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        <title>Die Zukunft unserer Wirtschaft</title>
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            <forname>Ernst</forname>
            <surname>Bum</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1012131262</idno>
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        INHALTSVERZEICHNIS

1.  Bondy,  Carl:  Der  Weltkrieg-und  seine
Wirkungen  auf  das  Wirtschaftsleben, ­
  1  9l5.
?,  Bum,  Ernst:  Die  Zukunft  unserer  Wirtschaft. ­
  5  917.
3.  Kundgebung  für  den  sofortigem*Abbau
der  Kriegswirtschaft,..1918.
4.  Kundgebung  zum  Abbau  der  Zwangswirtschaft... ­
  1919.
5.  Mayer,  Robert:  Produktion  und  Rohstoffversorgung ­
  nach  dem  Kriege.  1917.
6.  Hüller,  August:  Gewaltfrieden  und  Wiederaufbau. ­
  1959.
7.  Schmidt,  Alfred;  Übergangswirtschaft.
1917.
8.  Wiederaufbau  der  deutschen  Friedenswirtschaft. ­
  1918.
        <pb n="2" />
        &amp;amp;ie  Zukunft
nseret  Wirtstkaft

Van
!Dv.  Hvnst  Mum

Wien  1917
Verlag  von  Marte  Perles,  k.  u.  k.  Haibuchhandlung
1.  Seilergasse  4
*7s}{inrte!i£f  ArdT
        <pb n="3" />
        SHe  Zukunft
unsevetWivisdkaft

Von
3)r.  Iwnst  (Bum

Wien  1917
Vertag  aon  Moriz  Pertes,  k.  u.  k.  Holbuchhandlung
1.  Seilergasse  4
        <pb n="4" />
        Anleitung.

Wir  stehen  in  einer  schweren  Krise  des  Staatsbewußtseins. ­
  Nicht  etwa  bloß  in  Oesterreich,  in  allen  kriegführenden ­
  Ländern  führen  die  maßlosen  Opfer,  die  der
Krieg  jedem  Einzelnen  auferlegt,  zum  Nachdenken  über
das  Verhältnis  des  Individuums  zum  Staatsganzen.  Die
Meinungen  bewegen  sich  geradezu  in  Extremen.
Die  einen  wollen  die  Nützlichkeitsgesichtspunkte  kaum
gelten  lassen;  sie  meinen,  daß  der  Einzelne  erst  als  Teil  des
Ganzen  seinen  Wert  und  seine  Daseinsberechtigung  findet,
sie  verdammen  jede  individualistische  Auffassung  als  eine
niedrige  und  unwürdige.  Wir  wollen  hoffen  und  glauben,
daß  sie  auch  in  Geldsachen  danach  handeln.
Der  Widerpart  sind  diejenigen,  denen  der  Staat  eine
Einrichtung  ist,  die  nur  das  Wohlergehen  des  Bürgers  zum
Zwecke  habe  und  deshalb  Ansprüche  auch  nicht  über  den
Nahmen  dieser  Aufgabe  hinaus  erheben  dürfe;  sie  sagen:
»vV'as  kann  der  Staat  mir  bieten,  wofür  er  mein  Leben,
me ine  Gesundheit  oder  auch  nur  mein  Vermögen  als  Entgelt
  zu  nehmen  befugt  wäre?“  Manche  glauben,  die
Kriegsopfer  ablehnen  zu  dürfen,  weil  sie  den  Krieg  nicht
gewollt  haben.  Soweit  die  Erörterung  akademisch  ist,
könnte  man  es  dabei  bewenden  lassen;  sie  wird  aber
höchst  bedeutsam  als  Anlaß,  um  der  Beteiligung  an  Kriegsanleihen ­
  auszuweichen,  vielleicht  sogar  die  Flucht  vor
Kriegssteuern  zu  beschönigen.
        <pb n="5" />
        Mit  Zorn  und  Entrüstung  wird  man  solchen  Tendenzen
nicht  beikommen;  gerade  vorn  rein  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte ­
  aus  müßte  eine  nüchterne  Betrachtung  der
wirtschaftlichen  Tatsachen  genügen.  Alle  Angehörigen
eines  Staates  stehen  untereinander  in  einer  Gemeinschaft
der  Vermögensinteressen,  die  vor  allem  darin  zum  Ausdrucke ­
  kommt,  daß  im  Regelfälle  ihre  Einnahmen  wie  ihre
Ausgaben  in  inländischer  Währung  erfolgen.  Die  Kaufkraft ­
  des  inländischen  Geldes  ist  also  der  Maßstab  ihrer
Lebenshaltung;  das  gilt  umsomehr  während  des  Krieges,
wo  sie  fast  nichts  vom  Ausland  erhalten  und  fast  nichts
hinaussenden  können.  Sie  gleichen  etwa  den  Aktionären
oder  den  Kuxinhabern.  Wie  diesen,  fehlt  auch  ihnen  zumeist ­
  der  unmittelbare  Einfluß  auf  die  Gebarung  mit
ihrem  Vermögen;  wie  diese,  können  sie  an  ihrem  Anteil
Verlust  erleiden,  aber  nicht  darüber  hinaus  in  Anspruch
genommen  werden.  Wie  häufig  ergibt  sich  aber  im  praKtischen
  Leben  die  Notwendigkeit,  neue  Opfer  zu  bringen,
um  das  derart  angelegte  Vermögen  nicht  verloren  geben
zu  müssen.  Jeder  Verständige  wird  sich  bereit  finden,
zu  solchem  Zwecke  seinen  Anteil  herabzusetzen,  oft  sogar ­
  neue  Zuschüsse  zu  machen,  —  immer  vorausgesetzt,
daß  er  diese  neuen  Aufwendungen  nicht  für  vergebliche,
das  Unternehmen  nicht  für  unrettbar  ansieht.  Hier  hat
allerdings  das  Gleichnis  sein  Ende:  den  Staat  und  seinen
Kredit  aufzugeben,  hat  niemand  das  Recht,  hat  auch  niemand ­
  Anlaß.
Man  mag  also  theoretisch  über  das  Verhältnis  des
Staatsbürgers  zum  Staate  denken  wie  man  will;  immer
hat  jeder  Einzelne  nicht  nur  die  sittliche  Pflicht,  er  hat
auch  das  größte  Interesse  daran,  den  Staat  in  seinem
wirtschaftlichen  Dasein  zu  erhalten.  Um  jeden  Teil  seines
Privatvermögens,  den  der  Einzelne  opfert,  wird  der  Rest
seines  Vermögens  wertvoller.  Nicht  die  Anzahl  der  Banknoten, ­
  die  er  besitzt,  oder  für  seine  sonstigen  Werte  ein4 ­
        <pb n="6" />
        D

tauschen  kann,  ist  maßgebend  —  entscheidend  ist  nur,  was
sie  auf  dem  Weltmärkte  gelten,  sobald  dieser  frei  wird.
An  der  entsprechenden  Vorbereitung  für  diesen  Zeitpunkt ­
  mitzuwirken,  ist  der  Zweck  der  folgenden  Darlegungen. ­
  Sie  richten  sich  vor  allem  an  die  Gesetzgebung:
sie  möchten  aber  besonderes  Gewicht  darauf  legen,  alle
Beteiligten  zu  überzeugen,  daß  ihr  eigenes  wohlverstandenes ­
  Interesse  die  weitestgehenden  Opfer  erheischt.
        <pb n="7" />
        ^inmal  muß  der  Krieg  ja  doch  zu  Ende  gehen  —  und  so
£  wenig  wie  in  der  Tätigkeit  für  seine  Fortführung,  dürfen
wir  in  den  Bemühungen  für  die  Vorbereitung  des
Friedens  ermatten.  Darum  keine  Kriegsverdrossenheit
und  keine  Friedensverdrossenheit!  Für  Heer  und
Flotte  sorgen  andere:  wir  im  Hinterlande  können
nur  mit  unseren  Erfahrungen  und  unserem  Nachdenken
an  der  Vorbereitung  der  Friedenswirtschaft  mitwirken.
Jeder  tut  seine  Schuldigkeit,  wenn  er  seine  Ideen  der
(»Öffentlichkeit  und  den  Regierenden  unterbreitet;  falsche
Bescheidenheit  wäre  hier  zu  allerletzt  am  Platze.

1.

Die  wirtschaftliche  Lage,  in  der  sich  Oesterreich-Ungarn
  nach  Beendigung  des  Krieges  befinden  wird,  erscheint ­
  uns  wie  ein  ungeheuer  vergrößertes  Bild  dessen,
was  sich  vor  einem  Jahrhundert,  nach  dem  Abschluß  der
napoleonischen  Kriege,  abgespielt  hat.  Ein  Aufwand,  der
zu  den  Einnahmen  des  Staates  außer  jedem  Verhältnisse
stand,  mußte  die  Staatsschuld  erhöhen  und  die  Ausgabe
ungedeckter  Noten  in  ungeahntem  Maßstabe  bewirken,
mit  all  den  Folgen,  die  solchen  wirtschaftswidrigen  Erscheinungen ­
  notwendig  anhaften:  Unterwertigkeit  der
heimischen  Währung  im  Auslande,  sinkende  Kaufkraft  des
Geldes  im  Inlande,  Riesengewinne  Einzelner  gegenüber
zunehmender  Verarmung  der  großen  Mehrzahl.
Doch  ist  der  Maßstab  für  all  das  eben  ein  ganz  anderer ­
  geworden.  Wenn  wir  aus  der  Vergangenheit  eine
Lehre  ziehen  wollen,  kann  es  nur  die  sein,  durchaus
andere  Wege  einzuschlagen,  um  in  normale  Bahnen  zurückzukehren. ­
  Das  Gespenst  eines  Staatsbankerottes

7
        <pb n="8" />
        8

darf  nicht  auftauchen;  wir  müssen  und  werden  Mittel  und
Wege  finden,  um  allen  Verpflichtungen  des  Staates  nachzukommen ­
  und  die  Krise  auch  ohne  Gefährdung  der
Privatwirtschaft  zu  überwinden.
Unsere  theoretische  und  insbesondere  unsere  wirtschaftliche ­
  Rüstung  ist  eine  so  wesentlich  stärkere,  die
Technik  unseres  Geldverkehres  eine  so  vielfach  verbesserte, ­
  daß  wir  das  Beste  hoffen  dürfen,  vorausgesetzt
allerdings,  daß  man  sich  nicht  scheuen  wird,  das  Nötige
rasch  und  tatkräftig  ins  Werk  setzen.
Die  wissenschaftliche  Erforschung  der  Inflation  und
ihrer  Wirkungen  ist  eine  sehr  gründliche  gewesen;  daß
sie  zu  abschließenden  Ergebnissen  geführt  hätte,  ist  allerdings ­
  schwer  zu  behaupten.  Immerhin  geht  die  überwiegende ­
  Anschauung  dahin,  daß  Umlaufsmittel  und  Warenvorrat ­
  —  wenigstens  unter  sonst  gleichen  Verhältnissen  —
dem  Gesetz  von  Nachfrage  und  Angebot  in  demSinne  unterliegen, ­
  daß  je  weniger  Ware  und  je  mehr  Barschaft,  desto
höhere,  je  mehr  Ware  und  je  weniger  Geld,  umso
niedrigere  Warenpreise  sich  ergeben.  Herrschen  zudem,
wie  bei  uns,  die  Zustände  einer  belagerten  Festung,  so
wird  die  Ware  immer  seltener,  während  das  Geld,  das
nicht  ins  Ausland  abströmen  kann,  sich  immer  mehr  ansammelt ­
  und  so  seine  Kaufkraft  in  steigendem  Maße  einbüßt. ­
  Selbstverständlich  werden  diese  an  sich  unvermeidlichen ­
  Zustände  durch  die  Gewinnsucht  Einzelner  noch
sehr  verschärft.  So  ergibt  sich  das  Bild  einer  Preissteigerung, ­
  die  die  Lage  des  Mittelstandes  zu  einer  unerträglichen ­
  macht  (der  Arbeiter  ist  durch  das  „eherne  Lohngesetz“ ­
  einigermaßen  geschützt)  und  überdies  zu  einer
höchst  bedauerlichen  gegenseitigen  Verbitterung  führt.
Ganz  besonders  die  Teuerung  der  Nahrungsmittel  deklassiert ­
  die  Beamtenschaft,  diesen  äußerst  wichtigen
Teil  der  Bevölkerung,  und  setzt  die  Lebenshaltung  Aller
bis  hoch  hinauf  in  die  Kreise  der  Wohlhabenden,  und  damit ­
  die  öffentliche  Gesundheit,  empfindlich  herab.  Was
bisher  von  Staatswegen  in  dieser  Richtung  vorgekehrt
wurde,  hat  wenig  sichtbaren  Erfolg  gezeitigt;  allerdings
kann  man  annehmen,  daß  ohne  staatliches  Eingreifen  die
Dinge  noch  schlimmer  geworden  wären.  Denn  bei  freiem
Verkehr  hätten  die  Bemittelten  alles,  die  Minderbemittelten ­
  und  Unbemittelten  nahezu  nichts  erhalten.  Es
ist  leider  nicht  anzunehmen,  daß  mit  Eintritt  des  Friedens
auch  nur  die  Ernährungsverhältnisse  sofort  eine  entschie ­
        <pb n="9" />
        dene  Besserung  aufweisen  werden  —  noch  viel  weniger
die  Preisbildung  irn  allgemeinen.
Auch  für  die  Hebung  unserer  Valuta  wurden  von
Staatswegen  einige  Schritte  getan,  naturgemäß  mit  sehr
geringem  Erfolge:  augenblicklich  erhofft  man  eine  ansehnliche ­
  Weinausfuhr,  die  wenigstens  für  einige  Zeit  einer
weiteren  Verschlechterung  vielleicht  Vorbeugen  wird.
Der  Ueberschwemmung  mit  Zahlungsmitteln  tritt
wirksam  nur  die  Ausgabe  der  Kriegsanleihen  entgegen;
die  Erfahrung  zeigt  aber,  daß  immer  noch  viel  zu  wenig
in  dieser  Richtung  geschehen  ist.  Es  sind  noch  immer  unverhältmäßig
  hohe  Summen  flüssiger  Gelder  in  Banken ­
  und  Sparkassen  eingelegt;  auch  die  ganz  ungerechtfertigt ­
  hohen  Kurse  der  Dividendenw^erte  sind  der  Ausdruck ­
  eines  übernormalen  Anlagebedürfnisses.
Der  Mangel  an  Rohstoffen,  die  Einschränkung  aller
Großbetriebe  auf  den  unmittelbaren  Kriegszweck,  dadurch
das  Fehlen  der  Erzeugnisse  für  den  inländischen  Bedarf,
ergänzen  das  in  knappsten  Srichen  umrissene  Bild  einer
wirtschaftlichen  Lage,  deren  Schwierigkeit  gar  nicht
überschätzt  werden  kann.

II.
Daß  während  des  Krieges  verschiedene  Mittel  versucht ­
  wurden  und  versucht  werden,  um  den  schweren
Uebeln  zu  steuern,  unter  denen  wir  leiden,  wurde  schon
erwähnt.  Ein  großer  Teil  davon  wird  im  Augenblick  des
Friedenseintrittes  als  kleinlich  bei  Seite  bleiben  müssen;
umsoweniger  werden  sie  sich  eignen,  in  vergrößertem ­
  Maßstabe  in  Wirksamkeit  gesetzt  zu  werden.  Das
wird  noch  im  Einzelnen  zu  erörtern  sein.
Wir  müssen  die  ganze  Friedenswirtschaft,  im  weitesten ­
  Sinne  des  Wortes  genommen,  neu  aufbauen.  Und
man  wird  —  das  wäre  vorauszuschicken  —  gut  daran  tun.
mit  einer  Besserung  der  sittlichen  Auffassung  und  des
wirtschaftlichen  Urteiles  bei  den  Beteiligten  nicht  allzusehr ­
  zu  rechnen.  Es  hat  durchaus  den  Anschein,  daß  die
drei  Kriegsjahre  die  Charaktere  nicht  geläutert  und  den
Gemeinsinn  nicht  gefördert  haben,  soweit  die  große  Mehrzahl ­
  in  Betracht  kommt  —  und  nur  diese  kann  bei  Maßnahmen ­
  so  allgemeiner  Beschaffenheit  in  Frage  stehen.
Nach  den  großen  Gruppen  der  Uebel,  unter  denen
wir  leiden,  gliedern  sich  auch  die  Maßregeln  der  Abwehr.

9
        <pb n="10" />
        Die  erste,  die  Beschaffung  von  Milliarden  im  Inlande,  bedarf ­
  an  sich  keiner  Begründung;  es  kann  sich  nur  um  das
Wie  handeln.  Dazu  kommt  dann  die  Herstellung  der  Valuta: ­
  an  den  Abbau  der  Preise  schließt  sich  von  selbst
die  Rohstoffbeschaffung  und  die  Belebung  von  Gewerbe
und  Handelns ­
  ist  selbstverständlich,  daß  keine  dieser  Fragen  gesondert, ­
  für  sich  allein,  behandelt  werden  kann.  Die  anzuwendenden ­
  Mittel  greifen  ineinander;  sie  können  sich
gegenseitig  ergänzen  und  gegenseitig  hindern.  Darum  ist
es  ausnehmend  wichtig,  ihre  relative  Bedeutung  festzustellen, ­
  gewissermaßen  den  Vorrang  zu  bestimmen,  der
einem  der  Zwecke  vor  einem  anderen  gebühren  soll-111.



W'o  anfangen?  Die  Wiederherstellung  unserer  Staatsfinanzen ­
  ist  das  Alpha  und  das  Omega  unserer  Bestrebungen. ­
  Sie  ist  natürlich  auch  ein  grundlegende  Voraussetzung ­
  für  die  Regelung  unserer  Währung;  mit  einigem
Recht  könnte  man  freilich  auch  das  Umgekehrte  behaupten.
Die  Valutaregulierung  wieder  sollte  zum  Abbau  der  Preise
mithelfen;,  ohne  diesen  ist  das  Aufleben  der  industriellen  und
gewerblichen  Tätigkeit  nicht  denkbar.  Und  nur  das  Erstarken ­
  unseres  Erwerbslebens  überhaupt  kann  uns  in  die
Lage  setzen,  die  Neuordnung  unserer  Wirtschaft  ins  Werk
zu  setzen.
Unverkennbar  bestehen  jedoch  auch  gegensätzliche
Interessen.  Der  staatliche  Geldbedarf  greift  tief  in  das  Erwerbsleben; ­
  das  ist  unvermeidlich.  Schwierig  ist  die
Grenze  abzustecken;  man  wird  da  nicht  eben  wehleidig
sein  können.
In  sehr  engem,  aber  leider  sehr  widerstreitendem
Verhältnisse  steht  die  Hebung  der  Valuta  mit  dem  Abbau
der  Preise.  Jede  Einfuhrbeschränkung,  die  aus  Gründen
der  Währungspolitik  erfolgt,  schädigt  unmittelbar  und
mittelbar  die  Preispolitik.  In  gleichem  Sinne  wirkt,  allerdings ­
  in  beschränktem  Maße,  die  Hebung  der  Ausfuhr.
Dieses  Verhältnis  ist  von  der  allergrößten  Bedeutung;  es
bedarf  der  sorgfältigsten  Erwägung,  der  vorsichtigsten
Behandlung.
        <pb n="11" />
        11

IV.

Aus  dem  eben  Gesagten  ergeben  sieb  die  Gesichtspunkte ­
  für  die  Rangordnung,  die  wir  dem  Wiederaufbau
unserer  Staatswirtschaft  geben  müssen.  Ohne  eine  wesentliche ­
  Herabsetzung  des  geradezu  ruinösen  Preisstandes ­
  aller  Lebensbedürfnisse  werden  wir  nicht  in  der
Lage  sein,  den  Anforderungen  zu  genügen,  die  die  schwere
Uebergangszeit  an  uns  stellen  wird-  Es  wäre  deshalb  ein
arger  Mißgriff  wollte  man  aus  Rücksicht  auf  den  Stand
unserer  Währung  die  Einfuhr  der  Nahrungsmittel  und
Rohstoffe  drosseln,  die  für  die  Lebensbedürfnisse  der
großen  Masse  und  für  die  Fabrikation  der  Bedarfsartikel ­
  unentbehrlich  sind,  oder  wollte  man  gar  die
Ausfuhr  solcher  Waren  fördern.  Davon  kann  nicht  entschieden ­
  genug  abgeraten  werden,  weil  solche  Bestrebungen, ­
  teilweise  mißverständlich  aus  einseitiger  Betonung
des  Währungsinteresses,  teilweise  wohl  auch  von  Kreisen
vertreten  werden,  dieglauben,  in  derErhaltunghoherPreise
ihren  Vorteil  zu  finden.  Selbst  diese  rechnen  falsch:  die
hohen  Preise  wirken,  wie  für  sie,  so  auch  gegen  sie.  Denn
dieser  Schraube  ohne  Ende  kann  sich  keiner  entziehen;
mit  den  Preisen  der  Fertigprodukte  steigen  auch  die  Arbeitslöhne ­
  und  Gehalte,  zuletzt  auch  die  Rohmaterialien.
Und  schließlich  zahlt  den  Gewinn,  den  die  rechte  Tasche
des  Industriellen  und  Händlers  erzielt,  nur  dieser  selbst
aus  seiner  linken  Tasche,  ganz  abgesehen  von  der  Minderwertigkeit ­
  seines  Geldes,  die  eben  in  der  Höhe  der  Preise
ihren  Ausdruck  findet.  Den  Hauptschaden  aber  trägt  immer
nur  der  sogenannte  „Verbraucher“,  richtig  der  Festbesoldete, ­
  dessen  Bezüge  niemals  mit  den  Preisen  Schritt  halten ­
  können.
Also  vor  allem;  sobald  unsere  Grenzen  offen  sind,
freie  Bahn  für  alles,  was  unsere  Wirtschaft  benötigt!  Keine
Einschränkung  —  außer  für  Luxusgegenstände  —,  keine
Rohstoffzentralen,  die  dem  Einzelnen  das  Maß  seiner  industriellen ­
  Betätigung  vorschreiben  wollen!  Sogar  der  Zollschutz, ­
  dessen  ein  Teil  unserer  Industrie  sicherlich  in  normalen ­
  Zeiten  bedarf,  kann  für  die  Uebergangszeit  von
Uehel  sein  —  erst  muß  der  erste  Hunger  nach  allen  Bedarfsartikeln ­
  einigermaßen  gestillt,  erst  muß  der  Verkehr
mit  den  Waren,  die  uns  gefehlt  hatten,  gesättigt  sein,  ehe
an  den  Schutz  einzelner  Erwerbszweige  gedacht  werden
kann.  Daß  übrigens  auch  bei  Zulassung  der  Einfuhr  auf  die
v  aluta  Bedacht  zu  nehmen  möglich  ist,  soll  gezeigt  werden.
        <pb n="12" />
        12

Hs  ist  nicht  auszuschließen,  daß  ein  solches  Vorgehen
die  Wiederherstellung  unserer  Valuta  verzögern  wird.
Aber  dieses  Ziel  ist  ohnedies  in  naher  Zeit  nicht  zu  erreichen; ­
  es  wird  in  jedem  Falle  viele  Jahre  dauern,  ehe
'  wir  dazu  gelangen,  so  daß  die  Zeitdauer  der  Uebergangswirtschaft
  nicht  allzuschwer  in  die  Wagschale  fallen  wird.
Und  schließlich  ist  die  Regelung  der  Valuta  nicht  Selbstzweck; ­
  man  hat  schon  wiederholt  die  Erfahrung  gemacht,
daß  nicht  so  sehr  der  hohe  Stand  der  Wechselkurse  wie
ihr  Schwanken  als  lebhafter  wirtschaftlicher  Nachteil
empfunden  wird.  Sicherlich  aber  sind  normale  Wechselkurse
ein  wesentlicher  Vorteil,  der  mit  aller  Macht  anzustreben
ist,  soweit  eben  nicht  anderen,  noch  wichtigeren  Zwecken
der  Vorrang  gebührt.
Leider  sind  unsere  maßgebenden  Faktoren  wie  hypnotisiert ­
  von  der  Währungsfrage.  So  wurde  jüngst  amtlich ­
  mitgeteilt,  daß  Zucker  „aus  valutarischen  Gründen“
ausgeführt  werde.  Dies  in  einer  Zeit,  wo  unsere  Bevölkerung ­
  durch  den  Zuckermangel  in  ihrer  Ernährung
empfindlich  gestört  ist  und  große  Mengen  von  Obst  wertlos ­
  werden,  weil  der  Zucker  zum  Einsieden  fehlt!
Es  wird  auch  notwendig  sein,  die  Einnahmen,  die  der
Staat  sich  durch  Verteuerung  der  von  ihm  selbst  beigestellten ­
  Bedarfsartikel  beschafft,  wieder  herabzusetzen,
weil  damit  ein  Glied  aus  der  Kette  der  allgemeinen  Preissteigerung ­
  beseitigt  wird.

V.
Daß  die  Ordnung  unserer  Finanzen  das  alleroberste
aller  Postulate  ist,  gibt  jeder  zu  —  nur  wenn  es  zu  bestimmten ­
  Vorschlägen  kommt,  erhebt  stets  irgend  eine
mächtige  Gruppe  Einwendungen  und  Bedenken.  Da  muß
energischer  Wandel  geschaffen  werden.  Es  gibt  nur
einen  Grundsatz:  es  ist  jedermanns  eigenstes  Interesse,
daß  unsere  Staatswirtschaft  heil  und  aufrecht  aus  dieser
furchtbaren  Krise  hervorgehe;  kein  Opfer,  das  jeder  Einzelne ­
  bringt,  kann  zu  groß  sein  im  Verhältnis  zu  dem
Erfolg,  den  es  für  jeden  Einzelnen  hat,  wenn  der  Staatskredit, ­
  der  Wert  der  Banknote,  erhalten  und  allmählig
gehoben  wird.  Es  gibt  hier  keinen  Gegensatz  zwischen  der
Gesamtheit  und  dem  Einzelnen:  nur  wenn  dem  Staate
geholfen  wird,  ist  auch  den  Privatwirtschaften  gedient.
        <pb n="13" />
        13

Wer  das  nicht  einsieht,  oder  nicht  einseheu  will,  der  muß
eben  gezwungen  werden.
Eine  —  allerdings  selbstverständliche  -  Rücksicht
muß  gefordert  werden;  die  Erhaltung  der  Erwerbsfähigkeit. ­
  Die  Drohung,  daß  der  Unternehmungsgeist  geschädigt ­
  werde,  mit  der  unsere  Großindustriellen  so  gerne
kommen,  wenn  man  mit  der  Besteuerung  der  hohen  Gewinne ­
  Ernst  macht,  hat  allerdings  im  Grunde  wenig  zu  bedeuten. ­
  Solange  die  kapitalistische  Wirtschaft  besteht,
wird  der  Erwerbstrieb  bei  Groß  und  Klein  seine  Geltung
behalten,  mag  man  ihm  noch  so  sehr  die  Flügel  beschneiden. ­
  Bange  machen  gilt  nicht  —  mit  diesem  Grundsätze
muß  an  die  Ordnung  unserer  Finanzen  geschritten  werden. ­

Was  wir  brauchen,  zerfällt  in  zwei  Gruppen:  Tilgung
oder  Fundierung  der  schwebenden  Schuld  und  Erhöhung
der  laufenden  Staatseinnahmen.

VI.
Zur  Einschränkung  des  Banknotenumlaufes  auf  sein
normales  Maß  ist  vor  allem  erforderlich,  daß  der  Staat
seine  kurzfristige  Schuld  an  die  Notenbank  einlöse.  Das  einfachste ­
  Mittel  dazu  ist  die  Begebung  von  Kriegsanleihe.  Es
wurde  schon  angedeutet,  daß  in  dieser  Hinsicht  noch  lange
nicht  genug  geschehen  ist,  da  der  derzeitige  Geldüberfluß ­
  nicht  nur  in  den  Einlagebüchern  der  Banken  und
Sparkassen,  sondern  auch  in  der  fortwährenden  Kurssteigerung ­
  der  Dividendenpapiere  und  der  spezialgedeckten ­
  Anlagewerte  zur  Geltung  kommt.
Freilich  sind  nicht  alle  Mittel  gleich  gut.  Gegen  die
Hebung,  die  Zeichnung  von  Kriegsanleihe  zu  fördern,  indem ­
  der  Staat  sie  für  Steuern  als  Zahlung  anzunehmen  erklärt, ­
  bestehen  ernsthafte  Bedenken.  Diese  Maßnahme  hat
nur  den  unmittelbaren  Erfolg  vor  Augen:  sie  schafft  aber
Besitzer  von  provisorischem  Charakter  und  schädigt
schließlich  den  Staat,  der  neuerlich  vor  die  Sorge  gestellt
wird,  große  Posten  Kriegsanleihe  zu  begeben,  um  für  seine
laufenden  Bedürfnisse  sorgen  zu  können.  Einer  Prämie  für
die  Zeichnung  von  Kriegsanleihe  sollte  es  gar  nicht  bedürfen ­
  —  nicht  nur  aus  ethischen  Gründen,  mehr  noch
auf  Grundlage  der  Berechnung  ihres  Erträgnisses  und
ihres  Einlösungswertes,  die  im  Vergleich  zu  den  älteren
Staatsrenten  so  wesentliche  Vorteile  aufweist.  Pie  gewisse
        <pb n="14" />
        14

Trägheit,  die  sich  in  manchen  Kreisen  gerade  gegenüber
der  Erwerbung  von  Kriegsanleihen  kundgibt,  soll  und  muß
überwunden  werden.  Wenn  noch  an  eine  besondere  Begünstigung ­
  gedacht  werden  wollte,  täte  man  besser,  Zugeständnisse ­
  betreffend  die  Steuerpflicht  zu  machen,  wie
etwa  Befreiung  der  durch  den  Umtausch  in  Kriegsanleihe
erlangten  Vorteile  von  Einkommen-  und  Kriegssteuer.
Große  mittelbare  Wirkung  für  diesen  Zweck  können
die  später  zu  besprechenden  Maßnahmen  zur  Besteuerung
der  Aktiengesellschaften  erlangen.  Wenn  Dividenden  von
30  und  50  %  nicht  mehr  möglich  sein  werden,  müssen
naturgemäß  bei  vielen  Aktien  die  Kurse,  die  auf  solche
Verteilungen  aufgebaut  sind,  entsprechend  herabgehen.  Die
Aktie  wird  ihres  Nimbus  entkleidet  und  das  ganze  Kursgebäude ­
  stürzt  zusammen.  Es  ist  zu  hoffen,  daß  dieses  Ereignis ­
  noch  während  des  Krieges  eintritt,  solange  die  unnatürliche ­
  Geldfülle  anhält;  dann  kann  es  ohne  Gefahr  für
die  Gesamtheit  sich  abspielen.  Bedenklich  wäre  nur,
wenn  es  durch  den  Geldbedarf  herbeigeführt  würde,  den
der  Frieden  mit  sich  bringen  wird.  Solange  aber  Geld  in
so  großen  Massen  im  Umlaufe  sein  wird,  ist  zu  erwarten,
daß  die  von  der  Aktie  enttäuschten  Kapitalisten  die  Verluste ­
  leicht  verwinden  und  sich  den  Anlagewerten  zuwenden ­
  werden.
Wenn  ein  ansehnlicher  Teil  des  flüssigen  Geldes
später,  bei  Beginn,  der  Friedenszeit,  für  Handel,  Industrie
und  Landwirtschaft  benötigt  werden  wird,  so  dürfen  deshalb ­
  doch  nicht  Milliarden,  wie  jetzt,  zu  ganz  niedrigem
Zinsfuß  als  Einlagen  bei  den  Banken  auf  unbestimmte  Zeit
lagern  bleiben;  es  wäre  weit  richtiger,  den  größeren  Teil
dieser  Einlagen  dem  Staate  zuzuführen  und  nur  zu  sorgen,
daß  sie  für  späteren  Bedarf  flüssig  gemacht  werden  können.
Den  Weg  dazu  zeigen  uns  die  Banken  selbst.  Sie  verwenden
den  Mauptteil  der  Einlagen,  die  sie  mit  ungefähr  3  ViX  verzinsen ­
  zur  Belehnung  von  Kriegsanleihe  und  zu  Voreinzahlungen, ­
  die  sie  bei  der  Postsparkasse  auf  die  nächste
Kriegsanleihe  machen,  beides  gegen  4  V2  bis  5  %  Verzinsung- ­
  Diese  Geschäfte  könnte  der  Staat  selbst  in  die
Hand  nehmen,  indem  der  Postsparkasse  einerseits  die  Belehnung ­
  von  Kriegsanleihen  übertragen  würde  (wozu  allerdings ­
  ein  Gesetz  erforderlich  ist)  und  wenn  weiters  die
Postsparkasse  angewiesen  würde,  direkt  von  den  Parteien ­
  Voreinzahlungen  auf  die  kommende  Kriegsanleihe  anzunehmen, ­
  woran  jedes  Postamt  mitwirken  könnte.  Der
Staat  und  die  Parteien  könnten  dabei  mehr  als  1  %  an
        <pb n="15" />
        Verzinsung  profitieren;  die  Banken  aber  dürften  sich  darüber ­
  umsoweniger  beschweren,  als  sie  ohnedies  nur  durch
eine  Lücke  der  Gesetzgebung  in  der  Verwendung  von
Einlagen  unbeschränkt  sind,  während  für  die  Sparkassen
seit  jeher  strenge  Vorschriften  bestehen.
Wenn  die  Postsparkasse  zur  Belehnung  von  Kriegsanleihen ­
  ermächtigt  ist,  kann  sie  dann  auch  die  Zusicherung
geben,  in  den  ersten  Jahren  nach  Friedensschluß  etwa
75  %  des  Nominales  mit  5  %  zu  belehnen,  damit  auf  diese
Weise  die  nötigen  Mittel  für  die  Friedenswirtschaft  gesichert ­
  werden.
Ist  soweit  vorgesorgt,  dann  dürften  selbst  gegen  die
zwangsweise  Umwandlung  eines  Teiles  der  Einlagen  in
Kriegsanleihe  keine  allzugroßen  Bedenken  übrig  bleiben.
Auch  dann  könnte  übrigens  noch  zugewartet  werden,  bis
sich  die  Wirkung  der  eben  erörterten  Maßregeln  zeigt.  Es
ist  anzunehmen,  daß  der  Staat,  wenn  er  für  Voreinzahlungen ­
  auf  die  Kriegsanleihe  um  eines  vom  Hundert  mehr
bietet,  als  die  Banken  (und  gleichzeitig  die  seinerzeitige
Belehnung  der  Kriegsanleihen  zusagt),  einen  sehr  ansehnlichen ­
  Teil  der  Einlagegelder  sofort  an  sich  ziehen  wird.
Nur  wenn  das  nicht  in  ausreichendem  Maße  gelingen
sollte,  wäre  Zwang  am  Platze.

VII.
Die  größte  Rolle  bei  der  Unterbringung  der  Kriegsanleihen ­
  sollte  das  Vertrauen  zu  der  Staatswirtschaft  spielen. ­
  Die  bloße,  wenn  auch  noch  so  eindringliche  Zusicherung
voller  Verzinsung  und  pünktlicher  Rückzahlung  hat  nicht
genügt,  um  eine  Beteiligung  zu  bewirken,  die  der  riesigen
Menge  der  umlaufenden  Zahlungsmittel  entsprechen
würde.  Das  Kapital  ist  zurückhaltend  und  wird  zurückhaltend ­
  bleiben,  solange  der  unumstößliche  Zahlungswille
des  Staates  bloß  durch  Worte  und  nicht  durch  Taten  bekundet ­
  sein  wird.  Allerdings  ist  auch  eine  gute  Politik
nötig  —  doch  davon  soll  hier  nicht  weiter  gesprochen
werden.  In  wirtschaftlicher  Beziehung  reicht  es  aber
keineswegs  aus.  daß  in  den  ausgetretenen  Bahnen  weiter
gewandelt  wird,  um  die  bestehenden  Einnahmsquellen
mechanisch  durch  Erhöhung  der  Sätze  ergiebiger  zu  gestalten. ­
  Wenn  in  unserer  bisherigen  Gesetzgebung  ein
Grundsatz  zu  finden  ist,  kann  es  nur  der  sein,  daß  die
Duellen,  die  leicht  greifbar  sind  (wie  der  Bestandzins,  die

15
        <pb n="16" />
        16

Besoldungen,  das  Einkommen  rechnungspflichtiger  Unternehmungen ­
  einerseits,  die  staatlichen  Monopole  und  die
indirekten  Steuern  andererseits)  unverhältnismäßig  hoch
in  Anspruch  genommen  werden.  Die  Ungerechtigkeit  dieser ­
  Methode,  die  gerade  die  großen  Vermögen  und  Einkommen ­
  weniger  trifft,  dagegen  die  allgemeine  Lebenshaltung ­
  schwer  belastet,  ist  allgemein  bekannt.  Es  ist  nun
kaum  möglich,  im  Augenblick  das  ganze  System  der  Besteuerung ­
  zu  ändern,  obwohl  die  Reformen,  die  Lloyd
George  vor  dem  Kriege  im  britischen  Reiche  durchzusetzen ­
  wußte,  ein  ganz  beachtenswertes  Vorbild  bieten
würden.
Da  die  Erhöhung  des  Bestehenden  keinesfalls  atisreicht,
  muß,  schon  um  des  Staatskredites  willen,  Neues
gefunden  werden.

VIII-Dieser
  Gedankengang  weist  vor  allem  auf  eine  radikale ­
  Vermögensabgabe-  Sie  muß  eintreten,  soweit  es  nicht
gelingt,  die  schwebenden  Schulden  durch  Anleihen  voll  abzustoßen. ­
  Sie  wird  allerdings  für  keinen  Fall  ganz  zu  vermeiden ­
  sein;  ihr  Ausmaß  aber  wird  sich  nach  diesem  Bedarfe
  richten  müssen.
Es  sind  in  der  Wissenschaft  schon  verschiedene  Vorschläge ­
  aufgetaucht,  die  der  völlig  geänderten  Auffassung
des  wirtschaftlichen  Lebens,  wie  sie  im  Gefolge  des
Krieges  nach  Geltung  ringt,  Rechnung  tragen  wollen.
Walter  R  a  t  li  e  n  a  u  meint,  es  sollte  nicht  angehen,  daß
Vermögen  weit  über  das  hinaus,  was  zur  Befriedigung
auch  der  weitestgehenden  Lebensbedürfnisse  dienen  kann,
angesammelt  w.erde,  solange  ungezählte  Millionen  Menschen
nicht  in  der  Lage  sind,  die  nackte  Notdurft  des  Leibes  zu  erhalten ­
  und  dem  Bildungsbedürfnisse  zu  genügen,  das  ihnen
die  Verwertung  ihrer  natürlichen  Anlagen  gestatten  würde.
Rudolf  G  o  1  d  s  c  h  e  i  d  will  den  Staat  aus  der  drückenden
Abhängigkeit  von  dem  Kapital  befreien,  indem  er  ihn
selbst  durch  Enteignung  zum  größten  Kapitalisten  gestaltet- ­
  Die  Bodenreformer  möchten  den  Grundbesitz ­
  in  die  Hand  des  Staates  legen,  um  dem  Wucher  mit
den  Bodenerzeugnissen  und  der  Ausnützung  der  Knappheit ­
  des  vorhandenen  Grundbesitzes  zu  begegnen.  Es  ist
kaum  anzunehmen,  daß  man  soweit  gehen  wird.  Aber  eine
        <pb n="17" />
        2

17

starke  Progression  in  der  Heranziehung  der  großen  Vermögen ­
  wird  nicht  zu  vermeiden  sein;  und  nichts  wäre
verkehrter,  als  diese  Progression  etwa  bei  der  Million  Halt
machen  zu  lassen.  Mit  dem  überkommenen  Respekt  vor
den  ganz  großen  Vermögen  wird  man  aufhören  müssen;
darüber  soll  im  folgenden  besonders  gesprochen  werden.

IX.

Man  wird  versuchen,  die  auf  Inanspruchnahme  der
größten  Vermögen  gerichteten  Anregungen  als  sozialistisch
abzulehnen.  In  Wirklichkeit  sind  sie  nichts  weniger  als
das,  d.  h.  kapitalsfeindlich;  im  Gegenteil:  die  Erhaltung
unserer  kapitalistischen  Gesellschaftsordnung  hängt  daran, ­
  daß  nicht  weiter  allzu  große  Vermögen  in  wenigen
Händen  angesammelt  werden.  W'irkt  doch  ihr  Bestehen  an
sich  geradezu  antikapitalistisch.  Nicht  etwa  bloß  weil  die
Unbemittelten  aufgereizt  werden;  die  Millionen-  und
Müliarden-Vermögen  züchten  regelmäßig  blasierte  Nichtstuer. ­
  oder  —  was  noch  schlimmer  ist  —  Geldjäger  aus
Passion.  Kann  es  ein  unerfreulicheres  Bild  geben,  als  einen
M  o  r  g  a  n,  dem  kein  Genuß  der  Erde  zugänglich  war,
der  sich  nur  von  Milch  nähren  konnte  —  dabei  aber  Zehntausende ­
  um  Hungerlöhne  arbeiten  ließ  und  alljährlich
Hunderte  um  ihr  Vermögen  brachte,  damit  seine  Einkünfte
sich  noch  um  Millionen  jährlich  erhöhten?
Es  hat  eine  Zeit  gegeben,  wo  die  großen  Vermögen
wirtschaftlich  und  kulturell  ein  Bedürfnis  waren.  Damals
konnten  nur  sie  bedeutende  Unternehmungen  gewerblicher ­
  und  finanzieller  Art  errichten  und  führen;  ihnen
stand  auch  neben  den  Fürsten  die  Förderung  der  Kunst
und  des  Kunstgewerbes  wohl  an.  Durch  die  Entwicklung
des  Assoziationswesens  haben  sie  ihre  Bedeutung  für
die  Gesamtheit,  ihre  wirtschaftliche  Berechtigung  verloren; ­
  sogar  die  Kunstförderung  ist  längst  wesentlich  ein
Staatsbetrieb  geworden;  und  selbst  die  Bewirtschaftung
großer  Acker-  und  Waldkomplexe  wird  heute  mit  gutem
Erfolge  von  Aktiengesellschaften  geführt.
Aus  solchen  Erwägungen  heraus  erscheint  das,  was
jetzt  geschehen  soll,  nur  als  ein  bescheidener  Anfang,  um
die  Ausschreitungen  der  Kapitalsbildung  einzudämmen.
        <pb n="18" />
        18

X.

Es  wäre  weiter  zu  erwägen,  ob  nicht  auch  in  anderer
Weise  übermäßige  Gewinne,  die  von  Einzelnen  erzielt
wurden,  zur  Deckung  der  Staatsbedürfnisse  herangezogen
werden  könnten.  Sicherlich  haben  viele  Unternehmen  und
Unternehmer,  ohne  daß  sie  selbst  unrechtmäßige  Vorteile
angestrebt  hätten,  durch  die  plötzlich  veränderten  Umstände ­
  und  durch  die  unvorgesehene  Erhöhung  der  Umsätze ­
  Gewinne  erzielt,  die  ihnen  jetzt  in  gewissem  Sinne
zur  Last  fallen,  auch  wenn  sie  nicht  strafrechtlich  zu
verfolgen  sein  sollten.  Vieles,  sehr  vieles  wird  allerdings
unter  den  Begriff  der  Preistreiberei  fallen;  und  es  gibt  nicht
wenige,  die  von  schweren  Sorgen  bedrückt,  sich  gerne
mit  großen  Opfern  von  jeder  Gefahr  einer  Verfolgung  befreien ­
  möchten.  Denen  aber,  die  das  empfangene  Uebermaß
  unbedenklich  zu  behalten  Lust  hätten,  darf  man  ebenso ­
  unbedenklich  dieses  Uebermaß  w'egnehmen.  Das  weist
uns  zwei  W'ege:  begangenen  Preistreibereien  die  Straflosigkeit ­
  durch  tätige  Reue  zuzugestehen  und  so  die  freiwillige ­
  Rückerstattung  des  zuviel  Empfangenen  zu  fördern,
wobei  naturgemäß  der  Staat  den  größten  Teil  erhielte  —
und  die  zivilrechtliche  Einschränkung  („Minderung“  im
Sinne  des  deutschen  Gesetzes)  derjenigen  Geschäfte,  bei
denen,  gleichviel  ob  mit  oder  ohne  strafbare  Absicht,  ein
übermäßiger  Gewinn  erzielt  wurde.  Es  wäre  einfach  das
empfangene  Uebermaß  dem  anderen  Vertragsteil  zurückzuerstatten. ­
  rücksichtlich  im  Rechtswege  zuzusprechen.
Es  müßte  allerdings  vorgesorgt  werden,  daß  durch
eine  solche  Vorschrift  nicht  allzuviel  Rechtsstreitigkeiten
entstehen;  man  sollte  deshalb  die  Rückforderung  nicht  nur
zeitlich  begrenzen,sondern  auch  durch  einen  Mindestbetrag
einschränken.  Vielleicht  wäre  es  angezeigt,  ein  Sondergericht ­
  damit  zu  befassen,  das  etwa  nach  Art  der  Börsenschiedsgerichte ­
  zu  konstituieren  wäre.
Für  den  Staat  könnte  daraus  eine  recht  erhebliche
Einnahme  erwachsen;  und  wenn  gelegentlich  einmal  auch
einem  Einzelnen  etwas  zukäme,  was  er  ungebührlich  bezahlt ­
  hatte,  wäre  das  Unglück  nicht  so  groß.  Die  Rechtssicherheit ­
  würde  auch  nicht  allzusehr  leiden  —  wir  haben
in  den  drei  Kriegsjahren  Aergeres  tragen  gelernt.
        <pb n="19" />
        2*

19

XI.

Den  Uebergang  von  den  einmaligen  Einnahmsquellen
zu  den  ständigen  bilden  gewissermaßen  die  Erbschaftsgebühren, ­
  wenn  sie  in  einem  weitergreifenden  Maße  ausgestaltet ­
  werden,  als  dies  bisher  geschehen  ist.  Die  eben
entwickelten  Grundsätze  lassen  das  gerechtfertigt  erscheinen. ­

Schon  lange  hat,  besonders  im  Deutschen  Reiche,  eine
Bewegung  eingesetzt,  die  vor  allem  auf  die  Einschränkung
der  Farentelen,  und  in  zweiter  Linie  auf  eine  größere  Beteiligung ­
  des  Gemeinwesens  an  allen  Erbfällen  abzielt.  In
ersterer  Richtung  hat  schon  unsere  §  14-Novelle  einen  kleinen, ­
  allerdings  sehr  behutsamen  Schritt  nach  vorwärts
gemacht.  Immer  aber  ist  unsere  gesetzliche  Erbfolge  noch
eine  geradezu  vernunftwidrige.  C)der  kann  man  es  anders
bezeichnen,  daß  bei  der  Intestaterbfolge  oft  Verwandte,
die  von  dem  Dasein  des  Erblassers  gar  keine  Kenntnis
hatten,  mit  Mühe  und  Kosten  gesucht  werden,  damit  sie
ein  Vermögen  entgegennehmen,  das  ihnen  im  vollen  Sinne
des  Wortes  ein  fremdes  ist?  Wenn  neben  dem  Ehegatten
die  Nachkommen,  die  Aszendenten  des  Verstorbenen  und
die  Nachkommen  seiner  Eltern  erbberechtigt  sind,  ist  allen
Anforderungen  der  Billigkeit  entsprochen,  besonders  solange ­
  die  Testierfreiheit  unbeschränkt  bleibt.
Bei  der  Erbfolge  aus  einem  letzten  Willen  aber  sollte
&amp;lt;Jer  dem  Staate  zufallende  Anteil  nicht  mehr  als  eine  Verkehrsabgabe, ­
  sondern  als  ein  gesetzliches  Legat  behandelt ­
  werden,  das  ebenso  wie  unsere  Nachlaßgebühren
"ach  dem  Verhältnis  des  Erwerbers  zum  Erblasser  und
überdies  in  starker  Progression  nach  der  Höhe  des  Anlaßes ­
  abzustufen  wäre.  Ein  solches  Legat  könnte  einen  weit
größeren  Teil  des  Angefallenen  ausmachen,  als  eine  Verkehrssteuer ­
  wie  unsere  derzeitige  Gebühr.  In  dieser
Dichtung  muß  das  kapitalistische  Interesse  gleichfalls
weitgehende  Zugeständnisse  machen,  wenn  es  seine  Daseinsberechtigung ­
  nicht  aufs  Spiel  setzen  will.
Soweit  die  vorhandenen  Vermögenswerte  die  bare
Auszahlung  nicht  gestatten,  müßte  eine  staatliche  Vorsorge
iür  die  Beschaffung  der  Mittel  durch  Belehnung  der  Nachlaßobjekte, ­
  besonders  des  unbeweglichen  Vermögens,
und  Abstattung  im  Wege  der  Amortisation  getroffen  warnen. ­

Diese  Erbschaftsabgabe  könnte  vielleicht  zur  allmäh ­
        <pb n="20" />
        ligen  Tilgung  der  Staatsschuld  besonders  gewidmet  werden. ­


XII.
Die  allgemeine  Besteuerung  des  Wertzuwachses  ist
gleichfalls  ein  Erfordernis  der  modernen  Anschauungen.
Sie  wäre,  woran  wohl  bisher  weniger  gedacht  wurde,
auch  auf  die  Gewinne  von  Wertpapieren  zu  legen,  u.  zw.
auch  auf  die  noch  nicht  abgewickelten,  aus  Gründen,  die
später  auszuführen  sind.  Im  Uebrigen  trifft  sie  naturgemäß
vor  allem  den  Grundbesitz.  Man  muß  eben  der  Tatsache
Rechnung  tragen,  daß  das  fortwährende  Steigen  der
Grundrente  und  des  Grundwertes  ein  Naturgesetz  ist,  dessen ­
  Ergebnisse  nicht  dem  einzelnen  Besitzer,  sondern  der
Gesamtheit  zugute  kommen  sollen.  Wenn  der  erhöhte  Ertrag ­
  nur  durch  Steuern  (also  verhältnismäßig  sehr  gering)
belastet  wird,  soll  doch  die  unverdiente  Erhöhung  des
Wertes  selbst  der  Allgemeinheit,  zumindest  mit  dem  überwiegenden ­
  Teile,  zugute  kommen.
Folgerichtiger  wäre  es  wohl,  Grund  und  Boden
gänzlich  zu  verstaatlichen  und  nur  die  Nutzung,  u.  zw.
nach  Art  eines  Erbbaurechtes  bei  Häusern,  und  gleich
einer  Erbpacht  bei  landwirtschaftlichen  Grundstücken,  den
Eigentümern  für  etwa  70—90  Jahre  zu  belassen.  Ein
solcher  Zeitraum  müßte  auch  genügen,  um  die  haftenden
Schulden  aus  dem  Ertrage  zu  tilgen.  Die  Ablösung  wäre
dann  entbehrlich.  Damit  würde  der  Staat  unmittelbar
Eigentümer  eines  großen  Vermögens  und  dadurch  entsprechend ­
  kreditwürdiger.  Für  ein  solches  Vorgehen
dürfte  allerdings  die  Zeit  noch  nicht  gekommen  sein.

XIII.
Von  großer  grundsätzlicher  Bedeutung  ist  die  Frage,
ob  und  wieweit  der  Staat  seine  Einnahmen  durch  Uebernahme
  von  Unternehmungen  in  seinen  Eigenbetrieb  und
durch  Schaffung  neuer  Monopole  erhöhen  soll  und  kann.
Die  lebhafte  Agitation,  die  in  dieser  Richtung  mit  viel  Begabung, ­
  aber  völlig  unzureichender  Sachkunde  geführt
wird,  dürfte  nicht  ohne  Eindruck  geblieben  sein;  es  ist
deshalb  umso  nötiger,  dem  Gegenstand  unbefangen  nahezutreten.
        <pb n="21" />
        21

Soweit  der  mühelose  Erwerb  des  Aktionärs  den
Gegenstand  der  Angriffe  bildet,  sind  wohl  nicht  viel  Worte
nötig.  Das  Einkommen  des  Rentners  ist  nicht  weniger
mühelos;  wenn  es  keine  Aussicht  auf  Steigerung  hat,  ist
es  dafür  weniger  gefährdet.  Solche  Einnahmen  mißbilligen, ­
  heißt  also  einfach  antikapitalistisch  sein  —  das  ist
gewiß  ein  Standpunkt,  aber  kein  solcher,  der  einer  praktischen ­
  Wirtschaftspolitik  heute  zu  Grunde  zu  legen  ist.
Ernsthaft  in  Frage  kommen  kann  somit  nur,  ob  es  für
die  Gesamtheit  vorteilhafter  ist,  wenn  gewisse  Unternehmungen ­
  verstaatlicht  (oder  auch  verstadtlicht)  werden.
Die  Erfahrungen,  die  wir  bisher  gemacht  haben,  sind  keineswegs ­
  ermutigend.  Der  Staat  (und  nicht  minder  die
Stadt)  verwaltet  schlecht  und  teuer,  vor  allem,  weil  Beamte ­
  im  allgemeinen  sich  für  die  Leitung  von  gewerblichen ­
  und  kaufmännischen  Betrieben  nicht  eignen.  Das
hat  sich  schon  vor  dem  Kriege  gezeigt,  am  deutlichsten
aber  wohl  in  der  bürokratischen  Behandlung  der  Ernähmngs-
  und  sonstigen  Kriegswirtschaftsangelegenheiten.
Es  liegt  eben  in  dem  Wesen  des  öffentlichen  Beamten,
die  Verantwortung  zu  scheuen,  das  Handeln  auf  eigene
Gefahr  zu  meiden,  sich  bei  jedem  Schritt  durch  eine  Vorschrift ­
  oder  einen  Auftrag  decken  zu  wollen.  Das  geschäftliche ­
  Leben  aber,  das  rasche  Entschlüsse,  selbständiges
Handeln  erfordert,  verträgt  ein  solches  Vorgehen  nicht.
Diese  Eigenschaften  machen  auch  eine  übergroße  Anzahl ­
  von  Angestellten  erforderlich,  und  sie  bewirken  den
schleppenden  und  unregelmäßigen  Gang  der  Geschäfte.
Ein  Teil  dieser  Mängel  tritt  wohl  auch  bei  großen  Privatinstituten ­
  zutage;  doch  werden  sie  dort  zumeist  durch
den  interessierten  Eifer  der  leitenden  Personen  eingeschränkt. ­
  Dem  staatlichen  Unternehmen  fehlt  auch  fast
immer  der  Ansporn,  der  im  Wettbewerb  liegt.  Alle  Nachteile, ­
  die  jedes  Monopol  für  die  Gesamtheit  hat,  kommen
zur  Geltung.  Anders  bei  den  privaten  Unternehmen:  die
Rücksicht  auf  den  Wettbewerb  zwingt  sie,  den  Bedürfnissen ­
  und  Wünschen  ihrer  Geschäftsfreunde  tunlichst  zu
entsprechen.  Welche  Rolle  dieser  Umstand  beispielsweise
bei  den  Versicherungsgesellschaften  spielt,  ist  jedem  Kundigen ­
  wohl  bewußt.
Der  Staat  als  solcher  würde  also  aus  den  verstaatlichten ­
  Unternehmen  keineswegs  auch  nur  annähernd  die
Vorteile  erzielen,  die  der  Private  oder  eine  gut  geführte
Gesellschaft  hätte.  Er  würde  auch  sicherlich  seine  Lieferanten ­
  und  seine  Abnehmer  weit  ungünstiger  behandeln.
        <pb n="22" />
        Es  ist  ja  allgemein  bekannt,  wie  drückend  die  Bestimmungen ­
  der  Verträge  sind,  die  Staat  und  Gemeinden  zu
schließen  pflegen  und  wie  wenig  der  Kontrahent  auf  Entgegenkommen ­
  und  Anwendung  von  Billigkeit  rechnen
darf.
Hiezu  kommt  noch  eines;  jedes  Monopol,  das  der
Staat  oder  eine  öffentliche  Körperschaft  sich  zueignet,
wird  alsbald  einfach  als  Steuerquelle  benützt.  Wenn  der
Staat  Geld  braucht,  erhöht  er,  ohne  Rücksicht  auf  kaufmännische ­
  Grundsätze,  die  Eisenbahntarife  und  Fernsprechgebühren, ­
  ohne  Rücksicht  auf  die  Gestehungskosten
die  Salz-  und  Tabakpreise.  Nicht  anders  macht  es  die  Gemeinde ­
  mit  den  Gebühren  für  Gas  und  Elektrizität  und
für  die  Beförderung  auf  den  Straßenbahnen.  Wie  streng
wurden  dagegen  die  privaten  Gesellschaften  gehalten,  solange ­
  diese  Gegenstände  in  ihrem  Betriebe  waren!  Es  kann
nicht  dem  geringsten  Zweifel  unterliegen,  daß  das  Publikum ­
  vor  der  Uebernahrne  durch  Staat  und  Sadt  weitaus ­
  besser  daran  war.
Auch  die  erhöhten  Einnahmen,  die  Staat  und  Gemeinde
erzielen,  können  keineswegs  deshalb  schon  als  ein  wünschenswerter ­
  Erfolg  gelten.  Denn  sie  sind  eine  durchaus
unwirtschaftliche  Art  der  Aufbringung  dieser  Beträge.
Einerseits  weil,  wie  gezeigt,  die  Verwaltung  dieser  Einnahmen ­
  eine  viel  zu  kostspielige  ist  —  anderseits  aber,  weil
diesen  Einnahmen  die  bekannten  Fehler  jeder  indirekten
Steuer  anhaften:  daß  sie  nicht  auf  die  Gesamtheit  nach
Maßgabe  der  Leistungsfähigkeit  eines  jeden  verteilt  werden, ­
  sondern  nach  dem  zufälligen  oder  notwendigen  Ausmaße ­
  des  Bedarfes  die  Einzelnen  ganz  verschieden  belasten, ­
  gleichviel  ob  arm  oder  reich,  wie  z.  B.  bei  dem
Salzverbrauch,  am  deutlichsten  vielleicht  bei  einer  Erhöhung ­
  der  Straßenbahn-Fahrpreise,  die  fast  nur  die
Minderbemittelten  trifft,  gerade  die  Reichen  gar  nicht  berührt. ­

Aus  allen  diesen  Erwägungen  kann  eine  wesentliche
Ausdehnung  der  staatlichen  Wirksamkeit  auf  gewerblichem ­
  oder  sonst  kaufmännischem  Gebiet  nicht  empfohlen
werden  —  wenigstens  nicht  aus  Rücksicht  auf  die  Staatseinnahmen. ­
  Ob  nicht  andere  gewichtige  wirtschaftliche
Erwägungen  in  Einzelfällen  die  Verstaatlichung  erheischen, ­
  wie  z.  B.  bei  Kohlengruben  oder  Transportschiffen, ­
  muß  hier  außer  Erörterung  bleiben.

r?
        <pb n="23" />
        23.

XIV-Die

  Kriegssteuer  ist  von  allen  Einnahmequellen  die
nächste,  sie  wirft  denn  auch  schon  ihre  Schatten  voraus.
Unsere  Geschäftswelt  fragt,  bei  jedem  Schritte  besorgt:
„Ja.  werde  ich  da  nicht  Kriegssteuer  zahlen  müssen?“
Es  ist  eben  nicht  jedermanns  Sache,  sich  darein  zu  finden,
daß  man  einen  Gesellschafter  habe,  der  ohne  die  Gefahr
zu  teilen,  die  Hälfte  oder  mehr  von  dem  Nutzen  in  Anspruch ­
  nimmt.  Die  Ueberzeugtmg,  daß  die  Erhaltung  des
Staatskredites  eine  Sache  sei,  die  jeden  von  uns  angeht,
die  von  jedem  Opfer  fordert  und  einem  jeden  seine  Opfer
lohnt  —  diese  Ueberzeugung  hat  sich  noch  keineswegs
zur  Geltung  durchgerungen.  So  entstehen  die  seltsamsten
Zustände;  man  vermeidet  es,  Gewinne  zu  realisieren,
weil  die  hohe  Abgabe  eine  Art  Prämie  für  längeres  Durchhalten ­
  zu  bieten  scheint.  Am  schärfsten  tritt  das  natürlich
an  der  Börse  hervor:  und  es  ist  nicht  zuviel  gesagt,  wenn
man  den  ganz  ungerechtfertigten  Hochstand  der  Kurse
mit  darauf  zurückführt,  daß  die  glücklichen  Spekulanten
ihre  Effekten  lieber  behalten,  ehe  sie  von  dem  Gewinne,
den  sie  erzielen  würden,  so  viel  an  den  Staat  abgeben.
Dieser  Zustand  ist  für  die  Steuerträger,  und  noch
mehr  für  die  Finanzverwaltung,  durchaus  unbefriedigend.
Eine  Abhilfe  wäre  wohl  nur  darin  zu  finden,  wenn  für  die
Ermittlung  der  Kriegssteuer,  in  weiterer  Abweichung  von
dem  Personalsteuergesetze,  auch  die  noch  nicht  realisierten, ­
  dem  Werte  nach  bereits  vorhandenen  Gewinnste
maßgebend  erklärt  würden.*)
Im  übrigen  bedarf  die  Kriegssteuer  einer  mehr
durchdachten  Behandlung,  als  ihr  in  den  Steinwend ­
  e  Eschen  Anträgen  zuteil  wurde.  Kapitalsassoziationen ­
  progressiv  nach  der  absoluten  Höhe  ihres  Erträgnisses ­
  heranzuziehen,  ist  ein  Unding  —  nicht  einmal  so
sehr,  weil  den  großen  Unternehmen  zu  wenig,  als  vielmehr, ­
  weil  den  kleinen  zu  viel  bleibt.  Wenn  eine  Gesellschaft ­
  mit  einem  Kapitale  von  einer  Million  eine  Million
verdient  hat,  ist  es  zu  w-enig,  wenn  ihr  600.000  Kronen
genommen  werden,  weil  ihr  noch  ein  Gewinn  von  40%
bleibt  —  wenn  aber  hundert  Millionen,  ja  selbst  wenn
zehn  Millionen  eine  Million  abgeworfen  haben,  ist
eine  sechzigperzentige  Abgabe  zu  hoch,  weil  nur  0.4%,
*)  Ähnlich  jetzt  Antrag  Dr.  Schürff-Wedra  im  Abgeordnetenhause.
        <pb n="24" />
        24

rücksichtlidi  4  %  als  Erträgnis  übrig  bleiben.  Ganz  anders ­
  bei  Einzelpersonen;  bei  ihnen  ist  das  Verhältnis  von
Kapital  und  Ertrag  sehr  schwer  festzustellen;  und  wenn
einem  Einzelnen  von  100.000  Kronen  Einkommen  selbst
nur  40.000  bleiben,  ist  er  nicht  eben  zu  bedauern,  mag
sein  Kapital  groß  oder  klein  sein-  Die  Regierung  war  also
im  Rechte,  als  sie  für  die  Kriegssteuer  der  Gesellschaften
den  perzentuellen,  für  die  der  Einzelpersonen  den  absoluten ­
  Maßstab  vorschlug.
Auch  die  sogenannte  „Rückwirkung“  des  Gesetzes
ist  nicht  verwerflich,  nicht  einmal  unbillig.  Die  gesamte
Kriegszeit  bildet  wirtschftlich  eine  Einheit:  sie  ist  also  auch
einheitlich  zu  besteuern.  Nebenbei  bemerkt,  ist  es  ganz
unvernünftig,  die  intensivere  Besteuerung  mit  den  Ergebnissen ­
  des  Jahres  1917  beginnen  zu  lassen,  wo  doch  1915
und  1916  die  eigentlich  erfolgreiche  Zeitspanne  waren.  Es
wäre  also  am  Platze,  nach  dem  Ergebnisse  der  ersten
drei  Jahre  provisorisch  zu  bemessen  und  die  cndgiltige
Festsetzung  dem  Kriegsende  vorzubehalten.
Auf  einer  derart  gerechten  Grundlage  könnten  die
Sätze  noch  wesentlich  erhöht  und  überdies  durch  die  Einführung ­
  eines  Einkommensmaximus  ergänzt  werden.  Hs
ist  nicht  einzusehen,  warum  nicht  ein  Erträgnis  von  etwa
15—20  %  für  Gesellschaften  und  ein  Einkommen  von  etwa
100.000  (oder  selbst  200.000)  Kronen  für  Einzelpersonen
als  das  Höchstmaß  dessen  gelten  könnte,  was  in  dem  für
die  wirtschaftliche  Wiedergeburt  des  Staates  maßgebenden ­
  Zeiträume  ins  Verdienen  gebracht  werden  dürfte.
Der  Mehrbetrag  hätte  dem  Staat  zuzufallen  —  vielleicht
mit  dem  besonderen  Zwecke  der  Gutmachung  der  Kriegsschäden. ­
  Die  großen  Vermögen  sollten  ihr  automatisches
Wachstum  nicht  auch  während  der  Zeit  fortsetzen,  wo
der  Staat  alles  aufbieten  muß,  um  seinen  Verbindlichkeiten
nachzukommen,  wo  der  Staat  seinen  Invaliden,  seinen
Kriegswitwen  und  -Waisen  nicht  einmal  soviel  geben
kann,  daß  sie  vor  Hunger  und  Verelendung  bewahrt  seien.

XV.
Daß  Sparsamkeit  in  jedem  Sinne  zu  den  wesentlichen
Voraussetzungen  für  die  allmählige  Wiederherstellung
unserer  Wirtschaft  gehören  wird,  ist  mehr  als  selbstverständlich; ­
  dennoch  können  einige  Bemerkungen  dazu  am
Platze  sein.
        <pb n="25" />
        Sparsamkeit  in  den  einzelnen  Haushalten  ist  in  hohem
Grade  nötig,  weil  die  weitere  Kapitalsbildung  gewiß  unter
sehr  erschwerten  Bedingungen  vor  sich  gehen  wird.  Nun
sind  wir  durch  die  Kriegsverhältnisse  in  zwei  entgegengesetzte ­
  Richtungen  gedrängt  worden:  wir  haben  gelernt,
mit  allem  haushälterisch  umzugehen,  was  uns  an  Lebensbedarf ­
  geboten  ist,  nichts  zu  verschmähen,  nichts
zu  verschwenden,  alles  zu  verwerten  —  wir  haben
aber  auch,  durch  die  Not  gezwungen,  zumeist  verlernt, ­
  unsere  Ausgaben  nach  den  Einnahmen
zu  richten-  Wer  denkt  heute  daran,  ob  eine  Anschaffung
ihm  durch  seine  Einkünfte  gestattet  ist?  Wer  sich  Geld
verschaffen  kann,  sieht  dazu,  daß  seine  Familie  nichtHunger
leide,  nicht  der  nötigen  Bekleidung  ermangle.  Wenn  nun
halbwegs  normale  Preisverhältnisse  wiedergekommen  sein
werden,  müssen  wir  das  Gute  behalten:  die  Achtung  vor
allem,  was  unseren  Lebensbedürfnissen  dient,  die  Abkehr
von  jeder  Vergeudung  nutzbaren  Materiales.  Dagegen
müssen  wir  umsomehr  zu  der  strengen  Rechnung  zurückkehren, ­
  wie  sie  in  den  Kreisen  des  erwerbenden  Bürgertums ­
  üblich  war.  Von  ihm  geht  die  Bildung  der  Sparkapitalien ­
  aus;  was  der  Fabrikant  und  der  Kaufmann,  was  der
Landwirt  in  mühevoller  Tätigkeit  zurücklegt,  gibt  den
Stoff  für  den  Reichtum  des  Landes,  die  Grundlage  für  die
Entwicklung  der  Staatswirtschaft.  Die  Eintagsgewinne
der  Spekulanten  spielen  daneben  keine  große  Rolle,  so  sehr
sie  auch  durch  Luxus  und  Protzentum  auffallen  mögen.
Wenn  der  Staat,  durch  die  Sachlage  gezwungen,  die
Mittel  seiner  Bürger  auf  das  äußerste  in  Anspruch
nimmt,  so  erwächst  ihm  daraus  naturgemäß  die  Verpflichtung, ­
  auch  seinerseits  die  größte  Sparsamkeit  anzuwenden. ­
  Freilich,  am  rechten  Platze!  Wir  haben  bisher
nur  die  Verzinsung  und  T  ilgung  der  Staatsschuld  vor
Augen  gehabt;  dabei  sparen  zu  wollen,  wäre  wohl  die
schlechteste  Politik.  Die  anderen  Ausgaben  aber  bedürfen
sehr  weitgehender  Einschränkungen.  Die  wichtigste
Frage  in  diesem  Belange  ist  wohl  die,  ob  die  Friedensbedingungen ­
  eine  wesentliche  Herabsetzung  der  Rüstungsausgaben ­
  gestatten  oder  vielleicht  sogar  erzwingen
werden.  Ein  ehrlicher  Friede  müßte  wohl  eine  solche  Wirkung ­
  haben.  An  uns  allein  aber  liegt  es,  durch  eine  gründliche ­
  Reform  der  Verwaltung  den  ganzen  Apparat  leistungsfähiger ­
  und  gleichzeitig  wohlfeiler  zu  gestalten.  Das
Wie  ist  nicht  an  dieser  Stelle  zu  erörtern;  nur  beiläufig
wäre  zu  bemerken,  daß  eine  Neuorganisation  von  unten
        <pb n="26" />
        26

herauf,  etwa  im  Wege  der  vielbesprochenen  Kreiseinteilung
  auf  nationaler  Grundlage,  notwendig  sein  wird.
Hinen  großen  Schritt  nach  vorwärts  würde  es  wohl  auch
bedeuten,  wenn  die  Kronlandseinteilung  aufgelassen
würde;  ihr  fehlt  die  administrative  und  zumeist  auch  die
politische  Berechtigung.  Was  man  zu  ihren  Gunsten  anführt,
  ist  das  provinziale  Vaterlandsgefühl;  es  ist  aber  sehr
fraglich,  ob  es  nicht  besser  zugunsten  des  Staatsgefühles
zurücktreten  sollte.

XVI.
Die  Gleichheit  der  wirtschaftlichen  Voraussetzungen
wird  wahrscheinlich  auch  die  anderen  Staaten,  Freunde
wie  Feinde,  vielleicht  selbst  Neutrale,  zu  ähnlichen  Maßregeln ­
  zwingen.  Es  muß  aber  dennoch  Vorsorge  getroffen
werden,  um  zu  vereiteln,  daß  die  gefährdeten  Reichen
durch  Auswanderung  oder  Uebertragung  von  Vermögen
ins  Ausland  sich  den  Wirkungen  unserer  Maßnahmen  entziehen. ­
  Während  der  Kriegsdauer  wird  ihnen  das  kaum
möglich  sein;  aber  auch  weiter,  noch  durch  einige  Jahre,
wird  die  staatliche  Kontrolle  über  die  zwischenstaatlichen
Geld-  und  Wertpapier-Transaktionen  aufrecht  zu  erhalten
sein.  Ueberdies  wäre  ein  strenges  Verbot  der  Verrnögensansfuhr,
  mit  scharfen  Strafen,  im  Gesetzgebungswege  zu
erlassen.
XVII.
Wird  durch  entschiedenes  Erfassen  aller  Einnahmsquellen ­
  der  Staatskredit  gefestigt,  so  wird  damit  schon
die  wesentlichste  Voraussetzung  für  die  Hebung  unserer
Valuta  gegeben  sein.  Denn  nur  dadurch  wird  es  möglich
werden,  sofort  nach  Friedensschluß  eine  namhafte  Anleihe ­
  im  Auslande  zu  begeben,  damit  unser  großer  Einfuhrbedarf ­
  die  Wechselkurse  nicht  weiter  in  Mitleidenschaft ­
  ziehe.  Vielleicht  wird  sogar  die  Erlangung  einer
Goldanleihe  mit  anderen  wirtschaftlichen  Friedensbedingungen ­
  zu  verbinden  sein.
Auch  eine  Vorsorge  in  der  Weise  würde  sich  empfehlen, ­
  daß  Zollfreiheit  oder  Zollherabsetzung  für  die
Einfuhr  bestimmter  Artikel  nur  unter  der  Bedingung  gewährt ­
  werde,  wenn  der  effektive  Ausgleich  des  Gegenwertes ­
  erst  nach  einer  Frist  von  zwei  oder  drei  Jahren
        <pb n="27" />
        erfolgt.  Selbstverständlich  nicht  durch  Kreditgewährung
für  so  lange  Zeit:  der  Kaufpreis  wäre  nach  dem  jeweiligen
Stande  der  Wechselkurse  im  Inlande  in  inländischer  Währung ­
  an  sicherer  Stelle  zu  hinterlegen,  aber  erst  nach  Ablauf ­
  der  bestimmten  Zeit  samt  Zinsen  effektiv  auszuzahlen.
Aehnliches  wäre  im  Friedensvertrag  für  die  Berichtigung ­
  der  in  ausländischer  Währung  zahlbaren  Schulden
zu  vereinbaren.
Daß  wir  eine  Ausfuhr  nur  haben  können,  wenn  unsere
Warenpreise  den  Wettbewerb  mit  dem  Auslande  vertragen, ­
  ist  klar,  weil  wir,  solange  die  Existenzbedingungen ­
  so  abnorme  sind,  nicht  billig  erzeugen  können.
Der  anscheinende  Zollschutz,  den  ungünstige  Wechselkurse ­
  bilden,  wird  durch  die  Verteuerung  der  Produktion
reichlich  aufgewogen.

XVIII.
Neue  Mittel  zur  Hebung  unseres  Erwerbslebens  wird
kaum  jemand  finden;  es  genügt  auch  vollständig,  wenn
die  bekannten  ausreichend  angewendet  werden.  Beseitigung ­
  aller  zünftlerischen  Einschränkungen,  schleunige
und  wohlwollende  amtliche  Behandlung  neuer  Betriebsanlagen, ­
  gerechte  Handhabung  der  Steuervorschriften,
das  wäre  etwa  eine  Gruppe;  Hebung  des  gewerblichen
Unterrichtes  für  die  große  Menge,  Erleichterung  des  Besuches ­
  der  technischen  Mittelschulen,  Förderung  des  Erfindungsgeistes ­
  durch  Anlage  von  Versuchsanstalten  und
Laboratorien,  wäre  eine  zweite  Gruppe;  Einrichtung
und  Unterstützung  von  Geldinstituten,  die  ohne  Ausbeutung ­
  den  nötigen  Kredit  gewähren  sollen,  Arbeiterund ­
  Angesteilten-Schutz  mit  Altersversorgung,  wären
weitere  Gruppen.  Zu  ihrer  Durchführung  gehört  vor  allem
die  Tötung  des  bürokratischen  Geistes  in  unserer  Verwaltung, ­
  der  sich  durch  einen  —  manchmal  geradezu  kindischen ­
  Trotz  gegen  die  bessere  Einsicht  anderer  nach
außen  und  durch  unausgesetzte  Bedenken  und  Ablehnungen ­
  der  Verantwortung  nach  innen,  so  unangenehm
fühlbar  macht.  Wir  betrachten  schon  die  Selbstverwaltung,
so  böse  sie  oft  durch  Parteilichkeit  sündigt,  als  das
kleinere  Uebel  gegenüber  einer  Beamtenschaft,  die  nicht
einsehen  will,  daß  sie  dem  Staate  nur  dient,  indem  sie
dem  Volke  dient,  und  die  vielfach  nicht  versteht,  daß  die
Ausübung  ihrer  Mannesrechte  ihre  Mannespflicht  ist.
        <pb n="28" />
        28

i

Dann  gehört  dazu  auch  Geld—wir  haben  aber  wohl
gelernt,  das  Geld  anders  zu  werten,  als  bisher.  Wenn  wir
die  Milliarden  ungezählt  in  den  Abgrund  des  Krieges  werfen
können,  werden  wir  doch  mit  den  Millionen  nicht  geizen
dürfen,  die  unmittelbar  und  mittelbar  reiche  Früchte  tragen
sollen.  Das  deutlichste  Beispiel  ist  das  Korber  sehe  Kanalprojekt ­
  —  wer  wollte  heute  glauben,  daß  man  die  eine
Milliarde  für  unerschwinglich  hielt,  die  daran,  noch  dazu
im  Verlaufe  von  etwa  zwanzig  Jahren,  zu  wenden  war?
Auch  die  Frage  der  weltwirtschaftlichen  Orientierung
spielt  hier  mit.  In  dieser  Hinsicht  ist  schon  viel  mit  wohlklingenden ­
  Redensarten  gesündigt  worden;  und  doch  kann
nichts  anderes  maßgebend  sein,  als  der  kühle  Interessenstandpunkt ­
  —  wenn  auch  kein  kurzsichtiger,  nur  auf  die
nächste  Stunde  bedachter.  Es  wird  sicher  große  Vorteile
bieten,  wenn  die  kaufmännische  Erschließung  des  nahen
Ostens  mit  ebensoviel  Tatkraft  und  Tüchtigkeit  in  die  Hand
genommen  wird,  wie  sie  seit  Jahrzehnten  im  fernen  Osten
bewährt  wurde.  Wir  werden  dabeiwohl  auch  mit  dem  deutschen ­
  Wettbewerb  Schritt  halten  —  besonders  wenn  war
nicht  mehr  unsere  besten  Kräfte  werden  an  das  Ausland  abgeben ­
  können.  Bedenklicher  ist  die  Frage,  welchen  Schutz
unsere  Industrie  benötigen  wird,  um  neben  der  deutschen
zu  bestehen.  Es  gibt  große  Industrien,  die  man  ruhig  sich
selbst  überlassen  dürfte,  wie  etwa  die  Eisenindustrie  und
andere  metallverarbeitende  Gewerbe;  es  ginge  aber  doch
nicht  wohl  an,  alle  unsere  Betriebe  der  deutschen  Konkurrenz ­
  einfach  preiszugeben.  Allerdings  fehlt  heute  jeder
Maßstab  dafür,  wie  sich  dann  die  Erzeugungskosten  in
Oesterreich  zu  denen  in  Deutschland  verhalten  werden;
man  weiß  noch  nicht,  wie  die  Kosten  der  Lebensführung,
wie  die  Besteuerung,  hüben  und  drüben  sich  gestalten  werden ­
  und  doch  ist  gerade  das  für  die  Bemessung  von  Schutzzöllen ­
  wesentlich.  Es  wird  also  kaum  angezeigt  sein,  mit
dem  Deutschen  Reiche  eine  wirtschaftliche  Abmachung
für  längere  Zeitdauer  zu  treffen,  weil  diese  Voraussetzungen ­
  sich  erst  nach  dem  Kriege  ergeben  werden,  wie
sich  ja  auch  erst  dann  zeigen  wird,  welche  Gruppen  von
Unternehmungen  dauernd  gewonnen  und  welche  dauernd
gelitten  haben.
        <pb n="29" />
        29

XIX.
Das  hier  Gesagte  läßt  sich  in  einigen  Leitsätzen  knapp
znsammenfassen:
Voraussetzung  für  die  Herstellung  unserer  Finanzen
ist  die  kräftigste  Inanspruchnahme  aller  rationellen  Einnahmsquellen; ­
  nur  die  allgemeine  Ueberzeugung,  daß  bei
allen  Faktoren  der  ernste  und  unbeugsame  Wille  in  dieser
Richtung  vorhanden  sei,  kann  unseren  Kredit  auf  die  Höhe
bringen,  deren  er  bedarf.
Rationell  sind  nur  die  Lasten  zu  erhöhen,  die  die
kapitalskräftigen  Klassen  treffen.  Deshalb  sind  Vermögen
und  Einkommen  weit  über  das  bisher  in  Aussicht  Genommene ­
  in  Anspruch  zu  nehmen;  dagegen  sind  alle  indirekten ­
  Steuern  und  die  Preise  der  Monopolartikel  möglichst ­
  bei  dem  Stande  zu  erhalten,  den  sie  vor  dem  Kriege
hatten.
Die  Höhe  der  direkten  Abgaben  darf  nur  durch  die
Sorge  für  die  Erwerbsfähigkeit  beschränkt  sein;  der  Erwerbswille ­
  wird  dadurch  nicht  geschädigt  werden.
Die  Anlage  in  Staatswerten  ist  vor  der  in  Dividendenwerten ­
  auf  jede  Weise  zu  bevorzugen;  der  Vorteil,  der
daraus  dem  Staate  erwächst,  kommt  mittelbar  allen  Staatsangehörigen ­
  zugute.
Für  die  Leistungsfähigkeit  unseres  Wirtschaftslebens
ist  der  Abbau  der  Preise  eine  unumgängliche  Voraussetzung; ­
  der  Staat  darf  ihn  nicht  nur  nicht  hindern,  er
muß  sogar  Opfer  dafür  bringen.
Die  Regelung  unserer  Währungsverhältnisse  muß
durch  die  Hebung  unseres  Staatskredites  bewerkstelligt
werden;  sie  ist  aber  nicht  in  kurzer  Zeit  erreichbar.  Kleine
Mittel  anzuwendeu  empfiehlt  sich  nicht;  insbesondere
würden  Maßregeln  zur  Beschränkung  der  Einfuhr  (etwa
mit  Ausnahme  von  Luxusgegenständen)  und  zur  Hebung
der  Ausfuhr  leicht  dem  wichtigeren  Ziele  der  Herabsetzung
des  Preisstandes  der  notwendigen  Lebensbedürfnisse  abträglich ­
  sein.

XX.
Eines  kann  nicht  genug  betont  werden;  alle  Steuerträger, ­
  ganz  besonders  die  Wohlhabenden,  müssen  sich
von  der  Einsicht  leiten  lassen,  daß  an  der  Erhaltung  der
Wirtschaft  des  Staates  auch  die  Erhaltung  ihres  individuellen ­
  Wohlstandes  hängt,  daß  sie  also  alle  Lasten,  die
ihnen  auferlegt  werden,  in  ihrem  eigenen  Interesse  tragen,
        <pb n="30" />
        ,10

ZBW  digital  2018  DZ

und  daß,  wer  sich  diesen  Lasten  entzieht,  mit  der  Gesamtheit ­
  auch  sich  selbst  schädigt.
Um  dieser  Einsicht  zum  Durchbruch  zu  verhelfen,
muß  allerdings  auf  Gerechtigkeit  bei  der  gesetzlichen  Regelung ­
  der  Lasten  und  bei  der  Handhabung  des  Gesetzes
das  größte  Gewicht  gelegt  werden.
Unsere  Lage  ist  eine  mehr  als  außergewöhnliche  und
schwierige.  Sie  bedarf  deshalb  auch  eines  Aufwandes  an
Energie  auf  der  einen  und  an  Selbstverleugnung  auf  der
anderen  Seite,  wie  ihn  die  Wirtschaftsgeschichte  bisher
nicht  gekannt  hat.
Zur  Lösung  der  Fragen,  die  hier  behandelt  wurden,
sind  die  Routiniers,  wie  sie  zumeist  an  der  Spitze  unserer
Verwaltung  stehen,  wenig  geeignet.  Ihnen  fällt  es  zu
schwer,  die  ausgefahrenen  Geleise  zu  verlassen;  ihnen  ist
es  auch  kaum  zuzumuten,  daß  sie  die  überlieferte  Ehrfurcht ­
  vor  dem  Großkapital  in  seinen  beiden  Formen,
Finanzwelt  und  Großgrundbesitz,  zurückstellen  und,  unbeirrt ­
  von  der  Ueberlieferung,  den  gesetzgebenden  Körperschaften ­
  die  Vorschläge  machen,  die  allein  geeignet  sind,
unsere  Zukunft  zu  sichern.  Es  steht  soviel  auf  dem  Spiel,
daß  alle  Bedenken  weichen  müssen,  die  sich  aus  überkommenen ­
  Vorstellungen,  aus  der  Tradition,  nicht  zuletzt
aus  gewohnter  Rücksichtnahme  auf  einflußreiche  Interessengruppen ­
  ergeben.

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  Ausgaben  nach  den  Einnahmen
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normale  Preisverhältnisse  wdedergekommen  sein
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is  unseren  Lebensbedürfnissen  dient,  die  Abkehr
r  Vergeudung  nutzbaren  Materiales.  Dagegen
Hr  umsomehr  zu  der  strengen  Rechnung  zurück-He
  sie  in  den  Kreisen  des  erwerbenden  Bürgerch
  war.  Von  ihm  geht  die  Bildung  der  Sparkapi-;
  was  der  Fabrikant  und  der  Kaufmann,  was  der
in  mühevoller  Tätigkeit  zurücklegt,  gibt  den
den  Reichtum  des  Landes,  die  Grundlage  für  die
mg  der  Staatswirtschaft.  Die  Eintagsgewinne
ilanten  spielen  daneben  keine  große  Rolle,  so  sehr
durch  Luxus  und  Protzentum  auffallen  mögen.
1  der  Staat,  durch  die  Sachlage  gezwungen,  die
iner  Bürger  auf  das  äußerste  in  Anspruch
P3  erwächst  ihm  daraus  naturgemäß  die  Verauch
  seinerseits  die  größte  Sparsamkeit  anzur
  Freilich,  am  rechten  Platze!  Wir  haben  bisher
A  Verzinsung  und  Tilgung  der  Staatsschuld  vor
habt;  dabei  sparen  zu  wollen,  wäre  wohl  die
:  de  Politik.  Die  anderen  Ausgaben  aber  bedürfen
S -|-Jtgehender  Einschränkungen.  Die  wichtigste
diesem  Belange  ist  wohl  die,  ob  die  Friedensfen
  eine  wesentliche  Herabsetzung  der  Rüstungs-I
  gestatten  oder  vielleicht  sogar  erzwingen
du  ehrlicher  Friede  müßte  wohl  eine  solche  Wiren.
  An  uns  allein  aber  liegt  es,  durch  eine  gründ-)rm
  der  Verwaltung  den  ganzen  Apparat  leiser ­
  und  gleichzeitig  wohlfeiler  zu  gestalten.  Das
icht  an  dieser  Stelle  zu  erörtern;  nur  beiläufig
bemerken,  daß  eine  Neuorganisation  von  unten

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