So oder ähnlich lauten fast durchweg die Urteile über die Ge schwindigkeit der russischen Züge und der Schluß ist meist der, daß das russische Eisenbahnwesen in dieser Hinsicht rückständig sei und sich mit dem der mitteleuropäischen Systeme nicht messen könne. Es mag aller dings fraglich sein, ob der Grad der Beschleunigung, den Amerika und Westeuropa jetzt schon kennen, in Rußland erreicht werden kann, da das russische Wagenmaterial sehr schwer ist. Sicherlich steht einer sehr großen Geschwindigkeit auch der nicht immer solide Bau des Bahn körpers hinderlich im Wege. So werden auf der Warschau-Moskauer Bahn sowohl zwischen Warschau und Brest, wie zwischen Slawnoje (im westlichen Teil der Mohilewer Provinz) und Moskau ziemlich be deutende Geschwindigkeiten erzielt, dagegen auf der Zwischenstrecke (Provinzen Grodno und Minsk), die die Poljesje und andere Sumpfgebiete berührt, weit geringere. Auch auf der Linie Wilna—Sarny, die die Poljesje von Nord nach Süd durchschneidet, legen die Kiewer Züge eine geringere Geschwindigkeit zurück. Wenn man berücksichtigt, daß auch auf diesen beiden, das große sumpfige Niederungsgebiet durchquerenden Bahnen die Geschwindigkeit der Schnellzüge zwischen 50 und 57 km die Stunde schwankt, so erkennt man, wie wenig die landläufigen Annahmen den Tatsachen entsprechen. Auf einer großen Anzahl von Strecken werden diese Zahlen aber weit übertroffen. Die schnellsten Züge verkehren auf den Strecken Warschau — Sombkowizi, Warschau—Petersburg, Warschau—Moskau, Petersburg Moskau und Moskau—Kursk. Auf all diesen werden Teilstrecken in einer Geschwindigkeit von über 70 km in der Stunde zurückgelegt. Obenan steht die Strecke Luga—Pskow der Petersburg-Warschauer Bahn mit 78 km; fast ebensogroß ist die Beschleunigung auf der Strecke Koljuschki—Piotrkow der Warschau-Wiener Bahn 1 ). Auf beiden Bahnen bleibt die Geschwindigkeit nicht gleichmäßig, sinkt aber nirgend wo unter 60 km, auf den großen über 100 km langen Teilstrecken schwankt sie zwischen 65 und 68 km. Verhältnismäßig gut geregelt ist die Be schleunigung der schnellsten Züge auf den einzelnen Teilstrecken der Nikolaibahn. Sie ist durchschnittlich 71 km groß und erhöht sich für die sehr langen Strecken Bologoje—Twer und Twer—Moskau auf 72 bis 73 km. Auf fast allen Teilstrecken der Moskau-Kursk-Sewastopoler Linie legen die schnellsten Züge 60 oder mehr, bis zu 71 km zurück, mit dem Ausruf „du lieber Gott!“ begleitet, und dann über die Geschwindigkeit der Bahnen redet, wonach „keine der Bahnen, mit zwei elenden Ausnahmen, auf den großen Strecken des russischen Weltverkehrs mehr als 40 Stundenkilometer leistet“, so ist eine solche Auslassung von Übelwollen und Bösartigkeit nicht mehr entfernt, Eigenschaften, mit denen man ja auch sonst gern russische Einrichtungen be trachtet. *) Es wird hier die Geschwindigkeit aus der Fahrtzeit von Station zu Station berechnet. Selbstverständlich ist die Schnelligkeit auf offener Strecke noch größer.