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        <title>Oekonomik der Transformationsperiode</title>
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            <forname>Nikolaj Ivanovič</forname>
            <surname>Bucharin</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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          <msIdentifier>
            <idno>1013879643</idno>
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        N.  BucQarin
Oekonomik  der
Tr  ans  form  ationsp  eri  ode
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        TV  Bucgarin
Oekonomik  der
Transformaüons  -
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Verlag  der  KommunisliscQen  Internationale
Auslieferungsstelle  für  Deutschland:
Carl  Hoym  Nacßf.  Couis  Caßnbley,  Hamburg
1922
        <pb n="3" />
        Inßalt

Seite

Vorwort  XIII
t.  Kapitel.  Struktur  des  Weltkapitalismus  ,  ,  ,  ,  j
1.  Der  moderne  Kapitalismus  als  Weltkapitalisraus.  —
2.  Subjekte  der  Wirtschaft  —  staatlich-kapitalistische
Trusts.  —  3.  Anarchie  der  Weltproduktion  und  Konkurrenz. ­
  —  4.  Krisen  und  Kriege.  —  5.  Zentralisation  des
Kapitals,
2,  Kapitel.  Oekonomik,  Staatsgewalt  und  Krieg  .  .  15
1.  Krieg  und  Staat.  —  2.  Theorie  des  Staates.  —
3.  Oekonomik,  Staatsgewalt  und  Krieg  in  ihrem  Wechselverhältnis. ­
  —  4,  Klassifikation  der  Kriege.  Imperialistische ­
  Kriege.  Sozialistische  Kriege.  —  5.  Klassenkrieg ­
  und  Bürgerkrieg,
3,  Kapitel.  Zusammenbruch  des  kapitalistischen
Systems  -28
1.  Der  Krieg  und  die  Organisation  der  kapitalistischen
Produktionsverhältnisse  (Staatskapitalismus).  —  2.  Der
Reproduktionsprozeß,  die  Produktivkräfte  und  der
Krieg,  -—  3.  Der  monistische  Aufbau  der  kapitalistischen
Gesellschaft  und  ihre  Anarchie.  -—  4.  Der  Zusammenbruch ­
  der  kapitalistischen  Gesellschaft.  —  5.  Kommunismus ­
  als  alleiniger  Ausweg.  Seine  historische  Notwendigkeit, ­
  —  6,  Die  Produktivkräfte  und  die  Unkosten
der  Revolution.
4,  Kapitel,  Allgemeine  Voraussetzungen  des  kommunistischen ­
  Aufbaus  50
1.  Typus  der  Produktionsverhältnisse  im  Prozeß  des
kapitalistischen  Zusammenbruchs.  —  2,  Das  Kriterium
der  „Reife“  der  Produktionsverhältnisse.  —  3.  Die  wirtschaftliche ­
  Erschöpfung  und  Zersetzung  des  Kapitalismus ­
  und  der  kommunistische  Aufbau.  —  4.  Der  Aufbau
des  Kommunismus  als  geschichtliche  Epoche.  —  5.  Die
Etappen  des  revolutionären  Prozesses.  —  6.  Allgemeine
Prinzipien  der  neuen  gesellschaftlichen  ^Organisation,
        <pb n="4" />
        Seite

5.  Kapitel.  Stadt  und  Land  im  Prozeß  der  gesellschaftlichen ­
  Transformation  87
1.  Der  Prozeß  der  negativen  erweiterten  Reproduktion  und
die  Landwirtschaft.  —  2.  Die  Produktionsverhältnisse
und  die  Landwirtschaft.  —  3,  Staatskapitalismus  und
Landwirtschaft.  —  4.  Zusammenbruch  des  kapitalistischen
Systems.  Stadt  und  Land.  —  5.  Voraussetzungen  des
Sozialismus  in  der  Landwirtschaft  und  allgemeine
Prinzipien  des  sozialistischen  Aufbaus.
6.  Kapitel.  Die  Produktivkräfte,  die  Unkosten  der
Revolution  und  die  technische  Umwälzung  .  .  ,105
1.  Begriff  der  Produktivkräfte.  —  2.  Produktivkräfte  und
gesellschaftliche  Reproduktion.  —  3.  Die  Produktivkräfte
und  die  Krisen.  —  4.  Die  Produktivkräfte  und  die
Kriege.  —  5.  Die  Produktivkräfte  und  die  Revolutionen.
—  6.  Die  proletarische  Revolution  als  notwendige  Bedingung ­
  zur  Beseitigung  der  kapitalistischen  Widersprüche. ­
  —  7.  Die  Unkosten  der  proletarischen  Revolution, ­
  —  8,  Formen  der  Unkosten  der  proletarischen
Revolution  und  Rückgang  der  Produktivkräfte,  —  9.  Das
neue  gesellschaftliche  Gleichgewicht  und  die  technische
Umwälzung,  —  10.  Methoden  der  technischen  Umwälzung. ­
  —  11.  Die  technische  Umwälzung,  Stadt  und
Land.
7.  Kapitel.  Allgemeine  Organisationsformen  der
Transformationsperiode  127
1.  Staatskapitalismus.  —  2,  System  der  sozialistischen
Diktatur.  —  3.  Die  Sozialisierung  (Vergesellschaftung).  —
4,  Die  Nationalisierung.  —  5.  Die  Munizipalisierung.  —
6,  Andere  Formen  der  Vergesellschaftung.
8.  Kapitel.  System  der  Produktionsverwaltung  unter
der  Diktatur  des  Proletariats  138
1.  Der  Klassencharakter  des  Staates  und  die  Verwaltungsmethoden. ­
  —  2,  Die  proletarische  Verwaltung  der
Industrie  in  der  Periode  der  Zerstörung  des  kapitalistischen ­
  Systems.  —  3.  Die  proletarische  Verwaltung
der  Industrie  in  kritischen  Perioden  („Militarisierung").
•—  4.  Verwaltung  und  Schulung  in  der  Verwaltung  in
verschiedenen  Phasen  des  Transformationsprozesses.  -—
5.  Der  wahrscheinliche  Verlauf  der  Entwicklung.
        <pb n="5" />
        Seite

9,  Kapitel,  Die  ökonomischen  Kategorien  des  Kapitalismus ­
  in  der  Uebergangsperiode  .151
1,  Die  Methodologie  der  marxistischen  Oekonomik;
die  objektiv-gesellschaftliche,  materiell-produktive  und
historisch-dialektische  Methode.  —  2,  Postulat  des
Gleichgewichts  des  Produktionssystems.  —  3.  Modifikation ­
  dieser  Gesichtspunkte  während  der  Uebergangsperiode: ­
  unproduktive  Gewinnung  von  Gebrauchswerten,
Mangel  einer  richtigen  Reproduktion  usw.  Gleichgewichtsmangel.
  —  4.  Ware,  •—  5.  Wert.  —  6.  Preis.  —
7,  Lohn  und  Profit.  —  8.  „Naturalisation"  des  ökonomischen ­
  Denkens.
10.  Kapitel,  Der  „außerökonomische“  Zwang  in  der
Uebergangsperiode  169
1.  Gewalt  und  Zwang  in  ihrem  Verhältnis  zur  Oekonomik. ­
  —  2,  Gewaltanwendung  in  den  Uebergangsperioden.
—  3.  Die  Staatsgewalt  als  konzentrierte  Gewaltanwendung. ­
  —  4.  Die  ökonomische  Bedeutung  der
proletarischen  Diktatur.  —  5.  Gewalt  und  Zwang  gegenüber ­
  den  nichtproletarischen  Schichten.  —  6.  Der  Zwang
als  Aeußerung  der  Selbstorganisation  der  Werktätigen.
—  7,  Absterben  des  Zwanges.
11.  Kapitel,  Der  Prozeß  der  Weltrevolution  und  das
Weltsystem  des  Kommunismus
1.  Das  Gleichgewichtssystcm  der  Weltwirtschaft.  —  2.  Der
Krieg  als  Störung  des  Produktionsgleichgewichtes.  —
3.  Der  Zusammenbruch  des  Systems,  angefangen  mit  den
schwächeren  Gliedern,  —  4.  Typen  der  kommunistischen
Revolution.  —  5.  Wechselverhältnis  zwischen  dem  Staat
des  Proletariats  und  dem  Staat  der  Bourgeoisie.  —
6.  Die  kommunistische  Revolution  und  kapitalistische ­
  Kolonien.  —  7.  Kristallisation  der  Sowjetrepubliken
und  ihre  Bündnisse,  —  8.  Die  proletarische  Weltdiktatur
und  ihre  Aufhebung.  —  9.  Das  Weltsystem  des  Kommunismus. ­

Tafel  1,  a)  Die  Weltwirtschaft  in  der  Epoche  des
Industriekapitalismus,
b)  Die  Weltwirtschaft  in  der  Epoche  des
Finanzkapitalismus.
        <pb n="6" />
        Tafel  2,
Tafel  3.
Tafel  4,
Tafel  5
Tafel  6,
Tafel  7

System  des  Staatskapitalismus.
Prozeß  der  gesellschaftlichen  Reproduktion,
Staatskapitalismus  und  System  der  proletarischen ­
  Diktatur.
Zusammenbruch  des  alten  Systems  und
Organisation  des  neuen,
Beziehungen  der  kapitalistischen  Hierarchie.
Stadt  und  Land  im  Transformationsprozeß.
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        Vorwort

Aufgabe  der  vorliegenden  Arbeit  ist  die  Widerlegung
der  üblichen,  vulgären,  quasi-marxistischen  Vorstellungen  sowohl ­
  über  den  Charakter  jenes  Zusammenbruchs,  der  von  den
großen  Schöpfern  des  wissenschaftlichen  Kommunismus  vorausgesagt ­
  wurde,  wie  über  den  Charakter  des  Umwandlungsprozesses
der  kapitalistischen  Gesellschaft  in  die  kommunistische.  Wer  sich
die  Revolution  des  Proletariats  als  einen  friedlichen  Uebergang
der  Macht  aus  den  Händen  der  einen  in  die  der  anderen  und  die
Umwälzung  in  den  Produktionsverhältnissen  als  Veränderung  in
den  Spitzen  der  Organisationsapparate  vorstellte,  wer  sich  den
klassischen  Typus  der  Revolution  des  Proletariats  so  ausmalte,  —
der  wird  sich  entsetzt  von  der  Welttragödie  abwenden,  die  nun
von  der  Menschheit  durchgemacht  wird.  Der  wird  außerstande
sein,  im  Rauch  der  Feuersbrünste,  im  Donner  des  Bürgerkrieges
die  erhabenen  und  feierlichen  Umrisse  der  kommenden  Gesellschaftsordnung ­
  wahrzunehmen.  Er  wird  für  immer  der  klägliche
Spießer  bleiben,  dessen  Mentalität  ebenso  feige  ist  wie  seine
„Politik“.  Er  wird  seine  eigene  Ohnmacht  der  Revolution  zuschreiben ­
  und  wird  alle  möglichen  Definitionen  für  sie  erfinden,
außer  derjenigen,  die  sie  in  Wirklichkeit  hat,  als  die  Revolution
des  Proletariats.
Die  harte  Lebenserfahrung  hat  gezeigt,  wie  recht  Marx  hatte,
wenn  er  erklärte:  „Wir  .  ,  .  sagen  den  Arbeitern:  Ihr  habt  15,  20,
50  Jahre  Bürgerkriege  und  Völkerkämpfe  durchzumachen,  nicht
        <pb n="8" />
        nur  um  die  Verhältnisse  zu  ändern,  sondern  um  Euch  selbst  zu
ändern.“*)
Die  alte  Gesellschaft  spaltet  sich,  sowohl  in  ihrer  Staats-,
wie  in  ihrer  Produktionsgestaltung,  zerfällt  bis  unten  hinab,  bis
zu  ihren  letzten  Tiefen.  Noch  niemals  hat  ein  so  gewaltiger
Bruch  stattgefunden.  Aber  anders  könnte  sich  die  Revolution
des  Proletariats  nicht  vollziehen,  das  aus  den  zerfallenen  Elementen, ­
  in  neuem  Zusammenhang,  in  neuen  Kombinationen,  nach
neuen  Prinzipien,  das  Fundament  der  neuen  Gesellschaft  baut.
Und  es  dabei  als  Klassensubjekt  baut,  als  organisierte  Macht,  die
einen  Plan  besitzt  und  den  höchsten  Willen,  diesen  Plan  zu  verwirklichen, ­
  ungeachtet  aller  Hindernisse.  Einen  entsetzlichen
Preis  zahlt  die  Menschheit  für  die  Laster  des  kapitalistischen
Systems.  Und  nur  eine  Klasse  wie  das  Proletariat,  die  Prometheus-Klasse, ­
  wird  imstande  sein,  die  unvermeidlichen  Qualen
der  Transformationsperiode  zu  ertragen,  um  dann  die  Fackel
der  kommunistischen  Gesellschaft  anzuzünden.
Eine  Analyse  der  Transformationsepoche  ist  es  auch,  was  ich
in  Grundzügen  in  dieser  Arbeit  zu  geben  versuche.  Als  zweiten
Teil  möchte  ich  später  eine  konkret-beschreibende  Arbeit  über
die  heutige  russische  Wirtschaft  herausgeben.  Das  Bedürfnis
nach  einer  solchen  verallgemeinernden  Arbeit  ist  ungeheuer
groß.  Es  ist  auch  reichlich  viel  Material  angehäuft;  man  müßte
es  untersuchen  und  theoretisch  verarbeiten.
Die  Parole  des  Verfassers  war:  zu  Ende  denken,  ohne  vor
irgend  welchen  Folgerungen  zurückzuschrecken.  Es  fehlte  leider
an  Zeit,  um  diese  Arbeit  populär  darzustellen,  und  so  mußte  sie
fast  in  algebraischen  Formeln  niedergeschrieben  werden.  Der
Verfasser  würde  seine  Arbeit  als  vollbracht  betrachten,  wenn  diejenigen, ­
  die  einen  analogen  Gedankengang  angeschnitten  haben,
*)  „Enthüllungen  über  den  Komraunistenprozeß  in  Köln",  Berlin  1914,
Seite  52.
        <pb n="9" />
        diesen  in  ei ne  endgültige  Form  bringen  würden,  und  diejenigen,
die  an  naiven  Illusionen  reformistischer  Natur  festhalten,  wenigstens ­
  auf  den  Gedanken  kämen,  daß  es  sich  mit  der  Sache  viel
komplizierter  verhält,  als  sie  in  den  vulgären  Broschüren  nach
Renegatenmuster  aussieht.
Es  erübrigt  sich,  zu  bemerken,  daß  des  Verfassers  Leitfaden
die  Marxsche  Methode  war,  eine  Methode,  deren  erkenntnistheoretischer ­
  Wert  nunmehr  in  ihrer  ganzen  gigantischen  Größe
erkannt  worden  ist.

N.  ßucf)arin.
        <pb n="10" />
        I  Bucharin:  Oekonomik.

1

1.  Kapitel
Struktur  des  Weltkapitalismus.
1.  Der  moderne  Kapitalismus  als  LPeltkapiialismus.  2.  Subjekte
der  Wirtschaft—  staallicß-kapitalistiscOe  Trusts.  3.  Anarchie  der
JVeltproduktion  und  Konkurrenz.  4.  Krisen  und  Kriege.  5.  Zentralisation ­
  des  Kapitals.
Die  theoretische  Nationalökonomie  ist  die  Wissenschaft  von
der  sozialen  Wirtschaft,  die  auf  Warenproduktion  beruht,  d.  h.
die  Wissenschaft  von  der  unorganisierten  sozialen  Wirtschaft.
Nur  in  der  Gesellschaft,  wo  die  Produktion  anarchisch  ist,  genau
so  wie  auch  die  Verteilung  der  Produkte  anarchisch  ist,  offenbart
sich  die  Gesetzmäßigkeit  des  gesellschaftlichen  Lebens  in  Gestalt
von  „elementaren  Naturgesetzen 1 ',  die  unabhängig  sind  vom
Willen  der  Einzelnen  oder  der  Gemeinschaften,  von  Gesetzen,
die  mit  derselben  „blinden“  Notwendigkeit  wirken  wie  „das  Gesetz ­
  der  Schwere,  wenn  einem  das  Haus  über  dem  Kopf  zusammenpurzelt“.*) ­
  Marx  hat  als  erster  diese  spezifische  Eigentümlichkeit ­
  der  Warenproduktion  hervorgehoben  und  hat  in  seiner
Lehre  vom  Waren-Fetischismus  eine  glänzende  soziologische  Einführung ­
  in  die  theoretische  Wirtschaftslehre  gegeben,  indem  er  die
letztere  als  historisch  begrenzte  Disziplin  begründete.**)  In  der
Tat,  sobald  wir  eine  organisierte  gesellschaftliche  Wirtschaft
*)  Marx;  „Das  Kapital",  Hamburg  1914,  7.  Auflage,  Bd.  L  S.  41,
**)  Viel  schlechter,  aber  verschrobener  entwickelt  dieselben  Gedanken
darüber  Heinrich  Diezel  in;  „Theoretische  Sozialökonomik".  Man  vergl,  auch
P,  Struves;  „Wirtschaft  und  Preis"  (russ.).
        <pb n="11" />
        2

betrachten,  verschwinden  alle  grundlegenden  „Probleme"  der
politischen  Oekonomie:  die  Probleme  des  Wertes,  des  Preises,  des
Profites  usw.  Hier  werden  die  „Beziehungen  zwischen  Menschen"
nicht  ausgedrückt  in  „Beziehungen  zwischen  Sachen“,  und  die
gesellschaftliche  Wirtschaft  wird  nicht  von  den  blinden  Kräften
des  Marktes  und  der  Konkurrenz  reguliert,  sondern  von  einem
bewußt  durchgeführten  Plan.  Deshalb  kann  hier  ein  gewisses
System  der  Beschreibung  einerseits  und  ein  System  der  Normen
andererseits  Platz  finden.  Aber  da  bleibt  kein  Raum  für  eine
Wissenschaft,  die  die  „blinden  •'Gesetze"  des  Marktes  studiert,
denn  der  Markt  selbst  fehlt.  Auf  diese  Weise  bedeutet  das  Ende
der  auf  kapitalistischer  Warenproduktion  beruhenden  Gesellschaft ­
  auch  das  Ende  der  politischen  Oekonomie.
Die  Nationalökonomie  erforscht  also  die  Waren-Wirtschaft.
Dabei  deckt  sich  die  Waren  produzierende  Gesellschaft
keineswegs  mit  der  einfachen  Summe  der  Individualwirtschaften.
Schon  Rodbertus  hat  in  seiner  Polemik  gegen  Bastiat  das  Vorhandensein ­
  eines  besonderen  Wirtschaftsmilieus  glänzend  erläutert, ­
  eines  besonderen  Zusammenhanges,  den  er  als  „wirtschaftliche ­
  Gemeinschaft“  kennzeichnete.  Hätten  wir  es  mit
einer  einfachen  Summe  von  Wirtschaften  zu  tun,  so  gäbe  es
keine  Gesellschaft,  Die  „Summe"  ist  eine  rein  logische  Einheit,
aber  kein  real  existierender  Komplex,
Es  ist  für  die  reine  Theorie  völlig  gleichgültig,  wie  groß  der
Umfang  ist,  wie  die  gegebene  gesellschaftliche  Wirtschaft  räumlich ­
  charakterisiert  ist.  Gerade  deshalb  verspottete  Marx  so  sehr
die  Bezeichnung  „Nationalökonomie“,  für  die  die  patriotischen
deutschen  Professoren  so  viel  übrig  haben.  Verhältnismäßig
untergeordnet  für  die  abstrakte  Theorie  ist  ebenso  die  Frage,  wer
als  Subjekt  der  einzelnen  Wirtschaft  auftritt.  Vorderhand  wichtig
ist  der  Typus  des  Zusammenhanges  zwischen  diesen  Wirtschaften
und  namentlich  der  Typus  des  unorganisierten  Zusammenhanges
        <pb n="12" />
        1*  Bucharin;  Oekonomilc.

3

durch  den  Austausch.  Für  eine  konkrete  Untersuchung,  die  sich
auf  die  Ableitung  allgemeiner  Gesetze  nicht  beschränkt,  sind  dagegen ­
  alle  diese  Fragen  von  größter  Bedeutung.
Der  moderne  Kapitalismus  ist  ein  Weltkapitalismus,  Dies
bedeutet,  daß  die  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse  in  der
ganzen  Welt  herrschen  und  alle  Teile  unseres  Planeten  mit  einem
festen  wirtschaftlichen  Band  verbinden.  Zu  unserer  Zeit  findet
die  soziale  Wirtschaft  ihren  konkreten  Ausdruck  in  der  Weltwirtschaft. ­
  Die  Weltwirtschaft  ist  eine  real  existierende  Einheit.
Deshalb  gehen  Definitionen  wie  die  eines  neueren  Forschers,  Dr.
Karl  Tyszka,  vollkommen  fehl.  Tyszka*)  schreibt;  „Wie  die
Volkswirtschaft  sich  aus  der  Summe  der  Wirtschaften  von  Volksgenossen ­
  zusammensetzt,  gleich  ob  dies  nun  Einzelwirtschaften
oder  Korporationswirtschaften  sind,  so  besteht  die  Weltwirtschaft ­
  aus  einer  Summe  von  Volkswirtschaften.“  —  „Die  Summe
der  Volkswirtschaften,  die  von  der  Gestaltung  der  Weltmarktlage ­
  wesentlich  beeinflußt  werden,  bildet  die  Weltwirtschaft.“
Die  erste  Definition  stimmt  mit  der  zweiten  nicht  überein;  die
zweite  birgt  einen  inneren  Widerspruch,  denn  der  Begriff  der  einfachen ­
  Summe  schließt  den  organischen  Zusammenhang  aus.  Die
Summe  der  Krebse  im  Korb  ist  keine  reale  Einheit.  Die  Anzahl
der  jährlich  geborenen  Kinder,  die  zu  einer  statistischen  Gesamtsumme ­
  „zusammengefaßt“  werden,  stellt  ebenso  keine  reale  Einheit ­
  dar.  Das  Vorhandensein  eines  besonderen  organischen  Zusammenhanges ­
  —  das  macht  erst  die  einfache  Gesamtsumme  zu
einer  realen  Gesamtheit.  Aber  gerade  eine  solche  Gesamtheit
schließt  den  Begriff  der  arithmetischen  Summe  aus,  denn  sie  ist
viel  größer  und  komplizierter  als  diese  Summe,
Inwiefern  die  Gesellschaft  eine  Gesellschaft  darstellt,  die
nicht  Produkte,  sondern  Waren  erzeugt,  insofern  ist  sic  eine  un-*)
  Dr.  Karl  von  Tyszka:  „Das  weltwirtschaftliche  Problem  der  modernen
Industriestaaten",  Jena,  1916,  S,  1.
        <pb n="13" />
        4

organisierte  Einheit.  Der  gesellschaftliche  Charakter  der  Arbeit
und  der  gesellschaftliche  Charakter  des  Produktionsprozesses
'äußern  sich  hier  in  einer  beständigen  Bewegung  der  ausgetauschten ­
  Waren,  in  Schwankungen  der  Marktpreise.  Dieser  gesellschaftliche ­
  Charakter  der  Arbeit  offenbart  sich  jedoch  nicht
so  einfach  und  klar  wie  in  dem  Fall,  wenn  wir  eine  zweckmäßige
gesellschaftliche  Arbeitsorganisation  vor  uns  haben.
Die  Warengesellschaft  ist  ein  System  mit  einem  besonderen
Typus  des  Zusammenhanges,  aus  dessen  Charakter  sich  ganz
spezifische  Kategorien  der  Warenwelt  ergeben.  Dieses  System
ist  keine  „teleologische  Einheit“,  d.  h.  kein  bewußt  geleitetes
System  nach  bestimmtem  Plan,  Ein  solcher  Plan  ist  nicht  vorhanden. ­
  Hier  fehlt  sogar  das  Subjekt  des  Wirtschaftsprozesses.
Eigentlich  ist  es  so,  daß  hier  nicht  die  „Gesellschaft  erzeugt",
sondern  „es  wird  in  der  Gesellschaft  erzeugt".  Und  gerade  deshalb ­
  beherrschen  nicht  die  Menschen  das  Produkt,  sondern  das
Produkt  beherrscht  die  Menschen,  und  die  „elementare  Kraft“
der  wirtschaftlichen  Entwicklung  paßt  in  den  gewünschten
Rahmen  nicht  hinein.  Wenn  die  gesamte  Gesellschaft  bei  der
Warenproduktion  —  folglich  auch  bei  der  kapitalistischen
Methode  der  Produktion  —  blind  ist,  wenn  sie  in  ihrer  Gesamtheit ­
  keine  teleologische  Einheit  ist,  so  sind  es  ihre  einzelnen
Teile.  Die  Gesellschaft  besteht  aus  solchen  Teilen,  die  untereinander ­
  verbunden  sind.  Wirtschaftende  Subjekte  sind  in  dieser
Warengesellschaft  gerade  diese  Teile,  während  ihr  System  unpersönlich, ­
  blind  und  in  diesem  Sinne  irrational  ist.
Diese  „Irrationalität“  bildet  auch  die  grundsätzliche  Voraussetzung ­
  für  die  Existenz  der  politischen  Oekonomie,  Aber  gerade
das  wird  von  den  meisten  bürgerlichen  Oekonomen  verkannt.
So  würde  laut  Harms*)  keine  Weltwirtschaft  bestehen,  wenn  es
*)  Bernhard  Harms:  „Volkswirtschaft  und  Weltwirtschaft“,  Jena,  Gustav
Fischer,  1912.
        <pb n="14" />
        5

keine  internationalen  Handelsverträge  gäbe,  Kobatsch*)  meint
überhaupt,  daß  die  Weltwirtschaft  noch  nicht  da  ist,  sondern  erst
dann  da  sein  wird,  wenn  ein  Weltstaat  bestehen  wird.  Calwer
spricht  von  der  „Weltmarktwirtschaft".  In  der  ganzen  Polemik
zwischen  Harms  und  C.  Diehl**)  findet  man  nicht  einmal  die  Spur
einer  richtigen  Fragestellung.  Die  Suche  nach  einer  „Regulierung"
als  konstitutivem  Merkmal  der  Wirtschaft  geht  gerade  von  einer
absolut  irrigen  Vorstellung  über  die  Natur  des  kapitalistischen
gesellschaftlichen  Organismus  aus.  Zur  Begründung  einer  Wissenschaft ­
  sucht  man  ein  Prinzip,  das  den  Tod  dieser  Wissenschaft
bedeutet.
Nun  entsteht  die  Frage,  was  die  bewußt  wirkenden  Bestandteile ­
  der  kapitalistischen  Weltwirtschaft  sind.  Theoretisch  ist
ein  Weltkapitalismus  denkbar  als  System  von  einzelnen  Privatunternehmen. ­
  Doch  die  Struktur  des  modernen  Kapitalismus  ist
derart,  daß  kollektiv-kapitalistische  Organisationen  auftreten  als
Subjekte  der  Wirtschaft;  „staatskapitalistische  Trusts".*“*)
Das  Finanzkapital  hat  die  Anarchie  der  Produktion  innerhalb ­
  der  großkapitalistischen  Länder  aufgehoben.  Die  monopolistischen ­
  Unternehmerverbände,  die  kombinierten  Unternehmen
und  das  Eindringen  des  Bankkapitals  in  die  Industrie  haben
einen  neuen  Typus  der  Produktionsverhältnisse  geschaffen,  indem ­
  sie  das  unorganisierte  warenkapitalistische  System  in  eine
finanzkapitalistische  Organisation  verwandelten.  An  Stelle  des
unorganisierten  Zusammenhanges  des  einen  Unternehmens  mit
*)  Kobatsch;  „La  politique  economique  internationale",  Paris,  Giard  et
Briere,
**)  Carl  Diehl;  „Privatwirtschaftslehre,  Volkswirtschaftslehre,  Weltwirtschaftslehre" ­
  in  „Conrads  Jahrbüchern".  B.  Harms:  „Volkswirtschaft  und
Weltwirtschaft"  (Antikritische  Darlegungen)  im  „Weltwirtschaftlichen
Archiv“  1914,  1,  S,  196  ff.
***)  Dieser  Begriff  ist  vom  Verfasser  dieses  Buches  eingeführt  worden.
Siehe  N.  Bucharin;  „Weltwirtschaft  und  Imperialismus".  Petersburg  1918
(russisch).
        <pb n="15" />
        6

den  anderen  durch  Kauf  und  Verkauf  ist  in  weitem  Maße  der
organisierte  Zusammenhang  getreten  durch  ,,Kontroll-Pakete“
von  Aktien,  durch  „Beteiligung“  und  „Finanzierung",  die  ihren
persönlichen  Ausdruck  finden  in  den  gemeinsamen  „Dirigenten“
der  Banken  und  der  Industrie,  sowie  der  Konzerne  und  Trusts.
Dadurch  wird  das  Austauschverhältnis,  das  die  gesellschaftliche
Arbeitsteilung  und  die  Spaltung  der  gesellschaftlich  produzierenden ­
  Organisation  in  selbständige  kapitalistische  „Unternehmen“
ausdrückt,  ersetzt  durch  eine  technische  Arbeitsteilung  innerhalb
der  organisierten  „Volkswirtschaft“.
Die  Zersplitterung  der  kapitalistischen  Produktion,  ihr
anarchischer  Zustand  greift  jedoch  weit  über  die  Grenzen  der
gesellschaftlichen  Arbeitsteilung  hinaus.  Unter  Arbeitsteilung
verstand  man  stets  die  Teilung  der  Gesamtarbeit  in  verschiedene
„Arbeiten“.*)  Speziell  unter  gesellschaftlicher  Arbeitsteilung
verstand  und  versteht  man  die  Verteilung  der  Arbeit  unter  die
einzelnen  Unternehmen.  Die  kapitalistischen  Unternehmen,  die
„unabhängig“  voneinander  sind,  sind  dennoch  aufeinander  angewiesen, ­
  denn  der  eine  Produktionszweig  liefert  Rohmaterial,
Hilfsmittel  usw,  für  den  anderen.
*)  Die  Frage  der  Arbeitsteilung  ist  verhältnismäßig  wenig  erforscht,
aber  bezüglich  des  verschiedenen  Arbeitscharakters  herrscht  völlige  Einstimmigkeit. ­
  Vergl.  William  Petty;  „The  economic  writing^  v.  I,  „Political  Arithmetic"
  S.  260ff;  ders.:  „Another  Essay  in  Polit.  Arithm.  (Band  II.  der  Werke,
S.  473  ff.);  A,  Smith:  „An  inquiry  into  the  nature“,  book  I.  ch,  I,  („The  Separation ­
  of  different  trades  and  employraents  from  one  another").  Marx:
„Kapital"  Band  Lj  ebenso  neuere  Schriftsteller,  Vergl.  Gustav  Schmoller:
„Die  Tatsachen  der  Arbeitsteilung"  Jahrbücher,  1889;  derselbe;  „Das  Wesen
der  Arbeitsteilung  und  der  sozialen  Klassenbildung"  Jahrbücher,  1890;  Emile
Dürkheim;  „De  la  division  du  travail  social",  Paris,  1893  (eine  in  ihrer  Art
einzig  dastehende  Arbeit,  die  speziell  dieser  Frage  gewidmet  ist);  J.  B.  Clark:
„The  Distribution  of  Wealth“  N—Y.  1908,  S,  11—12;  J.  Fisher:  „Elementary
principles  of  economics“  N—Y.  1912,  S.  193;  F.  Oppenheimer  („Theorie  der
reinen  und  politischen  Oekonomic“)  glaubt  originell  zu  sein,  wenn  er  eine'
Arbeitsteilung  .  .  .  zwischen  dem  Arbeiter  und  der  Maschine  einführtl  (Seite
115  ff.)  Interessant  sind  die  Klassifikationen  Lexis’  in:  „Allgemeine  Volkswirtschaftslehre," ­
        <pb n="16" />
        7

Man  darf  jedoch  zwei  Dinge  nicht  verwechseln;  die  Zersplitterung ­
  der  gesellschaftlichen  Arbeit,  die  sich  aus  der  Tatsache ­
  der  gesellschaftlichen  Arbeitsteilung  ergibt  —  einerseits,
und  die  Zersplitterung  der  gesellschaftlichen  Arbeit,  die  diese
Arbeitsteilung  negiert,  —  andererseits.  In  der  Tat,  die  einzelnen
Warenproduzenten  bestehen  nicht  nur  deshalb,  weil  verschiedene
Arbeitsformen  vorhanden  sind.  Im  Rahmen  jedes  einzelnen  Produktionszweiges, ­
  ja  sogar  im  Rahmen  der  spezialisierten  und
kleineren  Produktionsabteilungen  besteht  gleichzeitig  eine  große
Anzahl  selbständiger  Warenproduzenten.  Mit  anderen  Worten,
die  anarchische  Struktur  der  Waren  produzierenden  Gesellschaft
findet  ihren  Ausdruck  in  der  Existenz  von  getrennten  „Unternehmen". ­
  Diese  „Unternehmen"  stehen  ihrerseits  in  verschiedenem
Verhältnis  zueinander:  entweder  sie  sind  miteinander  verbunden ­
  durch  Kauf  und  Verkauf  (verschiedenartige  Unternehmen) ­
  ,  oder  sie  stehen  sich  als  Konkurrenten  gegenüber
(gleichartige  Unternehmen).  Der  Besitzer  einer  Schneiderwerkstatt ­
  ist  mit  dem  Tuchfabrikanten  so  verbunden,  daß  er  bei  ihm
das  Tuch  kauft,  aber  in  bezug  auf  einen  anderen  ebensolchen
Unternehmer  ist  er  ein  Konkurrent,  der  durch  keine  Tauschoperationen ­
  mit  ihm  verbunden  ist.  Das  gleichzeitige  Bestehen
eines  Schneider-  und  eines  Tuch  Unternehmens  bildet  den  Ausdruck ­
  der  gesellschaftlichen  Arbeitsteilung.  Hingegen  drückt  das
gleichzeitige  Bestehen  einiger  Schneider-Unternehmen  keinerlei
gesellschaftliche  Arbeitsteilung  aus.
Dieser  Unterschied  muß  ernsthaft  beachtet  werden.
Gewöhnlich  bringt  man  die  Anarchie  der  kapitalistischen
Produktion  in  Zusammenhang  mit  der  Marktkonkurrenz  und
sonst  nichts.  Nun  aber  sehen  wir,  daß  die  Marktkonkurrenz
bloß  den  einen  Teil,  lediglich  den  einen  Typus  des  „Seins"  der
einzelnen  Warenproduzenten  ausdrückt,  nämlich  jenen  Typus
        <pb n="17" />
        8

der  Wechselbeziehungen,  der  mit  der  Teilung  der  gesellschaftlichen ­
  Arbeit  in  keinem  Zusammenhang  steht.
Dessenungeachtet  führen,  infolge  der  gegenseitigen  Abhängigkeit ­
  aller  Teile  der  sozialen  Wirtschaft,  auch  die  verschiedenartigen ­
  Unternehmen  einen  Kampf  untereinander.  Die  kapitalistische ­
  Gesellschaft  ist  eine  Gesellschaft,  die  Mehrwert  erzeugt.
Wiederum  ist  der  Verteilungsprozeß  der  Prozeß  der  Verteilung
des  Mehrwertes  unter  den  Subjekten  der  kapitalistischen  Wirtschaft. ­
  Jedes  Unternehmen  realisiert  keineswegs  den  Mehrwert,
der  von  ihm  selbst  erzeugt  wird.  Schon  das  elementarste  Gesetz
des  Kapitalismus  —  das  Streben  der  Profitrate  nach  Ausgleichung
—  „entstellt“  absolut  eine  solche  Einfachheit  der  Beziehungen.*)
Das  Bild  kompliziert  sich  noch  mehr  mit  der  Bildung  von  allen
möglichen  kapitalistischen  Monopolen.  Daraus  ergibt  sich,  daß
der  Kampf  um  die  Teilung  des  Mehrwertes  unter  den  verschiedenen ­
  wirtschaftenden  Subjekten  (ob  Einzelpersonen  oder
Korporationen  ist  natürlich  vollkommen  egal)  einen  verschiedenen
Charakter  tragen  muß.  Wir  werden  daher  drei  Arten  des  Konkurrenzkampfes ­
  zu  unterscheiden  haben,
1,  Unter  Horizontalkonkurrenz  wollen  wir  die  Konkurrenz
unter  gleichartigen  Unternehmen  verstehen.  Hier  stützt  sich  die
im  Konkurrenzkampf  zum  Ausdruck  kommende  Anarchie  auf
keine  gesellschaftliche  Teilung,
2,  Unter  Vertikalkonkurrenz  verstehen  wir  den  Kampf  unter
verschiedenartigen  Unternehmen,  deren  getrenntes  Bestehen  die
Tatsache  der  gesellschaftlichen  Arbeitsteilung  ausdrückt.
3,  Unter  kombinierter  (zusammengesetzter)  Konkurrenz  verstehen ­
  wir  schließlich  den  Kampf,  den  die  kombinierten  Unternehmen ­
  führen,  d.  h,  jene  kapitalistischen  Einheiten,  die  verschiedene ­
  Produktionszweige  umfassen,  die  also  die  gesellschaftliche ­
  Arbeitsteilung  in  eine  technische  Teilung  verwandeln.
*)  Marx  „Kapital",  Hamburg,  1919,  Band  III.  Teil  I.  S.  151.
        <pb n="18" />
        9

Als  Kriterium  der  Einteilung  der  Konkurrenz-Arten  dient
hier  der  Typus  des  Unternehmens,  was  sich  seinerseits  auf  dieses
oder  jenes  Verhältnis  zur  gesellschaftlichen  Arbeitsteilung,  d.  h.
zu  den  grundlegenden  Produktionsbeziehungen  der  Warenwelt,
stützt.
Aus  dieser  Umgrenzung  ergibt  sich  auch  die  Abgrenzung
der  Methoden  des  Konkurrenzkampfes.  Es  ist  in  der  Tat  vollkommen ­
  klar,  daß,  während  die  Horizontalkonkurrenz  mit
billigen  Marktpreisen  (der  „klassischste“  Typus  der  Konkurrenz)
operieren  kann,  bei  der  Vertikalkonkurrenz  die  Methode  der
wohlfeilen  Preise  anderen  Methoden  Platz  machen  muß.  Und
wir  sehen  auch  wirklich,  daß  hier  die  Methoden  des  direkten
Druckes,  einer  gewissen  action  directe,  von  seiten  des  Kapitals
die  Hauptrolle  zu  spielen  anfangen,  so  in  erster  Linie  der  Boykott ­
  als  die  elementarste  Form.
Die  Aenderung  der  Methoden  des  Konkurrenzkampfes  tritt
noch  mehr  hervor,  sobald  dieser  Kampf  aus  der  Sphäre  der
Marktverhältnisse  heraustritt,  auch  selbst  wenn  er  die  Verhältnisse ­
  dieses  Marktes  zum  Ausgangspunkt  hat.  Der  Preis  ist  die
allgemeine  Kategorie  der  Waren  produzierenden  Gesellschaft,
und  daher  findet  jede  Gleichgewichtsstörung  ihren  Ausdruck  in
einer  bestimmten  Bewegung  der  Preise.  Die  Kategorie  des  Profites
ist  undenkbar  ohne  die  Kategorie  des  Preises,  Kurzum,  jede  ökonomische ­
  Erscheinung  der  kapitalistischen  Welt  ist  auf  diese  oder
jene  Art  an  den  Preis  und  folglich  auch  an  den  Absatzmarkt
gebunden.  Doch  das  bedeutet  nicht,  daß  jede  ökonomische  Erscheinung ­
  eine  Erscheinung  des  Marktes  ist.  Ein  analoger  Satz
gilt  auch  für  die  Konkurrenz.  Bisher  wurde  hauptsächlich  die
Marktkonkurrenz  betrachtet,  die  für  den  Typus  der  Horizonialkonkurrenz
  im  allgemeinen  charakteristisch  war,  Aber  der  Konkurrenzkampf, ­
  d,  h.  der  Kampf  zwischen  kapitalistischen  Unternehmen ­
  kann  auch  außerhalb  des  Marktes  im  eigentlichen  Sinne
        <pb n="19" />
        des  Wortes  geführt  werden.  So  zum  Beispiel  der  Kampf  um
die  Anlagesphären  des  Kapitals,  d.  h.  um  die  Möglichkeit  der
Erweiterung  des  Produktionsprozesses  selbst.  In  diesem  Fall
ist  es  wiederum  klar,  daß  hier  andere  Kampfmethoden  angewandt
werden  müssen  als  im  „klassischen“  Fall  der  Horizontalkonkurrenz ­
  auf  dem  Markte.
Wir  müssen  jetzt  zum  modernen  Weltkapitalismus  zurückkehren.

Wir  hoben  bereits  hervor,  daß  die  Einheiten,  die  das  System
der  modernen  Weltwirtschaft  ausmachen,  nicht  die  einzelnen
Unternehmen,  sondern  komplizierte  Komplexe,  „staats-kapitalistische
  Trusts“,  sind.  Freilich,  internationale  Verbindungen  bestehen ­
  auch  unter  den  einzelnen  Unternehmen  der  verschiedenen
„Länder“,  wobei  die  Art  dieser  Verbindungen  in  jedem  konkreten ­
  Fall  direkt  entgegengesetzt  sein  kann  der  Art,  wie  diese
„Länder“  selbst  untereinander  verbunden  sind.  Doch  in  der
letzten  Zeit  werden  die  Beziehungen  zwischen  ganzen  Komplexen
vorwiegend.  Die  kapitalistische  „Volkswirtschaft"  ist  aus  einem
irrationalen  System  zu  einer  rationalen  Organisation  geworden,
aus  einer  subjektlosen  Wirtschaft  zu  einem  wirtschaftenden
Subjekt.  Diese  Umwandlung  ist  durch  das  Wachstum  des  Finanzkapitalismus ­
  und  die  Verschmelzung  zwischen  der  wirtschaftlichen
und  politischen  Organisation  der  Bourgeoisie  gegeben.  Zugleich
aber  wurde  weder  die  Anarchie  der  kapitalistischen  Produktion
überhaupt,  noch  die  Konkurrenz  der  kapitalistischen  Warenproduzenten ­
  aufgehoben.  Diese  Erscheinungen  sind  nicht  nur  geblieben, ­
  sondern  haben  sich  vertieft,  indem  sie  sich  im  Rahmen
der  We/fwirtschaft  reproduzieren.  Das  Weltwirtschafts-System
ist  ebenso  blind  irrational  und  „subjektlos",  wie  das  frühere
System  der  Verwirtschaft
Die  Warenwirtschaft  verschwindet  hier  keineswegs  vollständig, ­
  obwohl  sie  innerhalb  des  Landes  entweder  abstirbt  oder
        <pb n="20" />
        ■  /

11

zusammenschrumpft,  indem  sie  einer  organisierten  Verteilung
Platz  macht,  Der  Warenmarkt  wird  bloß  tatsächlich  zum  Weltmarkt ­
  und  hört  auf,  „national“  zu  sein.  Hier  wird  genau  derselbe ­
  Prozeß  wahrgenommen  wie  bei  der  Verschmelzung  zweier
oder  mehrerer  verschiedenartiger  Unternehmen  zu  einer  kombinierten ­
  Einheit,  wo  die  Rohstoffe  zum  Halbfabrikat  und  dann
zum  Ganzfabrikat  verarbeitet  werden;  aber  so,  daß  die  entsprechende ­
  Bewegung  der  Produkte  von  keiner  entgegengesetzten
Bewegung  des  Geld-Aequivalents  begleitet  wird;  die  „Wirtschaftsgüter“ ­
  innerhalb  des  kombinierten  Unternehmens  werden
in  Umlauf  gesetzt  nicht  als  Waren,  sondern  gerade  als  Produkte
und  stellen  nur  insofern  Waren  dar,  inwiefern  sie  aus  dem  kombinierten ­
  Gesamtkomplex  hinausgeschleudert  werden.  Genau
so  ist  das  innerhalb  des  Landes  organisiert  verteilte  Produkt  nur
eine  Ware,  insofern  sein  Sein  mit  der  Existenz  des  Weltmarktes
verbunden  ist.  Der  Unterschied  —  im  Vergleich  zur  Volkswirtschaft ­
  —  liegt  lediglich  in  der  Breite  des  Volkswirtschaftssystems
und  im  Charakter  der  Bestandteile  dieses  Systems,
Der  besondere  Charakter  der  staats-kapitalistischen  Trusts
erklärt  uns  auch  den  besonderen  Typus  des  Konkurrenzkampfes.
Der  staats-kapitalistische  Trust  ist  eigentlich  ein  riesiges  kombiniertes ­
  Unternehmen.  Einander  gegenübergestellt  stehen  sich
die  staats-kapitalistischen  Trusts  nicht  nur  als  Einheiten  gegenüber, ­
  die  eine  und  dieselbe  „Weltware“  produzieren,  sondern
auch  als  Teile  der  geteilten  gesellschaftlichen  Weltarbeit,  als
Einheiten,  die  sich  wirtschaftlich  gegenseitig  ergänzen.  Folglich
vollzieht  sich  der  Kampf  gleichzeitig  sowohl  in  horizontaler,  als
auch  in  vertikaler  Linie:  dieser  Kampf  ist  die  zusammengesetzte
Konkurrenz.
Der  Uebergang  zum  System  des  Finanzkapitalismus  verstärkte ­
  immermehr  den  Umwandlungsprozeß  der  einfachen  horizontalen ­
  Marktkonkurrenz  in  die  kombinierte  Konkurrenz.  Da
        <pb n="21" />
        dem  Konkurrenz-Typus  auch  die  Methode  des  Kampfes  entspricht, ­
  so  folgte  daraus  unvermeidlich  eine  „Zuspitzung  der  Beziehungen“ ­
  auf  dem  Weltmärkte.  Die  vertikale  und  die  kombinierte ­
  Konkurrenz  werden  von  Methoden  der  unmittelbaren
Machteinwirkung  begleitet.  Deshalb  ruft  das  System  des  Weltfinanzkapitals ­
  unvermeidlich  den  bewaffneten  Kampf  der  imperialistischen ­
  Konkurrenten  hervor.  Hierin  Hegt  auch  die  Wurzel
des  Imperialismus.
Der  Kampf  der  finanzkapitalistischen  staatlichen  Organisationen ­
  ist  der  krasseste  Ausdruck  für  die  Gegensätze  und  die
Anarchie  der  kapitalistischen  Produktionsmethode,  wo  die  im
Weltmaßstab  vergesellschaftete  Arbeit  auf  .staatlich-,.nationale“
Subjekte  der  Aneignung  stößt.  Der  Konflikt  zwischen  der  Entfaltung ­
  der  Produktivkräfte  und  den  kapitalistischen  Produktionsverhältnissen ­
  muß  —  insofern  das  ganze  System  nicht  gesprengt ­
  wird  —  vorübergehend  die  Produktivkräfte  herabsetzen,
damit  ein  weiterer  Kreislauf  ihrer  Entwicklung  unter  derselben
kapitalistischen  Hülle  beginnen  kann.  Diese  Zerstörung  der  Produktivkräfte ­
  bildet  die  conditio  sine  qua  non  der  kapitalistischen
Entwicklung,  und  von  diesem  Standpunkt  aus  bilden  die  Krisen
die  Konkurrenzkosten  und  —  als  Spezialfall  dieser  Kosten  —
die  Kriege  die  notwendigen  faux  frais  der  kapitalistischen  Reproduktion. ­
  Ein  vorübergebendes  Gleichgewicht  wird  hier  eigentlich ­
  auf  zweierlei  Art  erreicht:  erstens  durch  eine  direkte  Herabsetzung ­
  der  Produktivkräfte,  die  in  einer  Vernichtung  der
Werte  ihren  Ausdruck  findet;  zweitens  in  einer  partiellen  Aufhebung ­
  der  Reibungen  unter  den  einzelnen  Elementen  des  Wirtschaftssystems. ­
  Die  letztere  drückt  sich  in  der  Zentralisation
des  Kapitals  aus.
Die  Zentralisation  des  Kapitals  verzehrt  die  Konkurrenz,
aber  andererseits  reproduziert  sie  beständig  diese  Konkurrenz
auf  erweiterter  Basis,  Sie  vernichtet  die  Anarchie  der  kleinen
12
        <pb n="22" />
        13

Produktionseinheiten,  aber  sie  verschärft  danach  die  anarchischen
Beziehungen  zwischen  den  großen  Produktionsteilen,  Die  „Reibungen" ­
  im  allgemeinen  Wirtschaftssystem  verschwinden  an  dem
einen  Orte,  nur  um  in  viel  größeren  Dimensionen  an  anderem
Orte  aufzutauchen;  sie  verwandeln  sich  in  Reibungen  zwischen
den  Grundtcilen  des  großen  We/tmechanismus.
Die  Zentralisation  des  Kapitals  vollzieht  sich  nach  denselben
drei  Grundlinien,  auf  denen  der  Konkurrenzkampf  fortschreitet;
es  ist  entweder  eine  horizontale  Zentralisation,  wenn  ein  Aufsaugen ­
  gleichartiger  Unternehmen  geschieht,  oder  eine  vertikale
Zentralisation,  wenn  sich  eine  Verschmelzung  verschiedenartiger
Unternehmen  vollzieht,  oder  schließlich  eine  kombinierte  Zentralisation, ­
  wenn  eine  Kombination  von  Kombinationen  oder  eine
Kombination  aus  einem  kombinierten  und  einem  einfachen  Unternehmen ­
  entsteht.  In  der  Wc/fwirtschaft  findet  die  Zentralisation
des  Kapitals  ihren  Ausdruck  in  den  imperialistischen  Annexionen,
die  sich  genau  so  nach  den  drei  Grundlinien  des  Konkurrenzkampfes ­
  unterscheiden  lassen.*)
Als  Folge  des  Krieges  nehmen  wir  dieselben  Erscheinungen
wahr  wie  infolge  der  Krise;  neben  der  Störung  der  Produktivkräfte ­
  eine  Vernichtung  von  kleinen  und  mittleren  Weltgruppierungen ­
  (Untergang  selbständiger  Staaten)  und  Entstehung
noch  größerer  Kombinationen,  die  auf  Kosten  der  untergehenden
Gruppen  wachsen.
Die  Produktionsverhältnisse  der  kapitalistischen  Welt  beschränken ­
  sich  jedoch  nicht  auf  das  Verhältnis  zwischen  den
„Warenproduzenten",  d.  h,  auf  das  Verhältnis  zwischen  einzelnen
Kapitalisten  oder  deren  Verbänden  (Syndikaten,  Trusts,  Staaten). ­
  Die  moderne  Weltwirtschaft  ist  nicht  allein  eine  Warenwirtschaft, ­
  sondern  auch  eine  kapitalistische  Warenwirtschaft.
)  Vergl.  unsere  Arbeit;  „Weltwirtschaft  und  Imperialismus“  (russisch).
(Ungarische  Uebersetzung;  Budapest  1919.  Anm.  d.  Ueb.).
        <pb n="23" />
        V

Und  die  Gegensätze  zwischen  den  einzelnen  Teilen  dieser  Wirt-  *
schaft  liegen  auf  zwei  Hauptebenen:  auf  der  Ebene  der  anarchischen ­
  Wechselbeziehung  zwischen  den  Unternehmen  und  auf
der  Ebene  des  anarchischen  Aufbaus  der  Gesellschaft  als  .
K/ossengesellschaft.  Mit  anderen  Worten:  vorhanden  sind  sowohl ­
  „rein  ökonomische“  Gegensätze  als  auch  „soziale“  Gegensätze. ­
  Es  ist  evident,  daß  die  erstere  Kategorie  der  Beziehungen
unmittelbar  auf  die  zweite  einwirkt.  Die  Zerstörung  der  Produktivkräfte ­
  und  der  Prozeß  der  kapifalistischen  Zentralisation
spitzen  die  Gegensätze  zwischen  den  Klassen  außerordentlich  zu.
und  bei  einer  gewissen  Kombination  der  beiden  Faktoren  tritt
ein  Zusammenbruch  des  ganzen  Systems  ein,  der  mit  den  organisatorisch ­
  schwächsten  Gliedern  dieses  Systems  beginnt.  Das  ist
'  eben  der  Anfang  der  kommunistischen  Revolution.
        <pb n="24" />
        ;  V

1

IS

2.  Kapitel
Oekonomik,  Staatsgewalt
und  Krieg.
I.  Krieg  und  Staat.  2.  Tßeorie  des  Staates.  3.  Oekonomik,
Staatsgewalt  und  Krieg  in  ißrem  JVecßselverßältnis.  4.  Klassifikation ­
  der  Kriege.  Imperialistische  Kriege.  Sozialistische
Kriege.  5.  Klassenkrieg  und  Bürgerkrieg.
Der  Krieg  von  1914—18  hat  kategorisch  die  Frage  nach  der
Staatsgewalt  aufgeworfen.  Wenn  früher,  in  der  Vorkriegszeit,
selbst  im  marxistischen  Lager  sich  Ansichten  breitmachten,  die
ziemlich  dicke  Manchester-Farben  trugen,  so  sehen  wir  von  dem
Augenblick  an,  wo  der  imperialistische  Staat  Millionen  und  Abermillionen ­
  Menschen  in  den  Strudel  der  Geschichte  geworfen  und
mit  einem  Schlage  seine  kolossale  Bedeutung  als  ökonomischer
Faktor  offenbart  hat,  daß  die  Analyse  der  Staatsgewalt  auf  die
Tagesordnung  theoretischer  und  praktischer  Diskussionen  gesetzt
wird.
Das  Leben  der  alles  aufsaugenden  Staatsorganisation  —
nicht  das  Leben  der  Gesellschaft,  sondern  das  Leben  des  Staates
—  rückte  in  den  Vordergrund.  Wenn  der  alte  Hobbes  in  seinem
„Leviathan"  schrieb,*)  daß  es  keine  Macht  gäbe,  die  sich  mit  der
Macht  des  Staates  vergleichen  ließe,  so  ist  sein  „Leviathan"  ein
wahres  Nichts  im  Vergleich  zu  jener  gewaltigen  Kraft,  die  von
dem  Staatsapparat  des  Finanzkapitals  offenbart  wurde.
*)  Th.  Hobbes:  The  moral  and  political  works.  London  MDCCL  „Non
est  potastas  super  terram  quae  comparetur  ei“  (Job.  4124).
        <pb n="25" />
        In  der  Klassengesellschaft  wird  der  Krieg  von  der  Staatsorganisation ­
  geführt.  In  der  kapitalistischen  Gesellschaft  führt
die  widerspruchsvolle  ökonomische  Struktur  der  Gesellschaft
schließlich  zu  einer  scharfen  Krise  in  ihrer  politischen  Gestaltung.
Und  zwar  geschieht  es  in  zwei  Grundrichtungen;  die  Anarchie  des
Weltkapitalismus,  der  Gegensatz  zwischen  der  gesellschaftlichen
Weltarbeit  und  der  ,,national‘'-staatlichen  Aneignung  drückt  sich
in  dem  Zusammenstoß  der  staatlichen  Organisationen  des  Kapitals
und  den  kapitalistischen  Kriegen  aus;  andererseits  führt  der
Gegensatz  zwischen  den  Klassen  der  kapitalistischen  Gesellschaft,
der  durch  die  Entfaltung  des  ersten  Gegensatzes  ungeheuerlich
verschärft  wird,  zur  Revolution.  Sowohl  hier  als  da  wird  die
Frage  nach  den  gegebenen  Staatsorganisationen  entschieden.  Der
Krieg  ruft  eine  Umgruppierung  der  Kräfte  auf  derselben  Basis
hervor;  der  Typus  der  Staatsgewalt  und  ihr  sozialer  Inhalt  bleiben
bestehen.  Die  Revolution  verändert  auch  die  Grundlage  der
staatlichen  Organisation,  indem  sie  neue  Klassen  ans  Ruder  bringt
und  einen  neuen  Typus  des  Staates  ins  Leben  ruft.
Die  Fragen  nach  dem  Kriege  und  der  Staatsgewalt  sind  daher ­
  die  akutesten  Fragen  unserer  Epoche  und  verlangen  gelöst
zu  werden.  An  dieser  Stelle  wollen  wir  sie  vor  allem  rein  theoretisch ­
  anschneiden.
Der  Marxismus  betrachtet  alle  gesellschaftlichen  Erscheinungen ­
  in  ihrem  Zusammenhang  und  Wechselverhältnis:  dabei
bildet  jede  Reihe  dieser  Erscheinungen  ein  Glied  in  der  Kette
der  Ursachen,  durch  die  ein  bestimmter  Typus  der  Produktionsverhältnisse, ­
  eine  bestimmte  ,.ökonomische  Struktur“  der  Gesellschaft ­
  erhalten,  entfaltet  oder,  im  Gegenteil,  zerstört  wird.  Von
diesem  Gesichtspunkt  aus  muß  man  auch  den  Krieg  und  die
Staatsgewalt  betrachten,*)
*)  Marx  maß  dem  Kriege  die  größte  ökonomische  Bedeutung  bei.  Vgl,
seine  „Einleitung  zu  einer  Kritik  der  pol,  Oekonoraie".  Ein  vollkommen  entstelltes ­
  Bild  gibt  Sorabart  in  seiner  Schrift  „Krieg  und  Kapitalismus“,  Duncker

16
        <pb n="26" />
        Jede  Klassengesellschaft  ist  ein  Mechanismus,  der  Mehrprodukt ­
  erzeugt,  das  einem  Teil  dieser  Gesellschaft  zur  Verfügung ­
  gestellt 1  wird.  Dieses  Mehrprodukt  kann  die  Form  des
Wertes  annehmen  (z,  B,  in  der  kapitalistischen  Wirtschaft)  oder
einfach  Produkt  bleiben  (Sklavenhalter-Wirtschaft).  In  dem  einen
wie  in  dem  anderen  Falle  haben  wir  jedoch  einen  Prozeß  der
Ausbeutung  vor  uns.  Nun  stellen  wir  die  Frage  ganz  allgemein;
wie  ist  dieser  Ausbeutungsprozeß  möglich?  Wie  kann  ein  System
bestehen,  das  so  gewaltige  innere  Widersprüche  in  sich  birgt?
Wie  kommt  es,  daß  die  Gesellschaft,  die  im  Grunde  genommen
au§  zwei  Gesellschaften  (Klassen)  besteht,  eine  relative  Einheit
darstellen  kann?  Mit  anderen  Worten;  wodurch  wird  die  Erhaltung ­
  des  relativen  sozialen  Gleichgewichts,  der  Stabilität  des
sozialen  Systems,  das  auf  einer  Spaltung  des  gesellschaftlichen
Ganzen  beruht,  ermöglicht?
Die  Antwort  ist  klar.  Wenn  ein  solches  System  existiert,
so  muß  auch  ein  Etwas  existieren,  das  als  ergänzender  Faktor
dient,  der  die  gespaltene  Gesellschaft  zusammenhält  und  den
Widerstand  der  unterdrückten  Klassen  niederhält  (im  „grob“
physischen  und  „fein“  ideologischen  Sinne).  Kurzum,  zur  Erhaltung ­
  dieses  Systems  ist  eine  Organisation  notwendig,  die  nicht
nur  die  Dinge,  sondern  hauptsächlich  auch  die  Menschen  beherrscht. ­
  Eine  solche  Organisation  ist  der  Staat.
Man  denke  jedoch  nicht,  daß  der  Staat  etwas  sei,  was  über
der  Gesellschaft  und  über  den  Klassen  stünde.  Die  Gesellschaft ­
  enthält  keinerlei  Elemente,  die  über  den  Klassen  stehen.
Andererseits  besteht,  wie  wir  bereits  gesehen  haben,  die  Grundfunktion ­
  des  Staates  in  der  Erhaltung,  Festigung  und  Erweiterung
des  Ausbeutungsprozesses,  insofern  es  sich  um  die  Herrschaft
einer  Minorität  handelt.  Daraus  ergibt  es  sich,  daß  die  Staatsund ­
  Humblot.  Seine  Kritik  findet  man  bei  Kautsky  in  „Krieg  und  Kapitalismus" ­
  in  der  „Neuen  Zeit“,  1913,  II.  B.  S.  39.

2  Bucharin:  Oekonomik.

17
        <pb n="27" />
        18

Organisation  einzig  und  allein  eine  Organisation  der  herrschenden
Klasse  sein  kann,  oder,  wie  schon  Engels  schrieb:*)  „der  Staat  ist
eine  Organisation  der  besitzenden  Klasse  zum  Schutz  gegen  die
nichtbesitzende“.
Dieser  Umstand  muß  besonders  hervorgehoben  werden.  In
der  Tat,  die  relative  Existenzmöglichkeit  des  ganzen  sozial  Widerspruchsvollen ­
  Systems  könnte,  theoretisch  genommen,  auf  zwei
Wegen  erreicht  werden;  entweder  durch  die  Existenz  einer
„dritten  Kraft“,  die  die  Klassen  versöhnt,  die  Gegensätze  glättet
und  eine  beständige  Kompromißbildung  fördert,  oder  aber  durch
das  Bestehen  einer  Organisation  des  einen  Lagers,  das  mit  allen
Mitteln  —  von  direkter  Gewaltanwendung  bis  zum  kompliziertesten ­
  ideologischen  Gewebe  —-  das  Lager  seiner  Klassengegner
im  Zaum  hält.  In  Wirklichkeit  haben  wir  es  mit  der  zweiten
Lösung  der  Frage  zu  tun,  d,  h.  mit  dem  Vorhandensein  einer
Organisation  der  herrschenden  Klassen,  Die  meisten  sogar  marxistelnden
  Konstruktionen  heben  gerade  die  erstere,  „harmonische“ ­
  Theorie  der  Staatsgewalt  hervor.
Eigentlich  steckte  diese  „theoretische“  Weisheit  bereits  im
Kodex  des  babylonischen  Königs  Hammurabi,  wo  es  hieß,  das
Ziel  des  Herrschers  sei  die  Sicherung  des  Rechts  im  Lande,  die
Beseitigung  des  Bösen  und  Schlechten,  damit  der  Starke  nicht
dem  Schwachen  schade.**)  Das  „schwerwiegendste“  Argument
zugunsten  dieser  ehrwürdigen  „Theorie"  bildet  das  Vorhandensein ­
  der  sogenannten  gemeinnützigen  Funktionen  der  Staats-*)
  Fr.  Engels:  „Der  Ursprung  der  Familie,  des  Privateigentums  und  des
Staates"  3.  Auflage  1889,  S.  138.  „La  politique  n'est  q'une  methode  de  persistance,’
  un  Instrument  de  Conservation  d'extension  de  la  propriete"  (Achille
Loria:  „Les  bases  econcmiques  de  la  Constitution  sociale"  2,  ed,  Paris  1903.
p.  362).
**)  Siehe  Gumplowicz;  „Geschichte  der  Staatstheorien"  Innsbruck,  1905,
S.  8.  Vergl.  auch  Loening:  „Der  Staat"  im  Handwörterbuch  der  Staatswiss.;
Wygodzinsky;  „Staat  und  Wirtschaft",  Handbuch  der  Politik;  Jerusalem;  „Der
Krieg  im  Zeichen  der  Gesellschaftslehre",  I.  S.  61.
        <pb n="28" />
        2*  Bucharin:  Ockouoraik.

19

gewalt;  Bau  von  Eisenbahnen  und  Krankenhäusern,  Fabrikgesetzgebung, ­
  Versicherung  usw.
Bei  einer  vorurteilslosen  Untersuchung  stellt  es  sich  jedoch
heraus,  daß  diese  Funktionen  der  Staatsgewalt  ihren  reinen
Klassencharakter  keineswegs  ausschließen.  Entweder  bilden  sie
die  notwendige  Bedingung  zur  Erweiterung  des  Ausbeutungsprozesses ­
  selber  (Eisenbahnen),  oder  sie  wahren  andere  Interessen ­
  der  herrschenden  Klassen  (sanitäre  Maßnahmen),  oder
aber  sie  sind  strategische  Zugeständnisse  an  den  Klassenfeind.*)
Hier  geschieht  dasselbe  wie  in  jeder  beliebigen  Organisation ­
  der  herrschenden  Klasse.  Ein  Trust  oder  Syndikat  hat
die  Steigerung  des  Gewinnes  zum  Ziel,  aber  nicht  die  Ernährung
der  Menschen  oder  die  Beschaffung  von  Arbeit.  Zwecks  dieser
Steigerung  muß  er  jedoch  die  Produktion  leiten  und  Arbeiter  anstellen, ­
  denen  er  in  gewissen  Fällen  Zugeständnisse  macht  (bei
Streiks)  usw.,  ohne  einen  Augenblick  aufzuhören,  eine  Unternehmer- ­
  oder,  wie  die  deutschen  Arbeiter  sagen,  Scharfmacherorganisation ­
  zu  «ein.  Die  „gemeinnützigen“  Funktionen  sind  hier
nichts  anderes  als  eine  notwendige  Bedingung  des  Ausbeutungsprozesses. ­

Sowohl  vom  Standpunkt  der  objektiven  Rolle  als  auch  vom
Standpunkt  des  subjektiv-kollektiven  Zieles,  das  sich  der  Staat
stellt,  als  Organisation  von  Menschen,  die  „ihre  eigene  Geschichte ­
  schaffen“,  besteht  die  soziale  Funktion  dieses  Staates
(und  folglich  auch  sein  „Wesen")  in  dem  Schutz,  in  der  Festigung ­
  und  der  Entfaltung  jener  Produktionsverhältnisse,  die  den
Interessen  der  herrschenden  Klasse  entsprechen.
Das  Hauptmerkmal  der  Staatsorganisation  der  herrschenden
*)  Für  denjenigen,  der  die  Literatur  über  Bevölkerungsfragen  in  Zusammenhang ­
  mit  dem  Geschrei  über  die  „Entartung  der  Nation"  kennen
gelernt  hat,  ist  klar,  daß  eine  ganze  Reihe  von  Maßnahmen,  die  der  „Entartung" ­
  Vorbeugen  sollen,  vom  Wunsche  diktiert  ist,  die  entsprechende  Menge
i  brauchbaren  Kanonenfutters  zu  haben.
        <pb n="29" />
        &amp;lt;

20

Klasse,  wodurch  sich  diese  Organisation  von  anderen  Organisationen ­
  derselben  Klasse  unterscheidet,  ist  ihre  Allgemeinheit,  Die
staatliche  Organisation  ist  die  weitgehendste  Organisation  der
Klasse,  in  der  sich  ihre  ganze  Kraft  konzentriert,  in  der  die
Werkzeuge  des  mechanischen  Druckes  und  der  Zwangsmaßnahmen') ­
  konzentriert  sind,  in  der  die  herrschende  Klasse
namentlich  als  Klasse  und  nicht  als  Teilchen  oder  Grüppchen
einer  Klasse  organisiert  ist.  So  kommt  es,  daß  jede  „ökonomische" ­
  Aktion,  insofern  sie  eine  ganze  Klasse  umfaßt,  unvermeidlich ­
  einen  „politischen“  Charakter  annimmt:  hier  richten  sich
die  Schläge  nicht  gegen  eine  Einzelgruppe,  sondern  gegen  die
Klasse  als  Ganzes  und  folglich  gegen  ihre  Staatsgewalt.
Der  Staat  ist  eine  bestimmte  menschliche  Organisation.  Er
ist,  auf  diese  Weise,  der  Ausdruck  nicht  des  technischen  Verhältnisse ­
  der  Menschen  zur  Natur,  sondern  des  sozialen  Verhältnisses ­
  der  Menschen  untereinander,  der  einen  Menschen  zu
den  anderen.  Es  wäre  vollkommen  verfehlt,  das  „Wesen“  des
Staates  in  seinen  technisch  -  organisatorischen  Definitionen  zu
suchen,  zum  Beispiel  darin,  daß  er  einen  zentralisierten  Apparat
darstellt.  Denn  der  abstrakte  Begriff  der  Zentralisation  kann
diametral  entgegengesetzte  Typen  der  sozialen  Beziehungen  voraussetzen, ­
  und  gerade  im  Typus  der  letzteren  liegt  das  Wesen
der  Sache,  „Ein  Neger  ist  ein  Neger,  ein  Mensch  der  schwarzen
Rasse,  Aber  erst  unter  bestimmten  Verhältnissen  wird  er  zum
Sklaven."  Die  Produktionsmittel  sind  immer  Produktionsmittel.
Das  ist  ein  technischer  Begriff.  Aber  erst  unter  bestimmten  Verhältnissen ­
  werden  diese  Produktionsmittel  zu  Kapital;  und  zwar
dann,  wenn  in  ihnen  sich  ein  bestimmtes  soziales  Wechsel-*)
  Vergl.  Hans  Delbrück:  „Regierung  und  Volkswiile",  Seite  133:  „Wo
liegt  zuletzt  die  wahre  Macht?  Sie  liegt  in  den  Waffen.  Die  entscheidende
Frage  für  den  inneren  Charakter  eines  Staates  ist  deshalb  immer:  Wem
gehört  die  Armee?“  Vergl.  damit  die  naiven  Prophezeiungen  Spencers;  „Man
versus  the  State“.
        <pb n="30" />
        21

Verhältnis  zu  verdinglichen  anfängt,  ein  Verhältnis  ganz  besonderen ­
  Schlages,  das  eben  das  „Wesen“  des  Kapitals  ausmacht.
„Das  Kapital  ist  kein  Ding,  sondern  eine  gesellschaftliche  Beziehung.“ ­
  (Marx.)
Für  Marx  sind  alle  Erscheinungen  historisch,  und  in  ihrer
historischen  Bestimmtheit  eben  sucht  Marx  ihr  konstituives  Merkmal, ­
  Deshalb  ist  es  nicht  verwunderlich,  daß  der  Staat  vom
Standpunkte  des  Marxismus  eine  durch  und  durch  historische
Kategorie  darstellt,  und  zwar  eine  Kategorie  der  Klassengesellschaft. ­
  Aber  „wesentlich  am  Staate  ist  nicht,  daß  er  ein  zentralisierter ­
  Apparat  ist,  sondern,  daß  dieser  zentralisierte  Apparat
eine  bestimmte  Beziehung  zwischen  den  Klassen  in  sich  verkörpert, ­
  namentlich  die  Beziehung  der  Herrschaft,  der  Macht,
der  Unterdrückung  und  Versklavung.  Es  ist  der  Apparat,  der
verschwinden  wird,  zusammen  mit  dem  Verschwinden  der
Klassen  und  der  letzten  Form  der  Klassenherrschaft,  der  Diktatur
des  Proletariats.*)
*)  Diesen  Gesichtspunkt  haben  die  Sozialdemokraten  vollständig  entstellt. ­
  Der  Verfasser  dieser  Arbeit  hat  ihn  bereits  zu  Beginn  des  Krieges
in  einer  Reihe  von  Zeitungs-  und  Zeitschriftenartikel  energisch  vertreten:  in
der  holländischen  „De  Tribüne"  (Aufsatz:  „De  Nieuwe  Lyveigensckap",
25,  Nov.  1916  u.  s.  f.),  im  Organ  der  norwegischen  Linken  „Klassenkampen”,
in  der  Bremer  „Arbeiterpolitik",  schließlich  in  der  Zeitschrift  „.Jugendinternationale" ­
  (Schweiz)  sowie  in  polemischen  Artikeln  in  der  New  Yorker
Zeitung  „Nowi  Mir".  Von  den  Arbeiten  der  Klassiker  des  Marxismus,  vergl.
Engels;  „Ursprung"  usw,;  derselbe;  „Herrn  Eugen  Dührings  Umwälzung  der
Wissenschaft";  derselbe;  „Dell  autoritä“  („Neue  Zeit",  32.  I);  Marx:  „Kritische
Randglossen“  etc.  Nachlaß,  Band  II,  S.  50;  Marx;  „Zur  Kritik  der  Hegelschen
Rechtsphilosophie"  usw.  Eine  ausgezeichnete  Beleuchtung  dieser  Frage  mit
einer  Auswahl  der  entsprechenden  Zitate  aus  Marx  und  Engels  findet  der
Leser  in  der  Schrift  des  Gen.  Lenin;  „Staat  und  Revolution“.  Ebensowenig
wie  die  Sozialdemokraten  haben  die  bürgerlichen  Professoren  die  kommunistische ­
  Lehre  von  Marx  begriffen.  So  z.  B.  schreibt  Adolf  Wagner  („Staat
in  nationalökonomischer  Hinsicht"  im  Wörterbuch  der  Staatswissenschaften),
daß  der  sozialistische  „Staat“  alle  Merkmale  des  Staates  „in  höchster  Potenz'
haben  kann,  denn  der  Klassencharakter  des  modernen  Staates  sei  bloß  ein
Produkt  des  „Mißbrauches"  (ganz  so  wie  bei  Böhm-Bawerk,  für  den  das
Wuchertum  ein  „Mißbrauch"  ist  und  der  Profit  auch  im  sozialistischen  Staate
        <pb n="31" />
        22

Von  den  bürgerlichen  Forschern  stehen  Gumplowicz  und
Oppenheimer,  die  von  Dühring  stark  beeinflußt  sind,  der  Wahrheit ­
  am  nächsten.  Oppenheimer  definiert  den  „historischen
Staat"  folgendermaßen:
„Der  Form  nach“,  schreibt  er,  „ist  er  (der  Staat)  eine  von
einer  siegreichen  Gruppe  einer  unterworfenen  Gruppe  auferlegte
Rechtsinstitution.  Sein  Inhalt  ist  die  „Bewirtschaftung“  der
Untergruppe  durch  die  Obergruppc“.*  *)  Ohne  auf  die  Frage  nach
der  Eroberung  und  der  Entstehung  der  Klassen  selbst  ausschließlich ­
  aus  der  Tatsache  des  „außerökonomischen"  Druckes
einzugehen**),  müssen  wir  Oppenheimers  Formulierung  der  „Bewirtschaftung“ ­
  dem  Wesen  nach  als  richtig  anerkennen  (was
diesen  Autor  nicht  hindert,  in  seinen  anderen  Arbeiten  vor  dein
„klassenlosen"  preußischen  Beamten  in  Rührung  zu  vergehen
und  ihm  Komplimente  zu  machen).
Aus  der  obigen  Analyse  der  Staatsgewalt  geht  ihr  Charakter
als  „Ueberbau“  auf  der  ökonomischen  Basis  klar  hervor.  Wie
ieder  „Ueberbau"  ist  auch  sie  nicht  einfach  eine  Glasglocke,  die
das  Wirtschaftsleben  bedeckt,  sondern  eine  aktive  Kraft,  eine
wirkende  Organisation,  die  die  Produktionsbasis,  auf  der  sie  entstanden ­
  ist,  allseitig  festigt.
verbleibt,  wo  er  auf  den  Bäumen  wachsen  wird).  Jellinek  („Allgemeine
Staatslehre")  „versteht"  Marx  ebenso  wie  Wagner.  Nur  versetzt  ihn  die
„Machttheorie"  in  einen  heiligen  Schrecken,  und  er  erklärt,  daß  „ihre  praktischen ­
  Folgen  nicht  in  der  Festigung,  sondern  in  der  Zerstörung  des  Staates"
bestehen  (S.  175)  und  daß  diese  Theorie  der  Revolution  in  Permanenz  den
Weg  bahne.  Vergl.  Gumplowicz:  „Geschichte  der  Staatstheorien",  S.  373  ff,
*j  F,  Oppenheimer;  „Staat  und  Gesellschaft"  im  Handbuch  der  Politik
Band  1.  S.  117.  Vergl.  auch  Oppenheimer:  „Der  Staat“;  derslb.;  „Theorie  der
reinen  und  politischen  Oekonomie“,  3.  Aufl.  1911.
**)  Vergl.  darüber  Engels:  „Anti-Dühring";  Schmoller;  „Das  Wesen  der
Arbeitsteilung  und  Klassenbildung"  (Polemik  gegen  Gumplowicz  auf  Seite  72).
Gegen  diese  Theorie  sei  insbesondere  die  Entwicklung  in  den  Vereinigten
Staaten  hervorgehoben,  obwohl  der  nordamerikanische  Feudalismus  nicht
unterschätzt  werden  darf.  S.  Gustavus  Mayers:  „The  history  o£  great  american
  fortunes“.  (Deutsche  Uebersetzung  vorhanden.  Anm.  d.  Uebers.)
        <pb n="32" />
        Wir  müssen  nun  eine  andere  Frage  aufwerfen,  die  Frage  des
Krieges.  Auch  diese  Frage  müssen  wir  von  demselben  Standpunkt ­
  anfassen,  von  dem  aus  wir  die  Frage  der  Staatsgewalt  anfaßten. ­
  Welchen  Platz  nimmt  der  Krieg  im  Strom  des  gesellschaftlichen ­
  Lebens  ein?  Und  da  das  gesellschaftliche  Leben  vor
allem  ein  Prozeß  der  Reproduktion  und  der  Aufeinanderfolge
der  gesellschaftlichen  Produktionsverhältnisse  ist,  —  welche
Rolle  spielt  der  Krieg  namentlich  dabei?
Nun  wird  es  nicht  mehr  schwer,  auf  diese  Frage  zu  antworten, ­
  Der  Krieg  wird  ja  nicht  von  „Völkern"  und  nicht  von
„Nationen“  geführt:  er  wird  von  Staaten  geführt,  die  die  lebendige
Kraft  der  „Völker“  auf  den  Schlachtfeldern  genau  so  ausnutzen,
wie  sie  sie  in  den  Fabriken  oder  Bergwerken  ausnutzen.  Die
Armee  —  jenes  Werkzeug,  das  in  Gang  gesetzt  wird,  sobald  der
Krieg  beginnt  —  ist  der  wesentlichste  Bestandteil  des  Staatsappa-•rates.
  Wir  wollen  hier  nebenbei  bemerken,  daß  das  ganze  gesellschaftliche ­
  Gebäude  durch  einen  eigentümlichen  Monismus
seiner  Architektur  gekennzeichnet  ist:  alle  seine  Teile  haben  einen
und  denselben  „Stil",  Genau  so  wie  in  den  Produktionsbeziehungen ­
  die  Menschen  nach  einer  bestimmten  hierarchischen
Stufenleiter  angeordnet  sind,  entsprechend  den  Klassengruppierungen, ­
  so  wird  auch  im  Staatsapparat  selbst,  und  in  der  Armee
insbesondere,  diese  soziale  Hierarchie  widergespiegelt.
Wenn  aber  einerseits  der  Krieg  eine  Funktion  des  Staates,
die  Staatsgewalt  in  actu  ist,  und  wenn  andererseits  der  Staat  als
Apparat  ein  Mittel  zur  Festigung  und  Erweiterung  bestimmter
Produktionsverhältnisse  ist,  so  ist  evident,  daß  der  Krieg  in  erster
Linie  diese  „Arbeit"  auch  verrichtet.  Im  Kampfe  der  Staaten
drückt  sich  der  Kampf  bestimmter  Produktionsgrundlagen  aus,  die
in  der  herrschenden  Klasse  dieser  Staaten  personifiziert  werden.
Jede  Produktionsstruktur  hat  einen  adäquaten  Typus  der  Staatsgewalt ­
  und  folglich  auch  einen  adäquaten  Typus  des  Krieges.
        <pb n="33" />
        24

Hier  interessiert  uns  nicht  die  technisch-organisatorische  Seite  des
Kriegswesens  (obwohl  auch  sie  durch  die  allgemeinen  technischen
und  ökonomischen  Verhältnisse  bestimmt  wird).  Hier  interessiert
uns  die  soziale  Bedeutung  dieser  Erscheinung,  Um  die  Frage
nach  dem  „Wesen“  des  Krieges  beantworten  zu  können,  müssen
wir  diese  Frage  genau  so  historisch  anfassen  wie  die  Frage  des
Staates.  Dann  werdön  wir  auch  eine  ähnliche  Antwort  bekommen, ­
  nämlich,  daß  der  Krieg,  vom  soziologischen  Standpunkt,
ein  Mittel  zur  Reproduktion  jener  Produktionsverhältnisse  ist,
auf  Grund  deren  er  entsteht.
Der  Staat  ist  ein  „außerökonomischer  Faktor“.  Dessenungeachtet ­
  hat  er  eine  gewaltige  ökonomische  Bedeutung.  Ebenso
bildet  auch  der  Krieg,  als  Funktion  der  Staatsgewalt,  während  eiern ­
  „außerökonomischer“  Faktor  ist,  einen  der  mächtigsten  Hebel
des  ökonomischen  Prozesses,*)
Bei  einer  weiteren  theoretischen  Analyse  muß  die  Frage
detailliert  werden.  Der  gesellschaftliche  Prozeß  ist  ja  nicht  nur
die  Erweiterung  einer  bestimmten  Produktionsstruktur.  Er  ist
außerdem  der  Prozeß  der  Ablösung  der  einen  Formen,  der  einen
„Produktionsweisen“,  der  einen  „ökonomischen  Strukturen“
durch  andere.  Aber  die  Ablösung  der  „Grundlagen“  wird  auch
von  der  nötigen  Veränderung  ihrer  staatlichen  Hülle  begleitet.
Die  neuen  Produktionsverhältnisse  sprengen  die  alte  politische
Schale.
Jede  Phase  der  historischen  Entwicklung  und  jeder  Typus
der  Produktionsverhältnisse  hat  jedoch  auch  seine  spezifische
Gesetzmäßigkeit.  Um  irgendeine  Epoche  theoretisch  zu  ver-*)
  Werner  Sombart  gibt  in  seiner  bereits  erwähnten  Arbeit  „Krieg  und
Kapitalismus“  eine  Schilderung  des  Einflusses  der  Kriege  auf  das  Entstehen
des  Kapitalismus  selbst.  Die  Methode  Sombarts,  der  verschiedene  Mütter
(bald  den  Krieg,  bald  den  Luxus  und  die  Liebe  —  vergl,  sein  Buch  „Luxus
und  Kapitalismus")  nacheinander  den  Krieg  gebären  läßt,  je  nach  der  Laune
des  würdigen  Herrn  Professors,  zieht  jedoch  unvermeidlich  fürchterliche
Uebertreibungen  nach  sich.
        <pb n="34" />
        25

stehen,  muß  man  sie  gerade  in  ihren  Eigentümlichkeiten  betrachten ­
  und  jene  ihrer  Merkmale  analysieren,  die  diese  Epoche
namentlich  zur  Epoche  machen,  d.  h.,  die  einen  besonderen  Typus
der  Beziehungen  und  vor  allem  der  Produktionsbeziehungen
schaffen.  Doch  wenn  wir  nun  die  Gesetze  der  gesellschaftlichen
Entwicklung  auf  Grund  dieser  Methode  aufdecken,  so  ist  es
klar,  daß  wir  infolge  der  Verbundenheit  aller  Erscheinungen  des
öffentlichen  Lebens  auch  die  Kriege  genau  so  untersuchen
müssen.
Durch  das  Gesagte  ist  die  Grundlage  für  eine  Klassifizierung
der  Kriege  gegeben.  Es  ist  dieselbe  Grundlage  wie  für  die  Klassifizierung ­
  der  Staaten.  Jeder  Produktionstypus  hat  auch  einen
entsprechenden  Typus  des  Staates,  und  jedem  Typus  des  Staates
entspricht  ein  ganz  bestimmter  Typus  des  Krieges.
Wir  wollen  einige  Beispiele  anführen.  Wir  haben  z.  B.  eine
Wirtschaft,  die  auf  Sklaverei  beruht.  Dann  ist  auch  der  Staat
nichts  anderes,  als  ein  Sklavenhalter-Staat,  und  der  Krieg  dieses
Staates  ist  nichts  anderes  als  ein  Mittel  zur  Erweiterung  dieses
Sklavenregimes,  zur  Erweiterung  der  Reproduktion  der  Produktionsverhältnisse ­
  der  Sklavenhaltergesellschaft,  Die  sogenannten
Kolonialkriege  Spaniens,  Hollands,  Frankreichs  usw.  waren
Kriege  handelskapitalistischer  Staaten.  Ihre  soziale  Rolle  lief
auf  eine  Erweiterung  der  handelskapitalistischen  Produktionsverhältnisse ­
  hinaus,  die  sich  später  in  Verhältnisse  des  Industriekapitalismus ­
  transformierten.  Als  das  Industriekapital  und  seine
Staatsorganisationen  in  den  Kampf  um  die  Absatzmärkte  traten,
fingen  die  Kriege  an,  die  „rückständige"  Welt  der  Herrschaft  des
Industriekapitals  zu  unterwerfen.  Schließlich,  als  die  kapitalistische ­
  Produktionsmethode  sich  in  die  Form  des  Finanzkapitalismus ­
  hüllte,  tauchte  sofort  auch  ein  besonderer  Typus  der
Staatsgewalt  auf,  der  räuberische  imperialistische  Staat  mit
seinem  zentralisiert-militaristischen  Apparat,  und  die  soziale
        <pb n="35" />
        Rolle  des  Krieges  bestand  von  nun  ab  in  der  Erweiterung  der
Herrschaftssphäre  des  Finanzkapitals  mit  seinen  Trusts  und
Bankkonsortien.
Genau  so  verhält  es  sich  auch  dann,  wenn  der  Krieg  von
einer  sozialistischen  diktatorischen  Regierung  geführt  wird.  Der
kriegführende  Arbeiterstaat  ist  bestrebt,  jene  Wirtschaftsbasis  zu
erweitern  und  zu  befestigen,  auf  der  er  entstanden  ist,  nämlich
die  sozialistischen  Produldionsverhältnisse.  (Daraus  ergibt  sich
unter  anderem  prinzipiell  die  Zulässigkeit  sogar  von  revolutionären, ­
  sozialistischen  Angriffskriegen.)  Der  Produktion,  die
sozialistisch  wird,  entspricht  wiederum  ein  ganz  neuer  Typus  der
Staatsgewalt.  Dieser  Typus  der  Staatsgewalt  unterscheidet  sich
insofern  von  allen  früheren,  als  die  sozialistische  Produktionsweise ­
  sich  von  allen  früheren  Produktionsweisen  unterscheidet, ­
  die  auf  den  Wirtschaftsverhältnissen  des  Privateigentums ­
  beruhten.  Deshalb  ist  auch  die  soziale  Bedeutung  des
Krieges,  den  die  Arbeiterdiktatur  führt,  prinzipiell  eine  andere
als  die  aller  Kriege  der  früheren  Epochen  ohne  Ausnahme.
Der  sozialistische  Krieg  ist  ein  Klassenkrieg,  den  man  vom
einfachen  Bürgerkrieg  unterscheiden  muß.  Der  letztere  ist  kein
Krieg  im  eigentlichen  Sinne  dieses  Wortes,  denn  er  ist  nicht  der
Krieg  zweier  S/aa/sorganisationen.  Im  Klassenkriege  sind  dagegen ­
  beide  Seiten  als  Staatsgewalt  organisiert;  auf  der  einen
Seite  der  Staat  des  Finanzkapitals,  auf  der  anderen  der  Staat
des  Proletariats.
Wir  haben  alle  Erscheinungen  in  ihrer  reinen  Form  betrachtet. ­
  In  Wirklichkeit  ist  die  Sache  natürlich  viel  komplizierter. ­
  Die  moderne  Weltwirtschaft  stellt,  ungeachtet  der  gewaltigen ­
  Zentralisation  des  Kapitals,  immerhin  ein  ziemlich
buntes  Bild  dar.  Und  selbst  der  Weltkrieg  wies,  neben  den  rein
imperialistischen  Elementen,  eine  Reihe  anderer  Elemente  auf,
die  in  den  Grundton  hineingesprenkelt  waren.  So  der  nationale

26
        <pb n="36" />
        Chauvinismus  der  kleinen  Nationen,  die  jetzt  —  eine  geschichtliche ­
  Sekunde  lang  —  zu  selbständigen  bürgerlichen  Staatseinheiten ­
  werden.  Jedoch  werden  die  Geschicke  der  Welt  nicht
von  ihr,  von  dieser,  wenn  man  so  sagen  darf,  staatlichen  Kleinbourgeoisie ­
  bestimmt  werden:  sie  werden  durch  das  gegenseitige
Verhältnis  zwischen  den  Kolossen  des  Imperialismus  bestimmt
werden,  und  letzten  Endes  wird  für  sie  der  Kampf  zwischen  den
Kolossen  des  Klassenkrieges  bestimmend  sein.
        <pb n="37" />
        28

3.  Kapitel.
Zusammenbru  cß
des  kapitalisnscßen  Systems.
1.  Der  Krieg  und  die  Organisalion  der  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse ­
  (Siaalskapiialismus).  2.  Der  Reproduktionsprozeß, ­
  die  Produktivkräfte  und  der  Krieg.  3.  Der
monistische  Aufbau  der  kapitalistischen  Gesellschaft  und  ihre
Anarchie.  4.  Der  Zusammenbruch  äer  kapitalistischen  Gesellschaft. ­
  5.  Kommunismus  als  alleiniger  Ausweg.  Seine  historische ­
  Notwendigkeit.  6.  Die  Produktivkräfte  und  die
Unkosten  der  Revolution.
Der  Zusammenstoß  der  verschiedenen  Teile  des  weltkapitalistischen ­
  Systems,  in  dem  sich  der  Konflikt  zwischen  dem  Wachstum ­
  der  Produktionskräfte  dieses  Systems  und  seiner  anarchischen ­
  Produktionsstruktur  ausdrückte,  war,  wie  wir  gesehen
haben,  ein  Konflikt  der  staatskapitalistischen  Trusts.  Das  von
der  Geschichte  auf  die  Tagesordnung  gebrachte  objektive  Bedürfnis ­
  ist  das  Bedürfnis  nach  einer  Organisation  der  Weltwirtschaft, ­
  d.  h.  der  Umwandlung  des  subjektlosen  weltwirtschaftlichen ­
  Systems  in  ein  wirtschaftendes  Subjekt,  in  eine  planmäßig
wirkende  Organisation,  in  eine  „teleologische  Einheit“,  in  ein
organisiertes  System,  Der  Imperialismus  versuchte,  diese  Aufgabe ­
  mit  seinen  eigenen  Methoden  zu  lösen.  Nicht  ganz  exakt
wird  dies  von  H.  von  Beckerath  formuliert,  „Da  die  freie
Konkurrenz“,  sagt  er,  „als  Regulator  des  Wirtschaftslebens,
versagt,  ertönt  schließlich  der  Ruf  nach  Organisation.
Man  schließt  sich  zusammen  und  führt  den  Kampf  um
        <pb n="38" />
        29

die  industriellen  Marktgebiete  gemeinsam.  So  entsteht  ein  Kampf
national-zusammengeschlossener  Wirtschaftsmassen  mit  immer
stärkerer  politischer  Betonung,  der  zuletzt  in  einem  politischen
Riesenkampf  der  um  die  industriellen  Absatzgebiete  ringenden
Völker  gipfelt."*)  Die  Bewältigung  dieser  Aufgabe  überstieg  die
Kraft  des  Imperialismus,  und  die  Kriegskrise  führte  zur  Krise  des
ganzen  Systems,  Aber  im  engen  Rahmen  der  einzelnen  staatskapitalistischen ­
  Trusts  war  das  erste  Stadium  des  Krieges  ein
Stadium  der  inneren  Reorganisation  der  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse ­
  im  Sinne  der  Planmäßigkeit  und  Organisiertheit
der  miteinander  kämpfenden  Teilsysteme.  Es  ist  nicht  schwer,
die  Grundursachen  dieser  Reorganisation  zu  begreifen  und  zu
verfolgen,  die  zur  Aufhebung  der  inneren  Produktionsanarchie
auf  dem  Wege  der  Verstaatlichung  der  Wirtschaftsfunktionen
führte.  Organisatorisch  und  technisch  wurde  diese  Reorganisation ­
  in  hohem  Grade  durch  den  Prozeß  des  außerordentlich
raschen  Aussterbens  der  mittleren  Gruppen  erleichtert.  Der
Krieg  wirkte  in  dieser  Hinsicht  wie  eine  gigantische  Krise.
Während  die  Summe  des  produzierten  Mehrwertes  abnahm,  konzentrierte ­
  und  häufte  sich  der  letztere  in  den  (sozial,  technisch  und
ökonomisch)  stärksten  Produktionseinheiten.  Der  Prozeß  der
Zentralisation  des  Kapitals  wurde  außerordentlich  beschleunigt,
und  diese  beschleunigte  Zentralisation  bildete  die  „negative  Bedingung“ ­
  der  neuen  Form  der  kapitalistischen  Beziehungen.  Die
positive  Ursache  der  Verstaatlichung  bildeten  die  Bedürfnisse  des
*)  Dr.  Herbert  von  Beckerath;  „Zwangskartellierung  oder  freie  Organisation ­
  der  Industrie“.  Finanz-  und  volkswirtschaftliche  Zeitfragen,  herausgegehen
  von  Schanz  und  J.  Wolf,  Heft  49.  Stuttgart,  1918,  S.  22.  Der  bürgerliche ­
  Privatdozent  schildert  natürlich,  wie  es  sich  für  einen  Oberpförtner
des  Kapitalismus  auch  gehört,  den  Klassenstaat  unter  dem  Pseudonym  der
„Völker“,  Andererseits  übersieht  er,  daß  nicht  nur  die  „Absatzmärkte“  eine
Rolle  spielen,  sondern  auch  die  Rohstoffmärkte  und  die  Sphären  der  Kapitalsanlage, ­
  d.  h.  gerade  jene  Momente,  die  den  drei  Teilen  der  Formel  entsprechen: ­
  G  —  W  &amp;lt;  A  .  .  .  P  •  •  ■  W’—G'.
        <pb n="39" />
        30

Krieges  als  eines  gewaltigen  organisierten  Prozesses,  Das  Ausmaß
.dieses  Krieges,  seine  Technik,  die  komplizierten  inneren  Verhältnisse ­
  des  Militärapparates,  die  ungeheuerliche  Nachfrage  nach
Industrie-  und  Landwirtschaftsprodukten,  die  seitens  der  Kriegsorganisation ­
  sofort  einsetzte,  schließlich  die  entscheidende  Bedeutung ­
  des  Ausganges  der  Kriegsoperationen  für  die  herrschenden ­
  Klassen  stellten  die  größtmögliche  Ueberwindung  der
Anarchie  innerhalb  der  kämpfenden  kapitalistischen  Teilsysteme
auf  die  Tagesordnung.  Unter  sonst  gleichbleibenden  Verhältnissen
waren  die  Kriegserfolge  dem  Grad  der  wirtschaftlichen  Organisiertheit
  der  staatskapitalistischen  Trusts  gerade  proportional.
Die  genannten  Ursachen  wurden  außerordentlich  verschärft  durch
den  Mangel  an  vielen  Produkten,  insbesondere  an  Rohstoffen,
einen  Mangel,  der  sofort  nach  dem  Abbruch  der  internationalen
Beziehungen  in  Erscheinung  trat  und  mit  der  allgemeinen  Erschöpfung ­
  und  Verarmung  immer  zunahm.*)  Dieser  Mangel  erforderte ­
  begreiflicherweise  eine  möglichst  sparsame  und  folglich
rationalisierte,  organisierte  Verteilung,  Da  aber  der  Prozeß  der
Verteilung  eine  der  Phasen  des  Reproduktionsprozesses  ist,  so
versteht  es  sich  von  selbst,  daß  die  Organisierung  der  Verteilung
ebenso  unvermeidlich  zu  einer  größeren  oder  geringeren  Organisierung ­
  des  Produktionsprozesses  führen  mußte.  Leicht  begreiflich, ­
  daß  die  Klasse  der  Kapitalisten  in  ihrer  Gesamtheit  (und
dynamisch  sind  es  die  Vertreter  des  Finanzkapitals)  durch  diese
*)  Dieses  betont  besonders  scharf  Arthur  Feiler,  Redakteur  der  „Frankfurter ­
  Zeitung",  in  seiner  Schrift;  „Vor  der  Uebergangswirtschaft",  Verlag
der  „Frankfurter  Zeitung",  1918.  S.  insbesondere  das  Kapitel  „Kriegssozialismus ­
  und  Wirtschaftsfreiheit",  S,  33  ff.  Seine  Formel  lautet:  „Wir  haben  den
Mangel  organisiert“.  Viel  weiter  wird  die  Frage  von  Emil  Lederer  gefaßt
(„Der  Wirtschaftsprozeß  im  Kriege");  „Früher  war  der  Krieg  ökonomisch  ein
Problem  der  Staatsfinanzen.  Heute  aber  ist  der  Staat  omnipotent,  daher
erscheint  seine  Aktion  nach  außen  hin  nicht  in  Form  der  Unternehmung,  sie
ist  nicht  mehr  ein  finanzwirtschaftliches,  nicht  mehr  ein  Geldproblem,  sondern
es  wird  die  Naturalsubstanz  der  ganzen  Volkswirtschaft  für  den  Krieg  mobilisiert." ­
  (S.  362.)
        <pb n="40" />
        31

Zentralisation  außerordentlich  gewann.  Nur  ganz  Naive  erblickten ­
  hierin  eine  Rechtsverletzung  des  geheiligten  Privatbesitzes. ­
  In  Wirklichkeit  war  hier  nicht  ein  Hauch  von  irgendeiner ­
  „Expropriation  der  Expropriateure“,  denn  alles  zentralisierte ­
  sich  in  den  Händen  der  finanzkapitalisüschen  Staatsorganisation ­
  und  nicht  irgendeiner  „dritten"  Macht.  Die  Opposition
ging  hauptsächlich  von  den  Kreisen  der  rückständigen  Schichten
der  Bourgeoisie  aus,  in  erster  Linie  von  den  Vertretern  des
Handelskapitals  und  der  Handelsspekulation.  Die  Organisation
der  Produktion  und  der  Verteilung  schließt  dem  Wesen  nach  den
Handel  überhaupt  und  die  Handelsspekulation  speziell  aus;
folglich  schließt  sie  den  Handelsgewinn  und  den  „Differenzgewinn ­
  *),  den  Gewinn  aus  der  Spekulation  aus.  Soweit  diese
Organisation  der  Produktion  und  der  Verteilung  in  der  Tat  durchgeführt ­
  wird,  bricht  sie  die  „heiligen  Rechte"  namentlich  dieser
Kategorien.  Doch  wäre  es  lächerlich,  anzunehmen,  daß  dadurch
die  „Rechte  der  kapitalistischen  Klasse  in  ihrer  Gesamtheit
übertreten  werden.  Hier  findet  bloß  eine  Neuverteilung  des
Mehrwertes  in  der  Richtung  der  finanzkapitalistischen  Gruppen
statt,  eine  Verwandlung  des  Handelsgewinns  in  Dividende  oder
Zinsen,  die  von  der  Staatsbank  ausgezahlt  werden.  Folglich
findet  hier  nicht  eine  Aufhebung  des  Mehrwertes  statt,  sondern
lediglich  die  Formänderung  eines  Teiles  dieses  Mehrwertes.
Gerade  darin  besteht  das  Wesen  der  staatskapitalistischen  Organisation, ­
  insofern  es  sich  um  die  Kategorien  des  Gewanns  und  der
Verteilung  des  Mehrwerts  handelt.  W'as  die  Verringerung  eines
gewissen  Teiles  des  Mehrwertes  und  seines  Abtretens  an  die
Arbeiter,  als  Versicherung  gegen  die  Revolution,  betrifft,  so  ist
dies  eine  nebensächliche  Frage,  der  keine  wesentliche  Rolle  zu-*)
  Vergl.  R.  Hilferding:  „Das  Finanzkapital“  9.  Kapitel:  Die  Warenbörse, ­
  „Die  Kriegswirtschaft  aber  schließt  die  Börse  und  damit  börte  ihre
ganze  Problematik  auf.“  (E.  Lederer:  „Der  Wirtschaftsprozeß  im  Kriege“.)
        <pb n="41" />
        32

kommt.*)  Die  mathematische  Grenze  dieser  Tendenz  ist  durch
die  Verwandlung  der  gesamten  ,,Volkswirtschaft“  in  einen  absolut ­
  geschlossenen  kombinierten  Trust  gegeben,  wo  alle  übrigen
„Unternehmen“  aufgehört  haben,  Unternehmen  zu  sein  und  sich
in  bloße  Einzelwerkstätten  verwandelt  haben,  in  Filialen  dieses
Trusts,  wo  also  die  gesellschaftliche  Arbeitsteilung  sich  in  eine
technische  Arbeitsteilung  verwandelt  hat  und  wo  die  gesamte
Wirtschaft  zu  einem  absolut  einheitlichen  Unternehmen  der  entsprechenden ­
  Gruppe  der  Weltbourgeoisie  geworden  ist.
Das  gemeinsame  Organisationsprinzip  dieser  Form  des  Kapitalismus ­
  war  die  Unterordnung  aller  wirtschaftlichen  (und  nicht
allein  wirtschaftlichen)  Organisationen  der  Bourgeoisie  unter
ihren  Staat.  Aus  begreiflichen  Gründen.  In  der  Tat,  nehmen
wir  eine  ganze  Reihe  bürgerlicher  Organisationen:  den
Staat,  die  Syndikate,  die  Kartelle  und  Trusts,  Unternehmerverbände, ­
  Genossenschaften,  Bankkonsortien,  wissenschaftliche  Gesellschaften, ­
  die  organisierte  bürgerliche  Journalistik  und  hundert
andere  Organisationen,  Theoretisch  betrachtet  ist  vollkommen
klar,  daß  dieses  ganze  System  ein  Maximum  von  Stabilität  erreicht ­
  haben  wird  bei  einer  Verbindung,  einer  Zusammengehörigkeit, ­
  einer  Koordination  all  dieser  Organisationen,  Welche  Organisation ­
  soll  aber  die  oberste  sein?  Es  ist  wiederum  klar;  die
*)  In  ihrem  Artikel;  „Die  desorganisatorischen  und  organisatorischen
Prozesse  zur  Zeit  der  Transformationswirtschaft”  (in  der  Zeitschrift:  „Narodnoje
  chosjastwo”  Nr.  6.  1919)  unterscheidet  Genossin  M.  Smit  den  „Austausch, ­
  der  auf  der  kapitalbildenden  Funktion  des  Geldes  beruht“
(G—W—G')  und  den  Austausch  „zum  Zweck  des  Tausches  der  einen  Ware
gegen  eine  andere“,  wobei  die  staatskapitalistische  Verteilung  angeblich  den
Uebergang  des  ersteren  zum  zweiten  bilden  soll.  Das  ist  ein  unglaublicher
Wirrwarr.  Erstens  hat  das  Geld  eine  kapitalbildende  „Funktion"  niemals
irgendwo  gehabt  und  hat  sie  auch  nicht.  Zweitens  ist  ein  Uebergang  zur
einfachen  Warenwirtschaft  (Formel;  G—W—G’)  in  der  staats-kapitalistischen
Gesellschaft  gar  nicht  vorhanden.  Es  liegt  die  Tendenz  zu  einer  Aufhebung
der  Warenwirtschaft  innerhalb  des  Landes  und  zur  Formveränderung  des
Mehrwertes  vor.  Aber  dies  ist  eine  Frage  ganz  anderer  Art.
        <pb n="42" />
        3  Bucharin:  Oekonomik.

33

größte,  die  mächtigste,  die  allumfassendste.  Eine  solche  Organisation ­
  ist  eben  die  Staatsgewalt,  Die  Staatsorganisation  der
Bourgeoisie  konzentriert  in  sich  die  ganze  Macht  dieser  Klasse,
Folglich  müssen  alle  übrigen  Organisationen  —  vor  allem  die
wirtschaftlichen  und  dann  auch  die  anderen  —  ihr  untergeordnet
sein.  Sie  alle  werden  „militarisiert“.  Sie  alle  verwandeln  sich
in  Filialen,  in  Abteilungen  der  einheitlichen,  der  Universalorganisation. ­
  Nur  unter  diesen  Bedingungen  erhält  das  ganze  System
ein  Maximum  von  Stabilität,  So  entsteht  ein  neuer  Typus  der
Staatsgewalt,  der  klassische  Typus  des  imperialistischen  Staates,
der  auf  den  staatskapitalistischen  Produktionsverhältnissen  fußt.
Hier  verschmilzt  die  „Oekonomik“  organisatorisch  mit  der
„Politik  ,  die  ökonomische  Macht  der  Bourgeoisie  verbindet  sich
unmittelbar  mit  ihrer  politischen  Macht,  der  Staat  hört  auf,  ein
einfacher  Beschützer  des  Ausbeutungsprozesses  zu  sein,  und  wird
zum  direkten  kapitalistischen  Kollektiv-Ausbeuter,  der  offen  dem
Proletariat  entgegensteht.*)  Die  Entfaltung  der  Staatsgewalt
offenbart  hier  ihre  ganze  dialektische  Natur;  die  Staatsgewalt
entstand  als  ursprüngliche  und  einheitliche  Form  der  Organisation ­
  der  herrschenden  Klasse;  sie  wurde  dann  zu  einer  der  vielen
Organisationen  der  Bourgeoisie;  schließlich  wurde  sie  von
*)  Ueber  den  Staatskapitalismus  vergl.  außer  den  zitierten  Werken
folgende:  F.  Pinnen  „Die  Konjunktur  des  wirtschaftlichen  Sozialismus",
„Die  Bank“.  April  1915;  Prof.  Jaffe:  „Die  Militarisierung  unseres  Wirtschaftslebens“ ­
  im  Archiv  für  Sozialwisscnschaft  und  Sozialpolitik,  1915,
40,  Band  3,  Heft  V;  Guyot:  „Les  problemes  economiques  apres  la  guerre",
Journal  des  economistes,  vom  15.  August  1915;  Prof.  Karl  Ballod:  „Einiges
aus  der  Utopienlitcratur  der  letzten  Jahre“  in  Grünbergs  Archiv  für  die
Geschichte  des  Sozialismus,  6,  Jahrgang,  1.  Heft;  Walter  Rathenau:  „Die
neue  Wirtschaft"  und  „Der  neue  Staat“;  G.  Bernhard:  „Uebergangswirtschaft”,
  Berlin  1918;  „Monopolfrage  und  Arbeiterklasse“  (Artikelsammlung
von  Rechtssozialdemokraten);  von  russischen  Arbeiten  sei  auf  die  Artikel
und  Broschüren  des  Genossen  Larin  (M.  Lurje)  hingewiesen,  insbesondere
über  die  Organisation  der  deutschen  Industrie.  Vergl,  auch  N.  Ossinski;
„Der  Aufbau  des  Sozialismus"  (die  ersten  Kapitel).
        <pb n="43" />
        34

neuem  zur  wesentlich  einheitlichen,  Organisation,  nachdem  sie
alle  übrigen  auf  gesaugt  hatte,*)
Die  staatskapitalistischen  Produktionsverhältnisse  sind,
logisch  und  historisch,  eine  Fortsetzung  der  finanzkapitalistischen
Verhältnisse,  deren  Vollendung  sie  bilden.  Es  ist  daher  nicht
verwunderlich,  daß  den  Ausgangspunkt  ihrer  Entwicklung  jene
organisatorischen  Formen  bildeten,  die  durch  das  Finanzkapital,
d,  h,  die  Syndikate,  Trusts  und  Banken,  gegeben  waren.  Anstelle
der  Trusts,  als  privater  Monopolorganisationen,  die  nicht  nur
kommerziell,  sondern  auch  technisch  die  Produktion  zusammenfassen, ­
  tritt  das  Staatsmonopol.  Die  trustartigen  Syndikate  und
Kartelle  werden  ebenso  durch  Staatsmonopole  ersetzt.  Der  Zentralisationsprozeß ­
  wird  durch  den  Druck  der  Staatsgewalt  beschleunigt; ­
  es  entstehen  sogenannte  Zwangssyndikate  und
Zwangskartelle.  Den  Uebergangstypus  bilden  die  gemischten
Unternehmen,  wo  der  Staat  als  Mitinhaber,  als  großer  Aktionär
usw,  auf  tritt,  und  wo  die  Form  der  finanzkapitalistischen  Verbundenheit ­
  zwischen  dem  Staate  und  dem  Privatunternehmertum ­
  sich  in  Form  der  sogenannten  „Beteiligung"  („Partizipation") ­
  äußert.  Diese  —  im  Sinne  der  Umgestaltung  der
Produktionsverhältnisse  —  wichtigsten  Formen  sind  lange  nicht
die  einzigen:  dazu  gehört  auch  eine  ganze  Reihe  weniger
wesentlicher  Veränderungen,  wie  die  staatliche  Regulierung  und
Kontrolle  des  Produktionsprozesses  (Zwangsproduktion,  Normierung, ­
  Regelung  der  Herstellungsmethoden,  Reglementierung
des  inneren  technischen  Produktionssystems  überhaupt);  die
Regelung  der  Verteilung  (Zwangsablieferung  und  Zwangsaufnahme; ­
  die  staatliche  Versorgung,  Staatsmagazine,  Preistaxierung,
das  Kartensystem  usw,  usw,)**)  Eine  besondere  und  dabei  außer-*)
  Selbstverständlich  verhält  es  sich  so  mit  dem  „reinen  Typus"  des
Staatskapitalismus,  der  sich  real  lediglich  als  Tendenz  offenbart.
**)  lieber  Deutschland  vergl,  die  Angaben  Johann  Müllers  in:  „Nationalökonomische ­
  Gesetzgebung",  Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und
Staat.  1915.  lieber  Frankreich  s.  Ch.  Gide;  „The  Provisioning  of  France
        <pb n="44" />
        ordentlich  große  organisatorische  Rolle  spielen  die  Banken.  Sie
bringen  die  Einlagen  in  die  Staatsbank,  die  Staatsbank  zentralisiert ­
  ihrerseits  die  gewaltigen  Summen  (es  genügt,  allein  an  die
Kriegsanleihen  zu  erinnern)  und  führt  sie  der  Kriegsindustrie  zu.
Da  die  Einlagen  in  gewissem  Grade  das  periodisch  freiwerdende
Kapital  darstellen,  so  bedeutet  ihre  organisatorische  „Verteilung"
durch  die  Staatsbank  die  tatsächliche  Unterwerfung  der  Industrie
unter  die  Staatsbank  und  die  Verwandlung  des  Unternehmergewinns ­
  in  von  dieser  Bank  ausgezahlte  Zinsen,  Folglich  verwandeln ­
  sich  auch  auf  diesem  Wege  die  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse ­
  in  staatskapitalistische,  und  die  verschiedenen ­
  Arten  des  kapitalistischen  Gewinns  gleichen  sich  aus,  verwandeln ­
  sich  in  eine  eigentümliche  „Dividende",  die  ausgezahlt
wird  von  einem  einheitlichen  kapitalistischen  Kollektiv-Unternehmen, ­
  einer  einheitlichen  Aktiengesellschaft,  einem  Trust,  wie
ihn  der  imperialistische  Staat  darstellt,*)
Die  Typen  der  organisatorischen  Verbundenheit  in  ihrer
konkreten  Gestaltung  sind  hier  verschieden;  sie  unterscheiden
sich  durch  ihren  Funktionscharakter:  wir  haben  es  hier  auch  mit
einer  planmäßigen  Organisation  zu  tun,  wo  neue,  stabile  produktions-technische
  Einheiten  entstehen  (als  Beispiele  können  die
Zwangstrusts  dienen,  die  eine  ganze  Reihe  früherer  Produktionsverbände ­
  zentralisieren,  die  Staatsmonopole  usw.);  auch  die  einfache ­
  „Regulierung“  ist  dabei  (z.  B,  die  Absatz-  und  Einnahmepflicht) ­
  ;  schließlich  ist  hier  noch  ein  niedrigeres  Element  des
organisierenden  Prozesses,  —  die  Normierung**)  dabei;  als
and  measurcs  to  that  end“  (The  Economic  Journal,  march  1916)  und  die
Daten  in  der  englischen  Zeitschrift  „The  Economist"  (ebenda  über  England).
*)  Ueber  die  juristischen  Normen  und  Formen  der  staatskapitalistischen
Beziehungen  vergl,  Prof.  Hatschek;  „Die  Rechtstechnik  des  Kriegssozialistnus"
  (Deutsche  Revue,  Juni  1916).
**)  Die  Terminologie  ist  hier  in  dem  Sinne  benutzt,  wie  sie  von  Gen.
A.  Bogdanow  gebraucht  wird.  Vergl.  seinen  Aufsatz  über  die  Tendenzen
der  proletarischen  Kultur  in;  „Proletarische  Kultur“,  auch  „Allgemeine  Organisationslehre“ ­
  (russisch).
Bucharm:  Oekonomik.
        <pb n="45" />
        36

Beispiel  der  letzteren  kann  die  Preistaxierung  dienen.  Es  wäre
jedoch  falsch,  zu  übersehen,  daß  jene  allgemeine  Tendenz  der
„staatskapitalistischen“  Entwicklung,  durch  die  die  Tendenz  des
Finanzkapitalismus  beschleunigt  wird,  in  der  Richtung  der
höheren  Organisationstypen  geht,  die  eine  stabile  produktionstechnische ­
  Gruppierung  schaffen.  Der  organisatorische  Prozeß
braucht  nicht  mit  der  produktions-technischen  Seite  zu  beginnen;
das  subjektive  Ziel  seiner  Träger  kann  auch  —  nicht  die  Organisation, ­
  sondern  sagen  wir  die  rein-kommerzielle  Verrechnung
sein,  und  dessenungeachtet  kann  das  objektive  Endergebnis  die
Schaffung  von  neuen  produktions-technischen  Komplexen  sein.
Eine  solche  Erscheinung  konnte  man  zur  Zeit  des  Finanzkapitalismus ­
  mit  der  größten  Anschaulichkeit  wahrnehmen;  die  Syndikate
entstanden  als  kommerzielle  Verbände,  die  auf  dem  Markte
operierten;  aber  dessenungeachtet  führte  die  weitere  Entwicklung ­
  zur  Schaffung  von  trustartigen  Kartellen  und  daraufhin  zur
Bildung  von  wirklichen  Trusts,  d,  h.  von  Verbänden  nicht  nur
kommerzieller,  sondern  auch  produktions-technischer  Art.  Odei
ein  anderes  Beispiel,  Das  Eindringen  des  Bankkapitals  in
die  Industrie  führte  zur  Konsolidierung  der  Unternehmen
(„Fusionen",  kombinierte  Trusts  usw,).  In  diesen  Fällen
gehen  also  die  Organisierungsprozesse  aus  der  Sphäre  der  Zirkulation ­
  in  die  Sphäre  der  Produktion  über;  das  kommt  daher,
weil  der  Zirkulationsprozeß  einen  Bestandteil  des  allgemeinen
Gesamtprozesses  bildet,  des  Reproduktionsprozesses,  der  für  alle
seine  Teile  und  Phasen  eine  Zwangsläufigkeit  besitzt.*)
*)  Gen,  A,  Bogdanow  möchte  in  dem  ganzen  Organisationsprozeß  während ­
  des  Krieges  bloß  „Karten“  sehen,  d,  h.  bloß  den  Rationierungsprozeß,
der  aus  dem  Rückgang  der  Produktionskräfte  entstanden  ist.  In  Wirklichkeit
aber  geht  der  Rationierungsprozeß  seiner  Bedeutung  nach  bedeutend  tiefer.
Der  Rückgang  der  Produktionskräfte  schließt  hier  keineswegs  den  Fortschritt ­
  der  Organisationsformen  des  Kapitalismus  aus.  Das  war  auch  zu
„normalen  Zeiten“  der  Fall,  namentlich  aber  während  der  Krisen,  als  der
vorübergehende  Rückgang  der  Produktionskräfte  von  einer  beschleunigten
        <pb n="46" />
        37

Also:  die  Reorganisation  der  Produktionsverhältnisse  des
Finanzkapitals  ging  in  der  Richtung  zur  staatskapitalistischen
Universalorganisation,  mit  der  Aufhebung  des  Warenmarktes,  mit
der  Verwandlung  des  Geldes  in  eine  Zähleinheit,  mit  der  im
Staatsmaßstab  organisierten  Produktion,  mit  der  Unterordnung
des  ganzen  „volkswirtschaftlichen“  Mechanismus  unter  die  Ziele
der  Weltkonkurrenz,  d.  h.  vor  allem  unter  die  des  Krieges.
Bei  der  obigen  Analyse  haben  wir  die  organisatorischen
Formen  betrachtet,  mit  deren  Hilfe  die  kapitalistische  Struktur
der  einzelnen  Länder  sich  an  die  neuen  Existenzbedingungen  des
ganzen  Weltkapitalismus  anpaßte.  Aber  wir  betrachteten  alle  Veränderungen ­
  unter  dem  Gesichtswinkel  der  Ueberwindung  der
Produktionsanarchie.  Nun  sollen  einige  Worte  über  die  soziale
Anarchie  gesagt  werden.  Die  Gesamtheit  der  Produktionsverhältnisse ­
  umfaßt  ja  nicht  nur  die  Beziehungen  zwischen  den  nach
Unternehmen  organisierten  Menschen  allein;  es  besteht  auch  eine
andere  Differenzierung  dieser  Produktionsbeziehungen,  insofern
wir  von  Beziehungen  zwischen  den  Klassen  reden.  Folglich
müßte  auch  in  dieser  Richtung  eine  Umgestaltung  der  Beziehungen ­
  stattfinden,  denn  sonst  wäre  das  ganze  System  im
höchsten  Grade  labil  und  kurzbefristet.  Die  Bedürfnisse  des
Krieges  spielten  auch  hierbei  eine  gewaltige  Rolle,  Denn  die
Mobilmachung  der  Proletarier  und  ihrer  Köpfe  für  den  Krieg  und
im  Namen  des  Krieges  war  für  die  imperialistische  Kriegsführung
eine  ebenso  notwendige  Voraussetzung  wie  die  Mobilisierung  der
materiellen  Produktion.
Der  Prozeß  der  Ueberwindung  der  Produktionsanarchie  hatte
zu  seinem  Ausgangspunkt  die  bereits  vom  Finanzkapital  ausgearbeiteten ­
  Organisationselemente.  Genau  so  mußte  auch  der
Zentralisation  der  Produktion  und  einer  Entstehung  neuer  kapitalistischer
Organisationen  begleitet  war.  Denselben  Irrtum  —  mutatis  mutandis  —  beging ­
  auch  Engels,  als  er  von  den  Syndikaten  und  Trusts  sprach.  Dieser
Fehler  darf  jetzt  nicht  wiederholt  werden.
        <pb n="47" />
        fm

Prozeß  der  sozialen  Reorganisation  sich  auf  jene  Faktoren
stützen,  die  von  der  vorhergehenden  Entwicklung  geschaffen
worden  waren.  Die  materiellen  Organisationsformen  waren  in
den  Arbeiterorganisationen  gegeben:  in  den  Gewerkschaften,  in
den  sozialistischen  Parteien  und  zum  Teil  in  den  Genossenschaften, ­
  mit  ihrem  ganzen  Hilfs-  und  Nebenapparat.  Die
ideologischen  Formen  bestanden  in  der  eigentümlichen  Mentalität
des  Arbeiterpatriotismus,  der  zum  Teil  eine  Umformung  der
Ueberreste  der  alten  kleinbürgerlichen  Mentalität  darstellte,  zum
Teil  aber  das  Produkt  der  relativen  und  zeitweiligen  Interessiertheit ­
  der  Arbeiterklasse  an  der  imperialistischen  Politik  darstellte.
Schließlich  war  die  Methode  der  Umformung  dieselbe  Methode
der  Unterordnung  unter  den  allumfassenden  bürgerlichen  Staat.
Der  Verrat  der  sozialistischen  Parteien  und  der  Gewerkschaften
drückte  sich  gerade  darin  aus,  daß  sie  in  den  Dienst  des  bürgerlichen ­
  Staates  traten,  daß  sie  durch  diesen  imperialistischen  Staat
eigentlich  verstaatlicht  wurden,  daß  sie  sich  in  „Arbeitsressorts"
der  Militärmaschine  verwandelten.  Die  Verstaatlichung  dieser
Organisationen  hatte  zum  ideologischen  Aequivalent  die  eigentümliche ­
  bürgerliche  Verstaatlichung  der  proletarischen  Mentalität; ­
  dies  drückte  sich  darin  aus,  daß  die  Theorie  des  sogenannten
Burgfriedens  eine  gewaltige  Verbreitung  erlangte  und  selbst  von
proletarischen  Kreisen  anerkannt  wurde.  Natürlich,  neben
diesen  Methoden  entwickelten  sich  nach  wie  vor  auch  Methoden
der  direkten  mechanischen  Einwirkung  und  Unterdrückung,  Methoden ­
  der  direkten  Zwangsmaßnahmen.
Auf  diesem  Wege  wurde  die  höchstmögliche  Stabilität  der
kapitalistischen  Teilsysteme  erreicht  unter  den  Bedingungen,  in
die  sie  der  große  imperialistische  Krieg  versetzte,  d,  h,  unter  den
Bedingungen  der  fürchterlichen  Gleichgewichtsstörung  im  ganzen
We//system  der  kapitalistischen  Gesellschaft,
Damit  unsere  Untersuchung  alle  Grundtendenzen  zur  Orga-38
        <pb n="48" />
        39

nisation  des  kapitalistischen  Systems  streift,  müssen  wir  auch
die  Syndikate  der  staatskapitalistischen  Trusts  erwähnen,  jene
eigentümlichen  Syndikate  „zweiter  Ordnung“,  die  die  staatskapitalistischen ­
  Trusts  zu  ihren  Bestandteilen  haben.  Dazu  gehören ­
  z.  B.  die  „Staatskoalitionen“  oder  der  „Völkerbund“.  Die
Voraussetzungen  für  diese  Organisationen  wurden  durch  die
finanzkapitalistischen  Verbindungen  und  die  Gesamtsumme  der
gegenseitigen  „Beteiligung“  gegeben.  Der  Krieg  verstärkte  den
Prozeß  dieser  losen  Syndizierung  der  staatskapitalistischen
Trusts;  die  interalliierten  Arbeiterkonferenzen  waren  unter
anderem  ein  Ausdruck  der  gleichen  Tendenz.  Hier  überschreiten
die  Tendenzen  zur  Organisation  die  Grenzen  des  einzelnen
Staates.  Folglich  hat  der  Organisationsprozeß  in  diesen  Versuchen ­
  der  kapitalistischen  Welt  seinen  höchsten  Ausdruck
gefunden.
Alle  diese  Prozesse  vollzogen  sich  unter  Bedingungen  der
ungeheuerlichen  Vernichtung  der  Produktivkräfte.  Die  Umgestaltung ­
  der  Struktur  wurde  von  einem  Rückgang  der  Produktivkräfte ­
  begleitet.  Daraus  ergab  sich  letzten  Endes  der  unvermeidliche ­
  Zusammenbruch  des  ganzen  Systems,  Es  wäre  also
unsere  Aufgabe,  die  grundsätzlichen  Einflüsse  des  Zerstörungsprozesses ­
  zu  untersuchen.
Unter  den  Produktivkräften  der  Gesellschaft  werden  wir
die  Gesamtheit  der  Produktionsmittel  und  der  Arbeitskräfte  verstehen. ­
  Das  wird  also  die  Gesamtheit  der  Maschinen  aller  Art,
der  Rohstoffe,  Brennmaterialien  usw,  in  natura  einerseits,
und  die  Gesamtheit  der  Arbeitskräfte  aller  Art  in  natura
(die  Arbeitskräfte  der  Metallarbeiter,  der  Techniker,  der  Textilarbeiter ­
  usw.,  d.  h,  die  Arbeitskräfte  verschiedenen  konkreten
Charakters  und  verschiedener  Qualifikation,  andererseits  sein.*)
*)  Man  kann  nicht,  wie  es  Maslow  („Agrarfrage"  Band  1;  „Theorie  der
Entfaltung  der  Volkswirtschaft”  und  andere  Arbeiten)  in  seiner  Definition
        <pb n="49" />
        Die  Entfaltung  der  Produktivkräfte  ist  die  Grundlage  der  menschlichen ­
  Entwicklung  überhaupt,  und  eben  von  diesem  Standpunkt
aus  muß  jede  Tatsache  des  öffentlichen  Lebens  betrachtet  werden.
Der  Standpunkt  der  Entfaltung  der  Produktivkräfte  stimmt  mit
dem  Standpunkt  der  Reproduktion  überein:  die  Entfaltung  der
Produktivkräfte  entspricht  der  erweiterten  Reproduktion,  ihr
stationärer  Zustand  entspricht  der  einfachen  Reproduktion,  ihr
Sinken  findet  seinen  Ausdruck  darin,  daß  ein  immer  geringer
werdender  Teil  der  periodisch-konsumierten  Produkte  reproduziert ­
  wird.  Im  letzteren  Falle  haben  wir  einen  gesellschaftlichen ­
  Rückschritt  vor  uns.
Der  Standpunkt  der  Reproduktion  ist  eigentlich  für  jede  ökonomische ­
  Untersuchung  verpflichtend.  Aber  er  ist  doppelt  verpflichtend ­
  für  den  Wirtschaftler,  der  die  ,,kritischen"  Perioden
und  die  Uebergangsphasen  der  Entwicklung  erforscht.  In  der
Tat:  in  sogenannten  „normalen“  Zeiten  ist  die  periodische  Wiederholung ­
  des  Produktionskreislaufs  von  vornherein  gegeben.
der  Produktivkräfte  tut,  die  Produktionsmittel  und  die  lebendige  Arbeit
vor  eine  gemeinsame  Klammer  setzen,  d.  h.  eine  statische  Größe  und  einen
Prozeß  addieren.  Nicht  die  Arbeit  ist  den  Produktionsmitteln  adäquat,
sondern  die  Arbeitskraft,  lieber  die  Produktionskräfte  vergl.  Marx;  „Das
Kapital",  „Das  Elend  der  Philosophie“  etc,  Vergl,  auch:  „Produktion"  in
„Nouveau  Dictionnaire  d'econ.  polit.“  par  Leon  Say  („puissance  productive,..
l'ensemile  de  ces  elements  envisages  comme  des  forces“);  Kleinwächter:
„Die  volkswirtschaftliche  Produktion  im  allgemeinen“  in  i  Schönbergs  Handbuch; ­
  B.  Harms:  „Arbeit"  im  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften;
Lexis:  „Produktion“  ebenda;  Lexis:  „Allgemeine  Volkswirtschaftslehre",
1910;  Watkins:  Third  factor  in  Variation  of  productivity  in  „The  American
Economic  Review"  Dezember  1915  (Vol,  V.  N.  4);  F.  Oppenheimer:  „Theorie
der  reinen  und  politischen  Oekonomie",  §  „Die  produktiven  Kräfte"  (S,  138
bis  139  ff,);  R.  Hilferding:  „Eine  neue  Untersuchung  über  die  Arbeitsmittel".
Genaue  Formulierungen  finden  sich  bei  Rodbertus:  „Zur  Beleuchtung  der
sozialen  Frage",  Teil  1,  2.  Aufl.,  hg.  von  Moritz  Wirth,  Berlin  1890,  S.  60.
(„Produktivkraft  und  Produktivität  sind  wohl  zu  unterscheiden.  Produktivität ­
  bedeutet  die  Wirksamkeit  oder  Fruchtbarkeit  der  Produktivkraft“,  Mit
anderen  Worten;  R,  nimmt  die  Produktivkräfte  in  natura).  Vergl.  auch
Liszt;  „Das  nationale  System  der  pol.  Oek."

40
        <pb n="50" />
        41

Freilich,  auch  hier  —  insbesondere  bei  der  kapitalistischen  Ge*
Seilschaft  —  entstehen  spezifische  Probleme,  aber  im  großen  und
ganzen  ist  ein  mehr  oder  weniger  „glatter“  Gang  der  Dinge  vorauszusetzen. ­
  Die  „kritischen“  Epochen  machen  dagegen  jeden
folgenden  Produktionskreislauf  fraglich.  Folglich  ist  der  Standpunkt ­
  der  Reproduktion  hier  methodologisch  der  einzig  richtige
Standpunkt,  Denn  er  untersucht  gerade  die  Bedingungen  der
Wiederholbarkeit  der  Produktionskreisläufe,  d.  h.  die  Bedingungen ­
  des  dynamischen  Gleichgewichtes  des  gesellschaftlichen
Systems,  „Reproduktion  ist  wörtlich  genommen  einfach  Wiederproduktion, ­
  Wiederholung,  Erneuerung  des  Produktionsprozesses,
und  es  mag  auf  den  ersten  Blick  nicht  abzusehen  sein,  worin  sich
der  Begriff  der  Reproduktion  von  dem  allgemein  verständlichen
der  Produktion  eigentlich  unterscheidet  und  wozu  hierfür  ein
neuer,  befremdender  Ausdruck  nötig  sein  soll.  Allein  gerade  in
der  Wiederholung,  in  der  ständigen  Wiederkehr  des  Produktionsprozesses ­
  liegt  ein  wichtiges  Moment  für  sich,"*)  Das  begriffen
„eigentlich“  schon  die  Physiokraten  ausgezeichnet,  aber  die  „gelehrten“ ­
  livrierten  Lakaien  des  Imperialismus  haben  es  gründlich
vergessen.  Das  war  der  Grund,  warum  der  Krieg  in  seiner  Anfangsphase ­
  wahrhaft  ungeheuerliche  theoretische  Konstruktionen
erzeugte,  die  aus  der  Tatsache  der  Kriegsgewinne,  dem  „Florieren“ ­
  der  Kriegsindustrie  und  dem  Steigen  der  Aktien  der
metallurgischen,  chemischen  und  anderen  Fabriken  auf  den  wohltuenden ­
  (!)  Einfluß  des  Krieges  auf  das  „Volkswirtschaftsleben“
schlossen.
Betrachten  wir  den  realen  Reproduktionsprozeß,  insofern  die
gesamte  Wirtschaft  im  Zeichen  des  Krieges  steht,  d,  h.  insofern
eine  Neuverteilung  der  Produktivkräfte  im  Interesse  der  Kriegsindustrie ­
  und  der  Arbeit  für  die  Armee  im  allgemeinen  stattgefunden ­
  hat.  Man  pflegt  die  für  den  Kriegsbedarf  verwandte
*)  Rosa  Luxemburg;  „Die  Akkumulation  des  Kapitals",  Berlin  1913,  S.  1.
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        ■  -

42

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lil  ii

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Arbeit  als  eine  vom  wirtschaftlichen  Standpunkt  aus  unproduktive ­
  Arbeit  zu  bezeichnen.  Was  heißt  dies?  Die  spezifische  Bedeutung ­
  dieser  Arbeit  geht  klar  hervor,  wenn  wir  ihren  Einfluß
auf  die  Reproduktionsbedingungen  untersuchen.  Im  „normalen"
Produktionsprozeß  werden  Produktionsmittel  und  Konsumtionsmittel
  geschaffen.  Das  sind  die  zwei  wichtigsten  Gebiete  der
ganzen  Wirtschaft.  Es  ist  klar,  daß  die  Produktionsmittel  jedesmal ­
  dem  System  der  gesellschaftlichen  Arbeit  einverleibt
werden.  Deren  Produktion  ist  eine  Bedingung  für  die  Reproduktion. ­
  Genau  so  verhält  es  sich  im  großen  und  ganzen  mit
der  Produktion  der  Konsumtionsmittel,  Diese  Konsumtionsmittel
verschwinden  keineswegs  spurlos  für  die  weiteren  Kreisläufe  des
Produktionsprozesses.  Denn  der  Konsumtionsprozeß  ist  im  Grunde
genommen  ein  eigentümlicher  Prozeß  der  Produktion  von
Arbeitskraft.  Die  Arbeitskraft  aber  ist  eine  ebenso  notwendige
Bedingung  für  den  Reproduktionsprozeß,  Folglich  liefert  sowohl
die  Produktion  von  Konsumtionsmitteln  als  auch  die  Produktion
von  Produktionsmitteln  Produkte,  die  die  notwendige  Bedingung
des  Reproduktionsprozesses  bilden,  ohne  die  der  letztere  nicht
stattfinden  kann.  Eine  ganz  andere  Bedeutung  hat  die  Kriegsproduktion: ­
  eine  Kanone  verwandelt  sich  nicht  in  ein  Element
des  neuen  Produktionskreislaufes;  das  Pulver  wird  in  die  Luft
verschossen  und  erscheint  keineswegs  in  einer  neuen  Sachhülle
im  darauf  folgenden  Kreislauf,  Im  Gegenteil.  Der  wirtschaftliche ­
  Effekt  dieser  Elemente  in  actu  ist  eine  rein  negative  Größe,
Doch  soll  man  nicht  glauben,  daß  die  wirtschaftliche  Bedeutung
hier  unbedingt  mit  einer  bestimmten  Art  des  Gebrauchswertes
und  der  Sachform  des  Produktes  verbunden  ist.  Wir  können  die
Konsumtionsmittel  betrachten,  mit  denen  die  Armee  versorgt  wird.
Auch  hier  nehmen  wir  dasselbe  wahr.  Die  Konsumtionsmittel
schaffen  hier  nicht  Arbeitskräfte,  denn  die  Soldaten  figurieren
nicht  im  Produktionsprozeß;  sie  sind  aus  ihm  ausgeschaltet,  sie
        <pb n="52" />
        43

sind  außerhalb  des  Produktionsprozesses  gestellt.  Solange  der
Krieg  anhält,  solange  dienen  also  die  Konsumtionsmittel  zum
großen  Teil  nicht  als  Produktionsmittel  der  Arbeitskraft,  sondern
als  Produktionsmittel  der  spezifischen  „Soldatenkraft“,  die  im
Produktionsprozeß  keine  Rolle  spielt.  Folglich  nimmt  der  Reproduktionsprozeß ­
  mit  dem  Kriege  einen  „entstellten“,  regressiven,
negativen  Charakter  an,  nämlich:  mit  jedem  folgenden  Produktionskreislauf ­
  wird  die  reale  Produktionsbasis  immer  schmäler
und  schmäler,  die  „Entwicklung“  vollzieht  sich  nicht  nach  einer
sich  erweiternden,  sondern  einer  sich  stetig  verengenden  Spirale,
Hier  muß  noch  ein  wichtiger  Umstand  hervorgehoben  werden.
Die  Armee,  die  eine  gewaltige  Nachfrage  bietet,  d.  h.  unterhalten
werden  will,  gibt  kein  Arbeitsäquivalent.  Infolgedessen  produziert ­
  sie  nicht,  sondern  entzieht;  mit  anderen  Worten:  man  bekommt ­
  hier  einen  doppelten  Ausfall  aus  dem  „Reproduktionsfonds“. ­
  Dieser  Umstand  stellt  den  wichtigsten  zerstörenden
Faktor  dar.  Außerdem  müssen  die  unmittelbaren  Kriegszerstörungen ­
  (zerstörte  Wege,  verbrannte  Städte  usw,  usw.)  berücksichtigt ­
  werden,  ebenso  wie  eine  ganze  Reihe  indirekter  Zerstörungen ­
  (der  Arbeitskraft  u,  a.  m.).  Es  ist  also  klar,  daß
die  reale  Basis  der  gesellschaftlichen  Produktion  sich  mit
jedem  Umlauf  des  gesellschaftlichen  Kapitals  verengt.  Wir  haben
es  hier  nicht  mit  einer  erweiterten  Reproduktion,  ja  nicht  einmal
mit  einer  einfachen  Reproduktion  zu  tun;  wir  haben  hier  eine
immer  mehr  wachsende  Unterproduktion.  Diesen  Prozeß  kann  man
als  erweiterte  negative  Reproduktion  bezeichnen.  Das  ist  der
Krieg,  betrachtet  vom  wirtschaftlichen  Standpunkt  aus.  Der  real
stattfindende  Prozeß  ist  also  eine  erweiterte  negative  Reproduktion. ­
  Man  muß  von  diesem  Prozeß  seinen  kapitalistischen,
papiernen,  fetischistisch-entstellten  Ausdruck  unterscheiden.  Denn
auf  der  Verwechslung  dieser  beiden  Prozesse  —  dem  sachlichen
und  Arbeitsprozeß  einerseits  und  dem  formalen  andererseits  —
        <pb n="53" />
        beruht  die  ungeheuerliche  Theorie  von  dem  positiven  Einfluß  des
Krieges,  In  der  Tat,  aus  dem  Vorhergesagten  folgt,  daß  die
Form  des  kapitalistischen  Gewinns  beim  staatskapitalistischen
Regime  die  Tendenz  aufweist,  sich  in  laut  Staatspapieren  ausgezahlte ­
  Zinsen  zu  verwandeln.  Diese  Papiere  stellen  in  bedeutendem ­
  Grade  das  Recht  auf  die  künftigen  Realwerte  dar.
Zugleich  können  sie  im  Umlauf  bleiben  und  sogar  in  großen  Mengen ­
  angchäuft  werden.  Aber  ihr  Vorhandensein  ist  eine  Sache
für  sich,  und  die  objektive  Möglichkeit  ihrer  Realisierung  ist
eine  ganz  andere  Sache.  Soweit  im  Prozeß  des  Krieges  eine  Realisierung ­
  des  Wertes  als  die  der  Einnahmen  stattfindet,  soweit
kann  sie  bezeichnet  werden  entweder  als  „Verzehren“  des  kon-*

stanten  Kapitals  oder  als  Realisierung  der  abnehmenden  Summe
des  Mehrwertes  bei  einer  Neuverteilung  des  letzteren  in  der  Richtung ­
  der  großkapitalistischen  Gruppen,  Eine  große  Menge  der
angehäuften  Papierwerte  sind  Wertzeichen,  deren  Realisierung
in  der  Zukunft  liegt  und  einerseits  von  den  Verhältnissen  der
kapitalistischen  Reproduktion,  andererseits  von  der  Existenz  des
kapitalistischen  Systems  selbst  abhängt.  Begreiflich,  daß  die  gewaltige ­
  Ueberschwemmung  mit  Papierwerten  in  ihren  verschiedensten ­
  Formen  dem  realen  Arbeitsprozeß  absolut  inkommensurabel ­
  werden  kann,  und  unter  den  Verhältnissen  der  kapitalistischen ­
  Struktur  wird  dies  zu  einem  Merkmale  ihres  Zusammenbruches ­
  werden.  Auf  diese  Weise  geht  die  erweiterte
negative  Reproduktion  parallel  mit  der  Anhäufung  von  Papierwerten. ­

Aus  dem  oben  Gesagten  folgt  aber  noch  keineswegs  die
Nutzlosigkeit  der  „Verausgabungen"  und  die  negative  Einschätzung ­
  der  zerstörenden  Seite  des  Prozesses  vom  kapitalistischen ­
  Standpunkt  aus.  Jede  beliebige  kapitalistische  Krise
ist  eine  zeitweilige  Zerstörung  von  Produktivkräften.  Sie
muß  aber  beurteilt  werden  vom  Standpunkt  des  kapitalistischen

44
        <pb n="54" />
        45

Systems,  indem  man  aus  dem  Rahmen  mehrerer  Produktionskreisläufe ­
  hinaustritt.  Denn  letzten  Endes  erweitert  sie  den  Rahmen
der  Weiterentwicklung  des  kapitalistischen  Systems,  Dasselbe
ist  auch  mit  dem  Krieg  der  Fall,  Vorausgesetzt,  der  Weltkrieg
hätte  im  zweiten  Jahr  mit  dem  Siege  einer  der  Mächtegruppen
geendet.  Unzweifelhaft,  daß  bei  einer  solchen  Sachlage  die
kapitalistische  Ordnung,  nach  einer  Periode  der  Zerstörung,
viel  Chancen  gehabt  hätte,  sich  aufzurichtenj  nachdem  die
nWunden  geheilt“  wären,  d.  h,  nachdem  man  die  Beziehungen
wieder  angeknüpft  und  die  zerstörten  Teile  des  konstanten  Kapitals ­
  wieder  hergestellt  hätte,  hätte  die  kapitalistische  Produktionsweise ­
  die  Möglichkeit  einer  gewissen  Weiterentwicklung
erhalten  und  zwar  in  höherer,  zentralisierterer  Form,  als
es  bis  dahin  der  Fall  war.  Das,  was  vom  Standpunkt  der  Produktionskreisläufe, ­
  die  an  den  Krieg  unmittelbar  gebunden  oder  ihm
nah  verwandt  waren,  sich  als  reiner  Verlust  präsentierte,  das
konnte  sich  also  vom  Standpunkte  der  allgemeinen  Bewegung  des
kapitalistischen  Systems  in  seinem  großen  historischen  Maßstabe
als  vorübergehende  Herabsetzung  der  Produktivkräfte  erweisen,
zu  welchem  Preise  eine  weitere  und  dabei  mächtigere  Entwicklung ­
  dieser  Kräfte  erkauft  worden  wäre.  Mit  anderen  Worten,
wir  hätten  es  dann  mit  einer  der  Krisen  zu  tun  —,  obwohl  mit
einer  ihren  Dimensionen  und  ihrer  Form  nach  nie  dagewesenen
Krise,  aber  keineswegs  mit  einem  Zusammenbruch  des  kapitalistischen ­
  Systems.  Das  letztere  hätte,  nach  einem  gewissen
Stocken,  seine  Entwicklung  in  organisatorisch  vollkommeneren
Formen  fortgesetzt.
Die  Frage;  Krise  oder  Zusammenbruch  hängt  vom  konkreten
Charakter  der  betreffenden  Erschütterung  des  kapitalistischen
Systems,  ihrer  Tiefe  und  Dauer  ab.  Es  ist  theoretisch  absolut
klar,  daß  der  Prozeß  der  erweiterten  negativen  Reproduktion
sich  immer  bloß  bis  zu  einer  gewissen  Grenze  fortsetzen  kann,
        <pb n="55" />
        46

nach  der  eine  Zersetzung  und  ein  Zerfall  der  ganzen  Organisation
beginnt.  Die  Untersuchung  dieser  Frage  möchten  wir  jetzt  in
Angriff  nehmen.
Der  Prozeß  der  Reproduktion  ist  nicht  nur  ein  Prozeß  der
Reproduktion  der  materiellen  Elemente  der  Produktion,  sondern
auch  ein  Prozeß  der  Reproduktion  der  Produktionsverhältnisse
selbst  ,*)  Die  erweiterte  Reproduktion  ist  die  erweiterte  Reproduktion ­
  der  gegebenen  Produktionsverhältnisse,  Ihr  Feld,  ihre
räumliche  Ausdehnung  wird  größer;  die  gegebene  Produktionsmethode ­
  „dehnt“  sich  aus,  indem  sie  sich  innerlich  in  ihren
Details  umorganisiert;  mit  anderen  Worten,  die  Reproduktion  der
kapitalistischen  Produktionsverhältnisse  reproduziert  sie  grundsätzlich, ­
  insofern  hier  das  Verhältnis  zwischen  Kapital  und  Lohnarbeit ­
  permanent  erhalten  und  erweitert  wird.  Aber  innerhalb
dieses  Verhältnisses  werden  die  Details  der  Produktionsstruktur
beständig  geändert;  es  genügt,  allein  auf  das  Wachstum  des  sogenannten ­
  „neuen  Mittelstandes“  hinzuweisen.
Was  geschieht  bei  der  erweiterten  negativen  Reproduktion?
Um  diese  Frage  zu  beantworten,  muß  man  ausführlicher  bei  der
Frage  nach  dem  Bau  der  Gesellschaft  in  ihrer  Gesamtheit  verweilen. ­

Vor  allem,  was  sind  die  „Produktionsverhältnisse“,  von  denen
die  Rede  ist?
Marx  definierte  sie  als  die  Beziehungen  zwischen  den  Menschen ­
  im  Prozeß  der  gesellschaftlichen  Arbeit  und  der  Verteilung
der  Produkte  dieser  Arbeit.  Konkret  betrachtet,  gehören  in  der
kapitalistischen  Gesellschaft  dazu  die  Beziehungen  zwischen  dem
Kapitalisten,  dem  Meister,  dem  Techniker,  dem  Ingenieur,  dem
qualifizierten  Arbeiter,  dem  ungelernten  Arbeiter,  dem  Kaufmann,
dem  Bankier,  dem  Wucherer  usw,,  wobei  die  Beziehungen
zwischen  den  Elementen  in  ihren  gegebenen  realen  Kombinationen
*)  Siehe  Marx:  „Das  Kapital",  Band  II  und  III.
        <pb n="56" />
        betrachtet  werden.  Folglich  ist  die  Kategorie  der  Produktionsverhältnisse ­
  eine  allgemeine  Kategorie,  die  den  gesellschaftlichen
Aufbau  betrifft.  Dazu  gehören  auch  Beziehungen  sozialen  Klassencharakters ­
  (das  Verhältnis  zwischen  Arbeitern  und  Kapitalisten)
sowie  Beziehungen  anderer  Art  (zum  Beispiel  das  Verhältnis
zwischen  zwei  Unternehmen,  das  Verhältnis  der  Mitarbeit, ­
  d,  h,  der  sogenannten  einfachen  Kooperation  usw,*)
Dabei  muß  bemerkt  werden,  daß  die  Produktionsverhältnisse
nicht  etwas  Verschiedenes  von  der  technischen  Arbeitsorganisation
sind,  insoweit  wir  von  den  Beziehungen  innerhalb  des  unmittelbaren ­
  Arbeitsprozesses  reden.  Real  verschmelzen  sie  miteinander.
Die  Fabrik  ist  nicht  nur  eine  technische,  sondern  eine  ökonomische ­
  Kategorie**),  denn  sie  ist  ein  Komplex  der  sozialen  Arbeitsund ­
  Produktionsverhältnisse,  Marx  führte  die  Fabrikhierarchie
unter  dem  Kommando  des  Kapitals  als  Beispiel  der  kapitalistischen ­
  Produktionsverhältnisse  an.  Die  technischen  Elemente
(die  Arbeitskraft  des  Ingenieurs,  des  Direktors,  des  Mechanikers,
des  Meisters,  des  Arbeiters,  des  Handlangers)  sind  zugleich
Elemente  der  ökonomischen  Organisation,  und  soweit  sie  an
einen  beständigen  Kreis  von  Personen  geknüpft  sind,  soweit
liegt  auch  ihre  soziale  K/assencharakteristik  auf  der  Hand,  Dies
ist  auch  begreiflich:  die  Klassen  stellen  ja  vor  allem  Gruppen  von
Personen  dar,  die  durch  gemeinsame  Bedingungen  und  eine  gemeinsame ­
  Rolle  im  Produktionsprozeß  mit  allen  sich  daraus  ergebenden ­
  Folgen  für  den  Verteilungsprozeß  zusammengeschlossen
sind.  Die  kapitalistische  Hierarchie  in  der  Produktion  ist  be-*)
  Herr  P.  Struve  hat  in  seiner  Schrift  „Wirtschaft  und  Wert“  (russisch)
absichtlich  die  Produktionsverhältnisse  aus  der  Analyse  verbannt,  um  behaupten ­
  zu  können,  daß  die  sozialen  Klassenverhältnisse  ein  ewiges  Attribut
einer  jeden  Gesellschaft  seien.  Vergl.  darüber  unseren  Aufsatz  „Die  Kunststücke ­
  des  Herrn  Struve"  in  der  marxistischen  Zeitschrift  „Proswestschenje"
Nr,  129,  1913.
**)  Vergl,  K.  Marx:  „Das  Elend  der  Philosophie".
        <pb n="57" />
        48

gleitet  von  der  kapitalistischen  Hierarchie  in  der  Verteilung,  Dies
sind  zwei  Seiten  einer  und  derselben  Erscheinung,  die  unlösbar
miteinander  verknüpft,  verschmolzen  sind.
Die  Produktionsverhältnisse  sind  Beziehungen  zwischen  den
Menschen  als  Elementen  eines  bestimmten  Systems,  Aber  es
würde  eine  große  Vereinfachung  bedeuten,  wenn  man  einen  bestimmten ­
  Typus  der  Verbundenheit  dieser  Elemente  herausholen
wollte.  Die  Gesellschaft  ist  nicht  eine  Summe  von  Elementen;
aber  zugleich  ist  sie  auch  nicht  die  arithmetische  Summe  der
Elemente  und  ihres  Zusammenhanges,  Denn  der  gesellschaftliche
Zusammenhang  steht  nicht  neben  den  Elementen.  Die  räumliche
Verteilung  der  Personen  im  technischen  Arbeitsprozeß  und  ihre
Funktionsrolle  wird  akkumuliert,  erstarrt  in  den  Personenelementen, ­
  Auf  diese  Weise  verwandeln  sich  die  gesellschaftlichen
Verbindungen  und  finden  ihren  Ausdruck  in  der  „inneren  Struktur“ ­
  der  Elemente  selbst,  der  Typus  des  gesellschaftlichen  Zusammenhanges ­
  lebt  in  den  Köpfen  der  Menschen.
Also:  die  gegebene  gesellschaftliche  Struktur,  die  gegebene
Produktionsweise  ist  einerseits  ein  bestimmter  Typus  des
Zusammenhanges,  andererseits  werden  diese  Elemente  selbst
von  diesem  Typus  gestaltet.
Durch  die  Produktionsverhältnisse  wird  alles  übrige  bestimmt, ­
  Die  Ursache  hiervon  ist  leicht  begreiflich.  Würden  die
Produktionsverhältnisse  einen  Typus  des  Zusammenhanges  verkörpern ­
  und  wären  die  Beziehungen  anderer  Art  (z.  B.  die
Staatsorganisation),  nach  einem  anderen  Typus  aufgebaut,  so
müßte  das  System  als  Ganzes  absolut  unstabil  sein.  Kapitalistische ­
  Produktionsverhältnisse  sind  absolut  undenkbar  bei  der
politischen  Herrschaft  der  Arbeiterklasse,  und  sozialistische  Produktionsverhältnisse ­
  wären  undenkbar  bei  einer  politischen
Herrschaft  des  Kapitals.  Folglich  muß  jeder  Typus  der  Gesellschaft ­
  unvermeidlich  durch  einen  Monismus  seiner  Struktur  gc-
        <pb n="58" />
        4  Bucharin;  Oekonomik.

49

kennzeichnet  sein,  der  die  Grundbedingung  der  Existenz  jedes
gesellschaftlichen  Systems  ist.
Die  kapitalistische  Gesellschaft  ist  in  hohem  Grade  durch
diesen  Monismus  gekennzeichnet.  Die  „Konstitution“  der  Fabrik,
des  Regimentes  oder  der  Staatskanzlei  ist  nach  einem  und
demselben  Prinzip  aufgebaut,  und  der  hierarchische  Typus  der
Produktionsverhältnisse  findet  seinen  Ausdruck  in  der  adäquaten
Hierarchie  der  Staatsgewalt,  der  Armee  usw.  Oben  —  die  Klasse
der  Besitzenden,  ganz  unten  —  die  Klassen  der  Besitzlosen,  in
der  Mitte  —  eine  ganze  Stufenleiter  von  Uebergangsgruppen,
Der  Kapitalist  und  der  Fabrikdirektor,  der  General,  der  Minister
oder  der  hohe  Beamte  sind  Menschen  ungefähr  einer  und  derselben ­
  Klasse,  und  der  Charakter  ihrer  Funktionen  gehört  zum
gleichen  Typus,  ungeachtet  der  Verschiedenheit  ihrer  Sphären,
Diese  Funktionen  haften  ihnen  an;  sie  tragen  folglich  nicht  nur
einen  einfach  technischen,  sondern  zugleich  auch  einen  deutlich
ausgesprochenen  Klassencharakter.  Der  Ingenieur,  der  Offizier,
der  mittlere  Beamte  sind  eigentlich  wiederum  Menschen  einer
und  derselben  Klasse,  und  ihre  Funktionen  sind  vom  gleichen
Typus.  Der  kleine  Angestellte  (der  Bote,  der  Portier,  der  Laufbursche), ­
  der  Arbeiter,  der  Soldat  nehmen  ebenso  eine  gleichartige ­
  Stellung  ein,  und  das  hierarchische  Klassensystem  bestätigt
sich  als  Universalprinzip.
Der  Kapitalismus  ist  ein  antagonistisches,  sich  widersprechendes ­
  System,  Aber  der  Klassenantagonismus,  der  die
Gesellschaft  in  zwei  Grundklassen  spaltet,  ist  überall  konsequent
durchgeführt.  Infolgedessen  ist  die  Struktur  des  Kapitalismus
ein  monistischer  Antagonismus  oder  ein  antagonistischer
Monismus.
Wir  betrachteten  die  Gesellschaft  als  System  von  Elementen
in  natura.  Dieser  Standpunkt  muß  jetzt  mit  seiner  ganzen  Konsequenz ­
  durchgeführt  werden.  Er  ist,  ebenso  wie  der  Standpunkt
        <pb n="59" />
        50

der  Reproduktion,  für  jede  „kritische“  Epoche  und  daher  auch
für  die  Periode  der  Zersetzung  des  Kapitalismus  kategorisch
verpflichtend.  Zu  „normalen"  Zeiten,  d.  h.  dann,  wenn  die  Bedingungen ­
  eines  beweglichen  Gleichgewichtes  des  gesellschaftlichen ­
  Systems  vorliegen,  kann  man  auf  der  Ebene  des  fetischistischen ­
  Ausdruckes  der  gesellschaftlichen  Beziehungen  verbleiben, ­
  denn  er  besitzt  einen  stabilen  Charakter  und  setzt  bestimmte, ­
  ganz  reale,  materielle  gesellschaftliche  Arbeitsprozesse
als  seine  Grundlage  voraus.  Die  Geldverhältnisse,  die  Kategorie
des  Wertes  usw,  sind  allgemeine  Kategorien  der  kapitalistischen
Wirtschaft,  und  wir  können  in  „normalen“  Zeiten  die  Analyse
in  diesen  Kategorien  anstellen,  denn  für  „normale“  Zeiten  sind
sie  normal;  das  Wertgesetz  ist  die  Grundbedingung  der  anarchischen ­
  Produktionsstruktur,  ist  die  conditio  sine  qua  non  des
beweglichen  Gleichgewichts  des  kapitalistischen  Systems-Anders
  liegen  die  Dinge,  wenn  das  Produktionssystem  sich
in  „anormalen“  Verhältnissen  befindet.  Dies  will  sagen,  daß  die
Bedingungen  des  beweglichen  Gleichgewichts  fehlen.  Folglich  ist
es  auch  methodologisch  absolut  unzulässig,  die  Analyse  in  den
Wertverhältnissen  und  in  den  Kategorien  der  fetischisierten  Verhältnisse ­
  überhaupt  zu  führen.  Im  Gegenteil,  hier  muß  man  die
Naturalform  der  Dinge  und  Arbeitskräfte  nehmen,  in  diesen  Einheiten ­
  die  Rechnung  anstellen  und  die  Gesellschaft  seihst  als
Organisation  von  Elementen  in  ihrer  naturaldinglichen  Charakteristik ­
  betrachten*)
Diesen  Grundsatz  begriff  ausgezeichnet  Rudolf  Goldscheid:
*)  Dies  begreifen  leider  sogar  viele  Genossen  nicht,  die  den  relativen
Gesetzen  von  bestimmter  historischer  Bedeutung  eine  übernatürliche  absolute ­
  Realität  zuschreiben.  Sogar  die  im  embryonalen  Zustand  sich  befindende ­
  gesellschaftliche  Buchführung  der  sozialistischen  Wirtschaft  „beruht“
bei  uns  auf  dieser  irrigen  Auffassung.  Und  das  geschieht  gerade  zu  einer
Zeit,  wo  der  Wertausdruck  des  Geldes  inkommensurabel  ist  mit  dem  realen
Arbeitsprozeß  und  der  letztere  die  Verteilung  der  Produktivkräfte  nicht
reguliert.
        <pb n="60" />
        4‘  Bucharin:  Oekonomik.

51

„Ueberhaupt“,  sagt  er,  „muß  uns  der  jetzige  Krieg  zu  einem  vor
allem  erziehen:  zu  vertieftem  naturalwirtschaftlichen  Denken  .  .  .
Fast  alle  ökonomischen  Fragen  erscheinen  unlösbar,  wenn  man
sie  bloß  geldwirtschaftlich  betrachtet,  offenbaren  sich  hingegen
als  relativ  einfach  unter  naturalwirtschaftlichem  Gesichtspunkt,“*) ­

Nach  all  dem  Gesagten  wird  es  begreiflich,  warum  dem  so
ist:  die  kapitalistische  Gesellschaft  ist  aus  den  Fugen  geraten,
und  die  Kategorien  des  Gleichgewichts  können  der  „kritischen"
Epoche  nicht  adäquat  sein.
Die  allgemeine  Frage  wird  also  jetzt  folgendermaßen  formuliert: ­
  Was  geschieht  mit  dem  gesellschaftlichen  System  in  seiner
Naturalform,  in  Form  der  verbundenen  Naturalelemente,  unter
der  Bedingung  der  erweiterten  negativen  Reproduktion?
In  den  Formeln  des  Arbeitswertes  haben  wir  diese  Reihen:
c  +  v  +  m;  c  +  v+  (m-x);  c  +  v;  c  +  (v-x);  (c-y)  +  (v-nx)
usw,;  parallel  dazu  wird  der  Wert  inkommensurabel  mit  dem
Preis.  Es  ist  mit  Leichtigkeit  zu  ersehen,  daß  vom  Standpunkt
des  kapitalistischen  Systems  die  Lage  ungefährlich  ist,  solange
die  Erweiterung  der  negativen  Reproduktion  auf  Kosten  von  m
geht.  Hinter  dieser  Grenze  beginnt  einerseits  das  „Verzehren“
des  fixen  Kapitals  und  andererseits  eine  Unterkonsumtion  der
Arbeiterklasse,  ein  unsicheres  Funktionieren  der  Arbeitskraft
und  mangelnde  Erfüllung  ihrer  kapitalbildenden  Rolle,  d,  h.  eine
Störung  in  der  Reproduktion  der  Arbeitskraft.  Dieser  Prozeß
findet  in  zwei  Formen  seinen  Ausdruck:  erstens  in  dem  Ausstößen ­
  der  Arbeitskraft  aus  dem  Produktionsprozeß,  zweitens
in  der  Herabsetzung  des  realen  Arbeitslohnes,  in  der  Unterproduktion ­
  von  Energien,  die  Arbeitskraft  bildet  in  der  Disquali-*)
  R.  Goldscheid;  „Staatssozialismus  oder  Staatskapitalismus".  Ein
finanzsoziologischer  Beitrag  zur  Lösung  des  Staatsschuldenproblems,  4.  und
5.  Aufl.  Wien—Leipzig,  1917.
        <pb n="61" />
        52

fizierung  der  letzteren  und,  letzten  Endes,  im  Zerreißen  des  Zusammenhanges ­
  zwischen  den  unteren  und  den  oberen  Elementen
der  technischen  Produktionshierarchie.  Die  ,.unteren“  Schrauben
der  kapitalistischen  Maschine,  die  nicht  genügend  Schmieröl  bekommen, ­
  lockern  sich.  Hier  sehen  wir  im  Zerreißen  der  Zusammenhänge ­
  zwei  Hauptformen:  1,  ihr  Verfaulen  und  ihre  Zersetzung ­
  (z.  B.  individuelle  Arbeitsniederlegung,  Sinken  der  Arbeitsdisziplin, ­
  bei  den  Beamten  Schlampigkeit,  Korruption,  Mißachtung ­
  der  Geschäftssitten  usw,);  2.  ihren  revolutionären  Bruch
(Massenniederlegung  der  Arbeit  von  seiten  der  Arbeiter,  Streiks,
alle  Arten  der  organisierten  Insubordination  gegenüber  der
Kapitalistenklasse],
Dieser  Prozeß  des  Zerfalles  der  kapitalistischen  Verhältnisse
ist  auf  einer  bestimmten  Stufe  der  erweiterten  negativen  Reproduktion ­
  wahrzunehmen;  sobald  er  eingerissen  hat,  erfaßt  er  sämtliche ­
  Sphären  des  kapitalistischen  Systems.  Die  in  den  Köpfen
der  unteren  Kettenglieder  akkumulierte  kapitalistische  Mentalität
des  Gehorchens  gegenüber  den  Machthabern  verflüchtigt  sich,  und
ihre  kapitalistische  Funktion  wird  unmöglich.  Andererseits  verdichtet ­
  sich  die  Mentalität  des  Kampfes  um  diese  Erhaltung  bei
den  oberen  Kettengliedern  des  Systems  immer  mehr,  wo  die  technische ­
  Funktion  mit  den  Klasseninteressen  zusammenfällt  und  das
wichtigste  und  grundlegendste  Klasseninteresse  mit  den  Interessen
der  Erhaltung  des  gegebenen  Produktionssystems  korrespondiert.
Der  latente  Klassenkampf,  der  die  Produktionsverhältnisse  in  der
Periode  der  Zersetzung  unterminiert,  bricht  sich  Bahn  als  offener
revolutionärer  Kampf  zur  Zeit  des  gewaltsamen  Zerreißens  der
Zusammenhänge  des  kapitalistischen  Apparates.  Das,  was  in  der
Produktion  stattfindet,  vollzieht  sich  mutatis  mutandis  auch  in
der  Armee,  und  im  staatlichen  Verwaltungsapparat.
Wir  sahen  bereits,  daß  der  Zerfallsprozeß  mit  absoluter  Unvermeidlichkeit ­
  einsetzt,  nachdem  die  erweiterte  negative  Repro ­
        <pb n="62" />
        53

duktion  den  gesellschaftlichen  Mehrwert  (m)  verschluckt  hat.
Die  theoretische  Untersuchung  kann  nicht  mit  absoluter  Sicherheit ­
  feststellen,  genau  wann,  bei  welcher  konkreten  Zahl,  durch
die  dieser  Prozeß  charakterisiert  ist,  die  Zerfallsperiode  beginnt.
Das  ist  bereits  eine  questio  facti.  Die  konkrete  Sachlage  in  der
Wirtschaft  Europas  in  den  Jahren  1918—1920  zeigt  deutlich,  daß
diese  Zerfallsperiode  bereits  eingetreten  ist  und  daß  Anzeichen
für  eine  Auferstehung  des  alten  Systems  der  Produktionsverhältnisse ­
  fehlen.  Umgekehrt.  Alle  konkreten  Tatsachen  weisen  darauf
hin,  daß  die  Elemente  des  Zerfalls  und  der  revolutionären  Auflösung ­
  der  Verbindungen  mit  jedem  Monat  fortschreiten.  Theoretisch ­
  ist  dies  vollkommen  begreiflich.  In  der  Tat;  die  in
Klassen  gespaltene  kapitalistische  Gesellschaft  kann  ja  nur  dann
existieren,  wenn  die  Mentalität  des  Burgfriedens  sozusagen
allgemcingültig  ist,  mit  anderen  Worten,  erst  dann  und  solange,
wie  die  Arbeiterklasse,  diese  wichtigste  Produktivkraft  der
kapitalistischen  Gesellschaft,  stillschweigend  „einwilligt“,  die
kapitalistische  Funktion  zu  erfüllen.  Ist  einmal  diese  Voraussetzung ­
  verschwunden,  so  wird  die  weitere  Existenz  der  kapitalistischen ­
  Gesellschaft  unmöglich.
Der  revolutionäre  Marxismus  hat  genau  festgestellt,  daß  auf
dem  Gebiet  der  Politik  der  Uebcrgang  der  Macht  aus  den  Händen
der  Bourgeoisie  in  die  Hände  des  Proletariats,  ein  Uebergang,
der  als  bestimmter  historischer  Prozeß  aufzufassen  ist,  seinen
Ausdruck  findet  in  einem  Zusammenbruch  der  alten  Staatsmaschinerie, ­
  wobei  diese  Maschinerie  in  ihre  Bestandteile  zerfällt.
Der  Staat  ist  keineswegs  ein  Objekt,  das  bei  den  verschiedenen
Klassen  von  Hand  zu  Hand  geht  und  sich  nach  den  ehrwürdigen
Gesetzen  des  bürgerlichen  Familienrechtes  vererbt.  „Die  Eroberung ­
  der  Staatsgewalt  durch  das  Proletariat“  heißt  die  Zerstörung ­
  des  bürgerlichen  und  die  Schaffung  eines  neuen  Staats-Systems,
  wobei  auch  die  Elemente  des  zerfallenen  alten  Systems
        <pb n="63" />
        54

teilweise  zerstört  werden  und  teilweise  in  neuen  Kombinationen,
in  einem  neuen  Typus  des  Zusammenhanges  auf  treten,*)  Das  war
auch  der  Standpunkt  von  Marx  und  Engels,  Die  überwiegende
Mehrzahl  der  quasi-sozialistischen  Theoretiker  hegte  und  hegt  jedoch ­
  eine  fürchterlich  primitive  Vorstellung  über  die  „Eroberung
der  Macht“:  das  „Oberhaupt“,  die  „Regierung"  wird  ersetzt,  und
dadurch  wird  der  „ganze  Apparat"  erobert.
Die  revolutionäre  Lehre  von  Marx  wurde  jetzt  auf  diesem
Gebiet  der  Beziehungen  als  richtig  erwiesen  nicht  allein  durch
abstrakte  Betrachtungen,  sondern  auch  empirisch.
Viel  weniger  klar  ist  der  Transformationsprozeß  der  Produktionsverhältnisse. ­
  Die  Vorstellungen,  die  hier  in  der  Theorie  der
politischen  Umwälzungen  vorherrschten,  erwiesen  sich  als  außerordentlich ­
  lebensfähig.  Als  typisch  kann  in  dieser  Hinsicht  die
Betrachtung  R.  Hilferdings  gelten,  daß  die  „Besitzergreifung  von
sechs  Berliner  Großbanken"**)  durch  das  Proletariat  dem  letzteren
die  ganze  Industrie  in  die  Hände  geben  würde,  weil  bei  den
finanzkapitalistischen  Produktionsverhältnissen  die  Banken  die
organisatorischen  Knotenpunkte  des  produktionstechnischen
Systems,  des  „ganzen  Apparates“  bilden.  Es  ist  empirisch  bewiesen, ­
  daß  nichts  Derartiges  eintritt,  denn  real  genommen  untergräbt ­
  die  Besitzergreifung  der  Banken  bloß  die  Kommandogewalt
des  Kapitals.  Weshalb?  Die  Frage  ist  einfach  zu  lösen.  Deshalb, ­
  weil  die  Banken  die  Industrie  „regieren“  auf  Grund  der
spezifischen  Verhältnisse  des  Geldkredites.  Der  Typus  des  Zusammenhanges ­
  ist  hier  der  Typus  des  Kreditzusammenhanges,
und  eben  dieser  bricht  bei  der  Besitzergreifung  der  Banken  durch
das  Proletariat  zusammen,
*)  Vergl.  darüber  die  Arbeit  des  Gen.  N,  Lenin:  „Staat  und  Revolution”, ­
  ebenso  unseren  Aufsatz:  „Theorie  der  proletarischen  Diktatur"  im
Sammelbuch:  „Der  Oktoberumsturz  und  die  Diktatur  des  Proletariats"
(russisch).
**)  R.  Hilferding:  „Finanzkapital",  Marxstudien,  Wien  1910,  S.  472—473,
        <pb n="64" />
        55

Nach  all  dem  Gesagten  wird  es  theoretisch  unschwer  sein,
die  Ursachen  des  Zerfalls  der  verschiedenen  Arten  der  hierarchischen ­
  Beziehungen-  in  der  kapitalistischen  Gesellschaft  zu  begreifen, ­
  die  sich  unter  den  Bedingungen  der  erweiterten  negativen
Reproduktion  vollziehen.
Am  besten  wird  der  Prozeß  der  Zersetzung  und  später  der
des  revolutionären  Zerreißens  der  kapitalistischen  Verbindungen
an  der  Armee  sichtbar.  Die  imperialistische  Armee  gerät  deshalb
in  Zersetzung,  weil  —  grob  ausgedrückt  —  ,,die  Zucht  der  Soldaten ­
  abnimmt“,  d.  h,  weil  die  unteren  Kettenglieder  der  Hierarchie ­
  nicht  mehr  als  Kettenglieder  dieser  Hierarchie  dienen  können.
Der  revolutionäre  Bruch  in  den  Verbindungen  tritt  bei  einer  mehr
oder  weniger  organisierten  Massendesorganisation  des  „ganzen
Apparates“  ein,  die  eine  notwendige  Vorbedingung  für  den  Sieg
der  neuen  Klasse  ist.  Diese  Desorganisation  bedeutet  auch  den
Zusammenbruch  des  gegebenen  Systems,  Eine  „vorübergehende
Anarchie“  ist  also,  objektiv  betrachtet,  eine  absolut  unvermeidliche ­
  Etappe  des  revolutionären  Prozesses,  die  im  Zusammenbruch ­
  des  alten  „Apparats“  ihren  Ausdruck  findet.
Ungefähr  dasselbe  geschieht  auch  mit  dem  technischen  Produktionsapparat ­
  der  kapitalistischen  Gesellschaft,  Wie  wir  gesehen ­
  haben,  sind  die  Produktionsverhältnisse  zugleich  auch  technische ­
  Verhältnisse,  und  die  soziale  Hierarchie  ist  zugleich  eine
Hierarchie  in  der  Technik,  Es  ist  daher  absolut  klar,  daß  die
Zersetzung  und  die  revolutionäre  Auflösung  der  sozialen  Kettenglieder ­
  des  Systems  als  unumgängliche  Kennzeichen  des  Zusammenbruches ­
  einen  Zerfall  des  „technischen  Apparates“  der
Gesellschaft  bedeuten,  soweit  wir  die  technische  Organisation
der  Menschen  dieser  Gesellschaft  im  Auge  haben.
Aber  daraus  ergibt  sich,  daß  man  von  den  alten  Wirtschaftsapparaten ­
  nicht  ganz  „Besitz  ergreifen"  kann.  Die  „Anarchie“
in  der  Produktion  oder,  wie  es  Prof,  Grinewetzki  bezeichnet,  die
        <pb n="65" />
        56

„revolutionäre  Zersetzung  der  Industrie”*)  ist  eine  historisch  unvermeidliche ­
  Etappe,  über  die  man  mit  keinerlei  Lamentierung
hinwegkommen  kann.  Gewiß,  vom  absoluten  Standpunkt  wäre  es
sehr  gut,  wenn  die  Revolution  und  der  Zusammenbruch  der  alten
Produktionsverhältnisse  von  keinem  Zerfall  der  technischen  Produktionsbeziehungen ­
  begleitet  wäre.  Aber  die  nüchterne  Beurteilung ­
  der  realen  Prozesse,  ihre  wissenschaftliche  Analyse  sagt
uns,  daß  die  Periode  dieses  Zerfalls  historisch  unvermeidlich
und  historisch  notwendig  ist.
Der  Zerfall  in  der  technischen  Hierarchie,  der  in  einem  bestimmten ­
  Stadium  des  Prozesses  der  erweiterten  negativen  Reproduktion ­
  eintritt,  übt  seinerseits  einen  Druck  auf  den  Zustand
der  Produktivkräfte  aus.  Die  Produktivkräfte  bestehen  verschmolzen ­
  mit  den  Produktionsverhältnissen  in  einem  bestimmten
System  der  gesellschaftlichen  Arbeitsorganisation,  Der  Zerfall
des  „Apparates“  muß  infolgedessen  unvermeidlich  eine  weitere
Herabsetzung  der  Produktivkräfte  nach  sich  ziehen.  Auf  diese
Weise  wird  der  Prozeß  der  erweiterten  negativen  Reproduktion
außerordentlich  beschleunigt.
Aus  der  obigen  Analyse  folgt,  daß  auf  der  Grundlage  der  zerspringenden ­
  (alten,  kapitalistischen)  Beziehungen  eine  „Wiederherstellung ­
  der  Industrie“,  von  der  die  Utopisten  des  Kapitalismuß
  träumen,  unmöglich  ist.  Der  einzige  Ausweg  besteht  darin,
daß  die  unteren  Kettenglieder  des  Systems,  die  grundlegende  Produktivkraft ­
  der  kapitalistischen  Gesellschaft,  die  Arbeiterklasse,
in  der  Organisation  der  gesellschaftlichen  Arbeit  eine  dominierende ­
  Stellung  einnehmen.  Mit  anderen  Worten:  nur  der  Aufbau
des  Kommunismus  ist  die  Voraussetzung  für  eine  Wiedergeburt
der  Gesellschaft.**)
*)  Prof.  Grinewetzki:  „Die  Nachkriegsperspektiven  der  russischen  Industrie" ­
  (russisch),
**)  Wie  es  sich  auch  für  einen  Apologeten  des  Kapitalismus  gehört,
dessen  geistiger  Horizont  nicht  über  die  „Weltauffassung"  eines  Syndikat-
        <pb n="66" />
        h

57

Theoretisch  ist  dadurch  die  Verwirklichung  des  Kommunismus ­
  natürlich  noch  nicht.  erwiesen.  Die  Frage  nach  seinen  Voraussetzungen ­
  und  der  Wahrscheinlichkeit  seiner  Realisierung,  —
diese  Frage  deckt  sich  logisch  keineswegs  mit  der  Frage  nach
dem  Zusammenbruch  des  Kapitalismus,  Theoretisch  ist  eine
weitere  Zersetzung  denkbar,  ein  „Untergang  der  Kultur",  eine
Rückkehr  zu  den  primitiven  Formen  der  mittelalterlichen  Halbnatural-Wirtschaft,
  kurzum,  jenes  Bild,  das  Anatole  France  am
Schluß  seiner  „Insel  der  Pinguine"  ausmalt.  Diese  Frage
schieben  wir  einstweilen  bei  Seite,  um  sie  später  zu  untersuchen.
Aber  jetzt  dürfen  wir  behaupten,  daß  eine  Wiederherstellung
des  alten  kapitalistischen  Systems  unmöglich  ist.  Die  Elemente
des  technischen  Produktionsapparates  (die  Personenelemente)
müssen  in  neuen  Kombinationen  genommen  werden,  müssen
durch  einen  Zusammenhang  neuer  Art  verbunden  werden,
'  damit  eine  Entwicklung  der  Gesellschaft  möglich  ist.  Die  Menschheit ­
  steht  also  vor  dem  Dilemma:  entweder  „Untergang  der
Kultur“  oder  Kommunismus,  nichts  Drittes  ist  möglich.
Für  die  Voraussetzung,  daß  nach  einer  Reihe  von  Produktionskreisläufen ­
  die  Produktivkräfte  zu  wachsen  anfangen  werden, ­
  muß  eine  grundsätzliche  Vorbedingung  da  sein:  das  Wachstum ­
  der  sozialistischen  (zum  Kommunismus  sich  bewegenden)
Produktionsverhältnisse.  In  diesem  Fall  werden  die  „Unkosten
der  Revolution“  (sowohl  der  „Ausfall  im  Arbeitsprozeß"  als  auch
die  direkten  Verausgabungen  der  gesellschaftlichen  Energie  im
Prozeß  des  Bürgerkrieges)  jenen  Preis  ausmachen,  mit  dem  die
Menschheit  sich  die  Möglichkeit  einer  Weiterentwicklung  erkaufen
wird.
mannes  hinausgeht,  betrachtet  Prof.  Grinewetzki  in  seinem  Buch  die  Frage
ausschließlich  vom  Standpunkt  der  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse,
als  einer  urewigen  Universalkategorie  des  menschlichen  Seins,  Dem  künftigen ­
  Geschichtsschreiber  der  Ideologien  wird  jene  wahrhafte  Hühnerblindheit ­
  geradezu  komisch  erscheinen,  die  die  bürgerlichen  Gelehrten  in
einem  Zeitalter  der  größten  sozialen  Umwälzungen  auszeichnete.
        <pb n="67" />
        58

Die  kommunistische  Revolution  des  Proletariats  wird,  wie
auch  jede  Revolution,  von  einer  Herabsetzung  der  Produktivkräfte ­
  begleitet.  Der  Bürgerkrieg,  dazu  noch  in  den  gewaltigen
Dimensionen  der  modernen  Klassenkriege,  da  nicht  allein  die
Bourgeoisie,  sondern  auch  das  Proletariat  als  Staatsmacht  organisiert ­
  ist,  bedeutet  ökonomisch  und  vom  Standpunkt  der  nächsten
Reproduktion  der  Kreisläute  ein  reines  Minus,  Doch  wir  sahen
bereits  am  Beispiel  der  Krisen  und  der  kapitalistischen  Kriege,
daß  eine  Betrachtung  von  diesem  Standpunkt  aus  eine  beschränkte ­
  Betrachtung  ist;  man  muß  die  Rolle  der  betreffenden
Erscheinung  untersuchen,  ausgehend  von  weiteren  Kreisläufen  der
Reproduktion  in  ihrem  breiten  historischen  Maßstab.  Dann  erscheinen ­
  die  Unkosten  der  Revolution  und  des  Bürgerkrieges  als
vorübergehende  Herabsetzung  der  Produktivkräfte,  durch  die  jedoch ­
  die  Grundlage  für  deren  gewaltige  Entwicklung  dadurch
gegeben  wird,  daß  die  Produktionsverhältnisse  nach  einem  neuen
Grundplan  umgebaut  worden  sind*)
Der  Umbau  der  Produktivverhältnisse  hat  zur  Voraussetzung:
die  „Macht  des  Proletariats“,  sein  „Kommando”  sowohl  im
Staatsapparat  als  auch  in  der  Armee  als  einem  Teile  dieses
Apparates  und  in  der  Produktion,
*)  Die  Theoretiker  des  kastrierten  Marxismus,  wie  Kautsky  haben  eine
wahrhaft  kindische  Vorstellung  über  die  revolutionären  Umwälzungen,  Für
sie  existieren  die  theoretischen  und  praktischen  Probleme,  die  ja  die  größte
Schwierigkeit  bieten,  einfach  nicht;  über  empirisch  gegebene  Tatsachen
gehen  sie  dagegen  verächtlich  hinweg,  dadurch,  daß  sie  die  wirklich  stattfindenden ­
  Revolutionen  unter  „unwirkliche“  und  „unrichtige"  registrieren,
eine  Methode,  die  vom  Standpunkt  des  Marxismus  selbst  die  ärgste  Verachtung ­
  verdient.  Vergl.  z.  B,  Karl  Kautsky:  „Die  Diktatur  des  Proletariats";
derselbe:  „Terrorismus  und  Kommunismus";  derselbe:  „Die  Sozialisierung
der  Landwirtschaft“,  Vorwort.  Ein  vorübergehender  Rückgang  der  Produktivkräfte, ­
  der,  objektiv  betrachtet,  letzten  Endes  ihre  Macht  erweiterte,
fand  auch  in  den  bürgerlichen  Revolutionen  statt.  (Große  französische
Revolution,  Bürgerkrieg  in  Amerika  usw.)  S.  N,  Bucharin:  „Die  Diktatur
des  russischen  Proletariats  und  die  Weltrevolution“.  Kommunistische  Internationale, ­
  Nr.  4  und  5.
        <pb n="68" />
        Im  Prozeß  des  Kampfes  um  die  Macht  und  des  Bürgerkrieges, ­
  in  der  Periode  der  proletarischen  Diktatur  sinkt  die
Kurve  der  Produktivkräfte  immer  weiter,  bei  gleichzeitigem
Wachsen  der  Organisationsformen.  Dieses  Wachstum  der  Organisationsformen ­
  geschieht  unter  dem  Widerstand  der  „Offiziere
der  Industrie",  d.  h.  der  technischen  Kopfarbeiter,  die  in  einem
anderen  hierarchischen  System,  als  in  dem  sie  bisher  waren,  nicht
sein  wollen  (in  erster  Linie  die  sogenannte  Sabotage).  Aber  der
Widerstand  dieser  Schicht  ist  für  das  wachsende  neue  System
viel  weniger  gefährlich  als  der  Widerstand  der  Arbeiterklasse
für  das  System  der  kapitalistischen  Beziehungen.  Vom  Standpunkt ­
  der  Erhaltung  und  Entwicklung  der  menschlichen  Gesellschaft ­
  können  daher  nur  die  sozialistischen  Produktionsverhältnisse ­
  den  einzigen  Ausweg  bedeuten,  denn  sie  allein  sind  imstande, ­
  die  Bedingungen  für  ein  relativ  bewegliches  Gleichgewicht
des  gesellschaftlichen  Produktionssystems  zu  schaffen.
        <pb n="69" />
        4.  Kapitel.

Allgemeine  Voraussetzungen
des  kommunistischen  Aufbaus.
1.  Typus  der  Produktionsverhältnisse  im  Prozeß  des  kapitalistischen ­
  Zusammenbruches.  2.  Das  Kriterium  der  „Reife"
der  Produktionsverhältnisse.  3.  Die  wirtschaftliche  Erschöpfung
und  Zersetzung  des  Kapitalismus  und  der  kommunistische
Aufbau.  4.  Der  Aufbau  des  Kommunismus  als  geschichtliche
Epoche.  5.  Die  Etappen  des  revolutionären  Prozesses.  6.  Allgemeine ­
  Prinzipien  der  neuen  gesellschaftlichen  Organisation.
Im  vorigen  Kapitel  haben  wir  gesehen,  wie  naiv  die  Vorstellungen ­
  von  der  gänzlichen  und  direkten  Ueberführung  des
„alten  Apparates“  auf  ein  neues  Geleise  sind.  Eine  Untersuchung
jenes  Abschnittes  der  Transformationsperiode,  den  man  als  Zusammenbruch ­
  des  kapitalistischen  Systems  bezeichnen  kann,
führte  uns  zu  dem  Satz,  daß  das  hierarchische  technische  Produktionssystem, ­
  das  zu  gleicher  Zeit  den  Ausdruck  für  die  sozialen
Klassenbeziehungen  und  die  Produktionsverhältnisse  bildet,  unvermeidlich ­
  in  seine  Bestandteile  zerfällt.  So  klein  auch  (im
konkret  historischen  Sinne)  dieser  Zwischenmoment  der  revolutionären ­
  „Anarchie“  in  der  Produktion  sein  mag,  er  bildet  dennoch ­
  ein  notwendiges  Element  in  der  allgemeinen  Kette  der  Entwicklung. ­

Es  muß  jedoch  hier  hervorgehoben  werden,  daß  sich  nicht
alle  sozial-technischen  Bindungen  lösen,  sondern  nur  die  Bindungen ­
  hierarchischer  Natur.  Sowohl  zur  Zeit  der  Zersetzung

60
        <pb n="70" />
        61

des  kapitalistischen  Systems  als  auch  während  seines  revolutionären ­
  Zusammenbruches  zerreißen  die  Bande  zwischen  der  Arbeiterklasse ­
  einerseits  und  der  technischen  Intelligenz,  der
Bürokratie  und  der  Bourgeoisie  andererseits.  Aber  die  Produktionsverhältnisse, ­
  in  denen  sich  das  Verhältnis  des  Arbeiters  zu
dem  Arbeiter,  des  Ingenieurs  zu  dem  Ingenieur,  des  Bourgeois
zu  dem  Bourgeois  ausdrückt,  werden  nicht  gelöst;  mit  anderen
Worten,  die  generelle  Abgrenzung  der  sozialen  Schichten  und
der  Bruch  im  technischen  Organisationsapparat  der  Personen
vollzieht  sich  in  erster  Linie  in  dieser  Richtung.  Im  großen  und
ganzen  wird  also  der  Zusammenhang  innerhalb  des  Proletariats
nicht  gelöst.  Und  dieser  Zusammenhang  bildet  auch  das  grundlegende ­
  Moment  der  im  Schoße  des  Kapitalismus  vergesellschafteten ­
  Arbeit.*)
Die  neue  Gesellschaft  kann  nicht  wie  ein  deus  ex  machina
auftauchen.  Ihre  Elemente  erwachsen  in  der  alten  Gesellschaft.
Und  da  hier  von  Erscheinungen  ökonomischer  Natur  die  Rede
ist,  d.  h.  da  Fragen  der  Wirtschaftsstruktur,  der  Produktionsverhältnisse ­
  gestreift  werden,  so  müssen  die  Elemente  der
neuen  Gesellschaft  in  den  Produktionsverhältnissen  der  alten
gesucht  werden.  Mit  anderen  Worten,  die  Frage  muß  so  gestellt
werden:  welche  Form  der  Produktionsverhältnisse  der  kapitalistischen ­
  Gesellschaft  kann  im  allgemeinen  der  neuen  Produktionsstruktur ­
  zugrunde  gelegt  werden?
Es  ist  klar,  daß  mit  der  Beantwortung  dieser  Frage  auch
*)  Auf  diese  Seite  der  Frage,  freilich  in  anderer  Fragestellung,  hat
Gen.  Kritzmann  hingewiesen.  („Die  Grundtendenzen  der  sozialen  Revolution ­
  des  Proletariats“  in  „Narodnoje  chosjastwo“  Nr,  3,  1919)  Bei  ihm
fällt,  wie  fast  bei  allen  Autoren,  die  kapitalistische  Organisation  der  gesellschaftlichen ­
  Wirtschaft  wie  eine  Schale  fort  .  .  es  ist  im  großen  und  ganzen
eine  einfache  Ablösung  der  leitenden  Kräfte"  .  .  .  (S.  13.)  Der  teilweise  Zerfall ­
  des  Proletariats  als  Klasse,  der  unter  dem  Einfluß  des  Rückganges  der
Produktivkräfte  infolge  eines  Abstoßens  des  Proletariats  und  der  Herabsetzung ­
  der  Produktion  geschieht,  ist  eine  Erscheinung  anderer  Art.
        <pb n="71" />
        62

die  Frage  nach  der  sogenannten  „Reife"  der  kapitalistischen  Gesellschaft ­
  für  ihren  Uebergang  durch  die  Phase  der  proletarischen ­
  Diktatur  in  die  kommunistische  Gesellschaft  beantwortet
wird.  Früher  wurde  die  Frage  in  sehr  allgemeiner  und  etwas
primitiver  Formulierung  gestellt.  Nämlich  als  Grundkriterium
der  „Reife“,  insofern  es  sich  um  „objektive"  Voraussetzungen  der
kommunistischen  Gesellschaftsstruktur  handelt,  wurde  der  Grad
der  Konzentration  und  Zentralisation  des  Kapitals  betrachtet,
ferner  das  Vorhandensein  eines  bestimmten  „Gesamtapparates“
und  die  ganze  Summe  der  Produktionsverhältnisse,  die  von  der
kapitalistischen  Produktionsentwicklung  zu  einem  Knoten  geschürzt ­
  sind.  Jedoch  genügt  eine  solche  Fragestellung,  wie  sie  sich
aus  der  vorhergehenden  Untersuchung  ergibt,  nicht.  Denn  gerade
dieser  zentralisierte  „Apparat“  zerfällt  im  Prozeß  der  Revolution,
und  folglich  kann  er  in  toto  als  Grundlage  der  neuen  Gesellschaft
nicht  dienen.*)
*)  Die  liberalen  Professoren  und  ihre  opportunistischen  Nachbeter,  die
den  Sozialismus  nicht  sehen  wollen,  aber  anstandshalber  dies  durch  angeblich ­
  „wissenschaftliche"  Argumente  rechtfertigen  möchten,  interpretieren
daher  Marx  auf  ihre  eigene  Manier.  So  z.  B.  schreibt  Franz  Oppenheimer,
der  Lehrer  P.  Maslows:  „Die  ungeheure  Ueberzahl  und  Uebermacht  des
Proletariats  ,  .  .  expropriiert  die  Expropriateure,  die  gar  keinen  ernsthaften
Widerstand  leisten  können,  und  übernimmt  den  vollkommen  fertigen  Mechanismus ­
  der  Produktion  und  Verteilung,  der  unverändert  und  unerschüttert
weiter  läuft.  .  ,  .  Das  ist  die  Marx'sche  Theorie  der  Vergesellschaftung."
Franz  Oppenheimer:  „Zur  Theorie  und  Vergesellschaftung”,  im  Sammelwerk
„Wege  und  Ziele  der  Sozialisierung",  hg.  von  Ingenieur  Dr.  Hermann  Beck.
(Verl.  „Bund  Neues  Vaterland",  Berlin,  S.  16.)  Dr.  Prange  (s.  dasselbe  Buch)
nennt  dies  eine  „klare  Darstellung  der  marxistischen  Theorie"  (S.  79).  Die
ehrwürdigen  Professoren  glauben  offenbar,  daß  die  Börse,  Agiotage  und
Spekulation  für  die  sozialistische  Gesellschaft  ebenso  charakteristisch  sind
wie  die  Tugend  für  die  Heilige  Jungfrau,  und  daß  die  Geburt  des  sozialistischen ­
  Apparates  der  Produktion  und  Verteilung  die  kapitalistische
Jungfräulichkeit  nicht  im  geringsten  stört.  Ihnen  echot  Otto  Bauer:  „Sie
(die  Expropriation)  kann  und  soll  sich  nicht  vollziehen  in  der  Form  einer
brutalen  (!  !)  Konfiskation  .  .  .  denn  in  dieser  Form  könnte  sie  sich  nicht
anders  vollziehen  als  um  den  Preis  einer  gewaltigen  Verwüstung  der  Produktionsmittel, ­
  die  die  Volksmassen  verelenden,  die  Quellen  des  Volks-
        <pb n="72" />
        63

In  dem  bekannten  Paragraph  7  des  24.  Kapitels  im  ersten
Band  des  „Kapital“  („Die  historische  Tendenz  der  kapitalistischen ­
  Akkumulation“)  hebt  Marx  zwei  Grundmomente  hervor:
die  Zentralisation  der  Produktionsmittel  und  die  Vergesellschaftung ­
  der  Arbeit,  die  zu  gleicher  Zeit  mit  der  kapitalistischen  Produktionsweise ­
  und  in  ihr  aufgeblüht  sind/')  Diese  zwei  Momente
bilden  auch  die  Grundlage  der  neuen  Produktionsweise,  die  in
ihrem  Inneren  erwachsen  ist.
Betrachten  wir  diese  beiden  Momente.  Sie  bilden  Teile  des
„Apparates“,  Teile  der  neuen  Organisation,  Im  allgemeinen  gesprochen, ­
  stellt  sich  jedes  Gesellschaftssystem  als  Organisation
von  Personen  und  Sachen  dar.  Dabei  bilden  die  „Sachen“  nicht
einfach  Stücke  der  Außennatur,  sondern  haben  ihr  eigentümliches
gesellschaftliches  Sein.  Die  Maschine  ist  außerhalb  der  menschlichen ­
  Gesellschaft  keine  Maschine,  Sie  wird  erst  zur  Maschine
im  System  der  gesellschaftlichen  Arbeit.  Von  diesem  Standpunkt ­
  aus  ist  die  Gesellschaft,  als  System,  gleichzeitig  ein  „Personen- ­
  und  Sachapparat“.*  *)  **)
Der  Sachapparat  ist  die  materiell-technische  Grundlage  der
Gesellschaft.  Er  ist  im  Begriffe  der  Produktionsverhältnisse  nicht
enthalten,  sondern  gehört  zu  den  Produktivkräften.  Auch  im
einkommens  verschütten  würde.  Die  Expropriation  der  Expropriateure  soll
sich  vielmehr  in  geordneter,  geregelter  Weise  vollziehen;  so  vollziehen,
daß  der  Produktionsapparat  der  Gesellschaft  nicht  zerstört,  der  Betrieb
der  Industrie  und  der  Landwirtschaft  nicht  gehemmt  wird,"  (Otto  Bauer:
„Der  Weg  zum  Sozialismus“,  Verl,  der  „Freiheit“,  Berlin  1909,  S.  28.)  Der
gewesene  „Sozialisierungsminister“  möchte  offenbar  den  Sozialismus  nicht
aus  irdischen,  sondern  aus  himmlischen  Elementen  aufbauen.
*)  „Das  Kapitalmonopol  wird  zur  Fessel  der  Produktionsweise,  die  mit
und  unter  ihm  aufgeblüht  ist.  Die  Zentralisation  der  Produktionsmittel  und
die  Vergesellschaftung  der  Arbeit  erreichen  einen  Punkt,  wo  sie  unverträglich ­
  werden  mit  ihrer  kapitalistischen  Hülle.  Sie  wird  gesprengt.  Die
Stunde  des  kapitalistischen  Eigentums  schlägt.  Die  Expropriateure  werden
expropriiert,“  K,  Marx:  „Das  Kapital"  B.  I.  Volksausgabe,  S.  694,
**)  „Personen-  und  Sachapparat“  (Dr.  Hermann  Beck;  „Sozialisierung
als  organisatorische  Aufgabe“,  S.  32  des  zitierten  Sammelbuches).
        <pb n="73" />
        64

Prozeß  des  revolutionären  Zerreißens  der  Produktionsbindungen
kann  dieser  Apparat  relativ  erhalten  bleiben.  Sein  Zerfall  ist
keineswegs  unumgänglich  notwendig.  Die  Maschinen,  Apparate,
Fabrikanlagen  usw.  leiden  natürlich  während  der  sozialen  Erschütterungen. ­
  Doch  die  Grundlage  der  Zerrüttung  liegt  wo
anders.  Inwiefern  eine  Zerstörung  des  Sachapparates  stattfindet,
bildet  sie  hauptsächlich  die  Folge  des  Zerfalls  des  Personenapparates ­
  und  die  Unterbrechung  des  Arbeitsprozesses,  Folglich
besteht  das  Problem  in  der  Analyse  des  zweiten  Moments,  nämlich ­
  in  der  „vergesellschafteten  Arbeit",  Der  Personenapparat,
der  die  Gesamtheit  der  Arbeitsbeziehungen  umfaßt,  schließt  in
sich  die  sozialen  Schichten  ein,  von  denen  wir  oben  sprachen.
Aber  als  Grundform,  als  typisch  und  entscheidend,  erscheint  die
Konzentration  des  Proletariats.  Die  „kooperative  Form  der  Arbeit", ­
  von  der  Marx  spricht,  verkörpert  sich  im  entscheidenden
Moment  in  den  spezifischen  Beziehungen  zwischen  den  Arbeitern.
Namentlich  hierin  liegt  auch  der  Schwerpunkt  der  neuen  Gesellschaft, ­

Die  gesamte  Arbeitskraft  der  Gesellschaft,  in  der  rein  kapitalistischen ­
  Gesellschaft  die  des  Proletariats,  ist  einerseits  einer
der  beiden  Komponenten  des  Begriffes  Produktivkräfte  (denn
die  Produktivkräfte  sind  nichts  anderes  als  die  Gesamtsumme
der  vorhandenen  Produktionsmittel  und  der  Arbeitskräfte);  dabei ­
  ist  die  Arbeitskraft,  wie  schon  von  den  alten  Nationalökonomen ­
  wiederholt  hervorgehoben  wurde,  die  wichtigste  Produktivkraft. ­
  Andererseits  ist  das  Wechselverhältnis  zwischen  den
Arbeitern  der  grundlegende  Bestandteil  des  arbeitenden  Personenapparates. ­
  Gerade  hier  sind  also  die  Grundelemente  der
neuen  Struktur  der  Produktion  zu  suchen.
Namentlich  so  wurde  die  Frage  von  Marx  aufgefaßt,  der  in
der  „durch  den  Mechanismus  des  kapitalistischen  Produktionsprozesses ­
  selbst  geschulten,  vereinten  und  organisierten  Arbeiter-
        <pb n="74" />
        5  Bucharin;  Oekonomih.

65

klasse"*)  die  Grundlage  der  künftigen  Produktionsverhältnisse
und  zugleich  auch  die  Kraft  sah,  die  diese  Verhältnisse
realisiert.“**)
Dieser  Satz  ist  sehr  wesentlich.  Das  „Ausreifen“  der  kommunistischen ­
  Produktionsverhältnisse  im  Rahmen  der  kapitalistischen ­
  Gesellschaft  ist  jenes  System  der  Kooperation,  das  in  den
Produktionsverhältnissen  der  Arbeiter  verkörpert  wird  und  das
zugleich  die  Menschenatome  zu  der  revolutionären  Klasse,  dem
Proletariat,  zusammenschweißt.
Das  Kriterium  der  „Reife"  ist  also  gerade  dieses  Moment,
-  das  natürlich  eine  Funktion  der  Entfaltung  der  Produktivkräfte
ist,  das  aber  vom  Standpunkt  der  gesellschaftlichen  Organisationstechnik ­
  in  den  Vordergrund  rückt.
Von  diesem  Standpunkt  der  gesellschaftlichen  Organisation
wird  die  „Reife“  der  kapitalistischen  Gesellschaft  vollkommen
verständlich,  und  alle  Betrachtungen  über  dieses  Thema,  die  sie
*)  Im  „Elend  der  Philosophie“  spricht  Marx  von  der  „Organisation
der  revolutionären  Elemente  als  Klasse"  („Elend"  S.  163).  Im  „Kommunistischen ­
  Manifest"  finden  wir  folgende  Beschreibung  der  Kooperativverhältnisse
der  Arbeiter:  „Die  Lohnarbeit  beruht  ausschließlich  (kursiv  von  uns,  N.  B.)  auf
der  Konkurrenz  der  Arbeiter  unter  sich.  Der  Fortschritt  der  Industrie  ,  .  .
setzt  an  die  Stelle  der  Isolierung  der  Arbeiter  durch  die  Konkurrenz  ihre
revolutionäre  Vereinigung  durch  die  Assoziation.  Mit  der  Entwicklung  der
großen  Industrie  wird  also  unter  den  Füßen  der  Bourgeoisie  die  Grundlage
selbst  hinweggezogen,  worauf  sie  produziert  und  sich  die  Produkte  aneignet.
Sie  produziert  vor  allem  ihren  eigenen  Totengräber,"  Diese  Stelle  zitiert
Marx  in  der  Anmerkung  252  am  Ende  des  24,  Kapitels  des  1.  Bandes  des
„Kapital"  (Volksausgabe,  S.  691).  Es  ist  vollkommen  klar,  daß  Marx  das
Proletariat  einschätzte  nicht  nur  als  Kraft,  die  den  „gewaltsamen  Umsturz"
verwirklicht,  sondern  auch  als  die  soziale  Verkörperung  der  Kooperativverhältnisse, ­
  die  innerhalb  des  Kapitalismus  erwachsen  und  die  Grundlage
für  die  sozialistische  (alias  kommunistische)  Produktionsweise  abgebeis.
E.  Kammacher  („Das  philosophisch-ökonomische  System  des  Marxismus'  ,
Leipzig  1909)  erfindet,  daß  Marx  diesen  Standpunkt  im  „Elend  der  Philosophie“ ­
  und  „Kommunistischen  Manifest"  im  Gegensatz  zum  „Kapital“  entwickelte, ­
  Offenbar  deshalb  zitiert  Marx  die  entsprechenden  Stellen  im
„Kapital".
**)  „Das  Kapital",  Bd.  I  Hamburg  1914,  S,  728.
        <pb n="75" />
        66

„widerlegen“,  bilden  einen  metaphysischen  Nonsens  von  Apologeten ­
  des  Kapitalismus.  Das  Vorhandensein  einer  planmäßigen
Organisation  innerhalb  der  kapitalistischen  Länder,  die  von  der
Konkurrenz  zerrissen  werden,  das  Vorhandensein  eines  Systems
des  Staatskapitalismus  zu  einer  bestimmten  Periode  ist  ein  empirischer ­
  Beweis  für  die  „Möglichkeit“  des  kommunistischen
Aufbaus,  In  der  Tat,  abstrahieren  wir  einen  Moment  lang  von
der  konkreten  historischen  Hülle  des  Produktionsprozesses  und
betrachten  wir  ihn  ausschließlich  vom  Standpunkt  der  inneren  abstrakten ­
  Produktionslogik.  Hier  können  zwei,  und  nur  zwei  Fälle
möglich  sein:  entweder  erlaubt  die  Vergesellschaftung  der  Arbeit,
technisch  eine  planmäßige  Organisation  in  irgend  einer  konkreten ­
  sozialen  Gestaltung  einzuführen,  oder  der  Prozeß  der  Vergesellschaftung ­
  der  Arbeit  ist  dermaßen  schwach,  die  Arbeit  dermaßen ­
  „zersplittert“  (nach  Marx'  Ausdruck),  daß  eine  Rationalisierung ­
  des  gesellschaftlichen  Arbeitsprozesses  technisch  überhaupt ­
  unmöglich  ist.  Im  ersteren  Fall  ist  die  „Reife“  gegeben,  im
zweiten  fehlt  sie.  Diese  Fragestellung  ist  die  allgemeine  Fragestellung ­
  für  jede  beliebige  Gestaltung  der  bewußten  und  formalen
„Vergesellschaftung".  Daraus  ergibt  sich,  daß,  wenn  der  Kapitalismus ­
  für  den  Staatskapitalismus  „reif“  geworden  ist,  er  auch  für
die  Aera  des  kommunistischen  Aufbaus  reif  ist.*)
Das  spezifische  Problem  des  kommunistischen  Aufbaus  besteht ­
  nicht  darin,  daß  die  Grundlage  der  gesellschaftlichen  Arbeit
fehlt,  sondern  besteht  in  einer  neuen  Kombination  der  zerrissenen
Gesellschaftsschichten  und  vor  der  Hand  darin,  daß  die  technischen ­
  Kopfarbeiter  einem  neuen  System  eingereiht  werden.  Aber
dies  ist  ein  Thema  anderer  Art,  das  wir  später  behandeln  werden.
Die  ungeheuerliche  Erschütterung  des  ganzen  kapitalistischen
*)  Die  unermeßliche  öffentliche  Niedertracht  der  opportunistischen
Theorien  besteht  gerade  darin,  daß  sie  sich  auf  den  Staatskapitalismus
einigen  und  gegen  den  Sozialismus,  den  sie  bereit  sind  in  Worten,  außerhalb
der  Praxis,  dreifach  anzuerkennen,  protestieren.
        <pb n="76" />
        5*  Bucharin:  Oekonomik,

67

Systems,  die  wir  als  seinen  Zusammenbruch  taxieren,  wird  von
den  gelehrten  und  ungelehrten  Verleumdern  aus  der  quasi-marxistischen ­
  Schule  für  ein  Argument  gegen  den  Sozialismus  gehalten,*) ­
  Diese  Anschauung  beruht  logisch  auf  dem  vollkommenen
Verkennen  des  dialektischen  Prozesses,  der  sich  in  Widersprüchen
vollzieht.  Der  Weltkrieg,  der  Beginn  der  revolutionären  Aera  usw,
ist  gerade  ein  Ausdruck  jener  objektiven  „Reife“,  von  der  die
Rede  ist.  Denn  hier  war  ein  Konflikt  von  höchster  Intensität  die
Folge  des  maximal  erweiterten  Antagonismus,  der  sich  beständig
reproduzierte  und  im  Schoße  des  kapitalistischen  Systems  wuchs.
Seine  erschütternde  Kraft  ist  ein  ziemlich  genauer  Anzeiger  für
den  Grad  der  kapitalistischen  Entwicklung  und  ein  tragischer
Ausdruck  der  vollkommenen  Unvereinbarkeit  eines  weiteren
Wachstums  der  Produktivkräfte  unter  der  Hülle  der  kapitalistischen ­
  Produktionsverhältnisse,  Das  ist  eben  jener  Zusammenbruch, ­
  der  von  den  Schöpfern  des  wissenschaftlichen  Kommunismus ­
  wiederholt  vorausgesagt  wurde.  Sie  hatten  recht:  eine
jämmerliche  reformistische  Illusion  ist  die  Vorstellung  von  einem
Uebergang  zum  Sozialismus  außerhalb  des  Zusammenbruchs,
ohne  Störung  des  gesellschaftlichen  Gleichgewichts,  ohne
blutigen  Kampf,**)
*)  In  erster  Linie  von  Kautsky.  Vor  dem  Kriege  „wartete“  er  auf  die
Katastrophe,  die  noch  nicht  „reif  war".  Im  Kriege  warnte  er  vor  der
Revolution,  denn  die  Internationale  wäre  ein  „Friedensinstrument"  und
würde  beim  Kanonendonner  versagen.  Nach  dem  Kriege  warnt  er  vor  dem
Sozialismus,  denn  die  Katastrophe  wirke  „erschöpfend".  Man  muß  wohl
sagen;  welch  einheitliche  Konzeption!
**)  Vergl,  darüber  N.  Ossinski:  „Aufbau  des  Sozialismus"  (russisch),
1,  Kap.,  ebenso  N.  Bucharin;  „Die  Weltwirtschaft  und  der  Imperialismus",
Petrograd  1918,  Interessant  ist  folgende  Voraussage  Engels';  „Die  kolossale
Ausdehnung  der  Verkehrsmittel  —  ozeanische  Dampfer,  elektrische  Bahnen,
Telegraphen,  Suezkanal  —  hat  den  Weltmarkt  erst  wirklich  hergestellt.
Dem  früher  die  Industrie  monopolisierenden  England  sind  eine  Reihe  konkurrierender ­
  Industrieländer  zur  Seite  getreten;  der  Anlage  des  überschüssigen ­
  Kapitals  sind  in  allen  Weltteilen  unendlich  größere  und  mannigfaltigere ­
  Gebiete  eröffnet,  so  daß  es  sich  weit  mehr  verteilt  und  lokale
        <pb n="77" />
        Ist  der  Zerfall  der  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse
einmal  real  gegeben  und  ist  die  Unmöglichkeit  der  Wiederherstellung ­
  derselben  theoretisch  einmal  bewiesen,  so  entsteht  die
Frage,  wie  das  Dilemma:  „Untergang  der  Kultur"  oder  Sozialismus ­
  gelöst  werden  soll.  In  den  Grundzügen  ist  diese  Frage  durch
die  vorhergehende  Untersuchung  gelöst.  In  der  Tat,  wir  sahen,
daß  das  Zeitalter  des  Zerreißens  der  technisch-sozialen  Schichten
der  Produktion  im  großen  und  ganzen  die  Einheit  des  Proletariats
beibehält,  das  vor  allen  Dingen  die  materielle  Basis  der  zukünftigen ­
  Gesellschaft  verkörpert.  Dieses  entscheidende  und
grundlegende  Element  zerfällt  im  Verlaufe  der  Revolution  nur
teilweise.  Andererseits  schließt  es  sich  ungeheuerlich  zusammen,
erzieht  sich  neu,  organisiert  sich.  Den  empirischen  Beweis  dafür ­
  liefert  die  russische  Revolution  mit  ihrem  relativ  schwachen
Proletariat,  das  sich  dennoch  als  geradezu  Unerschöpfliches  Reservoir ­
  organisatorischer  Energie  erwies,
„Die  mathematische  Wahrscheinlichkeit"  des  Sozialismus
verwandelt  sich  unter  diesen  Umständen  in  „eine  praktische  Gewißheit“, ­

Doch  muß  man  dabei  auf  den  Gedanken  ganz  verzichten,
daß  die  unumgängliche  Bedingung  der  Erhaltung  und  Entfaltung
des  neuen  Systems,  nämlich  der  Fortschritt  der  Produktivkräfte
(eine  Bedingung,  die  subjektiv  genommen  die  Klassenaufgabe  des
Proletariats  darstellt),  sich  gleich  zu  Beginn  des  Umschwunges
Uebcrspckulation  leichter  überwunden  wird.  Durch  alles  dies  sind  die
meisten  Krisenherde  und  Gelegenheiten  zur  Krisenbildung  beseitigt  oder
stark  abgeschwächt.  Daneben  weicht  die  Konkurrenz  im  inneren  Markt
zurück  vor  den  Kartellen  und  Trusts,  während  sie  auf  den  äußeren  Markt
beschränkt  wird  durch  Schutzzölle.  .  .  ,  Aber  diese  Schutzzölle  selbst  sind
nichts  anderes  als  die  Rüstungen  für  den  schließlichen  allgemeinen  Industriefeldzug, ­
  der  über  die  Herrschaft  auf  dem  Weltmarkt  entscheiden  soll.  So
birgt  jedes  der  Elemente,  das  einer  Wiederholung  der  alten  Krisen  entgegenstrebt, ­
  den  Keim  einer  weit  gewaltigeren  künftigen  Krise  in  sich.“
(„Das  Kapital"  III,,  2,  S,  27,  Anmerkung  8.)
        <pb n="78" />
        zu  realisieren  anfangen  wird.  Man  wird  den  Sozialismus  aufbauen ­
  müssen.  Die  vorhandenen  Sach-  und  Personenressourcen
bilden  bloß  den  Ausgangspunkt  der  Entwicklung,  die  eine  ganze
gewaltige  Epoche  umfaßt.
Im  Zeitalter  des  Zerfalls  des  Kapitalismus  kann  man,  wie
wir  es  im  vorigen  Kapitel  gesehen  haben,  den  Kapitalismus  nicht
retten,  deshalb,  weil  die  grundlegende  Produktivkraft  der  Gesellschaft, ­
  die  Arbeiterklasse,  sich  weigert,  ihre  kapitalistische,  kapitalbildende ­
  Funktion  zu  erfüllen.  Die  grundlegende  Voraussetzung ­
  für  den  sozialistischen  Aufbau  ist  die  Transformation
dieser  kapitalbildenden  Funktion  in  eine  Funktion  der  gesellschaftlichen ­
  Arbeit.  Dies  ist  möglich  allein  bei  der  herrschenden
Lage  des  Proletariats,  d.  h.  bei  dessen  Diktatur.*)  Nur  bei  der
Umwandlung  des  Proletariats  aus  einer  ausgebeuteten  Klasse  in
eine  herrschende  Klasse  ist  eine  Wiederherstellung  des  Arbeitsprozesses, ­
  d.  h.  die  gesellschaftliche  Reproduktion  möglich,
In  diesem  Rahmen  und  auf  dieser  Grundlage  sind  die  Aufgaben, ­
  vor  denen  das  Proletariat  steht,  im  großen  und  ganzen,
formal,  d,  h.  unabhängig  von  dem  sozialen  Inhalt  des  Prozesses,
dieselben  wie  auch  für  die  Bourgeoisie  bei  der  erweiterten  negativen ­
  Reproduktion:  Sparsamkeit  mit  allen  Hilfsquellen,  ihre  planmäßige ­
  Verwertung,  ein  Maximum  der  möglichen  Zentralisation,
Die  Erschöpfung,  die  infolge  des  Krieges  und  der  Unterbrechung
des  Produktionsprozesses  in  der  Periode  des  Zerfalls  auftritt,  er-*)
  Die  ziemlich  zahlreichen  „Forschungen"  über  „Sozialisierung",  die
von  bürgerlichen  Professoren  herrühren,  umgehen  natürlich  diese  Grundfrage. ­
  Siehe  K,  Bücher:  „Die  Sozialisierung“,  Tübingen  1919;  Otto  Neurath:
„Wesen  und  Weg  der  Sozialisierung";  Prof.  K.  Tyszka:  „Die  Sozialisierung
des  Wirtschaftslebens“,  Jena  1919.  Vergl.  auch  Otto  Bauer:  1,  c.;  Rudolf
Goldscheid:  „Sozialisierung  der  Wirtschaft  oder  Staatsbankerott  .  Von
der  kommunistischen  Literatur  des  Auslandes  köjjnen  wir  nur  die  Broschüre
eines  ungarischen  Genossen  und  zugl,  Ingenieurs  nennen  —  Julius  Hevesii
„Die  technische  und  wirtschaftliche  Notwendigkeit  der  kommunistischen
Weltrevolution".  Wien,  1919.

69
        <pb n="79" />
        fordert  gerade  vom  Standpunkt  der  gesellschaftlichen  Organisationstechnik ­
  den  Ucbergang  zu  sozialistischen  Produktionsverhältnissen? ­
  Es  genügt,  nur  die  Frage  allgemein  zu  stellen,  wie  ein  System ­
  auch  nur  relativen  Gleichgewichtes  möglich  sei,  oder  richtiger, ­
  wie  die  Schaffung  von  Bedingungen  der  Bewegung  zu  einem
solchen  Gleichgewicht  möglich  sei,  um  die  kategorische  Notwendigkeit ­
  der  zentralisierten  und  formal  vergesellschafteten  Wirtschaft ­
  einzusehen.  Wir  sahen  bereits,  daß  der  Rückgang  der  Ressourcen ­
  der  Produktion  eine  der  Hauptbedingungen  war,  die  schon
im  Rahmen  des  Kapitalismus  nach  einer  planmäßigen,  geregelten,
organisierten  Wirtschaft  hin  trieben.  Darin  besteht  die  innere
wirtschaftliche  Logik,  die  bei  einer  nichtkapitalistischen  Gestaltung ­
  der  Produktionsverhältnisse  keineswegs  verschwindet,  sondern, ­
  im  Gegenteil,  sich  noch  mehr  bemerkbar  macht.  Der
Arbeitsprozeß  kann  bei  der  Herrschaft  der  Bourgeoisie  nicht
fortgesetzt  werden.  Die  Großproduktion  kann  bei  der  Herrschaft
des  Proletariats  nicht  anders  als  expropriiert  und  nationalisiert
werden.  Die  wirtschaftliche  Erschöpfung  treibt  schließlich  noch
mehr  zu  Methoden  der  Rationalisierung  des  gesellschaftlichen
Wirtschaftsprozesses.*)  Die  Gesamtheit  dieser  Bedingungen  er-’)
  Rudolf  Goldscheid  geißelt  recht  geistreich  die  feige  Haltung  der
„Führer";  „Es  ist  geradezu  unglaublich,  mit  wie  offensichtlich  unhaltbaren
Argumenten  man  jetzt  mit  Erfolg  die  Beschleunigung  der  Sozialisierung  der
Wirtschaft  aufzuhalten  imstande  ist.  So  z.  B.,  indem  man  geltend  macht,
momentan,  wo  alle  Produktion  und  aller  Verkehr  stockt,  wo  es  an  den
nötigen  Betriebsmitteln  fehlt,  sei  doch  der  ungeeignetste  Moment  zur  Sozialisierung ­
  der  Wirtschaft.  Herrschte  umgekehrt  Hochkonjunktur,  würde
man  zweifellos  erklären;  man  darf  doch  nicht  mit  Experimenten  kommen,
während  alles  im  besten  Gange  ist.  Gegen  das,  was  man  nicht  will,  findet
man  immer  leicht  Gründe.  Und  jedenfalls  ist  es  offenbar,  daß  in  einer
Zeit,  wo  der  Betrieb  herabgesetzt  ist,  und  wo  eine  tiefgreifende  Umstellung
der  Wirtschaft  unter  allen  Umständen  unvermeidlich  erscheint,  die  Umwandlung ­
  der  individualistischen  in  die  sozialistische  Wirtschaft  noch  am
ehesten  durchzuführen  wäre.“  („Sozialisierung  der  Wirtschaft  oder  Staatsbankerott", ­
  Wien,  1919,  S.  11.)  Dies  schreibt  —  ad  notam  der  Sozialdemokratie ­
  —  ein  bürgerlicher  Pazifist.
        <pb n="80" />
        heischt  die  eine  und  nur  die  eine  Lösung  der  Frage:  Umwandlung
des  Kapitalismus  in  Sozialismus  durch  die  Diktatur  der  Arbeiterklasse, ­

Wir  sahen,  daß  dasjenige,  was  für  die  ganze  Gesellschaft
eine  Bedingung  ihrer  weiteren  Existenz  ausmacht,  für  das  Proletariat ­
  ein  Organisationsproblem  darstellt,  das  von  ihm  praktisch
gelöst  werden  muß.  Das  Proletariat  muß  in  dieser  Periode  den
Sozialismus  aktiv  aufbauen  und  zu  gleicher  Zeit,  im  Prozeß
dieses  Aufbaus,  sich  selbst  neu  erziehen.  Diese  Aufgabe  kann
nur  mit  Hilfe  spezifischer  Methoden  bewältigt  werden,  mit
Methoden  der  organisierten  Arbeit,  Aber  diese  Methoden  sind
bereits  von  der  kapitalistischen  Entwicklung  vorbereitet  worden.
Als  die  Bourgeoisie  die  Feudalen  stürzte  und  die  kapitalistische ­
  Produktionsweise,  deren  Basis  in  ihren  Jugendtagen  die
einzelne  Privatwirtschaft  war,  sich  Bahn  brach,  vollzog  sich  der
Wirtschaftsprozeß  fast  absolut  elementar;  denn  nicht  die  organisierte ­
  Gemeinschaft,  nicht  das  Klassensubjekt  wai  in  Aktion,
sondern  zerstäubte,  doch  im  höchsten  Grade  aktive  „Individuen“.
Und  was  Wunder,  daß  das  Losungswort  dieser  Epoche
hieß:  „Laissez  faire,  laissez  passer“.  Der  Kapitalismus  wurde
nicht  gebaut,  sondern  baute  sich.  Der  Sozialismus,  als  organisiertes ­
  System,  wird  von  dem  Proletariat,  als  dem  organisierten
Kollektivsubjekt,  gebaut.  Wenn  der  Entstehungsprozeß  des
Kapitalismus  elementarer  Natur  war,  so  ist  der  Aufbauprozeß
des  Kommunismus  in  hohem  Grade  ein  bewußter,  d.  h.  organisierter ­
  Prozeß.  Denn  der  Kommunismus  wird  von  einer  Klasse
geschaffen,  die  im  Schoß  des  Kapitalismus  in  jene  „revolutionäre
Assoziation“  hineingewachsen  ist,  von  der  Marx  sprach.  Das
Zeitalter  des  kommunistischen  Aufbaus  wird  daher  unvermeidlich
das  Zeitalter  der  planmäßigen  und  organisierten  Arbeit  sein;  das
Proletariat  wird  seine  Aufgabe  lösen  als  gesellschaftlich-technische ­
  Aufgabe  des  Aufbaus  einer  neuen  Gesellschaft,  die  be-71
        <pb n="81" />
        72

wußt  gestellt  und  bewußt  gelöst  wird.  Zugleich  mit  dem  Zusammenbruch ­
  des  Kapitalismus  zerschellten  der  Warenfetischismus ­
  und  seine  halbmystischen  Kategorien,*)  „Die  sozialistische
Revolution  wird  sozialistische  Methoden  (keineswegs  den  ganzen
Sozialismus  auf  einmal)  aufrichten  als  eine  vollkommenere  (im
Vergleich  mit  dem  Staatskapitalismus)  Methode,  um  einem  Zusammenbruch ­
  der  Gesellschaft  vorzubeugen,  die  wirtschaftliche
Grundlage  zu  erhalten  —  und  sie  sogar  zu  erweitern.  Der
Staatskapitalismus  rettete  den  kapitalistischen  Staat  durch  ein
aktives  und  bewußtes  Eingreifen  in  die  Produktionsverhältnisse,
Die  sozialistischen  Methoden  werden  eine  Fortsetzung  dieses
aktiven  Organisationsprozesses  sein,  aber  lediglich  zur  Rettung
und  Entfaltung  der  freien  Gesellschaft,  In  der  ersten  Zeit
werden  sie  nur  eine  neue  Oekonomie  der  Produktions-  und  Verbrauchsmittel ­
  ergeben,  werden  unmittelbar  die  Gesellschaft
retten,  später  werden  sie  mit  der  Wiederherstellung  der  Produktivkräfte ­
  beginnen;  dann  werden  sie  zu  einer  neuen,  höheren
Blüteperiode  führen.  Und  inzwischen  wird,  Stein  auf  Stein,  Glied
auf  Glied,  der  Sozialismus  aufgebaut  werden,  sowohl  als  mächtige ­
  Großproduktion  als  auch  als  System  neuer,  einfacher,  freier
Gesellschaftsbeziehungen.“**)
*)  Die  Gelehrten  der  Bourgeoisie  waren  dermaßen  vom  fetischistischen  ?
Gift  betäubt,  daß  sie  das  kapitalistische  Durcheinander  zu  einer  Perle  der
Schöpfung  erhoben,  So  leugnete  Herr  P.  Struve  prinzipiell  die  Möglichkeit
einer  Rationalisierung  des  Wirtschaftsprozesses  und  bekannte  sich  zu  einer
„wissenschaftlichen  Ueberzeugung  des  grundsätzlichen  und  immanenten  Dualismus ­
  dieses  Prozesses",  („Wirtschaft  und  Wert",  Band  1.  Russisch.
S.  60.)  Wahrhaftig,  der  Wunsch  ist  der  Vater  des  Gedankensl
**)  N.  Ossinski;  „Ueber  die  Voraussetzungen  der  sozialistischen  Revolution“ ­
  in  „Narodnoje  chosjastwo“  (russisch)  Nr,  6—7,  S.  5,  1918,  Marx
sah  wohl  den  langwierigen  Charakter  der  Katastrophe  und  der  Transformationsperiode. ­
  In  den  „Enthüllungen  über  den  Kommunistenprozeß  in  Köln"
zitiert  er  seine  Worte;  „Ihr  habt  15,  20,  50  Jahre  Bürgerkriege  und  Völkerkämpfe ­
  durchzumachen,  nicht  nur  um  die  Verhältnisse  zu  ändern,  sondern
um  euch  selbst  zu  ändern  und  zur  politischen  Herrschaft  zu  befähigen,’*'
(„Kommunistenprozeß",  Berlin,  1914,  S.  52.)
        <pb n="82" />
        73

Was  ist  die  „Phaseologie"  des  revolutionären  Prozesses?
Diese  Frage  muß  beantwortet  werden.  Denn  durch  das  Verkennen ­
  der  gesetzmäßigen  Aufeinanderfolge  der  verschiedenen
Phasen  ist  auch  eine  ganze  Reihe  der  blödsinnigsten  Vorstellungen ­
  zu  erklären.
Ein  deutscher  Ingenieur,  Hermann  Beck,*)  „widerlegt“  Marx,
indem  er  behauptet,  daß  die  „sozialen  Katastrophen  (Revolutionen) ­
  wirtschaftlich  nicht  durchaus  bedingt“  sind,  denn,  wie  es
das  Beispiel  der  „antimilitaristischen"  Revolutionen  gezeigt  hat,
steht  hier  die  „Machtverschiebung,  die  ganz  am  Ende  der  Entwicklungsreihe ­
  stehen  sollte,  ganz  am  Anfang“.  Es  ist  jedoch
leicht  einzusehen,  welche  Gesetzmäßigkeit  dem  revolutionären
A»
Prozeß  zugrunde  liegt.  Als  historischer  prius  erscheint  der
Konflikt  zwischen  den  Produktivkräften  und  den  Produktionsverhältnissen; ­
  dieser  Konflikt  findet  seinen  subjektiven  Klassenausdruck ­
  in  der  „Empörung  des  Proletariats",  d,  h.  determiniert  den
Klassenwillen  auf  bestimmte  Art.  Der  Anstoß  kommt  aus  der
Sphäre  der  Wirtschaft  oder,  richtiger,  aus  dem  Zusammenstoß
zwischen  den  Produktivkräften  und  der  ökonomischen  Hülle,
Weiter  beginnt  die  katastrophal  rasche  „Gegenwirkung"  von  der
ideologischen  Sphäre  zu  den  Produktivkräften;  dabei  entstehen
während  dieses  Prozesses  Gleichgewichtsbedingungen  auf  neuer
Grundlage.  Dieser  dialektische  Prozeß  passiert  folgende  Phasen:**)
I,  Ideologische  Revolution.  Die  ökonomischen  Bedingungen
zerstören  die  Ideologie  des  Burgfriedens,  Die  Arbeiterklasse ­
  wird  sich  ihrer  selbst  bewußt  als  Klasse,  die  die  Herrschaft
*)  Hermann  Beck:  „Eröffnungsansprache"  (“Wege  und  Ziele  der  Sozialisierung", ­
  S.  10—12).  Nebenbei  bemerkt,  die  Art  und  Weise,  wie  Herr  Beck
die  Revolution  behandelt,  erinnert  ganz  an  unsere  selige  „Nowaja  Schisn”.
**)  Diese  Formulierung  wurde  zum  ersten  Mal  von  Gen.  Kritzmann  in
einem  geistvollen  Artikel:  „Heber  die  nächstliegende  Aufgabe  der  proletarischen ­
  Revolution 1  in  Rußland"  gegeben.  („Narodnoje  chosjastwo“  1918,
Nr.  5.)
        <pb n="83" />
        74

zu  übernehmen  hat.  Das  ideologische  System  des  „Arbeiterimperialismus" ­
  zerbricht.  An  seine  Stelle  tritt  die  Ideologie  der
kommunistischen  Revolution,  der  „Arbeitsplan"  der  kommenden
Aktionen.
II.  Politische  Revolution.  Die  ideologische  Revolution  verwandelt ­
  sich  in  Aktion,  in  Bürgerkrieg,  in  Kampf  um  die  politische
Macht.  Hierbei  wird  der  politische  Apparat  der  Bourgeoisie,  die
ganze  gewaltige  Organisation  der  Staatsmaschinerie  zerstört.  An
Stelle  dessen  tritt  ein  neues  System,  das  System  der  proletarischen ­
  Diktatur,  die  Räterepublik,
III.  Oekonomische  Revolution.  Die  proletarische  Diktatur,
in  der  sich  die  Macht  der  als  Staatsgewalt  organisierten  Arbeiterklasse ­
  konzentriert,  dient  als  mächtiger  Hebel  der  ökonomischen
Umwälzung.  Die  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse  werden
zerschlagen.  Die  alte  Wirtschaftsstruktur  hört  auf  zu  sein.  Die
erhalten  gebliebenen  Zusammenhänge  werden  gewaltsam  zerstört
(„die  Expropriateure  werden  expropriiert").  Die  Elemente  des
alten  Systems  werden  in  neue  Kombinationen  genommen,  in  einem
langen  und  qualvollen  Prozeß  entsteht  ein  neuer  Typus  der  Produktionsverhältnisse. ­
  Es  wird  das  Fundament  der  sozialistischen
Gesellschaft  gelegt.
IV.  Technische  Revolution.  Das  relative  Gesellschaftsgleichgewicht, ­
  das  durch  die  Reorganisation  in  der  Struktur  der  Gesellschaft ­
  erreicht  worden  ist,  sichert  die  Möglichkeit  eines  richtigen ­
  Funktionierens  der  Produktivkräfte,  sei  es  ursprünglich
auch  nur  auf  verengter  Basis..  Die  folgende  Stufe  ist  die  Revolution ­
  in  den  technischen  Methoden,  d.  h,  das  Wachstum  der
Produktivkräfte,  die  Aenderung  und  rasche  Verbesserung  der
rationalisierten  gesellschaftlichen  Technik.
Es  versteht  sich  von  selbst,  daß,  wenn  wir  von  diesen  Etappen
der  revolutionären  Entwicklung  sprechen,  es  sich  um  den  Schwerpunkt ­
  jeder  historischen  Etappe,  um  ihre  vorwiegende  Charakte ­
        <pb n="84" />
        ristik,  um  die  typischen  Züge  der  gegebenen  Phase  handelt.
Innerhalb  dieser  Grenzen  hat  eine  solche  auf  deduktivem  Wege
abgeleitete  Gesetzmäßigkeit  wiederum  euren  die  Erfahrungen  der
russischen  proletarischen  Revolution  ihre  erste  erfahrungsmäßige
Bestätigung  erhalten.  Ein  Verkennen  dieser  Periodenfolge  führt
zu  geradezu  ungeheuerlichen  und  theoretisch  unanständigen
Schlußfolgerungen.*)
Nun  müssen  wir  die  allgemeinen  Prinzipien  des  kommunistischen ­
  Aufbaus  untersuchen.  Es  ist  vollkommen  klar,  daß  die
nächste  Epoche  die  Epoche  der  Diktatur  des  Proletariats  sein
muß,  die  formal  Aehnlichkeit  mit  der  Epoche  der  Diktatur  der
Bourgeoisie  haben  wird,  d.  h.  der  umgestülpte  Staatskapitalismus,
seine  dialektische  Umkehrung  in  seinen  eigenen  Gegensatz  sein
wird.
Betrachten  wir  vor  allem  die  allgemeinsten  Gleichgewichts-*)
  Ein  Muster  einer  solchen  theoretischen  Unanständigkeit  bilden  leider
die  letzten  (1918)  „Werke"  des  Prof.  R.  J.  Wipper,  Im  Sammelbuch  „Untergang ­
  der  europäischen  Kultur",  das  im  Verlag  „Wissen  ist  Macht"  (wo  es
weder  Macht  noch  Wissen  gibt)  erschienen  ist,  gibt  der  ehrwürdige  Professor, ­
  ohne  die  Perspektiven  zu  verstehen,  eine  Verallgemeinerung  der  ersten
Phasen  des  Prozesses  und  spricht  daher  Dinge  aus,  die  geradezu  komisch
wirken.  „Der  Glaube  an  die  Vereinigung  der  Proletarier  aller  Länder  ist
geschwunden.  .  .  .  Die  Erwartung  einer  baldigen  sozialen  Revolution  ist
vorbei.  .  .  .  Die  kapitalistische  Klasse  .  .  .  bereitet  sich  keinen  unvermeidlichen ­
  Untergang  vor.  .  (S.  75  des  Sammelbuches,)  Dies  ist  im
Jahre  1918  erschienen!  Im  Artikel  „Sozialismus  oder  Kleinbürgertum“,  in
dem  der  wackere  Autor  die  Kommune  kritisiert  und  sie  mit  einem  Eifer,
der  einer  besseren  Sache  würdig  wäre,  lästert,  und  in  dem  unter  dem  Namen
der  Pariser  Kommunards  eigentlich  die  russischen  Kommunisten  geschildert
sind,  finden  wir  z.  B,  diese  Frage;  „Warum  versuchten  sie  (die  Kommunards,
lies;  die  Bolschewikij  nicht,  zur  gesteigerten  Arbeit  anzuregen,  gerade  jetzt,
da  viele  Fabrikbesitzer  die  Stadt  verlassen  haben,  folglich  auch  die  .Ausbeuter”, ­
  welche  die  Arbeiter  „unterdrückten",  verschwunden  sind;  warum
leisteten  sie  dem  Müßiggang  und  der  Bummelei  Vorschub?"  usw.  usw.  Klingt
dies  nicht  komisch  schon  im  Jahre  1920,  im  Jahre  der  Arbeitsarmee,  der
kommunistischen  Samstage,  der  Arbeitsdisziplin?  „Die  Würze  des  Landes“,
wie  der  Prof,  sich  bescheiden  bezeichnet,  besitzt  einen  geradezu  hühnergroßen
  „Intellekt",  wenigstens  in  einer  bestimmten  historischen  Epoche.

75
        <pb n="85" />
        76

Bedingungen  auf  der  neuen  Grundlage.  Vorhanden  ist  ein  stark
lädiertes  materiell-technisches  Gerüst  der  Produktion  (zentralisierte ­
  Produktionsmittel,  zum  Teil  zerstört  durch  den  Prozeß  der
erweiterten  negativen  Reproduktion  während  des  imperialistischen ­
  und  daraufhin  des  Bürgerkrieges  und  zerrüttet  infolge  des
Zerfalls  des  technischen  Personenapparates},  Doch  dies  bezieht
sich  auf  die  Produktivkräfte,  Auf  dem  Gebiet  der  Produktionsverhältnisse ­
  sind  auseinandergefallene  Kettenglieder,  Schichten
der  technisch-sozialen  hierarchischen  Stufenleiter  vorhanden.  Wie
wir  gesehen  haben,  bedeutet  hier  die  Periode  des  Zusammenbruches ­
  nicht  eine  Vernichtung  der  Elemente;  sie  bedeutet  eine
Aufhebung  des  Zusammenhanges  zwischen  ihnen.  Die  Elemente
als  solche  gehen  zum  Teil  ebenfalls  zu  Grunde  (infolge  des
Bürgerkrieges,  der  Erschöpfung,  des  vorzeitigen  Verbrauches,  der
Unterernährung  usw,),  aber  nicht  dies  macht  das  grundlegende
Moment  der  Periode  des  Zusammenbruches  aus.  Genau  so  darf
man  sagen,  daß  die  Zusammenhänge  innerhalb  der  Gruppen
(zwischen  den  Arbeitern,  in  den  Beziehungen  innerhalb  der
Klasse,  zwischen  den  Ingenieuren,  Technikern,  d.  h.  Mitgliedern
des  „neuen  Mittelstandes“  usw.)  erhalten  bleiben.  Wie  wir  bereits ­
  hervorgehobem  haben,  erwachsen  und  erstarken  sie,  in  gewisser ­
  Hinsicht,  im  Schoße  des  Proletariats.  In  dieser  Periode
erzieht  sich  das  Proletariat,  schließt  sich  zusammen  und  organisiert ­
  sich  als  Klasse  mit  ungeheuerlicher  Intensität  und  Schnelligkeit, ­
  Das  Proletariat  als  Gesamtheit  der  Produktionsverhältnisse
bildet  infolgedessen  das  Gerüst  des  ganzen  Baus.  Aber  das
Problem  der  gesellschaftlichen  Produktionsorganisation  besteht
in  der  neuen  Kombination  der  alten  Elemente.  Und  zwar
welcher  Elemente?
Es  ist  leicht  einzusehen,  daß  die  im  Grunde  genommen  über
der  Produktion  stehende  Spitze  der  kapitalistischen  Gesellschaft,
deren  Lage  in  der  Produktion  sich  darin  ausdrückte,  daß  sie
        <pb n="86" />
        77

außerhalb  der  Produktion  stand  (alle  möglichen  Rentner  und
Couponabschneider),*)  für  den  Aufbau  unbrauchbar  ist;  entweder
geht  sie  zugrunde  oder  muß  von  den  anderen  Gruppen  aufgesogen ­
  werden.  Die  Exbourgeoisie  organisatorischen  Schlages
und  die  unter  ihr  stehende  technische  Intelligenz  sind  ein  Material, ­
  das  offenkundig  für  die  Aufbauperiode  notwendig  ist:  es
ist  der  soziale  Niederschlag  der  organisatorischen  und  technischwissenschaftlichen ­
  Erfahrung.  Es  ist  ja  offensichtlich,  daß  diese
beiden  Kategorien  neu  gruppiert  werden  müssen.  Wie  und  unter
welchen  Umständen  ist  dies  möglich?
Wir  wollen  vor  allem  bemerken,  daß  für  die  Struktur  dies
die  entscheidende,  man  könnte  sagen  grundlegende  Frage  ist.
Und  es  ist  keineswegs  ein  Zufall,  daß  in  der  reifen  Periode  der
russischen  sozialistischen  Revolution  das  Problem  der  „Spezialisten“ ­
  eine  so  wichtige  Rolle  spielte.
Wir  wissen,  daß  die  sozialen  Bindungen  früherer  Art  in  den
Köpfen  der  Personen  dieser  Kategorie  fortleben,  in  Gestalt  eines
ideologischen  und  physiologischen  Niederschlages,  Der  „gesunde
Kapitalismus"  schwebt  ihnen  vor  mit  der  Beharrlichkeit  einer
idee  fixe.  Die  Vorbedingung  für  die  Möglichkeit  einer  neuen  gesellschaftlichen ­
  Kombination  der  Produktion  selbst  muß  also  die
Auflösung  der  Zusammenhänge  früherer  Art  in  den  Köpfen  dieser
technischen  Intelligenz  sein.
Der  Prozeß  dieser  „Auslüftung"  ist  außerordentlich  qualvoll
und  schmerzlich.  Er  wird  von  einer  teilweisen  Vernichtung  der
technischen  Intelligenz  begleitet.  Die  letztere  führt  einen  erbitterten ­
  Kampf  um  den  früheren  Typus  des  zerfallenden  und  gewaltsam ­
  zerschlagenen  Zusammenhanges,  Sic  sträubt  sich  gegen
den  neuen  Typus  der  Kombination  der  sozialen  Produktionsschichten, ­
  denn  die  dominierende  Rolle  nimmt  hier  das  Proletariat
*1  Zu  deren  Charakteristik  vergl.  das  Buch  N.  Bucharms:  „Die  politische ­
  Oekbnomie  des  Rentners"  (russisch).
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ein.  Die  technische  Funktionsrolle  der  Kopfarbeiter  ist  mit  ihrer
Vorzugsstellung  als  soziale  Klassengruppe  verwachsen,  einer
Stellung,  die  ä  la  longue  nur  unter  der  Herrschaft  des  Kapitals
eine  Monopolstellung  sein  kann.  Der  Widerstand  dieser  Schicht
ist  daher  unvermeidlich,  und  in  der  Ueberwindung  dieses  Widerstandes ­
  liegt  das  innere  Grundproblem  der  aufbauenden  Phase
der  Revolution.  Bei  der  grundlegenden  Bedeutung  der  Produktionsverhältnisse ­
  innerhalb,der  Arbeiterklasse,  die  sich  immerfort
neu  erzieht  und  den  Prozeß  der  „Bildung  der  revolutionären
Assoziation“  fortsetzt,  wird  die  ganze  Arbeit  auf  die  Arbeiterklasse ­
  und  ihre  eigene,  proletarische  Intelligenz,  die  durch  den
ganzen  Gang  des  revolutionären  Kampfes  erzogen  worden  ist,
abgewälzt.  Die  neue  Kombination,  d.  h.  die  Unterordnung  der
technischen  Kopfarbeiter  unter  das  Proletariat,  wird  unvermeidlich ­
  auf  dem  Wege  des  Zwanges  von  seiten  des  Proletariats  und
der  Sabotage  von  seiten  dieser  Kopfarbeiter  durchgeführt.  Eine
relative  Stabilität  des  Systems  wird  erst  in  dem  Maße  erzielt,
wie  die  akkumulierten  Bindungen  der  alten  Art  sich  in  den
Köpfen  dieser  sozialen  Kategorie  verflüchtigen  und  die  neuen
Beziehungen  und  der  neue  Typus  des  Zusammenhanges  von  ihr
langsam  angeeignet  werden.
Hier  muß  vor  allem  die  Gesamtsumme  der  neuentstehenden
Produktionsverhältnisse  theoretisch  untersucht  werden.  Denn  da
entsteht  eine  Frage  von  so  grundlegender  Bedeutung:  wie  ist
überhaupt  eine  andere  Kombination  der  Personen-  und  technischen ­
  Produktionselemente  möglich,  wenn  die  Logik  des  Produktionsprozesses ­
  selbst  Zusammenhänge  ganz  bestimmter  Art  erheischt? ­
  Ein  Ingenieur  oder  Techniker  muß  doch  den  Arbeitern
Befehle  erteilen  und  muß  infolgedessen  über  ihnen  stehen?  Genau ­
  so  muß  ja  der  ehemalige  Offizier  in  der  Roten  Armee  über
dem  gemeinen  Soldaten  stehen.  Hier  wie  dort  steckt  eine  innere,
rein  technische,  sachliche  Logik,  die  bei  jeder  beliebigen  Gesell-
        <pb n="88" />
        79

Schaftsordnung  erhalten  bleiben  muß.  Wie  soll  dieser  Widerspruch ­
  gelöst  werden?
Hier  muß  eine  ganze  Reihe  von  Umständen  beachtet  werden,
deren  Untersuchung  wir  jetzt  in  Angriff  nehmen  wollen.
Vor  allem:  unter  der  Staatsgewalt  des  Proletariats  und  bei
der  proletarischen  Nationalisierung  der  Produktion  hört  der
Prozeß  der  Schaffung  von  Mehrwert,  als  spezifische  Kategorie
der  bürgerlichen  Gesellschaft,  auf.  Die  technischen  Kopfarbeiter,
die  in  der  kapitalistischen  Gesellschaft  organisatorische  Funktionen ­
  im  Produktionsprozeß  erfüllten,  waren  zugleich  sozial  der
Uebertragungsmechanismus  zur  Auspressung  des  Mehrwertes  als
einer  besonderen  kapitalistischen  Kategorie  des  Gewinns.  Es
konnte  auch  nicht  anders  sein;  denn  der  Prozeß  der  kapitalistischen ­
  Produktion  ist  zu  gleicher  Zeit  und  vor  allem  ein  Prozeß
der  Produktion  von  Mehrwert,  Die  technischen  Kopfarbeiter
waren  also  ein  Mittel  in  den  Händen  der  kapitalistischen  Bourgeoisie ­
  und  erfüllten  ihre  allgemeinen  Aufgaben.  Ihr  räumlich
bestimmter  Platz  in  der  gesellschaftlichen  Arbeitshierarchie
stimmte  mit  ihrer  Funktion  als  Werkzeug  zur  Auspressung  des
Mehrwertes  überein.  Mit  der  dialektischen  Verwandlung  der:
bürgerlichen  Diktatur  in  die  proletarische  verwandelt  sich  die
technische  Funktion  der  Intelligenz  aus  einer  kapitalistischen  in
eine  gesellschaftliche  Arbeitsfunktion,  und  die  Schaffung  von
Mehrwert  verwandelt  sich  in  Schaffung  (unter  der  Bedingung  der
erweiterten  Reproduktion)  von  Mehrprodukt,  das  auf  die  Erweiterung ­
  des  Reproduktionsfonds  verwendet  wird.  Parallel  damit
ändert  sich  der  Grundtypus  des  Zusammenhanges,  obwohl  auch
im  hierarchischen  Schema  die  Intelligenz  denselben  „mittleren"
Platz  beibehält.  Denn  die  höchste  staats-wirtschaftliche  Gewalt*)
*)  Wir  sagen  „staats-wirtschaftliche",  denn  auf  diesem  Stadium  der
Entwicklung  verschmilzt  die  „Oekonomik"  mit  der  „Politik  ,  und  der  Staat
verliert  seinen  ausschließlich  politischen  Charakter,  indem  er  auch  zum
Organ  der  ökonomischen  Verwaltung  wird.
        <pb n="89" />
        80

stellt  die  konzentrierte  soziale  Macht  des  Proletariats  dar.  Hier
steht  die  technische  Intelligenz  einerseits  über  den  großen  Massen
der  Arbeiterklasse,  aber  andererseits  unterwirft  sie  sich,  letzten
Endes,  ihrem  Kollektivwillen,  der  seinen  Ausdruck  findet
in  der  staats-ökonomischcn  Organisation  des  Proletariats.  Die
Umwandlung  des  Prozesses  der  Bildung  von  Mehrwert  in  einen
Prozeß  planmäßiger  Befriedigung  der  gesellschaftlichen  Bedürfnisse ­
  findet  ihren  Ausdruck  in  der  Umgruppierung  der  Produktionsverhältnisse, ­
  ungeachtet  der  formalen  Beibehaltung  desselben ­
  Platzes  im  hierarchischen  Produktionssystem,  das  als
Ganzes  prinzipiell  einen  anderen  Charakter  trägt,  den  Charakter
der  dialektischen  Negation  der  kapitalistischen  Struktur*)  und
das,  insofern  es  den  sozialen  Kastencharakter  der  Hierarchie
zerstört,  zur  Aufhebung  der  Hierarchie  überhaupt  führt.
Zweitens  tritt  ein  relativ  stabiles  gleichzeitiges  Bestehen  des
herrschenden  Proletariats  und  der  technischen  Intelligenz  ein,
nachdem  diese  vorübergehend  faktisch  aus  dem  Produktionsprozeß ­
  entfallen  war.  Ihre  Rückkehr  wird  erst  sicher  in  dem
*)  „Der  Kapitalismus  hat  eine  zahlreiche  Klasse  von  Industrie-  und
Handelsleitern  geschaffen"  (Marx),  die  eine  besondere  Kategorie  von  Fachleuten ­
  im  Dienste  der  Bourgeoisie  bilden.  Diese  industrielle  Bürokratie
gehört  nicht  direkt  zur  Klasse  der  Kapitalisten,  ist  aber  mit  ihr  mit  den
engsten  Banden  verknüpft.  Sie  wird  von  der  Bourgeoisie  erzogen,  bezieht  von
ihr  Ministergehälter,  ist  an  den  Gründungsgewinnen  und  an  der  Verteilung  der
Dividenden  beteiligt,  legt  ihre  „Ersparnisse"  in  Aktien  und  Anteilscheinen  an,
und  in  dem  Grade,  wie  das  Kapital  in  den  Aktiengesellschaften  entpersönlicht ­
  wird,  in  dem  Grade,  wie  handelstüchtige  Leute,  die  fremdes  Kapital
auszunutzen  verstehen,  einen  immer  größeren  Einfluß  gewinnen,  schließt
sich  diese  Bürokratie  immer  enger  und  enger  der  kapitalistischen  „Familie"
an  und  wird  von  ihren  Interessen  durchdrungen.
Und  deshalb  ist  es  notwendig,  wenn  sie  in  den  Dienst  genommen  wird
—  und  dies  ist  unvermeidlich  und  notwendig  —,  daß  der  Boden,  das  Milieu,
mit  dem  sie  verwachsen  ist,  jedenfalls  beseitigt  wird.  Man  darf  sie  nicht
in  ihrem  früheren  gesellschaftlichen  Zusammenhang  lassen."  (N.  Ossinski,
I.  c.  S.  54—55.)  Vergl.  auch  den  Artikel  des  Gen,  M.  Windelbot:  „Die
Trusts  und  Syndikate  und  die  modernen  Produktionsverbände"  (russ.)  in
„Nar,  chos.",  1919,  Nr,  6,  insbesondere  S.  31.
        <pb n="90" />
        6  Bucharin:  Oekonomlk.

81

)
Maße,  wie  aus  ihrem  Kollektivbewußtscin  sich  die  alten  akkumulierten ­
  Zusammenhänge  verflüchtigten.  Folglich  tritt  in  den  neuen
gesellschaftlich-technischen  Bau  eine  Intelligenz  ein,  die  innerlich
verwandelt  ist,  nach  allen  Regeln  Heraklits  des  Dunklen.  Diese
Rückkehr  ist  nicht  eine  Wiederholung  des  Vorhergegangenen,
sondern  ein  dialektischer  Prozeß.*)
Drittens,  insofern  ein  neues  System  von  Personenapparaten
entsteht,  müssen  —  wie  dies  aus  der  ganzen  vorhergehenden
Untersuchung  hervorgehi  —  diese  Apparate  auf  den  im  Schoß
des  Kapitalismus  und  im  Getümmel  der  Klassenschlachten  reif
gewordenen  Organisationen  der  Arbeiterklasse  beruhen;  das
sind:  Räte,  Gewerkschaften,  die  am  Ruder  stehende  Partei  der
Arbeiterklasse,  Betriebsausschüsse,  spezielle  Wirtschaftsorganisationen, ­
  die  nach  der  Eroberung  der  Macht  entstanden  sind,  mit
dem  relativ  zahlreichen  Kader  der  organisatorisch  und  technisch
qualifizierten  Arbeiter,  Das  ist  das  Grundnetz  der  allgemeinen
„revolutionären  Assoziation",  die  jetzt  von  unten  nach  oben  gestiegen ­
  ist.  Aber  zu  gleicher  Zeit  ist  es  das  Milieu,  in  dessen
Poren  die  technische  Intelligenz  zu  funktionieren  hat.  Früher
‘)  Von  diesem  Standpunkt  aus  -wird  auch  der  prinzipielle  Unterschied
vollkommen  klar,  der  zwischen  der  Beibehaltung  der  alten  Spezialisten
durch  die  Noske-Scheidemann-Regierung  und  deren  Heranziehung  zum  Aufbau ­
  der  Sowjetrepublik  besteht.  Dort  werden  sie  in  ihrem  früheren  „gesellschaftlichen ­
  Zusammenhang“  und  unter  Bedingungen  der  demokratisierten
bürgerlichen  Gewalt  genommen;  hier  werden  sie  in  einem  anderen  Zusam
menhang  und  bei  der  Herrschaft  des  Proletariats  genommen.  Dort  werden
sie  „an  den  Stellen"  gelassen.  Hier  kehren  sie  bloß  formal  in  „alte“  Stellen
zurück  und  in  bedeutendem  Grade  mit  einer  neuen  Mentalität.  Genosse
Ossinski  bemerkt  vollkommen  richtig:  „Es  ist  unzulässig,  daß  sie  (d.  h.  die
Fachleute)  Vertreter  einer  feindlichen  Klasse,  Mittler  zwischen  der  proletarischen ­
  Diktatur  und  dem  Finanzkapital  seien"  (1.  c,  S.  56).  Bei  ihrer
dialektischen  „Rückkehr"  ist  dieses  in  der  Praxis  ausgeschlossen,  denn
dies  setzt  den  Zerfall  der  alten  gesellschaftlichen  Produktionszusammenhänge, ­
  sowie  den  Zerfall  der  alten  Mentalität  der  technischen  Kopfarbeiter
voraus.  Der  Leser  wird  natürlich  begreifen,  daß  wir  nicht  von  scharf  abgegrenzten ­
  Perioden,  sondern  von  fließenden  Prozessen,  von  „Tendenzen"
reden.
        <pb n="91" />
        82

bildeten  die  technischen  Kopfarbeiter  und  die  großen  bürgerlichen
Organisatoren  das  Grundgewebe  der  Produktionsverhältnisse
höherer  Ordnung,  des  Systems  der  ökonomischen  Verwaltung
(Syndikate,  Kartelle,  Trusts,  Organe  der  staatskapitalistischen
Verwaltung).  Bei  der  proletarischen  Diktatur  bilden  das  Grundgewebe
  die  verschiedenen  Kombinationen  der  emporgestiegenen
und  neugebildeten  proletarischen  Organisationen.
Schließlich,  viertens,  beginnt  die  technische  Intelligenz  in
diesem  System  ihren  sozialen  Kastencharakter  zu  verlieren,  insofern ­
  aus  der  Mitte  des  Proletariats  immer  neue  und  neue
Sshichten  emporsteigen,  die  sich  allmählich  an  die  Seite  der
,,alten“  technischen  Intelligenz  stellen.
Auf  diese  Weise  wird  das  Gleichgewicht  der  Gesellschaft
wieder  hergestellt.  Die  Herrschaft  des  Proletariats,  die  seine
Selbsterziehung  und  Selbstdisziplinierung  zur  Folge  hat,  sichert
die  Möglichkeit  des  Arbeitsprozesses,  ungeachtet  der  gewaltigen
objektiven  Schwierigkeiten.  Das  Gleichgewicht  in  der  Struktur
wird  erreicht  durch  neue  Kombinationen  in  den  Personenelementen ­
  der  sozialen  Produktion  und  durch  Unterordnung  der
Intellektuellen  unter  die  oberste  Leitung  des  proletarischen
Staates.
Wir  wollen  nun  bei  der  allgemeinen  Frage  nach  der  Struktur
der  administrativ  -  wirtschaftlichen  und  administrativ-technischen
Apparate  der  Staatsgewalt  des  Proletariats  verweilen.  Unter
den  staatskapitalistischen  Produktionsverhältnissen  sind  sämtliche
Organisationen  der  Bourgeoisie  (Syndikate,  Trusts,  Kartelle
usw.)  der  Staatsgewalt  unterworfen  und  mit  ihr  verschmolzen.
Mit  der  Zerstörung  der  bürgerlichen  und  der  Bildung  der  proletarischen ­
  Diktatur  werden  auch  diese  Verwaltungsapparate  zerstört. ­
  Die  Organisationen  der  Trusts,  der  staatlichen  Regulierungsorgane ­
  der  alten  Gesellschaft  usw.  zerfallen.  In  der  Regel
(theoretisch  haben  wir  es  im  vorigen  Kapitel  nachgewiesen)
        <pb n="92" />
        6*  Bucharm:  Oekonomik.

83

können  sie  nicht  als  „ganze  Apparate“  genommen  werden.  Aber
dies  bedeutet  nicht,  daß  sic  ihre  historische  Rolle  nicht  erfüllt
hätten.  Denn  die  ganze,  höchst  komplizierte  Gesamtreihe  dieser
mitunter  sehr  subtilen  Organisationen,  die  mit  ihren  Fühlern  dhs
ganze  gesellschaftliche  Wirtschaftsleben  umfassen,  spielte,  obj
  ektiv  genommen,  die  Rolle  der  Schraube,  die  den  Zentralisationsprozeß ­
  der  Produktionsmittel  und  des  Proletariats  steigerte  und
beschleunigte.  Andererseits  bleibt  beim  Zerfall  dieser  Apparate
ihr  rtiateriell  technisches,  sachliches  Gerüst  bestehen.  Und  genau ­
  so  wie  das  Proletariat,  die  Frage  im  allgemeinen  Maßstab
betrachtet,  vor  allem  die  zentralisierten  Produktionsmittel  nimmt,
d.  h.  das  materiell  technische  Knochen-  und  Muskelsystcm  der
kapitalistischen  Produktion,  das  hauptsächlich  seinen  Ausdruck
findet  in  einem  System  von  Maschinen  und,  wie  Marx  sagte,  in
einem  „Gefäßsystem“*)  von  Apparaten,  ebenso  erfaßt  das  Proletariat ­
  nicht  den  Personenteil,  sondern  den  sachlichen  Teil  des
alten  Verwaltungssystems  (Bauten,  Kanzleien,  Kontore,  Schreibmaschinen, ­
  überhaupt  das  ganze  Inventar,  Bücher,  an  denen  man
sich  leichter  orientieren  kann,  und  endlich  alle  möglichen
materiell-symbolischen  Vorrichtungen,  wie  Diagramme,  Modelle
usw,**)  Nachdem  es  neben  den  anderen  „zentralisierten  Produktionsmitteln" ­
  davon  Besitz  ergriffen  hat,  baut  es  seinen  Apparat,
dessen  Grundlage  die  Arbeiterorganisationen  ergeben,
*)  „Das  Kapital“,  Bd.  I,  Hamburg  1914,  S.  142,
**)  In  seinem  „System  der  Organisationslehre"  unterscheidet  Ing,  Beck
unter  den  „technischen  Mitteln"  zwei  Gruppen:  die  „Verständigungsmittel“
und  „Betätigungsmittel",  insbesondere  die  Arbeitsmittel.  Zu  den  „Verständigungsmitteln“ ­
  gehören  unter  anderen:  „Zeichen,  Farbe,  Bild,  Schrift
und  Sprache",  („Sozialisierung  als  organisatorische  Aufgabe",  S.  38,)  Die
Erfahrung  der  russischen  Revolution  bestätigt  vollkommen  die  deduktiv
abgeleiteten  Sätze  des  Textes.  Eines  der  ältesten  Syndikate,  das  Zuckersyndikat, ­
  zerfiel  bis  hinab  zur  Organisation  von  einzelnen  Betrieben.  Dasselbe ­
  ist  auch  bei  anderen  der  Fall,  lieber  die  Metallurgie  vergl.  Windelbot
1.  c,,  „Nar,  chos.“  1919,  Nr.  6  und  9—10.
        <pb n="93" />
        84

Die  Arbeiterklasse  verfügt  über  folgende  Organisationen:  die
Arbeiterdelegiertenräte,  die  Sich  aus  einem  Werkzeug  um  die  Eroberung ­
  der  Macht  in  Regierungswerkzeuge  verwandeln;  die
Partei  des  kommunistischen  Umsturzes,  den  spiritus  rector  der
proletarischen  Aktion;  die  Gewerkschaftsverbände,  die  sich  aus
Werkzeugen  des  Kampfes  mit  den  Unternehmern  in  Organe  der
Produktionsverwaltung  verwandeln;  die  Genossenschaften,  die
aus  Mitteln  des  Kampfes  gegen  die  Handelsvermittlung  in  eine
Organisation  des  Staatsapparates  für  die  allgemeine  Verteilung
verwandelt  werden;  die  Betriebsausschüsse  und  ähnliche  Organisationen ­
  („Betriebsräte“  in  Deutschland,  „workers  committees“
und  „shop  Stewards  cömmittees“  in  England),  die  aus  lokalen
Organen  des  Kampfes  der  Arbeiter  mit  den  Unternehmern  sich  in
Elemente  der  allgemeine  Produktionsverwaltung  verwandeln.
Das  Netz  dieser,  sowie  der  auf  ihrer  Grundlage  speziell  geschaffenen ­
  ganz  neuen  Organisationen  bildet  auch  den  organisatorischen ­
  Grundstock  des  neuen  Apparates.*)
*)  In  der  zweiten  Auflage  seines  Buches;  „Syndikate  und  Trusts  in
Rußland"  (russisch)  Moskau,  1919,  demonstriert  Gen.  G.  Zyperowitsch  anschaulich, ­
  wie  sehr  die  üblichen  Vorstellungen  der  „organischen"  Epoche
sogar  auf  revolutionär  denkenden  Menschen  lasten.  Seine  theoretischen  Konstruktionen ­
  stellen  die  wirtschaftlichen  Organisationen  der  proletarischen
Verwaltung  nicht  als  neue  Apparate  hin,  sondern  als  Apparate,  die  ihre  Abstammung ­
  von  den  Apparaten  der  Bourgeoisie  herleiten.  Indes  steht/We  Zeile
des  von  ihm  selber  angeführten  Tatsachenmaterials  in  krassem  Widerspruch ­
  zu  dieser  Vorstellung  und  bestätigt  absolut  unseren  Standpunkt.
Logisch  ist  dies  auch  mit  dem  fürchterlichen  theoretischen  Durcheinander
in  der  allgemeinen  Beurteilung  der  Epoche  verbunden,  wovon  wir  noch  in
einem  anderen  Kapitel  gelegentlich  sprechen  werden.  Wir  wollen  Beispiele
anführen.  Gen.  Zyperowitsch  schreibt  über  den  Obersten  Volkswirtschaftsrat ­
  und  die  Volkswirtschaftsräte  überhaupt  folgendes:  „Diese  obersten  Organe ­
  der  wirtschaftlichen  Verwaltung  des  Landes,  die  aus  Vertretern  der
Arbeiterorganisationen  gebildet  sind  und  lediglich  Vertrauenspersonen  der
Parteizentren  an  ihrer  Spitze  haben,  waren  eigentlich  die  Nachfolger
des  Wirtschaftsrates  der  provisorischen  Regierung."  (D,  h.  der  Regierung
von  Kerenski  und  Co.)  Was  heißt  das?  Und  was  soll  man  sich  unter  der
„Nachfolgschaft“  eigentlich  denken?  Es  ist  klar,  daß  wir  es  hier  mit
        <pb n="94" />
        Unter  den  gegebenen  Bedingungen  haben  wir  vor  allem  einen
dialektischen  Wechsel  der  Funktionen  der  Arbeiterorganisationen
vor  uns.  Es  ist  vollkommen  klar,  daß  es  mit  der  Umstellung
der  Herrschaftsverhältnisse  auch  nicht  anders  sein  kann,
denn  die  Arbeiterklasse,  die  die  Staatsgewalt  ergriffen  hat,  muß
unvermeidlich  auch  die  Macht  werden,  die  als  Organisatorin  der
Produktion  auf  tritt.*)
Wir  müssen  jetzt  die  Frage  nach  dem  allgemeinen  Prinzip
des  Organisationssystems  des  proletarischen  Apparates  aufstellen, ­
  d.  h.  nach  den  Wechselbeziehungen  zwischen  den  verschiedenen ­
  Formen  der  proletarischen  Organisationen.  Es  ist  ja
klar,  daß  für  die  Arbeiterklasse  formal  hier  dieselbe  Methode
notwendig  ist  wie  für  die  Bourgeoisie  zur  Zeit  des  Staatskapitalismus, ­
  Diese  Organisationsmethode  besteht  in  der  Koordination
aller  proletarischen  Organisationen  mit  einer  möglichst  allumfassenden ­
  Organisation,  d,  h,  mit  der  Staatsorganisation  der
Arbeiterklasse,  mit  dem  Sowjetstaat  des  Proletariats.  Die  „Verehrer ­
  vollkommenen  Zerstörung  der  alten  und  der  Schaffung  einer  völlig
neuen  Organisation  zu  tun  haben.  Das  „Eigentliche"  besteht  lediglich  in
der  administrativen  Funktion.  Gen.  Zyperowitsch  spricht  jedoch  von  den
Syndikaten  sowie  den  Trusts  in  der  Sowjetrepublik  als  alten  Apparaten,'
bei  denen  bloß  „der  Inhalt  selbst  .  .  .  ein  wesentlich  anderer  werden  muß“,
(S.  170J^  Gen.  Zyperowitsch  merkt  gar  nicht,  daß  unsere  Produktionsverbände ­
  ganz  andere  organisatorische  Apparate  sind,  daß  sie  auf  den  Gebeinen ­
  der  gestorbenen,  zerfallenen,  auseinandergefallenen  kapitalistischen
Apparate  aufgewachsen  sind.  Wir  fordern  die  Leser  auf,  von  diesem  Standpunkt ­
  aus  die  letzten  Kapitel  des  Buches  von  Zyperowitsch  zu  studieren,
um  sich  noch  einmal  von  der  vollkommenen  Naivität  der  alten  Vorstellungen
zu  überzeugen,
*)  Die  sozialdemokratischen  Opportunisten  verunglimpfen  geradezu
die  revolutionär-marxistische  Methode,  wenn  sie  behaupten,  daß  eine  Veränderung ­
  der  Funktionen  eine  Aenderung  in  der  Klassencharakteristik  bedeute. ­
  Das  Proletariat  führt  in  der  Epoche  der  Diktatur  einen  Klassenkampf, ­
  aber  cs  führt  ihn  als  herrschende  Klasse,  als  organisierende  und
schaffende,  als  aufbauende  Klasse  der  neuen  Gesellschaft.  Dessenungeachtet
ist  dieses  ABC  des  Marxismus  ein  Buch  mit  sieben  Siegeln  für  alle  Apologeten ­
  des  „gesunden  Kapitalismus".

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        <pb n="95" />
        86

staatlichung“  der  Gewerkschaften  und  die  faktische  Verstaatlichung ­
  aller  Massenorganisationen  des  Proletariats  ergibt
sich  aus  der  inneren  Logik  des  Transformationsprozesses  selbst.
Die  kleinsten  Keimzellen  des  Arbeitsapparates  müssen  sich  in
Träger  des  allgemeinen  Organisationsprozesses  verwandeln,  der
planmäßig  geleitet  und  geführt  wird  von  der  kollektiven  Vernunft
der  Arbeiterklasse,  die  ihre  materielle  Verkörperung  in  der
höchsten  und  allumfassenden  Organisation,  in  ihrem  Staatsapparat ­
  findet.*)  So  verwandelt  sich  das  System  des  Staatskapitalismus ­
  dialektisch  in  seine  eigene  Umkehrung,  in  die  Staatsform ­
  des  Arbeitersozialismus.
Keine  neue  Struktur  kann  früher  geboren  werden,  bevor  sie
zur  objektiven  Notwendigkeit  geworden  ist.  Die  kapitalistische
Entwicklung  und  der  Zusammenbruch  des  Kapitalismus  haben
die  Gesellschaft  in  eine  Sackgasse  geführt,  haben  den  Produktionsprozeß, ­
  die  Existenzbasis  der  Gesellschaft  selbst  unterbunden. ­
  Die  Erneuerung  des  Produktionsprozesses  wird  erst
unter  der  Herrschaft  des  Proletariats  möglich,  und  daher  ist
seine  Diktatur  eine  objektive  Notwendigkeit.
Eine  Stabilität  der  entstehenden  neuen  Gesellschaft  kann  erst
erreicht  werden  bei  einer  größtmöglichen  Verbindung,  einem  Kontakt ­
  und  der  gemeinsamen  Auswirkung  aller  organisatorischen
Kräfte.  Und  deshalb  ist  jene  allgemeine  Form  des  Arbeitsapparates, ­
  von  der  wir  oben  sprachen,  so  notwendig.  Aus  dem  blutigen
Taumel  des  Krieges,  aus  dem  Chaos  und  aus  Trümmern,  aus
Elend  und  Zerstörung  wächst  der  Bau  der  neuen,  harmonischen
Gesellschaft  empor.

*)  Die  stumpfsinnigen  „Kritiker"  von  rechts  verhöhnen  gerne  unsere
Vereine,  Zeitungen  und  Festlichkeiten  als  „amtliche",  aber  verschweigen
schamhaft,  daß  bei  der  Arbeiterdiktatur  die  Amtlichkeit  eine  proletarische
ist.  Damit  wird  bloß  der  heiße  Wunsch  bemäntelt,  das  „Amt“  möge  sich
beständig  in  den  Händen  der  Klassengegner  des  Proletariats  befinden.
        <pb n="96" />
        87

5.  Kapitel

Stadt  und  Cand
im  Prozeß  der  gesellscßaftlicßen
Tran  sform  ation.
1.  Der  Prozeß  der  negativen  erweiterten  Reproduktion  und  die
Candwirtscßaft.  2.  Die  Produktionsverhältnisse  und  die  Candwiriscöaft.
  3.  Staatskapitalismus  und  Cand  Wirts  cQ  aft.  4.  Zusammenbruch ­
  des  kapitalistischen  Systems,  Stadt  und  Cand.
5.  Voraussetzungen  des  Sozialismus  in  der  Candwirtscßaft  und
allgemeine  Prinzipien  des  sozialistischen  Aufbaus.
„Die  Grundlage  aller  entwickelten  und  durch  Warenaustausch ­
  vermittelten  Teilung  der  Arbeit  ist  die  Scheidung  von
Stadt  und  Land.  Man  kann  sagen,  daß  die  ganze  ökonomische
Geschichte  der  Gesellschaft  sich  in  der  Bewegung  dieses  Gegensatzes ­
  zusammenfaßt.“*)
Diese  Marxsche  Charakteristik  muß  in  der  Ucbergangszeit
mehr  denn  je  berücksichtigt  werden.  Denn  wenn  in  der  „normalen“ ­
  Periode  der  kapitalistischen  Entwicklung,  d,  h,  bei  einer
im  voraus  gegebenen  relativen  Proportionalität  zwischen  „Stadt“
und  „Land",  insofern  hier  die  Rede  ist  von  der  Verteilung  der
gesellschaftlichen  Produktivkräfte,  die  für  das  Gleichgewicht
dieses  Systems  notwendig  ist,  —  wenn  in  dieser  Periode  der
Produktionsprozeß  in  seiner  abstrakten  Form,  als  Prozeß  der
Produktion  von  Wert  und  Mehrwert,  betrachtet  werden  kann,  so
genügt  dies  jetzt  nicht  mehr.
Der  naturaldingliche  Standpunkt  gewinnt  eine  entscheidende
Bedeutung,  und  damit  wird  von  ausschließlicher  Wichtigkeit  auch
die  Teilung  der  gesellschaftlichen  Produktion  in  verschiedene
*)  Karl  Marx:  „Das  Kapital",  Band  I,  Volksausgabe,  S,  299.
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Sphären  der  „konkreten"  Arbeit  und  in  erster  Linie  in  Industrie
und  Landwirtschaft.  Das  wachsende  Mißverhältnis  zwischen
diesen  Zweigen  des  Wirtschaftssystems  ist  auch  schon  vor  dem
Kriege  zum  Vorschein  gekommen;  die  imperialistische  Suche
nach  einer  „wirtschaftlichen  Ergänzung“,  d,  h.  nach  einer  Agrarbasis ­
  für  die  Industrieländer,  bildet  eigentlich  einen  Ausfluß
jenes  Gegensatzes  zwischen  „Stadt”  und  „Land“,  von  dem  Marx
sprach,  aber  schon  im  Weltmaßstab.*)  Das  Problem  der  Rohstoffe
—  das  Grundproblem  der  Gegenwart  —  und  das  Problem  der
Versorgung  sind  die  aktuellsten  Probleme.  All  das  zwingt  uns,
die  Frage:  Stadt  und  Land  als  eine  Frage  aufzufassen,  die  einer
besonderen  Untersuchung  bedarf.
Vor  allem  müssen  wir  verfolgen,  auf  welche  Art  und  Weise
der  Prozeß  der  erweiterten  negativen  Reproduktion  sich  in  der
Landwirtschaft  geäußert  hat.
Betrachten  wir  zuerst  den  Prozeß  isoliert.  Es  versteht  sich
von  selbst,  daß  hier  eigentlich  dieselben  Erscheinungen  wahrgenommen ­
  werden  wie  auch  in  der  Industrie.  Der  Krieg  entzieht ­
  eine  gewaltige  Menge  von  Produktivkräften:  er  gruppiert
die  Arbeitskräfte  neu  und  lenkt  sie  von  der  produktiven  Arbeit
ab;  er  beraubt  die  Landwirtschaft  des  Inventars,  der  tierischen
Arbeitskraft,  vermindert  die  Viehbestände,  setzt  die  Menge  der
Dungmittel  herab;  er  verringert  die  Aussaatfläche;  indem  er  ihr
die  Arbeitskraft  entzieht,  die  in  der  Landwirtschaft  eine  relativ
*)  Daraus  folgt  keineswegs,  wie  Kautsky  glaubt  (s.  seine  Artikel  über
Imperialismus  in  der  „Neuen  Zeit“),  daß  die  Wurzeln  des  Imperialismus
ausschließlich  in  dieser  Sphäre  liegen.  Vom  Standpunkt  der  Reproduktionsbedingungen ­
  ist  wichtig  die  Veränderung  in  allen  drei  Teilen  der  Formel
G—W  &amp;lt;  ^  W—G’
i  ir  ^TiT^
Dem  ersten  Teil  der  Formel  entsprechen  die  „Rohstoffmärkte"  und  die
Märkte  der  „billigen  Arbeitskraft",  dem  zweiten  die  Anlagesphären  des
Kapitals,  schließlich  dem  dritten  die  Absatzmärkte.  Die  Veränderung  findet
in  diesen  drei  Gebieten  statt  und  dementsprechend  vollzieht"  sich  der  Kampf
der  imperialistischen  Körper  in  ■  drei  Linien.

11  ■  v

88
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        89

größere  Rolle  spielt  als  in  der  Industrie  (denn  die  organische
Zusammensetzung  des  Kapitals  steht  hier  tiefer),  verengt  er  die
Öasis  der  Produktion  und  Reproduktion,  Die  Verengung  der
Produktionsbasis  findet  ihren  Ausdruck  im  Rückgang  der  erzeugten ­
  Produkte.  Das  ist  das  allgemeine  Bild.
Aber  der  Prozeß  der  landwirtschaftlichen  Reproduktion  ist,
real  betrachtet,  kein  einzelner  und  isolierter  Reproduktionsprozeß,
Er  ist  ein  Teil  des  allgemeinen  Prozesses,  der  einen  „Stoffwechsel“ ­
  zwischen  Stadt  und  Land  voraussetzt.  Insofern  hier
also  von  der  Reproduktion  der  Produktionsmittel  die  Rede  ist,
hängt  die  landwirtschaftliche  Produktion  von  den  Bedingungen
der  Reproduktion  in  der  Industrie  ab  (Maschinen,  Arbeitswerkzeug, ­
  künstliche  Düngung,  elektrische  Energie  usw.).  Die
erweiterte  negative  Reproduktion  in  der  Industrie  verschärft  den
analogen  Prozeß  in  der  Landwirtschaft.  Und  umgekehrt  verschärft ­
  die  herabgesetzte  Menge  der  Verbrauchsmittel,  die  doch
Elemente  der  Reproduktion  der  Arbeitskraft  bilden,  ihrerseits  den
Prozeß  der  erweiterten  negativen  Reproduktion  in  der  Industrie,
Als  einheitlicher  Prozeß  drückt  sich  die  erweiterte  negative  Reproduktion ­
  aus  in  der  abnehmenden  Menge  der  erzeugten  Produkte ­
  (sämtlicher  Produktionsmittel  und  Verbrauchsmittel).
Die  Verringerung  der  Produktionsbasis  drückt  sich  paradoxaler ­
  Weise  in  einem  Steigen  der  „Geldrentabilität“  der  Landwirtschaft ­
  aus,*)

*)  EmÜ  Lederer  („Die  ökonomische  Umschichtung  im  Kriege",  Archiv
für  Sozialwissenschaft  und  Politik,  Krieg  und  Wirtschaft,  Heft  7,  1918,  S.  34)
führt  folgende  Tabelle  an,  die  die  „Verschiebung  in  der  Rentabilität"  illustriert. ­



Brutto-Rein-





Kosten

gewinn

Vor  dem  Kriege  .  ,

.  ...  100

75

25

Jetziges  Minimum

.  ...  200

95

105

Wahrscheinlicher  Durchschnitt  .  250

95

155

Maximum  ....

.  .  .  .  300

95

205

„Durch  die  weitaus  höheren  im  Schleichhandel  erzielten  Preise  müßten
.  .  .  noch  höhere  Erträge  gezeitigt  werden."  Da  der  Unterschied  zwischen
        <pb n="99" />
        90

Das  Steigen  der  Preise  für  landwirtschaftliche  Produkte  zieht
jedoch  eine  ebensolche  (in  der  Regel  sogar  noch  größere)  Preissteigerung ­
  für  Industrieprodukte  nach  sich.  Dennoch  befreite  sich
die  Landwirtschaft  im  Kriege  rasch  von  den  Verschuldungen,
akkumulierte  Kapital  in  Geldform  und  häufte  Produktenvorräte
  an.  Wie  Prof.  Lederer  ganz  richtig  bemerkt,  findet  dieser
Widerspruch  seine  Erklärung  darin,  daß  die  kolossal  gestiegenen
Preise  für  Industrieprodukte  die  Funktion  einer  solchen  Verringerung ­
  ihrer  realen  Menge  waren,  daß  die  Landwirtschaft  sie
überhaupt  nicht  auftreiben  konnte.  Daraus  folgt,  daß  die  Produktionsbasis ­
  der  Landwirtschaft  sich  besser  erhalten  hat  als  die
Produktionsbasis  der  Industrie,  daß  die  Landwirtschaft  trotz  des
Prozesses  der  erweiterten  negativen  Reproduktion  real  über  verhältnismäßig ­
  viel  größere  Produktenmengen  verfügt  als  die
Industrie,  Das  ist  ein  ziemlich  wesentlicher  Unterschied,  der  sich
auch  in  der  Periode  des  Zerfalls  des  kapitalistischen  Systems
äußern  muß.
Der  wesentlichste  Unterschied  ist  jedoch  die  ökonomische
Struktur  dieses  wichtigsten  Zweiges  der  Produktion,  Eine  Eigentümlichkeit ­
  dieser  Struktur  ist  die  außerordentliche  Buntscheckigkeit
  der  wirtschaftlichen  Typen,  die  den  relativ  schwachen  Grad
der  Vergesellschaftung  der  Arbeit  widerspiegelt  und  ausdrückt,
tm  großen  und  ganzen  können  wir  hier  diese  Kategorien  aussondern: ­
  die  großkapitalistische  Wirtschaft,  die  auf  Lohnarbeit
beruht;  die  kapitalistische  Bauernwirtschaft  („Kulak",*)  „Großbauer“), ­
  die  ebenso  Lohnarbeit  verwendet  und  auf  ihr  beruht;  die
„werktätige"  Bauernwirtschaft,  die  keine  Lohnarbeit  ausbeutet;
endlich  die  Parzellenwirtschaft  der  Halbproletarier.  Die  verden
  Preisen  im  „freien“  Handel  und  den  Höchstpreisen  wächst,  so  ist  die
wirkliche  „Verschiebung"  natürlich  viel  größer,
")  Wörtlich:  „Die  Faust“,  volkstümlicher  Ausdruck  für  den  Dorfwucherer. ­
  Anmerkung  der  Uebersetzerin.
        <pb n="100" />
        91

schiedenen  Kombinationen  in  den  Beziehungen  zwischen  den
Personenelementen  dieser  Typen  geben  ein  sehr  heterogenes
Bild.  Im  Rahmen  der  großkapitalistischen  Wirtschaft  nehmen
wir  ungefähr  dieselbe  soziale  Produktionshierarchie  wahr  wie
in  der  Industrie;  die  wirtschaftliche  Konstitution  des  Latifundiums ­
  ist  im  großen  und  ganzen  dieselbe  wie  die  der  Fabrik;
oben  —  der  kapitalistische  Unternehmer,  tiefer  —  der  Hauptverwalter ­
  (Direktor);  darauf  ein  Stab  von  qualifizierten  Kopfarbeitern ­
  (Landwirte,  Buchhalter  usw.);  noch  tiefer  —  die  „Angestellten“; ­
  unter  ihnen  die  gelernten  Arbeiter  (für  die  landwirtschaftlichen ­
  Maschinen,  an  den  Zufuhrstraßen,  den  Elektrizitätstationen ­
  usw.)  und  schließlich  die  ungelernten  Arbeiter.
Anders  liegen  die  Verhältnisse  in  der  Wirtschaft  des  Großbauern,
wo  die  Stufenleiter  der  Produktion  sich  gewöhnlich  auf  zwei
Kategorien  beschränkt:  den  Herrn  und  den  Arbeiter,  Die
„werktätige“  Wirtschaft  kennt  die  hierarchische  Stufenleiter
nicht.  Die  Wirtschaft  des  Halbproletariers  bildet  in  ihrer  Personenzusammensetzung ­
  das  tiefste  Kettenglied  in  der  Leiter  einer
anderen  Wirtschaft  —  des  Latifundiums,  der  Fabrik.  Wir  sahen
in  den  vorigen  Kapiteln,  daß  das  Grundmoment,  das  die  Möglichkeit ­
  einer  unmittelbaren  Rationalisierung  der  Produktion  bestimmt, ­
  die  vergesellschaftete  Arbeit  bildet  (in  jeder  beliebigen
Gestaltung,  ob  staatskapitalistischen  oder  sozialistischen).  Es  ist
daher  klar,  daß  allein  schon  das  System  des  Staatskapitalismus
in  bezug  auf  die  Landwirtschaft  eine  etwas  veränderte  „Organisationsform" ­
  annehmen  mußte.
Es  ist  selbstverständlich,  daß  das  Bedürfnis  der  Bourgeoisie,
die  Landwirtschaft  in  das  System  des  Staatskapitalismus  einzufügen, ­
  geradezu  gewaltig  war.  Denn  die  Landwirtschaft  ist  —
insbesondere  im  Moment  der  Erschütterungen  —  ein  entscheidender ­
  Produktionszweig:  man  kann  ohne  Röcke,  elektrische  Lampen
        <pb n="101" />
        92

oder  Bücher  leben,  aber  man  kann  nicht  ohne  Brot  leben.  Die
Armee  kann  schlecht  beschuht  sein,  aber  sie  kann  nicht  von  der
Nahrung  des  heiligen  Antonius  existieren.  Die  Momente,  die  zur
staatskapitalistischen  Organisation  trieben,  waren  also  in  verschärftem ­
  Grade  vorhanden.  Und  zur  selben  Zeit  war  die  unmittelbare ­
  Möglichkeit  der  Rationalisierung  der  Produktion  gerade ­
  besonders  schwach.
Wie  wurde  diese  Aufgabe  vom  Kapitalismus  gelöst?
Auf  zweierlei  Art;  erstens  durch  Verstaatlichung  eines
Teiles  der  großen  Produktionseinheiten;  zweitens  durch  indirekte
Regulierung  des  Produktionsprozesses  durch  den  Zirkulationsprozeß. ­

Aus  dem  Gesagten  ergibt  sich  die  relative  „Schwäche"  der
ersteren  Methode  ziemlich  klar.  Freilich,  der  kapitalistische  Staat
verfügte  bereits  über  einige  Zweige  der  landwirtschaftlichen  Produktion ­
  (z.  B.  Staatsforste),  aber  er  hatte  nicht  solche  Stützpunkte, ­
  wie  cs  zum  Beispiel  die  Trusts  in  der  Industrie  sind.  Aus
diesem  Grunde  war  das  Ausmaß  der  direkten  bürgerlichen  Nationalisierung ­
  der  Produktion  verhältnismäßig  gering  und  vollzog
sich  gewöhnlich  in  Form  der  verschiedenen  „Kommunalisierungen"
und  „Munizipalisierungen“,  Eine  umso  größere  Bedeutung  gewann ­
  die  zweite  Methode:  die  Regulierung  der  Produktion  durch
Regulierung  des  Zirkulationsprozesses  oder  die  Organisierung  der
Verteilung.  Das  staatliche  Getreidemonopol,  das  Kartensystem
für  landwirtschaftliche  Produkte,  die  Ablieferungspflicht  der
Produkte,  die  Höchstpreise,  die  organisierte  Belieferung  mit
Industrieprodukten  usw.  usw.,  —  all  das  lenkte  letzten  Endes
die  Entwicklung  in  die  Richtung  der  Verstaatlichung  der  Produktion, ­
  Hier  nehmen  wir  einen  rückständigen  Typus  der  Entwicklung ­
  wahr,  die  Anfangsstadien  eines  organisatorischen  Prozesses, ­
  der,  ebenso  wie  in  der  Industrie,  zu  seinem  Ausgangspunkte ­
  den  Zirkulationsprozeß  hatte  {Corners,  Ringe,  Syndikate).
        <pb n="102" />
        Auf  diesem  Gebiete  konnte  das  staatskapitalistische  System
sich  schon  auf  syndikatartige  landwirtschaftliche  Verbände  besonderer ­
  Art  stützen,  vor  allem  auf  die  Genossenschaften.  Durch
die  Regelung  des  Zirkulationsprozesses  wurde  auch  der  Mechanismus ­
  der  landwirtschaftlichen  Produktion  im  Ganzen,  selbst
einschließlich  der  kleinen  Individualwirtschaft,  reguliert.  Das
System  des  „freien  Handels"  mit  landwirtschaftlichen  Produkten ­
  wurde  endgültig  untergraben.  Freilich,  die  spezifischen
Bedingungen  der  Landwirtschaft,  das  hohe  spezifische  Gewicht
der  kleinen  und  mittleren  warenproduzicrenden  Wirtschaft  erzeugten ­
  auch  hier  große  Schwierigkeiten;  dies  drückte  sich  in  dem
„illegalen“,  „freien“  Markte  und  dem  Schleichhandel  aus;  aber
immerhin,  solange  das  System  der  staatskapitalistischen  Organisation ­
  als  Ganzes  stark  war,  war  auch  die  Landwirtschaft  dem
allgemeinen  Apparat  eingefügt,  dessen  Hauptbestandteil  die  organisierte ­
  Industrie  war,*)
Daraus  entspringt  der  Satz:  insofern  der  Zusammenbruch
des  Systems  des  Staatskapitalismus  zu  seinem  Ausgangspunkt
den  Zerfall  der  Produktionsverhältnisse  in  der  Industrie  hat,  bedeutet ­
  er  auch  den  Zusammenbruch  dieses  Systems  in  bezug  auf
die  Landwirtschaft.
Die  Stagnation  des  staatskapitalistischen  Apparates  drückt
sich  hier  aus  in  seiner  beständigen  Durchlöcherung  durch  den
*)  Vcrgl.  darüber  die  Broschüre  des  Gen.  J.  Larin:  „Die  Utopisten
des  Minimalismus  und  die  Wirklichkeit",  Petrograd,  1917  (russisch).  In
dieser  Broschüre  bemerkt  Gen,  Larin  vollkommen  richtig:  „Kurzum,  wenn
der  Ackerbau  selbst  von  innen  heraus  in  organisatorischer  Hinsicht  ungenügend ­
  ausgereift  war,  so  wies  der  moderne  deutsche  Kapitalismus  einen
genügenden  Vorrat  an  materiellen  und  gesellschaftlichen  Organisationskräften ­
  auf,  um  von  oben  herab  und  von  außen  die  Landwirtschaft  zusaramenzuschließen
  und  zu  einem  einheitlichen,  planmäßig  verwalteten  Organismus ­
  zu  verbinden.  Mit  anderen  Worten,  man  muß  die  materielle  „Reife  des
Landes  betrachten  nicht  vom  Standpunkt  der  Notwendigkeit,  zunächst  jeden
Wirtschaftszweig  an  sich  zur  technisch-organisatorischen  Reife  zu  bringen,
sondern  als  Derivate  des  allgemeinen  Zustandes  all  ihrer  Produktivkräfte
in  ihrer  Durchschnittsumme.“  (S.  17—18.)

93
        <pb n="103" />
        Schleichhandel  mit  landwirtschaftlichen  Produkten.  Das  revolutionäre ­
  Zerreißen  der  Zusammenhänge  fördert  in  der  ersten
Zeit  —  die  Trennung  zwischen  Stadt  und  Land.
In  der  Epoche  des  Staatskapitalismus  kann  man  drei  Arten
von  Verbindungen  zwischen  Stadt  und  Land  unterscheiden;  1.  die
Zusammenhänge  des  Geldkredits,  die  finanzkapitalistischer  Art
(hauptsächlich  durch  die  Bankinstitutionen)  sind;  2,  staatliche
und  kommunale  Organisationsapparate;  3.  den  realen  Austauschprozeß ­
  zwischen  Stadt  und  Land  selbst,  der  sich  teilweise  durch
die  Organisationsapparate  und  mit  deren  Hilfe  vollzieht,  teilweise ­
  ohne  sie.  Betrachten  wir  nun,  was  unvermeidlich  und  unabwendbar ­
  geschehen  muß,  wenn  das  Proletariat  die  Macht  ergreift, ­
  in  der  Sphäre  der  Beziehungen  zwischen  Stadt  und  Land.
Die  Bande  des  Geldkredits  und  die  finanzkapitalistischen
Zusammenhänge  zerreißen  bei  der  Machtergreifung  durch  das
Proletariat  total,  unwiderruflich  und  für  immer.  Bei  der  Besitzergreifung ­
  der  Banken  gehen  die  Kreditverhältnisse  zum  Teufel,
und  von  einer  „Wiederherstellung  des  Kredites“  kann  nicht  mehr
die  Rede  sein,  denn  das  ganze  Grundsystem  der  üblichen  Beziehungen ­
  wird  durchbrochen,  jedes  „Vertrauen“  ist  verschwunden,
und  der  Staat  des  Proletariats  stellt  sich  dem  bürgerlichen  Bewußtsein ­
  dar  als  Kollektivbandit,
Die  staatlichen  und  kommunalen  Apparate  zerfallen  ebenso
in  ihre  Bestandteile  zugleich  mit  dem  Zerfall  fast  aller  Staatsmechanismen ­
  des  alten  Typus.  Jener  Apparat,  der  die  Hegemonie
der  Industrie  über  die  Landwirtschaft  und  die  der  Stadt  über  das
flache  Land  ausdrückte  (in  kapitalistischer  Gestaltung),  hört  auf,
als  geschlossenes  Organisationssystem  zu  existieren.
Endlich,  der  reale  Austauschprozeß,  in  dem  sich  die  Einheitlichkeit ­
  der  „Volkswirtschaft“  ausdrückt,  geht  seinen  Dimensionen
nach  ungeheuerlich  zurück.  Nach  einer  ausführlichen  Analyse  des
Zerfalls  der  kapitalistischen  Industrie  wird  es  nicht  schwer  sein,
        <pb n="104" />
        95

die  Ursache  davon  zu  begreifen.  Schon  der  Prozeß  der  erweiterten ­
  negativen  Reproduktion  während  des  imperialistischen
Krieges  untergrub  die  Basis  des  Austausches,  indem  er  die
Menge  der  Produkte,  die  von  der  Stadt  hinausgeschleudert
wurden,  d,  h.  das  von  der  Landbevölkerung  benötigte  reale  Produkten- ­
  Aequivalent,  auf  ein  Minimum  herabsetzte.  Mit  dem  Zusammenbruch ­
  des  kapitalistischen  Produktionsapparates  erstarrt
der  Prozeß  der  Produktion  fast  vollkommen:  man  lebt  von  den
alten  Vorräten,  den  Ueberresten,  die  vom  Kriege  gerettet  worden
sind  und  die  das  Proletariat  geerbt  hat.  Das  Geld,  das  in  „normalen“ ­
  Zeiten  als  Selbstwert  erschien,  entpuppt  sich  endgültig  als
Vermittlungszeichen  ohne  selbständigen  Wert,  Für  die  Personen,
die  über  die  Massen  der  landwirtschaftlichen  Produkte  zu  verfügen ­
  haben,  geht  also  fast  jede  Stimulanz  zur  Ablieferung  der
Produkte  in  die  Stadt  verloren.  Die  Wirtschaft  der  Gesellschaft
zerfällt  in  zwei  autonome  Sphären:  die  hungernde  Stadt  und  das
flache  Land,  das  —  ungeachtet  der  teilweisen  Zerstörung  der
Produktivkräfte  —  über  ziemlich  große  Vorräte  von  „Ueberschüssen“
  verfügt,  für  die  der  Absatz  fehlt.  Der  Zerfall  des  ganzen ­
  gesellschaftlichen  Produktionssystems  erreicht  seinen  Gipfelpunkt. ­
  Diese  Phase  der  „ökonomischen  Geschichte  der  Gesellschaft“ ­
  drückt  sich  in  der  Aussonderung  der  zwei  Hauptgattungen
der  gesellschaftlichen  Arbeit  aus  —  ein  Umstand,  bei  dem  eine
weitere  Existenz  der  Gesellschaft  unmöglich  wird.
Doch  bevor  wir  zur  Untersuchung  der  Bedingungen  des
neuen  Gleichgewichtes  übergehen,  müssen  wir  jene  Grundformen
untersuchen,  die  der  Zusammenbruch  des  kapitalistischen  Systems
innerhalb  des  „flachen  Landes“  selbst  annimmt.
Hier  fällt  sofort  folgender  Satz  auf:  bei  einer  relativen  Stabilität ­
  des  „flachen  Landes“  und  dem  Vorhandensein  einer  beträchtlichen ­
  Produktenmasse  muß  sich  der  Zerfallsprozeß  in  den  Beziehungen ­
  innerhalb  der  landwirtschaftlichen  Produktion  be ­
        <pb n="105" />
        96

deutend  langsamer  vollziehen;  andererseits,  inwiefern  hier  eine
Mannigfaltigkeit  der  Wirtschaftsformen  vorhanden  ist,  wie  sie
der  großkapitalistischen  Industrie  fremd  ist,  insofern  wird  auch
die  Form  des  Transformationsprozesses  selbst  in  allen  seinen
Phasen  von  dem  Prozeß  verschieden  sein,  den  wir  in  den  vorigen
Kapiteln  untersuchten.
Nehmen  wir  zunächst  die  großkapitalistischen  Wirtschaften.
Hier  erinnert  der  Prozeß  des  Zerreißens  der  Bindungen  am
meisten  an  das,  was  sich  in  der  Industrie  vollzieht.  Jedoch  mit
einigen  Modifikationen.  Erstens  vollzieht  er  sich  hier  langsamer
als  in  der  Stadt,  Dies  geschieht  daher,  weil  in  der  Landwirtschaft, ­
  wo  die  Verbrauchsmittel  an  Ort  und  Stelle  erzeugt  werden,
der  Unterkonsum  der  Arbeiterklasse  nicht  in  so  krasser  Form
in  Erscheinung  tritt.  Das  System  der  partiellen  Naturalbezahlung
sichert  faktisch  die  Reproduktion  der  Arbeitskraft,  und  folglich
ist  die  Stimulanz  für  die  Auflösung  der  Bindungen  zwischen  den
Personenelementen  des  Systems  bedeutend  geringer.  Zweitens
ist  das  Proletariat  hier  lange  nicht  so  „geschult“  durch  den
Mechanismus  des  kapitalistischen  Produktionsprozesses,  Seine
Zusammensetzung  (halbbäuerliche  Elemente),  die  Arbeitsmethoden ­
  (der  Saisoncharakter  der  Arbeit,  eine  viel  größere  räumliche
Getrenntheit  im  Arbeitsprozeß  usw.)  —  all  das  hemmt  seine
„ideologische  Revolutionierung"  und  die  Ausarbeitung  eines
„revolutionären  Arbeitsplans“,  Diese  Faktoren  verzögern  jedoch
nur  die  allgemeine  Entwicklungslinie,  aber  negieren  sie  nicht,
*
Der  Einfluß  der'  Stadt  und  der  Organisationen  des  Industrieproletariats ­
  gibt  den  äußeren  Anstoß  zur  Steigerung  des  sich
selbständig  entwickelnden  Prozesses,  und  letzten  Endes  ist  der
Bruch  in  den  kapitalistischen  Produktionsverhältnissen  unvermeidlich, ­
  ein  Bruch,  der  sich  in  derselben  Richtung  vollzieht  wie
der  in  der  Industrie.*)  ■&amp;gt;
*j  Karl  Kautsky  schreibt  in  seinem  Büchlein:  „Die  Sozialisierung  der
Landwirtschaft"  (Berlin,  1919):  „Die  Revolution  in  den  Städten  ist  an  den
        <pb n="106" />
        7  Bucharm;  Oekonomik,

Aber  der  Bruch  in  den  ländlichen  Produktionsverhältnissen
vollzieht  sich  auch  in  anderen  Richtungen,  was  durch  die  spezifischen ­
  Struktureigenheiten  der  ländlichen  Oekonomik  bedingt ­
  wird.  Wie  wir  gesehen  haben,  bildet  ein  Teil  des
Personenmechanismus  (die  halbproletarischen  Eigentümer  der
Parzellenwirtschaften)  das  unterste  Kettenglied  der  kapitalistischen ­
  Hierarchie;  die  anderen  Elemente  (die  mittleren  Bauern)
sind  nicht  nur  „Konkurrenten"  der  Großwirtschaft  auf  dem
Markte:  sie  dienen  auch  häufig  als  Objekt  der  Ausbeutung  in
einer  verhüllten  und  vertuschten  Form  der  außerordentlich
komplizierten  und  mannigfaltigen  Beziehungen  (Pacht,  Wuchertum,
  Abhängigkeit  von  den  Agrarbanken  usw,).  Hier  haben  wir
es  mit  einer  Form  von  unteren  und  mittleren  Elementen
der  Arbeitshierarchie  zu  tun,  die  im  rein  kapitalistischen  Schema
keinen  Platz  hat  und  nicht  vergesellschaftete  Arbeit  darstellt,
sondern  sozusagen  sich  an  diese  anlehnt.  Dennoch  ist  ihr  spezifisches ­
  Gewicht  sehr  groß,  insofern  wir  das  ganze  Gesellschaftsschema ­
  in  seiner  konkreten  Gesamtheit  betrachten.  Dieser  Charakter ­
  der  Produktionsbeziehungen,  da  die  angelehntcn  unteren
Glieder  des  Systems  aus  einer  großen  Anzahl  von  selbständigen
Wirtschaften  bestehen,  bestimmt  auch  den  Typus  des  Zerfalls,
der  sich  in  einem  Kampf  zwischen  den  Wirtschaften  ausdrückt,
Arbeitern  auf  dem  flachen  Lande  nicht  spurlos  vorübergegangen.  Es  gäbe
unsägliches  Unheil,  würden  auch  sie  vom  Streikfieber  (!)  ergriffen
(S.  10)  Kautsky  hat  recht,  wenn  er  weiter  vor  der  Aufteilung  der  großen
Güter  unter  die  Landarbeiter  warnt.  Aber  gegen  das  „Streiklieber”  protestieren, ­
  heißt,  vor  dem  preußischen  Junker  katzbuckeln.  Der  Sturz  des
Kapitalismus  auf  dem  Lande  ist  ein  ebenso  notwendiges  Kettenglied  da»
allgemeinen  Prozesses  wie  in  der  Stadt,  In  den  fortgeschrittenen  kapitalistischen ­
  Staaten  ist  ein  Sieg  der  Arbeiterklasse  ohne  Heranziehung  der
Massen  des  Landproletariats  („Streikfieber”,  wie  Kautsky  sagt,  „Streikhasard” ­
  sagten  einmal  unsere  Menschewiki)  undenkbar,  denn  der  Agrarier
—  sei  es  auch  Herr  von  Tfinen  —  wird  nicht  einmal  Kautskys  Programm
freiwillig  verwirklichen  wollen.  Das  Mißverkennen  dieses  Umstandes,  die
Ausschaltung  des  Klassenkampfes  ist  die  Hauptsünde  Kautskys  and  Kon
«orten,  Vergl.  auch  Otto  Bauer;  „Der  Weg  zum  Sozialismus"
        <pb n="107" />
        98-

d.  h,  im  Kampf  zwischen  dem  arbeitenden  Bauerntum  und  Halbproletariat ­
  einerseits  und  den  Großbauern  und  Halbgrundbesitzern ­
  andererseits.  Konkret  betrachtet,  kann  die  Kombination
der  kämpfenden  Elemente  sehr  mannigfaltig  sein,  je  nach  dem
spezifischen  Gewicht  der  verschiedenen  Wirtschaftstypen,  je  nach
den  Variationen  dieser  Typen,  (Denn  das  sind  sehr  fließende
Uebergangskategorien  mit  einer  Unmenge  von  Schattierungen
üsw.)  An  sich  genommen,  isoliert  vom  ganzen  übrigen  Wirtschaftskomplex. ­
  birgt  dieser  Bruch  der  Zusammenhänge  in  sich
auch  die  Möglichkeit  einer  Rückkehr  zu  primitiveren  Formen,
denn  die  aktive  Kraft  bildet  hier  gerade  die  zersplitterte  Arbeit
der  kleinen  Eigentümer,  und  nicht  die  vergesellschaftete  Arbeit
der  Proletarier,  Aber  im  gegebenen  historischen  Komplex  bildet
er  einen  Bestandteil  des  allgemeinen  Zusammenbruches  des  kapitalistischen ­
  Systems,*)  Das  ist  die  bäuerliche  Agrarrevolution,
deren  Bedeutung  umso  größer  ist,  je  weniger  die  kapitalistischen
Verhältnisse  entwickelt  sind.  Dieser  Kampf  kann  von  einer
großen  Kraftvergeudung  und  einer  Zersplitterung  der  materiellen
Produktionsgrundlage  (einer  gewissen  Aufteilung  der  großen
Güter,  des  Inventars*  **)  der  Viehbestände  usw,),  d.  h.  von  einer
weiteren  Herabsetzung  der  Produktivkräfte  begleitet  werden,  und
wird  gewöhnlich  auch  davon  begleitet.
')  Hier  kann  man  eine  Analogie  ziehen  zwischen  dem  geschilderten
Prozeß  und  dem  Zerfall  der  Beziehungen  zwischen  fortgeschrittenen  Mutterländern ­
  und  ihren  Kolonien.  Die  Kolonialaufstände  bergen,  objektiv  genommen, ­
  in  sich  die  Möglichkeit  eines  neuen  kapitalistischen  Entwicklungskreislaufs, ­
  wenn  man  diesen  Prozeß  isoliert  betrachtet.  Aber  im  allgemeinen
Komplex  der  Erscheinungen  ist  dies  ein  Nebenprodukt  und  zugleich  auch
der  stärkste  Faktor  des  Zerfalls  des  imperialistischen  Systems,  als  Vorbedingung ­
  der  sozialistischen  Wiedergeburt  der  Menschheit.
**)  Vergl.  den  Artikel  des  Gen.  Hoichbarg;  „Die  Vergesellschaftung  der
Landwirtschaft"  in  „Nar.  chos."  1919,  Nr.  5;  ebenso  Miljutin;  „Sozialismus
und  Landwirtschaft";  N.  Bogdanow:  „Organisation  der  Sowjetwirtschaften"
in  „Nar,  chos."  1919  Nr.  6.
        <pb n="108" />
        7*  Bucharm;  Oekonomik.

99

Nun  entsteht  die  Frage:  Wie  ist  das  neue  Gleichgewicht
möglich  —  einerseits  das  Gleichgewicht  innerhalb  der  Landwirtschaft ­
  selbst  und  andererseits  das  Gleichgewicht  zwischen  Stadt
und  Land?
Diese  Frage  ist  für  das  Schicksal  der  Menschheit  entscheidend,
denn  sie  ist  die  wichtigste  und  komplizierteste  Frage.*)
Wir  haben  bereits  gesehen,  daß  der  allgemeine  Typus  des
neuen  Gleichgewichtes  der  umgestülpte  Typus  (die  dialektische
Negation)  des  Gleichgewichtes  in  den  Verhältnissen  des  staatskapitalistischen ­
  Systems  sein  muß.
Betrachten  wir  vor  allem  den  Prozeß  innerhalb  der  Land--
  Wirtschaft.
Das  Zerreißen  der  Verbindungen  zwischen  den  verschiedenen ­
  Personenelementen  der  großkapitalistischen  Wirtschaft ­
  muß  durch  eine  Organisation  dieser  Elemente  in
neuer  Kombination  ersetzt  werden.  Eigentlich  ist  das
Problem  hier  derselben  Art  wie  auch  in  der  Industrie,
Es  wird  jedoch  durch  zwei  Momente  kompliziert:  erstens
durch  eine  teilweise  Zerstörung  der  großkapitalistischen  Wirtschaft ­
  als  Großwirtschaft  überhaupt;  zweitens  durch  einen
viel  geringeren  Reifegrad  des  Landproletariats  selbst.  Das  erstere
ist  im  Kampfe  um  den  Grund  und  Boden  von  seiten  des  Bauerntums ­
  unvermeidlich.  Begreiflich,  daß  die  Größe  der  Zugeständnisse ­
  stark  schwankt,  je  nach  dem  spezifischen  Gewicht  des
*)  Kautsky  hat  daher  recht,  wenn  er  schreibt  („Sozialisierung  der
Landwirtschaft“,  Vorwort  S.  12);  „Für  uns  ist  das  agrarische  Problem  das
komplizierteste,  aber  auch  das  wichtigste  der  Revolution."  Jedoch  das
ganze  Unglück  Kautskys  besteht  eben  darin,  daß  er  gerade  die  ganze  Kompliziertheit ­
  des  Problems  nicht  sieht  und  nicht  versteht.  Für  ihn  gibt
es  nicht  den  grundlegenden  „komplizierenden"  Faktor,  den  Klassenkampf
der  verschiedenen  Gesellschaftsgruppen.  Logisch  ist  dies  mit  dem  Verkennen ­
  des  Umstandes  verbunden,  daß  die  Produktionsverhältnisse  der
kapitalistischen  Gesellschaft  zugleich  auch  soziale  Klassenverhältnisse  und
technische  Arbeitsverhältnisse  sind.
        <pb n="109" />
        Bauerntums  überhaupt  und  seiner  Verteilung  auf  die  verschiedenen ­
  Kategorien,  Das  zweite  Moment  erzeugt  eine  viel  größere
Menge  von  Reibungen  innerhalb  der  Organisation;  der  Prozeß
der  Selbsterziehung  des  Proletariats  geht  langsamer,
Was  das  Gleichgewicht  in  der  übrigen  Sphäre  der  landwirtschaftlichen ­
  Produktion  betrifft,  so  hat  es  die  Tendenz,  einzutreten ­
  auf  der  Basis  einer  ausgleichenden  Umteilung  des  Grund
und  Bodens  als  Ausgangspunkt  der  Entwicklung.  Es  ist  evident,
daß  dieser  Zustand,  unabhängig  genommen  von  der  Entwicklung  in
den  Städten,  den  Ansporn  zu  einem  neuen  kapitalistischen  Kreislauf ­
  „amerikanischen“  Schlages  abgeben  müßte.  Diese  Möglichkeit ­
  fällt  jedoch  bei  der  Liquidierung  der  Warenwirtschaft  in
der  Stadt  und  der  sozialistischen  Organisation  der  Industrie  weg.
Die  unvermeidliche  Folge  der  Diktatur  des  Proletariats  ist  also
ein  latenter  oder  mehr  oder  minder  offener  Kampf  zwischen
der  Organisierungstendenz  des  Proletariats  und  der  anarchischen
Tendenz  in  der  Warenproduktion  von  seiten  des  Bauerntums.
In  welchen  Formen  kann  jedoch  der  organisierende  Einfluß
der  proletarischen  Stadt  festgestellt  werden?  Und  wie  kann  ein
neues  Gleichgewicht  zwischen  Stadt  und  Land  erreicht  werden?
Offenbar  kann  der  reale  Prozeß  des  „Stoffwechsels“  zwischen
Stadt  und  Land  allein  als  feste  und  sichere  Basis  für  den  entscheidenden ­
  Einfluß  der  Stadt  dienen.  Die  Erneuerung  des  Produktionsprozesses ­
  in  der  Industrie,  die  Wiederherstellung  der
Industrie  in  sozialistischer  Form  bildet  also  die  notwendige  Bedingung ­
  für  ein  mehr  oder  weniger  rasches  Hineinziehen  des
Dorfes  in  den  Organisierungsprozeß,
Da  aber  die  Wiedergeburt  der  Industrie  selbst  von  einem
Zufluß  der  Lebensmittel  in  die  Städte  bedingt  ist,  so  ergibt  sich
daraus  die  absolute  Notwendigkeit  dieses  Zuflusses  um  jeden
Preis.  Dieses  minimale  „Gleichgewicht“  kann  bloß  erreicht  werden ­
  a)  auf  Kosten  eines  Teils  der  in  den  Städten  übrig  ge-WO
        <pb n="110" />
        bliebenen  Hilfsquellen  und  b)  mit  Hille  des  staatlich-proletarischen ­
  Zwanges.  Dieser  staatliche  Zwang  (Requisition  der  Getreideüberschüsse, ­
  Naturalsteuer  oder  irgendwelche  andere  Formen) ­
  ist  wirtschaftlich  begründet:  erstens  direkt,  insofern  das
Bauerntum  selbst  an  der  Entwicklung  der  Industrie  interessiert
ist,  die  ihm  landwirtschaftliche  Maschinen,  Geräte,  künstlichen
Dung,  elektrische  Energie  usw.  liefert;  zweitens  indirekt,  insofern
die  Staatsgewalt  des  Proletariats  das  beste  Mittel  des
Schutzes  darstellt  gegen  die  Wiederherstellung  des  wirtschaftlichen ­
  Druckes  des  Großgrundbesitzers,  des  Wucherers,  des
Bankiers,  des  kapitalistischen  Staates  usw.  Folglich  ist  hier  der
staatliche  Zwang  nicht  die  „reine  Gewaltanwendung"  ä  la  Dühring
  und  bildet  insofern  einen  Faktor,  der  auf  der  Hauptlinie
der  allgemeinen  Wirtschaftsentwicklung  fortschreitet.*)  Insofern
das  Industrieproletariat  sich  auf  die  formal  vergesellschaftete
(vom  Proletariat  verstaatlichte)  Großwirtschaft  stützt,  organisiert
es  unmittelbar  den  Produktionsprozeß.  Der  Mangel  an  landwirtschaftlichem ­
  Inventar  kann  auch  einen  Teil  der  Landwirte  bewegen, ­
  sich  zusammenzuschließen  (landwirtschaftliche  Kommunen, ­
  Genossenschaften).  Aber  für  die  Hauptmasse  der
Kleinproduzenten  wird  ihr  Hineinziehen  in  den  Organisationsprozeß ­
  möglich  hauptsächlich  durch  die  Zirkulationssphäre,  also
formal  auf  demselben  Wege  wie  im  System  des  Staatskapitalis-’)

  Dies  begreift  der  „Soziologe"  Kautsky  absolut  nicht.  Im  Vorwort
zu  seiner  von  uns  bereits  zitierten  Schrift  „Sozialisierung  der  Landwirtschaft" ­
  greift  er  die  Bolschewiki  an,  weil  sie  das  Bauerntum  nicht  schalten
und  walten  ließen  (S.  10),  und  zeigt  hier  seine  völlige  Unbildung  (denn  er
kennt  nicht  einmal  die  Sowjetwirtschaften).  Aber  eine  Seite  weiter  (S.  11)
zieht  er  gegen  sic  deshalb  her,  weil  sie  das  Bauerntum  „unterdrücken"  und
ihm  die  Ueberschüsse  für  die  Bedürfnisse  der  Städte  und  der  Armee  fortnehmen. ­
  Der  „kluge"  Kautsky  begreift  nicht  einmal  die  Bedeutung  des
Krieges  gegen  Denikin,  versteht  nicht  das,  was  der  ungebildetste  Bauer
versteht.  Die  bloße  Wut  gegen  die  Partei  des  revolutionären  Kommunismus
diktiert  ihm  Gedanken,  die  eines  Quartaners  aus  „guter  Familie  würdig
        <pb n="111" />
        102

mus.*)  Die  staatlichen  und  kommunalen  (die  theoretisch  den  staatlichen ­
  nicht  entgegengesetzt  werden  dürfen)  Organe  der  Verteilung ­
  und  Beschaffung  bilden  den  Hauptapparat  des  neuen
Gleichgewichtssystems,
Hier  entsteht  die  Frage  nach  jenen  bäuerlichen  Organisationen,
die  schon  in  der  Periode  der  kapitalistischen  Entwicklung  die
zersplitterten  Produzenten  im  Prozeß  der  Zirkulation  zusammenschweißten, ­
  d.  h.  die  Frage  nach  den  landwirtschaftlichen  Genossenschaften. ­
  Aus  der  Analyse  des  Zerfalls  des  kapitalistischen
Systems  in  der  Landwirtschaft  ergab  es  sich  ja,  daß  die  Kleinproduktion ­
  im  Prozeß  dieses  Zerfalls  ihre  relative  Stabilität  erhalten ­
  hatte.  Freilich,  die  landwirtschaftliche  Genossenschaft
zeigte  die  Tendenz,  sich  in  landwirtschaftliche  Syndikate  zu  verwandeln, ­
  an  deren  Spitze  kapitalistische  Großgrundbesitzer
standen,  und  verwandelten  sich  teilweise  auch  in  diese.  Insofern
mußte  auch  der  Apparat  der  Genossenschaften  sich  als  beschädigt ­
  erweisen.  Ebenso  ist  es  klar,  daß  gewisse  Formen  der
Genossenschaft  untergehen  mußten  —  das  ist  das  Schicksal  der
Kreditgenossenschaft.  Aber  zu  gleicher  Zeit  ist  es  unzweifelhaft, ­
  daß  die  Stabilität  der  Bauernwirtschaft  ihren  Ausdruck
finden  muß  auch  in  einer  relativen  Stabilität  des  Genossenschaftsapparates ­
  der  Bauern,  Welches  ist  sein  weiteres  Schicksal?
Zerfällt  er,  wie  das  Syndikat  und  der  Trust  unvermeidlich  zerfällt? ­
  Oder  nicht?  Bevor  wir  diese  Frage  beantworten,  müssen
wir  ein  anderes  grundlegendes  Problem  genauer  untersuchen:  den
Kampf  zwischen  dem  Proletariat  und  dem  Bauerntum,  als
Klassenträgern  der  verschiedenen  Wirtschaftstypen.
„Die  Grundkräfte  und  Grundformen  der  Gemeinwirtschaft
sind:  Kapitalismus,  Kleinproduktion  von  Waren,  Kommunismus.
')  „Angesichts  des  vorherrschenden  Kleinbetriebes  wird  diese  (d.  h..
die  Sozialisierung.  N,  B.)  allerdings  zunächst  mehr  auf  eine  Regelung  des
Zirkulationsprozesses  zwischen  Stadt  und  Land  bedacht  sein  müssen  als  aut
eine  Organisierung  der  Produktion",  (Kautsky,  1.  c.  S.  9.)
        <pb n="112" />
        103

Die  Grundkräfte  sind;  Bourgeoisie,  Kleinbourgeoisie  (besonders
das  Bauerntum)  und  Proletariat."*)  Die  Bauernwirtschaft  bleibt
nach  wie  vor  Kleinproduktion  von  Waren,  „Hier  haben  wir  eine
außerordentlich  breite  und  sehr  tiefgehende  und  fest  verankerte
Basis  des  Kapitalismus,  Auf  dieser  Basis  wird  der  Kapitalismus
erhalten  und  feiert  seine  Wiedergeburt  im  härtesten  Kampf  mit
dem  Kommunismus.  Die  Formen  dieses  Kampfes  sind  Schleichhandel ­
  und  Spekulation,  die  sich  gegen  die  staatliche  Beschaffung
des  Getreides  (und  ebenso  anderer  Produkte)  richten,  wie  überhaupt ­
  gegen  die  staatliche  Verteilung  der  Produkte"**)  Der
Kampf  gegen  oder  für  den  Warenmarkt,  als  verborgener  Kampf
um  die  Produktionstypen,  —  das  ist  das  ökonomische  Milieu  in
den  Beziehungen  zwischen  Stadt  und  Land,  das  im  großen  und
ganzen  nach  der  Eroberung  der  Macht  durch  das  Proletariat  entsteht. ­
  Hier  ist  ein  großer  Unterschied  zu  dem,  was  in  der  Stadt
vorgeht.  In  den  Städten  endet  der  Hauptkampf  um  den  Wirtschaftstypus ­
  mit  dem  Sieg  des  Proletariats,  Auf  dem  flachen
Lande  geht  dieser  Kampf  zu  Ende,  insofern  von  einem  Sieg  über
den  Großkapitalismus  die  Rede  sein  kann.  Aber  im  selben  Moment ­
  erlebt  er  —  in  anderen  Formen  —  eine  Wiedergeburt,  als
Kampf  zwischen  dem  staatlichen  Plan  des  Proletariats,  das  die
vergesellschaftlichte  Arbeit  verkörpert,  und  der  Warenanarchie,
der  zügellosen  Spekulation  des  Bauerntums,  in  dem  sich  das  zersplitterte ­
  Eigentum  und  die  Marktelemente  verkörpern.  Da  aber
die  einfache  Warenproduktion  nichts  anderes  ist  als  der  Embryo
der  kapitalistischen  Wirtschaft,  so  ist  der  Kampf  der  genannten
Tendenzen  dem  Wesen  nach  eine  Fortsetzung  des  Kampfes
zwischen  Kommunismus  und  Kapitalismus.  Da  jedoch  in  der
Brust  des  Bauern  selbst  zwei  „Seelen“  leben,  und  da,  je  ärmer  er
*)  N.  Lenin:  „Oekonomik  und  Politik  in  der  Epoche  der  Diktatur  des
Proletariats“.  „Kommunistische  Internationale"  1919,  Nr,  6,  (Russische
Ausgabe  S.  890.)
**)  Ibidem,  S.  891.
        <pb n="113" />
        ist,  ein  um  so  größeres  spezifisches  Gewicht  die  proletarische
Tendenz  hat,  so  wird  dieser  Kampf  auch  noch  durch  den  inneren
Kampf  innerhalb  des  Bauerntums  selbst  kompliziert.
Wie  spiegelt  sich  diese  Lage  im  Schicksal  des  Genossenschaftsapparates ­
  des  Bauerntums  wider?  Es  ist  klar,  daß  die
Dinge  hier  anders  liegen  als  in  der  Industrie.  Der  Genossenechaftsapparat
  kann  verkümmern  (bei  einem  wachsenden  Rückgang ­
  der  Austauschverbindung  zwischen  Stadt  und  Land);  er
kann  zerstört  werden  (bei  Ueberhandnahme  der  „Kulaki"  im
Dorfe  und  Verschärfung  des  Kampfes  zwischen  ihnen  und  dem
Proletariat);  er  kann  von  der  allgemeinen  sozialistischen  Organisation ­
  der  Verteilung  aufgesogen  und  nach  und  nach  umgebaut
werden  (bei  Wiederaufnahme  des  realen  Prozesses  des  Produktenaustausches ­
  und  dem  entscheidenden  ökonomischen  Einfluß
der  Städte),  Folglich  ist  hier  ein  völliger  Zerfall  des  Apparates
theoretisch  nicht  unumgänglich  notwendig.
Auf  diese  Weise  entsteht  hier  das  neue  Gleichgewicht  in  ununterbrochenem ­
  Kampfe,  und  deshalb  ist  seine  Herstellung  langsam ­
  und  schmerzlich.  Der  Prozeß  vollzieht  sich  um  so  rascher,
je  schneller  die  Reproduktion  in  der  Industrie  hergestellt  wird,
je  schneller  das  Proletariat  seine  wichtigere  Aufgabe  in  Angriff
nimmt:  die  technische  Revolution,  die  die  konservativen  Formen
der  Wirtschaft  völlig  verändert  und  einen  mächtigen  Anstoß  zur
Vergesellschaftung  der  landwirtschaftlichen  Produktion  liefert.
Doch  gehört  dieses  Thema  schon  zum  folgenden  Kapitel.
        <pb n="114" />
        105

ö.  Kapitel.

Die  Produktivkräfte,
die  Unkosten  der  Devolution  und
die  tecßniscße  Umwälzung.
1.  Begriff  der  Produktivkräfte.  2.  Produktivkräfte  und  gesellschaftliche ­
  Reproduktion.  3.  Die  Produktivkräfte  und  die  Krisen.
4.  Die  Produktivki  äfle  und  die  Kriege.  5.  Die  Produktivkräfte
und  die  Revolutionen.  6.  Die  proletarische  Revolution  als  notwendige ­
  Bedingung  zur  Beseitigung  der  kapitalistischen  tüidersprüche.
  7.  Die  Unkosten  der  proletarischen  Revolution.
6.  Formen  der  Unkosten  der  proletarischen  Revolution  und
Rückgang  der  Produktivkräfte.  9.  Das  neue  gesellsc£o]Hic£e
Gleichgewicht  und  die  technische  Umwälzung.  IO.  Methoden
der  technischen  Umwälzung.  11.  Die  technische  Umwälzung,
Stadl  und  Cand.
Im  3.  Kapitel  streiften  wir  im  allgemeinen  die  Frage  nach
den  Produktivkräften  und  den  Unkosten  der  Revolution,  Nun
haben  wir  diese  Frage  ausführlich  zu  untersuchen,  da  von  ihrer
Einschätzung  alles  abhängig  ist.  Denn  die  Produktivkräfte  der
Gesellschaft,  ihr  Niveau  und  ihre  Bewegung  bestimmen  letzten
Endes  den  ganzen  Komplex  der  gesellschaftlichen  Erscheinungen.
Und  die  Stabilität  jedes  Gleichgewichtes  in  der  Struktur,  d,  h.
des  Gleichgewichtes  zwischen  den  verschiedenen  Personengruppierungen ­
  der  Gesellschaft,  den  Personengruppierungen  des
gesellschaftlichen  Systems  fußt  auf  einem  bestimmten  Gleichgewicht ­
  zwischen  der  Gesellschaft  und  dem  äußeren  Milieu,  auf
einem  Gleichgewicht,  dessen  Charakter  bedingt  ist  durch  die  Entwicklungsstufe ­
  der  materiellen  Produktivkräfte  der  Gesellschaft.
        <pb n="115" />
        106

Aber  zunächst  müssen  wir  die  Frage  beantworten;  was  sind
die  Produktivkräfte?
Im  „Elend  der  Philosophie“  schrieb  Marx:*)  „Es  heißt  somit ­
  der  Geschichte  ins  Gesicht  schlagen,  wenn  man  mit  der  Arbeitsteilung ­
  im  allgemeinen  beginnt,  um  in  der  Folge  zu  einem
speziellen  Produktionsinstrument,  den  Maschinen,  zu  gelangen.
Die  Maschinen  sind  ebensowenig  eine  ökonomische  Kategorie  wie
der  Ochse,  der  den  Pflug  zieht,  sie  sind  nur  eine  Produktivkraft
(Kursiv  von  uns,  N.  B.).  Die  moderne  Fabrik,  die  auf  der  Anwendung ­
  von  Maschinen  beruht,  ist  ein  gesellschaftliches  Produktionsverhältnis, ­
  eine  ökonomische  Kategorie.“  (Kursiv  von  uns.
N.  B.)
Unter  Produktivkräften  versteht  hier  Marx  offensichtlich
die  sachlichen  und  persönlichen  Elemente  der  Produktion,  und
dementsprechend  ist  die  Kategorie  der  Produktivkräfte  keine
ökonomische,  sondern  eine  technische  Kategorie,  Andererseits ­
  finden  wir  bei  ihm  auch  eine  andere  Definition  der  Produktivkräfte. ­
  In  Band  I  und  III  des  „Kapital“  gebraucht  Marx
sehr  oft  den  Ausdruck  „Produktivkräfte"  ganz  in  dem  Sinne
wie  die  „Produktivität  der  gesellschaftlichen  Arbeit,“**)  Aber
*)  Das  „Elend  der  Philosophie",  Stuttgart  1920,  S.  117.
**)  Vergl.  z,  B.  „Das  Kapital“  Band  I,  Volksausgabe,  S.  451,  541  bis
543  ff.,  ebenso  Band  III,  Teil  1,  wo  eine  Analyse  der  durchschnittlichen
Profitrate  gegeben  wird.  Beispiel;  „Mit  der  Produktivkraft  der  Arbeit
wächst  die  Produktenmasse,  worin  sich  ein  bestimmter  Wert,  also  auch
Mehrwert  von  gegebener  Größe  darstellt  Je  mehr  die  Produktivkraft  der
Arbeit  zunimmt,  umso  mehr  Mittel  des  Genießens  und  Akkumulierens  umfaßt ­
  der  Mehrwert,"  (S.  539—540.)  Oder  noch  deutlicher:  „Jener  Teil  des
konstanten  Kapitals,  den  A,  Smith  den  fixen  nennt,  die  Arbeitsmittel,  die
Baulichkeiten,  Maschinen  und  dergleichen,  funktioniert  immer  vollständig
im  Produktionsprozeß,  verschleißt  aber  nur  allmählich  und  überträgt  nur
nach  und  nach  seinen  Wert  auf  die  Waren,  die  er  nach  und  nach  hersteilen
hilft.  Er  bildet  einen  wahrhaften  Gradmesser  des  Fortschritts  der  Produktivkräfte.” ­
  (S.  543.  Kursiv  von  uns.  N,  B.)  Ebenso  in  den  „Theorien
über  den  Mehrwert“  Band  III,  S.  598:  „Produktivkraft  oder  Kraft  der  Arbeit". ­
  Dagegen:  „Produktivkraft"  („Produktionsmittel“)  in  der  Einleitung
zu  einer  Kritik  der  pol.  Oek.“  S.  XLVII.
        <pb n="116" />
        während  Marx  die  Produktivität  der  gesellschaftlichen  Arbeit  als
Produktivkraft  bezeichnet,  weist  er  wiederholt  darauf  hin,  daß
die  Arbeitskraft  die  grundlegende  Produktivkraft  der  Gesellschaft ­
  ist.
Wie  dem  auch  sei,  es  ist  klar,  daß,  wenn  man  auf  den  ersten
Stufen  der  Untersuchung  mit  einem  unbestimmten  Begriff
operieren  kann,  sich  im  späteren  Verlauf  die  Unexaktheit  dieses
Begriffes  fühlbar  macht.
Vor  allem:  worin  besteht  der  Sinn  dieses  Begriffes?  Wenn
man  von  Produktivkräften  spricht,  will  man  damit  den  Grad
der  Herrschaft  des  Menschen  über  die  Natur,  den  Grad  der
Beherrschung  der  Natur  kennzeichnen.  Namentlich  dadurch
wird  ja  letzten  Endes  der  Grad  der  erreichten  Entwicklung
bestimmt.  Von  diesem  Standpunkt  aus  muß  man  vor  allem  die
Frage  betrachten,  in  welcher  Beziehung  Marx’  Definitionen  zueinander ­
  stehen.  Rodbertus  empfiehlt,  diese  beiden  Begriffe
streng  auseinander  zu  halten.  In  seiner  Arbeit:  „Zur  Beleuchtung ­
  der  sozialen  Frage“  schreibt  er:  „Produktivkraft  und
Produktivität  sind  wohl  zu  unterscheiden,  Produktivität  bedeutet ­
  die  Wirksamkeit  oder  Fruchtbarkeit  der  Produktivkraft.
Werden  statt  10  Arbeiter  20  Arbeiter  beschäftigt,  statt  einer
Maschine  von  einem  gewissen  Grad  der  Wirksamkeit  zwei  der
gleichen  aufgestellt,  so  ist  die  Produktivkraft  noch  einmal  so
hoch  gestiegen;  bringen  10  Arbeiter  soviel  hervor  wie  bisher  20,
oder  hat  eine  Maschine,  die  nicht  mehr  kostete  als  eine  andere,
doch  den  doppelten  Grad  der  Wirksamkeit  von  dieser,  so  ist
die  Produktivität  noch  einmal  so  hoch  gestiegen.  Arbeit  ist
auch  hier  der  letzte  Maßstab.  Größere  Summen  von  Arbeit
sind  größere  Produktivität,"'*)  Aus  dieser  Fragestellung  geht
*)  G,  Rodbertus  -  Jagetzow:  „Zur  Beleuchtung  der  sozialen  Frage”,
Berlin  1890,  S.  60—61,  Vergl.  auch  die  Literatur  über  Produktivkräfte  im
Kapitel  III  dieser  Arbeit.
        <pb n="117" />
        108

ziemlich  klar  die  Ursache  der  „Unbestimmtheit“  des  Begriffes
der  Produktivkräfte  hervor;  die  Sache  ist  nämlich  die,  daß  er
ein  Grenzbegriff  ist,  der  an  der  Scheide  zwischen  Technik  und
Oekonomik  steht.  In  ökonomischer  Hinsicht  ist  der  Begriff  der
Wirksamkeit  der  gesellschaftlichen  Arbeit  wichtig.  In
technischer  Hinsicht  ist  das  materielle  Aequivalent  dieser
Wirksamkeit  der  gesellschaftlichen  Arbeit  von  Bedeutung,
d.  h,  die  vorhandene  Gesamtsumme  der  Produktionsmittel ­
  und  der  Arbeitskräfte.  Wir  können  daher  von  den
Produktivkräften  und  der  Produktivität  der  gesellschaftlichen ­
  Arbeit  reden  als  von  zwei  Seiten  einer  und  derselben ­
  mathematischen  Größe  M  :  (a  +  b),  wo  M  die  ganze
Masse  der  Produkte  ist,  die  sich  in  irgendwelchen  Einheiten
des  Nutzeffektes  ausdrückt  (ob  es  Energiegrößen  oder  sonst
etwas  sind,  ist  in  diesem  Fall  gleichgültig);  a  und  b  sind  Einheiten ­
  der  gesellschaftlichen  Arbeit:  a  —  Einheiten  der  toten
Arbeit,  b  —  der  lebendigen.  Betrachtet  man  diese  Formel
vom  „sachlichen"  Standpunkt  aus,  so  haben  wir  1.  die  Menge
der  verschiedenartigen  Produkte,  2,  die  Menge  der  verschiedenartigen ­
  Produktionsmittel  und  3.  die  Menge  der  verschiedenartig ­
  qualifizierten  Arbeitskräfte,  Diese  drei  Größen
sind  absolut  abhängig  voneinander;  dabei  stellen  die  Produktionsmittel ­
  das  primäre  Element  dar.  Die  Produktionsmittel
zerfallen  in  Arbeitsmittel  und  andere  Produktionsmittel  (Rohstoffe, ­
  Hilfsmittel  usw.).  Diese  zwei  Teile  sind  ihrerseits  organisch
miteinander  verbunden.  Die  konkreten  Produktionsmittel  setzen
überhaupt  eine  adäquate  Menge  von  qualitativ  bestimmten  Arbeitskräften ­
  voraus,  denn  der  Produktionsprozeß  hat  seine  technische ­
  Logik,  und  in  jedem  gegebenen  Moment  sind  die  sachlichen ­
  und  persönlichen  Elemente  nach  einem  ganz  bestimmten
Typus  und  in  einem  ganz  bestimmten  Verhältnis  miteinander
verknüpft.  Aber  andererseits  zerfallen  die  Produktionsmittel
        <pb n="118" />
        109

selbst  in  ihrer  sachlichen  Bestimmtheit  in  zwei  Teile,  die  sich
gegenseitig  bedingen.  Von  diesem  Standpunkt  aus  können  wir
zum  Ausgangspunkt  der  Analyse  den  aktiven  Teil  der  Produktionsmittel ­
  nehmen,  und  zwar  die  Arbeitsmittel,  das  technische ­
  System  der  Gesellschaft.  Dieses  System  bildet  eben,
wie  sich  Marx  ausdrückt,  „den  wahrhaften  Gradmesser  des
Fortschritts  der  Produktivkräfte".
Wenn  wir  also  vom  Fortschritt  oder  Rückschritt  der  Produktivkräfte ­
  der  Gesellschaft  reden,  verstehen  wir  darunter  das
Steigen  oder  Sinken  der  gesellschaftlichen  Arbeitsproduktivität;
wenn  wir  von  der  Verteilung  und  Neuverteilung  der  Produktivkräfte ­
  reden,  meinen  wir  die  Verteilung  und  Neuverteilung
der  Produktionsmittel  und  Arbeitskräfte;  wenn  wir  von  der
physischen  Vernichtung  der  Produktivkräfte  reden,  reden  wir
zugleich  auch  von  der  Vernichtung  der  Produktionsmittel  und
Arbeitskräfte;  wenn  wir  eine  soziologische  Definition  der  Produktivkräfte ­
  brauchen,  können  wir  das  technische  System  der
Gesellschaft,  den  aktiven,  veränderlichen  „Faktor"  der  gesellschaftlichen ­
  Entwicklung  nehmen.
Eine  solche  gegenseitige  Abhängigkeit  der  Teile  der  Formel
M
a  +  b
wo  a  und  b  die  Menge  aller  vorhandenen  Produktionsmittel  und
aller  Arbeitskräfte  bedeuten,  setzt  jedoch  einen  „normalen"
Gang  der  gesellschaftlichen  Reproduktion  voraus,  d.  h.  einen
Zustand  des  fließenden  beweglichen  Gleichgewichts,  Die  technisch ­
  gegebene  Proportionalität  dieser  Größen  (und  folglich
auch  die  Möglichkeit,  die  eine  Größe  durch  die  andere  zu  ersetzen) ­
  verschwindet  bei  einer  Störung  des  gesellschaftlichen
Gleichgewichtes.  Die  Produktivität  der  gesellschaftlichen
Arbeit  drückt  sich  nach  wie  vor  durch  die  Formel  M  :  (a  +  b)
aus,  aber  a  bedeutet  nicht  mehr  die  gesamten  vorhandenen
        <pb n="119" />
        ■110

Produktionsmittel,  b  nicht  alle  vorhandenen  (d,  h.  auszunutzenden) ­
  Arbeitskräfte,  und  das  Verhältnis  zwischen  a  und  b,  das
unter  normalen  Verhältnissen  eine  gegebene,  technisch  bestimmte ­
  Größe  ist,  hört  auf,  eine  solche  zu  sein.
Die  Dynamik  der  Produktivkräfte  ist  an  die  Dynamik  der
Produktion,  d.  h.  den  Prozeß  der  Reproduktion  geknüpft.
Die  Sach-  und  Personenelemente  der  Produktivkräfte
(Komplex  der  Produktionsmittel  und  Arbeitskräfte)  werden  in
diesem  Prozeß  in  natura  reproduziert,  um  zu  aktiven  Faktoren
dieses  Prozesses  zu  werden.  Vom  Standpunkt  der  Reproduktion ­
  muß  man  also  die  Formel  M  :  (a  +  b)  betrachten  von  seiten
der  Faktoren  a  und  b,  d.  h.  der  Sach-  und  Personenelemente ­
  des  Produktionsprozesses,  a  und  b  sind  dabei  nicht
isolierte  Komplexe,  sondern  Größen,  die  organisch  im  Arbeitsprozeß ­
  verbunden  sind.  Nur  inwiefern  sie  am  Arbeitsprozeß
teilnehmen,  insofern  bilden  sie  unmittelbar  Komponenten  der
Produktivkräfte.
Die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  stellt  nicht  eine
stetig  ansteigende  Kurve  dar.  Im  Gegenteil,  schon  a  priori  muß
klar  sein,  daß  in  einer  antagonistischen  Gesellschaft,  in  einer
Gesellschaft,  die  auf  einer  Produktions-  und  sozialen  Anarchie
beruht,  eine  ununterbrochene  Entwicklung  der  Produktivkräfte
unmöglich  ist.  Denn  in  einer  solchen  Gesellschaft  werden  die
Gesetze  des  Gleichgewichts  ausschließlich  realisiert  auf  dem
Wege  beständiger  oder  periodisch  sich  wiederholender  Gleichgewichtsstörungen ­
  und  können  nur  so  realisiert  werden.  Folglich ­
  muß  die  Wiederherstellung  des  Gleichgewichtes  seine
Störung  zum  Ausgangspunkte  haben.  Da  aber  jede  Störung
•des  Gleichgewichtes,  dessen  funktionelle  Bedeutung  in  diesem
‘Fall  in  seiner  Wiederherstellung  auf  einer  breiteren  —
aber  zugleich  noch  mehr  sich  widersprechenden  —  Basis  besteht, ­
  unvermeidlich  mit  einem  Niedergang  der  Produktivkräfte
        <pb n="120" />
        verbunden  ist,  so  ist  selbstverständlich,  daß  in  der  antagonistischen ­
  Gesellschaft  eine  Entfaltung  der  Produktivkräfte  bloß
auf  dem  Wege  ihrer  periodischen  Zerstörung  möglich  ist.
Sehr  deutlich  kommt  dies  in  den  kapitalistischen  Krisen
zum  Ausdruck.  ,,Die  Weltmarktkrisen  müssen  als  die  reale
Zusammenfassung  und  gewaltsame  Ausgleichung  aller  Widersprüche ­
  der  bürgerlichen  Oekonomie  gefaßt  werden.“*)  (Kursiv
von  uns.  N,  B.)
Diese  „gewaltsame  Ausgleichung“  der  Widersprüche,  d.  h,
die  Schaffung  von  Bedingungen  eines  neuen  Gleichgewichtes
ist  von  einer  Zerstörung  der  Produktivkräfte  begleitet.  Das
neue  Gleichgewicht  reproduziert  den  alten  Widerspruch  auf
erweiterter  Basis  usw.  Von  diesem  Standpunkt  aus  ist  also
der  Prozeß  der  kapitalistischen  Reproduktion  nicht  allein  ein
Prozeß  der  erweiterten  Reproduktion  der  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse: ­
  er  ist  zugleich  ein  Prozeß  der  erweiterten
Reproduktion  der  kapitalistischen  Widersprüche.**)  Das  neue
Gleichgewicht  wird  jedesmal  hergestellt  auf  dem  Wege  der
„Vernichtung  einer  Masse  von  Produktivkräften“,  und  zwar  in
immer  steigenden  Dimensionen,  In  den  „Theorien  über  den
Mehrwert“  gibt  Marx  eine  ausgezeichnete  Analyse  der  wichtig-,
sten  Formen  dieser  Vernichtung,  und  zwar  von  zwei  Gesichtspunkten; ­
  dem  real  sachlichen  (der  Naturalform)  und  dem  fetischistisch-kapitalistischen ­
  (der  Wertform),
„Wenn  von  Zerstörung  von  Kapital  durch  Krisen  die  Rede
ist,  so  ist  zweierlei  zu  unterscheiden.
*)  Karl  Marx:  „Theorien  über  den  Mehrwert",  Band  II,  Teil  2,  S.  282.
**)  Der  Verfasser  dieser  Arbeit  hob  diesen  Standpunkt  energisch  hervor
in  seinem  Buche:  „Die  Weltwirtschaft  und  der  Imperialismus"  (Petrograd,
1918),  Vergl.  „Das  kommunistische  Manifest"  S,  28:  „Wodurch  überwindet
die  Bourgeoisie  die  Krise?  Einerseits  durch  die  erzwungene  Vernichtung
einer  Masse  von  Produktivkräften  (Kursiv  von  uns.  N,  B,),  andererseits
durch  die  Eroberung  neuer  Märkte  und  die  gründlichere  Ausbeutung  alter
Märkte.  Wodurch  also?  Dadurch,  daß  sie  allseitigere  und  gewaltigere
Krisen  vorbereitet  und  die  Mittel,  den  Krisen  vorzubeugen,  vermindert."

111
        <pb n="121" />
        m

Insofern  der  Reproduktionsprozeß  stockt  und  der  Arbeitsprozeß ­
  beschränkt  oder  stellenweise  ganz  stillgesetzt  wird,  wird
wirkliches  Kapital  vernichtet.  Die  Maschinerie,  die  nicht  gebraucht ­
  wird,  ist  nicht  Kapital,  Die  Arbeit,  die  nicht  ausgebeutet ­
  wird,  ist  soviel  wie  verlorene.  Produktion.  Rohmaterial, ­
  das  unbenutzt  daliegt,  ist  kein  Kapital.  Gebrauchswerte ­
  (ebenso  wie  neugebaute  Maschinerie),  die  entweder  unbenutzt ­
  oder  unvollendet  bleiben,  Waren,  die  im  Warenlager
verfaulen,  alles  ist  Zerstörung  von  Kapital.  Alles  das  beschränkt ­
  sich  auf  Stockung  des  Reproduktionsprozesses  und
darauf,  daß  die  vorhandenen  Produktionsmittel  nicht  wirklich
als  Produktionsmittel  wirken,  in  Wirksamkeit  gesetzt  werden.
Ihr  Gebrauchswert  und  ihr  Tauschwert  gehen  dabei  zum  Teufel.
Zweitens  aber  bedeutet  Zerstörung  des  Kapitals  durch
Krisen  Entwertung  von  Wertmassen  ...  Es  ist  der  ruinierende
Fall  der  Warenpreise.  Damit  werden  keine  Gebrauchswerte
zerstört.  Was  der  eine  verliert,  gewinnt  der  andere  ,.,  Was
nun  den  Fall  von  bloß  fiktivem  Kapital,  Staatspapieren,  Aktien
usw.  betrifft,  —  soweit  er  es  nicht  zum  Bankrott  des  Staates
und  der  Aktiengesellschaft  treibt  oder  soweit  dadurch  überhaupt ­
  die  Reproduktion  gehemmt  wird  ...  ist  er  bloß  Uebertragung
  des  Reichtums  von  einer  Hand  in  die  andere."*)
Da  aber  der  Reproduktionsprozeß  „überhaupt"  auch  im
letzteren  Fall  gestört  wird,  findet  eine  Zerstörung  des  Kapitals
in  seiner  Sachform  auch  hier  statt.  Andererseits  schafft  die  von
den  Krisen  beschleunigte  Zentralisation  des  Kapitals  eine
„höhere  Form“  der  weiteren  Bewegung,  und  die  Weiterentwicklung ­
  wird  um  den  Preis  einer  vorübergehenden  und  teilweisen ­
  Zerstörung  der  Produktivkräfte,  d.  h.  um  den  Preis  der
Herabsetzung  ihres  Niveaus,  erkauft,
*)  „Theorien  über  den  Mehrwert",  Band  II,  Teil  2,  S.  267—269,  Stuttgart ­
  1919.
        <pb n="122" />
        Dieselbe  Erscheinung  wird  eigentlich  auch  bei  der  Untersuchung ­
  der  kapitalistischen  Konkurrenz  wahrgenommen,  die
die  Zersplitterung  der  gesellschaftlichen  Produktion  zu  ihrer
Grundlage  hat.  Hätte  man  es  mit  einem  vernünftig  regulierten
System  zu  tun,  dann  würde  sich  die  Arbeit  auf  einzelne  Zweige
und  Unternehmen  im  nötigen  Verhältnis  verteilen.  In  der
kapitalistischen  Gesellschaft  gibt  es  einen  solchen  bewußten
Regulator  nicht.  Daher  wirkt  das  Gesetz  des  Gleichgewichtes
—  das  Gesetz  des  Wertes  —  als  elementares  Gesetz,  wie  ,,die
Schwerkraft,  wenn  einem  das  Haus  über  dem  Kopfe  zusammenpurzelt“, ­
  Aber  gerade  deshalb,  weil  es  ein  blindes  Gesetz  der
gesellschaftlichen  Elcmcntarkräfte  ist,  wird  es  durch  beständige
Störungen  realisiert.  Auch  hierin  bildet  die  Störung  des  Gleichgewichtes ­
  die  unumgängliche  Bedingung  der  Herstellung  eines
neuen  Gleichgewichtes,  auf  das  eine  neue  Störung  folgt,  usw.
Der  Mechanismus  dieser  Schwankungen,  d.  h.  der  beständigen
Gleichgewichtsstörungen,  durch  die  das  Gleichgewicht  beständig ­
  realisiert  wird,  ist  der  Mechanismus  der  Konkurrenz.
Und  daraus  folgt,  daß  die  Entfaltung  der  Produktivkräfte  in  der
kapitalistischen  Gesellschaft  erkauft  wird  um  den  Preis  ihrer
beständigen  Vergeudung,  Diese  Vergeudung  (die  „Unkosten
der  Konkurrenz“)  ist  die  notwendige  Bedingung  der  Vorwärtsentwicklung ­
  des  ganzen  kapitalistischen  Systems,  Denn  jedes
neue  Glied  in  der  Kette  des  beweglichen  Gleichgewichtes  reproduziert ­
  dieses  Gleichgewicht  in  höherer  Form,  auf  Grund
des  zentralisierenden  Prozesses,
Von  diesem  Standpunkt  aus  muß  man  auch  den  Krieg  betrachten, ­
  der  nichts  anderes  ist  als  eine  Methode  der  Konkurrenz ­
  auf  bestimmter  Entwicklungsstufe.  Das  ist  die  Methode
der  kombinierten  Konkurrenz  zwischen  den  staatskapitalistischen ­
  Trusts.  Die  Unkosten  des  Krieges  sind  folglich  an  sich
nichts  anderes  als  die  Unkosten  des  zentralisierenden  Prozesses,

S  Bucharm:  Oekonomik.

113
        <pb n="123" />
        114

Vom  Standpunkt  des  kapitalistischen  Systems  als  Ganzes
spielen  sie  eine  positive  Rolle,  insofern  sie  das  System  nicht
zum  Zusammenbruch  führen.
Im  allgemeinen  gesprochen,  kann  man  sowohl  die  Krisen
als  auch  die  Konkurrenz  von  drei  Standpunkten  aus  betrachten: ­
  vom  Standpunkt  jener  Kettenglieder  des  Reproduktionsprozesses, ­
  da  eine  Herabsetzung  der  Produktivkräfte  stattfindet; ­
  vom  Standpunkt  der  Reproduktion  des  betreffenden
Produktionssystems,  da  ein  vorübergehender  Rückgang  der
Produktivkräfte  selbst  die  Bedingung  ihrer  weiteren  fortschrittlichen ­
  Bewegung  bildet;  vom  Standpunkt  des  Zusammenbruchs
des  alten  Systems  und  einer  gesellschaftlichen  Transformation,
da  das  alte  System  durch  seine  Widersprüche  gesprengt  wird
und  die  Unkosten  des  Zusammenbruches  sich  in  Unkosten  der
Revolution  verwandeln.
Diese  Unkosten  der  Revolution  kann  man  ihrerseits  betrachten ­
  entweder  sub  specie  jener  Kreisläufe  der  Reproduktion, ­
  da  eine  Zerstörung  der  materiellen  Produktivkräfte  stattfindet, ­
  oder  sub  specie  des  Ueberganges  zu  einer  neuen,  produktiveren ­
  gesellschaftlichen  Struktur,  die  den  Widerspruch
zwischen  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte  und  den
„Fesseln"  in  ihrer  Struktur  beseitigt.  Daß  ein  Uebergang  zu
einer  neuen  Struktur,  die  eine  neue  „Entwicklungsform“  der
Produktivkräfte  darstellt,  ohne  ein  vorübergehendes  Sinken
der  Produktivkräfte  undenkbar  ist,  müßte  an  und  für  sich  klar
sein,  Und  die  Erfahrung  aller  Revolutionen,  die  gerade  vom
Standpunkt  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte  eine  gewaltige ­
  positive  Bedeutung  hatten,  zeigt,  daß  diese  Entwicklung
um  den  Preis  einer  mitunter  ungeheuerlichen  Ausräubung  und
Zerstörung  dieser  Kräfte  erkauft  wurde.  Anders  ist  es  auch
unmöglich,  insofern  von  der  Revolution  die  Rede,ist,*)  Denn
*)  Bekannt  sind  die  Zerstörungen,  die  der  Bürgerkrieg  in  Amerika  angerichtet ­
  hat,  ein  Krieg,  der  einen  gewaltigen  Anstoß  zur  Entwicklung
        <pb n="124" />
        8*  Bucharm:  Oekonomik,

115

in  der  Revolution  wird  die  Hülle  der  Produktionsverhältnisse,
d.  h.  des  Personenapparates  der  Arbeit,  gesprengt,  und  dies
bedeutet  eine  Störung  des  Reproduktionsprozesses  und  folglich
auch  eine  Zerstörung  der  Produktivkräfte,  und  muß  es  auch
bedeuten.
Wenn  dem  so  ist  —  und  es  ist  absolut  so  —,  so  muß  a  priori
klar  sein,  daß  die  proletarische  Revolution  unvermeidlich  begleitet ­
  wird  von  einem  starken  Niedergang  der  Produktivkräfte,
denn  keine  Revolution  kennt  einen  so  weit  und  so  tief  gehenden
des  Kapitalismus  gegeben  hat.  Bekannt  ist  die  Zerrüttung  in  der  Zeit  der
französischen  Revolution,  die  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  nach
einer  Periode  ihres  tiefen  Niederganges  vorwärtsgetrieben  hat.  Bekannt  ist
ferner  auch,  daß  die  französischen  Jakobiner,  die  den  aktivsten  Faktor  der
revolutionären  Bewegung  bildeten,  genau  derselben  Sünden  bezichtigt
wurden  wie  die  heutigen  Kommunisten.  Nachstehend  Auszüge  aus  dem
Prozeß  der  Charlotte  Corday,  der  Mörderin  Marats:
.Welche  Motive  konnten  Sie  bewegen,  sich  zu  einer  so  entsetzlichen
Handlung  zu  entschließen?'
.Seine  Verbrechen.'
.Welche  Verbrechen  legen  Sie  ihm  zur  Last?'
,Die  Verelendung  Frankreichs  und  den  Bürgerkrieg,  den  er  im  ganzen
Lande  entfacht  hat,'
.Womit  begründen  Sie  diese  Anschuldigung?'
.Seine  früheren  Verbrechen  sind  die  Anzeiger  seiner  jetzigen  Verbrechen. ­
  Er  war  es,  der  die  Septembermorde  angczettelt  hat;  er  hat  das
Feuer  des  Bürgerkrieges  geschürt,  um  als  Diktator  oder  sonst  etwas  eingesetzt ­
  zu  werden,  und  er  war  es  wiederum,  der  die  Souveränität  des
Volkes  angetastet  hat,  indem  er  am  31,  Mai  d.  J.  die  Verhaftung  und  Einkerkerung ­
  der  Deputierten  des  Konvents  erzwungen  hatte.'  („Das  Revolutionstribunal ­
  zur  Zeit  der  großen  französischen  Revolution“,  Erinnerungen
von  Zeitgenossen  und  Dokumente.  (Russische  Ausgabe,  herausgegeben  von
Prof.  Tarle,  Teil  1,  S.  59.)
Ist  nicht  dieses  Zwiegespräch  zwischen  einem  revolutionären  Jakobiner
und  einer  konterrevolutionären  girondistischen  Dame  das  Urbild  eines
„Dialoges"  zwischen  einem  Kommunisten  und  einem  Sozialdemokraten?  Nicht
umsonst  hat  Plechanow  in  der  „Iskra“  für  das  zwanzigste  Jahrhundert  eine
Spaltung  der  Sozialisten  in  „Berg"  und  „Gironde"  vorausgesagt.  Diese
Weissagung  ist  mit  astronomischer  Genauigkeit  eingetreten,  und  die  Herren
Kautsky  und  Konsorten  produzieren  sich  in  der  ganzen  Pracht  der  tugendhaften ­
  und  nicht  allzu  klugen  Girondistin.  Einstmals  verteidigte  Kautsky
die  Jakobiner.  Aber  was  soll  man  machen?  „Nous  avons  change  tout  cela  .
        <pb n="125" />
        116

Bruch  der  alten  Beziehungen  und  ihres  Umbauens  auf  neue  Art,
Und  dennoch  bildet  gerade  vom  Standpunkt  der  Entwicklung
der  Produktivkräfte  die  proletarische  Revolution  eine  objektive
Notwendigkeit,  Diese  objektive  Notwendigkeit  ist  dadurch
gegeben,  daß  die  ökonomische  Hülle  unvereinbar  geworden  ist
mit  der  Entwicklung  der  Produktivkräfte.  Die  Weit  produktiv*
krähe  vertragen  sich  nicht  mit  der  staatlich-nationalen  Struktur
der  Gesellschaft,  und  der  Widerspruch  wird  durch  Krieg  „gelöst".
Der  Krieg  selbst  wird  unvereinbar  mit  der  Existenz  der  grundlegenden ­
  Produktivkraft  —  der  Arbeiterklasse  —,  und  der
Widerspruch  kann  gelöst  —  wirklich  gelöst  —  werden  nur  durch
die  Revolution.")
Allein  die  Arbeiterklasse,  die  grundlegende  Produktivkraft
der  Gesellschaft,**)  kann  diese  Gesellschaft  retten  und  den  Anstoß ­
  zu  ihrer  Weiterentwicklung  geben.  Aber  sie  kann  es  nur
tun  um  den  Preis  von  Opfern,  die  unvermeidlich  durch  den
Widerstand  der  gesprengten  kapitalistischen  „Hülle“  hervorgerufen ­
  werden,  die  sich  in  der  kapitalistischen  Bourgeoisie
personifiziert,***)  Die  Höhe  der  Unkosten  der  proletarischen
*)  Gen.  L.  Kritzmann  (Vergl.  seinen  Artikel:  „Die  Entwicklung  der
Produktivkräfte  und  die  Diktatur  des  Proletariats"  im  Sammelbuch;  „Zwei
Jahre  Diktatur  des  Proletariats",  russisch,  S.  70)  sagt  vollkommen  richtig:
„Aber  das  Proletariat  unterscheidet  sich  von  anderen  Produktivkräften
(Maschinen,  Materialien  usw.)  dadurch,  daß  cs  die  drohende  Zerrüttung  mit
Empörung  beantwortet.  Die  Zeit  der  Krise  ist  eine  Zeit  des  Erwachens  der
revolutionären  Empörung  im  Proletariat.  Die  Revolution  des  Proletariats
selbst  ist  nichts  anderes  als  die  Gegenwirkung  des  Proletariats  gegen  das
Bestreben  der  Bourgeoisie,  durch  Zerstörung  seiner  Arbeitskraft  die  Vergeudung ­
  und  die  Untätigkeit  der  ihr  gehörenden  Kräfte  zu  verringern,  die
Krise  zu  liquidieren,  die  von  der  Anarchie  der  kapitalistischen  Produktionsweise ­
  erzeugt  wurde.”  (Kursiv  von  uns.  N.  B.)
*')  Vergl.  Karl  Marx:  „Das  Elend  der  Philosophie"  S.  163:  „Von  allen
Produktionsinstrumenten  ist  die  größte  Produktivkraft  die  revolutionäre
Klasse  selbst.  Die  Organisation  der  revolutionären  Elemente  als  Klasse  setzt
die  fertige  Existenz  aller  Produktivkräfte  voraus,  die  sich  überhaupt  im
Schoß  der  alten  Gesellschaft  entfalten  konnten."
***)  Von  diesem  Standpunkt  aus  ist  es  absolut  sinnlos,  die  Arbeiter-
        <pb n="126" />
        Revolution  ist  bedingt  durch  die  Tiefe  der  kommunistischen
Umwälzung,  durch  die  prinzipielle  Veränderung  der  Produktionsstruktur. ­
  In  den  bürgerlichen  Revolutionen  fand  eine
solche  prinzipielle  Veränderung  nicht  statt,  denn  das  Privateigentum, ­
  als  juristischer  Ausdruck  einer  bestimmten  Art  der
Produktionsverhältnisse,  bildete  die  Grundlage  auch  für  die
vorkapitalistischen  Beziehungen.  Dementsprechend  wurde  das
gesellschaftliche  Gleichgewicht  nach  der  Revolution  erreicht:
auf  dem  Gebiete  der  Wirtschaft  durch  einige  Verbesserungen
dessen,  was  früher  war,  auf  dem  Gebiete  der  Politik  durch
den  Uebergang  der  Macht  aus  den  Händen  von  Eigentümern
einer  Art  in  die  Hände  von  Eigentümern  anderer  Art.  Folglich
ist  a  priori  klar,  daß  hier  ein  solcher  Zerfall,  der  bei  einem  prinzipiellen, ­
  radikalen  Bruch  der  alten  Beziehungen  unvermeidlich
ist,  nicht  eintritt  und  nicht  eintreten  kann.  Dieser  Bruch
bildet  ein  unumgängliches  Gesetz  der  proletarischen  Revolution.*)
klasse  und  ihre  Partei  für  die  Zerrüttung  verantwortlich  zu  machen.  Denn
gerade  sie  ist  die  Kraft,  die  die  Wiederherstellung  der  Gesellschaft  möglich ­
  macht.  Dem  Widerstand  der  „alten  Ordnung"  —  ihm  allein  muß  die
Zerrüttung  der  Uebergangsform  zur  Last  gemacht  werden.
*)  Die  Herren  „Kritiker”  der  proletarischen  Revolution  sehen  in  der
Zerrüttung  einen  Beweis  für  die  Unreife  der  kapitalistischen  Beziehungen-Aus
  unserer  Analyse  geht  hervor,  daß  bei  den  „reifsten"  Verhältnissen  eine
(vorübergehende)  Zerrüttung  ebenfalls  unvermeidlich  ist.  Die  „Kritiker"
zitieren  oft  die  Worte  Marx'  (K.  Marx:  „Zur  Kritik“,  Vorwort  S.  LVI.)i
„Eine  Gesellschaftsformation  geht  nie  unter,  bevor  alle  Produktivkräfte  entwickelt ­
  sind,  für  die  sie  weit  genug  ist,  und  neue,  höhere  Produktionsverhältnisse ­
  treten  nie  an  die  Stelle,  bevor  die  materiellen  Existenzbedingungen
derselben  im  Schoße  der  alten  Gesellschaft  selbst  ausgebrütet  worden  sind."
Jedoch  zieht  Marx  sofort  darauf  den  Schluß;  „Daher  stellt  sich  die  Menschheit ­
  immer  nur  Aufgaben,  die  sic  lösen  kann,  denn  genauer  betrachtet,  wird
sich  stets  finden,  daß  die  Aufgabe  selbst  nur  entspringt,  wo  die  materiellen
Bedingungen  schon  vorhanden  oder  wenigstens  im  Prozesse  ihres  Werdens
begriffen  sind."  Den  Rückgang  der  Produktivkräfte  im  Prozeß  der  proletarischen ­
  Revolution  hat  theoretisch  Gen.  J.  Larin  vorausgesehen  in  der
genannten  Broschüre:  „Die  Utopisten  des  Minimaiismus  und  die  Wirklichkeit". ­


in
        <pb n="127" />
        Alle  tatsächlichen  Unkosten  der  Revolution  laufen  auf  eine
Verringerung  des  Reproduktionsprozesses  und  Herabsetzung  der
Produktivkräfte  hinaus.  Ihrer  Form  nach  können  sie  in  einige
Rubriken  eingeteilt  werden.
I.  Physische  Vernichtung  der  Produktionselemente.  Dazu
gehören  die  Vernichtung  der  Produktionsmittel  (der  Fabriken,
Maschinen,  Eisenbahnen,  der  Apparate,  des  Viehstandes  usw.);
Vernichtung  von  Personen  —  Arbeitern  usw.  —  im  Prozeß  des
Bürgerkrieges  und  des  Klassenkrieges  zwischen  den  Staaten  des
Proletariats  und  den  Staaten  der  Bourgeoisie;  Vernichtung  von
Maschinen  und  anderen  Produktionsmitteln  und  ihre  Beschädigung ­
  infolge  der  schlechten  Behandlung,  der  Sabotage,  der  verspäteten ­
  Wiederherstellung  bestimmter  Teile  usw,;  Vernichtung
der  technischen  Kopfarbeiter  (im  Bürgerkriege,  durch  die  allgemeinen ­
  Folgen  der  Zerrüttung  usw.).
Es  ist  klar,  daß  es  sich  hier  einerseits  um  die  Vernichtung
von  materiell-sachlichen  Elementen  der  Produktion  und  andererseits ­
  um  die  Vernichtung  ihrer  Personenelemente  handelt,
II.  Disqualifizierung  der  Produktionselemente.  Dazu  gehören
die  Abnutzung  der  Maschinen  und  Produktionsmittel  überhaupt;
die  (körperliche)  Erschöpfung  der  Arbeiterklasse;  die  Disqualifizierung ­
  der  Arbeitskraft  der  technischen  Kopfarbeiter;  die  Zufluchtnahme
  zu  „Surrogaten“  in  den  Produktionsmitteln  und
Arbeitskräften  (ein  größerer  Prozentsatz  von  Frauen,  von  unproletarischen ­
  und  halbproletarischen  Elementen  usw.),
III.  Zerfall  des  Zusammenhanges  zwischen  den  Elementen
der  Produktion.  Dazu  gehört  der  oben  ausführlich  untersuchte
Zerfall  des  hierarchischen  Arbeitssystems  der  kapitalistischen
Gesellschaft,  die  soziale  Spaltung,  die  Störung  jedweden  Gleichgewichtes, ­
  was  eine  vorübergehende  Stockung  des  Reproduktionsprozesses ­
  nach  sich  zieht;  dazu  gehört  auch  die  Auflösung  des
Zusammenhanges  zwischen  Stadt  und  Land,  der  Zerfall  der  Be-
        <pb n="128" />
        119

Ziehungen  zwischen  den  Staaten  usw.  Im  Prozeß  dieses  Zerfalles ­
  entfallen  der  tatsächlichen  Produktion  nicht  nur  die
Personenelemente  des  allgemeinen  Arbeitsapparates,  sondern
auch  die  materiell-sachlichen  Teile:  wenn  die  Maschinen,  ihr
,,System“,  ganze  Fabriken  „stehen“,  gehen  sie  faktisch  verloren.
Die  Produktivkräfte  werden  hier  nicht  physisch  vernichtet,  aber
sie  nehmen  die  Stellung  von  potentiellen  Produktivkräften  ein.
Sie  existieren  in  natura,  aber  sie  existieren  außerhalb  des  Prozesses ­
  der  gesellschaftlichen  Reproduktion.
Der  Zerfall  des  Zusammenhanges  zwischen  den  Elementen
der  Produktion  ist  die  Hauptursache  des  Niederganges  der  Produktivkräfte ­
  in  der  Uebergangsperiode,  Er  ist  mit  der  Strukturumwandlung ­
  der  Gesellschaft  verknüpft  und,  real  gesehen,  von
ihr  unzertrennbar;  er  ergibt  sich  aus  ihr  unvermeidlich  und  muß
daher  im  Mittelpunkt  der  theoretischen  Untersuchung  stehen.  Dazu
müssen  auch  andere  Unkosten  des  eigentlichen  Umbaus  gerechnet
werden,  wie  z,  B,  die  ursprüngliche  Unfähigkeit  der  Arbeiterklasse, ­
  die  Elemente  der  Produktion  zu  erfassen,  die  „Fehlgriffe“
der  Aufbauperiode  usw,,  d.  h.  die  ganze  Energie,  die  auf  die  Umgestaltung ­
  des  gesellschaftlichen  Arbeitsapparates  mit  all  den
faux  frais  dieses  Prozesses  verwendet  wird,
IV,  Die  Umgruppierung  der  Produktivkräfte  im  Sinne  des
unproduktiven  Verbrauchs.  Dazu  gehört  vor  allem  die  Befriedigung ­
  der  Bedürfnisse  des  Bürgerkrieges  und  des  sozialistischen
Klassenkrieges.  Bei  dem  Anwachsen  des  revolutionären  Prozesses ­
  zum  revolutionären  Weltprozeß  verwandelt  sich  der
Bürgerkrieg  in  einen  Klassenkrieg,  den  von  seiten  des  Proletariats
eine  reguläre  „Rote  Armee“  führt.  Es  ist  vollkommen  klar,  daß
vom  Standpunkt  der  nächsten  Kreisläufe  der  Reproduktion  die
Unkosten  dieses  Krieges  eine  ebensolche  ökonomische  Erschöpfung ­
  erzeugen  wie  die  Unkosten  jedes  anderen  Krieges,
Er  kann  geführt  werden,  weil  auf  der  neuen  Grundlage  ein
        <pb n="129" />
        120

Prozeß  der  strukturellen  Organisierung  stattfindet.  Aber  der
Rückgang  der  Produktivkräfte  infolge  des  Prozesses  der  negativen ­
  erweiterten  Reproduktion  hält  an,  solange  der  Krieg  anhält. ­
  Dieser  Krieg  erfordert  nicht  nur  materiell-sachliche  Hilfsquellen; ­
  er  beansprucht  auch  das  beste  Menschenmaterial,  die
Administratoren  und  Organisatoren  unter  den  Arbeitern,
Es  ist  leicht  einzusehen,  daß  es  in  allen  genannten  Fällen
auf  eine  Verminderung,  einen  Ausfall,  eine  Stockung  und  mitunter ­
  auch  eine  Lähmung  des  Reproduktionsprozesses  hinausläuft,
  dem  ein  Sinken  der  Produktivkräfte  adäquat  ist.  Dies  zu
„leugnen",  wäre  ebenso  unklug,  wie  wenn  man  den  Prozeß  der
Revolution  selbst  „leugnen“  wollte.  Es  fragt  sich  nun,  worin  die
funktionelle  Bedeutung  dieses  Sinkens  besteht.  Der  Unterschied
zwischen  den  kurzsichtigen  Ideologen  der  Bourgeoisie  und  den
Ideologen  des  Proletariats  besteht  hier  nicht  darin,  daß  die  einen
diese  Tatsachen  „konstatieren"  und  die  anderen  sie  leugnen,
sondern  darin,  daß  die  Ideologen  der  Bourgeoisie  diese  Erscheinungen ­
  statisch  auffassen,  während  die  einzig  richtige  (und  infolgedessen ­
  allgemein  gültige)  Methode  darin  besteht,  daß  der
vorübergehende  Sturz  der  Produktivkräfte  vom  Standpunkt  des
Transformationsprozesses  betrachtet  wird,  d,  h,  nicht  allein  vom
Standpunkt  der  nächsten  Kreisläufe  der  gesellschaftlichen  Reproduktion, ­
  sondern  vom  breiten  Standpunkt  der  großen  geschichtlichen ­
  Ausmaße,
Es  ist  selbstverständlich,  daß,  wenn  der  Prozeß  des
Rückganges  der  Produktivkräfte  seinen  Ausdruck  findet  in  der
unmittelbaren  Vernichtung  der  Produktionselemente,  er  um  so
schmerzlicher  verläuft,  je  mehr  die  Produktivkräfte  während  des
Krieges  herabgesetzt  worden  sind.  Der  Rückgang  der  Produktivkräfte ­
  infolge  dieser  Ursache  verbindet  sich  mit  ihrem
„revolutionären"  Niedergang:  im  Prozeß  der  gesellschaftlichen
        <pb n="130" />
        Transformation  verschmelzen  Krieg  und  Revolution  miteinander,
als  Sprengung  des  kapitalistischen  Systems.*)

*)  Prof,  Grinewetzki  („Die  Nachkriegsperspektiven  der  russischen
Industrie“,  Moskau  1919,  S.  64,  russisch)  erklärt  dies  im  Kapitel  „Die  revolutionäre ­
  Zersetzung  der  Industrie"  durch  den  Einfluß  folgender  Faktoren:
1)  der  vollkommenen  Zerrüttung  der  Versorgung  mit  Rohstoffen  und  Brennmaterial ­
  infolge  der  Abnahme  ihrer  Ausbeute  und  der  Stockung  des  Verkehrs; ­
  2)  der  Arbeitskrise  infolge  der  allgemeinen  Desorganisation  unter  dem
Einfluß  der  Revolution  und  des  Klassenkrieges  und  des  Sinkens  der  Produktivität ­
  infolge  verschiedener  Ursachen;  3)  der  technischen  Desorganisation,
sowohl  in  materieller  als  auch  in  administrativ-technischer  Hinsicht  .  .  .{
4)  der  außerordentlichen  Labilität  und  Stockung  des  Marktes  .  .  .;  5)  des
katastrophalen  Verlaufs  der  Demobilisierung  .  ,  infolge  der  technischen  Desorganisation ­
  und  des  finanziellen  Zusammenbruches  der  Industrie;  6)  des
finanziellen  Zusammejibraches  der  Industrie  infolge  der  höheren  Bezahlung
der  Arbeit  und  ihrer  geringeren  Produktivität,  der  absoluten  Zerrüttung  der
Versorgung,  der  Nationalisierung  der  Banken  usw."  Man  kann  sich  leicht
davon  überzeugen,  daß  alle  diese  Faktoren  auch  in  unserer  Klassifikation  mit
einbegriffen  sind.  Aber  Herr  Grinewetzki  schiebt  die  Schuld  nicht  dem  kapitalistischen ­
  System  mit  seinem  Kriege  und  seinem  Entgegenarbeiten  gegen  die
neue  Gesellschaft  zu,  sondern  der  Arbeiterklasse.  Anders  kann  ja  natürlich
ein  Apologet  des  Kapitalismus  nicht,  vor  dem  die  „Nachkriegsperspektiven"
erblühen  als  kapitalistische  Perspektiven,  Eigentlich  sagt  dasselbe  auch
Mister  Hoover,  der  „Lebensmitteldiktator"  Europas  („National  Food  Journal“,
13.  Aug.  1919):  „The  economic  difficulties  of  Europe  as  a  whole  at  the
signature  of  peace  may  be  almost  summarised  in  the  phrase:  „demoralised
productivity".  „It  is  not  necessary  to  review  at  lengtb  the  cause  of  this
decrease  of  productivity.  They  are,  in  the  main,  as  follows;
The  industrial  and  commercial  demoralisation  arising  originally  out  of
the  war,  but  continued  out  of  the  struggle  for  political  rearrangements  during
the  armistice,  the  creation  of  new  Governments,  their  inexperience,  and  frictions
  between  these  governments  in  the  readjustment  of  economic  relations,
The  proper  and  insistent  demand  of  labour  for  higher  Standards  of  living
and  a  voice  in  the  administration  in  their  effort  hat  unfortunately  {!!)  become
irapregnated  with  the  theory  that  the  limitation  of  effort  below  physical
necessity  will  increase  the  total  employment  or  improve  their  condition.
There  is  a  great  relaxation  of  effort  as  the  reflex  of  physical  exhaustion
of  large  sections  of  the  population  from  privation  und  from  the  mental  and
physical  strain  of  the  war.
To  a  minor  degree,  considcring  the  whole  volume,  there  has  been  a  destruction
  of  equipment  and  tools,  and  the  loss  of  Organisation  ,  .  ,,  due  to
war  diversions,  with  a  loss  of  man-power  ,  .  .
The  demoralisation  in  the  production  of  eoal  ...  It  is  due  a  small
        <pb n="131" />
        Aus  der  ganzen  vorhergehenden  Analyse  geht  hervor,  daß
eine  Eindämmung  des  Sturzes  der  Produktivkräfte  nicht  früher
eintreten  kann,  bis  eine  neue  gesellschaftliche  Struktur,  ein  neues
soziales  Gleichgewicht  in  der  Produktion  eingetreten  ist.  Dies
ist  die  allernotwendigste  Bedingung  zur  Wiederaufnahme  des  Reproduktionsprozesses. ­
  Erst  nach  dem  Umbau  des  menschlichen
Arbeitsapparates,  dem  Umbau,  der  die  Hindernisse  zur  Entfaltung
der  Produktivkräfte  beseitigt  und  die  „Hülle“  sprengt,  die  sich
aus  „Entwicklungsformen"  in  „Fesseln  der  Entwicklung“  verwandelt ­
  hat,  —  erst  danach  wird  die  letzte  Phase  der  Revolution
möglich:  die  technische  Umwälzung,  die  Umwälzung  nicht  in  den
Beziehungen  der  Menschen,  sondern  in  den  Beziehungen  zwischen
der  menschlichen  Gemeinschaft  und  der  äußeren  Natur.
Hier  wird  man  zuerst  eine  Periode  der  „ursprünglichen
percentage  —  from  the  destruction  of  man-power  to  the  physical  limitation  of
coal  mines  or  their  equipment.  It  is  due  in  the  largest  degree  to  the  human
factor  of  the  limitation  of  the  effort,
The  continuation  of  the  hlocade  .  .  .  has  undoubtely  destroyed  enterprise
  even  in  open  countries"  .  .  ,  etc.  Alle  diese  Ursachen  erzeugen  ein
„politisches,  moralisches  und  ökonomisches  Chaos“,
In  einer  Arbeit  über  die  Nachkriegslage  der  Weltwirtschaft  schreibt
Roedder  (Oberingenieur  a.  D.  0.  C.  Roedder:  „Nacht  und  Morgen  der  Weltwirtschaft". ­
  Industrieverlag  Vogler  &amp;amp;  Seidler,  Chemnitz):  „Vom  deutschen
Arbeiter  allein  hängt  jetzt  alles  ab.  Es  klingt  bald  wie  ein  Hohn,  von  der
Wiederaufnahme  des  Exports  zu  reden,  wenn  drinnen  der  Arbeiter  feiert"
(S.  49).  Analoge  Aussagen  hören  wir  von  dem  amerikanischen  Finanzmann
Vanderlip.  Vergl.  auch  den  Bericht  von  A.  Selenko;  „Memorandum  zur
Frage  der  Kreditierung  der  russischen  Kooperation  in  Nordamerika“.
Natürlich  sehen  all  diese  Herren  bloß  die  „Faulheit  der  Arbeiterklasse“,
ohne  die  Sabotage  der  Unternehmer  zu  bemerken.  Sie  glauben  in  ihrer
Einfalt,  daß  der  Klassenkampf,  der  im  Schoße  des  Produktionsprozesses  geführt ­
  wird,  ein  einseitiger  Akt  ist,  daß  er  bloß  von  den  Arbeitern  geführt
wird,  während  die  Kapitalisten  auf  dem  „allgemein  menschlichen"  Thron
sitzen  und  streng  die  „Interessen  der  Produktion"  „an  sich",  „der  reinen
Produktion"  wahren.  In  Wirklichkeit  aber  trägt  die  reine  Produktionsvernunft ­
  alle  Züge  der  unreinen  praktischen  Vernunft,  die  mit  dem  Beutel
klimpert  und  der  platonischen  „Idee"  sehr  wenig  ähnlich  sieht.
        <pb n="132" />
        123

sozialistischen  Akkumulation“*)  durchmachen  müssen.  Worin
bestand  das  Wesen  der  kapitalistischen  ursprünglichen  Akkumulation ­
  in  der  Produktion?  Darin,  daß  die  politische  Macht  der
Bourgeoisie  gewaltige  Massen  der  Bevölkerung  mobilisierte,  nachdem ­
  sie  sie  ausgeplündert,  sie  in  Proletarier  verwandelt  und  aus
ihnen  die  grundlegende  Produktivkraft  der  kapitalistischen  Gesellschaft ­
  gemacht  hatte.  Die  Produktion  von  Proletariat  ist  das
„Wesen"  der  Periode  der  ursprünglichen  Akkumulation,  „Historisch ­
  epochemachend  in  der  Geschichte  der  ursprünglichen  Akkumulation ­
  sind  alle  Umwälzungen,  die  der  sich  bildenden  Kapitalistcnklasse
  als  Hebel  dienen;  vor  allem  aber  die  Momente,  in
denen  große  Menschenmassen  plötzlich  und  gewaltsam  von  ihren
Lebensmitteln  losgerissen  und.als  vogelfreie  Proletarier  auf  den
Arbeitsmarkt  geschleudert  werden.“**)  Auf  diese  Weise  mobilisierte ­
  das  Kapital  durch  Ausplünderung,  Klassenvergewaltigung
und  Räuberei  die  Produktivkräfte,  nachdem  es  sie  zum  Ausgangspunkt ­
  der  weiteren  Entwicklung  gemacht  hatte.
Aber  auch  der  Sozialismus,  der  auf  einem  Trümmerhaufen
aufwächst,  muß  unvermeidlich  mit  der  Mobilisierung  der  lebendigen ­
  Produktivkraft  beginnen.  Diese  Arbeitsmobilisierung
bildet  das  grundlegende  Moment  der  sozialistischen  ursprünglichen ­
  Akkumulation,  die  die  dialektische  Negation  der  kapitalistischen ­
  ist,  Ihr  Klassensinn  besteht  nicht  in  der  Schaffung
der  Vorbedingungen  des  Ausbeutungsprozesses,  sondern  in  der
wirtschaftlichen  Wiedergeburt  bei  einer  Aufhebung  der  Ausbeutung; ­
  nicht  in  der  Vergewaltigung  einer  Handvoll  Kapitalisten, ­
  sondern  in  der  Selbstorganisierung  der  werktätigen
Massen,
*)  Ein  Ausdruck,  der  von  W.  M,  Smirnow  (im  Wochenblatt  der
„Prawda“)  vorgeschlagen  wurde,
**)  K.  Marx:  „Das  Kapital",  Band  I,  Volksausgabe,  S.  647.
        <pb n="133" />
        124

Wir  sahen  bereits,  daß  der  Prozeß  des  Zerfalls  des  kapitalistischen ­
  Systems  nicht  nur  eine  Vernichtung  der  lebendigen
Arbeitskraft  oder  ihre  Disqualifizicrung  zur  Folge  hat,  sondern
auch  einfach  ihre  Ausschaltung  aus  dem  Arbeitsprozeß.  Es  ist
daher  vollkommen  klar,  daß,  sobald  das  Proletariat  die  Wiederherstellung ­
  des  Reproduktionsprozesses  in  Angriff  nimmt,  es
mit  der  Mobilisierung  der  aus  dem  Produktionsprozeß  entfallenen ­
  Kräfte  beginnen  muß.  Aber  es  kann  sich  darauf  nicht
beschränken.  Auf  den  ersten  Stufen  der  Entwicklung,  da  das
Proletariat  das  stark  beschädigte  materiell-technische  Gerüst
als  Erbe  übernimmt,  gewinnt  die  lebendige  Arbeitskraft  eine
besondere  Bedeutung.  Daher  ist  der  Uebergang  zu  einem
System  der  allgemeinen  Arbeitspflicht,  d.  h.  die  Einreihung
auch  der  breiten,  nichtproletarischen  Massen,  vor  allem  des
Bauerntums,  in  den  proletarisch-staatlichen  Arbeitsprozeß  eine
gebieterische  Notwendigkeit.*)  Die  Entstehung  einer  kollektiv
wirkenden  lebendigen  Massen-Produktivkraft  bildet  den  Ausgangspunkt ­
  für  die  weitere  Arbeit.  Die  wichtigste  Arbeitssphäre ­
  ist  ursprünglich  das  Transportwesen,  die  Beschaffung
von  Brennmaterial,  Rohstoffen  und  Lebensmitteln.**)  Hier  beginnt ­
  die  auf  steigende  Linie  der  Entwicklung,  die  von  einer
mächtigen  Entwicklung  der  Technik  begleitet  sein  wird.  Die
Abschaffung  des  Privateigentums  an  den  Produktionsmitteln,
die  Abschaffung  des  Patcnt-„Rechtes‘'  und  des  Geschäftsgeheimnisses, ­
  die  Einheitlichkeit  des  Planes  usw.  machen  den
Uebergang  zur  elektrischen  Energieanwendung  möglich.  Wenn
unter  dem  Kapitalismus  das  Privateigentum  an  Grund  und
*)  Dies  sah  Marx  deutlich  schon  im  „Kommunistischen  Manifest".
**)  Diese  Aufgaben  sind  technisch  bei  jedem  sozialen  Typus  der  wirtschaftlichen ­
  Wiedergeburt  notwendig.  Vergl.  z.  B.  Grinewetzki,  1.  c.j
S.  I.  Gusscw:  „Die  nächstliegenden  Aufgaben  des  wirtschaftlichen  Aufbaus". ­
  Materialien  zum  IX.  Kongreß  der  R.  K.  P.  Vergl.  auch  die  Thesen
des  Z.  K.  der  R.  K.  P.  zujp  IX.  Kongreß,  sowie  die  Zeitung  „Oekonor
mitscheskaja  schisn".
        <pb n="134" />
        125

Boden  mit  allen  seinen  „Ergänzungen“  (Wasserfälle,  Flüsse,
Torfstechereien  usw.)  und  das  Monopol  der  kapitalistischen
Klüngel  die  Entfaltung  der  Produktivkräfte  ungeheuerlich
hemmten  und  wenn  selbst  in  den  mächtigsten  kapitalistischen
Ländern  die  Anwendung  von  elektrischer  Energie,  der  Bau  von
neuen  Kraftstationen  usw.  auf  die  vom  Privateigentum  gesteckten ­
  Grenzen*)  stießen,  so  wird  bei  der  Herrschaft  des
Proletariats  auf  die  Periode  der  „ursprünglichen  sozialistischen
Akkumulation"  eine  wahre  technische  Umwälzung,  eine  Revolution ­
  in  der  gesellschaftlichen  Produktionstechnik  folgen,  „Das
Zeitalter  des  Dampfes  ist  das  Zeitalter  der  Bourgeoisie,  das
Zeitalter  der  Elektrizität  ist  das  Zeitalter  des  Sozialismus."  —
Dies  ist  eine  absolut  richtige  technische  Charakteristik  der
Anfangsstadien  des  sich  entwickelnden  Sozialismus.**)
Die  Elektrifizierung  der  Industrie,  der  Bau  von  gewaltigen
Kraftstationen,  die  Schaffung  eines  mächtigen  Verkehrsnetzes
wird  das  Verhältnis  zwischen  Stadt  und  Land  radikal  verändern.
Dies  wird  nicht  nur  die  Umwandlung  der  zersplitterten  Kleineigentümer ­
  in  gesellschaftliche  Arbeiter  fördern,  es  wird  den
ganzen  Prozeß  der  landwirtschaftlichen  Produktion  rationalisieren ­
  und  radikal  umgestalten.  Die  primitiven,  fast  barbarischen ­
  Werkzeuge  werden  durch  die  letzten  Errungenschaften
der  Technik  ersetzt  werden,  und  dadurch  wird  das  grundsätzliche ­
  Mißverhältnis  der  kapitalistischen  Produktion,  das  Mißverhältnis ­
  zwischen  der  Entwicklung  der  Industrie  und  der  Entwicklung ­
  der  Landwirtschaft,  aufgehoben  werden,  jenes  Mißverhältnis, ­
  das  durch  das  Vorhandensein  der  Grundrente  und
*)  Vergl.  darüber  Karl  Marx:  „Das  Kapital",  K.  Kautsky:  „Entwicklung
und  Vermehrung"  etc.,  J.  Hevesi:  „Die  technische  Notwendigkeit  der  kommunistischen ­
  Weltrevolution“,
**)  Vergl.  die  glänzende  Broschüre  des  Gen.  Krshishanowski,  Ingenieur
und  Elektrotechniker,  über  die  Elektrifizierung  der  russischen  Industrie.
Ebenso  W.  A,  Müller:  „Sozialisierung  des  landwirtschaftlichen  Verkehrswesens“ ­
  im  Sammelwerk:  „Wege  und  Ziele  der  Sozialisierung  .
        <pb n="135" />
        126

des  Privatgrundbesitzes  bedingt  war  und  das  noch  vor  dem
Kriege  zu  einem  gewaltigen  Anschwellen  der  Preise  für  landwirtschaftliche ­
  Produkte  führte.*)  Der  Gegensatz  zwischen
Stadt  und  Land  wird  nach  und  nach  verschwinden,  und  damit
zugleich  wird  die  spezifische  „Idiotie  des  Landlebens“  verschwinden. ­
  Die  Produktivkräfte  der  menschlichen  Gesellschaft
werden  sich  auf  die  verschiedensten  Gebiete  verteilen,  je  nach
den  passendsten  natürlichen  Bedingungen  (Nähe  von  Rohstoff- ­
  und  Brennmaterialquellen  usw,).  Die  Frage  nach  dem
„Standort  der  Industrie“  wird  nun  gelöst  werden,  schon  unabhängig ­
  von  der  Existenz  kapitalistischer  Schranken,  und  die
Entwicklung  der  Produktivkräfte  wird  mit  Riesenschritten
sicher  und  gemessen  vorwärtsschreiten.

*)  Die  bürgerlichen  Oekonomen  erblickten  die  Ursache  dessen  in  dem
„natürlichen  Gesetz“  der  abnehmenden  Fruchtbarkeit  des  Bodens,  das  eine
lange  „Geschichte"  hinter  sich  habe.  Eine  ausgezeichnete  Untersuchung
dieses  „Gesetzes“  finden  wir  in  der  Arbeit  des  Gen,  N.  Lenin:  „Die  Agrarfrage ­
  und  die  Marx-Kritiker".  Die  bürgerliche  Wissenschaft,  die  dieses  Gesetz ­
  als  immanentes  Gesetz  der  landwirtschaftlichen  Produktion  aufstellte,,
unterstellte  der  sozialen  Kategorie  die  Naturalkategorie  —  das  ist  die
grundsätzliche  „Methode"  dieser  „Wissenschaft“.  Eine  allgemeine  Charakteristik ­
  der  technischen  Entwicklung  unter  dem  Gesichtswinkel  des  Verhältnisses ­
  zwischen  Stadt  und  Land  gibt  Marx  in  den  „Theorien  über  den
Mehrwert“,  Band  II,  Teil  1,  S.  280:  „Im  ganzen  ist  anzunehmen,  daß  in  der
roheren  vorkapitalistischen  Produktionsweise  die  Agrikultur  produktiver
ist  als  die  Industrie,  weil  die  Natur  als  Maschine  und  Organismus  hier  mitarbeitet, ­
  während  die  Naturkräfte  in  der  Industrie  fast  noch  ganz  durch
Menschenkraft  ersetzt  werden,  wie  in  der  handwerksmäßigen  Industrie  usw.
In  der  Sturmperiode  der  kapitalistischen  Produktion  entwickelt  sich  die  Produktivität ­
  der  Industrie  rasch  gegen  die  Agrikultur,  obgleich  ihre  Entwicklung ­
  voraussetzt,  daß  in  der  Agrikultur  schon  eine  bedeutende  Variation
zwischen  konstantem  und  variablem  Kapital  stattgefunden  hat,  das  heißt,  eine
Masse  Menschen  von  dem  Ackerbau  vertrieben  sind.  Später  geht  die  Produktivität ­
  in  beiden  voran,  obgleich  in  ungleichem  Schritte,  Aber  auf  einem
gewissen  Höhepunkt  der  Industrie  muß  die  Disproportion  abnehmen,  das
heißt,  die  Produktivität  der  Agrikultur  sich  rascher  vermehren  als  die  der
Industrie.”
        <pb n="136" />
        127

7.  Kapitel

Allgemeine
Organisaüonsformen  der  Transformations
  p  eriode.
1.  Staatskapitalismus.  2.  System  der  sozialistischen  Diktatur.
3.  Die  Sozialisierung  (Vergesellschaftung).  4.  Die  Nationalisierung. ­
  5.  Die  Munizipalisierung.  6.  Andere  Formen  der
Vergesellschaftung.
Die  bürgerliche  politische  Oekonomie  abstrahiert  „prinzipiell"
von  den  historisch  sozialen  Formen  des  Produktionsprozesses.
Daher  sind  für  sie  die  Verhältnisse  der  Herrschaft,  der  Ausbeutung, ­
  der  Klassencharakteristik  der  gegebenen  gesellschaftlichen ­
  Formation  usw.  „unwesentlich".  Evident,  daß  dieses
„prinzipiell"  nichts  anderes  ist  als  die  Erhebung  einer  ungeheuerlichen ­
  theoretischen  Verwirrung,  die  praktisch  für  die
Bourgeoisie  recht  vorteilhaft  ist,  zum  „Prinzip“,  Diese  Verwirrung ­
  erreichte  ihre  größte  Intensität  gerade  während  des
Krieges  und  in  der  Nachkriegsperiode.  Sie  drückte  sich  vor
allem  aus  in  der  gröbsten  Verwechslung  des  Systems  des
Staatskapitalismus  mit  dem  System  der  sozialistischen  Diktatur
des  Proletariats.
Werner  Sombart  definiert  in  seiner  Einleitung  zu  „Grundlagen ­
  und  Kritik  des  Sozialismus“*)  den  Sozialismus  folgender*) ­
  „Grundlagen  und  Kritik  des  Sozialismus",  bearbeitet  von  Werner
Sombart,  Askanischer  Verlag,  Berlin  1919,  Teil  I,  S,  VII,
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        128

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maßen;  „Sozialismus  ist  praktische  soziale  Rationalistik  mit
antichrematistischer  Tendenz."  Diese  mit  Verlaub  zu  sagen
„Definition"  hat  ihre  tiefen  Wurzeln  in  der  Literatur.  Denn
es  besteht  eine  alte  Tradition,  die  die  Festigkeit  eines  Vorurteils ­
  erworben  hat,  eine  Tradition,  die  den  sklavenhalterischen
„Kommunismus"  eines  Plato,  den  preußisch  -  junkerlichen
„Staatssozialismus"  eines  Rodbertus,  den  finanzkapitalistischen
Staatskapitalismus  der  Kriegsperiode  und  den  marxistischen
Kommunismus  in  einen  Topf  wirft,  aus  dem  einfachen  Grunde,
weil  alle  diese  Formen  eine  „soziale  Rationalisierung  mit  antichrematistischer ­
  Tendenz"  aufweisen.  Es  ist  jedoch  klar,  daß
ein  solcher  Standpunkt  keineswegs  besser  ist  als  jene  barbarisch ­
  groben,  sowohl  naiven  als  auch  schlauen  Definitionen,
die  während  des  Krieges  dem  Imperialismus  als  einer  außerhistorischen, ­
  ja  mitunter  sogar  allgemeinen  biologischen
Funktion  gegeben  wurden.*)
Dieser  Wirrwarr  kommt  logisch  daher,  daß  hier  die
Klassencharakteristik  des  Staates  verhüllt  ist,  der  unter  dem
Namen  des  „Allgemeinen",  „Ganzen",  „gesellschaftlichen
Ganzen“  und  anderer  schönen  Worte  auftritt,  und  der  spezifische ­
  Charakter  der  Produktionsverhältnisse  verschwiegen
wird.  Diese  letzteren  werden  bloß  betrachtet  unter  dem
Gesichtswinkel,  daß  die  Anarchie  der  Produktion  und  das  mit
ihr  verbundene  Gcldsystem  aufgehoben  werden.  Da  aber  in
diese  Formel  alle  möglichen  Formen  der  wirtschaftlichen
Struktur  hineinpassen,  die  auf  Grund  naturalwirtschaftlicher
und  zugleich  planmäßig  geregelter  Beziehungen  aufgebaut  sind,
welche  Charakteristik  innerhalb  oder  außerhalb  der  Klassen

')  Ein  französischer  Schriftsteller  definierte  den  Imperialismus  als  das
Bestreben  jeder  Lebensform,  sich  -  auf  Kosten  der  anderen  auszudehnen.
Von  diesem  Standpunkt  aus  bildet  das  Huhn,  das  nicht  einmal  goldene
Eier  legt,  aber  Körner  pickt,  ein  Subjekt  der  imperialistischen  Politik,  denn
es  „annektiert”  dieses  Korn.
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        diese  Beziehungen  auch  haben  mögen,  so  ist  klar,  daß  diese
Formel  gerade  deswegen  untauglich  ist,  weil  sie  zu  allgemein
ist,  weil  sie  gesellschaftliche  Strukturen  umfaßt,  die  ihrer
Klassencharakteristik  nach  direkt  entgegengesetzt  sind.
Wenn  wir  jetzt  zum  Staatskapitalismus  übergehen,  so
werden  wir  sehen,  daß  der  Staatskapitalismus  eine  ganz
spezifische  und  rein  historische  Kategorie  ist,  ungeachtet
dessen,  daß  er  sowohl  eine  „soziale  Rationalistik"  als  auch
eine  „antichrematistische  Tendenz"  aufweist.  Denn  er  bildet
zugleich  eine  Abart,  die  „vollkommenste"  Abart  des  Kapitalismus. ­
  Das  grundlegende  Produktionsverhältnis  der  kapitalistischen ­
  Ordnung  ist  das  Verhältnis  zwischen  dem  Kapitalisten, ­
  der  die  Produktionsmittel  besitzt,  und  dem  Arbeiter,  def
seine  Arbeitskraft  an  den  Kapitalisten  verkauft.  Es  ist  un*
möglich,  ja  absurd,  dieses  grundlegende  Klasscnmcrkmal  bei  der
Betrachtung  der  staatskapitalistischen  Struktur  außer  acht
zu  lassen.  Vom  Standpunkt  des  Wechselvcrhältnisses  der
sozialen  Kräfte  stellt  der  Staatskapitalismus  die  potenzierte
Macht  der  Bourgeoisie  dar,  wo  die  Herrschaft  des  Kapitals  ihre
höchste  Kraft,  eine  wahrhaft  ungeheuerliche  Stärke  erreicht.*)
Mit  anderen  Worten;  der  Staatskapitalismus  ist  die  Rationalisierung ­
  des  Produktionsprozesses  auf  Grund  der  antagonistischen ­
  sozialen  Beziehungen  und  der  Herrschaft  des  Kapitals,
die  ihren  Ausdruck  findet  in  der  Diktatur  der  Bourgeoisie.
Da  der  Staatskapitalismus  ein  Verwachsen  des  bürgerlichen
Staates  mit  den  kapitalistischen  Trusts  ist,  so  ist  evident,  daß
von  keinerlei  „Staatskapitalismus"  die  Rede  sein  kann  bei  der
Diktatur  des  Proletariats,  die  eine  solche  Möglichkeit  prinzipiell
ausschließt.**)
‘)  Vergl.  unseren  Artikel:  „Einige  Grundbegriffe  der  modernen  Oekonomie"
  im  „Kommunist"  vom  16.  Mai  1918,  Nr.  3,  S.  9  (russisch).
**)  Dieser  scheinbar  so  klare  Gedanke  blieb  vielen  Genossen  unklar.
So  schrieb  r.  B.  Gen.  Zyperowitsch  in  seiner  bereits  zitierten  Arbeit  über

9  Bucharln:  Oekonomik.

129
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        ,,Im  allgemeinen“  gesprochen,  könnte  man  die  Frage  nach
der  Möglichkeit  einer  solchen  Form  aufwerfen,  da  der  proletarische ­
  Staat  von  Anfang  seines  Bestehens  an  die  Tätigkeit  der
kapitalistischen  Trusts  vor  der  „Expropriation  der  Expropriateure“ ­
  regelt  und  diese  Expropriation  „vernünftig  vorbereitet“,
um  alle  „Apparate“  unversehrt  zu  erhalten.  Wäre  ein  solches
System  möglich,  so  wäre  es  nicht  Staatskapitalismus,  denn  der
Letztere  setzt  einen  kapitalistischen  Staat  voraus.  Dies  wäre
nicht  der  höchste  Ausdruck  der  kapitalistischen  Ordnung,
sondern  eine  gewisse  Zwischenstufe  in  der  Entwicklung  der
Revolution-  Aber  eine  solche  Form  ist  unmöglich,  denn  ihre
Voraussetzung  beruht  auf  der  Illusion,  einer  freilich  sehr  verbreiteten ­
  Illusion,  daß  das  Proletariat  von  sämtlichen  kapitalistischen ­
  Apparaten  „Besitz  ergreifen"  könne,  ohne  ihre  kapitalistische ­
  Jungfräulichkeit  anzutasten,  und  die  Herren  Kapitalisten
könnten  mit  Vergnügen  allen  Weisungen  der  proletarischen
Macht  Folge  leisten.  Hier  wird  folglich  ein  Zustand  des  Gleichgewichtes ­
  unter  Bedingungen  vorausgesetzt,  die  von  vornherein
jedes  Gleichgewicht  ausschließen.*)
die  Syndikate  und  Trusts  in  Rußland  über  die  Periode  nach  der  Oktoberrevolution ­
  folgendes;  „Sogar  auf  der  Vorbereitungsstufe,  die  wir  jetzt  durchmachen, ­
  der  Stufe  des  Staatskapitalismus  (!!),  stellt  der  Arbeiter  den  Herrn
der  Produktion  dar  .  .  ."  (1.  c.  S.  170.)  Auf  welche  Weise  der  Arbeiter  im
kapitalistischen  System  der  „Herr  der  Produktion"  sein  kann  —  das  kann
natürlich  niemand  begreifen,  denn  ein  solches  sonderbares  System  erinnert
an  hölzernes  Eisen.  Es  „existierte"  natürlich  nur  in  den  Köpfen  gewisser
Leute  und  nicht  in  der  „allgemein  gültigen“  Wirklichkeit.  Noch  „exakter"
wurde  dieses  System  seinerzeit  vom  Gen.  Bojarkow  im  „Wjestnik
metalista“  (Petrograd,  Januar  1918)  definiert,  als  „entfalteter  Kapitalismus",
jden  die  Arbeiterklasse  „ohne  Unternehmer“  aufzubauen  habe.  „Kapitalismus ­
  ohne  Kapitalisten".  Zu  dieser  absurden  Form  hat  die  Unklarheit  in
den  Grundbegriffen  geführt.  Wir  wollen  gar  nicht  davon  sprechen,  daß  die
bürgerliche  und  opportunistische  Literatur  durch  und  durch  von  einem  noch
viel  ärgeren  Wirrwarr  durchdrungen  ist.
*)  Vergl.  N.  Lenin:  „Notizen  eines  Publizisten"  in  Nr,  9  der  „Kommunistischen ­
  Internationale".

130
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        Das  System  der  sozialistischen  Diktatur,  die  man  al»
„Staatssozialismus"  bezeichnen  könnte,  wenn  die  letztere  Be*
Zeichnung  nicht  durch  ihren  üblichen  Gebrauch  kompromittiert
wäre,  ist  die  dialektische  Negation,  das  Gegenteil  des  Staats*
kapitalismus.  Hier  wird  der  Typus  der  Produktionsverhältnisse
radikal  geändert,  die  oberste  Gewalt  des  Kafitals  in  der  Produktion ­
  wird  aufgehoben,  denn  die  Grundlage  aller  Grundlagen
der  kapitalistischen  Ordnung,  die  Eigentumsverhältnisse,  wird;
eine  andere.  Auch  hier  ist  eine  „gesellschaftliche  Rationale
sierung  mit  antichrcmatistischer  Tendenz"  vorhanden,  Aber  diese.
Züge  sind  auf  der  Basis  eines  ganz  anderen  Klassenverhältnisses
  gegeben,  wodurch  auch  der  ganze  Charakter  des  Pro-’
duktionsprozesses  ein  völlig  anderer  wird.  Im  System  des!'
Staatskapitalismus  ist  das  wirtschaftende  Subjekt  der  kapita--.
listische  Staat,  der  kollektive  Gesamt  kapitalist.  Bei  der  proletarischen ­
  Diktatur  ist  das  wirtschaftende  Subjekt  der  proletarische ­
  Staat,  die  kollektiv  organisierte  Arbeiterklasse,  „das*
Proletariat,  als  Staatsmacht  organisiert".  Beim  Staatskapita-'
lismus  ist  der  Produktionsprozeß  ein  Prozeß  der  Produktion,
von  Mehrwert,  der  in  die  Hände  der  Kapitalistenklasse  gerät-,
mit  der  Tendenz,  diesen  Wert  in  Mehrprodukt  umzuwandeln
Bei  der  proletarischen  Diktatur  dient  der  Produktionsprozeß!
als  Mittel  zur  planmäßigen  Befriedigung  der  gesellschaftlichen
Bedürfnisse.  Das  System  des  Staatskapitalismus  ist  die
vollkommenste  Form  der  Ausbeutung  der  Massen  durch  eine;.
Handvoll  Oligarchen.  Das  System  der  proletarischen  Diktatur
macht  jedwede  Ausbeutung  überhaupt  undenkbar,  denn  es  verwandelt ­
  das  kollektivkapitalistische  Eigentum  und  seine  privat-,
kapitalistische  Form  in  kollektiv-proletarisches  „Eigentum",’
Also  ist  hier  dem  Wesen  nach,  trotz  der  formalen  Aehnlichkeit,,
der  diametrale  Gegensatz  gegeben.*)  Dieser  Gegensatz  bc-'j
  Eine  recht  große  Anzahl  von  „Werken"  über  Sozialismus,  die  irr
der  letzten  Zeit  im  Auslande  erschienen  sind,  umgeht  diese  Frage,  Es  ge-9*

  Bucharin:  Ockonomik.

13t'
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        t32

stimmt  auch  den  Gegensatz  aller  Funktionen  der  betrachteten
Systeme,  auch  wenn  sie  formal  ähnlich  sind.  So  z.  B.  bedeutet
die  allgemeine  Arbeitspflicht  im  System  des  Staatskapitalismus
eine  Knechtung  der  Arbeitermassen;  dagegen  im  System  der
oügt,  als  Beispiel  die  Arbeit  von  Franz  Eulenberg  anzuführen;  „Arten  und
Stufen  der  Sozialisierung".  Ein  Gutachten.  München  und  Leipzig.  Verlag
von  Duncker  &amp;amp;  Humblot,  1920.  Auf  Seite  5  definiert  der  Verfasser  den  Sozialismus ­
  als:  „Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel;  das  schließt  die
Leitung  der  Erzeugung  und  Verteilung  für  und  durch  die  Volksgcsamtheit
ein".  Auf  Seite  6  unterscheidet  er  unter  anderem  folgende  „Stufen“:  Unter
Rubrik  II:  „Ueberführung  reifer  Gewerbe  in  die  Hände  der  Gesamtheit;
Vollsozialisierung  (Verstaatlichung)";  unter  Rubrik  III:  „Beteiligung  der
Gesamtheit  am  Wirtschaftsleben  überhaupt:  gemischtwirtschaftliche  Betriebe ­
  (Staatskapitalismus)“.  Man  kann  es  kaum  fertig  bringen,  in  so  wenigen
,,gelehrten“  Zeilen  soviel  Unsinn  zusammenzuschreiben,  wie  cs  der  ehrwürdige ­
  deutsche  Forscher  vermocht  hat.  Die  „Volksgesamtheit"  sieht  er
sowohl  in  Gestalt  des  Staates  „überhaupt“,  d.  h.  eines  solchen  Staates,  den
es  in  der  Welt  nicht  gibt,  als  auch  eines  offensichtlich  kapitalistischen
Staates:  einerseits  ist  der  Sozialismus  „Vergesellschaftung“  und  nichts
weiter;  andererseits  ist  „Vollsozialisierung"  Verstaatlichung;  die  volle  „Sozialisierung" ­
  unterscheidet  sich,  laut  Eulenburg,  von  der  nicht  vollen,  ebenso
wie  die  Sozialisierung  vom  Staatskapitalismus,  usw.  Und  all  das  ist  nach
Fächern  geordnet,  klassifiziert  und  rubriziert!  Auch  Rudolf  Goldscheid
zeigt  nicht  die  geringste  Spur  von  Verständnis  in  seinem  Buch,  das  speziell
diesem  Thema  gewidmet  ist.  Vergl.  R.  Goldscheid:  „Sfaatssozialismus  oder
Staatskapitalismus".  Ein  finanzsoziologischer  Beitrag  zur  Lösung  des  Staatsschulden-Problems.
  Vierte  und  fünfte  Auflage,  Wien-Leipzig  1917.  In  einem
hochinteressanten  Bericht  Otto  Neuraths  („Wesen  und  Wege  der  Sozialisierung") ­
  versucht  der  Verfasser  dem  Wesen  der  Frage  auszuweichen,  indem
«r  erklärt,  daß  ihn  die  Frage,  welche  Machtmittel  für  die  Sozialisierung  notwendig ­
  seien,  nicht  interessiere.  Er  nähert  sich  jedoch  der  richtigen  Fragestellung ­
  und  steht  unendlich  höher  als  der  gelehrte  und  kokette  Schwätzer
Sombart.  Man  vergleiche  z,  B,  solche  Zeilen;  „Die  Sozialisierung  setzt  voraus, ­
  daß  ein  'Wirtschaftsplan  durch  irgendeine  entscheidende  Zentralstelle
verwirklicht  wird.  Eine  solche  Verwaltungswirf  schall  muß  nicht  sozialistischer ­
  Natur  sein,  sie  kann  z.  B,  einer  bevorrechtigten  Menschengruppe
günstigere  Lebenslagen  sichern;  in  Sparta  sicherte  eine  Art  Verwaltungswirtschaft ­
  den  Spartiaten  die  Arbeitserträge  der  Heloten  .  .  ,  Einen  Sozialisten ­
  nennen  wir  den,  der  für  eine  Verwaltungswirtschaft  mit  sozialistischer
Verteilung  eintritt.“  (S.  4,  Kursiv  des  Verfassers.)  Die  Ausschaltung  der
Frage  nach  den  „Machtmitteln",  d.  h,  nach  dem  Klassenkampfe  und  den
Klassen  macht  jedoch  die  ganze  Fragestellung  nebelhaft  und  verschwommen.
        <pb n="142" />
        133

proletarischen  Diktatur  ist  sie  nichts  anderes,  als  die  Selbstorganisation ­
  der  Arbeit  durch  die  Massen;  die  Mobilmachung
der  Industrie  ist  im  ersteren  Fall  eine  Verstärkung  der  Macht
der  Bourgeoisie  und  eine  Festigung  des  kapitalistischen  Regimes,
während  sie  im  zweiten  Fall  eine  Festigung  des  Sozialismus  ist;
alle  Formen  des  staatlichen  Zwanges  stellen  bei  der  staatskapitalistischcn
  Struktur  eine  Pression  dar,  die  den  Ausbeutungsprozeß
sichert,  ausdehnt  und  vertieft,  während  der  staatliche  Zwang
bei  der  proletarischen  Diktatur  eine  Methode  des  Aufhaus ­
  der  kommunistischen  Gesellschaft  darstellt.  Kurzum,
die  funktionelle  Gegensätzlichkeit  der  formal  ähnlichen  Erscheinungen ­
  wird  hier  total  bestimmt  durch  eine  funktionelle
Gegensätzlichkeit  der  Organisationssysteme,  durch  deren  entgegengesetzte ­
  Klassencharakteristik.'  )
Der  Kommunismus  ist  nicht  mehr  eine  Form  der  Uebergangsperiode,
  sondern  ihre  Vollendung.  Dies  ist  eine  klassenund
  staatenlose  Struktur,  die  in  allen  ihren  Teilen  durchaus
harmonisch  aufgebaut  ist.  Erst  hier  taucht  zum  erstenmal  die
absolut  einheitlich  organisierte  „Gesamtheit“  auf.  Die
Diktatur  des  Proletariats  „reift"  auf  dem  Wege  der  Evolution
zum  Kommunismus  und  stirbt  zugleich  mit  der  Staatsorgänisation
  der  Gesellschaft  ab.
Der  Uebergang  vom  Kapitalismus  zum  Sozialismus  vollzieht ­
  sich  durch  die  konzentrierte  Macht  des  Proletariats  —
den  Hebel  der  proletarischen  Diktatur.  Das  System  von  Maßnahmen, ­
  mit  Hilfe  derer  dieser  Uebergang  vollzogen  wird,  wird
*)  Nebenbei  bemerkt:  auf  dem  Verkennen  dieses  Umstandes  beruhen
alle  „Vorwürfe",  die  von  den  Kleinbürgern  der  Sozialdemokratie  gegen  die
Kommunistische  Partei  erhoben  werden.  Bestenfalls  protestieren  diese
Herren  gegen  die  „Hottentottenmoral"  und  schaffen  auf  diese  Weise  eine
prinzipielle  „Gleichstellung"  von  Kommunismus  und  kapitalistischer  Barbarei. ­
  In  der  Tat,  kann  denn  ein  „Demokrat"  das  „gleiche  Existenzrecht"
des  Wolfes  und  des  Schafes  leugnen?  Das  wäre  ja  gegen  die  göttliche  Gerechtigkeit, ­
        <pb n="143" />
        134

gewöhnlich  mit  dem  Terminus  „Sozialisierung"  oder  „Vergesellschaftung“ ­
  belegt.*)  Schon  aus  dem  Gesagten  geht  deutlich  hervor, ­
  daß  diese  Bezeichnung  nicht  ganz  exakt  ist.  Spricht  man  von
der  Vergesellschaftung  in  dem  Sinne,  daß  der  Arbeitsprozeß  im
ganzen  die  gesellschaftlichen  Bedürfnisse,  d,  h.  die  Bedürfnisse
der  ganzen  Gesellschaft,  als  System  befriedigt,  so  war  ja  eine
solche  „Vergesellschaftung“  auch  im  Rahmen  des  Kapitalismus
da.  Namentlich  dieses  meinte  Marx,  wenn  er  von  der  „vergesellschafteten ­
  Arbeit“  sprach.  Dasselbe  behauptete  auch
Rodbertus,  als  er  den  Satz  aufstellte,  daß  das  Wesen  der  Gesellschaft ­
  der  Kommunismus  sei.  Es  ist  jedoch  klar,  daß  in
diesem  Zusammenhang  von  etwas  anderem  die  Rede  ist.  Es
handelt  sich  hier  um  solche  Maßnahmen,  die  einen  neuen
Typus  der  Produktionsverhältnisse  auf  Grund  einer  radikalen
Veränderung  in  den  Eigentumsverhältnissen  schaffen  sollen.
Mit  anderen  Worten:  „die  Expropriation  der  Expropriateure“
muß  auch  den  Inhalt  des  sich  sozialisierenden  Prozesses  bilden.
Folglich  ist  unter  Sozialisierung  die  Uebertragung  der  Produktionsmittel ­
  in  die  Hände  der  Gesellschaft  zu  verstehen.  Jedoch
gerade  hier  kommt  eine  gewisse  Ungenauigkeit  der  Bezeichnung
zum  Vorschein.  Denn  in  der  Uebergangsperiode  zwischen  dem
Staatskapitalismus  und  dem  Kommunismus  ist  das  bewußt
wirtschaftende  Subjekt  nicht  die  „Gesamt-Gesellschaft",
sondern  die  organisierte  Arbeiterklasse,  das  Proletariat,
Dessenungeachtet,  wenn  wir  den  Prozeß  in  seiner  Gesamtheit
betrachten,  angefangen  mit  der  gewaltsamen  Expropriation  bis
zum  Absterben  der  proletarischen  Diktatur,  —  was  ja  auch  ein
*j  Für  die  internationale  opportunistische  Ideologie  ist  die  Tatsache
charakteristisch,  daß  dieser  Terminus  gebraucht  wird  als  Ersatz  für  „Expropriation ­
  der  Expropriateure"  und  „Konliskation”,  Dies  geschieht,  damit
man  leichter  reden  kann  von  „Sozialisierung"  im  Zusammenhang  mit  der
Ominösen  „Gesamtheit",  d.  h.  damit  man  auch  die  Maßnahmen  der  Staatsgewalt ­
  des  Kapitals  zu  der  „Sozialisierung"  zählen  kann.  Siehe  insbesondere
die  Arbeiten  Edmund  Fischers.
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        m

Prozeß  ist  —,  wird  der  Unterschied  zwischen  dem  Proletariat  und
der  Gesamtheit  der  gesellschaftlichen  Arbeiter  immer  geringer
und  geringer  und  verschwindet  schließlich  ganz.  Damit  ist  auch
die  Rechtfertigung  der  Bezeichnung  „Sozialisierung“  gegeben,*)
Wenn  wir  unter  Sozialisierung  Uebertragung  der  Produktions-i
mittel  in  die  Hände  des  organisierten  Proletariats  als  der  herrschenden ­
  Klasse  verstehen,  so  entsteht  die  Frage  nach  den  konkreten ­
  Formen  dieser  Uebertragung.  Dem  Wesen  nach  haben  wir
diese  Frage  in  den  vorigen  Kapiteln  untersucht.  Hier  sollen  nur
die  Begriffe  abgegrenzt  werden,  die  von  den  Gegnern  der  kommunistischen ­
  Umwälzung  beständig  durcheinander  geworfen  werden.
Es  ist  klar,  daß,  inwiefern  in  der  Uebergangspcriode  das  wirt-*)
  Otto  Bauer  stellt  in  seiner  Broschüre  „Der  Weg  zum  Sozialismus"  die
Vergesellschaftung  der  Verstaatlichung  gegenüber  und  sieht  in  der  ersteren
eine  Kombination  der  Organe  aus  Vertretern  der  Arbeiter,  Angestellten
und  Beamten  einerseits,  der  Konsumenten  andererseits,  des  Staates  als
neutraler  Größe  dritterseits;  die  Fabriken  sollen  neben  anderen  Maßnahmen ­
  an  landwirtschaftliche  Genossenschaften  (d.  h.  an  Syndikate)  verpachtet ­
  werden.  Die  Frage  der  Diktatur  wird  nicht  richtig  gestellt;  der  Staat
ist  eine  „Demokratie  überhaupt”.  Einen  viel  krasseren  Ausdruck  findet
dieser  absolut  bürgerliche  Standpunkt  bei  W.  Rathenau,  wo  die  „Vergesellschaftung“ ­
  sich  so  vollzieht,  daß  die  Produktion  sich  in  den  Händen
kapitalistischer  Berufsgruppen  konzentriert.  Betreffs  dieser  „Sozialisienmgstheorie"
  bemerkt  Dr.  Karl  Tyszka  (1.  c„  S.  25)  mit  Recht,  daß  eine
derartige  Konzeption  die  Wiedergeburt  der  mittelalterlichen  Zünfte  bedeutet. ­
  Prof.  Tyszka  selbst  zeigt  jedoch  nicht  das  geringste  Verständnis
für  den  Klasseninhalt  der  Sozialisierung.  Bei  Hermann  Beck  („Sozialisierung ­
  als  organisatorische  Aufgabe")  sind  die  Subjekte  des  Sozialisicrungsprozesses
  auch  die  „Interessenverbände  der  Unternehmer".  (S.  51.)  In  der
Konferenz  der  deutschen  Ingenieure  bezeichnete  Dr.  Prange  in  der  Diskussion ­
  eine  solche  Struktur  als  „veredelten  Kapitalismus"  und  deckte  somit ­
  die  Karten  auf.  E.  Fischer  („Vom  Privatkapitalismus  zum  Sozialismus");
der  klassische  Typus  des  sozialdemokratischen  Kretins,  spielt  die  ganze  Zeit
mit  dem  Begriff  der  Vergesellschaftung  und  Sozialisierung,  indem  er  sie  in
zwei  verschiedenen  Bedeutungen  anwendet  und  auf  Grund  dieses  Kunststückes ­
  das  glänzende  Resultat  erzielt,  daß  die  Sozialisierung  schon  längst
dagewesen  sei.  Prof.  Oppenheimer,  der  ausgezeichnet  versteht,  worum  es
sich  handelt,  verteidigt  die  kapitalistische  Position  durch  die  Theorie  der
Unreife.  Für  ihn  ist  jeder,  der  jetzt  nach  Sozialisierung  strebt,  ein
„Putschist",  „Blanquist"  usw.
        <pb n="145" />
        136

schaftende  Subjekt  die  sich  als  Staatsmacht  konstituierende
Arbeiterklasse  bildet,  insofern  die  Grundform  der  Sozialisierung
der  Produktion  deren  Verstaatlichung  oder  Nationalisierung  darstellt,*) ­
  Es  ist  jedoch  offensichtlich,  daß  die  Verstaatlichung
(Nationalisierung)  „überhaupt"  einen  ganz  verschieden  materiellen ­
  Klasseninhalt  birgt,  je  nach  der  Klassencharakteristik
des  Staates  selbst.  Wenn  man  nicht  —  wie  es  die  Vertreter
der  bürgerlichen  Wissenschaft  tun  —  den  Staatsapparat  als
eine  Organisation  neutral  mystischer  Natur  betrachtet,  so  muß
man  ebenso  einsehen,  daß  auch  alle  Funktionen  des  Staates
einen  Klassencharakter  tragen.  Daraus  folgt,  daß  man  die
bürgerliche  Nationalisierung  und  die  proletarische  Nationalisierung ­
  streng  auseinanderhalten  muß.  Die  bürgerliche  Nationalisierung ­
  führt  zu  einem  System  des  Staatskapitalismus,  Die
proletarische  Nationalisierung  führt  zu  einer  staatlichen  Gestaltung ­
  des  Sozialismus.  Genau  so  wie  die  proletarische  Diktatur
die  Negation,  der  Antipode  der  bürgerlichen  Diktatur  ist,
so  ist  die  proletarische  Nationalisierung  die  Negation,  der  voll
kommene  Gegensatz  der  bürgerlichen  Nationalisierung.
Dasselbe  muß  auch  von  den  verschiedenen  Arten  der
Munizipalisierung,  Kommunalisierung  usw.  gesagt  werden.
Theoretisch  ist  cs  im  höchsten  Grade  unrichtig,  diese  Begriffe
dem  Begriff  der  Verstaatlichung  entgegenzustellen.  Denn  das
System  der  sogenannten  „lokalen  Selbstverwaltung"  ist  in
jedweder  K/assengesellschaft  (folglich  in  einer  solchen  Gesellschaft, ­
  wo  der  Staat  besteht)  nichts  anderes  als  ein  Bestandteil ­
  der  lokalen  Apparate  der  staatlichen  Organisation  der  herr*) ­
  Die  letztere  Bezeichnung  ist  natürlich  nicht  ganz  exakt.  Erstens
verwechselt  sie  die  „Nation"  (die  „Gesamtheit")  mit  dem  Staate,  d.  h,  mit
der  Organisation  der  herrschenden  Klasse.  Zweitens  trägt  sie  den  Stempel
des  Zeitalters  der  Nationalstaaten.  Wir  behalten  diese  Bezeichnung  bei,
weil  sie  sich  eingebürgert  hat,  obwohl  keine  logischen  Gründe  dafür  bestehen. ­
        <pb n="146" />
        137

sehenden  Klasse.*)  Ein  bestimmter  Klassencharakter  der
Staatsgewalt  schafft  einen  ebenso  bestimmten  Klassencharakter
der  lokalen  Organe  dieser  Gewalt.  Man  muß  daher  die  proletarische ­
  Munizipalisierung  und  die  bürgerliche  Munizipalisierung
ebenso  streng  auseinanderhalten  wie  die  verschiedenen  Arten
der  „Nationalisierung",
Es  ist  selbstverständlich,  daß  außer  diesen  Grundformen,
wo  das  Proletariat  als  Gesamtheit  unmittelbar  den  Produktionsprozeß ­
  erobert,  eine  Reihe  von  niederen  Formen  dieses
selben  Prozesses  vorhanden  ist  (insbesondere  in  bezug  auf  die
Landbevölkerung).  Hier  ist  der  Zusammenhang  mit  dem  proletarischen ­
  Staate  geringer,  aber  er  ist  da.  Denn  die  proletarische ­
  Diktatur  ist  jener  Hebel,  der  die  alte  Ordnung  umkehrt
und  eine  neue  baut.  Letzten  Endes  ist  also  der  Sozialisierungsprozeß ­
  in  allen  seinen  Formen  eine  Funktion  des  proletarischen
Staates.

*)  Auf  dem  Verkennen  dieser  Tatsache  beruhte  die  Illusion  des  sogenannten ­
  „Munizipalsozialismus".  Gewiß,  im  Prozeß  des  Zerfalls  des
Kapitalismus  und  der  Revolution,  bei  unorganisierten  Aktionen  kann  die
Besitzergreifung  von  einzelnen  Bezirken  durch  das  Proletariat  und  eine
proletarische  „Munizipalisierung"  unter  der  Staatsgewalt  des  Kapitals  stattfinden. ­
  Aber  jeder  Leser  wird  einsehen,  daß  dies  eine  Kategorie  ganz
anderer  Ordnung  ist.  Im  Text  ist  von  relativ  stabilen  Gesellschaftssystemen
die  Rede.
        <pb n="147" />
        8.  Kapitel.

System  der  Produktionsverwaltung ­
  unter  der  Diktatur
des  Proletariats.
1.  Der  Klassencharakter  des  Staates  und  die  üerwallungsmeiOoden.
  2.  Die  proletarische  Verwaltung  der  Industrie  in
der  Periode  der  Zerstörung  des  kapitalistischen  Systems.
3.  Die  proletarische  Verwaltung  der  Industrie  in  kritischen
Perioden  („Militarisierung").  4.  Verwaltung  und  Schulung  in
der  Verwaltung  in  verschiedenen  Phasen  des  Transformationsprozesses. ­
  5.  Der  wahrscheinliche  Verlauf  der  Entwicklung.
Bei  der  Herrschaft  des  Kapitals  ist  die  Produktion  Produktion‘von ­
  Mehrwert,  Produktion  zuliebe  Gewinn,  Unter  der
Herrschaft  des  Proletariats  ist  die  Produktion  Produktion  zur
Befriedigung  der  gesellschaftlichen  Bedürfnisse,  Die  verschiedene ­
  funktionelle  Bedeutung  des  ganzen  Produktionsprozesses ­
  ist  gegeben  durch  den  Unterschied  in  den  Eigentumsverhältnissen ­
  und  im  Klassencharakter  der  Staatsgewalt*)
Theoretisch  ist  die  Vorstellung  vollkommen  falsch,  daß  eine
bestimmte  Klasse  an  eine  einzige,  in  ihren  Details  unveränderliche ­
  Form  der  Verwaltung  gebunden  sei.  Eine  beliebige
gesellschaftliche  Klasse  kann  sich  in  verschiedenen  Bedingungen
befinden,  an  die  die  Methoden  und  Formen  der  Verwaltung  angepaßt ­
  sein  müssen.  Diese  letzteren  werden  bestimmt  durch
*).  Vergl,  N.  Lenin.  Reden  auf  dem  9.  Kongreß  der  Russ.  Komm.  Part.
(Bolschewiki),
        <pb n="148" />
        139

Normen  der  technischen  Zweckmäßigkeit;  dabei  haben  die
verschiedenen  Formen  einen  und  denselben  Klasseninhalt,
wenn  bestimmte  Eigentumsverhältnisse  und  ein  bestimmter
Klassencharakter  der  Staatsgewalt  gegeben  sind.
Als  bestes  Beispiel  kann  die  Praxis  der  Bourgeoisie  dienen.
Von  den  Formen  der  „weitgehenden  Demokratie“  ist  die  Bourgeoisie ­
  im  Zeitalter  des  Imperialismus  zu  einer  Beschneidung
der  Rechte  des  Parlaments,  zu  dem  System  der  „kleinen
Kabinette“,  zu  der  Stärkung  der  Rolle  des  Präsidenten  usw.
übergegangen.  Aber  bedeutete  die  Beschneidung  der  „Rechte
des  Parlaments“  und  die  „Krise  des  Parlamentarismus“  auch
eine  Einschränkung  der  Rechte  der  Bourgeoisie  und  die  Krise
ihrer  Herrschaft?  Nicht  ira  geringsten.  Im  Gegenteil,  diese  Erscheinungen ­
  kennzeichneten  eine  Stärkung  der  Herrschaft  der
Bourgeoisie,  eine  Zentralisierung  und  Militarisierung  ihrer  Ge^
walt,  was  ja  in  der  Epoche  des  Imperialismus  gerade  vom  Standpunkt ­
  der  Bourgeoisie  eine  kategorische  Notwendigkeit  war.
Wenn  Spencer  meinte,  daß  der  „Industriestaat"  seinem
Wesen  nach  antimilitaristisch  sein  müsse,  weil  der  Militarismus
eine  spezifische  Eigentümlichkeit  des  Fcudal-Regimes  darstelle,
so  war  er  tief  im  Irrtum,  denn  er  erhob  die  Eigentümlichkeiten
einer  Phase  der  kapitalistischen  Entwicklung  zur  Universalform.
Der  Weltkonkurrenzkampf,  der  die  gesamte  Entwicklung  in  das
Zeichen  des  Krieges  versetzte,  zwang  die  Bourgeoisie,  die  Form
ihrer  Herrschaft  zu  ändern.  Aber  nur  vulgäre  Köpfe  können
darin  eine  Schmälerung  der  Rechte  der  Bourgeoisie  zugunsten
einer  nicht  existierenden  Größe  erblicken.  Nicht  einmal  das  sogenannte ­
  „Personen  -  Regime"  darf  man  der  Klassenherrschaft
entgegenstellen.  Im  Gegenteil,  bei  einer  bestimmten  Kombb
nation  der  Verhältnisse  kann  die  Klassenherrschaft  gerade  im
Personen-Regime  am  meisten  ihren  adäquaten  Ausdruck  finden.
So  z.  B.  die  Herrschaft  der  Großgrundbesitzer,  die  im  Absolutis-
        <pb n="149" />
        i40

müs  ihren  Ausdruck  fand.  So  die  bürgerliche  Diktatur  zur  Zeit
der  Bürgerkriege,  da  sie  ihre  vollkommenste  (d.  h,  an  die  Bedingungen ­
  des  Momentes  angepaßte)  Form  in  der  Diktatur  des
Säbels  findet.  Die  Aenderung  der  Verwaltungs/orm  kann  auch  in
der  Sphäre  der  Industrie-Verwaltung  Platz  finden,  je  nach  der
technischen  Zweckmäßigkeit.
Wenn  aber  diese  Grundsätze  überhaupt  richtig  sind,  so  sind
sie  auch  für  die  Periode  der  proletarischen  Diktatur  richtig.
Damit  wird  klar,  daß  die  verschiedenen  Systeme  der  Industrieverwaltung ­
  im  Prozeß  der  gesellschaftlichen  Transformation ­
  betrachtet  werden  müssen  in  strenger  Abhängigkeit  von
der  konkreten  Phase  der  Entwicklung.  Nur  bei  dieser  Methode
der  Betrachtung  kann  man  die  notwendige  Aufeinanderfolge  der
Formen  und  die  unvermeidlichen  Variationen  der  verschiedenen
Verwaltungssystcme  im  Rahmen  der  beständigen  „Klassenwesenheit"
  des  gegebenen  Systems  erfassen,
Die  ursprüngliche  Phase  der  Entwicklung  ist  die  Periode  der
Zersetzung  und  des  Bruches  der  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse ­
  und  zugleich  auch  die  Periode  der  Besitzergreifung
der  strategischen  Knotenpunkte  der  Oekonomik  durch  das  Proletariat. ­
  Im  allgemeinen  gesprochen,  setzt  diese  Periode  früher
ein  als  der  „Uebergang“  der  politischen  Macht  an  das  Proletariat, ­
  denn  die  Etappen  der  Revolution  (ihre  ideologischen,
politischen,  ökonomischen,  technischen  Stufen)  sind  nicht  scharf
voneinander  abgegrenzt,  und  die  eine  Periode  fließt  in  die  andere
über.  Der  Kampf  um  die  Sozialisierung  der  Produktion,  d.  h,
um  die  proletarische  Fabrik,  geht  auf  der  ganzen  Linie  vor  sich,
von  unten  herauf,  parallel  mit  dem  Anwachsen  der  revolutionären ­
  Woge.  Dieser  Kampf  findet  seinen  Ausdruck  darin,  daß
das  alte  System  zerklüftet  und  endgültig  gespalten  wird  von
solchen  Organisationen  wie  den  revolutionären  „Betriebskomitees" ­
  (Rußland),  „Betriebsräten"  (Deutschland)  oder  anderen.
        <pb n="150" />
        141

ähnlichen  Vertretungsorganen  der  im  Lauf  des  Kampfes  sich  zusammenschließenden ­
  Arbeiterklasse,  Diese  Phase  der  Entwicklung ­
  muß  in  erster  Linie  analysiert  werden.
In  der  betrachteten  Periode  befindet  sich  die  Gesellschaft
in  einem  Zustand  der  höchsten  Labilität,  Das  Wechselvcrhältnia
der  sozialen  Kräfte  ist  derart,  daß  ein  Gleichgewicht  auf  der
alten  Grundlage  absolut  unmöglich  ist.  Die  kapitalistische
Bourgeoisie  und  die  technischen  Kopfarbeiter,  die  in  der  Regel
in  dieser  Periode  mit  der  kapitalistischen  Bourgeoisie  marschieren, ­
  haben  kein  besonderes  Interesse  daran,  „die  Produktion ­
  in  Stand  zu  setzen",  Ihr  Augenmerk  ist  darauf  gerichtet,
dem  Sieg  der  Arbeiterklasse  vorzubeugen.  Die  Betriebe  werden
immer  mehr  „herrenlos".  Den  ersten  Versuch,  einen  neuen
„Herrn"  —  die  Arbeiterklasse  —  einzusetzen,  bilden  eben  die
genannten  Organisationen  des  Proletariats.  Ist  dieses  System
der  breiten  Kameradschaftlichkeit,  das  System  der  Betriebsräte,
das  technisch  Vollkommenste?  Gewiß  nicht.  Aber  gamicht
darin  besteht  seine  funktioneile  Rolle,  In  der  betrachteten
Periode  handelt  es  sich  um  die  ersten  Schritte  zur  Herstellung
eines  neuen  Gleichgewichts,  ohne  die  irgendein  Aufbau  tatsächlich ­
  vollkommenerer  Formen  undenkbar  ist.  Sogar  in  „normalen“ ­
  kapitalistischen  Zeiten  hielten  die  bürgerlichen  Organisatoren ­
  der  Produktion  das  Problem  des  Wechselverhältnisses
zwischen  den  Organen  der  Kapitalisten  und  denen  der  Arbeiter
für  eines  der  wichtigsten  Probleme  der  Verwaltung.*)  Hier  kann
dieses  Problem  überhaupt  nicht  gelöst  werden.  Es  kann  nur
die  Rede  sein  von  einem  Tasten  nach  einem  neuen  Gleichgewichtssystem. ­
  Auf  der  gegebenen  Entwicklungsstufe  darf  man  infolgedessen ­
  die  „vollkommene  technische  Verwaltung"  auch  gar
nicht  als  nächstliegende  Aufgabe  aufstellen.  Die  Bewältigung
dieser  Aufgabe  setzt  eine  gewisse  Stabilität  der  Produktions-*)

  Vergl,  z,  B,  Taylor.
        <pb n="151" />
        142

elcmente  voraus,  nicht  nur  der  sachlich-materiellen,  sondern
auch  der  Personenelemente.  Aber  in  der  betrachteten  Periode
gibt  cs  diese  Voraussetzung  nicht  und  kann  es  auch  nicht  geben.
Jedoch  in  gewissem  Sinne  kann  man  immerhin  auch  hier  von
einem  Schritt  vorwärts  reden.
In  der  Tat,  wir  sahen  oben,  daß  die  technischen  Pcrsoncnbeztchungen
  in  der  Arbeit  zugleich  auch  soziale  Beziehungen  sind.
Deshalb  stellt  vom  Standpunkt  des  Vergleichens  mit  der  absoluten ­
  Desorganisation  des  Wirtschaftsapparates,  da  dem  Unternehmen ­
  jedes  Organisationsprinzip  fehlt,  die  „Eroberung  der
Macht“  im  Betrieb  durch  die  proletarischen  Keimzellen  ein
Plus  dar,  ja  sogar  vom  Gesichtspunkt  der  Logik  der  „reinen
Produktion“.  Unermeßlich  wesentlicher  erscheint  diese  Machteroberung ­
  in  Hinblick  auf  ihre  Rolle  im  allgemeinen  historischen ­
  Prozeß,  Denn  nur  auf  diesem  Wege  kann  das  Eindringen
der  Arbeiterklasse,  als  organisierenden  Prinzips  in  den  Produktionsprozeß ­
  stattfinden.  Der  Sache  nach  ist  die  Aufgabe
eine  wirtschaftliche  Kampfaufgabe;  die  Arbeiterklasse  als
herrschende  Klasse  in  allen  Poren  des  Wirtschaftslebens  zu
befestigen.  In  technischer  Hinsicht  ist  dieses  System,  das  unvermeidlich ­
  die  weitestgehende  Kollegialität,  das  Prinzip  der
absoluten  Wählbarkeit  (dabei  segelt  diese  Wählbarkeit  unter
der  politischen  Flagge  und  nicht  unter  der  Flagge  der  technischen ­
  Ordnung),  die  häufige  Absetzbarkeit  und  —  kraft  weitgehender ­
  Kollegialität  —  eine  Dezentralisation  und  Zersplitterung ­
  der  Verantwortlichkeit  zur  Folge  hat,  lange  nicht  vollkommen,*) ­
  Aber  nur  dadurch  kann  die  Arbeiterklasse  ihre  Posi*) ­
  Deshalb  hat  Otto  Neurath  recht,  wenn  er  sagt,  daß  die  „Ausschüsse“
(„Komitees"  oder  „Räte“)  ihrer  Konstruktion  nach  für  rein  geschäftliche
Produktionsfunktionen  wenig  brauchbar  sind  (dasselbe  auch  bei  F.  Eulenherg
  l.  c.).  Doch  begreifen  diese  „Kritiker“  absolut  nicht  oder  tun  so,  als
wenn  sie  die  gesellschaftliche  und  gesellschaftlich  notwendige  Bedeutung
dieser  Uebergangsformen  nicht  begreifen.  Richtig  wird  die  Frage  von
Ing.  Hermann  Beck  auf  gestellt,  1,  c.
        <pb n="152" />
        tionen  im  Wirtschaftsleben  befestigen,  daß  sie  untere  Zellen  ihres
Verwaltungsapparates  ins  Leben  ruft,  Zellen,  die  sich  rasch  miteinander ­
  vereinigen,  mit  den  noch  im  „Schoß  des  Kapitalismus"'
ausgereiften  Organisationen  der  Arbeiterklasse  verwachsen  und
auf  diese  Weise  das  neue  Gewebe  des  proletarischen  Wirtschaftsapparates ­
  bilden.  Zersetzung  des  alten  und  roher  Entwurf
des  neuen  Apparates,  —  das  ist  der  von  uns  betrachtete  Typus
der  Produktionsverwaltung,
Es  wäre  angebracht,  hier  die  Analogie  mit  dem  Prozeß  anzuführen, ­
  der  sich  in  der  Armee  vollzieht.  An  Stelle  der  strengsten ­
  imperialistischen  Subordination  tritt  das  Prinzip  der  weitgehenden ­
  Wählbarkeit:  cs  entstehen  unzählige  Ausschüsse  in
allen  Kettengliedern  des  Armeeapparates;  die  Fragen  der  Armee
werden  zum  Gegenstand  der  weitestgehenden  Beratung  und
Diskussion;  die  „alte  Gewalt“  in  der  Armee  wird  endgültig  diskreditiert ­
  und  untergraben;  zu  tatsächlichen  Knotenpunkten  der
Gewalt  werden  die  neuen  Organe  und  durch  sie  die  neuen  Klassen. ­
  Was  ist  der  objektive  Sinn  dieses  Prozesses?  Der  erste  Und
wichtigste:  die  Zersetzung,  die  Zerstörung  der  alten  imperialistischen ­
  Armee.  Zweitens:  Schulung  und  Vorbereitung  aktiver
organisatorischer  Kräfte  für  die  künftige  proletarische  Armee,  eine
Schulung,  die  um  den  Preis  der  Zerstörung  des  alten  Systems
erkauft  wird.  Niemand  wird  behaupten  können,  daß  die  Regimentsausschüsse ­
  die  Armee  kampffähig  machen.  Aber  die  objek-i
tive  Aufgabe  besteht  ja  nicht  darin,  daß  die  Kampffähigkeit  der
alten  Armee  unterstützt  wird.  Im  Gegenteil,  sie  besteht  darin,
daß  diese  Armee  zerstört  und  die  Kräfte  für  einen  anderen
Apparat  vorbereitet  werden,  :
Jedoch  ungeachtet  aller  Aehnlichkeit  der  Prozesse  hier  und
dort  besteht  auch  ein  großer  Unterschied  zwischen  ihnen.  In  der
Produktion  wird  eine  große  Stetigkeit  des  ganzen  Prozesses  erhalten. ­
  Das  kommt  daher,  weil  im  Innern  des  kapitalistischen
        <pb n="153" />
        (44

Systems  die  Grundlage  des  Produktionsapparates  der  Zukunft,
in  erster  Linie  die  Gewerkschaften,  bereits  gegeben  war.  Entsprechende ­
  militärische  Organisationen  gab  cs  jedoch  nicht  und
konnte  es  auch  nicht  geben.  Deshalb  geht  im  Heer  die  Entwicklung ­
  sprungweise  vor  sich,  der  ganze  Prozeß  äußert  sich
krasser,  gröber,  man  möchte  sagen  revolutionärer.
Ganz  verschieden  von  dem  betrachteten  Fall  ist  der  Typus
der  proletarisch-militarisierten  Produktion.  Der  „militärische"
Typus  einer  beliebigen  Organisation  tritt  dann  auf  den  Plan,
wenn  das  betreffende  System  sich  in  kritischer  Lage  befindet.
Im  Kriege  hat  man  es  mit  einer  beständigen  Bedrohung  sowohl
der  einzelnen  Teile  des  kämpfenden  Apparates  (der  Armee)  als
auch  der  „Gesamtheit“  zu  tun.  Deshalb  ist  hier,  infolge  der
Existenzbedingungen  dieser  Organisation  selbst,  ein  ganz  bestimmter ­
  Typus  dieser  Organisation  erforderlich:  die  größte
Exaktheit,  die  unbedingte  und  unbestrittenste  Zucht,  eine  Raschheit ­
  der  Entschlüsse,  Einheit  des  Willens  und  daher  ein  Minimum ­
  an  Beraten  und  Reden,  ein  Minimum  an  Kollegien,  ein
Maximum  an  Einhelligkeit,  Andererseits  aber,  inwiefern  die
Elemente  der  Organisation  nicht  innerlich  zusammengeschweißt
sind,  nicht  selbst  alle  Beschlüsse  ausführen,  insofern  stützt  sich
die  Armee  auf  ein  System  von  Gewaltmaßnahmen,  die  gerade
auf  diesem  Gebiete  ihr  Maximum  erreichen  und  gerade  hier
Ihren  krassesten  Ausdruck  finden.
Das  letztere  Element  muß  dann  besonders  stark  sein,  wenn
die  Armee  rekrutiert  wird  aus  Elementen,  die  selbst  am  Kriege
nicht  interessiert  sind,  wenn  der  Krieg  gegen  ihre  Interessen
geführt  wird.  Ein  solcher  Krieg  ist  der  imperialistische  Krieg,
Aber  auch  unter  der  Herrschaft  des  Proletariats  spielt  das  Element ­
  der  Nötigung  und  der  Zwangsmaßnahmen  eine  große  Rolle,
eine  umso  größere  Rolle,  je  größer  der  Prozentsatz  der  nicht
rein  proletarischen  Elemente  einerseits  und  der  unbewußten
        <pb n="154" />
        10  Bucharln.'  Oefcooomlk.

145

oder  halbbewußten  Elemente  unter  dem  Proletariat  selbst  andererseits ­
  ist.*)  In  diesem  Fall  bildet  die  „Militarisierung“**)
der  Bevölkerung  —  vor  allem  in  der  Armecorganisation  —  eine
Methode  der  Selbstorganisierung  der  Arbeiterklasse  und  der  Organisierung ­
  des  Bauerntums  durch  die  Arbeiterklasse.
Inwiefern  die  proletarische  Diktatur  und  ihr  klassischer
Typus  —  die  Sowjetform  des  Staates  —  sich  in  kritischer  Lage
befinden,  insofern  ist  es  auch  klar,  daß  sie  den  Charakter  einer
militärisch-proletarischen  Diktatur  annehmen  müssen.  Dies  bedeutet, ­
  daß  die  Geschäftsapparate  der  Verwaltung  einschrumpfen, ­
  die  breiten  Körperschaften  durch  enge  ersetzt
werden,  alle  vorhandenen  Organisatoren  und  Administratoren
aus  der  Arbeiterklasse  auf  die  sparsamste  Art  verteilt  werden.
Dieselbe  Erscheinung  —  in  verstärkter  Form  —  entsteht
notwendigerweise  bei  der  Gefahr  einer  wirtschaftlichen  Katastrophe. ­
  Diese  Gefahr  wird  erzeugt  durch  die  wirtschaftliche
Erschöpfung  während  des  imperialistischen  Krieges  und  des
Bürgerkrieges,  Soweit  der  Schwerpunkt  der  proletarischen
Aufgaben  auf  das  Gebiet  des  wirtschaftlichen  Aufbaus  übertragen ­
  wird,  wo  das  Grundgewebe  der  Wirtschaftsapparate
bereits  von  Administratoren  aus  der  Arbeiterklasse  durchdrungen ­
  ist,  wo  die  Arbeiterorganisationen  bereits  zur  Grundlage, ­
  zum  Grundstock  dieser  Apparate  geworden  sind,  ist  dort
*)  Versteht  man  unter  Miliz  eine  ideale  Miliz,  wo  alle  ihre  Funktionen
freiwillig  erfüllen,  ähnlich  wie  die  Orchesterteilnehmer  auf  den  Dirigentenstab ­
  hören,  so  kann  man  auf  sie  Engels'  Worte  anwenden:  „Erst  eine  kommunistisch ­
  eingerichtete  und  erzogene  Gesellschaft  kann  sich  dem  Milizsystem
sehr  nähern,  und  auch  da  noch,  ohne  es  zu  erreichen,“  (Zitiert  nach  Franz
Mehring:  „Karl  Marx",  Leipzig  1918,  S.  308.)
**)  Eigentlich  ist  hier  die  Bezeichnung  „Militarisierung"  usw.  ganz  unanwendbar, ­
  denn  sowohl  die  militärische  Organisation  des  proletarischen
Staates  als  auch  der  militärische  Typus  der  Organisation  der  Industrie  hat
hier  eine  ganz  andere  Bedeutung.  Der  „rote  Militarismus”  ist  eine  geradezu
barbarische  Wortkombination.  Aber  die  Spracharmut  und  „Usus“  zwingen
uns,  hier  das  Wort  „Militarisierung"  zu  gebrauchen.
        <pb n="155" />
        mit  absoluter  Sicherheit  eine  Umgestaltung  dieser  Apparate
wahrzunehraen,  eine  Umgestaltung,  die  sich  in  der  Richtung  der
Abnahme  der  Kameradschaftlichkeit  und  in  manchen  Fällen  (in
einzelnen  Betrieben  usw,)  der  Einführung  der  Einzelverwaltung
bewegt.  Dieses  letztere  bedeutet  weder  eine  Verringerung
der  Rechte  der  Klasse,  noch  eine  Herabsetzung  der  Rolle  ihrer
Organisationen.  Dies  ist  die  zusammengepreßte,  verdichtete
Form  der  proletarischen  Verwaltung  der  Industrie,  eine  Form*
die  an  die  Verhältnisse  des  raschen  Arbeitens,  an  das  „Kriegstempo" ­
  angepaßt  ist.  In  technischer  Hinsicht  ist  diese  Form
weit  vollkommener,  denn  ihre  Bedeutung  liegt  nicht  darin,  daß
das  Alte  zerstört  wird  oder  daß  nur  die  Herrschaft  der  neuen
Verhältnisse  gesichert  und  die  Massen  erzogen  werden;  der
Schwerpunkt  liegt  hier  gerade  in  dem  Ausbau  des  Geschäftsapparates, ­
  in  einem  stetigen  und  exakten  Verlauf  der  Arbeit,
Diese  Aufgabe  wird  von  der  Revolution  gelöst,  nachdem  die
Grundlage  des  proletarischen  Verwaltungsapparates  überhaupt
geschaffen  worden  ist.  Hier  braucht  man  nicht  mehr  das  Augenmerk ­
  auf  das  Problem  der  Festigung  der  Klassenposition  des
Proletariats  zu  konzentrieren  —  diese  Frage  ist  im  wesentr
liehen  gelöst  —;  hier  liegt  das  Schwergewicht  nicht  in  der  prinzipiellen ­
  Veränderung  der  Produktionsverhältnisse,  sondern  in
dem  Auffinden  einer  solchen  Form  der  Verwaltung,  die  ein
Maximum  von  Tüchtigkeit  garantiert.  Das  Prinzip  der  weitgehenden ­
  Wählbarkeit  von  unten  herauf  (gewöhnlich  sogar
durch  die  Arbeiter  nach  den  Fabriken)  wird  ersetzt  durch  das
Prinzip  der  sorgfältigen  Auslese  in  Abhängigkeit  von  dem  technischen ­
  und  administrativen  Personal,  der  Kompetenz  und  der
Zuverlässigkeit  der  Kandidaten,  An  die  Spitze  der  Betriebsverwaltungen ­
  treten  verantwortliche  Personen  —  Arbeiter  oder
Fachleute.  Aber  sie  werden  gewählt  und  eingesetzt  von  den
Wirtschaftsorganen  der  proletarischen  Diktatur;  sic  werden  auf146 ­
        <pb n="156" />
        !0*  Bucharin:  Oekonomtk.

147

gestellt  und  empfohlen  ebenfalls  vop  Arbeiterorganisationen,
Innerhalb  dieses  Systems  kann  jeder  beliebige  Ingenieur  keine
andere  Funktion  erfüllen  als  diejenige,  die  das  Proletariat  von
ihm  fordert.
Dieser  Typus  der  proletarischen  Verwaltung  der  Industrie
ist  bloß  unter  bestimmten  Bedingungen  möglich  und  zweckmäßig: ­
  vor  allem  setzt  er  eine  Festigkeit  der  bereits  entstandenen ­
  Sowjetmacht,  ein  gewisses  schon  vorhandenes  soziales ­
  Gleichgewicht  auf  neuer  Basis  voraus.  Ein  solches  System
wäre  unmöglich  und  unzweckmäßig  in  der  ersten  Phase  der  Umwälzung, ­
  in  der  Phase  der  Zerstörung  der  alten  Zusammenhänge
und  der  Eroberung  der  Produktionspunkte.  Dies  muß  mit  aller
Entschiedenheit  betont  werden,*)
Hier  muß  noch  eine  Frage  berührt  werden,  die  mit  den  bereits ­
  untersuchten  im  Zusammenhang  steht.  Nämlich  die  Frage
nach  dem  Verhältnis  der  Vcrmo/Zungsmethoden  zu  den  Methoden
der  Schulung  für  die  Verwaltung.  Eine  der  wichtigsten  Aufgaben
des  Sowjetregimes  überhaupt  ist  die  Heranziehung  der  breitesten ­
  Massen  zur  unmittelbaren  Verwaltungsarbeit,  Genau  so
steht  die  Frage,  wenn  wir  von  den  wirtschaftlichen  Organisationen ­
  des  Staatsapparates  reden.  In  der  ersten  Periode  verschmilzt ­
  die  Funktion  der  Schulung  mit  der  Funktion  der  Verwaltung ­
  selbst.  Anders  könnte  cs  auch  nicht  sein.  Die  bürgerlichen ­
  Organisatoren  der  Produktion,  die  technischen  Kopfarbeiter, ­
  gehen  dann  gegen  das  Proletariat;  die  Arbeiter  haben
*)  Deshalb  sind  z.  B,  die  Beschlüsse  des  9,  Kongresses  der  Russ,
Komm,  Partei,  die  für  die  entsprechende  Periode  im  Dasein  der  russischen
Sowjetrepublik  vollkommen  richtig  waren,  absolut  unbrauchbar  für  den
chronologisch  gleichen  Moment  in  anderen  Ländern,  Wir  können  hier
nicht  über  das  allgemeine  System  der  Verwaltung  ausführlich  sprechen  und
verweisen  diejenigen,  die  sich  dafür  interessieren,  auf  folgende  Quellen;
Protokoll  des  9.  Kongresses  der  R.  K.  P„  die  Zeitung  „Oekonomitscheskaja
schisn“  für  die  zweite  Hälfte  März  und  erste  Hälfte  April  1920,  Protokoll
des  III.  Kongresses  der  Gewerkschaften.
        <pb n="157" />
        148

noch  keine  administrative  Erfahrung,  aber  auf  ihren  Schultern
lastet  alles.  Bei  dieser  Sachlage  verwaltet  die  Vorhut  des  Proletariats, ­
  indem  sie  lernt,  und  lernt,  indem  sie  verwaltet.  Einen
anderen  Ausweg  gibt  es  auf  der  ersten  Stufe  des  Aufbaus  des
Sozialismus  nicht.  Aber  zur  Erfüllung  dieser  Aufgaben  ist  gerade ­
  die  Form  eines  breit  durchgeführten  Systems  der  Kameradschaftlichkeit ­
  brauchbar.  Dies  ist  nicht  so  sehr  eine  Art  Verwaltung, ­
  als  vielmehr  eine  Schule  der  Verwaltung.  Es  ist  jedoch
evident,  daß  man  aus  der  Not  keine  Tugend  machen  darf.  In
den  weiteren  Phasen  der  Entwicklung,  insofern  die  Positionen
der  Arbeiterklasse  als  herrschende  Klasse  sich  gefestigt  haben,
und  insofern  eine  feste  Grundlage  einer  kompetenten  Verwaltung ­
  der  Industrie  entstanden  ist,  deren  Basis  schon  eine  Schicht
ausgesonderter  Arbeiteradministratoren  ist;  insofern  andererseits ­
  die  technische  Intelligenz  wie  der  verlorene  Sohn  in  den
Produktionsprozeß  zurückkehrt,  —  insofern  trennt  sich  die
Funktion  der  Verwaltung  von  der  Funktion  der  Schulung  für
diese  Verwaltung,  Das  Erlernen  der  Verwaltung  wird  nicht
mehr  erkauft  um  den  Preis  beständiger  Fehler  in  der  Verwaltung ­
  selbst.  Immer  breitere  Massen  werden  interessiert  und
erlernen  die  Industrievcrwaltung  in  besonderen  Aemtern  und
eignen  sich  die  speziellen  Methoden  und  Praktiken  viel  systematischer ­
  an,  als  dies  in  der  vorhergehenden  Phase  möglich
gewesen  war.*)
')  In  Rußland  hat  diesen  Gedanken  zuerst  Genosse  Trotzki  hervorgehoben. ­
  Gut  formuliert  wird  er  vom  Ing.  Hermann  Beck;  „Eine  vielköpfige ­
  Versammlung  kann  nicht  Entscheidungen  fällen,  am  wenigsten  im
Wirtschaftsleben  mit  seinen  komplizierten  Zusammenhängen  und  der
Folgenschwere  jedes  Beschlusses.  Zunächst  muß  einmal  ausgesprochen
werden,  daß  es  nicht  Aufgabe  der  Betriebsräte  ist,  in  den  Gang  der  technischen ­
  und  wirtschaftlichen  Betriebsverwaltung  laufend  hineinzureden,  so
wenig  wie  ein  Parlament  in  die  laufenden  Geschäfte  der  Staatsverwaltung
sich  hineinmischen  kann.  Die  Verwaltung  eines  Unternehmens  kann  auch
absolut  nicht  von  Ausschüssen  und  Räten  geführt  werden,  sie  muß  von  verantwortlichen, ­
  fachmännisch  geschulten  und  selständig  handelnden  Einzel-
        <pb n="158" />
        Welches  ist  der  wahrscheinliche  Verlauf  der  weiteren  Entwicklung ­
  auf  dem  Wege  zum  Kommunismus?  Soweit  die
Schärfe  der  wirtschaftlichen  Krise  (der  Krise  der  Erschöpfung)
nachlassen  wird  und  sich  immer  größere  Mengen  Menschenmaterials ­
  anhäufen  werden,  das  imstande  und  fähig  wäre,  zu  verwalten, ­
  wird  man  auch  den  scharf  ausgesprochenen  militärischen ­
  Typus  der  Verwaltung  nicht  mehr  brauchen.  Bei  all  seinen
absoluten  Vorzügen  hat  er  auch  gewisse  große  Nachteile,  die
sich  aus  dem  Typus  der  Zwangsdisziplin  ergeben.  Er  ist  unbedingt ­
  notwendig  unter  Verhältnissen,  wo  man  rasch  und  entschlossen ­
  handeln  muß;  dann  verschwinden  seine  Nachteile
unter  seinen  Vorzügen.  Hat  er  jedoch  seine  Bestimmung  einmal
erfüllt,  wird  er  von  einer  neuen  Phase  des  „entfalteten"  Systems
der  Verwaltung  abgclöst,  die  keineswegs  eine  einfache  Wiederholung ­
  der  durchgemachten  Stufe,  sondern  eine  Synthese  der
zwei  vorhergegangenen  Stufen  darstellt.  Dann  wird,  um  mit
Hegel  zu  sprechen,  die  erste  Phase  die  These,  die  zweite  die
Antithese  und  die  dritte  ihre  Vereinigung  zu  einer  höheren  Einheit ­
  sein.  Die  Entwicklung  wird  natürlich  dabei  nicht  stehen
bleiben.  In  dem  Maße,  wie  die  Staatsgewalt  und  jede  Zwangsnormierung ­
  in  den  menschlichen  Beziehungen  absterben  wird,
Persönlichkeiten  geleitet  werden  .  .  .  Die  Bedeutung  aller  dieser  Kollektivorgane ­
  kann  nur  darin  liegen,  die  Betriebsverfassung  sowie  Richtung  und
Geist  der  Produktionsleistung  fcstzulegen  und  die  Handhabung  der  Betriebsführung ­
  laufend  zu  überwachen  .  .  .  Dagegen  ist  eine  zweite  wichtige
Funktion  der  Ausschüsse  und  Räte  die  der  Auslesevorrichtung."  („Sozialisierung ­
  als  organisatorische  Aufga-e“,  S.  52.)  Und  an  anderer  Stellei
„Nur  Verbohrtheit  kann  leugnen,  daß  Betriebsrat  und  Arbeiterrat  die  wertvollsten ­
  Neuschöpfungen  politischer  Organisation  sind,  obschon  sie  heute
vielfach  noch  unfruchtbare  Schwatzklubs  sind  ,  ,  .  Man  muß  sich  eben
hüten,  über  die  Unreife  der  ersten  Entwicklungsphase  einer  Organisationsfotm
  ihren  echten  Kern  zu  übersehen,"  (Eröffnungsansprache,  S.  8.)  Ungeachtet ­
  der  letzten  Bemerkung  begreift  Beck  selbst  lange  nicht  die  spezifischen ­
  Eigentümlichkeiten  des  Transformationsprozesses.  Daher  seine  Organisationspläne ­
  die  ihrer  Konstruktion  nach  absolut  unbrauchbar  sind  gerade
für  die  Zeit,  für  die  sie  ihr  Verfasser  selbst  bestimmte.

149
        <pb n="159" />
        wird  die  kommunistische  Menschheit  den  höchsten  Typus  der
„Soc/iverwaltung“  schaffen,  wo  das  Problem  der  Kameradschaftlichkeit ­
  oder  Einzelpersönlichkeit  ganz  gleich  in  welcher
Form,  selbst  verschwinden  wird,  denn  die  Menschen  der  Zukunft
werden  freiwillig  das  tun,  was  die  trockenen  Resultate  der
statistischen  Berechnung  von  ihnen  fordern  werden.  Die
Personenverwaltung  wird  für  immer  verschwinden.
        <pb n="160" />
        151

9.  Kapitel
Die  ökonomischen
Kategorien  des  Kapitalismus
in  der  Uebergangsperiode.*)
1.  Die  Methodologie  der  marxistischen  Oekonomik:  die  objektiv-gesellschaftliche,
  materiell-produktive  und  historisch  ■
dialektische  Methode.  2.  Postulat  des  Gleichgewichts  des
Produktionssystems.  3.  Modifikation  dieser  Gesichtspunkte
während  der  Uebergangsperiode:  unproduktive  Gewinnung  von
Gebrauchswerten,  Mangel  einer  richtigen  Reproduktion  usw.;
Gleichgewichtsmangel.  4.  Ware.  5.  Wert.  6.  Preis.  7.  Cohn
und  Profit.  Ö.  „Naturalisation"  des  ökonomischen  Denkens.
Bei  der  Untersuchung  der  Oekonomik  der  Transformationsperiode ­
  hat  man  es  nicht  allein  mit  ,,reinen"  Formen  und  Kategorien ­
  zu  tun.  Diese  Untersuchung  ist  auch  deshalb  so  schwer,
weil  hier  keine  feststehenden  Größen  vorhanden  sind.  Wenn  die
Wissenschaft  überhaupt  in  ihrem  jetzigen  Zustand  fließende
’)  Dieses  Kapitel  wurde  verfaßt  auf  Grund  der  Skizzen,  die  von
meinem  Freunde  Genossen  J.  Pjatakow  gemacht  wurden.  Wir  beabsichtigten, ­
  diese  Arbeit  gemeinsam  zu  schreiben.  Aber  praktische  Aufgaben
lenkten,  zu  meinem  größten  Bedauern,  Genossen  Pjatakow  von  dieser
Arbeit  ab  und  durchkreuzten  den  gemeinsamen  Plan,  Ich  mußte  dieses
Kapitel  teilweise  kürzen,  teilweise  ergänzen  und  entsprechend  dem  übrigen
Teil  des  Buches  umarbeiten.  An  vielen  Stellen  ist  der  Text  des  Genossen
Pjatakow  unverändert  geblieben.  Aber  auch  in  den  veränderten  Teilen
gehört  die  Grundlage  ihm.  N.  B.
        <pb n="161" />
        „Prozesse"  und  nicht  erstarrte  metaphysische  „Wesenheiten“
erforscht,  so  werden  gerade  in  der  Uebergangsperiode  aus
offensichtlichen  Gründen  die  Kategorien  des  Seins  durch  Kategorien ­
  des  Werdens  ersetzt,  Fließbarkeit,  Veränderlichkeit,  Beweglichkeit, ­
  —  diese  Züge  sind  in  viel  größerem  Maße  der
Uebergangsperiode  eigen  als  den  „normal“  sich  entwickelnden
Verhältnissen  innerhalb  des  festen  Produktionssystems.  Deshalb
entsteht  vor  uns  die  Frage:  taugen  oder  taugen  nicht  jene
Methoden  und  jene  Denkkategorien,  die  Marx  in  bezug  auf  die
kapitalistische  Gesellschaft  anwandte,  taugen  sie  jetzt,  zurzeit
des  Bruches  des  Kapitalismus  und  der  Fundamentlegung  einer
neuen  Gesellschaft?
In  der  Tat.  „Bei  der  Analyse  der  ökonomischen  Formen
kann  weder  das  Mikroskop  dienen  noch  chemische  Reagenzien.
Die  Abstraktionskraft  muß  beide  ersetzen.“  *)  Indem  Marx  bei
der  Erforschung  der  kapitalistischen  Form  der  Wirtschaft  diese
Kraft  der  Abstraktion  benutzte,  schuf  er  ein  ganzes  System  von
Begriffen,  ein  System  von  Werkzeugen  der  Erkenntnis  der
lebendigen  ökonomischen  Wirklichkeit.  Nicht  nur  in  den  Händen
eines  Genies,  sondern  auch  in  den  Händen  aller  darauffolgenden
Forscher  —  nicht  der  Apologeten  und  Sikophanten,  sondern
der  wirklich  wissenschaftlichen  Erforscher  der  Erscheinungen
des  Wirtschaftslebens  —  bildeten  diese  Begriffe  das  Hauptmittel
zur  wissenschaftlichen  Erfassung  des  Wirtschaftsprozesses,  Den
Wirtschaftsprozeß  wissenschaftlich  erfassen,  heißt,  ihn  in  seiner
Entwicklung  verstehen,  jede  Erscheinung  in  ihrem  Entstehen,
ihrer  Evolution  und  ihrem  Verschwinden  erfassen  und  verstehen, ­
  als  Teil  des  Ganzen,  bei  welcher  Art  wissenschaftlicher
Erfassung  die  von  Marx  markierten  Begriffe  wirkten,  ohne  zu
„versagen".  Die  Ecksteine  des  ganzen  Baues  der  theoretischen
Wirtschaftslehre,  d,  h,  der  Theorie  der  Wirtschaft  in  ihrer  kapi-")
  Karl  Marx;  „Das  Kapital“  Hamburg  1914  S.  VL

152
        <pb n="162" />
        talistischen  Form,  die  Grundbegriffe  des  ganzen  Systems,  waren
die  Begriffe  Ware,  Wert,  Preis.
Aber  die  Stunde  des  kapitalistischen  Eigentums  hat  geschlagen. ­
  Die  Expropriateure  werden  expropriiert.  Die  kapitalistische ­
  Produktion  gelangte  mit  der  Unvermeidlichkeit  eines
Naturprozesses  zu  einer  Negation  ihrer  selbst.  Die  kommunistische ­
  Revolution  erschüttert  das  ganze  Wirtschaftssystem  bis  zum
Fundament  und  zerschmettert  ketzerisch  den  „urewigen"  Tempel
des  Kapitalismus,  Es  beginnt  ein  Prozeß  gigantischer  wirtschaftlicher ­
  Verschiebungen  und  grandioser  Veränderungen,  ein  Prozeß
des  Umbaus  des  ganzen  Systems  der  Produktionsverhältnisse,
Das  Alte  verflicht  sich  mit  dem  Neuen,  das  Neue  kämpft  mit
dem  Alten,  überwindet  es  bald,  tritt  bald  ohnmächtig  zurück.
Wir  müssen  diesen  komplizierten  Prozeß  erkenntnistheoretisch
erfassen  und  werden  auch  hier  immer  wieder  zu  der  Kraft  der
Abstraktion  Zuflucht  nehmen  müssen.*)
Schon  beim  ersten  ernsthaften  Versuch,  jenes  höchst  ruhelose ­
  Konkrete,  das  wir  als  Wirtschaft  der  Uebergangsperiode  bezeichnen, ­
  wissenschaftlich  zu  erfassen,  stoßen  wir  darauf,  daß  die
alten  Begriffe  der  theoretischen  Oekonomie  im  Nu  versagen.  Wir
stoßen  auf  einen  kuriosen  Widerspruch,  Die  alten  Kategorien  der
politischen  Oekonomie  bleiben  nach  wie  vor  Formen  der  praktischen ­
  Verallgemeinerung  der  sich  fortwährend  ändernden  lebendigen ­
  ökonomischen  Wirklichkeit,  Zu  gleicher  Zeit  aber  geben
diese  Kategorien  keine  Möglichkeit,  hinter  „die  Oberfläche  der
Erscheinungen“  zu  dringen,  d,  h.  sich  vom  vulgären  Denken  frei
zu  machen,  den  Prozeß  des  Wirtschaftslebens  in  seiner  Gesamt*) ­
  Daraus  folgt  natürlich  nicht,  daß  man  das  empirische  Material
nicht  verwerten  soll.  Im  Gegenteil.  Denn  „die  Methode,  vom  Abstrakten
zum  Konkreten  aufzusteigen,  ist  nur  die  Art  für  das  Denken,  sich  das  Konkrete ­
  anzueignen,  es  als  Konkretes  geistig  zu  reproduzieren.  (Karl  Marx:
„Zur  Kritik  der  politischen  Oekonomie",  Stuttgart  1920,  S,  XXXVI,)  Vergl.
auch  N,  Bucharin:  „Die  politische  Oekonomie  des  Rentners  (russisch,
1919,  S.  14).

153
        <pb n="163" />
        heit  und  in  seiner  Entwicklung  zu  verstehen.  Dies  ist  auch  begreiflich. ­
  Jene  elementaren  Beziehungen,  deren  ideologischen
Ausdruck  die  Kategorien  der  Ware,  des  Preises,  des  Arbeitslohns, ­
  des  Profits  usw.  bilden,  bestehen  in  der  Wirklichkeit  und
bestehen  zugleich  nicht.  Sic  bestehen  nicht  und  bestehen  gewissermaßen ­
  doch;  sie  bestehen,  als  würden  sic  nicht  bestehen.
Sic  fristen  eine  seltsame  gespenstisch-reale  und  zugleich  realgespenstische
  Existenz,  etwa  wie  die  Seelen  der  Entschlafenen
in  der  altslavischen  Vorstellung  oder  wie  die  heidnischen  Götter
in  der  frommen  christlichen  Kirche,  Deshalb  beginnen  die  alten
bewährten  Werkzeuge  des  marxistischen  Denkens,  die  von  Marx
auf  Grund  der  realen  Existenz  der  entsprechenden  Produktionsverhältnisse ­
  geprägt  wurden,  leicht  zu  versagen.  Aber  im  Gebrauch ­
  des  praktischen  Lebens  werden  sic  immer  noch  unkritisch
gchandhabt,  als  Mittel  zur  wirklichen  Erfassung  der  Erscheinungen
des  Wirtschaftslebens.*)
*)  Dies  macht  sich  auch  an  dem  Zustand  unserer  praktischen  Wirtschaftsliteratur ­
  bemerkbar.  Wir  greifen,  beispielshalber  eine  Nummer
der  seriösen  Zeitschrift  „Narodnoje  chosjastwo“  (Nr,  5,  1919)  heraus.  Da
schlagen  wir  den  Artikel  auf;  I.  D.  Michajlow:  „Die  Lage  des  Eisenbahntransports". ­
  Hier  finden  wir  Zahlen  des  Roheinkommens,  der  „Ausbeutungsunkosten", ­
  der  „Unkosten  für  die  Erhaltung  des  Personals“,  „Ausbeutungsunkösten
  pro  Werst“,  und  schließlich  „Reingewinne  oder  Defizit."  Alle
angeführten  Zahlen  bezeichnen  die  Summen  in  Rubeln  und  ziehen  den
Vergleich  für  1910—1918  und  sogar  für  die  erste  Hälfte  1919.  Ferner  berechnet ­
  der  Autor  gewissenhaft  und  beharrlich  den  „Selbstkostenpreis“  —
ebenfalls  in  Rubeln  —  von  einem  Pud  im  Jahre  1913,  14,  15,  16,  17  und
1918.  Indem  er  diese  arithmetischen  Uebungen  anstellt,  zieht  er  den
Schluß;  „Der  Selbstkostenpreis  des  Transportes  ist  also  in  den  vier  Jahren
mehr  als  um  das  fünfzigfache  gestiegen,“  Welchen  Sinn  haben  alle  diese
Berechnungen?  Der  sogenannte  „Rubel-Kurs“  macht  genau  solche  verwunderlichen ­
  Sprünge  wie  die  Ware  im  Kapitel  über  den  Fetischismus
bei  Marx  oder  die  Tische  der  Spiritisten.  Können  wir  den  Rubel  als
Maßeinheit  benutzen?  Dies  ist  die  eine  Seite  der  Frage,  Was  besagen
diese  Ziffern,  wenn  die  regulierende  Rolle  des  Marktes  verschwindet?  Der
Markt  ist  jedoch  nicht  ganz  verschwunden;  teilweise  besteht  „freier  Markt"
und  „freie  Preise";  teilweise  „Höchstpreise“,  und  teilweise  bekommt  man
die  Lebensmittel  „umsonst".  Aber  auch  das  genügt  nicht.  Was  besagen
        <pb n="164" />
        155

Das  theoretische  Verwerten  dieser  Kategorien  setzt  jetzt
das  vollkommene  Erfassen  ihres  beschränkt  historischen  Charakters ­
  voraus,  das  Erfassen  der  Grenzen  ihrer  Bedeutung,  das
Erfassen  der  Bedingungen,  des  Sinnes  und  der  Grenzen  ihrer  Anwendbarkeit ­
  bei  wirtschaftlichen  Verhältnissen,  die  auf  prinzipiell
andere  Geleise  überspringen.  Es  steht  uns  also  daher  bevor,
erstens  die  Ausgangspunkte,  die  „Methodologie“  der  theoretischen
Ockonomie  zu  analysieren  und  die  Rolle  ihrer  Grundbegriffe  festzustellen; ­
  zweitens  jene  Modifikationen  und  Einschränkungen
zu  verfolgen,  die  im  System  der  Uebergangswirtschaft  für  sie
entstehen,  }
Man  kann  drei  Charaktereigenschaften  der  marxistischen
ökonomischen  Methodologie  unterscheiden:  den  objektiv  gesellschaftlichen ­
  Standpunkt,  den  Gesichtspunkt  der  materiellen  Produktion ­
  und  schließlich  die  dialektisch  geschichtliche  Fragestellung, ­

Der  objektiv  gesellschaftliche  Standpunkt  statuiert  das
Primat  der  Gesellschaft  über  das  einzelne  Wirtschaftssubjekt,'
die  Einzelperson.  Er  betrachtet  die  letztere  nicht  als  „Atom“,
nicht  als  isolierten  Robinson,  sondern  als  Teilchen  des  sozialen
Systems,  „Die  Produktion  der  vereinzelten  Einzelnen  außerhalb
der  Gesellschaft  ...  ist  ein  ebensolches  Unding  wie  Sprachentwicklung ­
  ohne  zusammenlehende  und  zusammensprechende
Individuen,*“)
Der  Gesichtspunkt  der  materiellen  Produktion  behauptet  das
Primat  der  Produktion  über  den  Verbrauch  und  das  ganze  Wirtdiese
  Zahlen,  wenn  man  viele  Gegenstände  überhaupt  nicht  erhalten  kann
im  Ucberfluß,  d.  h,  wenn  die  Gcldgröße  absolut  inhaltslos  wird?  Alle  diese
Fragen  kommen  dem  Verfasser  dieses  Artikels  nicht  einmal  in  den  Kopi
Und  dies  ist  kein  vereinzelter  Fall,  Dies  ist  ein  typisches  Beispiel  der
eigentümlichen  Vulgarisierung  unserer  Tage.
")  Karl  Marx:  „Zur  Kritik",  Einleitung,  S.  XIV.
        <pb n="165" />
        156

schaftsleben  überhaupt.  Der  erste  (objektive  gesellschaftliche)
Standpunkt,  der,  wie  die  Mathematiker  sagen,  ein  notwendiger  ist,
reicht  keineswegs  für  die  Kennzeichnung  der  ganzen  Methode
aus.  Die  Gesellschaft  besteht  als  gewisses  stabiles  System.  Welche
sind  die  materiellen  Bedingungen  der  Existenz  dieses  Systems?
,  Daß  jede  Nation  verrecken  würde,  die,  ich  will  nicht  sagen  für
ein  Jahr,  sondern  für  einige  Wochen  die  Arbeit  cinstellte,  weiß
jedes  Kind.“*)  Die  Existenz  der  Gesellschaft  ist  durch  ihre
Produktion  bestimmt,  die  einen  „gesellschaftlich  bestimmten
Charakter"  hat.  Die  Gesellschaft  selbst  wird  vor  allem  betrachtet ­
  als  „Produktionsorganismus"  und  die  Wirtschaft  als
„Produktionsprozeß",  Die  Dynamik  der  Produktion  bestimmt
auch  die  Dynamik  der  Bedürfnisse,  Die  Produktion  als  Grundbedingung ­
  der  Existenz  der  Gesellschaft  ist  ein  gegebenes
Element.*  **)
Die  dialektisch  historische  Methode  betrachtet  die  Gesellschaft ­
  in  ihren  spezifisch  historischen  Formen  und  die  allgemeinen
Gesetze  der  gesellschaftlichen  Entwicklung  in  ihrer  konkreten
Erscheinung  als  Gesetze  einer  bestimmten  gesellschaftlichen  Formation, ­
  die  in  ihrer  Wirkung  durch  die  historischen  Grenzen
dieser  Formation  beschränkt  sind.***)  Deshalb  sind  auch  die
ökonomischen  Kategorien  „theoretische  Ausdrücke  historischer,
einer  bestimmten  Entwicklungsstufe  der  materiellen  Produktion
entsprechender  Produktionsverhältnisse,"!)  Sie  können  unter
keinen  Umständen  einen  Ewigkeitscharakter  tragen,  wie  es  die
')  Karl  Marx;  Briefe  an  Kugelmann,  Neue  Zeit  1901/02,  Jahrgang  19/20,
Seite  222.
**)  Vergl.  „Das  Kapital",  Band  I.
***)  Darin  besteht  die  stärkste  revolutionäre  Seite  der  marxistischen
Dialektik:  „Mit  der  Einsicht  in  den  Zusammenhang  stürzt  vor  dem  praktischen ­
  Zusammensturz  aller  theoretische  Glauben  in  die  permanente  Notwendigkeit ­
  der  bestehenden  Zustände."  (Briefe  an  Kugelmann,  1.  c.  S.  223.)
t)  Karl  Marx:  „Das  Elend",  S.  XXIX.
        <pb n="166" />
        157

bürgerliche  Wissenschaft  behauptet,  die  sie  deswegen  verewigt,
weil  sie  die  kapitalistische  Produktionsweise  verewigt.*)
Außer  diesem  Grundmerkmale  der  Marxschen  Methode  muß
noch  eine  methodologische  hervorgehoben  werden,  die  man  bedingt ­
  als  Postulat  des  Gleichgewichtes  bezeichnen  kann.  Wir
müssen  diese  Methode  besonders  ausführlich  behandeln  in  Anbetracht ­
  ihrer  außerordentlichen  Wichtigkeit  einerseits  und
ihrer  Verkennung  in  den  üblichen  Darstellungen  der  Marxschen
Lehre  andererseits.
Zur  theoretischen  Erfassung  des  kapitalistischen  Systems
der  Produktionsverhältnisse  geht  Marx  von  der  Tatsache  ihrer
Existenz  aus.  Existiert  einmal  dieses  System,  so  werden  —  ob
gut  oder  schlecht  —  die  gesellschaftlichen  Bedürfnisse  befriedigt,
wenigstens  in  einem  solchen  Grade,  daß  die  Menschen  nicht  nur
nicht  aussterben,  sondern  leben,  arbeiten  und  sich  vermehren.
In  der  Gesellschaft  mit  gesellschaftlicher  Arbeitsteilung  —  und
die  kapitalistische  Warengesellschaft  setzt  das  letztere  voraus  —
bedeutet  dies,  daß  ein  bestimmtes  Gleichgewicht  des  ganzen
Systems  vorhanden  sein  muß.  In  nötigen  Massen  produziert  man
Kohle,  Eisen,  Maschinen,  Kattune,  Leinwand,  Brot,  Zucker,
Stiefel  usw.  usw.  In  nötigen  Massen  wird  zur  Erzeugung  all
dessen  die  entsprechende  Menge  der  lebendigen  menschlichen
Arbeit  verwandt,  die  die  nötigen  Massen  von  Produktionsmitteln
benutzt.  Hier  können  allerlei  Abweichungen  und  Schwankungen
eintreten,  das  ganze  System  erweitert  sich,  kompliziert,  entwickelt
sich,  befindet  sich  in  beständiger  Bewegung  und  Schwankung,  beharrt
  aber  im  großen  und  ganzen  in  einem  Zustand  des  Gleichgewichts.**) ­

Die  Auffindung  dieses  Glcichgewichtsgesetzcs  bildet  das
*)  Ueber  diese  methodologischen  Grundsätze  vergl.  unsere  Arbeit:
„Die  politische  Oekonomie  des  Rentners”.
**)  Vergl.  Engels'  Polemik  gegen  Rodbertus  in  der  Einleitung  zu  Marx'
„Elend  der  Philosophie".
        <pb n="167" />
        Grundproblem  der  theoretischen  Oekonomie.  Das  Resultat  der
Betrachtung  des  ganzen  kapitalistischen  Systems  unter  der  Bedingung ­
  seines  Gleichgewichtes  bedeutet  die  theoretische  Oekonomie ­
  als  wissenschaftliches  System.
Jedes  Kind  „weiß,  daß  die  den  verschiedenen  Bedürfnismassen ­
  entsprechenden  Massen  von  Produkten  verschiedene  und
quantitativ  bestimmte  Massen  der  gesellschaftlichen  Gesamtarbeit
erheischen.  Daß  diese  Notwendigkeit  der  Verteilung  der  gesellschaftlichen ­
  Arbeit  in  bestimmten  Proportionen  durchaus  nicht
durch  die  bestimmte  Form  der  gesellschaftlichen  Produktion  aufgehoben ­
  wird,  sondern  nur  ihre  Erscheinungsweise  ändern  kann,
ist  seif  evident  .  .  .  Und  die  Form,  worin  sich  diese  proportionale
Verteilung  der  Arbeit  durchsetzt,  in  einem  Gcsellschaftszustand,
worin  der  Zusammenhang  der  gesellschaftlichen  Arbeit  sich  als
Privataustausch  der  individuellen  Arbeitsprodukte  geltend  macht,
ist  eben  der  Tauschwert  dieser  Produkte.“*)
So  kurz  und  bündig  ist  hier  die  Art  der  Lösung  des  Grundproblems, ­
  des  Problems  des  Wertes  ausgedrückt.
Betrachten  wir  die  ganze  Konstruktion  des  „Kapitals“  von
diesem  Standpunkt  aus,  so  sehen  wir,  daß  die  Analyse  mit  dem
festen  stabilen  Gleichgewichtssystem  anfängt.  Nach  und  nach
werden  kompliziertere  Momente  eingefügt.  Das  System  gerät  ins
Schwanken,  wird  beweglich.  Diese  Schwankungen  verlieren  jedoch ­
  ihren  gesetzmäßigen  Charakter  nicht,  und  ungeachtet  der
schroffsten  Gleichgewichtsstörungen  (Krisen)  wird  das  System
als  Ganzes  erhalten.  Durch  die  Störung  des  Gleichgewichtes
tritt  ein  neues  Gleichgewicht,  sozusagen  höherer  Ordnung  ein.
Erst  nachdem  man  die  Gesetze  des  Gleichgewichtes  erkannt  hat,
kann  man  weiter  gehen  und  die  Frage  nach  den  Schwankungen
des  Systems  aufwerfen.  Die  Krisen  selbst  werden  betrachtet
nicht  als  Aufhebung  des  Gleichgewichts,  sondern  als  seine
’)  Briefe  an  Kugelmann,  1.  c„  S.  222.
        <pb n="168" />
        Störung;  dabei  hält  Marx  es  für  notwendig,  das  Gesetz  dieser  Bewegung ­
  aufzufinden  und  zu  begreifen,  nicht  nur  wodurch  das
Gleichgewicht  gestört,  sondern  auch  wodurch  es  wiedcrhergestellt
wird.  Die  Krise  geht  nicht  über  die  Grenzen  der  Schwankung
des  Systems  hinaus.  Am  Ende  der  Betrachtung  sehen  wir
dieses  System  sich  bewegen,  schwanken;  aber  durch  alle  Bewegungen ­
  und  Schwankungen  des  Gleichgewichtes  hindurch  wird
es  immer  wieder  und  wieder  neu  hergestellt.  Das  Wertgesetz
ist  das  Gleichgewichtsgesetz  des  einfachen  Warensystems  der
Produktion.  Das  Gesetz  der  Produktionspreise  ist  das  Gleichgewichtsgesetz ­
  des  modifizierten  Warensystems,  des  kapitalistischen ­
  Systems,  Das  Gesetz  der  Marktpreise  ist  das  Gesetz
der  Schwankungen  dieses  Systems,  Das  Gesetz  der  Konkurrenz
ist  das  Gesetz  der  beständigen  Wiederherstellung  des  gestörten
Gleichgewichts.  Das  Gesetz  der  Krisen  ist  das  Gesetz  der  notwendigen ­
  periodischen  Gleichgewichtsstörung  des  Systems  und
seiner  Wiederherstellung,
Marx  stellte  stets  die  Frage  so;  das  Gleichgewicht  ist  gegeben, ­
  —  wie  ist  cs  möglich?  Das  Gleichgewicht  ist  gestört  —  wie
wird  es  wieder  hergestellt?  Das  ist  eben  das  Postulat  des  Gleichgewichtes, ­
  ist  die  Betrachtung  des  ganzen  Systems  in  jenem
typischen  Fall,  wo  die  Frage  nach  der  Möglichkeit  der  Nicht-,
Wiederherstellung  des  Gleichgewichtes  und  der  Möglichkeit  eines
Unterganges  des  Systems  nicht  gestellt  wird.*)
*)  Wir  verweisen  auf  folgende  höchst  interessante  Stelle  im  „Kapital
(Volksausgabe.  Band  I.  S.  301—302);  „Was  aber  stellt  den  Zusammenhang
her  zwischen  den  unabhängigen  Arbeiten  von  Viehzüchter,  Gerber,
Schuster?  Das  Dasein  ihrer  respektiven  Produkte  als  Waren.  Erst  das
gemeinsame  Produkt  der  Teilarbeiter  verwandelt  sich  in  Ware,  Die
gesellschaftliche  Teilung  der  Arbeit  (unterstellt)  Zersplitterung  der  Produktionsmittel ­
  unter  viele  voneinander  unabhängige  Warenproduzenten.
Während  in  der  Manufaktur  das  eherne  Gesetz  der  Verhältniszahl  oder
Proportionalität  bestimmte  Arbeitermassen  bestimmten  Funktionen  unterwirft, ­
  treiben  Zufall  und  Willkür  ihr  buntes  Spiel  in  der  Verteilung  der
Warenproduzenten  und  ihrer  Produktionsmittel  unter  die  verschiedenen

159
        <pb n="169" />
        160

Die  Betrachtung  des  gesellschaftlichen  und  dabei  irrationalen,
blinden  Systems  vom  Standpunkte  des  Gleichgewichtes  hat  natürlich ­
  nichts  gemein  mit  der  harmonia  praestabilitata,  denn  sie  geht
von  der  Tatsache  der  Existenz  dieses  Systems  und  der  Tatsache
seiner  Entwicklung  aus.  Das  letztere  unterstellt  den  Typus  dieses
Gleichgewichtes  als  bewegliches  und  nicht  statistisches  Gleichgewicht. ­

Das  sind  die  Grundlagen  der  Methodologie  der  theoretischen
Oekonomik,  Wir  müssen  jetzt  zur  Frage  übergehen,  welche  Bedeutung ­
  dieser  Standpunkt  in  bezug  auf  die  Periode  des  Zerfalls ­
  des  Kapitalismus  und  die  Periode  der  Herrschaft  des  Proletariats ­
  hat.

gesellschaftlichen  Arbeitszweige.  Zwar  suchen  sich  die  verschiedenen
Produktionssphären  beständig  ins  Gleichgewicht  zu  setzen,  indem  einerseits
jeder  Warenproduzent  einen  Gebrauchswert  produzieren,  also  ein  besonderes ­
  gesellschaftliches  Bedürfnis  befriedigen  muß,  der  Umfang  dieser
Bedürfnisse  aber  quantitativ  verschieden  ist  und  ein  inneres  Band  die  verschiedenen ­
  Bedürfnismassen  zu  einem  naturwüchsigen  System  verkettet,
indem  andererseits  das  Wertgesetz  der  Waren  bestimmt,  wieviel  die  Gesellschaft ­
  von  ihrer  ganzen  verfügbaren  Arbeitszeit  auf  die  Produktion  jeder
besonderen  Warenart  verausgaben  kann,  Aber  diese  beständige  Tendenz
der  verschiedenen  Produktionssphären,  sich  ins  Gleichgewicht  zu  setzen,
betätigt  sich  nur  als  Reaktion  gegen  die  beständige  Aufhebung  des  Gleiche
gewichts.  Die  bei  der  Teilung  der  Arbeit  im  Innern  der  Werkstatt  von
vornherein  und  planmäßig  befolgte  Regel  wirkt  bei  der  Teilung  der  Arbeit
im  Inneren  der  Gesellschaft  nur  hintennach  als  innere,  stumme,  im  Baroraeterwechsel
  der  Marktpreise  wahrnehmbare,  die  regellose  Willkür  der
Warenproduzenten  überwältigende  Naturnotwendigkeit.”  In  diesen  Worten
steckt  in  nuce  die  ganze  Marx'sche  Theorie  der  Warenwirtschaft,  und  hier
sehen  wir,  welche  Rolle  das  bei  der  ganzen  Untersuchung  stillschweigend
vorausgesetzte  Prinzip  des  Gleichgewichtes  spielt.  Interessant  ist,  wie  Marx
selbst  seine  wissenschaftliche  Methode  vorübergehend  kennzeichnet:  „Nachfrage ­
  und  Zufuhr  decken  sich  in  der  Tat  niemals  ...  In  der  politischen  Oekonomie
  wird  aber  unterstellt,  daß  sie  sich  decken,  warum?  Um  die  Erscheinungen ­
  in  ihrer  gesetzmäßigen,  ihrem  Begriff  entsprechenden  Gestalt
zu  betrachten,  d.  h.  sie  zu  betrachten  unabhängig  von  dem  durch  die  Bewegung ­
  von  Nachfrage  und  Zufuhr  hervorgebrachten  Schein."  („Das  Kapital",
Band  III,  Hamburg  1919,  S,  169.)  Dies  heißt  eben,  die  gesellschaftliche
Wirtschaft  im  Zustand  des  Gleichgewichtes  betrachten.
        <pb n="170" />
        11  Bucharm:  Oekonomik.

161

Die  gesellschaftlich  objektive  Methode  bleibt  obligatorisch
und  bedarf  keiner  Einschränkungen,  In  der  Tat,  auch  im  Prozeß
der  gesellschaftlichen  Transformation  hängt  das  Subjekt  in  seinen
Motiven  und  seinen  Handlungen  von  dem  gesellschaftlichen
Milieu  ab,  selbst  insofern  es  als  individueller  Warenproduzent
bestehen  bleibt.  Die  Aufgabe  besteht  darin,  den  Umbau  des  gesellschaftlichen ­
  Systems  zu  analysieren.  Hier:  a)  wächst  das
kollektive,  bewußt  v/irtschaftende  Gesamtsubjekt  —  der  proletarische ­
  Staat  mit  all  seinen  koordinierten  Organen;  b)  inwiefern
das  anarchische  Warensystem  beibehalten  wird,  insofern  wird
auch  das  irrationale,  blinde  „Fatum“  des  Marktes  beibehalten,
d.  h.  wiederum  das  gesellschaftlich  Elementare,  das  immer  mehr
unter  die  regulierende  Einwirkung  des  sich  herauskristallisierenden, ­
  gesellschaftlich  bewußten  Zentrums  gerät;  c)  endlich,  inwiefern ­
  die  Elemente  des  Zerfalles  der  sozialen  Bildungen  (z.  B.  die
Bildung  geschlossener  naturalwirtschaftlicher  Zellen)  vorhanden
sind,  werden  sie  einerseits,  in  ihren  Auswirkungen  durch  das
Wirtschaftsmilieu  „limitiert“  (ihre  innere  Umgestaltung  selbst  ist
eine  Funktion  gesellschaftlicher  Verschiebungen);  andererseits
werden  sie  in  immer  wachsendem  Grade  in  den  Aufbauprozeß
hineingezogen,  in  dem  sie  der  planmäßigen  Einwirkung  von  seiten
der  staatswirtschaftlichen  Organisation  des  Proletariats  beständig
unterliegen  (Arbeitspflicht,  allerlei  Naturalabgaben  usw,).  Auf
diese  Weise  geschieht  es,  daß,  selbst  wenn  die  einzelnen  Elemente
aus  dem  gesellschaftlichen  Produktionsprozeß  herausfallen,  sic
sich  in  der  beständigen  Einwirkungssphäre  befinden  und  selbst
betrachtet  werden  vom  Standpunkt  des  gesellschaftlichen  Systems
der  Produktion;  in  Momenten  ihrer  höchsten  Abgeschiedenheit
sind  sie  theoretisch  interessant  als  Objekt  der  gesellschaftlichen
Anziehung,  als  potentieller  Bestandteil  des  neuen  gesellschaftlichen ­
  Systems.
Jedoch  dessen  ungeachtet,  daß  die  Gültigkeit  der  objektiv
        <pb n="171" />
        162

gesellschaftlichen  Methode  bestehen  bleibt,  gewinnt  die  letztere
einen  veränderten  logischen  Ton.  Bei  der  Untersuchung  der  Gesellschaftsstruktur ­
  der  kapitalistischen  Warenwirtschaft  tragen
alle  Gesetzmäßigkeiten  den  Charakter  elementarer  Gesetzmäßigkeiten, ­
  einer  „blinden“  Kraft,  denn  der  ganze  gesellschaftliche
Produktionsprozeß  ist  irrational.  Bei  der  Untersuchung  der
Struktur  der  Uebergangsperiode  ist  die  Sache  anders,  denn  hier
findet  in  wachsendem  Verhältnis  eine  Rationalisierung  des  gesellschaftlichen ­
  Wirtschaftsprozesses  statt.
Der  Gesichtspunkt  der  materiellen  Produktion  bleibt  im
großen  und  ganzen  ebenfalls  gültig.  Er  erfährt  jedoch  wesentliche
Veränderungen  und  Einschränkungen,  Erstens  ist  der  Produktionsprozeß ­
  selbst  nicht  eine  a  priori  gegebene  Größe,  Genauer
gesagt;  während  in  den  „normalen“  Perioden  der  gesellschaftlichen ­
  Entwicklung  der  Prozeß  der  gesellschaftlichen  Reproduktion ­
  von  vornherein  gegeben  ist  und  eine  ununterbrochene  Erneuerung ­
  der  Produktionselemente  im  Verlauf  dieser  Produktion
selbst  vorausgesetzt  ist,  steht  der  Reproduktionsprozeß  in  der
Uebergangsperiode,  bei  der  Erschütterung  des  ganzen  gesellschaftlichen ­
  Arbeitsapparates,  im  Zeichen  der  Fraglichkeit.  Deshalb ­
  heißt  das  Problem  hier  nicht;  „wie  ist  Produktion  möglich?“,
sondern  „ist  Produktion  möglich?“  Dasselbe  kann  man  vom
Standpunkt  der  Produktivkräfte  folgendermaßen  ausdrücken:
wenn  zu  normalen  Zeiten  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte
die  stillschweigende  Voraussetzung  aller  theoretischen  Betrachtungen ­
  bildete,  so  entsteht  hier  die  Frage  sowohl  nach  der  Möglichkeit ­
  ihres  stationären  Zustandes,  als  auch  nach  der  Möglichkeit ­
  ihres  katastrophalen  Sinkens,
Zweitens  kann  eine  außerordentlich  starke  Verringerung
und  stellenweise  auch  Einstellung  des  Produktionsprozesses  eintreten.
  Soweit  die  Gesellschaft  nicht  ausstirbt,  wird  dies  auf
anderem  Wege  kompensiert:  a)  durch  eine  sparsamere  Verteilung
        <pb n="172" />
        11*  Bucharin:  Oekonomik,

163

der  Ueberreste  der  früheren  (rein  kapitalistischen)  Kreisläufe
der  Produktion,  —  hier  trennt  sich  der  Konsumtionsprozeß  von
dem  Produktionsprozeß  und  wird  mit  ihm  inkommensurabel;
b)  durch  zwangsmäßige  Erfassung  der  landwirtschaftlichen  Produkte ­
  aus  dem  Dorfe  (hier  besteht  der  Unterschied  zu  der  „normalen“ ­
  Lage  darin,  daß  diese  Erfassung  nur  zum  Teil  auf  unmittelbar ­
  wirtschaftlichen  Methoden  beruht,  folglich  nimmt  am
Reproduktions-Kreislauf  nur  die  eine  Hälfte  der  „Volkswirtschaft“ ­
  teil);  c)  durch  unproduktive  Methoden  der  Beschaffung
von  Produkten  (Kriegsbeute,  wenn  die  Magazine  von  Hand  zu
Hand  gehen  usw.).
Drittens,  inwiefern  der  Produktionsprozeß  vom  Konsumlionsprozcß
  getrennt  wird,  insofern  treten  —  sogar  dort,  wo  der
freie  Markt  bestehen  bleibt  —  die  Konsumtionsmotive  an  die
Oberfläche  der  Erscheinungen.
Die  dialektisch-historische  Methode  unterliegt  nicht  nur
keiner  Beschränkung,  sondern  drängt  sich,  im  Gegenteil,  in  den
Vordergrund,  Die  Formkomponenten  der  neuen  Beziehungen,  ihre
Verquickung  mit  den  alten,  mitunter  in  höchst  merkwürdigen
Kombinationen  —  all  dies  macht  aus  den  Produktionsverhältnissen
der  Uebergangsperiode  einen  Komplex  sui  generis.  Ferner  ist
vollkommen  klar,  daß  der  dialektisch-historische  Standpunkt,  der
das  Prinzip  der  beständigen  Veränderlichkeit  der  Formen,  das
Prinzip  der  Erkenntnis  der  Prozesse  hervorhebt,  unvermeidlich ­
  hervorgehoben  werden  muß  bei  der  Untersuchung  der
Periode,  in  der  Verschiebungen  der  sozialen  Schichten  mit  der
ungeheuren  Geschwindigkeit  geradezu  geologischer  Natur  stattfinden. ­
  Der  relative  Charakter  der  „Kategorie“  der  politischen
Oekonomie  wird  absolut  offenkundig.
Das  Postulat  des  Gleichgewichtes  gilt  nicht.  Das  Gleichgewicht ­
  ist  als  Zustand  zu  betrachten,  zu  dem  das  System  (wenn
es  existieren  wird)  gelangen  muß,  aber  auch  nicht  gelangen  kann.
        <pb n="173" />
        Es  gibt  keine  Proportionalität  zwischen  der  Produktion  und  der
Konsumtion  oder  zwischen  den  verschiedenen  Zweigen  der
Produktion.  (In  Klammem  hinzugefügt:  auch  keine  zwischen
den  Personenelementen  des  Systems.)  Deshalb  ist  es  grundsätzlich ­
  verfehlt,  die  Kategorien,  Begriffe  und  Gesetze,  die  dem  Zustand ­
  des  Gleichgewichts  adäquat  sind,  auf  die  Uebergangsperiode
  übertragen  zu  wollen.  Darauf  könnte  man  erwidern,
daß,  insofern  die  Gesellschaft  nicht  untergegangen  ist,  ein  Gleichgewicht ­
  besteht.  Eine  solche  Argumentation  wäre  jedoch
richtig,  wenn  der  Zeitabschnitt,  den  wir  betrachten,  eine  große
Länge  darstellte.  Außerhalb  des  Gleichgewichts  kann  die  Gesellschaft ­
  nicht  lange  leben  und  stirbt.  Aber  dieses  selbe  gesellschaftliche ­
  System  kann  eine  Zeitlang  in  „unnormalem“  Zustande, ­
  d.  h,  außerhalb  des  Gleichgewichtszustandes,  verharren.
In  diesem  Fall  wird  ein  gewisses  relatives  Gleichgewicht  (insofern ­
  wir  keine  Kompensation  außerhalb  der  Produktion  haben,
was  ja  auf  die  Dauer  auch  nicht  möglich  ist)  um  den  Preis  einer
teilweisen  Zerstörung  des  Systems  selbst  erkauft.
Auf  diese  Weise  kann  die  allgemeine  Charakteristik  der
Veränderungen  und  Variationen  in  der  Untersuchungsmethode
folgendermaßen  ausgedrückt  werden;  in  der  Analyse  der  Uebcrgangsperiode
  ist  eine  ganze  Reihe  methodologischer  Vereinfachungen ­
  unzulässig,  die  unter  den  Bedingungen  eines  festen
Produktionssystems  durchaus  zulässig  und  am  Platze  sind.  Bei
Marx  lautete  die  Fragestellung  so:  wie  ist  die  Existenz  einer
gegebenen  Wirtschaftsform  möglich  und  was  sind  die  Gesetze
ihrer  Entstehung,  ihrer  Entwicklung,  ihres  Verschwindens?
Die  für  die  Uebergangsperiode  veränderte  Fragestellung
lautet;  welche  sind  die  materiellen  Bedingungen  der  Existenz
der  Gesellschaft  im  gegebenen  Moment,  wie  lange  kann  sie
unter  den  gegebenen  Bedingungen  existieren;  wie  ist  die  Produk ­
        <pb n="174" />
        165

tion  möglich;  ist  die  Herstellung  eines  Gleichgewichtes  möglich;
welches  Resultat  würde  im  Gleichgewichtsfall  eintreten  und
welches  bei  einer  negativen  Beantwortung  dieser  Frage;  wie  ist
die  Veränderung  der  Produktionsverhältnisse  in  beiden  Fällen,
welches  sind  die  Bewegungsgesetze  in  beiden  Fällen  usw.?
Wir  haben  jetzt  zu  gewissen  Grundbegriffen  der  politischen
Oekonomie  überzugehen,  um  den  Grad  ihrer  Anwendbarkeit  auf
die  betrachtete  Periode  festzustellen.  Denn  „diese  Ideen,  diese
Kategorien  sind  ebensowenig  ewig  wie  die  Verhältnisse,  die  sie
ausdrücken.  Sie  sind  historische,  vergängliche,  vorübergehende
Produkte,“*)
Die  Grenzen  der  Anwendbarkeit  dieser  Kategorien  werden
sofort  klar,  wenn  wir  die  Grundbedingungen  der  Existenz  der
ihnen  (diesen  Kategorien)  entsprechenden  realen  Wechsclverhältnisse
  bestimmen,
Ware.  Diese  Kategorie  unterstellt  vor  allem  eine  gesellschaftliche ­
  Teilung  der  Arbeit  oder  ihre  Zersplitterung  und  das
sich  daraus  ergebende  Fehlen  eines  bewußten  Regulators  der
ökonomischen  Prozesse.  Im  Unterschied  der  Gebrauchswerte
der  Waren  offenbart  sich  die  gesellschaftliche  Arbeitsteilung,  in
ihrem  Werte  offenbart  sich  der  allgemeine  Arbeitszusammenhang ­
  zwischen  den  Teilen  des  Systems,  das  keinen  bewußten
Regulator  hat.  Damit  irgendein  Produkt  oder  einfach  ein  Gegenstand ­
  zur  Ware  wird,  ist  ein  Zustand  fester  gesellschaftlicher
Bindungen  nicht  unumgänglich  notwendig.  So  z,  B.  bei  den  sogenannten ­
  „zufälligen“  Abmachungen,  Hier  werden  oft  die  gesellschaftlichen ­
  Zusammenhänge  zum  ersten  Mal  festgelegt
(Uebersee-Kaufleute  in  seltenen  Expeditionen,  seltene  Kolonial*) ­
  K,  Marx:  „Das  Elend"  usw.,  S,  91,  Dort  finden  wir  auch  eine
andere  Formulierung  dieses  Gedankens;  „Die  ökonomischen  Kategorien
sind  nur  die  theoretischen  Ausdrücke,  die  Abstraktionen  der  gesellschaftlichen ­
  Produktionsverhältnisse."  (Ebenda,  S,  90.)
        <pb n="175" />
        waren,  Raubhandel  usw.).*)  In  allen  diesen  Fällen  kann  jedoch
die  Ware  keine  allgemeine  Form  sein.  Hier  fehlt  die  Warenproduktion ­
  und  Warenwirtschaft  als  Typus  der  gesellschaftlichen
Struktur,  hier  kann  sogar  eine  einheitliche  Wirtschaft  nichts  sein
(z.  B.  der  frühere  Kolonialaustausch).  Die  Ware  kann  nur  insofern ­
  eine  allgemeine  Kategorie  sein,  inwiefern  ein  beständiger
und  nicht  zufälliger  gesellschaftlicher  Zusammenhang  auf  einer
anarchischen  Basis  der  Produktion  vorhanden  ist.  Folglich,  inwiefern ­
  an  Stelle  der  Elementarkraft  ein  bewußter  gesellschaftlicher ­
  Regulator  tritt,  insofern  verwandelt  sich  die  Ware  in  Produkt ­
  und  verliert  ihren  Warencharakter.
Der  Wert  taucht  dann  auf,  wenn  wir  eine  regelmäßige
Warenproduktion  haben.  Hier  ist  nicht  der  zufällige,  sondern
der  beständige  Typus  des  anarchischen  Zusammenhanges  durch
den  Austausch  zwingend.  Auch  hier  ist  ein  Zustand  des  Gleichgewichtes ­
  notwendig.  Das  Wertgesetz  ist  auch  nichts  anderes
als  das  Gesetz  des  Gleichgewichtes  im  anarchischen  Warensystem, ­
  Von  diesem  Standpunkt  aus  ist  zum  Beispiel  klar,  daß
der  Tausch  von  Elfenbein  gegen  Korallen  (dort,  wo,  wie  Marx
sagte,  der  Austausch  wirklich  ein  Betrug  ist)  kein  Wertaustausch ­
  ist.  Nicht  jeder  Austausch  ist  ein  Warenaustausch  (wenn
Buben  Federn  tauschen  oder  wenn  der  proletarische  Staat  den
Produktenaustausch  zwischen  Stadt  und  Land  praktiziert).
Andererseits  ist  nicht  jeder  Warenaustausch  ein  Wer/austausch
(z,  B.  der  Austausch  auf  dem  „freien  Markte“  mit  seinen  hanebüchenen ­
  Preisen  ist  kein  Wertaustausch,  obwohl  er  ein  Warenaustausch ­
  ist).  Folglich  ist  der  Wert  als  Kategorie  des  kapitalistischen ­
  Warensystems  in  seinem  Gleichgewicht  am  wenigsten
brauchbar  für  die  liebergangsperiode,  wo  die  Warenproduktion
in  hohem  Grade  verschwindet  und  wo  das  Gleichgewicht  fehlt.
*)  Marx  unterscheidet  (Einleitung,  „Zur  Kritik")  neben  den  Produktionsverhältnissen ­
  abgeleitete  Produktionsverhältnisse.  Von  dem  Eintreten
der  letzteren  ist  auch  die  Rede.
        <pb n="176" />
        Der  Preis  ist,  allgemein  gesprochen,  ein  Ausdruck  des  Wertverhältnisses, ­
  Aber  nicht  immer.  Im  ersteren  Fall  kann  man
folgende  Variationen  unterscheiden:  a)  der  Wert  stimmt  mit  dem
Preis  der  Größe  nach  überein  (statisches  Gleichgewicht  des
einfachen  Warensystems);  b)  der  Wert  stimmt  der  Größe  nach
nicht  überein  (typischer  Fall);  c)  der  Preis  ist  eine  abgeleitete
Größe,  angepaßt  der  Ware,  die  an  sich  keinen  Wert  hat  (z.  B.
Wert  des  Grund  und  Bodens,  als  kapitalisierte  Rente).  Von
diesen  Fällen  muß  die  Schein-Form  unterschieden  werden,  wo
der  Preis  sich  auf  kein  Wertverhältnis  stützt.  Hier  ist  der  Preis
vom  Werte  vollkommen  losgelöst,  ln  der  Uebergangsperiode
kommt  also  der  Fall  der  Schein-Form  unvermeidlich  dem  typischen ­
  Fall  nahe.
Diese  Erscheinung  ist  ihrerseits  auch  an  den  Zusammenbruch
des  Geldsystems  geknüpft.  Das  Geld  stellt  jene  dinglich  gesellschaftliche ­
  Bindung,  jenen  Knoten  dar,  zu  dem  das  ganze  entfaltete ­
  Warensystem  der  Produktion  geschürzt  ist.  Begreiflich,
daß  in  der  Uebergangsperiode,  im  Prozeß  der  Vernichtung  des
Warensystems  als  solchen,  ein  Prozeß  der  ,,Selbstverneinung’‘
des  Geldes  stattfindet.  Er  drückt  sich  erstens  in  der  sogenannten
„Geldentwertung“  aus,  zweitens  darin,  daß  die  Verteilung  der
Geldzeichen  von  der  Verteilung  der  Produkte  unabhängig  wird
und  umgekehrt.  Das  Geld  hört  auf,  ein  allgemeines  Aequivalent
zu  sein,  und  wird  zum  konventionellen  —  und  dabei  höchst  unvollkommenen ­
  —  Zeichen  der  Produktenzirkulation,
Der  Arbeitslohn  wird  zur  Scheingröße,  die  keinen  Inhalt
hat.  Soweit  die  Arbeiterklasse  die  herrschende  Klasse  ist,  verschwindet ­
  die  Lohnarbeit.  In  der  sozialisierten  Produktion  gibt
es  keine  Lohnarbeit.  Und  inwiefern  es  keine  Lohnarbeit  gibt,
insofern  gibt  es  auch  keinen  Arbeitslohn  als  Preis  der  an  den
Kapitalisten  verkauften  Arbeitskraft.  Vom  Arbeitslohn  bleibt
bloß  seine  äußere  Hülle  erhalten  —  die  Geldform,  die  zusammen
        <pb n="177" />
        mit  dem  Geldsystem  der  Sclbstvcrnichtung  entgegengeht.  Im
System  der  proletarischen  Diktatur  erhält  der  „Arbeiter“  einen
gesellschaftlichen  Anteil  (in  Rußland  „Pajok",  Die  Uebers,),
aber  keinen  Arbeitslohn.
Ebenso  verschwindet  auch  die  Kategorie  des  Profites  sowie
die  Kategorie  des  Mehrwertes,  insofern  wir  von  neuen  Produktionskreisläufen ­
  reden.  Jedoch  in  dem  Maße,  wie  noch  der  „freie
Markt“  existiert,  Wucher  und  Schleichhandel  bestehen  usw,,  ist
auch  der  Spekulationsgewinn  da,  dessen  Bewegungsgesetze  anders
bestimmt  sind  als  im  normalen  kapitalistischen  System.  Hier
wirkt  die  monopolistische  Lage  des  Verkäufers  mit,  die  ihn  Produktenmassen
  aus  anderen  Sphären  aufsaugen  läßt.
Im  allgemeinen  gesprochen,  ist  eine  der  Grundtendenzen
der  Uebergangsperiode  das  Zerreißen  der  warenfetischistischen
Hüllen.  Zusammen  mit  dem  wachsenden  Naturalsystcm  der
Wirtschaftsverhältnisse  der  Gesellschaft  werden  auch  die  entsprechenden ­
  ideologischen  Kategorien  gesprengt.  Und  ist  dies
einmal  der  Fall,  so  erwächst  der  Theorie  des  Wirtschaftsprozesses ­
  die  Notwendigkeit,  zum  naturalwirtschaftlichen  Denken,
d,  h,  zu  der  Betrachtung  sowohl  der  Gesellschaft,  als  auch  ihrer
Teile  als  Systeme  von  Elementen  in  ihrer  Naturalform  überzugehen. ­
        <pb n="178" />
        IO.  Kapitel

Der  „außerökonomische"  Zwang
in  der  Uebergangsperiode.
1.  Gewalt  und  Zwang  in  ihrem  Verhältnis  zur  Oekonomik.
2.  Gewaltanwendung  In  den  Uebergangsperioden.  3.  Die
Staatsgewalt  als  konzentrierte  Gewaltanwendung.  4.  Die
ökonomische  Bedeutung  der  proletarischen  Diktatur.  5.  Gewalt ­
  und  Zwang  gegenüber  den  nichtproletarischen  Schichten. ­
  6.  Der  Zwang  als  Aeußerung  der  Selbslorganisaiion
der  Werktätigen.  7.  Absterben  des  Zwanges.
In  der  theoretischen  politischen  Oekonomie,  das  heißt  in
der  Wissenschaft,  die  die  elementaren  Gesetzmäßigkeiten  der
kapitalistischen  Warenwirtschaft  erforscht,  herrschen  ,,rein  ökonomische“ ­
  Kategorien  vor.  „In  der  wirklichen  Geschichte  spielen
bekanntlich  Eroberung,  Unterjochung,  Raubmord,  kurz  Gewalt
eine  große  Rolle.  In  der  sanften  politischen  Oekonomie  herrschte
von  jeher  die  Idylle.  Recht  und  „Arbeit“  waren  von  jeher  die
einzigen  Bereicherungsmittel,  natürlich  mit  jedesmaliger  Ausnahme ­
  von  diesem  Jahr.”*)  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß
im  ganzen  Verlauf  des  historischen  Prozesses  die  Rolle  der  Gewalt ­
  und  des  Zwanges  außerordentlich  groß  war.  Namentlich
auf  diesem  Boden  konnten  Theorien  aufwachsen,  die  in  der
Gewalt  das  Alpha  und  Omega  der  Geschichte  erblicken.**)
*)  Karl  Marx;  „Das  Kapital",  Band  I,  Volksausgabe,  S.  645.
**)  So  die  Arbeiten  von  E.  Dühring,  von  späteren  Autoren  Guraplowicz,
  von  den  neueren  Franz  Oppenheimer.

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Andererseits  beruht  auf  der  Negation  der  Gewalt  eine  ganze
Reihe  von  entgegengesetzten  Theorien,  die  einfach  die  erfahrungsgemäß ­
  gegebenen  Erscheinungen  nicht  sehen  wollen,
alle  jene  Tatsachen,  die  hartnäckig  eine  Erklärung  fordern.  Der
Marxismus  kann  nicht  dasjenige  wegdenken,  was  real  als  größter
historischer  Faktor  da  ist.  Die  Ausräuberung  der  Gemeindeländereien ­
  in  England  zur  Zeit  der  ursprünglichen  Akkumulation, ­
  die  Zwangsarbeit  der  Sklavenmassen  im  alten  Aegypten,
die  Kolonialkriege,  die  „großen  Aufstände“  und  „ruhmreichen
Revolutionen“,  der  Imperialismus,  die  kommunistische  Revolution ­
  des  Proletariats,  die  Arbeitsarmeen  in  der  Sowjetrepublik,
—  sind  denn  all  diese  so  verschiedenartigen  Erscheinungen  nicht
mit  der  Frage  des  Zwanges  verknüpft?  Gewiß  doch.  Der  vulgäre ­
  Forscher  möchte  sich  beruhigen,  indem  er  alles  unter  einen
Hut  bringt.  Der  Anhänger  der  dialektischen  Methode  muß  diese
Formen  in  ihrem  historischen  Zusammenhang  analysieren,  in
ihrer  Verbindung  mit  dem  Ganzen,  in  ihren  spezifischen  Eigentümlichkeiten, ­
  in  ihrer  —  mitunter  dem  Wesen  nach  ganz  entgegengesetzten ­
  —  funktionellen  Bedeutung,
Die  soziale  Gewalt-  und  Zv/angsanwendung  (und  nur  von
dieser  ist  hier  die  Rede)  steht  in  einem  zwiefachen  Verhältnis
zur  Oekonomie:  erstens  entsteht  sie  als  Funktion  dieser  Oekonomik;
  zweitens  wirkt  sie  ihrerseits  auf  das  ökonomische  Leben  ein.
In  dieser  letzteren  Rolle  kann  sich  der  Einfluß  in  zwei  Richtungen ­
  vollziehen:  entweder  in  der  Linie  der  sich  objektiv  entwickelnden ­
  ökonomischen  Beziehungen,  —  dann  befriedigt  er
das  reif  gewordene  gesellschaftliche  Bedürfnis,  beschleunigt  die
ökonomische  Entwicklung,  bildet  eine  fortschrittliche  Form  dieser
Entwicklung;  oder  er  steht  im  Gegensatz  zu  dieser  Entwicklung,
—  dann  verzögert  er  die  Entwicklung,  bildet  ihre  „Fesseln“  und
muß  im  allgemeinen  einer  anderen  Form  des  Zwanges  mit
anderem,  wenn  man  sich  so  ausdrücken  darf,  mathematischen
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        171

Vorzeichen  Platz  machen.*)  Besonders  plastisch  offenbart  sich
die  Rolle  der  Gewalt  in  den  „kritischen  Epochen“,  „Die  Kriege
und  Revolutionen  sind  die  Lokomotiven  der  Geschichte.“  Und
diese  beiderlei  „Lokomotiven“  stellen  Formen  —  und  dabei  am
schärfsten  ausgedrückte  Formen  der  Gewalt  dar,  Marx  schrieb
über  den  Uebergang  vom  Feudalismus  zum  Kapitalismus:  „Diese
Methoden  beruhen  zum  Teil  auf  brutalster  Gewalt,  Zum  Beispiel ­
  das  Kolonialsystem.  Alle  aber  benutzten  die  Staatsmacht,
die  konzentrierte  und  organisierte  Gewalt  der  Gesellschaft,  um
den  Verwandlungsprozeß  der  feudalen  in  die  kapitalistische
Produktionsweise  treibhausmäßig  zu  fördern  und  die  Uebergänge
abzukürzen.  Die  Gewalt  ist  der  Geburtshelfer  jeder  alten  Gesellschaft, ­
  die  mit  einer  neuen  schwanger  geht.  Sie  selbst  ist
eine  ökonomische  Potenz.“**  ***) )
In  der  Uebergangsperiode,  wo  eine  Produktionsstruktur  von
einer  anderen  abgelöst  wird,  ist  der  Geburtshelfer  die  revolutionäre ­
  Gewalt,  Diese  revolutionäre  Gewalt  muß  die  Fesseln
der  Entwicklung  der  Gesellschaft  sprengen,  d,  h.  einerseits  die
alten  Formen  der  „konzentrierten  Gewalt“,  die  zu  einem  konterrevolutionären ­
  Faktor  geworden  sind,  den  alten  Staat  und  den
alten  Typus  der  Produktionsverhältnisse,  Diese  revolutionäre
Gewalt  muß  andererseits  aktiv  die  Bildung  neuer  Produktionsverhältnisse ­
  fördern,  indem  sie  eine  neue  Form  der  „konzentrierten ­
  Gewalt“  schafft,  den  Staat  der  neuen  Klasse,  die  als
Hebel  der  wirtschaftlichen  Umwälzung  wirkt  und  die  ökonomische ­
  Struktur  der  Gesellschaft-  verändert.**)  Einerseits  spielt
*)  Vergl,  darüber  Fr.  Engels;  „Herrn  Eugen  Dührings  Umwälzung  der
Wissenschaft”,  Stuttgart  1914,  S.  191—-192.  Ebenso  Fr,  Engels:  „Gewalt
und  Oekonomie"  etc.  (geplanter  vierter  Teil  über  die  „Theorie  der  Gewalt“,
veröffentlicht  von  Bernstein  in  der  „Neuen  Zeit“  gleich  nach  dem  Tode
Engels'.
**)  Karl  Marx:  „Das  Kapital“,  Band  I,  Volksausgabe,  S.  680.
***)  Kautsky,  Bauer  und  tutti  quanti  lehnen  mit  Empörung  und  Abscheu
die  Gewalt  ab,  von  wo  sie  auch  immer  kommen  mag.  Anders  verhielten
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        172

also  die  Gewalt  die  Rolle  eines  zerstörenden  Faktors,  andererseits ­
  ist  sie  die  Kraft  der  Kohäsion,  der  Organisation,  des  Aufbaus. ­
  Je  größer  diese  „außerökonomische“  Kraft  ist,  die  in
Wirklichkeit  eine  „ökonomische  Potenz“  darstellt,  desto  geringer
sind  die  „Unkosten“  der  Uebergangsperiode  (natürlich  unter
sonst  gleichen  Bedingungen),  desto  kürzer  ist  diese  Uebergangsperiode, ­
  desto  schneller  tritt  ein  gesellschaftliches  Gleichgewicht
auf  neuer  Grundlage  ein  und  desto  rascher  beginnt  die  Kurve  der
Produktivkräfte  emporzusteigen.  Diese  Kraft  ist  nicht  irgendeine ­
  über-empirische,  mystische  Größe:  sie  ist  die  Kraft  der
Klasse,  die  die  Umwälzung  vollzieht,  ihre  soziale  Macht.  Es  ist
daher  vollkommen  klar,  daß  sie  ihrer  Größe  nach  vor  allem  vom
sich  zu  der  Frage  die  Schöpfer  des  wissenschaftlichen  Kommunismus.  So
schrieb  z.  B.  Engels  über  Dühring:  „Daß  die  Gewalt  aber  noch  eine  andere
Rolle  in  der  Geschichte  spielt,  eine  revolutionäre  Rolle  ...  davon  kein
Wort  bei  Herrn  Dühring.  Nur  unter  Seufzen  und  Stöhnen  (Hört!  Hört!  N.  B.)
gibt  er  die  Möglichkeit  zu,  daß  zum  Sturz  der  Ausbeutungswirtschaft
vielleicht  Gewalt  nötig  werde,  leider,  denn  jede  Gewaltanwendung  demoralisiere ­
  den,  der  sie  anwendet  .  -  .  Und  diese  matte,  saft-  und  kraftlose
Predigerdenkweise  macht  den  Anspruch,  sich  der  revolutionärsten  Partei
aufzudrängen,  die  die  Geschichte  kennt!"  (Engels:  „Herrn  Eugen  Dührings
Umwälzung"  etc.,  S.  193.)  Man  muß  sich  bei  den  Betrachtungen  Kautskys
über  die  „Bestialität"  und  „Humanität“  an  die  glänzenden  Zeilen  Engels'  über
die  „wahren  Sozialisten"  erinnern.  „Etwas  Humanität",  wie  man  heutzutage
sagt,  etwas  .Realisierung"  dieser  Humanität,  oder  richtiger  der  Ungeheuerlichkeit, ­
  sehr  wenig  Eigentum  aus  dritter  oder  vierter  Hand,  wenig  über
die  Leiden  des  Proletariats,  die  Organisation  der  Arbeit,  die  Züchtung  von
unvermeidlichen  aber  langweiligen  Vereinen  zur  Hebung  der  unteren  Volksklassen. ­
  Und  daneben  eine  grenzenlose  Unbildung  in  Fragen  des  ,  .  .
tatsächlichen  gesellschaftlichen  Lebens,  Das  ist  der  Inhalt  ihrer  ganzen
Literatur,  die  dank  der  absoluten  Unvoreingenommenheit"  des
Denkens  und  letzten  Reste  von  Energie  und  Aktivität  verliert.  Und  mit
diesem  langweiligen  Zeug  will  man  Deutschland  revolutionieren,  das  Proletariat ­
  aufrütteln,  in  den  Massen  die  Fähigkeit,  zu  denken  und  zu  handeln,
erzeugen.  Diese  philiströs-feigen  Züge  der  „wahren  Sozialisten"  waren
auch  für  die  inneren  Parteiverhältnisse  typisch.  „Charakteristisch  bleibt  es
für  diese  alten  Weiber,"  meinte  Marx,  „daß  sie  jeden  wirklichen  Parteikampf
vertuschen  und  verzuckern  möchten.“  (Zitiert  nach  Mehring,  1.  c.  S.  121.)  Ist
das  nicht  das  wahre  Vorbild  der  „unvoreingenommen",  „neutralen",  „unabhängigen ­
  Theoretiker?"
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        173

Grad  der  Organisiertheit  dieser  Klasse  abhängt.  Und  die  revolutionäre ­
  Klasse  ist  dann  am  meisten  organisiert,  wenn  sie  sich
als  Staatsgewalt  konstituiert  hat.  Aus  diesem  Grunde  bildet
die  Staatsgewalt  die  „konzentrierte  und  organisierte  Gewalt  der
Gesellschaft,"  Aus  diesem  Grunde  ist  die  revolutionäre  Staatsgewalt ­
  der  mächtigste  Hebel  der  ökonomischen  Umwälzung,
In  der  Zeit  des  Ueberganges  vom  Kapitalismus  zum  Kommunismus ­
  ist  die  revolutionäre  Klasse,  die  Schöpferin  der  neuen
Gesellschaft,  das  Proletariat,  Seine  Staatsgewalt,  seine  Diktatur,
der  Sowjetstaat,  bildet  einen  Faktor  der  Zerstörung  der  alten
ökonomischen  Zusammenhänge  und  der  Schaffung  neuer,  „Die
politische  Gewalt  im  eigentlichen  Sinne  ist  die  organisierte  Gewalt ­
  einer  Klasse  zur  Unterdrückung  einer  anderen."*)  Soweit
diese  politische  Macht  als  „konzentrierte  Gewalt“  über  die  Bourgeoisie ­
  selbst  eine  ökonomische  Kraft  darstellt,  ist  sie  eine  Kraft,
die  die  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse  sprengt,  das
materiell  sachliche  Gerüst  der  Produktion  dem  Proletariat  zur
Verfügung  stellt  und  nach  und  nach  unproletarische  Personenelemente ­
  der  Produktion  in  das  System  des  neuen  gesellschaftlichen ­
  Produktionszusammenhanges  einführt.  Andererseits  aber
kehrt  sich  diese  „konzentrierte  Gewalt“  auch  nach  innen,  indem
sie  einen  Faktor  der  Selbst  Organisation  und  der  zwangsmäßigen
Selbstdisziplin  der  Werktätigen  bildet.  Wir  müssen  also  die
beiden  Seiten  des  Zwanges  untersuchen:  in  bezug  auf  die  nichtproletarischen ­
  Schichten  und  in  bezug  auf  das  Proletariat  selbst
und  die  ihm  nahestehenden  gesellschaftlichen  Gruppen.
Das  herrschende  Proletariat  hat  in  der  ersten  Phase  seiner
Herrschaft  gegen  sich  1,  die  schmarotzenden  Schichten  (die  ehemaligen ­
  Gutsbesitzer,  allerhand  Rentner,  bürgerliche  Unternehmer, ­
  die  zu  dem  Produktionsprozeß  wenig  Beziehungen
haben,  die  Handelskapitalisten,  Spekulanten,  Börsianer,  Ban-„Das
  Kommunistische  Manifest",  II.  Proletarier  und  Kommunisten.

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        174

kiers);  2.  die  sich  aus  diesen  Schichten  rekrutierende  unproduktive ­
  Verwaltungsaristokratie  (höhere  Bürokraten  des  kapitalistischen ­
  Staates,  Generale,  Bischöfe  usw.);  3,  die  bürgerlichen
Unternehmer  als  Organisatoren  und  Direktoren  (Organisatoren
der  Trusts  und  Syndikate,  Geschäftsmänner  der  Industriewelt,
die  großen  Ingenieure,  die  unmittelbar  mit  der  kapitalistischen
Welt  verbunden  sind,  Erfinder  usw.);  4.  die  qualifizierte  Bürokratie ­
  im  Zivil-,  Militär-  und  geistlichen  Stand;  5,  die  technischen ­
  Kopfarbeiter  und  die  Kopfarbeiter  überhaupt  (Ingenieure,
Techniker,  Agronomen,  Aerzte,  Professoren,  Rechtsanwälte,
Journalisten,  die  meisten  Lehrer  usw,);  6,  den  Offiziersstand;
7.  das  wohlhabende  Großbauerntum;  8.  den  städtischen  Mittelstand ­
  und  teilweise  auch  das  Kleinbürgertum  in  den  Städten;
9.  die  Geistlichkeit,  auch  die  unqualifizierte.
Alle  diese  Schichten,  Klassen  und  Gruppen  führen  unvermeidlich ­
  einen  aktiven  Kampf  gegen  das  Proletariat  unter  der
politischen  Führung  der  Vertreter  des  Finanzkapitals  und  der
militärischen  Führung  der  Generalität.  Diese  Attacken  müssen
zurückgeschlagen,  der  Feind  muß  desorganisiert  werden.  Es  gilt,
die  anderen  Kampfmethoden  seinerseits  (Sabotage)  zu  unterdrücken, ­
  usw.  All  das  kann  nur  die  „konzentrierte  Gewalt“  vollbringen. ­
  In  dem  Maße,  wie  das  Proletariat  in  diesem  Kampfe
siegt  und  seine  Kräfte  sich  immer  mehr  um  den  grundlegenden
Kristallisationspunkt  der  Sozialrevolutionären  Energie  —  d.  h.  der
Diktatur  des  Proletariats  —  sammeln,  beginnt  ein  beschleunigter
Prozeß  der  Zersetzung  der  alten  Mentalität  bei  den  ökonomisch
nützlichen  und  nicht  schmarotzenden  Gruppen  des  feindlichen
Lagers.  Diese  Elemente  müssen  berücksicht,  gesammelt,  auf
einen  neuen  Platz  gestellt,  in  den  neuen  Arbeitsrahmen  hineingeschoben ­
  werden.  Und  dies  kann  nur  mit  Hilfe  der  mit  Zwangsmitteln ­
  arbeitenden  Organisation  des  proletarischen  Staates  geschehen. ­
  Diese  Organisation  beschleunigt  den  Prozeß  der  Auf ­
        <pb n="184" />
        nähme  jener  Personenelemente,  die  auch  im  neuen  System
nützlich  sind,  in  erster  Linie  der  technischen  Kopfarbeiter,  Es
ist  selbstverständlich,  daß  diese  Kräfte  sich  ohne  den  Druck  des
Zwanges  nicht  irgendwie  planmäßig,  gesellschaftlich-zweckmäßig
verwenden  lassen.  Denn  die  alten  Vorstellungsreste,  die  sich
noch  in  den  Köpfen  dieser  Personenkategorien  befinden,  mit  ihrer
teilweise  individualistischen,  zum  Teil  antiproletarischen  Mentalität, ­
  fassen  den  Plan  der  gesellschaftlichen  Zweckmäßigkeit  als
die  gröbste  Rechtsverletzung  der  „freien  Persönlichkeit“  auf.  Der
äußere  staatliche  Zwang  ist  hier  also  absolut  notwendig.  Erst  im
Lauf  der  Entwicklung,  bei  einer  beständigen  Neuerziehung  dieser
Schichten,  mit  dem  Grad  ihrer  Klassendeformation  und  ihrer
Wandlung  zu  gesellschaftlichen  Arbeitern,  werden  die  Elemente
des  Zwanges  immer  geringer.  Es  ist  klar,  daß  der  Prozeß  der
psychologischen  Neuerziehung  umso  schwieriger  und  umso
schmerzlicher  ist,  je  höher  die  betreffende  Gruppe  auf  der
Leiter  der  kapitalistischen  Hierarchie  stand;  am  schwierigsten
unterziehen  sich  der  gesellschaftlichen  Umarbeitung  solche
sozialen  Gruppen,  deren  Sein  mit  den  spezifischen  Formen  und
Methoden  der  kapitalistischen  Produktion  am  engsten  verbunden
ist.  Der  unmittelbare  Kampf  mit  ihnen  in  der  ersten  Phase  der
Revolution,  ihre  Versetzung  in  solche  Verhältnisse,  wo  sie
eine  gesellschaftlich  nützliche  Arbeit  leisten  können,  ohne  der
Sache  des  kommunistischen  Aufbaus  schaden  zu  können,  die
zweckmäßige  Verteilung  dieser  Kräfte,  die  richtige  Politik  ihnen
gegenüber,  die  sich  ändert  je  nach  ihrem  psychologischen  Gehalt
—  all  das  unterstellt,  letzten  Endes,  eine  „Sanktion“  der  „konzentrierten ­
  Gewalt",  die  über  dem  Werden  der  kommunistischen
Gesellschaft  wacht.
Der  Zwang  beschränkt  sich  jedoch  nicht  auf  den  Rahmen
der  früher  herrschenden  Klassen  und  der  ihnen  nahestehenden
Gruppen.  In  der  Uebergangszeit  überträgt  er  sich  —  in  ver175 ­
        <pb n="185" />
        176

änderten  Formen  —  auch  auf  die  Werktätigen  selbst,  auch  auf
die  regierende  Klasse  selbst.  Diese  Seite  der  Frage  müssen  wir
genauer  untersuchen.
In  der  Uebergangszeit  kann  man  die  Analyse  nicht  durch
die  Voraussetzung  einer  vollkommenen  Einheitlichkeit  der  Klasse
einschränken.  Bei  der  Erforschung  der  abstrakten  Gesetze  des
kapitalistischen  Mechanismus  brauchte  man  nicht  bei  den
Molekularbewegungen  innerhalb  der  Klassen  und  der  Differenziertheit ­
  dieser  „realen  Gesamtheiten"  zu  verweilen.  Dort
wurden  sie  angenommen  als  eine  Größe,  die  mehr  oder
weniger  einheitlich  ist.  Eine  Uebertragung  dieser  Anschauung
—  die  im  Rahmen  der  abstrakt-theoretischen  Analyse  des
„reinen  Kapitalismus“  vollkommen  richtig  ist  —  auf  die  Analyse
der  Uebergangszeit  mit  ihren  äußerst  fließenden  Formen,  mit
ihrer  sozusagen  prinzipiellen  Dynamik,  würde  den  gröbsten
methodologischen  Fehler  bedeuten.  Nicht  nur  die  Mechanik
zwischen  den  Klassen,  sondern  auch  die  Mechanik  innerhalb  der
Klassen  muß  berücksichtigt  werden.  Sowohl  das  Wechselverhältnis ­
  der  gesellschaftlichen  Kräfte  wie  die  Verhältnisse  innerhalb ­
  der  Klassen  sind  äußerst  bewegliche  Größen,  deren  Beweglichkeit ­
  in  den  „kritischen  Epochen"  besonders  groß  wird.*)
Indem  der  Mensch  auf  die  Natur  einwirkt,  ändert  er  seine
eigene  Natur,  sprach  Marx,  Aber  dasselbe  geschieht  auch  im
Verlauf  des  gesellschaftlichen  Kampfes.  Darin  besteht  eben
auch  der  Prozeß  der  revolutionären  Erziehung  des  Proletariats.
Betrachtet  man  diesen  Prozeß  vom  Standpunkt  der  Schichtungen
innerhalb  der  Klassen,  so  kann  man  ihn  bezeichnen  als  Prozeß
*)  Deshalb  ist  die  Auffassung  Kautskys  und  der  Seinigen  unsinnig,
wenn  sie  sich  die  Revolution  vorstellen  wie  das  parlamentarische  Abstimmen, ­
  wo  eine  arithmetische  Größe  (die  Hälfte  der  Bevölkerung  -j-  1)
auschlaggebend  ist.  Vergl.  Lenin;  „Die  Wahlen  in  die  Konstituierende
Versammlung  und  die  Diktatur  des  Proletariats“.  (Deutsch  herausgegben
vom  Westeuropäischen  Sekretariat  der  K.  I.  1920.)
        <pb n="186" />
        12  Bucharin:  Ookonomik,

177

der  beständigen  Annäherung  der  mittleren  und  unteren  Schichten
der  Arbeiterklasse  an  ihre  Avantgarde.  Hier  vollzieht  sich  auch
die  Verwandlung  der  „Klasse  an  sich"  in  die  „Klasse  für  sich“.
Die  Auffassung,  die  der  büßende  Edelmann*)  vom  „Volke“  hat,
besteht  in  einer  Idealisierung  jedes  Mitgliedes  der  unteren  Klasse
in  concreto.  Der  proletarisch-marxistische  Standpunkt  operiert
mit  real  existierenden  Größen,
I
Das  Proletariat  gelangt  zu  seiner  Herrschaft  als  Klasse.
Aber  dies  bedeutet  keineswegs  den  einheitlichen  Charakter  dieser
Klasse,  in  der  jedes  Mitglied  einen  idealen  Querschnitt  darstellte, ­
  Die  proletarische  Vorhut  führt  aktiv  die  anderen.  Sie
ist  eine  zielbewußte,  durchdacht  wirkende,  organisierende  Größe,
Sie  reißt  die  sympathisierende  Mittelschicht  mit  sich,  die  instinktmäßig ­
  mit  der  Umwälzung  „sympathisiert",  aber  nicht  imstande
ist,  klar  die  Ziele  zu  formulieren  und  genau  den  Weg  vorzuschreiben. ­
  Im  Lauf  der  Entwicklung  gibt  es  keine  Scheidelinie
zwischen  der  Avantgarde  und  dieser  sehr  zahlreichen.  Schicht.
Im  Gegenteil,  immer  neue  und  neue  Kräfte  werden  beständig
in  die  vordere  Schicht  hineingezogen.  Dieser  Prozeß  ist
eben  jene  innere  Zusammenschweißung,  die  aus  der  Klasse
eine  Klasse  macht.  Hinter  der  Mittelschicht  der  Sympathisierenden ­
  steht  die  Schicht  der  Indifferenten;  dazu  kommen  die  sogenannten ­
  Mitläufer.  Der  Prozeß  der  Entwicklung  erfaßt  jedoch
auch  sie:  die  proletarische  Avantgarde  wächst,  erweitert  sich
numerisch,  saugt  immer  größere  Schichten  der  Klasse  auf,  die
immer  mehr  eine  „Klasse  für  sich“  wird.
Wenn  wir  diese  Frage  von  einer  etwas  veränderten  Seite  anfassen, ­
  so  werden  wir  zum  Beispiel  solche  Gruppierungen  finden:
den  Kern  des  Industrieproletariats,  das  die  Bande  mit  der  Land*) ­
  Der  „büßende  Edelmann"  ist  die  Gestalt  aus  der  Narodniki-Zeit
der  russischen  Befreiungsbewegung,  als  Söhne  und  Töchter  aus  feudalen
Familien  aus  reinem  Idealismus  ins  „Volk  gingen".  Man  vergl.  z.  B,
Turgenjews:  „Neuland“.  Anm.  d.  Uebers.
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        178

f

bevölkerung  gelöst  hat,  der  typischen  in  der  Industrie
beständig  beschäftigten  Arbeiterklasse;  die  Arbeiteraristokratie,
die  außerordentlich  gebunden  ist  an  die  Interessen  des  Kapitals
(die  besonders  qualifizierten  Arbeiter  Amerikas,  Deutschlands,
Englands;  die  Buchdrucker  in  fast  allen  Ländern  usw.);  die  Saisonarbeiter, ­
  die  periodisch  in  die  Sphäre  der  Industrie  eintreten  und
wieder  austreten;  Arbeiter  mit  Anhängsel  von  Privateigentum
(Häuschen,  manchmal  Land  usw.);  Arbeiter,  die  an  das  Land  gebunden ­
  sind,  manchmal  auch  Land  bearbeiten;  Arbeiter,  die  im
Kriege  Arbeiter  wurden,  die  kapitalistische  Schulung  nicht  durchgemacht ­
  haben,  mitunter  sich  aus  dem  städtischen  Kleinbürgertum ­
  rekrutieren,  Handwerker,  Händler  usw.;  Arbeiter,  die
speziell  nach  einem  sozial-politischen  Merkmal  von  den  kapitalistischen ­
  Staaten  abgesondert  sind  (z,  B.  gewisse  Schichten  der
Eisenbahner);  Landarbeiter,  Knechte,  Scharwerker  usw.  usw.  Auf
diese  Weise  bekommt  man  ein  ziemlich  buntes  Bild  des  „Seins“
der  verschiedenen  Kategorien  der  Arbeiterklasse  und  folglich
auch  ihres  gesellschaftlichen  Bewußtseins.  Es  ist  evident,  daß
unter  diesen  Gruppen  auch  Gruppen  sind,  die  vom  Kapitalismus
vollkommen  korrumpiert  sind,  mit  einem  Maximum  enger  egoistischer ­
  Triebe.  Aber  sogar  verhältnismäßig  breite  Kreise  der
Arbeiterklasse  tragen  den  Stempel  der  kapitalistischen  Warenwelt
  an  sich.  Daraus  ergibt  sich  mit  Notwendigkeit  die  Zwangsdisziplin, ­
  deren  Zwangscharakter  umso  fühlbarer  wird,  je  geringer
die  innere  freiwillige  Disziplin  ist,  d,  h.  je  weniger  revolutionär
die  gegebene  Gruppe  oder  Schicht  des  Proletariats  ist.  Sogar  die
proletarische  Avantgarde,  die  zusammengeschlossen  ist  in  der
Partei  des  Umsturzes,  in  der  kommunistischen  Partei,  führt  eine
solche  zwangsmäßige  Selbstdisziplin  in  ihren  eigenen  Reihen  ein,
sie  wird  hier  von  vielen  Bestandteilen  dieser  Avantgarde  wenig
empfunden,  da  sie  mit  den  inneren  Motiven  übereinstimmt.  Aber
        <pb n="188" />
        dennoch  ist  sie  da.*)  Aber  sie  wird  nicht  von  einer  fremden
Kraft  eingeführt,  sondern  drückt  den  Kollektivwillen  Aller  aus,
der  für  jeden  verpflichtend  ist.
Es  ist  selbstverständlich,  daß  dieses  Element  des  Zwanges,
der  hier  Selbstzwang  der  Arbeiterklasse  ist,  anwächst  vom
kristallisierten  Zentrum  nach  der  bedeutend  mehr  amorphen
und  zerstäubten  Peripherie.  Dies  ist  die  bewußte  Kohäsionskraft
der  Teilchen  der  Arbeiterklasse,  die  für  einige  Kategorien,  subjektiv, ­
  einen  äußeren  Druck  darstellt,  die  für  die  gesamte
Arbeiterklasse,  objektiv,  ihre  beschleunigte  Selbstorganisation
bildet.
In  der  kommunistischen  Gesellschaft  wird  eine  absolute
Freiheit  der  „Persönlichkeit"  sein  und  irgendwelche  äußere
Regelung  der  Beziehungen  zwischen  den  Menschen  fehlen,  also
Selbstaktivität  ohne  Zwang  bestehen.  In  der  kapitalistischen
Gesellschaft  gab  es  für  die  Arbeiterklasse  keine  Selbstaktivität
und  nur  Zwang  von  seiten  der  feindlichen  Klasse.  In  der  Uebergangsperiode
  ist  die  Selbstaktivität  der  Arbeiterklasse  vorhanden
neben  dem  Zwange,  den  die  Arbeiterklasse,  als  Klasse  für  sich,
für  alle  ihre  Teile  einführt.  Der  Widerspruch  zwischen  Zwang
und  Selbstaktivität  drückt  hier  den  sich  widersprechenden
Charakter  der  Uebergangsperiode  selbst  aus,  da  das  Proletariat
schon  den  Rahmen  des  kapitalistischen  Zwanges  verlassen  hat,
aber  noch  nicht  zum  Mitwirkenden  der  kommunistischen  Gesellschaft ­
  geworden  ist.
Eine  der  Hauptformen  des  Zwanges  der  neuen  Art,  die  in
der  Sphäre  der  Arbeiterklasse  selbst  wirken,  ist  die  Aufhebung
der  sogenannten  Arbeitsfreiheit,  Die  „Arbeitsfreiheit"  bedeutet
in  der  kapitalistischen  Gesellschaft  eine  der  zahlreichen  Fiktionen

■

*)  Ein  Kommunist,  der  ein  Verbrechen  begangen  hat,  wird  in  Sowjetrußland ­
  auf  Initiative  der  Partei  viel  strenger  bestraft  als  ein  „einfacher
Sterblicher“,
12*  Bucharin:  Oekonomik.

i
        <pb n="189" />
        180

dieser  Gesellschaft,  denn  in  Wirklichkeit  zwang  die  Monopolisierung ­
  der  Produktionsmittel  durch  die  Kapitalisten  die  Arbeiter,
ihre  Arbeitskraft  zu  verkaufen.  Diese  „Freiheit“  lief  auf  folgendes ­
  hinaus;  erstens  auf  eine  relative  Möglichkeit  der  Wahl  seines
Herrn  (Uebergang  von  einem  Betrieb  zu  einem  anderen)  die
Möglichkeit,  „abzugehen“  und  „entlassen“  zu  werden;  zweitens
verstand  man  unter  dieser  „Freiheit“  die  Konkurrenz  unter  den
Arbeitern  selbst.  In  dieser  letzteren  Bedeutung  wurde  die  „Freiheit ­
  der  Arbeit“  zum  Teil  schon  in  der  Periode  des  Kapitalismus
von  den  Arbeiterorganisationen  überwunden,  als  die  Gewerkschaften ­
  zum  Teil  die  Konkurrenz  der  Arbeiter  untereinander
aufhoben,  indem  sie  sie-  vereinigten,  die  zersplitterten  Teile  der
Klasse  organisierten,  sie  zusammenschlossen  und  sie  in  ihrem
Kampfe  gegen  die  Kapitalistenklasse  stärker  machten.  Die
Gewerkschaften  stellten  die  Forderung  auf,  daß  nur  Mitglieder
der  Verbände  in  die  Betriebe  zugelassen  werden;  sie  verhängten
den  Boykott  (d.  h.  wandten  Gewalt  an)  über  die  Streikbrecher,
diese  lebendige  Verkörperung  der  bürgerlichen  „Freiheit  der
Arbeit“  usw.  Unter  der  Diktatur  des  Proletariats  fällt  die  Frage
nach  dem  „Herrn“  fort,  da  die  „Expropriateure  expropriiert"
sind.  Andererseits  äußern  sich  die  Ueberbleibsel  der  Unorganisiertheit,
  Unsolidarität,  des  Individualismus,  der  Zunftbeschränkung, ­
  der  Laster  der  kapitalistischen  Gesellschaft  in  dem
Verkennen  der  allgemein  proletarischen  Aufgaben,  die  ihren
konzentrierten  Ausdruck  erhalten  in  den  Aufgaben  und  Forderungen ­
  der  Sowjetdiktatur,  des  Arbeiterstaates,  Da  diese  Aufgaben ­
  um  jeden  Preis  bewältigt  werden  müssen,  so  ist  begreiflich, ­
  daß  vom  Standpunkt  des  Proletariats,  gerade  im  Namen  der
tatsächlichen  und  nicht  fiktiven  Freiheit  der  Arbeiterklasse,  eine
Aufhebung  der  sogenannten  „Arbeitsfreiheit"  erheischt  wird.
Denn  die  letztere  verträgt  sich  nicht  mit  der  regelmäßig  organisierten ­
  „Planwirtschaft“  und  einer  entsprechenden  Verteilung
        <pb n="190" />
        ?  |'  |

181

der  Arbeitskräfte.  Folglich  drückt  das  Regime  der  Arbeitspflicht
und  der  staatlichen  Verteilung  der  Arbeitskräfte  bei  der  Diktatur
des  Proletariats  schon  einen  verhältnismäßig  hohen  Organisationsgrad ­
  des  ganzen  Apparates  und  der  Stabilität  der  proletarischen ­
  Macht  überhaupt  aus.*)
Beim  kapitalistischen  Regime  wurde  der  Zwang  verteidigt
im  Namen  der  „Interessen  der  Gesamtheit“,  während  es  sich  in
Wirklichkeit  um  die  Interessen  der  kapitalistischen  Gruppen
handelte.  Unter  der  proletarischen  Diktatur  ist  der  Zwang  zum
erstenmal  wirklich  das  Werkzeug  der  Majorität  im  Interesse
dieser  Majorität.
Das  Proletariat  als  Klasse  ist  die  einzige  Klasse,  der  im
großen  und  ganzen  Besitzvorurteile  fremd  sind.  Aber  das  Proletariat ­
  muß  Seite  an  Seite  mit  dem  mitunter  sehr  zahlreichen
Bauerntum  wirken.  Wenn  die  Großbauern  aktiv  gegen  die  Maßnahmen ­
  der  proletarischen  Diktatur  kämpfen,  so  muß  die  „konzentrierte ­
  Gewalt“  des  Proletariats  sich  gegen  die  Vendee  der
Bauern  energisch  zur  Wehr  setzen.  Aber  die  Massen  des  mittleren ­
  und  manchmal  sogar  armen  Bauerntums  schwanken  beständig, ­
  bald  geleitet  vom  Haß  gegen  die  kapitalistische  Ausbeutung ­
  seitens  der  Großgrundbesitzer,  einem  Haß,  der  sie  in  die
Arme  des  Kommunismus  treibt,  bald  geleitet  vom  Gefühl  des
Eigentümers  (und  folglich  zur  Zeit  der  Hungersnot  auch  dem  des
Schleichhändlers),  das  sie  in  die  Arme  der  Reaktion  treibt.  Das
letztere  äußert  sich  in  dem  Widerstand  gegen  das  staatliche
Getreidemonopol  und  im  Streben  nach  dem  freien  Handel,  der
Spekulation  ist,  sowie  zur  Spekulation,  die  freier  Handel  ist;  im
*)  Das  Gezeter  der  russischen  Menschewiki  gegen  den  Zwang  in  der
Aera  der  proletarischen  Diktatur  ist  genau  dasselbe  wie  das  Geschrei
der  Kapitalisten  gegen  die  Vergewaltigung  der  Freiheit  der  Arbeit  durch  die
Gewerkschaften,  die  während  eines  Streiks  Streikposten  aufstellen  und  die
Kapitalisten  hindern,  Streikbrecher  zu  verwenden.  Bekanntlich  begeht  die
Kapitalistenclique  die  ärgsten  Gemeinheiten  gerade  unter  der  Losung  des
Schutzes  der  Arbeitsfreiheit.
        <pb n="191" />
        182

Widerstand  gegen  das  System  der  Arbeitspflicht  und  überhaupt
gegen  jegliche  Formen  der  staatlichen  Zähmung  der  wirtschaftlichen ­
  Anarchie,  Diese  Stimulantia  treten  besonders  hervor,
wenn  die  erschöpften  Städte  in  der  ersten  Zeit  kein  Aequivalent
für  das  Getreide  und  die  Opfer  für  den  „gemeinsamen  Topf“
bieten  können.  Deshalb  bildet  auch  hier  der  Zwang  eine  absolute
und  gebieterische  Notwendigkeit.
Also:  gegenüber  den  früheren  bürgerlichen  Gruppen  ist  der
Zwang  von  seiten  der  proletarischen  Diktatur  ein  Zwang  von
seiten  einer  anderen  Klasse,  die  gegen  das  Objekt  ihres  Zwanges
einen  Klassenkampf  führt;  gegenüber  der  nicht  ausbeuterischen
Bauernmasse  ist  der  Zwang  von  seiten  des  Proletariats  insofern
ein  Klassenkampf,  inwiefern  der  Bauer  Eigentümer  und  Spekulant
ist;  der  Zwang  bedeutet  Zusammenschluß  des  Bauerntums  und
Arbeitsorganisation,  Erziehung  und  Heranziehung  zum  kommunistischen ­
  Aufbau,  insofern  der  Bauer  ein  Werktätiger  und  nicht
Ausbeuter,  ein  Gegner  des  Kapitalismus  ist;  schließlich  gegenüber
dem  Proletariat  selbst  ist  der  Zwang  eine  Organisationsmethode,
die  von  der  Arbeiterklasse  selbst  eingeführt  wird,  d,  h,  eine  Methode ­
  der  zwangsmäßigen  beschleunigten  Selbst  Organisierung.
Von  einem  breiteren  Standpunkt  aus,  d.  h,  vom  Standpunkt
eines  dem  Umfange  nach  größeren  historischen  Maßstabes,  bildet
der  proletarische  Zwang  in  allen  seinen  Formen,  angefangen  mit
Erschießungen  bis  zur  Arbeitspflicht,  eine,  so  paradox  dies  auch
klingen  mag,  Methode  der  Bildung  einer  neuen,  kommunistischen
Menschheit  aus  dem  Menschenmaterial  der  kapitalistischen
Epoche.  In  der  Tat,  die  Epoche  der  proletarischen  Diktatur  ist
zugleich  eine  Epoche  der  Klassendeformation.  Der  Kapitalismus
hatte  eine  mehr  oder  minder  fortschreitende  soziale  Zersplitterung
der  Gesellschaft  zur  Folge:  er  zersetzte  das  Bauerntum,  vernichtete ­
  den  „Mittelstand“  und  trieb  die  Klassengegensätze  auf
die  Spitze,  Die  Diktatur  des  Proletariats,  die  in  der  ersten  Zeit
        <pb n="192" />
        die  krasseste  Spaltung  der  kapitalistischen  Welt  ausdrückt,  beginnt, ­
  nach  Eintritt  eines  gewissen  Gleichgewichtes,  die  Menschheit ­
  wieder  zu  sammeln.  Die  frühere  Bourgeoisie,  die  nun  besiegt,
geschlagen,  niedergehalten  und  verelendet  ist,  lernt  körperlich
arbeiten,  verändert  sich  geistig  und  wird  neu  erzogen.  Ein
Teil  der  Bourgeoisie  geht  im  Bürgerkrieg  zugrunde,  aber  derjenige ­
  Teil,  der  am  Leben  geblieben  ist,  stellt  bereits  eine  andere
soziale  Kategorie  dar.  Ebenso  die  Intellektuellen.  Das  Bauerntum, ­
  das  im  allgemeinen  Strom  mehr  Stand  hält  als  die  anderen,
wird  dennoch  in  das  allgemeine  Fahrwasser  hineingezogen  und
erfährt  langsam,  aber  sicher  eine  Wandlung.  Das  Proletariat
selbst  ändert  ebenso  seine  „eigene  Natur“.  Auf  diese  Weise  werden ­
  die  spezifischen  Klassenmerkmale  verwischt,  die  Klassen  beginnen, ­
  als  Klassen  zu  zerfallen  und  dem  Proletariat  gleich  zu
werden.  Es  tritt  eine  Periode  der  Klassendeformation  ein.  Der
Hebel  dieser  Deformation  ist  die  proletarische  Diktatur.  Als  konzentrierte ­
  Gewaltanwendung  hebt  die  Diktatur  letzten  Endes
jedwede  Gewalt  überhaupt  auf.  Als  höchster  Ausdruck  der
Klasse  hebt  sie  alle  Klassen  auf.  Als  Regime  der  Klasse,  die  sich
als  Staatsmacht  organisiert  hat,  bereitet  sie  den  Untergang  jedes
Staates  vor.  Indem  sie  den  Kampf  um  ihre  Existenz  führt,  vernichtet ­
  sie  ihre  eigene  Existenz.  In  der  klassenlosen,  staatenlosen, ­
  kommunistischen  Gesellschaft,  wo  an  Stelle  der  Disziplin
von  außen  die  einfache  Arbeitslust  des  normalen  gesellschaftlichen ­
  Menschen  getreten  sein  wird,  werden  die  äußeren  Normen
des  menschlichen  Verhaltens  jeden  Sinn  verlieren.  Der  Zwang
wird,  in  welcher  Form  auch,  ein  für  allemal  verschwinden.
        <pb n="193" />
        184

11.  Kapitel
Der  Prozeß
der  Weltrevolution  und  das  Weltsystem ­
  des  Kommunismus.
1.  Das  Gleich  gewicßtssystem  der  Weltwirtschaft.  2.  Der  Krieg
als  Störung  des  Produktionsgleichgewichtes.  3.  Der  Zusammenbruch ­
  des  Systems,  angefangen  mit  den  schwächeren  Gliedern. ­
  4.  Typen  der  kommunistischen  Revolution.  5.  Wechselverhältnis ­
  zwischen  dem  Staat  des  Proletariats  und  dem  Staat
der  Bourgeoisie,  ö.  Die  kommunistische  Revolution  und
kapitalistische  Kolonien.  7.  Kristallisation  der  Sowjetrepubliken
und  ihre  BUndnisse.  8.  Die  proletarische  Weltdiktatur  und  ihre
Aufhebung.  9.  Das  Weltsystem  des  Kommunismus.
Vor  dem  Krieg  befand  sich  das  System  der  Weltwirtschaft  in
einem  Zustand  des  beweglichen  Gleichgewichts.  Der  Austauschprozeß ­
  zwischen  den  Ländern,  die  internationale  Bewegung  des
Kapitals  (Kapitalexport  und  -import),  die  internationale  Verschiebung ­
  der  Arbeitskräfte  verbanden  die  einzelnen  Teile  dieses
Systems  mit  festen  Banden  „normaler“  Prozesse,  die  für  die
Existenz  der  Weltwirtschaft  selbst  und  ihrer  Bestandselemente
lebensnotwendig  sind.  Die  Gesetze  des  kapitalistischen  Warensystems, ­
  die  in  ihrer  abstrakten  Form  von  der  reinen  Theorie
als  Gesetze  der  abstrakten,  „reinen“  kapitalistischen  Gesellschaft ­
  analysiert  wurden  und  die  in  der  Epoche  des  Industriekapitals ­
  konkret  im  Rahmen  der  staatlich  abgegrenzten
        <pb n="194" />
        185

Territorien  realisiert  wurden,  wurden  vor  allem  zu  Elementargesetzen ­
  des  anarchischen  Wc//systems.  Die  Weltpreise  und
folglich  auch  die  gesellschaftliche  Wcltarbeit  als  ihr  Regulator  „in
der  letzten  Instanz",  die  Weltkonkurrenz,  der  Weltmarkt,  das
Streben  nach  einer  durchschnittlichen  Welt  -  Profitrate;  das
Streben  des  Zinsfußes  nach  einem  einheitlichen  Weltdurchschnitt;
die  Ausgleichung  der  Arbeitslöhne  und  ihr  Streben  nach  einer
Weltausgleichung,  welche  die  Arbeitskraft  aus  einem  Lande  in
das  andere  fortbewegte;  die  Krisen  und  so  weiter  und  ähnliches
mehr,  —  all  das  war  der  Ausfluß  der  grundlegenden  Tatsache
des  Systems  des  We/fkapitalismus,  das  sich  im  Zustand  des  beweglichen ­
  Gleichgewichtes  befand,  aber  sich  in  Widersprüchen
entwickelte.
Diese  allgemeine  Verbundenheit  und  gegenseitige  Abhängigkeit ­
  der  einzelnen  kapitalistischen  Staaten  voneinander,  der  Umstand, ­
  daß  sie  Bestandteile  des  Gesamtsystems  waren,  hatte  den
internationalen  Charakter  des  Krieges  unvermeidlich  zur  Folge.
Genau  so,  wie  die  Krisen  gerade  infolge  der  Verbindungskraft
zwischen  den  Teilen  der  Weltwirtschaft  den  Charakter  von  Weltkrisen ­
  angenommen  hatten,  so  mußte  auch  der  Krieg  den
Charakter  eines  ungeheuerlichen  Weltgemetzels  annehmen.  Die
Krise  breitet  sich  aus  und  wälzt  sich  wellenmäßig  weiter,  deshalb, ­
  weil  die  Gleichgewichtsstörung  in  dem  einen  Teil  des
Systems  sich  unvermeidlich  wie  auf  einem  Telegraphendraht  auf
alle  seine  Teile  überträgt.  Unter  den  Bedingungen  der  Weltwirtschaft ­
  verwandelte  sich  der  Krieg,  der  eine  Gleichgewichtsstörung
an  der  einen  Stelle  bedeutete,  mit  Naturnotwendigkeit  in  eine  ungeheuerliche ­
  Erschütterung  des  ganzen  Systems,  in  einen  Weltkrieg, ­
  Das  Zerreißen  der  Verbindungen  der  Weltwirtschaft  bedeutete ­
  ihr  Zerfallen  in  Stücke,  und  der  Prozeß  der  erweiterten
negativen  Reproduktion,  der  sich  infolge  dieses  Zerreißens  in  den
        <pb n="195" />
        186

kriegführenden  Ländern  parallel  vollzog,  führte  letzten  Endes
zum  Zusammenbruch  des  ganzen  Systems,
Mit  welchen  Gliedern  mußte  dieser  Zusammenbruch  anfangen? ­
  Es  ist  selbstverständlich,  daß  er  gerade  mit  jenen  Gliedern ­
  anfangen  mußte,  die  in  organisatorisch-kapitalistischer  Hinsicht ­
  am  schwächsten  waren.*)
In  der  Tat,  wir  sahen  bereits  im  3.  Kapitel  dieser  Arbeit,
daß  die  Stabilität  der  privat-kapitalistischen  Systeme  innerhalb
der  Weltwirtschaft,  soweit  der  Krieg"  zur  konkreten  Tatsache
wurde,  ihre  Erklärung  fand  in  jener  inneren  Reorganisation  der
Produktionsverhältnisse,  die  die  Form  des  Staatskapitalismus
herbeiführte.  Im  großen  und  ganzen  kann  man  deshalb  sagen,  daß
die  Stabilität  dieser  Systeme  gerade  proportional  war  der  Höhe
der  staatskapitalistischen  Organisation.  Ohne  diese  würde  der
Kapitalismus  nicht  einmal  die  Zeitspanne  leben  können,  die  ihm
die  Geschichte  eingeräumt  hat.  Diese  mit  der  Form  des  Staatskapitalismus ­
  verbundene  Stabilität  war  sowohl  in  der  Produktionslinie ­
  als  auch  in  der  sozialen  Klassenlinie  zu  vermerken.  Jedoch
war  die  staatskapitalistische  Form  der  Volkswirtschaft  selbst  nur
möglich  bei  einer  bestimmten  „Reife“  der  kapitalistischen  Verhältnisse ­
  überhaupt.  Sie  war  um  so  vollkommener,  je  höher  —
bei  sonst  gleichen  Bedingungen  —  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte, ­
  die  finanzkapitalistische  Organisation,  die  Gesamtheit  der
monopolistischen  Beziehungen  des  modernen  Kapitalismus  stand.
Sie  war  um  so  weniger  vollkommen,  je  rückständiger  und  agrari-*)
  Entgegengesetzte  Auffassungen  über  die  Festigkeit  der  wirtschaftlichen ­
  Organismen  wurden  von  einigen  Ideologen  der  ökonomischen  Rückständigkeit ­
  dargetan.  So  z.  B.  im  bekannten  Buch  des  Generals  Hulewitsch
  über  Krieg  und  Volkswirtschaft.  Andererseits  witterten  auch  die
jungen  russischen  Imperialisten  de  pur  sang  die  Gefahr  (freilich  im  beschränkten ­
  Rahmen  des  „Unheils",  das  über  den  Kapitalismus  nicht  hinausging). ­
  Vergl.  z.  B.  den  Artikel  P.  Struves  im  Sammelbuch  „Das  große  Rußland” ­
  (russisch),  auch  S,  Prokopowitsch:  „Krieg  und  Volkswirtschaft"
(russisch).
        <pb n="196" />
        187

scher  das  betreffende  Land  war,  je  weniger  die  Produktivkräfte
entwickelt  waren,  je  schwächer  die  finanzkapitalistische  Organisation ­
  der  Wirtschaft  war.  Aber  nicht  allein  vom  Standpunkt  der
ökonomischen  und  sozialen  Struktur,  sondern  auch  vom  technischproduktiven ­
  Standpunkt  mußten  sich,  als  die  stabilsten  im  gigantischen ­
  Konflikt,  die  Systeme  mit  der  höchststehenden  Technik
erweisen,  der  Technik,  die  der  imperialistische  Krieg  erforderte.
Diese  Technik  war  von  entscheidender  militärischer  Bedeutung.
Die  Vollkommenheit  der  Organisationsform  kompensierte  teilweise ­
  den  Prozeß  der  erweiterten  negativen  Reproduktion,  Die
Konzentration  der  sozialen  Macht  der  Bourgeoisie  in  der  Staatsgewalt, ­
  die  mit  den  ökonomischen  Organisationen  des  Kapitals
verwachsen  war,  schuf  einen  ungeheuren  Widerstand  gegen  die
Arbeiterbewegung.  Deshalb  begann  der  Zusammenbruch  des
imperialistischen  Weltsystems  mit  den  volkswirtschaftlich
schwächsten  Systemen,  mit  der  am  wenigsten  entwickelten  staatskapitalistischen ­
  Organisation.*)
Man  darf  keineswegs  die  Frage  nach  der  Höhe  des  Typus
der  betreffenden  Revolution  mit  der  Frage  der  chronologischen
Reihenfolge  der  proletarischen  Revolutionen  verwechseln.  Die
Höhe  des  Typus  der  Revolution  wird  bestimmt  durch  das  spezifische ­
  Gewicht  jenes  Komplexes  der  Produktionsverhältnisse,  die
im  Proletariat  verkörpert  sind.  Je  verhältnismäßig  größer  die
Konzentriertheit  des  Proletariats  ist,  um  so  höher  steht  der  Typus
der  kommunistischen  Revolution,  um  so  schwieriger  ist  es  zu
siegen,  aber  um  so  leichter  zu  bauen.*)  Die  organisatorischen
Voraussetzungen  des  Kommunismus  liegen,  wie  wir  gesehen
*)  Es  versteht  sich  von  selbst,  daß  hier  die  Gleichheit  der  übrigen
Bedingungen  vorausgesetzt  wird.  Das  einfache  mechanische  Uebergewicht
der  Kräfte  kann  auch  auf  Seiten  der  rückständigen  Gruppen  sein,  wenn
sie  eine  quantitativ  höhere  Größe  darstellen.
**)  Als  vulgäres  „Musterstück"  des  entgegengesetzten  Standpunktes
dient  die  Arbeit  des  Narodnik  (linken  Sozialrevolutionärs)  W,  Trutowski:
„Die  Uebergangsperiode”  (russisch).
        <pb n="197" />
        188

haben,  auf  dem  Gebiete  der  konzentrierten  Produktionsmittel
und  der  vergesellschafteten  Arbeit,  Im  kapitalistischen  Weltsystem ­
  finden  diese  Voraussetzungen  ihren  besonders  krassen
Ausdruck  in  den  „Großmächten“  des  Kapitals,  wo  die  Macht  der
Bourgeoisie  besonders  stark  ist.  Aber  gerade  deshalb,  weil  wir
es  mit  einem  anarchischen  Weltsystem,  einer  besonderen  Lage
der  „Weltwirtschaft"  zu  tun  haben,  ist  andererseits  für  die
„großen"  imperialistischen  Systeme  die  Möglichkeit  der  Ausbeutung ­
  der  Kolonien  geschaffen  worden.  Und  auf  diesem  Boden  ist
auch  eine  andere  Möglichkeit  entstanden,  nämlich  die  Möglichkeit ­
  einer  vorübergehenden  „Interessengemeinschaft“  zwischen
dem  imperialistischen  „Vaterlande“  und  der  Arbeiterklasse.  Diese
„Interessengemeinschaft"  hat  ihrerseits  den  Gang  der  Revolution
ungeheuerlich  gehemmt,  die  auf  dem  Aufhören  jeder  Gemeinschaft ­
  zwischen  Bourgeoisie  und  Proletarier  basiert.  Und  dennoch, ­
  insofern  die  Revolution  eine  gegebene  Tatsache  ist,  ist  sie
ihrem  Typus  nach  am  höchsten  gerade  in  jenen  Ländern,  wo  die
Arbeiterklasse  den  größten  Prozentsatz  der  ganzen  Bevölkerung
ausmacht  und  wo  die  Produktionsmittel  am  stärksten  konzentriert ­
  sind.  Denn  mit  diesen  beiden  Faktoren  sind  erstens  das  materiell-sachliche ­
  Gerüst  der  neuen  Gesellschaft  und  zweitens
ihre  grundlegenden  Produktionsverhältnisse  gegeben.  Von  diesem
Standpunkt  aus  wird  es  vollkommen  klar,  warum  die  Revolution
des  Proletariats  sich  am  frühesten  in  Rußland  vollzogen  hat.  Hier
war  die  Staatsmaschinerie  am  schwächsten  organisiert.  Die
Formen  des  Staatskapitalismus  waren  erst  im  Entstehen  begriffen. ­
  Die  technische  Schwäche  des  Landes,  das  im  großen  ein
Agrarland  war,  bedingte  ein  unerhörtes  militärisches  Debakel,
Der  Staatsapparat  erwies  sich  so  unstabil,  daß  er  vom  Proletariat
in  den  großen  städtischen  Zentren  verhältnismäßig  leicht  gestürzt ­
  werden  konnte.  Aber  andererseits  verwandeln  sich  nach
dem  Sieg  des  Proletariats  die  Ursachen  des  leichten  Sieges  dia ­
        <pb n="198" />
        189

lektisch  in  Ursachen  der  größten  Schwierigkeiten,  Die  wirtschaftliche ­
  Rückständigkeit  des  Landes,  das  große  Feld  der  zerklüfteten, ­
  zersplitterten  Arbeit  der  Kleineigentümer  im  Gegensatz ­
  zu  einer  wirklich  vergesellschafteten  Arbeit,  —  all  das  bietet
ungeheure  Hindernisse  für  die  Organisierung  eines  planmäßigen
Systems  der  gesellschaftlichen  Wirtschaft.  Die  Revolution  hatte
auch  deshalb  leicht  gesiegt,  weil  das  Proletariat,  das  zum  Kommunismus ­
  strebte,  vom  Bauerntum  unterstützt  wurde,  das  gegen
die  Gutsbesitzer  marschierte.  Aber  dasselbe  Bauerntum  erweist
sich  in  der  Periode  des  Aufbaus  der  kommunistischen  Produktionsverhältnisse ­
  als  größter  Hemmschuh.
Dagegen  geht  in  Deutschland  die  Revolution  viel  schmerzlicher ­
  vor  sich.  Der  kapitalistische  Staat  setzt  hier  einen  viel  beharrlicheren ­
  Widerstand  entgegen;  das  Proletariat  stellt  die  einzige ­
  revolutionäre  Kraft  dar;  der  Sieg  ist  schwer  zu  erlangen.
Aber  der  Typus  der  Revolution  ist  hier  höher,  obwohl  die  Revolution ­
  später  kommt,*)
Wenn  wir  also  den  revolutionären  Prozeß  in  seinem  Weltmaßstab ­
  betrachten,  können  wir  folgenden  allgemeinen  Grundsatz ­
  aufstellen;  der  Revolutionsprozeß  der  Welt  beginnt  mit  den
ihren  Niveau  nach  niederen  Teilsystemen  der  Weltwirtschaft,  wo
der  Sieg  des  Proletariats  leichter,  aber  die  Kristallisation  der
neuen  Beziehungen  schwerer  ist;  die  Schnelligkeit  des  Angriffes
der  Revolution  ist  umgekehrt  proportional  der  Reife  der  kapitalistischen ­
  Beziehungen  und  der  Höhe  des  Typus  der  Revolution.
Das  Ende  des  imperialistischen  Krieges  kann  den  Zerfall
des  kapitalistischen  Systems,  seinen  Zusammenbruch,  die  kommunistische ­
  Revolution  des  Proletariats  nicht  zum  Stillstand  bringen.
*)  Eine  glänzende  Analyse  der  revolutionären  Situation  und  ihrer
Typen  findet  der  Leser  in  Lenins  Arbeit;  „Der  Radikalismus,  die  Kinderkrankheit ­
  des  Kommunismus“  (Versuch  einer  populären  Auseinandersetzung
über  marxistische  Strategie  und  Taktik).  Deutsche  Uebersetzung,  Leipzig
1920.
        <pb n="199" />
        190

Das  Sinken  der  Produktivkräfte  hält  auch  nach  Friedensschluß
an.  Die  Imperialisten  glaubten,  die  Weltwirtschaft  mit  Methoden
organisieren  zu  können,  die  die  Weltwirtschaft  negieren.  Die
Sieger  glaubten,  sich  aus  der  Patsche  ziehen  zu  können  durch  eine
schonungslose  Ausbeutung,  die  letzten  Endes  jede  Möglichkeit
dieser  Ausbeutung  aufhebt.  Aber  der  Geist  der  Weltkonkurrenz
spielt  ihnen  ein  böses  Spiel  und  zwingt  sie,  miteinander  zu
kämpfen.  So  zeigt  die  Geschichte  dem  Imperialismus  ihr  verhängnisvolles ­
  a  posteriori,  das  sich  jäh  den  „Siegern“  in  seiner
ganzen  erschreckenden  Nacktheit  darbietet.’)
Die  wirtschaftliche  Isolierung  und  die  Trennung  der  Verbindungen ­
  während  des  Krieges,  die  Folgen  dieses  Zustandes
*)  John  Keynes  schreibt  in  seinem  Buche:  „Die  wirtschaftlichen
Folgen  des  Friedensvertrages“  (Deutsche  Uebersetzung,  München  und
Leipzig,  1920):  „Der  Friedensvertrag  enthält  keine  Bestimmungen  zur  wirtschaftlichen ­
  Wiederherstellung  Europas,  nichts,  um  die  geschlagenen  Mittelmächte ­
  wieder  zu  guten  Nachbarn  zu  machen,  nichts,  um  die  neuen  Staaten
Europas  zu  festigen,  nichts,  um  Rußland  zu  retten.  Auch  fördert  er  in
keiner  Weise  die  wirtschaftliche  Interessengemeinschaft  unter  den  Verbündeten ­
  selbst,  lieber  die  Ordnung  der  zerrütteten  Finanzen  Frankreichs
und  Italiens  oder  den  Ausgleich  zwischen  den  Systemen  der  alten  und  der
neuen  Welt  konnte  man  sich  in  Paris  nicht  verständigen."  (S.  184—185).
Keynes  charakterisiert  die  Situation  folgendermaßen;  „Die  bezeichnenden
Züge  der  gegenwärtigen  Lage  lassen  sich  in  drei  Gruppen  zusammenfassen:
1.  das  vollständige  zeitweise  Nachlassen  der  inneren  Produktivität  Europas,
2.  der  Zusammenbruch  des  Verkehrswesens  und  des  Austausches  und
3.  Europas  Mangel  an  Kaufkraft  zur  Beschaffung  der  gewohnten  Waren
von  Uebersee.“  (S.  188—189.)  Keynes  spricht  von  der  drohenden  sozialen
Katastrophe  und  der  Stimmung  der  herrschenden  Klassen.  Der  Zusammenbruch ­
  des  imperialistischen  Systems  jagt  den  Imperialisten  noch  die
Liebe  zur  Interessengemeinschaft  ein.  So  erzählt  Ing.  Roedder  (1.  c,
S.  50):  „Wie  Bausteine  eines  großen  Gefüges  sich  gegenseitig  tragen,  aneinanderlegen
  und  schirmen,  so  beruht  auch  im  Zusammenleben  und
gemeinsamen  Vorwärtsstreben  der  Nationen  eine  auf  der  anderen.  Ist  aber
ein  Baustein  zermürbt,  so  muß  er  beizeiten  durch  einen  besseren  ersetzt
werden,  damit  nicht  dem  ganzen  Bau  eine  Gefahr  erwächst"  usw.  Alle
diese  trübseligen  Betrachtungen  schließen  mit  dem  tragischen:  „Sein  oder
Nichtsein  —  das  ist  die  Frage“.  Dem  kapitalistischen  System  antwortet  die
Geschichte  mit  einem  entschiedenen  Nein.
        <pb n="200" />
        191

nach  dem  Kriege  verschärfen  den  Prozeß  der  Zerstörung  der
Produktivkräfte  und  beschleunigen  den  Zusammenbruch  des  kapitalistischen ­
  Systems,  Glied  auf  Glied;  die  revolutionäre  Eroberung ­
  der  Macht  durch  das  Proletariat  und  die  Umwälzung  in  der
Produktionsweise,  sei  es  auch  nur  eines  Landes,  verschärfen
außerordentlich  den  Prozeß  der  Zerstörung  der  alten  Ideologie,
„revolutionieren”  die  Arbeiterklasse  in  den  anderen  Ländern,
wozu  ja  die  Voraussetzung  durch  die  ganze  vorhergehende
Entwicklung  gegeben  ist;  In  den  ersten  Sowjetrepubliken  hat  das
Proletariat  seine  Organisationen,  die  über  ein  Maximum  von  sozialer ­
  und  materieller  Macht  verfügen.  Inmitten  des  zerfallenden
Weltsystems  der  kapitalistischen  Wirtschaft  bilden  sie  also  unvermeidlich ­
  neue  Kristallisationspunkte,  Anziehungszentren  der
proletarischen  Energie  und  den  größten  Faktor  einer  weiteren
Zersetzung  des  kapitalistischen  Systems.  In  der  ganzen  kapitalistischen ­
  Welt  schreitet  die  Zerrüttung,  ungeachtet  der  Versuche, ­
  dem  Kapitalismus  neues  Leben  einzuhauchen,  mit  gigantischen ­
  Schritten  vorwärts.  Die  Produktivkräfte  sinken.  Die  Produktionsverhältnisse ­
  geraten  in  Zersetzung  und  Verfall.  Das  ökonomische ­
  Gleichgewicht  zwischen  den  Produktionssphären  fehlt,
und  die  Gleichgewichtsstörung  nimmt  immer  krassere  Formen
an.  Das  soziale  Klassengleichgewicht  fehlt  ebenso,  und  es  kommt
zum  entscheidenden  Konflikt.  Die  politische  Organisation  oder
richtiger  die  Staaten  der  Bourgeoisie  erleben  eine  Krise,  denn
der  Weltimperialismus  erweist  sich  als  unfähig,  eine  absolut  einheitliche, ­
  in  allen  seinen  Teilen  gleichmäßige  Politik  zu  führen.
Die  kapitalistischen  Armeen  zersetzen  sich.  Soweit  die  Produktionsanarchie ­
  der  Welt  und  ihr  Ausdruck,  die  Weltkonkurrenz,
den  bürgerlichen  Staatsorganisationen  ihren  blinden  Willen  diktieren, ­
  nimmt  der  ganze  Prozeß  immer  mehr  den  elementaren
Charakter  des  Zerfalles  an.  Die  elementare  Natur  der  kapitalistischen ­
  Beziehungen  schafft  auf  der  Grundlage  ihrer  Zerstörung
        <pb n="201" />
        192

jenen  charakteristischen  Zustand  der  Unsicherheit,  der  das  nahe
Ende  verkündet.  Und  inmitten  dieses  sich  auflösenden  Gewebes
der  kapitalistischen  Weltwirtschaft  tauchen  wachsende  Organisationen ­
  eines  neuen  Typus -  auf,  in  denen  die  Möglichkeit  der
Entwicklung  prinzipiell  gegeben  ist,  denn  nur  hier  ist  eine  Wiederherstellung ­
  des  gesellschaftlichen  Gleichgewichtes  möglich;  Organisationen, ­
  die  gerade  aus  der  Zersetzung  der  kapitalistischen
Systeme  die  überschüssige  Menge  ihrer  eigenen  Kraft  schöpfen:
die  Staaten  des  Proletariats  mit  einem'neuen  System  ökonomischer ­
  Verhältnisse,  die  sich  um  so  mehr  festigen,  je  schwächer  die
zerfallenden  alten  kapitalistischen  Gruppierungen  werden.  Die
kapitalistische  Weltordnung  der  Epoche  des  Industriekapitals
war  die  Verkörperung  eines  elementaren  Prozesses,  denn  hier
herrschte  eine  völlige  Ungeregeltheit  der  Beziehungen;  die  Rolle
des  bewußten  Regulators  spielte  der  unbewußte  „Markt".  Die
staatskapitalistische  Form  der  Gesellschaft,  die  die  Weltbeziehungen ­
  unorganisiert  gelassen  hatte,  ersetzte  die  unbewußten
Prozesse  durch  die  bewußte  Regelung  der  ökonomischen  Beziehungen, ­
  indem  sie  den  Klassenplan  der  Bourgeoisie  an  Stelle
der  elementaren  Gesetzmäßigkeiten  der  Warenwirtschaft  brachte.
Die  Epoche  des  Zerfalls  der  staatskapitalistischen  Organisationen
entfesselt  von  neuem  diese  Elementarkraft,  die  sich  von  der
Waren-Elementarkraft  der  Vergangenheit  unterscheidet  durch
die  Richtung  ihrer  Bewegung:  dort  war  diese  Elementarkraft
der  Hebel  der  kapitalistischen  Konzentration  und  Zentralisation,
des  Wachstums  der  kapitalistischen  Gesellschaft  und  letzten
Endes  ihrer  Organisation;  hier  bildet  diese  Elementarkraft  den
Hebel  des  Zerfalls  des  Organisationssystems  in  Teile.  Und
wiederum;  inmitten  dieses  elementaren  Prozesses  des  Zerfalls
kann  nur  in  den  proletarischen  Staaten  ein  Prozeß  der  Organisierung ­
  und  Rationalisierung  des  Wirtschaftslebens  sein,  aber  schon
auf  prinzipiell  anderer  Grundlage.  Die  Zersetzung  und  der  Zer-
        <pb n="202" />
        13  Bucharin:  Ockonomik.

m

fall  des  alten  Systems  und  die  Organisierung  des  neuen  sind  die
grundsätzlichsten  und  allgemeinsten  Gesetzmäßigkeiten  der
Uebergangsperiode.  Welches  auch  die  Abweichungen  hierbei
sein  mögen,  die  Resultante  verläuft  hier  in  der  Richtung  des
Sozialismus.  Das  Verhältnis  zwischen  den  Staaten  des  Proletariats ­
  und  den  Staaten  der  Bourgeoisie  wird  am  besten  ersichtlich ­
  an  ihren  kriegerischen  Zusammenstößen,  am  Klassenkriege,
wo  die  alten  Armeen  sich  zersetzen,  weil  durch  den  ganzen  Verlauf ­
  der  Entwicklung  ein  gesellschaftliches  Gleichgewicht  auf
kapitalistischer  Grundlage  unmöglich  geworden  ist.
Der  wichtigste  Faktor  des  Zerfalls  des  kapitalistischen
Systems  ist  die  Auflösung  der  Verbindungen  zwischen  den
imperialistischen  Staaten  und  ihren  zahlreichen  Kolonien.  Der
sogenannte  „Nationalstaat“  war  schon  in  der  Vorkriegszeit  die
reinste  Fiktion.  In  Wirklichkeit,  real,  existierten  Subjekte  der
Kolonialpolitik,  imperialistische  Staaten,  die  komplizierte  Systeme
mit  einem  festen  Kern  und  einer  koordinierten  Peripherie  darstellten, ­
  und  Subjekte  dieser  Kolonialpolitik  mit  verschiedenen
Schattierungen  und  Stufen  der  Koordinierung,  Gerade  bei  der
Bildung  dieser  gigantischen  Körper  spielte  die  organisierte
„außerökonomische“  Gewalt,  die,  wie  Marx  sagte,  selbst  eine
ökonomische  Kraft  ist,  eine  ungeheure  Rolle.  „Machtpolitik“,
„Armee  und  Flotte“  und  die  anderen  Reize  des  Imperialismus ­
  waren  Mittel  der  Organisierung  der  imperialistischen
Staatssysteme,  Die  staatliche  Bindung,  die  sich  letzten  Endes
auf  die  bewaffnete  Macht  stützte,  war  von  ausschlaggebender
Bedeutung.  In  dem  Maße,  wie  die  Staatsgewalt  des  Kapitals
sich  zersetzte,  mußte  infolgedessen  auch  eine  Zersetzung  der
imperialistischen  Systeme  anfangen,  ein  Abfall  der  Kolonien,  eine
Zersplitterung  der  „Großmächte“,  die  Aussonderung  von  selbständigen ­
  „Nationalstaaten“.  Vom  Standpunkt  des  Kampfes  der
gesellschaftlichen  Kräfte  aus  kann  sich  dies  in  einer  Reihe  von
        <pb n="203" />
        194

Kolonialaufständcn,  Nationaiaufständen,  kleinen  Nationalkriegen
usw.  äußern.  Gewiß,  die  kolonialen  Aufstände  und  die  nationalen
Revolutionen  (Irland,  Indien,  China  usw.)  haben  absolut  keine
direkte  Beziehung  zu  der  sich  entfaltenden  proletarischen  Revolution; ­
  ihr  lokaler  und  unmittelbarer  Sinn  besteht  keineswegs  in
der  Einführung  der  Diktatur  des  Proletariats;  das  Proletariat
spielt  hier  im  allgemeinen  nicht  die  leitende  politische  Rolle,
denn  es  ist  äußerst  schwach.  Aber  dennoch  bilden  diese  kolonialen ­
  Aufstände  und  nationalen  Revolutionen  einen  Bestandteil
des  großen  revolutionären  Weltprozesses,  der  die  ganze  Achse
der  Weltwirtschaft  verschiebt.  Denn  objektiv  sind  hier  Faktoren
des  allgemeinen  Zerfalls  der  kapitalistischen  Produktionsverhältnisse ­
  gegeben,  eines  Zerfalles,  der  den  Sieg  der  proletarischen
Revolution  und  der  Diktatur  der  Arbeiterklasse  erleichtert.
Die  Diktatur  des  Proletariats  kann  nicht  siegen,  wenn  das
Proletariat  der  verschiedenen  Länder  voneinander  isoliert  ist.
Deshalb  ist  schon  im  Lauf  des  Kampfes  eine  Verbindung,  eine
Kohäsion,  eine  Zusammenschweißung,  ein  Bündnis  zwischen  allen
entstehenden  proletarischen  Sowjetrepubliken  unumgänglich  notwendig. ­
  Schon  für  die  Bourgeoisie  ist  in  der  Uebergangsperiodc
ein  Weltbündnis  objektiv  notwendig;  notwendig  auch  in  ökonomischer ­
  Hinsicht,  denn  nur  auf  diesem  Wege  kann  sie  mit  der
Krise  fertig  zu  werden  hoffen;  das  Bündnis  ist  für  sie  auch  in
politischer  Hinsicht  notwendig,  denn  nur  so  kann  sie  dem  Proletariat ­
  Widerstand  leisten.  Daher  ergeben  sich  die  Versuche  zur
Schaffung  eines  „Völkerbundes“.  Jedoch  der  bereits  begonnene
Zerfall  des  kapitalistischen  Systems,  seine  ungeheuerliche  Desorganisation, ­
  die  Menge  der  neuentstandenen  Reibungen  verstärken ­
  die  Dezentralisierungs-Tendenzen  außerordentlich,  und
so  erleidet  die  Bourgeoisie  Schiffbruch.  Das  Element  des  Zerfalls
überwuchert  die  organisatorische  Vernunft  der  Bourgeoisie.  Für
das  Proletariat  ist  seine  ökonomische  und  politische  Einheit  eine
        <pb n="204" />
        13*  Bucharin:  Oekonomik,

19  5

Lebensfrage.  Und  da  seine  Teilsiege  (seiner  Diktatur)  eine
Ueberwindung  des  Zerfalles  bedeuten,  so  ergibt  sich  daraus  die
objektive  Notwendigkeit  der  Zusammenfassung  der  proletarischen
Staatssysteme.  In  dem  Maße,  wie  das  ökonomische  und  politische
Gewebe  der  Weltwirtschaft  umgestaltet  wird  und  der  Schwerpunkt ­
  auf  die  proletarischen  Staaten  und  ihr  Bündnis  übergeht,
verändert  sich  das  ganze  Bild  der  Weltwirtschaft.  Die  früheren
Kolonien  und  die  rückständigen  Agrarländer,  wo  keine  proletarische ­
  Diktatur  besteht,  treten  dennoch  in  eine  wirtschaftliche
Verbindung  mit  den  sozialistischen  Industrierepubliken,  Sie
werden  nach  und  nach  in  das  sozialistische  System  hineingezogen,
ungefähr  nach  demselben  Typus,  wie  die  bäuerliche  Landwirtschaft ­
  der  einzelnen  sozialistischen  Länder  hineingezogen  wird.
So  wächst  allmählich  die  Weltdiktatur  des  Proletariats.  Mit
ihrem  Wachstum  nimmt  der  Widerstand  der  Bourgeoisie  ab,
und  die  schließlich  übriggebliebenen  Komplexe  der  Bourgeoisie
werden  sich  wahrscheinlich  mit  allen  ihren  Organisationen  in
corpore  ergeben.*)
Aber  die  Weltdiktatur  des  Proletariats  bedeutet  schon  im
Grunde  genommen  den  Anfang  der  Negation  der  Diktatur  des
Proletariats  überhaupt.  Die  Staatsmacht  der  Arbeiterklasse
wächst  notwendigerweise,  insofern  der  Widerstand  der  kapitalistischen ­
  Gruppen  wächst.  Da  der  Prozeß  der  Entfaltung  des
kapitalistischen  Zusammenbruches  und  der  kommunistischen
Revolution  eine  ganze  historische  Etappe  bedeutet,  eine  ganze
Epoche,  die  auch  eine  Reihe  von  erbarmungslosen  Klassenkriegen,
geschweige  den  Bürgerkriegen  einschließt,  so  ist  es  ja  klar,  daß
Staat  in  einer  solchen  Situation  nicht  absterben  kann.  Sobald
aber  der  entscheidende  Weltsieg  des  Proletariats  zum  Vorschein
')  In  diesen  Fällen,  die,  wie  man  leicht  ersehen  kann,  keineswegs  als
typisch  gelten  dürfen,  findet  ein  völliger  Zerfall  des  Apparates  nicht  statt,
wie  dies  im  typischen  Fall  der  gesellschaftlichen  Transformation  eintritt.
        <pb n="205" />
        196

kommt,  beginnt  die  Wachstumskurve  der  proletarischen  Staatlichkeit ­
  jäh  zu  sinken.  Denn  die  wesentliche,und  erste  Aufgabe  der
Staatsgewalt  als  solcher,  die  Aufgabe  der  Niederhaltung  der
Bourgeoisie,  wird  zu  Ende  sein.  Die  äußeren  Zwangsmaßnahmen ­
  werden  anfangen  abzusterben;  zuerst  wird  die  Armee
und  Flotte  absterben,  als  Werkzeuge  der  schärfsten  äußeren
Nötigung;  dann  das  System  der  Straf-  und  Repressivorgane;
ferner  der  Zwangscharakter  der  Arbeit  usw.  Die  Produktivkräfte,
die  sich  nicht  nach  staatlichen  Einteilungen,  sondern  nach  dem
Prinzip  der  wirtschaftlichen  Zweckmäßigkeit  verteilen,  entfalten
sich  mit  unerhörter  Schnelligkeit.  Die  kolossalen  Energievorräte,
die  früher  auf  den  Klassenkampf,  die  Kriege,  den  Militarismus,
die  Ueberwindung  der  Krisen,  die  Konkurrenz  usw.  verschwendet
wurden,  verwandeln  sich  nun  in  produktive  Arbeit.  Die  Deformation ­
  der  Klassen  und  die  Arbeitserziehung,  sowie  die  Bildung ­
  neuer  Generationen,  die  Rationalisierung  des  ganzen  Produktionsprozesses ­
  beschleunigen  das  Wachstum  der  Produktivkräfte ­
  noch  mehr.  Die  Verteilung  verliert  den  Charakter  der
zwangsmäßigen  Aequivalenz-Verteilung  „nach  der  Leistung",
Der  Sozialismus  der  proletarischen  Diktatur  und  der  ferneren
Periode  entwickelt  sich  zum  System  der  kommunistischen  Gesellschaft.*) ­
  Zum  erstenmal,  seitdem  die  Menschheit  existiert,  entsteht ­
  ein  System,  das  in  allen  seinen  Teilen  harmonisch  aufgebaut ­
  ist:  es  kennt  weder  die  soziale,  noch  die  Produktionshierarchie. ­
  Es  vernichtet  ein  für  allemal  den  Kampf  des
Menschen  gegen  den  Menschen  und  schweißt  die  ganze  Menschheit ­
  zu  einer  Gemeinschaft  zusammen,  die  die  unzähligen  Reichtümer
  der  Natur  rasch  erfaßt.
*)  Prof.  C.  Ballod  glaubt  in  seiner  Naivität,  daß  wir  russischen  Kommunisten ­
  den  Kommunismus  für  möglich  halten  auf  der  Stufe  der  proletarischen ­
  Diktatur,  und  macht  uns  eine  ganze  Reihe  lächerlichster  Vorwürfe,
die  seine  eigene  Ignoranz  offenbaren.  Vergl.  C.  Ballod:  „Kommunismus
und  Sozialismus"  in  „Der  Sozialist".  (Sozialistische  Auslandspolitik)  Nr.  34,
23.  August  1919,
        <pb n="206" />
        Das  Proletariat,  das  die  Zukunft  der  Menschheit  aktiv  baut
und  diese  Zukunft  klar  sieht,  kann  mit  den  Worten  des  großen
Vorkämpfers  der  Wissenschaft  sagen;  Novarum  rerum  mihi  nascitur
  ordo.  Mögen  die  Blinden  diese  neue  Ordnung  nicht  sehen.
Ihr  Kommen  ist  unvermeidlich  und  unabwendbar.
        <pb n="207" />
        9

'

198

rv ; ;/ p

Nacßwort
zzu  der  deutschen  Ausgabe.
Seit  der  Zeit,  da  das  vorliegende  Buch  geschrieben  wurde,
ist  eine  geraume  Zeit  vergangen.  Seither  ist  in  Rußland  die
sogenannte  „neue  Richtung  in  der  ökonomischen  Politik“  eingeschlagen ­
  worden,  die  zum  erstenmal  die  sozialisierte  Industrie,
die  kleinbürgerliche  Wirtschaft,  das  privat-kapitalistische  Unternehmertum ­
  und  die  „gemischten“  Unternehmungen  in  ein  richtiges
ökonomisches  Verhältnis  zueinander  brachte.  Diese  spezifisch
russische  Wendung,  deren  tiefste  Vorbedingung  der  bäuerlich-agrarische ­
  Charakter  des  Landes  ist,  veranlaßte  einige  meiner
geistreichen  Kritiker  zu  der  Bemerkung,  ich  müsse  meine  Arbeit
von  vorn  beginnen.  Diese  Ansicht  beruht  auf  dem  vollkommenen
Analphabetentum  dieser  Geistreichler,  die  in  ihrer  heiligen  Einfalt ­
  den  Unterschied  nicht  begreifen  zwischen  einer  abstrakten
Untersuchung,  die  die  Dinge  und  Prozesse  in  ihrem  „idealen
Querschnitt“  —  nach  dem  Ausdruck  von  Marx  —  schildert  und
der  empirischen  Wirklichkeit,  die  immer  und  unter  allen  Umständen ­
  unendlich  komplizierter  ist  als  ihre  abstrakte  Darstellung. ­
  Ich  habe  nicht  eine  ökonomische  Geschichte
Sowjetrußlands  geschrieben,  sondern  eine  allgemeine  Theorie  der
Uebergangsperiode,  der  das  Auffassungsvermögen  der  Journalisten ­
  par  exellence  und  engen  „Praktiker“,  die  die  allgemeinen
Probleme  nicht  erfassen  können,  nicht  gewachsen  ist.  Aber  für
dieses  Nicht-gewachsen-sein  trage  ich  natürlich  nicht  die  Verantwortung. ­
        <pb n="208" />
        f

199

Derselbe  Fehler  liegt  im  Grunde  genommen  auch  der  taktischen ­
  Theorie  —  der  „Offensive  unter  allen  Umständen“  —  zugrunde, ­
  die  in  einigen  Kreisen  unserer  deutschen  Genossen  verbreitet ­
  ist  und  die  sich  zu  ihrer  Rechtfertigung  auf  meine  Arbeit
stützen  will.  Es  versteht  sich  indessen  von  selbst,  daß  die  Folgerung ­
  der  konkreten  Aktion  aus  meiner  Arbeit  ebensowenig  gezogen ­
  werden  kann  wie  etwa  aus  der  „Verelendungstheorie“.
Es  ist  wohl  möglich,  daß  die  deutsche  Ausgabe  des  Buches
bei  unsern  Gegnern  (auch  bei  den  rein  bürgerlichen  Kritikern  und
bei  den  sogenannten  Sozialdemokraten,  die  jetzt  mit  unerhörter
Frechheit  alle  wesentlichen  Elemente  der  Marxschen  Theorie
ausmerzen  wollen)  das  Gefühl  einer  gewissen  moralischen  Befriedigung ­
  hervorrufen  wird,  denn  ich  gebe  offen  die  objektiv-unvermeidlich ­
  zerstörende  Wirkung  der  Revolution  als  solcher  zu.
Rein  menschlich  freut  es  mich,  daß  ich  den  Leuten  dieses  Vergnügen ­
  gewähren  kann.  Und  das  umsomehr,  als  der  pessimistische ­
  Eindruck  vom  „gesunden  Kapitalismus“  die  Sozialdemokratie ­
  zu  einer  Umkehr  zu  Kant  und  zu  Vorländer,  als  dem
offiziellen  Parteiphilosophen,  die  Bourgeoisie  aber  —  zu  einer
Abkehr  von  Kant  und  zu  den  indischen  Fakiren  führen  wird
(Keyserling),  um  an  den  Ufern  des  Ganges  Trost  zu  suchen.  Die
revolutionären  Arbeiter  aber  werden  ausgezeichnet  verstehen,
daß,  sobald  die  „kapitalistische  Hülle  gesprengt  ist“  (Marx),
ein  idyllischer  Entwicklungsgang  nach  Cunow  unmöglich  gefordert ­
  werden  kann.  Was  aber  das  Lachen  betrifft,  so  heißt  es
immer  noch:  „Wer  zuletzt  lacht,  lacht  am  besten.“
Moskau,  Dezember  1921.
N.  ßucßarin.
        <pb n="209" />
        Tafel  I  (zu  Kap.  1).

A.  Die  W  eltwirtschaft  in  der  Epoche  des  Industriekapitalismus. ­


1.  Die  kleinen  Kreise  und  Punkte  bezeichnen  die  Unternehmen  innerhalb ­
  der  unorganisierten  „nationalen“  Wirtschaften.

2.  Punktiert  —  die  Zusammenhänge  zwischen  den  letztem,  die  hauptsächlich ­
  die  Form  des  Austausches  haben.

B.  Die  Weltwirtschaft  in  der  Epoche  des  Finanzkapitalismus. ­


1.  Die  kleinen  Kreise  sind  die  organisatorisch  miteinander  verbundenen
Banken,  Trusts  und  Syndikate,  deren  System  den  staatskapitalistischen
Trust  bildet.
2.  Punktiert  —  die  weniger  festen  Verbindungen  zwischen  den  staatskapitalistischen ­
  Trusts;  die  ausgezogenen  Geraden  bedeuten  die  festen  Verbände, ­
  hauptsächlich  deren  Beteiligung  und  Finanzierung.
        <pb n="210" />
        Tafel  lirjzu  Kap.  III).

A.  Einfache  Reproduktion.

B.  Erweiterte  Reproduktion.  C.  Erweiterte  negative  Reproduktion.

&amp;amp;.....W.....P  W.1  G 1
m  ß"
G.....W  P  w.?  G 1

Die  Produktivkräfte  bei  der
einfachen  Reproduktion

-&amp;gt;

G  W  _P  W 1  G 1
g 1 ...  w.. 1  p  m.xi 1
.  P  W 3 ..6 3
etc.

Die  [Produktivkräfte  hei  der
erweiterten  Reproduktion

&amp;lt;3  W-  R  w.r.1  G" 1
.  P  .w.r.?....6- 3
etc.

DielProduktivkräfte  bei  der
erweiterten  negativen
Reproduktion

Der  Einfachheit  halber  ist  überall  mit  Ausnahme  der  Gruppe  A,  vom  unP r oduktiven  Verbrauch  abgesehen.
        <pb n="211" />
        Tafel  V  (zu  Kap.  111  u.  IV).

4.  Das  neue  Gleichgewichtssystem. ­
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        Tafel  VI  (zu  Kap.  111).
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des  alten  Systems  und  die  Organisierung  des  neuen  sind  die
indsätzlichsten  und  allgemeinsten  Gesetzmäßigkeiten  der
lergangsperiode.  Welches  auch  die  Abweichungen  hierbei
i  mögen,  die  Resultante  verläuft  hier  in  der  Richtung  des
■  ialismus.  Das  Verhältnis  zwischen  den  Staaten  des  Proleats
  und  den  Staaten  der  Bourgeoisie  wird  am  besten  crsichti_
  an  ihren  kriegerischen  Zusammenstößen,  am  Klassenkriege,
die  alten  Armeen  sich  zersetzen,  weil  durch  den  ganzen  Ver-:
  der  Entwicklung  ein  gesellschaftliches  Gleichgewicht  auf
■:  italistischer  Grundlage  unmöglich  geworden  ist.
Der  wichtigste  Faktor  des  Zerfalls  des  kapitalistischen
tems  ist  die  Auflösung  der  Verbindungen  zwischen  den
ierialistischen  Staaten  und  ihren  zahlreichen  Kolonien.  Der
enannte  „Nationalstaat"  war  schon  in  der  Vorkriegszeit  die
iste  Fiktion.  In  Wirklichkeit,  real,  existierten  Subjekte  der
onialpolitik,  imperialistische  Staaten,  die  komplizierte  Systeme
einem  festen  Kern  und  einer  koordinierten  Peripherie  dar-Iten,
  und  Subjekte  dieser  Kolonialpolitik  mit  verschiedenen
attierungen  und  Stufen  der  Koordinierung,  Gerade  bei  der
lung  dieser  gigantischen  Körper  spielte  die  organisierte
ßerökonomische  Gewalt,  die,  wie  Marx  sagte,  selbst  eine
j  nomische  Kraft  ist,  eine  ungeheure  Rolle,  „Machtpolitik“,
"mee  und  Flotte“  und  die  anderen  Reize  des  Impcrialis-5
  waren  Mittel  der  Organisierung  der  imperialistischen
atssysteme.  Die  staatliche  Bindung,  die  sich  letzten  Endes
fj-.  die  bewaffnete  Macht  stützte,  war  von  ausschlaggebender
leutung.  In  dem  Maße,  wie  die  Staatsgewalt  des  Kapitals
fj;  i  zersetzte,  mußte  infolgedessen  auch  eine  Zersetzung  der
■erialistischen  Systeme  anfangen,  ein  Abfall  der  Kolonien,  eine
Splitterung  der  „Großmächte",  die  Aussonderung  von  selbndigen
  „Nationalstaaten",  Vom  Standpunkt  des  Kampfes  der
sllschaftlichen  Kräfte  aus  kann  sich  dies  in  einer  Reihe  von

13  Bucharin:  Ockonomik.

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