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        <title>Lebenserinnerungen</title>
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            <forname>Rudolf</forname>
            <surname>Eucken</surname>
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        </author>
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            <idno>1011918013</idno>
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        iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiimiiiHiiiiiiiiiiimiiiiiiHiiniiiiiiiiiiiiii
        <pb n="2" />
        Jlubolf  Lucken
Lebenserinnerungen
£in  Btücf  deutschen  Lebens

Verlag  von  K.  Koehler,  Leipzig  1921
        <pb n="3" />
        I
Inhaltsverzeichnis.
^lker  leil.  Scite
Oflfriesland.  Land  und  Leute  i
Llurich  5
Weine  Eltern  5
Erste  Kind  erfahre  8
Nachbarstädte  10
3nfclrei(en
Häusliches  Leben  15
Das  Ouricher  grunnasium  16
Weitere  Entwicklung  20
Schluß  der  gymnastalzeit  22
Die  Universitätsjahre  27
Berlin  38
Husum  42
Zweiter  Aufenthalt  in  Berlin  44
Frankfurt  48
Bafel  53
Zweiter  Teil.
Die  Weiterentwicklung  meines  Lebens  unk»  Atrebens.
Jena  61
geistige  und  philosophische  Lage  des  damaligen  Deutschlands  65
Das  Mühen  um  eine  Hauptrichtung  67
i88r—1890.  Die  grundlegung  einer  selbständigen  gedankenwelt  und  die
Begründung  eines  eignen  Hauses  70
Die  Durchbildung  meiner  Überzeugungen  74
Weiterer  Llusbau  78
Erweiterung  meines  Wirkens  über  Deutschland  hinaus  82
Der  Nobelpreis  83
3n  England  84
Llmerika  86
Neue  Llufgaben  und  weitere  Pläne  93
Der  Weltkrieg  97
Erwägungen  104
Susklang  in
Schlust  1x6
Namen-  und  Sachregister  1x9

Vgl.  auch  die  Übersicht  über  Euckens  Leben  und  Schriften  am  Llnfang  des  Negisters.
        <pb n="4" />
        Vorwort.
£ s  häufen  sich  ^etzt  die  „Lebenserinnerungen".  Die  ungeheure
politische  und  geisiige  Erschütterung,  welche  durch  die  gegenwart
  geht,  treibt  zwingend  zu  einer  Selbstbesinnung  und  zu  einer
Selbstschau.  Ober  die  Trage  mustte  sich  aufdrängen,  ob  auch  die
hier  gebotenen  Lebenserinnerungen  etwas  enthalten,  was  weiten
Kreisen  bemerkenswert  sein  kann,  oder  ob  sie  sich  nicht  besser  nur
an  den  engeren  Kreis  der  persönlichen  Bekannten  gewendet  hätten.
Wenn  ich  ^eneTrage  bejahen  zu  dürfen  glaubte,  so  geschah  es  aus
folgender  Lrwägung.
Ich  kann  nicht  von  grasten  laten  berichten,  auch  war  ich  nicht
an  bedeutenden  politischen  Wendungen  beteiligt;  aber  ich  konnte
den  inneren  Lauf  des  Lebens  verfolgen  und  darüber  hinaus
für  notwendige  Forderungen  wirken.  Ich  erlebte  die  grasten
inneren  Wandlungen  der  deutschen  Verhältnisse:  meine  Jugendzeit
hatte  weit  einfachere  und  ruhigere  Zustände,  als  sie  uns  später  umfingen,
  das  Leben  verlief  in  engeren  Bahnen,  noch  fehlte  der  riesenhafte ­
  Oufschwung  von  Industrie  und  Technik,  es  fehlten  die  grostsiädte
  mit  ihrer  Onhäufung  der  Massen,  es  fehlte  die  Beherrschung
des  Lebens  durch  die  Tabrik,  es  verschlang  noch  nicht  eine  fieberhafte ­
  Orbeitskultur  das  ganze  Leben,  Namentlich  feit  den  siebziger ­
  Jahren  hat  sich  diese  Veränderung  mehr  und  mehr  gesteigert.
Wer  einen  andersartigen  Stand  der  Dinge  erlebt  hat,  dem  müssen,
auch  bei  voller  Onerkennung  der  Leistungen,  die  Schränken  und  die
gefahren  dieser  Wendung  gegenwärtig  sein.  Dann  aber  must  er
nach  bestem  vermögen  diesen  gefahren  entgegenwirken  und  für
einen  Selbstwert  des  Lebens  eintreten.  In  dieser  Kichtung  zu  wirken, ­
  das  war  meinem  Leben  als  Oufgabe  vorgezeichnet.  Meine
Lebenserinnerungen  haben  namentlich  von  dem  Kampf  gegen  die
veräusterlichung  des  Lebens  zu  berichten.  Diese  veräusterlichung  ist
nicht  eine  Schranke  und  eine  Schuld  eines  einzelnen  Volkes,  sondern
        <pb n="5" />
        OOÖOOÖÖOOOÖOOÖOOOOOOO  V  OOOCOOOOÖOÖÖOOOOOCXJOO

diese  trifft  die  ganzeMenschheit  und  fordert  auch  von  dieser  eine  gründliche ­
  Wendung.  Die  hieraus  erwachsenden  Probleme  bilden  mit
ihrer  persönlichen  Färbung  den  Hintergrund  meines  Lebens,  von
hier  aus  mag  auch  dasjenige  einige  Bedeutung  erlangen,  was
ohne  diesen  Zusammenhang  gleichgültig  erscheinen  kann.  Wer  die
Überzeugung  von  der  Notwendigkeit  einer  geistigen  Deformation
teilt,  der  wird  daher  auch  die  bescheidenen  Bemühungen  mit
freundlicher  Teilnahme  begleiten,  von  denen  meine  Lebenserinnerungen ­
  berichten.  3ie  sind  nicht  blast  Lindrücke  des  einzelnen
Individuums,  sie  enthalten  Lrlebnisse  und  Ausgaben  sowohl  des
deutschen  Volkes  als  der  gesamten  Menschheit.  Vast  ich  diese
Lrlebnisse  von  einem  ruhigen  Punkt  aus  beobachten  konnte,  das
mag  ihrem  Lindruck  günsiig  sein.
Jena,  im  Oktober  1920.

Nudolf  Lucken.
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        Land  und  Leute.
O stfriesland,  meine  Heimat,  ist  von  kleinem  Umfange,  aber
es  hat  eigentümliche  Züge,  und  es  hat  dem  deutfchen  Leben
manches  geleistet.  Zwifchen  der  Nordsee,  Holland,  dem  Herzogtum ­
  Urenberg  mit  feinen  streng  katholifchen  Einwohnern,  und
Oldenburg  gelegen,  ist  es  vorwiegend  auf  sich  selbst  angewiefen.
Die  ganzen  Jahrhunderte  hatten  einen  harten  Kampf  gegen  das
wilde  Meer  zu  führen,  und  zerstörende  Sturmstuten  leben  dauernd
in  der  Erinnerung  der  Bevölkerung  fort.  Der  Boden  ist  verfchiedener
  Urt,  und  er  stellt  den  Einwohnern  manche  Üufgaben.
Der  Kand,  die  Marschen,  ist  am  fruchtbarsten,  er  besonders
hat  den  Keichtum  des  Landes  begründet,  dann  kommt  die  geest
mit  ihren  auslangenden  wirtschaftlichen  Verhältnissen,  endlich
das  Moor,  auf  dem  man  ein  hartes  Leben  zu  führen  hat.  So
bilden  Landwirtschaft,  auch  die  hier  sehr  blühende  Pferdezucht,
sodann  die  Seefahrt  und  der  Handel  die  Quellen  des  wirtschaftlichen ­
  Wohlstandes.  —  Eigentümlich  ist  auch  die  nationale  Lage.
Ostfriesland  steht  zwischen  Holland  und  Deutschland;  mannigfache ­
  Kulturbeziehungen  weisen  nach  beiden  Seiten;  es  hängt  eng
mit  fener  Stellung  zusammen,  dast  die  Deformation  hier  schon
1520  Eingang  fand  und  sich  eigentümlich  entwickelte.  Ein  Teil  des
Landes  wurde  lutherisch,  der  andere  reformiert;  das  Luthertum  kam
vom  Osten,  während  im  Westen  die  holländischen  Beziehungen  voranstanden. ­
  Noch  zu  meiner  Jugendzeit  überwog  bei  den  Keformierten
  die  holländische  Kirchensprache.  —  Die  ältere  geschichte  des
Landes  ist  mannigfach  mit  Sagen  verwoben  und  hat  noch  fetzt
manche  ungeklärte  tragen.  Die  politischen  Verhältnisse  haben  sich
eigenartig  gestaltet,  so  dast  Ostfriesland  eine  besondere  Stellung  in
Deutschland  besäst.  Im  späteren  Mittelalter  herrsch  teneinzelneHäupter
der  Familien,  durchgängig  aber  bestand  eine  volle  Zemeindefreiheit,
so  dast  hier  das  Lehnswesen  keinen  Eingang  fand.  Nach  ungeheuren ­
  Zerrüttungen  und  wilden  Kämpfen  hob  sich  schliestlich
Lucken,  Lebenserinnerungen.  7
        <pb n="7" />
        ÖÖOÖOÖOÖÖÖOÖOOOÖÖOOOÖ  2  OOOOOOÖOOOOOOOOOOOOOO

das  Haus  Zirksena  zur  Würde  eines  Keichsgrafen  1454  empor.
Über  der  graf  und  spätere  Fürst  war  inehr  der  erste  unter  anderen
als  ein  souveräner  Herr.  Die  fürstliche  Wacht  wurde  durch  die  Landstände
  sehr  beschränkt,  welche  sich  nach  alter  Qrt  in  QSel,  Städte
und  Bauernschaft  teilten,  so  dast  auch  die  Bauernschaft  am  politischen
Leben  selbständig  teilnahm.  Linzelne  dürsten,  vor  allem  Ldzard  der
groste  (1491—1528),  haben  Bedeutendes  geleistet.  Über  durchgängig
wardas  Leben  einunabläfsigerKampfzwischen  den  dürsten  und  den
Ständen,  welche  gelegentlich  eigene  Heere  aufstellten  und  auch  eigene
gerichtshöfe  befasten.  Das  fürstliche  Haus  hat  aber  dazu  gewirkt,
die  Selbständigkeit  Ostfrieslands  gegen  Holland  zur  wahren.  Zu
Qnfang  des  16.  Jahrhunderts  lag  es  sehr  nahe,  dast  das  Land  mit
Burgund  vereinigt  wurde  und  damit  die  Schicksale  Hollands  geteilt ­
  hätte.  Immerhin  blieb  dauernd  bis  zum  Üussterben  des
Fürstenhauses  ein  nicht  geringer  Linflust  von  Holland.  Bis  dahin
hatte  Linden,  die  weitaus  gröstke  und  reichste  Stadt  des  Landes,
eine  holländische  garnison.  1744  kam  Ostfriesland  an  preusten.
Friedrich  der  groste  hat  das  Land  besucht  und  viel  Interesse  für  den
Üufschwung  des  Handels  erwiesen,  einzelne  Ünekdoten  von  ihm  leben
noch  setzt  im  volksmunde.  1807  fiel  Ostfriesland  an  Holland,
dann  an  Frankreich  (Napoleon),  1815  wurde  es  Hannover  einverleibt. ­
  Den  Ostfriesen  war  dies  wenig  genehm.  Sie  erwarteten  von
der  grösteren  Wacht  Preustens  mehr  Förderung  für  Handel  und
Schiffahrt,  sie  hatten  sich  dort  überhaupt  wohl  gefühlt,  ganze  Jahrzehnte ­
  hindurch  wurde  der  geburtstag  Friedrich  Wilhelms  III.  in
kleineren  Kreisen  gefeiert;  es  ist  charakteristisch,  dast  auch  mein  Vater
in  seinem  bis  1851  reichenden  Notizbuch  gewissenhaft  den  semaligen
geburtstag  Friedrich  Wilhelms  III.  noch  lange  nach  dessen  Tode  eingetragen ­
  hat.  —  Kaum  ein  einzelnes  deutsches  Land  hat  eine  so
entwickelte  geschichtliche  Forschung,  wie  Ostfriesland.  Schon  zu  Beginn ­
  des  16.  Jahrhunderts  sind  bedeutende  Werke  darüber  erschienen
und  haben  Liebe  zur  friesischen  Heimat  wie  das  Bewusttsein  einer
Ligenartigkeit  gestärkt.  Werkwürdig  ist  es,  dast  die  friesische  Sprache,
die  in  der  Witte  des  Witkelalters  vollaufherrschte,  schon  im  16.  Jahrhundert ­
  mehr  und  mehr  zurückgedrängt  wurde  und  nur  in  den
Dörfern  eine  feste  Wurzel  hatte.  Das  17.  Jahrhundert  brachte  dem
Niederdeutschen  die  volle  Herrschaft.  Wanche  Bezeichnungen  aber
haben  sich  in  friesischer  Form  treu  gehalten,  und  eine  Fülle  von
eigentümlichen  friesischen  Ligennamen  sind  setzt  noch  im  gange
und  Schwange.
Wenden  wir  uns  näher  zu  den  Linwohnern  des  Landes,  unter
denen  ich  aufwuchs.  Ligentümlich  ist  ihnen  Lrnst  und  Festigkeit,
Tüchtigkeit  der  Qrbeit,  eine  groste  Widerstandskraft  gegenüber
gefahren,  aber  auch  eine  gewisse  Kühe  und  Zurückhaltung,  sa
        <pb n="8" />
        Schwerfälligkeit  des  Ausdrucks.  Vas  Volk  ist  mehr  gediegen  und
leistungsfähig  als  nach  austen  hin  glänzend.
von  Llnfang  hakten  die  priesen  harte  Kämpfe  zu  führen,  einen
Kampf  gegen  das  wilde  Meer,  das  ihre  Fluren  verheerte,  einen
Kampf  gegen  anliegende  dürsten,  welche  ihre  Unabhängigkeit  bedrohten, ­
  einen  Kampf  auch  zur  Lrhaltung  ihrer  befonderen  Ürt,
welche  sie  auch  zähe  gegen  kirchliche  Satzungen  wahrten.  So  haben
sie  eine  graste  Selbständigkeit  in  verfaffung,  Sitte  und  Denkweise
erwiesen  und  sich  einen  eigentümlichen  Lebensstil  ausgebildet.
Schon  von  altersher  trugen  sie  die  Bezeichnung  „freie  Briefen".
Sie  Haben  ein  ausgesprochenes  Kechtsbewusttfein,  und  nichts  ist
ihnen  so  unerträglich  als  eine  Schmälerung  ihres  guten  Kechts;  es
ist  kein  Zufall,  dast  eine  besonders  verbreitete  Schrift  des  grasten  ostfriesifchen
  Juristen  Ihering  den  Titel  trägt  „Der  Kampf  ums  Kecht"^.
Der  Triefe  hängt  sehr  an  der  Keligion,  aber  er  ist  von  groster
Duldsamkeit  für  Llndersgläubige.  Bemerkenswert  ist  auch,  dast
schon  feit  der  Deformation  im  gröstten  Teil  von  Dsifriesland  das
volle  Kecht  der  gemeinde  bestand,  den  geistlichen  zu  wählen,  und
dast  auch  die  Trauen,  sofern  sie  Hausbesitzer  waren,  das  volle
*  Das  alte  friesische  Recht  isi  reich  an  anschaulichen  Wendungen,  es  zeigt
deutlich,  dag  diesem  volksstamm  keineswegs  die  gäbe  dichterischer  gestaltung
fehlt.  Bemerkenswert  isi  dabei,  dag  die  Briefen  die  Dreiheit  über  alles  liebten,
dag  sie  aber  keineswegs  Anhänger  einer  völligen  Gleichheit  waren.  Borchling
(Oie  älteren  Rechtsquellen  Ostfrieslands,  1906,  S.  12)  sagt:  „Kein  anderes  Recht
hat  solche  fein  differenzierte  und  ausführliche  Bugregisier  aufzuweisen  wie  das
friesische,  und  darin  siimmen  die  Lex  Frisionum  und  die  jüngeren  osifriesifchen
gefetze  aufs  engsie  überein".  Übrigens  zeigt  das  friesische  Recht  auch  dieses,
dag  es  auf  diesem  Boden  nicht  an  höherer  Kultur  fehlte;  es  zeigen  z.  B.  Rkoorfunde,
  dag  um  die  Rütte  des  ersien  Jahrtausends  n.  Lhr.  die  kunsivolle  Bortenweberei ­
  auch  in  Dsifriesland  vorhanden  war;  charakteristisch  für  die  Wertung
der  Berufe  ist  eine  Stelle  aus  der  Lex  Frisionum,  die  der  feminae  fresum
facienti  die  gleiche  höh  ere  Buge  zufprich  t  wie  d  ein  goldfchmled  und  demHarfner.—
Eine  besondere  Höhe  des  friesischen  Bauernstandes  wird  auch  in  amtlichen
Verfügungen  anerkannt.  Bemerkenswert  ist  eine  Verfügung  der  Hannoverschen
Regierung  vom  21.  Februar  1S18  über  „das  Verhalten  der  Beamten  in  Ostfriesland ­
  den  Eingeborenen  gegenüber",  welche  das  Bahrbuch  Vergesellschaft  für
bildende  Kunst  und  vaterländische  Altertümer  zu  Emden  (Bd.  XV,  190;)  mitteilt. ­
  Oie  Beamten  werden  dabei  angewiesen  „bei  allen  Verhandlungen  mit
Personen  des  dritten  Standes  niemals  die  befonderen  Verhältnisse  desselben  in
Ostfriesland  aus  den  Augen  zu  fetzen  und  in  Erwägung  zu  ziehen,  dag  derostfriestfche
  zu  den  Ständen  gehörige  Landmann  freier  gründ  eigentllmer  ist,  und
sich  darunter  zum  veil  Personen  befinden,  welche  an  Bildung  und  Wohlhabenheit ­
  weit  über  den  Sauern  in  anderen  Provinzen  stehen,  ohne  jedoch  mehr  Rechte
zu  haben  als  die  übrigen."
Die  Beamten  werden  zugleich  angewiesen,  nicht  mehr  den  Ausdruck  „Amtsunlertanen",
  sondern  „Amts-Eingesessenen"  zu  verwenden.
        <pb n="9" />
        ÖÖOÖOOOOOOÖOÖOOÖOOÖOÖ  4

Wahlrecht  hatten.  Was  die  geistige  Bewegung  betrifft,  fo  hatte
Ostfriesland  fchon  vor  der  Deformation  manche  Schulen,
auch  Dorfschulen,  fa  es  ist  wohl  an  keiner  Stelle  ein  Schulzwang
früher  erstrebt  als  in  Ostfriesland.  freilich  ist  dieser  Schulzwang
nicht  energisch  ausgeführt.  Das  literarische  Leben  bewegt  sich  entsprechend ­
  der  abgeschlossenen  Lage  des  Landes  namentlich  um  ostfriestsche
  tragen  und  Aufgaben.  Die  Ostfriesen  haben  ihre  geistige
Kraft  vor  allem  der  eigenen  Heimat  gewidmet,  aber  es  sei  nicht
vergessen,  dast  das  kleine  Land  dem  deutschen  Leben  manche
hervorragende  Morscher  auf  verschiedenen  gebieten  gegeben  hat.
vor  allem  sind  zwei  ausgezeichnete  Juristen  aus  Ostfriesland  hervorgegangen. ­
  Hermann  Lonring  (1606  bis  1681),  ein  universaler
gelehrter,  der  von  ganz  kuropa  gefeiert  wurde;  er  hat  das  besondere
Verdienst,  die  deutsche  Kechtsgeschichte  begründet  zu  haben.  Der
andere  Jurist  von  erstem  Kang  ist  allen  bekannt:  Kudolf  Ihering.
Dann  hat  Ostfriesland  in  den  beiden  Tabricius  bedeutende
llstronomen  gehabt.  David  Tabrieius*  **  korrespondierte  eifrig  mit
Kepler,  seine  Beobachtungen  haben  dazu  beigetragen,  das  gewaltige
Werk  Keplers  über  den  Planeten  Mars  zu  fordern;  der  Sohn,
Johannes  Tabricius,  aber  ist  der  Entdecker  der  Sonnenstecke.  (ln
der  Medizin  hat  Ostfriesland  ebenfalls  zwei  berühmte  Männer
hervorgebracht.  Keift*  (fi8iZ)  hat  als  ein  hervorragenderMediziner
in  den  Freiheitskriegen  die  Lazarette  geleitet  und  vorher  mehrere

*  David  l5abricius(i;64—1617).  llus  feinem  Briefwechsel  mitKepleristnarnentlich
  eine  Stelle  bemerkenswert,  welche  den  Unterschied  der  Weltanschauungen
beiderWänner  klar  beleuchtet.  KeplerfWerkel,  332)  schreibt:  Tibi  äeus  in  nsluram
venit,  midi  nstura  sä  äivinllslem  aspirst.
**  Neils  llndenken  wird  nicht  nur  in  der  Wissenschaft,  sondern  auch  durch
die  ehrenvolle  Erwähnung  in  den  goetheschen  Werken  dauernd  festgehalten.
Im  Juli  1814  versagten  goethe  und  Niemer  ein  Vorspiel  zu  Theatervorstellungen ­
  in  Halle.  Dies  Vorspiel  scheint  in  Neils  früherem  garten  stattgefunden  zu
haben.  Wag  goethe  selbst  nicht  viel  für  jenes  Vorspiel  getan  und  Niemer  die
Hauptsache  geleistet  haben:  goethe  ha!  die  hier  dem  llndenken  Neils  erwiesene
Lhrung  in  seine  Werke  aufgenommen.  Ls  heigt  dort  im  dritten  lluftritt:
Und  dieses  Leben  sollt  ihr  billig  kennen,
Das  Land  wohl  kennen,  dem  es  angehört,
Das  immerdar  ln  feiner  Tlurcn  Nlittc
Den  deutschen  Biedersinn,  die  eigne  Sitte,
Der  edlen  Dreiheit  längsten  Sprog  gewährt:
Das  meerenlrungcne  Land  von  gärten,  Wiesen,
Den  reichen  Wohnsitz  jener  tapfern  Triefen.
(Siehe  goethe,  vollständige  llusgabe  letzter  Hand,  11.28.,  0.331.)
Merkwürdigerweise  ist  diese  Huldigung  des  friesischen  Lebens  und  Landes
wenig  bekannt.
        <pb n="10" />
        bedeutende  wissenschaftliche  Werke  geschaffen.  Sodann  ragt  unter
den  Medizinern  Trerichs  hervor,  den  wir  nicht  näher  zu  schildern
brauchen.  So  dürfen  wir  nicht  denken,  es  fei  Ostfriesland  im
geistigen  Leben  zurückgeblieben.
Llnrlch.
eine  engere  Heimat  ist  Qurich,  die  Hauptstadt  des  Landes,
tl  ♦  vSie  verdankt  ihre  Bedeutung  der  zentralen  Lage,  alle
anderen  ostfriesischen  Städte  liegen  am  Rande  des  Landes.  So
war  Üurich  der  gegebene  Mittelpunkt.  Die  Stadt  hatte  so  gut  wie
keine  Fabriken;  sie  war  als  der  Sitz  aller  Behörden  überwiegend
Beamtenstadt.  Die  Beamten  selbst  stammten  zum  guten  Xeil  aus
Hannover,  (charakteristisch  für  die  friesifche  und  niedersächsische
Llrt  war  dabei,  dast  die  richterlichen  Behörden  in  der  Schätzung
des  Volkes  entschieden  vor  den  Verwaltungsbehörden  standen.
Die  stille  Stadt  erhielt  zu  gewissen  Zeiten  eine  eigentümliche  wirtschaftliche ­
  Bedeutung  durch  ihre  Jahrmärkte,  namentlich  durch
die  pferdemärkte,  die  einen  gewissen  Wechselverkehr  der  verschiedenen ­
  Orte  bewirkten,  weit  über  Ostfriesland  hinaus.  Lin  den
Haupttagen  dieser  Jahrmärkte  waren  zu  meiner  Zeit  die  Schulen
geschlossen,  alles  bewegte  sich  um  diesen  Mittelpunkt.
Die  Stadt  hatte  eine  besondere  geistige  Atmosphäre,  die  wohl
als  eine  glückliche  gelten  durfte.  Ruhe  und  Friede,  welche  durch
keine  Lifenbahn  gestört  wurden,  herrschten  überall,  jeder  konnte
seinen  Liebhabereien  nachgehen,  geistige  Qrbeit  wurde  geschätzt,  die
sozialen  tragen  schlummerten  noch,  nur  ab  und  zu  schlug  eine
Welle  aus  dem  grasten  Leben  des  Landes  hierher.  Dazu  kam  eine
anspruchslose,  aber  anmutige  Ratur.  Die  Stadt  ist  umgeben  von
Wäldern  und  kleinen  gehölzen,  die  den  Spaziergängern  volle  Erholung ­
  bieten.  Die  Häuser  waren  klein,  aber  behaglich  und  oft
mit  gärten  versehen,  von  alters  her  umschlost  ein  Stadtgraben
dfe  Stadt.  Das  Raturbild  des  ganzen  wurde  namentlich  durch
einige  sehr  stattliche  Windmühlen  belebt.  Leider  wurde  die  schöne
Frühlingszeit  oft  durch  das  Moorbrennen  gestört,  das  die  gegend
zeitweilig  mit  trübem  Rauch  erfüllte.

JTtelne  Eltern.
3 ch  wurde  geboren  am  z.  Januar  1846  als  erstes  Kind  nach
zehnjähriger  Lhe.  Mein  geburtshaus  steht  an  der  Lcke  der
Ostersiraste  und  der  Reustadt.  Mein  Vater  kam  aus  dem
friesischen  Zeverland.  Lr  stammte  aus  einem  alten,  ursprünglich
wohlhabenden  Bauerngeschlecht,  aber  die  Familie  verlor  durch
        <pb n="11" />
        6

die  furchtbare  Sturmflut  1825  ihr  Besitztum.  Das  trieb  meinen
Vater  dazu,  die  Beamtenlaufbahn  beim  Postwesen  einzuschlagen.
£r  war  zuerst  Postverwalter  in  Wittmunö,  dann  aber  Vorstand ­
  des  Hauptpostamtes  in  Llurich.  Lr  hatte  die  beste  Llussicht
eine  gröstere  Stellung  im  Hannoverschen  zu  erlangen,  aber  er
fühlte  sich  viel  zu  sehr  als  guter  Ostfriese,  um  von  der  Heimat  zu
scheiden.  Ich  war  fünfeinhalb  Jahr  alt,  als  er  starb,  aber  ich
habe  einen  deutlichen  Lindruck  von  feiner  Persönlichkeit.  Lr
hing  init  groster  Liebe  an  mir  und  pflegte  mich  täglich  von  der
kleinen  Spielschule  abzuholen,  auch  trug  er  gewissenhaft  fedes
Monatsdatum  meines  Lllters  in  feine  Notizen  ein.  Merkwürdig
ist  es,  dast  ich  von  ihm  eine  Begabung  für  das  Kopfrechnen
und  ein  grostes  Interesse  für  Statistik  und  Handelsverhältnisse
ererbt  habe,  während  meine  Qngehörigen  mütterlicherseits  dafür
wenig  Interesse  hatten.  Dieses  Interesse  für  Statistik  usw.  hing
in  keiner  Weise  mit  meiner  geistigen  Hauptrichtung  zusammen,
über  es  hat  nrich  treu  begleitet,  und  meine  Bremer  Bekannten
haben  mich  oft  damit  geneckt,  wie  genau  ich  über  die  Handelsbeziehungen, ­
  über  die  Schiffahrt  usw.  orientiert  war.  Wahrscheinlich ­
  hätte  mein  Vater  stärker  auf  mich  wirken  können,  wenn  er
uns  nicht  so  früh  genommen  wäre.
Unvergleichlich  tiefer  hat  meine  Mutter  auf  mich  gewirkt,  fa  sie
hat  die  grundzllge  ihres  Wesens  auf  mich  überkragen.  Sie  war
die  Tochter  eines  sehr  angesehenen  und  geschätzten  geistlichen,  der
(1776—1848)  zu  den  Führern  des  ostfriesischen  Nationalismus
gehörte*.  Lr  hat  im  geiste  einer  besonnenen  Llufklürung  unermüdlich ­
  eine  gemeinnützige  Tätigkeit  geübt.  Jener  Nationalismus ­
  verstand  das  Lhristentum  vornehmlich  moralisch;  Jesus  erschien
an  erster  Stelle  als  Menschen-  und  Kinderfreund.  Dieser  Nationalismus ­
  hatte  unverkennbar  eine  gewisse  Nüchternheit,  und  er  hat  den
Stand  einer  Popularphilosophie  nicht  überschritten,  aber  er  hatte
graste  Verdienste  um  die  Kulturarbeit,  an  erster  Stelle  um  den
Unterricht.  Mein  grostvatxr  teilte  lebhaft  die  Bestrebungen  des
Lehrerstandes,  und  er  hat  in  seinem  Hause  eine  privatschule  eingerichtet, ­
  die  Uber  Deutschland  hinaus  von  Holländern,  Norwegern
usw.  besucht  wurde.  Lluch  an  künstlerischen  Llntrieben  fehlte  es
ihm  nicht.  Lr  hat  in  feinen  jüngeren  Jahren  Nomane  geschrieben,
und  einzelne  seiner  gedichte  haben  auch  in  weiteren  Kreisen  Linklang
gefunden.  Lluch  hat  er  eifrig  für  die  Hebung  des  gartenwefens
gewirkt.  Noch  fetzt  hat  das  Dorf,  in  dem  er  die  Haupkzeit  seines

*  Über  meinen  grogvater  Dr.  pbil.  .Rubels  Lhrisioph  gutermann  imb  über
feine  Schriften  berichtet  ber  „JTcuer  ytefrolog  ber  Deutschen",  26.  Jahrgang,  1848,
x.  Dell,  Seite  362  bis  375.
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Lebens  wirkte,  dank  seiner  Llnregung  besonders  gut  gepflegte
Baumpflanzungen.  Tür  seine  Ztellung  zur  Philosophie  ist  die
Tatsache  bemerkenswert,  dast  er  im  Jahre  1801  an  der  Universität
.Rinteln  mit  einer  Dissertation  promovierte,  welche  den  Titel  trug:
„Der  Mensch  isi  von  Vatur  entweder  sittlich  gut  oder  sittlich  böse".
Llusdrücklich  wird  dabei  bemerkt  „nach  Kantischen  Prinzipien".
Tür  Ostfriesland  selbst  war  die  Erwerbung  dieser  Doktorwürde
mehr  eine  Hemmung  als  eine  Törderung  seiner  sozialen  Stellung.
LIls  Doktor  der  Philosophie  erschien  er  leicht  als  ein  vom  Volk  abgelöster ­
  gelehrter,  und  ein  „Doktor"  außerhalb  der  Medizin  galt
als  etwas  Wunderliches.  Ls  isi  bemerkenswert,  dasi  dieser  tüchtige,
rasilos  tätige,  um  das  Zemeinwohl  unablässig  bekümmerte  Mann
nie  eine  Wahlsielle  erhalten  hat.  Lr  konnte  an  dem  Orte  seiner
Tätigkeit,  dem  kleinen  Lggelingen,  ruhig  wirken  und  hatte  dabei
den  Vorteil,  zwischen  dem  grösseren  Jever  und  dem  kleineren
Wittmund  lebhafte  gesellschaftliche  Beziehungen  unterhalten  zu
können.  Jedenfalls  war  das  grostelterliche  Haus  voll  geistiger
und  gesellschaftlicher  Anregungen.  Meine  Mutter  empflng  ihre
Bildung  und  ihren  wissenschaftlichen  Unterricht  von  ihrem  Vater.
Dieser  war  keineswegs  ein  Treund  von  gelehrten  Trauen;  meine
Mutter  meinte  oft,  dasi  nach  dieser  Richtung  wohl  mehr  hätte
geschehen  können.  Während  mein  grosioater  geistig  und  wissenschaftlich ­
  schaltete,  war  die  grostmutter  überwiegend  praktisch
gerichtet  und  hakte  vor  allen»  den  Lhrgeiz,  alles,  was  nur  möglich
war,  im  eigenen  Hause  zu  erzeugen:  es  wurde  gesponnen,  gewebt, ­
  Bier  gebraut  usw.  Meine  Mutter  hatte  von  Hause  aus
einen  frischen  und  geweckten  5inn,  sie  galt  als  klug  und  liebenswürdig ­
  und  wurde  von  allen  Treunden  sehr  geschätzt.  Sie
verstand  es  vortrefflich,  die  Lindrücke  von  Menschenleben  und
Uatur  wiederzugeben.  Lie  hat  im  Verlauf  ihres  Lebens  eine
groste  Llastizität  und  Kraft  erwiesen.  von  einem  jungen
talentvollen  Lmder  Maler  Lamminga  besitze  ich  ein  Bild  von
ihr,  welches  sie  als  funge,  liebreizende  Trau  darstellt;  mit  einem
Zug  tiefer  Innerlichkeit,  beinahe  Schwermut,  schaut  sie  uns  an.
Ich  hatte  später  die  Treude,  dast  der  berühmte  Kunstkenner  Jacob
Lurckhardt  voll  llnerkennung  dieses  Bild  als  ein  „feines  Bild"
bezeichnete.  Meine  Mutter  war  von  Jugend  an  voll  literarischer
Interessen,  sie  hatte  ein  ausgezeichnetes  Urteil,  und  so  konnte  ihr
das  übliche  gesellschaftliche  Leben  und  Treiben  um  die  Mitte  des
19.  Jahrhunderts  nicht  voll  genügen.  Line  innige  Treude  hatte  sie
an  der  vatur,  am  Wald  und  am  Meer.  Sie  hat  in  ihren  Tagebüchern ­
  dieser  Treude  wiederholt  Vusdruck  gegeben.
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        8

O  ! .. f vO  *.•.

Hrflc  Kinderjahre.
Ili  eine  ersten  Schicksale  waren  wenig  glücklich.  Beinahe  wäre
U  f  viii)  rasch  durch  einen  Unfall  aus  dem  Leben  geschieden.
Ich  saß,  kaum  einjährig,  auf  dem  Schoß  meiner  Mutter,  ergriff
aus  einem  Schlüsselkorb  blitzartig  ein  offenes  Vorhängeschloß
und  steckte  es  in  den  Mund,  um  es  herunterzuschlucken.  Ls  hing
nun  alles  daran,  daß  ich  nicht  erstickte.  Meine  Mutter  bemühte
sich  mit  größter  Kraft  jenes  Schloß  zu  erfassen  und  zurückzuziehen.
Inzwischen  wurde  aber  der  ganze  Hals  zerrissen.  Lndlich  gelang
es  ihr  das  Schloß  herauszuziehen,  sie  wurde  dann  ohnmächtig.
Das  ganze  Haus  lief  zusammen.  Vier  oder  fünf  Ürzke  wurden
gerufen,  sie  alle  glaubten,  daß  ich  in  einigen  llugenblicken  sierben
müsse.  Der  Hausarzt  meinte:  „Lassen  Sie  das  Kind  in  Kühe  sterben". ­
  Trotzdem  versuchte  die  großmutter  mir  etwas  Haferschleim
einzuträufeln,  und  indem  sie  die  Wirkung  dessen  sorgfältig  beobachtete, ­
  gewahrte  sie,  daß  ich  einige  Tropfen  herunterschluckte.  Dies
gab  dem  Hausarzt  wieder  Mut,  und  ich  wurde  gerettet.  Über
natürlich  war  ich  auf  lange  Zeit  arg  geschwächt.
Dieses  Unglück  war  nicht  das  einzige.  Lin  Scharlachfieber
hatte  in  seinen  Tolgen  größere  Wucherungen  auf  der  Hornhaut
meiner  Llugen  hervorgerufen.  Ich  wurde  dabei  ärztlich  zunächst
falsch  behandelt,  völlig  vom  Licht  abgesperrt  und  ganze  Wochen
in  ein  völliges  Dunkel  gebracht;  alle  Mittel,  die  ziemlich  barbarisch ­
  waren,  halfen  nicht  das  mindeste.  Lndlich  eröffnete  der
Llrzt  meinen  Litern,  daß  ich  das  Llugenlicht  verlieren  werde.
Natürlich  wurden  nun  andere  Ürzte  zugezogen,  der  berühmte  Llugenarzt,
  Dr.  Lange  in  Lmden,  hat  mich  gerettet,  der  uns  befreundete
berühmte  Professor  Trerichs  aber  sein  Urteil  bestätigt.  Ünfänglich
waren  die  Llugen  noch  sehr  zart,  ich  wurde  später  ihretwegen
als  dauernd  untauglich  zum  Militärdienst  erklärt,  sie  haben  sich
aber  im  Laufe  der  Zeit  immer  mehr  gekräftigt.  Meine  durch  diese
Leiden  geschwächte  gesundheit  wurde  durch  den  wiederholten  Besuch ­
  von  Seebädern  sehr  gefördert.
Olle  diese  Lrlebnisse  gaben  mir  einen  großen  Lrnst  und  haben
mich  bald  in  manches  grübeln  gebracht,  um  so  mehr,  weil  die
schweren  Verluste  meiner  Llngehörigen  hinzu  kamen.  Zunächst
wurde  mir  mein  einziger  lieber  kleiner  Bruder  genommen.  Voch
am  Weihnachtskage  1850  hatten  wir  miteinander  vergnügt  gespielt
und  uns  über  einen  gemeinsamen  Schlitten  gefreut.  Llm  Sylvesterabend
  wurden  wir  nach  dtr  Kirche  gebracht,  um  die  Posaunen
zu  hören,  mit  denen  nach  dortiger  Sitte  damals  der  Schluß  des
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        9

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Jahres  gefeiert  wurde.  Um  2.  Januar  aber  wurde  mein  Bruder
schwer  krank,  und  schon  am  7.  erfolgte  der  Tod.  Ich  selbst  habe  die
Lrlebnisse  mit  vollem  Bewußtsein  erlebt,  sie  sind  mir  heute  noch
genau  so  gegenwärtig  wie  damals.  Lief  traf  dieser  Verlust  des
blühenden  und  schönen  Kindes  meine  Litern.  Lr  hat  den  unsicheren
gefundheitszustand  meines  Vaters  schwer  erschüttert.  Zur  Lrholung
sollten  wir  drei  das  Leebad  Norderney  besuchen,  von  einem
Kinderfest  wurde  ich  dort  heimgeholt,  und  es  wurde  mir  mitgeteilt, ­
  daß  mein  Vater  gestorben  fei.  Die  Leiche  wurde  im  Wagen
durch  das  Watt  nach  Üurich  überführt  und  dort  bestattet.  5o  kam
es  über  meine  arme  Mutter  wie  eine  Lturmflut  von  Leiden.  Uber
so  tief  sie  das  alles  empfand,  und  so  schmerzlich  sie  ihre  Lieben  ihr
ganzes  Leben  vermißt  hat,  so  hat  sie  doch  den  Wut  und  die  Kraft
zum  Weiterleben  nicht  verloren.  Uuf  dringenden  Wunsch  der
hannoverschen  verwandten  wurde  eine  längere  Keife  dorthin  unternommen, ­
  die  erste  Keife,  die  ich  machen  durfte.  Die  Lahrt  ging
damals  zunächst  nach  Oldenburg,  dann  zu  Lchiff  nach  Brake,  von
da  aus  nach  Bremen,  wo  ich  die  erste  Lifenbahn  erblickte,  die  auf
mich  einen  sehr  unheimlichen  kindruck  machte.  Jene  Keife  hat
meine  Mutter  sehr  erquickt,  und  die  herzliche  gesinnung  von
freunden  und  verwandten  hat  ihr  wohlgetan.  Dabei  hatte  sie
ein  sie  aufrichtendes  Lrlebnis,  das  freilich  mehr  sie  als  mich  berührte.
Wir  trafen  in  der  Post  von  gifhorn  nach  kelle  mit  einem  würdigen
Kabbiner  zusammen,  der  sich  mit  meiner  Mutter  unterhielt;  dann
ergriff  er  mich,  legte  seine  Hand  auf  meinen  Kopf  und  segnete  mich.
Lr  sagte:  „Lr  wird  durch  ferne  Länder  gehen,  und  er  wird  großes
im  Dienste  gottes  leisten",  llufmeine  tiefgebeugte  Mutter  hat  dieses
Lreignis  einen  dauernden  Lindruck  gemacht.  —  In  Vurich  zogen  wir
in  ein  bescheidenes,  aber  mit  einem  hübschen  garten  versehenes
Haus.  Meine  großmutter  hatte  sich  dieses  als  ihren  Witwensikz
gekauft.  Ls  lag  außerhalb  der  eigentlichen  Ltadt  auf  dem  sogenannten ­
  Zingel;  der  ötadtgraben  trennte  diesen  Zingel  von  der
eigentlichen  Ltadt,  unmittelbar  in  der  Nähe  war  eine  stattliche  Mühle,
die  uns  Wind  und  Wetter  gewissenhaft  verkündete.  Line  Hauptfreude ­
  war  für  mich  der  garten,  der  unmittelbar  an  eine  große
Wiese  grenzte.  Der  garten  war  an  erster  Ltelle  ein  Nutzgarten
er  versorgte  uns  mit  Kartoffeln,  Bohnen  usw.,  aber  er  enthielkauch.
eine  Ünzahl  von  Beerensträuchern  und  Obstbäumen.  Ich  selbst
hatte  mir  bald  gewisse  Lieblingsplätze  erkoren,  sei  es  in  einer
Laube,  sei  es  auf  einem  schräg  liegenden  Obstbaum,  vor  dem
Hause  war  ein  kleiner  Vorgarten  mit  Pappeln,  und  nach  der
Llußenscite  war  Wein  gepflanzt,  der  meist  eine  schöne  Lrnte  brachte.
DieNatur  vonLlurich  ist  sehr  günstig  für  die  aufwachsendeIugend.
Die  Ltadt  liegt  auf  einem  breiten  Landstreifen,  der  sich  durch  das
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        IO

JIToor  erstreckt.  Verschiedene  größere  und  kleinere  gehölze  bieten
angenehme  Qufenthalksorte.  Oie  gärten  zwischen  den  einzelnen
Fluren  sind  in  der  Lommerzeit  von  zahlreichen  Schmetterlingen  belebt. ­
  Lluch  fehlte  es  nicht  an  mannigfachen  Blumen,  die  oft  von  den
Lcb  ilern  in  Herbarien  gesammelt  wurden.  Im  Frühling  wurde
damals  am  Himmelfahrtstage  ein  Lest  gefeiert,  welches  die  Jugend
sehr  bewegte.  £s  wurden  die  Eingänge  der  Häuser,  namentlich
die  Vorgärten,  mit  Veilchen  und  Butterblumen  in  vorgeschriebenen
Normen  geschmückt.  Es  war  eine  Ehre  für  alle  Bewohner,  den
sogenannten  Brautpfad  möglichst  geschmackvoll  einzurichten.  Oie
Kinder  suchten  am  vorangehenden  Lonntag  den  ganzen  Lag
hindurch  zene  Veilchen  und  Butterblumen.  Wahrscheinlich  erklärt
sich  fene  Sitte  aus  irgendeinem  Ereignis,  welches  früher  das  ostfriefifche
  fürstliche  Haus  betroffen  hatte.  Oie  Litte  war  lediglich
auf  Vurich  beschränkt.  In  der  frühesten  Morgendämmerung  betrachtete ­
  man  die  verschiedenen  Llusschmückungen  und  verglich  sie
mit  den  andern.  Wer  sich  sener  Litte  entzog,  der  mußte  manchen
Lchabernack  erdulden;  die  Primaner  aber  vergnügten  sich  in  der
Lrühe  mit  Kegelschieben.
Oa  die  damaligen  Wege  wenig  erfreulich  waren,  so  wurde  die
Beförderung  durch  die  sogenannten  Lchüten  (Llachbooke)  auf  dem
Kanal  von  Vurich  nach  Emden  stark  benutzt.  Lie  waren  bezeichnend ­
  für  das  damalige  ruhige  und  bequeme  Leben.  Diese  Llachboote,
  welche  ein  Verdeck  hatten,  wurden  von  zwei  Pferden  gezogen.
Lie  mußten  durch  die  einzelnen  Lchleusen  herunter  oder  hinauf
gebracht  werden.  Während  dieses  Lchleusens  konnte  man  sich
einige  Zeit  erlaben  oder  aussteigen.  Von  diesem  Llachboot  war
die  Hälfte,  die  sogenannte  Kasüte,  für  das  gebildete  Publikum  bestimmt, ­
  das  behaglich  dort  seinen  Lee  kochen  konnte,  während  der
sogenannte  Kaum  für  die  gemüsefrauen  bestimmt  war.  Je  näher
dieser  Kanal  nach  Emden  kam,  um  so  reicher  wurden  die  Landsitze,
und  schließlich  tauchte  die  alte  Ltadt  mit  ihren  stattlichen  Wällen
und  Windmühlen  auf.

37achbarsiädte

on  den  benachbarten  Ltädten  traten  in  meinen  gesichtskreis

namentlich  Emden  und  Esens,  mit  denen  uns  engere  Lamilienbeziehungen
  verbanden.  Emden  bewahrte  noch  immer  das  Bild
einer  gesunkenen,  aber  würdigen  größe.  Leine  Blütezeit  lag  in  der
zweiten  Hälfte  des  i6.  Jahrhunderts.  Es  hat  damals  während  der
Lreiheitskämpfe  der  Niederländer  gegen  die  Lpanier  eine  große
Kölle  gespielt.  Viele  vertriebene  haben  dort  Zuflucht  gefunden,  und
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        der  Handel  erlebte  eine  großartige  Lntwicklung.  Der  Ort  erstritt
sich  damals  in  harten  Kämpfen  das  volle  Stapelrecht.  Besonders
imponiert  das  stattliche  Kathaus,  das  nach  dem  Muster  des  Llntwerpener
  Kathaufes  gegen  Lude  des  iü.  Jahrhunderts  erbaut
wurde,  und  das  neben  manchen  sehr  wertvollen  Silberstücken  eine
großartige  Küstzeugfammlung  enthält,  sie  wird  als  die  bedeutendste ­
  in  ganz  Deutschland  bezeichnet.  Üuch  manche  Privathäuser
zeugen  von  dem  glanz  und  dem  Reichtum  früherer  Zeiten",
gerade  während  der  damaligen  Blütezeit  kam  eine  große  Sturmflut. ­
  Die  £ms  durchbrach  ihr  altes  Bett  und  verlegte  ihren  Lauf
weiter  links.  Trotz  größter  Mühe  konnte  inan  mit  den  damaligen
.Mitteln  keine  Zurückverlegung  des  großes  Stromes  erzwingen.
Linden  war  und  blieb  für  lange  Zeit  vom  Meere  abgeschnitten,
diese  Hemmung  mußte  den  Handel  sehr  erschweren.  Durch
Friedrich  den  großen  und  um  den  LInfang  des  ly.  Jahrhunderts
erlebte  Lmden  einen  neuen  Lluffchwung,  bis  wieder  eine  Stockung
eintrat,  endlich  aber  die  letzten  Jahrzehnte  des  Jahrhunderts
durch  gewaltige  technische  Bauten  der  Stadt  eine  unmittelbare  Beteiligung ­
  am  großhandel  eröffneten.  So  hat  Lmden  recht  wechselvolle
  gefchicke  gehabt.
Besonders  eng  waren  meine  Beziehungen  zu  der  kleinen  Stadt
Lfens,  denn  dort  wirkte  als  Kektor  an  der  Lateinschule  der  jüngere
Bruder  meiner  Mutter,  Larl  giktermann.  £r  war  ein  sehr  offener
und  geistvoller  Kopf,  eine  liebenswürdige  und  seelengute  Persönlichkeit. ­
  Lr  hat  es  aber  im  Leben  nicht  weit  gebracht,  teils  weil  er
seinen  Weg  geradeaus  ging,  teils  auch  well  er  wenig  Talent  befaß,
feine  vortrefflichen  Kräfte  zur  vollen  Entwicklung  zu  bringen.  Seine
philosophische  und  religiöse  Bildung  stand  unter  dem  Linfluß  des
Iunghegelianismus,  namentlich  Teuerbachs.  Llugenfcheinlich  hat
dieser  Denker  auf  die  damalige  generation  einen  sehr  starken  Linfluß
ausgeübt.  Manche  hielten  es  für  möglich,  diese  neue  Lehre  mit  der
Keligion  und  nrit  dem  Lhristentum  unmittelbar  zu  verbinden.
Natürlich  konnte  das  nur  geschehen,  indem  man  alle  gegensatze
abschliff  und  eine  idealisierte  Welt  als  Wirklichkeit  fetzte.  Ls  kann

Lmden  Hai  unter  feinen  Staatsmännern  einmal  einen  Mann  von  europäischem ­
  Ituf  gehabt:  Johannes  Lllthufius  (LIlthaus).  Lr  war  1604—1638
Syndikus  jener  Stobt.  Sein  fiaatsphilofophifches  Hauptwerk  war  die  politica
  1603  (verändert  und  vermehrt  1610,  außerdem  noch  je  dreimal  vor  und
nach  feinem  Tode  gedruckt);  er  war  auch  in  feiner  literarischen  Tätigkeit  ein  hervorragender ­
  Verfechter  der  städtischen  und  ständischen  Interessen.  Das  Werk
„politica"  ist  in  den  späteren  Llustagen  deutlich  mehr  und  mehr  aus  die  ostfriesischen ­
  und  niederländischen  Verhältnisse  und  Interessen  zugeschnitten.  Lharakteristisch
  ist  für  lllthustus,  der  auch  Kirchenältester  feiner  gemeinde  war,  dag
er  1617  ein  gemeinsames  Lrinnerungsfest  für  Luther  und  Zwingli  vorschlug.
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        12

kein  Zweifel  daran  fein,  dast  gittermann  aus  voller  Überzeugung
fene  radikale  Lehre  und  die  religiöse  Überzeugung  verbinden
wollte.  Ich  habe  selbst  von  ihm  manche  predigt  gehört,  aus  der
vollste  Wahrhaftigkeit  fprach.  Über  diese  Lage  mustte  Konflikte  ergeben,
  und  an  diesen  hat  es  nicht  gefehlt.  Dazu  war  mein  Onkel
ein  sehr  entschiedener  Vorkämpfer  Preussens  und  der  deutschen
Linheit.  Lr  hat  sich  dazu  mit  voller  Unerschrockenheit  auch  in  der
Keaktionszeit  bekannt  und  hat  in  dieser  Zeit  (18ZI)  eine  sechswöchige ­
  Lestungsstrafe  erlitten,  die  freilich  recht  behaglich  ausfiel ­
  und  die  ihm  einen  Lhrenbecher  von  feinen  Mitbürgern  eintrug.
Über  für  feine  amtliche  Laufbahn  war  sie  natürlich  wenig  günstig.
Die  Stelle  in  £fms  war  recht  bescheiden.  Wiederholte  Berufungen
von  gemeinden  auf  einträgliche  Pfarren  hat  mein  Onkel,  als  mit
feiner  Überzeugung  unverträglich,  abgelehnt.  In  der  üähe  vonLfens
hat  er  einen  protesiankenverein  gegründet;  auch  literarisch  ist  er  für
eine  freiere  Quffaffung  von  Welt  und  Leben  eingetreten.  Lchliestlich
  ist  er  nach  einer  längeren  Lehde  an  die  Navigationsschule  nach
Leer  versetzt  worden  und  hat  dort  fein  Leben  i8y2  beschlossen.  Ich
habe  ihn  kurz  vor  feinem  Tode  besucht  und  habe  unvergeßliche
Lindrücke  von  dieser  Begegnung  erhalten.  Die  grundzüge  des
Lebens  standen  ihm  gegen  Lchluß  seines  Lebens  mit  Klarheit  vor
Üugen,  und  von  Beuerbach  war  wenig  zu  verspüren.  Die  harten
politischen  und  religiösen  Kämpfe  waren  vorüber,  und  eine  ruhige,
versöhnliche  Ztimmung  trug  den  Übschluß  dieses  Lebens.  In
meiner  Iugend  hat  er  zunächst  durch  Diskussionen  über  die  großen
tragen  vielfach  anregend  auf  mich  gewirkt.  Wir  konnten  damals
oft  nicht  zusammengehen,  da  ich  von  früh  an  die  Unvereinbarkeit ­
  von  Beuerbach  und  Lhristentum  klar  durchschaute.  Über  er
brachte  mir  manche  tragen,  und  in  feiner  Bibliothek  konnte  ich  die
ersten  philosophischen  Bücher  nach  Herzenslust  lesen,  die  mir  sonst
nicht  zugänglich  waren.  Die  engen  Beziehungen  zwischen  meiner
Mutter  und  diesem  Bruder  brachten  es  mit  sich,  daß  wir  die  Weihnachtszeit ­
  in  seiner  Familie  verbrachten  und  dort  wohltuendepage
verlebten;  hier  konnte  meine  Mutter  sich  von  ihrer  Lagesarbeit
etwas  erholen.

Inselreisen.
B on  besonderer  Bedeutung  waren  für  mich  an  erster  5telle
die  Infelreisen,  welche  wir  wiederholt  ausführten,  wir  besuchten ­
  namentlich  Langeoog,  nur  einmal  Borkum.  Wir  waren
dort  mit  der  Lamilie  meines  Onkels  zusammen.  Höchst  eigentümlich ­
  war  damals  eine  derartige  Badereise.  Hchon  die  Beförderung ­
  war  recht  primitiv.  Lin  kleines  Fährschiff,  das  gegen
        <pb n="18" />
        ungünstige  Winde  sehr  langsam  aufkam,  nahm  uns  auf.  Bei
etwaigem  Wenden  der  Segel  mustten  die  weifenden  sich  auf  den
Boden  legen  und  diese  Prozedur  wiederholt  auf  sich  nehmen.  In
der  Kafüte  zu  bleiben  war  bei  der  Lnge  des  Raumes  nur  beim
schlechtesten  Wetter  möglich.  Kam  man  nach  stundenlanger  Reise
endlich  ans  Ziel,  so  fuhr  ein  Wagen,  eigentlich  mehr  eine  Karre
mit  dem  bezeichnenden  Ramen  „Wuppe",  ins  Meer  an  das  Schiff
heran  und  führte  die  Passagiere  in  die  Wohnung,  welche  man  stch
schon  vorher  bei  irgend  einem  bischer  oder  Seemann  gesichert
hatte.  Der  Haushalt  war  schwierig,  da  die  Damen  den  gröstten
Deil  der  Lebensmittel,  darunter  auch  Fleisch  und  gemüse,  vom
Festland  beziehen  mustten.  Rur  wenn  das  Fährschiff  kam,  erhielt ­
  die  Insel  Hefe,  so  dast  dann  Brot  und  Kuchen  gebacken
werden  konnte.  Diese  erfreuliche  Tatsache  wurde  durch  das  Hissen
einer  Flagge  verkündet,  die  wenigen  Kurgäste  versammelten
sich  schleunigst,  um  die  ungewohnten  Sachen  zu  geniesten.  Die
schönste  körperliche  und  geistige  Erfrischung  erhielt  inan  durch  die
Spaziergänge  an  dem  vorzüglichen  Strande  sowie  durch  die  hier
recht  kräftigen  Bäder.  Rachmittags  versammelte  man  sich  gern
auf  dem  sogenannten  Rordstern  unter  einem  Zeltdach,  um  dort
seinen  Lee  einzunehmen.  Kleine  LlusflUge  wurden  nach  der  Weisten
Düne  unternommen,  Muscheln  und  Seetiere  gesammelt,  gelegentlich ­
  auch  das  Meerleuchken  bewundert.  Bon  den  Höhen  der  hier
sehr  stattlichen  Dünen  genost  man  einen  weiten  Blich,  man  konnte
dort  durch  das  Fernrohr  die  Bewegungen  der  grasten  hanseatischen
Dampfer  genau  verfolgen.  So  konnte  die  Phantasie  sich  in  unermestliche
  Weiten  ergehen,  und  man  durfte  bei  voller  Stille  sich
in  der  Rähe  des  grosten  Lebens  fühlen,  primitiv  war  auch  insofern ­
  die  geistige  Lebenshaltung,  als  dort  kein  ständiger  Pfarrer
war;  zu  besonderen  Zeiten  und  zu  hohen  Festtagen  kamen  benachbarte ­
  geistliche.  Im  übrigen  lag  die  geistige  Bersorgung  in  der
Hand  eines  alten  biederen  Schulmeisters,  den  mein  Onkel  stets
als  Herr  „Kollege"  begrüstte.  Mein  Onkel  hörte  einst  einen  furchtbaren ­
  Spektakel  aus  der  Schule  dringen,  ohne  dast  derselbe  eine
Unterbrechung  erfuhr.  Lluf  sein  Befragen  erklärte  der  Lehrer  stolz:
„Ich  habe  nach  neuer  Methode  für  meine  Iungens  eine  Stunde
stiller  Denkübungen  eingerichtet".  Das  Berhältnis  zu  den  einzelnen,
sehr  wenig  zahlreichen  Kurgästen  war  ein  enges,  fa  freundschaftliches. ­
  Man  erzählte  sich  gegenseitig  von  seinen  Freuden  und  kleinen
Leiden  und  fühlte  sich  ganz  aufeinander  angewiesen.  Der  Mensch
war  damals  noch  nicht  sich  selbst  so  überdrüssig,  wie  er  es  fetzt
meist  ist.  Die  Menschen  fliehen  fetzt  oft  zur  Ratur  nur,  um  immer
wieder  mit  den  Menschen  meist  sehr  Richtiges  zu  treiben  und  der
gegenseitigen  Litelkeit  zu  fröhnen;  traurig,  dast  die  graste  Ratur
        <pb n="19" />
        ihnen  nichts  anderes  zu  bieten  vermag!  Damals  ging  man  ins
Leebad,  um  sich  körperlich  und  geisiig  auszuruhen  und  Kraft  für
die  Ürbeit  des  Winters  zu  gewinnen.  Vngenehm  war  auch  das
Verhältnis  zu  den  einzelnen  Insulanern,  zu  denen  sich  bald
freundliche  Beziehungen  anspannen.  Die  meisten  Männer  waren
Leeleute.  Ihre  Üuffassung  betrachtete  den  Tod  zur  Lee  nicht  als
ein  besonderes  Unglück.  Die  Küstenbewohner  pflegen  sich  überhaupt ­
  ihre  eigene  Lebensüberzeugung  zu  bilden.  Der  Leemann
und  seine  Umgebung  ist  fesi  überzeugt  von  dem  Walten  eines
Lchicksals,  dem  sich  niemand  entziehen  kann.  Ls  gilt  dann  als
unmännlich,  fa  feige,  sich  gegen  dieses  Schicksal  zu  sträuben.
Merkwürdigerweise  kann  dieser  grundgedanke  sehr  verschiedene
intellektuelle  gestaltungen  annehmen.  Die  Ltrengreligiösen  sehen  in
,jenen  Lreignissen  eine  unmittelbare  Rügung  gottes;  die  Mindergläubigen ­
  unterwerfen  sich  dem  Schicksal  als  einer  dunklen  Macht,
aber  über  die  Tatsache  eines  allesbeherrfchenden  Lchicksals  ist
nicht  der  mindeste  Zweifel.  „Vas  sollte  so  sein",  das  ist  der  übliche
Trost.  Dieser  Lchicksalsglaube  lähmt  keineswegs  den  Mut  und
die  Lnergie  des  Handelns,  aber  er  verbietet  alles  unnütze  grübeln
über  das,  was  hätte  kommen  können.  Ws  ein  teilnehmender  Kurgast ­
  einem  Langeooger  die  Trage  vorlegte,  wie  es  den  Linwohnern
  ginge,  wenn  ein  plötzlicher  Unfall  oder  eine  schwere
Krankheit  sie  träfe,  da  doch  kein  Ürzt  auf  der  Insel  sei,  so  nieinte
jener  wetterharte  Mann:  „Kun  ja,  dann  müssen  wir  unseren
eigenen  Tod  sterben".  —  Inzwischen  hat  sich  Langeoog  zu  einem
stattlichen  Leebade  gehoben,  die  frühere  Schilderung  trifft  nicht
mehr  zu.  Ich  aber  denke  mit  groster  Treude  an  die  dort  verlebten
Wochen;  sie  waren  entscheidend  für  meine  Lntwicklung,  weil  sie  mir
gesundheit  brachten  und  ich  in  tiefer  Kühe  graste  Lindrücke  empfing.
Zu  grasten  Keifen  kam  es  sonst  nicht,  auster  jener  hannoverschen ­
  Keife  1852  habe  ich  Ostfriesland  bis  zu  meinen  Studienjahren ­
  nicht  verlassen.  Um  so  mehr  war  meine  Mutter  bemüht,
durch  kleine  Tagesausslüge  geist  und  gemüt  zu  erfrischen.  Sie
hatte  einmal  bei  Zschokke,  einem  ihrer  Lieblingsschriftsteller,  gelesen,
es  tue  der  heranwachsenden  Jugend  gut,  auch  selbständige  kleine
Tagesausslüge  zu  unternehmen.  Vas  habe  ich  dann  mit  einigen
Treunden  öfters  getan.  Lin  sehr  einfaches  Trühstück  wurde  mitgegeben. ­
  Unser  gemeinsamer  Trank  war  eine  Mischung  Sirup
und  Lfsig.  Dann  wanderten  wir  vergnügt  durch  die  einzelnen,  oft
recht  stattlichen  Dörfer  und  hatten  besondere  Treude  an  den  Tehnen
(auf  dem  Moor  angelegten  Kolonien),  wo  uns  ein  eigentümliches,
ungewohntes  Leben  umgab.  Diese  Kanäle  verbanden  nicht  nur
die  einzelnen  Orte,  sondern  sie  hatten  manche  kleinere  Werften,  wo
Legelfchiffe  gebaut  wurden.  Lluch  gab  es  dort  glashütten,  für  die
        <pb n="20" />
        öas  benachbarte  JRoor  Öen  Brennstoff  lieferte.  £r(t  später  ist  mir
klar  geworden,  wie  glücklich  die  damalige  Lage  für  die  einzelnen
Schiffsbesitzer  und  Leeleute  war.  Ostfriesland  hatte  damals  sehr
viele  kleinere  Holzschiffe,  die  namentlich  nach  Lngland  oder  nach
Norwegen  fuhren,  und  von  denen  viele  nur  im  Sommer  ihre
wahrten  ausführten.  Viefe  Leute  waren  sehr  seegewandt;  ste  erreichten ­
  gewöhnlich  einen  behaglichen,  wenn  auch  bescheidenen  Wohlstand, ­
  wenn  nicht  ein  Seeunglück  dazwischentrat.  Über  sie  waren
auf  sich  selbst  gestellt  und  konnten  den  Wettbewerb  mit  den  grösseren
Schiffen  zunächst  aushalten.  Später  hat  die  technische  Lntwicklung
  diese  kleinen  Schiffe  zum  guten  Heil  entwertet  und  die  Seeleute ­
  meist  in  den  Dienst  der  grasten  Schiffahrtsgesellschaften  getrieben. ­
  Üuch  auf  diesem  gebiete  zeigt  sich  deutlich,  wie  die  moderne
Industrie  mit  ihren  technischen  Leistungen  das  Individuum  unterdrückt ­
  und  seiner  Selbständigkeit  beraubt.

Häusliches  Leben.
ach  dem  Tode  meines  Bakers  und  meines  Bruders  waren  meine
tJ  ^Mutter  und  ich  allein  auf  uns  selbst  angewiesen;  von  früher
Zeit  an  hat  meine  Mutter  mein  geistiges  Streben  geteilt  und  auch
ihre  Sorgen  mir  mitgeteilt.  Bor  allem  lag  auf  ihr  als  eine  schwere
Sorge  unsere  wirtschaftliche  Lrhaltung.  Unser  Bermögen  war
gering,  und  die  Witwenpension  betrug  damals  jährlich  nicht  mehr
als  600  Mark.  Mein  Baker  wollte  für  die  Zukunft  sorgen,  aber
er  hatte  sich  an  eine  sogenannte  Tontine  angeschlossen,  wo  alle  Teilnehmer ­
  bis  zu  einem  bestimmten  Termine  eine  Summe  zusammenzuschiesten
  hatten,  um  schliestlich  die  ganze  Summe  unter  die
Überlebenden  zu  verteilen.  Mein  Baker  starb  kurz  vor  fenem  Termin. ­
  So  mustte  meine  Mutter  für  andere  Mittel  sorgen.  Dies  hat
sie  später  in  der  Weise  getan,  dast  sie  Pensionäre  nahm.  £s  war  ein
üusterer  Qnlast,  der  ihr  diesen  Weg  zeigte.  Lin  angesehener  Bürger
von  Lsens  hatte  auf  der  Insel  beobachtet,  wie  sorgfältig  und  umsichtig ­
  meine  Mutter  für  mich  sorgte.  Lr  kam  nun  mit  der  Bitte,
ihr  den  eigenen  Sohn  anvertrauen  zu  dürfen,  der  dann  auch  lange
Jahre  hindurch  bis  zur  Studienzeit  in  unserem  Hause  gelebt  hat.
Diese  Linrichtung  siel  meiner  geistig  regen  Mutter  schwer.  Über
sie  hat  mit  Llastizität  und  Lnergie  das  für  uns  Notwendige  durchgeführt ­
  und  dabei  den  ihr  anvertrauten  Kindern  das  Llternhaus
nach  besten  Kräften  ersetzt;  noch  fetzt  erhalte  ich  schöne  Zeichen
der  Dankbarkeit.  Haus  und  garten  galt  dabei  als  gemeinsames
Ligentum,  kleine  Teste  wurden  veranstaltet,  unsere  Dichter  oft
abends  gelesen.  Kurz,  was  wirtschaftlich  eine  Notwendigkeit  war.
        <pb n="21" />
        das  wurde  ihr  eine  Sache  der  Freude  und  der  Hingebung.  Tür
mich  aber  war  es  wesentlich,  daß  ich  nicht  einsam  blieb,  sondern
durch  den  alltäglichen  Umgang  gewann  und  mehr  mit  anderen
verkehren  musste.  Meine  Mutter  hatte  einen  gleichmäßigen  frohen
3inn  und  einen  großen  Neiz  für  die  Jugend;  so  ist  ihr  einst  ein
kleines  Mädchen  auf  der  Straße  begegnet,  welches  ste  nicht  kannte,
die  aber  ihre  leuchtenden  Üugen  nicht  wieder  vergessen  konnte.  Trau
Dr.  Schröder  auf  Schloß  poggelow  in  Mecklenburg,  geb.  Peters,
welches  dieses  kleine  Mädchen  war,  lernte  ich  erst  in  letzter  Zeit
näher  kennen,  und  ste  erzählte  mir:  „Ich  habe  diese  Llugen  nicht  vergessen ­
  können,  erst  als  ich  Sie  kennen  lernte,  wußte  ich,  wem  sie
gehörten".  Was  Wunder,  wenn  in  unserem  Kreise  ein  froher  Ton
herrschte  und  treue  Freundschaften  geschlossen  wurden.  Mir  selbst
standen  die  beiden  Brüder  Voß  am  nächsten,  der  ältere  starb
früh,  der  jüngere  wirkt  noch  als  hochangesehener  Professor  der
Mathematik  an  der  Münchner  Universität.  Wie  oft  haben  wir  drei
heranwachsenden  Knaben  tragen  gemeinsam  besprochen,  und  sind
wir,  da  wir  keine  besonderen  Kirchgänger  waren,  durch  die  Wälder
von  Llurich  gestreift.  —  Wir  wissen,  wie  schwierig  sich  durchgängig
die  gesellschaftliche  Stellung  von  Beamtenwitwen  gestaltet.  Man
will  und  muß  die  frühere  soziale  Stellung  behaupten  und  muß
dabei  sich  zugleich  hart  mühen  und  plagen.  Meine  Mutter
hat  diese  Stellung  sich  voll  gewahrt.  Man  lebte  damals  in  anspruchsloser ­
  Weise  recht  zufrieden.  5o  haben  wir  wiederholt  mit
näheren  freunden  den  ganzen  Tag  im  Walde  zugebracht.  Oie
Verpflegung  war  recht  bescheiden,  ein  geeicht  Neis  und  eine  Tlafche
einfaches  Weißbier  war  die  Hauptsache.  Über  man  genoß  mit
vollen  Zügen  den  frischen  Wald,  und  man  fühlte  dadurch  die
Kraft  gehoben.  Ülle  Bestrebungen  meiner  Mutter  hatten  dabei
ein  festes  Ziel,  mich  auf  die  Höhe  der  akademischen  Bildung  zu
führen;  darin  sah  sie  ihre  einzige  Qufgabe.  Von  Jahr  zu  Jahr
wurde  eine  kleine  Summe  zurückgelegt,  die  ein  sorgsamer  Berater
aus  altfüdischem  geschlecht,  mit  dessen  Onkel  mich  ein  freundschaftliches ­
  Verhältnis  verknüpfte,  fürsorglich  verwaltete.

Oas  Lluricher  gymnastum.
V^as  Üuricher  gpmnasium  hatte  seine  ersten  Ünfänge  in  der
F^/Neformationszeit,  aber  damals  versah  ein  einziger  klassisch
gebildeter  Lehrer  den  ganzen  Unterricht.  1646  wurde  eine  größere
Organisation  eingeführt,  seitdem  trägt  das  gymnasium  den  Namen
„Ulrich-Schule".  Deutlich  waren  noch  die  alten  Titel.  Ün  der
Spitze  stand  früher  der  Nektar,  dann  ein  Konrektor,  ein  Subrektor,
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        I?

OC s C"!! ! OOOv%.“.ä-^&amp;gt; s wwW s .."JU , « ! u(. j

ein  Kollaborator,  schliestlich  der  Kantor.  Line  weitere  Lntwicklung
hat  der  Verlauf  des  iy.  Jahrhunderts  gebracht.  Ls  hatte  damals
Ostfriesland  nur  zwei  volle  gpmnasien,  während  Norden  und  Leer
nur  Progpmnasien  hatten.  Das  lluricher  gpmnasium  wurde
einerseits  von  den  Söhnen  der  lluricher  Kreise,  andererseits  von  den
Löhnen  der  gutsbesitzer,  geistlichen  usw.  besucht.  Ls  ergab  sich
daraus  eine  graste  Verschiedenheit  der  Qltersklassen,  die  auswärtigen
Schüler  waren  durchgängig  erheblich  älter.  Sie  pflegten  in  Bürgerfamilien ­
  zu  wohnen  und  hatten  eine  Lebensführung,  die  sehr  nahe
an  das  studentische  Leben  grenzte.  lluch  darin  bestand  ein  Unterschied,
dast  diese  Auswärtigen  meist  niederdeutsch,  plattdeutsch,  sprachen,
während  wir  lluricher  in  unseren  Häusern  hochdeutsch  sprachen,
natürlich  bei  voller  Beherrschung  auch  des  Niederdeutschen.  Dieses
Vorwiegen  des  Niederdeutschen  hatte  gute  gründe;  ich  möchte
die  jetzt  vordringende  Bewegung  zum  Niederdeutschen  nicht  bekämpfen. ­
  Über  wir  lluricher  empfanden  doch  auch  sehr  den  Miststand,
  dast  die  deutsche,  namentlich  unsere  klassische  Kultur  leicht  wie
etwas  Tremdes  erschien;  so  war  goethe  den  plattdeutsch  sprechenden
Knaben  schwer  zugänglich,  lluch  die  Wortwahl  war  durch  diese
Scheidung  von  Hoch-  und  Niederdeutsch  sehr  beschränkt.  Ls  fehlte,
wie  überhaupt  dem  norddeutschen  Leben,  der  lebendige  Zustrom  aus
der  Volkssprache.  Wir  alle,  die  wir  im  niederdeutschen  Leben
standen,  haben  im  geistigen  Schaffen  mit  der  gefahr  einer  abstrakten ­
  Sprache  und  Denkweise  zu  kämpfen.  Wir  können  diese
gefahr  bekämpfen,  aber  es  fordert  das  volle  Lnergie  und  bewustte
llrbeit.  Ich  selbst  habe  einmal  meinen  Mitschülern  vorgeschlagen,
wir  möchten  in  der  Schule  uns  untereinander  des  Hochdeutschen
bedienen,  um  jene  Kluft  zu  überwinden.  Die  Niehrzahl  der  Kameraden ­
  trat  anfänglich  meiner  llufforderung  bei,  aber  eine  Minderzahl
hielt  fest  am  Niederdeutschen,  Tag  für  Tag  gewann  diese  Minderzahl ­
  an  Boden  und  schliestlich  den  Sieg.  Ls  erklärt  sich  das  leicht
aus  der  frischen  und  knappen,  dabei  traulichen  llrt,  die  das  Niederdeutsche ­
  besitzt.  Manche  Redensarten  und  Lieblingswendungen
sind  kaum  hochdeutsch  wiederzugeben,  lluch  ich  selbst  verwende  sie
im  häuslichen  Leben  gern.
Wenden  wir  uns  von  den  Schülern  zu  den  Lehrern.  Sie  waren
früher  überwiegend  Theologen,  die  eigentliche  Philologie  hat  erst
im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  die  volle  Herrschaft  erlangt.  Die
Lehrer  waren  mehr  Lrzieher  als  gelehrte,  aber  sie  fetzten  ihre  beste
Kraft  an  die  Sache,  und  sie  traten  in  ein  enges  seelisches  Verhältnis
zu  den  einzelnen  Schülern.  Das  Technische  trat  zurück  vor  dem
Praktisch-Moralischen,  gewisse  Mängel  waren  unverkennbar.  Die
einzelnen  Leistungen  griffen  viel  weniger  ineinander,  als  es  jetzt
gefordert  wird.  Ls  wurde  z.  B.  die  Wahl  der  Lehrbücher  zum  guten
Lucken,  Lebenserinnerungen.

2
        <pb n="23" />
        OOOOOOOCOöOOOOOOOOOOO  18  ooooooooooooooooooooc
Teil  den  einzelnen  Lehrern  überlassen.  Buch  wurde  UNS  wenig
künstlerische  Ünschauung  geboten;  wir  erhielten  z.  B.  kein  genügendes ­
  Bild  von  den  klassischen  Ltätten  des  antiken  Lebens.  Über  alle
diese  Mängel  überwog  der  Borteil  einer  selbständigen  und  eigentümlichen ­
  Lnkwicklung.  Jeder  konnte  seine  eigene  Llrt  entfalten,  und
man  hatte  genügende  Zeit,  seinen  besonderen  Interessen  nachzugehen.
Es  herrschte  noch  nicht  die  unglückselige  Einrichtung  des  sogenannten ­
  Treiwilligen-Lxamens.  Lie  hat  den  Htand  der  höheren  Lchulen
aufs  schwerste  geschädigt;  die  militärischen  und  die  bureaukratischen
Interessen  überwogen  dabei  die  der  geistigen  und  seelischen  Lntwicklung;
  nainentlich  die  niittleren  Klassen  haben  sehr  darunter
gelitten.  Hannover  und  Ostfriesland  kannten  damals  sene  unglückliche ­
  Linrichtung  nicht.
Wir  alle,  welche  wir  zenes  gymnasium  besucht  haben,  bewahren
den  dortigen  Lehrern  und  der  dort  herrschenden  Denkweise  eine  aufrichtige ­
  Dankbarkeit.  Ls  kann  fremde  nicht  interessieren,  wenn  ich
das  Bild  der  einzelnen  Lehrer  zeichne;  ich  möchte  nur  hervorheben,
was  charakteristisch  war.  Direktor  war  Kothert,  ein  Westfale,  der
von  der  Ltudienzeit  her  der  Burschenschaft  eine  treue  Ünhänglichkeit
bewahrte.  Lr  hat  die  Leitung  dieses  gpmnasiums  in  tüchtiger  Weise
geführt  und  gute  Disziplin  gehalten.  Lr  führte  uns  im  griechischen
Unterricht  rasch  zur  Lektüre  der  Odyssee  und  hat  uns  dadurch  unvergestliche
  Lindrücke  geboten.  Unter  den  anderen  Lehrern  zolle  ich
Dank  und  freundschaftliche  Gesinnung  dem  Konrektor  Kuprecht.
Lr  war  der  erste,  der  sich  mit  besonderer  Wärme  ineiner  geistigen
Lntwicklung  annahm  und  es  durchsetzte,  dast  ich  eine  Klasse,  die
Obertertia,  übersprang.  Leider  hat  später  ein  zunehmendes  Ohrenleiden ­
  seine  Lehrtätigkeit  vorzeitig  gehemmt,  aber  dauernd  bin  ich  mit
ihm  in  freundschaftlicher  Korrespondenz  geblieben.  Der  spätere
Direktor  Bolkmar  führte  uns  Primaner  geschmackvoll  und  feinsinnig
in  Meisterwerke  der  antiken  Literatur  ein,  der  Konrektor  Tunck  liest
uns  die  französische  Literatur  schätzen,  der  Konrektor  Möhring  förderte ­
  meine  mathematischen  iBeigungen.  Bei  weitem  den  stärksten  Linflust
  aber  hatte  der  Kektor  Wilhelm  Keuter,  welcher  Klassenlehrer  der
Sekunda  war  und  sowohl  durch  den  Religionsunterricht  als  durch
den  deutschen  Unterricht  in  den  beiden  oberen  Klassen  mit  austerordentlicher ­
  Diese  und  Wärme  auf  die  Seelen  wirkte.  Lr  war  von
Haus  aus  inehr  Theologe  als  Philologe,  aber  er  war  auch  als
Philosoph  ausgebildet  und  hatte  sich  namentlich  gründlich  mit
Hegel  und  mit  Krause  beschäftigt.  Der  Kern  seines  Lebens  aber  lag
in  einem  tiefen  religiösen  und  moralischen  Wirken  auf  die  gemüter,
er  setzte  seine  ganze  Persönlichkeit  dafür  ein  und  gab  sich  eine  unsägliche ­
  Mühe  mit  federn  einzelnen,  um  ihn  nicht  blost  intellektuell,
sondern  geistig  und  namentlich  moralisch  zu  bilden.  Lr  war
        <pb n="24" />
        19  OOOOOOOÖOOOOOOOOOOOOO

jeden  Ougenblicf  bereit,  auf  die  Interessen  jedes  Schülers  einzugehen ­
  und  auch  ein  sprödes  Material  unverdrossen  zu  bilden.
Namentlich  in  der  Behandlung  der  Oufsätze  hat  er  unermüdlich
gewirkt.  £r  hat  nicht  selten  verschiedene  Aufsatzthemen  je  nach  der
Ort  und  Fassungskraft  der  Schüler  gestellt.  Oft  hat  er  mir  allein
ein  besonderes  Thema  aufgegeben,  um  meinen  philosophischen
Interessen  entgegenzukommen.  Dabei  stand  ich  bei  höchster  Hochachtung ­
  für  Keuter  in  einem  gewissen  gegensatz  zu  ihm.  £r  war,
wenn  auch  in  keiner  Weise  fanatisch,  so  doch  ein  strenggläubiger
Lutheraner.  Ich  aber  war  sowohl  durch  die  Zusammenhänge
meiner  Tamilie  als  durch  meine  eigenen  £indrü^e  freigestnnt.
Nun  suchte  er  alles  in  mir  zu  erwecken,  was  mich  nach  seiner  Überzeugung ­
  auf  den  rechten  Weg  führen  könnte.  £r  hat  oft  mit  mir
über  diese  Tragen  gesprochen  und  dabei  nie  die  Qukorikät  des  Lehrers,
sondern  das  Necht  der  Sache  eingesetzt.  Der  blosten  Oufklärung
war  ich  bei  aller  freien  gesinnung  von  früh  an  fremd,  aber  ich
verdnnke  Neuter,  dast  ich  die  schroffen  Zegensätze  des  Lebens  und
des  geistigen  Bestandes  der  Seele  von  Jugend  auf  durchschauen
konnte  und  dadurch  in  der  Hauptrichtung  meines  eigenen  Strebens
bestärkt  wurde.  Natürlich  blieb  ich  Neuter  dauernd  verbunden,
wir  haben  regelmästig  miteinander  korrespondiert*.  Ols  ich  ihn
zuletzt  sah,  hat  er  bitterlich  geweint.
Sehr  bedauerlich,  ja  empörend  war  es,  dast  der  tiefinnerliche
und  ganz  und  gar  auf  feine  seelenbildende  Orbeit  gerichtete  Lehrer
zum  Schlust  seines  Lebens  in  politische  Konflikte  geriet  und  dabei
eine  Behandlung  erfuhr,  die  uns  Ostfriesen  empörte.  Neuter
stammte  aus  Hildesheim  und  fühlte  sich  als  Olthannoveraner.
Nun  kam  die  Onnexion  1866;  diese  Onnexion  mit  der  £ntthronung
des  Königs  widersprach  seinem  moralischen  £mpfinden,  und  wie
er  nie  aus  seiner  Überzeugung  Hehl  machte,  so  hat  er  wahrscheinlich
auch  zu  den  Schülern  darüber  gesprochen.  Nun  müssen  irgendwelche ­
  nichtostfriesische  Schüler  ihren  Litern  davon  erzählt  haben,
wahrscheinlich  hat  sich  auch  Klatsch  daran  geknüpft;  kurz  es  wurde

*  Veröffentlicht  hat  meines  Wissens  Reuter  nur  eine  kleine  Schrift  „Lcfstngs
Erziehung  des  Menschengeschlechts.  Darlegung  des  geholtes  und  des  Zweckes"
(x88i,  80  Seiten).
Bemerkenswert  ist  die  enge  Beziehung  Reuters  mit  unserem  grasten  Juristen
Zhering.  Wie  sehr  dieser  Reuter  schätzte,  zeigt  ein  Zugendbriefvom  17.  Dezember
1840,  in  welchem  Zhering  schreibt:  „Zch  werde  es  stets  anerkennen,  welch'  einen
wohltätigen  stinflust  Sie  auf  mein  Leben  gehabt  haben,  indem  Sie  nicht  nur
den  Sinn  für  Wissenschaft  in  mir  erweckten,  sondern  mir  auch  die  Verfolgung
meiner  jetzigen  Laufbahn  so  sehr  erleichterten".
Zch  selbst  habe  in  den  Dstfricsischen  Monatsblättern  1881  meiner  dankbaren
Schätzung  Reuters  in  kurzen  Worten  llusdruck  gegeben  (S.  193—198).
        <pb n="25" />
        OOOOOOCÖOOOÖOOOOOOOOO  20  OOöOOöOöeOöOOöOÖOOOOO

eine  peinliche  Untersuchung  auf  ümtsentsetzung  des  ^vannes  eingeleitet, ­
  die  alle  Instanzen  beschäftigte.  Die  Osifriesen,  welche  ihn
durch  die  ganze  Keihe  der  Jahre  als  einen  politisch  durchaus  harmlosen ­
  Mann  kannten  und  seine  einzigartigen  Verdienste  vollauf
anerkannten,  waren  erbittert  über  diese  Behandlung  ihres  hochverehrten ­
  Lehrers.  Lie  haben  alles  mögliche  getan,  ihrer  Hochschätzung ­
  Üusdruck  zu  geben  und  haben  stch  auch  mit  eindringendsten ­
  Vorstellungen  an  die  höchsten  Behörden  gewandt.  Lchliestlich
war  das  Lrgebnis  nicht  so  schlimm,  wie  es  zu  Qnfang  dünkte.
Über  Deuter  wurde  in  den  Ruhestand  versetzt  und  verlor,  soviel
ich  weist,  auch  einen  Teil  seiner  bescheidenen  Linnahme.  Dieser  3mll
ist  charakteristisch  für  die  bureaukratische  Ürt,  die  Deutschland  wie
ein  dichtes  gewebe  umsponnen  hat.  Diese  Bureaukratie  hat  kein
Üugenmast  für  grost  und  klein,  sie  denkt  in  starren  Lchablonen
und  kann  sich  in  keiner  Weise  in  eine  fremde  Denkart  versetzen
sowie  kein  I^echt  einer  Individualität  würdigen.  Wir  erleben  auch
bis  zur  gegenwart  glanzstücke  dessen.  Üurich  hatte  in  Deuter
einen  Lehrer  von  gottes  gnaden,  der  sein  ganzes  Leben  dieser  einen
Lache  widmete,  ganze  generationen  hat  er  gebildet  und  geistig
emporgehoben,  und  nun  genügte  ein,  vielleicht  unbesonnenes  und
unkluges  Wort,  um  die  Lebenstätigkeit  eines  solchen  Mannes
schwer  zu  hemmen.

Weitere  Entwicklung.
3 »zwischen  klärten  sich  mir  auch  die  Üussichten  für  meinen
Lebensweg.  Die  Lchule  habe  ich  bald  und  ohne  Mühe  durchgemacht. ­
  Die  Hauptzeit  auster  den  Lehrstunden  konnte  ich  meinen
Ürbeiten  widmen,  die  sich  zunächst  mit  den  klassischen  Lprachen,
dann  aber  auch  mit  philosophischen  Werken  befastten.  Im  Lommer
bin  ich  regelmästig  morgens  5  Uhr  aufgestanden,  um  ungestört
meine  eigenen  Lachen  zu  treiben,  vor  einer  Keihe  von  Jahren
fand  ein  früherer  Lchulgenoffe  als  besonders  bemerkenswert  an
mir,  ich  hätte  so  gut  wie  nichts  für  die  Lchule  gearbeitet  und  wäre
doch  an  der  Lpitze  der  Klaffe  geblieben.  In  den  mittleren  Klassen
hatte  ich  geradezu  einen  Ltoffhunger,  er  trieb  mich  dazu,  ganze
Bände  des  Konversations-Lexikons  rasch  durchzulesen.  In  meiner
wissenschaftlichen  Bildung  trat  in  erster  Linie  zunächst  die  Mathematik ­
  hervor.  Üls  Kind  war  ich  ein  hervorragender  Kopfrechner;
später  entwickelte  sich  auch  eine  ausgesprochene  Neigung  zur  Mathematik. ­
  Ich  wurde  dabei  weniger  von  der  geometrie  mit  ihrer
anschaulicheren  ürt  als  von  der  reinen  Qlgebra  angezogen.  Wie
hier  so  habe  ich  überhaupt  meine  eigene  Ünlage  von  früh  an
        <pb n="26" />
        OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO  21  OOOOOOOOOOOOÖOOOOOOOO

kritisch  geprüft.  Beim  Dleulernen  einer  Sprache  z.  B.  kam  ich  nicht
sofort  auf  die  Höhe,  aber  je  mehr  die  Üufgabe  mich  beschäftigte,
deslo  sicherer  fühlte  ich  mich,  und  derSchlust  des  Schuljahres  pflegte
mich  an  der  Spitze  der  Klasse  zu  finden.  Die  Neigung  zur  Mathematik ­
  führte  meine  Mutter  und  mich  zu  dem  Plane,  auf  einer
technischen  Hochschule  Mathematik  und  Physik  zu  studieren.  Später
hat  die  Philosophie  die  Mathematik  bei  mir  zurückgedrängt,  doch
blieb  ich  bis  zum  Schlust  meiner  Schulfahre  ein  vortrefflicher
Mathematiker.  Die  Wendung  zur  Philosophie  wurde  verstärkt
durch  das  lebhafte  religiöse  Interesse,  welches  mich  von  früher
Jugend  beseelte.  MeinerTamilientradition  entsprach  ein  gemästigter
Liberalismus;  wir  fühlten  uns  von  der  Orthodoxie,  wie  sie  in  Ostfriesland
  damals  vorherrschte,  wenig  befriedigt.  Ls  waren  nicht
so  sehr  einzelne  Sätze,  welche  die  Meinigen  zum  Widerspruch  trieben,
als  die  Überzeugung,  dast  diese  Orthodoxie  bei  aller  persönlichen
Tüchtigkeit  den  grasten  Problemen  nicht  gewachsen  sei.  So  gingen
wir  von  Haus  aus  unseren  eigenen  Weg.  Dazu  kamen  meine
eigenen  Lrfahrungen,  welche  mich  stark  zur  Beschäftigung  mit
religiösen  Tragen  trieben:  der  Verlust  meiner  Lieben,  mein  zarter
gesundheitszustand,  die  mir  drohende  Blindheit.  So  hatte  meine
frühe  Kinderzeit  wenig  Sonne,  sie  war  voller  Hemmungen.  Über
ich  setzte  allen  Hemmungen  die  Überzeugung  entgegen,  dast  eine
höhere  Macht  wie  überhaupt  über  der  Menschheit,  so  auch  für  mich
selbst  walte,  und  dast  ich  ihr  vertrauen  dürfe.  Diesen  glauben  habe
ich  keinen  Üugenblick  aufgegeben;  wohl  aber  habe  ich  eine  selbstständige ­
  Kritik  an  dem  überkommenen  Kirchenglauben  geübt.
Schon  frühzeitig  habe  ich  grasten  Ünstost  an  der  überlieferten  Lehre
vom  Mittleramt  Lhristi  und  von  der  Stellvertretung  durch  ihn
genommen,  und  schon  als  kleines  Kind  habe  ich  meine  Mutter  mit
der  Trage  gequält,  warum  nicht  gott  selbst  die  Menschen  zu  sich
zöge  und  das  Böse  von  ihnen  wende.  Diese  Übweichung  von  dem
Kirchenglauben  machte  es  mir  unmöglich,  Theologie  zu  studieren.
Das  dort  gebotene  religiöse  Leben  schien  mir  zu  eng  und  zu
gebunden;  ich  habe  mich  auch  weiterhin  viel  mit  theologischen
Problemen  beschäftigt,  aber  ich  habe  keinen  Üugenblick  daran
gedacht,  Theologe  zu  werden;  die  Lrfahrungen  meines  Onkels
konnten  mich  darin  nur  bestärken.
In  der  Politik  waren  wir  Ostfriesen  vor  allem  gute  Deutsche;
ich  erinnere  mich  noch,  wie  ängstlich  wir  in  unseren  llufsätzen
den  Üusdruck  „Hannoveraner"  vermieden  und  nur  von  Deutschen
redeten.  Zugleich  war  man  durchgängig  in  Ostfriesland  freisinnig,
nicht  im  Sinne  der  Berliner  Demokratie,  wohl  aber  im  Sinne  der
alten  Tradition  von  den  freien,  selbständigen,  vor  allem  auf  das
-Recht  bedachten  Ostfriesen,  üuch  zur  hannoverschen  Kammer
        <pb n="27" />
        22

OOOOOOOOOÜOOOOOOOOOOO

pflegten  die  ostfriesischen  Kreise  überwiegend  gemüßigt  liberale
Übgeordnete  zu  wühlen,  Wun  aber  kam  seit  dem  Jahre  1858  die
Bewegung  in  preusten,  welche  eine  Belebung  der  schlummernden
Kräfte  und  eine  Linigung  Deutschlands  versprach,  gröstte  Hoffnungen ­
  für  eine  freiere  Entwicklung  und  für  die  nationale  Linigung
wurden  auf  den  damaligen  Prinzregenten,  den  spateren  König
Wilhelm,  gesetzt;  auch  die  Jugend  geriet  in  Bewegung.  Später
fehlte  es  nicht  an  Lnttäufchungen;  wir  wissen,  dast  sich  dann  die
öache  zu  einem  schroffen  Konflikt  zuspitzte.  Ls  war  namentlich  die
Heeresvorlage,  welche  die  Geister  aufregte  und  erbitterte.  Der  gute,
za  notwendige  Sinn  der  Heeresvorlage  entging  der  öffentlichen
.Meinung,  dazu  fehlte  es  an  Versuchen  einer  Üufklärung  und
Verständigung;  so  witterte  sie  in  zener  Vorlage  nur  Weaktion  und
Junkertum.  Wir  ereiferten  uns  leidenschaftlich  darüber  und  fühlten
uns  radikal  gestimmt.  Über  so  unreif  das  Leben  damals  in  polisifcher
  Hinsicht  war,  so  wohltuend  war  die  Wärme  der  moralischen
gesinnung,  namentlich  die  Überzeugung,  dast  die  gebildete  Jugend
dazu  berufen  sei,  ein  einiges  und  freies  Deutschland  hervorzubringen.
Damals  schlummerte  noch  die  soziale  gefahr  mit  ihren  ungeheuren
Problemen.  Üuch  das  lluftreten  Lassalles  wurde  meist  mit  der  bebequemen
  Wendung  zurückgeschoben,  man  dürfe  keine  Staatshilfe
erbitten,  sondern  allein  der  Selbsthilfe  vertrauen.  So  schien  der
Kern  der  ganzen  Wation  in  dem  gebildeten  Bürgerstande  zu  liegen.
Die  Studierenden  aber  schienen  besonders  berufen,  in  dieser  Wichtung
zu  wirken.  Der  einzelne  empfing  daraus  das  Bewusttfein,  dast  sein
eigenes  Bestreben  etwas  bedeute,  za  unentbehrlich  sei.  Ls  war  nach
meiner  Überzeugung  später  ein  groster  Mangel,  dast  die  akademische ­
  Jugend  viel  zu  wenig  eigene  Ideale  für  das  ganze  Leben
besäst,  und  dast  sie  nur  die  vorhandene  Ordnung  anerkennen  sollte.

Schluß  der  gymnasialzeit.
^Heine  Zpmnasialzeit  nahte  sich  nunmehr  ihrem  Lnde.  Meine
fj  I  ^.Mutter-und  ich  selbst  durften  freier  an  die  Zukunft  denken,  wir
fühlten  uns  gehoben  im  Qusmalen  schöner  Pläne.  Vas  letzte  Schulzahr ­
  brachte  mir  verschiedene  anziehende  llufgaben.  Ich  habe  verschiedene ­
  Kadetten  in  der  Mathematik  ausgebildet,  dann  erhielt  ich
durch  Weuter  und  mit  Zustimmung  des  gpmnasialdirektors  einen
eigentümlichen  Üuftrag:  ich  sollte  einen  zungen  Kaufmann,  der  zum
akademischen  Studium  übergehen  wollte,  zum  Qbgangsexamen
vorbereiten.  Ün  erster  Stelle  galt  es,  den  deutschen  Üufsatz  auf
die  Höhe  zu  bringen,  dann  aber  auch  klassische  Studien  mit  ihn.
        <pb n="28" />
        zu  treiben.  £s  war  das  für  mich,  der  ich  damals  16  Jahre  alt  war,
eine  nicht  geringe  Üufgabe,  aber  die  Lache  hat  sich  sehr  nach  Wunsch
gestaltet.  In  einem  schattigen  garten  am  Kanal,  welcher  sener
Familie  gehörte,  konnten  wie  ungestört  unsere  Studien  treiben  und
uns  zugleich  behaglich  erholen.  Die  Sache  gelang  vollauf,  und
senerhat  das  L^amen  wohl  bestanden;  leider  ist  er  aber  bald  gestorben.
Lluch  weitere  wissenschaftliche  aufgaben  kamen  an  mich:  ich  sollte
auf  Linregung  Keuters  eine  philosophische  Lrörterung  über  Liceros
Tusculanen  liefern,  im  besonderen  das  zweite  Buch  dieser  Schrift
sowohl  philologisch  als  philosophisch  durcharbeiten  und  diese  Arbeit ­
  gewissermaßen  als  Zeugnis  meiner  Leistungen  dem  gpmnasium
  einreichen.  Vas  habe  ich  am  27.  Februar  1863  getan.
Keuter  hat  sie  eingehend  beurteilt.  Qm  wenigsten  genügte  nach
seiner  Überzeugung  meine  Darstellung;  auch  könne  man,  so  meinte
er,  in  den  philosophischen  Darlegungen  leicht  Widersprüche  finden,
wenn  man  bloß  auf  die  Worte  sähe  und  nicht  dem  gedankenzusammenhang
  ergänzend  zu  Hilfe  komme.  Im  ganzen  fedoch  bezeichnete ­
  Keuter  diese  Llrbeit  als  „geeignet,  von  Luckens  Leistungsfähigkeit ­
  die  schönsten  Hoffnungen  zu  geben".  Mitten  unter  diese
Llrbeiten  und  Pläne  kam  aber  im  Winter  1862  eine  recht  schwere
Masernkrankheit,  die  mir  hohes  lieber  brachte  und  durch  Monate
hindurch  mich  geschwächt  hat.  Sobald  meine  genesung  in  sicherem
Zuge  war,  hat  Keuter  mich  in  meinem  Hause  besucht  und  die  notwendigen ­
  ausgaben  mit  mir  durchgesprochen.  So  konnte  ich  doch
schließlich  die  Sache  glücklich  zu  Lüde  führen.  Qm  Lnde  des  Jahres
1862  war  ich  selbst  und  war  auch  meine  Mutter  in  gehobener
Stimmung,  das  Ziel  lag  nun  deutlich  vor  Llugen;  es  war  uns
feierlich  zumute,  als  der  glockenfchlag  die  erste  Stunde  des  neuen
Jahres  verkündete.  Die  stille  Zeit  der  Vorbereitung  ging  zu  Lnde,
nun  galt  es  alle  Kraft  aufzubieten,  von  der  üniversität  erwartete
ich  das  allergrößte:  einen  neuen  Lebensstand.  Ich  konnte  garnicht
die  Zeit  erwarten,  in  der  es  mir  möglich  wäre,  selbständig  zu  den
tiefsten  Quellen  des  Lrkennens  vorzudringen  und  meinen  eigenen
Weg  zu  gehen.  Qlle  Sorge  schien  hinter  uns  zu  liegen,  eine
schöne  Zukunft  sich  uns  zu  eröffnen.  Inzwischen  war  über  die  Wahl
meines  Studiums  eine  genügende  Klarheit  gekommen.  Mein  Hauptziel ­
  war  die  Philosophie,  ich  hoffte  im  Laufe  .der  Zeit  darin  eine
akademische  Stellung  erreichen  zu  können.  Über  zugleich  wollte  ich
mich  auch  den  philologischen  und  historischen  Dächern  widmen,
einerseits  aus  äußeren  gründen,  um  meiner  Mutter  und  mir  eine
sichere  Lebensstellung  zu  geben,  aber  darüber  hinaus  auch  aus
einem  lebhaften  Interesse  für  das  Qltertum,  im  besonderen  für  seine
Denker,  und  für  die  geschichte,  die;  mich  ebenfalls  lebhaft  anzog.
So  habe  ich  mit  gutem  Mut  die  schriftliche  und  mündliche  Prüfung
        <pb n="29" />
        24

bestanden  und  durfte  frohen  und  dankbaren  Linnes  vom  Qpnu
nasium  und  von  den  Lehrern  scheiden.
Vun  aber  war  ein  schwerer  Lntschlust  zu  fassen:  es  galt  zu
entscheiden,  ob  ich  mich  von  meiner  Mutter  trennen  oder  ob
sie  mich  zur  Universität  begleiten  sollte.  Verschiedene  Treunde
hatten  Bedenken  gegen  ein  Llufgeben  der  Heimat,  manche
fürchteten  auch,  das  Zusammenleben  würde  mich  einengen  und
von  einer  Verbindung  mit  den  Ltudiengenossen  abhalten.  Vun
war  aber  meine  Mutter  selbst  aufs  eifrigste  bestrebt,  mich  in  einen
engen  Zusammenhang  mit  meinen  freunden  und  überhaupt  mit
der  Umgebung  zu  bringen.  Ich  sollte  nach  ihrem  plane  mich
möglichst  in  allen  Künsten  und  Wertigkeiten  ausbilden,  eifrig
Lchlittfchuhlaufen  treiben,  auch  Tanzstunden  nehmen,  die  mir
wenig  angenehm  waren;  nUr  die  Musik  war  mir  eine  rechte  Treude.
Luch  die  äusteren  Umgangsformen  sollten  nicht  vernachlässigt
werden.  Kurz,  sie  wirkte  meinem  Ltreben  nach  Philosophieren,
grübeln,  Linsamkeit  mit  besten  Kräften  entgegen,  ihren  Bemühungen ­
  war  es  vornehmlich  zu  verdanken,  dast  ich  nicht  ein
einseitiger  gelehrter  wurde.  5o  war  von  dieser  Leite  aus  für  ein
Zusammenleben  keine  gefahr  zu  befürchten.  Quch  während  der
Universitätsfahre  hat  sie  unermüdlich  gewirkt,  meine  Beziehungen
zur  Umgebung  auszubilden;  manchen  freunden  wurde  unser  bescheidenes ­
  Heim  lieb  und  wert.
War  aber  der  Lntschlust  für  eine  Trennung  von  Ostfriesland
gefastt,  so  mustten  wir  uns  auch  von  unserem  Haus  trennen,  und
es  wurde  zugleich  der  Lntschlust  gefastt,  den  Hauptteil  unserer
Möbel  zu  verkaufen.  Vie  Trennung  von  der  Ltätte,  an  der  ich  meine
Iugend  verlebte,  ist  mir  nicht  leicht  gefallen.  Quch  war  es  mir
schmerzlich,  dast  manche  Lieblingsstücke  unseres  Hausgerätes  unter
den  Hammer  kamen.  Über  wir  konnten  unmöglich  den  ganzen
Hausrat  in  die  weite  Welt  mitnehmen.  Lo  wurde  nur  ein  Teil
verpackt  und  nach  göttingen  gesandt.  Was  immer  aber  dieser
Abschied  von  der  Heimat  an  Vachkeilen  brachte,  das  wurde  weit
überwogen  durch  die  Aussicht,  in  ein  weiteres,  freieres,  reicheres
Leben  zu  kommen.  Ich  war  bei  fener  Wendung  zugleich  ernst  und
freudig  gestimmt,  ich  hatte  den  glauben  und  die  Zuversicht  einer
aufstrebenden  Iugend,  und  was  noch  wichtiger  war:  ich  trug  in
mir  selbst  eine  feste  Hauptrichtung,  die  ich  durch  mein  ganzes
Leben  festhalten  konnte.  Lchon  damals  bewegte  sich  mein  Leben
und  Ltreben  um  zwei  Pole,  dieser  Unterschied,  fa  gegensatz,  gab
meinem  Ltreben  einen  Antrieb  und  eine  Aufgabe:  Linerseits  beherrschten ­
  mich  die  grasten  Probleme  der  Keligion  und  einer  ihr
eng  verbundenen  Moral;  von  hier  aus  suchte  ich  eine  feste  Konzentration ­
  meines  Ltrebens  und  Lebens.  Llndererfeits  aber  trieb  mich
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        OOOOOCOOOOOOOOOOOO*.X. : %. :  25  000 : .. s 0 ! .. ! 0%a. s 0v : .. ! 00ö0ö00 ! j0

die  Sehnsucht  nach  mehr  Weite  und  Dreiheit  des  Kulturlebens,  das
verlangen  nach  einem  klareren  Lrkennen  und  nach  mehr  künstlerischem ­
  gestalten.  Line  Verbindung  dieser  beiden  Üntriebe,  das
war  der  grundzug  meines  Ltrebens;  beides  miteinander  sollte
einer  Lcbenserhöhung  dienen,  und  es  durchdrang  mich  ein  zuversichtlicher ­
  glaube,  nach  dieser  Dichtung  etwas  leisten  zu  können.
Vlies  nähere  mustte  sich  allmählich  weiterbilden,  aber  gegen  einen
verneinenden  Zweifel  war  ich  gesichert.  Diesen  Bestrebungen  konnte
ich  aber  nicht  nachgehen  ohne  eine  innere  Kluft  mit  meiner  Heimat
und  dem  von  ihr  gebotenen  Leben  zu  empfinden.  Das  Leben
dort  hatte  einen  festen  Boden,  und  es  war  im  Kerne  tüchtig,  aber
es  hatte  keine  Probleme  des  ganzen  Menschen,  wie  sie  mich  von
Jugend  auf  bewegten,  es  verwandelte  das  Dasein  zu  wenig  in
volle  Helbsttätigkeit.  von  diesem  Lebensproblem  aus  mustte  ich
auch  die  Unzulänglichkeit  der  dort  gebotenen  Keligion  stark  empfinden. ­
  Man  liest  sich  die  Keligion  willig  gefallen,  man  fiüchtete
sich  in  trüben  Lagen  zu  ihr,  aber  man  hatte  kein  dauerndes  inneres
Verhältnis  zu  ihr,  man  hatte  kein  starkes  verlangen  nach  ihr.  Dazu ­
  stand  mir  der  schroffe  gegensatz  des  modernen  Kulturlebens
mit  seiner  unbedingten  Lebensbesahung  und  der  christlichen  Lebensverneinung ­
  mit  klaren  Zügen  vor  Vugen.  Dabei  bleibe  ich  durch
mein  ganzes  Leben  meiner  Heimat  aufrichtig  dankbar  für  die  stille
Kühe,  die  ungestörte  Lntwicklung  meiner  Kräfte,  auch  für  manche
persönliche  Qnregungen,  aber  die  Hauptrichtung  meines  Weges
mustte  ich  selbst  suchen,  und  ich  habe  sie  nicht  ohne  manche  Mühe
gefunden.
Zn  solcher  Ltimmung  habe  ich  die  Keife  nach  göttingen  in
Begleitung  eines  Üuricher  Htudiengenoffen  angetreten.  Meine
Mutter  folgte  mir  einige  Wochen  später.  Durch  freundschaftliche
Vermittlung  war  eine  kleine  Ltage  am  Markt  in  göttingen  für
uns  gemietet.  Mit  groster  innerer  Lrregung  habe  ich  diese  Keife
begonnen.  Qm  frühen  Morgen  mustten  wir  zunächst  auf  der
Post  von  llurich  nach  Lmden  fahren,  um  die  Lisenbahn  zu  erreichen. ­
  Ls  war  mir  eine  graste  Lreude,  von  den  damals  entsetzlichen ­
  Landstrasten  durch  die  Lisenbahn  befreit  zu  werden;  ich
segnete  in  gedanken  das  Qndenken  des  Lrfinders.  Zn  Lmden
empfingen  mich  neue  Lindrücke.  Ültere  Ltudenten  begleiteten  uns.
Über  die  Linrichtung  der  Ltudien  wurde  eifrig  gesprochen,  ich
must  dabei  einen  sehr  naiven  Lindruck  gemacht  haben.  Zch  wollte
womöglich  alle  Hauptgebiete  erfassen  und  namentlich  eine  zusammenfassende ­
  Weltanschauung  entwickeln.  Zene  Lreunde  hatten
gute  gründe,  mir  davon  abzuraten;  sie  meinten  mit  Kecht,  nur  in
einer  Wissenschaft  könne  man  die  Methoden  beherrschen,  in  den
anderen  müsse  das  Lrgebnis  genügen.  Über  mir  erschien  das  als
        <pb n="31" />
        6

zu  klein  und  zu  eng.  Noch  mehr  werden  sich  meine  Neisegenofsen
amüsiert  haben  über  die  Naivität,  womit  ich  die  Natureindrücke
auf  mich  wirken  liest.  Jeder  Berg  erschien  mir  als  etwas  Besonderes ­
  und  grostes,  ich  wollte  womöglich  auch  die  einzelnen
Namen  genau  wissen;  dabei  hatte  ich  keine  Ahnung  von  der  Höhe
der  Berge,  kurz  ich  empfing  die  buntesien  Lindrücke.  Line  neue
Welt  empfing  mich.  Bon  Lmden  aus  fuhren  wir  über  Osnabrück
und  Winden  nach  Hannover,  blieben  einen  Tag  dort  und  kamen
dann  nach  göttingen.  Nach  göttingen  zog  mich  Mannigfaches.
Ls  fehlte  nicht  an  persönlichen  Beziehungen;  für  uns  Osifriefen  war
damals  göttingen  die  nüchsie  Universität.  Dabei  erfreute  sich  z,ene
Universität  eines  grostes  Nuhmes  und  einer  ausgezeichneten  Lehrerschaft. ­
  In  allen  Fakultäten  wirkten  Morscher  und  gelehrte  ersien
Kanges.  Die  Universität  war  damals  von  etwa  700  Htudenten
besucht,  was  für  fene  Zeit  eine  siattliche  Zahl  bedeutete.  Dem
dortigen  Leben  war  eigentümlich  die  Berbindung  einer  gewissen
Vornehmheit  und  einer  grasten  gediegenheit  des  wissenschaftlichen
öchaffens.  Wichtig  war  in  dieser  Hinsicht  auch  die  ausgezeichnete
Bibliothek.  Die  Universität  hatte  durchaus  keinen  provinziellen
Lharakter,  sie  wurde  nicht  nur  aus  den  benachbarten  gegenden,
sondern  von  ganz  Deutschland,  auch  vielfach  von  Ausländern  besucht; ­
  z.  B.  von  Lngländern,  Zchotten,  Llmerikanern  und  Ungarn.
Neben  göttingen  wäre  für  uns  etwa  Jena  in  Betracht,  gekommen,
wo  damals  Kuno  bischer  eine  glänzende  Lehrtätigkeit  entfaltete.
Liber  die  gründe  für  göttingen  mustten  überwiegen,  Kuno  Tischer
hätte  tatsächlichfür  meine  Bestrebungen  wenig  geboten.
        <pb n="32" />
        ‘.."J  O  v  ■•••  *..*0  VV

Die  Universitätsjahre.
^  ^ie  ersten  Lindrücke  der  Universität  teilte  ich  wohl  mit  vielen
I^ültersgenossen.  Man  fühlte  sich  in  eine  fremde  Welt  versetzt,
man  entbehrte  des  persönlichen  Llemenks,  welches  die  Heimat  und  die
genossen  boten,  man  hatte.Mühe  eine  gleichmässige  Ltimmung
zu  wahren,  man  fühlte  sich  verloren  in  den:  grasten  getriebc.
Dazu  kanr  bei  mir  eine  gewisse  Lnttäuschung  über  die  Professoren.
Ich  hatte  in  meiner  naiven  Urt  mir  fene  gelehrten  als  Weltweise
vorgestellt;  ich  erwartete  von  ihrem  Wirken  die  Lröffnung  groster
Ziele  und  fand  mich  natürlich  darin  enttäuscht.  Weiter  kam  dazu
die  Lchwierigkeit,  dast  mich  zwei  verschiedene  Uufgaben  fesselten.
Linerseits  wollte  ich  die  klassischen  Htudien  mit  den  angrenzenden
Hilfswissenschaften  als  die  Hauptsache  meiner  Qrbeit  behandeln,
andererseits  stand  meinem  inneren  Leben  und  Htreben  die  Philosophie ­
  unbedingt  voran.  Diesen  unverkennbaren  Konflikt  zwischen
llrbeit  und  gesinnung  hoffte  ich  durch  angespannte  Tätigkeit  überwinden ­
  zu  können.  Diese  Überwindung  ist  mir  aber  nicht  leicht
geworden  und  die  gefahr  eines  Bruches  lag  einmal  recht  nahe.
von  den  einzelnen  Lehrern  haben  zunächst  Lauppc,  Lurtius,
v.  Leutsch  und  Teichmüller  auf  mich  gewirkt,  lluch  die  Vorlesungen
von  Waitz  haben  mich  sehr  angezogen.  5auppe  hat  unter  den
Philologen  am  meisten  für  uns  getan.  Ihm  kam  zugute,  dast  er
eine  Zeitlang  gpmnasialdirektor  in  Weimar  war  und  auch  dem
literarischen  Leben  Weimars  nahestand.  Wit  unermüdlicher  5orgfalt
  war  er  um  seine  Zuhörer  bemüht,  federn  einzelnen  von  ihnen
stand  seine  Privatbibliothek  zur  Verfügung,  und  stets  war  er  zu  eingehendem ­
  Kat  erbötig.  Heine  vorlestingen  zeigten  Klarheit,  Zcharfsinn,
  vielseitiges  Wissen,  eine  geschmackvolle  Torrn.  Der  Philosophie
stand  er  nicht  näher.  In  anderer  Weise  wirkte  Lurtius.  Lr  fesselte
uns  durch  sein  künstlerisches  vermögen  und  durch  seine  fugendliche
irische.  Lr  entwarf  fesselnde  Bilder  der  griechischen  Welt,  die  mit
Hinreistender  Wärme  vorgetragen  wurden.  3ehr  beliebt  war  er  als
Lxaminator;  er  liest  die  einzelnen  Lsaminanden  möglichst  ihre
eigenen  Wege  gehen  und  warf  nur  gelegentlich  ein  Wort  da-
        <pb n="33" />
        zwischen;  leicht  konnte  man  bei  einiger  gewandtheit  selbst  den
Lauf  des  L)  amens  leiten..  v.  Leutfch  war  der  eingefleischte  Philologe, ­
  dem  der  Philologe  allen  anderen  Menschen  voranging.  Leine
Vorlesungen  waren  sehr  gründlich,  aber  leider  zu  weitschweifig.
Lr  behandelte  die  Ltudenten,  falls  sie  tüchtige  Philologen  waren,
sehr  liebenswürdig,  und  er  lud  öfter  kleine  Kreise  seiner  Zuhörer  zum
Llbendessen  ein,  was  damals  in  göttingen  etwas  Besonderes  war.
Zu  Lotze,  der  zweifellos  der  bedeutendste  Denker  jener  Jahrzehnte ­
  war,  habe  ich  kein  näheres  Verhältnis  gewonnen.  Leine
Vorlesungen  waren  ausgezeichnet  durch  Wissen,  Klarheit  und
Lchärfe.  Über  sie  waren  zu  technisch  für  die  meisten  Zuhörer  und
sie  boten  mir  nicht  viel  für  die  Probleme,  welche  mich  erfüllten.
Meine  erste  philosophische  Vorlesung  habe  ich  bei  ihm  überKeligionsphilosophie
  gehört.  Ls  wurden  in  ihr  die  verschiedenen  gedankengänge
  scharfsinnig  entwickelt,  aber  ich  vermiete  durchgehende  graste
Linien,  und  es  schien  mir  oft,  als  ob  er  dem  Lcharfsinn  zu  viel
zutraute.  Wir  waren  feinen  gründen  nicht  gewachsen,  aber  sie
überzeugten  uns  nicht  vollauf.  Die  Psychologie  galt  für  sein
Hauptkolleg,  sie  gab  eine  ausgezeichnete  Einführung  in  die  Probleme. ­
  Ich  habe  diesem  hervorragenden  Denker  in  smeiner  Vorstellung ­
  sicherlich  oft  unrecht  getan,  aber  ich  konnte  für  mich  nicht
das  gewinnen,  was  mir  die  Hauptsache  war:  eine  feste  Lebensrichtung. ­
  Jene  Philosophie  war  für  mich  zu  sehr  eine  gelehrtenphilosophie,
  die  das  ganze  des  gemeinsamen  Lebens  zu  wenig  berührte ­
  und  bewegte.  Dazu  kam  ein  eigentümliches  Lrlebnis,  welches
ich  beim  Doktorexamen  hatte.  Dieses  Lfamen  habe  ich  nicht  in  der
Philosophie  abgelegt,  sondern  in  der  klassischen  Philologie  und  in
der  alten  geschichte.  Ober  ich  hatte  mich  Lotze  als  einem  Mitglied
der  Prüfungskommission  vorzustellen.  Ich  berichtete  ihm  dabei
über  meine  aristotelischen  Forschungen  und  bat  ihn  um  sein  Interesse ­
  dafür.  Über  er  erklärte  die  Beschäftigung  mit  jenem  Denker
für  unfruchtbar.  Lr  meinte,  seine  Metaphysik  und  seine  Psychologie
enthielten  ohne  Zweifel  graste  Wahrheiten,  aber  die  Lchriften  seien
zu  schlecht  überliefert,  als  dast  man  sie  genügend  verstehen  könne;
die  Lthik  des  Qristoteles  aber  sei  unbedeutend,  da  möchte  er  lieber
einen  guten  französischen  Vornan  lesen.  Das  war  ohne  Zweifel  ein
augenblicklicher  Linfall  jenes  Denkers,  eine  paradoxe,  die  nicht  so
ernst  gemeint  war,  die  mich  aber,  der  ich  allen  Lifer  und  alle  Hingebung ­
  an  diese  Lache  gewandt  hatte,  verletzte.  Dast  ich  ihn,  den
man  mit  gutem  Kecht  den  modernen  Leibniz  genannt  hat,  als  einen
führenden  Denker  schätze,  das  bedarf  keines  Wortes.  Luch  anerkenne
ich  vollauf  das  gute  Kecht  und  die  Bedeutung  einer  solchen  gelehrtenphilosophie,
  aber  ich  meine,  dast  die  Philosophie  nicht  in  sie  aufgehen ­
  darf,  namentlich  wenn  eine  so  zerrissene  und  eines  festen
        <pb n="34" />
        Spaltes  so  bedürftige  Seit  die  Menschheit  umgibt,  wie  die  gegenwart
  es  ift.
Philosophisch  hat  mich  in  göttingen  besonders  Teichmüller  gefördert, ­
  ihm  verdanke  ich  namentlich  die  Linführung  in  die  Welt
des  Aristoteles.  Qus  Seiten  der  Philologen  war  damals  für  Üristoteles
  so'gnt  wie  kein  Interesse,  fa  einzelne  von  den  Studenten  tadelten ­
  es,  dast  ich  mich  mit  diesem  Denker  eingehend  beschäftigte.
Teichmüller  hat  mich  weniger  durch  seine  Vorlesungen  als  durch
feine  aristotelischen  Übungen  gefördert.  Als  ich  mich  zu  fenen
Übungen  bei  ihm  meldete,  sagte  er  mir,  ich  wäre  der  einzige,  der
bis  dahin  sich  gemeldet  hätte.  Ich  erwiderte,  es  würden  sicherlich
mehrere  Bekannte  von  mir  kommen;  die  habe  ich  für  die  Sache  gewonnen. ­
  Diese  Übungen  gaben  zunächst  den  Text  des  Aristoteles,
sie  führten  dann  weiter  in  die  sachlichen  Probleme  ein,  und  sie
zeigten  Teichmüller  als  einen  sehr  kenntnisreichen,  gewandten  und
umfassenden  Denker.  £r  war  in  gefahr,  die  historischen  Daten  zu
subjektiv  zu  behandeln,  aber  die  Trische  und  die  anregende  Art,  die
das  Zanze  beseelte,  hat  uns  sehr  gefördert.  Namentlich  berührte
es  uns  angenehm,  dast  er  bei  fenen  Übungen,  die  in  feinem  eigenen
Haufe  stattfanden,  uns  nach  getaner  Arbeit  zum  Tee  einlud,  dann
manches  von  feinen  weiten  .Reisen  erzählte,  uns  Kupferstiche
und  Photographien  vorlegte,  auch  uns  gelegentlich  zum  eigenen
Urteil  aufforderte.  So  habe  ich  in  göttingen  von  keinem  mehr
empfangen  als  von  ihm.  Qus  fenen  Übungen  ist  das  Thema
meiner  Doktordissertation  hervorgegangen,  das  ich  freilich  selbst
gewählt  habe,  und  das  mir  durch  die  enge  Verbindung  der  philologischen ­
  und  philosophischen  Arbeit  wertvoll  war.  Teichmüller
verdanke  ich  auch  die  Linführung  in  das  Haus  Trendelenburgs;
später  wurde  ich  als  fein  üachfolger  nach  Bafel  berufen.  £r  selbst
folgte  dann  einem  Kuf  nach  Dorpat,  wohin  ihn  persönliche  Beziehungen ­
  riefen.  £r  hat  in  der  gelehrten  Welt  nicht  die  Anerkennung
gefunden,  die  ihm  gebührte.—Unerwähnt  möchte  ich  nicht  lassen,  dast
auch  der  Ästhetiker  Bohtz  sich  meiner  freundlich  annahm,  und  dast
ich  auch  einzelne  kunstphilosophische  Vorlesungen  bei  ihm  hörte.  —
inzwischen  warf  ich  mich  mit  ganzem  Lifer  auf  das  Studium  der
grosten  philosophischen  Werke,  und  ich  suchte  ihren  Lindruck  auf
mich  gewissenhaft  festzulegen.  Die  Kritiken  Kants  wurden  mit
voller  Hingebung  ergriffen,  aber  sie  boten  mir  manche  Probleme, ­
  denen  ich  einstweilen  nicht  gewachsen  war.  Lher  durfte  ich
mir  ein  selbständiges  Urteil  über  das  Hauptwerk  von  David  Straust
zutrauen.  Die  dort  gebotene  mythische  Deutung  der  Sage  setzte
nach  meiner  Überzeugung  einen  historischen  Kern  schon  voraus,
und  es  schien  mir  künstlich,  die  Prädikate,  welche  die  Kirche
Lhristus  beilegt,  der  ganzen  Menschheit  zuzuerkennen,  da  das
        <pb n="35" />
        nicht  blosS  eine  äußere  Ünöerung,  sondern  eine  völlige  Wandlung
bedeute.
Sair  Philosophie  war  damals  dort  wenig  Interesse.  Linige  Vorlesungen ­
  waren  stark  besucht,  aber  von  eigenem  Leben  war  wenig
zu  verspüren.  Die  politischen  und  nationalen  Interessen  standen
im  Vordergründe.  Der  Rückschlag  gegen  die  spekulative  Philosophie ­
  war  noch  in  voller  Wirkung,  man  hörte  manchen  geringschätzigen ­
  Liusdruck  über  die  Philosophie.  Von  den  Denkern  hatte
wohl  Lchopenhauer  die  meisten  freunde,  vor  Kant  hatte  man  einen
großen  Kespekt,  später  gewann  Hartmann  viel  Interesse,  und  es
entwickelte  sich  im  Neukantianismus  (3%  LI.  Lange)  eine  eigentümliche ­
  Denkweise.
Zwischen  Professoren  und  Ltudenten  bestand  das  beste  Verhältnis. ­
  Wir  hatten  die  größte  Hochachtung  für  unsere  Lehrer,  und  sie
waren  uns  gegenüber  durchaus  freundlich  und  gütig,  aber  man  vergaß ­
  nie  den  weiten  Unterschied,  welcher  die  erst  Lernenden  von  den
Lpitzen  der  Forschung  trennte.  Ls  fiel  uns  nicht  ein,  mit  ihnen  auf
dem  5ätß  der  gleichheit  zu  verkehren.  Vuch  lag  es  der  damaligen  Zeit
fern,  eine  Mitwirkung  in  akadeniifchen  Llngelegenheiten  zu  erstreben.
Die  einen  waren  vornehmlich  mit  dem  korporativen  Leben  der  Verbindungen, ­
  die  anderen  mehr  mit  der  wissenschaftlichen  Llrbeit  beschäftigt. ­
  Die  Forschung  galt  entschieden  als  die  Hauptsache  des
ganzen.  Daß  die  Zahl  der  Ltudenten  weit  geringer  war  als  fetzt,
mußte  den  Lharakter  des  ganzen  persönlicher  gestalten.
Das  damalige  studentische  Leben  hatte  weit  weniger  gliederung
als  das  fetzige.  Die  Ltudentenschaft  keilte  sich  in  Korps,  Burschenschaften ­
  und  Vichtinkorporierte.  Unter  diesen  bildeten  die  sogenannten ­
  „Blasen"  festere  Verbindungen.  Oie  Hauptstellung  hakten
damals  die  Korps,  deren  es  sieben  gab.  Burschenschaften  und
Vichtverbindungs-Ltudenten  gingen  in  mannigfachen  tragen  zusammen. ­
  Ligentümlich  war  es,  daß  die  Kräfte  der  verschiedenen
Dichtungen  sich  auf  einem  harmlosen  gebiete  miteinander  maßen.
£s  bestand  damals  ein  literarisches  Museum,  das  Lesezimmer  und
gefellschaftszimmer  besaß,  auch  Vergnügungen,  namentlich  Bälle,
veranstaltete.  Die  Ltudenten  hakten  das  Kecht,  außerordentliche
Mitglieder  zu  werden,  und  ihre  Vertreter  durften  die  Leitung  der
Bälle  übernehmen.  Lo  entstand  die  Trage,  welche  Partei  möglichst
viel  Ltimmen  aufbringen  könnte.  Ls  war  ein  eifriges  Wirken  und
Wühlen,  „Keilen";  manche  traten  in  das  Museum  ein,  bloß  um  an
fener  Wahl  teilzunehmen,  gewöhnlich  hatten  die  Korps  die  Mehrzahl. ­
  Lpäter  erschien  es  als  ein  großer  Lieg,  als  die  Vichtkorpsstudenten
  zeitweilig  die  Lache  an  sich  nahmen.
Ich  selbst  hatte  mich  von  LInfang  an  einer  freieren  Verbindung,
der  „Crista",  angeschlossen.  Ls  wurde  mir  aber  bald  klar,  daß
        <pb n="36" />
        die  Beteiligung  Daran  sich  nicht  mit  Dem  Zusammenleben  mit
meiner  Mutter  vertrüge;  so  bin  ich  in  aller  Freundschaft  von  Den
priesen  geschieden,  bin  aber  Dauernd  in  guten  Beziehungen  mit
ihnen  geblieben.  Ich  hatte  Durch  meine  Mutter  ein  recht  behagliches
häusliches  Leben.  Oft  besuchten  mich  dortige  freunde,  nicht  bloß
Deutsche,  sondern  auch  Ungarn,  Schotten  usw.  Ost  wurden  gemeinsame ­
  Spaziergänge  und  Liusstüge  unternommen.  Meine  freunde
und  ich  haben  z.  B.  einmal  eine  ganze  Mondnacht  im  Walde  zugebracht. ­
  Lluch  fehlte  es  nicht  an  Linladungen  zu  befreundeten
Familien.  So  gedenke  ich  mit  besonderem  Vergnügen  der  Linladungen
  von  uns  freunden  seitens  des  ländlichen  Pfarrhauses
chosdorf.  Volkslieder  wurden  gesungen,  manche  tragen  halb  ernsi,
halb  scherzhaft  erörtert.  Vor  allem  aber  haben  meine  Mutter  und
ich  die  anmutige  gegend  von  göttingen  vielfach  durchwandert  und
oft  unser  Mittagsmahl  in  einem  einfachen  Dorfwirtshause  eingenommen. ­
  Sie  hatte  viel  Freude  an  dem  neuen  bewegteren  Leben,  das
uns  umfing.  3nir  meine  geistige  Lntwicklung  und  für  den  gewinn
vielfacher  Vnfchauung  war  wichtig,  daß  meine  Mutter  und  ich
trotz  unserer  bescheidenen  Mittel  in  federn  Jahre  eine  größere  cheise
unternahmen.  Die  erste  dieser  weisen  ging  nach  Thüringen,  wo
wir  namentlich  Lisenach  und  Weimar  mit  ehrfurchtsvoller  gesinnung
  betraten  und  ferner  uns  der  herrlichen  thüringer  Wälder
freuten.  Die  zweite  Keise  ging  nach  dem  Harz,  die  dritte  nach
dem  chhein.  Bei  Stolzenfels  habe  ich  zuerst  den  chhein  mit  gehobenen ­
  gefühlen  erblickt,  dann  fuhren  wir  über  Köln  nach  Mainz
und  Frankfurt,  das  damals  fa  die  Hauptstadt  des  Bundes  war
und  manche  bunte  Uniformen  aufwies.  Daß  ich  schon  vier  Jahre
darauf  eine  angenehme  Stellung  in  Frankfurt  bekleiden  sollte,  das
konnte  ich  nicht  voraussehen.
Frankfurt  bringt  mich  auf  den  Türstentag  von  1863.  Ls  war
damals  eine  eigentümliche  Atmosphäre,  feder  fühlte,  daß  es  so,
wie  es  bisher  stand,  nicht  bleiben  konnte,  großdeutsche  und  Kleindeutsche,
  wie  sie  damals  hießen,  stritten  um  die  gestaltung  der
deutschen  Verhältnisse.  Zn  unserer  Umgebung  überwog  die  preußische ­
  Stimmung.  Man  fühlte  deutlich  genug,  daß  der  von
Österreich  mit  seinem  Völkergewirr  betretene  Weg  nicht  zum  Ziele
lühre.  In  diese  schwankende  und  schwüle  Stimmung  kam  im  November ­
  1863  der  Tod  des  dänischen  Königs  und  stellte  Deutschland
vor  die  SFrage,  was  aus  den  Herzogtümern  Schleswig-Holstein
werden  solle.^  Ls  war  die  allgemeine  Überzeugung,  daß  Deutschland ­
  seine  «stechte  nicht  aufgeben  dürfe  und  daß  alle  deutschen
Regierungen  bei  dieser  Trage  zusammengehen  müßten.  Liber  alsbald ­
  erschienen  auch  hier  große  Zerwürfnisse,  und  in  dieser  Lage
fühlte  das  deutsche  Volk  und  mit  ihm  auch  die  deutsche  Studenten-
        <pb n="37" />
        sch  äst  sich  berufen,  dem  Willen  Deutschlands  einen  kräftigen  Qusdruck
  zu  geben.  Ls  war  für  Hannover  namentlich  der  io.  Januar
1864,  wo  eine  Landesversammlung  aus  allengegenden  des  Königreiches ­
  abgehalten  wurde,  um  die  eigene  Regierung  zu  einem
kräftigen  vorgehen  zu  treiben.  Luch  manchen  Ltudenten  schien  es
erwünscht,  fene  Versammlung  zu  besuchen.  Wir  fuhren  in  tiefer
Wacht  mit  einem  sehr  langsamen  Zug  nach  Hannover,  besichtigten ­
  die  dortigen  Museen  und  verübten  natürlich  auch  manche
kleine  Webereien.  Mittags  war  fene  Versammlung  sehr  siark  besucht. ­
  Unter  den  Hauptrednern  war  auch  unser  verehrter  Lehrer
Lauppe.  Ich  hahe  diese  Weden  mit  großer  Hingebung  verfolgt,
aber  ich  habe  sofort  den  Lindruck  empfangen,  daß  in  solchen
Massenversammlungen  nicht  der  gehalt  und  die  Wucht  der  Überzeugung ­
  entscheidet,  sondern  die  Verwendung  möglichst  schroffer
und  leidenschaftlicher  Üusdrücke.  Lchon  von  da  an  sind  mir  solche
Massenversammlungen  in  hohem  grade  unsympathisch  gewesen.
Qm  Qbend  hatten  wir  noch  eine  besondere  Treude,  die  uns  sogar
zu  einer  gewissen  politischen  Demonstration  verhalf.  Qn  fenem
Qbend  wurde  die  Oper  „Templer  und  Jüdin"  gegeben.  Oie  Hauptrolle ­
  hatte  Wiemann,  der  damals  auf  der  Höhe  seiner  Kunst  und
seines  Wuhmes  stand.  Lr  sang  eine  Qrie,  die  den  Wortlaut  hatte:
„Du  stolzes  Lngland  freue  dich"  usw.  Ltatt  aber  diese  Worte  zu
singen,  sang  er  aus  der  damaligen  Ltimmung  heraus:  „Du  stolzes
Lngland  schäme  dich"  usw.  und  setzte  einige  kräftige  Worte  gegen
Lngland  hinzu.  In  dem  Qugenblick,  wo  er  solche  Worte  sagte,  erhoben ­
  sich  sämtliche  Ltudenten,  brachten  dem  Länger  ein  begeistertes ­
  Hoch  und  baten  dringend  um  eine  Wiederholung  jener
Worte.  Die  Musik  schwieg,  er  sang  trotzdem.  Der  anwesende  König
zog  sich  mit  seiner  Umgebung  zurück,  wir  aber  hatten  das  gefühl,
eine  große  Lache  geleistet  zu  haben.  Wiemann  hat  den  Vorfall
in  seinen  Lrinnerungen  erwähnt  und  berichtet,  daß  er  damals
in  eine  unbedeutende  Geldstrafe  genommen  worden  fei.  Qm  folgenden ­
  Tag  wurde  unserem  verehrten  Lehrer  eine  Huldigung  durch  einen
Lorbeerkranz  überbracht.  Wir  ließen  es  aber  nicht  bei  jenen  Worten
bewenden,  sondern  wir  bildeten  eine  Qrt  von  Freikorps  zugunsten
und  zur  Verteidigung  der  Wechte  des  Herzogs  von  Qugustenburg.
Ls  wurde  das  leidlich  organisiert;  frühmorgens  wurde  unter  der
Leitung  eines  verabschiedeten  Offiziers  exerziert,  göttinger  Bürger
waren  so  freundlich,  uns  mit  gewehren  zu  versehen,  die  aber  meist
so  veraltet  waren,  daß  ihre  Verwendung  nicht  ungefährlich  war.
Qllzu  streng  ging  es  dabei  nicht  zu.  Den  Feldwebeln,  die  unsere
Übungen  im  einzelnen  leiteten,  wurde  eindringlich  ein  höfliches
Benehmen  eingeschärft.  Immerhin  übten  wir  uns  und  hatten  einmal
einen  großen  Übungsmarsch,  der  damit  schloß,  daß  ein  Teil  der
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        ötuöenten  ein  Wirtshaus  besetzen,  her  größere  Xets  aber  dieses
Haus  erstürmen  sollte.  Dabei  wurden  natürlich  manche  lenster
zerschlagen.  Schließlich  einigten  die  Parteien  sich  beim  glase  Bier,
und  der  Besitzer  erhielt  eine  reichliche  Lntschädigung.  Bald  aber
wurde  die  Hache  ernster;  das  eherne  Waffenspiel  um  Schleswig
begann,  Dann  kam  die  Neugestaltung  der  Verhältnisse;  für  unsere
Bestrebungen  war  kein  Platz,  sie  konnten  leicht  als  Spielereien  erscheinen. ­
  Liber  es  war  doch  bedauerlich,  daß  die  darin  erwiesene
gesinnung  bei  den  Staatsmännern  nicht  das  mindeste  Verständnis
fand,  daß  alles  „von  oben"  geordnet  wurde.
Inzwischen  verfolgte  ich  eifrig  mein  wissenschaftliches  Ziel.  Die
Hache  verlief  nicht  glatt,  es  waren  ernste  Zweifel  zu  überwinden.
Ich  hatte  das  Htudium  der  Philologie  und  der  Philosophie  in  dem
guten  glauben  begonnen,  beide  Wissenschaften  mit  gleichem  Lifer
betreiben  zu  können.  Nach  und  nach  aber  wurde  mir  klar,  daß
das  auf  die  Dauer  nicht  möglich  war.  Wein  unbegrenzter  Wissensdurst ­
  trieb  mich  dazu,  in  den  beiden  ersten  Lemestern  ungeheuer
viele  Vorlesungen  zu  hören  und  allen  Ünregungen  zu  folgen;  so
wurden  z.  B.  Politik,  Neligionsphilosophie,  Hanskrit  mit  Übungen
usw.,  dazu  die  wichtigsten  philologischen  Vorlesungen  betrieben.
Ls  mußte  mir  einleuchten,  daß  eine  Lntscheidung  nach  dieser  oder
fener  Heike  notwendig  sei.  Nun  boten  die  damaligen  philologischen
Vorlesungen  für  meine  philosophischen  Interessen  recht  wenig.  Im
Hintergründe  hatte  ich  noch  immer  die  mathematischen  Interessen,
und  so  erwog  ich  ernstlich  den  Plan,  die  Philologie  aufzugeben
und  mich  der  Naturwissenschaft  und  der  Mathematik  zu  widmen.
Ich  war  schon  nahe  daran,  niich  als  Ltudiosus  der  Naturwissenschaften ­
  einzuschreiben;  meine  gute  Mutter  war  trotz  der  unverkennbaren ­
  Nachteile,  die  der  Wechsel  des  Studiums  bringen  mußte,
einverstanden.  Da  betrat  ich  zu  Beginn  des  dritten  Semesters  das
philologische  Seminar  und  erfuhr,  daß  ich  neben  anderen  zuni
ordentlichen  Mitglied  des  Seminars  ernannt  fei.  Diese  Tatsache  gab
mir  doch  zu  denken.  Ich  konnte  nicht  ganz  unbegabt  für  die  sprachlichen ­
  Studien  sein,  wenn  mir  zene  geschätzte  Mitgliedschaft  so  zufiel.
Zch  sah  einen  Wink  des  Schicksals  darin,  die  alte  Bahn  getrost  weiter
zu  verfolgen,  und  ich  habe  diese  Lntscheidung  bald  als  durchaus
richtig  erkannt.  Denn  meine  Begabung  lag  nicht  in  der  Naturwissenschaft, ­
  sondern  in  den  geisteswissenschaften  und  in  der  ihnen
verbundenen  Philosophie.  freilich  war  nicht  zu  verkennen,  daß
durch  zene  Wendung  die  Philosophie,  wenn  auch  nicht  meiner
Zrundüberzeugung,  so  doch  meiner  Arbeit  ferner  rückte.  Über  ich
war  viel  zu  jung  und  viel  zu  unreif,  um  mir  in  der  Philosophie
einen  eigenen  Weg  zu  suchen.  So  habe  ich  nun  niit  größerer  Treude
und  Konzentration  mich  den  philologischen  Üufgaben  gewidmet,
Lucken,  Lebenserinnerungen,

3
        <pb n="39" />
        0Uv000 ! .. : y00 J .. ! ö0 : .. !: J ! .. : v : .. : 000  34  ooooooooooooooooooooo

und  ich  habe  schließlich  in  Aristoteles  einen  gegenständ  gefunden,  der
für  mich  beide  Leiten  verband.  Zu  Aristoteles  stand  ich  in  einem
eigentümlichen  Verhältnis:  der  tiefste  grundzug  feines  Strebens
konnte  meiner  mehr  dualistischen  Denkweise  nicht  entsprechen,  aber
in  der  Lebensgesialtung  und  der  Lebensweisheit  habe  ich  ihn  stets
als  einen  großen  Weisen  verehrt.  Ühnlich  ging  es  mir  mit  goethe,
bei  dem  mir  ebenfalls  tiefste  Überzeugung  und  Lebensweisheit  einander ­
  nicht  voll  zu  entsprechen  schienen.
Jene  Verbindung  von  Philologie  und  Philosophie  führte  mich
zu  meiner  voktorarbeit  über  die  Sprache  des  Aristoteles.  Oie
aristotelischen  Studien  standen  damals  in  hoher  Schätzung.  Hervorragende ­
  Männer  wie  Trendelenburg,  Bonitz,  Brandis,  Prantl  usw.
beherrschten  die  Arbeit  der  Universitäten.  Über  die  eigentümliche
Sprache  des  Üristoteles  wurde  wenig  beachtet.  Bonitz  hatte  nach
dieser  Dichtung  ausgezeichnete  Untersuchungen  geliefert,  aber  es
blieb  noch  manches  zu  tun;  so  konnten  meine  Untersuchungen
nicht  als  überflüssig  erscheinen.  Das  Jahr  1866,  in  dem  ich  diese
Dissertation  abschloß,  war  für  mich  besonders  wichtig.  Ich  hatte
die  Absicht  im  Sommersemester  zu  promovieren,  was  auch  am
2.  Juni  geschehen  ist,  und  sofort  das  Oberlehrerefamen  zu  bestehen,
was  dann  im  Oktober  erfolgte.  So  waren  fene  Monate  für  mich
eine  Zeit  härtester  Arbeit;  ich  bin  damals  oft  schon  vor  5  Uhr  aufgestanden. ­

In  diese  arbeitsreiche  Zeit  fiel  die  große  politische  Wendung  der
deutschen  geschicke;  sie  ergriff  auch  unsere  nächste  Umgebung.
1865  noch  feierten  wir  in  göttingen  die  Linweihung  eines  neuen
Kollegienhauses.  Der  König,  übrigens  ein  sehr  stattlicher  und
vornehm  aussehender  Mann,  kam  selbst  nach  göttingen,  und
hat  zu  der  Versammlung  der  Professoren  und  Studenten  eine
gedankenreiche  Kede  gehalten.  Diese  ruhte  auf  dem  grundgedanken,
daß  wohl  ein  gemeinsames  Streben  das  deutsche  Leben  zusammenhalten, ­
  daß  es  aber  auf  dem  Weg  der  Zwderalität  geschehen  müsse.
Übrigens  verlief  das  Test  glänzend.  Die  Studenten  brachten  einen
Tackelzug,  und  ihre  Vertreter  wurden  zur  königlichen  Festtafel
eingeladen.  Aber  bald  wurden  die  Wolken  immer  drohender.
Niemand  aber  konnte  daran  denken,  daß  gerade  in  göttingen
das  Ungewitter  sich  entladen  würde.  Ich  selbst  empfing  die
vachricht  von  diesem  drohenden  Unwetter  in  einem  kleinen
Freundeskreis,  der  den  gewinn  eines  wissenschaftlichen  Preises
durch  einen  unserer  genossen  feierte.  Am  späten  Abend  rief  einer
von  diesen  in  großer  Aufregung  uns  zu:  die  ganze  Stadt  ist
voller  Soldaten!  Natürlich  stob  unser  Freundeskreis  sofort  auseinander; ­
  wir  konnten  noch  etwas-  nützen,  um  die  Offiziere  und
die  Soldaten  in  ihre  Quartiere  zu  führen.  Wir  erfuhren  dann,
        <pb n="40" />
        OOOOÖOOOOOOOOOOOOOOOO  35  OOOOOOOOOOOOOOOOOÖÖOC

vast  die  hannoverschen  Truppen  unmittelbar  und  ohne  alles  gepäck
vom  Lserzierplatz  nach  göttingen  befördert  wurden.  3o  hatteir
fene  Offiziere  keine  Möglichkeit  gehabt,  sich  auch  nur  mit  den  nötigsten
Dingen  zu  versorgen.  Zugleich  verbreitete  sich  die  Nachricht,  dast
auch  der  König  in  göttingen  anwesend  sei  und  in  dem  gasthof
„Zur  Krone"  wohne.  Nun  gab  es  eine  ungeheure  Qufregung.  Ülle
Verbindungen  nach  drausten  waren  zerstört,  die  sonderbarsten
gerächte  durchschwirrten  die  3tadt.  3o  verbreitete  sich  unter  anderen ­
  das  gerächt,  die  Österreicher  hätten  sich  Dresdens  bemächtigt
und  marschierten  schon  auf  Berlin,  und  bayrische  Truppen  seien  im
Vormarsch  auf  göttingen,  um  sich  mit  den  Hannoveranern  zu
vereinigen.  Ls  war  mir  selbst  interessant  zu  erfahren,  wie  leicht  sich
in  solcher  gespannten  Lage  bloste  Möglichkeiten  zu  Wirklichkeiten
verdichten.  Ich  selbst  habe  mit  Holdaten  gesprochen,  deren  einer
ganz  bestimmt  versicherte,  er  selbst  habe  bayrische  Truppen  gesehen
und  gesprochen.  £r  must  natürlich  irgendwelche  andere  Leute  dafär
gehalten  haben.  Die  HtuSenten  waren  politisch  sehr  geteilter
Meinung.  Die  meisten  Ülthannoveraner  waren  erbittert  gegen
preusten,  alle  aber  waren  einig,  bei  einer  etwaigen  Hchlacht  den
Verwundeten  möglichst  zu  helfen.  £s  wurden  schon  Vorbereitungen
zur  Organisation  der  Hilfe  getroffen.  Bald  aber  verbreitete  sich
das  gerächt,  der  König  und  sein  5tab  würden  göttingen  verlassen
und  sich  mit  der  Qrmee  nach  Thüringen  begeben.  Qm  frühen
Morgen  erfolgte  diese  Übreise;  ich  selbst  habe  von  meiner  Wohnung
aus  den  König  auf  seinem  letzten  Kitt  gesehen.  Ich  wurde  somit
Zeuge  eines  ergreifenden  geschichtlichen  llktes.  Der  König  bog  bei
diesem  Kitt  in  eine  verkehrte  gasse  ein  und  mustte  erst  durch  den
Üdzutanten  nach  der  richtigen  öeite  geleitet  werden.  War  das
nicht  ein  Omen?
Nach  dem  Übzug  der  hannoverschen  Truppen  war  göttingen
ohne  alle  Obrigkeit.  Manche  Htudenken  verbreiteten  übertriebene
Bilder  von  einer  drohenden  Plünderung,  und  diese  fanden  soweit
glauben,  dast  die  Ltudentenschaft  die  Qufforderung  erhielt,  selbst
die  Ordnung  in  der  ötadt  in  die  Hand  zu  nehmen.  Sie  erklärte
!lch  dazu  gern  bereit,  aber  sie  verlangte  eine  gewisse  Bewaffnung;
sedem  sollte  ein  gewehr  und  ein  öäbel  aus  dem  städtischen  Zeughause ­
  zustehen.  So  kam  es  denn  auch.  Wir  marschierten  und
patrouillierten  durch  die  ganze  Ltadt;  Korps,  Burschenschaften  und
Wilde  waren  in  diesem  Talle  völlig  einig.  Die  akademischen  Hauptgebäude ­
  wurden  unter  uns  verteilt  und  genügend  Hauptpunkte
eingerichtet.  Während  der  Nacht  waren  durchweg  Wachen  aufgestellt
und  wurde  fortwährend  patrouilliert.  Jeder  einzelne  Trupp  hatte
eine  besondere  Üufgabe.  Ich  selbst  erhielt  z.  B.  die  Oufgabe,  in
der  Nacht  von  12  bis  2  Uhr  den  göttinger  Bahnhof  daraufhin
        <pb n="41" />
        OOOOOOOOOÖOOOOOOOOOOO  36  OOOOOOOÖOOOÖOOOÖOOOOO

zu  untersuchen,  ob  nicht  bedenkliche  SubjeFte  sich  dort  versteckten.
Lchliestlich  wurde  diese  Polizeitätigkeit  der  Ltudenten  freilich  zu
bunt  und  ausgelassen,  so  dast  der  damalige  Prorektor  sein  tiefes
Bedauern  darüber  aussprach,  dast  die  akademische  Jugend  so  wenig
3inn  für  die  Not  des  Vaterlandes  habe;  damit  fand  unsere  obrigkeitliche
  Tätigkeit  ein  rasches  Lnde.  Die  Jugend  vermag  eben  mit
grostem  Trust  der  gesinnung  eine  Lust  an  kecken  Htreichen  unmittelbar ­
  zu  verbinden.  Nach  wenigen  Tagen  kamen  die  preusten.
Inzwischen  war  die  graste  Wendung  erfolgt,  welche  auf  lange
Zeit  das.  öchicksal  Deutschlands  entschieden  hat:  die  zur  Bismarckfchen
  Politik.  Diese  Wendung  spaltete  auch  die  geister  der  Jugend.
Die  zungen  Leute  waren  vor  zenem  Krieg  zum  gröstten  Teil  entschieden ­
  liberal,  za  oft  radikal  gesinnt,  aber  sie  waren  zugleich
durchaus  national;  wir  hofften  auf  ein  einiges  Deutschland,  das
mit  der  nationalen  Wacht  zugleich  die  politische  Freiheit  und  die
volle  Lntwicklung  aller  Kräfte  bringen  sollte.  Die  wirtschaftlichen
Tragen  beschäftigten  uns  nur  nebenbei;  die  gewaltige  Ausdehnung
der  modernen  Industrie  und  Technik  war  damals  erst  im  Werden;
was  daraus  an  Verwicklungen  entstehen  mustte,  das  konnten  wir
in  keiner  Weife  übersehen.  Vuch  von  Weltpolitik  war  damals
wenig  die  Kede;  das  einige  Deutschland,  so  hoffte  man,  würde
alles  in  beste  Ordnung  bringen.  Zugleich  fühlte  die  akademische
Iugend  sich  besonders  berufen,  den  grosten  Üufstieg  zu  führen.
Zweifellos  war  dabei  mancher  Überschwang,  auch  viel  Unreife  des
Urteils;  aber  für  die  gesinnung  war  es  ein  Vorteil,  dast  man  die
Vufgabe  als  eine  eigene  ergriff  und  sich  verpflichtet  fühlte,  alle
Kraft  dafür  einzusetzen.
Die  Bismarcksche  Politik  dagegen  stellte  die  Lage  unter  einen
völlig  neuen  Ünblick.  Hatten  wir  bis  dahin  die  Linigung  Deutschlands ­
  vom  gemeinsamen  Willen  des  ganzen  Volkes  erwartet,  so
wurde  uns  nun  zene  Leistung  von  oben  her  entgegengebracht.  Die
einzelnen  hatten  kaum  etwas  Tigenes  zu  tun,  sondern  nur  sich
willfährig  der  gebotenen  gestaltung  einzufügen.  Die  überwiegende
Mehrzahl  folgte  dieser  Kichtung;  es  wirkte  wohltuend  und  befestigend, ­
  dast  sich  aus  dem  wirren  getriebe  Ser  Parteien  und  der
sich  gegenseitig  widersprechenden  Programme  eine  feste  Hand  hervorhob ­
  und  ein  deutliches  Ziel  vorhielt.  Qndere  aber  konnten  bei
aller  Qnerkennung  der  überlegenen  graste  des  Mannes  die  Tatsache ­
  nicht  vollauf  verwinden,  dast  zene  Wendung  ohne  alle  öelbsttätigkeit
  des  Volkes  erfolgte,  und  dast  sie  zugleich  in  die  Bahnen
eines  ausgesprochenen  Kealismus  geriet.  Diesen  Männern  erschien
die  Wendung  als  zu  äusterlich,  als  zu  einseitig  militärisch  und  wirtschaftlich. ­
  lluch  ich  selbst  konnte  bei  aller  Qnerkennung  und  Bewunderung ­
  der  genialen  politischen  und  diplomatischen  Leistungen
        <pb n="42" />
        *

OOOOOfcOOOOOOOOOOOOOOO  37  ooooooooooooooooooooo

Bismarcks  keine  reine  Freude  an  ^ener  Wendung  empfinden.  Ich
hatte  gehofft,  dem  äußeren  Llufschwung  würde  auch  ein  innerer
entsprechen,  und  es  würde  das  Leben  mehr  in  Lelbsttätigkeit  gestellt
werden.  Werner  schien  mir  fene  Politik  die  ideellen  Faktoren  des
menschlichen  Zusammenseins  zu  unterschätzen,  öo  war  mir  später
unsympathisch  der  Kulturkampf,  unsympathisch  die  schroffe  Vrt,
wie  die  unserem  Staatsverbande  einverleibten  Völker  behandelt
und  selbst  in  ihrer  Muttersprache  eingeengt  wurden;  unsympathisch
auch  das  Sozialistengesetz  mit  seinem  verfehlten  Versuch,  eine  weltgeschichtlicheBewegung
  durch  polizeilicheMaßregeln  zu  unterdrücken.
Die  Schuld  ^ener  Wendung  lag  freilich  weniger  an  Bismarck,
dessen  unermeßliche  Verdienste  über  aller  Kritik  flehen,  als  an  der
Schlaffheit  und  Trägheit  des  deutschen  Bürgertums,  das  völlig  zufrieden ­
  war,  wenn  es  ihm  nur  wirtschaftlich  gut  ging.  Man  erklärte
sich  als  „rcichstreu",  was  im  gründe  selbstverständlich  war,  man
bezahlte  einen  bescheidenen  Beitrag  für  die  Parteikasse,  man  besuchte
gelegentlich  eine  Versammlung  und  ließ  das  deutsche  Leben  mit
allen  seinen  inneren  Problemen  ruhig  stehen,  wie  es  stand.  Ich
habe  in  Herren  Zeiten  wohl  an  das  bekannte  Wort  gladstones  gedacht, ­
  Bismarck  habe  Deutschland  größer,  die  Deutschen  aber  kleiner
gemacht.  Dieser  verzicht  des  deutschen  Bürgertums  auf  einen
selbständigen  Willen  und  auf  seine  Durchsetzung  hat  sich  im  Verlauf ­
  der  geschichte  schwer  gerächt;  die  Lache  konnte  nur  so  lange
gelingen,  als  ein  überlegener  geist  das  ganze  lenkte;  sobald  die
Leitung  an  mittelmäßige  und  gar  an  schwankende  Menschen  kam,
war  das  Unglück  nicht  zu  verhüten.  Tür  mich  selbst  ergab  sich  als
notwendige  Tolge  eine  Zurückhaltung  von  allem  politischen  parteileben; ­
  ich  konnte  meine  besondere  Llufgabe  nur  in  einer  inneren
Kräftigung  unseres  Volkes  und  der  Menschheit  finden;  das  gab
mir  im  Verlauf  der  Zeit  vollauf  zu  tun.  Lrst  später  haben  sich  meine
Kreise  erweitert.

0
        <pb n="43" />
        OOÜOOOOOOOOOOOOOOOOOO  38  OOOCOOOOOÜOOOOOOOOOOÖ

Berlin.
e nde  Oktober  1866  reiste  ich  über  Magdeburg  nach  Berlin.
Meine  Mutter  blieb  mehrere  Wochen  bei  den  ostfriesischen  Verwandten. ­
  In  sehr  bewegter  Stimmung  begab  ich  mich  auf  fene
cheise.  Von  Jugend  auf  hatte  ich  den  Plan,  Hannover  zu  verlassen
und  nach  Preußen  zu  gehen;  ich  glaubte  hier  ein  weiteres  und
bewegteres  Leben  zu  sinden.  Die  göttinger  gönner  und  freunde
hatten  mich  mit  einer  Tülle  von  Lmpfehlungen  versehen,  um  mir
das  Liufkommen  zu  erleichtern.  Ls  war  ein  frischer  Oktobermorgen, ­
  an  dem  ich  von  Magdeburg  nach  Berlin  fuhr.  Ich  begrüßte ­
  Öle  Helle  Sonne  als  ein  gutes  Vorzeichen;  Werder  und
Potsdam  brachten  mir  ungewohnte  Bilder.  Lin  Treund,  Dr.  chohrbach,
  der  leider  mit  seinen  großen  Ünlagen  früh  scheiden  mußte,
empfing  mich  an  der  Bahn  und  führte  mich  zu  seinen  Litern.
Schon  am  Übend  gelang  es  uns,  eine  Wohnung  zu  finden.  Ich
kam  nach  Berlin  in  dem  Streben  und  der  Hoffnung,  hier  irgendwelche ­
  bleibende  Stellung  zu  erlangen.  Lrst  später  ist  mir  voll
zum  Bewußtsein  gekommen,  wie  kühn,  fa  gewagt  unser  Unternehmen ­
  war.  Unsere  Mittel  waren  sehr  beschränkt  und  konnten
nur  für  kurze  Zeit  genügen.  Wohl  durfte  ich  mich  auf  meine  guten
Lxamina  und  auf  meine  aristotelische  Dissertation  berufen;  aber  ob
sich  femand  um  mich  kümmern  würde,  war  höchst  unsicher.  Die
nächste  Aufgabe  war,  meine  Lmpfehlungen  abzugeben  und  mich
den  leitenden  Persönlichkeiten  vorzustellen.  Llm  meisten  gespannt
war  ich  auf  Lrendelenburg,  dem  ich  durch  Leichmüller  warm  empfohlen ­
  war.  Lr  empfing  mich  sofort  in  sehr  freundlicher,  fa  herzlicher ­
  Weise,  unterhielt  sich  eingehend  mit  mir  über  meine  Arbeiten
und  gab  mir  wertvolle  Ratschläge  für  die  praktischen  Aufgaben.
Lrendelenburg  stand  damals  auf  der  Höhe  seines  Wirkens.  Lr
hakte  eine  hervorragende  literarische  Lätigkeit,  die  sowohl  eine  selbständige ­
  Weltanschauung  vertrat,  als  sich  klar  und  kräftig  mit
anderen  Denkern  auseinandersetzte,  welche  geistige  Tührer  der  Zeit
waren,  so  namentlich  mit  Hegel  und  mit  Herbart.  Seine  Vorlesungen ­
  waren  sehr  besucht;  er  war  nicht  nur  Mitglied,  sondern
        <pb n="44" />
        OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO  39  OOOOOOOOOOOOOÖOÖOOOOO

auch  Sekretär  der  preußischen  ükademie,  auch  ein  Hauptmitglied
der  Staatsprüfungen.  Ohne  ihn  schien  damals  in  Berlin  nichts
möglich.  Wiederholt  wurde  er  als  Rektor  und  als  Dekan  erwählt.
Üuch  genoß  er  die  persönliche  Hochschätzung  des  Königs  Wilhelm.
Holskeiner  Übstammung  war  er  ein  guter  Preuße,  er  hatte  dabei
in  politischen  und  religiösen  Dingen  eine  gemäßigte  Stellung,  aber
er  vertrat  stets  seine  Überzeugung  mit  voller  Selbständigkeit.  Qls
er  bei  der  ersten  preußischen  Synode  durch  allerhöchstes  Vertrauen
zum  Mitglied  ernannt  wurde,  hat  er  diese  Ernennung  mit  Dank
abgelehnt,  da  er  wohl  ein  treues  glied  der  protestantischen  Kirche
sei,  sich  aber  nicht  berufen  fühle,  am  Qufbau  kirchlicher  Ordnungen ­
  mitzuwirken.  Oie  Ürbeitsfülle,  welche  gewöhnlich  den
Berliner  gelehrten  bedrückt,  hat  ihn  leider  verhindert,  eine  Psychologie ­
  und  eine  Lthik  zu  vollenden,  die  ihn  seit  langer  Zeit  beschäftigten. ­
  Seine  aristotelischen  Übungen  suchten  die  Schüler  zu  selbständigen ­
  Forschern  zu  erziehen.  Line  große  Ünzahl  bedeutender
Staatsmänner  und  gelehrte  sind  aus  dieser  Schule  hervorgegangen,
so  z.  B.  der  Reichskanzler  Freiherr  v.  Hertling,  in  Ümerika  Präsident ­
  Porter  von  Pale,  in  Rumänien  der  Ministerpräsident  JHajo--rescu.
  Die  philosophische  Denkweise  verband  sich  ihm  eng  mit  der
geschichtlichen;  auch  die  sprachliche  Seite  der  Dinge  fand  sein  volles
Interesse.  Die  ihm  eigentümliche  Lehre  von  der  Bewegung  fand
wenig  Linklang,  und  im  philosophischen  System  stand  er  Llristoteles
zu  nahe,  die  Kantische  Umwälzung  fand  hier  nicht  ihre  volle
Würdigung.  Über  das  ganze  seiner  Persönlichkeit  und  seines
Schaffens  gab  feinem  Streben  eine  innere  Wärme,  eine  geistige
Vornehmheit,  eine  innere  Wucht;  er  war  kraft  seiner  universalen
und  ethischen  Ürt  ein  Lrzieher  großen  Stiles  für  ganze  generationen.
  Die  Stimmung  der  folgenden  Zeit  war  ihm  nicht  günstig, ­
  sie  hat  oft  das  große  verkannt,  was  Trendelenburg  leistete
und  war.  Unser  persönliches  Verhältnis  hat  sich  bald  aufs  schönste
gestaltet.  Ich  durfte  ihn  an  den  Sonnabend-Nachmittagen  begleiten ­
  und  empfing  dadurch  vielfache  llnregungen.  Üuch  von
seiner  Familie  wurde  nicht  nur  ich  selbst,  sondern  auch  meine
Mutter  in  freundlicher,  ^a  herzlicher  Weise  aufgenommen.  Üuch
das  war  für  mich  ein  gewinn,  daß  ich  mit  den  bedeutendsten  Berliner ­
  gelehrten  durch  kleine  Übendgesellschaften  bei  Drendelenburg
zusammengeführt  wurde.  Drollig  war  mir  dabei  folgende  Lpisodc.
Line  kleine  gesellschaft  bestand  neben  Lrendelenburg  namentlich
aus  Mommfen  und  Haupt.  Die  beiden  gerieten  in  eine  Debatte
darüber,  welche  gelehrten  in  der  Polemik  die  schärfsten  seien.
Haupt  erklärte,  das  seien  ohne  Zweifel  die  Theologen,  denn  bei  der
Trage  des  vermeintlichen  Seelenheiles  kenne  die  Üufregung  und
die  Leidenschaft  keine  grenzen.  Mommfen  hörte  das  ruhig  an  und
        <pb n="45" />
        OOOOOOOOOOOOOOOOÖOOOÖ  40  OOOOÖOOOOOÖOOOOOOOOOO
erwiderte  mit  feinem  Lächeln:  „Wissen  3ie,  lieber  Herr  Kollege,  ich
kenne  persönlich  Philologen,  die  noch  schärfer  sind  als  die  Theo/
logen,  ich  habe  darunter  sehr  gute  freunde".  Natürlich  merkte
jeder,  auf  wen  die  3ache  gemünzt  war.
Während  des  ersten  Winters  hörte  ich  neben  den  Vorlesungen
Trendelenburgs  verschiedene  juristische  und  staatswissenschaftliche
Vorlesungen.  Lodann  war  ich  als  das  letzte  Mitglied  seines
pädagogischen  3eminars  der  letzte  3chüler  des  ehrwürdigen
Boeckh.  Die  einzelnen  Mitglieder  mustten  eine  Quittung  für  ein
empfangenes  3tipendium  vorlegen;  als  ich  diese  ihm  durch  einen
Diener  übergeben  wollte,  liest  er  mir  sagen,  ich  möchte  nur  selbst
kommen;  er  sprach  dann  mit  mir  gütige  und  eindrucksvolle  Worte
Uber  sein  eigenes  Leben  und  über  Menschenleben  überhaupt,
kinige  Tage  darauf  starb  er.  Lr  war  aus  voller  Überzeugung
Platoniker.
Üuch  sonst  begegnete  man  mir  in  Berlin  sehr  freundlich  und  ich
wurde  in  verschiedene  Zesellschaften  eingeführt.  Liebenswürdig  aufgenommen ­
  wurde  ich  z.  B.  von  dem  Theologen  Dörner,  von  dem
Philologen  Kirchhofs  von  dem  Juristen  Nudorff,  dem  Legationsrat
  Meper,  dem  Vorleser  des  Königs,  ferner  von  der  Familie
Köpke,  um  welche  sich  jeden  3onntag  ein  kleiner  geistig  belebter
Kreis  versammelte.  Üuch  meine  Mutter  fand  in  diesem  Kreise
freundliche  Llufnahme.  Weiter  verkehrte  ich  gern  in  dem  religionsphilosophischen ­
  Kreise,  den  der  charaktervolle  Krause  um  sich  in
Weistensee  versammelte.  5o  wurde  die  Fremdheit  Berlins  für  uns
rasch  überwunden.
Nun  aber  galt  es,  eine  amtliche  Tätigkeit  zu  gewinnen,  und
für  diese  Qufgabe  war  mir  niemand  wichtiger  und  förderlicher,  als
der  3kadtschulrat  Professor  Or.  Hoffmann;  ich  schulde  ihm  ein
herzliches  und  dankbares  Llndenken.  Lr  vornehmlich  hat  es  bewirkt, ­
  dast  ich  in  Berlin  bleiben  konnte.  Ihn  leitete  die  Überzeugung, ­
  die  wissenschaftlichen  Lehrer  sollten  nicht  ganz  in  der
Pädagogik  aufgehen,  sondern  auch  wissenschaftlich  selbständig
wirken.  Lr  meinte,  die  bloste  Pädagogik  genüge  wohl  für  die
unteren  und  mittleren  Klassen;  zurLrweckung  eines  vollen  geistigen
Lebens  aber  sei  ein  eigenes  wissenschaftliches  Tortschreiten  der
Lehrer  selbst  im  höchsten  Maste  wünschenswert.  In  solcher  gesinnung
  hat  er  damals  das  städtische  Lchulwesen  geleitet.  —  Linstweilen
  blieb  ich  aber  in  einer  unsicheren  Lage.  Das  Tnde  des
Iahres  war  gekommen.  Ich  hatte  in  ihm  viel  gearbeitet  und  erreicht, ­
  die  beiden  Lfanuna  waren  abgelegt,  i  eine  neue  Lebensbahn ­
  begonnen,  aber  der  Blick  in  die  Zukunft  blieb  verhüllt.
Der  Iahreswechsel  brachte  meiner  Mutter  und  mir  diese  Unsicherheit ­
  zu  vollem  Bewusttsein.  In  dieser  Stimmung  besuchten  wir  am
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        SpIoefkrabenÖ  den  Berliner  Dom  und  erwarteten  bewegten
Herzens  die  weitere  Zukunft.  Dann  aber  brachte  schon  der  y.  Januar
eine  Wendung.  Der  Stadtschulrat  Hoffmann  teilte  mir  mit,  ich
solle  als  Probekandidat  am  Sophien-gpmnasium  eintreten.
Damit  gewann  ich  einen  festen  Boden  in  Berlin;  ich  sollte  auch
sofort  eine  gewisse  Linnahme  erhalten.  Zunächst  freilich  war  diese
Wendung  recht  bescheiden,  auch  forderte  ste  einen  unbequemen
Wechsel  unserer  Wohnung.  Der  Weg  zu  meinem  gpmnasium  betrug
eine  volle  halbe  Stunde,  man  hatte  damals  noch  nicht  die  bequemen
Beförderungsmittel  der  gegenwart.  Über  noch  bevor  wir  diesen
Wohnungswechsel  vollzogen,  ergriffen  mich  neue  Üufgaben  und
führten  mich  von  Berlin  fort.  £s  war  damals  eine  gute  Zeit  für
junge  Philologen;  innerhalb  eines  halben  Jahres  habe  ich  nicht
weniger  als  drei  verschiedene  Angebote  erhalten,  die  teilweise  sehr
verlockend  waren.  Bor  allem  wünschte  der  damalige  Leiter  des
preussischen  Schulwesens,  geheimrat  Wiese,  daß  ich  einen  erkrankten ­
  Oberlehrer  in  Stolp  vertrete.  Ls  war  ein  nicht  geringes
Lrstaunen  bei  den  damaligen  Kollegen,  daß  ich  unmittelbar
zum  Lhef  des  preußischen  gelehrtenschulwesens  berufen  wurde.
£r  bot  mir  jene  Stolper  Stelle  in  sehr  freundlicher  Weise  an  und
war  nicht  wenig  befremdet,  als  ich  dies  mit  aufrichtigem  Dank,
aber  entschieden  ablehnte.  Weine  Kollegen  fürchteten  schon,  ich
hätte  dadurch  meine  Laufbahn  schwer  geschädigt.  Über  ganz  bald
kam  wieder  eine  neue  Aufforderung  von  Wiese,  ich  solle  eine  gutdotierte
  Stelle  als  Oberlehrer  am  gymnasium  und  an  der  Realschule ­
  von  Husum  (Schleswig)  annehmen.  Ich  hatte  zunächst  verzweifelt ­
  wenig  Lust  zu  dieser  Aufgabe.  Ich  berief  mich  auch  bei
Wiese  darauf,  ich  sei  noch  zu  jung  für  die  dortige  Stelle,  dazu  noch
Probekandidat.  Das  machte  auf  Wiese  nicht  den  mindesten  Lindruck,
  es  sei  das,  so  meinte  er  lächelnd,  ein  Wangel,  der  sich  mit
jedem  Tage  verringere.  Ich  erbat  mir  eine  Bedenkzeit  von  einem
Tage.  £r  erklärte  diese  Bedenkzeit  für  völlig  überflüssig,  gestattete
sie  aber  schließlich.  Ich  stürzte  zu  meiner  Wutter  und  zuTrendelenburg
  und  wir  überlegten,  was  zu  tun  sei.  Weine  Wutter  war
außer  sich,  weil  sie  ein  Scheitern  meiner  wissenschaftlichen  Pläne
befürchtete.  Trendelenburg  teilte  die  Bedenken,  riet  aber  schließlich
trotzdem  jene  Stellung  anzunehmen.  £in  Beharren  auf  meiner
Weigerung  würde  mich  in  eine  unerquickliche  Lage  bringen,  die  für
einen  jungen  gelehrten,  der  am  Anfang  seiner  Laufbahn  siehe,  bedenklich ­
  wäre.  Ich  solle,  so  meinte  Trendelenburg,  guten  Wutes
nach  Husum  gehen,  dort  Tüchtiges  leisten  und  in  der  dortigen
Kühe  wissenschaftlich  weiterarbeiten.  Die  Berliner  Treunde  würden
schon  dafür  sorgen,  daß  ich  nach  einiger  Zeit  wieder  nach  Berlin
käme.  Dem  gewicht  dieser  gründe  konnte  ich  mich  nicht  entziehen,
        <pb n="47" />
        »

entschied  mich  also  für  die  ünnahme.  So  mussten  wir  in  eine  uns
völlig  gleichgültige  Stadt  ziehen,  und  es  konnte  dabei  der  Bergleich
zwischen  Berlin  und  Husum  nicht  zugunsten  Husums  ausfallen.

Husum.
£*11(11111  hak  durch  Theodor  Storni  eine  künstlerische  Verklärung
gefunden,  und  auch  ich  habe  die  Vorteile  dieses  Ortes  voll
f  empfunden.  Das  OTteer  lag  nahe,  die  Heide  bewährte  ihren
stillen  Zauber,  eine  alte  Kultur  sprach  aus  manchem  Bauwerke,  die
Tüchtigkeit  der  Linwohner  unterlag  keinem  Zweifel.  Über  ich  selbst
war  damals  nicht  in  der  rechten  Stimmung,  dieses  alles  voll  zu
würdigen,  im  besonderen  entbehrte  ich  schmerzlich  die  iVLHe  eines
Waldes,  an  den  ich  von  frühester  Jugend  an  gewöhnt  war.  Dazu
war  damals  die  Lage  für  einen  aus  preusten  und  fpeziell  aus  Berlin
berufenen  Beamten  wenig  angenehm.  Lben  vorher  waren  die
grasten  politischen  Wandlungen  in  Schleswig-Holstein  erfolgt,  die
auf  die  Stimmung  der  um  die  deutsche  Sache  hochverdienten  Bevölkerung ­
  gar  keine  Rücksicht  nahmen.  Ls  war  begreiflich,  dast
man  in  dem  von  Berlin  kommenden  Lehrer  und  Beamten  vornehmlich ­
  den  Tremden  sah  und  sich  gesellschaftlich  wenig  um  ihn  kümmerte. ­
  Ündererseits  war  es  ein  groster  Vorteil  für  mich,  in  dem  damaligen ­
  gpmnasialdirektor  gidionfen  einen  mir  sehr  wohlgesinnten,
dabei  sowohl  wissenschaftlich  als  künstlerisch  feingebildeten  Wann
zu  finden;  ihm  vornehmlich  verdanke  ich,  dast  mein  Ümt  mir  die
denkbar  angenehmste  Stellung  brachte'".  Die  Hauptsache  war,  dast
ich  mich  in  meiner  Tätigkeit  wohl  fühlte  und  dast  ich  vortreffliche
Schüler  hatte,  die  sich  sogleich  freundlich  zu  mir  stellten.  Sie  waren
zum  Teil  älter  als  ich.  Die  Schüler  glichen  in  mancher  Beziehung
den  Ostfriesen:  nianche  von  ihnen  verstanden  auch  die  friesische
Sprache;  ich  habe  nie  die  mindesten  Schwierigkeiten  mit  ihnen  gehabt. ­
  Die  berühmteste  und  bedeutendste  Persönlichkeit  des  Ortes

*  Clus  giöionfens  gedichtet!  fei  nur  folgende  Stelle  angeführt:
Nicht  vom  Tage  sollst  du  leben,
Clus  und  nieder  schwankt  die  Welle
Last  dein  Innres  fröhlich  weben
Stets  verjüngten  Daseins  Quelle.
Ist  Ursprünglichkeit  dir  eigen,
Darfst  sie  hegen,  darfst  sie  zeigen,
So  nur  spürst  du  in  der  Zeit
Vorgefühl  der  Ewigkeit.
        <pb n="48" />
        W...................AO

............

war  natürlich  Theodor  Ltorm.  Ich  habe  aber  bei  aller  Anerkennung,
fa  Bewunderung  feiner  Kunst  ein  engeres  persönliches  Verhältnis
zu  ihm  nicht  gefunden.  Dabei  must  ich  eines  drolligen  Lrlebniffes
gedenken,  das,  fooiel  ich  weist,  keine  Ltormbiographie  erwähnt.
Der  fehr  musikalische  Dichter  war  Leiter  eines  gefangvereins  von
Herren  und  Damen  und  machte  die  Lache  ausgezeichnet;  alles
philisterhafte  war  ihm  dabei  gründlich  zuwider,  Nun  entwarf  er
ein  Programm  für  ein  Konzert,  deffen  Lchlust  nach  ernsten  Darbietungen ­
  auch  das  harmlofe  Ltudentenlied  „Qls  wir  jüngst  in
Kegensburg  waren"  bilden  follte.  Qis  aber  die  Probe  begann,  erklärten ­
  die  Damen  oder  doch  ihre  Mehrzahl,  das  Stücf  wäre  unmoralisch, ­
  und  weigerten  sich  es  aufzuführen.  Das  verfetzte  Ltorm
in  einen  begreiflichen  Zorn.  £r  meinte,  dast  könne  man  ihm  doch
zutrauen,  nichts  Unpassendes  darzubieten.  Die  Damen  beharrten
auf  ihrer  Weigerung,  das  Konzert  begann,  ganz  Hufum  war  aufs
höchste  gefpannt,  wie  die  Lache  verlaufen  werde.  Das  letzte  Ltück
begann,  und  —  sämtliche  Damen  verliesten  das  Podium.  Nun  erhob
stchLlorm  und  erklärte,  erlege  die  Leitung  diefes  Vereins  nach  folcher
Behandlung  nieder.  Die  Damen  beharrten  auf  ihrem  Ltandpunkt
und  haben  dann  einen  Mann  aus  Berlin  zur  Leitung  berufen.
Diefer  ist  aber,  foviel  ich  weist,  nur  einige  Wochen  in  Hufum  geblieben ­
  und  dann  wieder  abgereist.  Nun  triumphierten  die  Treundc
von  Ltorm,  Hufum  war  gefpalten,  fchliestlich  legte  sich  diegeistlichkeit
ins  Mittel.  Der  fehr  beliebte  und  tüchtige  Propst  Lafpers  hat  die
Häupter  der  Parteien  zu  einem  freundschaftlichen  Mittageffen
eingeladen;  dort  wurde  die  Lache  geschlichtet  und  Ltorm  blieb

Leiter.
Inzwischen  ging  meine  philofophifche  Arbeit  ununterbrochen
fort.  Meine  Differtation  forderte  eine  Lrgänzung  durch  eine  Unkerfuchung
  des  gebrauchs  der  Präpositionen  bei  Aristoteles,  wobei  es
mir  gelang,  einen  gewiffen  Abschnitt  der  aristotelischen  Metaphysik ­
  als  unecht  zu  erweisen;  diese  Lchrift  ist  im  Verlage  von  Weidmann ­
  1868  erschienen.  Zugleich  beschäftigten  mich  weitere  Qufgaben.
  Ich  plante  schon  damals  eine  Untersuchung  über  die
wissenschaftliche  Methode  der  aristotelischen  Philosophie.  Zugleich
habe  ich  viel  über  die  grosten  Kulturprobleme  der  gegenwart  nachgedacht, ­
  und  es  ist  mir  noch  fetzt  deutlich  gegenwärtig,  wie
ich  in  einem  gefpräch  mit  meiner  Mutter  schon  damals  die  ungeheuren ­

  gefahren  darlegte,  welche  die  Kultur  der  gegenwart
durch  den  ihr  innewohnenden  gegenfatz  bedrohen.  Zunächst  freilich
fesselte  mich  die  strengwiffenfchaftliche  Arbeit.  Willkommene  Unterbrechungen ­
  und  geistige  Lrweiterungen  brachten  Keifen  nach  Hamburg ­
  und  Umgebung,  nach  der  ostholsteinifchcn  Lchweiz  und  nach
Lübeck.  In  Holstein  erfreuten  uns  die  wundervollen  Buchen-
        <pb n="49" />
        Waldungen  und  die  stillen  Leen.  Lübeck  aber  bot  ein  prächtiges
Bild  der  großen  Vergangenheit  fener  Hansastadt;  auch  die  dortigen
Kunstwerke  waren  uns  eine  Freude  und  Lrquickung.  Dann  ging
es  nach  Kiel,  das  damals  eine  kleine  und  behagliche  Stadt  war.
gegen  Schluß  unseres  schleswigschen  Aufenthaltes  haben  wir  auch
Tlensburg  mit  feiner  Umgebung  befucht.  Daß  dort  eine  fchwere
Trage  entstehen  konnte  und  daß  um  den  alten  Besitz  mühfam  zu
kämpfen  war,  das  lag  damals  ganz  fern.
Der  Beginn  des  Jahres  l86y  brachte  mir  die  erfehnte  verfetzung
nach  Berlin.  Üußerlich  war  diefe  Versetzung  kein  gewinn,  aber  ich
durfte  nun  sicher  erwarten,  allmählich  aufklimmen  zu  können  und
meine  wissenschaftlichen  Llrbeiten  weiterzuführen.  Lim  Schluffe
meines  Husumer  llufenthaltes  hat  gidionfen  im  Schulprogramm
meine  pädagogische  Tätigkeit  in  höchst  ehrenden  Vusdrücken  anerkannt. ­


Zweiter  Aufenthalt  in  Berlin.
*4  ^er  Llufenthalt  in  Berlin  gestaltete  sich  naturgemäß  weit  ruhiger
&amp;gt;■%/als  der  frühere.  Ich  mußte  mich  nunmehr  an  das  alltägliche
Leben  gewöhnen  und  mich  mit  den  dortigen  Verhältnissen  befreunden. ­
  Trendelenburg  nahm  mich  in  gewöhnlicher  güte  auf,  wir  verkehrten ­
  viel  miteinander.  Lluch  entwickelte  sich  ein  angenehmes  persönliches ­
  Verhältnis  zu  Bonitz,  den  ich  unmittelbar  vor  meinem
Vbfchied  von  Berlin  nach  Husum  kennengelernt  hatte.  £r  hat  mir
sofort  die  Korrektur  des  großen  Index  Aristotelicus  übertragen,
und  ich  habe  von  dem  geistvollen,  lebenserfahrenen  und  liebenswürdigen ­
  gelehrten  vieles  empfangen.  £r  war  aus  einer  führenden ­
  Stellung  an  der  Spitze  des  österreichischen  gelehrten-Schul-Wesens
  nach  Berlin  übergesiedelt,  um  das  Direktorat  des  „grauen
Klosters"  zu  übernehmen;  er  trat  damit  aus  fener  Stellung  in
eine  einfachere  ein.  Über  die  gründe  solcher  Wendung  hat  er  sich
mir  gegenüber  wiederholt  ausgesprochen.  Lntscheidend  war  für
ihn  der  ständige  Streit  der  verschiedenen  Nationen  über  die  gestaltung
  des  höheren  Schulwesens.  Oie  Hauptfrage  war  immer,
wie  viel  Tschechisch,  polnisch,  Slowenisch  oder  Italienisch  an  den
Schulen  zu  treiben  sei;  die  Qufgabe  der  geistigen  Bildung  trat  dabei
weit  zurück.  £s  war  begreiflich,  daß  der  ausgezeichnete  Torscher
und  Schulmann  auf  die  Dauer  diesen  unfruchtbaren  Streit
nicht  ertragen  mochte.  Natürlich  ergab  auch  das  Verhältnis  zur
katholischen  Kirche  für  ihn,  den  norddeutschen  Protestanten,  manche
Verwicklung,  aber  er  besaß  einen  großen  Takt,  und  seine  eminente
        <pb n="50" />
        pädagogische  Bedeutung  wurde  von  allen  weiten  anerkannt.  Über
es  fehlte  nicht  an  sonderbaren  Begegnungen,  kr  traf  bei  einem
Llussiug  auf  den  Semmering  mit  einem  geistlichen  Herrn  zusammen.
Oie  Herren  unterhielten  sich  lebhaft,  und  zener  geistliche  äußerte
große  Bedenken  gegen  die  liberale  gestaltung  des  dortigen  Unterrichtswefens,
  er  meinte  schließlich  „und  der  Schlimmste  bei  dem
allen  ist  der  Bonitz".  Bonitz  suchte  zu  beschwichtigen,  so  schlimm
sei  es  nicht,  und  vielleicht  hatte  doch  auch  Bonitz  etwas  gutes  an
sich.  Oer  geistliche  Herr  aber  wurde  immer  erregter,  kurz,  eine  Verständigung ­
  mißlang.  Qls  man  in  Wien  ankam,  hat  Bonitz  zenem
mit  einer  freundlichen  Lmpfehlung  feine  Visitenkarte  überreicht.
Bonitz  hat  nachher  durch  eine  Keihe  von  Jahren  das  preußische
Schulwesen  geleitet;  leider  konnte  er  diese  eingreifende  Tätigkeit
aus  körperlichen  gründen  nicht  lange  fortsetzen.
fluch  meines  Verhältnisses  zu  Wiese  muß  ich  an  dieser  Ltelle  gedenken. ­
  klls  ich  von  Husum  wieder  nach  Berlin  kam,  fragte  ich
vor  allem  Trendelenburg,  wie  Wiese  Uber  mein  Verhalten  denke.
Trendelenburg  erzählte  mir.  Wiese  wäre  recht  ärgerlich  über  mich,
er  sähe  in  meinem  Benehmen  eine  gewisse  Untreue  gegen  meinen
Beruf;  es  war  augenscheinlich,  daß  ich  cs  bei  ihm  völlig  verdorben ­
  hatte.  Quch  Trendelenburg  fand  es  richtig,  daß  ich  möglichst ­
  bald  zu  Wiese  gehe  und  ihm  die  gründe  meines  Handelns
offen  darlege.  Dieser  empfing  mich  in  recht  ungnädiger  Weise;  es  war
deutlich,  daß  unsere  Wege  auseinandergingen.  So  habe  ich  lange
Jahre  nichts  von  ihm  gehört,  unsere  Beziehungen  waren  völlig  erloschen. ­
  Dann  aber  erhielt  ich,  als  ich  schon  mehrere  philosophische ­
  Bücher  geschrieben  hatte,  einen  liebenswürdigen  Brief  von
ihm.  Ls  zwinge  ihn,  mir  auszusprechen,  daß  ich  damals  doch
richtig  gehandelt  habe,  als  ich  meinen  eigenen  Weg  verfolgt  hätte;
er  wollte  nicht  unterlassen,  mir  seine  Schätzung  und  seine  besten
Wünsche  auszusprechen.  So  bin  ich  schließlich  mit  aufrichtiger
Hochachtung  und  Dankbarkeit  von  ihm  geschieden.
Weine  amtliche  Stellung  am  Triedrichs-gpmnastum  war  nicht
so  bequem,  wie  die  Husumer,  ich  hatte  namentlich  in  den  mittleren
Klassen  zu  unterrichten,  was  ^a  in  Berlin  keine  leichte  Sache
und  mir  nicht  immer  voll  gelungen  ist.  Über  ich  fühlte  mich  wohl
in  dieser  Tätigkeit,  und  ich  wurde  sehr  freundlich  von  den  Berliner
Kollegen  aufgenommen.  Damals  war  es,  als  ein  älterer  Kollege
mir  in  liebenswürdiger  Weise"folgenden  Kat  erteilte.  Um  in  Berlin
etwas  zu  gelten,  dürfe  man  nie  etwas  loben,  sondern  müsse  alles
tadeln;  täte  man  das  nicht,  so  gelte  man  als  ein  zurückgebliebener
Kleinstädter.  Diesen  Kat  habe  ich  gewissenhaft  befolgt  und  mich
dabei  gut  gestanden.  —  1869  gab  es  in  Berlin  drei  Sehenswürdigkeiten: ­
  Bismarck,  dessen  überragende  größe  nunmehr  außer  Zweifel
        <pb n="51" />
        vyOuOuOOOOOOOOOO(X)yOO  ^6

SOOOOOÖOOOOOOOOO

stand,  Strousberg,  der  als  Lifenbahnunternehmer  eine  führende
Ztellung  hatte,  und  den  Pastor  Knaack,  der  eine  Zielscheibe  des
Berliner  Witzes  war,  weil  feine  streng-biblifche  Überzeugung  die
Lrde  als  den  Mittelpunkt  der  Welt  erklärte.  Mein  Onkel  Larl,  in  dem
noch  der  alte  Theologe  steckte,  entschied  sich  bei  gebotener  Kürze  de«
Aufenthaltes  und  notwendiger  Üuswahl  für  Knaack,  mustte  aber
anerkennen,  dast  die  dargebotene  predigt  vortrefflich  und  eindringlich ­
  war.  —  Nunmehr  haben  wir  auch  die  Umgebung  Berlins  genossen. ­
  Wir  fuhren  wiederholt  nach  Potsdam  und  hatten  namentlich ­
  Treude  an  dem  Zauber  der  dortigen  Leen.  Tegel  war  damals
still  und  bot  den  wohltuenden  Eindruck  einer  edlen  Kultur.  Ouch
Lberswalde  und  Treienwalde  wurden  besucht.  Wir  begannen
schon  Berlin  als  unsere  Heimat  zu  betrachten.  Die  öommerferien
brachten  eine  Keife  nach  Thüringen,  die  uns  zum  ersten  Male  auch
nach  Jena  führte.  Lchon  die  Keife  von  llpolda  aus  machte  einen
recht  gemütlichen  Eindruck.  Wir  hatten  einen  Lchnellzug  bis  llpolda
benutzt  und  erkundigten  uns  dann  nach  der  Fahrgelegenheit  nach
Jena.  Uns  wurde  erwidert,  das  hätte  noch  gute  Zeit,  die  Keifenden
würden  abgerufen,  wenn  es  Zeit  wäre.  Wir  setzten  uns  in  den
Omnibus  und  fuhren  zur  nächsten  Ltation  Isserstedt.  Dort  wurde
federn  Herrn  ohne  weiteres  ein  Kännchen  Lichtenhainer  Bier  in  den
Wagen  gereicht.  Dann  fuhren  wir  von  der  Höhe  durch  das  anmutige ­
  Mühltal  nach  Jena.  Die  Ltadt  hatte  damals  etwa  yooo  Linwohner,
  sie  war  ohne  Tabriken,  alles  war  hier  in  den  stillen  Dienst
geistigen  Lchaffens  gestellt  und  durch  eine  graste  Vergangenheit
geweiht.  Das  Paradies  war  noch  nicht  zerstückelt,  die  gärten  hatten
um  fene  Zeit  einen  prächtigen  Kofenflor.  Man  empfing  den  entschiedenen ­
  Lindruck,  dast  es  sich  an  diesem  Orte  gut  leben  lasse.
Linen  vollen  Tag  verbrachten  wir,  um  sowohl  den  Tuchsturm,
als  auch  den  Torsi  zu  besuchen;  alles  das  war  ländlich  und  behaglich. ­
  Line  gelegenheit,  die  Hauptzierde  der  damaligen  Universität, ­
  Kuno  Tischer,  zu  besuchen,  hatte  ich  leider  nicht.  Lpäter
hat  schon  der  bedauerliche  Htreit  zwischen  Trendelenburg  und  Tischer
ein  engeres  Verhältnis  zu  diesem  verhindert.  Lchliestlich  haben  wir
doch  in  freundlicher  Weise  miteinander  korrespondiert.
Om  folgenden  Morgen  ging  die  Keife  vom  alten  Posthause  aus
in  das  Laaletal.  Von  einer  Llfenbahn  war  damals  noch  keine
Kede.  Morgens  7  Uhr  begann  die.Tahrt,  auster  uns  hatten  sich
nur  noch  ein  paar  Herren  eingeschrieben.  Wir  alle  freuten  uns
über  den  Ünblick  der  Leuchtenburg,  die  vorwärts  und  rückwärts
lange  das  Bild  beherrscht.  In  Kahla  war  ein  Trühstück  für  die  Keifenden ­
  bereitet,  an  dem  sich  feder  beteiligte.  Von  Kudolstadk  ging  es
nach  dem  Lchwarzatal  und  bis  nach  Lchwarzburg.  Überaus
wohltuend  empfanden  wir  den  grasten  Kontrast  zwischen  dem

1
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        L

00000000%

47

&amp;gt;00000000000000000000

Berliner  Leben  und  dem  Qufenthalt  im  Weiten  Hirsch,  wo  abends
ganze  ^udel  von  Nehen  und  Hirschen  zur  Tränke  zu  kommen
pflegten  und  kein  Laut  die  volle  Nuhe  slörte.  Lluch  der  Blich  vom
Trippflein  hat  uns  sehr  entzückt.  Ich  unterhielt  mich  dort  mit  einem
Herrn,  der  lange  Jahre  in  LImerika  zugebracht  hatte;  er  meinte,  er
hätte  in  dem  fernen  Lande  viel  der  eigentümlich  deutschen  Natur
gedacht,  dabei  aber  habe  ihm  namentlich  der  Trippflein  und  seine
Aussicht  immer  besonders  deutlich  vor  Augen  geschwebt.  Unsere
Neise  ging  weiter  nach  Thüringen,  Tranken  und  nach  dem  Tichtelgebirge,
  schließlich  über  Leipzig  nach  Berlin.
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        ooooooooooooooooooooo  48

000000000000000000000

Frankfurt  (1869-1871).
II  UN  aber  erfolgte  schon  wiederum  eine  Wendung  unserer  Der;
tj  G-Hältniffe.  S(f)on  vor  5er  letzten  Jleise  empfing  ich  den  Besuch
des  frankfurter  gpmnasialdirektors  Mommfen,  eines  Bruders  von
Theodor  Mommfen.  £r  erzählte  mir,  er  wolle  sich  für  eine  frankfurter ­
  Stellung  nach  geeigneten  Persönlichkeiten  umsehen  und
neben  anderen  auch  mich  kennen  lernen.  £s  wurde  aber  nicht  das
mindeste  verabredet,  und  ich  betrachtete  die  Sache  schon  als  erledigt,
plötzlich  aber  empfing  ich  einen  Lilbrief,  der  mir  einen  ehrenvollen
und  vorteilhaften  &amp;lt;Kuf  nach  frankfurt  brachte.  Ich  sollte  als  Nachfolger ­
  des  sehr  geschätzten  Professors  Dr.  Baumann,  der  nach
göttingen  berufen  war,  die  Leitung  der  Sekunda  übernehmen.
Natürlich  waren  wir  schnell  entschlossen.  Die  alte  Kaiferstadt  zog
uns  in  hohem  grade  an,  sowohl  durch  die  herrliche  Natur,  als
durch  ihre  alte  und  reiche  Kultur,  frankfurt  selbst  war  damals
nicht  in  besonderer  Stimmung.  Im  Kriege  1866  hatte  man  die
Stadt  sehr  unfreundlich  behandelt,  sie  beinahe  als  feindesland
zurückgesetzt.  Später  gab  sich  das  bald,  aber  immerhin  wurde  es
den  frankfurtern  nicht  leicht,  die  alte  Unabhängigkeit  zu  vergessen.
Im  Herbst  i8by  war  es  leicht,  eine  paffende  Wohnung  zu  finden;
so  haben  auch  wir  uns  dort  angenehm  eingerichtet.  Damals
hatte  die  Stadt  so  gut  wie  keine  fabriken,  der  gefamteindruck  war
der  eines  vornehmen,  hochgebildeten,  anmutigen  gemeinwefens.
Die  Zahl  der  Linwohner  war  etwa  80000.  graste  genüste  gewährten
neben  den  mannigfachen  wissenschaftlichen  und  künstlerischen  Darbietungen ­
  kleine  und  gröstere  Qusflüge  nach  Homburg,  Wiesbaden,
Mainz,  an  den  Khein,  auch  nach  Heidelberg  usw.  Man  konnte  in
der  schönen  Natur  gewiffermasten  schwelgen.  Alltäglich  ergingen
wir  uns  gern  in  dem  grasten  Stadtwald,  der  bequeme  Kuhepunkte
bot  und  der  damals  nicht  überlaufen  war.
Die  Stätte  meines  Wirkens  war  das  alte  gpmnasium,  das  in
einem  engen  gästchen  lag;  seitdem  sind  aus  ihm  zwei  prächtige
neue  gymnasien  entstanden.  Die  Zahl  der  Schüler  war  verhältnismästig
  klein,  wir  hatten  etwa  250  gpmnasiasten;  das
        <pb n="54" />
        OOOOOOOOOOOOOOOOÖOOOO  49  ooooooooooooooooooooo
-Realgymnasium,  die  Musterschule,  stand  an  Zchülerzahl  weit  voran,
von  den  einheimischen  Frankfurtern  pflegten  das  gpmnasium  nur
die  Höhne  zu  besuchen,  welche  sich  auf  die  Universität  vorbereiteten;
es  waren  das  aber  besonders  tüchtige,  geweckte  und  liebenswürdige
Leute.  üus  ihnen  sind  manche  hervorragende  Persönlichkeiten
hervorgegangen,  welche  eine  Zierde  des  gesamten  deutschen  Lebens
bilden.  Ls  herrschte  dort  ein  groster  wissenschaftlicher  Lifer  und  zugleich ­
  eine  frische  und  fröhliche  Stimmung.  für  meine  Stellung
und  Tätigkeit  war  namentlich  Mommsen  als  Direktor  wichtig.  Lr
war  ein  Mann  von  universaler  Bildung,  von  einer  grasten  pädagogischen ­
  Leistungsfähigkeit  und  einer  bewunderungswürdigen
Ürbeitskraft.  Lr  war  nach  1848  von  den  Dänen  aus  feiner  amtlichen ­
  Stellung  in  Husum  vertrieben,  hatte  dann  an  zwei  verschiedenen ­
  Orten  an  Realschulen  gewirkt,  durfte  aber  Frankfurt ­
  als  den  Höhepunkt  seines  Wirkens  betrachten.  Lr  fand  hier
manches  zu  tun.  Ls  hatte  vorher  eine  bequeme,  za  etwas  laxe  Qrt
um  sich  gegriffen,  den  HchUIern  waren  manche  Freiheiten  erlaubt, ­
  welche  sich  nicht  mit  einer  strengeren  Ordnung  vertrugen;
so  war  es  unbedingt  notwendig,  hier  eine  bessere  Disziplin  einzuführen. ­
  Über  es  war  begreiflich,  dast  manche  Hchüler  und  Litern
das  als  unangenehm  empfanden,  und  dast  es  anfänglich  an  Zusammenstösten
  nicht  fehlte.  Über  mehr  und  mehr  haben  sich  die
frankfurter  überzeugt,  wie  Tüchtiges  sie  an  ihrem  gpmnasialdirektor
  hatten.  Ho  wurde  vor  kurzem  das  gedächtnis  des
hervorragenden  forfchers  und  Pädagogen  einmütig  und  dankbar ­
  begangen.  Ls  war  für  das  gpmnasium  ein  groster  gewinn,
dast  ein  streng-wiffenfchaftlicher  geist  alle  Linrichtungen  durchdrang.
Dabei  war  Mommsen  eifrig  darauf  bedacht,  die  überlieferten
freieren  frankfurter  Verhältnisse  möglichst  zu  erhalten  und  sie
gegen  die  preustische  Bureaukratie  zu  verteidigen.  Ls  gab  z.  B&amp;gt;  besondere ­
  Htudientage,  die  dem  Lmzelnen  eine  volle  Lntwicklung  seiner
Ligentümlichkeit  erlaubten.  Ls  bestandnichtdasüblicheübiturientenexamen,
  sondern  die  zungen  Leute  konnten  sich  für  das  ganze  Jahr
selbst  ein  Hauptthema  auswählen,  über  das  dann  vom  Lehrerkollegium ­
  geprüft  wurde.  Ülles  zusammen  hat  dahin  gewirkt,  die  zungen
Hecken  in  vollen  flust  und  in  eine  selbständige  Denkweise  zu  bringen.
Ls  wurde  dort  manches  geleistet,  was  auch  heute  noch  beachtenswert ­
  ist.  Die  Üufstrebenden  bedürfen  dringend  grösterer  freiheit
und  individueller  Lntwicklung.
Üuch  unter  den  Kollegen  gab  es  bedeutende  Persönlichkeiten.
Ün  geist  und  Rednergabe  übertraf  Lreizenach  seine  Umgebung.
Ls  gab  keine  Veranstaltung  gehaltvoller  und  nationaler  Ürt,
für  die  man  ihn  nicht  zum  leitenden  Redner  auserkor.  Lr  hat
namentlich  das  literarische  Leben  des  gpmnasiums  erheblich
Lucken,  Lebenserinnerungen,

4
        <pb n="55" />
        gefördert.  Dann  wirkte  eine  später  viel  besprochene  Persönlichkeit
bei  uns:  der  katholische  geschichtslehrer  Iansfen.  Lr  hatte  im  besonderen ­
  Religion  und  geschichte  für  die  katholischen  Zchüler  zu
lehren;  Schwierigkeiten  dieser  Stellung  haben  wir  damals  nicht
empfunden.  Sowohl  feine  wissenschaftliche  Tüchtigkeit  als  sein
liebenswürdiger  Humor  wurden  allgemein  geschätzt.  Ich  war  ihin
schon  als  Niederdeutscher  rasch  nähergetreten,  und  ich  habe  öfter  mit
ihm  die  Probleme  der  Zeit  durchgesprochen.  Lr  war  zunächst  ein
gegner  der  Unfehlbarkeit  und  sprach  mit  großer  Hochschätzung
von  Döllinger.  Später  aber  hat  er  sich  dem  Unfehlbarkeitsdogma
unterworfen  und  dies  auch  mir  gegenüber  für  eine  Pflicht  des
Katholiken  erklärt;  er  verstehe  nicht  die  Wege  der  Vorsehung,  aber
es  fei  eine  heilige  Pflicht,  sich  dem  anzuschließen,  was  die  Kirche  als
Wahrheit  erkläre.  Ich  stand  überhaupt  mit  den  katholischen  Torschern ­
  und  Lehrern  in  dem  besten  Verhältnis,  und  es  war  mir  ein
persönlicher  Schmerz,  daß  der  vortreffliche  Professor  Wedewer,
der  Leiter  der  höheren  katholischen  Schule,  so  früh  scheiden  mußte.
Üuch  später  habe  ich  gerade  bei  gemäßigten  Katholiken  eine  besonders ­
  freundliche  gesinnung  nicht  bloß  für  mich  selbst,  sondern
auch  für  mein  geistiges  Streben  gefunden.  Weine  eigene  Stellung
zu  den  Problemen  war  frei  von  aller  konfessionellen  Lnge.
Ich  habe  das  große,  ]a  das  Unentbehrliche  am  Katholizismus
stets  vollauf  anerkannt,  ohne  fe  meiner  freieren  philosophischen  und
protestantischen  grundüberzeugung  etwas  zu  vergeben.  Linstweilen
müssen  wir  uns  gegenseitig  vertragen.
Lluch  außerhalb  des  Lehrerkollegiums  hatten  wir  manche  freundschaftliche ­
  Beziehungen  und  geistige  Törderungen.  Ich  gedenke  z.B.  des
geistvollen  Lucae,  der  mich  in  die  Anfänge  der  Anatomie  einweihte
und  in  liebenswürdiger  Weife  auch  auf  meine  philosophischen
Tragen  einging.  Terner  haben  wir  freundschaftlich  mit  der  Tamilie
des  berühmten  Naturforschers  Schleiden  verkehrt  und  manchen  gemeinsamen ­
  Qusstug  gemacht,  Schleiden  war  ein  bedeutender  und
anregender  Wann,  der  vorzüglich  schildern  konnte  und  uns  nicht
nur  von  Dorpat,  sondern  auch  von  Jena  vieles  erzählt  hat;  er  hatte
vollen  Sinn  für  die  Jugend  und  für  die  lebendige  gegenwart.
3eine  führende  Stellung  in  der  modernen  Botanik  ist  ein  Stück
des  wissenschaftlichen  Kuhmes  Jenas.
Im  Jahre  1870  beschäftigten  wir  uns  sehr  mit  einer  größeren
Keife  nach  der  ostfriesischen  Heimat  zu  den  dortigen  Verwandten
und  Treunden.  Wir  konnten  mit  rechter  Befriedigung  die  vergangenen ­
  Jahre  überdenken,  und  es  war  uns  eine  Treude,  von
all  diesen  Erlebnissen  den  Treun  des  kreisen  zu  berichten;  unsere
gemeinsame  Lebensfahrt  war  ein  Wagstück,  aber  dies  Wagstück ­
  durften  wir  als  gelungen  betrachten,  alle  Sorgen  waren
        <pb n="56" />
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überwunden,  in  freiem  Ausblick  lag  das  Leben  vor  unferen  Augen.
Wir  begannen  diese  J\etfe  ohne  den  nahe  bevorstehenden  Krieg
ernstlich  zu  fürchten.  Wan  erwartete  zuversichtlich,  daß  es  dem
gefchick  unserer  Staatsmänner,  namentlich  Bismarcks,  gelingen
werde,  den  Krieg  zu  verhüten.  So  fuhren  wir  Anfang  Juli  zunächst ­
  nach  Kassel,  um  die  dortige  Industrie-Ausstellung  zu  sehen.
In  Hannover  wurden  Jugendfreunde  meiner  Mutter  besucht.  Die
Keife  ging  über  Oldenburg  nach  Ostfriesland,  das  inzwischen
dem  Lisenbahnnetz  angeschlossen  war;  Iugenderinnerungen  meiner
Mutter  wurden  aufgefrischt.  Inzwischen  aber  hatte  sich  die  Lage
Tag  für  Tag  immer  drohender  gestaltet.  Schon  in  Lsens  schien
der  Krieg  unvermeidlich,  in  Aurich  vernahmen  wir  die  Kriegserklärung. ­
  Aber  man  empfand  bei  allem  Lrnst  der  Lage  wohltuend
die  Festigkeit  und  Sicherheit  der  preußischen  Art.  Im  besonderen
wurden  alle  Seezeichen  schleunigst  entfernt,  so  daß  feindliche
Kriegsschiffe  unfehlbar  stranden  mußten.  Tür  uns  galt  es,  die
Keife  eilig  abzubrechen  und  auf  irgendwelchen  noch  offenen
Wegen  Trankfurt  zu  erreichen.  Unter  nicht  geringen  Mühen
gelang  es,  über  Linden  und  Hamm  nach  Köln  durchzukommen. ­
  Am  Morgen  des  folgenden  Tages  empfingen  wir  unvergeßliche ­
  Lindrücke  im  Kölner  Dom,  wo  eine  unzählige  Menschenmenge ­
  sich  zusammenfand  und  am  gottesdienst  teilnahm.  Man
empfand  deutlich  das  Verschwinden  alles  Unterschiedes  der  Konfessionen ­
  gegenüber  der  gemeinsamen  Aufgabe  des  Vaterlandes.  In
Frankfurt  angekommen,  konnten  wir  aus  den  Fenstern  unserer
Wohnung  die  endlosen  Militärzüge  sehen,  deren  Insassen  in  den
Krieg  gingen;  die  füngeren  gpmnasiasten  waren  eifrig  bemüht,
Lag  und  Wacht  bei  der  Verpflegung  der  Truppen  zu  helfen.  Man
betrachtete  damals  fenen  Krieg  als  eine  sehr  ernste  Sache,  und
wenige  dachten,  daß  er  so  rasch  beendet  werden  würde.  Bekanntlich ­
  meldeten  zunächst  die  Tranzosen  übertriebene  Siegesnachrichten,
dann  kamen  die  Berichte  von  Wörth  usw.,  die  erste  Wachricht  darüber
wurde  im  gottesdienst  von  der  Kanzel  verkündet.  Dann  kamen  ein
paar  bange  Tage  um  Metz  herum,  bis  es  deutlich  wurde,  daß  die
Sache  sich  zum  Vorteil  der  Deutschen  neigte.  Treilich  hörte  man
zugleich  von  sehr  schweren  Verlusten,  durch  die  der  Sieg  erkämpft
sei.  Aber  man  war  nun  schon  auf  weitere  gute  Wachrichten  gefaßt,
bis  schließlich  die  Wachrichten  von  Sedan  alle  Lrwartungen  übertrafen; ­
  namentlich  bei  der  Jugend  bewirkte  die  Wachricht  von  der
gefangennähme  Wapoleons  einen  stürmischen  Jubel.  Allgemein
wurde  damals  ein  rasches  Lnde  des  Krieges  erwartet.  Wir  wissen,
daß  er  sich  länger  ausdehnte,  und  daß  es  an  einzelnen  Wechselfällen ­
  nicht  fehlte.  Das  Volk  wurde  recht  ungeduldig,  man  verstand ­
  nicht,  weshalb  die  Belagerung  von  Paris  fo  langsam  verlief;
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        oooooooooooooöooooooo  52  ooooooocooooooooooooo

dann  kamen  die  Heldentaten  Werders,  endlich  mustte  sich  Paris
ergeben.  Was  die  Triedensbedingungen  betraf,  so  wurde  vor  dem
Kriege  wenig  an  das  Llfast  gedacht;  man  hatte  sich  in  diesen  Verlust ­
  gefunden.  Üls  nun  aber  der  Kampf  entbrannt  war,  da  erhob
sich  die  allgemeine  Forderung,  die  im  gründe  deutsch  gebliebenen
Länder  für  Deutschland  wiederzugewinnen.
Inzwischen  war  meine  eigene  wissenschaftliche  Llrbeit  ruhig
fortgeschritten,  und  ich  durfte  die  baldige  Vollendung  meiner
Lchrift  über  die  aristotelische  Methode  zuversichtlich  erwarten.
Dann  aber  kam  ein  Lreignis,  das  meinen  Lebensweg  eine  neue
Kichtung  gab:  die  Berufung  nach  Bafel.  Die  Nachricht  traf
mich  ganz  unerwartet.  Üllerdings  war  mir  aufgefallen,  dast  das
Baster  Universitätsverzeichnis  nicht  den  Namen  Teichmüllers  enthielt, ­
  aber  ich  hatte  nichts  von  einer  Berufung  gehört  und  erklärte ­
  mir  fenen  Umstand  daraus,  dast  er  einen  Urlaub  antreten
wolle.  Lines  Morgens  aber  überbrachte  mir  ein  Dienstmann
einen  von  Trankfurt  aus  geschriebenen  Brief  von  Teichmüller,
der  mich  bat,  ihn  sofort  zu  besuchen.  Nun  erfuhr  ich,
dast  er  nach  Dorpat  übersiedeln  wolle,  wohin  ihn  Tamilienbeziehungen
  riefen  und  wo  ihn  eine  weit  grössere  Lehrtätigkeit  erwartete, ­
  zugleich  aber,  dast  man  in  Basel  ernstlich  daran  denke,
mich  als  seinen  Nachfolger  zu  berufen.  Ich  hatte  nur  meine
damals  noch  kleinen  Lchriften  den  Behörden  zu  übersenden  und
meine  prinzipielle  geneigtheit  zu  erklären;  bald  aber  kam  der  damalige ­
  Leiter  der  Baster  Universität,  Natsherr  und  Professor
Bischer,  zu  mir,  und  die  Lache  war  rasch  in  angenehmster
Weise  erledigt.  5o  war  ich  im  Lllter  von  25  Jahren  ein  wohlbestallter ­
  ordentlicher  Professor  der  Philosophie  und  der  Pädagogik. ­
  In  Trankfurt  bedauerte  man  meinen  Tortgang  aufrichtig,
Lehrer  und  Lchüler  zeigten  mir  in  mannigfacher  Weise  ihre
Lchätzung,  auch  die  städtischen  Behörden  taten  alles,  mich  in
Trankfurt  zu  halten,  aber  im  gründe  verstand  feder  vollauf,  dast
ich  die  Berufung  an  eine  Universität  nicht  ablehnen  konnte.  5o  bin
ich  in  aufrichtiger  gesinnung  und  mit  herzlicher  Dankbarkeit  von
Trankfurt  geschieden.  Ich  stehe  noch  immer  mit  den  damaligen
Lchülern  in  einer  gewissen  Verbindung  und  habe  das  Hoofährige
Jubiläum  des  alten  gpmnasiums  in  treuer  gesinnung  miterlebt.
Ls  war  mir  eine  groste  Treude,  dast  man  damals  an  mich  als
Testredner  dachte;  leider  verhinderten  gehäufte  wissenschaftliche
Qrbeiten  mein  Kommen.
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        OOOOOOOOÖOOOOOOÖOOOOO  53  ÖOOOOOOOOÖOOOOOOOOOÖO

Basel  (1871  —  1874).
Übersiedlung  nach  Basel  war  keineswegs  leicht.  Linmal
mußten  wir  manches  aufgeben,  was  uns  eine  liebe  gewöhnheit
  war,  und  uns  von  manchen  werten  freunden  trennen.
Dann  hatten  wir  grosse  Mühe,  eine  leidliche  Wohnung  in  Bafel
zu  finden,  wir  haben  eine  zusagende  erst  nach  einem  halben
Jahr  gefunden.  Buch  hatten  wir  viele  Sorge  wegen  unserer
Möbel.  Der  sie  enthaltende  Wagen  traf  sehr  verspätet  in  Basel
ein,  und  wir  mustten  Dag  für  Dag  uns  darum  bemühen.  Über
schliesslich  wurde  alles  glücklich  überwunden,  und  wir  haben  uns
bald  wohl  in  Bafel  gefühlt.  Die  üniversität  war  dainals  recht
klein  (150  bis  160  Studenten),  aber  sie  hatte  eine  grosse  Zahl  hervorragender ­
  Persönlichkeiten.  So  z.  B.  den  Ratsherrn  Bischer
selbst,  der  als  Erforscher  des  klassischen  Ültertums  einen  großen
chuf  besäst  und  verschiedenen  europäischen  Ükademien  als  Mitglied ­
  angehörte.  Sodann  Jakob  Burckhardt,  der  damals  auf  der
Höhe  feines  Wirkens  stand,  den  tiefgründigen  und  geistvollen
Steffenfen,  weiter  die  Dheologen  Hagenbach,  Schultz  und  von  der
goltz,  den  Juristen  Ü.  Heustler,  die  Naturforscher  Nütimeyer  und
Schwendener,  den  Mediziner  His,  den  Nationalökonomen  Julius
Neumann,  endlich  Nietzsche.  Ich  habe  gleich  bei  meiner  Berufung
vom  Ratsherrn  Bischer  Näheres  über  Nietzsches  Berufung  nach  Bafel
gehört.  Bischer  kam  nach  Leipzig  zu  Nitschl,  um  einen  zungen
Philologen  für  die  Universität  zu  gewinnen.  Dieser  nannte  zunächst ­
  verschiedene  andere  Namen,  endlich  aber  meinte  er:  wir
haben  einen  zungen  Philologen,  der  entschieden  bedeutender  ist  als
alle  anderen,  aber  er  ist  noch  nicht  einmal  Doktor.  Bischer  meinte:
das  schadet  nichts,  wenn  der  Mann  wirklich  so  bedeutend  ist.
Dieses  versicherte  Kitfchl  mit  voller  Entschiedenheit.  So  wurde  die
Berufung  ausgeführt.  Bischer  aber  erklärte  mir  damals,  man
wäre  in  Bafel  sehr  froh  darüber,  diesen  hervorragenden  Mann  an
der  Universität  zu  wissen.  In  enger  Berbindung  zu  den  akademischen ­
  Kreisen  stand  auch  der  badische  Staatsrat  gelzer,  dem
man  einen  bedeutenden  politischen  Linflust  zuschrieb,  und  der  wegen
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        seiner  charaktervollen  und  universalen  Persönlichkeit  allgemein  geschätzt ­
  wurde.
Ich  begann  bald  meine  Vorlesungen.  Die  Zahl  meiner  Zuhörer
war  natürlich  anfangs  klein.  Mein  erskes  Kolleg  behandelte  die
geschichke  und  das  Zpstem  der  Pädagogik,  wobei  ich  den  gewöhnlichen ­
  Gehler  beging,  viel  zu  viel  Ltoff  zu  bringen.  Ich
habe  auch  sofort  aristotelische  Übungen  eingerichtet  und  hier  die
Lthik  mit  sehr  tüchtigen  Ztudenten  getrieben.  Im  folgenden  Lenzester ­
  hatte  ich  schon  4.0  Zuhörer.  Ouch  die  gesellschaftlichen  Verhältnisse ­
  in  Basel  gestalteten  sich  sehr  zusagend.  Wir  gewannen
einerseits  mit  den  deutschen  Kollegen,  andererseits  mit  den  einheimischen ­
  Familien  mannigfache  freundschaftliche  Beziehungen.  Damals
herrschte  in  Basel  eine  hochgebildete  Llristokratie,  welche  sich  mit
dem  deutschen  Wesen  eng  verwandt  fühlte.  Durch  eine  ganze  Keihe
von  Jahrhunderten  waren  daraus  bedeutende  Persönlichkeiten  hervorgegangen; ­
  das  -Keligiöfe  gab  einen  festen  Zrundton,  aber  es
war  keineswegs  eng  und  aufdringlich.  Zugleich  herrschte  in  diesen
Kreisen  viel  Zinn  für  die  Kunst,  sowohl  für  die  bildende,  als  für
die  Musik.  Dazu  kani  eine  unbeschränkte  Opferwilligkeit  für  öffentliche ­
  Zwecke,  bei  der  sich  die  gemeinsamen  Üngelegenheiten  ausgezeichnet ­
  befanden.  5o  galt  Bafel  mitNecht  als  ein  hervorragendes
Kulturzentrum  selbständiger  Llrk.  Dabei  herrschte  im  persönlichen
Verkehr  ein  recht  freundlicher  und  ansprechender  Ton.  Wiederholt ­
  ist  mir  damals  versichert  worden,  man  fühle  sich  mit  den
eigentlichen  Norddeutschen  und  namentlich  mit  den  Küstenbewohnern ­
  besonders  verwandt,  verwandter  als  mit  den  redegewandten ­
  Mitteldeutschen  und  namentlich  mit  den  selbstbewustten
Berlinern.  Dast  auch  meine  Mutter  diese  ganze  Lage  freudig  begrüstte
  und  auch  für  sich  selbst  vielfach  Ünregung  schöpfte,  das
bedarf  keiner  Erwähnung.  Zehr  bedauerlich  und  schmerzlich  aber
war  mir  in  dieser  Zeit  der  unerwartete  Tod  Trendelenburgs.  Lr
hatte  schon  1870  einen  leichten  Zchlaganfall  gehabt,  den  alle
freunde  auf  seine  mastlose  Überbürdung  mit  geschäften  schoben.
Über  man  hoffte,  die  sorgfältige  und  treue  Pflege  der  Zeinigen
würde  die  Hemmung  voll  überwinden.  Lr  erbat  und  erhielt
einen  längeren  Urlaub,  um  sich  in  der  grasten  und  stillen  Natur
der  Qlpen  auszuruhen,  und  es  schien,  als  ob  er  seine  akademische
Tätigkeit  bei  genügender  Vorsicht  wieder  würde  aufnehmen  können. ­
  Ich  habe  in  ^ener  Zeit  öfter  mit  ihm  korrespondiert  und
ihn  über  laufende  wissenschaftliche  Vorgänge  orientiert;  er  hatte
damals  einen  verdriestlichen  wissenschaftlichen  Ztreit  mit  Kuno
Tischer,  der  sich  zunächst  auf  die  Behandlung  Kants  bezog,  der
aber  überhaupt  di^  wissenschaftliche  Ort  der  beiden  Denker  als  recht
verschieden  zeigte.  Trendelenburg  fand  die  philosophische  llrt
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        Mischers  als  sehr  geistvoll,  aber  als  zu  subjektiv,  über  sein  Redner/
vermögen  äußerte  er  sich  stets  mit  höchster  Anerkennung.  Ls  hat
aber  dieser  wissenschaftliche  Streit  auf  den  gesundheitszustand
Trendelenburgs  nicht  eingewirkt,  wie  gelegentlich  behauptet  wurde;
dazu  ging  ihm  die  Lache  nicht  tief  genug.  Llnfang  1872  hörte
ich  dann  durch  einen  Berliner  Bekannten  von  einer  grasten  Verschlimmerung ­
  seines  Befindens,  und  bald  empfing  ich  die  Todesnachricht. ­
  Ich  verlor  in  Trendelenburg  nicht  nur  einen  mir  sehr
sympathischen  Torscher,  sondern  einen  väterlichen  Treund,  der  stets
darauf  bedacht  war,  mich  auch  in  meiner  eigenen  Llrt  zu  bestärken,
der  in  keiner  Weife  die  Huldigung  eines  Schulhauptes  verlangte.
Ich  hatte  an  ihm  auch  in  den  akademischen  Kreisen  einen  festen
Halt.  In  den  Schriften  der  preussischen  LIkademie  hat  Lenz  ein  eingehendes ­
  Bild  von  Trendelenburg  entworfen,  das  leider  die  wissenschaftliche ­
  Bedeutung  und  die  edle  Persönlichkeit  des  Mannes  nicht
genügend  würdigt;  die  einzelnenZüge  mögen  zutreffen,  es  fehlt  aber
dem  gesamtbild  die  innere  Linheit  und  Wärnre.  Ich  selbst  habe
mich  wiederholt  über  Trendelenburg  und  seine  wissenschaftliche
Stellung  literarisch  ausgesprochen.
Llbgesehen  von  diesem  schmerzlichen  Verlust,  schien  ich  in  Basel
auf  der  Höhe  des  Lebens  zu  stehen.  Meine  wissenschaftliche  Laufbahn ­
  hatte  sich  austerordentlich  günstig  gestaltet,  alles  griff  ineinander, ­
  zusagende,  ja  bedeutende  Stellungen  waren  einander
rasch  gefolgt,  ich  war  den  Mühen  und  gefahren  eines  Privatdozenten ­
  entgangen  und  in  eine  schöne  Tätigkeit  versetzt,  die
allen  meinen  Wünschen  entsprach  und  alle  meine  Kräfte  anspannte. ­
  Scherzweise  habe  ich  damals  wohl  geäustert,  ich  würde
in  meinen  Leistungen  pränumerando  bezahlt,  ich  hätte  die  Pflicht,
eine  solche  zuvorkommende  Behandlung  erst  durch  die  Tat  zu
beweisen.  Trendelenburg  aber  gratulierte  mir  in  einem  herzlichen ­
  Briefe:  „Mögen  Sie  Muste  behalten!  Muste  in  Ihren
Jahren,  welcher  Keichtum  an  möglichen  Keimen!"  So  war  mir
alles  über  Lrwarten  gelungen.  Liuch  in  der  Lebensumgebung  hatte
sich  alles  nach  Wunsch  gestaltet.  Wir  hatten  eine  sehr  zusagende
Wohnung  gemietet,  deren  groster  garten  unmittelbar  an  den  Khein
grenzte,  meine  Mutter  hatte  besondere  Treude  daran;  ich  aber  hatte
täglich  meinen  Weg  nach  der  Universität  über  die  alte  Kheinbrücke
zurückzulegen,  die  einen  herrlichen  Blick  auf  das  hochragende  Münster ­
  gewährt.  Liber  eben  fetzt,  wo  alles  aufs  beste  zu  stehen  schien,
drohte  eine  gefahr,  die  zunächst  nicht  als  eine  schwere  erschien,  sich
aber  bald  als  eine  solche  herausstellte,  eine  gefahr  für  die  gefundheit
  und  das  Leben  meiner  Mutter.  Meine  Mutter  war  zart,  aber
elastisch  und  von  groster  Willensstärke,  so  hatte  sie  die  Mühen  des
doppelten  Umzuges  gut  überstanden.  Wir  haben  damals  noch
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        00000000ö000w0000%j ! .. ! 00  56  wOOwOvOvwwvOöOOOOüOOO

verschiedene  kleine  Ausflüge  gemacht,  namentlich  noch  vor  dem
Mnter  einen  großartigen  Alpenblick  auf  der  Trohburg  genossen,
wo  alle  großen  Zipfel  aus  dem  sonstigen  tiefen  Nebel  klar  und
hell  hervorragten.  Werner  haben  wir  mit  der  uns  befreundeten
Tamilie  des  Philosophen  Lengler  in  Treiburg  noch  am  lo.Mai  1872
einen  Ausflug  nach  dem  im  frischen  grün  prangenden  Höllental ­
  gemacht.  Wir  hofften  durch  einen  Aufenthalt  auf  dem  Ltoos
eine  völlige  Kräftigung  zu  erreichen.  Aber  schon  einige  Tage  nach
^enem  Ausflug  verschlimmerte  sich  das  Befinden  meiner  Mutter
sehr.  Hie  fühlte  sich  sehr  matt  und  schwach,  ohne  sedoch  über  besondere ­
  Lchmerzen  zu  klagen.  Aber  offenbar  hat  sie  sich  schon  damals
mit  dem  gedanken  eines  baldigen  Todes  stark  beschäftigt.  Lines
Morgens  trat  sie  in  beinahe  feierlicher,  aber  freudiger  Ltimmung
in  das  gemeinsame  Trühstückszimmer  und  erzählte  mir,  sie  hätte
im  Traume  nun  endlich  ein  vollauf  deutliches  Bild  ihres  jüngeren
Lohnes  gehabt,  was  ihr  sonst  nie  gelungen  war.  Lie  hat  aber
weiter  nicht  geklagt  und  hat  noch  erlebt,  daß  mein  erstes  Luch
über  die  aristotelische  Methode  mir  samt  dem  Honorar  von  dem
Weidmannschen  Verlag  übersandt  wurde.  Dann  aberging  es  sehr
schnell  abwärts,  und  am  Zi.Mai  ist  sie  ohne  schweren  Todeskamps
verschieden.  Der  behandelnde  Professor  Miescher  hat  mir  dann
berichtet,  dieser  baldige  Tod  sei  als  ein  großes  glück  zu  betrachten,
es  habe  sich  schon  ein  Krebsleiden  entwickelt,  wovon  sie  nicht  die
mindeste  Ahnung  hatte.
Was  der  Verlust  meiner  Mutter  für  mich  bedeutete,  das  entzieht ­
  sich  Worten.  Aber  bei  allem  Lchmerz  mußte  ich  dankbar  anerkennen, ­
  daß  meiner  Mutter  ein  innerlich  reiches  und  edles  Leben
beschieden  war.  Ihre  Jugend  war  ruhig  und  heiter,  in  der  Lhe
fand  sie  ein  zusagendes  Leben,  aber  zehn  Jahre  hindurch  waren
dieser  Lhe  Kinder  versagt.  Dann  gab  die  freudig  begrüßte  gebürt
ihrer  beiden  Kinder  ihrem  Leben  einen  reicheren  Inhalt.  Aber  kaum
war  das  geschehen,  so  häuften  sich  Lorgen  und  Lchmerzen,  sie
verlor  rasch  nacheinander  den  blühenden  Lohn  und  den  geliebten
Mann  und  war  allein  auf  ihre  eigene  Kraft  angewiesen.  Nun
hat  sie  alle  Mühe  daran  gesetzt,  mir  eine  volle  Lntwicklung
meiner  Kräfte  zu  bereiten  und  alle  Hemmungen  zu  überwinden;
das  ist  ihr  vollkommen  gelungen,  und  mit  inniger  Treude  und
Dankbarkeit  durfte  sie  solches  gelingen  vollauf  erleben.  Als  ich  von
meiner  Basier  Antrittsrede  zurückkam,  fand  ich  sie  tiefbewegt  in
Treudenträncn;  ihr  eigenes  Werk  war  damit  vollbracht,  sie  hatte
keine  weiteren  Wünsche  an  das  Leben.  Ich  aber  mußte  nun  auf
lange  Jahre  hinaus  einsam  weiterwandern.
Diese  unerwartete  Wendung  mußte  mich  aufs  schwerste  erschüttern ­
  und  meine  Ltellung  zum  Leben  wesentlich  umgestalten.
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        Jür  einen  jeöen  von  uns  bedeutet  der  Verlust  der  Mutter  einen
grasten  Qusfall,  ich  aber  wurde  besonders  hart  dadurch  betroffen.
Nicht  nur  war  ich  in  praktischen  Dingen  recht  verwöhnt  und  vielfach
auf  ihre  kluge  und  gütige  Hilfe  angewiesen,  auch  meine  wissenschaftlichen ­
  Pläne  pflegte  ich  meiner  Mutter  mitzuteilen  und  sie  mit  ihr  zu
erörtern.  So  empfand  ich  die  Lücke  aufs  schmerzlichste,  und  zunächst
hatte  ich  die  gröstte  Mühe,  nur  die  tägliche  Llrbeit  zu  verrichten.
£s  ist  aber  ein  Segen  für  den  Mann  in  amtlicher  Stellung,  dast  er
sich  nicht  ganz  seinem  eigenen  Befinden  hingeben  darf,  sondern  die
pflichten  des  Berufes  zu  erfüllen  hat.  Oie  l?reude  an  der  Natur
habe  ich  zeitweise  ganz  verloren,  auch  die  Qlpen  verlockten  mich
nicht.  Ich  bin  wochenlang  in  der  Nähe  von  Luzern  gewesen,  aber
nicht  auf  den  Nigi  gekommen.
Zugleich  vollzog  sich  in  meiner  wissenschaftlichen  Betätigung
eine  eingreifende  Wendung,  die  freilich  längst  vorbereitet  war.  von
Anfang  an  war  es  mein  Streben,  mich  an  erster  Stelle  den  grasten
Lebensfragen  der  Philosophie  zu  widmen;  Qristoteles  war  bei  allent,
was  er  mir  bot,  im  gründe  nur  eine  Brücke  zu  weiterem  Streben.
Meine  seelische  Lage  hatte  keinen  vollen  Anklang  zwischen  Ürbeit
  und  Denkweise.  Meine  Arbeit  gehörte  zunächst  Aristoteles,
und  ich  konnte  es  nicht  übelnehmen,  nach  üblicher  deutscher
Schablone  von  Anfang  an  in  die  Klasse  der  Llristoteliker  eingereiht ­
  zu  werden.  Meine  eigene  Denkweise  aber  neigte  sich  mehr
zu  Plato,  ein  gewisser  Unterschied  von  Trendelenburg  war  dabei
nicht  zu  verkennen.  Meine  Schrift  über  die  Methode  der  aristotelischen ­
  Philosophie  war  einerseits  eine  volle  Anerkennung  des
grasten  Denkers,  sie  war  aber  zugleich  eine  kritische  Würdigung
desselben*.  Zn  zener  Zeit  wurden  verschiedene  Anerbietungen  angesehener ­
  Verleger  an  mich  gerichtet,  Schriften  über  Qristoteles
zu  übernehmen.  Ich  habe  sie  aber  dankend  abgelehnt.  Mein

*  allerdingsmust  ich  anerkennen,  dastdervcrlaufmeineseigenenStrebens  mich
vielfach  vonSristoteles  entfernt  hat,  aber  ich  bleibe  ihm  dauernd  dankbar  für  feine  eingreifen ­
  de  Forderung.  ^.Ll.  Lange  hat  sich  in  feinem  grasten  Werke  Uber  denMaterialismus
  eingehend  mit  meinem  Buch  befchäftigl,  er  sieht  anders  als  ich  zu  Llristoteles,
  aber  er  hat  meine  Forschungen  sehr  anerkannt.  Lrfagt(Llnm.4y):  „In  diesem
mit  grostcr  gewifsenhaftigkeit  und  Sachkenntnis  vcrfastten  Büchlein  zeigt  sich
die  Ansicht,  welche  wir  längst  hegten,  glänzend  bestätigt,  dast  nämlich  gerade
die  neu-arisiotelifche  Schule,  welche  von  Trendelenburg  ausgegangen  ist,  fchliestlich
  am  meisten  dazu  beitragen  must,  uns  definitiv  von  llristoteles  zu  befreien.
Sei  Lucken  geht  die  Philosophie  auf  in  der  aristotelischen  Philologie;  aber  dafür
ist  auch  diese  Philologie  gründlich  und  objektiv.  Nirgends  findet  man  die
Schäden  der  aristotelischen  Methode  so  klar  und  übersichtlich  dargelegt  als  hier."
Sehr  anerkennend  hat  sich  damals  Lehrs  über  mein  Buch  ausgesprochen,  den
ersten  freundlichen  Brief  darüber  habe  ich  von  Ieller  empfangen.
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        Hauptzug  ging  schon  damals  entschieden  nach  der  systematischen ­
  Philosophie,  auch  das  Thema  meiner  nächsten  Qrbeit
war  mir  völlig  klar:  ich  wollte  über  „die  metaphysischen  Voraussetzungen ­
  der  Lthik"  schreiben;  gewisse  Entwürfe  dazu  bewahre ­
  ich  noch  heute  auf.  Ich  wollte  dabei  untersuchen,  weiche
Fassungen  der  Metaphysik  mit  einer  Lthik  vereinbar  seien;  es
sollte  dabei  ein  analytischer  Weg  eingeschlagen  werden.  Meine
akademischen  Vorlesungen  aber  sollten  vornehmlich  die  Hauptfragen
der  gegenwärtigen  Philosophie  behandeln  und  dazu  eine  selbständige ­
  Stellung  nehmen.  Vun  aber  warf  jener  Verlust  mich  gänzlich
aus  der  überlieferten  Seelenlage  und  Stimmung.  Ls  wurde  mir
sogar  fraglich,  ob  ich  überhaupt  die  akademische  Laufbahn  festhalten ­
  sollte.  Ich  habe  mich  ernstlich  damit  beschäftigt,  ob  es  nicht
meine  Pflicht  fei,  mich  an  erster  Stelle  den  grasten  sozialen  Problemen ­
  zu  widmen  und  dabei  mit  demSozialismus  eineverbindung
zu  suchen,  freilich  eine  Verbindung  freierer  Ürt.  Iene  Tragen  haben
mich  von  früh  an  beschäftigt,  ich  habe  vieles  darüber  gelesen  und
darüber  gegrübelt,  sie  schienen  ntir  eng  verbunden  mit  der  notwendigen ­
  inneren  Erneuerung  der  Menschheit,  die  mir  immer  als
die  Hauptsache  galt.  Wenn  ich  rasch  jenen  Weg  als  für  mich  ungangbar ­
  erkannte,  so  bewirkte  das  namentlich  der  Linflust  der  flachen
negativen  und  positivistischen  Denkweise,  welche  aus  den  führenden
geistern  des  Sozialismus  sprach.  Der  Bahn  Teuerbachs  und  Marx'
zu  folgen,  das  war  mir  sowohl  seelisch  als  wissenschaftlich  ^unmöglich. ­
  So  blieb  ich  bei  der  überkommenen  Lebensführung.  Ilm  der
lähmenden  Stimmungen  Herr  zu  werden,  schien  es  mir  zweckmästig,
mich  innerlich  in  eine  ganz  andere  gedankenwelt  zu  versetzen,  die
meiner  gemütslagc  entsprach  und  auch  zugleich  manche  Qnregungen
  bot.  Zu  diesem  Zweck  habe  ich  int  Winter  1872  die
bedeutenderen  Kirchenväter  zusantnienhüngend  durchgelesen  und
mich  in  die  von  ihnen  vertretene  Welt  vertieft.  Die  einzelnen  Lehren
kümmerten  mich  dabei  wenig,  es  war  die  grundrichtung  des  Lebens,
die  mich  fesselte  und  mir  wohltat;  im  besonderen  gedenke  ich  gern
des  gregor  von  cklyffa  und  der  spekulativen  Hauptschriften  des
Qugustin.  Diese  Quellenforschungen  sind  später  auch  den  „Lebensanschauungen ­
  der  grasten  Denker"  zugute  gekommen.  einstweilen
blieb  es  in  der  philosophischen  Qrbeit  bei  blosten  Vorbereitungen.
Inzwischen  hatte  ich  mich  in  Basel  mehr  und  mehr  eingelebt  und
nrannigfache  persönliche  Beziehungen  gewonnen.  Wohltuend  war
mir  die  geistesverwandtschaft,  welche  ich  bei  dem  edlen  und  geistvollen ­
  Steffensen  fand,  wohltuend  der  freundschaftliche  Verkehr,
den  ich  von  Ünfang  an  mit  dem  hervorragenden  ckkationalökonomen
  Iülius  Tleumann  gewann.  Lin  besonders  enges  freundschaftliches ­
  Verhältnis  aber  habe  ich  mit  dem  Kirchenhistoriker
        <pb n="64" />
        JluÖolf  Htähelin  gewonnen.  £r  verband  mit  geistiger  Tiefe  und
seelischer  Äärme  eine  universale  Denkweise,  einen  offenen  Blick  für
alle  menschlichen  Dinge  und  auch  für  die  Natur,  die  gäbe  scharfer
Beobachtung,  dazu  einen  sprudelnden  Humor.  Lo  war  es  mir  ein
groster  gewinn,  in  ihm  einen  echten  Treund  zu  gewinnen.  Leider  ist
der  vortreffliche  Mann  viel  zu  früh  (lyoo)  von  uns  gegangen.
Mit  ihm  und  feiner  Tamilie  habe  ich  im  Lämmer  1873  einen
ebenso  wohltuenden  wie  genustreichen  Llufenthalt  im  Berner  Oberlande
  nahe  der  Pracht  der  Ülpenwelt  (in  Beatenberg)  gehabt  und
mich  dadurch  sehr  erfrischt;  nun  erwachte  bei  mir  auch  wieder  die
Treude  an  der  grosten  Natur.
Terner  fehlte  es  nicht  an  manchen  angenehnten  Beziehungen  zu
weiteren  Lchweizer  Kreisen.  TlTit  besonderer  Treude  gedenke  ich  der
Tage,  welche  ich  als  Teilnehmer  der  theologischen  Prüfungen  in
Zürich  verlebte;  es  war  das  ein  Kreis  lebenserfahrener  und  sympathischer ­
  Menschen,  welcher  dort  unter  der  geschickten  Leitung  des
geistvollen  Üntistes  Tinsler  zusammentraf.
Über  eben  nun,  wo  ich  festen  Boden  in  der  Lchweiz  fühlte,  erhielt
ich  in  den  Weihnachtstagen  187z  ein  Telegramm  des  Ienatfchen
Universitätskurators  Leebeck,  er  wolle  mich  besuchen  und  mit
niir  sprechen.  Ich  konnte  mir  natürlich  denken,  was  dieser  Besuch
bedeutete,  und  hatte  während  der  folgenden  Tage  Zeit  genug  zu
überlegen,  ob  ich  dauernd  in  der  Lchweiz  bleiben  oder  nach
Deutschland  zurückkehren  solle.  Vieles  fesselte  mich  in  der  Lchweiz
und  besonders  in  Basel.  Die  herrliche  Natur,  die  Tüchtigkeit  und
Zuverlässigkeit  der  Bewohner,  die  feste  gemütsart,  welche  ntanche
gemeinsame  Züge  mit  der  friesischen  hatte.  Dazu  schwebte  damals ­
  das  Projekt  einer  eidgenössischen  Universität,  die  ein  grösteres
Teld  für  wissenschaftliches  Wirken  geboten  hätte.  Über  ich  habe
mich  bald  für  Deutschland  und  Jena  entschieden;  ich  war  zu
jung,  um  jetzt  schon  den  Lauf  nteines  Lebens  festzulegen;  dazu
konnte  mir  nicht  zweifelhaft  fein,  dast,  solange  ich  unter  dem  Lindruck ­
  meines  schweren  Verlustes  war,  ich  nicht  die  volle  Trische  und
die  nötige  Lpannkraft  des  Lchaffens  erlangen  würde;  eine  Veränderung ­
  und  eine  Versetzung  in  eine  neue  Lage  versprach,  mein
Ltreben  wesentlich  zu  fördern;  auch  konnte  ich  für  einen  aufstrebenden ­
  Philosophen  keinen  besseren  Wirkungsplatz  wünschen
als  Jena  mit  seiner  grosten  Tradition,  die  bis  zu  Kuno  Tischer
reichte.  Lo  konnte  ich  der  Unterredung  mit  Leebeck  eine  bereitwillige ­
  Ltimmung  entgegenbringen.  Von  Leebeck  empfing  ich  beim
ersten  Ünblick  einen  hervorragenden  Lindruck.  Line  bewunderungswürdige ­
  geistige  Weite,  eine  graste  gäbe  der  llusfprache  und  anregenden ­
  Unterhaltung,  dabei  eine  unverkennbare  gütigkett  und
Vornehmheit  der  gesinnung.  Lr  schilderte  mir  die  jenaischen
        <pb n="65" />
        00000000000000000.0000  6o  ooooooooooooooooooooo

Verhältnisse  in  einer  sehr  anziehenden  Weise.  Die  äusterenöchwierigkeiten
  wurden  rasch  überwunden,  die  Zustimmung  der  Regierungen
eingeholt,  und  so  durfte  ich  mich  als  einen  Jenenser  betrachten.
Über  ich  darf  sagen,  dast  der  Übschied  von  Basel  mir  recht  schwer
geworden  ist.  Üuch  habe  ich  beim  Qbschied  viele  Zeichen  einer  herzlichen ­
  gesinnung  empfangen,  so  dast  ich  nur  mit  aufrichtigem
Dank  an  fene  Zeit  zurückdenken  kann.  Der  Umzug  gelang  dank
freundlicher  Hilfe  ohne  Hchwierigkeiten;  ich  war  und  ich  bin  sehr
unsicher  in  diesen  praktischen  Dingen,  und  so  war  es  schließlich  beinahe ­
  ein  Wunder,  daß  alles  so  gut  verlief,  vor  meinem  Linzug
habe  ich  schon  einen  kurzen  Besuch  in  Jena  gemacht,  um  mich
wegen  einer  Wohnung  zu  orientieren.  Ls  war  auch  damals  ungeheuer ­
  schwierig,  eine  Wohnung  zu  bekommen,  erst  nach  U/g  Jahren
erhielt  ich  eine  solche,  die,  im  dreien  gelegen,  allen  meinen  Wünschen
entsprach,  sie  führte  unmittelbar  in  einen  hübschen  garten  und  von
da  aus  in  das  sogenannte  Paradies.
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        Zweiter  Teil.
«
Die  Weiterentwicklung  meines  Lebens
und  Ltrebens.
Jena.
C^Ve  allgemeine  Lage  von  Jena  bedarf  keiner  näheren  Schilderung.
Noch  wardieLtad  t  klein  und  ohneImbriken,  sie  zählte  nicht  mehr
als  yovO  Linwohner.  Lrst  das  Jahr  1874  brachte  eine  kleine  Bahn,
die  aber  noch  nicht  bis  auf  denlhüringer  Wald  fährte.  Die  Natur
hatte  ihren  alten  Zauber,  und  es  war  mir  eine  besondere  Freude,  dasi
ich  die  Hauptpunkte  der  Umgebung  noch  mit  meiner  Mutter  in  gehobener ­
  Stimmung  besucht  hatte.  In  Jena  umfing  mich  ein  frisch
aufstrebendes  Leben.  Line  Qnzahl  neu  berufener  gelehrter  wirkte
mit  voller  Kraft.  Ls  wurde  die  Ienaifche  Literaturzeitung  begründet,
mit  deren  Hilfe  man  ein  neues  geistiges  Zentrum  bilden  zu  können
hoffte.  Das  äusiere  Leben  war  einfach,  aber  ausreichend  und
angenehm.  Man  empfand  noch  immer  die  Nachwirkung  der
klassischen  Zeit,  noch  bestand  das  Haus  Trommann,  das  so  eng
mit  jener  Zeit  verknüpft  war.  Mich  selbst  berührte  es  merkwürdig,
als  ich  dort  mit  einem  Lnkel  von  goethe  zu  einem  kleinen
Mittagessen  zusammentraf;  natürlich  war  goethe  der  Mittelpunkt
des  gespräches.  Manche  kannten  ihn  persönlich  und  erzählten
einzelne  ansprechende  Züge  von  ihm.  flm  weitesten  erstreckte  sich
die  Lrinnerung  des  Orientalisten  Stickel,  der  181Z  nach  den  Oktobertagen ­
  als  Kind  die  flucht  Napoleons  in  tiefer  Nacht  erlebte;  er
konnte  i8y2  bei  dem  bekannten  Aufenthalte  Bismarcks  in  Jena
diesem  berichten,  er  habe  den  grössten  Feldherrn,  den  grössten  Dichter
und  nun  auch  den  grössten  Staatsmann  des  Jahrhunderts  gesehen.
Bekanntlich  hat  goethe  an  Jena  und  an  seiner  Natur  besondere
Freude  gehabt  und  versichert,  dasi  er  hier  nie  einen  unproduktiven
Üugenblick  gehabt  habe.
Der  Mittelpunkt  des  gesellschaftlichen  und  geistigen  Lebens  war
damals  das  Haus  Leebeck;  die  geistige  Kraft  des  Mannes  und  das
        <pb n="67" />
        gesellschaftliche  Talent  der  Trau,  die  eine  Tochter  des  früheren
generalstabschefs  von  Krauseneck  war,  verbanden  sich  hier  aufs
beste.  Seebeck  lebte  ganz  in  der  klassischen  Zeit,  mit  der  ihn,  den
Sohn  des  bekannten  Physikers,  manche  persönliche  Lrirmerungen  verbanden. ­
  Das  Leben  hatte  ihn  vor  recht  verschiedenartige  Aufgaben
gestellt,  denen  er  sich  vollauf  gewachsen  zeigte;  schliestlich  fand  er
in  der  Stellung  des  Universitätskurators,  der  das  Zusammenwirken ­
  verschiedener  Staaten  eine  besondere  Bedeutung  gab,  eine
Tätigkeit,  welche  allen  seinen  Kräften  und  Wünschen  entsprach,
kr  war  im  gründe  Hegelianer,  aber  ein  solcher  freier  und
weiter  Ürt,  ihn  leitete  vornehmlich  der  gedanke  an  die  Sache  und
an  ihre  Torderung;  alles  Parteiwesen  war  ihm  zuwider,  subjektive
Sympathien  und  Llntipathien  traten  bei  ihm  gänzlich  zurück.  In
diesem  Sinne  hat  er  sehr  erfolgreich  für  die  Universität  Jena  gewirkt, ­
  die  der  Mittelpunkt  aller  seiner  Wünsche  war,  und  eine
nicht  geringe  Zahl  hervorragender  Persönlichkeiten  für  die  Universität ­
  gewonnen.  Zu  vielen  davon  stand  er  in  einem  herzlichen
Treundschaftsverhältnis.  Üuch  wustten  er  und  feine  weltgewandte
Trau  einen  feinen  und  geistig  bewegten  Kreis  um  sich  zu  versammeln; ­
  es  ruhte  auf  diesem  Kreise  noch  ein  Übglanz  goethischer
Denkweise,  alles  Niedrige  war  verbannt.  In  diesem  Kreise  habe  ich
später  meine  zukünftige  Lebensgefährtin  gefunden.*
Unter  den  damaligen  Kollegen  gab  es  eine  Tülle  bedeutender
und  sympathischer  Persönlichkeiten,  die  teilweise  weit  über  Jena,  ja
über  Deutschland  hinaus  bekannt  waren.  Haeckel  war  in  der
vollen  Kraft  und  Trifche  seines  Schaffens.  Lr  erregte  schon  damals ­
  viel  Streit,  aber  auch  diejenigen,  welche  seine  Weltanschauung
nicht  teilten,  mustten  sein  grostes  wissenschaftliches  und  künstlerisches ­
  Bermögen  unbedingt  anerkennen.  Dabei  war  er  voller
Verdienste  um  Jena  und  von  groster  Selbstlosigkeit;  verschiedene
glänzende  Nufe  lehnte  er  unbedenklich  ab,  um  in  Jena  frei  schaffen
zu  können.  Seebeck  hatte  den  Humor,  gegen  Haeckel  selbst  zu
Lustern:  „Sie  müssen  in  Jena  bleiben,  hier  schaden  Sie  noch  am
wenigsten!"  Unter  den  weiteren  Spitzen  der  Universität  stand  die
Theologie  voran,  jeder  Linzelne  verkörperte  dabei  auf  dem  gründe
einer  gemeinsamen  freieren  Denkweise  eine  eigentümliche  Ürt.  Hase
war  damals  schon  etwa  74  Jahre  alt,  aber  er  hat  noch  eine  ganze
.Keihe  von  Jahren  seine  Vorlesungen  mit  voller  Trische  gehalten  und
auch  literarisch  unermüdlich  weiter  geschafft.  Lr  hatte  eine  sehr  liebenswürdige ­
  Llrt,  sich  zu  den  Menschen  zu  stellen  und  jeden  in  seiner

*  Ich  selbst  habe  in  meinen  „gesammelten  Llufsätzen"  ein  Lebensbild  von
Leebeck  entworfen.  Lluch  Kuno  bischer  hat  über  diesen  eingehend  geschrieben:
,Erinnerungen  an  Moritz  Leebeck"  1886.
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        Ligentümlichkeit  anzuerkennen.  Der  Jugend  brachte  er  warme  und
freudige  Teilnahme  entgegen.  Leine  llrt  wurde  von  fremden  insofern ­
  bisweilen  wohl  unterschätzt,  als  man  die  innere  Wärme
feines  Wesens  nicht  voll  genügend  erkannte.  Leinen  Lchülern  war
er  ein  gütiger  und  hilfsbereiter  Berater,  und  wie  wohlwollend  er
für  feine  freunde  sorgte,  das  habe  ich  selbst  erfahren,  als  ich  in
Jiom  von  einem  sehr  ernstlichen  Tpphusanfall  befallen  war.  Niemand ­
  hat  sich  damals  meiner  so  herzlich  angenommen  wie  Hase.
In  der  theologischen  Fakultät  gewann  damals  vornehmlich  pfleiderer
durch  die  Wärme  seiner  gesinnung  und  durch  die  irische  seines
Ltrebens  die  fungen  Leelen.  Lipsius  war  bewunderungswert
durch  die  kritische  Lchärfe  seines  Denkens  und  sein  staunenswertes
historisches  Wissen,  so  dast  er  in  dieser  Dichtung  pfleiderer  weit
übertraf.  In  unserer  Fakultät  war  eine  Zierde  Hildebrand,  zu  dem
die  hervorragendsten  füngeren  Ilationalökonomen  pilgerten,  und
der  von  der  Lthik  aus  der  Philosophie  ein  warmes  Interesse  entgegenbrachte. ­
  Linen  sehr  geistvollen  und  anregenden  Denker  hatten
wir  an  dem  Historiker  Qdolf  Lchmidt,  der  sowohl  dem  frankfurter
Parlament  1848  als  dem  Reichstag  1874—angehörte.  Weine
näheren  kollegialen  Verhältnisse  gestalteten  sich  sehr  angenehm.  In
fortlage  hatte  ich  einen  treuen  und  feinsinnigen  Kollegen,  der  auf
kleinere  Kreise  aufs  förderlichste  wirkte.  Unermüdlich  und  mit
fugendlicher  Begeisterung  wirkte  Stop,  der  schon  durch  sein  seelenvolles
  Quge  fesselte.  Lluch  mit  dem  späteren  geistvollen  gpmnasialdirektor
  gustav  Kichter  verband  mich  bald  ein  freundschaftliches
Verhältnis.
Die  stille  Lage  Ienas  brachte  es  mit  sich,  dast  manche  der
älteren  Kollegen  eine  gewisse  Weltsremdheit  hatten,  und  dast
sie  sich  auch  in  die  modernen  Verkehrsverhältnisse  nur  mühsam
hineinlebten:  es  fehlte  nicht  an  kleinen  Llnekdoten  darüber.  Wie  man
damals  über  Lntfernungen  dachte,  dafür  ist  charakteristisch  folgender,
Zug.  fortlage  war  früher  privatdozent  in  Heidelberg,  er  hatte  sich
seine  Braut  aus  Schleswig  geholt,  wo  dann  die  Hochzeit  gefeiert ­
  wurde;  der  amtierende  geistliche  hielt  es  für  notwendig  darauf ­
  hinzuweisen,  die  funge  frau  möchte  zuversichtlich  in  die  Zukunft ­
  blicken,  denn  derselbe  gott  walte  in  Schleswig  und  in
Heidelberg.
Die  Zahl  der  Studenten  war  damals  nicht  grast.  Ls  wurde
als  etwas  Besonderes  begrllstt,  als  im  Sommersemester  1874  die
Zahl  der  Hörer  gegen  zoo  erreichte.  Ls  kam  dann  längere  Zeit  ein
Stagnieren,  bis  später  die  Universität  ein  fortwährendes  Qufsteigen
  erreichte.  Während  dieser  ganzen  Zeit  habe  ich  das  Zusammensein ­
  und  Zusammenwirken  mit  den  Studenten  als  einen
grasten  Vorzug  empfunden.  Schon  bevor  ich  nach  Iena  kam,
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        ,

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hat  Hchleiden  sich  mir  gegenüber  sehr  anerkennend  über  die
Ienaischen  Ltudenten  ausgesprochen.  5ie  haben  von  alters  her
viel  5inn  für  Humor,  und  es  kann  gelegentlich  die  fröhliche  Stimmung ­
  die  grenzen  überschreiten,  aber  im  Kern  war  und  isi  diese
Htudentenschaft  tüchtig,  arbeitsam  und  anhänglich  gegen  die
Lehrer.  Ich  habe  in  der  langen  Zeit  nieines  Wirkens  nie
irgendwelche  Lchwierigkeiten  oder  Unannehmlichkeiten  in  dieser
Kichtung  gehabt.  Wohl  aber  haben  die  Hkudenten  bei  mannigfachen ­
  gelegenheiten  durch  Tackelzüge,  Wagenauffahrten  usw.
mich  geehrt.  Lin  Vorteil  für  die  Universität  war  es,  dast  Jena
trotz  seines  bescheidenen  äusieren  Umfanges  durchaus  nicht  eine
provinzial-Universität  war;  von  den  verschiedenen  gegenden
Deutschlands  kamen  die  ötuöenten  hierher,  auch  an  Llusländern
verschiedener  Zungen  fehlte  es  nicht;  das  war  auch  für  die  Dozenten
ein  Vorteil,  dast  ihre  Ideen  sich  nach  allen  Dichtungen  hin
verbreiten  konnten.  Dem  inneren  Bau  des  deutschen  Lebens  aber
war  es  günstig,  dast  Norddeutsche  und  Thüringer  sich  eng  verbanden ­
  und  sich  gegenseitig  ergänzten.
Jena  ist  nicht  zu  erwähnen  ohne  auch  Weimars  zu  gedenken.
Treilich  ist  die  Zeit  schon  lange  vorüber,  wo  unter  der  Herrschaft
der  Literatur  „Weimar  und  Jena  eine  groste  5tadt"  bildeten;  im
Tortgang  des  19.  Jahrhunderts  bestand  wenig  geistiger  Verkehr
zwischen  zenen  beiden  Htäöten;  Wissenschaft  und  Kunst  gingen  ihre
eigenen  Wege.  Ls  war  im  gründe  nur  der  Hof  mit  seinen  Linladungen,
  der  die  Professoren  nach  Weimar  führte.  Diese  Linladungen
  waren  liebenswürdig  gehalten,  aber  sie  ergaben  kein
inneres  Verhältnis  der  Lebenskreise.  Nur  der  grostherzog  Larl
Vlesander  pstegte  bei  seinem  Aufenthalt  in  Jena  einen  kleinen  Kreis
vongelehrten  einzuladen;  dann  wurden  die  schwersten  und  heikelsten
Tragen  mit  voller  Offenheit  behandelt;  der  Türst  hatte  offenbar
eine  aufrichtige  Treude  daran,  in  dieser  Weise  über  die  laufenden
Tragen  orientiert  zu  werden.  In  Weimar  war  der  Ton  steifer,
aber  die  Unterhaltung  war  nicht  unbedeutend.  Die  Beziehungen
zu  den  anderen  Höfen,  die  an  der  Universität  teilnahmen,  beschränkten ­
  sich  auf  gröstere  Tamilienfeste,  aber  auch  hier  war  ersichtlich, ­
  dast  man  auf  die  Teilnahme  der  gelehrten  Wert  legte.
Oie  Universität  wurde  stets  nicht  als  ein  5tück  des  Verwaltungsorganismus, ­
  sondern  als  eine  selbständige  Korporation  behandelt. ­

Übrigens  war  das  Verhältnis  des  weimarischen  Hofes  zu  Jena
früher  intimer  als  später,  wo  die  goethebestrebungen  voranstanden;
man  konnte  nun  die  vermischen  gelehrten  leichter  entbehren;  diese
aber  hatten  mehr  Interesse  an  dem  grosten  deutschen  Leben  als  an
den  Verhältnissen  des  weimarischen  Kleinstaates.
        <pb n="70" />
        geistige  und  philosophische  Lage  des  damaligen
Deutschlands.
ach  meiner  Rückkehr  aus  Öer  Lchweiz  fand  ich  das  deutsche
tJ  ^Leben  in  eigentümlicher  Lage.  Ls  war  ein  großer  militärischer
Lieg  errungen,  und  Kraft  und  geschick  eines  grasten  Htaatsmannes
schienen  Deutschland  aller  gefahr  enthoben  zu  haben.  Uber  von
innen  her  drohten  geistige  Verwicklungen,  die  freilich  erst  allmählich
ins  Bewusttfein  traten.  Line  starke  Linfeitigkeit  war  nicht  zu  verkennen: ­
  einerseits  eine  politische  gestalkung,  welche  den  Lchwerpunkt
des  Wirkens  in  die  Negierung  legte  und  der  Lelbsttätigkeit  des
Volkes  nur  einen  bescheidenen  Linflust  gestattete,  andererseits  ein
rasches  Vordringen  der  wirtschaftlichen  Interessen,  die  mehr  und
mehr  zur  Hauptsache  wurden.  Ls  wurde  nach  beiden  Dichtungen
Treffliches  geleistet,  aber  das  Leben  ging  ausfchliestlich  in  solchen
Leistungen  auf,  es  fehlte  ein  gemeinsames  Ziel  für  den  ganzen
Menschen,  es  fehlte  eine  innere  Lrhöhung,  es  fehlte  eine  klare  Uuseinanderfetzung
  mit  den  Problemen  und  gegenfärzen  des  modernen
Lebens;  der  Hauptzug  der  Zeit  ging  nach  einer  unbedingten  Bejahung
des  Lebens,  mehr  und  mehr  zog  das  sichtbare  Dasein  alles  ötreben
an  sich,  es  war  eine  Unwahrhaftigkeit  darin  unverkennbar,  dast  das
äustere  Bekenntnis  der  Zeit  an  einer  geistigen  Welt  und  an  einer
Neligion  christlicher  Tärbung  festhielt.  Das  ergab  eine  bloste  Urbeitskultur,
  die  innerhalb  ihrer  grenzen  manches  forderte  und  verbesserte,
die  aber  bei  ihren  Lrfolgen  die  öeele  des  Menschen  vergast;  es  konnte
als  ein  Widerspruch  erscheinen,  dast  dieses  Volk  fortfuhr,  sich  ein
Volk  der  Denker  und  Dichter  zu  nennen,  da  bei  ihm  keine  innere
Notwendigkeit  weder  für  die  Kunst  noch  für  die  Neligion  noch  für
die  Philosophie  wirkte.  Das  war  die  Zeit,  welche  Nietzsche  mit  gutem
gründe  gegeistelt  hat;  zunächst  aber  fand  er  für  seinen  wuchtigen ­
  Qngriff  taube  Ohren,  er  hat  vor  feiner  schweren  Lrkrankung
von  keinem  seiner  Bücher  eine  neue  Auflage  erlebt  und  war  einstweilen ­
  ein  Prediger  in  der  Wüste.  Lrst  vor  und  gegen  i8yo
erfolgte  ein  Umschwung  der  Ltimmung,  mit  dem  wir  uns  später
zu  beschäftigen  haben.  In  Summa  war  bei  allem  äusteren  Wohlergehen ­
  eine  starke  Veräusterlichung  und  Verflachung  nicht  zu
verkennen.
Line  solche  Lage  brachte  auch  das  philosophische  Ltreben  in  eine
schwierige  Lage.  Ls  bekämpften  sich  einerseits  die  Anhänger  des
alten  Idealismus,  andererseits  die  Nealisten  und  postlivisien.
Jener  Idealismus  hielt  den  grundgedanken  einer  selbständigen
geisieswelt  fest,  aber  er  wollte  die  gewaltfamkeit  der  spekulativen
öpsteme  mildern,  ihren  überkühnen  gedankenflug  mästigen,  die
Lucken,  Lebenserinnerungen.
        <pb n="71" />
        Lrfahrung  in  Natur  und  Menschenleben  zu  größerer  geltung
bringen,  auch  den  Befund  der  geschlchte  sorgfältiger  und  unbefangener ­
  würdigen.  So  hat  er  dem  Streben  mehr  Besonnenheit
und  Umsicht  verliehen.  Über  so  schätzbar  die  daraus  erwachsenden
Leistungen  waren,  sie  brachten  keine  selbständige  grundrichtung,
sie  gaben  dem  Leben  keine  neue  gestaltung,  wie  unsere  zerrissene
und  gärende  Zeit  sie  verlangt.  Der  hier  gebotene  Idealismus  war
mehr  eine  Übwehr  des  vordringenden  Realismus,  mehr  ein  festhalten ­
  überkommener  Ziele  als  ein  ursprüngliches  Schaffen  aus
dem  ganzen,  als  ein  Eröffnen  neuer  Bahnen  aus  der  weltgeschichtlichen ­
  Lage  der  gegenwart.
So  war  es  begreiflich,  dast  auf  philosophischem  gebiet  der
Positivismus  siegreich  vordrang.  £r  nahm  seine  Stellung  ausschließlich ­
  in  dem  von  der  Erfahrung  gebotenen  Dasein  und  kannte
keine  selbständige  Tatwelt,  er  schob  das  Weltproblem  als  vom
Menschen  unlösbar  zurück  und  suchte  als  „wissenschaftliche"
Philosophie  sich  aller  Metaphysik  zu  entledigen,  ihm  wurde  die
Philosophie  vorwiegend  zu  einer  systematischen  Ordnung  der
£inzelwi&amp;gt;senschaften.  Ohne  Zweifel  hat  sowohl  seine  Kritik  Überkommenergedankenmassen ­
  als  sein  unmittelbares  Erfassen  der  Breite
der  Wirklichkeit  vieles  in  flust  gebracht,  aber  sein  Unternehmen,
von  außen  nach  innen  zu  bauen  und  die  ganze  Wirklichkeit  in  ein
gewebe  von  Beziehungen,  damit  aber  in  eine  bloße  Üußenwelt  zu
verwandeln,  konnte  unmöglich  den  Bedürfnissen  des  deutschen
geistes  genügen;  es  ist  kein  Zufall,  daß  große  Posikivisten  wohl
frankreich  und  Lngland,  nicht  aber  Deutschland  geliefert  hat.
Noch  weniger  konnte  eine  materialistische  Populürphilosophie
in  der  llrt  Haeckels  und  der  Monisten  der  Tiefe  des  deutschen  geistes
entsprechen.  Oie  subjektive  gesinnung  dieser  Populärdenker  sei  in
keiner  Weise  bestritten,  sie  glaubten  mit  ihrer  Uerstandesaufklärung
das  menschliche  Leben  von  Irrtum  und  Wahn  befreien  zu  können,
sahen  aber  nicht  die  gähnende  Leere,  welcher  ein  solches  Unternehmen
unrettbar  verfiel.  Ihr  Unternehmen  wäre  aber  mit  seiner  Dürftigkeit ­
  nicht  so  sehr  in  die  Massen  eingedrungen,  wenn  nicht  das  ganze
des  deutschen  Lebens  alles  festen  und  erhöhenden  Zieles  entbehrt
hätte;  die  im  Durchschnitt  gebotene  gedankenwelt  war  ein  gemisch
von  Intellektualismus  und  Naturalismus,  ein  geistiger  Tiefstand
war  nicht  zu  verkennen;  spätere  Zeiten  werden  sich  darüber  wundern,
wie  es  möglich  war,  daß  ein  Volk,  das  Männer  wie  Leibniz,  Kant,
Hegel  hervorgebracht  hat,  so  sehr  von  allen  guten  geistern  verlassen
war  und  sich  seinerÜrmut  wohl  noch  besonders  rühmte.  Die  hier  gebotene ­
  Kultur  hatte  alle  Vorzüge,  aber  auch  alle  Schranken  einer
bloßen  Ürbeitskultur;  wir  waren  tüchtige  Qrbeiter,  aber  wir  waren
flache  Menschen.
        <pb n="72" />
        Das  Mühen  um  eine  Hauptrichtung.
Ilj  ich  selbst  versetzte  diese  Lage  in  viel  Lorgc  und  Unruhe,  sie
fj  #  ^machte  mir  das  ganze  meines  Ltrebens  zum  Problem.
Vor  allem  musite  ich  anerkennen,  dasi  die  rasche  Tolge  von  verschiedenen ­
  Ltellungen  eine  ernsie  gefahr  für  meine  innere  Bildung
war;  in  wenigen  Jahren  hatte  ich  mannigfachsie  Llufgaben  und
buntesie  Lindrücke  gehabt;  mochte  ich  unentwegt  meine  arisiotelische
Forschung  verfolgen,  für  meine  philosophischeLelbstentwicklung  war
nicht  genügend  Nuhe,  eine  Konzentration  meiner  Kräfte  war  unbedingt ­
  geboten.  Nunmehr  hatte  ich  die  besten  äusseren  Bedingungen
zum  Lchaffen,  nun  galt  es,  unabhängig  von  Llrisioteles  eine  eigene
gedankenwelt  herauszuarbeiten.  Das  aber  ist  mir  nur  langsam
und  unter  vielfachen  Blühen  gelungen.  Llllerdings  galten  mir
einzelne  Hauptzüge  des  Ltrebens  als  sicher:  ich  musste  das  geisiesleben
  über  die  Natur  stellen  ohne  ihr  ein  gutes  Necht  zu  bestreiten,
ein  monistifches  Zusammenwerfen  beider  Welten  erschien  mir  unmöglich ­
  ;  das  geistesleben  aber  fasste  ich  erstwesentlich  ethisch,  ethisch
im  weiteren  Linne,  nicht  intellektualistisch,  ich  habe  den  Intellektualismus ­
  stets  als  eine  Verflachung  und  Verflüchtigung  der  Wirklichkeit ­
  abgelehnt,  dabei  aber  die  Bedeutung  der  gedankenarbeit
vollauf  anerkannt;  ich  suchte  eine  enge  Verbindung  mit  der  geschichte,
  aber  ihre  nähere  Fassung  stellte  mir  manche  tragen;  das
tiefe  Dunkel  der  Welt  hat  mich  von  Jugend  an  stark  befchäftigt,
aber  ich  fah  nicht,  wie  mein  Denken  sich  damit  abfinden  könnte;  die
spekulative  Philosophie  in  der  Llrt  Hegels  galt  mir  als  eine  Überspannung ­
  des  menschlichen  Vermögens,  aber  das  nähere  Verhältnis
von  Welt  und  Mensch  war  mir  nicht  genügend  geklärt.  So  blieb
ich  zunächst  im  Huchen.
andererseits  aber  konnte  ich  nicht  müssig  bleiben,  es  drängte
mich  zwingend  zu  einer  fördernden  Tätigkeit.  Lo  suchte  ich  zunächst
einen  Halt  und  ein  Ziel  in  Werken,  die  wohl  zu  philosophischen
Problemen  in  enger  Beziehung  standen,  die  aber  zunächst  keine
systematische  Stellungnahme  forderten.  Llus  diesem  Streben  sind  die
„grundbegriffe  der  gegenwart"  (1878)  hervorgegangen,  die  eine
Verbindung  von  geschichke  und  Kritik  bringen  sollten.  Sie  boten
mannigfache  gedanken  und  Llnregungen  und  übten  eine  scharfe
Kritik  der  Zeitbewegungen,  aber  sie  entbehrten  einer  genügenden ­
  positiven  Förderung  der  Llufgaben.  Die  näheren  Treunde,
wie  Neuter  und  Seebeck,  waren  im  gründe  enttäuscht;  ich  selbst
habe  in  den  späteren  Lluflagen  die  Lache  mehr  ins  positive  gewandt ­
  und  meine  eigene  Ltellung  weiter  ausgebaut.  Schon  die
2.  Lluflage  (18YZ)  hat  wesentliche  Umwandlungen  vorgenommen:

1
        <pb n="73" />
        die  geschichtlichen  Eingaben  wurden  strenger  auf  das  beschränkt,
was  zum  Verständnis  der  gegenwart  erforderlich  schien,  der  Bestand ­
  der  gegenwart  wurde  schärfer  und  klarer  herausgearbeitet,
endlich  habe  ich  mit  meiner  eigenen  Überzeugung  eine  entschiedenere
Stellung  gewonnen.  So  ist  das  ganze  schon  in  der  zweiten  Üuflage
  stark  von  dem  geschichtlichen  ins  Philosophische  verschoben.
Über  bei  allen  Klüngeln  hat  gleich  die  erste  Üuflage  manche  freunde
gewonnen,  und  sie  ist  1880  auf  Ünregung  des  Präsidenten  Noah
Porter  durch  Professor  Stuart  Phelps  ins  Englische  übersetzt;  das
war  meine  erste  geistige  Beziehung  zu  Ümerika.*
Es  wurde  mir  wiederholt  nahegelegt,  den  geschichtlichen  Befund  des
Buches  von  aller  philosophischen  Kritik  abzulösen  und  daraus  ein
nützliches  Handbuch  herauszuschälen,  was  alle  Dichtungen  gleichmäßig ­
  hätte  befriedigen  können.  Doch  dazu  konnte  ich  mich  nicht
entschließen.  Um  den  grundgedanken  des  ganzen  deutlich  herauszustellen, ­
  wurde  seit  der  z.  Üuflage  (lyo/s)  der  Titel  in  den  „geistige
Strömungen"  verändert;  sie  liegen  fetzt  in  6.  Üuflage  vor.
Unmittelbar  diesem  Buch  folgte  die  „geschichte  der  philosophischen ­
  Terminologie,  im  Umriß  dargestellt"  1879.  Sie  beruhte  auf
eingehenden  Studien  zur  geschichte  der  Begriffe.  Es  beschäftigte  mich
damals  der  Plan  einer  gesamtgeschichte  der  philosophischen  grundbegriffe;
  aus  diesem  umfassenderen  Plane  ist  fener  Umriß  der  geschichte ­
  der  philosophischen  Terminologie  als  Nebenschößling  herausgewachsen. ­

Uber  die  Begrenzung  eines  solchen  Unternehmens  war  ich  mir
völlig  klar,  nur  als  eine  Einleitung  und  Ünregung  konnte  das
ganze  einen  Wert  besitzen.  Inzwischen  ist  das  Interesse  für  die
philosophische  Terminologie  sehr  gewachsen,  und  es  sind  verschiedene

*  Über  Jtoab  Porter  erschien  1893;  Noah  Porter.  A  memorial  by  friends.
Edited  by  George  Merriam.  New  York,  Charles  Scribner’s  sons  (IV,  306).
Er  gehörte  der  älteren  generation  an,  welche  in  engem  Zusammenhange  mit  dem
deutschen  geiltesleben  stand  und  dasürnamentlich  durch  Loleridge  gewonnen  war.
Er  war  im  Winter  1853/4  in  Berlin  und  war  Trendelenburgs  Hause  befreundet.
Er  verfocht  entschieden  die  Notwendigkeit,  in  die  Liusdrucksweisc  und  in  die  Begrifsswelt
  der  deutschen  Philosophie  gründlich  einzudringen.  Über  meine.Grundbegriffe" ­
  äußerte  er  sich  in  seiner  Einführung  jenes  Werkes  sehr  anerkennend:
“To  the  history  and  criticism  of  those  conceptions,  and  their  terminology,
Professor  Bücken  has  brought  thorough  and  careful  reading,  acute  and
candid  criticism  and  a  clear  and  solid  style,  Whiie  he  is  at  hörne  among
the  Systems  of  the  past,  he  seems  equally  familiär  with  the  controversies
of  the  present.  Above  all,  he  has  studied  brevity,  and  has  mastered  the
art  of  expressing  in  few  words  the  results  of  patient  research  and  critical
discrimination”.  3n  Deutschland  hat  es  15  3ahre  gedauert,  bis  eine  neue
Lluflage  erschien.
        <pb n="74" />
        schützbare  Werke  darüber  erschienen;  eine  volle  Lösung  der  Üufgabe
übersteigt  aber  dasvermögen  eines  Linzelnen,  hier  bleibt  eine  Üufgabe
für  eine  Ükademie  offen,  die  nur  durch  eine  gemeinsame  Ürbeit  der
Hauptkulturvölker  lösbar  ist.  Wiederholt  habe  ich  darauf  gedrungen. ­
  Ich  selbst  habe  beim  Üusbau  meiner  philosophischen
Überzeugungen  diese  Probleme  nicht  weiter  verfolgt,  und  ich  habe
meine5ammlungen  zur  gesamtgeschichte  der  philosophischen  gründbegriffe
  vernichtet.  3mr  einen  fremden  hatten  sie  keinen  Wert,  und
mich  selbst  fesselte  bald  ganz  und  gar  die  Weiterentwicklung  meiner
eigenen  gedankenwelt.  Über  fene  Untersuchungen  zur  Terminologie ­
  haben  mir  manche  Klärung  gebracht.*
Jener  Zeit  des  Luchens  und  Lchwankens  kann  ich  nicht  gedenken ­
  ohne  zu  erwähnen,  dasi  manche  kreffsiche  Männer  meine
Bestrebungen  mit  freundlicher  gesinnung  begleitet  haben;  es  waren
namentlich  Mitglieder  der  älteren  generation,  welche  mir  eine  liebenswürdige ­
  Lchätzung  entgegenbrachten.  Lo  z.  B.  Zeller,  Harms,
Ulrici,  Hchaarfchmidt,  Wildauer,  der  mit  unermüdlichem  Lifer
für  eine  Berufung  meiner  nach  Österreich  wirkte;  auch  Heyder,
der  mir  eine  Berufung  nach  Lrlangen  vermittelte,  must  ich  dankbar ­
  erwähnen.  Üuch  zu  katholischen  gelehrten  wie  Lengler  und
Hoffmann  stand  ich  in  freundlichen  Beziehungen.  Lo  fehlte  es

*  Wenn  mein  Umriß  der  philosophischen  Terminologie  an  ersler  Stelle
eine  gelehrte  Llrbeit  war,  so  wurde  er  doch  von  gewissen  philosophischen  Überzeugungen ­
  getragen.  Es  heißt  u.  a.  S.  217;  „Die  Erforschung  der  Terminologie
kann  dafür  wirken,  daß  die  Tragen  an  der  richtigen  Stelle  aufgenommen  werden, ­
  daß  nicht  unnützer  Streit  sich  entfpinne,  das  Streben  irrleite  und  herabziehe. ­
  Konzentration  des  Kampfes  auf  die  entfcheidenden  Punkte,  dazu  mag
unser  gegenständ  dienen,  den  Kampf  selbst  aber  wird  er  steigern,  nicht  vermindern." ­

Über  das  Verhältnis  der  Waffen  und  der  Einzelnen  heißt  es  (S.  218):
„Unter  befonderen  Umständen  vermögen  die  Waffenkräfte  auch  positiv  zu
wirken,  indem  sie  in  den  Dienst  aufstrebender  gefchichtlicher  Bewegungen  treten
und  eine  Neugestaltung  vorbereiten,  aber  durch  folche  Strömungen  werden  nur
Bedingungen  und  Unterlagen  hergestellt,  großes  positives  Schaffen  erfolgt
einzig  und  allein  durch  die  mühevolle  Llrbeit  jener  Persönlichkeiten,  welche  ihr
Leben  an  die  Sache  setzen.  3ur  Negation  und  zur  allgemeinen  Wchtung  genügen ­
  die  elementaren  Kräfte,  die  entfcheidenden  Taten  vollziehen  sich  in  jenen
Einzelnen."
Llberzugleich  gilt  die  Überzeugung,  daß  alle  einzelne  Llrbeit  von  einem  ganzen
der  Vernunft  umfaßt  wird,  und  daß  die  Pbilofophie  als  eine  gefamtmacht
wirkt.  „Bene  zugleich  dürftige  und  hochmütige  Llnsicht,  welche  die  philofophie
  in  erster  Linie  auf  die  fubjektive  Neflepon  der  Individuen  zurückführt,
erscheint  schon  von  hier  aus  als  unhaltbar"  (S.  220).  Über  das  Verhältnis  zur
gefchichte  aber  heißt  es  (S.  220):  „Erhebung  über  das  geschichtliche  bleibt  das
Ziel,  aber  nur  durch  Versenkung  in  die  geschichte  kann  daffelbe  erreicht  werden."
        <pb n="75" />
        meinem  Streben  nicht  an  wohlwollender  Anerkennung.  Das  fedoch
konnte  mir  nicht  entgehen,  dast  überwiegend  die  Ülteren  für  mich
eintraten,  während  den  Jüngeren  mein  Streben  gleichgültig  war.
Ich  stand  eben  mitten  zwischen  verschiedenen  Lebenswogen:  die
ältere  Bpoche  war  vergangen,  und  ich  konnte  mich  ihr  nicht  am
schließen,  die  Jüngeren  aber  verfolgten  eine  andere  Nichtung;  so
blieb  meine  Stellung  eine  einsame.  Neben  meinen  Schriften  habe
ich  manche  kleine  Llufsätze  über  laufende  Zeitfragen  geschrieben;  es
war  namentlich  die  Üugsburger  Llllgemeine  Zeitung,  die  mir  dabei
freundlich  zur  Hand  ging.
3Hir  die  innere  Unruhe,  unter  der  ich  damals  stand,  war  mein
Verlangen  bezeichnend,  gröstere  oder  kleinere  Neisen  zu  unternehmen; ­
  fo  war  ich  in  Berchtesgaden  und  Umgebung,  so  in  Borkum, ­
  so  in  Sastnitz,  so  in  Holland  und  Glandern,  so  zweimal
auch  in  Italien;  alles  das  brachte  mir  natürlich  mannigfache  Lrweikerung
  und  Forderung,  aber  es  gab  mir  nicht  einen  festen
Stand  im  eignen  Leben  und  Denken,  es  gewährte  mir  keine  innere
Sicherheit  und  Dreiheit.  ,

1881—1890
Die  grundlegung  einer  selbständigen  Gedankenwelt
und  die  Begründung  eines  eignen  Hauses.
£ ine  Neihe  von  Jahren  der  LIrbeit  war  verstrichen,  ohne  mir  den
ersehnten  Qbschlust  zu  bringen,  endlich  aber  schlossen  sich  mir
die  gedanken  genügend  zusammen,  um  mich  einer  festen  Hauptrichtung ­
  gewist  zu  machen;  es  geschah  das  in  entscheidender  Weise
in  den  Jahren  1881  und  1882.  Uber  das  Nähere  meiner  philosophischen ­
  Überzeugung  berichten  meine  Bücher,  aber  in  aller
Kürze  must  ich  darlegen,  was  ich  in  fener  Nichtung  suchte.  Der
Üusgangspunkt  meines  Skrebens  war  der  Begriff  des  Lebens;  in
diesem  Begriff  aber  unterschied  ich  deutlich  eine  niedere  und  eine
höhere  Stufe,  eine  biologische  und  eine  noologische;  dort  war  das
Leben  naturgebunden,  hier  erreichte  es  eine  Selbständigkeit  und  ein
Beisichselbstsein,  dort  entstand  ein  Lebensgefllge,  das  in  die  Wechselbeziehungen ­
  der  einzelnen  Llemente  aufging,  hier  führte  eine  gesamtmacht
  und  war  fähig,  ein  Neich  der  Inhalte  hervorzubringen;
so  traten  das  Dasein  mit  seiner  Erfahrung  und  eine  Tatwclt  scharf
auseinander,  um  fchliestlich  allerdings  irgendwelche  Qusgleichung
zu  finden.  Der  Mensch  aber  gewann  einen  grundverschiedenen
Ünbstck,  fe  nachdem  er  ein  Stück  fener  Beziehungswelt  blieb
        <pb n="76" />
        ober  aber  jene  Latwelt  als  seine  eigne  erlebte  und  sich  damit  über
den  Ltand  eines  blosten  Lltomes  zu  einem  Weltwesen  erhob.  Line
nähere  Lntwicklung  dessen  forderte  eine  eigentümliche  Stellung
zwischen  der  alten  und  der  neuen  Denkart.  Die  alte  Ort,  wie  sie
das  Ültertum  und  auch  das  alte  Christentum  geistig  umfastt,  fetzte
eine  geschlossene  und  den  Menschen  beherrschende  Welt  voraus,  fei
es  einen  künstlerisch  verstandenen  Kosmos,  fei  es  das  Neich  gottes
und  der  Kirche  mit  feinen  ethischen  Werten.  Dabei  hatte  den  unbedingten ­
  Vorrang  der  gedanke  des  ganzen,  er  hatte  dem  Menschen
sowohl  das  Ziel  als  die  Kraft  des  Lebens  zuzuführen.  Nun  kam
die  graste  Verschiebung  des  Lebensstandes  durch  die  Neuzeit,  vornehmlich ­
  durch  die  Üufklärung.  Der  Üusgangspunkt  und  zugleich
die  Hauptbewegung  verlegte  sich  damit  in  den  Menschen  und  sein
Denken;  nun  galt  es  alle  Wirklichkeit  vom  Menschen  aufzubauen
und  von  hier  aus  dem  Leben  einen  Inhalt  zu  geben.  Olle  Lebensgebiete ­
  mustten  sich  damit  neu  gestalten,  der  Philosophie  aber
wurde  es  zu  einer  unabweisbaren  Üufgabe,  eine  innere  Verbindung
zwischen  dem  Menschen  und  dem  Llll  herzustellen  und  ihm  dieses
zum  geistigen  Besitz  zu  geben.  In  dieser  Nichtung  haben  Männer
ersten  Nanges  wie  öpinoza  und  Leibniz  gewirkt,  und  es  sind  kühne
gedankengebäude  daraus  hervorgegangen.  Der  Weg  und  dasMittel
zur  Verbindung  mit  dem  Oll  war  dabei  die  Intelligenz,  nur  sie
schien  imstande,  den  Menschen  vollauf  mit  der  Welt  zu  verbinden.
Kant  aber  zeigte  die  Voraussetzung  dieser  Lösung  und  erwies  mit
unerbittlicher  üchärfe,  dast  vom  blosten  Menschen  aus  nicht  über
den  Menschen  hinauszukommen  ist,  und  dast  wir  von  der  Lrscheinung
  aus  nie  ein  Mich  der  Dinge  erreichen;  zugleich  aber  glaubte
er,  von  der  Moral  aus  eine  Welt  der  Dreiheit  aufbauen  zu  können.
Ober  einmal  war  das  Mich  der  Moral  zu  eng,  um  den  ganzen
geistigen  Besitz  in  sich  aufzunehmen,  sodann  drohte  die  Lcheidung
von  theoretischer  und  praktischer  Vernunft  die  Linheit  der  Wirklichkeit ­
  aufzuheben.  Diese  unerträgliche  Kluft  suchten  die  leitenden
deutschen  spekulativen  Denker,  vor  allem  Richte,  Lchelling,  Hegel,
zu  überwinden,  sie  wollten  damit  unmittelbar  ein  Weltschaffen  des
Menschen  erreichen;  sie  konnten  das  aber  nicht,  ohne  das  vermögen ­
  des  Menschen  zu  überschätzen,  absolutes  und  menschliches
Geistesleben  als  gleichwertig  zu  behandeln;  zugleich  fastten  sie  den
Lebensinhalt  zu  eng,  und  würdigten  sie  nicht  genügend  die  ungeheuren ­
  Verwicklungen  des  menschlichen  Lebenssiandes;  in  einem
einzigen  Zuge  sollte  sich  ihnen  die  ganze  Tülle  der  Wirklichkeit  eröffnen ­
  und  der  Mensch  sich  zu  schaffender  gröste  aus  eignem  vermögen ­
  erheben.  Die  Tolge  dieser  Überspannung  des  Menschen
war  der  Positivismus  mit  feiner  inneren  Üblösung  des  Menschen
von  der  Welt;  das  aber  ergab  eine  Beschränkung  auf  die
        <pb n="77" />
        Wohlfahrt  des  Menschen  und  auf  das  intellektuelle  Vermögen  des
bloßen  Menschen,  eine  klägliche  Verengung  und  Erniedrigung  war
nicht  zu  vermeiden;  der  Mensch  wird  sich  selbsi  viel  zu  klein,  wenn
er  nicht  ein  Verhältnis  zur  Welt  und  eine  Weltaufgabe  in  sich
trägt.  Wird  der  Mensch  ausschließlich  auf  sich  selbsi  angewiesen,
ob  als  Linzelner  oder  als  Masse,  das  macht  keinen  wesentlichen
Unterschied,  so  bleibt  ihm  als  Ziel  des  Ltrebens  lediglich  sein
eignes  Befinden  und  Behagen,  das  glück  als  subjektives  Lrgehen;
so  wird  er  bei  allen  äußeren  Erweiterungen  geisiig  an  einen
Kerker  gebannt;  das  aber  kann  einem  denkenden  und  zur  vollen
Helbsibesinnung  geweckten  Wesen  nun  und  nimmer  genügen.
öo  sind  wir  heute  in  einer  sehr  unklaren,  ja  unerträglichen  Lage:
der  Mensch  erscheint  uns  bald  zu  groß,  bald  zu  klein;  wir  bedürfen
notwendig  neuer  Möglichkeiten,  wir  bedürfen  einer  durchgreifenden
Umwälzung,  wir  bedürfen  eines  neuen  grundverhältnifses  des
Menschen  zur  Welt.  Begann  die  ältere  Zeit  vom  ganzen  der  Welt
als  einer  vorhandenen  grösie,  so  entbehrte  das  Leben  einer  vollen
Dreiheit  und  Ursprünglichkeit;  begann  aber  die  Weuzeit  von  den
einzelnen  Llementen,  und  waren  Dreiheit  und  Ursprünglichkeit  die
Hauptanliegen,  so  gewann  das  Leben  keinen  fesien  Halt  und  keine
volle  Wahrheit,  so  drohte  es  immer  wieder  ins  Bloßsubjektive  und
Individuelle  zu  fallen.  5o  wird  es  jetzt  zu  einer  unabweisbaren
Qufgabe,  Dreiheit  und  Wahrheit  enger  zu  verknüpfen  und  aus  l?orm
und  Inhalt  ein  ganzes  zu  schaffen.  Das  aber  kann  nicht  geschehen,
wenn  nicht  der  grundbegriff  des  Menschen  verändert  und  die  Kluft
zwischen  Mensch  und  Welt  überbrückt  wird;  das  Weltleben  aber
hat  seine  fesien  Bedingungen,  und  der  Mensch  muß  ersi  in  dieses
gehoben  werden,  er  muß  verschiedene  5tufen  durchlaufen,  um  die
Höhe  des  eigenen  Wesens  zu  erreichen,  er  wird  nicht  absoluter
Hchöpfer,  wohl  aber  ein  Mitträger  eines  schaffenden  Lebens;  die
einzelnen  Hauptrichtungen  uud  Lebensgebiete  aber,  wie  Wissenschaft
und  Kunst,  Kelrgion  und  5taat,  sind  nicht  ein  Werk  der  abgelösien
Punkte,  sondern  sie  sind  Erweisungen  einer  überlegenengesamtmachk,
die  unmittelbar  zum  eignen  Leben  des  Menschen  werden  kann.
Holche  Überzeugung  mußte  auch  den  Kulturbegriff  eigentümlich
gestalten,  sie  ergab  auch  eine  neue  Qrt  der  Metaphysik,  sie  war  imstande, ­
  das  Dunkel  der  Welt  vollauf  anzuerkennen,  aber  von  einer
Tatwelt  aus  einen  Kampf  dagegen  aufzunehmen.
Doch  das  läßt  sich  hier  nicht  weiter  ausführen,  hier  genügt  die
Bemerkung,  daß  ich  an  dieser  5telle  einen  fesien  Punkt  zu  ergreifen
und  dem  Leben  eine  deutliche  Wichtung  geben  zu  können  überzeugt ­
  war.
Wach  geschehener  Befestigung  meiner  Zrundüberzeugung  konnte
ich  frischer  und  freier  in  die  Welt  blicken  und  das  Leben  mutiger
        <pb n="78" />
        gestalten.  Zehn  Jahre  waren  seit  dem  Lode  meiner  Mutter  vergangen, ­
  als  ich  die  Linsamkeit  aufgab  und  mich  verlobte  und  bald
auch  heiratete  (1882).  Ich  habe  meine  Trau,  Irene  passow,  kennengelernt, ­
  als  sie  mit  ihrer  Mutter  und  mit  ihrem  füngeren  Bruder  nach
Jena  übersiedelte.  Line  persönliche  Beziehung  ergab  sich  zunächst
durch  die  Bekanntschaft  mit  dem  Hause  Leebeck,  mit  dem  das  Haus
paffow  verwandt  war.  Meine  Lchwiegermutter  war  als  Lochter  des
hervorragenden  Ürchäologen  Ulrichs  in  Llthen  geboren;  ihre  Mutter,
eine  prächtige  und  charaktervolle  Lrau,  hakte  sich  nach  dem  frühen  Tod
ihres  ersten  Mannes  mit  einem  Lohn  des  bekannten  Bürgermeisters
Lmidt,  des  Begründers  von  Bremerhaven,  dem  dichter  Lmidt  verheiratet; ­
  fo  ergaben  sich  vielfache  Beziehungen  zu  angesehenen  Bremer
Lamilien,  auch  der  bekannte  Ltaatsmann,  Lchriftsieller  und  Übersetzer ­
  Otto  gildemeisier  gehörte  diesem  Kreise  an.  Die  Mutter
meiner  Lrau  war  eine  sehr  geistvolle  und  unermüdlich  tätige  Lrau;
sie  hatte  ihren  Mann,  den  gpmnasialdirektor  passow,  früh  verloren; ­
  nach  Bremen  übersiedelt,  hat  sie  sich  namentlich  schriftstellerisch ­
  betätigt,  im  besonderen  viel  für  die  Weser-Zeitung  gewandt ­
  und  fesselnd  geschrieben;  sie  ist  dann  im  Interesse  der  gesundheit
  ihres  jüngeren  Lohnes  nach  Jena  gezogen  und  hat  das
dortige  geistige  Leben  voll  geteilt,  weiter  aber  eine  sehr  geschätzte
Wirksamkeit  für  Wohltätigkeit  und  Kinderheime  entfaltet.  Obwohl
sie  eine  eigene  Wohnung  hatte,  nahm  sie  tagtäglich  an  dem  Lrgehen
  unseres  Hauses  regen  Leih  und  sie  hob  das  Leben  unseres
Kreises  in  herzlicher  und  liebenswürdiger  Weise.  Meine  Trau  aber
war  nicht  fachgelehrt,  sie  gehörte  nicht  zu  den  gelehrten  Trauen,  aber
sie  war  voll  geistiger  Interessen  und  von  einer  ausgeprägten  künstlerischen ­
  Begabung;  mit  diesen  verband  sie  ein  grostes  praktisches
und  organisatorisches  geschick.  Das  war  nicht  nur  für  mein  Leben,
sondern  auch  für  mein  philosophisches  Denken  ein  groster  gewinn:
es  gewann  dadurch  mehr  Anschaulichkeit  und  mehr  Trische.  Wir
sind  dann  bald  nach  einer  hochgelegenen  Billa  gezogen,  die  namentlich ­
  in  früherer  Zeit,  bevor  die  wachsende  Tabriktätigkeit  das  Leben
einengte,  eine  ländliche  Stille  sowie  einen  herrlichen  Blick  auf  Jena
und  auf  das  Laaletal  gewährte.  Lpäter  erwies  es  sich  als  groster
Vorzug,  dast  unsere  heranwachsenden  Kinder  sich  in  voller  Treiheit
bewegen  und  doch  zugleich  die  güter  der  nahen  Ltadt  geniesten
konnten.  Buch  haben  wir  in  der  Villa  Zeine,  wie  sie  damals  hiest,
manche  fröhliche,  dabei  einfache  gefellfchaft  gegeben,  im  besonderen
auch  manche  Ltudenten  aus  verschiedenen  gegenden  und  Ländern
bei  uns  gesehen,  die  oft  mit  Treude  und  Dankbarkeit  des  Zusammenseins ­
  gedachten.  Ls  herrschte  dort  eine  wohltuende  und  liebenswürdige ­
  Ltimmung,  gelegentlich  wurden  auch  gesellschaften  künstlerischer ­
  Art  veranstaltet.
        <pb n="79" />
        Die  Durchbildung  meiner  Überzeugungen.
V»  ür  mich  galt  es  nun  die  Grundgedanken  durchzuarbeiten  und
fJT  auszuführen,  die  ich  als  für  mein  Ltreben  entscheidend  betrachtete. ­
  Mehrere  Jahre  habe  ich  in  angestrengter  Ürbeit  die  grundlagen
  meiner  philosophischen  Denkweife  niederzulegen  versucht.  Im
Jahre  1885  erschienen  die  „prolegomena"  und  als  Hauptwerk  1888:
„Die  Linhcit  des  geisteslebens  in  Bewusttfein  und  Tat  der  Menschheit". ­
  In  fenen  „prolegomena"  suchte  ich  ein  gesamtbild  zu  entwickeln, ­
  das  aus  der  Tiefe  menschlichen  Wesens  alle  Mannigfaltigkeit ­
  des  Daseins  umfassen  sollte.  Ich  schied  dabei  deutlich  ein
Naturgeschehen  des  geistes  von  einem  existenten  Leben,  sowie  eine
geistige  Nealität  von  einer  seelischen  Lxistenz.
Ls  schien  mir  verfehlt,  sei  es  zu  Qnfang,  sei  es  im  Lrgebnis,  von
vornherein  einen  besonderen  Punkt  festzulegen  und  daran  alles
andere  zu  hängen;  verfehlt,  vor  denr  tatsächlichen  geschehen  Bedingungen, ­
  Tormen,  Maste  endgültig  festzulegen.  5o  erstrebte  ich
einen  geistigen  Positivismus,  dem  die  Tat  mit  ihrer  eigenen  Wirklichkeit ­
  auch  über  die  Wirklichkeit  der  Voraussetzungen  und  Bedingungen ­
  entschied.
Linen  Üusgangspunkt  fand  ich  in  dem,  was  ich  „Llrbeitswelt"
  benannte;  es  galt  dabei,  durch  ein  Verfahren  der  Neduktion
die  scheinbar  festen  und  starren  gebilde  in  lebendiges  Tun  aufzulösen ­
  und  alles  Besondere  als  Bezeugung  eines  ganzen  zu  verstehen; ­
  es  galt,  ein  Prinzipielles,  das  in  der  greifbaren  Leistung
verschlossen,  ja  begraben  war,  zu  erwecken  und  zu  befreien.  Wichtig
war  mir  dabei  der  Begriff  des  „Zyntagma"  als  eines  auf  geschichtlichem ­
  Boden  aufsteigenden  gesamtgeschehens  eigentümlicher
Qrt;  diese  Lyntagmen  sollten  von  der  Qrbeikswelt  geprüft  und  es
sollte  dadurch  eine  immanente  Nealkritik  des  geschehens  gewonnen
werden.
Die„Linheik  des  geisteslebens"  sollte  diese  grundüberzeugungen
weiter  ausführen;  auch  sie  begann  mit  der  gesamtarbeit  der  Menschheit, ­
  wie  sie  in  der  geschichte  verkörpert  wird.  Das  Werk  versetzte
unmittelbar  in  die  Lebens  sx&amp;gt;  steine  der  gegenwart,  es  prüfte  mit
feinen  Methoden  sowohl  das  5ystem  des  Naturalismus  als  das
des  Intellektualismus;  die  positiven  Leistungen  wurden  vollauf
anerkannt,  dann  aber  eine  immanente  Kritik  unternommen,  bei  der
sich  als  beiden  Systemen  gemeinsam  die  Leugnung  der  Ursprünglichkeit ­
  und  öelbstwertigkeit  des  seelischen  Innenlebens  ergab.  Line
positive  Leistung  wurde  dann  durch  die  Lntwerfung  eines
Lebensfpstems  einer  Personalwelt  unternommen,  und  es  wurde  die
Behauptung  durchgeführt,dast  alleLebenssysteme  sich  aufdem  gründe
        <pb n="80" />
        einer  Personalwelt  entwickeln  müssen  und  nur  in  Verbindung  mit
ihr  einen  geistigen  gehalt  erlangen;  es  wurde  damit  ein  Kultursystem
des  universalen  Aelbstlebens  erstrebt.  Qbschliestend  wurden  als
die  grundfehler  des  Waturalismus  und  des  Intellektualismus
folgende  angeführt:  der  Naturalismus  irrt  darin,  dast  ihm  das,
was  die  Watur  im  Lrlebtwerden  vom  geiste  wird  und  leistet,  als
aus  ihren  eigenen  Kräften  hervorgebracht  gilt,  und  dast  damit
bloste  Bedingungen  des  Geschehens  für  feine  schaffenden  gründe
ausgegeben  werden.  Der  Intellektualismus  aber  irrt  darin,  dast  er
den  geistes-  und  den  gedankengehalt  gleichsetzt  und  die  Denk-Operationen
  nicht  als  die  Torrn,  sondern  als  den  Kern  der  Wirklichkeit ­
  behandelt.
gegen  die  nähere  gestalkung  beider  Bücher  war  manches  einzuwenden. ­
  Zunächst  bin  ich  in  dem  5treben,  die  Darstellung  lebendig
und  anschaulich  zu  gestalten,  nicht  selten  ins  gekünstelte  und  gezierte ­
  verfallen;  ich  wollte  etwas  unmittelbar  erzwingen,  was  sich
nur  durch  eigene  Erfahrung  und  Weiterarbeit  erreichen  lästt;  vor
allem  aber  war  der  Inhalt  vielfach  noch  nicht  zur  nötigen
Klarheit  und  gefchlofsenheit  durchgearbeitet.  Immerhin  war  das
Ltreben  nicht  wertlos,  und  es  hat  mich  selbst  weitergeführt.  Die
Qufnahme  meines  Werkes  war  recht  kühl.  Ich  must  mit  Dank
anerkennen,  dast  ein  hervorragender  Morscher  wie  Professor
Watorp  es  eingehend  würdigte,  und  dast  der  viel  zu  früh  verstorbene ­
  vortreffliche  Leydel  in  Leipzig  mit  groster  Wärme  auf  die
Bedeutung  meines  Ltrebens  hinwies.  Über  das  waren  einzelne
Ltimmen.
Lin  gegenstück  und  eine  Lrgänzung  fenes  systematischen  Werkes
bildeten  „Die  Lebensanschauungen  der  grasten  Denker"  (i8yo).
Diesen  gegenständ  hatte  ich  schon  in  Basel  als  eine  Vorlesung  behandelt ­
  und  dafür  sofort  viel  Teilnahme  gefunden.  Ls  würde  dabei
versucht,  die  gedankenwelten  der  grasten  Denker  von  innen  aus
zu  beleben  und  die  hier  gebotene  gestaltung  des  Menschenlebens  anschaulich ­
  darzustellen.  Das  Werk  forderte  eine  gründliche  Forschung,
aber  diese  Forschung  mustte  im  Hintergründe  bleiben,  um  die
Hauptsache  nicht  zu  schädigen;  der  Lchneider  sollte  nach  dem  Qusdrucke
  Leibniz'  „die  Wähle  nicht  sehen  lassen".  Quch  dies  Buch  blieb
anfänglich  unbeachtet.  Lin  lebhafteres  Interesse  hat  es  zuerst
in  Wien  gefunden.  Dann  aber  ging  es  rasch  vorwärts,  dem  Lrschemen
  der  2.  Quflage  (1896)  folgte  rasch  Lluflage  über  Quflage,
und  augenblicklich  ist  die  iz.  und  16.  Quflage  im  Druck,  Natürlich
war  ich  eifrig  bemüht,  das  Werk  sowohl  in  der  Torrn  als  im  Inhalt
weiter  und  weiter  zu  verbessern  und  alle  Lchwächen,  welche  meiner
Darstellung  anhingen,  möglichst  zu  heben.  Das  Buch  ist  fetzt  in
eine  groste  Qnzahl  fremder  sprachen  übersetzt.
        <pb n="81" />
        Eine  gelegenheitsschrift  war  die  Leebeck  gewidmete  Lchrift  über
„Bilder  undgleichnisse  inderphilosophie"(i88o).  Es  schien  mirnicht
unwichtig,  dieses  Problem  näher  zu  erörtern  und  dabei  das  Wirken
der  Phantasie  auf  die  gedankenentwicklung  zu  verfolgen.  Ich  habe
später  eine  besondere  Qbhandlung  über  die  Bilder  und  gleichnisse
bei  Kant  geschrieben,  und  es  ist  mir  eine  besondere  Treude,  dast
noch  in  jüngster  Zeit  dieses  Problem  von  juristischer  Leite  durch
meinen  hochgeschätzten  Kollegen  bischer  in  seiner  Bedeutung  für
das  Kecht  anerkannt  und  vollauf  gewürdigt  ist.  Lodann  verfastte
ich  1886  dieLchrift„Beiträgezurgeschichteder  neueren  Philosophie";
sie  sollte  sich  namentlich  darum  bemühen,  die  Bedeutung  der  älteren
deutschen  Denker  ins  Licht  zu  stellen,  da  diese  oft  nicht  genügend
anerkannt  werden.  Im  besonderen  war  es  mir  wertvoll,  den  grasten
Naturforscher  Kepler  auch  als  einen  bedeutenden  Philosophen  zu
zeigen.  Liuch  das  möchte  ich  nicht  unerwähnt  lassen,  dast  ich  an  der
Festschrift  zum  zojährigen  Doktor-Iubiläum  des  sehr  verehrten
EduardZeller  beteiligtwar;  ich  habe  dort  über  die  WürdigungLomte's
und  despositivismus  geschrieben.  Quch  bei  diesemZegenstand  forderte
ich  eine  Berufung  von  dem  Bilde  des  Bewusttseins;  wie  es  vorwiegend
durch  die  Endergebnisse,  nicht  durch  die  lebendigen  Kräfte  bestimmt
wird,  an  die  schaffende  und  fortwirkende  Tat  der  Menschheit;  ich
forderte  einen  positlvismus,  der  die  ganze  Wirklichkeit  umspannen,
den  geist  und  die  geschichte  aufnehmen,  durchgängig  die  lebendigen
Kräfte  vor  den  Ergebnissen  würdigen  möchte.  Lo  war  auch  Uber  die
Hauptschriften  hinaus  jener  Zeitabschnitt  für  mich  nicht  unfruchtbar.
Inzwischen  waren  groste  Wandlungen  im  staatlichen  und  im
literarischen  Leben  eingetreten.  Der  alte  Kaiser  war  nach  ruhmreicher ­
  und  selbstloser  Negierung  gestorben;  dast  sein  Lohn,
Kaiser  Friedrich,  nach  erschütterndem  Krankenlager  ihm  so  bald
folgte,  war  für  unser  Haus  ein  besonderer  Lchmerz.  Denn  der
Vater  meiner  Trau,  Llrnold  passow,  war  zusammen  mit  dem  Kronprinzen ­
  wissenschaftlich  erzogen  worden  und  es  war  daraus  ein
dauerndes  Treundschaftsverhältms  entstanden;  auch  bei  unserer
Hochzeit  erwies  jener  Prinz  seine  freundschaftliche  Teilnahme.  llls
ich  ihm  als  Prorektor  bei  einem  Weimarifchen  Test  begegnete,  kam
er  sofort  zu  mir  und  bat  mich,  nach  der  Tafel  zu  ihm  zu  kommen;
wirhabenuns  dann  längereZeitunterhalten,und  die  llrt,  wie  er  über
den  verstorbenen  Treund  sprach,  zeigte  die  innigste  Teilnahme  und
Herzlichkeit;  er  war  so  ergriffen  von  der  Erinnerung  an  seinen
Treund,  dast  mir  später  wohl  der  gedanke  aufstieg,  er  selbst  habe
schon  damals  die  ihm  drohende  gefahr  gefühlt.  Nun  war  die
Herrschaft  an  Wilhelm  II.  gekommen,  und  es  konnte  damals  niemand ­
  voraussehen,  dast  dieser  so  bald  sich  von  dem  grasten  Ltaatsmann
  trennen  und  eigenwillig  eigne  Wege  wagen  werde.
        <pb n="82" />
        3n  jene  Zeit  fiel  auch  ein  Umschwung  im  literarischen  Leben:
der  geistlose  und  oberflächliche  posttivismus  hatte  seine  Nolle  ausgespielt, ­
  eine  stärkere  Wendung  der  Zeit  zum  Subjekt  war  augenscheinlich. ­
  Hatte  der  Realismus  seine  Welt  von  den  gegenständen
um  uns  her  aufgebaut,  so  hielt  sich  der  Subjektivismus  ganz  an
die  Zuständlichkeit  der  Leele,  an  das  freischwebende  gefühl.  Das
ergab  ein  völlig  entgegengesetztes  Leben:  dort  eine  Bewegung  von
austen  nach  innen,  hier  von  innen  nach  allsten,  dort  die  greifbare
Leistung,  hier  die  unfastbare  Stimmung,  dort  mehr  Festigkeit,
hier  mehr  Flüssigkeit,  dort  ein  Qrbeiten  für  die  gesellschast,  hier
ein  Sorgen  für  das  Befinden  des  Linzelnen,  dort  eine  Übschleifung
der  Unterschiede,  hier  eine  Hervorkehrung  des  Ligentümlichen,  dort
eine  Linfügung  in  die  Kette  der  Zeiten,  hier  eine  Lrgreifung  des  unmittelbaren ­
  Üugenblicks,  dort  eine  wissenschaftliche,  technische  und
soziale,  hier  eine  ästhetische  und  individuelle  Kultur,  ein  Überwiegen
des  künstlerischen  und  literarischen  Schaffens.  Dieses  Schaffen,  dessen
bedeutendster  Üusdruck  Nietzsche  war,  war  mir  in  manchen  Stücken
sympathisch,  aber  es  widersprach  meinem  metaphysischen  und
religionsphilosophischen  Streben;  die  fieberhafte  Üufregung  des
Subjekts  schien  mir  dem  Leben  keine  genügende  Tiefe  zu  geben
und  es  zu  wenig  auf  seine  Selbsitätigkeit  zu  stellen.  Nietzsche  selbst
hat  die  Schranken  jenes  Subjektivismus  vielfach  überschritten,  und
er  ist  trotz  der  Üblehnung  aller  Metaphysik  zum  Metaphysiker  der
freischwebenden  Stimmung  geworden.
Nach  Veröffentlichung  jener  Schriften  durfte  ich  erwarten,  auch
in  der  gelehrtenwelt  mehr  Beachtung  zu  finden,  um  so  mehr,  da
meine  akademischen  Vorlesungen  fortwährend  zahlreiche  Hörer  und
Schüler  fanden.  Tatsächlich  ist  damals  die  deutsche  gelehrtenwelt
an  meinen  Bestrebungen  mit  voller  gleichgültigkeit  vorbeigegangen,
und  es  war  unverkennbar,  dast  die  akademischen  Kreise  meine
Tätigkeit  als  für  die  Wissenschaft  wertlos  betrachteten.  3n  jener
Zeit  waren  zahlreiche  Verschiebungen  in  den  Universitäten  eingetreten, ­
  aber  ich  habe  nie  eine  Berufung  an  eine  graste  Universität
erhalten.  Ls  dauerte  lange,  bis  überhaupt  eine  weitere  Berufung  an
mich  kam.  3m3ahrei8y6  habe  ich  einen  liebenswürdigen  Nufnach
Treiburg  durch  die  badische  Negierung  erhalten,  aber  ich  konnte
trotz  der  Neize  jenes  Ortes  mich  nicht  entschliesten,  3ena  zu  verlassen,
in  das  ich  mich  eingelebt  hatte,  wo  meine  Kinder  prächtig  gediehen,
wo  ich  auch  bei  den  Studenten  eine  schöne  Wirksamkeit  fand.  —
Willkommene  Unterbrechungen  brachten  uns  zwei  Neisen  nach
3talien,  die  erste  1890  nach  Venedig  und  Tlorenz,  das  wir  beide
besonders  lieben,  die  zweite  nach  Nom,  das  unvergestlicheLindrücke
und  bleibende  Qnregungen  gab;  es  fehlt  dem  Leben  etwas,  das
keine  Tühlung  mit  Nom  gewinnt.
        <pb n="83" />
        78

Weiterer  Ausbau.
eine  wissenschaftliche  Arbeit  musste  sich  nun  darauf  richten,
(F  A  ^die  gewonnenen  grundlagen  näher  auszubauen;  dies
sollte  zunächst  in  einem  Buch  „OerKampfum  einen  geistigen  Lebensinhalt" ­
  geschehen.  Ich  empfand,  über  die  Religion  hinaus,  stark
die  Unwahrhaftigkeit  des  gegenwärtigen  Lebens,  das  den  Schein
einer  geisiigkeit  trug,  in  Wahrheit  aber  an  erster  Stelle  von  materiellen ­
  Zielen  beherrscht  wurde.  Oie  von  mir  dargebotenen  Untersuchungen ­
  mustten  dem  konventionellen  und  offiziellen  Idealismus
schroff  widersprechen,  denn  sie  behandelten  viel  zu  sehr  die  Probleme
als  im  Tlust,  und  sie  verlangten  viel  zu  eingreifende  Umwandlungen, ­
  um  denjenigen  zu  gefallen,  denen  alles  fest  und  fertig
dünkte.  Jene  Schrift  enthielt  einen  einfachen  Qufbau.  Sie  bot
in  einem  aufsteigenden  Teil  drei  Stufen  der  Bewegung:  den
Kampf  um  eine  Selbständigkeit  des  geisteslebens,  den  Kampf
um  einen  Lharakter  des  Zeisteslebens,  den  Kampf  um  eine  Weltmacht ­
  des  geisteslebens.  Oer  absteigende  Teil  gab  ein  gesamtbild
im  Uerhültnis  zur  Zeit,  er  behandelte  dann  die  einzelnen  Hauptgebiete. ­
  Vurch  das  ganze  ging  die  Forderung,  das  zur  llufrechterhaltung
  des  geistigen  Lebensprozeffes  Notwendige  deutlich  herauszuarbeiten. ­
  Vas  Luch  (1896)  hat  zunächst  einen  begrenzten  Kreis
von  freunden  gefunden,  aber  diesen  ist  es  nach  ihren  Witteilungen
ein  Halt  und  eine  Treude  gewesen;  dann  ist  es  immer  mehr  auch  zu
anderen  Kreisen  vorgedrungen;  ich  hoffe,  in  der  bevorstehenden
vierten  Auflage  noch  kräftiger  auf  die  Zeit  wirken  zu  können.
£s  wär  und  es  ist  mir  völlig  klar,  dast  nur  die  Lrringung  eines
geistigen  Lebensinhaltes  die  Menschheit  vor  einem  inneren  Zerfall
behüten  kann!  sie  must  entweder  steigen  oder  sinken,  ein  Beharren
beim  gegenwärtigen  Stande  ist  unmöglich.
Dann  aber  war  mein  Hauptaugenmerk  auf  das  Problem  der
Keligion  gerichtet,  das  mich  ja  von  frühester  Jugendzeit  an  beschäftigte. ­
  Ls  war  die  starke  Lmpfindung  der  Unwahrhaftigkeit
der  gegenwärtigen  Lage  der  Keligion,  welche  mich  zu  dem  Titel
„Oer  Wahrheitsgehalt  der  Keligion"  wie  zu  einer  Selbstverständlichkeit ­
  zwang.  Ls  galt,  den  unvergänglichen  Kern  der  Keligion
von  dem  zeitlichen  gewande  zu  befreien  und  ihn  in  möglichster
Ursprünglichkeit  herauszustellen.  Diese  Umwandlung  mustte  dabei
weit  tiefer  gehen,  als  gewöhnlich  gefordert  wird,  auch  eine  klare
Auseinandersetzung  mit  dem  geschichtlichen  Christentum  war  unumgänglich; ­
  ich  möchte  meinen,  dast  keine  meiner  Schriften  mehr
aus  meinem  eignen  Leben  hervorgegangen  ist;  eine  eigentliche
Keligionsphilofophie  zu  liefern,  lag  mir  dabei  fern,  mir  lag  alles
an  einer  Konzentration  auf  die  entscheidenden  Hauptpunkte.
        <pb n="84" />
        Das  Erscheinen  dieses  Buches  (lyoi)  hat  meine  Stellung  zur
Umgebung  wesentlich  verändert  und  gehoben,  ich  durste  nun  zu  den
Herzen  und  gesinnungen  vieler  ernster  Menschen  sprechen,  und  die
Teilnahmlosigkeit  der  gelehrten  Kreise  konnte  mir  gleichgültig  fein.
Das  Buch  hat  von  Einfang  an  manche  warme,  fa  begeisterte
Treunde  gefunden.  Es  war  unter  anderen  der  graf  Kehna,  der
zeitweilig  zur  Kegierung  des  grostherzogkums  Baden  berufen
schien,  der  sich  sehr  warm  und  herzlich  über  den  Eindruck  äusterte,
den  fenes  Buch  auf  ihn  machte.  Wissenschaftlich  war  es  besonders
Professor  Uorsiröm  in  gothenburg,  der  in  der  dortigen  Handelszeitung ­
  mehrere  zusammenhängende  Elrtikel  über  das  Luch  schrieb
und  von  ihm  eine  eingreifende  Förderung  des  religiösen  Problems
erhoffte.*  Buch  das  erfuhr  ich,  dast  der  König  Oskar  sich  eingehend
mit  dem  Werk  und  überhaupt  mit  meinen  Bestrebungen  beschäftigte. ­

Eiuch  in  freieren  katholischen  Kreisen  fand  ich  viele  Sympathie.
Es  war  für  mich  ein  groster  gewinn,  in  Baron  Friedrich  von  Hügel
in  London  einen  dauernden  Treund  zu  finden.  Er  hat  mich  wiederholt ­
  in  Jena  besucht,  das  lebhafteste  Interesse  für  meine  Schriften
bewiesen  und  später  mir  und  den  Weinigen  eine  sehr  liebenswürdige ­
  Llufnahme  in  London  bereitet.  Hügel  wollte  bei  aller
Weite  und  Treiheit  feines  geistes  in  keiner  Weife  mit  der  katholischen ­
  Kirche  brechen,  aber  er  hatte  den  vollsten  Sinn  für  alles
Schaffende  und  Vertiefende,  meine  überkonfesfionelle  Behandlung
der  Keligion  war  ihm  durchaus  sympathisch.  Öhnlich  dachten
auch  andere  katholische  Kreise  in  Deutschland,  in  Trankreich,  in
Italien.
Diese  Bewegungen  und  Bestrebungen  überschritten  Deutschland,
aber  ich  must  anerkennen,  dast  ich  auch  hier  manche  Zeichen  der
Schätzung  fand.  So  habe  ich  im  Jahre  lyoo  die  Jahrhundertfeier ­
  für  die  Ienaische  Universität  gehalten  und  in  demselben
Jahre  auch  die  goetherede.  Es  ist  charakteristisch  für  den  verstorbenen ­
  grostherzog  Larl  Ellefander,  dast  er  den  besonderen
Wunsch  hatte,  die  goetherede  fenes  Jahres  möchte  von  einem  Mitglied ­
  derUniversitätIena  gehalten  werden;  so  wurdeich  dazuerkoren.
Wichtiger  war  für  mein  Leben  der  gewinn  eines  engen  Verhältnisses ­
  zu  dem  Volksschullehrerstande,  wie  es  sich  von  Jena  aus

*  Mit  Aorsiröm  bin  ich  bald  in  ein  sehr  herzliches  Freundschaftsverhältnis
gekommen,  das  bis  zu  seinem  Tode  ununterbrochen  fortbefiand.  Die  von  der
Deutsch-schwedischen  Bereinigung  seit  Juli  1920  herausgegebene  Bierteljahrsschrift
  „Oeutsch-Lchwedische  Blätter"  bringt  in  ihrem  zweiten  Heft  (Oktober  1920)
einen  gehaltvollen  Llussatz  des  Hauptmanns  Liljedahl  über  dieses  schöne  Freundschaftsverhältnis ­
  unter  der  Überschrift  „Aorsiröm  und  Lucken".
        <pb n="85" />
        entwickelt  hat.  Die  Bedeutung  dieses  Lehrerstandes  für  die  Bildung
unseres  Volkes  stand  mir  auster  allem  Zweifeh  es  war  hier  ein
eifriges  Bildungsstreben  unverkennbar,  eine  Sehnsucht  zugleich  nach
mehr  Dreiheit  und  nach  mehr  Lebensgehalt.  Das  Lrziehungswerk
ist  in  unserem  Leben  viel  zu  selbständig  geworden,  um  sich  der  Kirche,
sa  auch  dercheligion  unbedingt  unterzuordnen;  diegeistige  Lrhöhung
des  ganzen  Menschen  must  das  Hauptziel  sein.  Die  akademischen
Kreise  aber  konnten  keine  schönere  Üufgabe  finden,  als  dieses  Streben
zu  fördern  und  in  die  richtigen  Bahnen  zu  leiten.  Lo  habe  auch  ich
es  getan.  Zuerst  kamen  die  Lehrer  nach  Jena  zu  besonderen  Kursen,
sodann  aber  dehnte  die  Sache  sich  über  ganz  Thüringen  aus.  Ls
wurde  so  eingerichtet,  dasi  der  Dozent  jedesmal  zwei  Stunden  sprach,
und  dast  diese  Stunden  einen  zusammenhängenden  gegenständ
kulturgeschichtlicher,  ethischer,  religionsgeschichtlicher,  überhaupt
philosophischer  Ürt  behandelten.  Diese  Vorlesungen  wurden  durch
eine  cheihe  von  Wochen  fortgesetzt;  auch  das  machte  sie  den
üblichen  vereinzelten  Vorlesungen  für  das  sogenannte  gebildete
Publikum  überlegen,  dast  sie  den  gemeinsamen  Interessen  eines
tüchtigen  und  aufstrebenden  Standes  genau  entsprechen  konnten.
Diese  Tahrten,  welche  ich  namentlich  chik  Beginn  des  Jahrhunderts
antrat,  boten  mir  selbst  viel  Anregung  und  Treude.  Die  Bewegung ­
  begann  von  gotha  aus,  sie  hat  sich  dann  durch  ganz
Thüringen  verbreitet.  Ich  habe  wohl  zwölf  verschiedene  Orte  besucht ­
  und  an  mehreren  Orten  wie  in  gotha,  Arnstadt,  Lrfurt,
Schmalkalden,  Naumburg  wiederholt  gesprochen.  Dadurch  habe
ich  das  Thüringer  Land  und  auch  die  Thüringer  Menschen  besonders
gut  kennen  gelernt,  und  ich  habe  in  diesen  Kreisen  manche  anregenden ­
  und  frohen  Stunden  verbracht.  Dasi  die  Tahrten  bisweilen
etwas  anstrengend  waren,  hat  diese  Treude  keineswegs  vermindert;
auf  meine  gesundheit  konnte  und  kann  ich  mich  vollauf  verlassen.
Weiter  aber  habe  ich  auch  außerhalb  Thüringens  verschiedene
Vortragszyklen  gehalten,  so  namentlich  in  Bremen,  wo  mich  der
Lehrerverein  dazu  einlud,  so  auch  in  Hamburg,  wo  die  Oberschulbehörde ­
  die  Sache  leitete.  Tür  mich  war  es  ein  grosier  gewinn,  dasi
ich  dadurch  eine  engere  Beziehung  zu  aufstrebenden  Bevölkerungsklassen ­
  gewann  und  zugleich  meine  Darstellung  vom  blast  öchulmästigen
  befreien  konnte;  als  höchstes  Ziel  mustte  mir  dabei
vorschweben,  in  dieser  zerrissenen  und  unsicheren  Zeit  unserem  Volk
ein  geistiger  Tührer  und  Berater  zu  werden;  mir  selbst  aber  gewann
damit  das  Leben  mehr  Weite  und  Trejheit.
Inzwischen  gingen  aber  auch  die  wissenschaftlichen  Arbeiten
eifrig  weiter;  es  erschienen  lyOZ  die  „gesammelte  Aufsätze  zur  Philosophie ­
  und  Lebensanschauung",  1907  die  „gründlichen  einer  neuen
Lebensanschauung"  sowie  eine  Schrift  über  die  „Hauptprobleme
        <pb n="86" />
        der  Neligionsphilosophie  der  gegenwart",  welche  eine  5.  Lluflage  erlebte, ­
  1908  dieLchrift  über  den  „Linn  und  Wert  des  Lebens",  die  setzt
in  7.  Lluflage  vorliegt,  sowie  eine  „Linführung  in  eine  Philosophie
des  geisteslebens",  die  setzt  den  einfacheren  Titel  ,Einführung  in
die  Philosophie"  trägt.  Qo  hat  mein  Wirken  für  weitere  Kreise  meine
eigene  philosophische  Tätigkeit  nicht  gehemmt.
Lluch  fehlte  es  setzt  nicht  an  wissenschaftlichen  Ünerkennungen:
1903  verlieh  die  theologische  Takultätgiesten  mir  in  einem  sehr  gütigen
Diplom,  das  an  Welanchthon  anknüpfte,  den  theologischen  Lhrenöoktor,
  und  1904  erhielt  ich  einen  ehrenvollen  und  vorteilhaften
Nuf  nach  Tübingen  als  Nachfolger  des  ausgezeichneten  Philosophen
Zigwark.  Zur  näheren  Orientierung  reisie  ich  mit  meiner  Trau
nach  Tübingen;  ich  erhielt  von  Ltadt  und  Land,  auch  von  der  dortigen ­
  Negierung,  so  viele  wohltuende  Lindrücke  und  es  eröffnete
sich  mir  dort  ein  so  zusagender  Wirkungskreis,  dast  ich  nahe  daran
war,  Jena  zu  verlassen,  sa  ich  habe  in  einem  Qugenblich  schon
meine  Zustimmung  erklärt  gehabt.  Lchliestlich  aber  konnte  ich  mich
doch  nicht  von  Jena  trennen,  obwohl  Jena  mir  weit  bescheidenere
Lebensbedingungen  bot.

Lucken,  Lebengerinnerungen

6
        <pb n="87" />
        82

Erweiterung  meines  Wirkens
über  Deutschland  hinaus.

E^^aß  ich  im  Lluslande  verhältnismäßig  mehr  Lknerkennung  fand
X*/als  in  Deutschland,  das  hatte  einen  guten  gründ.  Ich  habe
mich  stets  als  einen  guten  Deutschen  gefühlt,  und  ich  habe  auch  im
Lluslande  dem  brecht  der  deutschen  Hprache  nicht  das  mindeste
vergeben,  aber  mein  Hauptproblem  war  übernational,  es  erstreckte
sich  über  alle  Völker  und  Kulturkreise.  Ls  galt,  das  gegenwärtige
Leben  von  einer  starken  Unwahrhaftigkeit  zu  befreien,  an  der  es
leidet,  und  eine  innere  Erhöhung,  fa  Umwälzung  des  menschlichen
Lebensstandes  zu  fördern;  dafür  aber  fand  ich  mehr  Wärme  und
mehr  Unbefangenheit  bei  verschiedenen  auswärtigen  Völkern  als  in
Deutschland.
Wohl  die  intimsten  Beziehungen  habe  ich  zuerst  zu  Finnland
gewonnen.  £s  waren  zunächst  zwei  füngere  gelehrte,  Lastren  und
Boldt,  mit  denen  ich  in  eine  engere  Beziehung  trat,  und  die  mich
bald  durch  ihre  Tüchtigkeit  und  ihre  geistige  Lnergie  lebhaft  anzogen. ­
  Lie  haben  auch  bald  ein  Interesse  für  meine  gedankenwelt
bekundet  und  in  größeren  Llrtikeln  niedergelegt.  Dann  aber  kam
ein  besonderer  Linlaß,  für  Finnland  einzutreten.  Das  Land  war
vom  Zarismus  schwer  unterdrückt;  Treunde  von  Finnland  hatten
die  Hoffnung,  durch  Vorstellungen  an  den  russischen  Kaiser  auf
Milderung  des  Druckes  zu  wirken.  Tür  diese  Hache  habe  auch  ich
mit  einem  kleinen  Kreis  aus  verschiedenen  Ländern  eifrig  gewirkt;
die  deutsche  Lidresse  ist  von  Jena  ausgegangen.  Die  Hache  hatte
keinen  äußeren  Lrfolg;  die  Überreichung  jener  von  den  ersten  gelehrten ­
  und  Künstlern  aller  Kulturvölker  unterschriebenen  Lldresse
wurde  verweigert;  aber  zur  inneren  Htärkung  des  Landes  hat  sie
unverkennbar  gewirkt;  nichts  ist  trauriger,  als  wenn  ein  zweifelloses ­
  Unrecht  die  übrige  Menschheit  gleichgültig  findet.  Heitdem
bin  ich  in  dauernder  Beziehung  mit  Tinnland  geblieben,  und  ich
habe  in  der  deutschen  Presse  vielfach  zur  Förderung  Tinnlands  geschrieben. ­
  Von  Tinnland  habe  ich  im  Jahre  lyoy  auch  eine  liebenswürdige ­
  Linladung  des  Lenats  zur  llbhaltung  einer  Llnzahl  von
Vorträgen  erhalten,  der  ich  aber  damals  beim  besten  Willen  nicht
folgen  konnte.  —  Weitere  wissenschaftliche  Linladungen  erhielt  ich
        <pb n="88" />
        sodann  1903  von  Holland  durch  die  dortigen  Ltudenten;  sie  wollten
mich  gern  über  religionsphilosophische  Probleme  hören;  so  habe  ich
damals  in  Utrecht,  Ümsterdam  und  Leiden  gesprochen,  dort  wohltuende ­
  Lindrücke  empfangen  und  bleibende  freundschaftliche  Beziehungen ­
  gewonnen.

Der  Alobelpreis.
un  kam  das  Jahr  1908,  dessen  Verlauf  inir  die  Zuerkennung
fß  ^des  literarischen  Nobelpreises  brachte.  Die  Möglichkeit  dieser
Lache  war  wohl  hier  und  da  von  schwedischen  freunden  angeregt,
aber  sie  erschien  so  unsicher,  dast  ich  zunächst  mich  nicht  damit
zu  beschäftigen  hatte.  Licherer  schien  damals  eine  Berufung  nach
den  schottischen  Universitäten,  wo  ich  religiös-philosophische  Vorlesungen ­
  halten  sollte;  diese  Lache  hat  sich  aber  später  zerschlagen.
Uls  ich  1908  zu  kurzem  Vufenthalt  zum  Philosophen-Kongrcst  nach
Heidelberg  kam,  war  ich  selbst  überrascht,  wie  viel  und  herzliche
Teilnahme  meine  Bestrebungen  in  austerdeutschen  Kreisen  fanden.
Besonders  liebenswürdig  zeigten  sich  die  Tranzosen.  Ls  war
deutlich,  dast  ich  durch  die  Übersetzungen  meiner  Bücher  in  fremde
Lprachen  schon  ein  Publikum  gewonnen  und  mir  eine  Unabhängigkeit ­
  vom  deutschen  gelehrten  Publikum  errungen  hatte.  Um  fene
Zeit  wurde  ich  auch  von  der  schwedischen  Llkademie  der  Wissenschaften ­
  zum  auswärtigen  Mitglied  ernannt;  sodann  wurde  ich
auf  Ünregung  des  fetzigen  Lrzbifchofs  Löderblom  als  Lrster  zur
Übhaltung  von  Vorlesungen  für  die  Olaus  Petri-Ltifkung*  in
Upsala  berufen.  Lchliestlich  kam  am  14.  November  die  Mitteilung ­
  der  Verleihung  des  Nobelpreises.  Wenn  ich  dabei  einzelner
Persönlichkeiten  dankbar  zu  gedenken  habe,  so  ist  es  an  erster  Ltelle
mein  unvergestlicher  Treund  Norström,  dann  aber  auch  die  Herren
Hfärne,  der  erste  Historiker  Zchwedens,  und  Kctzius,  der  ausgezeichnete ­
  Naturforscher,  der  mit  gründlichster  Forschung  eine  tiefe
Welt-  und  Lebensanschauung  verband.
Ls  kamen  dann  eine  Neihe  glänzender  Testlichkeiten,  welche  die
Teilnehmer  auf  die  Höhe  des  Lebens  führten;  bei  einem  dieser  Teste
sprach  der  fetzige  König  eingehend  mit  mir  über  das  lebhafte
Interesse,  das  sein  Vater,  der  König  Oskar,  meiner  Philosophie,
im  besonderen  meiner  Keligionsphilosophie,  gewidmet  habe;  dieser
hat  manche  Vufzeichnungen  darüber  hinterlassen,  die  sich  aber
fremden  Llugen  entziehen.

*  Olaus  Petri  hat  die  Lutherfche  Lehre  in  Schweden  zum  Liege  geführt.
6»
        <pb n="89" />
        Bemerkenswert  war,  dast  die  Zuerkennung  jenes  Preises  fast
mehr  Zustimmung  in  der  französischen  Presse  als  in  der  deutschen
fand.  Ohne  Zweifel  waren  manche  von  meinen  Landsleuten
erstaunt,  mich  unter  jenen  Preisträgern  zu  finden.  Von  mancher
privaten  Leite  wurde  mir  aber  viel  herzliche  Gesinnung  erwiesen.
So  gedenke  ich  mit  dankbarer  Wehmut  der  herzlichen  Worte,  die
Lrnst  von  Wildenbruch  bei  diesem  llnlast  an  mich  richtete;  er  selbst
wäre  besonders  geeignet  und  berufen  gewesen,  jenen  preis  zu
empfangen,  aber  feine  graste  Leele  war  frei  von  jedem  Neid.
Lngland.
|7ach  Zuerteilung  jenes  Preises  häuften  sich  sowohl  die  Über-9J
  G-setzungen  als  auch  die  Linladungen  ins  Üusland.  Weine
wissenschaftliche  Ürbeit  aber  ging  ununterbrochen  fort;  ich  habe  in
diesen  Jahren  neben  kleineren  Lachen  und  neuen  Lluflagen  zunächst
die  Lchrift  „Können  wir  noch  Lhristen  sein?"  (lyn)  veröffentlicht.
£s  war  mir  eine  innere  Notwendigkeit,  an  diesem  Punkte  meine
Überzeugung  klar  und  kräftig  auszusprechen.  Der  Lrfolg  dieser
Lchrift  hat  mich  enttäuscht,  gewist  habe  ich  nicht  den  rechten  Ton
getroffen,  um  die  Trage  anschaulich  und  eindringlich  zu  machen;
voraussichtlich  werde  ich  aber  später  auf  das  Problem  zurückkommen. ­
  lyi2  brachte  die  Lchrift  „Lrkennen  und  Leben";  sie  sollte
ein  grösteres  Werk  über  Lrkenntnislehre  und  Lebensgestaltung  einleiten. ­
  Lie  war  von  vornherein  als  ein  Ltück  eines  grösteren
Werkes  gedacht,  das  schliestlich  unter  dem  Titel  „Wensch  und
Welt"  zuerst  1918,  dann  in  zweiter  lluflage  1920  erschienen  ist;
der  Krieg  hat  die  Fortführung  dieser  Probleme  arg  verzögert,  aber
an  der  Hauptsache  habe  ich  auch  den  ganzen  Krieg  hindurch  gearbeitet. ­

Von  den  Linladungen  war  mir  zunächst  die  wichtigste  die,  welche
1911  von  Lngland  an  mich  kam.  Nächst  dem  skandinavischen
Norden,  dem  ich  mich  besonders  verwandt  fühlte,  hatte  ich  besonders ­
  viele  sachliche  und  persönliche  Beziehungen  zu  Lngland,  und
es  schien  mir  wichtig,  diese  weiter  zu  entwickeln.  Lnglische  und
deutsche  Ürt  schienen  zu  gegenseitiger  Lrgänzung  berufen.*

*  3n  der  Lchrift  „ErPennen  und  Leben"  S.  72ff.  habe  ich  dies  Problem  weiter
ausgeführt.  ltls  die  Ltärke  des  Deutschen  erscheint  die  Entwersung  von  Weltgedantcn
  und  die  Weite  des  geistigen  Horizontes,  auch  das  vermögen,  systematisch ­
  und  methodisch  zu  wirten;  er  kann  danach  streben,  den  INenschen  über
alle  Umgebung  hinauszuheben  und  die  ganze  Unendlichkeit  in  seiner  Seele  zu  beleben; ­
  auch  seine  wissenschaftliche  und  technische  llrbeil  kann  es  mit  der  aller  Völker
aufnehmen,  über  der  Deutsche  verbleibt  leicht  bei  grübelnder  ltleflerion.  auch
        <pb n="90" />
        von  meiner  Ltudienzeit  her  bin  ich  mit  einzelnen  hervorragenden ­
  Persönlichkeiten  Englands  in  Briefwechsel  geblieben.  Übersetzungen ­
  meiner  Bücher  ins  Englische  verstärkten  diese  Beziehungen.
Line  eigentliche  Linladung  erfolgte  zunächst  von  den  Unitariern.
Lchon  zweimal  und  vor  dem  Nobelpreis  hatten  diese  mich  freundlich ­
  aufgefordert,  die  Lssex  Hall  Leeture  zu  halten.  Ich  sollte  dort
aber  nach  dortiger  Litte  englisch  sprechen;  dazu  konnte  ich  mich
nicht  entschliesten,  obwohl  ich  des  Lnglischen  leidlich  mächtig  war.
1911  aber  erhielt  ich  eine  sehr  herzliche  Bitte,  meine  Vorträge  ruhig
in  deutscher  Lprache  zu  halten.  Ver  Vortrag  und  auch  eine  Kede
in  einer  englischen  Kirche  wurden  sehr  gut  besucht  und  freundlich ­
  aufgenommen,  auch  die  leitenden  Blätter,  wie  z.  B.  die
„Times",  brachten  eingehende  Berichte  darüber*.  Quch  die  daran
sich  schliestenden  Tage  in  London  und  Oxford  waren  genustreich
und  anregend.  Wir  genossen  dort  durchgängig  die  liebenswürdigste ­
  Gastfreundschaft.  Ls  war  charakteristisch,  dast  der  Lordmapor
  von  London  im  Rückblick  auf  das  vergangene  Jahr  den

neigt  er  stark  zu  einer  Überschätzung  bloger  Fachgelehrsamkeit;  so  kann  ihm  das
Wissen  tatlos  über  Sen  Wassern  schweben  und  den  Weg  zur  Lebenserhöhung
nicht  finden;  dazu  kommt  bei  jener  intellektualistischen  Llrt  leicht  ein  Eigensinn
der  Individuen,  die  vor  allem  darauf  bedacht  sind,  etwas  Besonderes  zu  sein
und  als  etwas  Besonderes  zu  gelten,  eine  Llbncigung,  sich  gemeinsamen  Zwecken
zu  fügen.
Die  Stärke  des  Engländers  dagegen  liegt  in  der  gestaltung  des  praktischen
Lebens,  in  dem  offenen  Sinn  für  die  Eindrücke  der  Erfahrung,  in  dem  geschieh
die  jeweilige  Lage  zu  erfaffen  und  zu  verwerten,  besonders  aber  in  dem  llufbau
des  gesellschaftlichen  Lebens,  deffen  wiffenfchastliches  Durchdringen  unmittelbar
in  fruchtbare  Tätigkeit  übergeht,  Lluf  diesem  Boden  vermögen  die  Individuen
sich  in  Freiheit  zusammenzufinden  und  die  individuelle  veigung  gemeinsamen
Zwecken  unterzuordnen;  solche  Bereinigung  erzeugt  weit  mehr  Kraft  in  der  sichtbaren ­
  Welt  und  Sicherheit,  sie  zu  beherrschen.  Liber  auch  diese  Llrt  hat  ihre
gefahren:  Iener  Zusammenschlug  kann  leicht  der  vollen  Entwicklung  der  individuellen ­
  Llrt  schaden  und  gleichförmigkeit  erzeugen;  auch  wird  hier  nicht
genügend  gewürdigt,  dag  das  Weltproblem  nicht  erst  nachträglich  zum  Leben
hinzukommt,  sondern  dag  es  von  vornherein  zu  ihm  gehört  und  seinen  geistigen
Lharakler  bilden  hilft.  Die  volle  Ursprünglichkeit  und  die  Weile  des  geisieslebens
kann  durch  jene  Sorge  um  den  Stand  der  gefellschast  Schaden  leiden,  und  es
läge  ein  verfallen  in  den  Utilitarismus  nahe,  wenn  nicht  eine  starke,  auch  in
der  sozialen  Ordnung  fest  verankerte  religiöse  Überzeugung  dem  widerstände
und  dem  Leben  und  Streben  der  geseilschaft  den  Hintergrund  einer  ewigen  und
selbstwertigen  Ordnung  gäbe.  —  Diese  gegensätze  sind  im  Kriege  noch  stärker
hervorgetreten.
*  Einen  eingehenden  Bericht  über  mein  Lluflreten  in  London  brachte  die
Christian  World  vom  8.  Iuni  1911;  die  „christliche  Welk"  vom  xi.  Ianuar  1912
hat  die  grundgedanken  ins  Deutsche  übertragen  unter  dem  Titel  „Lücken  in
England".
        <pb n="91" />
        Besuch  von  Harnack  und  mir  als  ein  gutes  Zeichen  für  das  Verhältnis ­
  der  beiden  Nationen  begrüßte.  Merkwürdig  war  es,  dast
ich  mich  auf  religiösem  und  religionsgeschichtlichem  gebiet  oft  mit
den  Engländern  besser  verständigte,  als  mit  vielen  Deutschen;  es
war  und  ist  der  unglückselige  Intellektualismus,  der  manche  Deutsche
an  einer  unbefangenenWürdigung  der  Lebensprobleme  und  Lebenskiefen ­
  hindert.
Amerika.
a merika  hat  mich  von  früher  Jugend  an  sehr  angezogen  und  beschäftigt. ­
  Namentlich  interessierte  mich  das  dortige  Deutschtum,
und  ich  habe  schon  in  meinen  Kinderfahren  deutschamerikanische
Zeitungen  zu  erwischen  gesucht;  der  Verlauf  meines  Lebens  hat
solche  Lindrücke  bestärkt  und  vertieft.  In  Llmerika  wurde  zuerst  eins
meiner  Bücher  in  eine  fremde  Sprache  übertragen,  bald  empfing
ich  auch»  von  gebürtigen  Limerikanern  manche  Llnzeichen  der
Llnerkennung  meines  Lkrebens;  eine  solche  Teilnahme  musste  mir
im  gegensatz  zur  gleichgültigkeit  der  deutschen  gelehrtenkreise  besonders ­
  wohltun''.  Line  eigentümliche  und  anziehende  Llufgabe
erhielt  ich  durch  den  mir  persönlich  bekannten  Dr.  I.  M.  Jlice  in
New  pork:  es  galt,  für  das  von  ihm  geleitete  Forum  allmonatlich
einen  von  deutschen  gelehrten  geschriebenen  und  deutsche  Probleme
behandelnden  LIrtikel  zu  liefern;  ich  musste  diese  Linrichtung  mit
besonderer  Treude  begrüben,  da  sie  auf  die  Dauer  ein  besseres
gegenseitiges  Verständnis  der  beiden  großen  Völker  ergeben  hätte;
leider  hat  die  Lache  aber  nur  ein  paar  Jahre  gedauert;  ich  hatte
den  Lindruck,  dast  der  Üusbruch  des  spanischen  Krieges  und  das
Llnwachsen  einer  imperialistischen  Ltrömung  in  Llmerika  einer
näheren  Beschäftigung  mit  deutschen  Tragen  wenig  günstig  war.
Weiter  erhielt  ich  im  Jahre  iyo6  aus  Llmerika,  d.  h.  von  den
dortigen  Deutschen,  eine  herzliche  llufforderung,  nach  New  pork
zu  kommen  und  überhaupt  zu  dortigen  deutschen  Kreisen  zu
sprechen.  Ls  hatte  aber  zunächst  manche  Lchwierigkeit,  fencr  Linladung
  zu  folgen.  IYI2  aber  erfolgte  eine  offizielle  Linladung  durch
die  preussische  Negierung,  als  Üustausch-Professor  nach  Llmerika  zu
gehen.  Ich  habe  mich  zunächst  dagegen  gesträubt,  da  ich  eine

*  Unter  den  Zeichen  freundlicher  Teilnahme  möchte  ich  namentlich  Sen  regelmäßigen ­
  Briefwechsel  mit  Kev.  Test  in  Richmond,  Indiana,  anführen.  Lr
schrieb  mir  u.  a.  Uber  meinen  „Kampf  um  einen  geistigen  Lebensinhalt"  im
Jahre  1896:  You  are  certainly  a  thinker  with  an  authentic  message  and
Mission  to  your  conlemporaries  in  the  interest  of  the  supreme  and  eternal
verbiss;  and  I  trust  you  may  lang  live  to  flght  it  out  on  the  lins.
        <pb n="92" />
        Störung  meiner  wissenschaftlichen  Pläne  dadurch  befürchtete,  aber
Trau  und  Tochter  haben  mich  bald  bewogen,  sene  Linladung  gern
anzunehmen.  Ls  wurde  von  Berlin  aus  alles  sorgsam  und  umsichtig ­
  eingerichtet,  und  so  schifften  wir  drei  uns  guten  Mutes  nach
llmerika  ein.  Die  Ozeanreise  war  nicht  stürmisch,  nur  etwas  mehr
als  einen  Tag  habe  ich  selbst  ein  wenig  darunter  gelitten,  sonst  aber
empfand  ich  sehr  den  unvergleichlichen  Zauber  einer  solchen  Ozeanreise ­
  mit  ihren  gewaltigen  Lindrüchen.  Die  Linfahrt  nach  Vew  pork
war  großartig.  Die  Zollschwierigkeiten  wurden  dank  meiner  Pässe
rasch  überwunden.  Irgendwelche  Begrünung  vom  deutschen  Konsulat ­
  fehlte  trotz  des  Hinweises  in  den  Zeitungen;  es  waren  drei
Amerikaner,  die  mich  freundlichst  begrüßten.  Ich  habe  überhaupt
gefunden,  daß  von  amtlicher  Seite  wenig  für  deutsche  gelehrte  geschah. ­
  persönlich  bin  ich  wohl  mit  dem  englischen  Botschafter
Lord  Brpce,  nicht  aber  mit  dem  deutschen  Botschafter  in  nähere
Beziehung  gekomnten.  Merkwürdig  war  auch  der  offizielle  Lmpfang
  im  gegensatz  zu  Berlin:  In  Berlin  pflegte  der  Kaiser  die
Antrittsvorlesung  des  Qustaufch-Professors  anzuhören  und  sich
eingehend  mit  den  Herren  zu  unterhalten;  auch  für  ihre  Wohnung
wurde  im  voraus  bestens  gesorgt.  Lils  ich  m  Lambriöge
eintraf,  war  natürlich  meine  erste  Llufgabe,  mich  dem  Präsidenten
Lowell  persönlich  vorzustellen.  Lr  empfing  mich  freundlich,  erwähnte
aber  in  keiner  Weise  irgendwelche  Feierlichkeit  zu  meiner  Linführung,
sondern  meinte  einfach:  Sie  können  gleich  anfangen.  Lluch  war
man  in  Lambridge  nicht  erbaut  darüber,  daß  ich  von  Ünfang  an
erklärt  hatte,  meine  amtlichen  Vorlesungen  nur  in  deutscher  Sprache
zu  halten.  Diese  Vorlesungen  selbst  haben  mich  aber  sehr  erfreut.
Die  eigentlichen  Privatvorlesungen  hatten  eine  beschränkte  Zuhörerzahl, ­
  es  waren  etwa  20  Studenten,  ähnlich  stand  es  mit  meinen
philosophischen  Übungen;  aber  die  Hörer  waren  sehr  bei  der  Sache,
und  es  hat  sich  ein  sehr  herzliches  Verhältnis  zwischen  uns  entwickelt; ­
  schließlich  mußten  wir  uns  alle  zusammen  photographieren
lassen.  Anders  stand  es  bei  den  öffentlichen  Vorlesungen.  Hier
wurde  nur  eineStunde  wöchentlich  angesetzt,  dieseStunde  aber  durch
die  Blätter  verkündet.  So  versammelte  sich  hier  ein  großes  Publikum
aus  den  besten  Ständen  von  Boston,  ich  habe  viele  Zeichen  freundlicher ­
  Teilnahme  aus  diesen  Kreisen  empfangen.  Lluch  die  gesellschaftlichen ­
  Beziehungen  gestalteten  sich  sehr  angenehm.  In  der
ersten  Zeit  wurden  wir  drei  auf  eine  Keihe  von  Tagen  im  Hause
von  Professor  Ldward  Moore  in  gütigster  Weise  aufgenommen.
Später  wohnten  wir  in  einem  großen  Hotel  in  Boston.  Von  den
gelehrten  stand  ich  namentlich  dem  leider  so  früh  verstorbenen
Münsterberg  nahe.  Lr  und  die  Seinigen  haben  alles  getan,  uns
den  dortigen  Aufenthalt  angenehm  zu  machen.  Lin  großer  Vorteil
        <pb n="93" />
        jenes  Bostoner  Aufenthaltes  war  die  Nähe  des  Ozeans,  wir  konnten
uns  dort  angesichts  der  Wellen  ergehen  und  hatten  namentlich ­
  bei  eintretender  Übenddämmerung  wunderbare  Bilder  von  der
großen  Ltadt  und  ihrem  Hafen.  Bon  Boston  aus  habe  ich  nach
dortiger  Litte  eine  Neihe  von  Vorlesungen  an  verschiedenen  Orken
gehalten.  Besonders  wertvoll  war  uns  der  gewaltige  Lindruck  des
Niagara,  dessen  weiteren  Lauf  wir  unmittelbar  in  einer  Privateisenbahn ­
  verfolgen  dursten.  Unser  Bostoner  Üufenthalt  ging  mit
demIanuar  zu  Lüde.  Wir  haben  uns  dann  nach  New  Port  begeben,
wo  uns  im  sogenannten  Deutschen  Haus  der  Lolumbia-Universität
ein  eignes  Heim  zur  Verfügung  gestellt  wurde.  Die  gewaltige
Ltadt  mit  ihrer  herrlichen  Lage  fesselte  uns  sehr.  lluch  sind  wir
dort  in  sehr  verschiedene  Kreise  gekommen,  selbst  in  die  der  hohen
Finanz,  die  uns  übrigens  sehr  freundlich  und  nicht  protzig  aufnahmen. ­
  Die  akademischen  Kreise  begrüßten  mich  und  die  Weinigen
sehr  freundlich.  Präsident  Butler  gab  mir  und  Bergson,  der  damals
gleichzeitig  mit  mir  einige  Vorlesungen  hielt,  ein  solennes  Diner,
das  höchst  anregend  verlief  und  uns  beide  in  lebhafte  gespräche
führte  (wir  sprachen  dort  englisch).  Lluch  ein  großer  Nout  wurde
uns  zu  Lhren  gegeben;  jeder  von  uns  beiden  war  dabei  von  einer
großen  Lchar  von  Herren  und  mehr  noch  von  Damen  umgeben
und  mit  tragen  bestürmt.  Trau  und  Tochter  sorgten  genügend
dafür,  daß  ich  dabei  keinen  Hunger  und  Durst  hatte;  schlimmer
ging  es  Bergson,  der  ohne  Begleitung  war  und  sich  vor  den  Damen
nicht  retten  konnte;  ich  habe  ihn  schließlich  mit  gewalt  aus  jenem
Kreise  herausgeholt  und  für  fein  leibliches  Wohl  gesorgt.
Der  Üufenthalt  in  New  pork  gab  mir  auch  volle  gelegenheit,
mich  über  das  deutsche  Leben  in  Ümerika  näher  zu  unterrichten.
Treilich  bestand  für  mich  wegen  Zeitmangel  keine  Möglichkeit,  mich
nach  dem  Westen  zu  begeben,  wo  ich  mehr  deutsches  Leben  angetroffen ­
  hätte.  Was  ich  aber  im  Osten  traf,  war  vom  deutschen
Ltandpunkt  aus  wenig  erfreulich.  In  Boston  bestand  ein  deutscher
Verein,  und  als  ich  dort  einmal  Uber  die  weltgeschichtliche  Bedeutung ­
  des  deutschen  geistes  sprach,  war  der  öaal  übervoll.  Über
die  Treunde  sagten  mir,  daß  sich  selten  eine  größere  Zahl  an  den
deutschen  Bestrebungen  beteilige;  charakterisiisch  war  es  auch,  daß
sich  in  unserem  großen  Hotel  keine  einzige  deutsche  Zeitung  befand,
und  daß  ich  dort  Nlühe  hatte,  mir  die  New  porker  Staats-Zeitung
zu  besorgen.  Das  war  ja  nun  in  New  Port  besser,  deutsche  Zeitungen ­
  konnte  ich  hier  zur  genüge  erhalten,  aber  im  gesamtleben
spielte  das  deutsche  Leben  doch  auch  hier  eine  recht  bescheidene  Nolle.
Wan  merkte  kaum,  daß  in  New  pork  mehrere  hunderttausend
Deutsche  waren.  Ungünstig  für  die  Lrhaltung  des  deutschen  Lle  -
ments  wirkte  bei  den  Ltädten,  daß,  während  früher  die  Deutschen
        <pb n="94" />
        geschlossener  wohnten  und  mit  den  andern  Bewohnern  weniger  in
enge  Beziehungen  kamen,  die  modernen  Verkehrsverhältnisse  derartige
Unterschiede  stark  verwischt  und  die  verschiedenen  Bevölkerung«-elemente
  bunt  durcheinander  gewürfelt  haben.  Lluch  die  Volksschulen,
die  sogenannten  Public  Hchools,  haben  sehr  dazu  beigetragen,  alle
Unterschiede  aufzuheben.  Lin  Hauptgrund  der  Kraftlosigkeit  des
deutschen  Lebens  war  der  Ivangel  eines  Zentrums  für  das  deutsche
geistige  Leben.  Lluch  die  Höhne  der  Deutschen  wurden  unwillkürlich
in  die  englische  Denkweise,  fa  in  die  Terminologie  hineingetrieben.
Ich  selbst  erlebte  den  charakteristischen  Tall,  dast  der  philosophisch
sehr  begabte  Hohn  einer  hochstehenden  deutschen  Tamilie  im  gewöhnlichen ­
  Leben  die  deutsche  Lprache  vollauf  beherrschte  und  sich
überhaupt  als  ein  Deutscher  fühlte,  aber  in  graste  Lchwierigkeiten
geriet,  sobald  er  technisch  philosophische  Tragen  mit  mir  besprach.
Ivie  die  Verhältnisse  in  Llmerika  waren,  lag  die  Zefahr  nahe,  die
deutsche  Denkweise  als  eine  subalterne  zu  behandeln.  Dagegen  hätte
weit  mehr  von  Deutschland  selbst  getan  werden  müssen.  Ivan  hätte
durch  deutsche  hochgebildete  Lehrer,  auch  durch  die  Förderung  kleiner
Bühnen,  regelmästiger  Vorträge  usw.  sehr  viel  mehr  wirken  können,
um  das  deutsche  Leben  zusammenzuhalten  und  sein  Kulkurbewusttsein
  zu  heben.  Die  offiziellen  Behörden  aber  taten  so  gut  wie  nichts  für'
dieses  Ziel,  und  auch  unsere  heimische  presse  hat  sich  viel  zu  wenig
dieser  wichtigen  Hache  angenommen.  Wir  müstten  regelmästige
Korrespondenten  zwischen  Deutschland  und  Llmerika  besitzen;  fo
aber  blieb  aller  Llustausch  zufällig,  und  die  einheimischen  Deutschen
pflegten  sich  der  Deutschen  in  Llmerika  nur  zu  erinnern,  wenn  es
irgendwelche  Hammlung  zu  veranstalten  galt.  Die  Llustausch-Professoren
  aber  haben  bei  der  Kürze  ihres  Liufenthaltes  wenig  dafür
wirken  können;  diefe  Linrichtung  müstte  wesentlich  anders  gestaltet
werden,  wenn  sie  nicht  mehr  dem  Lchein,  als  der  Lache  dienen  sollte.
Vast  die  Llustauschprofefsur  uns  persönlich  mit  einer  Tülle  tüchtiger
und  liebenswürdiger  Ivänner  und  Trauen  zusammenführte,  ist
eine  andere  Lache.  —  Übrigens  wurde  ich  in  vew  pork  ebenso
freundlich  aufgenommen  wie  in  Lambridge,  obschon  ich  dort  nicht
Llustauschprofessor  war;  der  bloste  Titel  macht  in  Llmerika  wenig
aus.  vonvewpork  aus  haben  wir  weitere  Llusflüge  gemacht,  und
ich  habe  an  verschiedenen  Orten  Vorlesungen  gehalten,  so  z.  B.  kn
Philadelphia  und  in  Baltimore.
Ich  kann  diesen  Kückblick  auf  die  ganze  Zeit  nicht  abschliesten,
ohne  der  vielen  freundschaftlichen  Beziehungen  zu  gedenken,  welche
uns  geboten  wurden.  Ls  waren  Ivänner  und  Trauen  mit  verschiedenen ­
  Interessen,  aber  sie  alle  begegneten  uns  in  liebenswürdiger
lveise  und  suchten  uns  den  Llufenihalt  angenehm  zu  machen,  von
mehreren  Universitäten  wurde  ich  honoris  oausa  promoviert,  so
        <pb n="95" />
        in  öpmcuse  zum  Dr.  of  human  letters,  von  der  Lolumbia-Vniversität
  zum  Dr.  of  Istters,  von  öer  New  York  University  zum  Dr.  of  law.
Vuch  verschiedene  Lectureships  wurden  mir  angetragen,  so  in
Boston  am  Lowell-Institute,  so  in  New  TJori  die  Deems  Lectureship;
gröstere  Zyklen  von  Vorlesungen  hielt  ich  im  Lmith  Lollege  in  Northampton
  und  in  Lchenectady.  Ich  hätte  noch  viele  weitere  Linladungen
  erhalten,  wenn  es  mir  möglich  gewesen  wäre,  den  Westen
zu  besuchen.  Übrigens  möchte  ich  nicht  unerwähnt  lassen,  dast  auch
die  kanadischen  Universitäten  Montreal  und  Toronto  mir  freundliche ­
  Linladungen  sandten.  Auch  führten  meine  philosophischen  Bestrebungen ­
  zu  festeren  Verbindungen,  so  wurde  eine  Lucken-Llssoziation
  in  New  park  gebildet,  ein  Lucken-Klub  in  gektysburg  am
Lutheran  Lollege  begründet  usw.
Viele  interessante  Persönlichkeiten  wurden  mir  persönlich  bekannt,
so  Noosevelt  und  Larnegie.  Mit  Noosevelt  hatte  ich  ein  sehr  anregendes ­
  gespräch  über  den  amerikanischen  Idealismus  und  seine  Zukunft,
er  erwies  dabei  eine  bedeutende  geschichtliche  Bildung;  über  Deutschland ­
  sprach  er  damals  in  freundlicher  Weise.  Lharakteristisch  erschien
mir  ein  gespräch  mit  einem  weltgewandten  Tinanzmann  über  die
Möglichkeit  eines  schon  damals  die  gemüter  bewegenden  Krieges;
er  meinte,  es  bestehe  dafür  nicht  die  mindeste  geführt  „Wir  geben
das  gcld  dazu  nicht,  und  ohne  das  können  die  Ltaaten  nichts
machen".  In  einem  anderen  Kreise  wurde  die  Behauptung  aufgestellt, ­
  Deutschland  würde  in  20  Iahren  das  reichste  Land  der
Lrde  fein!
Bemerkenswert  war  mir  auch  die  dortige  Stellung  der  Trauen,
gewisse  Üusterlichkeiten  der  Litte  werden  beachtet,  aber  sie  nehmen
keinen  grasten  Platz  ein.  Das  aber  glaubte  ich  zu  bemerken,  dast
die  Trauen  in  den  höheren  Ltänden  oft  die  Männer  an  Bildung
übertreffen;  die  überwiegend  geschäftliche  Tätigkeit  kann  leicht  den
Bildungstrieb  der  Männer  hemmen;  dazu  pflegen  die  Trauen  in
fenen  Kreisen  mehr  zu  reisen  und  mannigfache  Eindrücke  in  sich  aufzunehmen. ­
  Oft  fand  ich  ein  lebhaftes  Interesse  der  Trauen  für
die  grasten  Lebensfragen  des  menschlichen  geschiekes.  Namentlich ­
  zwei  Tragen  sind  mir  immer  wieder  begegnet:  „Lind  wir  unsterblich?" ­
  und  „Haben  wir  einen  freien  Willen  ?"  Treilich  verlangte
man  dabei  oft  eine  zu  summarische  Llntwork.  In  den  ersten  Kriegsfahren
  habe  ich  verschiedene  Briefe  von  mir  persönlich  unbekannten
Damen  erhalten,  worin  diese  versicherten,  dast  sie  über  den  Krieg
anders  dächten  als  die  Männer,  und  dast  sie  vor  dem  Mut  und
vor  der  Tapferkeit  der  deutschen  Loldaten  die  aufrichtigste  Hochachtung ­
  hätten.
Der  persönlichen  Liebenswürdigkeit,  welche  ich  und  die  Meinigen
in  Ümerika  erfuhren,  entsprach  nicht  vollauf  die  überwiegende
        <pb n="96" />
        9i  Oö«

Behandlung  der  deutschen  Verhältnisse  durch  die  dortige  Presse.  Das
Urteil  bewegte  sich  vielfach  in  schroffen  gegensätzen.  Einmal  glaubte
man  auf  Deutschland  als  auf  ein  unfreies  Land  herabsehen  zu
dürfen,  man  hielt  sich  dabei  oft  an  Kleinigkeiten  des  Lebens;
zugleich  aber  hatte  man  graste  Sorge,  Deutschland  möchte  zu  stark
und  auch  zu  reich  werden.  fluch  traute  man  uns  manche,  wenn
nicht  militärische,  (io  doch  wirtschaftliche  Pläne  zu.  Namentlich  war
man  bedenklich  wegen  unseres  Einflusses  auf  Südamerika.  Lin
dortiger  Kollege  fragte  mich,  wir  hätten  wohl  unter  unseren  Skudenten
  sehr  viele  Südamerikaner.  Ich  erwiderte,  sie  wären  seltene
Ausnahmen.  Lr  wunderte  sich  darüber  und  meinte:  „Nun  ja,
Sie  haben  ja  doch  die  Qbsicht,  Südamerika  sich  zu  unterwerfen";
daraus  erklärte  er  den  vermeintlichen  Zustrom  der  Studenten.
Überhaupt  herrschte  in  Amerika  eine  graste  Unkenntnis  der  europäischen ­
  und  namentlich  der  deutschen  Verhältnisse.  Ungünstig
war  es  auch,  dast  unsere  radikale  Presse  die  deutschen  Zustände
recht  schwarz  zu  nialen  liebte;  sie  dachte  nur  an  das  Inland,  nicht
an  die  Wirkung  auf  die  änderen;  das  hat  uns  sehr  geschadet.
Jedenfalls  wäre  es  bei  solcher  Lage  und  bei  vielfacher  Verkennung
der  deutschen  Übsichten  unbedingt  notwendig  gewesen,  dast  von
diplomatischer  Seite  mit  gröstter  Energie  die  Stimmung  verbessert
und  ein  inneres  Verhältnis  der  beiden  Länder  ausgebaut  wurde.
Notwendig  war  im  besonderen  die  Begründung  einer  grasten
deutschgesinnten  Zeitung  in  englischer  Sprache,  denn  nur  mit  Hilfe
dieser  Sprache  konnte  man  den  nötigen  Linstust  gewinnen;  sodann
bedurfte  es  dringend  eines  deutschen  Telegraphenbüros,  welches
unmittelbar  alle  Irrtümer,  ja  Lügen  gewisser  Londoner  Blätter  zerstören ­
  konnte.  Ich  habe  diese  Überzeugung  sofort  auch  nach  Berlin
berichtet  und  eine  Denkschrift  darüber  eingereicht,  um  jene  3wrderungen
  eingehend  zu  begründen.  Line  Wirkung  war  nicht  ersichtlich; ­
  wir  haben  jedenfalls  durch  unser  diplomatisches  Ungeschick ­
  uns  sehr  geschädigt.  —
Ich  kenne  die  Ligentümlichkeiten  und  die  Schwächen  des
amerikanischen  Lebens  zur  genüge,  um  kein  unbedingtes  Lob  anzustimmen; ­
  aber  ich  must  voll  anerkennen  die  Lnergie  des  dortigen
Lebens,  die  grostzügigkeit  des  Unternehmens,  die  gegenseitige  Hilfsbereitschaft, ­
  welche  das  amerikanische  Leben  durchdringt;  in  dieser
Nichtung  hat  das  dortige  Leben  einen  grasten  Stil,  grundverkehrt
ist  die  oft  von  Deutschen  geäusterte  Meinung,  man  dürfe  in  Llmerika
nichts  kritisieren,  sondern  müsse  alles  gut  finden.  Ich  habe  offen
und  entschieden  auch  auf  die  dortigen  Schäden  hingewiesen,  und
ich  bin  überall  trotz  jener  Kritik  freundlich  behandelt  worden;
nur  einen  höhnischen  Don  verträgt  kein  Volk,  das  auf  sich  selbst
etwas  hält.
        <pb n="97" />
        ooooooooooooooooooooo  Y2

I"

Unser  Aufenthalt  in  Amerika  ging  zu  Lnde.  Noch  einmal  sahen
wir  die  näheren  freunde  zum  Abschied  bei  uns,  dann  mußten  wir
uns  trennen.  Ls  war  rührend,  wie  beim  Besteigen  des  Dampfers,
der  uns  nach  Luropa  bringen  sollte,  der  bekannte  Lchriftsteller
Kalph  Waldo  Trine  uns  bis  an  das  Deck  begleitete  und  in  lebhaftem ­
  gespräch  solange  bei  uns  verblieb,  bis  der  Kapitän  ihn
dringend  aufforderte,  das  Stfjiff  sofort  zu  verlassen,  wenn  er  nicht
nach  Luropa  mitfahren  wolle.  Linnig  fanden  wir  die  amerikanische
Litte,  beim  letzten  Übschied  den  Lcheidenden  eine  guirlande  zuzuwerfen, ­
  so  dast  ^eder  ein  Ltück  davon  zum  Abschied  erhielt.
Die  Kückkehr  nach  Luropa  haben  wir  mit  eigentümlichen  Empfindungen ­
  angetreten.  Biel  Liebe  und  Freundschaft  war  uns
erwiesen,  und  dabei  war  keine  Aussicht  auf  ein  Wiedersehen;  der
Abschied  von  einem  ganzen  Weltteil  ist  etwas  anderes,  als  eine
Keife  in  ein  benachbartes  Land.  Die  gewaltige  Ltadt  New  ^fork
machte  bei  dem  Abschied  im  Hellem  Lonnenschein  einen  großartigen
Lindruck,  langsam  versanken  die  mächtigen  Bauten,  und  wir
waren  im  Ozean.  Wir  hatten  diesmal  die  südliche  Koute  gewählt
und  haben  das  in  keiner  Weife  bedauert.  Unsere  Keife  war  von
prächtigem  Wetter  begünstigt,  die  Azoren  waren  aus  nächster  Nähe
zu  betrachten.  Wir  begrüßten  herzlich  die  Küste  von  Luropa,  die
einen  durchgebildeteren  Lindruck  macht,  gibraltar  im  Trühlmgsschmuck
  und  mit  seiner  Blütenpracht  war  bezaubernd,  dann  ging
es  weiter  über  Algier,  Neapel  und  schließlich  nach  genua.  Hier
empfing  uns  unser  jüngerer  Lohn;  wir  haben  dann  eine  herrliche
Keife  über  die  Kiviera,  den  Klont  Lenis,  Montreux  und  nach  genf
gemacht.  In  genf  war  alle  Zeit  Hodler  gewidmet,  der  uns  feine
künstlerischen  Lntwürfe  zeigte  und  sich  geistvoll  über  seine  Kunst
aussprach.  Linen  großartigen  Abschluß  gewährte  uns  der  Thuner
Lee  mit  feinen  Alpenriesen,  dann  ging  es  über  Bafel  nach  Haufe.
        <pb n="98" />
        93

JTeue  Aufgaben  und  weitere  Pläne.
3 unächsi  galt  es  ^etzt  die  mannigfachen  Lindrücke  durchzuarbeiten
und  die  daraus  erwachsenden  Uufgaben  zu  fördern.  Meine
Vorlesungen  in  Lambridge  und  die  Anregungen  meiner  Zuhörer
zeigten  mir  das  Bedürfnis  nach  einer  kleinen  Lchrift,  welche  die
deutsche  Philosophie  für  englische  Leser  behandeln  sollte*.  Zn  Llmerika
  bewarben  sich  sofort  verschiedene  Berleger  um  die  Lache,  sie  lsi
aber  unter  den  Aufregungen  und  Stürmen  der  folgenden  Zeiten
einsiweilen  liegen  geblieben.  Lin  Zeichen  freundlicher  gesinnung
erhielt  ich  noch  im  Lämmer  1914,  indem  mein  jüngerer  Lohn
seitens  der  Lolumbia-Universität  eine  sehr  liebenswürdige  Linladung
  erhielt,  ein  Jahr  hindurch  über  die  Hauptfragen  der  deutschen ­
  Lozialpolitik  als  glied  des  Lehrkörpers  dort  zu  sprechen.
Lr  war  bereit,  diese  ehrenvolle  Linladung  anzunehmen,  und  wir
hatten  schon  für  den  Z.  Oktober  1914  einen  Platz  auf  dem  Dampfer
Lolumbia  für  ihn  belegt,  als  der  Krieg  alle  Plane  umwarf.
Weiter  galt  es  nun,  meine  Urbeitspläne  auszuführen.  Jene
Lchrift  über  die  deutsche  Philosophie  kam  gut  irr  Zang.  Verschiedene
  neue  Auflagen  beschäftigten  mich,  zugleich  empfand
ich  gerade  unter  den  Lindrüiken  der  Keife,  wie  notwendig  eine
Kräftigung  und  Verinnerlichung  des  deutschen  Lebens  sei.  Qus
dieser  Überzeugung  isi  die  Lchrift  „Zur  Sammlung  der  geisier"
hervorgegangen.  Zn  dieser  Schrift  habe  ich  nachdrücklich  die  gefahr
  einer  blosien  Llrbeitskultur  geschildert  und  mich  darauf  berufen, ­
  dasi  die  Arbeit  nur  eine  Seite  des  deutschen  Lebens  bilde,
dasi  sie  durch  eine  Zeisieskultur  ergänzt  werden  müsse,  wenn  nicht
das  Zanze  und  Innere  des  Menschen  herabgedrückt  werden  sollte.
Bus  Llnregung  dieser  Lchrift  hat  sich  dann  ein  Kreis  von  freunden
im  März  1914  in  Darmsiadt  zusammengefunden,  um  die  wichtige
Lache  durch  persönliche  Besprechung  in  34usi  zu  bringen  und
womöglich  auch  Ortsgruppen  zu  bilden.  Die  lLragc  erwies  sich
aber  bei  näherem  Lingehen  recht  schwierig,  und  wir  haben  weitere

Sic  sollte  Sen  Titel  tragen:  German  Philosophy  for  English  readers.
        <pb n="99" />
        Schritte  verschoben^  zumal  ich  selbst  damals  schon  an  die  groste  ostasiatische ­
  cheise  zu  denken  hatte,  über  darüber  waren  wir  einig,
dast  der  innere  Lebensstand  bei  uns  Deutschen  dem  äusteren  Wohlergehen ­
  keineswegs  entsprach''.  —  Inzwischen  kamen  neue  aussichtsreiche ­
  Qufgaben.  Zu  Pfingsten  iyi/f  habe  ich  zu  den  modernen
Theologen  Hollands  gesprochen  und  mich  mit  den  Weinigen  der  herrlichen ­
  Blumenpracht  namentlich  Haarlems  erfreut.  Unmittelbar
darauf  erhielt  ich  eine  austerordentlich  warnte  Llufforderung  nach
Londyn  zu  kommen,  mich  an  dortigen  Festlichkeiten  zu  beteiligen
und  auch  an  verschiedenen  Ltellen  philosophisch  zu  sprechen.  Ich

Bon  Ser  „Sammlung  der  geister"  ist  nach  ein  paar  Monaten  ein  unveränderter ­
  Neudruck  erschienen  (Llnfang  Februar  1914);  ich  durfte  das  als  ein
willkommenes  Zeugnis  dafür  begrüben,  dag  die  dort  behandelten  Lebensfragen ­
  viel  Teilnahme  im  deutschen  Volke  fanden.  Über  Sen  damaligen  Stand
des  deutschen  Lebens  habe  ich  2.  Z  f.  folgendes  gefügt:
„Lilles  das  lägt  erwarten,  dag  eine  frische  und  freudige  Lebensstimmung
unfer  ganzes  Volk  durchdringe  und  es  vertrauensvoll  von  groger  Vergangenheit ­
  zu  noch  grösterer  Zukunft  fortschreiten  lasse.  Liber  unleugbar  fehlt  eine
solche  Stimmung.  Wir  finden  vielmehr  bei  Betrachtung  des  ganzen  der  Lebenslage ­
  und  der  Lebensschätzung  viel  Zweifel  und  Unsicherheit,  wir  finden  die
Neigung  weit  verbreitet,  an  den  Dingen  mehr  die  Schranken  und  Fehler  als
das  grogc  und  gute  zu  sehen,  über  dem  Haften  am  einzelnen  Lindruck  das
ganze  ungewllrdigt  zu  lassen,  bei  Kritik  und  vemeinung  zu  bleiben  und  uns
dadurch  die  rechte  iLreude  auch  an  unbestreitbaren  Lrfolgen  zu  stören;  dazu
finden  wir  uns  bei  allen  prinzipiellen  tragen  in  arger  Spaltung,  und  verlieren
wir  in  solcher  Spaltung  die  Sicherheit  und  lLreudigkeit  des  eignen  Beginnens."
Den  Hauptgrund  der  Verwicklung  fand  ich  in  der  Unterdrückung  einer
geisteskultur  durch  eine  bloste  Llrbeitskultur.  Diefer  Verwicklung  habe  ich
unmittelbar  vor  dem  Kriege  in  jener  Schrift  einen  kräftigen  Llusdruck  verliehen; ­
  ich  fagte  dort  S.  82:  „Nur  der  flachste  Optimismus  kann  mit  dem
kümmerlichen  Neste  auszukommen  hoffen,  den  ein  weitverbreiteter  Zug  der
Zeit  von  dem  reichen  Lrbe  Ser  weltgeschichtlichen  Llrbeik  noch  festzuhalten  geruht. ­
  So  ist  ein  Lntweder-Oder  nicht  zu  verkennen,  wir  treiben  einer  Katastrophe ­
  zu,  wenn  dem  unvermeidlichen  geistigen  Sinken  nicht  energisch  widerstanden ­
  wird.  Schon  jetzt  empfinden  wir  schmerzlich  den  Mangel  an  schaffenden ­
  Persönlichkeiten  und  an  starken  Lharaklcren,  schon  jetzt  stockt  bei  uns  das
geistige  Schaffen  und  sinkt  die  sittliche  Lnergie,  soll  das  so  weitergehen,  sollen
wir  immer  mehr  einen  inneren  Halt  verlieren  und  unser  Leben  mehr  und  mehr
der  Leere  verfallen  lassen?  —  Soll  die  geistige  Lvolution  der  NIenfchheit  das
Hauptergebnis  haben,  dast  der  Mensch  darin  sich  selbst  zerstört  und  sich  alles
Wertes  beraubt,  indem  er  sich  nur  als  ein  etwas  begabteres  Tier  versteht?"
Zustimmend  erwähnteich  auch  Nietzsches  Worte:  „Nur  das  Volk  lebt,  das
feine  Lrlebniffe  in  Lwigkeitswerten  ausdrückt".  3m  Herbst  1913  haben  wir
die  grasten  Taten  der  Freiheitskriege  gefeiert.  Konnten  wir  unserem  Leben  einen
auch  nur  einigermasten  entsprechenden  Lwigkcitswert  geben?  War  die  §eier
nicht  geistig  und  künstlerisch  kläglich?
        <pb n="100" />
        war  nahe  daran,  das  anzunehmen,  wurde  aber  bedenklich  durch  die
Lchwierigkeit,  den  auseinandergehenden  religiösen  Strömungen
des  dortigen  Lebens  vollauf  zu  genügen:  die  Unitarier  hakten  mich
zuerst  berufen,  ihnen  war  ich  zunächst  freundschaftlich  verbunden;
Sie  neue  Linladung  aber  ging  mir  von  philosophisch  gesinnten
Mitgliedern  der  Hochkirche  zu.  Ich  fürchtete  durch  einen  solchen
gegensatz  in  eine  schiefe  Lage  zu  kommen,  öo  habe  ich  schließlich
fene  Linladung  abgelehnt.  Lharakteristifch  für  die  damalige
Htimmung  war  es,  daß  der  in  London  bestehende  Preffe-Klub
auswärtiger  Vertreter  mir  einstimmig  eine  liebenswürdige  Linladung ­
  sandte,  und  daß  mir  dabei  ausdrücklich  versichert  wurde,
auch  die  französischen  Journalisten  teilten  diese  gestnnung.  Daß
auch  darüber  hinaus  in  französischen  Kreisen  eine  freundliche
ötimmung  für  uns  herrschte,  zeigte  der  Besuch  des  angesehenen
Philosophen  Boutrous,  der  sowohl  in  Berlin  als  in  Jena  in  sympathischer ­
  Weise  gesprochen  hat.  Ltuch  einer  mich  erfreuenden  Lidresse
seitens  bulgarischer  Kreise  möchte  ich  gedenken,  die  im  Frühling
1914.  an  mich  kam.  Zu  den  Bulgaren  hatte  ich  seit  einer  Keihe  von
Jahren,  fa  Jahrzehnten  manche  wissenschaftliche  und  persönliche
Beziehungen,  viele  Ltudenten  kamen  nach  Jena  wegen  der  hier
blühenden  Pädagogik,  andere  wegen  der  Philosophie.  Mehrere
haben  unter  meiner  Leitung  promoviert,  verschiedene  von  ihnen
sind  in  ihrem  Vaterlande  zu  hohen  Stellungen  gekommen.  Llus
dem  Kreise  dieser  öchüler  und  freunde  wurde  an  mich  die  Bitte
gerichtet,  den  von  den  früheren  Kriegen  tiefgebeugten  Bulgaren
einen  tröstenden  und  anerkennenden  Brief  zu  schreiben,  der  durch
die  dortigen  Zeitungen  zu  veröffentlichen  sei.  Vas  ist  depn  auch
geschehen,  und  nach  einiger  Zeit  erhielt  ich  einen  in  französischer
Sprache  verfaßten  Dankbrief,  der  von  allen  öpitzen  des  bulgarischen
Volkes  persönlich  unterzeichnet  war.  Ich  war  sicherlich  nicht  der
Linzige,  der  einen  solchen  Dank  erhielt,  immerhin  hat  es  mich  aufrichtig ­
  erfreut,  in  dieser  Weise  zu  einem  ganzen  Volke  ein  persönliches ­
  Verhältnis  zu  erlangen'".  Daß  das  auch  gegenüber  Finnland
in  noch  gesteigerter  Weife  geschah,  wurde  schon  erwähnt.  Von
bulgarischen  Kreisen  erhielt  ich  auch  während  des  Krieges  freundliche ­
  Linladungen,  denen  ich  aber  leider  aus  Mangel  an  Zeit  nicht
folgen  konnte.
*  In  jener  bulgarischen  Lldresse  waren  namentlich  folgende  Stellen  bemerkenswert: ­

„Vous  etes,  Nonsisur,  äs  css  amis  de  !a  Bulgarie  qui  par  leurs  paroles,
  leurs  ecrits  et  leurs  actes  ont  mdrite  sa  reconnaissance  eternelle“.
„Nous,  soussignds,  reprdsentants  des  institutions  et  des  socidtes  de
culture  intellectuelle  en  Bulgarie,  nous  venons  vous  exprimer  taute  la
reconnaissance  du  peuple  bulgare“.
        <pb n="101" />
        Inzwischen  wurden  mir  neue  Qufgaben  von  Japan  und  Lhina
gestellt.  Zu  Japan  bestanden  alte  Beziehungen,  indem  der  frühere
großherzog  von  Weimar  ein  besonderes  Interesse  für  die  evangelischen ­
  gemeinden  in  Iapan  zeigte.  Qn  unserer  Universität  haben
die  Iapaner  sich  als  strebsam  und  tüchtig  erwiesen,  mehrere  haben
bei  mir  promoviert,  so  ein  Buddhist,  der  über  die  Bedeutung  der
buddhistischen  Lthik  schrieb.  Bald  erwachte  dort  auch  ein  großes
Interesse  für  die  Übersetzung  meiner  Hauptschriften;  die  meisten
von  ihnen  sind  ins  Iapanifche  übersetzt.  Daß  man  in  Iapan  an
mich  dachte,  erfuhr  ich  zuerst  in  Ümerika  durch  Wünsterberg,  doch
nahm  ich  die  Lache  zunächst  nicht  ernstlich.  Über  schließlich  kam
eine  sehr  freundliche  Linladung,  ich  möchte  an  den  beiden  Keichs-Universttäten
  Tokio  und  Kioto  eine  Keihe  von  Vorlesungen  über
die  großen  Lebensprobleme  halten.  Das  hatte  einen  besonderen
Keiz  für  mich,  bot  sich  doch  dadurch  die  gelegenheit,  diese  uns  sonst
fremde  und  ferne  Welt  aufs  genaueste  zu  sehen,  und,  was  mich
besonders  anzog,  in  einen  unmittelbaren  geistesaustaufch  mit
leitenden  japanischen  Kreisen,  namentlich  mit  den  buddhistischen,
zu  kommen.  Nicht  nur  die  gesinnung  dieser  akademischen  Kreise
war  sehr  entgegenkommend,  auch  alles  Üußerliche  war  sehr  umsichtig ­
  überlegt.  Wir,  d.  h.  meine  Trau  und  ich,  sollten  zunächst
über  Kußland  auf  der  sibirischen  Bahn  durch  Korea  fahren,  wo
uns  ein  japanischer  llbgesandter  empfangen  würde,  um  dann  die
kurze  Leereise  nach  Tokio  anzutreten.  Kaum  hatten  wir  diese  Linladung
  angenommen,  so  empfing  ich  eine  dringende  Bitte,  auch  die
Hauptstädte  in  Lhina  zu  besuchen.  In  ihnen  sollte  ich  einige  philosophische ­
  Vorträge  halten;  ich  sollte  in  deutscher  Lprache  reden,  der
Vortrag  aber  für  die  Hörer  vorher  ins  (chinesische  übersetzt  werden.
Die  Kückreise  sollte  durch  den  indischen  Ozean  und  über  Ügppten
erfolgen.  Da  hat  der  plötzliche  Üusbruch  des  Krieges  alle  Pläne
zerstört,  und  wir  mußten  dankbar  sein,  daß  uns  der  Krieg  nicht
draußen,  entfernt  von  unseren  Kindern,  antraf.
        <pb n="102" />
        Der  Weltkrieg,
3 u  der  Zeit,  als  ich  zene  Keife  nach  dem  fernen  Osten  plante,
durfte  man  wie  von  einer  glücklich  erreichten  Höhe  ausschauen: ­
  fo  viel  das  deutsche  Leben  auch  an  Problemen  enthielt,
ein  weiterer  Üufstieg  schien  in  Qussicht.  Wir  durften  hoffen,  daß
die  gemeinsamen  Probleme  der  Menschheit  stark  genug  sein  würden, ­
  um  die  gegensiätze  der  Völker  zu  überwinden;  und  zugleich
war  zu  hoffen,  daß  keine  Regierung  sich  mit  der  Verantwortung
belasten  würde,  einen  furchtbaren  Weltkrieg  zu  entzünden,  dessen
unermeßliche  Tolgen  außer  allem  Zweifel  waren,  gerade  zu  Beginn ­
  des  Jahres  1Y14  schienen  sich  im  besonderen  die  Beziehungen
zwischen  Deutschland  und  Lngland  zu  bessern.  Üuch  fehlte  es
in  fenen  Jahren  nicht  an  Lrweifungen  gegenseitiger  Schätzung,
fa  Freundschaft  zwischen  den  beiden  Hauptvölkern,  verschiedene
Adressen  wurden  unterschrieben,  welche  die  Bedeutung  eines  freundschaftlichen ­
  Zusammengehens  betonten;  die  Ehrlichkeit  dieses  Ltrebens
  stand  außer  Zweifel.  Ich  selbst  aber  durfte  hoffen,  an  den
gemeinsamen  Problemen  der  Menschheit  weiter  zu  arbeiten  und
zugleich  mein  Land  zu  fördern;  von  allen  Leiten  kam  man  dabei
mir  freundlich  entgegen;  ich  erwähnteZapan  und  Lhina,  aber  auch
aus  indifchen  Kreisen  kam  an  mich  eine  freundliche  Linladung,
selbst  australische  freunde  an  den  dortigen  Universitäten  hofften
mich  dort  zu  sehen.
Daß  ich,  der  ich  mit  unermüdlichem  Lifer  für  die  Verständigung
der  Völker  und  für  das  Zusammengehen  bei  den  großen  Lebensfragen ­
  wirkte,  durch  den  Üusbruch  des  Weltkrieges  besonders
schmerzlich  betroffen  wurde,  das  bedarf  keiner  Lrörterung.
Über  es  konnte  mir  in  keiner  Weife  zweifelhaft  fein,  daß  ich  meine
Stellung  bei  meinem  eignen  Volke  zu  nehmen  hakte;  das  englische
Right  or  Wrong  freilich  wurde  von  mir  nicht  gebilligt,  aber  ich  war
und  bin  fest  davon  überzeugt,  daß  das  deutsche  Volk  ein  gutes
Kecht  hatte,  in  den  Kampf  zu  gehen  und  sich  gegen  alle  Üngriffe  zu
verteidigen,  gewiß  war  unsere  Politik  sehr  angreifbar,  fa  ungeschickt, ­
  es  fehlte  unseren  Staatsmännern  das  rechte  Üugenmaß  für
das  Notwendige  und  das  Mögliche,  unsere  Politik  schwankte
zwischen  großsprechenden,  fa  verletzenden  Worten  und  kleinen  Taten,
auch  waren  über  die  besondere  Lage  hinaus  große  Verwicklungen
Lucken,  Lebenscrinnerungen,

7
        <pb n="103" />
        in  unseren  Verhältnissen  nicht  zu  verkennen.  Der  Hauptzug
des  Lebens  ging  bei  uns  nach  der  wirtschaftlichen  Dichtung;
schon  das  zeigt  jedem  unbefangenen  Beobachter,  das?  unser  Volk
nicht  kriegslustig  war;  wer  die  wirtschaftlichen  Interessen  voranstellt, ­
  der  kann  keine  Freude  am  Kriege  mit  seinem  zerstörenden
Wirken  haben.  Über  Deutschland  mustte  schon  wegen  seiner  zentralen ­
  und  allen  Qngriffen  ausgesetzten  Lage  stark  gerüstet  sein;
die  Trage  konnte  nur  sein,  ob  die  militärische  Leistung  nicht  zu  sehr
in  das  innere  Staatsgefüge  eingriff,  auch  mustten  unerfreuliche
Vorgänge  wie  dieinZabern  über  Deutschland  hinaus  einen  schlechten
Lindruck  machen  und  den  Schein  einer  Militärherrschaft  erwecken;
ferner  war  es  eine  offene  Trage,  ob  eine  so  starke  Vermehrung
unserer  Tlotte  zu  unserer  Selbstverteidigung  notwendig  war,  und
ob  sie  nicht  das  Misttrauen  Lnglands  erregen  mustte;  aber  dies
alles  kann  nicht  die  Tatsache  verdecken,  dast  Deutschland  und  auch
die  deutsche  Kegierung  den  Trieden  ehrlich  wollte  und  nur  notgedrungen ­
  zu  den  Waffen  griff.
Wie  aber  stand  es  bei  unseren  gegnern?
Die  Linkreisungspolitik  des  Königs  Ldward  wirkte  fort,
immer  von  neuem  wurde  die  volle  Übereinstimmung  von  Frankreich ­
  und  Kustland  sowie  die  gegenseitige  Hilfsbereitschaft  betont;
der  Üusbau  des  russischen  Lisenbahnnetzes  /fand  durchaus  unter
strategischen  gesichtspunkten,  selbst  die  Üngriffspläne  gegen  Deutschland ­
  wurden  ungeniert  erörtert,  auch  wurde  alles  Streben  Deutschlands, ­
  feine  Seestellung  zu  verbessern,  mit  groster  gehässtgkeit
gedeutet.  Tür  die  Tührung  des  Krieges  aber  gab  es  unseren
gegnern  ein  Übergewicht,  dast  wir  als  Volk  uns  bei  aller  subjektiven ­
  Wärme  der  gesinnung  geistig  nicht  genügend  mobilisieren
konnten.  Die  gegner  haben  geschickt  den  demokratischen  Treihectsgedanken
  zu  ihren  gunsten  aufgerufen;  sie  hatten  daran  eine  gewisse ­
  Idee,  die  freilich  recht  flach  war  und  kaum  leidlich  die  selbstischen ­
  und  materiellen  Zwecke  verdeckte,  aber  immerhin  hatten
sie  einen  gewissen  Kichtpunkt,  der  die  Kräfte  sammelte.  Wie  anders
hätte  sich  die  Sache  gestalten  können,  wenn  wir  aus  der  Tiefe
unseres  Wesens  den  deutschen  Begriff  der  echten  Treiheit  tatkräftig
hätten  entwickeln  und  ihn  in  den  Kampf  führen  können!  Linzelne
waren  in  dieser  Dichtung  bemüht,  aber  eine  gemeinsame  Bewegung
zur  Lrhöhung  war  nicht  sichtbar,  alles  Heldentum  der  Linzelnen
konnte  dafür  keinen  vollen  Lrsatz  bieten.  Durch  den  ganzen  Verlauf ­
  des  Krieges  ist  das  seelische  Llemenk  bei  uns  nicht  genügend
gewürdigt,  die  Wirkung  auf  den  Seelenstand  zu  wenig  beachtet
worden.  Um  so  wärmer  ist  anzuerkennen,  was  das  deutsche  Volk
trotz  jener  Hemmungen  geleistet  hak;  es  hat  Heldentaten  verrichtet,
die  ohne  ein  Seitenstück  in  der  Zeschichte  sind.
        <pb n="104" />
        -*

Der  Krieg  begann.  Üuch  unsere  beiden  Löhne  zogen  willig  und
freudig  in  den  Krieg.  Die  Lache  der  geistigen  Rührer,  der  sogenannten ­
  Intellektuellen,  war  es,  den  Mut  zu  starken  und  für  das
gute  Kecht  Deutschlands  einzutreten.  Wir  wissen,  wie  viel  Ltaub
die  bekannte  Üdresse  aufgewirbelt  hat;  sie  war  in  der  Dorm  wenig
glücklich,  sie  war  viel  zu  dogmatisch  und  summarisch  gehalten.
Über  sie  hatte  im  Kern  für  jeden  Unbefangenen  ein  gutes  Necht:
war  der  Krieg  von  den  gegnern  ausgegangen  —  und  darüber  liest
schon  das  Verhalten  Kustlands  nicht  den  mindesten  Zweifel  —,  so
befand  sich  Deutschland  gegenüber  der  weit  überlegenen  Macht  der
gegner  im  Ltande  der  Notwehr;  mag  der  Begriff  der  Notwehr
schon  im  privaten  Leben  und  mehr  noch  im  Völkerleben  voller
Probleme  sein:  darüber  kann  kein  Zweifel  bestehen,  dast  Lelbsiverteidigung
  und  Notwehr  grundverschieden  von  einer  blosten  Lroberungslust
  sind.
Wie  immer  es  aber  mit  dieser  Drage  stehen  mag,  die  Pflicht
der  Intellektuellen  war  es,  die  weiteren  Kreise  des  Volkes  ermutigend
zu  stärken  und  zu  beleben.  Lo  habe  auch  ich  es  vornehmlich  in  den
ersten  Monaten,  dann  aber  durch  das  ganze  Jahr  hindurch  getan;
im  ersten  Kriegsjahre  habe  ich  etwa  36  Vorträge  an  verschiedenen
Orten  gehalten'^;  es  galt  dabei  die  Bedeutung  des  deutschen
Wesens  zu  zeigen,  bestehende  gefahren  aufzudecken,  ungezügelte
Ltimmungen  wie  wilden  Hast  einzudämmen.  Bei  diesen  Keden
habe  ich  manche  unvergestliche  Lindrücke  empfangen,  es  gab
anfänglich  keinen  Unterschied  der  Parteien,  es  galt  die  Lelbsterhalkung
  des  ganzen  Volkes.  Ich  erinnere  mich  besonders  eines
Vortrages  im  grosten  Kathaussäal  von  Nürnberg;  ich  hatte
dort  vor  mehreren  Dausenden  zu  sprechen;  da  aber  auch  eine
weitere  Zahl  keinen  Platz  fand,  so  habe  ich  nach  einer  kurzen
pause  eine  ähnliche  Nede  gehalten,  die  sich  bis  gegen  Mitternacht
ausdehnte.
Nun  kamen  die  grosten  Liege,  zunächst  in  Flandern  und  bei
Dannenberg.  Die  dadurch  gehobene  Ltimmung  erhielt  aber  bald
einen  unliebsamen  Dämpfer  durch  den  Kückzug  an  der  Marne;
er  bedeutete  einen  Lchicksalstag,  einen  die8  ater,  für  das  deutsche  Volk.
Im  gründe  war  der  ganze  Krieg  schon  damals  entschieden,  denn  gelang ­
  es  nicht,  rasch  bis  nach  Paris  vorzudringen,  so  konnten  wir  auf
die  Dauer  dem  ungeheuren  Druck  der  gegner  nicht  standhalten.  Ich
dachte  oft  an  ein  Wort,  dast  mir  ein  amerikanischer  geschäftsmann
sagte:  „Wir  ümerikaner  pflegen,  wenn  eine  Lache  nicht  gut  geht,

*  lluch  in  Pest  habe  ich  1915  einen  schönen,  von  allgemeiner  Begeisterung  getragenen ­
  llbend  erlebt;  die  ersten  Staatsmänner  des  Landes  nahmen  an  einer
mir  gegebenen  Festtafel  teil.
        <pb n="105" />
        sie  lieber  ganz  aufzugeben,  als  stückweise  dieses  oder  fenes  zu  verbessern, ­
  die  Deutschen  dagegen  suchen  möglichst  das  Verlorene
zu  retten".  Der  ganze  Verlauf  des  Krieges  brachte  uns  in  eine
schwere  seelische  Lage:  einerseits  die  Sorgen  und  Qufregungen,
andererseits  die  Hoffnungen  und  Lrwartungen;  es  war  ein  vielfacher ­
  Wechsel  von  glück  und  Unglück,  der  die  Seelen  zermürben
mustte.  Zugleich  die  unablässig  wachsende  Schädigung  durch  die
Blockade  mit  ihrer  Lnkziehung  der  notwendigen  Lebensmittel;  was
immer  wir  den  gegnern  antaten,  das  steht  weit  zurück  hinter
der  Wirkung  fener  Üushungerung;  die  grausamen  waren  nicht
wir,  sondern  die  gegner.  Dazu  kamen  die  fortwährenden
Opfer  an  Menschenleben  und  an  menschlichem  glück,  auch  die
Schmälerung  des  wirtschaftlichen  Wohlstandes.  Besonders  bedauerlich ­
  war  die  Schädigung  und  Herabdrückung  des  Mittelstandes. ­
  Im  Mittelstand  hat  sich  von  feher  die  Qusgleichung
der  verschiedenen  Bevölkerungsschichten  vollzogen,  im  besonderen
war  die  Blüte  eines  aufstrebenden  Mittelstandes  ein  groster  Vorzug ­
  des  deutschen  Lebens,  goethe  meinte,  es  gäbe  „kein  anmutigeres ­
  Bild,  als  den  deutschen  Mittelstand".  Wie  aber  steht  es
damit  fetzt?!
Qllen  solchen  Hemmungen  und  Verlusten  hat  das  deutsche  Volk
lange  Zeit  hindurch  eine  graste  Tüchtigkeit,  Tapferkeit  und  Ausdauer ­
  entgegengesetzt,  es  hat  alle  Opfer  und  Entbehrungen  willig
ertragen.  Linen  gewissen  Umschlag  der  Stimmung  empfand
ich  selbst  zuerst  im  Oktober  1916.  Wie  öfters  wurde  ich  auch
damals  von  der  Berliner  Urania  zu  einem  öffentlichen  Vortrag
über  die  nationalen  Tragen  eingeladen.  Bis  dahin  waren  meine
dortigen  Vorlesungen  übervoll,  Manche  konnten  keinen  Platz  erhalten. ­
  In  fenem  Oktober  aber  war  das  Haus  nur  halbvoll;
das  war  ein  deutliches  Zeichen,  dast  die  nationale  Begeisterung
im  Hinken  war.
Unabhängig  von  den  Stimmungen  habe  ich  selbst  den  ganzen
Krieg  hindurch  viele  Vorträge  gehalten;  nach  und  nach  mustten
diese  ihrenTon  etwas  verändern,  man  konnte  nicht  mehr  eine  freudige
Seelenlage  voraussetzen,  sondern  man  hatte  frischen  Mut  einzuflösten,
  die  wankende  Stimmung  zu  befestigen,  die  Unmöglichkeit
einer  Verständigung  mit  den  hasterfüllten  gegnern  samt  ihren
schweren  Talgen  eindringlich  vorzuhalten.  —
Zugleich  habe  ich  auch  literarisch  alle  Kraft  und  Mühe  daran
gesetzt,  unser  Volk  in  der  Kriegszeit  zu  fördern.  So  erschien  gleich
nach  Kriegsausbruch  die  Übhandlung  „Die  weltgeschichtliche  Bedeutung ­
  des  deutschen  geistes",  ferner  zu  Weihnachten  1915  die
Schrift  „Die  Träger  des  deutschen  Idealismus",  die  einen  grasten
Lrfolg  hatte  und  durch  einen  geschickten  Vertrieb  rasch  in  die
        <pb n="106" />
        Hände  vieler  Krieger  kam  (es  wurden  im  Kriege  nicht  weniger  als
zoooo  Exemplare  abgesetzt);  1917  veröffentlichte  ich  eine  Schrift
über  die  „geistigen  Forderungen  der  gegenwart",  die  rasch  drei
Quflagen  erlebte,  weiter  sind  verschiedene  Teldpostausgaben  aus
meinen  „gesammelten  Quffätzen"  in  mehreren  lluflagen  erschienen;
auch  habe  ich  zu  den  im  Verlage  von  Hirzel  erschienenen  „Neutralen
Stimmen"  (1916)  eine  grasiere  Einleitung  geschrieben,  in  der  ich
die  Bedeutung  dieser  „Weutralen  Stimmen"  erörterte  und  mich  über
die  damaligen  Neutralen  aussprach*.
So  sehr  ich  aber  das  gute  (stecht  meines  Volkes  verteidigte,  so
entschieden  habe  ich  es  mißbilligt,  die  geistigen  Leistungen  unserer
gegner  zu  schmähen  und  zu  erniedrigen.  Während  des  Krieges
habe  ich  in  meinen  philosophischen  Übungen  sowohl  die  Bedeutung
der  französischen  Philosophie  als  die  der  englischen  in  ihren  Hauptwerken ­
  zusammenhängend  behandelt;  keiner  der  Teilnehmer  hat
davon  etwas  gemerkt,  dasi  wir  politisch  in  einem  harten  Kampfe  mit
fenen  Völkern  standen.
Endlich  habe  ich  inmitten  der  llufregungen  des  Krieges  mein
systematisches  Hauptwerk  „Wenfch  und  Welt"  zum  Qbfchlusi  gebracht, ­
  auch  verschiedene  neue  lluflagen  meinerBücher  herausgegeben.

*  Qis  dauernd  beachtenswert  erscheint  mir  die  Llbhandlung  von  Dr  Edwin
3  Llapp,  Professor  der  Nationalökonomie  an  der  Universität  New  York
(nach  dem  NXanuskript  übersetzt  von  Nt.  3k!e).  Lie  ist  Ende  Qpril  1916  geschrieben, ­
  also  noch  vor  Sem  Llusbruch  des  Krieges  mit  Llmerika.  Leite  32  heigt
es  dort:  „Die  meisten  unter  uns  hierzulande  betrachten  diesen  Krieg  als  einen
Wirtschaftskrieg,  sowohl  seinen  Ursachen  als  auch  feiner  Rührung  nach.  lkür  uns
ist  der  Krieg  ein  solcher  zwischen  England  und  Deutschland.  NXag  seine  unmittelbare ­
  Ursache  gewesen  sein,  welche  sie  will  .  .  .  .,  hierzulande  herrscht  allgemein ­
  das  gefühl,  dag  ein  Krieg  zwischen  England  und  Deutschland  im  Natschlust
  der  göltet  stand".
Seite  48:  „Der  Zweck  der  englischen  NIasinahmen  war,  Deutschland  auszuhungern". ­

Leite  49  heisit  es  inbezug  auf  die  p.  Lt.:  „Wir  unternahmen  niemals  irgendwelche ­
  ernsten  Schritte  zur  Durchführung  der  heiligen  Pflicht,  die  Nechte  der
vereinigten  Ltaatcn  und  ihrer  Bürger  zu  wahren,  wenn  England  diese  Nechte
verletzte".
Leite  53:  „Wir  bestehen  streng  auf  dem  Buchstaben  des  gefetzes,  wenn  es  sich
um  unser  Nechl  handelt,  Nlunition  an  die  Exilierten  zu  verschiffen,  über  wir  bestehen ­
  weder  auf  dem  Buchstaben  noch  aus  dem  geiste  des  gesetzes,  wenn  es  sich
darum  handelt,  Nahrung  an  die  friedlichen  Bewohner  zu  verschiffen".
Leite  53:  „Offensichtlich  stehen  sowohl  unser  Volk  wie  unsere  Negierung  auf
seiten  der  Lllliierten".
Leite  54:  „Zunächst  ist  es  unzweifelhaft,  dast  der  amerikanische  Botschafter,
Herr  Page,  die  Wahrheit  sagte,  als  er  vor  einigen  Zähren  in  London  äusierte
Llmerika  werde  englisch  geleitet  und  englisch  regiert"
        <pb n="107" />
        Üuch  des  Qusbruches  des  Krieges  mit  Qmerika  must  ich  mit
einigen  Worten  gedenken.  Das  Benehmen  Amerikas  war  mir  und
vielen  von  uns  eine  graste  Lnttauschung;  wir  waren  anfänglich
überzeugt,  hast  wenigstens  die  akademischen  Kreise  ein  volles  Verständnis ­
  für  die  deutsche  Lage  hätten;  Haeckel  und  ich  haben  gemeinsam ­
  ein  Lchreiben  an  die  amerikanischen  Universitäten  zugunsten ­
  der  deutschen  Quffassung  gerichtet.  Bald  aber  hörten  wir,
dost  die  Ltimmung,  wenige  Ausnahmen  abgerechnet,  gegen  uns
war.  Ich  kann  noch  immer  die  Hoffnung  nicht  aufgeben,  hast
schliestlich  die  geistig  führenden  Kreise  sich  von  der  sklavischen  Abhängigkeit ­
  von  der  englischen  Denkweise  befreien  und  eigne  Wege
einschlagen  werden.  Dann  werden  sie  auch  uns  Deutsche  gerechter
würdigen.  Dem  tatsächlichen  Ausbruch  des  Krieges  mit  Llmerika
habe  ich  von  Anfang  an  mit  schweren  Bedenken  gegenüber  gestanden; ­
  für  mich  war  Amerika  nicht  ein  fremdes  Land,  ich  kannte
zu  gut  feine  unbegrenzten  Hilfsmittel  und  auch  die  Lnergie,  welche
dieses  Volk  an  eine  einmal  ergriffene,  wenn  auch  zu  Unrecht  ergriffene, ­
  Lache  zu  setzen  pflegt,  um  nicht  graste  Lchädigungen
Deutschlands  befürchten  zu  müssen.  Zunächst  schien  es  za  nicht
so  gefährlich,  aber  immer  mehr  verstärkte  sich  der  Druck;  ohne  das
Eingreifen  Amerikas  wären  wir  schwerlich  unterlegen.
Inzwischen  war  die  graste  Wendung  am  ly.  Juli  1917  durch
den  bedauerlichen  Keichskagsbeschlust  erfolgt.  Die  hier  getroffene
Lntscheidung  mit  ihrem  kindlichen  vertrauen  auf  die  edle  gesinnung
der  gegner  und  mit  ihrer  grenzenlosen  Unkenntnis  menschlicher

Leite  5;:  „Unsere  Unkenntnis  von  Deutschland  ist  ebenso  grost  gewesen  wie
unsere  Kenntnis  von  England.  —  Was  wir  an  vachrichten  über  Deutschland
erhielten,  kam  grösttenteils  über  England".
Leite  58;  „Unsere  Unkenntnis  des  Leelenzustandes  in  Deutschland  wurde
durch  die  englische  Propaganda  ausgenutzt.  Die  Engländer  gaben  uns  eine
Lluffaffung  des  Leelenzustandes  von  Deutschland,  wie  wir  ste  nach  ihrem  Wunsche
haben  sollten.  —  3n  diesen  Vorstellungen  war  das  Wort  ,Deutschland*  mit  den
Begriffen  »Heuchelei*  und  »Militarismus*  gleichbedeutend".
Leite  „Das  gesagte  mag  vielleicht  zur  Erklärung  dafür  beitragen,  weshalb ­
  die  Negierung  der  vereinigten  Ltaaten  in  diesem  Kriege  eine  halbneutrale
Haltung  angenommen  hat,  eine  Haltung,  die  verlangt,  dag  die  eine  der  kriegführenden ­
  Parteien  den  Buchstaben  des  gefetzes  beobachtet,  während  sie  der
anderen  Partei  gestattet,  sowohl  den  Buchstaben  als  den  geist  des  gefetzes  zu
verletzen.  Mehr  als  die  Hälfte  des  Volkes  hierzulande,  und  anscheinend  auch
die  Negierung  in  Washington,  betrachtet  die  alliierten  als  die  Kämpfer  für
Demokratie  und  Dreiheit  gegen  die  gemalten  der  Heuchelei  und  der  grausamen
Herrschsucht".
Dies  alles  musterwägen,  wer  die  Wendung  Llmerikas  zum  Kriege  verstehen
will;  man  war  uns  Deutschen  von  vornherein  feindselig  gesinnt  und  man
konnte  sich  nicht  in  unsere  Lage  versetzen.
        <pb n="108" />
        ‘OOO  103  oo=:

Seelenlagen  musite  die  Kraft  und  den  Mut  des  Volkes  lähmen;
das  war  für  Deutschland  der  zweite  Unglückskag,  der  zweite  ckiss
ater,  nach  den  Unglückstagen  an  der  Marne.  Trotzdem  flackerte
Iyi8  noch  einmal  die  Hoffnung  auf  einen  glücklichen  Llusgang  auf.
Liuch  die  intellektuellen  Kräfte  wurden  nun  zu  höchster  Llnspannung
aufgeboten;  ich  selbst  wurde  in  fenen  Monaten  mit  einer  grasten
Tülle  von  Lmladungen  aus  dem  Osten  und  Westen  bedacht.  Ich
mustte  mich  zwischen  diesen  Llufforderungen  entscheiden  und  habe
mich  für  Brüssel  entschlossen,  wohin  ich  mit  einer  grösteren  Zahl
deutscher  Professoren  berufen  war.  Ich  habe  dort  in  dem  glänzenden ­
  Saal  des  belgischen  Senats  fast  Tag  für  Tag  gesprochen,
auf  besonderen  Wunsch  der  Militärbehörde  auch  einmal  zur  gesamten ­
  garnison  Brüssels.  Von  diesen  Soldaten  erhielt  ich  vortreffliche ­
  Lindrücke;  die  Unteroffiziere  haben  mich  liebenswürdig
aufgenommen,  mir  alle  Linrichtungen  gezeigt,  sie  wollten  mich  in
feder  Weise  erfreuen.  Merkwürdig  war  es  aber,  dast  in  den  Offizierskreisen
  keine  Llhnung  von  einer  inneren  gefahr  vorhanden
schien.  Wiederholt  habe  ich  mit  Offizieren  über  die  Llussichten  und
über  den  seelischen  Stand  unseres  Volkes  gesprochen,  aber  ich  erhielt
von  fenen  nur  beruhigende  Lindrücke:  die  Soldaten  seien  vortrefflich, ­
  die  Waffen  seien  den  anderen  überlegen,  neue  Llbwehrmittel
seien  in  Vorbereitung;  wohl  betrachtete  man  die  Sache  als  ernst,
aber  man  war  guten  Mutes.  Die  Brüsseler  Lindrücke  waren  für
uns  durchaus  angenehm,  wir  Professoren  bildeten  einen  Treundeskreis,
  den  die  gemeinsame  Llufgabe  eng  verband.  Wohltuend  berührte ­
  auch  das  freundschaftliche  Zusammengehen  der  katholischen
und  der  protestantischen  gelehrten.  Die  gemeinsame  Llufgabe  des
Vaterlandes  hielt  alle  eng  zusammen.
Voll  solcher  Lindrücke  kehrte  ich  im  Llpril  iyi8  nach  Jena  zurück.
Liber  nun  empfing  mich  hier  eine  recht  trübe  Nachricht,  die  Nachricht ­
  von  einer  ernstlichen  Verwundung  unseres  lieben  künftigen
Schwiegersohnes  Walt  Jäger.  Wir  hatten  diese  Nachricht  zunächst
nicht  für  so  schlimm  gehalten,  ja  sogar  gehofft,  er  würde  zur  vollen
Heilung  nach  Jena  kommen.  Nun  aber  verschlimmerte  sich  sein
Zustand,  es  war  eine  Knieverletzung,  die  von  den  Ürzten  immer
für  recht  ernst  angesehen  wird.  Nach  einer  LInzahl  von  Tagen
ist  er  zur  ewigen  Nuhe  entschlafen.  Lr  war  das  einzige  Kind  und
der  Stolz  seiner  Litern,  die  alle  Türsorge  und  alle  Mittel  daran
gesetzt  hatten,  ihm  eine  volle  künstlerische  Llusbildung  zu  geben;
bei  aller  Tüchtigkeit  seiner  LIllgemeinbildung,  die  er  bis  zur  Universität ­
  fortsetzte,  war  nämlich  seine  Neigung  und  sein  Streben  ganz
und  gar  der  Musik  zugewandt.  Lr  hat  volle  drei  Jahre  in  Brüssel
studiert  und  dort  einen  grosten  preis  als  Pianist  erhalten.  Lluch
als  Komponist  hatte  er  sich  schon  in  hervorragender  Weise  betätigt.
        <pb n="109" />
        Ote  Beziehung  zu  meiner  Tochter  ging  ebenfalls  von  der  Musik
aus.  Line  Neihe  von  Jahren  war  diese  Beziehung  überwiegend
künstlerisch,  dann  aber  fanden  unter  den  gefahren  des  Krieges  sich
die  jungen  Seelen  zusammen;  sie  lebten  in  der  Hoffnung,  bald
zu  heiraten  und  ein  eigenes  Heim  zu  begründen.  Line  Vnzahl  von
Konzerten  haben  die  beiden  gemeinsam  gegeben,  so  z.  B.  in
Hannover  und  Bremen.  Die  dortigen  Treunde  wie  die  dortigen
Zeitungen  waren  entzückt  von  dem  künsilerifchen  Zusammenwirken,
das  hier  in  gefang  und  Begleitung  geboten  wurde.  Man  hätte,
so  meinten  jene,  in  dem  Künsilerifchen  unmittelbar  auch  die
seelische  Linheit  des  Zusammenklingens  in  wohltuender,  ja  ergreifender ­
  Meise  erfahren.  Nun  kam  der  Tod  des  Mannes,  der
durch  die  ganzen  Kriegsjahre  hindurch  die  lautersie  und  tapfersie
gesinnung  bewiesen  hatte;  wir  aber  mustten  uns  damit  begnügen,
fein  Llndenken  zu  pflegen  und  feine  Besiaktung  in  Jena  in  würdiger
Weife  auszuführen.  Das  isi  nur  ein  einzelner  Tall  von  unzähligen
anderen,  aber  in  ihm  spiegelt  sich  «ein  gemeinsames  Schicksal:  nie
hat  ein  Krieg  fo  tief  in  die  persönlichen  Verhältnisse  eingegriffen,  nie
so  viel  Lebensgedeihen  geknickt.
Ls  widerstrebt  mir,  den  weiteren  Tortgang  des  Krieges  zu  verfolgen ­
  und  dem  kläglichenZufammenbruch  der  deutschen  Macht  und
des  deutschen  Willens  nachzugehen.  Vas  war  wohl  der  traurigste
Üugenblick  der  ganzen  deutschen  geschichte,  als  ein  Teil  des  deutschen ­
  Volkes  sich  selbst  untreu  wurde  und  alles  gefühl  für  Scham
und  Lhre  ablegte.  Schweigen  wir  lieber  von  diesen  traurigen  Vorgängen, ­
  sie  haben  das  deutsche  Leben  um  weite  Zeiten  zurückgeworfen. ­

Erwägungen.
Q  ^er  Staatsmann  must  sich  mit  diesen  Vorgängen  unmittelbar
^-«/auseinandersetzen,  der  Philosoph  kann  nicht  umhin,  auf  die
letzten  gründe  der  Überzeugung  zurückzugehen.  Zunächst  must  er
zu  dem  uralten  Problem  einer  sittlichen  Ordnung  der  menschlichen
geschicke  Stellung  nehmen.  Dast  unsere  äusteren  geschicke  nicht  dem
inneren  Verhalten  entsprechen,  dast  glück  und  glückswürdigkeit  oft
weit  auseinandergehen,  das  ist  eine  alte  Lrfahrung;  aber  wohl  nie
ist  diese  Lrfahrung  in  so  furchtbaren  Zügen  der  Menschheit  eingeprägt
worden,  wie  es  jetzt  geschehen  ist.  Nicht  nur  schien  eine  dunkle
Macht,  ein  blinder  Zufall,  über  Leben  und  Wohlergehen  Unzähliger
zu  entscheiden,  noch  schlimmer  war  es,  dast  diese  gewaltigen  Kämpfe
keine  sittliche  Ordnung  zeigten.  Wir  fanden  eine  erschütternde  Bindung ­
  des  Höheren  an  ein  Niederes,  eines  Ldlen  an  ein  gemeines,
eines  Wesenhaften  an  ein  Nichtiges.  Mag  der  Mensch  in  feinem
        <pb n="110" />
        Kreise  eine  gewisse  Llusgleichung  von  Lchicksal  und  Lchuld  suchen,
ihm  fehlt  die  Macht,  um  das  durchzuführen;  in  unserem  menschlichen ­
  Zusammensein  siegt  nicht  das  Linsichgute  und  Llnsichwahre,
sondern  es  siegt  das,  was  auf  die  Menschen,  wie  sie  einmal  sind,
wirkt,  es  siegt,  was  sich  in  greifbare  Leistung  umsetzt,  es  siegt  die
Kraft,  die  gutes  und  Böses  als  gleichwertig  behandelt,  die  auch
schlechteste  Mittel,  wie  Lisi  und  Betrug,  unbedenklich  verwendet;  die
Hauptsache  ist  auf  diesem  Boden  sich  durchzusetzen,  alles  Halbwollen ­
  und  alles  schwanken  in  den  Zielen  auszutreiben.
So  müssen  wir  offen  bekennen,  dast  unsere  Welt,  wie  die
Menschengeschichte  sie  bietet,  kein  Keich  der  Vernunft  ist,  eher  kann
sie  als  eine  Mischung  von  Vernunft  und  Unvernunft  erscheinen,
als  ein  Kind  von  Vernunft  und  dunkler  Notwendigkeit,  um  einen
Ausdruck  plakos  zu  gebrauchen.  Die  Menschheit  hat  sich  zu  diesem
Problem  in  verschiedenen  Zeiten  verschieden  verhallen.  Das  alte
Lhrisientum  folgte  dem  gedanken  der  Ohnmacht  des  guten  gegenüber ­
  feindlichen  Mächten  innerhalb  unserer  Erfahrung.  £s  fehlte
ihm  alle  Hoffnung,  dast  der  Lauf  der  Zeiten  das  bessere,  dast  etwa
eine  den  Dingen  innewohnende  Ordnung  die  Weltgeschichte  zu  einem
Weltgericht  gestalte;  der  Verzicht  auf  diese  Hoffnung  war  aber  nur
möglich  bei  dem  felsenfesten  glauben  an  die  Wirklichkeit  einer
höheren  Welt.  Die  Neuzeit  war  anderer  Überzeugung,  ihr  wurde
die  Welt  zu  einer  Selbstentwicklung  der  Vernunft,  an  diese  Selbstentwicklung
  hing  sie  alles  glauben  und  alle  Hoffnung.  Wir
Kinder  der  gegenwark  kommen  demgegenüber  in  eine  ungeheure
Verwicklung.  Wir  können  nicht  mit  den  alten  Christen  den  Lauf
der  Welt  gehen  lassen,  wie  er  geht,  wir  müssen  mit  allen  Kräften
für  eine  Hebung  des  Weltstandes  wirken.  Liber  zugleich  haben  wir
den  Menschenglauben  verloren,  welcher  frühere  Zeiten,  namentlich
die  Liufklärung,  beseelte.  Wir  stehen  fetzt  vor  einem  unentrinnbaren
Dilemma:  entweder  erstrebt  die  Menschheit  etwas  Unmögliches,
indem  sie  sich  auf  die  Kraft  des  blosten  Menschen  stellt,  oder  wir
müssen  das  Walten  einer  überlegenen  Macht,  eines  schaffenden
Weltwillens,  anerkennen;  nur  von  ihm  getragen  und  gehoben,
können  wir  als  Holdaken  gottes  einen  Kampf  gegen  das  Dunkle
und  Böse  um  uns  und  in  uns  aufnehmen.  Nur  von  einem  überlegenen ­
  geistesleben  aus  kann  sich  uns  der  Blick  auf  die  Wirklichkeit
aufhellen:  unsere  Welt  mit  ihren  schweren  Hemmungen  und  Verwicklungen ­
  kann  nicht  das  ganze  der  Wirklichkeit  bilden,  sie  must
eine  besondere  Lirt  besitzen  und  eine  besondere  Stellung  einnehmen;
sie  must  in  einem  weiteren  Zusammenhange  stehen,  um  irgendwelchen ­
  Sinn  und  die  unentbehrliche  Kraft  zu  erlangen.  Das  aber
verlangt  eine  Umwälzung  des  gewöhnlichen  Weltanblickes;  wir
müssen  einerseits  anerkennen,  dast  wir  einer  Welt  des  Kampfes  und
        <pb n="111" />
        der  Arbeit,  nicht  der  Vollendung,  angehören,  andererseits  aber
müssen  wir  an  einer  überwindenden  geistigkeit  als  an  einer  Stufe  des
selbständigen  Schaffens  teilhaben.  Line  solche  Wendung  ist  tatsächlich
erfolgt;  ste  erweist  sich  uns  sowohl  in  der  Bildung  eines  eignen  weltüberlegenen ­
  und  weltumfassenden  persönlichen  Lebens,  als  auch
in  der  Lröffnung  einer  selbständigen  geisteswelt,  za  eines  Reiches
gottes,  das  allepolitischeund  soziale  gesellschaft  als  eine  bloßmenschliche
  gemeinschaft  unvergleichlich  überschreitet  und  ein  inneres  gelingen ­
  des  gemeinsamen  Lebens  erst  möglich  macht.
von  hier  aus  ergibt  sich  ein  eigentümliches  Weltbild,  das
unsere  geschickt  scharf  beleuchtet.  Unsere  Wirklichkeit  verläuft  nicht
auf  einer  einzigen  Fläche,  sondern  ste  enthält  drei  verschiedene  Stufen
geistigen  Lebens;  dieses  Leben  selbst  hebt  sich  deutlich  ab  von  dem
bloßen  Dasein,  das  die  sinnliche  Erfahrung  an  uns  bringt,  es
erweist  sich  als  eine  Tatwelt,  als  ein  Keich  des  Aktivismus.  Aber
dieses  Keich  selbst  enthält  eine  innere  Bewegung  und  einen  durchgehenden ­
  Aufstieg:  zunächst  gilt  es  eine  grundlegende  geistigkeit  zu
erringen,  sie  bildet  ein  eignes  Leben  gegenüber  der  Beziehungswelt ­
  der  Natur,  sie  ist  auch  die  Voraussetzung  aller  Lrziehung
und  Bildung;  sodann  erscheint  gegenüber  den  ungeheuren  Verwicklungen ­
  unseres  Weltstandes  um  uns  und  in  uns  eine  kämpfende
geistigkeit,  sie  ist  der  Hauptplatz  der  menschlichen  Tätigkeit,  die  Stätte
unserer  Arbeit;  aber  alle  Arbeit  kann  uns  auch  beim  gelingen
nicht  genügen,  dem  Worte  „Arbeiten  und  nicht  verzweifeln"  ist  die
Lrwägung  entgegenzusetzen,  daß  die  bloße  Arbeit  ohne  ein  überlegenes ­
  Ziel  den  denkenden  Vlenfchen  unvermeidlich  zur  Verzweiflung
treibt;  erst  eine  überwindende  geistigkeit  eröffnet  die  Aussicht  und
verspricht  die  Kraft  zur  Vollendung,  erst  sie  gewährt  dem  Menschenleben ­
  den  unentbehrlichen  Halt  und  ein  festes  Ziel.  Die  aus  dem
Zusammenwirken  dieser  Stufen  und  ihrer  Auseinandersetzung
entstehende  Bewegung  durchdringt  die  Weltgeschichte,  an  ihr  muß
auch  der  Linzelne  teilnehmen,  dem  das  Leben  sich  voll  entfaltet  und
dem  sich  die  Tülle  feiner  Erfahrung  erschließt.  Der  Stand  der
Welt,  der  uns  umfängt,  mit  feiner  Unfertigkeit  und  mit  feinen
Widersprüchen,  mit  seinem  Angewiesensein  auf  eine  der  Verwicklung ­
  überlegene  Ordnung  kann  nicht  das  ganze  der  Wirklichkeit
fein  und  nicht  in  sich  selbst  den  Abschluß  tragen;  er  muß  ein  Ausschnitt ­
  einer  weiteren  Wirklichkeit,  eine  besondere  Art  des  Lebens  sein,
die  ursprünglicherer  gründe  und  Zusammenhänge  bedarf,  um
überhaupt  zu  bestehen  und  einen  Sinn  zu  ergeben.  So  sehr  wir  aber
auf  das  Wirken  einer  selbständigen  geistigkeit  angewiesen  sind,  ihre
nähere  gestaltung  fällt  unter  die  Tormen  und  grenzen  der  Arbeitswelt; ­
  daher  müssen  unserem  Leben  für  die  höchsten  Ziele  Bilder  und
Umrisse  genügen.  Tür  die  gesinnung  aber  bedarf  es  eines
        <pb n="112" />
        Heroismus,  der  durch  alles  Nein  hindurch  zuversichtlich  aufeinZa  gerichtet ­
  ist  und  dies  allen  Widerständen  entgegenhält.  Unser  Leben
behält  auch  dann  einen  5inn  pnd  Wert,  wenn  es  mehr  ein  inneres
Vordringen  als  ein  äusteres  Überwinden,  mehr  ein  Wecken  und
Lammeln  der  Kräfte  als  ein  volles  Erreichen  des  Zieles  ist,  wenn
es  in  Zusammenhängen  steht,  die  wir  nicht  klar  durchschauen.  3o
dachte  auch  Luther,  wenn  er  sagte:  „Ls  ist  noch  nicht  getan  und
geschehen,  es  ist  aber  im  gange  und  Lchwange,  es  ist  nicht  das
Lndc,  aber  der  Weg.  Ls  glühet  und  glänzet  nicht  alles,  es  feget  sich
aber  alles".  Uns  Menschen  treibt  aber  eine  solche  Lage  der
Dinge  dazu,  alle  Kraft  für  das  gute  und  Wahre  aufzubieten,  alle
Unklarheit  auszutreiben,  die  Dinge  nicht  gehen  zu  lassen,  wie  sie
gehen,  sondern  ihnen  ein  Keich  eines  schaffenden  Weltwillens  mit
feiner  Lwigkeit,  feiner  Unendlichkeit,  feinem  Beisichfelbstfein  entgegenzusetzen. ­
  Von  da  aus  müssen  sich  alle  grasten  und  Werte  wesentlich
verändern,  in  dieser  gedanken-  und  geisieswelt  werden  uns  auch
die  Zweifel  am  Bestehen  einer  geistigen  und  sittlichen  ördnung  bei
aller  Lchwierigkeit  nicht  ungerüstet  finden.
Vas  ganze  des  menschlichen  Lebens  trägt  vorwiegend  die
Signatur  des  Kampfes,  aber  der  Kampf  kann  verfchiedene  grade
haben;  es  ist  nicht  zu  bezweifeln,  dast  er  heute  eine  besondere
Höhe  und  Hpannung  erreicht  hat.  Wie  wir  früher  sahen,  vollzieht
sich  das  weltgeschichtliche  Leben  auf  seinen  Höhen  in  grasten
Zusammenhängen,  Lpntagmen,  wie  wir  sie  nannten;  nur
diese  Zusammenhänge  verleihen  ihm  einen  geistigen  Lharakter,
ohne  sie  zerfällt  es  in  lauter  einzelne  Bruchstücke,  solcher  Lebenszusammenhänge ­
  zeigt  bekanntlich  unser  westlicher  Kulturkreis  drei:
die  antike  Welt  mit  ihrer  Herrschaft  der  gestaltung,  die  christlichreligiöse
  mit  ihrer  Heelenvertiefung,  die  moderne  mit  ihrer  Kraftentwicklung; ­
  so  sind  3wrm,  gesinnung,  Kraft  die  Hauptzüge  der
Bewegung.  Die  gegenwärtige  Lage  aber  schwankt  haltlos  zwischen
fenen  verschiedenen  Lösungen,  sie  empfindet  stark  das  Bedürfnis
eines  neuen  Lebenszusammenhanges,  der  den  Wahrheitsgehalt
aller  früheren  Leistungen  in  sich  aufnehme  und  ihn  zugleich  einer
neuen  Höhe  zuführe;  aber  sie  findet  einstweilen  nicht  einen  sicheren
Weg  zum  Ziele.  Ls  ist  namentlich  das  Zufammenwirken  zweier
groster  Probleme,  deren  Zulammenstost  die  ganze  Menschheit
fieberhaft  bewegt  und  alles  Wohlergehen  zu  zerstören  droht.  Lin
erster  Stelle  fehlt  dem  modernen  Leben  feit  Jahrhunderten  ein
fester  Mittelpunkt  und  ein  genügender  Lebensinhalt,  gegenüber
der  zu  engen  und  gebundenen  mittelalterlichen  Llrt  erhob  sich  ein
gewaltiges  ötreben,  alle  Kräfte  zu  entwickeln  und  diefe  Lntwicklung
zur  Hauptaufgabe  zu  machen.  Über  so  Hervorragendes  in  diesem
Ltreben  geleistet  wurde,  ihm  fehlt  eine  innere  Linheit  und  damit
        <pb n="113" />
        ein  volles  Betficfjfelbslsein;  das  bloste  Streben  nach  Leben  kann
unmöglich  das  Leben  ausfüllen,  es  weist  zwingend  über  sich  selbst
hinaus  zu  einem  Kelch  der  Inhalte.  Mehr  und  mehr  hat  diese
Lage  allen  inneren  Zusammenhang  aufgegeben,  immer  weniger
können  wir  der  sinnlichen  Welt  eine  unsichtbare  entgegensetzen.
Und  doch  können  wir  von  einer  solchen  nicht  lassen,  wenn  nicht
das  Leben  uns  allen  Sinn  und  Wert  verlieren  soll.  So  umfängt
uns  heute  ein  peinlicher  Widerspruch.  Dieser  Widerspruch  wird
immer  unerträglicher,  er  erschüttert  immer  mehr  die  elementaren
Grundlagen  des  menschlichen  Zusammenseins;  alles  was  wir
bisher  als  feste  Stützen  betrachteten  und  schätzten,  ist  wankend
geworden;  vieles,  was  bisher  als  selbstverständlich  galt,  ist  fetzt
zu  einem  schweren,  kaum  lösbaren  Problem  geworden;  im
besonderen  erfahren  wir  in  trauriger  Weise  einerseits  eine  Verweichlichung, ­
  andererseits  eine  Verwilderung  des  Lebens.  So  ist
die  geistige  und  moralische  Kräftigung,  fa  Umwälzung  das
dringendste  Problem;  wir  bedürfen  einer  gründlichen  Lrneuerung
des  geisteslebens.
Dieses  Problem  ist  latenter  Art,  es  zieht  sich  durch  die  Jahrhunderte. ­
  Über  zu  einem  akuten  ist  es  geworden  durch  das  stürmische ­
  Auftreten  und  Vordringen  der  sozialen  Trage.  Diese
Wendung  begann  mit  dem  Herrwerden  des  Menschen  über  die
Uaturkräfte;  das  dünkte  mit  Kecht  zunächst  als  ein  groster  und
unbestreitbarer  gewinn.  Über  diesem  gewinn  sind  ungeheure  Verwicklungen ­
  entsprungen.  Die  Ort  der  Arbeit  wurde  völlig  verändert, ­
  es  fiel  das  persönliche  Verhältnis  des  Menschen  zu  seinem
eigenen  Werke  weg,  die  Orbeil  emanzipierte  sich  vom  Menschen,  sie
schost  in  unübersehbare  Komplexe  zusammen,  die  mehr  und  mehr
eigene  Kräfte  erzeugten  und  eigenen  gesetzen  folgten.  Damit  entstand ­
  ein  schroffer  Konflikt  zwischen  Arbeit  und  Seele,  zwischen
Dbfekt  und  Subfekt;  das  Subfekt  gab  sich  als  die  Hauptsache,
es  wollte  nicht  ein  blosies  Mittel  und  Werkzeug  der  Arbeit
bleiben.  Diese  Lntwicklung  ergab  schwerste  Konflikte,  deren
Wirken  und  Walten  uns  unmittelbar  umfängt.  Unzweifelhaft  ist
dadurch  manches  im  Stand  der  Menschheit  dauernd  verändert
und  gefördert;  so  haben  wir  z.  B.  das  Selbständigwerden  eines
Arbeiterstandes  als  einen  gewinn  der  Menschheit  zu  begrüsten,  so
stehen  wir  weiter  bei  dem  gewaltigen  Problem  der  Schichtung  der
menschlichen  geselllchaft.  Lange  Jahrtausende  haben  die  Menschheit ­
  in  zwei  Hauptschichten  geschieden:  die  eine  sollte  führen,  die
andere  folgen,  die  eine  herrschen,  die  andere  dienen;  diese  Scheidung
nahm  verschiedene  gestaltungen  an,  aber  die  grundtaksache  dünkte
unantastbar.  Vun  aber  ist  das  Problem  in  vollen  Tlust  geraten;
immer  stürmischer  erhebt  sich  die  Forderung  einer  vollen  gleichheit
        <pb n="114" />
        der  Menschen,  alle  Ungleichheit  wird  von  einem  grasten  Zuge  der
Menschheit  als  eine  Ungerechtigkeit  verpönt,  es  wird  eine  klassenlose ­
  gesellschaft  als  ein  unbedingtes  Nechk  gefordert.  Dieser
Wendung  widersteht  aber  dieTatsache,daß  nicht  nur  die  Natur  die
Menschen  verschieden  ausstattet,  sondern  dast  auch  die  Kultur  zu
ihrer  Entwicklung  deutlicher  Qbstände  bedarf  und  eine  Zerlegung
des  Zusammenlebens  in  eine  höhere  und  eine  niedere  Lchicht  verlangt; ­
  verwerflich  ist  eine  solche  Lcheidung  nur,  wenn  sie  blast  besonderen ­
  Klassen,  nicht  den  Zwecken  des  ganzen  dient.  Jene  Zerlegung ­
  begründet  sich  aus  der  Notwendigkeit,  einem  begrenzten
Lebenskrcife  die  Hauptsorge  für  die  geistige  Lelbsterhaltung  der
Menschheit  zuzuweisen.  Lin  solcher  Kreis  kann  nicht  bestehen  und
gedeihen  ohne  ein  gegenseitiges  Ineinandergreifen  und  einen  festen
Zusammenhang  des  Wirkens  über  die  Individuen  hinaus,  nicht
ohne  die  Bildung  einer  Tradition,  welche  die  Ürbeit  der  Menschheit
in  sich  aufnimmt  und  sie  fortführt,  auch  nicht  ohne  eine  Befreiung
von  der  dringendenNotdesphpsifchenVaseins;  auch  fordert  er  durchgebildete ­
  Denkweisen  und  Methoden,  nicht  nur  einzelne  Leistungen
und  Handgriffe.  Unmöglich  können  wir  das  alles  wegwerfen,  um
dem  Trugbild  einer  klassenlosen  gesellschaft  anzuhangen,  die  sich
bald  als  eine  kulkur-  und  geistlose  erweisen  müstke.  Zugleich  aber  ist
eine  eigentümliche  Lebensgestalkung  entstanden,  welche  alles  gedeihen ­
  vom  wirtschaftlichen  Wohlergehen  erwartet,  damit  alle
selbständige  und  selbstwertige  geistigkeit  leugnet  und  alles
Lchaffen  auf  den  blosten  Menschen  stellt;  daraus  erwächst  ein
schroffer  Konflikt  zwischen  Mensch  und  geist,  eine  Menlchbeitsvergötterung,
  bei  welcher  der  Mensch  in  seiner  eigenen  Nkeinung
zeitweilig  vordringen  mag,  die  aber  in  Wahrheit  eine  innere
Zerstörung  bedeutet.
Die  Lntwicklung,  welche  die  Neuzeit  und  namentlich  die  neueste
Zeit  in  dieser  Nichtung  nahm,  sie  ist  nicht  ohne  Tragik.  Die
Menschheit  der  gegenwart  will  —  wenigstens  will  das  ein  großer
Ltrom  —  alle  inneren  Zusammenhänge  aufgeben  und  lediglich  der
eigenen  Kraft  vertrauen.  Durch  eine  engere  Berbindung  der  Llemente
  glaubt  sie  allen  Üufgaben  gewachsen  zu  sein,  sie  möchte
in  unablässigem  Lmporstreben  einen  Turm  bis  zum  Himmel  bauen.
Über  diese  Denkweise  must  mit  ihrer  Llblösung  des  Menschen  von
allen  inneren  Zusammenhängen  die  Bedingungen  echter  größe
zerstören,  sie  wird  zugleich  die  Menschheit  innerlich  spalten  und  in
eine  volle  Zerwerfung  treiben,  bis  schließlich  das  Machtgebok  eines
Diktators  alles  unter  sich  zwingt.  Lolche  gefahren  stehen  vor
Bugen;  es  gilt  eine  Lntfcheidung  zu  treffen,  ob  die  in  der  gegenwärtigen ­
  Menschheit  wirkenden  Kräfte  stark  genug  sind,  diese
Wendung  zu  verhüten,  den  unverkennbaren  Wahrheitsgehalt  der
        <pb n="115" />
        m

sozialistischen  Bewegung  dem  ganzen  des  Lebens  einzufügen
und  ihn  zu  assimilieren,  oder  ob  unsere  Kultur  einer  Lluflösung
entgegengeht.  Es  wäre  ja  möglich,  dast  erst  eine  krasse  Verneinung
alles  selbständigen  Innenlebens  erforderlich  wäre,  um  der  Menschheit ­
  durch  einen  indirekten  Beweis  die  Unentbehrlichkeit  desselben  nachdrücklich ­
  zum  Bewusttsein  zu  bringen  und  dadurch  dem  gemeinsamen ­
  Leben  wieder  zu  dem  Wahrheitsgehalt  zu  verhelfen,  den
wir  heute  schmerzlich  vermissen.
Lo  stehen  wir  vor  einer  schweren  Llufgabe.  Line  glückliche
Lösung  jener  Verwicklung  ist  nur  möglich,  wenn  es  gelingt,  die
beiden  grasten  Zeitprobleme  aneinander  zu  bringen.  Ls  gilt,  das
geistesproblem  und  das  Menschenproblem  miteinander  zu  verbinden ­
  und  in  eine  fruchtbare  Wechselwirkung  zu  setzen;  das
geistesproblem  must  dabei  voranstehen,  aber  auch  der  Mensch
fordert  sein  gutes  Necht;  ob  eine  Verständigung  beider  Bewegungen ­
  gefunden  wird,  das  entscheidet  über  das  Schicksal  der
nächsten  Zeiten.  Vas  verlangt  aber  sowohl  ursprüngliche,  ja  graste
Menschen  als  aufhellende  und  erhöhende  geistesmächte;  beides
zusammen  bedarf  Unes  Wirkens  der  überlegenen  Lebensmacht,
die  unser  Leben  und  Wirken  bedingt  und  trägt.
Diese  Nöte  und  Wirren  treffen  namentlich  hart  das  deutsche
Volk  mit  seinem  reichen  Kulkurbesitz,  aber  seiner  gegenwärtigen
politischen  und  wirtschaftlichen  Zerrüttung.
BedenklicheLchwächen  der  deutschen  Ürt  sind  unverkennbar.  Wir
Deutsche  sind  mehr  Intelligenzmenschen  als  Willensmenschen,  wir
stellen  uns  zu  sehr  auf  den  freischwebenden  verstand,  wir  finden
uns  sehr  schwer  und  nur  in  schlimmster  Not  zur  Bildung  eines
gemeinsamen  Willens.  Werner  entbehren  wir  eines  festen  nationalen ­
  und  politischen  Instinkts,  wie  ihn  manche  andere  Völker  besitzen. ­
  Über  unterschätzen  wir  auch  das  graste  nicht,  was  in  uns
liegt  und  was  die  geschichte  bezeugt!  Nirgends  erscheint  eine
so  graste  Ursprünglichkeit  des  geistigen  Schaffens,  ein  solches  Vordringen ­
  zu  den  letzten  Wesenstiefen,  ein  solches  Wirken  aus  dem
ganzen  und  Innern  des  Lebens;  zugleich  dürfen  wir  unsere
Leistung  in  Wissenschaft,  Kunst  und  Technik  den  Leistungen  aller
anderen  Völker  zur  Leite  stellen;  auch  in  den  schließlich  so  traurigen ­
  Kriegsjahren  hat  das  deutsche  Volk  eine  hervorragende
Kraft  und  gesinnung  erwiesen.  Lin  solches  Volk  hat  sich  noch
nicht  überlebt;  es  mag  gegenwärtig  krank  sein,  aber  wir  dürfen
darauf  vertrauen,  dast  es  wieder  gesunde;  das  ihm  innewohnende
Vermögen  einer  Lebenserweiterung  und  Lebensvertiefung  ist  dem
ganzen  der  Menschheit  unentbehrlich.
        <pb n="116" />
        YYad)  solchen  Lrwägungcn  möchte  ich  den  l?aden  der  früheren
fj  ^»Darstellung  wieder  aufnehmen,  Im  Verlauf  des  Jahres
1918  erhielt  ich  zunächst  die  Linladung,  die  Lrinnerungsrede
  auf  den  vor  hundert  Jahren  geborenen  grostherzog  Larl
Üle^ander  zu  halten.  Ich  habe  diese  Üufgabe  deshalb  gern  ergriffen, ­
  weil  ich  den  verstorbenen  grosiherzog  aufrichtig  schätzte.
Lr  war  von  ehrlicher  Hochachtung  für  Kunst  und  Wissenschaft  erfüllt ­
  und  mit  besten  Kräften  um  seine  Üufgabe  bemüht.  £r  hatte
die  volle  Lrinnerung  an  goethe,  mit  dem  er  sich  näher  beschäftigte
und  von  dem  er  täglich  irgendwelchen  Übschnitt  las.  Die  Pietät
war  ein  grundzug  seines  Lharakters.  Leider  hat  eine  Lungenentzündung ­
  es  mir  unmöglich  gemacht,  diese  Kede  zu  halten;  ich
habe  aber  in  „Westermanns  Monatsheften"  ein  Bild  fenes  dürsten
gegeben,  der  oft  unbillig  beurteilt  wurde.  Jene  Lungenentzündung
war  gefährlicher,  als  sie  mir  selbst  schien;  ohne  die  sehr  einsichtige
und  treue  pflege  der  Weinigen  wäre  ich  schwerlich  durchgekommen. ­
  Ich  habe  mich  langsam  erholt  und  konnte  zunächst
nur  recht  vorsichtig  meine  Ürbeit  wiederaufnehmen.  Vann  aber
hat  ein  Üufenthalt  im  5chwarzwald  mich  sehr  erfrischt  und  mir
die  Ürbeitskraft  wieder  geschenkt.
Inzwischen  war  aber  fene  graste  Umwälzung  eingetreten.  £s
stand  mir  sofort  fest,  dast  ich  nach  bestem  Vermögen  für  das  gefährdete ­
  deutsche  Leben  zu  wirken  habe.  5o  habe  ich  sofort  nach
fener  Katastrophe  noch  1918  die  Hchrift  veröffentlicht  „Was  bleibt
unser  Halt?",  die  gleich  mehrere  Üustagen  erlebte.  Bald  darauf
schrieb  ich  eine  weitere  Übhandlung  über  „Vie  deutsche  Dreiheit",
in  der  ich  den  deutschen  Begriff  der  Freiheit  im  Unterschied  von
dessen  Fassung  bei  den  anderen  Völkern  zu  erläutern  und  zu  begründen ­
  suchte.  Zugleich  beschäftigten  mich  verschiedene  Üuflagen
meiner  Bücher;  es  ist  augenscheinlich,  dost  eben  fetzt  sich  viele  gcmüter
  zur  Philosophie  flüchten  und  einen  Halt  von  ihr  erhoffen.
Dann  schrieb  ich  eine  Hchrift  Uber  den  „öozialismus  und  feine
Lebensgestaltung",  die  1920  bei  Keclam  erschienen  ist.  Vie  sozialen
Probleme  waren  mir  von  früh  an  nahe  getreten;  nun  aber  schien
der  Sozialismus  das  ganze  Leben  unter  sich  zu  bringen,  und  der
Philosoph  mustte  die  Trage  auswerfen,  welche  Dolgen  daraus  für
das  menschliche  Leben  hervorgehen  werden.
        <pb n="117" />
        Unser  den  daraus  erwachsenden,  immerfort  anschwellenden
Aufgaben  mußte  ich  mich  gewissenhaft  mit  der  Trage  befassen,  ob
es  nicht  meine  Pflicht  fei,  in  den  akademischen  Ruhestand  zu  treten
und  mich  ausschließlich  den  philosophischen  und  nationalen  Qufgaben
  zu  widmen.  Line  äußere  Nötigung  dazu  lag  nicht  vor;
meine  Vorlesungen  zeigten  kein  Linken,  das  letzte  Lemester,  in  dem
ich  las,  zeigte  die  höchste  Hörerzahl,  welche  ich  je  in  der  akademischen
Tätigkeit  erreichte.  Die  Lnlscheidung  fiel  mir  nicht  leicht.  Lie
forderte  nicht  nur  äußere  Opfer.  Ich  habe  überhaupt  die  akademische
Tätigkeit  sowohl  wegen  ihrer  unmittelbaren  Berührung  mit  der
aufstrebenden  Jugend  als  wegen  des  kollegialischen  Zusammenwirkens ­
  stets  als  ein  hohes  gut  betrachtet  und  habe  daraus  wertvollste ­
  Anregungen  geschöpft.  Über  die  literarische  llufgabe  und
die  Forderung,  alle  Kraft  an  die  Gesundung  unseres  schwer
erschütterten  Lebens  zu  fetzen,  mußte  den  Llusfchlag  geben.  3o
habe  ich  mich  entschlossen,  in  den  Nuhestand  zu  treten,  was  im
Qpril  IY2O  geschehen  ist.  Ich  hoffe,  auch  nach  meinem  amtlichen
Lcheiden  meine  alte  Universität  fördern  zu  können,  wenn  auch
nicht  unmittelbar,  so  doch  ideell.  Der  Universität  Jena,  der  ich
46  Jahre  angehörte,  bewahre  ich  das  dankbarste  llndenken.  Ls
war  für  mich  ein  glück,  daß  ich  nach  Jena  kam  und  dort  dauernd
blieb.  Das  grundelement  der  jenaischen  Luft  und  Llrt  ist  volle
geistige  Treiheit.  Mag  dieser  Vorzug  zunächst  negativ  erscheinen,
ich  mußte  darin  einen  positiven  gewinn  anerkennen,  daß  jeder
seine  besondere  Ort  auszubilden  vermag,  daß  man  sich  gegenseitig
keine  Hemmnisse  bereitet,  und  daß  man  jeder  ausgeprägten  und
tätigen  Individualität  Lchätzung  entgegenbringt.  Dazu  kam  die
große  Tradition,  die  jedem  einzelnen  hohe  Maße  vorhält,  endlich  —
und  das  besonders  —  die  wundervolle  Natur,  die  sich  eng  an  den
Menschen  anschmiegt.
Ich  kann  die  Hoffnung  und  den  Wunsch  nicht  unterdrüchen,
den  Universitäten  möge  es  gelingen,  die  gefahren  glücklich  zu  überwinden, ­
  die  in  der  gegenwart  liegen.  Zwiefache  gefahren  sind
unverkennbar;  einmal  die,  daß  die  Universität  sich  zu  sehr  in  eine
Tülle  einzelner  Tücher  auflöst,  und  daß  bei  solcher  Wendung  unser
Volk  die  ihm  unentbehrlichen  geistigen  Tührer  nicht  genügend  von
den  Universitäten  erhält;  sodann  aber  die,  daß  das  Bestreben,  möglichst ­
  viele  zum  akademischen  Ltudium  zu  führen,  den  Lharakter
einer  Torschungsanstalt  abschwächt*.  Je  mehr  die  Universitäten

*  Ich  möchte  dazu  eine  Stelle  aus  meinen  „geistigen  Strömungen"  (6.  Auflage, ­
  Seite  304/;)  anführen:  „Xßmn  die  Sozialtultur  nach  möglichster  gleichheit
  strebt,  fo  ist  genug  die  Llbstcht  der  Besten,  das  gefamtniveau  zu  heben,
möglichst  viele,  möglichst  alle  auf  die  Höhe  zu  führen,  ohne  diese  irgendwie  zu
        <pb n="118" />
        geistige  Kraft  erzeugen  und  zur  Konzentration  des  Lebens  wirken,
desto  eher  wird  ihnen  möglich  fein,  zene  gefahren  zu  überwinden.
Dast  mir  der  Kuhestand  nicht  eine  Üusruhe  ist,  das  hat
schon  dieses  Jahr  genügend  erwiesen.  Im  Üpril  dieses  Jahres
folgte  ich  einer  dringenden  Linladung  des  norwegischen  christlichen
Ltudentenbundes.  Diese  Studentenschaft  hatte  mich  während  des
Krieges  schon  zweimal  dorthin  eingeladen,  aber  erst  nach  seiner
Beendigung  war  es  mir  möglich,  dieser  dritten  Linladung
zu  folgen.  Die  Hauptsache  war  hier  zunächst  die  Keligionsphilofophie
  mit  ihren  brennenden  Problemen.  Über  der  Interessenkreis ­
  dehnte  sich  weiter  aus,  und  ich  hatte  namentlich  in  einer
von  mir  angesetzten  5prechstunde  die  beste  gelegenheit,  mit
sehr  tüchtigen  Persönlichkeiten  die  tragen  der  gegenwart  zu
erörtern,  ähnlich  ging  es  an  der  Technischen  Hochschule  zu
Vrontheim,  wo  die  religiösen  Tragen  natürlich  nur  gelegentlich
gestreift  wurden,  die  allgemeineren  Lebensfragen  aber  im  Bordergrunde ­
  standen.  Ls  war  überhaupt  mein  Hauptstreben,  die
philosophischen  Tragen  mit  der  lebendigen  gegenwart  in  enger
Beziehung  zu  halten.  Ich  wurde  mit  meiner  Tochter  überall  sehr
freundlich  empfangen;  auch  der  Deutsche  Klub  in  Kopenhagen
konnte  es  wagen,  einen  Begrüstungsabend  zu  veranstalten,  an
dem  mehr  als  300  Mitglieder  der  ersten  gefellfchaft  (in  der  Mehrzahl ­
  Dänen)  teilnahmen.
öodann  brachte  mir  das  Jahr  1922  sehr  wertvolle  Beziehungen
zu  Lhina.  Qnfang  des  Jahres  erhielt  ich  den  Besuch  des  chinesischen
Tinanzministers  Liang-Lhi-Lhao,  der  an  der  Triedenskonferenz  in
Versailles  teilnahm  und  von  dort  in  Begleitung  zweier  chinesischer ­
  Professoren  nach  Jena  kam,  um  mit  mir  zu  sprechen.  Dieser
sehr  bedeutende,  auch  literarisch  hervorragende  Staatsmann  hielt
es  für  wichtig,  mit  meinem  philosophischen  Idealismus  und
Üktivismus  eine  enge  Tühlung  zu  gewinnen.  Zu  diesem  Zwecke
wird  eine  chinesische  Übersetzung  meiner  Hauptwerke,  zunächst  der
„geistigen  Htrömungen"  geplant,  und  ein  sehr  begabter  und
sympathischer  Professor  aus  Peking  hat  vier  Lommermonate  hier

verringern.  Uber  die  iNatur  der  Dinge  ist  hier  stärker  als  die  Llbsicht  der  Menschen.
Unvermerkt  wird  der  Stand  des  Llusnehmenden  zum  Mast  der  geistigen  Bewegung, ­
  und  es  sinkt  damit  unvermeidlich  die  Höhe  des  ganzen;  auch  lästt
sich  die  Llrbeit  nicht  vorwiegend  auf  die  Wirkung  bei  anderen  richten,  ohne
damit  an  eignem  geholt  einzubüsten.  —  Llus  der  Verbreiterung  must  eine
Verflachung  werden,  wenn  nicht  eine  Urerzeugung  erfolgt,  welche  jener  die
Wage  hält.  Das  ist  das  graste  Problem  und  die  gefahr  der  gegenwart,  über
dem  Bemühen  nach  allseitiger  Mitteilung  den  geholt  des  Lebens  zu  schwächen,
Uber  der  Sorge  um  den  einzelnen  Menschen  das  ganze  des  Menschenwesens
sinken  zu  lassen/'
Lucken,  Lebenserinnerungen
        <pb n="119" />
        in  Jena  zugebracht,  um  sich  ganz  in  meine  gedankenwelt  und
zugleich  in  den  deutschen  Idealismus  zu  versetzen;  nach  seiner
Kückkehr  nach  Lhina  wird  er  fene  Qufgabe  zu  Lüde  führen.  Bei
diesen  tragen  scheidet  das  religiöse  Problem  völlig  aus,  in
Furage  sieht  der  grundgedanke  eines  aklivistifchen  Idealismus
überhaupt.
In  der  neuesten  Zeit  habe  ich  seitens  der  finnländischen  Universität ­
  Helsingfors  eine  sehr  herzliche  Linladung  empfangen,  dort
einige  Zeit  zu  verweilen  und  auch  einige  Borträge  zu  halten.  Ich
hoffe,  dieser  Linladung  zusammen  mit  meiner  Trau  im  nächsten
Trühling  Tolge  leisten  zu  können.  In  den  binnen  schätze  ich  aufrichtig ­
  ein  Volk,  das  unter  schweren  Lebensbedingungen  tapfer  und
treu  feine  Qufgabe  erfüllte,  das  mit  großer  Lnergie  alle  Kulturaufgaben ­
  der  gegenwart  sich  aneignete  und  darin  Bedeutendes
leistete;  dazu  mußte  mich  herzlich  erfreuen  die  enge  Beziehung  zum
deutschen  Geistesleben  und  zur  deutschen  Sprache,  welche  dort  vorhanden ­
  ist.
3m  Sommer  1920  war  ich  auch  beteiligt  an  den  Bestrebungen,
eine  größere  Llnzahl  von  schwedischen  Lehrern  und  Lehrerinnen  zu
wissenschaftlichen  Kursen  nach  Iena  zu  ziehen;  es  haben  sich  dazu
mehr  als  400Teilnehmer  eingefunden,  und  wir  haben  gegenseitig  den
besten  Lindruck  empfangen.  Ich  betrachte  es  als  eine  sehr  wichtige
Sache,  daß  eine  enge  geistige  Verbindung  Deutschlands  und  des
germanischen  Uordens  zustande  kommt.  Die  daraus  erwachsende
Stärkung  einer  Inhaltskultur  ist  für  das  ganze  des  Kulturlebens
unentbehrlich.
Das  Bedürfnis  nach  mehr  geistiger  Linheit  des  menschlichen
Lebens  und  die  Bestrebungen  nach  mehr  moralischer  Stärkung  des
deutschen  Lebens  haben  zur  Begründung  eines  Lucken-Bundes  geführt. ­
  Seine  erste  Iahresversammlung  fand  am  6.  Oktober  1920  in
Iena  statt  und  vereinigte  hier  zahlreiche  Teilnehmer  aus  den  verschiedensten ­
  gesellschaftskreisen  und  gegenden  Deutschlands;  sie  beschloß ­
  einmütig  eine  festere  Organisation  des  rasch  aufstrebenden
Bundes,  dessen  Richtlinien  in  meiner  Schrift  „Unsere  Forderung  an
das  Leben"  (ly2o)  enthalten  sind.
gegen  Lnde  meines  Lebens  kann  ich  nicht  umhin,  der  zahlreichen ­
  Treunde  und  Schüler  zu  gedenken,  welche  vor  mir  geschieden
sind.  Der  Lauf  meines  Lebens  hat  mich  über  die  gelehrten  Kreise
hinaus  mit  manchen  Üutoren  und  Künstlern  zusammengeführt,
und  ich  habe  die  mir  von  diesen  Kreisen  gewährte  Förderung  und
Freundschaft  als  einen  großen  gewinn  betrachtet.  So  verband
mich  eine  gegenseitige  Schätzung  mit  Hilty,  der  mir  noch  unmittelbar ­
  vor  seinem  Tode  seine  herzliche  gesinnung  bekundete;  so
hatte  ich  eine  dauernde  Freundschaft  mit  Lrnst  von  Mldenbruch,
        <pb n="120" />
        8»

dessen  aufrichtige  und  aufrechte  Denkweise  ich  aufs  höchste  schätzte;
so  lernte  ich  in  Hobler,  dessen  Bild  aus  den  Freiheitskriegen  in  der
Jenaer  Universität  der  Llnregung  meiner  Trau  zu  verdanken  ist,  einen
kraftvollen  und  gedankenreichen  Künstler  kennen*;  endlich  verknüpfte
mich  eine  enge  Freundschaft  mit  Map  Keger,  der  schönste  Pläne  in
sich  trug  und  so  früh  scheiden  mustte.  Unter  den  früheren  Kollegen
vermistte  ich  aufrichtig  Liebmann,  dessen  feste  und  tüchtige  llrt
mir  sehr  sympathisch  war;  in  der  neuesten  Zeit  aber  habe  ich  an
Talckenberg  einen  aufrichtigen  freund  und  einen  Mann  von  wahrer
Herzensgüke  und  Treue  verloren.  Besonders  must  ich  auch  der
früheren  Lchüler  gedenken,  die  ihr  junges  Leben  willig  für  das
Vaterland  einsetzten;  überhaupt  erinnere  ich  mich  mit  viel  Wehmut
der  vielen  vortrefflichen  jungen  Kräfte,  welche  vor  mir  ihren  Weg
vollendeten**.
Man  sieht  bei  solchem  Kückblick,  dast  man  alt  wird,  aber  das
Öfter  braucht  die  Herzlichkeit  der  gesinnung  und  die  Treue  des  ün:
denkens  nicht  zu  vermindern.

*  Ls  war  sehr  bedauerlich,  dast  Hodler  wegen  der  Unterzeichnung  einer
Adresse  gegen  die  vermeintliche  Zerstörung  der  Kathedrale  von  Reims  als  ein
Teind  der  Deutschen  erschien.  Jene  falsche  Rachricht  ging  damals  durch  die
ganze  alliierte  Presse,  und  Hodler,  der  kaum  fe  eine  Zeitung  las,  war  nicht  der
Mann,  jene  falsche  Rachrichk  zu  prüfen,  Allerdings  war  es  tadelnswert,  dast
er,  auf  den  wirklichen  Tatbestand  aufmerksam  gemacht,  nicht  offen  und  ehrlich
jene  Unterschrift  zurückzog.  Damit  hatte  unsere  Freundschaft  ein  Lnde,  aber  ich
betrachte  ihn  dauernd  als  einen  grasten  Künstler  deutscher  Art.
**  So  gedenke  ich  unter  den  Lindrücken  der  letzten  Monate  namentlich  des
hochbegabten  und  charaktervollen  gustav  Robert-Tornow,  der  sowohl  in  der
Philosophie  als  in  der  Musik  zu  höchsten  Zielen  strebte,  und  der  mit  inniger
Treue  an  mir  hing.  Lr  vornehmlich  hat  mit  grösttem  Lifer  darauf  gedrungen,
dast  ich  meine  Lebenserinnerungcn  niederschreiben  und  veröffentlichen  möchte.
        <pb n="121" />
        Schluß.
YjTenn  ich  am  Schluß  des  Weges  einen  Rückblick  auf
J^I^Jmcine  Lebensarbeit  werfe,  so  muß  ich  es  dankbar  anerkennen, ­
  daß  ich  nicht  von  zufälligen  und  wechselnden  Ünregungen
getrieben  wurde,  sondern  daß  mein  Streben  einen  inneren  Zufammenbang
  hatte.  Die  Hauptrichtung  wurde  meinem  Streben  gegeben. ­
  Üuch  ich  erfuhr  die  Wahrheit  des  Wortes:  „Was  haben
wir,  das  wir  nicht  empfangen  hätten?"  Weine  Ürbeit  teilte
sich  in  drei  Hauptabschnitte.  Zunächst  galt  es,  die  in  mir  angelegten ­
  Kräfte  zu  entwickeln,  dann:  die  Hauptrichtung  nieines
Strebens  wissenschaftlich  durchzubilden,  endlich:  auf  meine  engere
und  weitere  Umgebung  zu  wirken.  Daß  diese  verschiedenen  Übschnitte ­
  sich  ungehemmt  entfalten  konnten,  das  muß  ich  als  eine
große  gunst  des  gefchickes  anerkennen.  Die  Ligentümlichkeit
meines  Strebens,  mein  unablässiger  Kampf  für  eine  Verstärkung
des  Innenlebens  und  für  eine  selbständige  geisteswelt,  brachte
es  mit  sich,  daß  ich  mit  den  vorgefundenen  Verhältnissen  fortwährend ­
  zusammenstieß;  es  ist  nicht  zufällig,  daß  meine  Bücher
oft  den  Lharakter  einer  Kampfschrift  tragen.  Über  an  dem  Kampf
hatte  ich  Hreude,  und  ich  glaube  dadurch  selbst  gefördert  zu  sein.
£s  war  für  mich  ein  Stück  des  gefchickes,  daß  mein  Streben  eine
warme  Teilnahme  und  verständnisvolle  Ünerkennung  zuerst
außerhalb  Deutschlands  fand;  ohne  Schweden,  Lngland,  Ümerika,
Dstasien  wäre  ich  schwerlich  durchgedrungen.  Um  so  schöner
war  es,  daß  schließlich  der  Krieg  und  die  in  ihm  folgenden  Lr-,
  lebnisse  mich  zu  einer  vollen  Verbindung  mit  meinem  eigenen
Volke  führten.
Bis  zum  Kriege  durfte  ich  einen  ruhigen  Übschluß  meiner
Lebenstätigkeit  erwarten.  Über  wir  wissen,  wie  sehr  sich  inzwischen
das  gemeinsame  Leben,  und  zwar  nicht  nur  das  unseres  Volkes,
sondern  das  der  ganzen  Menschheit,  verändert  hat.  Line  ungeheure
        <pb n="122" />
        Umwälzung  ist  erfolgt,  und  es  sind  dadurch  alle  Probleme  des
ganzen  Menschen  in  einen  akuten  ötand  getreten;  aus  dem  vermeintlichen ­
  Besitz  sind  wir  durchgängig  in  ein  mühsames  und
aufgeregtes  Luchen  gekommen.  Punkt  um  Punkt  umfangen  uns
neue  Aufgaben.  Wir  glaubten  einen  reichen  Kulturbesitz  zu  besitzen, ­
  und  nun  wird  uns  alle  Tradition  erschüttert  und  es  wanken
die  überlieferten  grundlagen  unserer  Lebensführung.  Wir  erhofften ­
  ein  inneres  Zusammenhalten  der  Menschheit,  wie  Kultur
und  Keligion  eg  gebieten,  nun  aber  isi  die  ganze  Menschheit
in  schroffe  Gegensätze  auseinandergerissen.  Wir  erstrebten  einen
Tortschritt  der  Menschheit,  im  besonderen  auch  ein  nroralisches
Weiterkommen,  und  wir  müssen  uns  setzt  davon  überzeugen,  dast
Unwahrhaftigkeit  und  Ungerechtigkeit  die  heutige  Menschheit  beherrschen, ­
  und  dast  für  echte  güter  wenig  Platz  ist.  Zugleich  sind
wir  in  gänzlicher  Unsicherheit  über  die  Ltellung  der  Menschheit
in  der  Wirklichkeit  und  über  den  Linn  ihres  Daseins.  Wir  wissen
nicht,  was  wir  sind,  wir  wissen  nicht,  wohin  wir  treiben.
Line  derarkigeKrise  must  entweder  zu  einerZerstörung  oderzu  einer
Lrhöhung  des  menschlichen  Ltanö^  führen.  Wer  trotz  aller  Wirren
und  Nöte  der  Zeit  zuversichtlich  die  Möglichkeit,  sa  die  Uotwendigkeit
  einer  Lrhöhung  verficht,  der  must  seine  höchste  Kraft  an  die
Lache  setzen,  der  must  auf  einer  durchgreifenden  Umwandlung  bestehen, ­
  der  neust  das  Aufsteigen  einer  Tatwelt,  der  neust  eine
Wesensbildung,  der  must  eine  geistige  Keformakion  verlangen;  dafür ­
  aber  neust  er  alle  gleichgültigkeik  und  Lauheit  ablegen,  allen
bequemen  Mittelweg  als  ein  Unrecht  verwerfen.  Alt  oder  sung,
das  macht  in  einer  so  erschütternden  Krise  keinen  Unterschied;  auch
wir  Ülteren  dürfen  keiner  Kühe  pflegen,  auch  wir  müssen  des  Wortes
gedenken:  „Wirket  so  lange  es  Tag  ist".
So  must  und  will  auch  ich  trotz  des  vorrückenden  LIlters  eifrig
für  sene  Aufgabe  einer  Umgestaltung  des  menschlichen  Lebensstandes ­
  weiter  wirken.  Dast  ich  aber  die  dazu  nökigeKraft  und  Trische
besitze,  das  verdanke  ich  an  erster  Steife  der  glücklichen  Gestaltung
meiner  persönlichen  geschickt.  Ich  must  es  als  eine  graste  gunst
betrachten,  dast  ich  zunächst  durch  das  Verhältnis  zu  meiner  Mutter
eine  seelische  Vertiefung  erhielt,  der  auch  die  Weihe  des  Lchmerzes
nicht  fehlte,  und  dast  ich  dann  durch  meine  eigne  Tamilie  und  ini
eignen  Hause  ein  schönes,  reiches,  geistig  bewegtes  Leben  führen
durfte.  Besonders  erfreulich  ist  dabei  die  gegenseitige  geistige  Lrgänzung
  auf  einer  gemeinsamen  grundlage  der  Überzeugung.
Meine  Trau  ist  besonders  in  künstlerischer  Kichtung  tätig  und  sie
wirkt  darüber  hinaus  unermüdlich  und  umsichtig  für  hohe  Ziele.
Auch  insofern  umschliestt  unser  kleiner  Kreis  die  Haupkzweige  geistigen ­
  Wirkens,  als  von  unseren  Löhnen  der  eine  Physiker,  der
        <pb n="123" />
        andere  DslattonalöPonom,  unsere  Tochter  aber  Konzertsangerin  in  der
Kichtung  Bachs  ist;  so  bildet  unser  Haus  einen  Mikrokosmos  des
geistigen  Lebens,  rvie  er  sich  selten  so  zusammenfindet.  Llus  solchem
Zusammenleben  kann  Kraft  und  Treude  hervorgehen,  und  für  mich
selbst  kann  ich  die  goethesche  Trage  nach  dem,  was  dem  Qlternden
bleibt,  getrost  damit  beantworten:  „JTCir  bleibt  genug,  es  bleibt
Idee  und  Liebe".
        <pb n="124" />
        JTametV'  und  Sachregister*.
Die  vorangestellten  Zuführungen  über  Lucken  bieten  eine  Übersicht  über  sein
Leben  und  Wirken.
Luckens  Leben.

i.  Familie:
Vater  5  f.,  15
Mutter  *6  f.,  *15  f.,  24,  31,  Z3,  38,  39,
4i,  43/  54,  *55  f-,  61,  73,  117
grogeltern  6-8
Frau  *73,  77,  87,  88,  96,114,11;,  *117
Tochter  87,  88,  *104,  113,  *118
Söhne  92,  93,  99,  *117
Häusliches  Leben  *73,  117  st
Ziehe  auch  gittermann,  Jäger,  Pastow
2.  Lebensgang:
Kindheit5-16
gymnasialzeit  16-24
Universitätsjahre  25—36
gymnasiallehrcr  Berlin  38—42,  44-46
„  Husum  42-44
,,  Frankfurt  a.M.  48-52
Universitätsprosessor  Basel  53-60
„  Lena  61fst
Berufungen  nach  Basel  52,  Lena  59s.,
Lrlangen  69,  Freiburg  77,  Tübingen
81
Doklorarbeit  und  -epamen  28,  29,  34
Lhrendoktor,  theologischer  81
„  amerikanischer  89  st
Nobelpreis  83  {.
Llustausch-Profefsor  86-89
.Ruhestand  112
Reisen  (Bortragsreisen  stehe  unter  4)
9,  12-14,  25  st,  31,  43  st,  46  s.,  51,
56.  59,  70,  77
3.  Dichtung  und  Entwicklung:
Katholizismus,  Stellung  zum  *  50,
79
Mathematik,  Neigung  für  20st,  33
philologisches  Interesse  23,  27,  33

Philosophische  Lntwicklung:
Iugendneigung  21,  *23,  27
LIristotelische  Forschungen  siche  Llristoteles

Wendung  zur  systematischen  Philosophie ­
  57,  *58,  67
Ligene  gedankenwelt  *70-72,  74  s.,
78,  93  st,  *105  ff.
politischer  Standpunkt  21s.,  32,
*36st,  82,  97
Religiöser  Standpunkt  19,  *21,
24  s,  78,  84
Soziales  Interesse  *58
Statistik,  Interesse  für  6
Theologie,  Verhältnis  zur  21
4.  Wirken:
als  gymnaflallehrer  42,  44,  45,
49'  5 2
als  akademischer  Dozent  54,  *63^,
77,  * 112
Lucken-Bund  93,  114
Übersetzungen  der  Werke  68,  84,
85,  86,  96,  113
Volksschullehrerkurse  79  f.
im  Weltkriege  99,  100st,  103
vortragsreisennachllmerika  86ff.;
Lngland  84-86;  Holland  83,  94;
Norwegen  113;  Schweden  83;  stehe
auch  Bremen,  Brüssel,  Hamburg,
Nürnberg,  Pest,  Thüringen,  Urania
Beziehungen,  gelehrte  und  persönliche, ­
  zu  Llmerika,  Llustralien,  Bulgarien, ­
  Lanada,  Lhina,  Lngland,
Finnland,  Frankreich,  Holland,  Indien, ­
  Italien,  Iapan,  Kopenhagen,
Norwegen,  Österreich,  Schottland,
Schweden  siehe  daselbst.

*  Die  Hauptstellen  sind  durch  ein  Sternchen  (*)  hervorgehoben.
        <pb n="125" />
        120

Luckens  Schriften.
(Soweit  sie  im  Buche  erwähnt  finö.)
De  Aristotelis  dicendi  ratione.  ParsI:  Observationes  de  particularum  usu.
8x  S.  Doktordiffertalion.  1866.  29,  34
Über  Öen  Sprachgebrauch  Öea  llrisioteles.  Beobachtungen  über  die  Praepofitionen.
  75  S.  1868  43
Über  die  Bedeutung  der  Llrisiotelifchen  Philosophie  für  die  Gegenwart,  Llkademische
  LIntritlsrede,  gehalten  am  21.11.  1871  in  Basel.  2;S.  1872  .  .  56
Die  Methode  der  Llrisiotelischen  Forschung  in  ihrem  Zusammenhang  mit  den
philosophischen  grundprinzipien  des  Llrisioteles.  1852.  (1872.)  43,  j2,  j6,  *57
geschieht-  und  Kritik  der  grun  d  b  egriffe  der  gegenwart.  266  S.  1878;
seit  der  3.  Lluflage  (398  S.  1904)  unter  dem  Titel  „geistige  Strömungen
der  gegenwart"  67  s.,  112  Llnm.,  113
geschichte  derphilosophifchenTerm  in  ologie.i.Umriß  Sargest.  266S.(i879.)68f.
Bilder  und  gleichniffe  in  der  Philosophie.  Line  Festschrift.  49  Z.  (1880.)  76
prolegomena  zu  Forschungen  über  die  Einheit  des  gcisieslcbens  in  Bewusstsein ­
  und  Tat  der  Menschheit.  114  S.  188;  74,75
Beiträge  zur  gcschichte  der  neueren  Philosophie.  184  2.  1886;  in  a.Llufl.  (1906)
unter  dem  Titel  „Beiträge  zur  Einführung  in  Sie  geschichte  der  Philosophie"  76
3ur  Würdigung  Lomte's  und  des  positioismus  (in:  Philosophische  llufsälze,
Eduard  Zeller  zu  seinem  ^ozährigen  Doktor-Jubiläum  gewidmet.  1887.)  76
Die  Linheit  des  geisteslebens  in  Bewußtsein  und  Tat  der  Menschheit.
499  S.  1888  74  f.
Die  LebensanfchauungenÜcrgroßen  Denker.  Eine  Entwicklungsgeschichte
des  Lebensproblems  der  Menschheit  von  Plato  bis  zur  gegenwart.  496  S.
1890  75
Der  Kamps  um  einen  geisiigen  Lebensinhalt.  Neue  grundlegung  einer  Weltanschauung. ­
  400  S.  1896  78,  86  Llnm.
Der  Wahrheitsgehalt  der  Religion.  448  S.  1901  78  f.
gesammelte  Llufsätze  zur  Philosophie  und  Lebensanschauung.  242  S.
1903;  auch  in  Feldpostausgaben  80,  101
grundlinien  einer  neuen  Lebensanschauung.  314  S.  1907  80
Hauptprobleme  derReliglonsphilofophie  der  gegenwart.  120S.  (1907.)  80s.
Der  Sinn  und  der  Wert  des  Lebens.  163  S.  1908  81
Einführung  in  eine  Philosophie  des  geisieslebens.  197  S.  1908;  seil  2.  Lluflage
(1920)  unter  dem  Titel  „Einführung  ln  die  Hauptfragen  dcrphilosophie".  81
Können  wir  noch  Lhrisien  sein?  236  S  1911  84,  85  Llnm.
Erkennen  und  Leben.  16;  S.  1912  84
Zur  Sammlung  der  gcisicr.  151  S.  1913  93,  94  ünm.
Die  weltgeschichtliche  Bedeutung  des  deutschen  geistes.  23  S.  1914  .  .  .  100
Die  Träger  des  deutschen  Idealismus.  251  S.  1915
Einleitender  Lluffatz  zu  „Neutrale  Stimmen"  (Leipzig,  Hlrzel)  1916.
Die  geisiigen  Forderungen  der  gegenwart.  36  2.  1917
Mensch  und  Welt.  Eine  Philosophie  des  Lebens.  457  S.  1918.  .  .
Was  bleibt  unser  Halt?  Ein  Wort  an  ernste  Seelen.  29  S.  1918  .
Die  deutsche  Freiheit.  36  S.  1919
Der  Sozialismus  und  feine  Lcbensgesialtung.  1920
Unsere  Forderung  an  das  Leben.  Mit  einem  Llnhang:  Llufruf  zur  gründung
eines  Eucken-Lundes.  24  S.  1920  114
        <pb n="126" />
        a
Ügppten  (■Heifeplan)  96
Uktivismus  106;  siehe  auch  „Tatraell"
Lllgier  (Reise)  92
lllthusius,  Zoh.,  osifriesischer  Staatsmann ­
  ii  Clnm.
Vinerika,  Eucfens  Beziehungen  zu  6B,
86-92,  93,  102,  116
Eigenart  87,  90,  91
„  Verhältnis  zu  Deutschland
86,  89
deutsches  Leben  in  86,  88  f.
„  Presse  und  Deutschtum  91
„  die  V.  St.  im  Weltkriege  101
Linm.,  102
Lim  si  erd  am  83
Llrbeitersiand  108
„Llrbeitswelt",  Euckenfcher  Begriff  74,
106
Urenberg,  Herzogtum  1
Uristoteles  28,  29,  *34,  39,  43,  44,  52,
56,  *57,  67
Omflaöt  (Vortrag)  80
Uugsburger  allgemeine  Zeitung  70
Llugustin  58
Uurich  (Ostfriesland)  5,  9  s.,  51
„  gpmnastum  16-20,  22-24
austaufch-profefsoren  86,  89
australische  Beziehungen  Eucfens  97
Vzoren  (Reise)  92
B.
Baltimore,  Vortrag  in  89
Basel  52.  *53,  33,  ?8,  59,  60,  75,  92
Baumann,  Zul.,  Philosoph  48
Beatenberg  (Schweiz)  59
Berchtesgaden  70
Bergfon,  Henri,  franz.  Philosoph  88
Berlin  38-41,  44—46
,,  l^riedrichsgpmnasium  4;
„  Sophiengpmnastum  41
„  Urania  100
Bismarck  *36^43,76
„  in  Zena  61
Blockade  100
Böckh,  Uug.,  Philologe  40
Bohtz,  Vug.  Wilh.,  äsihetiker  29
Boldt,  finnischer  gelehrter  82

Bonitz,  Herrn.,  Philologe  und  Schulmann ­
  34,  *44  f.
Borkum  12,  70
Boston  (v.,St.)  87,  88,  90
Boutroup,  Emile,  franz.  Philosoph  9;
Brake  (Oldenburg)  9
Brandig,  Lhr.  Llug.,  Philosoph  34
Bremen  9,  73  (lLamilienbeziehungen),
80  (Lehrervorträgc),  104
Brüssel  103
Brpce,  Lord,  engl.  Botschafter  87
Buddhisten  96
Bulgarien,  Euckens  Beziehungen  zu  93
Burckhardt,  Zakob,  7,  33
Bureaukratie,  preußische  20,  49
Butler,  Präsident  der  Lolumbia-Umversität
  88
c.
Lambridge  (Mass.)  87,  89,  93
Lamminga,  Waler  7
Lanada,  Einladungen  aus  90
Larl  Vlepander  stehe  unter  Weimar
Larnegie,  Undrew  90
Laspers,  Propst  in  Husum  43
Lastren,  finnischer  gelehrter  82
Lelle  9
Lhina  96,  97,  *113  s.
„Lbristisn  World“  83  Llnm.
„Lhrlstliche  Welt"  83  Clnm.
Lirkfena  stehe  Zirkfena
Llapp,  E.  Z.,  amerikanischer  Professor
ioi  Qnm.
Lolcridge,  S.  X.,  englischer  Dichter-Philosoph
  68  Llnm.
Lolumbia-Universität  Rew  Park  88
90,  98
Lomte,  Uug.,  sranzösischerphilosoph  76
Lonring,  Herrn,,  osifriesischer  Zurist  4
Lreizenach,Theoö.  Literarhistoriker49s.
Lurtius,  Ernst,  Urchäologe  27
O.
Oarmstaüt,  Eucken-Lund  93
Deutfchamerikanertum  stehe  Umerika
Deutsche  Ort,  ihre  Schwächen  und
große  84  Qnm.,  110
Deutsch-schwedische  Blätter  79  Llnm.
        <pb n="127" />
        Diktator,  politischer  109
Diplomatie,  ungeschickte  deutsche  91,
97  f-Döllinger,
  Zgnaz,  katholischer  Theolog ­
  ;o
Dörner,  Z.  fl.,  Protestant.  Theolog  40
Dronlheim,  Vorträge  in  113
£.
Lberswalde  46
EdzarS  der  graste  von  Ostsriesland  2
Eggelingen  (Oslsriesland)  7
Eisenach  (Gleise)  31
Llsast-Lothringen  und  Deutschland  ;2
Emden  2,  *10  f.,  2;,
England,  Lucke  ns  Beziehungen  zu
84-86,  94  f.,  xx6
„  und  Deutschland  85  f.,  97,
101  Qnm.
„  König  Edward  98
,,  englische  und  deutsche  Art  66,
*84  flnm.
Entente,  die,  im  Weltkrieg  98
Erfurt  (Vortrag)  80
Erlangen,  Berufung  nach  69
Esens  (Oslsriesland)  11  f.,  xj,  21
Essex  Hall  Lecture  8j
Lucken,  Rudolf  siehe  Registeranfang
Lucken-Afsozlation  in  Amerika  90
Lucken-Bund  93,  *114
5\
SFabricius,  David  und  floh.,  friesische
Astronomen  4
Falckenberg,  Rich.,  Philosoph  in  Erlangen ­
  (^1920)  115
Beuerbach,  Ludwig  xi,  12,  58
Richte,  floh,  gottl.  71
Fichtelgebirge  (Reise)  47
Finnland,  Euckens  Beziehungen  zu
*82,  95,  *114
„  Adre&amp;gt;fe  an  den  Zar  für
Finnland  82
Winsler,  georg,  Pfarrer  in  Zürich  59
bischer,  H.  A.,  Zurist,  Zena  76
irischer,  Kuno,  Philosoph  26,  46,  59,
62  flnm.
„  und  Trendelenburg  34  s.

Flandern,  Reise  nach  70
„  Siege  in  99
Flensburg  44
Florenz  (Reife)  77
Flottenvermehrung,  deutsche  98
Fortlage,  Karl,  Philosoph  63
Eorum,  amerikanische  Zeitschrift  86
Frankfurt  a.  Rst.  31,  *48,  51,  52
,,  „  „  Altesgpmnasium48f.
„  „  „  Fürstentag  31
Frankreich,  Euckens  Beziehungen  zu
79t  83,  84,  95
„  im  Weltkrieg  98
Freiburg  t.  Br.  56;  Berufung  nach  77
Frciwilligen-Efamen  und  gpmnastum
x8
Freienwalde  46
Frerichs,  Fr.  Th.  v.,  Rlediziner  ;,  8
Friedrich  der  graste  2,  11
Friedrich,  Kaiser  *76
Friedrich  Wilhelm  III.  von  preusten  2
Friedenskundgebung  des  Reichstags
102  f.
Friesisches  Recht  3  flnm.
Friesische  Sprache  2,  42
Frohburg  (auf  dem  Hauenstein
Schweiz)  36
Frommann,  Familie  in  2ena  61
Funck,  Konrektor  in  Aurich  18
6-genf
  92
gelzer,  Zoh.  Heinr.,  bad.  Staatsrat  33
genua  (Reife)  92
gettpsburg  (Amerika)  90
gibraltar  92
gidionfen,  gpmnastaldirektor  in
Husum  42,  44
Ziesten,  theologische  Fakultät  8x
gifhorn  9
gildemeister,  Otto  in  Bremen  73
gittermann,  Pfarrer,  Euckens  grostvater
  6  f.
„  Larl,  Euckens  Onkel
*ii  f.,  46
gladstone  37
goelhe4flnm.,  *34,  *61,  100,111,  118
„  Euckens  goethe-Rede  79
        <pb n="128" />
        göttingen  25  f.,  31,  34
„  Universität  *26,  30,  34
„  „Museum"  30
„  Studentenleben  *30  f.,  32
„  studenlisches3^reikorps(i863)
32
„  siudentische  Schulzwache
(1866)  35  s.
v.  Sergoltz,  §rhr.  Herm.,  Theologe  53
gotha,  Vorträge  in  80
gregor  von  Rpffa  ;8
H.
Haarlem  94
Haeckel,  Lrnst  62,  102
„  Populärphilosophie  66
Hagenbach,  Rud.,  Kirchenhistoriker  53
Hamburg  43,  80  (Vorträge)
Hamm51
Hannover  9,  26,  *32,  51,  104
„  König  georg  V.  34  f.
„  althannoversche  gesinnung
*9,  95
Harms,  lLriedr.,  Philosoph  6y
Harnach  Lidolf  v.,  Kirchenhistoriker  86
Hartmann,  Lduard  v.,  Philosoph  30
Harzreise  31
Hase,  Karl  v.,  Kirchenhistoriker  62  f.
Haupt,  Moriz,  Philologe  39
Heeresvorlage,  preußische  (Konfliktszeil)
  22
Hegel  18,  38,  66,  *67,  *71
Heidelberg  48,  83  (Phllofophen-Kongreß)

Helsingfors  (Einladung)  114
Herbart  38
Hertling,  lLrhr.  v,,  Reichskanzler  39
Heußler,  LIndr,,  Jurist,  Lasel  ;3
Heyder,  Larl,  Philosoph,  Lrlangen  69
Hildebrand,  Br.,  lNationalökonom  63
Hiltp,  Karl,  Iuristund  religiöscrSchriftsteller,
  Lern  114
Hjärne,  schwedischer  Historiker  83
Hochkirche,  englische  9;
Hodler,l?erd.,  Schweizer  Maler  92,115
Hossmann,  Stadtschulrat,  Berlin  40
„  katholischer  gelehrter  69
Holland  70
„  porlragsreisen  83,  94

Holland  und  Ostfriesland  1
Höllental  (Schwarzwald)  56
Holsteinische  Schweiz  43
Homburg  v.  d.  H.  48
v.  Hügel,  Baron  Friedrich  79
Husum  41-44,  49
3.
Bdealismus,  philosophischer  65  s.
„  aktivistscher  Luckens  stehe
„Tatwelt"
Ikle,  M.  101  Dnm.
Indische  Beziehungen  Luckens  97
Intellektualismus  66,  67,  *74  f.,  86
Isserstedt  (bei  Jena)  46
Italien,  Luckens  Beziehungen  zu  79
„  Reisen  nach  70,  77
Jäger,  Malst  Luckens  Schwiegersohn
103  s.
Jahrhundertfeier  1900:  79
„  *9*3-’  94  Qnm.
Iansten,  Ioh.,  katholischer  Historiker
;o
Japan,  Luckens  Beziehungen  zu  *96,
97,  116
Jena  *46,  60,  61,  73,  77,  81,  114
„  und  goethe  61,  79
„  Universität  26,  *59  f.  (Berufung),
*6r  f.  (geistiges  Leben),  *63  f.
(Studentenschaft),  79  (Jahrhundertfeier), ­
  *H2,  11;  (Hodlerbild)
„  bulgarische  Studenten  9;
„  japanische  Studenten  96
„  Bolksschullehrerkurse  80
„  Schwedische  Lehrerkurse  114
„  Lucken-Sund-Persammlung  114
Ienaische  Literaturzeitung  61
Jever  (Ostfriesland)  7
Ihering,  Rud.v.,  Jurist  3,  4,  19  Linm.
K.
Kahla  40-Kant
  29,  30,  39,  66,  *71,  76
Kassel;i
Katholische  gelehrte,  Luckens  Beziehungen ­
  zu  50,  69,  79
        <pb n="129" />
        Katholizismus  50
Kepler,  Ioh.,  Raturforfcher  4,  76
Kiel  (tHeife)  44
Kioto  (Einladung)  96
Kirchenväter,  Eucfens  SfuÖium  Ser  58
Kirchhofs,  Oöotf,  Philolog  40
Klaffen  Ser  gesellfchast  108  f.
Knak,  gustav,  Pasior,  Berlin  46
Köln;i,  51
Köpke,  Jlub.,  Historiker  40
Konfliktszeit,  preußische  22
Kopenhagen  (Reife)  1x3
Korea  (Reifeplan)  96
Krause,  Heinrich,  liberalerTheologe  40
„  K.  Ehr.  3t.,  Philosoph  18
v.  Krauseneck,  generalsiabschcf  62
Krieg  von  1864:  33
„  1866;  34—36
1870:  51s.
„  1914  siehe  Weltkrieg
Kulturkampf  37
2.
Lange,  F.  Ll.,  Philosoph  30,  37  Llnm.
„  Llugenarzt  in  Emden  8
Langeoog,  Polk  und  Badeleben  von
früher  12-14
Laffalle  22
Lehrs,  Karl,  Philologe  in  Königsberg
57  Llnm.
Lcibniz  66,  71,  75
Leiden  (Holland)  83
Leipzig  47
Lenz,  Map,  Hisioriker  yy
Leuchtenburg,  die  46
v.  Leutfch,  Philologe  göttingen  18
Liang-Lhi-Lhao,  chinesischer  Minister
113
Liebmann,  Otto,  Philosoph  iiy
Liljedahl,  schwedischer  Hauptmann
79  Llnm.
Lipsius,  Rich.  Lidalb.,  Theologe  63
London  79,  85,  94  f.
„  LorSmayor  von  8y  &amp;gt;
Lolze,  Herm.,  Philosoph  28  f.
Lowell,  Präsident,  Lambridge  87
ToweUInskitute,  Bosion  90
Lucae,  gust.,  Llnthropolog  yo

Lübeck  (Reife)  44
Luther  ii  Llnm.,  107
Luzern  57
m.
Magdeburg  38
Mainz  31
MaZorcscu,  rumänischer  Minisier  39
Marne-Rückzug  99
Mars,  Karl,  Sozialist  y8
Masse,  die,  und  der  Einzelne  32,  69
Llnm.
Melanchthon  81
Metaphysik  66,  72,  77
Meyer,  Legationsrat,  Berlin  40
Miefcher,  Mediziner  in  Bafel  56
Minden  26
Mittelstand,  deutscher  100
Möhring,  Konrektor  in  Llurich  18
Mommsen,  Theodor  39  s.
„  Tycho,  gymnasialdirektor
in  Frankfurt  48,  49
Monismus  66,  67
Montreal,  Universität  (Einladung)  90
Montreux  92
Moore,  Edw.,  Professor.  Boston  87
Münsicrberg,  Hugo,  deutsch-amerikanischer ­
  Philosoph  87,  96
31
Rapoleon  I.  61
„  NI.  ;i
Ratorp,  Paul,  Philosoph  73
Raturalismus  66,  *74  f.
Raumburg  (Lehrerkurs)  80
Reapel  92
Reukantianismus  30
Reumann,  Julius,  Rationalökonom
53,  5 8
„Reutralc  Stimmen''  101
Rew  pork  87,  88,  89,  92
„  Lolumbia-Universität  88,  90,  93
„  Deems  Lectureship  90
„  Eucken-LIst'oziation  90
„  New  York  University  90
Riagara  88
Riederdeutsche  Sprache  2,  *17
Riedersächsische  Qrt  y,  54;  siche  auch
Ostfriesland
Riemann,  Lllbert.  Tenorist  32
        <pb n="130" />
        I

Nietzsche,  Friedrich  6j,  *77,  94  Llnm.
„  Berufung  nach  Bafel  53
Nobelpreis  83  f.
Norderney  9
Norfiröm,  Bitalis,  schwedischer  Philosoph ­
  79,  83
Northarnpton  (Mass.),  Smith  Lollege
90
Norwegen,  Bortragsreife  nach  113
„  Lhrifilicher  Studentenbund  113
Nürnberg  (Borlrag)  99
O.
Österreich,  Luckens  Beziehungen  zu  69,7;
„  höheres  Schulwesen  44
Olaus  Petri-Stiftung,  schwedische  83
Oldenburg  9,  51
Orlhodorie,  kirchliche  19,  21,  25
Osnabrück  26
Ostfriesland,  Land  und  Leute  1-5,  14,
„  Bauernstand  2,  3  Llnm.
„  holländischer  Linflust  1
,,  kirchliche  Orthodoxie  21,  2;
„  politischer  Liberalismus  21  j.
„  Neife  nach  ;o  f.
Oxford  85
Ozeanreifen  87,  92
P.
Page,  amerikanischer  Botschafter  ior
Llnm.
paffow,  Llrnold,  gymnasialdirektor
78.  76
„  destenWitwe,  geb.Ulrichs  73
„  Brene,  Luckens  Frau,  siehe
2.  119
Pest  (Budapest),  Borlrag  in,  99  Llnm.
pfleiderer,  Otto,  protestantischer  Theolog ­
  63
Phelps,  Stuart,  amerikanischer  Philosoph ­
  68
Philadelphia,  Borträge  in  89
Philofophen-Kongrest  1908:  83
Plato;7,  10;
Populärphilofophie,materlalistifche66
Porter,  Noah,  amerikanischer  Philosoph ­
  39,  *68

Positivismus  ;8,  *66,  *71  f.,  76,  77
„  geistiger  Luckens  74,  76
Potsdam  38,  46
prantl,  Karl,  Philosoph  34
Protestantenverein  12
Public  schools  89
Nationalismus,  kirchlicher  61.
Nealismus,  philosophischer  6;,  *77
Neger,  Nlax,  Komponist  n;
Nehna,  graf  79
Neichstag,  Friedenskundgebung  vom
19.7.  17:  102  f.
Neil,  Boh.  Lhr.,Professor  derNIedizin  4
„  und  goethe  4  Llnm.
Netzius,  schwedischer  Naturforscher  83
Neuter,  TV.,  Nektar,  Llurich,  18-20,
23,  67
„  und  Bhering  19  Llnm.
Nevolution  siehe  Umwälzung
Nh  einreisen  31,  48
Nice,  B.  3Tt.,  amerikani  sch  ergel  ehrt  er  86
Nichler,  g.,  gymnasialdirektor,  Bena63
Ninteln,  Universität  7
Nitfchl,  Friedr.  Wilh.,  Philolog  53
Niviera  92
Nobert-Tornow,  gusiav  115  Onm.  2
Nohrbach,  Or.,  Bugendfreund  Luckens
38
Noofevelt  90
Nom-Neifen  63,  *77
Nosdorf  (bei  göttingen)  31
Nothert,  gymnasialdirektor,  Llurich  18
Nudolstadt  (Neife)  46
Nudorff,  Lid.  Friedr.,  Nechtslehrer  40
Nuprecht,  Konrektor,  Llurich  18
Nustland,  Lidreste  an  den  ZarfürFinn-„
  land  82
„  Neifeplan  96
„  im  Weltkrieg  98
Nülimeyer,  Ludwig,  Profestor  der
Zoologie  53
s.
Saaletal  46,  73
Sastnitz  70
Sauppe,  Herm.,  Philolog  *27,  32
Schaarfchmidt,  Karl,  Philosoph  69
        <pb n="131" />
        Schilling  71
Schencclady  (Llmerika)  90
LchleiVen,  JTt.  3.,  Botaniker  50,  64
Schleswig-Holsieinische  Jroge  31,  33,
42
Schmalkalden  (Lehrerkurs)  80
Schmidt,  Lidoif  Historiker  63
Schopenhauer  30
Schottische  Universitäten  (Einladung)
8;
Schroeder,  lLrau  Dr.,  geb.  Peters  16
Schultz,  Hermann,  Theolog  53
Schwarzatal  und  Schwarzburg  46
Schwarzwald,  Llufcnthalt  im  m
Schweden,  Eucfcns  Beziehungen  zu
*83,  116
„  Deutsch-schwedische  Bereinigung
79  LInm.
„  schwedische  Lehrer  in  Jena  114
„  König  gusiav  V:  83
„  König  Oskar  79,  83
Schweiz  59
Schwenden  er,  Sim.,  Botaniker  33
Secbeck,  Kurator  der  Universität  3ena
*59,  *61  5,  67,  73,  76
S  engl  er,  3akob,  Philosoph  36,  69
Seydel,  Rudolf,  Philosoph  7;
Sigwart,  Lhrisioph,  Philosoph  81
Sittliche  Ordnung,  Problem  der  104  ss.
Smidt,  Bürgermeisier  von  Bremen  73
Söderblom,  Aathan,  schwedischer
Theologe  83
Soziale  ^rage  und  sozialisiische  Bewegung ­
  22,  *58,  *108  f,  HO
Sozialisiengesetz  37
Spekulative  Philosophie  67,  *71
Spinoza  71
Stähclin,  Rud.,  Kirchenhisioriker  59
Steffenfen,  Karl,  Philosoph  53,  58
Stickel,  gusiav,  Orienkalisi  61
Stolp  (Pommern)  41
Stolzenfels  am  Rhein  31
Sloos  (über  dem  Vierwaldsiätler  See)
;6
Storm,  Theodor  42,  *43
Stop,  Karl,  Pädagog  63
Straufj,  Dav.  lLriedr.  29
Stroustberg,  Eisenbahnkönig  46
Subjektivismus  *77

Südamerika  und  Deutschland  91
Sxmtagma,  Euckenschcr  Begriff  74,107
Syracufe,  amerikanische  Universität  90
T.
Tannenberg,  Sieg  bei  99
„Tatwelt",  Euckenscher  Begriff  70,  72,
106,  117
Tegel  (bei  Berlin)  46
Teichmüller,  gusi.,  Philosoph  *29,
38,  52
Terminologie,  philosophische  68  f.
Tesi,  amerikanischerReverend  860nm.
Thuner  See  92
Thüringen,  Reisen  nach  31,  46  f,
„  Volksschullehrerkurse  in  80
„Times"  83
Tokio  (Einladung)  96
Toronto,  Universität  (Einladung)  90
Trendelenburg,  Lldolf  Philosoph  29,
*;8f,  41,  44,  4s,  46,  *54f.;
57  Llnm,,  68  Qnm.
„  und  Kuno  bischer  46,  34
Trine,  Ralph  Ivaldo,  amerikanischer
religiöser  Schriftsieller  92
Trippsiein  47
Tübingen  81
u.
Ulrichs,  Archäolog  73
Ulrich  Herrn,,  Philosoph  69
Umwälzung,  politisch-soziale  104,
108  f,  in  f,  117
Unitarier,  englische  8s,  9s
Universitäten,  Zukunft  der  112  f,
Upsala,  Vorlesungen  in  83
„Urania",  Vorträge  in  der  100
Utrecht  (Vorträge)  83
v.
Venedig  (Reise)  77
vereinigte  Staaten  siehe  Llmerika
Bischer,  Ratsherr  und  Professor,  Basel
;;
Volkmar,  gymnasialdireklor,  Llurich
18
        <pb n="132" />
        volksschullehrerstand  und  -Kurse  79  f.
voß,  Professor  der  Mathematik,  München ­
  16
W.
waitz,  georg,  Historiker  27
Wedewer,  katholischer  Schulmann
(^1871)  50
Weimar  und  sein  Hof  31,  *64
„  großherzog  Carl  Lllesander
*64,  79/  96/  *nr
Weltkrieg  97-104,  116
„  philosophische  Lrwägungen
über  den  104  s.
„  Lldrestc  derZntellektuellen  99
„  Reichstags-Friedenskundgebung ­
  102  f.
Werder  bei  Potsdam  38
Werder,  graf  o,,  general  52

Weferzeilung  73
Wien  7;
Wiesbaden  (Reisen)  48
Wiese,  Ludw.,  Leiter  des  höheren
preußischen  Schulwesens  41,  4;
Wildauer,  Tob.,  Philosoph  69
Wilhelm  I.,  Prinzregent,  König  und
Kaiser  22,  39,  76
„  II.,  Kaiser  76,  87
Wildcnbruch,  Lrnst  v.  84,  114
Wittmund  (Ostsrlesland)  6,  7
3.
Zabcrn,  Rillitärkonflikt  98
Zeller,  Lduard,  Philosoph  )7  llnm.
69,  76
Zirksena,  ostfriestscher  graf  2
Zürich;9
Zwingli  ii  Llnm.

Druck  von  Breitkops  8:  Härtel  in  Leipzig
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        I7A
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        3

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00

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CD

Llusklang.
hen  Lrwägungen  niöchte  ich  den  (Faden  der  früheren
lung  wieder  aufnehmen.  Im  Verlauf  des  Iahres
,  ich  zunächst  die  Linladung,  die  Lrinnerungsvor
  hundert  Jahren  geborenen  grosiherzog  Larl
halten.  Ich  habe  diese  Qufgabe  deshalb  gern  erch
  den  verstorbenen  grosiherzog  aufrichtig  schätzte,
chrlicher  Hochachtung  für  Kunst  und  Wissenschaft  crbesten
  Kräften  um  seine  Qufgabe  bemüht.  £r  hatte
lerung  an  goethe,  mit  dem  er  sich  näher  beschäftigte
er  täglich  irgendwelchen  Übschnitt  las.  Die  Pietät
idzug  seines  Lharakters.  Leider  hat  eine  Lungen-;
  mir  unmöglich  gemacht,  diese  Kede  zu  halten;  ich
i  Westermanns  Monatsheften"  ein  Bild  fenes  dürsten
ft  unbillig  beurteilt  wurde.  Iene  Lungenentzündung
er,  als  sie  mir  selbst  schien;  ohne  die  sehr  einsichtige
siege  der  Weinigen  wäre  ich  schwerlich  durchd)
  habe  mich  langsam  erholt  und  konnte  zunächst
ichtig  meine  Ürbeit  wiederaufnehmen.  Dann  aber
chalt  im  Schwarzwald  mich  sehr  erfrischt  und  mir
t  wieder  geschenkt.
war  aber  fene  grosie  Umwälzung  eingetreten.  £s
rt  fest,  dasi  ich  nach  bestem  Vermögen  für  das  ge-,ie
  Leben  zu  wirken  habe.  So  habe  ich  fofort  nach
&amp;gt;he  noch  Iyi8  die  Schrift  veröffentlicht  „Was  bleibt
die  gleich  mehrere  Üuflagen  erlebte.  Bald  darauf
weitere  Übhandlung  Uber  „Die  deutfche  Freiheit",
deutfchen  Begriff  der  Dreiheit  im  Unterschied  von
bei  den  anderen  Völkern  zu  erläutern  und  zu  be-Zugleich
  beschäftigten  mich  verschiedene  Üuflagen
li-- es  ist  augenscheinlich,  dasi  eben  fetzt  sich  viele  ge-^
  )sophie  flüchten  und  einen  Halt  von  ihr  erhoffen,
ch  eine  Schrift  über  den  „Sozialismus  und  feine
-  g",  die  iy2o  bei  Keclam  erschienen  ist.  Die  sozialen
;  n  mir  von  früh  an  nahe  getreten;  nun  aber  schien
3  das  ganze  Leben  unter  sich  zu  bringen,  und  der
S ;;  te  die  (Frage  auswerfen,  welche  (Folgen  daraus  für
Leben  hervorgehen  werden.
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        ﻿
        <pb n="136" />
        ﻿
        <pb n="137" />
        ﻿
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        ﻿
        <pb n="139" />
        ﻿
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