<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Kapitalismus und Sozialismus</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Ludwig</forname>
            <surname>Pohle</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>101266578X</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        Kapitalismus
und  Sozialismus
Betrachtungen  über  die  Grundlagen  der  gegenwärtigen
Wirtschaftsordnung  sowie  die  Voraussetzungen
und  Folgen  des  Sozialismus
von
Dr.  Qpohle
ord.  proselsor  der  Nationalökonomie
an  der  Univerjität  Leipzig
Zweite  Uuflage

Verlag  und  Druck  von  B.  G.  Teubner  -  Leipzig  -  Berlin  1920

i
        <pb n="2" />
        Inhaltsverzeichnis.
I-  Die  Grundlagen  der  gegenwärtigen  wirtschaftsver-  ""
sassung  und  der  Sozialismus  1
allgemeines  j
1.  Die  individualistische  Wirtschaftsordnung  und  ihre  Entstehung  .  5
2.  Lrwerbswirtschaftliche  und  konsumgenossenschaftliche  Produktionsweise ­
  18
3.  Unternehmung  und  arbeiterproduktivgenossenschaft  38
4.  Das  Wesen  des  Sozialismus  und  feine  Hauptrichtungen  ....  Sy
kl.  Die  sozialistische  Kritik  an  der  bestehenden  Wirtschaftsordnung ­
  82
allgemeines  82
1.  Die  sozialistische  Kritik  des  arbeitslosen  Einkommens  85
2.  Die  arbeiislosigkeit  X02
3.  Die  wirtschaftliche  Leistungsfähigkeit  des  Individualismus  und
des  Sozialismus  128
A.  Die  angebliche  wirtschaftliche  Rückständigkeit  des  Individualismus  132
8.  Die  wirtschaftlichen  SMJffii;  d«,^Sozialismus  146
Lchlußbetrachtungen  .  •  170

Schutzformel  für
Copyright

e/HiAychr^Staaten  von  klmerika:
dy^Dl'E^udnsr  in  Leipzio-//.
  u
ctlle  Rechte,  einschließlich  des  Ubersetzungsrechts,  vorbehalten
        <pb n="3" />
        Vorwort  zur  zweiten  Auflage.
Dieses  Büchlein  wollte  von  Anfang  an  mehr  sein  als  nur  eine  Gelegenheitsschrift. ­
  Es  bemühte  sich,  eine  prinzipielle  Auseinandersetzung ­
  mit  der  radikalen  Form  des  Sozialismus  zu  bieten,  die  auch
unabhängig  von  den  besonderen  Verhältnissen  des  Zeitpunktes  ihrer
Entstehung  ihre  Bedeutung  behält.  Bei  der  Bearbeitung  der  zweiten
Auflage  habe  ich  daher  auch  nur  sehr  wenig  zu  tilgen  brauchen,  was
an  die  speziellen  Zeitumstände  bei  der  Entstehung  der  Schrift  erinnerte. ­
  Im  übrigen  ist  der  Lharakter  des  Büchleins  unverändert
geblieben.  Insbesondere  habe  ich  der  Versuchung  widerstanden,
manchen  Darlegungen,  die  an  sich  wohl  eine  ausführlichere  Begründung ­
  verdienten,  diese  jetzt  nachträglich  zu  geben.  Worauf  ich
hier  verzichten  mußte,  wenn  ich  nicht  den  ganzen  Lharakter  der  Schrift
zerstören  wollte,  dazu  hoffe  ich  aber  bald  an  anderer  Stelle  und  in
größerem  Zusammenhange  Gelegenheit  zu  finden.
Je  mehr  in  der  Gegenwart  von  „Sozialismus"  gesprochen  wird,
um  so  unbestimmter  und  verschwommener  ist  der  Sinn  des  Ausdrucks ­
  geworden.  Für  die  einen  ist  Sozialismus  nur  die  zusammenfassende ­
  Bezeichnung  für  eine  Summe  von  sozialen  Reformen  geworden, ­
  die  mit  den  Grundlagen  der  heutigen  Wirtschaftsordnung
wohl  vereinbar  sind  und  durch  allmähliche  Umbildung  des  Bestehenden ­
  erreicht  werden  sollen,  für  die  anderen  bedeutet  Sozialismus  auch
heute  noch  eine  ganz  neue  Wirtschaftsordnung,  die  nur  nach  völligem
Umsturz  der  bestehenden  errichtet  werden  kann.  Werden  doch  die
Ausdrücke  „Sozialisierung"  und  „Sozialismus"  geradezu  schon  als
Gegensätze  verwendet.  Bei  dieser  Unbestimmtheit  der  herrschenden
Terminologie  sei  ausdrücklich  betont,  daß  es  hier  nur  auf  eine  Auseinandersetzung ­
  mit  der  extremen  Form  des  Sozialismus,  dem
eigentlichen  Rommunismus,  abgesehen  ist,  von  dem  aber  auch  der
Marxismus  oder  wenigstens  das,  was  von  zahlreichen  Sozialisten
für  Marxismus  gehalten  wird,  sehr  viel  in  sich  aufgenommen  hat.
Der  „Schrei  nach  Sozialisierung",  der  psychologisch  bei  der  großen
Masse  überhaupt  wohl  nur  als  ein  verzweiflungsschrei  über  das
durch  den  Weltkrieg  entstandene  Elend  zu  werten  war,  ertönt  ja  jetzt
        <pb n="4" />
        IV

Vorwort

am  Jahresschluß  nicht  mehr  so  ungestüm  wie  in  den  ersten  Monaten
des  Jahres.  Nllein  wir  dürfen  uns  darüber  nicht  täuschen:  die  größte
wirtschaftliche  Not  liegt  wohl  noch  vor  uns.  Uns  droht  das  gleiche
wirtschaftliche  Schicksal,  das  über  Österreich  bereits  hereingebrochen
ist.  Im  nächsten  Winter,  wenn  nicht  schon  früher,  können  die  deutschen ­
  Großstädte  sich  in  derselben  verzweifelten  Lage  befinden,  in
die  Wien  jetzt  schon  geraten  ist:  Nus  dem  Inlande  können  sie  nicht
mehr  in  genügendem  Maße  ernährt  werden,  und  um  die  unentbehrlichen ­
  Nahrungsmittel  im  Nuslande  anzukaufen,  fehlen  bei  dem  kataftrophalen
  Rückgang  der  Valuta  die  Mittel.  Diese  Situation  muß
unvermeidlich  eintreten,  wenn  nicht  bald,  sehr  bald  bei  unseren
bisherigen  Gegnern  die  Besinnung  wiederkehrt,  und  sie,  soweit  sie
selbst  noch  wirtschaftlich  leistungsfähig  sind,  nicht  noch  rechtzeitig  zu
einer  Hilfsaktion  größten  Stils  sich  verbinden.  Bleibt  diese  Hilfe  aber
aus,  dann  tritt  auch  die  kommunistische  Versuchung  wieder  an  Deutschland ­
  heran,  dann  werden  alle  die  jetzt  mühsam  gebändigten  unterirdischen ­
  Rräfte  noch  einmal  entfesselt,  die  zu  kommunistischen  Experimenten ­
  nach  russischem  Muster  hindrängen  und  die  auch  durch
die  inzwischen  in  Ungarn  und  München  sowie  in  Rußland  selbst  gemachten ­
  Erfahrungen  nicht  belehrt  worden  sind.  Wirtschaftliches
Elend  und  Hoffnungslosigkeit  sind  ja  stets  der  beste  Nährboden  für
den  Rommunismus.
Möge  ein  gnädiges  Geschick  Deutschland  und  ganz  Europa  vor  dem
unsagbaren  Elend  bewahren,  das  eine,  wenn  auch  nur  kurz  währende
Herrschaft  der  kommunistischen  Elemente  im  Gefolge  haben  müßte!
Oder  sollte  etwa  der  Weg  durch  das  wirtschaftliche  Ehaos  hindurch
für  Deutschland  und  Europa  der  von  der  Vorsehung  gewählte  Weg
sein,  um  in  Europa  einen  gerechteren  politischen  Zustand  herzustellen,
als  ihn  die  Friedensverträge  von  Versailles  und  St.  Germain  bedeuten, ­
  und  Deutschland  die  politische  Freiheit  wiederzugeben,  die  es
seit  derselben  Zeit  verloren  hat,  seit  der  die  deutschen  Länder  angefangen ­
  haben,  sich  „Freistaaten"  zu  nennen?
Leipzig,  Weihnachten  1919.  !.  Pohle.
        <pb n="5" />
        I.  Die  Grundlagen  der  gegenwärtigen  Wirlschastsversassung
  und  der  Sozialismus.
Allgemeines.
Wenn  man  die  Frage  nach  dem  wesen  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsverfassung ­
  stellt,  kann  man  sicher  sein,  daß  daraus  mit  dem
Stichwort  „Kapitalismus"  oder  „kapitalistische  Produktionsweise"  geantwortet ­
  wird.  Und  regelmäßig  verbindet  sich  damit  zugleich  die
Vorstellung,  der  sogenannte  Kapitalismus  sei  ein  relativ  sehr  junges
Gebilde,  und  mit  ihm  sei  etwas  ganz  Neues  und  Unerhörtes,  vorher
noch  nicht  Dagewesenes  in  die  Welt  gekommen,  der  moderne  Kapitalismus ­
  und  die  Wirtschaftsformen,  die  ihm  vorangingen,  seien
gleichsam  als  zwei  ganz  verschiedene  und  durch  einen  tiefen  klbgrund
  getrennte  wirtschaftliche  Welten  anzusehen.
Diese  Nuffassung  kann  aber  vor  einer  unbefangenen,  von  politischen ­
  Werturteilen  freien  und  auf  den  Grund  der  Dinge  dringenden ­
  vetrachtung  nicht  bestehen.  Weder  ist  die  Wirtschaftsverfassung,
  die  gegenwärtig  in  allen  Staaten  europäischer  Kultur
herrscht,  ein  so  einfaches  Gebilde,  daß  es  überhaupt  möglich  wäre,
mit  einem  Worte  schon  alles  zum  klusdruck  zu  bringen,  was  zur
Kennzeichnung  ihres  Wesens  zu  sagen  notwendig  ist,  noch  auch  ist
es  berechtigt,  den  sogenannten  Kapitalismus  als  etwas  in  den  meisten ­
  Ländern  vor  wenig  mehr  als  100  Jahren  ganz  neu  Entstandenes ­
  und  von  den  vorkapitalistischen  Wirtschaftsformen  grundsätzlich ­
  verschiedenes  aufzufassen,  kille  derartigen  kluffassungen  des  Kapitalismus ­
  sind  unhaltbar  und  enthalten  gewaltige  Übertreibungen.
5ehen  wir  zunächst  zu,  aus  welchen  Hauptbestandteilen  die  gegenwärtige ­
  Wirtschaftsverfassung  sich  zusammensetzt.  Es  find  deren  nicht
        <pb n="6" />
        2  I.  Gegenwärtige  Wirtschaftsordnung.  Allgemeines
weniger  als  drei,  und  zahllose  Streitigkeiten,  bei  denen  immer  aneinander
  vorbeigeredet  wurde,  sind  dadurch  entstanden,  daß  diejenigen,
die  vom  Kapitalismus  sprachen,  abwechselnd  bald  den  einen  und
bald  den  anderen  dieser  drei  Bestandteile  im  kluge  hatten.
Die  drei  Komponenten  des  Kapitalismus  sind  aber  diese:
In  allen  Staaten  europäischer  Kultur  herrscht  heute  erstens  eine
bestimmte  Wirtschaftsordnung.  Gder,  anders  ausgedrückt,  es
gilt  ein  bestimmter  Rechtsgrundsatz  für  das  Verhältnis  des  Staates
zum  Wirtschaftsleben,  nämlich  das  i  n  d  i  v  i  d  u  a  I  i  st  i  s  ch  e  Rechtsprinzip. ­
  Dieses  Prinzip  bedeutet:  der  Staat  überläßt  die  wirtschaftliche
Initiative  und  damit  die  Verantwortung  für  ihre  wirtschaftliche
Existenz  den  einzelnen  Staatsbürgern.  Jedes  Mitglied  des  Gemeinwesens ­
  hat  selbst  für  sich  und  sein  vorwärtskommen  zu  sorgen.  Der
Staat  erkennt  weder  ein  Recht  auf  Arbeit  und  Einkommen  bei  seinen
Bürgern  an,  noch  legt  er  ihnen  auf  der  anderen  Seite  eine  Arbeitspflicht ­
  auf.
In  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  hat  gegenwärtig
zweitens  überall  eine  bestimmte  Produktionsweise  die  ausgesprochene ­
  Vorherrschaft  erlangt.  An  sich  sind'  auf  dem  Boden  des
individualistischen  Rechtsprinzips  zwei  Produktionsweisen  gleich  denkbar. ­
  Das  Risiko  der  Produktion  kann  entweder  getragen  werden
von  Ronsumentenvereinigungen,  die  für  den  Bedarf  ihrer  Mitglieder
produzieren,  oder  aber  die  Produktion  erfolgt  auf  Rechnung  und  Gefahr ­
  einzelner  Produzenten,  die  für  fremden  Bedarf  arbeiten,  um
dadurch  den  eigenen  Lebensunterhalt  zu  gewinnen,  von  diesen  beiden ­
  an  sich  gleichmöglichen  Produktionsweisen  beherrscht  heute  die
zweite,  die  erwerbswirtschaftliche,  in  allen  Ländern  das  Seid.
Die  erste,  diekonsumgenossenschaftliche  Produktionsweise  dagegen, ­
  hat  sich  in  allen  Ländern  nur  einen  bescheidenen  Platz  zu
erobern  vermocht.  Der  Erwerbstrieb,  nicht  die  Konsumgenossenschaft
oder  der  Genossenschaftssozialismus,  ist  zur  Hauptsache  der  Grganisator
  des  modernen  Wirtschaftslebens  geworden.
Die  Erwerbswirtfchaft  tritt  uns  heute,  wo  der  Großbetrieb  für
        <pb n="7" />
        Die  Bestandteile  des  Kapitalismus

3

die  lvrganisation  der  Rrbeit  auf  den  Hauptgebieten  der  gewerblichen
Produktion  bestimmend  geworden  ist,  überwiegend  aber  wieder  in
einer  ganz  besonderen  Form  entgegen.  Wo  heute  eine  vielköpfige
5char  in  einer  Erwerbswirtschaft  für  die  Produktion  vereinigt  ist,
da  sind  regelmäßig  nicht  alle  in  ihr  Erwerbstätigen  gleichmäßig  an
der  Tragung  des  Risikos  der  Produktion  beteiligt.  Der  normale  Zustand ­
  ist  vielmehr  der:  ein  einzelner  oder  einige  wenige  haben  die
Tragung  des  Risikos  für  alle  übernommen.  Rur  dieser  eine  hängt
mit  der  Vergütung  für  seine  eigene  Arbeitsleistung  und  für  das
Rapital,  das  er  in  den  Betrieb  gesteckt  hat,  von  den  schwankenden
Erträgnissen  der  Lrwerbswirtschaft  ab.  Für  ihn  ergibt  sich  ein  Einkommen ­
  erst,  wenn  die  Erwerbswirtschaft  einen  Überschuß,  einen
Reingewinn,  abgeworfen  hat.  Die  anderen  Personen  dagegen,  die
sonst  noch  mit  ihrem  Rapital  oder  ihrer  Arbeitskraft  beteiligt  sind,
haben  ohne  Rücksicht  hierauf  Anspruch  auf  Entschädigung,  die  einen
auf  eine  feste  Verzinsung  des  von  ihnen  gestellten  Rapitals,  die
anderen  auf  eine  entweder  der  aufgewandten  Zeit  oder  dem  geleisteten ­
  Werk  entsprechende  Bezahlung  ihrer  Rrbeitsleistung.  Diejenigen, ­
  die  in  dieser  Weise  das  Risiko  der  Produktion  für  andere
übernehmen,  nennen  wir  Unternehmer,  und  eine  Erwerbswirtschaft, ­
  die  in  ihrer  inneren  Verfassung  der  eben  entworfenen  Schilderung ­
  entspricht,  eine  Unternehmung.
individualistische  Wirtschaftsordnung,  erwerbswirtschaftliche  Produktionsweise ­
  und  Unternehmung  sind  die  drei  Romponenten  der
lvirtschaftsverfassung,  die  jetzt  in  allen  Ländern  europäischer  Rultur
die  Vorherrschaft  besitzt.  Erst  diese  drei  Momente  zusammen,  von
denen  der,  der  von  kapitalistischer  Produktionsweise  spricht,  gewöhnlich ­
  nur  das  eine  oder  das  andere  mehr  oder  weniger  klar  vor  Bugen
bestimmen  das  wesen  der  heutigen  Wirtschaftsverfassung  vollständig. ­
  Die  individualistische  Wirtschaftsordnung  ist  gewissermaßen
der  äußerste  Rahmen;  die  erwerbswirtschaftliche  Produktionsweise
der  mittlere  und  die  Unternehmung  der  innerste  der  drei  Rahmen,
die  die  heutige  Wirtschaftsordnung  zusammenhalten.  Sieht  man  nun
        <pb n="8" />
        4  I.  Gegenwärtige  Wirtschaftsordnung.  Allgemeiner
als  das  spezifische  Kennzeichen  des  Kapitalismus  nur  die  Unternehmung ­
  an,  so  läßt  sich  die  Auffassung  immerhin  noch  einigermaßen
begründen,  daß  der  Kapitalismus  in  der  Wirtschaftsgeschichte  etwas
relativ  Junges  sei.  Uber  es  wird  dabei  die  innere  Einheit  übersehen, ­
  zu  welcher  Unternehmung,  erwerbswirtschaftliche  Produktionsweise ­
  und  individualistisches  Kechtssqstem  heute  verbunden  sind.  Sie
bilden  eine  Dreieinigkeit.  Die  Unternehmung  ist  überhaupt  nichts,
was  für  sich  allein  existieren  könnte.  Und  vor  allem  wird  bei  dieser
Auffassung  übersehen,  daß  die  Unternehmung  nicht  im  Bruch  mit
der  Wirtschaftsentwicklung  früherer  Jahrhunderte,  sondern  als  Erzeugnis ­
  ihrer  organischen  Fortbildung  entstanden  ist.  Ebendarum  ist
es  so  grundverkehrt,  den  Kapitalismus  und  die  vorkapitalistischen
Wirtschaftsformen  als  zwei  völlig  getrennte  und  durch  einen  abgrundtiefen ­
  Gegensatz  geschiedene  wirtschaftliche  Welten  hinzustellen,
was  in  de.n  Büchern  mit  Vorliebe  so  streng  geschieden  wird,  das  ist
im  Leben  in  Wahrheit  durch  zahlreiche,  unmerkliche  Übergänge  miteinander ­
  verbunden  gewesen,  und  das  eine  ist  aus  dem  andern  durch
eine  ganz  allmähliche  Entwicklung,  die  nirgends  Sprünge  gemacht
hat,  hervorgewachfen.
Daß  es  sich  hier  um  Produkte  eines  organischen  Wachstums  und
nicht  um  durch  bewußte  Akte  der  Gesetzgebung  willkürlich  geschaffene
Einrichtungen  handelt,  das  gilt  überhaupt  in  gleicher  Weise  von
allen  drei  Grundbestandteilen,  aus  denen  sich  die  gegenwärtige  Wirtschaftsverfassung ­
  zusammensetzt.  Sie  sind  sämtlich  nicht  vom  menschlichen ­
  verstände  in  den  Beratungen  irgendeines  Parlaments  ausgeklügelt ­
  worden,  sondern  sie  haben  ihren  Ursprung  ebenso  wie  etwa
die  Sprache  in  den  Trieben  und  Instinkten  des  Ukenschen.  Sie  sind
(pvösi,  nicht  &amp;amp;sffei.  entstanden,  um  mit  Aristoteles  zu  sprechen.  Wollen
wir  die  Entstehungsbedingungen  dieser  grundlegenden  Einrichtungen
der  modernen  Wirtschaftsorganisation  verstehen,  so  werden  wir  dadurch ­
  vor  die  Aufgabe  gestellt,  das  Wirtschaftsleben  gleichsam  auf
seinem  Entwicklungsgänge  zu  belauschen,  um  die  geheimen  Gründe
zu  erkennen,  die  es  bestimmt  haben,  seine  Entscheidung,  die  nicht
        <pb n="9" />
        Entstehung  des  Kapitalismus

5

notwendig  so  zu  fallen  brauchte,  zugunsten  des  Individualismus,  der
erwerbswirtschaftlichen  Produktionsweise  und  der  Unternehmung  zu
fällen!
5o  eng  die  drei  Grundlagen  der  heutigen  Wirtschaftsverfassung
Zusammengehören,  so  bleibt,  wenn  wir  das  Wesen  des  „Uapitalisrous"
  klar  erfassen  wollen,  nach  dem  Gesagten  doch  nichts  anderes
übrig,  als  sie  der  Reihe  nach  einzeln  zu  betrachten.  Dazu  gehört
insbesondere  auch,  daß  wir  jede  der  drei  sozialen  Erscheinungen  mit
ihrem  Gegenstück  vergleichen.  Line  soziale  Einrichtung  lernt  man
überhaupt  erst  dadurch  richtig  kennen,  daß  man  neben  sie  dasjenige
soziale  System  stellt,  das  außer  ihr  denkbarerweise  auf  dem  fraglichen ­
  Gebiet  herrschen  könnte.  So  müssen  wir  hier  der  individualistischen ­
  Wirtschaftsordnung  die  verschiedenen  Formen  des  Sozialismus ­
  entgegenstellen,  bei  dem  der  Staat  die  wirtschaftliche  Initiative
nicht  mehr  seinen  Bürgern  überläßt,  sondern  selbst  die  Leitung  des
Wirtschaftslebens  in  mehr  oder  weniger  großem  Umfange  in  die
Hand  nimmt,  der  erwerbswirtschaftlichen  ist  die  konsumgenossenschaftliche ­
  Produktionsweise  und  der  Unternehmung  die  Urbeiterproduktivgenossenschaft
  entgegenzustellen.
Beginnen  wir  mit  einer  Betrachtung  des  individualistischen  Uechtssystems!

l.  Die  individualistische  Wirtschaftsordnung
und  ihre  Entstehung.
Me  denkbaren  Wirtschaftsordnungen  lassen  sich  aus  zwei  Grundformen ­
  zurückführen:  individualistische  und  sozialistische  Wirtschaftsordnungen. ­
  Die  Frage  ist  nur,  worin  liegt  das  eigentlich  unterscheidende ­
  Merkmal  zwischen  Individualismus  und  Sozialismus?  Und
kann  man  diese  beiden  Rechtssysteme,  von  denen  jedes  wieder  einer
sehr  verschiedenen  Ausgestaltung  im  einzelnen  fähig  ist,  auch  mischen,
oder  verhalten  sie  sich  zueinander  wie  Feuer  und  Wasser?
Nehmen  wir  als  Ausgangspunkt  die  Wirtschaftsordnung,  wie  sie
heute  in  allen  Staaten  europäischer  Uultur,  sowohl  in  Europa  selbst.
        <pb n="10" />
        6

1,1.  Die  individualistische  Wirtschaftsordnung

als  auch  in  Amerika  und  Australien,  tatsächlich  besteht!  Weshalb
nennen  wir  diese  Wirtschaftsordnung  eine  individualistische?  Die
einen,  die  Anhänger  des  Sozialismus,  sagen,  weil  in  ihr  die  Institution ­
  des  individuellen  Privateigentums  gilt.  Die  anderen,  die  Mitglieder ­
  der  bürgerlichen  Parteien,  antworten,  weil  in  ihr  freie  Konkurrenz,
  überhaupt  weitgehende  wirtschaftliche  Bewegungsfreiheit ­
  des  Individuums  herrscht.  Jeder  Staatsbürger  kann  selbst  bestimmen, ­
  wo  und  wie  er  seine  Arbeitskraft  und  seinen  Besitz  an
sachlichen  Produktionsmitteln  verwerten  will.  Ls  herrscht  Freizügigkeit, ­
  freie  Berufswahl,  Freiheit  der  Personenverbindungen  zu  wirtschaftlichen ­
  Zwecken,  insbesondere  auch  Koalitionsfreiheit  usw.
Diese  beiden  Antworten  auf  die  Frage,  warum  die  gegenwärtige
Wirtschaftsordnung  als  eine  individualistische  zu  bezeichnen  ist,  sind
nun  zwar  nicht  falsch,  aber  sie  sind,  jede  für  sich  genommen,  unvollständig ­
  und  treffen  nicht  das  Wesentliche.
Als  individualistisch  sind  die  heute  geltenden  Rechtsordnungen  vielmehr ­
  deshalb  zu  bezeichnen,  weil  das  oberste  Rechtsprinzip,  das
heute  für  das  Verhältnis  des  Staates  zum  Wirtschaftsleben  maßgebend ­
  ist,  das  der  wirtschaftlichen  Selbstverantwortlichkeit ­
  der  einzelnen  ist.  Die  Linzelbürger  haben  selbst  die  Verantwortung ­
  für  ihre  wirtschaftliche  Existenz  und  ihr  vorwärtskommen ­
  zu  tragen,  nicht  etwa  aber  nimmt  der  Staat  den  einzelnen
diese  Sorge  ab,  indem  er  ihnen  ihre  wirtschaftliche  Existenz  garantiert. ­
  Der  Staat  setzt  das  Wirtschaftsleben  überhaupt  nicht  von  sich
aus  in  Gang,  er  nimmt  nicht  eine  zentralistische  Leitung  der  Produktion ­
  für  sich  in  Anspruch,  er  erwartet  vielmehr,  daß  alles,  was
nötig  ist,  um  die  Versorgung  der  Bürger  mit  den  Gegenständen  ihres
Bedarfs  sicherzustellen,  also  Güterproduktion,  Gütertausch,  Überlassung ­
  von  Boden,  Kapital  und  Arbeit  an  andere,  sich  durch  freie
Entschließungen  der  einzelnen  vollzieht.  Das  ganze  Verhalten  des
Staats  zum  Wirtschaftsleben  bei  diesem  Rechtssystem  ist  mehr  passiv
gewähren  lassend,  als  aktiv  eingreifend  und  treibend.  Insbesondere
übt  der  Staat  in  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  keinen
        <pb n="11" />
        Die  wirtschaftliche  Selbftverantrvorilichkeit  7
Zwang  zur  Arbeit  aus.  Wenn  heute  der  einzelne  arbeitet,  so  tut
er  es  nicht  auf  Grund  staatlicher  Vorschrift,  sondern  aus  rechtlich
freier  Entschließung,  gezwungen  nur  durch  den  Druck  wirtschaftlicher ­
  Verhältnisse  und  um  seinem  Leben  einen  befriedigenden  Inhalt ­
  zu  geben.  Eine  Ausnahme  hiervon  wird  höchstens  bei  solchen
Personen  gemacht,  denen  gegenüber  nahen  verwandten  die  rechtliche ­
  Pflicht  obliegt,  für  ihren  Unterhalt  zu  sorgen,  und  die  diese  Pflicht
in  gröblicher  weise  vernachlässigen.  Auf  solche  Personen  wird  auch
im  heutigen  individualistischen  Staat  unter  Umständen  ein  Arbeitszwang ­
  ausgeübt.
Da,  wo  der  Rechtsgrundsatz  der  wirtschaftlichen  Selbstverantwortlichkeit
  des  einzelnen  gilt,  da  sind  Erfolg  oder  Ulißerfolg  der  ökonomischen ­
  Betätigung  immer  von  jedem  Bürger  selbst  zu  tragen.  Jeder
ist  auf  sich  selbst  gestellt  und  selbst  seines  Glückes  Schmied.  Lächelt
ihm  das  Glück,  so  kann  er  den  Gewinn  für  sich  allein  behalten,  erleidet ­
  er  Verluste,  so  kann  er  nicht  den  Staat  dafür  haftbar  machen.
Nur  wenn  und  solange  die  körperlichen  und  geistigen  Uräfte  des  einzelnen ­
  zu  schwach  sind,  sich  selbst  und  den  Angehörigen,  für  die  er  nach
dem  Gesetz  zu  sorgen  hat,  das  Dasein  zu  fristen,  tritt  die  öffentliche
Armenpflege  helfend  und  unterstützend  ein.  Nach  dem  Recht  der  meisten ­
  Rulturstaaten  geschah  das  bisher  aber  auch  nicht  etwa  im  Sinne
eines  Rechtsanspruchs,  den  der  verarmte  selbst  gegen  den  Staat  geltend ­
  machen  konnte,  sondern  in  Ausübung  einer  öffentlich-rechtlichen
Pflicht.
Wenn  wir  diese  Wirtschaftsordnung  die  „individualistische"  nennen, ­
  so  ist  das  freilich,  näher  betrachtet,  kein  daswefen  derSacheganz
richtig  bezeichnender  Ausdruck.  Wie  die  chemischen  Rörper  nicht  unmittelbar ­
  aus  Atomen  gebildet  sind,  sondern  aus  Atomen,  die  in
bestimmter  Weise  zu  Molekülen  gruppiert  sind,  so  ist  die  eigentliche
Einheit  unseres  sogenannten  individualistischen  Gesellschaftssystems
nicht  das  Individuum,  sondern  die  Familie,  also  die  nach  Blutsverwandtschaft ­
  in  bestimmter  Weise  gruppierten  Individuen.  Diese  Tatsache ­
  kommt  in  den  Lehrbüchern  der  Volkswirtschaftslehre  meist  etwas
        <pb n="12" />
        8

1,1.  Die  individualistische  Wirtschaftsordnung

kurz  weg,  aber  doch  ist  sie  die  für  das  richtige  Verständnis  unserer  Wirtschaftsordnung ­
  eigentlich  entscheidende  Tatsache.  Nicht  der  einzelne
ist  für  sich  selbst  wirtschaftlich  verantwortlich,  sondern  die  Familie
hat  für  ihre  Glieder  zu  sorgen,  und  nicht  dem  einzelnen  gehört,  was
er  erwirbt,  sondern  er  erwirbt  es  für  die,  die  durch  die  Bande  der
Familie  mit  ihm  zusammenhängen.  Die  Familie  schiebt  sich  überall
als  Zwischenglied  zwischen  den  einzelnen  und  den  Staat,  und  zwar
als  Zwischenglied,  das  vor  dem  Staate  den  Vorrang  beanspruchen
kann.  Vas  zeigen  ja  deutlich  die  Bestimmungen  unseres  Erbrechts,
wer  stirbt,  ohne  ein  Testament  hinterlassen  zu  haben,  dessen  Besitztümer ­
  fallen  nicht  dem  Staate  zu,  sondern  seine  verwandten  haben
nach  dem  Gesetz  ein  Anrecht  auf  das  hinterlassene  vermögen,  und
auch  wer  über  seine  Hinterlassenschaft  testamentarisch  verfügt,  kann,
wenn  er  eine  Frau  und  Binder  hinterläßt,  nicht  völlig  frei  über  sein
vermögen  verfügen,  sondern  die  nächsten  verwandten  können  mindestens ­
  ihr  Pflichtteil  beanspruchen.  Diese  Bestimmungen  des  Erbrechts,
wie  sie  mit  gewissen  Modifikationen  bei  allen  Völkern  europäischer
Kultur  sich  finden,  sind  ein  klarer  Hinweis,  wie  nicht  der  einzelne,  sondern ­
  die  Familie  die  Grundlage  der  Gesellschaftsorganisation  ist.
Es  ist  darum  auch  nicht  zutreffend,  wenn  man  den  Egoismus  als
die  bewegende  Kraft  unserer  Wirtschaftsordnung  bezeichnet,  wo:  aus  dann
mit  Vorliebe  die  Annahme  einer  sittlichen  Minderwertigkeit  der  heutigen ­
  Wirtschaftsordnung  abgeleitet  wird.  Nicht  der  Egoismus  der  Einzelnen, ­
  sondern  eine  gewisse  Nrt  des  Altruismus  spielt  diese  Nolle,
allerdings  ein  Altruismus,  der  sich  nur  auf  einen  bestimmten  Personenkreis ­
  beschränkt,  diejenigen  nämlich,  die  unserem  Herzen  durch  die  Bande
des  Bluts  am  nächsten  stehen.  Wer  den  Egoismus  als  den  psychischen
Motor  unseres  Wirtschaftslebens  hinstellt,  der  muß  jedenfalls  immer
dessen  sich  bewußt  bleiben:  nicht  der  Individualegoismus,  sondern  der
Familienegoismu?,  erfüllt  diese  wichtige  Funktion.
Wo  nun  der  Staat  die  einzelnen,  genauer  also  nach  dem  Gesagten,
die  Familien  die  Verantwortung  für  ihre  wirtschaftliche  Lage  selbst
tragen  läßt,  da  folgt  daraus  notwendig  die  Anerkennung  weiterer
        <pb n="13" />
        Die  Familie  als  Grundlage  der  Gesellschaftsordnung

9

Rechtsinstitutionen.  Wenn  das  Wirtschaftsleben  auf  der  Grundlage
des  individualistischen  Rechtsprinzips  in  glatten  und  geordneten  Gang
kommen  soll,  wenn  bei  den  einzelnen  die  vom  Staate  stillschweigend
vorausgesetzte  Bereitwilligkeit  herrschen  soll,  auf  dieser  Basis  zu
produzieren  und  in  Güteraustausch  zu  treten,  dann  mutz  der  Staat  unbedingt ­
  einmal  das  Institut  des  privaten  Eigentums  anerkennen, ­
  d.  h.  er  mutz  die  einzelnen  in  ihren  wohlerworbenen  Eigentumsrechten ­
  schützen,  und  zum  anderen,  er  mutz  ihnen  grundsätzlich  Freiheit
der  wirtschaftlichen  Bewegung  gewähren.  Privateigentum
und  wirtschaftliche  Bewegungsfreiheit  find  notwendige  Ergänzungen
des  individualistischen  Rechtsprinzips.  Die  individualistische  Wirtschaftsordnung ­
  kann  ohne  sie  auf  die  Dauer  nicht  bestehen.
Der  Gedanke  von  der  Unentbehrlichkeit  des  Privateigentums  für
die  heutige  Wirtschaftsordnung  hat  manchmal  einen  etwas  eigentümlichen ­
  Ausdruck  gefunden.  Man  hat  von  der  „Heiligkeit  des  Privateigentums" ­
  gesprochen  und  wohl  gar  verlangt,  der  Institution  des
Privateigentums  sei  ein  besonderer  strafrechtlicher  Schutz  gegen  literarische ­
  Angriffe  zu  gewähren.  Solche  Anschauungen  haben  auf  sozialistischer ­
  Seite  nicht  ohne  Grund  lebhaften  Anstotz  erregt.  Es  ist  aber
doch  nicht  schwer  zu  erkennen,  welcher  an  sich  durchaus  zutreffende
Gedanke  mit  dieser  wenig  glücklichen  Formulierung  zum  Ausdruck  gebracht ­
  werden  soll,  hinter  der  ungeschickten  Behauptung  von  der
Heiligkeit  des  Eigentums  verbirgt  sich  im  Grunde  nur  die  richtige
Erkenntnis,  datz  der  Schutz  des  Privateigentums  nicht  um  der  einzelnen ­
  Eigentümer  willen  notwendig  ist,  sondern  datz  er  in  der  heutigen ­
  Wirtschaftsordnung  um  der  Volksgesamtheit  willen  unentbehrlich ­
  ist.  Ohne  die  Erfüllung  dieser  Vorbedingung  ist  die  Aufrechterhaltung ­
  eines  geordneten  Wirtschaftslebens,  zumal  in  einem  Zustande ­
  mit  Arbeitsteilung  und  Tauschverkehr,  ein  Ding  der  Unmöglichkeit. ­
  wird  die  Sicherheit  des  Privateigentums  in  Frage  gestellt ­
  —  und  das  kann  nicht  nur  durch  Kaub  und  Plünderung,  sondern ­
  auch  durch  konfiskatorische  Maßnahmen  geschehen,  die  sich  in
scheinbar  geordneten  Formen  vollziehen,-  man  denke  an  die  Wir ­
        <pb n="14" />
        10

1,1.  Die  individualistische  Wirtschaftsordnung

kungen,  welche  die  Wirtschaftspolitik  der  Jakobinerregierung  in
Frankreich  nach  der  klassischen  Schilderung  von  Eaine  gehabt  hat!  —,
so  droht  regelmäßig  eine  für  alle  Klassen  der  Bevölkerung  gleich
verhängnisvolle  Lähmung  den  ganzen  Wirtschaftskörper  zu  befallen.
Der  Erkenntnis  von  der  gewaltigen  sozialen  Bedeutung  des  Privateigentums ­
  in  diesem  Sinne  haben  sich  auch  einsichtige  Sozialisten
nicht  verschließen  können.  So  schreibt  einmal  Eduard  Bernstein:
„Wenn  die  Revolutionen  von  1648,  1789,  1848  Eile  nahmen,  die  Sicherheit ­
  des  Eigentums  zu  proklamieren,  so  war  das  nicht  lediglich  Folge  bürgerlicher ­
  Beschränktheit  oder  eines  hochgradigen  Cigentumskultus.  Sie  alle  waren
ja  mit  mehr  oder  weniger  weitreichenden  Eingriffen  in  das  überlieferte
Eigentum  verbunden.  Es  sprach  aus  diesen  Proklamationen,  Rlenschenrechts-«rklärungen,
  verfaffungsbestimmungen  zugleich  die  Erkenntnis,  daß  auf  dem
gegebenen  Stand  der  Wirtschaftsentwicklung  Sicherheit  des  anerkannten  Eigentums ­
  unerläßliche  Bedingung  eines  gedeihlichen  Fortgangs  der  Wirtschaft  war
Wie  sehr  entwicklungsseindlich  Unsicherheit  des  Eigentums  wirkt,  zeigt  die
Geschichte  der  orientalischen  Völkerschaften.  Ruch  waren  in  den  europäischen
Revolutionen  die  Epochen,  wo  nicht  bloß  bestimmtes  Eigentum,  sondern  das
Eigentum  schlechtweg  generell  gefährdet  war  oder  erschien,  Epochen  geschäftlicher ­
  Stagnation  und  damit  verbundener  Notstände,  die  das  Eintreten  der
Reaktion  beschleunigten."
Länger  anhaltende  Rechtsunsicherheit  droht  vor  allem  denjenigen
Streik  über  die  Volkswirtschaft  heraufzubeschwören,  den  Bismarck
einmal  als  den  gefährlichsten  aller  Streiks  bezeichnet  hat,  den  Streik
der  Unternehmer.  Darunter  ist  nicht  zu  verstehen,  daß  die  Unternehmer ­
  ihre  Betriebe  stillegen,  sondern  es  bedeutet  nur:  die  Neigung
der  Unternehmer,  neue  Betriebe  zu  gründen  und  bestehende  zu  erweitern, ­
  hört  auf.  Vas  muß  aber  in  kürzester  Frist  für  das  ganze
Wirtschaftsleben  verhängnisvoll  werden.  Ulan  darf  ja  nie  vergessen:
die  Volkswirtschaft  ist  etwas,  was  fortwährend  wachsen  muß.  Genau ­
  so  wie  die  Bevölkerung  beständig  zunimmt,  muß  beständig  auch
am  Gebäude  der  Volkswirtschaft  ein  Flügel  nach  dem  anderen  angebaut, ­
  und  müssen  neue  Stockwerke  auf  die  schon  vorhandenen  aufgesetzt ­
  werden.  Tritt  einmal  in  diesem  Prozeß  der  beständigen  Rusdehnung
  der  Produktion  eine  Stockung  ein,  so  stellen  sich  sofort
        <pb n="15" />
        Soziale  Bedeutung  des  privateigeulums

n

die  verhängnisvollsten  sozialen  und  wirtschaftlichen  Folgen  ein.  vor
allem  nimmt  dann  die  Arbeitslosigkeit  rapid  zu;  es  wird  aber  auch
bald  Wohnungsnot  eintreten,  weil  niemand  mehr  Lust  hat,  sein
Kapital  an  den  Bau  von  Häusern  zu  wagen.
Unsicherheit  des  Privateigentums,  wozu  auch  Ankündigung  weitgehender ­
  Sozialisierungsmaßnahmen,  und  zwar  vielleicht  gar  ohne
Entschädigung  oder  wenigstens  ohne  angemessene  Entschädigung  der
Vorbesitzer  gehört,  muß  also  stets  sozial  gefährliche  Zustände  im
Wirtschaftsleben  nach  sich  zieh.n,  und  zwar  Zustände,  denen  der
8taat  mit  seinen  Machtmitteln  hilflos  gegenübersteht,  da  er  doch
niemanden  dazu  zwingen  kann,  Unternehmer  zu  werden.  Man  rüttelt ­
  eben  in  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  nicht  ungestraft ­
  an  der  Institution  des  Privateigentums.
Außer  dem  Privateigentum  ist  für  die  individualistische  Wirtschaftsordnung ­
  grundsätzlich  auch  wirtschaftliche  Bewegungsfreiheit ­
  unentbehrlich.  Der  wirtschaftlichen  Selbstverantwortlichkeit  der
einzelnen  hat  naturgemäß  aus  der  anderen  Seite  das  Recht  zu  entsprechen, ­
  ihre  wirtschaftliche  Tätigkeit  frei  nach  ihrem  Ermessen  zu
gestalten.  In  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  gilt  daher
grundsätzlich  regelmäßig  wirtschaftliche  Bewegungsfreiheit  für  die
einzelnen.  Diese  grundsätzliche  Bewegungsfreiheit  schließt  allerdings
nicht  aus,  daß  der  Staat  an  zahlreichen  Stellen  Schranken  für  die
Bewegungsfreiheit  seiner  Bürger  aufrichtet,  daß  er  ihr  wirtschaftliches ­
  handeln  unter  allerlei  einengende  Vorschriften  stellt.  Ls  läßt
sich  sogar  ohne  weiteres  sagen:  Ls  hat  noch  nie  in  der  Geschichte
eine  individualistische  Wirtschaftsordnung  gegeben,  die  gänzlich  ohne
Beschränkungen  der  ökonomischen  Freiheit  ausgekommen  wäre,  in  der
der  Staat  sich  von  jeder  Einmischung  in  das  Wirtschaftsleben  zurückgehalten ­
  hätte.  Aber  das  Maß  der  staatlichen  Einmischung  kann
dabei  allerdings  ein  sehr  verschiedenes  sein,  und  wir  stoßen  hier  auf
den  Punkt,  in  dem  die  individualistischen  Wirtschaftsordnungen  in
der  Geschichte  und  im  Leben  sich  hauptsächlich  voneinander  unterscheiden. ­
  Stets  bleibt  dabei  aber  doch  der  Satz  bestehen,  daß  mit  dem
        <pb n="16" />
        12

1,1.  Die  individualistische  Wirtschaftsordnung

individualistischen  Rechtsprinzip  grundsätzlich  wirtschaftliche  Freiheit
verbunden  ist.  Venn  das  bedeutet  nur:  die  Freiheit  gilt  überall  da,
wo  sie  nicht  durch  Vorschriften  des  Gesetzgebers  ausdrücklich  aufgehoben ­
  oder  eingeschränkt  ist.  Und  insbesondere  hat  in  dem  individualistischen ­
  Rechtssystem  das  Individuum  regelmäßig  auf  zwei
wichtigen  Gebieten  große  Bewegungsfreiheit.  Zur  richtigen  Beurteilung ­
  der  Rechtsordnungen  des  Wirtschaftslebens  ist  es  notwendig,
diese  beiden  Richtungen  der  wirtschaftlichen  Freiheit,  denen  eine  ganz
grundlegende  Bedeutung  zukommt,  immer  mit  im  Rüge  zu  behalten.
Denn  ebenso  wie  andere  freiheitliche  Einrichtungen  nehmen  wir  sie
leicht  als  etwas  Selbstverständliches  hin  und  werden  uns  ihrer  gar
nicht  klar  bewußt.  Die  Freiheit,  die  wir  im  gesellschaftlich-staatlichen
Leben  genießen,  sind  wir  für  gewöhnlich  ebensowenig  geneigt  zu
beachten  wie  die  Luft,  die  wir  einatmen,'  wir  setzen  ihr  Vorhandensein ­
  als  etwas  Selbstverständliches  voraus.  Die  Freiheit  ist  ja  ihrer
Natur  nach  etwas  Negatives,  die  Rbwesenheit  von  Zwang,  wir
fangen  daher  regelmäßig  erst  an,  sie  schätzen  zu  lernen  und  sie
überhaupt  oft  erst  gleichsam  zu  entdecken,  wenn  sie  uns  verloren
geht,  wenn  wir  auf  sie  verzichten  sollen.
Die  beiden  wirtschaftlichen  Freiheitsrechte,  die  für  die  individualistische ­
  Wirtschaftsordnung  von  grundlegender  Bedeutung  sind  und
in  ihr  regelmäßig  in  einem  Umfange  bestehen,  von  dem  erst  noch
zu  prüfen  ist,  ob  er  in  einem  anderen  Rechtssystem  auch  nur  annähernd ­
  in  gleicher  weise  durchführbar  ist,  sind  erstens  die  Freiheit
des  Ronsums.  Die  Freiheit  des  Ronsums  besagt,  jeder  kann  selbst
bestimmen,  wie  er  sein  Einkommen  verwenden  und  was  er  verbrauchen ­
  will.  Rlit  souveräner  Freiheit  kann  der  Ronsument  heute  darüber ­
  entscheiden,  auf  welche  waren  er  seine  Nachfrage  richten  und
wieviel  er  für  jede  Ware  anlegen  will.  Der  Staat  enthält  sich  aller
Eingriffe  in  die  Bedarfsbildung  und  die  Einkommensverwendung.
Die  Freiheit  des  Ronsums,  wie  sie  heute  besteht,  ist  insbesondere ­
  auch  gleichbedeutend  mit  dem  verzicht,  die
Nachfrage  durch  andere  Rkittel  zu  regeln  als  durch
        <pb n="17" />
        Die  Freiheit  des  Konsums

13

den  Druck  der  Preisbildung,  durch  das  Ruf  und  Nb  der
preise.  Auch  in  einer  freiheitlichen  Wirtschaftsordnung  muß  ja
irgendwie  dafür  gesorgt  sein,  daß  die  Nachfrage  in  Übereinstimmung ­
  mit  den  auf  allen  Gebieten  nur  knapp  vorhandenen  Warenvorräten ­
  gehalten  wird.  Das  geschieht  aber  eben  heute  normalerweise ­
  nur  durch  die  Bewegung  der  Preise,  nur  durch  den  Druck,
den  das  höhergehen  der  Preise  auf  die  Nachfrage  ausübt.  Die  Konsumenten ­
  werden  dadurch  gezwungen,  ihre  Nachfrage  einzuschränken
oder  unter  Umständen  sogar  ganz  einzustellen.  Der  Staat  dagegen  verzichtet ­
  seinerseits  darauf,  wenigstens  in  gewöhnlichen  Zeiten,  die  Nachfrage ­
  durch  direkte  Vorschriften  zu  beschränken  und  dadurch  dem  knappen ­
  Nngebot  anzupassen.  Line  solche  Rationierung  des  Konsums,  wie
wir  sie  während  des  Krieges  auf  zahlreichen  Gebieten  in  Gestalt
von  Brot-,  Zucker-,  Kartoffel-,  Fleisch-,  Butter-,  Seifen-  und  anderen
Karten,  in  Form  von  Kleider-  und  Wäschebezugsscheinen  usw.  einzuführen ­
  genötigt  waren,  empfinden  wir  als  etwas,  was  eigentlich
dem  Wesen  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  fremd  ist,  was
nicht  in  ihren  normalen  Zustand  hineingehört,  und  von  der  Bevölkerung ­
  daher  auch  nur  widerwillig  ertragen  wird.  Eben  deshalb  wurden ­
  ja  diese  Einrichtungen  als  „Kriegssozialismus"  bezeichnet.  Für
gewöhnlich  wird  eben  in  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung
die  Nachfrage  lediglich  durch  den  Druck  der  Preisbildung  reguliert.
Das  ist  es,  was  wir  unter  Freiheit  des  Konsums  in  der  gegenwärtigen ­
  Wirtschaftsordnung  hauptsächlich  zu  verstehen  haben:  herstellung
  der  notwendigen  Übereinstimmung  zwischen  den  immer  nur
knapp  vorhandenen  Vorräten  und  der  an  sich  stets  unbegrenzten
Nachfrage  nicht  durch  direkte  staatliche  Rationierungsmaßnahmen,
sondern  lediglich  durch  den  Druck  der  Preisbildung.
Nlit  der  Freiheit  des  Konsums  korrespondiert  in  der  individualistischen ­
  Wirtschaftsordnung  regelmäßig  zweitens  Freiheit  der
Produktion  und  der  Nrbeit.  Dieses  zweite  wirtschaftliche
Grundrecht  des  Individuums  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung
bedeutet:  Jeder  kann  selbst  frei,  vom  Staate  unbeeinflußt,  entschei-Pohle,
  Kapitalismus  und  Sozialismus.  2.  Uufl.  2
        <pb n="18" />
        14  1,1.  Die  individualistische  Wirtschaftsordnung
den,  in  welchem  Berufe,  an  welchem  tvrte,  in  welchem  Betriebe  er
eine  Arbeitsstelle  annehmen  und  wie  lange  er  in  ihr  bleiben  will,
wie  überhaupt  niemand  rechtlich  zur  Arbeit  gezwungen  ist,  so  steht
es  jedem  auch  frei,  auf  welchem  Gebiete  er  sich  mit  seiner  Arbeitskraft ­
  sowie  auch  seinem  etwaigen  Besitz  an  Sachgütern  an  der  Produktion ­
  beteiligen  will.  Es  herrscht  eine  weitgehende  Arbeits-  und
Rnternehmungsfreiheit.  wie  empfindlich  die  Bevölkerung  gegen  Beschränkungen ­
  ihrer  Bewegungsfreiheit  gerade  auf  diesem  Gebiete
reagiert,  das  ließ  die  Unbeliebtheit  deutlich  erkennen,  der  die  Bestimmungen ­
  des  Hilfsdienstpflichtgesetzes  mit  ihren  Beschränkungen
der  Freiheit  des  Stellenwechsels  in  der  deutschen  Arbeiterschaft
sehr  bald  begegneten.  Ls  gehörte  darum  mit  zu  den  ersten  Handlungen ­
  der  neuen  Regierung  nach  der  Revolution,  daß  sie,  den
Wünschen  der  Arbeitermassen  entsprechend,  das  Hilfsdienstgesetz  wieder ­
  aufhob.
Unternehmungs-  und  Arbeitsfrsiheit  sowie  Freiheit  des  Ronfums
bedingen  sich  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  gegenseitig,  wenn
der  Ronsum  nicht  durch  staatliche  Vorschriften,  sondern  nur  durch
das  indirekte  Wittel  der  Preisbildung  geregelt  wird,  im  übrigen
aber  völlig  frei  nach  jeder  Richtung  sich  entwickeln  kann,  so  ist
unbedingtes  Erfordernis,  daß  zugleich  auch  Produktions-  und  Arbeitsfreiheit ­
  herrschen.  Sonst  besitzt  die  Produktion  nicht  die  Möglichkeit, ­
  der  Entwicklung  des  Ronfums  sich  rasch  anpassen  zu  können.
wann  ist  nun  die  Wirtschaftsordnung  mit  wirtschaftlicher  Selbstverantwortlichkeit ­
  der  einzelnen,  Privateigentum,  Ronsum-  und  Produktionsfreiheit ­
  eigentlich  historisch  entstanden?  Diese  Wirtschaftsordnung ­
  wird  mit  einer  gewissen  Vorliebe  auch  als  das  Wirtschaftssystem ­
  der  freien  Ronkurrenz  bezeichnet,  weil  aber  eine  von  den
Schranken  des  Zunftwesens  völlig  befreite  Ronkurrenz  in  den  meisten ­
  Ländern  erst  im  Gefolge  der  großen  Französischen  Revolution
zur  Herrschaft  gelangt  ist,  wird  durch  diese  Bezeichnung  leicht  die
falsche  Vorstellung  erweckt,  wie  wenn  überhaupt  die  individualistische
Wirtschaftsordnung  eine  verhältnismäßig  noch  junge  Schöpfung  sei.
        <pb n="19" />
        Die  Freiheit  der  Arbeit  15
e  er  wie  wenn  sie  erst  vor  wenig  mehr  als  einem  Jahrhundert  in  vielen
will.  Ländern  ihren  Einzug  gehalten  habe.
steht  wie  diese  Vorstellung  sich  hat  ausbilden  können,  das  ist  ja  leicht
eits-  zu  verstehen  Die  Fortschritte  in  wirtschaftlicher  Freiheit,  die  da-Pro-
  mals  an  der  wende  vom  l8.  zum  ly.  Jahrhundert  gemacht  wurden,
und  waren  so  groß  und  so  bedeutsam,  daß  es  den  Anschein  gewann,  als
habe  es  vorher  überhaupt  noch  keine  Freiheit  im  Wirtschaftsleben
äiete  gegeben,  als  sei  damals  zum  ersten  Male  das  System  der  Freiheit
Le-  an  die  Stelle  des  Systems  des  Zwangs  und  der  obrigkeitlichen  Beugen ­
  vormundung  gesetzt  worden.  Die  wirtschaftliche  Bewegungsfreiheit,
chaft  die  Freiheit  des  Konsums  und  die  Freiheit  der  Produktion  insbe-,
and-  sondere,  hat  aber  auch  vorher  nicht  völlig  gefehlt.  Sie  war  auch
den  im  Wirtschaftsleben  des  Mittelalters  schon  grundsätzlich  anerkannt,
wie-  aber  sie  konnte  sich  praktisch  allerdings  nur  in  viel  engeren  Grenzen
betätigen,  von  der  Produktionsfreiheit  insbesondere,  dem  Recht  der
ums  freien  Berufswahl  usw.,  konnte  man  damals  nur  in  lokal  engbegrenz-)enn
  ten  Verkehrskreisen  Gebrauch  machen.  Und  ganz  besonders  galt  das
'urci?  in  dem  bis  zum  Ende  des  l8.  Jahrhunderts  staatlich  so  ungemein
igen  zersplitterten  Deutschland,  was  wir  gewöhnlich  schlechthin  als  Lin-&amp;gt;
  ist  führung  des  Rechtssystems  der  freien  Konkurrenz  bezeichnen,  näm-Rr-
  lich  die  auf  Betreiben  des  ökonomischen  Liberalismus  vor  hundert
liög-  Jahren  vorgenommenen  Reformen  des  Wirtschaftsrechts  im  freiheitnen.
  lichen  Sinne,  das  war  aber  im  Grunde  gar  nichts  prinzipiell  Neues,
löst-  sondern  es  war  nur  eine  besondere  Ausgestaltung  des  an  sich
pro-  schon  uralten  individualistischen  Rechtssystems,  seine  Berfts-
  freiung  nämlich  von  einer  Reihe  von  Bindungen,  die  bisher  gegolten
afts-  hatten.  Nicht  das  Rechtsprinzip  des  Individualismus  an  sich  ist  damals
den  aber  neu  in  das  Gesellschaftsleben  eingeführt  worden,  sondern  es  fiel
mei-  nur  der  größte  Teil  der  Schranken,  von  denen  bis  dahin  die  Bewetion
  gungsfreiheit  der  Staatsbürger  umgeben  gewesen  war.  An  denGrunddie
  lagen  der  eigentlichen  wirtschafts  o  r  d  n  u  n  g  selbst  ist  aber  durch  diese
ische  Reformen  so  gut  wie  nichts  geändert  worden,  vor  wie  nach  diesen  Rel
  sei,  formen  beruhte  sie  in  gleicher  weise  auf  dem  Grundsatz  der  wirtschaft-
        <pb n="20" />
        16  1,1.  Die  individualistische  Wirtschaftsordnung
lichen  Selbstverantwortlichkeit  der  einzelnen,  und  demgemäß  war  in
ihr  auch  schon  das  Privateigentum  anerkannt  und  geschützt  gewesen.
Der  Ursprung  der  allgemeinsten  Grundlagen  unserer  Wirtschaftsordnung ­
  verliert  sich  überhaupt  in  die  Urzeit  des  Menschengeschlechts,
und  eben,  weil  es  sich  hier  nicht  um  willkürlich  von  einem  Gesetzgeber
geschaffene,  sondern  um  organisch  gewachsene  Einrichtungen  handelt,
wird  es  überhaupt  kaum  je  gelingen,  das  Problem  ihrer  historischen
Entstehung  zu  lösen,  d.h.  sie  als  zu  bestimmter  Zeit  an  einem  bestimmten ­
  Drte  zum  ersten  Male  entstandene  Einrichtungen  nachzuweisen.
Vas  Problem  der  Entstehung  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung ­
  ist  insbesondere  auch  nicht  gleichbedeutend  mit  der  Entstehung  des
individuellen  Privateigentums.  Dem  Zustand  des  individuellen
Privateigentums  geht  anscheinend  bei  vielen  Völkern  ein  Zustand  des
Familien-  oder  Sippenprivateigentums  voran.  Ein  wirklich  individuelles ­
  Privateigentum  hat  sich  zuerst  gewöhnlich  an  der  fahrenden  habe
entwickelt,  am  Grund  und  Boden  hat  sich  dagegen  bei  vielen  Völkern
lange  Zeiträume  der  Geschichte  hindurch  ein  Eigentum  der  Familie
«der  ähnlicher  verbände  behauptet.  Der  einzelne  konnte  nicht  beanspruchen, ­
  über  bestimmte  Teile  des  Bodens  frei  zu  verfügen,  ihn
zu  verkaufen  oder  von  Todes  wegen  zu  vermachen,  das  Recht  hierzu
stand  ursprünglich  nur  dem  Familienverband  als  solchem  zu.  wie
sich  aus  diesem  Zustand  des  Familieneigentums  am  Boden  ein  individuelles ­
  Grundeigentum  entwickelt  hat,  welche  Einflüsse  hierbei
maßgebend  gewesen  sind,  das  können  wir  ja  bei  manchen  Völkern,  so
bei  unseren  eigenen  Vorfahren,  historisch  noch  ziemlich  genau  verfolgen. ­
  In  Deutschland  hat  bei  der  Auflösung  des  alten  Familienbesitzes
am  Grund  und  Boden  und  der  Busbildung  eines  wirklich  individuellen
Bodeneigentums  vor  allem  die  christliche  llirche  und  ihr  Bedürfnis,
Grundbesitz  zu  erwerben,  eine  wichtige  Rolle  gespielt.  Sie  hat,  von
Rücksichten  auf  ihr  eigenes  Interesse  geleitet,  dabei  mitgewirkt,  daß
zwischen  dem  Familienverband  und  seinen  einzelnen  Mitgliedern  ein
Rompromiß  geschlossen  wurde,  durch  das  dem  einzelnen  Mitglied
das  Recht  eingeräumt  wurde,  über  einen  Teil  des  Bodens  frei  ver-
        <pb n="21" />
        fügen  zu  können.  So  ist  aus  dem  Familieneigentum  allmählich  ein
individuelles  Eigentum  geworden.
Mt  der  Erklärung  der  Entstehung  des  individuellen  Privateigentums ­
  ist  aber  für  die  Entstehung  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung ­
  noch  nichts  gewonnen.  Privateigentum  bleibt  Privateigentum, ­
  gleichviel,  ob  es  ein  Familien-  oder  ein  individuelles  Privateigentum ­
  ist.  Und  es  hat  auch  nicht  viel  Zweck,  die  angeblich
kommunistischen  formen  der  Landnutzung,  die  man  bei  einer  Reihe
von  Völkern  auf  einer  bestimmten  Entwicklungsstufe  findet  und  die
man  dazu  benutzt  hat,  den  Sozialismus  als  das  die  Rnfänge  der
Wirtschaftsentwicklung  der  Menschheit  beherrschende  Prinzip  hinzustellen, ­
  in  diese  Erörterung  hereinzuziehen.  Bei  diesem  sogenannten
primitiven  Lodenkommunismus  bleibt  gerade  die  entscheidende  Frage
oft  unklar,  ob  nämlich  das  gemeinsame  Bodeneigentum  nicht  eben  nur
die  Folge  davon  ist,  daß  alle  Nutzungsberechtigten  sich  noch  als
die  Mtglieder  eines  Familienverbandes  betrachten  und  fühlen,  von
individualistischer  und  sozialistischer  Wirtschaftsordnung  zu  sprechen,
hat  überhaupt  nur  Sinn,  wenn  die  Entwicklung  schon  zur  Ausbildung
einer  eigentlichen  Staatsgewalt  und  zur  Trennung  der  alten  Sippenverbände ­
  in  wirtschaftlich  vollkommen  selbständige  Sonderfamilien
geführt  hat.  Und  einer  der  Grundgedanken  des  Sozialismus  liegt
darin,  daß  der  Familienegoismus  durchbrochen  und  von  Staats  wegen
eine  wirtschaftliche  Solidarität  der  Volksgenossen  herbeigeführt  werden ­
  soll,  die  über  den  natürlichen  Familienzusammenhang  hinausgeht. ­
  Sozialismus  bedeutet  stets  eine  Verneinung  des  wirtschaftlichen
Hamilienzusammenhalts  zugunsten  des  wirtschaftlichen  Verbundenseins ­
  größerer  Nreise.
Daraus  folgt  aber:  solange  die  Entwicklung  der  sozialen  Gemeinschaften ­
  noch  nicht  zur  Bildung  größerer  verbände  geführt  hat,  die
über  die  durch  Blutsverwandtschaft  sich  verbunden  fühlenden  Sippen- ­
  oder  Stammesverbände  weit  hinausgehen,  kurz,  solange  noch&amp;gt;
nicht  eigentliche  Staaten  entstanden  sind,  können  dieBegriffe  Individualismus ­
  und  Sozialismus  im  Grunde  überhaupt  noch  nicht  zur
        <pb n="22" />
        18  1,2.  Lrwerbswirtschaft  und  KonsUmgenossenschaft
Anwendung  gelangen.  Die  Fragen  der  Wirtschaftsordnung  entstehen ­
  erst  mit  dein  Staate  selbst,  auf  vorstaatliche  Zustände  angewendet, ­
  entbehren  sie  des  rechten  Inhalts.  Wo  uns  aber  staatliche ­
  Organisationen  in  der  Geschichte  entgegentreten,  die  diesen  Namen ­
  wirklich  verdienen,  da  finden  wir  in  ihnen  regelmäßig  von
Anfang  an  auch  die  individualistische  Wirtschaftsordnung  an  der
Herrschaft  als  die  gewissermaßen  von  der  Natur  selbst  bestimmte
Form  für  das  grundsätzliche  Verhalten  des  Staats  zum  Wirtschaftsleben. ­
  So  ist  die  individualistische  Wirtschaftsordnung  mit  dem  Staate
selbst  entstanden,  und  ebensowenig  wie  ein  vernünftiger  Mensch
daran  denkt,  die  Entstehung  des  Staates  auf  ein  bestimmtes  Ereignis ­
  zurückzuführen,  so  wenig  läßt  sich  auch  die  Entstehung  der  individualistischen ­
  Wirtschaftsordnung  und  ihres  Grundprinzips  der
wirtschaftlichen  Selbstverantwortlichkeit  des  einzelnen  historisch  auf
eine  bestimmte  Zeit  fixieren.

2.  Lrwerbswirtsch  östliche  und  konsumgenossenschaftliche ­
  Produktionsweise.
Die  individualistische  Wirtschaftsordnung  für  sich  allein  begründet
noch  nicht  den  Kapitalismus.  Vas,  was  wir  Kapitalismus  nennen,  ist
vielmehr  erst  ein  Kind  der  Ehe,  die  das  individualistische  Rechtsprinzip ­
  mit  einer  bestimmten  Produktionsweise,  der  crwerbswirtschaftlichen,
  geschlossen  hat.  Der  Individualismus  brauchte  aber
nicht  unbedingt  diese  Ehe  zu  schließen,  er  konnte  auch  eine  andere
Ehe  eingehen.  Er  konnte  sich  statt  mit  der  erwerbswirtschaftlichen
mit  der  konsumgenossenschaftlichen  Produktionsweise  verbinden.  Und
es  macht  in  der  Tat  manchmal  den  Eindruck,  als  habe  der  Individualismus ­
  zunächst  geschwankt,  für  welche  dieser  beiden  Ehemöglichkeiten
er  sich  entscheiden  solle.  Und  er  scheint  noch  jetzt  zuweilen  Lust  zu
verspüren,  mit  der  Konsumgenossenschaft  ein  Verhältnis  anzuknüpfen, ­
  allein  im  Grunde  sind  es  doch  nur  kurze  Extratouren,  die  er
mit  der  Konsumgenossenschaft  tanzt,  im  ganzen  gibt  er  der  ver-
        <pb n="23" />
        Das  Risiko  der  Produktion

19

bindung  mit  der  Erwerbswirtfchaft  durchaus  den  Vorzug  und  wahrt
ihr  die  Treue.
lvas  heißt  das  zunächst,  wenn  wir  innerhalb  der  individualistischen
Wirtschaftsordnung  von  erwerbswirtschaftlicher  und  konsumgenossenschaftlicher ­
  Produktionsweise  sprechen?  Um  den  Gegensatz,  um
den  es  sich  hier  handelt,  zu  verstehen,  müssen  wir  von  folgenden  Erwägungen ­
  ausgehen.  Mit  jeder  Produktion  ist  notwendig  stets
eine  gewisse  Verlustgefahr  verknüpft.  Die  Produktion  kann  einmal
technisch  mißlingen.  Rus  den  Rohstoffen  und  den  Arbeitsleistungen,
die  man  bei  der  Produktion  eingesetzt  hat,  entsteht  nicht  das  fertige
Erzeugnis,  das  man  eigentlich  begehrte,  sondern  die  aufgewandten
Werte  gehen  während  des  Produktionsprozesses  verloren.  So  rechnet«
man  im  18.  Jahrhundert  in  der  Bierbrauerei,  daß  von  zehn  Suden
es  dem  Brauer  nur  siebenmal  gelingen  möchte,  ein  brauchbares  Bier
zu  erzielen.  Oder  zum  wenigsten  entspricht  die  erzeugte  Menge  oft
nicht  den  Erwartungen,  die  man  berechtigterweise  hegen  konnte.  Vas
letztere  ist  ja  ein  Schicksal,  das  dem  Landwirt  sehr  oft  zustößt.  Über
Uuch  wenn  die  Produktion  technisch  tadellos  gelingt,  kann  sie,  sobald ­
  es  eine  Produktion  für  fremden  Bedarf  ist,  wirtschaftlich
fehlschlagen.  Die  Produkte  finden,  wenn  sie  die  Werkstätte  verlassen,
nicht  mehr  den  erwarteten  Rbsatz,  oder  der  Konsument  ist  wenigstens
nicht  bereit,  für  sie  einen  Preis  zu  zahlen,  der  den  aufgewendeten
llosten  entspricht.
Vas  Risiko,  das  mit  jeder  Produktion  untrennbar  verknüpft  ist,
wird  nun  in  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  nicht  von
der  Gesamtheit,  sondern  von  einzelnen  privaten  getragen.  Daß  nicht
bie  Gesamtheit  es  trägt,  sondern  der  einzelne,  das  entspricht  eben
bem  in  ihr  herrschenden  Grundsatz  der  wirtschaftlichen  Selbstverantwortlichkeit ­
  der  Bürger.  Zur  Tragung  des  Risikos  der  Produktion ­
  kann  die  individualistische  Wirtschaftsordnung  aber  wieder  in
doppelter  Weise  organisiert  sein.  Die  privaten,  die  das  Risiko  der
Produktion  tragen,  können  entweder  sein  einzelne  Produzenten,  die
auf  eigene  Rechnung  und  Gefahr  für  fremden  Bedarf  waren  oder
        <pb n="24" />
        20

I,  2.  Lrwerbswirtschaft  und  Konsumgenossenschaft

Leistungen  Herstellen,  oder  es  können  sein  Vereinigungen  von  Konsumenten, ­
  die  in  selbsterrichteten  Betrieben  für  den  Bedarf  ihrer
Mitglieder  produzieren  lassen.  Darauf  beruht  die  Unterscheidung
zwischen  erwerbswirtschaftlicher  und  konsumgenossenschaftlicher  Produktionsweise. ­
  Diese  Busdrücke  bezeichnen  die  beiden  großen  Möglichkeiten ­
  zur  Organisation  des  Wirtschaftslebens,  zwischen  denen
die  individualistische  Wirtschaftsordnung  noch  die  Wahl  läßt.  Es  heißt
die  Bedeutung  der  konsumgenossenschaftlichen  Produktionsweise,  wie
sie  vor  allem  durch  die  heutigen  Konsumvereine  vertreten  wird,  sehr
verkennen,  wenn  man  in  ihr  nur  ein  Mittel  neben  vielen  anderen
sieht,  um  die  Lage  der  Lohnarbeiter  in  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung ­
  etwas  zu  verbessern.  Die  Konsumgenossenschaft  bedeutet, ­
  darin  haben  die  Anhänger  der  Genossenschaftsbewegung  vollkommen ­
  recht,  ihrem  Wesen  nach  im  Grunde  unendlich  viel  mehr.
Sie  stellt  einen  versuch  dar,  auf  dem  Boden  des  individualistischen
Rechtsprinzips  selbst  die  Entwicklung  zum  Kapitalismus  aufzuhalten
und  umzubiegen,  das  Wirtschaftsleben  von  solchen  Erscheinungen  wie
der  „profitsucht"  zu  befreien,  um  derentwillen  der  Kapitalismus  zum
großen  Teil  bekämpft  wird.  Insofern  hat  die  Konsumgenossenschaftsbewegung ­
  viel  Verwandtes  mit  dem  Sozialismus.  Sie  will,  wenn
auch  mit  ganz  anderen  Mitteln  wie  der  Sozialismus,  denn  sie  läßt
den  Staat  außer  dem  Spiel,  etwas  Ähnliches  erreichen  wie  dieser,
und  sie  wird  ja  darum  auch  gern  als  „Genossenschaftssozialismus"  bezeichnet. ­
  Die  extremen  Sozialisten  freilich  lassen  den  Genossenschaftssozialismus ­
  nur  als  einen  Surrogatsozialismus  von  sehr  fragwürdiger ­
  Beschaffenheit  gelten.
In  der  Tat  sind  auch  die  Unterschiede  zwischen  crwerbswirtschaftlicher
  und  konsumgenossenschaftlicher  Produktionsweise  außerordentlich ­
  groß  und  tiefgehend.  Die  treibende  Kraft  der  erwerbswirtschaftlichen ­
  Produktionsweise  ist  das  Streben  nach  Gewinn.  Bei  ihr
fällt  den  selbständigen  Produzenten,  die  das  Risiko  der  Produktion
tragen,  der  ganze  Uberschuß  der  Produktion  über  die  aufgewandten
Kosten  zu.  Darin  liegt  die  große  wirtschaftliche  Stärke  der  erwerbs-
        <pb n="25" />
        Das  wirtschaftliche  Wesen  beider  Produktionsweisen  21
wirtschaftlichen  Produktionsweise,  unter  Umständen  aber  auch  eine
gewisse  moralische  Schwäche.  Denn  es  entsteht  dadurch  auch  die  Versuchung, ­
  den  Gewinn  durch  Anwendung  moralisch  bedenklicher  Mittel
zu  vergrößern.  Lei  der  konsumgenossenschaftlichen  Produktionsweise
dagegen  ist  die  Möglichkeit  ausgeschlossen,  daß  jemand  an  der  Befriedigung ­
  des  Bedarfs  anderer  Personen  einen  Gewinn  macht.  Die
konsumgenossenschaftlichr  Produktionsweise  ist  sozusagen  immer  eine
Bedarfsdeckung  zum  Selbstkostenpreis.  Gelingt  es,  die  Produktion ­
  zu  verbilligen,  so  muß  der  Nutzen  hiervon  stets  den  genossenschaftlich ­
  organisierten  Abnehmern  zufallen.  Bei  einer  Uonsumgenossenschaft
  können  eigentlich  überhaupt  nie  Gewinne  gemacht,  sondern ­
  nur  Ersparnisse  erzielt  werden.
Unter  primitiven  Wirtfchaftsverhällnissen  tritt  der  Unterschied
Zwischen  erwerbswirtschastlicher  und  konsumgenossenschaftlicher  Produktionsweise ­
  noch  nicht  hervor.  Solange  das  Wirtschaftsleben  auf
der  sogenannten  Stufe  der  geschlossenen  Hauswirtschaft  verharrt  und
jede  wirtschaft  alle  Güter,  deren  sie  bedarf,  im  allgemeinen  auch
selbst  erzeugt,  fehlt  die  Möglichkeit,  von  einem  Gegensatz  zwischen
Erwerbswirtschaft  und  Uonsumgenossenschaft  zu  sprechen.  Sobald
aber  die  tvrganisationsstufe  der  Eigenproduktion,  insbesondere  durch
die  Loslösung  der  gewerblichen  Arbeit  von  der  Hauswirtschaft,  überwunden ­
  wird  und  Produktion  und  Konsumtion  der  Güter  sich  mehr
und  mehr  auf  verschiedene  Wirtschaften  verteilen,  da  fängt  auch
sogleich  der  Gegensatz  zwischen  erwerbswirtschaftlicher  und  konsumgenossenschaftlicher ­
  Produktionsweise  an  hervorzutreten.  Und  das
Wirtschaftsleben  scheint,  wie  schon  angedeutet,  zunächst  einen  Augenblick ­
  zu  schwanken,  welchen  der  beiden  an  sich  gleich  möglichen  Wege
es  einschlagen  soll.  So  war  z.  B.  im  Mittelalter  die  Lage  der  Dinge,
als  einzelne  gewerbliche  Arbeiten  sich  von  der  Hauswirtschaft  loslösten ­
  und  ihre  Verrichtung  an  Spezialbetriebe  überging,  die  nicht
einer  einzelnen  Hauswirtschaft,  sondern  einer  größeren  Zahl  von  solchen ­
  ihre  Dienste  widmeten.  Die  ersten  gewerblichen  Berufsarbeiter,
denen  wir  im  Mittelalter  in  den  Dörfern  begegnen,  wie  vor  allem
        <pb n="26" />
        22

I,  2.  Lrwerbswirtschaft  und  Konsumgenossenschaft

der  Schmied,  waren  nicht  gleich  von  Anfang  an  selbständige  Gewerbetreibende ­
  im  modernen  Sinne.  Sie  ließen  sich  nicht  auf  eigene
Rechnung  und  Gefahr  in  einem  Dorfe  nieder  und  verdienten  sich
ihren  Lebensunterhalt  in  der  Meise,  daß  sie  für  die  Ausführung  einzelner ­
  Arbeiten  von  ihren  Auftraggebern  stückweise  bezahlt  wurden,
sondern  sie  hatten  anfänglich  vielfach  den  Charakter  von  Angestellten ­
  der  Gemeinde.  Die  Gemeinde  gewährte  ihnen  ihren
Lebensunterhalt,  und  sie  waren  dafür  zur  Verrichtung  der  vorkommenden ­
  Arbeiten  ihres  Fachs  verpflichtet.  Die  einzelnen  Dauern
trugen  zu  ihrem  Lebensunterhalt  gewöhnlich  nach  der  Größe  ihres
Besitzes  bei,  hauptsächlich  durch  bestimmte  Abgaben  in  Rorn,  und
erwarben  damit  ein  Anrecht  auf  ihre  Leistungen.  Die  Schmiedewerkstätte ­
  gehörte  bei  diesem  Zustand  meist  der  Dorfgemeinde,  und  der
Schmied  würde  in  sie  gegen  die  Verpflichtung  zu  guter  Instandhaltung ­
  für  eine  bestimmte  Zeit  als  Verwalter  eingesetzt.  In  ähnlicher ­
  Meise  sind  in  vielen  Gegenden  die  ersten  Mind-  und  Massermühlen,
  die  während  des  Mittelalters  angelegt  wurden,  genossenschaftliche ­
  Gründungen  gewesen,  auf  denen  die  einzelnen  Lauern
selbst  ihr  Getreide  mahlten  oder  von  einem  Unecht  mahlen  ließen.
Analoge  Einrichtungen  bilden  die  Gemeindebacköfen  und  die  öffentlichen ­
  Brauhäuser,  die  Reih  um  von  den  Gemeindemitgliedern  benutzt ­
  werden.
Gleichviel  aber,  welches  die  ersten  Anfänge  dieser  Entwicklung
waren,  nach  einiger  Zeit  finden  wir  regelmäßig  den  Zustand  herrschend ­
  werden,  daß  die  in  Frage  stehenden  gewerblichen  Arbeiten
von  dritten  Personen  auf  eigene  Rechnung  übernommen  und  diese
dritten  Personen  für  ihre  Arbeit  stückweise  bezahlt  werden.  Die  anfänglichen ­
  Gemeindeangestellten  oder  Genossenschaftsbeamten  verwandeln ­
  sich  damit  in  wirkliche  Gewerbetreibende,  und  aus  den  genossenschaftlichen ­
  Produktionsanlagen  werden  Gewerbebetriebe  in
dem  Sinne,  wie  wir  das  Wort  heute  verstehen,  d.  h.  wirtschaften,
die  durch  die  entgeltliche  Tätigkeit  für  fremden  Bedarf  einen  Uberschuß ­
  zu  erzielen,  zum  mindesten  den  eigenen  Lebensunterhalt  zu
        <pb n="27" />
        Ältere  versuche  mit  Konsumgenossenschaften

23

verdienen  suchen.  Für  England  erzählt  beispielsweise  der  Wirtschafts-Historiker
  Ashley,  daß  im  Laufe  des  t3.  und  14.  Jahrhunderts  die
ursprünglichen  Pauschalleistungen  in  Getreide  oder  auch  in  Land,
bie  dem  Dorfschmied  und  dem  oimmermann  bis  dahin  von  der  Gemeinde ­
  gewährt  worden  waren,  in  Geldzahlungen  umgewandelt  wurden ­
  und  die  Handwerker  nun  ihre  Arbeit  stückweise  bezahlt  bekamen. ­
  Eine  ähnliche  Entwicklung  läßt  sich  für  die  genossenschaftlichen
Mühlenanlagen  im  mittelalterlichen  Deutschland  feststellen.  Diemarkgenössischen
  oder  Gemeindemühlen  treten  im  Mittelalter,  wie  Lamprecht
  berichtet,  immer  mehr  zurück.  „Dagegen  nehmen  die  von
einzelnen  errichteten  und  von  Einzelpersonen  besessenen  Mühlen  einen
immer  weiteren  Raum  ein,'  schon  in  der  höhe  des  Mittelalters  sind
sie  fast  allein  in  der  Überlieferung  nachzuweisen."
5o  hat  das  Wirtschaftsleben,  als  es  im  Mittelalter  vor  die
Wahl  zwischen  konsumgenossenschaftlicher  und  erwerbswirtschaftlicher
Produktionsweise  gestellt  war,  seine  Entscheidung  nach  kurzem
schwanken  zugunsten  der  Erwerbswirtschaft  gefällt.  Die  Ansätze  zu
konsumgenossenschaftlichen  Bildungen  dagegen  sind  meist  nach  kurzer
seit  wieder  verkümmert,  sie  haben  es  jedenfalls  nirgends  zu  größerer ­
  Bedeutung  zu  bringen  vermocht.  Und  nicht  anders  ist  es  in
späterer  Zeit  zugegangen.  Erst  im  letzten  Jahrhundert  macht  die  Ronsumgenossenschaft
  noch  einmal  einen  kräftigen  Vorstoß,  um  den  scheinbar ­
  bereits  verlorenen  Prozeß  gegen  die  Erwerbswirtschaft  doch  noch
Zu  gewinnen.  Mir  meinen  damit  die  Bewegung  zugunsten  der  konsumgenossenschaftlichen
  Produktionsweise,  die  sich  an  das  Auftreten
bec  modernen  Ronsumvereine  anschließt.  Diese  Entwicklung  hat
ihren  Ausgang  nicht  von  dem  Gebiet  der  eigentlichen  Produktion,  sonbern
  von  dem  des  Warenhandels  genommen.  Und  zwar  waren  es
arme  Flanellweber  in  der  englischen  Stabt  Rochdale,  die  im  Iahte
1844  zum  erstenmal  in  die  Verwaltung  der  Ronsumvereine  den
Grundsatz  einführten,  dessen  Anwendung  die  Ronsumvereine  hauptsächlich ­
  ihre  spätere  relativ  große  Ausbreitung  zu  danken  haben,  nämlich ­
  Verteilung  des  Reingewinns  nicht  nach  dem  Maße,  in  dem  die
        <pb n="28" />
        24

1,2.  Lrwerbswirischaft  und  Konsumgenossenschaft

Mitglieder  an  der  Aufbringung  des  erforderlichen  Kapitals  beteiligt
finöj  sondern  nach  dem  Maße  ihrer  Wareneinkäufe.
Auf  dieser  Grundlage  sind  nach  und  nach  in  allen  europäischen
Kulturstaaten  Konsumvereine  entstanden,  und  sie  haben  es  namentlich
in  Großbritannien  und  Deutschland  zu  hohen  Mitgliederzahlen  gebracht. ­
  In  Großbritannien  betrug  1910  die  Mitgliederzahl  der  Konsumvereine ­
  etwas  über  2VZ  Millionen,  in  Deutschland  nahe  an
IV2  Millionen,  der  Umsatz  belief  sich  in  Großbritannien  auf  1437,
in  Deutschland  auf  413  Millionen  Mark.  Nach  einiger  Zeit  gingen
die  Konsumvereine  auch  vielfach  dazu  über,  die  von  ihnen  geführten
waren  zum  Teil  in  eigener  Regie  Herstellen  zu  lassen.  Bisher  hält
sich  der  Umfang  der  konsumgenossenschaftlichen  Eigenproduktion
allerdings  noch  in  sehr  bescheidenen  Grenzen.  Bei  den  Konsumgenossenschaften, ­
  die  dem  Zentralverband  deutscher  Konsumvereine  angehören ­
  —  und  dieser  umfaßt  von  der  Gesamtzahl  der  Mitglieder
der  deutschen  Konsumvereine  mehr  als  Vs  —■  betrug  1911  der  Verkaufserlös ­
  aus  selbstproduzierten  waren  rund  63  Millionen  Mark.
Die  Produktionsbetriebe,  welche  die  Konsumvereine  sich  angegliedert ­
  haben,  sind  ganz  überwiegend  Bäckereien.  Bei  den  vereinen
des  Zentralverbands  gab  es  1909  im  ganzen  185  Bäckereien,  5  Betriebe ­
  für  Teigwarenfabrikation,  5  Kaffeeröstereien,  25  Schlächtereibetriebe, ­
  5  Mühlen,  15  Molkereien,  15  Mineralwasser-  und  Limonadenfabriken, ­
  2  Betriebe  für  Konfektionsnäherei  und  3  für  Wäschenäherei.
  Außerdem  wurden  von  derGroßeinkaufsgesellschaft  deutscher
Konsumvereine  drei  Zigarrenfabriken  und  eine  Seifenfabrik  betrieben.
Erheblich  stärker  noch  ist  die  Eigenproduktion  der  britischen  Konsumvereine ­
  entwickelt.  Namentlich  die  Großeinkaufsgesellschaft  der
britischen  sowie  auch  die  der  schottischen  Konsumvereine  haben  die
Produktion  von  Artikeln  aufgenommen,  an  deren  Herstellung  in  eigenen ­
  Betrieben  man  sich  in  Deutschland  noch  nicht  herangewagt  hat.
was  das  moderne  Wirtschaftsleben  neben  den  Konsumvereinen
sonst  noch  an  konsumgenossenschaftlichen  Bildungen  hervorgebracht
hat,  ist  relativ  unbedeutend,  vor  allem  sind  noch  die  Bau  ge  nassen-
        <pb n="29" />
        -  Entstehung  der  modernen  Konsumvereine  25
=  i  schäften  zu  nennen.  Sic  haben  sowohl  in  den  angelsächsischen  Läniigi
  dein  wie  neuerdings  auch  in  Deutschland  ganz  erhebliche  Leistungen
aufzuweisen.  Die  Stellung,  die  sie  in  den  angelsächsischen  Ländern
chen  errungen  haben,  haben  sie  aus  eigener  Kraft,  ohne  wesentliche  sittlich ­
  Wirkung  des  Staats  erlangt.  Ihre  günstige  Entwicklung  in  diesen
ge-  Ländern  hängt  mit  der  dortigen  Vorherrschaft  des  Rleinhauses  zulon-
  sammen.  Anders  liegen  die  Verhältnisse  in  Deutschland.  Bei  uns
an  hat  die  Baugenossenschaftsbewegung  überhaupt  erst  in  den  letzten
137,  Jahrzehnten  einen  stärkeren  Aufschwung  genommen.  Noch  1890  beigen ­
  trug  die  Zahl  der  Baugenossenschaften  in  Deutschland  erst  38,  dann
rten  ging  sie  bis  1900  auf  322  mit  47000  Mitgliedern  in  die  höhe  und
hält  stellte  sich  1910  auf  1056  mit  rund  200  000  Mitgliedern.  Die  Zahl
Non  der  von  den  Baugenossenschaften  erbauten  Häuser  wuchs  von  1900
mof-  bis  i9gy  von  3400  auf  13  344,  die  Herstellungskosten  der  von  ihnen
an-  gebauten  Häuser  beliefen  sich  aus  fast  314  Millionen  Mark,
eder  Im  Gegensatz  zu  England  und  Amerika  beruht  dieser  rasche  Aufver-
  fchwung  der  deutschen  Baugenossenschaften  im  letzten  Jahrzehnt  inlark.
  dessen  nicht  auf  natürlichen,  sondern  auf  künstlichen  Ursachen,  er
glie-  ist  hauptsächlich  den  Unterstützungen  zuzuschreiben,  welche  den  Bauinen ­
  genossenschaften  in  den  letzten  beiden  Jahrzehnten  von  der  öffent-Be-
  lichen  Gewalt  gewährt  worden  sind.  Die  Baugenossenschaften,  inserei-
  besondere  die  für  bestimmte  Gruppen  von  Beamten  und  Arbeitern
imo-  bestimmten,  sind  sowohl  vom  Reiche  selbst,  als  von  den  Bundesische- ­
  staaten  als  teilweise  auch  von  den  Gemeindeverwaltungen  geförscher
  dert  worden,  von  den  letzteren  namentlich  auch  durch  die  billige
-den.  Überlassung  von  städtischem  Boden  im  Erbbaurecht,  vor  allem  aber
Ron-  sind  den  Baugenossenschaften  aus  den  Mitteln  der  Invalidenverl
  der  ficherungsanstalten  große  Summen  im  Betrage  von  vielen  Millionen
u  die  als  Darlehen  zu  einem  wesentlich  niedrigeren  Zinsfuß  überlassen
eige-  worden,  als  ihn  die  private  Bautätigkeit  gleichzeitig  auf  dem  Rapitalhat.
  markte  erhalten  konnte.  Vieser  Subventionierung  haben  die  deut--inen
  scheu  Baugenossenschaften  ihre  rasche  Ausbreitung  nach  1890  Hauptmacht ­
  sächlich  zu  danken,
sen-
        <pb n="30" />
        26

1,2.  Lrwerbswirtschaft  und  Konsumgenossenschaft

Die  Entfaltung  derkonsumgenossenschaftlichen  Produktionsweise  bei
der  Befriedigung  des  Wohnungsbedürfnisses  ist  also  teilweise  ein
künstliches  Gewächs.  Ähnlich  steht  es  bei  manchen  Zweigen  des  kleingewerblichen
  Genossenschaftswesens,  die  ja  ebenfalls  unter  den  Begriff ­
  der  konsumgenossenschaftlichen  Produktionsweise  im  weiteren
Sinne  des  Worts  gebracht  werden  können,  auf  deren  Entwicklung  hier
aber  nicht  im  einzelnen  eingegangen  werden  soll.
Bus  das  erneute  Vordringen  der  konsumgenossenschaftlichen  Produktionsweise ­
  in  der  Gegenwart  sind  nun  von  manchen  Seiten,  und
zwar  teilweise  auch  von  Vertretern  der  Wissenschaft,  schon  die  kühnsten ­
  Hoffnungen  gesetzt  worden.  Die  klonsumvereine  sollen,  so  hofft
man,  der  archimedische  Punkt  werden,  von  dem  aus  es  gelingt,  die
gegenwärtige  Produktionsweise  aus  den  Angeln  zu  heben.  Man  erblickt ­
  in  manchen  Lagern  in  den  Konsumvereinen  so  etwas  wie
apokalyptische  Reiter,  die  den  Untergang  der  sündigen  kapitalistischen ­
  Welt  ankündigen.  Durch  ihre  Ausbreitung  soll  der  Kapitalismus ­
  von  innen  heraus  ausgehöhlt  werden.  Auf  friedlichem  Wege
und  ohne  allzu  merkbare  Veränderungen  werde  man  mit  ihrer  Hilfe
in  eine  Art  sozialistischer  Organisation  hineingelangen.
Gegen  eine  solche  Entwicklung  wäre  nun  an  sich  kaum  etwas  einzuwenden, ­
  allein,  so  müssen  wir  fragen,  berechtigt  die  bisherige
Ausdehnung  der  konsumgenossenschaftlichen  Produktionsweise  wirklich ­
  zu  solchen  Erwartungen?  Wenn  man  den  richtigen  Maßstab
zur  Beurteilung  der  Bedeutung  der  konsumgenossenschaftlichen  Produktionsweise ­
  im  Wirtschaftsleben  der  Gegenwart  gewinnen  will,
so  darf  man  nicht  die  großen  Mitgliederzahlen  der  Konsumvereine
aufmarschieren  lassen,  sondern  man  muß  ermitteln,  welchen  Bruchteil ­
  von  der  Gesamtzahl  der  gewerbtätigen  Personen  eines  Landes
die  in  Konsumvereinsbetrieben  beschäftigten  Personen  ausmachen.
Legt  man  diesen  Maßstab  an,  so  kommt  man  für  die  volkswirtschaftliche ­
  Bedeutung  des  Genossenschaftswesens  zu  einem  außerordentlich ­
  bescheidenen  Ergebnis,  von  der  Gesamtzahl  der  gewerbtätigen
Personen  entfielen  nach  der  gewerblichen  Betriebszählung  von  1895
        <pb n="31" />
        Gegenwärtige  Ausbreitung  der  Konsumgenossenschaft

27

bei  2,1  und  auch  nach  der  von  1907  erst  3,7  vom  Tausend  aus  die
ein  '"Genossenschaftsbetrieben  Beschäftigten.  Selbst  wenn  man  nun  an-:in-
  nimmt,  daß  diese  Zahlen  nicht  ganz  vollständig  sind,  und  wenn  man
g e .  sie  deshalb  verdoppelt,  so  kommt  man  doch  zu  dem  Ergebnis,  daß  auch
ren  in  einem  Lande  wie  Deutschland,  wo  der  Aufschwung  des  Konsumier ­
  "ereinswesens  mit  am  stärksten  war,  in  den  Konsumvereinsbetrieben
  noch  nicht  einmal  1  °/o  der  gewerblich  tätigen  Bevölkerung  Be-)ro-
  schäftigung  findet.  Und  auch  in  Großbritannien,  das  an  der  Spitze
and  ^er  Konsumvereinsbewegung  marschiert,  liegen  die  Dinge  nicht  weihn- ­
  ^"ilich  anders.  In  den  Produktionsbetrieben  der  britischen  Konsum-0
 ||t  vereine  waren  1910  einige  40000  Arbeiter  beschäftigt  und  in  ihren
Warenhandelsabteilungen  etwas  über  60  000.  lvas  wollen  aber  diese
er-  ^"hlen  besagen  gegenüber  dem  Rlillionenheer  der  britischen  Induro
 i e  striearbeiterschaft?
ijti=  2st  die  Eigenproduktion  der  Konsumvereine  aber  nicht  nach  vereis- ­
  ^iedencn  Richtungen  hin  noch  sehr  entwicklungsfähig?  Das  kann
lege  1,10,1  ohne  weiteres  zugeben.  Allein  hierauf  die  Erwartung  zu  grünsilfe
  daß  durch  die  immer  weitere  Ausdehnung  der  Eigenproduktion
der  Konsumvereine  je  der  ganze  Eharakter  unseres  Wirtschaftslebens
ein-  !  UTn 9 e ftaItet  und  die  jetzige  Vorherrschaft  der  Erwerbswirtschaft  gerige
  ^'ochen  werden  könnte,  das  kann  doch  nur  der  tun,  der  in  seiner
)irk-  Vorliebe  für  die  angeblich  sittlich  höherstehende  konsumgenossenschaftstab ­
  Produktionsweise  das  rechte  Augenmaß  für  die  Tatsachen  verarg- ­
  ^en  hat  und  die  Umstände  nicht  zu  erkennen  vermag,  auf  denen
vill,  k'e  Vorherrschaft  der  Erwerbswirtschaft  ruht.  Die  überwältigende
eine  Stellung,  welche  die  erwerbswirtschaftliche  Produktionsweise  im  Laufe
mch-  Jahrhunderte  in  allen  Ländern  erlangt  hat,  ist  nichts  Zufälliges,
ndes  ^ ot  vielmehr  ihre  guten  Gründe.  In  einigen  Ländern,  darunter
chen.  Deutschland,  hat  zwar  der  Gesetzgeber  die  Torheit  begangen,
;aft-  ^ er  Ausbreitung  der  Konsumvereinsbewegung  eine  Zeitlang  künst-&amp;gt;ent-
  Hindernisse  in  den  weg  zu  legen,  im  allgemeinen  kann  man
igen  Q k er  nicht  sagen,  daß  die  erwerbswirtschaftliche  Produktionsweise
&amp;gt;895  yen  hervorragenden  Platz,  den  sie  im  heutigen  Wirtschaftsleben  ein-
        <pb n="32" />
        28  I,  2.  Erwerbswirtschaft  und  Konsumgenossenschaft
nimmt,  irgendeiner  Bevorzugung  durch  Maßnahmen  der  Gesetzgebung
und  Verwaltung  verdankt.  Im  Gegenteil.  Für  die  letzte  Zeit  kann
eher  von  einer  Begünstigung  mancher  Formen  der  konsumgenossenschaftlichen ­
  Produktionsweise,  hauptsächlich  der  Baugenossenschaften,
durch  die  öffentliche  Gewalt  gesprochen  werden.  Im  ganzen  also
ist  die  überragende  Stellung,  welche  die  Lrwerbswirtschaft  heute
im  Wirtschaftsleben  der  Kulturvölker  einnimmt,  von  ihr  aus  eigener ­
  Kraft  erobert  worden,  und  ihre  Überlegenheit  über  die  Konsumgenossenschaft ­
  geht  somit  auf  natürliche  Ursachen  zurück.  Für  den,
der  nicht  an  der  geistigen  Farbenblindheit  leidet,  die  manchen  begeisterten ­
  Apostel  des  Genossenschaftswesens  hindert,  das  Normale
von  dem  Unnormalen  zu  unterscheiden,  sind  die  Gründe  dieser  natürlichen ­
  Überlegenheit  der  Lrwerbswirtschaft  ja  auch  nicht  schwer  zu
erkennen.
Der  Vorsprung,  den  die  erwerbswirtschaftliche  Produktionsweise
vor  der  konsumgenossenschaftlichen  besitzt  und  in  der  individualistischen ­
  Wirtschaftsordnung  auch  stets  behalten  wird—  in  der  sozialistischen ­
  gibt  es  den  Gegensatz  zwischen  Konsumgenossenschaft  und
Lrwerbswirtschaft  überhaupt  nicht  mehr  —,  ergibt  sich  schon  aus
der  Natur  der  Aufgabe,  die  der  Produktion  in  jeder  individualistischen
Wirtschaftsordnung  gestellt  ist.  Die  Aufgabe,  welche  die  Produktion
hier  beständig  von  neuem  zu  läsen  hat,  besteht  ja  darin,  einem  frei
sich  bildenden  Bedürfe  sich  anzupassen.  Mit  souveräner  Freiheit
kann  der  Konsument,  wie  wir  wissen,  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung ­
  darüber  entscheiden,  welchen  Produkten  er  seine  Nachfrage
zuwenden  und  wie  hoch  er  mit  den  preisen  für  die  einzelnen  Produkte ­
  gehen  will.  Und  nichts  hindert  ihn  auch,  die  Richtung  der
Nachfrage  und  die  höhe  des  Werts,  den  er  einer  Ware  beilegt,
schnell  wieder  zu  ändern.  Dem  modernen  Kulturmenschen  schreibt
ja  nicht  mehr  wie  dem  Bürger  und  Bauer  früherer  Jahrhunderte
die  Sitte  vor,  wie  er  sich  zu  kleiden  hat,  wie  er  sich  seine  Wohnung
einzurichten  und  sein  ganzes  häusliches  Leben  zu  gestalten  hat.  Auf
immer  mehr  Gebieten  emanzipiert  er  sich  von  den  früheren  fest-
        <pb n="33" />
        Die  Ledarfsbildung  im  Wirtschaftsleben

29

in 9  stehenden  Gewohnheiten  in  dieser  Hinsicht.  Und  auf  immer  mehr
tun  Gebieten  behält  er  sich  dabei  bis  zum  letzten  Augenblick  die  Freiheit
etv  der  Entscheidung  vor,  welche  Waren  er  schließlich  wählt.  Für  einen
und  denselben  Gebrauchszweck  kommen  ja  oft  sehr  verschiedene  kval
 ^°  ren  in  Betracht.  Und  es  können  da  unter  Umständen  sehr  kleine
Unterschiede  in  der  Form,  in  der  Farbe,  in  dem  verwendeten  Rofy=‘9
 C=  Material  usw.  den  Ausschlag  zugunsten  des  einen  oder  des  anderen
• im °  Artikels  geben. 1 )
&amp;gt;en '  Durch  diese  Verhältnisse  ist  der  Bedarf,  dem  sich  die  Produktion
gegenwärtig  anzupassen  hat,  immer  wechselnder,  immer  mannigfaltiger,
  immer  mehr  der  Mode  unterworfen,  geworden.  Nur  auf
^ uts  relativ  wenig  Gebieten  kann  der  Bedarf  heute  noch  als  ein  ziem-:
  3 U  lich  feststehender  und  darum  im  voraus  berechenbarer  angesehen  werden. ­
  Auf  zahlreichen  und  großen  Gebieten  handelt  es  sich  dagegen  zu-'Eisr
  nächst  nur  um  einen  ganz  abstrakten  Allgemeinbedarf,  der  sich  erst
&amp;gt;ua-  spezialisiert,  wenn  ihm  eine  reiche  Auswahl  von  Mustern  vorgelegt
'3 ta=  |  wird.  Darum  ist  auch  die  Vorstellung  so  verkehrt,  man  könne  den  Geun
 ^  samtbedarf  eines  Landes  für  die  nächste  Wirtschaftsperiode  im  voraus
  aus  durch  statistische  Erhebungen  feststellen  und  dadurch  eine  Bichtschnür
  für  die  Produktion  schaffen.  Manche  geben  sich  wohl  gar
tion  dem  Glauben  hin,  mit  Hilfe  einer  Universalstatistik  könne  das  prore
  i  dlsm  der  sozialistischen  Leitung  der  Produktion  gelöst  werden.  Dieses
lheit  naive  Zutrauen,  das  manche  zur  Statistik  haben,  ist  für  diese  sehr
afts-  ehrenvoll,  aber  durch  statistische  Erhebungen  kann  das  Problem  der
rage  einheitlichen  Leitung  der  Produktion  auch  nicht  gelöst  werden.  Der
P ro “  Konsument  vermag  zwar  vielleicht  bei  solchen  Artikeln  wie  Salz,  Brot,
der  Zucker,  Petroleum  u.  dgl.  anzugeben,  wieviel  er  davon  ungefähr  im
^egt,  nächsten  Jahre  brauchen  wird  —  übrigens  auch  bei  diesen  Artikeln
reibt  eigentlich  nur  dann,  wenn  man  ihm  die  Einhaltung  bestimmter  ver-&amp;gt;erte
  kaufspreisr  gewährleistet'  denn  mit  der  Höhe  der  Preise  ändert
rung  sich  {,ei  f,, en  E^en  Wqren  auch  die  Größe  ihres  Bedarfs  —,  allein,
Auf
.  1)  Vre  folgenden  Ausführungen  unter  Benutzung  meines  Vortrags  über
* C '  ben  ,,Unternehmerstand",  Leipzig  1910,  S.  32ff.
Pohle,  Kapitalismus  und  Sozialismus,  2.  fUijt.  3
        <pb n="34" />
        30

I,  2.  Lrwerbswirtschast  und  Konsumgenossenschaft

wenn  der  Konsument  auch  angeben  sollte,  welche  Kleider,  welche  and
hüte,  welche  Bücher,  welche  Spielsachen  usw.  er  in  der  nächsten  Bev
Periode  verbrauchen  wird,  so  würde  er  in  die  allergrößte  verlegen-  '  such
heit  kommen,  hier  sind  wir  gewöhnt,  unter  den  uns  in  großer  Zahl  Nen
vorgelegten  fertigen  Warenmustern  unsere  Auswahl  zu  treffen,  und  mal
wir  würden  es  ohne  Zweifel  alle  höchst  unangenehm  empfinden,  weü
wenn  man  diesen  Zustand  ändern  wollte.  stre
Für  die  Produktion  bedeutet  dieser  Zustand  aber,  daß  sie  es  nicht  gef«
mit  der  Versorgung  eines  gegebenen  Bedarfs  zu  tun  hat,  sondern  Fra
daß  sie  selbst  vielfach  erst  den  Bedarf  wecken  muß,  den  sie  befrie-  allg
digen  will.  Besonders  deutlich  läßt  sich  das  in  solchen  Gewerben,  die  folg
einem  regelmäßigen  Modewechsel  unterworfen  sind,  verfolgen,  wie  ITtoi
z.  B.  in  vielen  Zweigen  der  Textilindustrie,  bei  der  Herstellung  von  weo
Kleiderstoffen,  Bändern,  Spitzen,  Stickereien  usw.,  ferner  aber  auch  20.
in  der  Glas-  und  der  keramischen  Industrie,  der  Schmuckwarenfabri-  verl
kation,  der  Spiel-  und  Kurzwarenverfertigung  usw.  Linen  großen  biet
Teil  der  Zeit  und  der  Arbeitskraft  der  Produzenten  nimmt  hier  die  der
Schaffung  neuer  Muster  in  Anspruch,  mit  denen  sie  den  jährlich  sich  Bai
erneuernden  Kampf  um  den  Markt  aufnehmen.  bau
Für  die  Unregelmäßigkeit  der  Bedarfsgestaltung  und  für  die  Er-  I
fcheinung  des  periodischen  Modewechsels  im  modernen  Wirtschafts-  lich
leben  will  man  nun  freilich  nicht  selten  die  Produzenten  selbst  verant-  scha
wörtlich  machen.  Sie  selbst  seien  es  gewesen,  die  die  Geißel  geschaffen  I
hätten,  unter  der  sie  jetzt  stöhnten.  Diese  Betrachtungsweise  beruht  scha
indessen  auf  einer  ganz  unzulänglichen  Auffassung  der  Ursachen  Pro
des  Modewechsels.  Der  Modewechsel  ist  nicht  etwa  von  den  Unter-  also
nehmern  willkürlich  geschaffen  worden,  sondern  er  entspringt  all-  ber
gemeinen  Eigenschaften,  welche  die  menschliche  Natur  im  Gemein-  .  beh,
schaftsleben  entwickelt.  In  einer  Gesellschaft,  in  der  es  verschiedene  &amp;amp;ers
Einkommensschichten  gibt  und  in  der  Freiheit  des  Konsums  herrscht,  ihm
wird  es  immer  auch  einen  Modewechsel  geben.  Der  Modewechsel  hat  iich&amp;gt;
seinen  Ursprung  einerseits  in  dem  Streben  der  wirtschaftlich  besser  nun
Gestellten  nach  Abwechselung  und  Unterscheidung  von  der  Masse,  wa,
        <pb n="35" />
        Der  Modewechsel

31

lche  andererseits  aber  in  der  Nachahmungssucht  der  weniger  bemittelten
sten  Bevölkerungskreise.  „Die  Mode  ist  der  beständige  vergebliche  Deren- ­
  such  der  oberen  Schichten,  sich  von  der  Allgemeinheit  durch  eine
ahl  Neuerung  zu  unterscheiden",  so  formuliert  es  Professor  heqck  einund ­
  mal  sehr  treffend.  Darum  sind  auch  alle  Bestrebungen,  den  Moderen. ­
  Wechsel  zu  beseitigen,  bisher  erfolglos  geblieben.  An  solchen  Bestrebungen ­
  hat  es  ja  namentlich  auf  dem  Gebiete  der  Kleidung  nicht
ächt  gefehlt.  Nach  den  Freiheitskriegen  z.  B.  setzte  in  der  deutschen
ern  Frauenwelt  eine  lebhafte  Bewegung  ein,  die  die  Einführung  einer
rie-  allgemeinen  Einheitstracht  für  das  weibliche  Geschlecht  als  Ziel  verdie
  folgte.  Allein  die  Bewegung  verlief  sehr  bald  im  Sande,  und  der
wie  Modewechsel  trat  wieder  die  Herrschaft  an.  Ebensowenig  hat  die  Bevon
  wegung  für  Einführung  einer  Neformkleidung  am  Anfang  des
luch  20.  Jahrhunderts  den  Modewechsel  aus  der  weiblichen  Kleidung  zu
bri-  verbannen  vermocht.  Sehen  wir  doch,  wie  sogar  auf  solchen  Gehen ­
  bieten,  die  scheinbar  dem  Modewechsel  ganz  entzogen  sind,  wie  bei
die  der  Bekleidung  des  Heeres,  ein  gewisser  Modewechsel  sich  entwickelt,
sich  6ald  trägt  man  weite,  bald  enganliegende  Uniformen,  bald  hohe,
bald  niedrige  Mützen  usw.
Tr-  Nicht  die  Produzenten  sind  es  also,  die  den  Modewechsel  willkürrfts-
  lich  hervorrufen.  Lr  wurzelt  vielmehr  in  psychologischen  Eigenant- ­
  schäften  der  menschlichen  Natur  und  in  der  Art  der  Bedarfsbildung,
ffen  Mit  der  Art  der  Bedarfsbildung,  wie  sie  für  das  heutige  kvirtcuht
  schaftsleben  kennzeichnend  ist,  harmoniert  nun  aber  am  besten  eine
chen  Produktion,  die  auf  Rechnung  und  Gefahr  einzelner  Produzenten,
lter-  also  nach  den  Grundsätzen  der  Erwerbswirtschaft,  erfolgt.  Wenn
all-  ber  Verbraucher  sich  bis  zuletzt  die  Freiheit  der  Entscheidung  voriein-
  ■  behält,  was  er  konsumieren  will,  und  wenn  er  am  liebsten  unter
dene  bereits  fertig  produzierten  Waren  feine  Auswahl  trifft,  so  kann
scht,  ihm  die  Möglichkeit  hierzu  am  besten  durch  eine  erwerbswirtschafthat
  stche  Einrichtung  der  Produktion  geboten  werden.  Line  auf  Rechesser ­
  vung  der  Konsumenten  selbst  geführte  produkNon  setzt  voraus,  daß
affe,  "Mn  des  Bedarfs  im  voraus  einigermaßen  sicher  ist.  Die  Konsumenten
3
        <pb n="36" />
        32

I,  2.  Lrrverbswirtschast  und  Konsumgenossenschaft

müssen  sich  dann  entweder  im  voraus  verpflichten,  ihren  Bedarf  bei
der  von  der  Genossenschaft  errichteten  Fabrik  zu  decken,  und  in  der
Tat  finden  wir  solche  Abmachungen  nicht  selten  bei  der  Gründung
von  genossenschaftlichen  Produktionsanlagen,  oder  es  mutz  sich  um
Gebiete  handeln,  bei  denen  stillschweigend  ein  ziemlich  regelmäßiger
Bedarf  vorausgesetzt  werden  kann.  So  liegen  die  Verhältnisse  meist
in  den  Fällen,  in  denen  die  modernen  Ronsumvereine  zur  Eigenproduktion ­
  übergegangen  sind.  Ls  handelt  sich  hierbei  regelmäßig
um  Gebiete,  die  keinem  oder  doch  nur  einem  geringfügigen  Modewechsel ­
  unterworfen  sind,  wie  Herstellung  von  Backwaren,  Kess,
Schuhwerk,  Seifenfabrikation  usw.  Dagegen  haben  sich  die  Ronsumvereinc
  bisher  aus  guten  und  klugen  Gründen  ängstlich  gehütet,  mit
ihrer  Eigenproduktion  auch  solche  Gebiete  zu  betreten,  die  einem
regelmäßigen  Modewechsel  unterworfen  sind.  Sie  wissen  sehr  wohl,
daß  sie  bei  der  Aufnahme  der  Produktion  auch  solcher  Gegenstände
nicht  sicher  sein  können,  ob  ihre  Mitglieder  sie  auch  wirklich  kaufen,
und  sie  können  anderseits  auch  nicht  daran  denken,  ihre  Mitglieder
zur  Abnahme  zu  verpflichten.  So  verzichten  sie  lieber  freiwillig
auf  die  Aufnahme  der  Produktionszweige,  mit  denen  in  bezug  auf
den  Absatz  der  Produkte  ein  größeres  Risiko  verknüpft  ist.
Die  erwerbswirtschaftliche  Produktionsweise  hat  also  den  Vorzug, ­
  daß  sie  den  Bedarf  der  Ronsumenten  befriedigt,  ohne  ihnen
den  geringsten  Zwang  und  das  mindeste  Risiko  aufzuerlegen.  Die
konsumgenossenschaftliche  Produktionsweise  dagegen  stellt  den  Ronsumenten ­
  vor  die  Wahl,  entweder  sich  in  der  Richtung  seines  Ronsums
schon  im  voraus  zu  binden  oder  aber  ein  gewaltiges  Risiko  aus
sich  zu  nehmen.  Da  ist  es  leicht  zu  verstehen,  wenn  der  Ronsument
aus  diesem  Dilemma  sich  dadurch  befreit,  daß  er  seine  Gunst  den
von  selbständigen  Produzenten  für  eigene  Rechnung  hergestellten
waren  zuwendet  und  damit  für  die  erwerbswirtschaftliche  Produktionsweise ­
  den  Ausschlag  gibt.  Denn  das  wollen  wir  doch  nicht  übersehen: ­
  der  Ronsument  ist  es,  der  durch  sein  Verhalten  darüber  entscheidet, ­
  welche  Ausbreitung  die  erwerbswirtschaftliche  und  die  kon-
        <pb n="37" />
        Nachteile  der  Konsumgenossenschaft

33

-f  bei  fumgenossenschaftliche  Produktionsweise  im  Wirtschaftsleben  erlang
  der  9 en -  verbreitete  sich  bei  den  Konsumenten  etwa  die  Überzeugung,  daß
düng  ^  bei  der  konsumgenosscnschaftlichen  Produktionsweise  besser  auf
s  uw  ’^ re  Rechnung  kommen  als  bei  der  erwerbswirtschaftlichen,  so  würdiger ­
  ben  die  Rollen  zwischen  diesen  beiden  Grganisationsprinzipien  im
meist  individualistischen  Staat  bald  umgekehrt  verteilt  sein,  als  sie  es  heute
ugen-  Vichts  vermöchte  dann  den  Siegeszug  der  konsumgenossenschaftnäßig
  Produktionsweise  aufzuhalten.  Allein  aus  der  Tatsache  schon,
lkode-,  von  einer  solchen  Entwicklung  nichts  Lu  spüren  ist,  können  wir
Keks,  ^ en  sicheren  Schluß  ziehen,  daß  die  Konsumenten  ihre  Interessen
rsum-  erwerbswirtschaftlicher  Einrichtung  der  Produktion  besser  ge-^
  n&amp;gt;ahrt  finden  als  bei  der  konsumgenossenschaftlichen,
nnew  vor  allem  zwei  Punkte  kommen  hier  in  Betracht,  wenn  der  Lrwohl,
  a&amp;gt;erbstrieb  die  Organisation  der  Produktion  übernimmt,  so  ist  eintände
  '"ol  besser  für  die  Befriedigung  neu  auftauchenden  Bedarfs  in  der
tufen,  Volkswirtschaft  gesorgt.  Das  hängt  sehr  einfach  so  zusammen:  Um
lieber  entstehenden  Bedarf  auf  dem  Wege  der  erwerbswirtschaftlichen
villig  Produktion  zu  befriedigen,  genügt  es,  daß  eine  einzelne  oder  höchg
  auf  lens  einige  wenige  Personen  die  Überzeugung  von  dem  Vorhandensein ­
  des  neuen  Bedarfs  gewinnen  und  bereit  sind,  ihre  Arbeitskraft
vor-  ^  ihre  Mittel  in  den  Dienst  der  neuen  Produktion  zu  stellen.  Um
ihnen  ^ 0s felbc  Ziel  in  der  Form  der  Konsumgenossenschaft  zu  erreichen,
Die  müssen  dagegen  größere  Personenzahlen  unter  einen  Hut  gebracht
Kon-  ""b  zu  gemeinsamem  vorgehen  vereinigt  werden.  Dieses  zweite  Verbums ­
  ^hren,  die  Vereinigung  der  Konsumenten  zur  Schaffung  gemeino
  auf  ^vler  Produktionsanlagen,  ist  der  Natur  der  Sache  nach  viel  umiment
  ländlicher  und  schwerfälliger.  Der  Genossenschaftsbetrieb  wird  dat
  öcn  ^ er  niemals  so  rührig  und  so  beweglich  sein  wie  die  LrwerbswirtellteN
  ^aft,  er  wird  niemals  die  gleiche  Initiative  entwickeln  wie  diese,
eoduk-  ® er  Konsumgenossenschaft  fehlen  gleichsam  die  Organe  zur  Lrkenntüber-
  n * s  neuen  volkswirtschaftlichen  Bedarfs,  oder  die  Organe,  die  sie  besitzt,,
r  ent-  ^agieren  in  dieser  Hinsicht  wenigstens  viel  schwächer  auf  Anregungen
,  fort"  Don  außen  als  die  entsprechenden  Organe  der  Erwerbswirtschaft.
        <pb n="38" />
        34

l,  2.  Lrwerbswirtschaft  und  Konsumgenossenschaft

wenn  man  mit  der  Befriedigung  neuen  Bedarfs  im  Wirtschaftsleben
immer  darauf  hätte  warten  muffen,  bis  Organisationen  der  Konsumenten ­
  die  Produktion  in  die  Hand  genommen  hätten,  so  wäre  ein
großer  Teil  des  im  letzten  Jahrhundert  entstandenen  Bedarfs  wohl
bis  zum  heutigen  Tage  noch  unbefriedigt  geblieben.
Die  natürliche  Überlegenheit,  welche  die  Lrwerbswirtschaft  in
dieser  Hinsicht  besitzt,  läßt  sich  besonders  deutlich  z.  B.  auf  dem  Gebiete ­
  der  Versicherung  verfolgen.  Daß  aber  gerade  auch  auf  diesem
Teilgebiet  des  Wirtschaftslebens  die  konsumgenossenschaftliche  Produktionsweise ­
  in  der  Zähigkeit,  die  Befriedigung  neuen  Bedarfs  zu
übernehmen,  hinter  der  erwerbswirtschaftlichen  zurücksteht,  ist  deshalb ­
  besonders  bedeutsam,  weil  man  hier  von  vornherein  eher  das
Gegenteil  vermuten  sollte.  Der  Versicherung  ist  ja  von  Haus  aus
in  gewissem  Sinne  ein  genossenschaftlicher  Lharakter  eigentümlich.
Sie  beruht  immer  auf  der  Zusammenfassung  einer  größeren  Zahl
von  Wirtschaften  zur  gemeinsamen  Tragung  eines  Risikos,  hier,
so  sollte  man  meinen,  wäre  daher  auch  die  konsumgenossenschaftliche
Produktionsweise,  für  die  auf  diesem  Gebiete  in  der  Gestalt  des
Versicherungsvereins  auf  Gegenseitigkeit  eine  besondere  Rechtsform
geschaffen  worden  ist,  besonders  leistungsfähig  und  übernähme  die
Führung  bei  der  Einbürgerung  neuer  Versicherungszweige.  Mein
die  Erfahrung  lehrt  auch  auf  diesem  für  die  konsumgenossenschaftliche ­
  Produktionsweise  scheinbar  wie  geschaffenen  Gebiete  gerade  das
Gegenteil.  Die  versicherungslustigen  zeigen  auf  noch  unerprobten
Gebieten  regelmäßig  keine  Neigung,  die  nötigen  Versicherungseinrichtungen ­
  durch  Gründung  von  Gegenseitigkeitsvereinen  selbst  ins  Leben
zu  rufen.  Sie  scheuen  das  Risiko,  das  hiermit  verbunden  ist,  und
ziehen  es  vor,  die  Einführung  neuer  Versicherungszweige  Erwerbswirtschaften, ­
  die  mit  festen  Prämien  arbeiten,  namentlich  Rktiengesellschaften,
  zu  überlassen.
Ruf  diese  weise  ist  es  zu  erklären,  daß  in  der  Praxis  das  Erwerbs-  j
Prinzip  in  der  Spezialform  der  Rktiengesellschaft  viel  mehr  für  die
Einführung  neuer  Versicherungszweige  getan  hat,  als  das  Gegen-
        <pb n="39" />
        Die  Lrwerbswirtschaft  als  Pionier  des  Fortschritts

35

Gen  seitigkeitsprinzip,  obwohl  dieses,  wenn  man  die  Dinge  rein  theorensu-
  tisch  betrachtet,  die  Durchführung  jeder  beliebigen  neuen  versicheein
  rungsart  im  höchsten  Grade  zu  erleichtern  scheint.  In  Wahrheit
oohl  ist  die  erste  Erprobung  neuer  Versicherungszweige  in  neuerer  Zeit
aber  doch  ganz  überwiegend  durch  Aktiengesellschaften  erfolgt.  Das
in  gilt  in  Deutschland  namentlich  für  die  Einbruchdiebstahl-,  die  Rredit-,
Ge-  die  Sturmschäden-,  die  Maschinen-  und  die  Wasserleitungsschäden-!sem
  Versicherung.  Eine  scheinbare  Ausnahme  hiervon  macht  nur  die  haft-)ro-
  Pflichtversicherung.  Die  erste  Versicherungsanstalt  auf  diesem  Ge--
  zu  biete  war  eine  Gegenseitigkeitsgesellschaft.  Aber  sehr  bezeichnenderdes-
  weise  sind  der  ersten  Gegenseitigkeitsgesellschaft  auf  diesem  Gebiete
das  später  nur  noch  Aktienunternehmungen  gefolgt,  und  man  hat  daaus
  her  mit  Recht  gesagt,  daß  diese  Erscheinung  nur  eine  Scheinausnahme
lich.  von  der  vorhin  aufgestellten  Regel  bildet?)
Zahl  Die  Rolle  als  Pionier  des  wirtschaftlichen  Fortschritts  fällt  also
sier,  in  unserem  Wirtschaftsleben  ganz  offensichtlich  der  erwerbswirtschafbliche
  lichen  Produktionsweise  zu.  Ronsumgenossenschaftliche  Grganisatiodes
  nen  dagegen  stellen  sich  regelmäßig  erst  ein,  wenn  die  Bedarfsfrage
orm  bereits  als  gelöst  gelten  kann,  wenn  es  feststeht,  daß  ein  weitverdie
  breitster  und  regelmäßig  wiederkehrender  Bedarf  vorliegt.  Und  die
[lein  treibende  Rraft  bei  der  Gründung  konsumgenossenschaftlicher  Ein-,aft-
  Achtungen  ist  dann  oft  das,  sei  es  mit,  sei  es  ohne  Grund  sich  regende
das  Mißtrauen,  bei  der  erwerbswirtschaftlichen  Gestaltung  der  Produkbten
  tion  fließe  einzelnen  Personen  ein  ganz  unverdient  hoher  Gewinn
rich-  Zu.  Das  Streben,  die  Gewinne  privater  Produzenten  herabzudrücken,
Gen  und  überhaupt  die  Hoffnung,  durch  die  Ronsumgenossenfchaft  eine
und  billigere  Bedürfnisbefriedigung  zu  erzielen,  pflegt  eine  der  Hauptrbs-
  triebkräfte  bei  der  Wahl  dieser  Produktionsweise  zu  sein.  Praküen-
  ,  Asch  bedeutsam  wird  das  besonders  da,  wo  auf  einzelnen  produk-Aonsgebieten
  durch  kartellmäßigen  Zusammenschluß,  also  Preiskonrbs-



gen-2)

  Treffend  näher  ausgeführt  bei  f).  Bleicher  in  dem  Gutachten  für  den
V-  Internationalen  Versicherungskongretz  1906  über  „die  Grenzen  der  ver-Ücherungsmöglichkeit".
        <pb n="40" />
        36

I,  2.  Trwerbswirtschaft  und  Konsumgenossenschaft

ventionen,  Produktionskontingentierung,  Gewinnausgleich,  Syndi-  j
katsbildung  u.  dgl.  die  Preisbildung  künstlich  zu  beeinflussen  gesucht  ^
wird.  In  solchen  Fällen  ist  die  konsumgenossenschaftliche  produktions-  ^
weise  in  erster  Linie  mit  berufen,  Hilfe  zu  bringen.  Die  Abnehmer,  die
sich  der  Preisdiktatur  eines  Kartells  entziehen  wollen,  haben  dazu  durch  ;
die  Schaffung  von  konsumgenossenschaftlichen  Einrichtungen  immer
die  Möglichkeit.  Und  tatsächlich  ist  von  diesem  Mittel  zur  Bekämpfung ­
  übertriebener  Preisforderungen  industrieller  Kartelle  auch  schon
in  einer  ganzen  Keihe  von  Fällen  Gebrauch  gemacht  worden,  wo  !
sich  Brauereikartelle  bildeten  und  nach  Ansicht  der  Wirtschaftsinhaber  |
unangemessen  hohe  Lierpreise  forderten,  da  sind  mehrfach  in  den
betreffenden  Städten  von  den  Wirten  Genossenschaftsbrauereien  gegründet ­
  worden.  Gder  Schokoladefabrikanten,  die  sich  durch  ein  !
Zuckerkartell  überteuert  glaubten,  haben  sich  zur  Gründung  einer  !
Zuckerfabrik  zusammengeschlossen,  Zeitungsverleger  zur  Errichtung
einer  vruckpapierfabrik,  um  den  Prcisforderungen  von  Druckpapiersyndikaten
  zu  entgehen,  usf.  Im  ganzen  freilich  ist  von  diesem  Mittel  j
zur  Bekämpfung  der  Kartelle  und  ihrer  Preispolitik  nur  Verhältnis-  I
mäßig  selten  Gebrauch  gemacht  worden.  Es  wirkt  eben  schon  durch  |
die  bloße  Möglichkeit  seiner  Anwendung  zügelnd  und  mäßigend  auf
die  Preispolitik  der  Kartelle  ein.  Die  Kartelle  wissen  genau,  daß  sie,
sobald  sie  mit  ihren  preissorderungen  den  Logen  stark  überspannen,  i
damit  rechnen  müssen,  daß  ihre  Abnehmer  sich  zusammenschließen
und  die  Produktion  der  Artikel  auf  genossenschaftlichem  Wege  in  -
die  Hand  nehmen.
Die  konsumgenossenfchaftliche  Produktionsweise  dient  also  als  ein  i
Regulator  zur  Herstellung  einer  normalen,  im  richtigen  Verhältnis
zu  den  Produktionskosten  stehenden  Preisbildung  in  unserem  Wirt-  i
schaftsleben.  Sie  bildet  in  dieser  Beziehung  eine  wertvolle  Ergän-  j
zung  dessen,  was  die  freie  Konkurrenz  zwischen  den  Erwerbswirtschaften ­
  leistet.  An  unmittelbarer  Wirksamkeit  läßt  sie  sich  mit  der  j
freien  Konkurrenz  allerdings  nicht  vergleichen.  Und  zwar  aus  dem
einfachen  Grunde  nicht,  weil  ihr  die  Eigenschaft  fehlt,  die  hierfür
        <pb n="41" />
        Die  Konsumgenossenschaft  als  Regulator  der  Preisbildung  37
die  erste  Voraussetzung  bildet,  nämlich  die  Fähigkeit,  billiger  produzieren ­
  zu  können  als  die  Erwerbswirtschaft.  Die  konsumgenossenschaftliche ­
  Produktionsweise  ist  ihrem  Wesen  nach  Beamtenverwaltung.
  Sie  wird"  daher  in  ihren  Leistungen  in  bezug  auf  wirtschaftliche ­
  Einrichtung  und  Durchführung  der  Produktion  immer  hinter
der  von  dem  Stachel  des  Selbstinteresses  auf  der  Bahn  des  ökonomischen ­
  Fortschritts  in  stürmischem  Tempo  vorwärtsgetriebenen  Erwerbswirtschaft ­
  zurückbleiben,  von  der  konsumgenossenschaftlichen
Produktionsweise  gilt  in  dieser  Hinsicht  ganz  dar  gleiche,  was  von
den  öffentlichen  Unternehmungen  des  Staates  und  der  Gemeinde
gilt,  und  was  wir  später  noch  näher  zu  untersuchen  haben  werden.
Mle  diese  Drganisationsformen  der  Produktion,  die  man  an  die
Stelle  der  Lrwerbswirtschaft  zu  setzen  gesucht  hat,  können  es  hinsichtlich ­
  des  Punktes,  der  hier  stets  der  entscheidende  bleibt,  nämlich
in  bezug  auf  Billigkeit  der  Produktion,  nicht  mit  der  letzteren  aufnehmen. ­
  Sie  bleiben  im  wettlauf  mit  ihr  regelmäßig  weit  zurück
und  müssen  das  Rennen  schließlich  aufgeben.
Das  ist  der  zweite  Punkt,  weshalb  die  Ronfumenten  bei  erwerbswirtschaftlicher ­
  Einrichtung  der  Produktion  ihre  Interessen  regelmäßig ­
  besser  gewahrt  finden  als  bei  konsumgenossenschaftlichem  Betrieb, ­
  und  weshalb  sie  dieser  den  Vorzug  geben,  obwohl  ihre  natürliche ­
  Zuneigung  doch  eher  der  Ronsumgenossenschaft  gelten  wird.
Die  erwerbswirtschaftliche  Produktionsweise  gewährleistet  also
nicht  nur  eine  raschere  und  bequemere  Befriedigung  neuen  Bedarfs,
sie  ist  im  allgemeinen  auch  die  billigere  Methode  der  Bedarfsdeckung.
Rlle  sittliche  Entrüstung  über  die  erwerbswirtschaftliche  Produktionsweise ­
  als  eine  „Profitwirtschaft"  hilft  nicht  über  die  Tatsache  hinweg, ­
  daß  bei  der  von  dem  Streben  nach  Profit  geleiteten  Produktion
regelmäßig  besser  für  die  Befriedigung  des  Bedarfs  gesorgt  ist  als
bei  einer  Produktion,  die  unmittelbar,  ohne  das  Gewinnstreben  der
Menschen  in  ihren  Dienst  zu  stellen,  auf  die  Deckung  des  Bedarfs
ausgeht.
        <pb n="42" />
        38

I,  3.  Unternehmung  und  Produktivgenossenschaft

3.  Unternehmung  und  Urbeiterproduktivgenossenschaft. ­

Im  letzten  Abschnitt  wurde  der  Rapitalismus  als  das  Rind  aus
der  Ehe  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  mit  der  erwerbswirtschaftlichen ­
  Produktionsweise  bezeichnet.  Wenn  wir  genau  zusehen, ­
  so  stellt  sich  das  Verwandtschaftsverhältnis  indessen  doch  etwas ­
  anders  dar:  Der  eigentliche  Rapitalismus  ist  nicht  das  Rind,
sondern  erst  der  Enkel  der  Verbindung  zwischen  individualistischem
Rechtsprinzip  und  Erwerbswirtschaft.  Vas,  was  an  unserer  Wirtschaftsverfassung ­
  meist  als  das  spezifisch  Kapitalistische  empfunden
und  oft  als  eine  Abirrung  vom  rechten  Wege  der  wirtschaftlichen  Entwicklung ­
  hingestellt  wird,  das  sind  ja  Folgeerscheinungen  nicht  der  Erwerbswirtschaft ­
  schlechthin,  sondern  erst  einer  bestimmten  Fortbildung ­
  derselben,  nämlich  derjenigen,  die  wir  als  Unternehmung
bezeichnen.
Was  ist  die  Unternehmung?  Die  Unternehmung  setzt  den  Großbetrieb ­
  voraus.  Sie  hat  daher  erst  mit  dem  Aufkommen  des  Großbetriebs ­
  ihren  Einzug  in  das  Wirtschaftsleben  gehalten.  In  der
Unternehmung  sind  die  Arbeitskräfte  einer  größeren  Personenzahl
und  ebenso  gewöhnlich  auch  Rapitalien,  die  verschiedenen  Personen
gehören,  im  Dienste  eines  Produktionszwecks  vereinigt.  Was  die
Unternehmung  aber  erst  zur  Unternehmung  macht,  das  ist  die  besondere ­
  Art  und  Weise,  wie  diese  Vereinigung  erfolgt.  Sie  erfolgt
nämlich  nicht  so,  daß  alle  Personen,  die  mit  Arbeit  oder  Rapital
beteiligt  sind,  auch  in  gleicher  weise  an  dem  Risiko  der  Produktion
teilhaben.  Für  die  Unternehmung  ist  vielmehr  charakteristisch,  daß
die  zu  ihr  gehörigen  Personen  in  zwei  Gruppen  von  sehr  verschiedener ­
  wirtschaftlicher  und  dementsprechend  auch  sozialer  Stellung
zerfallen,  in  „Unternehmer"  auf  der  einen  und  in  „Zinskapitalisten"
und  „Lohnarbeiter"  auf  der  anderen  Seite.  Zinskapitalisten  und
Lohnarbeiter  sind  dabei,  so  verschiedenen  Gesellschaftsklassen  sie  auch
        <pb n="43" />
        Das  Wesen  des  Unternehmers

39

angehören,  nach  ihrer  Stellung  zum  Unternehmen  als  zwei  parallele ­
  Erscheinungen  zu  betrachten.
Unternehmer  nennen  wir  diejenigen,  für  deren  Rechnung  und
Gefahr  die  Produktion  geführt  wird,  denen  der  Uberschuß  des  Ertrags ­
  über  die  Rosten  zufällt,  die  auf  der  anderen  Seite  aber  auch
einen  etwa  sich  ergebenden  Verlust  allein  zu  tragen  haben,  ctlte
übrigen  Personen,  die  mit  ihrem  Rapital  oder  ihrer  Arbeit  mitwirken, ­
  stehen  zu  dem  Unternehmer  in  dem  Verhältnis  entweder
von  Geldgebern,  die  für  ihr  dem  Unternehmen  überlassenes  Rapital
einen  von  den  Ertragsverhältnisfen  unabhängigen  Zins  beanspruchen ­
  können,  oder  von  Lohnarbeitern,  die  unter  Einhaltung  der
üblichen  Ründigungsfrist  jederzeit  wieder  entlassen  werden  können
und  die  für  ihre  Mitwirkung  ohne  Rücksicht  auf  den  sich  ergebenden
Gewinn  oder  Verlust  nach  der  Größe  ihrer  Arbeitsleistung  entweder
im  Zeitlohn  oder  werklohn  entschädigt  werden.
Es  gehört  also  zum  wesen  des  Unternehmers,  daß  er  das  Risiko,
das  mit  der  Produktion  für  fremden  Bedarf  verknüpft  ist,  nicht
nur  für  sich  selbst,  sondern  auch  für  andere  trägt.  Der  Unternehmer
ist  stets  ein  Ubernehmer  des  Risikos  der  Produktion  für  andere.  Er
verpflichtet  sich,  anderen  für  ihre  Mitwirkung  bei  der  Produktion
feste  Sätze  für  die  Überlassung  ihres  Rapitals  oder  chrer  Arbeitskraft ­
  zu  zahlen,  unabhängig  von  der  Tatsache,  ob  die  Produktion  mit
Verlust  oder  Gewinn  abschließt.  Derjenige,  auf  den  dies  nicht  zutrifft, ­
  der  nur  mit  seiner  eigenen  Arbeitskraft  und  seinem  eigenen
Rapital  die  Produktion  für  den  Markt  betreibt,  ist  noch  kein  Unternehnier.
  Er  betreibt  zwar  eine  Erwerbswirtschaft,  aber  keine  Unternehmung. ­

Wenn  wir  sagen,  der  Unternehmer  übernimmt  das  Risiko  der
Produktion  für  andere,  so  kann  das  selbstverständlich  nicht  heißen,
daß  durch  den  Unternehmer  überhaupt  jedes  Risiko  für  die  anderen
Geldgeber  und  für  die  in  der  Unternehmung  tätigen  Arbeiter  beseitigt ­
  werde.  Allein  das  Risiko,  das  diese  Personen  laufen,  ist  ein
ganz  anderes,  und  zwar  ist  es  eben  infolge  des  Dazwischentretens
        <pb n="44" />
        40

1,3.  Unternehmung  und  Produktivgenossenschaft

des  Unternehmers  wesentlich  vermindert.  Ls  wird  dadurch  verringert, ­
  daß  für  -das  eigene  Uapital  des  Unternehmers  und  ebenso
auch  für  seine  Arbeitsleistungen  überhaupt  erst  dann  eine  Vergütung
abfällt,  wenn  die  Lohnarbeiter  die  ausbedungene  Vergütung  für
ihre  Arbeitsleistungen  und  die  Zinskapitalisten  die  vertragsmäßig
vereinbarte  Verzinsung  für  die  dargeliehenen  Summen  erhalten
haben.  Damit  wird  dem  fremden  Uapital  und  der  fremden  Arbeit
eine  bedeutsame  Vorzugsstellung  vor  dem  eigenen  Uapital  und  der
eigenen  Arbeit  des  Unternehmers  eingeräumt,  was  diese  Vorzugsstellung ­
  bedeutet,  das  tritt  vor  allem  in  den  Jahren  hervor,  in
denen  die  Unternehmung  mit  einem  Verlust  abschließt,  und  solche
Jahre  kommen  ja  fast  in  jedem  Geschäftszweig  und  für  einen  großen
Teil  aller  Unternehmungen  periodisch  vor.  wir  lassen  als  Beispiel
hier  die  geschäftlichen  Ergebnisse  der  englischen  Baumwollspinnereien
in  Aktienform  während  der  Periode  1884  bis  1910  folgen;

Iahr

Zahl
der
Gesellschaslcn


Gesamtgewinn ­
  (+)
bzw.  Gesamtverlust ­
  (-)

Durchschnitts. ­

Iahresöiöiöeuöe


Jahr

Zahl
Gesellschaften ­


Gesamtgewinn ­
  (+)
bzw.  Gesamtverlust ­
  (-)

Durchschnitt!. ­

Iahresdividende


1884

60

£
+  125  000

5  °

1898

90

+

£
271  804

47-1885



87

—  2  730

2

1899

86

+

381  176

6  Vs

1886

90

—  61718

3

1900

80

4-344

  548

77.

1887

88

4  86  810

4%

1901

80

+

279  541

7  Vs

1888

85

+  250  932

5

1902

85

—

1  436

47-1889



86

+  220  587

5

1905

90

—

45  322

3

1890

91

+  384  050

7

1904

90

4-31

  729

2V.

1891

101

+  38  758

B 1 /*

1905

90

+

693  070

7

1892

99

—  94  770

iv*

1906

90

4-590

  002

9%

1893

99

—  60  790

1

1907

100

4-1

  321  157

iS  7»

1894

94

+  4  491

iv.

1908

ICO

-f

586  511

n 3 A

1895

94

+  63  167

17s

1909

100

—

272  072

77s

1896

94

+  49  631

17.

1910

100

—

368  006

5%

1897

94

4-  157  570

3
        <pb n="45" />
        Vas  Risiko  des  Unternehmers

41

viermal  treten  also  in  diesem  Zeitraum  zweijährige  Perioden
auf,  in  denen  die  Gesamtheit  der  britischen  Aktienspinnereien  das  Geschäftsjahr ­
  mit  Verlust  abgeschlossen  hat.  Und  zwar  entsteht  der
verlustreiche  Abschluß  vieler  Unternehmungen  in  Jahren  ungünstiger ­
  Uonjunktur  hauptsächlich  gerade  erst  dadurch,  daß  sie  auch
dann,  wenn  sie  ihre  Produkte  nicht  zu  lohnenden  Preisen  verkaufen
können,  doch  verpflichtet  sind,  den  Lohnarbeitern  die  normalen  Lohnsätze ­
  für  ihre  Arbeit  und  den  Zinskapitalisten  den  landesüblichen
Zinssatz  für  ihr  Kapital  zu  zahlen,  wären  etwa  auch  die  Zinskapitalisten ­
  und  die  Lohnarbeiter  mit  ihrem  Einkommen  auf  Csuoten
an  den  schwankenden  Erträgnissen  der  Unternehmungen  angewiesen,
so  würden  ihre  Linkommensverhältnisse  ohne  Zweifel  noch  viel  größeren ­
  Schwankungen  unterliegen,  als  das  jetzt  der  Fall  ist.
Diese  Tatsache  ist  es,  die  wir  im  Auge  haben,  wenn  wir  sagen:
der  Unternehmer  trägt  das  Risiko  der  Produktion.  Natürlich  bleibt
auch  für  die  Zinskapitalisten  und  die  Lohnarbeiter  immer  noch  ein
gewisses  Risiko  übrig.  Bricht  die  Unternehmung  wirtschaftlich  zusammen, ­
  so  kann  unter  Umständen  auch  das  fremde  in  ihr  angelegte ­
  Kapital  verloren  sein,  und  ebenso  verlieren  dann  die  Arbeiter
ihre  bisherige  Stellung.  Manche  Nationalökonomen  glauben  im  k)inblick
  auf  diese  Möglichkeit  auch  die  Zinskapitalisten  und  den  Lohnarbeiter ­
  als  am  Risiko  der  Unternehmung  beteiligt  hinstellen  zu
müssen  und  lehnen  die  Lehre,  daß  der  Unternehmer  das  Risiko  der
Produktion  trage,  als  falsch  ab?)  Es  heißt  aber  doch  ganz  verfchie-3)
  Philippovich  schreibt  z.B.  von  ihr  (Grundriß  der  politischen  Gkonomie,
I.  8d„  y.  Ausl.,  S.  147):  „Sie  erweckt  die  Vorstellung,  als  ob  die  Unternehmung, ­
  bzw.  das  Mißglücken  derselben  nur  für  den  Unternehmer  mit
Gefahr  verbunden  wäre.  Oer  Unternehmer,  der  sein  vermögen  eingelegt  hat,
riskiert  dasselbe  allerdings  bei  wirtschaftlich  mißlungener  Produktion  und
damit  seine  wirtschaftliche  Unabhängigkeit,  allein  mit  ihm  laufen  alle  in
seinem  Dienste  angestellten  Arbeitskräfte,  qualifizierter  wie  nicht  qualifizierter
Art,  die  Gefahr,  ihr  Einkommen  und  damit  die  wirtschaftliche  Sicherung  ihrer
Existenz  zu  verlieren.  Ferner  riskiert  der  Unternehmer  nicht  immer  sein  vermögen, ­
  sondern  in  vielen  Fällen  sind  es  ausschließlich  oder  mit  ihm  dritte
        <pb n="46" />
        42

1,3.  Unternehmung  und  Produktivgenossenschaft

denartiges  zusammenwerfen,  wenn  man  die  eben  erwähnten  beiden
Fälle  dem  Risiko,  das  der  Unternehmer  zu  tragen  hat,  einfach
gleichsetzt.
was  zunächst  die  Zinskapitalisten  betrifft,  so  ist  es  ja  richtig,
auch  sie  können  beim  Zusammenbruch  einer  Unternehmung  das
dieser  überlassene  Uapital  einbüßen.  Aber  die  Gefahr  einer  Uapitaleinbutze
  ist  für  sie  eben  durch  das  Vorhandensein  eines  eigentlichen ­
  Unternehmungskapitals  verringert.  Erst  mutz  dieses  ganz  verloren ­
  sein,  ehe  das  von  ihnen  der  Unternehmung  überlassene  Uapital
gefährdet  sein  kann.  Vas  Verhältnis  zwischen  dem  fix  entschädigten
und  dem  auf  den  Überschutz  der  Produktion  angewiesenen  Uapital
ist  naturgemäß  in  den  einzelnen  Geschäftszweigen  sehr  verschieden
und  schwankt  auch  von  Betrieb  zu  Betrieb  wieder  stark.
wenn  der  Unternehmer  über  dieses  Verhältnis  die  Entscheidung
trifft,  so  kommen  für  ihn  sehr  verschiedene,  und  zwar  zum  Teil
miteinander  in  Widerstreit  liegende  Gesichtspunkte  in  Betracht.  In
je  höherem  Matze  er  mit  fremdem,  fest  verzinslichem  Uapital  arbeitet, ­
  um  so  bessere  Gewinnaussichten  hat  er  für  das  von  ihm
selbst  in  seinem  Betrieb  investierte  Uapital.  Diese  Erwägung  drängt
ihn  also,  möglichst  viel  fremdes  Uapital  gegen  festen  Zins  heranzuziehen. ­
  Ruf  der  anderen  Seite  aber  wird  eine  Unternehmung  um
so  widerstandsfähiger  und  bricht  weniger  leicht  zusammen,  je  stärker ­
  das  eigene,  auf  den  Ertrag  der  Unternehmung  angewiesene
Uapital  im  Verhältnis  zu  dem  Uapital  vertreten  ist,  das  Anspruch
auf  feste  Entschädigung  hat.  Vas  hat  sich  z.  B.  sehr  deutlich  bei
den  amerikanischen  Eisenbahnen  gezeigt.  Die  amerikanischen  Eisenbahnen ­
  sind  meist  mit  einem  relativ  geringen  Aktienkapital  und
einer  sehr  hohen  Gbligationsschuld  begründet  worden.  Der  Fall  ereignet ­
  sich  daher  ziemlich  häufig  bei  ihnen,  daß  die  für  die  Dbligationen
  aufzubringenden  Zinsen  nicht  aus  den  Betriebserträgnissen  gedeckt
Personen,  welche  ihm  ihr  Vermögen  kreditiert  haben.  Der  Unternehmer
produziert  daher  zwar  immer  auf  eigene  Rechnung,  aber  nicht  nur  auf
eigene,  sondern  auch  auf  die  Gefahr  seiner  Arbeiter  und  seiner  Gläubiger."
        <pb n="47" />
        Dos  Risiko  des  Lohnarbeiters

43

werden  können.  Das  hätte  schon  längst  zum  wirtschaftlichen  Zusammenbruch ­
  der  betreffenden  Bahnen  geführt,  wenn  die  amerikanische ­
  Gesetzgebung  nicht  für  den  Eintritt  dieses  Ereignisses,  um  auf
jeden  Fall  den  Betrieb  der  Bahnen  aufrechtzuerhalten,  besondere
formen  der  Zwangsverwaltung  vorgesehen  hätte.
Zwischen  den  beiden  eben  erwähnten  Gesichtspunkten  gilt  es  in
der  Praxis  einen  Ausgleich  zu  suchen,  und  er  wird  auch  regelmäßig
gefunden.  Unternehmungen,  die  von  der  hierbei  sich  ergebenden  Norm
für  das  Verhältnis  zwischen  fix  entschädigtem  und  eigenem  Kapital
abweichen  wollen,  werden  das  mehr  verlangte  fremde  Kapital  nur
unter  erschwerten  Bedingungen  heranzuziehen  imstande  sein.  Und
die  Geldgeber,  die  über  das  übliche  Verhältnis  hinaus  einem  Unternehmen ­
  Kredit  gewähren,  haben  es  ihrer  eigenen  Unvorsichtigkeit
zuzuschreiben,  wenn  sie  daran  Verluste  erleiden.  Sn  der  Kegel  aber
wird  das  Vorhandensein  des  eigenen  Unternehmungskapitals  Schutz
gegen  Kapitalverluste  geben.
Koch  deutlicher  als  in  diesem  Falle  zeigt  sich  die  Verkehrtheit
der  vorhin  erwähnten  Anschauung,  wenn  man  die  Lage  des  Lohnarbeiters ­
  mit  der  des  Unternehmers  vergleicht,  kvenn  ein  Unteruehmen
  zugrunde  geht,  so  können  allerdings  die  bisher  darin  beschäftigt ­
  gewesenen  Arbeiter  unter  Umständen  Schwierigkeiten  haben,
neue  Stellen  zu  finden,  so  etwa,  wenn  es  sich  um  die  einzige  größere
Unternehmung  in  einem  kleinen  Grte  handelt.  Stellenwechsel,  die
die  Arbeiter  aus  diesem  Grunde  vornehmen  müssen,  können  sich  aber
ebensogut  auch  ohne  jeden  Verlust  für  sie  vollziehen,  kvie  der  Arbeiter ­
  vorher  für  seine  Leistung  den  Lohn  erhielt,  aus  den  er  nach
der  jeweiligen  Lage  des  Arbeitsmarktes  Anspruch  machen  konnte,  so
wird  er  auch  nachher  wieder  denselben  Lohn  erhalten,  wie  gering
der  Arbeiter  die  mit  jedem  Stellenwechsel  verbundene  Gefahr  der
Arbeitslosigkeit  achtet,  das  sehen  wir  ja  deutlich  aus  der  außerardentlichen
  Leichtigkeit  und  Häufigkeit,  mit  der  in  manchen  Gewerben ­
  heute  die  Stellen  gewechselt  werden  —  im  Kohlenbergbau
bes  Kuhrgebiets  betrug  der  Stellenwechsel  vor  dem  Kriege  jährlich
        <pb n="48" />
        44

I,  3.  Unternehmung  und  produktivgsnosienschast

schon  über  100  °/o  der  Belegschaft  —,  und  aus  der  Neigung  der  Arbeiterschaft, ­
  die  Einführung  immer  kürzerer  Kündigungsfristen  für
bas  Arbeitsverhältnis  zu  verlangen.
Ganz  anders  dagegen  ist  die  Lage  des  Unternehmers.  Wenn  er
sein  Kapital  in  ein  Unternehmen  gesteckt  hat,  und  dieses  schlägt  fehl
oder  bleibt  in  seinem  Reinertrag  auch  nur  hinter  dem  landesüblichen
Zinsfuß  dauernd  zurück,  so  kann  er  eben  nicht  wie  der  Arbeiter  ohne
Verlust  wieder  heraus,  sondern  er  muß  mit  der  ganzen  oder  teilweisen ­
  Einbuße  seines  Vermögens  rechnen.  Und  er  kann  auch  nicht
so  leicht  wie  der  Arbeiter  darauf  rechnen,  eine  Stellung  zu  finden,
in  der  seine  Arbeit  die  gleiche  Vergütung  erhält  wie  bisher.  Ein
Unternehmer,  ber  als  solcher  Schiffbruch  erlitten  hat,  empfiehlt  sich
damit  nicht  gerade  für  die  Übernahme  leitender  Stellungen  in  anderen ­
  Unternehmungen.  Er  wird  nach  diesem  Rkißgeschick  auf  der
sozialen  Stufenleiter  regelmäßig  herabsteigen  und  sich  mit  irgendeiner ­
  bescheidenen  Anstellung  begnügen  müssen.
Die  verschiedene  Lage,  in  der  sich  Unternehmer,  Zinskapitalisten
und  Lohnarbeiter  im  Falle  des  Konkurses  eines  Unternehmens  befinden, ­
  ist  aber  für  das  Risiko  der  Produktion,  das  der  Unternehmer
zu  tragen  hat,  überhaupt  nicht  das  Entscheidende.  Entscheidend  ist
die  Lage  der  Dinge  bei  normalem  Verlauf  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse, ­
  d.  h.  wenn  es  nicht  zum  Zusammenbruch  des  Unternehmens ­
  kommt.  Und  da  besteht  eben  die  Funktion  des  Unternehmers
darin,  für  die  anderen  an  der  Unternehmung  beteiligten  Personen
gewissermaßen  als  Wellenbrecher  einzutreten.  Solange  sein  vermögen ­
  zureicht,  ist  Zinskapitalisten  und  Lohnarbeitern  diejenige  Bezahlung ­
  für  ihr  Kapital  und  ihre  Arbeit  gesichert,  die  der  jeweiligen
Lage  des  Kapital-  und  des  Arbeitsmarktes  entspricht,  auch  wenn  die
hergestellten  Produkte  sich  nicht  zu  Preisen  verkaufen  lassen,  die  im
rechten  Verhältnis  zu  den  Produktionskosten  stehen.  Das  ist  das
Risiko  der  Produktion,  das  der  Unternehmer  den  Lohnarbeitern  und
Zinskapitalisten  abnimmt.  Die  Bedeutung  dieser  wirtschaftlichen  Leistung ­
  des  Unternehmers  wird  dadurch  noch  nicht  aus  der  Welt  ge-
        <pb n="49" />
        Der  kapitalistische  Geist

4-5

schafft,  daß  die  Stürme  der  wirtschaftlichen  Konjunkturen  manchmal ­
  so  heftig  werden,  daß  auch  der  Wellenbrecher  die  anstürmenden
Wellen  nicht  mehr  aufzuhalten  vermag  und  von  den  überschlagenden ­
  Wellen  dann  auch  die  Stellen,  die  bisher  durch  ihn  geschützt
waren,  etwas  abbekommen.
Uber  die  Art  und  Weife,  wie  die  Unternehmung  historisch  entstanden ­
  ist,  herrschen  teilweise  auch  in  der  Wissenschaft  recht  eigentümliche
Darstellungen.  Nach  den  Ansichten,  wie  sie  z.B.  S  omb  art  in  seinem
„Modernen  Kapitalismus"  entwickelt,  könnte  man  fast  zu  der  Annahme
kommen,  es  habe  sozusagen  zuerst  eine  neue  Spezies  des  hotno  sapiens
geboren  werden  müssen,  ehe  die  moderne  Unternehmung  entstehen
konnte.  Das  Problem,  das  von  diesem  Standpunkte  aus  der  Wissenschaft ­
  gestellt  wird,  zu  erklären,  wie  aus  einmal  der  „kapitalistische
Eeist"  in  die  Menschen  gefahren  und  woher  die  für  die  kapitalistische
Organisation  als  Wirtfchaftssubjekte  qualifizierten  Individuen  gekommen ­
  seien,  ist  indessen  zur  Hauptsache  nur  ein  Scheinproblem.
Es  entsteht  erst  dadurch,  daß  man  den  Hochkapitalismus,  nämlich
die  in  Unternehmungen  organisierte  Volkswirtschaft,  und  den  vorkapitalismus,
  das  in  kleinen  Lrwerbswirtschaften  organisierte  Wirtschaftsleben, ­
  „die  Wirtschaft  als  Handwerk",  als  zwei  durch  einen
kiefen  Abgrund  getrennte  wirtschaftliche  Velten  behandelt.  Die  Unkernehmung
  ist  aber  nichts  anderes  als  eine  Fortbildung  der  Erwerbswirtschaft, ­
  gewissermaßen  ihre  Steigerung  in  die  zweite  Pokenz.
  Sie  enthält  indessen  nichts,  was  im  Reim  mcht  auch  schon  in  der
Erwerbswirtschaft  vorhanden  ist.  Was  sich  damals  änderte,  als  die
kknternehmung  aufkam,  das  waren  viel  weniger'die  Anlagen  und
die  Strebungen  der  Menschen,  als  die  äußeren  Verhältnisse,  unter
denen  die  Menschen  ihre  Anlagen  und  Fähigkeiten  betätigten.  Die
Eigenschaften,  welche  die  neue  Grganisationsform  voraussetzte,  wa-^en
  aber,  wie  wir  ohne  weiteres  annehmen  können,  bei  zahlreichen
Individuen  schon  immer  vorhanden  gewesen.  Im  Anfang  war  es
in  auch  gar  nicht  notwendig,  daß  die  Unternehmer  die  Eigenschaften,
die  recht  eigentlich  den  Unternehmer  machen,  wirtschaftliche  Jnitiai)ohle,
  Kapitalismus  und  Sozialismus.  2.  ctufl.  4
        <pb n="50" />
        46

1,3.  Unternehmung  und  Produktivgenossenschaft

tive,  Organisationstalent,  starke  Willensenergie  usw.  schon  voll  ausgebildet ­
  besaßen.  Sie  mußten  nur  in  ihnen  in  entwicklungsfähiger
Weise  vorhanden  sein.  Fast  alle  Unternehmer  der  Jugendzeit  der
modernen  Volkswirtschaft  haben  sehr  klein,  sozusagen  handwerksmäßig ­
  angefangen,  wie  z.  B.  die  Anfänge  der  Maschinenindustrie
sehr  deutlich  erkennen  lassen.  Die  Unternehmer  hatten  also  die
Möglichkeit,  in  die  größeren  und  schwierigeren  Aufgaben,  die  ihrer
harrten,  langsam  hineinzuwachsen.  So  ist  das  moderne  Unternehmertum ­
  mit  und  an  der  Unternehmung  erwachsen,'  nicht  etwa  aber
ist,  wie  man  nach  manchem  Forscher  glauben  könnte,  erst  der  kapitalistische ­
  Geist  geschaffen  worden,  und  dieser  hat  sich  dann  die
Unternehmung  als  seinen  Körper  erbaut.
Wie  bereits  angedeutet,  hängt  die  Entstehung  der  Unternehmung
mit  dem  Aufkommen  des  Großbetriebs  zusammen  und  begleitet  dessen
Ausbreitung.  Als  im  Mittelalter  die  ersten  großbetrieblichen  Gebilde ­
  entstanden,  und  zwar  auf  dem  Gebiete  des  Bergbaus  —  Bergbau ­
  ist  ja  nie  eines  Mannes  Sache  gewesen  —,  da  hat  sich  allerdings ­
  zunächst  ein  ganz  ähnlicher  Vorgang  abgespielt,  wie  er  nach
der  Schilderung  im  letzten  Abschnitt  auch  die  Entstehung  der  Lrwerbswirtschaft
  begleitet  hat.  Vas  Wirtschaftsleben  scheint  zunächst
beim  Aufkommen  des  Großbetriebs  eine  Zeitlang  zu  schwanken,  ob
es  den  Weg  der  Unternehmung  betreten  oder  ob  ies  für  die  neu
entstehenden  Großbetriebe  nicht  lieber  die  Form  der  Arbeiterproduktivgenossenschaft ­
  wählen  soll,  bei  der  die  Arbeiter
eines  Betriebes  zugleich  auch  die  Unternehmer  desselben  sind,  also
selbst  das  nötige  Kapital  aufbringen  und  selbst  das  Risiko  der  Produktion ­
  tragen.  Sn  diesem  Falle  hat  das  Schwanken  des  Wirtschaftslebens, ­
  bis  es  sich  definitiv  entschied,  welchen  der  beiden  an
sich  möglichen  Wege  es  einschlagen  solle,  sogar  etwas  länger  gedauert ­
  als  bei  der  Entscheidung  zwischen  erwerbswirtschaftlicher
und  konsumgenossenschaftlicher  Produktionsweise.  Die  Periode,  in
der  im  Mittelalter  der  Bergbau  in  Deutschland  und  anderen  Ländern ­
  zunächst  in  der  Form  der  sogenannten  „Gewerkschaft"  be-
        <pb n="51" />
        Die  Produktivgenossenschaft  im  öfteren  Bergbau

47

trieben  worden  ist,  hat  ziemlich  lange  gedauert.  Die  Gewerkschaft
des  älteren  Bergrechts,  die  im  mittelalterlichen  Bergbau  die  normale ­
  Form  war,  wie  sich  eine  größere  Personenzahl  zum  Bergbaubetrieb ­
  vereinigte,  trägt  aber  ursprünglich  durchaus  produktivgenossenschaftliche ­
  Züge.  Die  Bergleute,  die  die  eigentliche  bergmännische ­
  Arbeit  leisteten,  brachten  dabei  gewöhnlich  auch  das  erforderliche ­
  Kapital  selbst  auf.  Solange  Grubenbetrieb  herrschte,  war  dieses ­
  ja  noch  gering.  Ls  fand  also  noch  keine  Trennung  zwischen  Kapital ­
  und  Arbeit  statt,  die  Produktionsmittel  gehörten  den  Produzenten ­
  selbst,  und  diese  hatten  daher  auch  allein  Anrecht  sowohl
auf  den  gesamten  Produktionsertrag  wie  auf  die  Betriebsleitung.
Allein  die  weitere  Entwicklung  hat  sehr  bald  zu  einer  Trennung
Zwischen  Kapital  und  Arbeit  geführt.  Und  zwar  geschah  dies  durch
den  sogenannten  Kostvertrag,  der  in  den  deutschen  Bergordnungen
des  letzten  Drittels  des  13.  und  der  ersten  Hälfte  des  14.  Jahrhunderts
eine  rechtliche  Regelung  erfahren  hat.  „Bis  dahin  hatten",  wie
£.  Bernhards  diese  Entwicklung  beschreibt,  „sämtliche  Mitglieder ­
  einer  Gewerkschaft  mit  eigener  Hand  den  Bergbau  betrieben.
Jetzt  trat  eine  Trennung  zwischen  Kapital  und  Arbeit  ein,  denn
der  Kostvertrag  enthielt  die  Vereinbarung,  daß  einer  oder  mehrere ­
  der  Gewerken  am  gemeinschaftlichen  Bau  nicht  teilzunehmen
brauchten,  und  daß  diese  Gewerken  statt  dessen  ihren  arbeitenden
Mitgewerken  einen  regelmäßigen  Geldbeitrag  zum  Betriebe  zu  leisten ­
  hätten,  hierdurch  wurde  zwar  der  Gewerkenverband  nicht  gesprengt, ­
  denn  der  Kapitalist  sowohl  wie  die  Bergleute  waren  Gewerken. ­
  Sie  bildeten  zusammen  die  Genossenschaft,  der  das  Eigentum ­
  am  Bergwerke  zustand.  Immerhin  aber  trat  jetzt  die  neue  Unterscheidung ­
  zwischen  arbeitenden  und  kostgebenden  Gewerken  ein."
Zwei  Umstände  waren  es  vor  allem,  welche  zur  Trennung  von
Kapital  und  Arbeit  führten  und  damit  den  alten  Tharakter  der
Gewerkschaft  untergruben.  Einmal  wurde  manchen  unter  den  Ge-4)
  Die  Entstehung  und  Entwicklung  der  Gedingeordnungen  im  deutschen
Bergrecht.  Leipzig  1902,  S.  8.
        <pb n="52" />
        48

l,  3.  Unternehmung  und  Produktivgenossenschaft

werken,  die  bis  dahin  gemeinsam  mit  den  anderen  gearbeitet  hatten,
die  Fortsetzung  der  eigenhändigen  Mitarbeit  unmöglich  oder  unbequem, ­
  sie  wollten  aber  dennoch  auch  weiterhin  am  Ertrage  des
Bergwerks  teilhaben.  Solche  Anlässe,  durch  welche  manche  aus  den
Kreisen  der  mitarbeitenden  Gewerken  herausgezogen  wurden,  bestanden ­
  in  Veränderungen  der  wirtschaftlichen  Lage,  Auswanderung, ­
  Erbgang  u.  dgl.  mehr,  vor  allem  kam  auch  der  Fall  häufiger ­
  vor,  daß  Gewerken  ihre  Bergwerksanteile  auf  Töchter  vererbten. ­
  Während  in  diesem  Falle  die  Kapitalisten  aus  dem  Stande
der  arbeitenden  Gewerken  hervorgingen,  beruht  der  zweite  Anlaß
zur  Anwendung  des  Kostvertrags  und  damit  zur  Trennung  von
Kapital  und  Arbeit  auf  dem  durch  die  Einführung  des  Stollenbaus
in  jener  Zeit  stark  gesteigerten  Kapitalbedarf  des  Bergbaus.  Um
das  zur  Anlegung  von  Stollenbauten,  Schächten,  Pumpwerken  usw.
erforderliche  Kapital  aufzubringen,  reichte  die  eigene  Kapitalkraft
der  Gewerken  nicht  aus.  Man  mußte  dazu  Kapital  auch  aus  nicht
bergmännischen  Kreisen  heranziehen.  Und  zwar  geschah  das  eben
in  der  Weise,  daß  Kapitalisten  Anteil  am  Ertrage  des  Bergbaus
gewährt  wurde,  wofür  sie  sich  verpflichten  mußten,  regelmäßige
Zahlungen  zur  Herstellung  der  erforderlichen  Bergwerksanlagen  zu
leisten.
Durch  die  Ausbreitung  des  Kostvertrags  in  diesem  Sinne  ist  allmählich ­
  der  produktivgenossenschaftliche  Eharakter  der  alten  Gewerkschaft ­
  zerstört  worden,  und  schließlich  ist  unter  Benutzung  verschiedener ­
  Zwischenformen,  wie  vor  allem  der  Lehnschaft  und  der
Teilmiete,  an  die  Stelle  der  genossenschaftlichen  Gewerkschaft  überall
Unternehmertum  und  Lohnarbeit  getreten.  Im  Bergbau  des  Harzes
findet  sich  Lohnarbeit  schon  seit  dem  l2.  Jahrhundert  in  größerem
Umfange,  in  den  übrigen  deutschen  und  den  österreichischen  Bergbaubezirken ­
  datiert  ihr  Überwiegen  etwa  seit  dem  15.  Jahrhunderts)
Das  Vorkommen  produktivgenossenschaftlicher  Grganisationsformen
  im  Bergbau  ist  also  eine  Erscheinung  primitiver,  noch  wenig

3)  Alle  diese  Angaben  nach  Bernhard,  a.  a.  ®.,  passim.
        <pb n="53" />
        Entstehung  der  Unternehmung  im  Verlag

49

entwickelter  Verhältnisse.  Mit  dem  zunehmenden  Alter  des  Bergbaus ­
  und  seinem  Vordringen  in  größere  Tiefen,  wodurch  größere
Kapitalien  erforderlich  werden,  verschwinden  auch  regelmäßig  die
anfänglichen  produktivgenossenschaftlichen  Einrichtungen  und  machen ­
  dem  Unternehmertum  und  der  Lohnarbeit  Platz.  Daher  finden
wir  im  Bergbau  der  Gegenwart  Einrichtungen  produktivgenossenschaftlichen ­
  Eharakters  nur  noch  unter  wenig  entwickelten  Verhältnissen, ­
  wie  z.B.  im  Zinnbergbau  der  Malaienstaaten  und  der  indischen ­
  Inseln.«)  Und  überhaupt  sind  produktivgenossenschaftliche
Bereinigungen  der  Arbeiter  als  ein  Zeichen  einfacher,  um  nicht  zu
sagen  zurückgebliebener  wirtschaftlicher  Verhältnisse  zu  betrachten.
Damit  hängt  es  auch  wohl  zusammen,  daß  in  Rußland  die  Produktivgenossenschaft ­
  in  der  Form  des  Artellsh,  mit  welchem
Namen  dort  allerdings  auch  Gebilde  konsumgenossenschaftlicher  Art
bezeichnet  werden,  noch  eine  besonders  häufige  Erscheinung  darstellt.
Wie  im  Bergbau,  so  ist  auch  auf  manchen  Gebieten  der  Industrie
die  Unternehmung  erst  allmählich  an  die  Stelle  älterer  produktivgenossenschaftlicher
  Bildungen  getreten.  Das  gilt  vor  allem  von
der  Entwicklung  der  Unternehmung  in  der  Verlagsindustrie,  heute
ist  uns  ja  die  Leitung  der  Verlagsindustriebetriebe  durch  Unternehmer ­
  etwas  so  Gewöhnliches,  daß  wir  uns  eine  vom  Unternehmertum ­
  unabhängige  Form  der  Verlagsindustrie  überhaupt  kaum  vorstellen ­
  können.  Ursprünglich  haben  aber  zweifellos  in  vielen  Zweigen ­
  der  Verlagsindustrie  genossenschaftliche  Absatzorganisationen  bestanden. ­
  Die  Handwerker  einer  Stadt  oder  die  Heimarbeiter  eines
Dorfes  ließen  den  Vertrieb  der  von  ihnen  hergestellten  waren  durch
einzelne  Beauftragte  aus  ihrer  Mitte  besorgen,  die  zu  diesem  Zwecke
auswärtige  Messen  besuchten  oder  auch  die  Waren  im  hausierwege
b)  vgl.  über  diese  Brunhuber  in  der  Zeitschr.  f.  Sozialwissenschast,
Iahrg.,  S.  449ff.,  ferner  Eh.  Posewitz,  Die  Sinninseln  im  Indischen
Dzean,  II,  S.  85  ff.
7)  Beispiele  für  solche  Artelle  bei  Stieda  im  „Handwörterbuch  der  Llaatswissenschaften",
  Bd.  II,  §.  4.
        <pb n="54" />
        50

1,3.  Unternehmung  und  Produktivgenossenschaft

absetzten.  In  dem  Maße,  wie  der  Zernabsatz  zunimmt  und  immer
entferntere  Absatzgebiete  aufgesucht  werden  müssen,  geht  aber  regelmäßig ­
  die  Besorgung  des  Absatzes  in  die  Hände  von  Unternehmern
über,  die  ihn  auf  eigene  Rechnung  und  Gefahr  übernehmen.  Aus
Zwischenhändlern,  die  anfänglich  nur  das  aufkauften,  was  die  Rleinproduzenten
  aus  eigener  Initiative  hergestellt  hatten,  verwandelten
sich  diese  Raufleute  dann  immer  mehr  in  wirkliche  Produktionsleiter,
die  von  einem  Termin  zum  anderen  Aufträge  an  die  Produzenten
erteilen  und  diese  fortgesetzt  beschäftigen.  Rurz,  das  Verhältnis  wird
immer  mehr  das  zwischen  Unternehmern  und  Lohnarbeitern.  Ganz
deutlich  läßt  sich  diese  Wandlung  in  der  Stellung  der  ehemals  selbständigen ­
  Gewerbetreibenden  z.  B.  in  der  Genfer  Taschenuhrenherstellung ­
  verfolgen.  Da  gab  es  ursprünglich  nur  selbständige  Uhrmachermeister, ­
  die  auf  eigenes  Risiko  Uhren  herstellten  und  darauf
warteten,  daß  von  auswärts  Räufer  sich  einstellten,  um  ihnen  die
kleine.  Zahl  von  Stücken  abzunehmen,  die  sie  von  einer  Meßzeit  zur
anderen  fertigzubringen  vermocht  hatten.  Für  die  Führung  der  fremden ­
  Einkäufer  waren  besondere  Vermittler  angestellt,  die  ihre  Tätigkeit ­
  nach  bestimmten  Regeln  auszuüben  hatten,  um  keine  Bevorzugung ­
  einzelner  eintreten  zu  lassen.  Allmählich  aber,  seit  der  zweiten ­
  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts,  sind  aus  diesen  Vermittlern  selbst
Auftraggeber  geworden,  welche  für  eigene  Rechnung  und  nach  eigenen ­
  Anweisungen  Uhren  herstellen  ließen  und  ihren  Absatz  nach
außerhalb  besorgten.  Indem  diese  Elemente  so  größere  Gewinne
machten,  kamen  sie  auch  in  die  Lage,  die  Forderungen  ihrer  Lieferanten, ­
  der  Rleinproduzenten,  schon  vor  den  üblichen  Meßtsrminen
begleichen  zu  können.
Diese  Entwicklung  hat  sich  dann  in  der  Zeit  nach  den  Napoleonischen ­
  Rriegen  immer  weiter  fortgesetzt.  Und  zwar  waren  es  sehr
bezeichnenderweise  die  Rleinproduzenten  selbst,  die  immer  kürzere
Zahlungstermine  verlangten  und  damit  ihre  Stellung  immer  mehr
der  von  Lohnarbeitern  annäherten.  Die  Auftraggeber  mußten  sich
zunächst  den  tüchtigeren,  dann  auch  den  mittelmäßigeren  Elementen
        <pb n="55" />
        Neuere  versuche  mit  der  Produktivgenossenschaft

51

ner  gegenüber  dazu  bequemen,  die  Zahlungstermine  von  sechs  auf  drei
&amp;gt;el-  Nonate,  von  da  auf  einen  Monat  und  selbst  auf  vierzehn  Tage  abzm
;rn  kürzen  oder  auch  gleich  bei  Üblieferung  der  waren  Zahlung  zu  leisten?)
lus  So  hat  sich  ganz  allmählich  die  Entstehung  von  Unternehmungen
an-  in  der  Uhrenindustrie  vollzogen.  Und  zugleich  erhellt  hieraus  deutten
  lich:  „nicht  die  Unternehmer  haben  die  Produzenten  gegen  ihren
er,  Villen  in  die  Stellung  von  Lohnarbeitern  herabgedrückt",  wie  geten
  wohnlich  der  Vorgang  bezeichnet  wird,  sondern  die  Produzenten
ird  haben  in  ihrem  eigenen  Interesse  diese  Umwandlung  ihrer  Stellung
anz  gefordert.
ckb-  Üls  dann  im  l8.  und  19.  Jahrhundert  der  Großbetrieb  auf  immer
ftr-  wehr  Gebieten  des  Wirtschaftslebens  festen  Fuß  faßt,  da  tritt  er
chr-  regelmäßig  gleich  von  vornherein  in  der  Form  der  Unternehmung
auf  auf.  Der  Gedanke,  an  Stelle  der  Unternehmung  für  die  soziale
die  Verfassung  des  Großbetriebs  etwa  die  Produktivgenossenschaft  zu
zur  wählen,  liegt  dieser  Zeit  zunächst  ganz  fern.  Erst  um  die  Mitte
rm-  des  19.  Jahrhunderts  taucht  der  Gedanke  der  Ürbeiterproduktivtig-
  genosfenschaft  von  neuem  auf  und  spielt  eine  Zeitlang  in  den  Proior-
  grammen  der  sozialistischen  Parteien  eine  gewisse  Rolle.  Das,  was
oei-  in  Wahrheit  schon  eine  überwundene  Grganisationsform  des  wirtlbst
  schaftslebens  war,  wird  als  eine  erst  in  der  Zukunft  zu  verwirkige-
  lichendc  Forderung  aufgestellt.  Der  Gedanke  der  Ürbeiterproduktiviach
  genosfenschaft  ist  namentlich  von  zwei  Sozialisten  des  19.  Iahrhunnne
  derts  vertreten  worden,  von  Louis  Blanc  in  Frankreich  und  von
efe-  Ferd.  Lassalle  in  Deutschland.  Viesen  Sozialisten  erschien  an  der
nen  heutigen  Produktionsweise  nicht  sowohl  das  verwerflich,  daß  die
Produktion  für  Rechnung  und  Gefahr  einzelner  Produzenten  eroni-
  folgt,  sondern  woran  sie  Ünstoß  nahmen,  das  war  die  Tatsache,
sehr  daß  nicht  alle,  die  bei  der  Produktion  in  einem  Betriebe  mitwirken,
zere  auch  in  grundsätzlich  gleicher  weise  als  Unternehmer  mit  Einfluß
lehr  auf  die  Betriebsleitung  und  Anspruch  auf  einen  entsprechenden  Ge-8)
  vgl.  die  nähere  Schilderung  dieser  Entwicklung  bei  Pfleghardt,  Dr
iten  schweizerische  Uhrenindustrie,  1908,  S.  129ff.
        <pb n="56" />
        52

!,  3.  Unternehmung  und  Produktivgenossenschaft

winnanteil  an  ihm  beteiligt  sind.  Sie  lehnen  also  nicht  die  erwerbswirtschaftliche ­
  Produktionsweise  an  sich  ab,  sondern  nur  die  besondere ­
  Form,  die  sie  sich  in  der  Unternehmung  gegeben  hat.  Kn  die
Stelle  dieser  aristokratischen  Form  wollen  sie  eine  mehr  demokratische ­
  setzen.  Ihr  Ideal  ist  eben  die  Arbeiterproduktivgenossenschaft,
in  der  die  Arbeiter  eines  Betriebs  auch  seine  Unternehmer  sind  und  daher ­
  zum  Unternehmen  in  einer  ganz  anderen  Stellung  stehen,  als  wenn
sie  als  Lohnarbeiter  auf  jederzeitige  Kündigung  angenommen  sind.
hieraus  ergibt  sich  zugleich,  daß  die  Produktivgenossenschaft  in  eine
ganz  andere  Uategorie  des  Genossenschaftswesens  gehört  als  die
Uonsumgenossenschaft.  Die  Konsumgenossenschaft  verneint  das  ganze
Prinzip,  auf  dem  die  Erwerbswirtschaft  beruht,  ändert  aber  dafür
nichts  an  der  Stellung  des  Lohnarbeiters  im  Wirtschaftsleben.  Der
Lohnarbeiter,  der  im  Betrieb  einer  Konsumgenossenschaft  tätig  ist,
bleibt  genau  so  Lohnarbeiter  wie  der  Lohnarbeiter  in  einer  Unternehmung, ­
  und  es  hat  ja  auch  schon  zahlreiche  Konflikte  der  Angestellten ­
  der  Konsumvereine  mit  ihren  Arbeitgebern  über  die  Arbeitsbedingungen ­
  gegeben.  Die  Produktivgenossenschaft  dagegen  verneint ­
  nicht  die  Erwerbswirtschaft  an  sich,  sondern  nur  die  Stellung,
die  der  Lohnarbeiter  in  der  Unternehmung  einnimmt.  Sie  will  die
Scheidung  zwischen  Unternehmer  und  Lohnarbeiter  aufheben  und
den  Lohnarbeiter  zum  gleichberechtigten  Unternehmergenossen  machen.
Ukit  der  Gründung  von  Produktivgenossenschaften  in  diesem  Sinne
sind  im  Laufe  des  letzten  Jahrhunderts  nach  und  nach  eine  ganz
stattliche  Reihe  von  versuchen  gemacht  worden.  Sie  sind  aber  fast
regelmäßig  nach  einiger  Zeit  wieder  gescheitert.  „Die  Geschichte  der
Produktivgenossenschaft  ist  eine  einzige  Kette  von  Mißerfolgen",  bemerkt ­
  F.  Oppenheimer,  der  diesem  Gegenstände  eine  eingehende
Untersuchung  gewidmet  hat.  Er  berechnet,  daß  in  Deutschland  in  der
von  ihm  untersuchten  Zeit,  d.h.  vom  Beginn  der  deutschen  Genossenschaftsbewegung ­
  an  bis  etwa  zur  Mitte  der  90  er  Jahre,  insgesamt
322  Arbeitergenossenschaften  errichtet  worden  waren.  Davon  hatten
sich  nicht  weniger  als  213,  also  mehr  als  Vs«  bis  dahin  auch  schon  wie-
        <pb n="57" />
        Der  Mißerfolg  der  Produktivgenossenschaft

53

bson-


;raoft.

daenn

ind.
:inc
die
inze
ifür
Der
ist.
terctru

Rroer-


die
und
Heu.
inne
,anz
fast
der
beende ­

der
lenamt

tten
wieder ­

  aufgelöst,  25  allerdings  nur,  um  eine  andere  juristische  Form  anzunehmen, ­
  die  ganz  überwiegende  lllehrheit  aber  doch,  weil  sie  wirtschaftlich ­
  nicht  vorwärtskamen.
Für  das  Fehlschlagen  der  Produktivgenossenschaft  werden  hauptsächlich ­
  drei  Momente  verantwortlich  gemacht:  Mangel  an  Rbsatz,
ilkangel  an  Kapital  und  Mangel  an  Disziplin.  Der  erste  Punkt  ist  indessen ­
  keine  wirkliche  Erklärung,  sondern  nur  eine  Umschreibung
der  Tatsache  des  Mißlingens  der  Produktivgenossenschaft-  er  erinnert ­
  an  die  Lräsigsche  Erklärung,  daß  die  Rrmut  von  der  Pooerteh
herrührt.  Eher  läßt  sich  schon  der  Mangel  an  Kapital  oder  Kredit
als  Ursache  der  Mißerfolge  hören.  Es  ist  zuzugeben,  daß  eine  Reihe
von  Produktivgenossenschaften  —  namentlich  solche,  die  von  Arbeitern ­
  gegründet  worden  waren.,  die  nach  einem  Streik  ihre  Stellung ­
  verlöten  hatten  —,  dadurch  von  vornherein  mit  großen  Schwierigkeiten ­
  zu  kämpfen  hatten,  daß  sie  nicht  mit  zureichendem  Kapital
ausgestattet  waren  und  auch  nicht  aus  dem  Kreditwege  sich  das
Fehlende  beschaffen  konnten.  Daß  die  Produktivgenossenschaft  unter
Mangel  an  Kredit  zu  leiden  hat,  das  beruht  nun  aber  nicht  etwa
auf  einer  besonderen  Bosheit  der  Bank-  und  sonstigen  Geldgeberkreise,
sondern  es  geht  in  letzter  Linie  darauf  zurück,  daß  sie  wegen  der
wohlbekannten  Schwächen  ihrer  Verfassung  bei  diesen  Kreisen  nicht
bas  nötige  vertrauen  zu  finden  vermag.  Damit  kommen  wir  zu  dem
entscheidenden  Punkt,  aus  den  alle  Mißerfolge  dieser  Genossenschastsform
  schließlich  zurückgehen.  Ls  ist  die  vorhin  als  Mangel  an
Disziplin  bezeichnete  Erscheinung,  die  an  dem  Scheitern  der  meisten
Produktivgenossenschaften  die  Schuld  trägt.
Der  Mangel  an  Disziplin,  der  in  der  Produktivgenossenschaft
herrscht,  ist  aber  nichts  Zufälliges,  sondern  er  ist  die  notwendige ­
  Folge  des  Gedankens,  der  ihrer  Organisation  zugrunde
liegt.  Wenn  die  Arbeiter  eines  Betriebs  zugleich  seine  Untervehmer
  sind  und  die  diesem  zustehenden  Rechte  beanspruchen  können,
so  ist  es,  wie  die  Erfahrung  gelehrt  hat,  unmöglich,  die  Disziplin
und  Ordnung  aufrechtzuerhalten,  ohne  die  ein  Großbetrieb  nicht
        <pb n="58" />
        54

1,3,  Unternehmung  und  Produktivgenossenschaft

zu  bestehen  vermag.  Der  Leiter  des  Betriebs  verfügt  hier  nicht  über
das  Recht,  das  in  der  Unternehmung  als  ultima  ratio  dient,  die
Disziplin  aufrechtzuerhalten,  das  Recht  der  Entlassung  der  Elemente,
die  sich  als  untüchtig  erweisen  und  sich  der  Ordnung  des  Betriebs
nicht  fügen  wollen.  Der  Leiter  einer  Produktivgenossenschaft  kann
überhaupt  seine  Mitarbeiter  sich  nicht  nach  seinem  Belieben  aussuchen
  und  durch  beständige  Auslese  die  tüchtigsten  herauszufinden
hoffen,  sondern  er  ist  an  seine  Arbeiter  von  vornherein  fest  gebunden. ­
  Sie  stehen  ihm  nicht  als  betriebsfremde  Arbeiter,  sondern
als  gleichberechtigte  Genossen  gegenüber.  Kus  diesem  Grunde  wird
die  Produktivgenossenschaft  im  vergleich  mit  der  Unternehmung
immer  unter  einem  gewissen  Mangel  an  Disziplin  zu  leiden  haben.
Und  das  ist,  wie  gesagt,  auch  der  Punkt  gewesen,  an  dem  die  meisten
Produktivgenossenschaften  in  der  Praxis  Schiffbruch  gelitten  haben.
Das  kommt  in  folgenden  Worten  eines  Renners  der  Verhältnisse
deutlich  zum  Ausdrucks:
„Vas  Studium  der  wenigen  Fälle,  in  denen  die  Gründung  von  Produktivgenossenschaften ­
  versucht  worden  ist,  läßt  als  Ursache  säst  aller  der  hierbei
eingetretenen  Mißerfolge  erkennen,  daß  solche  Vereinigungen  dem  Leiter  ihres
Betriebs  und  ihrer  Geschäfte  niemals  diejenige  autoritative  und  dauernd  gesicherte ­
  Stellung  einzuräumen  sich  entschlossen,  welche  erforderlich  ist,  um  die
Interessen  eines  gewerblichen  Unternehmens  nach  außen  wie  auch  nach  innen
tatkräftig  vertreten  zu  können,  während  der  selbständige  Einzelunternehmer
seine  ganze  Tätigkeit  der  Ordnung  und  Vervollkommnung  des  Produktionsprozesses ­
  sowie  der  Pflege  der  Beziehungen  zu  den  Abnehmern  seiner  Erzeugnisse ­
  zu  widmen  vermag,  waren  die  Geschäftsführer  der  bisher  ins  Leben
getretenen  Produktivgenossenschaften  regelmäßig  gezwungen,  ein  gut  Teil  ihrer
Rrast  bei  Überwindung  derjenigen  Schwierigkeiten  zu  verbrauchen,  welche
der  Verkehr  mit  den  eigenen  Angehörigen  der  Genossenschaft  verursachte.
Zwar  ist  auch  die  Leitung  eines  Betriebs,  der  sich  als  Arbeitskräfte  angenommener ­
  Lohnarbeiter  bedienen  muß,  an  Mühseligkeiten  durchaus  reich
genug,  aber  diese  reichen  doch  nicht  entfernt  an  jene  sich  bis  zur  Unüberwindlichkeit
  steigernden  Hindernisse  heran,  welche  sich  einem  Betriebsleiter
bieten  müssen,  der  mit  Arbeitskräften  produzieren  soll,  denen  gegenüber  er
irgendwelche  visziplinarmittel  nicht  anzuwenden  vermag,  und  die  ohne  Rücky)

  Assessor  kjertig  in  der  „Sozialen  praxi;",  16.  Iahrg.,  Nr.  42.
        <pb n="59" />
        Mangel  an  Disziplin  in  der  Produktivgenossenschaft  55
sicht  auf  ihre  Leistungen  doch  ein  dauerndes  Anrecht  auf  Zugehörigkeit  zu
der  Genossenschaft  besitzen."
hiermit  wird  ohne  Zweifel  der  wunde  Punkt  in  der  Verfassung
der  produktivgenossenschaft  richtig  bloßgelegt.  Mangel  an  Disziplin
in  einem  Großbetrieb  ist  aber  nicht  nur  etwas,  was  für  den  Leiter  des
Betriebs  persönlich  unangenehm  ist,  es  ergeben  sich  daraus  auch
schwerwiegende  wirtschaftliche  Folgen.  Wie  ein  Heer,  in  oem  keine
Disziplin  herrscht,  für  den  Rampf  nicht  mehr  zu  gebrauchen  ist
und  vor  der  kleinsten,  aber  noch  gut  disziplinierten  Truppe  zurückweichen ­
  wird,  so  ist  auch,  um  den  wirtschaftlichen  Wettkampf  siegreich ­
  zu  bestehen,  Disziplin  unentbehrlich.w)  hieran  fehlt  es  aber  regelmäßig ­
  in  der  Produktivgenossenschaft.  Und  überhaupt  bringt  es
die  Verfassung  der  produktivgenossenschaft  mit  sich,  daß  ihre  kaufmännische ­
  Leitung  nicht  so  beweglich,  rührig  und  schlagfertig  sein
kann  wie  die  einer  Unternehmung.  In  der  Genossenschaft  haben
Zu  viele  mitzusprechen,  infolgedessen  kann  sich  ihre  Leitung  nicht
sa  frei  bewegen  wie  die  einer  Unternehmung.  Die  Zahl  der  Produktivgenossenschaften, ­
  die  infolge  dieser  Mängel  zusammengebrochen  sind,
'st  überaus  groß.  lindere  haben  sich  nur  dadurch  am  Leben  erhalten ­
  können,  daß  sie  die  Produktion  für  den  freien  Markt  aufgaben ­
  und  bei  den  Konsumvereinen  einen  Unterschlupf  suchten,  also
10)  Sogar  ein  Mann  wie  Lenin  ist  jetzt,  durch  bittere  Erfahrungen  über
den  Rückgang  der  Arbeitsleistung  in  den  sozialisierten  Betrieben  der  russischen ­
  Sowjet-Republik  belehrt,  zu  der  Einsicht  gekommen,  daß  „jede  maschinelle ­
  Großindustrie  die  bedingungslose  und  strengste  Einheit  des  Willens"
und  „widerspruchslose  Unterordnung  der  Massen  unter  den  einheitlichen
Zillen  der  Leiter  des  Arbeitsprozesses"  ersordert.  (Die  nächsten  Aufgaben
der  Sowjetmacht  S.  43/44.)  Er  lehnt  daher  die  willkürlichen  Eingriffe  des
»lkteetingdemokratismus  der  arbeitenden  Massen"  in  die  Betriebsverhältnisse
ab  und  fordert  sogar,  daß  jeder  Arbeiter,  der  gegen  die  Arbeitsordnung
rines  Betriebes  verstößt,  vor  Gericht  zu  stellen  und  erbarmungslos  zu  begrasen ­
  ist  (ebenda  S.  40).  Sollte  übrigens  im  vergleich  mit  dem  hier  vorgeschlagenen ­
  Strafspstem  die  Strase  der  Entlassung,  die  heute  den  Arbeiter
^sft,  der  sich  der  Fabrikdisziplin  dauernd  nicht  fügen  will,  nicht  doch  die
wildere  Form  der  Bestrafung  sein?
        <pb n="60" />
        56  1,3.  Unternehmung  und,  Produktivgenossenschaft
sich  aus  Lrwerbswirtschaften  in  konsumgenossenschaftliche  Produktionsstätten ­
  ,  umwandelten.
Fast  noch  bemerkenswerter  aber  als  das  Zugrundegehen  so  vieler
Produktivgenossenschaften  ist  aus  der  Geschichte  dieser  Genossenschaftsform ­
  eine  andere  Tatsache.  Das  ist  die  Erscheinung,  daß  diejenigen ­
  Genossenschaften,  die  vom  Untergang  verschont  blieben  und
geschäftlich  vorwärtskamen,  regelmäßig  eine  tiefgreifende  Wandlung
ihres  Wesens  durchzumachen  hatten.  Sie  hörten  nämlich  auf,  Produktivgenossenschaften ­
  zu  sein,  und  verwandelten  sich  in  bloße  Unternehmungen. ­
  wenn  nämlich  das  Geschäft  so  gut  ging,  daß  eine  Erweiterung ­
  des  Betriebs  nötig  wurde,  so  wurden  die  neuen  Arbeitskräfte
  nicht  mehr  zu  gleichen  Rechten  mit  den  bisherigen  Mitgliedern, ­
  also  mit  Einfluß  auf  die  Betriebsleitung  und  Anspruch  auf
Anteil  am  Gewinn,  eingestellt,  sondern  sie  wurden  nur  als  Lohnarbeiter ­
  auf  Ründigung  zu  den  ortsüblichen  Lohnsätzen  angenom-  '
men.  (vder  aber  die  neu  eintretenden  Arbeiter  mußten  ein  Eintrittsgeld ­
  bezahlen,  und  die  höhe  des  Eintrittsgeldes,  das  von  ihnen  verlangt ­
  wurde,  stufte  sich  genau  entsprechend  den  Überschüssen  der  ein-  -
zelnen  Genossenschaften  ab.  Gpp  enheimer  spricht  im  Hinblick  hierauf ­
  geradezu  von  einem  „Gesetz  der  Transformation",  das  die  Entwicklung ­
  der  Produktivgenossenschaft  beherrscht.  Und  man  wird  ihm
in  der  Tat  darin  beipflichten  müssen,  daß  hier  keine  zufällige,  sondern ­
  eine  durchaus  notwendige  und  innerlich  begründete  Erscheinung
vorliegt,  von  den  in  Deutschland  jetzt  noch  unter  dem  Namen  Produktivgenossenschaften ­
  bestehenden  Gebilden  sind  sehr  viele  infolgedessen ­
  überhaupt  nicht  mehr  eigentliche  Produktivgenossenschaften,
sondern  Unternehmungen,  die  nur  aus  ehemaligen  Genossenschaften  ,
hervorgegangen  sind,  in  ihrer  inneren  Verfassung  sich  aber  in  nichts  |
von  einer  gewöhnlichen  Unternehmung  unterscheiden.  Man  darf  sich
also  durch  den  Namen  nicht  über  den  wahren  wirtschaftlichen  Charakter ­
  dieser  Gebilde  täuschen  lassen. 11 )
11)  vgl.  hierzu  Herbert  weil,  Die  gewerblichen  Produktivgenossenschaften ­
  in  Deutschland.  191Z.
        <pb n="61" />
        Aristokratie  und  Demokratie  im  Wirtschaftsleben

57

)ukeler


sendis-


ung
)roter-





ihnom-







sonung

)rollge-


ften
ichts
sich
Lha-&amp;gt;ssen-



  dieser  Entwicklung  ist  der  Traum  von  der  Arbeiterproduktivgenossenschaft
  heute  auch  in  sozialistischen  Kreisen  selbst  meist  ausgeträumt?^) ­
  Sozialisten  wie  Ed.  Bernstein  haben  ihr  und  den
aus  ihr  entsprungenen  Einrichtungen,  wie  der  Gewinnbeteiligung
öer  Arbeiter,  eine  entschiedene  Absage  erteilt.  Die  Unternehmung
hat  sich  im  wirtschaftlichen  Wettkampf  auch  allzu  deutlich  als  die
überlegene  5orm  der  Erwerbswirtschaft  erwiesen.  Die  aristokratische
form  der  Lrwerbswirtschaft  hat  über  die  demokratische  den  Sieg
davongetragen  —eine  Tatsache,  die  zweifellos  auch  für  die  politische
Entwicklung  des  letzten  Jahrhunderts  von  großer  Tragweite  geworden ­
  ist.  Gerade  der  Umstand,  daß  in  der  Verfassung  des  Wirtschaftslebens ­
  die  aristokratische  Grganisationsform  ausgesprochen  die
Führung  erlangt  hat,  hat  zur  Verstärkung  des  demokratischen  Gedankens ­
  auf  rein  politischem  Gebiete  beigetragen.  Die  wachsende
stärke,  die  die  demokratische  Bewegung  in  allen  Ländern  im  Laufe
der  lg.  Jahrhunderts  erlangt  hat,  ist  wesentlich  unter  dem  Gesichtspunkt ­
  zu  betrachten,  daß  dadurch  ein  Gegengewicht  geschaffen
werden  sollte  gegen  die  aristokratischen  Organisationsformen,  die
im  Wirtschaftsleben  die  Vorherrschaft  erlangt  hatten.  Die  Ausbreiiung
  der  Unternehmung  und  das  fortschreiten  der  politischen  Demokratie ­
  hängen  untereinander  eng  zusammen.  Die  zunehmende  Demokratisierung ­
  des  politischen  Lebens  sucht  die  Gefahren,  die  aus  der
Umgestaltung  der  wirtschaftlichen  Organisation  entspringen  können,
ZU  korrigieren.  Selbstverständlich  wurzelt  die  politische  Demokratie
^icht  bloß  in  diesem  einen  Moment,  aber  die  Entwicklung  des  Wirt-12)
  Einzelnen  Projektenmachern  scheint  bei  ihren  Sozialisierungsplänen
allerdings  manchmal  so  etwas  wie  die  Arbeiterproduktivgenossenschaft  vorzuschweben, ­
  wie  überhaupt  alle  Sozialisierungsvorschläge,  sobald  sie  etwas
Messbarere  Gestalt  annehmen,  gewöhnlich  nur  alte  längst  bekannte  und  schon
hundertmal  widerlegte  nationalökonomische  Ideen  wiederholen.  Es  gibt  sogar
^-eute,  die  glauben,  sie  könnten  den  Unternehmer  zwar  als  Träger  des  Risikos
Produktion  bestehen  lassen,  aber  die  Betriebsleitung  vollständig  in  dieHände
Arbeiterräten  legen,  die  damit  natürlich  auch  über  die  Verteilung  des  Gewinnes ­
  zu  bestimmen  beanspruchen  würden  —  falls  ein  solcher  je  eintreten  sollte.
        <pb n="62" />
        58

1,3.  Unternehmung  und  Produktivgenossenschaft

schaftslebens  im  aristokratischen  Sinne  war  zweifellos  eine  der  stärksten ­
  vorwärtstreibenden  Kräfte  der  politischen  Demokratie.
Nur  eine  Bemerkung  noch  zum  Schluß!
Die  Unternehmung  verdankt  ihre  Überlegenheit,  wie  gezeigt,  der
schärferen  Scheidung  zwischen  leitender  und  ausführender  Arbeit  und
der  besseren  Disziplin,  die  in  ihr  herrschen.  Selbstverständlich  ist
aber  bessere  Disziplin  nicht  etwa  gleichbedeutend  mit  hochfahrender
Behandlung  der  Lohnarbeiter.  Im  Gegenteil.  In  demjenigen  Betrieb
wird  die  bessere  Disziplin  herrschen,  in  dem  der  Unternehmer,  und  vor
allem  auch  seine  unteren  Angestellten,  es  verstehen,  ihre  Unordnungen ­
  zu  treffen,  ohne  in  den  Ton  des  kommandierenden  Unteroffiziers ­
  zu  verfallen.  Ohne  Zweifel  ist  bisher  auf  diesem  Gebiete
noch  viel  gesündigt  worden.  Zahlreiche  Streiks  sind  vor  dem  Kriege
ausgebrochen,  nicht  weil  die  Urbeiter  höheren  Lohn  oder  kürzere ­
  Arbeitszeit  haben  wollten,  diese  Forderungen  sind  vielmehr
oft  erst  nachträglich  erhoben  worden,  sondern  weil  die  Urbeiter  über
die  Behandlung,  die  ihnen  durch  den  Unternehmer  oder  noch  häufiger ­
  durch  Subalternbeamte  der  Unternehmung  zuteil  wurden,  erregt ­
  waren.  Fr.  W.  Foerster,  der  Vertreter  der  Pädagogik  an
der  Universität  München,  bemerkt  im  Hinblick  hierauf  durchaus  zutreffend ­
  iS),  daß  wir  für  das  moderne  Wirtschaftsleben  eine  Fabrikund
  Bureaupädagogik  brauchen,  eine  Unweisung,  die  Ungestellten
und  Urbeiter  richtig  zu  behandeln.  Diejenige  Aufgabe  des  Unternehmers, ­
  die  man  gewöhnlich  als  Betriebsleitung  bezeichnet,  besteht
ja  in  Wahrheit  zum  großen  Teil  in  Menschenleitung.  Für
diese  Aufgabe  ist  der  Unternehmer  oft  aber  nur  äußerst  mangelhaft ­
  vorbereitet,  wenn  er  nicht  schon  von  Natur  zufällig  für  sie
mit  den  nötigen  Anlagen  ausgestattet  ist.  Und  doch  stellt  die  Aufgabe,
einen  Großbetrieb  so  zu  leiten,  daß  nicht  zwischen  der  Arbeiterschaft
und  der  Werkleitung  unnötige  Reibungen  und  Differenzen  entstehen,
sehr  große  Anforderungen  an  den  Takt  und  die  Menschenkenntnis
des  Unternehmers  und  aller  Beamten  der  Unternehmung.  In  3u-13)

  politische  Ethik  und  politische  Pädagogik,  2.  stuft.,  S.  41.
        <pb n="63" />
        Das  Wesen  öes  Sozialismus  und  seine  hauptrichtungen

59

ärkder


und
f  ist
aber
rieb
vor
orditer-


üege
kürnehr

über
häu-,
  erk
  an
;  zubrik-


nehsteht

5ür
rgelc
  sie
&amp;gt;abe,
chast
:hen,
rtnis
^  Zukunfr

  wird  dieser  Punkt  noch  weitaus  wichtiger  werden  als  jetzt.
Denn  mit  der  Ausbildung  der  demokratischen  Einrichtungen  im  Staate
wird  der  Arbeiter  gegen  Mißgriffe  des  Unternehmers  in  dieser  hinsicht
  noch  empfindlicher  werden  und  noch  stärker  reagieren,  als  es
jetzt  bereits  der  Fall  ist.  Soweit  die  jetzt  geschaffenen  Betriebsräte  das
Siel  verfolgen,  den  Arbeitern  im  Betriebe  in  dieser  Hinsicht  eine
andere  Stellung  zu  verschaffen  und  ihnen  zugleich  Sicherungen  gegen
willkürliche  Entlassung  zu  geben,  liegt  kein  Grund  vor,  sie  von
vornherein  abzulehnen.
4.  Das  Wesen  des  Sozialismus  und  seine
Hauptrichtungen.
Die  individualistische  Wirtschaftsordnung  führt,  das  ist  das  Ergebnis ­
  unserer  bisherigen  Betrachtungen,  mit  innerer  Notwendigkeit ­
  zum  Kapitalismus.  Der  versuch,  die  Entwicklung  der  individualistischen ­
  Wirtschaftsordnung  in  die  Bahnen  der  Konsumgenossenschaft ­
  oder  der  Arbeiterproduktivgenossenschaft  zu  lenken,
ist  gescheitert  und  wird  immer  wieder  scheitern,  hält  man  an  der
individualistischen  Wirtschaftsordnung  fest,  so  gibt  es  kein  Ausweichen
vor  der  kapitalistischen  Produktionsweise.  Der  Sieg  der  Lrwerbswirtschaft
  und  der  Unternehmung  über  den  Genossenschaftssozialiswus
  ist  auf  dem  Boden  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung
unbedingt  sicher,-  die  immanenten  Gesetze  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung ­
  selbst  bedingen  diesen  Sieg,  so  würde  der  Marxis-Ulus
  es  ausdrücken.  Die  Stellungnahme,  die  gegenüber  der  individualistischen ­
  Wirtschaftsordnung  einzig  und  allein  in  Betracht  kommt,
kst  daher  die,  daß  man  zu  ihr  sagt:  Sit  ui  est  aut  non  sit!
Die  radikale  Richtung  des  Sozialismus  hat  sich  in  dieser  Alter-Uative
  bekanntlich  für  das  „non  sit“  entschieden.
Was  will  der  Sozialismus,  und  wie  ist  er  entstanden?  Das  wesen
k&amp;gt;es  Sozialismus  lernen  wir  am  besten  kennen,  wenn  wir  mit  der
Detrachtung  seiner  strengsten  und  extremsten  Richtung  beginnen,  die
        <pb n="64" />
        übrigens  auch  die  in  der  sozialistischen  Literatur  zuerst  auftretende
ist.  Diese  Richtung  strebt  danach,  das  oberste  Rechtsprinzip,  auf  dem
die  heutige  Wirtschaftsordnung  beruht,  aufzuheben  und  durch  das
entgegengesetzte  Rechtsprinzip  zu  ersetzen.  Vas  oberste  Rechtsprinzip
der  heutigen  Wirtschaftsordnung  ist  aber,  wie  früher  gezeigt  wurde,
nicht  das  Privateigentum  an  sich,  das  selbst  erst  wieder  eine  Ronsequenz
  dieses  Rechtsprinzips  ist,  sondern  es  ist  der  Grundsatz  der  wirtschaftlichen ­
  Selbstverantwortlichkeit  des  einzelnen.  Rn  Stelle  dieses
Rechtsprinzips  soll  nach  sozialistischer  Ruffassung  gerade  das  entgegengesetzte ­
  für  das  Verhalten  des  Staats  zum  Wirtschaftsleben  bestimmend ­
  werden.  Der  Staat  soll  selbst  die  Fürsorge  für  die  wirtschaftliche ­
  Existenz  seiner  Bürger  übernehmen.  Sn  Übereinstimmung  mit
dem  in  'der  Wissenschaft  herrschenden  Sprachgebrauch  wollen  wir
diese  Richtung  des  Sozialismus,  die  den  sozialistischen  Standpunkt
zweifellos  am  reinsten  und  konsequentesten  durchführt,  als  Rommunismus ­
  bezeichnen.  Im  Mittelpunkt  des  spezifisch  kommunistischen ­
  Gedankenkreises  steht  dem  Gesagten  gemäß  die  Forderung  des
„Rechts  auf  Rrbeit",  d.  h.  die  Sicherung  der  wirtschaftlichen  Existenz ­
  der  einzelnen  durch  den  Staat,  und  zwar  nicht  bloß  im  Sinne
eines  Rnspruchs  auf  Rrbeitslosenunterstützung,  den  derjenige  geltend ­
  machen  kann,  dem  es  nicht  gelingt,  eine  Stelle  zu  finden,  sondern
im  Sinne  der  Forderung,  daß  der  Staat  eine  Grganisation  der  Wirtschaft ­
  schafft,  die  die  Möglichkeit  der  Stellenlosigkeit  von  vornherein ­
  ausschließt.  Die  wirtschaftliche  Existenz  der  Mitglieder  des  Gemeinwesens ­
  soll,  so  will  der  Sozialismus,  überhaupt  von  allen  Zufälligkeiten ­
  der  Geburt  und  allen  Schwankungen  der  Ronjunktur  unabhängig ­
  gemacht,  sie  soll  vom  Staate  auf  eine  gesicherte  und  für
alle  möglichst  gleiche  Grundlage  gestellt  werden.
Garantie  der  wirtschaftlichen  Existenz  aller  Staatsbürger ­
  durch  den  Staat  ist  das  eigentliche  Ziel  und  der  eigentliche ­
  Grundgedanke  des  Sozialismus.  Die  Rufhebung  des  Privateigentums ­
  und  die  Einführung  des  Gemeinbesitzes  an  den  Produktionsmitteln, ­
  die  die  gewöhnliche  oberflächliche  Betrachtung  der  Dinge
        <pb n="65" />
        Das  sozialistische  Rechtsprinzip

61

so  oft  als  das  Ziel  des  Sozialismus  hinstellt,  ist  nicht  sein  eigentliches ­
  Ziel,  sondern  nur  das  Mittel,  das  Ziel  zu  erreichen.  Wenn
der  Staat  imstande  sein  soll,  die  ihm  vom  Sozialismus  zugewiesene ­
  Aufgabe  zu  erfüllen,  dann  muß  er  aber  nicht  nur  die  versügung
  über  die  erforderlichen  sachlichen  Produktionsmittel  haben,
sondern  er  muß  auch  in  der  Lage  sein,  über  die  Arbeitskräfte
seiner  Bürger  verfügen  zu  können.  Denn  das  eine  ist  für  die  Produktion ­
  so  unentbehrlich  wie  das  andere.  Gemeinbesitz  an  den
Produktionsmitteln  und  allgemeine  Arbeitspflicht,
wenn  auch  mit  einer  gewissen  Abstufung  nach  Alter,  Geschlecht  u.  dgl.,
sind  daher  die  grundlegenden  Aechtseinrichtungen  jedes  kommunistischen ­
  Gemeinwesens.
Mit  dem  Bestehen  dieser  und  der  anderen  kommunistischen  Einrichtungen ­
  ist  aber  eine  Freiheit  der  Arbeit  in  dem  heutigen  Sinne,
die  dem  Arbeiter  gestattet,  nach  Belieben  seine  Stelle  und  den  Grt
seiner  Beschäftigung  zu  wechseln,  schlechterdings  nicht  vereinbar.  Der
Anerkennung  dieser  unangenehmen  Tatsache  suchen  die  Sozialisten
sich  gern  durch  eine  umschreibende  Bezeichnung  der  Zwangseinrichiungen
  des  Zukunftsstaates  zu  entziehen.  So  schreibt  Bebel  in  seinem
weitverbreiteten  Buche  über  die  Frau  und  den  Sozialismus  zu  diesem ­
  Punkte  folgendes:  „Die  Arbeitspflicht  aller  Arbeitsfähigen,  ohne
Unterschied  des  Geschlechts,  wird  das  Grundgesetz  der  sozialisierten
Gesellschaft....  Jeder  entscheidet,  in  welcher  Tätigkeit  er  sich  beschäftigen ­
  will.  ...  Stellt  sich  auf  dem  einen  Gebiet  ein  Überschuß,
Mf  dem  anderen  ein  Mangel  an  Kräften  heraus,  so  hat  die  Verwaltung ­
  die  Arrangements  zu  treffen  und  einen  Ausgleich  herbeizuführen." ­
  Derartige  „Arrangements"  setzen  aber  eine  Behörde,
Zeiche  den  einzelnen  Bürgern  mit  zwingender  Gewalt  befehlen  kann,
Und  bei  letzteren  das  Bestehen  einer  Gehorsamspflicht  voraus,  die,
'wie  ein  Sozialdemokrat  Bebel  treffend  entgegengehalten  hat,  das
pecht  der  Freizügigkeit  und  der  freien  Berufswahl,  wie  sie  heute  besiehen.
  zum  größten  Teil  aufheben  würden.  Daß  man  die  Behörde,
^ie  diese  Anordnungen  erläßt,  nicht  mehr  Staat  nennt,  sondern  „ausbohle, ­
  Uapitalismus  und  Sozialismus,  2.  Hufs.  5
        <pb n="66" />
        62

1,4.  Der  Sozialismus

führendes  Verwaltungskollegium",  wie  das  Bebel  tut,  ändert  au
dem  Wesen  der  Sache  nichts.
Ebenso  wie  aus  die  Freiheit  der  Arbeit,  legt  der  Kommunismus
auch  auf  die  Aufrechterhaltung  der  Freiheit  des  Konsums  keinen
Wert  mehr.  Der  Staat  bestimmt,  was  jeder  Bürger  bekommt  und  was
er  verzehren  darf.  So  wird  auch  in  dem  Entwurf  einer  Denkschrisi
zur  Sozialisierung  Sachsens,  der  Anfang  1919  von  Dr.  Gtto  Neurath, ­
  w.  Schumann  und  h.  Rranold  veröffentlicht  wurde,  jedem ­
  Sachsen  die  Zuordnung  einer  Mindestmenge  von  Wohnung,
Nahrung,  Kleidung,  Bildungs-  und  Vergnügungsmöglichkeiten  ti*
Aussicht  gestellt.  Der  kommunistische  Staat  braucht  unter  diesen  Umständen ­
  auch  die  Einrichtung  des  Geldes  nicht  mehr.  Denn  die  Bedeutung ­
  und  die  Notwendigkeit  des  Geldes  wurzelt  ja  wesentlich  darin,
datz  das  Geld  die  Freiheit  des  Konsums  verbürgt.
Was  der  Kommunismus  für  die  Aufgabe  der  wirtschaftlichen  Freiheit ­
  verspricht,  das  ist  also  Sicherung  der  ökonomischen  Existenz  aller
und  Herstellung  einer  nahezu  vollständigen  ökonomischen  Gleichheit
unter  den  Menschen.
Der  Kommunismus  in  diesem  Sinne  ist  die  älteste  und  urwüchsigste ­
  Form  des  Sozialismus.  Seitdem  der  Engländer  Thomas  Morus ­
  an  der  Schwelle  der  Neuzeit  im  Zähre  1516  in  seiner  Schilderung
der  Zustände  auf  der  Insel  Utopien  zum  ersten  Male  das  6$
eines  kommunistischen  Gemeinwesens  entworfen  hat,  sind  zahlreich^
ähnliche  Schilderungen  des  kommunistischen  Zukunftsstaates  entstanden. ­
  vor  allem  seit  dem  18.  Jahrhundert  werden  sie  immer  häufiger. ­
  1766  macht  der  Franzose  Morellp  in  seinem  Code  de  l a
Nature  sogar  zum  ersten  Male  den  versuch,  die  Einrichtungen  ein^
kommunistischen  Gemeinwesens  als  Paragraphen  eines  Gesetzbuchs
zu  formulieren.  Unter  dem  Einflüsse  Morellps  hat  auch  GracchU^
Babeuf  1796/96  feinen  bekannten  versuch  unternommen,  der  grotz^
Französischen  Revolution  eine  ihr  an  sich  fremde  Richtung  zum  Sozialismus ­
  hin  zu  geben.  Allein  die  Verschwörung  des  Babeuf  wur^
        <pb n="67" />
        Die  Entwicklung  der  kommunistischen  Ideen

63

I&amp;gt;S
aift

rf

g&amp;gt;
in

iiii-




ue*

it
fr
V
'S
ld
¥\
*\
v
ln
fi
?!
i  *
&amp;gt;n  j
o&amp;gt;
n

im  Keime  erstickt,  und  sein  Unternehmen,  der  französischen  Revolution ­
  einen  kommunistisch-proletarischen  Charakter  zu  verleihen,
blieb  eine  Episode.
Ruch  im  19.  Jahrhundert  hat  der  kommunistische  Gedanke  in  der
Literatur  noch  zahlreiche  Vertreter  gefunden.  Rus  den  letzten  Jahrzehnten ­
  seien  außer  Bellamys  bekanntem  „Rückblick  aus  dernJahre
2000"  hier  nur  noch  Bebels  Luch  über  die  frau  und  den  Sozialismus, ­
  Ballods  „Zukunftsstaat"  (2.  Rufl.  1919),  „Der  Kommunismus" ­
  von  Eduard  Palpi  (Berlin  1919),  sowie  Popper-Lpnkeus,
  „die  allgemeine  Rährpflicht"  (1913),  genannt.  Der  Zukunftsstaat, ­
  von  dem  diese  Rutoren  ein  Bild  zu  entwerfen  suchen,
zeigt  alle  Züge  des  unverfälschten  Kommunismus,  wenn  daneben
auch  von  einigen  Rutoren  der  versuch  gemacht  wird,  von  den  heutigen ­
  Einrichtungen  verschiedenes  beizubehalten  und  Kommunismus
und  Individualismus  nebeneinander  bestehen  zu  lassen.  So  alt  die
kommunistische  Literatur  nun  auch  schon  ist  —  sie  hätte  während ­
  des  Weltkriegs  das  Jubiläum  ihres  vierhundertjährigen  Bestehens ­
  feiern  können  —,  so  ist  es  doch  auffallend,  einen  wie  geringen ­
  inneren  fortschritt  diese  Literatur  zeigt.  Rkan  kann  nicht
sagen,  daß  der  kommunistische  Zukunftsstaat  im  Laufe  dieser  mehrhundertjährigen ­
  Entwicklung  nun  wirklich  greifbare  Gestalt  und
lebensvolle  Züge  angenommen  hätte.  Sein  Bild  ist  bei  den  Kommunisten ­
  des  19.  Jahrhunderts  noch  ebenso  verschwommen  und  unklar
wie  bei  denen  der  vorhergehenden  Jahrhunderte.  Die  ganze  Literaturgattung ­
  ist  in  der  Beschreibung  der  allgemeinsten  Einrichtungen ­
  steckengeblieben  und  bietet  überwiegend  nur  kleine  Variationen ­
  über  das  von  Morus  in  seiner  Utopia  behandelte  Thema,
ohne  aber  dem  schon  von  diesem  entworfenen  Grundbild  wesentlich
neue  Züge  hinzufügen  zu  können.  Nur  in  solchen  Punkten,  wie  der
Dauer  der  täglichen  Rrbeitszeit,  die  in  dem  Zukunftsstaat  für  nötig
gehalten  wird,  unterscheiden  sich  etwa  die  verschiedenen  Rutoren.
Die  Rrbeitszeit,  in  der  einzelne  von  ihnen  alles  für  die  Versorgung
der  Bevölkerung  Nötige  glauben  produzieren  lassen  zu  können,  ist
        <pb n="68" />
        64

!,  4.  ver  Sozialismus

erstaunlich  kurz.  Nach  Nebel  sollte  sogar  schon  eine  2Vsstündige
tägliche  Nrbeit  der  erwachsenen  männlichen  Bevölkerung  genügen,
um  die  notwendigsten  Bedürfnisse  aller  zu  decken!
Auffallend  ist  auch,  wie  wenig  die  moderne  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens ­
  —  die  Entstehung  der  Weltwirtschaft  —  Einfluß  auf
den  Inhalt  der  kommunistischen  Literatur  gewonnen  hat.  Die  Tatsache, ­
  daß  das  Wirtschaftsleben  heute  in  Reichen  organisiert  ist,  die
viele  Millionen  von  Menschen  umfassen,  wird  von  einem  großen
Teil  der  Kommunisten  immer  noch  einfach  ignoriert,  wie  ein  solches ­
  Millionenreich  oder  gar  die  Weltwirtschaft  auf  kommunistischer
Basis  organisiert  werden  könnte,  dafür  einen  Weg  anzugeben,  das
geht  offenbar  über  ihr  vermögen.  Und  so  begnügen  sie  sich  damit, ­
  Bilder  von  kommunistischen  Gemeinwesen  zu  entwerfen,  die
sich  aus  sehr  kleinen  Gebieten  und  Bevölkerungszahlen  zusammensetzen, ­
  etwa  gar  nur  eine  Stadt  mit  dem  nächsten  Landbezirk  umfassen. ­
  wie  bei  diesem  Zustand  die  heutige  billige  industrielle  Technik, ­
  die  für  ihre  Massenproduktion  große  Marktgebiete  voraussetzt,
soll  beibehalten  werden  können,  bleibt  das  Geheimnis  des  Kommunismus.
  ver  Kommunismus  ist  eben  heute  noch  genau  so  wie  vor
Jahrhunderten  „Utopie",  d.  h.  er  vernachlässigt  die  realen  Bedingungen ­
  des  Wirtschaftslebens  und  der  menschlichen  Natur.  Dieses
seines  utopischen  Charakters  ist  sich  ein  großer  Teil  der  kommunistischen ­
  Literatur  auch  selbst  sehr  wohl  bewußt.  Die  häufige  wähl
der  Nomanform  für  die  kommunistische  Literatur,  die  Verlegung  des
Schauplatzes  der  geschilderten  kommunistischen  Gemeinwesen  entweder
an  unbekannte  Grte  oder  in  Zeiten,  die  von  der  Gegenwart  durch
Jahrhunderte  getrennt  sind,  das  alles  sind  deutliche  Bekenntnisse
der  Unfähigkeit  der  Kommunisten,  von  den  Verhältnissen  der  Gegenwart ­
  eine  Brücke  zu  schlagen  zu  den  Einrichtungen  ihres  Zukunftsstaats. ­
  Und  neuerdings  vermeiden  die  Kommunisten,  wenn  sie  eine
Schilderung  ihres  Zukunftsstaats  entwerfen,  überhaupt  ängstlich  das
Wort  „Kommunismus".  Sie  sprechen  dafür  schamhaft  nur  von  der
„Verwaltungswirtschaft"  oder  der  „Bedarfswirtschaft",  die  sie  ein-
        <pb n="69" />
        Der  wissenschaftliche  Sozialismus

65

führen  wollen.  Als  ob  der  Kommunismus  dadurch,  daß  man  ihm
ein  anderes  Etikett  aufklebt,  feine  Natur  veränderte!
So  stattlich  die  Zahl  der  Vertreter  des  kommunistischen  Gedankenkreises ­
  im  ly.  Jahrhundert  auch  noch  ist,  so  ist  die  kommunistische ­
  Richtung  in  diesem  Zeitraum  an  Bedeutung  und  Einfluß  auf
die  Massen  doch  weit  überflügelt  worden  durch  eine  andere  sozialistische
Richtung,  den  sogenannten  wissenschaftlichen  Sozialismus.
Oer  wissenschaftliche  Sozialismus  hat  zwar  ebenfalls  in  England
und  Frankreich  begonnen  —  aus  England  find  vor  allem  die  Namen
von  William  Thompson  und  Thomas  hodgskin  zu  nennen.,  aus
Frankreich  gehört  p.  proudhon  hierher,  der  später  allerdings
den  Übergang  zum  Anarchismus  vollzogen  hat  —,  seine  eigentliche
Heimat  und  seine  bedeutendsten  Vertreter  hat  er  aber  in  Deutschland ­
  gefunden.  Außer  Lassalle,  Marx  und  Engels,  durch  deren
Lehren  er  eine  parteibildende  Kraft  von  gewaltiger  Macht  geworden ­
  ist,  ist  als  Hauptvertreter  dieser  Richtung  noch  der  in  weiteren
Kreisen  weniger  bekannte  Karl  Rodbertus  zu  nennen.")
Oer  wissenschaftliche  Sozialismus  ist  in  erster  Linie  eine  wissenschaftlich-kritische ­
  Richtung.  Er  übt  Kritik  an  der  Einkommensverteilung ­
  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung,  und  zwar  vor  allem
an  der  Existenz  eines  umfangreichen  arbeitslosen  Einkommens.
Olles  arbeitslose  Einkommen  beruht  nach  ihm  auf  Ausbeu-14)
  Auf  die  Geschichte  des  Sozialismus  kann  hier  nicht  näher  eingegangen
werden.  Tinen  guten  Überblick  über  die  Entwicklung  des  älteren  Sozialismus ­
  bis  zur  französischen  Revolution  bietet  das  werk  von  Georg  Adler,
Geschichte  der  Sozialismus  und  Rommunismus  von  Platon  bis  zur  Gegenwart, ­
  4.  Teil,  Leipzig  18yd.  Für  die  neueste  Seit  ist  vor  allem  zu  nennen:
kV.  Sombart,  Sozialismus  und  soziale  Bewegung,  7.  Ausl.,  1919.  Zur
schnellen  Orientierung  sind  auch  gut  geeignet:  R.  Viehl,  Über  Sozialismus,
Kommunismus  und  Anarchismus.  Jena  1906;  w.  Ed.  Biermann,  Anarchismus ­
  und  Rommunismus.  Leipzig  1906;  w.  Sombart,  Grundlagen  und
Kritik  des  Sozialismus,  2  Bde.,  Berlin  1919.  Ein  ganz  vortreffliches  Buch,
das  insbesondere  zum  psychologischen  Verständnis  des  Sozialismus  vielfach
neue  Gesichtspunkte  bietet,  ist  endlich  noch  das  Werk  von  Zritz  G  erlich,
Der  Rommunismus  als  Lehre  vom  Tausendjährigen  Reich.  München  1920-
        <pb n="70" />
        66

1,4.  Der  Sozialismus

tung.  Denn  er  erkennt  nur  einen  Produktionsfaktor  an:  die  Krbeit.
  Die  Herstellung  der  Güter  kostet  der  wirtschaftenden  Menschheit ­
  nach  seiner  Auffassung  Arbeit  und  nichts  als  Arbeit.  Jedes
Einkommen,  das  auf  anderen  Rechtstiteln  als  Arbeit  beruht,  ist  ihm
also  ein  ungerechtfertigter  Abzug  am  Ertrag  der  Arbeit  anderer.
Me  es  gar  nicht  anders  sein  kann,  so  steht  hinter  dieser  von  einer
sehr  unzulänglichen  nationalökonomischen  Theorie  ausgehenden  Nritik
  aber  zugleich  die  Vorstellung  eines  bestimmten  Gesellschaftsideals.
Dieses  Gesellschaftsideal  ist  sogar  die  eigentliche  Grundlage  des
wissenschaftlichen  Sozialismus.  Richt  die  nationalökonomische  Theorie ­
  des  wissenschaftlichen  Sozialismus  hat  fein  Gesellschaftsideal  geschaffen, ­
  sondern  umgekehrt,  weil  diesen  Sozialisten  ein  bestimmtes
Gesellschaftsideal  vorschwebte,  deshalb  sind  sie  zu  ihrer  nationalökonomischen
  Theorie  gekommen  und  halten  so  zäh  an  ihr  fest.  Rarl
Marx  war  schon  lange  Sozialist,  ehe  er  den  Mehrwert  entdeckte.
Der  Schopenhauersche  Satz  von  dem  willen,  der  sich  den  Intellekt ­
  zu  seinem  Dienste  geschaffen  hat,  trifft  auch  hier  zu.
Die  Vertreter  des  wissenschaftlichen  Sozialismus,  und  ganz  besonders ­
  die  Marxisten,  haben  e;  allerdings  vorsichtig  vermieden,  ein
zusammenhängendes  Bild  ihres  Zukunftsstaates  zu  entwerfen.  Bei
den  Marxisten  bildete  es  sogar  einen  Teil  ihres  Systems,  alles  Fragen
nach  den  Einrichtungen  des  Zukunftsstaates,  das  „Zukunftsstaatsfragespiel", ­
  als  überflüssige  und  alberne  Neugierde  zurückzuweisen. ­
  Die  wirtschaftliche  Entwicklung  werde  das  „hineinwachsen  in
den  Zukunftsstaat"  schon  ganz  von  selbst  besorgen,  ohne  daß  sich
die  Menschen  die  Näpfe  darüber  zu  zerbrechen  brauchten,  wenn  so
der  wissenschaftliche  Sozialismus  auch  über  die  ihm  vorschwebende
Gesellschaftsorganisation  sich  ausgeschwiegen  hat,  so  ist  es  doch  nicht
schwer,  die  wesentlichen  Züge  des  Zukunftsstaats,  der  nach  ihm  das
Ziel  der  Entwicklung  bildet,  zu  entwerfen.  Sie  ergeben  sich  aus
der  Nritik,  die  er  an  den  bestehenden  Einrichtungen,  andererseits
aber  auch  an  dem  Gesellschaftsibeal  des  Nommunismus  geübt  hat,
gewissermaßen  von  selbst.
        <pb n="71" />
        Das  kollektivistische  Gesellschaftsideal

67

Das  Gesellschaftsideal  des  wissenschaftlichen  Sozialismus,  das  wir
fl Is  „Kollektivismus"  bezeichnen  wollen,  unterscheidet  sich  in
wichtigen  Punkten  von  dem  des  Kommunismus,  während  im  Mittelpunkt ­
  des  kommunistischen  Gedankenkreises  der  Gedanke  des  Rechts
«uf  Existenz  und  Einkommen  steht,  steht  im  Mittelpunkt  des  kollektivistischen ­
  Programms  die  Forderung  der  Beseitigung  des
Arbeitslosen  Einkommens.  Zu  diesem  Zweck  fordert  der  Kollektivismus ­
  ebenso  wie  der  Kommunismus  eine  Eigentumsordnung,  in
^r  dem  Staat  das  Eigentum  an  den  gesamten  Produktionsmitteln  zusteht. ­
  Daß  der  Staat  auch  die  Leitung  der  Produktion  auf  allen  Gebieten
selbst  in  die  Hand  nimmt,  ist  bei  diesem  Zustand  aber  nicht  unbedingt
vötig.  Da,  wo  der  Großbetrieb  herrscht  und  sich  als  die  überlegene  Betriebsform ­
  erweist,  hält  das  allerdings  auch  der  Kollektivismus  für
votig.  Nicht  dagegen  ist  es  nötig  auf  den  Gebieten,  wo  der  Kleinbetrieb
Taft  ebenso  gut  und  billig  zu  produzieren  vermag  wie  der  Großbetrieb,
also  insbesondere  in  der  Landwirtschaft.  Für  die  Landwirtschaft
^gnügen  sich  daher  manche  Kollektivisten  —  ganz  einig  sind
Kollektivisten  in  diesem  wichtigen  Punkte  allerdings  nicht  —  mit
üern  Programm  der  Bodenreformbewegung.  Der  Betrieb  der  Landwirtschaft ­
  selbst  soll  individualistisch  bleiben,  nur  soll  die  Grundrente ­
  nicht  mehr  einzelnen  Privatpersonen  zufließen,  sondern  der
Gesamtheit.  Die  Landwirte  sollen  mit  anderen  Worten  nicht  mehr
als  Eigentümer  auf  ihrer  Scholle  sitzen,  sondern  als  Pächter,  wählend ­
  der  Staat  Eigentümer  des  gesamten  Grund  und  Lodens  wird,
öel  der  städtischen  Wohnungsproduktion  wird  sich  dieses  System  allerdings ­
  kaum  in  Anwendung  bringen  lassen.  Da  wird,  wenn  man  die
Gemeinde  zur  Eigentümerin  des  gesamten  Grund  und  Lodens  macht,
Nichts  anderes  übrigbleiben,  als  ihr  auch  den  Wohnungsbau  und
^le  ganze  Wohnungsvermietung  zu  übertragen,  wenn  wirklich  mit
l&amp;gt;er  Beseitigung  des  privaten  Bezugs  von  arbeitslosem  Einkommen
Ernst  gemacht  werden  soll.
Don  dem  Kommunismus  weicht  der  Kollektivismus  vor  allem
dadurch  ab,  daß  er  sein  Gesellschaftsideal  glaubt  erreichen  zu  können,
        <pb n="72" />
        68

1,4.  Der  Sozialismus

ohne  auf  die  wirtschaftlichen  Freiheitsrechte,  die  der  Staatsbürger  in  f
der  heutigen  Wirtschaftsordnung  genießt,  verzichten  zu  müssen.  So  c
versichern  die  Anhänger  des  wissenschaftlichen  Sozialismus  regel-  &amp;gt;
mäßig,  daß  auch  in  ihrem  Zukunftsstaat  die  freie  Ledarfsbildung,  i
die  heute  herrscht,  bestehen  bleiben  soll,  daß  jeder  selbst  soll  ent-  i
scheiden  können,  was  er  konsumieren  will.  Zu  diesem  Zweck  wollen  '
sie  auch  das  Geld  etwa  in  Form  von  Bescheinigungen  über  die  gelei-  '
stete  Arbeit  beibehalten,  aus  Grund  deren  dann  jeder  aus  den  Warenlagern ­
  der  Gesellschaft  das  ihm  Zusagende  in  entsprechenden  Wengen ­
  entnehmen  kann.  Und  ebenso  wie  die  Freiheit  des  Konsums
soll  im  kollektivistischen  Staat  auch  die  Freiheit  der  Arbeit  erhalten
bleiben,  letztere  wenigstens  in  dem  Sinne,  daß  der  Arbeiter  selbst
bestimmen  kann,  in  welchem  produktionszunige  er  beschäftigt  sein  will.
Daß  der  wissenschaftliche  Sozialismus  Freiheit  des  Konsums  und
Freiheit  der  Arbeit  in  seinem  Zukunftsstaat  aufrechterhalten  will,
darf  man  als  ein  wertvolles  Zugeständnis  buchen.  Er  gibt  damit
zu  erkennen,  daß  er  die  soziale  Bedeutung  dieser  Einrichtungen  rich
tig  erkannt  hat.  Dem  Menschen  diese  Einrichtungen  nehmen,  heißt
ihm  seine  würde  nehmen  und  ihm  etwas  zumuten,  was  gegen  seine
Natur  geht.  Line  ganz  andere  Frage  ist  es  nun  aber,  ob  im  kollektivistischen ­
  Gemeinwesen  Freiheit  des  Konsums  und  Freiheit  der  Arbeit ­
  sich  wirklich  auf  die  Dauer  werden  aufrechterhalten  lassen.  AN
dem  guten  Villen  und  der  ernsten  Absicht  vieler  Anhänger  des  wissenschaftlichen ­
  Sozialismus,  diese  Einrichtungen  wirklich  einzuführen,
soll  damit  nicht  im  geringsten  gezweifelt  werden,  es  fragt  sich  nur
eben,  ob  die  Umstände  ihnen  auch  gestatten  werden,  ihr  versprechen
einzulösen.  Die  sozialen  Einrichtungen  haben  ihre  eigene  Logik.  Er
kommt  nicht  darauf  an,  welche  Zusammenstellungen
von  sozialen  Einrichtungen  uns  in  den  Parteiprogrammen ­
  versprochen  werden,  sondern  welche  Einrichtungen ­
  durch  die  Natur  der  Dinge  innerlich  miteinander
verknüpft  sind  und  daher  notwendig  auseinander  folgen.  Unsere
Sozialisten  schalten  und  walten  auf  dem  geduldigen  Papier  mit  den
        <pb n="73" />
        KoIIcltitrismus  und  wirtschaftliche  Freiheit

69

sozialen  Institutionen  gern  wie  mit  den  Bausteinen  eines  Baukastens,
aus  denen  man  beliebige  Figuren  zusammensetzen  kann.  In  Wahrheit ­
  lassen  sich  die  sozialen  Systeme  aber  nicht  beliebig  durcheinander
mischen  und  zusammensetzen,  wenn  man  wirklich  lebensfähige  Gebilde ­
  erhalten  will.  In  der  Verkennung  der  Gesetzmäßigkeit,  die  auch
in  den  sozialen  Dingen  waltet,  liegt  der  größte  und  ursprünglichste
aller  Irrtümer  des  Sozialismus.
Insbesondere  ist  in  dieser  Beziehung  nun  festzustellen:  Freiheit
des  Konsums  und  Freiheit  der  Arbeit  sind  in  einem  kollektivistischen
Gemeinwesen  auf  die  Dauer  unmöglich.  Venn  aus  ihnen  ergeben  sich
notwendig  die  Erscheinungen,  zu  deren  Bekämpfung  und  Beseitigung
recht  eigentlich  der  Übergang  zum  Kollektivismus  verlangt  wird.  Solange ­
  Freiheit  der  Arbeit  und  Freiheit  des  Konsums  bestehen  bleiben,
ist  es  vor  allem  unmöglich,  das  Ideal  des  Kollektivismus  in  bezug
auf  die  Einkommensverteilung  zu  verwirklichen.  Die  Ziele  des  Kollektivismus ­
  auf  diesem  Gebiete  gehen  aber  nicht  nur  dahin,  den  Bezug
des  arbeitslosen  Einkommens  radikal  zu  beseitigen,  sondern  auch
die  Höhe  des  Einkommens  der  einzelnen  abzustufen  nach  der  Art
ihrer  Arbeitsleistung  und  der  Bedeutung,  die  ihre  Arbeitsleistung
sür  die  Gesellschaft  hat.  In  dieser  Beziehung  unterscheidet  sich  der
Kollektivismus  ja  ebenfalls  zunächst  vom  Kommunismus.  Er  verlangt ­
  nicht  vollständige  Gleichheit  des  Einkommens  für  alle,  sondern
er  läßt  Unterschiede  der  Einkommenshöhe  zwischen  den  einzelnen
nach  der  Größe  ihrer  Arbeitsleistungen  und  der  gesellschaftlichen
Bedeutung  der  einzelnen  Arten  der  Arbeit  zu.  wenn  der  Kollektivismus ­
  dabei  aber  wirklich  eine  feste  Skala  für  die  Entlohnung  der
einzelnen  Arbeitsarten  einführen,  wenn  er  das  jetzige  Auf-  und  Abschwanken ­
  der  Löhne  nach  dem  wechselnden  Verhältnis  zwischen  Angebot ­
  und  Nachfrage  auf  dem  Arbeitsmarkt  beseitigen  und  damit
der  Forderung  der  Arbeiter  nach  Abschaffung  des  verhaßten  „Lohnshstems",
  das  ja  nichts  anderes  bedeutet  als  die  Regulierung  der
Lohnsätze  nach  der  Nachfrage  der  Konsumenten  einerseits  und  dem
^udrang  zu  den  einzelnen  Berufen  andererseits,  Genüge  tun  will,
        <pb n="74" />
        70

I,  4.  Der  Sozialismus

so  wird  ihm  gar  nichts  anderes  übrigbleiben,  als  in  die  Freiheit
des  Konsums  oder  in  die  Freiheit  der  Arbeit,  wahrscheinlich  aber
in  beide,  tiefe  Eingriffe  zu  machen.  Die  Aufrechterhaltung  der  vom
Kollektivismus  zur  gerechten  Entlohnung  aller  Arbeitsarten  aufgestellten ­
  Skala  ist  auf  jeden  Fall  mit  der  Freiheit  des  Konsums
und  der  Freiheit  der  Arbeit  auf  die  Dauer  unvereinbar?!-)  Vieser
Satz  ist  ebenso  sicher  und  zwingend  wie  der  mathematische  Satz,
daß  die  Summe  der  Winkel  in  einem  Dreieck  nicht  größer  als  180°
sein  kann,  und  daß  daher,  wenn  die  Größe  zweier  Winkel  gegeben ­
  ist,  damit  auch  schon  über  die  Größe  des  dritten  bestimmt  ist.
So  gern  die  Leiter  des  kollektivistischen  Staats  vielleicht  auch  an
der  freien  Bedarfsbildung  festhalten  möchten,  so  wird  ihnen  unter
diesen  Umständen  bald  keine  Wahl  mehr  bleiben.  Die  Unmöglichkeit, ­
  die  Linkommensordnung  der  kollektivistischen  Gesellschaft  sonst
durchzuführen,  und  ebenso  die  Gefahr  des  Eintritts  von  Massenarbeitslosigkeit, ­
  die  mit  jedem  System  freier  Bedarfsdeckung  untrennbar ­
  verknüpft  bleibt,  wird  gebieterisch  zu  Eingriffen  in  die  Freiheit ­
  des  Konsums  und  notgedrungen  weiter  auch  in  die  Freiheit
der  Arbeit  drängen.
weiter  aber  wird  dem  kollektivistischen  Staat  kaum  das  Schicksal
erspart  bleiben,  daß  auch  seine  Linkommensordnung  selbst  Anfechtungen ­
  erfährt  und  sich  auf  die  Dauer  nicht  behaupten  kann,  weil
sie  den  Forderungen  der  sozialen  Gerechtigkeit  sehr  bald  als  nicht
mehr  entsprechend  empfunden  werden  wird.  Diese  Linkommensordnung ­
  kann,  wie  richtig  bemerkt  worden  ist,  ihre  Abstammung
aus  der  liberalen  Gedankenwelt  nicht  verleugnen;  der  mit  sozialem
Stilgefühl  Ausgestattete  wird  sie  sofort  empsinden.  Aus  der  Gedankenwelt ­
  des  eigentlichen  Sozialismus  werden  sich  daher  sehr  bald
folgende  Zweifel  und  Fragen  gegen  sie  erheben,  die  hasbach  vortrefflich ­
  formuliert  hat"):  „wer  wertvollere  Arbeit  verrichtet,  soll
15)  Den  genaueren  Nachweis  hierfür  siehe  bei  Tasfel,  Das  Recht  auf
den  vollen  Arbeitsertrag,  190V,  §.  60/61.
16)  w.  Dasbach,  Die  moderne  Demokratie,  1912,  S.  379.
        <pb n="75" />
        7!

Kollektivismus  und  Kommunismus

|  genießen  können?  Weshalb?  Empfindet  er  gewöhnlich  nicht
^  ^ne  höhere  Befriedigung  bei  seiner  Arbeit,  als  diejenigen,  die  im
schweiße  ihres  Angesichts  die  gröbsten  und  schmutzigsten  verrich-'
  ^ngen  auf  sich  nehmen  müssen?  Und  nun  soll  ihr  Anteil  an  den
!  b °k  ihnen  gewonnenen  Sachgütern  verkürzt  werden,  um  jenen  neben
I  ^r  geistigen  Freude  auch  noch  sinnliche  Vergnügen  zu  bereiten?
|  Außerdem!  wertvollere  Erzeugnisse  können  gewöhnlich  erst  nach
|  iiingerer  Erziehung  hervorgebracht  werden.  Auch  diese  wurde  ihnen
I  Weil.  während  die  Armen  an  Geist  sobald  wie  möglich  zu  geistloser
Arbeit  angehalten  werden."
6uf  diese  Einwände  und  Vorwürfe  dürfte  es  den  Vertretern  der
!  ^gierung  in  dem  Parlament  eines  kollektivistischen  Gemeinwesens
^vorausgesetzt.  daß  es  diese  veraltete  Einrichtung  dort  noch  gibt  und
i  die  Massen  es  nicht  vorziehen,  den  Staat  auf  einfacherem  Wege  zu
Agieren  —  sehr  schwer  werden,  etwas  Stichhaltiges  zu  erwidern.
Und  der  Schluß  aus  alledem?  Der  Kollektivismus,  der  so  gern
Q ' s  die  höhere,  die  wissenschaftlichere  Form  des  Sozialismus  gewiesen ­
  wird,  ist  in  Wahrheit  nur  eine  Halbheit.  Der  Kollektivismus ­
  wird  immer  nur  eine  Form  des  Übergangs  zum  völligen  Kommunismus ­
  sein  können.  Sobald  man  tiefer  in  die  Dinge  eindringt,
M&amp;gt;rd  man  unfehlbar  zu  dem  Ergebnis  kommen:  Ls  gibt  nur  eine
konsequente  und  in  sich  geschlossene  Form  des  Sozialismus. ­
  Vas  ist  der  Kommunismus.  Jeder  Sozialismus,  der
Mirklich  Ernst  machen  will  mit  der  Durchführung  der  sozialistischen
Zündsätze,  wird  schließlich  —  freiwillig  oder  gezwungen  —  beim
Kommunismus  ankommen.  Ls  gibt  auf  dieser  Bahn  kein  halten,  Nkit
^rselben  inneren  Notwendigkeit,  mit  der  das  individualistische  Ge-^llschaftssqstem
  zum  Kapitalismus  führt,  führt  das  sozialistische  zum
Kommunismus.  Insofern  ist  die  Entwicklung,  die  wir  jetzt  innerhalb
'  sozialistischen  Bewegung  erleben  und  die  ja  eben  dadurch  gekennzeichnet ­
  ist,  daß  der  einst  al;  ein  großartiger  Fortschritt  gepriesene
Mlssenschaftliche  Sozialismus  kläglich  zusammenbricht  und  vor  dem
Kommunismus  mit  seinen  primitiven  Instinkten  das  Feld  räumen
        <pb n="76" />
        72

1,4.  Der  Sozialismus

mutz,  kein  3ufdl. 17 )  Alles,  was  die  Vertreter  des  wissenschaftlichen
Sozialismus  des  letzten  Jahrhunderts  über  die  Möglichkeiten  eines  so-•
  zialistischen  Zukunftsstaats  mit  weitgehenden  wirtschaftlichen  Freiheitsrechten ­
  gesagt  haben  und  was  ihnen  von  manchen  wenig  kritischen ­
  bürgerlichen  Nationalökonomen  geglaubt  worden  ist,  das
ganze  lockende  Bild  von  der  Möglichkeit  einer  Versöhnung,  einer
Vereinigung  zwischen  Individualismus  und  Sozialismus,  beruht  auf
einer  großen  Selbsttäuschung.  Ls  gibt  nur  eine  einzige  Form  des
Sozialismus,  die  wirklich  möglich  ist  —  unter  welchen  Umständen
freilich  sie  einzig  und  allein  möglich  ist,  davon  wird  nachher  noch
die  Rede  sein  —,  das  ist  der  Rommunismus.  Die  wissenschaftlichen
Sozialisten,  die  den  Kommunismus  als  Utopie  verspottet  und  an
einen  sozialistischen  Zukunftsstaat  geglaubt  haben,  der  von  dem
harten  Zwang  des  Kommunismus  sich  freihalten  könne,  sind  in
ihrem  Glauben  an  eine  unmögliche  Gesellschaftsordnung  im  Grunde
viel  größere  Utopisten  als  die  ehrlich  und  folgerichtig  zu  allgemeinem ­
  Arbeitszwang,  allgemeiner  Zwangsregelung  des  Konsums  usw.
sich  bekennenden  Anhänger  des  Kommunismus.
In  der  Tatsache,  daß  der  Sozialismus,  sobald  man  ihn  zu  Ende
denkt,  notwendig  zum  Kommunismus  führt,  steckt  auch  der  Schlüssel
dafür,  weshalb  der  wissenschaftliche  Sozialismus  sich  so  hartnäckig
gesträubt  hat,  ein  Bild  seines  Zukunftsstaats  zu  entwerfen.  Die
Vertreter  dieser  Richtung  hatten  instinktiv  das  richtige  Gefühl:  Sobald ­
  wir  versuchen,  die  Einrichtungen  unseres  Zukunftsstaats  zu
schildern,  kommen  wir  an  Einrichtungen  kommunistischer  Natur  nicht
vorbei.  Die  breite  Angriffsfläche,  die  der  Kommunismus  der  Kritik
17)  Oie  einzelnen  Richtungen,  die  sich  innerhalb  der  ehemaligen  Sozialdemokratie ­
  entwickelt  haben  und  die  sich  ja  wesentlich  mit  durch  ihre  verschiedene ­
  Stellung  zum  Kommunismus  voneinander  unterscheiden,  näher  zu
charakterisieren,  gehört  nicht  zu  den  Aufgaben  dieser  Darstellung,  deren  Ziel
eine  prinzipielle  Auseinandersetzung  mit  dem  Kommunismus  selbst  ist.  Über
die  verschiedenen  politischen  Richtungen,  die  sich  innerhalb  des  Sozialismus
in  der  letzten  Zeit  gebildet  haben,  vgl.  Sombart,  Sozialismus  und  soziale
Bewegung,  7.  Aufl.,  S.  304ff.

«
        <pb n="77" />
        bietet,  wollten  sie  ihr  aber  aus  guten  Gründen  nicht  bieten,  und
so  kamen  sie  folgerichtig  dazu,  auf  jede  Schilderung  ihres  Gesellschaftsideals ­
  zu  verzichten  und  alles  vertrauensvoll  der  allmächtigen ­
  Entwicklung  zu  überlassen,  die  ganz  von  selbst  den  Zukunftsstaat ­
  schaffen  werde.  Dabei  spielt  freilich  auch  noch  mit,  daß  von  den
Marxisten  überhaupt  viele  im  Kommunismus  stecken  geblieben  sind,
wie  auch  Marx  und  Engels  selbst  nie  mit  Entschiedenheit  den  Schritt
»om  Kommunismus  zum  Kollektivismus  getan  haben.  —
Neben  Kommunismus  und  Kollektivismus  wird  als  dritte  Haupt-Achtung
  des  Sozialismus  gewöhnlich  noch  der  Staatssozialis-Wus
  genannt,  von  Staatssozialismus  zu  sprechen,  ist  allerdings
eigentlich  eine  Tautologie,  denn  Sozialismus  bedeutet  an  sich  schon
Zeitung  des  Wirtschaftslebens  in  mehr  oder  weniger  großem  Umsang ­
  durch  den  Staat.
Trotzdem  mag  der  Ausdruck  hier  beibehalten  werden,  da  er  sich
schon  seit  langem  zur  Bezeichnung  eines  gewissen  Typus  des  Sozialismus ­
  eingebürgert  hat.  wir  verstehen  darunter  die  Verstaatiichung
  einzelner  Produktionszweige  wie  der  Eisenbahnen  und  anberer
  Verkehrsanstalten,  der  Versorgung  des  Wirtschaftslebens  mit
Elektrizität,  einzelner  Zweige  des  Bergbaues  usw.  Im  allgemeinen
aber  wird  die  private  Initiative  und  die  private  Unternehmung
aufrechterhalten,  und  insbesondere  wird  an  der  wirtschaftlichen
belbstverantwortlichkeit  der  einzelnen  nichts  geändert.  Bei  dieser
Art  des  Sozialismus  kommt  alles  auf  das  Maß  an.  Solange  die
Sozialisierung  oder,  wie  man  dafür  neuerdings  vielfach  sagt,  Nationalisierung ­
  nur  einige  wenige  Produktionszweige  erfaßt,  entfernt
sich  der  Sozialismus  nur  wenig  von  der  bestehenden  Wirtschaftsordnung. ­
  In  dem  Maße  dagegen,  wie  die  Sozialisierung  immer  mehr
Zweige  umfaßt,  wird  die  Entfernung  von  der  heutigen  Wirtschaftsordnung ­
  größer  und  größer.  Für  eine  Verstaatlichung  einzelner
Industrien,  etwa  um  dem  Staat  durch  die  Schaffung  von  Finanzwonopolen
  neue  ergiebige  Steuerquellen  zu  erschließen,  oder  auch,
um  in  Industrien,  in  denen  aus  natürlichen  Gründen  die  Konkurrenz
        <pb n="78" />
        74

1,4.  Der  Sozialismus

nicht  recht  wirksam  zu  werden  vermag,  die  Gefahr  zu  beseitigen,
dast  das  Privatkapital  dauernd  abnorm  hohe  Unternehmergewinne  |
bezieht,  kann  ja  auch  der  eintreten,  der  im  übrigen  durchaus  auf
dem  Loden  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  steht.  Dar
Mast  von  Sozialisierung,  das  in  diesen  Grenzen  sich  hält,  kann  man
kaum  schon  als  wirklichen  Sozialismus  bezeichnen.  Der  Staatssozialismus ­
  ist  daher  ein  Zugeständnis,  das  bis  zu  einem  gewissen  Grade  j
sehr  wohl  vom  Individualismus  gemacht  werden  kann,  ohne  daß
dieser  sich  selbst  aufgibt.  In  den  eigentlichen  Sozialismus  fängt
der  Staatssozialismus  erst  da  an  einzumünden,  wo  die  Sozialisierung
blost  um  der  Sozialisierung  willen  betrieben  wird,  ohne  dast  sich
besondere  Vorteile  nachweisen  lassen,  die  durch  die  Verstaatlichung
der  betreffenden  Erwerbszweige  erreicht  werden  sollen.  Solange  der
Staatssozialismus  diese  Grenze  aber  nicht  überschreitet,  über  deren
Vorhandensein  oder  Nichtvorhandensein  man  ja  im  einzelnen  Falle
auch  noch  verschiedener  Meinung  sein  kann,  liegt  kein  Grund  vor,  sich
über  ihn  sonderlich  aufzuregen.  Er  bedeutet  insoweit  noch  nicht  ei»e
neue  Wirtschaftsordnung,  sondern  nur  eine  Reformaktion  auf  des
Loden  der  bestehenden  Wirtschaftsordnung.  Es  gehört  daher  auch
nicht  zum  Plan  dieses  Schriftchsns,  näher  auf  ihn  einzugehen,  abgesehen ­
  von  der  Frage  der  wirtschaftlichen  Leistungsfähigkeit  des
Staatsbetriebs  im  allgemeinen,  die  uns  im  zweiten  Abschnitt  noch
-beschäftigen  wird.
Sobald  man  das  richtige  Verständnis  für  das  Wesen  des  Rechte
gedankens  gefunden  hat,  der  dem  Sozialismus  zugrunde  liegt,  wirb
man  es  selbstverständlich  finden,  dast  in  jeder  individualistischen  XDi^
schaftsordnung  auch  immer  eine  gewisse  sozialistische  Stimmung  o&amp;amp; ct
Disposition  für  den  Sozialismus  vorhanden  sein  wird.  Der  Sozialirmus
  begleitet  den  Individualismus  wie  der  Schatten  das  Licht.  3»  j
einer  Gesellschaftsordnung,  die  auf  dem  individualistischen  Rechtsprinzip ­
  beruht,  liegt  es  in  der  Natur  der  Dinge,  dast  Parteien  ode»
wenigstens  Gruppen  sich  bilden,  die  däs  individualistische  Rechts
Prinzip  verwerfen  und  dem  sozialistischen  vor  ihm  den  Vorzug  gebe»'
        <pb n="79" />
        Der  Ursprung  der  sozialistischen  Bewegung  7g
Vas  Vorhandensein  einer  sozialistischen  Bewegung  oder  wenigstens
Gesinnung  in  jeder  individualistisch  geordneten  Gesellschaft  entspricht
geradezu  einem  psychologischen  Gesetz.  Wenn  es  zwei  an  sich  mögliche ­
  Systeme  der  Ordnung  eines  sozialen  Gebiets  gibt,  so  wird  dasjenige ­
  System,  das  im  Leben  tatsächlich  herrscht,  selbst  wenn  es  ganz
unzweifelhaft  das  weitaus  bessere  ist,  doch  stets  einer  Opposition
begegnen,  die  zu  seiner  Abschaffung  auffordert.  Ver  Durchschnittsmensch ­
  neigt  regelmäßig  dazu,  von  dem  sozialen  System,  unter  dem
er  wirklich  lebt,  nur  die  Mängel  und  Unvollkommenheiten  zu  sehen,
die  guten  Seiten  dagegen  als  etwas  Selbstverständliches  hinzunehmen.
Für  gewöhnlich  nimmt  er  sie  eben  gar  nicht  wahr,  er  fängt  erst  an,
sie  zu  entdecken,  wenn  sie  ihm  verlorengehen,  von  dem  zur  Zeit  nicht
herrschenden  sozialen  System  dagegen  ist  er  umgekehrt  gestimmt,  nur
die  guten  Seiten  zu  sehen,  seine  Übel  dagegen,  eben  weil  er  nicht  unter
ihnen  zu  leiden  hat,  weil  sie  höchstens  vorgestellte  Übel  sind,  geringzuschätzen, ­
  sie  gewissermaßen  nur  in  perspektivischer  Verkleinerung  zu
sehen.  So  ist  ja  die  bekannte  Erscheinung  zu  erklären,  daß  die  Menschen ­
  auf  allen  Gebieten  die  Einrichtungen  verurteilen,  die  gerade  eingeführt ­
  sind,  und  sich  nach  denen  sehnen,  die  zur  Zeit  nicht  bestehen.
Diese  Denkweise,  von  der  die  Gattung  horno  sapiens  bei  ihren
politischen  Urteilen  sehr  stark  sich  leiten  läßt,  schafft  in  einer  Welt,
in  der  das  individualistische  Rechtsprinzip  regiert,  immer  eine  gewisse ­
  Stimmung  für  den  Sozialismus.  Darum  waren  sozialistische
Gedankengänge  bekanntlich  schon  den  Völkern  des  klassischen  Altertums ­
  nichts  Fremdes,  sondcrnhaben  bereits  bei  ihnen  eine  ziemlich  bedeutende ­
  Verbreitung  gehabt.^)  Zu  einem  mächtigen  Strom,  zu
einer  Idee  von  gewaltiger  parteibildender  Rraft  ist  der  Sozialismus ­
  allerdings  erst  im  Laufe  des  letzten  Jahrhunderts  geworden.
Ganz  natürlich.  Die  Gegengewichte,  die  früher  seine  Entwicklung
aufgehalten  hatten,  sind  durch  die  Umwälzungen  auf  industriellem
Gebiete  im  letzten  Jahrhundert  zum  größten  Teile  zerstört  worden.
lb)  Dgl.  dar  grundlegende  IDcrf  von  R.  pöhlmann,  Geschichte  des
antiken  Kommunismus  und  Sozialismus,  2.  Aufl.,  1913.
        <pb n="80" />
        76  1,4.  Der  Sozialismus

In  dem  Matze,  wie  an  die  Stelle  selbständiger  Kleinproduzenten  die
Arbeitermassen  des  Großbetriebs  traten,  mutzte  die  Stimmung  für
den  Sozialismus  schärfer  sich  ausprägen.  Venn  der  eigene  Betrieb
und  der  eigene  Besitz,  wenn  er  auch  nur  in  einem  Stück  Land  oder
einem  kleinen  Häuschen  besteht,  ist  noch  immer  das  Mittel,  das  am
besten  gegen  die  verführerische  Kraft  sozialistischer  Ideen  immun
macht.  Dezentralisation  des  Bodenbesitzes  oder,  anders  ausgedrückt,
innere  Kolonisation,  ist  auch  unter  diesem  Gesichtspunkt  eine  der
wichtigsten  Aufgaben  der  Gegenwart.
wenn  man  erwägt,  wie  stark  nach  dem  Gesagten  die  Versuchung
sein  mutz,  mit  dem  Sozialismus  an  Stelle  des  herrschenden  Systems
eine  Probe  zu  machen,  dann  mutz  man  sich  eigentlich  wundern,  daß
uns  die  Wirtschaftsgeschichte  in  ihrem  uns  näher  bekannten  Verlauf
nicht  mehr  von  ernsthaften'  sozialistischen  Experimenten  zu  erzählen
hat.  In  Nordamerika  sind  allerdings  im  Laufe  des  letzten  Jahrhunderts ­
  nach  und  nach  eine  ganze  Reihe  von  kleinen  Gemeinwesen
auf  mehr  oder  weniger  kommunistischer  Grundlage  begründet  worden. ­
  Diese  kommunistischen  Gemeinden,  deren  Mitglieder  meist  durch
das  starke  Band  einer  gemeinsamen  religiösen  Überzeugung  verbunden ­
  sind,  können  aber  hier  im  Grunde  gar  nicht  als  Beispiele  herangezogen ­
  werden.  Venn  es  fehlt  ihnen  das,  was  den  Sozialismus
erst  zu  einem  Rechtssystem  macht:  der  auf  alle  Mitglieder  des  Gemeinwesens ­
  ausgeübte  staatliche  Zwang,  sich  der  kommunistischen
Ordnung  fügen  zu  müssen.  Sie  sind  freiwillige  Bildungen,  aus  denen
jedermann  jederzeit  wieder  austreten  kann,  um  im  großen  Gebiet
der  Union  von  neuem  nach  den  Grundsätzen  des  Individualismus
zu  leben.
So  bleibt  hier  eigentlich  nur  ein  einzigesBeispiel  für  eine  auf  sozialistischen ­
  Prinzipien  beruhende  Wirtschaftsordnung  großen  Stils  aus  einem
europäischen  Großstaate  der  Gegenwart  anzuführen:  das  ist  die
sozialistische  Regelung  des  Bodenbesitzes  in  den  russischen  Dorfgemeinden. ­
  In  dem  größten  Teile  des  ehemaligen  russischen  Reiches
wurde  seither  das  Bauernland  nach  dem  Recht  des  „Mir"  besessen.
        <pb n="81" />
        Der  russische  Agrarsozialismus

77

Das  eigentlich  Sozialistische  des  Mir  liegt  darin,  daß  die  Lauerngemeinde ­
  das  Recht  hat,  von  Zeit  zu  Zeit  eine  Neuverteilung  des
Ackerlandes  vorzunehmen.  Der  Lauer  besitzt  bei  diesem  System  an
den  Feldern,  die  er  bestellt,  kein  frei  vererbliches  Privateigentum,
sondern  er  muß  immer  damit  rechnen,  daß  ihm  sein  bisheriges  Ackerland ­
  durch  einen  Leschluß  der  Bauerngemeinde  wieder  genommen
wird  und  eine  Neuverteilung  des  Ackerlandes  stattfindet.  Neue  Umteilungen ­
  des  Ackerlandes  können  aber  dann  von  der  Lauerngemeinde
durch  Mehrheitsbeschluß  verfügt  werden,  wenn  die  Seelenzahl  in
einem  Dorfe  stark  gewachsen  ist.  Und  die  Neuverteilung  des  Ackerlandes ­
  erfolgt  dann  auf  Grund  der  gestiegenen  Seelenzahl,  wobei
entweder  nur  die  erwachsenen  männlichen  Personen  oder  auch  die
Frauen  und  Rinder  berücksichtigt  werden.  Bei  jeder  Neuverteilung
werden  also  die  Anteile  für  den  einzelnen  kleiner.  Gerade  darin
ist  aber  das  spezifisch  Sozialistische  der  ganzen  Einrichtung  zu  erblicken. ­
  Die  Dorfbewohner  fühlen  sich  wirtschaftlich  als  eine  Einheit, ­
  und  zwar  erstreckt  sich  ihr  Solidaritätsgefühl  in  charakteristischem ­
  Unterschied  von  den  westeuropäischen  Verhältnissen  über  den
Familienzusammenhang  hinaus  auf  die  Gesamtheit  der  vorfgenossen.
Die  Zunahme  der  Bevölkerung  wird  als  eine  Erscheinung  betrachtet
und  behandelt,  die  nicht  nur  die  einzelne  besonders  kinderreiche  Familie ­
  angeht  und  ihre  wirtschaftliche  Lage  berührt,  sondern  deren
Folgen  von  allen  Dorfbewohnern  gemeinsam  zu  tragen  sind.  Zu
diesem  Zweck  gibt  es  kein  frei  vererbliches  Privateigentum  einzelner
am  Grund  und  Loden,  sondern  die  einzelnen  haben  nur  zeitweilige
kkutzungsrechte.  Vas  Lodeneigentum  steht  der  Gemeinde  zu,  und
diese  sucht  mit  Hilfe  ihres  Eigentumsrechts  die  wirtschaftliche  Existenz ­
  aller  Gemeindemitglieder,  so  gut  es  geht,  zu  sichern.
Sn  manchen  Rreisen,  namentlich  in  Rußland  selbst,  ist  der  Mir
lange  Zeit  überschwänglich  gepriesen  und  als  eine  den  westeuropäischen ­
  Einrichtungen  überlegene  Form  der  Bodennutzung  hingestellt
worden.  Auf  die  wirtschaftliche  Entwicklung  der  russischen  Landwirtschaft ­
  hat  aber  dieses  Rechtssystem  zweifellos  höchst  ungünstige  wirst ­
  o  h  I  e,  Kapitalismus  und  Sozialismus,  2.  stuft.  6
        <pb n="82" />
        78

i,4.  Der  Sozialismus

Jungen  gehabt.  (Es  ist  ja  bekannt,  daß  die  russische  Landwirtschaft
in  vielen  Beziehungen  technisch  noch  weit  hinter  der  west-  und
mitteleuropäischen  zurücksteht,  und  daß  der  russische  Bauer  dem  Loden
infolgedessen  nur  sehr  geringe  Ernten  abzugewinnen  vermag.  Vas
hängt  nicht  nur  mit  dem  niedrigen  Stand  der  Volksbildung  in  Rußland, ­
  der  Ungunst  mancher  klimatischer  Faktoren  usw.  zusammen,
sondern  eine  ganz  wesentliche  Ursache  hierfür  sind  auch  die  kollektivistischen ­
  Besitzverhältnisse  am  Bauernland.  Es  liegt  ja  auch  auf
der  Hand,  daß  dieses  System  als  ein  Hemmschuh  des  wirtschaftlichen
Fortschritts  wirken  muß.  Es  hindert  vor  allem  das  vorwärtskommen ­
  der  wirtschaftlich  regsameren  und  tüchtigeren  Elemente.  Diese
haben  bei  dem  IHir  kein  echtes  Ziel  für  ihr  Streben.  Denn  was
sie  auf  ihrem  Land  etwa  Besseres  schaffen,  dessen  können  sie  ja
bei  der  nächsten  allgemeinen  Umteilung  wieder  beraubt  werden.  Und
vor  allem  sind  sie  nicht  imstande,  durch  Fleiß,  Sparsamkeit  und
Energie  ihren  Landanteil  zu  vergrößern.  (Es  bleibt  bei  diesem  System
so  gut  wie  kein  Spielraum  für  „das  natürliche  Streben  jedes  Menschen, ­
  seine  wirtschaftliche  Lage  zu  verbessern",  wie  Udam  Smith  es
genannt  hat.  Dafür  war  freilich  der  Gesamtheit  der  Dorfgenossen
ihre  wirtschaftliche  Existenz  garantiert,  aber  eben  nur  eine  Existenz,
die  mit  dem  weiteren  Unwachsen  der  Bevölkerung  immer  proletarischer ­
  werden  mußte.
Ivegen  der  offenkundigen  schweren  wirtschaftlichen  und  sonstigen
Mängel  dieses  Systems  war  bereits  vor  dem  Uriege  unter  dem  Ministerium ­
  Stolypin  eine  großzügige  Uktion  zur  Uufhebung  dieser
kommunistischen  Besitzverhältnisse  eingeleitet  worden.  Ruf  jeden  Fall
gehört  dieses  Wirtschaftssystem,  über  dessen  historischen  Ursprung
die  Meinungen  noch  stark  auseinandergehen,  entwicklungsgeschichtlich ­
  betrachtet,  dem  Wirtschaftsleben  der  Vergangenheit  an.  Im
Wirtschaftsleben  der  Gegenwart  dagegen  erscheint  es  als  ein  anorganischer ­
  Bestandteil,  der  zu  den  modernen  Formen  der  Organisation ­
  der  Rrbeit  nicht  recht  passen  will.  Der  bäuerliche  Gemeinbesitz ­
  am  Grund  und  Loden  in  Rußland  läßt  sich  nämlich,  kurz  ge ­
        <pb n="83" />
        Weltwirtschaft  und  Sozialismus

79

sagt,  bezeichnen  als  diejenige  Form  des  Sozialismus,  die  der  Wirtschaftsstufe ­
  der  Hauswirtschaft  oder  Eigenproduktion  entspricht,  also
jener  Wirtschaftsweise,  bei  der  jede  Familie  noch  im  wesentlichen
allein  imstande  ist,  alles  zu  erzeugen,  was  sie  braucht.
Sn  Ländern,  wo  das  Wirtschaftsleben  in  bezug  auf  die  Beziehungen ­
  zwischen  Produktion  und  Konsumtion  noch  diesen  einfachen
Zuschnitt  zeigt,  Arbeitsteilung  und  Tauschverkehr  dagegen  entweder
völlig  fehlen  oder  doch  nur  eine  ganz  verschwindende  Rolle  spielen,
da  ist  der  sozialistische  Rechtsgedanke  noch  relativ  leicht  durchführbar,
hier  kann  das  Grundprinzip  des  Sozialismus,  die  Garantie  der  Gesamtheit ­
  für  die  wirtschaftliche  Existenz  der  einzelnen,  verwirklicht
werden,  ohne  daß  es  eines  behördlichen  Eingreifens  in  die  Produktion ­
  selbst  bedarf,  lediglich  dadurch,  daß  sich  die  Gesamtheit  das
Eigentum  an  demjenigen  Produktionsmittel  vorbehält,  das  hier  für
die  Wirtschaft  noch  durchaus  ausschlaggebend  ist,  nämlich  am  Grund
und  Loden,  und  periodische  Neuverteilungen  des  Ackerlandes  vornimmt. ­
  Ruf  diese  weise  erhält  der  einzelne  zwar  nicht  unmittelbar
von  der  Gesamtheit  sein  Einkommen,  wohl  aber  sorgt  diese  durch
periodische  Neuverteilungen  des  Landes  dafür,  daß  jedes  ihrer  Mitglieder ­
  einen  entsprechenden  Anteil  an  demjenigen  Produktionsmittel
erhält,  das  die  Grundlage  aller  Linkommensbildung  darstellt.
Sobald  indessen  die  Organisation  der  Arbeit  über  die  Stufe  der
Hauswirtschaft  fortschreitet,  die  gewerbliche  Arbeit  von  der  Familienwirtschaft ­
  sich  loslöst  und  an  Spezialberufe  übergeht,  die  schließlich ­
  immer  mehr  die  Form  von  Großbetrieben  annehmen,  wachsen
auch  die  Schwierigkeiten  des  Sozialismus  ins  Ungeheure.  Dann  genügen ­
  zur  Durchführung  des  sozialistischen  Prinzips  nicht  mehr  periodische ­
  Neuverteilungen  des  Ackerlandes,  sondern  es  wird  eine  planmäßige ­
  Vrganisation  und  fortgesetzte  Leitung  der  Produktion  durch
eine  Zentralstelle  erforderlich.  Auf  den  späteren  Stufen  der  Organisation ­
  der  Arbeit  ist  Sozialismus  also  stets  gleichbedeutend  mit  Verwaltung ­
  mehr  oder  weniger  großer  Teile  der  Produktion  und  schließlich ­
  der  gesamten  Produktion  durch  den  Staat.  Und  darin  liegt  auch
6'
        <pb n="84" />
        80  1,4.  Der  Sozialismus
der  tiefere  Grund,  weshalb  die  Wirtschaftsgeschichte  an  Beispielen
für  solche,  mit  einer  planmäßigen  Leitung  der  Produktion  verbundene
sozialistische  Ordnungen  so  gut  wie  nichts  zu  bieten  hat.  An  diese
Riesenaufgabe  hat  sich  der  Staat,  in  richtiger  Beurteilung  seiner
Rräfte,  bisher  noch  nirgends  herangewagt,  wo  wäre  denn  auch
ein  politischer  Chirurg  zu  finden,  der  es  versteht,  dafür  auch  nur
die  erste  Vorbedingung  zu  schaffen,  nämlich  „eine  heutige  Volkswirtschaft ­
  so  zu  amputieren,  daß  sie  aus  dem  weltwirtschaftlichen  Organismus ­
  gelöst  wird  und  weiter  funktioniert?"  (hasbach.)
Sn  Rußland  war  es  immerhin  noch  möglich,  einen  versuch  nach
dieser  Richtung  zu  machen,  in  Deutschland  müßte  ein  solcher  versuch
binnen  kürzester  Frist  kläglich  scheitern.  In  Rußland  war  die  Industriearbeiterschaft ­
  deshalb  imstande,  die  politische  Wacht,  die  sie
an  sich  gerissen  hatte,  dazu  auszunützen,  um  sich  selbst  auf  Rosten  der
übrigen  Bevölkerung  ein  bequemes  Leben,  hohe  Löhne  und  niedrige ­
  Arbeitszeit,  zu  verschaffen,  weil  das  industrielle  Proletariat  in
Rußland  doch  nur  einen  relativ  kleinen  Teil  der  Bevölkerung  bildet.
Die  Landbevölkerung  aber  ließ  sich  die  Ausbeutung  durch  die  Industriearbeiterschaft ­
  —  um  nichts  anderes  als  um  eine  Ausbeutung
der  Landbevölkerung  bzw.  der  Gesamtheit  der  Steuerzahler  durch
die  Rlasse  der  Industriearbeiter,  die  auch  im  Wahlrecht  sich  eine
Vorzugsstellung  zu  verschaffen  verstanden  hat,  handelt  es  sich  bei  der
bolschewistischen  Form  des  Sozialismus  —  deshalb  bisher  ruhig  gefallen, ­
  weil  sie  unter  der  Herrschaft  der  Bolschewisten  eine  neue  Landverteilung ­
  vorgenommen  hatte  und  ihren  neuen  Besitz  wieder  zu
verlieren  fürchtete,  sobald  die  Bolschewisten  gestürzt  würden  und
andere  Rreise  an  die  Regierung  gelangten.  So  erhellt  deutlich,  wie
das  sozialistische  Experiment,  das  man  in  Rußland  angestellt  hat,
in  seiner  verhältnismäßig  langen  Dauer  eben  nur  aus  den  besonderen ­
  Verhältnissen  Rußlands,  insbesondere  seiner  relativ  großen
wirtschaftlichen  Unabhängigkeit  vom  Auslande  erklärt  werden  kann.
PH.  yUtebran  dt  sagt  von  dieser  Form  des  Sozialismus  sehr
richtig:  „Sie  ist  in  Rußland  nur  deshalb  möglich,  weil  für  das  zu
        <pb n="85" />
        Weltwirtschaft  und  Sozialismus

8!

95o/o  politisch  apathische  und  in  primitiven  Verhältnissen  lebende
russische  Volk  die  Erzeugnisse  seines  weit  ausgedehnten  Landes  ausreichend ­
  sind.  hier  konnte  die  verhältnismäßig  wenig  zahlreiche  Klaffe
der  Fabrikarbeiter  sich  an  die  Stelle  des  Zarentums  setzen  und  ihren
Angehörigen  hohe  Arbeitslöhne  mit  niedriger  Arbeitszeit  gewähren,
da  sie  in  dem  russischen  Riesenreiche  ein  von  jeglicher  Konkurrenz
freies  Absatzgebiet  besitzt!" 19 )
Ghne  diese  Voraussetzung  wäre  auch  in  Rußland  das  Experiment
des  Bolschewismus  ebenso  schnell  gescheitert  wie  das  in  Deutschland
sicher  der  Fall  sein  würde,  wenn  man  hier  den  versuch  machen  wollte,
die  bolschewistischen  Experimente  nachzuahmen.  „In  Deutschland  liegen ­
  die  Verhältnisse  grundverschieden:  denn  ein  für  seine  Bevölkerung ­
  ausreichendes  Agrargebiet  und  ein  konkurrenzfreier  monopolisierter ­
  Markt  stehen  ihm  nicht  zur  Verfügung.  Auf  seinem  Boden
kann  sich  kaum  die  Hälfte  der  deutschen  Bevölkerung  ernähren,  während ­
  die  andere  Hälfte  direkt  oder  indirekt  auf  den  Verdienst  im
Auslande  angewiesen  ist.  Dieses  ist  die  unabänderliche  Grundtatsache ­
  der  Lage  Deutschlands,  mit  der  jede  verantwortliche  deutsche
Politik  in  erster  Linie  rechnen  muß,  und  an  der  selbst  die  verhärtetsten
Doktrinen  des  dogmatischen  Sozialismus  früher  oder  später  in  Splitter
Zerspringen  werden.  Eine  wesentliche  Steigerung  der  Arbeitslöhne
könnte  nicht  stattfinden  ohne  die  deutsche  Industrie  im  Auslande
konkurrenzunfähig  zu  machen,  und  die  Folgen  davon  würden  infolge ­
  der  eintretenden  Arbeitslosigkeit  auf  die  Arbeiter  in  erster  Linie
Zurückfallen.  Die  deutsche  Arbeiterschaft  steht  somit  unter  einem
ehernen  Lohngesetz,  das  durch  die  Preise  auf  dem  Weltmarkt  dikkiert
  wird!" 20 )

19)  Das  europäische  Verhängnis,  1919,  S.  321.
20)  Philipp  hiltebrandt,  a.  a.  (D.,  S.  321.
        <pb n="86" />
        II.  Die  sozialistische  Kritik  an  der  bestehenden
Wirtschaftsordnung.
Allgemeines.
Im  Frühjahr  1919  wurden  in  Sachsen  Versammlungen  mit'
der  Tagesordnung  abgehalten:  „Rönnen  wir  jetzt  sozialisieren?"
Sie  sollten  dazu  dienen,  Stimmung  für  das  schon  erwähnte  Sozialisierungsprogramm ­
  von  vr.  Neurath  und  Genossen  zu  machen,  das
nach  seiner  volkswirtschaftlichen  Natur  schon  auf  einer  ausgeprägt
kommunistischen  Basjs  steht  und  etwa  als  „verschämter  Bolschewismus" ­
  sich  kennzeichnen  läßt.  Durch  diese  Fragestellung  sollte  wohl
auf  dem  Wege  der  Suggestion  eine  bejahende  Antwort  auf  die  Frage,
ab  überhaupt  zur  Sozialisierung  eine  Nötigung  vorliegt,  erschlichen
werden.  Diese  Frage,  ob  überhaupt  zwingende  Gründe  zur  Sozialisierung ­
  vorliegen,  gilt  es  aber,  wenn  man  das  Problem  wirklich
objektiv  und  voraussetzungslos  erörtern  will,  zunächst  zu  behandeln.
Zu  diesem  Zwecke  sind  vor  allem  die  Anklagen  zu  prüfen,  die  der
Sozialismus  gegen  die  individualistische  Wirtschaftsordnung  und
den  aus  ihrem  Schoß  geborenen  Rapitalismus  vorzubringen  hat
und  die  er  für  ausreichend  hält,  um  da;  Todesurteil  über  den  Angeklagten ­
  zu  fällen.  Die  Anklagen  des  Sozialismus  gegen  die  bestehende ­
  Gesellschaftsordnung  wurden  im  letzten  Abschnitt  schon  hier
und  da  gestreift.  Sie  erfordern  aber  noch  eine  mehr  systematische
Behandlung.  Ts  handelt  sich  hauptsächlich  um  drei  Punkte.  Natürlich ­
  darf  man  nicht  erwarten,  bei  jedem  beliebigen  sozialistischen
Schriftsteller  diese  dreifache  Kritik  der  heutigen  Wirtschaftsordnung
zu  finden.  Der  eine  legt  mehr  wert  auf  diesen,  der  andere  auf
jenen  Punkt.  Dabei  kann  aber  kein  Zweifel  sein,  in  diesen  drei
        <pb n="87" />
        Die  Angriffspunkte  des  Sozialismus

83

Punkten  steckt  die  Summe  der  spezifisch  sozialistischen  Kritik  an  der
Modernen  Volkswirtschaft.  was  sonst  noch  vom  Sozialismus  an  de«
Einrichtungen  und  Erscheinungen  des  gegenwärtigen  wirtschaft-ölebens
  getadelt  wird,  das  sind  Eigenschaften  und  Mängel,  die  auch
von  nichtsozialistischer  Seite  oft  hervorgehoben  werden,  und  vor
allem,  es  handelt  sich  um  Erscheinungen,  wie  z.  B.  eine  etwaige
übermäßige,  die  Gesundheit  der  Arbeiterschaft  schädigende  Ausdehnung
  der  Arbeitszeit,  überhaupt  hygienisch  unbefriedigende  Arbeitsbedingungen, ­
  die  auch  auf  dem  Loden  der  bestehenden  Wirtschaftsordnung ­
  selbst  sich  mit  Erfolg  bekämpfen  lassen.  Die  drei  Punkte
dagegen,  auf  die  der  Sozialismus  seine  Kritik  hauptsächlich  konzentriert, ­
  sind,  darin  hat  der  Sozialismus  unzweifelhaft  recht,  notwendige ­
  Folgeerscheinungen  der  allgemeinen  Rechtsgrundlagen,  auf
denen  das  Wirtschaftsleben  der  Gegenwart  ruht.  Sie  lassen  sich
daher  nur  dann  ganz  zum  verschwinden  bringen,  wenn  man  auch
die  Rechtsgrundlagen,  die  heute  gelten,  aufhebt.
Die  erste  Einrichtung,  um  derentwillen  der  Sozialismus  die  heutige ­
  Wirtschaftsordnung  verurteilt,  ist  die  mit  ihr  untrennbar  verknüpfte ­
  Existenz  eines  umfangreichen  arbeitslosen  Einkommens. ­
  Vas  arbeitslose  Einkommen  in  seinen  beiden  Haupterscheinungsformen ­
  des  Rapitalzinfes  und  der  Grundrente  widerspricht
dem  ethischen  Ideal  des  Sozialismus.  Der  Sozialismus  will,  daß
im  Wirtschaftsleben  Ernst  gemacht  werde  mit  dem  Satze  der  Bibel:
,Wer  nicht  arbeitet,  soll  auch  nicht  essen."  Der  Sozialismus  führt
für  seinen  Standpunkt  aber  nicht  nur  moralische  Grundsätze  ins
treffen,  er  glaubt  sich  bei  dieser  Tatsache  auch  auf  objektive  wirtschaftliche ­
  Gründe  stützen  zu  können.  Vas  arbeitslose  Einkommen
hat  nach  ihm  keinerlei  wirtschaftliche  Rechtfertigungsgründe.  Es  ist
nach  ihm  lediglich  dazu  da,  die  einen  da  ernten  zu  lassen,  wo  andere ­
  gesät  haben.
Die  zweite  wirtschaftliche  Erscheinung,  die  das  verdammungsurteil
des  Sozialismus  über  die  heutige  Wirtschaftsordnung  begründen  soll,
'st  die  Unsicherheit  der  wirtschaftlichen  Existenz,die  über
        <pb n="88" />
        84

II,  1.  Das  arbeitslose  Einkommen

erhebliche  Teile  der  Bevölkerung  verhängt  ist.  Uber  dem  Lohnarbeiter
schwebt  beständig  die  Gefahr  der  Arbeitslosigkeit  und  damit  der
Verarmung.  Diese  Gefahr  aber  ist  von  der  heutigen  Wirtschaftsordnung ­
  untrennbar.  Die  Arbeitslosigkeit,  das  Vorhandensein  einer
„industriellen  Reservearmee",  gehört  zu  den  immanenten  Erscheinungen ­
  des  Rapitalismus-  solange  die  kapitalistische  Produktionsweise ­
  herrscht,  wird  die  Arbeitslosigkeit  nicht  aufhören.
Endlich  glaubt  der  moderne  wissenschaftliche  Sozialismus  der  bestehenden ­
  Wirtschaftsordnung  aber  auch  noch  drittens  den  Vorwurf ­
  machen  zu  können,  daß  sie  wirtschaftlich  nicht  das  leiste,
was  sie  eigentlich  leisten  könnte.  Der  Rapitalismus  legt  angeblich ­
  der  Entfaltung  der  Produktivkräfte  Fesseln  an.  Der  Produktionsertrag ­
  ist  nicht  so  groß  wie  er  bei  der  vorhandenen  Fähigkeit ­
  zu  produzieren,  an  sich  sein  könnte.  Der  Rapitalismus  leidet
also  auch  an  wirtschaftlicher  Rückständigkeit.
weder  in  moralischer,  nach  in  sozialer,  noch  auch  in  wirtschaftlicher ­
  Hinsicht  kann  also  die  heutige  Wirtschaftsordnung  vor  der
sozialistischen  Rritik  bestehen,  und  der  Sozialismus  kommt  daher
folgerichtig  zu  dem  Schluß:  ecrasez  l’infäme  !
Cs  liegt  dabei  in  der  Natur  der  Dinge,  daß  die  sozialistische  Bewegung ­
  um  so  höhere  Wellen  werfen  wird,  je  stärker  die  Erscheinungen ­
  im  Wirtschaftsleben  hervortreten,  die  überhaupt  den  Widerspruch ­
  des  Sozialismus  gegen  die  bestehende  Wirtschaftsordnung  hervorgerufen ­
  haben.  Eine  Zeit,  in  der  große  vermögen  mühelos  erworben ­
  werden  und  in  der  zugleich  der  Umfang  der  Arbeitslosigkeit
stark  anschwillt,  wird  für  den  Sozialismus  ganz  besonders  empfänglich ­
  sein.  Das  ist  ja  aber  die  Signatur  unserer  Zeit.  Während  des
Rriegs  sind  von  Rriegslieferanten  und  den  glücklichen  Besitzern  der
Warenvorräte,  die  durch  das  Abschneiden  der  Zufuhr  aus  dem  Auslande ­
  und  die  Geldvermehrung  im  Inlands  eine  gewaltige  Wertsteigerung
  erfuhren,  ungeheure  Gewinne  gemacht  worden,  und  das
Rriegsende  hat  uns  durch  die  überstürzte  weise,  wie  wir  infolge  unserer ­
  Niederlage  die  Demobilisierung  durchführen  mußten,  ein  noch
        <pb n="89" />
        Kritik  an  der  Einkommensverteilung

8S

Vicht  dagewesenes  Anschwellen  der  Arbeitslosigkeit  gebracht.  Damit
ist  auch  für  die  sozialistische  Bewegung  ein  überaus  günstiger  Nährboden ­
  geschaffen  worden.  Und  nehmen  wir  dazu  noch  die  ungeheure
seelische  Erschütterung,  die  alle  Völker  durch  den  Krieg  erfahren
haben  —  Blutopfer  in  der  höhe  von  vielleicht  8  bis  10  Nlillionen
blühender  Menschenleben  und  gewaltige  Verluste  im  Stande  des  Volksvermögens ­
  können  doch  nicht  spurlos  an  dem  geistigen  Zustand  der
Menschheit  vorübergehen  —,  so  haben  wir  eine  mehr  als  ausreichende
Erklärung  dafür,  weshalb  die  seelische  Disposition  für  den  Sozialismus ­
  in  unserer  Zeit  so  ungeheuer  gewachsen  ist.  Lin  großer  Teil
ber  Menschheit  glaubt  in  seiner  Verzweiflung  in  ihm  den  Ausweg ­
  zu  sehen,  der  sie  aus  allen  Nöten  der  Gegenwart  herausführen
kann.  In  Wahrheit  ist  aber  durch  die  Nöte  der  Gegenwart  die
Tage  der  Dinge  gegenüber  dem  Sozialismus  keine  andere  geworden,
als  sie  es  früher  auch  war.  Das  wird  sich  klar  ergeben,  wenn  wir
die  sozialistischen  Anklagen  gegen  die  bestehende  Wirtschaftsordnung
der  Neihe  nach  etwas  näher  auf  ihre  Unterlagen  prüfen,  sowie  vor
allem  auch  die  wirtschaftlichen  Wirkungen  des  Sozialismus  selbst
einer  Betrachtung  unterziehen.
1.  Die  sozialistische  Kritik  des  arbeitslosen
Einkommens.
An  der  Einkommensverteilung  in  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung ­
  kann  unter  sehr  verschiedenen  Gesichtspunkten  Kritik  geübt ­
  werden.  Am  häufigsten  wohl  wird  ihr  der  Vorwurf  gemacht,
daß  sie  zu  einer  schwächeren  Besetzung  der  mittleren  Linkommensstufen
  führe.  Ihr  Kennzeichen  sei,  daß  auf  der  einen  Seite  große
Proletariermassen  mit  niedrigem  Einkommen  sich  anhäufen,  wählend ­
  auf  der  anderen  Seite  ein  immer  größer  werdender  Teil  des
Polkseinkommens  auf  die  Millionäre  entfalle.  Die  Verbindung  zwilchen ­
  oben  und  unten  dagegen,  die  Schicht  mit  mittlerem  Einkommen,
werde  immer  schwächer.  Nun  lassen  sich  zwar  die  Sozialisten  auch
diesen  Angriffspunkt  gegen  die  heutige  Wirtschaftsordnung  nicht  gern
        <pb n="90" />
        86

11,1.  Das  arbeitslose  Einkommen

entgehen,  allein  die  spezifisch  sozialistische  Kritif  an  der  gegenwärtig
herrschenden  Einkommensverteilung  ist  das  nicht.  Die  Kritik,  dio
der  eigentliche  Sozialismus  an  der  heutigen  Einkommensverteilung
übt,  geht  von  ganz  anderen  Gesichtspunkten  aus.  In  ihrem  Mittelpunkte ­
  steht  die  Frage,  ob  das  Einkommen  auf  Arbeit  beruht
oder  nicht,  und  alles  arbeitslose  Einkommen  wird  von  ihr  für  unverdient ­
  und  sittlich  unberechtigt,  für  einen  Raub  am  Arbeitserträge
anderer,  erklärt.  Gb  sich  das  arbeitslose  Einkommen  dabei  auf  eine
große  oder  eine  kleine  Zahl  von  Köpfen  verteilt,  das  ist  nach  sozialistischer ­
  Auffassung  im  Grunde  ziemlich  belanglos.  Eine  Anhäufung ­
  des  arbeitslosen  Einkommens  in  den  Händen  einiger  weniger
Millionäre  ist  nach  ihr  sogar  eher  als  das  kleinere  Übel  anzusehen.
Zu  diesem  Standpunkte  bekennt  sich  z.  B.  der  deutsche  Sozialist
Eduard  Bernstein.  „Gb  das  gesellschaftliche  Mehrprodukt",  so
schreibt  er  einmal,  „von  10  000  Personen  monopolistisch  aufgehäuft
oder  zwischen  einer  halben  Million  Menschen  in  abgestuften  Mengen ­
  verteilt  wird,  ist  für  neun  oder  zehn  Millionen  Familienhäupter,
die  bei  diesem  Handel  zu  kurz  kommen,  prinzipiell  gleichgültig.  Ihr
Bestreben  nach  gerechterer  Verteilung  oder  nach  einer  Organisation,
die  eine  gerechtere  Verteilung  einschließt,  braucht  darum  nicht  minder ­
  berechtigt  und  notwendig  zu  sein.  Im  Gegenteil.  Es  möchte
weniger  Mehrarbeit  kosten,  einige  tausend  Privilegierte  in  Üppigkeit ­
  zu  erhalten,  wie  eine  halbe  Million  und  mehr  in  unbilligem
Wohlstand."
Zweifellos  wird  nun  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  in  sehr
großem  Umfange  Einkommen  bloß  auf  Grund  von  Besitzrechten,
Nicht  auf  Grund  von  geleisteter  Arbeit  bezogen.  Genau  feststellen
läßt  sich  der  Bruchteil  des  Gesamteinkommens,  der  heute  als  arbeitsloses ­
  Einkommen,  insbesondere  als  Zinsen-  und  Grundrenteneinkommen ­
  bezogen  wird,  allerdings  nicht.  R.  E.  Map  schätzte  das
Zinseinkommen  für  das  Deutsche  Reich  auf  %  bis  %  des  Volkseinkommens, ­
  das  von  ihm  für  1907  auf  rund  40  Milliarden  Mark
angenommen  wurde.  Auf  sozialistischer  Seite  schätzt  man  den  An-
        <pb n="91" />
        Die  Höhe  des  arbeitslosen  Einkommens

87

kil  des  arbeitslosen  Einkommens  oft  noch  höher,  denn  man  rechnet
bort  mit  Vorliebe  auch  noch  das  ganze  Unternehmereinkommen
Zum  arbeitslosen  Einkommen.  Vas  ist  indessen  unhaltbar.  Das  Einkommen ­
  des  Unternehmers  ist  nach  seinem  volkswirtschaftlichen  Ursprung ­
  als  eine  Mischung  von  Arbeits-  und  Uenteneinkommen  zu
bezeichnen,  und  es  geht  nicht  an,  den  Arbeitsanteil  im  Einkommen
des  Unternehmers  einfach  zu  ignorieren.  Die  Arbeit  des  Unternehmers ­
  ist  nicht  bloße  Scheinarbeit,  wie  manche  Sozialisten  uns
glauben  machen  möchten,  sondern  sie  ist  eine  Arbeit,  die  in  jeder
kDirtschaftsverfasfung  geleistet  werden  muß.  Auch  eine  sozialistische
Gesellschaft  braucht  eine  größere  Zahl  von  Produktionsdirigenten
and  Betriebsleitern  und  wird  sie  entsprechend  bezahlen  müssen,  wenn
sie  sich  nicht  selbst  empfindlich  schädigen  will.
Aber  auch,  wenn  wir  in  diesem  Punkte  die  sozialistische  Auffassung ­
  des  arbeitslosen  Einkommens  richtigstellen,  so  bleibt  der  Satz
bestehen,  daß  in  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung  in  großem
Umfange  arbeitsloses  Einkommen  bezogen  wird.  Muß  aber  nicht
aber  eine  Wirtschaftsordnung,  die  vielleicht  1 / 6  des  Gesamteinkommens ­
  Personen  zufließen  läßt,  die  nicht  entsprechend  gearbeitet  haben,
vor  dem  Kichterstuhl  der  Moral  unbedingt  der  Stab  gebrochen  werben? ­
  Venn,  wenn  Personen  Einkommen  beziehen  können,  ohne  gearbeitet ­
  zu  haben,  ist  das  nicht  gleichbedeutend  damit,  daß  denen,
bie  gearbeitet  haben,  ihr  Einkommen  entsprechend  gemindert  wird?
Uas  ist  ja  der  versteckte  Hintergedanke,  der  allen  sozialistischen  Angriffen ­
  auf  da;  arbeitslose  Einkommen  zugrunde  liegt.  Dadurch,
baß  arbeitsloses  Einkommen  bezogen  werden  kann,  wird  das  Einkommen ­
  derjenigen,  die  arbeiten,  unbillig  verkürzt.  Sind  unter  diesen
Umständen  diejenigen  nicht  Heuchler,  die  im  sonntäglichen  Nirchengebete
  an  Gott  die  Bitte  richten:  „Alle  redliche  Arbeit  im  Schweiße
bes  Angesichts  laß  ihren  Lohn  finden  unverkürzt",  es  gleichzeitig
aber  zulassen,  daß  Hunderte  von  Millionen  als  Nenteneinkommen
ben  besitzenden  Massen  zufließen?  Muß  nach  der  Aufklärung,  die
ber  Sozialismus  über  die  Natur  des  Nenteneinkommens  uns  gegeben
        <pb n="92" />
        88  11,1.  Das  arbeitslose  Einkommen

hat,  nicht  jeder,  der  auch  nur  eine  Spur  von  moralischem  Empfinden
und  von  Gerechtigkeitsgefühl  sich  bewahrt  hat,  gegen  die  bestehende
Wirtschaftsordnung,  mit  der  das  arbeitslose  Einkommen  untrennbar ­
  verbunden  ist,  sich  erklären?^»)  -
So  einfach,  wie  es  nach  diesen  Fragen  den  Anschein  hat,  liegt
die  Sache  indessen  nicht.  Daß  es  überhaupt  in  jeder  Wirtschaftsordnung ­
  arbeitsloses  Einkommen  geben  muß,  daß  auch  die  sozialistische ­
  Gesellschaft  für  die  Arbeitsunfähigen,  die  Greise,  die  Witwen ­
  und  Waisen  irgendwie  wird  sorgen  müssen,  das  sei  nur
nebenbei  erwähnt.  Ls  ist  ja  nicht  das  bescheidene  arbeitslose  Einkommen ­
  der  alten  Pensionäre,  der  Witwen,  Waisen  usw.,  über  das
sich  die  Sozialisten  entrüsten,  sondern,  was  bei  ihney  Anstoß  erregt,
das  sind  die  hohen  Zinsen-  und  Renteneinkommen,  welche  reichbegüterte ­
  Personen  neben  ihrem  durch  eigene  Arbeit  verdienten  Einkommen ­
  oder  auch  ganz  ohne  solches,  nur  auf  Grund  ererbter  oder
auch  selbst  erworbener  Besitztitel  beziehen.  Dieses  Einkommen  ist  nach
ihrer  Auffassung  unverdient.
Da  entsteht  zunächst  die  Frage:  welches  Einkommen  ist  überhaupt ­
  als  verdient,  als  dem  eigenen  Verdienst  einer  Persönlichkeit
entsprungen,  anzusehen?  Auch  bei  vielen  Arten  des  erarbeiteten  Einkommens ­
  ist  es  außerordentlich  schwer,  zu  sagen,  inwieweit  Unterschiede ­
  in  der  Linkommenshöhe  in  Unterschieden  der  Arbeitsleistung
ihre  innere  Begründung  finden  oder  inwieweit  sie  „unverdient"  sind,
wer  ist  so  vermessen,  daß  er  sich  zu  entscheiden  getraut,  wie  sich
in  dem  Einkommen  der  einzelnen  Verdienst  und  Glück  verketten?
Nehmen  wir  nur  ein  Beispiel  aus  dem  Leben!  von  zwei  Ärzten
oder  Rechisanwälten,  die  genau  die  gleiche  Ausbildung  genossen
haben,  bringt  es  der  eine  vielleicht  zu  dem  zehn-  oder  gar  zwanzigfachen ­
  Einkommen  des  anderen.  Das  wird  zwar  meistens  die  Folge
20»)  In  der  Tat  schreibt  z.  B.  Rarl  Nötzel:  „Lin  aufgeklärtes  soziales
Gewissen  kann  nach  Karl  bkarx  nicht  wehr  einvei  standen  sein  mit  den  Grundlagen ­
  unseres  kbirtschastslebens"  (Einsührung  in  den  Sozialismus  ohne
Dogma,  1919,  S.  41).
        <pb n="93" />
        verdientes  und  unverdientes  Einkommen  89
davon  sein,  daß  der  eine  tüchtiger  ist  wie  der  andere,  daß  er  mehr
Giftet  wie  dieser,  und  daß  er  daher  vom  Publikum  mehr  aufgesucht
wird.  Es  läßt  sich  doch  aber  nicht  verkennen,  daß  der  eine  hierbei
auch  durch  äußere  Umstände,  auf  die  er  selbst  keinen  Einfluß  hat,
wehr  begünstigt  sein  kann  wie  der  andere.  Der  eine  ist  durch  einen
Zufall  rasch  in  weiten  Kreisen  bekannt  geworden,  der  andere  hatte
»icht  dieses  Glück.  Dder  der  eine  kam  in  eine  rasch  wachsende  Gegend,
der  andere  erfuhr  die  Enttäuschung,  daß  entgegen  den  Erwartungen,
die  er  vielleicht  berechtigterweise  hegen  konnte,  die  Stadt,  in  der
Er  sich  niederließ,  nur  langsam  oder  gar  nicht  sich  entwickelte.  Ist  es
nicht  bei  dem  Einkommen  vieler  industrieller  Unternehmer  genau
Ebenso?  Die  großen  Gewinne  werden  allerdings  regelmäßig  den
begabten  und  tüchtigen  Elementen  zufallen,  welche  die  wirtschaftliche ­
  Konjunktur  richtig  zu  beurteilen  verstehen,  allein  im  einzelnen
unterscheiden  zu  wollen,  was  Verdienst  und  was  Glück  war,  das
geht  über  unsere  Kraft.  Und  selbst  auf  das  Einkommen  der  Lohnurbeiter ­
  läßt  sich  diese  Betrachtungsweise  bis  zu  einem  gewissen
Erade  anwenden.
Das  alles  trifft  indessen  noch  nicht  den  Kern  der  Sache.  Der  Kern
bleibt  doch  die  Frage,  inwieweit  wir  uns  in  unserem  Gewissen  mit  der
Tatsache  des  Bezugs  eines  arbeitslosen  Einkommens  durch  Personen
ubfinden  können,  die  an  der  volkswirtschaftlichen  Produktion  nicht  oder
wenigstens  nicht  entsprechend  ihrem  Einkommen  beteiligt  sind.
Zunächst  wird  da  wohl  niemand  widersprechen,  wenn  wir  an  jedermann, ­
  der  arbeiten  kann,  die  sittliche  Forderung  stellen,  daß  er
irgendeine  gesellschaftlich  nützliche  Tätigkeit  ausübt,  und  zwar  nicht
nur  „um  eine  Beschäftigung  zu  haben",  sondern  als  Beruf,  d.  h.  mit
Angabe  aller  Kräfte  des  Körpers  und  des  Geistes.  Niemand  hat
bas  Recht,  ein  Drohnendasein  zu  führen.  Es  ist  aber  auch  ganz
falsch,  wenn  man  in  den  unteren  Schichten  glaubt,  das  Leben  der
wichen  Klassen  sei  nur  ein  fortgesetzter  Müßiggang.  Ich  habe  lange
3 eit  in  einer  der  reichsten  Städte  Deutschlands  gelebt  und  habe  dort
viel  Gelegenheit  zu  Einblicken  in  die  Lebensweise  der  oberen  Zehn ­
        <pb n="94" />
        90

II,  1.  Das  arbeitslose  Einkommen

tausend  gehabt,  danach  muß  ich  aber  bekennen:  es  waren  nur  ganz
vereinzelte  Existenzen,  die  sich  durch  ihren  Reichtum  der  Verpflichtung ­
  enthoben  glaubten,  eine  nützliche  Tätigkeit  sür  die  Gesellschaft
zu  leisten.  Im  allgemeinen  herrschte  auch  in  diesen  Rreisen  durchaus ­
  das  Gefühl  vor,  noch  bis  in  das  hohe  Alter  hinein  zu  produktiver ­
  Arbeit  verpflichtet  zu  sein.  Ruch  in  diesen  Rreisen  sterben
viele  in  den  Sielen,  und  wenn  manche  von  der  geschäftlichen  Tätigkeit ­
  sich  etwas  früher  zurückziehen,  so  geschieht  es  nur,  um  sich  ganz
der  ehrenamtlichen  Tätigkeit  in  den  Organen  unserer  Selbstverwaltung ­
  oder  anderen  gemeinnützigen  Rufgaben  widmen  zu  können.
Gb  unter  diesen  Umständen  ein  Bedürfnis  vorliegt,  an  die  Stelle
eines  sittlichen  Gebots,  das  sich  an  den  einzelnen  richtet,  an  den  Staat
die  Forderung  zu  stellen,  er  möge  durch  eine  Neuorganisation  der
Gesellschaft  auf  sozialistischer  Grundlage  dafür  sorgen,  daß  überhaupt ­
  jede  Möglichkeit  zum  Bezug  eines  arbeitslosen  Einkommens
aufhöre,  das  wird  man  in  erster  Linie  davon  abhängen  lassen  müssen,
ob  mit  der  Existenz  des  arbeitslosen  Einkommens  eine  schwere  Benachteiligung ­
  der  anderen  volksklassen  verknüpft  ist  oder  nicht.  Unter
diesem  Gesichtspunkte  sind  ja  auch  die  heftigen  Angriffe  des  Sozialismus ­
  gegen  das  arbeitslose  Einkommen  aufzufassen.  Die  Tatsache,
daß  arbeitsloses  Einkommen  in  erheblichem  Umfange  vorhanden  ist,
genügt  ihm,  um  daraus  ohne  weiteres  ungünstige  Folgen  für  die
wirtschaftliche  Lage  der  übrigen  Bevölkerung  abzuleiten.  Alles  arbeitslose ­
  Einkommen  beruht  nach  ihm  auf  Ausbeutung,  ist  lediglich ­
  eine  Folgeerscheinung  des  Privateigentums  und  hat  sonst  keinen
wirtschaftlichen  Zweck,  als  eben  den,  seinem  Bezieher  zu  ermöglichen,
ohne  Arbeit  h:rrlich  und  in  Freuden  zu  leben.
Die  große  Frage  ist  nun  aber,  ob  der  Sozialismus  mit  diesen  Behauptungen ­
  recht  hat.  Der  Sozialismus  hat  ja  für  seine  Anschauungen ­
  über  diesen  Punkt  viele  Gläubige  auch  in  nichtsozialistischen
Rreisen  gefunden.  Die  sozialistische  Auffassung  des  arbeitslosen  Einkommens ­
  ist  in  Deutschland  auch  in  bürgerliche  Rreise  tief  eingedrungen, ­
  bei  manchen  Bürgerlichen  ist  geradezu  schon  die  Anschauung
        <pb n="95" />
        Der  Ursprung  des  Uapitalzinses

SI

entstanden,  man  könne  gar  nicht  mehr  mit  gutem  Gewissen  Anhänger ­
  der  bestehenden  Wirtschaftsordnung  sein.  An  diesem  Zustand
ist  die  deutsche  akademische  Wissenschaft  nicht  ohne  Mitschuld.  Soweit ­
  die  deutschen  Nationalökonomen  in  den  hier  vor  allem  in  Frage
kommenden  Lehren  über  den  Ursprung  des  Uapitalzinses  und  der
Grundrente  sich  nicht  ebenfalls  direkt  auf  einen  von  dem  sozialistischen
kaum  noch  zu  unterscheidenden  theoretischen  Standpunkt  stellten,
haben  sie  es  in  ihrer  Abneigung  gegen  die  theoretische  Forschung  meist
vorgezogen,  die  klare  und  präzise  Stellungnahme  zu  diesen  Fragen
Zu  umgehen.  In  ihrer  Vorliebe  für  die  historisch-deskriptive  Forschung
sahen  sie  in  der  Erörterung  solcher  theoretischer  Probleme  nichts  Besseres ­
  wie  „scholastischeDenkübungen"  (Schmokier).  Jedenfalls  ist  die
akademische  Nationalökonomie  in  Deutschland  in  den  letzten  Jahr-Zehnten
  nicht  imstande  gewesen,  eine  nationalökonomische  Theorie
aufzustellen,  die  in  solchen  grundlegenden  Fragen  wie  denen  nach
dem  Ursprung  des  Zinses  und  der  Grundrente  irgendwie  die  ttonkurrenz
  mit  den  sozialistischen  Lehren  hätte  aufnehmen  können.  Die
deutschen  Nationalökonomen  der  letzten  anderthalb  Menschenalter
abgesehen  nur  von  den  aber  in  Deutschland  selbst  nur  wenig
Einflußreichen  Österreichern  —  waren  in  theoretischer  Hinsicht  im
besten  Fall  Eklektiker,-  eine  Theorie,  die  sich  aus  lauter  von  verschiedenen ­
  Lehrgebäuden  entnommenen  Bausteinen  zusammensetzt,  ist
über  im  Grunde  keine  Theorie.  Jedenfalls  war  öiese  Art  Theorie  außer
  stände,  gegen  ein  so  einheitliches  und  geschlossenes  System  wie  das
des  Marxismus  und  der  auf  ihm  beruhenden  Ausbeutungstheorie  ein
Gegengewicht  zu  schaffen.  So  ist  es  kein  Wunder,  wenn  viele  Studenten, ­
  überhaupt  zahlreiche  Gebildete  in  Deutschland,  eine  leichte
Leute  der  sozialistischen  Theorien  geworden  sind.  Andere  sind  vor
diesem  Schicksal  wohl  nur  durch  die  gesunden  Instinkte,  die  in  ihnen
sich  regten,  bewahrt  geblieben.  Ein  Verdienst  unserer  akademischen
kvissenschaft  und  der  Widerlegung,  die  sie  den  Irrtümern  des  theoretischen ­
  Sozialismus  hat  zuteil  werden  lassen,  ist  es  aber  nicht,  war  sie
doch  diesen  Irrtümern  zum  großen  Teil  selbst  verfallen.  —
        <pb n="96" />
        II,  I.  Vas  arbeitslose  Einkommen

Die  fragen,  die  wir  vorhin  aufgeworfen  haben,  lassen  sich  ohne
näheres  Eingehen  auf  den  wirtschaftlichen  Ursprung  des  arbeitslosen ­
  Einkommens  nicht  lösen.  Wenigstens  für  die  eine  und  von
dem  modernen  Sozialismus  besonders  angefeindete  hauptform  des
arbeitslosen  Einkommens,  den  Rapitalzins,  soll  das  hier  versucht
werden.  Selbstverständlich  ist  hier  aber  nicht  der  Drt,  eine  förmliche ­
  Theorie  des  Zinses  zu  entwickeln.  Wir  müssen  uns  damit  begnügen. ­
  einige  Hauptpunkte  mehr  anzudeuten  als  auszuführen.  Dabei ­
  sei  bemerkt,  daß  wir  in  der  Lehre  vom  Rapitalzins  in  allen
wesentlichen  Punkten  der  Auffassung  des  schwedischen  Nationalökonomen ­
  G.  Lasse!  folgen,  die  dieser  in  einem  kürzlich  in  deutscher ­
  Sprache  veröffentlichten  Werk  ausführlich  entwickelt  hat  und
die  wohl  dazu  berufen  fein  wird,  in  der  Auseinandersetzung  mit
dem  wissenschaftlichen  Sozialismus  noch  eine  wichtige  Rolle  zu  spielen?^
Die  Lasselsche  Auffassung  des  Zinsproblems  ist  vor  allem  dadurch ­
  gekennzeichnet,  daß  sie  die  Frage  der  Notwendigkeit  des  Zinses
an  sich  trennt  von  der  Frage  des  privaten  Zinsbezugs.  In  der
Mehrzahl  der  älteren  Zinstheorien  laufen  diese  beiden  Probleme
hoffnungslos  durcheinander.  Die  älteren  Zinstheorien  sind  weniger
nationalökonomisch  als  moralisch  orientiert.  Sie  gehen  von  der  Fragestellung ­
  aus:  Sind  im  Zinseneinkommen  des  einzelnen  Rapitalisten
Momente  zu  entdecken,  welche  dieses  Einkommen  als  moralisch  gerechtfertigt ­
  erscheinen  lassen?  Die  Sozialisten  vermögen  solche  Momente ­
  nicht  zu  entdecken,  und  sie  kommen  daher  folgerichtig  zu  einer
moralischen  Verurteilung  des  gesamten  Zinseneinkommens.  Bürgerliche ­
  Theoretiker  glaubten  zwar  solche  Momente  entdeckt  zu  haben,
allein  wirklich  Zwingend  und  überzeugend  war  ihre  Beweisführung
nicht.  Auf  diesem  Wege  kam  man  offenbar  nicht  weiter.
Der  Fehler  lag  in  der  zu  engen  Formulierung  des  Problems.
Man  muß  die  Frage  des  privaten  Zinsbezuges  völlig  trennen  von
21)  Theoretische  Lozialökonomie.  Leipzig  1919.  Ausführlicher  hat  der
schwedische  Gelehrte  den  Gegenstand  schon  in  dem  1903  erschienenen  lverke
„dlature  and  Necessity  of  Interest“  behandelt.
        <pb n="97" />
        Die  Unentbehrlichkeit  des  Zinses

93

der  Frage  der  Notwendigkeit  des  Zinses  an  sich,  und  also  zunächst
die  Frage  auswerfen,  ob  auch  eine  nach  kollektivistischen  Grundsätzen
eingerichtete  sozialistische  Gesellschaft  in  der  Weise,  wie  es  heute  geschieht, ­
  bei  der  Preisbildung  der  waren  einen  besonderen  Preis  für
die  Nutzung  des  Napitals  zu  erheben  genötigt  sein  würde.  Diese
Trage  ist  nun  entschieden  zu  bejahen.  Auch  eine  sozialistische  Gesellschaft ­
  dieser  Art  kommt  nicht  ohne  die  Erhebung  eines  Zinses
aus.  Sobald  der  sozialistische  Staat  seinen  Bürgern  Freiheit  des
Konsums  gewährt,  und  die  Hauptoertreter  des  wissenschaftlichen  Sozialismus ­
  haben  ja  im  Unterschiede  von  den  eigentlichen  Kommunisten
  erklärt,  an  der  Einrichtung  der  Freiheit  des  Konsums  festhalten ­
  zu  wollen,  wird  die  Erhebung  eines  Zinses  nach  dem  Maße,
wie  bei  der  Herstellung  der  einzelnen  Güter  Kapital  gebraucht
wird,  zur  unumgänglichen  Notwendigkeit.  Auch  der  sozialistische
8taat  kommt  dann  mit  einer  Berechnung  der  Güterpreise  bloß  nach
den  Arbeitskosten  nicht  aus,  er  kann  beispielsweise  die  Mietpreise
der  Wohnungen  nicht  in  der  weise  festsetzen,  daß  durch  die  Mieten  nur
die  jährlichen  Unterhaltungskosten  der  Häuser  und  ihre  Abnutzung
gedeckt  werden,  auf  einen  Zins  für  das  in  den  Häusern  steckende  Kapital ­
  dagegen  verzichtet  wird.
herrscht  in  einer  Wirtschaftsordnung  Freiheit  des  Konsums  in
dem  früher  erläuterten  Sinne  (f.  S.  12),  verzichtet  also  der  Staat
daraus,  die  Nachfrage  mit  dem  Angebot  auf  andere  weise  als  nur
durch  den  Druck  der  Preisbildung  zur  Übereinstimmung  zu  bringen,
so  muß  bei  der  Bildung  der  Warenpreise  für  jeden  Bestandteil  der
Produktionskosten,  der  aus  selbständigen  Gründen  knapp  ist  im  Verhältnis ­
  zum  Bedarf,  auch  ein  besonderer  Preiszuschlag  gemacht  werden. ­
  Vas  trifft  aber  für  das  Kapital  ebenso  zu  wie  für  die  Arbeit.
Das  Angebot  von  Kapitalnutzungen  ist  immer  nur  beschränkt  vorhanden, ­
  es  hat  noch  nie  ausgereicht,  um  gleichzeitig  alle  Fälle,  wo
an  sich  das  Kapital  mit  Nutzen  verwertet  werden  könnte,  zu  berücksichtigen. ­
  Diese  beständige  Knappheit  des  Kapitals  geht  aber  auf
ihre  eigenen,  besonderen  Ursachen  zurück.  Das  Kapital  ist  nicht  nur
Pohle,  Uapltalismus  und  Sozialismus,  2.  lluji.  7
        <pb n="98" />
        94  II,  1.  Das  arbeitslose  Einkommen

knapp,  weil  die  Arbeit  knapp  ist,  und  zur  Anfertigung  der  konkreten
Kapitalgüter,  der  Maschinen,  Schiffe,  Hochofenanlagen,  Häuser  usw.
Arbeit  gebraucht  wird,  sondern  es  ist  knapp,  weil  zur  Vermehrung
des  Kapitals  einer  Gesellschaft  von  der  wirtschaftenden  Menschheit,
und  zwar  ganz  ohne  Rücksicht  auf  die  Rechtsordnung,  in  der  sie
lebt,  außer  der  Arbeit,  welche  die  Anfertigung  der  Rapitalgüter  erfordert, ­
  noch  ein  zweites  wirtschaftliches  Opfer  zu  bringen  ist,  nämlich
eine  Einschränkung  des  laufenden  Konsums,  ein  Genußaufschub,  ein
Sparen,  oder  wie  man  es  bezeichnen  will.  Dieses  Opfer  kann  aber
in  jeder  Wirtschaftsperiode  stets  nur  in  beschränktem  Maße  gebracht
werden.  Venn  bei  der  Einschränkung  des  laufenden  Konsums  lassen
sich  gewisse  Grenzen  nicht  überschreiten.  Die  Ausdehnung  des  Konsums ­
  und  nicht  seine  Einschränkung  ist  doch  das  eigentliche  Ziel  der
menschlichen  Wirtschaft.  Durch  die  jährliche  Vermehrung  des  Kapitals ­
  ist  daher  bisher  die  Kapitalknappheit  noch  nie  beseitigt  worden.
Denn  während  das  Angebot  von  Kapital  zunahm,  hat  gleichzeitig
auch  immer  wieder  der  Kapitalbedarf  infolge  des  Wachstums  der  6evölkerung
  eine  entsprechende  Zunahme  erfahren,  und  das  Verhältnis
zwischen  Bedarf  und  Deckung  im  ganzen  ist  infolgedessen  ziemlich
unverändert  geblieben.
Die  Notwendigkeit  des  Kapitalzinses  an  sich  wurzelt  also  in  zwei
Tatsachen:
1.  Sn  einer  natürlichen  Tatsache,  die  ganz  unabhängig  ist
von  der  jeweils  geltenden  Rechtsordnung  des  Wirtschaftslebens,  nämlich ­
  in  der  andauernden,  auf  selbständigen  Ursachen  beruhenden
Knappheit  des  Kapitals.
2.  Sn  einer  sozialen  Tatsache,  in  einer  Einrichtung  derRechtsordnung.
  Sn  gewissem  Sinne  hat  also  der  Sozialismus  recht,  wenn
er  den  Zins  als  eine  Folgeerscheinung  der  heutigen  Rechtsordnung
hinstellt.  Aber  zugleich  springt  der  gewaltige  Unterschied  der  gewöhnlichen ­
  sozialistischen  Auffassung  des  Zinses  von  der  hier  vorgetragenen ­
  in  die  Augen.  Rach  sozialistischer  Auffassung  ist  der  Zins
nichts  weiter  als  ein  Abzug  vom  vollen  Arbeitserträge,  den  der
        <pb n="99" />
        Die  Wirtschaftliche  Funktion  des  Zinses

95

Eigentümer  des  Kapitals  auf  Grund  seines  Eigentumsrechts  zu
wachen  imstande  ist.  Der  Zins  verdankt  also  lediglich  der  Institution
des  Privateigentums  seine  Entstehung.  Irgendein  anderer  wirtschaftkicher ­
  Zweck  ist  mit  der  Einrichtung  des  Zinses  aber  nicht  verbundener ­
  dient  nur  der  Ausbeutung  der  einen  durch  die  anderen,  wir  sind
'M  Gegensatz  hierzu  zu  dem  Ergebnis  gekommen:  der  Zins  ist  in
jeder  Gesellschaft  unentbehrlich,  die  ihren  Mitgliedern  Freiheit  des
Konsums  gewährt,  gleichviel,  ob  Privateigentum  oder  Gemeineigentum ­
  an  den  Produktionsmitteln  herrscht.  Nur  der  kommunistische
Staat,  in  dem  die  Zentralbehörde  allen  Bürgern  die  Rationen  zumißt, ­
  die  sie  von  jedem  Gute  verzehren  dürfen,  kann  denkbarer-Meise
  auf  den  Zins  verzichten  und  die  Mittel  für  den  wirtschaftlichen
Fortschritt  auf  andere  weise  als  durch  Erhebung  eines  Kapital-Zinses
  aufbringen,  für  alle  Gesellschaftsordnungen  dagegen,  in  denen
die  Freiheit  des  Konsums  noch  anerkannt  wird,  ist  das  unmöglich.
Zugleich  erhellt  hieraus,  welches  die  eigentliche  wirtschaftliche
Funktion  des  Zinses  ist.  DerZinshatdieAufgabe,  die  Mittel ­
  für  den  wirtschaftlichen  Fortschritt  zu  liefern,  insbesondere ­
  für  diejenige  Ausdehnung  und  Erweiterung
der  Produktion,  die  durch  das  Wachstum  der  Bevölkerung ­
  nötig  wird.  In  einer  Gesellschaft,  in  der  die  Bevölkerung
regelmäßig  fortfährt,  sich  zu  vermehren,  werden  unbedingt  auch  immer ­
  beträchtliche  Mittel  für  die  Erweiterung  der  Produktion  gebraucht.
In  der  jährlichen  Erweiterung  der  Volkswirtschaft,  die  durch  das
Wachstum  der  Bevölkerung  gefordert  wird,  liegt,  wie  nebenbei  bemerkt ­
  fei,  überhaupt  die  größte  Schwierigkeit  für  jede  sozialistische
Organisation  der  Gesellschaft,  wenn  es  sich  beim  Sozialismus  nur
darum  handelte,  bestehende  Unternehmungen  in  den  Staatsbetrieb
Zu  übernehmen  und  weiterzuführen  -—  und  viele  Sozialisten  betrachten ­
  in  sehr  naiver  weise  da;  Problem  so  —,  dann  wäre  das
Problem  noch  relativ  einfach  zu  lösen.  Die  eigentliche  Schwierigkeit
jeder  sozialistischen  Produktionsleitung  liegt  darin,  daß  ununterbrochen ­
  auch  die  Produktion  ausgedehnt  werden  muß.

7*
        <pb n="100" />
        96

11,1.  Vas  arbeitslose  Einkommen

Dazu  sind  insbesondere  aber  auch  sehr  beträchtliche  Mittel  erforderlich. ­
  was  in  einem  Lande  wie  Deutschland  in  jedem  Jahre
gebraucht  wird,  um  die  Zahl  der  Wohnungen,  die  Produktionsanlagen
in  der  Industrie,  die  Verkehrseinrichtungen  usw.  entsprechend  dem  öevölkerungswachstum
  zu  vergrößern,  das  war  vor  dem  Kriege  auf  eine
Summe  von  mindestens  4  bis  5  Milliarden  Mark  zu  veranschlagen.
In  einer  solchen  wachsenden  Gesellschaft  aber  ist  es  ganz  unmöglich,
dem  Arbeiter  ein  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  einzuräumen.
In  jeder  fortschreitenden  Gesellschaft  müssen  vielmehr  die  Arbeiter
immer  sich  Abzüge  vom  Arbeitsertrag  gefallen  lassen,  sonst  wäre
jede  Ausdehnung  der  Produktion  unmöglich.  Vas  hat  auch  K.  Marx
sehr  wohl  gewußt.  Unter  den  Posten,  die  nach  ihm  vom  Volkseinkommen ­
  abgezogen  werden  müssen,  ehe  sich  das  ergibt,  was  für  den  Konsum ­
  verteilt  werden  kann,  befinden  sich  als  Nr.  2  „zusätzliche  Teile  für
die  Ausdehnung  der  Produktion".
Die  einfachste,  zweckmäßigste  und  auch  gerechteste  Form,  wie  sich
eine  sozialistische  Gesellschaft  die  für  die  Ausdehnung  der  Produktion
erforderlichen  Mittel  beschafft,  wird  aber  die  Erhebung  von  Preiszuschlägen ­
  auf  die  Arbeitskosten  der  einzelnen  waren  nach  Art  der
heutigen  Kapitalzinsen  sein.  Und  wenn  Freiheit  des  Konsums  im
Sozialstaate  herrschen  soll,  dann  kommt,  wie  bereits  gezeigt,  eine
andere  Art  der  Erhebung  (etwa  durch  allgemeine  Steuern)  überhaupt ­
  nicht  in  Frage.  Denn  ohne  die  Ansetzung  von  Kapitalzinsen
bei  der  Warenpreisbildung  würde  eine  Regulierung  des  Konsums
nur  durch  den  Druck  der  Preisbildung  ganz  undurchführbar  sein.
Durch  die  Ergebnisse,  zu  denen  wir  bei  dieser  Betrachtung  gelangt ­
  sind,  gewinnt  nun  auch  die  Frage  des  privaten  Zinsbezugs ­
  und  überhaupt  des  arbeitslosen  Einkommens  in  der  gegenwärtigen ­
  Wirtschaftsordnung  ein  ganz  anderes  Gesicht,  wir  werden
dadurch  genötigt,  bei  der  Beurteilung  des  arbeitslosen  Einkommens
nicht  sowohl  darauf  zu  achten,  in  welcher  höhe  arbeitsloses  Einkommen ­
  von  einzelnen  Personen  bezogen  wird,  als  vielmehr  darauf,
wie  dieses  Einkommen  von  ihnen  verwendet  wird.  Die  Frage
        <pb n="101" />
        Unschädlichkeit  des  privaten  Zinsbezugs

97

des  arbeitslosen  Einkommens  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung
ist  nicht  sowohl  zu  beurteilen  vom  Standpunkte  des  Einkommensbezugs
  als  vielmehr  von  dem  der  Einkommensverwendung  aus.
6uch  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  müssen  irgendwie  die  Mittel
für  den  wirtschaftlichen  Fortschritt  aufgebracht  werden,  und  auch
heute  ist  zunächst  das  Zinsen-  und  sonstige  Renteneinkommen  dazu
da,  um  zur  Vermehrung  des  volkswirtschaftlichen  Kapitals  verwendet
Zu  werden.
Die  für  die  volkswirtschaftliche  Beurteilung  des  privaten ­
  Zinsbezugs  entscheidende  Frage  ist  also  die  nach
der  Verwendung  des  Zinseneinkommens,  verwenden  die
privaten  Kapitalbesitzer  das  Einkommen,  das  ihnen  ihr  Lefitz  abwirft, ­
  zur  Hauptsache  nicht  für  ihren  persönlichen  Bedarf,  geben
sie  es  mit  anderen  Worten  nicht  konsumtiv  aus,  sondern  stellen  sie
es  in  den  Dienst  der  Kapitalbildung  und  -Vermehrung,  so  verliert
die  Tatsache  des  Vorhandenseins  von  arbeitslosem  Einkommen  ihre
Hauptgefahr.  Denn  diese  liegt  darin,  daß  die  Bezieher  des  Kapital-Zinses
  und  der  Grundrente  ihr  Einkommen  zu  einer  müßigen  und
verschwenderischen  Lebensführung  verwenden.  Wenn  sie  das  tun,
dann  kann  die  Institution  des  arbeitslosen  Einkommens  allerdings
die  Folge  haben,  daß  die  eigentlich  arbeitenden  Schichten  der  Bevölkerung ­
  dadurch  in  ihrem  Einkommen  verkürzt  werden.  In  dem
Rkaße  dagegen,  in  dem  die  Kapitalisten  und  Grundbesitzer  ihr  Renteneinkommen ­
  dazu  verwenden,  um  immer  wieder  neues  vermögen  zu
bilden,  wird  diese  Gefahr  vermieden.
Das  Urteil  über  das  arbeitslose  Einkommen  in  der  heutigen  Gesellschaft ­
  muß  also  in  erster  Linie  von  dem  Gebrauch  abhängig  gewacht ­
  werden,  den  die  Klassen,  die  dieses  Einkommen  beziehen,  von
ihm  machen,  hier  ist  somit  ein  Punkt,  wo  das  Urteil  über  die  bestehende ­
  Wirtschaftsverfassung  wesentlich  mit  bedingt  wird  durch
das  wirtschaftlich-moralische  Verhalten  der  besitzenden  Klassen  selbst.
Je  einfacher  und  sparsamer  diese  leben,  je  mehr  sie  ihren  verbrauch
beschränken  auf  das,  was  sie  durch  eigene  Rrbeit  verdient  haben,
        <pb n="102" />
        98

11,1.  Das  arbeitslose  Einkommen

während  sie  das  Zinseneinkommen  der  Vermögensbildung  zuführen ­
  und  es  somit  der  Aufgabe  widmen,  für  die  es  recht  eigentlich  bestimmt ­
  ist,  um  so  weniger  wird  sich  unter  sozialen  Gesichtspunkten
gegen  die  Existenz  des  arbeitslosen  Einkommens  einwenden  lassen.
Cassel  selbst  hat  diesen  Gedanken  schon  in  einer  älteren  Schrift
einmal  sehr  treffend  folgendermaßen  formuliert:  „Man  könnte  es
als  eine  ideale  Pflicht  der  Gesellschaftsklassen,  die  in  der  Hauptsache
das  Zinseinkommen  beziehen,  also  der  höheren  Linkommensklassen,
bezeichnen,  im  ganzen  eine  entsprechende  Summe  zum  Ankauf  von
neuem  Kapital  zu  verwenden.  Tun  sie  das,  dann  erfüllen  die  Privatkapitalisten ­
  ihr  Amt  zu  denselben  Bedingungen,  wie  die  sozialistische
Gesellschaft  es  tun  würde,  der  Zinsfuß  ist  derselbe,  wie  er  bei  sozialistischer ­
  Drganisation  der  Volkswirtschaft  sein  würde.  Dann  würde
auch  die  strengste  Kritik  im  beziehen  eines  Zinseinkomniens  keine
Spur  von  Ausbeutung  der  ärmeren  Klaffen  entdecken  können."
Selbstverständlich  kann  dieser  Grundsatz  aber  nur  für  die  Klasse
der  Rentenbezieher  im  ganzen  gelten,  wie  auch  von  Cassel  ausdrücklich ­
  betont  wird.  Im  einzelnen  können  zahllose  Fälle  vorkommen,
in  denen  selbst  der  strengste  Moralist  nichts  dagegen  wird  einwenden
können,  wenn  das  arbeitslose  Einkommen  für  die  persönliche  Konsumtion ­
  in  Anspruch  genommen  wird,  so,  wenn  etwa  die  Zinsen  des
Vermögens  oder  unter  Umständen  auch  dieses  selbst  dazu  dienen,  den
Kindern  eine  bessere  Ausbildung  zu  schaffen.  Schlimm  stünde  es
für  die  heutige  Gesellschaft  nur,  wenn  die  Kapitalisten  etwa  allgemein ­
  dem  Beispiel  eines  bekannten  französischen  Sozialistenführers
folgten,  der,  als  ihm  eine  größere  Erbschaft  zugefallen  war,  im
Banne  der  sozialistischen  Theorie  befangen,  mit  dem  ererbten  vermögen ­
  nichts  Besseres  tun  zu  können  glaubte,  als  es  in  einigen
Jahren  aufzuzehren  und  sich  dann  das  Leben  zu  nehmen,  um  nicht
dauernd  ein  Mitschuldiger  am  System  des  Kapitalismus  und  dem
von  diesem  der  Arbeit  abgepreßten  Tribut  zu  sein.  Das  ist  gerade
das  Gegenteil  von  dem,  was  auch  soziale  Rücksichten  von  uns  eigentlich ­
  fordern.  Vas  Wohl  der  Gesellschaft  macht  den  Kapitalbesitzern
        <pb n="103" />
        Luxus  und  Sparen

9S

nicht  nur  Erhaltung  des  Kapitals,  sondern  auch  fortgesetzte  Vermehrung ­
  des  Kapitals  zur  Pflicht.
Wie  steht  es  nun  in  diesem  für  die  allgemeine  Beurteilung  der
bestehenden  Wirtschaftsordnung  in  erster  Linie  entscheidenden  Punkte
mit  dem  tatsächlichen  Verhalten  der  wohlhabenden  und  reichen  Klassen ­
  ?  Es  ist  natürlich  nicht  leicht,  hierüber  ein  Urteil  abzugeben.  Denn
es  handelt  sich  hier  um  die  Frage,  wieviel  die  oberen  Klassen  vonihrem
Ankommen  konsumtiv  ausgeben  und  wieviel  sie  wieder  der  Kapitalbildung ­
  widmen.  Darüber  dringt  aber  im  allgemeinen  nichts  in
die  Öffentlichkeit,  sondern  der  Vorgang  spielt  sich  im  stillen  Kämmerlein ­
  ab.  Daß  hier  aber  kein  Grund  zu  der  Besorgnis  vorliegt,  das
Unternehmer-  und  das  Rentnertum  könnten  in  dem  Streben  nach
üppigem  Lebensgenuß  die  Kapitalbildung  vernachlässigen,  dafür  hat
der  Sozialismus  selbst  Zeugnis  abgelegt,  wenn  auch  wider  willen,
in  der  allgemeinen  Klage,  die  er  und  andere  mit  ihm  über  die  Schrankenlosigkeit ­
  und  Unersättlichkeit  des  Erwerbstriebs  der  Unternehmer
angestimmt  haben.  Oie  Allgemeinheit  dieser  Klagen,  die  das  Lieblingsthema ­
  der  Moralprediger  aller  Länder  schon  seit  Jahrhunderten
bilden,  ist  ein  deutliches  Zeichen,  daß  das  Unternehmertum  im  allgemeinen ­
  nicht  von  dem  Streben  nach  üppiger  Lebensführung  und
Genuß  beherrscht  ist.  wäre  dem  so,  dann  könnte  nicht  gut  zugleich
darüber  geklagt  werden,  daß  vom  Unternehmertum  in  seinem  rastlosen ­
  Erwerbstreben  nur  immer  Kapital  auf  Kapital  gehäuft  werde.
Der  eine  Vorwurf  hebt  den  anderen  auf.  wenn  wir  immer  wieder
hören  müssen,  daß  die  großen  Unternehmer  „vermögen  ansammeln,
die  ihren  Besitzern  selber  zum  Unheil  gereichen  und  jedem  vernünftigen ­
  Maßstabe  eines  kulturgemäßen  Bedarfs  Trotz  bieten",  wenn
J-  B.  Äußerungen  von  Rockefeller  zitiert  werden,  die  angeblich  in
geradezu  klassischer  Form  die  jeden  vernünftigen  Grundes  bare  Tendenz ­
  zum  schrankenlosen  Erwerb  zum  Ausdruck  bringen  sollen,  die
dem  kapitalistischen  Unternehmer  eigentümlich  sein  soll,  wenn  Rockefeller ­
  selbst  dabei  als  der  Geschäftsmann  bezeichnet  wird,  der,  fragte
Man  ihn  selber,  nicht  zu  sagen  wüßte,  weshalb  er  immer  nach  mehr
        <pb n="104" />
        100

II,  1.  Das  arbeitslose  Einkommen

strebt,  da  er  doch  längst  genug  hat,  so  sind  das  ebensoviel  Zeugnisse ­
  dafür,  daß  der  Unternehmerstand  sein  Lebensziel  nicht  in  verschwenderischem ­
  Luxus,  sondern  in  der  Arbeit  am  Ausbau  seiner
Unternehmungen  und  in  der  fortgesetzten  Vermögensbildung  erblickt.
Damit  entfällt  aber  auch  der  Anlatz  zu  Besorgnissen  nach  der  Richtung, ­
  datz  durch  den  privaten  Bezug  des  Rapitalzinses  die  Gesamtheit ­
  des  Volkes  geschädigt  werde.  Läßt  sich  doch  zeigen,  datz  bei
der  Stärke  der  jährlichen  Bevölkerungszunahme,  wie  wir  sie  in
Deutschland  vor  dem  Rriege  gehabt  haben,  auch  in  einem  sozialistischen ­
  Gemeinwesen  der  Zins  nicht  wesentlich  niedriger  sein  könnte,
als  er  tatsächlich  damals  war,  wenn  durch  ihn  die  Mittel  für  die
dem  Bevölkerungswachstum  entsprechende  Erweiterung  des  Wirtschastslebens
  aufgebracht  werden  sollen. 22 )
Wenn  die  Gesellschaft  im  ganzen  durch  das  arbeitslose  Einkommen
nicht  geschädigt  wird,  liegt  dann  aber  um  der  einzelnen  Fälle  willen, ­
  in  denen  das  arbeitslose  Einkommen  zu  einem  müßigen  und  verschwenderischen ­
  Leben  gemißbraucht  wird,  ein  genügender  Grund
vor,  die  Forderung  zu  erheben,  daß  durch  eine  Neuorganisation
der  Gesellschaft  auf  sozialistischer  Grundlage  überhaupt  jede  Möglichkeit ­
  des  Bezugs  von  arbeitslosem  Einkommen  beseitigt  werden
müsse?  Zwischen  der  Forderung  und  ihrem  Anlaß  würde  in  diesem
Falle  ein  so  krasses  Mißverhältnis  bestehen,  daß  nur  ausgesprochener ­
  Doktrinarismus  noch  an  ihr  festhalten  könnte.  Zur  Rritik  dieses
doktrinären  Standpunktes  hat  A.  Voigt  einmal  treffend  bemerkt:
.Es  wäre  geradezu  ein  Unglück  für  die  Gesellschaft,  wenn  es
nicht  auch  eine  Anzahl  von  Menschen  gäbe,  welche  nicht  durch  die
Rot  zur  Arbeit  gezwungen  sind,  sondern  frei  ihre  Arbeit  wählen
und  in  den  Dienst  der  Allgemeinheit  stellen  können.  Nicht  alle  freilich ­
  sind  so  nützlich,  wie  sie  sein  könnten,  und  manche  der  heute  unter
das  Joch  der  Arbeit  Gebeugten  würden  vielleicht  einen  besseren  Gebrauch ­
  von  ihrer  Arbeitsfreiheit  machen.  —  Aber  sollen  wir  darum

22)  vgl.  Cassel,  Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag,  7900,  2.127ff-
        <pb n="105" />
        Luxus  und  Sparen

10!

wit  Feuer  und  Schwert  diejenigen  auszurotten  streben,  welche  nicht
pflichtgemäß  mit  dem  ihnen  anvertrauten  Pfunde  wuchern?  Vder
fall  man  gar  jede  Bevorzugung  durch  Geburt  und  Glücksfälle  aus
der  wirtschaftlichen  Welt  verbannen?  Es  kommt  mir  vor,  als  wenn
ein  großer  Teil  derjenigen,  welche  das  für  die  Aufgabe  einer  gründlich ­
  reformierten  Sozialpolitik  halten,  sich  hier  mehr  vom  Gefühl
der  Mißgunst  als  von  objektiven  Erwägungen  leiten  lassen.  Läßt
der  Himmel  seine  Sonne  scheinen  und  seinen  Regen  fallen  auf  Gerechte ­
  und  Ungerechte,  da  sollte  sich  der  Mensch  nicht  vermessen,  in
wirtschaftlichen  Dingen  eine  absolut  vollkommen  verteilende  Gerechtigkeit ­
  durchführen  zu  wollen,  zumal  wenn  das  neue  Gebäude  der
absolut  gerechten  Wirtschaftsordnung  auf  dem  sandigen  Boden  des
Neides  und  ähnlicher  Gefühle  von  Menschen  errichtet  werden  soll,
die  selber  weit  davon  entfernt  sind,  den  Anforderungen  der  Gerechtigkeit ­
  zu  entsprechen."
Das  Gesamtergebnis  unserer  Betrachtungen  ist  also  das:  Die  Existenz ­
  eines  umfangreichen  arbeitslosen  Einkommens  in  der  bestehenden ­
  Wirtschaftsordnung  ist  noch  nicht  ohne  weiteres  ein  Grund,  um
über  sie  unter  moralischen  und  sozialen  Gesichtspunkten  den  Stab
Zu  brechen.  Auch  das  arbeitslose  Einkommen  hat  im  gegenwärtigen
Dirtschastsleben  eine  wichtige  Funktion  zu  erfüllen.  Es  hat  neben
den  Ersparnissen,  die  vom  Arbeitseinkommen  selbst  gemacht  werden,
ZUr  Hauptsache  die  Mittel  für  den  wirtschaftlichen  Fortschritt  auszubringen. ­
  Daß  das  arbeitslose  Einkommen  heute  auch  wirklich  seiner
Hauptmasse  nach  für  diesen  Zweck  verwendet  wird,  das  ist  jetzt  freilich ­
  nicht  durch  irgendwelche  gesetzliche  Einrichtungen  sichergestellt
und  läßt  sich  auf  dem  Wege  gesetzlicher  Vorschriften  —  etwa  durch
Controlle  der  Einkommensverwendung  bei  Gelegenheit  der  Steuerdeklarationen ­
  —  auch  wohl  kaum  sicherstellen.  Ls  setzt  vielmehr  ein
bestimmtes  freiwilliges  wirtschaftlich-moralisches  Verhalten  der
Klassen  voraus,  decken  das  arbeitslose  Einkommen  zufließt.  Ls  gilt
darum  immer  aufs  neue  in  diesen  Blassen  das  Gewissen  zu  schärfen,
daß  sie  in  ihrer  Lebenshaltung  einfach  bleiben,  jedem  unnötigen
        <pb n="106" />
        102

II,  2.  Die  strbeitslojtgfeit

Luxus  entsagen  und  ihre  Hauptaufgabe  in  der  Vermögensbildung
erblicken.  Sie  müssen  die  möglichste-  Vermehrung  ihres  werbenden
Besitzes  nicht  nur  als  eine  Pflicht  gegen  ihre  nächsten  Angehörigen,
sondern  auch  gegen  die  Gesellschaft  im  ganzen  betrachten.  Ein  reicher
Mann,  der  von  diesem  Grundsatz  sich  leiten  läßt,  handelt  sozialer  als
ein  anderer,  der  von  seinem  Reichtum  gelegentlich  einige  Stiftungen
für  wohltätige  Zwecke  macht,  im  übrigen  aber  sich  einer  so  luxuriösen
Lebensführung  überläßt,  daß  für  die  Vermögensvermehrung  nichts
übrigbleibt.  Einige  Zehntausende,  die  für  gemeinnützige  Zwecke  gegeben ­
  werden,  sind  aber  nicht  schon  ein  ausreichendes  Feigenblatt,
um  die  Blöße  des  Luxus  zu  verdecken.
Rur  eine  privatkapitalistische  Gesellschaft,  die  in  der  Frage  des
Luxus  ein  reines  Gewissen  hat,  wird  die  moralische  Rraft  besitzen,
die  Angriffe  des  Sozialismus  auf  die  heutige  Wirtschaftsordnung
immer  wieder  siegreich  abzuwehren.  Vas  Schicksal  der  heutigen  Wirtschaftsordnung ­
  hängt  insofern  von  dem  Verhalten  der  besitzenden
Massen  selbst  ab.
2.  Die  Arbeitslosigkeit.
Diejenige  Erscheinung  in  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung,
die  neben  dem  arbeitslosen  Einkommen  am  meisten  die  sozialistische
Kritik  herausgefordert  hat,  ist  die  in  ihr  beständig  in  gewissem  Umfang ­
  anzutreffende  Arbeitslosigkeit.  Und  mit  den  Vorwürfen  und  Anklagen, ­
  die  der  Sozialismus  aus  diesem  Grunde  gegen  die  bestehende
wirtfchaftsverfassung  erhebt,  hat  er  zweifellos  auch  auf  weite  nichtsozialistische
  Kreise  einen  tiefen  Eindruck  gemacht.  Jedem  Menschen
schwebt  das  Ziel  vor,  daß  er  eine  gesicherte  ökonomische  Existenz
erlangen  möchte.  Das  ist  ja  einer  der  Hauptgründe,  weshalb  der
Andrang  zu  den  staatlichen  und  kommunalen  Beamtenstellen  so  groß
ist.  Ihre  Inhaber  erfreuen  sich  einer  gesicherten  Stellung,-  sie  können ­
  aus  ihrer  Stellung  nur  beim  vorliegen  ganz  bestimmter  Voraussetzungen ­
  wieder  entfernt  werden.  Sonst  ist  sie  ihnen  aber  für
        <pb n="107" />
        Arbeitslosigkeit  und  Krbeitrfreiheit

IOZ

ihr  ganzes  Leben  sicher,  und  auch  im  Alter  und  bei  Arbeitsunfähigkeit ­
  haben  sie  Anspruch  auf  Versorgung.  Dem  Lohnarbeiter  fehlt
diese  Sicherung  seiner  ökonomischen  Existenz.  Er  muß  mit  der  Gefahr ­
  rechnen,  arbeitslos  zu  werden.  $ik  jeden,  von  dem  wir  hören,
daß  er  stellenlos  ist,  beschleicht  uns  unwillkürlich  Mitleid.  Und  dieses
Mitleid  hat  seine  tiefe  Berechtigung.  Die  Arbeitslosigkeit  ist  eine
schwere  Gefahr  für  die  Arbeiterbevölkerung.  „Die  große  Mehrzahl
der  Menschen  wird",  wie  G.  von  Schanz  einmal  treffend  bemerkt,
»durch  den  regulären  Gang  der  Beschäftigung  und  des  Einkommens
auf  dem  Wege  des  Guten  erhalten,  und  sie  strauchelt,  sobald  dieser
Gang  unterbrochen  wird  und  die  Not  an  die  Tür  klopft."
Es  ist  daher  sehr  verständlich,  wenn  das  Mitleid,  das  wir  mit
jedem  Arbeitslosen  empfinden,  leicht  in  Entrüstung  über  den  brutalen ­
  Unternehmer,  der  angeblich  nach  seinem  Belieben  den  Arbeiter ­
  aufs  Pflaster  wirft,  oder  auch  in  leidenschaftlichen  Anklagen
gegen  die  ganze  heutige  Wirtschaftsordnung,  die  den  Arbeiter  von
Seit  zu  Zeit  arbeitslos  werden  läßt,  sich  Luft  macht.  Vas  aber  ist
gerade  die  Hrage,  die  hier  aufgeworfen  werden  muß:  Ist  die  Erscheinung ­
  der  Arbeitslosigkeit  wirklich  ein  genügender  Grund,  um
über  die  ganze  heutige  Wirtschaftsordnung  den  Stab  zu  brechen?
Mer  sich  hierüber  ein  Urteil  bilden  will,  der  muß  vor  allem  von
dem  Umfang,  in  dem  in  der  modernen  Volkswirtschaft  Arbeitslosigkeit ­
  herrscht,  sowie  von  den  gesellschaftlichen  Zusammenhängen,
die  sie  Hervorrufen,  eine  richtige  Vorstellung  haben.  Und  weiter
Muß  er  vor  allem  auch  darüber  sich  klar  sein,  unter  welchen  Voraussetzungen ­
  einzig  und  allein  denkbarerweise  eine  Beseitigung  der
Arbeitslosigkeit  erreicht  werden  kann.  Die  Kritik  an  einem  sozialen
System  hat  ja  überhaupt  nur  dann  Sinn  und  Berechtigung,  wenn
Man  das  andere  soziale  System,  das  notwendig  an  die  Stelle  des
abgelehnten  treten  müßte,  nach  seinen  Eigenschaften  mit  zum  vergleich ­
  heranzieht.  Jede  Kritik,  die  eine  soziale  Einrichtung  verurteilt,
ahne  aber  sich  darum  zu  kümmern,  wie  das  soziale  System  beschaffen
sein  würde,  das  allein  an  die  Stelle  des  bekämpften  treten  kann,  ist
        <pb n="108" />
        104

II,  2.  Die  Arbeitslosigkeit
im  Grunde  eine  Absurdität  und  nur  ein  Leweis  für  die  Urteilslosigkeit
  des  Durchschnittsmenschen  in  politischen  Dingen.  Das  hindert
bekanntlich  aber  die  politischen  Parteien  vielfach  nicht,  ihre  Kritik
nach  diesem  Rezepte  zu  üben.
warum  gibt  es  nun  im  modernen  Wirtschaftsleben  beständig  eine
gewisse  Zahl  von  Arbeitslosen?  Selbstverständlich  wird  diese  Frage
hier  nur  in  dem  Sinne  gestellt,  daß  die  wirtschaftlichen  Ursachen, ­
  aus  denen  in  gewöhnlichen  Zeiten  in  unserer  Wirtschaftsordnung ­
  Arbeitslosigkeit  entspringt,  untersucht  werden  sollen.  Die
Arbeitslosigkeit,  die  jetzt  am  Kriegsende  in  einem  besiegten,  von  der
übrigen  Welt  abgeschnittenen  und  mit  seinem  Wirtschaftsleben  in
ganz  abnorme  Zustände  geratenen  Volke  so  bedrohliche  Dimensionen
annimmt,  kann  aber  nicht  unserer  Wirtschaftsordnung  an  sich  zur
Last  gelegt  werden.  Deshalb  ist  auch  die  Frage  der  staatlichen  Arbeitslosenunterstützung ­
  jetzt  anders  zu  beurteilen  als  bei  normaler
Lage  der  Dinge.
Auf  die  vorhin  aufgeworfene  Frage  ist  nun  zu  antworten:  Ein
gewisses  Maß  von  Arbeitslosigkeit  ist  heute  zunächst  unvermeidbar
als  Folge  der  absoluten  Freiheit  des  Arbeitsverhältnisses,  die  für
beide  Parteien  des  Arbeitsvertrags  gilt,  sowie  der  natürlichen
Unvollkommenheit,  die  notwendig  jeder  Arbeitsvermittlung  anhaftet, ­
  gleichviel  wie  ihre  Organisation  geartet  ist.  In  einer  Wirtschaftsordnung, ­
  die  dem  Arbeiter  das  unbeschränkte  Recht  gibt,  seine  bisherige ­
  Stellung  zu  kündigen  und  ebenso  unbeschränkt  darüber  zu  entscheiden, ­
  ob  er  eine  neue  ihm  angebotene  Stelle  annehmen  will  oder
nicht,  und  in  der  ebenso  auch  der  Unternehmer  die  entsprechenden
Rechte  besitzt,  wird  es  jederzeit  eine  gewisse  Zahl  von  Arbeitslosen  geben. ­
  Denn  auch  die  denkbar  beste  Grganisation  der  Arbeitsvermittlung ­
  kann  es  nie  dahin  bringen,  daß  die  Arbeiter,  die  aus  irgendeinem
Grunde  ihre  bisherige  Stellung  aufgegeben  haben,  immer  da,  wo
offene  Stellen  für  sie  vorhanden  sind,  sofort  wieder  eingestellt  werden,
ohne  daß  dazwischen  eine  Zeit  der  Beschäftigungslosigkeit  eintritt.  So
ist  es  insbesondere  zu  erklären,  daß  auch  in  der  Zeit  des  besten  Ge-
        <pb n="109" />
        Arbeitslosigkeit  und  Lohnbewegung

105

schäftsgangz,  wenn  in  der  Industrie  Hochkonjunktur  herrscht,  eine
Statistik,  die  darauf  ausgeht,  die  augenblicklich  nicht  in  Beschäftigung
stehenden  Arbeiter  zu  zählen,  stets  einen  bestimmten  Prozentsatz
der  Lohnarbeiter  als  arbeitslos  ermitteln  wird.^)  Die  Tatsache,
daß  im  modernen  Wirtschaftsleben  beständig  eine  gewisse  Zahl
von  Arbeitslosen  vorhanden  ist,  darf  daher  auch  nicht  so  gedeutet
werden,  als  ob  es  eine  Eigentümlichkeit  unserer  Wirtschaftsordnung
sei,  daß  das  Angebot  von  Arbeitskräften  die  Nachfrage  andauernd
übertreffe,  vielmehr  können  gleichzeitig  im  ganzen  noch  mehr  Arbeitsstellen ­
  unbesetzt  fein,  als  Arbeitslose  vorhanden  sind.
Ein  gewisses  Nlaß  von  Arbeitslosigkeit  ist  also  einfach  die  Folge
davon,  daß  infolge  der  heute  herrschenden  weitgehenden  Freiheit
des  Arbeitsvertrags  für  beide  Parteien  Angebot  und  Nachfrage  auf
dem  Arbeitsmarkt  sich  nicht  schnell  genug  zusammenfinden,  hierher
gehört,  wie  bereits  angedeutet,  insbesondere  dasjenige  Nlaß  von
Arbeitslosigkeit,  das  auch  in  der  Zeit  des  Hochstandes  der  industriellen
Konjunktur  bestehen  bleibt.  Bei  den  englischen  Gewerkvereinen  ist
die  durchschnittliche  Arbeitslosenziffer  in  Jahren  der  industriellen
Hochkonjunktur  bereits  bis  auf  2  %  und  weniger  in  Friedenszeiten
gesunken.  Noch  niedriger  war  die  Krbeitslosenziffer  während  des
Krieges.  Da  ist  sie,  nachdem  die  im  Anfang  des  Nrieges  eingetretene
vorübergehende  Stockung  des  Wirtschaftslebens  überwunden  war,
seit  1916  sogar  auf  0,4%  und  noch  tiefer  gesunken.  Ganz  ähnlich
war  der  Verlauf  übrigens  auch  in  Deutschland.
Mit  dem  eben  bezeichneten  Maß  von  Arbeitslosigkeit  ist  also  im
Wirtschaftsleben  unter  allen  Umständen  zu  rechnen.  Dieses  Maß
kann  indessen  im  allgemeinen  auch  als  unbedenklich  bezeichnet  werden, ­
  als  unbedenklich  sowohl  vom  Standpunkte  der  Arbeiterklasse
ols  auch  von  dem  des  einzelnen  Arbeiters  aus.
Vom  Standpunkte  der  Arbeiterklasse  aus  ist  eine  Arbeitslosigkeit,
die  sich  in  den  eben  bezeichneten  Grenzen  hält,  d.  h.  die  nicht  oder
23)  Richtig  schon  hervorgehoben  bei  Rauchberg,  Oie  Berufs-  und  tbe-Werbezählung
  im  Deutschen  Reich  vom  14.  VI.  1895,  1901,  §.  201.
        <pb n="110" />
        106

II,  2.  Die  Arbeitslosigkeit

wenigstens  nicht  wesentlich  über  3  o/o  hinausgeht,  insofern  unbedenklich, ­
  als  sie  kein  Hindernis  für  eine  aufsteigende  Lewegungder
  Löhne  bildet,  wie  auf  dem  kvohnungsmarkt  ein  Vorrat ­
  von  3o/o  leerstehender  Wohnungen  noch  keinen  fühlbaren  Druck
auf  die  Mietpreise  auszuüben  vermag,  sondern  erst,  wenn  der  Wohnungsvorrat ­
  wesentlich  über  dieses  Maß  hinaus  anschwillt,  die  Preisbildung ­
  der  Wohnungen  nach  unten  beeinflußt  wird,  so  steht  es  ähnlich
auf  dem  Urbeitsmarkte.  Eine  Urbeitslosenziffer  von  3  o/o  und  weniger
vermag  die  Uufwärtsbewegung  der  Löhne  nicht  auszuhalten,  erst,
wenn  die  Ziffer  von  3  o/o  stärker  überschritten  wird,  tritt  eine  Umkehr
in  der  Bewegung  der  Lohnsätze  ein.  Das  lassen  die  nachstehenden
Ungaben  für  Großbritannien  deutlich  erkennen,  in  denen  die  Jahresdurchfchnittsziffer
  der  Arbeitslosen  bei  den  britischen  Gewerkvereinen
mit  der  Zunahme  oder  Ubnahme  der  wöchentlichen  Lohnsätze  im
vereinigten  Königreich  verglichen  wird.  Ls  betrug

Jahr

Allgemeine
Arbeitslosenziffer ­
  der  Gewerkvereine ­


Zunahme  bzw.  Abnahme ­
  der  wöchentlichen ­
  Lohnsätze  in
1000

Jahr

Allgemeine
Arbeitslosenziffer ­
  der  Gewerkvereine ­


Zunahme  bzw.  Abnahme ­
  der  wöchentlichen ­
  Lohnsätze  in
1000  £

1896

3,5

-st  26,5

1905

5,0

-  2,2

1897

3,3

-st  31,5

1906

3,6

-st  57,9

1898

2,8

-st  80,7

1907

3.7

-st  200,9

1899

2,0

4-  SO,3

1908

7,8

-  59,2

1900

2.3

-st  208,6

1909

7,7

-  68,9

1901

3,3

-  76,6

1910

4,7

-st  14,5

1902

4,0

—  72.6

1911

3,0

-st  34,6

1903

4,7

—  38,3

1912

3,2

+  139,5

1904

6,0

-  39,2

1913

2,1

-st  164,2

Uuch  vom  Standpunkt  des  einzelnen  Urbeiters  kann  eine  Urbeitskosigkeit,
  die  nicht  über  3  °/o  hinausgeht,  im  allgemeinen  als  unbedenklich ­
  angesehen  werden.  Denn  wenn  der  Umfang  der  Arbeitslosigkeit ­
  diese  Grenze  nicht  überschreitet,  kann  zugleich  angenommen
werden,  daß  die  Arbeitslosigkeit  im  Durchschnitt  nur  kurzfristig  ist.
Diese  beiden  Dinge  gehen  überhaupt  gewöhnlich  Hand  in  Hand.
        <pb n="111" />
        Die  Dauer  der  Arbeitslosigkeit

107

3  ft  der  Umfang  der  Arbeitslosigkeit  nur  gering,  d.  h.  hält  er  sich
unter  etwa  3  &amp;lt;y 0 ,  so  ist  auch  die  durchschnittliche  Dauer  der  Arbeitslosigkeit ­
  nicht  lang,  nimmt  dagegen  der  Umfang  der  Arbeitslosigkeit
ZU,  so  erfährt  gewöhnlich  gleichzeitig  auch  ihre  Dauer  eine  Verlängerung. ­
  Das  ist  selbstverständlich  aber  für  die  wirtschaftliche  und
soziale  Beurteilung  der  Arbeitslosigkeit  ein  Punkt  von  außerordentlicher ­
  Wichtigkeit.  In  einer  Arbeitslosigkeit,  die  nur  einige  wenige
Tage  dauert,  ist  noch  nicht,  wenigstens  nicht  ohne  weiteres,  etwas
bedrohliches  zu  erblicken.  Erst  wenn  sich  die  Arbeitslosigkeit  länger,
Wochen-  und  monatelang,  hinzieht,  führt  sie  zum  wirtschaftlichen  und
oft  auch  zum  moralischen  verfall  der  Familie.
Ls  ist  daher  ungemein  wichtig,  zu  wissen,  wie  lange  die  Arbeitslosigkeit ­
  im  Durchschnitt  dauert.  An  umfassenden  Erhebungen  fehlt
es  hierüber  freilich  noch.  Allgemeine  Arbeitslosenzählungen  sind  bisher ­
  überhaupt  erst  ganz  vereinzelt  vorgenommen  worden.  Das
Deutsche  Reich  hat  im  Jahre  1895  zuerst  von  allen  Industriestaaten
der  Welt  eine  solche  Zählung  veranstaltet,  und  zwar  gleich  Zwei-Wal,
  einmal  im  Sommer  im  Zusammenhang  mit  der  Berufszählung,
Und  zum  anderen  im  Winter  im  Zusammenhang  mit  der  Volkszählung. ­
  In  bezug  auf  die  Dauer  der  Arbeitslosigkeit  hatten  diese  Erhebungen ­
  folgendes  Ergebnis:

Arbeitslose

Dauer  der  Arbeitslosigkeit

absolut

in  Prozent

am  Zahltage

14.  VI.

2.  XII.

14.  VI.

2.  XII.

seit  I  Tage

2  104

15  791

1,17

2,85

„  2—  7  Tagen  .  ■  ■  •

17  471

70  589

9,76

12,75

.  8—14  „  ....

39  659

155  206

22,16

28,03

„  15—28  „  ....

19  782

98  180

11,05

17,74

,  29-90  „  ....

39  398

132  810

22,01

23,99

,  91  und  mehr  Tagen

25  256

39  051

14,11

7,05

unbekannt

35  334

42  013

19,74

7,59

Summa

179  004

553  640

100

100
        <pb n="112" />
        108

II,  2.  Die  Arbeitslosigkeit

Bei  beiden  Zählungen  entfiel  also  auf  die  Arbeitslosigkeit,  die
nicht  über  die  Dauer  eines  Monats  hinausging,  ein  sehr  beträchtlicher ­
  Teil  aller  Fälle,  im  lvinter  sogar  mehr  als  die  Hälfte  der
Gesamtzahl.  Nun  kommt  es  freilich  nicht  auf  die  Dauer  der  Arbeitslosigkeit ­
  am  Zählungstage  an,  sondern  aus  ihre  gesamte  Dauer  bis
zur  Erlangung  einer  neuen  Stelle.  Im  Anschluß  an  die  Erhebungen
des  Reiches  von  1895  haben  einzelne  Städte  versucht,  auch  über  diesen
Punkt  Rlarheit  zu  schassen.  Sie  suchten  durch  ergänzende  Nacherhebungen ­
  zu  ermitteln,  wann  die  Arbeitslosen  wieder  Beschäftigung
bekommen  haben.  Eine  solche  Erhebung  wurde  z.  B.  in  Berlin  veranstaltet. ­
  Dabei  stellte  sich  Heraus,  daß  die  Arbeitslosigkeit  durchschnittlich ­
  38  Tage  dauerte.  In  Stuttgart,  wo  eine  analoge  Nacherhebung ­
  im  Anschluß  an  die  winterzählung  stattfand,  hatten  bereits
zehn  Tage  nach  dem  2.  Dezember  19,1  o/o  der  Arbeitslosen  wieder
Beschäftigung  gefunden.  In  einem  sehr  beträchtlichen  Teil  aller  Fälle
handelt  es  sich  also  nur  um  eine  kurzfristige  und  daher  weniger  bedenkliche ­
  Arbeitslosigkeit.  Daneben  sind  freilich  auch  die  Fälle  von  ,
schwerer,  langdauernder  Arbeitslosigkeit  in  nicht  geringer  Zahl  vertreten. ­
  Dabei  ist  aber  noch  etwas  anderes  zu  beachten.
Unter  den  Arbeitslosen  befinden  sich  immer  auch  Existenzen,  die  im
Begriffe  stehen,  aus  dem  Erwerbsleben  wegen  mangelnder  physischer,
geistiger  oder  moralischer  Leistungsfähigkeit  überhaupt  ganz  ausgeschieden ­
  zu  werden.  Namentlich  bei  den  Fällen  von  schwerer,  langdauernder ­
  Arbeitslosigkeit  handelt  es  sich  oft  um  in  irgeudeiner  hin-  !
sicht  minderwertige  Elemente,  die  den  normalerweise  im  Erwerbsleben
zu  stellenden  Anforderungen  nicht  zu  genügen  vermögen.  Zu  den  eigentlichen ­
  Arbeitslosen  kann  man  diese  Elemente  im  Grunde  gar  nickst
mehr  zählen.  Denn  sie  haben  infolge  ihrer  körperlichen  und  geistigen
Mängel  oft  überhaupt  keine  Aussicht  mehr,  eine  dauernde  Beschäftigung ­
  zu  finden.  Sie  sind  als  erwerbsunfähig  oder  doch  höchstens
als  halb  erwerbsfähig  zu  betrachten,  hinter  der  Arbeitslosenfrage
verbirgt  sich  heute  also  zugleich  auch  das  Problem,  wie  für  die  vermindert ­
  Erwerbsfähigen  zu  sorgen  ist.  Das  ist  zweifellos  ein  Pro-
        <pb n="113" />
        Die  Arbeitslosigkeit  der  Saisongewerbe

109

&amp;amp;fein,  das  in  jeder  Gesellschaftsordnung  irgendwie  gelöst  werden
Wutz,  und  das  in  der  bestehenden  Gesellschaft  noch  keine  ausreichende
und  befriedigende  Lösung  gefunden  hat.  Dem  Problem  der  Arbeitslosigkeit ­
  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  würde  ein  großer ­
  Teil  seiner  Schärfe  genommen  werden,  sobald  es  gelänge,  aus
den  Arbeitslosen  die  eben  bezeichnete  Kategorie  herauszunehmen
und  für  sie  besondere  Einrichtungen  zu  schaffen.  —
Ein  gewisses  Matz  von  Arbeitslosigkeit  ist  also,  wie  gezeigt,  im
heutigen  Wirtschaftsleben  ganz  unvermeidbar  und  auch  im  allgemeinen ­
  unbedenklich,  woher  kommt  nun  aber  die  zeitweise  abnorme
Steigerung  der  Arbeitslosenziffer?
Eine  zeitweise  abnorme  Steigerung  der  Arbeitslofenziffer  kann
entweder  in  einzelnen  Gewerben  oder  auch  fast  gleichzeitig  in  grö-z
ßeren  Teilen  der  Industrie  eintreten.  Vas  Anschwellen  der  Arbeitslosenziffer
  in  einzelnen  Industriezweigen  kann  aus  sehr  verschiedenen ­
  Ursachen  entspringen,  wir  haben  da  zunächst  Industrien,
M  denen  sich  das  Anwachsen  der  Arbeitslofenziffer  regelmäßig  in
jedem  Jahre  in  bestimmten  Monaten  wiederholt.  Diese  Art  der
Arbeitslosigkeit  ist  ja  eine  ihrer  bekanntesten  Erscheinungsformen.
Es  ist  die  Arbeitslosigkeit  der  Saison-  und  Kampagnegewerbe.
  Sie  entspringt  aus  der  Tatsache,  daß  manche  Produktionszweige ­
  nur  einen  Teil  des  Jahres  hindurch  betrieben  werden, ­
  und  die  in  ihnen  beschäftigten  Arbeiter  dann  in  dem  Reste
des  Jahres  keine  Stellen  finden  können.  Kampagnegewerbe  sind
solche,  deren  Betrieb  aus  natürlichen  Gründen  auf  bestimmte  Jahreszeiten ­
  beschränkt  ist  und  während  des  übrigen  Jahres  ruht  (Zuckerindustrie,
  Konservenfabrikation,  Fischräucherei  usw.),  Saisongewerbe
sind  solche,  die  an  sich  das  ganze  Jahr  betrieben  werden  können,
nber  zu  bestimmten  Jahreszeiten  regelmäßig  einen  verstärkten  Betrieb ­
  haben  (Baugewerbe,  Strohhutindustrie,  Spielwarenverferti-3Ung
  usw.).
Dabei  ist,  wenn  man  zum  richtigen  Verständnis  der  Ursachen  der
Arbeitslosigkeit  gelangen  will,  aber  noch  ein  Punkt  zu  beachten.
Pohle,  Kapitalismus  und  Sozialismus,  2.  lluil.  8
        <pb n="114" />
        110

11,2.  Die  Arbeitslosigkeit

CEs  wäre  an  sich  nicht  unbedingt  notwendig,  daß  durch  das  Vorhandensein ­
  von  Saison-  und  Kampagneindustrien  in  der  Volkswirtschaft ­
  regelmäßig  soundso  viel  Tausende  von  Arbeitern  längere  Zeit
arbeitslos  werden.  Lägen  die  Dinge  z.B.  so,  daß  die  Gewerbe,
deren  Saison  in  das  Sommerhalbjahr  fällt,  ungefähr  ebensoviel
Arbeiter  beschäftigten,  wie  die  Gewerbe,  deren  Saison  in  den  Winter ­
  fällt,  so  brauchte  durch  das  Vorhandensein  der  Saisongewerbe  noch
keine  Arbeitslosigkeit  zu  entstehen.  Das  würde  allerdings  nur  unter
der  weiteren  Voraussetzung  zutreffen,  daß  die  Arbeiter  der  Sommersaisongewerbe ­
  zugleich  auch  in  den  Wintersaisongewerben  verwendbar ­
  sind,  daß  also  die  Ansprüche,  welche  in  beiden  Arten  von  Saisongewerben ­
  an  die  Kenntnisse  und  Fähigkeiten  der  Arbeiter  gestellt ­
  werden,  im  großen  und  ganzen  übereinstimmen.  In  der  Tat
findet  nun  auch  in  gar  nicht  geringem  Umfange  eine  solche  Ausgleichung ­
  und  Ergänzung  zwischen  den  verschiedenen  Saisongewerben ­
  statt.  So  rekrutiert  sich  ein  großer  Teil  der  Arbeiter  der  Rübenzuckerindustrie ­
  der  Provinz  Sachsen,  deren  Kampagne  in  den  Winter ­
  fällt,  aus  den  zu  dieser  Zeit  beschäftigungslosen  Arbeitern  der
Baugewerbe  der  benachbarten  Großstädte.  Line  vollkommene  Ausgleichung ­
  kann  hierdurch  aber  schon  aus  dem  Grunde  nicht  erreicht
werden,  weil  bei  dem  weitaus  größeren  Teil  aller  hierhergehörigen
Gewerbe  die  Saison  in  die  gleiche  Jahreszeit,  nämlich  in  den  Sommer ­
  fällt,  von  den  155  979  periodischen  Gewerbebetrieben,  die  am
14.  Juni  1895  ermittelt  wurden,  waren  120  642  die  sechs  Sommermonate ­
  hindurch  voll  im  Betrieb,  die  sechs  Wintermonate  hindurch
dagegen  nur  54  509?*)  Diese  Tatsache  erst  gibt  die  eigentliche  Erklärung ­
  für  das  regelmäßige  Anschwellen  der  Krbeitslosenziffer  in
jedem  Winter.  Und  zwar  ist  der  Unterschied  zwischen  Sommer  und
Winter  sehr  beträchtlich.  Im  Jahre  1895  belief  sich  die  Zahl  der
Arbeitslosen  nach  Abzug  der  Arbeitsunfähigen  im  Sommer-  auf
179004,  im  Winter  dagegen  auf  553640.  Das  find  im  Sommer  1,11-24)
  Statistik  des  Deutschen  Reichs,  Bd.  119,  5.188.  3u  dem  Folgenden  vgtebenda,
  Bd.  111,  5.  245ff.
        <pb n="115" />
        Arbeitslosigkeit  und  kionsumfreiheit

II!

im  Winter  aber  3,40  °/o  der  Gesamtzahl  der  Arbeitnehmer.  Am  größien
  ist  der  Unterschied  zwischen  Sommer  und  Winter,  abgesehen  von
der  absolut  ziemlich  unbedeutenden  Berufsgruppe,  welche  die  Fabrikarbeiter, ­
  Gesellen  usw.  ohne  nähere  Bezeichnung  umfaßt,  im  Baugewerbe. ­
  In  dieser  Berufsgruppe  waren  im  Sommer  2,87,  im  Winter ­
  jedoch  15,61  o/a  der  Gesamtzahl  arbeitslos.  Die  arbeitslosen  Bauarbeiter ­
  stellen  demgemäß  auch  bei  allen  großstädtischen  Arbeitslosen-Zählungen
  im  Winter  das  lfauptkontingent  der  Arbeitslosen.
Die  regelmäßig  in  jedem  Winter  auftretende  Arbeitslosigkeit  der
Laisongewerbe  ist  nun  aber  nicht  die  einzige  Ursache  für  die  zeitweise
abnorme  Steigerung  der  Arbeitslosigkeit  im  modernen  Wirtschaftsleben. ­
  Die  Zahl  der  Arbeitslosen  kann  auch  noch  aus  anderen  Gründen ­
  über  das  vorhin  angegebene,  auch  in  Zeiten  des  besten  industriellen ­
  Geschäftsgangs  nicht  zu  vermeidende  Blaß  hinaus  anwachsen. ­
  Diese  Erscheinung  steht  dann  regelmäßig  im  Zusammenhang
mit  wirtschaftlichen  Störungen,  mit  krisenartigen  Vorgängen,  wir
werden  hierbei  zweckmäßig  wieder  zwei  Fälle  unterscheiden,  nämlich ­
  einerseits  die  Arbeitslosigkeit  im  Gefolge  von  einmaligen
wirtschaftlichen  Störungen,  die  einzelne  Produktionszweige  betreffen,
und  andererseits  die  Arbeitslosigkeit  im  Gefolge  der  periodischen
Konjunkturschwankungen,  von  denen  die  ganze  Industrie
im  modernen  Wirtschaftsleben  heimgesucht  wird.
Bei  den  einmaligen  wirtschaftlichen  Störungen  ist  —  von  elementaren, ­
  politischen  und  sozialen  Ereignissen  (Urieg,  Streik)  abgesehen
—  vor  allem  an  Bedarfs  Verschiebungen  sowie  an  die  Linführung
  von  arbeitsparenden  technischen  Erfindungen
ZU  denken.  Die  Art  und  weise,  wie  die  Arbeitslosigkeit  zustande
kommt,  ist  dabei  in  beiden  Fällen  im  Grunde  die  gleiche.  Es  genügt
daher,  das  Typische  des  Vorgangs,  der  sich  hierbei  abspielt,  am  Beispiel ­
  der  Bedarfsverschiebungen  etwas  näher  zu  erläutern.
Die  Freiheit  des  Uonsums  ist  ja,  wie  gezeigt,  ein  Grundgesetz  unserer ­
  Wirtschaftsordnung.  Die  Freiheit  des  Uonsums  bewirkt  aber,
daß  die  Gunst  der  Mode  sich  bald  diesem,  bald  jenem  Artikel  zu-8'
        <pb n="116" />
        112

II,  2.  Die  Arbeitslosigkeit

wendet,  vor  allem  ist  hier  an  die  Schwankungen  der  Mode  bei  der
Kleidung,  namentlich  der  Damenkleidung,  zu  denken.  Da  werden
bald  seidene  Länder  bevorzugt,  bald  verzichtet  man  auf  diese  Art
des  Ausputze-  und  verwendet  mehr  Spitzen,  bald  wieder  treten  an
die  Stelle  von  Spitzen  Stickereien  oder  pelzwerk.  Bald  werden  Sammetstoffe ­
  getragen,  bald  wieder  will  die  Mode  von  ihnen  nichts  wissen. ­
  Dadurch  ergeben  sich  für  die  einzelnen  Zweige  der  Textilindustrie ­
  abwechselnd  Perioden  verstärkter  Arbeitereinstellung  und  bald
wieder  Perioden  gehäufter  Arbeiterentlassung.  Namentlich  eben
solche  Zweige  wie  die  Seidenbandweberei,  die  Spitzenindustrie,  die
Stickerei,  aber  auch  andere  sind  durch  den  Modewechsel  starken
Schwankungen  ihres  Beschäftigungsgrades  ausgesetzt.  Diese  Schwankungen ­
  im  Arbeitsbedarf  der  einzelnen  Geschäftszweige  brauchten
allerdings  an  sich  nicht  notwendig  zu  Arbeitslosigkeit  zu  führen.
Denn  um  ungefähr  ebensoviel  wie  von  dem  einen  Artikel  weniger
gebraucht  wird,  wird  ja  von  dem  anderen  mehr  verlangt.  Und  demgemäß ­
  wird  auch  ungefähr  in  demselben  Maße,  wie  die  eine  Industrie ­
  ihre  Nachfrage  nach  Arbeit  einschränkt,  in  anderen  die  Nachfrage ­
  nach  Arbeit  ausgedehnt.  Der  Ausgleich  auf  dem  Arbeitsmarkt,
der  hierdurch  geschaffen  wird,  vermag  aber  doch  die  Entstehung  von
Arbeitslosigkeit  nicht  zu  verhüten.  Vas  würde  nur  dann  zutreffen,
wenn  folgende  Bedingungen  erfüllt  wären  —  man  sieht  sofort,  es
liegt  ein  ganz  ähnlicher  Fall  vor  wie  bei  der  Entstehung  der  Saisonarbeitslosigkeit: ­
  die  neue  Mehrnachfrage  nach  Arbeit  müßte  einmal
an  denselben  Drten  oder  wenigstens  in  großer  Nähe  der  Drte  auftreten, ­
  an  denen  gleichzeitig  die  Nachfrage  nach  Arbeit  sich  mindert,
und  zum  anderen,  die  Arbeiter,  die  in  dem  einen  Gewerbe  arbeitslos
werden,  müßten  nach  ihrer  erworbenen  technischen  Geschicklichkeit
imstande  sein,  in  den  Gewerben,  denen  jetzt  die  Gunst  der  Mode  sich
zuwendet,  die  Arbeit  aufzunehmen.  Meder  die  eine  noch  die  andere
Bedingung  ist  aber  gewöhnlich  in  solchen  Fällen  in  genügendem  Umfange ­
  erfüllt,  von  den  Arbeitern,  die  der  von  der  Mode  begünstigte
Industriezweig  braucht,  werden  meist  andere  Kenntnisse  und  Fer ­
        <pb n="117" />
        Die  Urisenarbeitslosigkeit

113

tigkeiten  verlangt,  als  sie  den  Arbeitern  eignen,  die  durch  die  Änderung ­
  der  Nachfrage  ihre  Beschäftigung  verlieren.  Und  selbst  wenn
auf  diesem  Gebiete  leidliche  Übereinstimmung  vorhanden  sein  sollte,
so  wird  die  weiter  erforderliche  örtliche  Übereinstimmung  zwischen
Einschränkung  und  Ausdehnung  der  Arbeitsnachfrage  fehlen.  Die
neuen  Arbeiter  werden  meist  an  ganz  anderen  Grten  gebraucht  als
denen,  wo  gleichzeitig  Arbeiter  überzählig  geworden  sind.  Dabei  ist
auch  zu  beachten:  der  Mensch  ist,  wie  Iastrow  einmal  treffend
bemerkt,  keine  Ware,  die  man  beliebig  wie  einen  Ballen  Baumwolle ­
  von  einem  Drt  zum  anderen  schicken  kann.  Der  Arbeiter,  zumal ­
  der  verheiratete,  kann  sehr  triftige  Gründe  haben,  daß  er  auf
den  Verlust  seiner  bisherigen  Beschäftigung  nicht  gleich  mit  einem
ivechsel  des  Wohnorts  reagiert,  sondern  zunächst  einige  Zeit  abwartet, ­
  ob  sich  nicht  am  alten  Drte  wieder  eine  Stellung  für  ihn  findet.
Unter  diesen  Umständen  wird  aber  im  Gefolge  von  Bedarfsverschiebungen ­
  regelmäßig  auch  eine  stärkere  Arbeitslosigkeit  in  den
auf  die  Schattenseite  der  Nachfrage  geratenen  Gewerben  unvermeidlich ­
  sein.  Je  beweglicher  allerdings  die  Arbeiterschaft  wird,  je
leichter  sie  bereit  ist,  den  Wohnort  zu  wechseln,  um  so  eher  wird  sich
diese  Arbeitslosigkeit  überwinden  lassen.
Alles,  was  eben  über  die  Arbeitslosigkeit  im  Gefolge  von  8edarfsverschiebungen
  gesagt  wurde,  trifft  auch  für  die  Arbeitslosigkeit
Zu,  von  der  einzelne  Gewerbe  im  Zusammenhang  mit  der  Einführung ­
  arbeitsparender  Erfindungen,  insbesondere  neuer  Maschinen,
betroffen  werden.  Gewerbe,  die  eine  solche  technische  Umwälzung
erfahren,  entgehen  ja  gewöhnlich  auch  dem  Geschick  nicht,  durch  eine
Periode  vermehrter  Arbeitslosigkeit  hindurch  zu  müssen.  Auch  hier
liegen  die  Dinge  nicht  etwa  so,  wie  die  vulgäre  Auffassung  und
auch  viele  Sozialisten  meinen,  daß  durch  die  Maschine  überhaupt
die  Gesamtnachfrage  nach  Arbeit  in  der  Volkswirtschaft  vermindert ­
  würde,  sondern  die  Arbeitslosigkeit  entsteht  erst  durch  das  Zusammenwirken ­
  der  eben  näher  geschilderten  Momente.  Sie  entsteht
also  dadurch,  daß  die  Freisetzung  der  Arbeiter  durch  die  Maschine
        <pb n="118" />
        ]  14  II,  2.  Die  Arbeitslosigkeit
einerseits  sowie  die  vermehrte  Nachfrage  nach  Arbeit,  welche  die
Verbilligung  der  Produktion  durch  die  Maschine  regelmäßig  irgendwo ­
  hervorruft,  andererseits  auf  örtlich  und  beruflich  getrennten ­
  Arbeitsmärkten  sich  abspielen  und  ein  Ausgleich  zwischen  diesen
Arbeitsmärkten,  wenn  überhaupt,  erst  nach  längerer  Zeit  zu  erzielen ­
  ist.
Zum  Schluß  noch  einige  Worte  über  die  in  manchem  Betracht  wichtigste ­
  Ursache  der  zeitweisen  abnormen  Steigerung  der  Arbeitslosenziffer. ­
  Das  ist  das  periodische  Anschwellen  der  Arbeitslosenziffer,
das  im  Gefolge  der  allgemeinen  Schwankungen  der  industriellen
Konjunktur  auftritt  und  so  ziemlich  die  ganze  Industrie,  wenn  auch
in  den  einzelnen  Geilen  in  sehr  verschieden  starkem  Maße,  in
Mitleidenschaft  zieht.  Diese  Art  der  Arbeitslosigkeit,  die  Rrise  klar ­
  beitslosigkeit,  ist  es  ja,  die  der  modernen  kapitalistischen
Volkswirtschaft  vom  Sozialismus  in  ganz  besonderem  Maße  zum
Vorwurf  gemacht  wird.
Unser  Wirtschaftsleben  zeigt  in  seinem  Verlauf  einen  regelmäßigen ­
  Wechsel  zwischen  Aufschwungs-  und  Depresflonsperioden,  zwischen ­
  Zeiten  der  raschen  geschäftlichen  Ausdehnung  und  Zeiten,  in
denen  das  Wachstum  des  Wirtschaftslebens  stockt  oder  doch  wenigstens
viel  langsamer  wird.  Und  der  Umschlag  der  Aufschwungsperiode  in
die  Depressionszeit  ist  gewöhnlich  von  dem  Ausbruch  einer  mehr
oder  weniger  heftigen  Wirtschaftskrisis  begleitet,  die  sich  im  Zusammenbruch ­
  zahlreicher  Unternehmungen,  in  Geldklemmen,  Rreditverweigerungen
  und  anderen  auffallenden  Erscheinungen  äußert.  Vieser
eigentümliche  Rhythmus  der  industriellen  Entwicklung  der  modernen
Volkswirtschaft  wird  gern  mit  ihrem  kapitalistischen  Lharakter  in  Zusammenhang ­
  gebracht.  Und  hier  in  der  Tat  mit  Recht,  wenn  auch
der  Ausdruck  „kapitalistisch"  hierbei  in  ganz  anderem  Sinne  zu  verstehen ­
  ist  als  in  dem,  der  gewöhnlich  mit  dem  Ausdruck  kapitalistische ­
  Produktionsweise  verbunden  wird.  Der  für  das  moderne
Wirtschaftsleben  so  charakteristische  periodische  Wechsel  zwischen  Aufschwungs- ­
  und  Depressionszeiten  kann  nämlich  nicht  einfach  als  die
        <pb n="119" />
        Wirtschaftskrisen  und  klapitalbildung

115

Solge  der  Tatsache  angesehen  werden,  daß  die  Produktion  heute  für
Rechnung  und  Gefahr  einzelner  Unternehmer  geführt  wird.  Die
Herrschaft  der  privatkapitalistischen  Produktionsweise  in  diesem
binne  ist  für  sich  allein  noch  nicht  die  entscheidende  Ursache  für  das
periodische  Auftreten  von  Wirtschaftskrisen,  wohl  aber  hängt  die
krisenhafte  Disposition  der  modernen  Volkswirtschaft  insofern  mit
ihrem  kapitalistischen  Charakter  zusammen,  als  unter  Kapitalismus
hier  die  Tatsache  zu  verstehen  ist,  daß  seit  der  Umwälzung  der  Technik ­
  in  den  letzten  anderthalb  Jahrhunderten  das  stehende  Kapital, ­
  also  das  Kapital  in  der  Form  von  ausdauernden  Gütern  wie
Maschinen,  Hochofenanlagen,  Eisenbahnen,  Kanälen,  Schiffen,  Kraft-Zentralen
  u.  dgl.  in  der  Volkswirtschaft  eine  unvergleichlich  viel
größere  Rolle  spielt  als  früher.  Mit  dieser  Tatsache  hängt  der  periodische ­
  Konjunkturenwechsel  in  der  Industrie  aufs  innigste  zusammen.
Denn  er  entspringt  daraus,  daß  die  Bildung  von  stehendem  Kapital
infolge  der  Wechselwirkung,  die  zwischen  der  höhe  des  Zinsfußes
und  der  Unternehmungslust  in  der  Industrie,  d.  h.  der  Neigung,
neue  Betriebe  zu  gründen  und  vorhandene  zu  erweitern,  besteht,  sehr
ungleichmäßig  vor  sich  geht.  Bald,  nämlich  wenn  der  Zinsfuß  niedrig ­
  steht,  herrscht  die  Neigung,  die  Produktion  von  stehendem  Kapital ­
  stark  auszudehnen,  was  vor  allem  der  Eisenindustrie  in  ihren
verschiedenen  Abteilungen  zugute  kommt,  da  der  größte  Teil  der
Euter,  die  zum  stehenden  Kapital  gehören,  heute  aus  Eisen  hergestellt ­
  wird.  Bald  wieder,  wenn  nämlich  durch  die  rasche  Ausdehnung ­
  der  Unternehmungstätigkeit  und  die  steigenden  Ansprüche,  die
dadurch  an  den  Kapitalmarkt  gestellt  werden,  der  Zinsfuß  in  die
Höhe  getrieben  ist,  läßt  die  Unternehmungslust  rasch  nach,  und  die
Produktion  von  neuem  stehenden  Kapital  muß  eingeschränkt  werden. ­
  Dabei  hat  regelmäßig  sowohl  die  Unternehmungslust  im  aufsteigenden ­
  Ast  der  Bewegung  wie  die  Unternehmungsunlust  in  ihrem
absteigenden  Ast  etwas  Ansteckendes.  Dieses  massenpspchologische  Moment ­
  muß  bei  dem  Zustandekommen  des  periodischen  Konjunkturenwechsels ­
  ebenfalls  mitberücksichtigt  werden.
        <pb n="120" />
        116

II,  2.  Die  Arbeitslosigkeit

hieraus  erhellt  zugleich,  daß  der  periodische  Wechsel  der  Konjunkturen ­
  seinen  Zitz  in  einem  ganz  bestimmten  Teile  der  Volkswirtschaft ­
  hat.  Der  eigentliche  Krisenherd  des  Wirtschaftslebens  sind  die
Produktionszweige,  in  denen  das  stehende  Kapital  der  Volkswirtschaft ­
  hergestellt  wird,  also  die  Eisen-  und  die  übrige  Metallindustrie, ­
  der  Schiffsbau,  der  Eisenbahnbau,  das  Baugewerbe  usw.  Wenn
wir  von  allgemeinen  Konjunkturschwankungen  und  allgemeinen  Industriekrisen ­
  sprechen,  so  ist  das  im  Grunde  somit  auch  nicht  ganz
richtig.  Nur  insofern  ist  es  richtig,  als  die  vorhin  bezeichneten  Produktionsmittelgewerbe ­
  einen  so  großen  Teil  der  Gesamtindustrie  darstellen, ­
  daß,  wenn  es  ihnen  gut  oder  schlecht  geht,  notwendig  die
ganze  Industrie  das  mitfühlen  muß  und  dadurch  in  ihrer  Lage  beeinflußt ­
  wird.  Immerhin  bleibt  aber  bestehen,  daß  die  periodischen
Konjunkturschwankungen  in  erster  Linie  eine  Angelegenheit  der  Produktionsmittelgewerbe ­
  sind,  hier  zuerst  und  am  schärfsten  auftreten, ­
  und  sich  erst  von  hier  aus  über  die  übrige  Volkswirtschaft  ausbreiten. ­

Nus  dem  periodischen  Konjunkturwechsel  und  seinen  Rückwirkungen ­
  entspringt  nun  auch  das  zeitweise  verstärkte  Auftreten  von  Arbeitslosigkeit ­
  in  der  modernen  Volkswirtschaft.  Um  von  den  Schwankungen ­
  der  Arbeitslosigkeit,  die  aus  dieser  Esuelle  fließen,  eine  Vorstellung ­
  zu  geben,  lassen  wir  hier  die  Vurchschnittsziffer  der  Arbeitslosen ­
  bei  der  Gesamtheit  der  britischen  Gewerkvereine  für  die  Periode
1871  bis  1910  folgen.  Zum  vergleich  haben  wir  noch  die  Arbeitslosenziffern ­
  bei  der  Metallindustrie,  dem  Schiffs-  und  Maschinenbau
daneben  gestellt.  Die  viel  stärkeren  Schwankungen,  welche  die  zweite
Reihe  erkennen  läßt,  bilden  zugleich  eine  Bestätigung  des  vorhin  Ausgeführten, ­
  daß  der  Konjunkturwechsel  seinen  eigentlichen  Sitz  in  den
Produktionsmittelgewerben  tjat. 25 )

25)  Die  Jahre,  in  denen  die  Arbeitslosenzifser  am  Ende  einer  Kufschwungszeit
  ihren  niedrigsten  Stand  erreicht,  sind  fett  gedruckt,  die  Jahre  des  Maximums
dagegen  sind  kursiv  gesetzt.
        <pb n="121" />
        Lohnsätze  und  Arbeitslosigkeit  117

Z-Hr

allgemeine
arbeitslosen-Ziff-r
  der
britilchen
Gewerlvereine

Arbeitslosen*
Ziffer  in  der
Metallindustrie,
im  Schiffs-  und
Maschinenbau

3-chr

allgemeine
Krbeiislosenzilfer
  der
britischen
Lewerkvereine

Krbeitslosenziffer
  in  der
Metallindustrie,
im  Schiffs-  und
Maschinenbau

1871

1,6

1.3

1891

3,5

4.1

1872

0.9

0,9

1892

6,3

7,7

1873

1,2

1.4

1893

7,5

11,4

1874

1.7

2,3

1894

6,9

11.2

1875

2.4

3,5

1895

5,8

8,2

1876

3.7

5,2

1896

3,3

4,2

1877

4,7

6,3

1897

3,3

4.8

1878

6,8

9,0

1898

2,8

4,0

1879

11,4

15,3

1899

2,0

2,4

1880

5,5

6,7

1900

2,5

2,6

1881

3,5

3,8

1901

3,3

3.8

1882

2,3

2,3

1902

4.0

5,5

1883

2,6

2,7

1903

4,7

6,2

1884

8,1

10,8

1904

6,0

8.4

1885

9,3

12,9

1905

5,0

6,6

1886

10,2

13,5

1906

3,6

4,1

1887

7,6

10,4

1907

3,7

4,9

1888

4.9

6,0

1908

7,8

12,5

1889

2,1

2.3

1909

7,7

13,0

1890

2,1

2,2

1910

4,7

6,8

Bei  der  Entstehung  der  periodischen  Rrisenarbeitslosigkeit  sowie  in
gewissem  Umfang  auch  bei  der  der  anderen  Arten  der  Arbeitslosigkeit
spielt  aber  auch  noch  ein  anderes  Moment  eine  Rolle,  von  dem  bisher ­
  noch  gar  nicht  die  Rede  war,  ohne  dessen  Erwähnung  jede  Erklärung ­
  der  Arbeitslosigkeit  im  gegenwärtigen  Wirtschaftsleben  aber
unvollständig  bleibt.  Vas  ist  die  Lohnhöhe.  In  den  Zähren  der
aufsteigenden  Ronjunktur  können  der  Bergbau  und  die  Produktionsmittelgewerbe ­
  ihren  stark  steigenden  Arbeiterbedarf  regelmäßig  nur
durch  fortgesetzte  Lohnerhöhungen  befriedigen.  Die  Bewegung  der
Durchschnittsschichtlöhne  der  Bergarbeiter  läßt  das  deutlich  erkennen.
Wenn  dann  aber  der  Umschlag  der  Ronjunktur  einsetzt,  zeigt  sich,
        <pb n="122" />
        118

II,  2.  Oie  Arbeitslosigkeit

daß  cs  wirtschaftlich  unmöglich  ist,  eine  so  große  Arbeiterzahl  wie
bisher  zu  den  gestiegenen  Löhnen  weiter  zu  beschäftigen.  Oie  sinkenden ­
  Preise  für  Kohle,  Eisen,  Walzwerkserzeugnisse  usf.  erlauben
das  nicht  mehr.
Vas  ist  die  Situation,  aus  der  heraus  die  Arbeitslosigkeit  in  Krisenzeiten ­
  entsteht.  Für  die  menschliche  Arbeitskraft  bildet  sich  dann
eine  ganz  ähnliche  Lage,  wie  sie  auf  den  Warenmärkten  nicht  selten
zu  beobachten  ist.  Waren  sind  bekanntlich  dann  unverkäuflich,  wenn
sich  Käufer  und  Verkäufer  nicht  über  den  Preis  einigen  können,  wenn
der  Verkäufer  sich  nicht  zu  entschließen  vermag,  die  Ware  zu  dem
preis  herzugeben,  den  der  Käufer  äußerstenfalls  für  sie  noch  zu
zahlen  bereit  ist.  Ebenso  wird  die  Ware  Arbeitskraft  unverkäuflich ­
  oder,  was  dasselbe  besagt,  die  Arbeiter  werden  arbeitslos,  wenn
die  Behauptung  der  Lohnsätze  auf  ihrer  bisherigen  höhe  unmöglich ­
  wird  und  die  Löhne,  welche  die  Unternehmer  etwa  gerade  noch
zahlen  könnten,  wenn  die  ganze  bisher  beschäftigte  Arbeiterzahl  auch
weiterhin  Beschäftigung  finden  sollte,  weit  abweichen  von  den  Löhnen, ­
  welche  die  Arbeiter  als  angemessen  ansehen.  Sn  dieser  Situation ­
  wird  es  immer  zu  Arbeiterentlassungen  und  zu  Arbeitslosigkeit ­
  kommen,  vielleicht  wäre  es  möglich,  durch  eine  sofortige  starke
Reduktion  der  Lohnsätze  die  Arbeiterentlassungen  zu  vermeiden.  Aber
der  versuch  wird  regelmäßig  gar  nicht  gemacht.  Und  er  wäre  wohl
auch  von  vornherein  zum  Scheitern  verurteilt  und  würde  durch
die  Lohnkämpfe,  die  sich  unvermeidlich  an  ihn  anschließen,  das  in
dieser  Situation  ohnehin  schon  sehr  empfindliche  Wirtschaftsleben
nur  noch  mehr  in  Verwirrung  bringen.
Aus  dem  Gesagten  erhellt,  wie  die  Arbeitslosigkeit  auch  in  Zusammenhang ­
  mit  der  höhe  der  Lohnsätze  in  der  Volkswirtschaft
steht  —  ein  bei  der  Erörterung  der  Ursachen  der  Arbeitslosigkeit  bezeichnenderweise ­
  zumeist  ganz  mit  Stillschweigen  übergangener  Gesichtspunkt. ­
  werden  Lohnsätze  verlangt,  die  nicht  der  wirklichen  Lage
des  Arbeitsmarktes  entsprechen,  oder  bewegen  sich  die  Löhne  auf  einem
Stande,  zu  dem  es  unmöglich  ist,  das  ganze  vorhandene  Arbeits ­
        <pb n="123" />
        Arbeitslosigkeit  und  Arbeitslosenunterstützung

119

angebot  zu  beschäftigen,  so  entsteht  unvermeidlich  Arbeitslosigkeit,
und  sie  wird  nicht  eher  wieder  aufhören,  als  bis  die  Löhne  auf  das
dem  Stande  de;  Arbeitsmarktes  entsprechende  Niveau  zurückgekehrt
sind.  Diese  wichtige  Tatsache  muß  insbesondere  von  jeder  Arbeitslosenversicherung ­
  bei  der  Bemessung  ihrer  Unterstützungssätze  immer ­
  im  Auge  behalten  werden,  vergreift  sich  eine  Arbeitslosenversicherung ­
  in  der  höhe  ihrer  Unterstützungssätze,  bewilligt  sie  den
Arbeitslosen  höhere  Sätze  als  der  Lage  der  Volkswirtschaft  entsprechen, ­
  so  schafft  sie  selbst  mit  die  Arbeitslosen,  die  sie  dann  unterstützen ­
  muß.  Auf  die  Dauer  ist  jedes  solches  System  natürlich  unhaltbar, ­
  es  muß  früher  oder  später  zum  Zusammenbruch  führen?«) ­


26)  töte  schon  bei  den  Nationalwerkstätten  in  Paris  im  Zahre  1848
der  Fehler  gemacht  wurde,  diese  Notstandsarbeiten  so  hoch  zu  bezahlen,
daß  dadurch  die  Lust  zu  normaler  Arbeit  in  der  Industrie  untergraben
wurde,  so  sind  offenbar  bei  der  Bemessung  der  Arbeitslosenunterstützung
jetzt  am  Kriegsende  wieder  ähnliche  Fehler  begangen  worden.  Aus  Ungarn
berichtet  z.  B.  die  Frankfurter  Zeitung  im  l.  Ulorgenblatt  vom  2.  Ulärz
1919:  „Nebenbei  wird  noch  eine  Armee  von  hunderttausenden  Arbeitslosen ­
  erhalten,  von  denen  der  überwiegende  Teil  nicht  arbeiten  will,
weil  der  Staat  jetzt  männlichen  Arbeitslosen  täglich  15,  jedem  weiblichen
Arbeitslosen  10  Kronen  Unterstützung  bezahlt,  welcher  Arbeitsunfreudige
wird  unter  solchen  Umständen  noch  Arbeit  suchen."  Und  diese  Erscheinungen ­
  sind  gewiß  nicht  nur  auf  Ungarn  beschränkt.  In  einem  Bericht
der  gleichen  Zeitung  über  die  Lage  des  Arbeitsmarktcs  in  Deutschland
heißt  es  über  die  deutschen  Zustände:  „Im  Bergbau  ist  die  Zahl  der  offenen ­
  Arbeitsstellen  noch  immer  bedeutend,'  allein  im  rheinisch-westfälischen
Kohlenrevier  werden  über  13  000  Arbeitskräfte  gesucht.  Alle  versuche,
die  Arbeitslosen  von  den  Großstädten  nach  den  Bedarfsstellen  zu  ziehen,
sind  infolge  der  hohen  Arbeitslpsenunterstützungen  bisher  vergeblich  gewesen. ­
  So  gehen  in  den  Großstädten  Hunderttausend::  müßig  auf  Kosten
der  Allgemeinheit,  während  in  den  für  unser  Wirtschaftsleben  so  überaus
wichtigen  Kohlengruben  die  Förderung  infolge  des  Mangels  an  Arbeitskräften ­
  weit  hinter  dem  Bedarf-  zurückbleibt.  Der  Umstand  ferner,  daß
«in  erheblicher  Teil  der  tätigen  Arbeiter  weniger  verdient  als  die  Erwerbslosen ­
  an  Unterstützungen  erhalten,  ist  eine  dauernde  (Quelle  der  Un-
        <pb n="124" />
        120

11,2.  Die  Arbeitslosigkeit

Hüt  den  Schlußergebnissen  unserer  Betrachtungen  sind  wir  zugleich ­
  wieder  an  ihrem  Ausgangspunkt  angelangt,  nämlich  bei  der
Erkenntnis  des  engen  Zusammenhangs,  der  zwischen  dem  Zustandekommen ­
  der  Arbeitslosigkeit  und  der  Freiheit  des  Arbeitsverhältnisses, ­
  überhaupt  den  wirtschaftlichen  Freiheitsrechten  in  der  heutigen ­
  Wirtschaftsordnung  besteht.  Dieses  Resultat  ist  nun  aber  überhaupt ­
  fast  auf  alle  Erscheinungen  auszudehnen  und  zu  verallgemeinern, ­
  die  uns  im  heutigen  Wirtschaftsleben  mißfallen,  und  die
wir  als  soziale  Übelstände  empfinden.  Sie  alle  sind  in  letzter  Linie
als  Folgeerscheinungen  der  weitgehenden  Freiheit  aufzufassen,  welche
die  geltende  Wirtschaftsordnung  ihren  Bürgern  gewährt.  Auf  den
Zusammenhang,  der  zwischen  der  Bewegung  der  Lohnsätze  und  der
Freiheit  des  Konsums  sowie  der  Freiheit  der  Arbeit  besteht,  wurde
bereits  hingewiesen.  Nehmen  wir  als  weiteres  Beispiel  den  empfindlichen ­
  Mangel  an  Wohnungen,  der  von  Zeit  zu  Zeit  in
den  modernen  Großstädten  einzutreten  pflegt,  wie  oft  sind  der  großstädtischen ­
  Wohnungsproduktion  nicht  schon  leidenschaftliche  vorwürfe ­
  gemacht  worden,  daß  sie  es  nicht  verstehe,  sich  der  Bewegung
des  Wohnungsbedarfs  rechtzeitig  anzupassen  und  diesem  immer  einen
Vorrat  von  etwa  3  o/o  leerstehender  Wohnungen  zur  Verfügung  zu
stellen,  bei  dem  der  Wohnungsmarkt  gerade  die  rechte  Mitte  zwischen ­
  Wohnungsüberfluß  und  Wohnungsmangel  zeige!  Woher  kommt
es  nun  aber,  daß  im  Leben  dieser  ideale  Zustand  auf  dem  Wohnungsmarkt
  nur  relativ  selten  verwirklicht  ist  und  der  Wohnungsvorrat
oft  außerordentlich  rasch  von  einem  Extrem  ins  andere,  von  Wohnungsmangel ­
  in  Wohnungsüberfluß  und  dann  wieder  umgekehrt
verfällt?
Diese  Verhältnisse  sind  in  letzter  Linie  die  Folge  der  vollständigen
Bewegungsfreiheit,  deren  sich  die  Bevölkerung  heute  erfreut,  und
die  oft  zu  außerordentlich  starken  Schwankungen  in  der  Größe  der
Wohnungsnachfrage  in  kurzer  Zeit  führt.  Namentlich  in  Städten,  in
Zufriedenheit,  durch  die  eine  allgemeine  Arbeitsunlust  noch  mehr  verstärkt
wird."  (l.  Morgenblatt  vom  5.  März  1919.)
        <pb n="125" />
        Freizügigkeit  und  Wohnungsnot

121

deren  Erwerbsleben  die  Industrie  die  erste  Rolle  spielt,  nehmen  die
Schwankungen  auf  diesem  Gebiete  sehr  große  Dimensionen  an.  In
Seiten  des  industriellen  Rufschwungs  setzt  in  solchen  cvrten  ein  ungestümer ­
  Mehrzuzug  zur  Stadt  ein,  und  zwar  ein  Zuzug,  der  nicht
vorher  angemeldet  zu  werden  braucht-und  dessen  Größe  von  den
Lauunternehmern  in  ihre  Berechnungen  und  Überlegungen  daher ­
  nur  schwer  richtig  einzustellen  ist.  Sobald  dann  aber  die  Hochkonjunktur ­
  in  der  Industrie  nachläßt,  hört  auch  die  stürmische  Zuwanderung ­
  auf,  und  in  Zeiten  wirtschaftlicher  Depression  wird  aus
dem  Mehrzuzug  oft  sogar  ein  Mehrabzug.  In  der  Wirtschaftskrisis
der  Jahre  1901/02  war  ein  solcher  in  einer  ganzen  Reihe  von  deutschen ­
  Städten  zu  beobachten.  Chemnitz  in  Sachsen  z.  B.  hatte  von
1897  bis  1900  jährlich  eine  durchschnittliche  Mehrzuwanderung  von
Mehr  als  2000  Personen,  1901  dagegen  war  aus  dem  Mehrzuzug
ein  Mehrabzug  von  rund  1600  Menschen  geworden.  Der  Sitz  der
Betriebe  von  Krupp,  die  Stadt  Essen,  hatte  von  1897  bis  1901  einen
Mehrzuzug,  der  zwischen  2600  und  5500  Personen  jährlich  schwankte,
1902  dagegen  hatte  Essen  eine  Mehrabwanderung  von  über  7000
Und  auch  1903  immer  noch  eine  solche  von  2500  Personen.  Ähnlich
lagen  die  Verhältnisse  auch  in  Duisburg,  Halle  a.  S.,  Mannheim  und
anderen  Städten.  Mannheim  hatte  1900  einen  Mehrzuzug  von  8200
Personen,  1901  war  er  schon  gesunken  auf  4300  Personen,  und
1902  war  der  Mehrzuzug  in  einen  Mehrabzug  von  2655  umgeschlagen. ­
  Dementsprechend  schnellte  der  Wohnungsvorrat  in  Mannheim, ­
  der  in  der  Zeit  des  guten  Geschäftsgangs  in  der  Industrie,  vor
1900,  allmählich  bis  auf  l,4«/o  zusammengeschrumpft  war,  1901  sofort ­
  wieder  in  die  höhe  und  stellte  sich  in  diesem  Jahre  bereits  auf
5,12  und  im  folgenden  sogar  auf  6Vt°/o!  Dabei  ist  noch  zu  berücksichtigen, ­
  daß  in  vepressionszeiten  auch  die  Zahl  der  Eheschließungen
gewöhnlich  stark  zurückgeht,  wodurch  der  jährliche  wohnungsbedarf
in  diesen  Zeiten  noch  weiter  vermindert  wird.
Sobald  man  sich  diese  Verhältnisse  etwa;  näher  vergegenwärtigt,
wird  man  nicht  mehr  so  schnell  mit  dem  Vorwurfe  gegen  die  private
        <pb n="126" />
        Bautätigkeit  zur  Hand  sein,  daß  sie  den  oft  ganz  gewaltigen  und
urplötzlich  austretenden  Schwankungen  des  Wohnungsbedarfs  nicht
beständig  einen  Wohnungsoorrat  von  3  %  zur  Verfügung  stelle.
Das  Statistische  Amt  der  Stadt  Mannheim  bemerkt  zu  diesem  Punkte
einmal  treffend:  „Die  priupte  Bautätigkeit  kann  ihrer  schwerfälligeren ­
  Natur  nach  gar  nicht  genau  und  rasch  genug  den  Schwankungen ­
  in  der  Bevölkerungszunahme  folgen,  verliefen  die  wirtschaftlichen ­
  Gezeiten  in  sanfter  Wellenlinie,  dann  ließe  sich  wohl  denken,
daß  die  Bautätigkeit  imstande  wäre,  allzu  große  oder  kleine  Abstände ­
  zwischen  Bedarf  und  Vorrat  zu  vermeiden,  in  unserem  heutigen ­
  Wirtschaftsleben  mit  seinen  grellen  Kontrasten  wird  das  aber
unmöglich  sein.  An  einen  gänzlichen  Ausgleich  vollends  ist  gar  nicht
zu  denken,  solange  ein  Haus  nicht  ebenso  rasch  erbaut  und  beseitigt
werden  kann,  wie  der  Wanderstab  ergriffen  und  in  die  Ecke  gestellt ­
  ist."
Damit  wird  richtig  aus  den  entscheidenden  Punkt  hingewiesen.
Eine  wesentliche  Ursache  für  die  Zustände,  die  heute  auf  dem  großstädtischen ­
  Wohnungsmarkt  herrschen,  für  sein  Hin-  und  Herschwanken ­
  zwischen  Wohnungsmangel  und  Wohnungsüberfluß,  liegt  in  der
schrankenlosen  Freizügigkeit,  die  heute  die  Bevölkerung  aller  Staaten ­
  besitzt.  Indem  wir  das  hervorheben,  liegt  es  uns  selbstverständlich ­
  fern,  etwa  eine  Einschränkung  der  Freizügigkeit  befürworten
zu  wollen.  Es  ist  hier  überhaupt  nicht  unsere  Aufgabe,  Forderungen ­
  zu  erheben,  sondern  nur  soziale  Zusammenhänge  festzustellen,
was  wir  zu  betonen  haben,  ist  daher  nur  das:  Wenn  man  in  der
Freizügigkeit  ein  so  wertvolles  Recht  sieht,  daß  man  an  ihr  nicht
gerüttelt  wissen  will,  dann  hat  man  auch  kein  Recht,  über  die  private ­
  Bautätigkeit  als  unfähig  zur  Erfüllung  ihrer  Aufgabe  den
Stab  zu  brechen.  Venn  die  jetzigen  Verhältnisse  auf  dem  wohnungsmarkt ­
  sind  eben  wesentlich  eine  Folge  der  schrankenlosen  Freizügigkeit ­
  und  können  nur,  wenn  man  aus  diese  verzichtet,  geändert
werden.
Damit  sind  wir  überhaupt  bei  dem  Rardinalpunkte  des  Streites
        <pb n="127" />
        Freiheit  oder  Gleichheit?

123

Zwischen  Individualismus  und  Sozialismus  angelangt.  Denn,  wie
bereits  angedeutet  wurde:  Nlles,  was  uns  an  der  heutigen  Wirtschaftsordnung ­
  mißfällt,  wie  die  Unsicherheit  der  wirtschaftlichen
Existenz  des  Urbeiters,  die  nicht  selten  fehlende  Übereinstimmung
Zwischen  der  Höhe  des  Lohnes  für  eine  Urbeit  und  der  Mühe,  die  sie
verursacht,  das  zeitweilige  empfindliche  Zurückbleiben  des  Ungebots
hinter  der  Nachfrage  auf  manchen  Gebieten,  alle  diese  Mißstände
der  heutigen  Wirtschaftsordnung,  aus  denen  man  gern  ebensoviel
Nnklagepunkte  gegen  sie  macht,  sind  in  letzter  Linie  nur  Folgeerscheinungen ­
  der  weitgehenden  wirtschaftlichen  Freiheitsrechte,  welche  die
bestehende  Wirtschaftsordnung  ihren  Mitgliedern  gewährt,  und  sie
lassen  sich  nur  beseitigen,  wenn  man  auch  diese  Freiheitsrechte  aufhebt. ­
  Der  Streit  zwischen  Individualismus  und  Sozialismus  spitzt
sich  also  schließlich  notwendig  auf  die  Frage  zu:  was  ist  vorzuziehen, ­
  eine  Wirtschaftsordnung,  welche  allen  die
größtmögliche  Bewegungsfreiheit  gewährt,  oder  eine
Wirtschaftsordnung,  die  allen  ihre  wirtschaftliche  Existenz ­
  von  Staatswegen  garantiert  und  eine  mehr  oder
weniger  vollkommene  ökonomische  Gleichheit  zwischen
ihnen  herstellt?  Venn  die  Lage  der  Dinge  ist  h'er  eben  die:  Zwei
Ideale  schweben  den  meisten  Menschen  vor,  die  sie  in  der  Gesellschaftsordnung ­
  verwirklicht  sehen  möchten,  das  Ideal  der  Freiheit  und  das
Ideal  der  Existenzsicherheit  und  Gleichheit.  Die  Natur  der  Dinge  hat
es  nun  aber  so  eingerichtet,  daß  man  beide  Ideale  nicht  zusammen  in
einer  und  derselben  Gesellschaftsordnung  erreichen  kann,  sondern  nur
das  eine  auf  Kosten  des  anderen.  Man  kann  das  größte  Maß  von
wirtschaftlicher  Freiheit  nur  dann  erreichen  in  der  Wirtschaftsordnung, ­
  wenn  man  dafür  eine  weitgehende  Ungleichheit  der  Einkommens- ­
  und  Vermögensverhältnisse  in  Kauf  nimmt.  Ebenso  aber  kann
Man  auf  der  anderen  Seite  annähernde  ökonomische  Gleichheit  und
Sicherung  der  Existenz  aller  in  einer  Gesellschaft  nur  verwirklichen,
wenn  man  dafür  die  wirtschaftliche  Bewegungsfreiheit  des  einzelnen
Zu  opfern  bereit  ist.  Gder,  wie  Goethe  schon  kurz  und  bündig  es
        <pb n="128" />
        124

11,2.  Die  Arbeitslosigkeit

formuliert  hat:  „Gesetzgeber  oder  Revolutionäre,  die  Gleichheit  und  Freiheit ­
  zugleich  versprechen,  sind  entweder  Phantasten  oder  Lharlatane."
Über  doch  beruhen  die  Erfolge  des  modernen  Sozialismus  zum
großen  Teil  darauf,  daß  er  vor  der  Seele  seiner  Anhänger  das  Bild
eines  Zukunftsstaates  hat  entstehen  lassen,  in  dem  das  heute  geltende
Maß  von  wirtschaftlicher  Bewegungsfreiheit  mit  einer  Einkommensverteilung, ­
  die  nur  den  Wert  der  geleisteten  Arbeit  als  Maßstab  gelten ­
  läßt,  vereinigt  ist.  Auf  dem  Papier  ist  es  ja  immer  leicht,  Gesellschaftsordnungen ­
  zu  entwerfen,  in  denen  die  Elemente  entgegengesetzter ­
  sozialer  Systeme  zu  neuen  Gebilden  kombiniert  werden
—  es  fragt  sich  nur,  ob  die  Wirklichkeit  den  Erfindern  dieser  sozialen
Luftschlösser  den  Gefallen  tun  wird,  sich  nach  ihren  Phantasien  zu
richten.  Wer  auch  nur  eine  Spur  von  soziologischer  Einsicht  in
die  notwendigen  Ronsequenzen  der  verschiedenen  sozialen  Systeme
besitzt,  der  weiß,  daß  der  Sozialismus  hier  unerfüllbaren  Traumbildern ­
  nachjagt.  Das  Problem,  eine  sozialistische  Gesellschaftsordnung ­
  zu  ersinnen,  bei  der  das  heutige  Maß  von  wirtschaftlicher
Freiheit,  insbesondere  die  Freiheit  des  Konsums  und  die  der  Arbeit, ­
  aufrechterhalten  bleibt,  ist  prinzipiell  unlösbar.  Es  ist  ebenso
unlösbar,  wie  das  Problem  der  Konstruktion  eines  Perpetuum  mobile ­
  in  der  Mechanik  ein  unlösbares  Problem  geblieben  ist.  „Es
erscheint  hart,  aber  das  Leben  ist  so  hart,  uns  zu  zwingen,  überall
Nachteile  mit  Vorteilen  in  den  Kauf  nehmen  zu  müssen.  Sn  der
heutigen  freien  Wirtschaftsordnung  haben  wir  die  Freiheit  der  Bedarfsdeckung, ­
  mit  ihren  schädlichen  Folgen  müssen  wir  uns  abzusinken ­
  suchen,  Sn  der  sozialistischen  wird  uns  die  Sicherheit  und
Regelmäßigkeit  des  Linkommenbezugs  versprochen,  dafür  müssen  wir
es  uns  gefallen  lassen,  wie  Mönche  und  Soldaten  behandelt
zu  werden."?')
Manchmal  dämmert  natürlich  auch  den  Sozialisten  die  Erkenntnis,
daß  in  der  fehlenden  wirtschaftlichen  Freiheit  der  schwache  Punkt
ihres  Gesellschaftsideals  liegt.  Sie  suchen  dann  aber  die  Sache  mög-27)

  tv.  ksasbach,  Moderne  vcmokratle,  S.  372.
        <pb n="129" />
        Die  wirtschaftliche  Freiheit  im  Sozialismus

125

lichst  so  zu  drehen  und  darzustellen,  als  ob  der  Sozialismus  eben
nur  die  Freiheit  des  einzelnen  im  vergleich  mit  dem  gegenwärtigen
Zustande  nicht  vergrößern  könne,  im  wesentlichen  also  in  dieser  Beziehung ­
  alles  beim  alten  bleiben  werde.  So  schreibt  Rautsky
einmal:  „Der  Sozialismus  kann  die  Abhängigkeit  des  Arbeiters
von  dem  wirtschaftlichen  Getriebe,  in  dem  er  ein  Rädchen  bildet,
nicht  beseitigen,  aber  an  Stelle  der  Abhängigkeit  des  Arbeiters  von
einem  Rapitalisten,  dessen  Interessen  den  seinen  feindlich  gegenüberstehen, ­
  setzt  er  seine  Abhängigkeit  von  einer  Gesellschaft,  deren
Mitglied  er  selbst  ist,  einer  Gesellschaft  gleichberechtigter  Genossen,
die  gleiche  Interessen  haben."
Was  hierbei  gänzlich  übersehen  wird,  das  ist  nur,  daß  die  Art
der  Abhängigkeit  in  beiden  Fällen  eine  grundverschiedene  ist.  In
dem  einen  Falle  handelt  es  sich  um  eine  durch  die  ökonomischen
Tatsachen  hervorgerufene  Abhängigkeit,  die  im  Gegensatz  zu  der
Behauptung  Rautskys  auch  gar  nicht  dem  einzelnen  Rapitalisten
gegenüber  besteht  —  man  denke  nur  an  die  Leichtigkeit  des  Stellenwechsels ­
  im  modernen  Wirtschaftsleben!  —,  in  dem  anderen  Falle
dagegen  handelt  es  sich  um  eine  rechtlich  geordnete  Abhängigkeit. ­
  Daß  es  die  von  ihm  selbst  gewählten  Behörden  sind,
die  ihm  Zeit,  Grt  und  Art  seiner  beruflichen  Tätigkeit  vorschreiben
dürfen,  das  wird  doch  das  Mitglied  eines  sozialistischen  Gemeinwesens ­
  kaum  darüber  trösten  können,  daß  es  über  die  Verwendung
seiner  Arbeitskraft  und  den  Grt  seiner  Tätigkeit  nicht  mehr  selbst
Zu  bestimmen  imstande  ist,  sondern  in  diesen  wichtigen  Beziehungen
sich  nach  den  Weisungen  einer  Behörde  zu  richten  hat?«)  Mag  auch
der  Spielraum,  in  dem  die  Freiheit  der  Berufswahl  heute  sich  praktisch
betätigen  kann,  infolge  der  sozialen  Verhältnisse  für  die  große  Masse
der  Bevölkerung  nur  ein  begrenzter  sein,  zwischen  dem  gegenwärtigen ­
  Zustande  und  einer  Gesellschaftsordnung,  in  der  die  staatlichen
Behörden  die  Verteilung  der  Bürger  auf  die  Produktionszweige  und
Berufe  regeln  würden,  und  die  Freiheit  der  Berufswahl  usw.  also

28)  Übereinstimmend  urteilt  Herkner,  Arbeiterfrage,  2.  Aufl.,  8.  31b.
Pohle,  Kapitalismus  und  Sozialismus,  2.  Uufl.  g
        <pb n="130" />
        126  ll,  2.  Die  Arbeitslosigkeit
nicht  mehr  bloß  tatsächlich,  sondern  rechtlich  eingeschränkt  wäre,
bleibt  immer  noch  ein  himmelweiter  Unterschied  bestehen,  und  es
wird  keiner  sozialistischen  Sophistik  gelingen,  diesen  Unterschied  zu
verwischen.  Line  Freiheit,  die  mit  Mängeln  und  Schranken  behaftet ­
  ist,  ist  immer  noch  etwas  ganz  anderes  als  eine  nach  allen  Richtungen ­
  durchgeführte  Grganisation  der  Abhängigkeit.^)
Welches  von  den  beiden  Gesellschaftsidealen,  die  sich  in  einer
Gesellschaftsordnung  nicht  zugleich  in  vollkommenem  Maße  durchführen ­
  lassen,  ist  nun  aber  als  das  an  sich  höherstehende  anzusehen, ­
  das  der  Freiheit  oder  das  der  Gleichheit?  Mit  den  Mitteln
der  Logik  und  der  Wissenschaft  läßt  sich  dieser  Streit  niemals  entscheiden. ­
  Man  kann  nicht  mathematisch  zwingend  beweisen,  daß  von
den  beiden  hier  miteinander  im  Streit  liegenden  Idealen  das  eine
unbedingt  vor  dem  anderen  den  Vorzug  verdiene.  Der  begeisterte
Sozialist  wird  sich  nie  davon  überzeugen  lassen,  daß  die  wirtschaftliche ­
  Freiheit,  welche  die  heutige  Gesellschaftsordnung  gewährt,  höher
zu  schätzen  sei  als  die  Gleichheit  und  Existenzsicherung  durch  den
Staat,  die  sie  nicht  bietet.  Daraus  folgt:  der  Streit  zwischen  Individualismus ­
  und  Sozialismus  ist  ein  ewiger  Streit,  und  die  Wissenschaft ­
  vermag  uns  die  Rufgabe  nicht  abzunehmen,  uns  selbst  in  dem
Streit  zwischen  Individualismus  und  Sozialismus  zu  entscheiden.  Er
ist  unser  freier,  sittlicher  Wille,  der  in  diesem  Streit  wie  überhaupt  i»
allen  letzten  und  höchsten  Lebensfragen,  die  nicht  mehr  Sache  des  Wissens, ­
  sondern  des  Glaubens  sind,  die  Entscheidung  zu  treffen  hat.
In  dieser  Glaubensfrage  stehe  ich  aber  nicht  an,  zu  bekennen,
daß  die  Wagschale,  in  die  der  Sozialismus  die  Ideale  der  Existenzsicherung ­
  und  der  Gleichheit  legt,  für  mich  federleicht  wiegt  im  vergleich ­
  mit  der  Wagschale,  in  die  der  Individualismus  die  wirtschaftliche ­
  Freiheit  zu  legen  hat.  Die  Freiheitsrechte,  die  uns  die
heutige  Gesellschaftsordnung  gewährt,  insbesondere  die  Freiheit  der
Bedarfsbildung  und  der  Arbeit,  find  die  unumgängliche  Grundlage
29)  Treffend  auseinandergesetzt  bei  Philipp  Lotmar,  Die  Freiheit  de»
Berufswahl,  1898.
        <pb n="131" />
        jeder  Persönlichkeitsentwicklung,  (vhne  wirtschaftliche  Freiheit  bleibt
uns  das  höchste  Glück  der  Lrdenkinder  ewig  unerreichbar.  Der  Sozialismus ­
  bedeutet  daher  in  letzter  Linie,  in  so  idealem  Gewände  er
auch  auftritt,  für  den  Menschen  die  Versuchung,  seine  Persönlichkeitsrechte ­
  preiszugeben,  um  des  Linsengerichts  der  Sicherung  seiner
animalischen  Existenz  willen.  Im  Sozialismus  triumphiert  das
„Säugetier  Mensch"  über  den  Menschen  als  höheres  geistiges  Wesen.
In  Wahrheit  kennen  diejenigen  die  menschliche  Natur  auch  schlecht,
die  glauben,  sie  könne  in  diesem  Meinungsstreit  sich  je  auf  die
Dauer  dem  Sozialismus  in  die  Arme  werfen.  Der  Mensch  vermag
es  auf  die  Länge  nicht  ohne  wirtschaftliche  Freiheit  auszuhalten,
und  wenn  feine  animalischen  Bedürfnisse  befriedigt  sind,  dann  wird
ihn  das  verlangen  nach  Freiheit  erst  recht  packen.  Wie  sehr  irren
doch  diejenigen,  die  uns  versichern,  das  Proletariat  kenne  selbst
seine  Interessen  am  besten,  und  wenn  es  nach  dem  Kommunismus
rufe,  so  wisse  es,  daß  da  seine  Freiheit  am  besten  gewahrt  sei!
Die  „Zivilisationsliteraten"  und  sozialistischen  Theoretiker,  die  sich  berufen ­
  fühlen,  im  Namen  des  Proletariats  solche  Erklärungen  abzugeben, ­
  haben  wohl  nie  etwas  von  den  Maschinenzerstörungen  gehört,
zu  denen  die  Arbeiterschaft  in  den  Anfängen  der  industriellen  Entwicklungen ­
  sich  so  oft  hat  hinreißen  lassen,  Hat  das  Proletariat
bei  diesen  sinnlosen  Tumulten  sich  etwa  auch  von  richtiger  Einsicht ­
  in  seine  Interessen  leiten  lassen,  oder  ist  es  nicht  vielmehr
bloßen  Stimmungen  gefolgt?  Ähnlich  kurzsichtig  würde  es  handeln, ­
  wenn  es  sich  jetzt  durch  doktrinäre  Literaten  zu  sozialistischen
Experimenten  drängen  ließe.  Gerade  diejenigen,  die  erst  am  lautesten ­
  nach  dem  Sozialismus.gerufen  haben,  würden  es  auf  die.  Dauer
am  wenigsten  unter  einem  Regime  sozialistischer  Freiheitsbeschränkung ­
  aushalten.  So  vermögen  zwar  sozialistische  Episoden,  wie  wir
jetzt  in  Rußland  beobachten  können,  schweres  Leid  über  die  betroffenen ­
  Völker  zu  verhängen,  wir  brauchen  aber  nicht  zu  fürchten,
daß  die  wirtschaftliche  Entwicklung  der  Menschheit  je  allgemein  und
auf  die  Dauer  im  Toten  Meere  des  Sozialismus  enden  wird.
        <pb n="132" />
        128  II,  3.  Sozialismus  und  Individualismus  in  wirtschaftlicher  Hinsicht

3.  Die  wirtschaftliche  Leistungsfähigkeit  des
Individualismus  und  des  Sozialismus.
was  vermag  der  Sozialismus  seinen  Anhängern  wirtschaftlich
zu  bieten?  wird  das  Maß  von  Gütern,  das  der  einzelne  zu  verzehren ­
  hat,  im  Sozialstaate  der  Zukunft  größer  sein  können,  als  es
im  Gegenwartsstaate  durchschnittlich  für  den  Lohnarbeiter  sich  stellt?
Aus  diese  Gewissensfrage  lauten  die  Antworten  der  Sozialisten
sehr  verschieden.  Manche  drücken  sich  über  diesen  Punkt  sehr  vorsichtig ­
  und  bescheiden  aus.  So  erwartet  Rautskq  in  seiner  Auslegung ­
  des  Erfurter  Programms  der  Sozialdemokratie  die  herftellung
  allgemeiner  Zufriedenheit  im  Zukunftsstaate  in  sehr  naiver
Weise  schon  davon,  daß  die  neugeschaffene  ökonomische  Gleichheit  den
Anreiz  zur  Unzufriedenheit  beseitigen  werde.  Sn  bezug  auf  das  Maß
der  Güterversorgung  selbst  im  Zukunftsstaate  stellt  er  dagegen  nur
„die  Beschränkung  der  Ansprüche  der  Arbeiter  auf  das  mit  den  vorhandenen ­
  Mitteln  zur  Befriedigung  ihrer  Bedürfnisse  vereinbarte
Maß"  in  Aussicht.  Nach  Bautskp  beruht  also  die  Unzufriedenheit  des
Arbeiters  mit  seiner  heutigen  wirtschaftlichen  Lage  nicht  sowohl  aus
der  Einfachheit  der  Lebenshaltung,  zu  der  ihn  der  niedrige  Stand
seines  Einkommens  nötigt,  als  vielmehr  auf  der  Tatsache,  daß  andere ­
  ein  höheres  Einkommen  beziehen  als  er  —  eine  ungemein  bezeichnende ­
  Auffassung  der  Arbeiterpspche!  In  Wahrheit  dürfte  die
Begeisterung  der  Massen  für  den  Sozialismus  wohl  sehr  rasch  erkalten, ­
  sobald  sie  die  Entdeckung  machen,  daß  der  Sozialismus  nicht
imstande  ist,  ihnen  eine  Verbesserung  ihrer  persönlichen  Lage  zu
verschaffen,  und  daß  es  sich  bei  dem  Sozialismus  nur  um  die  Durchsetzung ­
  eines  doktrinären  Ideals  handelt.
Die  Mehrzahl  der  Sozialisten  verläßt  sich  denn  auch  nicht  auf
diese  Uautskpsche  Arbeiterpsychologie,  sondern  hat  das  richtige  Empfinden, ­
  daß  der  Sozialismus  imstande  sein  muß,  seinen  Anhängern
im  Zukunftsstaate  greifbare  und  sofortige  wirtschaftliche  Vorteile
in  Aussicht  zu  stellen.  Gewöhnlich  kargen  daher  die  Sozialisten  nicht
        <pb n="133" />
        Die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  im  Sozialstaat  129
mit  Versprechungen,  um  wieviel  die  wirtschaftliche  Lage  der  Menschen ­
  bei  einer  Neuorganisation  der  Gesellschaft  auf  sozialistischer
Grundlage  sich  bessern  werde.
Um  diese  Versprechungen  auf  eine  einigermaßen  haltbare  Grundlage ­
  zu  stellen,  muß  der  Sozialismus  nachzuweisen  imstande  sein,
daß  die  heutige  Wirtschaftsordnung  durch  irgendwelche  Fehler  in
ihrer  Konstruktion  verhindert  wird,  dasjenige  Maß  von  wirtschaftlicher ­
  Leistung  zu  erreichen,  das  ihr  nach  der  Größe  der  Produktivkräfte, ­
  über  die  sie  verfügt,  und  dem  Stand  der  Technik  eigentlich
zu  erreichen  möglich  sein  müßte.  Denn  wenn  der  Sozialismus  das  Einkommen ­
  der  Arbeiter  nur  um  den  Betrag  zu  erhöhen  imstande  ist,
der  jetzt  anderen  Gesellschaftsklassen  als  den  Arbeitern  in  Form
von  arbeitslosem  Einkommen  zufließt,  so  ist  es  ganz  offenbar,  daß
damit  für  die  Arbeiter  nicht  viel  gewonnen  wäre.  Denn  es  ist  doch
sehr  leicht  nachzurechnen,  daß  bei  einer  Verteilung  des  arbeitslosen
Einkommens  auf  die  Gesamtbevölkerung  auf  den  Kopf  des  einzelnen
blutwenig  kommt,  wenn  man  z.B.  die  Gesamtsumme  des  Reingewinns ­
  der  Aktienunternehmungen  im  Kohlenbergbau  mit  an  die
Arbeiter  verteilen  wollte,  so  würde  sich  der  Iahresdurchschnittslohn
des  Arbeiters  nur  um  einige  wenige  Prozent  erhöhen.  Und  nicht
anders  steht  es  in  anderen  Industriezweigen.  Überall  würde  die
Verteilung  der  gesamten  Summen,  die  jetzt  als  Gewinne  an  die
Aktionäre  ausgeschüttet  werden,  das  Einkommen  der  Arbeiter  nur
unbeträchtlich  erhöhen.  Line  einzige  erfolgreiche  Lohnbewegung
pflegt  den  organisierten  Arbeitern  eine  ganz  andere  Steigerung  ihres
Einkommens  einzubringen,  als  sie  ihnen  für  gewöhnlich  die  Zuwendung ­
  auch  des  ganzen  Unternehmergewinn;  zu  verschaffen  imstande ­
  sein  wird.  Und  dabei  kann  ja  nach  dem  früher  Ausgeführten
kein  sozialistischer  Staat  auch  uur  entfernt  daran  denken,  den  Arbeitern ­
  den  vollen  Überschuß  der  Verkaufspreise  über  die  Produktionskosten ­
  als  Einkommen  auszuzahlen.  Ein  Teil  des  Überschusses  muß
unbedingt  für  die  Erweiterung  und  Vervollkommnung  der  Produktionseinrichtungen ­
  zurückbehalten  werden.
        <pb n="134" />
        130  II,  3-  Sozialismus  und  Individualismus  in  wirtschaftlicher  Hinsicht

Unter  diesen  Umständen  ist  es  verständlich,  daß  der  Sozialismus
auf  den  Nachweis  große  Mühe  verwendet,  daß  die  heutige  Wirtschaftsordnung ­
  an  technisch-wirtschaftlicher  Rückständigkeit  leide,  daß
sie  der  Entfaltung  der  Produktivkräfte  Fesseln  anlege.  Wie  ein  roter
Faden  zieht  sich  dieser  Gedanke  durch  die  sozialistische  und  die
sozialistelnde  Literatur,  von  Robert  Gwen  und  Sismondi  an
bis  zu  Hertzka  und  May?«)  Er  ist  ebenso  alt  wie  überhaupt  die
sozialistische  Kritif  an  der  bestehenden  Wirtschaftsordnung,  ohne
freilich  im  Laufe  der  Zeit  richtiger  geworden  zu  sein.
Und  die  Berechnungen,  die  von  sozialistischer  Seite  über  das  Maß
angestellt  werden,  in  dem  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  die
Produktion  hinter  dem  technisch  erreichbaren  Maße  zurückbleibt  und
demgemäß  auch  der  Ronsum  der  Bevölkerung  künstlich  zurückgehalten ­
  wird,  sind  allerdings  auch  so  beschaffen,  daß  nach  ihnen  die  Besserung, ­
  die  der  Übergang  zum  Sozialismus  mit  sich  bringen  wird,
im  hellsten  Lichte  erstrahlen  muß.  Th.  Hertzka  z.B.  kommt  bei
einer  Berechnung  hierüber  in  seinem  1886  erschienenen  Buche  „Die
Gesetze  der  sozialen  Entwicklung"  zu  folgendem  Ergebnis.  Aufstellungen, ­
  die  er  speziell  auf  Grund  der  österreichischen  Produktionsverhältnisse ­
  macht,  sollen  angeblich  beweisen,  daß  höchstens
20o/o  der  verfügbaren  Arbeitskraft,  mit  modernen  Produktionsmitteln ­
  ausgerüstet,  genügen  würden,  um  den  gesamten  Ronsum
des  Landes  zu  decken.^)  Es  ist  nur  natürlich,  wenn  er  im  Hinblick
30)  vgl.  die  —  freilich  gänzlich  unkritische  —  Übersicht  über  die  Entwicklung ­
  dieses  Gedankens  in  der  Schrift  von  E.Hellwig,  Oie  Theorien  über
den  Zusammenhang  von  Produktion  und  Kaufkraft.  Berlin  1913.
31)  Es  ist  hier  nicht  der  Vrt,  alle  die  Rechenfehler,  durch  die  Hertzka
zu  seinem  ungeheuerlichen  Ergebnis  kommt,  im  einzelnen  aufzudecken.  Bei
einigen  geschieht  dies  ohnehin  schon  durch  die  weiter  folgenden  Darlegungen ­
  des  Textes.  Über  wenigstens  einer  der  Hauptirrtümer,  durch  die
Herhka  zu  feinem  falschen  Resultat  kommt,  sei  hier  mit  einigen  Worten  angemerkt. ­
  Das  ist  das  überhaupt  für  viele  Sozialisten  charakteristische  Übersehen ­
  des  Gesetzes  des  abnehmenden  Bodenertrags  und  seiner
Bedeutung  für  die  Entwicklung  der  Arbeitsproduktivität  in  der  Landwirt-
        <pb n="135" />
        Zukunstsstaatsphantasie

131

auf  dieses  Ergebnis  entrüstet  fragt:  „wie  ist  es  möglich,  daß  die
Mehrzahl  trotz  harter  Arbeit  dem  Llend  preisgegeben  bleibt,  wenn
schaft.  Unter  völliger  Verkennung  der  Verhältnisse  glaubte  Hertzka  für  die
österreichische  Landwirtschaft  folgende  Rechnung  aufstellen  zu  können.  Tr  will
ermitteln,  wieviel  Arbeitskräfte  unter  österreichischen  Verhältnissen  zur
Beschaffung  der  wichtigsten  Nahrungsmittel  bei  rationellster  Technik  erforderlich ­
  sind.  Dabei  geht  er  von  der  Voraussetzung  aus,  „daß  der  in
Österreich  tatsächlich  in  Uultur  genommene  Soden  zur  Beschaffung  der
sämtlichen  Brotstoffe,  des  Fleischbedarfs  sowie  der  Rohstoffe  für  die  Industrie ­
  genügt.  Die  hierzu  erforderliche  menschliche  Arbeitskraft  dagegen
wurde  nicht  nach  den  tatsächlichen  Verhältnissen,  sondern  unter  der  Annahme ­
  eines  mit  allen  Hilfsmitteln  moderner  Technik  ausgestatteten  Großbetriebs ­
  berechnet,  wie  er  stellenweise  auf  den  großen  Farmen  des  amerikanischen ­
  Westens  im  Schwung  ist.  Dort  rechnet  man,  wenn  vampfpflüge,
Erntemaschinen  und  Dampfdreschmaschinen  in  Verwendung  sind,  fünf  Arbeitstage ­
  auf  den  Hektar,  was  für  die  10,6  Millionen  Hektar  österreichischen ­
  Ackerbodens  und  mutatis  wntsnäis  auf  die  drei  Millionen  österreichischen ­
  Wiesengrundes  220  000  Jahresarbeiter  ergibt".  —  Diese  Rech.
Nung  schwebt  aber  völlig  in  der  Luft.  Ts  wird  bei  ihr  gänzlich  die  entscheidende ­
  Tatsache  übersehen,  daß  die  amerikanische  Landwirtschaft  die  viel
größere  Arbeitsproduktivität,  die  sie  allerdings  auszeichnet,  nur  mit  Hilfe
des  extensiven,  sich  mit  geringen  Trnten  von  der  Fläche  begnügenden  Charakters, ­
  der  ihr  eigentümlich  ist,  erreichen  kann.  Der  extensive  Charakter
der  amerikanischen  Landwirtschaft  —  die  Weizenernten  vom  Hektar  sind
in  der  Union  regelmäßig  nur  halb  so  groß  wie  im  Deutschen  Reich  —
ist  aber  wieder  nur  möglich  durch  das  günstige  Verhältnis,  das  dort  noch
Zwischen  Bodenfläche  und  Menschenzahl  besteht,  wollte  man  in  der  öfter,
reichischen  Landwirtschaft  eine  ähnlich  hohe  Arbeitsproduktivität  wie  in
Amerika  erzielen,  so  müßte  man  ihr  mindestens  die  drei-  bis  vierfache  Fläche
der  jetzt  von  ihr  bestellten  zur  Verfügung  stellen  können.  Das  Bodenertragsgesetz, ­
  die  Tatsache,  daß  mit  steigender  Intensität  der  Bebauung  die
Arbeitsproduktivität  in  der  Landwirtschaft  sinkt,  zeigt  eben  hier  seine  verhängnisvolle ­
  Wirkung,  (vgl.  meinen  Aufsatz  über  das  Gesetz  des  abnehmenden ­
  Bodenertrags  in  der  „Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft",  Iahrg.
1916,  S.  283  ff.)  —  In  ähnlichen  phantastischen  Berechnungen,  wie  sie  bei
Hertzka  zu  finden  sind,  ergeht  sich  auch  Ballod  in  seinem  Luche  „Der
^ukunftsstaat.  Produktion  und  Ronsum  im  Sozialstaat".  2.  Aufl.  1919.
Bach  ihm  läßt  sich  die  ständige,  fortlaufende  Arbeit  mit  einer  rund  sechsjäh.
        <pb n="136" />
        132

II,  3,  A.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Individualismus

höchstens  200/g  der  verfügbaren  Arbeitskraft  zu  vollständigem  Lebensunterhalt ­
  aller  genügen  würden?"  Und  die  Antwort  darauf
lautet  eben,  daß  in  unserer  Wirtschaftsordnung  und  der  Verteilung
des  Produktionsertrages,  die  sie  bewirke,  das  Hindernis  für  die
Entfaltung  unserer  Produktion  auf.  die  an  sich  mögliche  höhe
liege.  Das  ist  aber  überhaupt  ein  Thema,  das  in  der  Gegenwart
von  zahlreichen  Autoren,  und  zwar  nicht  nur  von  sozialistischen,
variiert  wird.  Auch  bei  bürgerlichen  Nationalökonomen  taucht  nicht
selten  mitten  in  Erörterungen  über  irgendwelche  Spezialfragen  der
Sozialpolitik  die  Behauptung  von  den  Fesseln  auf,  welche  die  heutige ­
  Wirtschaftsordnung  der  Entfaltung  der  Produktivkräfte  anlege.
Die  bürgerlichen  Nationalökonomen,  die  dem  Sozialismus  zuneigen,
sind  zwar  klug  genug,  sich  nicht  durch  Aufstellung  phantastischer  Rechnungen ­
  ä  la  hertzka  oder  Ballod  Blößen  und  der  Rritik  Punkte
zu  geben,  wo  sie  einsetzen  kann,  sie  eignen  sich  aber  ebenfalls  mit
Vorliebe  die  allgemeine  Behauptung  von  der  technisch-wirtschaftlichen ­
  Rückständigkeit  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  an.  Nach  der
Auffassung  des  Marxismus  soll  ja  die  Fesselung  der  Produktivkräfte ­
  durch  die  Wirtschaftsordnung  sogar  dereinst  so  unerträgliche
Formen  annehmen,  daß  dies  der  Punkt  fein  wird,  aus  dem  die  heutige ­
  Wirtschaftsordnung  zum  Untergang  reif  werden  wird.
A.  Die  angebliche  wirtschaftliche  Rückständigkeit  des
Individualismus.
was  hat  es  nun  mit  dem  Vorwurf  der  technisch-wirtschaftlichen
Rückständigkeit  gegen  die  bestehende  Wirtschaftsordnung  auf  sich?
wäre  dieser  Vorwurf  begründet,  dann  würde  er  allerdings  die  individualistische ­
  Gesellschaftsordnung  am  tiefsten  treffen.  Denn  gerigen
  Arbeitszeit  für  die  jungen  Männer  im  Alter  von  17  bis  22  Jahren
und  einer  fünfjährigen  Arbeitspflicht  für  die  jungen  Mädchen  im  Alter
von  151/2  bis  2OV2  Jahren  erledigen.  Vas  dürfte  wohl  der  Rekord  «n
Sozialisierungsphantasterei  fein,  und  daß  es  gerade  ein  Univerfitätsprofeh
for  ist,  der  diesen  Rekord  aufstellt,  gibt  der  Sache  noch  eine  besondere  Würze.
        <pb n="137" />
        produktionrfähigkeit  und  wirkliche  Produktion  ]  ZZ
wohnlich  verteidigt  man  ja  ihre  sozialen  Mängel  damit,  daß  man
ihr  nachrühmt,  sie  hebe  dafür  die  Produktion  auf  eine  sonst  nicht  erreichbare ­
  höhe.  wir  haben  daher  allen  Anlaß,  uns  mit  diesem  schwerwiegenden ­
  Vorwurf,  den  der  Sozialismus  erhebt,  näher  auseinanderzusetzen. ­

In  jedem  Angriff,  auch  dem  an  sich  törichtsten  und  unbegründetsten, ­
  steckt  gewöhnlich  ein  Rörnchen  Wahrheit,  d.h.  er  kann  sich
auf  irgendwelche  an  sich  richtigen  Beobachtungen  berufen,  die  ihm
Recht  zu  geben  scheinen.  So  hat  auch  hier  unsere  erste  Frage  zu
lauten:  welche  an  sich  richtig  beobachteten,  aber  falsch  gedeuteten
Tatsachen  liegen  der  Anklage  des  Sozialismus  auf  ökonomische  Rückständigkeit ­
  gegen  die  heutige  Wirtschaftsordnung  zugrunde?
Ls  sind,  wenn  wir  näher  zusehen,  vier  Erscheinungen,  auf  die
sich  der  Sozialismus  bei  seiner  Anklage  beruft  und  zunächst  auch
mit  einem  gewissen  Schein  des  Rechts  berufen  kann.  Wir  wollen
sie  der  Reihe  nach  kurz  betrachten.
Die  erste  Erscheinung,  die  der  Sozialismus  bei  seinem  Vorwurf
im  Auge  hat,  ist  das  scheinbare  Zurückbleiben  der  tatsächlichen ­
  Produktion  hinter  der  Produktionsfähigkeit,
das  sich  auf  zahlreichen  industriellen  Produktionsgebieten  beobachten
läßt.  Wenn  wir  die  einzelnen  Industrien  durchgehen,  so  werden  wir
fast  regelmäßig  finden,  daß  die  vorhandenen  Betriebsanlagen  für
eine  größere  Produktion  eingerichtet  sind  als  diejenige,  die  sie  tatsächlich ­
  im  Durchschnitt  meist  nur  erreichen.  So  nimmt  z.  B.  die
Roheisenproduktion  die  Leistungsfähigkeit  der  vorhandenen  Hochöfen
in  den  meisten  Ländern  nur  selten  voll  in  Anspruch,  nur  vorübergehend ­
  decken  sich  wirkliche  Produktionsleistung  und  Produktionsfähigkeit ­
  der  Hochöfen,  für  gewöhnlich  bleibt  die  erstere  hinter  der
letzteren  ganz  erheblich  zurück.  Und  ebenso  wie  im  Hüttenwesen
ist  es  fast  in  allen  Industrien.  Die  Produktionsfähigkeit  der  Anlagen ­
  ist  regelmäßig  größer  als  ihre  tatsächliche  Produktion.  Besonders ­
  deutlich  tritt  das  Mißverhältnis  zwischen  Produktion  und
Produktionsfähigkeit  in  solchen  Industrien  wie  der  Zementindustrie,
        <pb n="138" />
        134

II,  3,  A,  Die  Leistungsfähigkeit  des  Individualismus

der  Ziegelfabrikation,  der  Bierbrauerei  und  anderen  mit  großen
stehenden  Anlagen  arbeitenden  Industrien  hervor.
Es  ist  indessen  ein  arger  Trugschluß,  in  dieser  Tatsache  ohne  weiteres ­
  den  Beweis  zu  sehen,  daß  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung ­
  nicht  soviel  produziert  und  infolgedessen  auch  konsumiert  wird,
wie  nach  dem  Maße  unserer  Produktivkräfte  eigentlich  produziert
und  konsumiert  werden  könnte.  Daß  die  Leistungsfähigkeit  der
Produktionsanlagen  auf  vielen  Gebieten  größer  ist  als  die  wirkliche ­
  Produktion,  ist  noch  nicht  gleichbedeutend  damit,  daß  auch  die
tatsächliche  Produktion  auf  allen  in  Betracht  kommenden  Gebieten
gleichzeitig  entsprechend  gesteigert  werden  kann.  Soll  die  tatsächliche
Produktion  auf  allen  beteiligten  Gebieten  der  Leistungsfähigkeit
der  Produktionsanlagen  entsprechend  vergrößert  werden,  so  gehört
dazu  eine  verhältnismäßige  Vermehrung  der  Arbeitskräfte  sowie  der
Rohstoffe,-  und  zur  Vermehrung  der  letzteren  werden  wieder  neue  Arbeitskräfte ­
  erforderlich  sein.  Vas  unentbehrliche  Erfordernis  jeder
Produktionsvergrößerung  ist  also  ein  Mehr  an  Arbeitskräften.  Vas
erforderliche  Mehr  an  Arbeitskräften  läßt  sich  aber  nicht  nach  Belieben ­
  aus  dem  Boden  stampfen.  Und  die  jetzt  im  Durchschnitt  brachliegenden ­
  Arbeitskräfte  reichen  nicht  entfernt  aus,  um  eine  gleichzeitige ­
  Steigerung  der  Produktion  auf  allen  Gebieten  bis  auf  das
äußerste  Maß  der  Leistungsfähigkeit  der  vorhandenen  Produktionsanlagen ­
  durchzuführen.  Zahlenangaben  über  das  durchschnittlich  in
Ländern  mit  moderner  Wirtschaftsverfassung  anzutreffende  Maß
von  Arbeitslosigkeit  wurden  ja  bereits  im  letzten  Abschnitt  angeführt. ­
  Im  Durchschnitt  ist  die  Arbeitslosenziffer  etwa  auf  3  bis  40/0
anzunehmen.  Auf  diese  Zahl  läßt  sich  aber  nicht  die  Hoffnung  auf
eine  große  Steigerungsmöglichkeit  des  Produktionsertrags  gründen,
angenommen  einmal,  es  könne  überhaupt  durch  irgendeine  Grganisation
  des  Wirtschaftslebens  dahin  gebracht  werden,  daß  alle  Arbeitsfähigen ­
  niemals  auch  nur  einen  Tag  ohne  Beschäftigung  sind.
Die  Einstellung  der  jetzt  vorhandenen  Arbeitslosen  kann  also  nichtentfernt ­
  bewirken,  daß  in  allen  Betrieben  gleichzeitig  die  Produktion
        <pb n="139" />
        Die  Ursachen  der  Erhaltung  des  Uleinbetriebs

135

bis  zur  äußersten  Grenze  ihrer  Leistungsfähigkeit  sich  erhebt.  Darum
ist  aber  auch  der  Schluß,  der  heute  so  häufig  aus  der  nicht  voll  ausgenutzten ­
  Leistungsfähigkeit  der  Produktionsanlagen  auf  das  Zurückbleiben ­
  der  wirklichen  Produktion  hinter  der  an  sich  möglichen  gezogen ­
  wird,  falsch  und  unbegründet.
Die  Erscheinung  selbst,  die  zu  so  weittragenden  Schlußfolgerungen
Rnlaß  gegeben  hat,  erklärt  sich  übrigens  sehr  einfach.  Wenn  neue
Produktionsanlagen  errichtet  werden,  so  erscheint  es  dem  Unternehmer ­
  mit  Recht  gewöhnlich  vorteilhaft,  diesen  eine  Leistungsfähigkeit ­
  zu  geben,  die  über  die  zunächst  zu  erwartende  Inanspruchnahme ­
  hinausgeht.  Erst  allmählich  wächst  die  Rnlage  dann  im  Laufe
der  Jahre  mit  ihrer  wirklichen  Erzeugung  in  die  mit  ihrem  Produktionsmittelapparat ­
  mögliche  Warenerzeugung  hinein,  wenn  die
Unternehmer  so  vorgehen,  so  handeln  sie  nicht  anders  wie  Gemeinden, ­
  die  beim  Bau  ihrer  Schulhäuser  den  in  den  nächsten  Jahren
Zu  erwartenden  Mehrbedarf  schon  mit  berücksichtigen.
Eine  zweite  Erscheinung,  auf  die  sich  der  Sozialismus  bei  der  Lehre
von  der  wirtschaftlichen  Überlegenheit  seines  Gesellschaftssystems  beruft, ­
  ist  das  zahlreiche  Vorkommen  von  technisch  rückständigen ­
  Rleiw-  und  Mittelbetrieben  in  der  heutigen  Volkswirtschaft. ­
  Der  Sozialismus  malt  uns  im  Gegensatz  hierzu  das
lockende  Bild  eines  Zustandes  aus,  in  dem  auf  allen  Gebieten  der
Produktion  der  Großbetrieb  in  seiner  rationellsten  Form  durchgeführt ­
  ist.  So  verfährt  z.L.  Ballod  in  seinem  Buche  über  den  Zukunftsstaat,
  wobei  er  vor  den  willkürlichsten  Annahmen  nicht  zurück-I
  schreckt,  nur  um  für  den  sozialistischen  Staat  einen  möglichst  großen
Produktionsertrag  herausrechnen  zu  können.  Ruch  bürgerliche  Nationalökonomen ­
  haben  sich  durch  dieses  Rrgument  beeinflussen  lassen
Und  geben  sich  dem  Glauben  hin,  in  einer  sozialistischen  Gesellschaft
lasse  sich  sofort  die  ganze  Produktion  auf  der  Basis  eines  mit  den
vollkommensten  technischen  Einrichtungen  ausgestatteten  Großbetriebs ­
  neu  organisieren  und  dadurch  beträchtlich  verbilligen.
Diese  Rnnahme  ist  indessen  ein  Rberglaube.  wie  unrichtig  sie  ist,
        <pb n="140" />
        136

II,  3,  A.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Individualismus

erkennen  wir,  wenn  wir  uns  die  Ursachen  vergegenwärtigen,  aus
denen  heute  in  der  wirtschaftlichen  Praxis  die  besten  von  der  Technik
geschaffenen  Methoden  nicht  überall  da,  wo  ihre  Anwendung  an  sich
möglich  erscheint,  zur  Anwendung  gelangen,  sondern  in  gewissem  Umfange ­
  überall  der  Uleinbetrieb  mit  seinen  technisch  unvollkommenen
Einrichtungen  sich  behauptet.  Cs  ist  das  nicht  etwa  bloß  die  Folge  von
Schlendrian,  Mangel  an  Einsicht  usw.,  sondern  die  teilweise  Erhaltung
der  technisch  weniger  vollkommenen  Betriebsformen  hat  meistihre  sehr
triftigen  und  realen  Gründe.  Und  solange  der  Sozialismus  an  diesen
Verhältnissen  nichts  zu  ändern  vermag,  wird  er  auch  den  Uleinbetrieb ­
  in  gewissem  Umfange  neben  dem  Großbetrieb  dulden  müssen^ ­
  sobald  sich  aber  diese  Verhältnisse  ändern,  steht  auch  in  der
heutigen  Wirtschaftsordnung  dem  Übergang  zum  Großbetrieb  nichts
mehr  im  Wege.
Die  Verhältnisse,  die  hierbei  die  entscheidende  Rolle  spielen,  sind
die  Siedelungsweise  der  Bevölkerung,  ihre  Verteilung  über  das  Land
hin.  Daraus  ergeben  sich  unter  Umständen  aus  bestimmten  Gebieten
Märkte  von  einer  solchen  Uleinheit,  daß  dadurch  dem  Vordringen
der  vollkommeneren  Produktionsmethoden  und  der  großgewerblichen ­
  Betriebsformen  eine  Schranke  gezogen  wird.  Nehmen  wir  als
Beispiel  die  Getreidemüllerei.  Allerdings  bedeutet  die  moderne  große
Dampfmühle  gegenüber  den  alten  Wind-  und  Wassermühlen,  von
anderen  Vorteilen  abgesehen,  eine  beträchtliche  Uostenersparnis.
Trotzdem  aber  blieb  auch  nach  ihrer  Erfindung  die  Benutzung  der
kleinen  Wind-  und  Wassermühlen  in  vielen  Gegenden  Deutschlands
das  wirtschaftlich  Angebrachte  und  ist  e;  in  gewissem  Umfang  noch  I
heute.  Wir  müssen  hier  besonders  die  Verhältnisse  in  manchen  dünn
besiedelten  ländlichen  Bezirken  ins  Auge  fassen.  Vas  in  diesen  Gegenden ­
  produzierte  Getreide  wird  zu  einem  großen  Teil  gleich  an
Grt  und  Stelle  verzehrt.  Sollen  nun  etwa  die  Landwirte  das  für
ihren  eigenen  Uonsum  bestimmte  Getreide  nach  der  vielleicht  mehr
als  100  Uilometer  entfernten  nächsten  vampfmühle  schicken,  nur
damit  es  nach  der  neuesten  und  billigsten  Mahltechnik  ausgemahlt
        <pb n="141" />
        Die  Ursachen  bet  Erhaltung  bes  Kleinbetriebs

137

werde?  —  Das  würde  wegen  der  großen  Rosten  des  Hin-  und  Rücktransportes ­
  eine  Verschwendung  sein.  Die  Landwirte  städtearmer
agrarischer  Bezirke  handeln  daher  durchaus  richtig,  wenn  sie  den
kleinen  Mühlenbetrieben  auf  dem  Lande  trotz  ihrer  rückständigen
Technik  ihre  Rufträge  zuwenden.
Nicht  anders  als  in  Deutschland  ist  es  in  dieser  Beziehung  übrigens
auch  in  Amerika,  dessen  Verhältnisse  gern  so  dargestellt  werden,  als
ob  dort  überall  nur  nach  den  rationellsten  Produktionsmethoden
gearbeitet  werde.  Nlan  würde  sich  von  dem  amerikanischen  Mühlengewerbe
  ein  ganz  falsches  Bild  machen,  wenn  man  annehmen  wollte,
es  gebe  in  ihm  nur  Riesendampfmühlen  modernster  Art,  die  für
die  denkbar  größte  Leistungsfähigkeit  eingerichtet  seien.  Man  höre
R.  tDieöenfctö 32 );
„ITTit  betn  Begriff  bet  amerikanischen  mühleninbustrie  verbindet  man  fast
durchgängig  die  Vorstellung  eines  Gewerbes,  in  dem  es  Kleinbetriebe
nicht  gibt,  dem  die  riesigen  mehlfabriken  von  St.  Paul-lMnneapolis  durchaus ­
  bas  Gepräge  aufdrücken.  Das  ist  ja  auch  insofern  richtig,  als  in  der
Tat  der  internationale  Mehlhanbel  lediglich  durch  die  Großunternehmungen
berührt  wird.  .  .  .  Der  innere  Konsum  wird  aber  auch  in  Amerika  keineswegs ­
  von  den  Riesenmühlen  beherrscht-  auf  dessen  Befriedigung  gehen
vielmehr  auch  dort  vor  allem  die  kleineren  Betriebe  aus,  und  namentlich
in  den  Produktionsgebieten  selbst  finden  wir  noch  immer  kleine  Kundenmühlen
  im  Existenzkampf  gegen  das  Eindringen  der  kjandelsmühlen.  Die
Entfernungen,  die  das  Rohprodukt  zur  nächsten  Großmühle  und  das  Mehl
von  dort  zurück  zur  einzelnen  Farm  zurückzulegen  hat,  find  immer  noch
zu  groß  und  geben  der  kleinen  Lohnmühle,  die  in  unmittelbarer  Nachbarschaft ­
  dem  Farmer  sein  Korn  vermahlt,  einen  beträchtlichen  Vorsprung.  Unter ­
  den  13  188  Weizenmühlen,  die  der  Zensus  von  1900  gezählt  hat,  er.
heben  sich  nur  138  zu  einer  Jahresleistung  von  100  000  Barrels  und
darüber,  dagegen  verbleiben  1655  Werke  unter  100  Barrels  jährlicher
Vermahlung  und  weitere  3870  erreichen  nicht  1000  Barrels,  von  den
26  258  wühlen  aller  Rrt  sind  nur  2620  reine  ksandelsmühlen,  dagegen
nicht  weniger  als  14905  reine  Lohnmühlen."
ähnliches  wie  für  die  Müllerei  gilt  für  zahlreiche  andere  Gs-32)
  3n  betn  von  Prof.  E.  von  Ejalte  herausgegebenen  Sammelband:
..Amerika",  1905,  S.  184.
        <pb n="142" />
        138

II,  3,  A.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Individualismus

werbebetriebe.  In  vielen  Fällen,  in  denen  der  Großbetrieb  dem
Kleinbetrieb  wirtschaftlich  überlegen  ist,  führt  diese  Überlegenheit
daher  doch  nicht  zur  radikalen  Verdrängung  des  Kleinbetriebs,  sondern
das  Leben  zeigt  ein  Nebeneinander  verschiedener  Produktionsmethoden ­
  und  Betriebsformen.  Und  darin  ist  nicht  Willkür  und  Zufall
zu  erblicken  —  es  handelt  sich  nicht  einfach  um  Schlendrian  und
technische  Rückständigkeit  —,  sondern  es  kommt  darin  die  Gesetzmäßigkeit ­

  zum  Rusdruck,  die  das  ganze  Wirtschaftsleben  beherrscht.
Das  teilweise  Lestehenbleiben  des  Kleinbetriebs  neben  dem  Großbetrieb ­
  ist  eben  die  Folge  davon,  daß  letzterer  nicht  allenthalben
einen  so  großen  Markt  für  seine  Produkte  findet,  wie  er  ihn  braucht,
wenn  er  imstande  sein  soll,  billiger  zu  produzieren  als  der  Kleinbetrieb. ­
  Will  man  die  jetzt  in  dieser  Hinsicht  herrschenden  Zustände
durchaus  ändern  und  überall  die  Möglichkeit  zur  Zuwendung  der
technisch  vollkommensten  Produktionsmethoden  schaffen,  so  bleibt
nichts  übrig,  als  eine  völlig  veränderte  Verteilung  der  Bevölkerung
über  das  Land  hin  vorzunehmen,  sie  etwa  nur  noch  in  Städten  von
einer  bestimmten  Mindesteinwohnerzahl  zusammenwohnen  zu  lassen. ­
  Nach  einem  solchen  radikalen  Eingriff  in  die  Siedlungsverhältnisse ­
  könnte  allerdings  der  Großbetrieb  sein  Gebiet  gleich  beträchtlich ­
  erweitern.  Sowie  diese  Voraussetzung  erfüllt  wäre,  würde
aber  auch  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  der  Großbetrieb  seinen
Platz  ausdehnen,  eines  Übergangs  zum  Sozialismus  bedürfte  es
dazu  nicht.
Ähnlich  wie  durch  Eingriffe  in  die  Siedelungsweise  könnte  der  ^
Sozialismus  auch  durch  solche  in  die  Wohnweise  der  Bevölkerung  '
und  ihre  Ernährungsweise  allerdings  manche  Ersparnisse  erziele«,
wenn  der  Familienhaushalt  überhaupt  aufgelöst  wird,  wenn  die
Menschen  in  großen  Rnstalten  zusammenwohnen  und  aus  Zentralküchen ­
  verköstigt  werden  usw.,  dann  läßt  sich  im  vergleich  mit  dem
heutigen  Zustand  ohne  Zweifel  manches  wirtschaftlicher  gestalten,
obwohl  auch  hier  die  Vorteile  nicht  so  groß  sind,  wie  man  zunächst
erwartet.  Über  ein  solcher  radikaler  Eingriff  würde  den  Übergang
        <pb n="143" />
        Die  wirtschaftlichen  Folgen  der  Rapitalknappheit  J39
Zum  Kommunismus  bedeuten,  und  der  steht  zunächst  hier  nicht  zur
Debatte.  Der  wissenschaftliche  Sozialismus  hat  sich  bisher  immer
energisch  gegen  die  Behauptung  gewehrt,  er  wolle  die  Familie  zerstören ­
  —  freilich  ohne  diese  Behauptung  so  ganz  entkräften  zu
können.
Neben  der  Kleinheit  des  lokalen  Marktes  ist  es  noch  ein  zweiter
Umstand,  der  heute  auf  den  technischen  Fortschritt  und  den  Übergang
zum  Großbetrieb  hemmend  und  retardierend  einwirkt.  Vas  ist  die
Knappheit  des  Kapitals.  Damit  kommen  wir  zugleich  zu
einer  dritten  Erscheinung,  auf  die  sich  die  Anklage  des  Sozialismus
von  der  wirtschaftlichen  Inferiorität  des  heutigen  Wirtschaftssystems
stützt,  von  Sozialisten  wird  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  sehr  oft
zum  Vorwurf  gemacht,  daß  durch  die  Einrichtung  des  Kapitalzinses
zugleich  eine  Schranke  für  die  Einführung  arbeitsparender  Produktionsmethoden ­
  errichtet  sei.  Und  das  ist  ja  an  sich  vollkommen  richtig. ­
  Der  Unternehmer,  der  vor  die  Frage  der  Einführung  einer
neuen  Maschine  gestellt  ist,  kann  nicht  bloß  fragen,  ob  durch  die  Maschine ­
  Arbeit  gespart  wird,  sondern  er  muß  fragen,  ob  die  Maschine
für  ihn  auch  rentabel  ist,  ob  sie  einen  so  großen  Gewinn  abwirft,
daß  für  ihn  mindestens  der  landesübliche  Zins  herausspringt.  Maschinen ­
  und  andere  technische  Erfindungen,  bei  denen  die  durch  sie
erzielbaren  Krbeitsersparnisse  nicht  so  groß  sind,  daß  die  Maschine
auch  für  den  Unternehmer  rentabel  wird,  bleiben  heute  von  der
Anwendung  in  der  Praxis  regelmäßig  ausgeschlossen.  Dieses  vorherrschen ­
  des  Uentabilitätsgesichtspunktes  stellt  der  Sozialismus  gern
als  einen  schweren  wirtschaftlichen  Fehler  der  heutigen  Wirtschaftsordnung ­
  hin,  und  er  lobt  dafür  sein  soziales  System,  das  von  diesem
Mangel  frei  sei  und  nicht  durch  die  Schranke,  die  der  Kapitalzins  aufgerichtet ­
  hat,  an  der  Ausnutzung  von  Erfindungen  irgendwie  gehindert ­
  werde,  sondern  jede  Erfindung,  die  auch  nur  die  kleinste  Arbeitsersparnis ­
  verspreche,  sofort  in  der  Praxis  einführen  könne.
In  Wahrheit  vermag  aber  der  Sozialismus  an  der  Lage  der
Dinge  in  dieser  Beziehung  gar  nichts  zu  ändern.  Auch  für  den  Sozia-
        <pb n="144" />
        140  II,  3,  A.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Individualismus
lismus  bleibt  der  Satz  bestehen,  der  auf  die  Naturtatsachen  des  Wirtschaftslebens ­
  zurückgeht,  daß  die  Einführung  technischer  Verbesserungen ­
  in  der  Regel  eine  Mehrverwendung  von  Rapital  voraussetzt. ­
  Sn  jedem  Fahre  steht  aber  für  den  technischen  Fortschritt
immer  nur  eine  begrenzte  Rapitalmenge  zur  Verfügung,  und  damit
ist  auch  dem  technischen  Fortschritt  selbst  das  Tempo  vorgeschrieben,
das  auch  durch  eine  Änderung  der  Wirtschaftsordnung  nicht  beliebig
sich  ändern  läßt,  von  der  Rnappheit  des  Rapitals  will  man  freilich
in  vielen  sozialistischen  Rreisen  nichts  wissen.  Da  gibt  man  sich,  verleitet ­
  durch  eine  falsche  Deutung  der  heute  eine  so  wichtige  Rolle
spielenden  Erscheinung  der  Rapitalanlage  im  Auslande,  der  irrigen
Anschauung  hin,  die  west-  und  mitteleuropäischen  Industriestaaten
schwämmen  in  einem  förmlichen  Überfluß  an  Rapital  und  müßten
mühsam  nach  Gelegenheiten  suchen,  wie  sie  ihr  Rapital  nützlich  anlegen ­
  könnten.  Schon  vor  mehr  als  einem  Rlenschenalter  hat  der
feinsinnige  ®.  Michaelis  mit  Bezug  auf  diese  Vorstellung  die
treffende  Bemerkung  gemacht^),  daß  in  allen  wirtschaftlich  unklaren ­
  Röpfen  die  Illusion  von  der  Unerschöpflichkeit  der  Rapitalien
die  verbreitetste  sei,  und  er  hat  auch  recht,  wenn  er  andeutet,  daß
man  die  Wissenschaftlichkeit  eines  Nationalökonomen  geradezu  danach ­
  beurteilen  könne,  ob  er  diese  Anschauung  teilt  oder  nicht.
An  der  Tatsache  der  Rnappheit  des  Rapitals  im  Verhältnis  zu  den
praktisch  unendlichen  Verwendungsmöglichkeiten  desselben  vermag
aber  auch  eine  sozialistische  Gesellschaftsordnung  nichts  zu  ändern,
und  es  ist  darum  eine  ganz  unhaltbare  Vorstellung,  daß  es  nur  von
dem  Willen  der  sozialistischen  Gesellschaft  abhänge,  die  gesamte  Produktion ­
  sofort  oder  doch  in  sehr  kurzer  Frist  aus  neue  technische
Grundlagen  zu  stellen.  Die  Quelle  der  falschen  Vorstellungen,  denen
man  sich  hierüber  in  sozialistischen  und  teilweise  auch  in  nichtsozialistischen ­
  Rreisen  hingibt,  ist  folgender  Denkfehler.  Man  überträgt
das,  was  der  Staat  allerdings  kann,  wenn  er  nur  einzelne  Produk-33)

  volkswirtschaftliche  Schriften,  l.  Bd.,  5.  273.
        <pb n="145" />
        Die  wirtschaftlichen  Folgen  der  llapitalknappheit

14!

tionszweige  verstaatlicht,  unberechtigterweise  auch  aus  den  Fall,  daß  es
sich  um  die  Verstaatlichung  oder  Sozialisierung  der  gesamten  Produktion ­
  handelt,  wenn  der  Staat  sich  zur  Übernahme  eines  einzelnes
Industriezweiges  in  die  staatliche  Verwaltung  entschließt,  dann  ist
es  allerdings  für  ihn  eine  Uleinigkeit,  die  ganze  Produktion  aus
diesem  Gebiete,  die  bisher  vielleicht  sehr  zersplittert  war,  in  einigen
Großbetrieben  zu  konzentrieren  und  diese  mit  den  neuesten  Maschinen
auszustatten.  So  würde  der  Staat  beispielsweise  voraussichtlich  bei
der  Einführung  eines  Tabakmonopols  in  Deutschland  verfahren.  Kn
die  Stelle  der  jetzigen  ungemein  dezentralisierten  Produktionsweise
in  zahlreichen  heimarbeiterbetrieben  würde  er  nach  französischem
oder  österreichischem  Muster  einige  wenige  Riesensabriken  setzen.
Was  der  Staat  mit  Leichtigkeit  kann,  wenn  es  sich  nur  um  die  Verstaatlichung ­
  einzelner  Industrien  handelt,  das  kann  er  aber  nicht,
wenn  die  gesamte  Produktion  mit  einem  Male  von  ihm  übernommen
  werden  soll,  wollte  der  Staat  auch  in  diesem  Falle  das  Programm: ­
  sofortige  Ausrüstung  des  gesamten  Wirtschaftslebens  mit
den  vollkommensten  Produktionseinrichtungen  durchführen,  so  würde
dazu  auch  in  einer  sozialistischen  Gesellschaft  Uapital,  Uapital  und
noch  einmal  Uapital  gehören.  Mehr  Uapitalgüter,  wie  Maschinen,
Fabrikgebäude,  Elektrizitätswerke,  Eisenbahnen  usw.  Herstellen,  das
bedeutet  aber  immer  diejenige  Produktion  ausdehnen,  die  auf  die
Zukunft  gerichtet  ist,  und  dafür  diejenige  einschränken,  die  der  Befriedigung ­
  des  laufenden  Uonsums  gewidmet  ist.  wenn  aber  ein  viel
größerer  Teil  der  Arbeiterschaft  als  bisher  mit  der  Gewinnung  von
Uohlen  und  Eisen,  der  Herstellung  von  Maschinen  und  Fabrikgebäuden ­
  usw.  beschäftigt  werden  soll,  so  ist  das  nur  möglich,  wenn  die
Gesamtarbeiterschaft  ihren  Uonsum  beschränkt,  wenn  etwa  alle  Arbeiter ­
  auf  halbe  Löhne  oder  Nahrungsmittelrationen  gesetzt  werden.
Beginnt  indessen  ein  sozialistischer  Staat  seine  Tätigkeit  in  dieser  weise
mit  einer  Herabsetzung  der  Bezüge  der  Arbeiter,  nur  um  den  technischen ­
  Fortschritt  recht  rasch  durchführen  zu  können,  dann  wird  es
wohl  mit  seiner  Beliebtheit  sehr  schnell  vorbei  sein.  Venn  nicht  zur
Pohle,  Kapitalismus  und  Sozialismus,  2.  stufl.  10
        <pb n="146" />
        142

II,  3,  A.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Individualismus

Verschlechterung,  sondern  zur  Verbesserung  der  Lage  der  Arbeitenden
ist  der  Sozialismus  doch  wohl  ersonnen  worden.
Auch  in  einer  sozialistischen  Gesellschaft  kann  also  der  Übergang
zu  neuen  Produktionsmethoden  nur  allmählich,  nur  in  dem  Maße,
wie  die  Kapitalvermehrung  ohne  allzu  fühlbare  Einschränkung  des
Konsums  sich  durchführen  läßt,  erfolgen.  Das  heißt  aber,  die  sozialistische ­
  Gesellschaft  hat  auch  auf  diesem  Gebiete  nichts  vor  der  heutigen ­
  Wirtschaftsordnung  voraus.
Und  zugleich  erhellt  hieraus:  Solange  das  Kapital  knapp  ist,  ist
es  nicht  wirtschaftlich,  irgendwelche  beliebigen  arbeitsparenden  Erfindungen ­
  in  der  Praxis  zur  Anwendung  zu  bringen,  sondern  es
müssen  diejenigen  ausgesucht  werden,  die  den  größten  Ertrag  in
Aussicht  stellen.  Diese  ausfindig  zu  machen,  gelingt  aber  heute  sehr
einfach  mit  Hilfe  der  Institution  des  Kapitalzinses.  Das  Vorhandensein ­
  des  Zinses,  die  Notwendigkeit  für  den  Unternehmer,  bei  der
Berechnung  seiner  Produktionskosten  einen  Zins  für  das  von  ihm
gebrauchte  Kapital  einstellen  zu  müssen,  wirkt  gleichsam  automatisch ­
  darauf  hin,  daß  alle  diejenigen  Kapitalverwendungen  unterbleiben, ­
  bei  denen  die  wirtschaftlichen  Vorteile,  die  sie  bieten,  unter
einer  gewissen  Grenze  sich  halten.  Man  kann  also  ruhig  zugeben:
durch  die  Einrichtung  des  Zinses  wird  heute  die  Einführung  von
manchen  arbeitsparenden  Maschinen  und  anderen  Produktionsvorteilen ­
  unmöglich  gemacht,  darin  liegt  aber  nichts  Unwirtschaftliches,
es  wird  dadurch  nicht  die  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens  zur
höchsten  Stufe  der  Technik  künstlich  aufgehalten,  sondern  im  Gegenteil, ­
  es  ist  im  höchsten  Grade  wirtschaftlich.  &amp;lt;£5  verhindert,  daß
Kapital  in  solchen  Verwendungen  angelegt  wird,  in  denen  es  nicht
soviel  Nutzen  zu  stiften  vermag  wie  in  anderep.  Solange  noch  Knappheit ­
  an  Kapital  besteht,  solange  das  vorhandene  Kapital  nicht  ausreicht, ­
  um  alle  Anlagemöglichkeiten  zu  berücksichtigen,  in  denen  die
Verwendung  von  Kapital  überhaupt  noch  einen  Nutzen  verspricht,
wird  es  im  Interesse  jeder  Gesellschaftsordnung  liegen,  daß  so  verfahren ­
  wird.  Die  unserer  Wirtschaftsordnung  so  oft  zum  Vorwurf
        <pb n="147" />
        Wirtschaftskrisen  und  Produktionsfähigkeit

143

gemachte  Herrschaft  des  Rentabilitätsprinzips  bedeutet  also  durchaus
keinen  verstoß  gegen  die  Grundsätze  der  Wirtschaftlichkeit,  sondern
gerade  umgekehrt  ihre  Erfüllung.
Die  vierte  Erscheinung  endlich,  auf  die  sich  der  Sozialismus  bei
der  Behauptung  von  der  wirtschaftlichen  Überlegenheit  seines  Gesellschaftssystems ­
  beruft,  ist  das  periodische  Ruftreten  von
allgemeinen  Wirtschaftskrisen.  Die  Wirtschaftskrisen  liefern ­
  dem  Sozialismus  nicht  nur  insofern  einen  Rngriffspunkt  gegen
die  bestehende  Wirtschaftsordnung,  als  im  Zusammenhang  mit  ihnen
regelmäßig  eine  Zunahme  der  Rrbeitslosenziffer,  ein  Anschwellen
der  industriellen  Reservearmee  eintritt,  sondern  er  sieht  in  der
periodischen  Wiederkehr  von  Wirtschaftskrisen  zugleich  den  Beweis
für  das  Vorhandensein  eines  Mißverhältnisses  zwischen  Produktionsfähigkeit ­
  und  Raufkraft  in  der  modernen  Volkswirtschaft.  Die  Krisen ­
  kommen  nach  der  von  den  Sozialisten  zumeist  vertretenen  Ruffassung ­
  dadurch  zustande,  daß  die  große  Masse  der  Bevölkerung  infolge
der  niedrigen  Löhne,  die  sie  erhält,  außerstande  sei,  das  ganze  Produkt ­
  der  nationalen  Rrbeit  mit  ihren  Löhnen  zurückzukaufen.  Rus
dieser  Situation  müßten  sich  von  Zeit  zu  Zeit  unvermeidlich  Rbsatzstockungen
  ergeben,  und  die  allgemeinen  Krisen  seien  eben  nichts  anderes ­
  als  aus  dem  Mißverhältnis  zwischen  der  Produktionskraft
der  Gesellschaft  und  ihrer  Kaufkraft  entsprungene  akute  Störungen
des  normalen  wirtschaftsverlaufs.
Diese  Krisenauffassung,  zu  der  sich  der  Sozialismus  zumeist  bekennt, ­
  —  die  sog.  Unterkonsumtionstheorie  —  hat  auch  in  nichtsozialistischen
  Kreisen  vielfach  Anhänger  gefunden.  Vas  hat  ohne
Zweifel  das  ausgesprochen  politisch-moralische  Element  bewirkt,  das
dieser  Theorie  beigemischt  ist.  Sie  läßt  das  Ruftreten  von  Krisen
gewissermaßen  als  eine  Strafe  dafür  erscheinen,  daß  die  heutig«
Wirtschaftsordnung  dem  Arbeiter  nicht  das  an  Lohn  gibt,  was  ihm
von  Rechts  wegen  gebührt  und  was  er  beanspruchen  kann.  Zwischen
den  Einrichtungen  unserer  Wirtschaftsordnung  und  dem  Ruftreten
von  Wirtschaftskrisen  besteht  gleichsam  das  Verhältnis  von  Schuld
10’
        <pb n="148" />
        144

II,  3,  A.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Individualismus

und  Sühne.  Die  heutige  Wirtschaftsordnung  gibt  dem  Arbeiter  nicht
das,  was  ihm  eigentlich  zukommt,  nun  gut,  dafür  erhält  sie  ihre
Strafe  in  dem  periodischen  Auftreten  von  Wirtschaftskrisen,  Der
Vertreter  der  Unterkonsumtionstheorie  ist  also  in  der  Lage,  das
vorkommen  von  Rrisen  mit  einer  gewissen  moralischen  Genugtuung ­
  festzustellen.  Ein  angeblich  immanenter  Fehler  in  der  Einrichtung ­
  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  rächt  sich  auf  diese  Weise
auch  an  denen  mit,  denen  die  Schuld  an  diesem  Fehler  unmittelbar
zur  Last  zu  legen  ist  oder  die  wenigstens  die  Nutznießer  des  jetzigen
Zustandes  find,  an  den  Unternehmern.
Die  ganze  Erklärung  der  periodischen  allgemeinen  Rrisen  aus
einer  angeblichen  Unterkonsumtion  der  Massen  vermag  indessen  einer
ernsthaften  Prüfung  nicht  standzuhalten.  Sie  stimmt  mit  den  Tatsachen, ­
  die  für  den  verlauf  der  Rrisen  charakteristisch  sind,  gar  zu
wenig  überein.  Die  allgemeinen  Umstände,  aus  denen  die  periodischen ­
  industriellen  Ronjunkturschwankungen  im  modernen  Wirtschaftsleben ­
  entspringen,  wurden  bereits  im  letzten  Abschnitt  dargelegt. ­
  hier  seien  nur  noch  die  Momente  kurz  hervorgehoben,  welche
die  sozialistische  Rrisenauffassung  als  unhaltbar  erscheinen  lassen.
Zunächst  hat  kein  Geringerer  als  Rarl  Marx  selbst  darauf  hingewiesen, ­
  daß  „die  Rrisen  jedesmal  vorbereitet  werden  durch  eine
Periode,  worin  der  Arbeitslohn  allgemein  steigt  und  die  Arbeiterklasse ­
  realiter  größeren  Anteil  an  dem  für  die  Ronsumtion  bestimmten ­
  Teile  des  jährlichen  Produkts  erhält".  Das  ist  sicherlich  eine  richtige ­
  Beobachtung.  Wenn  vor  dem  Auftreten  von  Rrisen  der  Anteil
der  lohnarbeitenden  Rlassen  am  Nationaleinkommen  ein  Anwachsen
zeigt,  so  spricht  das  aber  nicht  gerade  dafür,  daß  der  Ausbruch  der
Rrisen  im  Zusammenhang  mit  der  zu  geringen  Raufkraft  der  Arbeiterklasse ­
  steht.  Der  offizielle  Marxismus  bekennt  sich  daher  auch
nur  sehr  bedingt  zur  Unterkonsumtionstheorie,  was  freilich  nicht
ausschließt,  daß  in  der  praktischen  Agitation  sehr  oft  von  ihr  Gebrauch ­
  gemacht  wird,  weiter  aber  ist  es  überhaupt  unrichtig,  das
,Wesen  der  Rrisen,  wie  dies  die  gewöhnliche  sozialistische  Auffassung
        <pb n="149" />
        Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus

145

tut,  in  dem  Eintritt  einer  allgemeinen  Überproduktion  in  allen  Abteilungen ­
  des  Warenmarktes  zu  sehen.  Die  Krisen  nehmen  nicht
mit  einer  allgemeinen  Überproduktion  in  diesem  Sinne  ihren  Anfang
—  diese  Erscheinung  tritt,  wenn  überhaupt,  erst  im  späteren  Verlauf ­
  der  Krisis  manchmal  hervor,  ist  aber  auch  dann  nur  von  sekundärer ­
  Bedeutung  —,  sondern  sie  beginnen  regelmäßig  mit  einer
Produktionseinschränkung  in  ganz  bestimmten  Industrien.  Die  Produktionseinschränkung, ­
  zu  der  sich  diese  Industrien  gezwungen  sehen,
läßt  sich  aber  unmöglich  darauf  zurückführen,  es  sei  plötzlich  offenbar ­
  geworden,  daß  zwischen  ihrer  Produktion  und  der  Kaufkraft  der
Bevölkerung  ein  Mißverhältnis  bestehe.  Die  Absurdität  dieser  Annahme ­
  ergibt  sich  ohne  weiteres  daraus,  daß  es  sich  bei  den  Industrien, ­
  die  von  den  Krisen  regelmäßig  zuerst  betroffen  werden,  gar
nicht  um  Industrien  handelt,  die  für  den  Konsum  der  Bevölkerung
arbeiten.  Es  handelt  sich  vielmehr  um  die  Produktionsmittelgewerbe, ­
  um  die  Industrien,  die  das  stehende  Kapital  der  Volkswirtschaft ­
  Herstellen.  Und  der  Umstand,  der  bei  ihnen  zeitweilig  eine  Produktionseinschränkung ­
  zur  gebieterischen  Notwendigkeit  macht,  ist
die  Tatsache,  daß  die  Industrie  in  der  vorangegangenen  guten  Zeit,
verleitet  durch  den  niedrigen  Stand  des  Zinsfußes,  bei  der  in  Angriff
genommenen  Ausdehnung  ihrer  Produktionsanlagen  die  durch  die
Sparkraft  der  Volkswirtschaft  gezogenen  Grenzen  nicht  beachtet
hat.  Das  muß  aber  notwendig  schließlich  zu  einer  akuten  Kapitalknappheit ­
  führen.  Vas  ist  das  Mißverhältnis,  um  das  es  sich  bei  den
Krisen  in  Wahrheit  handelt:  die  Ausdehnung  der  Produktionsanlagen ­
  ist  über  das  durch  die  Sparkraft  der  Nation  bezeichnete  Maß
hinaus  zu  steigern  versucht  worden.  Das  ist  aber  selbstverständlich
ein  unhaltbarer  Zustand,  und  die  Krisis  bedeutet  nichts  anderes  als
das  Mittel,  an  dem  unhaltbar  gewordenen  Zustande  die  notwendige
Korrektur  vorzunehmen.  Mit  den  Konsum-  und  Linkommensverhältnissen
  der  lohnarbeitenden  Klassen  haben  also  die  Krisen  direkt
sehr  wenig  zu  tun,  höchstens  kann  durch  die  von  Marx  erwähnte  Tatsache ­
  des  Steigens  des  Arbeitslohnes  in  der  Zeit  vor  der  Krisis  die
        <pb n="150" />
        146

II,  3,  B.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus

Kapitalbildung  noch  unter  das  gewöhnliche  Maß  herabgesetzt  und
der  Ausbruch  der  Krisis  dadurch  beschleunigt  werden.
Bei  näherer  Prüfung  der  Argumente,  auf  die  der  Sozialismus
seine  Behauptung  von  der  wirtschaftlichen  Rückständigkeit  der  gegenwärtigen ­
  Wirtschaftsordnung  stützt,  lösen  sich  diese  also  samt  und
sonders  in  Nichts  auf.  Es  läßt  sich  kein  vernünftiger  Grund  erkennen,
weshalb  eine  Änderung  der  Rechtsgrundlagen  des  Wirtschaftslebens
im  sozialistischen  Sinne  eine  Erhöhung  des  Produktionsertrages  bewirken ­
  sollte.  Es  ist  nicht  gerade  rühmlich  für  die  bürgerliche  Nationalökonomie, ­
  daß  diese  Argumente  auch  in  ihren  Reihen  zahlreiche
Gläubige  gefunden  haben  und  dem  sozialistischen  Gesellschaftssystem
infolgedessen  vielfach  eine  Überlegenheit  zugeschrieben  worden  ist,
die  es  in  Wahrheit  gar  nicht  besitzt.
6.  Die  wirtschaftlichen  Schwächen  des  Sozialismus.
wie  steht  es  nun  aber  mit  der  wirtschaftlichen  Leistungsfähigkeit
des  Sozialismus  selbst?  Das  Wesen  des  konsequent  zu  Ende  gedachten
  Sozialismus  läuft  darauf  hinaus,  diejenige  Kraft  aus  dem  '
Wirtschaftsleben  auszuschalten,  die  heute  die  einzelnen  treibt,  ihre
Zähigkeiten  und  ihre  Energie  auf  das  äußerste  anzuspannen:  die
wirtschaftliche  Selbstverantwortlichkeit.  Die  Produktion  erfolgt  nicht
mehr  auf  Rechnung  und  Gefahr  von  einzelnen  privaten,  sondern  sie
erfolgt  auf  Rechnung  der  Gesamtheit,  der  auch  die  Produktionsmittel
gehören.  Es  fragt  sich  nun,  wie  dieser  Zustand  auf  die  Entwicklung
des  Volkswohlstandes  und  die  Größe  des  Produktionsertrags  in  einem
Lande  einwirken  wird.  Die  beiden  Grundsäulen  des  Volkswohlstandes  J
sind  heute  der  Spartrieb  und  der  Arbeitstrieb  der  Bevölkerung. ­
  von  der  Sparsamkeit  wird  das  Tempo  der  Kapitalbildung,
das  Anwachsen  des  Volksvermögens  in  erster  Linie  bestimmt,  die
Arbeitsamkeit  aber  ist  entscheidend  für  die  Größe  des  Arbeitsertrags,
der  mit  den  vorhandenen  Mitteln  erzielt  werden  kann.  Es  fragt  sich
also,  wie  wird  sich  unter  der  Herrschaft  sozialistischer  Prinzipien
einerseits  die  Kapitalbildung,  das  Anwachsen  des  Realkapitals  der
        <pb n="151" />
        Landwirtschaft  und  Sozialismus

147

Volkswirtschaft,  das  ja  auch  im  sozialistischen  Staate  ganz  unentbehrlich ­
  ist,  wenn  das  gegenwärtige  Niveau  der  Lebenshaltung  beibehalten ­
  und  gesteigert  werden  soll,  und  andererseits  die  durchschnittliche
Arbeitsleistung  gestalten?  Mit  diesen  fragen  werden  zweifellos  die
wunden  pustkte  jeder  sozialistischen  Gesellschaftsordnung  getroffen.
I.  Vas  Anwachsen  des  Realkapitals  der  Volkswirtschaft,
ihrer  Bestände  an  Wohnhäusern,  Fabrikgebäuden  und  Produktionsanlagen ­
  aller  Art,  an  Verkehrseinrichtungen  usw.  vollzieht  sich  gegenwärtig ­
  in  einem  Tempo,  das  nicht  nur  dem  Wachstum  der  Bevölkerung ­
  entspricht,  sondern  das  darüber  hinaus  Raum  läßt  für  eine
Vermehrung  des  Rapitalvorrats  der  Volkswirtschaft,  eine  Zunahme
ihrer  Rapitalintensität.  In  fast  allen  Ländern  Europas  konnte  vor
dem  Weltkriege  ein  rasches  Wachstum  ihres  Realkapitals  festgestellt
werden,  ein  Wachstum,  das  mit  G.  Lasset  auf  ungefähr  3o/o  jährlich ­
  geschätzt  werden  kann.  Die  unumgängliche  Voraussetzung  für
dieses  rasche  Anwachsen  des  Volksvermögens  in  der  heutigen  Wirtschaftsorganisation ­
  ist  aber  der  Umfang,  in  dem  in  den  modernen
Volkswirtschaften  „gespart"  wird,  in  dem  die  einzelnen  Privaten
freiwillig  große  Teile  ihres  Einkommens  dem  Konsum  entziehen
und  in  den  Dienst  der  Kapitalbildung  stellen.  Der  große  Umfang,
in  dem  die  Spartätigkeit  sich  heute  in  allen  Ländern  europäischer
Kultur  vollzieht  und  dadurch  die  Vorbedingung  für  die  Vermehrung
des  Realkapitals  erfüllt  wird,  hängt  aber  wieder  ganz  wesentlich
mit  ihrer  individualistischen  Wirtschaftsverfassung  zusammen.  Sowie
das  individualistische  Wirtschaftssystem  in  Frage  gestellt  wird,  wird
auch  die  Neigung  der  einzelnen  zu  sparen  auf  eine  gefährliche  Probe
gestellt  und  unter  Umständen  geradezu  gelähmt.  Der  einzelne  spart
ja  heute  nicht  zu  dem  objektiven  Zwecke,  um  dadurch  das  Realkapital
der  Gesellschaft  zu  vermehren,  sondern  er  spart  unmittelbar  aus  einem
subjektiven  Grunde,  nämlich  hauptsächlich,  um  dadurch  die  eigene
sowie  die  Zukunft  seiner  Angehörigen  sicherzustellen.  In  dem  Maße,
wie  ihm  das  durch  Änderungen  der  Rechtsordnungen  im  sozialistischen
Sinne  unmöglich  gemacht  oder  erschwert  wird,  wird  auch  der  Spar-
        <pb n="152" />
        148

II,  3,  B.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus

trieb  der  Bevölkerung  in  verhängnisvoller  Weise  geschwächt  werden.
5o  haben  Sozialisten  z.B.  den  Vorschlag  gemacht,  zwar  das  Privateigentum ­
  an  sich  beizubehalten,  aber  das  private  Erbrecht  völlig  abzuschaffen. ­
  Der  Hauptvertreter  dieses  Gedankens  war  Saint-Umand
  Bazard,  ein  Schüler  St.-Simons.  Vieser  Sozialist  sah
den  Grundfehler  der  gegenwärtigen  Gesellschaftsordnung  in  dem  privaten ­
  Erbrecht.  Dadurch  werde  wenig  befähigten  Personen  oft  eine
gchvaltige  Macht  in  die  Hand  gegeben,  während  hoch  Befähigte  aus
Mangel  an  Kapital  nicht  in  die  höhe  kommen  könnten.  Und  fein  Refartnvorschlag
  ging  daher  dahin:  Ersetzung  des  privaten  Erbrechts
durch  ein  Erbrecht  des  Staates.  Der  Staat  soll  alles  hinterlassene
Vermögen  erben,  aber  nicht,  um  es  für  sich  zu  behalten,  sondern  um
es  durck  eine  besonders  hierfür  zu  schaffende  Organisation  den  tüchtigsten ­
  Elementen  zu  lebenslänglicher  Nutznießung  anzuvertrauen.
Nbgefehen  von  allen  Bedenken,  die  sich  sonst  noch  gegen  diesen  Vorschlag ­
  aufdrängen,  ist  doch  gegen  diesen  Gedanken  sofort  zu  fragen:
Wer  wird  unter  diesen  Bedingungen  überhaupt  noch  sparen?  Die
Hauptkraft,  welche  heute  die  einzelnen  veranlaßt,  zu  sparen  und
Kapitalien  anzusammeln,  ist  das  Streben,  für  die  Zukunft  derjenigen
zu  sorgen,  die  ihnen  am  nächsten  stehen.  Wenn  dem  einzelnen  die  Möglichkeit ­
  genommen  wird,  noch  über  seinen  Tod  hinaus  Fürsorge  für
die  Seinigen  zu  treffen,  was  für  ein  Interesse  hat  er  dann  überhaupt
noch,  bei  seinem  Tode  ein  vermögen  zu  hinterlassen?  Der  Durchschnittsmensch ­
  wird  dann  geneigt  sein,  seine  Lebensführung  so  einzurichten, ­
  daß  bei  seinem  Tode  überhaupt  kein  vermögen  mehr  vorhanden ­
  ift. 33a )  Sogar  Kommunisten  wie  palyi  treten  aus  solchen  Erwägungen ­
  für  die  Beibehaltung  des  privaten  Erbrechtes  in  gewissem
Umfange  ein.
Uber  auch  wenn  wir  dieses  radikale  Neformprojekt  ausscheiden,
bleibt  der  Zweifel  bestehen,  ob  eine  sozialistische  Gesellschaft  imstande
ist,  in  bezug  auf  die  Vermehrung  des  Kapitals  gleichen  Schritt  mit
33  a)  (Eine  ähnliche  Wirkung  kann  übrigens  auch  von  einer  allzu  rigoros
vorgehenden  Lrbfchaftsbesteuerung  ausgehen.
        <pb n="153" />
        Landwirtschaft  und  Sozialismus

149

der  heutigen  Wirtschaftsordnung  zu  halten.  Das  Sparen,  das  unter
allen  Umständen  und  in  jeder  möglichen  Rechtsordnung  des  Wirtschaftslebens ­
  die  Voraussetzung  für  die  Produktion  neuen  Realkapitals ­
  bildet,  kann  in  einem  sozialistischen  Gemeinwesen  denkbarerweise ­
  in  zwei  Formen  vor  sich  gehen,  entweder  wie  heute  als  freiwilliges
Sparen  einzelner  Privatpersonen,  oder  aber  so,  daß  der  Staat  selbst
es  besorgt,  indem  er  die  Preiszuschläge  zu  den  Selbstkosten,  die  er  bei
der  Festsetzung  der  preise  für  die  in  seinen  Betrieben  hergestellten
Produkte  erhebt,  ansammelt  und  unmittelbar  für  die  Vermehrung
des  Realkapitals  bestimmt.  In  beiden  Fällen  wird  es  außerordentlich ­
  schwer  sein,  zu  erreichen,  daß  jährlich  ein  ebenso  großer  Teil
des  Volkseinkommens  gespart  wird  wie  das  heute  geschieht.  Im  ersten
Falle  steht  dem  vor  allem  die  größere  Gleichheit  der  Einkommensverhältnisse, ­
  welche  die  sozialistische  Gesellschaft  herstellen  will,  entgegen. ­
  Ls  kann  doch  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  eine  stark  differenzierte ­
  Einkommensverteilung,  mag  man  sonst  über  sie  denken  wie
man  will,  das  Sparen  stark  erleichtert.  Für  einen  Mann,  der
150000  Mark  Einkommen  bezieht,  ist  es  doch  viel  leichter,  jährlich
50000  Mark  zurückzulegen,  als  es  für  50  Arbeiter,  von  denen  jeder
3000  Mark  Einkommen  bezieht,  ist,  auch  nur  25  000  Mark  zusammenzusparen. ­

wird  aber  das  Sparen  von  der  Regierung  selbst  mit  besorgt,  so
läuft  es  ja  seinem  Wesen  nach  auf  nichts  anderes  als  auf  eine  Form
der  indirekten  Besteuerung  hinaus,  und  es  wird  über  diese  Form  der
Besteuerung  im  Sozialstaate  ebenso  heftige  Rümpfe  geben,  wie  sie
überhaupt  über  jede  Besteuerung  sich  entspinnen.  Dem  Sparen  wird
das  keinesfalls  günstig  sein.  Die  Regierung  wird  es  aus  naheliegenden ­
  Gründen  in  möglichst  engen  Grenzen  zu  halten  suchen.
Dazu  kommt  aber  weiter  noch  die  ernste  Frage,  ob  im  Sozialstaate,
selbst  wenn  seine  Sparwilligkeit  sehr  hoch  entwickelt  sein  sollte,  auch
die  Sparfähigkeit  ebenso  groß  ist  wie  heute.  Die  Sparfähigkeit
einer  Volkswirtschaft,  die  Summe  der  möglichen  Ersparnisse,  hängt
ja  in  erster  Linie  ab  von  dem  Stande  der  Produktivität  der  Arbeit,
        <pb n="154" />
        150

II,  3,  B.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus

oder  genauer  gesagt,  von  dem  Maße,  in  dem  das  durchschnittliche
Volkseinkommen  über  das  Existenzminimum  hinausragt.  Nur  das,
was  nicht  unbedingt  zur  Friftung  des  Lebens  gebraucht  wird,  kann
denkbarerweise  überhaupt  gespart  werden.  Die  Rapitalbildung  in
einem  Lande  ist  somit  auch  in  sehr  maßgebender  weise  mit  abhängig
von  der  Größe  des  Produktionsertrags.  Damit  kommen  wir  zu  der
zweiten  vorhin  aufgeworfenen  Frage,  der  Frage,  wie  sich  im  Sozialstaate ­
  die  durchschnittliche  Arbeitsleistung  gestalten  wird.
II.  Die  Befürchtung  liegt  ja  sehr  nahe,  daß  beim  sozialistischen
Rechtestem  die  Arbeitsleistung  und  damit  die  Gesamthöhe  des
Produktionsertrags  stark  zurückgehen,  weil  hier  der  Arbeiter  gar  kein
Interesse  mehr  daran  hat,  sein  Bestes  zu  leisten.  |
Viesen  naheliegenden  Einwand  haben  nachdenkliche  Sozialisten
allerdings  damit  abzuwehren  gesucht,  daß  sie  auf  die  Anwendbarkeit
der  Akkordlöhnung  und  ähnlicher  Lohnberechnungsmethoden  auch  im
sozialistischen  Staate  verweisen.  Ihr  Gedankengang  ist  der  folgende:
Auch  heute  schon  befindet  sich  die  große  Masse  der  Bevölkerung  gar
nicht  mehr  selbst  im  Besitz  der  Produktionsmittel,  sie  sind  gar  nicht
mehr  Eigentümer,  die  für  eigene  Rechnung  und  Gefahr  produzieren,
sondern  sie  sind  Lohnarbeiter.  Dieselben  Mittel  nun  aber,  die  heute
angewendet  werden,  um  die  Lohnarbeiter  am  Ertrag  ihrer  Arbeit
zu  interessieren,  lassen  sich  ebenso  auch  und  mit  der  gleichen  Aussicht
auf  Erfolg  in  einem  sozialistischen  Staat  anwenden.  Bei  diesem  Gedankengang ­
  werden  aber  zwei  wichtige  Punkte  übersehen:
I.  Ls  ist  auch  heute  nicht  möglich,  auf  allen  Gebieten  das,  was  die  selbständige ­
  Produktion  für  eigene  Rechnung  und  Gefahr  leistet,  durch  den  j
Stücklohn  und  ähnliche  Löhnungsmethoden  zu  ersetzen.  Und  zwar
ist  als  das  hauptsächlichste  Produktionsgebiet,  wo  die  Akkordlöhnung
nicht  das  gleiche  zu  leisten  vermag  wie  die  Produktion  für  eigene
Rechnung  und  Gefahr  der  Produzenten,  die  Landwirtschaft
zu  nennen.  Die  Landwirtschaft  hat  sozusagen  eine  angeborene  Vorliebe ­
  für  die  individualistische  Wirtschaftsordnung  und  fetzt  allen
sozialistischen  Experimenten  einen  hartnäckigen  widerstand  entge-
        <pb n="155" />
        Landwirtschaft  und  Sozialismus

151

gen.  Auf  diese  Erscheinung  ist  ja  in  der  Literatur  schon  oft  hingewiesen ­
  worden,  worauf  beruht  sie?
Ls  kommen  hier  dieselben  Umstände  in  Betracht,  die  es  auch  bewirken, ­
  daß  in  der  Landwirtschaft  der  Uleinbetrieb  eine  ganz  andere ­
  Bolle  spielt  und  aller  Voraussicht  nach  dauernd  spielen  wird
wie  in  der  Industrie.  Kn  der  Landwirtschaft  mußte  ja  der  Marxismus ­
  die  Enttäuschung  erleben,  daß  sich  in  ihr  die  Entwicklung  nicht
nach  dem  von  ihm  gleichmäßig  für  Industrie  und  Landwirtschaft
aufgestellten  Schema  von  der  naturnotwendigen  Verdrängung  des
Uleinbetriebs  durch  den  Großbetrieb  vollzog.  In  der  Landwirtschaft
ist  der  Uleinbetrieb,  das  hat  auch  der  orthodoxe  Flügel  der  Sozialisten ­
  schließlich  zugeben  müssen,  in  ganz  anderem  Maße  konkurrenzfähig ­
  wie  in  der  Industrie.  Im  Gegenteil,  der  Uleinbetrieb  erweist
sich  oft  dem  Großbetrieb  überlegen  und  dringt  auf  Uosten  des  letzteren ­
  vor,  so  in  Deutschland  in  der  Periode  von  1882  bis  1907.
wenn  wir  nun  nach  dem  letzten  und  entscheidenden  Punkt  fragen,
der  es  bewirkt,  daß  sich  die  Landwirtschaft  in  dieser  Beziehung  so
wesentlich  anders  verhält  wie  die  Industrie,  so  müssen  wir,  abgesehen ­
  von  der  viel  weniger  hervortretenden  Rolle,  welche  Maschinentechnik ­
  und  Arbeitsteilung,  die  beiden  Uräfte,  denen  in  der  Industrie ­
  der  Großbetrieb  hauptsächlich  seine  Überlegenheit  verdankt,
in  der  Landwirtschaft  spielen,  vor  allem  folgenden  Punkt  hervorheben: ­
  Bei  den  landwirtschaftlichen  Arbeiten  kommt  es  in  ganz  anderem ­
  Maße  wie  bei  der  industriellen  Arbeit  auf  die  S  orgfalt  und
die  Gewissenhaftigkeit  der  Arbeit  an,  oder  —  so  läßt  sich  der
Unterschied  vielleicht  noch  besser  formulieren  —  ob  die  Leistung  des
Arbeiters  nicht  nur  der  Menge,  sondern  auch  der  Güte  nach  befriedigend ­
  ist,  das  läßt  sich  in  der  Landwirtschaft  nicht  so  leicht  beurteilen
wie  in  der  Industrie.  Daß  man  die  Leistung  des  Arbeiters  aber  nicht
nur  ihrer  Menge  nach,  sondern  auch  ihrer  Güte  nach  rasch  und  sicher
beurteilen  kann,  das  ist  immer  eine  unumgängliche  Voraussetzung
des  Akkordlohnes.  Venn  der  Akkordlohn  in  seinen  verschiedenen  Formen ­
  schließt  immer  die  Gefahr  in  sich,  daß  die  Größe  der  Ar-
        <pb n="156" />
        152  II,  3,  B.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus
beitsleistung  auf  Rosten  ihrer  Qualität  gesteigert  wird.  Der  Akkordlohn ­
  kann  daher  mit  gutem  Erfolge  nur  da  angewendet  werden,
wo  auch  die  Qualität  der  Arbeitsleistung,  die  Güte  der  Arbeit,  vom
Betriebsleiter  sofort  nach  getaner  Arbeit  mit  hinreichender  Sicherheit
beurteilt  werden  kann.  Das  trifft  nun  zwar  im  großen  und  ganzen  bei
der  industriellen  Arbeit  zu,  nicht  aber  trifft  es  in  gleicher  Weife  auch
bei  der  landwirtschaftlichen  Arbeit  zu.  Bei  vielen  landwirtschaftlichen
Arbeiten  zeigt  sich  oft  erst  hinterher,  nach  längerer  Zeit,  am  Gesamtergebnis ­
  der  Produktion,  ob  die  einzelnen  Arbeiter  mit  der  nötigen
Sorgfalt  gearbeitet  haben  oder  nicht.  Beim  Getreidesäen  mit  der  Hand
z.B.  sieht  man  Fehler  in  der  Regel  erst  nach  dem  Auflaufen  der  Saat,
beim  Ausstreuen  von  Chilesalpeter  erst  nach  Eintreten  der  Wirkung
und  bei  Verwendung  der  übrigen  Runstdüngemittel  meist  überhaupt ­
  nicht.
Ganz  besonders  gilt  das  eben  Gesagte  von  den  Arbeiten,  welche
die  Wartung  des  Viehs  erfordert.  Dabei  kommt  es  aber  gerade  hier
bei  der  viehpflege  in  ganz  besonderem  Maße  auf  die  Sorgfalt  der
Arbeit  an.  Aereboe  führt  in  seiner  vortrefflichen  „Landwirtschaftlichen ­
  Betriebslehre",  der  auch  die  vorhergehenden  Beispiele  entnommen ­
  sind,  hierüber  folgendes  aus^h:  „Schon  einmalige  Unachtsamkeit ­
  bei  der  Fütterung  kann  das  Gedeihen  der  Tiere  für
lange  Zeit  beeinträchtigen,  wieviel  mehr  fortlaufende  Gleichgültigkeit. ­
  Ich  erinnere  nur  an  das  Sauberhalten  der  Futtertröge,  an
vorsichtiges  Tränken  der  Rälber,  Regelmäßigkeit  der  ganzen  Fütterung, ­
  Gründlichkeit  beim  Ausmelken  der  Milchtiere,  und  zwar
fortlaufende  Gründlichkeit,  Sorgfalt  beim  hüten  auf  den  weiden
und  bei  der  Behandlung  kranker  Tiere,  an  die  ständige  Bereitschaft
zu  Geburtshilfe  bei  Tag  und  Rächt,  an  das  Einspannen  junger  Zugtiere, ­
  Bewahren  vor  zu  plötzlichem  Anziehen  bei  allem  Zugvieh
und  viele  ähnliche  Dinge..  .  .  viehpflege  ist  eben  etwas  rein
Persönliches,  eine  Sonderleistung,  welche  ihrem  Wesen  nach  der  be-34)

  3.  flufT.,  S.  515  ff.
        <pb n="157" />
        Landwirtschaft  und  Sozialismus

153

Zahlten  Lohnarbeit  als  Schablonenarbeit,  als  Massenleistung  gegen?
I  übersteht.  Sie  erfordert  andauernde  Anpassung  der  Arbeitsleistung
an  das  Arbeitsziel,  daher  auch  eine  gewisse  Freiheit  des  Entschlusses
und  Selbständigkeit  des  Handelns."
Eben  weil  aber  in  der  Landwirtschaft  die  Dinge  so  liegen,  deshalb
können  in  ihr  mit  betriebsfremder  Arbeit,  auch  wenn  man  in  möglichstem ­
  Umfange  Akkordlöhnung  anzuwenden  sucht,  nur  unbefriedigende ­
  Ergebnisse  erzielt  werden,  will  man  hier  ein  gutes  Arbeitsresultat ­
  erzielen,  so  ist  die  unumgängliche  Voraussetzung  die,
dem  Arbeiter  muß  selbst  das  Produkt  seiner  Arbeit  gehören,  er
muß  die  Landwirtschaft  auf  eigene  Rechnung  und  Gefahr  treiben,
!  mit  anderen  Worten,  die  Wirtschaftsordnung  muß  eine  individua-I
  listische  mit  vorherrschendem  Uleinbetrieb  sein.
Sn  der  Landwirtschaft  sind  aber  auch  noch  andere  Uräfte  vorhanden, ­
  die  jeder  sozialistischen  Zentralleitung  sich  entgegenstemmen.
Die  landwirtschaftliche  Produktion  läßt  sich  unmöglich  nach  generellen ­
  Anweisungen  führen,  die  von  einer  Zentralstelle  aus  erlassen
!  werden.  Jedes  Stück  Erde  erfordert  vielmehr  eine  besondere  Art
der  Nutzung,  wenn  es  den  größtmöglichen  Ertrag  liefern  soll.  Jeder
einzelne  Landwirtschaftsbetrieb  ist  etwas  für  sich,  das  in  seiner
besonderen  Natur  sorgfältig  studiert  sein  will,  wenn  man  ihm  den
höchsten  Ertrag  abgewinnen  will.  Je  nach  der  Bodenbeschaffenheit,
den  klimatischen  Verhältnissen,  der  Lage  zum  Absatzort,  den  zur
Verfügung  stehenden  Arbeitskräften  usw.  muß  ein  Landwirtschaftsbetrieb ­
  ganz  verschieden  eingerichtet  werden,  wenn  er  ein  Maximum
an  Ertrag  liefern  soll.  Bald  wird  zur  Erreichung  des  überhaupt
1  möglichen  Höchstertrags  dieses  Mischungsverhältnis  zwischen  Ackerland ­
  und  Wiesenland  angezeigt  sein,  bald  jenes,  bald  wird  sich  eine
stärkere,  bald  eine  schwächere  Viehhaltung  empfehlen,  bald  wird
diese  Mischung  der  landwirtschaftlichen  Produktionszweige,  bald  jene
vorzuziehen  sein,  um  genügend  Futter  für  das  Vieh,  oder  andererseits ­
  genug  Dünger  für  die  Felder  zu  erhalten,  und  um  die  rechte
Ausnutzung  der  Gespanne  sowie  der  menschlichen  Arbeitskräfte  zu
        <pb n="158" />
        154

II,  3,  B.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus

erreichen?^)  stU«  diese  Dispositionen,  die  ja  auch  fortwährend  wieder ­
  neuen  Verhältnissen  anzupassen  sind,  werden  nur  von  einem
Betriebsleiter  auf  die  Dauer  richtig  getroffen  werden,  der  am  Ertrag ­
  des  Gutes  persönlich  interessiert  ist.  Es  ist  undenkbar,  daß
hier  eine  bureaukratische  Verwaltung  durch  Beamte,  die  ihrer  Natur ­
  nach  stets  nach  schematischer  Regelung  strebt,  je  zum  Ziele
führen  könnte.  Darum  denken  ja  auch  die  Staaten,  die  über  einen
größeren  vomänenbesitz  verfügen,  nicht  daran,  ihre  Landgüter  durch
staatliche  Beamte  bewirtschaften  zu  lassen,  sondern  sie  verpachten
ihren  Besitz  regelmäßig.
Vas  sind  die  Gründe,  aus  denen  die  landwirtschaftliche  Produktion
ein  unüberwindliches  Hindernis  für  jede  kollektivistische  Regelung
der  Produktion  bildet  und  es  auch  immer  bilden  wird.  Mag  es
selbst  dahin  kommen,  daß  in  der  Industrie  eine  sozialistische  Zentralleitung ­
  der  Produktion  bis  zu  einem  gewissen  Grade  durchführbar ­
  wird,  an  der  Landwirtschaft  wird  sie  immer  scheitern.  Das
ist  ja  auch  der  Grund,  weshalb  mancher  überzeugte  Sozialist  sich
mit  der  individualistischen  Verfassung  der  Landwirtschaft  abgefunden ­
  hat  und  sich  damit  begnügt,  für  sie  nur  Beseitigung  des  Großbetriebs ­
  und  Durchführung  des  Programms  der  Bodenreformbewegung, ­
  d.  h.  Verstaatlichung  des  Bodenbesitzes,  zu  fordern.
2.  Ruch  in  der  Industrie  gibt  die  Bezahlung  der  Rrbeiter  im
Akkord  nicht  allein  schon  die  Gewähr  dafür,  daß  das  Höchste  geleistet
wird.  Es  kommt  dabei  vielmehr  sehr  wesentlich  noch  ein  weiterer
Umstand  in  Betracht.  Das  ist  der,  daß,  wenn  auch  die  Rrbeiter
nicht  selbst  Eigentümer  der  Produktionsmittel  sind,  so  doch  die
Produktion  für  Rechnung  und  Gefahr  von  Privatunternehmern ­
  geführt  wird.  Erst  dieser  Umstand  in  Verbindung ­
  mit  der  Akkord-  und  Prämienlöhnung  gewährleistet  die  billigste ­
  Produktion,  von  welcher  Bedeutung  dieser  Umstand  für  die
Billigkeit  der  Produktion  ist,  ergibt  sich  deutlich,  wenn  wir  die  wirt-33)
  Dies  wird  treffend  näher  ausgeführt  von  Fr.  Beckmann,  Zeitschrift
für  Sozialwissenschast,  Iahrg.  1916,  S.  497ff.
        <pb n="159" />
        Vordringen  des  öffentlichen  Betriebs

155

fchaftliche  Leistungsfähigkeit  des  privaten  Betriebs  vergleichen ­
  mit  der  des  öffentlichen,  an  dessen  Spitze  staatliche  Beamte
stehen,  deren  leitendes  Motiv  nicht  in  dem  unmittelbaren  persönlichen ­
  Interesse,  sondern  in  den  Motiven  der  Pflichttreue  und  Gewissenhaftigkeit, ­
  des  Ehrgeizes  usw.  liegen.  Da  kann  kein  Zweifel
bestehen,  daß  der  öffentliche  Betrieb  auch  heute  noch,  genau  so  wie
zur  Zeit  von  Adam  Smith,  es  an  Billigkeit  der  Produktion  nicht
mit  dem  privaten  aufnehmen  kann.  In  einem  Teile  der  modernen
deutschen  nationalökonomischen  Literatur  wird  das  allerdings  bestritten. ­
  Da  werden  die  Dinge  so  hingestellt,  wie  wenn  dieser  Satz
durch  die  Erfahrungen  des  letzten  Jahrhunderts  mit  dem  öffentlichen ­
  Betrieb  widerlegt  sei.  Die  öffentliche  Unternehmung  soll
heute,  so  wird  uns  nicht  selten  versichert,  der  privaten  auf  vielen
Gebieten  wirtschaftlich  ebenbürtig,  wenn  nicht  gar  überlegen  geworden ­
  sein.  Vas  soll  durch  das  Vordringen  des  öffentlichen  Betriebs ­
  auf  dem  Gebiete  des  Verkehrswesens,  in  der  Gas-,  Wasserund
  Elektrizitätsversorgung  der  großen  Städte  usw.  während  der
letzten  Jahrzehnte  klar  erwiesen  sein.
Diese  Behauptung  nötigt  uns,  etwas  näher  auf  Umfang  und  Ursachen ­
  des  erneuten  Vordringens  des  öffentlichen  Betriebs  in  der
Gegenwart  einzugehen?«)  Als  Ende  der  siebziger  Jahre  im  Anschluß
an  die  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen  in  Deutschland  und  anderen ­
  Ländern  in  Wissenschaft  und  Praxis  eine  dem  öffentlichen
Betrieb  sehr  günstige  Stimmung  aufkam,  da  gab  man  sich  in  großen
Kreisen  außerordentlich  weitgehenden  Hoffnungen  hin,  welche  Gebiete ­
  die  öffentliche  Unternehmung  künftig  noch  erobern  werde.
Diese  Erwartungen  haben  sich  bisher  nicht  erfüllt  und  werden  sich
wohl  auch  nicht  erfüllen.  Die  Praxis  der  Verwaltung  hat  sich  trotz
dem  eifrigen  Zureden  mancher  Theoretiker  nicht  zur  Überschreitung
bestimmter  Grenzen  verleiten  lassen.  Diese  Grenzen  hat  sie  gleich-36)
  Ausführlicher  habe  ich  den  Gegenstand  in  einem  Aufsatze  der  von  mir
herausgegebenen  „Zeitschrift  für  Sozialwissenschaft",  Jahrg.  1918,  §.  133fs.
behandelt,  aus  dem  hier  das  wichtigste  wiederholt  wird.
        <pb n="160" />
        156

II,  3,  B.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus

fam  instinktiv  richtig  herausgefunden.  Der  öffentliche  Betrieb  hat
sich  nämlich  nur  auf  solchen  Gebieten  neu  eingebürgert,  wo  die  Ronkurrenz
  entweder  überhaupt  ausgeschlossen  ist  oder  wo  sie  sich  doch
wenigstens  aus  Gründen,  die  in  der  lkatur  der  Bache  liegen,  nicht
so  stark  geltend  machen  kann  wie  im  übrigen  Wirtschaftsleben,  wenn
wir  die  Gebiete  durchmustern,  die  der  öffentlichen  Unternehmung
in  neuerer  Zeit  zugefallen  sind,  so  finden  wir,  daß  es  sich  sowohl
bei  den  staatlichen  als  auch  bei  den  kommunalen  Betrieben  regelmäßig ­
  um  Gebiete  handelt,  die  sich  einer  vor  dem  Rufkommen  neuer
Ronkurrenz  gesicherten  monopolistischen  oder  wenigstens
monopolähnlichen  Stellung  erfreuen.  Für  den  staatlichen
Betrieb  der  Post,  des  Telegraphen  und  des  Fernsprechers  ist  ja
in  einer  Reihe  von  Ländern  direkt  ein  Monopol,  allerdings  ein
solches  von  verschieden  weitem  Umfange,  in  Unspruch  genommen
worden,  ebenso  liegt  die  Sache  beim  Notenbankwesen.  Uber  auch
auf  den  anderen  hier  in  Betracht  kommenden  Gebieten  ergibt  sich
für  Staat  und  Stadt  als  Betriebsunternehmer  regelmäßig  eine  bevorzugte, ­
  vor  dem  Uuftreten  neuer  Ronkurrenz  geschützte  Stellung.
Bei  den  städtischen  Gas-,  Wasser-  und  Elektrizitätswerken  entspringt
die  bevorzugte  Stellung  dieser  Betriebe  daraus,  daß  sie  auf  die
Benutzung  der  der  Gemeinde  gehörigen  öffentlichen  Wege  angewiesen ­
  sind,  um  ihre  Leitungsnetze  legen  zu  können.  Die  Stadt,
die  selbst  als  Betriebsunternehmerin  solcher  Werke  auftritt,  hat  es
also  ganz  in  der  Hand,  ob  sie  Ronkurrenzunternehmungen  aufkommen ­
  lassen  will  oder  nicht.  Uuch  dann,  wenn  die  Städte  nicht  selbst
als  Betriebsunternehmer  auftreten,  werden  ja  aber  Ronkurrenzunternehmungen ­
  auf  diesen  Gebieten  von  ihnen  nicht  so  leicht  konzessioniert. ­
  Ähnliche  Verhältnisse  walten  bei  den  Verkehrsanstalten,
insbesondere  den  staatlichen  Eisenbahnen  und  den  kommunalen
Trambahnen,  ob.  Ruch  hier  ist  die  Entstehung  von  Ronkurrenzbetrieben
  an  sehr  erschwerende  Bedingungen  geknüpft.
Das  Vordringen  der  öffentlichen  Unternehmung  beschränkt  sich
also  auf  solche  Gebiete,  in  denen  der  Unternehmer  besonderen  Schutz
        <pb n="161" />
        Öffentlicher  Betrieb  und  INonopolwesen

157

vor  dem  Aufkommen  neuer  Konkurrenz  genießt.  Zwischen  völlig
freier  Konkurrenz  und  wirklichem  Monopol  gibt  es  eben  im  Wirtschaftsleben ­
  noch  eine  Reihe  von  Zwischenstufen,  und  das  Gebiet
dieser  Zwischenstufen  ist  es,  auf  welches  die  öffentliche  Unternehmung ­
  in  neuerer  Zeit  ihre  Herrschaft  ausgedehnt  hat.  Vas  ist  aber
kein  Zufall,  sondern  das  hat  seinen  tiefen  Sinn.  Und  diese  Tatsache
ist  nicht  ein  Zeichen  der  Stärke,  sondern  ein  Zeichen  der  Schwäche  des
öffentlichen  Betriebs.  In  ihr  kommt  zum  Ausdruck,  daß  die  öffentliche ­
  Unternehmung  sich  eben  nur  auf  solchen  Gebieten  zu  behaupten ­
  vermag,  wo  nicht  der  scharfe  Wind  völlig  freien  Wettbewerbs ­
  weht,  sondern  wo  es  sich  um  konkurrenzgeschützte  Plätze
handelt.  Vas  ist  das  eine.  Vas  andere  Moment  aber,  das  bei  der
neuerlichen  Ausbreitung  des  öffentlichen  Betriebs  eine  Rolle  gespielt ­
  hat,  ist  das,  daß  da,  wo  einzelne  Betriebe  oder  Gewerbezweige
in  eine  solche  bevorzugte,  monopolartige  Stellung  gelangen,  dann
sehr  starke  Gründe  dafür  sprechen,  dem  öffentlichen  Betrieb  den  Vorzug ­
  vor  dem  privaten  zu  geben.  Venn  hier  besteht  dann  immer  die
Gefahr,  daß  die  privaten  Unternehmer  ihre  begünstigte  Stellung
zur  Erzielung  abnorm  hoher  Gewinne  ausnutzen.  Zum  mindesten  ist
die  öffentliche  Meinung  regelmäßig  von  einem  starken  Mißtrauen
nach  dieser  Richtung  —  und  sicher  nicht  ohne  Grund  —  erfüllt.
Sie  läßt  sich  von  der  Erwägung  eines  amerikanischen  Gerichtshofes
leiten,  der  in  einem  Prozeß  gegen  den  Standard-Dil-Trust  sich  einmal
dahin  aussprach,  es  sei  nicht  angebracht,  der  menschlichen  Natur  da
zu  trauen,  wo  ihr  Gelegenheit  gegeben  sei,  sich  auf  Kosten  anderer  zu
bereichern,  wo  sich  im  Wirtschaftsleben  durch  die  Natur  der  Verhältnisse ­
  selbst  monopolähnliche  Stellungen  herausbilden,  da  entscheidet
  sich  darum  die  öffentliche  Meinung  gewöhnlich  mit  großer
Wucht  und  Bestimmtheit  dafür,  daß  diese  Betriebe  in  der  Hand  des
Staates  oder  der  Gemeinde  am  besten  aufgehoben  seien.
Vas  find  die  wahren  Gründe  für  das  in  den  letzten  Jahrzehnten
festzustellende  Vordringen  des  öffentlichen  Betriebs.  Vagegen  ist  es
eine  falsche  Deutung  der  Tatsachen,  wenn  man  daraus  den  Schluß
Pohle,  Kapitalismus  und  Sozialismus,  2.  klufl.  H
        <pb n="162" />
        158

II,  3,  B.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus

ableitet,  die  „Beamtenverwaltung"  habe  den  Beweis  erbracht,  daß
sie  es  in  bezug  auf  Wirtschaftlichkeit  der  Betriebsführung  jetzt  schon
vollkommen  mit  der  privaten  Unternehmung  aufnehmen  könne.  5o
wird  ja  in  der  Literatur  die  Erscheinung  nicht  selten  zu  erklären
gesucht.  Vas  Vordringen  des  öffentlichen  Betriebs  wird  als  ein
Parallelfall  zu  dem  Vordringen  der  Aktienunternehmung  aufgefaßt. ­
  Gemeinbetrieb  und  Aktienunternehmung  bedienten  sich  beide
gleichmäßig  der  Beamtenverwaltung.  Der  Siegeszug,  den  die  Aktiengesellschaft ­
  durch  das  moderne  Wirtschaftsleben  gehalten  habe,
sei  gleichbedeutend  damit,  daß  die  Beamtenverwaltung  sich  bewährt
habe,  wenn  aber  die  Beamtenverwaltung  in  Gestalt  der  Aktiengesellschaft ­
  mit  gutem  wirtschaftlichen  Erfolge  anwendbar  sei,  dann
gelte  das  gleiche  eben  auch  von  der  Beamtenverwaltung  in  der
Form  des  öffentlichen  Betriebs.
Diesem  Gedankengang  kann  man  heute  nicht  selten  in  der  nationalökonomischen ­
  Literatur  begegnen.  Kathgen  z.  B.  bringt  ihn
in  folgenden  Worten  zum  Ausdruck^):  „wo  der  Beamtenbetrieb
überhaupt  erprobt  und  bewährt  ist,  wird  häufig  die  öffentliche  Unternehmung ­
  billiger  und  besser  wirtschaften  als  die  Aktiengesellschaft,
und  tatsächlich  sehen  wir  Staat  und  kommunale  Körperschaften
solche  Beamtenbetriebe  übernehmen:  Eisenbahnen,  Versicherung,
Bankbetrieb,  Gas-  und  wafseranstalten,  Elektrizitätswerke,  Straßenbahnen. ­
  Die  Aktiengesellschaft  erscheint  von  diesem  Gesichtspunkt
aus  als  das  Versuchsfeld  des  öffentlichen  Betriebs."
Diese  ganze  weitverbreitete  Theorie  stimmt  indessen  nicht.  Sie
steht  zunächst  schon  insofern  in  Widerspruch  mit  den  Tatsachen,  als
der  öffentliche  Betrieb,  obwohl  man  es  doch  wahrlich  nicht  an  Agi-37)
  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft,  3.  Aust.,  Artikel  „Aktiengesellschaft",
1.  Bd-,  8.  72.  Ganz  übereinstimmend  hiermit  schreibt  &amp;lt;£.  von  Trftzka:
„Man  wird  aus  dem  wirtschaftlichen  Aussteigen  der  Großunternehmen  in  der
Form  der  Aktiengesellschaft  mit  Recht  folgern  können,  daß  die  Überführung
in  die  Staatswirtschaft  hier  nicht  nur  möglich  ist,  sondern  sogar
Vorteile  verspricht."  Die  Sozialisierung  des  Wirtschaftslebens.  Jena
1319,  S.  41.
        <pb n="163" />
        Aktiengesellschaft  und  öffentliche  Unternehmung

159

tation  für  ihn  hat  fehlen  taffen,  nicht  entfernt  auch  auf  alle  diejenigen ­
  Gebiete  sich  auszubreiten  gesucht  hat,  auf  denen  die  Aktiengesellschaft ­
  schon  seit  langem  mit  gutem  wirtschaftlichem  Erfolge
angewendet  wird.  Man  braucht  dabei  nur  etwa  an  solche  Gebiete
wie  das  Hüttenwesen  und  die  Metallverarbeitung,  die  Maschinenfabrikation, ­
  die  Spinnerei,  die  Bierbrauerei,  die  Zuckersabrikation
oder  auch  an  das  große  Gebiet  der  chemischen  Industrie  usw.  zu  denken. ­
  Auf  allen  diesen  und  noch  auf  manchen  anderen  Gebieten  haben ­
  wir  in  allen  modernen  Industriestaaten  gegenwärtig  schon
Dutzende  oder  gar  Hunderte  von  gut  rentierenden  Aktiengesellschaften, ­
  aber  es  ist  nichts  davon  bekannt  geworden,  daß  Staat  oder  Gemeinde ­
  irgendwo  daran  dächten,  diese  Gebiete  nun  auch  für  die
öffentliche  Unternehmung  mit  Beschlag  zu  belegen.  Sollte  das  wirklich ­
  nur  an  der  Kurzsichtigkeit  der  Regierungen  und  Stadtverwaltungen ­
  liegen,  nur  daran,  daß  sie  bisher  übersehen  haben,  daß
hier  noch  ein  großes  Gebiet  vorliegt,  das  für  die  öffentliche  Unternehmung ­
  ebenso  geeignet  ist  wie  die  von  ihr  schon  besetzten  Gebiete? ­
  Mit  Recht  wird  man  in  diesem  Tun  oder  richtiger  Unterlassen ­
  der  öffentlichen  Gewalten  vielmehr  eine  Anerkennung  der
Tatsache  erblicken  müssen,  daß  für  die  Ausdehnung  der  'öffentlichen
Unternehmung  auf  ein  neues  Gebiet  ganz  andere  Umstände  entscheidend ­
  sind,  als  nur  der,  ob  die  Aktiengesellschaft  mit  ihrer  Beamtenverwaltung ­
  auf  diesem  Gebiet  sich  schon  bewährt  hat.  Die
Anschauung,  die  jedes  Gebiet,  auf  dem  die  Aktienunternehmung
stärker  vertreten  ist,  sofort  auch  als  reif  für  die  öffentliche  Unternehmung ­
  ansieht,  zeugt  von  einer  sehr  unzulänglichen  Kenntnis  der
Bedingungen,  unter  denen  sich  einerseits  die  Leamtenverwaltung
bei  Aktiengesellschaften  und  andererseits  die  Beamtenverwaltung
bei  Staatsbetrieben  vollzieht,  wer  diese  beiden  Dinge  ohne  weiteres
gleichsetzen  will,  der  argumentiert  mehr  aus  dem  Klang  der  Worte
als  aus  wirklicher  Kenntnis  der  Verhältnisse  heraus.
Einzelne  Nationalökonomen  gehen  aber  sogar  so  weit,  die  öffentliche ­
  Unternehmung  der  privaten  in  Form  der  Aktiengesellschaft  nicht
II*
        <pb n="164" />
        150  II,  3,  B.  Die  Leistungssähigkeit  des  Sozialismus
nur  als  ebenbürtig,  sondern  als  überlegen  hinzustellen.  Man  wird
gespannt  sein,  die  Gründe  kennenzulernen,  auf  die  sich  dieses  Urteil
stützt.  Der  einzige  Grund,  der  dafür  angeführt  wird,  besteht  darin,
daß  die  Aktiengesellschaft  regelmäßig  noch  viel  weniger  als  eine
öffentliche  Körperschaft  imstande  sei,  ihre  leitenden  Beamten  zu
kontrollieren.  Uun  ist  das  Vorhandensein  eines  reichlichen  Kontrollapparates
  bei  den  öffentlichen  Unternehmungen  gewiß  richtig.
Billig  bezweifeln  darf  man  aber,  ob  der  wirtschaftliche  Erfolg  eines
Unternehmens  von  der  reichlichen  Ausbildung  der  bei  ihm  bestehenden ­
  Kontrolleinrichtungen  abhängt.  Im  Gegenteil.  Das  Vorhandensein ­
  von  Kontrolleinrichtungen  und  verschiedenen  Instanzen,  die  bei
der  Leitung  des  Unternehmens  mitzusprechen  haben,  bedeutet  immer
auch  eine  Einengung  der  Bewegungsfreiheit  des  Betriebsleiters.  Und
diese  Beschränkung  seiner  vispositionsfreiheit  kann  so  stark  werden,
daß  sie  ihn  an  der  raschen  Ausnutzung  günstiger  Konjunkturen  hindert, ­
  ihm  auch  die  Freude  und  das  Interesse  an  seiner  Tätigkeit
beeinträchtigt,  weil  er  eben  nicht  seinen  eigenen  Eingebungen  folgen
darf,  sondern  immer  abwarten  muß,  was  andere  dazu  sagen.  Gerade ­
  in  der  hieraus  entspringenden  Gebundenheit  des  Leiters  eines
Staatsbetriebes  wird  der  Kenner  der  Praxis  einen  der  Hauptgründe
sehen,  aus  denen  der  Staatsbetrieb  so  leicht  wirtschaftlich  hinter  dem
Privatbetrieb,  und  zwar  besonders  auch  hinter  der  Aktiengesellschaft
zurücksteht.  Diese  Erscheinung  ist  aber  von  dem  Wesen  der  öffentlichen ­
  Unternehmung  untrennbar.  Denn  die  einzelne  öffentliche  Unternehmung ­
  ist  regelmäßig  nur  ein  kleines  Rädchen  in  einem  großen
Mechanismus,  und  sie  hat  daher  regelmäßig  zahlreiche  Instanzen
über  sich,  zumal  in  den  heutigen  parlamentarisch  oder  konstitutionell
regierten  Ländern,  in  denen  auch  die  gewählten  Körperschaften
Einfluß  auf  die  Verwaltung  der  öffentlichen  Betriebe  ausüben
wollen.  Jede  Aktiengesellschaft  dagegen  ist  ein  Unternehmen  für  sich,
das  unabhängig  von  anderen  Unternehmungen  und  Instanzen  dasteht.
wie  die  öffentliche  Unternehmung  infolgedessen  an  Beweglichkeit
und  Anpassungsfähigkeit  an  wechselnde  Konjunkturen  hinter  der
        <pb n="165" />
        Beamtenverwaltung  und  Aktiengesellschaft

161

privaten,  und  zwar  auch  der  in  Aktienform  betriebenen,  erheblich
zurücksteht,  so  gilt  das  gleiche  aber  auch  noch  in  einem  anderen
wichtigen  Punkte.  Bei  der  öffentlichen  Unternehmung  ist  es  kaum
möglich,  das  Selbstinteresse  des  Betriebsleiters  an  dem
Gange  des  Geschäfts  so  stark  zu  machen  und  so  in  den  Dienst  des  Unternehmens ­
  zu  stellen  wie  bei  den  privaten,  hier  wird  es  besonders ­
  deutlich,  wie  verkehrt  es  ist,  wenn  man  bei  der  Aktiengesellschaft ­
  in  gleicher  Weise  wie  bei  öffentlichen  Betrieben  von  einer
Beamtenverwaltung  spricht.  Die  Stellung  des  Angestellten  einer
Aktiengesellschaft  ist  eine  ganz  andere  als  die  eines  Angestellten  des
Staats.  Der  Staatsbeamte,  so  läßt  sich  das  wesentliche  des  Unterschieds ­
  kurz  ausdrücken,  ist  unkündbar,  und  er  bezieht  ein  festes,
regelmäßig  steigendes  Gehalt.  Der  Angestellte  einer  Aktienunternehmung ­
  dagegen  wird  nur  auf  Kündigung  angestellt,  sein  Gehalt
richtet  sich  nach  seiner  Leistung,  und  seine  Einnahmen  hängen  wesentlich ­
  von  den  geschäftlichen  Erfolgen  ab,  die  er  erzielt.
vor  allem  wichtig  ist  hierbei,  daß  dem  öffentlichen  Betrieb  nach
deutschem  Staatsrecht  gewöhnlich  das  scharfe  Mittel  fehlt,  auf  dessen
Anwendung  die  Leistungsfähigkeit  so  vieler  werke  der  Privatindustrie ­
  in  letzter  Linie  beruht,  nämlich  die  Möglichkeit,  die  leitenden ­
  Beamten  zu  entlassen.  Die  Kündbarkeit  der  Direktoren  ist  für
den  Erfolg  von  Aktiengesellschaften  viel  bedeutsamer  als  der  Ausbau ­
  der  Kontrolleinrichtungen.  Am  Erfolg  ihrer  Tätigkeit  kontrolliert ­
  eine  Aktiengesellschaft  ihre  Direktoren,  hat  man  treffend  gesagt, ­
  und  will  sich  der  gewünschte  Erfolg  nicht  einstellen,  dann
wechselt  sie  eben  das  leitende  Personal.
Das  geringere  Interesse,  das  der  Staatsbeamte,  der  ein  industrielles ­
  werk  zu  leiten  hat,  am  geschäftlichen  Erfolg  desselben  hat,
setzt  sich  aber  ganz  naturgemäß  in  höhere  Produktionskosten  um.
Die  durchschnittliche  Arbeitsleistung  der  beschäftigten  Arbeiter  wird
nicht  auf  demselben  Stande  wie  in  Privatbetrieben  sich  bewegen^
die  Ausnutzung  der  verwendeten  Roh-  und  Hilfsstoffe  wird  eine  geringere ­
  sein,  die  ganze  Organisation  wird  nicht  eine  so  straffe  sein.
        <pb n="166" />
        162

11,  3,  B.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus

kurz  in  bezug  auf  die  Wirtschaftlichkeit  des  Betriebs  wird  nicht  der
Grad  erreicht  werden,  den  wir  herkömmlich  in  Privatunternehmungen ­
  finden,  deren  Besitzer  mit  ihrer  ganzen  wirtschaftlichen  Existenz ­
  und  mit  der  Zukunft  ihrer  Familie  von  dem  Erfolg  des  Betriebs ­
  abhängen.
Ein  schwacher  Punkt  des  öffentlichen  Betriebs  ist  dabei  vor  allem
die  durchschnittliche  Leistung  der  beschäftigten  Arbeiter. ­
  Diese  auf  die  gleiche  höhe  wie  in  Privatbetrieben  zu  bringen,  hat
der  öffentliche  Betrieb  gewöhnlich  besondere,  mit  seinem  Wesen  eng
zusammenhängende  Schwierigkeiten.  Einmal  treibt  der  öffentliche  Betrieb ­
  regelmäßig  eine  für  die  Entwicklung  der  Arbeitsleistung  nicht
günstige  Besoldungspolitik,  und  zum  anderen  stößt  in  ihm  die  Aufrechterhaltung ­
  der  Disziplin  auf  größere  Schwierigkeiten  als  im
Privatbetrieb.  Die  Prioatunternehmung  läßt  die  Besoldung  ihrer
Angestellten  grundsätzlich  von  den  Leistungen  abhängen  und  hat
zu  diesem  Zweck  immer  feinere  Löhnungsmethoden  ausgebildet,  die
öffentlichen  Betriebe  dagegen  erweisen  sich  von  der  Tendenz  beherrscht, ­
  an  Stelle  der  Leistung  des  Arbeiters  anderen  Momenten,
wie  dem  Vienstalter,  der  Zahl  der  Rinder  usw.  einen  immer  stärkeren ­
  Einfluß  auf  die  Entlohnung  einzuräumen.  Man  mag  diese
Besoldungspolitik  aus  anderen  Erwägungen  für  empfehlenswert  halten, ­
  in  rein  wirtschaftlicher  Hinsicht  bedeutet  sie  für  die  öffentlichen
Betriebe  zweifellos  ein  Moment  der  Schwäche.  Es  entsteht  hierdurch
die  Gefahr,  daß  die  Arbeiter  der  öffentlichen  Betriebe  mit  ihren
Leistungen  hinter  den  Arbeitern  der  Privatindustrie  zurückbleiben.
Für  die  Bergwerke  des  Preußischen  Staates  hat  die  Rommission
des  Abgeordnetenhauses,  die  im  Fahre  1910/11  zur  Untersuchung
der  wirtschaftlichen  Lage  des  staatlichen  Bergbaues  eingesetzt  wurde,
auch  bereits  ein  Zurückbleiben  der  Durchschnittsleistung  der  Arbeiter
hinter  der  Leistung  im  Privatbergbau  festgestellt.  Und  sie  hat  dafür ­
  einerseits  die  Lohnpolitik  auf  den  fiskalischen  Bergwerken,  andererseits ­
  aber  mangelnde  Disziplin  bei  den  Arbeitern  de;  Staatsbergbaues
  verantwortlich  gemacht.  Nach  ihren  Untersuchungen  zeigen
        <pb n="167" />
        Die  Arbeitsleistung  im  öffentlichen  Betrieb

163

die  Verdienste  der  einzelnen  Rohlenhäuer  im  Privatbergbau  weit
größere  Spannungen  als  im  Staatsbergbau,  speziell  im  Saargebiet.
Das  ist  ein  deutlicher  Hinweis,  daß  der  Privatbetrieb  es  besser  versteht, ­
  die  Unterschiede,  die  hinsichtlich  der  individuellen  Leistungsfähigkeit ­
  zwischen  den  Arbeitern  bestehen,  auszunutzen  und  jeden
Arbeiter  zur  höchsten  Uraftäußerung  anzuspornen.  Bei  dem  Staatsbergbau ­
  wird  im  Gegensatz  hierzu  ein  gleichmäßiger  Lohn  aller
Kameradschaften  verlangt,  und  es  wird  die  Vermeidung  eines  zu
geringen  ebenso  wie  eines  zu  hohen  Lohnes  gegenüber  dem  durchschnittlichen ­
  angestrebt.  Diese  Lohnpolitik  bleibt  aber  eben  nicht
ohne  Rückwirkung  auf  die  Leistung  der  Belegschaft.  Der  Bericht
vom  Jahre  1910  sagt  darüber:  „Die  Leute,  welche  wenig  geschafft
haben,  wissen,  daß  ihnen  zugelegt  wird,  und  die  besseren  Arbeiter
halten  mit  der  Leistung  zurück,  da  der  Anreiz  eines  entsprechend
höheren  Lohnsatzes  fehlt."
Der  zweite  wunde  Punkt  des  öffentlichen  Betriebs  ist  die  Aufrech ­
  t  e  r  h  a  l  t  u  n  g  d  er  v  i  s  z  i  p  l  i  n  unter  den  Arbeitern.  Vas  hängt
damit  zusammen,  daß  bei  ihm  ganz  von  selbst  die  Tendenz  sich  einstellt, ­
  den  Arbeitern  die  Stellung  von  unkündbaren  Beamten  zu
gewähren.  Auch  wy  nicht  direkt  zur  Schaffung  eines  solchen  Arbeiterbeamtentums ­
  übergegangen  wird,  macht  die  Ausübung  des
Ründigungsrechts  den  Arbeitern  gegenüber  größere  Schwierigkeiten
als  im  Privatbetrieb.  Sn  ihren  Bemerkungen  zu  dem  Bericht  der
vorhin  erwähnten  Untersuchungskommission  des  Abgeordnetenhauses ­
  begründet  die  staatliche  Bergwerksverwaltung  diese  Erscheinung  in
folgender  weise:  „Im  Staatsbergbau  ist  es  nicht  so  leicht  wie  im
Privatbetrieb,  aus  disziplinarischen  Gründen  einen  Arbeiter  zu  entlassen. ­
  Das  Beschwerderecht  wird  in  solchen  Zöllen  meist  bis  zur
letzten  Instanz  ausgeübt,  und  in  manchen  Fällen  beschäftigt  sich  auch,
der  Landtag  mit  einer  solchen  Entlassung.  Dies  führt  zu  dem  unerfreulichen ­
  Zustand,  daß  nicht  nur  fast  jede  Entlassung  wegen  Verstoßes ­
  gegen  die  Disziplin,  sondern  auch  die  aus  diesem  Grunde  verhängten ­
  Strafen  in  vielen  Fällen  eine  eingehende  Berichterstattung
        <pb n="168" />
        164

II,  3,  B.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus

nach  sich  ziehen.  Dabei  ist  es  aber  z.  V.  im  Falle  der  Minderleistung
sehr  schwierig,  diese  einem  Fernerstehenden  oder  gar  einem  Laien
schlüssig  zu  beweisen....  Berücksichtigt  man  dann  noch  die  begreifliche ­
  Scheu  der  Werksbeamten,  in  der  Arbeiterpresse  denunziert  zu
werden,  so  wird  es  erklärlich,  daß  die  Neigung  gerade  der  Staatsbeamten, ­
  den  Interessen  des  Dienstes  gegebenenfalls  auch  durch  ein
strengeres  Vorgehen  gegen  den  Arbeiter  zu  entsprechen,  ganz  bedeutend ­
  beeinträchtigt  wird.  Der  Beamte  hat  das  natürliche  Gefühl, ­
  daß  bei  vielen  Beschwerden  über  seine  vienstführung,  selbst
wenn  er  sich  in  jedem  Falle  rechtfertigen  kann,  doch  immer  etwas
hängen  bleibt."
Wenn  der  öffentliche  Betrieb  schon  im  alten  „Gbrigkeitsstaat"
diese  Eigenschaften  zeigte  und  dadurch  die  Arbeitsleistung  ungün-^
stig  beeinflußte,  so  ist  natürlich  aber  erst  recht  unter  einer  demokratischen ­
  Verfassung  mit  dem  hervortreten  dieser  Erscheinungen
zu  rechnen.  In  demokratisch  regierten  Ländern  ist  man  denn  auch
bereits  vor  dem  Kriege  zu  der  Erkenntnis  gekommen,  daß  gerade
kn  der  Demokratie  der  öffentliche  Betrieb  auf  besondere  Schwierigkeiten ­
  stößt.  So  bemerkte  Prof,  herkner  auf  Grund  seiner  Schweizer ­
  Beobachtungen  hierüber  schon  im  Jahre  1907  folgendes  38 &amp;gt;:
„Eine  andere,  nicht  mit  Sicherheit  zu  bejahende  Frage  ist  die,  ob  ein
sozialdemokratischer  Stadtrat  imstande  sein  würde,  gegenüber  den  rund
170V  Gemeindearbeitern  die  volle  Autorität  und  Disziplin  aufrechtzuerhalten. ­
  Diese  Gefahr  stellt  sich  wohl  überall  ein,  wo  Vertreter  der  Arbeiterpartei ­
  innerhalb  der  Behörden  eine  maßgebende  Stellung  erringen.
Chefs  staatlicher  und  kommunaler  Dienstzweige,  die  durch  das  Band  der
Partei  mit  Berufsorganisationen  der  Arbeiter  und  Angestellten  verknüpft
sind,  die  diesen  unter  Umständen  geradezu  ihre  Stellung  in  den  Behörden ­
  verdanken,  werden  naturgemäß  noch  mit  weit  größeren  Schwierigkeiten ­
  zu  kämpfen  haben,  als  sie  heute  ohnehin  schon  den  meisten  Staatsund ­
  Gemeindebehörden  aus  den  Beziehungen  zu  ihrem  Personal  erwachsen.
Zweifelsohne  wurzelt  die  in  vielen  Demokratien  zu  beobachtende  Abneigung ­
  gegen  Verstaatlichungen  und  Kommunalisierungen  mit  in  Befürchtungen, ­
  die  auf  diesem  Gebiete  liegen.  Ja  selbst  sozialistische  Arbeiter,
        <pb n="169" />
        Russische  (Erfahrungen  mit  dem  Staatsbetrieb

165

—

die  grundsätzlich  für  allgemeinen  Staats-  und  Gemeindebetrieb  eintreten,
setzen  es  nicht  immer  gern,  wenn  durch  partielle  verstaatlichungs-  oder
Rommunalisierungsaktianen  einzelne  Gruppen  der  Arbeiterschaft  unter
ganz  andere  und  in  der  Regel  günstigere  (Existenzbedingungen  gestellt
werden."
Seitdem  das  geschrieben  wurde,  ist  ja  auch  bereits  ein  Experiment
in  großem  Maßstabe  angestellt  worden,  zu  welchen  Ergebnissen  der
Staatsbetrieb  in  einem  Volksstaate  führt.  Die  bolschewistische  Regierung ­
  Großrußlands  hat  die  probe  auf  das  Exempel  gemacht.
Sie  hat  durch  ein  Dekret  vom  28.  Juni  1918  die  Sozialisierung  der
meisten  größeren  Betriebe  angeordnet?»)  Schon  vorher  waren  bereits ­
  486  Unternehmungen  sozialisiert  worden.  Vas  Dekret  vom
Juni  v.I.  erfaßte  dann  fast  sämtliche  Nktienunternehmungen.  Unter
diese  Verordnung  fielen,  wie  die  Gesellschaft  der  Moskauer  Industriellen ­
  bekanntgab,  etwa  1100  Nktienunternehmungen  mit  einem
Grundkapital  von  zusammen  rund  drei  Milliarden  Rubel.  Den
alten  Besitzern  wurde,  obwohl  sie  ihr  Eigentum  ohne  Lntschädi»
gungen  an  den  Staat  abtreten  sollten,  durch  das  Dekret  auch  die
Pflicht  auferlegt,  ihre  Betriebe  in  der  bisherigen  Weise  weiter  zu
verwalten  und  zu  finanzieren.  Leichtbegreiflicherweise  gaben  sich  die
früheren  Besitzer  dazu  in  den.meisten  Fällen  nicht  her,  sondern
ließen  oftmals  ihre  Werke,  deren  endgültige  Fortnähme  ihnen  drohte,
im  Stich  und  flüchteten.  Nach  einer  am  17.  September  1918  veröffentlichten ­
  amtlichen  bolschewistischen  Statistik  waren  bis  dahin
in  Großrußland  513  Industrieunternehmungen  tatsächlich  beschlagnahmt ­
  und  sozialisiert  worden.  Etwa  die  Hälfte  der  sozialisierten ­
  Betriebe,  nämlich  218,  entfällt  auf  die  Bergwerks-,  hüttenund
  metallurgische  Industrie,  40—60  Betriebe  gehören  zur  chemischen, ­
  Papier-  und  Nahrungsmittelindustrie.  In  den  übrigen  Industriezweigen ­
  sind  etwa  20  Unternehmungen  sozialisiert  worden.
Die  praktischen  Ergebnisse  der  Sozialisierung  sind  nach  den  Ungaben
  der  vorerwähnten  amtlichen  Statistik  wahrhaft  erschütternd.
39)  wir  folgen  hier  der  Schilderung  im  „wirtschaftlichen  Nachrichtendienst",
4.  Iahrg.,  Nr.  620,  und  zwar  teilweise  wörtlich.
        <pb n="170" />
        166

II,  3,  B.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus

Die  amtliche  Statistik  mutz  zugeben,  datz  die  Produktion  aller  so-,
zialisierten  Betriebe  gegenüber  dem  früheren  Zustand  außerordentlich ­
  zurückgegangen  ist.  Hierzu  kommt,  datz  die  Einnahmen  fast  auf
der  ganzen  Linie  weit  hinter  den  Ausgaben  zurückgeblieben  find,
obwohl  der  Sozialisierung  meist  in  vollem  Betriebe  befindliche  Unternehmungen ­
  mit  Einrichtung,  Ausrüstung  und  Rohstoffen  unentgeltlich ­
  in  die  Hände  fielen.  Für  die  Zeit  vom  l.  Januar  bis  zum
1.  April  1918,  als  verhältnismäßig  noch  sehr  wenig  Unternehmungen ­
  sozialisiert  waren,  mutzte  der  Staat  für  die  Betriebskosten  dieser
letzteren  bereits  432921428  Rubel  hergeben.  Man  darf  annehmen,
datz  die  Gesamtsumme  solcher  Unterstützungen  des  Staates  heute  weit
über  1  Milliarde  Rubel  beträgt.
Vas  Ergebnis  der  Sozialisierungsaktion  ist  also,  datz  die  russische
Industrie  jetzt  eine  parasitische  Existenz  führt.  Ihr  Ertrag  reicht
nicht  entfernt  mehr  aus,  um  die  Summen  aufzubringen,  welche
die  Bezahlung  der  Arbeitslöhne  erfordert,  sondern  diese  müssen  aus
allgemeinen  Staatsmitteln  entnommen  werden.  Für  den  Petersburger ­
  Bezirk  z.  B.  teilte  der  bolschewistische  Gouverneur  von  Petersburg, ­
  Sinowjew,  in  einer  vor  Arbeitern  gehaltenen  Rede
mit,  datz  in  den  nationalisierten  Betrieben  Petersburgs  die  Lohnsummen ­
  etwa  doppelt  so  hoch  seien  wie  der  Produktionsertrag.  i0 )  40
40)  Nach  einer  Mitteilung  von  Max  Lohen  in  den  Sozialistischen  Monatsheften, ­
  1918,  S.  1043.  —  Zahlreiche  Zeugnisse  über  die  Notlage,  in  welche
die  russische  Industrie  durch  die  Sozialisierung  geraten  ist,  sind  in  dem
Merke  von  vr.  Raplun-Rogan,  „Russisches  kvirtschastsleben  seit  der  Herrschaft ­
  der  Bolschewiki",  1919,  zusammengestellt,  hier  seien  nur  folgende  Proben
mitgeteilt  (S.  19):  „Ruf  den  nationalisierten  Merken  der  Firma  Bari)  ist  der
Arbeitslohn  auf  das  vierfache  gestiegen,  die  Produktivität  der  Arbeit
aber  auf  ein  viertel  gesunken.  Die  Selbstkosten  der  Produktion
sind  daher  auf  das  Sechzehnfache  gestiegen.  —  Der  Arbeitslohn  für  das
Abhaspeln  der  Seidenkokons,  der  vor  dem  Rriege  etwa  20  Rubel  für  das  Pud
betrug,  ist  ins  Märchenhafte  gestiegen  Lr  beträgt  heute  800  Rubel.  —  Der  von
den  Putilow-Merken  unternommene  versuch,  zur  Herstellung  von  landwirtschastlichen
  Maschinen  überzugehen,  führte  zu  einem  kläglichen  Resultat: ­
  Der  gewöhnliche  Bauernpflug,  den  die  Merke  vor  dem  Rriege  für
        <pb n="171" />
        Vas  rassische  Beispiel

167

Der  Hauptgrund  aber  für  diese  trostlose  wirtschaftliche  Lage  der
russischen  Industrie  ist,  wie  zahlreiche  Berichterstatter  übereinstimmend ­
  hervorheben,  der  Rückgang  der  Arbeitsleistung.  Sie  ist  auf
die  Hälfte,  ja  ein  vritteil  und  weniger  des  früheren  Standes  gej
  funken.  Verkürzung  der  Arbeitszeit,  Abschaffung  der  Akkordlöhnung,
Aufhören  der  Disziplin  in  den  Fabrikbetrieben,  allgemeine  Arbeitsunwilligkeil ­
  der  Arbeiter  usw.  haben  mit  vereinten  Rräften  dies

Ergebnis  hervorgebracht.  Was  wollen  die  kleinen  Ersparnisse  an
Produktionskosten,  welche  eine  Sozialisierung  vielleicht  in  manchen

Fällen  durch  größere  Zentralisation  der  Produktion  sowie  durch
ihre  Vereinheitlichung  (Normalisierung)  zu  erreichen  vermag,  besagen ­
  gegenüber  einem  solchen  katastrophalen  Rückgang  der  Arbeitsleistung? ­
  Die  Mittel,  um  unter  diesen  Umständen  den  Betrieb  überhaupt ­
  noch  fortzusetzen,  verschafft  sich  die  bolschewistische  Regierung
nur  mit  Hilfe  der  Rotenpcesse,  denn  ihre  Steuereinnahmen  reichen
nicht  entfernt  aus,  um  auch  noch  das  Defizit  der  Industrie  zu  decken.
Diese  sogenannte  sozialistische  Regierung  hält  sich  also  nur  mit  Hilfe
/  einer  Finanzmethode  am  Leben,  die  für  gewöhnlich  als  eine  Entartung
der  kapitalistischen  Finanzwirtschaft  betrachtet  wird.  Es  liegt  auf
der  Hand,  daß  diese  parasitische  Existenz  der  russischen  Industrie
nicht  von  Dauer  sein  kann.  Und  es  ist  auch  nicht  schwer  vorauszusehen, ­
  welcher  das  natürliche  Ende  dieses  Sozialisierungsexperiments
fein  wird.  Der  Staat  wird  einst  froh  sein,  wenn  er  Privatunternehmer ­
  findet,  die  ihm  den  Betrieb  der  heruntergewirtschafteten
Industrieunternehmungen  abnehmen  und  sie  wieder  in  die  höhe
bringen.  Oder  aber  den  Staatsbetrieben  wird  nichts  übrigbleiben,
als  dieselben  Methoden  zur  Hebung  der  Arbeitsleistung  anzuwenden,
12  bis  15  Rubel  verkauften,  kostet  jetzt  an  die  1000  Rubel."  weitere  Schilderungen
  des  Bolschewismus  im  allgemeinen  sowie  seiner  Wirtschaftspolitik
i  im  besonderen  bieten  Lombart,  a.  a.  ®.,  7.  flufl,  S.  143  ff.,  ferner  Dimi--trt)
  Gawronskq,  Die  Bilanz  des  russischen  Bolschewismus,  Berlin  1919;
Alfons  paqnet,  Im  kommunistischen  Rußland,  Zena  1919;  Max  Hirsch,
berg,  Bolschewismus.  München  1919.  vgl.  auch  $.  Derlich,  Der  Rommunismus ­
  als  Lehre  vom  tausendjährigen  Reich,  1920,  5.  142  ff.
        <pb n="172" />
        168

II,  3,  B.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Sozialismus

4

die  in  der  kapitalistischen  Produktionsweise  hierfür  üblich  sind  und
die  vom  Sozialismus  so  heftig  verurteilt  werden  wie:  straffe  Disziplin, ­
  Akkordlöhnung,  Taylorsystem  usw.")
Man  möge  sich  auch  nicht  einbilden,  solche  Ergebnisse  wie  in
Rußland  könne  bei  uns  eine  Sozialisierung  nicht  erzielen.  Durch  j
das,  was  wir  in  den  letzten  Monaten  erlebt  haben,  sollte  doch
nun  allen  zur  Genüge  klar  geworden  sein,  daß  wir  gar  keinen
Anlaß  haben,  uns  in  irgendeiner  Beziehung  etwas  Besseres  zu  dünken ­
  als  andere  Völker!  Die  Psyche  des  Deutschen  ist  im  Grunde  keine
andere  wie  die  des  Russen  oder  die  der  Angehörigen  anderer  Völker.
Andere  glauben,  den  Gefahren,  die  der  Wirtschaftlichkeit  von  der
Verstaatlichung  drohen,  dadurch  zu  entgehen,  daß  sie  sagen,  die  Sozialisierung ­
  bedeute  gar  keine  Verstaatlichung  im  alten  Sinne  des
Wortes.  Sozialisierung  sei  etwas  ganz  anderes  als  Verstaatlichung,
wer  wird  sich  aber  durch  solche  Wortmaskeraden  täuschen  lassen?  Die
entscheidende  Tatsache  wird  dadurch  doch  nicht  aus  der  Welt  geschafft,
daß  in  den  „Selbstverwaltungskörpern",  die  man  errichten  will,  nicht
mehr  die  private  Initiative  des  Unternehmers,  der  für  eigene  Rechnung ­
  prodttziert,  maßgebend  ist,  sondern  öffentliche  Funktionäre  das
entscheidende  Wort  führen.
Max  Weber  hat  kürzlich  den  Gegensatz,  um  den  es  sich  bei  der
Stellung  der  Betriebsleiter  von  privaten  und  öffentlichen  Unternehmungen ­
  handelt,  treffend  folgendermaßen  gekennzeichnet:  „Der
autonome  Unternehmer  ist  ein  Prämienlohnarbeiter  für  kvrganisationszwecke,
  der  Beamte  aber  ein  Zeitlohnarbeiter,  und  zwar  im
Gegensatz  zum  Arbeiter  ein  solcher  ohne  stetige  Auslese  nach  der  Leistung. ­
  Der  erste  wirtschaftet  eigenverantwortlich,  der  andere  auf  Risiko ­
  des  Staatssäckels.  Demgemäß  ist  die  Arbeiterschaft,  mag  sie  für
sich  selbst  zum  Prämienlohnsystem  stehen,  wie  sie  will,  daran  nicht
41)  Noch  der  Schrift,  „Die  nächsten  Aufgaben  der  Sowjetmacht",  die
Lenin  kürzlich  veröffentlicht  hat,  scheint  man  in  der  Tat  in  Rußland  jetzt
den  zweiten  weg  einzuschlagen  und  alle  Einrichtungen,  die  man  erst  bekämpft ­
  hat,  wieder  einzuführen.
        <pb n="173" />
        Die  Gefahren  der  Sozialisierung

169

interessiert,  daß  die  Schaffung  von  Lrwerbsgelegenheit  für  sie  nur
im  Zeitlohn  durch  Bureaukraten  erarbeitet  werde."
Die  Wirkungen,  die  jetzt  schon  bei  der  Sozialisierung  einzelner
Industrien  zu  beobachten  sind,  sind  natürlich  aber  erst  recht  in  einem
Zustand  zu  erwarten,  in  dem  die  gesamte  Industrie  verstaatlicht  ist
und  von  einer  staatlichen  Zentralstelle  aus  geleitet  wird.  Venn  das
bedeutet  ja  zugleich  die  unbedingte  Notwendigkeit,  die  Arbeiter  zu
Beamten  zu  machen  und  auf  das  Ründigungsrecht  ihnen  gegenüber
zu  verzichten,  wenn  die  gesamte  Industrie  verstaatlicht  ist,  wenn
es  nur  noch  einen  einzigen  Arbeitgeber,  eben  den  Staat,  gibt,  dann
wäre  es  ja  auch  eine  unerhörte  Härte  und  Grausamkeit,  dem  Arbeiter ­
  seine  Stelle  zu  kündigen.  Vas  hieße,  ihn  zum  Hungertode  verurteilen. ­
  Der  sozialistische  Staat  kann  daher  unmöglich  das  Disziplinarmittel ­
  zur  Anwendung  bringen,  dessen  mögliche  Anwendung
ohne  Zweifel  heute  sehr  wesentlich  dazu  beiträgt,  die  Arbeitsleistung
zu  steigern.  An  die  Stelle  der  wirtschaftlichen  Strafe  der  Entlassung
vermag  der  sozialistische  Staat  nur  wirkliche  Strafen  für  unzuverlässige ­
  und  untüchtige  Arbeiter  zu  setzen,  also  Freiheitsentziehungen,
Lohnkürzungen,  Entziehung  von  Urlaub  und  anderen  Vergünstigungen ­
  usw.  Die  große  Frage  ist  nun  aber,  ob  die  Furcht  vor  Strafen ­
  dieser  Art  dasselbe  zu  leisten  vermag  für  den  Fleiß  des  Arbeiters, ­
  was  heute  die  Ntöglichkeit  der  Entlassung  auf  der  einen
und  die  Aussicht  auf  vorwärtskommen  und  höheren  Lohn  auf  der
anderen  Seite,  oder  kürzer  gesagt,  was  der  Zustand  der  wirtschaftlichen ­
  Selbstverantwortlichkeit  für  die  Arbeitsleistung  bedeutet.  Die
Frage  stellen  heißt  sie  verneinen.  Ebensowenig  wie  vom  Staatsbeamten ­
  als  Betriebsleiter  der  gleiche  wirtschaftliche  Erfolg  erwartet ­
  werden  kann  wie  von  dem  für  eigene  Rechnung  wirtschaftenden
Unternehmer,  ebensowenig  darf  man  von  dem  in  einen  Staatsbeamten
verwandelten  Lohnarbeiter  die  gleiche  Arbeitsleistung  wie  vom  Lohnarbeitet
  auf  Ründigung  erwarten,  wer  anders  lehrt,  der  kennt
die  menschliche  Natur  nicht.  Es  heißt  nicht  zu  gering  von  den  sittlichen ­
  Kräften  der  menschlichen  Natur  denken,  wenn  man  sie  nur
        <pb n="174" />
        170

Schlußergebnisse

als  ein  schwaches  Surrogat  für  das  Selbstinteresse  des  Unternehmers ­
  und  des  Arbeiters  am  Erfolg  ihrer  Tätigkeit  bezeichnet.  Ulan
darf  von  den  sittlichen  Kräften  nicht  mehr  verlangen,  als  sie  ihrer
Natur  nach  leisten  können.  Ls  kann  daher  gar  nicht  anders  sein,
als  daß  der  Sozialismus  in  rein  wirtschaftlicher  Hinsicht  einen  Rückschritt ­
  bedeutet.  Line  sozialistische  Wirtschaftsordnung  wird  nicht  nur
mit  einem  Gpfer  an  wirtschaftlicher  Freiheit,  sondern  auch  mit  einer
sehr  realen  Einbuße  in  bezug  auf  die  Größe  der  Gütermenge,  die
wir  im  Durchschnitt  konsumieren  können,  erkauft  werden  müssen.")

Zchlußbetrachtungen.
Ist  es  nötig,  aus  unseren  Betrachtungen  das  Fazit  noch  ausdrücklich ­
  zu  ziehen?  Ls  kann  jedenfalls  sehr  kurz  sein.
Solange  die  individualistische  Wirtschaftsordnung  besteht,  wird  es
auch  immer  eine  sozialistische  Bewegung  geben.  Vas  sozialistische
Ideal  gehört  aber  wohl  nicht  zu  den  Idealen,  die  je  dazu  bestimmt
sind,  verwirklicht  zu  werden,-  es  sei  denn,  daß  die  Entwicklung  der
Menschheit  unter  ganz  anderen  Bedingungen  sich  vollzieht  als  heute,
und  auch  die  Menschen  selbst  andere  werden.  Die  Rufgabe  des  Sozialismus ­
  beschränkt  sich  vielmehr  darauf,  beständig  gleichsam  als
Drohung  über  der  individualistisch  geordneten  Gesellschaft  zu  schwe-42)
  war  hier  zur  Kritik  des  Sozialismus  sowie  zur  Widerlegung  der
sozialistischen  Kritik  an  der  geltenden  Wirtschaftsordnung  gesagt  wurde,  kann
natürlich  nicht  entfernt  erschöpfend  sein,  Aus  der  Literatur,  die  der  Kritik
und  Antikritik  des  Sozialismus  gewidmet  ist,  seien  daher  hier  noch  folgende
Werke  genannt:  Julius  Wolf,  Sozialismus  und  kapitalistische  Gesellschaftsordnung, ­
  1841.  —  Georg  Adler,  Grundlagen  der  klkarxschen  Kritik  der
bestehenden  Volkswirtschaft,  1887.  —  (E.  von  Böhm-Lawerk,  Zum  Abfchlusse
  des  Marxfchen  Systems,  1846.  (In  den  Festgaben  für  Karl  Kaias.)
Von  sozialistischer  Seite  selbst  ist  ein  großer  Teil  der  am  Sozialismus,  speziell ­
  an  der  Entwicklungstheorie  des  marxistischen  Sozialismus  geübten  Kritik ­
  als  berechtigt  anerkannt  worden  in  der  Schrift  von  Ld.  Bernstein,  Die
Voraussetzungen  des  Sozialismus  und  die  Aufgaben  derSozialdemokratie,  1894-
        <pb n="175" />
        Schlußergebnisse

171

den  und  bie'e  dadurch  zu  nötigen,  rechtzeitig  die  wirtschaftlich  möglichen ­
  und  von  der  Lage  geforderten  Reformen  durchzuführen.
So  wird  auch  in  der  Gegenwart  wohl  in  allen  stärker  industrialisierten ­
  Staaten  nicht  eher  Ruhe  wiederkehren,  als  bis  die  Stellung
der  Industriearbeiter  in  den  Betrieben  eine  wesentliche  Änderung
erfahren  hat.  Oie  Welt  liegt  nicht  nur  in  politischen,  sondern  zugleich ­
  auch  in  sozialen  Geburtswehen,  wie  Preußen  nach  der  Niederlage ­
  von  Jena  in  der  Rrbeitsverfaffung  seiner  Landwirtschaft
grundlegende  Änderungen  vornehmen  mußte,  damit  Volk  und  Staat
sich  wieder  als  Einheit  fühlen  lernten,  so  steht  Deutschland  jetzt  vor
der  gleichen  Notwendigkeit  in  bezug  auf  die  Nrbeitsverfassung  seiner
Industrie.  Diese  Änderungen  lassen  sich  aber  auch  auf  dem  Boden  der
individualistischen  Rechtsordnung  sehr  wohl  durchführen.  Das  individualistische ­
  Rechtssystem  besitzt  in  dieser  Hinsicht  eine  außerordentlich ­
  große  Anpassungsfähigkeit.  Ls  ist  ein  weitgespannter  Rahmen, ­
  der  im  einzelnen  mit  sehr  verschiedenem  Inhalt  ausgefüllt  werden ­
  kann.  Rls  historisches  Beispiel  braucht  man  nur  etwa  an  das
Zunftwesen  zu  denken.  Das  Zunftwesen  erscheint  uns  heute  im  Lichte
einer  von  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung  grundverschiedenen
Einrichtung,  aber  doch  gehört  die  spezielle  Verfassung  des  städtischen
Gewerbes,  die  wir  als  Zunftwesen  bezeichnen,  durchaus  noch  in  den
allgemeinen  Rahmen  des  individualistischen  Rechtssystems  hinein.
Genau  so  würden  auch  in  der  Gegenwart  verschiedene  Formen  der
Planwirtschaft  sowie  auch  erhebliche  Umgestaltungen  des  Rrbeitsverhältnisses
  sehr  wohl  mit  dem  individualistischen  Rechtsprinzip
vereinbar  sein.  Ls  wird  sich  dabei  vor  allem  darum  handeln,  eine
Gestaltung  des  Rrbeitsrechts  zu  finden,  welche  den  Lohnarbeiter,  ohne
die  früher  geschilderten  Gefahren  der  Rrbeiter-Produktivgenossenschaft
  heraufzubeschwören,  mit  seiner  Stellung  im  Wirtschaftsleben
aussöhnt.
Ruf  diesem  Wege,  aus  dem  Wege  der  Evolution  und  der  Reformen
auf  dem  Boden  der  individualistischen  Rechtsordnung,  wird  auch  in
Zukunft  die  Losung  des  sozialen  Problems  zu  suchen  sein,  versuche
        <pb n="176" />
        172

Schlußergebnisse

zur  Verwirklichung  des  sozialistischen  Ideals  selbst  dagegen  können
die  Menschheit  nur  in  die  tiefste  Verwirrung  stürzen  und  um  Jahrzehnte, ­
  wenn  nicht  Jahrhunderte  in  ihrer  Entwicklung  zurückwerfen. ­
  Der  Sozialismus  jagt  einem  Phantom  sozialer  Gerechtigkeit
nach,  dessen  Durchführung  nur  möglich  ist,  wenn  man  nach  dem
Grundsätze  handeln  will:  fiat  justitia,  pereat  mundus. 43 )  Ein  großer
Teil  der  Mehrheiissozialisten  hat  dies  auch  selbst  schon  längst  erkannt. ­
  Fritz  Gerl  ich  gibt  die  innere  Stimmung  auch  in  weiten
Kreisen  des  Mehrheitssozialismus  sicher  richtig  wieder,  wenn  er
in  den  Süddeutschen  Monatsheften  schreibt:  „Die  Mehrheitssozialisten ­
  fühlen  heute  bereits  deutlich,  daß  der  marxistische  Lhiliasmus
in  seiner  Konsequenz  die  menschliche  Kultur  und  damit  auch  all  das
vernichtet,  was  sie  für  die  deutsche  Arbeiterschaft  in  fünfzigjährigem
Ringen  geschaffen  haben.  Sie  erkennen  in  den  konsequenten  Marxisten ­
  die  Todfeinde  des  Arbeiterglücks...  Deshalb  kann  es  nur  heißen:
Marxismus  oder  Kultur.  Siegt  der  Marxismus,  so  geht  die  mensch-  L
liche  Kultur  zugrunde  und  wir  mit  ihr."  -
Mas  große  Teile  des  deutschen  Volkes  immer  noch  verhindert,  zu  1
dieser  Einsicht  zu  kommen,  das  ist  der  Einfluß  fanatischer  Doktrinäre.
Wahrlich,  es  gibt  nichts,  das  so  verhängnisvoll  für  die  menschliche
Gesellschaft  ist,  wie  ein  guter  Wille,  der  in  seinen  Zielen  irrt  I  Wie
recht  hat  doch  der  Abbe  Galiani  mit  den  Worten,  mit  denen  er
schon  vor  mehr  als  einem  Jahrhundert  die  Gefahren  gekennzeichnet
hach  die  von  dieser  Seite  dem  Fortschritt  der  Gesellschaft  drohen!
Sie  passen  ebensogut  noch  auf  die  Doktrinäre  der  russischen  und  der
43)  Tin  gutes  Beispiel  für  diese  doktrinäre  Denkweise  gibt  KarlUötzel
in  der  Schrift  „Tinsührung  in  den  Sozialismus  ohne  Dogma"  (München
1919).  Da  wird  u.  a.  auch  folgender  Grundsatz  verkündet:  „Ls  soll  zugegeben
werden,  daß  zwar  die  Verwirklichungsmöglichkeit  des  Kollektivismus  nicht
zu  beweisen  ist,  daß  aber  auch  seine  Undurchsührbarkeit  bloß  dogmatisch  behauptet ­
  werden  kann.  Zweifellos  aber  besteht  völlig  unabhängig  davon,
ob  der  Kollektivismus  sein  wird  oder  nicht,  die  Frage,  ob  er  sein  soll.  Und
das  muß  bejaht  werden  von  jedem,  der  auf  dem  Boden  europäischer  Sittlichkeit ­
  steht".  (S.  73.)
        <pb n="177" />
        Lchlrchergebnisse

173

deutschen  Revolution  der  Gegenwart  wie  schon  auf  die  Schwarmgeister ­
  der  großen  Französischen  Revolution.  „Die  Tugend,  das  Bestreben, ­
  Gutes  zu  tun,"  so  sagt  er,  „ist  so  gut  eine  Leidenschaft  wie
alle  anderen.  Sie  ist  selten,,  aber  wo  man  sie  trifft,  ist  sie  viel  zu
heftige  denn  so  lange  uns  der  Sporn  des  Wohltuns  antreibt,  hält
uns  kein  Bedenken  in  ihrem  Laufe  auf.  .  .  Rkan  ist  ohne  jede  Untersuchung ­
  überzeugt  von  dem,  was  man  wünscht,'  man  überzeugt
auch  die  andern  durch  die  Wärme  seines  Vortrags  —  weil  man  eben
ein  Mann  voll  Tugend  ist.  Man  bringt  keine  guten  Beweise,  man
zeigt  kein  scharfes  Denken,  aber  man  hat  die  heiße  Rühnheit  der
Wahrheit,  den  schönen  Mut  der  Tugend,  das  Feuer  der  eigenen  Überzeugung ­
  —,  und  damit  reißt  man  andere  mit  sich  fort,  denn  jene
sehen  keinen  Grund  zum  Mißtrauen.  Glauben  Sie  mir,  Schelme  und
Betrüger  braucht  man  nicht  zu  fürchten-  über  ein  Rurzes  zeigen
sie  sich  in  ihrer  wahren  Gestalt.  Über  hüten  Sie  sich  vor  dem  Rechtschaffenen, ­
  wenn  ihn  ein  wahn  gefangen  hall.  Er  ist  mit  sich  selbst
im  Rlaren  und  will  das  Veste.  Jedermann  traut  ihm,  aber  unglücklicherweise ­
  irrt  er  sich,  in  den  Mitteln,  den  Menschen  das  Beste  zu
verschaffen.""
wehe  dem  Volke  Europas,,  das  sich  in  seiner  jetzigen  bedrängten ­
  Lage  nach  dein  Weltkriege  unter  dem  Einfluß  doktrinärer ­
  Fanatiker  zu  kommunistischen  Experimenten  verleiten
läßt!  Wenn  die  Völker  die  aus  dem  Instinkt  geborenen  Lebensformen ­
  der  Gesellschaft  verwerfen  und  dafür  in  der  Studierstube ­
  ausgeklügelte  Formen  setzen  wollen,  so  ist  das  nicht
schlimm  für  die  betroffenen  Einrichtungen,  wohl  aber  ist  es  schlimm
für  die  beteiligten  Völker.  Rarl  Marx  hat  zwar  einmal  das  großsprecherische ­
  Wort  geprägt,  die  Völker  würden  „bei  Strafe  des  Unterganges" ­
  künftig  gezwungen  fein,  den  Sozialismus  bei  sich  einzuführen. ­
  In  Wahrheit  ist  gerade  das  Gegenteil  richtig.  Die  Völker,
die  ernsthafte  versuche  mit  der  Verwirklichung  der  radikalen  Formen ­
  des  Sozialismus  —  von  dem  relativ  harmlosen  Staatssozialismus
  sprechen  wir  hier  nicht  —  machen,  werden  diesen  Vorwitz  mit
Pohle,  Uapitalismus  und  Sozialismus,  2.  stuft.  12
        <pb n="178" />
        174

Schlußergebnisse

ihrem  wirtschaftlichen  Untergang  zu  büßen  haben.  Die  Ereignisse  in
Ungarn  und  Rußland  sprechen  in  dieser  Hinsicht  eine  deutliche
Zprache.  Der  Sozialismus  erscheint  unter  diesem  Gesichtswinkel  betrachtet ­
  geradezu  als  eine  Form  des  Völkerselbstmords.  Wenn  ein
Volk,  an  seinem  Schicksal  verzweifelnd,  sich  selbst  aus  der  Reihe  der
lebendigen  Rationen  streichen  will,  so  greift  es  nicht  zur  Pistole  oder
zum  Strick,  sondern  es  wirft  sich  dem  Sozialismus  in  die  Arme.  Dem
Sozialismus  scheint  im  Völkerleben  die  Rolle  des  Scharfrichters  vorbehalten ­
  zu  sein,  der  das  Urteil  der  Geschichte  an  den  zum  Untergänge ­
  bestimmten  Völkern  zu  vollstrecken  hat.
Es  ist  im  höchsten  Grade  unwahrscheinlich,  daß  aus  den  jetzigen
chaotischen  Verhältnissen  heraus  jemals  ein  sozialistischer  Neuaufbau
der  Volkswirtschaft  gelingen  könnte.  Vas  einzige,  was  durch  sozialistische ­
  Experimente  erreicht  werden  kann,  ist  die  vollständige
Zertrümmerung  der  letzten  Reste,  die  der  Rrieg  von  dem  einst  so
stolzen  Bau  unserer  Volkswirtschaft  noch  übrig  gelassen.  Was  dann
kommen  wird,  das  ist  aber  nicht  eine  sozialistische  Organisation  des
Wirtschaftslebens,  sondern  eine  kapitalistische  Neuschöpfung,  ein  primitiver ­
  Rapitalismus.  Der  Rapitalismus  wird  dann  seine  Laufbahn ­
  gleichsam  noch  einmal  von  vorn  beginnen.  Was  ist  damit  aber
für  die  Arbeiterklasse  gewonnen?  hat  die  deutsche  Arbeiterschaft.im
Laufe  der  Rriegsjahre  wirklich  vollständig  vergessen,  wie  gut  es
ihr  wirtschaftlich  vor  dem  Rriege  ging  und  wie  sehr  sich  ihre  Lage
unter  dem  jetzt  so  heftig  geschmähten  individualistischen  Gesellschaftssristem
  gehoben  hatte?  Wer  wagt  es  ernsthaft  zu  bestreiten,
wenn  die  „Frankfurter  Zeitung"  (Abendblatt  vom  2.  April  1919)
feststellt,  „daß  unser  Volk  während  der  letzten  Friedensjahrzehnte
im  großen  Durchschnitt  besser  ernährt,  behaust,  bekleidet  und  belohnt ­
  war  als  je  vorher,  und  dies  trotz  der  riesigen  Zunahme  unserer
volkszahl  in  diesen  Jahrzehnten"  ?  Und  das  Gesellschaftssystem,  mit
dem  diese  Wirkungen  erzielt  wurden,  will  man  jetzt  leichtsinnig  preisgeben, ­
  um  dafür  tollkühne  Experimente  mit  Gesellschaftsgrundlagen
anzustellen,  die  noch  nirgends  den  Beweis  ihrer  dauernden  Lebens-
        <pb n="179" />
        12*

Schlußsrgebnisse

175

fähigkeil  erbracht  haben,  und  hinter  denen  nichts  steht,  als  die  fanatische ­
  verranntheit  einzelner  Doktrinäre?  vermag  unsere  Arbeiterschaft ­
  so  wenig  einzusehen,  wieviel  von  unseren  Nöten  auf  Rechnung ­
  des  Krieges  und  der  auch  nach  dem  Waffenstillstand  noch  so
lange  aufrecht  erhaltenen  feindlichen  Blockade  zu  setzen  ist,  daß  sie
die  individualistische  Wirtschaftsordnung  allein  für  die  traurigen  Zustände, ­
  unter  denen  jetzt  das  deutsche  Volk  zu  leiden  hat,  verantwortlich ­
  machen  will?
Nur  wirtschaftliche  Kurzsichtigkeit  schlimmster  Art  kann  glauben,
eine  Volkswirtschaft  von  der  Beschaffenheit  der  deutschen  könne  ihre
Lage  durch  Übergang  zum  radikalen  Sozialismus,  für  den  in  Deutschland ­
  nicht  weniger  als  alle  Voraussetzungen  fehlen,  irgendwie  bessern.
Für  Deutschland  noch  weniger  als  für  andere  Länder  liegt  gegenwärtig ­
  ein  Anlaß  vor,  in  das  Räderwerk  seines  Wirtschaftslebens  einen
anderen  Motor  als  den  bisher  benutzten  einzubauen.  Deutschland
handelt  vielmehr  am  klügsten,  wenn  es  unter  Verzicht  auf  alle  gewagten ­
  Experimente  die  alten  bewährten  psychischen  Motoren,  die
bisher  fein  Wirtschaftsleben  in  Gang  erhalten  haben,  wieder  ankurbelt. ­
  wenn  die  deutsche  Volkswirtschaft  nach  dem  furchtbaren
Schicksal,  das  sie  jetzt  durchgemacht  hat  und  das  ihr  weiter  nach
den  Friedensbedingungen  noch  bevorsteht,  überhaupt  noch  einmal
zu  ihrer  früheren  Größe  aufgerichtet  werden  kann,  so  kann  das  nur
auf  dem  Boden  der  individualistischen  Wirtschaftsordnung  und  unter
der  Führung  des  Kapitalismus  geschehen.
        <pb n="180" />
        Verlag  von  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  und  Berlin

Von  demselben  Verfasser  erschien  ferner:
Die  Entwicklung  des  deutschen  Wirtschaftslebens
im  letzten  Jahrhundert
Fünf  Vorträge.  4.  Aufl.  (ANuG  Bd.  57.)  Kart.  M.  2.—,  geb.  M.  2.65
Gibt  eine  objektive,  ruhig  abwägende  Darstellung  der  gewaltigen  Umwälzung,  die  das
deutsche  Wirtschaftsleben  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  erfahren  hat.

Das  Problem  der  Valuta-Entwertung
Geh.  M.  1.20.
Behandelt  den  Zusammenhang  zwischen  Valutaentwertung  und  dem  Sinken  der  Kaufkraft ­
  des  Geldes  im  Inland,  die  wirtschaftlichen  und  sozialen  Wirkungen  der  Valutaent-Wertung,
  sowie  die  Neformvorschläge  zur  Wiederherstellung  der  Währung  nach  dem  Kriege.

Der  wirtschaftliche  Hintergrund  des  Weltkrieges
Von  Staatsminister  a.  D.  vr.  K.  Helfferich.  Geh.  M.  1.20
Zeigt  die  wirtschaftlichen  Ursachen  des  Weltkrieges,  die  Veränderung  des  wirtschaftlichen ­
  Weltbildes  während  des  Krieges  mit  dem  Ergebnis  der  Vormachtstellung  Amerikas
und  die  wirtschaftlichen  Iukunftsmöglichkeiten  Deutschlands.

Allgemeine  Volkswirtschaftslehre
Von  Geh.Oberreg.-RatProf.  vr.W.  L  e  x  i  s.sKult.  d.Gegenwart.  tzrsg.v.Prof.
P.tzinneberg.TeilII,Abt.X,1.)  2.Aufl.  M.7.-,  geb.11.-,i.Halbfr.geb.17.-Inhalt:
  Einleitung.  Die  Entwicklung  der  Volkswirtschaft.  Die  Methode  der  Volkswirtschaftslehre. ­
  —  Der  Kreislauf  der  Volkswirtschaft.  Der  Wert.  Die  Nachfrage.
Die  Produktion.  Kapitalvermögen  und  Unternehmung.  Das  Angebot.  Die  Preisbildung.
Handel  und  Preise.  Das  Geld.  Kredit  und  Bankwesen.  Der  Wert  der  Geldeinheit.  Das
Einkommen.  Näheres  über  Arbeitseinkommen  und  Kapitalgewinn.  Die  Grundrente.  Produktion ­
  u.  Einkommen.  Krisen.  Die  Konsumtion.  Produktion  u.  Verteilung.  Zukunftsaussichten.

Grundzüge  der  Volkswirtschaftslehre
Von  Prof.  W.Gelesnoff.  Nach  einer  v.  Verf.  f.  d.  dtsche.  Ausg.  vorgenomm.
Neubearb.  desruss.Orig,  übers,  v.  Or.  E.  Alts  chul.  M.  10.—,  geb.  M.  15.—
DasWerk,mehr  ein  Lese-  als  Lehrbuch  darstellend,will  mit  den  wichtig  st  enProblemen
der  Nationalökonomie  und  ihren  Lösungen  vertraut  machen,  zu  einer  selbständigenStellungnahme
  ihnen  gegenüber  anleiten  und  zum  nationalökonomischen  Denken  erziehen.

Russisches  Wirtschaftsleben  seit  der
Herrschaft  der  Bolschewik!.  mach  miss.
Zeit«.  Mit  ein.  Etnleitg.  hsg.  v.  Dr.  Wklid.
W.  Kaplun-Kogan.  (Heftl  der  Quellenu.
Studien  des  Osteuropa-Lnstit.)  I.Abt.  2.Aufl.
Geh.  M.  5.—,  geb.  M.  6.—
Eine  ausgiebige  Materialsammlung  zur
Erkenntnis  des  wirtschaftlichen  Bolschewismus ­
  in  Nußland,  die  ein  eindrucksvolles  Bild
des  erschreckenden  Niederganges  der  russischen ­
  Wirtschaft  bietet,  zeigt  den  Weg,  der
nicht  betreten  werden  darf,  wenn  wir  uns
vor  wirtschaft!.  Zusammenbruch  retten  wollen.
Auf  sämtliche  Preise  Teuerungszuschläge

Die  Gesetzgebung  der  Bolschewik!.
Eine  authent.  Darstellung  auf  Grund  der
offiziellen  russischen  Gesetzessammlung.  Herausgegeben ­
  von  Iustizrat  H.  Klibanski.
(Quellen  und  Studien  des  Osteuropa-Instituts, ­
  Breslau,  1.  Abteilung,  2.  Heft).  Geh.
M.  6.-.  geb.  M.  7.—
Eine  zusammenfassende  systematische  Darstellung ­
  der  gesetzgeberischen  Tätigkeit  der
gegenwärtigen  russischen  Regierungsgewalt
auf  allen  Gebieten  des  staatlichen  und  sozialen ­
  Lebens  nebst  Wiedergabe  der  wichtigsten ­
  Gesetze  in  Wortlaut.
des  Verlages  und  der  Buchhandlungen
        <pb n="181" />
        Verlag  von  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  und  Berlin

Hand  eis-Wörterbuch.  Von  Dr.  V.  Sittel  und  Justizrat  Dr.  M.  Strauß.  (Teubners
  kleine  Fachwörterbücher.)  Geb.  ca.  M.  4.—
Wörterbuch  der  Warenkunde.  Von  Prof.  Dr.  M.  Pietsch.  (leubners  kleine
Fachwörterbücher.)  Geb.  M.  5.—
Gibt  zuverlässige  Auskunft  über  Rohstoffe,  Ersatzstoffe,  Halb-  und  Ganzerzeugnisse
sämtlicher  Gewerbe  und  Industrien  nach  Ursprung,  geographischer  Herkunft,  Eigenschaften,
Verarbeitung  und  Verwendung.
Mathematik  des  Geld-  und  Zahlungsverkehrs,  von  Prot.  Dr.A.Loewy.
Geheftet  M.  8.—,  gebunden  M.  9.60
Das  Werk  bietet,  ohne  höhere  mathematische  Kenntnisse  vorauszusetzen,  Belehrung  über
die  finanziellen  Berechnungen,  die  beim  Geldverkehr  in  der  Haus-  und  Volkswirtschaft  von
Bedeutung  sind,  z.  B.  Zins  und  Diskont,  Kontokorrent,  Kauf  von  Wechseln  und  Wertpapieren,
Arbitrage,  Amortisationshypotheken,  Erbbaurecht,  Abschreibungen,  tilgbare  Anleihen  usw.
Gewerbliche  Produktionsstatistik.  vonDr.  o.  Nerschmann.  Geh.  m.  u.-Das
  insbesondere  im  Hinblick  auf  die  durch  den  Krieg  bedingten  wirtschaftlichen  Verhältnisse ­
  bedeutsame  Buch  sucht  die  Grundlagen  festzulegen,  auf  denen  eine  praktisch  verwertbare ­
  Produktionsstatistik  aufgebaut  werden  kann.
Materialien  für  das  wirtschaftswissenschaftliche  Studium,  von
Prof.  Dr.  Richard  Passow.  Band  I.  Kartelle  des  Bergbaues.  Kart.  M.  3.60.  Band  II.
Effektenbörsen.  Kart.  M.  2.40  Band  III.  Warenbörsen.  Kart.  M.  2.80.
Der  1.  Band  ist  die  vollständigste,  die  neuesten  Daten  berücksichtigende  Materialienzusammenstellung ­
  über  das  Kohlen-  und  Kalisyndikat.
Der  II.  Band  bringt  zunächst  die  Materialien  über  die  deutsche  Börsengesetzgebung,  ferner
einen  Abdruck  der  Börsenordnung,  der  Maklerordnung,  der  Geschäftsordnung  des  Börsenvorstandes, ­
  der  Zulassungsstelle  usw.  der  Berliner  Börse  mit  Hinweisen  auf  abweichende
Verhältnisse  an  anderen  Börsen,  endlich  eine  Reihe  von  Materialien  über  Börsengeschäftsbedingungen ­
  und  der  Abwicklung  der  Börsengeschäfte  dienenden  Einrichtungen.
Hilfsmittel  für  das  wirtschaftliche  Studium  und  Informationsquellen  für  die  weitesten  Kreise,
orientiert  der  III.  Band  über  die  Geschäftsbedingungen  der  deutschen  Warenbörsen  im  allgemeinen ­
  und  die  Verhältnisse  an  den  wichtigsten  deutschen  Produktenbörsen.
Die  systematische  Bearbeitung  der  Veröffentlichungen  von
Aktiengesellschaften.  Von  Reg.-Baumeister  a.D.H.  Lomnitz.  MitOTaf.  Geh.M.3.—
,,Lomnitz’  Versuch,  die  Bilanzkritik  wissenschaftlich  zu  systematisieren,  muß  als  gelungen
bezeichnet  werden....“  (Ratgeber  auf  dem  Kapitalmarkt.)
Hauptfragen  der  modernen  Kultur,  von  Dr.  Emu  Kammacher.
Geh.  M.  10.-,  geb.  M.  12.—
,,Man  muß  das  inhaltreiche  und  fesselnde  Buch  selbst  lesen,  um  sich  von  der  Fülle
von  Anregungen,  die  es  vermittelt,  ein  Bild  zu  machen.  Neben  den  Arbeiten  von  Jonas  Cohn,
Adolf  Dy  ross.  Karl  Joel,  Max  Scheler,  Georg  Mehlis  u.  a.  wird  es  als  Zeuge  eines  hohen  Idealismus ­
  seinen  selbständigen  Platz  behaupten.  (Deutsche  Revue.)
Probleme  der  Sozialphilosophie,  von  Prof.Dr.  r,Micheis.  Geb.  m.4.80
„Dieser  Band  ist  imstande,  die  Betrachtung  unseres  sozialen  und  politischen  Lebens  und
der  Betätigung  in  ihm  neue,  allgemeine,  von  parteipolitischer  Engherzigkeit  freie  Gesichtspunkte
und  damit  ein  Gut  zu  geben,  an  dem  keineswegs  Überschuß  herrscht.“  (StraßburgerPos  1.)
Politik  lind  Musscnmorsil.  Zum  Verständnis  psychologisch-historischer  Grundfragen ­
  der  modernen  Politik.  Von  Dr.  A.  Chris  lensen.  Geh.  M.  3.—,  geb.  M.  3.60
„Die  Arbeit  eines  scharfen  Geistes,  der  den  Dingen  auf  den  Grund  geht  und  der  eine
große  Summe  positiven  Wissens  in  Vorrat  hat."  (Kirche  und  Welt.)
Auf  sämtliche  Preise  Teuerungszuscbläge  des  Verlages  und  der  Buchhandlungen
        <pb n="182" />
        Verlag  von  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  und  Berlin

Nus  Natur  und  Geisteswelt
Jedes  Bändchen  kartoniert  M.  2.—,  gebunden  M.  2.65
Hierzu  Teuerungszuschläge  des  Verlags  und  der  Buchhandlungen
Zur  Wirtschaft  sind  u.  a.  erschienen:

Antike  Wirtschaftsgeschichte.  Von  Dr.  O.
Neu  rath.  2.  Aufl  (Bd.  256.)
Arbeiterschuh  und  Arbeiterversicherung.
Von  Geh.  Hofrat  Prof.  vr.  O.  v.  Iwiedineck  -
S  ü  d  e  n  h  o  r  st.  2.  Aufl  (Bd.  78.)
Arbeitsleistungen  des  Menschen,  Die.  Einführung ­
  in  die  Arbeitsphysiologie.  Von  Prof,
vr.  H.  Boruttau.  Mit  14  Zig.  (Bd.  539.)
Berufswahl,  Begabung  u.  Arbeitsleistung
in  ihren  gegenseitigen  Beziehungen.  Von
W.  0.  Ruttmann.  Mit  7  Abb.  (Bd.  522.)
Bevölkerungswesen.  Von  Prof.  Dr.  L.  von
B  ortkiewicz  (Bd.  670.)
Englands  Weltmacht  in  ihrer  Entwicklung  vom
17.  Jahrhundert  bis  auf  unsere  Tage.  Von  Pros,
vr.  W.  Langen  beck.  9.  Aufl.  (Bd.  174.)
Ernährung  und  Nahrungsmittel.  Von  Geh.
Rat  Prof.  vr.  N.  Iunh.  9.  Aufl.  Mit  &amp;lt;S  Abbildungen ­
  und  1  Tafel  (Bd.  19.)
Frauenbewegung,  Die  deutsche.  Von  vr.
M.Bernays  (Bd.  761.)
Geldwesen,  Iahlungsverk.  u.  Vermögensverwaltung.VonG.M
  a  i  e  r.  2.Aufl.(Ld.996.)
Gewerblicher  Rechtsschutz  in  Deutschland.
Von  Patentanwalt  p.  To  lksd  orf.  (Bd.  198.)
Handel.  Geschichte  des  Welthandels.  Von
Dir.  Prof.  vr.  M.  G.  S  ch  m  i  d  t.  9.  A.  (Bd.  116.)
Geschichte  des  deutschen  Handels  seit
dem  Ausgange  des  Mittelalters.  Von  Prof,
vr.  W.  L  a  n  g  e  n  b  e  ck.  2.  A.  Mitl  6Tab.  (297.)
Hotelwesen,Das.  Von  P.Damm-Etienne
Mit  90  Abbildungen  (Bd.  991.)
Kaufmann.  Das  Recht  des  Kaufmanns.  Ein
Leitfaden  fürKaufleute,  Studierende  und  Juristen.
Von  Oustizrat  vr.  M.  Stra  ust  .  .  (Bd.499.)
Kaufmännische  Angestellte.  Das  Recht  der
k.  A.  Von  Justizrat  vr.  M.  S  t  r  a  u  s).  (Bd.  961.)
Kaufmännische  Buchhaltung  und  Bilanz
u.  ihre  Beziehungen  zur  buchhalterischen
Organisation,  Kontrolle  und  Statistik.
Von  vr.  p.  Gerstner.  9.  Auf!.  Mit  4  schematischen ­
  Darstellungen  (Ld.507.)
Kaufmännisches  Rechnen,  Das.  Von  Oberlehrer ­
  K.  D  roll.  (Bd.  519.)
Kaufmännische  Arithmetik,  Höhere.  Von
Prof.  I.  Ko  bürg  er.  (Bd.  767.)
Konsumgenossenschaft,  Die.  Von  Prof.  vr.
Z.  Stau  ding  er.  2.  Aufl.  .  .  .  (Bd.  222.)

Landwirtschaft,  Die  deutsche.  Von  vr.
W.  Ela  asten.  2.  Aufl.  Mit  15  Abbildungen
und  1  Karte  (Bd.  215.)
Marx,  Karl.  Versuch  einer  Würdigung.  Von
prof.vr.  R.Wilbrandt.  9.  Aufl.  (Bd.62l.)
Mittelstandsbewegung»  Die  moderne.  Von
vr.  L.  Müffelmann  (Bd.  417.)
Münzkunde.  Grundrist  der  Münzkunde.
2.  Aufl.  Mitzahlreichen  Abbildungen.  I.  Bd.:  Die
Münze  nach  Wesen,  Gebrauch  und  Bedeutung.
Von  Hofrat  Prof.  vr.  A.  Lu  sch  in  v.  Ebengreuth. ­
  2.  Ausi.  (Bd.Yi.)  II.Bd.:  DieMünze
vom  Altertum  bis  zur  Gegenwart.  Von  Prof,
vr.  H.  B  u  ch  e  n  a  u  (Bd.  657.)
Postwesen,  Das.  Von  Oberpostrat  O.  S  i  e  b  li  st.
2.  Aufl  (Bd.  162.)
Rechtsfragen,  Die,  des  täglichen  Lebens  in
Familie  und  Haushalt.  Von  Justizrat  vr.  M.
S  trau  st  (Bd.  219.)
Sozialisten,  Die  grossen.  Von  Privatdozent
vr.Fr.M  uckle.  9.Aufl.  2Bde.  Bd.l:  Owen,
Fourier,proudhon.  (Bd.269.)  Bd.  I!:  pecqueur,
Buchez,  Blanc,  Rodbertus»  Weitling,  Marx,
Laffalle  (Bd.  270.)
Soziale  Bewegungen  und  Theorien  bis
zur  modernen  Arbeiterbewegung.  Von
G.Maier.  7.  Aufl  (Bd.2.)
Statistik.  Von  Prof.  vr.  S.  Schott.  2.  Aufl.
(Bd.  442.)
Tabak,  Der.  Anbau,  Handel  undVerarbeitung.
  VonJac.Wolf.  2.  Auflage.  Mit
17  Abbildungen  (Bd.  416.)
Telegraphen-  und  Fernsprechwesen,  Das.
2.Aufl.  Von  Oberpostrat  O.  S  i  e  b  l  i  st.  (Bd.l  89.)
Verkehrsentwicklung  in  Deutschland,  seit
1860  (fortgeführt  bis  zur  Gegenwart).  Von
Prof.  vr.  W.  Loh.  4.  Aufl.  .  .  .  (Bd.  15.)
Versicherungswesen.  Grundzüge  des  Versicherungswesens. ­
  (Privatversicherung.)  Von
Prof.  vr.  A.Ma  n  e  s.  9.  veränd.  Aufl.  (Bd.  165.)
Wirtschaftsleben,  Deutsches.  Auf  geograph.
Grundlagegeschildert.  V.  prof.vr.Chr.  G  r  u  b  e  r.
4.  Aufl.  neubearb.  v.  vr.H.R  e  i  n  l  e  i  n.  (Bd.  42.)
Die  Entwicklung  des  deutschen  Wirtschaftslebens ­
  im  letzten  Jahrhundert.  Von  Geh.
Reg.-Ratprof.  vr.L.pohle.  4.Aufl.  (Bd.57.)
Deutschlands  Stellung  i.  derWeltwirtschaft.V.
  prof.vr.  P.A  r  n  d  t.  9.Aufl.  (Bd.  179.)
wirtschaftlichen  Organisationen,  Die.  Von
Prof.  vr.  E.  Lederer  (Bd.  426.)
        <pb n="183" />
        Verlag  von  B.  G.  Teubner  in  Leipzig  und  Berlin

A.  Deichert’sche  Verlagsbuchhdlg.  Werner  Scholl
Postscheckkonto  50973  Leipzig  Fernsprecher  13  701
Zeitschrift  für
Sozialwissenschaft
Begründet  von  Julius  Wolf
In  Gemeinschaft  mit  Prof.  Dr.  Andreas  Voigt-Frankfurt  a.  M.
herausgegeben  von  Prof.  Dr.  Ludwig  Pohle  in  Leipzig
X.  Jahrgang  der  Neuen  Folge
Jährlich  6  Doppelhefte
Preis  der  Zeitschrift  für  Sözialwissenschaft  durch  jede  Buchhandlung,
Postanstalt  (Postzeitungspreisliste  1920  S.  363)  halbjährlich  etwa  M.  25.—;
unter  Streifband  direkt  vom  Verlag  etwa  M.  25.60

Individuum  undGemeiufchast
Grundfragen  der  sozialen  Theorie  und  Ethik
Von  Professor  Dr.  Th.  Litt
Geheftet  M.  7.-,  gebunden  TH.  9.-tziNM
  Teu-nmg-Mschläge  des  Verlages  und  der  Buchhandlungen
Von  den  Erfahrungen  und  Bedürfnissen  des  praktischen  Lebens  ausgehend,
sucht  der  Verfasser  das  überreiche  soziologische  Erfahrungsmaterial  der  Gegenwart,
insbesondere  der  jüngsten  gesamteuropäischen  Krisis,  mit  Hilfe  der  Erkenntnismittel,
die  die  jortschreitende  Entwicklung  des  sozial-  und  kulturphilosophischen  Denkens
geschaffen  hat,  zu  ordnen  und  zu  deuten  und  für  die  soziale  Selbsterfassung  und
Selbstleitung  nutzbar  zu  machen.
        <pb n="184" />
        B.6.TBUBNEB8  HANDBÜCHER
FÜR  HANDEL  UND  GEWERBE

Die  Handbücher  sollen  in  erster  Linie  dem  Kaufmann  und  Industriellen
ein  geeignetes  Hilfsmittel  bieten,  sich  rasch  ein  wohlbegründetes  Wissen  auf  den
Gebieten  der  Handels-  und  der  Industrielehre,  derYolkswirtschaft  und  des  Rechtes,  der
Wirtschaftsgeographie  und  der  Wirtschaftsgeschichte  zu  erwerben,  wie  es  die  erhöhten
Anforderungen  des  modernen  Wirtschaftslebens  erfordern.  Aber  auch  allenYolkswirtschaftlern
  und  Politikern  sowie  den  Yerwaltungs-  und  Steuerbehörden  wird  die  Sammlung ­
  willkommen  sein,  da  sie  in  ihr  die  so  oft  nötigen  zuverlässigen  Nachschlagewerke
über  die  verschiedenen  kaufmännischen  und  industriellen  Fragen  finden  werden.

Die  Bilanzen  d.  privaten  u.  öffentl.  Unternehmungen.
Von  E.  Passow.  2.  erw.  u.  verb.  Ausl.  2  Bde.  gr.  8.  I.  Bd.  Allgemeiner  Teil.
[VIII  u.  304  S.]  Geh.  M.  11.40,  geb,  M.  13.—.  II.  Bd.  Die  Besonderheiten  in
den  Bilanzen  der  Aktiengesellschaften,  Gesellschaften  mit  beschränkter  Haftung,
Genossenschaften  d.  bergbaul.,  Bank-,  Versicherungs-  u.  Eisenbahnunternehmungen,
d.  Elektrizitäts-,  Gas-  u.Wasserwerke  sowie  d.  staatl.  u.  kommunalen  Erwerbsbetriebe.
[VI  u.  298  S.]  Geh.  M.  11.—,  geb.  M.  12.60.

Sozialpolitik.  Von  v *  Zw * e(liiaeck -Süd6uhorst.  [IX  u.  450  S.]  gr.  8.
£_  Geh.  Ji  9.20,  geb.  M  11.—
Das  Genossenschaftswesen  in  Deutschland,  v , on  "X^ 0 ' 1 '
zinshl.  [VI  u.
287  S.]  gr.  8.  Geh.  MQ.—,  geb.  6.80.
Yerstcherungswesen.  Vn“ u -%ob A «\T- [XIV  485  s ' ]  gr ' 8 '
Anlage  von  Fabriken,  I° n s &amp;amp;““ ri XÄ
sowie  6  Tafeln.  [XIII  u  528  S.]  gr.  8.  Geh.  M  12.—,  geb.  M  12.80.
Einführung  in  die  Elektrotechnik.  ^yöai.ortmu»genn.teohn.
2  Ausfuhrungon.  Von  E.  Eiukel
Mit  445  Abbild,  im  Text.  [VI  u.  464  S.]  gr.  8.  Geh.  Ji  11.20,  geb.  M  12,—
Hifi  TH»PH  in  fl  11  Altrip)  Von  Oskar  Simmorsbach.  Mit  92  Abbild.  [X  u.
UW  JViSmimUUSllJO.  322  S  ]  gr  8  Oeh.  ^7.20,  geh.  MS.—
Die  chemische  Industrie.  Von  Oustay  Müller.  Untor  Mitwirkung
-  von  Jbritz  Bennigson  in  Berlin.  [VIII  u.
488  S.]  gr.  8.  Geh.  Jl  11.20,  geb.  13.—
Chemische  Technologie.  Von c , Fr - ir l eus ,' e ^  Mit  i XVI  u -  »si  so
°  gr.  8.  Geh.  MS.—,  geb.  .«8.60.
Die  Zuckerindustrie.  l A&amp;lt;3 i  g £Vfl 7 .. 80 '  ^ inzeln:
--  I.  Teil:  Die  Zuckerfabrikation.  Von  Dr.
H.  Olaassen  und  W.  Bartz  [vergr.j.  II.  Teil:  Der  Zuckerhandel.  Von  O.  Pilet.
[IV  u.  92  S.]  Geh.  ^1.80,  geb.  M  2.20.
Die  Zuckerproduktion  der  Welt.  Vr^iTgew^s'- 8SI  Br " 8 "
Weitere  Bände  befinden  sich  in  Vorbereitung.
Auf  sämtliche  Preise  Teuerungszuschläge  des  Verlags  und  der  Buchhandlungen

Verlag  von  B.  G.  Teubner  iu  Leipzig  und  Berlin
        <pb n="185" />
        an
aus
aefl
DflS
rif*
!  U’
's
nö&amp;lt;
in
l""
cii'
rin,
ceiler

|eit
i  (fr
0'
US
ild
ch--U-



rech' ­

u-!-»

;ocv



&amp;gt;
--j

o
CO

(D
»/*  DD

z  &amp;gt;
o  00
|  O
Q.  CD
g-  w

Die  Entwicklung  der  kommunistischen  Ideen
erstickt,  und  sein  Unternehmen,  der  Französischen  Revoen
  kommunistisch-proletarischen  Charakter  zu  verleihen,
Episode.
19.  Jahrhundert  hat  der  kommunistische  Gedanke  in  der
roch  zahlreiche  Vertreter  gefunden.  Aus  den  letzten  Jahren ­
  außer  Lellami)  s  bekanntem  „Rückblick  aus  dem  Jahre
'  nur  noch  Bebels  Buch  über  die  Frau  und  den  Soziaallods
  „Zukunftsstaat"  (2.  ctufl.  1919),  „Der  Horn*
von  Eduard  palyi  (Berlin  1919),  sowie  Popper-|
  ,  »die  allgemeine  Nährpflicht"  (1913),  genannt.  Der  3u-,
  von  dem  diese  Autoren  ein  Bild  zu  entwerfen  suchen,
.Züge  des  unverfälschten  Kommunismus,  wenn  daneben
ünigen  Autoren  der  versuch  gemacht  wird,  von  den  Heuichtungen ­
  verschiedenes  beizubehalten  und  Kommunismus
idualismus  nebeneinander  bestehen  zu  lassen.  So  alt  die
ische  Literatur  nun  auch  schon  ist  —  sie  hätte  wäh-Meltkriegs
  das  Jubiläum  ihres  vierhundertjährigen  Beern ­
  können  —,  so  ist  es  doch  auffallend,  einen  wie  geaeren
  Fortschritt  diese  Literatur  zeigt.  Nkan  kann  nicht
der  kommunistische  Zukunftsstaat  im  Laufe  dieser  mehr-'rigen
  Entwicklung  nun  wirklich  greifbare  Gestalt  und
~  3üge  angenommen  hätte.  Sein  Bild  ist  bei  den  Kommu-19.
  Jahrhunderts  noch  ebenso  verschwommen  -und  unklar
|  enen  der  vorhergehenden  Jahrhunderte.  Die  ganze  Litung
  ist  in  der  Beschreibung  der  allgemeinsten  Einrich-&amp;gt;
  ckengeblieben  und  bietet  überwiegend  nur  kleine  variier ­
  das  von  Nlorus  in  seiner  Utopia  behandelte  Thema,
dem  schon  von  diesem  entworfenen  Grundbild  wesentlich
fjr-  hinzufügen  zu  können.  Nur  in  solchen  Punkten,  wie  der
täglichen  Arbeitszeit,  die  in  dem  Zukunftsstaat  für  nötig
wird,  unterscheiden  sich  etwa  die  verschiedenen  Autoren,
tszeit,  in  der  einzelne  von  ihnen  alles  für  die  Versorgung
kerung  Nötige  glauben  produzieren  lassen  zu  können,  ist

3
        <pb n="186" />
        ﻿
        <pb n="187" />
        ﻿
        <pb n="188" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
