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        <title>Die Zukunft unserer Wirtschaft</title>
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            <forname>Ernst</forname>
            <surname>Bum</surname>
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        </author>
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            <idno>1012131262</idno>
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        ﻿
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        ﻿INHALTSVERZEICHNIS

1. Bondy, Carl: Der Weltkrieg-und seine
Wirkungen auf das Wirtschafts-
leben, 1 9l5.

?, Bum, Ernst: Die Zukunft unserer Wirt-
schaft. 5 917.

3.	Kundgebung für den sofortigem*Abbau

der Kriegswirtschaft,..1918.

4.	Kundgebung zum Abbau der Zwangswirt-

schaft... 1919.

5.	Mayer, Robert: Produktion und Rohstoff-

versorgung nach dem Kriege. 1917.

6.	Hüller, August: Gewaltfrieden und Wie-

deraufbau. 1959.

7.	Schmidt, Alfred; Übergangswirtschaft.

1917.

8.	Wiederaufbau der deutschen Friedenswirt-

schaft. 1918.
        <pb n="3" />
        ﻿

&amp;ie Zukunft
nseret Wirtstkaft





Van

!Dv. Hvnst Mum













Wien 1917

Verlag von Marte Perles, k. u. k. Haibuchhandlung
1. Seilergasse 4

*7s}{inrte!i£f ArdT
        <pb n="4" />
        ﻿SHe Zukunft
unsevetWivisdkaft

Von

3)r. Iwnst (Bum

Wien 1917

Vertag aon Moriz Pertes, k. u. k. Holbuchhandlung
1. Seilergasse 4
        <pb n="5" />
        ﻿
        <pb n="6" />
        ﻿Anleitung.

Wir stehen in einer schweren Krise des Staatsbe-
wußtseins. Nicht etwa bloß in Oesterreich, in allen krieg-
führenden Ländern führen die maßlosen Opfer, die der
Krieg jedem Einzelnen auferlegt, zum Nachdenken über
das Verhältnis des Individuums zum Staatsganzen. Die
Meinungen bewegen sich geradezu in Extremen.

Die einen wollen die Nützlichkeitsgesichtspunkte kaum
gelten lassen; sie meinen, daß der Einzelne erst als Teil des
Ganzen seinen Wert und seine Daseinsberechtigung findet,
sie verdammen jede individualistische Auffassung als eine
niedrige und unwürdige. Wir wollen hoffen und glauben,
daß sie auch in Geldsachen danach handeln.

Der Widerpart sind diejenigen, denen der Staat eine
Einrichtung ist, die nur das Wohlergehen des Bürgers zum
Zwecke habe und deshalb Ansprüche auch nicht über den
Nahmen dieser Aufgabe hinaus erheben dürfe; sie sagen:
»vV'as kann der Staat mir bieten, wofür er mein Leben,
meine Gesundheit oder auch nur mein Vermögen als Ent-
gelt zu nehmen befugt wäre?“ Manche glauben, die
Kriegsopfer ablehnen zu dürfen, weil sie den Krieg nicht
gewollt haben. Soweit die Erörterung akademisch ist,
könnte man es dabei bewenden lassen; sie wird aber
höchst bedeutsam als Anlaß, um der Beteiligung an Kriegs-
anleihen auszuweichen, vielleicht sogar die Flucht vor
Kriegssteuern zu beschönigen.
        <pb n="7" />
        ﻿Mit Zorn und Entrüstung wird man solchen Tendenzen
nicht beikommen; gerade vorn rein wirtschaftlichen Ge-
sichtspunkte aus müßte eine nüchterne Betrachtung der
wirtschaftlichen Tatsachen genügen. Alle Angehörigen
eines Staates stehen untereinander in einer Gemeinschaft
der Vermögensinteressen, die vor allem darin zum Aus-
drucke kommt, daß im Regelfälle ihre Einnahmen wie ihre
Ausgaben in inländischer Währung erfolgen. Die Kauf-
kraft des inländischen Geldes ist also der Maßstab ihrer
Lebenshaltung; das gilt umsomehr während des Krieges,
wo sie fast nichts vom Ausland erhalten und fast nichts
hinaussenden können. Sie gleichen etwa den Aktionären
oder den Kuxinhabern. Wie diesen, fehlt auch ihnen zu-
meist der unmittelbare Einfluß auf die Gebarung mit
ihrem Vermögen; wie diese, können sie an ihrem Anteil
Verlust erleiden, aber nicht darüber hinaus in Anspruch
genommen werden. Wie häufig ergibt sich aber im praK-
tischen Leben die Notwendigkeit, neue Opfer zu bringen,
um das derart angelegte Vermögen nicht verloren geben
zu müssen. Jeder Verständige wird sich bereit finden,
zu solchem Zwecke seinen Anteil herabzusetzen, oft so-
gar neue Zuschüsse zu machen, — immer vorausgesetzt,
daß er diese neuen Aufwendungen nicht für vergebliche,
das Unternehmen nicht für unrettbar ansieht. Hier hat
allerdings das Gleichnis sein Ende: den Staat und seinen
Kredit aufzugeben, hat niemand das Recht, hat auch nie-
mand Anlaß.

Man mag also theoretisch über das Verhältnis des
Staatsbürgers zum Staate denken wie man will; immer
hat jeder Einzelne nicht nur die sittliche Pflicht, er hat
auch das größte Interesse daran, den Staat in seinem
wirtschaftlichen Dasein zu erhalten. Um jeden Teil seines
Privatvermögens, den der Einzelne opfert, wird der Rest
seines Vermögens wertvoller. Nicht die Anzahl der Bank-
noten, die er besitzt, oder für seine sonstigen Werte ein-

4
        <pb n="8" />
        ﻿tauschen kann, ist maßgebend — entscheidend ist nur, was
sie auf dem Weltmärkte gelten, sobald dieser frei wird.

An der entsprechenden Vorbereitung für diesen Zeit-
punkt mitzuwirken, ist der Zweck der folgenden Dar-
legungen. Sie richten sich vor allem an die Gesetzgebung:
sie möchten aber besonderes Gewicht darauf legen, alle
Beteiligten zu überzeugen, daß ihr eigenes wohlverstan-
denes Interesse die weitestgehenden Opfer erheischt.

D
        <pb n="9" />
        ﻿^inmal muß der Krieg ja doch zu Ende gehen — und so
£ wenig wie in der Tätigkeit für seine Fortführung, dürfen
wir in den Bemühungen für die Vorbereitung des
Friedens ermatten. Darum keine Kriegsverdrossenheit
und keine Friedensverdrossenheit! Für Heer und
Flotte sorgen andere: wir im Hinterlande können
nur mit unseren Erfahrungen und unserem Nachdenken
an der Vorbereitung der Friedenswirtschaft mitwirken.
Jeder tut seine Schuldigkeit, wenn er seine Ideen der
(»Öffentlichkeit und den Regierenden unterbreitet; falsche
Bescheidenheit wäre hier zu allerletzt am Platze.

1.

Die wirtschaftliche Lage, in der sich Oesterreich-
Ungarn nach Beendigung des Krieges befinden wird, er-
scheint uns wie ein ungeheuer vergrößertes Bild dessen,
was sich vor einem Jahrhundert, nach dem Abschluß der
napoleonischen Kriege, abgespielt hat. Ein Aufwand, der
zu den Einnahmen des Staates außer jedem Verhältnisse
stand, mußte die Staatsschuld erhöhen und die Ausgabe
ungedeckter Noten in ungeahntem Maßstabe bewirken,
mit all den Folgen, die solchen wirtschaftswidrigen Er-
scheinungen notwendig anhaften: Unterwertigkeit der
heimischen Währung im Auslande, sinkende Kaufkraft des
Geldes im Inlande, Riesengewinne Einzelner gegenüber
zunehmender Verarmung der großen Mehrzahl.

Doch ist der Maßstab für all das eben ein ganz an-
derer geworden. Wenn wir aus der Vergangenheit eine
Lehre ziehen wollen, kann es nur die sein, durchaus
andere Wege einzuschlagen, um in normale Bahnen zu-
rückzukehren. Das Gespenst eines Staatsbankerottes

7
        <pb n="10" />
        ﻿darf nicht auftauchen; wir müssen und werden Mittel und
Wege finden, um allen Verpflichtungen des Staates nach-
zukommen und die Krise auch ohne Gefährdung der
Privatwirtschaft zu überwinden.

Unsere theoretische und insbesondere unsere wirt-
schaftliche Rüstung ist eine so wesentlich stärkere, die
Technik unseres Geldverkehres eine so vielfach ver-
besserte, daß wir das Beste hoffen dürfen, vorausgesetzt
allerdings, daß man sich nicht scheuen wird, das Nötige
rasch und tatkräftig ins Werk setzen.

Die wissenschaftliche Erforschung der Inflation und
ihrer Wirkungen ist eine sehr gründliche gewesen; daß
sie zu abschließenden Ergebnissen geführt hätte, ist aller-
dings schwer zu behaupten. Immerhin geht die überwie-
gende Anschauung dahin, daß Umlaufsmittel und Waren-
vorrat — wenigstens unter sonst gleichen Verhältnissen —
dem Gesetz von Nachfrage und Angebot in demSinne unter-
liegen, daß je weniger Ware und je mehr Barschaft, desto
höhere, je mehr Ware und je weniger Geld, umso
niedrigere Warenpreise sich ergeben. Herrschen zudem,
wie bei uns, die Zustände einer belagerten Festung, so
wird die Ware immer seltener, während das Geld, das
nicht ins Ausland abströmen kann, sich immer mehr an-
sammelt und so seine Kaufkraft in steigendem Maße ein-
büßt. Selbstverständlich werden diese an sich unvermeid-
lichen Zustände durch die Gewinnsucht Einzelner noch
sehr verschärft. So ergibt sich das Bild einer Preisstei-
gerung, die die Lage des Mittelstandes zu einer unerträg-
lichen macht (der Arbeiter ist durch das „eherne Lohn-
gesetz“ einigermaßen geschützt) und überdies zu einer
höchst bedauerlichen gegenseitigen Verbitterung führt.

Ganz besonders die Teuerung der Nahrungsmittel de-
klassiert die Beamtenschaft, diesen äußerst wichtigen
Teil der Bevölkerung, und setzt die Lebenshaltung Aller
bis hoch hinauf in die Kreise der Wohlhabenden, und da-
mit die öffentliche Gesundheit, empfindlich herab. Was
bisher von Staatswegen in dieser Richtung vorgekehrt
wurde, hat wenig sichtbaren Erfolg gezeitigt; allerdings
kann man annehmen, daß ohne staatliches Eingreifen die
Dinge noch schlimmer geworden wären. Denn bei freiem
Verkehr hätten die Bemittelten alles, die Minderbemit-
telten und Unbemittelten nahezu nichts erhalten. Es
ist leider nicht anzunehmen, daß mit Eintritt des Friedens
auch nur die Ernährungsverhältnisse sofort eine entschie-

8
        <pb n="11" />
        ﻿dene Besserung aufweisen werden — noch viel weniger
die Preisbildung irn allgemeinen.

Auch für die Hebung unserer Valuta wurden von
Staatswegen einige Schritte getan, naturgemäß mit sehr
geringem Erfolge: augenblicklich erhofft man eine an-
sehnliche Weinausfuhr, die wenigstens für einige Zeit einer
weiteren Verschlechterung vielleicht Vorbeugen wird.

Der Ueberschwemmung mit Zahlungsmitteln tritt
wirksam nur die Ausgabe der Kriegsanleihen entgegen;
die Erfahrung zeigt aber, daß immer noch viel zu wenig
in dieser Richtung geschehen ist. Es sind noch immer un-
verhältmäßig hohe Summen flüssiger Gelder in Ban-
ken und Sparkassen eingelegt; auch die ganz ungerecht-
fertigt hohen Kurse der Dividendenw^erte sind der Aus-
druck eines übernormalen Anlagebedürfnisses.

Der Mangel an Rohstoffen, die Einschränkung aller
Großbetriebe auf den unmittelbaren Kriegszweck, dadurch
das Fehlen der Erzeugnisse für den inländischen Bedarf,
ergänzen das in knappsten Srichen umrissene Bild einer
wirtschaftlichen Lage, deren Schwierigkeit gar nicht
überschätzt werden kann.

II.

Daß während des Krieges verschiedene Mittel ver-
sucht wurden und versucht werden, um den schweren
Uebeln zu steuern, unter denen wir leiden, wurde schon
erwähnt. Ein großer Teil davon wird im Augenblick des
Friedenseintrittes als kleinlich bei Seite bleiben müssen;
umsoweniger werden sie sich eignen, in vergrößer-
tem Maßstabe in Wirksamkeit gesetzt zu werden. Das
wird noch im Einzelnen zu erörtern sein.

Wir müssen die ganze Friedenswirtschaft, im weite-
sten Sinne des Wortes genommen, neu aufbauen. Und
man wird — das wäre vorauszuschicken — gut daran tun.
mit einer Besserung der sittlichen Auffassung und des
wirtschaftlichen Urteiles bei den Beteiligten nicht allzu-
sehr zu rechnen. Es hat durchaus den Anschein, daß die
drei Kriegsjahre die Charaktere nicht geläutert und den
Gemeinsinn nicht gefördert haben, soweit die große Mehr-
zahl in Betracht kommt — und nur diese kann bei Maß-
nahmen so allgemeiner Beschaffenheit in Frage stehen.

Nach den großen Gruppen der Uebel, unter denen
wir leiden, gliedern sich auch die Maßregeln der Abwehr.

9
        <pb n="12" />
        ﻿Die erste, die Beschaffung von Milliarden im Inlande, be-
darf an sich keiner Begründung; es kann sich nur um das
Wie handeln. Dazu kommt dann die Herstellung der Va-
luta: an den Abbau der Preise schließt sich von selbst
die Rohstoffbeschaffung und die Belebung von Gewerbe
und Handel-
ns ist selbstverständlich, daß keine dieser Fragen ge-
sondert, für sich allein, behandelt werden kann. Die an-
zuwendenden Mittel greifen ineinander; sie können sich
gegenseitig ergänzen und gegenseitig hindern. Darum ist
es ausnehmend wichtig, ihre relative Bedeutung festzu-
stellen, gewissermaßen den Vorrang zu bestimmen, der
einem der Zwecke vor einem anderen gebühren soll-

111.

W'o anfangen? Die Wiederherstellung unserer Staats-
finanzen ist das Alpha und das Omega unserer Bestre-
bungen. Sie ist natürlich auch ein grundlegende Voraus-
setzung für die Regelung unserer Währung; mit einigem
Recht könnte man freilich auch das Umgekehrte behaupten.
Die Valutaregulierung wieder sollte zum Abbau der Preise
mithelfen;, ohne diesen ist das Aufleben der industriellen und
gewerblichen Tätigkeit nicht denkbar. Und nur das Er-
starken unseres Erwerbslebens überhaupt kann uns in die
Lage setzen, die Neuordnung unserer Wirtschaft ins Werk
zu setzen.

Unverkennbar bestehen jedoch auch gegensätzliche
Interessen. Der staatliche Geldbedarf greift tief in das Er-
werbsleben; das ist unvermeidlich. Schwierig ist die
Grenze abzustecken; man wird da nicht eben wehleidig
sein können.

In sehr engem, aber leider sehr widerstreitendem
Verhältnisse steht die Hebung der Valuta mit dem Abbau
der Preise. Jede Einfuhrbeschränkung, die aus Gründen
der Währungspolitik erfolgt, schädigt unmittelbar und
mittelbar die Preispolitik. In gleichem Sinne wirkt, aller-
dings in beschränktem Maße, die Hebung der Ausfuhr.
Dieses Verhältnis ist von der allergrößten Bedeutung; es
bedarf der sorgfältigsten Erwägung, der vorsichtigsten
Behandlung.
        <pb n="13" />
        ﻿IV.

Aus dem eben Gesagten ergeben sieb die Gesichts-
punkte für die Rangordnung, die wir dem Wiederaufbau
unserer Staatswirtschaft geben müssen. Ohne eine we-
sentliche Herabsetzung des geradezu ruinösen Preis-
standes aller Lebensbedürfnisse werden wir nicht in der
Lage sein, den Anforderungen zu genügen, die die schwere
Uebergangszeit an uns stellen wird- Es wäre deshalb ein
arger Mißgriff wollte man aus Rücksicht auf den Stand
unserer Währung die Einfuhr der Nahrungsmittel und
Rohstoffe drosseln, die für die Lebensbedürfnisse der
großen Masse und für die Fabrikation der Be-
darfsartikel unentbehrlich sind, oder wollte man gar die
Ausfuhr solcher Waren fördern. Davon kann nicht ent-
schieden genug abgeraten werden, weil solche Bestre-
bungen, teilweise mißverständlich aus einseitiger Betonung
des Währungsinteresses, teilweise wohl auch von Kreisen
vertreten werden, dieglauben, in derErhaltunghoherPreise
ihren Vorteil zu finden. Selbst diese rechnen falsch: die
hohen Preise wirken, wie für sie, so auch gegen sie. Denn
dieser Schraube ohne Ende kann sich keiner entziehen;
mit den Preisen der Fertigprodukte steigen auch die Ar-
beitslöhne und Gehalte, zuletzt auch die Rohmaterialien.
Und schließlich zahlt den Gewinn, den die rechte Tasche
des Industriellen und Händlers erzielt, nur dieser selbst
aus seiner linken Tasche, ganz abgesehen von der Minder-
wertigkeit seines Geldes, die eben in der Höhe der Preise
ihren Ausdruck findet. Den Hauptschaden aber trägt immer
nur der sogenannte „Verbraucher“, richtig der Festbesol-
dete, dessen Bezüge niemals mit den Preisen Schritt hal-
ten können.

Also vor allem; sobald unsere Grenzen offen sind,
freie Bahn für alles, was unsere Wirtschaft benötigt! Keine
Einschränkung — außer für Luxusgegenstände —, keine
Rohstoffzentralen, die dem Einzelnen das Maß seiner in-
dustriellen Betätigung vorschreiben wollen! Sogar der Zoll-
schutz, dessen ein Teil unserer Industrie sicherlich in nor-
malen Zeiten bedarf, kann für die Uebergangszeit von
Uehel sein — erst muß der erste Hunger nach allen Be-
darfsartikeln einigermaßen gestillt, erst muß der Verkehr
mit den Waren, die uns gefehlt hatten, gesättigt sein, ehe
an den Schutz einzelner Erwerbszweige gedacht werden
kann. Daß übrigens auch bei Zulassung der Einfuhr auf die
v aluta Bedacht zu nehmen möglich ist, soll gezeigt werden.

11
        <pb n="14" />
        ﻿Hs ist nicht auszuschließen, daß ein solches Vorgehen
die Wiederherstellung unserer Valuta verzögern wird.
Aber dieses Ziel ist ohnedies in naher Zeit nicht zu er-
reichen; es wird in jedem Falle viele Jahre dauern, ehe
' wir dazu gelangen, so daß die Zeitdauer der Uebergangs-
wirtschaft nicht allzuschwer in die Wagschale fallen wird.
Und schließlich ist die Regelung der Valuta nicht Selbst-
zweck; man hat schon wiederholt die Erfahrung gemacht,
daß nicht so sehr der hohe Stand der Wechselkurse wie
ihr Schwanken als lebhafter wirtschaftlicher Nachteil
empfunden wird. Sicherlich aber sind normale Wechselkurse
ein wesentlicher Vorteil, der mit aller Macht anzustreben
ist, soweit eben nicht anderen, noch wichtigeren Zwecken
der Vorrang gebührt.

Leider sind unsere maßgebenden Faktoren wie hyp-
notisiert von der Währungsfrage. So wurde jüngst amt-
lich mitgeteilt, daß Zucker „aus valutarischen Gründen“
ausgeführt werde. Dies in einer Zeit, wo unsere Bevöl-
kerung durch den Zuckermangel in ihrer Ernährung
empfindlich gestört ist und große Mengen von Obst wert-
los werden, weil der Zucker zum Einsieden fehlt!

Es wird auch notwendig sein, die Einnahmen, die der
Staat sich durch Verteuerung der von ihm selbst beige-
stellten Bedarfsartikel beschafft, wieder herabzusetzen,
weil damit ein Glied aus der Kette der allgemeinen Preis-
steigerung beseitigt wird.

V.

Daß die Ordnung unserer Finanzen das alleroberste
aller Postulate ist, gibt jeder zu — nur wenn es zu be-
stimmten Vorschlägen kommt, erhebt stets irgend eine
mächtige Gruppe Einwendungen und Bedenken. Da muß
energischer Wandel geschaffen werden. Es gibt nur
einen Grundsatz: es ist jedermanns eigenstes Interesse,
daß unsere Staatswirtschaft heil und aufrecht aus dieser
furchtbaren Krise hervorgehe; kein Opfer, das jeder Ein-
zelne bringt, kann zu groß sein im Verhältnis zu dem
Erfolg, den es für jeden Einzelnen hat, wenn der Staats-
kredit, der Wert der Banknote, erhalten und allmählig
gehoben wird. Es gibt hier keinen Gegensatz zwischen der
Gesamtheit und dem Einzelnen: nur wenn dem Staate
geholfen wird, ist auch den Privatwirtschaften gedient.

12
        <pb n="15" />
        ﻿Wer das nicht einsieht, oder nicht einseheu will, der muß
eben gezwungen werden.

Eine — allerdings selbstverständliche - Rücksicht
muß gefordert werden; die Erhaltung der Erwerbsfähig-
keit. Die Drohung, daß der Unternehmungsgeist geschä-
digt werde, mit der unsere Großindustriellen so gerne
kommen, wenn man mit der Besteuerung der hohen Ge-
winne Ernst macht, hat allerdings im Grunde wenig zu be-
deuten. Solange die kapitalistische Wirtschaft besteht,
wird der Erwerbstrieb bei Groß und Klein seine Geltung
behalten, mag man ihm noch so sehr die Flügel beschnei-
den. Bange machen gilt nicht — mit diesem Grundsätze
muß an die Ordnung unserer Finanzen geschritten wer-
den.

Was wir brauchen, zerfällt in zwei Gruppen: Tilgung
oder Fundierung der schwebenden Schuld und Erhöhung
der laufenden Staatseinnahmen.

VI.

Zur Einschränkung des Banknotenumlaufes auf sein
normales Maß ist vor allem erforderlich, daß der Staat
seine kurzfristige Schuld an die Notenbank einlöse. Das ein-
fachste Mittel dazu ist die Begebung von Kriegsanleihe. Es
wurde schon angedeutet, daß in dieser Hinsicht noch lange
nicht genug geschehen ist, da der derzeitige Geldüber-
fluß nicht nur in den Einlagebüchern der Banken und
Sparkassen, sondern auch in der fortwährenden Kurs-
steigerung der Dividendenpapiere und der spezialgedeck-
ten Anlagewerte zur Geltung kommt.

Freilich sind nicht alle Mittel gleich gut. Gegen die
Hebung, die Zeichnung von Kriegsanleihe zu fördern, in-
dem der Staat sie für Steuern als Zahlung anzunehmen er-
klärt, bestehen ernsthafte Bedenken. Diese Maßnahme hat
nur den unmittelbaren Erfolg vor Augen: sie schafft aber
Besitzer von provisorischem Charakter und schädigt
schließlich den Staat, der neuerlich vor die Sorge gestellt
wird, große Posten Kriegsanleihe zu begeben, um für seine
laufenden Bedürfnisse sorgen zu können. Einer Prämie für
die Zeichnung von Kriegsanleihe sollte es gar nicht be-
dürfen — nicht nur aus ethischen Gründen, mehr noch
auf Grundlage der Berechnung ihres Erträgnisses und
ihres Einlösungswertes, die im Vergleich zu den älteren
Staatsrenten so wesentliche Vorteile aufweist. Pie gewisse

13
        <pb n="16" />
        ﻿Trägheit, die sich in manchen Kreisen gerade gegenüber
der Erwerbung von Kriegsanleihen kundgibt, soll und muß
überwunden werden. Wenn noch an eine besondere Be-
günstigung gedacht werden wollte, täte man besser, Zu-
geständnisse betreffend die Steuerpflicht zu machen, wie
etwa Befreiung der durch den Umtausch in Kriegsanleihe
erlangten Vorteile von Einkommen- und Kriegssteuer.

Große mittelbare Wirkung für diesen Zweck können
die später zu besprechenden Maßnahmen zur Besteuerung
der Aktiengesellschaften erlangen. Wenn Dividenden von
30 und 50 % nicht mehr möglich sein werden, müssen
naturgemäß bei vielen Aktien die Kurse, die auf solche
Verteilungen aufgebaut sind, entsprechend herabgehen. Die
Aktie wird ihres Nimbus entkleidet und das ganze Kurs-
gebäude stürzt zusammen. Es ist zu hoffen, daß dieses Er-
eignis noch während des Krieges eintritt, solange die un-
natürliche Geldfülle anhält; dann kann es ohne Gefahr für
die Gesamtheit sich abspielen. Bedenklich wäre nur,
wenn es durch den Geldbedarf herbeigeführt würde, den
der Frieden mit sich bringen wird. Solange aber Geld in
so großen Massen im Umlaufe sein wird, ist zu erwarten,
daß die von der Aktie enttäuschten Kapitalisten die Ver-
luste leicht verwinden und sich den Anlagewerten zu-
wenden werden.

Wenn ein ansehnlicher Teil des flüssigen Geldes
später, bei Beginn, der Friedenszeit, für Handel, Industrie
und Landwirtschaft benötigt werden wird, so dürfen des-
halb doch nicht Milliarden, wie jetzt, zu ganz niedrigem
Zinsfuß als Einlagen bei den Banken auf unbestimmte Zeit
lagern bleiben; es wäre weit richtiger, den größeren Teil
dieser Einlagen dem Staate zuzuführen und nur zu sorgen,
daß sie für späteren Bedarf flüssig gemacht werden können.
Den Weg dazu zeigen uns die Banken selbst. Sie verwenden
den Mauptteil der Einlagen, die sie mit ungefähr 3 ViX ver-
zinsen zur Belehnung von Kriegsanleihe und zu Vorein-
zahlungen, die sie bei der Postsparkasse auf die nächste
Kriegsanleihe machen, beides gegen 4 V2 bis 5 % Ver-
zinsung- Diese Geschäfte könnte der Staat selbst in die
Hand nehmen, indem der Postsparkasse einerseits die Be-
lehnung von Kriegsanleihen übertragen würde (wozu aller-
dings ein Gesetz erforderlich ist) und wenn weiters die
Postsparkasse angewiesen würde, direkt von den Par-
teien Voreinzahlungen auf die kommende Kriegsanleihe an-
zunehmen, woran jedes Postamt mitwirken könnte. Der
Staat und die Parteien könnten dabei mehr als 1 % an

14
        <pb n="17" />
        ﻿Verzinsung profitieren; die Banken aber dürften sich dar-
über umsoweniger beschweren, als sie ohnedies nur durch
eine Lücke der Gesetzgebung in der Verwendung von
Einlagen unbeschränkt sind, während für die Sparkassen
seit jeher strenge Vorschriften bestehen.

Wenn die Postsparkasse zur Belehnung von Kriegs-
anleihen ermächtigt ist, kann sie dann auch die Zusicherung
geben, in den ersten Jahren nach Friedensschluß etwa
75 % des Nominales mit 5 % zu belehnen, damit auf diese
Weise die nötigen Mittel für die Friedenswirtschaft ge-
sichert werden.

Ist soweit vorgesorgt, dann dürften selbst gegen die
zwangsweise Umwandlung eines Teiles der Einlagen in
Kriegsanleihe keine allzugroßen Bedenken übrig bleiben.
Auch dann könnte übrigens noch zugewartet werden, bis
sich die Wirkung der eben erörterten Maßregeln zeigt. Es
ist anzunehmen, daß der Staat, wenn er für Voreinzah-
lungen auf die Kriegsanleihe um eines vom Hundert mehr
bietet, als die Banken (und gleichzeitig die seinerzeitige
Belehnung der Kriegsanleihen zusagt), einen sehr ansehn-
lichen Teil der Einlagegelder sofort an sich ziehen wird.
Nur wenn das nicht in ausreichendem Maße gelingen
sollte, wäre Zwang am Platze.

VII.

Die größte Rolle bei der Unterbringung der Kriegs-
anleihen sollte das Vertrauen zu der Staatswirtschaft spie-
len. Die bloße, wenn auch noch so eindringliche Zusicherung
voller Verzinsung und pünktlicher Rückzahlung hat nicht
genügt, um eine Beteiligung zu bewirken, die der riesigen
Menge der umlaufenden Zahlungsmittel entsprechen
würde. Das Kapital ist zurückhaltend und wird zurück-
haltend bleiben, solange der unumstößliche Zahlungswille
des Staates bloß durch Worte und nicht durch Taten be-
kundet sein wird. Allerdings ist auch eine gute Politik
nötig — doch davon soll hier nicht weiter gesprochen
werden. In wirtschaftlicher Beziehung reicht es aber
keineswegs aus. daß in den ausgetretenen Bahnen weiter
gewandelt wird, um die bestehenden Einnahmsquellen
mechanisch durch Erhöhung der Sätze ergiebiger zu ge-
stalten. Wenn in unserer bisherigen Gesetzgebung ein
Grundsatz zu finden ist, kann es nur der sein, daß die
Duellen, die leicht greifbar sind (wie der Bestandzins, die

15
        <pb n="18" />
        ﻿Besoldungen, das Einkommen rechnungspflichtiger Unter-
nehmungen einerseits, die staatlichen Monopole und die
indirekten Steuern andererseits) unverhältnismäßig hoch
in Anspruch genommen werden. Die Ungerechtigkeit die-
ser Methode, die gerade die großen Vermögen und Ein-
kommen weniger trifft, dagegen die allgemeine Lebens-
haltung schwer belastet, ist allgemein bekannt. Es ist nun
kaum möglich, im Augenblick das ganze System der Be-
steuerung zu ändern, obwohl die Reformen, die Lloyd
George vor dem Kriege im britischen Reiche durchzu-
setzen wußte, ein ganz beachtenswertes Vorbild bieten
würden.

Da die Erhöhung des Bestehenden keinesfalls atis-
reicht, muß, schon um des Staatskredites willen, Neues
gefunden werden.

VIII-

Dieser Gedankengang weist vor allem auf eine radi-
kale Vermögensabgabe- Sie muß eintreten, soweit es nicht
gelingt, die schwebenden Schulden durch Anleihen voll ab-
zustoßen. Sie wird allerdings für keinen Fall ganz zu ver-
meiden sein; ihr Ausmaß aber wird sich nach diesem Be-
darfe richten müssen.

Es sind in der Wissenschaft schon verschiedene Vor-
schläge aufgetaucht, die der völlig geänderten Auffassung
des wirtschaftlichen Lebens, wie sie im Gefolge des
Krieges nach Geltung ringt, Rechnung tragen wollen.
Walter R a t li e n a u meint, es sollte nicht angehen, daß
Vermögen weit über das hinaus, was zur Befriedigung
auch der weitestgehenden Lebensbedürfnisse dienen kann,
angesammelt w.erde, solange ungezählte Millionen Menschen
nicht in der Lage sind, die nackte Notdurft des Leibes zu er-
halten und dem Bildungsbedürfnisse zu genügen, das ihnen
die Verwertung ihrer natürlichen Anlagen gestatten würde.
Rudolf G o 1 d s c h e i d will den Staat aus der drückenden
Abhängigkeit von dem Kapital befreien, indem er ihn
selbst durch Enteignung zum größten Kapitalisten ge-
staltet- Die Bodenreformer möchten den Grundbe-
sitz in die Hand des Staates legen, um dem Wucher mit
den Bodenerzeugnissen und der Ausnützung der Knapp-
heit des vorhandenen Grundbesitzes zu begegnen. Es ist
kaum anzunehmen, daß man soweit gehen wird. Aber eine

16
        <pb n="19" />
        ﻿starke Progression in der Heranziehung der großen Ver-
mögen wird nicht zu vermeiden sein; und nichts wäre
verkehrter, als diese Progression etwa bei der Million Halt
machen zu lassen. Mit dem überkommenen Respekt vor
den ganz großen Vermögen wird man aufhören müssen;
darüber soll im folgenden besonders gesprochen werden.

IX.

Man wird versuchen, die auf Inanspruchnahme der
größten Vermögen gerichteten Anregungen als sozialistisch
abzulehnen. In Wirklichkeit sind sie nichts weniger als
das, d. h. kapitalsfeindlich; im Gegenteil: die Erhaltung
unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung hängt dar-
an, daß nicht weiter allzu große Vermögen in wenigen
Händen angesammelt werden. W'irkt doch ihr Bestehen an
sich geradezu antikapitalistisch. Nicht etwa bloß weil die
Unbemittelten aufgereizt werden; die Millionen- und
Müliarden-Vermögen züchten regelmäßig blasierte Nichts-
tuer. oder — was noch schlimmer ist — Geldjäger aus
Passion. Kann es ein unerfreulicheres Bild geben, als einen
M o r g a n, dem kein Genuß der Erde zugänglich war,
der sich nur von Milch nähren konnte — dabei aber Zehn-
tausende um Hungerlöhne arbeiten ließ und alljährlich
Hunderte um ihr Vermögen brachte, damit seine Einkünfte
sich noch um Millionen jährlich erhöhten?

Es hat eine Zeit gegeben, wo die großen Vermögen
wirtschaftlich und kulturell ein Bedürfnis waren. Damals
konnten nur sie bedeutende Unternehmungen gewerb-
licher und finanzieller Art errichten und führen; ihnen
stand auch neben den Fürsten die Förderung der Kunst
und des Kunstgewerbes wohl an. Durch die Entwicklung
des Assoziationswesens haben sie ihre Bedeutung für
die Gesamtheit, ihre wirtschaftliche Berechtigung ver-
loren; sogar die Kunstförderung ist längst wesentlich ein
Staatsbetrieb geworden; und selbst die Bewirtschaftung
großer Acker- und Waldkomplexe wird heute mit gutem
Erfolge von Aktiengesellschaften geführt.

Aus solchen Erwägungen heraus erscheint das, was
jetzt geschehen soll, nur als ein bescheidener Anfang, um
die Ausschreitungen der Kapitalsbildung einzudämmen.

2

17
        <pb n="20" />
        ﻿X.

Es wäre weiter zu erwägen, ob nicht auch in anderer
Weise übermäßige Gewinne, die von Einzelnen erzielt
wurden, zur Deckung der Staatsbedürfnisse herangezogen
werden könnten. Sicherlich haben viele Unternehmen und
Unternehmer, ohne daß sie selbst unrechtmäßige Vorteile
angestrebt hätten, durch die plötzlich veränderten Um-
stände und durch die unvorgesehene Erhöhung der Um-
sätze Gewinne erzielt, die ihnen jetzt in gewissem Sinne
zur Last fallen, auch wenn sie nicht strafrechtlich zu
verfolgen sein sollten. Vieles, sehr vieles wird allerdings
unter den Begriff der Preistreiberei fallen; und es gibt nicht
wenige, die von schweren Sorgen bedrückt, sich gerne
mit großen Opfern von jeder Gefahr einer Verfolgung be-
freien möchten. Denen aber, die das empfangene Ueber-
maß unbedenklich zu behalten Lust hätten, darf man eben-
so unbedenklich dieses Uebermaß w'egnehmen. Das weist
uns zwei W'ege: begangenen Preistreibereien die Straf-
losigkeit durch tätige Reue zuzugestehen und so die frei-
willige Rückerstattung des zuviel Empfangenen zu fördern,
wobei naturgemäß der Staat den größten Teil erhielte —
und die zivilrechtliche Einschränkung („Minderung“ im
Sinne des deutschen Gesetzes) derjenigen Geschäfte, bei
denen, gleichviel ob mit oder ohne strafbare Absicht, ein
übermäßiger Gewinn erzielt wurde. Es wäre einfach das
empfangene Uebermaß dem anderen Vertragsteil zurück-
zuerstatten. rücksichtlich im Rechtswege zuzusprechen.

Es müßte allerdings vorgesorgt werden, daß durch
eine solche Vorschrift nicht allzuviel Rechtsstreitigkeiten
entstehen; man sollte deshalb die Rückforderung nicht nur
zeitlich begrenzen,sondern auch durch einen Mindestbetrag
einschränken. Vielleicht wäre es angezeigt, ein Sonder-
gericht damit zu befassen, das etwa nach Art der Börsen-
schiedsgerichte zu konstituieren wäre.

Für den Staat könnte daraus eine recht erhebliche
Einnahme erwachsen; und wenn gelegentlich einmal auch
einem Einzelnen etwas zukäme, was er ungebührlich be-
zahlt hatte, wäre das Unglück nicht so groß. Die Rechts-
sicherheit würde auch nicht allzusehr leiden — wir haben
in den drei Kriegsjahren Aergeres tragen gelernt.

18
        <pb n="21" />
        ﻿XI.

Den Uebergang von den einmaligen Einnahmsquellen
zu den ständigen bilden gewissermaßen die Erbschafts-
gebühren, wenn sie in einem weitergreifenden Maße aus-
gestaltet werden, als dies bisher geschehen ist. Die eben
entwickelten Grundsätze lassen das gerechtfertigt er-
scheinen.

Schon lange hat, besonders im Deutschen Reiche, eine
Bewegung eingesetzt, die vor allem auf die Einschränkung
der Farentelen, und in zweiter Linie auf eine größere Be-
teiligung des Gemeinwesens an allen Erbfällen abzielt. In
ersterer Richtung hat schon unsere § 14-Novelle einen klei-
nen, allerdings sehr behutsamen Schritt nach vorwärts
gemacht. Immer aber ist unsere gesetzliche Erbfolge noch
eine geradezu vernunftwidrige. C)der kann man es anders
bezeichnen, daß bei der Intestaterbfolge oft Verwandte,
die von dem Dasein des Erblassers gar keine Kenntnis
hatten, mit Mühe und Kosten gesucht werden, damit sie
ein Vermögen entgegennehmen, das ihnen im vollen Sinne
des Wortes ein fremdes ist? Wenn neben dem Ehegatten
die Nachkommen, die Aszendenten des Verstorbenen und
die Nachkommen seiner Eltern erbberechtigt sind, ist allen
Anforderungen der Billigkeit entsprochen, besonders so-
lange die Testierfreiheit unbeschränkt bleibt.

Bei der Erbfolge aus einem letzten Willen aber sollte
&lt;Jer dem Staate zufallende Anteil nicht mehr als eine Ver-
kehrsabgabe, sondern als ein gesetzliches Legat behan-
delt werden, das ebenso wie unsere Nachlaßgebühren
"ach dem Verhältnis des Erwerbers zum Erblasser und
überdies in starker Progression nach der Höhe des An-
laßes abzustufen wäre. Ein solches Legat könnte einen weit
größeren Teil des Angefallenen ausmachen, als eine Ver-
kehrssteuer wie unsere derzeitige Gebühr. In dieser
Dichtung muß das kapitalistische Interesse gleichfalls
weitgehende Zugeständnisse machen, wenn es seine Da-
seinsberechtigung nicht aufs Spiel setzen will.

Soweit die vorhandenen Vermögenswerte die bare
Auszahlung nicht gestatten, müßte eine staatliche Vorsorge
iür die Beschaffung der Mittel durch Belehnung der Nach-
laßobjekte, besonders des unbeweglichen Vermögens,

und Abstattung im Wege der Amortisation getroffen war-
nen.

Diese Erbschaftsabgabe könnte vielleicht zur allmäh-

2*

19
        <pb n="22" />
        ﻿ligen Tilgung der Staatsschuld besonders gewidmet wer-
den.

XII.

Die allgemeine Besteuerung des Wertzuwachses ist
gleichfalls ein Erfordernis der modernen Anschauungen.
Sie wäre, woran wohl bisher weniger gedacht wurde,
auch auf die Gewinne von Wertpapieren zu legen, u. zw.
auch auf die noch nicht abgewickelten, aus Gründen, die
später auszuführen sind. Im Uebrigen trifft sie naturgemäß
vor allem den Grundbesitz. Man muß eben der Tatsache
Rechnung tragen, daß das fortwährende Steigen der
Grundrente und des Grundwertes ein Naturgesetz ist, des-
sen Ergebnisse nicht dem einzelnen Besitzer, sondern der
Gesamtheit zugute kommen sollen. Wenn der erhöhte Er-
trag nur durch Steuern (also verhältnismäßig sehr gering)
belastet wird, soll doch die unverdiente Erhöhung des
Wertes selbst der Allgemeinheit, zumindest mit dem über-
wiegenden Teile, zugute kommen.

Folgerichtiger wäre es wohl, Grund und Boden
gänzlich zu verstaatlichen und nur die Nutzung, u. zw.
nach Art eines Erbbaurechtes bei Häusern, und gleich
einer Erbpacht bei landwirtschaftlichen Grundstücken, den
Eigentümern für etwa 70—90 Jahre zu belassen. Ein
solcher Zeitraum müßte auch genügen, um die haftenden
Schulden aus dem Ertrage zu tilgen. Die Ablösung wäre
dann entbehrlich. Damit würde der Staat unmittelbar
Eigentümer eines großen Vermögens und dadurch ent-
sprechend kreditwürdiger. Für ein solches Vorgehen
dürfte allerdings die Zeit noch nicht gekommen sein.

XIII.

Von großer grundsätzlicher Bedeutung ist die Frage,
ob und wieweit der Staat seine Einnahmen durch Ueber-
nahme von Unternehmungen in seinen Eigenbetrieb und
durch Schaffung neuer Monopole erhöhen soll und kann.
Die lebhafte Agitation, die in dieser Richtung mit viel Be-
gabung, aber völlig unzureichender Sachkunde geführt
wird, dürfte nicht ohne Eindruck geblieben sein; es ist
deshalb umso nötiger, dem Gegenstand unbefangen nahe-
zutreten.
        <pb n="23" />
        ﻿Soweit der mühelose Erwerb des Aktionärs den
Gegenstand der Angriffe bildet, sind wohl nicht viel Worte
nötig. Das Einkommen des Rentners ist nicht weniger
mühelos; wenn es keine Aussicht auf Steigerung hat, ist
es dafür weniger gefährdet. Solche Einnahmen mißbil-
ligen, heißt also einfach antikapitalistisch sein — das ist
gewiß ein Standpunkt, aber kein solcher, der einer prak-
tischen Wirtschaftspolitik heute zu Grunde zu legen ist.

Ernsthaft in Frage kommen kann somit nur, ob es für
die Gesamtheit vorteilhafter ist, wenn gewisse Unterneh-
mungen verstaatlicht (oder auch verstadtlicht) werden.
Die Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben, sind kei-
neswegs ermutigend. Der Staat (und nicht minder die
Stadt) verwaltet schlecht und teuer, vor allem, weil Be-
amte im allgemeinen sich für die Leitung von gewerb-
lichen und kaufmännischen Betrieben nicht eignen. Das
hat sich schon vor dem Kriege gezeigt, am deutlichsten
aber wohl in der bürokratischen Behandlung der Ernäh-
mngs- und sonstigen Kriegswirtschaftsangelegenheiten.
Es liegt eben in dem Wesen des öffentlichen Beamten,
die Verantwortung zu scheuen, das Handeln auf eigene
Gefahr zu meiden, sich bei jedem Schritt durch eine Vor-
schrift oder einen Auftrag decken zu wollen. Das geschäft-
liche Leben aber, das rasche Entschlüsse, selbständiges
Handeln erfordert, verträgt ein solches Vorgehen nicht.
Diese Eigenschaften machen auch eine übergroße An-
zahl von Angestellten erforderlich, und sie bewirken den
schleppenden und unregelmäßigen Gang der Geschäfte.
Ein Teil dieser Mängel tritt wohl auch bei großen Privat-
instituten zutage; doch werden sie dort zumeist durch
den interessierten Eifer der leitenden Personen ein-
geschränkt. Dem staatlichen Unternehmen fehlt auch fast
immer der Ansporn, der im Wettbewerb liegt. Alle Nach-
teile, die jedes Monopol für die Gesamtheit hat, kommen
zur Geltung. Anders bei den privaten Unternehmen: die
Rücksicht auf den Wettbewerb zwingt sie, den Bedürf-
nissen und Wünschen ihrer Geschäftsfreunde tunlichst zu
entsprechen. Welche Rolle dieser Umstand beispielsweise
bei den Versicherungsgesellschaften spielt, ist jedem Kun-
digen wohl bewußt.

Der Staat als solcher würde also aus den verstaat-
lichten Unternehmen keineswegs auch nur annähernd die
Vorteile erzielen, die der Private oder eine gut geführte
Gesellschaft hätte. Er würde auch sicherlich seine Lie-
feranten und seine Abnehmer weit ungünstiger behandeln.

21
        <pb n="24" />
        ﻿Es ist ja allgemein bekannt, wie drückend die Bestim-
mungen der Verträge sind, die Staat und Gemeinden zu
schließen pflegen und wie wenig der Kontrahent auf Ent-
gegenkommen und Anwendung von Billigkeit rechnen
darf.

Hiezu kommt noch eines; jedes Monopol, das der
Staat oder eine öffentliche Körperschaft sich zueignet,
wird alsbald einfach als Steuerquelle benützt. Wenn der
Staat Geld braucht, erhöht er, ohne Rücksicht auf kauf-
männische Grundsätze, die Eisenbahntarife und Fern-
sprechgebühren, ohne Rücksicht auf die Gestehungskosten
die Salz- und Tabakpreise. Nicht anders macht es die Ge-
meinde mit den Gebühren für Gas und Elektrizität und
für die Beförderung auf den Straßenbahnen. Wie streng
wurden dagegen die privaten Gesellschaften gehalten, so-
lange diese Gegenstände in ihrem Betriebe waren! Es kann
nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß das Publi-
kum vor der Uebernahrne durch Staat und Sadt weit-
aus besser daran war.

Auch die erhöhten Einnahmen, die Staat und Gemeinde
erzielen, können keineswegs deshalb schon als ein wün-
schenswerter Erfolg gelten. Denn sie sind eine durchaus
unwirtschaftliche Art der Aufbringung dieser Beträge.
Einerseits weil, wie gezeigt, die Verwaltung dieser Ein-
nahmen eine viel zu kostspielige ist — anderseits aber, weil
diesen Einnahmen die bekannten Fehler jeder indirekten
Steuer anhaften: daß sie nicht auf die Gesamtheit nach
Maßgabe der Leistungsfähigkeit eines jeden verteilt wer-
den, sondern nach dem zufälligen oder notwendigen Aus-
maße des Bedarfes die Einzelnen ganz verschieden be-
lasten, gleichviel ob arm oder reich, wie z. B. bei dem
Salzverbrauch, am deutlichsten vielleicht bei einer Er-
höhung der Straßenbahn-Fahrpreise, die fast nur die
Minderbemittelten trifft, gerade die Reichen gar nicht be-
rührt.

Aus allen diesen Erwägungen kann eine wesentliche
Ausdehnung der staatlichen Wirksamkeit auf gewerb-
lichem oder sonst kaufmännischem Gebiet nicht empfohlen
werden — wenigstens nicht aus Rücksicht auf die Staats-
einnahmen. Ob nicht andere gewichtige wirtschaftliche
Erwägungen in Einzelfällen die Verstaatlichung er-
heischen, wie z. B. bei Kohlengruben oder Transportschif-
fen, muß hier außer Erörterung bleiben.

r?
        <pb n="25" />
        ﻿XIV-

Die Kriegssteuer ist von allen Einnahmequellen die
nächste, sie wirft denn auch schon ihre Schatten voraus.
Unsere Geschäftswelt fragt, bei jedem Schritte besorgt:
„Ja. werde ich da nicht Kriegssteuer zahlen müssen?“
Es ist eben nicht jedermanns Sache, sich darein zu finden,
daß man einen Gesellschafter habe, der ohne die Gefahr
zu teilen, die Hälfte oder mehr von dem Nutzen in An-
spruch nimmt. Die Ueberzeugtmg, daß die Erhaltung des
Staatskredites eine Sache sei, die jeden von uns angeht,
die von jedem Opfer fordert und einem jeden seine Opfer
lohnt — diese Ueberzeugung hat sich noch keineswegs
zur Geltung durchgerungen. So entstehen die seltsamsten
Zustände; man vermeidet es, Gewinne zu realisieren,
weil die hohe Abgabe eine Art Prämie für längeres Durch-
halten zu bieten scheint. Am schärfsten tritt das natürlich
an der Börse hervor: und es ist nicht zuviel gesagt, wenn
man den ganz ungerechtfertigten Hochstand der Kurse
mit darauf zurückführt, daß die glücklichen Spekulanten
ihre Effekten lieber behalten, ehe sie von dem Gewinne,
den sie erzielen würden, so viel an den Staat abgeben.

Dieser Zustand ist für die Steuerträger, und noch
mehr für die Finanzverwaltung, durchaus unbefriedigend.
Eine Abhilfe wäre wohl nur darin zu finden, wenn für die
Ermittlung der Kriegssteuer, in weiterer Abweichung von
dem Personalsteuergesetze, auch die noch nicht reali-
sierten, dem Werte nach bereits vorhandenen Gewinnste
maßgebend erklärt würden.*)

Im übrigen bedarf die Kriegssteuer einer mehr
durchdachten Behandlung, als ihr in den Stein-
wend e Eschen Anträgen zuteil wurde. Kapitalsassozi-
ationen progressiv nach der absoluten Höhe ihres Erträg-
nisses heranzuziehen, ist ein Unding — nicht einmal so
sehr, weil den großen Unternehmen zu wenig, als viel-
mehr, weil den kleinen zu viel bleibt. Wenn eine Gesell-
schaft mit einem Kapitale von einer Million eine Million
verdient hat, ist es zu w-enig, wenn ihr 600.000 Kronen
genommen werden, weil ihr noch ein Gewinn von 40%
bleibt — wenn aber hundert Millionen, ja selbst wenn
zehn Millionen eine Million abgeworfen haben, ist
eine sechzigperzentige Abgabe zu hoch, weil nur 0.4%,

*) Ähnlich jetzt Antrag Dr. Schürff-Wedra im Abgeordnetenhause.

23.
        <pb n="26" />
        ﻿rücksichtlidi 4 % als Erträgnis übrig bleiben. Ganz an-
ders bei Einzelpersonen; bei ihnen ist das Verhältnis von
Kapital und Ertrag sehr schwer festzustellen; und wenn
einem Einzelnen von 100.000 Kronen Einkommen selbst
nur 40.000 bleiben, ist er nicht eben zu bedauern, mag
sein Kapital groß oder klein sein- Die Regierung war also
im Rechte, als sie für die Kriegssteuer der Gesellschaften
den perzentuellen, für die der Einzelpersonen den ab-
soluten Maßstab vorschlug.

Auch die sogenannte „Rückwirkung“ des Gesetzes
ist nicht verwerflich, nicht einmal unbillig. Die gesamte
Kriegszeit bildet wirtschftlich eine Einheit: sie ist also auch
einheitlich zu besteuern. Nebenbei bemerkt, ist es ganz
unvernünftig, die intensivere Besteuerung mit den Ergeb-
nissen des Jahres 1917 beginnen zu lassen, wo doch 1915
und 1916 die eigentlich erfolgreiche Zeitspanne waren. Es
wäre also am Platze, nach dem Ergebnisse der ersten
drei Jahre provisorisch zu bemessen und die cndgiltige
Festsetzung dem Kriegsende vorzubehalten.

Auf einer derart gerechten Grundlage könnten die
Sätze noch wesentlich erhöht und überdies durch die Ein-
führung eines Einkommensmaximus ergänzt werden. Hs
ist nicht einzusehen, warum nicht ein Erträgnis von etwa
15—20 % für Gesellschaften und ein Einkommen von etwa
100.000 (oder selbst 200.000) Kronen für Einzelpersonen
als das Höchstmaß dessen gelten könnte, was in dem für
die wirtschaftliche Wiedergeburt des Staates maß-
gebenden Zeiträume ins Verdienen gebracht werden dürfte.
Der Mehrbetrag hätte dem Staat zuzufallen — vielleicht
mit dem besonderen Zwecke der Gutmachung der Kriegs-
schäden. Die großen Vermögen sollten ihr automatisches
Wachstum nicht auch während der Zeit fortsetzen, wo
der Staat alles aufbieten muß, um seinen Verbindlichkeiten
nachzukommen, wo der Staat seinen Invaliden, seinen
Kriegswitwen und -Waisen nicht einmal soviel geben
kann, daß sie vor Hunger und Verelendung bewahrt seien.

XV.

Daß Sparsamkeit in jedem Sinne zu den wesentlichen
Voraussetzungen für die allmählige Wiederherstellung
unserer Wirtschaft gehören wird, ist mehr als selbstver-
ständlich; dennoch können einige Bemerkungen dazu am
Platze sein.

24
        <pb n="27" />
        ﻿Sparsamkeit in den einzelnen Haushalten ist in hohem
Grade nötig, weil die weitere Kapitalsbildung gewiß unter
sehr erschwerten Bedingungen vor sich gehen wird. Nun
sind wir durch die Kriegsverhältnisse in zwei entgegen-
gesetzte Richtungen gedrängt worden: wir haben gelernt,
mit allem haushälterisch umzugehen, was uns an Lebens-
bedarf geboten ist, nichts zu verschmähen, nichts
zu verschwenden, alles zu verwerten — wir haben
aber auch, durch die Not gezwungen, zumeist ver-
lernt, unsere Ausgaben nach den Einnahmen
zu richten- Wer denkt heute daran, ob eine Anschaffung
ihm durch seine Einkünfte gestattet ist? Wer sich Geld
verschaffen kann, sieht dazu, daß seine Familie nichtHunger
leide, nicht der nötigen Bekleidung ermangle. Wenn nun
halbwegs normale Preisverhältnisse wiedergekommen sein
werden, müssen wir das Gute behalten: die Achtung vor
allem, was unseren Lebensbedürfnissen dient, die Abkehr
von jeder Vergeudung nutzbaren Materiales. Dagegen
müssen wir umsomehr zu der strengen Rechnung zurück-
kehren, wie sie in den Kreisen des erwerbenden Bürger-
tums üblich war. Von ihm geht die Bildung der Sparkapi-
talien aus; was der Fabrikant und der Kaufmann, was der
Landwirt in mühevoller Tätigkeit zurücklegt, gibt den
Stoff für den Reichtum des Landes, die Grundlage für die
Entwicklung der Staatswirtschaft. Die Eintagsgewinne
der Spekulanten spielen daneben keine große Rolle, so sehr
sie auch durch Luxus und Protzentum auffallen mögen.

Wenn der Staat, durch die Sachlage gezwungen, die
Mittel seiner Bürger auf das äußerste in Anspruch
nimmt, so erwächst ihm daraus naturgemäß die Ver-
pflichtung, auch seinerseits die größte Sparsamkeit anzu-
wenden. Freilich, am rechten Platze! Wir haben bisher
nur die Verzinsung und T ilgung der Staatsschuld vor
Augen gehabt; dabei sparen zu wollen, wäre wohl die
schlechteste Politik. Die anderen Ausgaben aber bedürfen
sehr weitgehender Einschränkungen. Die wichtigste
Frage in diesem Belange ist wohl die, ob die Friedens-
bedingungen eine wesentliche Herabsetzung der Rüstungs-
ausgaben gestatten oder vielleicht sogar erzwingen
werden. Ein ehrlicher Friede müßte wohl eine solche Wir-
kung haben. An uns allein aber liegt es, durch eine gründ-
liche Reform der Verwaltung den ganzen Apparat lei-
stungsfähiger und gleichzeitig wohlfeiler zu gestalten. Das
Wie ist nicht an dieser Stelle zu erörtern; nur beiläufig
wäre zu bemerken, daß eine Neuorganisation von unten
        <pb n="28" />
        ﻿herauf, etwa im Wege der vielbesprochenen Kreisein-
teilung auf nationaler Grundlage, notwendig sein wird.
Hinen großen Schritt nach vorwärts würde es wohl auch
bedeuten, wenn die Kronlandseinteilung aufgelassen
würde; ihr fehlt die administrative und zumeist auch die
politische Berechtigung. Was man zu ihren Gunsten an-
führt, ist das provinziale Vaterlandsgefühl; es ist aber sehr
fraglich, ob es nicht besser zugunsten des Staatsgefühles
zurücktreten sollte.

XVI.

Die Gleichheit der wirtschaftlichen Voraussetzungen
wird wahrscheinlich auch die anderen Staaten, Freunde
wie Feinde, vielleicht selbst Neutrale, zu ähnlichen Maß-
regeln zwingen. Es muß aber dennoch Vorsorge getroffen
werden, um zu vereiteln, daß die gefährdeten Reichen
durch Auswanderung oder Uebertragung von Vermögen
ins Ausland sich den Wirkungen unserer Maßnahmen ent-
ziehen. Während der Kriegsdauer wird ihnen das kaum
möglich sein; aber auch weiter, noch durch einige Jahre,
wird die staatliche Kontrolle über die zwischenstaatlichen
Geld- und Wertpapier-Transaktionen aufrecht zu erhalten
sein. Ueberdies wäre ein strenges Verbot der Verrnögens-
ansfuhr, mit scharfen Strafen, im Gesetzgebungswege zu
erlassen.

XVII.

Wird durch entschiedenes Erfassen aller Einnahms-
quellen der Staatskredit gefestigt, so wird damit schon
die wesentlichste Voraussetzung für die Hebung unserer
Valuta gegeben sein. Denn nur dadurch wird es möglich
werden, sofort nach Friedensschluß eine namhafte An-
leihe im Auslande zu begeben, damit unser großer Ein-
fuhrbedarf die Wechselkurse nicht weiter in Mitleiden-
schaft ziehe. Vielleicht wird sogar die Erlangung einer
Goldanleihe mit anderen wirtschaftlichen Friedensbedin-
gungen zu verbinden sein.

Auch eine Vorsorge in der Weise würde sich emp-
fehlen, daß Zollfreiheit oder Zollherabsetzung für die
Einfuhr bestimmter Artikel nur unter der Bedingung ge-
währt werde, wenn der effektive Ausgleich des Gegen-
wertes erst nach einer Frist von zwei oder drei Jahren

26
        <pb n="29" />
        ﻿erfolgt. Selbstverständlich nicht durch Kreditgewährung
für so lange Zeit: der Kaufpreis wäre nach dem jeweiligen
Stande der Wechselkurse im Inlande in inländischer Wäh-
rung an sicherer Stelle zu hinterlegen, aber erst nach Ab-
lauf der bestimmten Zeit samt Zinsen effektiv auszuzahlen.

Aehnliches wäre im Friedensvertrag für die Berich-
tigung der in ausländischer Währung zahlbaren Schulden
zu vereinbaren.

Daß wir eine Ausfuhr nur haben können, wenn unsere
Warenpreise den Wettbewerb mit dem Auslande ver-
tragen, ist klar, weil wir, solange die Existenzbedin-
gungen so abnorme sind, nicht billig erzeugen können.
Der anscheinende Zollschutz, den ungünstige Wechsel-
kurse bilden, wird durch die Verteuerung der Produktion
reichlich aufgewogen.

XVIII.

Neue Mittel zur Hebung unseres Erwerbslebens wird
kaum jemand finden; es genügt auch vollständig, wenn
die bekannten ausreichend angewendet werden. Besei-
tigung aller zünftlerischen Einschränkungen, schleunige
und wohlwollende amtliche Behandlung neuer Betriebs-
anlagen, gerechte Handhabung der Steuervorschriften,
das wäre etwa eine Gruppe; Hebung des gewerblichen
Unterrichtes für die große Menge, Erleichterung des Be-
suches der technischen Mittelschulen, Förderung des Er-
findungsgeistes durch Anlage von Versuchsanstalten und
Laboratorien, wäre eine zweite Gruppe; Einrichtung
und Unterstützung von Geldinstituten, die ohne Aus-
beutung den nötigen Kredit gewähren sollen, Arbeiter-
und Angesteilten-Schutz mit Altersversorgung, wären
weitere Gruppen. Zu ihrer Durchführung gehört vor allem
die Tötung des bürokratischen Geistes in unserer Ver-
waltung, der sich durch einen — manchmal geradezu kin-
dischen Trotz gegen die bessere Einsicht anderer nach
außen und durch unausgesetzte Bedenken und Ableh-
nungen der Verantwortung nach innen, so unangenehm
fühlbar macht. Wir betrachten schon die Selbstverwaltung,
so böse sie oft durch Parteilichkeit sündigt, als das
kleinere Uebel gegenüber einer Beamtenschaft, die nicht
einsehen will, daß sie dem Staate nur dient, indem sie
dem Volke dient, und die vielfach nicht versteht, daß die
Ausübung ihrer Mannesrechte ihre Mannespflicht ist.
        <pb n="30" />
        ﻿Dann gehört dazu auch Geld—wir haben aber wohl
gelernt, das Geld anders zu werten, als bisher. Wenn wir
die Milliarden ungezählt in den Abgrund des Krieges werfen
können, werden wir doch mit den Millionen nicht geizen
dürfen, die unmittelbar und mittelbar reiche Früchte tragen
sollen. Das deutlichste Beispiel ist das Korber sehe Kanal-
projekt — wer wollte heute glauben, daß man die eine
Milliarde für unerschwinglich hielt, die daran, noch dazu
im Verlaufe von etwa zwanzig Jahren, zu wenden war?

Auch die Frage der weltwirtschaftlichen Orientierung
spielt hier mit. In dieser Hinsicht ist schon viel mit wohl-
klingenden Redensarten gesündigt worden; und doch kann
nichts anderes maßgebend sein, als der kühle Interessen-
standpunkt — wenn auch kein kurzsichtiger, nur auf die
nächste Stunde bedachter. Es wird sicher große Vorteile
bieten, wenn die kaufmännische Erschließung des nahen
Ostens mit ebensoviel Tatkraft und Tüchtigkeit in die Hand
genommen wird, wie sie seit Jahrzehnten im fernen Osten
bewährt wurde. Wir werden dabeiwohl auch mit dem deut-
schen Wettbewerb Schritt halten — besonders wenn war
nicht mehr unsere besten Kräfte werden an das Ausland ab-
geben können. Bedenklicher ist die Frage, welchen Schutz
unsere Industrie benötigen wird, um neben der deutschen
zu bestehen. Es gibt große Industrien, die man ruhig sich
selbst überlassen dürfte, wie etwa die Eisenindustrie und
andere metallverarbeitende Gewerbe; es ginge aber doch
nicht wohl an, alle unsere Betriebe der deutschen Kon-
kurrenz einfach preiszugeben. Allerdings fehlt heute jeder
Maßstab dafür, wie sich dann die Erzeugungskosten in
Oesterreich zu denen in Deutschland verhalten werden;
man weiß noch nicht, wie die Kosten der Lebensführung,
wie die Besteuerung, hüben und drüben sich gestalten wer-
den und doch ist gerade das für die Bemessung von Schutz-
zöllen wesentlich. Es wird also kaum angezeigt sein, mit
dem Deutschen Reiche eine wirtschaftliche Abmachung
für längere Zeitdauer zu treffen, weil diese Voraus-
setzungen sich erst nach dem Kriege ergeben werden, wie
sich ja auch erst dann zeigen wird, welche Gruppen von
Unternehmungen dauernd gewonnen und welche dauernd
gelitten haben.

28

i
        <pb n="31" />
        ﻿XIX.

Das hier Gesagte läßt sich in einigen Leitsätzen knapp
znsammenfassen:

Voraussetzung für die Herstellung unserer Finanzen
ist die kräftigste Inanspruchnahme aller rationellen Ein-
nahmsquellen; nur die allgemeine Ueberzeugung, daß bei
allen Faktoren der ernste und unbeugsame Wille in dieser
Richtung vorhanden sei, kann unseren Kredit auf die Höhe
bringen, deren er bedarf.

Rationell sind nur die Lasten zu erhöhen, die die
kapitalskräftigen Klassen treffen. Deshalb sind Vermögen
und Einkommen weit über das bisher in Aussicht Ge-
nommene in Anspruch zu nehmen; dagegen sind alle in-
direkten Steuern und die Preise der Monopolartikel mög-
lichst bei dem Stande zu erhalten, den sie vor dem Kriege
hatten.

Die Höhe der direkten Abgaben darf nur durch die
Sorge für die Erwerbsfähigkeit beschränkt sein; der Er-
werbswille wird dadurch nicht geschädigt werden.

Die Anlage in Staatswerten ist vor der in Dividenden-
werten auf jede Weise zu bevorzugen; der Vorteil, der
daraus dem Staate erwächst, kommt mittelbar allen Staats-
angehörigen zugute.

Für die Leistungsfähigkeit unseres Wirtschaftslebens
ist der Abbau der Preise eine unumgängliche Voraus-
setzung; der Staat darf ihn nicht nur nicht hindern, er
muß sogar Opfer dafür bringen.

Die Regelung unserer Währungsverhältnisse muß
durch die Hebung unseres Staatskredites bewerkstelligt
werden; sie ist aber nicht in kurzer Zeit erreichbar. Kleine
Mittel anzuwendeu empfiehlt sich nicht; insbesondere
würden Maßregeln zur Beschränkung der Einfuhr (etwa
mit Ausnahme von Luxusgegenständen) und zur Hebung
der Ausfuhr leicht dem wichtigeren Ziele der Herabsetzung
des Preisstandes der notwendigen Lebensbedürfnisse ab-
träglich sein.

XX.

Eines kann nicht genug betont werden; alle Steuer-
träger, ganz besonders die Wohlhabenden, müssen sich
von der Einsicht leiten lassen, daß an der Erhaltung der
Wirtschaft des Staates auch die Erhaltung ihres individu-
ellen Wohlstandes hängt, daß sie also alle Lasten, die
ihnen auferlegt werden, in ihrem eigenen Interesse tragen,

29
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        ﻿und daß, wer sich diesen Lasten entzieht, mit der Gesamt-
heit auch sich selbst schädigt.

Um dieser Einsicht zum Durchbruch zu verhelfen,
muß allerdings auf Gerechtigkeit bei der gesetzlichen Re-
gelung der Lasten und bei der Handhabung des Gesetzes
das größte Gewicht gelegt werden.

Unsere Lage ist eine mehr als außergewöhnliche und
schwierige. Sie bedarf deshalb auch eines Aufwandes an
Energie auf der einen und an Selbstverleugnung auf der
anderen Seite, wie ihn die Wirtschaftsgeschichte bisher
nicht gekannt hat.

Zur Lösung der Fragen, die hier behandelt wurden,
sind die Routiniers, wie sie zumeist an der Spitze unserer
Verwaltung stehen, wenig geeignet. Ihnen fällt es zu
schwer, die ausgefahrenen Geleise zu verlassen; ihnen ist
es auch kaum zuzumuten, daß sie die überlieferte Ehr-
furcht vor dem Großkapital in seinen beiden Formen,
Finanzwelt und Großgrundbesitz, zurückstellen und, un-
beirrt von der Ueberlieferung, den gesetzgebenden Körper-
schaften die Vorschläge machen, die allein geeignet sind,
unsere Zukunft zu sichern. Es steht soviel auf dem Spiel,
daß alle Bedenken weichen müssen, die sich aus über-
kommenen Vorstellungen, aus der Tradition, nicht zuletzt
aus gewohnter Rücksichtnahme auf einflußreiche Inter-
essengruppen ergeben.

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ZBW digital 2018 DZ
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        ﻿the scale towards

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samkeit in den einzelnen Haushalten ist in hohem
jl'tig, weil die weitere Kapitalsbildung gewiß unter
»di werten Bedingungen vor sich gehen wdrd. Nun
durch die Kriegsverhältnisse in zwei entgegen-
** Richtungen gedrängt worden: wir haben gelernt,
i haushälterisch umzugehen, was uns an Lebens-
teboten ist, nichts zu verschmähen, nichts
hwenden, alles zu verwerten — wir haben
fh, durch die Not gezwungen, zumeist ver-
"Jiisere Ausgaben nach den Einnahmen
n- Wer denkt heute daran, ob eine Anschaffung
h seine Einkünfte gestattet ist? Wer sich Geld
enkann, sieht dazu, daß seine Familie nicht Hunger
ht der nötigen Bekleidung ermangle. Wenn nun
normale Preisverhältnisse wdedergekommen sein
j_müssen wir das Gute behalten: die Achtung vor
is unseren Lebensbedürfnissen dient, die Abkehr
r Vergeudung nutzbaren Materiales. Dagegen
Hr umsomehr zu der strengen Rechnung zurück-
He sie in den Kreisen des erwerbenden Bürger-
ch war. Von ihm geht die Bildung der Sparkapi-
; was der Fabrikant und der Kaufmann, was der
in mühevoller Tätigkeit zurücklegt, gibt den
den Reichtum des Landes, die Grundlage für die
mg der Staatswirtschaft. Die Eintagsgewinne
ilanten spielen daneben keine große Rolle, so sehr
durch Luxus und Protzentum auffallen mögen.
1 der Staat, durch die Sachlage gezwungen, die
iner Bürger auf das äußerste in Anspruch
P3 erwächst ihm daraus naturgemäß die Ver-
auch seinerseits die größte Sparsamkeit anzu-
r Freilich, am rechten Platze! Wir haben bisher
A Verzinsung und Tilgung der Staatsschuld vor
habt; dabei sparen zu wollen, wäre wohl die
: de Politik. Die anderen Ausgaben aber bedürfen
S-|-Jtgehender Einschränkungen. Die wichtigste
diesem Belange ist wohl die, ob die Friedens-
fen eine wesentliche Herabsetzung der Rüstungs-
I gestatten oder vielleicht sogar erzwingen
du ehrlicher Friede müßte wohl eine solche Wir-
en. An uns allein aber liegt es, durch eine gründ-
)rm der Verwaltung den ganzen Apparat lei-
ser und gleichzeitig wohlfeiler zu gestalten. Das
icht an dieser Stelle zu erörtern; nur beiläufig
bemerken, daß eine Neuorganisation von unten

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