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Rach  dem  Gewerbegesetz  von  1869  war  das  Arbeitsverhältnis  zunächst
überall  ein  freies.  Niemand  hatte  mehr  als  eine  sittliche  Pflicht  zur  Arbeit, ­
  aber  auch  niemand  ein  Recht  auf  Arbeit.  Der  Arbeitsvertrag  wurde
von  Fall  zu  Fall  frei  zwischen  Unternehmer  und  Arbeiter  geschlossen.  Mit
Schaffung  der  Großbetriebe  und  dem  Wachstum  des  Arbeiterstandes
mußte  das  patriarchalische  Verhältnis  zwischen  Brotherr  und  Arbeiterschwinden.
  Der  Vertragsschluß  stellte  sich  als  ein  Kampf  dar,  bei  dem
der  Stärkere  aus  der  Lage  des  Schwächeren  nach  Möglichkeit  Richen  zu
ziehen  suchte.
Klassen  gegen  sähe  haben  auch  in  früheren  Zeiten  bestanden  —  ,
denken  wir  an  das  Kastenunwesen  in  Indien  und  Ägypten,  an  die  Sklaverei ­
  im  Altertum,  an  das  Hörigkeitsverhältnis  im  Mittelalter  —,  ein
Klassen  bewußt  sein  ist  erst  in  der  neueren  Zeit  hervorgetreten.  Die
moderne  sozialeFrage  enthält  das  Problem,  wie  das  „Mißverhältnis ­
  zwischen  berechtigten  Lebensansprüchen  einer  ganzen  Gesellschaftsklasse ­
  gegenüber  den  ihr  zukommenden  wirtschaftlichen  Befriedigungsmitteln ­
  und  sozialen  wie  politischen  Institutionen  zu  beseitigen
ist"  (Conrad).  Die  soziale  Arbeiterfrage  ist  entstanden,  als  das  Klassenbewußtsein ­
  erwachte,  als  die  unteren  Schichten  der  Bevölkerung,  die  den
größten  Teil  der  ganzen  Gesellschaft  bilden,  ihre  wirtschaftliche  Lage  als
unbillig  empfanden.
Zu  dieser  Erkenntnis  kamen  die  Arbeiter  durch  die  kollektive  Zusammenarbeit ­
  in  der  Fabrik,  die  ihr  Gemeinschaftsgefühl  überhaupt  stärkte,
während  in  der  Periode  des  Handwerks  die  Gesellen  dem  Meister  noch
einzeln,  nicht  als  streng  geschiedene  Schicht  gegenüberstanden.  Weiter
trug  dazu  ihre  bessere  Bildung  bei,  die  nicht  zum  wenigsten  dem  allgemeinen ­
  Volksschulunterricht  zuzuschreiben  ist,  und  die  die  Arbeiter,  die
etwas  gelernt  haben,  veranlaßte,  größere  Ansprüche  an  das  Leben  zu
stellen,  d.  h.  höhere  Löhne  zu  fordern.  Als  die  Arbeitgeber  für  Löhner-Höhungen
  nicht  zu  haben  waren,  trat  unter  den  Arbeitern,  besonders  wenn
sie  sahen,  welchen  Luxus  die  Reichen  oft  trieben,  eine  Erbitterung  ein,  die
an  Heftigkeit  noch  zunahm,  se  größer  die  Kluft  zwischen  arm  und  reich
wurde.  Um  ihren  Forderungen  mehr  Nachdruck  zu  verleihen,  schlossen  sich
die  Arbeiter  zusammen,  um  als  Macht,  denn  eine  große,  einmütige
Masse  ist  eine  Macht,  zu  fordern,  was  sie  auf  friedlichem  Wege  nicht
erreichen  konnten.