64 tieren. Der Arbeiter ist aber nicht bereit, sich eine ungerechte, durch nichts begründete Abhängigkeit vom Kapital auf die Dauer gefallen zu lassen, und kommt es nicht durch Vertrag zum Frieden zwischen Kapital und Arbeit, so droht gegenseitiger Vernichtungs kampf, der unter den erschwerten Lebensverhältnissen des deut schen Volkes nur zum Chaos führen kann. Jedem das Seine ist altpreußische Gerechtigkeit, Jedem das Seine in der Wirt schaft ist die Übertragung dieser Gerechtigkeit gemäß dem Fort schritt der politischen Entwicklung von der Gleichberechtigung jedes Individuums im Staat. Das gilt ebenso für die Arbeit wie für das Kapital. Das Unrecht hegt nicht nur auf seiten des Kapita listen, der die Arbeit nicht als gleichberechtigt anerkennen will, sondern liegt auch auf seiten des Arbeiters, der im Wirtschafts kampfe den Kapitalismus als nicht existenzberechtigt zu ver nichten strebt. Beides sind Extreme, die in der Wirklichkeit schon erheblich milder aussehen. Der Kampf um die Sozialisierung ist zwar noch nicht beendet, ideell wird sie von weiten Arbeiterkreisen noch immer erstrebt, weil sie dort gewissermaßen als die einzige Möglichkeit einer Auswirkung des Rechts des arbeitenden Menschen erscheint. Aber die gemeinsamen ehrlichen Bemühungen, eine Aus führungsmöglichkeit für den Sozialisierungsgedanken zu finden, haben dazu geführt, daß beide Gegenpole der Wirtschaft den Wert des gemeinsamen Zusammenarbeitens besser erkannt haben und deshalb höher einschätzen. Man ringt nicht so sehr mehr nach der Sozialisierung, sondern man ringt nach der neuen Wirtschaft, die man dunkel ahnt und die „allein die moralische Recht fertigung für Eingriffe in die bestehende Rechtsordnung in sich trägt, da sie die höchste Ausnutzung der Produk tionsmittel im gemeinwirtschaftlichen Interesse durch gemeinsame Arbeit sicherstellt.“ Wo anders, wenn nicht in der durch und durch einheitlichen individuellen Wirtschaft, in der es nicht mehr Klasseununterschiede gibt, sondern in der ein jeder mit dem Einsatz der Kräfte, die ihm zur Verfügung stehen, Mitarbeiter des anderen und des Ganzen ist, kann das Prin zip der gemeinsamen Arbeit besser und vollkommener zur Gel tung kommen, als in der Gleichberechtigung von Kapital und Arbeit, und diese Gleichberechtigung trägt die moralische Recht fertigung für Eingriffe in die bestehende Rechtsordnung in sich, ohne indessen die Rechtsordnung stürzen zu müssen. Rechtsord nung als Ordnung der vollkommenen Gerechtigkeit, das ist der Sinn der neuen Wirtschaft.