Die  praktischen  Gegenwartsforderungen  lauten  im  wesentlichen:
Allgemeines,  gleiches,  direktes  Wahl-  und  Stimmrecht  mit  geheimer  Stimmabgabe ­
  aller  über  20  Jahre  alten  Reichsangehörigen  ohne  Unterschied  des  Geschlechts ­
  für  alle  Wahlen  und  Abstimmungen.  Proportional-Wahlsystem  und
bis  zu  dessen  Einführung  gesetzliche  Neueinteilung  der  Wahlkreise  nach  jeder
Volkszählung.  Entschädigung  für  die  gewählten  Vertreter.  Jährliche  Steuerbewilligung. ­
  Erziehung  zur  allgemeinen  Wehrhaftigkeit.  Volkswehr  an  Stelle
der  stehenden  Heere.  Entscheidung  über  Krieg  und  Frieden  durch  die  Volksvertretung.
Unentgeltlichkeit  des  Schulbesuches  und  Lehrmittel,  der  Rechtspflege
und  des  Rechtsbeistandes,  sowie  der  ärztlichen  Hilfeleistung  und  der  Totenbestattung.
Abschaffung  aller  indirekten  Steuern,  Zölle  usw.  Dagegen  Einführung ­
  einer  stufenweis  steigenden  Einkommens-  und  Vermögenssteuer  zur
Bestreitung  öffentlicher  Ausgaben.
Zum  Schutze  der  Arbeiterklasse  wird  gefordert:  Ein  achtstündiger
Normalarbeitstag,  Verbot  der  Erwerbsarbeit  für  Kinder  unter  14  Jahren,
Verbot  resp.  Einschränkung  der  Nachtarbeit,  eine  wöchentliche  ununterbrochene
Ruhepause  von  mindestens  36  Stunden,  Verbot  des  Trucksystems;  rechtliche
Gleichstellung  der  landwirtschaftlichen  Arbeiter  und  Dienstboten  mit  den  gewerblichen ­
  Arbeitern,  Beseitigung  der  Gesinde-Ordnungen;  Sicherstellung  des
Koalitionsrechtes;  Übernahme  der  gesamten  Arbeiterversicherung  durch  das
Reich  mit  maßgebender  Mitwirkung  der  Arbeiter  an  der  Verwaltung.
Seit  Ende  der  1890er  Jahre  hat  sich  in  der  Sozialdemokratie  eine  reformistische ­
  Bewegung,  der  Revisionismus,  gebildet.  Hauptführer  waren
Bern  st  ein,  Schippe!  und  David.  Sie  griffen  auf  Grund  neuer
Tatsachen  die  Marxsche  Lehre  an.  Außer  der  materialistischen  Geschichtsauffassung ­
  und  der  Wertlehre  kritisierten  sie  vornehmlich  die  Konzentrations» ­
  und  Verelendungstheorie.  An  Hand  der  Statistik  wiesen  sie  nach,
daß  der  Großbetrieb  nicht  in  allen  Zweigen  zunehme,  und  die  Landwirtschaft ­
  sogar  entgegengesetzte  Tendenzen  zeige.  Gerade  die  Aktiengesellschaften ­
  vermehrten  die  Schar  der  kleinen  Rentner.  Die  Krisen  nähmen
eher  ab  als  zu.  Auch  das  Proletariat  verelende  nicht,  sondern  hätte
gerade  in  den  letzten  Jahrzehnten  große  Lohnsteigerungen  erreicht.  Richtig
sei  nur,  daß  die  Entwicklung  wirklich  dem  Sozialismus,  d.  h.  der  Genossenschaftlichkeit,
  zustrebe.
Die  Folge  war,  daß  die  Sozialdemokratie  allmählich  ihre  rein  negative
Haltung  einbüßte  und  die  N  a  h  ziele  stärker  betonte.  Voll  zum  Austrag
kam  der  Gegensatz  zwischen  Radikalen  und  Revisionisten  im  März  1916.
Den  äußeren  Anlaß  zur  S  p  a  l  t  u  n  g  der  Partei  gab  die  rein  politische ­
  Frage  der  Stellung  zum  Kriegsproblem.

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