mittelalterlichen Llrt erhob sich ein
gewaltiges ötreben, alle Kräfte zu entwickeln und diefe Lntwicklung
zur Hauptaufgabe zu machen. Über so Hervorragendes in diesem
Ltreben geleistet wurde, ihm fehlt eine innere Linheit und damit
        <pb n="116" />
        ﻿ein volles Betficfjfelbslsein; das bloste Streben nach Leben kann
unmöglich das Leben ausfüllen, es weist zwingend über sich selbst
hinaus zu einem Kelch der Inhalte. Mehr und mehr hat diese
Lage allen inneren Zusammenhang aufgegeben, immer weniger
können wir der sinnlichen Welt eine unsichtbare entgegensetzen.
Und doch können wir von einer solchen nicht lassen, wenn nicht
das Leben uns allen Sinn und Wert verlieren soll. So umfängt
uns heute ein peinlicher Widerspruch. Dieser Widerspruch wird
immer unerträglicher, er erschüttert immer mehr die elementaren
Grundlagen des menschlichen Zusammenseins; alles was wir
bisher als feste Stützen betrachteten und schätzten, ist wankend
geworden; vieles, was bisher als selbstverständlich galt, ist fetzt
zu einem schweren, kaum lösbaren Problem geworden; im
besonderen erfahren wir in trauriger Weise einerseits eine Ver-
weichlichung, andererseits eine Verwilderung des Lebens. So ist
die geistige und moralische Kräftigung, fa Umwälzung das
dringendste Problem; wir bedürfen einer gründlichen Lrneuerung
des geisteslebens.

Dieses Problem ist latenter Art, es zieht sich durch die Jahr-
hunderte. Über zu einem akuten ist es geworden durch das stür-
mische Auftreten und Vordringen der sozialen Trage. Diese
Wendung begann mit dem Herrwerden des Menschen über die
Uaturkräfte; das dünkte mit Kecht zunächst als ein groster und
unbestreitbarer gewinn. Über diesem gewinn sind ungeheure Ver-
wicklungen entsprungen. Die Ort der Arbeit wurde völlig ver-
ändert, es fiel das persönliche Verhältnis des Menschen zu seinem
eigenen Werke weg, die Orbeil emanzipierte sich vom Menschen, sie
schost in unübersehbare Komplexe zusammen, die mehr und mehr
eigene Kräfte erzeugten und eigenen gesetzen folgten. Damit ent-
stand ein schroffer Konflikt zwischen Arbeit und Seele, zwischen
Dbfekt und Subfekt; das Subfekt gab sich als die Hauptsache,
es wollte nicht ein blosies Mittel und Werkzeug der Arbeit
bleiben. Diese Lntwicklung ergab schwerste Konflikte, deren
Wirken und Walten uns unmittelbar umfängt. Unzweifelhaft ist
dadurch manches im Stand der Menschheit dauernd verändert
und gefördert; so haben wir z. B. das Selbständigwerden eines
Arbeiterstandes als einen gewinn der Menschheit zu begrüsten, so
stehen wir weiter bei dem gewaltigen Problem der Schichtung der
menschlichen geselllchaft. Lange Jahrtausende haben die Mensch-
heit in zwei Hauptschichten geschieden: die eine sollte führen, die
andere folgen, die eine herrschen, die andere dienen; diese Scheidung
nahm verschiedene gestaltungen an, aber die grundtaksache dünkte
unantastbar. Vun aber ist das Problem in vollen Tlust geraten;
immer stürmischer erhebt sich die Forderung einer vollen gleichheit
        <pb n="117" />
        ﻿der Menschen, alle Ungleichheit wird von einem grasten Zuge der
Menschheit als eine Ungerechtigkeit verpönt, es wird eine klassen-
lose gesellschaft als ein unbedingtes Nechk gefordert. Dieser
Wendung widersteht aber dieTatsache,daß nicht nur die Natur die
Menschen verschieden ausstattet, sondern dast auch die Kultur zu
ihrer Entwicklung deutlicher Qbstände bedarf und eine Zerlegung
des Zusammenlebens in eine höhere und eine niedere Lchicht ver-
langt; verwerflich ist eine solche Lcheidung nur, wenn sie blast be-
sonderen Klassen, nicht den Zwecken des ganzen dient. Jene Zer-
legung begründet sich aus der Notwendigkeit, einem begrenzten
Lebenskrcife die Hauptsorge für die geistige Lelbsterhaltung der
Menschheit zuzuweisen. Lin solcher Kreis kann nicht bestehen und
gedeihen ohne ein gegenseitiges Ineinandergreifen und einen festen
Zusammenhang des Wirkens über die Individuen hinaus, nicht
ohne die Bildung einer Tradition, welche die Ürbeit der Menschheit
in sich aufnimmt und sie fortführt, auch nicht ohne eine Befreiung
von der dringendenNotdesphpsifchenVaseins; auch fordert er durch-
gebildete Denkweisen und Methoden, nicht nur einzelne Leistungen
und Handgriffe. Unmöglich können wir das alles wegwerfen, um
dem Trugbild einer klassenlosen gesellschaft anzuhangen, die sich
bald als eine kulkur- und geistlose erweisen müstke. Zugleich aber ist
eine eigentümliche Lebensgestalkung entstanden, welche alles ge-
deihen vom wirtschaftlichen Wohlergehen erwartet, damit alle
selbständige und selbstwertige geistigkeit leugnet und alles
Lchaffen auf den blosten Menschen stellt; daraus erwächst ein
schroffer Konflikt zwischen Mensch und geist, eine Menlchbeits-
vergötterung, bei welcher der Mensch in seiner eigenen Nkeinung
zeitweilig vordringen mag, die aber in Wahrheit eine innere
Zerstörung bedeutet.

Die Lntwicklung, welche die Neuzeit und namentlich die neueste
Zeit in dieser Nichtung nahm, sie ist nicht ohne Tragik. Die
Menschheit der gegenwart will — wenigstens will das ein großer
Ltrom — alle inneren Zusammenhänge aufgeben und lediglich der
eigenen Kraft vertrauen. Durch eine engere Berbindung der Lle-
mente glaubt sie allen Üufgaben gewachsen zu sein, sie möchte
in unablässigem Lmporstreben einen Turm bis zum Himmel bauen.
Über diese Denkweise must mit ihrer Llblösung des Menschen von
allen inneren Zusammenhängen die Bedingungen echter größe
zerstören, sie wird zugleich die Menschheit innerlich spalten und in
eine volle Zerwerfung treiben, bis schließlich das Machtgebok eines
Diktators alles unter sich zwingt. Lolche gefahren stehen vor
Bugen; es gilt eine Lntfcheidung zu treffen, ob die in der gegen-
wärtigen Menschheit wirkenden Kräfte stark genug sind, diese
Wendung zu verhüten, den unverkennbaren Wahrheitsgehalt der
        <pb n="118" />
        ﻿m



sozialistischen Bewegung dem ganzen des Lebens einzufügen
und ihn zu assimilieren, oder ob unsere Kultur einer Lluflösung
entgegengeht. Es wäre ja möglich, dast erst eine krasse Verneinung
alles selbständigen Innenlebens erforderlich wäre, um der Mensch-
heit durch einen indirekten Beweis die Unentbehrlichkeit desselben nach-
drücklich zum Bewusttsein zu bringen und dadurch dem gemein-
samen Leben wieder zu dem Wahrheitsgehalt zu verhelfen, den
wir heute schmerzlich vermissen.

Lo stehen wir vor einer schweren Llufgabe. Line glückliche
Lösung jener Verwicklung ist nur möglich, wenn es gelingt, die
beiden grasten Zeitprobleme aneinander zu bringen. Ls gilt, das
geistesproblem und das Menschenproblem miteinander zu ver-
binden und in eine fruchtbare Wechselwirkung zu setzen; das
geistesproblem must dabei voranstehen, aber auch der Mensch
fordert sein gutes Necht; ob eine Verständigung beider Be-
wegungen gefunden wird, das entscheidet über das Schicksal der
nächsten Zeiten. Vas verlangt aber sowohl ursprüngliche, ja graste
Menschen als aufhellende und erhöhende geistesmächte; beides
zusammen bedarf Unes Wirkens der überlegenen Lebensmacht,
die unser Leben und Wirken bedingt und trägt.

Diese Nöte und Wirren treffen namentlich hart das deutsche
Volk mit seinem reichen Kulkurbesitz, aber seiner gegenwärtigen
politischen und wirtschaftlichen Zerrüttung.

BedenklicheLchwächen der deutschen Ürt sind unverkennbar. Wir
Deutsche sind mehr Intelligenzmenschen als Willensmenschen, wir
stellen uns zu sehr auf den freischwebenden verstand, wir finden
uns sehr schwer und nur in schlimmster Not zur Bildung eines
gemeinsamen Willens. Werner entbehren wir eines festen natio-
nalen und politischen Instinkts, wie ihn manche andere Völker be-
sitzen. Über unterschätzen wir auch das graste nicht, was in uns
liegt und was die geschichte bezeugt! Nirgends erscheint eine
so graste Ursprünglichkeit des geistigen Schaffens, ein solches Vor-
dringen zu den letzten Wesenstiefen, ein solches Wirken aus dem
ganzen und Innern des Lebens; zugleich dürfen wir unsere
Leistung in Wissenschaft, Kunst und Technik den Leistungen aller
anderen Völker zur Leite stellen; auch in den schließlich so trau-
rigen Kriegsjahren hat das deutsche Volk eine hervorragende
Kraft und gesinnung erwiesen. Lin solches Volk hat sich noch
nicht überlebt; es mag gegenwärtig krank sein, aber wir dürfen
darauf vertrauen, dast es wieder gesunde; das ihm innewohnende
Vermögen einer Lebenserweiterung und Lebensvertiefung ist dem
ganzen der Menschheit unentbehrlich.
        <pb n="119" />
        ﻿YYad) solchen Lrwägungcn möchte ich den l?aden der früheren
fj ^»Darstellung wieder aufnehmen, Im Verlauf des Jahres
1918 erhielt ich zunächst die Linladung, die Lrinnerungs-
rede auf den vor hundert Jahren geborenen grostherzog Larl
Üle^ander zu halten. Ich habe diese Üufgabe deshalb gern er-
griffen, weil ich den verstorbenen grosiherzog aufrichtig schätzte.
Lr war von ehrlicher Hochachtung für Kunst und Wissenschaft er-
füllt und mit besten Kräften um seine Üufgabe bemüht. £r hatte
die volle Lrinnerung an goethe, mit dem er sich näher beschäftigte
und von dem er täglich irgendwelchen Übschnitt las. Die Pietät
war ein grundzug seines Lharakters. Leider hat eine Lungen-
entzündung es mir unmöglich gemacht, diese Kede zu halten; ich
habe aber in „Westermanns Monatsheften" ein Bild fenes dürsten
gegeben, der oft unbillig beurteilt wurde. Jene Lungenentzündung
war gefährlicher, als sie mir selbst schien; ohne die sehr einsichtige
und treue pflege der Weinigen wäre ich schwerlich durch-
gekommen. Ich habe mich langsam erholt und konnte zunächst
nur recht vorsichtig meine Ürbeit wiederaufnehmen. Vann aber
hat ein Üufenthalt im 5chwarzwald mich sehr erfrischt und mir
die Ürbeitskraft wieder geschenkt.

Inzwischen war aber fene graste Umwälzung eingetreten. £s
stand mir sofort fest, dast ich nach bestem Vermögen für das ge-
fährdete deutsche Leben zu wirken habe. 5o habe ich sofort nach
fener Katastrophe noch 1918 die Hchrift veröffentlicht „Was bleibt
unser Halt?", die gleich mehrere Üustagen erlebte. Bald darauf
schrieb ich eine weitere Übhandlung über „Vie deutsche Dreiheit",
in der ich den deutschen Begriff der Freiheit im Unterschied von
dessen Fassung bei den anderen Völkern zu erläutern und zu be-
gründen suchte. Zugleich beschäftigten mich verschiedene Üuflagen
meiner Bücher; es ist augenscheinlich, dost eben fetzt sich viele gc-
müter zur Philosophie flüchten und einen Halt von ihr erhoffen.
Dann schrieb ich eine Hchrift Uber den „öozialismus und feine
Lebensgestaltung", die 1920 bei Keclam erschienen ist. Vie sozialen
Probleme waren mir von früh an nahe getreten; nun aber schien
der Sozialismus das ganze Leben unter sich zu bringen, und der
Philosoph mustte die Trage auswerfen, welche Dolgen daraus für
das menschliche Leben hervorgehen werden.
        <pb n="120" />
        ﻿Unser den daraus erwachsenden, immerfort anschwellenden
Aufgaben mußte ich mich gewissenhaft mit der Trage befassen, ob
es nicht meine Pflicht fei, in den akademischen Ruhestand zu treten
und mich ausschließlich den philosophischen und nationalen Quf-
gaben zu widmen. Line äußere Nötigung dazu lag nicht vor;
meine Vorlesungen zeigten kein Linken, das letzte Lemester, in dem
ich las, zeigte die höchste Hörerzahl, welche ich je in der akademischen
Tätigkeit erreichte. Die Lnlscheidung fiel mir nicht leicht. Lie
forderte nicht nur äußere Opfer. Ich habe überhaupt die akademische
Tätigkeit sowohl wegen ihrer unmittelbaren Berührung mit der
aufstrebenden Jugend als wegen des kollegialischen Zusammen-
wirkens stets als ein hohes gut betrachtet und habe daraus wert-
vollste Anregungen geschöpft. Über die literarische llufgabe und
die Forderung, alle Kraft an die Gesundung unseres schwer
erschütterten Lebens zu fetzen, mußte den Llusfchlag geben. 3o
habe ich mich entschlossen, in den Nuhestand zu treten, was im
Qpril IY2O geschehen ist. Ich hoffe, auch nach meinem amtlichen
Lcheiden meine alte Universität fördern zu können, wenn auch
nicht unmittelbar, so doch ideell. Der Universität Jena, der ich
46 Jahre angehörte, bewahre ich das dankbarste llndenken. Ls
war für mich ein glück, daß ich nach Jena kam und dort dauernd
blieb. Das grundelement der jenaischen Luft und Llrt ist volle
geistige Treiheit. Mag dieser Vorzug zunächst negativ erscheinen,
ich mußte darin einen positiven gewinn anerkennen, daß jeder
seine besondere Ort auszubilden vermag, daß man sich gegenseitig
keine Hemmnisse bereitet, und daß man jeder ausgeprägten und
tätigen Individualität Lchätzung entgegenbringt. Dazu kam die
große Tradition, die jedem einzelnen hohe Maße vorhält, endlich —
und das besonders — die wundervolle Natur, die sich eng an den
Menschen anschmiegt.

Ich kann die Hoffnung und den Wunsch nicht unterdrüchen,
den Universitäten möge es gelingen, die gefahren glücklich zu über-
winden, die in der gegenwart liegen. Zwiefache gefahren sind
unverkennbar; einmal die, daß die Universität sich zu sehr in eine
Tülle einzelner Tücher auflöst, und daß bei solcher Wendung unser
Volk die ihm unentbehrlichen geistigen Tührer nicht genügend von
den Universitäten erhält; sodann aber die, daß das Bestreben, mög-
lichst viele zum akademischen Ltudium zu führen, den Lharakter
einer Torschungsanstalt abschwächt*. Je mehr die Universitäten

* Ich möchte dazu eine Stelle aus meinen „geistigen Strömungen" (6. Auf-
lage, Seite 304/;) anführen: „Xßmn die Sozialtultur nach möglichster gleich-
heit strebt, fo ist genug die Llbstcht der Besten, das gefamtniveau zu heben,
möglichst viele, möglichst alle auf die Höhe zu führen, ohne diese irgendwie zu
        <pb n="121" />
        ﻿geistige Kraft erzeugen und zur Konzentration des Lebens wirken,
desto eher wird ihnen möglich fein, zene gefahren zu überwinden.

Dast mir der Kuhestand nicht eine Üusruhe ist, das hat
schon dieses Jahr genügend erwiesen. Im Üpril dieses Jahres
folgte ich einer dringenden Linladung des norwegischen christlichen
Ltudentenbundes. Diese Studentenschaft hatte mich während des
Krieges schon zweimal dorthin eingeladen, aber erst nach seiner
Beendigung war es mir möglich, dieser dritten Linladung
zu folgen. Die Hauptsache war hier zunächst die Keligions-
philofophie mit ihren brennenden Problemen. Über der Interessen-
kreis dehnte sich weiter aus, und ich hatte namentlich in einer
von mir angesetzten 5prechstunde die beste gelegenheit, mit
sehr tüchtigen Persönlichkeiten die tragen der gegenwart zu
erörtern, ähnlich ging es an der Technischen Hochschule zu
Vrontheim, wo die religiösen Tragen natürlich nur gelegentlich
gestreift wurden, die allgemeineren Lebensfragen aber im Border-
grunde standen. Ls war überhaupt mein Hauptstreben, die
philosophischen Tragen mit der lebendigen gegenwart in enger
Beziehung zu halten. Ich wurde mit meiner Tochter überall sehr
freundlich empfangen; auch der Deutsche Klub in Kopenhagen
konnte es wagen, einen Begrüstungsabend zu veranstalten, an
dem mehr als 300 Mitglieder der ersten gefellfchaft (in der Mehr-
zahl Dänen) teilnahmen.

öodann brachte mir das Jahr 1922 sehr wertvolle Beziehungen
zu Lhina. Qnfang des Jahres erhielt ich den Besuch des chinesischen
Tinanzministers Liang-Lhi-Lhao, der an der Triedenskonferenz in
Versailles teilnahm und von dort in Begleitung zweier chine-
sischer Professoren nach Jena kam, um mit mir zu sprechen. Dieser
sehr bedeutende, auch literarisch hervorragende Staatsmann hielt
es für wichtig, mit meinem philosophischen Idealismus und
Üktivismus eine enge Tühlung zu gewinnen. Zu diesem Zwecke
wird eine chinesische Übersetzung meiner Hauptwerke, zunächst der
„geistigen Htrömungen" geplant, und ein sehr begabter und
sympathischer Professor aus Peking hat vier Lommermonate hier

verringern. Uber die iNatur der Dinge ist hier stärker als die Llbsicht der Menschen.
Unvermerkt wird der Stand des Llusnehmenden zum Mast der geistigen Be-
wegung, und es sinkt damit unvermeidlich die Höhe des ganzen; auch lästt
sich die Llrbeit nicht vorwiegend auf die Wirkung bei anderen richten, ohne
damit an eignem geholt einzubüsten. — Llus der Verbreiterung must eine
Verflachung werden, wenn nicht eine Urerzeugung erfolgt, welche jener die
Wage hält. Das ist das graste Problem und die gefahr der gegenwart, über
dem Bemühen nach allseitiger Mitteilung den geholt des Lebens zu schwächen,
Uber der Sorge um den einzelnen Menschen das ganze des Menschenwesens
sinken zu lassen/'

Lucken, Lebenserinnerungen
        <pb n="122" />
        ﻿in Jena zugebracht, um sich ganz in meine gedankenwelt und
zugleich in den deutschen Idealismus zu versetzen; nach seiner
Kückkehr nach Lhina wird er fene Qufgabe zu Lüde führen. Bei
diesen tragen scheidet das religiöse Problem völlig aus, in
Furage sieht der grundgedanke eines aklivistifchen Idealismus
überhaupt.

In der neuesten Zeit habe ich seitens der finnländischen Uni-
versität Helsingfors eine sehr herzliche Linladung empfangen, dort
einige Zeit zu verweilen und auch einige Borträge zu halten. Ich
hoffe, dieser Linladung zusammen mit meiner Trau im nächsten
Trühling Tolge leisten zu können. In den binnen schätze ich auf-
richtig ein Volk, das unter schweren Lebensbedingungen tapfer und
treu feine Qufgabe erfüllte, das mit großer Lnergie alle Kultur-
aufgaben der gegenwart sich aneignete und darin Bedeutendes
leistete; dazu mußte mich herzlich erfreuen die enge Beziehung zum
deutschen Geistesleben und zur deutschen Sprache, welche dort vor-
handen ist.

3m Sommer 1920 war ich auch beteiligt an den Bestrebungen,
eine größere Llnzahl von schwedischen Lehrern und Lehrerinnen zu
wissenschaftlichen Kursen nach Iena zu ziehen; es haben sich dazu
mehr als 400Teilnehmer eingefunden, und wir haben gegenseitig den
besten Lindruck empfangen. Ich betrachte es als eine sehr wichtige
Sache, daß eine enge geistige Verbindung Deutschlands und des
germanischen Uordens zustande kommt. Die daraus erwachsende
Stärkung einer Inhaltskultur ist für das ganze des Kulturlebens
unentbehrlich.

Das Bedürfnis nach mehr geistiger Linheit des menschlichen
Lebens und die Bestrebungen nach mehr moralischer Stärkung des
deutschen Lebens haben zur Begründung eines Lucken-Bundes ge-
führt. Seine erste Iahresversammlung fand am 6. Oktober 1920 in
Iena statt und vereinigte hier zahlreiche Teilnehmer aus den ver-
schiedensten gesellschaftskreisen und gegenden Deutschlands; sie be-
schloß einmütig eine festere Organisation des rasch aufstrebenden
Bundes, dessen Richtlinien in meiner Schrift „Unsere Forderung an
das Leben" (ly2o) enthalten sind.

gegen Lnde meines Lebens kann ich nicht umhin, der zahl-
reichen Treunde und Schüler zu gedenken, welche vor mir geschieden
sind. Der Lauf meines Lebens hat mich über die gelehrten Kreise
hinaus mit manchen Üutoren und Künstlern zusammengeführt,
und ich habe die mir von diesen Kreisen gewährte Förderung und
Freundschaft als einen großen gewinn betrachtet. So verband
mich eine gegenseitige Schätzung mit Hilty, der mir noch un-
mittelbar vor seinem Tode seine herzliche gesinnung bekundete; so
hatte ich eine dauernde Freundschaft mit Lrnst von Mldenbruch,
        <pb n="123" />
        ﻿dessen aufrichtige und aufrechte Denkweise ich aufs höchste schätzte;
so lernte ich in Hobler, dessen Bild aus den Freiheitskriegen in der
Jenaer Universität der Llnregung meiner Trau zu verdanken ist, einen
kraftvollen und gedankenreichen Künstler kennen*; endlich verknüpfte
mich eine enge Freundschaft mit Map Keger, der schönste Pläne in
sich trug und so früh scheiden mustte. Unter den früheren Kollegen
vermistte ich aufrichtig Liebmann, dessen feste und tüchtige llrt
mir sehr sympathisch war; in der neuesten Zeit aber habe ich an
Talckenberg einen aufrichtigen freund und einen Mann von wahrer
Herzensgüke und Treue verloren. Besonders must ich auch der
früheren Lchüler gedenken, die ihr junges Leben willig für das
Vaterland einsetzten; überhaupt erinnere ich mich mit viel Wehmut
der vielen vortrefflichen jungen Kräfte, welche vor mir ihren Weg
vollendeten**.

Man sieht bei solchem Kückblick, dast man alt wird, aber das
Öfter braucht die Herzlichkeit der gesinnung und die Treue des ün:
denkens nicht zu vermindern.

* Ls war sehr bedauerlich, dast Hodler wegen der Unterzeichnung einer
Adresse gegen die vermeintliche Zerstörung der Kathedrale von Reims als ein
Teind der Deutschen erschien. Jene falsche Rachricht ging damals durch die
ganze alliierte Presse, und Hodler, der kaum fe eine Zeitung las, war nicht der
Mann, jene falsche Rachrichk zu prüfen, Allerdings war es tadelnswert, dast
er, auf den wirklichen Tatbestand aufmerksam gemacht, nicht offen und ehrlich
jene Unterschrift zurückzog. Damit hatte unsere Freundschaft ein Lnde, aber ich
betrachte ihn dauernd als einen grasten Künstler deutscher Art.

** So gedenke ich unter den Lindrücken der letzten Monate namentlich des
hochbegabten und charaktervollen gustav Robert-Tornow, der sowohl in der
Philosophie als in der Musik zu höchsten Zielen strebte, und der mit inniger
Treue an mir hing. Lr vornehmlich hat mit grösttem Lifer darauf gedrungen,
dast ich meine Lebenserinnerungcn niederschreiben und veröffentlichen möchte.

8»
        <pb n="124" />
        ﻿Schluß.

YjTenn ich am Schluß des Weges einen Rückblick auf
J^I^Jmcine Lebensarbeit werfe, so muß ich es dankbar aner-
kennen, daß ich nicht von zufälligen und wechselnden Ünregungen
getrieben wurde, sondern daß mein Streben einen inneren Zu-
fammenbang hatte. Die Hauptrichtung wurde meinem Streben ge-
geben. Üuch ich erfuhr die Wahrheit des Wortes: „Was haben
wir, das wir nicht empfangen hätten?" Weine Ürbeit teilte
sich in drei Hauptabschnitte. Zunächst galt es, die in mir ange-
legten Kräfte zu entwickeln, dann: die Hauptrichtung nieines
Strebens wissenschaftlich durchzubilden, endlich: auf meine engere
und weitere Umgebung zu wirken. Daß diese verschiedenen Üb-
schnitte sich ungehemmt entfalten konnten, das muß ich als eine
große gunst des gefchickes anerkennen. Die Ligentümlichkeit
meines Strebens, mein unablässiger Kampf für eine Verstärkung
des Innenlebens und für eine selbständige geisteswelt, brachte
es mit sich, daß ich mit den vorgefundenen Verhältnissen fort-
während zusammenstieß; es ist nicht zufällig, daß meine Bücher
oft den Lharakter einer Kampfschrift tragen. Über an dem Kampf
hatte ich Hreude, und ich glaube dadurch selbst gefördert zu sein.
£s war für mich ein Stück des gefchickes, daß mein Streben eine
warme Teilnahme und verständnisvolle Ünerkennung zuerst
außerhalb Deutschlands fand; ohne Schweden, Lngland, Ümerika,
Dstasien wäre ich schwerlich durchgedrungen. Um so schöner
war es, daß schließlich der Krieg und die in ihm folgenden Lr-
, lebnisse mich zu einer vollen Verbindung mit meinem eigenen
Volke führten.

Bis zum Kriege durfte ich einen ruhigen Übschluß meiner
Lebenstätigkeit erwarten. Über wir wissen, wie sehr sich inzwischen
das gemeinsame Leben, und zwar nicht nur das unseres Volkes,
sondern das der ganzen Menschheit, verändert hat. Line ungeheure
        <pb n="125" />
        ﻿Umwälzung ist erfolgt, und es sind dadurch alle Probleme des
ganzen Menschen in einen akuten ötand getreten; aus dem ver-
meintlichen Besitz sind wir durchgängig in ein mühsames und
aufgeregtes Luchen gekommen. Punkt um Punkt umfangen uns
neue Aufgaben. Wir glaubten einen reichen Kulturbesitz zu be-
sitzen, und nun wird uns alle Tradition erschüttert und es wanken
die überlieferten grundlagen unserer Lebensführung. Wir er-
hofften ein inneres Zusammenhalten der Menschheit, wie Kultur
und Keligion eg gebieten, nun aber isi die ganze Menschheit
in schroffe Gegensätze auseinandergerissen. Wir erstrebten einen
Tortschritt der Menschheit, im besonderen auch ein nroralisches
Weiterkommen, und wir müssen uns setzt davon überzeugen, dast
Unwahrhaftigkeit und Ungerechtigkeit die heutige Menschheit be-
herrschen, und dast für echte güter wenig Platz ist. Zugleich sind
wir in gänzlicher Unsicherheit über die Ltellung der Menschheit
in der Wirklichkeit und über den Linn ihres Daseins. Wir wissen
nicht, was wir sind, wir wissen nicht, wohin wir treiben.

Line derarkigeKrise must entweder zu einerZerstörung oderzu einer
Lrhöhung des menschlichen Ltanö^ führen. Wer trotz aller Wirren
und Nöte der Zeit zuversichtlich die Möglichkeit, sa die Uotwendig-
keit einer Lrhöhung verficht, der must seine höchste Kraft an die
Lache setzen, der must auf einer durchgreifenden Umwandlung be-
stehen, der neust das Aufsteigen einer Tatwelt, der neust eine
Wesensbildung, der must eine geistige Keformakion verlangen; da-
für aber neust er alle gleichgültigkeik und Lauheit ablegen, allen
bequemen Mittelweg als ein Unrecht verwerfen. Alt oder sung,
das macht in einer so erschütternden Krise keinen Unterschied; auch
wir Ülteren dürfen keiner Kühe pflegen, auch wir müssen des Wortes
gedenken: „Wirket so lange es Tag ist".

So must und will auch ich trotz des vorrückenden LIlters eifrig
für sene Aufgabe einer Umgestaltung des menschlichen Lebens-
standes weiter wirken. Dast ich aber die dazu nökigeKraft und Trische
besitze, das verdanke ich an erster Steife der glücklichen Gestaltung
meiner persönlichen geschickt. Ich must es als eine graste gunst
betrachten, dast ich zunächst durch das Verhältnis zu meiner Mutter
eine seelische Vertiefung erhielt, der auch die Weihe des Lchmerzes
nicht fehlte, und dast ich dann durch meine eigne Tamilie und ini
eignen Hause ein schönes, reiches, geistig bewegtes Leben führen
durfte. Besonders erfreulich ist dabei die gegenseitige geistige Lr-
gänzung auf einer gemeinsamen grundlage der Überzeugung.
Meine Trau ist besonders in künstlerischer Kichtung tätig und sie
wirkt darüber hinaus unermüdlich und umsichtig für hohe Ziele.
Auch insofern umschliestt unser kleiner Kreis die Haupkzweige gei-
stigen Wirkens, als von unseren Löhnen der eine Physiker, der
        <pb n="126" />
        ﻿andere DslattonalöPonom, unsere Tochter aber Konzertsangerin in der
Kichtung Bachs ist; so bildet unser Haus einen Mikrokosmos des
geistigen Lebens, rvie er sich selten so zusammenfindet. Llus solchem
Zusammenleben kann Kraft und Treude hervorgehen, und für mich
selbst kann ich die goethesche Trage nach dem, was dem Qlternden
bleibt, getrost damit beantworten: „JTCir bleibt genug, es bleibt
Idee und Liebe".
        <pb n="127" />
        ﻿JTametV' und Sachregister*.

Die vorangestellten Zuführungen über Lucken bieten eine Übersicht über sein

Leben und Wirken.

Luckens Leben.

i. Familie:

Vater 5 f., 15

Mutter *6 f., *15 f., 24, 31, Z3, 38, 39,
4i, 43/ 54, *55 f-, 61, 73, 117
grogeltern 6-8

Frau *73, 77, 87, 88, 96,114,11;, *117
Tochter 87, 88, *104, 113, *118
Söhne 92, 93, 99, *117
Häusliches Leben *73, 117 st
Ziehe auch gittermann, Jäger, Pastow

2. Lebensgang:

Kindheit5-16
gymnasialzeit 16-24
Universitätsjahre 25—36
gymnasiallehrcr Berlin 38—42, 44-46
„	Husum 42-44

,,	Frankfurt	a.M. 48-52

Universitätsprosessor Basel 53-60
„	Lena	61fst

Berufungen nach Basel 52, Lena 59s.,
Lrlangen 69, Freiburg 77, Tübingen
81

Doklorarbeit und -epamen 28, 29, 34
Lhrendoktor, theologischer 81

„ amerikanischer 89 st
Nobelpreis 83 {.

Llustausch-Profefsor 86-89
.Ruhestand 112

Reisen (Bortragsreisen stehe unter 4)
9, 12-14, 25 st, 31, 43 st, 46 s., 51,

56. 59, 70, 77

3.	Dichtung und Entwicklung:

Katholizismus, Stellung zum * 50,

79

Mathematik, Neigung für 20st, 33
philologisches Interesse 23, 27, 33

Philosophische Lntwicklung:
Iugendneigung 21, *23, 27
LIristotelische Forschungen siche Llri-
stoteles

Wendung zur systematischen Philo-
sophie 57, *58, 67
Ligene gedankenwelt *70-72, 74 s.,
78, 93 st, *105 ff.

politischer Standpunkt 21s., 32,
*36st, 82, 97

Religiöser Standpunkt 19,	*21,

24 s, 78, 84

Soziales Interesse *58
Statistik, Interesse für 6
Theologie, Verhältnis zur 21

4.	Wirken:

als gymnaflallehrer 42, 44, 45,

49' 52

als akademischer Dozent 54, *63^,

77, *112

Lucken-Bund 93, 114
Übersetzungen der Werke 68, 84,
85, 86, 96, 113

Volksschullehrerkurse 79 f.
im Weltkriege 99, 100st, 103
vortragsreisennachllmerika 86ff.;
Lngland 84-86; Holland 83, 94;
Norwegen 113; Schweden 83; stehe
auch Bremen, Brüssel, Hamburg,
Nürnberg, Pest, Thüringen, Urania
Beziehungen, gelehrte und persön-
liche, zu Llmerika, Llustralien, Bul-
garien, Lanada, Lhina, Lngland,
Finnland, Frankreich, Holland, In-
dien, Italien, Iapan, Kopenhagen,
Norwegen, Österreich, Schottland,
Schweden siehe daselbst.

* Die Hauptstellen sind durch ein Sternchen (*) hervorgehoben.
        <pb n="128" />
        ﻿

120

Luckens Schriften.

(Soweit sie im Buche erwähnt finö.)

De Aristotelis dicendi ratione. ParsI: Observationes de particularum usu.

8x S. Doktordiffertalion. 1866. ............................ 29, 34

Über Öen Sprachgebrauch Öea llrisioteles. Beobachtungen über die Praepofi-

tionen. 75 S. 1868................................................43

Über die Bedeutung der Llrisiotelifchen Philosophie für die Gegenwart, Llkade-
mische LIntritlsrede, gehalten am 21.11. 1871 in Basel. 2;S. 1872 . .	56

Die Methode der Llrisiotelischen Forschung in ihrem Zusammenhang mit den
philosophischen grundprinzipien des Llrisioteles. 1852. (1872.) 43, j2, j6, *57
geschieht- und Kritik der grun d b egriffe der gegenwart. 266 S. 1878;
seit der 3. Lluflage (398 S. 1904) unter dem Titel „geistige Strömungen

der gegenwart"......................................67 s., 112 Llnm., 113

geschichte derphilosophifchenTerm in ologie.i.Umriß Sargest. 266S.(i879.)68f.
Bilder und gleichniffe in der Philosophie. Line Festschrift. 49 Z. (1880.) 76
prolegomena zu Forschungen über die Einheit des gcisieslcbens in Bewusst-
sein und Tat der Menschheit. 114 S. 188;..........................74,75

Beiträge zur gcschichte der neueren Philosophie. 184 2. 1886; in a.Llufl. (1906)
unter dem Titel „Beiträge zur Einführung in Sie geschichte der Philosophie" 76
3ur Würdigung Lomte's und des positioismus (in: Philosophische llufsälze,
Eduard Zeller zu seinem ^ozährigen Doktor-Jubiläum gewidmet. 1887.) 76
Die Linheit des geisteslebens in Bewußtsein und Tat der Menschheit.

499 S. 1888.......................................................74 f.

Die LebensanfchauungenÜcrgroßen Denker. Eine Entwicklungsgeschichte
des Lebensproblems der Menschheit von Plato bis zur gegenwart. 496 S.

1890..............................................................75

Der Kamps um einen geisiigen Lebensinhalt. Neue grundlegung einer Welt-
anschauung. 400 S. 1896......................................78, 86 Llnm.

Der Wahrheitsgehalt der Religion. 448 S. 1901..................... 78 f.

gesammelte Llufsätze zur Philosophie und Lebensanschauung. 242 S.

1903; auch in Feldpostausgaben.................................80, 101

grundlinien einer neuen Lebensanschauung. 314 S. 1907................80

Hauptprobleme derReliglonsphilofophie der gegenwart. 120S. (1907.) 80s.

Der Sinn und der Wert des Lebens. 163 S. 1908........................81

Einführung in eine Philosophie des geisieslebens. 197 S. 1908; seil 2. Lluflage
(1920) unter dem Titel „Einführung ln die Hauptfragen dcrphilosophie". 81

Können wir noch Lhrisien sein? 236 S 1911...................84, 85 Llnm.

Erkennen und Leben. 16; S. 1912	..........................84

Zur Sammlung der gcisicr. 151 S. 1913....................... 93, 94 ünm.

Die weltgeschichtliche Bedeutung des deutschen geistes. 23 S. 1914 . . . 100

Die Träger des deutschen Idealismus. 251 S. 1915............

Einleitender Lluffatz zu „Neutrale Stimmen" (Leipzig, Hlrzel) 1916.

Die geisiigen Forderungen der gegenwart. 36 2. 1917.........

Mensch und Welt. Eine Philosophie des Lebens. 457 S. 1918. . .

Was bleibt unser Halt? Ein Wort an ernste Seelen. 29 S. 1918 .

Die deutsche Freiheit. 36 S. 1919............

Der Sozialismus und feine Lcbensgesialtung. 1920	.........

Unsere Forderung an das Leben. Mit einem Llnhang: Llufruf zur gründung
eines Eucken-Lundes. 24 S. 1920 ......................................114
        <pb n="129" />
        ﻿a

Ügppten (■Heifeplan) 96
Uktivismus 106; siehe auch „Tatraell"
Lllgier (Reise) 92

lllthusius, Zoh., osifriesischer Staats-
mann ii Clnm.

Vinerika, Eucfens Beziehungen zu 6B,
86-92, 93, 102, 116
Eigenart 87, 90, 91
„ Verhältnis zu Deutschland

86, 89

deutsches Leben in 86, 88 f.

„ Presse und Deutschtum 91
„ die V. St. im Weltkriege 101
Linm., 102
Lim si erd am 83
Llrbeitersiand 108

„Llrbeitswelt", Euckenfcher Begriff 74,

106

Urenberg, Herzogtum 1
Uristoteles 28, 29, *34, 39, 43, 44, 52,
56, *57, 67

Omflaöt (Vortrag) 80
Uugsburger allgemeine Zeitung 70
Llugustin 58

Uurich (Ostfriesland) 5, 9 s., 51
„ gpmnastum 16-20, 22-24
austaufch-profefsoren 86, 89
australische Beziehungen Eucfens 97
Vzoren (Reise) 92

B.

Baltimore, Vortrag in 89
Basel 52. *53, 33, ?8, 59, 60, 75, 92
Baumann, Zul., Philosoph 48
Beatenberg (Schweiz) 59
Berchtesgaden 70

Bergfon, Henri, franz. Philosoph 88
Berlin 38-41, 44—46

,, l^riedrichsgpmnasium 4;

„ Sophiengpmnastum 41
„ Urania 100
Bismarck *36^43,76
„ in Zena 61
Blockade 100

Böckh, Uug., Philologe 40
Bohtz, Vug. Wilh., äsihetiker 29
Boldt, finnischer gelehrter 82

Bonitz, Herrn., Philologe und Schul-
mann 34, *44 f.

Borkum 12, 70
Boston (v.,St.) 87, 88, 90
Boutroup, Emile, franz. Philosoph 9;
Brake (Oldenburg) 9
Brandig, Lhr. Llug., Philosoph 34
Bremen 9, 73 (lLamilienbeziehungen),
80 (Lehrervorträgc), 104
Brüssel 103

Brpce, Lord, engl. Botschafter 87
Buddhisten 96

Bulgarien, Euckens Beziehungen zu 93
Burckhardt, Zakob, 7, 33
Bureaukratie, preußische 20, 49
Butler, Präsident der Lolumbia-Um-
versität 88

c.

Lambridge (Mass.) 87, 89, 93
Lamminga, Waler 7
Lanada, Einladungen aus 90
Larl Vlepander stehe unter Weimar
Larnegie, Undrew 90
Laspers, Propst in Husum 43
Lastren, finnischer gelehrter 82
Lelle 9

Lhina 96, 97, *113 s.

„Lbristisn World“ 83 Llnm.
„Lhrlstliche Welt" 83 Clnm.

Lirkfena stehe Zirkfena
Llapp, E. Z., amerikanischer Professor
ioi Qnm.

Lolcridge, S. X., englischer Dichter-
Philosoph 68 Llnm.

Lolumbia-Universität Rew Park 88
90, 98

Lomte, Uug., sranzösischerphilosoph 76
Lonring, Herrn,, osifriesischer Zurist 4
Lreizenach,Theoö. Literarhistoriker49s.
Lurtius, Ernst, Urchäologe 27

O.

Oarmstaüt, Eucken-Lund 93
Deutfchamerikanertum stehe Umerika
Deutsche Ort, ihre Schwächen und
große 84 Qnm., 110
Deutsch-schwedische Blätter 79 Llnm.
        <pb n="130" />
        ﻿Diktator, politischer 109
Diplomatie, ungeschickte deutsche 91,
97 f-

Döllinger, Zgnaz, katholischer Theo-
log ;o

Dörner, Z. fl., Protestant. Theolog 40
Dronlheim, Vorträge in 113

£.

Lberswalde 46

EdzarS der graste von Ostsriesland 2
Eggelingen (Oslsriesland) 7
Eisenach (Gleise) 31

Llsast-Lothringen und Deutschland ;2
Emden 2, *10 f., 2;,

England, Lucke ns Beziehungen zu
84-86, 94 f., xx6

„	und Deutschland 85	f., 97,

101 Qnm.

„	König Edward 98

,,	englische und deutsche	Art 66,

*84 flnm.

Entente, die, im Weltkrieg 98
Erfurt (Vortrag) 80
Erlangen, Berufung nach 69
Esens (Oslsriesland) 11 f., xj, 21
Essex Hall Lecture 8j
Lucken, Rudolf siehe Registeranfang
Lucken-Afsozlation in Amerika 90
Lucken-Bund 93, *114

5\

SFabricius, David und floh., friesische
Astronomen 4

Falckenberg, Rich., Philosoph in Er-
langen (^1920) 115
Beuerbach, Ludwig xi, 12, 58
Richte, floh, gottl. 71
Fichtelgebirge (Reise) 47
Finnland, Euckens Beziehungen zu
*82, 95, *114

„ Adre&gt;fe an den Zar für
Finnland 82

Winsler, georg, Pfarrer in Zürich 59
bischer, H. A., Zurist, Zena 76
irischer, Kuno, Philosoph 26, 46, 59,
62 flnm.

„ und Trendelenburg 34 s.

Flandern, Reise nach 70
„	Siege in 99

Flensburg 44
Florenz (Reife) 77
Flottenvermehrung, deutsche 98
Fortlage, Karl, Philosoph 63
Eorum, amerikanische Zeitschrift 86
Frankfurt a. Rst.	31, *48, 51, 52

,,	„ „	Altesgpmnasium48f.

„	„ „	Fürstentag 31

Frankreich, Euckens Beziehungen zu
79t 83, 84, 95
„ im Weltkrieg 98
Freiburg t. Br. 56; Berufung nach 77
Frciwilligen-Efamen und gpmnastum
x8

Freienwalde 46

Frerichs, Fr. Th. v., Rlediziner ;, 8
Friedrich der graste 2, 11
Friedrich, Kaiser *76
Friedrich Wilhelm III. von preusten 2
Friedenskundgebung des Reichstags
102 f.

Friesisches Recht 3 flnm.

Friesische Sprache 2, 42
Frohburg (auf dem Hauenstein
Schweiz) 36

Frommann, Familie in 2ena 61
Funck, Konrektor in Aurich 18

6-

genf 92

gelzer, Zoh. Heinr., bad. Staatsrat 33
genua (Reife) 92
gettpsburg (Amerika) 90
gibraltar 92

gidionfen, gpmnastaldirektor in
Husum 42, 44

Ziesten, theologische Fakultät 8x
gifhorn 9

gildemeister, Otto in Bremen 73
gittermann, Pfarrer, Euckens grost-
vater 6 f.

„ Larl, Euckens Onkel
*ii f., 46

gladstone 37

goelhe4flnm., *34, *61, 100,111, 118
„ Euckens goethe-Rede 79
        <pb n="131" />
        ﻿göttingen 25 f., 31, 34

„	Universität *26, 30, 34

„	„Museum" 30

„	Studentenleben *30 f., 32

„ studenlisches3^reikorps(i863)
32

„	siudentische Schulzwache

(1866) 35 s.

v. Sergoltz, §rhr. Herm., Theologe 53
gotha, Vorträge in 80
gregor von Rpffa ;8

H.

Haarlem 94
Haeckel, Lrnst 62, 102

„ Populärphilosophie 66
Hagenbach, Rud., Kirchenhistoriker 53
Hamburg 43, 80 (Vorträge)

Hamm51

Hannover 9, 26, *32, 51, 104
„	König georg V. 34 f.

„	althannoversche gesinnung

*9, 95

Harms, lLriedr., Philosoph 6y
Harnach Lidolf v., Kirchenhistoriker 86
Hartmann, Lduard v., Philosoph 30
Harzreise 31

Hase, Karl v., Kirchenhistoriker 62 f.
Haupt, Moriz, Philologe 39
Heeresvorlage, preußische (Konflikts-
zeil) 22

Hegel 18, 38, 66, *67, *71
Heidelberg 48, 83 (Phllofophen-Kon-
greß)

Helsingfors (Einladung) 114
Herbart 38

Hertling, lLrhr. v,, Reichskanzler 39
Heußler, LIndr,, Jurist, Lasel ;3
Heyder, Larl, Philosoph, Lrlangen 69
Hildebrand, Br., lNationalökonom 63
Hiltp, Karl, Iuristund religiöscrSchrift-
steller, Lern 114

Hjärne, schwedischer Historiker 83
Hochkirche, englische 9;

Hodler,l?erd., Schweizer Maler 92,115
Hossmann, Stadtschulrat, Berlin 40
„ katholischer gelehrter 69
Holland 70

„ porlragsreisen 83, 94

Holland und Ostfriesland 1
Höllental (Schwarzwald) 56
Holsteinische Schweiz 43
Homburg v. d. H. 48
v. Hügel, Baron Friedrich 79
Husum 41-44, 49

3.

Bdealismus, philosophischer 65 s.

„ aktivistscher Luckens stehe
„Tatwelt"

Ikle, M. 101 Dnm.

Indische Beziehungen Luckens 97
Intellektualismus 66, 67, *74 f., 86
Isserstedt (bei Jena) 46
Italien, Luckens Beziehungen zu 79
„ Reisen nach 70, 77

Jäger, Malst Luckens Schwiegersohn
103 s.

Jahrhundertfeier 1900: 79

„	*9*3-’ 94 Qnm.

Iansten, Ioh., katholischer Historiker

;o

Japan, Luckens Beziehungen zu *96,
97, 116

Jena *46, 60, 61, 73, 77, 81, 114
„ und goethe 61, 79
„ Universität 26, *59 f. (Berufung),
*6r f. (geistiges Leben), *63 f.
(Studentenschaft), 79 (Jahrhun-
dertfeier), *H2, 11; (Hodlerbild)
„ bulgarische Studenten 9;

„ japanische Studenten 96
„ Bolksschullehrerkurse 80
„ Schwedische Lehrerkurse 114
„ Lucken-Sund-Persammlung 114
Ienaische Literaturzeitung 61
Jever (Ostfriesland) 7
Ihering, Rud.v., Jurist 3, 4, 19 Linm.

K.

Kahla 40-

Kant 29, 30, 39, 66, *71, 76
Kassel;i

Katholische gelehrte, Luckens Be-
ziehungen zu 50, 69, 79
        <pb n="132" />
        ﻿

Katholizismus 50

Kepler, Ioh., Raturforfcher 4, 76

Kiel (tHeife) 44

Kioto (Einladung) 96

Kirchenväter, Eucfens SfuÖium Ser 58

Kirchhofs, Oöotf, Philolog 40

Klaffen Ser gesellfchast 108 f.

Knak, gustav, Pasior, Berlin 46
Köln;i, 51

Köpke, Jlub., Historiker 40
Konfliktszeit, preußische 22
Kopenhagen (Reife) 1x3
Korea (Reifeplan) 96
Krause, Heinrich, liberalerTheologe 40
„ K. Ehr. 3t., Philosoph 18
v. Krauseneck, generalsiabschcf 62
Krieg von 1864: 33
„	1866; 34—36

1870: 51s.

„	1914 siehe Weltkrieg

Kulturkampf 37

2.

Lange, F. Ll., Philosoph 30, 37 Llnm.

„ Llugenarzt in Emden 8
Langeoog, Polk und Badeleben von
früher 12-14
Laffalle 22

Lehrs, Karl, Philologe in Königsberg
57 Llnm.

Lcibniz 66, 71, 75
Leiden (Holland) 83
Leipzig 47

Lenz, Map, Hisioriker yy
Leuchtenburg, die 46
v. Leutfch, Philologe göttingen 18
Liang-Lhi-Lhao, chinesischer Minister
113

Liebmann, Otto, Philosoph iiy
Liljedahl, schwedischer Hauptmann
79 Llnm.

Lipsius, Rich. Lidalb., Theologe 63
London 79, 85, 94 f.

„ LorSmayor von 8y &gt;

Lolze, Herm., Philosoph 28 f.

Lowell, Präsident, Lambridge 87
ToweUInskitute, Bosion 90
Lucae, gust., Llnthropolog yo

Lübeck (Reife) 44
Luther ii Llnm., 107
Luzern 57

m.

Magdeburg 38
Mainz 31

MaZorcscu, rumänischer Minisier 39
Marne-Rückzug 99
Mars, Karl, Sozialist y8
Masse, die, und der Einzelne 32, 69
Llnm.

Melanchthon 81
Metaphysik 66, 72, 77
Meyer, Legationsrat, Berlin 40
Miefcher, Mediziner in Bafel 56
Minden 26

Mittelstand, deutscher 100
Möhring, Konrektor in Llurich 18
Mommsen, Theodor 39 s.

„ Tycho, gymnasialdirektor
in Frankfurt 48, 49
Monismus 66, 67

Montreal, Universität (Einladung) 90
Montreux 92

Moore, Edw., Professor. Boston 87
Münsicrberg, Hugo, deutsch-ameri-
kanischer Philosoph 87, 96

31

Rapoleon I. 61
„ NI. ;i

Ratorp, Paul, Philosoph 73
Raturalismus 66, *74 f.

Raumburg (Lehrerkurs) 80
Reapel 92

Reukantianismus 30
Reumann, Julius, Rationalökonom
53, 58

„Reutralc Stimmen'' 101
Rew pork 87, 88, 89, 92
„ Lolumbia-Universität 88, 90, 93
„ Deems Lectureship 90
„ Eucken-LIst'oziation 90
„ New York University 90
Riagara 88

Riederdeutsche Sprache 2, *17
Riedersächsische Qrt y, 54; siche auch
Ostfriesland

Riemann, Lllbert. Tenorist 32
        <pb n="133" />
        ﻿I



Nietzsche, Friedrich 6j, *77, 94 Llnm.

„ Berufung nach Bafel 53
Nobelpreis 83 f.

Norderney 9

Norfiröm, Bitalis, schwedischer Philo-
soph 79, 83

Northarnpton (Mass.), Smith Lollege

90

Norwegen, Bortragsreife nach 113
„ Lhrifilicher Studentenbund 113
Nürnberg (Borlrag) 99

O.

Österreich, Luckens Beziehungen zu 69,7;

„ höheres Schulwesen 44
Olaus Petri-Stiftung, schwedische 83
Oldenburg 9, 51
Orlhodorie, kirchliche 19, 21, 25
Osnabrück 26

Ostfriesland, Land und Leute 1-5, 14,

„ Bauernstand 2, 3 Llnm.

„ holländischer Linflust 1
,, kirchliche Orthodoxie 21, 2;

„ politischer Liberalismus 21 j.

„ Neife nach ;o f.

Oxford 85
Ozeanreifen 87, 92

P.

Page, amerikanischer Botschafter ior

Llnm.

paffow, Llrnold, gymnasialdirektor

78. 76

„	destenWitwe, geb.Ulrichs 73

„	Brene, Luckens Frau, siehe

2. 119

Pest (Budapest), Borlrag in, 99 Llnm.
pfleiderer, Otto, protestantischer Theo-
log 63

Phelps, Stuart, amerikanischer Philo-
soph 68

Philadelphia, Borträge in 89
Philofophen-Kongrest 1908: 83
Plato;7, 10;

Populärphilofophie,materlalistifche66
Porter, Noah, amerikanischer Philo-
soph 39, *68

Positivismus ;8, *66, *71 f., 76, 77
„ geistiger Luckens 74, 76
Potsdam 38, 46
prantl, Karl, Philosoph 34
Protestantenverein 12
Public schools 89

Nationalismus, kirchlicher 61.
Nealismus, philosophischer 6;, *77
Neger, Nlax, Komponist n;

Nehna, graf 79

Neichstag, Friedenskundgebung vom
19.7. 17: 102 f.

Neil, Boh. Lhr.,Professor derNIedizin 4
„ und goethe 4 Llnm.

Netzius, schwedischer Naturforscher 83
Neuter, TV., Nektar, Llurich, 18-20,

23, 67

„ und Bhering 19 Llnm.
Nevolution siehe Umwälzung
Nh einreisen 31, 48

Nice, B. 3Tt., amerikani sch ergel ehrt er 86
Nichler, g., gymnasialdirektor, Bena63
Ninteln, Universität 7
Nitfchl, Friedr. Wilh., Philolog 53
Niviera 92

Nobert-Tornow, gusiav 115 Onm. 2
Nohrbach, Or., Bugendfreund Luckens
38

Noofevelt 90
Nom-Neifen 63, *77
Nosdorf (bei göttingen) 31
Nothert, gymnasialdirektor, Llurich 18
Nudolstadt (Neife) 46
Nudorff, Lid. Friedr., Nechtslehrer 40
Nuprecht, Konrektor, Llurich 18
Nustland, Lidreste an den ZarfürFinn-
„	land 82

„	Neifeplan 96

„	im Weltkrieg 98

Nülimeyer, Ludwig, Profestor der
Zoologie 53

s.

Saaletal 46, 73
Sastnitz 70

Sauppe, Herm., Philolog *27, 32
Schaarfchmidt, Karl, Philosoph 69
        <pb n="134" />
        ﻿Schilling 71

Schencclady (Llmerika) 90
LchleiVen, JTt. 3., Botaniker 50, 64
Schleswig-Holsieinische Jroge 31, 33,
42

Schmalkalden (Lehrerkurs) 80
Schmidt, Lidoif Historiker 63
Schopenhauer 30

Schottische Universitäten (Einladung)

8;

Schroeder, lLrau Dr., geb. Peters 16
Schultz, Hermann, Theolog 53
Schwarzatal und Schwarzburg 46
Schwarzwald, Llufcnthalt im m
Schweden, Eucfcns Beziehungen zu
*83, 116

„ Deutsch-schwedische Bereinigung
79 LInm.

„ schwedische Lehrer in Jena 114
„ König gusiav V: 83
„ König Oskar 79, 83
Schweiz 59

Schwenden er, Sim., Botaniker 33
Secbeck, Kurator der Universität 3ena
*59, *61 5, 67, 73, 76
S engl er, 3akob, Philosoph 36, 69
Seydel, Rudolf, Philosoph 7;
Sigwart, Lhrisioph, Philosoph 81
Sittliche Ordnung, Problem der 104 ss.
Smidt, Bürgermeisier von Bremen 73
Söderblom, Aathan, schwedischer
Theologe 83

Soziale ^rage und sozialisiische Be-
wegung 22, *58, *108 f, HO
Sozialisiengesetz 37
Spekulative Philosophie 67, *71
Spinoza 71

Stähclin, Rud., Kirchenhisioriker 59
Steffenfen, Karl, Philosoph 53, 58
Stickel, gusiav, Orienkalisi 61
Stolp (Pommern) 41
Stolzenfels am Rhein 31
Sloos (über dem Vierwaldsiätler See)
;6

Storm, Theodor 42, *43
Stop, Karl, Pädagog 63
Straufj, Dav. lLriedr. 29
Stroustberg, Eisenbahnkönig 46
Subjektivismus *77

Südamerika und Deutschland 91
Sxmtagma, Euckenschcr Begriff 74,107
Syracufe, amerikanische Universität 90

T.

Tannenberg, Sieg bei 99
„Tatwelt", Euckenscher Begriff 70, 72,
106, 117

Tegel (bei Berlin) 46
Teichmüller, gusi., Philosoph *29,
38, 52

Terminologie, philosophische 68 f.

Tesi, amerikanischerReverend 860nm.
Thuner See 92

Thüringen, Reisen nach 31, 46 f,

„ Volksschullehrerkurse in 80
„Times" 83
Tokio (Einladung) 96
Toronto, Universität (Einladung) 90
Trendelenburg, Lldolf Philosoph 29,
*;8f, 41, 44, 4s, 46, *54f.;
57 Llnm,, 68 Qnm.

„ und Kuno bischer 46, 34
Trine, Ralph Ivaldo, amerikanischer
religiöser Schriftsieller 92
Trippsiein 47
Tübingen 81

u.

Ulrichs, Archäolog 73
Ulrich Herrn,, Philosoph 69
Umwälzung, politisch-soziale 104,
108 f, in f, 117
Unitarier, englische 8s, 9s
Universitäten, Zukunft der 112 f,
Upsala, Vorlesungen in 83
„Urania", Vorträge in der 100
Utrecht (Vorträge) 83

v.

Venedig (Reise) 77
vereinigte Staaten siehe Llmerika
Bischer, Ratsherr und Professor, Basel
;;

Volkmar, gymnasialdireklor, Llurich
18
        <pb n="135" />
        ﻿

volksschullehrerstand und -Kurse 79 f.
voß, Professor der Mathematik, Mün-
chen 16

W.

waitz, georg, Historiker 27
Wedewer, katholischer Schulmann
(^1871) 50

Weimar und sein Hof 31, *64

„ großherzog Carl Lllesander
*64, 79/ 96/ *nr
Weltkrieg 97-104, 116

„	philosophische Lrwägungen

über den 104 s.

„	Lldrestc derZntellektuellen 99

„	Reichstags-Friedenskund-

gebung 102 f.

Werder bei Potsdam 38
Werder, graf o,, general 52

Weferzeilung 73
Wien 7;

Wiesbaden (Reisen) 48
Wiese, Ludw., Leiter des höheren
preußischen Schulwesens 41, 4;
Wildauer, Tob., Philosoph 69
Wilhelm I., Prinzregent, König und
Kaiser 22, 39, 76
„ II., Kaiser 76, 87
Wildcnbruch, Lrnst v. 84, 114
Wittmund (Ostsrlesland) 6, 7

3.

Zabcrn, Rillitärkonflikt 98
Zeller, Lduard, Philosoph )7 llnm.
69, 76

Zirksena, ostfriestscher graf 2
Zürich;9
Zwingli ii Llnm.

Druck von Breitkops 8: Härtel in Leipzig
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        ﻿I7A
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        ﻿
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        ﻿





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CD

Llusklang.

hen Lrwägungen niöchte ich den (Faden der früheren
lung wieder aufnehmen. Im Verlauf des Iahres
, ich zunächst die Linladung, die Lrinnerungs-
vor hundert Jahren geborenen grosiherzog Larl
halten. Ich habe diese Qufgabe deshalb gern er-
ch den verstorbenen grosiherzog aufrichtig schätzte,
chrlicher Hochachtung für Kunst und Wissenschaft cr-
besten Kräften um seine Qufgabe bemüht. £r hatte
lerung an goethe, mit dem er sich näher beschäftigte
er täglich irgendwelchen Übschnitt las. Die Pietät
idzug seines Lharakters. Leider hat eine Lungen-
; mir unmöglich gemacht, diese Kede zu halten; ich
i Westermanns Monatsheften" ein Bild fenes dürsten
ft unbillig beurteilt wurde. Iene Lungenentzündung
er, als sie mir selbst schien; ohne die sehr einsichtige
siege der Weinigen wäre ich schwerlich durch-
d) habe mich langsam erholt und konnte zunächst
ichtig meine Ürbeit wiederaufnehmen. Dann aber
chalt im Schwarzwald mich sehr erfrischt und mir
t wieder geschenkt.

war aber fene grosie Umwälzung eingetreten. £s
rt fest, dasi ich nach bestem Vermögen für das ge-
,ie Leben zu wirken habe. So habe ich fofort nach
&gt;he noch Iyi8 die Schrift veröffentlicht „Was bleibt
die gleich mehrere Üuflagen erlebte. Bald darauf
weitere Übhandlung Uber „Die deutfche Freiheit",
deutfchen Begriff der Dreiheit im Unterschied von
bei den anderen Völkern zu erläutern und zu be-
Zugleich beschäftigten mich verschiedene Üuflagen
li--es ist augenscheinlich, dasi eben fetzt sich viele ge-
^ )sophie flüchten und einen Halt von ihr erhoffen,
ch eine Schrift über den „Sozialismus und feine
- g", die iy2o bei Keclam erschienen ist. Die sozialen
; n mir von früh an nahe getreten; nun aber schien
3 das ganze Leben unter sich zu bringen, und der
S;; te die (Frage auswerfen, welche (Folgen daraus für
Leben hervorgehen werden.

3
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