112

Die  Gesamtwirtschaft.

schnitte  der  Konjunkturentwicklung,  ihres  ursächlichen  Zusammenhanges  wie  der
sich  in  ihnen  jeweils  abspielenden  Vorgänge,  ist  für  die  Beurteilung  der  jeweiligen
Gesamtlage  von  größter  Wichtigkeit  (insbesondere  auch  für  die  einzelnen  Wirtschaftsbetriebe, ­
  die  danach  ihre  Maßnahmen  treffen  wollen).  Die  einzelnen  Entwicklungsabschnitte ­
  lassen  sich  in  aller  Kürze  wie  folgt  kennzeichnen:
1.  Die  Stockung  (Depression  oder  Stagnation)  erhält  ihr  Gepräge  aus  dem  Darniederliegen ­
  der  Geschäftstätigkeit.  Die  Herstellung  von  Gütern  ist  eingeschränkt,
und  zwar  die  der  Produktionsgüter  mehr  als  die  der  Verbrauchsgüter.  Teile  der
Herstellungseinrichtungen  liegen  brach;  die  Arbeitslosigkeit  steigt.  Der  Absatz
der  nur  in  beschränktem  Umfang  hergestellten  Güter  stockt,  da  die  Kaufkraft
der  Bevölkerung  infolge  der  verringerten  Unternehmer-  und  Arbeitseinkommen
gesunken  ist.  Zahlreiche  Unternehmungen  gehen  zugrunde,  weil  sie  nicht  in  der
Lage  sind,  die  aus  der  Minderbeschäftigung  ihrer  Einrichtungen  wie  aus  dem  Rückgang ­
  der  Preise  entstehenden  Verluste  durchzuhalten.  So  scheiden  Unternehmungen ­
  aus  dem  Markt  aus.  Da  Betriebskapital  wenig  benötigt  ist,  wird  der  Geldmarkt ­
  flüssig,  die  Einlagen  bei  den  Banken  steigen  und  die  Zinssätze  sinken.  Die
überschüssigen  Gelder  suchen  Anlage  in  Effekten,  die  Kurse  der  Effekten,  in  erster
Linie  der  festverzinslichen  Papiere,  fangen  an  zu  steigen;  später  folgen,  allerdings
meist  mit  Rückschlägen,  die  Kurse  der  Aktien.
Der  flaue  Zustand  der  Marktlage  —  Depression  —  läßt  die  Unternehmer  nach
neuen  Möglichkeiten  und  Aussichten  ihrer  Tätigkeiten  Umschau  halten:  Kostenverbilligung ­
  im  Betrieb,  Veränderung  der  Absatzmärkte,  Neuerungen  der  Technik,
bis  sich  auf  irgend  einem  Gebiet  eine  Belebung  durchsetzt.  Unterstützt  wird  die
Wendung  zum  Besseren,  wenn  sich  der  durch  eine  Bevölkerungsvermehrung  aufgestaute ­
  Bedarf  nicht  mehr  länger  zurückhalten  läßt.
2.  Der  Aufschwung.  Die  Anregung  zu  neuer  Geschäftstätigkeit  wird  verstärkt
durch  die  Kapitalfülle,  die  es  den  Unternehmern  ermöglicht,  sich  die  zur  Durchführung ­
  ihrer  neuen  „Kombinationen“  und  „Kalkulationen“  erforderlichen  Kapitalien ­
  zu  beschaffen.  Durch  den  Aufkauf  von  Produktionsgütern  fangen  deren
Preise  an  zu  steigen.  Im  Anschluß  hieran  erhöhen  sich  die  Preise  der  Rohstoffe
und  Halbfabrikate,  später  die  der  Fertigerzeugnisse.  Die  Einkommen  steigen  und
damit  die  Kaufkraft,  die  sich  auf  den  Markt  der  Verbrauchsgüter  ergießt.  Die
Aussicht  auf  Gewinn  belebt  die  Unternehmertätigkeit.  Der  Geldmarkt  ist  zunächst ­
  noch  flüssig;  doch  beginnen  die  Bankeinlagen  abzunehmen;  die  Kredite
nehmen  zu  und  die  Zinssätze  steigen.  An  der  Börse  macht  sich  eine  Belebung  der
Spekulation  bemerkbar,  die  Kurse  steigen;  es  entwickelt  sich  ein  lebhaftes  Börsengeschäft, ­
  das  die  Aussichten  einer  möglichen  Hochkonjunktur  in  übersteigerten
Kursen  vorwegnimmt.  Vorsichtige  Spekulanten  melden  ihre  andersartigen  Auffassungen ­
  j  etzt  schon  durch  Einleitung  von  Leerverkäufen  an.  Die  Einfuhr  von  Waren
nimmt  weiter  zu,  während  die  Ausfuhr  eine  Veränderung  noch  nicht  aufweist.
3.  Der  Aufschwung  geht  bald  in  den  Hochschwung  (Hochkonjunktur,  Hausse),
über.  Die  Unternehmer  versuchen,  die  günstige  Marktlage  durch  Ausdehnung
ihrer  Erzeugung  wie  ihrer  Erzeugungseinrichtungen  auszunutzen.  Dadurch  hält
einstweilen  noch  die  Nachfrage  nach  Produktionsgütern,  Rohstoffen  und  Halbfertigerzeugnissen ­
  an.  Doch  hält  die  Kapitalbildung  mit  der  Nachfrage  nach  Kapital ­
  nicht  mehr  gleichen  Schritt;  Bank-  und  Notenkredite  werden  in  starkem
Maße  beansprucht;  die  ersten  Schwierigkeiten  in  der  Beschaffung  von  Kapital
treten  auf.  Die  Zinssätze  steigen,  der  Geldmarkt  versteift  sich,  die  Lage  der
Banken  wird  gespannt.  An  der  Börse  mehren  sich  die  Kursrückgänge;  es  entstehen ­
  Schwierigkeiten  in  der  Finanzierung  der  gekauften  Effekten;  die  ersten
Zahlungseinstellungen  machen  sich  bemerkbar,  die  Börse  treibt  einer  Krise  entgegen. ­
