dessen  Leben  und  Werke  bereits  (S.  310)  gesprochen  ist.  Einen  besonders
extremen  Standpunkt  nahm  in  Deutschland  Johann  Caspar
Schmidt  ein,  dessen  unter  dem  Pseudonym  Max  S  t  i  r  n  e  r  erschienene ­
  Schrift  „Der  Einzige  und  sein  Eigentum"  großes  Aufsehen  erregte. ­
  „Die  Eigentumsfrage  läßt  sich  nicht  so  gütlich  lösen,  wie  es  sich
die  Sozialisten  oder  Kommunisten  denken.  Sie  wird  nur  gelöst  durch  den
Krieg  aller  gegen  alle.  —  Die  Gewalt  über  Leben  und  Tod,
die  Kirche  und  Staat  sich  vorbehielten,  ich  nenne  sie  auch  die  meinige.  —
Was  du  zu  sein  die  Macht  hast,  dazu  hast  du  das  Recht.  Ich  bin  zu  ullem
berechtigt,  dessen  ich  mächtig  bin.  Gelvalt  geht  vor  Recht,  und  zwar  mit
—  vollem  Recht."
Ein  großer  anarchistischer  Agitator  war  Michael  Bakunin  (1814
bis  1876).  Ist  der  Staat  aufgelöst,  dann  wird  auch  die  Gesetzgebung ­
  beseitigt,  die  „niemals  einen  anderen  Zweck  gehabt  hat  als  den,
das  arbeitende  Volk  durch  die  herrschenden  Klassen  immer  mehr  und  mehr
auszubeuten."  Der  neuen  Welt  muß  die  Gerechtigkeit  zur  Grundlage ­
  dienen,  „ohne  sie  keine  Freiheit,  kein  Gedeihen,  kein  Friede."  In
dieser  Freiheit  wird  jeder  nur  das  tun,  was  allen  frommt,  und  wird
das  „Paradies  auf  Erden"  verwirklicht  sein.
Die  „Propaganda  der  Tat"  empfahl,  da  Propaganda  durch
Wort  und  Schrift  ungenügend  sei,  ein  Schüler  Bakunins,  der  Russe
N  e  t  s  ch  a  j  e  w.  Seine  Ideen  machte  sich  zu  eigen  der  1881  in  London
tagende  Anarchistenkongreß,  auf  dem  60  Föderationen  und  59  Sektionen
mit  zusammen  etwa  50  000  Mitgliedern  vertreten  waren,  der  sich  ebenfalls ­
  für  die  Propaganda  der  Tat  aussprach.
„Da  die  technischen  und  chemischen  Wissenschaften  der  revolutionären  Sache
bereits  große  Dienste  geleistet  haben  und  noch  zu  leisten  bestimmt  sind,  so
empfiehlt  der  Kongreß  allen  Organisationen  und  Mitgliedern,  großen  Wert  auf
das  Studium  und  die  Anwendung  dieser  Wissenschaften,  als  ein  Mittel  des
Angriffs  und  der  Verteidigung,  zu  legen."
Zahlreiche  Mordtaten  und  Mordversuche  auf  Staatsoberhäupter  und
leitende  Staatsmänner  unternommen,  „um  die  Gesellschaft  zu  erschrecken",
sind  der  Lehre  Bakunins  und  Retschajews  zuzuschreiben.
Als  ein  theoretischer  Hauptvertreter  des  Anarchismus  ist  der  russische
Fürst  Peter  Krapotkin  zu  nennen.  Dieser  betont  besonders  die
Solidarität  und  Brüderlichkeit.  Er  glaubt  nicht,  daß  die  allgemeine
Freiheit  zu  einem  Kamps  aller  gegen  alle  führt,  sondern  meint  im  Gegen-326
