messen  lasten.  Der  sorglos  in  den  Tag  hineinlebende  Naturmensch  fängt
gewissermaßen  jeden  Tag  von  vorn  an  —  so  erzählt  Rousseau  von  de»
Karaiben,  daß  sie  ihr  Bett  am  Morgen  verkaufen  und  es  am  Abend
weinend  wieder  zurückzukaufen  suchen  —,  der  Kulturmensch  hingegen
denkt  auch  an  die  Zukunft  und  unternimmt  Arbeiten,  die  häufig  erst  nach
einigen  oder  mehreren  Jahren  Ertrag  bringen.  Er  kann  dies  aber  nur
dann  tun,  wenn  ihm  eigenes  Kapital  oder  Leihkapital  zum  Ankauf  von
Produktionsmitteln  zur  Verfügung  steht.  Das  Übergewicht  des  Kapitals
in  der  Produktion  ist  in  den  letzten  Jahrzehnten  immer  mehr  und  mehr
hervorgetreten.  Es  spielt  eine  so  große  Rolle,  daß  man  direkt  von  einer
kapitalistischen  Produktionsweise  spricht.
Dieser  Begriff  ist  jedoch  sehr  vieldeutig.  Kapitalistische  Produktionsweise ­
  heißt  zunächst  einmal  eine  Organisation  der  Wirtschaft,  die  so  beschaffen ­
  ist,  daß  durch  reiche  Anwendung  von  Maschinerie  über  den  Bedarf
hinaus  für  den  Markt  produziert  wird.  Böhm-Bawerk  versteht
unter  kapitalistischer  Produktionsweise  die  Produktion  auf  Umwegen, ­
  d.  h.  Produktion  mit  Arbeitsteilung:  Das  betr.  Produkt  wird
nicht  direkt  erzeugt,  sondern  es  werden  erst  Hilfsmittel  zu  dieser  Erzeugung ­
  geschaffen,  deren  Anfertigung  vielleicht  wieder  einen  neuen
Fabrikationszweig  bildet.  Die  technische  Ergiebigkeit  nimmt  im  allgemeinen
  mit  den  Produktionsumwegen  zu.  Charakteristisch  für  die  kapitalistische ­
  Produktionsweise  ist  ferner,  daß  der  Erwerbende  den  Hauptwert
nicht  auf  die  Ergiebigkeit  der  Produktion,  sondern  auf  die  Größe  des  Gewinns ­
  legt.  Karl  Marx  nennt  kapitalistische  Produktionsweise  den  Zustand, ­
  in  dem  sich  das  Produktivkapital  (Arbeitsmittel)  in  den  Händen  von
Unternehmern  befindet,  welche  besitzlose  Lohnarbeiter  beschäftigen,
die  sie  mit  dem  vereinbarten  Lohn  abfinden,  während  sie  den  Gewinn  in
ihre  eigene  Tasche  fließen  lassen.  Die  Scheidung  zwischen  Besitz  von
Produktionsmitteln  (Kapital)  und  Arbeit  an  Produktionsmitteln  (Lohnarbeit) ­
  ist  Marx  also  das  Wesentliche.
Daß  der  sog.  Kapitalismus,  d.  i.  das  Vorherrschen  des  großen
Geldkapitals  und  das  Vorhandensein  kapitalistischen  Geistes,  in  seiner
vollen  Entwicklung  erhebliche  Schattenseiten  hat,  steht  unzweifelhaft  fest.
Der  Fabrikherr,  der  Großgrundbesitzer,  der  Großkaufmann,  der  Bankdirektor, ­
  der  Hunderte  und  Tausende  von  Angestellten  beschäftigt,  besaß
in  der  Blütezeit  des  Kapitalismus  eine  ungeheure  Macht,  die  erst  all43 ­

