Die Malthuslehre 33 Nach Malthus hat die Bevölkerung die Tendenz, sich rascher zu vermehren als die Lebensmittelproduktion gesteigert werden kann. Wenn auch noch unbebauter Boden vorhanden ist und Verbesserungen möglich sind, so gibt es doch eine je weilig vom Stande der Technik und der Kultur abhängige, un- überschreitbare Grenze für die Vermehrung. Eine Bevölkerungs politik, die nur auf Wachstum bedacht ist, und durch verkehrte Maßregeln (falsche Armenpflege) leicht zur Entstehung einer un selbständigen, krankhaften Unterschicht der Bevölkerung Ver anlassung gibt, wird von Malthus als schädlich verworfen. Die Natur sorge schon von selbst für eine genügende Bevölkerung- Damm solle der Staat nur gegen drohende Übervölkerung durch Beschränkung leichtsinniger Eheschließungen, vernünftige Armen gesetze usw. einschreiten. Diesen Anschauungen entsprachen die vielfach bestandenen, erst im 19. Jahrhundert beseitigten Be schränkungen in der Freiheit der Niederlassung und der Ver ehelichung (Heiratsersehwerung durch Verpflichtung zum Nach weis genügender Erwerbsfähigkeit, durch Festsetzung eines hoch gegriffenen Normaljahres usw.). Der Neomalthusianismus, unter welchem Namen die Lehre von Malthus durch eine seit 1877 bestehende englische Gesellschaft (Malthusian League) vertreten wird, lehrt bewußte Beschränkung der Kinderzahl in der Ehe durch präventiven, die Empfängnis verhindernden geschlechtlichen Verkehr. Er hat auch auf dem Kontinent (in Holland, Deutschland, Italien) zahlreiche Anhänger gefunden und zerfällt jetzt in verschiedene Richtungen. Die extreme, der die meisten Engländer, aber auch einige Deutsche angehören, glaubt, daß alle sozialen Mißstände von der zu großen Bevölkerungszahl herrtihren und durch Befolgung ihrer Vorschläge beseitigt würden. Die gemäßigte Richtung (J. St. Mill, Mantegazza, Zacharias) sieht in letzteren wenigstens ein wichtiges Mittel zur Beseitigung mancher Schäden. Auch die sozialistischen Anhänger des Neo malthusianismus (Kautzky) glauben, daß in der neuen sozialisti schen Gesellschaft eine Regelung des Bevölkerungsstandes durch den präventiven Geschlechtsverkehr nötig sei, um die bestehen den Übel dauernd zu beseitigen. Landwehr, Überpölhertes Land. 3