<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Massenspeisungen</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Hans</forname>
            <surname>Krüger</surname>
          </persName>
        </author>
        <author>
          <persName>
            <forname>Gustav Carl Heinrich</forname>
            <surname>Tenius</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1014570549</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        Herausgegeben  von  der
Volkswirtschaftlichen  Abteilung  des  Kriegsernährungsamts

Heft  14

Die  Massenspeisungen
Von
Stadtrat  Dr.  Hans^Krüger
und
Geh.  Regierungsrat  Or.  Gustav  Tenius

Berlin  1917

Verlag  der  Beiträge  zur  Kriegswirtschaft
Reimar  Hobbing  (Sonder-Konto)
        <pb n="2" />
        Inhalt  von  Heft  14:
Die  Massenspeisung.  Von  Stadtrat  vr.  Hans  Krüger  (Dresden),
Mitglied  des  Vorstandes  des  Kriegsernährungsamts.  S.  1.
I.  Der  Werdegang  während  des  Krieges.  S.  3.  II.  Die  Grundfrage ­
  des  Speksungszwanges.  S.  5.  III.  Die  Förderung  der
Entwickelung  der  freien  Massenspeisungen.  S.  11.  IV.  Einrichtung
und  Bewirtschaftung.  S.  13.  1.  Räume.  S.  14.  2.  Kessel.  S.  16.
3.  HklfSmaschinen.  S.  17,  4-  Leitung,  Einkauf  und  Buchführung.  S.  18.
5.  Auswahl  der  Speisen.  S.  21.  6.  Kosten.  S.  24.  7.  Anmeldung  der
Teilnehmer.  S.  25,  8.  Beschaffung  der  Lebensmittel.  S.  26.  9.  Anrechnung
auf  Lebensmittelkarten.  S.  27.  10.  Spelsungsschetne  an  Stelle  der  anzurechnenden ­
  Karten.  S.  29.  Schluß.  S.  31.
Zur  Statistik  der  Massenspeisungs-Einrichtungen.  Von  Geh.
Regierungsrat  Or.  Gustav  Tenius  (Berlin),  Rat  im  Kriegsernährungsamt.
  S.  32.  1.  Ergebnis  einer  Rundfrage  über  den  Stand  der
Massenfpeifungen  tm  Oktober  1916.  S.  32.  2.  Erhebungen  über  den  Stand
der  Massenfpeifungen  im  Januar  und  Februar  1917.  S.  36.
Abgeschlossen  Mitte  Mai  1917.

preis  des  HesteS  M.  0.60.
Jede  gute  Buchhandlung  und  jedes  Postamt  nimmt  Bestellungen  an.

LCyc  Sammlung  „Beiträge  zur  Kriegswirtschaft"'  entstammt
  der  Anregung  des  Präsidenten  des  Krkegsernährungsamts,
  Exzellenz  von  Batockk,-  sie  wird  von  der
Volkswirtschaftlichen  Abteilung  des  Kriegsernährungsamts
herausgegeben.  Die  Beamten  dieses  Amts  sind  neben  Vertretern ­
  der  Wirtschaftswissenschaften  als  Mitarbeiter  für  die
„Beiträge"  gewonnenworden,dasreicheMatertalder  organisierten ­
  deutschen  Kriegswirtschaft  soll  dabei  verwertet  werden.
In  den  Einzelausführungen  gibt  jede  Abhandlung  lediglich ­
  die  wissenschaftliche  Auffassung  des  Verfassers  wieder.
Das  Kriegsernährungsamt  macht  denMitarbeitern  hinsichtlich
ihrer  Darlegungen  keine  Vorschrift  und  überläßt  ihnen  für
ihre  Auffassung  die  Verantwortung.
        <pb n="3" />
        Stadtrat  Dr.  Hans  Krügers  Dresden,
Mitglied  des  Vorstandes  des  KriegsernährnngSamter
Das  Wort  Massenspeisnng  hat  seine  technische  Bedeutung
während  des  Krieges  erlangt  und  ist  heute  bei  der  Beurteilung
der  volkswirtschaftlich  wichtigsten  Ernährungsformen  und  Nahrnngsmittelverteilungen
  zum  Schlagwort  für  bestimmte  sozialpolitische
  Forderungen  und  Anschauungen  geworden.  Es  ist  kein
schönes  Wort;  deshalb  ist  es  vielfach  durch  den  Ausdruck  „Gemeinschaftsspeisung" ­
  ersetzt  worden,  oder  es  werden  die  Masseilspeisungen  ,
in  ihrer  Anwendungssorm  meistens  Volksküchen,  Stadtküchen,
Kriegsspeisehäuser  usw.  genannt.  Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung
der  Gemeinschaftsküche  wird  durchaus  verschieden  aufgefaßt,  einerseits ­
  von  den  Männern  der  Praxis,  andererseits  von  den  Vertretern
  der  Theorie.  Auch  in  den  Kreisen  der  Verbraucher  selbst
hat  das  Wort  je  nach  der  Vorstellung,  die  damit  verbunden  wird,
einen  verschiedenen  Klang.
Angesichts  unserer  heutigen  Ordnung  der  Nahrungsmittelverteilung,
  die  den  ungeheuer  schweren  Versuch  unternommen
hat,  die  wichtigsten  Nahrungsmittel  einem  Siebzig-Millionen-Volk
in  bestimmt  bemessenen  Einzelrationen  zuzuführen,  erblicken
Vertreter  durchgreifender  Wirtschaftspolitik  mit  Richard  Calwer*)
in  der  Gemeinschaftsküche  das  einzrg  mögliche  Mittel,  sowohl  dis
letzte  Folgerung  der  bisherigen  Wirtschaftspolitik  des  Reichs  zu
ziehen,  als  andererseits  die  Ernährung  des  Volks  physiologisch
wieder  auf  ausreichendere  Grundlage  zu  stellen.  Sie  fordern,  da
jede  zwangsläufige  Verteilung  der  Menge  wie  der  Güte  nach
unzureichend  und  die  Zubereitung  unter  den  kriegswirtschaftlichen
Verhältnissen  im  Einzelhaushalt  ungenügend  sei,  die  zwang  §-weise
  Massenspeisung  der  städtischen  Bevölkerung.
Diew  vorausgesetzt,  glaubt  Calwer,  das  System  der  Höchstpreise
beseitigen,  die  Produktion  von  allen  Verteilungsvorschristen  be-*)
  Mitteilungen  des  Wirtschaftsstatistischen  Büros  von  Richard  Calwer
Berlin.
        <pb n="4" />
        freien  und  den  freien  Handel  wieder  an  die  Stelle  der  Zwangsverteilung ­
  setzen  zu  können.  Ähnliche  Stimmen  fordern  die
Zentralisation  der  städtischen  Haushaltungen,  also  die  Beseitigung
des  EinzelhaushaltesTupd.-den  Ersatz  durch  die  Massenküchen.*)
Es  hat  auch  nicht*  an  Forderungen  aus  den  Kreisen  der
organisierten  Verbraucher  gefehlt,  die  Gleiches  erstrebt  haben  und
noch  erstreben.  Andererseits  stellen  sich  die  Vertreter  der  Praxis
&amp;gt;  und  zahlreiche  Verbraucher  auf  den  Standpunkt,  daß  es  auch
unter  den  heutigen  Verhältnissen  nicht  wünschenswert  und  durchführbar ­
  sei,  die  städtische  Bevölkerung  unter  Vernichtung  des
Einzelhaushaltes  in  Massenspeiseanstalten  hineinzu  z  w  i  n  g  e  n.
Sie  verstehen  unter  Kriegsspeisehäusern  oder  Gemeinschaftsküchen ­
  sozialpolitische  Hilfs  einrichtungen**),  '  die  es  jedermann
ermöglichen  sollen,  sich  von  der  öffentlichen  Hand  bewirten  zu
lassen,  der  pekuniär  oder  aus  sonstigen  wirtschaftlichen  Gründen
nicht  in  der  Lage  ist,  sich  ausreichend  zu  beköstigen.  Die  Vertreter ­
  dieser  Anschauungen  vertreten  den  sittlichen  Wert  der
Selbstveranwortung  der  Familienernährung  in  Einzelküchen  und
bestreiten  die  Möglichkeit  völliger  Unterbindung  privater  Versorgung ­
  in  der  Stadt  sowie  die  Tatsache  wirtschaftlicher  Ersparnisse
durch  die  Massenspeisung.
Die  Praxis  der  Gemeinschaftsküche  hat  während
des  Krieges  eine  verschiedene  Entwicklung  in  den  Gemeinden
genommen.  Neben  den  Küchen  für  Kinder,  Kriegerfamilien  u.  a.
stehen  die  privaten  Wohltätigkeitseinrichtungen,  die  Vereins-  und
Anstaltsküchen,  ebenso  wie  die  Fabrikkantinen  und  Massenspeisungen, ­
  das  Ziel  verfolgten,  der  minderbemittelten  Bevöst
küchen,  die  städtischen  Massenspeisungsanstalten,  fahrbare  Volksküchen ­
  und  dergl.  mehr.  Die  Entwicklung  brachte  es  mit  sich,  daß
in  manchen  Orten  mit  diesen  Einrichtungen  der  Bevölkerung  ein
Zuschuß  geboten  werden  sollte,  wobei  man  eifrig  bestrebt  war,
sie  besonders  beliebt  zu  machen,  während  andere  Stellen  in  ihnen
eine  Notstandsmaßnahme  erblickten,  die  keinesfalls  zum  Mehrverbrauch ­
  führen  dürfe.  Hieraus  ergab  sich  eine  ganz  verschiedene
Behandlung  der  Frage  der  Abnahme  von  Lebensmittelkarten

*)  Vgl.  Elisabeth  Engelhardt,  „Dre  Zentralisation  der  städt.  Haushaltungen", ­
  Verlag  „Glaube  und  Kunst"  (Parcus  L  Co.),  München,  I9i7.
")  „Eine  sozialpolitische  und  kriegspolitische  Hilfsmaßregel  in  gemeinwirtschaftlicher
  Gestalt."  Stadtrat  0r.  Luther  auf  der  außerordentlichen
Tagung  der  Zentralstelle  für  Volkswohlsahrt  usw.  am  3.  und  4.  Juli  1916.
Berlin,  Carl  Heymanns  Verlag;  Praktische  Durchführung  der  Massenspeisungen. ­
        <pb n="5" />
        3

für  das  gereichte  Esten,  der  Berechnung  der  Selbstkosten  für  öte
Portion,  der  Bewirtschaftungsform  usw.
Der  Präsident  des  Kriegsernährungsamts  mutzte,  alsbald
nachdem  sein  Amt  die  Führung  in  der  Volksernährung  übernommen ­
  hatte,  zu  allen  diesen  Fragen  -Stellung  nehmen.  Das
ist  geschehen  in  den  Grundsätzen  des  Rundschreibens  voiu
26.  November  1916,  die  später  besprochen  werden.  Zu  ihrem
Verständnis  darf  zunächst  auf  die  Vorgeschichte  der  Massenspeisungs--fragen
  eingegangen  werden.

I.  Der  Werdegang  während  des  Krieges
Die  Frage  der  Massenküche  ist  stets  eine  städtische  Frage
gewesen.  Schon  vor  Beginn  des  Krieges  bestanden  in
den  meisten  großen  Verbrauchsmittelpunkten  Einrichtungen  aller
Art,  die,  meistens  in  der  Form  von  Volksküchen  und  Schulspeisungen ­
  der  Grohbetriebe,  private  und  öffentliche  Zentralkerung
  und  den  bedürftigen  Kindern  zu  besonders  billigen  Preisen
oder  unentgeltlich  ausreichende  Nahrung  in  Form  von  Mittagskost
zu  gewähren.  In  den  meisten  grohen  Städten  gab  es  hierfür
städtische  Einrichtungen  neben  privaten,  die  alle  in  der  Hauptsache
einen  Wohltütigkeitscharakter  hatten  und  als  städtische  Einrichtungen ­
  meistens  in  das  Gebiet  der  öffentlichen  Armenpflege
gehörten.  Jedes  städtische  Jahrbuch  gibt  über  diese  Organisationen
des  Friedens  hinreichend  Auskunft.
Sofort  bei  Beginn  des  Krieges  trat  die  Sorge  um  die
Ernährung  der  Minderbemittelten,  auch  ohne  datz  das  Gespenst
des  Hungerkrieges  noch  erschienen  war,  in  doppelter  Gestalt  an
die  Städte  heran.  Einmal  war  es  die  Kriegerfrau,  zumal
mit  Kindern,  die  bei  einer  damals  verhältnismäßig  sehr  niedrigen
Kricgsunterstützung  und  dem  Zwange,  durch  Arbeit  Geld  zu  verdienen, ­
  offenbar  vielfach  nicht  in  der  Lage  war,  sich  und  die  Ihren
ausreichend  zu  ernähren.  Andererseits  trat  eine  verhältnismätzig
große  Arbeitslosigkeit  hervor,  welche  die  Frage  gar  Entscheidung ­
  stellte,  in  welcher  Form  den  Arbeitslosen  zweckmäßig  ihr
Unterhalt  gewährt  werden  sollte.  Die  Städte  haben  hier  tatkräftig ­
  zugegriffen  und  Volksküchen  oder  Speiseanstaltcn  für
Kriegerfamilien  wie  für  Arbeitslose  geschaffen.  Hierbei  wurde
der  Charakter  der  öffentlichen  Armenunterstiitzung  den  Angehörigen ­
  der  Krieger  gegenüber  stets  und  bei  den  Arbeitslosen
oft  vermieden.  Die  Städte  teilten  Speisemarken  aus,  die  als
        <pb n="6" />
        gemeindliche  oder  Kriegs-Unterstützung  galten  und  zumeist  Las
Essen  unentgeltlich  oder  weit  unter  den  Selbstkosten  gewährleisteten. ­
  Für  diese  Küchen  wurden  entweder  die  vorhandenen
Volks-,  Schul-  und  Vereinsküchen  benutzt  oder  neue  Küchen  von
den  Städten  gegründet,  wobei  immer  dezentralisiert  wurde,  so
daß  die  Küchen  in  der  ganzen  Stadt  verteilt  waren.  Es  bildeten
sich  besondere  Volksküchenausschüsse,  die  in  zentraler  Form  die
Versorgung  der  Kiichen  mit  Lebensmitteln  übernahmen  und  in
den  meisten  Fällen  ehrenamtlich  geleitet  waren.  Das  Eintopfgericht ­
  herrschte  vor;  die  Städte  leisteten  zu  Lasten  ihrer  Kriegsunterstützung ­
  und  Armenunterstiitzung  dauernd  erhebliche
Zuschüsse.
Es  ist  bekannt,  daß  die  Arbeitslosigkeit  sehr  schnell  überall
im  Reiche  zurückging,  weshalb  auch  den  meisten  besonderen
Küchen  für  Arbeitslose  kein  langer  Bestand  beschieden  war.  Dagegen ­
  setzte  der  Wirtschaftskrieg  zunächst  mit  einer
starken  Teuerung  ein,  die  mehr  und  mehr  die  Frage
nahelegte,  wie  die  Bevölkerung  der  minderbemittelten  Schichten
sich  zweckmäßig  ernähren  könne.  Dies  führte  allenthalben  zu
starker  Erweiterung  der  bestehenden  Küchen,  deren  Besucherkreis
mehr  und  mehr  wuchs,  da  die  Städte  ihn  nicht  mehr  auf  die
Kriegerfamilien  beschränken  konnten.  Man  ging  dazu  über,  auch
an  sonstige  Bedürftige  Speisemarken  auszugeben.  Daneben
gingen  immer  mehr  industrielle  Werke  damit  vor,  ihren  Arbeitern
innerhalb  des  Betriebes  eine  ausreichende  Kost  zu  gewähren,  woraus ­
  die  Massenspeisungen  der  Fabriken,  Fabrikkantinen  usw.
entstanden.  Private  Tatkraft  nahm  sich  der  besonders  hart  getroffenen ­
  Kreise  des  Mittelstandes  an  und  schuf  teilweise  ins
Riesenhafte  wachsende  Beamtenküchen,  Mittelstandsküchen,  Kindersuppenkllchen
  usw.
Diese  breite  Entwicklung  erschwerte  immer  mehr  die  Heranschaffung
  der  notwendigen  Waren  zur  Bereitung  der  Speisen,  so
daß  die  Städte  häufig  dazu  übergehen  mußten,  diese  besonders
zu  organisieren.  Zahlreiche  Großstädte  haben  hierzu  die  Form
zentraler  Lieferung  der  Rohwaren  durch  eine  Kommunalstelle
gewählt,  andere  haben  große  Zentralküchen  eingerichtet,  die  die
Speisen  im  großen  zubereiteten  und  in  fertiger  Form  den  einzelnen ­
  Küchen  zur  Verfügung  stellten.  Auch  der  Weg,  aus  der
Zentralküche  den  Einzelhaushalt  mit  fertiger  Speise  zu  versorgen,
ist  mit  der  fahrbaren  Volksküche  häufig  beschritten  worden.
Im  Oktober  1916  bestanden  immerhin  in  357  Gemeinden ­
  umfangreichere  Massenspeisungseinrich'
        <pb n="7" />
        6

jungen,  fcie  insgesamt  die  Zahl  van  1457  erreichten.
Davon  waren  735  allgemeine  Volksküchen  für  jedermann,
72  sogenannte  Mittelstandsküchen,  125  Fabrikküchen,  87  Küchen  für
Kriegsteilnehmer,  268  Küchen  für  Arme,  und  170  Küchen
für  Kinder  und  Kranke,  wobei  589  Massenspeifungen  rein
städtische  Einrichtungen  waren,  650  Einrichtungen  von  Vereinen ­
  und  dergl.  getroffen,  145  von  Privaten  gegründet
waren  und  73  von  Vereinen  und  Gemeinden  gemeinsam
geleitet  wurden.  Die  sämtlichen  Einrichtungen  konnten  im
Oktober  1916  im  ganzen  1915  266  Portionen  täglich  ausgeben,
von  denen  vom  2.  bis  8.  Oktober  allerdings  nur  953  721  beansprucht ­
  waren.  Die  Umfrage  ergab  hierbei  sowohl,  daß  die
kleineren  Geineinden  meistens  ein  Bedürfnis  fiir  Massenspeisungen
  nicht  anerkennen  konnten,  als  daß  der  Besuch  der
Einrichtungen  umso  größer  war,  je  weniger  eine  Anrechnung
und  Abnahme  der  Lebensmittelkarten  erfolgte.
Soweit  nicht  noch  Wohltätigkeitseinrichtungen  für  Kriegerfamilien
  und  Arme  bestehen,  sind  jetzt  die  Städte  bestrebt,  die
Selbstkosten  für  die  gereichten  Speisen  zu  erhöben,  wobei  jede
Verbindung  mit  öffentlicher  Unterstützung  in  Wegfall  kommt.

II.  Die  Grundfrage  des  Speifungszwanges
Diesem  Stande  der  Entwicklung  gegenüber  hatte  das  Kriegsernährungsamt ­
  zunächst  zu  prüfen,  ob  der  weitere  Gang  der
Dinge  in  dem  Sinne  zu  fördern  sei,  daß,  dem  wachsenden  Bedürfnisse ­
  entsprechend,  die  Einrichtungen  zu  Massenspeisungen
für  jeden,  der  sie  zu  besuchen  wünschte,  gegeben
feien,  oder  ob  die  Entwicklung  der  Volksernährung  es  nötig  oder
ertvünscht  erscheinen  ließe,  den  Weg  zu  betreten,  daß  die  Massenspeisungen ­
  die  einzige  Ernährungsform  der  Städter  und  damit
eine  Zwangseinrichtung  für  alle  werden  sollte.
Es  sei  vorausgeschickt,  daß  die  Einrichtung  der  Massenspeifnng
  oder  Gemeinschaftsküche  weder  auf  dem  platten  Lande  noch
in  den  kleinen  Gemeinden  jemals  als  Zwangsmaßnahme  von  den
Vertretern  auch  der  durchgreifendsten  Richtungen  gefordert
worden  ist.*)  Der  Landmann,  der  schon  im  Frieden  im
wesentlichen  Naturalwirtschaft  treibt,  die  im  engsten  Zusammen-')
  Auch  Calwer  (vergl.  S.  1)  fordert  die  Zwangsfpeisung  nur  für
Gemeinden  von  5000  Einwohnern  aufwärts.
        <pb n="8" />
        6

hange  mit  seinem  Berufe,  der  Erzeugung  von  Nahrungsmitteln,
steht,  kann  selbstverständlich  nicht  gezwungen  werden,  die  von  ihm
erzeugten  Nahrungsmittel  nicht  anzurühren  und  seinen  Unterhalt ­
  aus  der  Gemeinschaftsküche  zu  entnehmen.  Abgesehen  von
der  praktischen  Undurchführbarkeit  müßte  das  dem  Antrieb  zu
zweckmäßiger  Produktion  gewaltig  entgegenwirken  und  damit
die  kleinsten  bäuerlichen  Betriebe,  die  jetzt  im  wesentlichen  ihren
eigenen  Bedarf  bauen,  der  Ernährung  durch  die  Allgemeinheit
zur  Last  legen.  Es  mußte  daher  davon  ausgegangen  werden,
daß  sowohl  der  Selbstversorger  auf  dem  Lande  wie  die  in  seiner
Nähe  wohnenden  Verbraucher  für  die  Einrichtungen  der  Massenzwangsspeisung ­
  nicht  in  Betracht  kamen.  Dies  ergab  schon  einen
lehr  erheblichen  Unterschied  in  der  Behandlung  der  städtischen
und  ländlichen  Verbraucher  in  der  Frage  der  Massenspeisung,  der
die  Entschließung  zur  Einführung  eines  städtischen  Zwanges  erheblich ­
  erschwerte.  Schon  bisher  war  nicht  zu  verkennen,  daß  der
Naturalwirtschaft  treibende  Selbstversorger  in  zahlreichen  Beziehungen ­
  Vorzüge  vor  dem  Städter  genoß.  Dieser  Unterschied
wäre  durch  die  Auflösung  des  städtischen  Haushaltes  und  den
Zwang  zur  Massenspeisung  zu  Ungunsten  des  Städters  stack
unterstrichen  und  gewaltig  vertieft  worden.
Die  praktische  Durchführung  der  zwangsweisen  Speisung
der  Städter  durch  die  öffentliche  Hand  wurde  trotz  dieses  Bedenkens ­
  von  vielen  Seiten  empfohlen,  weil  das  geltende  System
der  Nahrungsmittelversorgnng  die  Führung  des  Einzelhaushaltes
unzweifelhaft  erschwerte.  Der  Mangel  an  Fetten  machte  die  Zubereitung ­
  der  meisten  Speisen  im  Privathaushalt  immer  schwieriger. ­
  Die  Mundteile  des  einzelnen  waren  nicht  groß,  und  der
einzelne  brauchte,  mindestens  im  Jahre  1916,  wo  in  zahlreichen
Städten  noch  nicht  durchgebildete  Lebensmittelkarten  und  Kundenlisten ­
  die  Zuteilung  sicherstellten,  verhältnismäßig  zu  viel  Zeit
zur  Beschaffung  des  Anteils.  Soweit  der  einzelne  sich  die  nicht
streng  verteilten  Waren  zu  verschaffen  wünschte,  mußte  er  sehr
erhebliche  Geldopfer  bringen;  andererseits  schien  es  beklagenswert,
  daß  einzelne  Vermögende  solche  Waren  in  unzulässiger
Menge  aufsammelten,  also  durch  Hamstern  anderen  vorenthielten.
Diese  Ungleichheiten  schienen  insbesondere  den  Minderbemittelten
zu  belasten  und  den  Wunsch  nach  einer  zwangsmäßigen  Gleichmachung ­
  durch  das  Aufhören  der  Einzelversorgung  der  Haus-Haltungen
  zu  rechtfertigen.  Hierzu  kam  die  Annahme  der  Verfechter ­
  der  Zwangsküchen,  daß  von  der  Massenspeisung  eine  vollständigere ­
  und  sparsamere  Ausnutzung  der  Nahrungsmittel  und
        <pb n="9" />
        Verwertung  der  Abfälle,  damit  aber  eins  Erhöhung  des  verfügbaren ­
  Gesamtvorrats  für  den  Verbrauch  erwartet  wurde.
So  wenig  der  Vorstand  des  Kriegsernährungsamts  das  Berechtigte
  in  diesen  Empfehlungen  verkannte,  so  konnte  er  doch
sein  Ohr  den  Einwendungen  der  Gegenseite  nicht
verschließen.  Es  war  erforderlich,  zunächst  praktisch  alle  Folgen
der  zwangsmäßigen  städtischen  Massenspeisungen  durchzudenken
und  danach  das  Für  und  Wider  abzuwägen.
Wie  von  zahlreichen  Vertretern  der  ZwangS-Massenspeisungen
  richtig  gefordert  wird,  hat  die  Zwangsküche  nur  einen  Sinn,
wenn  neben  ihr  die  Versorgung  des  Einzelhaushaltes  nicht  fortbesteht. ­
  Da  zurzeit  die  Massenspeisungen  fast  ausschließlich
Mittagskost  gewähren,  müßte  also  zunächst  entschieden  werden,
ob  die  Zwangsküche  sich  hierauf  zu  beschränken  hat,  oder  ob  fi«
auch  für  Zwischenmahlzeiten  nnd  Abendmahlzeiten  das  Nötig«
besorgen  mutz.  Tut  sie  das  nicht,  so  kann  der  Einzelhaushalt
auch  nicht  voll  aufgelöst  werden,  weshalb  dessen  wenigstens  teilweise ­
  Versorgung  neben  der  der  Zwangsküche  erforderlich  bleibt.
Übernimmt  letztere  jedoch  die  ganze  Versorgung,  so  entsteht  der
Zustand,  daß  die  Familie  oder  der  einzelne  mehrfach  am  Tag«
zur  Benutzung  der  Massenküche  genötigt  ist.  Gleichviel,  ob  man
sich  für  das  eine  oder  andere  entsckeidet,  mindestens  müßte  gefordert ­
  werden,  daß  zur  Versorgung  des  Haushaltes  nur  noch  im
geringsten  Umfangs  Karten  für  rationierte  Waren  zur  Verfügung ­
  stehen,  daß  Sondervorräte  einzelner  nicht  mehr  zugelassen
und  vorhandene  ergriffen  werden  und  daß  die  meisten  bisher  noch
nicht  rationierten  Waren  ebenfalls  dorn  Zugriff  des  einzelnen
entzogen  werden.
Schon  diele  Erwägung  ergibt,  daß  die  Einführung  der
Zwangsküche  eine  ganz  gewaltige  U  m  st  e  I  l  u  n  g  der  städtischen
Ernährungsverhältnisse  bedeuten  würde.  Die  Vorräte  der  Haushaltungen, ­
  die  jetzt  in  der  verschiedensten  Richtung  mehr  oder
weniger  immer  noch  vorhanden  sind,  müßten  ergriffen  und  enteignet ­
  werden.  Der  Kleinhandel  würde  in  der  Hauptsache  die
Hausfrau  als  Kundin  verlieren  und  damit  seiner  inneren  Berechtigung ­
  beraubt  werden.  Dem  einzelnen  würde  im  Großen  und
Ganzen  die  Möglichkeit  zu  nehmen  sein,  sich  nach  Geschmack  und
Können  aus  dem  freien  Handel  zu  versorgen.  Dabei  muß  bezweifelt ­
  werden,  daß  das  ideale  Ziel,  die  Sonderversorgung  des
einzelnen  zu  unterbinden,  erreichbar  ist.  Wenn  schon  jetzt  ein
Schleichhandel  die  unerwünschte  Begleiterscheinung  jeder  Zwangs-
        <pb n="10" />
        «
Mftottterung  ist,  so  müßte  zweifellos  die  Zwangsspeisung  aller
unter  Auflösung  des  Haushaltes  in  weit  höherem  Maße  zu  Versuchungen ­
  zur  Verheimlichung  von  Vorräten,  zum  Schleichhandel
usw.  führen.  Wollte  nran  aber  die  Zwangsspeisung  auf  die
rationierten  Lebensmittel  beschränken  und  Hafen,  Gänse,  Fische
und  dergleichen  dem  freien  Verkehr  überlassen,  so  würde  in
der  häßlichsten  Weise  zutage  treten,  daß  dem  Wohlhabenden
Zwangsvorschriften  wenig  anhaben  können,  während  der  Ärmere
unter  ihnen  seufzt.  Der  Vorstand  des  Kriegsernährungsamts
konnte  deshalb  nur  zu  der  Meinung  gelangen,  daß  die  Umstellung ­
  des  Einzelhaushaltes  auf  die  Versorgung  durch  die
Zwangsküche  eine  gewaltige  Aufwühlung  der  öffentlichen  Meinung, ­
  erhebliche  soziale  Verbitterung,  sei  es  zwischen  Stadt  und
Land,  sei  es  zwischen  Arm  und  Reich,  oder  aber  eine  absolute
Gleichmacherei  unter  Hervorrufung  unendlicher  Übertretungen
zur  Folge  haben  würde.
Immerhin  wäre  trotz  aller  Bedenken  zu  prüfen  gewesen,
ob  der  entscheidende  Schritt  zu  tun  sei,  wenn  er  die  Sicherheit
böte.  daß  mit  ihm  die  bessere  Ausnutzung  der  Nahrungsmittel
und  Abfälle  eine  so  erhebliche  Streckung  der  Vorräte  gewährleistete, ­
  daß  damit  die  Rationen  verbessert  werden  könnten.  Leider
hat  man  sich  hiervon  nicht  zu  überzeugen  vermocht.  Zunächst
kann  heute  nicht  angenommen  werden,  daß  im  Haushalt  bei  der
Herstellung  der  Speisen  noch  verschwenderisch  verfahren  wird;  im
Gegenteil  ist  anzunehmen,  daß  jede  Hausfrau  schon  aus  reinem
privatwirtschaftlichen  Interesse,  das  den  Angestellten  der  Massenspeisungen
  häufig  fehlt,  die  äußerste  Ausnutzung  aller  Nahrungsmittel ­
  versuchen  wird.  Es  ist  Tatsache,  daß  die  Klagen  über  Verschwendung ­
  wenig  einsichtiger  Personen  heute  nicht  aus  dem
Haushalte,  sondern  aus  den  Massenspeisnngen  kommen.  Auch  die
Abfallverwertung  der  Einzelhaushaltungen  ist  heute  so  weitgehend ­
  organisiert,  sei  es,  daß  die  Stadt  sich  ihrer  angenommen
hat,  oder  daß  die  Haushaltungen,  Gastwirte  uiw.  die  Abfälle  als
Futtermittel  verwenden  oder  veräußern,  um  sich  dafür  irgend
welchen  Geld-  oder  Nahrungswert  zu  verschaffen,  daß  nicht  mit
Sicherheit  erwartet  werden  kann,  daß  ein  deutlich  sichtbarer  Erfolg ­
  der  besseren  Abfallverwertung  in  der  Zwangsküche  eintreten
würde.  Außerdem  dürfte  die  Abfallverwertung  für  sich  allein
keinen  Grund  zur  Einführung  der  Zwangsküche  bilden,  so  lange
nicht  andere  Gründe  für  diese  sprechen.
Es  darf  auch  nicht  außer  acht  gelassen  werden,  daß  insbesondere ­
  in  Zeiten  scharfen  Mangels,  wie  wir  ihn  leider  beim  Aus-
        <pb n="11" />
        9

bleiben  der  Kartoffeln  in  Frostzeiten  erlebt  haben,  die  Hausfrau  mit
ihrer  Familie  sich  helfen  wird  und  muß,  so  gut  es  geht,  und  daß
der  Einzelhaushalt  dann  schon  aus  ethischen  Rücksichten  mit
kargen  Portionen  vorlieb  nimmt.  Würde  dies  auch  der  Fall  sein,
wenn  jedermann,  dem  Gebote  der  Obrigkeit  folgend,  sich  an  den
Tisch  eines  Kriegsspeisehauses  setzte?  Würde  nicht  vielmehr  jedermann, ­
  wenn  er  schon  einmal  gezwungen  ist,  die  Gemeinschaftsküche ­
  in  Anspruch  zu  nehmen  und  zu  bezahlen,  dort  mit  Recht
stets  seine  volle  Portion  verlangen?  Er  besitzt  in  der  Gemeinschaftsküche ­
  kein  privatrechtliches  Verantwortungsgefühl  mehr  wie
in  seinem  Haushalte,  daß  die  Vorräte  reichen.  Das  wird  und
muß  die  Folge  haben,  daß  der  Gesamtverbrauch  gerade  der  scharf
rationierten  Dinge  in  der  Massenspeisung  nicht  gestreckt,  sondern
vergrößert  wird.
Aber  auch  in  technischer  Richtung  sind  erhebliche  Einwände
sehr  beachtlicher  Natur  gegen  die  Zwangsspeisung  aller  erhoben
worden.  Zunächst  würden  in  weitestem  Maße  die  erforderlichen
Kessel,  Hilfsmaschinen  und  dergl.  fehlen,  da  schon  jetzt  Schwierigkeiten ­
  für  ihre  Beschaffung  bestehen  &amp;lt;s.  unten  Seite  16  ff.);  die
Heranziehung  aller  Speisewirtschaften  könnte  dies  nicht  voll  ausgleichen. ­
  Sodann  gilt  aber  auch  folgendes:  Die  Freunde  der
Zwangseinrichtung  weisen  immer  wieder  darauf  hin,  daß  die
größte  Zwangs-Massenspeisung,  das  deutsche  Heer,  eine  einwandfreie ­
  und  vollkommene  Ernährung  ihrer  Angehörigen  sicherstelle.
Sie  übersehen  aber  dabei  zweierlei.  Einmal  ist  es  Grundsatz
der  Politik  des  Kriegsernährungsamts,  daß  dem  kämpfenden  Heere
unter  allen  Umständen  die  Nahrungsmittel  vorweg  reichlich  zur
Verfügung  stehen  müssen  und  daß,  wenn  schon  Mangel  eintritt,
dieser  von  der  Zivilbevölkerung,  keinesfalls  aber  vom  Heere  zu
tragen  ist.  Das  ist  bekanntlich  der  Grund,  weshalb  in  verschiedener ­
  Richtung  die  heimische  Bevölkerung  knapp  gehalten
werden  muß.  Die  Heeresverwaltung  arbeitet  stets  mit  völlig
ausreichenden  Lebensrnitteln,  so  daß  ihr  Massenspeisungsbetrieb
nie  vor  die  technische  Schwierigkeit  des  Durchhaltcns  ohne  genügende ­
  Zufuhr  gestellt  ist.  Andererseits  beköstigt  das  Heer  nur
Soldaten,  gesunde,  verhältnismäßig  gleichaltrige,  erwachsene
Menschen,  die  dem  Befehl  gehorchen,  also  individuelle  Bedürfnisse
im  wesentlichen  nicht  äußern.  Die  zwangsmäßige  Ernährung  der
Zivilbevölkerung  durch  die  öffentliche  Hand  dagegen  hat  damit
zu  kämpfen,  daß  ihr  nur  die  nicht  immer  gleichbleibende  Menge  an
Lebensmitteln,  die  nicht  vom  Heere  gebraucht  werden,  zur  Verfügung ­
  steht,  und  daß  sie  Kinder,  Erwachsene  und  alte  Leute,
        <pb n="12" />
        so
Kranke  und  Gesunde,  Verwöhnte  und  Bescheidene  beköstigen  soll.
Sie  könnte  nicht  alles  gleich  machen,  sie  müßte  auf  die  Säuglinge ­
  wie  auf  das  Alter  Rücksicht  nehmen  und  die  besonderen
Bedürfnisse  der  heranwachsenden  Jugend  beachten,  insbesondere
müßte  sie  aber  für  die  Krankenernährung,  man  denke  nur  an  die
Zuckerkranken,  Tuberkulösen  usw.,  ins  einzelne  gehende  Maßnahmen ­
  vorbereiten.  Wenn  schon  heute  die  Küchen  in  den  Krankenhäusern, ­
  die  auch  eine  Art  Massenspeisung  darstellen,  aber
stets  bevorzugt  beliefert  werden,  wie  jeder  Kenner  weiß,  nicht  in
der  Lage  sind,  ohne  die  heftigsten  Beschwerden  einzelner,  sei  er,
daß  diese  die  gewährte  Kost  nicht  kennen,  nicht  lieben  oder  nicht
zu  vertragen  glauben,  ihre  gewiß  einwandfreie  Nahrung  zu  verteilen, ­
  um  wieviel  schwieriger  müßte  sich  nicht  die  Durchführung
dieser  Krankenernährung  in  der  allgemeinen  Zwangsküche  gestalten ­
  l
Die  schon  erwähnte  technische  Schwierigkeit,  daß  die  notwendigen ­
  Nahrungsmittel  für  die  bürgerliche  Bevölkerung  mehr
schwanken  müssen  als  die  des  Heeres,  und  daß  es  in  Zeiten
scharfen  Frostes  oder  der  Verkehrsschwierigkeiten  immerhin
keine  ganz  unmögliche  Gefahr  ist,  daß  Kohlen,  Kartoffeln  oder
dergleichen  nicht  immer  in  vollem  Umfangs  so  herangebracht
werden  können,  daß  die  Gesamtbevölkerung  der  Großstadt  rechtzeitig ­
  ihre  volle  Ration  in  der  Zwangsküche  erhält,  warnt  ganz
besonders  davor,  die  Einzelhaushaltungen  aufzulösen  und  die
Masse  der  Verbraucher  in  die  öffentlichen  Küchen  zu  zwingen.
Welche  Zustände  müßten  eintreten,  wenn  dann  vorübergehender
Mangel  alle  trifft,  und  alle  nicht  in  der  Lage  sind,  durch  Sonder-Versorgung
  im  Haushalte  mit  den  verschiedensten  Mitteln  wie
bisher  den  Mangel  mehr  oder  weniger  auszugleichen!  Gewaltige
Beunruhigungen  der  öffentlichen  Meinung,  Unzufriedenheit  und
ernste  Ernährungsgefahr  müßten  die  Folgen  sein.
Der  Vorstand  des  Kriegsernöhrungsamts  hat  auf  Grund  aller
dieser  Erwägungen  schließlich  den  Standpunkt  einnehmen  müssen,
daß  die  alsbaldige  Durchführung  der  Massenspeisung  für  alle  ein
zurzeit  innerlich  nicht  berechtigter  Eingriff  in  das  Wirtschaftsleben ­
  ist,  der  in  seinen  Folgen  eine  Verschlechterung  der  städtischen
Verhältnisse  und  erhebliche  Gefahr  in  sich  birgt.  Der  Weg  der
Zwangs-Massenspeisungen  stellt  ein  Radikalmittel  dar,  dessen
scharfe  Anwendung  nur  als  letztes  Notstandsmittel  in  Frage
käme.
        <pb n="13" />
        ff

III.  Die  Förderung  der  Entwicklung  der  freien
Massenspeisungen
Dagegen  war  sich  der  Vorstand  des  KriegsernährungsamtS
darüber  völlig  klar,  daß  die  voraussichtlich  schweren  Zeiten  des
Winters  oder  des  Übergangs  in  eine  neue  Ernte  in  der  Großstadt ­
  nur  dann  verhältnismäßig  gut  überwunden  werden  könnten,
wenn  bei  eintretenden  Notständen  überall  für  Gelegenheit  zu
Speisungen  aus  der  öffentlichen  Hand  gesorgt  war.  Es  mußte
also  darauf  gedrungen  werden,  daß  die  größeren  Gemeinden
alles  taten,  um  auch  große  Menschenmengen  mit  Speisen  zu
versehen.
In  zahlreichen  Städten  stand  fest,  daß  im  Nahmen  des
Möglichen  das  Erforderliche  bereits  damals  vorbereitet  war.  So
hat  Berlin  städtische  Zentralküchen  in  vorbildlicher  Weise  und
unter  erheblichen  Geldopfern  eingerichtet,  die,  auf  verschiedene
Stellen  der  Stadt  verteilt,  je  zwischen  7200  bis  40  700  Liter
Speise  täglich  herstellen  können  und  damit  täglich  mindestens
223  000  Liter,  die  durch  Verdichtung  des  Betriebes  (mehrfaches
Kochen)  ohne  besondere  Schwierigkeiten  gesteigert  werden  konnten, ­
  zubereiten.  Dresden  geht  mit  etwa  150  Küchen  dezentralisiert
vor,  ebenso  Dortmund,  Straßburg  usw.  Ähnlich  lagen  die
Verhältnisse  in  zahlreichen  großen  Gemeinden  des  Reiches,  während ­
  in  mittleren  Gemeinden  vielfach  noch  ein  Ausbau  erforderlich ­
  schien,  um  größeren  Andrang  von  Speiseempfängern  zu
befriedigen.  Am  fortgeschrittensten  unter  den  kleineren  Provinzstädten
  war  die  Stadt  Stade,  die  einen  ganz  erheblichen  Bruchteil
  (25  v.  H.  nach  Mitteilungen  des  Bürgermeisters  Dr.  Frommhold,
  Seite  46  in  „Praktische  Durchführung  der  Massenspeisungen", ­
  Karl  Heymanns  Verlag,  Berlin,  1916)  der  Bevölkerung
täglich  mit  Speise  zu  versehen  in  der  Lage  war.
Es  wurde  deshalb  der  Grundsatz  des  Kriegsernährungsamts ­
  aufgestellt,  daß  eine  Verpflichtung  der  Gemeinden ­
  gegeben  ist,  die  erforderlichen  Vorkehrungen  zu  treffen.
Diese  Verpflichtung  folgt  nicht  nur  aus  der  Notwendigkeit  zur
Aufrechterhaltung  der  öffentlichen  Ordnung,  sondern  auch  aus
Paragraph  12,  Ziffer  2  der  Bekanntmachung  über  die  Errichtung
der  Preisprüfungsstellen  und  die  Versorgungsregelung  in
der  Fassung  vom  25.  September/4.  November  1916.  Hiernach
können  die  Gemeinden  die  Versorgung  der  Bevölkerung  mit
Gegenständen  des  notwendigen  Lebensbedarfs  unter  völligem
        <pb n="14" />
        12

oder  teilweisem  Ausschluß  von  Handel  und  Gewerbe  selbst  übernehmen.
  Sie  können  weiter  nach  Paragraph  15  Absatz  2  von  der
Gemeindeaufsichtsbehörde  gezwungen  werden,  von  dieser  Befugnis ­
  Gebrauch  zu  machen.  Es  erschien  deshalb  nicht  erforderlich,
die  Verpflichtung  der  Gemeinden  zur  Beschaffung  der  nötigen
Einrichtungen  durch  Erlaß  einer  neuen  Bundesratsverordnung
festzustellen.  Es  war  nur  zu  prüfen,  ob  hiermit  den  Gemeinden
eine  Last  aufgebürdet  würde,  die  etwa  ihren  Schultern  zu  schwer
erschien.  Man  konnte  nicht  ohne  weiteres  davon  ausgehen,  daß
die  teilweise  recht  erheblichen  Kosten  für  die  Einrichtungen
eigener  Küchen  aus  dem  Verkauf  der  fertigen  Speisen  wieder  herauszuwirtschaften ­
  seien;  deswegen  hat  der  Präsident  des  Kriegsernährungsamts ­
  die  Landeszentralbehörden  gebeten,  bei  Durchführung ­
  der  Verpflichtung  der  Gemeinden,  Gemeinschaftsküchen
zu  schaffen,  zu  prüfen,  wie  weit  ihnen  auf  Ansuchen  zu  den
Kosten  der  ersten  Einrichtung  Zuschüsse  zu  gewähren  seien.  Die
Möglichkeit  zu  Zuschüssen  war  aus  dem  Vorhandensein  des
Kriegswohlfahrtsfonds  und  staatlicher  Fonds  für  die  Volksernährung ­
  ohne  weiteres  gegeben.  Im  Interesse  einer  gleichmäßigen
Behandlung  der  Gemeinden  ist  hierbei  darauf  hingewiesen
worden,  daß,  wenn  einmal  Beihilfen  gezahlt  werden,  auch  solche
Gemeinden,  die  bereits  früher  die  erforderlichen  Einrichtungen
getroffen  haben,  im  Falle  der  Bedürftigkeit  zur  Stellung  des  Antrags ­
  auf  diese  Beihilfe  zugelassen  werden.  Es  vermag  somit
keine  Gemeinde  die  Nichterfüllung  des  Bedürfnisses  nach  Massenspeisungen
  damit  zu  entschuldigeu,  daß  ihr  die  finanzielle  Last
zu  schwer  sei.
Das  Kriegsernährungsamt,  das  einen  Zwang  gegen  die
Verbraucher  zu  Massenspeisungen  nicht  wünscht,  übt  durch  die
Landeszentralbehörden  einen  Zwang  gegen  die  Gemeinden ­
  aus,  das  Bedürfnis  nach  Gemeinschaftsküchen  zu  befriedigen.
Der  Standpunkt  des  Kriegsernährungsamts  ist  somit  der,
daß  die  organische  Fortentwicklung  der  Massenspeisungen  eine
unabweisbare  Aufgabe  der  Gemeinde  ist,  und  daß  sie
dem  Bedürfnis  vorausschreiten  muß,  um  rechtzeitig  vor  Einsetzen
von  Schwierigkeiten  das  Erforderliche  zu  schaffen.  Die  Pflicht
der  Gemeindeaufsichtsbehörden  ist  es,  diese  Entwicklung  zu  überwachen, ­
  zu  fördern  und  gegebenenfalls  zu  unterstützen.
Es  ist  selbstverständlich,  daß  der  Gedanke  der  Massenspeisungen ­
  dabei  in  dem  Sinne  aufzufassen  ist,  daß  die  Gemeinde ­
  für  alle  ihre  Mitbürger  zu  sorgen  hat.  Zu
diesem  Schlüsse  kommt  auch  Stadtrat  Dr.  Mattheß  (Dresden)  in
        <pb n="15" />
        feinem  Vortrage  „Die  Abgrenzung  der  Besucherkreise"  in  „Praktische ­
  Durchführung  der  Massenspeisungen",  Berlin  1916,  Carl
Heymanns  Verlag,  Seite  55/66.  Es  müssen  alle  befriedigt
werden  können,  die  den  Wunsch  nach  öffentlicher  Speisung  haben,
ohne  Beschränkung  auf  Einkommengrenzen  oder  bestimmte  Bevölkerungskreife.
  Daß  hierbei  außerdem  Armenspeifungen,  Kindersuppenküchen,
  Küchen  für  Kriegerfamilien  nsw.  möglich  bleiben,
tut  diesen  Grundsätzen  keinen  Abbruch.

IV.  Einrichtung  und  Bewirtschaftung
Das  Kriegsernährungsamt  hat  aus  wohlerwogenen  Gründen
  davon  abgesehen,  bestimmte  Formen  für  die  Einrichtung  und
Bewirtschaftung  der  Volksküchen  vorzuschreiben.  Es  wäre  ein
Fehler,  durch  gleichmachende  Vorschriften  Talent,  Organisationsfreudigkeit ­
  und  Tatkraft  der  ausführenden  Organe  einengen  zu
wollen,  um  so  mehr,  als  Liesen  die  finanzielle  Verantwortung
verbleibt.  Das  Kriegsernährungsamt  hat  sich  darauf  beschränkt,
folgende  grundsätzliche  Auslassungen  den  Bundesregierungen
mitzuteilen.
Es  ist  davon  auszugehen,  daß  die  Speiseuausgabe  der  Kriegsspeisehäuser ­
  und  dergleichen  zu  den  Selb  st  ko  st  en  —  ausgenommen ­
  die  Kosten  der  ersten  Einrichtungen  —  erfolgen  soll,
so  daß  die  Einnahme  die  Ausgabe  deckt.  Den  Gemeinden,  die
Bedürftigkeit  dartun,  können  zu  diesen  laufenden  Kosten,  falls
sie  nicht  ans  den  Einnahmen  voll  gedeckt  werden  können,  Zuschüsse ­
  nach  den  Grundsätzen  des  Kriegswohlfahrtsfonds  von
Reich  und  Staat  gewährt  werden.
Den  Gemeinden  bleibt  die  Einrichtung  der  Kriegsspeisehäuser ­
  überlassen.  Es  ist  auch  nicht  untersagt,  verschiedene
Formen  oder  Klassen,  z.  B.  nach  den  Preisen,  zu  schaffen.  Nur
soll  die  Benutzung  der  verschiedenen  Klassen  in  der  Regel  in  der
Wahl  des  Verbrauchers  liegen  und  nicht  an  besondere  Voraussetzungen ­
  gebunden  sein.  Die  Gemeinden  können  nicht  nur  eigene
Einrichtungen  schaffen,  sie  können  auch  private  Unternehmungen,
die  den  Grundsätzen  über  Kriegsspeisehäuser  entsprechen,  zur  Verabreichung ­
  der  Massenspeisungen  zulassen.  Hierbei  ist  vor  allem
an  die  Nutzbarmachung  der  von  einzelnen  Wohltätern  und  Vereinen ­
  geschaffenen  Küchen,  wie  an  die  Verwendung  der  Gast-  und
Schankwirtschaften  gedacht.
        <pb n="16" />
        Arese  Grundsätze  schließen  sich  eng  an  die  bisherige  Entwicklung ­
  an  und  wollen  sie  fortbilden,  indem  sie  ihr  Spielraum
lassen.  Die  Betrachtung  über  Einrichtung  und  Bewirtschaftung
der  Kriegsküchen  kann  also  nicht  von  allgemein  giltigen  Normen
ausgehen,  sondern  muß  der  Verschiedenartigkeit  der  örtlichen  Verhältnisse ­
  gerecht  werden.
J.  Räume
Für  die  Einrichtung  ist  in  erster  Linie  wichtig  die  Naumfrage.
  Die  Städte  sind  hierbei  ganz  verschiedene  Wege  gewandelt, ­
  je  nachdem,  ob  es  sich  um  Großbetriebe  zur  Speisung
Vieler  oder  zur  Herstellung  des  Essens  für  zahlreiche  Ausgabestellen ­
  oder  um  kleinere  Veranstaltungen  handelte.  Das  Beispiel
der  eigentlichen  städtischen  Massenküche  bietet  Berlin,*),  das
durchweg  vorhandene  städtische  Gebäude  benutzt,  insbesondere
wenig  besuchte  Markthallen  hierzu  völlig  einrichtet.  Diese
städtischen  Räume  bieten  den  „Hanptküchen"  (Zentralküchen)
niassive  Fußböden,  Kanalisation,  Be-  und  Entwässerung,  sind  also
hervorragend  zum  Küchenbetriebe  geeignet,  haben  Vorratskeller
und  Antriebskraft  zur  Bewegung  etwa  nötiger  Maschinen.  Dabei
trennt  Berlin  die  Essenausgabe  meistens  räumlich  von  der  Hauptküche ­
  ab  und  verlegt  sie  überwiegend  in  städtische  Turnhallen, ­
  die  leicht  für  starken  Verkehr  (durch  die  Schulhöfe)  zugänglich, ­
  weiträumig  und  luftig  sind,  auch  Wasserleitung  und
Aborte  haben.
In  anderen  Städten**)  hat  man  meistens  nicht  einzelne
Markthallen  leerstellen  können  und  hat  deshalb  die  Raumfrage
anders  lösen  müssen.  Sehr  oft  versucht  man,  bestehende
Großküchen  nutzbar  zu  machen.  So  hat  Karlsruhe  die  Küche
des  Krankenhauses,  Dresden  die  bestehenden  Schulküchen  verwendet, ­
  Benrath  die  Haushaltungsschulküchen  hierzu  ausgebaut.
Diese  Schulküchen  lagen  in  den  einzelnen  Schulgebäuden  in  der
Stadt  verstreut,  verwiesen  also  von  vornherein,  abweichend  vom
Berliner  System  der  Hauptküche,  auf  den  Weg  der  Dezentralisation. ­

Wieder  andere  Städte  schufen  neue  Küchen  in  städtischen
Gebäuden,  wie  in  Schlachthöfen  (Hamburg,  Leipzig,  Bochum,
*)  Die  Angaben  über  Berlin  entstammen  der  Drucksache  des  Magistrats:
»Die  städtische  Bolksspcisung  in  Berlin  im  Kriegsjahrc  1916."
")  Wertvolles  Material  für  die  Kenntnis  der  städtischen  Einrichtungen
bietet  laufend  die  Korrespondenz  für  Kriegswohlfahrtspflege  der  Zentralstelle
für  Volkswohlfahrt  in  Berlin.
        <pb n="17" />
        !Z

Posen,  Clausthal),  im  Lyzeum  (Halle),  Schulkellern  (Forst),  in
der  Gasanstalt  (Milspe),  in  Turnhallen  (Kiel  und  Neumünster),
in  Arbeiterheimen  (Göttingen),  im  Rathauskeller  (Langensalza),
Bahnhofshallen  (Remscheidt).  Auch  private  Gebäude,
die  im  Kriege  ihrem  Zweck  nicht  mehr  recht  dienen  konnten,
wurden  zu  Volksküchen  urugewandelt,  wie  Konservenfabriken
(Charlottenburg),  Zuckerfabriken  (Braunschweig),  Brauereien
(Köln).  Allerdings  war  die  Möglichkeit  hierzu  nicht  immer  so
einfach  gegeben,  weil  die  meisten  früheren  Konservenfabriken,
Brauereien  und  ähnliche  wenig  oder  nicht  beschäftigte  Betriebe
längst  für  Hilfslazarette,  Massenquartiere  usw.  militärisch  in
Anspruch  genommen  waren.  Städte  wie  Straßburg  hatten  hierdurch ­
  naturgemäß  besondere  Schwierigkeiten,  soweit  sie  nicht  noch
Schulgebäude  freimachen  konnten.
Diese  Schwierigkeiten  führten  die  Städte  meistens  dazu,  die
Gastwirtschaftsbetriebe  heranzuziehen,  sei  es,  daß
diese  stillgelegt  und  in  städtische  Küchen  verwandelt  wurden
(Straßburg),  sei  es,  daß  sie  die  Speisenausgabe  neben  ihrem
Betriebe  bewerkstelligten.  So  hat  man  die  Gastwirtschaften
außer  in  Straßburg  in  Dresden,  Friedrichshagen,  Neukölln,
Schöneberg,  Reinickendorf,  Mainz,  Lüneburg,  Hattingen  usw.  in
großem  Umfange  nutzbar  gemacht.
Die  Gastwirtschaften  sind  mit  völliger  Kücheneinrichtung  und
Räumen  zur  Speisenausgabe  versehen  und  bieten  sich  daher  als
dezentralisierte  Volksküchenanstalten  dar.  Nur  müssen  sie  entweder
  rein  städtisch  verwaltet  oder  aber  unter  strenge  Normativbestimmungen
  gestellt  werden.
Schließlich  konnten  Massenspeisungsbetriebe  auch  in  leerstehenden ­
  Läden,  Kasfees  und  dergleichen  eingerichtet
  werden,  wie  z.  B.  die  meisten  Berliner  privaten
Mittelstandsküchen,  die  Küchen  des  Dresdner  Vereins  Volkswohl
u.  a.  m.  Sogar  die  Wirtschaftsräume  eines  großen  Lichtspiel-Hauses
  sind  in  Dresden  von  privater  Seite  zu  einer  sehr  leistungsfähigen
  Zentralküche  eingerichtet  worden.
Überall  ist  für  die  Raumfrage  entscheidend  gewesen,  daß  der
Küchcnbetrieb  technisch  und  hygienisch  einwandfrei  möglich  war,
wozu  neben  Wasser,  Licht,  Kraft,  Entwässerungsmöglichkeit  und
Aborten  das  Vorhandensein  von  Vorratsräumen,  soliden,  waschbaren ­
  Küchenfußböden  und  einwandfreien  Ausgaberäumen  gehörte. ­
  Die  Ausgaberäume,  sei  es,  daß  sie  bei  der  Küche
«der  setrennt  von  ihr  lagen,  mußten  für  die  Besucher  leicht
        <pb n="18" />
        Erreichbar  sein,  ihre  schnelle  Bedienung  erinöglichen  und  möglichst
Licht,  Lust  und  Wärme  besitzen.  Viele  Orte  haben  außerdem
darauf  Wert  gelegt,  daß  sie  freundlich  und  einladend  seien,  was
mit  einfachsten  Mitteln,  wie  Blumen  auf  den  Tischen,  erreicht
wurde.
Indessen  wird  die  Raumfrage  für  die  Speisenausgabe
wesentlich  erleichtert,  wenn  die  Bezieher  die  Speisen  nicht  in  der
Küche  oder  Speisenausgabe  verzehren.  Dies  gelingt,  wo  das
A  b  h  o  I  s  Y  st  e  m  betrieben  wird,  das  auch  am  meisten  im  Interesse ­
  der  Familie  liegt,  welche  die  Speise  im  eigenen  Heim  gemeinsam ­
  zu  verzehren  wünschen  wird.  Deshalb  ist  dies  System  weit
verbreitet  und  wird,  wie  z.  B.  in  Lüneburg,*),  zum  Teil  durch
Vorzugspreise  für  abgeholtes  Essen  gefördert,  indem  bei  Abholung
die  Portion  um  6  Pfennig  billiger  abgegeben  wird.
2.  Kessel
Zu  der  Raumfrage  tritt  die  Frage  der  technischen  Einrichtung. ­
  Hier  ist  am  wichtigsten  die  Beschaffung  der  nötigen  Kochkessel, ­
  soweit  nicht  vorhandene  Küchen,  Brauereikessel  und
dergleichen  zur  Verfügung  stehen.  Meistens  sind  Kessel  von
200  Liter  bis  600  Liter  Fassungsvermögen  in  Gebrauch.  Wennschon ­
  doppelwandige  Kessel  große  Vorteile  bieten,  haben  die
Städte  doch  oft  zu  einwandigen  greifen  müssen,  weil  diese  leichter
zu  beschaffen  gewesen  sind.  Es  werden  schmiedeeiserne  wie  gußeiserne ­
  Kessel  verwendet.  Hierbei  spielt  die  Schwierigkeit  der
Beschaffung  eine  große  Rolle.  Das  Kriegsernährungsamt  ist
mit  der  Heeresverwaltung  wegen  der  Abgabe  von
Kesseln  in  Verbindung  getreten.  Letztere  hat  aber  erklären ­
  m  ü  s  s  e  n,  daß  sie  ihre  Kessel,  diemeinstens
Eisenblechkessel  ohne  Kohlenfeuerung  sind,
militärischen  Zwecken  vorbehalten  müsse.  Der
Allgemeinheit  sind  insbesondere  die  Firmen:
F.  Küppersbusch  &amp;amp;  Söhne  in  Gelsenkirchen,
Senkingwerk  in  Hildesheim,  A.
A.  Boß  sen.  in  Hannover,  Arndtstraße,  und
Junkers  &amp;amp;  Co.  in  Dessau
als  Lieferanten  für  große  Kochkessel,  insbesondere  mit  Kohlenfeuerung ­
  und  Gasfeuerung,  bekannt.
Die  Beheizung  der  Kessel  geschieht  mit  den  verfügbaren
')  Vgl.  Korrespondenz  für  Kricgswohlfahrtspflege  der  Zentralstelle  für
Volkswohlfahrt,  Nr.  7,  S.  116.
        <pb n="19" />
        1?

Wärmequellen,  besonders  oft  mit  Gas,  das  vom  Gaswerk  hier
und  da  zu  Vorzugspreisen  berechnet  wird,  sowie  mit  Kohlen  und
Briketts.
Die  technischen  Einzelheiten  der  Kessel  zu  schildern,  würde
aus  dem  Rahmen  dieser  allgemeinen  Betrachtung  herausfallen.
3.  Hilfsmaschinen
Zu  einem  leistungsfähigen  Massenküchenbetriebe  gehört  eine
beträchtliche  Menge  weiterer  Hilfsmittel,  von  denen  der  G  a  s  -
bratofen  neben  Schäl-,  Putz-  und  Waschmaschinen
erwähnt  sei.  Besonders  häufig  sind  die  gut  arbeitenden  K  a  r  -
toffel-Wasch  -  und  -Schälmaschinen  im  Gebrauch,  auch
Gemüse-,  Fleisch-  und  Fettschneidemaschinen.
Hierzu  gehören  ferner  sonstige  Zuputzeinrichtungen,  Wagen,
Gewürzmühlen  und  sonstiges  Küchengerät.
Bei  Zentralküchen  tritt  endlich  die  Notwendigkeit  auf,  das
Essen  an  die  Ausgabestellen  (Speisehäuser,  Werkkantinen)  zu  verschicken, ­
  wozu  besondere  Versandgefäße  gebraucht  werden,
welche  die  Wärme  der  Speisen  lange  erhalten  müssen,  was  durch
doppelte  Wände  mit  luftleerem  Zwischenraum  oder  schlecht  wärmeleitender ­
  Abdichtung  erreicht  wird.
Vereinzelt  hat  auch  die  Zufuhr  des  Essens  an  die  Einzelverbraucher
  durch  fahrbare  Kessel  („GuIaschkanonen")
eingesetzt,  womit  zuerst  Köln  vorgegangen  ist,  darauf  insbesondere ­
  auch  verschiedene  Orte  Groß-Berlins,  Dresden  usw.  Die
meisten  Städte  haben  aber  dieses  System  nicht  benutzt,  um  Straßenszenen ­
  und  ungerechte  Abgabe  zu  vermeiden.*)
Die  Massenspeisung  hat  bei  dem  Betriebe  besonderen  Wert
auf  gute  Verwertung  aller  Abfälle  zu  legen,  weshalb  sie  zweckmäßig ­
  durch  Fett  sän  ge  die  Abscheidung  und  Ausnutzung
der  Fettstoffe  aus  den  Entwässerungsleitungen  der  Küchenräume
erzielt  (Berlin)  und  auch  die  Abwässer  der  Kartoffelschälmaschinen
nicht  vergeudet.  Diese  enthalten  Stärke,  die  ausgeschieden  und
getrocknet  werden  kann,  woraus  z.  B.  Berlin  3  bis  6  v.  H.  der
verbrauchten  Kartoffeln  in  Form  einwandfreier  Kartoffelstärke ­
  gewinnt.
Zahlreiche  Orte  benutzen  die  K  ü  ch  en  ab  fä11  e,  die  wohl
überall  zu  Futterzwecken  Verwendung  finden,  dazu,  selbst
•)  Über  die  Frage  der  fahrbaren  Volksküchen  bietet  Material  der  Vortrag
von  Theodor  Thomas,  s.  Praktische  Durchführung  der  Massenspeisungen.
Seite  157.  Carl  Heymanns  Verlag,  Berlin  1916.
«assinsveisung  3
        <pb n="20" />
        18

Schweine  zu  mästen,  wie  3.23.  Waltershausen,  Posen,
Stade,  Duisburg  usw.  Köln  dörrt  die  Abfälle  in  einer  besonderen ­
  Dörranstalt  und  verwertet  das  Mischfutter  ebenfalls  in  der
städtischen  Schweinemastanstalt.  Bloßer  Erwähnung  bedarf  es,
daß  die  Knochenabfälle  der  Volksküchen  nach  den  Grundsätzen  des
Kriegsernährungsamts  und  des  Kriegsausschusses  für  Öle  und
Fette  zu  verwerten  sind,  wobei  neuerdings  den  Städten  ein  Anteil
der  Fettausbeute  für  ihren  eigenen  Verbrauch  zugestanden
worden  ist.
Das  Kriegsernährungsamt  hat  dafür  Sorge  getragen,  den  Städten
die  Beschaffung  all  dieser  Hilfsmittel  zu  erleichtern.  Die  Lieferung ­
  kann  zwar  nicht,  was  für  die  Herstellung  und  die  Beförderung
besonders  förderlich  wäre,  als  unmittelbare  Kriegslieferung  angesehen ­
  werden.  Das  Kriegsamt  hat  aber  mitgeteilt, ­
  daß  die  Beschaffung  von  Eisen  zur
Herstellung  von  Einrichtungen,  die  der
Volksernährung  dienen,  gemäß  Rundschreiben
Nr.  20  des  deutschen  Stahlbundes  unter  B/
mittelbarer  Kriegsbedarf  im  weiteren  Sinne
(Nr.  6  das.)  i  st.  Um  die  hiermit  verbundenen  Vorteile  fiir
Beschleunigung  der  Lieferung  zu  erzielen,  genügt  eine  eidesstattliche ­
  Erklärung  über  den  gedachten  Verwendungszweck.  Soweit
Sparmetall  für  Putzmaschinen  und  Wascheinrichtungen ­
  nicht  durch  Ersatz  st  offe  ersetzt
werden  kann,  sind  Anträge  auf  Freigabe
und  gegebenenfalls  Zuweisung  des  erforderlichen ­
  Sparmetalls  an  die  Metallfreigabestelle
  in  Berlin,  Sommer  st  r.  4  a,  z  u  richten.
Hierbei  ist  Bescheinigung  der  Dringlichkeit  durch  Magistrat  und
Kriegsernährungsamt  zweckmäßig.
4.  Leitung,  Einkauf  und  Buchführung
Im  rein  städtischen  Betriebe  wie  im  Betriebe  durch  Private
und  Vereine  ist  in  weitestem  Umfange  ehrenamtliche
Mithilfe  von  Frauen  und  Mädchen  in  Anspruch  genommen
worden.  Selbstverständlich  erspart  dies,  so  dankenswert  die  Mithilfe ­
  insbesondere  der  gebildeten  Frauenwelt  ist,  in  größeren
Betrieben  nicht  die  Anstellung  bezahlter  Kräfte.  Die  Frage  nach
geeigneten  Kräften  ist  vielfach  für  das  Gedeihen  der  Massenspeisungseinrichtungen ­
  geradezu  entscheidend.  Je  größer  die
Einrichtungen  werden,  welche  die  Städte  selbst  betreiben,  um  so
        <pb n="21" />
        19

mehr  müssen  sie  sachverständige  Küchen-  und  Hilfskräfte  für  Zuputz-,
  Schäl-,  Reinigungsarbeiten  u.  dergl.  heranziehen.  Während
bloße  Hilfskräfte  leichter  zu  beschaffen  find,  stößt  die  Gewinnung
von  gelerntem  Küchenpersonal  in  vielen  Orten  auf
immer  größere  Schwierigkeiten.  Es  ist  häufig  empfohlen  worden,
besondere  städtische  Kurse  zur  Erlangung  der  nötigen  Kenntnisse
in  Küchen-  und  Wirtschaftsfragen  einzurichten,  die  bisweilen
zweckmäßig  mit  den  Schulküchen  verbunden  werden  könnten,  um
solches  Personal  heranzubilden;  andererseits  hat  -man  auch  bisweilen ­
  Gastwirtsfrauen,  die  infolge  -Einberufung  des  Mannes
oder  aus  anderen  Gründen  im  eigenen  Betriebe  nicht  mehr  tätig
sein  konnten,  mit  Erfolg  zur  Leitung  der  Kriegsküchen  verwendet.
Es  ist  selbstverständlich,  daß  die  Sorgsamkeit  und  Gewissenhaftig.
keit  des  Personals  von  allergrößter  Bedeutung  für  pflegliches
und  sparsames  Kochen  einerseits  und  für  die  Güte  der  hergestellten
  Mahlzeiten  andererseits  ist.  Die  ehrenamtliche  Heranziehung ­
  von  Frauen  und  Mädchen  wohlhabender  Kreise  ist  besonders ­
  häufig  für  die  Oberleitung  des  Betriebes,  die  Kontrolle
und  schließlich  für  die  Ausgabe  der  Speisen  angewendet  worden.
Hierbei  sind  vielfach  hervorragende  Talente  an  den  richtigen  Platz
gestellt  worden.  Es  kommt  aber  auch  vor,  daß  bei  längerer  Dauer
des  ehrenamtlichen  Dienstes  die  Freude  der  Mitarbeit  und  die
Genauigkeit  der  Betätigung  bei  einzelnen  nachlassen,  was  nur
durch  tatkräftige  und  mit  Hingabe  ausgeübte  Oberleitung  verhindert ­
  werden  kann.  Hier  bietet  sich  der  gebildeten  Frauenwelt
ein  ungemein  weites  Gebiet  aufopfernder  Kriegsarbeit  dar,  das  für  die
Beruhigung  der  Massen  und  das  Durchhalten  im  Wirtschaftskriege
von  größter  Bedeutung  ist.  Vielfach  ist  auch  die  Ärztewelt,  besonders ­
  der  beamtete  Arzt,  als  Berater  und  Leiter  zugezogen
worden.  Allgemeingültige  Grundsätze  hierfür  können  nicht  aufgestellt ­
  werden.  Insbesondere  dürfte  es  ein  Fehler  aller  theoretischen ­
  Betrachtungen  über  die  Massenspeisungserfolge  sein,  einheitliche ­
  Zentralleitung  für  alle  Küchen  der  Stadt,  einerlei
wer  sie  unterhält,  Einheitsgerichte,  zentrale  Buchführung  u.  dergl.
zu  fordern.  Derartige  Fragen  find  völlig  Gegenstand  der  Entscheidung ­
  der  örtlichen  Organisation.
Die  Fragen  des  Einkaufs  von  Lebensmitteln  sind  heute  in
der  Hauptsache  dadurch  zurückgedrängt,  daß  die  Waren  von  der
Gemeinde,  sei  es  gegen  Rückgabe  von  vereinnahmten  Lebensmittelkarten, ­
  sei  es  kontingentmäßig  nach  der  Zahl  der  Besucher,
zugeteilt  werden.  Dem  freien  Verkehr  kann  nur  noch  wenig
entnommen  werden.  Jede  Küchenleitung  wird  hierbei  auf  die
2'
        <pb n="22" />
        Bildung  eines  gewissen  Mindestvorrats  bedacht  sein,  für  den
Lager-,  Kühlräume  u.  dergl.  erforderlich  werden,  was  wieder  sachverständige ­
  Aufsicht  und  Kontrolle  erfordert.
Meistens  haben  sich  zur  Erfüllung  dieser  Leitungsaufgaben
sogenannte  Volksküchenausschüsse  gebildet,  die  städtische
Deputationen  sind  und  Damen  der  Bürgerschaft,  Vertreter  der
Verbraucher,  Kochlehrerinnen  usw.  neben  den  Vorstehern  privater
Massenspeisungsbetriebe  heranziehen.
Besonderer  Regelung  -bedürfen  die  etwa  als  öffentliche  Speiseanstalten ­
  mitwirkenden  Gastwirtschaftsbetriebe,  die  nebenher  noch
ihr  Privatgewerbe  betreiben,  soll  dies  nicht  zu  Mißhelligkeiten
führen.  So  hat  eine  Stadt  hierfür  Normalbestimmungen  aufgestellt, ­
  die  im  wesentlichen  folgenden  Inhalt  haben:
Vertragsbedingungen
für  die  Einrichtung  von  Volksküchen
für  jedermann.
1.  Lieferung  gut  zubereiteter,  auskömmlicher  Portionen  für  die
Mittags-  oder  Abendbeköstigung  —  in  der  Regel  dreiviertel
Liter  Gemüse  mit  Fleisch  zu  billigen  Preisen  (siehe  Nr.  2)
und  zwar  zwischen  12  und  2  Uhr  mittags  oder  6  bis  8  Uhr
abends.
3.  Der  Preis  beträgt  bis  auf  weitere  Vereinbarung  35  Pfennig
für  die  Portion.  Die  Ausgabe  der  Portionen  erfolgt  gegen
Abgabe  der  blauen  Ausweismarken  (siehe  Nr.  3)  und  gegen
Bezahlung  des  festgesetzten  Portionspreises.
3.  Lebensmittel  werden  nur  für  die  Portionen  gewährt,  die
gegen  blaue  Speisemarken  ausgegeben  werden.
4.  Die  Ausweismarke  wird  vor  der  Ausgabe  mit  einem  Tagesstempel ­
  versehen  und  gilt  für  den  folgenden  Tag  als  ersten
und  nach  Befinden  für  die  drei  folgenden  Tage.
8.  Die  Ausgabe  der  Ausweismarken  erfolgt  durch  die  Wohlfahrtspolizeibezirke ­
  an  jedermann  auf  Antrag  auf  je  3
bezw.  4  aufeinanderfolgende  Tage.  Die  Kücheninhaber  sollen
sich  von  dem  Wohlfahrtspolizeibezirke  abends  6  Uhr  Mitteilung ­
  holen,  wieviel  Ausweise  für  ihre  Küche  ausgegeben
worden  sind.  Eine  Gewähr  für  die  Abholung  der  der  mitgeteilten ­
  Ausweismarkenzahl  entsprechenden  Portionen  übernimmt ­
  niemand.
6.  Es  wird  nachgelassen,  auf  dieselben  Ausweismarken  Essenspsrtionen
  ohn»  Fleisch  zum  Preise  von  25  Pfennig
        <pb n="23" />
        21

abzugeben.  Bei  Abgabe  des  Essens  ist  darauf  zu  achten,
daß  den  Kostgängern  Lebensmittelkarten  nach  den  Bestimmungen ­
  des  Rates  abgenommen  werden.
7.  Bei  wiederholter  mangelhafter  Lieferung  kann  der  Ausschuß
für  Volksküchen  sofort  von  der  Vereinbarung  zurücktreten.
Im  übrigen  ist  der  Rücktritt  von  diesen  Vertragsbedingungen
nur  für  den  Schluß  einer  Woche  zulässig  und  ist  spätestens
am  Sonnabend  der  vorausgegangenen  Woche  vom  andern
Teile  dem  Ausschuß  für  Volksküchen  nach  dessen  Geschäftsstelle ­
  anzuzeigen.
8.  Mitgliedern  des  Ausschusses  für  Volksküchen  und  seinen  mit
Karte  ausgewiesenen  Vertrauenspersonen  ist  jederzeit  der
Zutritt  zu  den  Küchen  und  ihren  Vorratsräumen  zu  gestatten. ­

Ich  verpflichte  mich,  vorstehende  Bedingungen  bis  zur
ordnungsgemäßen  Aufgabe  meiner  Volksküche  genau  einzuhalten
und  erkläre  mich  zur  Herstellung  von  täglich.....  Portionen
bereit.
N.N.,  am  1917.

5.  Auswahl  der  Speisen
Die  Frage,  was  in  der  Volksküche  gekocht  werden  soll,  ist  die
wichtigste.*)  Sie  hängt  ab  von  der  Sicherstellung  der  nötigen
Lebensmittel,  über  die  weiter  unten  im  Zusammenhange  mit  der
Frage  der  Anrechnung  der  Lebensmittelkarten  gesprochen  werden
soll.  Sie  berührt  aber  weiter  das  Interesse  an  sättigender  und
schmackhafter  Kost.
Es  sind  in  dieser  Richtung  viele  streng  wissenschaftliche
Untersuchungen  gemacht  worden,  die  vom  Kaloriengehalte  der
Nahrungsmittel  ausgehen  und  eine  Zusammensetzung  der  Speisen
fordern,  die  regelmäßig  den  physiologisch  nötigen  Mindestkaloriengehalt ­
  in  einer  Mahlzeit  gewährleisten.  Hierauf  einzugehen,
bietet  der  Praxis  wenig  Nutzen,  weil  diese  nicht  beliebige  Nahrungsmittel, ­
  sondern  nur  die  verfügbar  werdenden  ergreifen
kann,  und  weil  außerdem  der  Dolksküchengast  mehr  Wert  auf  da?
Sättignngsgefühl  als  auf  das  theoretische  Bewußtsein,  die  nötigen ­
  Kalorien  zu  sich  genommen  zu  haben,  legt.  Die  Leitung  der
*)  Vgl.  hierzu  VolksernShrung  und  Mafsenspeisung  (Zentralverein  für  das
Wohl  der  arbeitenden  Klassen),  Verlag  von  Leonhardt  Simion,  Berlin  ISIS.
        <pb n="24" />
        22

Küche  muß  niehr  auf  Len  altüberlieferten  Erfahrungen  der  Hausfrau ­
  und  den  Wünschen  der  Gäste  aufbauen.*)
Schwester  Lotte  Möller  in  Berlin**),  die  sehr  verdienstvolle
Arbeiten  für  die  zweckmäßigsten  Bespeisungsformen  auf  wissenschaftlicher ­
  Grundlage  geliefert  hat,  unterscheidet  drei  Gruppen:
Gruppe  I:
Bohnen,  Erbsen,  Reis,  die  wöchentlich  einmal  mit  60  Gramm
gegeben  werden  sollten.
Gruppe  II:
Graupen,  Grieß,  Nudeln,  Haferflocken,  die  an  drei  Tagen
der  Woche  je  mit  70  Gramm  zu  geben  sind.
Gruppe  III:
Gemüse,  Trockengemüse  und  Gemüsekonserven,  wobei  sie  auf
die  Portionen  rechnet:

Weißkohl  .

.....  600  Gramm

Mohrrüben

350

Kohlrüben  .

400  „

Dörrgemüse

60  „

Sauerkohl  .

300

Salzbohnen

....  300  „

Sie  fordert  für  Gemüsesuppen  je  60  Gramm  Mchlzusatz,
ferner  mindestens  einmal  in  der  Woche  Fleisch  (60  Gramm)  und
einen  Fettzusatz  für  jede  Portion  (6  Gramm,  hauptsächlich  Öl).
Zur  Verbesserung  der  Speisen  schlägt  sie  weiter  vor,  Kraftbrühe
aus  städtischen  Wurstfabriken  und  Nährhefe  zu  verwenden,  sowie
billigere  Fischsorten  (Klippfisch),  Fleischrückstände  usw.  heranzuziehen.

Für  jedes  Tagesgericht  fordert  sie  endlich  den  Zusatz  von
3/2  Pfund  Kartoffeln.
Diese  Vorschläge  bezeichnen  gewisse  Mindestmengen,  die  wohl
vielfach  überschritten  werden.  Andererseits  setzen  sie  das  Vorhandensein ­
  gewisser  Dinge  voraus,  die  --  wie  Reis  —  heute  nicht
mehr  allen  Küchen  zur  Verfügung  stehen.
Die  Stadt  Berlin  geht  davon  aus,  daß  neben  vier
Gemüsetagen  ein  Fischtag,  ein  Hülsenfruchttag  und  ein  Teigwarentag
  stehen  sollten,  wobei  wöchentlich  zweimal  je  60  Grannn
Fleisch  und  Sonntags  76  Gramm  Fleisch  zugegeben  werden.  Sie
*)  Vgl.  dm  Vortrag  von  Baronin  Horn  in  „Praktische  Durchführung  der
Massenspeisungen",  S.  22  ff.  Carl  Heymanns  Verlag,  Berlin  1916.
**)  Vgl.  „Mitteilungen  des  Kricgsernährungsamts",  Nr.  244  vom  14.  November ­
  1916.
        <pb n="25" />
        28

rechnet  dabei  ein  Pfund  Gemüse  auf  den  Kopf  und  die  ganze
Portion  und  legt  größten  Wert  auf  Abwechselung  im  Speise-Die
  Speisen  der  Städte  zeigen  im  übrigen  die  mannigfachsten
Verschiedenheiten,  wobei  stets  deutlich  bleibt,  daß  die  Grundlage ­
  die  Gemiisenahrung  bildet,  der  Kartoffeln  zugesetzt ­
  werden,  die  bei  genügender  Zufuhr  von  %  bis  1  Pfund
auf  die  Portion  schwanken.  Stets  wird  Wert  darauf  gelegt,  einoder
  mehrmals  in  der  Woche  Fleisch  zu  geben,  wie  auch  jede  Stadt
bestrebt  ist,  Gerichte  aus  Teigwaren,  Grieß,  Graupen  und  Hülfenflüchten
  regelmäßig  wöchentlich  einzuschieben.
Hierbei  kommt  es  immerhin  noch  öfters  vor,  daß  die  Städte
über  Reis  verfügen,  den  sie  ebenfalls  wöchentlich  verwenden.
Im  allgemeinen  wird  mit  diesen  Mitteln  dreiviertel  bis  ein
Liter  Essen,  überwiegend  in  zufammengekochter  Form  als  Eintopfgericht, ­
  hergestellt.  Hiervon  unterscheiden  sich  einerseits  die
Mittelstands-  und  Beamtenküchen,  welche  die  Speisen  getrennt  kochen
und  verabreichen,  andererseits  die  Fabrikkantinen,  die  bekanntlich
über  die  Fleischzulagen  der  Schwerstarbeiter  usw.  verfügen  und
deshalb  erhöhte  Rationen  abgeben.
Von  ärztlicher  Seite  ist  mit  Recht  die  Schaffung  besonderer
Stellen  für  Kranke  gefordert  worden,  wie  sie  beispielsweise
Breslau  und  Remscheid  geschaffen  haben.  Remscheid
bewilligt  an  Kranke  keine  Zusatzlebensmittelkarten,  sondern
verweist  sie  auf  jene  Küchen  bezw.  Ausgabestellen.  Breslau  gibt
auf  ärztliche  Anweisung  besonders  zubereitete  Krankenkost,  auch
für  Zuckerkranke,  aus,  die  auf  Bestellung  ins  Haus  gebracht  oder
in  der  Krankenküche  verzehrt  werden  kann.*)
In  der  Hauptsache  sind  alle  städtischen  Volksküchen  Mittagsküchen, ­
  während  zahlreiche  private  Mittelstands-  u.  dergl.  Einrichtungen ­
  Mittags-  und  Abendmahlzeiten  gewähren.  Dankenswert ­
  ist  die  häufige  besondere  Berücksichtigung  der  Kinder  (Kindersuppenküchen,
  Abendküchen  für  Kinder,  Schulspeisungen).  Immer
mehr  Städte  beginnen  auch  Sonntags  zu  kochen,  was  ebenfalls
zu  begrüßen  ist.
Über  die  Inanspruchnahme  der  Küchen  lassen  sich  genaue
Zahlen  nicht  geben,  da  sie  überall  schwanken.  Wie  schon  bemerkt,
wurden  im  Oktober  1916  etwa  eine  Million  Deutsche  täglich  in
ihnen  ernährt,  während  für  zwei  Millionen  die  Einrichtungen  in
ihnen  vorhanden  waren.
*)  Vgl.  Nr.  7,  Seite  115,  Nr.  8,  Seite  129  der  Korrespondenz  für  Krieaswohlfahrtspflege
  der  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt  1916.
        <pb n="26" />
        24

6.  Kosten
Gng  verbunden  mit  der  Frage  nach  der  Qualität  des  Essens
ist  die  Kostenfrage.  Vielfach  gilt  es  als  Grundsatz,  daß  unter
40  bis  45  Pfennig*)  ein  nahrhaftes  Gericht  nicht  herstellbar  sei.
Die  Stadt  Berlin  wie  die  Stadt  Bernau,  also  großer  wie  kleiner
Betrieb,  geben  ihre  Selbstkosten  mit  40  Pfennig  an.  wobei  Berlin
die  Abschreibung  der  Baukosten  mit  2  bis  2,6  Pfennig  einnÄmet.
In  Straßburg,  das  neben  dem  Eintopfgericht  mit  26  Pfennig,  mit
Fleisch  46  Pfennig,  auch  Mittelstandsküchen  mit  Preisen  bis  zu
einer  Mark  herauf  kennt,  werden  die  Selbstkosten  gedeckt,  ohne  daß
der  durchschnittliche  Selbstkostenpreis  erkennbar  wird.  Die  Stadt
Dortmund  braucht  35  Pfennig,  die  Stadt  Dresden  dagegen  berechnet ­
  ihren  durchschnittlichen  Herstellungspreis  auf  28,7  Pfennig,
während  die  dortige  Privatzentralküche  hierfür  wieder  45  Pfennig
ansetzt.  Der  Unterschied  ist  wohl  darin  begründet,  daß  die  Städte
fast  nie  Miete,  allgemeine  Geschäftsunkosten  für  Leitung  usw.  ansetzen, ­
  oft  aber  auch  die  Kosten  des  Baues  und  der  Einrichtungen
nicht  abschreiben  und  verzinsen.
Die  sehr  interessanten  Ausführungen  der  Frau  Henriette
Fürth  iin  „Archiv  für  Sozialwissenschaft  und  Sozialpolitik"
(Band  41,  Heft  2),  welche  die  reinen  Selbstkosten  mit  12  bis
30  Pfennig,  schwankend  nach  der  Art  der  Gerichte,  berechnet,
stammen  aus  dem  Jahre  1914  und  sind  deshalb  durch  die  Verteuerung ­
  der  Lebensmittel  im  Kriege  überholt.
Die  Untersuchung,  in  welchem  Verhältnisse  die  Warenanschaffungskosten ­
  zu  den  Betriebsunkosten  stehen,  ist  nur  rein
örtlich  mit  Erfolg  anzustellen.  Es  sind  hierüber  wenige  Arbeiten
bekannt.  Ein  rheinisches  Werk**)  hat  —  ohne  Miete  —  einen
Aufschlag  von  höchstens  1,61  v.  H.  auf  die  Warenkosten  zur  Deckung
der  Retriebsspesen  errechnet,  was  auf  Allgemeingültigkeit  Anspruch
nicht  erheben  kann.  Indessen  ist  zweifelsfrei,  daß  das  Anwachsen
de-  Umsatzes  sehr  schnell  eine  prozentuale  Verbilligung  des  Betriebes ­
  zur  Folge  haben  muß,  was  schließlich  die  billigere  Speisen»
abgäbe  vor  dem  kleinen  Gastwirts-  oder  Haushaltsbetriebe  voraus ­
  hat.
Es  bleibt  selbstverständlich  möglich,  daß  die  Städte  die  Speisen
bewußt  unter  den  Selbstkosten  abgeben,  wie  dies  Hamburg  und
*)  Baronin  Horn  (f.  auch  Seite  22,  Anmerkung)  berechnet  30  bis  40  Pf.
nach  den  Münchener  Erfahrungen.
**)  Vgl.  Korrespondenz  für  KriegZwohlfahrtspflege  der  Zentralstelle  für
»slk»  Wohlfahrt,  Nr.  18,  S.  163.
        <pb n="27" />
        25

Stade  —  mit  20  Pfennig,  Hamburg  neuerdings  abgestuft  nach
der  Bedürftigkeit  der  Gäste  *)  —  tun.  Hieraus  entwickelt  sich  das
System  der  städtischen  Zuschüsse.
Allgemein  mutz  anerkannt  werden,  datz  nirgends  Überschüsse ­
  erzielt  oder  angestrebt  werden.  Das  widerspräche  auch
völlig  dem  gemeinnützigen  Gedanken  des  Durchhaltens  mit  der  Kriegsküche ­
  zum  Wohl  der  Bevölkerung.

7.  Anmeldung  der  Teilnehmer
Die  Technik  der  Benutzung  der  Volksküchen  ist  nicht  schon
damit  gelöst,  datz  das  Essen  in  genügender  Menge  bereitgehalten
wird.  Wenn  die  Haupt-  oder  Einzelküchenverwaltung  nicht  genau
weitz,  welche  Anforderung  täglich  an  sie  gestellt  wird,  würde  sie,
soweit  sie  nicht  zu  wenig  kocht,  einen  Überschutz  an  Speisen  bereithalten, ­
  der  zu  unwirtschaftlicher  Vergeudung  führt.
Daraus  ergibt  sich  die  Notwendigkeit,  datz  die  Zahl  der  zu  beköstigenden ­
  Personen  der  Küche  rechtzeitig  bekannt  sein  mutz,  also
der  Zwang  zur  vorherigen  Anmeldung.  Je  länger  im  voraus,  auf
bestimmte  Zeiten  oder  Tage,  die  Voranmeldung  erzielbar  ist,  um
so  sicherer  wird  die  Küche  genau  die  erforderlichen  Mengen  herstellen ­
  können.  So  fordert  Berlin  die  Anmeldung  auf  eine  Woche,
die  in  den  letzten  Tagen  der  Vorwoche  in  der  Brotkommission
erfolgen  mutz.  Es  gibt  sodann  Wochenspeisungsmarken  mit
7  Abschnitten,  die  wieder  in  halbe  Portionen  teilbar  sind.
Dresden  gibt  täglich  für  kürzere  oder  längere  Zeit  Speisemarken ­
  an  jedermann  durch  seine  Wohlsahrtspolizei-Bezirksstellen
aus.  Straßburg  kennt  Wochenkarten,  während  Hannover  von  den
Wochenkarten  zu  den  Tageskarten  übergegangen  ist,  um  den  Zuspruch ­
  zu  erhöhen.  Andere  Städte,  wie  Bielefeld,  haben  wieder
die  Tageskarten  abgeschafft,  um  die  starke  Schwankung  der  Besucherzahl ­
  herabzumindern.
Überall  ist  der  Grundsatz  schließlich  der,  datz  den  Küchen  durch
di«  Kartenausgabestellen  rechtzeitig  am  Vorabend  oder  in  der  Vorwoche ­
  bekanntgemacht  werden  kann,  welche  Kartenmengen  ausgegeben ­
  sind,  wobei  selbstredend  die  Karten  an  bestimmte  Küchen
oder  Speisenentnahmestellen  zu  binden  sind.
")  Näheres  siehe  Seite  178—180,  Nr.  11  der  Korrespondenz  für  Kriegswohlfahrtspflege ­
  der  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt  1916.  (Aufsatz  von
Bürgermeister  Or.  Frommhold  in  Stade.)
        <pb n="28" />
        26

Straßburg  *)  erhöht  die  Sicherheit  des  Bezugs,  indem  es  Vorausbezahlung ­
  der  Wochenkarte  verlangt,  während  Berlin  dies  nicht
für  durchführbar  erachtet  hat.

8.  Beschaffung  der  Lebensmittel
Der  eingerichtete  Betrieb  erfordert  schließlich  die  volle  Bereitstellung ­
  der  notwendigen  Lebensmittel.
Jur  Anfang  der  Entwicklung  gingen  viele  Städte  dazu  über,
die  Vorräte  für  die  Küchen  außerhalb  der  allgemeinen  Rationierung ­
  zurückzulegen,  so  daß  die  Massenspeisung  einen  Zuschuß  zur
normalen  Ration  darstellte.  Dies  gilt  besonders  für  Hamburg**)
und  Magdeburg,  wo  infolgedessen  die  Speisungen  einen  sehr
großen  Umfang  annahmen.  Dieser  starke  Sonderverbrauch  von
Lebensmitteln  verbot  sich  später  von  selbst,  als  die  wichtigsten
Dinge  von  Reichsstellen  nach  Berechnung  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung ­
  zugeteilt  wurden.  Diese  Tatsache  nötigte  die  Städte,  die
Vorräte  innerhalb  der  Gesamtration  zurückzulegen,  also  bei  der
allgemeinen  Verteilung  auf  Lebensmittelkarten  zu  ersparen.  Der
Übergang  hierzu  wurde  zwar  vielfach  durch  früher  vorsorglich  dem
freien  Handel  entnommene  Vorratsläger,  bei  denen  Reis,  Hülfenfrüchte
  und  Gemüse  eine  große  Rolle  spielten,  erleichtert,  der
Zwang  zur  Anrechnung  trat  aber  immer  zwingender  auf  und  bildet
heute  den  normalen  Zustand.  Es  kann  bei  der  Knappheit  aller
Lebensmittel  heute  nicht  mehr  verantwortet  werden,  die  zubereiteten ­
  Speisen  der  Massenspeisung  außerhalb  der  Lebensmittelkarten ­
  als  Zuschuß  zu  geben.***)  Das  würde  eine  Doppelbelieferung ­
  darstellen,  die  einerseits  der  Gemeinde  aus  den  angeführten
Gründen  auf  die  Dauer  gar  nicht  möglich  ist,  und  anderseits  einen
mittelbaren  Zwang  oder  doch  Anreiz  zum  Besuch  der  Massenspeisung
zur  Folge  hat,  der  diese  so  anschwellen  läßt,  daß  schließlich  ihre
Versorgung  die  ausreichende  allgemeine  Versorgung  der  übrigen
Bevölkerung  gefährdet.
*)  Vgl.  Straßburger  Blätter  für  Sozialpolitik  1916,  Nr.  6,  Seite  119
(Regierungsrat  Dr.  Emmrich).
**)  Vgl.  die  Ausführungen  Dr.  Lohses  in  „Praktische  Durchführung  der
Massenspeisungen",  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt,  Seite  49.  Carl  Heymanns
  Verlag,  Berlin  1916.
***)  Oberbürgermeister  Dr.  Dehne  in  „Praktische  Durchführung  der  Massenspeisungen", ­
  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt,  Seite  68/69.  Carl  Heymanns
Verlag,  Berlin  1916.
        <pb n="29" />
        Es  ist  vielfach  gefordert  und  erwartet  worden,  daß  das  Kriegsernährungsamt ­
  die  Massenspeisungen  besonders  beliefern  solle  ),
damit  die  Erschwerung  der  Anrechnung  der  Lebensmittelkarten
wegfallen  könne.  Die  Forderung  übersieht  aber  zweierlei.  Einmal
liegt  die  Möglichkeit  hierzu  gar  nicht  immer  vor,  da  die  Zentralstellen ­
  oft  Mühe  haben,  den  lausenden  Bedarf  der  Gesamtbevölkerung
  zu  decken;  sodann  aber  würde  die  Sonderbelieferung  eine
starke  Bevorzugung  der  Gemeinden  mit  Massenspeisung  und  in
diesen  wieder  der  Besucher  der  Kriegsküchen  bedeuten.  Das
würde  schließlich  zur  Gefährdung  der  nicht  in  dieser  Form  zu
bedenkenden  Gemeinden  und  Verbraucher  führen.
Diese  Erwägung  schließt  nicht  aus,  daß  Dinge,  die  für  eine
allgemeine  Verteilung  nicht  hinreichen,  wie  Einzelmengen  an  Auslandsmehl,
  Walzmehl,  Hülsenfrüchten,  Reis  usw.  hier  und  da  für
Massenspeisungszwecke  freigemacht  worden  sind.  Das  Kriegsernährungsamt ­
  vermochte  diese  Mengen  aber  nur  den  Bundesregierungen ­
  zur  Verfügung  zu  stellen,  da  eine  unmittelbare
Berücksichtigung  einzelner  Einrichtungen  zu  vollkommenster  Verwirrung ­
  geführt  hätte.  Aber  auch  in  solchen  Fällen  erübrigt  sich
aus  den  oben  angegebenen  Gründen  nicht  die  Anrechnung  der  Karten
für  die  Verbraucher,
9.  Anrechnung  auf  Lebensmittelkarten
Die  Kartenanrechnung  ist  reichsrechtlich  vorgeschrieben  für
Fleisch,  da  hier  der  allgemeine  Kartenzwang  besteht,  und  für  Brot
und  Mehl,  da  hier  die  Verpflichtung  zu  kommunalem  Kartenzwang ­
  gegeben  ist.  Bei  Fleisch  sind  nur  die  Ausnahmen  der
Sonderzulagen  der  Schwerstarbeiter,  die  meistens  in  Form  der
Massenspeisung  gegeben  werden,  zu  berücksichtigen.
Die  Frage,  wieviel  Fleischkarten  abzugeben  sind,  richtet  sich
naturgemäß  danach,  wieviel  Fleisch  verabreicht  wird.  Berlin,  das
175  Gramm  wöchentlich  gibt,  fordert  deshalb  sieben  Zehntel  Anteile ­
  der  Wochenkarte  zu  25  Gramm.

*)  So  wiederholt  (auf  der  Tagung  vom  3.  bis  4.  Juli  1916.  Vgl.  „Praktische ­
  Durchführung  der  Massenspeisungen"  der  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt,
  Berlin  1916,  Carl  Heymanns  Verlags  von  Theodor  Thomas,  der
(Seite  12)  Freigabe  der  „Einfuhr"  für  Massenspeisungsstädte  fordert.
Dr.  Polligkeit,  Frankfurt  (Seite  37)  u.  a.  Mit  Recht  betont  schon  auf  derselben ­
  Tagung  (Seite  45)  Stadirat  Di.  Proske  (Ratibor)  das  Verhängnisvolle ­
  der  Vorwegbelieferung  der  Massenspeisungen  und  Bürgermeister  Dr.
Frommhold  daselbst  (Seite  47)  das  Zuweitgehende  dieses  Anspruches.
        <pb n="30" />
        28

Dis  Ausgabe  von  Brot  pflegt  in  den  Volksküchen  nicht  zu  erfolgen, ­
  dagegen  wird  für  Kochmehl  ein  Anteil  der  Brotkarte  zu
verlangen  sein,  was  jedoch  bisher  oft  noch  nicht  geschehen  ist.
Dresden  hat  seither  einen  Abschnitt  über  60  Gramm  Mehl  auf
längere  Teilnehmerzeit  (bis  zu  4  Wochen)  gefordert.
Die  Anrechnung  des  Kartoffelbezugs  auf  die  Kartoffelkarten
muß  örtlich  geregelt  werden,  da  es  Reichskartoffelkarten  nicht  gibt.
Die  starke  Knappheit  des  Winters  1916/17  hat  die  meisten  Städte
veranlaßt,  hierfür  geeignete,  in  Tagesabschnitte  teilbare  Kartoffelkarten ­
  einzuführen.
Im  übrigen  ist  das  Anrechnungswesen  leider  wenig  entwickelt.
Die  Anrechnung  des  F  e  t  t  b  e  z  u  g  s  auf  Fettkarten  fehlt  überall,
für  Teigwaren  kennt  Dresden  eine  anrechenbare,  in  kleine
Mengen  teilbare  Karte,  für  Kolonialwaren  verschiedener
Art  hat  Stuttgart  eine  „Kolonialwaren-Gasthauskarte"
  durchgeführt.
Die  Gründe,  warum  die  Anrechnung  sonst  nicht  geübt  wird,
liegen  auf  der  Hand.  Die  Anrechnung  setzt  entweder  ganz  regelmäßigen ­
  längeren  Besuch  oder  in  Tages-  oder  Wochenmengen  teilbare ­
  Abschnitte  der  Karten  voraus.  Bei  den  geringen  Mengen
des  Fettbezugs  z.  B.  stößt  das  auf  die  größten  technischen  Schwierigkeiten. ­
  Andererseits  geht  man  jetzt  überall  so  vor,  daß  „Lebensmittelkarten" ­
  ohne  feste  Bezeichnung  der  Waren  und  Mengen  ausgegeben ­
  werden,  die  bei  der  Verteilung  besonders  aufgerufen  und
zu  Anweisungen  auf  bestimmte  Waren  verwandelt  werden,  wie  z.  B.
für  Graupen,  Grieß,  Teigwaren,  Haferflocken,  Suppen,  Aufstrichmittel
  usw.  Auch  für  Eier,  Fette  u.  dergl.  kennt  man  „variable"
Karten,  deren  Belieferungshöhe  erst  bei  der  Verteilung  festgestellt
wird.  Diese  Formen  setzen  einer  einfachen  Anrechnung  in  der
Massenspeisung  die  größten  Schwierigkeiten  entgegen.
Hierzu  kommt,  daß  es  unbillig  erscheint,  in  der  Massenspeisung
Dinge  scharf  anzurechnen,  die  in  den  Gasthäusern  ohne  Anrechnung
verwendet  werden,  wie  es  bei  Butter,  Fett,  Teigwaren  u.  dergl.,  oft
auch  noch  bei  Eiern,  Graupen  usw.,  vielerorts  der  Fall  ist.
Auch  hemmt  es  die  Anrechnung,  daß  in  Massenspeisungen  wie
Gasthäusern  Einheimische  und  Ortsfremde  nebeneinander  verkehren, ­
  während  die  Gemeinde  die  Anrechnung  nur  örtlich  regeln
kann.
        <pb n="31" />
        28

10.  Speisungsscheine  an  Stelle  der  anzurechnenden  Karten
Gleichwohl  ist  der  Gedanke  auf  dem  Marsche,  alle  dieseBedenken
zu  überwinden.  Die  Städte  Darmstadt  und  F  r  e  i  b  u  rg  im
Breisgau  haben  dieses  Ziel  bereits  durch  die  Ausgabe  besonderer
Speisungsscheine  erreicht.  Sie  geben  letztere,  etwa  in  Form
der  Reichs-Reisebrotmarkenhefte,  aus,  wie  alle  sonstigen  Städte  ihre
„Speisemarken"  auch  ausgeben,  jedoch  nur  unter  gleichzeitiger  Abrechnung ­
  auf  die  zuständigen  Lebensmittelkarten.  Wer  z.  B.  in
Freiburg  16  Doppelspeisemarken  (täglich  2  Mahlzeiten  für  einen
halben  Monat)  haben  will,  hat  hierfür  gleichzeitig  abzutreten:
a)  Mehlkarten  für  200  Gramm  Mehl  oder  in  Ware  200  Gramm
Mehl,
b)  Kartoffelkarten  für  10  Pfund  Kartoffeln  oder  in  Ware
10  Pfund  Kartoffeln,
c)  Die  „Lebensmittelkarten"  des  fraglichen  halben  Monats.
Diese  Speisemarken  gelten  sodann  in  allen  Gasthäusern  und
Kriegsküchen.  Gegen  Rückgabe  von  32  Marken  erhält  das  Gasthaus ­
  oder  die  Kriegsküche  einen  Bezugsschein  auf  die  entsprechende
Menge  von  Lebensmitteln.
In  Darmstadt  ist  geplant,  gleichartige  Doppelspeisemarken  auszugeben. ­
  Hierbei  besteht  die  Absicht,  bei  Bezug  für  einen  vollen
Monat,  also  für  60  Mahlzeiten,  die  gleichzeitige  Abgabe  von
70  Gramm  Brotmarken  (für  Kochmehl)  sowie  von  allen  Teigwaren-, ­
  Fett-,  Kartoffel-  und  Zucker-  sowie  Lebensmittelkarten
zu  fordern,  mit  Ausnahme  der  Hälfte  der  Butterkarte,  der  Hälfte
der  Zuckerkarte  und  der  Eierkarte.  Bei  Bezug  von  Speisemarken
für  je  5  Tage  (10  Mahlzeiten)  oder  ein  Sechstel-Monat,  plant  man
dagegen  zur  Erleichterung  folgendes:
Es  werden  für  je  10  Mahlzeiten  gerechnet:
Kochmehl  115  Gramm
Hülsenfrüchte,  Teigwaren  .  20  „
25
Mühlenfabrikate  ....  50
Kartoffeln  1875  „
Zucker  43
Da  der  sechsfache  Betrag  dieser  Waren  der  Monatsspeisekarte
entspräche,  soll  es  -genügen,  wenn  für  fünf  Tage  ein  beliebiges
Sechstel,  also  die  volle  Lebensmittelkarte  einer  der  sechs  Gruppen,
mit  der  oben  bezeichneten  Monatsbeschränkung,  zurückgegeben
wird.  Es  kann  also  Speisemarken  für  fünf  Tage  erhalten,  wer
für  700  Gramm  Brotmarken  oder  für  120  Gramm  Teigwaren
        <pb n="32" />
        80

usw.,  oder  für  160  Gramm  Fett,  oder  für  160  Gramm
Mühlenfabrikate,  oder  für  11260  Gramm  Kartoffeln,  oder
für  200  Gramm  Zucker  seine  Karten  bezw.  die  entsprechende  Ware
abgibt.  Für  die  Rücklieferung  der  Ware  auf  die  belieferten  Karten
können  dann  die  Küchen  und  Wirte  die  Einheitssätze  der  Monatsberechnung
  beanspruchen.
Bisher  scheint  D  a  r  m  st  a  d  t,  wie  Frau  Goldstein  auf  der
Tagung  der  Zentralstelle  für  Volkswohlfahrt  (Praktische  Durchführung ­
  der  Massenspeisung,  Carl  Heymanns  Verlag,  Berlin
S.  112)  mitgeteilt  hat,  berechnet  zu  haben:  für
monatlich  wöchentlich
Fett,  Gerstenfabrikate,  Hülsenfrüchte,
  Reis  ....  63  Gramm  15  Gramm
Teigwaren  ......  126  „  31  „
Die  Bezüge  wurden  in  das  „Lebensmittelbuch"  eingetragen,
und  nach  vier  Wochen  hatten  die  Teilnehmer  die  entsprechenden
Karten  abzugeben.  Die  Abzüge  für  Kochmehl  (täglich  16  Gramm,
wöchentlich  90  Gramm)  und  Fleisch  (wöchentlich  100  Gramm)
wurden  dagegen  sofort  in  Gestalt  der  Kartenabnahme  vorgenommen. ­

In  einer  Untersuchung  von  vr.  Richard  Lenz  (Berlin)  *),
wird  ein  etwas  weniger  verwickelter  Weg  empfohlen,  der  im
folgenden  gipfelt:
Er  geht  von  der  Speisekarte  mit  60  Mahlzeiten  (zweimal  täglich ­
  auf  einen  Monat)  aus  und  setzt  voraus,  daß  die  sogenannten
„Lebensmittelkarten"  in  sechs  teilbaren  Abschnitten  ausgegeben
werden.  Sodann  kann  je  ein  Abschnitt  der  Lebensmittelkarte  in
10  Speisemarken  umgetauscht  werden.  Dies  vermag  einen  Weg
zur  Erreichung  des  Zieles  zu  bieten,  wenn  jene  sechs  Kartenabschnitte ­
  zusammen  ungefähr  die  Lieferung  der  in  Darmstadt  vorausgesetzten ­
  Warenmengen  durchschnittlich  sicherstellen.  Die
Lebensmittelkarte  in  diesem  Sinne  wäre  also  eine  Zusammenfassung ­
  von  sechs  Anweisungen  auf  Teigwaren,  Hülsenfrüchte,
Mühlensabrikate,  Fett,  Kartoffeln  —  nach  Befinden,  so  weit  örtlich
möglich  und  geboten,  auch  Kochmehl  und  Zucker.
Die  angeführten  Beispiele  zeigen,  daß  eine  praktische  Regelung
der  Anrechnung  im  engen  Anschluß  an  das  örtlich  geltende  Kartensystem ­
  möglich  ist.  Die  Frage,  ob  hierüber  hinaus  eine  reichsrechtliche ­
  Regelung  im  Sinne  der  Erreichung  der  Freizügigkeit
')  Den  Gemeinden  mitgeteilt  in  den  „Beiträgen  zur  Kommunalen  Kriegswirtschaft" ­
  des  Krtcgsernährungsamts.
        <pb n="33" />
        31

der  Speisemarken  von  Ort  zu  Ort  möglich  ist,  ist  dagegen  n&amp;gt;
ohne  weiteres  zu  bejahen.  ,  .
Das  Kriegsernährungsamt  hat  deshalb  nur  grundsätzlich  Darauf ­
  hingewiesen,  daß  die  möglichst  genaue  Anrechnung  im  Anschlüsse
an  das  örtliche  Kartensystem  zur  Sicherstellung  der  Belieferung ­
  der  Volksküchen  mit  Waren  nötig  ist,  und  daß,  soweit
Anrechnung  erfolgt,  diese  in  Volksküche  und  Gasthaus  gleich
durchgeführt  fein  soll.*)

Schluß

Im  allgemeinen  zeigt  der  Besuch  in  den  einzelnen  Städten  jetzt
steigende  Zahlen.  Besonders  in  Zeiten  des  Kartoffelmangels,  in
Kälteperioden  usw.  ging  er  regelmäßig  sprunghaft  in  die  Höhe,  um
freilich  Lei  Wiederkehr  besserer  Ernährungsverhältnisse  sofort  zurückzugehen. ­
  Die  Verschärfung  der  Anrechnung  von  Lebensmittelkarten ­
  hatte  stets  ein  Abflauen  des  Zuspruchs  zur  Folge.
Das  beweist,  daß  die  Bevölkerung  selbst  die  Einrichtung  als
Notstandsmaßnahme  ansieht,  die  sie  in  Zeiten,  wo  sie  sich  zu  Hause
ohne  größere  Schwierigkeiten  beköstigen  kann,  nicht  so  stark  beansprucht ­
  —  außer  wenn  ihr  dort  durch  das  Nichtanrechnen  der
Karten  ein  besonderer  Ernährungszuschuß  geboten  wird.
Als  Notstandsmaßnahme  in  diesem  Sinne  fassen
auch  die  Städte  ihre  Einrichtungen  auf,  wobei  sie  weitschauend
dem  Bedürfnis  voraneilen  müssen,  um  bei  schnell  eintretenden
Ernährungsschwierigkeiten  großem  Andrang  gewachsen  zu  sein.  Da
bisher  (siche  oben  Seite  5  und  23)  regelweise  nur  50  v.  H.  der  möglichen ­
  Massenfpeisungen  beansprucht  waren,  ist  in  den  wichtigsten
Gemeinden  hierfür  Vorsorge  getroffen.  Die  Sorge  dafür,  daß  dies
überall  geschieht,  ist  eine  wichtige  Aufgabe  der  Gemeindeaufsichtsbchörden
  und  des  Kriegsernährungsamts,  damit  unser  Volk  auch  die
schwersten  Prüfungen  der  englischen  Aushungerungsmethode  zu  überstehen ­
  imstande  ist.

*)  Letzteres  fordert  bereits  mit  Recht  der  Aussatz  „Anrechnung  von  Lebensmittelkarten ­
  bei  Massenfpeisungen  in  Nr.  9,  Seite  144  der  Korrespondenz  für
Bolkswohlfahrtspflege,  der  auch  sonst  dankenswerte  Anregungen  enthält.
        <pb n="34" />
        Zur  Statistik
der  Massenspeisungs-Einrichtungen
Bon
Geh.  Regi'erungsrat  Or.  Gustav  TeniuS,
Rat  im  KriegsemährungSamt,  Berlin

I.  Ergebnis  einer  Rundfrage
über  den  Stand  der  Massenspeifungrn  im  Oktober  1916.
Wie  bereits  im  vorhergehenden  Abschnitt  ausgeführt  ist,  lag
es  im  Aufgabenkreise  des  Kriegsernährungsamtes,  auch  zu  der
Frage  der  Massenspeisungen  Stellung  zü  nehmen.  Dazu  bedurfte
es  eines  Überblicks  über  den  Umfang  der  bereits  vorhandenen
Massenfpeifungs-Einrichtungen.  Diesem  Zwecke  diente  eine  im
Oktober  1916  veranstaltete  Umfrage  bei  den  Gemeinden  von
10  000  und  mehr  Einwohnern.  Wenn  auch  das  Ergebnis  dieser
Umfrage  kein  vollständiges  und  erschöpfendes  Bild  der  vorhandenen
  Einrichtungen  ergab,  so  ließ  es  doch  erkennen,  daß
Massenspeisungs-Einrichtungen  bereits  in  allen  Gebieten  deS
Reichs  eine  große  Verbreitung  erlangt  hatten;  es  gestattete  gleichzeitig ­
  einen  Überblick  über  die  Bedürfnisse,  aus  denen  heraus  die
Einrichtungen  getroffen  waren,  und  kennzeichnete  die  Richtungen,
in  denen  sich,  den  verschiedenen  Bedürfnissen  entsprechend,  die
Entwicklung  vollzog.
Auf  Grund  der  Umfrage  haben  447  Gemeinden  Berichte  eingereicht. ­
  Hieraus  ergab  sich,  daß  im  Oktober  1916  in  49  der  berichtenden ­
  Gemeinden  noch  keinerlei  Einrichtungen
für  Massenspeisungen  vorhanden  waren  und  bis  dahin  auch
noch  keine  Vorbereitungen  eingeleitet  waren,  um  solche  Einrichtungen ­
  ins  Leben  zu  rufen.  Soweit  diese  Tatsache  begründet
wurde,  wurde  darauf  hingewiesen,  daß  ein  Bedürfnis  noch  nicht
hervorgetreten  sei  und  daß  die  Bevölkerung  sich  ablehnend  dagegen ­
  verhalte.  In  einzelnen  Fällen  wurde  hervorgehoben,  daß
die  räumlich  zu  große  Ausdehnung  und  die  weitläufige  Bebauung ­
  die  Durchführung  von  Massenspeisungen  unmöglich  mache.
In  der  Harrptsache  handelt  es  sich  hierbei  um  kleinere  Gemeinden
mit  mehr.  ländlichem  Charakter.  Jedoch  wurde  auch  au§  Gemeinden, ­
  in  denen  die  Schwerindustrie  vertreten  ist,  darüber  b»-
        <pb n="35" />
        33

richtet,  daß  für  die  Industriearbeiter  kein  Bedürfnis  nach  der
Einrichtung  von  Massenspeisungen  vorliege.  Von  den  49  Gemeinden ­
  waren  44  solche  von  10  000  bis  25  000  Einwohnern  und
nur  5  solche  von  mehr  als  25  000  Einwohnern.
Ferner  wurde  ans  41  Gemeinden  berichtet,  daß  zwar  noch
keine  Massenspeisungen  eingerichtet  seien,  daß  aber  bereits
B  o  r  b  e  r  e  i  t  u  n  g  e  n  dafür  getroffen  oder  doch  Erwägungen
darüber  eingeleitet  seien.'  Dabei  wurde  hervorgehoben,  daß  mit  Eintritt ­
  des  Winters  auch  mit  einem  stärkeren  Bedürfnis  nach  Versorgung ­
  aus  öffentlichen  Speiseanstalten  gerechnet  werden  müsse,  und
daß  deswegen  die  Einrichtungen  zum  Teil  schon  fertig,  ihr  Betrieb
aber  noch  nicht  eröffnet  sei.  Auch  in  diesen  Fällen  handelt  es  sich
in  der  Mehrzahl  (30)  um  kleinere  Gemeinden  bis  zu  25  000  Einwohnern. ­

Über  im  Oktober  1916  bereits  v  o  r  ha  n  d  e  n  e  und  im
Betrieb  befindliche  Massenspeisungs-Einrichtungen  hatten
857  Gemeinden  berichtet.  Der  Inhalt  und  die  Form  der  Berichte
waren  jedoch  sehr  ungleichartig,  sodaß  es  schwer  war,  einen  zahlenmäßigen ­
  Überblick  über  die  einschlägigen  Verhältnisse  zu  gewinnen.
Die  Verteilung  der  berichtenden  Gemeinden  auf  Ortsgrößenklassen,
die  Zahl  der  Massenspeisungs-Einrichtungen,  über  welche  berichtet
war,  die  Art  der  Einrichtungen,  sowie  ihre  Leistungsfähigkeit  und
ihre  Inanspruchnahme  ist  in  der  umstehenden  Übersicht  zusammengestellt ­
  (vergl.  Seite  34).
In  einer  Anzahl  von  Genieinden  stammten  die  Einrichtungen
schon  aus  der  Zeit  vor  dem  Kriege  als  Wohlsahrtseinrichtungen
zur  Linderung  der  Not  der  ärmeren  Volksschichten.  Jedoch  wurde
die  Beschränkung  der  Teilnahme  auf  die  minderbemittelten  Volkskreise ­
  mehr  und  mehr  fallen  gelassen,  sodaß  zurzeit  der  Umfrage
bereits  über  die  Hälfte  (807  =  55  v.  H.)  aller  Massenspeisungs-Einrichtungen
  jedermann  zur  Benutzung  freistanden.  Von
den  650  Massenspeisungs-Einrichtungen,  deren  Benutzung  nur  für
einen  begrenzten  Personenkreis  bestimmt  war,  waren
l25  Fabrik-,  Werks-,  Betriebsküchen  usw.,  87  waren  reine
Kriegseinrichtungen  zur  Unterstützung  minderbemittelter  Angehöriger ­
  von  Kriegsteilnehmern,  170  waren  Kinder-  oder  Krankenküchen, ­
  wobei  es  sich  in  den  meisten  Fällen  um  die  sogenannten
Schulspeisungen  sowie  um  die  Verpflegung  von  Zöglingen  von
Kinderhorten  und  dergleichen  handelte,  und  268  Einrichtungen  waren
ausdrücklich  als  für  Arbeiter  und  minderbemittelte  Volkskreise  bestimmt ­
  bezeichnet  worden.

Massenspeisung.

3
        <pb n="36" />
        Gemeinden  von

Größenklassen  der  Gemeinden  •

10  000
bis  unter
20  000
Einwohn.

20  000
bis  unter
25  000
Einwohn.

25  000
bis  unter
50  000
Einwohn

50  000
bis  unter
75  000
Einwohn.

75  000
bis  unter
100  000
Einwohn.

100  000
bis  unter
250  000
Einwohn.

250  000
dis  unter
500  000
Einwohn.

500  000
und  mehr
Einwohn.

insgesamt ­


Zahl  der  berichtenden  Gemeinden.  .

155

44

79

23

13

30

6

7

357

Zahl  d.  Massenspeisungs-Einrichtungen
Davon  waren-I.
  zur  Benutzung  für  jedermann

239

107

206

93

64

211

.130

402

1457

a)  allgemeine  Volksküchen.  .  .  .

87

54

109

61

35

129

57

203

7  Sb

b)  Mittelstandsküchen
2.  für  einen  begrenzt.  Personenkreis
a)  Fabrik-,  Werks-,  Betriebs-1



4

4

19

3

41

72

küchen  usw
b)  für  einen  anderweit  begrenz-22



27

22

2

11

8

24

9

125

ten  Personenkreis
Von  den  Einrichtungen  wurden  unterhalten: ­


129

26

71

31

18

55
8°

46

149

525

a)  von  Gemeinden

139

44

116

67

31

34

78

589

b)  von  Vereinen,Korp  oratio  nen  usw.

47

29

55

21

20

9 2

72

314

«50

o)  gemeinst  v.  Gemeind,  u.  Vereinen

23

2

11

3

1

3 3

—

—

73

ä)  von  Privaten,  Fabriken  usw..  .
Tägliche  Gesamtleistungsfähigkeit:

30

32

24

7

12

6

24

10

145

Portionen
Tatsächliche  tägliche  Inanspruchnahme
im  Durchschnitt  der  ersten  Woche

171  880

62  974

184  196

80  690

113  835

316  120

175  315

810  255

1  915  2«5

des  Oktober  1916....  Portionen

100  239

44  368

96  004

52  205

44  891

1147  179

96  006

372  829

953  721
        <pb n="37" />
        35

In  der  weit  überwiegenden  Zahl  von  Küchen

wurde  nur
Mr  1  tages  1  en  verabreicht,  in  einzelnen  nur  A  b  e  n  d  e  11  e  n
in  mehreren  sowohl  Mittagessen  wie  Abendessen.  Die  Auskuns  e
über  diese  Frage  waren  vielfach  unbestimmt  gehalten,  sodatz  es
nicht  möglich  ist,  ein  zahlenmäßiges  Verhältnis  hierfür  anzugeben.
Durchweg  sind  die  Küchen  auf  die  Verabreichung  sogenannter
Eintopfgerichte  eingerichtet,  die  getrennte  Abgabe  von
Suppe,  Gemüse,  Kartoffeln  und  Fleisch  findet  sich  fast  nur  in
Mittelstandsküchen.
In  83  der  berichtenden  Gemeinden  waren  die  Einrichtungen
nur  zur  Herstellung  und  zum  A  b  h  o  I  e  n  der  Speisen  bestimmt,
indem  grundsätzlich  davon  ausgegangen  wurde,  daß  die  Speisen
im  eigenen  Heim  eingenommen  werden  sollen,  um  das  Familienleben ­
  soweit  wie  möglich  aufrecht  zu  erhalten.  Dieser  Grundsatz ­
  läßt  sich  jedoch  mit  Rücksicht  auf  die  zahlreichen
Volkskreise,  die  keine  selbständige  Wirtschaft  unterhalten  oder
deren  Wohnung  von  der  Arbeitsstätte  weit  entfernt  liegt,  nicht
allgemein  durchführen.  Deshalb  sind  in  der  Mehrzahl  der  Gemeinden ­
  (262)  neben  der  Einrichtung  des  Abholens  der  Speisen
gleichzeitig  in  mehr  oder  weniger  großem  Umfange  Einrichtungen
getroffen,  die  -es  ermöglichen,  daß  die  Mahlzeiten  in  eigens  dazu
hergerichteten  Speise  räumen  an  Ort  und  Stelle  eingenommen ­
  werden  können.  Nur  aus  22  Gemeinden  wurde  berichtet, ­
  daß  die  Einrichtungen  nur  zum  Verzehr  der  Speisen
an  Ort  und  Stelle  dienen,  und  daß  das  Abholen  der  Speisen
nicht  vorgesehen  fei.
Die  Preise  für  die  verabreichten  Speisen  waren  sowohl
in  den  einzelnen  Städten  wie  auch  nach  der  Art  der  Einrichtung
sehr  verschieden.  Bei  denjenigen  Anstalten,  die  mehr  den
Charakter  von  Wohlfahrtseinrichtungcn  haben,  waren  die  Preise
durchweg  niedrig  gehalten  und  bewegten  sich  zwischen  10  bis
30  Pfg.  für  die  Portion.  In  diesen  Fällen  decken  sie  meistens  nicht  die
Betriebskosten,  sondern  es  sind  zum  Teil  erhebliche  Zuschüsse
zu  leisten.  Bei  den  neueren  Einrichtungen  wird  mehr  und  mehr
der  Grundsatz  durchgeführt,  daß  die  Betriebskosten  durch  die
Einnahmen  für  verabreichte  Speisen  gedeckt  werden  sollen.  Soweit ­
  biefer  Grundsatz  im  Oktober  1916  bereits  durchgeführt  war,
bewegten  sich  die  Preise  zwischen  30  und  50  Pfg.,  in  einzelnen
Fällen  und  in  den  Mittelstandsküchen  waren  die  Preise  noch
höher  (bis  zu  120  Pfg.),  wobei  in  den  meisten  Mittelstandsküchen
der  Preis  70  bis  80  Pfg.  für  die  Portion  betrug.  Neben  der
Verabreichung  der  Speisen  gegen  Bezahlung  bestand  in  einer
3'
        <pb n="38" />
        36

größeren  Zahl  von  Gemeinden  auch  teilweise  unentgeltliche  Abgabe, ­
  insbesondere  als  Teil  der  Familienunterftütznng  für  Angehörige
von  Kriegsteilnehmern.
Soweit  Berichte  über  allgemeine  Erfahrungen  mit  den
Massenspeisungen  eingesandt  waren,  lauteten  diese  durchweg
günstig.  Wenn  auch  die  Küchen  für  jedermann  zugängig  waren,
so  beschränkte  sich  der  B  e  s  u  ch  e  r  k  r  e  i  s  in  der  Hauptsache  doch
auf  die  minderbemittelten  Bevölkerungskreise.  Einen  regen  Zuspruch ­
  fanden  fast  überall  die  Mittelstandsküchen,  deren  Besucher
in  der  großen  Mehrzahl  wirklich  dem  Mittelstände  angehörten. ­
  Vereinzelt  wurde  auch  berichtet,  daß  die  Benutzung
der  Küchen  sich  mehr  und  mehr  selbst  bei  solchen  Kreisen  einbürgere, ­
  die  sonst  den  Volks-  und  Mittelstandsküchen  fernzubleiben ­
  Pflegen,  wobei  hervorgehoben  wurde,  daß  nicht  nur  die  allgemeine ­
  Knappheit  an  Lebensmitteln,  sondern  vor  allem  auch
die  Betätigung  des  Gemeinschaftsgedankens  als  treibende  Kraft
hierfür  zu  gelten  habe.
Überall  wurde  die  Beobachtung  gemacht,  daß  der  Besuch  der
Massenspeisungs-Einrichtungen  zunahm,  wenn  die  der  Bevölkerung ­
  zur  Verfügung  stehenden  Lebensmittel  knapp  wurden,
besonders  wenn  die  Zufuhren  an  Kartoffeln  nachließen,  und  daß
mit  reichlicherer  Zufuhr  der  Besuch  wieder  abflaute.
Die  Forderung,  daß  bei  Benutzung  der  Massenspeisungen
ein  Teil  der  zum  Bezüge  der  zugeteilten  Lebensmittel  berechtigenden ­
  Karten  abzugeben  sei,  war  zur  Zeit  dieser  ersten  Umfrage
noch  nicht  allgemein  durchgeführt.  Immerhin  bestand  sie  bereits
in  mehreren  Gemeinden,  und  andere  Gemeinden  bereiteten  ihre
Durchführung  vor.  Überall  aber  war  diese  Forderung  zunächst
auf  starken  Widerspruch  der  beteiligten  Volkskreise  gestoßen,  der
sich  darin  äußerte,  daß  mit  der  Einführung  der  Abnahme  eines
Teils  der  Lebensmittelkarten  der  Besuch  ganz  erheblich  nachließ
und  nur  ganz  allmählich  auf  die  alte  Höhe  zu  steigen  Pflegte.  Für
die  Abnahme  der  Lebensmittelkarten  kamen  hauptsächlich  in  Betracht
Fleischkarten,  Kartoffel'karten,  Mehlkarten  und  Fettkartcn,  in  einzelnen ­
  Gemeinden  auch  Karten  für  Mühlenfabrikate  und  Teigwaren
sowie  Zuckerkarten.
2.  Erhebungen  über  den  Stand  der  Maffenspeisunge«
im  Januar  und  Februar  1917
Die  Erhebung  vonl  Oktober  1916  hatte  einen  allgemeinen
Überblick  über  die  Verbreitung  der  Massenspeisnngen  gegeben
        <pb n="39" />
        87

und  ihre  große  Bedeutung  als  Glied  in  der  Kette  der  Siche
rung  der  Volksernährung  zu  treffenden  Maßnahmen  erkennen
lassen.  Die  im  Laufe  der  nächsten  Monate  erfolgenden  zahlreichen ­
  Neugründungen,  die  ständige  Erhöhung  der  Leistuniwfähigkeit,
  die  wechselnde,  im  allgemeinen  steigende  Inanspruchnahme ­
  seitens  der  Bevölkerung  stehen  im  engsten  Zusammenhange ­
  mit  dem  jeweiligen  Stande  der  Volksernähruug  und  taffen
es  geboten  erscheinen,  diese  Bewegung  fortlaufend  zu  beobachten.
Die  Volkswirtschaftliche  Abteilung  des  Kriegsernährungsamtes
wandte  sich  daher  mit  Beginn  des  Jahres  1917  an  die  Verwaltungen ­
  der  in  den  Gemeinden  von  10  000  und  mehr  Einwohnern
vorhandenen  Massenspeisungs-Einrichtungen  mit  dem  Ersuchen  um
Einsendung  monatlicher  Berichte  über  die  Leistungsfähigkeit  und
die  Inanspruchnahme  der  von  ihnen  geleiteten  Anstalten.  Dem
Ersuchen  wurde  fast  ausnahmslos  bereitwillig  Folge  gegeben.
Allerdings  waren  die  eingehenden  Berichte  anfangs  noch  recht
verschiedenartig  und  erschwerten  die  gleichmäßige  Ausarbeitung
und  Durchdringung  des  Stoffes.  Nach  Erledigung  der  notwendigen ­
  zahlreichen  Rückfragen  war  es  aber  doch  möglich,  zunächst ­
  die  Ergebnisse  der  beiden  ersten  Monate  des  Jahres  1917
—  also  für  eine  Zeit  schwierigster  Ernährungsverhältnisse  und
starker  Inanspruchnahme  —  in  vergleichbare  Übersichten  zusammenzufassen. ­

Nach  der  Volkszählung  vom  1.  Dezember  1910  waren  im
Deutschen  Reiche  unter  Berücksichtigung  der  inzwischen  erfolgten
Eingemeindungen  und  Zusammenlegungen  663  Gemeinden  von
10  000  und  mehr  Einwohnern  mit  einer  Gesamteinwohnerzahl
von  26  742  217  vorhanden.  Davon  waren  für  den  Monat  Januar
1917  aus  62  Gemeinden  mit  2  430  523  Einwohnern  keine  Berichte ­
  über  Massenspeisungs-Einrichtungen  eingegangen.  Für  67
Gemeinden  mit  872  666  Einwohnern  war  berichtet,  daß  in  ihnen
keine  Massenspeisungs-Einrichtungen  bestanden  und  aus  454  Gemeinden ­
  mit  23  439  029  Einwohnern  lagen  Berichte  über  insgesamt ­
  1913  Massenspeisungs-Einrichtungen  vor.  Für  den  Monat
Februar  1917  war  die  Zahl  der  Gemeinden  ohne  Berichte  bereits
aus  36  mit  1530  669  Einwohnern  zurückgegangen.  Die  Zahl
der  Gemeinden  ohne  Einrichtungen  betrug  66  mit  857  458  Einwohnern, ­
  und  aus  472  Gemeinden  mit  24  354  090  Einwohnern
lagen  Berichte  über  2  207  Massenspeisungs-Einrichtungen  vor.
Für  die  weiteren  Untersuchungen  sind  die  Gemeinden  in
acht  Ortsgrößenklassen  eingeteilt  worden,  deren  Abgrenzung  sich
aus  den  nachfolgenden  Übersichten  ergibt.  Nach  dem  Ergebnis
        <pb n="40" />
        38

der  Oktoberumfrage  empfiehlt  es  sich,  die  verschiedenen  Arten
der  MasseNsPeisungs-Einrichtungen  in  zwei  Hauptgruppen  zu
gliedern:
1.  Anstalten,  deren  Benutzung  jedermann  freisteht,
2.  Anstalten,  deren  Benutzung  nur  für  begrenzte  Personenkreise ­
  bestimmt  ist.
Die  Bezeichnung  der  zur  er  ste  n  Gru  p  p  e  gehörigen  Anstalten
ist  sehr  verschieden:  Kriegsküchen,  Volksküchen,  Stadtkllchen,  Gemeinschaftsküchen, ­
  Suppenküchen,  Kriegsspeisehäuser,  Mittelstandsküchen ­
  und  andere.  Sie  stimmen  in  ihrem  Wesen  darin  überein,  daß
sie  fertig  gekochte  Speisen  entweder  zum  sofortigen  Verzehr  in  besonders ­
  dazu  hergerichteten  Unterkunftsräumen  oder  zum  Abholen
und  Verzehr  im  eigenen  Heim  oder  an  anderem  Orte  an  jedermann ­
  gegen  Bezahlung,  jedoch  ohne  Erwerbszweck  verabfolgen.
Nur  von  einer  geringen  Zahl  war  berichtet,  daß  sie  die  Speisen
ohne  Bezahlung  abgeben.  Innerhalb  dieser  Gruppe  heben  sich  nach
der  Form  der  verabreichten  Speisen  zwei  Untergruppen  heraus.
Während  in  dem  einen  Teil  der  Küchen,  den  Kriegsküchen,  Volksküchen, ­
  Stadtküchen  usw.  nur  Eintopfgerichte  abgegeben  werden, ­
  wird  in  einem  anderen  Teil,  den  Mittelstandsküchen,  die  Abgabe
der  Speisen  in  getrennten  Gerichten  (Suppe,  Gemüse,  Kartoffeln, ­
  Fleisch  usw.  je  gesondert)  bevorzugt,  —  ein  Umstand,  der
sowohl  in  der  Preisstellung  wie  in  dem  Besucherkreise  zum  Ausdruck
kommt.  Eine  scharfe  Grenze  ist  jedoch  für  die  Unterscheidung  beider
Gruppen  nicht  zu  ziehen.  Manche  als  Mittelstandsküche  bezeichnete ­
  Anstalt  dürste  sich  nicht  wesentlich  von  den  allgemeinen ­
  Kriegsküchen  unterscheiden,  und  umgekehrt  dürfte  manche
in  die  Gruppe  der  allgemeinen  Kriegsküchen  eingegliederte  Anstalt ­
  vielfach  dem  Wesen  der  Mittelstandsküche  mehr  entsprechen.
Der  Kürze  halber  sind  die  beiden  Anstaltsarten  im  folgenden  bezeichnet ­
  als
a)  allgemeine  Kriegsküchen  und
st)  M  i  t  t  e  l  st  a  n  d  s  k  ü  ch  e  n.
ZuderzweitenHauPtgruppe  der  Massenspeisungs-Einrichtungen,
  deren  Benutzung  auf  bestimmte  Personenkreise  beschränkt
ist,  gehören  Einrichtungen  mit  den  verschiedenartigsten  Zweckbestimmungen, ­
  die  in  der  Hauptsache  nur  das  gemeinsam  haben,
daß  sie  ohne  Erwerbszweck  einen  größeren  Personenkreis  mit
Mittag-  oder  Abendessen  versehen  sollen.  Für  die  Abgrenzung
des  zu  versorgenden  Personenkreises  sind  die  verschiedenartigsten
Zwecke  maßgebend.  Eine  besondere  Bedeutung  in  wirtschaftlicher
Beziehung  haben  die  Anstalten,  die  von  größeren  Fabriken,  in-
        <pb n="41" />
        39

dustriellen  Werken,  gewerblichen  oder  Handels-Unternehmungen
und  -dergl.  zur  Beköstigung  der  Arbeiter  und  Angestellten  der
Unternehmung  eingerichtet  sind.  Sie  sind  daher  aus  der  Gruppe;  2
besonders  ausgeschieden  und  in  folgendem  kurz  als  „Fabrtkküchen"
  bezeichnet  worden.  Alle  übrigen  Massenspeisungs-Emrichtungen
  der  Gruppe  2  sind  unter  der  Bezeichnung  „s  o  n  -
st  i  g  e  Küche  n"  in  eine  Sammelgruppe  zusammengefaßt
worden.  Zu  dieser  gehören  Küchen,  welche  von  Gemeinden,  von
Vereinen  und  Stistungen  oder  von  Privatpersonen  zur  Beköstigung ­
  der  ärmeren  Bevölkerungskreise  eingerichtet  sind  und  hauptsächlich ­
  den  Charakter  von  Wohltätigkeitsanstalten  haben,  ferner
die  Einrichtungen  für  minderbemittelte  Angehörige  von  Kriegsteilnehmern ­
  sowie  Schulspeisungen,  Kinderküchen,  Krankenküchen  und
dergleichen.  Die  Kinder-  (Schul-  usw.)  Küchen  stellen  hier  die
Hauptzahl.
Grundsätzlich  wurden  bei  den  Erhebungen  nicht  zu  den
Massenspeisungs-Einrichtungen  gerechnet  die  Einrichtungen  zur
Verpflegung  des  Militärs,  der  Kriegsgefangenen,  der  Insassen
von  Gefängnissen,  von  Kranken-,  Heil-  und  ähnlichen  Versorgungsanstalten, ­
  desgleichen  auch  gewerbliche  Unternehinung-en,
die  die  Speisenabgabe  als  Erwerbszweck  betreiben,  wie  Hotels,
Gast-  und  Speisewirtschaften  und  dergleichen.
Die  Verteilung  der  vier  unterschiedenen  Gruppen  von
MassensPeifungs^EinrichtnngLN  auf  die  acht  Ortsgrößenklassen
ist  aus  der  nachfolgenden  Übersicht  (vergl.  Seite  40)  zu  ersehen.
Es  ergibt  sich  hiernach  fast  durchweg  eine  erhebliche  Zunahme ­
  vom  Januar  zum  Februar.  Diese  Zunahme  ist  jedoch  nur
zum  Teil  eine  tatsächliche  infolge  von  Neueinrichtungen.
Zum  großen  Teile  ist  sie  darauf  zurückzuführen,  daß  die
Berichterstattung  für  den  Januar  noch  nicht  so  vollständig
gewesen  ist  wie  für  den  Februar.  Es  wird  auch  damit  zu  rechnen
sein,  daß  im  Laufe  der  nächsten  Monate  noch  weitere  Gemeinden
in  die  Berichterstattung  einbezogen  und  dadurch  die  gegenwärtig
für  die  Massenspeisungen  nachgewiesenen  Zahlen  noch  eine  weitere ­
  Zunahme  erfahren  werden.  Ebenso  kann  es  Vorkommen,  daß
für  einzelne  Einrichtungen  in  dem  einen  oder  anderen  Monat  die
Berichte  ausbleiben  und  dadurch  Schwankungen  in  den  ermittelten
Zahlen  hervorgerufen  werden.  Im  allgemeinen  aber  werden  diese
als  Mindestzahlen  anzusprechen  sein.
Von  den  im  Februar  1917  ermittelten  2  207  Massenspeisungs-Einrichtungen
  waren  1  076,  oder  nahezu  die  Hälfte
allgemeine  Kriegsküchen;  116  waren  Mittel-
        <pb n="42" />
        Berichte  lagen  vor

Ortsgrötzenklassen

Berichts ­
 ­

1917

aus
Gemeinden ­


mit  einer
Gesamteinwohner ­
 ­
  von

über  Küchen

für  jedermann

für  begrenzte  Personenkreise ­


inSge
 ­

L

allgemeine
Kriegsküchen ­


Mittelstands ­
 ­


Fabrikküchen ­


sonstige
Küchen

Nr.

Einwohner

I

500  000  und  mehr

Januar

6

5260990

146

31

55

130

412

Februar

6

5260990

199

40

61

211

511

II

250000  bis  unter  500000

Januar

8

2  641714

73

11

76

63

223

Februar

9

2974856

69

11

91

66

237

III

100000  „

„

250000

Januar

31

5138275

151

20

69

39

279

Februar

32

5212077

177

32

87

40

336

IV

76000  „

100000

Januar

10

662  504

26

_

17

7

60

Februar

12

1027973

41

7

16

8

72

V

60000  „

75000

Januar

29

1790900

82

1

26

20

129

Februar

31

1920828

95

5

35

16

151

VI

25000  „

50  000

Januar

103

3538131

162

9

67

59

297

Februar

102

3589442

184

12

79

43

318

VII

20000  „

25000

Januar

53

1207  523

67

1

37

25

130

Februar

56

1270698

72

2

44

25

143

VIII

10000  „

20000

Januar

213

2998992

180

4

110

99

393

Februar

224

3177228

239

7

115

78

439

Zusammen

Januar

454

23439029

887

77

457

492

1913

Februar

472

24354090

1076

116

528

487

2207
        <pb n="43" />
        41

ftandsküchen;  528,  ober  fast  der  vierte  Teil,  waren  Fabrik ­
  k  ü  ch  e  n  und  487  gehörten  zur  Sammelgruppe  „s  o  n  -
st  i  g  e  K  ü  ch  e  n".  Die  allgemeinen  Kviegsküchen  sind  in  allen
Ortsgrotzenklassen  stark  vertreten;  in  den  kleineren  Gemeinden  ist
ihre  Anzahl  verhältnismäßig  größer  als  in  den  größeren  Gemeinden. ­
  Die  Mittelstandsrüchen  find  hauptsächlich  in  den  großen
Gemeinden  vertreten.  Von  116  entfallen  83  auf  47  Gemeinden ­
  von  100  000  und  mehr  Einwohnern  und  33  auf  425  Gemeinden ­
  von  weniger  als  100  000  Einwohnern.  Die  Fabrikküchen
  und  die  sonstigen  Küchen  bieten  in  der  Verteilung  auf  die
Ortsgrößenklassen  keine  bemerkenswerten  Besonderheiten.
Wichtiger  als  die  Zahl  der  Volksküchen  ist  ihre  Leistungsf
  ä  h  i  g  k  e  11  und  ihre  Inanspruchnahme.
Die  L  e  i  st  u  n  g  s  f  ä  h  i  g  k  e  i  t  der  Küchen  ist  an  der  Menge
der  Speisen  zu  messen,  die  von  ihnen  hergestellt  werden  kann.  In
den  meiste»  Küchen  werden,  wre  bereits  erwähnt,  die  sogenannten
Eintopfgerichte  hergestellt,  deren  Menge  am  zweckmäßigsten  in
Litern  angegeben  wird.  Für  diejenigen  Küchen,  in  denen  getrennte ­
  Gerichte,  Suppe,  Gemüse,  Fleisch  usw.  hergestellt  werden,
wofür  hauptsächlich  die  Mittelstandsküchen  und  ein  Teil  der  Fabrikküchen ­
  in  Frage  kommen,  sind  die  Gesamtmengen  der  Speisen
gleichfalls  in  Liter  umgerechnet,  so  daß  das  Liter  das  einheitliche  Maß
bildet,  mit  km  die  Leistungsfähigkeit  der  Küchen  gemessen  wird.
Nach  der  bisherigen  Inanspruchnahme  können  die  meisten
.Küchen  den  an  sie  gestellten  Anforderungen  mit  täglich  einmalige ­
  in  Kochen  genügen.  Die  dadurch  herzustellenden  Speisemengen ­
  stellen  daher  die  gewöhnliche  L  e  i  st  u  n  g  s  f  ä  h  t  g  -
k  e  i  t  der  Küchen  dar.  Für  die  große  Mehrzahl  der  Küchen  ist  aber
die  Möglichkeit  vorhanden,  die  Leistungsfähigkeit  dadurch  zu  steigern,
daß  sie  mehrere  —  mindestens  zwei  Kochschichten  täglich
einrichten.
Die  gewöhnliche  Leistungsfähigkeit  der  Küchen  ergibt  sich  aus
der  Zusammenstellung  auf  Seite  42.
In  welchem  Maße  durch  mehrere  Kochschichten  am  Tage  eine
Steigerung  der  Leistungsfähigkeit  möglich  ist,  ist  aus  der  Übersicht
auf  Seite  43  zu  ersehen.
Die  gewöhnliche  Leistungsfähigkeit  der  in  472  Gemeinden
nachgewiesenen  2  207  Massenspeisungs-Einrichtungen  ermöglichte
also  im  Monat  Februar  die  tägliche  Herstellung  von  insgesamt
2  528  401  Litern  Speise,  so  daß  bei  24  354  090  Einwohnern  im
Durchschnitt  auf  je  100  Einwohner  täglich  10,4  Liter  entfielen.
Im  Monat  Januar  betrug  die  gewöhnliche  Leistungsfähigkeit
(Fortsetzung  auf  Seite  44)
        <pb n="44" />
        Ortsgrötzenklassen

Berichtsmonat ­

1917

Bei  täglich  einmaligem  Kochen  betrug  die  tägliche  Leistungsfähigkeit ­
  der  Küchen

für  jedermann

für  begrenzte
Personenkreise

insgesamt
Liter

allgemeine
Kriegsküchen
Liter

Mittelstandsküchen

Liter

Fabrikküchen ­

Liter

sonstige
Küchen
Liter

Nr.

Einwohner

I

500000  und  mehr

Januar

363  784

43  000

35  676

86  671

529  131

Februar

556  158

52  725

36  546

101  353

746  782

II

250000  bis  unter  500  000

Januar

196  915

12  378

29  010

20  954

261  257

Februar

229  385

9  765

36  860

29  770

305  78«

II!

100  000  „

„  260  000

Januar

308  135

18  845

55  645

16  145

398  970

Februar

391  781

23  895

61  518

14139

491333

IV

75  000  „

„  100  000

Januar

51  300

—

20  910

5  750

77  960

Februar

64  945

1870

22  56«

8  344

97  719

V

50  000  „

„  75  000

Januar

103  500

300

11  945

16  150

131  695

Februar

125  IIS

3  600

16  550

1119«

156  450

VI

25  000  „

„  50  000

Januar

216  003

7  060

41  270

27  713

292  036

Februar

235  104

8  350

37  83«

19  770

301  054

VII

20  000  „

„  25  000

Januar

58  205

800

22  370

9  440

90  815

Februar

71  «61

1425

29  445

7  745

109  676

VIII

10  000  „

„  20  000

Januar

167  018

2  075

71  282

39  393

279  768

Februar

22«  «93

4  008

7«  752

24  754

319  607

Zusammen

Januar

1  466  360

84  448

288  306

222  216

2  061  832

Februar

1  893  637

105  638

312  061

217  065

2  528  401
        <pb n="45" />
        Die  tägliche  Leistungsfähigkeit  ließ  sich  steigern  bei  den  Küchen

Ortsgrößenklasfen

Berichtsmonat ­


ftir  jedermann

für  begrenzte
Personenkreise

insgesamt
auf  Liter

1917

allgemeine
Kriegstüchen

Mittelstandskücheu


Fabrikküchen

auf  Liter

sonstige
Küchen
auf  Liter

Nr.

Einwohner

auf  Liter

auf  Liter

I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII

500  000  und  mehr
250  000  bis  unter  500  000
100  000  „  „  260  000
75  000  „  ,  100  000
50  000  „  „  75  000
25  000  „  „  50  000
20  000  „  „  25  000
10  000  „  „  20  000

Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar

727  139
1  083  227
283  535
288  070
495  395
633  815
96  300
122  905
153  740
198  235
348  070
351  554
99  590
110  246
276  436
366  516

66  024
80144
19  943
17  180
33  200
38  900
3  740
600
5  600
9  950
11270
1  600
2  850
2  450
4  783

62  997
62  412
54  275
74  200
100  365
120  555
28  590
32  290
19  725
29  745
65  460
71045
41  070
52  907
130  792
122  284

126  341
151  678
23  309
40  360
27  175
19  124
11100
14  094
34  840
20  590
38  760
30  560
16  405
12  510
53  943
35  352

982  501
1377  461
381  612
419  810
656  135
812  394
135  990
173  029
208  905
254  170
460  240
464  429
153  665
178  513
488  621
528  935

Zusammen

Januar
Februar

2  473  255
3154  568

133  767
164  467

503  274
565  438

337  373
824  268

3  452  669
4  208  741
        <pb n="46" />
        44

für  23  439  029  Einwohner  2  061  832  Liter,  im  Durchschnitt  auf
je  100  Einwohner  8,8  Liter.  Wenn  auch  eingangs  hervorgehoben
wurde,  daß  die  Steigerung  gegenüber  dem  Januar  nicht  allein
aus  Neueinrichtungen  von  Massenspeisungen  zurückzuführen  ist,
sondern  zum  Teil  aus  die  Ausdehnung  der  Berichterstattung,  so
läßt  die  im  Verhältnis  zur  Einwohnerzahl  berechnete  Leistungsfähigkeit ­
  doch  erkennen,  daß  auch  die  tatsächliche  Leistungsfähigkeit
eine  erhebliche  Zunahme  erfahren  hat.
Bei  voller  Ausnutzung  der  vorhandenen  Einrichtungen  ließ
sich  die  Leistungsfähigkeit  im  Februar  ans  täglich  4  208  741  Liter
oder  17,3  Liter  aus  je  100  Einwohner  steigern.  Nach  den  tatsächlich ­
  verabreichten  Portionen  entfielen  aus  eine  Portion  0,9
Liter,  so  daß  die  17,3  Liter  19,2  Portionen  entsprachen.  Das
bedeutet,  daß  die  vorhandenen  Massenspeisungs-Einrichtungen
im  Monat  Februar  hinreichten,  um  fast  den  fünften  Teil  der
städtischen  Bevölkerung  täglich  mit  je  einer  Portion  Essen  zu
versorgen.
Wie  die  allgemeinen  Kriegsküchen  schon  nach  der  Anzahl
der  Küchen  alle  übrigen  Massenspeisungs-Einrichtungen  an  Bedeutung ­
  überragen,  so  noch  viel  mehr  nach  der  Leistungsfähigkeit,
und  zwar  sowohl  nach  der  gewöhnlichen,  wie  nach  der  gesteigerten
Leistungsfähigkeit.  Von  der  letzteren  entfielen  3  154  568  Liter
oder  mehr  als  S U  aus  die  allgemeinen  Kriegsküchen,  nur  164  467
Liter  oder  etwa  V25  aus  die  Mittelstandsküchen,  665  438  Liter
oder  etwas  über  V7  aus  Fabrikküchen  und  324  268  Liter
oder  etwa  Vis  aus  die  sonstigen  Küchen.
Während  die  Anzahl  der  allgemeinen  Kriegsk
  ü  ch  c  n  in  den  größeren  Gemeinden  verhältnismäßig  geringer
war  als  in  den  kleineren  Gemeinden,  war  ihre  Leistungsfähigkeit
umgekehrt  in  den  großen  und  besonders  in  den  ganz  großen  Gemeinden ­
  erheblich  höher  als  in  den  kleineren  Gemeinden.  Von
ihrer  Gesamtlerstungssähigkeit  entfielen  1  083  227  Liter,  mehr  als
der  dritte  Teil,  aus  die  Gemeinden  von  500  000  und  mehr
Einwohnern,  2  006112  Liter  oder  fast  2 /s  aus  die  Gemeinden  von
100  000  und  mehr  Einwohnern  und  nur  1  149  456  Liter  oder
etwas  mehr  als  Vs  der  Leistungsfähigkeit  aus  alle  übrigen  Gemeinden ­
  von  weniger  als  100  000  Einwohnern.
Die  M  i  t  t  e  l  st  a  n  d  s  k  ü  ch  e  n  kennzeichnen  sich  nach  ihrer
Leistungsfähigkeit  noch  mehr  als  nach  ihrer  Anzahl  als  hauptsächlich ­
  in  den  großen  Städten  vertretene  Einrichtungen,  indem
fast  die  Hälft«  ihrer  Gesamtleistungssähigkeit  aus  die  Gemeinden
von  500  000  und  mehr  Einwohnern,  83  v.  H.  ihrer  Leistungsfähig-
        <pb n="47" />
        45

feit  auf  die  Gemeinden  von  100  000  und  mehr  Einwohnern  und  nur
17  v.  H.  auf  die  Gemeinden  unter  100  000  Einwohnern  entfielen.
Die  Fabrikküchen  sind  nach  ihrer  Leistungsfähigkeit  in
den  ganz  großen  Gemeinden  im  Verhältnis  zur  Einwohnerzahl
weniger  stark  vertreten.  Von  der  Höchstleistungsfähigkeit  der  in
den  einzelnen  Ortsgrößenklassen  nachgewiesenen  Fabrikküchen
entfielen  auf  je  10  000  Einwohner  in  der  Ortsgrößenklasse  I  118
Liter,  in  der  Ortsgrößenklasse  II  260  Liter,  in  der  Ortsgrößenklasse ­
  III  231  Liter,  in  der  Ortsgrößenklasse  IV  313  Liter,  in  der
Ortsgrößenklasse  V  165  Liter,  in  der  Ortsgrößenklasse  VI  202
Liter,  in  der  Ortsgrößenklasse  VII  417  Liter  und  in  der  Ortsgrößenklasse ­
  VIII  384  Liter.  In  den  kleineren  Gemeinden  scheint
also  für  die  großen  Fabriken,  Werke  und  dergleichen  in  wesentlich
höherem  Maße  ein  Bedürfnis  für  die  Einrichtung  besonderer
Fabrikküchen  zur  Versorgung  der  Arbeiter  und  Angestellten  der  Werke
vorhanden  zu  sein,  während  in  den  größeren  Gemeinden  durch  die
größere  Leistungsfähigkeit  der  allgemeinen  Kriegsküchen  diesem  Bedürfnis ­
  vielfach  dadurch  Rechnung  getragen  wird,  daß  die  Werksleitungen ­
  Abmachungen  mit  diesen  getroffen  haben,  wonach  sie  die
Speisen  für  die  Werksangehörigen  liefern,  so  daß  in  solchen  Fällen
die  Einrichtung  besonderer  Fabrikküchen  sich  erübrigt.
Die  Sammelgruppe  „s  o  n  st  i  g  e  K  ü  ch  e  n"  ist  sowohl  nach  der
Anzahl  wie  nach  der  Leistungsfähigkeit  in  den  großen  Gemeinden
wesentlich  stärker  vertreten  als  in  den  kleinen  Gemeinden,  und
zwar  sind  es  hier  hauptsächlich  die  Einrichtungen,  die  mehr  den
Charakter  der  Wohltätigkeitsanstalten  und  -der  Armenunterstützung
tragen.
Für  die  Gesamtheit  der  Massenspeifungs-Einrichtung-en  betrug, ­
  wie  schon  erwähnt,  die  H  ö  ch  st  l  e  i  st  u  n  g  s  f  ö  h  i  g  k  e  i  t  im
Februar  1917  täglich  17,3  Liter  oder  19,2  Portionen  auf  je  100  Einwohner, ­
  in  den  ganz  großen  Gemeinden  von  500  000  und  mehr  Einwohnern ­
  stieg  sie  bis  auf  26,1  Liter  oder  28,9  Portionen,  während
sie  in  den  übrigen  Gemeinden  zwischen  14,6  und  18,6  Portionen
täglich  sich  bewegte.  Durchweg  ist  vom  Januar  zum  Februar  eine  erhebliche ­
  Steigerung  der  Leistungsfähigkeit  sowohl  in  der  Gesamtheit
wie  auch  in  den  einzelnen  Ortsgrößenklassen  zu  beobachten,  die  in  den
ganz  großen  Gemeinden  von  600  000  und  mehr  Einwohnern  am
stärksten  war  und  auf  je  100  Personen  täglich  7,4  Liter  oder
8,2  Portionen  betrug.  In  diesen  Gemeinden,  in  denen  sich  die
Ernährungsschwierigkeiten  in  den  breiten  Massen  der  Bevölkenmg
  am  meisten  bemerkbar  machen,  war  hiernach  also  auch  in
besonders  großem  Maße  die  Möglichkeit  einer  Versorgung  aus
(Fortsetzung  auf  Seite  48)
        <pb n="48" />
        Ortsgrößenklassen

Berichtsmonat ­

1917

Durchschnittlich  wurden  täglich  verabreicht  in  den  Küchen

für  jedermann

für  begrenzte
Personenkreise

insgesamt
Liter

allgemeine
Kriegsküchen
Liter

Mittelstandsküchen ­

Liter

Fabrikküchen ­

Liter

sonstige
Küchen
Liter

Skr.

Einwohner

I

500000  und  mehr

Januar

161  801

35  647

,  20  615

68  704

266  767

Februar

385  769

46  464

23  465

75  462

531160

11

250000  bis  unter  500000

Januar

84  599

10  965

16  958

14194

126  716

Februar

143  998

8  848

23  382

24  262

200  490

111

100000  „  „  250000

Januar

145  620

12  780

40  018

10  754

209  172

Februar

259  891

16  758

57  227

10  283

344  159

IV

75000  „  „  100000

Januar

30  349

—

10  594

4173

45116

Februar

49935

852

12  261

7  822

70  870

V

50  000  „  „  75000

Januar

48  431

263

8170

7  824

64  733

Februar

74  320

2  920

10  716

8  290

96  246

VI

25000  „  „  60000

Januar

88  988

3  584

21  928

22  222

136  722

Februar

141  044

4  968

21997

17  626

185  635

VII

20000  „  „  25000

-  Januar

32  298

116

12  890

6  356

52  162

Februar

46  439

681

18  213

5  281

70  614

VIII

10000  „  „  20000

Januar

81492

557

50  660

26  523

159  232

Februar

122  074

2  515

61  705

19  967

206  261

Zusammen

Januar

673  628

63  912

181  833

161  252

1  080  625

Februar

1  223  470

84  006

228  966

168  993

1705  435
        <pb n="49" />
        Ortsgrößenklassen

Berichtsmonat ­

1917

Durchschnittlich  wurden  täglich  verabreicht  in  den  Ktichen

für  jedermann

für  begrenzte
Personenkreise

insgesamt
j  Portionen

allgemeine
Kriegsküchen
Portionen

Mittelstandsküchen ­

Portionen

Fabrikküchen ­

Portionen

sonstige
Küchen
Portionen

Nr.

Einwohner

I

500000  und  mehr

Januar

206  344

39  742

25  197

73  953

350  236

Februar

442  550

51314

28  207

86  478

608  549

II

250000  bis  unter  500000

Januar

92  735

11806

16  686

14  844

136  271

Februar

155  612

0  494

23  699

35  255

224  060

III

100000  „

„  250000

Januar

163  533

14  556

35  497

12  574

226160

Februar

282  783

19  062

49  764

12  784

364393

IV

75000  „

„  100000

Januar

31153

—

10  865

4  133

46  161

Februar

54  202

1211

12  811

7  943

76167

V

50000  „

„  75000

Januar

57  227

263

7  664

3  317

73  671

Februar

87  015

2  945

10  382

9  472

109  814

VI

25000  „

„  50000

Januar

102  447

3  546

21  616

27  670

„  155  479

Februar

168  867

5  532

24026

21  L85

209  510

VII

20000  „

„  25000

Januar

34186

116

13  344

3  354

67  000

Februar

50  068

696

19  701

6  900

77  365

VIII

10000  „

„  20000

Januar

88  374

743

43  032

34  988

172  137

Februar

186  486

3  679

61  582

24163

225  910

Zusammen

Januar

775  999

70  772

180  001

190  333

1217105

Februar

1  367  083

93  933

230172

204  580

1  895  768

mm

&amp;amp;
        <pb n="50" />
        48

Gemeinschaftsküchen  vorgesehen  worden.  Bereits  im  Januan
1917  waren  Einrichtungen  vorhanden,  aus  denen  mehr  als  der
fünfte  Teil  der  Bevölkerung  täglich  mit  je  einer  Portion  Essen
versorgt  werden  konnte,  und  für  den  Monat  Februar  waren  die
Einrichtungen  so  ausgebaut  worden,  daß  nunmehr  weit  über  sst,,
fast  %  der  Gesamtbevölkerung,  täglich  mit  je  einer  Portion  hätte
versorgt  werden  können.  Diese  Zahlen  stellen  der  Fürsorgetätigkeit ­
  der  großen  Gemeinden  ein  glänzendes  Zeugnis  aus.
Die  Höchstleistungsfähigkeit  wurde  aber  in  keinem  Falle  tatsächlich ­
  in  Anspruch  genommen,  selbst  die  gewöhnliche  Leistungsfähigkeit, ­
  die  im  Februar  mit  2  528  401  Litern  täglich  um  1  680  340
Liter  oder  um  40  v.  H.  hinter  der  Höchstleistungsfähigkeit  zurückblieb, ­
  wurde  nur  etwa  zu  %  in  Anspruch,  genommen.
Die  tatsächliche  I  n  a  n  s  p  r  u  ch  n  a  h  m  e  der  einzelnen
Arten  von  Massenspeisungs-Einrichtungen  in  den  unterschiedenen
acht  Ortsgrößenklassen  ergibt  sich  aus  den  vorstehenden  beiden  Übersichten ­
  (Seite  46  und  47).  Die  erste  stellt  die  durchschnittlich  täglich
verabreichte  Anzahl  von  Litern  dar  und  kann  daher  in  unmittelbare
Beziehung  zu  der  Leistungsfähigkeit  gesetzt  werden.  Die  zweite  gibt  mv
wieviel  Portionen  durchschnittlich  täglich  verabreicht  worden  sind.  Da
wohl  ohne  erhebliche  Fehler  angenommen  werden  kann,  daß  im
allgemeinen  auf  jede  die  Küche  in  Anspruch  nehmende  Person
eine  Portion  abgegeben  wird,  so  stellt  diese  zweite  Übersicht  annähernd ­
  auch  gleichzeitig  die  Zahl  der  Personen  dar,  welche  die
Massenspeisungs-Einrichtungen  täglich  in  Anspruch  genommen
haben.
In  der  folgenden  Übersicht  auf  Seite  49  find  einige  Verhältniszahlen ­
  berechnet,  und  zwar  in  den  beiden  ersten  Spalten  das
bereits  oben  erwähnte  Verhältnis  der  H  ö  ch  st  I  e  i  ft  u  n  g  s  f  ä  h  i  gk
  e  i  t  zur  Einwohnerzahl,  in  der  dritten  Spalte  ist  die  Zahl
der  tatsächlich  verabreichten  Portionen  oder  die  Benutzerzahl
zur  Einwohnerzahl,  und  in  den  fünf  folgenden  Spalten  die
t  a  t  s  ä  ch  l  i  ch  e  I  n  a  n  s  p  r  u  ch  n  a  h  m  e  der  Küchen  nach  der  Zahl
der  verabreichten  Liter  zur  gewöhnlichen  Leistungsfähigkeit ­
  der  Küchen  in  Beziehung  gesetzt.
Die  tatsächliche  Inanspruchnahme  ergibt,  daß  in  sämtlichen
Massenspeisungs-Einrichtungen  insgesamt  im  Monat  Februar
durchschnittlich  täglich  1  706  435  Liter  Speisen  verabreicht  worden
sind.  Davon  entfiel  der  Hauptteil  mit  1  223  470  Litern  oder  72  v.  H.
auf  die  allgemeinen  Kriegsküchen,  84  006  Liter  oder  5  v.  H.  entfielen
auf  die  Mittelftandsküchen,  228  966  Liter  oder  13  v.  H.  auf  die  Fabrikküchen ­
  und  168  963  Liter  oder  10  v.  H.  auf  die  sonstigem
(Fortsetzung  auf  Seite  6V)
        <pb n="51" />
        Maffenspeisung.

4^

Ortsgrößenklassen

Berichtsmonat ­

1917

Auf  je
betrug
hoch
Leistn:
fähig!
aller  K
tägli

100  Einwohner
I
hip  ,  wurden  aus

Auf  je  100  Liter  gewöhnlicher  Leistungsfähigkeit
wurden  täglich  verabreicht  in  den  Küchen

te
igseit

üchen
ch

allen  Küchen
tatsächlich
im  Durchschnitt ­

täglich
verabreicht
Portionen

für  jedermann

für  begrenzte
Personenkreise

insgesamt


allgemeine
Kriegsküchen ­

Liter

Mittelstands ­
 ­

Liter

Fabrikküchen ­

Liter

sonstige
Küchen

Nr.

Einwohner

Liter

Port.

Liter

Liter

I

500  000  und  mehr

Januar

18,7

20,7

6,6

44.4

83,0

57,8

79,2

54,2

Februar

26,1

28,9

11,6

69,3

88,1

64,2

74,5

71,0

II

250  000  bis  unter  500  000

Januar

14.3

15.8

5,1

42,5

88,6

58,4

67,7

48,5

Februar

14,1

15,6

7,5

62,8

90,6

68,4

81,5

65,5

III

100  000  ,  „  250  000

Januar

12.7

14.1

4,4

47,2

67,8

71,6

66,6

53,3

Februar

15,6

17,3

7,0

66,3

70,1

93,0

72,7

70,0

IV

75  000  „  „  100  000

Januar

15,7

17,4

5,3

59.1

—

50,6

72,6

57,3

Februar

16,8

18,6

76,9

45,5

54,3

93,7

72,5

V

50  000  „  „

75  000

Januar

11,7

13.0

4,2

46,8

87,7

68,4

48,4

49,1

Februar

13,2

14,6

5,7

58,4

81,1

64,7

74,1

61,5

VI

25  000  „

50  000

Januar

13,0

14,4

4,4

41,2

50,8

53,1

80,2

46,6

Februar

13,2

14,6

5,9

60,0

59,5

58,1

89,1

61,6

VII

20  000  „  „

25  000

Januar

13,1

14,5

4,7

55,5

14,5

57,6

72,6

57,4

Februar

14,0

15,5

6,1

65,3

47,7

61,8

68,2

64,4

VIII

10  000  „  „

20  000

Januar

15,6

17.3

5,7

48,8

26,8

71,7

67,3

56,9

|

Februar

16,6

18,4

71

55,6

62,7

87,2

80,6

64,5

Zusammen

Januar

14,7

16,3

5,2

45,9

75,6

63,5

72,5

52,4

Februar

17,3

19,2

7,8

64,6

79,5

73,3

77,8

67,4
        <pb n="52" />
        50

Küchen.  Von  je  100  Litern  der  gewöhnlichen  Leistungsfähigkeit ­
  wurden  durch  tatsächliche  Verabreichung  in  Anspruch  genommen ­
  im  Monat  Januar  52,4  Liter,  im  Monat  Februar  67,4
Liter,  das  ist  eine  Zunahme  von  29  v.  H.  Die  gewöhnliche  Leistungsfähigkeit ­
  wurde  also  im  Januar  nur  etwas  über  die  Hälfte
und  im  Februar  etwas  über  %  in  Anspruch  genommen.  In  den
größeren  Gemeinden  war  die  Inanspruchnahme  der  Leistungsfähigkeit ­
  etwas  größer,  in  den  kleineren  Gemeinden  war  sie
etwas  geringer.  Nach  den  Kiichenarten  fand  die  größte  Ausnutzung ­
  der  Leistungsfähigkeit  bei  den  Mittelstandsküchen  mit
75.6  v.  H.  im  Januar  und  79,6  v.  H.  im  Februar  statt.  Die
geringste  Ausnutzung  entsprechend  der  sehr  erheblichen  Leistungsfähigkeit ­
  fand  bei  den  allgemeinen  Kriegsküchen  mit  nur  45,9  v.  H.
im  Januar  und  64,6  v.  H.  im  Februar  statt.  Sie  zeigt  hier
aber  eine  erheblich  stärkere  Zunahme  dem  Vormonat  gegenüber
als  bei  den  anderen  drei  Küchenarten.  Die  Ausnutzung  der
Leistungsfähigkeit  war  besonders  stark  bei  den  Mittelstandsküchen
der  großen  Gemeinden.  Sie  betrug  bei  diesen  in  den  ganz  großen
Gemeinden  von  600  000  und  mehr  Einwohnern  88,1  v.  H.  und
in  den  Gemeinden  von  250  000  bis  500  000  Einwohnern  90,6  v.  H.
Die  Inanspruchnahme  seitens  der  Bevölkerung,  wobei,  wie  schon
erwähnt,  die  Zahl  der  verabreichten  Portionen  gleich  der  Zahl  der
die  Einrichtungen  in  Anspruch  nehmenden  Personen  gesetzt
werden  soll,  läßt  erkennen,  daß  die  Einrichtung  der  Massenspeisungen ­
  für  weite  Bevölkerungskreise  einem  wirklichen  Bedürfnis ­
  entspricht.  Im  Monat  Januar  haben  täglich  über  1  200  000
Personen  die  Massenspeisungen  in  Anspruch  genommen  und  diese
Zahl  ist  für  den  Monat  Februar  aus  fast  1  900  000  gestiegen,  d.  h.,
von  je  100  Einwohnern  der  in  Frage  kommenden  Gemeinden  haben
im  Januar  täglich  5,2  und  im  Februar  täglich  7,8  an  den  Massenspeisungen ­
  teilgenommen.
Die  Beteiligung  war  namentlich  im  Februar  in  den  großen
Gemeinden  durchweg  größer  als  in  den  kleinen  Gemeinden.  In
den  ganz  großen  Gemeinden  nahmen  von  je'  100  Einwohnern
11.6  oder  mehr  als  der  zehnte  Teil  die  Massenspeisungen  in  Anspruch. ­
  Am  geringsten  war  die  Beteiligung  in  den  Ortsgrößenklassen ­
  V  und  VI  (Gemeinden  von  25  000  bis  75  000  Einwohnern),
wo  sie  noch  nicht  6  v.  H.  der  Bevölkerung  betrug,  während  sie
in  der  letzten  Ortsgrößcnklasse,  den  Gemeinden  von  10  000  bis
20  000  Einwohnern,  mit  7,1  v.  H.  fast  ebenso  groß  war  wie  in  den
Gemeinden  von  100  000  bis  500  000  Einwohnern.
        <pb n="53" />
        51

4»

Ein  Vergleich  der  tatsächlichen  Beteiligung  mit  der  Höchst»
leistungsfähigkeit  ergibt,  daß  letztere  dem  bis  dahin  hervorgetretenen, ­
  an  der  Beteiligung  gemessenen  Bedürfnis  noch  weit  voraus
war.  Während  von  je  100  Einwohnern  im  Monat  Februar  19,2
hätten  versorgt  werden  können,  haben  nur  7,8  davon  Gebrauch
gemacht,  so  daß  der  Andrang  zu  den  Massenspeisungen  sich  durchschnittlich ­
  noch  säst  verdreifachen  könnte,  ehe  deren  gegenwärtige
Leistungsfähigkeit  überschritten  würde.
Die  Massenspeisungen  sind  in  der  Hauptsache  dazu  bestimmt,
die  beteiligten  Kreise  mit  Mittagessen  zu  versorgen,
nur  in  geringem  Matze  wird  auch  Abendessen  verabfolgt.
Von  der  Gesamtzahl  der  im  Februar  verabreichten  1  896  768  Portionen
  entfielen  1  766  270  auf  Mittagessen  und  nur  139  498  auf
Abendessen.  Letzteres  tritt  dem  Mittagessen  gegenüber  also  fast  ganz
zurück.  Ein  ähnliches  Verhältnis  besteht  auch  sowohl  in  den  einzelnen ­
  Ortsgrößenklassen  wie  bei  den  verschiedenen  Arten  der
Massenspeisungs-Einrichtungen.  Nur  in  der  Gruppe  der  Fabrikküchen ­
  ist  das  Verhältnis  wesentlich  anders.  Bei  ihnen  entfielen ­
  im  Monat  Februar  von  insgesamt  230172  täglich  verabreichten ­
  Portionen  174  494  auf  Mittagessen  und  66  678  oder  fast
der  vierte  Teil  auf  Abendessen.  In  diesen  Zahlen  kommt  die
Tatsache  zum  Ausdruck,  daß  für  die  über  Nacht  beschäftigten  Arbeiter ­
  ein  starkes  Bedürfnis  vorliegt,  auch  nachts  eine  warme,
kräftigende  Mahlzeit  einnehmen  zu  können.
Es  wurde  bereits  erwähnt,  daß  die  durchschnittlich«  Größe
der  verabreichten  Portionen  im  Februar  etwa  0,9  Liter
betrug,  im  Januar  war  sie  etwas  geringer  und  betrug  nur  0,887
Liter?  Die  häufigste  Portionengröße  war  1  Liter.  Von  den  im  Februar ­
  insgesamt  verabreichten  1  896  768  Portionen  waren
1-Liter-Portionen  1221  792  oder  64,4  v.  H.;  Portionen  unter
1  Liter  (in  der  Hauptsache  %  und  %  Liter)  wurden
617  944  oder  32,6  v.  H.  verabreicht  und  Portionen  über  1  Liter
(I1/2  Liter  und  in  geringem  Matze  auch  2  Liter)  66  032  oder
3,0  v.  H.  Bei  den  als  Mittagessen  verabreichten  Portionen  überwogen ­
  die  1-Liter-Portionen  noch  stärker,  sie  betrugen  1161652
oder  66,1  v.  H.,  während  an  kleineren  Portionen  561  289  oder
31,4  v.  H.  und  an  größeren  Portionen  43  329  oder  2,6  v.  H.  als
Mittagessen  verabreicht  wurden.  Bei  den  als  Abendessen  verabreichten ­
  Portionen  überwogen  dagegen  die  kleineren  Portionen
mit  66  656  oder  47,8  v.  H.;  an  1-Liter-Portionen  wurden  60140
oder  43,1  v.  H.  und  an  größeren  Portionen  12  703  oder  9,1  v.  H.
aller  Abendportionen  verabreicht.  In  den  einzelnen  Ortsgrößen-
        <pb n="54" />
        52

flössen  bieten  die  verschiedenen  Portionengrößen  der  Mittagsportionen ­
  keine  bemerkenswerten  Besonderheiten.  Bei  den  Abendportionen ­
  fällt  das  erhebliche  Überwiegen  der  kleinen  Portionen
in  den  ganz  großen  Gemeinden  von  600  000  und  mehr  Einwohnern ­
  auf,  wo  sie  80,3  v.  H.  aller  Abendportionen  ausmachten.
Bei  den  allgemeinen  K  r  i  e  g  s  k  ü  ch  e  n  entsprach  die
Portionengröße  der  Mittagsportionen  im  wesentlichen  den  Gesamtverhältnissen, ­
  bei  den  Abendportionen  dagegen  machte  sich
ein  starkes  Hervortreten  der  kleinen  Portionen  mit  67,7  v.  H.
aller  Abendportionen  bemerkbar,  wogegen  die  größeren  Portionen
mit  nur  3,1  v.  H.  in  erheblich  geringerer  Zahl  verabreicht  worden
waren.  In  den  M  i  t  t  e  lst  a  n  d  s  k  ü  ch  e  n  wurden  die  großen
Portionen  als  Mittagessen  nur  in  ganz  geringem  Maße  ausgegeben, ­
  als  Abendessen  überhaupt  nicht.  In  den  Fabrikküche ­
  n  dagegen  wurden  sowohl  beim  Mittagessen  wie  beim
Abendessen  die  größeren  Portionen  in  verhältnismäßig  großer
Zahl  verabreicht,  während  die  kleineren  Portionen  als  Abendessen
mit  nur  31,9  v.  H.  verhältnismäßig  in  weit  geringerem  Maße
verabreicht  wurden  als  in  den  übrigen  Küchen.  In  den
sonstigen  Küchen  überwogen  sowohl  beim  Mittagessen  wie
beim  Abendessen  die  kleinen  Portionen  ganz  erheblich,  während
die  großen  Portionen  nur  in  verschwindend  kleiner  Zahl  abgegeben ­
  wurden.  Es  hängt  das  damit  zusammen,  daß  zu  dieser
Sammelgruppe  eine  große  Zahl  von  Schulspeisungen  und  Kinderküchen ­
  gehört.
Die  nachfolgende  Übersicht  (Seite  64)  enthält  die  ausführlichen
Angaben  über  die  Zahl  der  als  Mittagessen  und  als  Abendessen ­
  ausgegebenen  Portionen  und  über  die  Portioneng
  r  öH  e.
Uber  die  Preis  e,  zu  denen  die  Speisen  in  den  einzelnen
Küchen  abgegeben  wurden,  gibt  die  Übersicht  auf  Seite  55  Aufschluß.
Die  Preisangaben  waren  in  den  meisten  Fällen  für  eine
Portion  gegeben.  Da  die  Portionen  jedoch  von  sehr  verschiedener
Größe  sind,  wurde  für  die  Aufstellung  durchweg  eine  Umrechnung
für  1  Liter  vorgenommen.  Für  diese  Zwecke  verwendbare  Mitteilungen ­
  waren  im  ganzen  im  Januar  von  1277,  im  Februar
von  1358  Massenspeisungs-Einrichtungen  eingegangen.  Bon
letzteren  gaben  138  die  Speisen  unentgeltlich  ab,  davon  waren
20  allgemeine  Kriegsküchen,  keine  Mittelstandsküche,  14  Fabrikküchen ­
  und  die  große  Mehrzahl,  104,  gehörte  zu  den  sonstigen
Küchen.  Am  häufigsten  waren  sie  vertreten  in  den  ganz  großen
Gemeinden  mit  30  Anstalten  und  in  den  ganz  kleinen  Gemeinden
        <pb n="55" />
        53

mit  45  Anstalten,  wobei  es  sich  in  der  Hauptsache  um  Suppenküchen
für  Kinder  handelt.
Der  am  häufigsten  vorkommende  Preis  war  zwischen  20  bis
einschließlich  30  Pfg.  für  ein  Liter  in  350  Anstalten;  sodann
zwischen  30  bis  einschließlich  40  Pfg.  in  308  Anstalten.  In
diesen  Grenzen  bewegten  sich  auch  die  in  den  allgemeinen
Kriegsküchen  am  häufigsten  vorkommenden  Preise;  höhere
Preise  wurden  hier  nur  verhältnismäßig  selten  gefordert.
In  den  M  i  t  t  e  I  st  a  n  d  s  k  ü  ch  e  n  dagegen  kamen  die  Preise
zwischen  60  bis  einschließlich  70  Pfg.  in  26  Anstalten  und  zwischen
70  bis  80  Pfg.  in  27  Anstalten  von  insgesamt  81  Anstalten  am
häufigsten  vor.  Über  80  Pfg.  wurde  nur  in  7  Mittelstandsküchen
gefordert.  In  den  F  a  b  r  i  k  k  ü  ch  e  n  waren  die  mittleren  Preislagen ­
  zwischen  20  bis  einschließlich  50  Pfg.  überwiegend.  Jedoch
kamen  hier  auch  höhere  Preise  bis  einschließlich  80  Pfg.  verhältnismäßig ­
  häufig  vor.  Die  höheren  Preise,  über  80  Pfg.,  kamen
im  ganzen  nur  in  43  Anstalten  vor,  von  denen  28  zu  den  Fabrikküchen
  gehörten,  und  zwar  waren  diese  hauptsächlich  für  die  Versorgung ­
  der  Werksbeamten  bestimmt.  Die  sonstigen  Küchen
sind  durch  die  Preisstellung  in  besonderem  Maße  als  Wohlfahrtseinrichtungen ­
  und  Anstalten  für  Armenpflege  gekennzeichnet,
indem  neben  der  großen  Zahl  unentgeltlicher  Speisenabgaben  die
niedrigen  Preisgruppen  bis  einschließlich  20  Pfg.  und  20  bis
30  Pfg.  am  häufigsten  vertreten  waren,  während  die  höheren
Preise  nur  in  einer  sehr  geringen  Zahl  von  Anstalten  vorkamen.
Zur  Vervostständigung  des  Bildes  über  die  Masfenspeisungs-Einrichtungen
  waren  für  den  erstmaligen  Bericht  für  den  Monat
Januar  1917  noch  Mitteilungen  darüber  erbeten  worden,  ob  die
Verabreichung  der  Speisen  an  die  Bedingung  der  Abgabe
von  Lebensmittelkarten  geknüpft  war.  Hierüber  hatten
insgesamt  1852  Massenspeisungs-Einrichtungen  berichtet  und  zwar
276,  daß  von  ihnen  keinerlei  Lebensmittelkarten  abgefordert
and  1576,  daß  Speisen  nur  gegen  Abgabe  bestimmter  Lebensmittelkarten ­
  verabfolgt  werden.
__  Von  den  276  Anstalten  ohne  Karte  nabforderung
gehörten  69  zu  den  allgemeinen  Kriegsküchen,  eine  war  eine  Mittelstandsküche, ­
  91  waren  Fabrikküchen  und  115  gehörten  zur  Sammelgruppe ­
  „sonstige  Küchen".  Sie  waren  besonders  häufig  in  den  kleinen
Gemeinden,  während  sie  in  den  größeren  Gemeinden  nur  in  geringerer ­
  Zahl  vertreten  waren.

(Fortsetzung  auf  Seite  66)
        <pb n="56" />
        Es

wurden  verabreicht  als  Mittagessen

Es  wurden  verabreicht  als  Abendessen

Berichtsdavon

  in  Portionen  von

davon

in  Portionen  von

Küchenart

monat

insgesamt

unter

1  Liter

über

insgesamt

insgesamt

unter

1  Liter

über

insgesamt

1917

1  Liter

1  Liter

1  Liter

1  Liter

Liter

Portionen

Portionen

Portionen

Portionen

Liter

Portionen

Portionen

Portionen

Portionen

Allgemeine

Januar

636  226

260  348

468  611

8  677

727436

36  402

32  722

14  234

1  607

48  563

Kliegsküchcn

Februar

l  ISS  Sir

370  874

91»  583

11  159

1292  416

59  658

43  065

29  955

1  647

74  667

Mittelstands-Januar



61  952

16  661

51088

931

63  670

1  960

861

1  351

—

2  202

küchen

Februar

81  358

22  758

66  643

1  163

90  464

2  648

2  059

l  41»

3  469

Fabiikküchen

Januar

142  703

46  181

71160

26  433

142  764

39  130

9  644

19  161

8  532

37  237

Februar

172  067

49  000

98183

27  311

174  494

56  899

17  805

26  939

10  934

55  678

sonstige  Küchen

Januar

155  434

86  379

93  773

3  416

183  667

6  613

2  976

3  382

408

6  766

Februar

164  393

108  657

86  543

3  696

19*  896

4  660

3  726

1  836

122

5  684

Orts-Größenklassen



I

Januar

269  768

160  oes

164  724

2  908

327  700

16  999

19  397

2  794

346

22  536

Februar

509  543

193  833

381  657

3  568

579  053

21  617

23  659

6  676

256

29  491

II

Januar

119  614

36  600

89131

3  593

128  224

7  202

3  537

8  SSL

555

8  047

Februar

186  293

77  277

i2s  m

3  973

209  361

14  197

3  899

9  289

I  Sil

14  699

III

Januar

188  038

63  661

143  806

6  879

204  346

21  134

8  689

9  407

3  818

21  814

Februar

313  534

69  036

254  754

9  415

333  295

30  625

12  834

12  622

5  732

31  188

IV

Januar

37  652

3  670

27  813

2  378

38  861

7  464

1  425

4  806

1  059

7  290

Februar

59  106

17  541

43  585

2  497

63  623

11  764

5  313

6  136

1  095

12  544

V

Januar

66  792

20  486

44  523

1  630

66  639

6  946

4  404

1  393

1  235

7  032

Februar

89  700

30  847

68  973

1  658

1dl  478

6  846

5  036

2  449

851

8  336

VI

Januar

126  658

66  746

82  926

4  604

144  276

10  064

4  375

5  930

899

11  204

Februar

171  684

67  691

121  588

4  250

193  529

13  951

6  498

8  965

518

15  981

VII

Januar

60  687

18  893

34  760

1  934

55  587

1  626

277

642

594

1  413

Februar

64  608

22  237

46  266

2  296

70  739

6  006

3  410

2  624

592

6  626

VII!

Januar

144  366

64  436

86  839

16  430

166  705

14  876

4  089

9  301

2  042

15  432

Februar

187  162

72  827

116  778

15  672

205  277

19  099

6  006

12  479

2  148

20  633

Zusammen

Januar

995  316

408  459

674  522

39  356

1122  337

86  310

46  093

33  123

10  547

94  768

Februar

1  581  630

551  289

1161  662

43  329

1  756  270

123  805

66  655

60  !40

12  703  j

139  498
        <pb n="57" />
        Küchenart

Berichtsmonat ­


Zahl  der
Küchen,
in  denen
das  Essen
unentgeltlich
abgegeben
wird

Zahl  d-r  Küchen,  die  den  Preis  für  1  Liter  Essen  angegeben  haben

und  zwar  in  der  Höhe

bis

über

über
20

über
30

über
40

über
50

über
60

über
70

über
80

über

ein  sch  l.

bis

bis

bis

bis

bis

bis

bis

bis

100

10

30

40

so

60

70

80

Psg-Ws-





Pfg.

Psg.

Ws-Ws-











183

192

61

16

6

2

7

1

22

100

214

221

44

21

1
1

2

3
4

8
9

6
5

23
25

22
27

3
6

3
1

5
3

38
30

72
70

65
64

71
73

38
33

22
20

16
20

16
24

3
4

21
23

44
35

40
64

21
19

6
1

2
3

2
5

12
9

1
3

2
1

7
6

13
10

19
57

24
24

12
9

9
8

22
24

20
22

9
13

4
5

1

36

19

32

10

6

8

12

4

1

2

14

23

37

10

3

.  4
12

12
15

69
46

39
59

26
21

6
6

6
12

11
19

4
7

2

3

15

7

16

3

3

1

2

7

16

11

3

4

3

1

23
28

16
20

26
30

12
16

3
6

2
2

1
3

-

-  ’

10
10

27
24

56
65

,  60
59

23
22

14
17

3
2

3
3

3
4

-

4
4

9
9

33
41

27
18

10
15

5
6

4
4

1
2

1
4

1

7

63
59

73

57

39

16

4

3

4

1

14

82

70

31

12

5

-—

33
49

186
166

295
350

271
308

146
127

61
62

62
55

62
60

27
36

9
7

insgesamt

Allgemeine
Kriegsküchen
Mittelstands--küchen

Fabrikküchen
sonstige  Küchen
Orts.
größenklassen
I
II
III
IV
V
VI
VI!
VIII

Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar

Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar
Januar
Februar

26
20

11
14
109
104

42
30
6
13
6
9
2
2
19
6
26
27
8
6
39
45

676
635
68
81
336
341
161
163

139
178
128
104
168
197
49
44
82
106
199
206
100
103
266
282

Zusammen

Januar
Februar

146
138
        <pb n="58" />
        56

Die  große  Mehrzahl  der  Massenspeisungseinrichtungen  erfüllte ­
  somit  die  im  Interesse  einer  gleichmäßigen  Verteilung  der
für  die  Volksernährung  zur  Verfügung  stehenden  Lebensmittel
notwendige  Forderung,  daß  bei  Inanspruchnahme  der  Massenspeisungen ­
  ein  entsprechender  Anteil  der  Lebensmittelkarten  abgegeben ­
  werden  muß.  Über  die  Größe  dieses  Anteils  war  bei  der
großen  Verschiedenartigkeit  der  in  den  einzelnen  Gemeinden  und
Landesteilen  hierfür  maßgebenden  -Bestimmungen  ein  zahlenmäßig ­
  vergleichbares  Bild  aus  den  Berichten  nicht  zu  gewinnen.
Es  ließ  sich  nur  die  Tatsache  der  A  b  f  o  r  d  e  r  u  n  g  d  e  r  verschiedenen ­
  Karten  erfassen.  Hiernach  -ergibt  sich,  daß  am  häufigsten
die  Fleisch-karten  und  Kartoffelkarten  abgegeben  werden  mußten,
erstere  in  1266,  letztere  in  1233  Küchen.  Es  wurden  ferner  noch
abverlangt:  Fettkarten  in  178  Küchen,  Brot-  und  Mehlkarten
in  146  Küchen,  Karten  für  Teigwaren  in  93  Küchen,  Karten  für
Gerstefabrikate  in  92  Küchen  und  für  Hafernährmittel  und  Grieß
in  je  59  und  51  Küchen.  Es  kamen  dann  noch  verschiedene
Küchen  (133)  vor,  in  denen  Rübenkartm  (33)  abverlangt  wurden,
ferner  Karten  für  Hülsenfrüchte  (35),  E-erkalten  (21),  Zuckerkarten
(21),  Karten  für  Trockengemüse  (10),  Reu  karten  (6),  Milchkarten  (3),
Sauerkrautkarten  (2),  Käsekarten  (1)  und  Maiskarten  (1).  Für  54
Küchen  war  mitgeteilt  worden,  daß  allgemeine  Lebensmittelkarten
abzugeben  seien,  über  deren  Inhalt  und  Bedeutung  keine  näheren
Angaben  gemacht  waren.  Diese  Angaben  lasse»  gleichzeitig  erkennen,
wie  verschiedenartig  die  den  Gemeinden  r  Belieferung  ihrer
MassensPeisungs^Einrichtungen  zur  Verfügung  stehenden  Le'bensmitldl
  waren.
Über  die  Verteilung  der  Einrichtungen,  welche  über  die  Kartenabforderung ­
  berichtet  haben,  auf  die  einzelnen  Küchenarten  und  auf
die  Ortsgrößenklassen  gibt  die  nachstehende  Übersicht  auf  Seite  57
Aufschluß.
        <pb n="59" />
        Massenspeismig,

Küchenart

Zahl  der
Küchen,  in
denen  Abgabe
von  Lebensmittelkarten ­

nicht
gefordert
wurde

Zahl  der  Küchen,  in  denen  Abgabe  von  Lebensmittelkarten  gefordert  wurde

insge ­
 ­


davon

forderten  die  Abgabe  der  Karten  für

Fleisch

Kartoffeln ­


Fett

Brot
(Mehl)

Teigwaren ­


Berstefabri ­
 ­


Hafernähr ­
 ­


Grieß

sonstige
Lebensmittel ­


Allgemeine ­

Lebensmittel ­


Allgemeine  Kriegs-69



803

687

651

129

73

64

46

i
49

22

61

32

küchen

Mittelstandsküchen

1

76

74

64

6

9

1

2

1

1

5

4

Fabrikküchen

91

338

265

255

32

40

5

13

2

10

24

10

Sonstige  Küchen

116

359

229

263

11

24

23

31

7

18

43

8

Ortsgrößenklaffen

I

8

390

325

361

7

19

38

62

8

26

43

3

II

20

196

140

137

6

33

2

3

18

8

26

1

III

11

263

197

216

56

37

16

4

12

2

28

5

IV

8

33

34

32

15

5

6

8

8

—

7

2

V

16

113

83

87

16

10

10

4

3

3

6

4

VI

63

224

195  ,

174

29

16

2

4

1

5

4

18

VII

31

96

80

64

16

8

6

2

4

4

7

1

VIII

119

256

201  1

162

33

18

11

5

&amp;gt;  5

2

12

20

Zusammen

276

1576

1255  J

1233

178

146

93

92

59

51

133

54
        <pb n="60" />
        37

■  Bedeutung  als  Glied  in  der  Kette  der  zur  Siche-'ßernährung
  zu  treffenden  Maßnahmen  erkennen
a  Laufe  der  nächsten  Monate  erfolgenden  zahlndungen,
  die  ständige  Erhöhung  der  Leistungswechselnde,
  im  allgemeinen  steigende  Jnanspruchder
  Bevölkerung  stehen  im  engsten  Zusammenjeweiligen ­
  Stande  der  Volksernährung  und  lassen
Zeinen,  diese  Bewegung  fortlaufend  zu  beobachten,
'chaftliche  Abteilung  des  Kriegsernährungsamtes
«er  mit  Beginn  des  Jahres  1917  an  die  Verwaltn ­
  Gemeinden  von  10  000  und  mehr  Einwohnern
assenspeisungs-Einrichtungen  mit  dem  Ersuchen  um
natlicher  Berichte  über  die  Leistungsfähigkeit  und
aahme  der  von  ihnen  geleiteten  Anstalten.  Dem
»!  fast  ausnahmslos  bereitwillig  Folge  gegeben,
en  die  eingehenden  Berichte  anfangs  noch  recht
und  ersckiwerten  die  gleichmäßige  Aufarbeitung
gung  des  Stoffes.  Nach  Erledigung  der  noteichen ­
  Rückfragen  war  es  aber  doch  möglich,  zumisse
  der  beiden  ersten  Monate  des  Jahres  1917
ie  Zeit  schwierigster  Ernährungsverhältnisse  und
Nachnahme  —  in  vergleichbare  Übersichten  zu-Oolkszählung
  vom  1.  Dezember  1910  waren  im
-  e  unter  Berücksichtigung  der  inzwischen  erfolgten
:  en  und  Zusammenlegungen  563  Gemeinden  von
hr  Einwohnern  mit  einer  Gesamteinwohnerzahl
vorhanden.  Davon  waren  für  den  Monat  Januar
Gemeinden  mit  2  430  623  Einwohnern  keine  BessensPeisnngs-Einrichtungen
  eingegangen.  Für  57
f  872  665  Einwohnern  war  berichtet,  daß  in  ihnen
isungs-Einrichtungen  bestanden  und  aus  454  Ge-3
  439  029  Einwohnern  lagen  Berichte  über  insassenspeisungs-Einrichtungen
  vor.  Für  den  Monat
.Zar  die  Zahl  der  Gemeinden  ohne  Berichte  bereits
^  &amp;gt;30  669  Einwohnern  zurückgegangen.  Die  Zahl
ohne  Einrichtungen  betrug  66  mit  857  468  Ein--
  ms  472  Gemeinden  mit  24  364  090  Einwohnern
0  ber  2  207  Massenspeisungs-Einrichtungen  vor.
J;  -iteren  Untersuchungen  sind  die  Gemeinden  in
iklassen  eingeteilt  worden,  deren  Abgrenzung  sich
lgenden  Übersichten  ergibt.  Nach  den:  Ergebnis
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
