44 II. HAUPTTEIL. Stände wird dadurch, nichts geändert, und es ist wieder eine Frage für sich, ob wir an einen Wiederaufbau denken können, wenn wir unsere Arbeitskräfte nicht voll aus nutzen. Die Annehmlichkeit, die der Einzelne vom Acht stundentag hat, der Vorteil, den der Beamte dadurch besitzt, daß der Staat ihm gegenüber seine Verpflichtungen nicht lösen kann, auch wenn er seine Arbeitskraft nicht mehr braucht, werden an dem Tage wertlos sein, an dem durch solche Schäden unsere Wirtschaft völlig zusammenbricht. Das wahre Gleichgwicht zwischen den verschiedenen Be rufen muß wieder hergestellt, der Unterbau unserer Wirt schaft erweitert, und die Arbeit, der Beruf zur Pflicht der Gemeinschaft gegenüber werden. Nicht die Industrie allein, auch die geistigen Berufe und die Beamtenschaft sowie der Handelsstand leiden an Überfüllung. In unserem Staat, der auf der Freiheit des Individuums aufgebaut ist, in unserer Wirtschaft, die sich auf das Prinzip der freien Konkurrenz gründet, ist es nicht möglich, wie im Idealstaat Fichtes, in seinem ge schlossenen Handelsstaat, zwangsweise die verschiedenen Berufsgruppen ins Gleichgewicht zu bringen. Die Not muß bei uns diesen Zwang ausüben. Und solche Not hat bereits eingesetzt. Vorurteile und Schwerfälligkeit behindern in vielen Fällen den Berufswechsel. Dagegen müssen wir kämpfen, damit die Einsicht nicht zu spät kommt. Wer ins Kohlen bergwerk, wer in die Landwirtschaft geht, stärkt unsere Wirtschaft. Selbstverständlich kann nicht Jeder Beamte und jeder Arbeiter von heute auf morgen Landwirt werden, wie Dr. Stolt, der Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung der inneren Kolonisation, immer wieder betont 1 ). Aber wenn alle diejenigen, die mit der Landwirtschaft ver traut sind, zu ihr zurückkehren, dürfte für die übrigen Platz in den anderen Berufen geschaffen werden. Über 400000 Menschen zogen im Frieden jährlich vom Lande in die 1) Vortrag auf der Halbjahr Versammlung des Vereins für länd liche Wohlfahrtspflege 1920.