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        <title>Aktive Währungspolitik</title>
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            <forname>Ernst</forname>
            <surname>Frankfurth</surname>
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        <author>
          <persName>
            <forname>Silvio</forname>
            <surname>Gesell</surname>
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        Silvio  Gesell:

Ernst  Krankfurth:

Aktive
Währungspolitik
Sollen  wir  Zur  Golöwährung  Zurück?

L.  A  u  f  l  a  g  e
19&amp;amp;1

KreilanÜ'Kreigelö-Verlag/Erfurt
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        Die  Kreiwirtschaft
Lurch  Kreilanö  unö  ZreigelÜ.
Herausgegeben  von  V  t  t  o  M  a  a  st.
Die  ,Zre«Wirtschaft^  ist  Sie  Zührerzeitschrift  üer
KreilanÜ-Kreigelöbewegung.  Sie  bringt  unterrichtenüe/  wissenschaftliche
Abhanülungen  über  üie  ausbeutungslose  Kreiwirtschast  unü  zeigt  Seren
AnwenÜung  auf  SaS  Leben  Üer  Gesamtheit  unü  ües  Einzelnen.  Äie
nimmt  von  See  hohen  Warte  freiwirtschastlicher  Erkenntnis  Steilung
zuüengrosten  wirtschaft!  ichenunüpolitischenVorgangen
  unü  ÜecktÜietreibenöcnKräfteauf  unü  entwirrt
üie  verschlungenen  Zäüen  aller  Staats-unüpartei  Politik.
Sie  berichtet  über  Sie  Fortschritte  Üer  Bewegung  im  In  -
unüAuslanÜe.
Die  r  e  i  w  i  r  t  s  ch  a  f  t'  erteilt  in  Üer  Abteilung  ^privatwirtschaftlicherRatgeber^
  Auskunft  in  allen  wirtschaftlichen
unö  finanziellen  Angelegenheiten.  Sie  beantwortet  im  ,Kragekasten"
alle  gestellten  Kragen  unÜ  gemachten  Einwänöe.
Die  ,§  reiwirtschaft"  erscheint  zur  Zeit  monatlich.  Das  BezugsgelL
  betragt  zur  Zeit  halbjährlich  8  Mark.  Sie  ist  üurch  üie  Post  unö  alle
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Die  Befreiung  aus  Üer  Ententeknechtfchast.
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in  der  Buchdrucker-Gemeinschaft
Darmstadt.
Alle  Rechte  vorbehalten.
Copyright  1921  by
Freiland-Freigeld-Berlag,Erfurt.

Wo.  ■
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        3

Ernst  Krankfurth.
Mit  Nr.  24  der  Zeitschrift  „Die  Geldreform"  beschloß  ich,  die  Netze  auf
den  Strand  zu  ziehen.  Der  selektorksche  Köder  km  Untertitel  „Zeitschrift  für
die  Herabsetzung  des  Geldes  auf  die  Rangstufe  der  Ware  und  Arbeit"
hatte  die  erwünschte  Wirkung  gehabt.  Weder  vielerlei,  noch  viele  Abonnenten
hatte  der  Fischzug  gebracht,  dafür  umso  schwerere.  Nur  drei  Mann,  darunter
Ernst  Frankfurth.  Ich  hatte  allen  Grund,  mit  dem  Erfolg  zufrieden  zu  sein.
Man  bedenke,  was  es  damals  —  1902/Z  —  bedeutete,  mit  nur  2  Jahrgängen ­
  einer  Monatsschrift,  die  in  ZOO  Exemplaren  an  die  Bankiers,  an
Kaufleute,  an  die  presse,  an  Hochschullehrer  usw.  versandt  wurde,  drei  Mann
für  den  Kampf  um  die  Herabsetzung  des  Geldes  auf  die  Rangstufe
der  Waren  und  der  Arbeit  zu  gewinnen!  Wenn  ich  damals  geschrieben
hätte:  „Zeitschrift  für  die  Anbetung  der  Goldwährung  und  für  die  Vergötterung ­
  der  Reichsbank",  wären  meine  Netze  voll,  zum  Bersten  voll,  aber
meine  drei  Abonnenten  wären  nicht  dabei  gewesen.
Ernst  Frankfurth  schrieb  aus  Arosa,  einem  Luftkurort  kn  der  Schweiz.
Er  hatte  sofort  die  ganze  Tragweite  der  in  meiner  Zeitschrift  geforderten
Umgestaltung  des  Geldwesens  erfaßt  und  griff  gleich  tatkräftig  mit  ein.
Seine  Broschüre  „Das  arbeitslose  Einkommen"  war  seine  erste  Arbeit.
Die  Zeitschrift  für  die  Herabsetzung  des  Geldes  hatte  aber  noch  eine
andere  Wirkung  gehabt.  Ich  mußte  darauf  bedacht  sein,  mich  selbst  wieder
aus  die  Rangstufe  des  baren  Geldes  heraufzusetzen.  So  reiste  ich  1906  nach
Argentinien  zurück,  und  Ernst  Frankfurth,  dessen  Mittel  keine  Fortsetzung
der  Kur  in  Arosa  gestatteten,  folgte  mir  190?  auf  meine  Einladung  dahin
nach.  Wir  arbeiteten  zusammen  in  meinem  Geschäft.  Seine  hohe  Intelligenz
und  umfassende  Bildung,  die  er  nach  seiner  Aussage  sich  weniger  auf  der
Universität  als  aus  dem  Liegestuhl  in  Arosa  verschafft  hatte,  ermöglichten
ihm,  sich  die  zur  Führung  eines  Unternehmens  nötigen  Sprach-  und  Fachkenntnisse
  kn  erstaunlich  kurzer  Zeit  anzueignen,  sodaß  er  sich  bereits  ein
Jahr  später  in  Montevideo  selbständig  machen  konnte.  Obschon  er  unter
seinen  Leidensgenossen  in  Arosa  als  der  Hoffnungsloseste  galt,  hat  er  sie
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        4

doch  alle,  alle  überlebt.  Er  führte  seine  „Langlebigkeit"  auf  die  hohe  geistige
Befriedigung  zurück,  die  ihm  das  Studium  des  Geldwesens  verschaffte.
1916  im  Oktober  starb  er  in  Uruguay.  Kurz  vorher  noch  hatte  er  sein
Buch  „Geldbriese  vom  Silberstrom"  herausgegeben.  Er  war  einer
der  stolzesten  und  freiesten  Männer,  mit  denen  das  Leben  mich  in  Berührung
gebracht,  und  einer  der  wenigen,  deren  Tod  mich  in  Trauer  versetzt  hat/
Das  erste  Manuskript  zur  vorliegenden  Schrift  hatte  ich  kn  demselben
Tone  verfaßt,  in  dem  auch  mein  Werk  „Die  Verwirklichung  des  Rechtes  auf
den  vollen  Arbeitsertrag"  gehalten  war.  Frankfurth,  der  mich  regelmäßig
von  Montevideo  aus  besuchte,  war  mit  diesem  Tone  gar  nicht  zufrieden.  Er
meinte,  die  Schwierigkeiten  beim  Absah  der  Zeitschrift  für  die  Herabsetzung
des  Geldes  von  seinem  Throne  wären  eine  Wirkung  dieses  Tones.  Wir
hatten  darüber  lange  Debatten.  Ich  hatte  Erfahrungen  auf  diesem  Gebiete.
Wer  die  Wahrheit  sucht,  läßt  sich  durch  Töne  nicht  schrecken.  Und  die
6000  Jahre  alte  Festung  Mammons  läßt  sich  nicht,  wie  das  Gemäuer
Jerichos,  durch  Töne  aus  dem  Gleichgewicht  bringen.  Immerhin,  es  lag  auch
kein  Grund  vor,  die  Schwierigkeiten,  die  in  der  Sache  lagen,  unnötigerweise
zu  mehren.  So  schrieb  ich  das  Buch  um,  aus  Massenerfolg  abgetönt.
Frankfurth  nahm  1908  das  Manuskript  hoffnungsfreudig  auf  einer
Geschäftsreise  mit  nach  Deutschland  und  überwachte  den  Druck,  in  dessen
Kosten  wir  beide  uns  teilten.
Frankfurth  schickte  die  Schrift  an  alle  Parlamentarier,  an  die  Presse  in
mehreren  tausend  Exemplaren.  „And  now  he  sät,  selfcollectet  like  a  porcupine,
  with  a  squill  pointed  against  every  opposer“.
Bei  seiner  Rückkehr  nach  Südamerika  feierten  wir  den  „Massenersolg".
Nie  haben  zwei  Menschen  fröhlicher  über  einen  vollkommenen  Mißerfolg
gelacht.  Keine  Zuschrift,  keine  Bestellung,  keine  Kritik.  Nichts,  absolut  nichts!
„Man  fürchtet  uns,"  meinte  Frankfurth.  „Kein  Mensch  hat  das  Buch  gelesen",
antwortete  ich,  „mit  Ausnahme  der  wenigen,  die  die  nötige  Intelligenz  besitzen, ­
  um  zu  erkennen,  daß  eine  aktive  Währungspolitik  ihren  Interessen
gefährlich  werden  könnte,  und  die  schweigen".  Von  der  Presse  hatte  ich  gar
keine  Unterstützung  unserer  Bestrebung  erwartet.  Mir  ist  es  immer  eine
Selbstverständlichkeit  gewesen,  daß  die  großen  Tageszeitungen  sämtlich  finanziell
in  der  Hand  der  Haute  finance  sind  und  den  Befehl  erhalten  haben,  keine
Kritik  der  ihnen  so  nützlichen  Reichsbankpolitik  zu  dulden.  2n  einem  vor
kurzem  im  Bankverlag,  Berlin  W.,  Mansteinerstraße  9,  erschienenen  Blich
von  Argentarius  „Briefe  eines  Bankdkrektors  an  seinen  Sohn",  heißt  es:
„Bis  vor  ein  paar  Jahren  hat  sich  außer  den  wenigen  Fachgelehrten  (wer
        <pb n="6" />
        V* 7

5

sind  diese  paar  Fachgelehrte?)  niemand  mit  dem  Geldwesen  beschäftigt,  und
diejenigen,  die  es  getan  haben,  sind  im  rein  Theoretischen  und  Abstrakten
stecken  geblieben.  Ganz  erklärlich:  Es  hat  ja  seit  Jahrzehnten  an  einer
zwingenden  Veranlassung  gesehlt,  sich  mit  dem  Geld  zu  beschäftigen.  Das
Geld  tat  in  allen  Kulturländern  brav  und  bieder  seine  Schuldigkeit.  Das
Geld  war  eine  Selbstverständlichkeit,  von  der  man  nicht  viel  Worte  zu
machen  brauchte."  —  (S.  13-)
Also,  wenn  die  Bankiers  zufrieden  waren,  wenn  Morgan  und  tausend
andere  Börsenräuber  mit  einem  Schlage  Börsendifferenzen  (die  nichts  anderes
als  Währungspsuschereien  sind)  im  Betrage  von  Millionen  und  Milliarden
einstreichen,  dann,  dann  ist  der  Beweis  erbracht,  daß  die  Goldwährung  und
ihre  Hüterin,  die  Reichsbank,  brav  und  bieder  ihre  Schuldigkeit  getan  hat!
Es  wurde  uns  klar,  daß  die  Goldwährung  wirksam  nicht  mit  Literatur
allein  angegriffen  werden  konnte,  daß  die  „Macht  der  Wahrheit"  ewig  der
Übermacht  der  Lüge,  des  Schwindels  erliegen  würde.  Wie  die  Dreadnoughts
Englands  immer  die  zu  ihrer  Unterhaltung  nötigen  Mittel  aufbringen,  so
schafft  auch  die  Goldwährung  der  Börse  die  Mittel,  sie  zu  verteidigen.  Wir
rechneten  damit,  daß  wir  nur  mit  Hilfe  der  Arbeiterorganisationen  der
Wahrheit  zum  Siege  würden  verhelfen  können.  Angesichts  der  Tatsache,  daß
die  Dämonen  es  verstanden  hatten,  in  die  Literatur  der  Sozialdemokratie
die  Goldwährungstheorie  als  unantastbare  Wahrheit  einzuschmuggeln,  war
das  vielleicht  etwas  utopisch  gedacht.
Aus  der  Durchreise  nach  Deutschland  sah  ich  Frankfurth  zum  letzten
Mal  in  Montevideo.  Er  verließ  nur  noch  stundenweise  das  Bett.  Kurz
nach  meiner  Ankunft  in  Deutschland  brach  der  Krieg  aus.  Am
3.  August  1914  schreibt  Franksurth  kn  seinem  letzten  der  erwähnten
Geldbriefe  vom  Silber  ström:  „Da  haben  wir  endlich  die  Bescherung. ­
  81  vis  pacem,  para  bellum.  Ob  man  noch  immer  nicht  genug
für  den  Krieg  gerüstet  hatte,  oder  ob  das  Schlagwort  mal  daneben  gehauen
hat?  Jetzt  möchte  ich  nur  eins,  alle  Beteiligten  haben  Goldwährung,-  jetzt
möchte  ich  weiter  nichts,  als  daß  alle  ohne  Ausnahme  an  dieser  viel  gerühmten
Währung  festhielten.  Festhielten,  koste  es  was  es  wolle!  Dann  hätten  wir
nach  8  Tagen  spätestens  wieder  Frieden.  Die  Staaten  sänken  wegen  vollkommener ­
  Anämie,  an  allgemeiner  Erschöpfung  zusammen.  Rußland  hätte
noch  längst  nicht  zu  Ende  mobilisiert,  da  könnte  Väterchen  Nikolaus  schon
wieder  mit  dem  Halmwedel  winken.  Aber  ich  fürchte,  es  kommt  anders.  Man
hat  die  Goldwährung  geduldig  ertragen,  so  oft  und  so  gern  sie  zu  Arbeitslosigkeit, ­
  zu  Hunger,  Verbrechen  und  Elend  mitten  im  Frieden  zwang,-  aber
        <pb n="7" />
        6

wenn  das  nervöse,  feige  Goldgeld  die  Völker  hindert,  über  ihre  derzeitigen
Erbfeinde  herzufallen,  wenn  es  die  besondere  Arbeit,  die  auf  Zerstörung  und
Totschlag  gerichtet  ist,  lahmlegen  will,  das  kann  man  sich  nicht  gefallen  lassen,
dann  fliegt  die  Goldwährung  über  Bord."
„Der  eine  Staat  wird's  so  machen,  der  andere  so.  pfuschen  werden  sie
alle.  Es  wird  sich  manches  am  praktischen  Beispiel  zeigen,  was  bisher  nur
dem  bewiesen  werden  konnte,  der  denken  wollte.  Es  gilt  also  zu  beobachten.
Später  reden  wir  wohl  noch  darüber.  Vorläufig  stelle  ich  diese  Briefe  ein.
Die  Zeit  ist  jetzt  zu  aufgeregt  zum  ruhigen  Schreiben,  oder  ehrlicher  gesagt,
ich  bin  s".
Die  Beispiele,  die  der  Krieg  gebracht,  hätte  ich  nun  hier  in  dieser
2.  Auflage  verarbeiten  können.  Mich  ekelt  aber  alles,  was  mit  dem  Krieg
in  Zusammenhang  steht,  dermaßen  an,  daß  ich  nicht  einmal  das  von  ihm
gelieferte  Beweismaterkal  gebrauchen  kann.  Außerdem  lag  mir  daran,  an
dem  Werke,  das  wir  beide  zusammen  verfaßt  hatten,  nichts  zu  ändern.  Einige
Zusähe  habe  ich  darum  in  Form  von  Fußnoten  angebracht.  So  liefert  das
Buch  auch  in  seiner  2.  Auflage  den  authentischen  Beweis,  daß  Argentarius
mit  seiner  Behauptung,  es  habe  sich  niemand  mit  dem  Gelde  besaßt,  nicht
im  Recht  ist.  Wenn  man  die  unbequemen  Schriften  durch  Nichtbeachtung
umbringt,  dann  ist  es  leicht  zu  beweisen,  niemand  treffe  kn  Deutschland  die
Schuld,  daß  die  Goldwährung  sich  zum  Nutzen  der  Spitzbuben  so  lange
habe  erhalten  können.
Z'ernpi  passati!  Für  so  vieles  sind  die  Ereignisse  der  letzten  Zeit  zum
Grab  geworden.  Dieses  Grab  ist  noch  offen.  Auch  die  Goldwährung  wird
da  hineinfliegen.  Schade,  daß  es  Frankfurth  nicht  vergönnt  ist,  die  Grabrede
zu  halten.  Silvio  Gesell.
        <pb n="8" />
        Sette
Vorwort  3
Der  sogenannte  Wert  und  dle  Währungspolitik  .  .  9
Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  des  Geldes  11
Der  Bedarf  an  Geld  .  13
Das  Maß  des  Geldbedarfes  14
Wie  man  den  Geldbedarf  nicht  messen  soll  16
Der  Rückfluß  der  Banknoten  —eine  Notwendigkeit  der  Stückelung  und  der  industriellen
Brauchbarkeit  des  Goldes  22
Der  Goldbestand  der  Emissionsbanken  kein  Maß  der  Notenausgabe  29
Privat-  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen  34
a)  Wenn  die  Preise  steigen  36
b)  Wenn  die  Preise  sinken  43
Währungstechnische  Vorschläge  für  die  Sicherung  der  Währung  53
a)  Nationale  Währungspolitik  53
b)  Internationale  Währung  66
Internationale  Währungsverständigung  70
Ausblick  75
Die  Geldtheorte  zur  aktiven  Währungspolitik  78
        <pb n="9" />
        9

Der  sogenannte  Wert  unö  Sie  Währungspolitik.
In  der  bislang  allgemein  üblichen  Behandlung  der  Währung  wird
das  Verhältnis  des  Geldes  zu  den  Waren  ungenügend  berücksichtigt.  Die
Währungspolitik  beschränkt  sich  auf  Maßnahmen  für  die  Sicherung  der
Goldwährung.  Erscheint  diese  außer  Gefahr,  so  glaubt  man  alles  in  bester
Ordnung.  Dem  Geldwesen  wendet  sich  das  öffentliche  Interesse  immer  nur
dann  zu,  wenn  das  Zusammenschrumpfen  des  Goldbestandes  in  den  Notenbanken ­
  Bedenken  erregt.  Wächst  dieser  Goldbestand  wieder,  so  ist  auch  die
Währung  wieder  für  eine  Weile  vergessen.
Auch  die  Wissenschaft,  für  die  das  Geldwesen  doch  immer  noch  ein
schwarzer  Kontinent  ist  und  wo  darum  für  den  Forscherehrgeiz  so  schöne
Lorbeeren  winken,  behandelt  das  Verhältnis  des  Geldes  zu  den  Waren  ganz
besonders  stiefmütterlich.  Diese  Behandlung  beschränkt  sich  regelmäßig  auf
eine  rein  formale  Beschreibung  und  dann  auch  oft  nur  auf  eine  nebensächliche
Verwendungsart  des  Geldes.  Die  Frage,  wie  das  Geld  beschaffen  sein  muß,
damit  es  seinen  Zweck  auf  vollkommene  Weise,  ohne  Nebenwirkung,  erfüllt,
wird  regelmäßig  umgangen  oder  nur  flüchtig  gestreift.  Typisch  in  dieser  Beziehung ­
  ist  das  Werk  Knapps:  „Staatliche  Theorie  des  Geldes"?)  In
diesem  sonst  so  gediegenen  Buch  wird  das  Verhältnis  des  Geldes  zu  den
Waren  überhaupt  nicht  erwähnt,  das  Geld  nur  einseitig  als  Zahlungsmittel,
also  rein  juristisch  behandelt,-  existierten  keine  Geldschulden,  würde  allgemein
alles  bar  bezahlt,  so  würde  Knapp  jeden  Stützpunkt  für  die  Betrachtung
des  Geldes  verlieren.
Der  Grund  dieser  für  das  Geldwesen  höchst  nachteiligen  öffentlichen  Vernachlässigung ­
  liegt  unseres  Erachtens  in  dem  immer  noch  herrschenden  Wertglauben, ­
  in  der  von  der  Wissenschaft  genährten  Vorstellung,  es  hafte  den
Waren  im  allgemeinen  und  insbesondere  auch  dem  Gelde  eine  eigentümliche,
Wert  zu  nennende  Eigenschaft  an.  Allerdings  eine  „übernatürliche  Eigenschaft", ­
  wie  sie  Marx  nennt,  aber  immer  doch  eine  Eigenschaft.  Die  gesamte ­
  Weltwährungsliteratur,  die  über  die  ganze  Welt  verbreitete  Marx'sche
Theorie  stehen  und  fallen  mit  dieser  Vorstellung.  Von  dieser  Vorstellung
bis  zu  der  Annahme,  das  Geld  und  vornehmlich  das  Gold  besäße  jene
„Wert"  genannte  Eigenschaft  in  ganz  besonders  unerschütterlicher  Form,  ist
nur  ein  Schritt,  da  jener  sogenannte  Wert  zu  den  Eigenschaften  der  Materie
Gold  gerechnet  wird  und  das  Gold  vor  allen  anderen  Körpern  sich  besonderer
Unveränderlichkeit  rühmen  kann.
i)  Leipzig,  Verlag  von  Duncker  u.  Humblot  1905.
        <pb n="10" />
        Der  sogenannte  Wert  und  die  Währungspolitik.

10

Verständlich  ist  es,  wenn  man  bei  solchem  Glauben  eine  besondere
Währungspolitik  kaum  für  nötig  hält.  Erscheint  denn  nicht  auch  jedes  aktive
Eingreifen  des  Staates  von  vornherein  als  überflüssig  und  hoffnungslos?
Ist  der  Wert  (einerlei  was  darunter  gedacht  ist)  einmal  als  das  Wesentliche
am  Gelde  angesehen  und  rechnet  man  diesen  sogen.  Wert  zu  den  Eigenschaften ­
  des  Goldes,  etwa  wie  das  Gewicht  zu  den  Eigenschaften  des
Eisens  gezählt  wird,  so  ist  mit  dem  Prägen  der  Münzen,  mit  der  Bestimmung
ihres  Gewichtes  die  Rolle  des  Staates  im  Geldwesen  erschöpft  und  erledigt.
Wie  der  Staat  das  Gewicht  des  Goldes  nicht  beeinflussen  kann  (spezif.
Gewicht  19,33),  so  kann  er  auch  seinen  Wert  nicht  verändern,  wenn  der
Wert  wie  das  Gewicht  eine  Eigenschaft  des  Stoffes  ist.
Und  tatsächlich  hat  sich  auch  die  Tätigkeit  des  Staates  überall  auf  das
Abwägen  und  prägen  der  Münzen  beschränkt.
Die  Wage,  das  ist  der  ganze  Verwaltungsapparat  des
Staates  für  die  weitaus  wichtigste  aller  staatlichen  Verkehrseknrichtungen.

Man  wird  vielleicht  hier  einwenden,  daß  der  Staat  die  Notenbanken,
in  Deutschland  die  Reichsbank,  mit  der  eigentlichen  Verwaltung  des  Geldes
beauftragt.  Aber  worauf  könnte  sich  noch  solche  Verwaltung  beziehen,  wenn
das  Wesentliche  am  Gelde,  der  sogen.  Wert,  als  Eigenschaft  des  Goldes
der  Beeinflussung  durch  den  Menschen  ja  von  vornherein  entzogen  ist?  Die
Reichsbank  teilt  die  allgemeine  Ansicht,  es  stecke  im  Gold  eine  Eigenschaft,
die  man  Wert  nennt,  und  die  das  Wesentliche  des  Geldes  ausmacht,-  und
was  könnte  sie  da  an  dieser  Eigenschaft  verwalten?  Zwar  existiert  ein
Verwaltungsrat  der  Reichsbank,  mit  Räten,  Direktoren  und  einem  Präsidenten,
und  man  spricht  auch  von  einer  Währungspolitik  der  Reichsbank.  Aber
diese  Verwaltung  hat  nur  ein  Ziel,  die  Sicherheit,  d.  h.  Einlösbarkekt  der
Banknoten.  Sind  die  Banknoten  genügend  mit  Gold  gedeckt,  so  lebt  die
Bankverwaltung  sorglos.  Zu  den  Waren  und  ihren  preisen  unterhält  die
Reichsbank  ebensowenig  Beziehungen  wie  der  Staat.  Der  ganze  staatliche
Verwaltungsapparat  des  Geldes,  die  Münze  und  die  Reichsbank,  kennt
keine  Warenpreise,-  ihm  sind  die  Beziehungen  des  von  ihm  besiegelten  Geldes
zu  den  Waren  völlig  gleichgültig,  und  wir  wüßten  keine  aktive  Handlung
dieses  Verwaltungsapparates  zu  nennen,  die  sich  mit  Bewußtsein  auf  die
Warenpreise  richtete.  Nicht  eine!  Staat  und  Rekchsbank  sind  in  dieser
Beziehung  vollkommen  von  der  Wertfiktion  beherrscht.
Der  Reichsbankpräsident  Koch  gab  eine  Sammlung  der  sich  auf  das  Geldwesen  beziehenden
deutschen  Gesetze  heraus,  begleitete  sie  mit  Kommentaren  und  einer  Einleitung  —  und  in  dem
ganzen  ansehnlichen  Buche  kommen  die  Worte  Preis  und  Ware  überhaupt  nicht  vor.
Dieser  von  Staat,  und  Volk  geteilte  und  fast  noch  unerschütterte ­
  Wertglaube  hat  für  die  öffentliche  Verwaltung  des
Geldes  den  Vorteil,  daß  alle  wirtschaftlichen  Katastrophen,
die  aus  den  Veränderungen  in  dem  Tauschverhältnis  zwischen
Geld  und  Waren  hervorgehen,  allen  möglichen  Umständen,
nur  nicht  dem  Geld  und  seiner  Verwaltung  zugeschrieben
werden  können.  Mit  Hilfe  der  Goldwage  beweist  die  Reichs ­
        <pb n="11" />
        Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  des  Geldes.

ll

bank,  daß  an  dem  Gelde  sich  nichts  verändert,-  daß  Gewicht  und
Wert  der  Münzen  von  den  Hoch-  und  Niedrigkonjunkturen,
von  dem  Krach,  der  Krise,  der  Arbeitslosigkeit  unangetastet
geblieben  sei.
Wer  sich  vom  Wertglauben  hat  freimachen  können,  wer  in  den  Ausdrücken:
Wertmaß,  eigener  Wert,  innerer  Wert,  Wertbewahrer  usw.  nichts  als
Phrasen  sieht,  wer  im  Tausch  der  Waren  gegen  Geld  nicht  das  Ergebnis
einer  beiden  Dingen  immanenten  Eigenschaft,  sondern  eine  Handlung  (oder
besser  zwei  einseitige  Handlungen  der  beiden  handelnden  Personen),  wie  jede
andere  Handlung  sieht,  der  denkt  anders  über  die  Aufgaben  des  Staates  in
Bezug  auf  das  Geldwesen.
Für  die  Wertapostaten  ist  das  Verhältnis  des  Geldes  zu  den  Waren,
das  Taufchverhältnis,  die  Hauptsache  am  Gelde.  Der  Wertapostat  verlangt
ein  festes  Verhältnis  zwischen  Waren  und  Geld,-  und  da  er  die  Erfüllung
dieses  Wunsches  nicht  von  Eigenschaften  des  Geldes  erwartet,  so  verlangt
er,  daß  der  Staat  mit  derber  Hand  eingreifen  soll,  wo  er  bislang  mit
verschränkten  Armen  zuschaute.  Der  Wertapostat,  der  nichts  von  Werteigcnschaften
  des  Geldes  weiß,  sondern  km  Tausch  zwischen  Waren  und  Geld  nur
eine  Handlung  erblickt,  verlangt,  daß  auch  der  Staat  handeln  soll,  so  oft  sich
das  bestehende  Verhältnis  zwischen  Waren  und  Geld  zu  verschieben  droht.
Der  Wertapostat  verlangt,  daß,  wenn  die  preise  steigen  (Hochkonjunktur),  der
Staat  die  Nachfrage  nach  Ware  durch  Einzug  von  Geld  dämpfen  soll,  und
daß,  wenn  die  Preise  fallen,  der  Staat  die  Nachfrage  durch  Vermehrung
des  Geldangebots  beleben  soll.  Der  Wertapostat  verlangt  statt  des  heute
geübten  fatalistischen  Zusehens  zielbewußtes  Eingreifen,-  er  erwartet  wirkliche
Währung  nur  von  einem  ununterbrochenen,  aktiven  Regulieren.

Die  volkswirtschaftliche  Beöeutung  öes  Gelües.
Die  Vorteile,  die  uns  die  Arbeitsteilung  gegenüber  der  Urwirtschaft
bietet,  sind  unberechenbar  groß.  Der  Arbeitsteilung  verdanken  wir  es,  daß
wir  uns  in  manchen  Dingen  über  den  tierischen  Standpunkt  erheben  konnten,
daß  wir  Menschen  geworden  sind.  Das  Leben  der  überwiegenden  Mehrzahl
der  Menschen  hängt  heute  unmittelbar  von  der  Arbeitsteilung  ab.  Wie  der
Bienenstock  ohne  die  Arbeitsteilung  undenkbar  ist,  so  würden  auch  ohne  die
Arbeitsteilung  vielleicht  99 / 100  der  heutigen  Bevölkerung  Deutschlands  verhungern, ­
  der  Rest  ein  kümmerliches,  tierisches  Dasein  fristen.
Die  Arbeitsteilung  bedingt  den  Austausch  der  Produkte  und  hängt  von
diesem  ab.  Sie  kann  sich  nur  so  weit  entwickeln,  wie  es  der  Tausch  der
Produkte  gestaltet.  Die  Grenzen  der  Arbeitsteilung  werden  durch  die
Schwierigkeit  des  Austausches,  des  Handels,  gezogen.  Sonst  kann  sich  die
Arbeitsteilung  unbegrenzt  erweitern  und  vertiefen.  Wachsen  die  Schwierigkeiten
des  Handels,  so  leidet  die  Arbeitsteilung,  und  da  die  überwiegende  Mehrzahl
der  Menschen  heute  nur  geteilte  Arbeit  verrichten  kann,  so  bedeutet  Be ­
        <pb n="12" />
        Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  des  Geldes.

12

schränkung  der  Arbeitsteilung  in  der  Regel  so  viel  wie  Beschränkung  der
Arbeitsmöglichkeit  (Arbeitslosigkeit).
Die  Hauptschwierigkeiten  des  Handels  wurden  durch  das  Geld  beseitigt.
Ohne  das  Geld  wäre  die  Ausdehnung  der  Arbeitsteilung  an  den  Schwierigkeiten
des  direkten  Tauschhandels  gescheitert.  Der  Mensch  fing  erst  dann  an,  Geschichte
zu  machen,  als  die  Einführung  des  Geldes  ihm  gestattete,  sich  auf  die
Arbeitsteilung  einzurichten.
Das  Geld  ist  die  Voraussetzung  entwickelter  Arbeitsteilung,  und  die
Arbeitsteilung  steht  auf  den  Schultern  des  Geldes.  Als  Vorbedingung  entwickelter ­
  Arbeitsteilung  kann  man  das  Geld  die  Wiege  der  Kultur  nennen.
Dies  muß  betont  werden,-  denn  nur  dann  werden  wir  dem  Geldwesen
das  zu  seinem  Verständnis  nötige  Studium  widmen  wollen,  wenn  wir  uns
überzeugt  haben,  daß  von  ihm  und  seiner  Beschaffenheit  unser  Wohlergehen,
unser  Dasein  abhängig  ist.
Und  es  muß  dies  um  so  mehr  hervorgehoben  werden,  als  die  Entwicklung
des  Scheck-  und  Wechselwesens  vielfach  die  Meinung  hat  auskommen  lassen,
das  Geld  spiele  heute  nur  mehr  eine  untergeordnete  Rolle.  Man  vergleicht
die  8  Milliarden  Mark,  die  in  Deutschland  umlaufen,  mit  den  400  Milliarden
an  sonstigem  Reichtum  (Häusern,  Schiffen,  Eisenbahnen)  und  glaubt  an
diesem  Verhältnis  die  Bedeutung  des  Geldwesens  überhaupt  ermessen  zu
können.  Das  ist  aber  ganz  und  gar  verkehrt.  Diese  8  Milliarden  darf  man
nicht  nach  ihrem  Betrage  bemessen,  um  ihre  Bedeutung  zu  verstehen,  sondern
nach  der  von  ihnen  verrichteten  Arbeit.  Diese  8  Milliarden  vermitteln  einen
jährlichen  Produktenaustausch  von  vielleicht  100  Milliarden,  und  da  der
Austausch  Vorbedingung  der  Produktion  ist,  so  kann  man  sagen,  daß  die
8  Milliarden  an  Geld  jährlich  100  Milliarden  das  Leben  geben.  Der  gesamte
Reichtum  an  Häusern,  Maschinen,  Eisenbahnen,  Schiffen  ist,  von  diesem
Standpunkt  aus  betrachtet,  eine  Gabe  des  Geldes  und  zwar  eine  periodisch
sich  wiederholende  Gabe.  Die  Wechsel  und  Schecks  haben  zwar  einen  Teil
des  Bargeldes  ersetzt,-  aber  ist  damit  die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  des
Geldes  nicht  noch  gewachsen?  Gründet  der  Wechsel,  der  Scheck,  das  gesamte
Kreditwesen,  sich  nicht  auf  Bargeld,  lauten  nicht  die  Schuldverschreibungen
aller  Art  aus  Geld,  und  stürzt  nicht  das  ganze  Gebäude  an  Wechseln,
Pfandbriefen,  Staatsschulden,  Obligationen  usw.  in  sich  zusammen,  wenn
man  ihm  das  Bargeld,  seine  Unterlage,  entzieht?!
Das  Kreditwesen  hat  also  die  Bedeutung  des  Geldes
nicht  vermindert,  sondern  im  Gegenteil  außerordentlich  erweitert ­
  und  vertieft?)
Wer  sich  davon  überzeugen  will,  daß  die  Vernachlässigung  des  Geldstudiums, ­
  wie  sie  heute  in  allen  volkswirtschaftlichen  Schriften  so  auffällig
zu  Tage  tritt,  durchaus  ungerechtfertigt  ist,  der  betrachte  Anfang  und  Verlauf
der  letzten  amerikanischen  Krise.  2n  Amerika  wurde  ein  Teil  des  umlaufenden
Geldes  vom  aufgeschreckten  Publikum  dem  Verkehr  entzogen,  und  diese
p  Flürscheim  vergleicht  dies  Verhältnis  mit  einer  umgekehrten  Pyramide,  von  der  das
Geld  die  Spitze  darstellt.
        <pb n="13" />
        13

Der  Bedarf  an  Geld.
Störung  des  Geldumlaufs  genügte,  um  die  gesamte  Volkswirtschaft  zum
Stillstand  zu  bringen.  Die  Arbeitslosigkeit,  die  nach  Europa  übergegriffen
hat,  ist  eine  unmittelbare  Folge  jener  Störung  des  Geldumlaufes.  Vielleicht
wird  nun  die  Krise  (die  schon  fast  allgemein  als  Geldkrise  angesehen  wird)
die  Bedeutung  des  Geldwesens  in  ihr  rechtes  Licht  rücken.  Wie  hoch  man
aber  auch  die  Bedeutung  des  Geldes  dabei  wird  einschätzen  lernen:  die
Gefahr  einer  Überschätzung  liegt  nicht  vor.

Der  Veüaef  on  GelZ.
Die  Arbeitsteilung  bedingt  den  Austausch  der  Arbeitsprodukte.  Die
Produkte  der  Arbeitsteilung,  die  noch  auf  den  Austausch  harren,  d.  h.  die  den
Konsumenten  noch  nicht  erreicht  haben,  nennt  man  Waren,-  und  diese  Waren,
die  zu  ihrer  Bewegung  das  Geld  nötig  haben,  sind  es,  die  das  Geld  haben
auskommen  lassen.  Je  entwickelter  die  Arbeitsteilung,  desto  mehr  Waren  wirst
sie  auf  den  Markt,  und  umso  mehr  Geld  wird  nötig.  Den  Geldbedarf
mißt  man  also  mit  den  Waren.  Ohne  Waren  hat  das  Geld  keinen
Zweck  mehr,-  verschwindet  die  Arbeitsteilung,  so,,  verschwindet  auch  das  Geld.
Mit  jeder  Vermehrung  der  Warenzufuhr,  mit  jeder  Erweiterung  der  Arbeitsteilung ­
  wächst  der  Bedarf  an  Geld.  Und  umgekehrt  natürlich.
Wer  mit  dieser  ersten  Folgerung  aus  dem  Grundsatz,  daß  das  Geld
aus  der  Arbeitsteilung  hervorgegangen  ist,  nicht  einverstanden  ist,  der  kann
sich  die  Zeit  sparen,  dies  Buch  weiter  zu  lesen.  Denn  alles,  was  jetzt  folgt,
fußt  daraus,  daß  Ware  und  Geldbedarf  sich  decken,  daß  man  den  Geldbedarf
(Nachfrage  nach  Geld)  nur  mit  den  Warenzufuhren  schätzen  kann.  Wenn  wir
das  Geld,  wie  es  oft  geschieht,  als  Tauschmittel  bezeichnen,  so  wird  die
Richtigkeit  dieser  Folgerungen  noch  viel  durchsichtiger.  Die  Arbeitsteilung
erzeugt  Waren,  die  Waren  bedürfen  des  Austausches,-  und  den  Tausch
vermittelt  das  Geld,  daher  der  Name  Tauschvermittler.  Der  Bedarf  an
Tauschmitteln  muß  also  zusammen  mit  der  Vermehrung  der  Tauschobjekte,
d.  h.  der  Waren,  wachsen.  Der  Klarheit  wegen,  um  Mißverständnissen
vorzubeugen,  werden  wir  in  der  Folge,  so  oft  wir  daran  denken,  das  Wort
Tauschmittel  an  Stelle  des  Wortes  Geld  gebrauchen.  Wer  beim  Worte
Geld  an  etwas  anderes  als  an  Tausch  der  Produkte  der  Arbeitsteilung  denkt,-wer
  das  Geld  von  anderen  Gesichtspunkten  als  von  denen  des  Warenaustausches
verwaltet  wissen  will,  der  wandelt  auf  Irrwegen,-  und  jeder  kann  ihm  Mißerfolg
prophezeihen,  ganz  einerlei,  ob  es  sich  um  einen  Kaufmann,  Politiker,
Staatsmann  oder  Währungsforscher  handelt.  Sic  alle  sind  auf  Holzwegen,
wenn  sie  den  Geldbedarf  anders  als  mit  den  Warenzufuhren  messen.  Folgerichtig, ­
  theoretisch  wie  praktisch,  kann  das  Geld  nur  vom  Standpunkt  der
Ware  und  ihrer  Erzeugerin,  der  Arbeitsteilung,  aus  beurteilt  werden,-  denn
aus  der  Arbeitsteilring  und  ihren  Produkten,  den  auf  den  Austausch  harrenden
Waren,  ist  der  Tauschvermittler,  das  Geld,  hervorgegangen.
        <pb n="14" />
        14

Das  Maß  des  Geldbedarfes.

Man  spricht  vom  Geldbedarf  des  Staates,  der  Unternehmer,  der  Notleidenden,- ­
  aber  daß  es  sich  da  um  etwas  anderes  als  um  Geldbedarf  im
währungstechnischen  Sinne  handelt,  sieht  man  sofort,  wenn  an  Stelle  des
Wortes  Geld  das  andere  Wort  Tauschmittel  gesetzt  wird.  Denn  weder  Staat,
noch  Unternehmer,  noch  Notleidende  wollen  etwas  für  das  Geld  in  Tausch
geben.  Bei  den  Unterhandlungen  erkundigt  sich  der  Staat,  der^Unternchmer
auch  nicht  nach  dem  Tauschverhältnis,  sondern  nach  dem  Zins.  Sie  wollen
borgen,  nicht  tauschen.  Aus  ihren  Bedürfnissen  heraus  wäre  niemals
das  Geldwesen  entstanden.  Der  wirkliche  Geldbedarf  kommt  von  dem  Besitz
an  Ware  her,-  der  vermeintliche  Geldbedarf  des  Staates  und  der  Unternehmer
aber  kommt  vom  Mangel  an  Waren.
Sie  borgen  Vas  Gelv,  um  sich  damit  Waren,  die  sie  brauchen,  zu  verschaffen  (Kreditbedarf).
Für  die  Währungstechnik  scheidet  somit  der  Geldbedarf  der  Borger  aus
den  zu  berücksichtigenden  Dingen  aus.  Für  diese  ist  der  Geldbedarf  der
Borger  ebenso  unmaßgeblich,  wie  der  der  Bettler  und  Studenten.  Die
Währ  ungstechnik  soll  zu  den  Borgern  nnd  dem  Zins  fuß  keinerlei ­
  Beziehung  unterhalten.
Die  Ware  allein,  die  den  Bedarf  an  Tauschmttteln  erzeugt  und  so  dem
Gelde  Leben  einflößt,  soll  in  der  Währungstechnkk  berücksichtigt  werden.  Das
Geld  soll  als  das,  was  es  ist,  als  Tauschmittel,  verwaltet  werden,  und  den
Geldbedarf  messen  wir  dann  allein  mit  den  Warenzufuhren.  Die  Geldborger
mögen  sich  an  die  Gcldverlciher  wenden  oder  mögen  sich  die  Waren,  die  sie
kaufen  wollen,  direkt  leihen,-  mit  der  Währung,  mit  der  Verwaltung  des
Tauschmittels  haben  ihre  Bedürfnisse  nichts  zu  tun.

Das  Mäh  öes  Gelübeöarfes.
Entspringt  der  Bedarf  an  Tauschmitteln  aus  der  Arbeitsteilung  und
ihrem  Produkte,  der  Ware,  so  kann  auch  nur  die  Ware  das  Maß  dieses
Bedarfes  an  Tauschmitteln  geben.  Viel  Ware,  viel  Bedarf  an  Tauschmitteln,-wenig
  Ware,  wenig  Bedarf  an  Tauschmitteln.
Das  Verhältnis  des  Bedarfes  an  Tauschmitteln  zu  dem  Mittel  der
Befriedigung  dieses  Bedarfes,  dem  Gelde,  also  das  Maß  des  Geldbedarfes,
wird  durch  die  Preise  offenbart.  Steigen  die  Preise,  d.  h.  erhält  man  für
dieselben  Waren  mehr  Geld  als  sonst,  so  zeigt  das,  daß  mehr  Geld  oder
weniger  Ware  angeboten  wird  als  vorher.  Fallen  die  preise,  so  beweist  das,
daß  mehr  Ware  oder  weniger  Geld  angeboten  wird.
Mit  der  Feststellung,  daß  es  sich  hier  um  ein  Verhältnis  handelt,  hat
man  sich  aber  nie  begnügen  wollen.  Man  hat  nach  dem  Schuldigen  gefahndet,
wenn  das  bestehende  Verhältnis  eine  Störnng  erfuhr,  und  vor  dem  „inneren
Wert  des  Tauschmittels"  ersterbend,  hat  man  nicht  gewagt,  von  einem  Zuviel ­
  oder  Zuwenig  an  Geld  zu  sprechen,  sondern  die  Schuld  (!)  bei  den
Waren  gesucht  und  diesen  eine  Anpassung  an  das  Tauschmittel  zugemutet.
        <pb n="15" />
        15

Das  Maß  Ves  Geldbedarfes.

Aber  bei  dieser  Auffassung  wird  vergessen,  daß  die  Ware  das  primäre,
das  Tauschmittel  das  sekundäre  ist.  Im  Anfang  war  die  Arbeitsteilung,-  diese
zeugte  die  Ware,  die  Ware  aber  zeugte  den  Bedarf  an  Geld,  an  Tauschmitteln.
Darum  muß  sich  auch  das  Tauschmittel  der  Ware  anpassen,  und  die
gegenteilige  Ansicht  muß  mit  ebensolcher  Entschiedenheit  zurückgewiesen  werden,
wie  etwa  die  Behauptung,  der  Schuh  drückte,  weil  der  Fuß  zu  groß  und
nicht  weil  der  Schuh  zu  klein  sei.  Wie  der  Schuh  dem  Fuß,  das  Werkzeug
der  Arbeit,  die  Eisenbahn  dem  Verkehr  angepaßt  werden  muß,  so  soll  sich
auch  das  Tauschmittcl  dem  Bedarf  an  Tauschmittcln  anschmiegen.
Auch  aus  rein  praktischen  Gründen  kommt  man  zu  der  Forderung,-denn
  das  Angebot  von  Waren  ’  dem  Angebot  von  Geld  anpassen,  heißt  die
Fabriken  schließen,  die  Acker  brach  liegen  lassen,  die  Arbeiter  dem  Hunger
aussetzen,  während  umgekehrt  die  Anpassung  des  Tauschmittels  an  den
Bedarf  (d.  h.  die  Ware)  nur  Einzug  und  Ausgabe  von  Geld  verlangt.
Dies  muß  hiermit  um  so  mehr  Nachdruck  betontwerden,  als  die  Währungspolitik ­
  aller  Länder  keinen  Zweifel  aufkommen  läßt,  daß  die  Ansicht,  die
Warenproduktion  habe  sich  dem  Geldangebot  anzupassen,  ganz  allgemein
verbreitet  ist.
Die  Frage,  ob  der  Mann  hinkt,  weil  das  eine  Bein  zu  groß  oder  das  andere  zu  klein  ist,
kann,  ohne  weitere  Elemente  in  die  Gleichung  zu  bringen,  nicht  entschieden  werden.  Betrachten
wir  aber  den  Mann  und  finden,  daß  das  lange  Bein  zu  seiner  sonstigen  Figur  die  normale
Größe  hat,  so  ist  es  klar,  daß  das  kurze  Bein  unnormal,  fehlerhast,  zu  klein  ist.  Ebenso  Verhaltes ­
  sich  mit  den  Waren  und  Preisen.  Arbeitsteilung  und  Warenangebot  stehen  immer  in  einem
normalen,  natürlichen  Verhältnis  zu  einander,  denn  beide  wachsen  und  schwinden  immer  gleichzeitig. ­
  Das  Geld  dagegen  kann  sich  nicht  direkt  auf  die  Arbeitsteilung  berufen,-  denn  es  wird
nicht  unmittelbar  von  dieser,  sondern  mittelbar  durch  den  Staat  erzeugt,  paßt  also  das  Geld
nicht  auf  die  Waren,  so  ist  es  das  Geld,  das  zu  klein  oder  zu  groß  ist,  und  zwar  nicht  mehr  im
Verhältnis  zur  Ware  allein,  sondern  zum  Gesamtorganlsmus  der  Arbeitsteilung.
Da  das  Geld  das  Tauschmkttel  aller  Waren  ist  und  das  Tauschverhältnks
der  Waren  untereinander  fortwährenden  Veränderungen  unterworfen  ist,  so
ist  die  Frage,  wie  denn  überhaiipt  Veränderungen  im  Tauschverhältnis
zwischen  Waren  lind  Geld  gemessen  werden  können,  nicht  mit  einzelnen
Preisen  zu  beantworten,-  denn  während  z.  B.  Eiscit  im  Preise  steigt,  können
die  Kartoffeln  im  Preise  fallen.  Zugleich  ist  zu  beachten,  daß  es  nicht  einerlei  ist,
ob  z.  B.  der  Weizen,  der  in  ungeheuren  Massen  auf  den  Markt  kommt,
Preisänderungen  erfährt,  oder  etwa  der  Pfeffer,  an  dessen  Preis  nur  die
Krämer  mit  kaum  Viooo  ihres  Kapitals  interessiert  sind.
Will  man  also  feststellen,  ob  und  inwieweit  das  Tauschverhältnks  zwischen ­
  Geld  und  Waren  sich  verschöbe!,  hat,  so  muß  man  möglichst  viele
Preise  notieren  und  die  einzelnen  Waren  nach  ihrer  Bedeutung  klassifizieren,
sodaß  die  einzelne  Ware  das  Resultat  nach  Maßgabe  ihrer  Bedeutung  beeinflußt. ­

So  gelangt  man  zu  den  sogen.  Indexzahlen,  wie  sie  z.  B.  der  „Economist" ­
  in  London  periodisch  veröffentlicht.  Je  größer  die  Zahl  der  zur  Statistik
herangezogenen  Waren  ist,  je  sorgfältiger  die  Bedeutung  der  einzelnen  Waren
abgeschätzt  wird,  umsomehr  wird  das  Ergebnis  der  Wirklichkeit  nahe  kommen
und  den  Bedürfnissen  des  Wirtschaftslebens  genügen.
        <pb n="16" />
        Wie  man  den  Geldbedarf  nicht  messen  soll.

16

Wenn  man  aber  gewissenhaft  vorgehen  will  und  nach  einem  mathematisch
genauen  Maß  strebt,  so  kann  man  von  Zeit  zu  Zeit,  etwa  alle  Jahre  einmal, ­
  die  große,  allgemeine  Preisermittlung  vornehmen,  nach  der  Methode,
die  im  letzten  Teil  dieser  Schrift  beschrieben  wird  (s.  S.  63).

Me  man  öen  Gelöbeöarf  nicht  messen  soll.
Volkswirtschaftlich  betrachtet  hat  das  Geld  nur  eine  Verwendung,  nämlich
die  seinem  Zwecke  entsprechende,  als  Tauschmittel.  Das  schließt  nicht  aus,
daß  das  Geld  privatwkrtschaftlich  andere  Verwendungen  findet,  die  feiner
volkswirtschaftlichen  Bestimmung  vollkommen  fremd  sind.  So  z.  B.  werfen  die
Goldschmiede  die  Münzen,  die  der  Staat  mit  Unkosten  für  den  Verkehr  hat
prägen  lassen,  in  den  Schmelztiegel,  um  daraus  Uhrketten  zu  machen.  Das
ist  offenbarer  Mißbrauch,  der  nur  darum  nicht  bestraft  wird,  weil  er  sich
nicht  vermeiden  läßt.  Es  ist  ein  Mißbrauch,  weil  die  Goldschmiede  das  Geld
nicht  seiner  Bestimmung  entsprechend  als  Tauschmittel,  sondern  als  Rohstoff
für  ihr  Handwerk  gebrauchen.
Und  so  kann  man  es  immer  Mißbrauch  nennen,  wenn  das  Geld  anders
denn  als  Tauschmittel  gebraucht  wird.  So  ist  die  Verwendung  des  Tauschmittels ­
  als  Sparmittel,  als  Spekulationsinstrument,  als  Spielmarke
(Lotterie)  usw.,  volkswirtschaftlich  betrachtet,  Mißbrauch  des  Geldes.
Solange  die  Volkswirtschaft  nicht  unter  diesem  Mißbrauch  zu  leiden
hat,  kann  man  ja  mit  Geduld  der  Sache  zusehen,-  aber  auf  keinen  Fall  darf
man  dulden,  daß  die  Bedürfnisse  der  Sparer,  der  Spieler  und  Spekulanten
maßgebenden  Einfluß  auf  die  Währungspolitik  gewinnen.
Trotzdem  geschieht  dies  allgemein.  Wenn  es  z.  B.  heißt,  daß  die  Borger,
Unternehmer,  Spekulanten,  Haussiers,  Kaufleute  mit  der  Unterbringung  ihrer
Anleihen  attf  wachsende  Schwierigkeiten  stoßen  und  daß  darum  der  Zinsfuß
gestiegen  sei,  so  folgert  man,  daß  es  an  Geld  (Tauschmitteln)  fehlt,  und
fordert,  daß  die  Emissionsbanken  mehr  Tauschmittel  drucken  oder  prägen
sollen,  damit  der  Zinsfuß  gedrückt  werde.
Und  cs  ist  nicht  nur  der  Laie,  der  so  denkt  und  urteilt,  nein,  sogar  die
Emissionsbanken,  die  berufenen  Hüterinnen  der  Währung,  teilen  nur  zu
oft  solche  Ansichten.  Und  wenn  sie  bei  steigendem  Zinsfuß  dem  öffentlichen
Drängen  nachgeben  und  die  Emissionen  vermehren,  so  geschieht  dies  nicht
etwa,  weil  sie  nicht  0en  Mut  haben,  diesem  Drängen  zu  widerstehen,  sondern ­
  weil  sie  selbst  der  Ansicht  sind,  steigender  Zinsfuß  beweise  einen  Mangel
an  Geld,  an  Tauschmitteln.  Hat  nicht  Karl  Helfferich,  f.  Z.  Mitglied  des
Reichbankdirektoriums,  in  der  „Nation"  vom  24.  März  1900  direkt  den
Zweifel  ausgesprochen,  „ob  wohl  jemand  im  Stande  wäre,  den  Nachweis
zu  liefern,  ob  die  steigenden  Diskontsätze  eine  Erhöhung  des  Geldwertes
oder  ob  die  steigenden  Preise  einen  Rückgang  des  Geldwertes  bedeuten"!
(Was  mag  wohl  hier  „Geldwert"  bedeuten?)
        <pb n="17" />
        Wie  man  den  Geldbedarf  nicht  messen  soll.

Dieser  Sah  ist  ein  klassisches  Beispiel  sür  die  Verheerungen,  die  der
Wertglaube  selbst  in  widerstandsfähigen  Köpfen  anzurichten  vermag.  Helfferich
glaubt  an  den  Wert,  er  spricht  von  „innerem  Werte",  vom  Wertbewahrer,
von  der  Wertbeständigkeit.  Er  behauptet,  daß  „unsere  Goldwährung  in  Bezug
auf  Wertbeständigkeit"  allen  Anforderungen,  welche  an  ein  gesundes  Geld
zu  stellen  sind,  in  hervorragendem  Maße  entspricht  (s.  Helfferich,  Die  Währungsfrage, ­
  S.  38).  Und  dann  drückt  er  den  Zweifel  aus,  ob  überhaupt  jemand
km  Stande  sei,  die  Frage  zu  beantworten,  ob  die  Schwankungen  der  Warenpreise ­
  auf  Geldwertschwankungen  hinweisen!
Wie  kann  man  sich  für  die  Goldwährung  entscheiden,  so  lange  man
noch  von  solchen  Skrupeln  geplagt  wird?  Nehmen  wir  an,  Helferichs  Frage
würde  in  dem  Sinne  entschieden,  daß  die  Schwankungen  des  Diskontosatzes
Schwankungen  des  Geldwertes  (einerlei  was  darunter  verstanden  wird)  bedeuten, ­
  so  wäre  ja  die  behauptete  Wenbeständigkeit  des  Goldes  vor  aller
Augen  als  Schwindel  entlarvt  —  denn  der  Diskontosatz  ist  in  den  letzten
Fahren  von  3  auf  7 1 / 2  °/o^  also  um  das  Doppelte  gestiegen  und  gefallen.
Nehmen  wir  an,  Helfferkchs  Frage  wäre  in  dem  anderen  Sinne  beantwortet
worden,  nämlich,  daß  die  Schwankungen  der  Warenpreise  Schwankungen
des  Geldwertes  beweisen,  wo  bliebe  auch  dann  wieder  die  behauptete  Wertbeständigkeit
  des  Goldes?  (Einerlei  was  darunter  gemeint  wird.)  Denn  diese
Warenpreise  haben  in  den  letzten  Fahren  auch  um  wenigstens  25%  geschwankt. ­
  In  solche  unentwirrbare  Widersprüche  verstricken  sich  die  Wertgläubigen
  auf  Schritt  und  Tritt.  Fa  man  kann  sagen,  daß  alle  volkswirtschaftlichen ­
  Leitsätze  nur  darum  kn  Sackgassen  verlaufen,  weil  sie  von  einem  Trugbilde, ­
  dem  Wertglauben,  ausgehen.  Ehe  dieser  Wertglaube  nicht  mit  Stumpf
und  Stiel  ausgerottet  worden  ist,  ist  an  eine  vernunftgemäße  öffentliche  Verwaltung ­
  des  Geldes  nicht  zu  denken.
Die  Begriffsverwirrung,  die  sich  in  Helfferichs  Zweifel  offenbart,  wird
sinnfällig,  wenn  wir  an  Stelle  des  Wortes  „Geld"  das  beschreibende  Wort
Tauschmittel  sehen.  Wie  kann  man  bei  steigendem  Diskontosatz  von  steigendem ­
  Bedarf  an  Tauschmitteln  sprechen?  Bei  Darlehen  spricht  man  von
Diskonto,  aber  bei  Darlehen  werden  keine  Waren  getauscht.
Es  ist  aber  schon  ein  erfreulicher  Fortschritt,  daß  Helfferich  in  seinen  Betrachtungen  bis  zu
diesem  Zweifel  vorgestoßen  ist,-  andere  Wahrungstheoretiker,  die  auch  vom  sogen.  Wert  ausgehen,
werden  in  diesem  Zweifel  schon  eine  schwere  Ketzerei  erblicken.
Man  gibt  Geld  her  und  erhält  bei  Verfall  des  Darlehens  Geld  ztrrück.
Ein  Tausch  ist  das  nicht,  und  darum  ist  auch  ein  Tauschmittel  übcrstüssig.
Nehmen  wir  an,  die  Darlehen  würden  statt  in  dem  aus  Bequemlichkeit
vorgezogenen  Gelde  in  Sachgut,  etwa  Weizen,  Bier  oder  Kattun  gemacht
und  der  Zins  wäre  dementsprechend  in  Realien  zahlbar  abgemacht.  Nehmen
wir  an,  der  Zinsfuß  stiege  nun  von  drei  auf  sechs  Pfund  Weizen,  Bier
oder  Kattun  für  100  Pfund  per  Fahr,  also  auf  6%,  würde  solch  hoher
Zinfuß  auch  auf  eine  „Erhöhung  des  Geldwertes"  hindeuten?  (Einerlei  was
unter  Geldwert  zu  verstehen  ist.)
Die  Verkehrtheit  solcher  Ansichten  (natürlichen  Ausflüssen  des  Wert2 ­

  Gesell-Frankfurt

17
        <pb n="18" />
        Wie  man  Den  Geldbedarf  nicht  messen  soll.

18

glaubens)  läßt  sich  noch  auf  vielen  anderen  Wegen  nachweisen,  doch  am
besten  wird  sie  uns  die  Praxis  zeigen.
Wäre  nämlich  hoher  Zins  Beweis  eines  Geldmangels  und  wäre  es  möglich,
mit  Hilfe  einer  Vermehrung  des  Geldumlaufes  einem  weiteren  Steigen  des
Zinsfußes  vorzubeugen,  so  müßte  doch  vermehrter  Geldumlauf  mit  fallendem
Zinsfuß  und  verminderter  Geldumlauf  mit  steigendem  Zinsfuß  der  Regel
nach  zusammenfallen.  Das  Gegenteil  ist  aber  der  Fall.  Die  Geschichte  des
Zinsfußes  beweist  uns,  daß  der  Zinsfuß  gestiegen  ist,  so  oft  und  so  lange
der  Geldumlauf  vermehrt  wurde  und  zwar  ganz  einerlei,  ob  der  Geldumlauf
durch  vermehrte  Prägung,  durch  vermehrten  Druck,  verdünnte  Legierungen
oder  vergrößerte  Umlaufsgeschwindigkekt  vergrößert  wurde.  Der  Zinsfuß  stieg
und  erreichte  eine  ganz  ungewohnte  Höhe,  als  die  Räuberbande  pizarros
Europa  mit  Gold  überschwemmte,-  er  stieg,  als  die  kalifornischen  Goldschätze
ausgemünzt  wurden,-  er  stieg,  als  man  in  Deutschland  in  den  erbeuteten
Milliarden  schwelgte.  Und  nicht  allein  bei  Metallmünzen  stieg  der  Zinsfuß
mit  jeder  Vermehrung  des  Umlaufes,  auch  das  Papiergeld  zeigte  dieselbe
Erscheinung.  Als  Law  in  Frankreich  die  Kaufleute  mit  Papiergeld  zu  sättigen
versuchte,  stieg  der  Zinsfuß,  als  die  große  Revolution  den  heute  noch  immer
wieder  auftauchenden  und  unausrottbaren  Wahngedanken  zur  Tat  werden
ließ  und  den  „Grund  und  Boden"  in  Assignatenform  (Bodennoten)  „ausmünzte", ­
  stieg  der  Zinsfuß,  und  er  stieg  auch,  als  Dr.  Koch  den  Zinsfuß
durch  vermehrte  Notenausgabe  niederzuhalten  versuchte.
Geschichtliche  Tatsachen  findet  man  in  Gustav  Billeter:  Die  Geschichte  des  Zinsfußes  im
Griechisch-Römischen  Altertum  bis  auf  Iustinian.
Georg  Wiebe:  Geschichte  der  preisrevolution  des  16.  und  17.  Jahrhunderts.
Adam  Smith:  Inguir^  into  tfie  causes  etc.
2n  einer  übersichtlichen  Tabelle  verarbeitet  findet  man  dieses  Material  in  Silvio  Gesell:
Die  Verwirklichung  des  Rechtes  auf  den  vollen  Arbeitsertrag.'  (Jetzt  in  5.  Auflage  unter  dem
Titel  „Die  natürliche  Wirtschaftsordnung"  erschienen.)
Und  umgekehrt.
Der  Zinsfuß  stel  noch  zur  Zeit  der  Römerherrschaft,  als  die  Goldzufuhren ­
  aus  Afrika  nachließen  und  die  spanischen  Silbermknen  sich  erschöpften. ­
  Er  fiel  in  beiden  Fällen,  als  die  Schätze  Montezumas  und  die
kalifornischen  Minen  erschöpft  waren,-  er  fiel,  als  nach  dem  deutschen  Milliardenrausch ­
  sich  der  Katzenjammer  in  Form  von  Goldexport  einstellte.
Und  der  Zinsfuß  ist  jetzt  von  seiner  Ende  1907  erreichten  stolzen  Höhe
auf  einen  sehr  bescheidenen  Stand  gefallen,  während  gleichzeitig  durch  Einzug ­
  von  Noten  und  durch  das  Brachliegen  bedeutender  Barsummen  der
Geldumlauf  erheblich  eingeschränkt  wurde.
Warum  übrigens  der  Zinsfuß  steigen  muß,  wenn  man  ihn  durch  vermehrten ­
  Geldumlauf  herabzudrücken  sucht,  ist  leicht  zu  erklären:  Der  Kaufmann ­
  (Unternehmer,  Spekulant)  kann  Geld,  auch  geborgtes,  nutzbringend
verwenden  (anlegen),  so  lange  er  hofft,  daß  er  das,  was  er  mit  dem  geborgten ­
  Geld  kauft,  vor  dem  Verfall  des  Wechsels  über  den  Einstandspreis
verkaufen  kann,  und  diese  einzige  Bedingung  des  kaufmännischen
Geldbedarfes  ist  erfüllt,  solange  die  preise  steigen,  was  wiederum  eintreten
muß,  so  ost  und  so  lange  das  Geldangebot  mit  den  Noten  der  Bank  (oder
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        Wie  man  den  Geldbedarf  nicht  messen  soll.

2*

19

sonstwie)  vermehrt  wird.  Mit  dem  Gelde,  das  die  Notenbanken  fabrizieren
und  durch  Wechseldiskont  in  Umlauf  sehen,  vergrößern  sie  die  Nachfrage
aus  den  Warenmärkten,  und  die  vermehrte  Nachfrage  treibt  naturgemäß  die
preise  hoch.  Die  Emissionsbanken  bereiten  also  mit  ihren  Noten  den  Boden
für  Differenzen  a  la  hausse,  denn  sie  treiben  selbst  die  Preise  hoch  und  erfüllen  damit ­
  die  einzige  Bedingung  des  kaufmännischenprkvatwirtschaftlichenGeldbedarfes.
Je  mehr  Geld  die  Emissionsbanken  und  die  Goldminen  ausgeben,
desto  größer  wird  die  Nachfrage  nach  käuflichen  Dingen,  desto  größer  wird
auch  die  Differenz  zwischen  Eknstandpreis  und  Erlös,  desto  mehr  wecken
sie  die  spekulative  Kauflust,  und  desto  mehr  werden  die  Banken ­
  um  Geld  bestürmt  werden.  Man  kauft  für  100  mit  der  Aussicht
(die  die  allgemeine  Preistreiberei  fast  zur  Sicherheit  macht),  das  Gekaufte
vor  Verfall  des  Wechsels  über  100  zu  verkaufen.  Und  da  das  Gewinnbedürfnis ­
  keine  Grenzen  kennt  und  die  Vergrößerung  der  Umsähe  nur  den
Gewinn  vergrößern  kann,  so  sucht  jeder  seine  Umsätze  zu  vermehren,  bis  er
irgendwo  an  eine  Grenze  stößt,  und  das  ist  einfach  die  Grenze  seines  Kredites.
Die  Emissionsbank  kann  also  den  Geldhunger  mit  ihren
Noten  nur  reizen  und  wecken,  niemals  kann  sie  ihn  stillen.
Dieser  Geldhunger  ist  etwas  rein  persönliches,  aus  privatwirtschafilichen  Erwägungen  und
Interessen  entspringend,  und  ist  darum  scharf  zu  unterscheiden  von  dem  volkswirtschaftlichen  Geldbedarf,
  den  die  Mare  darstellt.
Und  daß  diese  Erscheinung  nicht  eine  Eigentümlichkeit  der  Banknoten,
sondern  vielmehr  eine  Begleiterscheinung  des  Geldes  überhaupt,  des  Metallwie
  des  Papiergeldes  ist,  können  wir  an  folgender  Annahme  ermessen.
Setzen  wir  den  Fall,  die  Nachricht  verbreite  sich  plötzlich,  es  wäre  irgendwo
in  Asien  unter  der  Eisdecke  Sibiriens,  unter  den  Sandhügeln  Tibets  ein
nettes  Dorado  entdeckt  worden,  das  an  Ausbeute  alles  Dagewesene  in  den
Schatten  stellt.  Nehmen  wir  an,  diese  Nachricht  werde  durch  die  Ankunft
einer  Schiffsladtmg  Gold  auch  bestätigt.
Würde  eine  solche  Nachricht,  die  eine  baldige  und  gewaltige  Vermehrung
des  Geldumlaufes  in  Aussicht  stellt,  die  Gesuche  um  Wechseldiskont  bei  den
Emissionsbanken  vermindern  oder  vermehren?  Wären  die  Emissionsbanken
im  Rechte  mit  ihrer  Annahme,  daß  sie  den  Geldhunger  mit  mehr  Geld
stillen  können,  so  müßte  man  auch  schließen,  daß  mit  der  Ankunft  des  sibirischen
Goldes  der  Geldhunger  befriedigt,  daß  die  Gesuche  um  Wechseldiskont  sofort
nachlassen  müßten.  Und  doch  kann  nur  das  Gegenteil  eintreten.
Es  ist  klar,  daß  an  dem  Tage,  wo  die  Nachricht  von  neuen,  großen
Goldfunden  sich  bestätigt,  jeder  sofort  mit  einer  neuen  gewaltigen  Hochkonjunktur
rechnen  wird,  daß  sich  bei  allen,  Groß  und  Klein,  bei  Kaufleuten,  privaten,
Unternehmern,  Spekulanten,  Spielern  und  Rentnern  eine  lebhafte  Kauflust
zeigen  wird,  daß  jeder,  um  mit  möglichst  großen  Beständen  an  der  erwarteten
Hausse  beteiligt  zu  sein,  so  viel  an  Waren,  Vorräten,  Aktien,  Rohmaterial,
Grundstücken  (mit  alleiniger  Ausnahme  der  festverzinslichen  Papiere),  kaufen
wird,  wie  es  seine  Barmittel  und  sein  Kredit  gestatten.
Es  ist  sonnenklar  für  alle,  daß  die  erste  Ladung  Gold,  die  das  neue  Dorado
in  der  Münze  abliefert,  von  einem  kolossalen  Andrang  von  Wechseln
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        Wie  man  den  Geldbedarf  nicht  messen  soll.

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begleitet  sein  wirb,  die  den  Emissionsbanken  zum  Diskont
vorgelegt  werden.
Und  Ze  mehr  Gold  hereinströmt,  desto  größer  wird  auch  der  Zudrang  zu
den  Schaltern  der  Emissionsbanken  sein,  und  wenn  die  Münzstätten  mit
Überstunden  arbeiten,  so  müssen  auch  die  lithographischen  Pressen  der
Emissionsbanken  schneller  rotieren,  um  die  Banknoten  zu  liefern  für  den
neuen,  großen,  spekulativen  Geldhunger,  der  mit  der  Vermehrung ­
  des  Geldbestandes  sich  einstellt.
Wenn  wir  auch  die  Welt  mit  einer  Goldschicht  überziehen  könnten,  so
würde  darum  doch  der  Geldhunger  nicht  gestillt  werden,  und  die  Emissionsbanken ­
  müßten  die  Goldschicht  noch  mit  einer  Schicht  Banknoten  überziehen,
ohne  doch  die  Genugtuung  zu  haben,  den  Geldhunger  gestillt  zu  sehen.
Nirgends  gilt  das  Sprichwort  so  absolut  wie  hier:  „U'appetit  vient  en
mangeant“.  Und  umgekehrt  natürlich.
Nehmen  wir  an,  daß  an  Stelle  der  Nachricht  von  dem  Auffinden  eines
neuen  Dorado  das  Gerücht  sich  verbreiten  würde,  die  chinesische  Negierung
habe  beschlossen,  die  Silbermünzen  einzuziehen  (wie  es  s.  Z.  das  Deutsche
Reich  tat)  und  dafür  goldene  Münzen  in  Verkehr  zu  setzen,  und  daß  zu  dem
Zwecke  eine  Goldanleihe  in  Europa  von  x  Milliarden  beschlossen  worden  (wie
es  Rußland,  Italien  usw.  getan  haben),  die  mit  dem  „inneren  Wert"  der
eingezogenen  Silbermünzen  garantiert  sei.
Nehmen  wir  an,  die  Anleihe  wäre  auch  gezeichnet  worden  und  die  erste
Milliarde  Gold  sei  schon  nach  Peking  abgegangen.  Nach  der  der  Emissionspolitik ­
  zu  Grunde  liegenden  Ansicht  müßte  nun  eine  große  Nachfrage  nach
Banknoten  sich  einstellen,  um  das  abwandernde  Gold  wieder  zu  ersetzen.
Und  doch  ist  es  auch  hier  wieder  klar,  daß  dieser  neue  gewaltige  Sieg
der  Goldwährung,  die  Niederreißung  der  chinesischen  Silbermauer  bei
Kaufleuten,  Unternehmern,  Spekulanten  usw.  den  Glauben  an  einen  durch
die  Golddrainage  hervorgerufenen  Preisrückgang  aller  Waren,  Aktien,  Grundstücke ­
  erwecken,  daß  jedermann  sich  beeilen  würde,  alles  Verkäufliche  abzustoßen,
um  mit  möglichst  geringen  Beständen  an  den  von  der  Baisse  erwarteten
Verlusten  beteiligt  zu  sein.  Es  ist  klar,  daß  wenn  alle  nur  an  das  Verkaufen,
niemand  an  Kauf  und  Unternehmungen  denkt,  daß,  wenn  jeder  erwartet,  alle
Waren  würden  morgen  billiger  als  heute  und  übermorgen  noch  billiger  sein,
das  Geld  kaufmännisch  überhaupt  nicht  mehr  angelegt  werden
kann  und  daß  infolgedessen  niemand  Geld  von  der  Notenbank  verlangen
wird.  Wenn  Geld  außer  Land  geht  und  die  preise  sinken,  dann  ist  auch  der
Rest  des  Geldbcstandes  privatwirtschaftlich,  kaufmännisch
unbrauchbar.  Das  Geld  kann  überhaupt  nur  so  lange  kaufmännisch  umlaufen, ­
  als  es  in  mindestens  genügender  Menge  vorhanden  ist  und  angeboten
wird,  um  die  Warenpreise  auf  gleicher  Höhe  zu  erhalten.  Genug  oder  nichts.
Eben  in  der  Baiffezeit  lesen  wir  in  der  Frankfurter  Zeitung  vom  6.  Februar  1909:
„.  .  .  es  ist  buchstäblich  nicht  möglich,  für  die  flüssigen  Gelder  Unterkommen  zu  finden."
Dies  ist  wohl  die  Beobachtung,  die  zu  den  merkantilistischen  Übertreibungen
führte.  Sie  bildet  auch  den  Grundstock  des  bimetallistischen  Arsenals.  Die
Bimetallisten  behaupten  immer,  daß  die  Anhäufung  des  Goldes  in  den
        <pb n="21" />
        Wie  man  den  Geldbedarf  nicht  messen  soll.

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Banken,  ein  Beweis  des  Geldmangels  sei,  während  die  Anhänger  der
Goldwährung  diese  Goldbestände  als  Geldüberschuß  ansahen.  Die  Erfahrung
gab  aber  dem  Bimetallkften  recht,  denn  als  die  afrikanischen  Goldfelder  anfingen, ­
  große  Goldmassen  auf  den  Markt  zu  werfen,  da  vermehrten  sich  die
Bankbestände  nicht  (was  der  Theorie  der  Goldleute  doch  entsprechen  hätte),
sie  wurden  im  Gegenteil  sofort  vom  Handel  beansprucht.
Die  Emissionsbanken  betreten  somit  einen  Circulus  vitiosus,  wenn  sie  den
bei  jeder  Hausse  sich  einstellenden  privatwirschastlichen  Geldhunger  als  Geldbedarf ­
  im  volkswirtschaftlichen,  währungstechntschen  Sinne  ansehen  und  diesen
privatbedarf  mit  volkswirtschaftlichen  Mitteln  zu  decken  suchen.  Dieser  Bedarf
ist,  wie  das  Faß  der  Danaiden,  bodenlos,  seiner  ganzen  anatomischen
Struktur  nach  unersättlich.
Man  sieht  hier  deutlich,  zu  welchen  Widersprüchen  es  führt,  wenn  die
Emissionsbanken  nicht  zwischen  privatwkrtschaftlichem  Geldhunger  und  volkswirtschaftlichem ­
  Bedarf  an  Tauschmitteln  zu  unterscheiden  wissen,  und  es  lohnt
fich  bei  der  außerordentlichen  Bedeutung  dieser  Widersprüche,  das  Spiel  der
Kräfte,  die  hier  in  Aktion  treten,  näher  zu  betrachten,  denn  es  ist  klar,  daß
eine  Wendung  in  dieser  verkehrten  Währungspolitik  erst  dann  eintreten  wird,
wenn  ihre  Verkehrtheit  nicht  allein  erfahrungsgemäß,  sondern  auch  begrifflich
erkannt  worden  ist.
Aus  irgend  einem  Grunde,  deren  es  ja  im  heutigen  Geldsystem  unzählige
gibt,  steigen  die  Preise  und  die  Preissteigerung  erweckt  die  kaufmännische,
spekulative  Kauflust.  Die  Kaufleute  suchen  Geld,  um  kaufen  zu  können  und
die  Geldverleiher  erhöhen  der  steigenden  Nachfrage  entsprechend  ihre  Forderungen. ­
  Der  Zinsfuß  steigt.
Nun  erscheinen  die  Emissionsbanken  aus  dem  plane  und  sagen:  der
Zinsfuß  steigt,-  das  beweist,  daß  es  an  Geld  (an  Tauschmitteln!)
fehlt,  und  wir  haben  sahungsgemäß  die  Aufgabe  zu  erfüllen,
die  Schwankungen  im  Geldbedarf  durch  Notenausgabe  auszugleichen. ­
  Wir  haben  also  jetzt  einzugreifen,  wir  müssen
diesem  wachsenden  Bedarf  an  Geld  ein  vermehrtes  Angebot
entgegenwerfen,  wir  müssen  mit  unseren  Noten  den  Zinsfuß
herunterdrücken.  Man  würde  uns  Borwürfe  machen,  wenn
wir  das  nicht  täten.
Und  sie  geben  allen,  die  Zins  und  Sicherheit  bieten,  nach  Bedarf  mit
vollen  Händen.  Mit  diesen  neuen  Noten  erhöhen  aber  die  Kaufleute  die
Nachfrage  auf  den  Märkten  und  Börsen,  treiben  die  preise  hoch,  vergrößern
die  Differenzen  ä  la  hausse,  nähren  damit  die  Kauflust,  erwecken  neuen
Hunger  nach  Geld,  treiben  den  Zinsfuß  weiter  in  die  Höhe,  was  die
Emissionsbank  zu  neuen  Notenausgaben  veranlaßt.  (Schraube  ohne  Ende.)
Jedoch  im  System  der  Goldwährung  ist  die  Notenausgabe  scharf  begrenzt
durch  die  Metallwährung  (zumeist  Drittelwährung).  Ist  diese  Grenze  erreicht,
so  ist  es  aus  mit  den  Emissionen.  Ist  es  aber  aus  mit  den  Emissionen,  so
ist  es  auch  aus  mit  der  Nachfrage  auf  den  Märkten,  aus  mit  den  Differenzen
ä  la  hausse,  aus  mit  der  Kauflust,  aus  mit  dem  prkvatwirtschafilichen  Geldhunger. ­
  Ist  es  bekannt  geworden,  daß  die  Emissionsbank  die  Dritteldeckung
        <pb n="22" />
        Der  Rückfluß  Ver  Banknoten  —  eine  Notwendigkeit  der  Stückelung

22

erreicht  hat,  so  weis;  man  auch,  daß  die  Geldquelle  versiegt  ist  und  alle,
die  noch  gestern  nicht  wußten,  wie  sie  ihren  Hunger  nach  käuflichen  Dingen
stillen  sollten,  sind  plötzlich  satt,  zum  Erbrechen  satt.  Ist  der  erste  und  wichtigste
Haussier,  die  Notenbank,  einmal  ausgeschaltet,  so  kippt  auch  sofort  die  Hausse
in  Baisse  um,  und  alle,  die  noch  gestern  Käufer  waren,  verwandeln  sich  in
Verkäufer,  und  wer  Geld  hat  —  der  sucht  es  nicht  mehr  in  Waren,  sondern
in  dem  Gegenteil  —  kn  Geldforderungen  anzulegen.  Die  kapitalkräftigen
Käufer  verwandeln  sich  in  Geldverleiher.  Aber  Geld  sucht  seht  Niemand
mehr,  höchstens  noch  solche,  die  kn  der  Klemme  sind.
Der  Zins  fällt  dann  nicht  etwa,  weil  zu  viel  Geld  an  geboten
wird  (die  Baisse  beweist,  daß  das  nicht  sein  kann),  sondern  weil
es  an  Geld  fehlt,  um  den  Geldhunger  länger  zu  unterhalten.
Weil  die  Emissionsbank  unfähig  ist,  ihre  tollen  Versuche,  den  Zinsfuß
durch  Notenausgabe  zu  drücken,  noch  länger  fortzusetzen-darum  fällt  der  Zins.
Warum  aber  die  Preise  nicht  die  mit  Hilfe  der  Noten  erstürmte  Höhe  behaupten
können,  warum  auf  Hausse  die  Baisse,  der  Krach  folgen  muß,  das  soll
nun  gezeigt  werden.

Der  Rückfluß  öer  Banknoten  —  eine  Kotwenöigkeit  öer
Äückelung  unö  öer  inöusteiellen  Brauchbarkeit  öes  Golöes.
Es  sind  in  der  Regel  verschiedene  Ursachen,  die  in-  und  durcheinandergreifend, ­
  die  Banknoten  zur  Quelle  zurücktreiben.  Der  größeren  Klarheit
wegen  wollen  wir  aber  diese  Ursachen  getrennt  voneinander  behandeln.
Es  sei  hier  zunächst  daran  erinnert,  daß  jeder  Wechsel,  den  die  Emissionsbank ­
  diskontiert,  eine  Verschlechterung  des  Deckungsverhältnisses  bedeutet,
einerlei  ob  der  Wechsel  mit  Noten  oder  mit  Gold  bezahlt  wird.  Das
Deckungsverhältnis  ist  ein  Bruch,  dessen  Zähler  der  Goldbestand,  dessen
Nenner  die  ausgegebenen  Noten  sind.  Der  Ankauf  eines  Wechsels
bedeutet  bei  Bezahlung  in  Gold  eine  Verkleinerung  des  Zählers,  bei  Bezahlung
in  Noten  eine  Vergrößerung  des  Nenners.  2n  beiden  Fällen  eine  Verkleinerung
des  Bruches,  jedoch  mit  dem  Unterschied,  daß  eine  Bezahlung  in  Gold
stärker  ins  Gewicht  fällt,  als  eine  Bezahlrmg  in  Noten  gleichen  Betrages.
Der  Nenner  darf  ein  vielfaches,  gewöhnlich  das  dreifache  des  Zählers
betragen,  so  daß  im  äußersten  Fall  die  Bezahlung  in  Gold  dreimal  so  schwer
ins  Gewicht  fällt  wie  die  Bezahlung  in  Noten  und  erst  die  dreifache  mit
Noten  gekaufte  Wechselmengc  die  gleiche  Schwächung  der  Bank  bewirkt,  wie
der  mit  Gold  gekaufte  Wechsel.  Doch  um  eine  Verschlechterung  handelt
es  sich  immer.
Wird  nun  bei  Erreichung  der  Dritteldeckung  (und  zu  dieser  hin  wird
die  Notenbank  durch  die  Hauffe  immer  getrieben)  der  Notenbank  Gold
entzogen,  so  muß  sie,  um  die  gesetzliche  Dritteldeckung  aufrecht  zu  erhalten,
        <pb n="23" />
        und  der  industriellen  Brauchbarkeit  des  Goldes.

23

für  jede  Mark,  die  man  ihr  in  Noten  zur  Einlösung  vorzeigt,  eine  Mark  in
Gold  ausgeben  und  noch  zwei  Mark  in  Banknoten  einziehen,  was  sie  durch
Verkäufe  aus  dem  Wechselbestand  bewirkt.
Der  Fall  aber,  daß  der  Emissionsbank  ein  Teil  der  von  ihr  im  Übermaß
(Hausse)  ausgegebenen  Noten  zur  Einlösung  vorgelegt  wird,  muß  mit  Notwendigkeit ­
  über  kurz  oder  lang  eintreten,  und  zwar
1.  Der  Stückelung  wegen,  weil  der  Verkehr  nicht  unbegrenzt  viele
Banknoten  ohne  entsprechende  Mengen  Kleingeld  (Zehn-  und  Zwanzigmarkstücke)
aufnehmen  kann.  Nehmen  wir  an,  daß  bei  einem  Münzumlauf  von  4  Milliarden
2  Milliarden  in  Noten  von  100  Mark  und  darüber  ausgegeben  wären  und
daß  dies  das  richtige  Mischungs-  und  Stückelungsverhältnis  für  den  Verkehr
sei,  so  würden  bei  einer  Vermehrung  des  Notenumlaufes  auf  3  Milliarden
und  unveränderter  Münzmenge  —  zwei  Milliarden  an  Münzen  fehlen.  Der
Umstand,  daß  die  Hausse  die  Münzen  und  auch  die  Noten  verkleinert,  bleibe
hier  unberücksichtigt.  (Die  jetzt  in  Umlauf  befindlichen  Noten  von  1  —  2  —  5  —10  —
20  —  50  M.  sind  ein  Kriegserzeugnis.)
Nun  kann  man  allerdings  annehmen,  daß  das  Stückclungsverhältnis
durchaus  kein  starres  ist,  und  daß  die  Emissionsbank,  wenn  sie  es  wünscht
und  sie  die  Unterstützung  der  sonstigen  Banken  und  der  Staatskassen  hat,
sehr  wohl  größere  Mengen  Noten  in  den  Verkehr  pressen  kann.
Aber  schließlich  kommt  doch  der  Augenblick,  wo  der  Verkehr  mit
Banknoten  von  100  Mark,  5  Pfund  Sterling,  100  Franken  und  darüber  gesättigt
ist,  wo  darum  jede  neue  Note  zur  Quelle  zurückkehren  muß,  um  gegen
Kleingeld  umgetauscht  zu  werden.  Diese  zur  Bank  zurückströmenden  Noten
treffen  die  Bank  dann  um  so  schwerer,  je  näher  sie  sich  mit  diesen  Noten
der  Dritteldeckung  gegenüber  befindet.
Würden  diese  nicht  zur  Stückelung  passenden  Noten  immer  gleich  und
in  demselben  Verhältnis  wie  sie  ausgegeben  werden,  zurückfließen,  so  wüßte
die  Bank,  wie  es  mit  der  Aufnahmefähigkeit  des  Marktes  steht  und  könnte
dann  danach  handeln.
Aber  es  ist  nicht  so.  Die  Haussespekulation  arbeitet  in  der  Regel  in  großen
Beträgen,  und  der  Bequemlichkeit  wegen  verlangt  sie  das  Geld  in  großen
Abschnitten.  Diese  treiben  sich  dann  im  Großverkehr,  bei  Großkapitalisten,
Banken,  Grundstücksspekulanten  usw.  Gelegenheitsgeschäfte  abwartend,  längere
Zeit  herum  und  kommen  nur  allmählich  in  den  Kleknvcrkehr,  wo  erst  ihr  Umlauf
auf  Schwierigkeiten  stößt  und  diese  den  Umtausch  gegen  Kleingeld  veranlassen.
Es  vergeht  also  Zeit  zwischen  der  Ausgabe  und  dem  Rückfluß  der
Banknote  und  dadurch  wird  die  Bank  über  die  Aufnahmefähigkeit  des
Marktes  getäuscht.  In  dieser  Zwischenzeit  gibt  sie  weiter  Noten  aus,  nähert
sich  immer  mehr  der  Dritteldeckung,  und  wenn  dann  die  Noten  zur  Einlösung
vorgezeigt  werden,  dann  verursachen  sie  der  Bank  umsomehr  Verlegenheit,
je  mehr  Zeit  zwischen  Ausgabe  und  Rückfluß  verstrichen  ist.
Dieser  Rückfluß  der  Noten  geschieht  aus  rein  zahlungstechnischen  Gründen,
nicht  etwa  weil  ein  Überfluß  an  Tauschmitteln  vorhanden  ist.  Es  herrscht
nur  ein  Mißverhältnis  in  der  Stückelung,  im  Verhältnis  zu  großen  Stücken
Mangel  an  Kleingeld,-  in  Ländern,  wie  Nordamerika,  wo  Noten  in  jedem
        <pb n="24" />
        Der  Rückfluß  der  Banknoten  —  eine  Notwendigkeit  der  Stückelung

24

Betrag  bis  herab  auf  einen  Dollar  ausgegeben  werden,  findet  ein  solcher
Rückfluß  natürlich  nicht  statt.  Von  Geldüberstuß  kann  jetzt,  nachdem  die
Hausse  alle  Preise  ergriffen  hat,  keine  Rede  mehr  sein,  da  ja  mehr  Geld
nötig  ist,  um  die  gleichen  Waren  umzusetzen,  als  vor  der  Hausse.  Und  was
das  Geld  an  Verschleißkrast  eingebüßt,  das  muß  die  größere  Menge  ersetzen.
Statt  100  gehören  jetzt  120-130-150  M.  aus  den  Kopf  der  Bevölkerung
um  dieselben  Warenumsätze  zu  bewirken.  Entsprangen  bei  Beginn  der  Hausse
die  Ansprüche  an  die  Notenbank  dem  spekulativen  Geldhunger,  so  handelt  es
sich  jetzt  bei  der  vollzogenen  Hausse  um  echten  Geldbedarf,  denn  das  Geld
wird  von  der  Ware  beansprucht.  Statt  1000  M.  braucht  der  Kaufmann
1500  M.  für  den  gleichen  Umsah,  der  Unternehmer  muß  150  000  M.
statt  100000  für  das  gleiche  Haus  aufwenden,  und  der  Staatsbetrieb
verlangt  3  statt  2  Milliarden.  Fehlt  es  an  Geld,  um  den  Warenaustausch
auf  der  erreichten  Preishöhe  zu  bewirken,  so  setzt  auch  gleich  die  Baisse  ein.
Und  das  Geld  wird  fehlen,  wenn  die  Noten  zum  Umtausch  gegen  Kleingeld
zur  Bank  zurückfließen  und  diese  dann  für  jede  Mark  in  Gold  drei  Mark
in  Noten  einziehen  muß  —  zumal  das  Zurückströmen  der  Noten  bei  der
Bank  die  irrige  Meinung  erwecken  mag,  daß  die  Noten  einen  Überfluß  an
Geld  bedettten  und  die  Bank  dadurch  veranlaßt  wird,  noch  weitere  Einschränkungen ­
  des  Notenumlaufes  vorzunehmen.
Der  Rückfluß  der  Banknoten  zur  Ausgabestelle  geschieht  auch
2.  durch  den  durch  die  Hausse  verursachten  größeren  Goldbedarf ­
  der  Industrie.  Gold  ist  industriell  verwendbar,-  die  Goldwährungstheorie ­
  behauptet  sogar,  daß  der  Geldstoff  überhaupt  industriell  verwendbar
sein  müsse.  Diese  industrielle  Verwendbarkeit  wächst  aber  mit  der  größeren
Wohlfeilheit  des  Goldes,  die  in  der  Hausse  liegt.  Erhält  der  Bauer  für
einen  Sack  Kartoffeln  10  Gramm  Feingold,  so  erhält  er  durch  die  Hausse
für  denselben  Sack  jetzt  12-15-20  Gramm  und  für  das  Tagesprodukt
erhält  der  Arbeiter  6  statt  3  Gramm  Gold,  da  ja  jede  Mark  —  einerlei  ob
Silber  oder  Nickel,  ein  Recht  auf  Feingold  gibt.
Diese  relative  Billigkeit  des  Rohstoffes  kann  natürlich  nicht  ohne  Einfluß ­
  auf  die  Nachfrage  nach  Goldwaren  sein.  Das  Gold  sinkt  von  der  ersten
Gesellschaftsklasse  in  den  Bereich  der  zweiten  und  dritten  und  würde,  falls
es  sehr  billig  würde,  in  der  breiten  Masse  des  Proletariats  Absah  finden.
Der  Weber  im  Eulengebirge  kaust  einen  goldenen  statt  einen  silbernen  Ehering, ­
  der  Bauer  ersetzt  die  silberne  Uhrkette  durch  eine  goldene  usw.  Wo  schon
Gold  in  Gebrauch  war,  da  wird  Quantität  und  Qualität  erhöht.  Das
18karätige  verdrängt  das  14-  und  8  karätige  Gold,  und  den  von  der  Großmutter ­
  geerbten  dünnen  Armreifen  verdrängt  das  breite  massive  Armband.
Und  auch  sonst  in  der  Industrie  macht  sich  das  Gold  breit.  Was  man  sonst
versilbert,  wird  jetzt  vergoldet,  und  Tafelaufsätze,  Wagcngeschirr,  Kirchengerät, ­
  Heiligenbilder,  Bilderrahmen  usw.  werden  mit  einer  Goldschicht  überzogen,- ­
  in  der  Schweselsäureindustrie  erseht  der  goldene  Kessel  den  schlechteren
aus  Blei  oder  den  teureren  aus  Platin.
Und  all  dieses  Gold  ist  Geldstoff,  war  oder  wäre  Geld:  So  geschieht
es  denn,  daß  so  viel  Noten  die  Emissionsbanken  in  den  Verkehr  bringen,
        <pb n="25" />
        und  der  industriellen  Brauchbarkeit  des  Goldes.

25

so  vielen  Goldmünzen  weisen  sie  damit  den  Weg  kn  den  Schmelztiegel,  und
würden  die  Banken  mit  der  Notenausgabe  fortfahren,  so  würde  auch  mit
der  Zeit  die  letzte  Münze  eingeschmolzen  werden.
Die  Goldmünze  entgeht  ja  nur  deshalb  dem  Schmelztiegel,  man  trägt
sie  nur  deshalb  im  Beutel,  statt  als  Armband,  weil  sic  zu  teuer  ist  und  ihr
preis  die  industrielle  Massenverwendung  ausschließt.  Die  Existenz  der  Münze
verlangt,  daß  ihr  Preis  sie  industriell  unbrauchbar  mache.
Das  alles  wäre  nun  ohne  große  Bedeutung,  wenn  das  Abströmen  des
Goldes  zur  Industrie  immer  sofort  Schlag  auf  Schlag  der  Notenausgabe
folgte,  denn  dann  würde  bald  ein  Mangel  an  Münze  (10-  und  20-Markstücke)
  sich  fühlbar  machen,  der  einerseits  der  Hausse  Nahrung  entziehen
würde,  andererseits  einen  Rückfluß  der  Noten  zur  Bank  (Umtausch  gegen
die  fehlende  Münze)  verursachen,  der  die  Bank  zur  Vorsicht  mahnen  würde.
Aber  zwischen  der  Ausgabe  der  Noten  und  der  Abwanderung  der  Münze
in  die  Industrie  vergeht  Zeit,  und  während  dieser  Zeit  bleibt  die  Bank
wieder  ungewarnt,  sie  diskontiert  sorglos  weiter,  und  wenn  dann  der  unausbleibliche ­
  Rückfluß  der  Banknoten  eintritt,  so  trifft  er  die  Bank  wieder
gerade  dann,  wenn  sie  der  Drittcldeckung  am  nächsten  ist  und  das  Gold  am
schwersten  entbehren  kann.  Je  länger  es  dauert,  ehe  die  Banknote  das  Einschmelzen ­
  der  Münze  zu  einer  Uhrkeite  veranlaßt,  um  so  schlimmer  die
Wirkung.  Und  es  ist  unschwer  anzunehmen,  daß  die  Banknote  zu  dieser
Metamorphose  mehrere  Jahre  gebrauchen  kann.
Wandert  nun  daß  Gold  in  den  Schmelztkegel,  so  fehlt  es  wieder  an
der  richtigen  Stückelung  und  nur  um  das  fehlende  Kleingeld  zu  beschaffen,
nicht  weil  die  Note  überschüssig  wäre,  wird  sie  der  Bank  zur  Einlösung
vorgezeigt.
Welche  Verheerungen  unter  Umständen  der  industrielle  Verbrauch  der
Münzen  anrichten  kann,  läßt  sich  an  folgenden  Annahmen  ermessen:  Einer
Emissionsbank  werde  von  den  afrikanischen  Goldfeldern  1  Milliarde  Mark
zugeführt.  Die  Bank  wird  hierauf  3  Milliarden  in  Noten  ausgeben  können
und  wird  auch  dazu  durch  die  Hausse,  die  bei  solchem  Goldzufluß  sofort  einseht, ­
  getrieben  werden.  Wir  lassen  hier  alle  Hemmungsmomente,  die  durch
die  Stückelung  gegeben  sind,  bei  Seite  und  nehmen  an,  daß  die  3  Milliarden ­
  nach  und  nach  im  Laufe  von  zwei  oder  drei  Jahren  (der  Lebensdauer
der  Hausse)  ausgegeben  wurden.  Während  dieser  Zeit  hat  man  viel,  emsig
gearbeitet  und  der  allgemeine  Wohlstand  ist  mächtig  gefördert  worden.  Die
Sparkassen  strotzen  von  Einlagen,  die  Schuldner  (das  sind  die  produzierenden ­
  breiten  Volksmassen)  sind  außerdem  noch  durch  die  Hausse  entlastet
worden.  2m  ersten  Jahre  der  Hausse,  der  „goot  times“  wie  die  Amerikaner
sagen,  hat  man  das  Haus  neu  angestrichen,  im  zweiten  Jahre  hat  man  das
sehnlichst  gewünschte  piano  angeschafft  und  im  dritten  Jahre  der  Hausse,
nachdem  alles  Unentbehrliche  angeschafft,  denkt  man  an  das  Entbehrliche
und  kaust  eine  goldene  Uhr,  ein  goldenes  Armband,  eine  goldene  Kette.  Den
Stoff  hierzu  entnehmen  die  Juweliere  dem  Umlauf.  Wie  viel  Gold  die  Industrie ­
  nun  brauchen  wird,  in  welchem  Verhältnis  dieser  Verbrauch  zu  den
3  Milliarden  Noten  stehen  mag,  ist  natürlich  nicht  zu  berechnen,  aber  eins
        <pb n="26" />
        Der  Rückfluß  Ser  Banknoten  —  eine  Notwendigkeit  der  Stückelung

26

steht  fest  —  je  mehr  Noten,  je  höher  die  Hausse,  um  so  größer  der  industrielle
Verbrauch  der  Münze.  Stande  nun  dieser  Verbrauch  im  Verhältnis  zur
Hausse  (wie  es  sowohl  die  reine  Goldwährungstheorie  wie  auch  die  Quantitätstheorie ­
  behauptet),  so  würden  3  Milliarden  Noten  3  Milliarden  Münzen
in  den  Schmelztiegel  werfen,  und  dieser  Ausfall  von  3  Milliarden  an
Münzen  würde  3  Milliarden  an  Noten  der  Emissionsbank  zuführen  und
zwar  gerade  gegen  Ende  der  Hausse,  km  Moment,  wo  die  Dritteldeckung
erreicht  und  wo  die  Bank  darum  für  jede  Mark,  die  ihr  kn  Gold  entzogen
wird,  3  Mark  in  Noten  einziehen  muß.  Die  3  Milliarden  in  Gold,  die  man
der  Bank  entzieht,  würden  also  die  Bank  zwingen,  durch  Verkäufe  aus
dem  Wcchselbestand  bis  zu  6  Milliarden  (6  Milliarden,  wenn  die  Bank
für  ihre  Wechsel  nur  Noten,  kein  Gold  erhält,-  3X3  Milliarden  weniger  3
zur  Einlösung  vorgezeigter  Milliarden  —  6  Milliarden)  in  Noten  dem  Verkehr ­
  zu  entziehen.  Die  industrielle  Verwendbarkeit  des  Geldstoffes  km  Verein
mit  der  Banknotenpolktik  könnte  also  dahin  führen,  daß  eine  Zufuhr  an
Geldstoff  von  1  Milliarde  in  Gold  dem  Verkehr  schließlich  bis  zu  6  Milliarden ­
  Umlaufsmittel  kosten  könnte.
Daß  es  nicht  so  weit  kommen  wird,  ist  ja  klar,  da  in  diesem  Zyklus
viele  Hemmungen  auftreten.  Es  soll  ja  hier  auch  nur  die  Richtung  gezeigt
werden,  in  der  die  Banknotenpolitik  sich  bewegt.  Für  das,  was  wir  beweisen
wollen,  genügt  es,  daß  von  den  ausgegebenen  Noten  ein  Teil  mit  Notwendigkeit ­
  gerade  dann  zurückkehrt,  wenn  die  Bank  der  Dritteldeckung  am
nächsten  ist.
2n  Ländern,  wo  die  Stücklung  der  Banknoten  bis  herab  auf  einen  Dollar,  Rubel  uswgestattet
  ist,  würde  die  Abwanderung  der  Münze  zur  Industrie  überhaupt  als  Verkehrshindernis
nicht  beobachtet  werden,  da  die  kleinen  Noten  ja  die  Münze  für  Handelszwecke  vollkommen  er»
sehen.  Auch  würde,  während  sich  das  Einschmelzen  der  Münzen  vollzieht,  kein  Geldmangel  sich
fühlbar  machen  müssen,  da  ja  die  während  der  Hausse  sich  regemäßig  vermehrenden  Wechsel,
Schecks  und  die  vergrößerte  Umlaufsgeschwindigkeit  die  Lücken  ausfüllen  können,  die  das  Einschmelzen ­
  der  Münzen  in  das  Geldangebot  reißen  mag.  Braucht  aber  dann  die  Notenbank  Gold
für  die  Aufbesserung  ihrer  Reserven  und  verkauft  sie  zu  dem  Zwecke  Wechsel  aus  ihrem  Bestände,
so  bringt  dieser  Verkauf  nur  Noten,  kein  Gold  ein,  weil  ja  der  Verkehr  von  der  Goldindustrie
draintert  worden  ist.  Sie  muß  sich  dann  an  das  Ausland  wenden  (Amerika).
Aber  noch  aus  einem  andern,  viel  peinlicheren  Grunde  kann  die  Notenbank ­
  an  die  Inschrist  ihrer  Noten  erinnert  werden  und  zwar:
3-  weil  in  Zeiten  allgemeinen  Mißtrauens  (welches  ja  schon  die  Annäherung ­
  an  die  Mindestdeckung  erwecken  muß)  das  Geld  dem  Verkehr  entzogen ­
  wird,  um  vergraben  zu  werden  (they  are  hoarding  the  money,  wie
Roosefeld  sagt)  und  weil  man  für  solche  Zwecke  lieber  Gold  als  Banknoten
verwendet.
Wenn  während  der  Hausse  die  in  Sparbüchsen,  Strümpfen,  Matratzen,
Geldschränken  aufbewahrten  Geldmassen  zum  großen  Teil  in  den  Verkehr
gelockt  werden,  so  kehren  diese  Massen  bei  Erreichung  der  Dritteldeckung
(das  Signal  des  kommenden  Konjunkturumschwunges)  in  ihre  Schlupfwinkel
zurück,  ttnd  trifft  es  sich,  daß  sich  dieser  Umschwung  mit  einer  Panik  ankündigt, ­
  so  kann  man  annehmen,  daß  viele  solcher  Schatzbildner  auch  die
Banknote  mißtrauisch  betrachten  und  sie  für  alle  Fälle  gegen  Gold  umtauschen.
        <pb n="27" />
        und  der  industriellen  Brauchbarkeit  des  Goldes.

27

Wir  brauchen  hier  nicht  weiter  auf  diesen  Mißbrauch  des  Tauschmittels
einzugehen,  die  letzten  Ereignisse  in  Nordamerika  haben  es  ja  aller  Welt
gezeigt,  wie  die  Panik  wirkt.  (Es  ist  hier  von  der  1907  in  New-Aork
ausgebrochenen  Panik  die  Rede.)
Die  Banknote  treibt  also  die  Preise  hoch,  kann  sie  aber  nicht  auf
der  erreichten  Höhe  halten,  weil  mit  der  Hausse  das  Gold  absolut
und  relativ  zusammenschmilzt,  das  Fundament  der  Banknote  (nicht  des
Papiergeldes)  also  untergraben  wird.  Die  Banknote,  so  wie  sie  heute
verwendet  wird,  erzeugt  also  nur  Differenzen,  während  ihr  eigentlicher ­
  Zweck  doch  die  Glättung  der  Differenzen  sein  soll.
Die  Erhebung  des  Zinsfußes  zum  Maßstab  des  Geldbedarfes  führt
also  nicht  nur  mit  Notwendigkeit  zu  einer  fortschreitenden  Erhöhung  des
Zinsfußes,  sondern  treibt  auch  mit  gleicher  Notwendigkeit  die  Emissionsbanken ­
  zur  Erschöpfung  ihrer  Mittel.  (Drktteldeckung.)  Und  diese  Erschöpfung
ist  dann  für  den  Markt  der  Schreckschuß,  das  Zeichen  der  Debacle,  der
Krach,  der  die  Baisseperiode  einleitet.
Wie  der  Alchimist  dasselbe  Experiment  tausend  und  abermal  wiederholt,
immer  in  der  heimlichen  Hoffnung,  daß  durch  eine  glückliche  Konstellation
es  doch  einmal  gelingen  möge,  so  suchen  nun  schon  seit  ihrem  Bestehen  die
Emissionsbanken  den  Zinsfuß  mit  vermehrten  Geldmassen  zu  drücken.  Sie
haben  immer  nur  das  Gegenteil  eines  Erfolges  wahrgenommen,  aber  das
wird  sie  nicht  hindern,  morgen  dasselbe  unsinnige  Experiment  noch  einmal
zu  versuchen.  Und  sie  versuchen  das  gerne,  denn  die  technischen  Mißerfolge
und  die  theoretische  Blamage  bringen  ihnen  Profite  ein,  die  um  so  größer
sind,  je  vollkommener  der  Unsinn  zu  Tage  tritt,  je  höher  der  Zins  unter
dem  Drucke  der  Banknote  in  die  Höhe  schnellt.  Wän  ech  nömme  de  Dubelen
  (doblones  =  Geld)  han;  an  hot  (der  Theorie)  os  mirr  nüst  geläge.
Es  ist  natürlich  gar  nicht  nötig,  daß  die  Notenbank  die  gesetzliche  Mindestdeckung ­
  der  Noten  erreicht,  um  die  Baisse  einzuleiten.  Abgesehen  davon,  daß
irgend  ein  Weltereignis,  etwa  ein  Kriegsgerücht,  mit  einem  Ruck  den  Glauben
an  die  Hausse  in  einen  Glauben  an  die  Baisse  verwandeln  kann,  ist  auch  die
Tatsache,  daß  die  Bank  sich  der  Dritteldcckung  nähert,  ein  genügender
Anlaß,  um  vorsichtige  Leute  zur  Zurückhaltung  zu  veranlassen.  So  lange
das  Erreichen  der  Dritteldeckung  noch  im  weilen  Felde  liegt,  treibt  alles
nach  oben.  Zeder  kaust,  der  hohe  Zinsfuß  für  das  Leihgeld  ist  für  die  meisten
Geschäfte  bei  einer  ordentlichen  Hausse  ein  geringes  Hindernis  —  denn  6°/ 0
machen  nur  V 2  %  im  Monat  aus.
Ist  man  aber  dicht  bei  der  Dritteldeckung  oder  wird  nur  allgemein  geglaubt, ­
  daß  man  bald  diese  Grenze  erreichen  wird,  dann  zieht  sich  jeder
Vorsichtige  zurück,  und  dieses  Zurückziehen  heißt  nichts  anderes,  als  die
während  der  Hausse  gesuchten  und  gekauften  Waren  abzustoßen,  d.  h.  in  Geld
oder  Geldforderungen  zu  verwandeln.  Und  davon  wird  ihn  auch  der  jetzt
zurückgehende  Zinsfuß  nicht  abhalten,  denn  bei  einer  Baisse  spielt  der  fallende
Zinsfuß  wieder  nur  eine  geringe  Rolle.  —  Was  man  am  Zinsfuß  etwa
spart,  verliert  man  ja  doppelt  und  zehnfach  am  Rückgang  der  Warenpreise.
        <pb n="28" />
        Der  Rückfluß  der  Banknoten  —  eine  Notwendigkeit  der  Stückelung.

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Diejenigen,  die  dem  Gebaren  der  Notenbanken  nur  wenig  Aufmerksamkeit
schenken,  und  das  sind  in  der  Regel  alle,  die  weiter  ab  von  der  Börse  und
tiefer  in  der  Industrie  stecken,  kommen  gewöhnlich  etwas  später  zum  Glauben
an  den  Umschwung.  2n  der  Fabrik  arbeitet  noch  alles  mit  Hochdruck  an  der
Erfüllung  der  Lieferungskontrakte.  Das  sieht  nicht  nach  Krise  aus.  Aber  an
der  Börse  sucht  man  alles  in  Geld  oder  Geldforderungen  zu  verwandeln.
Wer  Geld  oder  erstklassige  Wechsel  besitzt,  kann  getrost  und  mit  Vergnügen
der  Baisse  entgegensehen.  Vor  dem  Rückgang  der  preise  und  Kurse  ist  er
geschützt,-  seine  Forderungen  lauten  auf  Geld  und  für  dieses  Geld  erhält  er
morgen  mehr  als  heute  und  übermorgen  noch  mehr.  Aber  die  Forderung
muß  sicher  sein,  und  kann  die  Baisse  nicht  viele  Schuldner  unsicher  machen?
Muß  sie  es  nicht  mit  Notwendigkeit?  Da  erscheint  Vielen  bares  Geld  ohne
Zins  besser,  als  mancher  Wechsel,  den  man  noch  gestern  unbedenklich  diskontierte.
  So  wird  die  Baisse  regelmäßig  von  einer  Krediteinschränkung  begleitet. ­
  Das  Akzept  wird  abgelehnt,  die  Prolongation  verweigert,-  Geld,  bares
Geld  will  die  Bank  sehen.
Nun  wird  der  Produzent,  der  gestern  noch  nicht  an  einen  Umschwung
glauben  wollte,  stutzig,  aber  sollte  er  nicht  wenigstens  noch  Zeit  haben,  langsam ­
  zu  liquidieren?  Er  bezahlt  darum  den  bei  Ausbruch  der  Krise  von  der
Emissionsbank  noch  weiter  erhöhten  Zins  (Abwehrzins),  um  nur  nicht  seine  Waren
verschleudern  zu  müssen.  Es  handelt  sich  vielleicht  nur  um  eine  vorübergehende,
kurze  Erscheinung?  So  hält  der  hohe  Zinsfuß  der  Hausseperkode  noch  über
den  Beginn  der  Baisse  an,  aber  wenn  ihn  vorher  der  Schuldner  mit  Leichtigkeit
aus  den  Überschüssen,  die  die  Haussedifferenzen  lieferten,  aufbrachte,  wird  er
jetzt  von  dem  nach  Luft  schnappenden  Unternehmer,  aus  seinem  Kapital,  von
seinem  Herzblut  gezahlt.  Bei  der  Hausse  waren  es  freiwillig  unternommene,
neue  Unternehmungen,  für  die  er  Zins  zahlte,-  er  bezahlte  also  den  Zins
auch  freiwillig,  aber  die  Liquidation  oder  Wetterführung  des  neuen  Unternehmens ­
  ist  keine  freiwillige  Handlung  mehr.  Der  Unternehmer  steckt  jetzt
in  einer  Zwangslage  —  er  muß  den  verlangten  Zins  zahlen.  Und  je  länger
er  für  den  Verkauf  seiner  Waren  Zeit  zu  gewinnen  sucht  und  den  Wucherzins ­
  zahlt  —  um  so  schlimmer  für  ihn.  Den  Letzten  beißen  die  Hunde  —
die  Letzten,  die  vielen  Letzten.
2m  Sommer  190?  bot  die  Lage  der  Reichsbank  keinen  Anlaß  mehr
zu  rasender  Haussefreude,-  es  war  nicht  mehr  viel  Haussefutter  aus  ihr  herauszuholen. ­
  Und  in  den  anderen  Goldwährungsländern  waren  die  2nflatkonen
auch  nicht  mehr  weit  von  ihrem  währungstechnischen  Maximum,  aber  mancher
der  ä  la  Hausse  lag,  glaubte  doch  noch  Zeit  zu  haben,  und  mancher  hielt  es
sogar  noch  für  nützlich,  sich  auf  Vorrat  mit  Waren  zu  versehen.  Da  kamen
die  interessanten  Geldmanipulationnn  der  Könige  von  und  in  Amerika,  und
die  Goldcntnahmen  aus  der  Deutschen  Reichsbank  für  Amerika  brachten  das
deutsche  2nstitut  gleich  einen  ordentlichen  Ruck  näher  an  die  Minimaldcckung,-so
  traten  auch  die  Erscheinungen,  die  den  Übergang  von  Hausse  zu  Baisse
begleiten,  mit  einem  Ruck  und  in  besonderer  Deutlichkeit  auf,  so  daß  der
Zinsfuß  den  Reichsbankdiskont  einen  Rekord  erleben  lassen  konnte.  Um  so
schneller  haben  sich  auch  die  Erscheinungen  der  vollendeten  Baisse  eingestellt,
        <pb n="29" />
        und  der  industriellen  Brauchbarkeit  des  Goldes.

29

deren  charakteristischste,  die  Apathie  des  Geldes,  der  sinkende  Zinsfuß  ist.
Ein  großer  Teil  der  Geldsurrogate  ist  verschwunden  (Wechsel),  die  Banknotenmenge ­
  ist  erheblich  eingeschränkt,  und  trotzdem  haust  sich  das  Bargeld
in  den  Banken.  Niemand  kann  etwas  damit  anfangen,-  selbst  zinsfrei  kann,
solange  die  Baisse  andauert,  niemand  das  Geld  zu  neuen  Unternehmungen
verwenden.
Doch  die  Rekchsbank  ist  stolz  daraus,  daß  es  ihr  mit  dem  hohen  Diskont ­
  gelungen  ist,  die  Goldwährung  verteidigt  zu  haben.  Ein  eitler  Stolz,
wie  das  folgende  Kapitel  zeigen  wird.

Der  Golöbestanö  öer  Emissionsbanken  kein  Maß  öer  Notenausgabe.
Für  die  Betrachtung  der  Währungserscheinungen  ist  es  nötig,  zu  unterscheiden ­
  zwischen  den  Notenemissionen,  die  gleichzeitig  in  allen  Goldwährungsländern ­
  und  solchen,  die  nur  in  einzelnen  von  diesen  Ländern  betrieben  werden.
Erstere  sind  eine  stetige  Begleiterscheinung  jeder  allgemeinen  internationalen ­
  Vermehrung  der  Gold-  und  Geldproduktion,  da  ja  wie  wir  gesehen ­
  haben,  der  Geldhunger  mit  der  Geldvermehrung  zusammen  wachsen
muß  und  die  Notenbanken  es  bisher  als  ihre  Aufgabe  betrachtet  zu  haben
scheinen,  diesen  Geldhunger  durch  Vermehrung  der  Emissionen  zu  stillen.
Solche  Notenemissionen  haben  aus  die  Zahlungsbilanz  der  einzelnen
Länder  keinen  unmittelbaren  Einfluß,  denn  da  die  der  Goldvermehrung  entsprechende ­
  Preissteigerung  international  ist,  so  bleibt  das  Verhältnis  der
Einfuhr  zur  Ausfuhr  jedes  einzelnen  Landes  unverändert.  Nur  bei  den  stark
im  Auslande  verschuldeten  Staaten  ändert  sich  dieses  Verhältnis  insofern,
als  sie  bei  erhöhten  Preisen  weniger  Ware  für  den  Schuldenzins  an  das
Ausland  abzuliefern  haben  und  den  Uberschuß  dann  für  vergrößerte  Importe ­
  oder  auch  wohl  in  Bar  für  währungstechnische  Zwecke  verwenden.
(Argentinien  z.  B.)
Jede  örtliche,  d.  h.  einseitig  nationale  Notenvermehrung  führt  dagegen
zu  einseitig  national  erhöhten  preisen,-  daher  zu  erleichtertem  Import  und
erschwertem  Export  von  Waren  und  schließlich  zu  einer  Verschiebung  in  der
Zahlungsbilanz  zugunsten  eines  Exportes  von  Gold.  Das  Material  für
diesen  Export  holt  man  sich  mit  den  Banknoten  von  den  Emissionsbanken.
2m  Sinne  der  Goldwährung  bedeutet  hier  Nation  das  Gebiet  der  Banknote.  Nicht
immer  decken  sich  die  Grenzen  dieses  Gebietes  mit  den  politischen  Grenzen  des  Landes.
So  strömen  dann  die  Banknoten  zur  Quelle  zurück,  und  die  Emissionsbank ­
  sieht  nun  ihren  Goldschatz  mit  Sorgen  zusammenschrumpfen.  Diesen
Goldschatz  sucht  sie  zu  verteidigen.
Nun  gibt  die  Emissionsbank  die  noch  gestern  verteidigte  Ansicht  auf,
daß  sie  km  Sinne  der  einer  Emissionsbank  gestellten  Hauptaufgabe  wirke,
wenn  sie  all  denen,  die  Zins  und  Sicherheit  bieten,  Geld  nach  Bedarf  gibt.
Den  Geldhunger  der  Kaufleute  als  Maß  für  die  Notenausgabe  erachtet  sie
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        Der  Golvbestand  der  Emissionsbanken  kein  Maß  der  Notenausgabe.

setzt  für  gefährlich  und  ohne  Rücksicht  darauf,  daß  ihre  Kundschaft  auf  den
Bankkredit  rechnete,  um  auf  alle  Fälle  die  einmal  mit  dem  Bankkredit  in
Angriff  genommenen  Geschäfte  wenigstens  mit  demselben  Kredit  liquidieren
zu  können,  stellt  die  Emissionsbank  den  Diskont  aus  eine  Höhe,  die  bei  der
Baisse  weder  dem  Gewinn  aus  Differenzgeschäften,  noch  dem  Realkapitalzins
  entspricht.  Und  andere  Quellen  gibt  es  doch  nicht.  Nur  Leute,  die  sich
in  Not  befinden,  bezahlen  z.  B.  den  bei  dem  Ausbruch  der  amerikanischen
Krise  von  der  Reichsbank  auf  l x \ 2  und  8V2  Prozent  erhöhten  Zins.  Nach
dem  Ausbruch  jeder  Krise  handelt  es  sich  ja  nur  mehr  um  Liquidation
eingegangener  Verpflichtungen,  nicht  um  neue  Geschäfte.  Diese  Liquidation
erschwert  die  Notenbank  im  vermeintlichen  Interesse  ihres  Barschatzes  durch
den  Abwehrzins  von  7  ’/ 2  Prozent,  der  aber,  wenn  ihn  jemand  bezahlt,  nur
ein  Notstandszkns,  also  eigentlich  Wucherzins  sein  kann.
Der  Zinsfuß  von  7  Va  kann  bei  einer  Hausse  in  der  Regel  leicht  aufgebracht  werden,  da
die  Differenzen  reichlich  Deckung  schaffen.  Bei  Liquidationen  (Baisse)  ist  solcher  Zins  sicher
Wucherztns,  denn  Liquidationen  bringen  Verluste,  keinen  Zins  ein.
Wucherer  ist  nicht  der  Mann,  der  soviel  nimmt  wie  er  kann,  sondern  jener,  der  andere  durch
Darlehen  zu  Geschäften  animiert,  mit  dem  Hintergedanken,  später  den  für  die  Fortführung  der
Geschäfte  nötigen  Kredit  zu  entziehen  um  die  Verlegenheiten  dann  auszubeuten.
Just  diese  Rolle,  wenn  auch  unbewußt,  haben  bisher  die  Emissionsbanken  gespielt.  Sie
haben  mit  ihren  Emissionen  animiert,  dann  haben  sie  gebremst  und  denen,  die  kn  Verlegenheit ­
  gerieten,  den  Zinsfuß  erhöht^).
Dabei  liegen  gewichtige  Gründe  vor  für  die  Annahme,  daß  die  zum
Schutze  des  Goldschatzes  eingeführte  gewalttätige  Erhöhung  des  Zinsfußes
(7V2  "nd  8V2  Prozent)  unnötig  ist,  daß  auch  unter  Beibehaltung,  ja  sogar
unter  Herabsetzung  des  Zinsfußes,  die  Gesuche  um  Wechseldiskont  bald  nach
Eintritt  der  Goldausfuhr  und  noch  bevor  der  Schatz  der  Emissionsbank  erschöpft ­
  worden,  zusammenschmelzen  würden,  weil  eben  mit  der  Goldausfuhrerscheknung
  die  Unmöglichkeit  einer  weiteren  Hausse  der  gesamten  Geschäftswelt ­
  offenbar  wird,  was  ja  an  sich  mehr  als  ausreicht,  um  die  Kauflust  zu
dämpfen,  den  Geldhringer  zu  stillen,  und  kn  das  Gegenteil  umschlagen
zu  lassen.
Die  Zinshöhe  und  -erhöhung  selber  ist  es  gewöhnlich  gar  nicht,  die  Eindruck  auf  die  Geschäftswelt ­
  macht,  sondern  vielmehr  der  dazugegebene  Kommentar.  Wenn  die  Bank  von  England,
die  Deutsche  Reichsbank,  die  den  Zinsfuß  oft  wechseln,  den  Diskont  von  5  auf  6  erhöhen,  so
kann  das  ekndruckslos  bleiben,  erhöht  dagegen  die  Bank  von  Frankreich,  die  nur  sehr  selten  den
Diskontosatz  ändert,  den  Zinsfuß  von  3  auf  3Va,  so  kann  das  als  ein  gewichtiges  Symptom
dafür  angesehen  werden,  daß  die  Bank  ihren  Goldbestand  für  bedroht  hält  und  das  macht  dann
Eindruck,  nicht  das  halbe  prozentchen.
Es  braucht  auch  gar  iricht  zur  Goldausfuhr  zu  kommen,  die  Erreichung
der  Dritteldeckung  hat  genau  dieselbe  Wirkung.  Weiß  die  Geschäftswelt,  daß
die  Emissionsbank  die  Dritteldeckung  erreicht  hat,  so  weiß  sie  auch,  daß  die
Hochkonjunktur  ein  Ende  nimmt.  Denn  das  Ende  der  Hochkonjunktur  ist

*)  Angeblich  handelten  sie  im  öffentlichen  Interesse.  Und  die  verantwortlichen  Personen
mögen  auch  ehrlich  diese  Meinung  haben.  Mir  (S.  G.  1921)  aber  wird  es  täglich  klarer,  daß
diese  verantwortlichen  Personen,  wie  die  Sitzredakteure  mancher  Zeitungen  nur  Puppen  sind,
die  die  Befehle  der  Hochfinanz  ausführen,  derem  Einfluß  sie  ihre  Stellung  verdanken.  Bei  dem
Krach  von  190?  in  New-Pork  ist  die  Mitwirkung  der  Notenbank  völlig  erwiesen.

30
        <pb n="31" />
        Der  Goldbestand  der  Emissionsbanken  kein  Maß  der  Notenausgabe.

31

zugleich  der  Anfang  der  Baisse  und  bedeutet  für  den  gesamten  Handel  einfach ­
  Stillstand.  Welcher  Händler  wird  kaufmännisch  Teer,  Kalk,  Petroleum
usw.  erwerben,  wenn  die  erwartete  Baisse  den  Verkaufspreis  unter  den  Einstand ­
  zu  drücken  droht,-  welcher  Unternehmer  wird  heute  Eisen,  Holz,  Maschinen ­
  kaufen,  wenn  er  hofft,  daß  er  diese  Dinge  morgen  billiger  als  heute,
übermorgen  aber  noch  billiger  erhält,  wenn  er  fürchten  muß,  daß  die  Konkurrenten, ­
  die  morgen  kaissen,  einen  Vorsprung  haben  werden  gegenüber
ihm,  der  heute  kauft?  Eine  Sache  kaufmännisch  erwerben  mit  der  Aussicht, ­
  sie  ohne  Gewinn,  wahrscheinlich  mit  Verlust  veräußern  zu  müssen  (und
das  ist  der  Sinn  der  Baisse),  das  tut  doch  niemand,-  für  solche  Geschäfte
gibt  man  kein  Geld  her  und  noch  weniger  borgt  man  sich  welches.  2n  solchen
Zeiten  läßt  der  Kaufmann  das  Geld  unberührt,  auch  das  der  Emissionsbank.
Und  tatsächlich  sieht  dann  auch  die  Emissionsbank,  bald  nachdem  die
Goldausfuhr  eingesetzt  hat  oder  der  Schah  auf  die  Dritteldeckung  gefallen  ist,
daß  das  Geld  vom  Markte  zur  Bank  zurückströmt,  als  Depotgelder,  als
Gelder,  die  der  Kaufmann,  der  Unternehmer  nicht  verwenden  kann.
Natürlich  bringt  die  Emissionsbank  die  Erscheinung  in  Beziehung ­
  zu  ihrem  hohen  Diskontosatz,  was  ihren  Glauben  an
die  Zweckmäßigkeit  und  Notwendigkeit  ihrer  Diskontopolitkk
mächtig  stärkt!!
Es  wäre  aber  auch  ohne  die  Diskontoerhöhung  so  gekommen,  und  dabei
hätte  die  Bank  dem  Handel  einen  besseren  Dienst  erwiesen.  Nach  Eintritt  der
Goldausfuhr  oder  nach  Erreichung  der  Dritteldeckung  und  der  damit  einsehenden ­
  Baisse  handelt  es  sich  bei  den  Gesuchen  um  Wechseldiskont  gewiß
nicht  mehr  um  neue  Geschäfte,  sondern  nur  um  die  Mittel  zur  Abwicklung
noch  nicht  zu  Ende  geführter  Geschäfte,  um  notleidende  Geschäfte.  Und  diese
Abwicklung  dürste  die  Emissionsbank  nicht  durch  Erhöhung  des  Zinsfußes
erschweren,  sondern  im  Gegenteil  durch  mäßigen  Zins  erleichtern.  Sie,  die
Emissionsbank,  hat  mit  ihren  Noten  die  Hausse  ermöglicht,  sie  hat  den
Kaufmann  zu  neuen  Unternehmen  animiert,  sie,  die  Emissionsbank  hätte
darum  auch  für  eine  möglichst  verluftfreie  Abwicklungsmöglichkeit  dieser
Geschäfte  zu  sorgen.  Die  Emissionsbank  weiß  auch,  daß  bei  jeder  Alarmierung
des  Handels,  wie  es  jedesmal  der  Fall  ist,  wenn  die  Hochkonjunktur  umschlägt, ­
  der  Kredit  eingeschränkt  wird,  und  daß  das  Bargeld  an  die  Stelle
der  Wechsel,  der  Stundung  tritt,  und  daß  infolgedessen  größere  Bargeldmassen
nötig  werden.  Und  es  wäre  doch  eine  schöne  Ausgabe  der  Emissionsbank,
durch  Banknoten  die  Geldsurrogate  (Wechsel,  Scheck,  Stundung  usw.)  zu
ersetzen,  denen  der  Alarm  die  Kurssähigkeit  genommen.
Entschuldigt  werden  die  Emissionsbanken  für  ihre  brutale  Zinserhöhung
im  Moment  der  Krise  durch  den  Umstand,  daß  sie  als  ihre  erste  und
wichtigste  Pflicht  die  Aufrechterhaltung  der  Goldwährung,  d.  h.  des  Pariumlaufes ­
  von  Kupfer,  Nickel,  Silber,  Papier  und  Gold  betrachten,  und  daß
sic  für  die  Zwecke  der  Aulandszahlungsbilanz  in  den  umlaufenden  Metallgeldmassen ­
  so  gut  wie  keine  Unterstützung  finden.  Das  gesamte  für  den
Export  nötige  Gold  wird  regelmäßig  von  den  prkvatbankiers  nicht  dem
Umlauf,  sondern  dem  Goldschatz  der  Emissionsbanken  entnommen.
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        Der  Goldbestand  der  Emissionsbanken  kein  Maß  der  Notenausgabe.

32

Und  dieser  Goldschatz,  so  groß  er  auch  sein  mag,  wird  für  das  Verantwortlichkeitsgefühl ­
  derEmissionsbankdkrektoren  immerwinzig  klein  erscheinen?)
Ist  es  doch  immer  nur  das  unbedingte  Vertrauen  in  die  Eknlösbarkeit  der
Banknote,  das  ihre  Inhaber  davon  abhält,  die  Noten  zur  Einlösung  vorzuzeigen. ­
  An  dem  Tage,  wo  die  Einlösbarkeit  zweifelhaft  erscheint,  werden
sämtliche  Noten  der  Emissionsbank  zur  Einlösung  vorgezeigt.  Und  das  wäre
der  Bankerott  der  Notenbank  und  zugleich  auch  die  Unterbrechung  aller
Geschäfte,  die  bis  dahin  von  den  Banknoten  vermittelt  wurden.
Das  Vorgehen  der  Notenbanken  ist  also  verständlich.  Aber  was  hat
das  alles,  was  hat  der  Goldschatz,  die  Eiitlösbarkeit,  der  Diskontosatz  eigentlich
mit  dem  Zwecke  des  Geldes,  dem  Warenaustausch  zu  tun?
Die  Schwierigkeiten,  aus  die  die  Emissionsbanken  stoßen,  rühren  daher,
daß  sie  den  Charakter  des  Geldes  als  Tauschmittel  der  Waren  verkennen,
daß  sie  sich  nicht  uin  die  Warenpreise  kümmern,  daß  es  ihnen  einerlei  ist,
ob  die  Preise  steigen  oder  fallen.  Würden  sie  bei  den  Emissionen  sich  nach
den  Warenpreisen  statt  nach  dem  privatwirtschaftlichen  Geldhunger  und  ihrem
Goldschatz  richten,  würden  sie  bei  steigenden  preisen  (Hochkonjunktur)  den
Diskont  glatt  verweigern,  so  würden  auch  keine  Verschiebungen  in  dem  bestehenden ­
  Verhältnis  zum  Warenimport  vorkommen  und  die  Schwankungen
in  der  Zahlungsbilanz  würden  vermieden  werden.
Die  Warenpreise,  nicht  der  Goldschatz  sollen  das  Maß  des  Geldbedarfes
sein.  Es  genügt,  daß  dieser  Grundsatz  in  allen  Ländern  anerkannt  wird,  um
die  Schwankungen  km  Goldbestand  der  Emissionsbanken  auf  ein  Minimum
zu  beschränken.
Das  Geld  ist  Tauschmittel  der  Waren,  und  wo  in  der  Verwaltung  des
Geldes  die  Richtlinien  anderswo  als  bei  den  Waren  gesucht  werden,  da
kann  man  auch  sicher  sein,  daß  irgend  etwas  in  Unordnung  geraten  wird.
Der  Goldschatz  ist  im  System  der  Goldwährung  ein  Mittel  zur  Regulierung
der  Emissionen,  aber  als  Maß  des  Geldbedarfes  kann  er  niemals  gelten.
Wenn  der  Goldexport  (resp.  Import)  jeder  nationalen  Vermehrung  oder
Verminderung  der  Noteneinession  sofort  auf  dem  Fuße  folgte,  so  könnte
der  Goldschatz  wenigstens  als  Maß  des  internationalen  Geldbedarfes  km
System  der  Goldwährung  gelten.  Aber  das  ist  nicht  der  Fall.  Genau  wie
die  durch  die  Banknote  erzeugte  Hausse  Zeit  braucht,  um  das  Gold  der
Industrie  zuzuführen,  so  braucht  auch  bei  einer  einseitig  nationalen  Hausse
die  Banknote  Zeit,  um  die  Zahlungsbilanz  zu  beeinflussen  und  uin  das  Gold
über  die  Grenze  zu  werfen.  Während  dieser  Zeit  richtet  sich  die  Volkswirtschaft ­
  auf  die  erhöhten  Preise  ein,  und  wenn  dann  in  der  Notenbank  die
Gefahr  erkannt  wird,  so  kann  sie  nicht  bremsen,  ohne  eine  Krise  auszulösen.
Denn  Bremsen  heißt  in  diesem  Falle  auf  die  Baisse  hinarbeiten  und  Baisse
heißt  Krise.  Und  ist  die  Krise  nicht  der  Beweis  des  Bankerottes  der
Währung?  Was  könnte  durch  den  Bankerott  der  Währung  (einerlei  wie
man  sich  diesen  denkt)  der  Volkswirtschaft  denn  noch  Schlimmeres  erwachsen
*)  Welchen  persönlichen  Gewinn  könnte  anch  einem  Staatsbeamten  die  lübernahme  einer
Verantwortung  bringen?  Der  Bürokrat  läßt  lieber  ein  Reich  zugrundegehen,  ehe  er  sich  mit  einer
Verantwortung  belastet.
        <pb n="33" />
        Der  Goldbestand  der  Emissionsbanken  kein  Maß  der  Notenausgabe.

3  Gesell-Frankfurth

33

als  Krise  mit  ihrem  Gefolge,  der  Arbeitslosigkeit,  dem  Hunger,  der  Revolte.
Die  Notenbank  schützt  den  Goldbestand,  sie  sichert  die  Einlösbarkeit  der  Noten,-aber
  mit  welchen  Opfern  muß  die  Volkswirtschaft  diese  Leistung  bezahlen?
Wie  viele  Milliarden  gehen  dem  Volke  durch  die  Geschäftsstockung  verloren,
wie  viele  Kaufleute  werden  entehrt,  wie  viele  Arbeiter  werden  zu  Bettlern,
wie  viele  Millionen  Ausfälle  erleiden  die  Staatseinnahinen  durch  die  Baisse,
die  die  Notenbank  erzwingen  muß  —um  ihren  Goldschatz  zu  schützen?  Diesen
winzigen,  elenden  Goldschatz!  Allein  die  Börsenvcrlustc,  die  die  Baisse  erzeugt, ­
  betragen  ein  hundertfaches  des  Goldschatzes  der  Notenbank.
Die  Krise,  die  die  Arbeitsteilung  tötet,  ist  überhaupt  das  Schlimmste,
was  der  Volkswirtschaft  geschehen  kann,  und  welche  Folgen  auch  der  Bankerott
der  Notenbank  nach  sich  ziehen  mag  —  schlimmer  als  der  Bankerott
der  Arbeitsteilung  können  sie  nicht  sein  —da  ja  die  Notenbank
nur  der  Arbeitsteilung  dienen  soll.'
Der  Bankerott  der  Notenbank,  die  Uneinlösbarkeitserklärung,  hat  als
Folge  die  Einführung  eines  Goldagios.  Dieses  Agio  wirkt  hemmend  auf
die  Wareneknfuhr  und  fördernd  auf  die  Warenausfuhr  (man  denke  an  die
Konkurrenz  des  indischen  Weizens,  als  das  Gold  und  Silber  auseinandcrgerissen
  wurden)  —  beides  Dinge,  die  km  allgemeinen  in  Deutschland  nicht  ungern
gesehen  werden,-  hat  man  doch  die  Zölle  eingeführt,  um  dasselbeZicl  zu  erreichen.
Ein  Agio  hätte  z.  B.  die  Agrarier  wirksamer  geschützt  als  die  aufreizenden  Kornzölle. ­
  Die  Einführung  eines  Agios  hätte  die  Krise  unnötig  gemacht,  man  hätte
unentwegt  weiter  gearbeitet,  und  wo  man  arbeitet,  entwickelt  sich  Wohlstand.
Die  Volkswirtschaft  würde  mit  dem  Agio  nicht  zu  leiden  brauchen,
besonders  wenn  die  Notenbank  es  versteht,  die  Agiotage  durch  zielbewußte
Maßnahmen  zu  verhindern.  Denn  es  ist  erwiesen,  daß  Agio  und  Agiotage
nicht  notwendigerweise  verbunden  zu  sein  brauchen  (s.  Argentinien).
Aber  wenn  auch  die  Volkswirtschaft  das  Agio  nicht  zu  fürchten  braucht,
Ja  sogar  Vorteile  daraus  ziehen  kann,  so  ist  Agio  prkvatwirtschastlich  doch
von  schweren  Folgen  begleitet,-  denn  alle,  die  beim  Aufkommen  des  Agio
Verpflichtungen  in  Geld  haben  (Einfuhrhändler)  und  nur  Forderungen  in
dem  dem  Agio  unterworfenen  Geld  haben,  müssen  den  Unterschied  aus  ihrer
Tasche  bezahlen,  und  mancher  mag  dabei  ins  Gras  beißen.  Immerhin  aber
sind  diese  einmaligen,  privatwirtschastlichen  Verluste  nicht  zu  vergleichen  mit
denen,  die  die  Baisse  der  Volkswirtschaft  und  der  Privatwirtschaft,  dem  Staate
und  den  Bürgern  bereitet.  Ist  das  Agio  eine  Krankheit,  so  ist  die  Baisse
der  Tod  der  Volkswirtschaft,  und  wenn  die  Emissionsbank  zur  Baisse  greift,
um  ein  Agio  abzuwehren,  so  kann  man  sagen,  daß  sie  den  Kranken  erwürgt,
um  ihn  von  feiner  Krankheit  zu  befreien.
Die  Waffe  mag  als  Garantie  für  den  Frieden  gut  sein  und  der
Goldschatz  als  Garantie  der  Währung?)  Aber  besser  als  die  Waffe  gewährleistet
uns  den  Frieden  die  einfache  Beseitigung  des  Zankapfels,-  besser  als  der
Goldschatz  schützt  die  Währung  die  Berücksichtigung  der  Warenpreise  als
Maßstab  für  die  Notenausgabe.
i)  Wie  sich  Waffe  und  Gold  bewährten,  habe»  wir  inzwischen  erfahren.
        <pb n="34" />
        privat-  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen.

34

3*

In  Deutschland  denkt  man  gewöhnlich  mit  Schaudern  an  die  Möglichkeit  eines  Bankerottes
der  Notenbank,  an  die  Einführung  eines  Agios.  Weil  man  diese  Krankheit  nicht  kennt,  überschätzt ­
  man  wohl  ihre  Bedeutung.  Doch  bietet  die  Geschichte  der  verschiedenen  Völker  keinerlei
Grund,  derart  vor  solcher  Möglichkeit  zu  erschrecken.  Nordamerika,  England,  Frankreich  hatten
wiederholt  ein  Goldagio,  dazu  noch  die  (leicht  zu  vermeidende)  Agiotage,-  trotzdem  erholte  sich
in  jedem  Falle  die  Volkswirtschaft  schnell  von  den  Schäden,  die  sie  unter  der  reinen  Goldwährung ­
  aus  vielerlei  Gründen  erlitten  hatte.
2n  Argentinien  nannte  der  Präsident  Iuarez  Celman  das  Agio  —  eine  Fortschrittskrise  —
una  crisis  progresista.  Und  nicht  mit  Unrecht.  Ihr  beklagt  Euch,  sagte  Iuarez,  über  das  hohe
Goldagio  I  Aber  seht  doch,  wie  gearbeitet  wird,  wie  man  baut,  wie  die  Industrie  sich  entwickelt,
wie  die  Einwanderer  Hereinströmen.  Das  sind  doch  keine  Symptome  der  Krise.  2n  Europa  heißt
Krise  soviel  wie  Arbeitslosigkeit,  Hunger,  Destzit.  Hier  sind  trotz  dem  Agio  die  Arbeiter  satt,
fett  und  glücklich!
Ich  (S.  Gesell)  entsinne  mich  gut,  daß  an  dem  Tage,  wo  die  Revolution  1889  ausbrach
und  während  noch  aus  dem  Innern  der  Stadt  verirrte  Kugeln  in  meine  Wohnung  einschlugen,
mein  Nachbar  ein  gegenüberliegendes  Grundstück  abschritt  und  mit  dem  Maurermeister  den  Bau
eines  neuen  Hauses  verabredete.
Was  soll  ich  denn  tun,  sagte  er:  Ich  habe  Geld,  Banknoten,  und  das  will  ich  vor  der  Möglichkeit ­
  schützen,  daß  es  die  Revolution  durch  neue  Massenauflagen  noch  mehr  verwässert,  als  es
schon  ist.  Gold  kann  ich  nicht  kaufen,  denn  ich  habe  keine  Verwendung  dafür,-  außerdem  ist  es
jetzt  natürlich  ganz  besonders  hoch  im  preise.  So  suche  ich  mich  also  zu  schütze»,  indem  ich  das
Papiergeld  gegen  Ziegelsteine  verkaufe.  —  Los  ladrillos  valen  mas  que  el  papel.  Und  so
wurde  der  Grundstein  dieses  Hauses  unter  dem  Donner  scharf  geladener  Geschütze  gelegt.
Dieses  Haus  und  andere  waren  direkt  ein  Produkt,  ein  Geschenk  der  Agiofurcht.  Hätte  man
hier  Gold  als  Geld  gehabt,  so  wäre  mein  Nachbar  sicher  nicht  durch  den  Kanonendonner  auf
den  Gedanken  gebracht  worden,  ein  neues  Haus  zu  bauen.  Er  hätte  das  Gold  vergraben,  und
die  Maurer  und  Zimmerleute  ufw.  hätten  gefeiert.
Die  Revolution  endete  infolge  allgemeiner  Teilnahmslosigkeit,  nicht  zum  mindesten  deswegen, ­
  weil  alle  —  um  ihr  Vermögen  vor  der  Revolution  zu  schützen  —  anfingen  zu  bauen,
zu  säen,  zu  arbeiten.

Privat-  unö  volkswirtschaftliche  Beöeutung  6er  Preisschwankungen.
Die  Emissionsbanken  kennen  keine  Warenpreise:  Es  ist  ihnen  völlig
.gleich,  ob  die  preise  steigen  oder  fallen.  Keine  Emissionsbank  führt  eine
Warenpreisstatistik,  keine  von  ihnen  tritt  zu  den  Waren  in  nähere  Beziehung.
Meterstock,  Litermaß  und  Wage  sind  in  den  Emissionsbanken  unbekannte
Dinge.  Keiner  der  fünf  Sinne  wird  hier  gebraucht.  Warenkenntnisse  verlangt ­
  man  von  den  Beamten  dieser  Banken  nicht.  Mit  solch  plebejischen
Dingen  befassen  sich  die  Institute  nicht,  die  berufen  sind,  den  Bedarf  des
Landes  an  Tauschmitteln  mit  ihren  privilegierten  Boten  zu  decken.  Zu  dem
Streit,  ob  die  preise  gefallen  oder  gestiegen  sind,  haben  die  Emissionsbanken
nie  Stellung  genommen.
Und  doch  ist  die  Ware  Grundlage  und  Voraussetzung  des  Geldes,
ähnlich  wie  der  Verkehr  Grundlage  der  Eisenbahn  ist.  Ohne  Ware  gäbe
es  kein  Geld.  Der  Austausch  der  Waren,  das  ist  der  einzige  Zweck,  der
einzige  Daseinsgrund  des  Geldes.  Das  Geld  soll  den  Warenaustausch  vermitteln, ­
  verbilligen,  beschleunigen,  erleichtern,-  es  soll  die  dem  Tauschhandel
anhastenden  Ubelstände  umgehen.  Dazu  ist  es  da.
Und  wenn  das  Geld  für  die  Ware  da  ist,  muß  es  sich  nicht  der  Ware
anpassen?  Und  wie  kann  man  das  Geld  den  Bedürfnissen  der  Ware
        <pb n="35" />
        privat-  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen.

anschmiegen,  wie  kann  man  das  Geld  zielbewußt  verwalten,  wenn  man  sich
so  gar  hochmütig  den  Waren  gegenüber  verhält,  wie  es  die  Emissionsbanken ­
  tun?
Das  Geld  soll  die  Schwierigkeiten  umgehen,  auf  die  Hinz  und  Kunz
stoßen,  wenn  sie  ihre  Produkte  gegenseitig  austauschen  wollen,  mehr  nicht.
Alle  anderen  Verwendungen  des  Geldes  sind  Anhängsel,  Mißbräuche,
Schmarotzer,  dem  Zwecke  des  Geldes  entgegengesetzt  und  müßten  eigentlich
unterdrückt  werden,  zum  mindesten  keine  Berücksichtigung  oder  gar  Unterstützung
finden.  Eine  Emissionsbank  hat  sich  mit  nichts  anderem  als
mit  den  Warenpreisen  zu  befassen.
Die  Verwendung  des  Geldes,  also  des  Tauschmttkels  der  Waren  als  Sparmittel  dürfte
nur  geduldet  werden,  falls  der  Nachweis  erbracht  würde,  daß  der  Warenaustausch  nicht  darunter
zu  leiden  braucht.  Würde  es  sich  zeigen,  daß  der  Warenaustausch  eine  solche  Doppelverwendung
seines  Tauschmittels  nicht  ohne  Nachteil  verträgt,  so  müßte  man  ganz  rücksichtslos  eine  materielle
Trennung  von  Tausch--  und  Sparmitteln  herbeiführen.
Die  glatte,  ungestörte  Abwicklung  des  Tausches  verlangt  von  der
Geldverwaltung,  daß  das  Geldangebot  regelmäßig,  31t  allen  Zeiten  und
unter  allen  Umständen  so  bemessen  sei,  daß  Hausse-und  Baisseperioden  vermieden
werden.  Das  Geld  soll  währen,  d.  h.  für  eine  Mark  soll  jeder  über  Ort
und  Zeit  hinweg  an  Waren  so  viel  erhalten,  wie  er  selbst  an  Waren  dafür
gegeben  hat,  weder  mehr  noch  weniger.  Denn  das  ist  der  Sinn  des  Wortes
„Währung"?)  Die  Preise  der  Waren  sollen,  wenn  nicht  untereinander,  so
doch  im  Durchschnitt  dem  Gelde  gegenüber  fest  bleiben.  Nur  so  kann  sich
der  Handel  gesund  entwickeln,  nur  so  können  Absatzstörungen  und  Arbeitslosigkeit ­
  vermieden  werden.  Nur  bei  festen  Preisen  kann  der  Handel  alle
diejenigen  Einrichtungen  treffen,  ausbilden  und  zur  Reife  bringen,  die  auf
eine  Einschränkung  der  heutigen  fabelhaften  Handelsspesen  gerichtet  sind.
Der  einzelne  Händler  braucht  das  nicht  ftekwillig  oder  gar  gern  zu  tun,-  aber  wie  bei  der
Herstellung  der  Waren,  so  ist  auch  beim  Handel  das  Gesetz  der  Konkurrenz  darauf  gerichtet,  die
Kosten  des  Handels  gegen  die  unmittelbaren  Interessen  der  Klasse  (Kaufleute)  herabzusehen,-  ein
Gesetz,  dem  sich  niemand  entziehen  kann.
Nur  bei  festen  Preisen  kann  sich  der  Handel  normal,  im  sozialpolitischen
Sinne  entwickeln,-  nur  bei  festen  Preisen  kann  das  Geldwesen  das  Höchstmaß
volkswirtschaftlichen  Nutzens  abgeben,  das  man  begründeterweise  von  dieser
weitaus  wichtigsten  aller  öffentlichen  Verkehrseinrichtungen  erwarten  kann.
Aber  es  genügt  nicht,  daß  dies  so  einfach  behauptet  werde,-  wir  müssen
uns  durch  Beweise  davon  überzeugen,-  denn  sonst  werden  wir  nie  die  Entschlußkraft ­
  entwickeln,  die  nötig  ist,  um  all  die  durchgreifenden  Maßregeln
zu  treffen,  die  absolut  notwendig  sind,  um  die  Wiederholung  der  Hochkonjunkturen ­
  und  Krisen  zu  vermeiden.
Wir  müssen  uns  all  den  Schaden  betrachten,  den  die  Emissionsbanken
mit  der  bisherigen  theorielosen  und  unbedachten  Ausgabe  ihrer  Noten  verursachen,- ­
  wir  müssen  die  Wirkungen  aus  Volks-  und  Privatwirtschaft  kennen,
die  die  Emissionsbanken  auslösen,  wenn  sie  Banknoten  einziehen  und  ausgeben, ­
  ohne  sich  dabei  nach  den  Warenpreisen  zu  richten,-  wenn  sie  Banknoten
i)  Mira  in  quibusdam  rebus  verborum  proprietas  est,  et  consuetudo  serraonis  antiqui
quaedam  efficacissimis  notis  signat.  Seneca  epist.  81.
        <pb n="36" />
        Z6

Wenn  dis  Preise  steigen.

kn  den  Verkehr  bringen,  obwohl  die  Hausse  schon  ein  libermaß  von  Tauschmitteln ­
  anzeigt,  und  wenn  sie  Tauschmkttel  verbrennen,  obwohl  die  Baisse
einen  Mangel  an  Tauschmitteln  beweist,  wodurch  das  Aktivum  der  Kaufleute
und  Unternehmer  in  Differenzen  aufgelöst,  das  Haben  in  Soll  verwandelt
und  Millionen  von  ehrbaren  Männern  in  Elend  und  Unehre  gestürzt  werden.
Wir  müssen  den  Zusammenhang  zwischen  dem  Bankemissionswesen  und  der
Arbeitslosigkeit  der  Volksmassen  erkennen,  wenn  wir  nach  jahrzehntelangem
Hosiannarufen  die  Politik  der  Emissionsbanken  nun  ans  Kreuz  schlagen  wollen?)
Menn  6ie  Preise  steigen.
Wenn  die  preise  steigen,  so  freut  sich  zunächst  der  Schuldner,  und  es
trauert  der  Gläubiger.  Jener  bezahlt  bei  hohen  preisen  Zinsen  und  Amortisationen ­
  mit  einem  Teil  der  sonst  diesem  Zwecke  zu  opfernden  Produkte,-dieser
  muß  sich  mit  einem  Teil  der  sonst  für  Zins  erhaltenen  Produkte  begnügen. ­
  Wie  ist  man  aber  dazu  gekommen,  die  Emissionsbanken,  die  vielfach,
wie  in  Deutschland,  mit  Privatkapital  gegründet  wurden,  zu  ermächtigen,
Freud  und  Leid  willkürlich  zu  verteilen?  Mit  ihren  Noten  greift  die  Emissionsbank ­
  in  die  Taschen  der  Gläubiger  und  gibt,  was  sie  findet,  den  Schuldnern.
Hat  z.  B.  der  Bauer  für  den  Hypothekenzins  oder  die  Pacht  1000  Mk.
oder  Dollars  zu  zahlen,  die  er  mit  100  Sack  Kartoffeln  zu  erlangen  pflegt,
so  spart  er  von  diesen  100  Sack  */4,  Vs  oder  gar  V 2 ,  wenn  die  Emissionsbanken ­
  mit  ihren  Noten  die  preise  hochtreiben.  Zu  10  Mk.  sind  100  Sack
=  1000  M.,-  zu  12,5  M.  sind  80  Sack  schon  1000  M?)  Ist  nun  der
Preis  gestiegen,  weil  die  Emissionsbanken  das  Tauschverhältnis  zwischen
Geld  und  Waren  verschoben  haben,  so  ist  es  klar,  daß  die  Emissionsbank
dem  Schuldner  20  Sack  Kartoffeln  geschenkt,  dem  Gläubiger  aber  20  Sack
genommen  hat.
Solche  Rolle  mag  sich  ja  belin  Schutzpatron  der  Schuster  sehr  schön
ausmachen,-  aber  von  den  Emissionsbanken  verlangen  wir  keine  christliche
Gleichmacherei,  sondern  eine  rein  kaufmännische  Erledigung  ihrer  Hauptaufgabe, ­
  die  darin  besteht,  den  Bedarf  an  Tauschmitteln  so  zu  decken  resp.
zu  regeln,  daß  die  Warenpreise  allgemein  weder  nach  oben  noch  nach  unten
sich  verschieben,  so  daß  der  Gläubiger  mit  dem  Gelde,  das  ihm  der  Schuldner
zahlt,  dasselbe  Quantum  Waren  erhält,  welches  der  Schuldner  s.  Z.  mit
dem  geborgten  Gelde  erstand.  Nicht  mehr,  nicht  weniger.
Eine  Preiserhöhung  der  Waren  von  10  Prozent  ist  für  alle  Gläubiger
genau  gleichbedeutend  mit  einem  Abstrich  von  ihrem  Kapital  um  10  Prozent. ­
  Eine  Preiserhöhung  der  Waren  von  20  Prozent  entspricht  für  die
Gläubiger  einem  Kapitalverlust  von  20  Prozent,-  nicht  nominell,  aber  materiell.  *  2
1)  Die  Politik  der  Emissionsbanken  in  allen  Ländern  ist  zwar  oft  vom  privatwirtschastlichen
  Standpunkt  (Agrarier  in  Deutschland)  angegriffen  worden.  Niemals  aber  vom  Standpunkt ­
  des  Tauschmittels  der  Ware,  der  Arbeitsteilung,  der  Volkswirtschaft,  des  Geldzweckes.
2 )  Jetzt  (1921)  hat  die  Reichsbank  den  Geldbestand  von  ursprünglich  1,1  Milliarden  (Gold,
Silber,  Noten)  auf  80  Milliarden  und  die  Kartoffelpreise  auf  das  lOfache  erhöht.  Sie  hat
damit  den  Hypothekenschuldnern  (wie  allen  Schuldnern)  9 /io  der  Schuld  erlassen  zu  Lasten
der  Gläubiger.
        <pb n="37" />
        privat-  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen.

37

Und  man  behauptet,  daß  in  den  Jahren  1905  —1907  die  preise  der  Waren
im  Durchschnitt  reichlich  um  20  Prozent  gestiegen  sind!  Ein  Abstrich  von
20  Prozent  (materiell,  nicht  nominell)  der  Buchschulden,  der  Staats-  und
Gemeindesteuern,  der  kontraktlich  auf  Jahre  festgelegten  Pacht-  und  Mietgelder, ­
  der  Hypothekenschulden,  der  Post-,  Telegraphen-und  Eisenbahntarife  usw.
genügt  aber,  um  die  hohen  Dividenden  zu  erklären,  die  in  jenen  Jahren  verteilt
wurden.  Das  Geld  zu  diesen  Dividenden  stammt  aus  den  Taschen  der  Gläubiger.
übrigens  sind  diese  Dividenden  vielfach  nur  nominell  so  außergewöhnlich  hoch.  Hat  der
Aktionär  an  Dividenden  20  —  25  Prozent  mehr  Einnahmen,  so  muß  er  der  allgemeinen  Preissteigerung ­
  wegen  20—25  Prozent  mehr  für  seinen  Lebensunterhalt  bezahlen,  wie  vor  der  Hochkonjunktur ­
  bei  niedrigen  Dividenden.  Bleibt  aber  ein  Unterschied  zu  seinen  Gunsten,  so  erklärt
er  sich  damit,  daß  während  jeder  Hochkonjunktur  des  flotten  Geschäftsganges  wegen  die  Produktionsmittel ­
  voll,  d.  h.  rationell  ausgebeutet  werden  können.  Diesen  Vorteil  muß  er  aber  bei  der
der  Hochkonjunktur  notwendigerweise  folgenden  Baisse  wieder  bezahlen,-  denn  bei  der  Baisse
wird  unrationell  gearbeitet.
Die  Arbeiter,  deren  Löhne  schwerfälliger  als  die  Warenpreise  sich  den
Schwankungen  des  Geldangebots  anpassen,  erleiden  durch  die  von  der
Emissionsbank  gestattete  oder  veranlaßte  Teuerung  einen  dieser  Teuerung
ziemlich  entsprechenden  Verlust,  und  bis  das  Gleichgewicht  durch  Lohnkämpfe
wieder  hergestellt  werden  kann,  vergehen  Monate.  Bei  den  Beamten  ist  die
Sache  noch  schlimmer,  indem  hier  noch  das  schwerfälligere  geschriebene  Gesetz
durch  Teuerungszulage  die  Streiche  der  Emissionsbanken  ausgleichen  muß.
Und  bis  das  Gesetz  eingreift,  vergehen  oft  Jahre.  Aber  was  ficht  das  die
Emissionsbanken  an?  Sie  kennen  ja  keine  Warenpreise.  Auch  verlangen  die
Aktionäre  dort,  wo  die  Emissionsbanken  Privatkapitalisten  gehören,  alle  Jahre
ihren  Zins.  Und  es  wäre  doch  zu  viel  von  einem  Privatkapitalisten  verlangt,
wenn  man  von  ihm  forderte,  daß  er,  um  der  Hausse  entgegenzuarbeiten,  auf
Zins  verzichtend  das  Bankkapital  vom  Markte  zurückziehen  und  auch  aus
das  Emissionsrecht  verzichten  sollte!  Hat  man  denn  den  Emissionsbanken
vorgeschrieben,  wann  sie  das  Emkssionsrecht  ausüben,  wann  sie  ihr  Kapital
in  Umlauf  setzen  oder  vom  Markte  zurückziehen  sollen?
Die  Milliarden,  die  die  Gläubiger  (Rentner,  Pensionäre,  Invaliden)
verlieren,  gewinnen  die  Schuldner  (Unternehmer,  Kaufleute,  Staat  und
Gemeinde).  Das  Haben  der  Schuldner  steigt  dem  Soll  gegenüber  um
10  —  20  —  30  Prozent.  *)  Wer  1  Million  Mark  an  Hypotheken  aufgenommen  hat,
um  ein  Haus,  eine  Fabrik  zu  bauen,  gewinnt  darauf  entsprechend  der  allgemeinen ­
  Hausse  100  —  200—  ZOO  000  Mark.  Wer  von  der  Sparkasse
10  000  Mark  geborgt,  um  Waren  zu  kaufen,  gewinnt  1000  —  2000  —
3000  Mark.  Das  alles  ohne  die  geringste  Mühe.  Denn  diese  Summen
fließen  den  Schuldnern  ganz  unabhängig  vom  Unternehmer-  und  Handelsgewinn ­
  zu.  Es  ist  ein  Geschenk,  das  ihnen  die  berufene  Hüterin  der  Währung,
die  Emissionsbank,  aus  den  Taschen  der  Gläubiger  mit  Hilfe  des  Notenprivilegs, ­
  des  Gesetzes,  macht.

Bis  hierher  betrachtet,  ist  dieser  erste  Erfolg  der  Banknotenüberschwemmung
rein  privatwirtschastlkcher,  juristischer  Natur.  Es  ist  eine  einfache  Machtfrage,
i)  Jetzt  (1921)  bei  einer  15  fache»  Inflation  ist  dieses  Haben  um  1500°/o  gestiegen.
        <pb n="38" />
        38

Wenn  die  preise  steigen.

eine  Frage  der  Abstimmung,  ob  die  Emissionsbank  die  soziale  Gleichmacherei
als  ihre  Aufgabe  zu  betrachten  hat.  Wird  das  gewünscht,  so  braucht  man
die  Emissionsbank  nur  von  den  Fesseln  der  Goldwährung  zu  lösen,  und  in
kürzester  Zeit  wird  sie  das  gesamte  Haben  der  Gläubiger  in  einem  Meere
von  Banknoten  ersäufen,  ohne  daß  man  sie  eines  Verstoßes  gegen  ihre
Satzungen  wird  bezichtigen  können.  Nach  der  Assignatenflut  gab  es  in
Frankreich  keine  Gläubiger  und  Schuldner  mehr?)
Die  Nachfrage  nach  ihren  Noten  und  der  Zinsfuß  werden  steigen,  je
mehr  die  Emissionsbank  emittiert,  und  je  mehr  die  preise  steigen,  desto
verwässerter  wird  das  Guthaben  der  Gläubiger,  und  desto  sicherer  wird  der
Schuldner  der  Bank.
Es  ist  eine  noch  ziemlich  allgemein  verbreitete  Ansicht,  daß  die  Goldwährung  gegen  solche
Pfuschereien  und  Prellereien  einen  Schuh  bildet.  Tatsächlich  liegt  dieser  Schuh  bei  den  Gesetzgebern, ­
  nicht  im  Gold.  Wünschen  es  die  Gesetzgeber,  so  werden  sämtliche  Münzen  durch  Banknoten ­
  verdrängt.  In  allen  Ländern,  wo  man  solche  Pfuschereien  betrieben  hat,  war  zuvor  Metallgeld ­
  im  Umlauf,  in  keinem  Falle  hat  die  Metallwährung  der  Rotenüberschwemmung  Widerstand
leisten  können *  2 )
Wenn  man  aber  die  Gläubiger  nicht  plündern  will,  so  schreibe  man
der  Notenbank  vor,  wann  sie  Noten  ausgeben,  wann  sie  solche  einziehen
soll,  wann  sie  ihr  eigenes,  bares  Betriebskapital  dem  Verkehr  zu  übergeben
hat,  und  wann  sie  es  vergraben  soll.  Die  Sicherheit  der  Goldwährung,  die
Erhaltung  des  Goldschatzes  auf  der  gesetzlich  bemessenen  Höhe,  ist  keine  genügende ­
  Begrenzung  der  Notenausgabe.  Das  hat  die  ununterbrochene  Kette
von  Hochkonjunkturen  und  Krisen  doch  genügend  bewiesen.
Aber  nicht  nur  rechtliche,  auch  schwerwiegende  volkswirtschaftliche  Folgen
hat  diese  Plünderung  einer  Bürgerklasse  zu  Gunsten  der  anderen  durch  die
Notenbank.  Die  gesamte  Industrie  erleidet  durch  diese  Klassenplünderung  und
Klassenbegünstigung  eine  gewaltige  Absatzverschiebung.  Der  Verkauf  der  sehr
feinen  Waren,  wie  sie  die  Rentner  zumeist  suchen,  läßt  nach,  zugleich  auch
der  Verkauf  der  sehr  groben  Waren,  die  die  Schuldner  in  der  Regel  kaufen.
Die  durch  die  Noten  der  Emissionsbank  versuchte  und  begonnene  Gleichmacherei ­
  hat  die  Extreme  in  der  Grobheit  und  Feinheit  des  Warenbedarfes
abgestoßen,  und  dieser  Nachfrage  muß  sich  die  Industrie  und  der  Handel
anpassen.  Eine  Menge  Industriezweige  werden  notleidend,  und  in  vielen  Läden
häufen  sich  die  Lagerhüter.  Eine  Menge  Arbeiter  sieht  sich  genötigt,  um  der
Arbeitslosigkeit  zu  entgehen,  den  Beruf  und  in  der  Regel  damit  auch  den
Wohnort  zu  wechseln.
Vom  privatwirtschastlkchen,  kleinbürgerlichen  Standpunkt  aus  betrachtet  sind  das  sehr
wichtige  Dinge.
Daß  die  Hausse,  die  die  gesetzlich  privilegierten  Noten  erzeugt,  alle
Kataloge,  Preislisten,  Kurszettel,  Tarife  usw.  in  Makulatur  verwandelt,  ist
auch  klar.  Alle  preise  müssen  neu  berechnet  werden  und  zwar  täglich,  mit
jedem  Punkt,  den  die  preise  ersteigen.  Die  Emissionsbank  zwingt  die

1)  £enfn  machte  einen  Strich  durch  die  Staatsschulden,-  tzavenstekn  ersäuft  sie  kn  einem
Strom  von  Banknoten,  allerdings  auf  höheren  Befehl  Helfferichs,  Erzbergers,  Wirths.

2 )  Helfferich,  der  Vorsitzende  des  Vereins  zum  Schutze  der  deutschen  (I)  Goldwährung,
wurde  der  Papiergeldfabrikant  des  Deutschen  Reiches.
        <pb n="39" />
        privat-  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen.

39

10  Millionen  Kaufleute,  Handwerker,  Unternehmer,  alle  preise  zu  revidieren,-und
  wieviel  Fehler  mögen  bei  dieser  Neuberechnung  unterlaufen!  Und  wenn
die  preise  wenigstens  auf  der  ganzen  Linie  gleichmäßig  anziehen  wollten,  so
könnte  man  durch  einen  gleichmäßigen  Teuerungszuschlag  (Agio)  die  Sache
erledigen.  Aber  aus  den  oben  angeführten  und  vielen  anderen  Gründen  ist
das  nicht  der  Fall.  Die  natürliche,  durch  die  Produktionskosten  beherrschte
Rangordnung,  in  der  die  preise  stehen,  wird  zerrissen.  Bei  einzelnen  Waren
(den  sehr  feinen  und  sehr  groben),  geht  die  Nachfrage  und  der  preis  zurück,
und  um  so  stärker  wächst  die  Nachfrage  der  anderen.  Schließlich  werden
alle  preise  durcheinander  geworfen  und  der  Begriff  der  Mark  d.  R.  W.,
der  bei  allen  immer  nur  aus  einer  Reihe  bekannter  Warenpreise  besteht
(anders  kann  auch  die  sogen.  Werteknheit  nicht  aufgefaßt  werden),  verwildert
und  geht  völlig  verloren.  Niemand  weiß  mehr,  was  eine  Mark  noch  gilt.
Alle  Beziehungen  des  Geldes  zu  den  Waren  werden  getrübt,  und  im
Trüben  läßt  sich  gut  fischen.  Die  öffentliche  Kontrolle  der  preise  durch  das
Publikum  geht  völlig  vorloren,-  die  Kaufleute  nehmen  diese  Unwissenheit
wahr  und  plündern,  übervorteilen  das  Publikum.  Das  zeitraubende  Handeln
in  den  Läden  wird  allgemeine  Sitte,  und  die  Kosten  dieser  Sitte  werden
auf  die  Warenpreise  geschlagen.  Die  Bruttoprofitrate  der  Kaufleute  geht
in  die  Höhe.  Dabei  gewinnt  die  Nettoprofitrate  wenig,-  denn  wenn  auch
durch  den  Verlust  der  öffentlichen  Kontrolle  die  preise  infolge  der  durch
die  Banknoten  bewirkten  Markt-  und  Preisanarchie  die  Profitrate  erheblich
steigt,  so  löst  diese  Steigerung  eine  größere,  schärfere  Konkurrenz  aus,  die
zur  einzigen  Folge  hat,  daß  der  Absah  der  einzelnen  Kaufleute  vermindert
wird.  Der  Profit  an  den  verkauften  Waren  steigt  mit  der  Unstetigkett  der  preise
zum  Nachteil  des  Publikums  und  zu  niemandes  Vorteil,  da  sich  dieser  Profit
auf  eine  größere  Anzahl  Kaufleute  verteilt,  die  eine  größere  Masse  Arbeit  zu
verrichten  haben.  (Feilschen  des  Publikums,  Preisausrechnen  usw.,  Lagerhüter.)
Dem  aufmerksamen  Beobachter  entgeht  es  nicht,  daß  der  Sinn  für  den  Wucher,  den
Schacher,  das  Glücksspiel,  das  arbeitslose  Einkommen  im  deutschen  Volke  mächtig  im  Zunehmen
begriffen  ist.  Wäre  dieser  Schachergeist  ein  spezifischer  Lharakterzug  der  Juden  (was  er  nach
unserer  Beobachtung  durchaus  nicht  ist),  so  könnte  man  die  Behauptung  der  Antisemiten,  daß
das  deutsche  Volk  verjüdelt  sei,  gelten  lassen.  Aber  die  „Verjüdelung"  haben  weniger  die  Juden,
als  die  Reichsbank  (im  Grunde  genommen  die  Metallwährung)  verursacht.  Jedes  Volk  paß«
sich  den  Verhältnissen  an,  und  wenn  die  Reichsbank  mit  ihrer  auf  Hausse  und  Baisse,  auf  immerwährende ­
  Differenzen  gerichteten  Politik  den  Schacher  großzieht,  so  darf  man  sich  nicht  wundern,
daß  zuletzt  selbst  der  schönste  Arier  schäbig  wird  *).
Schmoller  sagt:
„In  einer  Zeit,  in  der  die  Vermittlungstätkgkeit  (Handel)  in  der  Gesellschaft  von
Z  und  5  auf  11  und  13°/o,  ja  teilweise  auf  Zi  o/o  der  Selbsttätigen  gestiegen  ist,  in  der
diese  Vermittlung  einen  steigenden  Teil  der  preise  ausmacht."  Artikel:  Der  Handel  im
ly.  Jahrhundert.  (D.  Woche,  S.  1^7.)
Das  mag  ganz  richtig  sein  und  stimmt  mit  den  Beobachtungen  überein,  die  jeder  für  seine
Rechnung  heute  machen  kann.  Aber  Schmoller  hat  für  diese  Erscheinung  keine  Erklärung,-  sie  ist
ihm  rätselhaft,  wie  allen,  die,  wie  er,  das  Studium  des  Geldwesens  vernachlässigen.  Das  Geld
ist  die  Grundlage  des  Tausches  und  darum  der  Schlüssel  aller  Rätsel.

i)  Das  alles  war  1909  geschrieben  und  bezog  sich  auf  die  Hochkonjunktur  der  damaligen
Zeit,  die  im  Verlauf  von  20  Jahren  die  preise  20—jOv/o  gehoben  hatte.  Jetzt  braucht  man
kein  „aufmerksamer"  Beobachter  zu  sein,  um  die  Richtigkeit  dieser  Sähe  zu  erkennen.
        <pb n="40" />
        40

Wenn  die  Preise  steigen.

Fände  eine  scharfe  tägliche  Anpassung  des  Geldangebots  an  das
Warenangebot  statt,  so  daß  die  Preisschwankungen  der  Waren  unter  einander ­
  auf  das  von  den  natürlichen  Umständen  bedingte  Maß  (Voll-,  Mittelund ­
  Fehlernten,  Erfindungen,  Modewechsel  usw.)  beschränkt  blieben,  träten  zu
diesen  natürlichen  Preisschwankungen  nicht  noch  die  künstlichen,  viel  häufigeren
und  schwereren  Preisschwankungen  die  von  einem  veränderten  Verhältnis
zwischen  Geld-  und  Warenangebot,  herrühren,  so  würden  sich  mit  der  Zeit
die  Warenpreise  genügend  fest  dem  Volke  einprägen,  daß  der  Handel  einer
Kontrolle  unterworfen  wäreund  Jedermann  wüßte,  was  er  eigentlich  für  1  Dollar,
1  Mark,  1  Rubel  zu  fordern  hat.  Unter  der  Goldwährung  und  der  Mitwirkung ­
  der  Emissionsbanken  ist  der  Begriff  Dollar,  Schilling,  Mark  vollkommen ­
  verwildert,-  die  sogenannte  WertemhciV)  ist  durch  die  tolle  Anarchie,
die  die  Emissionsbanken  mit  ihrer  sinn-  und  ziellosen  Politik  hervorgerufen
haben,  zu  einer  Gallerte  geworden.  Es  ist  Niemand  da,  der  km  Stande
wäre,  die  Preise  von  nur  10  verschiedenen  Waren  genau  zu  nennen.
Ohne  Kenntnis  einer  Reihe  von  preisen  konkreter  Dinge,  namentlich
von  solchen,  die  man  zur  eigenen  Lebensführung  braucht,  ist  aber  die  Bedeutung ­
  irgend  einer  Geldsumme  schlechterdings  unbegreiflich.  Nur  wer  die
Geldsumme  kennt,  die  er  verausgabt,  und  seinen  Brei  mit  Bewußtsein  ißt,
hat  ein  Urteil  über  den  „Lytrischen  Wert  der  Güter"?)
Wohl  hat  der  Bürger  für  jede  Mark,  jeden  Dollar  und  Schilling  ein
haarscharf  auf  der  präzisionswage  abgewogenes  Gewicht  Gold  zu  fordern,
aber  das  Quantum  Tabak,  Bier  und  Wurst,  das  er  für  die  Mark  aus  dem
Markte  erwerben  kann,  das  mißt  ihm  die  Emissionsbank  nicht  einmal  auf
der  Viehwagc  zu.  Und  es  ist  doch  der  Tabak,  das  Bier,  die  Wurst,  es  ist
1)  Das  wäre  die  Menge  konkreter  Dinge,  die  man  für  eine  Mark  zu  erstehen  hofft.
2 )  Georg  Friedrich  Knapp  sagt:  »Lange  hat  es  mir  km  Innersten  widerstanden  anzuerkennen,
daß  die  nominale  Werteinheit  vollständig  ausreicht  für  Urteile  über  den  lytrischen  Wert  der  Güter.
Es  war  mein  Irrtum,  was  der  Irrtum  fast  aller  ist:  ich  glaubte,  Werturteile  kämen  nur  zu  Stande,
wenn  Güter  mit  Gütern  verglichen  werden.  Wie  einfach  und  anschaulich  würde  dadurch  der  ganze
Vorgang!  Wenn  aber  einmal  diese  Art  der  Beurteilung  eingebürgert  ist,  dann  ist  es  unnötig,
Gut  mit  Gut  zu  vergleichen,-  dann  können  Werturteile  über  ein  Gut  abgegeben  werden  unter
Benutzung  der  nominalen  nur  historisch  definierten  Werteinheit.  Wer  da  bezweifelt,  ob  das  wahr
ist,  den  verweise  ich  auf  die  geschichtliche  Entwicklung  deck  lytrischen  Verkehrs/  solche  Erscheinungen
wie  das  echte  Papiergeld  sind  wirklich/  sie  sind  aber  nur  unter  der  Annahme  nomineller  Werteinheit
  möglich/  also  ist  die  Romknalktät  der  Werteinhekt,  ebenso  erfahrungsmäßkg  gefestigt,  wie
die  Tatsachen  der  lytrischen  Rechtsgeschichte".  Staatliche  Theorie  des  Geldes,  S.  14  (Verlag
Duncker  &amp;amp;  Humblot,  Leipzig  1905.  (2ch  glaube,  Knapp  ist  über  den  Widerstand  in  seinem
Innersten  voreilig  hinweggeschritten/  denn  er,  der  keine  Preise,  keine  Waren  kennt,  der  es  fertig
bringt,  eine  staatliche  Theorie  des  Geldes  zu  bringen,  ohne,  wie  es  scheint,  überhaupt  an  Waren,
Preise,  Tauschmkttel,  Arbeitsteilung  zu  denken,  der  in  dem  Geld,  einschließlich  dem  echten  Papiergeld, ­
  kein  Gut,  keine  Ware  erblickt,  kann  unmöglich  ein  Urteil  haben,  über  den  lytrischen  Wert
der  Güter  (falls  darunter  Tauschverhältnks  der  Waren  gemeint  ist.  Etwas  anderes  kann  es  aber
nicht  sein,-  denn  es  gibt  kein  anderes  Verhältnis  der  Waren  untereinander).
Rur  wer  das  Tauschverhältnis  des  Geldes  zu  den  Waren,  also  Preise,  kennt,  hat  ein  Urteil ­
  über  den  lytrischen  Wert  der  Güter.  Die  Erscheinung  des  echten  Papiergeldes  widerspricht
nicht  der  Behauptung,  daß  Waren  nur  mit  Waren  verglichen  werden  können,  sondern  bekräftigt
diesen  Satz,-  denn  das  echte,  an  kein  Metall,  noch  besondere  Ware  gebundene  Papiergeld  vereinigt ­
  in  sich  alle  Merkmale  der  Ware,  trotz  setnempapierstoss.  (S.  Gesell:  »Die  natürliche  Wirtschaftsordnung ­
  durchFreiland  und  Freigeld",Artikel:  Warum  man  auspapier  Geld  machen  kann..)
        <pb n="41" />
        Privat-  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen.

41

das  Tausch  Verhältnis  des  Geldes  zu  den  Waren,  das  den  Bürger  interessiert.
Das  Gold!  Was  geht  den  Bürger  das  Metall  an?  Es  sind  doch  nicht  alle
Goldschmiede,-  nicht  alle  haben  vor,  den  Erlös  ihrer  Produkte  in  Form  einer
Goldkette  nach  Hause  zu  bringen.  Warum  hat  sich  der  Bürger  für  die  Goldwährung ­
  entschieden?  Doch  nur,  weil  er  mit  der  Goldwährung  1h  mal  weniger
Metall  zu  schleppen  brauchte,  als  mit  der  Silberwährung.  Möglichst  wenig
Metallballast  und  sonst  genau  so  viel  Ware,  wie  man  selbst  für  das  Geld
gegeben  hat  —  das  fordert  der  Bürger.

Solange  die  Banken  Noten  nach  dem  prkvatwirtfchaftlichen  Bedarf  der
.Hausseinteressenten  ausgeben,  steigen  die  preise  aller  freien  Waren.  Doch
nicht  alle  Waren  sind  frei,-  nicht  alle  preise  paffen  sich  den  Marktverhältnisscn
  an.
Die  Briefmarken  z.  B.  machen  die  Hausse  nicht  mit,  weil  ihr  preis
(d.  h.  das  Porto)  durch  Gesetze  geregelt  ist.  Seit  ZO  Jahren  bezahlt  man
10  pfg.  für  einen  Brief,  und  wie  viele  Hochkonjunkturen  haben  wir  feit
30  Jahren  gehabt?  Überhaupt  fast  alles,  was  der  Staat  verschleißt  —
Telegramme,  Frachten,  Justiz,  Religion,  Sicherheit,  Unterricht  usw.  —  muß
den  Emissionsbanken  den  Tanz  versagen.  Tarife,  Steuern,  Zölle  sind  durch
Gesetz  und  Verträge  festgenagelt.
Wie  behilft  sich  nun  der  Staat,  wenn  die  Emissionsbanken  die  Warenpreise ­
  hochtreiben?
Der  Staat  erhält  das  gleiche  Quantum  Geld  für  seine  Leistungen,
während  alles,  was  er  kaust,  mit  Ausnahme  der  Beamtenarbekt,  im  preise
steigt.  Der  Proviant  für  das  Heer,  die  Kohlen  für  Marine,  Eisenbahnen,
die  Steine  für  öffentliche  Bauten  usw.  muß  der  Staat  10  —20  —30%
teurer  bezahlen.  Die  Einnahmen  bleiben  unverändert  (mit  Ausnahme  der
Einkommen-  und  Konsumsteuern  und  der  Bruttoeinnahmen  aus  dem  bei
jeder  Hochkonjunktur  wachsenden  Eisenbahnverkehr),  die  Ausgaben  wachsen.
Resultat:  ein  Defizit,-  eine  Anleihe,-  während  doch  gerade  der  Staat  als
Produzent  und  Schuldner  großen  Gewinn  aus  der  Hochkonjunktur  ziehen  sollte.

Mit  dem  Bankerott  der  Währung  (nichts  anderes  bedeuten  die  Preisausschläge ­
  und  Teuerungszulagen)  geht  ausnahmslos  eine  bedeutende  Anspannung ­
  sämtlicher  produktkonskräste  Hand  in  Hand.  Sowie  es  heißt,  daß
die  preise  anziehen,  daß  eine  neue  Hochkonjunktur  im  Anzuge  sei,  suchen
alle  Kaufleute  und  Unternehmer  sich  durch  Lieferungsverträge  aus  Monate
und  Jahre  hinaus  mit  Waren  zu  decken.  Denn  sie  fürchten,  dem  Wettbewerb ­
  beim  Verkauf  der  Waren  zu  unterliegen,  wenn  sie  zu  den  erwarteten
künftigen  hohen  preisen  kaufen  müßten.  Außerdem  wären  sie  nicht  sicher,
überhaupt  Ware  zu  erhalten,-  denn  alle  Kaufleute  samt  und  sonders  treibt
die  Selbsterhaltungspflicht,  sich  zu  decken,  d.  h.  mehr  als  gewöhnlich  zu
kaufen.  Und  wo  soll  diefes  Mehr  herkommen?
Während  der  letzten  Hochkonjunktur  waren  die  meisten  Fabriken  auf  Monate,  tu  manchen
Zweigen,  z.  B.  der  Textilindustrie,  auf  Jahre  hinaus  verschlossen,  d.  h.  sie  nahmen  keine  Aufträge
mehr  an.
        <pb n="42" />
        42

Wenn  die  preise  steigen.

Beim  Fabrikanten  häufen  sich  infolge  dieser  Deckungskäufe  die  Bestellungen,
und  in  der  Meinung,  er  habe  es  mit  einer  dauernden  Erscheinung  zu  tun,
sucht  er  seine  Fabrikanlagen  zu  erweitern,  d.  h.  der  wachsenden  Nachfrage
anzupassen.  Ts  wird  mit  liberstunden  gearbeitet,-  die  gesamte  Arbeiterreserve
wird  herangezogen,  um  den  Stoff  zu  der  immer  wachsenden  Nachfrage
zu  liefern.
Es  kommt  hinzu,  das;  man  sich  vor  der  der  Hausse  entsprechenden
Verbilligung  (Entwertung)  des  Geldes  (weniger  Ware  für  dasselbe  Gelb)
nur  dadurch  schützen  kann,  daß  man  sich  des  Geldes  entledigt,  und  zwar
nicht  durch  Verleihen,  durch  Ankauf  von  festverzinslichen  Papieren,  von
Pfandbriefen,  sondern  durch  Ankauf  von  Dingen,  die  an  sich  kein  Geld  sind
und  auch  nicht  auf  Geld  lauten  —also  Waren,  Grundstücke,  Industrieaktien
(keine  Bankaktien),  Häuser,  Land  usw.  Wer  das  nicht  tut,  sondern  sein
Geld  zur  Sparkasse,  zur  Bank  bringt,  wer  Pfandbriefe,  Obligationen,  Staatsanleihen, ­
  Wechsel  usw.  kaust,  verliert  einen  der  Hausse  entsprechenden  Teil
seines  Vermögens.  Gewiß,  er  erhält  sein  Geld  auf  Heller  und  Pfennig
zurück,  für  die  nicht  fest  verzinslichen  Papiere  sogar  erhöhten  Zinsfuß,  und
die  Sicherheit  der  Anlage  wächst  auch.  Nominell  verliert  er  keinen  Heller,
aber  materiell,  an  der  sogen.  Kaufkraft  des  Geldes.  2n  diese  Kaufkraft
haben  sich  die  Banknoten  (und  die  mit  diesen  stets  zusammen  sich  vermehrenden
Privattauschmittel)  geteilt  und  ihr  10  —  20  —  3O°/ 0  geraubt.
Das  führt  dann  notwendigerweise  dahin,  daß  alle,  die  sonst  ihr  Geld
verliehen,  sei  es  durch  Ankauf  von  Pfandbriefen,  von  Wechseln  oder  Staatspapieren, ­
  sei  es  in  Form  eines  Sparkassen-  oder  Scheckbuches,  jetzt  lieber
selber  Dinge  kaufen,  die  die  Hausse  direkt  mitmachen.  Eine  Menge  dem
Handel  völlig  fremder  Personen  werden  jo  der  Börse  oder  dem  Markte  zugeführt, ­
  die  alles  kaufen,  was  man  ihnen  anbietet.  Dies  bedeutet  eine
Ausschaltung  von  Zwischenhändlern,  eine  beschleunigte  Geldzirkulation,  eine
vermehrte  Nachfrage  und  steigende  preise.  Dauert  die  Hausse  an,  so  beweist
dann  schon  die  Erfahrung,  daß  jeder,  der  heute  kaust,  einen  Vorsprung
über  den  hat,  der  sich  die  Sache  nochmal  überlegt  und  erst  morgen  kaust.
An  Stelle  der  schwerfälligen  Bedächtigkeit,  die  sonst  eine  Eigentümlichkeit
des  Geldbesitzers  ist,  tritt  die  Hast.  Eilfertig  wird  dem  Makler  Auftrag
gegeben,  das  Sparkassenbuch,  die  Wechsel,  die  festverzinslichen  Papiere  zu
veräußern  und  dafür  Dinge  zu  kaufen,  die  auf  der  anderen  Schale  der
Wage  liegen,  und  die  hoch  gehen,  wenn  die  Geldschale  fällt  (Ware,  Häuser,
Industrieaktien).  Die  Umlaufsgeschwindigkeit  des  Geldes  wächst  im  Verhältnis
zu  dieser  Eilfertigkeit  (oder  verminderten  Bedächtigkeit),  und  da  das  Angehst  des
Geldes  und  somit  das  Tauschverhältnis  zwischen  Waren  und  Geld  sehr  wesentlich
durch  die  Schnelligkeit  des  Geldumlaufes  beeinflußt  wird,  so
steigen  jetzt  die  preise  weit  über  die  durch  die  Noten  der  Emissionsbanken
erweiterten  Grenzen.*)
Den  Anstoß  zur  Hausse  mag  die  vermehrte  Goldproduktion  geben.  Die  anziehenden  preise
erwecken  spekulative  Kauflust,  eine  privatwirtschastliche  Nachfrage  nach  Geld.  Dieser  Nachfrage
*)  Eine  verdoppelte  Schnelligkeit  des  Geldumlaufes  ist  für  die  preise  einer  Verdoppelung
der  Geldmenge  genau  gleichbedeutend.
        <pb n="43" />
        43

Wenn  die  preise  sinken.

kommen  die  Emissionsbanken  durch  vermehrte  Notenausgabe  entgegen.  Die  prkvattauschmittel
(Wechsel)  gewinnen  an  Kredit,  weil  die  Hausse  die  Schuldner  allgemein  begünstigt.  Sie  vermehren ­
  sich  parallel  zur  Hausse  und  zur  Ausgabe  von  Banknoten.  Die  nun  ganz  ausgesprochene
Hausse  beschleunigt  die  Umlaufsgeschwkndkgkeit  des  Geldes.
Und  ist  diese  Preissteigerung  für  alle,  die  an  die  deutsche  Reichswährung
glauben,  für  alle,  die  mit  dem  „festen  inneren  Werte  der  Mark  der  RW."
aufgezogen  wurden,  nicht  ein  einwandsfreker,  schlagender  Beweis,  das;  das
Angebot  von  Waren  zu  gering  ist,  daß  die  Produktion  vermehrt  werden,
daß  man  mit  Überstunden  arbeiten,  daß  man  den  Betrieb  erweitern  soll?
Man  spricht  von  Uberfpekulation,-  aber  woran  soll  sich  denn  der  Unternehmer
für  die  Abschätzung  des  Bedarfes  an  seinen  Waren  halten,  wenn  nicht  an
die  preise?  Wem  kommt  es  denn  in  den  Sinn,  anzunehmen,  daß  die
Preissteigerung  nur  das  äußere  Zeichen  des  inneren  Bankerotts  der  Emissionsbankpolitik ­
  und  der  Währung  ist?  Hans  Biedermeier  würde  solchen  Verdacht
einfach  für  eine  Sünde,  ein  Verbrechen  halten.  Wer  darf  es  annehmen,  daß
die  Preistreiberei  keinem  wachsenden  Konsum,  sondern  einer  Währungspfuscherei
zuzuschreiben  ist,  und  daß  infolgedessen  gar  kein  Anlaß  vorliegt,  sich  für  eine  Fortdauer ­
  der  großen  Nachfrage  durch  Erweiterung  der  Fabrikanlagen  einzurichten?
Man  bezeichnet  es  als  einen  Geniestreich  des  Direktors  der  Allgemeinen  Elektrizitäts-Gesellschaft
  Berlin,  dass  er  z.  Z.  der  großen  Hausse  1899/1900  die  Anlagen  nicht,  wie  es  seine
Konkurrenten  taten,  durch  Neubauten  erweiterte,  sondern  durch  Einführung  der  dreifachen  Schicht
(3X8  Stunden)  die  stürmisch  wachsende  Nachfrage  zu  befriedigen  wußte.  Der  Direktor  wußte,
daß  es  sich  nur  um  eine  Eintagsfliege,  um  eine  gewöhnliche  Währungspfuscherei  handelte.
Nur  wenige  sind  es,  die  solchen  Verdacht  hegen,-  nur  wenige  sind  es,
die  die  große  Nachfrage  auf  die  verschwenderische  Notenausgabe  zurückführen,
nur  wenige  sind  es,  die  sich  vor  der  Katastrophe  zu  retten  wissen,  die  bald
genug  hereinbricht.

Wenn  öle  Preise  sinken.
Das  Geld  ist  kein  lebloser  Gegenstand,  wie  etwa  die  goldene  Kette,
die  den  Leib  des  Mctzgermeisters  schmückt.  Das  Geld  ist  auch  nicht  das  passive
Ding,  das  die  Währungslitcratur  aus  ihm  machen  möchte  (s.  Knapp*).  Das
Geld  hat  Kräfte,  ungeheure,  merkamotorische  Kräfte  (Verschleißkräfte),  die,  je
nachdem  sie  gefesselt  oder  nutzbar  gemacht  werden,  ein  Land,  eine  Welt,  ein
Zeitalter  zu  ungeahnter  Blüte  oder  in  den  Abgrund  treiben  können.  Von
der  Verfassung  des  Geldes  hängt  es  ab,  ob  die  Mutter  aller  Kultur,  die
Arbeitsteilung,  lebt  oder  stirbt.
Der  Arbeiter  singt  zwar  sein  billiges  Liedchen:
Alle  Räder  stehen  still,
Wenn  mein  starker  Arm  es  will.
Aber  vorläufig  ist  das  noch  Zukunftsmusik.  Diese  Macht,  die  Räder  zum  Stillstand ­
  zu  zwingen,  hat  heute  nur  einer  km  Lande,  und  das  ist  die  Emissionsbank.

*)  Die  Börsenspekulanten,  Börsenkönkge,  die  sogen,  „baute  ürwrice"  haben  natürlich  das
größte  Interesse  daran,  solche  Literatur  zu  unterstützen.  Mit  seiner  Theorie  des  Geldes  hat  Marx
die  rote  Garde  direkt  vor  Mammons  Tempel  ausgestellt.
        <pb n="44" />
        privat-  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen.

44

Nachdem  die  Emissionsbank  die  allgemeine  Preistreiberei  mit  ihren  Noten
genährt  und  damit  die  Produktionskräfte  aufs  äußerste  angespannt  hat/  nachdem ­
  sie  beobachten  konnte,  daß  alle  Unternehmer,  auf  die  Dauer  der  Verhältnisse ­
  rechnend,  und  die  Hausse  als  einen  Beweis  des  Warenmangels
ansehend,  ihre  Betriebe  erweiterten  und  Unsummen  für  neue,  größere  Maschinen
verausgabten,  erinnert  sie  sich  plötzlich  wieder  ihrer  Pflichten  als  Hüterin
der  Goldwährung.
Sie  sieht,  wie  die  Münzen  zur  Goldschmiede  wandern,  oder  falls  es
sich  um  eine  nationale  Hausse  handelt,  wie  die  Banknoten  zur  Quelle
zurückwandern  und  das  Gold  die  Grenzen  überschreitet.  Sie  sieht  jetzt  an
den  F  o  l  g  e  n  der  Hausse,  daß  sie  zu  weit  gegangen  war  mit  der  Notenausgabe. ­
  Nicht  an  der  Wirkung  (der  Hausse),  sondern  erst
spät,  zu  spät,  an  der  Rückwirkung  (dem  Goldexport)  erkennt
sie  ihren  Fehltritt.  Die  Emissionsbank  kümmert  sich  nicht  um  die
Warenpreise,-  darum  wird  sie  auch  die  direkte  Wirkung  ihrer  Streiche  garnicht ­
  gewahr.  Sie  erkennt  die  Gefahr  der  Notenüberschwcmmung  immer  erst
dann,  wenn  die  Dämme  durchbrochen  sind.  Dann  erst  wird  sie  sich  bewußt,
daß  sie  zu  weit  mit  der  Notenausgabe  gegangen  ist.  Dann  aber  greift  sie
umso  gröber  zu,  und  mit  dem  größten  Gleichmut,  als  ob  weiter  garnkchts
daran  läge,  wie  jemand,  der  die  Folgen  seiner  Missetaten  nicht  am  eigenen
Leibe  zu  spüren  braucht,  wie  ein  unverantwortliches  Kind,  entzieht  sie  nun
wieder  ihre  Noten  dem  Verkehr,  gerade  kn  dem  Moment,  wo  die  Banknoten ­
  einen  vernünftigen  Zweck  hätten.  (Erleichterung  der  Hochkonjunkturliquidation.)

Aber  das  Geld  hat  den  Charakter  des  Wolfes,-  es  hat  nur  Mut,  wenn
es  massenhaft,  im  Rudel  auftreten  kann.  Sieht  es  die  eigenen  Reihen  aus
irgend  einem  Grunde  sich  lichten,  so  weicht  es  auch  bald  auf  der  ganzen
Linie,-  die  Furcht  vor  der  Baisse  lähmt  seine  merkamotorische  Kraft,  und  feig
zieht  es  sich  vom  Markte  zurück.
Unseres  Wissens  ist  es  der  Bimetallist  Emil  de  Laveleye  gewesen,  der  zuerst  auf  die
höchst  eigentümliche,  für  alle  in  dem  Wertglauben  Befangenen  völlig  unerklärliche  Erscheinung
aufmerksam  machte,  daß,  wenn  man  das  Geldangebot  auf  irgend  eine  Weise,  etwa  durch  den
Übergang  von  der  Bimetallie'zur  Monometallie,  verkleinert,  der  Rest  des  Geldes  dann
kaufmännisch  unbrauchbar  wird  und  sich  kn  den  Banken  konzentriert.
Dieses  Gesetz,  welches  wir  das  Laveleye'sche  oder  Bimetallistksche  Gesetz  nennen  möchten,
ist  für  die  Währungstechnik  von  größer  Bedeutung.  Es  läßt  keine  Ausnahme  zu  und  wirkt
überall  gleichmäßig,  ob  es  sich  um  Goldwährung,  Doppelwährung  oder  Papierwährung
handelt.  Am  sinnfälligsten  war  das  Wirken  dieses  Laveleye'schen  Gesetzes  vor  einigen  Jahren
in  Argentinien  zu  beobachten.  Hier  hatte  man  beschlossen,  einen  Teil  der  Staatseinnahmen
dazu  zu  benutzen,  jährlich  einen  größeren  Betrag  des  umlaufenden  Papiergeldes  einzuziehen
und  zu  verbrennen  mit  der  ausgesprochenen  Absicht,  auf  diese  Weise  die  preise  zu  drücken,
damit  alles  recht  billig  werden  sollte!!  Das  Resultat  war,  daß  im  Jahre  1899  zwei
volle  Drittel  der  gesamten  Emission  von  ZOO  Millionen  (also  200  Millionen)  in  den
Banken  brach  lagen  und  zu  einem  nie  gesehenen  niedrigen  Zinsfuß  zu  haben  waren.  Niemand
konnte  das  Geld  kaufmännisch  anwenden,-  wer  es  wagte,  hatte  regelmäßig  Verluste.  Mit  Ausnahme ­
  der  wenigen,  die  das  Laveleye'sche  Gesetz  kannten,  wußte  niemand  die  Erscheinung  zu
deuten.  Als  man  im  Jahre  1900  mit  dem  Verbrennen  des  Papiergeldes  aufhörte,  verschwanden ­
  auch  sofort  die  Millionen  auf  den  Banken  und  ergossen  sich  auf  den  Markt.  Und
        <pb n="45" />
        4)

Wenn  die  preise  sinken.

den  Beweis,  daß  Jene  200  Millionen  nicht  etwa  überschüssig  waren,  liefert  der  Umstand,  daß
man  seitdem,  also  in  8  Jahren,  den  alten  Bestand  an  Papiergeld  fast  verdoppelt  hat,  ohne
daß  von  einem  Uberschuß  die  Rede  sein  kannH.
Die  Erklärung,  warum  das  Geld  bei  eintretender  Baisse  sich  zurückzieht, ­
  haben  wir  mit  der  nötigen  Ausführlichkeit  im  ersten  Teil  dieser
Schrift  gegeben.  Jetzt  wollen  wir  die  Folgen  dieser  neuen  Wendung  der
Emissionspolitik  der  Reichsbank  uns  näher  ansehen.
Wenn  die  Preise  fallen,  so  weint  der  Schuldner,  und  es  lacht  der
Gläubiger.  Der  Schuldner  muß  bei  fallenden  Preisen  eine  größere  Masse
Güter  von  seinem  Aktivum  opfern,  um  den  Zins  seiner  Schulden  (Passivum)
aufzubringen.  Und  diese  größere  Masse  fließt  in  die  Taschen  der  Gläubiger.
Die  Waren  werden  billig,  jauchzt  der  Gläubiger.  Die  Schuld  wird
drückend,  flucht  sein  Schuldner.  So  gleichen  sich  die  Interessen  wieder
aus,  die  durch  die  vorhergehende  Hausse  verschoben  wurden,  beschwichtigt
die  Emissionsbank.
Dieser  Ausgleich  findet  allerdings  oft  statt,-  aber  er  bildet  doch  nicht  derart  die  Regel,
daß  man  vom  Standpunkt  der  Gerechtigkeit  gleichgültig  dem  Aus-  und  Abwogen  der  Preise
zusehen  könnte.  Viele,  sehr  viele  Gläubiger  werden  durch  die  Hausse  ruiniert  und  zu  Schuldnern
degradiert.  Für  diese  bedeutet  die  nachfolgende  Baisse  keine  Rehabilitierung,  sondern  im
Gegenteil  einen  neuen  Keulenschlag  auf  den  Kopf.
Und  umgekehrt.  Mancher  Schuldner  wird  durch  die  Hausse  kn  den  Rentnerstand  gehoben, ­
  der  dann  als  solcher  von  der  Baisse  neue  Vorteile  gewinnt.
Die  Kaufleute  merken,  daß  sie  bei  einem  weiteren  Preisrückgang  dem
Bankerott  entgegentreiben  und  zweifeln  an  ihrer  Zahlungsfähigkeit.  Um
diese  festzustellen,  machen  sie  eine  Inventur:

Bestand

Einstandspreis ­


Kosten

Jehkger
preis

Inventur-Wert


1000  Kilo  Garn  .  .

10-10

  000

8-8

  000

100  Tonnen  Tau  .

500

50  000

400

40  000

50  Faß  Heringe  .

60

3  000

45-2250



500  Sack  Mehl.  .

20

10  000

25-*)

12  500

20  000  Kilo  Speck  .  .

1

20  000

1,10*)

21  000

100  Fuhren  Holz  .

20

2  000

22-*)

2200

2  000  Tonnen  Eisen  .

30

60  000

23-46

  000

200  Ballen  Tuch  .

200

40  000

150-30

  000

50  Kisten  Schuhe  .

150

7500

120-6

  000

60  Tonnen  Nägel  .

50

3  000

40-2

  600

Einstandpreis

205  500

170  550

Inventurpreis

170  550

Verlust

Mk

34  950  =

20%  des  Kapitals.

Es  ist  durchaus  nicht  nötig,  daß  alle  Preise  fallen,  um  von  einer  allgemeinen  Baisse
sprechen  zu  können.  Im  obigen  Beispiel  sind  die  drei  mit  *)  versehenen  Artikel  gestiegen,  doch
im  Durchschnitt  fielen  die  preise  um  3)  000  Mark.
Verteilt  sich  die  Baisse,  die  kn  unserem  Beispiel  20%  des  Warenlagers
  beträgt,  auf  eine  längere  Zeitspanne,  so  fällt  der  Verlust  auf  alle
i)  Dieselbe  Erscheinung  beobachtete  man  zur  Zeit  in  den  Verein.  Staaten,  wo  die  Preise
wie  damals  in  Argentinien  abgebaut  werde».  (1921)
        <pb n="46" />
        privat-  und  volkswirschastliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen.

46

während  der  Baisse  ein-  und  ausgehenden  Waren,  nicht  aus  die  Waren
allein,  die  bei  der  Inventur  gerade  auf  Lager  waren.  Statt  20°/„  aus  einmal ­
  zu  verlieren,  verliert  er  vielleicht  lOmal  nacheinander  2%.  Das  Ergebnis ­
  ist  dasselbe.
Ein  Verlust  von  20°/„  des  Aktivums  bedeutet  aber  bei  der  heutigen  ausgedehnten ­
  Kredktwkrtschast  kn  sehr  vielen  Fällen  einfach  den  Verlust  des
Eigenkapitals,  d.  h.  den  Bankerott.
Vor  der  Baisse.
Aktivum,  Waren  100000
Außenstände  50  000
150000
»Passivum  .  .  .  .  120  000
Kapital  30  000
Bach  der  Baisse.
Abschreibung  20  °/ 0  der  Waren  .  ,  .  .  ,  20  000
20%  Delkredere  auf  50  000
Außenstände  10  000  30  000
Kapital  000
Es  ist  nämlich  zu  beachten,  daß  die  Sicherheit  der  Außenstände  (Kreditverkäufe) ­
  bei  einer  Baisse  gleich  zweifelhaft  wird,  und  daß  jeder  gewissenhafte
Kaufmann  beim  Umkippen  der  Hausse  in  Baisse  einen  der  Baisse  proportionalen ­
  Abstrich  von  seknenForderungcn  machenwird,  so  obenlOOOOvon  50000.
Gehen  nun  die  Preise  noch  weiter  herunter,  so  muß  in  unserem  Beispiel ­
  der  Kaufmann  seine  Zahlungsunfähigkeit  anmelden.
Und  es  ist  durchaus  nicht  unmöglich,  daß,  wenn  die  Preise  um  20  %
gefallen  sind,  sie  nicht  noch  weiter  zurückgehen  können*).  Denn  die  Emissionsbanken ­
  verstehen  es  heute,  ordentliche  Differenzen  zu  erzeugen.  (Der  Abstand ­
  zwischen  Hoch-  und  Tiefstand  der  Preise  scheint  immer  größer  zu  werden,
je  mehr  das  Bankwesen  ausgebildet  wird.)  Wenn  die  Preise  steigen,  so
werfen  die  Emissionsbanken  (wie  alle  anderen  Geldinstitute)  ihr  ganzes  Kapital
auf  den  Markt  und  beuten  das  Emissionsrecht  voll  aus.  Und  wenn  die
Preise  dann  fallen,  dann  haben  sie  nichts  in  Händen,  um  der  Baisse  entgegenzuarbeiten,- ­
  vielfach  geschieht  es  auch,  daß  sie  bei  der  Krise,  auf  ihre  eigene
Sicherheit  bedacht,  ihre  Mittel  dem  Verkehr  entziehen.

Nicht  alle  Preise  machen  die  Baisse  mit,  sonst  würden  nur  die  Gläubiger
und  Schuldner  lachen  und  weinen,  und  auch  mu°  in  dem  Maße,  wie  sie
Gläubiger  und  Schuldner  sind.  Die  Preise,  die  die  Hausse  nicht  mitmachten,
rühren  sich  auch  nicht  bei  der  Baisse.  Die  Tarife  der  Staatsleistungen
kümmern  sich  so  wenig  wie  die  Emissionsbank  um  die  Marktpreise.  Ob  der
i)  In  den  Verein.  Staaten  sind  die  preise  seit  Oktober  1926  weit  über  20°/o  gesunken.
Zu  Tausenden  zählen  auch  bereits  die  kaufmännischen  Zusammenbrüche.
        <pb n="47" />
        4?

Wenn  die  Preise  sinken.

Weizen,  der  Spiritus,  die  Kohle  100  oder  200  kostet,  ist  dem  Staate
einerlei,-  er  berechnet  immer  denselben  Frachtsatz.  Und  so  kommt  es,  daß  die
Fracht,  die  bei  der  Hausse  etwa  nur  50%  des  Preises  ausmachte,  jetzt  bei
der  Baisse  60—7O°/ 0  beträgt.  Auch  die  Löhne  gehen  nicht  sofort  herunter.
Die  Arbeiter  streiken  —  lieber,  als  das;  sie  sich  einen  Lohnabzug  gefallen
lassen.  Zwar  geht  ja  der  Lohn  mit  der  Zeit  auch  herunter,-  aber  in  der
Zwischenzeit  muß  der  Unternehmer  einen  Lohn  bewilligen,  der  nicht  dem  erzielbaren ­
  Verkaufspreis  des  Produktes  entspricht  —  oder  aber  den  Betrieb
einstellen.
Dieses  Benehmen  der  Arbeiter  ist  ein  Produkt  der  heute  vorherrschenden  Lohntheorte,  laut
welcher  die  Lohnhöhe  weniger  ein  Produkt  der  Marktverhältntffe  als  ein  solches  der  sogen.  Lohnkämpfe ­
  sein  soll.  Darum  sucht  der  Arbeiter  zu  kämpfen,  d.  h.  zu  streiken  und  zu  hungern.  Doch
endet  in  der  Regel  dieser  sonderbare  Kampf  (Hungerkunst)  mit  ganz  prosaischem  Handeln  und
Feilschen.  2m  Grunde  ist  dieser  sogenannte  Lohnkampf  nichts  mehr  als  ganz  gewöhnlicher  Kuhhandel, ­
  und  das  Resultat  des  selbstmörderischen  Kampfes  hängt  viel  mehr  von  den  Marktverhältniffen
  resp.  den  Emissionsbanken  ab,  als  von  der  Fähigkeit  der  Arbeiter,  dem  Hunger  zu  widerstehend
Atlch  die  Steuern,  sowohl  die  Staats-  wie  die  Gemeindesteuern,  bleiben
unverändert,-  der  Steuerbeamte  kümmert  sich  nicht  um  die  Preise  der  Produkte.
Die  Pacht  oder  Miete  für  das  Grundstück  und  Gebäude  wird  von  jedem
vorsichtigen  Unternehmer  regelmäßig  auf  längere  Zeit  kontraktlich  abgeschlossen.
Gehen  nun  die  preise  herunter,  so  müßten  auch  Pacht  und  Miete  heruntergehen, ­
  damit  das  Gleichgewicht  zwischen  Erlös  und  Kosten  erhalten  wird.
Aber  was  kümmert  den  Besitzer  die  Sorge  seines  Pächters.  Er  besteht  auf
seinem  Schein  und  tröstet  höchstens  den  Pächter  mit  der  Aussicht,  die  ja  die
Erfahrung  wahrscheinlich  macht,  daß,  wenn  sich  die  Baisse  ausgetobt,  die
Zeit  für  eine  neue  Hausse  kommen  wird.

Es  ist  die  Regel,  daß  fast  alle  Unternehmer,  ähnlich  wie  die  Kaufleute^
mit  fremdem  Geld  arbeiten.  Sie  stecken  fast  alle  bis  tief  an  den  Hals  in
Wechselschuldcn,  Oblkgatkonenschulden,  Kommanditschulden,  Hypothekenschulden
usw.  —  und  alle  diese  Schulden  sind  Geldschulden.  Hat  der  Unternehmer  für
Zins  und  Tilgung  jährlich  10  000  zu  zahlen,  so  bleibt  die  Summe  gleich,
wenn  durch  Rückgang  der  Preise  der  Erlös  der  Produkte  von  100  000  etwa
auf  80  000  zurückgeht.  Die  Gläubiger  kümmern  sich  da  nicht  um  die  Warenpreise, ­
  sie  verlangen  ihr  Geld  zurück  auf  Heller  uud  Pfennig,  den  vollen
Betrag.  Und  wer  wird  ihnen  solches  übelnehmen,  nachdem  sie  unter  der  vorangegangenen ­
  Hausse  schwer  gelitten  hatten?
Das  Produkt  des  Unternehmens  sei
1000  Ballen  Zeug  zu  100  gleich  100  000
Produktionskosten:
Pacht  oder  Miete  5000
Frachten  5000
Steuern  1000
Zinsen  9000
Von  den  Konjunkturen  unberührte  Produktionskosten  20  000  20  OOO
Bleiben  dem  Unternehmer  80  000
        <pb n="48" />
        privat-  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen.

^8

um  die  Arbeiter  und  das  Rohmaterial  zu  bezahlen  und  für  den  eigenen  Lohn
(Unternehmergewinn).
Geht  nun  der  Erlös  der  1000  Ballen  durch  einen  preksfall  von  etwa
25%  von  100  000  auf  75  000  zurück,  so  bleiben  für  Rohstoffe,  Löhne
und  Gewinn  nur  55  000  zurück  (nämlich  75  000  —  20  000),  da  ja  die
obengenannten  Unkosten  von  den  Konjunkturen  unberührt  bleiben.  Rechnen
wir,  daß  Löhne  und  Rohstoff  gleichfalls  25%  km  preise  zurückgehen  (was
aber  nicht  für  die  Löhne  sofort  zutrifft),  so  hätte  der  Unternehmer  hierfür
80  000  -7  25  —  60  000  zu  zahlen.
So  stellt  sich  dann  die  Bilanz  wie  folgt:
Von  den  Konjunkturen  unberührte  Produktionskosten  ....  20  000
Rohstoff  und  Löhne  nach  25°/«  Konjunkturrabatt  ....  .  60  000
Kosten  80  000
1000  Ballen  zu  100  mit  gleichem  Konjunkturrabatt  (25%)  .  75  000
Verlust  5  000
Dieser  Verlust  rührt  direkt  von  den  Produktionskosten  her,-  er  hat  nichts
zu  tun  mit  dem  Jnventurverlust,  den  derselbe  Unternehmer  dadurch  erleidet,
daß  er  wie  der  Kaufmann  von  seinem  Lager  an  Rohstoffen,  Halb-  und
Fertigprodukten  einen  der  Baisse  entsprechenden  Abstrich  machen  muß.
Bei  der  Inventur  hat  der  Unternehmer  nach  gesetzlicher  Vorschrift  nicht  den  Kostenpreks
(den  preis,  den  er  bezahlt  hat)  anzurechnen,  sondern  den  Marktpreis,  d.  i.  den  preis,  den  er  am
Tage  der  Inventur  anlegen  müßte,  um  sich  in  den  Besitz  der  Inventursrücke  zu  setzen.
Eigentlich  müßte  dieser  Abstrich  sogar  auf  das  sonstige  Kapital  (Häuser,
Maschinen,  Schiffe)  ausgedehnt  werden,  was  man  nur  darum  nicht  tut,  weil
man  weiß,  daß  die  Baisse  ja  doch  wieder  von  einer  Hausse  abgelöst  wird.
Aber  alle  diese  Verluste  der  Schuldner  zugunsten  der  Gläubiger,  die
viele  Milliarden  für  ein  Gebiet  wie  etwa  das  der  Reichsbanknote  betragen,  erscheinen ­
  rinbedeutend  gegenüber  den  Verlusten,  die  das  Volk  als  Ganzes,
Gläubiger  und  Schuldner  einbegriffen,  dadurch  erleidet,  das;  die  Baisse  den
Handel,  die  kaufmännische  Umlage  des  Geldes  rmmöglich  macht  und  damit
die  Entwicklung  der  Industrie  lähmt.  Die  Verluste,  die  die  Schuldner  durch
die  Baisse  erleiden,  existieren  für  das  Ganze  nicht,-  denn  das  Geld  der
Schuldner  fließt  in  die  Taschen  ihrer  Gläubiger.  Wird  der  Schuldner  mager,
so  wird  dafür  der  Gläubiger  um  so  fetter,-  das  Gesamtgewicht  der  Bürger
bleibt  unverändert.  Wenn  sich  aber  der  Kapitalist  auf  dem  Markte  umsieht
nach  einer  Neuanlage  der  bei  ihm  eingegangenen  Gelder  (Dividenden,  bezahlte ­
  Wechsel,  verkaufte  Waren,  zurückgezahlte  Hypotheken  usw.  usw.)  und
ihin  dann  in  Gestalt  der  Baisse  überall  nur  Verluste  entgegenstarren,-  wenn
der  Kapitalist  sich  sagt,  daß  er  bei  der  andauernden  Baisse  gescheiter  handelt,
wenn  er  den  beabsichtigten  Neubau,  die  Gründung  der  Fabrik,  die  Erweiterung ­
  der  Maschinenanlage  usw.  usw.  auf  morgen  verschiebt,  weil  er  doch
morgen  billiger  als  heute  kaufen,  bauen,  gründen  kann:
so  entstehen  nicht  einfache  Verschiebungen  im  Soll  und  Haben  der
Bürger,  sondern  reale  Verluste  für  das  Volksganze.  Denn  die  Arbeiter,  die
        <pb n="49" />
        4  Gesell-Frankfurlh

49

Wenn  die  preise  sinken.

das  Geld  des  Kapitalisten  sonst  beschäftigt  hätte,-sie  feiern,  und  das  Nationalvermögen ­
  verliert  die  Produkte  dieser  Arbeiter.
Es  ist  keine  Nachfrage  da  für  die  Arbeiter,  heißt  es  dann  im  Rate  der  Stadtverordneten.
Augenblicklich  (November  1908)  liegen  in  den  Berliner  Banken  große  Geldmassen  unbeschäftigt,
während  sich  die  Stadverordneten  mit  der  Frage  der  Arbeitslosigkeit  befassen.  Es  wurde  in  der
Hochkonjunktur  zu  viel  gearbeitet.  Es  war  eine  Überspekulation,  die  von  der  profitsucht  der  Unternehmer, ­
  von  der  Geldgier  der  Arbeiter  herrührte!  So  sagen  die  Zeitungen.
„Warum  arbeiten  die  Proletarier  mit  Überstunden?  Sie  mußten  doch
wissen,  daß  die  Arbeit  nachher  fehlen  würde.  Wie  vom  Weizen,  so  gibt  es
auch  von  der  Arbeit  einen  Vorrat.  Ist  der  Vorrat  aufgezehrt,  so  ist  keine
Arbeit  mehr  da."  Mit  solchem  Unsinn  erklärt  man  die  Arbeitslosigkeit.
Die  Nachfrage  nach  Arbeit  und  Ware  ist  nichts  anderes  als  ein  kaufmännisches  Rechenexcmpel.
  Steht  der  erwartete  Gelderlös  des  Produktes  über  dem  Einstandpreis,  so  fehlt  es  nie
an  Nachfrage  —  mögen  die  preise  noch  so  hoch  stehen,  möge  die  Produktion  noch  so  großen  Umfang ­
  haben.  So  lange  die  Preise  fest  sind  oder  steigen,  ist  die  Nachfrage  nach  Ware  und  Arbeit
nicht  zu  sättigen,-  denn  immer  wird  in  solchen  Fällen  der  Handel  einen  Gewinn  abwerfen,  und
dieser  Gewinn  ist  immer  die  einzigeVoraussehungder  Nachfrage  des  kaufmännischen
Geldangebots.
Gehen  dagegen  die  Preise  abwärts  und  fällt  dadurch  der  Erlös  regelmäßig  unter  den  Kostenpreis ­
  (Einstandspreis  der  Kaufleute,  Produktionskosten  der  Unternehmer),  so  wird  die  Nachfrage
nach  Arbeitern  weggefegt,-  und  mögen  die  Arbeiter  verhungern,  es  wird  sie  Niemand  beschäftigen
können.  Wer  es  versucht,  der  macht  Bankerott.
Die  Bedürfnisse  der  Arbeiter  nach  Arbeit  und  Brot  sind  eine  natürliche  Lebensäußerung,
die  Nachfrage  dagegen  ein  kaltblütiges  kaufmännisches  Rcchenepempel.
Bei  einer  allgemeinen  Baisse  ist  es  inatcriell  unmöglich,  Geld  gewinnbringend ­
  anzulegen.  Wo  der  Kaufinann  oder  der  Unternehmer  den  Fuß  hinstellt, ­
  sinkt  er  ein.  Spottbillig  werden  die  Waren  angeboten,-  die  Arbeiter
gehen  mit  ihren  Forderungen  herunter,  doch  niemand  kann  sie  beschäftigen.
Für  den  Kaufmann  existiert  billig  und  teuer  ja  garnicht,-  er  hat  es  auf  die
Differenz,  den  Unterschied  zwischen  Einstand  und  Erlös  abgesehen.  Dieser
Unterschied  allein  interessiert  ihn.  Darum  übt  ein  Herabgehen  der  Preise,
ein  Nachlassen  in  den  Lohnforderungen  der  Arbeiter  gar  keinen  verlockenden
Einfluß  auf  ihn.  Im  Gegenteil:  die  bescheidene  Haltung  der  Arbeiter  macht  ihn
stutzig,  das  Zurückgehen  der  Preise  schreckt  ihn  ab.  Weiß  er  doch,  daß,  wenn  er
billig  kauft,  seine  Konkurrenten  auch  billig  kaufen  und  daß  darum  das  Billigerwerden ­
  kein  Vorteil  (vom  Standpunkt  seines  Warenlagers  im  Gegenteil  ein
Nachteil)  für  ihn  ist.  Was  ihn  interessiert,  ist  das  Verhältnis  des  Verkaufspreises
zum  Einstandspreis,  und  er  berechnet,  daß  bei  der  bestehenden  Arbeitslosigkeit
die  Masse  des  Volkes  nicht  das  Geld  haben  wird,  um  den  Bedarf  an  Waren
in  Kauf  resp.  Nachfrage  zu  verwandeln,  und  daß  dann  die  Verkaufspreise
wegen  ungenügenden  Absatzes  noch  weiter  heruntergehen  werden.
Was  nützt  also  das  Billigerwerden  der  Waren!  So  ist  nun  die  Kette  geschlossen,- ­
  ein  vollkommener  circulus  vitiosus.  Die  Notenbanken  kommen  bei
der  Baisse  dem  Markte  nicht  zu  Hilfe,  ziehen  sogar  ost  noch  Kapital  und
Noten  ein  und  setzen  so  die  Preise  weiter  herunter.  Der  Kapitalist  findet
keine  Gelegenheit  zu  differenzbringenden  Geschäften.  Der  Arbeiter  seieU.  Der
Kaufmann  folgert  von  der  vcrinindcrtcn  Arbeitsgelegenheit  einen  verminderten
Warenkonsum  und  sinkende  Verkaufspreise.  Er  bestellt  nichts  beim  Unternehmer, ­
  wodurch  neue  Arbciterentlassungen  notwendig  werden  usw.
        <pb n="50" />
        privat-  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen.

Der  verminderte  Absatz  bedeutet  aber  wieder  Betriebsverluste  für  den
Kaufmann  und  Unternehmer,  und  diese  Betriebsverluste  zusammen  mit  den
schon  beschriebenen  Inventurverlusten  führen  schließlich  dahin,  daß  viele  Kaufleute
Ausverkäufe  veranstalten,  nur  um  sich  das  Geld  für  fällige  Zahlungen  zu
verschaffen.  Das  verschärft  danit  auch  wieder  die  Baisse.  Schließlich  stellt  sich
die  Zahlungsunfähigkeit  ein  mit  gerichtlichen  Zwangsverkäufen.
Aber  auch  hier  unter  dem  Stuhle  des  Auktionators  gelangt  der  Stein
noch  nicht  zur  Ruhe,  den  die  Emissionsbank  mit  ihrer  sinnlosen  Emissionspolitik ­
  ins  Rollen  gebracht.
Die  häufiger  werdenden  Zahlungseinstellungen  haben  zur  unausbleiblichen ­
  Folge,  daß  der  Kredit  eingeschränkt  wird  lind  daß  ein  großer  Teil  der
Waren,  die  bis  dahin  mit  Privattauschmitteln  (Wechsel,  Stundung  usw.)
ausgetauscht  wurden,  jetzt  nur  noch  gegen  Bargeld  angeboten  werden  —  gerade
zu  einer  Zeit,  wo  die  Emissionsbanken  das  Geld  in  den  Ofen  werfen  und
die  Kapitalisten  aus  Furcht  vor  Verlusten  das  Geld  in  Kellern  verbergen.
Diese  neue  und  große  Verschiebung  in  dem  Verhältnis  zwischen  Geld
und  Ware  hat  wieder  eine  neue  Baisse  zur  Folge.
Und  wir  sind  nicht  am  Ende  der  Leidensgeschichte.  Wich  die  Staatskassen
sollen  an  den  Wunden  mit  leiden,  die  die  Politik  der  Emissionsbank  dem
Handel  schlägt,  demselben  Handel,  den  sic  zu  fördern  berufen  ist.
Geht  mit  dem  Eintritt  der  Baisse  die  Möglichkeit  verloren,  das  Geld
sicher  im  Handel  und  in  der  Industrie  anzulegen,  werden  von  den  Kaufleuten
die  Waren  abbestellt,  werden  die  Arbeiter  entlassen  usw.,  wie  können  da
noch  den  Staatskassen  die  Millionen  zufließen,  die  ihnen  sonst  die  Verkehrsund ­
  Konsumsteuern  einbringen?
Wie  können  die  Post,  der  Telegraph,  die  Eisenbahnen  dieselben  Überschüsse ­
  abwerfen,  wenn  die  Emissionsbank  den  Verkehr  lahmgelegt  hat?
Mit  dem  Eintritt  der  Baisse  fallen  alle  Konsumsteuern  entsprechend  der
verminderten  Arbeitsgelegenheit  und  der  dadurch  herabgesetzten  Konsumkraft,
fallen  alle  Einnahmen  aus  den  Getreidezöllen,-  denn  der  arbeitslose  Proletarier
ernährt  seine  Familie  mit  Kartoffeln,  für  Brot  hat  er  kein  Geld,-  fallen  die
Einnahmen  aus  den  Wechselsteuern,  weil  die  Baisse  den  Kredit  einschränkt
und  der  Wechsel  unbrauchbar  wird,-  fallen  die  Einnahmen  atls  der  Fahrkartensteuer, ­
  weil  das  ganze  Volk  eine  Stufe  nach  der  ff.  Klasse  herabsinkt,-fallen
  die  Einnahmen  aus  den  Eisenbahn-,  postbetrkebsübcrschüsscn,  weil  bei
der  Baisse  der  Warentransport  stockt,-  fallen  die  Einnahmen  aus  der  Einkommensteuer, ­
  weil  die  Baisse  allgemeine  Bettelei,  keinen  Reichtum  erzeugt/
fallen  die  Einnahmen  aus  der  Erbschaftssteuer,  weil  das  Nationalvermögen
in  Mark  ausgedrückt  entsprechend  zur  Baisse  gefallen  ist  und  weil  dieses
Nationalvermögen  durch  die  Arbeitslosigkeit  reale  Verluste  erfährt.
Und  Hand  in  Hand  mit  den  verminderten  Einnahmen  wachsen  bei  der
Baisse  eine  Reihe  von  Staatsausgaben.  Wenn  die  Preise  fallen,  so  steigt
die  Zahl  der  Verbrechen,  und  aus  leicht  erklärlichen  Gründen,-  denn  auch  der
rechtlich  denkende  Mann,  der  keine  Arbeit  findet  und  dessen  Kinder  nach  Brot
schreien,  geht  auf  die  Landstraße  und  überfällt  den  ersten  besten,  der  ihm
begegnet.  Für  ihn  muß  dann  der  Staat  die  Strafanstalt  erweitern.  Dann
        <pb n="51" />
        4*

51

Wenn  die  Preise  sinken.

geht  auch  das  Weib  des  Zuchthäuslers  an  Entbehrungen  zu  Grunde,  wird
kn  Spitälern  auf  Staatskosten  verpflegt  und  wird  auf  Staatskosten  begraben.
(Die  Spitäler  bevölkern  sich  im  gleichen  Maße  wie  die  Preise  fallen).  Und
für  die  Kinder  werden  die  Waisenhäuser  erweitert.
So  kann  man  in  der  letzten  schroffsten  Folgerung  sagen,  daß  die
Emissionsbank  mit  ihrer  Politik  die  Kirchhöfe,  die  Kranken-,  Waisen-  und
Zuchthäuser  bevölkert.
Wir  wollen  hier  das  Sündenregister  der  Emissionsbanken  schließen.  Es
sind  genug  der  Sünden  cküfgezählt,  um  sich  ein  Urteil  erlauben  zu  können.
Die  Emissionsbanken  haben  sich  bei  der  Notenausgabe  niemals  um  die
Warenpreise  gekümmert,  obschon  sie  die  Ausgabe  übernommen  haben,  mit
ihrem  Kapital  und  mit  Hilfe  des  Notenprivilegs  die  Schwankungen  des
Marktes  im  Bedarf  an  Tauschmitteln  auszugleichen.  Sie  haben  Geld
(Tauschmittel)  ausgegeben,  wenn  die  steigenden  Preise  einen  Uberschuß  an
Geld  anzeigten,  und  haben  Geld  eingezogen,  wenn  die  Preise  stelen.  Sie
haben  regelmäßig  wie  jedes  andere  Prkvatkapktal  Dividenden  verteilt  (die
Reichsbankaktien  stehen  beträchtlich  über  pari),  was  für  eine  Emissionsbank,
die  ihre  Aufgabe  erfüllt,  einfach  unmöglich  wäre.  So  hätte  z.  B.  die  Reichbank
etwa  vom  Jahre  1904/5  bis  1907  aus  das  Notenprivileg  vollkommen  verzichten, ­
  alle  Noten  verbrennen  und  noch  ihr  eigenes  Kapital  zurückziehen
müssen,  wenn  sie  der  damals  einsehenden  Hausse  einen  Damm  hätte  entgegenstellen ­
  wollen.  Aber  sie  dachte  nicht  daran,  nur  eine  einzige  Note  den
Waren  und  ihren  Preisen  zu  opfern.
Und  weil  sie  bei  der  Hausse  nicht  auf  das  Privileg  der  Notenausgabe
und  auf  Dividenden  verzichtete,  darum  konnte  sie  auch  bei  einsehender  Baisse
dem  Handel  nicht  Hilfe  eilen.
Ihre  regulierende  Wirkung  ist  schlechter  als  Null,-  denn  regulieren,
ausgleichen  heißt  für  eine  Notenbank  dem  Markte  den  Uberschuß  an  Geld
entziehen  und  auf  Zins  verzichtend  vergraben,  um  es  dann  dem  Markte  zuzuführen, ­
  wenn  es  dort  fehlt.  Die  Notenbanken  haben  ringefähr  die  Rolle
zu  spielen,  die  den  Zweck  der  Getreidespeicher  ausmachten,  welche  Joseph  in
Ägypten  bauen  ließ.  Diese  Speicher  nahmen  die  Überschüsse  auf,  um  in
Notjahren  das  fehlende  hergeben  zu  können.  Wann  aber  ist  es  den  Emissionsbanken ­
  eingefallen,  den  Geldüberschuß,  der  sich  in  der  Hausse  offenbart,  dem
Verkehr  zu  entziehen?
Die  Folge  war,  daß  die  Warenpreise  auf  und  ab  gegangen  sind  —
genau  so,  vielfach  noch  schlimmer  als  in  den  Ländern  mit  der  verpönten
Papiergeldwkrtschast.
1.  Weil  die  Preise  stiegen,  wurden  die  Gläubiger  um  Milliarden
geschädigt,  betrogen.
2.  Wurden  die  Unternehmer,  die  feste  Lieserungskontrakte  hatten,  in
den  Bankerott  getrieben.
3.  Wurde  den  Arbeitern  und  Beamten  der  Lebensunterhalt  verteuert,
während  die  Lohnbesserungen  nur  zögernd  folgten,  bei  den  Beamten  Jahre
auf  sich  warten  ließen.
4.  Wurde  die  Spielwut,  die  Spekulation  großgezogen.
        <pb n="52" />
        privat-  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Preisschwankungen.

52

5.  Wurden  alle  preise  durcheinandergeworfen,  alle  Kataloge  und  Preislisten ­
  zu  Makulatur,  mußten  sämtliche  preise  täglich  neu  berechnet  werden.
6.  Wurde  die  Bruttoprofitrate  auf  Kosten  der  Konsumenten  und  zu
Niemandes  Vorteil  erheblich  erhöht.
7.  Mußten  viele  Rentner  ihre  Ausgaben  einschränken,  wodurch  eine
Menge  Industriezweige  notleidend  wurden  und  Tausende  von  Bürgern  Beruf,
Wohnort,  Lebensgewohnheiten  wechseln  mußten.
8.  Wurden  Millionen  von  Waren  zu  Lagerhütern.
9.  Mußte  der  Staat  Hunderte  von  Millionen  mehr  für  Heeresprovkant
  ausgeben.
10.  Wurde  das  Steuerbewillkgungsrecht  der  Volksvertretung  zur  Illusion.
(Siehe  unten  S.  61).
11.  Wurden  die  Unternehmer  veranlaßt,  ihre  Betriebe  zu  erweitern,-  nur
um  zu  spat  zu  erfahren,  daß  die  gestiegene  Nachfrage  nur  eine  Eintagserscheinung, ­
  nur  ein  Schwindelprodukt  der  Banknoten  waren.
Die  Geschäftswelt  hat  aber  noch  nicht  Zeit  gehabt,  sich  kn  all  diese
neuen  Verhältnisse  einzuleben,  so  muß  auch  schon  die  Notenbank  die  Noten
einziehen,  um  die  Goldwährung  zu  schützen.  Die  allgemeine  Baisse,  die  diesen
Einzug  begleitet,  hat  dann  zur  Folge,  daß:
1.  Das  Aktivum  der  Schuldner  (Unternehmer,  Landwirte,  Kaufleute
usw.)  sich  zum  Passivum  im  Verhältnis  zum  Fortschreiten  der  Baisse  verschiebt,
was  allein  schon  eine  Menge  Zahlungseinstellungen  verursacht  und  Vermögensverschiebungen ­
  von  vielen  Milliarden  verursacht.
2.  Daß  der  Geldumlauf  unterbrochen,  der  Handel  rechnerisch  unmöglich
wird,  jedes  Geschäft  Verlust,  jedes  neue  Unternehmen  Bankerott  verspricht.
3.  Daß  der  Warenabsatz  gehemmt,  die  Arbeiter  entlassen,  der  Konsum
vermindert  wird,  die  Löhne  sinken.
4.  Daß  der  Kredit  eingeschränkt,  die  Wechsel  und  sonstigen  Geldsurrogate
aus  dem  Handel  ausgeschaltet  werden,  weshalb  der  ganze  Warenaustausch
auf  das  Bargeld  fällt,  wodurch  die  preise  noch  weiter  sinken  und  neue
Zahlungseinstellungen  hervorrufen.
5.  Daß  die  Einnahmequellen  des  Staates  spärlicher  fließen  und  das
Staatsbudget  mit  Defizit  abschließt.
6.  Daß  Zuchthäuser,  Spitäler,  Waisenhäuser  und  Friedhöfe  erweitert
werden  müssen.
7.  Daß  Revolten  ausbrechen,  Attentate  verübt  werden,  das  ganze
Volk  zu  Bettelei  verdammt,  in  der  Kultur  die  mühsam  erklommenen  Stufen
wieder  htnabgestoßen  wird.
Die  meisten  anarchistischen  Attentate,  auch  Hödels  und  Nobilings  Anschläge,  fanden  in
Baisse-Zeiten  statt.  Für  diese  Taten  sind  die  Notenbanken  vielleicht  eher  verantwortlich  zu  machen,
als  die  anarchistische  Literatur.
        <pb n="53" />
        Währungstechnische  Vorschläge  für  die  Sicherung  der  Währung.

53

Mährungstechmsche  Vorschläge  für  öre  -Sicherung  öer  nationalen  unö
internationalen  Währung.
Rationale  Währungspolitik.
Das  Geld  ist  ein  Werkzeug  des  Warenaustausches,  in  letzter  Linie  der
Arbeitsteilung.  Die  sachlichen  Bedürfnisse  dieses  Warenaustausches  (Handel),
nicht  die  persönlichen  Interessen,  Wünsche  und  Begierden  der  Kaufleute  sollen
bestimmen,  wie  das  Geld  verwaltet  werden  muß.  Bon  der  höheren  Warte
der  unpersönlichen  Volkswirtschaft,  nicht  aus  dem  engen  Gesichtskreis  der
Dividende,  des  Profites,  der  Differenz  heraus  soll  die  öffentliche  Verwaltung ­
  des  Geldes  ihre  Richtlinien  nehmen.  Der  Kaufmann  sucht  Differenzen,-die
  Volksinteressen  verlangen  die  Beseitigung  der  Differenzen.
Das  Geld  wirkt  ausschießlich  durch  den  Preis,  den  es  auf  dem  Markte
erzielt.  Sieht  man  von  diesem  preis  ab,  so  bleibt  nichts  übrig.  Auf  den
Preis,  den  das  Geld  erzielt,  also  auf  das  Tauschverhältnis  zwischen  Waren
und  Geld  muß  sich  daher  die  Aufmerksamkeit  der  Geldverwaltung  konzentrieren.
Das  Tauschverhältnis  zwischen  Waren  und  Geld  (der  Preis)  wird  ausnahmslos ­
  durch  Nachfrage  und  Angebot  bestimmt.  Wird  viel  Geld  angeboten
(Nachfrage),  so  steigt  der  preis,-  das  heißt  das  Tauschverhältnis  ändert  sich
in  dem  Sinne,  daß  man  mehr  Geld  für  das  gleiche  Quantum  Ware  geben
muß.  Wird  wenig  Geld  angeboten,  so  fällt  der  Preis.  Wird  viel  Ware  angeboten, ­
  so  fällt  der  preis,-  wird  wenig  Ware  angeboten,  so  steigt  der  Preis.
Wenig  und  viel  sind  also  hier  wie  überall  nur  die  groben  Ausdrücke  eines
Verhältnisses.  Mehr  sagt  der  Preis  nicht.
Damit  der  Handel  seine  sozialen  Aufgaben  erfüllen  kann,  muß  der
Preis  fest  bleiben,  d.  h.  das  Verhältnis  im  Angebot  zwischen  Waren  und
Geld  muß  über  Ort  und  Zeit  hinweg  unverändert  bleiben,  so  daß  jeder
ideell  für  eine  Mark  nach  Jahr  und  Tag  so  viel  an  Waren  erhält,  wie  er
selber  für  die  Mark  an  Waren  gegeben  hat,-  weder  mehr  noch  weniger.
Da  das  Angebot  der  im  Umlauf  sich  befindenden  Geldmassen  großen
Schwankungen  unterworfen  ist  (s.  die  Panik  in  New  Bork  190?),  so  müssen
Vorkehrungen  getroffen  werden,  um  diese  Schwankungen  durch  Einzug  oder
Ausgabe  von  entsprechenden  Geldmengen  von  Staats  wegen  auszugleichen,
d.  h.  das  bisherige  Zuviel  und  Zuwenig  in  dem  Verhältnis  zwischen  Geldund
  Warenangebot  wird  beseitigt,  indem  der  Staat  das  Zuviel  im  Geldangebot ­
  einzieht  und  das  fehlende  Zuwenig  ersetzt.
Entleert  das  Publikum  die  Geldreserven  auf  den  Markt,  leeren  sich  die
Bankdepots,  die  Strohmatratzen,-  die  Strümpfe,  die  Sparbüchsen,  wird  durch
eine  optimistische  Stimmung  der  Geldumlauf  beschleunigt,  erzeugt  dieselbe
Stimmung  eine  Masse  Geldsurrogate,  so  muß  der  Staat  eine  entsprechende
Masse  an  Bargeld  dem  Verkehr  entziehen.
Umgekehrt,  wenn  Pessimismus  die  rosige  Geschäftsstkmmung  ablöst  und
das  ganze  Volk  sich  auf  das  Bargeld  stürzt,  als  auf  den  einzigen  Anker,
der  Grund  faßt,  um  dieses  Geld  dem  Markt  und  seiner  Bestimmung  (dem
Warenaustausch)  zu  entziehen  und  bis  auf  bessere  Zeiten  zu  verbergen,-  wenn
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        Währungstechnische  Vorschläge  für  die  Sicherung  der  Wahrung.

54

infolge  derselben  Stimmung  der  Kredit  und  der  Gebrauch  der  Geldsurrogate
eingeschränkt  wird  —  dann  muß  der  Staat  mit  entsprechenden  Geldmassen
zu  Hilfe  eilen.
Der  Staat  muß  also  die  Schwankungen  ausgleichen,  denen  das  Geldangebot ­
  durch  die  Stimmung  (Nervosität,  Spekulation,  Hoffnung,  Angst  und
Panik)  unterworfen  ist.
Das  ist  die  erste  und  wichtigste  Aufgabe  des  Staates  in  seinem  Verhältnis ­
  zum  Gelde,  und  diese  Aufgabe  überragt  so  weit  alle  anderen  währungstechnischen ­
  Maßnahmen,  daß  sich  diese  samt  und  sonders  der  ersten  unterzuordnen ­
  haben.
Man  könnte  einwenden,  daß,  wenn  das  Angebot  von  Geld  Schwankungen ­
  unterliegt,  die  Warenproduktion  sich  diesen  Schwankungen  anzuschmiegen ­
  hat.  Wird  wenig  Geld  angeboten,  so  brauchcir  die  Arbeiter  „nur"
wenig  Waren  zu  erzeugen,  dann  stellt  sich  das  Gleichgewicht  von  selber  her,
ohne  daß  es  nötig  wird,  mehr  Geld  in  den  Verkehr  zu  bringen.  Man  schließt
einfach  die  Fabriken,  entläßt  einfach  die  Arbeiter,  unterläßt  einfach  den  beabsichtigten ­
  Neubau,  läßt  einfach  die  Felder  brach  liegen  usw.,  und  weil  dann
die  Produktion  von  Waren  und  dementsprechend  auch  das  Angebot  nachläßt,  so
paßt  sich  das  Angebot  von  Waren  dem  verminderten  Angebot  von  Geld  an,
und  die  Preise  ändern  sich  dann  nicht  mehr.
Für  die  Emissionsbanken  hat  diese  zweite  Methode  vor  allem  den  Vorzug ­
  der  Bequemlichkeit.  Sie  brauchen  sich  dann  um  gar  nichts  zu  kümmern.
Einerlei  wieviel  Geld  sie  in  den  Verkehr  werfen  —  das  Warenangebot  paßt
sich  dem  Geldangebot  an.  Für  die  Notenbank  ist  es  viel  bequemer  zu  sagend
„paßt  euch  den  Geldmaßen  an,  die  ich  dem  Verkehr  übergebe,  und  laßt  mich
kn  Ruh!"  als  wenn  sie  umgekehrt  den  Bedarf  an  Geld  ermittelt  und  die
Emission  diesem  Bedarf  anpaßt.
Und  tatsächlich  haben  sich  ja  auch  die  Emissionsbanken
dem  Trägheitsgesetz  folgend  regelmäßig  für  diese  bequeme
Methode  entschlossen.  Sie  haben  immer  mit  Seelenruhe  und  verschränkten ­
  Armen  zugeschaut,  wenn  das  Volk  verzweifelte  Anstrengungen
machte,  um  nicht  „zu  viel"  zu  produzieren,  wenn  die  Warenpreise  durch
Arbektcrentlassungen  vor  weiteren  Einbußen  geschützt  wurden.  Die  gute,  die
brave  Reichsbank  nannte  diese  Arbeiterentlassungen  eine  Folge  der  Überproduktion, ­
  und  die  hungernden,  frierenden  Arbeiter,  die  biederen  Jünger
Marx,  die  sich  um  so  viel  Nebensächliches  kümmern,  zu  dieser  währungstechnischen ­
  Blasphemie  haben  sie  nichts  zu  bemerken.
Es  ist  auch  in  der  Hauptsache  dieser  Methode  zuzuschreiben,  warum  in  Ländern  mit  Papiergeld ­
  die  Schwankungen  der  Preise  in  der  Regel  sehr  groß  sind.
Der  Staat  wirst  hier  ein  Quantum  Papiergeld  auf  den  Markt,  und  mit  diesem  ehernen  Bestand, ­
  dessen  Angebot  von  tausend  Umständen  beeinflußt  wird,  muß  sich  der  Handel  behelfen.
So  war  z.  B.  inArgentinien  die  Emission  im  Jahre  1894  auf  ZOO  Millionen  bemessen,  und  mit
diesen  Z00  Millionen  mußte  sich  der  Handel  6  volle  Jahre  bis  1900  behelfen.  Auf  das  Wachstum ­
  der  Bevölkerung,  auf  die  steigende  Produktion,  auf  die  sich  ausdehnende  Arbeitsteilung  usw.
nahm  die  Regierung  keinerlei  Rücksicht.  Sie  machte  es  genau  wie  die  Reichsbank:  behelft  euch
mit  meinen  Emissionen,  schränkt  die  Produktion  ein,  entlaßt  die  Arbeiter,  wenn  die  Preise  sinken.
Und  sie  erzielte  damit  auch  die  gleiche  Wirkung.  Die  Preise  stiegen  und  fielen,  und  diesen  Schwankungen ­
  suchte  sich  die  Produktion  anzupassen,  indem  sie  heute  die  Arbeiter  zur  Produktion  heran-
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        55

Nationale  Währungspolitik.

zog,  um  sie  morgen  wieder  zu  entlassen.  Die  Produktion  machte  genau  die  gleichen  Kapriolen
wie  in  Deutschland.  Es  war  zwar  Papiergeld  (soft  money),  kein  hartes  sondern  potentiell
weiches  plastisches  Geld,  aber  die  Emtssionspolitik  war  hart  und  hatte  demgemäß  auch  dieselben
Erfolge.  •
3rt  einer  1898  erschienenen  Broschüre^)  zeigte  ich,  daß  die  Agiotage  durchaus  keine  notwendige ­
  Begleiterscheinung  der  Papierwährung,  sondern  nur  eine  Folge  der  starren,  geistlosen
Emissionspolitik  sei.  Als  man  zwei  Jahre  später  (1900)  meinen  Vorschlägen  entsprechend  die
Emission  dem  mit  dem  Geldkurs  gemessenen  Geldbedarf  anpaßte,  verschwand  alsbald  dieAgiotage.
Überproduktion!  Es  war  zu  viel  produziert  worden.  Aber  das  „zuviel"
deutet  auf  ein  Verhältnis  hin  und  wurde  durch  den  Preisrückgang  der  Waren
offenbart.  Es  waren  also  zu  viel  Waren  erzeugt  worden  im  Verhältnis
zum  Angebot  des  Geldes.  Wäre  mehr  Geld  angeboten  worden,  hätte  die  Überproduktion ­
  auch  die  Geldfabrikation  erfaßt,  hätte  sich  das  Geldangebot  dem
Warenangebot  angeschmiegt,  so  wäre  trotz  der  vermehrten  Produktion  kein
Preisrückgang  eingetreten,  und  wie  hätte  man  in  diesem  Falle  von  Überproduktion ­
  reden  können?  Gibt  es  denn  für  die  Überproduktion  ein
anderes  Maß  als  den  Preisrückgang?  Man  hat  in  den  letzten  Fahren
alle  Arbeiterreserven  herangezogen,  mit  Überstunden,  mit  Tag-  und  Nachtschicht, ­
  mit  vermehrten  und  verbesserten  Maschinen  gearbeitet,  doch  Niemand
sprach  von  Überproduktion.  Trotz  stark  vermehrter  Warenerzeugung
stiegen  die  Preise.  Das  Wort  Überproduktion  hörte  man  dann  erst  wieder,
als  das  Verhältnis  zwischen  Waren  und  Geld  sich  verschob,  als,  nachdem
Massen  von  Münzen  in  die  Schmelztkegel  und  über  die  Grenze  gewandert,
die  Reichsbank  auch  noch  ihre  Noten  in  den  Ofen  warf.  llberproduktkon  besteht ­
  also  immer  nur  im  Verhältnis  zum  Geldangebot  und  kann  infolgedessen
als  ein  Unterangebot  von  Geld  bezeichnet  werden.
Die  Frage,  die  zu  beantworten  ist,  ist  also  die:  Soll  die  Produktion  sich
dem  Gelde  oder  das  Geld  sich  der  Produktion  anpassen?
Wer  sich  fürs  erste  entscheidet,  entscheidet  sich  für  Krise,  Bankerott,  Defizit, ­
  Arbeitslosigkeit,  Hunger,  Revolte  und  Attentate.  Wer  aber  den  Mut  hat,
dem  millionenstimmigen  Beifall  zum  Trotze,  der  speziell  der  Reichsbank  von
jeher  von  Groß  und  Klein  gezollt  worden  ist,  für  die  andere  ^Lösung  zu
stimmen,  der  betritt  den  Weg  des  Handels,  der  Arbeit,  des  Fortschrittes
und  Wohlstandes.
Das  Geld  ist,  das  kann  gar  nicht  genug  wiederholt  werden,  ein  Werkzeug ­
  des  Handels,  nichts  als  ein  Werkzeug,  und  den  sachlichen  Bedürfnissen  des
Handels  soll  es  angepaßt  werden.  Es  ist  nichts  als  ein  Tauschmittel,  und  als
Tauschmittel  soll  es  verwaltet  werden.  Es  soll  zu  jeder  Zeit  genau  soviel
Geld  zum  Angebot  gegen  Waren  gebracht  werden,  daß  der  Durchschnitt  der  Preise
nicht  fallen,  nicht  steigen  kann.  Das  Angebot  von  Geld  soll  den  Bedürsnssen
des  Handels  täglich  angepaßt,  auf  den  Leib  zugeschnitten  werden.
Zu  diesem  Zweck  ist  es  vor  allen  Dingen  nötig,  daß  der  Einzug  etwaiger
Geldüberschüsse  und  die  Ausgabe  etwa  fehlender  Geldmassen  vollkommen  getrennt ­
  werde  von  dem  Gebote  des  Gewinnes,  des  Zinses,  der  Dividende.
Das  Geld  soll  eingezogen  und  (auf  allen  Zins  verzichtend)  verbrannt
werden,  solange  die  Warenpreise  steigen,-  und  es  soll  wieder  gedruckt  und  in

i)  Silvio  Gesell:  La  Cuestion  monetariaargentina.  1898.  Buenos  Aires.  Vgl.  Schr.-Verz.
        <pb n="56" />
        Währungstechnlsche  Vorschlage  für  die  Sicherung  der  Währung.

56

Verkehr  gebracht  werden,  so  lange  die  Preise  fallen,-  dieses  alles  ganz  unabhängig ­
  von  der  Bedingung  eines  Zinses  oder  Gewinnes  oder  fiskalischer
Bedürfnisse.
Eine  solche  Aufgabe  kann  man  keinem  Privatkapital,  nicht  den  Aktionären
der  Rcichsbank  zumuten.  Eine  solche  Aufgabe  kann  man  schlechterdings  nur
allein  einem  öffentlichen  Amte  zumuten,  wie  überhaupt  die  Hut  allgemeiner
Volksinteressen  nicht  Aufgabe  privater  sein  kann.  Übrigens  wollen  wir  von
den  Reichsbankaktionären  nichts  geschenkt  haben,  wie  auch  diese  kaum  ihr
Kapital  für  solch  unprofitable  Geschäfte  nock  hergeben  würden.  Wird  der
Sinn  des  Wortes  „Geldbedarf"  in  den  Reichsbanksatzungen  gesetzlich  so
ausgelegt,  daß  die  Reichsbank  Noten  und  Kapital  einziehen  und  zu  vergraben ­
  hat,  so  oft  die  Warenpreise  (und  in  der  Regel  auch  der  Zinsfuß)
steigen,  so  werden  die  Aktionäre  die  sofortige  Rückzahlung  ihrer  Einlagen
fordern,-  denn  für  eine  so  kostspielige  Hut  allgemeiner  Volksinteressen  findet
man  kein  Privatkapital.
Damm  lautet  auch  die  Forderung:
1.  Der  Reichsbank  wird  das  Notenprivileg  entzogen.
2.  Das  Notenprivileg  wird  einem  neu  zu  gründenden  Reichsgeldamt
übertragen.
Das  Reichsgelöamt.
Das  Reichsgeldamt  soll  Geld  einziehen,  wenn  die  Preise  steigen,-  es  soll
Geld  ausgeben,  wenn  die  preise  sinken.
Um  Geld  auszugeben  und  Geld  einzuziehen,  kann  das  Rekchsgeldamt
auf  sehr  verschiedene  Weisen  verfahren.
1.  Das  Geldamt  kaust  bei  beobachteter  Baisse  Wechsel  und  bezahlt  die
Wechsel  mit  neuen  Banknoten.  So  kommt  mehr  Geld  in  den  Verkehr,  und
die  Preise  werden  damit  hoch  gehalten,  resp.  vor  Rückgang  geschützt.  Steigen
die  Preise  über  den  normalen  Stand,  so  verfährt  das  Geldamt  umgekehrt,-indem
  es  keine  Wechsel  mehr  verkauft,  die  vorher  gekauften  bei  Verfall
einkassiert  und  das  so  eingehende  Geld  verbrennt.  So  wird  der  Haussebewegung ­
  die  Nahrung  entzogen,  und  die  Preise  bleiben  fest.
Um  Geld  auszugeben,  bedarf  das  Geldamt  des  Emissionsrechtes,  und
zwar  des  allein  durch  die  Bedürfnisse  der  Währung,  d.  h.  der  Aufrechterhaltung ­
  fester  Preise  beschränkten  Emissionsrechtes.  Keine  feste  Summe,  sondern
feste  Preise  bilden  die  Grenze  der  Notenausgabe  für  dieses  Reichsgeldamt.
Um  Geld  einzuziehen,  bedarf  das  Reichsgeldamt  eines  Kapitales.  Dies
Kapital  bildet  sich  wie  folgt:  Die  liquidierende  Reichsbank  zieht  ihre  Noten
ein.  Es  entsteht  ein  Geldmangel,  den  das  Reichsgeldamt  durch  Ankauf  von
Wechseln  mit  Hilfe  neuer  Banknoten  deckt.  Diese  gekauften  Wechsel  bilden
das  Betriebskapital  des  Reichsgeldamtes,  womit  etwaiger  Geldüberschuß
durch  Verkauf  der  Wechsel  dem  Markte  entzogen  werden  kann.
Die  Mittel  zur  Übernahme  seiner  Pflichten  findet  das  Reichsgeldamt
also  schon  fix  und  fertig  in  seiner  Wiege,  das  ist  das  staatliche  Emissionsrecht.
Die  Heranziehung  des  Privatkapitals,  wie  es  bei  Gründung  der  Reichsbank  geschah, ­
  ist  für  das  Rekchsgeldamt  und  für  die  Rolle,  die  es  zu  spielen  hat,  überflüssig.
        <pb n="57" />
        57

Das  Reichsgeldamk.

Kauft  das  Geldamt  auch  fremde  Wechsel  oder  Titel  fremder  Staatsschulden ­
  (englischer,  französischer  Konsols),  so  kann  es  gleichzeitig  auf  den
Wechselkurs  regulierend  wirken.  (Hieraus  kommen  wir  noch  zurück).
Dieses  System  wird  sich  in  ruhigen  Zeiten  bewähren.  Es  kann  aber
vorkommen,  daß  nicht  genügend  Wechsel  zum  Diskont  angeboten  werden,
z.  B.  bei  Kriegsgerüchten.  In  unruhigen  Zeiten  riskieren  zahlungsfähige
Bürger  nicht  gerne  Kapital,-  sie  ziehen  sich  möglichst  vom  Markte  zurück  und
brauchen  dann  keine  Wechsel  zu  diskontieren.
2n  solchen  Fällen,  die  regelmäßig  von  einem  scharfen  Rückgang  der
Preise  begleitet  sind,  würde  es  dem  Geldamt  unmöglich  werden,  die  Wechsel
in  der  nötigen  Menge  auszutreiben,  um  den  Preisrückgang  aufzuhalten.  Das
Geldamt  könnte  in  solchen  Fällen  den  Diskont  für  Z-Monatswechsel  auf
V 2  oder  0°/p  setzen,-  es  würde  das  Geld  bei  zahlungsfähigen  Leuten  nicht
unterbringen  können.  (So  steht  z.  B.  heute  der  privatdiskont  kn  Parks  aus  1°/o-)
Der  Wechseldiskont  als  Mittel  für  die  Regulierung  der  Währung  im
aktiven  Sinne  würde  also  für  alle  Fälle  nicht  genügen.  Das  Gcldamt  muß
aber  so  bewaffnet  sein,  daß  es  unter  allen  Umständen,  in  allen  nur  erdenklichen
Fällen  Sieger  bleibt.  Darüber  darf  es  im  Handel  kein  Zweifel  herrschen,  denn
der  Zweifel,  ob  das  Geldamt  in  allen  Fällen  befähigt  sei,  den  Markt  vor
einer  Baisse  zu  schützen,  genügt  an  sich  schon,  um  den  gesamten  Geldumlauf
zu  unterbrechen  und  so  diese  Baisse  zu  erzeugen.  Wir  erinnern  hier  an  den
bekannten  Fall  kn  der  englischen  Bankgeschichte.  Der  Bank  ist  die  Emission
auf  einen  bestimmten  Betrag  limitiert,  und  es  war  bekannt  geworden,  daß
die  Bank  diese  Grenze  erreicht  hatte.  Eine  allgemeine  Unsicherheit  und
Nervosität  bemächtigte  sich  daraus  des  Handels.  Die  Depotbankcn  und
Sparkassen  wurden  gestürmt,-  ein  kolossaler  Krach  stand  bevor.  Da  erhielt
die  Bank  in  letzter  Stunde  die  Erlaubnis  zu  einer  neuen  Emission,  und  das
genügte,  um  das  Vertrauen  wieder  herzustellen.  5  Minuten  nach  Erteilung ­
  der  Emissionserlaubnis  war  die  Spannung  und  Panik  verschwunden.
Das  Geld,  das  vom  Publikum  aus  Furcht  vor  Geldknappheit  zurückgehalten
worden  war  (die  Furcht  vor  Geldknappheit  erzeugt  Geldknappheit),  floß  zur
Bank  zurück,  und  die  Bank  hatte  überhaupt  nicht  nötig,  von  der  ihr  erteilten
Erlaubnis  Gebrauch  zu  machen.
Solchen  Geschichten  muß  vorgebeugt  werden.  Der  Handel  muß  vor
einer  Baisse  sicherer  geschützt  werden  als  vor  dem  Einsturz  des  Himmels.
Der  Handel  muß  unbedingtes  Vertrauen  in  die  Währung  haben.  Darum
lautet  die  zweite  währungstechnische  Forderung:  2.  Das  Reichsgeldamt  wird
befugt,  für  währungstcchnische  Zwecke  Titel  der  Reichsanleihen  in  der  Summe
nach  unbeschränkter  und  nur  durch  den  Zweck  beschränkter  Menge  auszugeben, ­
  und  umgekehrt  Titel  der  Reichsanleihen  zu  kaufen.
Durch  den  Verkauf  von  Titeln  und  Einzug  des  Erlöses  (Geld)  nimmt
der  Geldumlauf  ab  und  der  Hausse  wird  vorgebeugt.  Durch  den  Ankauf  derselben ­
  Titel  wird  Geld  in  den  Verkehr  gebracht,  und  die  Baisse  wird  verhindert.
Der  Vorzug  dieser  Methode  liegt  in  ihrer  Einfachheit.  Die  materielle
Arbeit,  die  damit  verbunden  ist,  kann  durch  einen  billigen  Schreiber  besorgt
werden.  Die  Kontrolle  ist  überaus  einfach  —  soviel  Noten  sind  ausgegeben,
        <pb n="58" />
        Währungstechnische  Vorschläge  für  die  Sicherung  der  Währung.

58

soviel  Titel  der  Staatsschulden  liegen  in  der  Kasse.  Keine  Wechsel,  keine
Geschäfte  mit  Privatleuten,  kein  Risiko,  ein  ideales  Amt  für  einen  Hagestolzen
Bureaukraten.
Diese  Methode  hat  auch  noch  den  vom  Standpunkt  der  Währungstechnik ­
  wohl  bedeutungslosen,  für  den  Laien  aber  immerhin  beachtenswerten
Vorzug,  das;  die  Geschäfte  des  An-  und  Verkaufes  der  Titel  rcgelmäszig
einen  Profit  für  das  Geldamt  einbringen  würden,-  denn  der  Verkauf  der
Titel  (Geldeinzug)  würde  bei  jeder  Hausse  vorgenommen  werden  müssen,
und  bei  jeder  Hausse  gehen  die  Kurse  der  festverzinslichen  Papiere  naturgemäß ­
  herunter  (warum  ist  schon  gesagt)  und  der  Ankauf  der  Titel
(Geldausgabe)  würde  bei  jeder  Baisse  vorgenommen  werden,  und  bei  der
Baisse  gehen  die  Kurse  der  festverzinslichen  Papiere  aufwärts.
Das  Geldamt  würde  also  gewöhnlich  gerade  dann  Titel  kaufen  müssen,
wenn  die  Kurse  sinken,  und  dadurch  billig  kaufen,  und  die  Titel  verkaufen,-wenn
  die  Kurse  steigen,-  also  teuer  verkaufen.  2n  der  Regel  müßte  also  ein
Gewinn  zum  Vorschein  kommen.  Diese  Regulierung  würde  somit  nicht  nur
dem  Staate  nichts  kosten,  sondern  der  Regel  nach  sogar  etwas  einbringen.
Vielleicht  würden  die  An-  und  Verkäufe  die  Kursschwankungen  dieser
Papiere  ganz  oder  zum  großen  Teil  beseitigen,  was  für  die  Volkswirtschaft
noch  günstiger  wäre.
Das  sind  die  Vorzüge  dieser  einfachen  Methode  der  Geldmarktregulierung.
Doch  im  Geldwesen  ist  die  Einfachheit,  die  Bequemlichkeit  der  Beamten
nicht  immer  das  Beste  für  den  Warenaustausch.  Und  auf  die  Sicherheit  des
Warenaustausches  kommt  es  an,-  die  Bequemlichkeit  kann  erst  dann  berücksichtigt ­
  werden,  wenn  alle  Waren  unter  Dach  gebracht  sind.  Im  Reichsgeldamt ­
  soll  man  nicht  schlafen,  sondern  wachen  und  arbeiten.
Das  Geld,  das  das  Rekchsgeldamt  durch  Ankauf  von  Titeln  der  Staatsschulden ­
  auf  den  Markt  zu  bringen  sucht,  soll  dort  gegen  Waren  angeboten
werden,-  denn  um  die  Nachfrage  und  die  Preise  zu  heben  —  darum  allein,
ganz  allein  kauft  ja  das  Reichsgcldamt  die  Titel.
Welche  Gewähr  hat  nun  der  Warenaustausch,  daß  der  Mann,  der  die
Titel  dem  Geldamt  gegen  Geld  verkauft,  auch  dieses  Geld  gegen  Waren  anbietet? ­
  Kommt  cs  nicht  oft  vor,  ist  es  nicht  vor  6  Monaten  in  Nordamerika
vorgekommen,  daß  bei  einer  Krise  die  furchtsam  gewordenen  Bürger  alles,
auch  die  Staatspapiere  zu  verkaufen  suchten,  um  das  Geld  zu  verscharren?
Was  würde  es  in  solchen  Fällen  nützen,  wenn  das  Rekchsgeldamt  durch
Titelankauf  Noten  ausgibt,  wenn  die  Titclverkäufer  nichts  Eiligeres  zu  tun
haben,  als  den  Erlös  (Noten)  gegen  Goldmünzen  einzulösen  und  dieses  Gold
zu  verbergen?  Würde  die  Erleichterung  solcher  Liquidation  (!)  die  Schwierigkeiten, ­
  die  die  Krise  dem  Geldamt  so  wie  so  schon  bereitet,  nicht  noch  ganz
außerordentlich  vermehren?
Dieses  Verscharrtwerden  des  Geldes  (hoarding  the  money)  beim  Ausbruch ­
  der  Krise,  gerade  also  zu  einer  Zeit,  wo  das  Geld  am  nötigsten  wäre,
ist  ja  die  Hauptschwierigkckt  einer  vernünftigen  Geldvcrwaltung,  und  diesen
offenbaren  Mißbrauch  des  Tauschmittels  darf  das  Geldamt  nicht  erleichtern,
sondern  muß  es  mit  allen  Mitteln  erschweren.  Der  gedachte  Ankauf  von
        <pb n="59" />
        59

Das  Reichsgeldamt.

Titeln  der  Staatsschulden  bei  einer  Krise  würde  aber  diesen  Mißbrauch  des
Geldes  ganz  offenbar  und  erheblich  erleichtern.  Ohne  Bedenken  ist  also  diese
Methode  nicht.
Sie  hat  außerdem  noch  den  Nachteil,  daß,  wenn  der  Verkäufer  der
Titel  auch  nicht  die  Absicht  hat,  den  Erlös  (Geld)  zu  verscharren,  er  der
Regel  nach  doch  nicht  Waren  kaufen  wird,  sondern  andere  Rententitel J ),  so
daß  das  Geld  erst  auf  Umwegen,  vielleicht  spät  den  Waren  unmittelbar  entgegentreten ­
  wird.  Ehe  das  Geld  des  Reichsgeldamtes  seine  Wirkung  auf
diesem  Wege  ausüben  kann,  wird  Zeit  vergehen,  und  Zeit  heißt  in  solchen
Fällen  Differenzen  —  die  ja  gerade  verhütet  werden  sollen.  Das  Geld  des
Rcichsgeldamtes  soll  unmittelbar  wirken  —  also  unmittelbar  vom  Publikum
gegen  Waren  umgesetzt  werden,  damit  die  Preise  fest  bleiben.  Das  ist  es,
wonach  wir  streben,-  und  so  lange  keine  absolute  Gewähr  gegen  Preisschwankungen
geboten  wird,  müssen  wir  nach  Verbesserung  der  Waffen  trachten,  womit  das
Reichsgeldamt  ausgerüstet  werden  soll.
Darum  lautet  auch  die  dritte  Forderung:
3.  Das  Reichsgeldamt  ist  berechtigt,  durch  St  euer  Zuschläge ­
  und  Steuererlaß  die  für  die  Aufrechterhaltung
der  Währung  nötigen  Geldmassen  einzuziehen  oder
auszugeben.
Das  Geldamt  schreibt  bei  eintretender  Baisse,  um  den  Geldumlauf  zu
vermehren,  einen  Steuererlaß  aus  von  iO  —  30  —  50  oder  mehr  Prozent
auf  alle  Reichssteuern  (inkl.  Matrikularbeiträgen),  und  diesen  Ausfall  bei  den
Steuerkassen  deckt  das  Reichsgeldamt  durch  Ausgabe  neuer  Noten.  Beträgt
dann  der  Mindereingang  bei  den  Reichskassen  bei  x  Prozent  Steuererlaß
100  Millionen,  so  liefert  das  Geldamt  diese  100  Millionen  in  neugedruckten
Banknoten,  die  der  Staat  zu  den  Einnahmen  schlägt.  Das  Volk  aber  kann
mit  den  an  den  Steuern  gesparten  100  Millionen  entsprechend  mehr  kaufen.
Es  hebt  die  Nachfrage  und  die  Preise.  Es  sind  100  Millionen  (oder  200,
500,  1000  Millionen)  mehr  im  Umlauf.  (Die  indirekten  Steuern  und
Zölle  dürfen  von  diesem  Währungssteuererlaß  nicht  berührt  werden,  da  die
Preise  der  versteuerten  Waren  sonst  sinken  würden).
Dieses  System  hat  manches  für  sich.  Sein  Hauptvorzug  ist,  daß  es
unmittelbar  wirksam  ist,  indem  es  keiner  Verteilung  des  dem  Verkehr  zu
übergebenden  Geldes  unter  die  Käufer  bedarf.  Das  in  den  Verkehr  zu
pressende  Geld  ist  schon  verteilt  in  den  Taschen  der  Steuerzahler.  Statt  zur
Steucrkasse  zu  wandern,  wandert  es  zurück  zum  Markte.  Mit  dem  Betrag
des  Steuererlasses  von  5/  100,  1000  Markt  kaust  der  eine  einen  Kanarienvogel, ­
  auf  den  er  der  Steuern  wegen  verzichten  mußte,  der  andere  eine  Nähmaschine, ­
  der  dritte  ein  Reitpferd.  Entsprechend  der  so  gehobenen  Nachfrage
bleiben  die  Preise  aus  der  gewünschten  Höhe.
Aber  das  Geldamt  muß  nicht  nur  gegen  die  Baisse  gewappnet  sein,
sondern  auch  gegen  die  Hausse.  Es  muß  gegen  alle  Schwankungen  der
Währung  bis  an  die  Zähne  bewaffnet  sein.
*)  Die  Besitzer  solcher  Rentenpapiere  gehören  ja  der  Regel  nach  dein  Rentnerstande  an.
        <pb n="60" />
        Währungstechnische  Vorschläge  für  die  Sicherung  der  Währung.

60

Und  wenn  das  Geldamt  befugt  ist,  von  den  Steuern  einen  Abstrich  zugunsten ­
  der  Steuerzahler  zu  machen,  so  ist  als  Korrelat  zu  fordern,  daß  es
auch  befugt  sein  soll,  durch  Steuerzuschlägc  etwaigen  Gcldüberschuß  dem
Verkehr  zu  entziehen.  Der  währungstechnische  Mechanismus  des  Steuerzuschlages ­
  ist  derselbe  wie  beim  Stcuerablaß,  nur  umgekehrt.  Die  Steuerämter
werden  angewiesen,  auf  alle  Reichssteuern  einen  Währungszuschlag  von
10  —  20  oder  mehr  Prozent  zu  erheben  und  das  Produkt  dieses  Zuschlages
dem  Geldamt  auszuliefern.  Das  Geldamt  verbrennt  dieses  Geld.  Die  Steuerzahler ­
  müssen  entsprechend  dem  Steuerzuschlag  ihre  Einkäufe  einschränken.
Der  Kanarienvogel,  die  Nähmaschine,  das  Reitpferd  werden  nicht  gekauft,-die
  Nachfrage  geht  zurück,  und  die  Preissteigerung  wird  vermieden.
Es  sei  hier  bemerkt,  daß  bei  einer  Baisse  die  Preise  stocken  und  ein  Steuererlaß  den  meisten
besonders  willkommen  sein  wird,  während  bei  einer  Hausse  die  Geschäfte  regelmäßig  gut  gehen
und  der  Steuerzuschlag  leicht  erhoben  werden  kann.
Diese  Methode  hat  neben  dem  schon  genannten  Vorzug  der  unmittelbaren ­
  Wirksamkeit  auch  noch  den,  daß  sie  das  Interesse  für  die  Währung
im  Volke  lebendig  erhalten  wird.  Denn  die  große  Masse  denkt  nur,  so  lange
sie  gereizt  wird,  und  ein  Steuerzuschlag  ist  ein  Reiz,  der  von  jeher  mächtig
die  Geister  in  Aufregung  verseht  hat.  Dä  erfierliche  Bieschlag,  dat  os  et,  wat
de  Bur  hascht.  Diese  Aufregung  wird  dem  Studium  der  Währung  und  das
öffentliche  Studium  der  Währung  der  Konsolidierung  der  Währung  zu  gute
kommen,  insofern  als  die  währungspolitische  Schulung  der  Volksmasse  die
beste,  wenn  nicht  die  einzige  Gewähr  bietet  gegeit  die  bislang  geübte  Pfuscherei
und  Quacksalberei.
Der  wahre  Schuh  der  Währung  gegen  den  staatlichen  Mißbrauch  liegt  nicht  im  Metall,
km  Geldstoff,  sondern  in  der  währungspolittschen  Schulung  der  ausschlaggebenden  Majorität  des
Volkes.  Was  diese  Majorität  will,  das  geschieht.  Ist  diese  Majorität  in  Währungsangelegenhekten
  auf  Leithammel  angewiesen  (sie  ist  es  leider  überall),  so  geschieht,  was  die  Leithammel
wollen.
Nach  den  beiden  zuerst  erwähnten  Methoden  der  Geldverwaltung  geschieht ­
  alles  ohne  Sang  und  Klang  km  Bureau  des  Geldamtes.  Das  Volk
würde  nur  den  Erfolg,  nicht  das  „wie"  bemerken,  und  das  Interesse  für  die
ganze  Sache  würde  bald  einschlafen.  Und  es  wäre  doch  so  nötig,  daß  das
Volk  en  masse  wenigstens  eine  Generation  lang  sich  gründlich  mit  den
Währungsangelegcnheiten  befaßte,  damit  alle  die  aus  dem  Altertum  auf  uns
überkommenen  Vorurteile  endlich  mal  abgeworfen  werden  und  die  nationalökonomische
  Sprache  (ein  wahrer  Augiasstall)  die  für  eine  schnelle  und
sichere  Verständigung  nötige  Reinigung  erführe.
Keiner  der  volkstümlichen  Ausdrücke,  die  in  der  Währungssprache  gebraucht  werden,  kann
als  eindeutig  angesehen  werden.
Gegen  die  hier  vorgeschlagene  Währungssteuer  wird  man  vielleicht  den
Vorwurf  erheben,  daß  sie  das  Budgetrecht  der  Volksvertretung  einschränkt.
Dieser  Vorwurf  ist  jedoch  ungerechtfertigt.  Mit  viel  mehr  Recht  könnte  man
ihn  heute  gegen  die  Emissionsbankpolktik  erheben,  indem  es  von  dieser  Politik
abhängt,  welchen  materiellen  Inhalt  (Waren)  die  von  der  Volksvertretung
ausgeschriebenen  Steuern  erhalten  sollen.  Die  Volksvertretung  schreibt  100
oder  1000  Millionen  an  Steuern  aus,-  aber  was  das  Volk  an  Waren
        <pb n="61" />
        61

Das  Reichsgeldamt.

hergeben  muß  (die  Preise),  um  sich  das  Geld  zu  diesen  Steuern  zu  verschaffen ­
  —  das  bestimmt  die  Emissionsbank.  Die  vom  Geldamt  ausgeschriebene
Währungssteuer  (der  Steuererlaß)  wird  dagegen  den  ausgesprochenen  Zweck
verfolgen,  das  Budgetrecht  gegen  solche  Eingriffe  zu  schützen,  indem  sie  dem
nominellen  Betrag  der  Steuern  den  materiellen  Inhalt  (Waren)  gibt,  den
sie  nach  Absicht  der  Volksvertretung  auch  haben  sollen.
Wird  das  Geldamt  befugt,  durch  Steuerablässe  uud  Steuerzuschlägc
für  währungstechnische  Zwecke  Geld  auszugeben  und  Geld  einzuziehen,  so
wird  das  allein  genügen,  das  Vertrauen  des  Handels  in  die  Währung  zu
befestigen  —  und  dieses  Vertrauen  ist  wiederum  die  Hauptstütze  der  Währung.
Aal  der  Handel  keine  absolute  Sicherheit  gegen  eine  Baisse,  liegt  eine  Baisse
überhaupt  noch  innerhalb  der  Grenzen  der  Möglichkeiten,  so  genügt  diese
Möglichkeit  an  und  für  sich  (dies  kann  nicht  oft  genug  wiederholt  werden),
um  den  Umlauf  des  Geldes  zum  Stocken  zu  bringen.  Und  ein  verlangsamter ­
  Geldumlauf  bedeutet  an  sich  schon  eine  Baisse.  Die  Möglichkeit
einer  Baisse  erzeugt  die  Baisse.  Ist  dagegen  das  Geldamt  so  schwer  bewaffnet,
daß  es  unter  allen  Umständen  das  Heft  in  der  Hand  behält,  so  wird  die  Sicherheit ­
  vor  der  Baisse  regelmäßigen  Geldumlauf  zur  Folge  haben,  und  so  lange
der  Geldumlauf  regelmäßig  ist,  kann  kein  plötzlicher  Preissturz  eintreten.
Krisen  und  Panik  werden  vermieden,  und  darum  wird  auch  das  Geldamt
kaum  jemals  in  die  Lage  kommen,  von  seiner  Waffe  (der  Währungssteuer)
Gebrauch  zu  machen.  Dem  bewaffneten  Volk  bietet  sich  am  seltensten  Gelegenheit, ­
  Gebrauch  von  der  Waffe  zu  machen,-  die  bloße  Existenz  der  Waffe
bürgt  für  den  Friedens.
Am  besten  wird  es  sein,  daß  dem  Reichsgeldamt  die  Wahl  unter  diesen
drei  verschiedenen  Methoden  freigestellt  werde.  Hauptsache  ist:  Der  Handel
darf  keinen  Zweifel  haben,  daß  das  Reichsgeldamt  den  Markt  unter  allen
Umständen  vor  Hausse  und  Baisse  schützen  kann,  daß  jedermann  die  Bewaffnung ­
  des  Geldamtes  für  ausreichend  hält,  um  den  Kampf  mit  den
sogen.  Konjunkturen  mit  Siegessicherheit  aufnehmen  zu  können.  Je  größer
das  Vertrauen  des  Handels  in  die  Währung  ist,  um  so  regelmäßiger  ist
der  Geldumlauf,  und  je  regelmäßiger  der  Geldumlauf,  um  so  seltener  wird
das  Geldamt  von  seinen  Waffen  Gebrauch  machen  müssen.
Das  Relchsgeldamt  wird  somit  mit  der  Aufgabe  betraut,  den  Geldumlauf ­
  den  Warenpreisen  in  der  Weise  anzupassen,  daß  es  Geld  ausgibt,  solange ­
  die  Preise  fallen,  und  umgekehrt  Geld  einzieht,  solange  die  Preise
steigen,  um  auf  diese  Weise  feste  Preise,  d.  h.  Währung  zu  erzielen.  Zu  dem
Zweck  wird  das  Reichsgeldamt  befugt:
1.  Geld  in  jeder  nur  durch  den  Zweck  begrenzten,  sonst  unbeschränkten ­
  Menge  durch  Wechseldiskont  in  den  Verkehr  311  bringen,  und  umgekehrt ­
  den  Diskont  nach  Bedarf  zu  verweigern  und  durch  Inkasso  der  fällig
werdenden  Wechsel  Geld  in  unbeschränkter  Menge  einzuziehen  und  zu  vernichten.
2.  Geld  durch  Steuererlaß  in  unbeschränkter  Menge  in  den  Verkehr  zu
bringen  und  umgekehrt  durch  Stcuerzuschläge  Geld  in  unbeschränkter  Menge
dein  Verkehr  zu  entziehen.
i)  Ob  das  wahr  ist?  1909  waren  viele  dieser  Meinung.
        <pb n="62" />
        Währungslechnksche  Vorschläge  für  die  Sicherung  der  Währung.

62

3.  Geld  durch  Ankauf  von  Rcichsschuldcntiteln  in  unbeschränkter  Menge
auszugeben  und  umkehrt  durch  Verkauf  von  Reichsschuldentiteln  (wozu  ihm
das  Emissionsrecht  für  solche  Titel  erteilt  wird)  Geld  in  unbeschränkter  Menge
einzuziehen  und  zu  vernichten.
Von  dem  Augenblick  an,  wo  wir  das  Reichsgeldamt  mit  der  Aufgabe
betrauen,  den  Geldumlauf  mit  Hilfe  solcher  weitgehenden  Vollmachten  dem
Stand  der  Warenpreise  anzupassen,  gewinnt  die  Frage:  Wie  das  Geldamt
die  Warcnpreisschwankungen  ermitteln  soll,  ganz  außerordentliche  Bedeutung,-und
  es  wird  notig,  um  das  Gewarnt  vor  dem  Vorwurf  der  Parteilichkeit  zu
schützen,  die  Methode,  wonach  die  Preisschwankungen  ermittelt  werden  sollen,
haarscharf  vorzuzeichnen.  Je  größer  die  Gewalt  des  Geldamtes  in  Bezug
auf  die  Mittel  sein  soll,  womit  es  den  Geldeinzug  und  die  Geldausgabe
bewirkt,  um  so  weniger  Wahl  darf  man  ihm  lassen  in  Bezug  auf  die  Methode, ­
  nach  welcher  die  Warcnpreisschwankungen  zu  ermitteln  sind.  Hier  muß
jede  Willkür  ausgeschaltet,  alles  muß  klar,  durchsichtig  und  genau  sein.  Man
bedenke,  daß  jeder  Unterschied  im  Preise  des  Geldes  einen  gleich  großen
Unterschied  im  Soll  und  Haben  der  Gläubiger  und  Schuldner  erzeugt,  daß
eine  Preisdifferenz  von  wenigen  Prozenten  Vermögensverschiebungen  von
vielen  Milliarden  bedeutet  zu  Gunsten  der  Gläubiger,  wenn  die  Preise  fallen,
zu  Gunsten  der  Schuldner,  wenn  die  Preise  steigen.  Man  bedenke,  daß  die
Gläubiger  immer  im  Glauben  sein  werden,  daß  die  Preise  zu  hoch  sind,  daß
die  Schuldner  umgekehrt  behaupten  werden,  daß  die  Preise  zu  niedrig  sind  —
falls  man  beiden  nicht  beweisen  kann,  daß  sie  sich  irren.
Die  Methode  der  sogen,  „Index  numbers“,  die  der  ‘Economist"  in  London  veröffentlicht, ­
  und  die  darauf  beruht,  daß  die  Preise  einer  größeren  Anzahl
Stapelartikel  (Ernte  und  Bergbauprodukte  und  sonstige  Rohstoffe)  nach  den
Börsennotierungen  aufgezeichnet  und  nach  ihrer  Bedeutung  klassifiziert  werden,
ist  bekannt  und  hat  vieles  für  sich,  besonders  die  Einfachheit.
Aber  wo  es  sich  um  Gelb  handelt,  um  die  Beziehungen  der  Gläubiger
zu  ihren  Schuldnern,  da  kommt  es  nicht  aus  die  Einfachheit,  sondern  auf
die  Genauigkeit  an.  Haarscharf,  aus  den  Pfennig  genau  muß  den  Gläubigern
und  Schuldnern  der  Nachweis  erbracht  werden,  daß  man  im  Deutschen  Reich
für  1000  Mark  am  1.  Juli  genau  ebenso  viel  Ware  kaufen  kann  wie  am
1.  Januar,  daß  man  km  Jahre  1959  für  die  im  Jahre  1909  kontrahierte
Hypothekenschuld  genau  soviel  Ware  (nicht  zu  verwechseln  mit  Arbeit)  zu  ihrer
Tilgung  wird  hergeben  müssen,  wie  man  selbst  mit  dem  Geld  km  Jahre  1909
erstanden  hat.  Wir  müssen  den  Beweis  der  Währung  unseres  Geldes  so  klar
zu  führen  wissen,  daß  wir  alle  die,  die  noch  behaupten  werden,  sie  wären
durch  die  Nichtwährung  des  Geldes  benachteiligt,  bestohlen  worden,  wegen
Versuch  der  Verächtlichmachung  staatlicher  Einrichtungen  anklagen  und  verurteilen, ­
  oder  besser  auslachen  können.  Die  Währung  soll  über  allen  Zweifel
erhaben,  der  Kritik  enthoben  sein.
Um  dieses  zu  erreichen,  bedarf  es  einer  genaueren  Methode,  als  der  der
„Index  nurnbers"  des  ,Economist".
        <pb n="63" />
        63

Das  Reichsgeldamt.

Die  Methode,  die  ich  hier  empfehle  (zuerst  km  Jahre  1902  veröffentlicht ­
  in  der  Zeitschrift  „Die  Geldreform"),  gründet  auf  folgenden  Tatsachen:
Der  Regel  nach  gewinnt  der  Kaufmann  durch  preksverschiebungen  bei
einzelnen  Waren,  wahrend  er  bei  anderen  verliert.  Zieht  er  solchen  Gewinn
vom  Verlust  ab,  so  sagt  ihm  der  Rest,  wieviel  er  im  Durchschnitt  infolge
solcher  Preisänderung  gewonnen  oder  verloren  hat.  Bringt  er  diesen  Rest
kn  Vergleich  mit  seinem  Warenkapktal,  so  weis;  er  in  Prozenten,  um  wie  viel
im  Durchschnitt  die  preise  seiner  Waren  gestiegen  oder  gefallen  sind.
Er  wird  von  einer  privatwirtschafilichen  Hausse  oder  Baisse  sprechen.
Aber  diese  privatwirtschastliche  Hausse  oder  Baisse  nimmt  volkswirtschaftlichen ­
  Charakter  an,  wenn  wir  diese  privatwirtschafilichen  Ergebnisse  sammeln,
wenn  durch  Gesetz  alle  Gewerbetreibenden  gehalten  werden,  solche  Berechnungen ­
  vorzunehmen  und  das  Resultat  einer  Zentralstelle  zu  melden,  wenn
wir  die  aus  Preisdifferenzen  enstandenen  Gewinne  und  Verluste  sämtlicher
Gewerbetreibenden  zusammenzählen,  diese  Gesamtgewinne  von  den  Gesamtverlusten ­
  abziehen  und  den  Rest  mit  dem  Gesamtkapital  vergleichen.  Wenn
das  Ergebnis  dann  etwa  einen  Gesamtgewinn  von  5  oder  10 u /o  des  in
Waren  angelegten  Kapitales  meldet,  so  werden  wir  mit  vollem  Recht  von
einer  volkswirtschaftlichen,  nicht  mehr  von  einer  privatwirtschafilichen  Hausse
von  5  oder  10°/o  sprechen.
Heben  sich  dagegen  sämtliche  privatwirtschafilichen  Inventurgewinne  und
-Verluste  (nicht  init  Betriebsgewinnen  zu  verwechseln)  ohne  Rest  auf,  so
wäre  der  wissenschaftliche,  einwandfreie  Beweis  der  Wahrung  erbracht,  nämlich
der  Beweis,  daß  im  Durchschnitt  sämtlicher  Privatwirtschaften  die  Warenpreise ­
  weder  gestiegen  noch  gefallen,  daß  also,  volkswirtschaftlich  betrachtet,
die  Warenpreise  fest  geblieben  sind.
Hier  folgen  nun  einige  Muster  solcher  privatwirtschafilichen  Währungsberechnungen. ­
  .  ^  „,,
1.  Kaufmann  Müller:

Lagerbestand

Markt-  oder  &amp;lt;v,  .
Inventurpreis  33efras

Einstands-  oder
bezahlter  preis

Betrag

1000  Strümpfe

.  .  2.20

2  200

2.10

2100

300  Hemden  .

.  .  12.50

3  750

13.00

3  900

500  Hosen  .  .

.  .  9.30

4  650

9.60

4  800

700  Kragen

.  .  3.10

2  870

3.40

2380

2000  Hüte  .  .

.  .  7.60

15200

7.20

14  400

Marktpreis  oder  Tagespreis  .  .  .
Bezahlter  Preis  oder  Einstandspreis
Gewinn

28  670
28  670
27  580
1  090;

27580

das  ist  3,9°/°  des  Kapitals.

Nach  dieser  Aufstellung  sind  die  Waren,  die  Kaufmann  Müller  auf
Lager  hat,  zum  Teil  km  preise  gestiegen  und  zum  Teil  gefallen,-  im  Durchschnitt ­
  aber  stehen  sie  um  3,9%  höher.  Müßte  er  diese  Waren  am  Tage
der  Inventur  kaufen,  so  müßte  er  28  670  auslegen,  während  er  sie  für
27  580  erstanden  hat.
        <pb n="64" />
        Währungstechnische  Vorschläge  für  die  Sicherung  Ser  Währung.

64

Von  seinem  privatwirtschaftlichem  Standpunkt  aus  betrachtet  wird
Müller  von  einer  Hausse  sprechen.

2.  Lan

dwirt  Schulze

:

Ernte

erzielter

Erlös

vorjähriger

vorjähriger

preis

Preis

Erlös

100  Ztr.  Roggen

16

1600

18.  -

1800

1000

„  Kartoffeln

4

4000

2.50

2  500

50

„  Wolle  .

100

5  000

HO.-5

  500

5000  Liter  Milch  .

0.10

500

0.09

450

50  Ztr.  Mastochsen

80

4000

90.-4

  500

14100

14750

Ernteerlös  .  .

14100

Zu  vorjährigen  Preisen  berechnet  .14750

Verlust  650  oder  4/7%
seiner  Produktion.
Vom  Standpunkt  seiner  Privatwirtschaft  wird  Schulze  von  einer
Baisse  sprechen.

4.  Grubenbesitzer  S  chmidt:

Förderung  Preis  Erlös
10  000  t  Kohlen  .  .  20  200  000
Erlös
zu  vorjährigen  Preisen  .  .  .
Gewinn

vorjähriger
preis
18
200  000
180  000
20  000

Betrag
180  000

=  10%

Vota.  Hier,  wie  in  der  vorhergehenden  Rechnung  wird  angenommen,  daß  nur  jährlich
einmal  die  Preise  ermittelt  werden  sollen.  Sollte  das  als  ungenügend  befunden  werden  und  eine
halb-  oder  vierteljährige  Ermittelung  nötig  sein,  so  müßten  obige  Rechnungen  entsprechend  geändert ­
  und  statt  der  Iahresförderung  nur  der  Lagerbestand  aufgenommen  werden,  wodurch
dann  auch  Wiederholungen  wie  in  folgender  Rechnung  (Kohlen)  vermieden  werden.

4.  Gkeßerekbesitzer  S  ch  u  st  e  r.

Auf  Lager

Tagespreis

Betrag

Einstandspreis

Betrag

200  t  Kohlen  .  .

20.00

4000

18.00

4600

450  „  Eisen  .  .  .

60.00

27000

70.00

41  500

1  „  Messing  .  .

2000.00

2  000

4000.00

4  000

20  „  Blei  .  .  .

250.00

5  000
48  000

400.00

8  000
46  100

Bezahlt

.  46100

Am  Tage  der  Inventur  käuflich  für  48  000
Verlust  8  100  —  177°
        <pb n="65" />
        5  Gesell-Frankfurt

65

Das  Rekchsgeldamt.

Von  seiner  Privatwirtschaft  betrachtet,  wird  Schuster  von  einer  schweren,
ruinösen  Baisse  sprechen.
Suchen  wir  nun  aus  der  Summe  dieser  privatwirtschastlichen,  sich  vielfach ­
  widersprechenden  Ermittelungen  das  Währungselement,  das  volkswirtschaftliche ­
  Fazit  herauszuschälen:

Zusammenstellung

r

Stadt  Aachen

auf  Mk.

Gewinn

Verlust

1.  Kaufmann  Müller  .  .  .

28  670

1  090

—

2.  Landwirt  Schulze  .  .  .

14100

—

650

3.  Grubenbesitzer  Schmidt  .  .

.  200  000

20  000

4.  Gießereibesitzer  Schuster

38  000

—

8  100

5.  Tischlermeister  A  ...  .

25  000

550

—

6.  Nabelfabrikant  B  .  .  .  .

.  140000

12  000

—

7.  Tuchfabrikant  C  .  .  .  .

.  240  000

—

16700

8.  Drogenhändler  D  .  .  .  .

.  150000

7000

—

9.  Kaffechändler  E  .  .  .  .

.  300  000

—

25  0  00

10.  Gerbereibesitzer  F  .  ,  .  .

.  170  000

—

15000

usw.

1  305  770

40  640

65  450

Gesamtgewinne  .  ,

Mk.  40.640

Gesamtvcrluste  .  .

-  65.450

Durchschnitts-Verlust

,  24.810

oder  2  proz.  von

O
p

Nach  dieser  Rechnung  standen  die  Preise  im  Durchschnitt  um  27°  zu
niedrig.  Das  Angebot  des  Geldes  war  im  Verhältnis  zum  Angebot  der
Waren  zu  gering,  darum  fielen  die  Preise  in  Durchschnitt  um  27°.  Will
man  nun  die  Preise  um  2°/»  heben,  so  muß  mehr  Geld  in  Umlauf  gebracht
werden.  Wie  viel  dazu  nötig  ist,  kann  nur  die  Erfahrung  zeigen.  Man
vermehrt  den  Geldumlauf  und  hört  auf,  wenn  eine  neue  Messung  zeigt,  daß
die  Preise  die  gewünschte  Höhe  erreicht  haben.  Und  umgekehrt  natürlich,
falls  die  Preise  gestiegen  wären.
Nota.  Wir  machen  nochmals  darauf  aufmerksam,  daß  es  sich  hier  nur  um  Inventurgewinn ­
  und  -Verluste,  nicht  um  Betriebsverluste,  nicht  um  die  Dividenden  der  Aktiengesellschaften ­
  handelt.  Diese  Dividenden  geben  keinerlei  Anhaltspunkt  für  die  Währung,  ebensowenig,
wie  die  Erträgnisse  der  Produktionsmittel,  Häuser,Land,  Eisenbahnen  usw.,-denn  hier  handelt  es
sich  überall  um  Zins  oder  Rente,  nicht  um  preise.
Da  in  der  Regel  die  Gewerbetreibenden  nur  jährlich  einmal  Inventur
machen,  so  könnte  init  dieser  Methode  der  preis  des  Geldes  auch  nur  einmal ­
  im  Jahre  ermittelt  werden.  Für  heutige  Verhältnisse  wäre  das  ungenügend, ­
  da  bei  der  Unregelmäßigkeit  im  Geldangebot  die  preise  innerhalb
eines  Jahres  sehr  großen  Schwankungen  unterworfen  sind.  Ein  Jahr  ist  für
heutige  Verhältnisse  eine  lange  Frist.  Man  denke  an  den  Preissturz  nach  Ausbruch ­
  der  Krise  in  Nord-Amerika.
        <pb n="66" />
        Währungstechnische  Vorschläge  für  die  Sicherung  der  Währung.

66

Mit  den  Reformen,  die  hier  befürwortet  werden,  soll  aber  der  Geldumlauf ­
  reguliert  werden,  wodurch  Krisen,  Panik,  Krach,  Boom  und  Konjunkturwechsel ­
  vermieden  werden.  Dadurch  fallen  die  großen  plötzlichen  Preisschwankungen ­
  fort.
Sollte  trotzdem  eine  häufigere  Preisermittelung  wünschenswert  erscheinen,
so  könnte  immerhin  die  schon  erwähnte  Methode  der  Index  numbers  des
„Economist“  zur  Aushilfe  herangezogen  werden.  Man  könnte  die  Handelskammern ­
  beauftragen,  den  preis  der  Stapelartikel  etwa  monatlich  zu  ermitteln, ­
  und  so  könnte  man  sich  vom  Gang  der  Preise  ein  ungefähres  Bild
machen  und  vorbeugende  Maßregeln  gegen  Hausse  und  Baisse  ergreifen.  Als
wirkliches  Maß,  sozusagen  als  das  pariser  Präzisions-  und  Normalmaß,
würde  dann  die  große  jährliche  Preisermittelung  dienen.
Internationale  Währung.
Der  nationale  Austausch  der  Güter  stellt  an  das  Geld  nur  eine  einzige
wesentliche  Forderung,  das  ist:  Schuh  vor  der  Echternacher  Prozession,  Schutz
vor  dem  Bor-  und  Rückwärts  der  Preise,  vor  dem  Aprilwetter,  vor  dem
ewigen  Wechsel  der  Konjunkturen.  Ein  über  Ort  und  Zeit  hinweg  festes
Verhältnis  zwischen  Waren  und  Geld,  das  ist  das  Bedürfnis  des  Handels,
der  der  Volkswirtschaft  dient.  Das  Bedürfnis  des  Händlers,  der  auf  Differenzen ­
  spekuliert,  ist  privatwirtschastlicher  Art,  und  interessiert  uns  hier  nicht.
Auch  der  Auslandhandel  lechzt  nach  solcher  Warenpreksstetigkeit,  daneben
aber  bedarf  er  zu  seiner  gedeihlichen  Entwicklung  eines  festen  Verhältnisses
zwischen  dem  kn-  und  ausländischen  Geld,  damit  man  ohne  Gefahr  Zahlungsverpflichtungen ­
  in  fremdem  Geld  auch  dann  noch  eingehen  kann,  wenn  man
zu  ihrer  Erfüllung  nur  über  inländische  Geldquellen  verfügt.
Also  nach  zwei  Seiten  wird  Stabilität  verlangt,  und  wenn  es  möglich
ist,  die  Währung  so  zu  gestalten,  daß  das  nationale  Geld  auf  dem  nationalen
Markt  zu  den  Waren  in  einem  festen  Tauschverhältnis  steht  (wie  im  vorigen
Kapitel  gezeigt  ist),  wenn  es  andererseits  praktisch  erwiesen  ist,  daß  das
nationale  Geld  zu  einer  ausländischen  Währung  (der  Goldwährung)  in  ein
festes  Verhältnis  gebracht  werden  kann,  wie  es  der  glänzende  Erfolg  des  mit
den  einfachsten  Mitteln  operierenden  argentinischen  Landgeldamtes  (Caja  de
conversion)  und  das  mit  gleicher  mathematischer  Präzision  funktionierende
indische  Geldamt  zeigen  —  wenn  dieses  beides  jedes  für  sich  möglich  ist,  so
fragt  es  sich  nun,  wie  die  beiden  Forderungen  sich  vereinigen  lassen.
Nehmen  wir  an,  um  diesen  wichtigen  Sachverhalt  klarzulcgen,  daß  man
in  Deutschland  die  Währung  auf  die  Erhaltung  fester  Preise  richtete  und
dabei  ganz  einseitig  national,  ohne  Verständigung  mit  den  anderen  Goldwährungsländern ­
  vorginge:  Geld  ausgäbe,  wenn  die  Preise  sinken,  und
einzöge,  so  oft  und  so  lange  die  Preise  steigen.  Nehmen  wir  ferner  an,  die
Goldwährungsländer  ständen  wie  so  oft  wieder  einmal  im  Zeichen  einer  Hausse,
und  daß,  während  nun  kn  allen  anderen  Ländern  nach  alter  Weise  die  Hausse
mit  vermehrter  Notenausgabe  geheizt  würde,  man  kn  Deutschland  rimgekehrt
durch  Einziehung  von  Noten  der  Hausse  Nahrung  entziehen  würde,  um  das
        <pb n="67" />
        5*

67

Internationale  Währung.

Zuviel  bei  den  Goldprägungen  durch  verminderten  Notenumlauf  auszugleichen
und  so  die  Warenpreise  festzunageln.  Wie  lange  würde  es  dauern,  bis  das
Gold  vom  Auslande  einströmen  würde,  um  das  Gleichgewicht  der  Warenpreise ­
  in  Deutschland  mit  denen  des  Auslandes  herzustellen?  Hohe,  steigende
Warenpreise  im  Auslande,  feste,  d.  h.  im  Verhältnis  zu  den  im  Auslande
gestiegenen,  niedrige  Preise  im  Inland  fördern  die  Warenausfuhr,  erschweren  die
Wareneinfuhr  und  verschieben  die  Zahlungsbilanz  zu  Gunsten  der  Goldeinfuhr.
Was  soll  nun  mit  diesem  einströmenden  und  vom  Standpunkt  der
Warenpreise  überschüssigen  Gold  geschehen?
Das  einströmende  Gold  rückt,  gestützt  auf  das  freie  prägerecht,  an  die
Stelle  der  eingezogenen  Banknoten.  Das  Reichsgeldamt  muß  also  immer
weiter  Noten  einziehen,  um  dem  einwandernden  Gold  Platz  zu  machen,  indem
es  schließlich  gar  keine  Wechsel  kaust,  während  die  täglich  verfallenden  Wechsel
ihm  Banknoten  zuführen,  die  es  verbrennt.  Würden  die  Wechsel  statt  mit
Noten  mit  Gold  eingelöst,  so  wäre  das  natürlich  gleichgültig,-  es  kommt  ja  nur
darauf  an,  daß  Geld,  Heizmaterial,  Hausscstoff,  einerlei  ob  Gold  oder  Noten,
eingezogen  wird.
Hält  die  internationale,  ausländische  Hausse  genügend  lange  an,  dann
muß  der  Augenblick  kommen,  wo  nur  noch  Gold  und  zu  100°A&amp;gt;  mit  Gold
gedeckte  Noten  umlaufen,  wo  das  Reichsgeldamt  durch  das  Notenprivileg
keinen  Einfluß  auf  die  Währung  mehr  ausüben  kann,  wo  es  durch  bares,
gemünztes  Geld  einfach  ausgeschaltet,  an  die  Luft  gesetzt  worden  ist?)
Von  diesem  Augenblick  an  müßten  nun  andere  Maßnahmen  ergriffen
werden,  um  die  deutsche  Währung  gegen  die  Goldüberschwemmung  zu  schützen,
um  zu  verhindern,  daß  der  deutsche  Markt  mit  in  den  Haussetrubel  gerissen  wird.
Es  steht  einem  ja  frei,  sich  vorzustellen,  daß  die  Warenhausse  in  den
Goldwährungsländern  besonders  hartnäckig  ist,  etwa  durch  große  Goldfunde
oder,  was  noch  leichter  vorstellbar  ist,  —  daß  die  Hausse  durch  ausländische
Währungspfuschereien  bewirkt  worden  ist,  die  zur  Hausse  und  schließlich  zur
Auswanderung  des  Goldes  führen.  2n  Deutschland  z.  B.  ersetzte  man  die
Silbermünzen  s.  Zt.  durch  Gold  und  verursachte  dadurch  eine  Silberüberschwemmung ­
  in  allen  Ländern,  die  dem  Silber  die  Münze  nicht  gesperrt
hatten,-  in  Nord-Amerika  verdrängte  man  das  Gold  durch  Banknoten  und
trieb  dieses  Gold  nach  Europa,  wo  es  mit  Freude  ausgenommen  wurde,  und
wohin  es  die  Nordamerikanischc  Hausse  übertrug.  Die  deutschen  Währungsgesctze
  boten  keinen  Schutz  gegen  diesen  Schwindel.
Also  nehmen  wir  an,  der  Einzug  aller  umlaufenden  Noten  hätte  nicht
genügt,  und  Deutschland  hätte  weiter  zur  Festhaltung  seiner  Preise  gegen
das  einströmende  Gold  anzukämpfen,  so  bliebe  dem  Reiche  nichts  übrig,  als
das  Gold  direkt  aufzuspeichern,  indem  es  entweder  durch  Steuerzuschläge
(s.  S.  5?),  es  von  den  Bürgern  ausbringen  ließ  oder  es  direkt  aufkauste,
und  zwar  dürste  es  dieses  Gold  nicht  mit  Banknoten  aufkaufen,  sondern
durch  Ausgabe  von  zinstragenden  Bonds,  die  kein  Geld  sind.  Es  würde  der
i)  3n  Schweden  wurde  während  des  Krieges  dem  Gold  das  prägerecht  entzogen.  In  Argentinien ­
  sind  die  Noten  jetzt  mit  800/0  gedeckt.  Trotzdem  ist  dort  ein  Agio  gegenüber  dem  Dollar
von  30°/o  (1921)  entstanden.  Die  Negierung  hat  dort  jeden  Einfluß  auf  die  Währung  verloren.
        <pb n="68" />
        Währungstechnische  Vorschläge  für  die  Sicherung  der  Währung.

Währung  Opfer  bringen,  Zins  bezahlen  müssen,-  denn  das  Produkt  der  gemachten ­
  Schulden  wäre  vergrabenes  Gold  —  trotz  seinem  sogen,  „inneren
Wert"  und  obwohl  es  „Kapital  an  sich"  genannt  wird,  ein  kostspieliger  Besitz.
Aber  schließlich  ist  dieser  Zinsverlust,  auch  wenn  es  sich  um  Hunderte  von
Millionen  handelte,  für  die  Volkswirtschaft  ein  Pfifferling,  wenn  es  damit
gelingen  sollte,  die  deutsche  Volkswirtschaft  vor  dem  Einfall  solch  goldener
Horden  zu  schützen?)
Aber  es  ist  wohl  zu  merken:  indem  Deutschland  unter  Beibehaltung
der  Goldwährung,  des  freien  prägerechtes,  die  Preise  der  Waren  im  Inland
festhält,  dafür  Opfer  bringt,  dadurch  daß  es  das  auf  dem  Weltmarkt  überschüssige ­
  Gold  bei  sich  aufhäuft,  so  bringt  es  diese  Opfer  eben  für  alle
Goldwährungsländer,-  denn  so  lange  Deutschland  Gold  aufstapelt  und  dem
Markte  entzieht,  saugt  es  der  Hausse  im  Ausland  die  Nahrung  ab.  So
würde  Deutschland  zum  Regulator  der  Goldwährung  —ein  glanzvolles  Amt,
würdig  der  Kraft  und  Herrlichkeit  der  deutschen  Volkswirtschaft,  würdig  auch
vor  allem  der  durch  keine  Zweifel  angekränkelten  Hochschähung,  die  die  Goldwährung ­
  kn  den  deutschen  Landen  genießt.  Nirgends  wird  die  Goldwährung
so  hoch  eingeschätzt  wie  in  Deutschland,  nirgends  hat  sie  so  begeisterte  Verehrer. ­
  Die  Goldwährung  ist  für  Deutschland  mehr  als  ein  Handelsprinzip,-sie
  hat  historische  Bedeutung.  Wie  das  Deutsche  Reich  mit  dem  Blute  erschlagener ­
  Feinde  getauft  wurde,  so  hastet  der  Goldwährung  der  Nimbus  der
Kriegsbeute,  der  Milliarden  an.  Die  Goldwährung  ist  für  Deutschland  eine
Art  Ruhmeshalle  —  sie  ist  eine  Kriegstrophäe.  Und  was  tut  man  nicht
alles,  um  Kriegstrophäen  vor  dem  Moder  der  Vergessenheit  zu  schützen,  was
wird  Deutschland  nicht  alles  tun,  um  die  Goldwährung  vor  dem  Zusammenbruch ­
  zu  bewahren?^)
Aber  die  Erfahrung  zeigt,  daß  die  Hausse  kn  der  Regel  nicht  lange
dauert,  und  daß  ihr  die  Baisse  auf  dem  Fuße  folgt.  Wenn  dieser  Umschwung
dann  im  Ausland  eintritt  und  als  Folge  davon  der  deutsche  Warenexport
zurückgeht,  die  Wareneinfuhr  aber  wächst  (weil  ja  Deutschland  feste,  d.  h.
zur  jetzigen  Baisse  im  Ausland  hohe  Preise  hat),  so  kippt  auch  die  vorherige
Goldeinsuhr  bald  in  Goldausfuhr  um,  und  dann  wirst  Deutschland  (durch
Rückkauf  der  verzinslichen  Goldbonds)  den  während  der  Hausse  aufgespeicherten
Goldschatz  wieder  auf  den  Weltmarkt  —  wodurch  wieder  der  Baisse  entgegengearbeitet ­
  wird.
Dauert  dann  die  Baisse  im  Auslande  bis  zur  Erschöpfung  der  deutschen
Goldbestände,  dann  bliebe  nichts  anderes  übrig,  als  entweder  mit  einem
Goldagio  den  Bankerott  der  Goldwährung,  oder  durch  Mitmachen  mit  der
ausländischen  Baisse  das  Prinzip  fester  Preise  fahren  zu  lassen,  den  Bankerott
der  Landeswährung  zu  erklären.
Die  Konsolidierung  der  deutschen  Währung,  d.  h.  die  auf  die  Festigkeit
der  Preise,  auf  die  Beseitigung  von  Hausse  und  Baisse,  von  Betrug  und
i)  Diese  Politik  betrieben  die  Ver.  Staaten  seit  Jahrzehnten  dem  Silber  gegenüber.
H  In  Wirklichkeit  tat  Deutschland  nichts,  um  die  Goldwährung  zu  schützen.  Es  war  nur
leeres  Zeitungsgeschwäh,  was  in  der  Öffentlichkeit  zum  Ruhme  der  Goldwährung  gesagt  wurde.
Am  Tage  der  Kriegserklärung  brach  die  Goldwährung  zusammen.
        <pb n="69" />
        69

Internationale  Wahrung.

Schwindel  gerichtete  aktive  Währungspolitik  kann  also  unter  Umständen  zum
Bruch  der  Goldwährung  führen.  Das  soll  hier  nicht  verheimlicht  werden.
Aber  dieser  Fall  könnte  nur  eintreten,  wenn  es  sich  um  langandauernde
Baiffeperioden  handelt,  die  nicht  durch  Störungen  des  Geldumlaufes,  sondern
durch  direkten  Mangel  an  Geldmasse  verursacht  werden.  Solche  langandauernde,
durch  Geldmangel  erzeugte  Baisseperioden  (man  erinnere  sich  hier  des  Laveleye'schen
  Gesetzes  —genug  oder  nichts  —  )  kennt  man  ja  mehrere.  Das  ganze
Mittelalter,  das  tausendjährige,  stumpfsinnige  Mittelalter,  war  eine  solche
durch  stetig  sich  verschärfenden  Geldmangel,  nur  hier  und  dort,  dann  und
wann,  durch  Verschlechterung  des  Münzfußes  unterbrochene  Baisseperiode,
während  welcher  die  Arbeitsteilung  unmöglich  war  und  die  erst  mit  der
Entdeckung  Amerika  s,  mit  den  Raubzügen  pizarro's  ein  Ende  nahm.  Nicht
Amerika,  das  Land,  sondern  das  in  Amerika  gefundene  Gold  hat  den  Aufschwung ­
  auf  allen  Gebieten  bedingt,  der  seit  Kolumbus  so  deutlich
wahrnehmbar  ist,  und  es  war  auch  wieder  nicht  das  Gold,  sondern
das  mit  dem  Gold  hergestellte  Geld,  das  der  Baisse  ein  Ende  bereitete  und
das  die  Arbeitsteilung  freigab.
Wenn  Italien  schon  im  Quattrocento  allen  übrigen  Ländern  Europas  voraus  war,  so
dürsten  diese  Leistungen  auf  Rechnung  seiner  Stellung  als  Weltbankker  und  der  von  überall  her
nach  Italien  abfließenden  und  dort  reichlich  umlaufenden  Ablaßgelder  zu  sehen  sein.  (Reformation ­
  —  Abwehrmaßregel  gegen  Goldabfluß?)
Auch  die  Zeit  des  Überganges  zur  Goldwährung  (1873  —1890)  war
eine  solche  durch  Geldmangel  erzeugte  Baksseperkode.
In  solchen  Fällen  würde  die  hier  vorgeschlagene  nationale,  aktive
Währungspolitik  unfehlbar  zum  Bruch  der  Goldwährung  führen.
Das  Ideal  der  Volkswirtschaft  —  feste  Preise  im  Inland  unter  Aufrechterhaltnug
  eines  festen  Verhältnisses  des  nationalen  Geldes  zum  Gelde
des  Auslandes,  läßt  sich  also  ohne  international  wirksame  Maßnahmen,
ohne  Verständigung  mit  den  übrigen  Goldwährungsländern  nicht  mit  Sicherheit
erreichen.  Könnte  man  es  aber  erzielen,  daß  in  allen  Ländern  die  Währung
einer  gleichmäßigen  Behandlung  unterworfen  würde,  daß  unsere  hier  entwickelten ­
  Grundsätze  international  anerkannt  würden,  so  wären  alle  Schwierigkeiten ­
  beseitigt.  Denn  wird  bei  einer  Hausse  in  allen  Ländern  gleichzeitig  der
Geldumlauf  durch  Einzug  von  Banknoten  verringert  (resp.  bei  einer  Baisse
vermehrt),  so  bleibt  das  ohne  jeden  Einfluß  auf  Ein-  und  Ausfuhr  und  auf
die  Zahlungsbilanz  der  einzelnen  Länder,  und  die  Goldverschiebungen,  die
wir  bei  einer  einseitig  deutschen  Währungspolitik  vorhersahen,  fallen  fort.
(Das  Gesetz  der  kommunizierenden  Röhren).
Und  wird  bei  einer  Baisse  in  allen  Ländern  gleichzeitig  und  nach  denselben ­
  Grundsätzen  der  Notenumlauf  vermehrt  —  so  hebt  sich  überall  das  allgemeine
Preisniveau,  ohne  daß  auch  da  wieder  Verschiebungen  in  der  Zahlungsbilanz
entstehen.  Ein-  und  Ausfuhr  von  Waren  wird  dadurch  nicht  berührt,-  denn
nicht  die  absolute  Höhe  der  Preise  führt  zu  Verschiebungen  kn  der  Zahlungsbilanz, ­
  sondern  die  relativ  zum  Auslande  hohen  oder  niedrigen  preise.  (Die
Ausnahme  bei  im  Auslande  verschuldeten  Staaten  haben  wir  bei  einer
anderen  Gelegenheit  schon  erwähnt).
        <pb n="70" />
        Internationale  Währungsverständigung.

70

So  bleibt  denn  nur  mehr  zu  erörtern,  ob  es  wohl  möglich  fein  wird,
andere  Goldwährungsländer,  wie  Nordamerika,  England,  Frankreich,'Österreich,
Rußland,  Italien,  Skandinavien,  Argentinien,  Holland  und  die  Schweiz  zu
veranlassen,  im  Verein  mit  Deutschland  eine  auf  die  Beseitigung  der  sogen.
Konjunkturschwankungen,  auf  die  Konsolidierung  der  Währung  gerichtete
aktive  Währungspolitik  zu  betreiben,  und  dieser  Frage  wollen  wir  ein
besonderes  Kapitel  widmen.

Internationale  Währungsverstänöigung.
Die  Vorteile  des  internationalen  und  interkontinentalen  Produktenaustausches ­
  überwinden  die  künstlichen  Hindernisse,  die  kurzsichtige  Geister  seiner
Entwicklung  in  Form  von  Zollschranken  entgegenstellen,  und  lassen  allem  zum
Trotz  den  Welthandel  sich  31t  einer  Lebensfrage  aller  Völker  auswachsen.
Der  Weltgeist,  den  der  Welthandel  zeugt,  ist  über  das  Ideal  mancher
Patrioten  brutal  und  siegreich  hinweggeschritten,-  niemand  spricht  mehr  vom
geschlossenen  Handelsstaat?)  Wie  Alexander  der  Große  die  Welt  für  seinen
Ehrgeiz  brauchte,  so  sehnt  sich  jeder  Unternehmer  nach  dem  schrankenlosen
Besitz  der  Welt  für  den  Absah  seiner  Produkte,  und  wenn  es  auch  nur
Stiefelwichse  wäre.
Die  Bedeutung  des  Welthandels  wird  überall  immer  mehr  gewürdigt,
und  alle  Völker  zeigen,  daß  sie  zur  pflege  dieses  Handels  schwere  Opfer  zu
bringen  bereit  sind.  Manchen  von  diesen  Opfern  fehlt  es  an  Zielbewußtsein,-manche
  entspringen  auch  noch  dem  heidnischen  Gedanken,  den  Welthandel
durch  Eroberung  sich  anzueignen  —  doch  sind  es  immer  Opfer,  die  auf  dem
Altar  des  Welthandels  gebracht  werden  —  einerlei  ob  sie  aus  Blut  und
Pulver,  Geld  und  Vorurteilen,  oder  einfach  aus  der  dem  Studium  der
Sache  geopferten  lieben  Ruhe  bestehen.
Um  den  Welthandel  zu  fördern,  gibt  die  Kaiserin  von  China  den  Zopf
auf,  legt  Bresche  in  die  Grenzmauern  ihres  Reiches.  Um  den  Welhandel  zu
erweitern  und  zu  schützen,  baut  man  kostspielige  Kriegsflotten,  überbrückt  oder
durchsticht  die  natürlichen  Grenzen,  die  Gebirge  und  Ströme  den  einzelnen
Nationen  ziehen,-  aus  Staatsmitteln  unterstützt  man  unrentable  Weltschiffahrt,-ein
  kostspieliges,  diplomatisches  Corps  wird  überall  unterhalten,  man  gibt
sogar  beträchtliche  Teile  der  nationalen  Selbständigkeit  auf,  indem  man  durch
Verträge  (Handelsvertrag,  postvertrag  usw.)  die  staatliche  Bewegungsfreiheit
unterbindet.  Auch  die  Goldwährung  hat  man  nur  darum  eingeführt,  weil
man  Vorteile  von  ihr  für  den  Welthandel  erwartete,-  und  was  hat  man
der  Goldwährung  nicht  alles  geopfert!  Um  die  Goldwährung  einzuführen,
ist  es  nötig  gewesen,  dem  Staat  die  kostspielige  Liquidation  der  Silbermünzen
aufzuhalsen,-  in  Italien,  Rußland,  Österreich  tt.  a.  wurden  besondere  auswärtige ­
  Anleihen  zu  dem  Zwecke  gemacht,-  in  Nord-Amerika  wurden  ganze
i)  Der  Krieg  hat  auch  diese  glücklichen  Entwicklungskeime  zerstört.  England,  der  alkeWeltund
  Freihandelsstaat,  ist,  durch  Valutaschwierigkeiten,  fetzt  (1921)  zum  Schutzzollunsinn  übergegangen. ­
        <pb n="71" />
        Internationale  Währungsverständkgung.

Berge  von  Silber  mit  verzinslichen  Titeln  der  Staatsschulden  aufgekauftum
  das  Silber  zu  vergraben.  Überall  wurden  die  Schuldner  zu  Gunsten
ihrer  Gläubiger  geprellt,  bestohlen  (Not  der  Agrarier),-  man  beugte  das  Recht
und  wandelte  die  in  Silber  gemachte  Schuld  in  eine  ganz  andere  Sache,  man
verdoppelte  die  Lasten  aller  privat-,  Staats-  und  Gemekndeschulden.  Und
nicht  genug  damit  —  man  lieft  die  Vernunft  auch  noch  Kapriolen  schlagen,
indem  man  „zum  Schutze  der  Goldwährung"  Zölle  einführte.  Zölle,
die  den  Welthandel  drosseln!  Den  Welthandel  opferte  man  der  Goldwährung,
den  Zweck  dem  Mittel!  Das  alles,  um  den  Welthandel  zu  pflegen,  zu  fördern.
Es  ist  Tatsache,  daß  dem  Siegeszug  der  Goldwährung  durch  die  Welt  der  Siegeszug
der  Schuhzolltheorie  auf  dem  Fuße  folgte.  UmdieGoldwährungeinzusührenoder
umsiezusichern,  hat  man  danach  getrachtet,  durch  Zölle  eine  akive  Zahlungsbilanz  herbeizuführen ­
  und  vergaß  dabei  ganz,  daß  die  Goldwährungsidee  ein  Kind  der  Freihandelsidee  ist.
Sind  das  nicht  Zeichen  genug,  daß  die  Völker  allesamt  bereit  sind,  etwas
für  die  internationale  Währung  zu  tun,-  daß  sie  gewillt  sind,  sich  mit  den
Nachbarn  in  dieser  Lebensfrage  zu  verständigen?  Gewiß,  es  werden  hier
noch  viele  Vorurteile  zu  überwinden  sein,-  aber  wer,  wie  in  Deutschland  und
Nord-Amerika,  sogar  die  Vernunft  der  internationalen  Währung  opferte,
der  wird  wohl  auch  ihr  zu  Liebe  einige  Vorurteile  fahren  lassen.
Man  berufe  darum  eine  internationale  Währungskonferenz  ein  und
unterbreite  ihr  folgende  Vorschläge:
1.  Die  Ausgabe  von  Banknoten  ist  in  allen  Staaten  ausschließliches
Vorrecht  der  Regierung:  etwaige  Verträge  mit  Privatbanken  (in  Deutschland
der  Reichsbank)  werden  gelöst.
2.  Die  Ausgabe  von  Banknoten  erfolgt  in  allen  Vertragsstaaten  nach
gleichen  Grundsätzen,-  und  zwar  werden  Banknoten  ausgegeben,  wenn  die
Warenpreise  sinken,  und  es  werden  Banknoten  eingezogen,  wenn  die
Warenpreise  steigen.
3.  Ausgabe  und  Einzug  von  Banknoten  erfolgt  überall  unabhängig
von  der  Bedingung  des  Gewinnes,  von  der  Scheu  vor  einem  Verlust  und
von  den  Bewegungen  des  Zinsfußes.
4.  Zur  Feststellung  der  Warenpreisschwankungen  wird  in  allen  Vertragsstaaten ­
  eine  nach  gleichen  Grundsätzen  geführte  Warcnpreisermittelungsstatistik
  geführt.
5.  Es  wird  ein  internationales  Währungsbureau  mit  Sitz  kn  Bern
oder  sonstwo  gegründet,  in  dein  alle  Fragen,  die  die  Praxis  auswirft,
erörtert  werden?)
Mancherlei  Fragen  wird  das  internationale  Währungsbureau  zu  beantworten, ­
  mancherlei  Schwierigkeiten  zu  beseitigen  haben,-  aber  wie  groß  auch
diese  Schwierigkeiten  sein  mögen,  eines  steht  doch  über  allen  Zweifeln  fest  —
eine  internationale  Währung  kann  man  nicht  durch  die  Wahl  des  Geldstoffes ­
  (Gold),  sondern  nur  durch  internationale  Verständigung  in  der
Behandlung  des  Geldes  erreichen.  Jede  einseitig  nationale  Behandlung  des
i)  2n  meiner  Schrift  „Internationale  Valuta-Assoziation"  (Freiland-Freigeldverlag,
Erfurt  1920)  sind  obige  Vorschläge  erneut,  vervollständigt  und  breiter  ausgeführt.  S.  G.

71
        <pb n="72" />
        Internationale  Währungsverständigung.

72

Geldwesens  führt  mit  der  Zeit  notwendigerweise  zum  Bruch  der  internationalen
Währung,  d.  h.  zu  Schwankungen  im  Wechselkurs.  Dabei  Hilst  einem  der
billige  Trost,  daß  die  Schuld  beim  Nachbar  liegt,  nicht  im  geringsten  über
die  Schwierigkeiten  der  Lage  hinweg.  Was  Hilst  es  z.  B.  in  Deutschland,
daß  man  z.  B.  behanptete,  nicht  das  Gold  wäre  dem  Silber  gegenüber  im
Preise  gestiegen,  sondern  umgekehrt,  das  Gold  wäre  fest  geblieben  und  das
Silber  wäre  gefallen?  Diesen  Trost  hätten  die  mit  Indien  arbeitenden
Kaufleute  gerne  für  10  pfg.  verkauft.
Eine  nationale  Goldwährung  gibt  es  aber  nicht,  sie  ist  unmöglich?)
Wer  ihr  nachstrebt,  läuft  einem  Hirngespinnst  nach.  Die  Goldwährung  läßt
eine  nationale  Behandlung  nur  in  dem  eng  begrenzten  Rahmen  zu,  den  wir
mit  unseren  Vorschlägen  gezeichnet  haben,  und  auch  da  noch  müßte  mit
großer  Vorsicht  vorgegangen  werden.
Die  Hauptschwierigkeiten  werden  dem  internationalen  Währungsbureau
aus  der  Verwendung  des  Goldes  zu  Industriczwccken  und  durch  den  Zins  als
Voraussetzung  des  Geldumlaufes  entstehen.  Und  diese  Schwierigkeiten  werden
mit  der  Zeit  um  so  größer  werden,  je  wirksamer  der  Warenaustausch  gegen
Krisen  geschützt  wird.
Es  lohnt  sich,  der  Sache  näher  zu  treten.
Die  Verwendung  des  Goldes  zu  Industrkezwecken  wächst  nicht  nur,
wenn  der  Preis  des  Goldes  billig  wird  (Hausse),  sondern  ganz  besonders
auch  dann,  wenn  der  allgemeine  Wohlstand  wächst.  Die  Goldware  ist  ein
Luxusartikel,  und  Luxus  treibt  man,  wenn  man  satt  ist.  Werden  nun  durch
die  vorgeschlagenen  Reformen  die  Preise  festgehalten  und  Wirtschaftskrisen
unmöglich  gemacht,  wird  die  Arbeit  nicht  jeden  Augenblick  unterbrochen,  so
hebt  sich  der  allgemeine  Wohlstand  schnell  und  ununterbrochen.  Damit  aber
wächst  die  Nachfrage  nach  goldenem  Flitter.  Und  es  würde  genügen,  wenn
jeder  Fabrikarbeiter,  jeder  Bauer  seiner  Liebsten  eine  goldene  Kette,  ein
goldenes  Armband  kaufte,  um  sämtliche  Münzen  aufzubrauchen.  2n  Deutschland
z.  B.  wären  das  20  Millionen  Uhrketten  und  Uhrgehäuse  zu  100  Gramm
gleich  2  Millionen  Kilo  Feingold  —oder  5580  Millionen  Mark  —mehr  also
als  der  gesamte  Goldmünzenbestand.
Der  Wohlstand  frißt  die  Münze,-  das  Verschwinden  der  Münze  erzeugt  die  Baisse,  und
die  Baisse  frißt  den  Wohlstand.  Die  goldene  Münze  braucht  also  Bettelei,  um  zu  existieren,-  durch
die  Baisse  und  die  sie  begleitende  Wirtschaftskrise  hebt  sich  die  goldene  Münze  immer  selbst  aus
dem  Bereich  der  Massen.  Volkswohlstand  und  Goldwährung  schließen  sich  also  gegenseitig  und
notwendigerweise  aus.
Nun  kann  man  den  Augenblick  noch  so  weit  hinausschieben,  wo  die
Masse  des  Volkes  in  der  Lage  sein  wird,  goldenes  Gerät  zu  kaufen,-  aber
wenn  es  gelingt,  die  Krisen  zu  beseitigen,  so  müssen  wir  mit  diesem  industriellen
Konsum  der  Münzen  rechnen.  Denn  cs  unterliegt  wohl  keinem  Zweifel,  daß
die  Krisen  eine  der  Hauptursachcn  der  heutigen  bettelhasten  Armut  der
Volksmassen  sind.
i)  Helfferich  der  Gründer  des  Vereins  zum  Schuhe  der  „deutschen"  Goldwährung,  gründete ­
  einen  Verein  zum  Schüße  eines  Unsinnes.  Und  diesem  Verein  gehörten  Mommsen  und
Virchow  an!
        <pb n="73" />
        Internationale  Währungsverständigung.

V,'

73

Die  Verwendung  des  Goldes  zu  Industriezwecken  kann  man  aber  im
Interesse  der  Aufrechterhaltung  der  Goldwährung  nach  Belieben  erschweren
und  verhindern,  und  zwar  durch  eine  Goldwarensteuer.  Wenn  man  für  das
Tragen  einer  goldenen  Uhrkette,  eines  goldenen  Armbandes  eine  jährliche
Lizenz  von  50  —  100  —  1000  Mark  zu  zahlen  hätte  (jede  Kette  müßte,
ähnlich  den  Hundemarken,  mit  einer  Steuermarke  versehen  sein),  so  käme
nicht  mehr  der  Anschaffungspreis  allein  kn  Betracht,  und  mancher  würde
doch  lieber  eine  seidene  oder  silberne  Kette  tragen.  So  würde  die  Münze
vom  Schmelztiegel  ferngehalten.  Solche  Goldwarcnsteuer  müßte  natürlich,
um  keine  Verschiebungen  in  der  Handels-  und  Zahlungsbilanz  zu  erzeugen,
international  erhoben  werden.  Zwar  bliebe  von  der  reinen  Goldwährung
nicht  mehr  viel  übrig,  indem  eine  solche  Steuer  wie  ein  gewissermaßen  umgekehrter ­
  Schlagschah  zu  betrachten  wäre,  und  zur  Theorie  der  reinen  Goldwährung ­
  paßt  ein  solcher  Schlagschatz  nicht.  Aber  man  hat  schon  auf  Kosten
der  Theorie  der  Praxis  der  Goldwährung  so  manche  Konzessionen  machen
müssen  (man  denke  an  die  zum  Schuhe  der  Goldwährung  eingeführten  Zölle),
daß  man  diesen  goldwährungstheoretischen  Unsinn  auch  noch  kn  Kauf  nehmen  kann.
Bei  der  Goldwährung  muß  man  auch  mit  dem  Zufall  rechnen,  und
wenn  wir  eben  annahmen,  daß  der  Industrkeverbrauch  des  Goldes  der
Währung  Schwierigkeiten  bereiten  kann,  so  müssen  wir  auch  den  gegenseitigen
Fall  kn  Betracht  ziehen,  daß  man  Gold  über  den  Bedarf  der  Industrie  hinaus
findet  und  daß  auch  die  Ausmünzungen  über  den  Bedarf  der  Währung  hinaus
wachsen  können.
2n  solchen  Fällen  bliebe  nichts  anderes  übrig,  als  die  entgegengesetzte
Politik  der  Goldwarcnsteuer  zu  befolgen,  indem  man  durch  einen  Schlagschah ­
  das  Gold  von  der  Münze  fernhält  und  dadurch  der  Industrie  zuwendet.
Erhebt  man  z.  B.  kn  der  Münze  10  —  20  —  50°/»  als  Schlagschah,  so  wird
das  ungemünzte  Gold  um  10  —  20  —  50°/»  dem  gemünzten  Gold  gegenüber
billiger,  und  eine  goldene  Kette  von  100  Gramm  wird  nur  mehr  90  —  80  —  50
Gramm  gemünztes  Gold  kosten  (plus  Arbeitslohn  des  Juweliers).  Dies
wird  den  Goldwarenkonsum  natürlich  heben.
Solcher  Schlagschatz  bedeutet  ja  auch  wieder  einen  Vorstoß  gegen  die
Theorie  der  Goldwährung,-  aber  wenn  es  sich  darum  handelt,  den  Handel
vor  einer  Hauste  oder  Baisse  zu  schützen,  so  darf  man  vor  derartigen  Schönheitsfehlern ­
  einer  Theorie  nicht  zurückschrecken.  Eine  pockennarbige  Währungstheorie ­
  ohne  Krise  ist  immer  besser  als  eine  jungfräulich  glatte  Theorie  inmitten ­
  einer  verwüsteten  Volkswirtschaft.  Zuguterletzt  sind  es  doch  die  Bedürfnisse ­
  des  Handels,  die  uns  sagen  sollen,  wie  das  Geldwesen  behandelt
werden  muß.
Man  könnte  sich  unter  Umständen  und,  falls  man  den  theoretischen
Widerwillen  gegen  einen  Schlagschah  oder  eine  Goldwarensteuer  nicht  überwinden ­
  kann,  auch  für  eine  Zeit  lang  mit  einer  Wechselstempelsteuer  behelfen. ­
  Die  Wechsel  ersehen  das  Geld,  wirken  also  wie  eine  Vermehrung
des  Geldes,-  denn  ersetzen  heißt  hier  nicht  verdrängen.  Der  Wechsel  gesellt
sich  zu  dem  Geld,-  er  ist  ein  Tauschmittel,  wenn  auch  nur  ein  schmarotzendes.
Soll  nun  der  Umlauf  von  Tauschmitteln  beschränkt  werden,  so  kann  man
        <pb n="74" />
        71

Internationale  Währungsverständigung.

statt  des  Schlagschahes  eine  Wechselstempelsteuerft  erheben,  oder  die  etwa
schon  bestehende  Steuer  nach  Bedarf  bis  zur  völligen  Unterdrückung  der
Wechsel  erhöhen.  Der  Erfolg  wäre  derselbe,  wie  beim  Schlagschah.  Je
weniger  Wechsel  umlaufen,  um  so  mehr  Bargeld  wird  nötig.  In  Deutschland ­
  waren  190?  3092  Milliarden  Wechsel  in  Umlauf,  deren  Verschleißkraft
  vielleicht  1—  2  —  5  Milliarden  an  Geld  entsprachen?)  Hatte  man  1905,
als  die  Hausse  einsetzte,  die  Wechsclstcmpelsteucr  verdoppelt  oder  verzehnfacht,
so  hatte  man  die  Wechsel  zum  größten  Teil  unterdrückt  und  da  dann  mehr
Bargeld  nötig  geworden  wäre,  so  wäre  es  nicht  zur  Hausse  gekommen.  Und
wären  die  Preise  nicht  so  hoch  gestiegen,  so  wären  sie  jetzt  nicht  so  tief  gefallen,- ­
  die  Volkswirtschaft  hätte  sich  den  Hals  nicht  gebrochen.  Wird  dann
bei  einer  Baisse  die  Stempelsteuer  ermäßigt  oder  aufgehoben,  so  kommt  der
Wechsel  dem  Bargeld  zu  Hilft.
Man  könnte  sich  auch  noch  so  behelfen:  Man  stellt  das  heutige  System
kleiner  Münzen  und  großer  Banknotcnabschnitte  auf  den  Kopf.
Nehmen  wir  an,  die  Goldmünzen  würden  nur  in  Stücken  von  100  —  500
und  1000  Mk.  geprägt,  und  daß  man  dafür  Banknoten  von  1  —  5  —  10  Mk.
drllckie  (wie  in  Argentinien),  so  würde  auch  das  jetzige  Verhältnis  im  Gebrauch ­
  dieser  Geldartcn  umgeworfen  werden.  Das  Gold  würde  unbrauchbar
für  den  täglichen  Verkehr  und  würde  den  Geldämtern  zum  Umtausch  gegen
Banknoten  übergeben  werden.  So  kämen  die  Geldämter  in  den  Gesamtbesih
des  Goldes  und  hätten  infolgedessen  eine  viel  breitere  Unterlage  für  die  Banknotenpolktik,
  die  so  Spielraum  für  die  Kapriolen  der  Goldproduktion  bieten  würde.
Natürlich  und  selbstverständlich  —  um  wirksam  zu  sein,  müßten  die
empfohlenen  Maßnahmen  immer  gleichzeitig  von  allen  Goldwährungsländern
ergriffen  werden.  Alle  Gcldämter  der  Welt  müßten  auf  einen  Wink  von
Bern  aus  gemeinsam  gegen  Hausse  und  Baisse  operieren.  Je  vollständiger
der  internationale  Charakter  der  Goldwährung  anerkannt  wird  —  um  so
leichter  läßt  sich  diese  der  Volks-  und  Weltwirtschaft  dienstbar  machen.
Zu  solchem  Goldwährungsbund  gehört  auch  eine  Liquidationsklausel.
Die  Schwierigkeiten,  in  die  der  lateinische  Münzbund  geraten  ist,  zeigen  die
Notwendigkeit  einer  solchen  Klausel.
Aber  die  für  eine  solche  Liquidatkonsklauftl  unentbehrliche,  wissenschaftliche
Untersuchung  der  Voraussetzungen  der  Goldwährung  (es  ist  hier  seiner
Zeit  alles  vorarisgescht,  nichts  geprüst  worden)  würde  für  die  Goldwährung
und  ihre  Theorie  derart  ungünstig  ausfallen,  solche  vernichtende  Aufklärung
bringen,  daß  die  Diskussion  der  Liquidationsklausel  den  geplanten  Goldwährungsbund ­
  wahrscheinlich  in  die  Brüche  führen  würde.
Eine  solche  Untersuchung  darf  daher  auch  in  einem  Buch  wie  dieses,  das  der
Goldwährung  zu  Hilfe  eilen  soll,  unter  keinen  Umständen  angestellt  werden?)
9  Die  Steuer  müßte  bei  jedem  Besiherwechsel,  also  nicht  wie  jetzt  einmal  für  die  ganze
Umlaufszeit  erhoben  werden.
2)  Der  Wechsel  zirkuliert  viel  langsamer  als  das  Bargeld,  darum  ist  seine  Berschleißkrast
auch  bedeutend  geringer.
3 )  Einen  Etnblik  in  die  Verhältnisse,  die  in  einer  Ltguidationsklausel  der  Goldwährung
berücksichtigt  werden  müßten,  bietet  S.  Gefells  Schrift:  Das  Monopol  der  Schweizerischen
Nationalbank.  Verlag  K.  I.  Wyß  in  Bern
        <pb n="75" />
        75

V'

Ausblick.

Ausblick.
Mit  Hilfe  der  vorgeschlagenen  Reformen  würde  sich  der  Handel  für
eine  Weile  ganz  normal  weiter  entwickeln  können.  Unter  Beibehaltung  der
Goldwährung  und  voller  Ausbildung  des  der  Goldwährung  zu  Grunde
liegenden  Gedankens  vertragsmäßiger  Internationalität  der  Währung  kann
man  tatsächlich  die  Schäden  der  Goldwährung,  die  durch  die  ziellose  Banknotenpolitik
  und  durch  die  ungenügende  Berücksichtigung  des  internationalen
Charakters  der  Goldwährung  überall  zu  Tage  treten,  beseitigen,  und  zwar
für,  eine  Reihe  von  Jahren.  Man  kann  den  Handel  vor  Baisse  und  Hausse
schützen,  freilich  nicht  durch  passives  Gehenlassen,  sondern  durch  eine  ununterbrochene ­
  Kette  aktiver  Handlungen.
Aber  nun  passiert  etwas  ganz  Absonderliches,  etwas  Verdächtiges,  etwas,
was  mit  innerer  Notwendigkeit  das  gesamte  herkömmliche  Geldwesen,  die  Goldwährung, ­
  die  Doppelwährung  wie  auch  die  Papierwährung  dem  Bankerott,
dem  theoretischen  wie  praktischen  Bankerott  entgegentreibt,  und  zwar  merkwürdigerweise ­
  um  so  schneller,  um  so  sicherer,  je  wohltätiger,  je  wirksamer
die  Reformen  waren,  womit  wir  die  Schäden  der  Goldwährung  zu  umgehen
suchten.  Wir  wollten  mit  unseren  Vorschlägen  die  Wirtschaftskrisen  unter
Beibehaltung  der  Goldwährung  beseitigen  —  jetzt  wird  es  sich  zeigen,  daß
die  Krise  Voraussetzung  und  Lebenselement  der  Goldwährung  ist/
daß  die  Goldwährung  zu  ihrem  Bestände  den  Bankerott,  die  Arbeitslosigkeit,
den  Zins  ebenso  nötig  hat,  wie  der  Mensch  die  Lust.  Die  organischen  Schäden
der  Goldwährung  wie  der  ihr  nachgeäfften  Papierwährung  müssen  jetzt  doch
offenbar  werden.
Die  Volkswirtschaft  ist  vor  dem  stetigen  Wechsel  der  Konjunkturen  gesichert. ­
  Das  Geldangebot  wird  dem  Warenangebot  im  In-  und  Auslande
ständig  und  mit  Sorgfalt  derart  angepaßt,  daß  die  Warenpreise  im  Durchschnitt ­
  weder  steigen  noch  fallen  können.  Keine  Krise  unterbricht  mehr  die
ruhige  Entwicklung  der  Volks-  und  privatwirtschast.  Arbeitslosigkeit  existiert
nicht  mehr.  Seit  5~10  —  20  Jahren  hat  man  ununterbrochen  gearbeitet.
Es  ist  jetzt  von  allem,  was  das  Volk  braucht,  reichlich,  überreichlich  da,  und
trotzdem  spricht  niemand  von  Überproduktion,  vom  Niedergang  der  Preise.
Es  wird  eben  immer  genau  so  viel  Geld  in  den  Verkehr  gebracht,  daß  die
Preise  nicht  fallen  können.  Und  so  lange  die  Warenpreise  nicht  sinken,  ist
der  Tausch,  der  Handel  möglich,  kann  der  Kaufmann  Ware  gebrauchen,  wird
auch  weiter  gearbeitet.  Das  Geldangebot  geht  parallel  mit  der  Warenproduktion.
Was  bedeutet  nun  das  alles:  wie  verhält  sich  der  Kapktalzins
zu  dieser  Erscheinung?  Der  Zins  zeigt  das  Verhältnis  an  zwischen
Borgern  und  Verleihern,  wie  der  preis  das  Verhältnis  zwischen  Käufern
und  Verkäufern  anzeigt.  Viele  Borger,  hoher  Zins  /  viele  Verleiher,  niedriger
Zins,-  wenig  Borger,  niedriger  Zins,-  wenig  Verleiher,  hoher  Zins.
Wenn  nun  seit  5  —  10  —  20  Jahren  ohne  Krise,  d.  h.  ohne  Unterbrechung
gearbeitet  worden  ist,-  wenn  die  Arbeiter  nicht  mehr  gezwungen  werden,
wochen-  und  monatelang  zu  feiern  und  in  dieser  Zeit  ihre  Ersparnisse  auszuzehren,- ­
  wenn  infolgedessen  die  Spareinlagen  ohne  Unterbrechung  wachsen  -
        <pb n="76" />
        76

Ausblick.

wächst  da  nicht  die  Zahl  der  Verleiher,  geht  da  nicht  die  Zahl  der  Borger
zurück,  muß  da  der  Zinsfuß  nicht  fallen,  wie  der  preis  sinkt,  wenn  das
Angebot  steigt,  die  Nachfrage  zurückgeht?
Und  wenn  der  Zinsfuß  sinkt,  und  während  5  —  10  —  20  Jahren  ununterbrochen ­
  gebaut  worden  ist,  muß  da  nicht  die  Wohnungsmiete  entsprechend
sinken,  muß  da  nicht  der  Kapitalertrag  (mit  Ausnahme  der  Grundrente)
ganz  allgemein  zusammen  mit  dem  Zinsfuß  fallen?  Nehmen  wir  an,  die
Sparkassen  böten  Geld  zu  einem  niedrigeren  Zins  an,  als  die  Häuser
und  Fabrikanlagen  abwerfen  —  so  werden  weiter  Häuser  und  Fabriken
gebaut  werden.
Und  dann  kommt  der  Moment,  er  muß  kommen,  wo  die  Mieten
heruntergehen  ebenso  wie  der  Kapitalzkns  der  Industrie,-  wo  die  Häuser,  die
Schiffe,  die  Eisenbahnen,  die  Fabriken,  die  Gasanstalten,  die  Warenlager
nicht  mehr  5°''°,  sondern  4—3—2°/o  einbringen.  Und  wem  kommt  dieser
Rückgang  des  Kapitalzinses  wieder  zu  gute?  Wem  anders  als  dem  Arbeiter
der  durch  seine  Ersparnisse  den  Zinsfuß  heruntergedrückt  hatte,  und  der  nun
mit  höherem  Lohne  und  niedrigerer  Wohnungsmiete  mehr  sparen,  den  Zins
also  noch  weiter  drücken  kann?  Der  Zins  geht  herunter,  sinkt  tiefer  und
tiefer,  er  wird  ersäuft  in  einem  Meer  von  Kapital,  in  einer  parallel  mit
dem  Rückgang  des  Zinsfußes  wachsenden  Überproduktion  von  Kapital.
Die  sogen.  Überproduktion  an  Waren,  d.  h.  die  Baisse,  der  Preisrückgang ­
  ist  durch  die  Reformen  in  der  Währungspolitik  zu  einer  Überproduktion ­
  an  Kapital  umgekippt,  und  während  die  Baisse  in  den  preisen
den  Warenaustausch  unmöglich  machte,  die  Produzenten  zur  Niederlegung
der  Arbeit  zwang,  zieht  die  Arbeit  aus  dem  Niedergang  des  Zinsfußes
immer  neue  Anregung  zu  vermehrter  Produktion,  zu  neuen  Anläufen,  die
den  Zins  schließlich  ganz  beseitigen.
Es  besteht  kein  Zweifel:  der  Zins  muß  fallen,  sobald  die  Krisen,  diese
Mörderinnen  der  Volkswirtschaft,  diese  Zcrstörerknnen  der  Güter,  die  mehr
verwüsteten  als  die  Hunnen,  als  die  Pest,  als  die  Kirchen,  als  der  Krieg,
unterdrückt,  sobald  die  Arbeitslosigkeit  beseitigt  und  die  Masse  des  Volkes  auf
dem  Anleihemarkt,  vom  Standplatz  der  Borger  zu  dem  der  Verleiher  übergeht.
Wer  aber  verleiht  Geld,  das  keinen  Zins  abwirft?  Wie
kommt  das  von  den  Sparern  dem  Verkehr  entzogene  Geld  wieder
kn  den  Verkehr,  wenn  dem  Sparer  kein  Zins  geboten  wird?
Kein  Zins,  kein  Geld.  Pas  d’argent,  pas  de  Suisses.  Ohne  Zins  kein
Geldumlauf,  und  ohne  Geldumlauf  kein  Warenaustausch.  Keine  Arbeitsteilung. ­
  Hunger.
Wie  heute  mancher  seine  Mittel  wenig  sicheren  Unternehmen  zur  Verfügung  stellt  in  der
Hoffnung,  einen  höheren  als  den  Durchschnittszins  von  3 1 /2—4V*°/o  zu  erzielen,  so  würde  auch  bei
einem  Durchschnittszins  von  0°/o  mancher  gewiß  sein  Geld  hergeben  in  der  Hoffnung,  doch  einen
positiven  Zins  zu  erzielen.  Aber  gerade  so  wie  heute  die  große  Masse  sich  mit  dem  Durchschnittszkns
  zufrieden  gibt  (Vermögensanlage  bei  Sparkassen,  in  Pfandbriefen,  Konsols  usw.),  so  würde
auch  bei  0"/o  die  große  Masse  ihr  Glück  nicht  wagen,  und  eben  einfach  das  Geld,  das  bare  Geld
im  Kasten  lassen.
Die  ganze  Zeit  der  Kapitalsüberproduktkon  wäre  eine  Zeit  außerordentlichen ­
  wirtschaftlichen  Fortschrittes,-  eine  Zeit,  wie  wir  sie  in  den  glänzendsten
        <pb n="77" />
        77

Ausblick.

Geschichtsperioden  nur  angedeutet  finden,-  aber  der  Fortschritt  müßte  schließlich
auf  ehernen  Widerstand  stoßen,  auch  die  verbesserte  Währung  kann  auf  die
Dauer  den  Wohlstand  nicht  vertragen.
Damit  das  gesparte  Geld  in  Umlauf  kommt,  ist  heute  der  Zins  nötig,-damit
  Zins  erhoben  werden  kann,  müssen  die  Borger  zahlreicher  als  die
Verleiher  sein,  muß  ein  Mangel  an  Kapital,  an  Fabriken,  Schiffen,  Häusern,
ein  Überfluß  an  Bettlern  sein.  Und  diesen  Mangel  kann  nur  ein  Vandal,
die  Krise,  die  Unterbrechung  der  Produktion,  die  Arbeitslosigkeit  erzeugen.
Um  uns  Bahn  zu  brechen  aus  der  Sackgasse,  müssen  wir  zerstören  mit
Bewußtsein,  sengen  und  brennen,  bis  der  Überfluß,  in  dem  das  Kapital
erstickte,  verschwindet  und  der  Zins,  dieser  Erzfeind  aller  Kultur,  seine  Wiedergeburt ­
  feiern  kann.
Flürschekm,  der  mit  seinen  sonst  in  vielen  Beziehungen  so  vorgeschrittenen  Währungsstudien
leider  nicht  über  diesen  Punkt  hinausgekommen  ist,  schlägt  vor,  daß  der  Staat  für  das  sich  in
den  Sparkassen  aufhäufende  Geld  neues  Geld  drucken  und  durch  Staatsausgaben  in  den  Verkehr ­
  bringen  soll.
Das  Publikum  würde  also  das  Geld  zu  Hause  behalten,  wo  es  mit  der  Zeit  zu  Bergen
sich  anhäufen  würde,  während  der  Staat  für  den  Einzug  solcher  Geldmassen  nichts  in  Händen
hätte  als  Kanäle,  Tunnels,  Kasernen.  Kommt  es  dann  vor,  daß  das  Volk  (etwa  infolge  einer
Fehlernte)  von  den  ersparten  Geldern  in  größerem  Maßstab  Gebrauch  machen  will,  so  kann  der
Staat  die  einsetzende  Hausse  nicht  verhindern.  Es  kommt  zu  Differenzen  L  la  Hausse,  die  das  Geld
aufdenMarkt  locken,  und  dazu  führen,  daß  die  während  5  —10—20  odernoch  viel  mehrIahren
gesparten  Geldmassen  (Tausende  von  Millionen)  sich  lawinenartig  auf  den  Markt  ergießen  und
dort  zu  einer  Rieseninflation  führen.
Wir  können  alle  Schäden  der  Goldwährung  umgehen,-  wir  können  die
Goldwährung  für  eine  geraume  Weile  dem  Handel  dienstbar  machen,-  wir
können  sie  bemustern.  Aber  das  werden  wir  niemals  erreichen,  daß  das
Goldgeld  (oder  auf  Gold  lautende  Banknoten,  wie  auch  das  gemeine  Papiergeld) ­
  ohne  Zins  angeboten  werde.  Das  Geld  sammelt  sich  in  den  Sparkassen. ­
  In  der  Industrie,  im  Baugewerbe  bringt  es  keinen  Zins  mehr  ein.
Niemand  hat  ein  Interesse  daran,  cs  in  Umlauf  zu  setzen.  Sogar  im  Handel,
im  Warenaustausch,  in  seiner  Domäne,  versagt  es  seinen  Dienst,-  denn  bares
Geld  „in  Ware  stecken",  ohne  Zins  erwarten  zu  können,  das  tut  niemand.
Das  Sparmittel  hat  das  Tauschmittel  erdrosselt,-  die  siamesische  Mißgeburt,
die  materielle  Vereinigung  von  Tausch-  und  Sparmittel,  begeht  den
zu  ihrer  Befreiung  nötigen  Brudermord.  Das  Sparmittel  erweist  sich  in
diesem  Kampfe  als  das  stärkere.  Der  Zins  siegt,  und  erst  mit  der  Wiedergeburt ­
  des  Zinses  wird  der  Geldumlauf  wieder  frei.
Muß  es  denn  nun  tatsächlich  immer  zu  Zins-  und  Arbeitslosigkeit
führen?  Gibt  es  keinen  Ausweg  aus  der  Sackgasse,  in  die  uns  selbst  eine
vernunftgemäße  Währungspolitik  führen  wird?
Der  Wertapostat,  der,  frei  von  allen  Visionen,  vorurteilslos  an  die
Probleme  der  Volkswirtschaft  herangeht,  schaut  mit  Siegesbewußtsein  in
die  Zukunft,-  er  weiß,  daß  das  Geldwesen  ihm  keine  Schwierigkeiten  mehr
bereiten  kann,  die  er  nicht  zu  überwinden  vermag.  Der  Wertapostat  beherrscht
das  Geld.  Wie  der  Schmied  das  starre  Eisen  nach  seinem  Willen  formt,
so  formt  der  Wertapostat  das  Geld  nach  den  Bedürfnissen  der  Volkswirtschaft,
nach  den  Bedürfnissen  des  Volkes,  das  in  der  Kultur  vorwärts  kommen  soll.
        <pb n="78" />
        Die  Geldtheorie  zur  aktiven  Währungspolitik.

Die  Wertvisiou  unterwarf  den  Handel,  die  Arbeitsteilung,  die  Kultur
der  Herrschaft  eines  Hirngespinstes,  eines  Despoten,  der  um  so  tyrannischer
regierte,  je  unzugänglicher  und  darum  auch  unverantwortlicher  er  war.  Das
vom  Wertglauben  maltraktierte  Geld  wurde  störrkg  und  bockte,-  in  der  Hand
des  Wertapostaten  wird  es  sich  als  williges  Werkzeug,  als  ein  wachsartigplastischer ­
  Stoff  erweisen.

Die  Gelötheorie  zur  aktiven  Währungspolitik.
Nachfrage  und  Angebot,  d.  k.  das  Quantum  des  angebotenen  Geldes
und  das  Quantum  der  angebotenen  Waren,  bestimmen  das  Verhältnis,  in
dem  beide  Dinge  ausgetauscht  werden.
Dies  ist  das  Hauptgeseh  des  Tausches.  Was  das  New  -
tonsche  Gravitationsgeseh  für  die  Astronomie,  das  bedeutet
dkeserSatz  für  die  Volkswirtschaftslehre,  die  nicht  mehr  noch
weniger  sein  kann,  als  ein  bloßer  Kommentar  dazu.
Auch  die  Theorie  des  Geldes  kann  nur  ein  solcher  Kommentar  sein,-was
  darüber  hinausschwebt  oder  darunter  bleibt,  ist  für  die  Erklärung  des
Geldwesens  unwesentlich.  Weil  das  Grundgesetz  der  Volkswirtschaft  nicht
wie  das  der  Astronomie  mit  einem  berühmten  Namen  verknüpft  ist,  sondern
der  Marktwekberweishekt  entstammt,  dabei  banal  und  abgedroschen  klingt,  hat
sich  die  Wissenschaft  nicht  damit  begnügen  wollen  und  hat  nach  einer  anderen
Theorie  gefahndet.  Und  da  die  Wissenschaft  nun  einmal  im  Wertwahn  befangen ­
  war  und  dieser  sogen.  Wert  als  das  Fundament  der  Volkswirtschaftslehre ­
  angesehen  wurde,  so  war  es  natürlich,  daß  auch  die  gesuchte
Theorie  des  Geldes  mit  diesem  traurigen  Hirngespinst  verknüpft  wurde.
Doch  das  Geld  ist  der  Brennpunkt  der  Volkswirtschaft,  und  es
konnte  darum  nicht  ausbleiben,  daß  die  Fadenscheinigkeit  solcher  Hirngespinste
kn  diesem  grellen  Licht  sogar  den  Wertgläubkgen  offenbar  wurde.  Und  in  der
Tat,  lange  bevor  Gottl  in  seiner  epochemachenden  Schrisft)  den  Wertglauben
als  Wahnvorstellung  abgetan  und  so  allen  darauf  errichteten  Theorien  (den
bürgerlichen  wie  den  sozialistischen)  das  Fundament  entzogen,  waren  schon
die  mit  Werthalluzinationen  verknüpften  Geldtheorien  auf  dem  Wege  der
gewöhnlichen  Kritik,  die  nicht  die  Voraussetzungen  untersucht  (hier  also  die
Frage:  Ist  der  Wert?)  sondern  sich  mit  der  Hervorkehrung  der  inneren
Widersprüche  begnügt,  als  unhaltbar  nachgewiesen  worden.
So  sagt  Knut  Wicksell  ff)
„Ich  hegte  schon  den  Verdacht  und  wnrde  durch  ein  eingehendes  Studium,  besonders  von
Tookes  und  seiner  Anhänger  Schriften  mehr  und  mehr  in  demselben  bestärkt,  daß  es  neben  der
Ouantitätstheorie  kn  Wirklichkeit  keine  zweite  gibt,  welcher  der  Name  einer  durchgeführten,  in
sich  zusammenhängenden  Theorie  des  Geldes  beigelegt  werden  könnte.  Ist  nun  jene  Theorie
falsch  oder  inwieweit  sie  falsch  ist,  so  gibt  es  bis  heutigen  TageS  eben  nur  eine  falsche  Theorie
des  Geldes/'

1)  Gottl,  Der  Wertgedanke.  Jena.  Gustav  Fischer.
2 )  Knut  Wicksell,  Geldzins  und  Güterpreise  (S.  III).  Jena,  Gustav  Fischer.

78
        <pb n="79" />
        Die  Geldtheorie  zur  aktiven  Währungspolitik.

Und  die  Ouantitätstheorie,  dieser  letzte,  zähe  Sprößling  des  Werthumbtigs,
  verdankt  diese  Lebenskraft  nur  dem  Umstand,  daß  er  ganz  aus  der
Art  geschlagen  ist.  Im  Irrenhaus  geboren,  ist  er  von  vierschrötigen  Marktweibern ­
  groß  gezogen  worden,  die  niemals  Wertvisionen  haben.  Was  die
Ouantitätstheorie  positives  leistet,  verdankt  sie  der  Lehre,  daß  Nachfrage
und  Angebot  die  Preise  sorwerän  bestimmen,  und  wo  sie  auf  Schwierigkeiten
und  Widersprüche  stößt,  so  ist  es  sicher  gleich  dort,  wo  sie  die  Rockschöße
der  Marktweiber  losläßt,  um  im  Wertschwindel  die  Elemente  zu  einem
selbständigen  Leben  zu  suchen.
Die  Ouantitätstheorie,  die  letzte  die  Wertepoche  noch  überlebende  positive
Geldtheorke,  ist  falsch,  weil  sie  sich  von  der  Wertsklaverei  noch  nicht  völlig
hat  frei  machen  können,  weil  diese  den  Tausch  der  Produkte  nicht  als  eine
Handlung  betrachtet,  sondern  als  die  Wirkung  einer  erdichteten  Eigenschaft,
eben  des  sogen.  Wertes.
Nach  der  Ouantitätstheorie  ist  es  das  Quantum  des  km  Geld  eingeschachtelten ­
  Wertes,  was  den  Tausch  veranlaßt,  bestimmt,  begrenzt.  Also
keine  Spur  einer  Handlung.  Wie  das  Gewicht  des  Eisens  auf  die  Wagschalc,
  so  wirkt  auch  in  dieser  Theorie  das  Quantum  des  im  Gelde  aufgehäuften ­
  Wertes  auf  den  Tausch,  wobei  allerdings  der  verdächtige  Widerspruch
ungelöst  bleibt,  daß  dieser  sogen.  Wert  nicht  mit  dem  Quantum  des  Geldes
wächst.  Eine  doppelte  Menge  Eisen  gibt  doppeltes  Gewicht,  aber  eine  Verdoppelung ­
  des  Geldes  verdoppelt  nicht  den  Wert  —  was  doch  unbedingt  der
Fall  sein  müßte,  wenn  dieser  mysteriöse  Wert  eine  Eigenschaft  wäre.  Also
eine  ganz  und  gar  unbegreifliche,  übernatürliche  Sache,  ein  wüster  Gedankenbrei,
  oder  wie  Marx,  der  Hauptwertapostel  es  selber  sagt  —eine  gespenstische
Eigenschaft.
Freilich  ist  das  nur  die  „naive"  Ouantitätstheorie/  aber  die  sogenannte
kritische  Ouantitätstheorie,  die  neben  dem  Quantum  des  im  Gelde  konservierten ­
  Wertes  noch  der  Umlaufsgeschwindigkeit  einen  Einfluß  auf  das
Tauschverhältnks  einräumt,  führt  in  diese  Theorie  ein  Element  ein,  das  in
Wirklichkeit  Alleinherrscher  ist  und  das  sich  noch  niemals  zu  solcher  Nebenrolle ­
  hergegeben  hat.
Die  Umlaufsgeschwindigkekt  des  Geldes  ist  nämlich  eine  willkürliche
Handlung  der  Geldbesitzer  (s.  Kriegsschatz  in  Spandau,  der  in  40  Jahren
nicht  einmal  angeboten  wurde)  und  ist  im  Grunde  nichts  anderes  als  das,
was  man  sonst  die  Nachfrage  nennt.
Das  gegen  Waren  vom  Geldbesitzer  willkürlich  angebotene  Geld  —  das
ist  die  berühmte  Nachfrage,  die,  je  nachdem  es  die  Geldbesitzer  mit  dem  Kauf
eilig  (Hausse)  oder  nicht  eilig  (Baisse)  haben,  die  Uiulaufsgeschwindkgkeit  des
Geldes  gibt  und  die  km  Verein  mit  dem  Warenangebot  das  Tauschverhältnks
souverän  bestimmt.
Wo  also  die  Umlaufsgeschwindigkeit  des  Geldes  als  Element  der  Preisbestimmung ­
  anerkannt  wird,  da  hat  der  Wertglaube  keinen  Platz  mehr.
Daher  die  Widersprüche,  auf  die  die  Wertsklaven  mit  der  kritischen  Quantktätstheorie
  stoßen,  und  die  sie  nur  unter  der  Bedingung  werden  lösen  können,
daß  sie  das  Wertgkst  aus  ihrem  Körper  schaffen.

79
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        Die  Geldtheorie  zur  aktiven  Währungspolitik.
Nachfrage  und  Angebot  bestimmen  das  Tauschverhältnis  zwischen  Waren
und  Geld,  selbstherrlich,  ohne  irgend  eine  Einschränkung.
Auf  diesem  Grundpfeiler  steht  auch  die  Theorie  des  Geldes,  und  wer
zu  einer  vollständigen,  logisch  durchgeführten  Theorie  des  Geldes  gelangen
will,  dem  bleibt  nichts  anderes  mit  dem  Geld  zu  tun  übrig,  als  mit  Vor-,
Nach-,  Rück-,  Weit-  und  Umsicht  alle  Umstände  zu  untersuchen,  die  auf  die
Nachfrage  und  das  Angebot  des  Geldes  einwirken.  Erst  dann  wird  er  sagen
können,  daß  er  eine  Theorie  des  Geldes  besitzt,  daß  er  dieser  wichtigsten
aller  staatlichen  Einrichtungen  nicht  mehr  verständnislos  gegenüber  steht,  daß
er  das  Geld  beherrscht,  und  daß  er  nunmehr  im  Stande  ist,  vorurteilslos,
weil  frei  von  der  Wertbesessenhekt,  alle  Vorschläge  selbständig  zu  prüfen,
die  in  letzter  Zeit  auftauchten,  um  die  im  Gelde  schlummernden  merkamotorischen
  Kräfte  der  Volkswirtschaft  statt  dem  Schwindel  dienstbar  zu  machen.
Es  gibt  in  der  Volkswirtschaft  nur  Preise,  durch  Nachfrage  und  Angebot ­
  selbstherrlich  bestimmte  Preise.  Der  konkrete  Preis,  das  was  ich  an
Waren  für  Geld  erstanden,  d.  h.  in  der  Hand  halte,  und  der  abstrakte  Preis,
das  was  man  wahrscheinlich,  möglicherweise,  voraussichtlich  für  eine  Ware
oder  ein  Stück  Geld  wird  erzielen  können.  (Diesen  letzten  abstrakten  Preis
hat  das  Volk  immer  im  Sinne,  wenn  vom  Wert  einer  Sache  die  Rede  ist,-nkcht
  aber  so  die  Wissenschaft.)
Und  mehr  gibt  es  nicht.  2n  Preisen  löst  sich  die  privat-,  Volks-  und
Weltwirtschaft  auf.  Auch  die  Wissenschaft  wird,  wenn  sie  einmal  die  Wertbrille ­
  ablegt,  nur  mehr  preise  sehen.
Mit  der  Verscheuchung  des  Wertgespenstes  verliert  die  heute  betriebene
Notcnbankpolktik  auch  den  letzten  Schein  eines  theoretischen  Rückhaltes.  Diese
Politik  ist  als  nackte,  geistlose  Routine  entlarvt.  Vom  Standpunkt  einer  geläuterten ­
  Geldtheorie,  vom  Standpunkt  des  Geldzwcckes,  der  Arbeitsteilung
aus,  muß  man  sie  direkt  als  Unsinn  bezeichnen.
        <pb n="81" />
        von  Silvio  Gesell  sind  ferner  erschienen:
Die  natürliche  Wirtschastsocönung
Lurch  KreilanÜ  unö  Kreigelü.
5-  Auflage  lyri.  408  Seiten.  Preis  &amp;gt;8.  -
Inhalt:
l-  Güterverteilung  und  die  delicrrschendcn  wirtschastlichen  Grscstr.
2.  ZreilanÜ.
z.  Metail»  und  Papiergeld.  Dar  Geld  «ge  cs  ist.
4.  Zreigeld.  Das  Seid  wie  es  sein  soll.
5.  Die  Kreigeld-Zinü-  oder  Kapitaltheorie.
Dar  grundlegende  Werk  der  Freiwirtschaftsbewegung.
Das  Reichswährungsamt.
Wirtschaftliche/  politische  unö  finanzielle  Vorberatungen
für  seine  Errichtung,
preis  ia~
gnHlt:
1.  Einleitung:  Eingave  und  Denkschrift:  »Sie  gesetzliche  Sicherung  derKaufkraft
des  Geldes  durch  Sie  absolute  Währung",  an  dir  Nationalversammlung  zu
Weimar  im  ffrüyjayr  1212  gerichtet.
2.  wirtschaftliche,  politische  unS  finanzielle  Voraussetzungen  für  Sir  Errichtung  SeS
NeichswähruiigSamtes.
Entwickelung  und  Grenze  der  vermögrasanschwellunq  (gnflation)
A  c  i  ch  sw  ä  k  r  u  n  g  s  a  ni  t.
Machtmittel  des  Acichswilyrungsamtes.
Das  Kapital  des  AcichSwikyrungsamtes.
Salut  a.
g.  Anlinng:  Ser  Abbau  Ser  Preise  im  Achte  der  argentinischen  Erfatzrung.  (Adersctzung  der
1828  vom  Drrfasscr  in  kueno»  Aires  veröffentlichen  Schrift  „La  cuestion
monetaria  argemina“  nebst  Bemerkung  über  ihre  Entstellung  und  Wirkung.)
Internationale  Valuta-Assoziaüon
sIva)
Sie  Voraussetzung  Ües  weltfreihanüels  -  öer  einzigen  für  Las  zerrissene
DeutschlanÜ  in  Krage  kommenöen  Wirtschaftspolitik
preis  5.-gnyalt:

1.  Ser  Weg  zum  Kreihandel.
2.  Sie  Beziehungen  Ser  Schutzzollpolitik  zur  Währung.
Z.  Sie  galileifche  oöer  ögnamifche  absoi.  Währung  als  Voraussetzung  ö.  WeltfrrihanSels.
st.  Internationale  Valuta-Assoziation  (Wcltwcktzningsverrin).
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Krellanö-Kreigelü-Verlag  -  Erfurt  50
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Einführungsschriften:
Freigrld-Fibel  2.40  Freiland-Fibel  2.40
Dr.  Th.  Lhriften:  AusbeutUi.gSlofe  Freiwirlschaft  cUnbeugsam)  J.60
,,  Die  Befreiung  SerFlau  —  .90
Otto  Weis,led-r:  Grundriß  Ser  Freiwirtschaftslehre  .  1.20
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Silvio  Gesell:  Die  natürliche  Wirtschaftsordnung  durch  Freiland  und  Freigeld.
4.  Auflage.  Geheftet  18.—,  Halbleinen  Ganzleinen  50.—,  Halbleder  60«—'
Die  Währilngsfrage
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Silvio  GesellI  Das  Reichswährutigsamt.  Wirtschaftliche,  finanzielle  and  politische  Bordereit»»»«,
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„  „  Internationale  Valuta-Assoziation  .  .  .  .  5.—
'ärankfurth  und  Gesell:  Aktive  20äbrungspolitik.  Eine  neue  Orientierung  aus  dein  Gebiete
der  Boteinnisfion.  2.  Aufi  1  .  ,  10.  —
Georg  Hammer!  Die  WähruNgssrage,  gemeinnerficindlich  dargestclit  6.—
Dr.  Th.  Christen:  Die  absolute  Währung  des  Geldes  1.80
„  „  ?3ätionake  Währungspolitik  1,80
,,  „  Die  Qllankitätskheorie  des  Geldes  2.40
„  „  Die  Kaufkraft  des  Geldes  1.80
,,  *  Währung,  Zins  und  Lohn  2.40
Verschiedenes
Silvio  Geseilt  Gold  und  Frieden?  .  .  2.40
„  „  Freiland,  die  eherne  Forderung  des  Friedens  2.40
„  „  Deutsche  Vorschläge  für  die  Ncugriindung  des  Völkerbundes  .  .  .  2.40
W.  Beckmann:  Sozialisierung,  Bodenreform,Frciwirtschttst,  Die  Sqkaltfieninsssraz«  de»
Bergbaues  und  die  Beantrvorirmg.  .............  Z.  —
R.  Hoffman»:  Die  Beseitigung  der  Wohnungsnot
Otto  Maafi:  Die  Befreiung  aus  der  Ententeknechtschaft  3.—
Paul»«  Klnpfel:  Lohn-  und  Geldentwertung  2.40
Die  Freiwirlschaft  vor  Gericht.  tMtt  einem  Lichlbildc  Silvio  Gesell».)  2.  Aufl.  in  Bordereiiung
  etwa  8.  —
Dr.  E.  Dick:  Das  Geldwesen  und  der  Weg  zum  sozialistischeu  Staat  1.20
*  "  Der  Strelk  deS  Geldes,  die  Wirtschaftskrise  und  die  Arbeislasigkeit  .  1.20
„  „  Zulu  Problem  der  Produktionssteigerung  1.20
Dr.  i'f).  Christen:  Die  Strategie  der  Bodenreform.  Eine  Kritik  d.  Damastdkc-Bvdenreforn,  1.20
.Holf  Engerl:  Die  Freiwirtschasi,  cln  praktischer  Auchrnck  deiiDtlryerschen  Philosophie  ...  3.—
,,  //  DeSgl.  Ausgabe  N.  auf  holzfreiem  Papier  ..............  5,—
Freilag-  Der  Wiederaufbau  der  inenschlichen  Gesellschaft  6.—
Die  Wissenschaft  und  die  Frekland-Freigeldreform  .  6,—
Freiland-Frcigeld-Blälter.  äln.rdlaiicr  über  die  vers-iUedensien  firagen.  )e  &amp;gt;  Blatt  .  .  —  .20
Werner  äityn,ermannt  Der  Llomniunist  ),—
Stimmen  aus  dem  Ausland
Philip  Pye^^rdU&amp;gt;U'tfd)aft  (Free-Economy).  Deutsche  Übersetzung  aus  dem  Englischen.  .  2,40
3ectn  Barral:  '^stt^gr'wähUe  ©(stiften.  Wutsche  Übersetzung  aus  dem  Französischen.  (In
/Vorbereitung)  ....  .  ..  ..  .  ...  .  ......  .  .  etwa

Alle  Bücher  und  Schriften  sind  postfrei  vom  Verlag  und  durch  alle  Buchhandlungen  zu  beziehen.
Der  Versand,  erfolgt  gegen  Nachnahme  oder  Voreinsendung  des/Belages.

Freiland-Freigeld-Derlag,  Erfurt  «1«,?"
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        the  scale  towards  document

I  Internationale  Währung.
:  erichtete  aktive  Währungspolitik  kann  also  unter  Umständen  zum
Noldwährung  führen.  Das  soll  hier  nicht  verheimlicht  werden,
^zeser  Fall  könnte  nur  eintreten,  wenn  es  sich  um  langandauernde
handelt,  die  nicht  durch  Störungen  des  Geldumlaufes,  sondern
g j;  t  Mangel  an  Geldmasse  verursacht  werden.  Solche  langandauernde,
langet  erzeugte  Baisseperioden  (man  erinnere  sich  hier  des  Lave-&amp;gt;ssetzes
  —genug  oder  nichts  —  )  kennt  man  ja  mehrere.  Das  ganze
£:  das  tausendjährige,  stumpfsinnige  Mittelalter,  war  eine  solche
sich  verschärfenden  Geldmangel,  nur  hier  und  dort,  dann  und
i  !  Verschlechterung  des  Münzfußes  unterbrochene  Baijseperiode,
"Acher  die  Arbeitsteilung  unmöglich  war  und  die  erst  mit  der
llmerika's,  mit  den  Raubzügen  pkzarro's  ein  Ende  nahm.  Richt
)  s  Land,  sondern  das  kn  Amerika  gefundene  Gold  hat  den  Aufallen
  Gebieten  bedingt,  der  seit  Kolumbus  so  deutlich
nbar  ist,  und  es  war  auch  wieder  nicht  das  Gold,  sondern
e;  l  Gold  hergestellte  Geld,  das  der  Baisse  ein  Ende  bereitete  und
„eitsteilung  freigab.
j:  allen  schon  km  Quattrocento  allen  übrigen  Ländern  Europas  voraus  war,  so
istungen  auf  Rechnung  seiner  Stellung  als  Weltbankier  und  der  von  überall  her
fließenden  und  dort  reichlich  umlaufenden  Ablaßgelder  zu  setzen  sein.  (Reformanaßregel
  gegen  Goldabfluß?)
s ;  te  Zeit  des  Überganges  zur  Goldwährung  (1873  —1890)  war
1:  urch  Geldmangel  erzeugte  Baisseperiode.
z&amp;gt;Hen  Fällen  würde  die  hier  vorgeschlagene  nationale,  aktive
: :  'litik  unfehlbar  zum  Bruch  der  Goldwährung  führen,
i:  deal  der  Volkswirtschaft  —  feste  Preise  im  2nland  unter  Aufz
  eines  festen  Verhältnisses  des  nationalen  Geldes  zum  Gelde
&amp;gt;es,  läßt  sich  also  ohne  international  wirksame  Maßnahmen,
digting  mit  den  übrigen  Goldwährungsländern  nicht  mit  Sicherheit
ä i;  nnte  man  es  aber  erzielen,  daß  in  allen  Ländern  die  Währung
mäßigen  Behandlung  unterworfen  würde,  daß  unsere  hier  entf
  mdsähe  international  anerkannt  würden,  so  wären  alle  Schwierig-)
  t.  Denn  wird  bei  einer  Hausse  kn  allen  Ländern  gleichzeitig  der
durch  Einzug  von  Banknoten  verringert  (resp.  bei  einer  Baisse
£  bleibt  das  ohne  jeden  Einfluß  aus  Ein-  und  Ausfuhr  und  aus
:  ibilanz  der  einzelnen  Länder,  und  die  Goldverschiebungen,  die
r  einseitig  deutschen  Währungspolitik  vorhersahen,  fallen  fort.
*  '  der  kommunizierenden  Röhren).
cd  bei  einer  Baisse  in  allen  Ländern  gleichzeitig  und  nach  denf
  jähen  der  Notenumlauf  vermehrt  —  so  hebt  sich  überall  das  allgemeine
ohne  daß  auch  da  wieder  Verschiebungen  in  der  Zahlungsbilanz
r-  und  Ausfuhr  von  Waren  wird  dadurch  nicht  berührt,-  denn
f:  )lute  Höhe  der  Preise  führt  zu  Verschiebungen  in  der  Zahlungsdie
  relativ  zum  Auslande  hohen  oder  niedrigen  Preise.  (Die
j  °&amp;gt;ei  im  Auslande  verschuldeten  Staaten  haben  wir  bei  einer
ä :  'genhett  schon  erwähnt).
J  69
        <pb n="84" />
        ﻿
        <pb n="85" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
