136

Die  Lehre  vom  Wirtschaftsbetrieb.

in  einer  Darstellung  statt.  Drittens  will  die  Lehre  vom  Wirtschaftshetrieb
die  Erscheinungen,  Vorgänge  und  Verfahrensweisen  nicht  nur  wissenschaftlich
erklären,  beschreiben  und  verwesentlichen,  sondern  auch  beurteilen  und  in  bestimmte ­
  Bahnen  lenken.  Das  gilt  sowohl  innerhalb  der  Wissenschaft  als  auch  in
der  wissenschaftlichen  Technik.  Sie  fühlt  sich  hierzu  berufen  und  imstande,  weil
sie  auf  Grund  ihrer  wissenschaftlichen  Grundlage  über  die  Sachkenntnis  verfügt,
die  richtunggebende  und  wertvolle  Urteile  ermöglicht.  In  diesem  Sinne  stellt  die
Lehre  vom  Wirtschaftshetrieb  Regeln  auf,  wie  etwas  sein  soll  und  gemacht  werden
soll;  sie  verläßt  damit  bewußt  den  Boden  der  eigentlichen  Wissenschaft,  die  zunächst ­
  nur  feststellen  will,  was  ist  und  warum  es  so  ist.  Es  wäre  eine  durch  nichts
zu  rechtfertigende  Selbstverstümmelung,  wollte  die  Lehre  vom  Wirtschaftsbetrieb
bei  den  ersten  beiden  Aufgaben  stehen  bleiben  und  auf  die  dritte  Aufgabe  verzichten. ­
  Freilich  zur  Handhabung  der  letzten  Aufgabe:  der  Wirtschaftsbetriebspolitik, ­
  sollten  als  Grundlage  die  wissenschaftliche  Erkenntnis  des  Seins  und  die
wissenschaftliche  Kenntnis  von  den  Verfahrensweisen  (Technik)  nicht  fehlen.
Alle  Wissenschaft  läuft  darauf  hinaus,  an  Stelle  der  uns  verwickelt  und  zusammenhangslos ­
  erscheinenden  Vorgänge  gedanklich  einfache  und  verständliche
Wesenheiten  zu  setzen.  Diese  Vereinfachungen,  richtig  geordnet  und  in  ihrem
Verhältnis  von  Ursache  und  Wirkung  erläutert,  nennen  wir  Theorie.  Die  Wissenschaft ­
  bedient  sich  der  Theorie,  um  die  Zusammenhänge  der  Wirklichkeit  aufzudecken ­
  und  vorhandene  Gesetzmäßigkeiten  zu  erkennen.  Ihr  Zusammenhang  mit
der  Wirklichkeit  ist  in  vorstehendem  angedeutet.  Um  so  verwunderlicher  ist  die
Hervorkehrung  eines  vermeintlichen  Gegensatzes  zwischen  der  Theorie  und  der
Praxis.  Insbesondere  im  Bereiche  der  Wirtschaft  ist  es  üblich,  in  geringschätzender ­
  Weise  von  der  Theorie  zu  sprechen,  sei  es,  daß  der  Praktiker  sich  über
die  Theorie  erhaben  fühlt,  oder  der  angehende  Praktiker  bei  seinem  Studium
nicht  einsehen  will,  warum  er  sich  soviel  mit  der  Theorie  beschäftigen  soll.
Wenn  Theorie  nichts  anderes  ist,  als  sich  über  sein  Handeln  nach  Zielen  und
Mitteln  und  den  Zusammenhängen  von  Ursachen  und  Wirkungen  gedankliche
Klarheit  zu  verschaffen,  so  geht  eigentlich  jeder  Praktiker  von  einer  Theorie
aus;  er  hat  eine  Theorie,  nach  der  er  sein  Handeln  einrichtet.  Es  fragt  sich
nur,  ob  diese  seine  Theorie  für  sein  Tun  ausreicht,  ob  sie  eine  vollständige,
logisch  und  praktisch  richtige  Theorie  ist.  Je  verwickelter  das  Wirtschaftsleben ­
  ist,  und  je  unübersichtlicher  der  einzelne  Wirtschaftsbetrieb  wird,  um  so
weniger  leicht  lassen  sich  die  näheren  und  weiteren  Umstände  des  Tuns  und  dessen
voraussichtliche  Wirkungen  erkennen  und  abschätzen.  Hier  hilft  die  Wissenschaft
durch  die  Vorarbeit  der  Schaffung  einer  Theorie,  d.  h.  einer  gedanklichen  Vereinfachung ­
  der  Praxis,  um  die  Zusammenhänge  zu  erkennen,  die  sich  nicht  ohne  weiteres ­
  aus  der  Erfahrung  ergeben.  Wie  die  Theorie  die  gedankliche  Erfassung  der
Praxis  ist,  so  ist  Praxis  nichts  anderes  als  wirklich  gewordene  Theorie.  Ein  Unterschied ­
  zwischen  Theorie  und  Praxis  besteht  nicht  —  oder  sollte  nicht  bestehen  —,
wenn  das  Wesen  der  Theorie  und  der  Praxis  richtig  erkannt  wird,  wenn  die  Praxis
weiß,  was  Theorie  ist  und  zu  bedeuten  hat,  und  die  Theorie  weiß,  was  sie  sein  und
bedeuten  soll.  In  der  richtigen  Gestaltung  der  Theorie  auf  der  einen  Seite  und
ihrer  richtigen  Anwendung  auf  der  anderen  Seite  liegt  allein  das  Problem  der
Theorie.
In  dem  Verhältnis:  Theorie  zur  Praxis  kann  man  eine  Stufenfolge  von  Theoriegebilden ­
  unterscheiden  (Spiethoff).  Auf  der  untersten  Stufe  wird  eine  Theorie  aus
gegebenen  Voraussetzungen  entwickelt:  die  Schaffung  der  Theorie  mit  Hilfe  der  Abstraktion ­
  und  Logik.  Sie  zeigt  das  Wesentliche,  die  Zusammenhänge  und  die  Gesetzmäßigkeiten. ­
  Eshesteht  die  Gefahr,  daß  die  Voraussetzungen,  von  denen  sie  ausgegangen ­
  ist,  mit  der  Zeit  vergessen  werden,  oder  die  erstmaligen  Voraussetzungen