Viel  halte  List  mit  Vorurteilen  der  maßgebenden  Personen  zu  kämpfen.  Bekannt ­
  ist  z.  B.,  daß  Friedrich  Wilhelm  III.,  als  ihm  das  Projekt  einer
Bahn  zwischen  Berlin  und  Potsdam  vorgelegt  wurde,  erklärte:  „Kann  mir
keine  große  Glückseligkeit  vorstellen,  ob  man  einige  Stunden  früher  in  Potsdam ­
  ankommt  oder  nicht."  Der  damalige  preußische  Verkehrsminister,  Generalpostmeister
  von  Nagler,  soll  geäußert  haben:  „DummesZeug!  Ich  lasse
täglich  diverse  Sechssitzposten  nach  Potsdam  gehen,  und  es  sitzt  niemand  drinnen.
Nun  wollen  die  Leute  gar  eine  Eisenbahn  dahin  bauen?  Wenn  Sie  Ihr
Geld  absolut  los  werden  wollen,  so  werfen  Sie  es  doch  lieber  zum  Fenster
hinaus,  ehe  Sie  es  zu  solchem  unsinnigen  Unternehmen  hergeben!"
Der  Bau  der  Leipzig-Dresdener  Eisenbahn  geschah  auf  seine  Anregung. ­
  Bei  anderen  Bahnbauten  wurde  er  als  Sachverständiger  {jitir
zugezogen.  Stets  berücksichtigte  er  bei  seinen  Anregungen  und  Ratschlägen ­
  die  wirtschaftliche  Bedeutung  der  betreffenden  Landesteile.
„Wegen  seiner  Verdienste  um  die  Sache  des  Deutschen  Handelsvereins
und  des  deutschen  Eisenbahnsystems"  wurde  er  1940  Ehrendoktor  der
Universität  Jena.  —  Sorgen  aller  Art  verbitterten  ihm  das  Dasein
derart,  daß  er  in  Kufstein  im  November  1846  seinem  Leben  durch  einen
Pistolenschuß  ein  Ende  machte.
List  gebührt  das  große  Verdienst,  den  nationalen  Standpunkt  der
politischen  Ökonomie  vor  dem  kosmopolitischen  der  britischen
Doktrin  scharf  hervorgehoben  zu  haben.  Seine  Anklagen  gegen  diese  faßt
er  in  die  Worte:  „Bodenloser  Kosmopolitismus",  „toter  Materialismus" ­
  und  „desorganisierter  Partikularismus".  Einer  der  Hauptfehler
des  Smithschen  Systems  bestehe  darin,  daß  es  nur  ein  System  der  Privatökonomie ­
  aller  Individuen  eines  Landes  oder  auch  des  ganzen  menschlichen ­
  Geschlechts  sei.  Die  Nation,  als  das  Mittelglied  zwischen  Einzelperson ­
  und  Menschheit,  habe  Smith  in  dem  theoretischen  Aufbau  seines
Systems  nicht  berücksichtigt.  „Vor  lauter  Individuen  wird  Smith  die
Nationen  nicht  gewahr."  Eine  Wirtschaftsverbrüderung  der  Menschheit
ist  nur  dann  für  alle  von  Vorteil,  wenn  nicht  der  Starke  den  Schwachen
besiegen  kann.  Der  Freihandel  ist  wohl  das  Ideal,  aber  es  ist  notwendig, ­
  daß  vorher  erst  alle  Nationen  gleichmäßig  entwickelt  sind.  Bis
dahin  muß  das  Land  sich  gegen  die  fremde  Konkurrenz  verteidigen  können.
Die  Kraft,  Reichtum  zu  schaffen,  sagt  List,  ist  weit  wichtiger
als  der  Reichtum  selbst,  denn  sie  verbürgt  nicht  nur  den  Besitz  und  die
Vermehrung  des  Erworbenen,  sondern  auch  den  Ersatz  des  Verlorenen.

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