Der Standort. 39 ort vieler Betriebe irgendwelche Gesetzmäßigkeiten festzustellen. Ein Beispiel: In der Bielefelder Gegend führte der Flachsbau zur Leinenindustrie; aus dieser entwickelte sich die Wäsoheherstellung, die zum Nähen viel Handarbeit erforderte. Dies gab Veranlassung, daß in Bielefeld zuerst der Nähmasohinenbau aufgenommen wurde. Die Feinmechanik der Näh maschine führte zum Fahrradbau und dieser zum Kraftwagenbau. Somit hat der Bielefelder Kraftwagenbau seinen Ursprung in der Flachsgewinnung (Eckardt — v. d. Aa). Wie immer auch der heutige Standort eines bestimmten Betriebes erklärt wer den mag, er ist fortwährenden Beeinflussungen aus der Veränderlichkeit bestehen der Bestimmungsgründe und dem Hinzutritt neuer Umstände ausgesetzt. Ins besondere muß heute mehr denn je jeder Betrieb nicht nur bei seiner Errichtung, sondern auch bei jeder Umstellung seiner Leistungen die oben geschilderten Be stimmungsgrunde kennen und beachten, wenn er den Nachteilen entgehen will, die ein ungünstiger Standort für den Betriebserfolg hat. Sombart nennt — im Anschluß an Weber — die Standorte, die aus kapitalistischen Zweckmäßigkeitsgründen gewählt werden, rational im Gegensatz zu der Wahl der Standorte aus nicht-kapitalistischen Gründen, die irrational genannt werden. Daß im Rahmen der Rentabilitätsüberlegungen noch andere Erwägungen Platz greifen können, zeigt die bewußte Hinauslegung von Industriebetrieben auf das Land oder die Errichtung von Betrieben in bestimmten Orten oder Landschaften. Ebenso wenn der Staat aus bevölkerungspolitischen oder politischen Gründen den Standort einzelner Betriebe festlegt (Neubau der Giescheschen Zinkhütte auf den Zinkerzfeldem Oberschlesiens, obwohl die Erzanfuhr nach dem Absatzort billiger ist als der Transport der Fertigtabrikate Zink und Schwefelsäure (Frankfurter Zeitung 27. Juli 1933). Daß auch Private außerwirtschaftlichen Erwägungen Raum geben können, zeigt das viel zitierte Beispiel von Harkort, der die von ihm im Jahre 1818 gegründete Maschinen fabrik in eine alte Burg (bei Wetter an der Ruhr) legte, „um in einer feudalen Burg einen bleibenden Sitz aufzuschlagen, wo Eisen und Stahl in die mächtigsten Waffen des Gewerbe fleißes umgeschaffen werden“ (Matschoss). Unter Raumordnung werden heute die Bestrebungen zusammengefaßt, die darauf hinauslaufen, den Landschaftsraum und die natürlichen Gegebenheiten mit der betrieblichen Arbeit der Menschen und den staatspolitischen Notwendigkeiten in bestmögliche Überein stimmung zu bringen. Dazu gehört auch der Standort der Industriebetriebe, der besonders auf Aussiedlung und Besiedlung Rücksicht nehmen soll. Wenn es im allgemeinen auch unmöglich ist, bestehenden Wirtschaftsbetrieben einen anderen Standort zu geben, so kann die Standorts wahl neu zu errichtender Betriebe doch nach den angegebenen Gesichtspunkten erfolgen. Die Durchführung einer volkswirtschaftlichen und politischen Standortspolitik wird vor allem erleichtert, wenn es gelingt, die Kraftversorgung auf weite Entfernungen zu billigen Kosten zur Verfügung zu stellen. Ausbau der Verkehrsmittel sowie Verbilligung der Transportkosten (Sondertarife) können das Übrige tun. 3. Der Standort der Handelsbetriebe. Beim Handel liegt die Frage des Stand ortes im allgemeinen einfacher. Dies gilt vor allem für den Kleinhandel, für den es eine Standortsfrage im vorerörterten Sinne eigentlich nur in abgeschwächtem Maße gibt; der Kleinhandel ist immer oder doch vorwiegend absatzorientiert. Wo Verbraucher in genügender Anzahl beieinander wohnen oder wo sie dauernd oder zeitweilig in großenMassen Zusammenkommen, schlägt der Kleinhandel seinen Sitz auf. Eine Erschwerung ergibt sich dabei naturgemäß aus Wettbewerbsrücksichten. Eine gewisse Rücksicht auf die Zahl der Bevölkerung, ihre Kaufkraft in bezug auf die angebotenen Waren und die Zahl der Wettbewerber ist erforderlich. Doch muß die Natur der jeweiligen Gegend auch in Rechnung gesetzt werden; Verkehrs oder Laufgegenden sind anders zu beurteilen als etwa reine Wohngegenden mit Massen Wohnungen oder Einzelhäusern. Alle diese Erörterungen gelten jedoch mehr für die Geschäfte des täglichen Kleinbedarfs, also für Nahrungsmittel- und Genußmittelgeschäfte, Reparaturhandwerker mit kleinen Läden, Kurz-, Weiß- und Wollwaren, Haushaltsbedarf, Schreibwaren u. a. m. Für Geschäfte, die Waren feilhalten, die nicht täglich gekauft werden oder die nicht reiner Haushaltsbedarf sind, sind andere Standortsbedingungen maßgebend. Solche Betriebe drängen sich gewöhnlich an den Haupt- und Durchgangsstraßen zusammen und bilden oft regelrechte Geschäftsviertel und Geschäftsstraßen, in