38 II. HAÜPTTEIL. ist uns zum Teil entrissen. Durch diesen Verlust werden wir noch mehr als bisher auf die Einfuhr von Lebensmitteln aus dem Auslande angewiesen, ohne zu wissen, woher wir die Gegenwerte für diese Einfuhr nehmen sollen. Man könnte sich fragen, ob nicht die großen Verluste an Menschen, die Deutschland im Kriege erlitten hat, diese auf eine Uebervölkerung hinweisenden Faktoren aufheben. Dies muß verneint werden. Zwar schätzt man die Verluste, die Deutschland durch den Krieg und die Blockade — den Geburtenrückgang eingerechnet — von 1914—1919 erlitten hat, auf rund 5 Millionen. Aber es muß berücksichtigt werden, daß erstens, wie anfangs ausgeführt, eine gewaltige Zahl von Auslands-, Kolonial- und Grenzlandsdeutschen in unser verkleinertes Vaterland hereinströmen, zweitens die blutigen Verluste im Kriege gerade die produktiven Arbeitsjahrgänge geschwächt haben, die mehr erarbeiteten, als sie selbst verbrauchten, und drittens bei einer Berech nung von 5 Millionen Menschen an Verlusten, der Ausfall an Bevölkerungszuwachs als Verlust eingerechnet wird, während wir ja nur feststellen wollen, daß eine Volkszahl, wie sie Deutschland vor dem Kriege besaß, heute ihre Nah rung in Deutschland bei unserem früheren wirtschaftlichen Aufbau nicht mehr finden kann. Sicherlich ist ein gewisser Ausgleich in unserer heutigen schweren Lage durch eine Herabsetzung der allgemeinen Lebenshaltung in unserem Volke zu erreichen. Aber weder können wir wünschen, daß unser soziales Existenzminimum, das unserem hohen Kultur stand angepaßt ist, sich allzu sehr senkt, noch wird eine solche Senkung uns vor einer Auswanderung behüten. Denn wenn in den Ländern um uns her mit der gleichen MengeArbeit ein höheres Existenzminimum erreicht werden kann als bei uns, so werden die Tüchtigen und Unter nehmungslustigen nach dort abströmen, sobald das Ausland die Schranken, die es großenteils heute einer deutschen Einwanderung entgegengesetzt hat, weggeräumt haben wird, und außerdem kann uns eine tiefere Lebenshaltung noch nicht die nötigen Rohstoffe für unseren Lebensunterhalt schaffen. Nur dann könnte sie für uns fruchtbar werden,