<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Verkehrsgeographie der Eisenbahnen des europäischen Rußland</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Walther</forname>
            <surname>Tuckermann</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1013744764</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>59 
und die Hinausschiebung der Befestigungen an die Weichsel und ihre 
rechten Zuflüsse, die obendrein durch weite Sumpfländer, die der Trocken 
legung und durch unwirtschaftliche Wälder, die der Rodung entzogen 
werden, verstärkt werden. Die Verteidigungstaktik verlangt aber auch, 
um dem Gegner den Vormarsch nicht zu erleichtern, ein Hintanhalten 
des Ausbaues des Verkehrsnetzes auf der linken, einen planmäßigen 
Ausbau auf der rechten Seite. Hier deutet ein verhältnismäßig enges 
Netz von Längs- und Querbahnen, das auch die Verbindung der Festungs- 
plätze unter sich ermöglicht, auf die Wichtigkeit des Festungskriegs 
schauplatzes hin. In beiden Teilen aber fehlen noch Wege, deren Mangel 
durch die Behörden teilweise systematisch aufrecht erhalten wird. Hat 
man doch in manchen Gegenden aus politischen und strategischen 
Gründen vorhandene Straßen sogar absichtlich eingehen lassen 1 ). 
Polen war nun mal nach behördlicher Auffassung das Glacis des russischen 
Reiches. Und wie mit den Straßen und Eisenbahnen, so stand es mit den 
Wasserstraßen. Auch hier sprach das Moment mit, im Kriegsfälle dem 
eindringenden Gegner den Vorteil eines schiffbaren, leistungsfähigen 
Stromes, wie ihn die Weichsel bei Vertiefung der Wasserrinne naturgemäß 
abgeben könnte, zu versagen. Wie die Ufergestaltung des Stromes 
namentlich zwischen Iwangorod und Warschau starke, dicht bewachsene 
Böschungen aufweist, die, im ursprünglichen Zustand belassen, den An 
marsch und den militärischen Brückenbau erschweren, so wurden auch 
sonst Meliorationsarbeiten vermieden, um die strategischen Vorteile 
den Russen zu erhalten. Alles freilich Momente, die in einem modernen 
Krieg den Vormarsch eines hervorragend geschulten und ausgerüsteten 
Gegners doch nicht aufhalten können. 
Die militärpolitischen Mutmaßungen faßte Stavenhagen (1898) 
dahin zusammen, daß es Rußland kaum gelingen dürfte, selbst an der 
Seite Frankreichs eine strategische Offensive gegen Deutschland und 
Österreich-Ungarn zugleich zu unternehmen. Derartige Ansichten 
wurden durch einen Teil der russischen Öffentlichkeit gestützt, der 
sich sogar zeitweise überhaupt für die Aufgabe der Festungen im Weichsel 
gebiet aussprach. Man verteidigte schon vor Jahren in russischen 
Militärkreisen die Linie Kowno—Grodno—Bjelostok—Brest als normale 
Aufstellungs- und „Grundlinie“ der russischen Kriegstaktik. Tatsäch 
lich wurde ja auch im Jahre 1909 nach den Vorschlägen Suchomlinows 
') Damit vergleiche man, daß die deutschen Heere auf zahlreichen, mitten 
im Vormarsch neugebauten Straßen, z. B. in Richtung auf Iwangorod, den Nach 
schub von Nahrungsmitteln, also auf recht leistungsfähigen Wegen, besorgten. 
Selbst der „Rjetsch“, der freilich entsprechend seiner politischen Stellung sich 
ein freieres Urteil erlauben kann als die „Nowoje Wremja“, bewunderte im Sep 
tember 1915 die Tatkraft der Deutschen bei der Instandsetzung von Wegen durch 
unwirtsame Sümpfe, namentlich beim Vordringen in die Poljesje. — Über die 
russische Straßenpolitik vgl. unten S. 67—69.</div>
    </body>
  </text>
</TEI>
