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        <title>Übervölkertes Land</title>
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            <forname>Ottokar</forname>
            <surname>Landwehr</surname>
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        </author>
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            <idno>1014415187</idno>
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        Jtf  11  r  4  0  W
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        ÜBERVÖLKERTES
LAND

EINE  BEVÖLKERUNGSPOLITISCHE
STUDIE  ÜBER  GEGENWART  UND
ZUKUNFT  EUROPAS

OTTOKAR  LANDWEHR
GENERALMAJOR  D,  R,

1923
WIEN  UND  LEIPZIG
WILHELM  BRAUMÜLLER
UNIVEESITATS-VERLAGSBUCHHANDLUNG
GES.  M.  I!.  H.
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        EINE  BEVÖLKERUNGSPOLITISCHE
STUDIE  ÜBER  GEGENWART  UND
ZUKUNFT  EUROPAS

OTTOKAR  LANDWEHR
Generalmajor  D.  R.
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        Einleitung.
Der  Weltkrieg  und  die  Friedensschlüsse  haben  eine  Lage
geschaffen,  der  alles  ratlos  gegenübersteht.
Nicht  nur,  daß  wir  uns  mitten  in  den  schwersten  wirtschaftlichen ­
  und  sozialen  Krisen  befinden  —  auch  politischer  Zündstoff ­
  ist  allerorts  in  Menge  angehäuft.
Die  Zukunft  sieht  keineswegs  friedlich  aus.
Die  Ursachen  dieser  Weltlage  sind  vielgestaltig.  Letzten
Endes  aber  scheinen  sie  mir  auf  eine  Grundursache  zurüekzuführen,
  die  bisher  nicht  genügend  gewürdigt  wurde;  Die  Übervölkerung. ­

Die  oberflächliche  Betrachtungsweise,  welche  die  Schuld  am
Weltkrieg  einer  oder  der  anderen  Macht  zuschieben  und  diese
einseitig  dafür  zur  Verantwortung  ziehen  will,  findet  nur  mehr
dort  Glauben,  wo  sie  als  Voraussetzung  für  die  Politik  gebraucht
wird.
Unbeeinflußt  Denkende  haben  längst  eingesehen,  daß  die
jahrzehntelange  Spannung,  die  dem  Weltkriege  voranging  und
schließlich  in  ihm  zur  Explosion  kam,  tiefer  wurzelte.
Die  landläufigste  Ansicht  ist  heute,  daß  die  wirtschaftliche
Entwicklung  Deutschlands  die  Eifersucht  Englands  erregt  habe
und  dies  die  Kriegsursache  war.
Wirklich  hatten  Großbritannien  und  das  Deutsche  Reich
eine  überaus  dichte  Bevölkerung,  deren  Zahl  von  Jahr  zu  Jahr
in  einem  derartigen  Maße  wuchs,  daß  die  eigene  Heimat  zu  eng
wurde.
Während  aber  England  in  seinem  fast  ein  Viertel  der  festen
Erdoberfläche  umfassenden  Kolonialbesitze  die  Möglichkeit  dieser
Ausdehnung  bereits  besaß,  wollte  sieh  Deutschland  den  nötigen
Landwehr,  Übervölkertes  Land.  '  1
        <pb n="5" />
        2

Einleitung

Raum  erst  schaffen.  In  den  letzten  Jahrzehnten  vor  dem  Kriege
waren  ihm  koloniale  Erwerbungen  geglückt.
Damit  war  es  in  den  Wettbewerb  um  überseeische  Geltung
eingetreten  und  der  Konfliktstoff  gegeben.
Dessen  letzte  Ursache  liegt  also  in  der  zu  zahlreichen  Bevölkerung, ­
  deren  Versorgung  zur  Expansion  nötigte.
Ähnliche  Verhältnisse  bestehen  leider  auch  anderwärts.  Viele
europäische  Staaten  haben  schon  aus  dieser  primären  Ursache
—  abgesehen  von  den  sonstigen  politischen  Verhältnissen  —
Reibungen  mit  dem  Nachbar.  Und  wenn  wir  den  Blick  auf  die
übrigen  Weltteile  lenken,  fallen  vor  allem  China  und  Indien,
dann  Japan  in  die  Augen,  die  eine  Überzahl  an  Volk  haben  und
bei  weiterer  Vermehrung  desselben  auf  die  Nachbargebiete  übergreifen ­
  müßten.
Überall,  wo  eine  zu  zahlreiche  Bevölkerung  keine  ausreichende
Lebensmöglichkeit  mehr  findet,  tritt  der  unwiderstehliche  Zwang
nach  Expansion  und  damit  der  Konflikt  mit  dem  Nachbar  auf.
Wenn  in  alten  Zeiten  ein  Landstrich  so  übervölkert  war,
daß  er  —  für  die  damaligen  Verhältnisse  —  seinen  Insassen
nicht  mehr  genügte,  wanderten  ganze  Völker  in  günstigere  Gegenden ­
  aus,  die  sie  sich  durch  Kampf  unterwarfen.
Die  ganze  Periode  der  Völkerwanderung  mag  recht  wohl
auf  solche  Ursachen  zurückzuführen  sein.  Irgendein  übervölkertes
Gebiet  Zentralasiens  gab  den  Anstoß,  der  die  Nachbarvölker  über
den  Haufen  warf.  Deren  Druck  pflanzte,  sich  daun  wellenartig
und  auf  lange  Zeiträume  verteilt  fort,  bis  endlich  wieder  relative
Ruhe  eintrat.
Heute  ist  diese  primitive  Form  des  Ausgleiches  der  Bevölkerungsdichte ­
  kaum  möglich,  außer  in  Gegenden,  die  noch
von  Nomaden  bewohnt  sind.
Wohl  flutet  aber  in  der  Form  der  Einzelauswanderung
ständig  ein  Menschenstrom  aus  den  Übervölkerungsgebieten  in
andere  Gegenden.  Zur  Ruhe  kommt  die  Bevölkerungssituation
eigentlich  nie,  doch  ist  diese  Bewegung  viel  zu  gering,  um  der
Volksvermehrung  im  Heimatlande  das  Gleichgewicht  zu  halten.
So  müssen  die  in  der  Heimat  Zurückgebliebenen  sich  von  auswärts ­
  den  Lebensunterhalt  verschaffen.  Sie  brauchen  Einfuhr  an
Lebensmitteln  und  Rohstoffen  aus  dem  Auslande.  Diese  müssen
        <pb n="6" />
        Einleitung

3

sie  mit  den  Erzeugnissen  ihres  Industrie-  und  Gewerbefleißes
bezahlen.
Dergestalt  ist  eine  fortschreitende  Industrialisierung  übervölkerter ­
  Gebiete  selbstverständlich.  Diese  aber  führt  zur  Zusammendrängung
  besitzloser  Menschenmassen  auf  engem  Räume,
zum  sozialen  Elend  und  damit  zur  politischen  Unzufriedenheit.
So  zeigt  sich  letzten  Endes  die  Übervölkerung  auch  als  die  eigentliche ­
  Ursache  der  sozialen  Umsturzbestrebungen.
In  einer  Zeit  wie  der  heutigen,  in  der  sich  ganz  Europa
und  ein  großer  Teil  der  übrigen  Welt  in  einem  Zustande  sozialer
Gärung  befinden,  verdient  diese  Seite  der  Frage  besondere  Aufmerksamkeit. ­
  —
Die  vorliegende  Arbeit  gibt  vor  allem  einen  Überblick  Uber
die  Bevölkerungsverhältnisse  der  Erde  und  speziell  Europas.  Sie
untersucht,  wo  Übervölkerung  herrscht,  wo  noch  Entwicklungsraüm
  ist.  Sie  beschäftigt  sich  weiter  mit  der  zu  erwartenden
Volksvermehrung  und  deren  Konsequenzen.  Sie  versucht  schließlich
anzudeuten,  wie  dem  aus  der  Menschenüberfüllung  drohenden
Unheil  durch  weit  vorausblickende  internationale  Gemeinschaftsarbeit ­
  vorgebeugt  werden  könnte.
Leider  muß  man  bezweifeln,  daß  unsere  heutige  Zeit  reif
dazu  ist,  derartige  Mensehheitsfragen  mit  Erfolg  in  die  Hand  zu
nehmen.
Wir  leben  in  einer  Hochflut  des  Völkerhasses,  die  für  verständnisvolle ­
  Zusammenarbeit  trotz  mancher  Ansätze  (Völkerbund)
wenig  Aussicht  bietet.
Und  doch  wäre,  auch  wenn  man  weiß,  daß  nicht  Vernunft
und  Liebe  die  Welt  regieren,  sondern  die  Macht  den  Ausschlag
gibt,  die  Organisierung  einer  vernunftgemäßen  Abwehr  einer
Feind  und  Freund  gemeinsam  drohenden  Gefahr  gegenüber  ein
Gebot  der  Klugheit.
Eine  solche  Gefahr  ist  die  Übervölkerung  zunächst  für
West-  und  Mitteleuropa,  in  nicht  allzu  ferner  Zeit  aber  auch  für
andere  Landstriche  und  Weltteile.
Was  speziell  West-  und  Mitteleuropa  anlangt,  liegt  klar  zutage, ­
  daß  es  sich  wirtschaftlich  nur  solange  halten  kann,  als  es
ihm  gelingt,  seine  Weltgeltung  zu  behaupten.

1*
        <pb n="7" />
        4  Einleitung-

Verliert  es  durch  fortgesetzte  Wirren  seine  Vormachtstellung-,
so  ist  es  auch  wirtschaftlich  zugrunde  gerichtet  und  kann  seinen
Volksüberschuß  nicht  mehr  erhalten,  weil  es  die  nötigen  Einfuhren ­
  nicht  bezahlen  kann.  Europäische  Solidarität  tut  mehr
denn  je  not,  ja,  da  im  heutigen  Wirtschaftsleben  Erschütterungen
nicht  lokal  beschränkt  werden  können,  sogar  Solidarität  aller
Kulturnationen,  wenigstens  in  den  grundlegenden  Fragen.  Kur
auf  dieser  Grundlage  ist  eine  Lösung  ohne  ungeheure  kriegerische
Konflikte  denkbar.  Ich  sage  absichtlich  »denkbar«.  Ob  auch
»durchführbar«,  ist  eine  Frage  an  den  Genius  der  Menschheit.
        <pb n="8" />
        Die  Bevölkenmgsverhältnisse  der  Erde.
Während  die  meisten  Tierrassen  an  bestimmte  Himmelsstriche
gebunden  sind,  lebt  der  Mensch  überall;  in  den  heißesten  Zonen
des  Äquators  ebensowohl  als  in  der  Polarregion.  In  großer  Masse
hat  er  sieh  aber  doch  nur  dort  an  gesiedelt,.  wo  die  Verhältnisse
seine  Existenz  und  seine  Vermehrung  begünstigten.
Nur  in  solchen  gesegneten  Himmelsstrichen  entstanden  jene
Kulturzentren,  von  denen  aus  er  im  Lauf  einer  vieltausendjährigen
Geschichte  die  übrige  Erde  bevölkerte.
Wir  können  hier  nicht  auf  die  Eutwieklungsstadien  der
Menschheit,  soweit  sie  uns  aus  historischer  Zeit  mit  einiger  Sicherheit ­
  und  aus  prähistorischer  Zeit  in  vagen  Andeutungen  bekannt
sind,  eingehen.
Nur  soviel  wollen  wir  uns  in  die  Erinnerung  rufen,  daß
der  heutige  Besiedlungszustand  der  Erde  nichts  Gegebenes,  sondern
etwas  Gewordenes  ist.  Ob  der  Mensch  nur  in  einer  Gegend  der
Erde  entstanden  ist,  wie  es  die  Sage  von  Adam  und  Eva  behauptet, ­
  oder  ob  die  Menschwerdung  an  mehreren  Orten  und  zu
verschiedenen  Zeitpunkten  erfolgte,  wie  die  neuere  Forschung
meint,  jedenfalls  waren  ursprünglich  nur  wenig  Menschen  vorhanden. ­
  Sie  vermehrten  sieh  aber  rasch.  Trotzdem  zeigen  die
ältesten  statistischen  Daten,  die  wir  besitzen,  daß  noch  vor  wenigen
Jahrhunderten  die  Einwohnerzahl  der  Erde  nur  ein  Bruchteil  der
heutigen  gewesen  sein  muß.  So  soll  z.  B.  zu  Christi  Geburt  Europa
nur  40  Millionen  Einwohner  gezählt  haben.  Stimmt  dies,  so  haben
sie  sich  bis  heute  auf  das  elffache  vermehrt.
Für  das  Jahr  1800  wird  die  Zahl  der  Erdbewohner  mit
990  Millionen  angegeben,  während  sie  heute  1744  Millionen  erreicht ­
  hat.  Sie  hat  sich  also  in  wenig  mehr  als  hundert  Jahren
verdoppelt.
        <pb n="9" />
        6

Die  Bevölkerungsverhiiltnisse  der  Erde

Daß  eine  ständige  Vermehrung  stattfindet,  ist  zweifellos,  wenn
auch  durch  Rückschläge  in  einzelnen  Gebieten  diese  Vermehrung
manchmal  verzögert  wird.
Die  heutige  Bevölkerung  verteilt  sich  folgendermaßen  auf
die  einzelnen  Erdteile:

Millionen

pro
Quadratkilometer ­


Millionen
Einwohner

Quadratkilometer ­


Fläche

Europa  .  .

.  hat  449

auf  10-06

d.  i.

45

Asien  .  .  .

.  *  941

»  44-09

»  »

21

Afrika  .  .

.  *  134

»  30-03

»  »

4-4

Amerika  .

.  »  212

*  38-65

»  »

5-5

Australien

8-3

»  8-96

»

0-9

Die  Gesamtzahl  der  Erdbewohner  von  1744  Millionen  verteilt
sich  —  unter  Vernachlässigung  der  Polargebiete  —  auf  13P79  Millionen ­
  Quadratkilometer  der  festen  Erdoberfläche,  so  daß  die
durchschnittliche  Dichte  13  Menschen  pro  Quadratkilometer  beträgt.
Wir  sehen  also,  daß  Europa  etwa  doppelt  so  dicht  als  Asien,
zehnmal  so  dicht  als 1  Afrika,  neunmal  so  dicht  als  Amerika  und
fönfzigmai  so  dicht  als  Anstralien  und  Ozeanien  besiedelt  ist.
Das  Gesamtbild,  das  wir  daraus  erhalten,  ist  keineswegs  das
einer  Übervölkerung  im  ganzen.  Im  Gegenteil,  wenn  wir  bedenken, ­
  daß  Europa  mit  seinen  45  Bewohnern  pro  Quadratkilometer ­
  bisher  noch  leben  konnte,  erscheint  das  nur  halb  so  dicht
besiedelte  Asien  noch  sehr  anfnahmsfähig,  und  die  anderen  Weltteile, ­
  die.  erst  seit  kurzem  der  Kultur  erschlossen  sind,  noch  in
einem  Anfangsstadium  der  Besiedlung.
Wer  sich  ein  Bild  machen  will,  wie  verhältnismäßig  spärlich
die  Erde  trotz  des  raschen  Wachstums  einiger  Kulturzentren  noch
bevölkert  ist,  vergegenwärtige  sich,  daß,  wenn  mau  vier  Menschen
auf  jedem  Quadratmeter  der  Eisdecke  des  Bodensees  aufstellen
würde,  diese  geringe  Fläche  (etwas  über  500  km 1 )  für  die  gesamte
heutige  Menschheit  Platz  bieten  würde.  (Siehe  Damaschke;  Die
Bodenreform.)
Allerdings  hat  die  Erde  heute  immerhin  schon  eine  Einwohnerzahl ­
  erreicht,  die  bei  fortgesetztem  Wachstum  rasch  zu  ungeheuren
Zahlen  anwachsen  wird.  Doch  darüber  später.
        <pb n="10" />
        Die  Bevölkerungsverhältnisse  der  Erde

Heute  ist  also  die  durchschnittliche  Besiedlung  der  Erde  noch
eine  mäßige.  Trotzdem  herrscht  in  so  vielen  Gegenden  Mangel
am  Nötigsten.  Man  könnte  also  die  Frage  aufwerfen,  ob  die  Erde
genügend  Nahrung  für  ihre  Bewohner  erzeugen  kann,  da  ja  nur
ein  Teil  des  Festlandes  Ackerland  ist.  Diesbezüglich  stehen  die
Verhältnisse  folgendermaßen:  Das  bereits  kultivierte  Ackerland
macht  etwa  15%  der  festen  Erdoberfläche  aus.  Durchschnittlich
entfallen  auf  den  Quadratkilometer  Ackerland  in  Europa  161,  in
Asien  119,  in  Afrika  36,  in  Amerika  45,  in  Australien  und
Ozeanien  18  Menschen.  Man  erkennt  sofort,  um  wieviel  intensiver
die  Bodenkultur  in  den  dicht  bevölkerten  Erdteilen  sein  muß,
um  der  größeren  Menschenzahl  genügende  Nahrung  zu  geben,
das  heißt  wieviel  Mehrarbeit  dort  aufgewendet  werden  muß.  *
Außer  den  bereits  unter  den  Pflug  genommenen  15%  der
festen  Erdrinde  sind  aber  37%  noch  unbebaute  Weiden  und
Steppen,  dann  26%  Wald-  und  Buschland  vorhanden,  die  bei
Bedarf  ausgenutzt  werden  könnten.  Nur  22%  der  Erdfeste  sind
Wüsten  und  sonstige  unproduktive  Gebiete.
Faßt  man  Ackerland,  Wiesen  und  Weiden  sowie  Steppen
unter  der  Bezeichnung  »kulturfähiges  Land«  zusammen,  so  entfallen ­
  auf  den  Quadratkilometer  desselben  in  Europa  85,  in
Asien  32,  in  Afrika  9  2,  in  Amerika  10'5  und  in  Australien  gar
nur  2'06  Einwohner.
Man  sieht,  daß  die  Erde  in  ihrer  Gesamtheit  auch  die  Bedürfnisse ­
  einer  vielfach  zahlreicheren  Bevölkerung,  als  sie
heute  besitzt,  leicht  decken  könnte,  wenn  sie  entsprechend
ausgenutzt  würde.
Wie  die  Verteilung  der  Menschheit  auf  die  verschiedenen  Erdteile ­
  eine  sehr  ungleiche  ist,  so  sind  auch  die  einzelnen  Staaten
sehr  ungleich  besiedelt.
Die  diesbezüglichen  Verhältnisse  sind  jedem  statistischen  Atlas
(z.  B.  Prof.  Hickmanns  geographisch-statistischem  Universalatlas) ­
  zu  entnehmen.  Sucht  man  aus  dessen  Tabellen  diejenigen
Gebiete  heraus,  die  mehr  als  50  Einwohner  pro  Quadratkilometer
haben,  und  zieht  die  Summen,  so  sieht  man,  wie  durch  einen
Blick  auf  eine  Bevölkerungskarte  der  Erde  sofort  bestätigt  wird,
daß  sich  auf  unserem  Planeten  drei  große  Mensohenanhäufungen
finden,  und  zwar:
        <pb n="11" />
        8

Die  Bevölkemngsverhältnisse  der  Erde

West-  und  Mitteleuropa,  also
der  Kontinent  mit  Ausnahme
Rußlands,  Spaniens,  der  Skandinavischen ­
  Staaten  und  des
Balkan
Das  eigentliche  China  .  .  .  .
Indien  .

Millionen
Quadratkilometer ­

Fläche
mit  3"3
»  3'8
.  2-9

Millionen
Einwohner

313-53,
359-2,
257-5,

pro
Quadratkilometer ­

d.  i.  93
»  »  93
&amp;gt;  »  89

Davon  sind  die  beiden  letzteren  uralte,  vor  fast  fünf  Jahrtausenden ­
  entstandene  Kulturgebiete,  während  Europa  erst  in  den
letzten  2000  Jahren  einen  raschen  Aufsehwune:  srenommen  hat.
o  o
Kleinere,  aber  sehr  dicht  besiedelte  Menschenanhäufungen
sehen  wir  in  Japan,  Unterägypten  und  den  Ostteilen  der  Ver-.
einigten  Staaten  von  Amerika,  und  zwar:

Millionen
Quadratkilometer ­


Millionen
Einwohner

pro
Quadratkilo ­
  me  t  er

Das  eigentliche  Japan  ....  mit  0’38  und  55’9  d.  i.  146
Nordamerika  (Oststaaten)  »■  0-300  »  28’09  »  »  93
Unterägypten  &amp;gt;  0-172  »  7 - 15  »  »  41-5

Zur  Unterstützung  der  Vorstellung  sei  noch  daran  erinnert,
daß  das  eigentliche  Japan  ebenso  groß  und  volkreich  als  Deutschland ­
  ist.  Der  Osten  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  macht
nur  einen  ganz  kleinen  Bruchteil  (etwa  3%)  der  Bodenfläche  der
Föderation  aus,  umfaßt  aber  zirka  26%  ihrer  Bevölkerung.  Unterägypten ­
  endlich  ist  annähernd  so  groß  wie  die  Tschechoslowakei
mit  etwas  mehr  als  der  Hälfte  ihrer  Bevölkerung.  Da  sich  aber
die  Bevölkerung  beinahe  ganz  auf  das  fruchtbare  Niltal  konzentriert, ­
  ist  dessen  Besiedlung  eine  sehr  dichte.  Sie  ließe  sieh  am
ehesten  mit  Belgien  vergleichen,  denn  dieses  hat  22.000  km 2  Kulturfläche ­
  mit  337  Einwohnern  pro  Kulturquadratkilometer,  jenes,
umfaßt  19.716  km 2  Kulturfläche  mit  353  Einwohnern  px-o  Kulturquadratkilometer. ­

Unterägypten,  dessen  Geschichte  wir  bis  3200  v.  Chr.  zul
  ückverfolgen  können,  gehört  also  zu  den  am  dichtesten  besiedelten ­
  Gebieten  der  Erde.
Die  früher  genannten  Teile  Europas,  Chinas  und  Indiens
haben  zusammen  eine  Fläche  von  zirka  10  Millionen  Quadrat ­
        <pb n="12" />
        9

I  '  }«'■!(■  i  V  der  Erde

kilometer  und  930  Millionen  Einwohner.  Diese  drei  großen  Menschen  -
anhäufungon  umfassen  also  nur  ein  Dreizehntel  der  bewohnten
Erdoberfläche,  sie  beherbergen  aber  über  die  Hälfte  der  gesamten
Menschheit.
Die  drei  kleineren  Anhäufungen  (Japan,  Unterägypten,  Oststaaten ­
  Amerikas)  haben  zusammen  nicht  ganz  1  Million  Quadratkilometer ­
  mit  91  Millionen  Einwohnern,  sind  also  nur  etwa  ein
Zehntel  so  groß  als  die  Hauptanhäufungsgebiete.
Es  springt  ganz  deutlich  in  die  Augen,  daß  die  Bevölkerung
sieh  auf  einzelne  Kulturgebiete  der  Erde  zusammendrängt,  die
Übervölkerung  also  derzeit  noch  eine  örtliche  Erscheinung  ist.
Für  die  Menschheitsgeschichte  sind  natürlich  diese  Kultur-*
  gebiete  ausschlaggebend;  denn  von  ihnen  gehen  alle  großen  Änderungen, ­
  Erschütterungen  und  Umwälzungen  aus,  die  wohl
namenloses  Leid  über  die  von  ihnen  betroffenen  Generationen
bringen,  dabei  aber  freilich  auch,  anscheinend  einem  Naturgesetze
gehorchend,  Raum  für  eine  weitere  Entwicklung  der  Menschheit
schaffen.
Durch  solche  Umwälzungen,  die  alte  Kulturgebiete  entvölkern ­
  und  neue  entstehen  lassen,  flndet  ein  Ausgleichsprozeß
statt,  ohne  den  die  Menschheit  so  rasch  anwachsen  würde,  daß
in  kurzer  Zeit  die  ganze  Erde  übervölkert  sein  würde.
Diesbezüglich  sei  eine  kurze  Überschlagsrechnung  eingeschaltet, ­
  auf  die  wir  zwar  nicht  zu  viel  Wert  legen  wollen,  die
aber  doch  Fingerzeige  gibt.
Die  früher  besprochenen  sechs  Übervölkerungsgebiete  ums
fassen  zusammen  1021  Millionen,  sagen  wir  für  die  Überschlagsrechnung ­
  rund  eine  Milliarde  Menschen.
Die  dreiviertel  Milliarden  der  übrigen  Erdbewohner  lassen
wir  außer  Betracht.
Nun  hat  sich  in  den  letzten  100  Jahren  die  Bevölkerung
Europas  und  Chinas  um  das  zweieinhalb  fache,  jene  der  übrigen
Übervölkerungsgebiete  in  weit  höherem  Maße  vermehrt.  Nehmeu
wir  trotzdem  an,  daß  innerhalb  100  Jahren  immer  nur  eine  Verdopplung ­
  eintritt,  so  würden  diese  Gebiete  im  Jahre  2000
zwei  Milliarden,  im  Jahre  2100  vier  Milliarden,  im  Jahre  2200
!  '
acht  Milliarden  und  im  Jahre  2300  16  Milliarden  Einwohner
haben.
        <pb n="13" />
        10

Die  Bevölkemngsverhältnisse  der  Erde

Das  Festland  der  ganzen  Erde  inklusive  der  Polargebiete
umfaßt  151  Millionen  Quadratkilometer.  Es  würde  also  im
Jahre  2800  jedes  Fleckchen  der  Erde  mit  über  100  Einwohnern
pro  Quadratkilometer  besetzt  sein,  das  beißt  nahezu  so  dicht
als  heute  Deutschland.  Dieser  Zustand  träte  schon  in  4=00  Jahren
ab  heute  gerechnet  ein.
Man  kann  nun  natürlich  an  den  Rechnungsgrundlagen  deuteln ­
  und  z.  B.  in  der  Hoffnung  auf  technische  Vervollkommnungen
und  neue  Erfindungen  eine  noch  dichtere  Besiedlung  (der  ganzen
Erde!)  als  sie  heute  Deutschland  hat,  für  möglich  halten.  Man
wird  dann  einige  Jahrhunderte  mehr  herausrechnen.
Aber  die  ständige  Verdopplung  kann  keinesfalls  auf  so  lange
Zeiträume,  als  die  bisherige  Entwicklung  des  Menschengeschlechtes
umfaßte,  anhalten,  ohne  das  Leben  unmöglich  zu  machen.
Denn  wenn  wir  die  obige  Rechnung  fortsetzen,  finden  wir,
daß  schon  im  Jahre  3600  über  131.000  Milliarden  Menschen
vorhanden  sein  würden.
Die  151  Millionen  Quadratkilometer  der  festen  Erdoberfläche
entsprechen  151.000  Milliarden  Quadratmeter.  Es  würden  aber
schon  im  Jahre  3600  —  also  von  heute  ab  in  nicht  ganz  1700
Jahren  —  131.000  Milliarden  Menschen  da  sein,  das  heißt,  es
würde  nahezu  auf  jedem  Quadratmeter  der  festen  Erdoberfläche ­
  ein  Mensch  leben  müssen.  r
Die  Lebensmöglichkeit  hört  offenbar  schon  viel  früher  auf.
Jedenfalls  zeigt  sich,  daß  die  heutige  Menschheit  bereits  eine
Zahl  erreicht  hat,  deren  Verdopplung  nur  mehr  in  die  Jahrhunderte, ­
  nicht  aber  in  die  Jahrtausende  möglich  ist.
Es  muß  also  entweder  durch  Katastrophen  oder  durch  natürliche ­
  oder  künstliche  Verzögerung  der  Vermehrung  eine  Eindämmung ­
  erfolgen.
In  vorgeschichtlicher  Zeit  mögen  oftmals  Naturkatastrophen
(vergleiche  z.  B.  die  Sage  von  der  Sintflut)  den  Regulator  gegen
zu  rasche  Zunahme  der  Bevölkerung  abgegeben  haben.  Pest  und
Hungersnot  taten  regelmäßig  ihren  Dienst.  Der  Mensch  sorgte
unbewußt  durch  zahlreiche  Kriege  dafür,  ,  daß  die  Bäume  nicht
in  den  Himmel  wachsen.
Große  politische  Katastrophen  ergaben  sich  immer  dort,  wo
die  Völker  zu  zahlreich  geworden  waren  und  einander  gegen ­
        <pb n="14" />
        Die  Bevölkerungsverhiiltnisse  der  Erde

n

seitig  bedrängten.  Das  älteste  uns  bekannte  derartige  Beispiel  ist
wobl  jenes  Babylons.  Dessen  Geschichte  können  wir,  allerdings
nur  mehr  in  Andeutungen,  bis  zum  Jahre  3800  v.  Ohr.  verfolgen. ­
  Babylonien  war  einst  ein  dicht  bevölkertes,  reich  kultiviertes ­
  Land.  Die  Sage  behauptet,  daß  nach  dem  Turmbau  zu
Babel  Sprachenverwirrung  eingetreten  sei  und  die  Völker  sich
getrennt  hätten.
Modern  ausgedrüokt  heißt  dies  wohl,  daß  die  verschiedenen
dort  zusammengepferchten  Nationen  keinen  Raum  mehr  hatten
und  sich  teils  in  gegenseitigen  Kämpfen  aufrieben,  teils  auswanderten.

Heute  ist  das  einst  so  reiche  Gebiet  verödet.
Mit  zunehmender  Zivilisation  sind  allerdings  die  Hemmnisse
der  Volksvermehrung  (Kriege,  Seuchen)  immer  unwirksamer  und
die  Bevölkerungszunahme  ist  immer  stärker  geworden.  So  hat
die  Erde  heute  eine  Bevölkerungszahl  erreicht,  bei  der  sich  fortschreitende ­
  Vermehrung,  gar  wenn  sie  eine  Verdopplung  ist,
äußerst  schnell  fühlbar  macht.
Doch  lassen  wir  nunmehr  die  Zukunftssorgen  und  kehren
wir  zur  Gegenwart  zurück.
Zunächst  müssen  wir  festzustellen  trachten,  was  man  beim
heutigen  Zustande  als  Übervölkerung  zu  betrachten  hat.
Eine  große  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  ist  im  allgemeinen
bei  sehr  großer  Fruchtbarkeit  des  Landes,  Reichtum  desselben
an  Erzen  und  fossilen  Brennstoffen,  einfachen  Bedürfnissen  der
Bewohner  (Java),  intensiver  Bodenwirtschaft  (China,  Lombardei),
hoher  Entwicklung  des  Verkehrswesens  und  der  Industrie,  bei
vorteilhafter  Gestaltung  der  Bodenoberfläche  und  günstiger  Verteilung ­
  von  Wasser  und  Land  (England,  Belgien,  Sachsen)  usw.
möglich.  Sie  kann  auch  entstehen,  ohne  daß  das  Gebiet,  auf  dem
sie  sich  befindet,  ausreichende  Nahrungsmittel  für  die  Menschen
zu  liefern  vermag,  sei  es,  daß  ihnen  Industrie  und  Handel  genügend ­
  Erwerb  verschaffen,  oder  daß  ihnen  Kolonialländer  mit
oder  ohne  Vergeltung  die  nötigen  Mittel  liefern  (Verzehrung  von
in  den  Kolonien  erworbenen  Vermögen,  Tribute),  oder  daß  ihnen
das  Ausland  Zins  zu  zahlen  hat.  Es  kann  aber  auch  eine  sehr
dichte  Bevölkerung  die  Folge  von  leichtfertiger  Eheschließung
und  Kinderzeugung  sein.  Fehlt  es  in  einem  solchen  Falle  an
        <pb n="15" />
        12

Die  Bevölkerungsverhältnisse  der  Erde

genügender  wirtschaftlicher  Rührigkeit  und  Tatkraft,  so  bildet
sich  eine  Übervölkerung.
Allgemein  spricht  man  von  einer  solchen,  wenn  das  eigene
Wohngebiet  nicht  die  genügenden  Nahrungsmittel  liefern  kann.
Da  aber  auch  in  einem  solchen  Falle  eine  sehr  dichte  Bevölkerung ­
  nicht  allein  ausreichend  ihren  Unterhalt  finden,  sondern
selbst  in  Wohlstand  leben  kann,  so  bezeichnet  man  als  Übervölkerung ­
  im  eigentlichen  Sinne  eine  Bevölkerung,  die  so  dicht
ist,  daß  ein  Teil  derselben  keine  Gelegenheit  zu  genügendem
Erwerb  finden  kann.  Allgemeine  Merkmale  derselben  sind  eine
verhältnismäßig  große  Zahl  von  Armen,  starke  Auswanderung,
Vergehen  gegen  das  Eigentum  usw.  Nun  ist  der  Spielraum  der
Ernährungsmöglichkeit  ein  verschiedener,  je  nach  den  natürlichen
Verhältnissen,  nach  dem  Stande  der  Kultur  und  des  Verkehrs.
Hienach  ist  der  Begriff  der  Übervölkerung  ein  durchaus  relativer.
Eine  gewisse  Dichte  der  Bevölkerung  mit  städtischen  Zentralpunkten ­
  ist  sogar  Vorbedingung  für  die  Entwicklung  der  Kultur.
Bei  zu  dünner  Bevölkerung  können  wichtige  geistige  und  wirtschaftliche ­
  Kräfte  überhaupt  nicht  zur  Ausbildung  kommen.
Innerhalb  gewisser  Grenzen  ist  daher  auch  die  Dichtigkeit  der
Bevölkerung  ein  Maßstab  für  die  Kulturhöhe  derselben.  Doch  ist
bei  einer  Vergleichung  verschiedener  Ländergebiete  auf  die  Beschaffenheit ­
  des  Wohnraumes  und  auf  die  Art  der  auf  demselben
gebotenen  Erwerbsbedingungen  Rücksicht  zu  nehmen.  Die  Zahlen
an  und  für  sich,  insbesondere  Durchschnittszahlen  großer  Länder,
gewähren  zur  Vergleichung  kein  richtiges  Bild.  Bei  Ländern  mit
großen  unbewohnbaren  Flächen  ergibt  leicht  die  Durchschnittszahl ­
  ein  je  nach  dem  Betrachtungsstandpunkte  zu  günstiges  oder
ungünstiges,  die  allgemeine  Untersuchung  von  Stadtgebieten
(London,  Paris,  Insel  Malta),  die  in  engster  Beziehung  zu  einem
großen  Hinterlande  stehen  und  erst  mit  demselben  ein  wirtschaftliches ­
  Ganzes  bilden,  ebenfalls  ein  falsches  Bild.
Ich  habe  diese  allgemeinen  Gesichtspunkte  hier  angeführt,
um  bei  Betrachtung  der  früher  erwähnten  Übervölkerungsgebiete
der  Erde  ja  nicht  einseitig  zu  werden.
Wenige  Daten  werden  aber  genügen,  um  darzutun,  daß  diese
Gebiete  nicht  nur  die  dichtesten  Volkszahlen  aufweisen,  sondern
daß  sie  auch  alle  anderen  Merkmale  der  Übervölkerung  zeigen.
        <pb n="16" />
        Bass

—

Die  Bevölkerungsrerhaltnisse  der  Erde

13

Beginnen  wir  mit  China.
Dessen  Geschichte  reicht  bis  2600  v.  Ohr.  zurück.  Leider
sind  mir  statistische  Zahlen  nur  bezüglich  der  letzten  170  Jahre
bekannt.
Nach  Sakharow  zählte  das  ganze  Reich

1749  177  Millionen  Einwohner
1780  277
1812  360
1852  ......  420  »  &amp;gt;

Die  Bevölkerung  hatte  sich  also  in  diesen  100  Jahren  nahezu
um  das  2Y 2 fache  vermehrt.  Da  in  den  letzten  Jahrzehnten  viele
Millionen  durch  Überschwemmungen,  Aufstände  und  Hungersnöte
zugrunde  gegangen  sind,  hat  die  Volksvermehrnng  eine  Zeitlang
stagniert,  ja  Rückschläge  erlitten.
Die  Volkszählung  1910  ergab  329'6  Millionen.
Die  neuesten  Angaben  lauten  auf  351  Millionen  Menschen,
das  ist  mehr  als  ein  Fünftel  des  ganzen  Menschengeschlechtes.
Die  Übervölkerung  zwingt  trotz  der  ausgesprochenen  Liebe
für  die  Heimat  zur  Auswanderung.
Wie  stark  die  Heimatliebe  ist,  zeigt  der  Umstand,  daß  der
ausgewanderte  Chinese,  wenn  er  schon  nicht  in  sein  Land  zurückkehren ­
  kann,  wenigstens  in  heimatlicher  Erde  begraben  sein  will.
Deren  Zusehub  ins  Ausland  ist  daher  ein  lukratives  Handelsgeschäft. ­

In  Niederländisch-Indien  allein  wohnen  zirka  4  Millionen
Chinesen,  auch  sonst  sind  sie  in  Indien  usw.  sehr  verbreitet.
Nordamerika  hat  bekanntlich  wegen  Überflutung  durch  chinesische
Einwanderer  Abwehrverfügungen  getroffen.
Charakteristisch  ist,  daß  in  China  chronisch  Hungersnöte
auftreten,  weshalb  die  Regierung,  um  rechtzeitig  helfen  zu  können,
überall  Getreidespeicher  angelegt  hat.
Wegen  der  dichten  Bevölkerung  ist  das  Land  in  den  fruchtbaren ­
  Ebenen  aufs  äußerste  parzelliert  worden.  Eine  Familie
von  fünf  Personen  lebt  dort  von  1  bis  2  Im  Ackerboden.  Der  Bedarf ­
  nach  solchem  zwang  zu  rücksichtsloser  Entwaldung.  Da
sich  die  dicht  bevölkerten  Gebiete  schon  seit  Jahrhunderten  nicht
        <pb n="17" />
        14

Die  Bevölkerungsverhältnisse  der  Erde

mehr  selbst  ernähren  konnten,  war  der  Zuschub  aus  den  dünner
besiedelten  Gegenden  unabweisliehes  Bedürfnis.  Der  Chinese  der
Kulturgebiete  ist  dadurch  zum  erstklassigen  Kaufmann  erzogen
worden.
Betrachten  wir  nun  Britisch-Indien.
Im  Jahre  1901  betrug  dessen  Bevölkerung  294  36  Millionen,
wovon  23P9  Millionen  auf  die  unmittelbaren,  62'46  Millionen
auf  die  mittelbaren  Besitzungen  entfielen.
Durch  Pest  und  Hungersnot  hatte  in  dem  Jahrzehnt  seit
1891  ein  großes  Gebiet,  nämlich  Zentralindien  und  das  nordwestliche ­
  Dekhan  eine  Abnahme  der  Einwohner  erfahren,  und  zwar
bei  den  mittelbaren  Besitzungen  von  5%.  Die  unmittelbaren  Besitzungen ­
  dagegen  wiesen  einen  Zuwachs  von  4 - 7%  auf.
In  diesem  Dezennium  betrug  die  Zunahme  ganz  Britischindiens ­
  nur  1‘5%  gegen  ll°/ 0  im  vorhergegangenen.
Die  Auswanderung,  der  auch  eine  Rückwanderung  entgegensteht, ­
  betrug  daher  1901  nur  34.147  Personen,  darunter  21.000
Kulis.  Die  Sterblichkeit  hatte  namentlich  durch  Hunger  und  Pest
sehr  zugenommen.  Sie  stieg  von  1899  bis  1901,  auf  das  Tausend
berechnet:  in  Bengalen  von  31'2  auf  36’6,  im  Pandschab  von
29'6  auf  47’7,  in  den  Zentralprovinzen  von  2ST  auf  56’8,  in
Bombay  von  35 - 7  auf  70T,  in  Berar  von  39  9  auf  S2'7,  in
Adschmir  Merwara  von  33 - 2  auf  120  usw.
Im  Jahrzehnt  von  1901  bis  19.11  scheinen  sich  die  Verhältnisse ­
  wesentlich  gebessert  zu  haben.  In  diesem  Dezennium
betrug  die  Bevölkerungszunahme  in  den  unmittelbaren  Besitzungen
5‘5%,  in  den  mittelbaren  12'9%.  Die  Zählung  1911  gibt  die
Bevölkerung  Indiens  mit  über  315  Millionen  an.  Heute  sind  es
etwa  333  Millionen.  Diese  gewaltige  Menschenansammlung  beherbergt ­
  also  auf  relativ  engem  Raume  wieder  nahezu  ein
Fünftel  der  ganzen  Erdbevölkerung.
Trotz  dieser  außerordentlich  großen  Bevölkerungsdichte  ist
die  Landwirtschaft  ziemlich  rückständig.
Im  Jahre  1903  waren  vom  Gesamtareal  Britisch-Indiens
nur  205'2  Millionen  Acres  =  830.460  hm 1  wirklich  bebaut;
37‘2  Millionen  Acres  lagen  brach,  108  Millionen  sind  noch
kulturfähig,  67'5  Millionen  sind  Wald,  134’4  Millionen  Acres
sind  Ödland.
        <pb n="18" />
        15

Die  Bevölkeruägsverhältnisse  der  Erde

V-v

Es  entfallen  also  333  ;  0'83  =  zirka  400  Einwohner  pro
Quadratkilometer  Ackerland  (gegen  246  in  Deutschland,  298  in
Großbritannien,  530  in  Belgien).
Abgesehen  von  der  Pest,  die  z.  B.  allein  in  der  Präsidentschaft ­
  Bombay  im  Oktober  1903  an  14.000  Personen  hinwegraffte, ­
  ist  seit  1873  die  Hungersnot  zu  einer  fast  ständigen  Erscheinung ­
  geworden.  1891  bis  1900  waren  81  Millionen  Menschen
(30%  der  damaligen  Gesamtbevölkerung  auf  40%  des  Flächeninhaltes) ­
  von  Hungersnot  betroffen.  —  ,
Wir  sehen  also  in  den  beiden  großen  Menschenanhäufungen,
China  und  Indien,  alle  dehtliehen  Zeichen  der  Übervölkerung.
Hungersnot  und  Auswanderung  in  China,  Hungersnot  und  Pest
in  Indien  treten  als  selbsttätige  Regulativmittel  auf,  die  von  Zeit
zu  Zeit  die  Volksvermehrung  eindämmen.  Trotzdem  iiberwiegt
aber  die  Tendenz  zur  Vermehrung,  und  die  Volkszahl  nimmt
daher  rasch  zu.
In  Europa,  dessen  West-  und  Mittelstaaten  das  dritte  der,
großen  Stauungsgebiete  bilden,  sind  bis  jetzt  die  Zeichen  der
Übervölkerung  noch  nicht  so  deutlich  zutage  getreten.  Höhere
Kultur  und  die  Beherrschung  ungeheurer  überseeischer  Kolonien
haben  ihm  bisher  die  Mittel  geboten,  seinen  Volksüberschuß  mit
dem  Nötigen  zu  versehen.  Aber  das  Expansionsbedürfnis  hat
jene  Spannungen  erzeugt,  die  zum  Weltkriege  führten.  Er
war  ein  Elementarereignis,  das  man  recht  wohl  als  ein  unbewußtes ­
  Regulativmittel  gegen  die  Übervölkerung,  ähnlich  wie
Pest  und  Hungersnot  in  den  asiatischen  Übervölkerungszentren,
deuten  kann.
Nun  noch  einige  Worte  über  Japan  und  Ägypten.
Von  der  Gesamtfläche  Alt-Japans  (382.000  hm 2 )  sind  nur
70.000  hm 2  landwirtschaftlich  verwertet,  während  225.000  hm 2
(60%)  auf  Waldungen  entfallen.  Die  70.000  hm 2  landwirtschaftlicher ­
  Fläche  müssen  55 - 9  Millionen  Menschen  ernähren,  es  entfallen ­
  also  pro  Aekerquadratkilometer  nahezu  800  Menschen.
Eine  so  dichte  Besiedlung  ist  nur  bei  der  außerordentlichen
Genügsamkeit  des  Volkes,  dessen  Hauptnahrung  Reis  bildet,  und
bei  der  geringen  Viehzucht,  die  wenig  Futter  absorbiert,  möglich.
Dabei  ist  die  Vermehrung  des  Volkes  eine  sehr  starke  (0‘9%,,
pro  Jahr).  (
        <pb n="19" />
        16

Die  Bevolkerung'sVerhältnisse  der  Erde

Daß  dieses  in  den  letzten  Jahrzehnten  zu  moderner  Kultur
und  Weltbedeutung  gelangte  Reich  Expansionsbestrebungen  haben
muß,  ist  selbstverständlich.
Die  Bevölkerung  Ägyptens  (ohne  Siwal,  Sinai-Halbinsel,
Dongola  und  Suakin)  betrug  im  Jahre  1800:  2’46  Millionen,
1821:  2-58,  1846:  4-47,  1882:  6-81,  1897:  9-73,  1907:  11-19
Millionen.
Die  Dichte  ist,  wie  früher  erwähnt,  pro  Kulturquadratkilometer
  gerechnet,  etwas  größer  als  die  Belgiens.  Auch  hier  finden
wir  also  außerordentliche  Dichte  und  sehr  starkes  Wachstum  der
Bevölkerung.
Politisch  stehen  entsprechend  dem  Kulturgrade  heute  Europa,
Amerika  und  Japan  im  Vordergründe.
Den  führenden  europäischen  Staaten  und  Japan  sind  ihre
Expansionsbestrebungen  durch  ihre  Übervölkerung  vorgezeiehnet
—  sie  müssen  nach  Atemraum  streben,  ob  sie  wollen  oder  nicht.
Amerika  hat  noch  so  ungeheure  leere  Flächen  zur  Verfügung, ­
  daß  es  nicht  gezwungen  ist,  sich  in  die  Welthändel  zu
mischen,  sondern  die  Möglichkeit  hat,  seine  Interessen  auf  das
eigene  Gebiet  zu  beschränken.  Treibt  es  trotzdem  Expansionspolitik, ­
  so  hat  das  andere  Gründe.  Daher  der  Widerstreit  in  den
Meinungen  über  die  Notwendigkeit  seiner  Einmengung  in  die
europäischen  Verhältnisse  und  der  in  den  letzten  Jahren  wahrnehmbare ­
  mehrmalige  Wechsel  in  der  amerikanischen  Politik.
Die  Interessengegensätze  zwischen  England,  Amerika  und
Japan  beunruhigen  bekanntlich  neben  den  großen  europäischen
Fragen  schon  lange  die  Weltpolitik.  Auch  das  erwachende  China
und  der  indische  Vulkan  drohen  mit  Ausbrüchen.
Und  dieser  Weltlage  steht  ein  seit  Kriegsausbruch  offenkundig ­
  politisch,  wirtschaftlich  und  vor  allem  moralisch  in  seinen
Grundfesten  erschüttertes  Europa  gegenüber.
In  dieser  Situation,  die  höchste  Solidarität  der  alten  Kulturnationen ­
  erfordern  würde,  zerfleischt  sich  Europa  weiter!  —
Eine  loyale  Abgrenzung  der  Interessensphären  zwischen  den
Übervölkerungsgebieten,  die  allen  den  zum  Atmen  nötigen  Raum
verbürgt,  wäre  das  einzige  Mittel,  um  den  von  allen  Seiten
drohenden  Gewitterstürmen  vorzubeugen  und  der  Menschheit  eine
längere  Periode  ruhiger  kultureller  Entwicklung  zu  verschaffen.
        <pb n="20" />
        Die  Bevölksrungsverhältnisse  der  Erde

17

Europa  hat  daran  das  allergrößte  Interesse,  denn  ihm  mangelt,
wie  wir  in  den  folgenden  Kapiteln  deutlich  sehen  werden,  der
Raum,  um  seinen  Bevölkerungszuwachs  auf  eigenem  Gebiete  zu
versorgen.  Es  kann  sich  aber  als  Machtfaktor  von  der  bisherigen
Größe  im  Weltgetriebe  nur  erhalten,  wenn  man  einig  vorgeht.
—  Das  ist  die  wichtigste  Frage  der  nächsten  Jahrzehnte.
Versteht  es  Europa  nicht,  europäische  Politik  zu  treiben,
statt  sich  im  Hader  der  Einzelstaaten  zu  erschöpfen,  so  ist  seine
Weltgeltung  dahin.

Europa.
Rekapitulieren  wir  kurz  das  über  die  Verteilung  der  Bevölkerung ­
  auf  der  Erde  Gesagte,  so  finden  wir  :
Es  haben  Einwohner:

pro
Quadratkilometer ­


pro
Ackerquadrat ­
 ­


pro
Kulturquadrat ­
 ­


Europa.  .  .  .

...  45

161

85

Asien  .  .  .  .

...  21

119

32

Afrika  .  .  .  .

...  4-4

36

9-2

Amerika.  .  .

...  55

45

105

Australien  .  .

...  09

18

2-06

Europa  ist  also,  wie  bekannt,  der  am  dichtesten  bevölkerte
Erdteil.
Dies  hatte  zur  Folge,  daß  es  auch  in  der  Ausnutzung  des
verfügbaren  Bodens  am  weitesten  vorgeschritten  ist.
Von  der  Gesamtfläche  der  einzelnen  Weltteile  macht  das
kultivierte  Land  (Ackerland,  Wiesen  und  Gärten)  in  Europa  zirka
50%,  in  Asien  18%,  i n  Afrika  12%,  in  Amerika  12%  und  in
Australien  gar  nur  5%  aus.
Innerhalb  Europas  ist  die  Verteilung  der  Bevölkerung  wieder
eine  sehr  ungleichmäßige.
Vor  dem  Weltkriege  —  die  diesbezüglichen  neuen  Verhältnisse ­
  sind  noch  schwer  ziffermäßig  festzustellen  —  hatten  die
damals  bestandenen  wichtigeren  Staaten  Europas  folgende  Einwohnerzahlen ­
  pro  Kulturquadratkilometer:
Landwehr,  Übervölkertes  Land,  2
        <pb n="21" />
        18

Die  Bevölkerungsverhältnisae  der  Erde

Rußland  60,  Spanien  66,  Bulgarien  69,  Griechenland  78,
Serbien  86,  Schweden  94,  das  frühere  Ungarn  95,  Dänemark  98,
Rumänien  100,  Frankreich  105,  Österreich-Ungarn  118,
Portugal  125,  Norwegen  148,  das  frühere  Österreich  153,  die
Schweiz  168,  Italien  177,  Deutschland  185,  Großbritannien
mit  Irland  213,  Niederlande  286,  Belgien  337.
Man  sieht,  daß  von  den  Großstaaten  nur  Rußland  dünn  bevölkert ­
  war.  Frankreich,  wo  eine  ins  Volksbewußtsein  übergegangene ­
  zurückhaltende  Bevölkerungspolitik  (Zweikindersystem)
die  Vermehrung  einsehränkte,  hat  noch  genügend  Boden  für
seinen  derzeitigen  Bedarf.  Österreich-Ungarn  war  bis  wenige
Jahre  vor  dem  Kriege  noch  imstande,  seinen  Bedarf  durch  Eigenproduktion ­
  zu  decken.  Erst  in  den  letzten  Vorkriegszeiten  war
es  genötigt,  Getreide  einzuführen.  Seit  der  Zerschlagung  der
Donaumonarchie  in  kleine  Nachfolgestaaten  haben  sich  die  Verhältnisse ­
  für  jeden  einzelnen  derselben  ungeheuer  verschlechtert.
Italien,  Deutschland,  Großbritannien  waren  längst  auf  die  Einfuhr ­
  angewiesen.
Man  wird  nicht  fehlgehen,  wenn  man  die  Grenze  zwischen
nützlicher  Dichte  und  beginnender  Übervölkerung  etwa  bei  100
Einwohnern  pro  Quadratkilometer  Kulturfläche,  also  etwa  bei
dem  Zustande,  in  dem  sich  heute  Frankreich  befindet,  annimmt.
Was  dichter  bevölkert  ist,  lebt  schon  schwer  und  leidet,  wenn
es  nicht  Zuschnb  von  außen  bekommen  kann,  Mangel.
Der  für  übervölkerte  Gebiete  nötige  Austausch  ihrer  Industrieprodukte ­
  gegen  Agrarerzeugnisse  volksärmerer  Nachbarländer
vollzieht  sich  am  leichtesten,  wenn  diese  Nachbargebiete  dem
gleichen  Staat  angehören,  weil  dann  der  Handel  nicht  durch  die
hemmenden  Einflüsse  politischer  Grenzen  beengt  wird.  Der
moderne  Wirtschaftsverkehr  drängt  also  zur  Schaffung  großer
Wirtschaftsgebiete.  Faktisch  hatten  sich  solche  nach  Überwindung
der  Kleinstaaterei  vergangener  Zeiten  überall  in  Europa  gebildet.
Die  Friedensschlüsse  nach  dem  Weltkriege  brachten  einen  verhängnisvollen ­
  Rückschlag  in  dieser  Entwicklung.  —
Wenn  wir  100  Einwohner  pro  Kulturquadratkilometer  als
die  Grenze  der  Übervölkerung  angenommen  haben,  ergibt  sieh,
daß  alle  europäischen  Großstaaten  (mit  Ausnahme  Rußlands),
dann  die  Schweiz,  die  Niederlande  und  Belgien  schon  vor  dem
        <pb n="22" />
        Die  Bevölkerungsverhältnisse  der  Erde

19

Krieg  übervölkert  waren,  am  stärksten  von  den  Großstaaten
Deutschland  und  Großbritannien.
Unter  100  Einwohner  hatten  die  Balkanstaaten,  Rußland
und  Spanien.  Diese  großen  Gebiete  sind  also  noch  sehr  aufnahmsfähig. ­

Wenn  wir  die  Kulturfläehe  eines  Staates  mit  100  multiplizieren, ­
  erhalten  wir  jene  Einwohnerzahl,  die  nach  unserer
Voraussetzung  für  sein  Gedeihen  wünschenswert  wäre.

Machen  wir  diese  Rechnung  für  die  wichtigsten  Staaten,  so
erhalten  wir  folgendes  Bild;

Sollte
haben
Millionen
Einwohner

Hatte
faktisch
Millionen
Einwohner

Also  um
Millionen
Einwohner

Großbritannien

.  .  2P4

456

24’2  zu

viel

Deutschland

.  .  35-2

60

24-8  »

Italien

.  .  20-3

359

15-6  »

&amp;gt;

Das  frühere  Österreich

.  .  18-6

28-6

10-0  .

&amp;gt;

Frankreich

.  .  37  5

39-3

1-8  »

»

Spanien

.  .  29  7

19-6

10’  l  zu

wer

Rußland

.  .  246-2

148-0

98-2  *

Diese  Betrachtungen  sind  wohl  rein  theoretische,  weil  sich
natürlich  an  den  bestehenden  Verhältnissen  nichts  Grundlegendes
ändern  läßt.  Sie  sind  aber  insofern  interessant,  als  sie  mit  aller
Deutlichkeit  zeigen,  daß  für  jene  Staaten,  die  keine  Kolonien
haben,  nur  erübrigt,  zu  trachten,  daß  sie  ihren  Menschenüberschuß
in  die  menschenarmen  Gebiete  Rußlands,  Spaniens  und  der  Balkanstaaten ­
  oder  nach  Übersee  abgeben  können.  Für  das  übervölkerte,
seiner  Kolonien  verlustig  gewordene  Deutschland  ist  Rußland  der
natürliche  Bundesgenosse,  wenn  sich  erreichen  läßt,  daß  es  seinen
Überschuß  aufnimmt.
Für  die  aus  dem  früheren  Österreich  entstandenen  Nachfolgestaaten ­
  wäre  von  diesem  Gesichtspunkte  nichts  natürlicher
als  der  wirtschaftliche  Zusammenschluß  mit  den  dünner  bevölkerten ­
  Nachbarstaaten,  insbesondere  Ungarn  und  den  angrenzenden ­
  Balkanstaaten.  Wir  werden  hier  an  sehr  wichtige
Grundzüge  der  Bismarckschen  Politik  erinnert.

2*
        <pb n="23" />
        20

Die  Bevölkerungsverhältnisee  der  Erde

Die  von  ihm  angestrebte  Freundschaft  mit  Rußland  hätte
Deutschland  ein  natürliches  Absatzgebiet  für  seinen  Volksüberschuß ­
  schaffen  können,  während  die  Kolonialpolitik  die  Mißgunst
der  Westmächte  wachrief.  Die  alte  Stellung  der  Österreichischungarischen
  Monarchie  als  Kulturbringerin  für  das  Donaubecken
und  ihr  Interesse  für  den  Balkan  entsprach  völlig  diesen  bevölkerungspolitischen, ­
  durch  die  geographische  Lage  vorgesehriebenen
  Ideen.
Die  Gegenwart  zeigt  West-  und  Mitteleuropa  in  einem  Zustande ­
  der  Übervölkerung,  der  schon  vor  dem  Kriege  schwer  zu
ertragen  war.  Der  Krieg  hat  diesen  Zustand  nicht  beseitigt,  die
Friedensschlüsse  haben  ihn  durch  die  Zerschlagung  der  bestandenen ­
  großen  Wirtschaftsgebiete  in  viele  kleine  wesentlich
verschärft.
Werfen  wir  nun  einen  Blick  in  die  fernere  Zukunft.
Europa  hatte  im  Jahre  1800  eine  Bevölkerung  von  181  Millionen.
Im  Jahre  1910  erreichte  sie  450  Millionen.
Die  jährliche  Bevölkerungszunahme  betrug  im  Durchschnitt
der  letzten  10  Jahre  vor  dem  Kriege  in  Frankreich  0*2%,  in
Spanien  0’5,  in  Italien  06,  in  Norwegen  0 - 6,  in  Schweden  0'7,
in  Griechenland  0  7,  in  Portugal  0'7,  im  früheren  Ungarn  0'8,
im  früheren  Österreich  09,  in  Belgien  1,  in  Großbritannien  1,
in  der  Türkei  1,  in  Dänemark  11,  in  Bulgarien  1*2,  in  Rußland ­
  1*3,  in  der  Schweiz  1*8,  in  den  Niederlanden  1*4,  im  Deutschen ­
  Reiche  1*4,  in  Serbien  1*5,  in  Rumänien  1*6%  der  Bevölkerung. ­
  Es  nahm  also  —  wenn  wir  nur  die  wichtigsten  Beispiele
herausgreifen  —  Frankreich  jährlich  nur  um  58.000  Menschen
zu,  während  die  Zunahme  in  Italien  209.000,  im  früheren  Österreich ­
  242.000,  in  Großbritannien  453.000  (England  und  Schottland ­
  allein  450.000),  in  Deutschland  852.000,  in  Rußland  1,263.000
Menschen  pro  Jahr  betrug.
Ganz  Europa  nahm  im  Durchschnitt  um  0*88%,  das  sind
3,960.000  Menschen  jährlich  zu.
Wenn  diese  Zunahme  gleichmäßig  angehalten  hätte,  würde
Europas  Bevölkerung  erreicht  haben:
Im  Jahre  1920  500  Millionen,  1930  560,  1940  620,  1950
690,  1960  770,  1970  860,  1980  960,  1990  1070,  2000  1190
Millionen.
        <pb n="24" />
        Die  Bevölkervmgsverhältnisse  der  Erde

21

Der  Krieg  hat  diese  Entwicklung  ins  Stocken  gebracht.  In
den  Bulletins  der  »Studiengesellschaft  für  soziale  Folgen  des
Weltkrieges  in  Kopenhagen«  werden  die  Mensehenverluste  durch
den  Krieg,  worunter  die  Summe  der  Kriegstoten,  der  Plusdifferenz ­
  an  Todesfällen  unter  der  Zivilbevölkerung  und  der  Minusdifferenz ­
  an  Geburten  zu  verstehen  ist,  für  ganz  Europa  mit  35
Millionen  angegeben.  Die  größte  Einwohnerzahl  dürfte  der  Weltteil ­
  im  Jahre  1915  mit  schätzungsweise  470  Millionen  gehabt
haben.  Gegenwärtig  dürfte  man  der  Wirklichkeit  nahekommen,
wenn  man  449  Millionen  rechnet.  Derzeit  haben  nahezu  alle  am
Kriege  beteiligt  gewesenen  europäischen  Staaten  eine  passive
Bevölkerungsbilanz.
Die  stärksten  Sterbeüberschüsse  zeigten  1918  Frankreich
(15°/oo)  und  Deutschland  (1B% 0 ).  Auch  die  Sukzessionsstaaten
des  Zarenreiches  und  der  Österreichisch-ungarischen  Monarchie
zeigen  hohe  Bevölkerungsabgänge.  Weitaus  günstiger  steht  es
diesbezüglich  in  England  und  Italien.  Diese  Stockung  der  Bevölkerungszunahme ­
  dürfte  infolge  Fortdauer  der  Sterbetiberschüsse
  und  hoher  Auswanderungsziffern  noch  einige  Jahre  anhalten.

Gegenwärtig  wächst  die  Bevölkerung  nur  in  den  wenigen
nicht  am  Krieg  beteiligt  gewesenen  Staaten,  und  zwar  im  verschiedenen ­
  Maße.
Dieser  Rückschlag  ist  aber  keineswegs  so  hoch  einzuschätzen,
daß  er  das  Bild,  das  wir  uns  bisher  von  den  Bevölkerungsverhältnissen ­
  Europas  gemacht  haben,  wesentlich  ändern  würde.
Ein  ständiger  Rückgang  wäre  nur  zu  erwarten,  wenn  die
Lebensverhältnisse  andauernd  so  schlecht  bleiben  würden,  als  sie
in  den  ersten  Nachkriegsjahren  waren.  Dies  würde  aber  einen
allgemeinen  Kulturverfall  Europas  zur  Voraussetzung  haben.  Wer
an  die  Wiederkehr  normaler  Zeiten  glaubt  —  und  es  sprechen
doch  viele  Anzeichen  dafür  —,  muß  auch  annehmen,  daß  die
Bevölkerungszunahme  in  nicht  zu  ferner  Zeit  wieder  beginnt.
Dafür  spricht  auch  die  geschichtliche  Analogie.  JDenn  vom  Jahre
1800  bis  1835  nahm  Europa  trotz  der  Napoleonischen  Kriege
von  181  auf  245  Millionen  Einwohner  zu.
Setzen  wir  aber  sogar  voraus,  daß  Europa  im  jetzigen  Dezennium ­
  keine  Zunahme  erfährt,  also  bis  1930  auf  der  heutigen
        <pb n="25" />
        22

Die  Bevölkerungsverhältnisse  der  Erde

Ziffer  von  449  Millionen  bleibt,  so  würde  es,  wenn  dann  die  gewohnte ­
  Zunahme  von  0'88?/ 0  jährlich  wieder  beginnt,  immerhin
im  Jahre  1940  schon  495  und  1950  schon  588  Millionen  Einwohner ­
  haben,  das  heißt  es  hätte  diese  Ziffer  um  zirka  20  Jahre
später  erreicht  als  nach  der  Kalkulation  vor  dem  Weltkriege.
Wir  haben  früher  100  Einwohner  pro  Kulturquadratkilometer
als  Grenzwert  für  die  Übervölkerung  angenommen.  Da  Europa
eine  Kulturfläche  von  5,285.640  km 2  besitzt,  entspräche  dem  eine
Einwohnerzahl  von  528  Millionen.  Dieser]Zustand  wird  also  schon
zwischen  den  Jahren  1940  und  1950  eintreten,  das  heißt  es  würde
dann  in  ganz  Europa  kein  Land  mehr  geben,  das  über  genügende
Lebensmittelüberschüsse  verfügt,  um  sie  den  übervölkerten  Gebieten ­
  zuzuführen.  Europa  wäre  dann,  statt  wie  heute  teilweise,
gänzlich  auf  die  Einfuhr  aus  fremden  Weltteilen  angewiesen.
Um  diese  gegen  heute  so  stark  gesteigerte  Einfuhr  bezahlen  zu
können,  müßte  ganz  Europa  so  hoch  industriell  entwickelt  sein,
als  es  heute  England  oder  doch  Deutschland  ist.  Das  bedeutet
aber,  daß  es  in  dieser  Zeit  mit  einer  ungeheuren  Masse  von
Fabriksarbeitern  angefüllt  wäre,  so  daß  die  sozialen  Verhältnisse
sich  überall  ähnlich  gestalten  würden,  wie  heute  in  den  ausgesprochenen ­
  Industriegebieten.
Wir  wollen  gerne  hoffen,  daß  bis  dahin  gewaltige  Fortschritte
auf  dem  Wege  zur  Lösung  der  sozialen  Frage  gemacht  sein
werden.  Ob  es  aber  gelingen  kann,  das  Los  dieser  Massen  an
industrieller  Bevölkerung  erträglich  zu  gestalten,  wenn  Europa
in  so  hohem  Maße  auf  die  Einfuhr  der  Lebensmittel  von  auswärts ­
  angewiesen  ist,  erscheint  mehr  als  fraglich.  Auch  ist  es
ungewiß,  ob  bis  dahin  die  übrige  Welt  genügend  fortgeschritten
sein  wird,  um  —  noch  dazu  unter  der  Konkurrenz  des  mächtigen ­
  Amerika  —  einen  ausreichend  anfnahmsfähigen  Markt  für
die  Massen  europäischer  Industrieprodukte,  die  als  Gegenwert  für
die  Einfuhr  der  Nahrungsmittel  abgesetzt  werden  müssen,  zu  bieten.
Nichts  ist  also  wahrscheinlicher  als  Absatzstockungen  und
als  deren  Folge  Industrie-  und  soziale  Krisen  schwerster  Art.
Dazu  kommt,  daß  natürlich  auch  in  jener  Zeit,  ähnlich  wie  heute,
Europa  nicht  gleichmäßig  mit  100  Einwohnern  pro  Kulturq  uadratkilometer
  besiedelt  sein  wird,  sondern  daß  sich  die  Volksmassen
nach  wie  vor  in  den  eigentlichen  Kulturgebieten  stauen  werden.
        <pb n="26" />
        Die  Bevölkerungsverhältnisae  der  Erde

23

Es  wird  sich  also  zunächst  in  den  schon  heute  übervölkerten
Gebieten  Europas  die  Übervölkerung  bis  zur  Unerträglichkeit
steigern.  Dann  werden  gewaltsame  Lösungen  erfolgen,  ähnlich,
nur  noch  viel  umfangreicher,  als  der  Weltkrieg  war.
Ob  aber  dann  der  geschwächte  Körper  stark  genug  sein
wird,  diese  Krisen  zu  tiberstehen,  ohne  in  Marasmus  zu  verfallen,
wird  die  Zukunft  lehren.  Vielleicht  bricht  die  alt  gewordene
europäische  Kultur  zusammen  wie  einst  die  babylonische,  und
andere,  jüngere  Weltteile  übernehmen  die  Führung.  —
All  das  wäre  sicherlich  nicht  notwendig,  wenn  sich  Europa
bereit  finden  würde,  weitvorausschauende  Gemeinschaftsarbeit  zu
leisten.
Wir  haben  in  früheren  Abschnitten  dieser  Schrift  gefunden,
daß  die  Erde  ;im  |Durohsehnitt  derzeit  noch  keineswegs  übervölkert ­
  ist  und  Boden  genug  hat,  um  noch  einige  Jahrhunderte
lang  eine  weitgehende  Vermehrung  der  Bevölkerung  zu  ertragen.
Es  würde  sich  also  nur  darum  handeln,  die  örtliche  Übervölkerung ­
  auszugleiohen,  indem  man  die  Volksüberschüsse  der
zu  dicht  besiedelten  Länder  in  dünner  besiedelte  ableitet,  sie
kultiviert  und  die  Produktion  überall  so  weit  als  möglich  steigert.
        <pb n="27" />
        Das  Städtewesen.

In  den  vorhergehenden  Abschnitten  haben  wir  einen  Überblick ­
  über  die  übervölkerten  Gebiete  der  Erde  und  insbesondere
Europas  gegeben.  Innerhalb  dieser  Gebiete  ist  bekanntlich  die
Einwohnerschaft  wieder  sehr  ungleich  verteilt.  Während  auf  dem
Lande  verhältnismäßig  wenig  Menschen  wohnen,  drängen  sie  sich
in  den  Städten  enge  zusammen,  nur  zu  oft  einer  dem  anderen
Licht,  Luft  und  Lebensmöglichkeit  einengend.  Ohne  dieses  Zusammenwohnen, ­
  das  den  innigsten  geistigen  Kontakt,  den  raschesten ­
  Austausch  aller  neuen  Ideen  und  Errungenschaften  ermöglicht, ­
  wäre  freilich  ein  höheres  Kulturniveau  kaum  denkbar.
Zahlreiche  und  blühende  Städte  waren  deshalb  seit  jeher  der
Maßstab  für  den  Kulturgrad  eines  Landes.  Aber  wo  viel  Licht,
ist  auch  viel  Schatten.  Während  die  Städte  einerseits  die  Träger
der  Kultur  sind,  bilden  sie  anderseits  die  Zentren  der  Übervölkerung ­
  und  sind  daher  die  Entstehungsherde  aller  nachteiligen
Erscheinungen,  die  das  dichte  Beisammenwohnen  vieler  Menschen
auf  engem  Raum  mit  sich  bringt.  In  den  Städten  tritt  das  soziale
Elend  am  stärksten  auf,  von  ihnen  nehmen  daher  auch  die  sozialen
Bewegungen  ihren  Ausgang.
Eine  Betrachtung  über  die  Bevölkerungsverhältnisse  und  ihre
Rückwirkung  auf  das  öffentliche  Leben  erfordert  also  eine  wenn
auch  flüchtige  Besprechung  des  Städtewesens.
Wir  wollen  dabei,  um  kurz  bleiben  zu  können,  von  historischen ­
  Rückblicken  auf  ältere  Zeiten,  die  gewiß  manche  interessante ­
  Yergleichsdaten  liefern  würden,  absehen  und  uns  auf  die
neueste  Zeit  beschränken.
Bis  zum  19.  Jahrhundert  stand  in  den  meisten  europäischen
Ländern  die  Stadtbevölkerung  gegenüber  der  ländlichen  an  Zahl
weit  zurück.
        <pb n="28" />
        Das  Städtewosen

25

Selbst  berühmte  Städte  wie  Nürnberg  und  Straßburg  zählten
im  15.  Jahrhundert  nicht  mehr  als  20.000  bis  25.000  Einwohner.
London  hatte  Ende  des  17.  Jahrhunderts  nur  eine  halbe
Million.  In  ganz  England  gab  es  damals  nur  noch  zwei  Städte
mit  je  30.000  und  vier  mit  je  10.000  Menschen.
Mit  dem  Aufblühen  der  Technik  und  des  Verkehrswesens
trat  ein  Umschwung  ein.
Die  Stadtbevölkerung  wuchs  nun  weit  rascher  als  die  bäuerliche, ­
  und  zwar  nicht  infolge  des  Geburtenüberschusses,  der  z.  B.
nach  dem  dreißigjährigen  Durchschnitt  in  den  Städten  Preußens
nur  1'05%  betrug,  während  er  auf  dem  Lande  P42%  erreichte,
sondern  in  erster  Linie  durch  Zuzug  vom  flachen  Lande.
Das  angenehme  Leben  in  den  Städten,  die  vielfältigen  Verdienstmöglichkeiten, ­
  die  dort  bestehen,  wohl  auch  die  größere
Sicherheit,  lockten  die  Landbevölkerung  herbei.  Es  entstand  so
eine  bis  in  die  Zeit  des  Weltkrieges  anhaltende  »Landflucht«,
die  es  mit  sieh  brachte,  daß  sieh  in  den  Städten  viel  arbeitsloses
und  unzufriedenes  'Proletariat  anhäufte,  während  gleichzeitig  auf
dem  Lande  Mangel  an  landwirtschaftlichen  Arbeitern  herrschte,
so  daß  vielenorts  die  Bestellung  der  Felder  und  das  Einbringen
der  Ernte  nur  durch  ausländische  Saisonarbeiter  ermöglicht  wurde.
Diese  Erscheinungen  mögen  durch  einige  Ziffern  beleuchtet
werden.
In  Frankreich  betrug  die  städtische  Bevölkerung  im  Jahre
1872;  31 - 06%;  1886:35’95;  1901;  36  22%  der  Gesamtbevölkerung.
In  Deutschland  zählte  sie:  im  Jahre  1871:  36T% :  1880:
41-4;  1890:  47'0;  1900:  54-3;  1910:  6D0;  1917:  7P3%.
Das  frühere  Österreich  hatte:  im  Jahre  1845;  22%;  1890;
45;  1900:  47'6;  1917:  69%  städtische  Bevölkerung.
An  größeren  Städten  (über  10.000  Einwohner)  bestanden:
In  Deutschland:

Im  Jahre  Städte  Millionen  Einwohnern
1880  176  mit  zusammen  6
1890  205  »  »  8-3
1900  245  »  &amp;gt;  &amp;gt;  11-3
1905  263  »  »  133
1910  282  &amp;gt;  »  15-3
        <pb n="29" />
        26

Das  StädteweseB

Außerdem  gab  es  in  Deutschland  1910  noch  994  Städte  unter
10.000  Seelen  mit  zusammen  3'5  Millionen  Einwohnern,  so  daß
in  diesem  Jahre  1276  Städte  mit  18'8  Millionen  Einwohnern  und
außerdem  51.338  Landgemeinden  mit  21*2  Millionen  Einwohnern,
deren  Beschäftigung  nicht  der  Landwirtschaft  diente,  bestanden.
Im  früheren  Österreich  gab  es  im  Jahre  1910  173  Städte
über  10.000  Seelen  mit  6  6  Millionen  Einwohnern,  in  Ungarn
147  solcher  Städte  mit  4*4  Millionen  Einwohnern.
Interessant  ist  speziell  das  Anwachsen  der  Großstädte  (über
1  Million  Seelen).
Es  wuchsen  z.  B.  seit  dem  Jahre  1800;  London  von  0'95
Millionen  auf  6*7  Millionen;  Paris  von  0'65  auf  4vl5:  Berlin  von
0T7  auf  3’8;  Wien  von  023  auf  23  (jetzt  nur  P84);  St.  Petersburg ­
  von  0'36  auf  1'96  (jetzt  nur  0*7);  Moskau  von
0*25  auf  1*53  (jetzt  nur  1*35);  Konstantinopel  von  0*6  auf  1*2;
Tokio  von  0  8  auf  2T7;  Osaka  von  0*4  auf  1*25;  Hankou  von
0'6  auf  1*44;  Kalkutta  von  0'6  auf  1'22;  New  York  von  0'08
auf  7*4;  Chicago  von  0  004  auf  2*70;  Philadelphia  von  0*02
auf  1*82;  Buenos  Aires  von  0'09  auf  1*62;  Rio  de  Janeiro  von
0’09  Millionen  auf  1*12  Millionen.
Diese  Ziffern  geben  aber  noch  weitaus  kein  Bild,  wie  sehr
heutzutage  die  Menschheit  in  die  Städte  zusammengedrängt  ist.
Hiezu  würde  ein  so  umfangreiches  Ziffernmaterial  erforderlich
sein,  daß  es  den  Rahmen  dieser  Arbeit  weit  überschreiten  würde.
Ich  will  mich  also  darauf  beschränken,  jene  Städte  der  Erde
in  Betracht  zu  ziehen,  die  mehr  als  120.000  Einwohner  haben.
Es  bleiben  dann  freilich  die  Unmassen  kleinerer  Städte  unberücksichtigt. ­
  Da  aber  Städte  mit  über  120.000  Einwohnern  auch  heute
als  große  Städte  gelten  können,  in  denen  die  charakteristischen
Eigenschaften  der  Industriezentren  (viel  besitzloses  Proletariat,
Wohnungsmisere  usw.)  meist  zu  finden  sind,  möge  diese  Auswahl
für  eine  flüchtige  Charakteristik  genügen.
Rechnet  man  (z.  B.  nach  Hickmanns  Universalatlas)  diese
großen  Städte  zunächst  für  die  europäischen  Staaten  zusammen,
so  findet  man,  daß  besitzt:
England  28  solcher  Städte  mit  zusammen  14,325.000  Einwohnern, ­
  Deutschland  37  Städte  mit  14,140.000  Einwohnern,
Frankreich  14  mit  7,088.000,  Rußland  12  mit  4,199.000,  Italien
        <pb n="30" />
        Das  Städtewesen

27

11  mit  4,100.000,  Spanien  8  mit  2,295.000,  Polen  5  mit  2,103.000,
Niederlande  5  mit  2,047.000,  Belgien  3  mit  1,206.000,  Österreich
2  mit  1.997.000,  Ungarn  1  mit  1,240.000,  Europäische  Türkei  1  mit
1,200.000,  Ukraine  3  mit  1,089.000,  Tschechoslowakei  2  mit
877.000,  Dänemark  1  mit  644.00o/  Portugal  2  mit  629.000,
Schweden  2  mit  605.000,  Lettland  1  mit  569.000,  Schweiz  3  mit
468.000,  Rumänien  2  mit  475.000,  Griechenland  3  mit  445.000,
Norwegen  1  mit  256.000,  Litauen  1  mit  205.000,  Danzig  1  mit
194.000,  Finnland  1  mit  186.000,  Estland  1  Stadt  mit  138.000
Einwohnern.  In  ganz  Europa  bestehen  also  151  Städte  von  über
120.000  Einwohnern  mit  zusammen  62,720.000  Menschen.
Man  sieht,  daß  das  Städtewesen  in  England  und  Deutschland ­
  weitaus  am  stärksten  entwickelt  ist,  weit  schwächer  in  Frankreich ­
  und  Italien.
Das  zaristische  Rußland  hatte  18  Städte  mit  über  120.000
Einwohnern,  die  zusammen  über  8  Millionen  Seelen  beherbergten.
Auch  heute  kommt  Rußland  mit  12  Städten  von  zusammen
4,199.000  Einwohnern  gleich  hinter  Frankreich.  Dies  erklärt  sich
durch  die  Größe  des  Reiches  und  beeinträchtigt  dessen  agrarischen
Charakter  nicht.  Es  ist  aber  deswegen  bemerkenswert,  weil  es
dem  Verständnis  näherbringt,  wieso  gerade  das  im  Durchschnitt
schwach  besiedelte  Zarenreich,  in  dem  von  einer  Übervölkerung
keine  Rede  sein  konnte,  trotzdem  seit  Jahrzehnten  der  Herd  anarchistischer ­
  Umtriebe  war,  die  zur  Revolution  führten  und  es
ermöglichten,  daß  sich  dort  jahrelang  das  kommunistische  Regime
halten  kann.  Diese  großen  Städte  beherbergen  nämlich  eine  ganz
gewaltige  Menge  geistigen  Proletariats,  bei  dem  die  Umsturzideen,
begünstigt  durch  die  Rückständigkeit  des  früheren  Regimes,  einen
besonders  fruchtbaren  Boden  fanden.  —
Je  mehr  große  Städte  ein  Land  hat,  je  stärker  seine  Industrie
entwickelt  ist,  ein  um  so  größerer  Teil  der  Bevölkerung  bekommt
die  Härte  des  Kampfes  ums  tägliche  Brot  mit  einer  Wucht  zu
spüren,  von  welcher  der  Bauer,  der  auf  seiner  Scholle  lebt,  keine
Vorstellung  hat.
Vergleichen  wir  Europa  mit  den  anderen  Weltteilen,  so
zeigt  sich;
Europa  hat  151  Städte  über  120.000  mit  zusammen  62,720.000
Einwohnern;  Asien  hat  87  Städte  über  120.000  mit  zusammen
        <pb n="31" />
        28

Das  Städtewesen

32,777.000  Einwohnern;  Amerika  hat  72  Städte  über  120.000
mit  zusammen  34,606.000  Einwohnern;  Afrika  hat  8  Städte  über
120.000  mit  zusammen  2,266.000  Einwohnern;  Australien  hat
5  Städte  über  120.000  mit  zusammen  1,371.000  Einwohnern.
Auch  von  diesem  Gesichtspunkt  ist  also  das  an  und  für  sich
übervölkerte  Europa  den  größten  Gefahren  ausgesetzt,  und  die
Schärfe  des  sozialen  Kampfes  muß  um  so  ärger  werden,  je  mehr
in  der  Zukunft  die  städtische  Bevölkerung  anwäehst.
Nicht  umsonst  erschallt  daher  schon  seit  Jahrzehnten  der
Warnungsruf  weitblickender  Geister:  »Zurück  zur  Scholle!«
Das  Zusammendrängen  in  den  Städten,  die  Flucht  vor  dem
Landleben,  ist  eine  der  besorgniserregendsten  Erscheinungen,  die
unserer  alten  Kultur  nur  zu  leicht  ein  vorzeitiges  Ende  bereiten ­
  kann.
Der  einseitigen  Bevorzugung  der  Industrie  muß  deswegen
wieder  eine  höhere  Bewertung  des  Ackerbaues  entgegenwirken.
Nur  wenn  es  gelingt,  dem  Zusammendrängen  in  den  Städten
Einhalt  zu  tun  und  die  Bevölkerung  gleichmäßiger  im  Lande  zu
verteilen,  ist  die  für  den  Lebensunterhalt  der  europäischen  Staaten
so  notwendige  Intensivierung  der  landwirtschaftlichen  Produktion
zu  erreichen.
Nur  auf  diesem  Wege  wird  es  möglich  sein,  den  bei  ständigem
Anwachsen  der  Bevölkerung  drohenden  Kampf  aller  gegen  alle
zu  bannen  und  den  Menschen  eine  Existenz  zu  bieten,  die  sie
zufrieden  und  zu  ruhiger  kultureller  Weiterentwicklung  fähig
macht.
Es  haben  daher  schon  vor  dem  Krieg  in  jenen  Ländern,  die
diese  Verhältnisse  am  meisten  zu  fühlen  bekamen,  das  ist  in  England, ­
  in  Deutschland  und  auch  in  Österreich,  Bestrebungen  eingesetzt, ­
  die  eine  Auflockerung  der  Bevölkerungsdichte  der  Städte
und  eine  bessere  Besiedlung  des  flachen  Landes  zum  Ziele  haben.
Ich  meine  die  »Gartenstadtbewegung«  und  die  verschiedenen
»  Siedlungsbestrebungen«.
Dies  sind  Richtungen,  welche  die  höchste  Beachtung  und
Förderung  beanspruchen  dürfen.  Insbesondere  im  neuen  Österreich,
das  bei  seinem  Lebensmitteimangel  und  den  Verlegenheiten,  die
ihm  die  Ernährung  der  Millionenstadt  Wien  bereitet,  die  Wahrheit ­
  des  Rufes  »Zurück  zur  Scholle«  gar  deutlich  empfinden  ge ­
        <pb n="32" />
        Das  Städtewesen

29

lernt  hat,  ist  in  der  neuesten  Zeit  an  die  Stelle  der  »Landflucht«
der  umgekehrte  Wunsch  getreten:  Alles  trachtet  von  der  Stadt
weg  aufs  Land  zu  kommen,  das  seinen  Mann  besser  nährt.  Diese
Verhältnisse  werden  in  einem  Artikel  der  »Deutschösterreiehischen
Wirtschaftszeitung  für  Stadt  und  Land«  vom  15.  Mai  1921,  der
sich  »Stadtflucht  und  Landarbeit«  betitelt,  sehr  klar  geschildert.
Ich  lasse  ihn  deshalb  hier  auszugsweise  folgen:
»Es  war  einmal  ...,  so  beginnt  das  Märchen.  Wie  ein  Märchen
mutet  es  uns  an,  daß  es  einmal  eine  Zeit  gegeben  hat,  da  der
Landwirt  Überfluß  an  landwirtschaftlichen  Hilfskräften  hatte.  Das
war  vor  etwa  fünfzig  bis  sechzig  Jahren  der  Fall,  weshalb  von
den  Dörfern  Tausende  rüstiger  Arme  in  die  Städte  und  Industrieorte ­
  abwanderten,  um  sich  dort  ein  auskömmliches  Leben  zu
sichern.  Der  Landwirt  konnte  in  den  dreißiger,  vierziger  und
fünfziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  oft  nur  seinen  Söhnen
und  Töchtern  hinreichende  Versorgung  durch  Arbeit  geben.  Die
dünn  bevölkerten  Landstriche  hatten  einen  verhältnismäßig  geringen ­
  Bedarf  an  'Menschen,  ebenso  die  Städte,  die  damals  oft
kaum  die  Hälfte  der  heutigen  Bevölkerungszahl  aufwiesen.  Und
so  war  es  vielfach  Regel,  daß  nicht  nur  die  Söhne  und  Töchter
der  Kleinhäusler  und  Inwohner  der  Stadt  den  Fabriksorten  zustrebten, ­
  sondern  auch  mancher  Bauerssohn  und  manche  Bauerstochter, ­
  die  in  der  Stadt  das  Glück  zu  erfassen  hofften,  das  freilich
aber  in  den  allermeisten  Fällen  ausblieb  .  ..
Der  Leutemangel  in  der  Landwirtschaft  war  aber  schon  vor
dem  Weltkriege  sehr  fühlbar.  Die  Abwanderung  in  die  Städte
und  Industrieorte  nahm  von  Jahr  zu  Jahr  zu.
Man  suchte  der  Landflucht  durch  allerlei  Mittel  und  Mittelehen
abzuhelfen,  die  aber  zumeist  versagten.  Warum,  ist  leicht  gesagt.
Die  Landwirtschaft  war  eben  damals  nicht  so  rentabel,  als  daß
sie  die  Arbeitskräfte  hätte  besonders  anlocken  können.  Mancher
Bauerssohn  und  mancher  Bauersknecht  und  landwirtschaftliche
Arbeiter  blieb  deshalb  auch  nach  Ableistung  seines  dreijährigen
militärischen  Dienstes  in  der  Stadt  als  Tramwaybediensteter,  als
Ämtsdiener  u.  dgl.  ,hängend  Man  betrachte  nur  auch  heute  noch
die  strammen  Gestalten  vieler  Tramwaysehaffner,  Briefträger,
Portiere  usw.  und  man  wird  unschwer  das  echt  ,agrarische 1  Gehaben ­
  bei  gar  vielen  herausfinden.
        <pb n="33" />
        30

Das  Städtewesen

Heute  fällt  es  wohl  keinem  Bauerssohn  und  keinem  landwirtschaftlichen ­
  Arbeiter  mehr  ein,  der  Stadt  oder  der  Fabrik
zuzustreben.  Die  Landwirtschaft  nährt  heute  eben  ihren  Mann,
und  mit  Sehnsucht  blickt  mancher  kleine  Beamte  heute  nach  dem
Bauernhöfe  zurück,  den  er  vor  Jahren  freiwillig  verlassen  hat.
Unzweifelhaft  geht  heute  der  Zug  der  Bevölkerung  in  entgegengesetzter ­
  Richtung:  Die  Stadt  flüchtet  auf  das  Land.  Mancher
kleine  Beamte  und  Geschäftsmann  in  der  Stadt  streben  danach,
auf  dem  Lande  ein  kleines  Besitztum  zu  erwerben,  um  dann
selbst  ihren  Kohl  bauen  zu  können,  selbst  eine  Ziege  oder  gar
ein  Schwein  halten  zu  können  und  daneben  auch  Kleintierzucht
zu  treiben.
Wer  aber  der  Stadt  nicht  entrinnen  kann,  sucht  sich  wenigstens
durch  einen  Schrebergarten  einen  Teil  seines  Gemüsebedarfes  zu
decken,  und  er  ist  glücklich,  wenn  er  der  Scholle  einige  Häuptel
Salat,  dann  auch  Spinat,  Bohnen,  Erbsen,  Kohl  und  andere  köstliche ­
  Dinge  abzuringen  vermag  ...»
In  Österreich  hat  also  die  Bevölkerung  unter  dem  Zwang
der  Verhältnisse  jenen  Weg,  den  wir  ihr  nach  dem  Ergebnis
unserer  theoretischen  Erörterungen  anraten  müßten,  bereits  betreten. ­
  '
In  anderen  Ländern,  die  momentan  nicht  so  hart  leiden,
wird  die  Überschätzung  der  industriellen  Kultur  vielleicht  noch
einige  Zeit  dauern.  Aber  auch  sie  werden  früher  oder  später  den
Weg  zur  Scholle  zurückfinden  müssen.
Es  ist  dies  einer  von  den  Rettungswegen,  die  wir  in  den
folgenden  Kapiteln  besprechen  wollen.
        <pb n="34" />
        Die  Malthuslehre.

Die  Volkszahl  und  deren  Änderungen  sind  nicht  nur  für
das  Leben  des  Staates  und  die  Volkswohlfahrt  von  Wichtigkeit,
sondern  die  Kenntnis  derselben  ist  auch  von  hoher  wissenschaftlicher ­
  Bedeutung.
Infolgedessen  hat  sich  im  Laufe  der  Zeiten  eine  besondere
Wissenschaft,  die  Bevölkerungslehre,  gebildet.  Sie  zerfällt  in
1.  die  Bevölkerungsstatistik,  die  sich  mit  der  Zusammenstellung
des  einschlägigen  statistischen  Materials  befaßt,  2.  die  Theorie
der  Bevölkerungslehre  (Populationistik),  welche  die  sich  aus
den  statistischen  Daten  ergebenden  Gesetzmäßigkeiten  beleuchtet,
und  3.  die  Bevölkerungspolitik,  welche  die  Aufgaben  behandelt, ­
  die  sich  aus  Statistik  und  Populationistik  für  das  öffentliche ­
  Leben,  insbesondere  für  ein  ordnendes  Eingreifen  der
Staatsgewalt,  ergeben.
Die  ersten  Keime  dieser  Wissenszweige  reichen  bis  ins
Altertum  zurück,  indem  man  schon  damals  für  Zwecke  der  politischen ­
  Verwaltung,  insbesondere  der  Besteuerung,  die  Volkszahl
zu  ermitteln  trachtete.  Mit  fortschreitender  politischer  Entwicklung
entstanden  auch  Listen  über  Geburten,  Heiraten  und  Sterbefälle.
Die  mit  Hilfe  dieser  Listen  gewonnenen  Erfahrungen  verwendete
man  späten  z.  B.  bei  der  Errichtung  von  Bentenanstalten.  Seit
dem  17.  Jahrhundert  gewannen  diese  Arbeiten  immer  mehr  an
wissenschaftlicher  Vertiefung.  Heute  bilden  sie  ein  wichtiges  und
umfangreiches  Wissensgebiet.  —
Im  Mittelalter  war  Europa  allen  Anzeichen  nach  wohlbevölkert. ­
  Später  trat  jedoch  entschieden  Rückgang  und  Verfall
ein  (Spanien  nach  der  Zeit  der  Araber,  Italien  während  einiger
Jahrhunderte,  die  Mongolen-  und  Ttirkenzeit  in  Osteuropa).
In  Deutschland  hatte  der  Dreißigjährige  Krieg  die  Bevölkerung ­
  um  die  Hälfte  vermindert.  (1618:  25  Millionen  gegen
        <pb n="35" />
        32

Die  Malthuslehre

12  Millionen  im  Jahre  1648.)  Viele  Landstriche  waren  völlig  verheert ­
  und  menschenleer.
Diese  Erscheinungen  übten  einen  mächtigen  Einfluß  auf  die
allgemeinen  Anschauungen  und  die  Regierungspolitik  aus.
Das  bis  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  herrschende  Merkantilsystem ­
  vertrat  den  Grundgedanken,  daß  der  Reichtum  eines
Landes  vorwiegend  auf  dem  Besitz  baren  Geldes  beruhe  und
stützte  sich  dabei  auf  die  Tatsache,  daß  seefahrende  Nationen
und  Handelsstädte  zu  Macht  und  Wohlstand  gelangt  waren.  Es
begünstigte  daher  den  Handel  und  alle  Produktionszweige,  vorwiegend ­
  die  Edelmetallproduktion.  Die  Bevölkerungspolitiker  dieser
Epoche  bemühten  sich,  die  Volkszahl  zu  heben,  was  sie,  ähnlich
wie  dies  schon  im  Altertum  und  im  Mittelalter  geschehen  war,
durch  Begünstigung  der  Verheirateten,  Prämiierung  des  Kinderreichtums, ­
  Anreiz  zur  Einwanderung  usw.  erstrebten.
Die  zweite  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  bereits  brachte  diesbezüglich ­
  eine  sehr  günstige  Entwicklung.  Fortschritte  der  Landwirtschaft, ­
  gute  Ernten,  rasche  Entwicklung  von  Handel  und  Industrie, ­
  insbesondere  in  England,  wo  große  Wirtsehaftsfreiheit
herrschte,  begünstigten  das  Wachstum  der  Bevölkerung  und  die
Bildung  von  industriellen  städtischen  Zentralpunkten.  Damit  entstand ­
  aber  auch  die  Anhäufung  von  Not  und  Elend  auf  engem
Raum.
Und  nun  erfolgte  ein  Meinungsumschwung.  Als  nämlich  Ende
des  18.  Jahrhunderts  das  Wachstum  der  Bevölkerung,  zumal  in
den  Städten,  augenfällig  wurde,  trat  an  die  Steile  der  bisherigen
Wertschätzung  des  Volkswachstums  die  Angst  vor  der  Übervölkerung. ­
  Insbesondere  nach  der  großen  französischen  Revolution
gewann  dieser  Gedanke  Macht.
Dieser  Zeit  verdankt  denn  auch  die  Bevölkerungstheorie
von  Malthus  ihre  Entstehung.  Dieser  englische  Nationalökonom,
der  1766  bis  1834  lebte,  legte  in  seinem  berühmten  Buch  »Essay
on  the  principles  of  population«,  dar,  daß  die  Vermehrung  der
Bevölkerung  nicht  ins  Ungemessene  gehen  könne,  sondern  von
der  Menge  der  beschaffbaren  Unterhaltsmittel  abhängig  sei.  Das
Werk  erschien  1798  in  erster,  1888  in  neunter  Auflage  in  London
und  erlebte  auch  mehrere  deutsche  Ausgaben  (1807,  1900  und
1905).
        <pb n="36" />
        Die  Malthuslehre

33

Nach  Malthus  hat  die  Bevölkerung  die  Tendenz,  sich
rascher  zu  vermehren  als  die  Lebensmittelproduktion  gesteigert
werden  kann.  Wenn  auch  noch  unbebauter  Boden  vorhanden
ist  und  Verbesserungen  möglich  sind,  so  gibt  es  doch  eine  jeweilig ­
  vom  Stande  der  Technik  und  der  Kultur  abhängige,  unüberschreitbare
  Grenze  für  die  Vermehrung.  Eine  Bevölkerungspolitik, ­
  die  nur  auf  Wachstum  bedacht  ist,  und  durch  verkehrte
Maßregeln  (falsche  Armenpflege)  leicht  zur  Entstehung  einer  unselbständigen, ­
  krankhaften  Unterschicht  der  Bevölkerung  Veranlassung ­
  gibt,  wird  von  Malthus  als  schädlich  verworfen.  Die
Natur  sorge  schon  von  selbst  für  eine  genügende  Bevölkerung-Damm
  solle  der  Staat  nur  gegen  drohende  Übervölkerung  durch
Beschränkung  leichtsinniger  Eheschließungen,  vernünftige  Armengesetze ­
  usw.  einschreiten.  Diesen  Anschauungen  entsprachen  die
vielfach  bestandenen,  erst  im  19.  Jahrhundert  beseitigten  Beschränkungen ­
  in  der  Freiheit  der  Niederlassung  und  der  Verehelichung ­
  (Heiratsersehwerung  durch  Verpflichtung  zum  Nachweis ­
  genügender  Erwerbsfähigkeit,  durch  Festsetzung  eines  hochgegriffenen ­
  Normaljahres  usw.).
Der  Neomalthusianismus,  unter  welchem  Namen  die
Lehre  von  Malthus  durch  eine  seit  1877  bestehende  englische
Gesellschaft  (Malthusian  League)  vertreten  wird,  lehrt  bewußte
Beschränkung  der  Kinderzahl  in  der  Ehe  durch  präventiven,
die  Empfängnis  verhindernden  geschlechtlichen  Verkehr.  Er
hat  auch  auf  dem  Kontinent  (in  Holland,  Deutschland,  Italien)
zahlreiche  Anhänger  gefunden  und  zerfällt  jetzt  in  verschiedene
Richtungen.
Die  extreme,  der  die  meisten  Engländer,  aber  auch  einige
Deutsche  angehören,  glaubt,  daß  alle  sozialen  Mißstände  von  der
zu  großen  Bevölkerungszahl  herrtihren  und  durch  Befolgung  ihrer
Vorschläge  beseitigt  würden.
Die  gemäßigte  Richtung  (J.  St.  Mill,  Mantegazza,  Zacharias)
sieht  in  letzteren  wenigstens  ein  wichtiges  Mittel  zur  Beseitigung
mancher  Schäden.  Auch  die  sozialistischen  Anhänger  des  Neomalthusianismus ­
  (Kautzky)  glauben,  daß  in  der  neuen  sozialistischen ­
  Gesellschaft  eine  Regelung  des  Bevölkerungsstandes  durch
den  präventiven  Geschlechtsverkehr  nötig  sei,  um  die  bestehenden ­
  Übel  dauernd  zu  beseitigen.
Landwehr,  Überpölhertes  Land.

3
        <pb n="37" />
        34

Die  Malthusichre

Man  wird  bei  der  Beurteilung  solcher  Vorschläge  nicht  außer
acht  lassen  dürfen,  daß  sie  gerade  bei  jenem  Teil  der  Bevölkerung ­
  unwirksam  sind,  von  denen  die  eigentliche  Volksvermehrung
ausgeht.
Wie  .dem  auch  sei  —  jedenfalls  gilt,  daß,  während  diese
und  andere  Folgerungen,  die  Malthus  für  die  praktische  Politik
aus  seiner  Lehre  gezogen  hat,  zweifelhaft  sein  mögen,  die  Hauptzüge ­
  der  Malthusschen  Bevölkerungslehre  mit  den  nötigen  Verbesserungen, ­
  wie  sie  Psychologie  und  Statistik  an  die  Hand  geben,
auch  heute  ziemlich  allgemein  anerkannt  sind.
Daß  sich  die  Bevölkerung  Europas  rascher  vermehrt  hat,  als
die  Lebensmittelerzeugung  des  Weltteils  ,  znnahm,  haben  wir  bereits ­
  besprochen.  Vom  Standpunkte  Europas  ist  also  der  Malthüs-Satz
  richtig,  und  wir  haben  allen  Grund,  zu  glauben,  daß  er  bei
weiterer  Bevölkerungszunahme  sich  immer  zutreffender  erweisen
werde.  Auch  für  China,  Indien  und  Japan  stimmt  er,  also,  kurz
gesagt,  für  alle  Ubervölkerungsgebiete.
Wenn  wir  aber  die  Totalität  der  Erde  ins  Auge  fassen,  die  eben
noch  nicht  übervölkert  ist,  dann  sahen  wir  bereits,  daß  ihr  heutiger ­
  Bevölkerungszustand  die  Menge  der  erzeugten  Lebensmittel
nicht  überschreitet.  Sonst  hätten  wir  längst  die  Anzeichen  einer
Welthungersnot  merken  müssen,  während  doch  der  Zufluß  aus
anderen  Erdteilen  nach  Europa  ein  überaus  reichlicher  war,  so
lange  es  nicht  von  der  finanziellen  Kalamität  der  Nachkriegszeit
erfaßt  war.  Die  Hungersnöte  in  China  und  Indien  erklären  sich
durch  mangelhafte  Zivilisation,  insbesondere  mangelhaften  Verkehr ­
  und  mangelnde  Kaufkraft.  Wenn  diese  Faktoren  behoben
wären,  würde  es  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  deren  Notstand
durch  Zuschub  von  außen  behebbar  wäre.
Wenn  eine  internationale  Organisation  bestände,  die  dafür
sorgt,  daß  solchen  Äbgangsgebieten  das  Nötige  geliefert  werde,
könnte  die  Erde  ihre  heutige  und  eine  noch  viel  größere  Bevölkernngszahl
  ertragen.  Allerdings  gilt  dies,  wie  wir  auf  Seite  10
besprachen,  nur  mehr  für  einige  Jahrhunderte.  Denn  für  dicht
bevölkerte  Gebiete  hat  sich  der  Malthus-Satz,  daß  die  Bevölkerung
rascher  zunimmt  als  die  Nahrungsmittel,  wahr  erwiesen.  Es  gibt
also  eine  Grenze,  über  die  die  Bevölkerung  nicht  wachsen  darf,
ohne  Mangel  zu  leiden.  Bei  dem  heutigen  Kulturgrade  Europas
        <pb n="38" />
        Die  Malthuslehre

36

haben  wir  diese  Grenze  mit  etwa  100  Einwohnern  pro  Kulturquadratkilometer ­
  angenommen.
Als  Ursache  des  sozialen  Elends  zeigt  sich  also,  ganz  nach
Malthus,  einerseits  die  örtliche  Übervölkerung.  Anderseits  aber
müssen  wir  den  Mangel  einer  ausgleichenden  internationalen
Organisation  als  die  zweite  Ursache  erkennen,  der  abzuhelfen
aber  wohl  unendlich  schwer  ist.  Zum  mindesten  scheint  die
heutige  Menschheit  trotz  mancher  Ansätze  noch  nicht  reif  dazu.
Wenn  sich  aber  der  Malthus-Satz  für  übervölkerte  Gebiete
bisher  als  richtig  erwiesen  hat,  kann  man  nichtsdestoweniger
die  Frage  aufwerfen,  ob  dies  bei  gesteigerter  Kultur  auch  immer
so  bleiben  müsse.
Damaschke,  »Die  Bodenreform«,  sagt  darüber:  Was  Malthus
dazu  führt,  sein  Bevölkerungsgesetz  als  so  fest  begründet  anzusehen, ­
  ist  seine  Anschauung  vom  »Gesetz  der  Produktion  auf
Land«  oder,  wie  es  auch  genannt  wird,  dem  »Gesetz  der  abnehmenden ­
  Erträge«.  Nach  ihm  wird  überall  der  beste  Boden
zuerst  in  Angriff  genommen.  Die  Kultur  des  minder  guten  Bodens,
zu  dem  die  Menschen  später  greifen  müssen,  erfordere  mehr
Kapital  und  Arbeit,  und  doch  müsse  »im  Verhältnis,  wie  die
Kultur  sich  ausdehnt,  die  Zunahme  der  früheren  Durehschnittsproduktion
  allmählich  und  regelmäßig  abnehmen«.  Der  Ertrag
einer  Fläche  sei  nicht  nur  endlich  beschränkt,  sondern  es  müsse
auch  jede  Steigerung  des  Ertrages  durch  Aufwendung  von  verhältnismäßig ­
  mehr  Arbeit  und  Kapital  erkauft  werden.  Dieses
Gesetz  der  Produktion  auf  Land  ist  wohl  richtig  —  unter  einer
Bedingung;  Arbeit  und  Kapital  werden  stets  in  unveränderter
Weise  angewandt.  Sobald  aber  die  Arbeit-  und  Kapitalverwenwendung
  eine  andere  wird,  tritt  dadurch  eine  Tendenz  in  Wirksamkeit, ­
  die  der  Tendenz  der  sinkenden  Erträge  widerstreitet.
Das  spricht  Malthus  selbst  einmal  im  10.  Kapitel  des
III.  Buches  aus;  »Ein  verbessertes  Kultursystem  kann  beim  Gebrauch ­
  besserer  Geräte  eine  lange  Zeit  die  Tendenz  einer  ausgedehnten ­
  Kultur  und  einer  großen  Kapitalzunahme,  geringere
Verhältniserträge  zu  liefern,  mehr  als  aufwiegen.«
Er  ist  aber  diesem  Gedanken  nicht  nachgegangen  und  hat  namentlich ­
  nicht  erwogen,  ob  eine  Wechselbeziehung  zwischen  der  Vermehrung ­
  der  Bevölkerung  und  der  Verbesserung  des  Knltursystems
3*
        <pb n="39" />
        36

Die  Malthuslehre

bestehe.  Das  ist  aber  in  vielfacher  Beziehung  zweifellos  der  Fall.
Eine  verhältnismäßig  dichte  Bevölkerung  ist  die  Voraussetzung
für  den  Ausbau  moderner  Verkehrswege:  Kanäle,  Eisenbahnen  usw.,
wodurch  vielfach  erst  die  Nutzbarmachung  der  Ernten  von  neuen
Gebieten  für  die  Unterhaltsmittel  der  Kulturmenschheit  ermöo--*■-
  hi
licht  wird.  Eine  verhältnismäßig  dichte  Bevölkerung  ist  ebenso
die  Voraussetzung  für  den  Ausbau  der  großen  technischen  Hilfsmittel, ­
  die  es  ermöglichen,  altem  Kulturboden  die  in  der  Ernte
herausgenommenen  Nährstoffe  zu  ersetzen.  Die  von  der  Natur
gegebenen  Vorbedingungen  zu  einem  derartigen  »verbesserten
Kultursystem*  aber  erscheinen  heute  als  praktisch  unerschöpflich. ­
  Damaschke  übergeht  nun  auf  die  Möglichkeit  der  ausgedehnten ­
  Anwendung  künstlicher  Düngung  (Kali,  Phosphate,  Stickstoff) ­
  und  meint  daher,  daß  eine  Abnahme  der  Ertragsfähigkeit
des  Bodens  aus  Mangel  an  Verbesserungsstoffen  ausgeschlossen
erscheine.  »Mehr  als  alle  Theorie«,  sagt  er  weiter,  »wiegt  hier
ein  Wort  der  Praxis.  Professor  Delbrück  hat  als  Rektor  der
Berliner  Landwirtschaftlichen  Hochschule  im  Jahre  1900  eine
vielbeachtete  Rede  gehalten.  Er  wies  darauf  hin,  daß  sich  die
Bevölkerung  auf  dem  Gebiete  des  Deutschen  Reiches  im  19.  Jahrhundert ­
  etwas  mehr  als  verdoppelt,  das  Ergebnis  der  landwirtschaftlichen ­
  Produktion  in  der  gleichen  Zeit  aber  verfünffacht
habe.  Die  Ernte  an  Körnerfrüchten  habe  sich  verdoppelt.  Der
Ertrag  des  Kartoffel-  und  Zuckerrübenanbaues,  der  noch  im
18.  Jahrhundert  begonnen  wurde,  ist  ein  ausschließlicher  Erfolg
des  19.  Jahrhunderts.  Er  gibt  heute  die  gleiche  Summe  Nährstoff ­
  wie  der  Getreidebau.  Demnach  sei  die  landwirtschaftliche
Produktion  im  Pflanzenbau  wesentlich  stärker  gestiegen  als  die
Vermehrung  der  Bevölkerung.  Wenn  trotzdem  Deutschland  heute
kein  Getreide  mehr  ausführe  wie  früher,  so  liege  der  Grund
darin,  daß  ein  großer  Teil  der  Produkte  der  Landwirtschaft  für
technische  und  industrielle  Zwecke  Verwendung  finde.
Ähnlich  große  Erfolge  sind  auf  dem  Gebiete  der  Tierproduktion ­
  2u  verzeichnen.  Der  Pferdestand  hat  sich  in  Preußen
von  i-5  Millionen  auf  32  Millionen,  der  Rindviehstand  von  5'3
Millionen  auf  12’2  Millionen,  der  Schweinebestäiid  von  2  Millionen
auf  18  Millionen  gehoben.  Der  Schafstand  ist  allerdings  znrückgegangen.
  Alles  zusammengenommen  und  auf  Haupt-Großvieh
        <pb n="40" />
        Die  Malthuslehre

37

umgerechnet,  gibt  dies  eine  Zunahme  von  8 - 7  auf  17  Millionen
Stück,  das  heißt  fast  eine  Verdopplung.  Diese  Zahlen  galten  für
Preußen;  es  ist  nicht  zweifelhaft,  daß  für  Deutschland  die  Zahlen
nicht  ungünstiger  lagen.«
»Kann  die  landwirtschaftliche  Produktion«,  fragt  Professor
Delbrück  weiter,  »noch  einmal  verdoppelt  werden?«  »Ich  nehme
keinen  Anstand,  diese  Frage  ohne  weiteres  zu  bejahen.  Die  großen
Fortschritte  der  Landwirtschaft  liegen  gar  nicht  weit  zurück.  In
dem  letzten  Jahrzehnt  ist  die  Erzeugung  bei  Roggen  um  19,  bei
Weizen  um  10,  bei  Gerste  um  3,  bei  Kartoffeln  um  25%  gestiegen. ­
  Pflanzenzüchtung,  Sorten  wähl,  Kultur  und  Düngung
haben  an  diesen  Resultaten  gleichen  Anteil.«
»Dasselbe  Bild,  das  die  deutschen  Zahlen  geben,  zeigt  ein
Blick  auf  die  Gesamtentwicklung.  Von  1840  bis  1888  wuchs  in
den  Kulturstaaten  (Europa,  Vereinigte  Staaten  von  Amerika,
Kolonien)  das  Areal  des  Ackerbodens  von  492  Millionen  Acres
(zirka  276  Millionen  Hektar  =  2'76  Millionen  Quadratkilometer)
auf  807  Millionen  Acres  (322  Millionen  Hektar  =  3'22  Millionen ­
  Quadratkilometer),  das  heißt  um  65%;  die  Körnerernte
wuchs  von  etwa  4  Millionen  Busheis  auf  9  Millionen,  also  um
120%)  di®  Bevölkerung  aber  wuchs  nur  um  70%.
Rechnet  man  dazu  die  unendliche  Fülle  von  Land,  das  in
Vorder-  und  Mittelasien,  in  Amerika  und  Australien  noch  der
intensiven  Kulturarbeit  harrt,  so  wird  man  bald  erkennen,  daß
unsere  praktische  Volkswirtschaftspolitik  durch  das  Malthussche
Gesetz  der  ,Produktion  auf  Land c  sich  keine  Schranke  auferlegen ­
  lassen  darf.«
Soweit  Damaschke  beziehungsweise  Professor  Delbrück.  Das
sind  gewiß  tröstliche  Nachweise,  die  zeigen,  daß  bei  entsprechender ­
  Steigerung  der  Kulturstufe  und  der  Produktion  auch  eine
sehr  zahlreiche  Bevölkerung  ernährt  werden  kann.
Man  darf  allerdings  deswegen  nicht  zu  optimistisch  werden;
denn  Delbrück  spricht  nur  von  der  großen  Steigerung  der  landwirtschaftlichen ­
  Produktion  in  Deutschland  —-  genauer  genommen
nur  in  Preußen  —  und  von  der  Produktionssteigerung  in  der
Gesamtheit  der  Kulturwelt.
Nun  hat  aber  leider  die  Landwirtschaft  durchaus  nicht  in
allen  Staaten  Europas  gleichen  Schritt  mit  jenen  Deutschlands
        <pb n="41" />
        38

Die  Malthuslehre

gehalten.  Wir  haben  vielmehr  früher  gesehen,  daß  Europa  in
seiner  Gesamtheit  seine  Autarkie  längst  verloren  hat  und  von
Übersee  abhängig  ist.  Diese  Abhängigkeit  gerade  Deutschlands
hat  leider  der  Weltkrieg  nur  zu  deutlich  bewiesen.  Denn  bekanntlich ­
  sind  die  Mittelmächte  vor  allem  durch  den  Hunger  besiegt ­
  worden.  Auch  ist  nicht  zu  vergessen,  daß,  wie  wir  früher
sahen,  trotz  der  Steigerung  der  Produktion  in  der  sogenannten
Kulturwelt,  die  ungeheuren  Gebiete  Chinas  und  Indiens  die  Hungersnot ­
  nur  zu  gut  kennen.  Die  Überschüsse  Amerikas  und  der
Kolonien  wurden  eben  zum  Großteil  durch  Europa  in  Anspruch
genommen,  so  lange  es  zahlen  konnte.
Auch  wird  die  Steigerung  der  landwirtschaftlichen  Produktion ­
  auf  beengtem  Kaum,  mögen  ihr  auch  weite  Grenzen  gesteckt
sein,  doch  einmal  ein  Ende  finden  müssen.  Und  wenn  sie,  der
Notwendigkeit  gehorchend,  in  ein  krankhaftes  Stadium  der  Intensivierung ­
  getrieben  werden  muß,  wird  das  nur  zur  Folge
haben,  daß  der  Landarbeiter  ein  ebenso  überhastetes,  nervenaufreibendes ­
  Leben  wird  führen  müssen,  wie  heute  der  Industriearbeiter, ­
  Das  soziale  Elend  würde  dann  eben  auch  aufs  Land
übergreifen.
Eine  Grenze  für  das  Anwachsen  der  Bevölkerung  gibt  es
also  trotz  'der  tröstlichen  Nachweise  Delbrücks,  und  eine  vernunftgemäße ­
  Bevölkerungspolitik  muß  alle  Mittel  anwenden,  um  eine
übermäßige  Dichte  der  Bevölkerung  zu  vermeiden.
        <pb n="42" />
        Innere  Kolonisation.

Nichts  ist  natürlicher,  als  daß  man  dem  durch  die  steigende
Bevölkerungszahl  entstehenden  Mehrverbrauch  zunächst  durch
Steigerung  der  Produktion  des  eigenen  Landes  gerecht  zu  werden
trachtet.  Ebenso  natürlich  ist  es,  daß  man,  um  den  schädlichen
Wirkungen  von  Volksanhäufungen  auf  engem  Raum  entgegenzuarbeiten, ­
  bemüht  sein  muß,  zunächst  dünn  besiedelte  Strecken
des  eigenen  Landes  zu  kolonisieren.  Ich  fasse  hier  unter  der  Bezeichnung ­
  innere  Kolonisation  die  Summe  aller  dieser  Maßnahmen
zusammen,  gebrauche  sie  [also  etwas  weiter  gefaßt.  Denn  gewöhnlich ­
  versteht  man  darunter  nur  die  Maßnahmen  zur  Besiedlung ­
  dünn  bewohnter  Gebiete  des  eigenen  Landes.  In  diesem
weiteren  Sinne  gehören  schließlich  auch  alle  Maßnahmen  zur
Hebung  des  Handels,  der  Industrie,  des  Verkehrswesens,  der
Energiewirtschaft  usw.  zur  inneren  Kolonisation.
All  diese  Zweige  wirken  zusammen,  um  die  Leistungsfähigkeit ­
  des  Staates  zu  heben.  Auf  diese  Weise  wurde  es  den
dicht  bevölkerten  und  hoch  kultivierten  Staaten  Europas  möglich,
den  Bedarf  einer  Bevölkerung  zu  bestreiten,  deren  Zahl  die  als
nützlich  erkannte  (100  pro  Kulturquadratkilometer)  oft  um  ein
vielfaches  übersteigt.
Die  Bevölkerung  solcher  Länder  lebt  allerdings  nur  zum
Teile  von  den  im  eigenen  Land  erzeugten  Nahrungsmitteln.  Einen
Großteil  ihres  Bedarfes  muß  sie  gegen  Abgabe  ihrer  Industrieprodukte
  von  auswärts  einführen,  wenn  der  betreffende  Staat  nicht
in  der  heute  ausnahmsweisen  Lage  ist,  Tribute  von  anderen
Staaten  (Kolonien)  zu  beziehen.
Eine  Zusammenstellung  der  Ein-  und  Ausfuhrwerte  pro
Kopf  der  Bevölkerung  für  die  wichtigsten  Staaten  der  Erde
bietet  Hickmanns  üniversaltaschenatlas  von  1917,  S.  50.  Man
        <pb n="43" />
        40

Innere  Kolonisation

sieht  ans  ihr,  daß  —  vor  dem  Kriege  —  nur  Spanien  und  Serbien
gerade  so  viel  Werte  einführten  als  sie  ausführten.  Die  Ausfuhr
aberwiegt  nur  bei  Argentinien  (40  Mark),  den  Vereinigten  Staaten
von  Amerika  (26  Mark),  Brasilien  (11  Mark),  Rumänien  (20  Mark),
Ägypten  (16  Mark),  Mexiko  (16  Mark),  Rußland  (7  Mark)  und
Britisoh-Indien  (3"4  Mark  pro  Kopf).
In  allen  anderen  dort  aufgezählten  Staaten  überwog  die  Einfuhr ­
  (fast  alle  europäischen  Staaten).  Die  stärksten  Einfuhrüberschüsse ­
  weisen  die  sehr  dicht  bevölkerten  Länder,  und  zwar  die
Niederlande,  Belgien  und  die  Schweiz  auf  (126,113  und  129  Mark
pro  Kopf).  Großbritannien  führte  um  65  Mark  pro  Kopf  mehr
ein,  als  es  ausführt,  das  Deutsche  Reich,  Frankreich  und  Italien
um  26,  26  beziehungsweise  27  Mark.  Das  sind  lauter  hoch  kultivierte ­
  Staaten  mit  konsumkräftiger  Bevölkerung.  Bei  den  bedürfnisloseren ­
  Chinesen  und  Japanern  ist  der  auf  den  Kopf  entfallende ­
  Einfuhrüberschuß  viel  geringer  (1*2  respektive  4  Mark).
Britisch-Indien  hat  trotz  seiner  dichten  Bevölkerung  einen  erheblichen ­
  Ausfuhrüberschuß  (3 - 4  Mark  pro  Kopf);  dieser  ist  durch
die  Kostbarkeit  der  dortigen  Produkte  und  die  Eigentümlichkeit
der  Verhältnisse  genügend  erklärt.  Sonst  aber  sind  alle  Länder,
die  Ausfuhrüberschüsse  haben,  dünn  besiedelt  (Argentinien,  Vereinigte ­
  Staaten,  Brasilien,  Mexiko).
Die  Ein-  und  Ausfuhrverhältnisse  der  fünf  Erdteile  betrugen
im  Jahre  1911  in  Millionen  Mark:

Einfuhr  Ausfuhr
Europa  ....  52.110  =  66  %  40.960  =  59-2%
Asien  8.160=10-3%  8.850=  12-7%
Afrika  2.940  =  3'8%  2.460=  3-5%
Amerika.  .  .  .  13.610  =  17-2%  15.100  =  21-8%
Australien.  .  .  2.120=  2'7%  1.980=  2-8%

Wir  sehen,  daß  Europa  einen  Einfuhrbedarf  hatte,  der  seine
Ausfuhr  um  11.150  Millionen  Mark  überschritt.  Europa  wird
eben  von  aller  Welt,  hauptsächlich  aber  von  Amerika,  beliefert,
das  schon  im  Jahre  1911  um  1490  Millionen  Mark  mehr  Waren
erzeugte,  als  es  selbst  bedurfte.
Der  Spezialhandel  der  Welt  konzentrierte  sich  damals  mit
66%  Ein-und  59"2%  Ausfuhr  auf  Europa,  dann  folgte  Amerika
        <pb n="44" />
        Innere  Kolonisation

4L

mit  17'2%  reßpektive  21'8%-  Aus  diesen  Ziffern  springt  recht
deutlich  in  die  Angen,  daß  Europa  längst  aufgehört  hat,  sich
selbst  zu  genügen.  Das  wissen  wir  freilich  alle,  aber  wir
würdigen  die  Folgen  dieser  Tatsache  zu  wenig.  Meist  waren  wir
vor  dem  Kriege  stolz  darauf,  in  wie  hohem  Maße  sich  der
europäische  Außenhandel  entwickelt  hat;  daß  wir  aber  damit
auch  von  Übersee  abhängig  sind,  ist  uns  erst  durch  den  Weltkrieg ­
  so  recht  zum  Bewußtsein  gekommen.  Was  diesmal  den
Mittelmächten  passiert  ist  —  daß  sie  zugrunde  gehen  mußten,
weil  ihnen  die  auswärtige  Zufuhr  abgeschnitten  war  —,  kann
bei  einer  anderen  Kräftekonstellation  das  näehstemal  andere
Staaten  treffen;  ja  es  kann,  wenn  vielleicht  in  Zukunft  einmal
Europa  als  Ganzes  um  seine  Weltgeltung  ringen  muß,  für  den
ganzen  Erdteil  zum  Verhängnis  werden.
Professor  Schullern  sagte  deshalb  schon  im  Dezember  1915
in  seiner  Einleitung  zu  Jurascheks  geographisch-statistischen
Tabellen;  »Es  sei  auch  der  Gedanke  nicht  ganz  außer  acht  gelassen, ­
  daß  der  Krieg  möglicherweise  Verschiebungen  in  den
Binnenwanderungen,  in  der  Berufsgruppierung  usw.  zeitigen  wird.
Darin  würde  aber  ein  Umstand  von  um  so  größerer  Wichtigkeit
liegen,  als  man  gerade  aus  dem  Kriege  hat  lernen  können,  wie
sehr  das  Produktions-  vor  dem  Verkehrs-,  vor  allem  aber  vor
dem  Geldproblem  an  Bedeutung  voraussteht;  nicht  die  Geldbeschaffungs-,
  wohl  aber  die  Produktionsfrage  hat  für  den  Krieg
(dessen  Ausgang  damals  noch  unbekannt  war)  eine  allererste  Bedeutung. ­
  Damit  aber  rückt  das  Agrarproblem  wieder  aus  dem
Winkel,  in  dem  es  so  lange  Zeit  irrigerweise  gehalten  worden
ist,  in  den  Vordergrund  des  Interesses:  nicht  Industrialisierung
um  jeden  Preis  und  auf  Kosten  der  Eigenerzeugung  an  Lebensmitteln, ­
  sondern  die  den  gegebenen  Verhältnissen  und  Bedürfnissen ­
  jeweils  am  besten  angepaßte  Verteilung  und  die  lückenlose ­
  Verwertung  aller  produktiven  Kräfte  im  Staatsgebiete  muß
das  Ziel  einer  weitaussehenden  Volkswirtschaftspolitik  sein.«
Nur  ein  Staat,  dem  es  gelingt,  auf  seinem  eigenen  Gebiet
alles  Lebensnotwendige,  vor  allem  aber  die  Nahrungsmittel  selbst
zu  erzeugen,  steht  bei  kriegerischen  Verwicklungen  auf  festen
Füßen.  Auch  ein  solcher  kann  aber  einer  raschen  Vermehrung
seiner  Bevölkerung,  die  er  vor  allem  aus  militärischen  Gründen
        <pb n="45" />
        I

Innere  Kolonisation

42

wünscht,  nur  dann  mit  Beruhigung  entgegensehen,  wenn  er  Aussicht ­
  hat,  seine  Produktion  im  gleichen  Maße  zu  steigern,  als  die
Bevölkerung  zunimmt.  Auf  die  Frage,  ob  dies  in  der  Praxis
möglich  ist,  läuft  also  schließlich  die  ganze  Bevölkerungstheorie
hinaus.
Im  vollen  Umfange  wird  diese  Frage  für  Europa,  das  längst
nicht  mehr  autark  ist,  nicht  zu  bejahen  sein.  Wenn  wir  uns
aber  an  die  Darlegungen  Professor  Delbrücks  erinnern,  werden
wir  geneigt  sein,  immerhin  eine  sehr  wesentliche  Vermehrung
der  europäischen  Produktion  für  erreichbar  zu  halten.
Die  innere  Kolonisation  der  Staaten  Europas  kann  also  das
Schicksal  des  Erdteiles  noch  sehr  wesentlich  erleichtern  und  für
jenen  Menschenzuwaehs,  der  trotz  aller  theoretischen  Warnungen
nicht  ausbleiben  wird,  noch  auf  einige  Zeit  versorgen.
Wir  beabsichtigen  hier  nicht,  auf  die  einzelnen  Zweige  der
Innenkolonisation,  deren  Besprechung  weit  über  den  Rahmen
dieser  Studie  hinausgehen  würde,  näher  einzugehen.  Nur  kurz
andeuten  wollen  wir,  wie  groß  ihr  Arbeitsgebiet  ist,  indem  wir
einige  der  wichtigsten  Themen  aufzählen.
Zunächst  wollen  wir  darauf  hinweisen,  wie  ungleich  die
Hektarerträge  in  den  Staaten  Europas  sind.  So  ernteten  z.  B.
Belgien  und  die  Niederlande  auf  einem  Hektar  doppelt  soviel
Körnerfrüchte  als  Frankreich  und  das  frühere  Österreich-Ungarn
und  über  ein  Viertel  mehr  als  Deutschland.  Der  Zusammenhang
zwischen  dichter  Besiedlung  und  fortgeschrittener  Landwirtschaft
ist  hier  ganz  unverkennbar.  Die  Notwendigkeit  hat  eben  dazu
geführt,  Bearbeitungsmethoden  anzuwenden,  die  Höchsterträge
bringen.  Weniger  besiedelte  Länder  haben  sich  mit  der  Sache
offenbar  nicht  so  intensiv  beschäftigt.
Auch  das  Verhältnis  der  Ackerfläche  zur  Gesamtfläche  des
Staates  ist  nicht  überall  in  Europa  gleich.  Wir  bringen  darüber
später  einige  Zahlen  und  wollen  jetzt  nur  bemerken,  daß  selbst
Deutschland  trotz  seiner  vorgeschrittenen  Bodenkultur  noch
36.850  &amp;amp;m 2  Ödland  hat,  das  ist  2Y 2 mal  soviel  Fläche,  als  das
alte  Königreich  Sachsen  hatte.  Es  ist  dies  zum  größten  Teile
Moorland,  das  noch  der  Kultivierung  harrt,  trotzdem  im  vergangenen ­
  Jahrhundert  schon  große  Strecken  urbar  gemacht
wurden.
        <pb n="46" />
        Innere  Kolonisation

43
Holland  verdankt  einen  großen  Teil  seines  besten  Bodens
der  Trockenlegung  der  Moore,  die  dort  schon  im  Jahre  1630
begann.
Wie  sehr  die  Bodenerträge  in  vielen  europäischen  Ländern
noch  durch  Verbesserung  der  Bodenbearbeitung,  durch  Saatgutauswahl ­
  und  -Züchtung,  durch  eine  verbesserte  Düngerbehandlung,
durch  künstliche  Düngung,  durch  künstliche  Bewässerung  usw.
gehoben  werden  könnten,  wird  heute  oftmals  in  Versammlungen,
Büchern  und  Zeitschriften  besprochen.
In  dicht  besiedelten  Gegenden  ergibt  sich  überdies  die  Möglichkeit ­
  einer  fortschreitenden  Industrialisierung  der  Landwirtschaft. ­

Die  Hebung  des  Molkereiwesens,  die  Verbreitung  der  Kleintier- ­
  und  Geflügelzucht,  des  Gartenbaues  sowie  der  verschiedenartigsten ­
  landwirtschaftlichen  Nebengewerbe  kann  außerordentlich
zur  Hebung  des  Volkswohlstandes  beitragen.
Wieviel  sich  auf  dem  Gebiete  der  Energiewirtschaft
(z.  B.  Ausnutzung  der  Wasserkräfte)  und  des  Verkehrswesens
zur  Hebung  des  Volkswohlstandes  noch  tun  ließe,  wird  heute  in
den  Fachkreisen  der  notleidenden  Staaten  fortwährend  erörtert
Die  Grundlage  für  die  durch  die  Innenkolonisation  angestrebte ­
  Intensivierung  des  landwirtschaftlichen  Betriebes  ist  eine
vernünftige  Bodenreform,  die  anstrebt,  nicht  gehörig  ausgenutztes
Land  einer  besseren  Verwertung  zuzuführen,  insbesondere  auch
durch  Überführung  nicht  genügend  intensiv  betriebenen  Großgrundbesitzes ­
  in  Mittel-  und  Kleinbesitz.
Freilich  dürfen  dabei  jene  Großgrundbesitzerfamilien,  die
seit  Jahrhunderten  mit  der  Heimaterde  verwachsen  sind  wie
keine  andere  Schicht  der  Bevölkerung,  nicht  entwurzelt  werden.
Wenn  solche  Familien  ihre  Wirtschaften  gut  betreiben,  sind  sie
vermöge  ihrer  Bildung  und  ihrer  Mittel,  die  sie  befähigen,  allen
technischen  Fortschritten  Eingang  auf  ihren  Gütern  zu  verschaffen,
eine  Wohltat  für  die  landwirtschaftliche  Kultur.  —  Nur  zu  häufig
ist  aber  in  neuerer  Zeit  der  Großgrundbesitz  zu  einem  Handelsobjekt ­
  geworden,  das  sehr  oft  den  Besitzer  wechselt  und  dann
die  oben  genannten  volkswirtschaftlichen  Vorteile  verliert.  Solchen
Erscheinungen  gegenüber  muß  die  systematische  Arbeit  der  Bodenreform ­
  einsetzen.  Allerdings  erfordert  die  Verwirklichung  der
        <pb n="47" />
        44

Innere  Kolonisation

hier  angedeuteten  Kulturideen  ein  ungeheures  Maß  von  Arbeit.
Aber  darüber  muß  sieh  das  Volk  Idar  werden:  Um  leben  zu
können,  müssen  die  übervölkerten  Gebiete  Europas  mehr  und
besser  arbeiten  als  alle  anderen  Teile  der  Erde.
Das  verträgt  sich  zwar  schlecht  mit  der  beliebten  Forderung
nach  Herabsetzung  der  Arbeitszeit;  es  verträgt  sich  auch  schlecht
mit  der  überall  bemerkbaren  Verminderung  der  Autorität  —  aber
es  ist  die  Wahrheit.
i  ‘■u  il;
Wenn  wir  selbst-  leben  und  für  die  kommenden  Generationen
vorbauen  wollen,  wird  wohl  nichts  übrig  bleiben,  als  zu  harter
Arbeit  unter  der  Führung  leitender  Autoritäten  zurückzukehren.
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        <pb n="48" />
        !.  i

Europäische  Kolonisation,
Wenn  wir  uns  erinnern,  daß  mit  Ausnahme  Rußlands,
Spaniens  und  einiger  Balkanstaaten  die  europäischen  Länder  alle
schon  heute  mehr  als  100  Einwohner  pro  Kulturquadratkilometer
haben  und  daß  die  durch  innere  Kolonisation  erreichbare  Produktionssteigerung ­
  nicht  nur  Grenzen  hat,  sondern  daß  es  in
den  am  intensivsten  kultivierten  Ländern,  wie  z.  B.  Belgien,
fraglich  ist,  ob  sich  die  Erträge  überhaupt  noch  weit  über  die
Vorkriegsleistung  steigern  lassen,  wird  klar,  daß  eine  Selbsternährung ­
  Europas  bei  steigender  Einwohnerzahl  nur  dann  zu
erreichen  wäre,  wenn  wir  Europa  als  ganzes  betrachten  und  annehmen, ­
  daß  es  mit  der  Zeit  gelingen  werde,  die  heute  noch
dünner  besiedelten  Gebiete  durch  die  Überschüsse  an  Menschenmaterial,
  welche  die  übervölkerten  Gebiete  nicht  mehr  verwerten
können,  zu  kultivieren.
Das  heißt,  es  müßte  aus  den  alten  westlichen  und  mittel-'
  $  •
europäischen  Kulturländern  eine  systematische  Auswanderung  in
/die  menschenarmen  Gebiete,  insbesondere  nach  Rußland,  in  die
Wege  geleitet  werden.
Das  sind  Voraussetzungen,  auf  deren  Erfüllbarkeit  in  absehbarer ­
  Zeit  man  wohl  wenig  Hoffnung  haben  wird.  Insbesondere
in  unserer  heutigen  politisch  und  sozial  zerrütteten  Lage  erscheinen ­
  sie  fast  aussichtslos.  Möglich  übrigens,  daß  gerade  die
jetzige  desolate  Situation  Rußlands,  in  die  es  durch  die  bolschewistische ­
  Irrlehre  geraten  ist,  die  Sache*  erleichtert,  sobald  die
Bolschewisten  abgewirtschaftet  haben.  Dann  mag  ein  Aufblühen
Rußlands  erfolgen,  denn  dort  ist  noch  Raum  für  ungeahnte
Entwicklungen.  Vielleicht  fällt  in  Zukunft  ihm  die  führende
Rolle  zu.
        <pb n="49" />
        46

Europäische  Kolonisation

Für  diese  theoretische  Untersuchung,  die  ja  nichts  anderes
bezweckt,  als  aufzuzeigen,  daß  es  ganz  gut  möglich  wäre,  wenigstens
für  einige  kommende  Generationen  vorzusorgen,  wenn  statt  einer
Macht-  und  Haßpolitik  eine  vernunftgemäße  Zusammenarbeit  eintreten
  würde,  wollen  wir  die  praktischen  Bedenken  zunächst  beiseite ­
  lassen.
Setzen  wir  also  voraus,  daß  es  gelingen  würde,  ganz  Europa
zu  intensivster  Produktionsarbeit  zu  vereinen,  und  versuchen  wir
abzuschätzen,  was  auf  diesem  Wege  zu  erreichen  wäre.
Eine  Zusammenstellung  der  Anbauflächen  und  Produktionsergebnisse ­
  der  Hauptgetreidearten  in  den  wichtigsten  Staaten
Europas  vom  Jahre  1901  bietet  Meyers  Konversationslexikon,
Band  7,  S.  764  und  765.
Ordnen  wir  die  Staaten  nach  den  von  ihnen  erzielten  Hektarerträgen, ­
  so  erhalten  wir  folgende  Zusammenstellung:

Hektarertrag

Anbaufläche

Ernte  1901

in

in

in

Hektolitern

Hektar

Hektolitern

Belgien  .  .

35

705.000

25,300.000

Niederlande

32

447.000

14,300.000

Dänemark

30

802.000

24.600.000

Schweden

27

1,532.000

41,364.000

Norwegen

27

155.000

4,185.000

Großbritannien  und  Irland

27

3,352.000

90,900.000

Deutschland

24

13,845.000

342,000.000

Frankreich

17

11,982.000

210,300.000

Das  frühere  Österreich  .  .

16

5,900.000

99,000.000

Das  frühere  Ungarn  .  .  .

16

6,477.000

106,500.000

Rumänien

15

2,448000

38,800.000

Italien

9-6

5.501.000

53,100.000

Das  frühere  europäische
Rußland

8-8

78,095.000

691.900.000

Summe  .  .  .

—

131,241.000

1.742,249.000

Es  fällt  zunächst  auf,  wie  verschieden  die  Hektarerträge
sind.  Gewiß  haben  daran  die  klimatischen  Verhältnisse  und  die
Güte  des  Bodens  ihren  Anteil.  Aber  der  Einfluß  der  landwirtschaftlichen ­
  Bildungsstufe  und  der  Zwang  zu  produzieren,  unter
        <pb n="50" />
        Europäische  Kolonisation

47

dem  die  am  dichtesten  bevölkerten  Länder  stehen,  ist  offenbar
noch  viel  wichtiger.
Im  Durchschnitt  der  oben  angegebenen  Zahlen  ergibt  sich
ein  Hektarertrag  von  nur  12  hl.,  das  heißt,  die  geringe  Leistung
des  großen  Rußland  drückt  den  europäischen  Durchschnitt  auf
ein  Drittel  des  belgischen  herab.
Wenn  es  gelänge,  die  Intensität  der  Bewirtschaftung  in  allen
Ländern  auf  die  gleiche  Stufe  zu  heben,  die  Belgien  erreicht
hatte,  könnte  Europa,  selbst  wenn  die  Anbaufläche  nicht  vergrößert ­
  würde,  das  Dreifache  der  V  orkriegsproduktion  an  Getreide
leisten.  Das  würde  schon  für  einen  erheblichen  Bevölkerungszuwachs ­
  ausreiehen.  Nun  kommt  aber  dazu,  daß  die  Vergrößerung ­
  der  Anbaufläche  noch  in  recht  weiten  Grenzen  möglich  ist.
Hickmanns  Üniversal-Tasehenatlas,  Seite  84,  zeigt  die  Bodenverwertung ­
  in  den  europäischen  Staaten  in  Prozenten  der  Gesamtfläche. ­
  Man  sieht,  daß  dieselbe  naturgemäß  je  nach  der
physischen  Beschaffenheit  des  Landes  sehr  verschieden  ist.  So
hat  z.  B.  Norwegen  71%  unproduktive  Fläche.  Aber  der  Kulturgrad ­
  spielt  auch  eine  große  Rolle.  Ohne  uns  auf  die  Möglichkeit
einzulassen,  unproduktive  Flächen,  wie  z.  B.  Moorland,  über  das
wir  schon  flüchtig  sprachen,  urbar  zu  machen,  wollen  wir  hier
nur  vom  Walde  reden.  Europa  hat  28%  Wald.  Er  verteilt  sich
sehr  ungleich.  Schweden  hat  48%,  das  frühere  europäische  Rußland ­
  39%)  die  Niederlande  dagegen  nur  8%,  Dänemark  7%,
Portugal  3%.  An  gut  kultivierten  Ländern,  die  etwa  in  der  Mitte
stehen,  wollen  wir  Deutschland  mit  26%  und  Frankreich  mit
16%  Bewaldung  nennen.  Nun  läßt  sich  eine  wünschenswerte
Durchschnittsziff'er  für  Bewaldung  wohl  kaum  festsetzen,  da  hier
die  Verschiedenheit  der  klimatischen  und  orographischen  Verhältnisse ­
  in  den  einzelnen  Ländern  eine  große  Rolle  spielt.  Nehmen
wir  aber,  um  einen  Rechnungsatz  zu  haben,  an,  daß  sich  die  Durehschnittsbewaldung
  Europas  ohne  Schaden  von  den  heutigen  28%
auf  20%  vermindern  ließe,  welche  Ziffer  etwa  dem  Mittel  zwischen ­
  Deutschland  und  Frankreich  entspricht,  so  würden  noch
28  weniger  20  =  8%  jetzigen  Waldbodens  der  Kultur  zugeführt
werden  können.  Das  wären  829.000  hm 2  =  82*9  Millionen  Hektar,
welche  Fläche  über  die  Hälfte  der  jetzigen  Anbaufläche  an
Getreide  ausmacht.
        <pb n="51" />
        48

Europäische  Kolonisation

Millionen
Hektoliter
Nun  betrug  die  Getreideernte  der  wichtigsten  europäischen ­
  Staaten  im  Jahre  1901  1742
Wenn  es  gelänge,  den  Hektarertrag  überall  auf  35
Hektoliter  (Belgien)  zu  steigern,  würde  man  bei  gleichbleibender ­
  Anbaufläche  ernten  4593
Durch  Waldrodung  könnte  die  Anbäufläche  um  82'9
Millionen  Hektar  gesteigert  werden,  so  daß  sie  statt  1312
Millionen  Hektar  214‘1  Millionen  Hektar  betrüge.  Diese
würde  bei  einem  Ertrag  von  35  Hektoliter  pro  Hektar
eine  Ernte  ergeben  von  ...............  ;•.  .  7494
Versuchen  wir  nun,  einen  beiläufigen  Überblick  zu  gewinnen,
für  welche  Bevölkerungszahl  diese  gesteigerte  Produktion  ausreichen ­
  würde.  Das  ist  natürlich  nicht  so  einfach.  Wenn  wir
uns  aber  die  Sache  erleichtern,  indem  wir  uns  nur  an  das  Hauptnahrungsmittel, ­
  das  Getreide,  halten,  läßt  sich  immerhin  eine
beiläufige  Kalkulation  aufstellen.
Nach  den  mir  eben  zur  Verfügung  stehenden  Daten  berechnete ­
  sich  die  Getreideernte  ganz  Europas  (in  den  eben  gemachten ­
  Angaben  fehlen  einige  Staaten)  an  Weizen,  Roggen,
Gerste,  Hafer  in  den  letzten  Jahrzehnten  vor  dem  Weltkriege
auf  etwa  1827  Millionen  Hektoliter.  Nach  der  Größe  ihrer  Getreideeinfuhr ­
  rangierten  die  Staaten  folgend:  Großbritannien,
Deutschland,  Belgien,  Niederlande,  Frankreich,  Dänemark,  Schweiz,
Italien,  Norwegen,  Spanien,  Portugal,  Schweden,  Griechenland.
Am  wenigsten  Einfuhr  bedurfte  Österreich-Ungarn.  Diese  Staaten
führten  in  Summe  etwa  286  Millionen  Hektoliter  ein;  da  ihr
Gesamtverbrauch  etwa  1777  Millionen  Hektoliter  jährlich  betrug,
machte  die  Einfuhr  zirka  15°/ 0  des  Gesamtverbrauohes  aus.
Rußland,  Rumänien,  Bulgarien  und  Serbien  erzeugten  mehr
Getreide  als  sie  brauchten.  Sie  führten  zusammen  zirka  141  Millionen ­
  Hektoliter,  und  zwar  hauptsächlich  in  die  europäischen
Bedarfsstaaten  aus,  das  sind  7%  des  Einfuhrbedarfes  derselben;
zirka  145  Millionen  Hektoliter,  das  sind  8%  der  Einfuhr  kamen
aus  außereuropäischen  Ländern.
Es  würde  also  damals  _  genügt  haben,  wenn  man  die
Getreideernte  Europas  um  8%  hätte  steigern  können,  um
        <pb n="52" />
        Europäische  Kolonisation

49

bezüglich  dieses  Artikels  von  den  anderen  Erdteilen  unabhängig
zu  sein.
Das  heißt  eine  Getreideernte  von  1827  -(-  146  =  1973  Millionen ­
  Hektoliter  würde  ansgereicht  haben,  um  in  den  Jahren
um  1910  Europa,  das  damals  450  Millionen  Einwohner  hatte,
zu  versorgen.
Wenn  der  Hektarertrag  in  ganz  Europa  auf  die  Höhe  Belgiens ­
  gebracht  würde,  könnten  4593  Millionen  Hektoliter  Getreide
erzeugt  werden.  Diese  würden  fßr  eine  Bevölkerung  von  1047
Millionen  ausreiehen.  Diese  Bevölkerungsziffer  dürfte  aber  Europa
bereits  um  das  Jahr  2000  haben.
Das  heißt,  daß  wir  höchstens  80  bis  90  Jahre  Zeit  haben,
um  jene  Kulturarbeit  zu  leisten,  die  es  ermöglichen  soll,  Europa
bezüglich  Getreide  selbständig  zu  machen.  Gelingt  dies  nicht,  so
würde  der  Bevölkerungszuwachs  Europas  bald  eine  so  ungeheure
Zufuhr  aus  Übersee  erfordern,  daß  wir  sie  im  Zusammenhalte
mit  den  sonstigen  Einfuhrartikeln  (vergleiche  Seite  40)  kaum
mehr  bezahlen  könnten.
Man  mag  Berechnungen  wie  die  eben  angestellten  vielleicht
als  Zifferspielereien  betrachten.  Es  wird  auch  niemandem  beifallen,
sie  anders,  denn  als  Vergleichsbehelfe  aufzufassen.  Sie  zeigen
aber  doch  mit  voller  Deutlichkeit,  daß  Europa  für  seine  Volksvermehrung ­
  nur  dann  aufkommen  kann,  wenn  intensivste  Kulturarbeit ­
  geleistet  wird.  Sie  zeigen  ferner,  daß  die  Zeitspanne,  die
uns  für  diese  Riesenaufgabe  gelassen  .ist,  recht  kurz  ausfällt.  Sie
führen  endlich  darauf,  daß  die  Agrarländer  Rußland,  Rumänien  usw.
so  rasch  als  irgend  möglich  intensiver  Kultur  zugeführt  werden
müssen.
Der  Zug  nach  dem  Osten  wird  also  für  die  Zukunft  Europas ­
  eine  ungeheure  Rolle  spielen.  All  das  ist  aber  nur  möglich,
wenn  sich  die  Überzeugung  durchringt,  daß  Europa  wirtschaftlich
als  eine  Einheit  aufzufassen  ist,  da  nur  dann  jene  internationale
Zusammenarbeit  angebahnt  werden  kann,  die  den  Aufstieg  zur
Höchstkultur  ermöglichen  soll.

Landwehr,  Übervölkertes  Land.

4
        <pb n="53" />
        Weltkolonisation.
Auswanderung  und  Kolonisation  waren  seit  jeher  die  Mittel,
durch  die  sich  Staaten  zu  helfen  suchten,  in  denen  eine  Beengung ­
  der  Lebensverhältnisse,  sei  es  wegen  Übervölkerung  und
Mangel  an  anbaufähigem  Boden,  sei  es  wegen  sonstiger  wirtschaftlicher ­
  Schwierigkeiten,  politischer  Unzufriedenheit,  religiöser
Zerwürfnisse  und  ähnlichen  Ursachen  eingetreten  war.  Allerdings
führten  nicht  immer  bloß  solch  zwängende  Gründe  zur  überseeischen ­
  Kolonisation.  Oft  trieb  auch  Eroberungslust,  Überschuß  an
Unternehmungsgeist  und  Kapitalskraft  zu  außereuropäischen  Erwerbungen. ­

So  kam  es  im  Laufe  der  Geschichte  dazu,  daß  durch  Ausnützung ­
  günstiger  Konstellationen,  zumeist  durch  Staaten,  die  Seemächte ­
  sind  oder  es  doch  w T aren  —  abgesehen  von  Amerika,
Japan  und  dem  früheren  asiatischen  Rußland  -—,  etwa  61  Millionen ­
  Quadratkilometer,  das  ist  fast  die  Hälfte  des  bewohnten
Festlandes,  Kolonialgebiet  europäischer  Staaten  sind.  Natürlich
gehören  infolge  der  angedeuteten  Entwicklung  diese  Kolonien
nicht  immer  gerade  jenen  Staaten,  die  am  dichtesten  bevölkert
sind,  also  am  dringendsten  Kolonien  brauchen.
Auf  Seite  19  haben  wir  besprochen,  daß  gegenüber  der  wünschenswerten ­
  Dichte  von  100  Menschen  pro  Kulturquadratkilometer
Großbritannien  um  24‘2,  Deutschland  um  24'8,  Italien  um  15  6,
das  frühere  Österreich  um  10,  Frankreich  um  1'8  Millionen  Einwohner ­
  zu  viel,  dagegen  Spanien  um  10*1  und  das  frühere  Rußland ­
  um  98  2  Millionen  Einwohner  zu  w r enig  hatten.
Demgegenüber  besitzen  an  Kolonien;
Großbritannien  39'9,  Deutschland  0,  Italien  L6,  Frankreich
12'5,  Spanien  0 - 31,  Belgien  2‘4,  Portugal  2 - l,  Niederlande  2’0
Millionen  Quadratkilometer.  Deutschland  besaß  bekanntlich  vor
        <pb n="54" />
        Weltkolonisation

51

dem  Weltkriege  2'9  Millionen  Quadratkilometer  Kolonien,  die  es
als  ein  dringendes  Bedürfnis  in  den  letzten  Jahrzehnten  erworben
hatte.  Der  Krieg  hat  ihren  Verlust  zur  Folge  gehabt  und  damit
die  Frage,  wie  Deutschland  in  der  Zukunft  seinen  Bevölkerungsübersehuß
  unterbringen  soll,  offen  gelassen.  Da  überseeische  Gebiete ­
  ihm  voraussichtlich  auf  längere  Zeit  unzugänglich  sind,  wird
Deutschland  nichts  erübrigen,  als  das  engste  Einvernehmen  mit
Rußland  anzustreben,  das  allein  seine  überzähligen  Menschen  absorbieren ­
  könnte.
Eine  gerechte  Regelung  der  Kolonialfrage  erscheint  unter
den  heutigen  Verhältnissen  ganz  aussichtslos.  Aber  wir  betreiben
ja  hier  keine  Politik,  sondern  stellen  lediglich  fest,  daß  die  Unterbringung ­
  der  Bevölkerungsüberschüsse  eine  Frage  ist,  welche  die
Lenker  der  Geschicke  Europas  ernstlich  beschäftigen  sollte,  wenn
sie  dem  Unheil,  das  sonst  in  den  nächsten  Jahrzehnten  unvermeidlich ­
  ist,  Vorbeugen  wollen.  Die  Überlegung,  daß  Rußland  ein
ungeheures  Kolonisationsgebiet  nicht  nur  in  Europa,  sondern  insbesondere, ­
  trotz  des  heute  sehr  gelockerten  Zusammenhanges,  auch
in  Asien  besitzt,  daß  Spanien  313.000  Quadratkilometer  afrikanische ­
  Kolonien  hat  und  auch  kleinere  Staaten,  wie  Dänemark,
Portugal,  die  Niederlande  und  Belgien,  große  Kolonien  ihr  eigen
nennen,  könnte  die  internationale  Regelung  der  Kolonial-  oder
zum  mindesten  der  Auswanderungsfragen  erleichtern.
Sehen  wir  nun  zu,  wie  sich  in  den  letzten  Jahrzehnten  vor
dem  Weltkriege  die  Auswanderung  aus  Europa  vollzog.
Von  1880  bis  1910  sind  aasgewandert;
Aus  der  Schweiz  190.000  Menschen,  den  Niederlanden  201.000
Dänemark  211.000,  Frankreich  263.000,  Norwegen  485.000,
Portugal  767.000,  Schweden  846.000,  Schottland  984.000,  aus
dem,  früheren  Österreich  1,730.000,  aus  dem  früheren  Ungarn
1,792.000,  aus  Deutschland  2,172.000,  Spanien  2,189.000,  Irland
2,385.000,  England  4,639.000,  Italien  6,430.000  Menschen.
Innerhalb  dieser  30  Jahre  sind  also  in  Summe  25,284.000
Menschen  aus  Europa  nach  überseeischen  Ländern  gegangen.  Die
Verteilung  auf  die  einzelnen  Jahrzehnte  dieser  Epoche  ist  nicht
gleich.  Im  allgemeinen  war  die  Auswanderung  von  1900  bis  1910
bedeutend  stärker  als  früher.  Nur  in  Deutschland  machte  sich,
offenbar  als  Folge  des  wirtschaftlichen  Aufschwunges,  den  das
        <pb n="55" />
        52

W  eltkolonisation

Reich  damals  genommen  hatte,  ein  Abnehmen  der  Auswanderung
geltend.  (1880  bis  1890  13  Millionen,  1890  bis  1900  05  Millionen, ­
  1900  bis  1910  0 - 28  Millionen).
Das  Gegenstück  bildet  Spanien,  das  trotz  geringer  Bevölkerungsziffer ­
  ebensoviel  Auswanderer  aufweist  als  Deutschland.
Im  Durchschnitte  der  letzten  zehn  Jahre  vor  dem  Kriege
sind  etwa  12  Millionen  Menschen  jährlich  aus  Europa  ausgewandert, ­
  wogegen  der  jährliche  Menschenzuwaohs  etwa  4  Millionen ­
  (0 - 88°/ 0  der  Volkszahl)  betrug.
Die  bisherige  Auswanderung  war  also  viel  zu  gering,  um
der  wachsenden  Überfüllung  Europas  abzuhelfen.
Da  aber  weder  die  innere  Kolonisation  der  Einzelstaaten
noch  jene  ganz  Europas  rasch  genug  vorschreiten  wird,  um  mit
dem  Wachstum  der  Bevölkerung  gleichen  Schritt  zu  halten,
könnte  nur  eine  großzügige  Auswanderung  in  außereuropäische
Gebiete  Abhilfe  schaffen.
Freilich  könnte  auch  hier  nur  internationale  Gemeinschaftsarbeit ­
  zum  Erfolg  führen;  denn  schon  das  Problem  selbst  müßte
nicht  vom  Einzelstaat,  sondern  vom  gesamteuropäischen  Standpunkt ­
  aus  aufgezäumt  werden,  die  Abhilfen  aber,  die  in  der  Einwanderungsbewilligung ­
  in  außereuropäische  Gebiete  und  den  entsprechenden ­
  Vorsorgen  bestünden,  würden  die  Zusammenarbeit
aller  Völker  der  Erde  bedingen.
Die  Schwierigkeit  in  all  diesen  Fragen  liegt  immer  darin,
daß  es  derzeit  noch  kein  Forum  gibt,  das  geeignet  wäre,  diesen
Ausgleich  zwischen  den  Bedürfnissen  der  einzelnen  Staaten  herbeizuführen. ­

Das  darf  aber  nicht  hindern,  wenigstens  in  der  Theorie  die
hier  niedergelegten  Wahrheiten  immer  wieder  zu  betonen.
        <pb n="56" />
        Schlußbetrachtung.
Wenn  wir  die  Ergebnisse  der  vorliegenden  Untersuchungen
kurz  zusammenfassen,  tritt  uns  aus  der  Menge  von  Daten  und
Einzelfragen  folgendes  Bild  klar  vor  Augen:
Die  Bevölkerung  der  Erde  hat  heute  eine  Zahl  erreicht,  bei
der  sich  Volksvermehrungen  ungeheuer  rasch  fühlbar  machen.
Insbesondere  sind  es  die  drei  großen  Übervölkerungsgebiete
in  Europa,  China  und  Indien  und  die  drei  kleineren  Menschenanhäufungen ­
  in  Japan,  Ägypten  und  den  Oststaaten  von  Nordamerika, ­
  die  im  Vordergründe  des  weltwirtschaftlichen  und  politischen ­
  Interesses  stehen.
Die  Übervölkerung  dieser  Kulturgebiete  erzeugt  Interessengegensätze, ­
  die  zu  fortgesetzten  Reibungen  führen  müssen.  Von
diesem  Standpunkte  betrachtet,  war  der  Weltkrieg  ein  Versuch
zur  gewaltsamen  Lösung  der  Differenzen,  die  in  weltwirtschaftlicher ­
  Beziehung  zwischen  den  Kulturstaaten  —  in  erster  Linie
zwischen  dem  meeresbeherrsehenden  England  und  dem  aufstrebenden ­
  Deutschland  —  bestanden.
Bisher  ist  nicht  ersichtlich,  daß  durch  den  Krieg  beziehungsweise ­
  die  Friedensverträge,  die  ihm  folgten,  eine  Klärung
oder  gar  eine  Besserung  der  weltwirtschaftlichen  Differenzen  erfolgt ­
  wäre.  Das  einzige  bisher  erkennbare  Resultat  ist  eine  gewaltige ­
  Verschiebung  der  Maehtverhältnisse,  und  zwar  zugunsten
Amerikas.  Die  Weltwirtschaft,  die  vor  dem  Kriege  bereits  einen
hohen  Grad  der  Entwicklung  erlangt  j^at,  ist  in  Unordnung  geraten. ­

Überall,  auch  in  den  Siegerstaaten  und  selbst  in  Amerika,
machen  sich  schwere  Wirtschaftskrisen  bemerkbar.  Und  während
wir  noch  an  den  Folgen  des  kaum  vorübergegangenen  Gewittersturmes ­
  leiden,  wetterleuchtet  es  bereits  an  den  verschiedensten
Punkten  des  Erdballs.  Neue  Kriege  stehen  bevor.
        <pb n="57" />
        54

Schlußbetrachtung

Was  speziell  Europa  anbelangt,  macht  sich  die  Zerschlagung
zweier  großer  Reiche  —  Rußlands  und  Österreich-Ungarns  —
politisch  und  wirtschaftlich  in  schwerster  Weise  fühlbar.
Während  vor  dem  Krieg  ein  deutlicher  Zug  zu  großzügiger
Weltwirtschaft  herrschte,  der  den  Zusammenschluß  mehrerer
kleiner  in  wenige  große  Wirtschaftsgebiete  vorbereiten  wollte,
haben  die  Friedensverträge  Europa  balkanisiert  und  damit  dem
Wirtschaftsverkehr  jene  tausend  Schranken  wieder  auferlegt,  die
vergangene  Epochen  mit  Mühe  beseitigt  hatten.
Wir  haben  im  Lauf  unserer  Betrachtungen  oft  genug  darauf
hingewiesen,  daß  die  Übervölkerungsgebiete  zu  wenig  Naturprodukte, ­
  vor  allem  Nahrungsmittel,  erzeugen,  um  davon  leben
zu  können.  Sie  brauchen  Zuschub  aus  weniger  dicht  besiedelten
Gegenden  und  geben  dafür  ihre  Industrieprodukte  in  Tausch.  Dem
Notstand  der  Gegenwart  könnte  also  nur  durch  Einrichtungen  abgeholfen ­
  werden,  die  diesen  Austausch  der  Produkte  erleichtern.
Es  müßte  also  die  Handels-  und  Verkehrsfreiheit  wenn
möglich  in  einem  noch  viel  ausgedehnteren  Maße,  als  sie  vor
dem  Kriege  bestand,  wieder  hergestellt  werden.
Derzeit  hat  die  Erde  noch  genügend  Produkte  aller  Art,
um  dem  Mangel  der  Übervölkerungsgebiete  durch  die  Überschüsse
der  dünn  bevölkerten  abzuhelfen.
Immer  aber  wird  der  Verkehr  zwischen  fremden  Ländern
gewissen  Beschränkungen  unterworfen  sein.  Völlig  ungehindert
vollzieht  sich  der  Austausch  der  Produkte  von  Industrieländern
gegen  jene  benachbarter  Agrarländer  nur  dann,  wenn  sie  einem
einzigen  Wirtschaftsgebiet  angehören.
Was  wir  daher  speziell  in  Mitteleuropa  brauchen,  ist  die
Bildung  großer  Wirtschaftsverbände,  in  denen  sowohl  Industrieais ­
  Agrarländer,  vertreten  sein  müssen,  an  Stelle  der  durch  die
Friedens  Verträge  geschaffenen  lebensunfähigen  Zwergstaaten.
Für  das  zerschlagene  Österreich-Ungarn,  das  ein  solches
Wirtschaftsgebiet  war,  wird  früher  oder  später  in  irgendeiner
Form  Ersatz  geschaffen  werden  müssen.
Das  wäre  vielleicht  der  erste  Schritt.  Für  die  fernere  Zukunft ­
  wird  es  freilich  auch  damit  noch  nicht  abgetan  sein.  Schon
heute  denken  manche  viel  weiter.  So  faßte  der  Vertreter  der
Vereinigten  Staaten  von  Amerika  auf  der  Brüsseler  Konferenz
        <pb n="58" />
        Schlnßbetrachtung

55

(Mr.  Boyden)  im  September,  1920  seine  Ansichten  in  den  Satz
zusammen:  »Bilden  Sie  die  Vereinigten  Staaten  von  Europa  und
es  wird  sieb  für  die  Notlage  aller  eine  Lösung  finden.«
In  der  heutigen  politisch  verworrenen  Lage  erscheinen  solche
Ideen  freilich  als  Utopien.  Klar  ist  aber,  daß  Europa,  wenn  es
weiter  eine  Rolle  in  der  Weltwirtschaft  spielen  will,  nicht  in  dem
heutigen  balkanisierten  Zustande  bleiben  kann.
Aber  mit  diesen  Fragen,  so  schwierig  sie  sein  mögen,  ist
die  Aufgabe,  die  den  Lenkern  der  Weltgeschicke  heute  gestellt
ist,  keineswegs  erschöpft.
Wenn  es  gelingen  soll,  die  Menschheit  ohne  neuerliche  Weltkriege, ­
  gegen  die  der  vergangene  vielleicht  nur  ein  Kinderspiel
war,  durch  die  kommenden  Jahrzehnte  hindurch  zu  steuern,  so
steht  nichts  geringeres  bevor  als  eine  Aufteilung  der  Erde,  die
dem  Expansionsbedürfnis  der  Übervölkerungsgebiete  Europa,
Japan,  China,  Indien  Rechnung  trägt.  All  diesen  muß  entsprechende ­
  Entwicklungsfreiheit  gewahrt  werden,  was  nur  durch
eine  loyale  Abgrenzung  der  Interessensphären  geschehen  könnte.
Amerika  haben  wir  hier  deswegen  nicht  genannt,  weil  es  übergroßen ­
  Entwicklungsraum  auf  dem  eigenen  Kontinent  hat.  Aber
seine  Handelsinteressen  und  die  überragende  Machtstellung,  die
es  heute  einnimmt,  werden  ihm  dabei  eine  gewichtige,  wenn  nicht
die  Hauptstimme,  einräumen.
Soviel  über  die  Gegenwart.
Wir  haben  aber  unsere  Untersuchungen  auch  weit  in  die
Zukunft  ausgedehnt  und  müssen  nun  kurz  deren  Ergebnisse
rekapitulieren.
Bei  Betrachtung  der  Volksvermehrung  fanden  wir,  daß  die
Bevölkerung  der  Erde  heute  bereits  eine  Zahl  erreicht  hat,  die  bei
andauernder  Verdopplung  der  Kulturmensehheit  pro  Jahrhundert
rasch  ins  Gigantische  steigt,  wenn  nicht  Naturkatastrophen  oder
eine  bewußte  Eindämmung  der  Vermehrung  Abhilfe  bringen.
Unter  dem  Gesichtspunkte,  daß  die  jetzige  Generation  nur
für  das  Nächstliegende  vordenken  kann  und  die  Lösung  der
Zukunftsfrage  kommenden  Geschlechtern  überlassen  muß,  zogen
wir  daraus  nur  die  Konsequenz,  daß  wir  eine  weitgehende
Produktionssteigerung  und  einen  Ausgleich  in  der  Bevölkerungsdichte ­
  anzubahnen  haben.  Wir  erörterten  daher,
        <pb n="59" />
        56

Schlußbetrachtung

wie  durch  innere,  durch  europäische  und  durch  Weltkolonisation ­
  die  Produktion  gehoben,  durch  großzügige  Auswanderung ­
  aus  den  übervölkerten  Gebieten  der  Ausgleich  der
Bevölkerungsdichte  eingeleitet  werden  könnte.
Wiederholt  betonten  wir,  daß  diese  Menschheitsfragen  nicht
durch  den  Einzelstaat,  auch  nicht  durch  ein  europäisches  Forum
allein,  sondern  nur  durch  internationale  Zusammenarbeit  aller
Kulturvölker  der  Erde  gelöst  werden  können.
Dieser  Gedanke  ist  bekanntlich  durchaus  nicht  neu.  Das
Emporbltihen  der  Weltwirtschaft  wurde  vielmehr  vor  dem  Kriege
vielfach  durch  internationale  Vereinigungen  gefördert.  Wir  erinnern ­
  diesbezüglich  nur  an  den  Weltpostverein,  dasinternationale
Bureau  der  Telegraphenverwaltungen,  das  Institut  für  internationales ­
  Recht,  die  internationale  Union  zum  Schutze  des  gewerblichen ­
  und  literarischen  Eigentums  usw.
Die  Notwendigkeit,  bei  der  Liquidierung  des  Weltkrieges
die  Stimmen  aller  daran  Interessierten  zu  hören,  ließ  den  »Völkerbund« ­
  entstehen.  Er  stellt  heute,  allerdings  in  sehr  beschränktem
Umfang  und  mit  fraglicher  Wirkung,  eine  Art  Weltregierung  dar.
Inwieweit  er  sieh  bewähren  wird,  ob  er  überhaupt  von  Dauer
sein  wird  und  ob  ihm  die  Durchführung  oder  wenigstens  die
Anbahnung  einer  Lösung  der  in  dieser  Studie  aufgeworfenen
Menschheitsfragen  zugemutet  werden  kann,  ist  eine  offene  Frage.
Die  Erinnerung  an  die  nach  den  Napoleonischen  Kriegen
entstandene  »heilige  Allianz«,  die  ähnliche,  wenn  auch  viel  einfachere ­
  Aufgaben,  aber  trotzdem  kurzen  Bestand  hatte,  gibt  nicht
viel  Hoffnung.
Die  Erkenntnis,  daß  dauernde  internationale  Zusammenarbeit
nötig  ist,  hat  eine  ganze  Reihe  von  privaten  Vereinen  und  Gesellschaften ­
  entstehen  lassen,  die  eine  mehr  oder  minder  erfolgreiche ­
  Tätigkeit  entfalten.  —
Wie  dem  auch  sei  —  jedenfalls  ist  der  Gedanke  internationaler
Zusammenarbeit  auf  dem  Marsche.  Ob  er  praktische  Erfolge
zeitigen  wird,  ist  eine  Menschheitsfrage  von  ernstester  Bedeutung
und  hängt  vor  allem  von  dem  Geist  ab,  in  dem  er  angepackt  wird.
Solange  Haß  und  Vergewaltigung  die  erste  Geige  spielen,
ist  an  nützliche  Resultate  nicht  zu  denken.  Abbau  des  Hasses
und  gegenseitiges  Verstehenlernen  sind  das  erste  Erfordernis.
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        Schiaßbetrachtung

Ehe  menschheitsfördernde  Ideen  in  die  Wirklichkeit  umgesetzt
  werden  können,  muß  zuerst  diesem  Geiste  der  Versöhnung
zum  Durchbruch  verhelfen  werden.
Die  wichtigste  Aufgabe  der  Gegenwart  erblicken  wir  daher
in  der  Förderung  dieses  Geistes.  Aber  da  niemand  glauben  wird,
daß  die  Menschen  von  heute  auf  morgen  Engel  werden,  wollen
wir  uns  zur  Stärkung  dieses  Geistes  weniger  auf  altruistische
Denkungsweise,  als  auf  das  Gebot  realer  Interessen  verlassen,
die  eine  fruchtbare  internationale  Zusammenarbeit  gebieterisch
fordern.  Wir  glauben,  daß  die  vorliegende  Studie  ausreichend
auf  solche  reale  Interessen  hingewiesen  hat.  Entweder  widmet
sich  die  Menschheit  diesen  und  löst  die  schwebenden  Fragen
oder  sie  läßt  mit  Bewußtsein  die  dann  unvermeidlichen  Katastrophen ­
  über  sich  hereinbrechen.
Noch  eine  Bemerkung.  Im  Bewußtsein  der  Allgemeinheit
wird  gern  internationales  Denken  mit  Vaterlandslosigkeit  verwechselt. ­
  Man  glaubt  oftmals,  daß  derWeltbürger  kein  guter  Staatsbürger ­
  sein  könne.  Das  ist  grundfalsch.  Die  Durchführung  des
Programms,  das  wir  angedeutet  haben,  erfordert  im  Gegenteil
höchste  Vaterlandsliebe,  denn  es  beginnt  mit  dem  Hinweis  zur
Entfaltung  aller  Kräfte  zum  Wohle  des  eigenen  Landes.  Von  der
Innenkolonisation  des  Vaterlandes  ausgehend,  soll  sich  der  Mensch
solange  als  möglich  um  die  eigene  Scholle  bemühen,  dann  aber
muß,  weil  wir  zu  zahlreich  werden,  der  Blick  in  die  Ferne
schweifen  und  für  kommende  Geschlechter  vorbauen.
Das  kann  im  gegenseitigen  wohlverstandenen  Interesse  nur
im  Einvernehmen  mit  dem  Nachbarn  erfolgen.
Zur  Durchführung  eines  so  großen  Programms  gehört  vor
allem  Ordnung  und  Autorität  in  den  einzelnen  Staatswesen.  Denn
nur  gesunde  und  zielbewußt  geführte  Einzelwesen  können  in
ihrer  Gesamtheit  einen  lebensfähigen  Organismus  bilden.  Der
Weltkrieg  hat  eine  Epoche  hochentwickelter,  auf  Weltwirtschaft
gerichteter  Zivilisation  unterbrochen  und  an  die  Stelle  allmählicher
Evolution  eine  Reihe  von  Revolutionen  gesetzt.
Wenn  wir  vorwärts  kommen  wollen,  müssen  wir  wieder
zur  zielbewußten  Evolution  zurückkehren.

Landwehr,  Übervölkertes  Land.

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—**
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        —

Benützte  Quellen.
Die  Erde  und  ihre  Bewohner,  Yen  K.  Fr,  Vollrath-Hoffm  ann  (um
1830).
Europas  Neue  Staatengrenzen.  Mit  einer  Völkerkarte  und  erläuternden
statistischen  Flächen-  und  Bevölkerungsangaben.  Bearbeitet  von  Alois
Fischer.  Gr.  Freytag  und  Berndt  G.  m.  b.  H.,  Wien  und  Leipzig,  1920«
Geographisch-statistische  Notizen.  Von  II.  Wichmaun.  In  Justus
Perthes  Taschenatlas,  1899.
Otto  Hübners  Geographisch-statistische  Tabellen  aller  Länder
der  Erde.  Von  [Dr.  Franz  Juraschek.  Verlag  von  Heinrich  Koller,
Frankfurt  am  Main  1915.
Professor  Hickmanns  Geographisch-statistischer  Handatlas.  Auflagen ­
  1917  und  1921.  G.  Freytag  und  Berndt  6.  m.  b.  H.,  Wien.
Statistische  Skizze  der  Österreichisch-ungarischen  Monarchie,
Von  Dr.  H.  F.  Bitter  von  Braehelli.  Leipzig  1892,  J.  C.  Hinriohsche
Buchhandlung.
Wirtschaftsstatistische  Materialien  über  Deutschösterreich.  Wien
1919.  Im  Selbstverlag  der  Niederösterreichischen  Handels-  und  Gewerbekammor.

Das  mitteleuropäische  Wirtschaftsbündnis  und  der  internationale ­
  Handelsverkehr.  Herausgegeben  vom  Mitteleuropäischen  Wirtschaftsverein ­
  in  Österreich.  Wien  und  Leipzig  1917.  Buchdruckerei  und
Verlagsbuchhandlung  Carl  Fromme  G.  m.  b.  H.
Die  Bodenreform.  Grundsätzliches  und  Geschichtliches  zur  Erkenntnis  und
Überwindung  der  sozialen  Not.  Von  Adolf  Damaschke.  Jena,  Verlag
von  Gustav  Fischer,  1919.
Die  Grundlagen  der  Agrarwirtschaft  in  Österreich.  Von  Dr.  H.  C.
Siegfried  von  Strakosch.  Wien  1917,  Verlag  von  F.  Tempsky.
Die  Weltkrise,  ihr  Erreger  und  seine  Bekämpfung.  Prolegomena  zu
einem  jeden  Friedensschlüsse,  der  als  Befreiung  von  der  Kultur  der  Selbstzerfleisohung
  wird  auftreten  können.  Von  Anaxagoras.  Wien  1919,
Verlag  von  Moritz  Perles.
Erinnerungen.  Von  Alfred  von  Tirpitz.  Leipzig,  Verlag  von  IC.  F.  Koehler,
1919.
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        Benützte  Quellen  59

Heim  zur  Scholle.  Von  Peter  Rosegger.  Verlegt  bei  Ed.  Strache,  Warnsdorf ­
  in  Böhmen  1915.
Kleinhaus  und  Kleinsiedlung.  Yon  Hermann  Muthesius.  F.  Bruckmann ­
  A.-G.,  München  1918.
Kriegerheimstätten,  Von  Franz  Jesser,  Eeichratsabgeordneter.  Verlegt
bei  Ed.  Strache,  AVarnsdorf  in  Böhmen  1916.
Was  Europa  geschehen  ist.  Von  Frank  A.  Vanderlip.  Deutsch  herausgegeben ­
  von  R.  von  Scholtz.  Drei  Masken-Verlag,  München  1921.
Wirtschaftliche  Verhältnisse  Deutschösterreichs.  Herausgegeben
im  Aufträge  des  Vereins  für  Sozialpolitik  von  Dr.  Michael  Hainisch
Verlag  von  Duncker  und  Humblot,  Wien  und  Leipzig  1919.
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        the  scale  towards  document

Weltkolonisation

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dem  Weltkriege  2  9  Millionen  Quadratkilometer  Kolonien,  die  es
als  ein  dringendes  Bedürfnis  in  den  letzten  Jahrzehnten  erworben
hatte.  Der  Krieg  hat  ihren  Verlust  zur  Folge  gehabt  und  damit
die  Frage,  wie  Deutschland  in  der  Zukunft  seinen  Bevölkerungs-Überschuß
  unterbringen  soll,  offen  gelassen.  Da  überseeische  Gebiete ­
  ihm  voraussichtlich  auf  längere  Zeit  unzugänglich  sind,  wird
Deutschland  nichts  erübrigen,  als  das  engste  Einvernehmen  mit
Rußland  anzustreben,  das  allein  seine  überzähligen  Menschen  absorbieren ­

  könnte.
Eine  gerechte  Regelung  der  Kolonialfrage  erscheint  unter
den  heutigen  Verhältnissen  ganz  aussichtslos.  Aber  wir  betreiben
ja  hier  keine  Politik,  sondern  stellen  lediglich  fest,  daß  die  Unterbringung ­
  der  Bevölkerungsüberschüsse  eine  Frage  ist,  welche  die
Lenker  der  Geschicke  Europas  ernstlich  beschäftigen  sollte,  wenn
sie  dem  Unheil,  das  sonst  in  den  nächsten  Jahrzehnten  unvermeidlich ­
  ist,  Vorbeugen  wollen.  Die  Überlegung,  daß  Rußland  ein
ungeheures  Kolonisationsgebiet  nicht  nur  in  Europa,  sondern  insbesondere, ­
  trotz  des  heute  sehr  gelockerten  Zusammenhanges,  auch
in  Asien  besitzt,  daß  Spanien  313.000  Quadratkilometer  afrikanische ­
  Kolonien  hat  und  auch  kleinere  Staaten,  wie  Dänemark,
Portugal,  die  Niederlande  und  Belgien,  große  Kolonien  ihr  eigen
nennen,  könnte  die  internationale  Regelung  der  Kolonial-  oder
zum  mindesten  der  Auswanderungsfragen  erleichtern.
Sehen  wir  nun  zu,  wie  sich  in  den  letzten  Jahrzehnten  vor
dem  Weltkriege  die  Auswanderung  aus  Europa  vollzog.
Von  1880  bis  1910  sind  ausgewandert:
Aus  der  Schweiz  190.000  Menschen,  den  Niederlanden  201.000
Dänemark  211.000,  Frankreich  263.000,  Norwegen  485.000,
Portugal  767.000,  Schweden  846.000,  Schottland  984.000,  aus
dem,  früheren  Österreich  1,730.000,  aus  dem  früheren  Ungarn
1,792.000,  aus  Deutschland  2,172.000,  Spanien  2,189.000,  Irland
2,385.000,  England  4,639.000,  Italien  6,430.000  Menschen.
Innerhalb  dieser  30  Jahre  sind  also  in  Summe  25,284.000
Menschen  aus  Europa  nach  überseeischen  Ländern  gegangen.  Die
Verteilung  auf  die  einzelnen  Jahrzehnte  dieser  Epoche  ist  nicht
gleich.  Im  allgemeinen  war  die  Auswanderung  von  1900  bis  1910
bedeutend  stärker  als  früher.  Nur  in  Deutschland  machte  sich,
offenbar  als  Folge  des  wirtschaftlichen  Aufschwunges,  den  das
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