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        <title>Düngemittel im Kriege</title>
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            <forname>Hermann</forname>
            <surname>Großmann</surname>
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        </author>
        <author>
          <persName>
            <forname>Julius</forname>
            <surname>Bueb</surname>
          </persName>
        </author>
        <author>
          <persName>
            <forname>Wilhelm von</forname>
            <surname>Flügge</surname>
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            <idno>1014571030</idno>
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        Beiträge  zurKriegswirtschaft
Herausgegeben  von  der
Volkswirtschaftlichen  Abteilung  des  Kriegsernährungsamts

Heft  15

Düngemittel  im  Krieg
Von
Professor  Or.  H.^Großmann
in  Berlin,
Rittmeister  Bueb
Retchskommiffar  für  Stickstoffwirtschaft  kn  Berlin
und
Regierungsassessor  W.  v.  Flügge
in  Berlin

e

Verlag  der  Beiträge  zur  Kriegswirtschaft
Reimar  Hobbing  (Sonder-Konto)  d
%
        <pb n="2" />
        Inhalt  von  Heft  15:
Die  Versorgung  Deutschlands  mit  Düngemitteln  vor  und
in  dem  Kriege.  Von  Professor  Dr.  H.  Großmann  in  Berlin.
I.  Allgemeines.  S.  1.  II.  Die  einzelnen  mineralischen  Düngemittel: ­
  1.  Kalisalze.  S.  9.  2.  Die  stickstoffhaltigen  Düngemittel.
S.  14.  3.  Die  Phosphorsäuredünger.  S.  26.  III.  Die  Naturdünger. ­
  S.  30.  Zusammenfassung.  S.  32.
Stickstoffwirtschaft  und  Volkswirtschaft.  Von  Rittmeister
Bueb,  Reichskommissar  für  Stickstoffwirtschaft.  S.  35•
Der  Absatz  der  künstlichen  Düngemittel  im  Kriege.  Von
Regkerungsaffessor  W.  v.  Flügge  kn  Berlin.  S.  38.
Abgeschlossen  Mitte  Mal  1917.

Preis  des  Heftes  M.  0.60.
Jede  gute  Buchhandlung  und  jedes  Postamt  nimmt  Bestellungen  an.

(&amp;lt;"^ie  Sammlung  „Beiträge  zur  Kriegswirtschaft"  entstammt
  der  Anregung  des  Präsidenten  des  Kriegsernährungsamts, ­
  Exzellenz  von  Batocki,-  sie  wird  von  der
Volkswirtschaftlichen  Abteilung  des  Kriegsernährungsamts
herausgegeben.  Die  Beamten  dieses  Amts  sind  neben  Vertretern ­
  der  Wirtschaftswissenschaften  als  Mitarbeiter  für  die
„Beiträge"  gewonnenworden,  dasreicheMaterialder  organisierten ­
  deutschen  Kriegswirtschaft  soll  dabei  verwertet  werden.
In  den  Einzelausführungen  gibt  jede  Abhandlung  lediglich ­
  die  wissenschaftliche  Auffassung  des  Verfassers  wieder.
DasKriegsernährungsamtmachtdenMitarbeiternhinsichtlkch
ihrer  Darlegungen  keine  Vorschrift  und  überläßt  ihnen  für
ihre  Auffassung  die  Verantwortung.
        <pb n="3" />
        Die  Versorgung  Deutschlands  mit
Düngemitteln
vor  und  in  dem  Kriege
Von  Professor  Or.  H.  Großmann,
Privatdozent  an  der  Universität  Berlin.
I.  Allgemeines
Die  Bedeutung  der  künstlichen  Düngemittel  nicht  nur  für  die
Landwirtschaft,  sondern  für  Staat  und  Gesellschaft  ist,  wie  so
vieles  andere  auch,  in  Deutschland  erst  während  oes  Weltkrieges
der  Allgemeinheit  mit  größerer  Klarheit  zum  Bewußtsein  gekommen, ­
  und  doch  hat  schon  vor  mehr  als  75  Jahren  I  u  st  u  s
Liebig,  dessen  Name  auch  heute  selbst  bei  unsern  Gegnern  stets
mit  dör  größten  Achtung  und  Verehrung  genannt  wird,  in  seinem
unsterblichen  Werk:  „Die  organisch  e  Chemie  inihrer
Anwendung  auf  Agrikultur  und  Physiologie"
(1840,  Braunschweig,  F.  Vieweg)  über  den  rationellen  Betrieb  der
Landwirtschaft  Ausführungen  gemacht,  deren  anregender  Einfluß
sich  auf  niehrere  Menschenalter  hinaus  erstrecken  sollte.  Auch
heute  noch,  im  Zeitalter  des  englischen  Aushungerungsplanes, ­
  können  die  folgenden  Sätze  L  i  e  b  i  g  s  in
ihrer  klassischen  Einfachheit  als  geradezu  richtunggebend  für  die
Gegenwart  wie  für  die  Zukunft  angesehen  werden:  „Es  gibt  kein
Gewerbe,  das  sich  an  Wichtigkeit  mit  dem  Ackerbau,  der  Herstellung ­
  von  Nahrungsmitteln  für  Menschen  und  Tiere  vergleichen ­
  läßt;  in  ihm  liegt  die  Grundlage  des  Wohlseins,  der  Entwicklung ­
  des  Menschengeschlechtes,  die  Grundlage  des  Reichtums
der  Staaten,  er  ist  die  Grundlage  aller  Industrie."
Wie  aber  muß  sich  der  moderne  Betrieb  der  Landwirtschaft
vom  Standpunkt  L  i  e  b  i  g  s  und  seiner  Nachfolger  gestalten?
Hören  wir  auch  hierüber  diesen  erfolgreichen  Vertreter  der
chemischen  Wissenschaft  in  Deutschland:  „Als  Prinzip  des
Ackerbaues  mutz  angesehen  werden,  daß  der
Boden  in  vollem  Maße  wieder  erhalten  muß,
was  ihm  genommen  wird.  In  welcher  Form  dies
Wiedergeben  geschieht,  ob  in  der  Form  von  Exkrementen  oder  von
Asche  oder  von  Knochen,  das  ist  wohl  ziemlich  gleichgültig.  Es
wird  eine  Zeit  kommen,  wo  man  den  Acker  mit  einer  Auflösung
        <pb n="4" />
        2

von  Wasserglas  (kieselsaurem  Kali),  mit  der  Asche  von  verbranntem ­
  Stroh,  wo  man  ihn  mit  phosphorsauren  Salzen  düngen
wird,  die  man  in  chemischen  Fabriken  herstellt,  gerade  so  wie  man
jetzt  zur  Heilung  des  Fiebers  und  des  Kropfes  chemische  Präparate ­
  gibt."
Wir  wissen  heute,  in  wie  überraschender  Weise  diese
Prophezeihungen  Liebigs,  besonders  in  unserem  Vaterlande,  das
sich  unter  den  bedeutenderen  Kulturländern  vor  dem  Kriege
von  jeher  durch  einen  besonders  umfangreichen  Verbrauch  an
Düngemitteln  ausgezeichnet  hat,  in  Erfüllung  gegangen  sind.
In  Deutschland  hat  man  zwar  anfangs  durchaus  nicht  allzu
schnell  auf  die  mahnenden  Worte  Liebigs  gehört,  der  in  jenem
bereits  erwähnten  Werke,  und  später  vor  allem  in  seinen  klassischen
„Chemischen  Briefen"  mit  allem  Nachdruck  gegen  den  bei  der  üblichen ­
  Düngungsweise  mehr  oder  weniger  versteckten  landwirtschaftlichen ­
  Raubbau  aufgetreten  ist,  der  damals  noch  ziemlich
allgemein  in  der  Landwirtschaft  Europas  üblich  war.  Unter  deni
Einfluß  jener  mit  guten  Gründen  von  der  Liebigschen  Schule
ständig  fortgesetzten  Hinweise  auf  die  Notwendigkeit  der  Erhöhung
der  landwirtschaftlichen  Produktivität  hat  aber  die  deutsche  Landwirtschaft, ­
  besonders  in  den  letzten  Jahrzehnten,  immer  mehr
Gebrauch  von  jenen  wichtigen  Hilfsmitteln  gemacht,  die  ihr  von
der  in  Deutschland  stets  so  ganz  besonders  fortschrittsfreudigen
chemischen  Industrie  zu  angemessenen  Preisen  in  die  Hand  gegeben
  werden  konnten.  Es  ist  nicht  ganz  leicht,  im  einzelnen
genau  anzugeben,  welchen  Anteil  auch  dieser  vornehmlich  auf
Liebigs  Wirken  zurückgehende  Einfluß  der  chemischen  Industrie ­
  Deutschlands  an  der  Steigerung  der  Ernteergebnisse  in
Deutschland  und  in  der  ganzen  Welt  gehabt  hat.  Man  darf  aber
wohl  jene  Angabe*),  wonach  die  Anwendung  der  künstlichen
Düngemittel  etwa  zu  50  v.  H.,  der  Anbau  ertragreicher  Sorten
zu  30  v.  H.  und  die  übrigen  Maßnahmen  zur  Hebung  des  landwirtschaftlichen ­
  Ertrages,  vor  allem  die  bessere  Bodenbearbeitung
infolge  des  Aufstieges  der  Maschinentechnik,  die  Bekämpfung  der
Pflanzenkrankheiten  usw.  zu  20  v.  H.  an  diesem  Aufschwung  in
den  letzten  Jahrzehnten  beteiligt  sind,  für  deutsche  Verhältnisse
als  im  wesentlichen  zutreffend  ansehen.
Nicht  unterschätzt  werden  darf  aber  auf  der  anderen
Seite  die  unermüdliche  Werbetätigkeit  der  landwirtschaftlichen
*)  Die  deutsche  Volksernährung  und  der  englische  Aushungerungsplan,
eine  Denkschrift  von  P.  Eltzbacher  u.  a.,  Braunschweig  1914,  F.  Vieweg
&amp;amp;  Sohn,  'sc'te  99
        <pb n="5" />
        3

Gesellschaften  unb  Bernssvereinigungen,  vor  allem  der  1880
von  dem  trefflichen  ,  Ingenieur  Max  Eyth  gegründeten
„De  u  t  s  ch  e  n  L  a  n  d  w  i  r  t  s  ch  a  f  t  s  -  Gesellschaft"  zu
Berlin  (D.  L.  G.),  die  sich  um  die  gründliche  wissenschaftliche  und
kaufmännische  Erziehung  der  deutschen  Landwirtschaft  besonders
große  Verdienste  erworben  hat.  Auch  die  Werbetätigkeit
der  landwirtschaftlichen  Fachpresse,  sowie  der  verschiedenen  privaten
Organisationen,  die  zur  Einführung  bestimmter  Düngemittel  gegründet ­
  worden  sind,  und  deren  zahlreiche  Schriften  trotz  gewisser
Einseitigkeit  doch  immerhin  dazu  beigetragen  haben,  die
gesamte  Landbevölkerung  von  der  bloßen  Routine  der  älteren
Zeit  zu  praktischen  Versuchen  auf  wissenschaftlicher  Grundlage ­
  anzuregen,  darf  hier  nicht  unerwähnt  bleiben.  Dabei  hat
übrigens  der  Großgrundbesitz  vielfach,  wie  anerkannt  werden
muß,  die  Führung  gehabt.  Das  Gleiche  gilt  von  der
Tätigkeit  der  landwirtschaftlichen  Versuchs  st  ationen,
  die  den  Düngemittelhandel  durch  ihre  Untersuchungen
im  Laufe  der  Zeit  zu  einem  streng  reellen  Geschäftszweig
gemacht  haben.  Sie  haben  den  Landwirt  durch  ihre  einwandfreie
analytische  Bewertung  der  Düngemittel  vor  betrügerischen  Machenschaften ­
  aller  Art  und  damit  verbundenen  Geldverlusten  bewahrt.
Mit  ihnen  haben  die  weitverbreiteten  landwirtschaftlichen
Genossenschaften  in  Aufklärung  und  Werbetätigkeit  zusammengewirkt.
  Auch  die  Tätigkeit  des  selbständigen  Düngem
  i  t  te  l  h  a  n  d  e  I  s  darf  schließlich  nicht  unerwähnt  bleiben.  Denn
auch  diese  volkswirtschaftlich  so  überaus  notwendige  Gruppe  von
Kaufleuten  hat,  wie  man  jetzt  im  Kriege  immer  mehr  erkennt,
wesentlich  dazu  beigetragen,  die  Entwicklung  der  deutschen  Landwirtschaft ­
  derartig  zu  fördern,  daß  sie  auf  einem  von  Natur  an
und  für  sich  keineswegs  besonders  wertvollen  Boden,  sowie  unter
einem  Klima,  das  ebenfalls,  von  kleinen  Landstrichen  im  Süden
und  Südwesten  abgesehen,  durchaus  nicht  als  besonders  günstig
bezeichnet  werden  darf,  doch  so  hohe  Erträge  hat  erzielen  können,
daß  es  ihr  gelungen  ist,  in  ihren  Ergebnissen  die  Landwirtschaft
zahlreicher  Länder  wesentlich  zu  überflügeln,  die  von  Natur  und
Klima  an  sich  weit  mehr  begünstigt  worden  sind.  Vor  dem  Kriege'
ist  diese  wissenschaftlich  und  statistisch  feststehende  Tatsache  in
anderen  Ländern  stets  neidlos  anerkannt  worden.  Obwohl  die
Verhältnisse  sich  seither  sowohl  in  Deutschland  als  auch  im  Auslande,
  gerade  im  Zusammenhang  mit  der  Beeinflussung  der
Düngemittelversorgung  durch  den  Krieg,  zum  Teil  stark  verändert
haben,  sei  statt  weiterer  Ausführungen  die  folgende  Tabelle  über
1'
        <pb n="6" />
        4

die  Hektarerträge  verschiedener  Länder  im  Jahre  1913  in
100  Kilogramm  hier  wiedergegeben:  -

Hektarertrüge  verschiedener  Länder  im  Jahre  1913  in  100  Kilogramm.

Name  des  Staates

Weizen

o
Cö
CO
s

Gerste

Hafer

Kartoffeln ­


Deutschland

23,6

19,1

22,2

21,9

168,6

England

21,0

—

18,2

16,6

164,4

Oesterreich

13,4

13,8

16,0

14.1

100,2

Ungarn

12,8

11,9

14,4

11,7

76,4

Frankreich

13,4

11,3

14,3

13,6

87,3

Italien  .......

12,2

11,4

9,4

12,6

61,6
67,7

Rumänien

14,1

10,6

10,7

10,2

Bulgarien

16,9

14,3

16,0

12,6

43,9

Rußland

9,1

8,5

9,9

9,4

74,4

Spanien

6,9

8,2

9,0

7.2

99,0

Vereinigte  Staaten  von
Amerika

10,2

10,2

12,8

10,5

60,8

Kanada  1912—13  .  .  .

14,1

12,1

16,1

14,8

111,6

Es  kann  hier  nicht  die  Aufgabe  sein,  die  großartige  Entwicklung ­
  der  deutschen  Landwirtschaft  vor  dem  Kriege  in  langen
statistischen  Tabellen  zu  schildern,  wohl  aber  seien  im  folgenden
in  großen  Zügen  die  Mittel  gekennzeichnet,  die  es  der  deutschen
Landwirtschaft  im  einzelnen  ermöglicht  haben,  wesentlich  mit  auf
Grund  der  künstlichen  Düngemittel,  die  ihr  von  der  heimischen
chemischen  Technik,  vom  Bergbau  und  auch  durch
überseeische  Einfuhr  (Salpeter,  Phosphate)  zur  Verfügung
gestellt  worden  sind,  jene  glänzenden  Ergebnisse  zu  erzielen.
Wir  wissen  heute,  daß  es  eine  Reihe  von  chemischen
Elementen  gibt,  welche  als  Bestandteile  der  Pflanzen  eine  mehr
oder  weniger  wichtige  Rolle  spielen,  da  sie  sich  im  Boden  befinden
und  vom  Boden  aus  durch  eigentümliche,  im  einzelnen  noch
keineswegs  aufgeklärte  Assimilationsprozesse  durch  die  Pflanzen
aufgenommen  werden.  Diese  Elemente  und  Verbindungen,  von
denen  die  wichtigsten  Phosphor,  Kali,  Kalk,  Magnesia,
Schwefel,  Eisenoxyd,  Natron,  Kieselsäure  und
Chlor  sind,  stellen  die  mineralischen  Baustoffe  der  Pflanzen
dar.  Ferner  sind  aber  die  Elemente  Sa  u  e  r  st  o  f  f,  Wasserstoff,
  Kohlenstoff  und  Stickstoff,  aus  denen  die  sogenannte ­
  organische  Welt  besteht,  ebenso  unentbehrlich  für  die
Pflanzen  wie  Wärme  und  Licht.
Während  die  klimatischen  Verhältnisse  und  die  Beschaffenheit
des  Bodens  über  Wärme,  Feuchtigkeit,  Lichtbestrahlung  usw.  ent-
        <pb n="7" />
        5

scheiden  und  von  der  menschlichen  Einwirkung  bisher  im  allgenreinen ­
  als  kaum  sehr  stark  abhängig  angesehen  werden  können,
liegt  der  Fall  bei  den  sogenannten  „Mineralstoffen"  völlig  anders.
Es  ist  die  Aufgabe  der  Industrie  geworden,  der  Landwirtschaft
jene  Verbindungen,  deren  sie  zur  Erzielung  größtmöglicher  Ernten
bedarf,  in  einer  Form  zur  Verfügung  zu  stellen,  in  der  sie  von
der  Pflanze  leicht  verarbeitet  werden  können.  Wir  wissen  jetzt,
daß  die  eingangs  erwähnte  Annahme  Liebigs,  es  fei  ziemlich
gleichgültig,  in  welcher  Form  der  Ersatz  der  dem  Boden  durch  die
Ernte  entzogenen  Bestandteile  erfolge,  unzutreffend  ist.  Gerade
die  Form  der  Anwendung  der  verschiedenen  Pflanzennährstoffe
entscheidet  in  vielen  Fällen  über  den  Erfolg,  der  unter  Umständen
bei  Außerachtlassung  gewisser  Erfahrungen  sogar  ganz  ausbleiben
kann,  selbst  wenn  man  scheinbar  alles  Mögliche  getan  hat,  um  den
Ertrag  zu  steigern.  Hier  liegt  vor  allem  das  wichtige,  in  dieser
kurzen  Darstellung  nicht  im  einzelnen  näher  zu  behandelnde
höchst  schwierige  Arbeitsgebiet  des  wissenschaftlichen  Agrikulturchemikers
  vor,  dessen  Ergebnisse  leider  so  oft  der  überzeugenden
Genauigkeit  und  Eindeutigkeit  ermangeln,  aus  dem  Grunde,  weil
sein  Arbeitsgebiet,  der  Boden,  niemals  als  eine  konstante  und
stets  reproduzierbare  Größe  anzusehen  ist,  und  weil  die  äußeren
Bedingungen  (Bearbeitung  und  physikalische  Beschaffenheit  des
Bodens,  Feuchtigkeit^-,  Temperatur-  und  Witterungsverhältnisse
aller  Art)  einer  Verallgemeinerung  der  im  Einzelfalle  erzielten
Ergebnisse  vielfach  entgegenstehen.  So  gehört  die  Agrikulturchemie ­
  auch  heute  noch,  trotz  der  vielen  glänzenden  und  mit  unendlicher
  Mühe  und  Sorgfalt  durchgeführten  Versuchsarbeiten,  zu
den  Wissenschaften,  deren  allgemeine  Ergebnisse  sich  nicht  so  sehr
als  stets  gültige  Gesetze,  vielmehr  nur  als  gewisse,  an  sich  durchaus ­
  richtige  Regeln  darstellen.  Diese  Regeln  erleiden  aber  unter
äußeren  Umständen  auch  vielfache  Ausnahmen.  So  erklärt
es  sich,  daß  die  Anschauungen  der  Agrikulturchemiker  iiber
manche  grundlegenden  Fragen  der  Düngerlehre  häufig  einer  gewissen ­
  Mode  unterworfen  gewesen  sind.  Ganz  ähnliche  Verhältnisse ­
  weisen  ja  auch  einzelne  Zweige  der  Medizin  auf.  Das  soll
und  kann  in  keiner  Weise,  in  der  Medizin  wie  in  der  Agrikulturchemie,
  einen  Vorwurf  gegen  jene  Männer  bedeuten,  die  durch
ihre  mühevolle  Tätigkeit  sich  den  Dank  der  ganzen  Nation  im
vollen  Maße  verdient  haben  und  ihn  jetzt  im  Kriege  ständig  noch
besonders  verdienen.  Es  soll  aber  die  Tatsache  erklären,  wie
es  kommt,  daß  die  Anschauungen  in  der  landwirtschaftlichen
DUngerlehre  im  einzelnen,  was  z.  B.  die  Bewertung  und  die  Per-
        <pb n="8" />
        Sendung  bestimmter  Düngemittel  betrifft,  häufig  geschwankt
haben.  Man  braucht  zum  Beispiel  nur  einmal  die  wissenschaftliche
Stallmistforschung  und  ihre  riesige  Literatur  durchzustudieren,
um  die  Wahrheit  bestätigt  zu  finden*).
Wenn  man  nun  versucht,  sich  ein  Bild  davon  zu  machen,  was
die  deutsche  Landwirtschaft  an  Mengen  und  Werten  auf  dem  Gebiete ­
  der  künstlichen  Düngemittel  verbraucht  hat,  so  ergibt  die
folgende  statistische  Zusammenstellung  trotz  aller  Unvollkommenheiten ­
  der  Berechnung,  die  den  einzelnen  Zahlen  anhaften  mögen,
daß  jedenfalls  fett  dem  Beginn  der  neunziger  Jahre  eine  außerordentlich ­
  große  Steigerung  des  deutschen  Verbrauchs  an  Handelsdünger ­
  erfolgt  ist.

Verbrauch  an  Handelsdünger  in  der  deutschen  Landwirtschaft
in  den  Jahren  1890  bis  1913.

1690
dz

1900
dz

1910
dz

1913
dz

Wert  in
Mll.  m.
1913

1.  Knochenmehl

990  008

634  622

810  630

800  000

ca.  7

2.  Guano  (künstlicher ­
  und  natürlicher) ­
  .  .

458  881

374  500

402  700

560  000

8

3.  Superphosphat
  einschl.
Mischdünger

5  000  000

7  549  437

12  670  600

20  000  000

120

4.  Thomasmehl

4  000  000

8  789  173

14  286  330

22  000  000

110

5.  Chilesalpeter

2  478  148

3  627  853

5  421  370

5  600  000

118

6.Schwefelsaur.
Ammoniak.  .

600  000

1  176  385

2  683  300

4  000  000

112

1.  Verschiedenes
(Kalkstickstoff,  \
Kalisalpeter,  /
Blutmehl,  \
Hornmehl  /
usw.)

500  000

500  000

600  000

600  000
500  000
1  100  000

20

8.  Kalisalze.  .  .

2  195  532

8  334  722

22  190  370

30  130  000

78

(reines  Kali)

—

1  172  114

3  595  160

6  363  000

Hiervon  entfallen ­
  auf
Rohsalze  .  .

/

7  944  394

19  539  640

24  989  000

(reines  Kali)

749  161

—

Summe

16  222  569

30  886  692

69  066  300

85  280  000

ca.  573

*)  Th.  Pfeiffer  in  Landwirtschaft!.  Versuchsstation.  1897,  Bd.  48,  189.
        <pb n="9" />
        7

Für  Kalk  kommen  ferner  noch  schätzungsweise  8  bis  10  Millionen ­
  Doppelzentner  in  Frage  mit  einem  Gesamtwerte  von  etwa
12  bis  14  Millionen  Mark.
Dem  zunehmenden  Düngerverbrauch  entsprechend  stiegen
aber  auch  die  Ernteergebnisse  vom  Hektar  sehr  erfreulich.  Da  die
Erträge  eines  einzelnen  Jahres  niemals  untereinander  als  vergleichbar ­
  angesehen  werden  dürfen,  so  sind  in  der  folgenden  Zusammenstellung ­
  die  deutschen  Ernteerträge  in  den  Jahren  1888
bis  1910  in  Zeitabschnitten  von  je  fünf  Jahren  wiedergegeben.
Die  Ergebnisse  der  drei  Jahre  1911,  1912  und  1913  weisen  denn
auch  bei  Hafer,  Kartoffeln  und  Heu  große  Schwankungen  aus.

Erträge  auf  1  ba  in  Doppelzentnern  (100  kg).

!
Periode  1  Roggen
1

Weizen

Gerste

Hafer

Kartoffeln ­


Wiesenhen


1885/86-1889/1890

11,8

15,1

15,0

14,1

101.7

32,7

1890/91—1894/1895

13,1

16,3

16,4

14,5

105,3

33,2

1895/96-1899/1900

14,2

I  17,7

16,6

15,8

116,5

40,6

1900/01—1901/1906

15,4

19,0

18,5

17,2

120.9

40,2

1906/06-1909/1910

16,7

19,9

19,5

!  19,2

139,0

43,4

1911

17,0

20,8

19,9

17,0

103.5

32,7

1912

18,6

22,6

21,9

1  19,4

150,3

46,0

1913

19,0

I  23,5

22,2

21,9

158,6

48,6

Betrachtet  man  die  beiden  vorstehenden  Tabellen  im  Zusammenhange, ­
  so  ergibt  sich,  daß  tatsächlich  im  allgemeinen  die  verinehrte
  Verwendung  von  Kunstdünger  mit  der  Zunahme  der
Erträge  Parallel  gegangen  ist.  Zu  beachten  bleibt  aber,  daß  diese
Zahlen  nur  Durchschnittserträge  darstellen,  und  daß  außerordentlich ­
  starke  Abweichungen  nach  oben  tote  auch  nach  unten  in
Deutschland  vorkommen.  Wenn  der  Präsident  des  Kriegsernährungsamtes ­
  erst  kürzlich  im  Reichstag  darauf  hingewiesen  hat,
daß  es  auch  heute  noch  in  einzelnen  Gebieten  Deutschlands  größere
und  kleinere  Güter  gibt,  die  grundsätzlich  die  Verwendung  von
Kunstdünger  verwerfen,  so  kann  man  sich  eine  Vorstellung  davon
machen,  wie  steigerungsfähig  an  sich  nach  dem  Kriege  der  Düngerverbrauch ­
  in  der  deutschen  Landwirtschaft  erscheint,  ganz  abgesehen
von  den  großen  Mengen  an  Kunstdünger,  die  nach  Friedensschluß
erst  einmal  dazu  verwendet  werden  müssen,  um  die  Böden  wieder
in  den  besseren  Kulturzustand,  wie  er  vor  dem  Kriege  bestanden
hat/  zu  setzen.
        <pb n="10" />
        Im  folgenden  sollen  nunmehr  die  wichtigsten  Pflanzennährstoffe ­
  und  ihre  Herstellung  vom  wirtschaftlichen  Standpunkt  aus
näher  betrachtet  werden,  wobei  das  Hauptgewicht  der  Darstellung ­
  auf  Deutschland  gelegt  werden  soll,  wobei  aber  auch
die  Nachbarländer  nicht  ganz  unberücksichtigt  gelassen  werden
können.  Die  Frage  der  Versorgung  mit  Kunstdünger  stellt  sich
zwar  augenblicklich  für  Deutschland  im  wesentlichen  als  ein
nationalwirtschaftliches  Problem  dar,  das  in  seiner  Bedeutung
hinter  dem  Munitionsproblem  kaum  zurückstehen  dürfte,  zudem ­
  auch  vielfach,  was  insbesondere  die  Beschaffung  von  gebundenem ­
  Stickstoff  anbetrifft,  mit  ihm  mittelbar  und  unmittelbar
zusammenhängt.  Für  die  Zukunft  aber  handelt  es  sich,  wie  auch
die  zukünftige  Gestaltung  Europas  erfolgen  wird,  um  ein  wirtschaftliches ­
  Weltproblem  ersten  Ranges.

Daß  für  die  Wichtigkeit  dieser  Frage  übrigens  auch  im  feindlichen ­
  Auslande  ein  lebendiges  Gefühl  vorhanden  geblieben  ist,
zeigt  die  Tatsache,  daß  das  Internationale  Landwirtschaftsinstitut
zu  Rom  auch  im  Kriege  in  Fühlung  mit  den  verschiedenen
landwirtschaftlichen  Organisationen  geblieben  ist,  und  daß
dieses  Institut  sich  dauernd  bemüht  hat,  durch  seine  Veröffentlichungen, ­
  von  denen  ein  Teil  auch  weiterhin  in  Rom  in
deutscher  Sprache  erscheint,  den  inneren  Zusammenhang
der  Völker,  die  auch  in  Zukunft  wieder  weitgehend  aufeinander
angewiesen  sein  werden,  trotz  allem  bis  zu  einem  gewissen  Grade
aufrechtzuerhalten.  Gerade  die  Industrie  der  Kunstdünger  zeigt
aber,  daß  ein  solcher  Zusammenhang  schließlich  auch  im  allgemeinen ­
  Interesse  liegt,  denn  es  bestehen  nun  einmal  gewisse
von  der  Natur  gegebene  Abhängigkeiten,  die  zwar  zeitweise,  wenn
auch  unter  erheblichen  Schädigungen,  für  die  einzelnen  Länder
in  den  Hintergrund  treten  können,  die  aber  nieinals  vollkommen
beseitigt  werden  können.  Dies  zeigt  auch  die  folgende  Übersicht,
in  der  die  drei  wichtigsten  Pflanzennährstoffe:  das  Kali,  der
gebundene  Stickstoff  und  die  Phosphorsäure,  für  sich  näher  betrachtet ­
  werden  sollen.
Um  jedoch  einen  gewissen  Anhalt  über  die  Menge  der  einzelnen ­
  Nährstoffe  zu  gewinnen,  die  dem  Boden  alljährlich  durch
die  wichtigsten  Kulturpflanzen  entzogen  werden,  sei  die  folgende
Tabelle  über  die  Zusammensetzung  einiger  Pflanzenaschen
wiedergegeben.
        <pb n="11" />
        9

Es  enthalten  1000  Teile  frischer  und  lufttrockener  Substanz
nach  Stutzer:

!
1  Asche
1

lhos-  &amp;gt;
rhor-  j
äure  1

T
Kali  j

Natron  j

Kalk  I

Magnesia ­
  ;

schwefelsaure ­


a)

Stroh

Winterroggen.  .  j

40,0

2,8  I

10,0

1,0

2,9

0,9  1

1,6

Sommerroggen  .

41,5

2,0

7,5

0,6

4,0

1,2

1,6

Winterwesten  •  ■

48.5

2,0

9,0

0,6

2,8

1,1

1,1

Sommerweizen  .

35,0

2,0

7,6

0,6

1.6

0,9

1,8

Gerste  •  .  .  '  .

49.6

1,8

12,0

5,0  1

3.3

0,9

1,8

Hafer

83,3

1,5  1

16,0

4,0

3,8

1,2

2,0

d

)  Samen  und

Früchte:

Winterroggen.  .

18.9

8,5

6,0

0,6

0,9

1  1,2

0,2

Sommerroggen.

19.5

9,2

6,0

0,6

0,5

2,0

0,2

Winterweizen.  .

17,8

8,0

5,0

0,6

0,7

1  1,5

0,2

Sommerweizen  .

19,0

8,5

6,0

0,5

0,6

2,2

|  0,2

Gerste  ....

26,9

8,0

7,0

1,0

1,0

1  1,6

1  0,4

Hafer  ....

26,5

7,0

5,0

1  0,6

0,6

1  1,7

0,5

c)  Wurzelgewächse:

Zuckerrüben  .  .

5,8

0,8

1  2,3

1  0,7

1  0,6

0,6

i  0,2

Kartoffeln.  .  .

9.5

1,2

6,0

0,2

0,3

0,6

0,6

Kohlrüben.  .  .

7.5

1  1.1

1  35

0,4

|.  0,4

0,3

0,7

Erbsen  ....

d)  Hülsrnfriichte:

27,5

10,0

12,5

1  0,2

0,9

1,3

0,8

Lupinen  .  .

37,0

14,2

'  11,4

0,3

2,8

4,5

3,2

Roiklee.  .  .  .

38,3

1  14,5

13,5

0.4

2,6

4,9

0,9

Weitzklee  .  .  .

33.8

1  11.6

12,3

0,2

2,5

3,9

1,6

II.  Die  einzelnen  mineralischen  Düngemittel
1,  Kalisalze.
Es  wird  stets  als  ein  besonderes  Glück  für  Deutschland  und
seine  gesamte  Volkswirtschaft  bezeichnet  werden  müssen,  daß  einer
der  wichtigsten  mineralischen  Pflanzennährstoffe,  das  Kali,  sich  in
Deutschland  in  großen  Mengen  und  unter  günstigen  Bedingungen
des  Abbaues  auf  bergmännischem  Wege  befindet,  wodurch  es  möglich ­
  ist,  nicht  nur  Deutschland  selbst  mit  hochprozentigen  löslichen
und  daher  besonders  gut  von  der  Pflanze  aufnehmbaren  Rohsalzen
zu  versorgen,  sondern  auch  aus  diesen  Rohsalzen  ohne  größere
Schwierigkeiten  noch  höherprozentige  Fabrikate  herzustellen,  die
in  der  chemischen  Technik  und  auch  in  der  Landwirtschaft  anderer
        <pb n="12" />
        10

Länder,  besonders  in  den  letzten  Jahrzehnten,  in  riesigen  Mengen
Aufnahme  gefunden  haben.
Man  unterscheidet  in  der  Kali-Industrie  hauptsächlich  zwischen
den  „Rohsalzen",  zu  denen  Katnit  bzw.  Sylvinit  und
Hartsalz,  Carnallit  und  Bergkieserit  gehören,  und
„Fabrikaten",  wozu  Chlorkalium,  schwefelsaures
Kali,  schwefelsaure  Kalimagnesia  und  verschiedene
sogenannte  „Kalidüngersalze"  mit  verschiedenem  Gehalt  an  Kali
gehören.  Der  deutsche  Kalibergbau  begann  im  Jahre  1861  mit
einer  Förderung  von  22  930  Doppelzentnern  Kalisalz.  Im  Jahre
1870  betrug  die  Förderung  2,88  Millionen  Doppelzentner,  1880
6,69  Millionen  Doppelzentner,  1890  12,79  Millionen  Doppelzentner
  und  1900  30,37  Millionen  Doppelzentner  Rohsalze.  Seit
dieser  Zeit  aber  ist  eine  weitere  und  geradezu  rapide  Steigerung
infolge  der  steigenden  Intensivierung  der  Landwirtschaft  in  fast
allen  Ländern  zu  verzeichnen,  denn  1906  betrug  die
Förderung  bereits  48,78  Millionen  Doppelzentner,  1910  81,61
Millionen  Doppelzentner,  und  1913  wurde  die  bisherige  Rekordförderung ­
  von  116  Millionen  Doppelzentnern  erreicht.  Etwa
90  v.  H.  dieser  Menge  finden  in  der  Landwirtschaft  Verwendung.
Der  Verbrauch  der  deutschen  Landwirtschaft  an  Kalisalzen  allein
betrug  im  Jahre  1913  30,13  Millionen  Doppelzentner  Salze,
während  das  Ausland  im  gleichen  Jahre  nur  19,65  Millionen
Doppelzentner  verbrauchte.  Auf  Kali  (IQO)  berechnet,  stellte  sich
dagegen  die  Menge  in  Deutschland  auf  6,36  Millionen  Doppelzentner,
  während  im  Auslande  insgesamt  4,68  Millionen  Doppelzentner
  zur  Verwendung  kamen,  ein  Beweis  mehr,  daß  das  Ausland ­
  bisher  aus  Gründen  der  Frachtersparnis  vor  allem  die  hochprozentigen ­
  Düngesalze,  wie  C  h  I  o  r  k  a  l  i  u  m  ,  s  ch  w  e  f  e  l  -
saures  Kali,  40prozentiges  Kalidüngesalz  usw.  bevorzugte.
Die  deutsche  Landwirtschaft  hat  dagegen  vor  dem  Kriege  fast  ausschließlich ­
  die  billigeren  Kaimt,  Sylvinit  und  Hartsalz,  sowie
40prozentiges  Kalidüngesalz  benutzt.
Jedenfalls  gibt  das  deutsche  Kalivorkommen  der  deutschen
Landwirtschaft  unseren  Feinden  gegenüber  einen  nicht  zu  unterschätzenden ­
  Vorteil,  dessen  -Bedeutung  -bei  längerer  Dauer  '  des
Krieges  immer  mehr  hervortreten  muß,  da  dann  das  Gesetz  des
„Minimums"  in  den  Erträgen,  beim  Fehlen  oder  auch  bei  unzureichender ­
  Versorgung  des  Bodens  mit  eine  m  wichtigen  Pflanzennährstoff,
  allen  Verfügungen  der  Behörden  zum  Trotz  zu  einer
verhängnisvollen  Minderung  der  Ernteergebnisse  führen  muß.
Es  erscheint  daher  durchaus  möglich,  daß  die  schlechten  Ergebnisse
        <pb n="13" />
        11

der  Welternte  im  Jahre  1916  bereits  mit  dieser  Tatsache  im
engsten  Zusammenhange  stehen,  und  es  ist  zu  erwarten,  daß  auch
im  Jahre  1917  das  Fehlen  der  Kalisalze  in  den  meisten  Ländern
zu  einer  weiteren  Minderung  der  Erträge  führen  wird,  selbst
wenn,  was  nicht  der  Fall  ist,  die  Möglichkeit  bestände,  dem  Baden
eine  reichlichere  Stickstoff-  und  Phosphorsäuredüngung  in  den
Ententeländern  zuzuführen.
Welche  Rolle  das  Kali  selbst  beim  Aufbau  der  Pflanzen
spielt,  ist  in  wissenschaftlich  exakter  Weise  erst  ziemlich  spät  erkannt
worden.  Hier  sind  es  vor  allem  die  Untersuchungen  des  überhaupt ­
  um  die  Förderung  der  deutschen  Landwirtschaft  hochverdienten ­
  Professors  H  e  l  l  r  i  e  g  e  l  gewesen,  der  durch  exakte
Vegetationsversuche  mit  Zuckerrüben  nachgewiesen  hat,  baß
wenn  man  schrittweise  der  Rübenpflanze  das  Kali  entzieht,  bei
einem  gewissen  Punkte  der  Produktion  an  Trockensubstanz  einseitig ­
  die  Produktion  an  Zucker  sinkt,  so  daß  hierdurch  die  schon
von  früheren  Forschern  vermutete  Beziehung  des  Kalis  zur  Bildung ­
  von  Zucker  und  anderen  Kohlehydraten  als  sicher  erwiesen
anzusehen  ist.
Die  physiologische  Bedeutung  des  Kalis,  die  vor  allem  auch
in  Hinblick  auf  die  Bildung  des  Protoplasmas,  das  stets
gewisse  Mengen  an  Kali  enthält,  an  sich  durchaus  feststeht,  ist  auch
bis  in  die  neueste  Zeit  hinein  Gegenstand  eingehender  und  noch
keineswegs  als  abgeschlossen  zu  erachtender  Untersuchungen  gewesen. ­
  Das  Gleiche  gilt  von  der  Frage,  ob  und  in  welcher  Menge
das  Kali  bei  der  Düngung  zum  Teil  durch  das  billigere  und  viel
mehr  verbreitete  Natron  ersetzt  werden  kann.  Die  große  Mehrzahl
  der  kalihaltigen  Handelsdünger,  insbesondere  die  Rohsalze,
enthalten  ebenfalls  erhebliche  Mengen  an  Natriumverbindungen,
die  zwar  an  sich  wohl  auch  einen  gewissen  wachstumfördernden
Einfluß  durch  Deckung  des  Mineralstoffhungers  der  Pflanzen
ausüben  können  und  daher  nicht  ohne  weiteres  als  wertlos  angesehen ­
  werden  dürfen.  Daß  in  der  Tat  die  Natriumverbindungen
an  sich  für  das  Pflanzenwachstnm  als  notwendig  erscheinen  und
tatsächlich  einen  produktionsfördernden  Einfluß  ausüben  können,
beweist  z.  B.  nicht  nur  die  Verwendung  des  zwar  in  der  Hauptsache ­
  nach  als  Stickstoffdünger  zur  Anwendung  gelangenden
Chilisalpeters  (Natriumnitrat),  sondern  auch  die  mehrfach ­
  vorgeschlagene  Verwendung  von  Gewischen  von  schwefelsaurem ­
  Ammoniak  mit  Kochsalz  (Natriumchlorid).  Es  steht  jedenfalls ­
  fest,  daß  eine  solche  Mischung  manchmal  viel  günstiger  wirken
kann  als  reines  Sulfat.  Neuerdings  kommt  übrigens  auch  das  söge-
        <pb n="14" />
        nannte  N  a  t  r  i  u  m  a  mm  o  n  i  aks  u  I  f  a  t  in  den  Handel,  das
durch  Absättigung  des  gegenwärtig  in  großen  Mengen  zur  Verfügung ­
  stehenden  Natriumbisulfats  mit  Ammoniak  erhalten  wird
und  sich  ebenfalls  gut  bewährt  hat,  ein  Beweis  mehr  für  den  gewissen ­
  Wert  des  Natrons  als  Düngemittel  und  für  die  Möglichkeit, ­
  Natriumverbindungen  wenigstens  zu  einem  Teil  als  Ersatz
für  Kalisalze  zu  benutzen.
Auf  der  anderen  Seite  darf  nian  aber  keineswegs  soweit
gehen  wie  in  den  Vereinigten  Staaten,  wo  nian  bei  dem
zurzeit  infolge  des  deutschen  Ausfuhrverbotes  für  Kalisalze
vorhandenen  Mangel  geradezu  einer  möglichst  umfangreichen  Verwendung ­
  von  Natriumverbindungen  an  Stelle  der  fehlenden  Kalisalze ­
  das  Wort  gesprochen  hat.  Hier  liegen  denn  doch  die  Verhältnisse ­
  ganz  anders,  da  es  etwas  ganz  anderes  ist,  ob  man
das  Natron  als  Zusatz  oder  als  vollkommenen  Ersatz  des  Kalis
benutzen  will.  Wie  schwer  die  Unterbindung  der  deutschen  Kaliausfuhr
  die  Landwirtschaft  unserer  Gegner  getroffen  hat,  das  läßt
sich  am  deutlichsten  aus  den  immer  wieder  zutage  tretenden  Bemühungen ­
  erkennen,  Ersatzmittel  mehr  oder  weniger  zweifelhafter
Natur  zu  beschaffen.  So  hat  man  wiederum  auf  die  seit  fast
einem  halben  Jahrhundert  vollkommen  verlassenen  Methoden
zur  Kaligewinnung  zurückgegriffen  und  bemüht  sich  mit
recht  geringem  Erfolge,  die  in  der  Natur  in  großen  Mengen
vorhandenen,  jedoch  unlöslichen  kalihaltigen  Gesteine  wie  Feldspate, ­
  Leucite  und  kalihaltige  Laven  auf  chemischem
Wege  aufzuschließen.  In  England  dagegen  hat  man  den  Vorschlag ­
  gemacht,  die  Aschen  von  Tangpflanzen  auf  Kalisalze
zu  verarbeiten.
Es  sind  auch  während  des  Krieges  zu  wiederholten  Malen
Nachrichten  nach  Europa  gedrungen,  wonach  es  jetzt  doch  gelungen
sein  soll,  die  Kalifrage  in  den  Vereinigten  Staaten,  in
Kuba,  in  S  p  a  n  i  e  n,  Italien  und  in  England  zu
lösen,  aber  bisher  haben  sich  diese  Nachrichten  bei  eingehenderer
Prüfung  immer  wieder  als  unrichtig  erwiesen,  und  das  deutsche ­
  Kali  Monopol  kann,  bisher  wenig  sie  ns,
noch  als  g  ä  nz  l  i  ch  u  n  e  r  s  ch  ü  t  t  e  r  t  bezeichnet  w  e  r  -
d  e  n.  Es  sei  übrigens  darauf  hingewiesen,  daß  zu  dem  hartnäckigen
Festhalten  der  Franzosen  an  dem  Gedanken  der  Wiedergewinnung
Elsaß-Lothringens  nicht  zum  geringsten  Teile  die  von  allerlei
Wirtschaftspolitikern  genährte  Hoffnung  mitgewirkt  hat,  durch  den
Erwerb  der  im  südlichen  Elsaß  befindlichen  Kalisalzläger  das
deutsche  Monopol  brechen  zu  können.
        <pb n="15" />
        13

Man  hat  in  Amerika,  wo  der  Kalimangel  bei  der  früher
fo  großen  Einfuhr  doch  allmählich  zu  erheblichen  Befürchtungen
für  die  Zukunft  Veranlassung  gegeben  hat,  versucht,  durch  Zusammenschmelzen ­
  von  Feldspat  und  phosphorsaurem  Kalk  brauchbare ­
  Düngemittel  herzustellen.  Es  geht  jedoch  aus  den  Untersuchungen ­
  des  am  United  States  Geologien!  Survey
in  Washington  tätigen  Chemikers  Waggaman  mit  voller
Deutlichkeit  hervor,  daß  diese  Düngemittel  nicht  den  gehegten
Erwartungen  entsprochen  haben,  da  sie  wert  weniger  produktionssteigernd ­
  eingewirkt  haben,  als  wenn  Kali  und  Phosphor  -
säure  in  wasserlöslicher  Form  vorhanden  gewesen
wären.
Man  hätte  nun  glauben  sollen,  daß  die  Kenntnis  von  der
günstigen  Wirkung  der  löslichen  Kalisalze  im  Gegensatz
zu  der  außerordentlich  geringen  Einwirkung  der  unlöslichen  Verbindungen ­
  sich  besonders  in  Deutschland  in  den  Kreisen  der  Landwirtschaft ­
  fo  allgemein  hätte  durchsetzen  müssen,  daß  der  Versuch,
gemahlene  kalihaltige  Gesteine  wie  Phonolith  aus  der  Eifel
abzusetzen,  von  vornherein  zu  einem  Mißerfolg  hätte  führen
müssen.  Es  hat  aber  erst  mehrjähriger  und  sehr  eingehender
Nachweise  verschiedener  Agrikulturchemiker  bedurft,  um  gegen  die
Reklame,  die  man  unberechtigterweise  für  einen  derartigen  „Kalidünger" ­
  mehrere  Fahre  hindurch  nicht  ohne  jeden  finanziellen
Erfolg  gemacht  hat,  wirksam  angehen  zu  können.  Da  selbst  im
Laboratorium  nur  ein  sehr  geringer  Teil  des  Kalis  im  Phonolith
mit  Hilfe  von  verdünnter  Salzsäure  in  der  Wärme  in  Lösung  gebracht ­
  werden  kann  und  da  eine  fo  große  Säuremenge  im  Boden
praktisch  niemals  in  Frage  kommen  kann,  so  darf  man  in  der  Tat
wohl  unter  Berufung  auf  fast  alle  landwirtschaftlichen  Autoritäten,
zumal  in  Zeiten,  wo  es  auch  für  den  Landwirt  gilt,  seine  Mittel  so
rationell  wie  möglich  zu  verwerten,  vor  solchen  Düngemitteln
warnen  und  umso  nachdrücklicher  auf  die  große  Bedeutung  der
löslichen  Kalisalze  und  vor  allem  auch  der  hochprozentigen  Verbindungen, ­
  die  man  jetzt  in  Deutschland,  schon  um  an  Frachten
zu  sparen,  weit  mehr  als  im  Frieden  bevorzugen  sollte,  aufmerksam ­
  machen.  Nicht  mit  Unrecht  hat  der  Präsident  des  Kriegsernährungsamts ­
  darauf  hingewiesen,  daß  die  ausreichende  Versorgung ­
  der  deutschen  Landwirtschaft  mit  Kalisalzen  im  wesentlichen ­
  ein  Verkehrsproblem  darstelle.  Es  empfiehlt  sich
daher  dingend,  daß  auch  die  deutsche  Landwirtschaft  und  ebenso  die
Landwirtschaft  in  den  verbündeten  Staaten  wie  in  den  besetzten
Gebieten,  auf  deren  gesteigerte  Leistungen  wir  im  kommenden
        <pb n="16" />
        14

Jahre  außerordentlich  zählen  müssen,  diese  hochprozentigen  Salze
in  höherem  Grade  als  früher  üblich  verwenden.  Professor
Gerlach-Bromberg  hat  übrigens  unlängst  berechnet,  daß
sich  bei  weiten  Entfernungen  unter  den  heutigen  Verhältnissen,
trotz  des  an  sich  teuren  Preises  der  hochprozentigen  Kalisalze,
bei  ihrem  Bezüge  für  den  Landwirt  ein  Gewinn  errechnen  läßt.

2.  Die  st  i  ck  st  o  f  f  h  a  l  ti  g  e  n  D  ii  n  g  e  m  i  t  t  e  l.
Die  Bedeutung  des  Stickstoffs  in  chemisch  gebundener  Form
fiir  das  Pflanzenwachstum  ist  längere  Zeit  hindurch  auch  von
Liebig  nicht  genügend  beachtet  worden,  während  andere  Agrikulturchemiker, ­
  wie  vor  allem  Sprengel,  der  in  gewissem
Sinne  als  ein  besonders  verdienter  Vorläufer  L  i  e  b  i  g  s  bezeichnet ­
  werden  muß,  W  i  l  f  a  r  t  h  und  andere  die  Notwendigkeit  einer
reichlichen  Stickstoffdüngung  für  die  Erzielung  maximaler  Ernten
stets  eifrig  betont  haben.  In  der  Tat  ist  der  gebundene  Stickstoff
als  ein  unentbehrlicher  Pflanzennährstoff  zu  bezeichnen,  und  mit
vollem  Recht  hat  der  um  die  Wissenschaft  wie  die  landwirtschaftliche
Praxis  gleich  hochverdiente  praktische  Landwirt  S  ch  u  I  tz  °  L  u  p  i  tz
den  Stick  st  off  nach  st  dem  Wasser  als  den  wichtigsten
  Vegetationsfaktor  bezeichnet.  Das  ergibt  sich  aus
der  Tatsache,  daß  die  Eiweißverbindungen  stickstoffhaltig  sind,  und
daß  ohne  genügende  Versorgung  mit  gebundenem  Stickstoff  eine
Bildung  von  Protoplasma  mit  seinen  mannigfachen,  höchst  kompliziert ­
  zusammengesetzten  Stickstoffverbindungen  unmöglich  ist.
Vom  Protoplasma  aber  geht  der  ganze  Stoffwechsel  der
Pflanze  aus.
Der  Stickstoff  weist  in  der  Natur  einen  für  das  Leben  von
Pflanze  und  Tier  höchst  wichtigen  Kreislauf  aas,  der  einige  Ähnlichkeit ­
  mit  dem  bekannteren  Kreislauf  des  Kohlenstoffs  bietet.  Bei
dem  letzteren  handelt  es  sich  um  die  Aufnahme  der  Kohlensäure ­
  der  Luft  durch  die  grüne  Pflanze.  Die  Pflanze  vermag
nun  die  Kohlensäure  zum  Aufbau  von  Stärke  und  anderen  organischen ­
  Substanzen  zu  verwerten,  die  von  den  höheren  lebenden
Wesen,  dew  Mikroorganismen,  Tieren  und  Menschen  verzehrt
werden.  Bei  diesem  physiologischen  Vorgang  erfolgt  unter  der
Einwirkung  von  Sauerstoff  eine  Oxydation,  und  es  entsteht  als
Endprodukt  dieses  Prozesses  wieder  die  Kohlensäure,  die  in  die
Atmosphäre  zurückgelangt,  um  den  gleichen  Kreislauf  wieder  zu
beginnen.
        <pb n="17" />
        15

Beim  Stickstoff  dagegen  liegen  die  Verhältnisse  zweifellos  viel
komplizierter  und  auch  ungünstiger,  da  der  elementare  L-tickstofl
an  sich  nur  in  Ausnahmefällen  als  Nährstoff  für  die  Pflanzen
in  Betracht  kommt,  und  da  die  im  Boden  vorhandene  Menge,  die
stets  sehr  gering  ist,  sich  noch  dazu  meistens  in  einer  Form  befindet,
in  der  sie  für  den  Aufbau  der  Pflanzen  nicht  verwertbar  ist.
Wir  können  demnach  beim  Stickstoff  nicht  ähnlich ­
  wie  bei  m  Kohlenstoff  von  einer  im  wesentlichen ­
  sich  gleichbleibenden  Bilanz  sprechen.
Zwar  gibt  es  auch  in  der  Natur  chemische  Prozesse,'  die  zu  einer
'Bindung  des  Luftstickstoffes  führen  können.  Hierzu  gehört  vor
allem  die  Bildung  von  falpetrigfaurem  Aminonium  (Ammoniumnitrit), ­
  das  sich  besonders  bei  elektrischen  Entladungen  bildet  und
daher  bei  Gewitterregen  stets  in  größeren  Mengen  dem  Boden  zugeführt ­
  wird.  Ferner  gibt  es  aber  auch  eine  Gruppe  von  Pflanzen,
  die  mit  Hilfe  von  Bakterien  den  Stickstoff  der  Atmosphäre
zu  binden  imstande  sind  und  auf  chemisch  bisher  im  einzelnen  nicht
aufgeklärte  Weise  dieses  Element  zum  Aufbau  von  organischen  Verbindungen ­
  benutzen  können.  Zu  dieser  Gruppe  von  Pflanzen  gehören ­
  insbesondere  die  sogenannten  Leguminosen,  über  die  der
bereits  genannte  Professor  H  e  l  I  r  i  e  g  e  l  feine  klassischen  Untersuchungen ­
  angestellt  hat.  Auf  Grund  dieser  Forschungen  gelang  es,
eine  wissenschaftliche  Erklärung  für  die  stickstoffsammelnde  Tätigkeit
von  Pflanzen  wie  Lupine,  Seradella,  Bohnen,  Erbsen, ­
  Wicken  usw.  zu  erbringen.  Erfahrungsmäßig  ist  in
der  Landwirtschaft  schon  lange  vor  der  Entdeckung  H  e  l  l  r  i  e  g  e  l  s
bekannt  gewesen,  daß  man  durch  sogenannte  Gründüngung,
d.  h.  durch  Unterpflügen  von  solchen  Pflanzen,  die  noch  im  Herbste
auf  den  Stoppelfeldern  mit  Erfolg  angebaut  werben  können,  eine
Verbesserung  des  Stickstoffgehalts  des  Bodens  herbeizuführen  vermag. ­
  Leider  sind  die  großen  Hoffnungen,  die  man  auf  eine
weite  Ausdehnung  dieser  Anbaumethoden  geknüpft  hat,  nicht  ganz
in  Erfüllung  gegangen,  und  auch  die  Herstellung  von  Bakterienkulturen ­
  auf  fabrikatorischem  Wege  hat  nicht  den  von  ihren  Entdeckern ­
  erhofften  großen  Umfang  angenommen,  obwohl  man  mit
Präparaten,  wie  dem  „Nitragin",  in  vielen  Fällen  recht  günstige
Wirkung,  besonders  aus  früher  bakterienarmen  Böden,  hat  erzielen ­
  können.
So  bleibt  denn  außer  der  stets  notwendigen  Zufuhr  au
Stalldünger,  auf  dessen  große  Bedeutung  im  Kriege  besonders ­
  mit  Rücksicht  auf  den  Gehalt  desselben  an  gebundenem
Stickstoff  noch  später  eingegangen  werden  soll,  nur  die  Mög-
        <pb n="18" />
        16

lichkeit,  eine  Reihe  der  verschiedenen  stickstoffhaltigen  Düngemittel
zu  benutzen,  die  den  gebundenen  Stickstoff  in  Form  von  salpetersauren ­
  Salzen,  von  Ammoniakverbindungen ­
  oder  in  verschiedener  organischer  Bindung  enthalten.  Diese
Stickstoffdünger  werden  aber  im  Boden  sämtlich  auf  bisher  ebenfalls ­
  im  einzelnen  noch  keineswegs  völlig  aufgeklärte  Weise  zum
Ausbau  der  Pflanzen  benutzt,  und  sie  gelangen  auch  ebenso  wie
die  anderen  Düngemittel,  die  man  genau  wie  -bie  Stickstoffdünger
stets  im  Überschuß  anwenden  muß,  nur  zum  Teil  zur  Wirkung.
Die  Frage,  inwieweit  die  einzelnen  stickstoffhaltigen  Düngemittel
selbst  im  folgenden  Jahre  noch  eine  Nachwirkung  äußern  können,
die  bei  einzelnen  Düngemitteln  als  ziemlich  sicher  nachgewiesen
erscheint,  kann  hier  unerörtert  bleiben.  Jedenfalls  ergibt  sich
auch  bei  den  stickstoffhaltigen  Düngemitteln  die  unbedingte  Notwendigkeit, ­
  jährlich  einmal  und  nnter  Umständen
auch  zweimal  diese  Düngemittel  soweit  wie  irgend  möglich
in  ausreichenden  Mengen  dem  Boden  zuzuführen,  und  es  wäre
jedenfalls  der  falscheste  Grundsatz,  wenn  man  gerade  jetzt  infolge
der  teueren  Preise  für  stickstoffhaltige  Düngemittel  hier  zu  einer
übertriebenen  Sparsamkeit  gelangen  würde.  Gilt  es  doch  gerade
vom  Stickstoff  in  ganz  besonders  hohem  Grade,  daß  hohe  Erträge
an  Körnerfrüchten  wie  auch  an  Hackfrüchten  nur  bei  sachgemäßer
und  ausreichender  Volldüngung  erzielt  werden  können.  Wenn  daher ­
  Herr  von  Oldenburg-Januschau  in  seinem  offenen
Briefe  vom  14.  Januar  1917,  der  im  „Berliner  Lokal-Anzeiger"
vom  24.  Januar  1917  erschienen  ist,  gesagt  hat:  „Arbeitskräfte,
Stickstoffdünger  und  lohnende  Preise  können  und  werden
allein  das  Vaterland  vor  Hungersnot  retten,  alles  andere  ist
leeres  Strohdreschen",  so  wird  man  ihm  bezüglich  der  ersten  Bedingungen ­
  nur  Recht  geben  können.
Es  war  oben  erwähnt  worden,  daß  die  dem  Boden  zugeführten ­
  stickstoffhaltigen  Düngemittel  nur  zum  Teil  wieder  in  Form
der  geernteten  Produkte  gewonnen  werden  können.  Ein  Teil
dieser  Verbindungen  verschwindet  stets  im  Untergründe,  ein  anderer ­
  Teil  wird  ausgewaschen  oder  in  schwer  zersetzliche  Verbindungen ­
  übergeführt.  Ein  -hoher  und  nicht  unwesentlicher  Anteil
.unterliegt  aber  zuvor  der  zerstörenden  Einwirkung  von  Bodenbakterien, ­
  -die  zu  einer  Abspaltung  von  elementarem,  meistens  als
nutzlos  anzusehendem  Stickstoff  führt.  Jedenfalls  erscheint  der
Kreislauf  des  Stickstoffes  durchaus  nicht  so  einfach  geschlossen  wie
derjenige  des  Kohlenstoffs,  und  es  erhebt  sich  nun  die  Frage,  welche
Mittel  zur  Verfügung  stehen,  um  den  kostbaren  gebundenen  Stick-
        <pb n="19" />
        17

stoff  in  ungeahnten  Mengen  für  die  landwirtschaftliche  Bestellung
zu  erhalten.
Diese  Frage  führt  naturgemäß  zu  einer  kurzen  Erörterung
des  sogenannten  Stickstoffprobleins,  über  das  man  selbst
unter  Fachleuten  vielfach  gänzlich  unzutreffende  Ansichten  finden
kann.  Diese  etwas  befremdende  Tatsache  erklärt  sich  leicht,  wenn
man  bedenkt,  daß  die  ganze  Frage  mit  ihren  vielseitigen  technischen
und  wirtschaftlichen  Beziehungen  in  den  beiden  letzten  Jahrzehnten
häufig  ihre  Gestalt  verändert  hat,  und  daß  auch  Interessenten
aller  Art  nebenher  ein  unmittelbares  Interesse  daran  gehabt
haben,  dieses  für  die  ganze  Menschheit  so  wichtige  Problem  in  einseitiger ­
  Weise  darzustellen.*)
Zum  besseren  Verständnis  der  Stickstoffrage  sei  es  gestattet,
an  jenen  viel  zitierten  Vortrag  des  englischen  Chemikers  S  i  r
William  Crookes  zu  erinnern,  der  in  seiner  später  zu  einer
größeren  Schrift  erweiterten  Darstellung  über  das  „Weizenprobte
  m"  (1899)  der  Menschheit  ein  warnendes  Menetekel  zugerufen
  hat.  C  r  o  o  k  e  s  wies  darauf  hin,  daß  in  absehbarer  Zeit
die  Erschöpfung  der  erst  seit  einem  Jahrhundert  abgebauten  Lagerstätten ­
  des  Chilisalpeters  die  gesamte  Menschheit  einer  Katastrophe
aussetze,  die  nur  dann  abgewendet  werden  könne,  wenn  es
gelingen  werde,  für  diese  gewaltigen  Mengen  an  gebundenem
Stickstoff  anderweitig  Ersatz  zu  schaffen.  Crookes  glaubte  damals, ­
  daß  diese  Erschöpfung  bereits  in  den  ersten  Jahrzehnten
des  20.  Jahrhunderts  ihre  verhängnisvolle  Wirkung  äußern  werde.
Schon  im  Jahre  1935  werde  die  Nachfrage  nach  Weizen  so  stark
sein,  daß  der  Ertrag  der  Bodenfläche  im  Verhältnis  von  12,7  :20  ■
gesteigert  werden  müsse,  um  den  notwendigen  Nahrungsvorrat
für  die  steigende  Bevölkerung  zu  beschaffen.  Hierzu  seien  aber
theoretisch  etwa  12  Millionen  Tonnen  Salpeter  mehr  notwendig,
als  im  Jahre  1899,  wo  die  Gesamtförderung  rund  1%  Millionen
Tonnen  betrug,  benutzt  worden  feien.  Oder  anders  ausgedrückt,
selbst  unter  der  Annahme,  daß  im  Jahre  1935  in  Chile  noch
50  Millionen  Tonnen  Salpeter  zur  Verfügung  stünden,  so  werde
dieser  Vorrat  bei  voller  Bedarfsdeckung  bereits  nach  etwa  vier
Jahren  erschöpft  sein.  Auf  Grund  dieser  Berechnungen,  deren  innere
Berechtigung,  was  die  Gesamtmenge  der  chilenischen  Salpetermenge
  anbetrifft,  zwar  von  verschiedenen  Seiten  und  anscheinend

*)  Vergleiche  hierüber  die  Schrift  des  Verfassers  „Die  Stickstoff-Frage
und  ihre  Bedeutung  für  die  deutsche  Volkswirtschaft".  Berlin  1911.
W.  Krayn.
Düngemittel.  z
        <pb n="20" />
        18

auch  nicht  ohne  Grund  bestritten  worden  ist,  ohne  dost  hierdurch ­
  die  Bedeutung  der  Frage  an  sich  als  entscheidendes  Problem
für  die  Ernährung  der  Menschheit  in  einem  späteren  Zeitraum
erschüttert  erscheint,  hatCrookes  mit  vollem  Recht  der  folgenden
Ansicht  Ausdruck  gegeben:  „Die  Bindung  des  atmosphärischen
Stickstoffs  ist  eine  der  größten  Entdeckungen,  welche  dem  Scharfsinn ­
  des  Chemikers  gestellt  worden  sind.  Sie  ist  sicherlich  von  ausschlaggebender ­
  Bedeutung  in  ihrer  praktischen  Beziehung  für  die
zukünftige  Wohlfahrt  und  das  Glück  der  zivilisierten  Nationen."
Zum  Glück  für  die  Welt  und  ganz  besonders  für  Deuts  chland
  in  dieser  schweren  Zeit  ist  die  Lösung  dieses  gewaltigen
Problems  bereits  vor  dem  Kriege  auf  verschiedene  Weise  möglich
geworden,  und  es  kann  auch  an  dieser  Stelle  nicht  nachdrücklich  genug
darauf  hingewiesen  werden,  daß  ohne  die  unter  Bereitstellung
  bedeutender  Mittel  des  Reiches  erfolgte ­
  großzügige  fabrikatorische  Durchführung ­
  verschiedener  Methoden  zur  Bindung  des
Stickstoffs  alle  Kraft  und  alle  Begeisterung  der  Truppen  und
selbst  die  genialen  Leistungen  der  deutschen  Heerführer  sich  sehr  bald
vor  eine  unlösbare  Aufgabe  gestellt  gesehen  hätten,  wenn  es  nicht
möglich  gewesen  wäre,  den  riesigen  militärischen  Bedürfnissen  an
gebundenem  Stickstoff  im  Kriege  nachzukommen,  die  durch  keinerlei
Vergleich  nüt  den  Friedensbedürfnissen  ermessen  werden  können,
und  auch  ohne  die  Einfuhr  von  annähernd  einer  Million  Tonnen
Chilesalpeter,  auf  deren  Abschneidung  unsere  Gegner  die  größten
Hoffnungen  gesetzt  hatten,  auszukommen.  Daß  dabei  allerdings  die
Landwirtschaft  in  den  Kriegsjahren  nur  mit  wesentlich  geringeren
Mengen  an  Stickstoffdüngemitteln  als  ini  Frieden  bedacht  werden
konnte,  läßt  sich  leider  nicht  bestreiten,  aber  gerade  diese  Tatsache
läßt  auch  die  Bemühungen  der  Deutschen  Landwirtschafts-Gesellscl)aft
  und  aller  einsichtigen  Landwirte  und  Wissenschaftler  zur
möglichst  restlosen  Ausnutzung  des  im  Stalldünger  vorliegenden
gewaltigen  Kapitals  an  gebundenem  Stickstoff  umso  notwendiger
erscheinen.  Hier  vermag  der  Landwirt  in  der  Tat  selbständig
schaffend  an  die  Seite  der  chemischen  Industrie  zu  treten,  die  ihn
bisher  so  reichlich  mit  mineralischen  Düngemitteln  versorgt  hat,  daß
man,  Line  Zeitlang  wenigstens,  auch  mit  geringeren  mineralischen
Düngemittelgaben  wird  auskommen  können,  wenn  man  nur  auf
eine  sachgemäße  Pflege  des  Naturdüngers  die  heute  ganz
besonders  gebotene  größere  Sorgfalt  verwendet.
Welche  stickstoffhaltigen  Düngemittel  kamen  nun  aber  bis  zuin
Kriege  für  die  deutsche  Landwirtschaft  im  wesentlichen  in  Betracht?
        <pb n="21" />
        2'

19
Man  hat  hier  vier  verschiedene  Gruppen  von  Verbindungen  zu
unterscheiden.
Erstens  die  Verbindungen  der  S  a  l  p  e  t  e  r  s  ä  u  r  e,  wie  Chilesalpeter ­
  und  norwegischer  sogenannter  L  u  f  t  s  a  I  p  e  t  e  r.  Der
Chilesalpeter  ist  chemisch  im  wesentlichen  als  das  Natriumsalz  der
Salpetersäure  aufzufassen,  er  enthält  fedoch  im  Naturzustände
einige  Verunreinigungen,  die  zum  Teil  wegen  ihrer  schädlichen
Wirkungen  auf  das  Pflanzenwachstum  (das  gilt  besonders  vom
Natriumperchlorat)  möglichst  vollständig  entfernt  werden
müssen.  Der  norwegische  Luftsalpeter  dagegen  ist  ein
chemisch  einheitlicher  Körper,  der  auf  synthetischem  Wege  erhalten
wird  und  durch  Neutralisation  von  Salpetersäure  mit
Kalk  ensteht.  In  bezug  auf  die  Düngewirkung  besteht  jedoch
zwischen  dem  Natronsalpeter  und  dem  Kalksalpeter  kein  wesentlicher ­
  Unterschied.
An  zweiter  Stelle  benutzt  die  moderne  Landwirtschaft  in
immer  steigendem  Matze  die  '©alae  des  Ammoniaks,  unter
denen  das  schwefelsaure  Salz  weitaus  die  grötzte  Bedeutung  gewonnen ­
  hat.  Die  Weltproduktion  an  schwefelsaurem  Ammoniak
ist  in  den  letzten  Jahren  außerordentlich  stark  angestiegen,  wie
die  folgende  Tabelle  zeigt,  in  der  die  wichtigsten  Produktionsländer ­
  und  ihre  Erzeugung  in  1000  Tonnen  auf--geführt
  sind.

Jahr

Deutschs
land  1

England

Vereinigte ­
  1
Staaten!

Frankreich ­


Übrige
Länder

Welt

1900

120

213

58

37

68

496

1905

203

270

100

47

80

700

1910

373

369

116

56

143

1057

1911

418

379

115

60

209

1081

1912

492

394

160

69

151

1256

1913

549
1

1  439
1

177

75

172

1412

Auch  die  Salpeterproduktion  ist  während  dieser  Zeit
erheblich  gestiegen  und  mit  ihr  auch  die  deutsche  Einfuhr,  die  im
Frieden  fast  zwei  Fünftel  der  Gesamtmenge  ausmachte.  Sie
betrug  in  1000  Tonnen:
1900  1906  1910  1911  1912  1913
1884  1755  2465  2522  2587  2773
Während  Deutschland  aber  außer  den  großen  Mengen  an
Salpeter  in  früheren  Jahren  noch  ziemlich  große  Mengen  an
        <pb n="22" />
        20

Ammonium  s  u  lfat  besonders  aus  England  einführen  niußte,
ist  es  in  den  letzten  Jahren  vor  dem  Kriege  sogar  möglich  gewesen, ­
  einen  recht  beträchtlichen  Teil  der  deutschen  Produktion  als
Überschuß  im  Auslande,  vor  allem  in  I  a  p  a  n  und  inNiederlä
  n  d  i  s  chI  n  d  i  e  n,  abzusetzen.  Auf  diese  Weise  ist  auch  der
Ausfuhrhandel  an  schwefelsaurem  Ammoniak  zu  einem  Konkurrenten ­
  Englands  geworden,  das  trotz  seiner  geringeren  Erzeugung, ­
  infolge  des  im  Frieden  wesentlich  kleineren  Verbrauchs  der
englischen  Landwirtschaft  an  Ammoniumsulfat  in  früheren  Jahren,
die  meisten  anderen  Länder  mit  diesem  wichtigen  Düngemittel  versorgt ­
  hat.  Es  ist  nicht  ohne  Interesse,  ans  der  englischen  Fachpresse
zu  entnehmen,  daß  man  für  die  Zeit  nach  dem  Kriege  allgemein
mit  einer  wesentlich  stärkeren  deutschen  Ausfuhr  rechnet,  vor  der
bereits  von  verschiedenen  Seiten  sehr  starke  Befürchtungen  geäußert ­
  worden  sind.
An  dritter  Stelle  stand  in  Deutschland  bis  zum  Kriege  der
Verbrauch  an  K  a  l  k  st  i  ck  st  o  f  f,  jenes  eigentümlichen  Düngemittels' ­
  das  chemisch  sich  als  Calciumcyanamid,  d.  h.  als  ein
Derivat  des  Harnstoffs  erwiesen  hat  und  das  schon  in  der  Mitte
der  neunziger  Jahre  auf  synthetischem  Wege  durch  die  Einwirkung ­
  von  Stickstoff  auf  Calciumcarbid  von  Adolf  Frank
und  N.  Caro  erhalten  worden  ist.  Die  Versuche  zur  Verwendung ­
  dieser  Verbindungen  als  Düngemittel  datieren  jedoch
erst  aus  einer  wesentlich  späteren  Zeit.  Die  Welterzeugung
an  Kalkstickstoff,  die  1906  erst  500  Tonnen  betragen  hatte,  war
im  Jahre  1909  auf  16  000  Tonnen  und  1912  auf  96  000  Tonnen
gestiegen.  Für  1913  findet  sich  die  Angabe  einer  Weltproduktion
von  139  000  Tonnen.  Für  die  nächsten  Jahre  fehlen  durchaus ­
  zuverlässige  Angaben,  doch  darf  man  annehmen,  daß
infolge  der  Ausdehnung  der  älteren  in  Deutschland  vorhandenen
Kalkstickstoffanlagen  und  durch  die  Errichtung  sehr  großer  neuer
Werke,  der  sogenannten  „Reichsstickstoffwerke",  eine  wesentliche
Steigerung  der  Produktion  eingetreten  ist,  die  im  Kriege  allerdings ­
  auch  nur  zum  Teil  für  die  Zwecke  der  Landwirtschaft  nutzbar ­
  gemacht  werden  konnte.
Ijm  vierter  Stelle  verbrauchte  die  deutsche  Landwirtschaft  eine
Reihe  von  organischen  Stickstoffdüngern,  wie  Horn  mehl,
Blutmehl  usw.  Auch  der  Guano  aus  Peru  darf  im
Zusammenhang  hiermit  erwähnt  werden,  obwohl  er  nicht  nur  als
Stickstoffdünger  in  Frage  kommt,  sondern  infolge  seines  Gehaltes
gn  Phosphorsäure  und  an  Kali  eine  besondere  Stellung  einnimmt.
        <pb n="23" />
        21

In  früheren  Zelten  hat  insbesondere  der  aufgeschlossene  Guano
eine  große  Rolle  gespielt,  als  es  sich  darum  handelte,  die  anfangs
in  weiten  Kreisen  der  Landwirtschaft  gegen  die  Verwendung  von
Kunstdünger  bestehenden  Vorurteile  zu  erschüttern.  Hier  hat  der
alle  mineralischen  Nährstoffe  enthaltende  Guano  geradezu  bahnbrechend ­
  gewirkt,  und  bis  zum  Kriege  hat  auch  der  Wert  der
Einfuhr  nach  Deutschland  immerhin  einige  Millionen
Mark  (1913  bei  einer  Einfuhr  von  36  800  Tonnen  6,3  Mill.  M.)
betragen,  eine  Summe,  die  allerdings  gegenüber  einem  Einfuhrwerte ­
  von  rund  160  Millionen  Mark  für  Salpeter  und  von
46,8  Millionen  Mark  für  Rohphosphate  verschwindend
erscheint.
Vor  dem  Kriege  hat  unter  den  stickstoffhaltigen  Düngemitteln
der  C  h  i  I  e  s  a  I  p  e  t  e  r  in  bezug  aus  Menge  und  Wert  zweifellos
eine  führende  Stellung  innegehabt,  denn  die  Einfuhr  nach
Deutschland  betrug  unter  Berücksichtigung  der  Einfuhr  über
Rotterdam  und  Antwerpen  und  der  Wiederausfuhr  nach
skandinavischen  Ländern  und  Rußland  im  Jahre  1913  rund  eine
Million  Tonnen,  wovon  die  deutsche  Landwirtschaft  allein
700  000  bis  800  000  Tonnen  ausgenommen  haben  dürste.  Die
Gewinnung  an  schwefelsaurem  Ammoniak  betrug  im  gleichen
Jahre  nach  den  Angaben  der  A  m  m  o  n  i  a  k  -  Verkaufs-Vereinigung
  zu  Bochum  etwa  650000  Tonnen,  und  der
Verbrauch  der  deutschen  Landwirtschaft  stellte  sich  unter  Berücksichtigung ­
  der  Ausfuhr  und  der  industriellen  Verwendung  in
diesem  Jahre  auf  mindestens  400  000  bis  450  000  Tonnen.  Weit
geringer  war  dagegen  der  Verbrauch  an  Kalkstickstoff  und
an  norwegischem  Kalks  alpet  ew,  der  zusammen  kaum  größer
als  76  000  Tonnen  gewesen  sein  dürfte.  Es  mußte  sich'demnach
ein  Mangel  an  Stickstoffdünger  ergeben,  als  bei  Beginn  des
Krieges  die  Salpetereinfuhr  aus  Chile  praktisch  ganz  fortfiel,
die  norwegische  Einfuhr  an  Kalksalpeter  und  an  Kalkstickstoff  ebenfalls ­
  sehr  stark  zurückging  und  die  Gewinnung  von  schwefelsaurem
Ammoniak  in  den  Kokereien  und  Gasanstalten  in  der  gleichen
Weise  zuerst  einen  erheblichen  Rückgang  aufwies,  da  diese  Gewinnung ­
  an  die  Steinkohlcnsörderung  gebunden  ist,  die  gleichfalls ­
  in  den  ersten  Monaten  des  Krieges  einen  nicht  unbeträchtlichen ­
  Rückschlag  erfahren  hat,  der  erst  allmählich  wieder  eingeholt
wurde.  Unter  diesen  Umständen  ergab  sich  außerdem  noch
die  Notwendigkeit,  alles  verfügbare  Ammoniak  militärischen
Zwecken  nutzbar  zu  machen.  Da  aber  die  aus  den  älteren  Quellen
der  Kokereien  und  Gasanstalten  zur  Verfügung  stehende  Menge
        <pb n="24" />
        22

an  Ammoniak  niemals  ansgereicht  haben  würde,  so  griff  man  auf
die  beiden  chemischen  Verfahren  zur  Bindung  des  Luftstickstoffs
zurück,  die  im  Kriege  unter  deutschen  Verhältnissen  die  größten
Aussichten  auf  Erfolg  bieten  konnten,  und  erbaute  unter  weitgehender ­
  finanzieller  Unterstützung  der  Reichsregierung  und  in
Anlehnung  sowie  unter  Benutzung  aller  in  den  älteren  Werken
bereits  gemachten  Erfahrungen  neue  riesige  Anlagen  für  die
Gewinnung  von  Ammoniak  und  Kalkstickstoff  auf  synthetischem
Wege.  Mit  Hilfe  dieser  Anlagen  ist  Deutschlands
militärische  Unabhängigkeit  von  der  chilenischen ­
  Salpeterznfuyr  als  dauernd  gesichert
anzusehen,  und  a  u  ch  für  die  Zeit  nach  dem
Kriege  ist  infolge  der  Errichtung  dieser  sehr
leistungsfähigen  neuen  Anlagen  in  West-,  Mittelund ­
  Süddeutschland  sowie  in  Oberschlesien  mit  einer  wesentlichen
Veränderung  der  Verhältnisse  im  Stickstofsdüngemittelhandel  der
Welt  zu  rechnen.  Zurzeit  dient  aber  natürlich  ein  sehr  großer
Teil  dieser  Produktion  in  erster  Reihe  der  Gewinnung  von
Salpetersäure,  die  übrigens  auch  noch  nach  anderen  Verfahren ­
  gewonnen  wird,  die  als  wirtschaftlich  nur  im  Kriege  von
Bedeutung  angesehen  werden  können.
Über  die  Menge  der  Produktion  an  synthetischem
A  in  m  o  n  i  a  k  und  an  K  a  l  k  st  i  ck  st  o  f  f  sowie  an  S  a  I  petersäure, ­
  die  aus  Ammoniak  direkt  und  aus  Kalkstickstoff  auf  dem
auch  in  anderen  Ländern  bekannten  Umwege  über  das  Ammoniak
hergestellt  wird,  sind  keine  genauen  Zahlen  veröffentlicht  worden.
Immerhin  darf  man  zuversichtlich  hoffen,  daß  diese  Produktion  im
Laufe  der  Zeit  derart  gewachsen  sein  wird,  daß  die  Landwirtschaft ­
  in  b  i  e  s  e  m  Frühjahr  un  d  auch  im
Herb  st  1917  bereits  wieder  sehr  erheblich
größere  Mengen  an  Stickstoffdünger  erhalten
kann,  denn  die  Erträge  bei  der  großen  Mehrzahl  der  wichtigen
für  die  Ernährung  in  Betracht  kommenden  Pflanzen  hängen  eben
doch  in  erster  Linie  von  der  Zuführung  ausreichender  Mengen
von  gebundenem  Stickstoff  ab,  die  auf  den  meisten  Böden  in  erster
Lime  die  Höhe  der  Ernte  bestimmen.  Aus  der  großen  Zahl  von
Versuchen  über  den  Erfolg  der  künstlichen  Düngung  sei  hier  vor
allem  eine  Versuchsreihe  von  Schneidewind  und  seinen
Mitarbeitern  wiedergegeben,  die  bei  siebenjährigen  Versuchen  auf
dem  Gute  Lauch  sie  dt  in  der  Provinz  Sachsen,  das  einen
milden  humosen  Lehmboden  besitzt,  bei  verschiedener  Düngung
für  verschiedene  Früchte  die  folgenden  Erträge  festgestellt  haben:
        <pb n="25" />
        1
Geerntete
Früchte

Ohne
künstl.
Düngung ­


Volldün-



Volldüngung  ohne
1  Phos*!  Stin-Kali
  !  phorsäure
  !  ' ton

1
Bemerkungen ­


Doppelzentner  auf  1  Hektar

Zuckerrüben  .
Kartoffeln  .  .
Weizenkörner.
Gerstenkörner
Zuckerrüben  .
Kartoffeln  .  .
Weizenkörner.
Gerstenkörner

320,8
141,0
30,35
22,56
398,2
233,5
36,37
1  28,36

416.2
221,1
37,07
32,80
436.3
259.3
&amp;gt;  38,23
33,35

406.3
168.4
32,13
31,72
434,55
245,1
39,11
i  33,35

372,2
186,6
34,42
30,02
422,7
247,6
1  37,90
1  32,16

339,2
198,7
31,97
24,67
402,6
:  260,4
35,80
1  29,51

1  ohne
Stall-]
  dünger
l  neben  Stalll
  dünger,der  den
j  Vorfrüchten
l'  gegebenwurde

Auch  auf  leichteren  Böden  in  verschiedenen  Gegenden  der
Provinz  Brandenburg  hat  sich  nach  neueren  Versuchen  von
Professor  Lemmermann  in  Berlin  und  seinen  Mitarbeitern
ein  ganz  ähnliches  Ergebnis  bezüglich  der  Düngewirkung  der  stickstoffhaltigen ­
  Düngenuttel  herausgestellt.

!  Ohne  |  Voll-  1  Volldüngung  ohne  j
.  1  Dün-1  dün-  I  '  1  Wos-  1  Stick-Geerntete
  Früchte  |  gung  j  gung  j  j  vh°r-  j  | to ^  j  Bemerkungen

Doppelzentner  auf  1  Hektar  ;

Winterroggenkörner

23,59

28,33

23,60

26,04

23,601  Perleberg

12,07

17,56

16,72

14,85

10,15

Schwrebus

20,95

29,66

26,35

25,10

20,06

Seelow

Kartoffeln  .  .  .

307,5

351,8

334,7

334,7

310.6

Friedeberg

„  ...

123,5

196,2

196.7

196,8

119,6

Wittstock

"  ...

152,12

185,08

176.25

176,25

166,48

Zielenzrg

Die  Abhängigkeit  der  deutschen  Landwirtschaft  in  der  Versorgung ­
  mit  gebundenem  Stickstoff,  von  dem  im
Kriege  außer  dem  Stalldünger  nur  Ammoniaksalze  und  Kalkstickstoff ­
  in  größeren  Mengen  in  Frage  kommen,  hat  natürlich  gewisse
Veränderungen  in  der  Betriebsweise  notwendig  gemacht.  Besonders ­
  gilt  das  für  die  zweckmäßige  Verwendung  von  Kopfdünger, ­
  wozu  im  Frieden  besonders  der  hierfür  ganz  hervorragend ­
  geeignete  Salpeter  gedient  hat.  Daß  diese  ganze  Ersatzwirtschaft ­
  eine  Reihe  von  allerdings  überwindlichen  Unbequemlichkeiten ­
  mit  sich  gebracht  hat,  wozu  besonders  das  von  jeher
beklagte  höchst  lästige  Stäuben  und  die  durch  maschinelle  Einrichtungen ­
  allerdings  Wohl  abstellbare  aggressive  Wirkung  des  K  a  l  kstickstoffs
  auf  das  mit  dev  Düngung  betraute  Personal  zu
        <pb n="26" />
        24

rechnen  ist,  läßt  sich  nicht  bestreiten.  Man  wird  sich  aber  im  Kriege
auch  mit  der  gegenüber  dem  Chilesalpeter  und  dem  schwefelsaurem ­
  Ammoniak  meistens  erheblich  geringeren  und
auch  häufiger  weniger  sicheren  Wirkung  des  K  a  I  k  st  i  cf  ft  o  ff  §
notgedrungen  abfinden  müssen,*)  da  immerhin  auch  eine  gewisse
Aussicht  besteht,  daß  die  Gewinnung  des  gut  erprobten  schwefelsauren ­
  Ammoniaks  auf  dem  Umwege  über  den  Kalkstickstoff  in  Zukunft ­
  noch  so  wesentlich  verbessert  und  verbilligt  werden  kann,  daß
dann  der  größte  Teil  des  hergestellten  Kalkstickstoffs  auch  späterhin
auf  Ammoniak  weiter  verarbeitet  werden  dürfte.  Wenn  dies  tatsächlich ­
  gelingen  würde,  so  könnte  die  Landwirtschaft  in  der  Tat
in  Zukunft  über  eine  mehr  als  ausreichende  Menge  an  gebundenem
und  sicher  wirkendem  und  hoffentlich  auch  preiswertem  Stickstoff
verfügen  und  damit  zweifellos  weit  größere  Erträge  als  früher
Herauswirtschaften,  sofern  man  auch  noch  ausreichende  Mengen  der
auf  die  Dauer  schwer  entbehrlichen  salpetersauren  Salze  beschaffen ­
  könnte.  Wenn  es  auch  einmal  gelingen  sollte,  die  im
Kriege,  wo  die  Rentabilitätsfrage  zurücktritt,  durchführbare  Überführung ­
  des  Ammoniaks  in  Salpetersäure  bezw.  in  Salpeter  zu
Friedenspreisen  so  billig  zu  gestalten,  daß  eine  Konkurrenz  mit
dem  Chilesalpeter  möglich  wäre,  so  wäre  dann  tatsächlich  der  Ring
der  deutschen  Stickstoffindustrie  als  völlig  geschlossen  anzusehen.
Diese  durchaus  nicht  als  utopisch  anzusehende  Entwicklung
dürfte  aber  doch  Wohl  noch  Zeit  in  Anspruch  nehmen.
Die  deutsche  Landwirtschaft  braucht  sich  heute  nicht  ohne
weiteres  auf  Grund  dieser  Zukunftsbilder  auf  eine  über
die  Notwendigkeit  'hinausgehende  Behinderung  der  ausländischen ­
  Salpetereinfuhr  nach  dem  Kriege  festzulegen.  Denn
es  bedarf  sorgsamster  Überprüfung,  ehe  man  auf  gewisse
Aussichten  hin,  die  man  in  der  Gegenwart  doch  immerhin
noch  als  unsicher  bezeichnen  muß,  Seeschiffahrt,  Handel  und  auch
das  im  deutschen  Salpeterhandel  angelegte  und  durch  die  englischen
schwarzen  Listen  und  sonstigen  Kriegsmaßnahmen  schon  ohnehin
reichlich  schwer  getroffene  deutsche  Kapital  in  Chile  preisgibt,
von  der  Bedeutung  der  weltwirtschaftlich  keineswegs  zu  vernachlässigenden ­
  zukünftigen  Beziehungen  zu  Chile  und  zum  südamerikanischen
  Markt  zu  geschweigen.  Zn  beachten  bliebe  auch
die  Benachteiligung  der  an  der  billigen  Salpetereinfubr  inter-*)
  Über  die  möglichst  zweckmäßige  Verwendung  des  Kalkstickst&amp;gt;-ffS  in  der
Landwirtschaft  vergleiche  man  besonders  die  vom  preußischen  Landwirtschaftsministerium ­
  gekrönte  Vceisschrift  von  E.  Linter  und  A.  Münzinger.
  Berlin  1915.  P.  Parey.
        <pb n="27" />
        m

25

essierten  chemischen  Industrie  Deutschlands  und  der  Vorteil,  den
die  Landwirtschaft  des  Auslandes  erhalten  könnte,  wenn  Deutschland ­
  die  Salpetereinfuhr  ohne  Not  in  andere  Länder  treiben
würde.  Jedenfalls  aber  kann  Deutschland'  im  Besitz  der
eigenen  neuen  Erzeugung  in  Ruhe  und  Unabhängigkeit  abwarten,
wie  sich  Lieferfähigkeit  und  Preisbildung  für  Salpeter  gestalten
wird.
Dieser  Abschnitt  über  die  Stick  st  offrage  darf  aber  nicht
schließen,  ohne  'daß  auch  derjenigen  Männer  in  aller  Kürze  gedacht ­
  sei,  die  an  der  Durchführung  jener  wirtschaftlich  und  technisch
so  überaus  wichtig  gewordenen  und  großartigen  Gedanken  den
größten  Anteil  gehabt  haben,  da  ihren  Be  m  ü  h  u  n  g  e  n  ganz,
zweifellos  ein  besonders  großes  Verdien  st  bei
der  Rettung  des  Vaterlandes  aus  schwersten  Gefahren ­
  zugeschrieben  w  e  r  d  e  n  m  u  ß.  Man  braucht  nur
die  feindliche  wissenschaftliche  Fachpresse  zu  lesen,  um  sich  hierüber
ein  klares  Bild  zu  machen.  Ja,  der  Blick  des  Feindes  hat  hier
vielleicht  in  mancher  Hinsicht  schon  früher  und  schärfer  gesehen  als
die  eigenen  Landsleute.*)
Das  Verdienst  an  der  wissenschaftlichen  Durchführung  der
A  in  in  o  n  i  a  k  s  y  n  t  h  e  s  e  aus  den  Elementen  S  t  i  ck  st  o  f  f  und
Wasserstoff  gebührt  zweifellos  dem  Leiter  des  Kaiser-Wilhelm-Jnstituts
  für  physikalische  Chemie  zu  Dahlem,  Professor
Dr.  F.  Haber,  während  die  technische  Durcharbeitung  mit  ihren
für  den  Laien  kaum  vorstellbaren  großen  Schwierigkeiten  der
wagemutigen  Initiative  der  Badischen  Anilin-  und
S  o  d  a  f  a  b  r  i  k  zu  verdanken  ist,  wobei  den  Chemikern  dieses
Unternehmens,  Dr.  Bosch  und  Dr.  M  i  t  t  a  s  ch,  ein  besonderes
Verdienst  zugeschrieben  werden  muß.
Die  Gewinnung  des  K  a  I  k  st  i  ck  st  o  f  f  s  durch  Bindung  des
Stickstoffs  der  Luft  an  Calciumcarbid  geht  auf  die  bereits  erwähnten ­
  Arbeiten  von  AdolfFrank,  eines  um  die  deutsche  Volkswirtschaft ­
  und  die  chemische  Industrie  besonders  verdienten  Mannes,
zurück,  zu  deren  Ausarbeitung  er  sich  zuerst  im  Jahre  1865  mit
N.  C  a  r  o  vereinigte.  An  der  technischen  Ausarbeitung  dieses  Verfahrens ­
  und  der  Übertragung  der  Laboratoriumsversuche  in  den
Großbetrieb  haben  sich  außer  den  beiden  genannten  Chemikern ­
  die  S  i  e  m  e  n  s  -  S  ch  u  ck  e  r  t  w  e  r  k  e  besonders  beteiligt.
Die  Namen  der  Chemiker  E  r  l  w  e  i  n,  F  r  e  u  d  e  n  b  e  r  g,  Voigt
*)  Bergt,  auch  die  V-rbondlnngen  des  euglitchen  Uuterbauses  am  15  Februar ­
  1917  in  den  „Mitteilungen  der  Deutschen  Landwirtschafts-Gesellschaft" ­
  vom  7.  April  1917,  S.  230-232.  1  U
        <pb n="28" />
        26

und  Albert  R.  Frank,  der  zuerst  den  Vorschlag  zur  Verwendung ­
  des  Calciumcyanamids  als  Düngemittel  gemacht  hat,  dürfen
hier  ebenfalls  nicht  unerwähnt  bleiben.
Die  außerordentlich  wichtige  Überführung  des  Ammoniaks  in
synthetische  Salpetersäure  ist  in  Deutschland  besonders  stark  durch
die  Arbeiten  von  W  i  l  h  e  I  m  O  st  w  a  l  d  angeregt  worden,  die  sich
selbst  an  weit  ältere  Arbeiten,  die  seinerzeit  keinerlei  technische
Wirkung  ausgeübt  haben,  angeschlossen  haben.
Alle  jene  Synthesen  sind  demnach  bereits  in  der  Zeit  v  o  r
d  e  m  Kriege  wissenschaftlich  und  technisch  zu  einer  gewissen  Vollkommenheit ­
  gelangt,  was  häufig  vergessen  wird.  Ihre  große  Bedeutung ­
  haben  sie  jedoch  erst  recht  eigentlich  im  Kriege  selbst  erreicht. ­
  Daß  diese  Arbeiten  unbeschadet  der  Anerkennung,  die  man
auch  einer  Reihe  von  fremden  Forschern  auf  dem  technisch  und
wissenschaftlich  so  überaus  reizvollen  Gebiet  der  Stickstoffbindung ­
  zollen  muß,  ihre  erfolgreichste  Durchführung  bisher
in  Deutschland  gesunden  haben,  wird  der  deutschen  Landwirtschaft
sicherlich  auch  später  noch  einmal  zum  besonderen  Nutzen  gereichen.
3.  Die  Pho^phorsäuredünger.
Die  Industrie  der  phosphorsäurehaltigen  Düngemittel  geht
in  ihren  ersten  Anfängen  zweifellos  auf  die  Beobachtung  L  i  e  -
bigs  zurück,  daß  aus  phosphorsäurehaltigem  Knochenmehl  nach
Behandlung  mit  Schwefelsäure  eine  weit  stärkere  Dllngewirkung
als  ohne  diese  Behandlung  zu  erzielen  sei.  Bis  zu  Beginn  der
sechziger  Jahre  benutzte  man  auf  Grund  dieser  Angaben,  deren
Bedeutung  Liebig  durch  sein  unermüdliches  Eintreten  für  eine
rationelle  Düngung  in  immer  weiteren  Kreisen  klarzumachen
versucht  hat,  meistens  Knochen  zur  Herstellung  des  sogenannten
Superphosphats,  indem  durch  die  Behandlung  mit
Schwefelsäure  eine  Überführung  des  unlöslichen  neutralen  Kalksalzes ­
  der  Phosphorsäure  in  das  lösliche  saure  (primäre)  Salz
herbeigeführt  wurde.  Erst  viel  später  ging  man  daran,  auch  die
mineralischen  Phosphate  zur  Gewinnung  des  Superphosphats
heranzuziehen.  Wie  aus  einer  sehr  sorgfältigen  wirtschaftlichen
Studie  von  Dr.  UI  l  m  a  n  n  in  Hamburg  hervorgeht,  hat  man
in  fast  allen  Teilen  der  Welt  mehr  oder  weniger  ausgedehnte
Lager  an  Phosphaten  gefunden,  die  mit  der  steigenden  Erkenntnis ­
  von  der  Bedeutung  der  Phosphorsäuredünger  in  allen  Ländern ­
  sehr  großen  Wert  erlangt  haben.
__  Die  wichtigsten  Fundstätten  der  Rohstoffe  der  modernen
iHuperphosPhasindustrie  werden  übrigens  erst  seit  den&amp;gt;  Beginn  der
        <pb n="29" />
        27

neunziger  Jahre  ausgebeutet.  So  begann  die  Verschiffung  dei
wichtigen  Florida  Phosphate  erst  1892;  1896  folgten  dann
die  Algierphosphate,  feit  1899  fördert  man  sehr  hochwertige ­
  Phosphate  In  Tunis,  und  seit  dem  'Beginn  dieses  Jahrhunderts ­
  hat  man  auch  auf  verschiedenen  S  ii  d  s  e  e  i  n  s  e  l  n
begonnen,  die  dortigen  Phosphatlager  zu  erschließen.
Deutschland  selbst  weist  nur  verhältnismäßig  geringe  Lagerstätten ­
  in  Gestalt  von  kleineren  Nestern  von  Koprolithen  und  den
Lahnphosphoriten  auf,  die  früher  einmal  eine  gewisse  Bedeutung
gehabt  haben.  Man  darf  aber  doch  nicht  übersehen,  daß  d  i  e
Versorgung  der  deutschen  S  u  p  e  r  p  h  o  s  p  h  a  tindustrie
  und  damit  der  deutschen  Landwirtschaft ­
  im  wesentlichen  auf  den  sicheren  Bezug
ihrer  Rohstoffe  aus  überseeischen  Ländern  angewiesen ­
  bleiben  wird,  und  daß  auch  das  zweite  Rohmaterial ­
  der  Snperphosphatindustrie,  die  Schwefelsäure,
im  Frieden  nicht  ohne  die  Einfuhr  von  spanischen  und  portugiesischen ­
  sowie  neuerdings  auch  von  norwegischen  Kiesen  in  ausreichenden ­
  Mengen  beschafft  werden  kann.  Daß  es  sich  hierbei
aber  keineswegs  um  kleine  Mengen  und  Werte  handelt,  zeigt  die
E  i  n  f  u  h  r  st  a  t  i  st  i  k  für  das  Jahr  1913:

Herkunftsland  Mengen

in  Tonnen

Wert  in  1000  M.

Vereinigte  Staaten  ....

421  212

21061

Algier

191  448

9  572

Tunis

108  007

5  400

Belgien

53  439

2  276.

Frankreich

19  530

996

Christmas-Jnscln

70  467

3  523

Australien

18  866

943

Deutsch-Guinea

41  294

2  065

Über  die  Steigerung  der  W  e

ltprodu

k  t  i  o  n  an  R  o  h

Phosphaten  gibt  die  folgende
schlich:
Erzeugungsland

kurze  Zusammenstellung  Aus

1903

1913

1000  Tonnen  1000  Tonnen

Vereinigte  Staaten  .  .  .

.  .  1607

3  203

Tunis

2  285

Algier

439

Frankreich

.  .  476

335

Belgien

181

200

Oceanien

125

465

Verschiedene  Länder  ,  .  .  .

31

465
        <pb n="30" />
        28

Wenn  man  bedenkt,  daß  der  Verbrauchs  der  deutschen  Landwirtschaft ­
  an  Superphosphat  im  Jahre  1913  18,2  Millionen
Doppelzentener  gegenüber  einem  Verbrauch  von  7,66  Millionen
Doppelzentner  im  Jahre  1903  betragen  hat,  so  läßt  sich  verstehen,
welche  Schwierigkeiten  die  Versorgung  der
deutschen  Landwirtschaft  mit  Superphosphat
im  Kriege  hat  verursachen  müssen.
Zum  Glück  besitzt  Deutschland  seit  Jahren  in  einer  sehr
großen  Produktion  an  Thomasmehl  einen  —  wenngleich
nicht  völlig  ausreichenden  —,  Ersatz,  der  im  Kriege  besondere  Bedeutung ­
  erlangt  hat.
Die  Industrie  des  Thomasmehls  hat  sich  seit  der  Mitte  der
achtziger  Jahre  allniählich  zu  einem  wichtigen  Nebenzweige  der
Stahlindustrie  entwickelt,  von  der  sie  nach  dem  sogenannten
basischen  Prozeß  des  Engländers  Thomas  die  Thomasschlacke
erhält,  die  in  der  Landwirtschaft  im  feingemahlenen  Zustand  zur
Verwendung  gelangt.  Im  Gegensatz  zum  Superphosphat  ist  die
Phosphorsäure  im  Thomasmehl  nicht  in  wasserlöslicher  Form
vorhanden,  wohl  aber  genügen  bereits  sehr  schwache  Säuren  im
Boden,  um  die  Aufnahme  der  Phosphorsäure  und  des  Kalks
durch  die  Pflanzen  herbeizuführen.  Die  Wirkung  der  Thomasschlacke ­
  ist  im  allgemeinen  -langsamer,  aber  anhaltender  als  die
des  Superphosphats,  so  daß  man  hier  mit  Sicherheit  von  einer
Nachwirkung  sprechen  kann.  Im  Mittel  enthält  feingemahlene
Tho-masschlacke  17,25  v.  H.  Phosphorsäure  und  48,29  ln  H.  Kalk
neben  geringeren  Mengen  an  Eisenoxyden,  Magnesia,.  Tonerde,
Manganoxydul,  Kieselsäure  und  kleineren  Mengen  an  Schwefel
und  Schwefelsäure.  Jedenfalls  bedarf  es  bei  der  Thomasschlacke
nicht  wie  bei  den  gemahlenen  Rohphosphaten  der  vorherigen  Behandlung ­
  mit  Schwefelsäure,  um  die  Phosphorsäure  zur  Wirkung ­
  zu  bringen.  Nach  allgemeiner  Übereinkunft  gibt  man  seit
1898  den  Wert  des  Thomasmehls  auf  Grund  der  Phosphorsäurelöslichkeitin ­
  einer  zweiprozentigen  Zitrouensäurelösung  an.  Durchschnittlich ­
  enthalten  die  jetzigen  Thomasmehle  16  bis  18  v.  H.
zitronensäurclösliche  Phosphorsäure.
Auch  der  Kalk  befindet  sich  im  Thomasmehl  in  einer  überaus ­
  leicht  löslichen  Form,  weshalb  das  Thomasmehl  nicht  nur
als  Phosphorsäuredünger,  sondern  auch  als  besonders  wirksamer
Kalkdünger  sich  im  Laufe  der  Jahre  trotz  des  Wettbewerbs  des
Superphosphats  immer  mehr  eingeführt  hat.
        <pb n="31" />
        29

Nach  Angaben  des  Vereins  der  Thomasmehlfabriken  betrug
der  Verbrauch  der  deutschen  Landwirtschaft  an
Thomasmehl  in  1000  Doppelzentnern:

1888

1890

1896

1900

60

4000

7000

9000

1905

1910

1912

1913

14  000

18  000

22  000

24  000

Während  des  Krieges  ist  naturgemäß  mit  der  geringeren
Stahlgewinnung  gleichzeitig  auch  eme  unerwünschte  Verminderung ­
  der  Thomasmehlfabrikation  eingetreten,  wofür  auch  der
Wegfall  der  Ausfuhr  keinen  vollständigen  Ersatz  bieten  konnte.
Neben  dem  Thomasmehl  und  dem  Superphosphat  spielten
bis  zum  Kriege  die  übrigen  phosphorsäurehaltigen  Düngemittel,
wie  Knochenmehl,  Guano,  Fleischdüngemehl
usw.,  die  auch  wegen  ihres  Stickstoffgehalts  Verwendung  finden,
eine  weit  geringere  Rolle.  Alle  diese  Verbindungen,  welche  die
Phosphorsäure  meistens  in  schwer  löslicher  Form  enthalten,
kommen  nur  für  stark  durchlüftete  leichte  Sandböden  und  auch
für  saure  Böden,  wie  sie  sich  besonders  in  den  Mooren  finden,
in  Frage.  Eine  grundlegende  Bedingung  für  die  erfolgreiche
Verwendung  dieser  Produkte  ist  aber  stets  eine  besonders  feine
Mahlung.
Die  aufgeschlossenen  Knochenmehle  und  aufgeschlossenen
Guanos  können  dagegen  nicht  mit  diesen  Düngemitteln  auf  eine
Stufe  gestellt  werden,  da  sie  in  ihrer  Wirkung  mehr  dem  Superphosphat
  gleichen.
Was  die  Verwendung  der  kalkhaltigen  Düngemittel  an  sich
betrifft,  wozu  Kalk  st  einmehl,  Mergel,  Stückenkalk,
Gips  und  kalkhaltige  Düngemittel  gehören,  die  als
Rückstand  bei  landwirtschaftlich-technischen  nnd  industriellen  Gewerben ­
  abfallen,  wie  z.  B.  der  Scheideschlamm  der  Zuckerfabriken,
so  ist  darauf  hinzuweisen,  daß  das  Kalkbedürfnis  der  Pflanzen
außerordentlich  verschieden  ist  und  daß  es  neben  außerordentlich
kalkhungrigen  Pflanzen,  wie  z.  B.  die  Luzerne,  der  Raps,  die
Lupine  und  die  Seradella,  eine  Reihe  von  weiteren  Pflanzen  gibt,
deren  Kalkbedürfnis  im  wesentlichen  bereits  aus  dem  Boden  selbst
gedeckt  werden  kann.  Nur  ganz  leichte  kalkarme  Sandböden  und
Hochmoorböden  bedürfen  stets  einer  stärkeren  Zufuhr  an  Kalkdünger.
        <pb n="32" />
        30

Was  vom  Kalk  gilt,  trifft  in  noch  stärkerem  Maße  für
die  Magnesia*)  zu.  Daß  es  sich  aber  auch  hier  um  durchaus
nicht  unerhebliche  Mengen  handelt,  ergibt  sich  ans  der  folgenden ­
  Tabelle,  welche  die  Mengen  Kalk  und  Magnesia  wiedergibt,
die  im  dreijährigen  Durchschnitt  von  verschiedenen  Pflanzen  auf
den  humosen  Löslehmboden  der  Versuchswirtschaft  Lauchstedt  entnommen

  wurden.

Kilo  ans

1  Hektar

Kalk

Magnesia

Gerste

.  21,9

10,9

Roggen

.  24,3

11,2

Weizen

.  31,3

17,5

Hafer

,  39,4

16,6

Kartoffeln  mit  Kraut  .  .

.  75,9

27,4

Zuckerrübe  mit  Kraut  .  .

.  85,6

56,1

Erbse

.  117,7

20,8

Seradella

.  148,5

38,3

Lupine

.  188,0

49,8

Raps

,  200,4

27,4

Luzerne  .  .  .

.  242,0

28,0

III,  Die  Naturdünger
Unter  Naturdünger  versteht  man  den  Stalldünger  und
die  Jauche,  die  menschlichen  Fäkalien,  den  Kompostd
  ü  uger  imb  die  Gründüngung.  Am  wichtigsten  unter
diesen  Düngemitteln,  die  ja  von  altersher  in  der  Landwirtschaft
Verwendung  gefunden  haben,  sind  Stalldünger  und
Jauche.  Da  der  Stallmist  sämtliche  Nährstoffe  enthält,  welche
die  Pflanze  braucht,  ist  er  als  ein  Volldünger  zu  bezeichnen.
In  1000  Kilogr.  gewöhnlichem  frischen  Stallmist  sind  im  Durchschnitt ­
  enthalten  4,5  Kilogr.  Stickstoff,  2  Kilogr.  Phosphorsäure,
6  Kilogr.  Kali  und  4,5  Kilogr.  Kalk,  wozu  noch  210  Kilogr.
organische  Substanz  kommen,  während  die  gewöhnliche  Jauche
1,6  bis  2,5  Kilogr.  Stickstoff,  0,1  Kilogr.  Phosphorsäure,  6,5  Kilogramm ­
  Kali,  0,3  Kilogr.  Kalk  und  80  Kilogr.  organische  Substanz
in  der  gleichen  Menge  aufweist.  Es  ist  allerdings  zu  beachten,
daß  die  Zusammensetzung  des  Stallmistes  je  nach  dem  einzelnen
Tier^und  der  Fütterung  recht  erheblichen  Schwankungen  in  der
*)  Über  Kalkmagnesiadüngung  siehe  besonders  eingehend:  D.  Meyer,
„Die  Kalkmagnesiadüngerfrage"  im  Jahrbuch  der  D.  L  -G.,  1913.
        <pb n="33" />
        31

Zusammensetzung  unterliegt,  und  daß  der  Stickstoff  -  und
K  a  l  i  g  e  li  a  l  t  i  m  Stall  m  i  st  in  wesentlich  »  n  g  ü  n  -
st  i  g  e  r  e  r  Form  für  die  Aufnahmefähigkeit  der
Pflanze  vorliegt  als  in  den  bereits  erw
  ahnten  H  a  n  &amp;gt;d  e  l  s  d  n  n  g  e  r  n.  Ans  alle  Fälle  ist
aber  der  Stallmist  nicht  nur  als  Düngemittel,  sondern  auch
als  Standortsverbesserer  ersten  Ranges  von  höchster  Wichtigkeit,
und  besonders  jetzt  inr  Kriege  liegt  es  im  dringe ­
  n  d  e  n  n  a  t  i  o  n  a  l  e  n  Interesse,  diesen  Naturd
  ü  n  g  e  r  so  pfleglich  wie  irgend  möglich  zu  behandeln. ­
  Bildet  doch  der  Stallmist  die  Grundlage  des  stickstoffhaltigen ­
  Humus,  der  leichtere  Bodenarten  wasserhaltiger  und  bindiger
  und  die  besseren  Böden  lockerer  und  wärmer  zu  gestalten
vermag.  Ferner  liefert  er  bei  seiner  Zersetzung  eine  ständig  flietzende
  Kohlensäurequelle,  wodurch  unter  anderem  schwer  lösliche
Bodennährstoffe  in  Lösung  bezw.  in  Umlauf  gebracht  werden
können.  Ferner  verbraucht  der  Stallmist  die  zugeführten  Nähr-,
  r  '  soweit  sie  nicht  von  der  Pflanze  verarbeitet  werden,  indem
er  ste  chemisch  bindet  und  dadurch  gleichzeitig  auch  der  wichtigen
Lebewelt  der  Bakterien  eine  fruchtbares  Arbeitsfeld  liefert.  Der
Bauer  hat  daher  nicht  mit  Unrecht  den  Stallmist  als  den  „heiligen
Uhrist  oder  die  Seele  der  Landwirtschaft"  bezeichnet.  Wenn  man
aber  mit  Hilfe  von  Stallmist  besonders  große  Düngungswirkungen ­
  erzielen  will,  so  erscheint  es  notwendig,  die  Jauche  von  den
festen  Ausscheidungen  getrennt  aufzusammeln,  weil  dadurch  am
^llbn  eine  möglichst  vollkommene  Ausnutzung  des  organischeir
«tickstosfs  bewirkt  werden  kann.  Man  hat  berechnet,  daß  die
Vurch  unsachgemäße  Behandlung  des  Stallmistes  bewirkten  Berufte ­
  an  Stickstoff  während  eines  Jahres  sich  in  Deutschland  allein
auf  rund  300  Millionen  Mark  veranschlagen  lassen.  Bei
em  gegenwärtigen  relativen  Mangel  an  gebundenem  Stickstoff
&amp;gt;n  -jorin  der  üblichen  Handelsdünger  ist  es  natürlich  ganz  befon
  ers  notwendig,  diese  Stickstoffquelle  so  vollkommen  wie  irgend
mogfict,  zu  erschließen.  Die  Deutsche  Landwirtschafts-Gesellschaft
ReUi'^  ^'ch°stsfllhrer,  Professor  lOr.  M.  Hoff  n,  a  n  n  in
^erun,  hat  sich  daher  durch  unermüdliche  Werbetätigkeit  für  eine
zweckmaßlgere  Behandlung  von  Stallmist  und  Jauche  während
^er  Knegszeit  lind  schon  vorher  sehr  große  Verdienste  erworben
»iu  man  kann  nur  hoffen,  daß  unter  dem  Zwang  der  Verhältnisse
auch  hier  die  deutsche  Landwirtschaft,  soweit  sie  es  nicht  schon
getan  hat  sich  diese  Mahnungen  wirklich  z»  Herze»
nehmen  wird,  so  daß  jenes  klassische  Wort,  das  einst  vor  Jahr-
        <pb n="34" />
        3Z

zehnten  der  Münchener  Agrikulturleiter  Soxhlet  ausgesprochen
hat:  „Die  Mistwirtschaft  ist  die  größte  Mißwirtschaft  des  Jahrhunderts", ­
  seine  Berechtigung  verlieren  wird.  Besonders  hingewiesen ­
  sei  daher  hier  aus  Heft  18  der  Flugschriften  der  Deutschen ­
  Landwirtschafts-Gesellschaft,  betitelt  „Das  Jauchen-ABC"
und  ferner  auf  die  überaus  eingehende  wissenschaftliche  Behandlung ­
  der  ganzen  Frage  in  Heft  282  der  Arbeiten  der  Deutschen
Landwirtschafts-Gesellschaft  „Über  die  Konservierung  und  Düngewirkung ­
  des  Jauchestickstosfs"  von  Professor  Honkamp
und  Di'.  Blanck  -  Rostock.  Es  sei  gestattet,  aus  dieser  letzten
außerordentlich  wertvollen  Schrift  nur  das  Endergebnis  wiederzugeben: ­

„Der  I  a  u  ch  e  st  i  ck  st  o  f  f  erreicht  zwar  nicht  in
allen  Fällen  den  Wirkungswert  der  meisten
anderen  künstlichen  Düngemittel  (Salpeter,Ammoniak, ­
  Harnstoff,  Kalkstickstoff),  kommt  diesen  jedoch  meist
ziemlich  nahe.  In  besonderen  Fällen,  so  namentlich  bei
großer  Trockenheit,  dann  auch  bei  den  Hackfrüchten,  kann  er  jene
sogar  übertreffen.  Dem  Kalkstickstoff  dürfte  die  Jauche  in  der
weitaus  größten  Mehrzahl  der  Fälle  entschieden  überlegen  sein.
Der  Jauche  st  ick  st  off  kommt  nur  dann  zur
vollen  Wirkung,  wenn  die  Jauche  sofort  nach
dem  Ausbringen  genügend  mit  Boden  bedeckt
wird,  d.  h.  auchhier  sofort  gegendieäußereLuft
abgeschlossen  wird.  Je  tiefer  hierbei  für  die  Unterbringung ­
  der  Jauche  gesorgt  wird,  desto  besser  ist  die  Wirkung  des
Jauchestickstoffs.  Im  allgemeinen  hat  sich  jedoch  ein  Unterbringen
auf  etwa  16  Zentimeter  Tiefe  als  vollkommen  genügend  und  ausreichend ­
  erwiesen."

Faßt  man  die  Ergebnisse  dieser  Ausführungen,  die  natürlich
nicht  als  eine  praktische  Anleitung  für  den  Landwirt,  sondern  im
Sinne  dieser  Schriften  als  eine  kurze  Übersicht  über  das  wichtige
Düngemittelproblem  gedacht  sind,  zusammen,  so  ergibt  sich,  daß
die  deutsche  Landwirtschaft  im  Kriege  auch
auf  dem  Gebiete  derBeschaffung  und  richtigen
Verwertung  von  Düngemitteln  schwere  Aufgaben
zu  erfüllen  hat,  deren  restlose  Lösung  während  des  Krieges,  wo  zu
großen  und  kostspieligen  Neuanlagen  auf  dem  Lande  zumeist
weder  Zeit  noch  Mittel,  noch  die  notwendigen  sachverständigen
        <pb n="35" />
        33

Arbeitskräfte  in  ausreichendem  Matze  vorhanden  sind,  kaum  möglich ­
  erscheint.
Wie  stellt  sich  dem  gegenüber  aber  nun  die  L  a  g  e  n  nserer
Gegner,  die  immer  noch  darauf  rechnen,  Deutschland  .  durch
Schwierigkeiten  auf.dem  Gebiete  der  Ernährung  niederzuzwingen.
Wer  die  Dinge  vom  Standpunkte  des  A  g  r  i  k  u  l  t  u  r  ch  e  m  i  -
kers  aus  eingehender  betrachtet  und  weih,  dah  das  Gesetz
des  Minimums  in  wahrhaft  neutraler  Weise
für  die  ganze  Welt  seine  Gültigkeit  besitzt,
der  muh  zu  dem  Ergebnis  kommen,  dah,  je  länger  der  Krieg  andauert, ­
  bei  unsern  Gegnern  in  noch  höherem  Grade  die  landwirtschaftlichen ­
  Schwierigkeiten  wachsen  werden.*)  Was  jetzt  aus
England,  Frankreich  und  Italien,  von  Ruhla ­
  n  d  ganz  zu  geschweigen,  über  Knappheit  an  Düngemitteln
offen  berichtet  wird,  Iaht  zweifellos  den  Schluh  zu,  dah  man  in
den  maßgebenden  Kreisen  der  Entente  große  Befürchtungen  für
die  Zukunft  hegt,  wo  insbesondere  durch  den  immer  mehr  zunehmenden ­
  Mangel  an  Frachtraum  auch  die  Versorgung  der
Landwirtschaft  unserer  Feinde  mit  überseeischen  Rohstoffen  mehr
und  mehr  in  Frage  gestellt  wird.  Muhte  doch  schon  im  September ­
  1916  das  englische  Handelsamt  einen  Ankauf  von  50  000
Tonnen  Chilesalpeter  für  ungültig  erklären,  weil  der  englische
Admiralstab  sich  außerstande  erklärte,  den  notwendigen  Schiffsraum ­
  für  den  Transport  stellen  zu  können,  obwohl  die  englische
Landwirtschaft  jene  Forderung  des  Handelsamts  mit  großem
Nachdruck  unterstützt  hat.  Auch  in  Frankreich  hat  man  sich  genötigt ­
  gesehen,  ähnlich  zu  verfahren,  da  hier  außer  den  für  England ­
  geltenden  Ursachen  noch  die  Verwirrung  im  französischen
Transportwesen  auf  den  Eisenbahnen  die  Regierung  gezwungen
hat,  die  Erfüllung  der  Salpeterkontrakte  im  Herbst  1916  vorläufig ­
  zu  verschieben.  Wenn  bereits  die  Welternte  an  Getreide
im  Jahre  1916  einen  sehr  starken  Rückgang  gezeigt  hat,  so  hängt
das,  wie  erwähnt,  zweifellos  auch  mit  der  geringeren  Verwendung ­
  von  Kunstdünger  und  der  weniger  sachgemäßen  Pflege  der
Landwirtschaft  überhaupt  zusammen.  Maximolernten  wie  in
früheren  Jahren  sind  deshalb  selbst  bei  günstiger  Witterung  infolge ­
  des  Fehlens  an  einem  oder  mehreren  der  unentbehrlichen
Pflanzennährstoffe,  und  bei  dem  Mangel  an  Arbeitern,  kaum
zu  erwarten.  Frankreich,  England  und  Rußland  haben  nun

*)  Vgl.  auch  Heft  9  der  „Beiträge  zur  Kriegswirtschaft":  vr.  Waaemauu,
  Die  Nahrungswirtschaft  des  Auslandes.
Düngemittel  g
        <pb n="36" />
        34
bereits  ihre  Anbauflächen  notgedrungen  sehr  erheblich  einschränken ­
  müssen,  und  trotz  aller  Zensurbeschränkungen  ist  über
den  Zustand  der  Landwirtschaft  in  diesen  Ländern  doch  soviel
in  die  weitere  Öffentlichkeit  gedrungen,  daß  man  für  1917  jetzt
notgedrungen  die  größten  Anstrengungen  machdn  will,  um
wenigstens  auf  dem  Gebiete  der  Düngemittelversorgung  die
schwersten  Gefahren  zu  überwinden.  Wie  schwer  diese  Gefahren
sind,  das  ergibt  sich  mit  aller  Deutlichkeit  aus  den  letzten  Halbjahrsübersichten ­
  des  Internationalen  Landwirtschafts-Instituts  zu
Nom,  woraus  ersichtlich  ist,  wie  stark  bereits  der  Düngemittelmarkt
  der  ganzen  Welt  durch  den  Weltkrieg  in  Mitleidenschaft
gezogen  worden  ist.  Es  wird  daher  wohl  mehrere
Jahre  dauern,  um  selbst  in  den  vom  Kriege
nicht  verwü  steten  Gebieten  wieder  solche
Durchschnittsernten  zucrzielen,  wie  in  der
Zeit  vor  dem  1.  A  u  g  u  st  1914.
Wir  dürfen  aber  -in  Deutschland,  ohne  die  Schwierigkeiten  der
Lage  irgendwie  zu  unterschätzen,  doch  zuversichtlich  hoffen,  daß
die  deutsche  Landwirtschaft,  gestützt  auf  ihre  großen  Betriebs-  ,  ;&amp;gt;
erfahrungen  und  die  chemische  Industrie  Deutschlands,  dieser
Aufgabe  und  der  augenblicklich  nächst  den  militärischen  Ereignissen ­
  wohl  wichtigsten  Frage,  der  Sicherung  der  Volksernährung
im  Kriege,  selbst  bei  minder  günstigen  Witterungsverhültnissen
wird  genügen  können.
Benutzte  Siteratur  :
W.  Schneidewind,  Die  Ernährung  der  landwirtschaftlichen
Kulturpflanzen,  ein  Lehrbuch  auf  der  Grundlage  wissenschaftlicher ­
  Forschung  und  praktischer  Erfahrung,  487  Seiten,
Berlin  1916,  P.  Parey.
Flugschriften  der  Deutschen  Landwirtschafts-Gesellschaft,  Heft  7,
D  ii  n  g  e  r  s  i  b  e,l.  Ein  Leitfaden  zu  der  Düngetafel  der
D.  L.  G.  Auf  Grund  der  neuesten  Forschungsergebnisse  bearbeitet ­
  von  Prof.  Dr.  M.  H  o  f  s  m  a  n  n,  Berlin.  14.  Aus-  &amp;gt;
läge,  166  Seiten,  Berlin  1916,  Deutsche  LandwirtschaftsGesellschaft, ­
  Berlin,  Dessaüer  Straße  14.
Mitteilungen,  Jahrbücher  und  Arbeiten  der
Deutschen  L  a  n  d  w  i  r  t  s  ch  a  f  t  s  -  Gesellschaft,
insbesondere  aus  den  Jahren  1914—16.
        <pb n="37" />
        Stickstoffwirtschaft  und  Volkswirtschaft
Von  Rittmeister  Bueb,
Neichskommiffar  für  Stilfstoffwirtschaft.
Die  volle  Bedeutung  des  Stickstoffs  in  der  Verwendung  als
künstlicher  Dünger  ist  erst  im  Verlaufe  des  Krieges  allgemein
erkannt  worden.  Der  Stickstoffmangel  in  Deutschland  im  Kriege
und  der  damit  verbundene  Rückgang  der  Ernteerträgnisfe  haben
jedem  gezeigt,  welche  Rolle  dem  Stickstoff  bei  der  Beurteilung  der
Ernteerträgnisfe  der  Landwirtschaft  zukommt.
Vor  dem  Kriege  war  Deutschland  in  feiner  Stickstoffversorgung ­
  von  der  ausländischen  Zufuhr  abhängig.  'Von  den  gewältigen
  Mengen  an  Stickstoff,  die  Deutschland  für  seine  Landwirtschaft ­
  und  Industrie  im  letzten  Frredensjahre  verbrauchte,
wurden  nur  rund  zwei  Fünftel  im  Jnlande  selbst  erzeugt,  während
der  Rest  in  Form  von  Salpeter  eingeführt  werden  mutzte.
Das  Ammoniak  der  Kokereien  und  Gasanstalten  bildete  die
einzige  wesentliche  Quelle,  aus  der  Deutschland  feinen  Stickstoff
schöpfte,  um  ihn  in  Form  von  schwefelsaurem  Ammoniak  der
Landwirtschaft  zuzuführen.
Bald  nach  Ausbruch  des  Krieges  hörte  'die  Zufuhr  von  Salpeter ­
  auf.  Die  Heeresverwaltung  war  dadurch  genötigt,  zur
Deckung  des  immer  mehr  steigenden  Munitionsbedarfes  auf  die
Salpetermengen,  welche  im  Jnlande  aufgestapelt  waren,  Beschlag
zu  legen.  Diese  Mengen  wurden  erfreulicherweise  noch  vermehrt
durch  die  in  den  besetzten  Gebieten,  namentlich  in  Antwerpen,
von  der  Heeresverwaltung  erfaßte  Beute.  Trotzdem  war  vorauszusehen, ­
  daß  in  absehbarer  Zeit  nicht  einmal  genügend  Stickstoff ­
  für  die  Munitionsanfertigung  vorhanden  war,  wenn  es  nicht
gelang,  neue  inländische  Stickstoffquellen  zu  erschließen.  Die
Wege  dazu  waren  vor  dem  Kriege  schon  gewresen.
Im  K  a  l  k  st  i  ck  st  o  f  f  -  V  e  r  f  a  h  r  e  n  einerseits  und  in  dem
bei  der  Badischen  Anilin-  und  Soda-Fabrik  in  Ludwigshafen
bereits  ausprobierten  Verfahren  von  Haber-Bosch  war
das  Problem  schon  im  kleinen  Maßstabe  gelöst,  den  Stickstoff  der
Luft  nutzbar  zu  machen.  Die  beiden  Verfahren  wurden  in  der
Kriegszeit  in  einem  gewaltigen  Ausmaße  in  die  Großfabrikation
übertragen.  Es  entstanden  vier  neue  Kalkstickstoff-Fabriken,  teil-
        <pb n="38" />
        36

Weise  mit  Mitteln  des  Reiches  erbaut,  in  welchen  soviel  Stickstoff
hergestellt  werden  sollte,  daß  damit  ein  großer  Teil  der  durch  den
Wegfall  der  Einfuhr  fehlenden  Stickstoffmengen  ersetzt  werden
konnte.
Diese  Fabriken  sind  heute  in  der  geplanten  Größe  ausgebaut.
Ihre  Höchstleistung  wurde  zwar  infolge  der  äußeren  durch  den
Krieg  bedingten  Verhältnisse  noch  nicht  voll  erreicht,  aber  immerhin ­
  wird  in  diesen  Fabriken  schon  eine  recht  bedeutende  Stickstoffmenge ­
  hergestellt.
Der  immer  steigende  Bedarf  der  Heeresverwaltung  an
Munitions-Stickstoff  brachte  es  mit  sich,  daß  diese  Kalkstickstoff-Fabriken,
  deren  Erzeugung  ursprünglich  nur  für  die  Landwirtschaft ­
  bestimmt  war,  auch  zur  Munitions-Stickstoff-Fertigung,
wenigstens  teilweise,  herangezogen  werden  mußten.
Das  Haber-Bosch-Verfahren,  welches  zunächst  in  Ludwigs-Hafen
  fabrikakorisch  in  bisher  unbekanntem  großen  Ausmaße  ausgebaut ­
  wurde,  nahm  nach  Überwindung  der  jedem  neuen  Fabrikationsbetriebe ­
  anhaftenden  Anfangsschwierigkeiten  einen  solchen
Siegeslauf,  daß  die  ursprünglich  beabsichtigte  Höchstleistung  bereits ­
  wesentlich  übertroffen  worden  ist.  &amp;lt;
Als  die  moderne  Kampfesmethode  einen  immer  stärkeren
Munitionseinsatz  und  damit  eine  dauernd  steigende  Stickstoffmenge ­
  erforderte,  wurde  mit  Unterstützung  des  Reiches  eine
zweite  Fabrik  nach  Haber-Bosch  in  Mitteldeutschland  errichtet.
Diese  Fabrik,  deren  Bau  erst  Ende  Mai  1916  beschlossen  wurde,
ist  mit  ihren  ersten  Abteilungen  rasch  in  Betrieb  gekommen  und
nimmt  an  der  Stickstoffversorgung  Deutschlands  bereits  teil.
Die  Größe  der  neu  errichteten  Stickstoff-Fabriken  wird  veranschaulicht ­
  durch  den  geldlichen  Aufwand,  der  in  die  Hunderte
von  Millionen  geht.  Es  ist  aber  das  erstrebte  Ziel,  den  Stickstoff ­
  für  die  Munitionsfertigung  sicherzustellen  und  daneben  noch
der  Landwirtschaft  ihren  Bedarf  an  Stickstoff  zu  schaffen,  schon
in  einem  Ausmaße  erreicht  worden,  daß  für  das  Erntejahr
1916/17  der  Landwirtschaft  100  000  Tonnen  Stickstoff,  d.  h.  etwa
die  Hälfte  ihres  Friedensbedarfes  im  Jahre  1913,  oder  eine  ihrem
Gesamtbedarfe  im  Jahre  1909  gleichkommende  Menge  zur  Verfügung ­
  gestellt  werden  konnte.
Mit  der  weiter  fortschreitenden  Produktionserweiterung  der
neuen  Fabrik,  in  Verbindung  mit  der  allmählichen  Produktionssteigerung ­
  der  vorhandenen  Kalkstickstoff-Fabriken,  wird
es  voraussichtlich  möglich  sein,  der  Landwirtschaft  für  das  Ernte-
        <pb n="39" />
        37

jähr  1917/18  noch  eine  100  000  Tonnen  übersteigende  Stickstoffmenge ­
  zur  Verfügung  zu  stellen.  ,  .
Da  die  gewaltigen  Stickstoffmengen,  die  zur  Munitwnsfertigung
  während  des  Krieges  beansprucht  werden,  im  Augenblick ­
  des  Friedensschlusses  für  die  Landwirtschaft  nutzbar  gemacht
werden  können,  so  wird  Deutschland  nach  Schluß  des  Krieges
aus  eigenem  über  viel  größere  Stickstoffmengen  verfügen,  als
im  letzten  Friedensjahre  in  Deutschland  erzeugt  und  aus  dem
Auslande  eingeführt  wurden.  Wenn  die  heute  im  Bau  befindlichen ­
  Stickstoff-Fabriken  ihre  Höchstleistung  erreicht  haben,  so
wird  die  deutsche  Stickstoff-Produktion  so  groß  sein,  wie  die  gesamte ­
  Produktion  Chiles  vor  dem  Kriege  war.
Für  die  Zukunft  Deutschlands  ist  es  von  ausschlaggebender
Bedeutung,  daß  die  in  der  Not  des  Krieges  entstandenen  neuen
Stickstoff-Fabriken  den  Stickstoff  auch  zu  einem  Preise  herstellen
können,  daß  er  im  Frieden  erfolgreich  mit  dem  Stickstoff  des
Chilesalpeters  in  Wettbewerb  treten  kann.  Nach  den  heute  vorliegenden ­
  Zahlen  ist  auch  dieses  Ziel  erreicht  worden,  und  der
deutsche  Landwirt  hat  in  Zukunft  nicht  mehr  nötig,  sein  Geld
nach  dem  Auslande  zu  tragen,  um  sich  seinen  Stickstoffdünger
zu  beschaffen;  er  kann  ihn  zu  einem  billigeren  Preise  künftig  aus
deutschen  Prodnktionsstätten,  welche  ausschließlich  auf  deutschen
Rohstoffen  beruhen,  beziehen.
Welche  Bedeutung  dieser  Tatsache  für  die  Wiedergesundung
unserer  verwundeten  Volkswirtschaft  beizumessen  ist,  das  geht
schon  daraus  hervor,  daß  der  Stickstoffpreis  im  Chilesalpeter  nach
dem  Kriege,  schon  allein  wegen  des  fehlenden  Schiffsraums  und
der  dadurch  um  das  Vielfache  gesteigerten  Frachtkosten,  zweifellos
höher  als  vor  dem  Kriege  fein  wird.
Infolge  der  reichlichen  Stickstoffmengen,  über  die  es  nach
dem  Kriege  verfügt,  wird  Deutschland  voraussichtlich  von  allen
kriegführenden  Ländern  das  erste  sein,  welches  seine  Ernteerträge
wieder  auf  den  früheren  Stand  bringen  und  noch  wesentlich
darüber  hinaus  steigern  wird.  Die  Stickstoffwirtschaft  muß  deshalb ­
  als  wichtiger  Teil  der  Volkswirtschaft  jetzt  und  in  Zukunft
angesehen  werden.
        <pb n="40" />
        Der  Absatz  der  künstlichen  Düngemittel
im  Kriege
Von  Regierung  öassessor  Wilhelm  von  Flügge,
Referent  im  Kriegscrnährungsamt.
Die  Verteilung  einer  Ware  erfolgt,  solange  die  freie  Bildung
des  Marktpreises  nicht  gestört  ist,  eben  durch  den  Preis.  Das  |‘
Gleichgewichtsverhältnis,  das  sich  aus  Angebot  und  Nachfrage  \
ergibt,  regelt  die  Distribution  der  Ware.  Die  Preisbildung  ist
somit  die  Maschinerie,  die  zugleich  die  Verteilung  bewirkt.
Wird  durch  staatlichen  Eingriff,  wie  sich  das  im  Kriege  häufig
als  nötig  erwiesen  hat,  die  freie  Preisbildung  unterbunden,  und  H
wird  das  freie  Walten  des  Gesetzes  von  Angebot  und  Nachfrage  \
durch  regulierende  Bestimmungen  des  Staates  ersetzt,  so  wird
damit  zugleich  die  Maschine  zerschlagen,  die  die  Verteilung  der  j
Ware  ordnet.  Die  Verteilung  geht  daher  ihrer  eigenen  Gesetze  i
verlustig  und  bedarf  in  Ergänzung  der  staatlichen  Regelung  des  s
Preises  ihrerseits  ebenfalls  staatlicher  Einwirkung.
Aus  dieser  wirtschafts-theoretischen  Grundlage  ergeben  sich  !
die  allgemeinen  Schlüsse,  welche  die  theoretischen  Unterlagen  für  die  1
Kriegswirtschaftspolitik  hinsichtlich  der  künstlichen  Düngemittel  zu  s
bilden  Hütten.
Zwei  Dinge  sind  bei  Erwägung  der  auf  dem  Gebiete  der  i
künstlichen  Düngemittel  zu  treffenden  kriegswirtschaftlichen  Matz-  |
nahmen  im  voraus  festzustellen:  Einmal  eine  Tatsache  und  L
zum  andern  eine  politische  Notwendigkeit.
Die  Tatsache  ist  die,  daß  die  zur  Verfügung  stehenden
Mengen  an  künstlichem  Dünger  zum  Ami  nicht  in  ausreichendem  ■
Maße  vorhanden  sind,  um  den  Bedarf  zu  decken.  Bei  Kali  ist
das  nicht  der  Fall;  Kali  kann  daher  bei  den  in  Erwägung  zu
ziehenden  Tatsachen  zunächst  ausgeschaltet  werden.  Stark  dagegen ­
  ist  der  Mangel  an  Stickstoff.  Zunächst  sind  nicht  entfernt ­
  diejenigen  Mengen  vorhanden,  welche  die  deutsche  Landwirtschaft ­
  im  Frieden  verbraucht  hat;  dann  aber  ist  an  sich  die  Nachfrage ­
  der  Landwirtschaft  im  Kriege  eine  stärkere  als  im  Frieden.
Denn  einerseits  ist  durch  den  Mangel  an  Kraftfutter  ein  stärkerer
Ausfall  an  iHtickstoffgehalt  im  tierischen  Dünger  entstanden,  der
von  fachmännischer  Seite  außerordentlich  hoch'eingeschätzt  wird.  ■
        <pb n="41" />
        39

Wäre  künstlicher  Stickstoffdünger  reichlich  vorhanden,  so  wurde
ein  Teil  des  so  ausgefallenen  tierischen  Düngers  ohne  Zweier
durch  künstlichen  Dünger  ersetzt  worden  sein.  Weiterhin  aver
lassen  die  gestiegenen  landwirtschaftlichen  Produktenprerse  eine
erheblich  verstärkte  Verwendung  von  Stickstoffdünger  als  rentabel
erscheinen.  Dem  verminderten  Angebot  steht  daher  vermehrte
Nachfrage  gegenüber.
Bei  der  P  h  o  s  p  h  o  r  s  ä  u  r  e  liegen  die  Verhältnisse  der
Nachfrage  ebenso  wie  beim  Stickstoff.  Das  Angebot  ist  demgegenüber ­
  ebenfalls  stark  zurückgegangen.  Die  Gewinnung  von  Thomasmehl
  hält  sich  beinahe  auf  der  Friedenshöhe;  dafür  ist  aber  die
Produktion  von  Superphosphat  sehr  viel  geringer  als  im
Frieden.  Aus  dieser  Verschiebung  der  Verhältnisse  von  Angebot ­
  und  Nachfrage  mutz  sich  im  freien  Markte  eine  auherordentlich
starke  Erhöhung  des  Preises  ergeben.  Die  Erhöhung  des
Preises  würde  im  freien  Markte  ihre  obere  Grenze  voraussichtlich
in  dem  Preise  finden,  bei  dein  eine  Verwendung  unter  Ansehung
der  heutigen  Preise  landwirtschaftlicher  Produkte  noch  als
rentabel  erscheint.  Die  zahlenmähigcn  Grundlagen  dieser  Möglichkeit ­
  festzustellen,  ist  natürlich  auherordentlich  schwierig.  Es
ist  jedoch  kein  Zweifel,  datz  die  Grenze  sehr  hoch  liegt.  Von  sehr
sachverständiger  Seite  wird  sie  auf  Grund  eingehender  Berechnungen ­
  beim  Stickstoff  auf  etwa  4  Mark  für  das  Kg.  %  geschätzt.
Das  würde  also  wohl  der  Preis  sein,  bis  zu  dem  unter  Umständen
der  Preis  des  Stickstoffs  steigen  würde,  wenn  man  der  Preisentwicklung ­
  ihren  Lauf  lassen  wollte.
Die  politische.  Notwendigkeit,  die  bei  der  Politik
der  Düngemittel  in  den  Vordergrund  zu  stellen  ist,  ist  die,  datz
Gesichtspunkte  der  p  r  i  v  a  t  w  i  r  t  s  ch  a  f  t  l  i  che  n  Gerechtigkeit ­
  unter  allen  Umständen  hinter  den  Gesichtspunkten  der
kriegswirtschaftlichen  Z  w  e  ck  m  ä  tz  i  g  k  e-i  t  zurückzutreten ­
  haben.  Auch  bei  der  Verteilung  anderer  Waren,  insbesondere ­
  der  Lebensrnittel,  sprechen  Gründe  der  kriegswirtschaftlichen
Zwecknrähigkeit  mit;  die  Belieferung  der  Rüstungsindustrie  z.  B.
Wird  stärker  betont  als  die  Belieferung  anderer  Bevölkerungsteile.
Aber  daneben  schiebt  sich  der  Grundsatz  stark  in  den  Vordergrund,
datz  die  Verteilung  der  Lebensmittel  eine  möglichst  gleichmätzige
sein  soll,  datz  jeder  zu  dem  Seinen  kommt  und  so  Unzufriedenheit ­
  vermieden  wird.  Bei  der  Politik  der  künstlichen  Düngemittel
ist  eine  solche  Rücksichtnahme  nicht  möglich.  Die  Frage  des  Durchhaltens ­
  in  ernährungswirtschastlicher  Hinsicht  ist  in  der  Hauptfache
  eine  Frage  der  Ernte.  Die  Ernte  ihrerseits  ist  zwar  nicht
        <pb n="42" />
        J

4U

allein  von  der  zweckmäßigen  Verwendung  der  künstlichen  Düngemittel ­
  abhängig.  Eine  unzweckmäßige  Verwendung  muß  aber
mit  ziemlicher  Bestimmtheit  eine  erhebliche  Verschlechterung  der
Ernte  zur  Folge  haben.  Unzweckmäßig  sind  alle  Maßnahmen,  infolge ­
  deren  die  künstlichen  Düngemittel  nicht  dort  zur  Verwendung
gelangen,  wo  mit  ihrer  Hilfe  der  höchste  Ertrag  an  landwirtschaftlichen ­
  Produkten  erzielt  werden  kann.  Bei  der  schmalen  Basis,
auf  der  unsere  Ernährungswirtschaft  aufgebaut  ist,  können  auch
kleinere  vermeidbare  Beeinträchtigungen  des  Ernteergebnisses
nicht  verantwortet  werden.  Die  Verteilung  der  Düngemittel  muß
daher  so  erfolgen,  daß  sie  ausschließlich  nach  dem  Gesichtspunkte
der  wirtschaftlichen  Zweckmäßigkeit  und  des  höchsten  Produktionsergebnisses ­
  geschieht,  selbst  wenn  dadurch  eine  Reihe  von  Einzelpersonen ­
  oder  ganze  Landesteile  in  ihren  privatwirtschaftlichen
Interessen  verletzt  oder  schlechter  gestellt  werden.  Das  gilt  für
das  Verhältnis  der  einzelnen  Privatwirtschaften  zueinander,
ebenso  für  das  Verhältnis  der  einzelnen  im  Deutschen  Reiche
zusammengeschlossenen  Staatswirtschaften.
Aus  dem  kriegswirtschaftlichen  Grundsätze,  daß  bei  staatlicher
Festsetzung  des  Preises  auch  die  Verteilung  staatlicherseits  in  Angriff ­
  genommen  werden  muß,  wenn  nicht  die  Verteilung  willkürlich
  und  regellos  werden  soll,  aus  der  Tatsache,  daß  im  freien
Markte  die  Düngerpreise  außerordentlich  steigen  würden,  und  aus
der  Notwendigkeit  einer  Verteilung  nach  Gründen  der  kriegswirtschaftlichen ­
  Zweckmäßigkeit  ergibt  sich,  daß  theoretisch  die  Politik
der  künstlichen  Düngemittel  eigentlich  nur  in  zwei  Richtungen
geführt  werden  könnte:
Entweder  dadurch,  daß  man  die  Preisbildung  frei  walten
läßt,  oder  daß  man  m  i  t  der  Preisbindung  die  staatliche  Verteilung ­
  einsetzen  läßt.
Das  S  y  st  e  m  der  freien  Preisbildung  hat  an
sich  etwas  außerordentlich  Verlockendes.  Es  wäre  d«bei  durchaus
nicht  nötig  —  was  ja  staatswirtschaftlich  ebenso  wie  volkswirtschaftlich ­
  vollkommen  verkehrt  wäre  —,  nun  etwa  die  außerordentlichen
Gewinne,  die  wegen  des  Mangels  an  Angebot  entstehen  würden,
den  privaten  Produzenten  der  Düngemittel  in  den  Schoß  fallen
zu  lassen.  Es  wäre  sehr  Wohl  denkbar,  daß  der  St  a  a  t  zu  einem
angemessenen  Preise  die  Düngemittel  beschlagnahmen  und  dann
vielleicht  auf  dem  Wege  der  Versteigerung  an  den  landwirtschaftlichen ­
  Verbrauch  abgeben  würde.  Trotzdem  erscheint  der  Gedanke
kaum  durchführbar.  Selbst  für  sehr  gut  geleitete  Wirtschaften
mit  ausgezeichneter  Buchführung  wird  es  außerordentlich
        <pb n="43" />
        41

schwierig  sein,  genau  zu  errechnen,  bis  zu  welchem  Preise  der
Ankauf  und  die  Anwendung  von  künstlichem  Dünger  noch  rentabel
ist.  Falsche  Kalkulation  würde  bei  der  Masse  der  Landwirte  me
Regel  sein.  Die  Folge  wäre  eine  doppelte.  Diejenigen  ^andwirte,
  die  eine  zu  niedrige  Ziffer  errechnet  haben,  würden  voraussichtlich ­
  von  dem  Gebrauche  von  künstlichem  Dünger  abgeschreckt ­
  werden;  eine  sehr  große  Zahl,  insbesondere  der  kleineren
Landwirte,  würde  sicherlich  bei  dem  entstehenden  außerordentlich
hohen  Düngerpreise  keine  künstlichen  Düngemittel  verwenden,
ganz  abgesehen  davon,  baß  viele  landwirtschaftlichen  Kreise  nicht
kapitalstark  genug  wären,  um  trotz  richtiger  Kalkulation  des
Düngerpreises  den  Ankauf  vornehmen  zu  können.  Bei
einem  großen  Teile  der  Landwirtschaft  würde  also  ein  verminderter ­
  Gebrauch  von  Kunstdünger,  und  damit  ein  Rückgang
der  Produktion  entstehen.  Derjenige  Teil  der  Landwirtschaft  aber,
der  sich  einen  zu  hohen  Maximal-Dllngerpreis  auskalkuliert  hätte,
würde  beim  Ernteergebnis  einen  pekuniären  -Schaden  erleiden,
der  sich  naturgemäß  alsbald  in  die  Forderung  nach  höheren
Preisen  für  landwirtschaftliche  Erzeugnisse  umsetzen  würde.  Neben
diesen  Tatsachen  würde  ein  Freilassen  des  Düngerpreises  aus  rein
politischen  Gründen  nicht  möglich  sein,  weil  die  Agitation  der  für
ihre  Erzeugnisse  mit  Preisbindungen  versehenen  Landwirtschaft
gegen  des  Freilassen  des  Düngerpreises  allzu  stark  sein  würde.
Die  Preisbindung  für  die  künstlichen  Düngemittel  war  demnach
notwendig  und  ist  erfolgt.
Nach  den:  oben  Gesagten  wäre  eigentlich  die  notwendige ­
  Folge  der  Preisbindung  die  st  a  a  t  I  i  ch  e  V  e  r  t  e  i  l  u  n  g
der  künstlichen  Düngemittel.  Die  Erfassung  der  Produktion,  welche
die  staatliche  Bewirtschaftung  so  mancher  anderen  Waren  erschwert,
wäre  bei  den  künstlichen  Düngemitteln  außerordentlich  leicht.  Ebenso
würde  die  Spedition  und  die  ganze  technische  Organisation  der  Bewirtschaftung ­
  kaum  irgendwelche  Schwierigkeiten'  machen.  Kaum
eine  Ware  eignet  sich  so  sehr  wie  die  künstlichen  Düngemittel  für
den  staatlichen  Eingriff.  Verhältnismäßig  wenige,  genau  bekannte
und  genau  kontrollierbare  Produktionsstätten,  große  Artengleichheit, ­
  außerordentliche  Haltbarkeit  machen  das  'technische  Geschäft
des  Düngemittelabsatzes  zu  einem  sehr  leichten.  Dazu  hat  die
Produktion  und  der  Handel  wirtschaftliche  Formen  angenommen
welche  die  Überführung  in  die  Staatshand  oder  sonst  in  eine  von
öffentlicher  Seite  beaufsichtigte  Hand  zwanglos  von  statten  gehen
lassen  würde.  Beim  Kali  hatten  wir  schon  im  Frieden  ein  mit
staatlichen  Kontrollen  und  staatlicher  Einwirkung  ausgestattetes
        <pb n="44" />
        42

Zwangssyndikat.  In  den  übrigen  Düngemittelarten  ist  ein  reich
entwickeltes,  starkes  Syndikatsleben  vorhanden,  das  unschwer  in
öffentlich-rechtliche  Formen  überführt  werden  könnte.  Von  seiten
der  technischen  Organisation  wären  daher  irgendwelche  Schwierigkeiten ­
  nicht  vorhanden.
Eine  außerordentliche  Schwierigkeit  aber  bietet  die  Verteilung ­
  selbst.
Auf  die  unbedingte  Notwendigkeit  der  volkswirtschaftlich  und
damit  kriegswirtschaftlich  zweckmäßigen  Verteilung  ist  bereits
hingewiesen  worden.  Bei  freier  Preisbildung  war  im  Frieden
diese  volkswirtschaftlich  zweckmäßige  Verteilung  einigermaßen  gewährleistet. ­
  Der  künstliche  Dünger  ging  zu  dem,  der  die  höchsten
Preise  für  ihn  bezahlte.  Die  höchsten  Preise  konnte  derjenige  bezahlen, ­
  der  mit  Hilfe  der  künstlichen  Düngemittel  das  'beste
pekuniäre  Ergebnis  erzielen  konnte.  Das  war  also  im  wesentlichen ­
  der  beste  Boden,  die  teuerste  Fruchtart,  die  höchste  wirtschaftliche ­
  Intelligenz.
Durch  die  Unterbindung  der  freien  Preisbildung  ist  die  Anziehungskraft ­
  dieser  drei  Kräfte  aufgehoben.  Der  Anbnuer  des
minderwertigen  Erzeugnisses,  der  ertragsloseste  Boden,  der  wirtschaftlich ­
  unintclligenteste  Landwirt  zahlt  den  gesetzmäßigen
Höchstpreis,  zu  dem  die  Anwendung  der  Düngemittel  sich  auch  bei
ihm  rentiert.  Die  teuerste  Fruchtart,  der  ertragreichste  Boden,
der  wirtschaftlich  intelligente  Landwirt  bliebe  unter  Umständen
ohne  Düngemittel,  obgleich  privatwirtschaftlich  sein  Ertrag  höher
und  volkswirtschaftlich  der  Dünger  dort  besser  angewendet  wäre.
Aus  dieser  Erwägung  ergeben  sich  bereits  die  Hauptgesichtspunkte, ­
  die  bei  Findung  eines  Schlüssels  für  die  Verteilung ­
  der  künstlichen  Düngemittel  zugrunde  zu  legen  wären.
Es  wird  notwendig  sein,  im  einzelnen  zu  prüfen,  inwieweit  diese
Gesichtspunkte  überhaupt  schlüsselmäßig  zu  erfassen  sind.
Obgleich  es.zweifelhaft  erscheinen  kann,  inwieweit  infolge
der  Unkenntnis,  welche  Fruchtarten  zum  Anbau  gelangen  werden,
die  angebaute  Fruchtart  schlllsselmäßig  zugrunde  gelegt
werden  kann,  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  die  Berücksichtigung
der  Fruchtart  kriegswirtschaftlich  bei  der  Verteilung  der  Düngemittel ­
  eine  staatliche  Verteilung  nicht  unerwünscht  erscheinen  läßt.
Dem  Frieden  gegenüber  haben  sich  die  Verhältnisse  zunächst  insofern ­
  verschoben,  als  die  Preise  für  die  einzelnen  landwirtschaftlichen ­
  Erzeugnisse  festgelegt  sind,  und  bei  ihrer  Festsetzung  nicht
immer  das  in  Friedenszeiten  übliche  Wertverhältnis  innegehalten
worden  ist.  Wenn  z.  B.  die  Zuckerrübe  in  ihrem  Höchstpreise  zu
        <pb n="45" />
        43
dem  Höchstpreise  der  Kartoffel  nicht  denselben  Abstand  hat  w  i  e  un
Frieden,  so  würden  bei  freier  Preisbildung  die  künstlichen  ~3u  9  '
mittel  nicht  mehr  in  dem  Matze  zur  Rübe,  also  zur  hochwer  ig
Fruchtz  gehen,  sondern  zum  Teil  zur  Kartoffel  abwandern
weiteren  aber  hat  die  Abschneidung  des  deutschen  Marktes  vorn
Weltmärkte  und  die  damit  verbundene  Versorgungsverschiebung
es  notwendig  gemacht,  den  Anbau  bestimmter  Frnchtarten  den
Friedensverhältnissen  gegenüber  zu  begünstigen  und  anzuregen.
Man  denke  z.  B.  nur  an  die  Ölfrüchte  und  an  die  Gespinstpflanzen. ­
  Hier  würde  an  sich  die  Möglichkeit  staatlichen  Eingriffs
in  die  Diingemittelverteilung  eine  Förderung  des  Anbaues  dieser
kriegswichtigen  Fruchtarten  durch  Verschiebung  der  Düngemittelverteilung
  ermöglichen.
Die  Bedeutung  der  B  o  d  e  n  a  r  t  für  die  schlüsselmähige  Verteilung ­
  der  künstlichen  Düngemittel  ist  schon  autzerordentlich  viel
schwerer  zu  erfassen.  Zwar  bestehen  öffentliche  Bodenklassifikationen
  wohl  in  den  meisten  Landesteilen!  abgesehen  davon ­
  aber,  datz  sie  nach  ganz  verschiedenen  Gesichtspunkten  aufgestellt ­
  und  meistens  veraltet  sind,  sind  sie  für  eine  Beurteilung
der  Notwendigkeit  oder  Zweckmäßigkeit  bei  Verwendung  künstlichen ­
  Düngers  vollkommen  ungeeignet.  Eine  entsprechende
statistische  Grundlage  lietze  sich  auch,  abgesehen  davon,  datz  eine
neue  Aufstellung  Jahrzehnte  beanspruchen  würde,  neu  theoretisch
gar  nicht  ermöglichen.  In  bezug  auf  die  Verwendung  von  künstlichem ­
  Dünger  ist  jedes  einzelne  Gut,  jeder  einzelne  Bauernhof,
jede  einzelne  Parzelle  mit  ganz  besonderen  Ansprüchen  für  sich
zu  beurteilen.  Hier  irgendwelche  Regeln  zu  finden,  nach  denen
die  Düngerbedürftigkeit  des  Bodens  festzustellen  wäre,  scheint
mir  eine  Unmöglichkeit.  Nur  der  erfahrene  Landwirt,  der  auf
dem  betreffenden  Boden  längere  Zeit  gewirtschaftet  hat,  wird  die
Düngerbedürftigkeit  des  Bodens  einigermatzen  beurteilen  können.
..Die  landwirtschaftliche  Intelligenz  läht  sich
natürlich  schlüsselmätzig  überhaupt  nicht  erfassen.  Der  Gesichtspunkt ­
  der  landwirtschaftlichen  Intelligenz  müßte  daher  überhaupt
unberücksichtigt  bleiben.  Gerade  er  ist  aber  bei  der  Verteilung
der  .  künstlichen  Düngemittel  autzerordentlich  wichtig.  Weite
Kreise  unserer  Landwirtschaft,  in  manchen  Gegenden  der  größte
Teil  der  kleinbäuerlichen  Besitzungen,  ist  an  den  Gebrauch  von
künstlichem  Dünger  nicht  oder  nur  in  sehr  bescheidenem  Matze
gewöhnt.  Die  Nichtberücksichtigung  des  Gesichtspunktes  der  wirtschaftlichen ­
  Intelligenz  würde  daher  künstliche  Düngemittel  in
Hände  bringen,  die  solche  früher  nicht  verwendet  haben.  Das
        <pb n="46" />
        44

würde  sicherlich  in  großem  Maße  zu  einer  volkswirtschaftlich  und
damit  kriegswirtschaftlich  unzweckmäßigen  Verwendung  führen.
Neben  den  genannten  drei  Gesichtspunkten  kommt  noch  eine
ganze  Reihe  von  anderen  für  die  Findung  des  Schlüssels  in  Frage.
Das  Klima,  das  eine  erhebliche  Rolle  spielen  müßte,  wird
ebenfalls  kaum  richtig  erfaßt  werden  können.
Die  Versorgung  mit  tierischem  Dung  könnte
statistisch  vielleicht  einigermaßen  festgestellt  werden.  Eine  geringere ­
  Versorgung  der  viehhaltenden  Bevölkerung  durch  staatliche ­
  Maßnahmen  würde  aber  naturgemäß  eine  außerordentlich
schwere  Klage  der  viehhaltenden  Landesteile  hervorrufen,  und  das
könnte  sehr  leicht  bewirken,  daß  aus  politischen  Gründen,  oder  aus
Gründen  der  privatwirtschaftlichen  Gerechtigkeit,  eine  kriegswirtschaftlich ­
  unzweckmäßige  DUngemittelverteilung  vorgenommen
würde.
Außerordentlich  berücksichtigungswürdig  ist  bei  der  Verteilung ­
  das  Ge  s  e  tz  vom  Minimum,  das  eine  wechselseitig
sich  beeinflussende  Anwendung  der  einzelnen  ^Düngemittel  verlangt. ­
  Bei  der  Zuteilung  von  Stickstoff  an  den  einzelnen  Betrieb
müßte  daher  nicht  nur  auf  die  Zuteilung  von  Phosphorsüure
Rücksicht  genommen  werden,  sondern  auch  aus  den  Phosphorreichtum ­
  des  Bodens.  Das  schlüsselmäßig  zu  erfassen  ist  natürlich
nicht  möglich.  Die  Folge  davon  würde  sein,  daß  unter  Umständen
vielfach  Stickstoffdünger  gegeben  wird,  wo  die  Phosphorvorräte
die  Verarbeitung  des  Stickstoffs  nicht  zulassen,  und  Phosphordünger, ­
  wo  der  vorhandene  Stickstoff  die  Phosphorgabc  volkswirtschaftlich ­
  als  Verschwendung  erscheinen  ließe.
Endlich  aber  ist  zu  bedenken,  daß  alle  diese  Gesichtspunkte
untereinander  eine  sich  ständig  beeinflussende  und  verschiebende
Wirkung  ausüben.  Bei  anderem  Klima  braucht  derselbe  Boden
andere  Mengen  Düngemittel.  Bei  anderer  Fruchtart  wirkt  das  Vorhandensein
  der  gleichen  Menge  tierischen  Düngers  anders.
Aus  allen  diesen  Gründen  kann  der  aufzustellende  Schlüssel
nicht  ermittelt,  sondern  nur  aufs  Geradewohl  gegriffen  werden.
Er  wird  aber  zunächst  ganz  sicherlich  falsch  geraten
werden.  Die  Aufstellung  eines  solchen  falschen  Schlüssels
ist  bei  der  Verteilung  von  Lebensmitteln  bedauerlich,  aber  kein
großes  Unglück.  Die  Mißstände  werden  sich  alsbald  herausstellen ­
  und  können  beseitigt  werden.  Die  Folgen  einer
falschen  Düngemittelverteilung  zeigen  sich  dagegen  erst  nach  der
Ernte,  und  zwar  in  Gestalt  einer  Mißernte.  Bei  der  schmalen
Ernährungsgrundlage,  auf  der  wir  stehen,  ist  ein  derartiges
        <pb n="47" />
        45

Experiment  nicht  erträglich.  Staatliche  Düngemittelverteilung
würde  daher  mit  der  allergrößten  Wahrscheinlichkeit  zu  einer  Mißernte ­
  und  zum  Verlust  des  Ernährungskrieges  führen,  sie  muß
daher  auf  jeden  Fall  vermieden  werden.

Der  Weg,  den  die  Politik  des  Reichsamts  des  Innern  und

später  des  Kriegsernährungsamts  einschlagen  konnte  und  eingeschlagen ­
  hat,  ist  daher  derjenige,  der  oben  aus  theoretischen  Erwägungen ­
  heraus  als  unzulänglich  bezeichnet  worden  ist:  st  a  a  tliche
  Preisbindung  ohne  staatliche  Verteilung.
Durch  die  Bundesratsverordnung  vom  11.  Januar  1916  sind  die
Preise  der  künstlichen  Düngemittel  allgemein  geregelt  worden;
abgesehen  von  geringen  Mengen,  die  für  kriegswichtige  Fruchtarten ­
  zur  Verfügung  gestellt  worden  sind,  ist  jedoch  van  einer
Bewirtschaftung  irgendwelcher  Art  abgesehen
worden.  '  ■  .  "

Ich  habe  oben  gesagt,  daß  bei  dem  System  der  Preisbindung

ohne  Verteilung  die  Verteilung  der  Düngemittel  eine  gesetzlose

werden  müsse.  Das  ist  nicht  ganz  genau  ausgedrückt.  Was  aufhört, ­
  ist  lediglich  die  verteilungsbestimmende  Herrschaft  der  freien
Preisbildung.  Aber  es  treten  natürlich  andere  Bestimmungsgründe ­
  an  die  Stelle  der  Preisbildung,  die  nunmehr  die  Verteilung ­
  bestimmen.  Da  der  Absatz  aus  den  dargelegten  Gründen
sich  dem  staatlichen  Eingriff  entzieht  und  der  Privatwirtschaft
überlassen  geblieben  ist,  sind  es  weiterhin  Beweggründe  des  privatwirtschaftlichen ­
  Eigennutzes;  vielfach  sind  es  Versuche,  unter  Übertretung ­
  der  gesetzlichen  Bestimmungen  oder  unter  falscher  Auslegung ­
  die  festgesetzten  Preise  zu  überschreiten  und  das  System
der  freien  Preisbildung  bis  zu  einem  gewissen  Grade  wieder
herzustellen.  Hier  kann  nur  —  neben  einem  möglichst  klaren  und
einfachen  Aufbau  des  Höchstpreissystems  unter  Vermeidung  verschiedener ­
  Höchstpreise  für  dieselbe  Ware  nebeneinander  —  scharfe
Aufsicht  im  Verwaltungswege  helfen.  In  der  Hauptsache  aber
bestimmen  die  Verteilung  der  Düngemittel  Gründe,  die  mit  der
augenblicklichen  Preisbildung  nichts  zu  tun  haben.
Das  ist  vor  allem  der  Kampf  um  die  K  u  n  d  s  ch  af  t.
Wenn  der  einzelne  Händler,  der  einzelne  Produzent  seine  Ware

nicht  dorthin  geben  kann,  wo  er  den  höchsten  Preis  erzielt,  weil  die

Preise  gleich  hoch  sind,  wird  er  versuchen,  seine  Düngemittel  dorthin ­
  zu  geben,  wo  er  sich  für  dre  Zeit  nach  der  Preisbindung,
nach  dem  Kriege,  den  größten  Vorteil  verspricht.  Er  wird  im
allgemeinen  versuchen,  seine  alte  Kundschaft  im  Verhältnis
der  ihm  zur  Verfügung  stehenden  Mengen  gleichmäßig  weiter  zu
        <pb n="48" />
        46

beliefern,  weil  er  mit  Recht  annimmt,  daß  ihm  sein  alter  Kundenkreis
  es  nicht  vergessen  wird,  wie  er  sich  in  dieser  Zeit  der
Bezugsschwierigkeiten  zu  ihm  stellt.  Im  allgemeinen  werden
daher  die  Düngemittel,  wenn  man  sie  in  den  Friedens-Produktions-
  und  Handels-Kanälen  beläßt,  dieselben  Wege  laufen  wie  im
Frieden.  Theoretisch  würde,  wenn  der  Grundsatz  der  Kundenerhaltung ­
  bei  der  Verteilung  der  einzig  maßgebliche  wäre  —
was  er  nicht  ist  —  jeder  Landwirt  verhältnismäßig  von  den  überhaupt ­
  zur  Verfügung  stehenden  Mengen  dieselben  Anteile  erhalten ­
  wie  im  Frieden.
Auf  diesem  Grundsatz  ist  die  Politik  des
Düngemittelabsatzes  aufgebaut.
Im  einzelnen  ist  bei  ihrer  D  u  r  ch  f  ü  h  r  u  n  g  zu  unterscheiden
zwischen  denjenigen  Düngemitteln,  die  aus  Produktionsquellen
stammen,  welche  schon  vor  dem  Kriege  in  Deutschland  bestanden,
und  denjenigen  Düngemitteln,  welche  aus  während  des  Krieges
neu  entstandenen  Produktionsquellen  stammen.
Unter  den  ersteren  kommt  m  der  Hauptsache  das  schwefelsaure ­
  Ammoniak  der  Kokereien  und  Gasanstalten,  Thomasmehl
und  Superphosphat  in  Betracht.  Bei  ihnen  sind  —  soweit  der
Grundsatz  der  prozentualen  Belieferung  der  alten  Kunden  befolgt ­
  wird,  —  keinerlei  Maßnahmen  staatlicher  Art  nötig.  Ihr
Absatz  geht  ohne  weiteres  an  die  alten  Bezieher  der  aus  einheimischen ­
  Quellen  stammenden  Düngemittel.
Die  aus  neu  entstandenen  Quellen  stammenden  Düngemittel,
also  vor  allem  der  Kalkstickstoff  und  gewisse  Mengen  synthetischen
Ammoniaks,  hatten  dagegen  im  Frieden  keinen  Absatz.  Für  sie
gab  es  also  keinerlei  Absatzbeziehungen.  Auf  der  anderen  Seite
waren  die  alten  Kunden  ausländischer  Düngemittel  unversorgt.
Die  neu  entstandenen  Produktionsquellen,  im  wesentlichen  also
die  Kalkstickstofferzeugung,  mußten  demnach  mit  den  alten  Beziehern ­
  ausländischen  Stickstoffs,  also  des  Chilisalpeters,  in
Verbindung  gebracht  werden.  In  der  Annahme,  daß  etwa  die  Hälfte
des  Chilisalpeters  ihxen  Absatz  durch  die  landwirtschaftlichen  Genossenschaften, ­
  die  andere  Hälfte  durch  den  Dllngemittelhandel
gefunden  hat,  ist  im  Wege  der  freien  Vereinbarung  mit  den  Kalkstickstoffproduzenten
  entsprechend  disponiert  worden.  Etwa  die
Hälfte  der  Kalkstickstoffproduktion  findet  ihren  Absatz  durch  die
Bezugsvereinigung  der  deutschen  Landwirte,  die  andere  Hälfte
durch  die  Deutsche  landwirtschaftliche  Handelsbank,  die  eine  Organisation ­
  des  Düngemittelhandels  ist  und  die  von  ihr  erworbenen ­
  Mengen  auf  den  Handel  zum  Weiterverkauf  verteilt.
        <pb n="49" />
        47

Das  Verhältnis  der  Chilisalpetereinsuhren  zur  Friedensammoniakproduktion ­
  entspricht  ungefähr  dem  Verhältnis  der
Kalkstickstosfproduktion  zur  Kriegsammoniakproduktion.  Nach
dem  gewählten  System  würden  also  sämtliche  Landwirte  mit
Stickstoff  aus  den  vorhandenen  Mengen  verhältnismäßig  wie  im
Frieden  beliefert  werden:  Die  Friedensbezieher  von  schwefelsaurem ­
  Ammoniak  mit  Ammoniak,  die  Friedensbezieher  von
Chilisalpeter  mit  Kalkstickstoff.
Ungleichartiger  liegen  die  Verhältnisse  bei  der  Phosphorsäure.
  Die  Thomasmehlversorgung  beträgt  etwa  88  v.  H.  der
Friedensversorgung.  Die  Versorgung  mit  Superphosphat  dagegen ­
  ist  außerordentlich  zurückgegangen.  Die  in  Deutschland
vorhandenen  Mengen  an  Rohphosphat  sind  aufgebraucht,  die
überseeische  Einfuhr  hat  mit  dem  Kriegsbeginn  aufgehört.  Zur
Verfügung  stehen  an  Rohmaterial  lediglich  diejenigen  Mengen,
die  im  Abbau  wenig  reichhaltiger  Gruben  in  Belgien  und  Nord-  -
frankreich  gewonnen  werden.  Daneben  ist  durch  die  neu  gegründete ­
  Kriegs-Phosphatgesellschaft  m.  b.  H.  der  Abbau  der  bisher
nicht  ausgenutzten  einheimischen  Phosphate  in  Angriff  genommen
worden.  Wenn  auch  eine  Erleichterung  der  Phosphorschwierigkeiten ­
  dadurch  zu  erhoffen  ist,  so  werden  die  in  Frage  kommenden
Mengen  doch  nie  so  groß  sein,  um  den  Ausfall  der  überseeischen
Einfuhr  auch  nur  einigermaßen  auszugleichen.  Bei  Aufrechterhaltung ­
  der  alten  Kundenbeziehungen  liegen  die  Verhältnisse
daher  so,  daß  die  alten  Bezieher  von  Thomasmehl  fast  voll  befriedigt ­
  werden,  die  alten  Bezieher  von  Superphosphat  dagegen
vielleicht  10  v.  H.  ihres  früheren  Bezuges  erhalten.  Das  ist
privatwirtschaftlich  sicherlich  ungerecht,  kriegswirtschaftlich  aber
ist  es  nicht  unzweckmäßig.  Im  allgemeinen  sind  Bezieher  von
Superphosphat  unsere  schwereren  Böden,  Bezieher  von  Thomasmehl ­
  die  leichteren  Böden.  Die  Phosphordüngung  unserer  schwereren ­
  Böden  ist  im  allgemeinen  Vorratsdüngung.  Die  im  Boden
aufgespeicherten  Vorräte  an  Phosphor  sind  so  groß,  daß  die  schwereren ­
  Böden  wohl  einmal  ohne  Schaden  einige  Jahre  auch  ohne
Phosphorsäure  auskommen  und  von  der  aufgespeicherten
Phosphorsäure  zehren  können.  Später  muß  dann  allerdings  die
mangelhafte  Phosphordüngung  unbedingt  ausgeglichen  werden.
Bei  unseren  leichteren  Böden  war  die  Phosphordüngung  im  allgemeinen ­
  Bedarfsdüngung.  Die  leichteren  Böden  würden  den
Mangel  an  Phosphordüngung  auch  auf  kürzere  Zeit  nicht  ohne  erheblichen ­
  Rückgang  des  Ertrages  aushalten  können.  Es  ist  deshalb
kriegswirtschaftlich  erwünscht,  wenn  die  Phosphorsäure  zunächst
        <pb n="50" />
        48

in  der  Hauptsache  -u  den  leichteren  Böden  geht  und  die  schwereren
Böden  vorerst  geringer  bedacht  werden.  Das  ist  natürlich  ein
außerordentlich  roher,  skizzenhafter  Grundsatz,  der  in  vielen
Einzelfällen  falsch  sein  wird.  Weder  sind  die  schwereren  Böden
ausschließlich  Superphosphatbezieher,  noch  die  leichteren  ausschließlich ­
  Thomasmehlbeziehcr;  auch  sind  durchaus  nicht  alle
schwereren  Böden  reich  an  Phosphor,  alle  leichteren  arm,  aber  im
allgemeinen  und  großen  Ganzen  werden  die  geschilderten  Zustände ­
  zutreffen;  und  bei  der  Unmöglichkeit  einer  wirtschaftlich
zweckmäßigen  Verteilung  wird  der  allgemeine  Grundsatz  vorgezogen ­
  werden  müssen,  ohne  Rücksicht  auf  die  mit  ihm  unterlaufenden ­
  Härten  und  Mängel  in  Einzelfällen.
Es  ist  bereits  erwähnt  worden,  daß  die  Absicht,  sich  die  alte
Kundschaft  zu  erhalten,  nicht  der  einzige  Bestimmungsgrund  ist,
der  bei  der  Verteilung  der  künstlichen  Düngemittel  durch  die
Privatwirtschaft  mitwirken  wird.  Der  Kamps  um  die  Kundschaft ­
  besteht  nicht  nur  in  der  Erhaltung  der  alten  Kundschaft,
wird  nicht  nur  defensiv  geführt,  sondern  auch  offensiv.  Insbesondere ­
  ist  das  beim  Stickstoff  der  Fall.  Die  Produktion  an
Stickstoff  nach  dem  Kriege  wird  —  ganz  abgesehen  von  etwaiger
ausländischer  Einfuhr  —  den  Friedensbedarf  der  Landwirtschaft
außerordentlich  stark  übersteigen.  Das  bedeutet  insbesondere
für  die  neu  entstandenen  Stickstoffquellen  die  Aussicht  auf  einen
scharfen  Kampf  um  den  Absatz.  Da  die  Preise  augenblicklich  gebunden ­
  sind,  ist  es  verständlich,  daß  die  Produzenten  die  Freiheit
des  Absatzes  und  die  Nachfrage  der  Verbraucher  dazu  benutzen,
sich  ihren  Absatz  für  die  Friedenszeit  zu  sichern  und  möglichst  weit
auszudehnen.  Die  Möglichkeit  zum  Abschluß  langfristiger  Verträge ­
  oder  die  Gewährung  von  sonstigen  Garantien,  die  nach  dem
Kriege  die  Sicherheit  des  Absatzes  und  den  Preis  der  Produktion
verbürgen,  wird  daher  den  Produzenten  unter  Umständen  bewegen, ­
  von  dem  System  der  Belieferung  der  alten  Kundschaft
abzusehen.  Langfristige  Lieserungsverträge  sind  unter  diesem
Gesichtspunkte  vielfach  abgeschlossen  worden  und  haben,  da  manche
landwirtschaftlichen  Kreise  sich  scheuten,  sich  für  lange  Zeit  aus  die
gegenwärtigen  hohen  Preise  festzulegen,  in  solchen  Fällen  dazu
geführt,  daß  die  Belieferung  nicht  nach  dem  Friedensbezug  vor
sich  ging.
In  gewissen  Hinsichten  ist  dieser  Zustand  kriegswirtschaftlich
nicht  durchaus  unerfreulich.  Diejenigen  landwirtschaftlichen
Kreise,  die  sich  zum  Abschluß  langfristiger  Verträge  bereit  erklärten, ­
  waren  im  wesentlichen  dieselben,  die  die  Düngemittel  aw
        <pb n="51" />
        49

dringendsten  benötigten  und  am  zweckmäßigsten  verwenden  konnten/ ­
  Sie  waren  daneben  im  allgemeinen  die  wirtschaftlich  Weilsichtigsten.
  Vielfach  sind  daher  diejenigen  Mengen  an  Düngemitteln, ­
  die  diesen  Kreisen  über  den  Maßstab  des  Frwdenobezuges
  hinaus  zugeflossen  sind,  kriegswirtschaftlich  recht  zweckmäßig- ­
  angewendet.  Freilich  ist  das  keineswegs  in  allen  Fällen
der  Fall.  Insbesondere  da,  wo  große  landwirtschaftliche  Verbände ­
  den  Abschluß  langfristiger  Vertrüge  abgelehnt  haben,  kann
matt  weite  und  vielleicht  durchaus  intelligente  Kreise  der  Landwirtschaft ­
  nicht  für  wirtschaftliche  Fehler  eines  Geschäftsführers  verantwortlich ­
  machen.  Der  Entwicklung  der  langfristigen  Belieferungsverträge ­
  wird  daher  von  der  Regierung  ernste  Aufmerksamkeit ­
  geschenkt  werden  müssen.
Aber  nicht  nur  der  Kampf  um  die  Kundschaft  ist  bestimmend
für  den  Absatz  der  Düngemittel.  Mit  der  Zeit  haben  sich  eine
ganze  Reihe  von  Abweichungen,  nwistens  kleineren  Umfanges,
ergeben.  In  einem  Falle  aber  haben  die  Abweichungen  eine
außerordentlich  bedenkliche  Form  angenommen.  Das  ist  der
Umtausch  von  Düngemitteln  gegen  Lebens--
  m  i  t  t  e  l.  Die  Produzenten  der  Düngemittel  benutzen  die  starke
Nachfrage  der  Landwirtschaft  da^u,  ihre  Produktion  gegen  Lebensmittel ­
  einzutauschen.  Insbesondere  die  Gewinnung  von  Ammoniak
und  Thomasmehl  ist  mit  der  Schwerindustrie  eng  verquickt.  Die
schwere  Sorge  der  Industrien  um  die  Ernährung  ihrer  Arbeitermassen
  veranlaßt  sie,  den  freien  Absatz  der  Düngemittel  zu  benutzen, ­
  um  Lebensmittel  in  großem  Stile  heranzuziehen.  Die
Folgen  sind  für  den  Absatz  der  Lebensmittel  wie  der  Düngemittel ­
  gleich  unerfreulich.
Denn  der  Absatz  von  Lebensnütteln  im  Tauschwege  kann
im  wesentlichen  nur  unter  Verletzung  der  Rationierungsbestimmnngen
  vor  sich  gehen.  Die  für  die  Verteilung  der  öffentlichen
Hand  zur  Verfügung  stehenden  Mengen  werden  dadurch  erheblich
verkleinert,  dek  Ungesetzlichkeit  bei  der  Ablieferung  von  Lebensrnitteln ­
  wird  Vorschub  geleistet.  Am  unangenehmsten  aber  wirkt
die  aus  dem  Umtauschverfahren  sich  ergebende  Ungleichheit
der  Versorgung  der  Arbeiter  innerhalb  der  Jndustriebczirke.
Wenn  plötzlich  ein  Werk,  das  zufällig  schwefelsaures  Ammoniak
erzeugt,  in  der  Lage  ist,  seinen  Arbeitern  erheblich  viel  größere
Mengen  irgend  eines  öffentlich  bewirtschafteten  Lebensmittels
zur  Verfügung  zu  stellen,  als  das  bei  .den  Nachbarwerken  der
Fall  ist,  so  ist  naturgemäß  ernste  Unzufriedenheit  die  Folge.
Düngemittel.  4
        <pb n="52" />
        m
Ebenso  ungünstig  wirkt  das  Tauschverfahren  auf  den  Absah  &amp;gt;
der  Düngemittel  ein.  Die  alten  Bezieher  derjenigen  Produzenten,
die  ihre  Düngemittel  im  Austauschwegs  abgeben,  bleiben  ohne
Düngemittel.  Rückgang  der  landwirtschaftlichen  Produktion  muß
die  Folge  sein.
Eine  ähnliche  Abweichung  von  dem  System  der  alten  Kun-  f
denbelieferung  hat  sich  bei  der  Ammoniakprodüktion  der  städtischen  j
Gasanstalten  herausgebildet.  Gegen  Lieferung  dieses  Ammo-  i
niaks  haben  die  Städte  in  großem  Maße  Anbau  Verträge  1
mit  Landwirten,  in  der  Hauptsache  über  Gemüse,  abgeschlossen.  11
Wenn  auch  an  sich  eine  gegenüber  den  Friedensverhältnissen  i
stärkere  Verwendung  von  Stickstoff  für  den  Gemüseanbatl  kriegs-  s
wirtschaftlich  wünschenswert  erscheint,  so  sind  doch  auch  hier  die  s
Folgen  wegen  der  Systemlosigkeit  der  Zuwendung  unerwünscht,  ij
Einmal  fallen  diejenigen,  die  zufällig  ihr  Ammoniak  |
im  Frieden  von  Gasanstalten  bezogen  haben,  dadurch
jetzt  völlig  aus,  daneben  aber  bilden  sich  für  die  Kom«  -
mimen  selber  arge  Unbequemlichkeiten  heraus.  Die  Pro-  !
duktion  eines  großen  Teiles  der  städtischen  Gasanstalten  ist  |
für  Heereszwecke  beschlagnahmt,  nur  ein  Teil  der  Städte  hat  ihre  \
Gewinnung  in  Form  von  schwefelsaurem  Ammoniak  zur  Verfü-  j
gung.  Diejenigen  Städte,  deren  Erzeugung  nicht  beschlagnahmt
ist,  sind  daher  beim  Abschluß  von  Lieferungsverträgen  außer-  s
ordentlich  im  Vorteil  und  können  weniger  glücklichen  Nachbar-  ]
gemeinden  die  gesamten  in  der  Umgehend  zur  Verfügung  stehen-  -»
den  Mengen  an  Gemüse  mit  Hilfe  ihres  Ammoniaks  wegkaufen.  »
Gerade  in  komsnunalen  Kreisen  haben  daher  diese  Zustände  große  ^
Unzufriedenheit  erregt.
In  den  so  entstandenen  Schwierigkeiten  kommt  zum  Aus-  &amp;gt;
druck,  daß  der  eingeschlagene  Weg  der  D  ü  n  g  e  m  i  t  t  e  l  p  o  I  i  t  i  k,
wenn  auch  notwendig,  so  doch  systematisch  unvollkomnien  ist.  Die
Mittel,  die  eingeschlagen  werden  können,  um  den  entstehenden  Unebenheiten ­
  zu  begegnen,  werden  niemals  das  Übel  an  der  Wurzel  ■  i
packen,  sondern  lediglich  schlimme  Auswüchse  beseligen  können.
Ziel  der  wegen  des  Absatzes  der  Düngemittel  eingeschlagenen  Politik ­
  ist  Aufrechterhaltung  der  alten  Lieferungsbeziehungen;  das
kann  natürlich  nicht  schematisch  geschehen  und  nicht  etwa  auf  dem
Wege  der  Verordnung  vorgeschrieben  werden,  weil  das  im  Einzelfall ­
  zu  Absurditäten  fuhren  würde.  Die  Belieferung  der  alten  J
Kundenkreise  kann  vielmehr  nur  als  Ziel,  als  Motto  zum  Ausdruck
kommen,  das  im  Einzelfalle  verständig  gehandhabt  werden  nuife-Es
  wird  daher,  da  der  Weg  der  Bewirtschaftung  ausgeschlossen
        <pb n="53" />
        Bl

ist,  nichts  übrig  bleiben,  als  den  im  Düngemittelabsatz  maßgebenden ­
  Kreisen  den  Gedanken  der  Belieferung  der  alten  Kundschaft
nahezubringen  und  sie  zu  veranlassen,  hinter  diesen  Gedanken
andere  Beweggründe,  die  für  den  Absatz  bestimmend  sein  könnten,
zurückzustellen.  Dabei  wirkt  erleichternd,  daß  das  ganze  Genossenschaftswesen ­
  auf  dem  Grundgedanken  der  festen  Kundschaft  und
ihrer  ausschließlichen  Belieferrmg  -aufgebaut  ist.  Auch  der  Düngemittelhandel ­
  ist  durch  seine  feste  Verbindung  mit  landwirtschaftlichen ­
  Betrieben  und  wegen  des  sehr  starken  Wettbewerbes  der  Genossenschaften ­
  auf  die  peinlichste  Rücksichtnahme  auf  die  ständige
Kundschaft  mehr  als  in  fast  jedem  anderen  Handelszweige  hingewiesen. ­

Auchdurch  die  weit  fortgeführte  S  yndizierung  derDüngemittelindustrie
  und  des  Düngcmittelhandels  werden  diese  Bestrebungen ­
  erleichtert  und  gestützt.  Der  Absatz  des  Thomasmehls  ist  in
der  Hand  eines  starken  Syndikates  und  weniger  starker  Außenseiter. ­
  Der  Absatz  des  Superphosphates  ist  zwar  in  vielen  Händen,
die  aber  fast  alle  doch  zu  enger  Interessengemeinschaft  zusammengeschlossen ­
  sind.  Der  Absatz  des  Kalkstickstofses  ist  in  der  Hauptsache ­
  in  der  Hand  des  Reiches  und  weniger  anderer  starker  Produzenten. ­
  Auch  der  Absatz  des  schwefelsauren  Ammoniaks  ist  vorwiegend ­
  in  der  Hand  privater  Syndikate,  daneben  allerdings  in
der  Hand  einer  Anzahl  größerer  und  kleinerer  Außenseiter.  Der
Düngemittelhandel  vollzieht  sich  zu  einem  großen  Teil  durch  die
Genossenschaften,  die  ihre  Düngemittel  in  der  Hauptsache  durch
die  Bezugsver-einigung  der  deutschen  Landwirte  beziehen.  Der
deutsche  Düngemittelhandel  ist  in  der  Deutschen  Landwirtschaftlichen ­
  Handelsbank  zusammengeschlossen.
Auf  diese  Zusammenfassung  von  Industrie  und  Handel  wird
man  sich  stützen  können.  Wo  die  Syndikate  allein  bestimmend  sind,
wird  man  mit  ihnen  Vereinbarungen  herbeiführen  müssen;
ivo  neben  ihnen  Außenseiter  vorhanden  sind,  wird  man  eine  Vereinigung ­
  der  Außenseiter  mit  dem  Syndikat  —  wenn  nötig,
zwangsweise  —  herbeizuführen  haben.  Die  Syndikate  ihrerseits
werden  sich  in  den  Dienst  des  staatlichen  Gedankens,  der  hier  der
Gedanke  der  Belieferung  des  alten  Kundenkreises  ist,  zu  stellen
haben.  Sie  werden  ihre  Mitglieder  und  ihre  Abnehmer  entsprechend ­
  beaufsichtigen;  sic  werden  selbst  dahin  einer  A  u  f  s  i  ch  t
von  zentraler  Stelle  unterliegen,  daß  sie  nun  wirklich  den  Gedanken ­
  der  Belieferung  des  alten  Kundenkreises  zum  leitenden
Grundsatz  ihrer  Absatzpolitik  machen  und  diesen  Gedanken  verständnisvoll ­
  in  die  Tat  umsetzen.  Durch  Verordnung  vom
«'
        <pb n="54" />
        Druck  von  A.  Ssvdel  L  TI-.  m.  6.  Berlin  SW  0

I

52

18.  Mai  1917  ist  bereits  eine  Überwachungsstelle  für  Ammoniakdünger ­
  gebildet  worden,  Hie  den  Absatz  von  schwefelsaurem
Ammoniak  nach  diesen  Gesichtspunkten  kontrollieren  wird.
Nicht  alle  Unebenheiten  werden  auf  diesem  Wege  beseitigt
werden  können.  Klagen  über  privatwirtschaftliche  Ungerechtigkeiten ­
  werden  immer  noch  an  der  Tagesordnung  bleiben  und
nicht  ohne  weiteres  von  der  Hand  gewiesen  werden  können.  Aber
bei  verständnisvollem  Zusammenarbeiten  mit  den  leitenden
Männern  der  Industrie  und  des  Handels  und  bei  scharfer  Kontrolle ­
  seitens  der  Staatsgewalt  wird  es  möglich  sein,  hinter  der
Belieferung  des  alten  Kundenkreises  eigensüchtige  Beweggründe
anderer  Natur  zurückzudrängen  und  damit,  wenn  auch  nicht  zu
einer  privatwirtschaftlich  gerechten,  so  doch  zu  einer  staatlich  zweckmäßigen ­
  Verteilung  der  Düngemittel  zu  gelangen.
Es  ist  zuzugeben,  daß  das  so  gewonnene  Ergebnis  nicht  voll
befriedigend  ist.  Die  Durchführung  der  Kriegswirtschaft  auf
vielen  anderen  Gebieten  hat  auch  die  Befriedigung  des  privatrechtlichen ­
  Gerechtigkeitsbedürfnisses  möglich  gemacht;  auch  bei
den  künstlichen  Düngemitteln  werden  derartige  Wünsche  mit
Nachdruck  laut  werden,  aber  sie  werden  während  des  Krieges
kaum  zu  befriedigen  sein.  Der  Grund  ist  die  Unmöglichkeit  der
Bewirtschaftung;  der  tiefere  Grund  dieser  Unmöglichkeit  selber
aber  ist  ein  systematischer.  Öffentliche  Bewirtschaftung  von  Lebensmitteln ­
  ist  verhältnismäßig  leicht,  weil  Verteilungsfehler  sich  verbessern
  lassen.  Öffentliche  Bewirtschaftung  von  Produktionsmitteln ­
  ist  erheblich  viel  schwieriger  und  gefährlicher,  weil  Fehler
in  der  Befriedigung  der  Produktion  schwieriger  zu  verbessern  sind
als  Fehler  in  der  Befriedigung.des  Konsums.  Immerhin  ist  die
Bewirtschaftung  noch  verhältnismäßig  einfach  dann,  wenn  es  sich
um  die  Produktionsmittel  für  eine  Produktion  handelt,  die  nach
rationellen,  kapitalistischen  Grundsätzen  arbeitet  und  ihren  Bedarf ­
  an  Produktionsmitteln  einigermaßen  einwandfrei  von  vornherein ­
  feststellen  kann.  Schwierig,  ja  wegen  der  großen  Gefahr
eines  Fehlgriffes  unmöglich  wird  die  Ausführung  aber  dann,
wenn  es  sich  um  Produktionsmittel  für  eine  Produktion  handelt,
bei  denen  der  Verbrauch  nicht  einfach  rechnerisch  festzustellen  ist,
bei  denen  vielmehr  die  Verwendung  bis  zu  einem  starken  Grade
nach  rein  erfahrungsgemäß  gewonnenen  Anschauungen  vor  sich
geht.  Da  das  in  der  Landwirtschaft  der  Fall  ist,  so  ist  eine  öffentliche ­
  Bewirtschaftung  der  landwirtschaftlichen  Produktionsmittel
äußerst  gefährlich.
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ichendem  Maße  vorhanden  sind,  kaum  möggegenüber

  aber  nun  die  Lage  unserer
r  noch  darauf  rechnen,  Deutschland  .  durch
m  Gebiete  der  Ernährung  niederzuzwingen?
Standpunkte  des  A  g  r  i  k  u  l  t  u  r  ch  e  m  i  -
'r  betrachtet  und  weiß,  daß  dasGesetz
in  wahrhaft  neutraler  Weise
Welt  feine  Gültigkeit  besitzt,
bnis  kommen,  daß,  je  länger  der  Krieg  anegnern
  in  noch  höherem  Grade  die  landrigkeiten
  wachsen  werden.*)  Was  jetzt  aus
'reich  und  Italien,  von  Ruß-'Zeigen,
  über  Knappheit  an  Düngemitteln
äßt  zweifellos  den  Schluß  zu,  daß  man  in
ifen  der  Entente  große  Befürchtungen  für
insbesondere  durch  den  immer  mehr  zun
  Frachtranm  auch  die  Versorgung  der
Feinde  mit  überseeischen  Rohstoffen  mehr
gestellt  wird.  Mußte  doch  schon  im  Sep-'-sche
  Handelsamt  einen  Ankauf  von  50  000
für  ungültig  erklären,  weil  der  englische
cstande  erklärte,  den  notwendigen  Schiffswrt
  stellen  zu  können,  obwohl  die  englische
Forderung  des  Handelsamts  mit  großem
&amp;gt;at.  Auch  in  Frankreich  hat  man  sich  ge-*
  zu  verfahren,  da  hier  außer  den  für  Engen ­
  noch  die  Verwirrung  im  französischen
en  Eisenbahnen  die  Regierung  gezwungen
:r  Salpeterkontrakte  im  Herbst  1916  vor-Wenn
  bereits  die  Welternte  an  Getreide
ehr  starken  Rückgang  gezeigt  hat,  so  hängt
eifellos  auch  mit  der  geringeren  Vcrwenund
  der  weniger  sachgemäßen  Pflege  der
upt  zusammen.  Maximolernlen  wie  in
deshalb  selbst  bei  günstiger  Witterung  ineinem
  oder  mehreren  der  unentbehrlichen
rd  bei  dem  Mangel  an  Arbeitern,  kaum
reich,  England  und  Rußland  haben  nun

r  .Beitrüge  zur  Kriegswirtschaft":  vr.  Waae&amp;gt;
rtschaft  des  Auslandes.  u

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