10.  Begriff  und  entwicfelung  des  Sozialismus
und  Kommunismus.
Das  Wort  Sozialismus  —  abgeleitet  von  dem  lateinischen  socialis
(genossenschaftlich),  Adjektiv  von  socins  (Genosse)  —  ist  verhältnismäßig
jungen  Datums.  Der  herrschende  Sprachgebrauch  identifiziert  Sozialismus ­
  mit  Kommunismus  —  abgeleitet  von  communis  (gemeinsam).  Sozialistische ­
  Gedanken  im  weiteren  Sinne,  d.  h.  Vorstellungen  und  Wünsche
einer  gerechteren  Einkommensverteilung,  hat  es  zu  allen  Zeiten  gegeben.
Kommunismus  wie  Sozialismus  sind  ursprünglich  aus  den  humanen
Bestrebungen,  Not  und  Elend  zu  beseitigen,  hervorgegangen.  Die  Grundquelle ­
  aller  Übel,  an  denen  die  Wirtschaftsordnung  krankt,  sehen  beide  in
unrichtigen  wirtschaftlichen,  rechtlichen  und  politischen  Institutionen.  Sie
wollen  deshalb  eine  radikale  Um-  und  Neugestaltung  des  Wirtschaftsorganismus, ­
  der  Rechtsordnung  und  des  Staatswesens  der  Kulturvölker.
Als  Grundprinzip  wird  aufgestellt:  Übernahme  der  Sorge  und  Verantwortlichkeit ­
  für  die  Lage  des  Individuums  durch  die  Gesamtheit.
Besteht  in  dieser  Beziehung  eine  Gleichheit  der  Anschauungen  des
Kommunismus  und  des  Sozialismus,  so  gehen  beide  Richtungen  doch  in
ihren  Zielpunkten  wie  in  den  praktischen  Vorschlägen
auseinander:
Kommunismus  ist  Gütergemeinschaft  mit  gleicher  ökonomischer ­
  Lage  aller;  jeder  hat  gleichen  Anteil  an  der  Güterwelt.  Alle
Produktionsmittel,  alle  Genußmittel  sollen  Eigentum  der  Gesamtheit ­
  (der  Gesellschaft)  sein.  Die  Gesamtheit  soll  im  Verhältnis
zum  Bedarf  die  Produktion  regulieren  und  für  Verteilung  des  Produkts
Sorge  tragen.  Ihr  kommt  auch  Ausbildung  und  Unterhalt  der  Jugend
zu.  A  r  b  e  i  t  s  z  w  a  n  g  soll  für  alle  Arbeitsfähigen  bestehen,  Privateigentum, ­
  infolgedessen  auch  Erbrecht,  nicht  existieren.
Der  Sozialismus  erstrebt  nicht,  wie  der  Kommunismus,  völlige ­
  Gleichheit  aller,  sondern  nur  eine  Ausgleichung  der  bestehenden ­
  großen  Unterschiede  des  Einkommens  und  des  Besitzes.  Das
Einkommen  soll  Arbeitsertrag  sein.  Verworfen  wird  die
freie  i  n  d  i  v  i  d  u  a  l  i  st  i  s  ch  e  Produktionsweise,  bei  der  cs
infolge  der  Abhängigkeit  des  Arbeiters  vom  Unternehmer  nicht  möglich
ist,  allen  ein  gesichertes,  glückliches  Dasein,  ein  Recht  auf  Arbeit  und
Lebensgenuß,  zu  schaffen.  An  ihrer  Stelle  wird  die  g  e  s  e  l  l  s  ch  a  f  t  -
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