Geschichte  der  Nationalökonomie.

1.  Vas  Altertum.
Die  Nationalökonomie  ist  eine  moderne  Wissenschaft.  Zu  einer
systematischen,  d.  h.  einer  einheitlich  gegliederten  Behandlung  Volkswirtschaftlicher
  Fragen  und  zur  Erfassung  volkswirtschaftlicher  Erscheinungen
in  ihrer  Gesamtheit  und  in  ihrem  organischen  Zusammenhange  ist  weder
das  Altertum  noch  das  Mittelalter  gelangt.  Dies  erscheint  im  ersten
Augenblick  verwunderlich,  wenn  wir  daran  denken,  in  welcher  Blüte  z.  B.
die  Landwirtschaft  am  Nil  und  in  Sizilien  war,  unbegreiflich,  wenn  wir
uns  den  hohen  Stand  der  Wissenschaft  sonst  in  jener  Zeit  vergegenwärtigen, ­
  die  Meisterwerke  der  Technik  im  alten  Pompeji  betrachten,
oder  wenn  wir  abends  in  Athen,  von  einem  Hügel  aus,  den  Blick  auf  die
Akropolis  und  die  Stadt  gerichtet,  die  Herrlichkeiten  des  alten  Hellas
bewundernd  anschauen.
Kunst  und  Wissenschaft  waren  in  hohem  Maße  entwickelt,  aber  mit
theoretischen  Erörterungen  und  Untersuchungen  wirtschaftlicher  Fragen
beschäftigte  man  sich  wenig.  Politik  und  Heeresdienst  standen  so  sehr
im  Vordergrund  des  Interesses,  daß  für  andere  Fragen  wenig  Zeit
übrig  blieb.  Auch  galt  alle  auf  Gelderwerb  gerichtete  Tätigkeit,  mit
Ausnahme  des  Ackerbaues,  als  unrühmlich  und  eines  freien  Mannes
nicht  würdig.  Hieraus  scheint  es  erklärlich,  warum  eine  Volkswirtschaft
als  Wissenschaft  nicht  bestehen  konnte  und  wirtschaftliche  Fragen  von  den
alten  Schriftstellern  nur  nebenbei,  ohne  Erkennen  des  inneren  Zusammenhanges, ­
  behandelt  wurden.
Die  erste  Schrift,  die  sich  mit  Nationalökonomie  beschäftigte,  stellte
denn  auch  den  politischen  Gesichtspunkt  voraus.  Die  Zweckmäßigkeit  des
Silberbergbaues  in  Attika  erläuterte  Tenophon  sf  356  v.  Chr.)  in
seiner  Schrift:  „Über  die  Mittel,  die  Einkünfte  Attikas  zu  vermehren".
Den  Ackerbau  hält  Xenophon  für  die  anständigste  Erwerbsart;  Handel
und  Handwerk  seien  ja  zur  Erlangung  von  Wohlstand  nötig,  aber  minder
würdige  Berufe.  Auch  über  das  Geldwesen  hat  Tenophon  Untersuchungen
angestellt.

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