64 II. HAUPTTEIL. deren Tätigkeit in irgendeiner direkten Beziehung zum öffentlichen Leben steht, wurde die Berufsausübung zur Qual. Ein Lehrer mit deutscher Gesinnung muß heucheln, wenn er im Amte bleiben will. Er muß französisch unter richten, er muß seine Zöglinge aus dem Lesebuch unter richten, in dem alle die Lügen von deutschen Greueln in Belgien enthalten sind. Eür einen Kaufmann wird es leichter sein als für solchen Lehrer, unter der Fremd herrschaft zu leben. So ist es auch nicht verwunderlich, daß von den 270 Geistlichen der evangelischen Kirche Elsaß-Lothringens bis heute 78 ausgewiesen oder aus gewandert sind, darunter 29 Alt-Elsaß-Lothringer und 11 Altdeutsche, die mit einheimischen Frauen verheiratet waren. Eine vollständige Statistik über die berufliche Gliede rung der vertriebenen Elsaß-Lothringer gibt es natürlich nicht. Das ist schon deshalb unmöglich, weil ja allein 15000 Vertriebene nicht einmal zahlenmäßig erfaßt werden konnten. Aber aus den vorhandenen Unterlagen können wir die berufliche Gliederung so klar erkennen, als es für unsern Zweck notwendig ist. Die Reichszentralstelle für vertriebene Elsaß-Lothrin ger in Freiburg — eine Reichsstelle, die, wie wir später sehen werden, im Januar 1919 gegründet und mit der Übernahme der elsaß-lothringischen Flüchtlinge beauftragt wurde — führt seit Juni 1919 eine Statistik über die Be rufsgliederung der Vertriebenen. Da in diese Statistik nicht nur die seit Juni 1919 aus Elsaß-Lothringen Ein gewanderten, sondern auch ein Teil der Vertriebenen, die bereits vor Juni eingewandert sind, soweit man ihren Be ruf ermitteln konnte, aufgenommen wurden, so ergibt sich daraus die berufliche Gliederung eines ansehnlichen Teiles aller Vertriebenen. Nach dieser Statistik wurden vom 1. Juni 1919 bis 31. August 1920 aus Elsaß-Lothringen ausgewiesen bzw. es wunderten freiwillig aus: 5330 Beamte 2702 Gewerbetreibende 7525 Arbeiter 1084 freie Berufe 927 sonstige Berufe