allein läßt sich, wie gesagt, die Begeisterung der elsaß lothringischen Bevölkerung in den November tagen 1918 nicht erklären. Die Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Verhältnisse, die Erlösung aus langem Kriege, die Freude der Besitzenden den ,,roten“ Deutschen entronnen zu sein, die Hoffnung auf freies, selbständiges bürgerliches Leben, der oben erwähnte Eindruck der Unmassen siegreichen Truppen, schufen das Bild einer in ihrer Gesamtheit zu Frankreich hinneigenden Bevölkerung. So wenigstens in den Städten. Die Bauernschaft besah sich die neuen Ver hältnisse größtenteils mit ruhigerem Gemüt. Aber die Städte mit ihren Massen gaben den Ausschlag. Der größte Teil der Deutschgesinnten zog sich vor dieser Selbstver ständlichkeit einer Einverleibung in Frankreich völlig zu rück, ein Teil bekannte sich aus Furcht zu Frankreich. So hatten die seit 1870 eingewanderten Deutschen keinerlei Rückhalt, ebensowenig die einheimischen Ele mente, die im Kampf gegen da,s Welschtum vor dem Kriege und während des Krieges Führer gewesen waren. Wie zurZeit von Revolutionen die niedrigsten Instinkte entfesselt werden, die fragwürdigsten Gestalten zu Führern werden, so auch während der politischen Umwälzung in den Reichslanden unter dem Zeichen fanatisch-romanischen Chauvinismusses. Die unter dem Deckmantel militärischer Notwendigkeit vollzogenen Ausweisungen altdeutscher El saß-Lothringer waren begleitet von den Auswüchsen natio nalen Hasses der französisch gesinnten Teile der ein heimischen Bevölkerung und der aus dem Innern Frank reichs zuziehenden Franzosen. Aus den Ausweisungen wurde ein Hinauswerfen ohne Hab und Gut. Nicht genug damit, daß viele im wahrsten Sinne des Wortes ihre Heimat verlassen mußten, wurden sie wie Verbrecher hinausgejagt. Und aus den einzelnen Ausweisungen wurde ein ganzes System. Ein System im Dienste der Erringung der Sympathien der Einheimischen, indem diese durch ano nyme Denunziation Konkurrenten von einem Tag zum anderen vertreiben oder sich an persönlichen Feinden rächen konnten.