<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die wirtschaftliche Zukunft des Ostens</title>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1016274645</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        \yLE

WILL, aftliche
Sukunft des
Öjftens

Leipzig
Derlag von KR. S$. Roebler
1920
        <pb n="2" />
        Demnächn erfcheinen

Das Vroblem Sayans

Politiihe Betrachtungen über Yapan und feine Beziehungen
zu anderen Völkern, fotwie über die Weltpolitik der Pacificländer
Von einem ehemaligen Sefandtfchaftsrat im fernen Dften
Mus dem Englifhen überlebt von Profeffor oh. Sauter
Preis gebunden efwa 35 NM, -
Ein lehrreihes Buch, das zur Erweiterung des Verfändniffes für Weltpolitik
beitragen wird. — Ein Umerikaner gewährt uns Einblid in Politik und Denk
weife feines Volkes, — Das Buch zeigt, wie der Macht- und Wirtfhaftstampf des
japani{dhen und angelfächfifchen Ymperlalismus die Weltpolitik der legten Yahıs
zehnte beherrfht Hat und auch die Zukunft gefkalten wird, Un Japan fol (ich das
Schtdfal Deutfhlands wiederholen! Sein Yufftieg wurde wie der deuffche durch
die Zufammenfaffung aller Kräfte in einem militäri(dhsgenoffenfhaftlidhen Staatss
wefen ermöglicht! Infolgedeffen fol der Kampf nach angelfächfifdher Methode von
innen her geführt werden; man wird dem japanifhen Bolke feine Stärke nehmen,
indem man eg feiner gefchulten Führer beraubt, — indem man es demokratifierf,

vw
Der MAufitieg des Morgenlandes
Awakening of Asia von %, M, Hyndman
Überfeßt von Legationsfefretär Dr. W. D. von Hentig
Preis gebunden 35 M.
OH. M, Hyndman wurde In den achtziger Jahren unter dem Einfluß von Karl
Mary Michegründer der foslaldemokratifihen. Partei Englands, doch verlor fein
durch außerenropäifhe Reifen gefchärfter Blid niemals dag Verfiändnis für
nationale Machtentfaltung, / Im Awakening of Asia gibt er einen hifori{dhen
Nücblik auf die Machtver(hiebungen zwifhen Morgens und Wendland im Laufe
der Jahrhunderte und kommt zu dem Schluß, daß augenbliclich ein Nufflieg des
Morgenlandes bevorfieht, Er {hildert das Emporwachfen Japans, das durch übers
friebenen Mazifigmus völlig herabgeklommene China und das Erwachen Yudiens,

RK. ©, Kochler * DBerlaa * Leipızia
        <pb n="3" />
        Sit

wirtfchaftlide Zukunft
des Oftens

Herausgegeben von der Senoffenfchaft
Wegweifer für wirtfhaftliche Intereffenten
des Oftens
2. 6, m. 5.

a
( 1782 /

Leipzig
Berlag von X F. Koebhler
1920
        <pb n="4" />
        Copyright by K. F. Koehler Verlag
Leipzig 1920.

Zeilenguß-Mafchinenfaß und Drud
on Decar Branditetter In Leiptig.
        <pb n="5" />
        DYNortvort

Oitorientierung! ijt Heute das beliebte Schlagwort. Aus dem
Olten wird alles Heil erwartet. Wir find nicht dagegen. AWber wir
Halten es für richtig, vor der Bildung einer Meinung, wie fold) eine
Orientierung zu gefhehen hätte, den Often etwas näher kennenzulernen,
bejonders von feiner wirtjHaftliden Seite. Das behütet am belten
vor Irrtümern und au vor materiellem Schaden.
Beim Durchjehen der deutidHen Literatur über den Olten fanden
wir viele politijde Tendenz[Hriften, die man je nad) dem eigenen
Standpunkt loben oder tadeln mag, meijt aber find dieje Schriften
und Bücher Heute dur die Ereignijje überholt. Wir fanden au
mandje Befdhreibungen von Reifen und Erlebnifjjen, die Interejje verdienen.
 Wber über wirtjdhaftliche Zujtände fanden wir wenig und dabei
nidhts Zujammenhängendes. Eine Untwort auf wirt]dHaftlide Fragen
verlangt aber der deutjdHe Intereljent und Gefdhäftsmann bejonders.
So entfhloffen wir uns, an eine Anzahl von Herren mit der Bitte
heranzutreten, bei der Wbrfaffung diejes Buches mitzuwirken. Für die
Erfüllung diejer Bitte fagen wir allen Mitarbeitern und denen, die
ihnen halfen, unjeren Dani.
Der Zwed unjerer Genoffen[haft ijt, eine Wrbeitsgemeinfdhaft wirtjhaftlidher
 Oftinterejfenten Herzuftellen und eine gemeinjame wirt]dhaftlidje
 Betätigung. Gleichzeitig leijten wir aber aud) eine aufflärende
Arbeit im Dienjt der Allgemeinheit, und ein Ergebnis Joldher Arbeit,
die wir fortfeßen wollen, ijt diefes Buch.
Wer an den Beitrebungen der Genofjen]dHaft teilnehmen möchte
und ihr beitreten, fann fi hierüber mit dem Voritand in Verbindung
 fjeben.
Mit der vorliegenden erjten Beröffentlidhung unfjerer Informationsabteilung
 wollen wir dem wirtfhaftliden Interejfenten und Gejdhäftsmann
 auf engem Raum möglidhijt viel. Wijjenswertes mitteilen, und
ihn dadurch befähigen, jeinen Ent{Hliegungen eine Tatjadhenkenntnis
zugrunde zu legen. Möge dieler Jmwed im Rahmen des Möglichen
erreicht fein!

Die Genofjenfhaft
Wegweifer für wirtfdhaftlidhe Intereffenten des Oftens
€ 6. m. b5. S.

Berlin NW. 7, Dorotheenitr. 34.
im Auauft 1920.
        <pb n="6" />
        $nhalt

Borwort ......
Einleitung 20
Dit und Weit. Bon Dr. Max Sildebert Boedm. . ...
Rublands WirtfhHaftsleben vor dem Kriege. Bon SF. Neeff .....
Ein Jahr Sowietrepublif. Die Gejeggebung der Boljdhewijten während
des erflen Jahres ihrer Herrihaft. Bon Heinz Fenner ......
Daten über die wirtfHaftlide Lage Sowjeiruklands. (Die LandwirtfdhHaft
und das BVerkehrswefen). Von Heinz Fenner. ..........
Das Siedlungsgebiet der Großruffen. Bon A. Riefe . 2...
Das Gebiet der Don-Kofjatken. Bon AU. Riejfe .... ;
Das Gebiet der unteren Wolga. Bon A. Miele .
Der Ural. Bon A, NMiejle
Das Cismeergebiet und der finnijdHe Norden. Von A. Riele .
Die Ufraine und die Krim. Bon Silvio Broedtidh '.
Beffarabien. Bon Edmund Shmid ............
Das Land der Weikrufjen oder Weikruthenen. Von F. Wittram
Polen. Bon NR. Sonn .......
Litauen. Bon Victor Jungfer .... .
Die Baltijden Lande. Bon W. v. Mandell .
Finnland. Von Dr. Ridard Pohle .
Der Kaukafus. Bon Dr. E. v. Berg.
Transfafpien. Bon Dr. E, v. Berg
Sibirien. Bon Werner v. Harpe .....
Die Deutidhen im Often. Bon W. v. Maydell
Make und Gewichte .. ..

Zeite
IN
Y

}
5

42

54
73
2
97
103
107
113
130
138
153
196
212
227
239
253
266
289
308
        <pb n="7" />
        Einleituna

Alle Blide wenden jiH heute nad) dem Olten, denn ohne Verbindung
 mit ihm läßt ji ein wirt[Haftlidhes Gleihgewidht Deuthlands
und damit aud) Europas nit wiederherfjtellen. In den Ländern und
Gebieten des einjtigen rujlilden Ymperiums ijt aber heute no Kampf
und Chaos. Das alte Rußland ijt zugrunde gegangen; „Rukland‘“ im
früheren Sinn ijt heute nichts mehr als eine hijtorijd gewordene Bezeichnung,
 und follte im Often unter rujfijdhHer Fahne ein neuer Grokitaat
entjtehen, [jo wird fold) ein Staat eine Neubildung fein, nicht eine
Hortfekung des einftigen rufjilden Reiches.
Die Aufgabe diejer Schrift ijt es, den Boden zu zeidhnen, auf dem
die politijden Ereignijje im Olten fi abjpielen, und die Menidhen,
die auf diejem Boden leben, wirken und Iämpfen, befonders ihre Wirt-Idaft
 und Kultur. Auf die Darjtellung wirtjdhaftlidH bedeutungsvoller
Tatjaden ijt bejonderes Gewicht gelegt; für Meinungen und Wert:
urteile über die Dinge tragen die Verfajfer der einzelnen AWbichnitte
jeder für fi) den Lejern gegenüber die Verantwortung.
Kultur und Wirtjdhaft find neben Mactfragen für die politilde
Entwidlung entjdeidend. In diejem Sinn ijt der Inhalt dieles Buches
geordnet. Die Referenten, die in den einzelnen AWbjchnitten zu Worte
[ommen, [ind bei ihrer Arbeit dur) Kenner der Verhältniffe unter-[tüßt
 worden, Joweit eigenes Wijfen folder Hilfe bedurfte. In gedrängtejter
 Darjtellung ift verfucht worden, möglichit viel Tatläclidhes
zu bringen. Den einzelnen Gegenjtand zu erfjdhöpfen, ijt bei der Fülle
des Stoffes im gegebenen Rahmen nicht möglidh; jo läbt fidh 3.B.
über ein Gebiet von jo riefenhafter Ausdehnung wie Sibirien auf
wenig Seiten nicht alles Wijjenswerte jagen; das ijt [hHon die Aufgabe
 von Monographien, deren Herausanabhe als Nolae dieler Schrift
in YWusfidht genommen ijt.
Ohne Rüdficht auf deutjde WünfjdHe nimmt die politiidHe Gejdhicdhte
im Oljten ihren Gang. Eine madtpolitijde Vertretung deutider Interejjen
 Iommt nidt in Frage. Eins aber bleibt: Ohne deutjde Mitwirkung
 ijt ein fünftiger wirt[dhaftlider Wiederaufbau im Often un:
denkbar, und damit bleiben die wirtjdhaftliHen und mit ihnen die
fulturellen deutidhen Ynterelfen im Olten beitehen. Wann ie lich wer:
        <pb n="8" />
        VI —.

den betätigen fönnen, wijjen wir nodj nicht; wie der politiide Boden
für foldy eine Betätigung ausfehen wird, wird die Zeit lehren.
Ob auf dem Boden des früheren rulfildhen Reidhes nur ein
geeinigter neuer Grokitaat unter rullijder Fahne entjteht, oder ob der
politijdje Zerfall des Gebietes des einjtigen Ruklands endgültig i{t
und nur einige Teile des früheren Imperiums [ih jtaatlid wieder
zufanımenfinden; wie das Schidjal der Länder jein mag, die vielleicht
[osgetrennt bleiben, — das find heute noch offene Fragen.
Sicher aber ift eins: Das Syftem, auf dem der alte rujlijde Staat
begründet war und rubhte, ijt für immer gebrodhen. „Los von Rußland
um jeden Preis!“ war die einftimmige Lojung aller vom Grokzulfentum
 beherridhten Bölfer, fie alle Hatten den Unjegen diejer Herrjhaft
 und die verheerende Wirkung ihres Syjtems am eigenen Leibe
erfahren, denn das Großrufjentum lebte nicht nur wirt[haftlidh von der
Ausbeutung der von ihm beherrihten „Fremdvölfer‘“, wozu aud) die
jtammverwandten Ufrainer und Weikrulfen gezählt wurden, fondern
25 Inechtete fie auch) geiftig.
Das Land der Grokrufjen war arm, und die Mehrzahl feiner
Bewohner — 85 Prozent waren Bauern — ftand auf einer primitiven
 Kulturjtufe; die herrjhenden Klaffen waren aber [Hon dekadent,
die fogenannte Intelligenz utopiftijd-revolutionär, ein innerer Zujammenhang
 mit dem Volk fehlte den Gebildeten; die Kirche und ein
aggreifiver nationalijtijder Chauvinismus follten diejen Zujammenhang
herftellen; aber die Kirchlihkeit war für die Oberfhicht zur Aukerlichfeit
 geworden, und der aggrefjive Nationalismus der Ober|hidht war
im Grunde dem rujfiihen Bauernvolk fremd. Diejes Volk aber war
durdy Jahrhunderte daran gewöhnt, defpotijd beherriht zu werden
und — felbjt gefnedtet — ein Nacdhbarvoll nad) dem anderen der
großrufliiden Herr]haft zu unterwerfen.
Sm rufliigen Jmperium galt der Grundjag: „ein Zar — ein
Reid, ein Gott — ein Glaube, ein Voll — eine Sprade.‘“ Mit
brutaler Gewalt ging es in den Ländern der „Fremdvölfer‘““ an die
Zeritörung von allem, was diejem Leitmotiv widerjprad. Ein Schwarm
großruffifiher. Beamter drang in die unglüdliden Länder, die nadeinander
 der Herridhaft des großrujjijdhen Syjtems zum Opfer fielen.
Da aber eine niedriger |tehende Kultur nicht befähigt ijt, Höhere
Stufen menjhlidher Entwidlung im natürliden Werdegang, wo alles
aufwärts ftrebt, abzulöfen, fo wurde dur) die Vergewaltigung alles
anderen als großruflifhen Wefjens nicht gebaut, fondern zerftört, au
nicht tatjächlid) rullifiziert, Jondern demoralijiert, indem der ethijdhe
Wert, den jedes Bolkstum gibt, verfümmert wurde, ohne daß ein
Erjaß dafür geboten werden Konnte. Die Kaufafjusländer, die Ukraine,
Meikruthenien, Bolen, Litauen, die baltijHen Länder und Finnland
        <pb n="9" />
        — VIT —

Haben das alle erfahren müfjfen. Nur unter den niedriger jtehenden
innifdh-mongolifgen Bolisitämmen im Norden und in Alien vermochte
der Grokrujje als Kulturträger zu wirken.
Revolutionen, wie Rußland eine erlebt, haben ihre innere zwingende
Notwendigkeit. Sie jind die Reaktion gegen unerträglid) gewordene
Zuitände, gegen Gewalten, die ihre Macht mißbrauchten, bis das Mak
ooll war. Die Extreme löften fig ab. Die Schreden des Bol]dhemismus
 breiteten [id über das rujfijde Land und von dort über die
mehrlofjen, früher beherrichten Grenzländer. Europa jdhien in Gefahr.
Ein Blutbad ohne Beijpiel entitand im Olten und eine Vernidhtung
aller wirt{daftliden Werte bis auf den unzerjtörbaren natürliden Erdboden
 fchien das Ziel. Eine Orgie in Blut und auf Trümmern. Die
Zühne er[dien größer als die Schuld früherer Zeiten.
Söhne des alten Rukland, die den Untergang ihres VBaterlandes
und ihrer eigenen Exijtenz abwehren wollten, fanden fid zujammen
zum Kampf gegen den roten Schreden. Wber die Verfuche einer Rejtauration
 miklangen; — nicht dur militärijdhe Groktaten ihrer Gegner,
iondern an einer Zerfekung in ihren eigenen Reihen [dHeiterten die
Heere Koltjhaks und Denikins. Die Vertreter des alten CSyjtems hatten
von der neuen Zeit wenig gelernt und von der alten nichts vergeffen.
Eine andere Entwidilung nahm ihren Gang. Aus dem Zujtande
des völligen allgemeinen Chaos löjten fidH zuerft die früher von Rubß-(and
 beherridten, national und fulturell homogenen Gebiete der Fremde
oölfer; jie mußten teils erjt im eigenen Lande den Boljdhewismus
überwinden, teils feine inneren und äußeren Angriffe abwehren. Auf
idwankendem Boden begannen fie, von inneren politijden Kämpfen
durhwühlt, eine nod) [Hwankende, ftaatlide Eigeneziftenz.
Im Lande der SGrokrufjfen, der Brutjtätte des Boljhewismus,
nahmen die Ereignijle ihren befonderen Verlauf. Die Revolution Hatte
die hHerr{hende Oberfhicht hefeitigt. Die wirtjhaftliden Lebensgrundlagen
 der bisher heherrfchten Malje der rufjliihen Bauern waren durch
das grokruffildhe, agrare „Mir“-Syltem, von dem [päter die Rede
jein wird, [hon prinzipiell Kommunijti[d, denn das Land der groß:
ruffijgen Bauern war nicht geteiltes Privateigentum, fondern Gemeindeeigentum.
 Dadurd) erklärt jidH aud) der geringe Widerftand,
der anfänglig im Bolk den boljdhewiltiidhen Kommunismus entgegengefeßt
 wurde. Das an Zahl geringe, [tädtijdhe Proletariat, die Stohiruppe
 der Boljdhewijten, Hätte fonjt zur Aufrichtung der bolfdhewilti-"den
 Herr[dhaft nidht genügt.
Sm Namen des BolijdHewismus brachten nun die Bauern den
Sroßgrundbefik an [iqh; für feine Bewirtfdhaftung follte nad) Befehl
der Sowjetregierung das kommuniftijde Prinzip gelten. Eine alte Erfahrung
 lehrt aber, daß von einer gewijjen Kulturktufe an, ein Kom-
        <pb n="10" />
        — IL —

munismus in der Landwirt]dhaft unhaltbar it. So haben Verfuche
von Ydealijten in verfhiedenen Kulturländern früher oder [päter immer
mit der [Hliekliden Realteilung der kommuniijtiiden VBerjuchswirthaften
 geendet. In Rußland aber war die allgemeine Entwidlung
‚don jo weit, daß die alte Landeigentumgemeinfchaft des Dorfes
‚id überdauert Hatte; zu Jpät eingeleitete Reformen, die eine Überührung
 des Dorflandes in das Privateigentum der Bauern bezwedten,
 waren im Gang, als der Weltkrieg ausbrad. Die boljdhewijtiiche
Revolution brachte wohl zuerjt eine Kurze rüdläufige Bewegung, dann
aber fam es zur Teilung der Beute — des errafften Grokgrundoejiges.
 Ein neuer Bauernitand, auf Privateigentum fundiert, wuchs
und Iräftigte Jidh; und die boljchewiltilde Regierung, deren Macht den
Bauern gegenüber ihre Grenzen hat, mußte zufehen, ohne etwas daran
ändern zu können. Wenn andere Kräfte es nicht vermögen, jo begräbt
zines Tages der neue ruffiihe Bauer die Herrichaft der bolichewiltilchen
yanatiker,
Das neue Rukland, das der vor einem halben Jahrhundert von
der Leibeigen|dhaft befreite, aber erft in unfjeren Tagen ganz frei
zewordene rtufjjijde Bauer aufbauen wird, wird ein anderes fein, als
das alte. Ein jtarfes NMationalbewukßtjein wird es TFennzeidhnen, aber
fein aggrejfiver, gegen andere Völfer gerichteter Nationalismus, der
dem ruflijden Bauern — anders als feinen früheren Beherrihern —
oisher fremd war, darf Raum finden, wenn ein neues Reich im Olten
unter rujfijder Fahne zu einem Exijtenzredht als SGrokitaat kommen
ol. Keine beherrichten und vergewaltigten, Jondern gleidhberechtigte
und fulturell autonome Völfer neben den KRulffen, kann allein die
Zofung fein, die eine werbende Kraft auszuüben imjtande ijt und die
zine überzeugte Wiedervereinigung mancher Teile des alten Ymyeriums
suwege bringen famnn.
Kommt es dazu — und wann? — oder entfjtehen neue Staaten:
zruppierungen im Often? — das find die Fragen, die das Oltproblem
ı1usmaden. — — —-WW.

 von Maydell.
        <pb n="11" />
        Oft und Weit
Bon Mar Hildebert Boehm

Wer mit dem Marxismus allen Lebensäukerungen der Nation
die wirtidhaftliden Antriebe als Ießte bewegende Kraft zugrunde legt,
der wird weder der Vielfalt des ge[Hichtliden Lebens gerecht, nod)
aucd) den einzelnen Teilgebieten, die er erflären will. Aud bie wirt»
idHaftliden Zielflekungen der Bölfer find erNärungsbedürftig. Sie am
men aus vielerlei Quellen. Da wirken Witterung und SandjdHaft,
jeite Überlieferung und unerredenbare EntjAlukkraft großer Führer,
gefhichtlider Auffdwung und Niedergang. In und mit alledem aber
Jind die Ideen ein mächtiger Faktor, der die WirtfhHaft eines Landes
maßgebend beftimmt. Mag der einzelne Träger wirtjdHaftlidher Bor:
gänge nod) fo fejt glauben, dakK lebiglidy die Wirtjdhaft f[elber ihm
das Gejeß feines Handelns aufzwinge: er ijt von einer feelijd-geiltigen
Atmojphäre umgeben, aus der er nie Heraustreten kann. Er nimmt
am Charafter feines Volkes teil, er teht in dejjen politijden Bindungen,
 er Hat eine beftimmte Bildung und einen Glauben, er‘ ilt
von gejegliden und fittlidgen Schranken umgeben. Aus all diejfen Ur»
gründen erwächit ein übermaterielles Milieu, das wir als ideelle Grunde
[age der Wirt[Haft bezeichnen wollen. Aud) die wirt/Haftlide Zukunft
des Oftens ijt von den ideellen Grundlagen beitimmt, die id) dort
Herausgeltalten.
Es [dheint ein vermejfener VBerfuch, in dies Dunkel in einer Stunde
hineinleuchten zu wollen, wo ein ungeheurer Gärungsprozeß den Olten
zrgriffen hat. Kein Menfdh vermag heute die Formen vorzuZeichnen,
in denen das Leben des Ofjtens wieder zu einer gewijjen Stetigfeit gelangen
 wird. Wir find darauf angewiejen, aus der Vergangenheit die
großen Linien hHerzuleiten, die wie das Kielwajfer eines Riejen[dHiffes
den weltge[hidhtliden Kurs von Ländern und Völkern erkennen laffen.
Das erlaubt feine vermeffene Vorwegnahme undurhHdringlider Zukunft,
das gibt jedody immerhin einen Anhalt, der jelbjt im Sturm einer
epodjalen Zeit eine gewijje Orientierung gejtattet. Denn aud) der
Sturm {teht unter Gejeken, er kann Elemente durhHeinanderwirbeln:
die Elemente felber bleiben erhalten.
Das ECShwergewicht Ofteuropas: ijt in der Nawijden Rajje veranfert,
 in dem Volk oder der Völferfamilie insbejondere, die wir als
Die wirtihaftlihe Zukunft des Oltens
        <pb n="12" />
        „

ruffilge Nation zu bezeidhnen lebten, ohne uns über die Fragwürdigleit
 diejes Begriffes vor dem Kriege bejonderen Sirupeln zu überlaffen.
Wir hielten uns an das ge[dhloffjene Machtgebilde des rujjildhen Reiches,
ir wukten wohl, daß es vielerlei Nationen beherbergte, wir waren
jedod) wenigjtens für die Ießten Jahrhunderte berechtigt, im Grokzuljentum
 den Kern diefes Machtfomplexes anzuerkennen. Ein gefdhichtlider
 Nücblid zeigte uns, daK vom Heinrulfijdhen Kiew die Ge[dhichte
des rullijdhen RMeidhes ihren Ausgang genommen hatte, daz id Jodann
der CShwerpunit nad) dem großruffijhen Moskau verjdhoben Hatte,
daß das wachfende Oftreidh [Hlieklidhh die übrigen ojtlawijhen Stämme
in Jid) einbezogen hatte und dak Jeit dem vorigen Jahrhundert der Anipruc)
 beftand, die ganze flawijhe Bölferfamilie unter einheitlicher
zuflilder Führung zufammenzufafjen. Diefe allllawijhe Idee ift eine
der Haupturjacdhen des Weltkrieges gewefjen. Sie [Hien mit der rujfi[dhen
Niederlage zufammengebruchen, erhebt aber in unferen Tagen aufs
neue ihr Haupt. Sie führt uns in das Kernproblem des Oltens hinein.
Diefes Problem heit Europa.
Europa ift, wie die rufjjijhen Ideologen MNarer fajlt gefehen haben
als wir Jelber, feinem Wefjen nad eine Kultureinheit. Der „Bolidhewismus‘“,
 an dem die alte Welt der mittelländijden Kultur zugrunde
3zing, war das Chriftentum. Das Erbe fiel den Nordländern in den
So, die [id in die romanijcdh-germanijde Völfergruppe verältelten.
Die geijtige Kraft, die das Ganze zufammenhielt, war der römildhe
Ratholizismus. Seine Geltung bejtimmt den Umfang Europas. Er 30g
außer den germanijden und romanijdhen Nationen aud) die Welt]lawen
und die Ungarn in feinen Bannkreis. Die Kreuzzüge waren die lebte
gemeinjame Tat des Iatholijden Europa. Dann begann die Zerjebung.
 €s brad) das Zeitalter der Entdedungen an, die die Grenzen
Europas durdbracdhen und die Katholijdhe Zivilijation über das Weltmeer
 trugen. In der NRenaijjance bahnte [id der romanijdhe Nationalismus
 von Italien her an, in der franzöjilden Revolution durdhdrang
lid) das franzöjilge Bol von Grund auf mit feinem Nationalismus,
don dort aus nahm dieje Idee ihren Siegeszug durch das ganze AWbend-‚and,
 heute ift fie im Begriff, die Welt zu erobern. Der Nationalismus
 bedeutete die politijde Anarchie der Staatenwelt. Die religiöfe
Zerjegung ging von Deutjdhland und feinem Protejtantismus aus,
der geiftige Zerfall Europas von der wejteuropäijden Aufklärung.
Je fragwürdiger die innere geiftige Einheit Europas wurde, dejto offenjichtlidher
 trat fie in der Oberflädgen[dhidht der Zivilijation im Zeitalter
der Mafdine in Erfdheinung. Dieje Medhanifierung fHien alle Zwijdhenitufen
 über]pringen und fofort die ganze Erdiugel in ein wirt|dHaftlides
 und z3ivilijatorijdhes Einheitsgebilde verwandeln zu wollen, wozu
Sroßmactfomplexe wie das englilde Weltreih oder der Gigantenitaat

Noi
IuUS
toi,
unb
tol
Zur

Dur
Sie

a
Zu
die
den
ft.
Jen

er

zur

ab
die
die

DD3

wei
Ro
ic

TC

3a
die
Da
Df
ire

m
Da
n
Se
in

Del

108

10
WW
un
id
zz
        <pb n="13" />
        AQ=21.


‚CS,
cen
3Bht-


ınn
.1e,
me
Inher

ine
Jen
fs
AM.

en
he:
De
‚en
nm.
he
08
jen
zte
=
jen
{tz
16=ng

US,
(Ds
1S=5fe


US,
19.
Ms
;er
ans
it=3u

‚at

Nordamerika nicht wenig beitrugen. Ie mehr das römilde Erbe lich
ausbreitete, deito mehr verfladte es fig in feinem aufflärerijden Neutoizismus.
 Der Siegeszug der europäilden 3Ziwwilijation aber [dHien
unbeltreitbar, die geiltige Borherrihaft des Weitens gelichert. Mit
tolzer Genugtuung betrachtete jid Europa, das feine Gejdhichte länglt
zur Meltgeichihte ernannt hatte, als Herz und Hirn der ganzen Welt.
Es fällt uns alten Europäern nidt Teicht, dieje Vorurteile zu
durchbrechen, diefen unjeren Standort ZU verlaljen und uns an die
Stelle derer zu verfehen, an die Europa zunächit als etwas Fremdes,
ia als etwas tief Feindlides Herantritt. Wir denken dabei in diejem
Zujammenhang nit an die [Hwarze oder gelbe Rajje, aud nit an
die europäilden Wbkömmlinge jenjeits des atlantijdgen Weltmeers, in
denen längit ein neues, außereuropäijdes Selbithewuktlein aufgefeimt
'jt. Biel näher von uns wohnen Nationen, denen das römijche Erbe,
denen Europa durchaus eine angeborene Selbitverftändlichteit, [ondern
 eine brennende und quälende Fragwürbdigkeit ijt. Der ganze
zuropäilde Nordojten vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer hat eine
jahrhundertelange Gefhichte hinter [id die reide Inhalte birgt und
die fid) feitab von Europa abgefpielt hat. Die AWotrennung Oltroms,
die BVerfelbjtändigung des Sjtlidhen, des fogenannten griedi[d=-orthodozen
 Chrijtentums war ein Ereignis von weltge[Hidhtlidher Iragyeite.
 Genau wie Weitrom im germanifdh-romanijdhen, [od gewann
Ronftantinopel im Nawijden Norden fein fulturelles Hinterland, wo
äg die AHriftlide Religion mit bodenjtändigen Überlieferungen durchdrang
 und zu einer neuen Einheit verfOmolz. Es erwucdhs daraus
ganz ebenfo wie bei uns eine eigene Öftlidhe Kultur und Zivilijation,
die übernommene Stoffe und Gehalte mit jungen Kräften verarbeitete,
Das große gefdhichtlidhe Verhängnis, das vollends dem europäifcden
Diten fein eigenes Gepräge gab, war der tartarijde Einfall, der
fremdes, orientalijdes Blut bradte — aud) Lenin hat Lartarenblut
— und der das Vorbild einer Staatlidhkeit [Huf, die Rukland weder
im Zarismus nod) au im Boljdewismus zu überwinden vermocht hat.
Das Geficht des europäijden Ojtens wandte [id erft in Abwehr, dann
in {tummer und leidender Duldung und fcOhließlid im erfolgreichen
Gegenangriff nad AWjien. Tief wuchs das rujlijdhe Reid von Moskau
in das alictilde Fladland hinein und unterwarf ungezählte Völker,
denen es fein zivilijatorijdhes Gepräge gab. Den europäijden Nationen
nad) Rafle verwandt, blieb der Diten eine Welt für lid: er wurde
nordländiidh-eurajijcher Orient, der id) gegen den germanif[dH-romanijden
Welten und gegen den ijlamitijdhen Orient des Südens in Glaube
und Kultur abgrenzteeund feine [Hlummernden Kräfte in halber GeiidGtslofigfeit
 tzuhen ließ, bis für ihn die Stunde in der Welt [Hlug.
Der Often hatte nicht vergelfen, dab er nach feinem erlten Wnbranden
        <pb n="14" />
        an Europa dem germanijdhen Gegenangriff im |päten Mittelalter er-[egen
 war und fidh in weiten Teilen an Europa preisgegeben Hatte.
Uber er Hatte Geduld und Zeit zu warten. Seine Stunde kam, als
Europas Zerfall fidH anzulündigen begann. Der geiltig romanilierte
Olten Jelber: Polen gab das Zeichen,
Mit dem Augenblid, wo unter Iwan dem ShHredliden im Zeitalter
 des religiöfen Zerfalls Europas der eurafijde Nordofjten fein
SGefiHt nad) Weiten wandte, begann feine Tragik fiH auszuwirken,
die heute in die boljhewiftijdHe Krije gemündet ijt. Der Teufel wird
überall nur mit Beelzebub ausgetrieben. Um Europa zu überwinden,
mußte der Olten fidh europäifieren. Indem er ji europäilierte, wurde
er [id) felber untreu, wurde an feinem überfommenen Wefjen irre, ver.
Ior den Boden feiner Überlieferungen unter den Füken und drohte
ins Nichts zu ftürzen: der „Nihilismus‘“ kommt aus Rußland. Was
nad) außen der anhebende Kampf gegen Europa war, war im Innern
ber Kampf gegen Sitliden Eigenbejtand. Derjelbe Mann, Peter, der
bie politildje und religiöje Kraft des Oltens im Cäjaropapismus Zur
innigiten Durdhdringung brachte, wurde gerade dadurch zum BVerräter
 an feiner Nation, dak er die Gröke: des europäijden Oftens
in der Welt wollte. Er wurde nad Iwan dem Schredlihen der erfte
„Weftler“ groben Stils: fo nannte ein Yahrhundert [päter die rujfi-[$e
 Ideologie den Iyp des Sfjtliden Menfjhen, der fihH an Europa
preisgibt. Peter war der erjte Muffe, der aus dem Nhythmus des
abwartenden Ofjtens fiel. Er Ionnte nidht warten. Cr wollte. Er
war der erjte Bollhewijt, der die Lunte zur Weltrevolution legte.
Er begann die Weltrevolution mit der felbjtvernidhtenden NRevolutio«
nierung jeines VBolies. Er bereits verbrannte Moskau, wie nachher
Roftopidhin, wie der Hungerdejpot Lenin: verbrannte es, um es 3U
erhöhen. Dak er fein Volk zwang, mit der uralten geheiligten Überlieferung
 des Bärtetragens zu brechen, war ein tiefes Sinnbild. Das
organijde Wachstum brad) ab. Peter brad) die AWpathie. Er brad
radikal. Er brady den Bojarenadel, er durdHbrady die Mauer nad
dem Welten, er ließ Moskau im StiH und verbannte fig felbit an
den ungefunden Vorpofjten am „Fenfter nad Europa“, das er in
biefe Mauer hineingebrochen Hatte. Er [Huf das moderne rullifdhe
Reich als weitliden Staat mit einem neuen Dienjtadel, neuen Ideen,
neuen Sitten. Der. Zimmermann von Zaandam war der erfte Demofrat
 des Oltens. Er zerbradh [ih felbit, indem er fiH zähmte. Und
nur zuweilen [Ohlug die barbarijde Urfkraft in ihm durch: in elementaren
 orientalilgden Orgien voll Rau[dH und Blut und berferferhafter
LeidenfhHaft. Dann Iam es ihm auf einen [elbjtgetöteten Kronprinzen
 nidt an: der Ofjten Hat nie mit Leiden gefpart. Lenin hat
feine zariltilhen Traditionen aebrochen: er hat lie erfüllt.

Ici
feir
fan
der
Här
Ur
in
der
mi
m{
eur
Di
ich
mi“
pi
an

zu7
en:
All
Kr
—,

ge
LE

Hr

Ye

T

LäW

&amp;gt;

,
        <pb n="15" />
        =
— D —

21
‘e,

iıls

‚te

ts
in
zn,
xD
zn,
‘de
2Ta
ıte
‚0S
In
‚er
‚Ur
2Y=15


ite
Te
Ja
es
Er
te.
‚Da
1er
3u
21
as
ac
ach
ın
in
He
en,
10:
1D

21
[er
ins
at

Nun war der Knid da. Der große Knid in der zufliidhen Ge-‚chichte,
 der die Tragik des europäifjgen Ofjtens ijt. RNukland, das
fein gemeineuropäifhes Mittelalter, das nur ganz [HwadhHe NRenailjanceausläufer
 an [id erfahren hat: Rußland bekam jekt — . aus
dem Nichts heraus ins NMidhts hinein — jeine gemeineuropäijde Auf-Härung.
 Eine jehr merfwürdige Aufklärung, jtar? nad Potemkin]der
Urt, mit jähen Nücfällen in deipotilde Graujamkeit, aber immerhin
im enger Beziehung zum Wefjten. Rußland wollte jeßt die Zivililation,
ver es fid ein Jahrtaufjend lang ver[Aloffen Hatte. Man teilt fi
mit Europa in Polen. Das napoleonijde Zeitalter macht den AWdepten
mündig, er ift jet völlig [alonfähig geworden, mijct fig in alle
auropäijden Händel und regelt in Wien die eurtopäilden SGejdhide.
Die Häufer Romanow, Habsburg und Hohenzollern [Hliegen Freund
ihaft. England und Frankreidh werden [tu8ig und führen einige Kriege
mit dem Ofjten. Die Orientalijde Frage wird aufgerührt. Bismard
ijpielt den ehrliden Makler, feine Nachfolger verbrennen lid die Finger
an dem Brei, den er angerührt Hat. Deutjdhland wird immer mehr
zum europäijden Ärgernis. Der alternde Welten und der junge Olten
zntdeden Intereffengemein]Haft. Auf dem Trümmerfeld der Heiligen
Allianz entfpinnt fi ein Weltkrieg gegen Mitteleuropa, wo jeder der
Rontrahenten glaubt, der andere Hole für ihn die Kafltanien aus dem
Heuer. Über die Zugehörigkeit Ruklands zu Europa wird nicht mehr
geitritten. Man Hat die Frage unerledigt zu den AWkten gelegt, nur
die rufliflgden IJdeologen framen im AftenfHrank. Der Often bekommt
im Weltkrieg die erften Schläge und bleibt do — jo Ideint es —
der leHte Sieger. Heute führt er die Meltrevolution und fegt den
Weltkrieg fort. Und die entrechtete europätjde Mitte ijt zum Preiljtein
zwi[den Oft und Weit geworden. Iit das Problem Europa für den
Diten erledigt? Sit heute nur der Olten felber das aroke Problem
des MWejtens?
Wir mülfen einen neuen Griff in die Vorgelhichte des Konfliktes
tun, nachdem die große weltge[HihHtlidHe Linie, vor allem die Brüde
von Peter dem Großen zu Lenin Harliegt. Wir müflen uns vor Augen
jtellen, wie der Sitlide Geift im neunzehnten Nahrhundert auf dieje
Entwidlung reagiert hat, die heute in gewaltigen weltgelHidHtlidhen
Sohidfalen ausgetragen werden fol. Wie verhielt lid die erwacte
öftlige Seele zu der großen europäilhen Krifje, die feit dem Zerfall
des einheitliden Europa im Gange it?
E€s ilt für den europäijden Often fennzeihnend, daß feine [Olummernden
 Kräfte Itets durdy Befruchtung von außen her gewedt wurden.
Man denke an die religiöfe Befruchtung durd) das griechijhe Chriftenhum,
 an die politijHe dur frühgermanijde und tartarijhe Einflülfe
im Mittelalter und dur den weiteuronäilchen Demokratismus feit
        <pb n="16" />
        u BB

Peter dem Großen, man denke aud) an die geiltige Wirkung von
Schiller, Hegel und Marz. Au die ruffilde Ideologie der lekten
beiden Jahrhunderte Iäkt [id alfo durch Einjtrömen von Ideen von
außen her erflären, immer aber eignet dem Rufjfen eine jtarke jun:
thetilde Befähigung: es ent[teht auf Sftlidem Boden aus alledem
etwas MNMeues, etwas derart Unvergleihlidhes fogar, daß von einer
völligen Verwandlung der übernommenen Elemente gejproden werden
darf. Die ruflijhe Aufklärung, die von der Bewegung der Weltler
getragen wurde, - geht wefjentlid auf franzöfildge Befruchtung zZurüg.
Sie mündete in eine weitgehende Selbftentfremdung der SftlidHen Wefens:
art. Sogar bis zu einer gelegentliden Kippung in römi[d-Iatholilierende
 Neigungen durg den Schellingianer Ijhaadajew Hat es diefe
RidHtung gebracht. Aus dem Weltlertum gingen die großen Kritildhen
Publizijten wie Belinjfi hervor. Für den inneren Zwielpalt im Wejtlertum
 ijt der Halbrujje Alexander Herzen finnbildlid. Die europäifierende
Selbitentäukerung im Weftlertum Hat nämlich inzwijdhen eine bodenjtändige
 Reaktion hervorgerufen. Sie wird durd) den Einjtrom der
deutjcdhen [pekulativen Philofophie von Schelling und Hegel ausgelöft.
Der Gegenidhlag fekt als Slawophilentum in Kirejewski, Chomjakow
und Ufjakow ein. Wie Turgenjew der ‚weitlerijhHe, jo ijt Doftojewifi
der ungleidh gewaltigere Mamophile Didier. Was im Grundbuch des
werdenden Panjlawismus, in Danilewikis „Rußland und Europa“ (joeben
 in NMeuüberjegung durd) Karl Nößel, Stuttgart 1920 er[dHienen)
noch in vielfad) flader Breite auseinandergelegt ijt, das ijt in Dojtojewifis
 politijdjen Schriften (vgl. Band 13 der deutidHen Gefamtausgabe
 von Moeller van den Bruck) zu ungeheuren Sichten verdichtet, denen
die europäilde Literatur des lekten Yahrhunderts auker NMiek[he nichts
an bie Seite zu [tellen hat. Inzwilden hat die große joziale Krife des
Ditens eingefegt. 1863 ijt die Wufhebung der Leibeigenihaft erfolgt.
Wie die faatlidhe, fo Hat fig aud die foziale Mevolution von oben
her durdhgefekt. Es taucht ein Typus des rullifden InteMektuellen
auf, der als eine Art Reuefozialijt bezeidhnet werden kann. Man
nannte das: „Unter das Volk gehen.“ Die inneren Polaritäten des
cujfijden Lebens Jpannen fih immer weiter. Der Intellektuelle, dem
die Berwurzelung in einer gebundenen hürgerliden Kultur fehlt, ift
jozial hHeimatlos. Aus diejer Heimatlofigieit Fommt fein Radikalismus,
 der fid) zum Nihilismus überfteigert. Die Gefege der Verdrängung
führen zu piydopathijdhen Mafjfenerfheinungen größten Stils. Gogols,
Turgenjews, Dofjtojewfkfis, Toljtois, Tihedows Werke find ein plydho-[ogijdes
 Mufterkabinett unheimlichiter feelilder Krankheitser[Heinungen,
die fofort als Iyp auftreten und [iH im iIndividualitätsfeindlihen
Diten durch feelifdhe Anftedung ins Maljenhafte vermehren. Der Ver:
rat des Oltens an fidh felber Ihläat' in die Seele jedes Einzelnen zurüd,

Da“

na

Det

for
tis.
De

mc
Sc
Ne

Me

ein

fan

yo
Rı

111

vb

w1c
Se

the

my
VE
Wi
og
tin:

ern
Ita
pr
lid
M
fizi
im:

un

Der

Tot
Bir

Sad

a1

Mol

in

lic

Hr

(
        <pb n="17" />
        7

Jon
ten
von
gnem

ner
den
ler
üd.
NS:
oft
ieje
hen
er:
ıDe
en:
der
öft.
3w
fi
15
1Q0=An)

DD:

16

en
;ts
15

Il.
en
en

in

05

m
ft

Zz

19

&amp;gt;
=

N,

ME

m.

pas hemmungslofe Mingen unerfannter nationaler Urfräfte mit ratiovnal
 übernommenen unverdauten und unverdauliden Ideenjtoffen aus
dem Welten Iäkt den öftligen Menjdhen nicht zur Ruhe und zur Reife
fommen. Jeder Rulfe ift ein Tyrann und ein Sklave in einem. Dejpotismus
 und Anarchismus kämpfen als zwei Seelen in einer Brult.
Der Terror, die Urform afiatijHer Staatlidkfeit, wird hier zum erjtenmal
 — (Tittlid) gebilligt — zur Waffe der Demokratie erhoben. Der
Xafobinismus wird wejenhaft. Die inneren Beziehungen, Wider[prüde,
BerwandtiHhaften und Gegenfäglichteiten von AnjdHauungen, die für jede
meiteuropäi[de Analyfe völlig unvereinbar find, ver[olingen fid) Kraft
;iner irrationalen öltligen Logik derart, dak das Gewebe für uns
faum mehr entwirrbar ijt. Wir fuchen daher nur einige treibende
Kaktoren herauszulöfen, um uns verjtändlid zu madjen, warum in
Rußland im Grunde jeit Beter dem Groken der Zuitand Iatenter Revoution
 bherricht.
Um die Mitte des Yahrhunderts verwandelt [ih das Slawophilentum
 allmähligh in den fogenannten Panflawismus, Im Panflamyismus
 teden aber wiederum mehrere völlig unverträglidhe Kräfte.
Seinem Namen nad) ijt er auf die aus Europa übernommene Raffe-Heorie
 aufgebaut. Danilewfkis Buch erfhien 1871. Der Panfiawismus
 ftrebt eine Vereinigung aller Nawi[jden Stämme an. Durd dieje
Bölfergruppen aber geht, wie wir fahen, der Schnitt zwilden Oft und
Welt mitten hindurd. In der Entwidlung des Panflawismus fpielt
jogar das fKatholilde Prag eine ganz bejondere Molle. Dabei aber
iind die eigentliden politilden Ziele des Panflawismus, die Wieder
sroberung von Zargrad-Konftantinopel, die Befreiung der Balkantaaten
 aus den Ketten der Ungläubigen durchaus oftehrijtlidhen Uriprunas.
 Die Feindihaft zu Polen ijt tief eingewurzelt. Es verbirgt
ih alfo unter der europäiflden nationalijtijden Etikette in weitem
Make ein myltifdh-orthodoxzer Panrufjismus, der beifpielsweifje die Ruffijizierung
 der völlig unjlawi[den baltijden Länder anftrebt, der ferner
imperialiftiide Tendenzen in Alien verfolgt, und der [Hlieklid mehr
und mehr wirtijdhaftlide Zielfegungen am Schwarzen Meer und an
der Oltiee aufnimmt, die mit feinen religiös-ideologijden BorausjeBungen
 nichts zu tun haben. Wenn nun in diefem Panflawismus fich
in fogenannter Neojlawismus entwidelt, der auf eine föderative Organijation
 der Mawijhen Raffe hinzielt, Jo er[Hüttert das die Grundmauern
der zentraliftilden rullifden Reidhspolitik. Nicht einmal zur Duldung
der nationalen Sonderart der Ukraine Hatte es das Zarentum felbit
in der Blüte feiner „panflawijtifghen‘“ Tendenzen gebracht. Der Födera-[ismus
 mußte für ein Spltem tödlich fein, das bei dem ihm zur Vers
jügung ftehenden Menfhenmaterial die Organifation diejes aufs
gefihwemmten Rielenreiches nur dur) eine deiyotildhe Bereinheitlihung
        <pb n="18" />
        bewältigen Konnte, wenn es nidt den Bejtand des Ganzen aufs fHhwerfte
gefährden wollte. Der Panflawismus alfo, den der Zarenftaat gegen
SIahrhundertende als Hilfskraft in feine Politik einjtellte, barg in id
Sprengfräfte, die ihn über Kurz oder lang mit innerer Notwendigkeit
Itürzen mußten.
Im ehrlidgen und gemütstüchtigen AWbjdheu, den Europa dem
iyrannijden Zarismus gegenüber empfand, war überhaupt ein weitgehendes
 Unverftändnis für die Lebensnotwendigleiten diejes Miefjenreides
 verborgen. Selbjt die lawophilen Selbitverherrlicher ihrer Ralle
überliefern die Legende, da am Unfang des RufjfilHen Reiches die
Entfendung von Boten an die NMormannenfürften Rurik, Sineus und
Zruvor ftand. Man Habe, [o erzählt die Chronik, ihnen jagen Ialfen:
„Unfjer Land ijft groß und rei), aber es ijft feine Ordnung in ihm.
Kommt zu uns, feid unjere Fürlten und hHerr{ht über uns.“ In diefer
Legende liegt das Gefühl des Slawen, der als feine Grundeigenfhaft das
Duldertum rühmt, es liegt darin das naive Bewuktjein einbeldAloffen,
daß der Slawe die Fremdherr]Haft braucht. Er Hat lie ih vom Normannen
 und Tartaren im Mittelalter, er läkt fie fiH heute von einem
Srüppehen jübijder Kommijfare mit einer Ketti[d-HinefifHen Prätorianergarde
 gefallen. Der Staat Peters des Groken mit feinen deutiden
 Ratgebern Hatte au als europäilde Fremdherrihaft gewirkt.
Ein Staat, der fidh derart vom Volke diftanziert, Tann nur von der
Malle getragen fein. Dem fladen Riefenreidh, das feine natürlidhen
Erhebungen fannte, mußte auch eine eingeebnete Bolksmalfe ent/predhen,
aus der fein Gemeinwejen organijdh heroorwuchs, fondern die unter dem
Drude eines rein dbefjpotiflghen Obrigkeitsftaates [tand. Der innere Wideriprug
 des fMawifjhen Menfdhen, der durd) eine Impfung mit Europäismus
 in einen [eelijdjen Fieberzuftand geraten it, it nun der, dab er
biejen Zuftand zugleidy anerkennt und fih gegen ihn empört, Der
graue Märtyrer, der große AHrijtusähnlidhe Dulder, ift zugleidH der
Revolutionär und Nihilijt in Reinkultur. Der rulfildHe Staat war darauf
angewiejen, die Herausbildung von Individualitäten, wie fie im welt:
zuropäijden Perfönlichtfeitsideal befhloffen liegt, aus Gründen elementarer
 Selbiterhaltung zu verhindern. Die Entwidlung Preußens und
Ruklands zu modernen Staaten weift viele Gleicghläufigteiten auf. Wber
während Peter der Große den Bojarenadel, der Volkselement war,
austoftete, und einen Dienjtadel als reines Staatsinjtrument [Huf,
gewann Preußen in ungleidy weiterem Umfange den Kolonijtenadel,
den es als Yunkerkafte vorfand, für den jungen Staat und nußte feine
gefellidaftlide Anähnelungsiraft aus, um daran feine bürgerliche Heudalbureaufratie
 fozial anzulehnen. Die Aufrechterhaltung der Leibeigen[daft,
 die Verbindung mit dem religiöfen Aberglauben, die BVernachläffigung
 der Volksbildung, die drakoniide Zenjur: all das war
        <pb n="19" />
        er]te
;gen
lid
ıfeit

dem
veit=Jen

taffle
die
und

:en:
dm.
ejer
das
len,
otnem

äto=‚eut:

irft.
der
Hen
hen,.
dem
det:
is»
er
Der
der
cauf
gefte
181»
und
ber
var,
uf,
del,
ine
7@11=»Dz

ers
Dar

für das Zarentum eine durchaus geradlinige Folgerung aus dem Gegräge
 dieles Staatswejens. Und es ijt für den Slawen überaus be:
zeichnend, da neben das revolutionär-nihiliftilHe Schrifttum [ih eine
Theorie der offiziellen Theokratie ftellte. Nidht nur die Katiow, Pobedonoszew,
 Leontjew, audy Dofjtojewiti und Solowjew rechtfertigte den
‚äjaropapijtijden Nimbus um den gekrönten TIyrannen. Die Stüßen
ber Geheimpolizei, der Ochrana, ftammten aus dem Verbredhertum
felber. Ya, man wußte, wie der Fall Ajew dem [taunenden Europa grell
zeigte, in dem Syftem von Spigeln und Agents Provocateurs nie genau,
wofür der einzelne num wirflid) eintrat, für Die Autofratie oder die
Revolution. m Grunde war der Zujtand naturgemäß. Denn diefer
Staat war eben felber feinem Urgepräge nad) revolutionär, er lebte
fo lange von der Revolution, bis er an ihr zugrunde ging, um in ihr
wieder aufzuerftehen. Aug im BollHewismus ft die Durdhdringung
von Volk und Staat nur Faljjade, Hinter der [ih der alte volisfremde
Defpotismus verbirgt, der feit einem Yahrtaufend das oftllawilcdhe Schidjal
 ilt.
Aud der Weg, der das Zarentum von der Bauernbefreiung im
Xahre 1863 zur Agrarreform von Stolypin-Kriwofjdhein nad) dem Ruf»
{ii Yapanifchen Kriege führte, war ein Weg in den Abgrund, der mit
offenen Augen befdhritten wurde. Die Bauernbefreiung war in jeder
Hinficht eine halbe Makregel. Einmal wurde [ie entgegen allen [awoobhilen
 BejhHönigungen von demfelben Adel fabotiert, der in [id die Lommuniftilde
 Reue entdedte, wie fie uns heifpielsweife in Toljtois „Aufzritehung“
 plaitild vor Augen tritt. Au Turgenjews „Neuland“ ijt
für den Vorgang fehr Iehrreid. Dann aber waren die Loskaufquoten,
die dem Bauern auferlegt wurden, Höher, als er fie tragen Ionnte, und
itürzten ihn in Ver]dhuldung und Elend. Daneben aber blieb die kommuniftifle
 Dorfverfallung des Mir, des Gemeindelandes, bejtehen. Durd
bie halbe Befreiung wurden im kommunijtifden Bauerntum die indi-»idualiftijdh-Iapitaliftilden
 Regungen wadhgerufen, die ebenfalls die Fundamente
 des Staatswefens erfhüttern mußten. Nah dem Nullijch-Xapanijdhen
 Kriege nahm die Kberalifierende Regierung Witte die Agrarreform
 tatfräftig in die Hand und begann mit der AYufteilung des
[ändliHen Gemeineigentums. Zugleid aber gewann der Panjlawismus
:zin neues agitatorijdes Werkzeug. Er eroberte den grokrufliidhen
Bauern für feine imperialijtijgen Pläne, indem er ihm in den frembditämmigen
 Randgebieten, wie im Baltikum, und in den neu zu erobernden
 Ländern des MWefjtens Landeigentum verfprad). Es erwacdte das,
was der öfterreichi/he Sozialdemoirat Leuthner den rujjifihen Boliksimperialismus
 nennt: der unerfättlige Expanfjivdrang des rullijdhen
Staates follte in den Injtinkten jeiner ländlihen Iräger — 85 Prozent
der Bevölkerung leben in Rukland von der Landwirtjdhaft — Dver-
        <pb n="20" />
        — 10 —

anfert werden. Die Kapitalijtilde bürgerlidH-demokratildhe Kadettenpartei,
bie mit Welteuropa gegen Deut/hland Konfpirierte, hat fiH aud) hier
verrechnet. Der Nawijhe Nadikalismus [hokz weit über das von ihr
abgeftedte Ziel hinaus. Der Sieg über Deutfchland blieb aus, der
Zarismus brach zujammen, und unter dem Don Quicdhottehaften Zeichen
des Sozialisınus bolfjdhewiltilHer Prägung ftürzte ih das Bauerntum
auf den Großgrundbefig und die Staatsdomänen und enteignete fie.
Die Potemkinjde Dorfparole lautete Gemeinbhelik: das Endrejultat
war Meinbäuerlides Privateigentum. Die einzige Nukniekerin des Bol:
Idewismus ift außer ein paar pfeudo-[ozialijtijden Dejpoten in den
Sowjets die ebenfo pfeudo-[ozialijtifjdhe, Meinbäuerlide Schicht des platten
Landes. Die bürgerlide Demokratie, die jahrzehntelange Trägerin des
Hortjhrittsgedankens, die frevelhaft mit dem Terror gelpielt hat, die
die Niederlage im Rufljildh-Iapanifhen Krieg bejubelte, die die erfte
Revolution anzettelte und nun ihren großen weltpolitilden Schlag
Hihren wollte, erlebt den Triumph ihrer Ideen — als Leichnam.
Damit gelangen wir zur Entwidlung des rullildhen Sozialismus,
der an genau denfjelben inneren Widerfprüdhen Kfranit wie alles, was in
den legten Jahrhunderten im europäifjhen Olten vor ih gegangen
it. Aud) der rujlijhe Sozialismus hat JiH am Welten ruiniert. Seine
Väter find die alten Weftler, die dur die Lektüre Hegels und des
jogenannten Linishegelianismus, vor allem dur Feuerbach, in ein
cadifales Fahrwaller gerieten. Im Berfolg der europäifjhen Ydeenentwidlung
 nahmen fie aud) den Materialismus der Yahrhundertmitte
und den Marzismus auf. Wber [Hın meldete [id die Krifis. In Bakunin
war der Olten zu einem eigenen anardhijdHen Kommunismus vorge-IOritten,
 der viel radikaler und deftruktiver war, als das Radikallte,
was der Weiten aufbradte. In Europa denkt man dochH immerhin an
Aufbau, in Rußland kam das bezeidnende Wort Bandeltruktion auf,
wurde wirflid eine form- und ftaatloje Wnarchie, wurde rejtloje Zers
jeßung gepredigt und das methodijhe Morden zum ethiflden Syltem
erhoben. Auf die Theorie folgt die Praxis der Geheimbündelei und des
anardiftilden Verfhwörertums. Seit den fechziger Yahren übt lich
Rußland prafktijd) im Minenkrieg der Revolution. Bezeidhnenderweife
[führt der erjte diejer Geheimbünde den Namen „Land und Freiheit“.
Die Zenfur wird durg Geheimdrudereien oder dur Schriftenverbrei:
tung aus dem Yusland (Stuttgart, Schweiz, Amerika) umgangen.
Dojtojewifis „Dämonen“ geben ein unheimlides Bild diejer organifierten
 NMevolutionsmacherei, aus der die vielen AWttentate erwuchfen.
Zu den berüchtigtften Theoretikfern diejes Fadhes gehörten Bakunin,
Netfhajew und Ikathew. In den Exekutivliommitees diejer Bewegungen
 liegt die Urform des NMätefytenıs vor, das audy [Hon in der
eriten ruflilden Revolution Sffentlid) in die Eriheinung trat. Be:

me
fem
Ra
rer
des
Br
grı

Ja

u
a

m

Zi

A

du
Ne
(ie!
El:
tio

gan
Er

tur

de:
[if
I

tie

Inr

“14

"a4

A
im

Für
=

ur

MM

nm
Die
Ich
De:
DL
Bı

De

&amp;gt;11

Ar
        <pb n="21" />
        ‘1

2,
er
IT
er

en

n

e,
ıt

41=1



an

25
le
2
a

&amp;gt;
N
n

1e

26

nn

{=Le


nn

az

nn
y

mn

I,

nm
5
h

2

I

{.

I

merfenswert ijt, daß in den Anfängen der Bewegung noch ein antijemitifdjer
 Einjhlag auftrat, der ja heute gänzlid verfdwunden |Heint.
Radikalijierte Frauen jpielten von Anbeginn eine große Rolle. Wähcend
 allo bei uns etwa die Revolutionäre im November 1918 IHon
yeshalb fMheitern mußten, weil fie in den Kinder[huhen revolutionärer
Praxis taken, Konnte das revolutionäre Rußland [Hon beim erften
it von 1906 auf eine planmäkige revolutionäre Schulung von einem
halben Jahrhundert zurüchliden. Au das Märtyrertum f[ibirijcher
Sträflinge war mit den hHarmlofen Erfahrungen deutfdher Opfer des
Sozialiftengejeges weder in der Sache noch in der Wirkung vergleichbar.
Die Art und Weife nun, wie der Olten um den Marxismus und
mit dem Marzismus ringt, führt uns wieder mitten in unfjer Problem.
Die Freude am Extrem bringt au die Mberalen Strömungen um
Lawrow und Michailowftki in die Nähe des Sozialismus. Diejer aber
durchdringt die urrullijdhe Agrarfrage. Der über[pigte Berjtand diejer
Neuerer um jeden Preis beginnt id damit abzuquälen, daß im über-(ieferten
 ruflilden Mirkommunismus in der rulfijdhen Entwidlung ein
Element ftedt, mit dem Marz in feiner dialektijden GejlHihtskonjtruktion,
 diefem typifd) europäifchen Denkigebilde, nit rednet und auch
gar nicht redhnen kann. Es erhebt [ih die Frage, vb unbe[dhadet des
Endzieles die marzijtijdHe Ge[Hihtsionjtruktion aud) für Rußland Geltung
 habe, ob Rußland Stufen überfpringen könne, ob es notwendig
den Kapitalismus erlt ins Land rufen müffe, um von da zum Jo3ia=[iftilden
 Zukunftsreid zu Iommen, oder ob es nicht auf Fonjervativem
Wege, aus der Erneuerung und Vertiefung feiner volfstümlidhen Über-[lieferung
 das fommuniftijde Endziel erreiden könne, Dur alle ideo-[ogifhen
 Erörterungen der verfhiedenjten Richtungen zieht fi) wie ein
roter Faden das Grundproblem der NMarodniki, der „Bölkijdhen‘“, die
im Mir, im Agrariommunismus, den Wusgangspunit für die ruflilde
Sozialifierung fehen. Aug Marz felber hat vorfichtig zu diejen Fragen
Stellung genommen und ausdrüdlig betont, da Rukland es nicht
nötig habe, das LandvoIk zu proletarilieren, um zum Kommunismus
zu gelangen. Andererfeits hat Marz fidH in [einer Schrift gegen Bakunin
antidhieden von den öftligen Methoden abgegrenzt. Immerhin hat er
die Mühe der Erlernung des KuflijdHen nicht gefdeut, um an die rulflijhen
 wirtiHaftligen Quellenwerfke hHeranzukfommen. Die erfte Überfegung
des „Kapitals“ war die rTullifidhe. Die rullijde Sozialdemokratifche
Bartei entitand im NYahr 1883 im Ausland. Die Wojpaltung der
Bolichewiki unter Lenin vollzog ih 1903 in London. Ein Einigungsperfud
 mit den Menjhiwiki 1906 fcheiterte. So Hat die Entwidlung
zu einem Sieg des weftlerifhen Sozialismus über den ftarf romanti[d
gefärbten Nationalfozialismus der Narodnikk geführt. Immerhin il
es bezeichnend und für uns beihämend, dak wenigitens das Problem
        <pb n="22" />
        — 19 ——

als foldjes aufgeworfen wurde und dur Jahrzehnte die Gemüter
erhigt hat, während Deutjdhland fi überhaupt gar nicht die Frage
ernitlih geftellt hat, ob der dur und durch weitlerijhe Sozialismus
von Karl Marz au tatjächlidH unfern nationalen Gegebenheiten entiprede,
 und ob nicht etwa in der Iorporativen Überlieferung des
deutfdjen GenoffenfHaftswejens Anjäße für einen bodenjtändigen Bolksjoztalismus
 vorhanden feien, der fid in feiner Wefensart grundlegend
vom Marzismus unterfhieden Hätte. In meiner Schrift „Körper[haft
und Gemeinwejen‘““ (Leipzig 1920) habe id in der Tat zu begründen
verfucht, dak der deutjden Entwidlung ein organilder Sozialismus
innewohnt, der zur Überwindung des weltlerijlden Marzismus berufen
ijt. Die Zukunft wird Iehren müffen, ob die korporative dee im
deuten Volk denjenigen Widerhall findet, der zu ihrer Verwirklidhung
nötig ijt, aud für eine pofitiv verantwortlide Ojtorientierung ijt Diele
Nrage entjdheidend. Die rullilde Bewegung des NarodnitihHeltwo hat
ihre philolophilde Begründung durhH Iuljjow 1882 gefunden. Hier
wird das Volk vom Staat gefdhieden und ein Aufbau des Gemeinwejens
aus Mir und Artel verfucht. Sie war insbefjondere Gegnerin der
marzijtilden Konzentrationstheorie. Die Bewegung hat aud in jüngfter
Zeit noch ihre theoretifden Verfechter gefunden. BPolitildH it fie in
die Partet der Sozialrevolutionäre ausgemündet, wo fie Jeit dem Sieg
der Boljchewitt völlig Schiffbrucd erlitten hat. Damit ijt aber nicht
gefagt, daß nicht in der lebendigen Fortentwidlung des rullijdhen Bol-Idewismus
 Motive auftauden Können, in denen der Gedanke eines
anden|tändigen Sftligen Sozialismus in neuen Formen durdhbräche.
Aucd) darüber wird die zukünftige Entwidlung zu entfHeiden Haben.
Die Kraft als folge muß jeder in feine Berechnungen einitellen, der
die augen|Heinliden Wandlungen des Bolldhewismus mit aufmerffamen
Augen verfolgt.
Es it in diefem Zufammenhang nicht unfere Aufgabe, den vielfältigen
 Verwidlungen und Verzweigungen des rulliiHen Sozialismus
nachzugehen. Wir ftehen vor der Hijtorildhen Tatfadhe, dak der Bolidewismus,
 d. h. der radikale weitlerilhe Marzismus, gefiegt hat und
im größten Stile vor unferen Augen den Verjuch einer grunditürzenden
Neuorganifation Ruklands vornimmt. Nah dem weitligGen Staatsmonardismus
 hat nunmehr der weitlide Staatsfozialismus im Olten
gefiegt. Die Formen diejes Sieges find Sftlidh radikal. Der Terror,
die jpezifilde Form des Mationalismus, der AWutokratismus find Sftlidher
 Natur. Die Idee aber ijt europäild, und Lenin gibt fidH in
all Jeinen Verlautbarungen als orthodoxer Jünger von Karl Marz.
So fehr Bakunin, Toljtoi, Krapotkfin den Boden für die Revolution
gelodert Haben: der Staat ijft im BolihHewismus nit überwunden,
ondern tfiritt als unverbüllte Wirtichaftsdiktatur, aetragen von den

all:
Rä
NeUu

;on
Bo
nel

Bo
die
Jie
Yec

tal
De
lt
iD
Dr

brn

'D

ai
ID}

'141

öl]
36

€

‘D}
In

Ta

DD
de
te
5a

1a
ga
Ed
        <pb n="23" />
        13 —

Ufer

age
NUs
anfdes

[fsend

haft
‘den
nus
ıfen
im
ung
‚teje
hat
yier
'ens
der
iter
in
5ieg
Acht
301»
ınes
‚he.
Jen.
der
nen

„tel:
NUS
301»
und
den
ıt5=iten

*Dr,
öftin


ICE.
TOT

Jen,

Mott

allmädtigen Bolfstribunen des „diktierenden“ Proletariats auf. Die
Räteverfalfung, die unjere impotenten deutjdjen Sozialijten fo guf
beutfch ernjt nehmen, ijt von vornherein blokes Hilfsmittel, Im Grunde
jommt es dem Bolidhewismus fo wenig wie dem Zarismus auf das
Rolf an. Der Boljdewismus ijt eine terrorijtijde Oligardie aus vor»
nehmlid) außenpolitijdem Eroberungs- und Vergewaltigungsdrang.
Schon damit aber zeigt ih, dak er der panruflijtijden Form des
Banflawismus im Grunde genommen gar nicht fo fremd ijt. Und
bier berühren {ih wieder in merkwürdigjter Weije die Extreme, Aug
die neuerlide Berührung mit dem Ifam zeugt für das Durdhbhredhen
des orientaliiden Grundtiyps im boljHewijtijdHen Ojten. Gemeinorientalijh
 ijt der extenjive Drang nad) außen, der der ganzen rujlijchen
Sejdhihte den Stempel aufdrüdt. In den legten beiden Jahrhunderten
ijt Mukland durdhfehnittlid täglidH um 80 qkm gewadhlen. Um Intenjivierung
 diefes Wachstums hat es id niemals Sorgen gemadt. Grund«
orientalijd) ijt die idealijtijd verbrämte, von religiöjen Untrieben ge
tragene, dur und durch gewalttätige me[fianijde Welterlöhungstendenz.
So fah Doftojewiki den großen allilawijdhen Krieg gegen Europa,
jo Jieht Lenin die Weltrevolution. Die Idee hefdheidet ih im Olten
niemals in [id [elbit, Jondern drängt zur abjoluten Macht, Die Mak-Iofigfeit,
 die alle Stufen überfpringt, die Hemmungslofigfeit, die abjo-[ute
 Antriebe in explofive Taten umzujegen fucht, ijt im Boljdhewismus
öftliges Erbe. An diejem Punkt ijt au Lenin DjdHingisthan. Und
es ijt fehr.zu fragen, ob unjere Preukennaturen mit ihrem gelegentlid
geäuberten Wohlgefallen an diejer Wandlung redht haben. Bon daher
fommt nicht eine organijde Erneuerung der Welt, wie fie deutidem
Wefen gemäß ijt, diefer meffianijde Militarismus bedroht die Grunde
lagen unjerer Ezxijtenz nit nur unter dem Zeiden des Halbmondes
oder des Doppelkreuzes, jondern au unter dem modernen Zeichen
der fozialiftilgen Internationale, dem jüdi[H-boljhewijtijden Davidjtern.
 Sn Wirklichkeit braucht Europa und braucht der Olten den Aufbau.
 Und diejer Aufbau wird nur dann von Bejtand fein, wenn die
nationalen Urfräfte gebändigt und geführt werden, und [tatt der hohlen
Extenfivierung des Zarijten Lenin die Intenlivierung des deutichen
Seiltes gefucht wird.
Hier Kiegt Deut[dlands Berantwortung für den Olten. Wir [ind
durdy den Frieden von Verfailles vom Welten, von Europa, ver»
jtoben. Wir find in Gefahr, das fHmale SGlacis des Oltens und
AMejtens zugleih zu werden: der Schauplakg eines neuen dreikigjährigen
Krieges. Wir tragen in uns felber Welten und Often, wir [ind das
Land der Mitte. Und wir find allerdings durh die Gejdhidhte der
[eßten Jahrhunderte mehr und mehr in die Rolle eines Vorpoftens
des Oltens aedränat, nachdem mir bis zum Inäten Mittelalter der
        <pb n="24" />
        Bortrupp des Weltens waren. Wenn wir uns erhalten wollen, müffen
wir um jeden Preis und vor allen Dingen auf dem Pojten bleiben.
Wollen wir nidht die SkhHaven des Weitens bleiben, jo müffen wir
mit dem Olten und für den Olten arbeiten. Der Olten weiß in feinen
tieflten Injtinkten, daß er auf uns angewiejen it. Aug unjer oftwärts
gericteter Bolksinjtinkt ijt in jeinen Antrieben gut und gejund. Aber
zr ilt obdne Würde und ohne Stolz. Und ohne dies Erbe eines eurvyäildgen
 Selbitbewuktjeins, mit dem wir uns heute vom Welten diftanjieren,
 fönnen wir unjere Sendung im grökbern Olten, dem wir hinfort
angehören werden, nie und nimmer erfüllen. Man Hält uns in der
Welt für hodmütig. Wir find es night. Wir Haben in den Pubertätsinjtiniten
 unjerer jungen Reidhsherrlidhkeit gelegentlid Züge einer Inabenhaften
 Selbjtüberhebung zur Schau getragen: über das Wejen unjeres
Bolkes Jagen fie aber nichts aus. Die rührende bhefdheidene Geduld des
deutjden Menden bringt ihn viel eher der weichen NMawijdhen Natur
nahe. Und aud) in der leidhten Beherrjdharkeit und in der unausgebildeten
 Fähigkeit zur Selbitbeherrichung find wir dem DOiten ver.
wandt.
Bor uns liegt ein Jahrhundert, in dem wir nicht herr]dhen, fon:
dern dienen werden. Der Welten glaubt uns dienjtbar gemacht zu
haben, audy im Olten ijt der Wille zu unjerer Unterwerfung Dvorjanden.
 Gegen Dienfjtharkeit unter fremden Völkern werden und müljen
wir uns wehren, Deutjdh) aber ijt der Dienft an der Sache. Deutich
ijt die Verantwortung vor dem Werk. Der Olten hat unjere Sachlich:
feit mikachtet, er hat uns in feinen Dicdhtwerfen als den trodenen,
fMleinliden Pedanten gezeichnet, dem er die ausladende Gelte feiner
„breiten Natur“ prahlerijd überlegen gegenübergejtellt hat. Aud der
Bolldewismus fommt aus der breiten Matur, die über Leihen von
Menjdhen und Stämmen und Böltern [Hreitet, Es beiteht die Gefahr,
die todernjte Gefahr, da auch wir dor dem Aniturm des Oltens
zur Leiche werden,
Yber die innere Ratajtrophe des Ofjtens ijt offenbar geworden.
Auch der neuerlide Imperialismus Lenins ijt Flucht, Flucht nad) vorne,
aber Flucht vor dem Zujammenbdrucdh. Der Olten, der in der Verzweiffung
 ganz zum Krieger geworden [qHeint, braucht den deutjdhen werk
tätigen Menidhen. Der Olten mukßz wijlen, dak wir uns ihm nicht opfern,
jondern uns in ihm erfüllen wollen. Begreift er in Iegter Stunde die
weltge[hicdhtlide Solidarität, die uns mit ihm verbindet, dann it ihm
und uns geholfen.
Der Welten [tirbt ab. Der Olten teigt als Phönix aus der
Mlidhe. Aug wir wollen Phönix fein.
Zrog London und VBaris und Moskau! Wir wollen und wir
werden leben.

D.
Er:
Se

im
‘9

anf

MAG

471?

2114

auf
NG

AMT

gel
me
Re
“ie

reg
mM
        <pb n="25" />
        jjen
ven.
wir

nen

irts
ber

AU D=(an=


Der

115:

Jen:
:reS
des
{UT

:4S=Der:



Dit

ju

101=en

Ho
ichıen,

ner
der
vdN

ıbr,
21165

Jen.

Ne,
‚eifari=



die
dm

der

DIr

Rußlands Wirtfchaftsteben vor dem Kriege
Bon SF. Neeff

Ein Staat, wie Rukland, von einer Gejamtgröße von 22360 096 qkm,
5. h. einer Fläde, die nahezu dem fehlten Teil des Landes auf unjerer
Erde gleidhtommt, mußte naturgemäß in der Weltwirt/dHaft eine ins
Gewicht fallende Rolle [pielen. Die große Bedeutung, die Rukland
im befonderen für uns hatte, war jedoch, wenn nicht gerade verkannt,
To doch der Allgemeinheit wenig bekannt.
Der Flächeninhalt des rufliichen Reiches betrug 22 360 096 qkm, davon
entfielen auf:
das europäijde Rußland (ohne 37600 qkm
Afow’ihes Meer) . ....0004 we
und zwar auf das RMeidhsgebiet ohne Polen
und Finnland (inkl, 91814 qkm für Nowaja
Semlja und 62038 qkm für innere Gewäffer)
auf Polen . + + x + s #4 0 4 8 HMM
auf Finnfand(inkl.40464 qkm innere Gewäljer)
das altatildHe Rußland (ohne Kalpijhes Meer
438688 qkm und Araljee 67769 akm) . .
und zwar auf Küljtengewäller . .. .. .
Kaukalien (diesfeits und jenfeits
des Gebirgsiammes). . . .. 469218
Zentralafien . ....... 3488530
Sibirien . .....0... .12514572 ,
den Vafjallenjtaat Chiwa . . . 67430 „
” Bucdhara . . 203430
Summa:

5452386 akm

N

Landwirtfchaft und DBiehzucht

22360096 akm

Bon der Bevölkerung des ruffijdhen Imperiums, die man auf insgefamt
 180 000 000 jqhäßen Ionnte, lebten 85 % auf dem flachen Lande
meijt als WWderbau treibende Bauern; in den Sitliden Gebieten des
Reiches gab es aber auch) zahlreide Nomaden. AWderbau und Viehzucht
lieferten die Haupterzeugnifjje der rufjjijden Bolfswirt/dhaft. Eine geregelte
 Waldwirt[Haft gab es nur in wenigen Gegenden, und die
Waldprodukte des früheren Rußlands find darum weniger als Wirt.
        <pb n="26" />
        6

idhaftserzeugnijje, wie als Ausbeute von NMaturreihtümern anzujpres
hen. Die LandwirtihHaft des ajiatijden Rukland zeigte im wejentlidhjten
 dasjelbe Bild wie die des europäijden. Nah den fehr unvollfommenen
 Statifjtifen betrug im europäijden Rußland der DurdhjOHnittsertrag
 an widhtigjten Getreidefrüchten in den Yahren 1901—10
(fiehe nachjtehende Vergleidhstabelle) 1110kg per acre oder 40,6a.,
Die Zahl der auf 100 Einwohner kommenden Pferde belief fidh auf
17, die des NMindviehs auf 25 und die der Schafe auf 40. Hinfidhtlih
der landwirt/Haftliden Erzeugnijfe und der Viehzucht im aliatildhen
Rußland Iafjen fi bei der hHöchft mangelhaft geführten rulfijhen
Statiltif faum den Tatfaden entiprehende Angaben machen.
DurdHfhnittserträge 1901—1910 in kg pr. acre (= 40,6a)
Weizen Roggen Gerite Hafer
Rußland (ohne Sibirien). . 229 283 308 290
Deutihland . ... 827 664 767 737
Sroßbritannien . . . 899 — 767 713
Belgien . . . 948 876 1081 972
Die geringen Erträge in Rußland waren nicht etwa auf Minderwertigieit
 des Bodens, jondern auf die Bewirtjdhaftung zurüdzuführen.
(Verbraud an fünitlidgem Dünaer in Rukland 2,7 kg, in Belgien 148 kg
per acre.)

DBodenfchäßge und Fnduftrie

Im ruflijden Bolkswirtfdhaftsleben trat die Bedeutung der Induljtrie
 [tarf hinter die der Landwirt{Haft zurüd, Ihre Entjtehung
ijt Diel jüngeren Datums, als die der Induftrien in Mittel- und Weltzuropa.
 Die Förderung und die Unterltüßung, die ihr regierungsjeits
 zuteil wurbe, bejtand in der Einführung der ungemein Hohen
SchuHzölle, die aber wegen der Verteuerung der Mafjdhinen und der
Rohftoffe, die fie zur Folge Hatten, der entjtehenden Indufjtrie felbit
gefährlid) wurden. Die Frage der Kapitalbejdhaffung, die in dem
geldarmen Lande zuerlt als eines der [Hwerjten Hindernijje er[dhien,
wurde [päter mit Hilfe des AWuslandes gelöft, Jedoch) genügte die
Zufuhr von ausländijhen Kapitalmitteln bei weitem nicht, um der
rulfijdhen Induftrie zu der Ausdehnung und Bedeutung zu verhelfen,
welde fie in Anbetracht der günftigen Borausjekungen hätte haben
fönnen und müfjjen. Beim Ausbau der ruffijdhHen Induftrie ftellte id
bald nod) eine weitere Schwierigfeit heraus, nämlidh der Mangel an
draudybaren und gefdhulten Arbeitern. An Leuten, und zwar aus
dem Bauernjtande hHervorgegangenen, mangelte es nad) der Bauernbefreiung
 (1861) Teineswegs, aber Ddiefe entjpradjen den an fie jet
tens der Indufjtrie geftellten Anforderungen nit und belafteten in-"olae
 ihrer Unfähiafeit die VBroduktionstkoiten Härker, als die hoch:

beza
Kulı
die
und
in
grei{
vert
dat
gebi.
lich
wad
jür
nach
Yus
und
nifc
3e1g
iher
met:
[egu
ld

land
Mo:
Ura:
des
Erze
einig
Mer
3e1g
15 0
zum
von
ter‘
und
nen
hede
die
Jält
ud!
100
verT
gern
        <pb n="27" />
        17

DTes
ent:
un-„td

—-10

6a.
auf
tig
‘den
hen

DEerren,

Skor

Inung

Beltgs»

hen
der
(bit
dem
ten,
die
der
fen,
ıben
lich
an
AUS

dEMnjetz

in:

;o0-hbezahlten

 Arbeiter der weitlidgen Induftrie. Der allgemein niedrige
Kulturjtand und das volljtändige Fehlen von FahfHulen verzögerten
die Unpaljung aud) des Nadhwuchjes diejer Arbeiter an die [täbti[dhen
und befonderen Berhältnijfe indujtrieller Fabrikbetriebe, Es ijt jedoch
in den legten Jahren vor dem Kriege, und zwar dank dem Eingreifen
 ausländijder oder im Ausland ausgebildeter Fadleute, un
verfennbar ein etwas fOnellerer Fortjdhritt darin erzielt worden. U. a.
Hat fi unter den Arbeitern ein eigenes Standesbewuktjein herausgebildet,
 obgleid ihnen eine Organijation in deutjdem Sinne behördlid
 unterfagt war; au ihre Leiftungsfähigteit ijt gleichzeitig gewachjen.
 Die rujfijde Indujtrie ftellte vorzugsweife Mafjjenprodukte
für den inneren Markt und in bejHräniktem Make für die Ausfuhr
nach) Mittelafien, nad) der Mongolei und nad) Perlien her. Für die
Ausfuhr nad) den weitliden Kulturländern famen nur SGummif[duhe
und Gummireifen in Betracht, in Oftalien dagegen verdrängte die japaniflde
 und die amerikanijhe Indujtrie immer mehr die rujjijden Er
zeugnifje. Eine Darjtellung der geographijdhen Verteilung der rufliiden
 Indujftrie vor dem Kriege Iajjen wir etwas [päter folgen. Bes
merit fei jedod) an diejer Stelle, daß durd den Krieg und die Ver»
[egung großer Betriebe, eine neue Lage gelchaffen worden ilt, die
lid) jeßt no) nidht überjehen läkt.
Die großen Induftriegentren vor dem Kriege, abgefehen von Finn-[and,
 waren: der baltijHe Yndujtriebezirk, der jüdlide Teil Polens,
Moskau, das Gouvernement Iekaterinoflaw, das Donezbaflin, der
Ural, Baku mit Maikop und Grofuyj und die füdliden Abhänge
des Kaukalus. — Kukland nahm vor dem Kriege in bezug auf die
Erzeugung von Eijenerzen bereits die fünfte Stelle ein, nad) den Vers
sinigten Staaten, DeutjdHland, England und Frankreid. Die größten
Mengen an Subkeifen und Stahl wurden in Südrukland (65 %) erzeugt,
 dagegen gab der Ural nur 20 0%, während [ih die rejtlidhen
15 % auf Bolen und die übrigen Gebiete verteilten. Die Erze rührten
zum größten Teil aus dem Süden her, vornehmlid aus der Gegend
von Kriwoj RMog, dem Gouvernement Cherfon und dem zwijdhen Zekaterino/law
 und Nikolajew gelegenen Gebiet. Kriwoj Rog, Mariupok
und Kertich lieferten vor dem Kriege durh[Hnittlih jährlich 280 Milliozen
 Bud Eijenerze, dagegen der Ural nur gegen 80 Millionen Pud. Das
bedeutet aber nicht, dak der Ural weniger reih an Eijenerzen ijt, als
die Gegend von Kriwoj Rog; im Gegenteil, mır in den Iokalen BVBer-Hältnijjen
 war die Urfade des Zurüdbleibens der Uralproduktion zu
Juden. Der Diltrift von Kriwoj Rog in einer Wusdehnung von zirka
10000 ha, wies allein 90 Hüttenwerfe auf, die das Eigentum von 40
ver[dhiedenen GejllidHaften bzw. Privatperjonen waren. Dieje Gegend
gerade Hatte, wie die naditehenden Zahlen zeigen, einen großen indu-Die
 mwirtichaftliche Aukunft des Oltens &amp;gt;
        <pb n="28" />
        — 18 —

itriellen Aufidwung zu verzeidhnen. Bon 111 Millionen Pud im Yahre
1901, bradte es die dortige Indufjtrie im IYahre 1905 auf 171 und im
Sahre 1910 auf 235 Millionen Pud; dement/predjend wurden in diejem
 Induljtriegebiet 4226 AYrbeiter in 1901, 7268 in 1905 und 10704
in 1910 be[dhäftigt. Die Erze von Kriwoj Rog fanden ihre Berarbeitung
 ausf[dlieklid auf den im Dnjeprgebiet liegenden Werken, vor
allen Dingen in NMijdhnednjeprowjk, Petrowia und Alexandrowji; diejenigen
 vom Donezgebiet, die jpäter noch) bejonders Erwähnung finden,
ebenjo Diejenigen von Mariupol und Kertjdh, verjorgten Yurjewka
und die Werke am Ajowidhen Meer, in erfter Linie Taganrog. —
Außer den zuvor erwähnten Werken befanden JidhH am Dnjeprlauf eine
ganze Anzahl weniger bedeutender indujtrieller Unternehmungen, die
jebod). fämtligH mit neuzeitigen Einridhtungen und Majdhinerien verjehen
 waren. Bei weitem die größte Anzahl von metallurgijhen Werken
war jedod im Donezbaffin zu finden. Der Donez ijt ein Nebenfluk
des Don; er entfpringt im Gouvernemet Kurjf, fließt von Nords
weiten nad Südofjten, ungefähr parallel dem Dnjepr und erreidht den
Don furz vor Jeiner Mündung in das Ajowjdhe Meer, bei Nowotjcherfajt,
 der Hauptjtadt des Donjdhen Kofjakengebiets. Der Donez durch
liebt ein an Kohlen fehr reides Gebiet von zirfa 25000 agkm. Zu feinen
beiden Seiten befindet Jid) eine ganz beträchtlidHe Anzahl von Kohlengruben
 und Eijenhütten, ebenjo viele‘ Stahl- und mechanijhe Werke,
— Das Kohlenbafjjin des Donez hat eine Länge von ungefähr 350
Werft, feine Breite bewegt id) zwiiden 50 und 150 Werft. Alle
Kohlenarten, bis zu Anthrazit hHöchkter Qualität, jind hier vertreten.
Das Donezgebiet zählte vor dem Kriege zirfa 150 Kohlenbergwerke
und mecdhanifjhe Fabriken, ausjhlieklid) der Bergwerfke von Matiewka,
Der Ural ift in bezug auf Mineralien und Erze eines der reiciten
Gebiete der ganzen Welt. Zlatouft, zwijdhen Ufa und Iicheljabini£,
befaß jeit 1811 eine berühmte Waffenindujirie. Die Eijenzeden und
bie Hütten lagen im mittleren Teil des Ural, ungefähr zwijden Yekaterinburg
 und Ufa. Man jtellte hier vorzugsweije Roheijen aus[Hließlid
 für den rufliidhen Berbraud her. Ferner findet man bei Bogoflowit
nicht unbedeutende Kupfergruben, bei Demidow und Kefcdhtima dagegen
verfdhiebene goldhaltige Dijtrikte, ebenjo Lager von Silber und Platin
enthaltenden Erzen. Die Gold=- und Silberförderung Hat Dbeifpiels:
weije im Jahre 1910 — 9020 kg Gold und 6832 kg Silber gebracht.
Zroß feines Reidhtums an natürliden BodenjHäkHen Hatte aber der
Ural feine führende Stelle unter den Indufjtriegebieten Ruklands verforen
 und war ftarf hinter dem Donekgebiet zurüdgeblieben.
Mehr nod) als der Ural lenite der Kaukafus durch feine Reicdhtümer
 an Mineralien die Wufmerfjamfeit auf fid. Man fand hier
Eijen, Molybdän, Mangan und Kupfer; Mangan wurde vorwiegend

in
tip
Ur
Ial’
ein
Sich

ll

nel
die
KYF

ha

Die

he‘

M
(Sr

N

rie

51

n
Ha

UM

+41

ACC

+“

&amp;gt;

FA

“EC
Rı

in

un
ihr
ha
un
Sr
De:

de
hr.

“X
        <pb n="29" />
        19 —

Sahre
ıD im
Dies
)704
ırbei-DOT

Dies
nden,
jewfa

eine
Die

Der=;erfen

nfluß
jL01D-;
 den
;Terurdh-


‚plen-Berfe.

350
Ale

reien.
‚werte
ew{a.
:cOften
bini£,
und
Hefa-HlieB-


gegen
3latin
pielsradt.

der
Der:

Reichhier

gend

in Mingrekien, d. hd. nördlid vom Rion gewonnen. Die Gefjamtproduktion
 des Kaukafus befjhäftigte vor dem Kriege etwa 10000 Arbeiter,
Ungeachtet der brafialinijdhen und indijden Konkurrenz Hatten die faufafijden
 Kupfergruben bei geringen Unkoften an Arbeitslöhnen ujw.
eine glänzende Zukunft. Mit der YWusbeutung des Kupfers befakten
ih im Kaufajus außer einer Anzahl rujfijdher, aud) eine ganze Reihe
ausländijher Gejelljdhaften. Kupfer wurde im Kaukajus mehr gewonnen
 als im Ural, und die Kkaukalijhe Kupferausbeute betrug ungefähr
die Hälfte der in ganz Rußland (mit Sibirien) gewonnenen Mengen.
über die Bedeutung Sibiriens in bezug auf die BodenjdHäge und Bergbaugebiete
 gibt unjer Kapitel „Sibirien“ AWufjdhluk. Hier mögen nur
die Oberläufe des Ob- und Iriyjh, fowie das Tal der Lena mit
bedeutenden Goldfeldern erwähnt fein.
Sm Norden der Kaukalijden Höhenkette, in Baku (am Kafpifdhen
Meer), ferner in der Gegend von Maikop, im Kubangebiet und in
Srofny find die bekannten Naphthaquellen. Während die von Maikop
verhältnismähig unproduktiv waren, gaben die Quellen von Baku
tielige Erträge, weniger bedeutend als leBtere, jedod) aud) redt produktiv
 waren die Quellen von Grofnyj. Naphtha jpielte bekanntlich
in der ruflilden Indufjtrie eine fehr wichtige Rolle und war Gegenjtand
 eines lebhaften Handels auf der Wolga. Das ruflijhe Naphtha
unter[heidet fi von dem amerikanijdhen bzw. penjilvanijden Petroleum
inJofern, als fein Ipezifildhes Gewicht ein höheres ijt, dabei enthält
es weniger Benzin und Ejjenzen. Die Dejtillation von Naphtha, welde
in Bakıu vonftatten geht, ergibt gutes Schhmieröl, VBalelin und Fett.
Die nad) der Deftillation verbleibenden Rüdjtände, Mazut genannt,
jind eine braune Flüjjigieit, die ausfohlieklidh zum Heizen von Dampffeljeln
 und Diejelmotoren benugt wurde. Man ftellte ferner aus Naph-Iha
 Petroleum zu Beleucdhtungszweden her. 20 Werft nördlid von
Batu liegen noch die Petroleumbdijtriite von Baladany und Suradhany.
Neben der Metallurgik und medanijhHen Konftruktion fand man
in Rukland no) die [Hon fehr alte Fabrikation von blanken (Hiebs
und Stok-) Waffen und einiger rein rufjijdher Artikel. Lehtere Hatte
ihren Ur]prung im Ural, dejfen Eijenerze von jeher einen guten Ruf
hatten. EChenjo fand man in Tula, einer füdliH von Moskau gelegenen
und vor dem Kriege zirka 130000 Einwohner zählenden Stadt, eine
Induftrie, deren Erzeugnifje berühmt waren. Die Tulaer Artikel wurden
 jJowohl aus Eijen, wie au) aus Stahl, Neufilber und verfdhiedenen
 Metallverbindungen hHergejtellt, Zu den bekfanntejten und verbreitetjten
 Ddiejer Artikel gehört der Samowar, eine in feinem rujli-Iden
 Haushalt fehlende Teemaldhine. Außerdem. lag in Tula eine
itaatlihe Waffenfabrik, weldhe rund 12000 Arbeiter befhäftigte,
Außer den bisher erwähnten Yudultriezweigen war für Rukland
D*
        <pb n="30" />
        — 20 —

die Textilindultrie von nicht geringer Bedeutung. Die erjten Spinne»
reien entitanden [don 1840; eine der ältejften (1856), bei Narva ge-{egen,
 verfügte vor dem Kriege über annähernd 600000 Spulen und
3500 Webfjtühle. Neben Narva Hatte aud) Riga eine alte Textilinduftrie.
Die . hedeutendjten Fabrifen der Textilbrande hatten ihren Sig in
Polen; fie bejHäftigten 150000 Arbeiter. Der Werk der in der
Stadt Lodz und ihrer Umgebung Hergejtellten Textilerzeugnijje belief
 ih jährligH auf ungefähr 20 Millionen Rubel. Die meijten Spinnereien
 und Webereien fand man aber in der Gegend von Moskau.
Der Wert der in ganz Rußland zur Verarbeitung gelangenden Baumwolle
 belief fi auf 3irfa 300 Millionen Rubel. Die Hälfte der für
die Erzeugung erforderliden Rohftoffe wurde aus dem AWuslande eingeführt,
 die andere Hälfte lieferten Turkejtan und zum geringen Teil
aud) der Kaukfajhus. Im allgemeinen nahm Rußland in bezug auf die
Textilindufjtrie die dritte Stelle in Europa ein.
Lein und Hanf find in Rukland von jeher gebaut worden; aber
eine größere Bedeutung ijt dem Fladhs- und Hanfbau erft nad) 1850
beigemefjen worden. Rußland Hatte [HliekliH darin den erjten Platz
in Europa eingenommen und ijt nur von den Vereinigten Staaten und
Argentinien übertroffen worden, Lein und Hanf wurden gebaut in
den Gouvernements Pijfow, Twer, Smolenjf, Wijatia, Witeb|t, Perm,
Kowno, Wladimir, Koftroma, Jarojflaw und Mogilew, Saatlein baute
man in den füdliden und inneren Gouvernements, Baltlein bejonders
in Livland, Kurland, Eitland, Yngermanland, Plesiau und Witebft.
Bon ganz bejonderer Bedeutung war die Zuderinduftrie, die in
den Unbaugebieten der Zuderrübe, d. h. in den Gouvernements Kiew,
Wolynien, Podolien, BekHarabien und Cherfon ihren Sig Hatte. Die
3Zuderproduktion betrug in den Iekten Borkriegsiahren durchiehnittfi
 2026600 tons.
Schließlid fer no) die Holzindujtrie erwähnt, die bei der Ausdehnung
 der ruflijden Wälder (im europäijden Rukland außer Finnlanb
 erjtredten fi die Waldungen über 150 Millionen Hektar) auch
nicht unbedeutend war.
In Finnland waren folgende Indujtriezweige vertreten: die Holzindujtrie
 (Sägewerke), die Metallinduftrie, die Papierinduftrie, die
Tezxtilindufjtrie und die elekftrotechnijhHe Induljtrie. Die Papierfabrikation
arbeitete vorzugsweije mit Wajfjjerkräften, während die anderen Indujtriezweige
 unter Benukgung eingeführter Steiniohle Dampffraft verwendeten.
 Die größten Holzjägewerke, die mit Dampfiraft arbeiteten,
lagen am Meer, und zwar in Kotfa am FinnijdHen Meerbufjen, in
Björneborg am Bottnijden Meerbujen, in Semi und Ueaborg an
demjelben Meerbujen. Für die Fabrikation und Werfkftätten, die Metalle
 bearbeiteten, famen wiederum die Hafenitäbte in Betracht. Helir


3e
vo
Kr
Ita
Die

an
Si
Ze
lar
Nr

Ri
ta
Flo
Ih
bez
pit
dar
Mi
fan
übe

ur
3zäl
in
de1
22
lı
He

nr
        <pb n="31" />
        21

nnege:

und
frie.
\ in
ber

be:

pin»
sTau.

ıumfür

zin-Teil

Die

aber
‚850
Blaß
und
in

Er

erm,
iaute
LDErS
2bff.
e in
‘jew,
Die
nittus



‘innauch


5013-die

tion
In-Der=



in
an
Mes
nel:

ngfors hatte 16, Abo 3 und Tammerfors 4 Werke, Die größten
Zellitoff-Fabriken Iagen am Kymmenefluß in Südfinnland nicht weit
vom Meer. Die Erzeugung von Papier Iag in erfter Linie in den am
Rymmenefluß in Südfinnland gelegenen Betrieben; an zweiter Stelle
itand Tammerfors. Der Verarbeitung von Wolle und Baumwolle
dienten 7 Indujtriewerke; für diefes Gebiet [tand Tammerfors oben
an. Die Tabakfabriten lagen durdweg am Meer, und zwar in den
Städten Wbo, Yakobjtadbt, Helfingfors und Wiborg. Die Papier- und
Zelljtoff-Fabriken, aud) ein Teil der Meinen Sägewerke Iagen im Binnen-{ande,
 und war ihre Lage von der Lage der Seen, als der natürlichen
Berkehrsftraken, ferner den Stromidhnellen und Waffjerfällen abhängig.
Die baltifjHe Induljtrie war eine Leijtung deutjdher Arbeit, Die
Rigaer Indujtrie arbeitete in Hohem Grade mit reidsdeutidem Kapital;
 etwa 80 Millionen Mark waren dort angelegt worden. Ebenfo
ilofjen aber audy nad) Libau und Pernau die Gelder aus dem Deutiden
 Neid; unter 175 namhaften Firmen des haltijdHen Indujtriebeziris
 arbeiteten etwa 145 mit reidsdeutfdem oder haltijdHem Kapital.
 hr fOnelles Aufblühen Hatte die baltijHe Indujtrie zu Dverdanfen:
 1. den Schukzöllen, 2. der günftigen Lage der Orte am
Meer, 3. den günitigen Eifendahnverbindungen nad) dem Innern Ruk-[ands,
 4. der einheimijHen, Kulturell die Bevölferung Ruklands weit
überragenden Arbeiterfhaft. — In Riga war eine der blühendjten
und: vielfeitigiten Yndujtrien des ehemaligen Rukland anjäfjlig. Sie
zählte im SYahre 1913 einige Hundert größere und KNeinere Fabriken,
in denen etwa 90000 Arbeiter und Arbeiterinnen hejhHäftigt waren,
der Gefjamtumfjaß der Nigaer Fabriken betrug im Iahre 1913 rund
220 Millionen Rubel*). Zur IMujtration deffen, welde Zahl von
Arbeitern in den ver[dhiedenen Branden bejdhäftigt war, und zur Daritellung
 der Höhe des Umfages in den einzelnen Induftriezweigen diene
nachjtehende Tabelle: Arbeiterzahl Umfaß in No.**)
Indultrie der Stefne und Erden . . 6436 8165000
Metallbearbeitung +... ... 0... 7068 16070000
Majdinenbau und verwandte Betriet )875 37480000
Chemtidhe Yndultzie . . . . 4. «533 27128000
Textilindultrie . . .... 0... 0335 22401000
Papier: und Pappeninduftrie . 3718 8640000
Summi-Indujtrie . . . . 52907 57770000
Lederinduftrie . ... 0... &amp;gt;86 3625000
H0l3= und Spielwaren . .. . 0. 1714 6026000
N 7037 9222000
Bekfleidungsinduktrie . . +. "767 &amp;gt;050000
Vüärbereien und ähnl.. . . 585 713000
220280000

*) Diefe Angaben, fowie die folgenden Daten
Blättern, Heft Nr. 23 vom 4. Mai 1920,%entnommen,
**)1.Die übliche Abkürzuna“ für Rubel.

ind den Baltiidhen
        <pb n="32" />
        29

Außer Riga haben fidH aud) Libau und Reval auf dem Induftriegebiet
 befonders hHervorgetan; in Libayu bejtand eine der hedeutenditen
 Ölmübhlen Rußlands, ferner eine Drahtfeilfabrik; in Reval bejanden
 Jidh eine ganze Anzahl von Konlervenfabrifen und eine große
Zelljtoff-Fabrik,
Um ein volljtändiges Bild von der ruljijhen Indultrie vor dem
Kriege zu haben, muß nod) einiges von den „Kultari“ gejagt werden.
Man verfteht darunter die ländliHen Handwerker, welde mit ganz
primitiven Hilfsmitteln aller Art Gegenjtände anfertigen, zumeilt Kleinigfeiten
 von geringem Wert, Spielladhen aus Holz, Zigaretten] hadteln
 und Etuis aus Birfenmaler, Gegenjtände aus Horn, Leder und
aus Tonerde find ihre Spezialitäten.
Zujammengefabt Hatten die einzelnen Indultriezweige ihren Sib
wie folgt:
; 1. Gold-, Silber- und Iuwelenwaren wurden hHauptjächliH in den
Sroßitäbten hergeftellt, aber aud) in der Hausindujtrie einiger Dörfer
in den Gouvernements Koltroma, Kafan, Madimir und Moskau;
2, bie Herftelung von Kupferwaren (aus Kupfer und Kupferlegierungen)
yehörte teils der Fabrik-, teils der Hausindultrie an. Befonders be:
rühmt war der Glodenguk (Waldaj im Gouvernement Nowgorodb).
Kupfergefähe lieferten befonders die Gouvernements Tula, Wladimir,
und Petersburg; 3. Eijenwaren: In den Gouvernements Nifjhnij-Nowgorob
 und Wiatia wurden Ketten und Anker gejhmiedet, im Gouvernement
 Berm Trinigefäke, Eimer, Schaufeln u. a., in den Gouvernements
 wer Nägel und Wladimir Sicheln gefertigt; 4. Glasfabrikation:
 Die größten und zahlreidhfjten Betriebe befanden fidh in den
Houvernements Wladimir, Petersburg und Orel. Porzellan und Fapence-Fabrifen
 hatten ihren Sig in den Gouvernements Wladimir,
Moskau, Wolynien; 5. die Lederfabhrikation, fait hHauptlädlidH Hausinduftrie,
 war am oberen Lauf der Wolga und ihren nördlidHen Neben:
Hüllen zu finden; 6. die Baumwolindujtrie war bejonders entwidelt
 in Polen und den Gouvernements Moskau, Wladimir und
Petersburg; 7. die Zuderinduftrie befand fihH in den Gouvernements
Bekarabien, Kiew, Pobdolien, Wolynien, Charkow, Kurlf, Orel, Bol:
tawa, Samara und Zambow.

DBerkehrswefen
Das BVerkehrswejen Ruklands betraf falt ausfhliehliH nur den
Binnenverfehr; die Schiffahrt war nidht bedeutend; in der Oltjee lag
fie zum großen Teil in finnländijhen Händen. An den 26 Dampfer-[inien
 zwijden den Oftjeehäfen und den welteuropäilden Ländern waren
nur zehn rulfildhe, an den Linien von und nah der Schwarzmeerküfte

nur
rahr
Han
fein
$wi]:
Sdı
dien
vefö
don
[and
anne
ipiel
diele
WAT:

UNE
ylü}
die
miri
dir

geg‘
und
mit
OIa

Dar
ic
Dar.
der
om
Stä

den.
'Dwi
sehe
als
zu
gefü
in %9
jirfc
Der
arjte
mon
iyra
Stu
sine
        <pb n="33" />
        x

uftrieıtende-

 be:
arobe

dem
;rden.
ganz
lei:
Hadund


Siß

nr den
)örfer
sfau;
ngen)
5 be:
tod).
yimir,
Now-UDer:

jernehrifa-


Hayimir,

aus:
ben:
antund

‚ents
Bol:

den
» lag
ıpfer:
varen
„Alte

tur dreizehn rulfifhe Firmen beteiligt. Die bedeutendfjte rulfijhe Schiff-'ahrisgefelljdaft
 war die Ruffildhe Gejelljdhaft für Dampfjdhiffahrt und
Handel in Petersburg, die über eine ftattlidje Anzahl größerer und
Teinerer Schiffseinheiten verfügte und die einen regelmäkigen Verkehr
wijden Petersburg, Riga und Libau einerjeits und den Häfen des
Zhwarzmeeres und Ajowfhen Meeres andererjeits unterhielt. Sie
yiente falt ausfchließlid nur für den Güterverkehr; eine Perjonenjeförderung
 bei einer beifpielsweijen Reijedauer von zirka vier Wochen
on Petersburg bis Odejfa fam faum in Frage. — Im Innern Rukßands
 waren außer der Eijenbahn von jeher die großen Ströme, die
»hne weiteres jAiffbar waren, die Hauptverfehrsadern gewejen, fie
pielten eine groBe, dem Handel die Richtung gebende Rolle. Das Neß
yiefer großen Wajferjtraken ijt fjehr ausgedehnt, die einzelnen Nebe
varen mit Kanälen, die freilid meijft mangelhaft angelegt und [Hlecht
anterhalten waren, unter einander verbunden. Die Gejamtlänge der
XIlülje, Seen und Kanäle im europäilden Rukland (ohne Finnland)
bie als Verkehrswege dienten, betrug 136 449 km, davon waren 87 906 km
mirflid fahrbar für Flöße und Schiffe (29972 nur für Flöhe, 17946
tür Schiffe tromabwärts und aufwärts und von den lekteren wurden
jegen 30000 km zugleid von Dampffchiffen befahren). — Die größte
und für den Binnenverkehr wichtigite Verkehrsjtrake war die Wolga
mit ihren zehn Nebenflüfjen, von denen nur die größten, wie Scdheffna,
Dia und Kama hier genannt jeien. Die Wolga mit ihren Nebenflüffjen
var auf einer Gejamtitrede von 34510 km jhiffbar. Auf ihr bewegten
ih vor dem Kriege gegen 10000 Fahrzeuge, von denen 1500 Dampfer
varen. Gegen 6000000 tons Naphtha allein pajjierten alljährlid von
jer Weftküfte des Kalpijdhen Meeres, den Häfen Baku und Petrowit
iommend, Aitradan, um teilweije über die an der Wolga gelegenen
Städte vermitteljt der Eijenbahn dem Binnenlande zugeführt zu werden.
 (Es fei an diejer Stelle bemerkt, dak jämtlidge Wolgadampfer,
‘'owie ein Teil der Lokomotiven der Süd- und Sübdojtbahn mit Naphtha
jeheizt wurden.) Um ferner ein Bild von der Bedeutung der Wolga
als Verfehrsader, und der an ihr gelegenen Städte als Handelspläte,
yu geben, Jei erwähnt, daB in Zaryzin 800000 tons, in Saratow ungefähr
 ebenjoviel, in NMijhnij-Nowgorod über eine Million tons und
in Rybinjk, das zirfa 2500 km von der Wolgamündung entfernt liegt,
;‚irfa 500 tons Naphtha allein alljährligH durdH[Hnittlih gelöfdt wurden.
Der Schiffsverkehr auf der Wolga und ihren Nebenflüjjen, der in
erjter Linie dem Gütertransport diente, wurde aud) in den Sommers
monaten von Perfonen in Anjprudh genommen. Man rechnete hei den
Nradtdampfern bei einer Durgh[Hnittsgejhwindigkeit von 4—5 km die
Stunde oder zirla 100 km den Tag, von Altradhhan bis Rybinjk mit
ziner Reifedauer von ungefähr vier Wochen. Auker Nayphtha wurden
        <pb n="34" />
        I

in bedeutenden Mengen au Holz und Getreide auf der Wolga be
fördert, erfteres in Geftalt von Flöhen flukabwärts, Iekteres in befonderen
 Kähnen flußaufwärts. Die Schiffahrt auf der Wolga ruhte
oollitändig von Anfang November bis Anfang April.
Die dem Handel und Verkehr nad) bedeutendjten Städte an der
Wolga waren: Rybinjk, Yaro[lawl, Kojtroma, Nifhnij-Nowgorod, Kajan,
 Samara, Saratow, Zarizyn und Ajtradhan. Bon diejen nahm wieder
 den erlten PlaH NifhnijNowgorod ein. Hier fand jedes Jahr in
den Monaten Juli bis September die bekannte Melje jtatt, auf der
jid) [owohl die Kaufleute und Indujtriellen des europäijden, wie aud)
die des aliatijdHen Rußland einfanden. In enger Beziehung 3zU diejer
Melle ftand diejenige von Irbit; Iektere bildete nämlidh gewilfermaßen
 die Bormelfe für Nifhnij-Nowgorod. Yuf der Nijhnijer Melle
trafen fig die diesfeits und jenfjeits des Uralgebirges anjäjligen Gewerbe-
 und Handeltreibenden, die ihre Erzeugnijje hier zum Austaufd)
brachten. Tee, Pelze, Stoffe und Eijenkurzwaren wurden hier neben
unzähligen anderen Artifeln feil gehalten. Es wurde auf diefer Meile
durchfohnittliH ein Umjag von 400 Millionen Mark jährlich erzielt.
NatürlidH war der Erfolg der Nijhnijer Mefjfe abhängig von den jeweiligen
 Ernteausfichten, denn es ijt ja bekannt, weld) große Rolle das
Getreide im wirt[haftliden Leben Ruklands gejpielt hat. Im Iahre
1911 beifpielsweife nahm die Nijhnijer Meffe Infolge zu erwartender
teilweifer Mikernte in den Gouvernements Samara und Saratow einen
jehr ruhigen Verlauf. — Der Jahrmarkt von Laijdew Hatte nur für
den Metallhandel Bedeutung. — Flukabwärts, am mittleren Lauf der
Wolga, liegt dann Kafan. Kajan, eine der ältejten Städte Ruklands,
war durch feine Produktion und den Handel von Seife und Kerzen
bekannt; ferner hatte es von jeher eine gut entwidelte Kleinlederinduitrie,
 deren Erzeugniffe glei an die Wolgapaljanten veräußert wurden
und nur zum geringen Teile auf der NMifhnijer Melje in den Handel
famen. Meiter gegen Süden Samara, das ebenjo wie Saratow, ein
großer Stapelplag für Getreide war. Hier befanden fidh aug die größten
Setreidedampfmühlen und Elevatoren Südojtrußlands. In den Gouvernements
 Samara und Saratow, fowie in diejen beiden Städten
jelb{t, Fonnte man fehr viel Ddeutjde Anfjiedler finden, von denen
die erften 1765 unter Katharina II. einwanderten. — Zarizyn war
der hedeutendjte Umladeplag im ganzen Jüdliden Wolgagebiet, Hier
nähert fi der größte Strom Kuklands bis auf 3ziria 60 Werjt dem
Don. Da eine Kanalverbindung zwiflden Wolga und Don an diejer
Stelle wohl geplant war, jedod) ihre Ausführung aus tedhnijden Grün
ben bis zum Kriege unterblieben war, mußten in Zarizyn fämtlide
Güter, die für Mittel oder Weltrußland heftimmt waren, ebenfo das
nach Welteurova auszuführende Wolaaagetreidbe der Bahn übergeben
        <pb n="35" />
        — BO

werden, um auf diefe Weije am Don angelangt, abermals ver[dhifft
;u werden. In Zarizyn befanden fid) auzerdem die größten Naphthajager
 bzw. „rejervoirs, die auf demjelben Wege Mittel- und Südruke
‚and mit Naphtha verforgten. 90 km vor der Mündung der Wolga
ins Kajpijde Meer Hiegt, aufgebaut auf dem Delta, das hier der Fluß
bildet, die Stadt Altradjan. Hier entwidelte [ih ein lebhafter Iranlitverfehr
 und das Fijdhereigewerbe hejonders jtand in hHödhijter Blüte.
Oberhalb von NMilhnij Kegt die alte Krönungsfjtadt Kojtroma. Sie
jatte nicht .nur Hiltorijde Bedeutung, jondern war au dur ihre
zroßen Dampfmühlen, die ganz Nordrukland mit Mehl verforgten,
und einen recht entwidelten Holzhandel wohl bekannt. — Weiter in
übweltlider RNidtung die Stadt Jaroflawl. Die Schiffsgüter, die
bie Wolga aufwärts famen und für den Norden Ruklands bejtimmt
waren, wurden hier umgeladen und der Eijenbahn übergeben. Lektere
beförderte diejelben dann über Wologda an ihren Beltimmungsort.
Um Oberlauf der Wolga liegen [HlkieklidH Rybinjk und TIwer. — Als
der Wolga in weitlider Ridhtung nächlt gelegene Fluß it der Don
zu nennen. Er bildet JüdöftliH von NRoftow, kurz vor feiner Mündung
ins Ajowjdhe Meer, zwei Urme, von denen nur der eine, Ajow berührende
jür größere Schiffe zugänglidh ijt, während der andere, in weftlicdher
Richtung fliegende beinahe volljtändig verfandet war. Der Don war
nur von Pawlowft an für Schiffe befahrbar, der Verkehr mehr Iokaler
Natur, Aus dem BVinnenlande wurden vorzugsweife Erzeugnijje der
Bandwirt[dHaft, worunter die Getreidefrucht die erfte Stelle einnahm,
ben an und in der Nähe der Mündung gelegenen Hafen|tädten Roftow,
Taganrog, Ajow und Ieijt zugeführt, hier auf größere Dampfer umgeladen
 und auf lekteren nad) den wejteuropäifjden Staaten transportiert.
 Umgefehrt wurden wieder die aus den weltligen Kulturltaaten
ınfommenden Fertigfabrikate, [owie die Erzeugnijfe der rujfilden Papierund
 Olinduftrie in Rojtow gelö[dht und teils auf Heineren Dampfern
dem Binnenlande zugeführt, oder vermitteljt der Wladikawkajer Eijenbahn
 in die nordweitliden Kaukafusgebiete gebracht. Roftow, eine noch
junge Stadt, hatte dank des in ihr ftarf entwidelten Tranfitverfehrs
und Handels eine große Bedeutung im ruflijden Wirtidhaftsleben. —
Der Dnjepr, der zweitgrößte Strom Ruklands, bildete nad) der Wolga
die Hauptverfehrsaber; er war bis AWexandrowjt für Dampfer grö-Beren
 Tiefgangs befahrbar. Oberhalb von AWlexandrowjt bis 32 km
oon Jekaterinojlaw behinderten Strom{hnellen den Schiffsverkehr. Bon
Jefaterinoflaw bis ‚oberhalb von Kiew war er jedod für Fahrjeuge
 wieder zugänglich, ebenjo feine Nebenflüffe Berefina, Pripet,
Sojd und Djejna, die er in [einem oberen Lauf aufnimmt, befahrbar.
Da am Dnjepr ganz bedeutende Handels- und Indujtriezentren, wie
Kiew, Wercdhnednievrowfit, Xekaterinoilam und Alexandrowik ageleaen
        <pb n="36" />
        26

waren, und er auf feinem Lauf teils recht waldreicdhe, teils jehr fruchtbare
 Gegenden berührte, war der Schiffsverkehr auf ihm ein entjpredenD
reger. Erzeugnijje der metallurgijhen Werke von WerdHnednjeprowik,
[andwirt{dHaftlide Majdinen aus den Fabriten von Yekaterinojlaw und
Mexandrowff, Zuder aus den in Kiew und hei Kiew gelegenen Raffinerien
 bildeten auker Getreide und Holz den Hauptbejtandteil der
hier flußauf- und abwärts zum Berfand gelangenden Waren. Kurz
vor der Mündung des Dnjepr ins Schwarze Meer liegt Cherfon mit
neugefhaffenen Hafenanlagen, die die größten Dampfer aufzunehmen
'mjtande waren. Nad) Roftow war Cherfon der zweitgrößte AWusfuhr-Hafen
 für Getreide. Der Bug und der Dnjejtr fpielten als Zufahrtitraben
 für Getreidefrüchte eine ganz wefentlide Rolle. An der Mündung
 des Bug liegt Nikolajew mit den größten Jüdrulfiihen Werften
und Reedereien. Weiter weitliH an der Schwarzmeerküfte liegt Odella.
— Trog feiner Vorzüge in bezug auf die Lage zum Bosporus, nahm
Ddefjas Ausfuhrhandel während der legten Yahre vor dem Kriege
;tändig ab, während die benachbarten Hafenjtädte einen ent]predjenden
Auflgwung zu verzeidhnen Hatten. Lebens- und Genußmittel, die in
Ddefja zur Ausfuhr gelangten, betrugen einjtmals ?2/, feines ganzen
Handels. Seit Schaffung der neuen Hafenanlagen in Cherfon und nachdem
 der Hafen von NMikolajew eine bedeutende Verbefjerung erfahren
Hatte, berührte Odefla nur nod) ein Teil der den Dnjepr und Bug
herunterfommenden Getreidebarken, Cherjon und Nikolajew Hatten einen
deträchtlidhen Teil des Handels von Odefja an [ih geriffen und waren
außerdem die Hauptexporthäfen für Zuder, Neben den eben erwähnten
Hafenftädten des Schwarzen Meeres hatten aud Noworoflijf und Baium
 für den Außenhandel eine gewijje Bedeutung. Hier Löfchten die
aus NMordrukland und Wefjteuropa kommenden Dampfer die Waren,
die einerfeits für das Kubangebiet und das Gouvernement Stawropol,
andererjeits für den ganzen Iranskaukajus bis an das Kajpijdhe Meer
dejtimmt waren. Zurüd wurden die Dampfer mit den Naturerträgaiflen
 des Hinterlandes von Nowsroflijk, in Batum dagegen mit Naphtha
 und Petroleum befracdhtet; eine direkte Petroleumleitung von Baku
bis Batum ijt zu diefem Zwede vor etwa zehn Jahren gelegt worden.
Un anderen, jedoch wenig oder gar nidht bedeutenden Hafenplägen bejanden
 fid) im Schhwarzmeergebiet Sewaltopol, Yalta, Feodoljia, Kert[dh,
und Mariupol. (Val. au) die befonderen Ausführungen über das nördüche
 Eismeer, die Oftfee, das Schwarze Meer und das Kalpiidhe Meer.)
Der Norden Ruklands war im BVergleihH zum Süden weniger
teid an großen und verfehrsreiden Schiffahrisitraken. Die Düna, die
in die Oltjee flieht, war nur in ihrem unter[ten Lauf für größere Schiffe
zu benußen, und zwar von ihrer Mündung bis Niga, alfo auf einer
SGejamtitrede von faum 13 km. In ihrem Mittellauf bis Yakobitadt
        <pb n="37" />
        27

(157 km von der Mündung) und ihrem Oberlauf ijt die Düna ihres
tarfen Falles und des felfigen Flukdbettes wegen nur bei Sochwaller
and aud) dann nur mit vielen Gefahren von größeren fladbodigen Fahrzeugen
 zu benußen gewejen. Kurz vor ihrer Mündung liegt die Hafentadt
 Riga, der bedeutendite Exportplag Ruklands für Holz; fo kamen
geifpielsweije nad) Riga im Iahre. 1913 vom Oberlauf der Düna
;irfa 17000 Flöke mit rund 9 Millionen Stück rufjijdhen Hölzern
(Balfen und Brufjfen, Schwellen, Spieren und Majten). Die hochyertigen
 Erzeugnifje Ruklands wurden jedoch fait ausfohlieklid) auf
dem Schienenwege nad) Riga transportiert und von hier aus ins Aus-(and
 übermittelt. Zu den hochwertigen Erzeugnijjen gehörten vor allen
Dingen Getreide, Fladhs, Hanf, Leinjaat, Sliuden, Häute und Felle,
jowie die IandwirtjdhaftliHen Produkte Butter, Eier und Geflügel,
Eingeführt‘ wurden dagegen nad) Riga Steinkohlen, Koks, Gubkeijen,
Eijen, Stahl und Blei, die in der dortigen Indujtrie Verwendung fanden.
 — Die Newa ijit von Schlüffelburg, wo fie den Ladogafee
verläßt, bis zum finnländijdHen Meerbujen [Hiffbar. AWus ähnlichen
Gründen, wie bei der Düna, ijt fie in ihrem Oberlauf für den Schiffsverfehr
 faum 3zugängligH. Die Newa erinnert in ihrem unteren, [Hiffbaren
 Teile mehr an einen Kanal, als an einen Fluß, obgleich fie hier
idon einige Hundert Meter breit und jo tief ijt, da fogar größere
Rriegsfhiffe jie benuken fönnen. Un ihrer Mündung Petersburg und
der Hafen von Kronjtadt; Iekteres gleichzeitig eine Seefejtung. Riga
und Petersburg mit Kronjtadt waren die bedeutendjten Ein- und AWusjuhrhäfen
 der Oftfee. Wie Riga, jo war au Petersburg ein großer
Exportplag für Holz, Getreide, Fladhs, Hanf, Oliuden, Butter, Eier
ulw., während aus dem Auslande und teilweije aus dem füdrujfijchen
Gebieten Steinkohlen, Gubkeijen, Eijen, Stahl, Maldinen, FJarbhölkzer,
Serbitoffe ulw. eingeführt wurden. Weniger bedeutend waren an der
Ditfee die Einfuhr- und AWusfuhrhäfen Libau, Reval, Windau und
Bernau. Näheren Auffhluß über den Ojtjee-In- und -CExyport aibt
die am Schlufje diejes Kapitels angeführte Tabelle. —
Bon den in das nördlide Eismeer mündenden Flüfjen kam die
nördlige Düna (Sewernaja Dwina) ausfchlieklidh für die Holzflöherei
in Frage. Sie war für die Flöherei und Schiffahrtsverhältnifje jedod)
unzulänglich, da Jie jtellenweile jeiht ift und JHarfe Windungen aufweilt,
 die befonders die Flökerei jtark beeinträchtigten. Ein grokes
Projekt, die Schiffsverhältnifje des nördliHen Dünabedens durch ihre
Reinigung und Laufregulierung durdy Anlegen von Kanälen an den
Stellen, wo zahlreide Flukwindungen die Durdhfahrt längerer Flöhe
erfhweren, zu verbeffern, Iag vor. An der Mündung der nördlidhen
Düna liegt die Hafenjtadt Archangeljf, der Mittelpunkk des nordrulfiihen
 Holkzhandels. Von den ausgedehnten Wäldern mar der ardökte
        <pb n="38" />
        28 —

Teil unerfHlofjen. Rußland wäre bei tatfräftiger Aufnahme der Holzzusfuhr
 die Möglichkeit gegeben gewefjen, den ganzen europäijdhen
Holzbedarf zu deden. In erlter Linie famen für die AWusbeute die
Wälder der Gouvernements Ardhangelft und Wologda in Frage. Die
größten BVerfradtungen von Ardhangeljt aus wurden nad) England
und Franireid vorgenommen. Ehenfjo wie die nördliche Düna dienten
die Onega und PetjhHora ausfHlieklid) dem Flökereiverkehr.
Die bedeutendjten jibirijdhen Flüfjfje Ob, Ienijfet und Lena find
der Eisverhältnijfje wegen bis auf vier Monate das ganze Yahr hHindurd)
 für den Schiffsverkehr nidht zugänglidH. Dagegen fpielt fi
im Winter auf ihnen ein reger Schlittenverfehr ab, der jedoch gleich
dem Schiffsverkehr ein rein Iofaler ijt, Die Mündungen diefler Flüjle
jind während dreier Monate und dann aud nur mit groben Schwierig»
jeiten zugänglid. Von nicht zu unter|hägender Bedeutung für die
Binnen]dhiffahrt waren in Rußland die Seen. Die meilten von ihnen
waren durd) Kanäle mit den Flüjflen verbunden und bildeten fomit einen
Haupfbeftandteil der rujlijdhen Verkehrswege. Die größten diefer Seen
ind: der Ladogajee, der Onegajee, der Peipusjee und der Ilmenfee,
während die bedeutendjten Kanaliylteme folgende find:
Das Marienkanalfjyjtem, ein Syftem von natürligen und
fünftligen Waljerjtraken, das die Wolga mit der Newa, aljo das
Rajpijde Meer mit der Oftjee verbindet. Es fekt fihH zujammen aus
dem Fluß Scheffna (434 km), dem BjelooferfHen Kanal (68,3 km),
»em Fluß Kowfjha (71,5 km), dem Marienkanal (der Verbindung der
Sülje Kowfha und Wytegra (9,6 km), dem Fluk Wytegra (54,4 km),
)jem Onegakanal (72,5 km), dem Fluß Swir (217,6 km), dem Swirkhen
Ranal (43 km), dem Sjaffijdhen Kanal (11,7 km), den Kanälen Peters I.
und Aexanders II. (109,8 km), die bei Schlüffelburg zur Newa führen,
jujammen alfo 1092,4 km, von der Mündung der Wolaa bis zur
Mündung der Newa 3913 km.
Das Tidwin|de Kanalfyjltem, ein Syjltem von Kanälen
im norbweitliden Teil des europäilden Ruklands, das die Newa mit
der Wolga verbindet. Seine Hauptbhejtandteile find der Sijak, der in
den Ladogajee mündet (86 km), die Tidwinka (115 km), der Tidhwinjde
 Kanal zwijden Tidhwinia und dem See Somino (31 km),
eine Reihe Flülje und Seen, die den Somino mit der TIjhagodofht|ha
verbindet (41 km), diefe fjelbjt (149 km), endlidH die Moloaa. die in
die Wolga mündet (196 km), zujammen 818 km.
Das Wy|Hnewolodjhe Kanalfyjtem verbindet die Wolga
mit der Newa, Heiteht aus der Iwerza (Nebenflüßhen der Wolga),
dem Wyldhnewolodjdhen Kanal (zwijden Twerza und Ina, 4 km
lang, 1702—08 erbaut), dem Fluß Zna, dem See Mitino, dem FlükhHen
 Mita bis zum Wnicdherafkanal oder bis zum Siverstkanal. einem
        <pb n="39" />
        diefer beiden Kanäle und dem Fluß Woldhow bis zur Mündung in den
Ranal Peters des Großen. Es ijt durd) den Wyjdherakanal 1845 km
lang und fteht behufs Waljerverforgung mit mehreren Seen in Verbindung.
 Diefes Syftem wurde für direkten Verkehr nicht mehr benußt,
 hatte aber Bedeutung für den Lokalverkehr.
Das Herzog-Alexander-von-Württemberg-Kanalinitem,
 in den Gouvernements Nowgorod und Wologda zur Ver»
bindung der Wolga mit der Dwina, befteht aus einer Reihe von Künit-(id)
 mit einander verbundenen Seen und Flükdhen, die von der Schefjna
(Nebenfluk der Wolga) zum See Kuben]koje (393,3 qkm) führen, dem
die Sucdhhona, ein Quellfluß der Dwina, entjtrömt; die Gejamtlänge
des Kanaljyjtems beträgt 696 km. Davon kommen 31km auf Kanäle
und 28 km auf fanalijierte Flüjfe. Ein Hafen ijt bei Kirlow. Es
verfehrten meilt Kähne und Flöße, beladen mit Getreide von der
Wolga, [owie mit Sdhießpulver und anderen Militärbedürfnijjen, vom
Onegafee her. Der Kanal wurde 1825 bis 1828 erbaut und nad dem
damaligen Minijter der Berfehrswege, Herzog Alexander von Württemberg,
 benannt.
Der Augultowo-Kamal zwijhen Weidhjel und Njemen. Die
Berbindung wird hergeltellt durch den Narew, einen Nebenflukz des Bug,
der in. die Weidhjel mündet, den Bobr, einen Nebenfluk des Narew,
in den die Metta fidh ergiekt; dann folgt der Kanal (gegen 200 km
lang mit 21 Schleujen), der zur Ijdhernoganjha, einem Nebenfluß des
Niemen führt, Diejes Kanaliyjtem diente feit der Erbauung von Eijenbahnen
 nur dem Lokalverkehr.
Die Kanäle find alle für heutige Anfjprüdhe von zu geringem
Profil, ihre Unterhaltung ijt zudem vernachläffigt und fie find meilt
itart verjandet und verjdlammt. —
Das nördlidHe Eismeer, Diefes litt verfehrsgeographifd [owohl
 unter feiner Entlegenheit, wie unter der langen, 7—8 Monate
ındauernden Eisbededung. Um widhtigjten war feine füdweltlide Ausbucdtung,
 das WeiHe Meer, das von den dichter befiedelten Teilen
Rußlands am bequemiten zu erreiden war und auch etwas weniger
[ange dur) Eis verfhlojjen blieb. Der einzige große Hafen Ardhangelft
jt über die Hälfte des Yahres durH Eis verfhlojfen und dabei von
den eigentliden Siedelungs- und Produktionsgebieten fehr weit ent:
fernt gewefen. Yur eine, und obendrein einfpurige und [Hmalipurige
Eijenbahnlinie ftellte die Verbindung her. Mit der Gründung Peters
burgs, der Gewinnung Rigas und der übrigen baltiflden Hafenjtädte
hatte die Schiffahrt im nördliden Eismeer den größten Teil ihrer
[rüheren Bedeutung verloren; noch nicht 1% des auswärtigen Handels
ging über Ardhangelit,
Die Oltfeefdhiffahrt war jHon in den Tagen der Hanfa von
        <pb n="40" />
        Bedeutung und ijt bei der Nähe der Oltfee an den bevölferten Teilen
Rußlands und der bequemeren Verbindung mit den Indujtrieländern
Wefjteuropas aud no) bis zum Kriege wichtig gewejen, obgleich fie
von der Schiffahrt auf dem Schwarzen Meere überholt worden ilt.
Der wichtigite Hafen war troß des längeren Eisverfchlufjes Petersburg
wegen der bequemen Wajjerftirakenverbindung mit ganz Oftrukland bis
zum Kafpijden Meer und über diefes Hinüber (vgl. Kanäle und Kanaljyjteme).
 An zweiter Stelle jtand die alte Hanjajtadt Riga, die troß
der ungünitigen Eisverhältnijje am Ausgang des Meerbujens durch
die Lage an der Mündung der Düna zum natürliden Hafen für einen
großen Teil Nordruklands wurde. Narva, Reval, Pernau, Windau
und Libau ftanden troß befjerer Eisverhältnijfe an Bedeutung Hinter
den beiden vorerwähnten (vgl. Tabelle über Ein- und YWusfuhr).
Das Schwarze Meer, mit allerdings größtenteils ungünitiger
Küftenbe[Haffenheit, Hatte die bedeutendite Schiffahrt. Der Iünftliche
Hafen von Obdelja, feiner BVerkehrsgröße nad) ungefähr demjenigen von
AUmiterdam gleidy (vgl. Tabelle über Ein- und Ausfuhr), Hatte den
Slußhafen von AWffermann überflügelt. Die guten Häfen an der Südfülte
 der Krim lagen zu weit ab, als dak fie größeren Verkehr Hätten
haben können. Sewaljtopol war nur Kriegshafen, Ser der Eingangshafen
 des feidhteren Ajow|idhen Meeres, wo die großen Schiffe gewöhn-(id
 Teidhtern mußten. Nad den im Hintergrunde gelegenen Häfen,
namentlig den Mündungshäfen des Don, Rofjftow, Taganrog und dem
an Bedeutung zurüdgegangenen Ajow, konnten nur Meinere Schiffe gelangen.
 Seit dem Bau einer Eijenbahn über den weitlidHen Kaukajus
hat das an dejjen Südfuk an einer [dHönen Bucht gelegene Noworoffijt
trafen Aufjdwung genommen. ECbhenjo haben feit Eröffnung der Iransfaufafijden
 Bahn Batum und Poti an Bedeutung wejentlih gewonnen.
über die Entwidlung von Tuapfe, das durd) eine KfürzlidH vor dem
Kriege dem Verkehr übergebene Bahn mit Iekaterinodar, bzw. dem
weftfaufafijden Hinterlande verbunden wurde, ließ ih nod) fein Urteil
bilden. —
Das Kafpijde Meer Konnte als abgefHloffjener Binnenjee
natürlich nur für den Verkehr mit den Umländern in Frage kommen,
Diejer war aber wegen der reiden Petroleumlager von Bakıu und der
wirt/dhaftliden Erjdhliekung Turfejtans und Perjiens von ziemlidh) grober
 Bedeutung und wurde dadurch begünfitigt, daß die Wolga eine vorzüglide
 Verbindung mit dem Innern Ruklands hHerjtellte. Der weit:
aus wicdtigjte Hafen auf der ruflijdhen Seite des Kalpijdhen Meeres war
darum der Hafen des Wolgadeltas, das etwas flukaufwärts gelegene
Altradan, das Jowohl mit Baiu wie den anderen Häfen des Kafjpijdhen
Meeres Krasnowodif und Petrowijk lebhaften Dampferverkehr unter
hielt.
        <pb n="41" />
        — 81 —

Bon Jämtlidhen rulfijden Häfen war der größte Teil den Winter
iber der Eisverhältnijje wegen für Schiffe unzugänglid. Petersburg,
Riga, Reval und die meijten anderen Oftfeehäfen mußten längere, die
Sdhwarzmeerhäfen kürzere Zeit unbenugt bleiben. Eisfreie Oftfeehäfen
ind die baltijdHen Häfen Libau und Windau; fie Haben aber nidht den
natürlidgen Borzug an der Mündung groker Ströme zu liegen; das
Hinterland des Windauflujjes ijt nur lokal. Der einzige Nordhafen
Rußlands, Archangelik, gehörte zu denen, die als erjte im Herbit die
Schiffahrt einftellten und im Frühjahr als legte wieder aufnahmen,
Obgleid) die Ausnußung eines eisfreien Hafens am Nördliden CEismeer
möglidhh war und zu den wicdhtigjten Lebensinterefjen Ruklands gehörte,
wurde diefjes erft bei Beginn des Krieges erkannt. Der Bau der Murmanbahn,
 die den eisfreien Hafen AWexandrowfjf an der Murmanfkülte
mit dem Innern des Landes verbindet, wurde im Herbit des Yahres
1914 in Angriff genommen, Sie ift [owohl in politijdher, [trategijdher,
wie aud) wirt[Haftlidher Hinjidht von ganz befonderer Bedeutung; wirt-(daftlid)
 injofern, als bis zum Kriege nur eine einzige, bereits erwähnte,
zin]purige Bahn als Verbindung zwiidhen Inland und Nordmeer diente,
die natürlid nidHt einmal in der Lage war, den Bedürfnijjen der drei
nördlidhen Gouvernements Wologda, Ardhangeljk und Olonez aud nur
teilweije gerecht zu werden. AWlexandrowjf hat auker der Eisfreiheit
vor Archangeljt nody den Borzug, dak es für Schiffe jeder Grohe erreidhbar
 it und den Seeweg nad) England und Welteuropa um mindejtens
 einen Tag verkürzt. Die nördliden Gebiete, die die Murmanbahn
 erfchließt, befigen umfangreihe Waldbejtände, aus denen der
Staat unter normalen BVerhältnijjen und wenig gerechnet, jährlid) zirka
260 Millionen Rubel Einnahmen würde erzielt Haben können. — Naddem,
 wie gejagt, der größte Teil der rujjijdhen Häfen der Eisverhältnijje
 wegen den Winter über unbenukgt bleiben mukte, jpielte in der
rufjijhen Politik von jeher der Drang nad) dem offenen Meere bzw.
der Erwerb eisfreier Häfen eine grohe Rolle. In Oltalien hat es
auf weitere Eroberungspläne verzidhten müljen, nachdem es durch den
japanijden Krieg von 1904—05 aus Korea, der Halbinjel Liautung
und der füdliHen Mandjhurei hHerausgedrängt worden ijt. Rukland
wollte feinerzeit die Häfen von Liautung aus dem Wunjdhe heraus: erwerben,
 in ihnen günitiger gelegene Häfen als Wladiwoljtok und einen
‚mmer offenen Auslaß zum Meere zu gewinnen. —
3Zu den NMaturreidtüumern Ruklands, deren rationelle Ausbeutung
zum wirt/dhaftliden Aufjdhwung beigetragen und fremden Kapitalien
dereinft günijtige Unlage geboten hätte, gehörten die Walfjerkräfte. Die
vorhandenen Walferkräfte und der davon ausgenußte Teil fonnte für
die hauptlächlichiten Länder wie folgt angegeben werden (in 1000 PS.) :
        <pb n="42" />
        32 —

Vereinigte Staaten . . .
Kanada .
Norwegen
Schweden
Stalien .
Hrankreich
Deut/Hland
Ölterreich
Schweiz .
Rußland .

sorhandene Kraft ausgenußkte Kraft
26763 1916
17764 1013
7525 1000
6750 1000
5500 940
5857 650
1465 490
6460 515
1500 380
12000 10

Dieje Schägungen find mehr oder weniger Iheoretifjh, fidher ij
jebod), daß bis zum Kriege nur ein äußerft geringer Teil der rule
\den Wafjerkräfte ausgenukt wurde. Für indultrielle Zwede als geeignet
erfannt waren (in 1000 PS.):
europätjden Rußland ........
Kankajfus + . . 00040000040 0
Ural . 00.0.0...
Turtleitan .

1700
1200
70
230

Wären hiervon in Rukland KediglidH 500000 PS, nukbar gemacht
worden, jo hätte [id eine jährlide Einnahme von etwa 100 Mill, Rubel
erzielen [ajjen fönnen. — Die Anwendungsmöglidkeiten für MWajjerfräfte
 waren in Rußland fehr groß. Die elektrijHe Kraft Hätte die
Errigtung fAOneller und billiger Verfehrsverbindungen erleichtert, die
Metallproduktion des Uralgebietes um 50% erhöht und die Stiditoffgewinnung
 um 30—40% rtationeller gejtaltet. —
Chauflierte Straßen wurden fajt nur zu militäriiden Zweden
gebaut, 22 Gouvernements hatten überhaupt feine folden Straben,
und in den Gouvernements, wo es dergleihen gab, kamen auf einen
Quadratkilometer nur 2,6 m Chauffeen. Die bedeutendften Heerftraken
waren: 1. ber [ibirijde Irakt (6375 km) von Petersburg über Nowgorob,
 Moskau, Nifhnij-Nowgorod, Kafan, Perm, Sekaterinburg, To-501jf,
 Omjt, Tomft nad) Hriutjt; 2. die Strake der Oltjeeprovinzen
{825 km) von Tauroggen an der preußijdhen Grenze über Mitayu, Riga,
Wenden, Werro, Plesiau nad) Petersburg; 3. die wejtru[fiide Strake
über Plestau (Pikow), Dünaburg (Dwinff), Kowno, Auguftowo nad
Warfdhau, von wo. fie fiH nad Kalild fortjebte, während eine Strede
nad) Krakau und eine andere nad) Lemberg führte ; 4. die Wejtftrake
zwilden Moskau und Warfjhau; 5. die Südftrake von Moskau über
Tula, Orel, Kurft nad Charkow, von wo die Obdella-, die Krim- und
bie Kaufafusfjtraße abging. — Die übrigen Straken zerfielen in Gouvernements-,
 Kreis- und Dorfitraken; fie waren bei naljem Wetter
        <pb n="43" />
        33

faum pafjlierbar, aber fehr lebhaft war dagegen der Verkehr im Winter
auf Schlitten. —
Die ftark entwidelte Binnen[dHiffahrt bedeutete ohne Zweifel eine
Hemmung für den Bau von Eijenbahnen, der erjt in den 80er Jahren
in größerem Umfange aufgenommen wurde, Aud) Iurz vor dem Kriegs:
ausbrud) war das rujlijdhe Eijenbahnneg im europäifjdhen Rußland ver-Hältnismähig
 jehr weitmajdig, da auf die gleide Fläde Land ungefähr
nur ein Zehntel der Stredenlänge entfiel, die in Deutjdland damals
beitand. Da aukerdem hei dem rufjijdhen Eijenbahnbau die BVerkehrsrüdfidten
 im allgemeinen hinter die [trategijdhen zurüdgejtellt wurden,
waren große Streden wirtjdhaftlid fajt nuglos. Iedenfalls wäre die
Bedeutung der Eijenbahnen für den inneren Verkehr mit umfjangreichen
 Neubauten noch ganz erheblich zu [teigern gewejen. Ihrer ratio»
nellen Ausnußung ftand freilid aud) der Mangel an Landjtraken im
Wege, die, wie bereits erwähnt, außer in einigen Grenzgebieten, wo
militärijdge Gründe berüdjichtigt wurden, und einigen vor CEinfühung
 der Eifenbahnen gebauten Hauffierten Straken, in einem heillojen
Zuitande waren. Bei Ausbruch des Krieges waren im europäijdhen
Rußland etwa 64052 km im Betrieb (einjdlieklid) der fibirijdhen Eijenbahn).
 Davon entfielen 43923 km auf die Staats- und der Refjt auf
die Privateifenbahnen. Über 5000 km neuer Bahnlinien waren vor dem
Kriege im Bau, während die Konzeffionen zum Bau von weiteren
21000 km von jeiten des Staates aud [Hon erteilt waren. Die meilten,
größten und bedeutendjten Linien gingen von Moskau, der alten Nefidenz,
 aus, oder führten über Moskau. Hauptlinien waren: 1. die
Nikolaibahn von Moskau nad) Petersburg; 2. die Bahn nad Wologda
und von Wologda nad) Archangeljk, Iektere aber feine Normalbahn;
3. von Moskau über Smolen[k, Minfjk nad WarjhHau; 4. von Moskau
über Kaluga, Kiew nad) Odelja; 5. von Moskau über Iula, Orel,
Kurt nad) Charkfow, mit Anjhluß nad der Krim; 6. von Moskau
über Rijafan, Woroneld nad Roltow am Don mit AnjhHluk an die
faufafilde Bahn über Wladikawias nad) Baku; 7. von Moskau über
Tambow oder Penia nad) Sarataw oder Samara und weiter zum
Ural; 8. von Petersburg über Wologda, Wijatia, Perm nad) Iekaterinburg;
 9. von Petersburg über Plesiau (Plfow), Dünaburg (Dwinft)
nad) War]hau. —
Auer der bereits erwähnten Bahnlinie Ro[tow—Wladikawias-—
Baku, der Jogenannten MWadikawkasbahn, war die mit diejer in engem
Zujammenhange |tehende Transiaukafilde Bahn, die von Baku ausging
 und über Tiflis nad) Batum und Poti führte und die einzige
direkte Verbindung zwijdhen dem Kafpiidhen und Schwarzen Meer vor-{tellte,
 von ganz bejonderer wirtjdhaftlider Bedeutung. Die Schaffung
einer Berbindungsbahn zwijchen diejen beiden Hauptverfehrsadern über
Die wirtfdhHaftlige Zukunft des Ojtens
        <pb n="44" />
        234

die Kfaufafijden Höhenzüge hinweg, war bisher nicht möglid, weshalb
man Dbeijpielsweije von Roftow aus. Batum nicht anders als über
Baku erreiden Ionnte, wollte man nidht die Grujinijdhe Heerjtrake von
Wladikawkas nad) Tiflis benußen oder über Noworofjjijf den Seeweg
nad) Batum, bzw. Poti einldHlagen.
Im Jahre 1914 Bbejtanden in Rukland 9867 Telegraphenämter
bei 241251 Leitungen und einem TelegraphenneB von 845073 km,
Diejelben vermittelten 48,6 Millionen DepefdhHen und brachten dem
Staate eine Einnahme von 234,1 Millionen Mark. Die drahtlofe
Telegraphie hingegen war äukerit JHwach entwidelt; fie zählte 32 Küftenitationen
 und 146 Bordjtationen. — An Pojtämtern befakß Rußland
im gleidgen Jahre (ohne Finnland) 18760, die insgefamt 2961,8 Millionen
 Sendungen, davon 1576,7 Millionen Briefe, 477,4 Millionen
Poftiarten, 847,6 Millionen Drudjadhen ujw. beförderten. Die Einnahme
 durch die Poft belief fiH auf 27829,7 Millionen Mark. — Der
Hern|predher fand fajt aus[hHlieklidH im Lokalverfehr Unwendung. Dem
Hernverfehr zugänglid) waren von 222 Anlagen nur 38.
Bergleidstabelle zwijden Rukland und Deutjdhland in bezug auf
Telegraphie und Polt.
Linien Drahtlängen Anzahl der Depeldhen
in km - in km in Millionen
241251 845073 48,6
195401 649822 58,9

Rußland. .. ..
Deutichland . . .

Rolts Sendungen
ämter in Mill, Briefe
18760 2961,8 darunter 1576,7
34860 9807,0 » 3423,5

oft DepejdHen
farten ufw.
477,4 847,6
1872,4 1729,5

Husfuhr und Einfuhr

Die Ziele der AMusfuhr und die Ur]prungsgebiete der Einfuhr
lieben Jid fehr fhwer feltjtellen, denn die rulfjijche Statijtik. erfakte nur
das unmittelbare Ziel oder die unmittelbare Herkunft der Waren.
Na der Statijtif kam ungefähr die Hälfte der Einfuhr aus Deutih-(and,
 während von der Ausfuhr nicht ganz ein Drittel nad) Deut[hland
 ging. In der Einfuhr Ipielten fonft no England und die Vereinigten
 Staaten eine größere Rolle, während in der Ausfuhr England
und die Niederlande bedeutende Poften Hatten und zujammen Deutich-(and
 etwas übertrafen. Es unterliegt aber feinem Zweifel, dak die
Handelshbeziehungen zu Deutjdhland für Rukland weitaus die wid:
tigiten waren und daß aud für Deutjdhland der Handel mit Nukland
einen recht beträchtlihen Bolten ausmachte. Der Gelamtwert der rulli-
        <pb n="45" />
        35 —

D

‘T

n

I

“x.

1

e

hy

T

:T

“1

1

‘hen Ein- und Ausfuhr über alle Grenzen und Häfen betrug in den
Sahren 1909—13 einjließlidH durdH[Onittlid (in Millionen Rubel):
Ausfuhr 1501,4 und Einfuhr 1139,6. — In weldem Verhältnis
Deut[dland zu der gefamten Einjuhr von Rohijtoffen im Iahre 1913
itand, zeigt nadjtehende Tabelle:
von Ro. 4,8 Mill. Salpeter . . . gingen 75%, über Deutjdland
79,0 ” Wolle. . “ 35 °o ” ”
310 „ Seide... . mn 35% ”
» 29,0 ” RKRohaummt . » ”„ 26 % ”„ ”
„114,0 „ Baumwolle . „ 2 %a
Der Wert der Gelamtausfuhr Ruklands betrug für die Yahre
1909—13 durdhihnittlidH 1501,4 Millionen Rubel das Jahr. Mehr
als zwei Drittel der rufjildhen Ausfuhr beitand aus NMaturprodutkten,
und 3war:

‘pr

Xn der Hauptjache gingen aus dem Lande
Zebensmittel (über 63 °/,) und NRohftoffe,
yazı Halbfabrikate (34 °/;), während Fertig»
‘abrifate nur einen ganz geringen BPlag
Annahmen. Unter den Lebensmitteln
tand Weizen mit fajt der Hälfte der
Sejamtausfuhr an der Spike. In weldem
Umfange aber die Erzeugung an Weizen
ınd fonftigen Getreidearten hätte ver»
zrößert werden fönnen, zeigt ein bereits
ıngeführter VBergleid) der Erträge in
Rubland, Deutihland, Großbritannien
und Belgien.
Nusfuhr von Leder. Die Fabrikation von leidhtem Leder,
mie Kalb-, Ziegen-, Fohlen- und Kamelleder, das bisher für den Czxport
 erzeugt wurde, war DOT dem Kriege fehr ausdehnungsfähig.
Während der legten fünf Iahre 1910—14 betrug die Ausfuhr (in
L000 Bud):
1910= 733 1911= 1153 1912== 18523 1913 = 1016 - 1914 (f.!), Jahr) = 352
Chevreau=- und HandjdHuhleder wurde in Rußland in geringem
Umfange erzeugt. Un Kalbfellen wurden in Friedenszeiten jährlich
xcht Millionen Stück geliefert, wovon 80—90% zur Ausfuhr gelangten.
Ziegenfelle, von denen vor dem Kriege 4,5 Millionen Stüg erzeugt
wurden, famen in Rußland fajt gar nicht zur Verarbeitung und bildeten
zinen wichtigen Exportartifel, —
Die Yusfuhr im allgemeinen betrug im eriten Halbjahr 1914 (in
Millionen Rubeln) wie folgt:
Nahrungsmittel .... . 4921 Tiere . 0.0000 „12,9
Rohitoffe u. Halbfabrikate 339,1 Fertigfabrifate . . . . „22,0

Getreide +... 0. + + 41,5%
Saaten ... 0.0.0000. 2,5%
Rartoffel, Gemüfe, Hopfen 0,7 %/o
Slacs, Hanf, Werg - .. + 6,8 %
Tiere u. tierifhe Produkte 2,1%
Säute und Pelzwert . . . 3,2%
DO. 000000004 9,7%
Metalle und Mineralten . 2,6%
        <pb n="46" />
        — 8% —

Bei .der Rohftoffeinfuhr 1913 im Gejamtwert von 668 Millionen
Rubeln find allein nachjtehende zwölf Brodukte im MWerte von 444
Millionen Rubeln vertreten:

Baumwolle . . . . . Ro. 114 Mill
Wolle u. Gewebe ..„ 79
Kohle 0.0000 1 1%
Seide . . .'. 4 » „
Rohgummi . . +... w
Chemijdhe Produkte . „
Häute ... 0.0 0 y „
Pelzwert . .... „
Yarben . . . 0... y X
Tiertjhe Öle u. Fette ,, ‘
A
Koks. . „20a

Obwohl von einer Wbhängigieit Ruß:
[lands vom ausländifihen Rohjtoffmartkt,
mit Ausnahme von Gummi und einigen
HemiidHen Materialien, eigentlidH faum
zu reden war, da die meiften Rohftoffe im
Lande felbit gewonnen wurden, war Ruß
[and vorläufig auf ihre Einfuhr angewiejen;
 es ftand aber zu erwarten, daß die
normale Entwidlung der BVerhältnifje in
Sahr und Tag eine rationellere Ausbeus
tung der NaturfhHäßge und Jomit Rußland
in eine gewille Unabhängigfeit gebracht
hätte.

Die gefamte Einfuhr an unverarbeiteten Metallen betrug im erften
Halbjahr 1914: 11,5 Millionen Bud im Wert von 32 Millionen
Rubel. —
Die Einfuhr von SGubkeijen, die hHauptfädlihH über die europäijden
Hafenjtäbte ftattfand, belief fiH auf 1854000 Bud. Davon famen
aus (Mienae in 1000 Bud. Wert in 1000 Rubel):

Deutidhland . . ...
Srokbritannien . -

Menge Wert
un 1725
480

4

Die gejamte Einfuhr von Eijen und Stahl betrug 5,8 Millionen
Pud im Werte von 7,1 Millionen Rubel. Dieje Einfuhr [Hliekt audH
Schienen ein, und zwar 54000 Bud im erf]ten Halbjahr 1914. — Die
Einfuhr bildete aber nur einen geringen Teil der Erzeugung im eigenen
Lande. AYus nadjtehender Aufftellung geht hervor, daz der Verbrauch
in Rukland nur in geringem. Make vom Auslande abhängig war.
SGubkeifen Erzeugung Einfuhr Ausfuhr Verbrauch
(1914 in 100 Bud) 144300 1854 146244
Eijen und Stahl
(1914 in 100 Bud) 131081

136529

Die Einfuhr von Kupfer belief fidH im eriten Halbjahr 1914
(Menge in 1000 Bud, Wert in 1000 Rubel);

Menge Wert
über bie europäiflhe Grenze 76 2969
„mn afiatiiche ” ... 3 34
zuflammen 279 3003
        <pb n="47" />
        “
n
n
n

€
1

Y

— 387 —
Die Einfuhr von Blei verteilt [ih wie folgt (Menge in 1000 Bud,
Merk in 1000 Rubel): Menge Wert
über die europäilde Grenze - 2909 6437
„„ afiatilhe x ‚0.4 il
zulammen 2204 6448
Der Einfuhrhafen für diejfes Metall war WMWladiwojtok. Der Hauptjieferant
 war Großbritannien, an zweiter Stelle ftanden die Verzinigten
 Staaten.
Die Einfuhr von Zink betrug (Menge in 1000 Bud, Wert in
LO00 Rubel): Me
über die europäilde Grenze . -
„ „ altatildhe ”

Wert
3028
2
s{4 3030
Zinn, Aluminium, Nidel und AUntimon wurden in Rußland nicht
arzeugt. Ihre Einfuhr betrug im eriten SHalbiahr 1914 (Menge in
L000 Bud, Wert in 1000 Rubel):

Menge Wert
3inm +. 28 5600
Muminium 52 692
Nidel +. . +. 209 2931
Antimon . . .. 82 350
Der größte Zinnliejerant war England; der größte Teil des
Nidels fam aus den Vereinigten Staaten; Antimon lieferte Japan.
Die wichtigiten Gegenjtände der finnländildhen Ausfuhr waren
Holz, Hokzerzeugnifje und Iandwirtjdhaftlide Produkte. Für die Einjuhr
 Iamen Getreide und Mehl an erjter Stelle in Betracht, fodann
jolgten Kolonialwaren, Spinnerei-Erzeugniffe und -Gewebe und IOlieh-(ih
 Metalle, Majdinen und Majdhinenteile, Sehr bedeutend war der
Berkehr zwilden Deutjdhland und Finnland. Lekteres führte Pferde,
Butter, Hafer, Leder, Häute, File, FeijdH und Eijen aus, erhielt
dagegen von Deutfchland Roggen, Hopfen, Malz, Bier, Gewürze und
Knduftrieerzeugniffe. . Finnlands Einfuhr aus Deutidhland betrug im
Xahre 1913 160500000 Reidhsmark oder 40% der gefamten Einfuhr.
Die Ausfuhr nad Deutjhland erreichte in demjelben Nahre einen Wert
von 41600000 Reichsmark, mas der Ausfuhr Deutihlands nad der
Türkei gleihtam.
Sm SYahre 1913
Wert des Gefamtumfiakes der Oltfeehäfen im Auswärtigen Handel
Riga - +... 0 + + Ro. 409369875 =— 17,2% des rull. Gelamtumlages
Petersburg mit Kronjtadt „ 332132347 = 14 „
Reval mit BaltijdHport . „ 114226369=— 14,8,,
Bernau . . 0.0.0004 6857992 — 0,3,,
Windau +... 0... „ B411576:= 3,9,
Ribau . - 222 32206392 — 34
        <pb n="48" />
        38 —

Wert des Exports der Oltfechäfen ins Ausland
Riga +... 0. +.» Mo, 224870565 =— 18,2°% des rull. Gefamtumfabes
Petersburg mit Kronftadt „, 118651397— 9,6,
Neval mit Baltiidhport . „23360975 =— 1,9,
Bernau . .... - 4584852 — 0,4...
Windau . . . . . 74630702 — 6,1,
@ibau. . 48646108 — 3,9,

Wert des Imports der Oftfeehäfen aus dem Auslande
Riga +... 0... . Mo, 184499310 == 16,1% des ruf. Gejamtumlabes
Petersburg mit Kronftadt ,, 213480950=—18,6,, „
Reval mit Baltildhport . „ 90865394=— 7,9, „u
 ernau .. 0.0.00. „ 2273140 02, „
Windau +... 0.0... „18780874 16 nn
@ibau. +. 000000 33560284: 2,9, „nn
Wert des Exports Odeffas ins Ausland . . . . . Mo. 87229000,—
„= »„ Imports „ aus dem Yusland . . . „ 65850000,—
Wert des Gefamtumlages Odeflas im auswärtigen Handel Ro. 153079 000, —

Die Entwidlung Ruklands wird von der Löjung der finanziellen
und wirtjdhaftliden Aufgaben abhängen. In erfter Linie wird es ver-Juden
 müfjen, feine paljlive Handelsbilanz aktiv zu gejtalten, um dem
völlig entwerteten Rubel eine gewiijje Kaufkraft zu verleihen, was dem
Lande mit den unermeklidgen BodenjhHäken bei richtiger Ausnukung
derjelben nit [Hwer fallen dürfte, Grokbritannien hat heute politild
und wirt]haftliH das größte Ynuterejje daran, Rußland fobald wie
möglid) wieder hergeftellt zu fehen. In weldem Umfange die Erzeugung
 an Getreidefrüchten und entjpredjend die aktive Handelsbilanz
gehoben werden fann, läbt fig am beften auf Grund der in diefem
Kapitel angeführten Tabellen feitjtellen. Bon dem Gejamtwaldbeftand
der Erde bhefigt Rukland über die Hälfte; während Norwegen und
Schweden mit ihrem ftarf verbrauchten Hokzbeftand in Zukunft kaum
noch eine arobe Rolle Ipielen werden.

Ruffifche Wirtfchaftspolitik CSchuksölle, Cifenbahntarife)
Unter der Herr/dhaft der ftetig gefteigerten Eingangszölle, fowie
infolge der Balutaentwertung war in den Hahren 1881—95 der Iınporthandel
 Ruklands fajt ununterbroden zurüdgegangen. Im Hahre
1881 wurde eine Erhöhung des Zolles im Betrage von 10%, im
Iahre 1885 eine weitere für die meiften Waren um 10—20% und im
Hahre 1890 eine allgemeine Erhöhung um 20% angeordnet. Neben
diefen allgemeinen Zollaufjdlägen find im Laufe der Yahre nogh für
einzelne Artifel* die Zölle heraufgefeßt worden, jo im Hahre 1883
(für Robheijen und Heringe) und 1887 (für Moheijen, Steinkohlen,
        <pb n="49" />
        39

4

jandwirt[haftlide Mafjchinen und Baumwolle). Dieje aukergewöhnlid
Hohen Schukzölle, foweit fie auf die Einfuhr von NRoheifen, Steinfohlen
 und Baumwolle Anwendung fanden, Hatten natürlid) aud) den
Rüdgang der ruffijden Indujtrie im Gefolge.
Zu Beginn der 90er Yahre traten dann zwei weitere markante
Tatfaden hHeruor, die auf den auswärtigen Handel Rußflands eine
idädliHe Wirkung ausübten; der Zolltarif von 1891 und der deutid--ulfilde
 3Zollfrieg vom Jahre 1893. —
Erit im Jahre 1894 Iam der Handelsvertrag mit Deut[hland
zujtande, der, wenn er aud) eine Erhöhung der Zölle für viele Artikel
involvierte, doc wenigijtens für einen Zeitraum von fajt zehn Iahren
itetige Berhältnijje in den uralten Handelsbeziehungen der beiden auf
zinander angewiefenen Nacdhbarjtaaten verbürgte. Bereits im Iahre
1896 trat die Wirkung des neuen Handelstraktakts Mar zutage; Rubklands
 Smporthandel hob fihH ganz beträctlid. War fon diefer
Bertrag dem Einfuhrhandel Rußlands von großem Nugen, fo belebte
die Stabililierung der rulfijden Baluta unter dem damaligen Finanzminijter,
 Grafen Witte, ihn in nod) höherem Grade. In diejer Hinlit
 war feit dem Yahre 1895 eine völlige Gejundung eingetreten.
Dieles ijt der in diejem Jahre in Angriff genommenen und im Jahre
1898 vollendeten Währungsreform zu verdanken, wodurd) die Bewerkitelligung
 des gefamten Zahlungswejens in Rubeln gleid 1/,5 Imperial
jeftgefeßt wurde, während vor diejer Zeit das Zahlungswejen auf der
Bajis von 1/,, Imperial aufgebaut war. Ühnlid) verhielt es [ih bis
dahin mit dem Silbergeld, das mit 1,30 bis 1,35 für einen Papierrubel
 bewertet wurde. Zölle mukten mit Silberrubel entrichtet werden.
 Rukland ging fomit im NYahre 1898 endgültig zur Goldwährung
über, Die an den ausländi/hHen Börfen betriebene Agiotage mit dem
Rubelfurs, fjowie in früheren Jahren unberedenbare Schwankungen
der rulfiihen Baluta hHörten tatjächlih auf und der Rubel wurde dadurch
 zu einem fejten Wertmakjtabe. — Mit den weiter oben erwähnten
3Zollerhöhungen hatte die [Hukzöllnerijhe Handelspolitik der rullildhen
Regierung jedoch nod) immer feinen Ubf{Hluß gefunden. Die am 4. Auguft
1900 dekretierten ZoMerhöhungen, durch die namentligd Rohmaterialien
betroffen wurden, erfolgten zwar aus fiskalijden Gründen: „Im Hin-5lid
 auf die aukerordentliden Ausgaben, weldhe die Ereignifje im
sernen Often (Bozeraufftand) erforderten.“ Dod) blieben fie aud) nad
der Beilegung des dortigen Konflikts in vollem Umfange in Kraft. —
Aud) bei dem am 15. Yuli 1904 erfolgten WbidHluß des Zufaßvertrages
zum Ddeut[H-rufliihen Handelsvertrage vom Jahre 1894 ijft Rukland
jeinem auf den Schuß der einheimijhen Indujtrie gegenüber der aus-[ändilden
 Konkurrenz gerichteten Programm treu geblieben. Dielfer
am 16. Vebruar bis 1. März 1906 in Wirkffamfkeit getretene Zulaß=-
        <pb n="50" />
        1 -

vertrag, der bis zum 18.—31. Dezember 1917 in Geltung bleiben
jollte, verriet aud) nicht die leijelte freihändlerijde Regung; er enthält
zum Teil eine beträchtlide Erhöhung vieler rufjfijdher Tarifpolitionen
für deutjde Induftrie-Erzeugnifje gegenüber den Sähen des VBertragstarifs
 vom Jahre 1894; doch jind in iHm au für eine ganze Reihe
von Waren die früheren Zowlläge bejtehen geblieben. Ferner bedingte
der Vertrag eine nidHt unbeträchtlidHe Erhöhung der deutihen Einfuhrzölle
 auf ruljijde Agrarprodufte,
Das Syltem der Differenzialtarife, das auf den ruflijden Eijenbahnen
 Anwendung fand, heftand darin, daH die Frachtjäke bei wei
ten Entfernungen im Verhältnis niedriger waren, als die auf Kurze
Entfernungen. Ihre Einführung |: Mte den Warenaustaufjh 3zwijdHen
voneinander weit entlegenen Gebieten im ruljijden Reiche felbit
deleben, wie andererjeits eine möglicdhjt billige Zujtellung der für den
Export nad) dem Weiten hejtimmten Waren gewährleiften, Die Ein-Führung
 bdiefes Syftems hat au) unverkennbar zur Förderung des
rullijden Innen- fowie Aukenhandels wefentlid) beigetragen, obgleich
biejfes Syltem einigen, vorwiegend Landwirt]hHaft treibenden Provinzen
 zum Nachteil wurde. Die IandwirtHaftliden Erzeugnijfe 3. B. der
baltijgjen Provinzen, die mit Höheren Produktionskoften belajtet waren,
als diejenigen der rullijden Innengouvernements, fonnten mit lekteren
[OlieHlidh in bezug auf die Preije faum noch konkurrieren. — In engem
3Zujammenhang zu der Einführung der Differenzialtarife [tand aud
die Einführung des Zonentarifs, der nur im Perfonenverfehr Anwen:
dung fand. Auch bei diejem ermäbhigte jid) der Fahrpreis mit zuneh»
mender Entfernung, d. h. die Neije auf weite Streden war im Ver.
Hältnis billiger, als die auf Iurze Streden. Dur die Einführung
des Zonentarifs jollte der Perjonenverfehr gehoben und vornehmlid)
eine jtärifere Benukung der Bahnen auf längere Streden herbeigeführt
werden.

Ausländifches Kapital in Nußland

In Ermangelung einer Statijtif läßt JihH die HIhHe des in rulli-(den
 Staatsanleihen und Privatunternehmungen vor dem Kriege invejtierten
 ausländijdhen Kapitals Iaum fejtjtellen. Frankireidh war jedoch
der größte Gläubiger Ruklands [cwohl in bezug auf die ruflijlchen
Staatsanleihen, wie aud) Privatinvejtierungen. Im franzöljilden Beliß
befanden fi rujjijde Staatsanleihen im Werte von 13,90 Milliarden
Hranfen (in diefer Summe find jedod) die während des Krieges in
Hrankreid) untergebradten rufjijden Anleihen enthalten ohne Einrednung
 der Zinsrüdfjtände). Bei Hinzunehmen der Stadtanleihen, Handelswechjel
 der franzöjijdhen Indufjtrie = Interejljen würde [ih der Betrag
 (allerdings bis auf den heutigen Taq agerechnet) ungefähr auf
        <pb n="51" />
        i1

en
It
an
37
he
ıte
=

N:

51m

ze

m
‚At
mn

(=25


‚SH

=

ZT

1,
en

m
9

N=12



I

ig
h
et

iz

=

O

m
5
an

n
h==

Po
„f

25 Milliarden Franken erhöhen. — Belgijhes Kapital war hHauptJäcid)
 in den metallurgijden und Kcohlenbergwerfen Südrukßlands inveltiert,
 während Englands Kapitalbeteiligung [ih vorzugsweije auf
die Naphthaquellen des Kaukafus (Maikop und Grofnyj) und einige
Banfkinftitute (die Handels und Indufjtriebank, die Boultonbank und
die Rullilh-Englijde Bank, fämtlid im Jahre 1911 gegründet) erjtredte.
 — Deutjdhes Kapital finanzierte vorzugsweije den größeren
Teil der indultriellen Unternehmungen Polens, des .Gouvernements
Moskau und der ehemaligen haltijden Provinzen und war ferner an
unzähligen, über das ganze rufjfijhe Reid) verftreuten Taufmännildhen
Betrieben beteiligt. In welder Höhe wirklid reidsdeutjdhes Kapital
in Rußland invejtiert war, Konnte nie fejtgeftellt werden, da dur den
häufigen Übergang deutjder Reihsangehöriger 3zUr ruflilhen Untertanldaft
 fih das Bild fortwährend änderte. —
In den Ießten Borkriegsjahren find in Rußland mit Hilfe aus»
(ändijHen Kapitals eine ganze Reihe Handels- und Indujtrieunternehmungen
 entjtanden. Im Iahre 1908 wurden 108 Handelsgejellihaften
 mit einem Kapital von 110 Millionen Rubeln gegründet; 1910
zntjtanden weitere 198 Gefjelljdhaften mit einem Kapital von 190 Milliosen
 Rubeln. Nur eine von diejen. war amerikanifjdh (mit 16 Millionen
Rubeln); je zwei find von Deutjdhen und Schweizern ins Leben gezufen
 worden; drei Gefjellihaften mit annähernd vier Millionen KRubeln
waren in englildjem und drei weitere mit zirfa 15 Millionen Rubeln
in franzölildem Belib.
Das weltwirt[Haftlide GewihHt der Volfswirt/Haft des einftigen
ruffilden Ymperiums muß nad) dem Hier Gefagten erfannt werden;
die volle Bedeutung der Wirtjhaft des Ojtens für die deutjde VBolfswirtichaft
 zur Geltung zu bringen, iit aber der Zukunft vorbehalten.

Titel der wichtigften Quellentwerke
(die neben gejammelten AWufzeidnungen benukt wurden)
Rußland, Dr. Walther Weibel. Oktober 1916,
Rußland, Dr. Alfred Hettner, Oktober 1916, i
La Russie et ses richesses, Etienne Taris,
Die Entwidlung des Rigaer Handels und Verkehrs im Laufe der lekten
50 Yahre bis zum Ausbruche des Weltkrieges, Bruns von Gernet.
MAugujt 1918,
Wirtihaftlider Nadridtendienjt, herausgegeben von dem Deutihen Überlee«
dien|t 6. m. b, HS., Berlin 1916—1917,
Dtto Hühner. Gevaraphiidh-StattitiiHe Tabellen, Ausgabe 1917—1918.
        <pb n="52" />
        Ein Jahr Somwjetrepublit

Die SGefeggebung der Bolfchewiften mährend des erften Yahres
ihrer Herrfchaft
{November 1917 bis November 1918)
von Heinz Fenner

Nad) wiederholten mikglüdten Putfden, von denen der vom 17.
bis 18. Juli 1917 in Petersburg einen befonders blutigen Charakter
trug, gelang es den BoljdhHewiljten Anfang November desfelben
Jahres die Provijvrifde Regierung, die feit der Märzrevolution
am Ruder war, zu ftürzen und zur GHerrihaft zu gelangen.
Dieje Herrjdhaft haben fie allen Prophezeiungen zum Troß
gegenüber nicht endenwollenden AWufftänden im Innern des Landes
und im Kampfe gegen die von der Entente unterjtüßten Antibolidhewiftenheere
 eines Koltjdhak, Denikin, Krasnow, IudenitjhH ujw. und
no jüngit im Frühjahr 1920 gegen die Polen behauptet.
Der boljdhewiftijdhe AWufjtand, der am 7, November in Peters
durg losbrad) und noch am felben Tage zu der Einnahme der widhtigjten
Staatsgebäude, der Verhaftung einer Reihe von Mitgliedern der Prooijorijden
 Regierung, Jowie zur Befegung des Winterpalais führte,
in das fid die regierungstreuen Truppen zurüdgezogen Hatten, wird
gewöhnlid) in Rukland als die „Oktoberrevolution‘“ bezeichnet,
da fie, nad) altem Stil geredhnet, am 25. Oktober Iosbrad. Um AWbend
desjelben Tages trat der zweite Kongreß der Sowjets der
Arbeiter und Soldaten-Deputierten zulammen, der, wähcend
 in einzelnen Stadtteilen Petersburgs nody gekämpft wurde, in
einer Nachtjigung des 8. Novembers eine Reihe hedeutjamer Belhlülfe
faßte. Die Bildung der neuen Regierung, die [ich jelbjt als „Arbeiterund
 Bauernregierung‘““ bezeichnete, erfolgte er]t am nächjten Tage. An
die Spike des Sowjets der BVoliskommilfare trat Wladimir
Sljitjg Uljanow (Lenin), der dur viele Jahre hHindurd) die
oo[jHewijtijde Bewegung im Auslande geleitet Hatte und erlt am
16. April in Petersburg eingetroffen war.
Zu den am 8. November von dem Kongrek der Sowjets der
Arbeiter- und Soldatendeputierten gefakten Beldhlüfjlen aehört der über
        <pb n="53" />
        43

jen Erlak eines Dekrets über den Landbefjik, das von aller»
zrößter Bedeutung ijt. Diejes Dekret Hob das Eigentumsredt
der Gutsbefiger am Lande ohne jeglides Entgelt auf und be
timnmte, daß die Güter der Gutsbefiker, wie die Ländereien der Klölter,
Rirden und des Apanagerejfjorts mit dem gejamten toten und lebenden
Xnventar in die Verwaltung von Gemeinde-Landkomitees und Kreis:
iowjets der Bauern-Deputierten überzugehen Hätten, „bis zur Einherufung
 der Konfjtituierenden VBerjammlung“. Als RidHtHnur
bis zur Berwirklidhung der Agrarreform durd) die Konftituierende Ber-(sammlung
 follte eine Bauerninfjtruktion (Nakas) gelten, die im
Auguit desjelben Jahres auf Grund von 242 Srtlidhen Bauerninftruk-Honen
 veröffentlidht worden war. Diefer „Nakas‘“ beginnt mit folgenden
 Worten:
„Die Landfrage kann in ihrem ganzen Umfange nur von einer vom
ganzen Bolke befdhidten Konftituterenden Berjammlung ent{dhieden
werden. Die gerechtefte Löfung der Landfrage müßte in folgendem beitehen:
l. Das private Eigentumsredht am Lande wird für immer
aufgehoben; das Land kann nidt verkauft, nicht verpacdhtet oder ver»
pfändet oder auf irgendeine andere Weije veräukert werden. Das ge
jamte Land, mag es dem Staate, der Domänenverwaltung, dem Apanagen»
relfort, Klöltern, Kirchen, zu Majoraten, privaten Beligern, GemeinfdHaften,
Bauerngenteinden ufw. gehören, wird ohne Entihäbigung enteignet, als
Eigentum des gejamten Boltes erklärt und allen denen, die es bearbeiten,
zur Nugung übergeben... . .“
Sn derfelben Sikgung des Kongrefjjes wurde die Todesitrafe
abgelhafft. Dieje war zwar fhon von der Provifjorijhen Regie
sung aufgehoben worden, jedodj von Kerenjki am 26. Juni in be[Hränttem
 Umfange für befonders fhwere Vergehen an der Front wieder
singeführt worden.
Am 9. November wurden Regeln über die Sch liekung von
Zeitungen, die gegen die „Arbeiter- und Bauernregierung“ [Hrieben,
erlaffen, d. h. die Prejfefreiheit aufgehoben*). Dank diejen
Regeln und weiteren mit der Zeit erlafjenen Bejtimmungen wurde allmählicd
 die gefamte nicdhtbolfdhewijtijhe Preije vernichtet. Am 11. November
 führte ein Dekret des Sowjets der VBulistommijjare den adttündigen
 Arbeitstag ein. Am 16. November verfügte der Sowjet
der Bolistommijfare die Gründung von Gemeinde-Landkomitees
zur Berwirfligung des Überganges des Landes an das Bolk und fekte
hbelondere Landiommiffare ein. Am 21. November folgte ein wei-*)
 Der Bolihewilt Gotidhbarg fagt in dem von der Sowjetregierung
herausgegebenen Buche „Ein Yahr proletarijde Diktatur“ in einem „Die
GejeHgebung während eines Jahres der Revolution“ überfdhrtebenen Aufjage:
Die Zeitungen in den Händen der Bourgevifte feten nicht meniqer gefährlich
als Bomben und Maicinenaewehre.
        <pb n="54" />
        A
©

teres gegen die nichtboljdhewijtijde Preije geridhtetes Dekret, dur) das
diefer Prejje die Exiftenzmittel entzogen werden follten. Das Dekret
bejtimmte, daß einzig und allein der Regierung das Recht zufteht, Unzeigen
 gegen Bezahlung zu veröffentliden. Die nidtboljdhewijtijdhe
Preije wurde infolgedejjen einer ihrer wicdhtigiten Einnahmequellen be:
raubt, während der aus Staatsmitteln unterhaltenen boljchewijtifden
 Preife ausdrüdlihH das Recht, bezahlte Anzeigen abzudruden,
gewährt wurde.
Ein Dekret vom 25. November hob alle Stände (Adel, Kaufmannjdhaft,
 Kieinbürger-, Bauernitand ujw.) auf, ferner alle Titel
(Fürit, Graf ujw.) und Zivilränge (Staatsrat und fonftige Räte) und
führte für die gejamte Bevölkerung der Sowjetrepublif die Bezeichnung
 Bürger (grashdane) ein. Am 27. November erfolgt ein Dekret,
das gegen die Spekulation gerichtet ijt und allen Spekulanten
jJofortige Verhaftung und Einkerferung in die Kronfjtädter Gefäng:
nijje droht bis zur AWburteilung durch das Kriegs-Revolutionsgericht,
Um felben Tage erfolgt das bedeutjame Dekret über die Urbeiter-{ontrolle
 in allen Handels- und Indufjtrieunternehmen, fowie in
KRonfum- und Produktionsgenofjen]haften, die Lohn- oder Heimarbeit
verwenden. Laut diejem Dekret erhielten alle Arbeiter durch gewählte
Bertreter das Recht der Kontrolle und Auffidht über die Produktion,
den Kauf und Verkauf der Erzeugnijje und Rohmaterialien und die
inanzoperationen der Unternehmer. Um 28. November erfolgt die
Bereinigung des Zentralk-Ezekiutiviomitees des Sowjets der Ardeiter-
 und Soldaten: Deputierten mit dem Zentral-EzxekutivIomitee
 des Sowjets der Bauern-Deputierten. Durch eine Ber:
fügung vom 1. Dezember wurden die Beihilfen des Staates für Offiziers-
 und Soldatenfamilien gleidhgeftellt. Dekrete vom 5. und 6. Dezember
 — bdie nie eingehalten worden find — bejtimmten, dakz die
Sehälter der Bolkistommifjfare nidht mehr als 500 Rubel*) im
Monat für AWneinjtehende betragen dürfen, wobei auf jedes nidht arbeitsfähige
 Familienmitglied ein Zujhlag von 100 Rubel im Monat ge»
zahlt wird. Um 6. Dezember er]dhien audy das bedeutfame erfte
„Defret über das Geridhtswefjen“, das alle zarijden Gerichte,
wie Die Bezirisgerichte, Appellhöfe, den Dirigierenden Senat, die
Kriegs- und Marinegeridhte, jowie die Kommerzgeridhte aufhob und
an ihre Stelle Gerichte jekte, „die aus demokratijHen Wahlen“ her.
vorgehen follten. An Stelle der Friedensridhter traten Lokalrichter,
die in ihren Erfenntnifjen und Urteilen die Gefeke der vorboljdhewiitijden
 Regierungen nur joweit befolgen durften, als diefe nicht durch die
Revolution aufgehoben waren. Als aufgehoben galten u. a. laut

*) 1 Rubel == 2,16 M. Friedenshurs.
        <pb n="55" />
        15

as
‚et

nhe

Jez

Dis

NM,

Ne
rel
nd
I
et,
en
ig:
hf.

=
in
At
te

m,
die
Je

=

lrz



Ha
)ete

m
(52

(eite


1e,
»ie
1D

\Tz

°T,
Its
‚te
af

Artikel 5 des Dekrets alle diejenigen Gejeke, die „den Minimal-Programmen
 der Sozialdemofratijden Arbeiterpartei Rußlands
 (d. h. der Boljdhewijten, d. Verf.) und der Partei der Sozial-Revolutionäre
 widerjpreden.“ Die Injtitute der Unterfucdhungsrichter,
 der Staatsanwalt|Haft, der vereinigten Rechtsanwälte und der
Privatanwälte wurden aufgehoben. „Zum Kampfe mit den gegenrevolutionären
 Kräften“, Jowie gegen die Spekulation, Sabotage und
Mikbräude der Händler, Induljtriellen, Beamten und anderer Perfonen
werden Revolutionstribunale gebildet. Der 12, November brachte
eine für die Landwirt|dhHaft wichtige Bejltimmung, die alle in Rukland
hergejtellten Mafjdhinen, Jowie die aus dem AWuslande eingeführten als
zur alleinigen Berfügung (Monopol) des Staates ftehend, erklärte,
Durd) Dekret vom 15. Dezember wurden alle militäriidHen Grade
und Auszeidnungen aufgehoben und die Wählbarkeit des
Offizierbeltandes verfügt. Am 18. Dezember wurde der Oberfte
Sowjet der Bolkswirtfdhaft gegründet, als dejjen Aufgabe „die
Drganifation der VBoliswirtjhaft und der Staatsfinanzen‘“ bezeichnet
wird. Diejem Oberften Sowjet wird das Recht, Konfisiationen, Seque-}trierungen
 und Zwangs-Syndizierungen vorzunehmen, erteilt. Alle zur
Regulierung des WirtjhHafjftslebens bejtehenden Behörden werden ihm
untergeordnet. Zum Beltande des Oberfjten Sowjets d. Bolfsw. gehören
der Allrujjijdhe Sowjet. der AWrbeiterfontrolle (vgl. Dekret vom 27. November),
 Vertreter aller Voliskommijjariate und Sacdhverjtändige mit
beratender Stimme, Ein Dekret vom 25. Dezember [Hafft die obligatorijde
 Wehrpflidht der Kojaken ab. Ein Dekret vom jelben
Tage führte die VBerJidgerung gegen Arbeitslofigkeit für alle
BPerfonen, die mit LohHnarbeit be[Häftigt find, ein. Um 27. Dezember
bejdließt das ANruffijdhe Zentral-Exekutiviomitee der Sowjets das
Dekret über die Nationalifjierung der Banken. Das gejamte
Bankwejen wurde zum Staatsmonopol erflärt und alle beftehenden
privaten Aftienbanien und Bankkontore wurden mit der Staatsbank
vereinigt. Dur ein Dekret vom felben Tage wurde die „Revifion“
der Stahliammern in den Banken verfügt, alle in den Stahl
fammern enthaltenen Geldjummen mußten auf Girokonto des Klienten
in der Staatsbank eingezahlt werden, Gold in Münzen und Barren
wurde zugunjten des Goldfonds des Staates Konfisziert. In Ddiefe
Zeit fällt aud) ein Beldluk des Sowjets der Boltsiommiffare über
die Bewilligung von zwei Millionen Rubel für die internationale
vtevolutionäre Bewegung. Hierdurch wurde offenkundig dokumentiert,
 daß die Sowjetregierung auf die Weltrevolution hinarbeitet.
Ein Defret vom 29. Dezember hob in Ergänzung des Dekrets vom
15. Dezember alle Rangunter[Hiede auf, die Armee beitehe aus
freien und aleihden Büraern.
        <pb n="56" />
        416

Zu Beginn des Jahres 1918, am 1. Yanuar erjdhien das „De»
fret über die Ehejdeidung‘“, das die HirdHlidHe Injtanz des Konijtoriums
 in allen Ehejdheidungsjaden ausfdhaltete und allein die
Staatsgewalt für zujtändig erklärte, wobei die Ehe[Heidung au auf
den WunfdhH nur des einen Teiles zu erfolgen hat. Ein Dekret vom
2. Januar führt die obligatorijde Zivilehe in Sowjetrukland ein und
heitimmt, daß die jtandesamtliden Regiiter, die bisher von der Geilt-[ichfeit
 geführt worden waren, in Zukunft von bejonderen Standesämtern
 (Abteilungen zur Eintragung der Chen und Geburten) zu
führen Jind. Das vorbolihewijtijdHe Rußland erkannte überhaupt nur
bie Hirchlide Ehe an. Ehelide und unehelidHe Kinder wurden durd das
bolldhewifjtilde Dekret gleidhgeftellt. Ein zu derjelben Zeit erlajfenes
Deiret verbietet anläklidh der bevorjtehenden Nationalifierung des [tädtiiden
 Grundbeljikes jeglide Verträge betr. Kauf, Verkauf und DVerpfändung
 jeglider Jmmobilien und Grundjtüde in den Städten.
Dur) Dekret vom 5. Ianuar wurde eine neue vereinfachte Red tidreibung
 eingeführt, und dur Verfügung des Sowjets der VBolisfommifjare
 vom felben Tage die Zahlung des Gehaltes an die Mitglieder
 des zarijdhen Reidsrates eingejtellt. Ein Dekret vom 6. Januar
cegelt die Lokale Selbjtverwaltung und gibt den Örtliden Sowjets
 große Selbjtändigkeit. Dur ein Dekret aus derjelben Zeit wird
die Einjtellung der Zahlungen der Kupons und Dividenden
verfügt, jeglide Recdtsge[hHäfte mit Wertpapieren werden verboten. Denjenigen,
 bie ji) gegen Die lektgenannte Bejtimmung vergehen, wird
mit der Übergabe an die Gerichte und der Konfiszierung ihres gejamten
 Vermögens gedroht.
Am 11. Sanuar erfdhien ein Aufruf des damaligen Oberkommandierenden
 der rufjijden Armee, des Fähnridhs Krylenko, der zur Bildung
 einer „revolutionären [ozialijtifden Bolisarmee“ auf»
jorderte*). Ein Dekret vom 19. Januar führt die Verfidherung gegen
Krankheit für alle Perfonen ohne Unterfchied des Gejhlechts, Alters,
Slaubens und der Staatsangehörigkeit ein, joweit nur diefe Perfonen
auf irgendeinem Arbeitsgebiet tätig Jind, fei es in der Induljtrie, In
Bergwerken, im Handwerk, im Handel im Bauwejen, der Landwirtichaft,
 Vilderei ober dem Transportwelen ulm. Ein Dekret vom felben

*) In dem Aufruf ft u. a. gefagt, daß die AWrbeiter und Bauern Rukl(ands
 vor der Aufgabe jtünden, alle Errungen haften der Revolution In
einem „heiligen Kriege‘ gegen die rufliiche, deutfhe und englifH-franzöliicdhe
Bourgeoifie verteidigen zu müjfen. Die alte Armee fet einer derartigen
Aufgabe nidht gewacdjen. Es mülje daher eine neue Armee gejdaffen werden,
deren Kern bereits die Rote Garde bilde. Der Zutritt zur neuen AUrmee
würde allen wahren Freiheits und NRevolutionstämpfern auf Empfehlung
der Regiments: und Kompaaniekfomitees geltattet werden.
        <pb n="57" />
        u 47 —

Az

=
ute
.Af
m
1D
tz
262

zu
ur
1S

185
48

a

m.

{=‘S=


‚Ar
=
cd
)en

en
td
1eın=



NE
‚en
[S,
en
in

ct
jen

uBin

he
zen
‚en,
nee
ana

Tage ruft ein Kollegium zum Schuhe der MutterfhHaft und der
Säuglinge ins Leben.
Nod während der Herrjhaft der ProvijorijdHen Regierung war
diefe von den Bolijdhewijten wiederholt angegriffen worden, weil fie
die Wahlen zu der Konjtituierenden Berjammlung nad An-Jicht
 der Boljdewijten zu jehr hinzöge. Hierbei ijt in Betracht zu ziehen,
daß in einem in Iultureller Hinjicht fo rüdjtändigen Lande wie Rukland,
abgejehen von jeiner enormen Yusdehnung, die Wahlen naturgemäß
ganz befondere Vorbereitungen erforderten, Als nun die Wahlen endlid)
 jtattfanden und den Boljdhewifjten wider Erwarten nicht die erhoffte
 Mehrheit bradten — ihnen fielen trog einer überaus rührigen
Agitation nur 25 Prozent der Stimmen zu — wurde die Einberufung
ber Konftituierenden Verjammlung dur allerhand Schikanen ine
gezogen. Um 18. Januar trat die Konftituierende Verammlung endlid
 zujammen, deren Mehrheit aus Nedhts-Sozialrevolutionären beftand
und fi weigerte, einige wejentlide Dekrete der Sowjetregierung zu
Sejtätigen. Die Sowjetregierung jagte darauf die Konftituierende Verjammlung
 dur bewaffnete Matrojen auseinander und erklärte
nachträglich in einem am 22, Januar in dem offiziöjen Regierungsblatte
veröffentlichten Dekret die Konftituierende Verjammlung für aufge-[öjt.
 In dem Auflöfungsdeiret wird unter anderem die Behauptung
aufgejtellt, daß die Boljdhewifjten und Links-Sozialrevolutionäre gegen:
wärtig unzweifelhaft die gewaltige Mehrheit in den Sowjets befiken
und das Vertrauen der Arbeiter und der Mehrheit der Bauern geniegen
 und ferner erflärt, dak ein Bejtehen der Konftituierenden Verjammlung
 einem RüdjdhHritt und dem „Krach“ der gejamten Novemberrevolution
 gleidfommen würde.
Um 23. Januar tritt der dritte KongrekH der Sowjets der
Arbeiter, Bauern» und Soldatendeputierten zujammen, der die „Des
[aration der Redte des werktätigen und ausgebeute=-ten
 Volkes“ annimmt und alle jeit dem zweiten Kongrek (Novemder
 1917) vom Sowjet der Volfskommifjare erlalfenen Deirete beitätigt.
Am 25. Januar erfdheint das „Dekret über die Demokratifjierung
der Flotte“, aut dem der gejamte Perfonalbejtand der Hlotte aus
[reien Bürgern befteht, die gleide Rechte genießen und ohne Unter-Idied
 die Bezeidhnung „Seeleute der Kriegsflotte der Ruflijden Re
publif‘“ führen. Ein Dekret vom 28. Yanuar ordnet die Bildung
:iner „Roten Arbeiter: und Bauernarmee“ an, die aus den
„gefinnungstüchtigjten und am beiten organifierten Elementen der werktätigen
 Klafjen“ beftehen foll. €s wird beim Voliskiommijfariat für
Militärangelegenheiten ein Allruflifjdhes Kollegium zweds Organijation
der Roten Armee gebildet, für das vorläufig 20 Millionen Rubel be:
willigt werden. Am 2, Februar werden die Boften der Volksichuls
        <pb n="58" />
        — 48 —

Direktoren und BolksiHul-Injpektoren aufgehoben, wie die Polten der
Direktoren und Ynipektoren an den MitteljHulen und der Kuratoren
der Lehrbezirke. Ein weiteres Dekret beftimmt, daß jeglige Zahlungen
aus Staatsmitteln zum Unterhalt der KirdHen und der Geiltligkeit
zinzuftellen jind. Ein überaus wichtiges Dekret vom 5. Februar be»
itimmt die Trennung der Kirde vom Staate und der Schule
don der Kirche, jeglider Zwang in religiöfen Fragen [oll in Zukunft
jortfallen. Am 8. Februar wird die Konfiszierung des Aktien
fapitals der ehemaligen Privatbanken (die alle bereits nationalifiert)
 verfügt. Ein Dekret vom felben Tage führt in der Sowjetsepublit
 den wefteuropäifjden neuen, gregoriani[den Stil ein,
und dur ein drittes Dekret vom felben Tage wird die gefamte
SHandelsflotte nationalifjiert. Dur Dekret vom 10. Februar
werden alle Staatsanleihen annulliert. Am 27. Februar bes
ihlieBt das Allrufjijde Zentrak-Exekutiviomitee die Organifation einer
„Roten Sozialijti[dHen Flotte“ aus Arbeitern und Bauern. Um
2, März werden die Ämter der Neligionslehrer aller Konfe]-fionen
 aufgehoben und der Handel mit Goldfadhen (von 56er und
höherer Probe) verboten. Um 4. März werden alle großen Getreide:
jpeider als Staatseigentum erflärt. Am felben Tage erfolgt die
VeröffentlidHung des Grundgejekes über die Sozialijierung des
Bodens, das frühere Bejtimmungen zujammenfakt, und deffen erjter
Artikel folgendermaken lautet: „‚Yedes Eigentum an Grund und Boden,
dem Erdinnern, Gewälfern, Wäldern und den Naturkräften im Gebiete
der Ruflijden Föderativen Sowjetrepublit wird für immer aufgehoben.“
Des weiteren wird beitimmt, daß der Grund und Boden ohne jede
Ent{Hhädigung „in den Befjig des ganzen werktätigen Volkes‘ übergehe,
und das Benugungsreht am Boden nur denjenigen zujtehe, die ihn
jelbit bearbeiten. An das Dekret [Hliekt fich eine Initruktion zur
Feltitelung der Berbraucds= und Arbeitsnorm bei Benugung der Ländereien
 landwirt[Haftliden Charakters. Am 5. März erfolgt das zweite
Dekret über das Geridhtswejen, das eine Ergänzung und Erweiterung
 des erften auf diejem Gebiete erlaffjenen Defrets brachte, Be
zirfs-Volksgericdhte einführte, das Kafiationsverfahren und die
Oberfte Geridtsiontrolle tegelte und die Geridhtsgebühren und Gerichts
Folten fejtjeßte. Am 7. März erjdeint eine Verordnung über Das
Revolutionstribunal der Preife, das „für Verbredhen und
Vergehen gegen das Bolf, die durg Benugung der Preilfe verübt
werden‘ zujtändig ift. Die Urteile des Revolutionstribunals der Preile
jind endgültig, Rechtsmittel gegen diejelben [ind nicht gegeben. Am
8. März werden alle Lehranjtalten in der Sowjetrepublit dem Volis-Eommilfariat
 für Bolisbildung übergeben, und am nächjten Tage die
Hofgeiltlictfeit aufgelöft. Uın 20. Mai wird das Staatsmonopol
        <pb n="59" />
        19

:.x

mn
nm
it

Yz

le
it
1=D=


n,
ie

8

ds

ar
m
=
iD

) =

ie

2S
er

m,

»te
«x

‘De
1e,
on
ur
iz
tte
+8

Da
ie

[Sas

ıD
‚Dt
je
m
f6=nie

x]

ür StreigHhölzer, Lichte, Reis, Kaffee, Pfeffer und ausländi[dhe
Heringe eingeführt. Die Streidhholz- und Licdhtfabrikfen, die Reis: und
Kaffee-Großhandlungen werden nationalijiert. Um 26. März tagt
der Allrujfijde Kongrek der SozialdemokiratijdHen Arbeiterpartei
 Ruklands (Boljdhewijten). Der Kongreß bejdhliekt, die Parte:
 in eine Kommuniftijde umzubenennen und das Parteiprogramm
„im Geijte der Politik des Überganges vom Kapitalismus zum Soziafismus‘““
 zu verändern. Um 27. März tritt in Moskau der vierte
Nukerordentlide Allru]fijdhe Kongreß der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten
 und Bauern-Deputierten zujammen, der am nächjten Tage den
Breiter Friedensvertrag mit DeutjHland ratifiziert.
Um 10. April erjdheint ein Dekret des Allrujlijdhen Zentral-Cxefutiviomitees:
 Allen Wusländern, die in ihrer Heimat für ihre
religiöje und politijde Überzeugung verfolgt werden, wird in Rukland
eine Zufluchts[tätte gewährt und die NMidtauslieferung auf Forderung
 des Heimatjtaates garantiert. Ein Dekret vom 27. April beitimmt,
 daß alle Denimäler, zu Ehren der Zaren und Zarendiener
errichtet, zu entfernen und Entwürfe zu Denimälern der Rujlijdhen
Sowjetrepublit auszuarbeiten [jeien. Um 3. Mai wird ein Dekret er-‚afjen,
 das die obligatorifjdhe NRegiltrierung aller Aktien,
Obligationen und fonftiger zinstragender Papiere in der BVBolisbank
anordnet und verfügt, dak in ‚Zukunft nur noch) auf den Namen lautende
Wertpapiere Gültigkeit haben. Um 5. Mai wird der gejamte Au ken»
handel nationalifiert. Alle Recdhtsge[Häfte über Kauf und BVerfauf
 von Waren jeglider Art mit ausländijden Staaten und ausländijdHen
 Firmen Können nur im NMamen der rujjijdHen Republik abgeiOlofjen
 werden. Beim Kommiffariat für Handel wird ein bejonderer
„Sowjet für den Außenhandel“ eingerichtet. Ein Dekret vom felben
Tage führt den obligatorijdhen UnterridHht in der „Kriegskunft“,
d.h. militärijge Übungen für alle Arbeiter und Bauern, die Keine
jreinde Arbeit ausbeuten, ein. Dur) Dekret vom 7. Mai wird das
Erbrecht, das gejeglide wie tajtamentarijdhe, aufgehoben. Das
Vermögen des Verfjtorbenen wird Staatseigentum, die notleidenden
nicht arbeitsfähigen Verwandten des Verjtorbenen werden bis zum
Erlaß eines Gejeges über die allgemeine foziale Fürjorge aus dem
Nadlakz des Verftorbenen unterhalten. Um 16. Mai werden alle
3Zuderfabrifen mit dem gefamten Inventar nationalijiert. Um
25. Mai wird ein Dekret erlaljen, das bhejondere Strafen (nicht weniger
 als fünf Jahre Gefängnis mit Zwangsarbeit) für Beftedhung
einführt, wobei nidt nur der BejtocdhHene, fondern audy der Beitecher
bejtraft wird. Um 27. Mai werden dem Voliskommiffariat für VBerpflegungswefen
 bejondere Vollmadten für den Kampf mit der „Dorfs
bourgeoifie‘“, die Getreidevorräte verberge, erteilt. Ende Mai wird
Die wirtichaftlihe Zukunft des Olitens
        <pb n="60" />
        50

die Arbeitsinfpektion zum Schhuke des Lebens und der GejundhHeit aller
BPerfonen eingeführt, die [ih mit irgendwelder wirtfdhaftliden Tätigfeit
 befaljen. Ein Dekret des Allrujlijdhen Zentral-Exekutiviomitees
vom 11. Kuni führt die Zwangsmobilifjation für die Rote
Arbeiter: und Bauernarmee ein — 3zweds Kampfes für das
Brot und AWbwehr der inneren und äukeren Gegenrevolution. Um
18. Suni bewilligte der Sowjet der Bolkskiommifjfare eine Million Rubel
für die Erridtung eines Denkmals für Karl Marz. Dur Dekret
vom 24, uni werden in den Dörfern „Komitees der Dorfarmut“
gebildet, zu deren Aufgaben gehören: die Verteilung von Brot, Gegenjtänden
 des tägliden Bedarfes und IandwirtjhaftlidHen Geräten und
bie Unterltükung der örtliden Verpflegungsorgane hei der Enteignung
ber Getreideüberfhüffe der Dorfwucherer und Reidhen. Um 27. Juni
werden aus dem Allruffijdhen Zentral-Exekutiviomitee der Sowjets der
Arbeiter-, Soldaten: und Bauerndeputierten die Fraktionen der Men-[Hewilten
 (entipreden unjeren Mehrheitsjozialijten) und die Re dHts-Sozialrevolutionäre,
 weil Jie den BoljdhHewilten gegenüber opponieren,
 als „‚SHelfershelfer der Gegenrevolution‘“ ausgejAloffen.
Das Dekret vom 28. Iuni, das aud) als Dekret über die „alle
gemeine Nationalifjierung‘“ bezeidhnet wird, erftredte [ih auf
beinahe alle Ynduftrieunternehmen Sowjetrußlands. GänzlidH nationali-Jiert
 wurden die Bergwerfe, die Gummi-, Zellulofe- und Eifjenbahnunternehmen,
 ferner alle bedeutenderen Unternehmen in
folgenden Indujtrien: Metall, MajdHinenbau, Textil, Eleitrotednikf,
 Holzbearbeitung, Tabak, Keramik, Leber,
Mühlen, Glas, Zement ujw. Bon der Nationalijierung ausgenommen
 wurden allein die den Konfumgenofjenjhaften gehörenden
Unternehmen. Die Nationalifierung wurde unter anderem mit der
Notwendigkeit der Sicherung der Diktatur der ArbeiterHafje und der
Dorfarmut motiviert. Am 8. Juni wird eine SozialifjtijhHe Akabemie
 der Wiffen|dHaften gegründet, zweds Studium des wifjjen-Idaftliden
 Sozialismus und Kommunismus. Durdy ein Dekret vom
10. Suli wird jeglidges Eigentumsrtedht an Wäldern aufgehoben,
 alle Wälder mit den in ihnen befindliden Gebäuden forjtmirt[haftlider
 Bedeutung und mit dem gejamten toten und lebenden
Inventar werden ohne jegliche Entichädiqung zum Eigentum ber Repu-5lif
 erklärt. 2
Um 17. Iuli tritt in Moskau der fünfte Allru[fijde Kongreß
 der Sowjets der Arbeiter-, Bauern-, Soldatenund
 Kofjaken-Deputierten zujammen, der die Konftitution (Grund:
gejeß) der Rulfijden SozialijtijHen Föderativen Sowjetrepublik annimmt
 und das gefamte Vermögen des durch die Revolution ent-+*bronten
 Zaren und feiner Familie als Eigentum der RNevublik er-
        <pb n="61" />
        51

ler
1g-265

‚te

as

Im
sel
cet
. 1“
an
aD
ıng
ant
her
ın=[S=





auf
alien

in
»{z

eT,
115=den

der
der
1a»
’en-‚om


ze:
Die
den
‘Du:

an»
2
nd
anante


Ts

flärt. In das Grundgefeg wird die im Yanuar d. I. beftätigte „Der
faration der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten
 Bolkes‘“ aufgenommen. Die VBerfafjffungsurkunde enthält ferner
eingehende Bejtimmungen Über die Organijation der Zentrale
gewalt. Der Allrufji[de Kongrek der Sowjets jtellt die
höcite Gewalt in der Sowjetrepublif dar und wird von dem Allruflifden
 Zentral-Exekiutiviomitee wenigjtens zweimal jährlid
 einberufen. Diejes aus hHöchjtens 200 Perfonen bejtehende Zentral-ExekutivIomitee
 ift in vollem Umfange dem Allruffijdhen KongreH der
Sowjets verantwortlidh. Das Allrujjijdhe Zentrak-Exekutiviomitee der
Sowjets ijt das „oberfte, gejeKgebende und kontrollierende Organ“ der
Republik, während der Sowjet der Bolksfommifjjare die allgemeine
 Verwaltung der Gejhäfte der Republik führt. Die Mitglieder
des Sowjets der Volisiommifjjare treten an die Spike der einzelnen
Volistommijfariate. — Das aktive und palfive WahlredHt zu den
Sowjets genieken alle über 18 Jahre alten Perfonen beiderlei Ge-[Olechts,
 die ihHren Lebensunterhalt dur produktive und gemeinnükige
Arbeit erlangen. Perfonen, die Lohnarbeiter zum Zwede der Erzielung
von Gewinn bejhäftigen oder nidht von Einkünften ihrer Arbeit (Kapitalzinfen,
 Bermögen ujw.) leben, Jowie Handelsieute und kaufmännijde
Bermittler, Mönde und Priejter find vom Wahlrecht ausgejdlofjen.
Um 19. Juli bridt in Moskau unmittelbar nad) der von Sozialrevolutionären
 (nad) boljdhewiltijghen Angaben mit Hilfe der Entente)
organilierten Ermordung des deutjdhen Gejandten Graf Mirbad
ein Aufitand der Sozialrtevolutionäre aus. Der Aufltand
wird von den Boljdhewijlten mit Leichtigkeit unterdrüdt.
Um 20. Juli erfdheint das dritte Dekret über das Gerichts»
wejen: alle 3iviljadjen bis 10000 Rubel und alle Straftaten (mit
Ausnahme der Anjdhläge auf das men[dhlidhe Leben, Vergewaltigung,
Notzucht, Raub, Geldfälfhung, Bejtedhung, Spekulation, die den Bolkse
Bezirisgeridhten verbleiben), werden den Iokalen VBolisgerichten Über«
geben,
Un 29. Iuli wird-in Jekaterinburg (Ural) der ehemalige
Kaifer Nikolaus mit feiner Familie in bejtialijder Weije ermordet.
Die offizielle bolidhewijtiide Berjion fpridht von einer Er[dHiekung des
ehemaligen Kaifers auf Bejdhlukß des Uraliden Gebietsjowjets wegen
m angebliden Ver[hwörung zur Befreiung des ehemaligen Herrers.
 —
Eine Reihe von Dekreten, die im Laufe des Monats Augult et»
(allen werden, fjegen H5Söcdhjtpreife für tierijde und Pflanzenfette,
leijd, Vieh, Heu, Stroh uw. felt. In Ergänzung des Defkrets,
das jegliden Kauf und Verkauf tädtijdher Immobilien verbot, wird
am 2, Augult das Eigentumsredht an allen bebauten und un-
        <pb n="62" />
        — 52 —

bebauten Grunditüden in den Städten aufgehoben, eine Ausnahme
wird nur für Heinere Gebäude gemadht, falls die Einnahmen, die ie
zrbringen, night eine vom Srtliden Sowjet feitgefehte Norm überiteigen.
 Um 12, September wird in Moskau auf den Vorfigenden
des Sowjets der Bolisiommifjfare Lenin.beim Berlafien eines Meetings
von der Sozialrevolutionärin Kaplın ein Revolverattentat verübt.
 Lenin wird unerheblich verlegt. Gleichzeitig wird in Petersburg
der Vorjikende der AYWukerordentliden Kommijjion zur Bekämpfung
der Gegenrevolution, Urizki, von einem Sozialrevolutionär er[choljen.
Trogdem dieje Attentate von fozialijtijder Seite ausgegangen find,
werden auf Befehl der boljdhewiftilden Regierung in einer ganzen
Reihe von Städten Majjener[HieHungen von Offizieren, Priejtern
 und „überhaupt Monardhijten‘“ vorgenommen. Es beginnt die
offene Periode des „Roten Terrors“. Ein Dekret vom 14. September
 verfügt, daß vom 1. Yanuar 1922 das metrijde Syjtem
in‘ der Sowjetrepublik eingeführt werde. Ein Dekret vom 20. September
 führt einen neuen Orden des Roten Banners ein, der
allen Bürgern der Rulfliiden Sozialijtijden Föderativen Sowjetrepu-Slif
 verliehen wird, die in den Kämpfen eine bejondere Tapferkeit
bewiefen haben. Ein Dekret vom 23. September verbietet die ANusfuhr
 von Kunftgegenitänden und Antiquitäten in das Ausland.

Der vorjtehend abgedrudten Überfidht über die GejehHgebung der
Boljdhewiften liegen zum Teil offizielle rufjfilde Beröffentlidungen 3Ugrunde.
 So unter anderen der vom Volfsiommifjjariat für Qandwirt/dHaft
 herausgegebene „Sozialijtijde Landwirt[dHaftsfalender
 auf das Jahr 1919“. Was das Datum der einzelnen
Gejehveröffentlidungen anbelangt, [o fei bemerft, daß fi in den bolidqjewijtiiden
 Quellen in diefer Hinjidt leider Wider[prücdhe finden.
Zum Teil ind die Gefege aud nad der Einführung des Neuen Stiles
mit dem Datum des Alten Stiles verfehen. In einzelnen Quellen
wird das Gejek mit dem Datum feiner Beröffentlidung in der
offiziellen boljdewiftiiden Prejfe, in anderen mit dem Datum feiner
Annahme im Sowjet der Voliskommijfare oder im Allrujjiidhen Zentral-Exefutiviomitee
 bezeichnet. Hieraus ijt erfichtlid, daß eine präzije
Wiedergabe des Datums oft auf nidht geringe Schwierigkeiten [tößt.
Der Berfaller hat fid) bemüht, überall das Datum des Neuen Stiles
anzuführen.
Eine vorurteilsloje Beurteilung der bolihewijtijden Gejekgebung
ergibt, daß eine ganze Neihe von Dekreten der Boljdhewilten nie in
Wirkfamfkeit getreten find, jondern nur auf dem Bapier jtehen. Dies
        <pb n="63" />
        — 53 —

ijt beifpielsweife glei mit dem Dekret über die Aufhebung der
Todesitrafe der Fall. Während zur Zeit der Proviforijdhen Regiezung
 nur einige wenige Perfonen, und zwar ausfließlid Soldaten,
die fi an der Front Fahnenflucht oder Meuterei Hatten zu[Hulden
fommen Iaffen, hingeridhtet worden find, ijt die Todesftrafe von den
Bolichewiften bereits im erften Yahre ihrer Herr]haft an vielen taufend
Berfonen vollijtredt worden. Bei der Beurteilung der boljdhewiltilden
Hefekgebung it ferner in Betracht zu ziehen, daß ie in einzelnen
Vällen id) bereits im erfjten Sahre ihrer Herr{dhaft genötigt fahen,
znzelne Dekrete aufzuheben. So tritt 3. B. an Stelle der aufjehobenen
 Wehrpflidht fehr bald wiederum die Zwangsmobilijation,
ınd entgegen den Bejtimmungen des Gejehes werden keineswegs allein
Broletarier in die Rote Armee eingeltellt, fondern Offiziere und wald
zchte Bourgeois zum Eintritt gezwungen. Bon einer Sozialifierung
bes Landes fann in der Sowjetrepublik audy eben feine Rede fein.
Wo der Bauer fihH in den Belig von Gutsland gefekt Hat, verteidigt
ınd IHüßt er diejes Land als fein Eigentum. Aug der adhtitündige
Arbeitstag. befteht gegenwärtig nur auf dem Papier, in Wirk-[ichfeit
 wird in Sowjetrukland, wie ih aus der holfdhewifjtijdhen Preife
jederzeit nachweijen läßt, zehn, 3wölf und fogar mehr Stunden gearbeitet,
 Auch das Dekret über die Arbeiterfontrolle ijt im Laufe
der Zeit fo gut wie aufgehoben worden, und an Stelle des mit weit»
gehenden Rechten ausgeltatteten Arbeiters in den einzelnen Betrieben
ser über bdiktatoriihe Bolmachten verfügende Leiter des Betriebes
zetfreten.
        <pb n="64" />
        Daten über die wirtfchaftliche Lage Somwjetrußlands
(Die Landwirtfchaft und das Berkehrswefen)
Bon Heinz Fenner

Bei der Beurteilung der wirtjdhHaftliHen Lage Sowjetruklands
muß Itets die Tatfade in Betracht gezogen werden, daß Rukland —
den feit Beginn der Boljdhewijtenherr] haft ausgebrodjenen Bürgerkrieg
mitgeredhnet — zu Anfang Augujt 1920 auf eds ununterbrodene
Kriegsjahre wird zurüdbliden können. Der Friede von Breit-Zitowf{f
 bradte dem Lande einen gewaltigen Gebietsverlult,
nicht aber den erfehnten Frieden, denn gegen die Unfang November
1917 zur Serridhaft gelangten Boljdhewilten Hatten fihH unterdejjen
in den verfdhiedenften Gebieten des Meidhes, von der Entente untertüßt,
 diejenigen Elemente erhoben, die in der Regierung der Boljdhewijten
 ein Unheil für ihr Baterland erblidten. Der damals begonnene
innere Kampf hat bis auf den heutigen Tag Fein Ende gefunden — die
Rrim und etwa der Sftlid des Baikaljees gelegene Teil Sibiriens ift
aud) gegenwärtig dem Machtbereid) der Sowjetregierung entzogen. Aber
ielbjt da, wo die Boljghewilten bereits im Spätherbjt 1917 zur Herridaft
 gelangen Ionnten, — in Nord- und Zentralrugland — find Aufjtände
 der Bevölkerung nidHt jelten gewejen. Iın allgemeinen ijt es jedoch
der Sowjetregierung bald gelungen, der inneren AWufjtände Herr zu
werben, und in den Kämpfen an der Peripherie gegen Koltjdhak, Denifin,
 YudenitiH [iegreidh zu fein. Nod) jüngit hat die Sowjetregierung
durch den Einfall der Polen eine [Hwere Belajtungsprobe beftehen
mü[fen, wobei fig im Lande unzweifelhaft ein nationaler Aufs
Hwung zeigte, dejjen weiteres Erjtarken von allergrößter Bedeutung
für die Entwidlung der Zufjtände in Rukland werden kann.
Die nachfolgenden Zeilen wollen keine KIritijde Unterfudhung darüber
 anijtellen, wodurdh id die gegenwärtige, aud) von den Bolldhe»
wiften übrigens nicht geleugnete, überaus [Hwierige Wirt|Haftslage
 der Sowjetrepublik erflärt. Die Schuldfrage fol in Keiner
Weije aufgerollt werden, fondern an der Hand [tatijtijdHer Daten
ıoll aezeiat werden, wie es mit zwei überaus wichtigen Gebieten der
        <pb n="65" />
        — BD —

ruffilgen Boliswirtfjdhaft — der LandwirtfhHaft und dem Ver.
fehrswefjen gegenwärtig beitellt ijt. Hierbei muß von vornherein
betont werden, dak wir über ein ungemein geringes und lüdene
haftes ftatijktijdes Material verfügen. Dies gilt insbejondere,
joweit IanbwirtjhaftlidHe Fragen in Betracht kommen. Bei Angabe
der einzelnen Daten it auf Hinweis der Quelle Wert ageleat worden.

1. Die Landwirtfchaft
Die erfte Stelle in der rulfijhen Volkswirtjdhaft nimmt nad wie
vor die Landwirt/Haft ein, in der bereits vor dem Kriege über 90%
der Bevölkerung befhäftigt waren, wenn wir von Landwirt|hHaft in
weiterem Sinne fpredjen, d. h. die Viehzucht und Forjtwirtjdhaft Hinzuredhnen.
 Gegenwärtig dürfte diefer Prozentfakg noch größer fein, da
durd) die Revolution und verfdhiehene MakHnahmen der Boljchewilten
ein großer Teil der Stadtbevölferung, darunter grobe Mengen Fabrikarbeiter
 (angelihts der Stillegung ganzer Indujtriezweige), die Stäbhte
verlaffen haben. Die dominierende Stellung der rujjijdhen Landwirtjhaft
 trat bereits vor dem Kriege in der Ausfuhr Rukglands HNar
zutage. m Sahrfünft 1909—1913 wurden im Mittel für 872,39 Millionen
 Rubel IandwirtjhHaftliHe Erzeugniffe ausgeführt, was 58,1%
des Wertes der Gefjamtausfuhr entipradh*). Rechnen wir die Erzeugnijje
 der Viehwirtidhaft (Mildprodukte), der Geflügekzucdht uw. hinzu,
jo fteigt die angeführte Zahl im Mittel für das erwähnte Jahrfünft
auf 1141,48 Millionen Rubel oder 76% des Gejamtwertes der Tufli-Igen
 Ausfuhr. Die erlte Stelle in der Ausfuhr Iandwirt|dHaftlicher
Erzeugniffje nahm Korn, Weizen, Roggen, Safer und Gerite
ein. Im Mittel wurden nämlid) während des Jahrfünftes für etwa
600 Millionen Rubel, d. h. beinahe 40% des Gefamtwertes der AWusfubr
 — Getreide ausgeführt. Mit Beginn des Weltkrieges fällt die
rufliiche Ausfuhr gewaltig. 1914 betrug der Gejamtwert der Ausfuhr
 nur 956 Millionen Rubel. Auf die Erzeugnijfe der Landwirtjdhaft
fommen hiervon 492 Millionen Rubel, oder 51%. 1915 betrug der
Gefamtwert der Ausfuhr 401,8 Millionen Rubel, der Wert der ausgeführten
 landwirt|dhaftliden Erzeugnijje 132 Millionen Rubel, oder
32,8%. m NYahre 1916 wurden an „Lebensmitteln“ — dieje Rubrik
itimmt 3iemlih mit der Rubrik „Produkte der Landwirtjhaft“ der
früheren Sahre überein, für 155,5 Millionen Rubel oder 32,8% des
Mertes der Gelamtausfuhr ausaeführt. Laut Daten. die das offizielle

*) Weltnik, Narodnago Kommiffartata Torgowlit £ Promy-(Hlennofti
 (Bote des Bolkstommiflariats für Handel und Indultirie), Heft 3/4,
Xult 1918,
        <pb n="66" />
        bolfhewiftiide Blatt „„Ekonomitjdhelfaja Shifn‘“ angibt, wurden 1917 für
51,5 Millionen Rubel „Lebensmittel“ ausgeführt bei einer Gejamtausfuhr
 von 453,9 Millionen Rubel. In diejem Jahre brad) die
er/te Revolution aus, der nad) adht Monaten die zweite boljdhewifti]dhe
Revolution folgte. Der Rüdgang der AWusfuhr nimmt nun einen gecadezu
 verblüffenden Umfang an. Genaue Daten liegen von bol-[Hewiftijdher
 Seite night vor. Dodh geht aus einer Ungabe hervor,
daß 1918 insgejamt nur fünf Millionen Bud Waren ausgeführt worden
 lind.
Die näheren Gründe für den rapiden Rüdgang der rujlijhen Ausjuhr
 Jollen hier nicht unterfucdht werden. Kurz bemerkt jei nur, daß
für die erlte Periode, die mit dem Beginn der Herrjdhaft der Bolldewijten
 ab]Ghliekt, ohne Zweifel der Krieg und die dadurg) bedingte
Xfolierung Ruklands, das eigentlidH nur über drei Häfen frei verfügen
fonnte: Murman, Ardangeljt und Wladiwoltok, makHgebend und ent:
;Heidend ijt. In der zweiten mit der Herrihaft der Bolldewijten
‘November 1917) beginnenden Periode dürfte der Müdgang der Aus-‘uhr
 wohl in erjter Linie in Wirt[HaftsmakHnahmen der Sowjetregierung
 (Nationalijierung des Handels), in der Tatjadhe des
Bürgeririeges und fpäter aud) in der dur die Entente einfekenden
Blodade, feine Erflärung finden. Was uns hier interejjiert, it der
Rüdgang der Ausfuhr gerade an Landwirt HaftliHen Produkten,
and Ddiefer Rüdgang ijt nidht allein durd die erwähnten Gründe bedingt,
 [ondern neben einem in der erjten Kriegszeit gejteigerten einheinijden
 Verbrauch, vor allem durd den Rüdgang der Produktion,
der jtändig [ih verkfleinernden beitellten Aderflädhe zu er-Nären,
 Diejer Rüdgang der Unbaufläde Hat bereits vor der bolidhemijtijdhen
 Herridhaft begonnen und feit der NMovemberrevol/ution einen
geradezu er]dhredenden Umfang genommen. M. Scheffler Hat (God Raboty
 Moskow|fago Prodowoliltwennago Komiteta [Ein
3ahr Arbeit des Moskauer Stäbtijden Verpflegungskomitees], März
1917 bis März 1918. — Moskau 1918, 262 Seiten) die Daten der
Statifjtif vom Jahre 1913 für 49 Gouvernements (darunter audy das
Souvernements Stawropol) den Daten der Statijtit für das Yahr
1916 gegenübergeltellt (48 Gouvernements ohne Stawronol). Danach
waren beitellt :

1913 mit’ Weizen” 306255°4 Dekjatinen
1916 , „. 157844!1 ”
weniger: 14841183 Dekjatinen
1913 mit Roggen 28144884 Dekjatinen
1916 „20772279 „
wentiaer: 7372605 Dekiatinen

*) Mirkidhaftsleben.
        <pb n="67" />
        37 —

1913 mit Hafer
1916 , ü
weniger:

18052698 Dekijatinen
12921939 M
5130759 Dekjatinen
1913 mit Gerijte 12481908 Dekjatinen
1916 ü 8227978 ”
weniger: 4253930 Debiatinen

Den größten (abjoluten) Rüdgang Haben fomit die mit Weizen
und Roggen beftellten Flädhen zu verzeichnen, d. h. der Unbau der Getreidearten
 ijt bejonders ftarkf zurüdgegangen, die für die Ernährung
der Bevölflerung befonders wichtig find. Die gefamte Anbaufläde
betrug laut den ‚Isweltija‘“ (Nr. 6 vom 17. Mai 1918) im Kahre
1913 — 104828283 Dehjatinen. Bereits damals wurde über die
Berwahrlofjung des toten und lebenden Inventars, das Fehlen von
‚andwirtfdhaftliden Maldinen und Geräten und einen äußerft ftarkfen
Arbeitermangel geflagt, wodurd große Teile der Ernte, befonders
‚m Nordkaukahus, in Sibirien und dem Wolgagebiet verloren gingen.
Genaue Daten über diejen verloren gegangenen Teil der Ernte bejigen
 wir nidt, das Moskauer Städtijde Verpflegungsiomitee bejeidnete
 ihn jedoch als „auHerordentlidhH groß“. Bereits zu Ausjang
 des Yahres 1916 trat in einzelnen Gegenden NMuklands eine
Lebensmittelfrife zutage, [owohl in einigen Städten, wie aud
an gewiljen FrontabjAHnitten waren die Getreidevorräte beinahe völlig
er[HSpft. Es wäre natürlid durchaus verfehlt, diefe erjte Lebensmittelirije
 darauf zurüdzuführen, daß bereits damals nidht mehr genügend
 Getreide im Lande produziert worden fei. Bei einer geregelten
 Verteilung und einem geordneten Verkehrswejen wäre damals
nicht der geringjte Mangel zu verfpüren gewejen. Iroß des NMüdzganges
 der AUnbaufläde, troß dem Umftande, dak an vielen Orten
infolge des Fehlens von Mafjdhinen und Arbeitskräften die Ernte auf
ben Feldern verfaulte, war im Lande nod) ein gewaltiger Über|dhuß
an Storn vorhanden. Das liegt auf der Hand, da ja die Getreide.
zusfuhr, die vor dem Kriege eine bedeutende Rolle gefpielt hatte, fortfiel
und immerhin der Bruttvertrag der Ernte an Roggen, Weizen, Hafer
und Gerite 1916 nod) 2002,4 Millionen Bud betrug und aud) im
nächjten Jahre die ftattliHe Ziffer von 1942,7 Millionen Pud erreichte.
Die Lebensmittelirije, die Rukland Ende 1916 und zu Beginn des
Jahres 1917 hHeimfuchte, Hätte aljo bei entipredjenden energifden Maknahmen
 der Regierung fehr wohl überwunden werden können, wenn
aud) naturgemäß dur die Fortdauer des Krieges. die Tätigleit der
Regierung auf diejfem Gebiete ftarf behindert wurde. Um größere
Mengen Getreide zu erhalten, führte der neue Landwirtjdhaftsminijter
Rittid im Dezember 1916 die Zwangsablieferung von Ge:
        <pb n="68" />
        38 —

‘reide ein. Statt der planmäßig von 21 Gouvernements abzuliefernden
 506 Millionen Bud erklärten jidh dieje Gouvernements jedod) imtande
 nur 170 Millionen Pud zu liefern. Unterdeffen nahm die Zerrüttung
 des Verkehrswefens bereits bedenflidhe Dimenjionen an, die
Zahl der nidHt hetriebsfähigen Lokomotiven [tieg fortdauernd, Schneewehen
 behinderten den Verkehr und führten auf einzelnen Linien im
yebruar 1917 zu einer völligen Stillegung des Zugverkehrs. In diefe
iritilde Zeit fällt die Märzrevolution. Bereits am 12. März
erfärte fid) der Petersburger Sowjet der Arbeiter: und Soldaten-Deputierten
 für die Einführung des |taatlidhen Getreidemonopolls.
 Das Gejek, das diefes Monopol einführte, jekte für das Getreide
 felte Preife ein (wie dies übrigens don die Zarijdhe Regiesung
 wenige Monate vor ihrem Sturz getan hatte), ohne jedod) für
alle übrigen Bedarfsartifel die Preije zu normieren. Ferner wurde
in völlig ungenügender Weije an die Verjorgung der Landbevölferung
mit den notwendigijten Bedarfsartikeln gedadt. Das Dorf, das nad
(andwirt|HaftliHen Geräten und Manufakturwaren ausgehungert war,
hielt feine Getreidevnorräte zurüd, da es die gewünfhten Waren nicht
zrhielt und für das entwertete Geld [id nur wenig Kaufen Konnte, Die
Ublieferung des Getreides entjprad) infolgedeljen aud) feineswegs den
Erwartungen. Die Iokalen Verpflegungsorganijationen fahen [ih genötigt,
 ihre Tätigkeit mehr und mehr einzujdhränfen, da fie von der
Zentralregierung in völlig ungenügender Weije dur die Lieferung
von Waren unterjtüßt wurden, während der Bauer ohne dieje Waren
jein Getreide nidt abliefern wollte, Au die Erhöhung der felten
Getreidepreife um 100% zu Anfang September 1917 brachte Keine
Befferung. Die Agrarunruhen, die bereits im Sommer Ddiejes
Nahres eingejekt Hatten, waren nicht geeignet, die Produktivität der
Landwirtjhaft zu heben, oder die Wblieferung zu erhöhen. Die Movemberrevolution
 führte zu einem weiteren Sinfen der Produktivität
und einer außerordentlid verfhärften Lebensmittelfrije, die Brotratios
nen mußten jtändig Herabgefekt werden und einzelne Städte waren
ion während der erjten Monate der boljdhewijtijden Herridhaft tagelang
 ohne Brot. In dem bereits erwähnten Beridht des Moskauer
Städtildgen Berpflegungskomitees heizt es u. a.:
„Am 21, Dezember wurde wiederum die Hungerration, und
zwar Brot- nidt Mehlration von 14 Pfund”) eingeführt und diefe
Ration unter den gekennzeihneten Bedingungen bis zum Schluß des
Berichtsjahres aufrecht zu erhalten Foftete unwahrfdheinlidhe Anitrengungen.“
 .

*) Gemeint {jt !/, des rulftiden Pfundes, bas
Achtsiahr Ihloß mit März 1918 ab. — Seite 41.

409 g ent[pridht. Das Be.
        <pb n="69" />
        59

Bei der Beurteilung der Lebensmittelkrije, die Sowjetrußland
um die gejdhilderte Zeit durdmadte, darf natürlid nicht die Tatjache
vergeffjen werden, daß in dieje Zeit der Berlujt der getreidereihen
uIrainijden und nordkfaufafijdhen Gouvernements fällt, in denen
große Getreidemengen für den Wbtransport in die nördliden Gouvernements
 bereit Iagen. Lieferte do) die Ukraine in normalen Zeiten
ztwa ein Drittel der gejamten rujjijhen Ernte. Na dem Verlujt der
Wiraine folgte wiederum der Verlujt Wejtjibiriens, in dem gleichfalls
große Getreidemengen zu den Sammeljtellen abgeführt waren. In
die leßten Monate des Jahres 1917 und den Beginn des Yahres 1918
fällt aud) die Entjendung von bewaffneten Requifitionsabteilun«
gen dur) die Sowjetregierung auf das flade Land. Dieje Woteilungen,
die teilweije mit Iommunijtilden Propagandafhriften, aber ungenügend
mit Taufdwaren ausgejtattet waren, ftieBen auf den erbitterten Wideritand
 der Bauernbevölferung, in der angefidhts des Umftandes, daß
‘hr das Getreide mit Gewalt abgenommen wurde, der Gedanke, in
Zufunft nur foviel anzubauen, als der eigene Bedarf erforderte, nun
feiten Fuß fahte.
Bon katafjtrophaler Wirkung für die Produktivität der Landwirt/dHaft
 waren jeboh [Hhon die erjten Agrargejege der Sowjetregiezung
 gewejen, die die Agrarunruhen, die bereits zur Zeit der Provi[jorijden
 Regierung ausgebrochen waren, zu einer ANgrarrevolution
im wahriten Sinne bdiefes Wortes entfadhhten. Von diejen SGejeken
jeien bejonders hervorgehoben: das Dekret über den Landbelig vom
8. November 1917, die Megierungsverordnung über die Gemeinde-Landiomitees
 und endlid) das am 4. März publizierte „GSrundgejek
über die Sozialijierung des Bodens“. DurdhH dieje Gejege
wurde in erlter Linie das Eigentumsrecht der Gutsbejiger am Lande
ohne jeglide Ent/Hädigung für aufgehoben erflärt. Dasjelbe Schidjal
zreilte die Ländereien der Kirdhen, Klöfter und der Domänenverwaltung.
Über nidht nur das Eigentumsredht der Gutsbefiker, fondern überhaupt
jeglides private Eigentum om Lande follte für immer aufs
gehoben gelten. Kein Kauf, fein Berkauf, keine Padhtung oder Verpfändung
 war geltattet. Audy das gefamte tote und lebende Inventar,
 das den Gutsbejigern, der Kirde und den Klöjtern ujw. abgenommen
 war, Jollte ohne jeglide Ent/Hädigung in die Nukung des Staates
oder der Gemeinde übergehen. Das Land benuken durfte nur derjenige,
 der es felbit oder mit Hilfe feiner Familienglieder, reip. auf
geno[fenfdhaftlider Grundlage bearbeitet. Artikel 2 des Grundgefekes
über die Sozialijerung des Bodens lautete: „Der Grund und Boden
geht von Heute ab ohne jede offene oder geheime Ent/Hädigung in den
Belig des ganzen werktätigen Volkes über.“
xn Wirklichkeit it eine Sozialilierung des Bodens in der Sowijet-
        <pb n="70" />
        60 —

zepublif nicht erfolgt. Allen Dekreten zum Trog und in Iraffem
Widerjpruh zu Artikel 1 der wohl unter fozialrevolutionärem Ein
Iuß 3zujftande gekommenen Bauerninftruktion vom 1. September 1917
und zu Artifel 1 des Grundgejekes über die Sozialijierung, verteidigt
der rujlijde Bauer das Land, das er Hearbeitet, als [ein Eigene
tum. Hatten die Dekrete der Sowjetregierung, [oweit die Sozialifiemung
 des Bodens in Vetradht kommt, völlig verfagt, und war es ihnen
entgegen der ftrikten Anordnung Teineswegs gelungen, „jedes Eigen:
tum an Grund und Boden ... für immer“ aufzuheben, fo waren andererjeits
 die Folgen diejer Dekrete von Katoltrophaler Natur. Nicht
allein, daß der gefamte Grokgrundbefigerftand als Folge diefer Ge
jeße von feinem Befiß vollfommen vertrieben wurde, fondern es erjolgte
 ferner aud) eine völlige Ruinierung diefer Wirt|dHaften
 felbit. Nur in wenigen Fällen wurden die landwirt/hHaftlihen
Sroßbetriebe als fogenannte „Sowjetwirt[dHaften“ (Sowjetikija
Choliatitwa) erhalten. Dieje SowjetwirtjHaften waren als MulterwirtjdHaften
 auf befonders hodentwidelten Großbetrieben gedacht, ver:
dienten in Wirklichkeit nad) ihrem Übergange an die Sowjetbehörden
jebod) feineswegs die Bezeidhnung von MuljterwirtiHaften, da es an
totem und Iebendem Inventar (das von den Bauern verfhleppt war),
an YArbeitsiräften und Saatgut fehlte. Ymmerhin dürfte es von Inter
je Jein, zu erfahren, daß jhon im Jahre 1918 auf dem Gebiete der
Sowjetrepublif die Anlage von 407 derartigen Sowjetwirtfdhaften geplant
 war, bie eine Fläde von 1466710 Dekjatinen umfalfen follten.
Und zwar in den einzelnen Gouvernements *) :
Woronelh
Tambow .
Drel. ..
Rurlt . .
Riaları . .
Yula ..
Saratow .
Smolenf|t
Yaroklaw
Nowaorod

Um Schluß des Yahres 1919 gab es bereits 2399 Sowjetwirt[haften
und 5961 Sowjetfommunen und Artels, d. h. Genoffen[Haften mit gegenjeitiger
 Haftpflidt. Nagy Angaben, die W. Miljutin in der Doljdewitijden
 Prejfe madte, umfakten die Sowjetwirtidhaften und landwirt-‚Haftligen
 Kommunen nad) zwei Yahren bolihewiltijHer Herrihaft drei
Millionen Dekijatinen.

*) Sozialtjtit/dhesttj Semledeltihesttj Kakendar (Soztaliftifiher Landwirt
DHafts-Kalender auf das Xahr 1919) Moskau.
        <pb n="71" />
        1

Ein großer Teil der Gutsländereien liegt, wie bereits bemerkt,
gegenwärtig brad, der Bauer hat Teineswegs überall das Gutsland
an fig gebradt oder gar in Bearbeitung genommen, dazu fehlte es
im an notwendigen, Landwirt hHaftliden Majdinen, an BiehH und men[dhiden
 AYrbeitsiräften. Wber jelbjt da, wo der Bauer jeinem eigenen
Beliß größere Teile des benachbarten Gutes angegliedert hat, liegt
das „neuerworbene‘“ Land brad). Und oft genug nidt nur diefes,
jondern jelbjt ein Teil des eigenen früher bearbeiteten Landes. Denn
wir wijjen, dak der Rüdgang der bejäten Unbauflädhe immer weiter
andauert und wie aus boljdhewijtijden Zeitungen zu erjehen war,
dereits im Jahre 1919 dazu geführt Hatte, bak in einzelnen Gouvernements
 verglidgen mit 1916 die Anbauflähe um weitere 50% hıinuntergegangen
 war. Was übrigens die Vernichtung des Grokgrund-Dejikes
 bedeutete, geht aus der Tatjadhe hervor, daß beinahe ein
Drittel der Anbaufläde der wicdhtigjten Getreidearten im europäijdhen
Rußland auf die im Privatbelig des AWbels bhefindliden Ländereien
entfiel. Dieje Güter bracdyten alljährlid etwa 200 Millionen Bud an
Roggen und Weizen auf den Markt, Ziehen wir ferner die Tatjache
in Betracht, dak die Produktivität des im Belige des Wdels. und
überhaupt in nicdtbäuerlidgen Händen befindlidhen Landes im Mittel
(1905—1910) um 25% Höher als die der häuerlidgen Wirt{Haften
war, jo ergibt [id einwandfrei, dak dur die Agrarreform der Bol
idewijten gerade die am Beften bewirtfdhafteten und leijtungsfähig ten
[andwirt[HaftlihHen Betriebe vernichtet worden find. Der Boljdhewilt
Bronjti (Warjdawiki) *) hat daher bereits im Iuli 1918 damit ge
rechnet, dak ein Teil der erwähnten Gutsländereien nicht bejät werden
würde und daher vor allzu optimijtijHen Hoffnungen bezüglidh der
Zukunft der rullijdhen Landwirtihaft gewarnt und die Leute verlpottet,
die an die Möglichkeit eines baldigen Exports von Getreide glaubten.
Er hat wohl nit geahnt, daß mehr als ein Jahr [päter — nachdem
die Zerrüttung der ruflijdhen Landwirt]haft rapide weiter fortgejdHritten
war — man in gewifjen deutjden Kreijen fi gewaltigen Hoffnungen
gerade bezüglid der Ausfuhr von Getreide aus der Sowjetrepublif
nad) Deutjdhland Hingeben würde. Die troftloje wirt/Haftlide Lage
Sowjetrußlands, für das die YWufnahme von Handelsbeziehungen mit
dem Wejten eine Lebensfrage ijt, hat dann denfjelben Bronfjki veranlakt,
im Februar 1920 in der „Eionomitjdhejfaja Shifn“ die Ausfidten der
Aufnahme wirt[dhaftlider Beziehungen zwijden Sowjetrukland und Weitzuropa
 als gerade für lekteres hefnnders vorteilhaft hinzujtellen und
bezeichhnenderweije gerade die Maknahmen der Sowjetrepublik auf dem
Gebiete des Agrarwejens als bejonders förderlidH für die Aufnahme

*) Bote des VBoltstommiffariats für Handel und Indultrie.
        <pb n="72" />
        — 62 —

der Handelsheziehungen zu bezeihnen, die wie Das Grundgefeb über die
Sozialifierung des Bodens den gewaltigen Rüdgang der Iandwirthaftliden
 Produktion hervorgerufen haben, ohne daß übrigens eine
Sozialifierung des Landes, eine Aufhebung jeglichen Vrivateigentums
zingetreten ilt.
Neuen Konflikt in das ohnehin aus Rand und Band geratene
rulliihe Dorf trug das Dekret des Allruflifjdhen Zentralen Exefutiv-Komitees
 über die Organijation der Komitees der Dorfarmut,
Diefes, am 24. Juni 1918 erlafjene Dekret, fekte in Form der genannten
 Komitees den wohlhabenderen Bauern Aufpaffer hin, die das
Recht erhielten, Getreide, Gegenitände des tägliden Bedarfs, Jowie
JandwirtiHaftlide Maldinen zu bejdhlagnahmen und die Srtliden Berpflegungsorgane
 bei der Enteignung von Getreidevorräten „der Reichen
und Wucherer“ zu unterftüßen. DakH durch die Wirkamfkeit diejer Komitees
 oft genug gerade der tüchtigijte und fleikigite Bauer bezinträctigt
 und um die Früchte feiner Arbeit gebracht wurde und Dadurd
 wiederum zum Naclajjen feiner Leijtungen geradezu ermuntert
wurde — dürfte ohne weiteres erfichtlid jein. Nad) längerem erbitters
tem Kampfe fiegte übrigens im Dorfe nidht der von der Sowjetregiezung
 unterftüßte, im Dorf nidt zum Wohlitand gelangte Proletarier,
jondern der fekhafte Bauer — die Komitees der Dorfarmut wurden
aufgehoben.
Abgejehen von den unjidheren Rechtszujtänden auf dem Lande, den
dur) den Weltkrieg und die Kämpfe des Bürgerkrieges hHervorgerufenen
Berwültungen, den ver[hiedenen WirtjHaftsmaknahmen und ftändigen
Requifitionen für die Rote Armee leidet die rujlijde Landwirt] Haft
zegenwärtig in hohem Make an dem Mangel kandwirtjHafiliHer Maiginen
 und Geräte und Saaten. Durg den Frieden von Breit-Litowit
 verlor Rukland 472 Fabriken für landwirt[dhaftlidhe Majdinen,
ie fich in den haltijden Provinzen, Litauen, Polen und der Ufraine bejanden
 und Malcdhinen erzeugten, deren Wert 70,5% des Wertes aller
in NMußland erzeugten kandwirtjdhaftliden Majdinen ausmadte. Wenn
nun aud) die Ufraine zum größten Teil wieder erobert ijt, jo haben
diefe Fabrifen hei den nicht endenwollenden Kämpfen nod) mehr gelitten,
 als die in den Zentralgouvernements, und von der Maljdjinenhau-Yndufjtrie
 für die Landwirtjdhaft gilt dasjelbe wie von der gejamten
 Snduftrie in Sowjetrußland: fie leidet unter der Brennjtofffrife
 und unter NohHjtoffmangel, die wiederum durch die Zerüttung
 des Verkehrswejens und die finfende Produktivität der Arbeiter
 bedingt wird, zum Teil infolge deren jtändiger Unterernährung,
Rosmin ftellte auf dem erften AllrufjijdHen Kongreß der Sowjets der
Boliswirt[dhaft in Moskau (Mai, Juni 1918) feit, da für die Produktion
 der unbedinat notwendiaen landmirtichaftlihen Maldhinen und
        <pb n="73" />
        — 6 —

Geräte — 14667000 Pud Metall nötig wären und erflärte, daß die
Finanzierung des Baues der erforderlihHen Maldinen 400 000000 Rubel
erheijdhen würde, Gegenwärtig wijjen wir, dakz die erforderliHe Metallmenge
 nicht angeführt worden ijt und die in Frage Iommende Indultrie
auch) nit annähernd die allerdringendjten Anjprüche befriedigen Konnte,
Dabei fehlten [Hon im Jahre 1918 gegen 300000 Pflüge und gegen
3000000 Senjen dem europäijden Rukland, ohne Ukraine.
Neben dem Mangel an landwirt/hHaftlihHen Maljdinen und Geräten
 ijt das Fehlen der erforderlidgen . Mengen von Saatkorn und
jonitigem Samen bemerfenswert. Zur Beurteilung der Sacdlage muß
in Betracht gezogen werden, daß vor dem Kriege große Mengen
Saaten, jpeziell aus Dänemark eingeführt wurden. Diefe Einfuhr fehlt
jegt volljtändig. Im Frühjahr 1919 benötigte allein der Kreis Brjanjt
des Gouvernements Drei 150000 Pud Sommerkornfaaten, die von
der Sowjetregierung nicht be[hafft werden konnten. Ähnlich fieht es
in den meilten Zentralgouvernements aus, EndlidH darf nicht vergeffen
werden, daß gegenwärtig jeglide Einfuhr Fünltlidher Düngmittel
fehlt. Gewikß fpielte in der rullijden LandwirtjdHaft der Künitlide Dünger
 aud) nicht annähernd die Rolle, wie in der deutjHen Landwirtjdhaft.
 Immerhin wurden im Jahre 1913 in der rullifdhen Landwirtidaft
 42425000 Bud mineralijdjer Düngemittel*) (Chilijalpeter, Superphosphat,
 Thomasidlade, Kainit ujw.) verbraucht, hiervon waren
allein 31070000 Bud aus dem Auslande eingeführt und 11355000
Bud in Rukland hHergeftellt, Im Jahre 1916 wurden in Rußland nur
700000 Bud Superphosphat gewonnen, [tatt der 7000000 Bud im
Jahre 1913. Die Einfuhr Jank in der angeführten Zeit von 12000000
Pud auf Null. Hierbei ijft in Betracht zu ziehen, daß nicht allein die
Landwirt] haft der baltijdHen Provinzen und Polens — die ja für
Sowjetrukland verloren gegangen find — die fünftliden Düngemittel
in hohem Make anwandte, fondern aud auf Grokrußland immerhin
 15—18000000 Bud entfielen und der Zuderrübenrayon der
Ufraine gegen 4000000 Bud benötigte. Nady dem Vortrage Balilewitjdhs
 gelangte auf dem KongreH eine Nefolution zur Annahme, deren
erjter Punkt fejtjtellt, dak in den nächiten Yahren ein Sinken der
Ernteerträgniffe unvermeidlid) fei, und zwar infolge fHlechterer
 Bearbeitung des Bodens, BVerichlechterung der Saaten und ge
tfingerer Düngung der Äder,
Bon größtem Interelje ijt der Stand des FladHsanbaues in
der Sowjetrepublik, befonders angefichts dejjen, daß man noch jünglt
in gewiljen Kreilen Deutidhlands aroke, übrigens völlig unberechtiate

*) Val. den Vortrag von BalilewitfdH auf dem erlten Kongreß der Sowjets
 der Volkswirtidhaft. Konarekbericht S. 446 ff.
        <pb n="74" />
        _ 64 —

Hoffnungen bezüglid einer baldigen Flacdhsausfuhr aus Sowjetruß-[and
 nad) Deutjdland äußerte. Überaus interejjante Angaben über
diefen Gegenjtand enthielt ein Aufjakg von Boldyrew: „Die Ausfidhten
der Fladhsausfuhr aus Rußland *).“ Laut Boldyrew verlor Rußland
durd) den Frieden von Breit-Litowjt von den 27 Fladhs anbauenden
europäijden Gouvernements 11. In diefen ‚abgetretenen der hefjekten
elf Gouvernements (Litauen, Weikrukland, Baltikum), wurden 1914
— 7566600 Bud Flacdhs geerntet, oder 42,5% der Fladhsernte der
27 Fladhs anbauenden Gouvernements des europäijden KRuklands. In
den 16 FladHs anbauenden europäifjhen Gouvernements, die Rußland
verblieben waren, wurden 1914 — 10209300 Bud Flads geerntet.
In dem legten Jahre vor dem Kriege 1913 betrug die mit Fladhs angebaute
 Fläde in ganz Rukland laut Daten des Statijtijlden Zentralfomitees
 1515494 Dekjatinen und die Gejamternte 51468000 Pud.
Dies ijt eine Mekordziffer, die vorher nie erreidt worden ijt (1912
wurden 48800000 Bud geerntet). Die Rekordziffer der Fladjsausfuhr
 aus Rußland betrug 19300000 Pud im Werte von 107 500 000
Rubel im Jahre 1912. Bon da an fällt die Fladhsausfuhr und be.
trug 1916 nur 6300000 Bud. 1917 ijt eine Steigerung zu bhbemerten,
da 8400000 Bud Flacdhs zur Ausfuhr gelangten, von denen allein nad)
England 5348853 Pud ver[hifft wurden. Im Iahre 1918 Dhatte
die Flachsabteilung des Sowjets für Außenhandel von den aus dem
Nahre 1917 ins Jahr 1918 übernommenen 12000 000 Pud Rejtbeftänden
 an Flachs, 4,5 Millionen Bud zur Ausfuhr beftimmt, 4,5 Millionen
Bud [ollten der rullijden Yndujtrie zur Verarbeitung übergeben werden,
 während 3 Millionen Pud einen Refervefond für die ruflilche
Snduftrie bilden follte, Und nun die weitere Entwidlung. Einige
wenige Daten aus bolidhewijtijldHer Quelle iNuftrieren fie befjer als die
[ängiten Abhandlungen. Der Oberjte Sowjet der Volfswirt/dhaft hat
im Sahre 1919 insgefamt 5500000 Bud Fladhs aufgebracht**). Über
die Ausfichten der ruljilden Fladhsproduktion äußerte fih Rykow auf
dem 3. Kongreß der Sowjets der Boliswirtiqhaft (Moskau 22.—25. Ja-Aauar
 1920) u. a.:
„Die Fladhsanbauflädge ijt nad) annähernden und ungenauen Angaben
 gegen früher um 30% zurüdgegangen. (Welder Zeitpunkt
ijt bier mit ‚früher‘ zu verftehen, die Vorkriegszeit oder die Zeit vor
Beginn der holjdhewiltijden Herrihaft? Der Verf.) Früher betrug
Rußlands Flacdhsertrag 20 und mehr Millionen Pud. (‚Früher‘ hat
der Fladhsertrag Ruklands au mehr als 50 Millionen Pud betragen,
jo 1913, allein in den 27 europäilhen Fladhs bauenden Gouvernements
*) Bote des VBolistiommiffariats für Handel und Indultrie, Heft 3/4,
Iult 1918,
**) Qaut WB. Miliutin. Val. Rulfliighe Korrelpondenz Nr. 8/9, Yunt 1920.
        <pb n="75" />
        yurden 1913 über 36 Millionen Pud geerntet. Der BVBerf.). 1918 gelang
5 uns etwa 5 Millionen Pud Fladhs zu ernten, die Erträge von 1919
und 1920 blieben jedoch bei weitem Hinter diejer Zahl zurüd, 1918
Hatten. wir im ganzen 4350000 Bud aufgebradgt und wir rechneten
diejes Yahr mit einem bejjeren Ertrag für Ddiejes Yahr, um wenigitens
 zum Teil den Ausfall an Baumwolle zu deden. AWber [Hon die
arjten Wintermonate — Dezember und Sanuar — offenbarten einen
itarien Rüdgang der Ernte...
Die vorhandenen Fladhsvorräte reiden aus für acht Monate, viel-(eidht
 fogar für ein Jahr. Wir Können aber feine großen Mengen
an das Ausland abgeben, und die Fatajltrophale Verringerung
des Ertrages gegenüber 1918 läkt die Befürchtung auffommen, dak
die Leineninduftrie im Yahre 1920 inbezug auf Flacdhs die gleiche Krije
wird durdmaden müffen, wie die Textilinduftrie inbezug auf Baumwolle
 *).“

Die Lage der ruflijdhen Landwirtidhaft nad) den mehr als 21% Yah-‚en
 bolidhewiftijder Herrihaft ijt als überaus ernit zu bezeichnen,
Bon einer Steigerung der Produktion, die angeblid eine Folge fommunijtijdjer
 Wirtjdhaft fein fol, Tann, wie wir fjahen, auf einem
Gebiete der Landwirtjhaft gefprodhen werden, aud) nit auf dem der
Biehzucht**), die in den vorjtehenden Zeilen nicht näher behandelt
yorbden it — die aber jelbjt nad bolihewifjtijdhen Quellen nidht minder
 als die anderen Zweige der LandwirtjHaft gelitten Hat. (Seuchen,
Requifitionen, Fehlen von Arbeitskräften ujw.) Die von der Sowjetregierung
 zur Hebung der LandwirtjHaft ergriffenen Maßnahmen haben
m allgemeinen verfagt. Dies gilt u. a. aud) für das Dekret des
Sowjets der VBolisiommifjfjare über die Vergrößerung der Saatfläche,
Xrgendwelde Erfolge diejes Dekreis, das einen befonderen Landjond
 im Nahre 1920 aus bradliegenben Adern Ihaffen und die
Bodenfläden auf Koften des Staates bewirtfhaften wollte, find biss
her nit gemeldet worden. Auch die bereits auf dem erjten Kongreß
der Sowjets der Boltswirtjhaft befhloffene Schaffung einer AUNrufliiden
 Inititution zur Verjorgung der Landwirte mit Inventar,
Saaten und fünitligen Dungmitteln hat keine nennenswerte YUbs
hilfe gebracht. Die Verpflegung der Bevölferung if, wie übereinimmend
 von Augenzeugen berichtet wird und wie ih aus bolidhes
nijtilden Zeitungen jederzeit nadweijen läßt, nad) wie vor derartig,
daß von einer [tändigen Unterernährung gelproden werden kann. Ob
— Kufliiche Korrefpondenz Nr. 5, März 1920.
**) „Nuch die Viehzucht hat in legter Zeit fehr gelitten“ heikt es in einer
Relolution des Allr. Zentralen Exekutiv-Komitees vom Februar 1920,
Die mirticdhaftlihe Aukunft des Ditens
        <pb n="76" />
        - 66 —

bie mangelhafte VBerjorgung mit Lebensmitteln, wie einzelne bolidewijtijde
 Stimmen berichten, tatfäcdlid einzig und allein auf die Zerrüttung
 des Verkehrswejens zurüdzuführen ijt und an und für fi
»ben noch, d. h. im Jahre 1920, genügend Lebensmittel vorhanden
ind — ijt äußer[t [Hwer zu ent]Heiden. YWber jelbjit wenn dieje An:
idauung zutreffend Jein follte, ijt in Betracht zu ziehen, dak ja die
gewaltigen Mengen an Getreide, die früher ausgeführt wurden (von
L909 bis 1913 jährlid) etwa 600 Millionen Pud), gegenwärtig im
Bande verblieben find. WahrlidH wenig erfreulide Ausfidhten für eine
fommende Getreideausfuhr. Und es ijft wirklid nidHt imponierend,
wenn das Kommiljariat für das Verpflegungswejen laut der „Ekonomit]/ejfaja
 Shifn‘“ berichtet, da in der Zeit vom 1. Auguljt bis
L. Dezember 1919 gegen 58 Millionen Pud Getreide, gegen 7 Millionen
Bud Mehl und annähernd 10 Millionen Pud Futtermittel von ihm
gejammelt feien, wo vor dem Kriege allein der adlige Großgrunde
beliß gegen 200 Millionen Pud Roggen und Weizen auf den Markt
drachte. . ; r
M. Broniki jagt in jeinem bereits erwähnten Auffaß u. a.: „Die
Agrarrevolution in Rukland ift wie jede Revolution in erfter
Linie die Vernidhtung der alten Grundlagen und erjt Jpäter erfolgt
der Prozek der Wiedergeburt.“ Diefes „Jpäter“ ijt in der ruflijdhen
Landwirt|dHaft jedenfalls no nicht eingetreten, von einer Erneuerung,
zinem Wiederaufbau, einer Wiedergeburt kann hier fürs erlte nidt
die Nede fein.
2, Das VBerkehrgwelen

Das gejamte Verkehrswejen, die See und Binnen[hHiffahrt,
jowie das Eijenbahnwefen find in Rußland nationalijiert, Privatahnen
 gibt es ebenjo wenig, wie eine private Schiffahrt. Das Deiret
 des Sowjets der Bolkstommifjare vom 8. Februar 1918 ordnete
die Nationalijierung der gejamten Handelsflotte an, alle Schiffe, fowohl
 Seejdhiffe, wie aud) alle Fahrzeuge der Binnenjhiffahrt, die
Aitiengefelljidaften, Handelsgefelljdhaften, oder anderen Gejellidhaften,
Towie einzelnen Unternehmern gehörten, gingen in das Eigentum der
Sowjetrepublit über, Nur KNeine Fahrzeuge, die dem Eigentümer
An Ezxijtenzminimum gewährten, und Walfildhfänger wurden von der
Nationalifierung ausgenommen. Mit der Verwaltung der nationalilierten
 See- und Flukflotte wurde dur Verfügung vom 18. März
1918 die Abteilung für Wafjer-Verkehrswejen beim Oberjten Sowjet
der Volkswirtjdhaft betraut. Diejer Abteilung wurde Mitte April
eine befondere aus 22 Perjonen bejtehende Organifation unterftellt, die
die Bezeidhnung „Verwaltung des Kafpi-Wolga-Marien{yjtems (Kawomar)‘“
 erhielt, und der die Verwaltung der nationalijierten Flotte,
        <pb n="77" />
        — 67 —

die Kontrolle des Frachten- und Perfonenverfehrs auf dem Kafpimeer,
 der Wolga und deren Nebenflüjjen und längs dem Marienkanalfyjtem*)
 zur Aufgabe gemadt wurde, Durdh |pätere Reformen wurde
die Verwaltung der nationalifierten Flotte vereinfacht, indem eine aus
nur fünf Perjonen beftehende Organijation ge[Haffen wurde, der drei
Vertreter des Oberften Sowjets der VBolkswirtidhaft und zwei Ver.
treter der Zentralorganijation der UWrbeiter des Wajlertransports angehörten.
 Die Nationalijierung der Flotte Kojtete der Sowjetregierung
bis zum Mai 1918 bereits 178675000 Rubel, nationaliliert wurden
1918 und 1919 insgefamt 16000 Schiffe, Leichter ujw. Rykow jagte
auf dem erfjten Kongreß des Sowjets der VBoliswirt|dhaft wörtlich:
„Wir Haben jet eine gewaltige zur Arbeit bereite Flotte, aber bes
dauerlidherweije keine Fradten. Im Gegenjag. zu den Eijenbahnen,
die nicht imfjtande find, die Frachten, die [ie befördern follen, zu be&amp;gt;
fördern, hat der Walfertransport nidht genügend Fracten 3zUr Ber
förderung **).“
Mie es gegenwärtig mit der nationalifierten Binnen[Hijfahrt be»
jtellt ijt, gebt aus einem überaus lejenswerten Aufjage der „EionomittiHefaja
 Shijn‘“ (Nr. 46 vom 29. Februar 1920) hervor, der zwar
jpeziell von der Lage im Wolga-Kama-Bafjjin Handelt, jedoch
au für andere Gebiete MHarakterijtijd fein dürfte. Dana follte in
der in diefem Frühjahr begonnenen Navigationsperiode das Wolga-Kama-Balilin
 über 134 Fradt- und Palfagierdampfer, 450 Schlepper
und 850 Leichter verfügen. Es war vorgejehen, mit diejer Tonnage
fAlußaufs und „abwärts zu verfradten im Mai-Yuni 157,5 Millionen
Bud, Iuki-Augult 69,6 und September-Oktober 91,9 Millionen Pud,
insgefamt alfo 319 Millionen Pud. Trogdem die Ladefähigkeit der
Hlotte Jidh für Mai- Juni in der „beträctliden“ Ziffer von 157,5 Mile
fionen Bud ausdrücte, [jo äußert doch die „Eionomitjdhejfaja Shin“
Bedenken hezüglidh der Navigationsperiode 1920 und fürchtet, daß
fi dasfelbe Bild wiederholen werde wie im Iahre 1919! Und es
erweift fig) dann, daß im Yahre 1919 von 1307 Dampfern, die im
Winterhafen überwintert hatten und 1190 in Reparatur befindlidhen
zu Beginn der Navigation 999 repariert waren; für Motorjdhiffe find
die entipredenden Zahlen 136, 103 und 76, für Baggermajdhinen 53,
53 und 42, für Leichter 3878, 2631 und 1378. Verfrachtet wurde nur
1/, der zur Berfradhtung beftimmten Güter, d. h. die Pläne der Zentralbehörde
 wurden annähernd nur zu 33% verwirklicht. Dafür wurden
aber 112 Millionen Pud folder Güter verfrachtet, die im Verfrachtungsplan
 nicht vorgejehen waren und der Laderaum der Leichter
*) Das die Newa über Swir, Onegafee ujw. mit der Wolga verbindet.
N 03) Val. Bericht des erften Kongreiffes der Sowjets der Bolkswirtidhaft,
u in
        <pb n="78" />
        - 68 —

yeniger als zur Hälfte ausgenußt. — Dieje geringe BVerrractung
 habe einen unrationellen Berbraudy von Heizmaterial und
Schmierölen, Jowie eine unrationelle Hin- und Herbewegung der Hahrjeuge
 zur Folge gehabt. Der Bericht führt dieje ErJdheinungen darauf
zurüd, daß in den Häfen nicht die erforderliden Güter vorhanden
waren und man genötigt war, diejenigen Güter zu verfrachten, die gecabde
 da waren, aukßerdem habe die Bejdhlagnahmung der Dampfer
und Leiter durch militärijdhe Stellen hHindernd gewirkt, Die Lage
bes Eifenbahnwejens fei eine derartige, dak feine Entlajtung dur eine
möglidhijt große Verfradhtung auf dem Wafferwege mit allen Mitteln
 anzujtreben fei. Der Bedarf an Heizmaterial für die Flotte im
Wolga-Kama-Baijlin für 1920 wird mit 700005 Kubiffaden Holz
ınd 840000 Bud Naphtha angegeben, wobei der Bericht Iakoni[d
jermerft, daß die Verjorgung mit NMaphtha ausfjHlieklid) davon abjängt,
 ob „wir Naphtha aus Bakıu bekommen werden oder nidt,
da mit einer Zufuhr von NMaphtha aus anderen RMayons kaum zu
rechnen ijt“. Unterdeffen ijt Ende April in Baku die alte AWierbeid-"Hanige
 Regierung gejtürzt worden und an ihre Stelle eine Sowjettegierung
 getreten, und in der Macht vom 27, auf den 28. AWpril jind
‘ullilde Sowjettruppen in die Stadt eingezogen. Erbeutet wurden
300.000 Bud Benzin, 28 Millionen Pud Petroleum, 19 Millionen Bud
Mazut und 18 Millionen Pud RohHnaphtha ujw. Wieviel von diejen
Borräten den Bolldhewijten gelingen wird, abzutransportieren, bleibe
ahingeftellt. Bekannt geworden ijt nur, daß laut der Petersburger
„Prawda“ am 3. Iuni die erften Schiffe die Wolgaftadt Saratow mit
30000 Bud Naphtha und 50000 Bud Betroleum in nördlicher Rid)-tung
 pallierten,
Für die Verkehrsverhältniffe auf den Wafjerjftraken Sowjetrußlands
 ijt eine Verfügung des Vorfigenden des „Sowjets der UArbeit
 und Landesverteidigung“, MW. Uljanow (Lenin), überaus
Haralkterijtild. Laut diefer Verfügung *) befiken das „Recht“ der Fahrt
auf den Walfjerftraken der Sowjetrepublit: 1. Sowjetbeamte, die in
dringenden Dienjtangelegenheiten fahren; 2. Sowjetbeamte und ihre
Familienangehörigen im Falle einer Verfegung an einen anderen Dienftart;
 3. Rotarmijten, die Urlaub erhalten Haben; 4. Privatperfonen nur
im Falle a) des Todes eines Familienangehörigen, b) im Falle [Hwerer
Erfraniungen, die eine Behandlung in bejtimmten Ortjhaften erfor:
dern, jedody nur nad) Vorweis entjpredhender ärztlidHer Zeugnijfe, —
Dur eine Anmerkung wird dann erflärt, da aud) beurlaubte Beamte
5as Recht der Wahrt genieken! —

*
*) Dattiert vom 15. April 1920, veröffentliHt in Nr. 93 der Isweltija
vom 1. Mat 1920.
        <pb n="79" />
        659 —

ATz

1D

Bl
uf
en

Je
"or

ige
ne
tim

ol3
19
ıbht,

zu
(DD
etnd

Jen
400
jen
‘be
zer
mit
id

uB-I:

IuUS
5rt
in
re
alt:
33T
‚rer
IT:

ante

{tia

Bor dem Kriege befaß Rukland ein Eifjfenbahnneg von etwa
58000 km, mithin gegen 112 km auf 10000 qkm, während in Deut[dhland
 auf 10000 qkm etwa 1160 km fommen. Über die gegenwärtige
Ausdehnung des rujliflden Eijenbahnneges liegen feine abjolut zuverläffigen
 Daten vor. Nad mit VBorfiht aufzunehmenden Angaben der
„Eionomitfdheffaja Shifn“ betrug die Länge des Eijenbahnnekes der
Sowijetrepublit im April 1920 — 53257 Werjt (1 Werjt = 1,06 km).
— Die Zerrüttung des rullilden Eifenbahnwejens datiert nidHt von
Heute, Jie hat jhon während des Weltirieges begonnen. Bereits im
Sanuar und Februar 1917 wurde über ein rapides‘ Anjdwellen der
Zahl der nicht betriebsfähigen Lokomotiven und Eijenbahnwagen geffagt.
 Die Märzrevolution brachte einen weiteren Verfall des Eijenbahnwefens.
 Diejer Verfall trat nad) der holidhewijtijden Revolution
hejonders Irak zutage und zeigte fi neben einer zunehmenden UAbnußung
 des rollenden Materials, in Beforgnis erregender Abnahme
der Heizmaterialvorräte, völliger Berftopfung einzelner Eijenbahninotenpunkte
 und ftellenweijer Einjtellung jeglider Arbeit in den Reparaturwerfitätten.
 Die Zahl der „Franken“, d. h. nicht betriebsfähigen Lokpmotiven
 betrug laut dem Blatte „Najh Wei“*), dem Organ der Kadetten
 (Konftitutionelle Demokraten), am 1. Oktober alten Stils 1917
bereits 5551 und ftieg am 1. November a. St. desjelben Yahres auf
5975, Die Gejamtverladung hinter der Front, die von April bis Oktober
 tägligy durdhjehnittlidh 19500 Waggons betragen Hatte, fiel im
Oftober auf 16627 und im November auf 14224 Waggons pro Tag.
Der Rüdgang für zehn Monate betrug 2400000 Waggons, im Monat
November, d. h. dem eriten Monat nad) der boljdhewijtijdhen Revolution
 betrug er 500000 Waggons. In den Depots und Werfkitätten
Häuften fig die Dieb jtähle, ganze Züge mit Lebensmitteln wurden
ausgeraubt, Bahnhöfe überfallen und in Brand gejtedt, Über die
Entwidlung, die diefer Berfall des Eijenbahnwefjens feitdem genommen
hat, Ionnte Rykow auf dem dritten Kongreß der Sowjets der Boliswirtidhaft
 im Sanuar 1920 ein wenig anziehendes Bild entwerfen.
Während au in den [Hlimmiten Zeiten die Zahl der nicht hetriebsfähigen
 Lokomotiven nie mehr als 15% betragen habe, 3ähle man
jeßt zu Beginn des Yahres 1920 in der Sowjetrepublit 59,5% „‚Franfer“
 Lokomotiven. Au die Zahl der Infjtandjekungen von reparaturbedürftigen
 Lokomotiven [infe rapide. Vor dem Kriege habe die
Zahl der reparierten Lokomotiven 8% betragen, nad) der boljdhewiftijden
 Nevolution fjei diejer Prozentfag bis auf 1% gejunien. Die Zahl
der wieder injtand gefeßten Lokomotiven helaufe fi jeBt auf 2%. Ryiow
 fagt u. a. wörtlich:

*) Nr, 26 vom 13. Yanuar 1918,
        <pb n="80" />
        — 10 —

„Bei dem heutigen Zufjtande des Eijenbahntransportwefens
find fo oft Ausbelferungen an den Lokomotiven notwendig, daß
die Reparaturwerkjtätten gar nicht nadfiommen fönnen. Bon
Monat zu Monat verringert [id bei uns die abjolute
Zahl der Lokomotiven gegenüber dem Bormonat um
200. Wir müffen die Reparaturen von 2% auf 10% jteigern, um
die weitere EinjHräniung und Zerrüttung des CEijenbahHntransportes
 aufzuhalten, um wenigjtens den jegigen Zuftand aufrecht
zu erhalten. Für die breiten Maljen der Bevölkerung, die Bauern
und Arbeiter von Sowjetrukland bedeuten dieje Zahlen, daß Teines
 der drei Gebiete, weder das Getreide-, nod) das Rohitoff- und
Brennftoffgebiet, die fih infolge der Siege von Sowjetrukland die-[em
 ange[Hlofjen haben, ausgenüßt werden fönnen.“
Die Gejamtzahl der hetriebsfähigen Lokomotiven, über die Sowjetrußland
 Ende Hanuar diejes Yahres verfügte, werden in boljdhewilti-[den
 Blättern mit 2775 angegeben. Dieje Ziffer wird Dielleidht
mandjem als genügend groß erjdheinen, wenn man jedod) das DVerhältnis
 der betriebsfähigen Lokomotiven mit der Exploitationsjtrede
vergleicht, zeigt [id mit völliger Klarheit, daß dies nicht der Fall it.
Laut „Efonomitihelaja Shijn‘“*) entfielen auf 100 Werft Bahnitrede
betriebsfähige Lokomotiven:
1916. ... --.
1917. .
1918 .
1919. . .
1920 (SXanuar)

Auf 100 Merft Bahnjtrede entfielen betriebsfähige Waggons:

1916 .
1917 ;
1918 .
1919. . .
1920 (Sanuar)

799 —852
702—1106
828— 1151
804 (Januar) bis 604 (Dezember)
205

Um 22. Sanuar 1920 waren 5594 nidhtbetriebsfähige Lokomotiven
 vorhanden, von denen 1139 eine Kapitalausbefferung, 2076 eine
mittlere und 2379 geringere Ausbejjerungen erforderten.
Sn einem „die ArbeitspflidHt und die Wiederheritellung des Berfehrswefjens“
 über]driebenen Auffake in derfelben Nummer der „Eifonomit{deffaja
 Shifn“ werden zur Rettung aus der Katajtrophalen Lage
u. a. folgende Maknahmen gefordert: Planmäßige, hinreidende Verforaung
 der Eifenbahnen mit Brennitoffen, beidhleunigte Ausbefierung

*) Nr."40 vom 22. Februar 1920.
        <pb n="81" />
        71

nS
aB
an

©

m

‚m

5=dt

in
2-1D


10=ıf=



ht
1Tde

lt.
de

D=z

ne

20:
‚Dge


Ms
„q

und Reinigung der Streden, zahlenmäkige und qualitative Erhöhung
des Perfonalbeftandes und vor allem bejdHleunigte AWusbefferung
 und bejdleunigter Neubau des vollen Materials. Zur Bekämpfung
der Schhneewehen werden 30000 Mann gefordert, ebenfoviel fofort
zur Wiederherjtelung der Strede, zur Ergänzung des Perfonalbeftandes
 der Eijenbahnen 21000 und zur Reparatur des tollenden Materials
in den Hauptwerfjtätten 12000 Mann, 35000 weitere Perjonen für
bie nädjten Reparaturaufgaben und 90000 Mann für AWusbefferungen
ber Strede in zweiter Linie,
Die Iatajltrophale Lage des Eijenbahnwejens hat die Sowjetregierung
 zu einer Reihe überaus energifder MaknahHmen zur „Wiederherftellung
 des Transports“ veranlakt. Überall [ind Überftunden
eingeführt worden, Prämien, in Geld und Erhöhung der Brotration
beftehend, jJollen die mit der NMeparatur des rollenden Materials be:
[Häftigten Arbeiter zu größeren Leijtungen anjpornen, befondere ‚„,Woden
 des Transportes“, die Überftundenarbeit an den „„fommunijtijldhen‘“
Samstagen („Subotniki“) und jelbjt Sonntagen („Woßkirekniki‘“), follen
Abhilfe. JHaffen. Seit dem März Hat eine hefonders intenfive Arbeit
auf biefem Gebiet eingejeßt. Ein ab[Oliekendes Urteil über die bisherigen
 Ergebnijje Iäkt fiH auf Grund der bis Ende Yuni bekannt ge
wordenen Daten nidt fällen, wobei jedoch bemerkt jei, dak die meiften
dol[hewiftijden Nadridhten in Iekter Zeit durchaus optimijtijd lauten.
Auch der vom AllrufjijhHen Zentralen Exekutiv-Komitee am 3. Februar
d. 3. gefahte Be[hluk über die Einführung der Allgemeinen Arbeitspflidt
 war mit durd) die zuneHmende Zerrüttung des Ber.
fehrswefens veranlakt worden. Geltüßt auf diefes Gejeb, das die
zwangsweije Heranziehung der Bevölkerung zu einmaligen
 ober periodijd) wiederkehrenden Arbeiten ver]dhiedenjter Art ge-Itattete,
 Hoffte die Sowjetregierung im Berkehrswefjen, hei der Lebens:
mittelverforgung und bei der HeranjdHaffung von Heizmaterial die
dringendjten AWrbeiten erledigen zu können. Die Zwangsmobilijation
der Bevölkerung, die Militarifierung der Arbeit, das Streikverbot
bei zehn-, zwölf» und mehrjtündigem Arbeitstag, verbunden mit dem
jedenfalls nidhtmarziftijden Syftem bejonderer Brotprämien und ver»
doppelter Zahlung für erzwungene Überftunden bei gleichzeitiger Androhung
 der Entziehung oder Kürzung der Lebensmittelrationen bei
Nichterfüllung der geforderten Leijtung — Haben ohne Frage, be
gonnen mit dem Februar — in der Sowjetrepublit eine Steigerung
der Produktivität der Arbeit gerade im Eijenbahnverkehrswefen hervorgerufen.
 Bemerkt werden muß Hierbei, da natürlidH au die Ars
beiter[dhaft id) der gefahrvollen Lage, in die fie eine endgültige Lahm:
legung des Eijenbahnverfehrs bringen mußte, bewukt war, denn Stokfung
 des Eijenbahnverkehrs bedeutet in feinem Lande Io fehr wie in
        <pb n="82" />
        12 —

Sowjetrukland — den Hungertvod. Gerade in diefe Zeit der Intenjiven
 Arbeit zur Wiederherjtellung des normalen Eijenbahnverfehrs
fällt der polnifdHe Einfall nad Rußland. Es it far, dakz der
polniidje Raubzug, für den in Deutjdhland bei aller Verurteilung bolihewijtilder
 Herrihaftsmethoden vernünftigerweife nicht die geringfite
Sympathie zu finden ijt, die Arbeiten zur Wiederherftelung des Eijenbahntransports
 jtarf beeinträdtigt hat, Taujende von Arbeitern, Die
mit der Ausbelferung von Waggons und Lokomotiven bejdhäftigt waren,
wurden nun mobilifiert und die mit Eifenbahnarbeiten beldhäftigten
Rotarmifjtenformationen, aus denen ganze AUrbeitsarmeen gebildet
worden waren, mußten nun wieder zur Flinte greifen, Die Lage des
Berfehrsweiens bleibt daher für die Sowjetrepublit überaus Iritildh.
        <pb n="83" />
        1

5
x

[=te



{=ie



1,

mm
ef
eS
h

Das Siedlungsgebiet der Großruffen
Bon Y. Riefe

Sn alten Zeiten hatten nordgermanifhe Fürften mit ihrem Gefolge
 ihre Herrihaft über die ugro-finnijden und Nawijden Stämme
des ofteuropäifdhen Fladlandes von Nowgorod am Woldow bis Kiew
am Dnjepr und noch weiter nad) Süden aufgeridhtet und [ih in den
Belibß des Landes geteilt. Die Sage vom nordijden Waräger-Fürften
Rurik ijt bekannt; mit feiner jogenannten Berufung, im Lande zu
herrichen und dort die Ordnung hHerzuftellen (um das Yahr 862 n. Chr.),
beginnt gewöhnlich die offizielle rufjilde Gejhidhtsfhreibung. „„Rodjen“
wurden Rurik und feine Mannen genannt (in der ugro-finnijden Sprache
der Eiten von Heute: Roots = der Schwede), daher kommen die [päteven
 Bezeidhnungen: Rufjfen und Rußland.
Die Herr/dhaft der nordijhen Fürftengefchlechter, die auf dem
gewonnenen Boden einwurzelten, dauerte bis zum Einfalle der Tartaren,
die von Olten her das Land eroberten. Wie eine wilde Flut wälzten
fie [ih weitwärts, und er]t die Schladht bei Liegnig (1241) febte
ihrem weiteren Bordringen ein Ziel. Die große Ebene Olteuropas
aber verfiel der tatarijdHen Herrjchaft, als „Mongolenjodh‘“ in der
tulfiidhen Gedichte bekannt. Nur die demokratijdHen Wahlfürftentümer
Nowgorod und Pleskau (Pitow) wahrten ihre Selbjtändigkeit; ]o
weit nad) Norden reichte die tatarijde Macht nidht. Im übrigen Ruß:
[and aber war jie dejto fühlbarer. Die Fürften des Landes, fo weit
Jie den erjten Mongolenjturm überlebt hatten, wurden nun zu Vajallen
der „Goldenen Horde‘, wie der Herrihaftsjig der Tataren genannt
wurde; fie und die Umgebung der Fürfjtenhöfe nahmen tatarijdhe Sitten
und Gebräuge an und wurden zu Vollitredern der tatarijden Willfürherr{dhaft.
 Diejer Zuftand dauerte über zwei Jahrhunderte lang,
und das rujliidhe Bolk hat die tiefen, Kulturellen und fittlidHen Schäden
diejer Zeit bis auf den heutigen Tag nidHt überwunden.
Dem tatarijden Vafjallenfürftentum Moskau gelang es mit
Hilfe der tatarijden Oberherren, fein Gebiet auf Kofjten anderer
VBajallenfürftentümer im Laufe der Zeit auszubreiten und, fo erftarkt,
IOlieklid) den tatarilden Herridern den Gehorfam zu kündigen. Dieles
        <pb n="84" />
        PA

gelhah jedoch erft endgültig unter dem SGrokfürften von Moskau
Swan III. (geft. 1505), nachdem die Goldene Horde, innerlid) verfault,
 fon in mehrere Teile zerfallen war. Die Herrjdhaft über Rukz-[and
 ging auf Moskau über, und von da ab beginnt die eigentliche
Geldhichte des Rulffjiidhen Reiches.
Der felbjtändig gewordene MoskowitijHe Staat unterwarf lid
nun im Laufe der Jahrhunderte die umliegenden Gebiete und Länder.
Eine neue Epodje der Geldhihte des von Moskau ausgehend ent
jtandenen Ruklands beginnt mit Peter dem Großen (geft. 1725). Man
hat dieje rulfijdhe Ge[hidhtsepodhe aud) die „CEuropäijdhe‘ genannt. Der
Schwerpunit des Staates wurde aus Moskau nad) dem von Peter
dem Großen gegründeten St. Petersburg, aus dem Zentrum des
Riefenreidhes in die wefjtlide Peripherie verlegt. In diejer Cpodhe wurden
 die Eroberungen, die Moskau begonnen, fortgejeßt, jJowohl nad)
Welten wie audHy nad) Süden und Olten, und das RujlijdHe Reich jtieg
zur Weltmacht empor, das ein Sechjtel der Landoberfläde unteres
Planeten bededte.
Über das fortidhreitende Wadhstum des Moskauer Staates und
jpäter des Ruflijden Katfjerreidhes gibt folgende Hronologiidhe Zujammenitellung
 einen allgemeinen Überblid:
Ab{Hüttelung des Tatarenjodhs
Eroberung von Nowgorob
Eroberung von Kafan
Eroberung von AWljtradhan
Bertrag von PerejaslawI } Angliederung der Oftukraine bis zum
riede von Andruffow Dnjepr.
Beginn der Eroberung Sihbiriens
Friede von Nyftad — Anerkennung der Gewinnung von Ingermannland
(1701) und Livland und Ejtland (1710)
(res n be ab | Gewinnung Weikruklands, der Weit-Ukraine
1795 III. Teilung Polens ws Sans,
1795 Angliederung von Kurland
1784 Beendigung der Eroberung der Krim und der Schhwarzmeerkteppe
1809 Friede von Fredrifsham — Angliederung Finnlands
1812 (—1878) Eroberung Befjarabiens
1815 Gewinnung Kongreßpolens
1859 Wbihluß der Unterwerfung der Kaukajus-Bergvölter
Im 19, Jahrhundert fortidhreitendes Bordringen in Mittelalien
1878 Geminnung von Kars, Batum, Ardahan.

Über das Fortjdhreiten des Flädenwacdstums des grokrullildhen
Herr{haftsbereidhs gibt €. Schulke in der „Europäijdhen Staats- und
Wirtidhafts- Zeitung“ (Nr. 10—1916) folgende Überlicht:
        <pb n="85" />
        A

DH

»Y

T

Das Gebiet des
Swan II. (1505)
Swan IV, (1584)
Im Jahre 1613 .
Midael (1645)
MAezei (1676) .
Peter (1725) . . .
Elijabeth (1761) . .
Katharina IL (1796) .
Mlexander I. (1825)
1888 ,
'0i4

- 75 —
Zarenreihs betrug gegen Ende der NMegierung
gegen 40000 Geviertmeilen
75000
156 000
225000
264000
282000
320000
352000
367000
400000
4107000

Die Zaren feit Yıwan IV.:

1533—1584 Ywan IV. der Schredliche
1584—1598 eodor Iıyanowitch
1598—1613 Interregnum
1613—1645 Midhael Romanow
1645—1676 Alezei Micdhailowitfdh
1676—1682 Feodor Aexejewitich
1682—1689 Jıwan V. und Peter I.
L689—1725 Peter I. der Große
1725—1727 Statharina I.
1727—1730 Veter II.

1730—1740
'"740—1741
.741—1762
1762—1796
796—1801
‚801—-1825
1825—1855
1855—-1881
1881—-1894
1894—1917

Anna Iwanowna
Swan VI.
Eltjabeth -
Katharina II.
Paul I.
Mexander I.
Nikolaus I.
Mezxander II.
Wezxander III.
Nikolaus IL.

Die Grokrufjen bilden den zahlenmähig [tärkten Zweig des ruffi«
jden Volkes, und fie Haben aud, wie aus der vorjtehenden KIurzen
Überlicht über die Entjtehungsgefdhidhte des ruflijdhen Staates, wie er bis
zum Beginn des Weltkrieges beftand, hervorgeht, bei biefer Staatenbildung
die hervorragendjte Rolle gefpielt. Die ruljlijdhe Sprade, die offizielle
Reichs|prache, ijt die diejes Stammes des rulfijden Bolfes. Der Name
„Sroßrufje“ als Bezeihnung diefes VBolisjtammes ijt freilid) verhält.
nismäßig jungen Datums und erjtmalig in einem im 17. Jahrhundert
zrlafjenen Manifejt des Zaren Alexei MidHailowithH gebraucht worden,
in dem Ddiejer [id den „Selbjtherridher Grok- und Kleinruklands“
nennt. In den allgemeinen Sprachgebrauch ijt diejfe Bezeidhnung erft
im 19. Jahrhundert übergegangen,
Als die hHiftorijden Zentren der Bildung des groHrufjifhen Bolislums
 werden das Gebiet von Nowgorod und jeine nördliden und Sftliden
 Kolonien, [owie das Gebiet der Oka, eines rechten Nebenflujfes
ber Wolga, angefehen. Iekt bilden die Gebiete um Moskau hHerum den
Kern des grokruflifgen Siedlungsgebiets, und hiftorijd hat fidhH, wie
wir gejehen von hier aus die politildHe Wusbreitung des großrullifldhen
Staatswejens, „die Sammlung des rullijdhen Landes‘, vollzogen. Wber
während es den Grokrulfen wohl gelang, Völker auf höherer oder
        <pb n="86" />
        —_ RO —

gleicher Kulturjtufe mit Waffengewalt zu unterwerfen, haben fie Iolonijatori[de
 Erfolge nur in den Teilen ihres politijdhen Mactbereicdhs
zrzielen fönnen, in denen die Iulturell ihnen unterlegenen ugro-finnilden
und türkijdh-tatariiden VBölkerjhaften Iebten, wie Hauptjädlih im Nor
den und Ojten. Hier ijt es den Grokrujfen gelungen, die Urbevölferung
teilweife zu verdrängen, teilweije in fidh aufzunehmen, wenn aud) überall
in den großru/lildgen Kolonifationsgebieten noch gejhlojfene Siedlungen
der Urbevölferung erhalten geblieben find. In den Übrigen Teilen
des Reiches, wie in Finnland, im Baltikum, in Litauen, in Polen,
in der Ukraine, hat der Grokruijje nirgends wirklid fejten Fuß fallen
fönnen und lebt dort in nur geringer Anzahl als Beamter, feltener
als Kaufmann oder Handwerker.
Nach der legten offiziellen Volkszählung im Rulfijden Reiche,
die im Iahre 1897 vorgenommen wurde, gaben bei einer Gefamtbevölferung‘
 von rund 126 Millionen Menfdhen rund 56 Millionen
Ruflilh als ihre Mutterjprade an, alfo 44,3 % (Finnland nicht mitgerechnet).
 Für das Yahr 1910 wurde die Zahl der Grokrufjjen auf
71 Millionen bei einer Gejamtbevölferung von gegen 160 Millionen
angenommen. Als rein großruflijdh find die Gowvernements Wladimir,
Kofjtroma, Tula, Rjafan,. Kaluga, Yaroflaw, Orel, Moskau, Nows
gorod, Tambow, Plesiau (Pjfow), Nilhni Nowgorod, Twer, der Öjt-[ide
 Teil des Gouvernements Smolenfk und der füdlidhe Teil des Gouvernements
 MWologda anzufjehen, wo die Grokrujjen überall mehr als
90 % der Gejamtbevölferung ausmachen, in den erften fieben der ge
nannten Gouvernements jogar mehr als 99 0%. Der Prozentjaß der
SGroßrujfen war im Ternrujjijden Gouvernement Moskau ein wenig
geringer, nämlich 97,4 %, was durd) die große Anzahl der in der
Stadt Moskau lebenden Fremden zu erflären ijt. Zerftreut in vielen
diejer ausgejprodjen großruflijgen Gouvernements find MNeinere Anjiedlungen
 der ugro-finnifjden und mongolijden Urbevölferung zu finben,
 wie 3. B. die Karelen, Eliten und Ifhuden im Gouvernement
Pleskau, die Mordwinen und Tataren im Norden des Gouvernements
Tambow, die Mordwinen, TIidheremijjen und Tataren im Gouvernement
 Nifhnij Nowgorod ulw. Einen überwiegenden Teil der Bevölfezung
 bilden die Grokrujffen ferner im Gouvernement St. Petersburg
(81,9 %, in der Stadt St. Petersburg felbjt 86,5 0%), das jedoch
ein erft vom Beginn des 18. Jahrhunderts an intenjiver durdy die
Sroßrulfen Iolonijiertes Siedlungsgebiet finnijdher Bolisjtämme darjtellt,
 ferner in den Gouvernements Penfa (82,9 %o), Kurjt (77,3 %o),
Wiatia (77,4 9%), Saratow (76,7 Vo), Orenburg (70,4 9%) und vielen
anderen. Das großartigite Kolonialgebiet der Grokrufjen bildet aber
neben dem Norden des Europäijhen Rußland Sibirien, wo die Großruffen
 gegenwärtig 76,8 00 der Gefamtbevölferung ausmachen. VBor-
        <pb n="87" />
        71T —

}
]

N

1

N

ME

mn

n

Lg

)=I=





d=Tr


N

1

1=1=




iS

Pöz



Lg
d
‚te
=

),
am
er
B-5



herrfchend ijt das Grokrufjentum ebenfalls in den Gouvernements Perm,
Samara, Ajtradan. Die Donkofjafen find ebenfalls großrufjjijcher AWbtammung,
 und aud) der nördlidhe Kaukalus bildet ein großrulliihes
Kolonialgebiet.
Ganz Zentralrukland ftellt eine einfüörmige, fladje Ehene dar,
die nur im Welten, im Gouvernement Nowgorod, vom Waldai-Gebirge
(bis 313 m), einer hügeligen LandjHaft, unterbroden wird. Das Klima
ijt ausge[prodjen fontinental mit jähen Übergängen von jtarfer Kälte
im Winter zu grober Hike im Sommer. Das Gebiet zeidhnet jich,
befonders in feinen nördlidhen Teilen durch großen Waldreidhtum aus,
So bededen 3. B. die Wälder in den Gouvernements Kojtroma 61 %,
Nowgorod 54,9 %, Wladimir 48,7 %, Moskau 39 %, Nijynij Nowgor0d
 38,2 0%, Yaroflaw 32 % der Bodenfläde. In den nördlicher
gelegenen Gouvernements herriden die Nadelwälder vor, aber auch
Birtenwälder find Häufig anzutreffen. Südlider findet man auch
Eichen, Linden, Ulmen, Ahorn, Ejidhen und Schwarzerlen. Der Wert
der Wälder wird aber dur den aukerordentlidH niedrigen Stand
der Forjtwirt[dhaft, oder, richtiger gejagt, dur die fajt überall volljtändig
 fehlende Forjtwirt[haft, fowie aud) durd) den vielfad) getriebenen
rücfightslofen RMaubbau ftark vermindert. In diejer Beziehung Hat
audy die Waldjhukgejekgebung, der in der legten Zeit eine erhöhte
Aufmerffamteit gewidmet wurde, keine Befferung bringen fönnen. Wegen
bes in Nord und Zentralrußland hHerridenden Kohlenmangels wird
das Holz vielfady nidht nur für den Hausbrand und als Heizmaterial
für die Eijenbahnen, fondern au als Feuerung in der Indultrie
verwandt,
Der Boden ijt im nördliden und weitliden Teile des Gebiets
nur wenig frudtbar und beiteht in der Hauptiade aus Bleijand,
während den Süden und Süboften, und zwar die Gouvernements
Benfa, Woronelh, Zambow, Kurfk, Orel, Tula, Rjafan, teilweije auch
das Gouvernement Nijhnij Nowgorod die berühmte, außerordentlich
frudtbare Schwarzerde bededt. Sümpfe find in gröherer Ausdehnung
zu finden in den Gouvernements Rjajan, Orel, Nowgorod, IJaroflaw
und Nifhnij NMowgorod; für ihre Entwälferung it bisher nur fehr
wenig getan worden.
Die wicdhtigite Brotfrucht Zentralruklands bildet der Roggen,
mif dem in den Gouvernements Moskau, Wladimir, NMijhnij Nowgorob,
Kaluga, Rjafan, Tambow und BPenfa 60 % und darüber, in den
SGouvernements Twer, Plesiau, Nowgorod, Yaroflaw, Koftroma, Kurfk
und DOrel 50—60 % der Getreideflädhe heftellt wurde. Der weniger
widerftandsfähige Weizen wird in nur geringem Umfange in den nord-Sftlidgen
 und fübliden Teilen des Gebiets angebaut. Eine grobe Bedeutung
 hat für das gefamte Gebiet der Ynbau des Hafers, der in
        <pb n="88" />
        78 —

ben ver[dhiedenen Teilen 20—40 % der Getreidefläche bededt, Ferner
findet man hier Gerfjte, Hauptjächlid in den nördlideren Gouvernements,
 Buchweizen und Hirfe im Olten und Süden. Aug Saatlein
und Fladhs werden viel angebaut, insbejondere in den Gouvernements
Pleskau, Nowgorod, Twer, Yarojlaw und Koftroma. Hanf ijt überall
zu finden, am meiften in den Gouvernements Kaluga, Orel und Kurt.
Sn den Gouvernements Woronejh und Tambow ijt der Anbau von
Sonnenblumen fehr entwidelt. Eine verhältnismäkig geringe Berbreitung
 hat bisher die Kartoffel gefunden, trog vielfad) jehr geeigneten
Bodens. Eine nennenswertere Kartoffelproduktion Haben nur die Gouvernements
 Moskau, Wladimir und Iaroflaw aufguweijen. Der Gemüfebau
 ijt nur in der Umgebung der größeren Städte und im In»
dufjtriegebiet ftärker entwidelt und gewinnt dort für die Bevölkerung
eine erhöhte Bedeutung. Die Biehzucht jteht no) auf einem Jehr niedrigen
 Stande, Raffevieh ift fajt gar nicht zu finden. Gehalten werden
hauptfädlid Rinder, Schafe und Schweine.
Nu} die Bedeutung der Landwirt/haft für das großrullijde Kerngebiet
 wird nod) näher eingegangen werden, nur [o viel jet hier bes
merft, daß in vielen Teilen des Gebiets aud) in günitigen Jahren die
Produktion den Eigenbedarf nicht dedt.
Un BodenjdHägen it Zentralrukland aukerordent-[ig
 arm. Das Moskauer Kohlengebiet ijt nur von geringem Umfange
und die dort gewonnene Kohle von minderwertiger Bejhaffenheit und
geringem Heizwerte. Die Ausbeute belief fig vor dem Kriege auf
nigot mehr als 350000 tons im Jahr und ift nur im der erften Zeit
bes Krieges in geringem Make erhöht worden. Ein zweites Kohlengebiet
 befindet [id im Kreije Borowitidhi des Gouvernements Nowgorod,
 aber dieje Kohle ijft nod) geringwertiger, als die des Moskauer
Gebiets. Aug im Gouvernement Kaluga [ind, freilid ganz undedeutende
 Steiniohlenlager gefunden worden. Eijen ijt in geringen
Mengen an verjdhiedenen Stellen zu finden, wie 3. B. in den Gouvernements
 Kaluga und Nijhnij Nowgorod, doch Hat die dort gewonnene
Ausbeute für den indujtriellen Bedarf Teinerlei Bedeutung. Die
zahlreid) überall im Waldgebiet vorkommenden, recht umfangreichen
Torflager find bisher nicht in nennenswertem Umfange ausgebeutet
worden, und erit in der allerlegten Zeit {it ihnen eine erhöhte Aufmerfjamfeit
 gewidmet worden.
Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts befand [ih Zentralrußland
 nody vorwiegend im Stadium der MNaturalwirtjhaft. Geldwirt/haft
 und Indujtrie waren nur ftellenweije in geringem Make
entwidelt. Erjt nad) der im Iahre 1861 erfolgten Aufhebung der
Leibeigen|Haft waren die Borbedingungen zur Entwidlung einer Großindultrie
 auf Kapitaliftiidger Grundlage gegeben, und es febte aud) in

L

37€

il

211

"e1

‘a

If

I
        <pb n="89" />
        — 9 —

der Folgezeit ein indujtrieller Auffdhwung ein. Aber auch bei Ausbruch
des Weltirieges befand [id) Rußland erjt im Stadium einer frühfapitalijtijdjen
 Wirtjdhaftsperiode mit unentwidelter Indujtrie, wähvtend
 bie Landwirtjdhaft nad) wie vor dem gejamten WirtjdHaftsleben
ihren Stempel aufdrüdte. Um die wirtjdhaftlide Struktur des großtuflijden
 Kerngebiets (in vielen anderen Teilen des Rulffijden Reiches,
insbejondere in ben wejtliden Randgebieten lagen die Verhältnijje
wejentlid) anders) richtig zu verftehen, muß man daher von der eigen:
artigen Agrarverfafjung des Landes ausgehen. Dieje Hat bis in die
legte: Zeit hinein bejtimmend auf die Entwidlung des gefamten ruflilden
 WirtjdHaftslebens gewirkt.
Bis zu der unter dem Zaren Alexander II. im Jahre 1861 er»
folgten Aufhebung der Leibeigen|Hhaft der gutsherrliden Bauern, an
die [id) im ‚Jahre 1866 die Emanzipation der Staatsbauern (5. b.
der auf den umfangreiden Staatsländereien lebenden [Oolenpflicdhtigen
 Bauern) [dOloß, befand [id das gejamte Land im Eigentum
der Gutsbefiger und des Staates (jowie der zahlreidhen KIöfjter). Die
perJönlidh unfreien Bauern, foweit fie nidht als Hofbauern auf den
SGutshöfen lebten und aus[HliekliH für den Gutsherrn zu arbeiten
hatten, mußten Frondienjte leijten und erhielten außerdem für bie
eigene Wirtidhaft Land zugewiejen. Das Land erhielt aber nicht der
einzelne Bauer, jondern die Feldgemeinjdhaft, der Mir als Gejamtheit
 zugeteilt, Es jet hier nicht darauf eingegangen, wie weit die BehHauptung
 der Panflawijten, dak der Mir eine uralte, originelle, [las
wijde Agrarordnung fei, richtig ijt. Als feftjtehend ann jedenfalls
angenommen werden, daß feine Entjtehung in der jekigen Gejtalt
nit über das 17, Yahrhundert Hinausreiht und von der Regierung
in erjter Linie aus fisfalilden Gründen in feiner Entwidlung unter.
itüßt wurde.
Die ruflijdhe Feldgemeinjdhaft, wie jie vor dem Kriege beftand,
mit ihren beiden dHaratkterijtijden Eigenheiten — dem mit periobi[dhen
Umteilungen verbundenen Gemeindebejig am gefamten Lande und der
[olidarijdhen Haftung aller jeiner Mitglieder für die von jedem einzelnen
zu zahlenden Steuern und fonjtigen Abgaben — ijt als eine Folge
des rufjlijden Steuerwejens anzujehen, in erjter Linie der Kopfiteuer.
Der Gutsbefiker hatte dem Staat nad der Zahl der in feinem Gutsbezirf
 lebenden Bauern die Steuern zu bezahlen; die Bauern hafteten
wiederum ihm gegenüber [olidarijdh für die Bezahlung der auf jeden
zinzelnen entfallenben Beträge. Die Gemeinde war daher daran interejliert,
 daß jeder ihrer Mitglieder audh wirflid) die Möglichkeit
jand, die Steuern zu erarbeiten, und biefes Ionnte nur durdh gleiche
mäßige Verteilung des der Bauern{haft überwiejenen Landes gejdhehen.
Auf diefer Grundlage entitand vermutlich die ru/lijhe Feldgemeinidhaft,
        <pb n="90" />
        bie Mirverfajlung, die zur Zeit der Bauernbefreiung die in Großcußland
 Herridhende Form des bäuerliden Landbefiges darjtellte. Auf
die auf den Staatsländereien lebenden Bauern war mit der Zeit die
Mirverfaflung ebenfalls in der Hauptiache aus fteuertechniichen Gründen
 ausgedehnt worden.
Dur die Bauernbefreiung erhielt der Bauer feine perfönlidhe
Freiheit und Freizügigleit in vollem Umfange, feine rechtliche Ubhängigieit
 vom Gutsbeliker wurde aufgehoben. Sehr unbefriedigend
für die Bauern wurde jedoch die Landfrage gelöft. Die Mirverfajlung
blieb beftehen, der Bauernjdhaft aber wurde das bisher von ihr genußte
 Land nicht fofort als volles und freies Eigentum überwiefjen,
iondern Ddiefes mußte von den Bauern im Laufe von neununNdvierzig
Sahren erft durch Loskaufzahlungen erworben werden.
Nady der Bauernbefreiung beitanden die Grundzüge der Mirverfalfung
 Kurz in folgendem: Eigentümerin des gejamten, dem Mir
zugeteilten Landes war die Gejamtheit aller Familienhäupter der Gemeinde,
 von denen jeder das gleihe Recht auf die Nugung des Landes
Hatte. Der Gemeinde ftand nun nad dem Gefjeß freilich aud) das
Recht zu, das Land auf genoffenidhaftliger Grundlage durch die Gejamtheit
 der arbeitsfähigen Gemeindemitglieder bearbeiten zu laffen, alfo
eine Art wirfliden Agrarfommunismus einzuführen. Die Regel bildete
 die Aufteilung des gejamten anbaufertigen Landes unter die
einzelnen Anteilsberechtigten 3 möglichit gleiden Teilen. Die Art
diefer Teilung, die hierbei befolgten Grundjäge waren überaus Dveridiedenartige.
 Sollten im Laufe der Zeit aus irgendwelden Gründen
die Anteile ungleid werden und den Grundjägen, nach denen 3. B. die
Teilung vorgenommen worden war, nicht mehr entjpredjen, [0 Ionnte
die Gemeinde durh Mehrheitsbe[dhluß Umteilungen anordnen, über
deren Art fie felbjit zu bejtimmen hatte, Sowohl die perfönlidhen
Steuern, wie die Kopfiteuer u[w., als aud) die auf dem ihm 3Ugeteilten
 Lande ruhenden Loskaufszahlungen, Steuern und AWbgaben hatte
der einzelne Bauer jelbjt 3u bezahlen, aber gleichzeitig bejtand die
jolidarijHe Haftung aller Gemeindemitglieder für Diele Zahlungen.
Wenn einesteils die überkfommene Mirverfajfung aud) nad) der
Mufhebung der Qeibeigen[Haft erhalten bleiben follte, jo wurden doch
ihre großen wirt[dhaftlidhen Nachteile von den GejeHgebern erfannt,
wenn Dvielleidht au nidht mit genügender Klarheit. Als erjtrebenswertes
 Ziel [Ohwebte ihnen immerhin der Zujtand des erblidhen und
frei verfügbaren Einzelbejiges an Einzelhöfen vor. Der Austritt der
einzelnen Bauern aus der Feldgemeinde war daher im Gejeß wohl
vorgejehen, aber an Derartige, insbefondere die Regelung der Losfaufszahlungen
 betreffende Bedingungen geknüpft, dak er nraktiich Kaum
eine Bedeutung erlangt hat.
        <pb n="91" />
        31 -

»B-{uf

die

111=‚de


(bnd

ıng
ge
en,
:31G

lite
‚Mir
He:
des
das
‚mtallo

5ildie

Urt
Jet:
den
die
ante
über
hen
uge:
‚atte
die
gen.
Der
doch

ınnt,
1enSund

der
wohl
RDS-EL


Die Lage der Bauern Hatte [id zwar dur die Aufhebung der
Beibeigen]haft nicht unwejentlid gegen den früheren abhängigen Zu:
itand gebejjert, aber die erwarteten gün/tigen Folgen der Reform,
der erhoffte allgemeine wirt|Hhaftlide Auffjdwung in der Bauernidhaft
jtellte ih aud) nicht entfernt im erwarteten Umfange ein. Neben der
fulturellen und geiftigen Rüdjtändigieit der rujjijdhen Bauern, der die
ibm gefghenkte Freiheit nicht auszunukHen verftand, Irugen daran wohl
die Dielen Mängel des Gejekes, das den Bauern die Freiheit [Henkte,
die Hauptihuld. Und als einer der verhängnisvolljten diejer Fehler,
der jegliden wirtjdHhaftliden Fortjhritt hHemmte, erwies fi) die Beibehaltung
 der Mirverfalfunng.
Es ift eine alte Erfahrung, dak der Pächter, der das gepachtete
Land jederzeit wieder verlieren kann, diefem viel weniger Liebe und
Sorgfalt widmet, als der Eigentümer dem ihm zu erblidem Eigentume
gehörenden Hofe. Denn während lekterer von dem Bewukßtjein durchdrungen
 ift, daß alle Berbefferungen, die er feinem Lande zukommen
[äbt, im oder feinen Kindern zugute fommen werden, hat der ächter
nur das einzige Beitreben, fo viel wie möglid aus dem gepadcteten
Lande Herauszuziehen, ohne an die Erhaltung der Ertragsfähigfeit
zu denken. Denn Landwirtfhaftlide Bodenverbejjerungen maden [id
immer erft im Verlaufe vieler Jahre bezahlt. In der Lage eines
Pächters, dem fein Land jederzeit wieder genommen werden Iann,
war aber audy in der Megel jedes Mitglied einer Feldgemein|daft,
denn durh Mehrheitsbejhluk konnte eine Umteilung herbeigeführt und
jein Land ihm entzogen und einem anderen Gemeindemitglied 3ZUgeteilt
 werden. Wenn aud) die Umteilungen nad) der Aufhebung der
Leibeigen[Haft bedeutend feltener vorkfamen, als vorher und als im
allgemeinen angenommen wird, fo [Hwebte diefe Möglichteit doc immer
wie ein Damoflesfhwert über dem Haupte eines jedes |trebjamen und
tüchtigen Bauern und drohte ihn um die Früchte feiner, auf die Verbeiferung
 fJeines Anteillandes verwandten Arbeit zu bringen.
Einen weiteren, jehr wefjentliden Nachteil der Mirverfajjung bil»
dete die weitgehende Gemengelage und der damit zujammenhängende
jtrenge Flurzwang. Bei jegliden Umteilungen des Gemeindelandes
ging das Befjtreben dahin, allen anteilsberecdhtigten Mitgliedern ber
Gemeinde nit nur glei viel Land, fondern aud) foldjes von mög-[ichjt
 gleider Befdhaffenheit zu geben. Die Folge war Häufig die,
daß jedes Feld von gleidmäkiger Bodenbejhaffenheit und Kultur
in fo viele Teile geteilt wurde, wieviel Anteilsberechtigte die Gemeinde
zählte, und daß der einzelne Bauer feinen Anteil in unzähligen winzigen,
 weit auseinanderliegenden Zwergparzellen erhielt. Daher das
Bild, das man in Rukland fo häufig beobadten Konnte — die in
idmale lange Streifen geteilten Felder. Die Nachteile diejfer Boden-Die
 mirtidHaftlidhe Zukunft des Oltens &amp;gt;
        <pb n="92" />
        39

verteilung liegen auf der Hand. NMidht nur, daH die AWrbeitsjtätten des
Bauern weit verfireut liegen und er Häufig die AYrbeit eines Tages
an Dielen, weit von einander entfernten Stellen verrichten mußte —
ein nicht unbeträchtlider Teil des AYders entfiel aud auf die Grenz:
itreifen und ging daher ungenußt verloren.
Der unter folden Befigverhältnifjen natürlidH mit der größten
Strenge durdgeführte Flurzwang hob jeglide Initiative des einzelnen
auf Jandwirt[dHaftlidem Gebiete auf und zwang ihn, feinen Boden
nad) den WirtjdHaftsmethoden zu bearbeiten, die von der Gemeinde
befdloffen wurden. Dak unter folden AWrbeitsbedingungen der Übergang
 3u einer intenfjiveren WirtjdHaftsform, zum Anbau neuer Kulturpflanzen
 mit den größten Schwierigkeiten verbunden, ja in der Regel
unmöglid) war, dürfte Mar auf der Hand liegen. Das Dreifelders
jyltem mit ausgedehnter Brade war bei Ausbrud des Weltkrieges
eben|o, wie zur Zeit der Aufhebung der LeibeigenjHaft überall die
vorherr{dhende Wirtihaftsform; ein Drittel der Feldfläche lag allo
brad.
Lähmend auf die wirt[Haftlide Tätigkeit des Bauern wirkte auch
die mit der Mirverfajjung verbundene Solidarhaftung aller Gemeindemitglieder,
 Wukte doc) niemand, wieviel er auker den ihn treffenden,
[don au fidH großen Zahlungen nod) für andere werde zahlen mülfen.
Die [Hwere Steuerlaft führte nur zu Häufig zu Pfändungen und zum
Verkaufe des lebenden und toten Inventars, und von vielen Kennern
der rufjjijden Agrarverhältnijje wird die AWbneigung des rufjildhen
Bauern gegen die Viehzucht auf jeine Scheu, pfändbares Vieh zu
Halten, zurüdgeführt. Ein Rüdgang der Viehzucht in vielen Gegenden
 war zweifellos zu merken und dürfte [hon mit dielen Verhälts
nilfen in Zujammenhang 3u bringen fein.
Eines der widtigjten Probleme der rujjijdhen AWgrarfrage bildete
die vielbejprodene Landnot des rufjijden Bauern, die ihren Urjprung
ebenfalls in den bei der. Bauernbefreiung gemachten Fehlern findet.
Es flingt für den Wejteuropäer ganz eigenartig und unwahrfHeinlich,
dak in dem riefigen, im Verhältnis zu allen übrigen agrarijhen Kultur-(ändern
 jo außerordentlid dünn befiedelten Rukland tatjächlid eine
Landnot herren Konnte. Und do muß die immer in der ruflildhen
Agrarliteratur wiederfehrende Klage über die Landnot der Bauern
als zum Teil beredtigt angejehen werden, wenn au nicht für alle
Gebiete des Europäijden Rußland. Verhältnismäkig am günitigiten
waren in Diejer Beziehung die früheren Staatsbauern geltellt, die
bei ihrer Befreiung (im DurdhjHnitt über das ganze Europäilde Ruß-[anb)
 6,7 Dekjatinen Land auf je einen Bauernhof zugeteilt erhielten.
Das ijt eine Norm, die im allgemeinen aud) bei der extenjiven Wirt-|dHaftsweije
 der ruflilden Bauern als genügend, wenn audH durchaus
        <pb n="93" />
        83 —

es

165

13=en



‚en
jen
‚De

PY=z

1Tzel


eXs

1es
die
9

uch

des

en,
an.
um
m
jen
3u
a
[te

eIe
ıng
‚ef.
‘%,
1Xine

jen
am
ılle
en
die
1BaM.


rts

{MUS

nicht als rehr reichlid bezeidhnet werden fann. Wefentlid ungünitiger
geitaltete jid) die Lage der früheren gutsherrlidgen Bauern, denen in
jehbr vielen Fällen nicht einmal das gefamte, vor der Emanzipation
von ihnen genußte Land überlafjen wurde. Der Gejamtdurchjnitt
(für das Europäijde Rukland) der Größe der einzelnen Höfe war
geringer als bie Hälfte des der früheren Staatsbauern, nämlich
3,2 Dekjatinen, eine für tujjijhe Iirtihaftsverhältnijfe zweifellos viel
zu geringe Ausdehnung für eine lebensfähige Bauernwirt[daft. Gleich
zeitig aber waren Die im Interejje der Gutsbeliger fejtgejegien L0s«
Faufszahlungen jo außerordentlid Hoc normiert, daß in vielen Fällen
tatlädlig die von den Bauern zu zahlenden Steuern und Losfaufse
zahlungen mehr als den vollen Ertrag feines Anteillandes ausmadten,
und fein Seelenanteil ihm fomit nur eine Lajt, von der er fig 3u bes
freien [uchte, bildete. Im nur wenig frudtbaren Nidt/Hwarzerdegebiet
war der Durcdhjhnitt des Seelenanteils ein wenig größer, 4,2—5
Dehijatinen, fank aber dafür im Schwarzerdegebiet ganz bedeutend
unter den DurdHjHnitt, im allgemeinen auf 2,2 Dekjatinen. Während
in der Folgezeit der Umfang des Gemeindelandes im allgemeinen
nicht wejentlid zunahm, jtieg bie Bevölkerungszahl und damit die
Zahl der Anteilsberedhtigten jehr jtark. Dieje Entwidlung führte natur
gemäß 3u einem jtändigen Sinken der Größe der einzelnen Seelenanteile,
Während der Gejamtdurchjhnitt für die von der Bauernbefreiung
berührten Gebiete des Europäijden Rußland im Sahre 1862 nodh
4,8 Debijatinen betragen hatte, war er im Sahre 1880 auf 3,5 und
im Sahre 1900 auf 2,6 Dekßjatinen gelunfen. Das find Zahlen, die
eine beredie Sprache reden.
No anjdhaulidher werden diefe unerfreulihen Verhältnifje durch
Folgende Angaben, die nad) den Gejidhtspuniten der Produktions- und
Konfjumtionsnorm zujammengeftellt find, iMNuftriert. Als Ezxijtenzminie
mum wird für Rußland allgemein für den Kopf der Bevöllerung eine
Menge von 19 Pud (etwa 310 kg) Getreide angenommen. Für den
DurchjHnitt der neunziger Yahre ijft nun von rullijdhen Agrarjtatie
jtifern berechnet worden, dak in 18 von 50 Gouvernements des CEuropätihen
 Rußland der Ertrag unter dem Ezxijtenzminimum blieb; 3wölf
erzielten einen ausreidenden Ertrag (19—22 Bud), neun einen mähigen
(22-—27 Bud) und elf einen befriedigenden Mehrertrag (über 27 Bud).
Sm Durchihnitt des ganzen Reiches blieb die Verjorgung mit Nahırungsmitteln
 aus den Erträgen des Unteillandes um 17 %, mit Futter«
mitteln um 41 0% inter der erforderliden Norm zurüd. Cbhenfalls
viel zu Hein war das Anteilland im Berhälltnis zu der zur Berfügung
jtebenden Arbeitsiraft, fo daß Ddieje Keine volle Verwendung in der
Landwirtihaft finden und [ih Nebenbejhäftigungen zuwenden mußte,
Es itanden nun den Bauern zwei Wege offen, um die Schäden
        <pb n="94" />
        84 —

und Nachteile diefer zu geringen LandverJorgung ZU mildern, nämlich
der Kauf und die Padht von SGutsländereien. Sowohl das eine, wie
das andere ijft in recht beträchtligem Umfange ge[hehen, wenn aud
in Anbetracht der ftark wacdhjenden Bevölkerung hierdurd) der Land:
not nicht wefentlid abgeholfen werden konnte. Bom Jahre 1877, von
dem an es einwandfreie, ftatiftijde Angaben gibt, bis zum Iahre
1904 {jtieg das bäuerlide Privateigentum von 8,5 Millionen auf
24,5 Millionen Dekjatinen. Aug die Pacht von Gutsländereien brachte
nicht unbeträchtlidge Landmengen in die Hände der Bauern — genaue
jtatijtilde Angaben über den Umfang Ddiejer Bewegung fehlen leider
volljtändig. Dieje beiden Wege [tanden aber nur der geringen Anzahl
der wohlhabenden Bauern offen, während die überwältigende Mehr:
zahl der landhungrigen armen Bauernidhaft nad) wie vor aus[dließlidh
auf das Anteilland angewiefen blieb. Es ijt übrigens eine immerhin
intereffante Tatjadhe, die teils vielleicht einen wenn aud) nur geringen
MNAusgleidy hHerbeiführte, daß ein nicht unbeträdtliher Teil des von
den Gutsbejigern gepadhteten und gekauften Landes nicht in die Hände
von Einzeleigentümern, Tondern an Dorfagemeinden und GenollenIchatften
überging.
Zu allen diefen in der rullifjden Agrarverfalfung liegenden Hemmungen
 einer gefunden Entwidlung der LandwirtjHaft und einer wirt:
ihaftliden Hebung des Bauernjtandes traten noch andere, die im
euffiiden Bauern felbjt wurzeln. Der niedrige Stand der Bildung
und die allgemeine Unkultur verhinderten eine Verbreitung der notwendigen
 landwirt[HaftliHen Bildung jowie die Einführung befferer
Wirtfhaftsmethoden, die trojtloje Armut aber madte die Beidaffung
beijerer, vervolliommneter Adergeräte unmöglich. Primitive Dreifelderwirt/haft,
 getrieben mit mangelhaften Geräten und ein, dur unge:
nügende Viehhaltung ver[dhärfter Raubbau, der fogar die Ertragsjähigfeit
 des als uner]Höpflid) geltenden Schwarzerdegebietes jtarf vermindert
 Hat, Harakterifieren die Landwirtjhaft der rujjijdhen Bauern.
Und die Folgen find periodijdh mit größter Megelmähigfeit wiederfehrende
 Mikernten mit entjekliden Hungersnöten im Gefolge.
Es fann night Wunder nehmen, daß unter folden [hweren wirtichaftlidjen
 Verhältnijjen die durd Hunger und Elend und eine über:
mäßige Steuerlajft zur Verzweiflung getriebenen Bauern zur Selbf{thilfe
zu greifen verfuchten. So war denn Rußland der Herd jtändiger
Bauernunruhen, die Hauptfächlid in Exzejjen gegen die Gutsbefiker
und Steuerverweigerungen ihren Ausdrud fanden. Aber da es [id
nie um großzügig organifierte Aufjtände, jondern immer nur um
[ofale Revolten Handelte, fiel es der Regierung nidht [Hwer, ihrer Herr
zu werden. AWber ihre jtändig zunehmende Zahl zeigte doc, daß Abhilfe
geldhaffen werden mußte. Als am Anfange diefes Yahrhunderts, Ins-
        <pb n="95" />
        Ra —

;cq)
die
9)
"De

nn

bre
ıuf
bie
Iue
Jet
xbl
Itid

in
zen
on
ıde
ren

»m-=ırte

im
AG
ot-‘rer

ANg
)erges

q5S-)ET=


1PY=z

irts
jeX-‚lfe

zer
3er
ich
um
‚ert
‚ilfe
'N6=z

befondere in den Mevolutionsjahren 1904/5 (Hier freilid zum Teil
night auf wirt/Haftlidher, fondern auf politijdHer Grundlage) eine neue
große Welle von Bauernrevolten den Staatsorganismus zu erfchüttern
drohte, entfdhloß fih die Megierung endlid zu durchgreifenden Res
formen. = | 146
Dur den Kaijerliden Ufkas vom 22. November 1906 über die
Auflöfung der Mir wurde die vom Minijterpräfidenten Stolypin durdgeführte
 rujlifhe Agrarreform eingeleitet und dur das Gejeg vom
27, Kuni 1910 endgültig durdgeführt. Doc [Hon vorher Hatte die
Regierung fiH zu verfdhiedenen Erleichterungen der unerträglid) gewordenen
 Lage der Bauern verjtehenm müfjfen. Mehrfad) jHon waren
die rielig angewadfenen Rüdjtände an Steuern und Loskaufszahlungen
 ganz oder teilweije erlafjen worden. Mährend des japanifden
 Krieges wurde dur den Ufkas vom 25. März 1904 die Solidarhaftung
 der Mirmitglieder aufgehoben. Eine gewaltige Erleichterung
 für die Bauernidhaft bildete der dur das Gefekg vom 16. November
 1905 fejtgefeßte Erlak aller früheren Bor[Hülje und des gefamten
Reftes der Loskaufszahlungen vom 1. Ianıar 1907 ab. Im Yahre
1906 wurden rund 9 Millionen Dekjatinen an Arons- und Apanagen-{and
 zur Anfiedlung von Bauern zur Verfügung geltellt, im diefen
SYahren gleichfalls Erleidterungen für die Wuswanderung nad) Sibirien
gelhaffen. Diele ganze Entwidlung fand ihHren Abfhluß durch das
GejeB vom 27. Juni 1910, das das Recht eines jeden Hofswirtes
feitfeßte, jederzeit aus der Feldgemeinjdhaft auszu[heiden und die ZUteilung
 feines Anteils am Gemeindeland als fein freies VBrivateiqentum
 3u verlangen.
Mit groker Energie wurde die Durchführung der Agrarreform in
Angriff genommen. In allen Gouvernements und Kreijen wurden
Landordnungskommiffionen eingerichtet, denen die Aufgabe zufiel, die
praktilden Arbeiten zur Berwirklidhung der dur die GefeHgebung vorgezeidhneten
 Richtlinien durchzuführen. Es waren nicht nur die bejtehenden
 Beligverhältniffe genau abzumeljen, fondern es follte aud) die [Hädlide
 Gemengelage gleichzeitig aufgehoben und möglichjt arrondierte
Einzelhöfe gefhaffen werden. Ferner ging das Beftreben dahin, nad
Möglichkeit den Übergang von der Dorfliedlung, die in den großrulfilgen
 Gebieten vorherrihte, zur Einzelhoffiedlung durhzujegen.
Dieles war eine Frage von größter Wichtigkeit, da HierdurdH nidt
nur wefentlidje Betriebsvorteile erreicht werden konnten, fondern auch
der Feuergefahr in den rullijidHen Dörfern entgegengetreten werden
jollte. Die Brandihäden, die alljährliH eine große Anzahl ruflildher
Dörfer bis auf das lebte Haus vernichten, fügen der ruflifden Wirte
Ihaft alljährlid einen riefigen Schaden zu. Diefe Bemühungen hatten
freilich im arokrufliigen Gebiete nur wenig Erfolg, wohl in der Haupt»
        <pb n="96" />
        lade wegen der Wbneigung der gefelligen SGroßrufjien gegen das einfame
Leben auf den Einzelhöfen, Jowie wegen Der ungeheuren mit dem
Aufbau der neuen Gelände verbundenen Unkojten.
Die Ergebnifje diejer Arbeiten waren in der Turzen Zeit bis zum
Ausbruche des Weltkrieges fehr anerfennenswerte. In der Zeit vom
Xahre 1907 bis zum 1. Januar 1912 waren von 2653202 Bauerwirten
Gefuche eingereicht werden, für eine Fläche von 12402925 Dekiatinen
Pläne angefertigt, von 10775 975 Dekjatinen BVermejfungsarbeiten vorgenommen
 und ein Gebiet von 8067039 Dekjatinen für 891030
Bauernwirte in Einzeleigentum übergeführt und zufjammengelegt worden.
Xn derfelben Zeit wurden 4531683 Dekiatinen Domänenland an
Bauern verpacdhtet und 329605 Dekjatinen an Bauernwirte verkauft.
Um weitelten fortgejdhritten waren dieje Arbeiten bei Ausbruch des
Weltkrieges im Schwarzerdegebiet, am weitelten zurüd in den Gouvernements
 des Nordens.
Aber fo gewaltig dieje Leiftungen aud) waren, bei Kriegsausbruch
waren immerhin nicht mehr als [H)ägungsweifje 12% der unter das Gefeß
fallenden Landflähe nad den Grundjäken der Agrarreform organifiert
worden, und der Krieg bereitete dieler zufunftsreichen Entwidlung ein
jähes Ende.
Ein abfchliekendes Urteil über die Ergebniffe und wirt|Haftlidhen
Folgen der Agrarreform ift gegenwärtig night möglid — dazu hat
jie nur eine zu Kurze Zeit eine Rüdwirkung auf das gefamte Wirtjhaftsleben
 unjeres SÖftliden Nacdbars ausüben fönnen. YWber es Iann
wohl feinem Zeifel unterliegen, daz mit ihr der einzige Weg bejOritten
 wurde, der zu einer wirklichen Gefundung der Agrarverhältniffe
Rußlands führen konnte, wenn aud) zweifellos der Reformgefeggebung
nit in allen Einzelheiten beigejtimmt werden kann. Andererfeits darf
aber audy nit überfehen werden, daß mit einer Reform der Agrar»
verfalfung nur ein Teil der Probleme gelöft werden fonnte. Mindeljtens
von derfelben Wichtigkeit war die Hebung der allgemeinen Kultur und
der landwirt/HaftliHen Kenntniffe der Bevölkerung, denn bei Fortführung
 der bisherigen primitiven Mirt[hHaftsmethoden Hätte Keine
Reform das Elend der rullijden Bauern auf die Dauer befeitigen
fönnen. Aug auf diejem Gebiete waren erfreulide Anjäge zu finden,
aber es waren eben nur die erften Unfänge. Wie der Boljdhewismus
in diefe Entwidlung eingegriffen hat, wird an anderer Stelle be
iproden.
Wir Haben bei der Lage der Bauerndhaft ausführlicher verweilt,
weil fie, wie wohl in feinem anderen Lande, eine beftimmende Wirfung
 auf alle anderen Gebiete des Wirtjhaftslebens ausübte. €s
jeien nun nur nod) einige furze Angaben über die Verhältnilje des
Sroßarundbhelikes im grokrufliigen Gebiete gegeben.
        <pb n="97" />
        87

ne

am

um

Im
en
ı1en
Of:
30

en.
an
(ft.
des
nez

uch
‚jeß
art
ein

hen
hat
ıttann

des
iffe
ıng
‚arf
‚ats
2115
ınd
yrtsine

zen
‚en,
aus
hes

lt,
ie
Es
306

Es wurde [Hon erwähnt, dak im allgemeinen die Loskaufszahluns
gen, die die Bauern den SGutsbejigern zu 3Zahlen Hatten, bei der
Bauernbefreiung überaus hoch, in vielen Fällen zu hoc) im DVer-Hältnis
 zum Werte des ihnen überlaffenen Landes feitgefeßt worden
waren. Durd) die Wblöjungsfummen, die der Staat den Bauern vor-[HoB
 und den Gutsbejikern in Form von Staats[Huldidheinen einhändigte,
erhielten bdieje, die ihre Güter bisher falt ganz ohne Verwendung
von Betriebskapital und auf naturalwirt|dhaftliHer Grundlage bewirt-[Haftet
 Hatten, plößlid beträchtlidHe Kapitalien in die Hände. Diele
hätten dem SGutsbejigerftand audy die Aufgabe, vor die er fidH nad
der Bauernbefreiung geftellt fah, nämligH die Produktion auf einer
ganz neuen, geldwirt/qHaftliden Baljis aufzubauen, zu erfüllen ermöglicht.
 Wber die ruflijden Gutsbefiker verltanden es nicht, den AUnfordetungen
 der neuen Zeit gerecht zu werden; insbefondere gelang es nidht,
eine Löfung für die Jofort in fHarfer Form auftretende Landarbeiterfrage
 zu finden. Die Folge war ein ununterbrodener Rüdgang des
Sroßgrundbelikes, fowohl nad dem Umfange als aud) wirt|Hhaftlidh,
und dieje Entwidlung Konnte audh dur) die zu feiner Unterfjtüßung
ge[haffene Wdelsagrarbank nidht aufgehoben werden. Es fei hier übrigens
 darauf furz Hingewiefen, daß der ruflijdhe GutsbefiHer in der
Negel einen ganz anderen Iypus darftellte als der deutjdhe. Während
leßterer mit feinem Lande verwachfen ijt, ihm feine ganze Arbeits»
Fraft widmet, [ah der ruffildhe Gutsbefiker fein Land als nichts anderes
als feine Rentenquelle an. Er lebte gewöhnlid in der Stadt, wo er
jeine Befdhäftigung als Beamter oder au als Offizier Hatte und
überließ die Bewirt/Haftung Jeines Gutes einem Verwalter, deffen
Hauptaufgabe darin beftand, feinem Herrn Jahr für Jahr möglichijt
große Geldmittel zur Verfügung zu jtellen. Eine mit dem Grund»
bejig verbundene foziale VerpflidHtung wurde falt nirgends anerkannt.
Schon häufig wurde vom Gutsbeliker aud) der fehr bequeme Weg
be[dhritten, das ganze Gut in Meinen Stüden den Bauern zu verpadten.
 Es liegt auf der Hand, daH der Grokgrundbefig unter [oldhen
Verhältnijjen feiner Aufgabe, ein Iulturförderndes Element im Staate
zu bilden, nicht gerecht werden Konnte. Wenn der Stand der Iandwirt/dHaftlidHen
 Kultur auf den Gütern aud) in der Regel bedeutend
höher war als auf dem bäuerliden Grundbefig, jo war doch auch hier
don einer rationelen Bewirt/Haftung im modernen Sinne nur wenig
zu [püren, und die Folge diejer Zujtände waren die nach weiteuropäi-{hen
 Begriffen erftaunlidh geringen Erträge der ruflijdhen Landwirt[dhaft.
Neben der Landwirt[Haft bildet das Hausgewerbe in Grokrukland
eine wichtige Erwerbsquelle der Bevölkerung. Der geringe Umfang
der Seelenanteile am Gemeindelande macht es den meilten Bauern
unmöalid, ihre volle Arbeitsiraft der Landwirtichaft zu widmen. Auch
        <pb n="98" />
        88 —

mülfen die Landwirt/HaftlidHen Arbeiten während des fehr langen und
‚auhen ruflilgen Winters beinahe volljtändig ruhen. Ohne die [ehr
ntwidelte Hausinduftrie mükte, nad) dem Ausfpruche eines rujlijdhen
Schriftitellers, „die Hälfte der ländliden Bevöllerung den größten
Teil des: Nahres müßig zubringen“ und Könnte die Steuern und
onjtigen Zahlungen nicht aufbringen. Auf dem Gebiete des Hauszewerbes
 hat der ruflilde Bauer eine große Fertigkeit erlangt, und
dieje Produktion erftredt fiH auf die verfhiedenartigjten Gegenjtände,
Die von den Tulafden Bauern angefertigten Samowars find in ganz
Rußland zu finden. Das Gouvernement Rjafan ijt bekannt durdh
bie Herftellung von Senfen, Filzgeweben, Bajtmatten und Spigen,
Jas Gouvernement Koftroma durch Textilwaren, Metallwaren und Filz
tiefel. Im Gouvernement Nijhnij Nowgorod befhäftigt fid) die Haus-‘ndufjtrie
 vornehmlid mit der Herftelung von ver]hiedenartigen Holzgegen{tänden
 (Holzlöffel, Holzgefhirr, Böttdghereiarbeiten, Kijten, Spiel-'acdhen
 ujw.), ferner mit Lein- und HandjHuhHweberei, Nekzflechterei u. a.
Eine bejonders große Bedeutung Hat die Hausindufjtrie naturgemäß
in den nördlidhen, weniger fruchtbaren Teilen des grokrufjlildgen Kerne
zebiets gewonnen; hier hat fie vielfad) die Bildung eines indultriellen
Proletariats vorbereitet. Zu erwähnen ijt, daß die Hausindultrie in
3Zentralrukland beinahe immer als Lohnarbeit auftrat, und daHz der
Bauer nur äußert felten feine Erzeugnijffe direkt für den Markt Heritellte.
 Der dörflide Hausinduftrielle befhäftigte in der Regel eine
Heine Anzahl von Lohnarbeitern und bildete das Zwildenglied zwiflden
jem Produzenten und dem [tädtifhHen Großhändler, der die Ware auf
ben Markt brachte. Eine fehr Häufige Erfheinung war, dak der Lohnarbeiter
 der dörfliden Hausinduftrie feinen AUnteil am Gemeindeland
verpachtete, und dies führte nun zur Bildung eines dörflidhen, nicht
landwirt/haftlidHen Proletariats, was ia durch die Mirverfallung gerade
vermieden werden folte.
Die voliswirt/dhaftlide Bedeutung der ländliden Hausinduftrie
darf nicht unter[Häßt werden, denn, wie erwähnt, fanden nur dank
ihr große Teile der Iandarmen BauernfHaft eine Exijtenzmöglichkeit.
Nber mit der Ausbildung und Verbreitung der mafdhinellen Groß:
induftrie wurde das KHausgewerbe immer mehr zurüdgedrängt und
die Jandwirt/hHaftliHe Bevölkerung gezwungen, in den Fabriken, die
ihnen beffere Verdienftmöglidhkeiten bieten konnten, ihr Brot zu fuchen.
Eine weitere wichtige Erwerbsquelle für die großrulfijghe Bauern-[Haft
 bildete das Wandergewerbe. Wenn die landwirtihHaftliHen Satfonarbeiten
 erledigt waren, begab der Bauer fidH vielfad) auf Wander.
idaft, um als Zimmermann, Tijdler, Fabhrikarbeiter, aber au auf
oielen anderen Gebieten fein Brot zu finden. Ia, Häufig wurde die
Beritelung des Anteillandes ausichliekliH der Frau und den Kindern
        <pb n="99" />
        89 —

nd
‚hr
‚en
en
nd

1$=1D

de.
ın3
9
zn,
% 13
15»
13:
‚ela.


äß
ee
'en
n

Jer
EI:
ne
jen
auf
=
nd
‚ot
de

ie
ın?

xt.
=
ınd
Sie
„En,
rn
DNıer=



die
ern

überlafjen, während der Mann auf Jahre das Heimatdorf verließ,
um in der Ferne Iohnenderem BVerdienit, als ihm die Landwirt{dHaft
in der Heimat bieten konnte, nachzugehen. Befonders verbreitet war
das Wandergewerbe wiederum in den nördlidHen indujtriellen Gouvernements
 des Kerngebiets, wie Nowgorod, das u. a. Petersburg mit
induftriellen Arbeitern verforgte, Yaroflaw, Twer, Nijhnij Nowgorob,
Koftroma, Moskau, Tula u. a. Auf die Bedeutung der Wanderarbeiter
 für die indufjtrielle AWrbeiterfrage wird weiter unten zurüdzulommen
 fein.-Während
 der fruchtbare Süden Zentralruklands, der Thon zum
großen Teil zum Schwarzerdegebiet gehört, aud) in normalen Jahren
eine Überproduktion an Iandwirt|HaftlidHen Erzeugniffen aufzuweifen
hatte, erzeugten viele der nördliden SGouvernements aud) in guten
Erntejahren weniger Lebensmittel, als fie verbrauchten, und waren auf
Einfuhr angewiefjen, wie 3. B. die Gouvernements Moskau, Wladimir
 u. a. Diefe Teile Zentralruklands, und zwar in erfter Linie die
Gouvernements Moskau, Wladimir, Koftroma, Iaroflaw, Kaluga,
Zwer und Tula, bilden das fog. grokßruflidhe Indufjtriegebiet. Teilweije
 hat fid) die Grokinduftrie hier aus dem alten Hausgewerbe
entwidelt, ihr Aufjdwung begann jedoch erft mit der Aufhebung der
Leibeigen[haft, die ihr Arbeiter aus der bisher fHoNenpflidhtigen Bauern-[Haft
 zuführte, fowie feit dem YWushbau des Eijenbahnnekes, bas der
Indufjtrie nicht nur erft die Abfakgebiete erfhlok, Jondern au die
Herbeifdhaffung der für die Produktion notwendigen NRohjtoffe ermöglichte.
 Gleichzeitig machte das Eijenbahnnek das rufjijhe Getreide
exportfähig und hob damit die Kaufkraft der landwirtthaftlihen Bevölferung.
 LS
Die natürlidgen Borbedingungen für das Entjtehen einer felbjtändigen
 Induftrie Iagen im grokrufliiden Siedlungsgebiet überaus
ungünftig, und dieje Konnte id nur dank einer weitgehenden ftaatlidgen
 Fürforge entwideln. Diefe Fürforge äukerte ih vor allen Dingen
in hohen SchuHzöllen, die die einheimijdhe Yndufjtrie vor der ausländijden
 Konkurrenz fidHern follte. Durg den Mangel an Kohle in
Zentralrußland (die Kohle des Moskauer Kohlenreviers kommt wegen
Ihrer minderwertigen Belhaffenheit faum in Betracht) war fie darauf
angewiejen, nachdem der Raubhau in den nähergelegenen Waldgebieten
 aufhören mußte, die dur den weiten Transport fehr teure
Rohle aus dem Donezgebiet und Polen oder gar ausländiidhHe Kohle
zu verheizen. VielfahH wurde übrigens au Mafut, ein Naphthaprodukt,
das auf dem Walferwege aus dem Kaukafus Herbeigelhafft wird,
verwandt. Chenfo ungünitig it diefes Yndultriegebiet Hinfichtlich. Textilinduftrie,
 und die Baumwolle wurde früher beinahe ausHlieklidh aus
Amerika bezogen. Erit in den lekten Nahrzehnten nahm die Baum:
        <pb n="100" />
        — 90 —

wollfultur in Turkeftan und Transkaukajien einen bedeutenderen Aufidwung,
 und es Ionnte ein großer Teil des rulliihen Bedarfes aus
diefen Gebieten gededt werden.
Große Schwierigkeiten bereitete der rujfifjhen Yndultrie von jeher
die Arbeiterfrage. Da jeder Bauer nad) der Mirverfajjung einen
Anteil am Lande bhefak, verlor der induftrielle Arbeiter felten volljtändig
 den Zujammenhang mit feinem Heimatdorfe, in das er Häufig
für die Zeit der Iandwirt|HaftliHen Arbeiten zurüdfehrte. Die Folge
war die, daß die rufjfifhe Jndufjtrie, je nad) den Iahreszeiten, bald
an einem Überfluß und bald wieder an einem empfindliden Mangel
an Arbeitskräften litt. Überaus Iangjam bildete fih daher ein fejter
Stern gelernter Arbeiter heran, und der fehr [Hledht bezahlte ruflildhe
Arbeiter zeidhnete jiH im allgemeinen dur jehr geringwertige Leijtungen
 aus. Die Folge aller diefer ungünftigen Berhältnifje war, daß
die nur dur ein Schuß3zolNliyftem Kebensfähig erhaltene rujlijde Induftrie
 nur wenig Qualitätswaren Herftelen konnte, fondern Haupt-Täclig
 Maljenprodukte für den bedürfnislolen inneren Berbraud) auf
den Marit warf.
CharakteriftijH für die ruflijhe Ynduljtrie war der Umftand, dak
in ihr ausländijher UnterneHmungsgeijt und ausländijHes Kapital
eine führende Rolle fpielte. Deutfdhe, Franzofen, Engländer und Belgier
fanden in Nukland ein reides und dankbares Anlagefeld für ihre
Kapitalien. Aug in der Leitung der indujtriellen Unternehmungen
nahmen die AWusländer vielfad) eine führende Stellung ein, und ohne
die zahlreiden ausländijHen, insbejondere deutfhen Ingenieure und
Tedhniker konnte die rullilde Induftrie nicht arbeiten.
Während das zentralrufjijhe Induftriegebiet das Zentrum der
Tezxtilindufjtrie bildete, Hatte die Schwerindujtrie [id hauptjädlidh in
und um Petersburg Ionzentriert, wo fie aber fajt ausfqlieklid mit
ausländifdher Kohle und ausländijdhen Rohfjtoffen arbeitete.
Troßdem bei den groben Entfernungen im europäijdhen Rußland
die Verkehrswege eine erhöhte Bedeutung gewinnen, ijt auf diejem
Gebiete nur wenig geleiftet worden. Kunitjtraken find beinahe gar
nicht vorhanden bis auf die wenigen Poftjtraken, und die übrigen Land
wege befinden [ih zum größten Teile nod im Naturzujtande, Wirklid}
pajlierbar find fie nur im Winter bei Frojft, während der übrigen
Zeit des Nahres verwandeln fie JiH in der Regel in Sümpfe, auch
im Sommer, fobald regnerijde Witterung eintritt.
Mit dem Bau von Eijenbahnen ijt in Rukland verhältnismäßig
[pät, erft in der Mitte des 19. Jahrhunderts, begonnen worden. In
den erften Jahrzehnten madte der Bahnbau nur fehr geringe Fort-Ihritte
 und fhlug erft in den 70er Yahren ein [Hnelleres Tempo ein.
Dank der franzöfilhen Revandemiliarden find in den lekten Jahrzehnten
        <pb n="101" />
        — 91 —

15

TI

mn
1:
‘3
Je
Dd
el
3%
he

18

1B
12
te
uf

3B
al
;er
‚Te
m
ne
15

1er

in
it

u)
em
‚ar
1D-Ü}

‚en
u

31g
In
ct
An,
en

jehr zahlreide neue Bahnen gebaut worden, doch kamen fie, da fie
zus{ließlig nad ftrategijden Gejichtspunkten angelegt wurden, Zeniralrußland
 nidht zugute.
Den wicdtigjten Eijenbahninotenpunit Zentralruklands bildet Mosbau,
 von wo die Bahnen jtrahlenförmig in alle Ridtungen aus-‚aufen.
 Das dünne Bahnneg (im europäijden Rußland kamen auf
L0000 qkm 112 km Eijenbahnen gegen 1160 km in Deuticdhland) ge
aügte aud) nicht entfernt den Bedürfnijjen des Landes, und wertvolle
Sebiete fönnten durch den Bau neuer Bahnlinien wirt[Haftlidh er[dlojfen
werden. Die Leiltungsfähigkeit der meijt eingleifigen Bahnen war
'mmer eine äubßerft geringe und Konnte den gejteigerten Unjprüchen,
die der Getreideexport in guten Erntejahren ftellte, niemals genügen.
Unter den gefhilderten Verhältnijjen Iag natürlidh eine jtärkere
Xusnußung der zahlreidhen, wegen des geringen Gefälles bequemen
Binnenwafferwege ehr nahe. Auf diefem Gebiete ijt aud vom Staate
einiges getan worden, wenn aud) nicht entfernt genügend, um alle
ji bietenden Möglichkeiten auszunußgen. Die Wolga, deren Oberlauf
dur Grokrußland fliekt, ift von der Stadt Iwer an [Hiffbar. Diejer,
in das Kalpijde Meer mündende Strom, über dejfen groke Bedeutung
für die Binnen[hHiffahrt an anderer Stelle die Rede fein wird, it
durch drei Mege mit der NMewa und damit mit der Ojtjee verbunden.
Das wichtigjte diejer Kanalfyjteme ift das Marienfyjtem, das in der
Scheffna, einem linfen Nebenflujfe der Wolga, feinen Anfang nimmt.
Zängs der Scheffna führt diefer Weg in den See Bjeloje Ojero, von
dort durch einen Kanal zum Fluffe Wytegra, der in den Onega-See
fließt, diefer See wird dur einen Kanal, den Onega-Kanal, umgangen,
 der die Mündung der Wytegra mit dem Swir-Flujje verbindet.
Zängs dem Swir gelangt man: zum Ladoga-See, der wiederum durd
den Sjas- und Ladoga-Kanal füdlidH umgangen wird. Der leHtere
Kanal führt zum Austritt der Newa aus dem Ladoga-See. Ein
ınderer Verbindungsweg beginnt mit dem TIwerza-Flulje, einem Neben-Hufe
 der Wolga, benukgt diefen Fluß, den Wy[Hnij-Wolot|hok-Kanal,
yie Mita, den Ylmenfee, den Woldow-Fluß, deffen Mündung mit dem
Ladoga-Kanal verbunden ijt. Der dritte Verbindungsweg benukgt die
Mologa, ebenfalls einen linfen Nebenfluß der Wolga, den Tidhwin-Ranal
 und einen Heinen Zufluß des Ladoga-Sees, die Tijdhwinka.
Ein reger Schiffsverkehr ijt ebenfalls auf der Oka, die hei der Stadt
Nifhnij Nowgorod in die Wolga mündet, zu finden. Ferner gibt es
mod) eine große Anzahl fjowohl fohiffbarer als au flößbarer Fülle.
Sehr behindert ijt jedoch die gejamte Binnen[Hiffahrt Zentralruklands
durch den langen und ftrengen rulliidhen Winter, der die Navigation
ıNiährligH auf 41% bis 6 Monate unterbricht.
        <pb n="102" />
        Das Gebiet der Don-Kofaken*)
Non U. Niefe

try am Ak

Küchtlinge aus den Fürltentumern Großruklands, denen die Ver-Hältniffe
 in der Heimat unter dem Drud der Tatarenherrjchaft unerträglidy
 geworden, waren die erften rulfijdhen Kolonijten, des Dongebietes.
 Sie bildeten Hier freie Genoffen]dhaften, in die jeder, der
lid den felbjtgegebenen  Gefegen zu fügen bereit war, aufgenommen
wurde. Sie bejdhäftigten fid mit Wderbau und Fijhfang, mußten Jid)
aber fortgefeßt gegen die Überfälle der im Süden nomabdifierenden
Stämme der Tataren, Kirgifen und Bajchkiren verteidigen. Wber auch
fie unternahmen häufig großzügige Raubzüge gegen ihre Nadbarn.
So bildete [ih bei ihnen ein ausgejprochen Iriegerijder Geilt aus, der
id aud bis in die neuejte Zeit Hinein erhalten Hat. Einen fehr ftarfen
Zuzug erhielten die Kofaken im 17. Jahrhundert. Während der in
Sroßrukland hHerrighenden Wirren und nad) der Einführung der LeibeigeniHaft
 fand doch hier jeder flüchtige Leibeigene eine fichere Frei:
jtätte vor jegliger Verfolgung. Sehr zahlreid) waren aud) die Seltierer,
 die Altgläubigen, die hier eine Zuflucht ucdhten und fanden,
Bis zur Regierung Peters des Großen mijdhte [id der mos{0-witiide
 Staat nicht in die inneren Verhältnifje der Kofaken ein. YWber
mit dem Erfjtarken des rullilden Staates nahm fein Einfluß immer
mebr zu, bis das Dongebiet, zuerft nominell, und dann aud tat[äd)-lid
 unterworfen wurde. Die Kofaken wurden von der zu]lijdhen Regie:
tung, in der richtigen Erkenntnis ihrer Tauglidhkeit für den Kampf
gegen wilde Bölferjdhaften, Hauptjächlih zur Sicherung der vorge[dobenen
 Grenzen im Olten und Südoften verwandt. Sie wurden unter
Beibehaltung ihrer militärijden VBerfaljung in den SGrenzgebieten angeliedelt
 und bildeten hier einen Schukwall zur Abwehr feindlicher
Angriffe.
Auf eine ähnlide Entjtehung konnten die Kofakenniederlajjungen
am Dnjepr und an der Wolga zurüchliden, Die Dnjepriojaken
waren, im Gegeniag zu den übrigen (großruflilden) Koljaken, Klein-*)

 Richtiger als die im DeutidHen gebräuchlig gewordene Bezeichnung
„Kofaken“ ijt „Kalaken‘“ — rufliidh: Kafakt.
        <pb n="103" />
        32

td
nz

1=ör



en
3

In

fi

1.

am
in
hiz

{=mn.


‘9
1er
ter
h-18=


10=ter


ınher


Jen
‚en

nz

1na

zuffen aus der Uiraine. Ihre Niederlaljungen wurden, nad mehr
jagen Aufjtänden, im 18. Yahrhundert unter Katharina II. zerfjtört
und fie wanderten teils ins Dongebiet, teils in den Kaukafus aus.
Bon Wolga-Kofaken wurde im 16. Yahrhundert die Eroberung Sibiviens
 begonnen und von ihnen ftammen die fibirijdhen Kojakenheere
und ebenfalls die Uralkojafen ab.
Die Kofaken bilden alfo nidht einen bejonderen Volksjtamm, fondern
 nur einen militärijd) organijierten Stand, defjen Bejtand frei
;ich Jeit der während der Regierungszeit Wlezxanders II, erfolgten recht
lien Gleicjtellung der Kojafen mit der übrigen Bevölkerung und
Ermöglidhung des Austritts aus dem Kolakenitande wefentlid) gelodert
murde,
Die Kofaken mußten, vom 18. Jahre an, 20 Jahre als Soldat
dienen und davon zwölf Jahre im aktiven Dienfjte zubringen. Während
diefer ganzen Zeit waren fie verpflichtet, fig auf eigene Kofjten voll-‚tänbdig
 auszurüften, wogegen [ie eine weitgehende Steuerfreiheit ge-1ofjen,

Derartige, militärijdh organijierte Kojakenheere gab es bei Ausbrud)
 des Weltkrieges, auHer dem Heer der Donkofaken, nad) zwölf,
die im Sftliden Teil des europäijden Ruklands (Orenburg, Ural,
Altradan), im Kaufajus (Teref und Kuban) und in Sibirien (Trans-Daikal,
 Amur, Ujjurti, Iriutitk, Krafnojarjt und Semiretihenif) ihre
Siedlungen hatten.
Das Gebiet der Donkofjaken [tellt eine fladje, mit Steppen bededte
Ebene dar, die nur im weitliden Teil einen hügeligen Charakter hat.
Die vorherr{dhende Bodenart ijft die fruchtbare Schwarzerde. Un Wald
‘It das Gebiet aukerordentlidg aım — der Waldbeftand bededt, nicht
einmal 250000 Dekjatinen, d. hH. 1,6% der Gejamtfläde, und ift
yauptjäcdlid in den Fluktälern zu finden. Es wadhljen hier nur Laubäume
 — Eichen, Pappeln, Whorn, Weiden u. a.
Die HauptbejdHäftigung der Bevölkerung bildet die Landwirtdhaft.
Der fruchtbare Boden gibt troß der exten]iven WirtihHaft reihe Erträge,
 nur madt fih Häufig eine |tarie Dürre bemerfbar. Der recht
bedeutende Überfdhuß an Brotgetreide (20 Millionen Zentner und noch
mehr) wurde ausgeführt, zum Teil audy ins Ausland, über die Häfen
des Dongebietes, Rojftow, Taganrog und Afow. Die vorherrichende
Brotfrucht ijt der Weizen, nur im Norden findet man audy Roggen,
ferner Gerfite, Hafer, Mais, Hirje, aud) Kartoffeln in geringen Mengen.
 Der Gemüjebau ijt neben dem Aderbau überall zu finden, aber
von größerer Bedeutung für die Bevölkerung ijt er nur in der Nähe
der Städte und im Flukgebiet des Don. Sehr entwidelt ijt audh) der
Obit- und Weinbau. Eine große Rolle fpielt aud im Dongebiet die
Biehzucht; im Kahre 1911 wurden hier 2189345 Stüg Grokvieh,
        <pb n="104" />
        2

L 788103 Schafe, 478944 Schweine und 6067 Kamele, gezählt. Auch
die Pferdezucht it, befonders bei den Kofaken, [ehr verbreitet,
Der Don und feine zahlreihen Nebenflüfje zeihnen Koh durch
großen FijdHreidhtum aus; bhejonders ergiebig ijt Der Fildhfang im
Unterlaufe des Don — im Jahre 1911 wurde die Yusbeute auf
weit über 100000 Zentner gefhäbt. Die wichtiglten Filde des Don
iind: Sander, Bracjen, Zärten, Wels, Karpfen, Mellerfiidhe, Störe,
Sewrugen, ferner au Heringe (im Jahre 1911 gegen 2,5 Millionen
Stüd). Der FilHfang an den Ufern des Ajowihen Meeres ijt eben-Falls
 fehr ergiebig. Die Filde werden, foweit fie nit als Nahrung
jür die Landbevölferung dienen, in die Städte des Gebietes geliefert,
oder audh in gefalzenem oder geräuchertem, im Winter aud) in gejrorenem
 Zuftande ausgeführt.
Die verbreitete Annahme, dakz die Landbevölferung des Dongebietes
 ausiglieblid aus Kofaken beitehe, ijt grundfalih. Mit dem 18. Sahrjundert
 fekte Hier eine [tarke Befiedelung des Gebietes mit [eibeigenen
Bauern ein, die neben den freien Kofjaken in demjelben Abhängig-‘eitsverhältnis
 von den Gutsbeligern lebten, wie in den übrigen Teilen
Rublands. . HNudH nach der Aufhebung der Leibeigen[Haft blieb Ddiele
Scheidung zwilden den Kofaken und der übrigen Bevölkerung beltehen,
die insbejondere in den verldhiedenen YWararverhältniffen ihren Ausdrud
 fand.
Sm Jahre 1835 wurde jeder Kofakengemeinde (Stanize) ein
Landgebiet, die „Iurte“, zugeteilt, deifen Größe fo bemeffen war, daß
'edem männligen Kofjaken 30 Dekiatinen Land zufielen. Das den
Rofaken in der erfien Zeit ZU Verfügung [tehende Land war mithin
io reiclid, das eine Wbgrenzung des jedem Einzelhof (chutor) zufomnenden
 Landes überhaupt nicht vorgenommen wurde, jondern jeder
‘viel Land in Belig nahm, wie er brauchte. Sn der Folge wurde,
nit der Zunahme der Bevölkerung, wohl almählid zu einer Abgrenzung
 des Landes gefchritten, aber nod) im Yahre 1874 kamen noch
zuf jeden männliden Kofjaken 25 Dehziatinen. Infolge des weiteren
itarlen Zuwachjes der Bevölkerung ging der Landanteil der einzelnen
zwar weiter zurüd, aber von einer wirfliden Landnot Äonnte unter
den Kofaken immerhin nicht die Rede jein — betrug doc) der einzelne
Anteil nodH im Jahre 1900 13,5 Dekijatinen. Irokdem ijt die Projetarifierung
 audy unter den Stojaken weit fortgejdhritten, und die
Hälfte bewirtjdhaftete ihren Anteil vor dem Kriege nidHt [elbit, Jondern
 verpachtete ihn an die WohlhHabenderen. Eine nicht geringe Rolle
ipielten bei bdiefer Entwidlung zweifellos die großen Lalten, die der
Heeresdienjt den Kofjaken auferlegte.
Ganz wefentlid ungünftiger geftellt waren die vormals gutsherrligen
 Bauern. Bei der Aufhebung der Leibeigenihaft betrug der Sees
        <pb n="105" />
        35

9

9
m
uf
In

&amp;amp;,
11

17
;g
;t,

bo

Ta

{=en


g*
en
eje
&amp;gt;,

‚5=m


aß
jen
in

I
Jer

de,

ne
&amp;gt;
en

ı1en

(er
ine
2D-Ile

Ins
alle
der

&amp;gt;LIs

\ppz

lenanteil im Durdhjhnitt niht mehr als 3,3 Dekjatinen und fank bis
zum . Jahre 1900 auf 1,4 Dekjatinen. In Anbetracht der primitiven
Wirt[haftsmethoden war es, troß des im allgemeinen durchaus fruchtbaren
 Bodens, night möglich, auf [oldjen Meinen Anteilen eine gefunde
jelbftändige Wirtidhaft zu führen. .
Es ei bier nod) erwähnt, daß im Dongebiet bei einer Gefamtbevölferung
 von 3360620 Einwohnern (im Yahre 1911) dem Kofakenitande
 bloß 1392316 Perjonen angehörten.
Das widtigijte rufjijde Kohlengebiet, das fog. Donez-Kohlenbeden,
 liegt teilweije in den Grenzen des Dongebiets, Diejes Kohlenrevier
 umfaßt eine Fläde von 15—20000 Quadratwerjt und ent:
hält nad) den Berednungen des amtlidgen rullildhen Geologijdhen Komitees
 mehr als 1000 Milliarden Zentner Steinkohle und Anthrazit,
Erjtmalig entdedt wurden dieje Lager [Hon zur Regierungszeit Peters
des Großen, aber die Ausbeute begann erjt im Jahre 1839 mit einer
Sahresförderung von 300000 Zentnern. Einen aukerordentliHen Auf-[d9wung
 nahm das Kohlengebiet in den Iekten 50 Jahren, gleichzeitig
mit dem Ausbau des Eijenbahnneges und im Jahre 1911 [tammten
71% der gefamten ruffijden Kohlenausbeute aus dem Donezgebiet. Ein
Bild von dem jtarken Aufidwung der Kohlenförderung im Donezbeden
 geben folgende Angaben: Die Kohlenausbeute betrug
Im DurdhiHnitt der Jahre 1861—1870 3,2 Millionen Zentner Steinkohle und
Anthrazit
Steinkohle und
Anthrazit
Steinfohle und
Anthrazit
Steinkohle und
Anthrazit
Steinkohle und
Anthrazit,

)»

Die Zahl der Arbeiter in den Kohlenbergwerken des Donezgebietes
betrug im Jahre 1911 gegen 100000,
Im Gebiete der Donkofaken Jind die Steinkohlen- und Anthrazitbergwerfe
 in den Kreijen IjHerkalk, Donezk, Taganrog, und im erlten
Donjden Kreije belegen. Die Ausbeute betrug hier im Yahre 1911
gegen 86 Millionen Zentner Steinkohle und gegen 60 Millionen Zentner
Anthrazit, Befhäftigt waren in den Kohlenbergwerken gegen 60000
Arbeiter.
Die wirt[Haftlide Bedeutung diefes reichen Kohlengebietes wird
durd) feine ungüniftige geographifdhe Lage jtarf beeinträchtigt, Es liegt
fern von den widhtigjten Eijenerzlagerjtätten und von den großen
Wallerverkehrswegen, und durch den teuren Eilenbahntransport Ionnte
        <pb n="106" />
        Q6

die Doneziohle für das Indujtriegebiet Nordwefjtruklands nicht in
Betracht kommen. Dieles war gezwungen, mangels eigener beinahe
ausfhlieblid die englijde Kohle zu verwenden. Erit nad) YWusbruch
des Weltirieges, als die Kohlenzufuhr aus England nad) den Ojtjeehäfen
 unterbunder wurde, gewann die Donezkfohle für die gefamte
rulliige Induftrie eine riefige Bedeutung. Für den hHokzarmen Süden
freilidy war die Donezkohle immer eine Lebensnotwendiakeit, und hier
fand fie au Hauptjädlidhe Verwendung,
Im Donezbeden find au, freilid nidt [ehr bedeutende, Eijenerzlagerjtätten
 zu finden, ferner Goldadern, Silber und Zinkgruben,
Bedeutender ijt die Ausbeute von Quedjilber, doch ijt der Ertrag Hier
jebr [Hwanfend, 3. B. im Iahre 1897 gegen 12000 Zentner, 1908
dagegen bloß gegen 1000 Zentner. Sn der Umgebung von Bacdhmut
wird |HlieklidH nod) Steinjalz gewonnen.
Die Indujtrie des Dongebietes ijt nidt jehr entwidelt und in der
Hauptfache in den Kreilen Roftow, Taganrog und Tiherkaft Konzentriert.

Das Donezkohlengebiet verfügt über ein für rullilde Berhältnijfe
außerordentlidh didHtes Eijenbahnnes, während die übrigen Teile des
Dongebietes in diejer Hinjidht nicht günitiger als das übrige Rukland
geftellt jind. Die Gefamtlänge der Eijenbahnen des Gebietes beträg!
2133 Werft. Der Don ijft in feiner ganzen Länge im Dongebiet für
die DampfidHiffahrt zugänglid und aud) eine ganze Reihe jeiner Nebenflülfe
 ift [Hiffbar. Im Iahre 1906 wurden auf dem Don und feinen
Nebenflüfjen 215 Dampfer gezählt, von denen 92 aug) auf dem Alowihen
 und Schwarzen Meere verkehren konnten.
        <pb n="107" />
        nn

he
5

2

te

en
ba

112

+11,

er
ed

ut

JeT

M11=le


165
nd
igt
ir
D11=en


MD:

Das Gebiet der unteren Wolga
Bon A, Riefe

Sm 13, Jahrhundert überfluteten die aus Alien Iommenden tür-Hfd-mongolijgen
 Tatarenhorden das olteuropäijde Tiefland, und dank
der politiiden Zerrifjenheit der ruljijdhen Teilfürjtentumer gelang es
iHnen, dieje durch zwei Jahrhunderte unter ihrer Botmäbkigfeit zu
Halten. Das war die in der rujfijdhen Ge[hidhte unter der Bezeihnung
des Tatarenjodhes bekanıte Periode. Wber während diefe Nomadenvölfer
 wohl imfjtande waren, politijdh ihre Herrjhaft über das ganze
Gebiet Grokrukßlands auszubreiten, haben fie dort Kolonijatorijd) nie
jeiten Fuß fajjen Fönnen. Sie blieben in den Steppen öltlid) des Unter»
[aufes der Wolga, wo fie ihre Fürftentümer, Horden genannt, gründeten.
Die bedeutendjten diejer Horden waren die von Zarizyn, [päter aud)
von Kajan und Ajtradjan. Bon hier aus beherrfchten jie die rul[ltidhen
Fürftentümer, die ihnen dur Vermittlung ihrer Fürjten den Tribut
zahlen mußten. Nady der im Yahre 1480 endgültig erfolgten YUbidüttelung
 des Tatarenjods behaupteten die tatarijhen Khanate von
Kafan und Ajtradan nod) gegen 70 Yahre ihre Selbjtändigkeit, bis
aud) fie während der Megierungszeit des Zaren Iwan IV. unter bie
Herrihaft Moskaus gerieten (Kajan 1552 und Ajtradhan 1554). Nın
begann eine, zuerjft mehr zufällige, jpäter aber immer mehr und
mehr vom Staate [yjtematild) geleitete und unterjtüßte Kolonijation
des Gebietes der unteren Wolgaländer durg die Großrufjen. Es wurben,
 um bie räuberijden Überfälle abzuwehren, Fejtungslinien gebaut,
dieje immer mehr und mehr gegen Often vorge[Hoben und Hinter diefjen
Feltungslinien, unter deren Schuke, Konnte der rujliihe Bauer lid
anliedeln.
Wenn aud der Großrufle gegenwärtig nidt nur politijd, fondern
 auch wirtihaftlig diefe Gebiete volliommen beherricht, jo zeugt
deren völkfijde BuntjdHedigkeit dody nody immer davon, da; fie erit
dor nit allzulanger Zeit von den Rufjen hefiedelt worden find. Die
Tataren, die Nachkommen der einjtigen Beherrfdher Ruklands, jind
befonders zahlreiH im Gouvernement Kafjan, und die Stadt Kajan
mit ihren vielen MofdHeen und dem ausgedehnten Tatarenviertel macht
zu jebt no) mehr einen aliatijdH-tatarijdhen, als einen ruljijden Eindrud,
 Yu in den übrigen Gouvernements des Unterlaufes der Wolga,
Die wirtichaftliche Autkunft des Oltens
        <pb n="108" />
        QR

den Gouvernements Simbirif, Samara, Saratow und Ajtradhan, haben
fie fi, wenn audy weniger zahlreich, erhalten und bilden 5—9%
der Gejamthevölferung. In den Gouvernements Kafan, Simbirfjf und
Samara find aud) BajdhHkiren zu finden, Während der Regierungszeit
der Zarin Katharina II. wurden in den Gouvernements Samara und
Saratow zahlreidhe deutfhe Kolonien gegründet, die bis auf den Heutigen
 Tag als ge[Hlofjene Gebilde, die ihr VBolistum reinerhalten
haben, nod) bejtehen. Den überwiegenden Teil der Bevölkerung diejer
SGouvernements in den Städten, aber au) auf dem fladen Lande
bilden die Grokrufjen. m SGouvernement Aljtradhan dagegen leben
die Rullen in der Hauptjadje in den Städten und längs der Wolga,
während die, vielfad) wüjtenähnlidhen Steppen im Weiten und Olten
diefes Flujjes von nomadifierenden Kalmüden und Kirgijen bevölfert
werden. Die Bevölferungsdidhte betrug im Jahre 1897 im Gouvernement
 Rajan 34, SimbirjE 31, Samara 18, Saratow 29 und Altra-Han
 bloß 4 Perfonen auf einen Quadratkilometer.
Das Klima des ganzen Gebietes ijt ausgejproden Kontinental, der
Winter jehr jtreng und der Sommer Heiz. Doch find Hike und Kälte
verhältnismäßig leicht zu ertragen, da die Luft in der Regel überaus
troden ilt.
Das linfe Ufer der Wolga ijt durdHweg niedrig, und hier Zieht
lid gegen Often eine endlofe einförmige Cbhene bis zum Ural hin. Das
rechte Ufer dagegen ift ho und hat ftellenweife einen hHügeligen € haralter.
 Bekannt dur ihre Schönheit find die Segulewer Berge am
redhten Wolgaufer beim fogenannten Samarajhen Bogen (Samarjkij
(uf). Der Norden der Gouvernements Kafan, Simbir]t, Samara und
Saratow ijt fait durdHweg überaus fruchtbar, bejonders in den weltliden
 Teilen, und die Landwirt/Haft hat hier für die Bevölkerung
eine vorherridende Bedeutung. Im Süden des Gouvernements Kafan
ijt die Schhwarzerde überwiegend, eben]o in den Gouvernements SimbirfE,
 Samara und Saratow. Im Süden des Gouvernements Saratow
 beginnen die Wüjten, die aud den größten Teil des Gouvernements
Altradhan bededen, und für die Landwirt/dHaft nur geringe Möglichfeiten
 bieten. Auf AWderland und Wiejen entfallen im SGouvernement
 KRajan 49 bzw. 9%, Simbirft 52,4 bzw. 11,2%, Samara 48,5
bzw. 31,6% und Saratow 63,3 bzw. 16% der Gejamtfläde. Angebaut
wird im Gouvernement Kajan hauptfädlid Roggen und Hafer, weniger
Weizen, audy Gerfte und an Indujtrie-Gewäcdjen Hauptfäcdlidh Saatlein
und Hanf. Weiter füdlid gewinnt der Weizenbau immer mehr an
Bedeutung. In den Gouvernements Samara und Saratow it aud
ber Tabakfbau [ehr entwidelt und wird hier audy durH) einen geeigneten
Boden begünftigt. Einen [Hweren Mikitand für die Landwirt|Haft
bilden die häufig eintretenden Dürren, gegen die der ruljiidhe Bauer
        <pb n="109" />
        Jen
40/0
Ind
zeit
ind
uftz
ten
»fer
(de
en
30,
ten
tert
JeTra=



ilte
15

ıebt
Das
10:
ım
6
und
‚alting

‚Jan
‚im
1Tants

‘ichne

8,5
aut
ger
ein
an
ıud
»ten
haft
1MPT

heim vollfommenen Fehlen eines Iünftliden Bewäfjferungswejens und
dei der hier hHerridhenden niedrigen landwirt/dHaftlidHen Kultur (Dorherr/hend
 ijt die Dreifeldwirtjhaft) vollfommen madtlos ijt. So Ionnte
55 geldehen, daß in diefen jo fruchtbaren Gebieten, die in normalen
Xahren einen bedeutenden Überfdhuß an landwirtjhaftliden Produkten
aufzuweijen Hatten, nidt jelten nad) Mikernten jHwere Hungersnöte
errichten und die Bevölkerung in diejen Jahren nur dur jtaatlihe
Unterftüßung vor dem Hungertode errettet werden konnte. Es wird
aud) vielfad) ein gewijfenlofer Raubbau getrieben, indem dem Boden
gar fein oder nur ganz ungenügender Dünger zugeführt wird. Die
Folge diefer Mikwirtjdhaft ijt eine vielfad) beacdhtete merkflide YUWbnahme
 der Fruchtbarkeit des für uner[höpflid geltenden Bodens, Der
Garten- und Gemüjebau ijft im ganzen nur Jehr wenig entwidelt und
Jat nur in der Umgebung der Städte eine größere Bedeutung ge
yonnen. Bezeihnend für den niedrigen Stand der landwirt[Haftlidhen
Rultur des Gebietes ijt der gerirge Pferdebejtand — er betrug im
Xahre 1897 im Gouvernement Kajan 506000, Simbir[t 295000,
Samara 960000 und Saratow 640000. Die Viehzucht |teht ebenfalls
auf febr niedriger Stufe, und Rajfevieh ijt bei den Bauern überhaupt
niht vorhanden. Der Mangel an Dünger macht [id daher in des
Landwirt|haft fehr bemerkbar, In den Gouvernements Samara und
Zaratow, die über fHöne und fruchtbare Wiefen verfügen, hat die
SdhHafßucht eine größere Bedeutung gewonnen, doch ijt die gewonnene
Wolle nicht fehr hochwertig. Die Agrarordnung ift diefelbe, wie in
den großruffijlden Gouvernements des Zeniralgebietes und der Lande
mangel der Bauern war in den zum Schwarzerdegebiet gehörigen
iructbaren Teilen des Gebiets fehr fühlbar. Die Hausindujtrie fehlt
aud) hier nicht ganz, hat aber eine jehr viel mehr untergeordnete Ber
deutung. Wald ift nidHt viel vorhanden und genügt kaum für den
sigenen Bedarf des Gebiets. Nur im Gouvernement Kafan bededt
2r 35% der Fläche und Hat eine größere Bedeutung für die Bevölkerung.
 In den Forlten diefes Gouvernements wird fehr Ihönes Schiffe
Jauholz gewonnen.
Einen wejentligd anderen Charakter als die nördlider gelegenen
Provinzen hat das Gouvernement AWitradjan. Es gehört beinahe in
jeinem ganzen Umfange zur fog. Aral-Kafjpijden Wüftenebene. OÖftlid
der Wolga zieht fidH die Kirgijenjteppe, weltlid die Kalmüden|teppe
din. Im nordöftliden Teil ijft der Boden Iehmig und mit Salz durdhtränft,
 im Südoften dagegen Jandig. Dank den [tändig wehenden nord-5ftligen
 Winden dringt der Sand langiam aber. fidher immer weiter
zegen Südwelten vor, und vernichtet die auf feinem Wege befindlichen
Dafen und Ortidhaften. Das Klima des Gouvernements Altrachan
befindet lid unter dem Einflulfe der benachbarten Wülten, im Sommer
        <pb n="110" />
        — 100 —

wehen heiße und trodene, im MWinter Kalte, gefundheits]Häblide Winde.
Schroff find aud) die Temperaturgegenfäße zwijden Sommer und Winter:
 während die Temperatur im Sommer bis 43 Grad über den
Gefrierpunit jteigt, fällt fie im Winter häufig bis 32 Grad und
niedriger unter Null. Sehr verbreitet ijt hier die Malaria, und die
Lungenfraniheiten fordern alljährlid viele Opfer.
Auf dem Iehmigen Boden der Kalmüdenfteppe ijlt nur eine [pärlide
 Wüftenvegetation zu finden, während die fandigen Teile voll
fommen Iahl Jind,
Der Aderbau ijt vorwiegend nur an den Ufern der Wolga
möglich, aber hat aud) hier unter den ungünftigen fimatijden Ber-Hältniffen
 zu leiden. Für die Ausfuhr Iommen nur Melonen und Arbufen
 in Betracht. Die Viehzucht bildet die Hauptbejhäftigung der
nomabdijierenden Kalmüden und Kirgijen, {ft aber aud) unter der Aderbau
 treibenden Bevölkerung verbreitet. Im Yahre 1910 wurden im
Souvernement Ajtradyan gezählt: 1105780 Stüd Grokvieh, 382019
Pferde, 207543 Kamele, 2726146 Schafe und 37941 Schweine.
Un Mineralihäbgen ijt das ganze Gebiet des Unterlaufes der
Wolga überaus arm. Bon Bedeutung ijt bloß die Salzausbeute aus
ben Seen des öftliden Teils des Gouvernements Ajtradan, die gegen
20% der rulfilden Gejamtausbeute an Salz betrug. Im Sahre 1909
wurden hier gegen 40000 Zentner Salz gewonnen.
Die Yudujtrie ijft in diejem Gebiet ebenfalls äußerft (dwad ent:
widelt und befhHränikt fiH in der Hauptjache auf die Getreidemüllerei.
Eine große Bedeutung Hat für das ganze bejprodhene Gebiet
der Fildhfang in der Wolga und deren NMebenflüfjjen. Bejonders
ergiebig ijft er im Gouvernement Ajtradan. Hier und im Kalpijdhen
Meer waren im Yahre 1910 100—120000 MenjhHen mit dem Side
fang bejdhäftigt. Die Größe der Ausbeute wecfelt freilid in den
einzelnen Yahren außerordentlid ftark, und in der legten Zeit wurde
in der Wolga überhaupt eine Abnahme des FijdHreihtums Tejtgeltellt,
die neben verfhiedenen anderen Urjaden wohl hHauptfächlid auf die für
die Filde [Hädlide Verunreinigung des Wajlers mit Naphtha, mit
dem die Wolgadampfer beinahe ausfOhlieklid geheizt werden, Zzurüdgeführt
 werden muß. Im Iahre 1909 wurde die gefamte SFildereiausbeute
 im Gouvernement Afjtrachan, einjdhließlidH den FijdHfang im
Kalpilden Meer, auf 4 Millionen Zentner gejhäßt. Gefangen werden
hier hauptlächlid Heringe, Störe, Beluga (Haujen), Hedhte, Karpfen,
Sander und Plögen. Hier am Unterlauf der Wolga wird aud) der
bekannte rullilde Kaviar gewonnen, der von der Beluga und dem
Stör [tammt, und glei an Ort und Stelle für den Transport 3zubereitet
 wird. Der Export von Fijhen und Fijdhereiprodukten aus
dem Gouvernement Aitradhan war ein recht bedeutender; die Fijde
        <pb n="111" />
        — 101 —

de,
U:
en
1D
7

11=is



ga
Ms
It
Jet
Ss
im
19

Der

IMS

jen
109

nt:
rel.
‚iet
ers
hen
(He
en
:Dde
(lt,
dr
mit
üde
„ei:
im
„en
en,
3er
em
ju-{US

Zoo

yurden teils gefakzen, teils aber aud) im frijfen Zujtande in Kühlyagen
 verfandt, früher aud in großen Mengen ins Ausland. Im
Kafpilden Meer fpielt der Seehundfang eine große Rolle — im NHahre
1909 wurden 108022 Seehunde im Gewicht von qeqgen 500000 Zentnern
 erbeutet.
Bei dem wenig ausgebauten und leiftungsunfähigen Eijenbahnneß
Rußlands und den kaum vorhandenen, für Majfentransporte ungeeigneten
 Landwegen Haben natürliH die Waljerwege eine erhöhte Bedeu»
hung erlangt. Unter diefen Wajjerläufen nimmt die Wolga mit ihren
Nebenflüffen, von denen die Oka und die Kama die bedeutenditen find,
zweifellos die erfte Stelle ein. Die Wolga, der größte Fluß Europas,
at von ihren Quellen im Waldaijdhen Hocdhplateau des Gouvernements
 Twer bis zu ihrer Mündung ins Kalpijhe Meer eine Länge
don 3695 km, ihr Flukgebiet umfaßt 1470000 qkm, ein Drittel des
ganzen europäiflgden Ruklands. Flökbar it die Wolga von ihrem
Ausfluffe an, fOiffbar fhon von der Mündung ihres Nebenflujfes
Selilharowia an. Die Dampfidiffahrt beginnt mit Heineren Dampfern,
 [don bei der Stadt TIwer, die groHen Flußdampfer verkehren
don Nifdhnij-Nowgorod bis zur Mündung. Die Gejamtlänge der Schiff»
jahriswege des Syjtems der Wolga beträgt gegen 18000 km, von
denen gegen 13000 km für die Dampfihiffahrt paflierbar find.
Die Bedeutung der Wolga als Schiffahrtsweg wird natürlich
durd) den Umftand, dak fie in ein Binnengewälfer, das Kafpijhe Meer,
mündet, [ehr vermindert. Die Wolga ijt daher in erfter Linie für den
Binnenverfehr des Europäijdhen Ruklands von Wichtigkeit. Dod da
ie dur) drei Kanaliyfteme mit der Newa und [omit aud) mit der
Ditfee verbunden ijt, werden do) große Warenmengen längs bder
Wolga au für den Export über St. Petersburg befördert. Aus
dem Bailin der Wolga wurden auf dem Marienkanaliyitem im Jahre
1909 in die Newa transportiert gegen 27 Millionen Zentner Waren,
auf dem Tidhwinkanaljyjtem gegen eine Million Zentner, auf dem
Ranaljyitem des Herzogs AWlexander von Württemberg gegen 800000
Zentner. Der gefamte Warenverkehr auf der Wolga wurde im Jahre
1909 auf z3irfa 320 Millionen Zentner gejHägt. Sehr behindert wird
die Wolgaldhiffahrt dur den langen und [trengen Winter, der den
Verkehr volljtändig unterbindet. Die mittlere jährlide Schiffahrisperiode
 betrug im Durdhjhnitt der Yahre von 1877—1906 zwildhen
Rybinft im Gouvernement Yaro]law und Samara 196 Tage, zwilden
Samara und BZarizyn 200 Tage, zwijden Zarizun und Aitrachan
220 Tage, zwifden Altrahan und dem Kafpijhen Meer 257 Tage.
Auf den Wolgaverfehr entfallen 50—64% jämtliger Wajfertransporte
 Ruklands an Getreide, beinahe 100% an Naphtha, gegen
350% an Sak und aeaen 37% an Holz. Die wictigiten Flukhäfen an
        <pb n="112" />
        — 102

der Wolga find Twer, Rybinjk, Jaroflaw, Nifdgnij-Nowgorod, Kafan,
Samara, Sysran, Saratow, Zarizyn und Altrachan.
Im Iahre 1905 beftand die Dampferflotte der Wolga aus 3700
Schiffen, andere Fahrzeuge wurden über 29000 gezählt. Bis zum
Ausbrud) des Weltirieges war die Wolgafjdhiffahrt in einem [tarken
Auffdhwunge begriffen, jegt follen freilidh, wie man aus allen zu uns
aus Sowjetrußland gelangenden Nachrichten [Hlieken kann, nur noch
traurige Überrejte der einjt [tolzen Flotte übrig geblieben fein.
Um Unterlaufe, bei Zarizyn, nähert fid die Wolga bis auf 3irka
60 MWerjt dem Don und es find [Hon mehrfad) Verfuche zu einer Ver
bindung der beiden Ströme gemacht worden, aber immer erfolglos.
Die Bedeutung diejer Kanalverbindung wäre natürlich eine ungeheure,
da auf diejem Wege alle Fradhten aus dem gefamten Flukgebiet der
Wolga flukabwärts ins Schwarze Meer und von dort auf dem Sees
yege weitergebradht werden Könnten.
        <pb n="113" />
        Der Ural
Bon YAM, Riefle

Un der Grenze Europas und Aliens wird die olteuropäifdhe Tiefs
ebene von einer Bergfette, dem Ural, unterbrochen, die [idh in einer
Länge von 2560 km von den Ufern des Karijdhen Meeres bis zum
Araljee in ziemlich gerader Ridhtung von Norden nad Süden hinzieht.
Diefles [Hmale Gebirge, das nirgends breiter als 75 km ift, bildet
die Wajjerfheide zweier grober Flukiylteme — im Olten des IrtylH
und Ob, im Welten der Kama, PetjdhHora und des Uralfiujjes. Die
mittlere Kammeshöhe überfteigt night 360—460 m. Na Olten fällt
ber Ural meijt [teil in die weitfibirijde Cbhene ab, während er im
Weiten aNlmählidh, vielfad) terrajfenförmig in das Fladland übergeht.
Der Ural wird gewöhnlidhh) in drei Teile geteilt, den nördlidhen
oder polaren, den mittleren oder erzreiden und den Jüdlidhen oder
waldreiden. Der nördlide Ural zieht fiH vom Kariidhen Meere bis
zu den Quellen des PetfhHoraflufjes hin und bildet fortlaufende,
jtellenweife recht hohe Felfenketten. Hier befinden fjiH audh die Hödhiten
Gipfel des Gebirges, der Telpos-is (1656 m), der Cheft-ner und
der Sablja. Die Vegetation Hat im äußerften Norden einen tundrenähnliden
 Charakter, aud) weiter JüdlidhH [ind Kamm und Gipfel wald-[os,
 nur Krüppelhölzer Können hier gedeihen. In den Tälern dagegen
wachen hier bidte Nabdelwälder. Der mittlere Ural, der ih bis zum
Durgbrucdstale des Uralfiujfjes erftredt, ijt der jHmalite und zugänglidhjte
 Teil des Gebirges. In feinen füblihHen Teilen, in der Gegend
von Hekfaterinburg, bildet er Jtellenweile eine flade Hochebene und
verliert voliommen den gebirgigen Charakter. Der mittlere Ural war,
bejonders in feinen nördlidHen Teilen, mit riefigen NMadelwäldern bhededt,
 im Süden herren Laubwälder vor. Doch Hat der Waldreichtum
 durg Naubbau ftark abgenommen, und gegenwärtig ijft in der
Gegend von Fekaterinburg fogar vielfad) Holzmangel zu fpüren. Der
jübdlide Ural befteht aus drei parallel von Norden nad Süden laufenden
 Kämmen. Der mittlere diejer Gebirgsfämme gilt als die eigentlie
 Fortiekung des Urals, der SitliHe trägt den Namen der Ilmenildden
 Berae, der weitlihe des Urenaaiiden Gebiraes. Der aanze
        <pb n="114" />
        — 104 —

nördlide Teil des füdlidhen Urals ijt mit didHten Wäldern bebedt,
gegen Süden gehen die Berge allmählid in die Steppe über.
Tie Bevölkerung des Urals und der diejem Gebirge im Welten
vorgelagerten Chene (die Gouvernements AUrhangelit, Wologda, Wijatka,
Berm, Ufa und Orenburg) befteht in der überwiegenden Mehrheit
aus Großruffen, die [id in den legten Jahrhunderten in Ddiejen Gebieten
 als Koloniften feitgefeßt haben. Wber überall find nod Itarfe
Refte der indigenen Bevölferung vorhanden. Im äubßerjten Norden,
dem Tundrengebiet, ind nur nomadifierende, finni[d-mongolijche Bölkerjhaften
 zu finden. In dem Gouvernement Wijatka Ieben neben den
Sroßrulfen nod) Wotjaken, Ijdheremijjen, Tataren und Bafjdhfkiren, im
SGouvernement Perm BajchHkiren, Tataren, Teptjaren, MeidhHt{Herjaken,
Bermier, Tjdheremijfen, und Wogulen, im Gouvernement fa Bafchfiren,
 Teptjaren, Tataren, Mordwinen, I]qdHeremijfen und Wotjaken,
im SGouvernement Orenburg Bajdhkiren, Tataren, Kalmüden, Mordwinen
 und Teptjaren. Im lebten Gouvernement gehören übrigens
22 0% der Bevölferung dem Orenhurger Kofakenheere an.
Ten Hauptreidhtum des Urals bilden feine verfdiedenartigen, als
uner[höpflid geltenden Boden[Häke, die Hauptlädlid an den 5Sitlidhen
Ubhängen des mittleren Urals zu finden find, zwilden dem 54. und
60 Grad nördlidher Breite. Hier befindet [id aud der am didhtelten
bevölferte Teil des Gebirges und einer der qewerhreichiten Diltrikte
des Rufliidhen Reiches.
Bon ganz hefonderer Bedeutung für das metallarme Zentral»
Rußland find die großen Eijenerzlager des Urals. Die Erze werden aud)
gleich hier verhüttet, und mehr als vier Fünftel der gejamten ruflilden
Roheifenproduktion |tammte einjt aus den uralijdhen Hüttenwerken (in
den Gouvernements Wiatka, Wologda, Perm, Ufa und Orenburg),
deren Zahl 100 weit überfteigt. Im Iahre 1905 betrug hier die
Gefamtproduktion an Roheijen 6,74 und an Eifen und Stahl 5,36 Milfionen
 Meter-Zentner. Die Hauptjqhwierigieit der uralijden Eijeninduftrie
 befteht in dem fehr fühlbaren Mangel an geeignetem Heiz:
material. Lange Zeit behalf man ji mit Holzkohle, aber feitdem deren
Beidaffung nad Vernichtung der MWaldreiHtümer aud immer umjtändlidher
 wird, bereitet dieje Frage der Eijenindujtrie im Uralgebiet
idwere Sorgen. Wegen der ungünjtigen Verkehrshedingungen ijt das
Heranfhaffen von Heizitoffen aus ferneren Gegenden praftijd faum
durchführbar. Es wird daher befürchtet, daz die Verhüttung der Erze
im Mralgebiet in Zukunft night mehr möglidH fein werde.
Zu erwähnen ijft noch in diefem Zufammenhang der im Gouvernement
 Orenburg belegene berühmte Berg Blagodati, der hauptlächlich
aus Magnetjtein belteht.
Sehr bedeutend find ferner die Goldreichtüumer des mittleren Ural.
        <pb n="115" />
        —— ÜDG

Erjtmalig entdedt wurde hier Gold im IYahre 1745, und zwar in der
Nähe der Stadt Iekaterinburg, die fyjtematijde Wusbeute begann
jedoch) erft im Jahre 1754, Einen ANufjdwung nahm die Goldgewinnung
erjt in der zweiten Hälfte des 19. Yahrhunderts. Der uralijdhe Golde
jand bebedt eine Fläde von gegen 40000 agkm, und die Gejamtausbeute
betrug im Yahre 1912 3irfa 10000 kg. Bemerkenswert ift, dak der
hier vorherr]dhende Goldwäldereibetrieb no) immer ein mit überaus
primitiven Mitteln arbeitender Kleinbetrieb ijt, wodurd die Durch:
waldung des goldhaltigen Sandes nur mangelhaft vorgenommen wird,
und daher viel Gold verloren geht.
In der Platinagewinnung nimmt der Ural den er]ten Plaßg in
der ganzen Welt ein. Das Platina wird hier beinahe immer zufammen
mit Gold gefunden. Die Größe der Ausbeute wechfelt jehr ftark., Im
Sahre 1898 wurden gegen 6000 kg gewonnen, aber in der Folge ijt
die Ausbeute ftarf zurüdgegangen. Silber ijt im Ural wohl vorhanden,
 aber in [o geringen Mengen, daß eine Wusbeute nicht Iohnend
sr/heint.
Kupfer fommt.vorzugsweije gediegen vor. Im Jahre 1898 wurden
zirfa 2 Millionen Zentner gewonnen, aber aud) hier hat die Wusbeute
abgenommen. Ferner wird im Ural noch) gefunden: Chromerz (1898
250000 Zentner), Manganerz (80000 Zentner), Silberbleierz (2000
Zentner) und Ajbejt (45000 Zentner). Nidel und Blei Iommen in
[o geringen Mengen vor, dakz eine AWusbeute fidh nicht Iohnt. Die
Steiniohlenlager befinden [ih vorzugsweije in den weltliHen Teilen
bes Gebirges, und ihre Bedeutung für die uralijdhe Induftrie ijt in
Anbetracht der [hHon eingetretenen Er[/Höpfung der Wälder eine aukerordentlid)
 groze. Leider jind fie aber zu wenig ergiebig, um die Bebürfnijje
 des Gebiets voll befriedigen zu Iönnen. Reihe Salzlager
finden fiGg im Gouvernement Orenburg.
Reid ift der Ural ebenfalls an Edellteinen und Halbedeljteinen.
Es werden hier, vorzugsweije im Ylmengebirge bei Mijajk und auch
in der Gegend von Slatouft bei Murjin/k gefunden: Smaragde, Topale,
Beruylle, Porphyre, Bergiriftall, Wmethyjt, Yalpis u.a. Aug der Mala-Hit
 Iommt Häufig vor. Diele Gruben waren bisher alle BPrivateigentum
des Zaren.
In den Bergwerklen war vor AWusbruh des Krieges über eine
Biertelmillion Arbeiter be[häftigt. Nidht unbedeutend war auch, bejonders
 im mittleren Ural, die Indultrie, die, in Anlehnung an die
Produktion der Bergwerke, die Metallurgie bevorzugt. Hervorragend
war unter anderem das aatlidhe Eilenwerf Slatoult im Gouvernement
 Ufa.
Die‘ dem Uralgebirge im Welten vorgelagerte Chene (ber Sftlihe
Teil der Gouvernements Archanagellt und Woloada und die Gouverne-
        <pb n="116" />
        G

ments Wiatfa, Perm und Ufa) ijt in den nördligGen Teilen, abgefehen
vom Tundrengebiet, ehr waldreid. Sv bededen im Norden und Nordolten
 des Gouvernements Wijatia die Wälder über 80 % der Flädhe,
im ganzen Gouvernement 44 %. Aud das Gouvernement Perm bejteht
zu 71 % und das Gouvernement Ufa zu 41,8 % aus Wäldern. Im
Norden Herrißhen die Nadelwälder vor (Föhren, Rot- ‚und Weiktannen),
 aber aud) Laubwald ijt hier zu finden (Birken, Cidhen, Lären);
 der Süden des Gebiets ijt mit Laubwäldern hebedt (Eidhen
und Linden). Die Forjtwirt|haft, die freilid no auf jehr niedriger
Stufe |teht, hat für diejes Gebiet daher eine [ehr große Bedeutung.
Auf den vielen, dieje Gegenden durchziehenden, flößbaren Flülfen,
gelangt das Holz zu den großen Wafferjtraken und auf diejen in die
Holzarmen Gegenden. Bedeutende Hokzmengen, Hauptjädlid Balken,
wurden aber audy vor dem Kriege über Archangeljk ins Ausland
zxportiert, insbejondere aus dem Gouvernement Wiatka.
Während in den Gouvernements Wijatka und Perm die Landwirtihaft
 nur eine ganz untergeordnete Bedeutung Hat, (das Gouvernement
 Wiatka it fogar auf eine nidht unbedeutende Einfuhr von Brotgetreide
 angewiejen), bildet fie in den füdlidheren Gegenden der Cbhene
bie Haupthbefhäftigung der Bevölkerung. Infolge der extenjiven Wirt-[haft
 find aber die Erträge troß im allgemeinen günjtiger Bodenverhältnijfe
 nit ho. Die Viehzucht hat hier feinen f[elbjtändigen
Charakter, nur die Schafzucht Hat ftellenweile eine größere Bedeutung
erlangt.
        <pb n="117" />
        N

HE
C 3 Kial

AM

Das Eigmeergebiet und der finnifche Norden
Bon Y. Niefe

Der Norden des europäijdhen Ruklands wird in feiner ganzen
Ausdehnung vom nördliden Eismeer bhefpült. Den weitliden Teil
dildet das rulliidhe Lappland, die Halbinjel Kola. Die Küfte diefer
Halbinfel, die Murmanfkülte genannt, befteht, befonders im Aukßeriten
Nordwejten, Hauptfäclidh aus SGranitfellen, Anfängen an die Fjorbe
Norwegens, die ftellenweije eine Höhe von 400 FuH erreiden und
vielfad) Buchten bilden. Weiter Sftlih jtellen die Ufer eine fehr [Hwer
zugänglidje Fladkfülte dar, die nur in den tiefen Flukmündungen [idhere
Häfen bietet. Eine tiefe Bucht bildet 5SjtliH von der Halbinjel Kola
das Weihe Meer, in dem fi auch) der einzige Hafenort Nordruklands,
der bisher eine gqrökere Bedeutung für den Handel hatte, Arhangelit,
befindet.
Die Küfte des Nördliden Eismeeres, einf{HlieHliH das Weihe
Meer, ijt den größten Teil des Jahres zugefroren und daher der
Schiffahrt nur im begrenzten Maße zugänglidH. Nur an der Murmanfülte
 ijt dur) die Einwirkung des Golfitromes das offene Meer beinahe
das runde Yahr eisfrei.
Tas rulliihe Nordgebiet bildet eine grobe, flache Ebene, bie
id nad) Norden zum Eismeer zu. fenkt. Nur im Nordweiten it die
RandjdhHaft hHügelig und erinnert hier in vieler Beziehung an das be
nadbarte Finnland. Im Welten vom Pet/Hora-Flufjje wird die Ehene
vom niedrigen Timan-Gebirge durchzogen, das jedoch nirgends höher
als 250 m ilt.
Das Klima ift überall äukerft rauh, und in vielen Gegenden
des äußerten Nordens taut der Boden au im Sommer nur in [ehr
geringen Tiefe auf. Entjpredend diejen harten MNimatijHen Bedingungen
hat fid aud) die Pflanzenwelt entwidelt. Bon der Eismeerküfte bis
etwa zu dem Polarkreis ziehen Jid) die Tundren Hin, in denen FKFeinerlei
Bäume forffommen fönnen, weil nur wenige Monate im Yahre die
mittlere Tagestemperatur [id über den Gefrierpunkt erhebt, und der
Boden fhon in geringer Tiefe unter der Oberfläde nie auftaut. Auch
der ftändige Heftige Wind entzieht dem Boden an allen freier gelegenen
Stellen die Feuchtigkeit. Der typifHe Pflanzenwudhs der Tundra beiteht
 aus Zwergiträudern an den aeldhüßten Stellen, Moos und
        <pb n="118" />
        — 108 —

Renntierfledhte. Wderbau und BiehHzucht Können hier nidt getrieben werden,
 die Menntierzucht und der FijdHfang bilden beinahe die einzige
Erwerbsquelle der fpärlidhen, zum größten Teil nomabifierenden Bevölferung.
 SüdlidH vom Polarkreis fängt die Zone der Nadelwälder
an, und hier find au, wenn aud unter großen Schwierigkeiten, Aderbau
 und Viehzucht mögliH. Der Sommer ift nur kurz, und nur ZU
häufig fan das Getreide wegen ungünftiger Witterung nicht ausreifen.
Die Boden|Häke des rullijden Nordens, insbejondere der Sft»
liden Hälfte, find, wie angenommen wird, redt bedeutend, doch bisher
noch fo gut wie gar nicht erforfht. Das ungünitige, für men{Olidhe
Anfiedlung nur wenig geeignete Klima, Jowie die von allen Vers
fehrswegen abgelegene geographijde Lage bdiefer Gebiete Haben
eine genaue und fyltematijdje Erforfhung, fowie eine Ausbeute der
entdedten Bodenihäge in nennenswertem Umfange bisher unmöglich
gemacht. Daß aber immerhin nicht unbedeutende Beitände wertvoller
Boden[häkge vorhanden find, Iajfen die vielen mehr oder weniger 3Ufällig
 gemachten Funde vermuten. An verjdhiedenen Stellen find jilber»
haltige Bleierze gefunden, wie z.B. an der Kandalakjhen Küljte (nord
weltliden Külte des Weißen Meeres), auf den Bären-Inieln nahe der
Ditfülte der Halbinfjel Kola und am Fluffe Zylma, einem Jlinfen Neben»
jTuß der Petfhora. Un den Ufern diefes Flulfjes hat man au Kupfer
gefunden. Goldlager finden fiH an der Grenze des Kreiles Kem des
Gouvernements Arhangelit und des Gouvernements Olonez und find
aud) in der Mitte des 18. Jahrhunderts ausgebeutet, dann aber wegen
zu geringen Ertrages wieder verlaffen worden. Am Udta-Fluß im
Bailin der Petihora ijt das Vorkommen von Naphtha feltgeftellt worden,
 an vielen Orten aud) Steinkohle und Torf. Alle diefle Entdbedungen
tragen, wie erwähnt, einen mehr oder weniger zufälligen Charafkter
und find in ihrer Bedeutung nicht eingehend verfolgt worden, jo dab
hier zweifellos ein weites Gebiet für [yjtematildhe For[hHungen vOrliegt.
 Borbedingung einer Ausbeute diefer Bodenihäke märe aber
freilid) die Schaffung von Verkehrswegen.
Die Urbevölferung des gefamten rujlijden Nordgebietes bilden
finnifh-mongolilde Stämme, während die Grokrujfen als Kokonifjten
beinahe aus[liehlidH längs den Flüfjen vorgedrungen find und in
ber Hauptlache die Städte und Heineren OrtjHhaften bewohnen. Erlt
in den füdlidheren Teilen des Gouvernements Olonez und Wologda
ft eine überwiegend grokrufliide Bevölferung zu finden. Lappland
wird von den Lappen bevölkert, die zum ugro-finnijden Volfsitamme
gehören. Ein Teil führt ein NMomadenleben und befdhäftigt fidh mit
Renntierzugt und Jagd, ein anderer lebt vom Fijhfang. Weiter Ölt-[idj
 leben die Samojeden, ein mongolijder Bolksjtamm, der JiQ) gleichfalls
 mit Renntierzucht, Xaad und Filhfang beichäftigt und in der
        <pb n="119" />
        — 109 —

Hauptjade ein nomabifjierendes Leben führt. Die Kulturftufe Ddiefer
Bölfer[dhaften ift jehr niedrig. Höher jtehen die Syränen, die in den
5ftliden Teilen der Gouvernements Ardhangeljkt und Wologda leben,
ein finnijder VBolisjtamm. Sie leben [don in felten Hütten und
be/Häftigen [id neben Jagd und Fildfang viel mit AWderbau und
Viehzucht. Im nördliden Teil des Gouvernements Olonez leben die
Karelen, ebenfalls ein finnijder Bolksjtamm. Die Bevölferungsdidhte ijt
eine äuberjt geringe, im hohen Norden Iommt nicht einmal ein Menid
auf den Quadratkilometer, Das ganze riefige Gouvernement Archangeljf,
 das 673692 Quadratwerit umfaßt, hat nicht mehr als (1909)
127000 Einwohner.
Tank dem FijdHreidHtum fowohl des Meeres, als au der Flülfe
und der fehr zahlreiden Seen, ijt der FijdHfang, insbefondere im
äußerjten Norden, eine der wichtigjten Erwerbsquellen der Bevölkesung.
 €r beginnt dort im frühen Frühling und dauert bis zum
Oftober. Un der Murmanfküfjte werden StodfijdhHe, [owie viele andere
Arten, aud Schollenfijdhe gefangen. Hier waren im NYahre 1909 über
4000 Menjdjen mit gegen 1100 Fahrzeugen mit dem Fildfang be
IHäftigt, und die Ausbeute betrug nad) ungefähren Schäßungen gegen
1430000 Bud an Fijden und gegen 37000 Pud an Fijdhtran. Eine nit
geringere Bedeutung hat der FijÖfang im Weißen Meer; die Yusdeute
 des Yahres 1910 wurde auf 570000 Pud gefhäkgt. Die Haupt»
tolle [pielt hier der Heringsfang (1910 452000 Bud), außerdem
werden Stodfijdhe, Dorjdhe, Schollenfijde, Lacdhje, Kumfha (eine Art
Badhsforelle) u.a. m. gefangen. Mit dem Fijdfang in den SHlüfjen
und Seen des Gouvernements Archangeljt waren im Nahre 1909
gegen 30000 Menfdhen befhHäftigt. Die gejamte Fildereiausbeute im
Gouvernement betrug in diejem Iahre zirka 727000 Pud im Werte
von gegen 11% Millionen Rubel. Au im feenreidhen Gouvernement
Olonez bildet der FijdHfang einen wichtigen Erwerbszweig der Bevöllerung.
 Im Eismeergebiet bilden die Fijde in Ermangelung von Er.
zeugnifjen des AWderbaues und der Viehzucht das Hauptnahrungsmittel
der örtliden Bevölkerung, doch findet aukerdem aud ein recht bedeuten
der Export von Fijden und FijHprodukten jtatt, Hauptjächlih von
Heringen, ferner aud) von Dorfdhen und Ladhfen. Die Heringe werden
in ber Regel in geräudertem oder gefalzenem Zufjtande verfandt,
Stellenweife be[häftigt fig die Küfjtenbevölferung audy mit Seehundsejang
 und der Jagd auf die Bjelucha (eine Art Delphine), deren Iran
jehr gejhäßt und deren Fell als Sohlenleder verwandt wird. Eine
weitere Erwerbsquelle der Küftenbevölferung bildet das Sammeln von
Eiern der Seevögel (Möwen, Seetauben, Schnepfen und CEidergänfen).
Die Eidergänje der Infeln liefern fjehr geldäßte Daunen.
Die Bedeutung der Renntierzucht, von der fidH noch große Teile
        <pb n="120" />
        110 —

der nomabdilierenden Benölferung nährt, ijt in der legten Zeit infolge
ihwerer Epidemien, die die Bejtände der Herden ftarf verminderten,
jehr zurüdgegangen. Die Renntierzücter führen ein fümmerlides Daflein,
und für den Export fommen die Produkte der Kenntierzucht Faum in
Betracht.
Ungefähr beim Bolarkreis beginnt die Zone der Wälder, und
hier find, wie erwähnt, aud) Mderbau und Viehzucht möglidh. Im
Gouvernement Wologda find bereits 89,8 % der Bevölkerung in der Landwirtihaft
 bejhäftigt, gegen NUr 3 0% in der Indultrie. VBorherr{hend ij
hier die Dreifelderwirt] haft, angebaut wird Hauptjächlid Roggen. Das
Wologdafdhe Gouvernement zeichnet [id insbejondere durch gute Weiden
zus, und daher hat au die Viehzucht hier eine immer zunehmende
Bedeutung gewonnen. Im Jahre 1911 wurden hier 720 000 Stüd
Srokvieh, 420000 Schafe, 59000 Schweine und 212000 Pferde ge
zählt. Immerhin ijt der Prozentiak des Kulturlandes im VerhHältnis
zum Gejamtareal ein äußer]t geringer. Ahnlidh liegen die Verhältnijfe
im Gouvernement Olonez, wo gegen 8 0% der Fläche in Üder, Wielen
und Weiden verwandelt jind.
Die Indujirie jpielt im gejamten Nordgebiet, mit Ausnahme der
Holzbearbeitung, DON der nody die Rede fein mird, eine ganz untergeordnete
 Rolle und arbeitet beinahe aus[lieklidh für die Dedung
des örtlichen Bedarfes.
Ten wichtigjten Reidhtum bilden zweifellos die Iüälder, die den
größten Teil der jüdliden Hälfte des Gouvernements ArhHangeli£,
jowie Der SGouvernements Wologda und Olonez bededen. So nehmen
die Wälder im Gouvernement Wologda gegen 80 %o und im Gouvernement
 Oionez gegen 63 %o der Gejamtfläce ein. Während das Holz
aus dem Gouvernement Olonez und dem Südwelten des Gouvernements
 Wologda auf den MWajferwegen nad) Betersburg geflößt werden
tann, geht die Ausfuhr aus den übrigen Teilen längs den nach Norden
jliebenden Flülfen, Hauptjächlidh auf der nördliden Düna (Dwina),
nad) Arghangeljt. Dort wird es zum größten Teil auf den großen
Sägemühlen zu Brettern gefägt und dann ausgeführt, HauptJädlid
nad) England. Da die Holzausfuhr nur längs den Flukläufen m5gli
 war, wurde in deren Nähe ein [Hädlicdher Raubbau getrieben, und
die Anfuhr des Holzes an die flökbaren Flüjle mit der Zeit immer
{hwieriger. Ein weiterer Umitand, der auf eine rationelle AWusbeute
des Waldreidhtumes lähmend wirkte, war, daß ein großer Teil des
Waldes [idH im Staatsbefiß befand (Jo im Gouvernement Wologda
28,6 Millionen Dekjatinen DON insgejamt 29,4 Millionen) und die
Erlangung von Konzeflionen zum Holzfällen und deren AYusnußung
dur) bureaufratijdhes Berhalten der Behörden zu den Unternehmern
&amp;gt;ridhwert wurde.
        <pb n="121" />
        111

1

e

g

1

Bei dem allgemeinen, troftlojen Zujtande der Landwege in Ruß:
(and fann es nicht verwundern, daß im dünnbefiedelten Norden die
Wegelofigfeit eine [o gut wie volllommene ijt. €s [ei nur erwähnt,
daß das rund 350000 Quadratwerft große Gouvernement Wologda
nad) der amtliden Statijtit vom NYahre 1911 nit mehr als 6020
Werft Landwege bejak, von denen nur 32 Werft Hauffiert und 6 Werft
gepflajtert waren. Da aud) die Eijenbahnen beinahe ganz fehlen,
gewinnen bie [Oiffbaren und flößbaren Flülfe naturgemäß eine erhöhte
Bedeutung. Längs diejen Flüjfen hat fi ja aud) in der Hauptjache
bie Kolonijation des Nordgebietes durch die SGroßrujfen vollzogen.
Die widtigjten Flüffe, die das Gebiet mit dem Meere im Norden
verbinden, [ind vor allen Dingen die nördlide Düna (Sewernaja
ZTwina) mit ihren Nebenflüjjen Pinega und Waga, ferner die Fülle
Pet[hora, Mejen und Onega. Die Gejamtlänge der [dhiffbaren Fülle
bes Gouvernements Archangeljt beträgt 2755 Werft, von denen 2206
Werft für den Dampferverkehr in Betracht kommen. Ein widtiger
Vorzug aller diefer Wafjerläufe, die mit geringem. Gefälle durch Flache
Ebenen flieken, ijt die ruhige Strömung. Mit dem Hluklyltem der
Wolga ijt der Hauptfluß des Nordgebietes, die Düna, durdh zwei
Kanäle verbunden. Der weftlide Quellfluk der Düna, die Sucdhona,
ent/pringt aus dem Kubena-See, der dur) einen Kanal, der nad
bem Fürften Alexander von Württemberg benannt ijt, mit der Schekffna,
einem MNebenfluß der Wolga, verbunden ijt. Bon hier befteht auch
wieder eine Verbindung durdh ein SKanaljyjtem mit der Newa. Der
öftlige Quellfluß der nördliden Düna, die Wytidegba ijt gleichfalls
mit dem Syjtem der Wolga verbunden, und zwar dur den Katharinenfanal,
 der von der nördlidhen Keltma, einem Nebenfluk der Wytjdhegda,
zur fübdliden Keltma, einem NebenflukH der Kama, führt; die Bedeutung
 diejer Verbindung ijt jedoch wegen ihrer Abgelegenheit nur
gering.
Einen bedeutjamen Auffdwung nahm das ganze Nordgebiet nach
dem .Hahre 1897, als der damals einzige bedeutende Seehafen im
Norden, Urdhangeljt, an der Mündung der Düna in das Weiße Meer
gelegen, durch eine Eijenbahnlinie mit der Stadt Wologda und damit
mit dem gejamten rulfijden Eijenbahnneß verbunden wurde. Im folgenden
 Jahre, wurde aud) der widhtigite Flughafen an der Düna, Kotlas,
durch einen Schienenjtrang mit der Stadt Perm verbunden und auf
dieje Weife die Zufuhr von Waren direkt aus dem Uralgebiet nach
Archangeljt ermögligt. Ardangelft nahm in der Folge aud einen
bedeutenden Auffhwung. Ausgeführt wurden über diejen Hafen hauptlädlid
 Breiter und Balken aus den Gouvernements Wologda und
Arhangelft nad) England und Holland, Roggen, Weizen, Hafer,
Roggenmehl und animaliihe Brodukte aus den Gouvernements Io-
        <pb n="122" />
        112 —

fogda und Wiatka, Lein und Teer aus dem Gouvernement Arhangelft,
ferner Fijde, Iran und Seehundsfelle. Auch mit Norwegen beitand
siit Iebhafter Handelsverkehr; es wurden dorthin Weizenmehl, Roggen,
Bretter, Segeltud, Tauwerk, Viehhäute u.a. m. ausgeführt.
Sehr behindert war jedod) der Ausfuhrhandel über Argangelit
dur) die ungünftigen Witterungsverhältnijfe. Schon Ende Oktober
bededt fid die Mündung der Düna mit Eisidhollen und Ende November
muß jede Schiffahrt eingeftellt werden; erft Ende Juni kann fie wieder
»oll aufgenommen werden. Aud) ijt die Schiffahrt wegen der jtarfen
Strömungen und vielen Untiefen im Weiken Meer überaus gefährlid.
 Einigermaken gefahrlos für die Schiffahrt it bloß die Kurze Zeit
don Ende Juni bis Ende Augult.
Alle diefle Schwierigleiten regien den Gedanken an, an der eisjreien
 Murmanfküfjte einen Hafen 3zU jhaffen, der das runde Sahr der
Schiffahrt zur Verfügung tebt. So wurde im Yahre 1899 dort der
Hafen Alexandrow[k angelegt, der aber, weil er durch weite unwirtlidhe
Gebiete vom übrigen Rukland getrennt war, feine rechte Bedeutung
zrlangen Ionnte.
Eine wefjentlidH erhöhte Bedeutung gewann der Handelsverfehr
über das Nördlide Eismeer im Jahre 1914 nad Ausbruch des Weltfrieges.
 Durd) die Sperrung der Ditjee und des Schwarzen Meers
jür den Aukenhandel war Rußland volljfändig von jeglicher Ver:
bindung mit feinen Alliierten dur die europäiflden Gewäljer, bie
bisher den Handelsverfehr vermittelt hatten, abgejdOnitten. €s mubkte
daher der Verfuch gemacht werden, die Häfen des Nordgebietes fülr
die Zwede der Verforgung des zujfijden Heeres mit Kriegsbedarf
nugbar zu maden. Es wurde fofort zu einem Yusbau des Hafens
von Arhangeljt gefhritten und verhältnismäkig große Warenmengen
dort eingeführt. YWber die überaus geringe Leijtungsfähigfeit der ein:
aleifigen Bahnlinie. nad Wologda hatte zur Folge, daK die Waren
ih in Argangeljt anjtauten und night an ihren Bejtimmungsort ge
jhafft werden Konnten. Gleichzeitig wurde mit fieberhafter Eile der
Bau einer direkten Bahnverbindung von Petersburg Zur Murmankülte
nad) Aezandrowft in Angriff genommen und bis 1916 auch) fertiggeftellt.
 Ob Ddiefer Hafen in normalen Zeiten, wenn der ungehinderte
Warenverfehr durch die Oftfeehäfen wieder möglich ijt, eine groke Bedeutung
 haben wird, Lleibt abzuwarten.
        <pb n="123" />
        Die Ukraine und die Krim
Yon Silvio Broedrich

Gelb und blau find die Mationalfarben der Ukraine — die von
ber Sonne gelb gebrannte, einjtige Steppe, auf der heute unermeklicdhe
gelbe Weizenjelder wogen, und der füdlidhe, blaue Himmel darüber
haben wohl dieje Zujammenjtellung der Farben gebracht. Bon den
Hängen der Karpathen bis zu denen des Kaufkajus zieht [id} das reiche
Gebiet, das dur den Weltkrieg von dem furchtbaren Drud des
mosfowitijden Zaren und Jeiner Grokrujfen befreit wurde, und noch
Heute dur dasfjelbe HauviniftijdHe, freiheitsfeindlide Moskowitertum
in der Erjheinungsform des Boljdhewismus bedrüct wird und aus
wilder AWnardhie [ih zu befreien müht.
Die Ukraine umfaßt folgende Gouvernements des ehemaligen
rufjijdhen Kaijerreides: Cholm, Wolhynien, Podolien, Kiew, Charkow,
Poltawa, IYekaterinoflaw, Cherfon und Taurien mit der Krim. Ferner
gehören zu ihr Teile des Kurffer und Woronejher Gouvernements,
das jegt von den Polen vergewaltigte Oftgaliziem und Karpathen:
Ruthenien, das dur den Wahnfinn des BVerfailler Friedens zum Teil
Rumänien, zum Teil der IjdhehHo-Slowakei zugejproden worden if.
Durd) das Gebiet der DonijdHen Kojaken, das großruffijh ijt, getrennt
 — etwa [o, wie dur) den polnijdhen Korridor Oftpreuken vom
Deut/den Reid) — liegt das Kubangebiet, wohl das reichite Getreide
gebiet der [Hwarzen Erde, mit einen ufrainijdhen Kofjaken, dem Kaufajus
 vorgelagert. Diejes ungeheure Gebiet, das etwa 800000 qkm
groß ijt, beherbergt gegen 45 Millionen Menfdhen, von denen etwa
13% GStädtebewohner und 87% Landbewohner find. Der Nationalität
nach bilden die Ufrainer über 70 0% der Bevölkerung, Grokrufjen und
SIuden je 10 %, Deutjdhe 2 %; der Reft verteilt [iH auf ver]Hiedene
VBölfer: Polen, Bulgaren, Rumänen, Tartaren. Gegenftand diejer Urbeit
 [oll die BeldhHreibung der ukrainijhHen Lande fein, die zum ehemaligen
3Zarenreid) gehörten, fo daß Oltgalizien, die Bukowina und die übrigen
ufrainijden Karpathengebiete, die dem ehemaligen Habsburger Staate
gehörten, hier nicht weiter behandelt werden.
Der Konfejlion nad) gehören die Ukrainer zur griedhi[H-orthodoxen
Rirde; in Cholm find fie eben]o wie in Oftgalizien unliert mit Rom.
In den Gouvernements Poltawa, Ijdhernyhiw, (Tihernigow), Charkiw
Die mirtichaftlihe Zukunft des Oltens
        <pb n="124" />
        114

‘Charfow), Yekaterinoflaw, Kiew und Podolien, leben über 80 bis 3U
30% Ufrainer, in Cherfon und Taurien, einem Gebiet, das erft Katharinall.
 den Türken entrijfen und befiedelt Hat, ijt die Zahl der Utfrainer
viel geringer. Dort jigen neben ihnen großrujlijde Bauern, aber immer
idjarf von Uirainern getrennt, wobei ie — was äußerijt djarafterijtijd
ijt — nie untereinander Heiraten und, wie der Bauer überall, [ehrt bewukt
bie Stammesver[dhiedenheit zum Ausdrud bringen. In diejem Gebiet
ipielen eine führende Rolle die deutiden Bauern, die als Kolonifjten
von Alexander I. hauptläclih zur Befiedlung des leeren Landes gerufen
 wurden. Allein im Obdeljjaer Kreis gehören etwa 85% des
Grund und Bodens diejen Kolonijtenbauern, deren Anteil am Qandbefiß
 audy in den benadjbarten Kreijen ein außerordentlid) großer
ijt. Ebenjo baben die deutjdhen Kolvonijtenbauern in der Krim annähernd
 700% des ganzen aderfähigen Landes in ihrer Hand. Auf
diefer geographifjd) ganz zur Ukraine gehörigen Halbinjel ijt uktatnifde
 Bevölkerung am jpärlihjten vertreten, In den Küftenftädten
Sewaltopol, Feodofia und an dem herrlichen, durd) Randgebirge vor
den Nordwinden gejhübten Südufer der Krim, der Riviera des Schwarzen
 Meeres, find neben Deutjdhen und Tartaren recht viele Großrufjen
einge[prengt, zumal der Zar, fowie die zarifchen Familienglieder und
die Großen feines Weltreidhes hier in der paradiejijHen Natur ihre
Balälte und Villen hatten, was naturgemäß dazu beitrug, daß hier
die reihen SGroßrujjen fig anfekten. Aug gibt es rujlijhen Grokgrundbejiß
 auf der SHalbinfek, - indefjen ijt das Gebirge, foweit nur
Biehzucht getrieben werden kann und nicht. AWderbau, von Tartaren
devölfert, der Stammbevölferung. Im übrigen ijt — wie [don erwähnt
— das Land in Händen der deut[Hen Bauern, die namentlidg im
Norden und auch jenjeits der Halbinjel auf der ihr vorgelagerten
Steppe [id vielfadh zu mächtigen Latifundienbejikern entwidelt Haben.
Diefe deut/Hen Kolonijtenbauern haben den Charakter des endlojen
Steppengebietes, das die Ukraine Ddarftellt, auf das nacdhhaltigjte verändert.
 Bon ihnen ging die Umwandlung diefer Steppe in das gemaltiglie
 Weizenland der Welt aus, ihre zielbewußte Arbeit verdrängte
mit dem Pflug die exten]ive Schafzucht derfelben, fie wurden die
Lehrmeifter des ukrainijden Bauernvolkes und feiner Unterdrüder, der
großrujfijden Latifundienbeliger.
Inhalt der Ge[dHidhte dieles vielleicht reidhfjten Gebietes Europas
ijt der Kampf feiner Bewohner gegen die Unterdrüdung durch die
Mostkowiter und die Polen, nicht nur gegen die politijde, fondern
gbenfo gegen die Kulturelle und wirtfchaftlidhe, und wir können den
unauslöfchliden Haß des ukraini]dhen Bauernvolfes gegen feine Unterdrüder
 nur begreifen, wenn wir feine Gefcdhihte kennen,
Im gewaltigen Dnjepritrome, der die Lebensader der Ufkraine
        <pb n="125" />
        — 115 —

barftellt, ent/tanden [Hon im 9. Yahrhundert Staatenbildungen durch
germani[jde Waräjerfürften, welde auf ihren Wikingerfahrien auf dem
uralten Handelswege aus Skandinavien durd) den Ladoga- und Ilmenjee
 weiter durd) den Dnjepr nad) dem goldenen Byzanz |trebten. So
entjtand das alte Großfürftentum Kiew mit feiner gleidnamigen Hauptjtabt,
 ein rein [Iawilder Staat unter germanijdher "Dynaftie, der von
Byzanz feine Hriftlide Kultur annahm. Derjelbe entwidelte in
den nädlten Jahrhunderten nad) Nordoften in die von finnijden Jäger.
und SHirtenjtämmen dünn bevölferten unermehlichen Waldgebiete der
[armatijden Ebene Kolonijation. DadurgH entjtanden Moskau und
Diele andere Fürftentümer, in deren Bevölkerung JiH dur Mijdung
der finni[d-mongoliiden Stämme mit den zugewanderten |awijdhen
Kolonijatoren allmählig die großrufjliidhe Mafje entwidelte. Der ge
waltige Mongolenjturm des 13. Jahrhunderts, der erjt auf den [Ale
jilden Gefilden bei Liegnig an deut|dhHer Heldenkraft brandete, ver:
nichtete alle dieje [awijden Fürftentümer der jarmatijden Chene und
überflutete aud) das Großfürltentum Kiew: es ging unter. In Oltgalizien
 behauptete Jid ein Zweig der Dynaitie, der in Itändiger
ehde mit den Tartaren der goldenen Horde im Steppengebiet des
Dnjepr lag und [AHließlidH den Polen erlag, während die Gebiete
von Weikrukland, Wolhynien und Kiew fihH mit Litauen vereinigten
und dadurd fpäter gleichfalls an Polen kamen, als fid lekteres mit
Litauen zujammen[dloß. So ijt die weitlide Ufraine, d. d. WolhHynien,
Podolien und Kiew, [owie das Cholmgebiet ebenjo wie zuvor Olftgalizien
 unter polnijde Herrfhaft gekommen, die [iH in einem drüden
den Feudaljyftem geltend machte und in furchtbarer Härte das uftai»
nijde Bauernvolf der Willfür der polnijdHen ans auslieferte. Um
fig aus diefer Lage zu retten, flücteten viele Ufrainer nad) Olten in
die menjdhenleeren tartarijden Steppen und begründeten dort die Ka»
[afen]dhaft, eine freie Kriegsgenoffen[haft zur Bekämpfung fowohHl der
polnijden Unterdrüder wie aud zum Kampf gegen die ungläubigen
Tartaren. Mittelpunit des Kafakentums war die fog. Shit auf
einer. verfumpften Infel unterhalb der Stromjdhnellen des Dnjepr.
Bon hier aus haben die Kafaken das Ufrainertum immer weiter nad
Often über den Dnjepr hinaus getragen. Moskau war unterdefjen
unter dem mongolilden Joch der Mittelpunkt der großruffijden ftaatlidgen
 Entwidlung geworden. Seinen SGrokfürften gelang es, das Tartarenjod)
 abzuldjütteln, und als das Haus Romanow den Mosfowiterthron
 beitieg, begann bereits der Kampf mit Polen um den
Einfluß in der Ufraine. 1654 [Hlok der berühmte Hetman der Ukrainer
Kafjafen, Bogdan Chmelnizki, einen Vertrag mit Moskau ab, der
eine Union der beiden Staaten zum Ziele hatte, und der gemeinjame
Kampf gegen die Polen begann. Die Entwidlung führte aber dahin,
        <pb n="126" />
        — 116 —

daß in der öftlidjen Ufraine auf dem linken Dnjeprufer der moskowitijdhe
Drud ebeno hart Iaftete wie auf dem weitliden Ufer der polni[dhe.
Wohl erhob fiH nod) einmal das ufraini[de Bolk unter Mazeppa
jür feine Freiheit, als der Moskowiterzar Peter der Große fig mit
Polen verbündete, um die SGrokmadhtitellung Schwedens an der Oftjee
zu brechen. AWber das Glüd der Waffen entjdhied in der Ufraine bei
Boltawa gegen Mazeppa und den genialen Schwedenkönig Karl XII,
der nach vielen Siegen über Moskowiter und Polen mit jeinem Heer
dorthin gezogen war, um die Selbjtändigkeit der Ukraine 3U erfämpfen
und damit ein politijdes Gleidgewicht in DOiteuropa wieder Herzujtellen.
 Die Folgen der Schladht von Poltawa waren die FeltjeBung
Rußlands am Dnjepr und an der Oltiee — mit der Teilung Polens
fam aud) die Wejt-Ukraine an Rußland, wie Ojtgalizien an Olter»
reich, und feitdem beginnt der große Kampf gegen alle ufrainifcdhe
Kultur durch das großruflijge Mosiowitertum. Katharina II. führte
bereits in hHärtejter Form die Leibeigenfhaft in der Ukraine ein, verlieh
ihren Günftlingen, großrufjilden Generälen und Beamten, Latifundien
und Grundbejige in der Ukraine auf früher freiem ufraini[den Bauern-[ande.
 Jedes gedructe ukrainijde Wort wurde verboten, fogar der
Belig von Gebetbüchern in diejer Sprache hart beitraft. Indellen
gelang es nicht, die Bolksjeele zu töten und zu zulfifizieren, zumal [id
unterdejfen in Oftgalizien die ufrainifhe Kultur felbftändig im Habsburger
 Reide entwideln Konnte und von dort aus aud) in das große
Sebiet der von Rukland vergewaltigten Ukraine eindrang. Zwar gelang
es der Petersburger Regierung wohl, in den Städten den AnfchHein einer
tein mostfowitifd-großrulfijden Kultur hervorzurufen: bei Härtelter
Strafe waren ukraini[dhe Straßenjdhilder und fonjtige SInfgHriften eben[o
wie Bücher und Schriften verboten; fein gebildeter Ufrainer wurde
in feiner Heimat im Staatsdienjte beihäftigt, jondern er Konnte nur in
den übrigen Gebieten des Zarenreidhes auf Anfjtellung rechnen. Aud
nur Häuslider Gebrauch) der ufrainilden Sprache Hätte aber aud)
dort fofortige Entlaffung aus Beamten- und Offizierslaufbahn 3zUr
Volge gehabt. Infolge diejes unerhörten Drudes bildeten allerdings
in den Städten die Iandfremden zujlifg-moskowitijden Beamten mit
der gleichfalls dorthin dringenden großrulliiden Ge[Häftswelt zuJammen
zine rulfijde Ober[dhicdht, zu denen ji in den jüdweitliden Gouvernements
 nod) die zahlreiden Yuden gefellten; in den Jüdlihen Städten,
am Schwarzen und Ajowjdhen Meere, jowie in der Krim außerdem nod)
Tartaren, Griedhen, Armenier, Bulgaren und Deutfhe. AWber auf dem
flagen Lande faH in gejhlofjener Malle das Bauernvolk der Uirainer,
aus dem fiH in emjiger, unermüdlicher Arbeit eine bäuerlihe Intelligenz
 und Führerfdhaft entwidelte, die ihre Stärke und Kraft in
bem mehr und mehr auch die völkiide Führung übernehmenden wirt-
        <pb n="127" />
        117 —

4

t

n

‘
h

N

L,

1=in


j(daftliden SGenofjenfhaftswejen fand, das nad außen hin rein wirt»
jdaftlid) organijiert, in jeiner Seele in glühendem Hakz gegen das
Moskowitertum auf die Stunde der Freiheit hHarrte,
Die Zarenregierung des großrujjijhen Weltreidhes, aus delfen
Mitte Moskau wie eine große gefrähige Spinne alle fremdjtämmigen
Teile desjelben mit [einem Gewebe überzog, um fie auszujaugen und
in wirt[daftlide Wbhängigfeit von [id zu bringen, 30g allein aus ihrem
ufrainijden Gebiete 700 Millionen Rubel oder 220% ihres Budgets
im Jahre 1913, während fie für dasjelbe Gebiet nur 360 Millionen
oder 120% verausgabte. Fafjt die Hälfte der |taatliHen Einnahmen
der Uiraine wurde fomit dem Lande entzogen und nad Rußland
gebracht. WahrlidH fein Wunder, dak die Ufrainer als BorausfeBung
für ihren wirt[Haftligden Aufjtieg die Befreiung von der moskiowitijdhen
3Zwangsherrjdhaft betrachten. Ebhenjo verhinderte fie, daß die ulrat
1i]jden Genoffenfhaften fi eine eigene oberite Zentrale [Hufen und
'uchten fie in einer mosfowitijden Zentrale aufzufjaugen.
Mit dem Zu[ammenbruc) des Zarenreidhes — feit 1917 alfo
haben die ukrainijden Genofjenfhaften ihre Organifationen volldet,
 nachdem fie ih von der rujjildh-mosiowitijdHen Zentrale Iosgejagt
 hatten. Während die rujjildhen Genoffjen|Haften durg den Bolidewismus
 ihre Bedeutung verloren Haben, find die ukrainijden nad
Ubjdhluß ihrer Organifationen tat[äcdlidH die Vertreter des gefamten
ufrainijden Gejdhäftslebens geworden. Kürzlid im ukrainijdHen Preifedienjt
 vom 5. Mai 1920 gebrachte Mitteilungen des bevollmädtigten
Bertreters des ukrainijden GenofjenjHaftswejens, Baranvowfki, zeigen
die ausidhlaggebende Bedeutung der Genoffen|hHaften für die gefamte
Bolfswirt[dHaft der Ukraine überhaupt. Er Jagt darüber:
„Die Borgänge in der Ukraine haben dahin geführt, dak die
yaktoren der Handelsheziehungen aus der Friedenszeit gegenwärtig
Fajt gänzlid) ruiniert jind. Anter diejen Faktoren verftehe id die
privaten Handelsunternehmungen und das Privatkapital, die Heute
mtweder lKiquidiert oder nationalifiert find, oder infolge des gewaltigen
Balutafturzes derart zujammen|Hrumpften, daß fie aukeritande find,
Handelsge[Häfte zu treiben.
Es verbleiben [AHlieklidH vorläufig nur die Organijationen, die,
ungeacdtet der gegenwärtigen Ereigniffe, ihren Arbeiteapparat volltändig
 und wenigjtens in gewilfem Make aud) ihre Kapitalien un«
verjehrt erhalten fonnten, was ihnen die Möglichkeit verfhafft, die
Bebürfnijje des ukrainilden Bolies durdH BVerforgung mit den unentbehrlidhjten
 Bedarfsgegenftänden zu befriedigen. Mit diejen Organijationen
 jind die ukrainijden GenofjenfdHaften und deren
Berbände gemeint. Die ukraini/den Genoffenfhaften eziftieren als [olde
no) nicht lange, denn bis zum Nahre 1917 maren fie nur als fFiüd»
        <pb n="128" />
        — 118 —

cuffifhe Genofjfenjhaften bekannt. Seit dem Nahre 1917 begannen
die ulrainijden Genofjenidhaften fi aber zu eigenen Zentralen zu
arganifieren und dieje Organifation fieht heute folgendermaken aus:
Fajt jeder befiedelte Ort, fogar der Heinjte, beligt Jeine Genoffenjhaften,
 in erfter Reihe Konfumgenoffenjhaften, ferner Kredit,
(andwirtfhHaftlide (allgemeine und jpezielle, d.h. SGartenbau-, Molkerei-,
Seflügelzudht-Genoffenjhaften u. dergl.) und Produktivgenoffen| haften.
Sn größeren Dörfern, in Fleden und Städten gibt es oft mehrere
ver[Hiedene Genoffenjhaften, und in größeren Zentren wie Kiew, Odella
ulw. befinden fiH Hunderte von jpeziellen Genofen[Haften.
Einige von diejen Genoffenihaften, fowohl in Städten wie aud)
in Dörfern, weifen eine nad Millionen zählende Bilanz auf, erzielen
Umjfjäge von mehreren Millionen, befigen mittlere Fabrikbetriebe (Werk
tätten, Mühlen, elekftrifhe Beleuchtungsitationen und dergl.). Falt
der ganze Dorfhandel befindet [id aus[glieBlidH in den Händen der
Senoffen|Haften, weil die privaten Handelsunternehmungen überall Kiquidiert
 wurden.
Die zweite Stufe der genoffen]Haftliden Organijationen bilden
die genoffen[haftligen. Rayonverbände, welche die Genojjen|dhaften verzinigen,
 fie mit Geldmitteln verforgen, ihre Kauffraft [tärken, Jie bei
ihrer Ge[Häftsführung mit Injtruktionen und durhH ‚RMevifionen fördern.
 Diele Verbände umfajfen jeweils folgende Genoffendhaftstategorien:
 a) Kredit, b) Konjum-, c) Iandwirtidhaftlide Genofjen|dhaften
 im allgemeinen, d) [pezielle zur Vereinigung jpezieller Genojjenihaften
 (3. B. Molkerei-, FildHereigenojfen[haften und ähnlidhe) und
3) gemifchte und zwar meift Handels- und Kreditgenofjen]haften. Sol-Her
 Verbände gibt es in der Ukraine etwa 300. Leider jtehen derzeit
feine 3iffernmäkigen Daten betreffend die Bilanz und die Umäbze
diefer Verbände zur Verfügung. Dod) werden diejenigen Zahlen, die
der Autor hier aus dem Gedächtnis anführt und die [id auf den Kiewer
Souvernements-Genojfenihaftsverband der Kreditgenofjen|dhaften beziehen,
 dem Lefer ein annäherndes Bild von der Tätigkeit foldher
Berbände geben.
Der Kiewer Verband der Kreditvereinigungen (abgekürzt wird
diejer Berband „Sojusbanf“ genannt) weilt eine Bilanz von 200
Millionen Rubel auf, fein Vahresumfag erreidhte im Jahre 1919
2 Milliarden, die Zahl feiner Mitarbeiter überfteigt 300, Der Berband
befigt 17 technijdje Werkftätten zur Reparatur und Erzeugung von
JandwirtIhaftlidgem Inventar; diefe Werkfrätten befinden fig in grökeren
 Genojfen]haften an der Peripherie des Gowvernements. Ferner
befißt der Verband eine Stahl- und Sußeifenfabrik, eine Majdinenfabrik
in der Stadt Taraldhtiha, eine Sägefabrik in der Umgebung Kiews,
ine aroBe Druderei, eine eigene Schule zur Ausbildung von genoflen-
        <pb n="129" />
        )

2

MT
‘I

— 119 —
Idaftliden Verwaltern, zwei eigene Grundjtüde mit Gebäuden im
Zentrum Kiews ufw.
Diejer Verband fteht feinen Umf[ägen und feinem Tätigkeitsum:-fang
 nad) nicht vereinzelt da. Verbände ähnlichen Makitabes find auch
in Charkow, Poltawa, Odeffa, Yekaterinollaw und in anderen gröberen
Stäbten der Ukraine vorhanden.
Die dritte Stufe der genojfen[haftliden Organijationen bilden
die Genoffenfhaftszentralen, das jind Verbandsverbände, die in der
SHauptjtadt der Ukraine, Kiew, ihren Sig Haben.
Soldjer Zentralen gibt es Heute fedhs, und zwar: 1. UIrainebanf,
 db. i. die Kreditzentrale, 2. Dniprofjojus, d. i die Konlumzentrale,
 3. Zentral, d. i. die landwirtidhaftlihe Zentrale,
4. Ufo jtrad fojus, d. i. die Berfiderungszentrale, 5. Knyhofjpilka,
d. fi. die Bücherverlagszentrale und 6. Kooperozentral, d. if. ein
Mittelpunkt für die tedhnifdhe Organifation der Genoffen[Haftszentralen.
Die Ukrainebank (Ukrainijde VBolts-Genoffen[dhaftsbank) umfakt
die Kreditvereinigungen. Zu ihren Aktionären zählen [owohHl alle Zen»
tralen wie aud) alle größeren Territorialverbände. Ihr Statut ift
bas einer gewöhnliden Afktienbank rujlilden Mujters, den Bedürfniflen
 des Genoffen|Haftswejens angepaßt.
Um 1. Oktober 1919 betrug die Zahl der Aktionäre der UFkrainebank
150, die Bilanz 300 Millionen Rubel und der Umfak: erreichte im
Laufe von neun Monaten die Höhe von 212 Milliarden Rubel. Die
Bank Hat auf dem ufkrainijden Territorium in grökeren Städten
15 Filialen. Die Bankzentralleitung hat ihren Sik im eigenen Gebäude
 am Dumaplag in Kiew.
Der Dniprofojus (d. i. der Dniproverband der Konfumverbände
der Ukraine) umfaßt die genoffenhaftliden Konfumverbände; er treibt
Handel mit Lebensmitteln und Hausbedarfsgegenjtänden, erzeugt manherlei
 Waren in feinen Fabriken (zwei Tabakfabhrifen, eine Makkaronifabrif,
 Schuhfabrif, Seifenfabrif ujw.). In Kiew und Obdella gehören
ihm große bebaute Grundjtüde; feine großen Warenlager in Obdella
{im ehemaligen Balais des Kürlten Gaaarin) find unmittelbar am
Hafen gelegen.
Der Zentral (d. fi. der zentrale ukrainijde Iandwirt/hHaftlihe Ge:
nofjen]daftsverband) vereinigt die dem landwirtiHaftlidhen Bedarf dienenden
 Kredit- und gemifdhten Verbände. Die Gejhäfte des Zentral
umfaljen die Verforgung der Landwirt/Haft mit Majdhinen und Werkzeugen,
 mit Senjen, Kunftdünger u. dergl. fowie den AWbjag Iandwirt/daftlider
 Erzeugnijje. Der Zentral hat die größte Maldinen-Jabrif
 in der Ufraine (früheres Eigentum der Aftiengefellidhaft I. SF.
Henn in Obdejfa) Käuflid erworben und belikt in Kiews Umgebung
die Säaefabrif .Natalta‘
        <pb n="130" />
        — 120 —

Die drei anderen Zentralverbände dienen der Verfiherung des
Genoffenihaftsvermögens und ihrer Waren, befaljen fig mit der Hetrausgabe
 von Büchern und unteritüken die Genoffenichaften in Drganijatorilder
 Hinjicht.
Yus dem Gefagten folgt, da das ufrainijde Genoffenldaftsweien
eine äußerit mächtige Organijation darftellt. Wenn man dazu die Tatjade
 berüdjidtigt, dak in den Genoffenfhaften fajt das ganze ufraini[dhe
Bolk vereinigt ijt, (jelten Kann ein Mann getroffen werden, der nicht
irgendeiner Genoffen]haft angehört,) fo kommt man 3ur Schlukfolgerung,
 daß gegenwärtig die ufrainilHen Genoffjenjdhaften tat[ächlidh Die
Vertreter des ukrainiihen VBolkes in bezug auf Handelsbeziehungen
daritellen.“
Soweit Baranowitki. Dieje von ihm gefdhilderte felbftändige wirk-IhaftlidHe
 Kraftentwidlung ijt nur unter der VBorausjekung langer,
zielbewußter organifatori[dher und politijder Arbeit denkbar, durch die
zin fo feltes Müdgrat eines ganzen Boltes Hergeftellt wird, wie es
dieje Genofjen[dHaftsentwidlung tat[ächlid) bildet. Dak dieje Arbeit im
geheimen in aller Stille [don lange wirfte, dafür ijt der bejte Beweis
bie bekannte Tatfache, dak, als im Iahre 1906 die erfte rulfijdhe
Bolksvertretung auf Grund von allgemeinen Wahlen einberufen wurde,
jidy in Dderfelben fofort gegen 60 Deputierte der Uiraine zu einem
Riub zufammen[Hloffen, welche die volle Autonomie für ihr Land von
der zarijden Regierung forderten. Es war das eine fo unliebjame
Überrafhung für diefe Regierung, dakz fie dur den Staatsitreih
Stolypins die eben verliehene Verfalfung aufhob und durd eine
neue erfeßte, deren Wahlrecht es verhinderte, dak Vertreter des ufratnifden
 Bauerntums überhaupt gewählt werden fonnten. Deswegen war
mit dem Sturz des Zarismus im Weltkrviege aud) der Zujammenbruc
des ruflilden Weltreides befiegelt und die Auflöfung in’ feine Bejtandteile
 nad) einheitliden MWirtjhHaftsgebieten und Volisgemein[dHaften
unausbleiblid. Die fogenannte Entwidlung der Nanditaaten ijt nit
mehr aufzuhalten, und die Ufraine ijt der bedeutendijte diejer Staaten,
denn die überwiegende Mehrheit ihrer Bevölkerung ijt ein einheitlies
 bodenftändiges Bauernvoll, das felt auf feiner Scholle Tigt und
ent{dlofjen jede weitere Fremdherrihaft ablehnt. Der ufrainiidhe Bauer
Hält am perjönliden Eigentumsrecht für feinen Grund und Boden felt
und kennt nit den Iommunifjtilhen Gemeindebelik des Grokruffentums,
mit Ausnahme der nordöjtlichjten Teile der Uiraine, wo durch die
mostiowitijde Oberherridhaft aud) die fommunifjtilde Gemeindelandver-Falfung
 Plag gegriffen hat, aber als etwas Fremdes, Aufgezwungenes
zmpfunden wird. Dem Ufkrainer fehlt das Unbejtändige des Grob:
rullen, er figt in feinem Heinen Bauernhofe eng in Steppendörfern
aneinander aedränat und bewirtidhaftet mit ungenügenden Adergeräfen
        <pb n="131" />
        121 —

1

1

')

)

T
it

%
ie

5
3=nm

x

leine herrlide Schwarzerde, die ihn irog der unvolllommenen Bear»
beitung ernährt. Der raffenjremde moskowitijde oder polnijdHe Groß:
grundbefig hat für das benachbarte ukrainijde Bauerndorf und feine
Bewohner nur Verachtung übrig gehabt, naddem er jeit Aufhebung
der Leibeigen|Haft nidht mehr die Möglichkeit Hatte, den fremdjtämmigen
Bauern uneinge[OHränkt auszunußgen. Die Anleitung zu wirtjdHaftlidher
Kultur und die Fortbildung der bäuerlidgen VBerhältnijfe durhH Fadbildung,
 Schulwejen und rechtzeitige AWgrarreform, wie fie 3. B. vom
baltijdjen deuten SGrokgrundbejiker auf die Geftaltung der häuer-[iden
 Berhältnijje Lettlands und Ejtlands ausging, Judht man in der
Ufraine vergebens. Wohl gab es dort vor dem Kriege infelförmig
aud) ausgezeidnete landwirt/HaftliHe SGrokbetriebe, bejonders gewaltige
 ‚Zuderrübenwirt/Haften, inde[jen Hoben fie jiH von der dürftigen
Aderfläde der exten|iven Wirtjdhaften vereinzelt ab. Nur überall dort,
wo Der deutfide Kolonijtenbauer mit feinem Können und Schaffen
Jingefommen tft, aljo bejonders im Cherfonfdhen, TaurijdHen und Yekaterinolawijdhen
 Gebiet, hat feine Tätigkeit befrudtend auf den Wirainer
gewirkt und zufammenhängende, [höne Iandwirtfhaftlide Flächen geigaffen.
 Dort jieht man ftattlide, mafjliv gebaute Dörfer und Einzelhöfe
 inmitten gut gepflegter Obitgärten. Die Namen der gröheren
Niederla]lungen — wie 3. B. Landau, Münden, Karlsruhe, Korn:
hal ul. — erinnern an die ur]prünglide Heimat der tapferen und
tüchtigen Männer und Frauen, die hier in der unendliden Steppe mit
deutjdhem Fleiß heimijde, traute Grundlagen für. ihre Familien und
damit für unjer Bolistum ge[dHaffen haben. In der übrigen Ukraine
ligt der ukrainijde Bauer trokg extenfivjten Betriebes auf [einem [Hönen
Boden eng 3zujammengedrängt. Da grokruffijdhe Interefjenwirtidhaft
die Entwidlung einer einheimi]den ukrainijden Indujtrie nad Mögfichteit
 unterdrüdt hat, jo hat das übervölferte Dorf feinen Abzug
in die Stäbte gefunden und ermöglichte fo XKapitalijtijde intenfive
SGrokbeiriebe auf den Latifundien, die Zuderrübenbau treiben, durdgh
die Ausnukung billigiter men|Hlider Arbeitskräfte. 1913 bhefaken 15%
aller Landbewohner, d.h. 700000 dörflide Hauswirt/Haften üÜüberhaupt
 fein Land, während die DurchHnittsgröße des häuerliden Lande
heißes bei etwa 29,4 Millionen Dekjatinen Gejamtbefig im Iahre
1916 7,46 Dekjatinen für jeden Landbejik betrug, für die extenfive
Betriebsform des ukrainiihen Bauernhofes trog des fruchtbaren Landes
jebr wenig. Dem gegenüber ftanden über 14 Millionen Dekjatinen
Srokgrundbefikg, fowie ftaatlide und Kirdhenländereien. Da erfterer
ra]jefremd ijt, verfhärft fi der Joziale Gegenfaß durch den nationalen,
und eine radikale Agrarreform wird infolge beider Gegenfäße zur
Naturnotwendigieit. Allerdings wird aud) bei Enteignung des Groß:
grundbefikes nicht genügend Land für alle bäuerliden Familien ge
        <pb n="132" />
        — 122 —

Jdaffen, da über 50% der bäuerlidgen Bevölkerung fein Land oder
weniger als 5 Dekjatinen befigen, aber man fönnte dem [Hreiendjten
Mikitande abhelfen. Im übrigen wird aud dur die Intenfivierung
der häuerliden WirtfjhHaften mit Hilfe des Genofjenjhaftswejens fowie
durch die Entwidlung einheimilder Indufjtrie für AWrbeitsgelegenheiten
gejorgt werden müffen. Schlieklid ijft darauf Hinzuweijen, dakz in den
legten 10 Jahren vor dem Kriege eine gewaltige Wbwanderung der
über[hüffigen Bevölkerung nad) dem Ojten, bejonders nad) Weft]ibirien
begonnen hatte, Wber au im Wolgagebiete fekßten [ih vielfad) UIrainer
an. Diefe Auswanderungsbewegung, die fid mit der grokßrullilden
in Wejtjibirien trifft, Kann Urfache zu Auseinanderfegungen zwijden
den beiden RMaffen geben, die nidht wenig dazu beitragen dürften,
daß der fibirijde Separatismus gegen Moskau Anlehnung an die
Ufraine [udt.
Mit geradezu verblüffender VBerkennung diejer Mar zutage ie:
genden BVerhältnijfe unterjtüßten leider deutjde Generäle und Diplomaten
 den Hetman Sioropad[ki, einen moskowitijden Großgrundbefiker
 in der Ukraine, der als Vertreter feiner Grokgrundbeligerireife,
der großruflilhen Beamtenkalte, der moskowitijHen Handelswelt und
ihrer Bankdirektoren die Regierung anfjtelle der ukrainijden Nationalregierung
 übernahm, die er mit Hilfe der deutf/den Bajonette ftürzte.
Die reidhsdeut/den Bertreter vermochten in ihrer hHarmlojen UWhnungs-[ofigfeit
 einen Ufrainer von einem SGrokrufjen nicht zu unter[dHeiden,
waren außerdem von verrußten RMeidhsdeutfdhen |Hledht beraten, deren
SGefjhHäftsinterefjen mit den moskowitijhen Handelsinterejfen in ber
Ufraine eng verbunden waren, und mögen vielfad) den Moskowiter
Storopadili audy wirklid für einen Ukfrainer gehalten haben. Sie
wußien es nidht einmal, daß diejer famofe „Hetman‘“ nod) während
des Krieges dem Prälidenten der ruffifchen NReidhsduma eine Denk
IOrift überreicht hatte, in welder er im Namen der gejamten rulfijdhen
Bevölkerung Südrußlands, die getreu zum einigen, unteilbaren Ruß:
fand hielten, erfärte, dak der Gedanke einer [elbjtändigen, freien Ukraine
gine teuflilde Erfindung der verruchten Öfterreiher wäre. Diele Er-Härung
 bat idn natürlidH in den Augen jedes Ukrainers zum 1ödlid
 gehakten Moskowiter gejtempelt, und ausgerechnet diejem Mann
jtellte die deutjhHe MNMegierung die bewaffnete Madt unjeres Volkes
zur Verfügung, einem Vertreter des Moskowitertums, weldes während
des Weltkrieges in fo unbejdHreiblidH grauenhafter Weije unjere deutjden
 Bolisgenoflen in ihren ganzen ehemaligen Mactbereid) des zarijden
 Ruklands verfolgt Hatte. It es da ein Wunder, da mit
unfjerem 3Zufjammenbrug im November 1918 [ih die Wut der ukratni[den
 Maljen gegen unjere abziehenden Truppen wendete, die als
Befreier vom Moskowiterjodh bei ihrem Einmarih aufgefakt und ge:
        <pb n="133" />
        123 —

feiert, [Hlieklid aber dazu verwandt wurden, einen Moskowiter zum
neuen 3Zwingherrn der Ukraine einzujegen. Der Moskiowiter-Hetman
und feine Leute wurden durch einen Volisaufitand nad AWbzug der
Deutfden aus dem Lande gejagt. Dasjelbe ijt no bis Heute nidt
zur Ruhe gekommen, weil die deutfde Unterftüßung Skoropadjkis der
NMationalregierung die Möglichkeit genommen Hatte, fidH zu organilieren
und zu Iräftigen. So wurde die Uiraine vom Bolfdewismus über-{aufen,
 gegen den fie fid mühjelig wehrte, da gleichzeitig die Polen unter
Harder in Oftgalizien auch über ie Herfielen und vom Kubangebiet
 ausgehend Denikin mit der ruffijden reaktionären Armee durch
die Oftukraine gegen die Bolfdhewijten marfdhierte. Dabei hielt es
diejer zarijtijde Moskowitergeneral zunächjt für wichtiger, die ukrainiide
 Freiheitsbewegung mit Stumpf und Stil auszurotten, als mit den
Yirainern vereint unter Anerkennung ihrer Selbitändigkeit gegen die
Bolfdhewijten zu ziehen. Das IekHtere Hätte unbedingt zum Sturze
derfelben geführt. So aber erhob ih das ganze ukrainijhHe Bauernvolk
gegen ihn, die ukrainijde nationale Regierung erklärte iHm den Krieg;
zwar wurde fie jelbit auf das äußerfte dur den Krieg ge[Hhwäct,
Denikfins Heer aber aud) fo völlig zerrüttet und aufgelöft, dak die
Boljdhewijten leidhtes Spiel mit ihm hatten und die Refjte feines Heeres
an den Kaukfafus und bis in die Krim abdrängten. Die Ukrainer
iudten fi unterdeffen in Podolien und Wolhynien neu zu formieren,
begannen von neuem den Kampf gegen die Bolfjdhewijten, von denen
jie den Welten und das Obdeljfaer Gebiet reinigten. Ihnen gilt der
Boljdhewismus als eine Erjdheinungsform des Moskowitertums, mit
der fie eben]owenig etwas zu tun haben wollen wie mit den reaktivnären
 Generälen des früheren Zaren. Ihr Bündnis mit den Polen
haben fie jekt abgefchloffen, um fih endgültig von den Moskowitern
zu befreien. Ob die Polen das Bündnis ehrlid halten werden, ift
abzuwarten, jedenfalls ijt no nidHt abzufehen, wenn diejes reidfte
Setreidegebiet Europas wieder dazu kommen wird, feinen Über] huß
dem hHungernden Weiten und dem Zentrum unferes Erdieils zuzuführen
und dafür defjen gewerblide Erzeugnifjje einzutaufden.
Das deutfhe Volk ijt in feinen eigenen Lebensnöten und Parteifämpfen
 [o verwidelt, da es völlig überfieht, dak gerade die groken
Kämpfe in der JarmatijdHen Ebene auch feine Lebensmöglichkeiten [Hwer
(däbigen. Solange das große Bauernvolk in der Ukrainer Steppe
janatijdy feine politijdje und wirt|dHaftlidhe Freiheit gegen die heute
von den oftjüdijdhen BoljdhHewiltenkommijjaren geführten Moskowiter
verteidigen muß, Fann es für die Brotverforgung Italiens, Welt- und
Zentraleuropas nichts liefern, daher ijt es wichtig für ganz Europa,
daß endlidy alle Staaten, vor allem die Entente, die Selbitändigkeit
der Uiraine anerkennt und ausbauen hilft. Nach Grokrukland hat
        <pb n="134" />
        124 —

aud) in früheren Yahren im allgemeinen die UWfraine kaum Getreide
abgegeben, dahin firömten das fibirijde und das Korn der Schwarz
;rdegebiete an der Wolga. Mehr als die Hälfte der Weizenernte
des zarijhen Mußlands, gegen 170 Millionen Zentner, wurde in der
UNfraine gewonnen, ebenfo mit über 70 Millionen Zeniner mehr als
die Hälfte der gefamten Gerjtenproduktion des ehemaligen rujjijhen
Gejamtftaates. Davon exportierte vor dem Kriege die Ufraine 56,4
Millionen Zentner Weizen, 38,5 Millionen Zentner Gerfte, dazu noch
über 9 Millionen Zentner Roggen und 21/2 Millionen Zentner Hafer.
Dabei muß in Betracht gezogen werden, daß infolge der extenfiven
Wirtihaft der häuerliden Bevölferung troß der Herrliden Schwarzerde,
 die einen Frudtboden darjtellt, wie ihn Deutjdhland nicht aufweijt,
 der gefamte Erntedurchjhnitt weit hinter dem deutjden zurüdteht,
 da die deutfhe DurdHfjdhnittsernte troß viel [Hwäcdheren Bodens
pro ha die ukrainijdHe um etwa 60% übertrifft. Welde Steigerungen
allo möglid find, lehrt diejer VBergleih. Noch größer ijt der Unter»
(died in den Erträgen der Zuderrüben, die eine große Fläde in
der Ukraine einnehmen, wobei im weftliden Gebiete, hHauptjächlidh in
Kiew, Podolien und Wolhynien, über 3/, der gejamten mit Zuderüben
 beltellten Fläche zu finden find. 1914 wurden in der ganzen
Ufraine 623000 Dekjatinen angebaut. In den legten 20 Jahren gelang
zs au dur inten]ive wiffenfdhaftlidHe Saatzüchtung der Zuderfabriken
den Zudergehalt der Rüben fajt um 50% zu Heigern, troßdem ift in den
leßten 5 Jahren vor dem Kriege in Deutjdhland im DurdHidHnitt vom
ha fait das Doppelte an Zuder geerntet worden wie in der Ukraine,
Dennod) hat diefelbe nidHt nur ihrer Bevölkerung, Jondern au) der
des gefamten übrigen ruljilden Zarenreides annähernd 18 Pfund
rulfild pro Kopf der Bevölkerung Zuder geliefert und damit den
gejamten Zuderbedarf des rujlijhen Weltreidhes von Libau bis Wladiwoltok
 gededt, außerdem aber nody über 31 Millionen Pud ins Ausland
 exportiert, bejonders nad) Alien und in jteigendem Make nach
England. 53% der Anbaufläce beftellten Zuderfabrifen fjelbjt mit
Zuderrüben. Die Fabriken gehören meijt AktiengejelljHaften, in deren
Beliß fi zugleid Latifundien befinden, auf denen intenjiver Rübenbau
betrieben wird. 300% der Anbaufläde der Rüben wird von fonjtigen
Srokgrundbhefigern beftellt, und nur 17% derfelben befinden [id in
bäuerliden WirtHaften. Seitdem die häuerlidgen Genofjenjhaften die
Vermittlung zwilden den Bauern und den Zuderfahrifen für die Lieferung
 von Rüben zu übernehmen begonnen haben, beginnt die bäuerlie
 Unbaufläde fid zu vergrößern.
Über 200 Zuderfabrifen beftehen in der Ukraine, deren Produktion
im Sahre 1914/15 90 Milnionen Pud Rohzuder überftieg. Kiew if
der SikH des Zuderhandels, mehr als 150 Direktionen von HZuder-
        <pb n="135" />
        7"

aftiengejell]daften hatten jidh hier in der uktainijden Metropole nieder:
gelaffen. €s Iiegt auf der Hand, von welder großen Bedeutung
jür eine aftive Handelsbilanz eines Jelbjtändigen ukrainijden Staates
die YWusfuhr des Zuders fein muß. Um fo bedenflicher ijt die augenblidlide
 erbärmlidhe Lage der Zuderindufjtrie, in die das Land dur
die Wirren des Krieges und des Boljhewismus gekommen ijt. Ber
heerend [ind wiederholt Boljdhewijten und Denikins Truppen über das
Sebiet gezogen. Kiew hat in den Iekten zwei Yahren etwa [iebenmal
dur Kampf feinen Befiger gewechjelt. Vieles ijft zerftört und muß
in den Fabriken wieder hHergeftellt werden. Ganz unklar ijt es nod,
wie weit die radikale agrare Entwidlung, die jidH gegen den fremditämmigen
 Großgrundbelig richtet, damit aud) die Grundlagen der
Zuderrübenwirt|dhaft zerjtören kann, die von jo großer Bedeutung für
die Staats und VolkswirtjhHaft der Ukraine ijt. Es wird eine |taatlide
 Notwendigkeit fein, die Zuderrübenwirtjhaften vor regellojer Aufteilung
 3u bewahren, und. für das Genofjenjdhaftswejen wird fi Hier
ein großes Arbeitsfeld öffnen, denn ohne ihre AWnleitung und For»
derung wird jidhh die bisherige Rübenproduktion auf den Latifundien
nit ohne befondere Maknahmen erhalten Iajjen, wenn dielelben aufgeteilt
 werden.
Von landwirt[Haftliden Erzeugnifjen, die in Frage Iommen, pielen
Spiritus, Hopfen, Fladhs, Hanf, Tabak, Leinjaat, Hanfjaat, Rübenjaat,
 OÖlfuchen, Eier, Häute, Borfjten, Wolle und Wein eine Rolle.
Den Weinbau haben die deutjden Kolonijten in das Land gebracht
und beireiben denjelben Hauptjächlid in der Krim, wo große Wein»
güter entjtanden jind. Cbenjo audy in den Kreijen, die unmittelbar
der Krim vorgelagert find. Dort jind dur Fleiß und Energie Neinere
unfrucdtbare Gebiete in blühende Weinkulturen verwandelt worden.
Krimjde Weine erfreuten [ih in ganz Rußland großer Beliebtheit.
Tabak gedeiht in der ganzen Ukraine. Den größten Anbau findet
man in Poltawa und I]dhernigow. Bor dem Kriege war die gejamte
 Andaufläde etwa 45000 Dekjatinen groß, dementjpredjend gab
es eine ganze Anzahl von Tabakfabrifen mit Export ihrer Erzeugnilfe,
bejonders nad) Deutjhland, Amerika, England und der Schweiz.
Während die Yahresproduktion vor dem Kriege in den etwa 90 Fabrifen
 im ganzen etwa 35 Millionen Rubel wert war, ijt au auf
diejem Gebiet infolge der Wirren eine ganz unlidhere Lage einge
treten. Eier wurde 76 Millionen Stüg jährlid vor dem Kriege exportiert.
 Sehr beträchtligH war die Ausfuhr von Olkucdhen, namentlich
nad) Deut/dhland, zu Futterzweden. In der eigenen Viehzucht wurden
diefe hochwertigen Futtermittel fajt gar night ausgenußt. Nachdem
die Schafzucht in der Steppe dur den Weizenbau auferordentlicdh
zurüdgedrängt worden it, hat natürliH au die Wollproduktion dem-
        <pb n="136" />
        126 —

znt{predhend abgenommen. Der NReidhtum an Vieh, Pferden und Schweinen
 ijt bedeutend. Erjft in leßter Zeit begann aber eine intenjivere
BiehHzucht Plag zu greifen. Jedocd) war die Ukraine die Hauptlieferantin
on Schladtvieh für die rujlijdhen Grokitädte Moskau und Petersburg.
Auf all diefen Gebieten gibt es ganz große Steigerungsmöglichtfeiten
der Erzeugung, die durd) die Häfen des Schwarzen Meeres gut 3zur
Ausfuhr gebracht werden fann, zumal die Flüjje der Ufraine in
weit in das Feltland hineinreidhende [Hmale Meerbujen münden. Wohl
hat das Eifenbahnwefjen entietlih durd) die Kriege gelitten, aber der
von den Genoffenfdhaften organifierte Bauer bringt feine RohHitoffe
auf Schiffen und Wagen an die Stapelpläke auf weitelte Entfernung
heran. Daher wird bis zur Herftellung des Bahnnekes fein anderer
Handel neben den Genofjen[haften auffommen können, weil Diele
allein über die bäuerlidgen Zufuhren verfügen. Yuf demfjelben Wege
und mit denfelben Mitteln wie vor dem Bau des Eijenbahnneges
werden fie au den Warenhunger der ukrainijden Bauern befriedigen,
indem die von den Stapelplägen und Häfen zurüdgehenden Fuhren
im ganzen Lande die eingeführten Waren verteilen werden. Daher
erfcheint es wenig ausfjidhtsreidh, wenn bie deut[de GejhHäftswelt, Die
jrüher mit der grokrullifjden Kaufmannjdhaft in der Ufraine in Ber:
bindung fand, glaubt, daß eine Wiederaufnahme diejer Verbindung
ihnen wieder das „rujlijdhe‘“ Gejhäft erjdliegen fönnte. Diejes gibt
25 nicht mehr. Es ift über Naht im Weltiriege ein ufrainijdes Ge:
jhäft geworden und wird nun als Joldes durd Verbindung mit den
ufrainiiden Genojfen]haften entwidelt werden müjjen, oder die deut]he
Gelchäftswelt wird zujehen mülfen, wie diejer gewaltige Markt in
die Hände ihrer Konkurrenz fällt. Schlagworte, wie 3. B. daß Groß:
rußland nicht auf die Schwarzmeerhäfen verzichten kann u[w., ändern
an der Tatlacdhe gar nidHts, da fie lediglid dem imperialifjtilden WörteriHas
 der mosiowitijden Chauvinijten und ihrer reidhsdeut[Hen Freunde,
zu denen au Heute nod) die Neidhsregierung der Heutigen Mehrheitsparteien
 zu gehören fcheint, entlehnt find. Erwähnt wurde [dHon,
wie die gefamte Ausfuhr Grokruklands über die Fejtlandgrenzen und
die Oltjee geht, wohin aud Sibirien feine Ausfuhr leitet. Über 80%
der gefamten Einfuhr des auseinandergefallenen Zarenreiches jtrömte
über diefelben Wege nad SGrokrukland ein — die nicht ganz 20%
der rullilden Gefamteinfuhr, die durch die Schwarzmeerhäfen kamen,
blieben in der Ukraine, die fomit ganz allein diefe Häfen ausnußgte.
Grokruflijher Warenverkehr hat alfo überhaupt nit in ufraini[den
Häfen jtattgefunden, Die einzige Ausnahme bildet der Schhwarzmeerhafen
 Roftow am Don, der aber nicht als ufrainiider Hafen anzujehen
 ijt, da er die Hauptjtadt des grokruflijdhen Donkofakengebietes
ilt, des großrullijhen Korridors. Er vermittelt die Ein- und Ausfuhr
        <pb n="137" />
        1927

diefes Gebietes, und auf diejem Hafen findet aud) ein Verkehr von
den Jübwejtliden Teilen des Wolgagebietes ftatt. ;
NMächilt der Nahrungsmittelinduftrie, Zuder, Mühlengewerbe und
anderer Verarbeitung Iandwirt/HaftlidHer Produkte, ijt die bhedeutendite
Indujtrie die Montan-Induftrie, die dur das gemeinjame Vorkommen
der Kohle und des Eijens jehr gefördert wird. Auch hier weift der
gro Brufji[d-mosfowitiide Ymperialismus immer wieder darauf hin, dak
Rukland fidh aus wirt/HaftlihHen Gründen nidht von der Ukraine trennen
fann, da es die Kohle und das Eijen braucht. Tatjächlidh aber hat
Sroßrukland nur 20% der in der Ukraine gewonnenen Kohle bezogen,
weil 80% davon in der Ukraine in der eigenen Induftrie verbraucht
wurde und das übrige Rußland bekanntlich feine Indultrie durch über
die Oltjee eingeführte Kohle und dur Naphtha aus Baku, fowie im
Norden durd) Holzfeuerung unterhielt, während die polnijde Kohle
in Kongreßpolen verblieb. Die 20% ‚uktainijHe Kohlen würde es in
Zulunft aud) reichlid aus den im Dongebiet liegenden Kohlen erhalten
fönnen, da es fig mit der Ufraine in das Donez-Kohlenbalfin
Jefanntlid) teilt. Auf ukrainijdem Gebiete liegen die Kohlen mit etwa
30% ihres BVorkommens im Ofjten des Charkowfdhen und NYekaterino-Naw|dhen
 Bezirks, während 20% der Kohlen im Gebiet der Donkofjaken
liegen. Leßtere find Häuptjächlid Anthrazitiohlen. Nach Bor|dhH hat
ion im Jahre 1904 die Steinkohlenlieferung in der Ufraine 524 Millionen
 Bud betragen. Die ukrainijde Montaninduftrie wird aber zuzunjten
 der rufjijdhen natürlidH nit auf ihre Kohlen verzichten Können.
Sie hat Jig Hauptjädlid nad) der Entdedung der Erzlager von
Rriwoj Rog in den 70er Yahren des vorigen Yahrhunderts mit
Silfe von belgijdem und franzöfiihem Kapital entwidelt. NadHdem
lie um die Jahrhundertwende eine große Krifje durchgemacht Hatte,
itieg infolge des japanijden Krieges und der darauf eintretenden wirtidaftliden
 Entwidlung Ruklands, feiner Eijenbahnbauten und wohl
ud) infolge feiner Vorbereitungen zum Weltiriege (Bau der Kriegs-Hofte,
 Anlage der Fejtungen ujw.) der Bedarf fo fehr, daß die Werke
den Anforderungen gar nicht genügen fonnte. 57 Hocdhöfen arbeiteten
vor dem Weltfriege in der Ukraine, 90% des von ihnen verarbeiteten
Eijens. |tammte aus den Eijfengruben von Kriwoj NRog, 10% aus
den phospkathaltigen Kertjder Gruben, die in den Hochöfen an der
Külte des Afowjdhen Meeres verarbeitet wurden. Die meiften Sochöfenwerfe
 verarbeiteten das von ihnen gewonnene Roheijen in eigenen
SGiekereien und Walzwerken, fowie in Wertitätten für Eijenfonftruktionen.
 Die ufraini/de Eijenindujtrie hat 1913 mit über 120,5 Milonen‘
 Bud Martinjtahl, über 33,5 Millionen Pud Bejjemerftahlblöde
und mit 12 Millionen Pud TIhomasitahlblöde, zufjammen mit weit
über 166 Millionen Bud Halbfabrikaten, mehr fabriziert,, als alle
        <pb n="138" />
        128 —

übrigen Teile des ehemaligen rujjijdhen Reiches zuflammen, während fie
an der Fertigfabrikation von Bledhen, Schienen, Trägern, Draht, Nägeln,
Bolzen, Schrauben ujw. mit 141 Millionen Bud oder 57% der rufliigen
 Gejamtindujtrie beteiligt war. ;
Auch diefe Induftrie ijt in Bolihewismus und Anarchie zu [ammengebrochen,
 die Werke ftehen [till, die Kohlengruben find 3. X. erfoffen,
3. X. mutwillig zerjtört, die Arbeiter[Haft ift auseinandergelaufen.
Bon gewijfer Bedeutung ijt in der Ufraine auberdem noch die
Borzellan= rejp. Fayence-Indultrie, von der fidy 11 Fabriken in Wolhynien,
 eine in Charfow befinden; aud) 9 Zementfabrifen waren bei
Rriegsausbruh vorhanden, während 30 Glashütten alle Arten von
Glas erzeugten, Die Hälfte diejer Hütten befindet fid in Wolhynien, dem
Aokzreiditen Teil der Ukraine, das aus feinen Holzbejtänden das Feuezungmaterial
 liefert. Wann alle dieje Indufjtrien wieder zur vollen
Arbeit gelangen, läkt [ih heute nicht annähernd angeben, ebenjowenig,
in wie langer Zeit und mit weldhem Kapital nad) Wiederkehr ruhiger
Berhältnijje wieder die volle Erzeugung beginnen fann. Die Einfuhr
vieler Maldinen, Iujirumente und Werkzeuge wird zur Inbetriebs
jeßung erforderlich fein, eben[o wie zur vollen Aufnahme der Landwirt]dhaft
 eine Unmenge Jandwirt[Haftlidher Majdinen und Geräte er
forderlidy Jein werden. Was die fonftige Einfuhr anlangt, jo wird
nad) der furchtbaren Periode der boljchewiftiiden Zerftörung es kaum
irgendbwelde für den Gebrauch notwendigen Gegenjtände des täglichen
Bedarfs geben, die nicht reikenden Ubiag in der Ukraine finden werden.
Bor dem Kriege wurden von Nahrungsmitteln hHaupt[äclid Heringe,
getrodnete Fijde, Tee, Gewürze ujw. eingeführt; von anderen Waren
alle Arten Garn, Gefdhirre, Leder-, Konfektions- und SGukeijenwaren;
jerner alle Erzeugnijje Der Eijen-, Kurzwaren und MeijerIhmiede,
ebenfo Eijen-« und Mejlingdraht, Nägel, Schrauben, alle Arten Werk
zeuge und Majdhinen, viele Holzwaren, Bapiere und Pappen uw.
Es wird für die Mraine und Europa darauf anfommen, daz die
iIfraine Frieden bekommt und gegenjeitiger Handelsaustaufjd) beginnen
‘ann, damit Hunger und Not wirffam befämpft werden fönnen. Statt
deifen herriht nod) Anarchie, und die Entente erkennt ebenjowenig wie
die Führer der deut[dhen Politik, daß Ofteuropa nur Frieden bekommt,
nenn die Ukraine ihre Selbitändigkeit erringt. Sn den Städten der
DOitukraine ijft alles nodh bolfcdhewiftiidh, während die Bauern in ihrem
janatijdjen Hak gegen den Bolihewismus denjelben auf dem flachen
Lande nicht auffommen lafjen. So haben die Boljdhewilten nur die
Möglichkeit, dur die Eijenbahn den Verkehr zwildhen‘ den Städten
aufrecht zu erhalten, die fozujagen vom ufrainiiden Bauerntum in
Blodade gehalten werden.
Das Eifenbahnneß der Ukraine hat natürlidH au außerordent-
        <pb n="139" />
        — 129 —

1

1.

e
n
4

lid gelitten. Dasjelbe hatte bei Kriegsausbruch) eine Länge von
17000 km. 3u idm gehörten die ertragreidhjten Linien des gefamten
ruljijhen Neges. Man fHäßt die Verlujlte an Wagen und Lokomotiven
 durgz den Bolijhewismus auf 70 % ein; ein ehr groker Teil
aller Baulicdkeiten auf den Stationen ijt zerjtört, die Brüden find
vielfad) gefprengt. Alles diejes ijt um fo [Hlimmer, als das Chauffeenegß
 äuberjt geringfügig ijt, und die Schiffe nidHt durdweg für die
Schiffahrt geeignet [ind. So it 3. B. aud) der gewaltige Dnijepr durd
jeine Stromjqnellen unterhalb Kiews für die Schiffahrt in zwei Teile
geteilt. Übrigens würden dieje StromfhHnellen ausgebaut gewaltige
Kraftquellen darjtellen (nad Prof. Bacdhhmetjew 900000 Pferdefräfte).
Die Landjtraken der Ukraine [ind im Frühjahr nad) der Schneejdmelze
 und im Herbit vor Beginn der Winterfröfte mit Fradhten
gar nidt befahrbar und ftellen in Ddiejer Zeit unergründlidhe, 3ähjlüfjige
 Breiftreifen des aufgeweicdhten, fruchtbaren Lökbodens dar, die
sin abjolutes Verkehrshindernis bilden. Die groken Baumeifjter Winter-Frojft
 und im Frühjahr und Sommer die Sonne ftellen dieje Verkehrswege
 wieder her, auf denen dann die Bauern mit ihren Fuhren die
Produkte des Landes zu den Stapelpläken an Füllen und Häfen
in Bewegung fegen Können.
Wie auf allen Gebieten der Volkswirtjhaft, Jo hat die Ukraine
aud) in ihrer frijd auffpriekenden geiftigen Kultur die [Hwerlten Schädigungen
 erlitten. Indeflen fo wenig der Deut[dhe trog des ZuJammenbruchs
 im Weltiriege zu glauben vermag, dak unfjer altes Volk lich
nicht durch eigene Kraft wieder zur Sonne emporringen wird, [v wenig
wahr[deinlid) ijt es, dak das junge und Fräftige ukrainijde Bauernvolf
 nidht feine Freiheit und Selbjtändigkeit erfämpfen wird. Ein
jelbjtändiges BVolistum von weit über 30 Millionen, das in boden:
itänbdiger, bäuerlidher Entwidlung in einem Lande von wunder.
darem Reichtum feft wurzelt, ift nicht mit Gewalt zu unterdrüden, wenn
in feiner Gejamtheit der Wille zur Freiheit und politijden Selb
jtändigikeit erwacht ift. Wir zweifeln nidht daran, daß das Ufkrainervolk
 feine volle Freiheit und damit feinen Frieden erfämpfen wird,
zu feinem Segen und dem des europäildhen Kontinents. ;
Cben [dHeint Polen im heißen Kampf gegen das boljdhewiltijdhe
Moskowitertum zu unterliegen; damit ijt der eine Todfeind der Ukrainer,
der ihnen Olftgalizien und Teile der rufjjijdhen Uiraine entwinden wollte,
ausge[daltet, und der Zeitpunkt Iommt au. noch, da die Ukraine
lid vom Moskowitertum befreit.
Für Deutjdland aber ijt es wichtig, dieje fo einfadhe Tatjadhe
zu erfennen und zu fördern, denn davon Hängen alle feine Beziehungen
zu dem reiden Lande ab, auf die es nicht verzidhten kann.

Die wirt[dafilidHe Zukunft des Oltens
        <pb n="140" />
        Beflarabien
Bon Edmund Schmid

Beifarabien ijt ein tiypijdes SGrenz- und Durchgangsland. Als
offene Pforte zwijden fdhwer zugänglidgem Gebirge, den Karpathen,
und dem Schwarzen Meere, wurde es von zahlreiden VBölkern, die
den Weg nad dem Süden und Weiten fuchten, durhwandert und zeit»
weije bejegt. Dorthin, nad) den warmen, jruchtbaren, bevölferten und
reihen Gebieten drängten alle die Böltker[Haften, die ih in dem
Riejenbeden der farmatijden Tiefebene jammelten. Das Leicht hügelige
Land, das au einige fteppenartige Gebiete einfdliekt, ftellte den
Wanderern feine [Hweren Hindernijje entgegen. Das fünjtlide Hindernis,
 das gegen die vom Norden heranziehenden Horden aufgerichtet
wurde, der jogenannte Irajanswall, der idon aus dem 4. Jahrhundert
o. Chr. [tammt, und das Land von Leovo am PruthH bis zum Dnjeltr,
jüdliH. von Bender durchzieht, fonnte fie nidt aufhalten. Dagegen
war die fharfe Umgrenzung des Gebietes dur große Flülje geeignet,
die durchziehenden Völker zeitweife aufzuhalten, und die [id da Niederfaffenden
 vor plößglidgen Angriffen zu jidhern. QM die Bölker, die da
durchzogen und die dablieben, die zum großen Teil von der Bildfläde
 verfOwunden find, liegen ihre Spuren zurüd in den Bewohnern
Bejlarabiens, das jtets ein buntes Gemi[dy von Bölkerjhaften be-Herbergie
 und heute noch beherbergt. Um ein Bild davon zu geben,
jeien nur furze Daten aus der Geihihte des Landes gegeben.
Sm 7. Jahrhundert v.Chr. wohnten in Beilarabien |fythifche
Nomaden, im 6. Jahrhundert gründeten die Phönizier Kolonien am
Dnijejtr (Tiras); im 4. Yahrhundert drangen die Heten ein, die im
Nahre 106 v.Chr. von den Römern unterjoddt wurden. Nom fiedelte
nun in dem Lande feine Soldaten an. Nach Chrijtus kamen im
3. Yahrhundert die Goten, im 4. Sahrhundert die Hunnen und Anten,
im 6. Sahrhundert die AWvaren und Bulgaren, im 7. Yahrhundert
die Beljen, die dem Lande den Namen gegeben Haben jollen. Im
8. Sahrhundert folgten die Slawen, im 9. Sahrhundert die Ugrer,
im 10, die Petfhenegen. In den Jahren 907—944 wurde das Land
von den Kiewer Grokfürlten Oleg und Igor erobert. Im 11. Yahrhundert
 drangen die Kümanen und Uzen ein, im 12, die Polowszer,
im 13. die Mongolen. m KYahr 1367 gründeten die Genuefjen Nieder:
        <pb n="141" />
        31 —

(affungen am Dnjejtr. Immerhin waren die Mongoleneinfälle die
legten VBölferbewegungen; was weiter folgte, waren nur mehr politijde
 Eroberungen und Entwidlungen. So ijt vom Ende des 13. Sahr-Hunderts
 die Herausbildung einer eingejejjenen Bevölkerung zu beobadıten,
 die allerdings die mannigfaltigjten Blutmijdhungen aufwies,
Grundlage bildeten die Moldowaner, die Nadkommen der römijdhen
Anjiedler, die Goten, Slawen und andere. In diejer Zeit entjtanden
Heine Fürftentümer oder Banate, die lid Mitte des 14. Jahrhunderts
zum moldauijden Fürftentum vereinigten. 3u Beginn des 16. YabhrhHunderts
 eroberten die Türken den Jüdlidhen Teil Befjarabiens, Ende
diejes Yahrhunderts drangen von Norden nodmals Eroberer, die
Nogaijden Tataren, ein. Dieje wurden jpäter in ihren legten Meften
in die Krim überfiedelt. Seit dem 18. Sahrhundert kamen in die
nörbdliden Teile Beffjarabiens ufrainijde Kofaken. Bom Jahre 1812
an fiel das Land nady wiederholten Eroberungszügen endgültig an
Rußland. Die ruffifche Regierung [ucdhte das unter der Zürfenherr{dhaft
menjdjenleer gewordene Land jhnell 3u bevölfern durch) eine zielbewußte
Siedlungspolitit. Als Anfiedler wurden Deutjde und Bulgaren heran:
gezogen, die alsbald dur ihre Tüctigfeit den wenig|t fruchtbaren
Teil des Landes, den BudjhHak, zum reicjten Teile umgeftalteten.
Nachdem nad dem Krimkriege Rumänien einen Heinen Teil des Landes
(im Süden) fid) angeeignet hatte, der nad) dem Türkfeniriege 1878
wieder an Rußland zurüdfiel, Idheint nun die ganze reiche Provinz
aus dem Befjik des verbündeten Rukland, dem mit Rußland beliegten
Rumänien zuzufallen.
Befiarabien hat eine langgejtredte Geltalt, die fiH von Norden
nad) Süden jtarf verbreitert. Die Länge beträgt 380 km, die Breite
im Norden 20, im Süden 180 km. Der Flädeninhalt umfakht
45629,9 qkm. Seine Grenzen find far umriffen und natürlid:
im Norden der Unterlauf des Dnjejtr, im Weften der Pruth, im Süden
die Donau, im Olten das Schwarze Meer, Das Land erhält jeinen
Charakter als Borland der Karpathen, das fidH zur Donau und
zum Meer hin neigt. Die wejtliden Vorbergslandihaften erheben
JiQ bis zu 389 und 470 m. Die SHügelland[hHaften, die hei der Haupt»
[tadt Kifjdhinew fehr Ihön find, werden durd Steppenland| haften unter.
brodjen. Innerhalb des Landes gibt es feine größeren Gewälfer mehr.
Selbit die gröhten Nebenflüffe der Grenzflülfe trodnen im Sommer
aus, Wohl aber wird das Land von einer Reihe von fladjen Tälern
mit Steilrändern durchzogen, die von der ftarken, abfließenden Schnee
jdmelze gerifjen werden. Um jandigen Meeresufer und an der Mündung
 der Donau Haben bieje Frühjahrsgewäffer eine Reihe von Seen
und Limanen gebildet, die meijt Salzwafljer enthalten. Die Unterlage
des Bodens, die Gefteine, gehören meilt jpäteren Hormationen der
        <pb n="142" />
        — 182 —

Tertiärperiode an. Bezeihnend it, daß aud Befjarabien, wie bie
jüdruffilde Steppe, mit dem AKreidemeer bhededt war, dejjen NRüditänbe
 Die reihen Kalkfteinlager bildeten. Nur wenige Gegenden weijen
Silurablagerungen auf.
Das Klima ijt Kontinental mit Kalten MWintern und Heiken
Sommern. Trogdem und troß der geringen Nieder[hläge it es für
die Landwirt/haft jehr günitig, infolge der jebr beftändigen feuchten
Nordweitwinde, Trodene und heiße Ojtwinde richten allerdings aud
hier mandmal und gerade vor der Erntezeit große Verheerungen an.
Die Niederihlagsmenge nimmt ab vom Norden nad) Süden, von
500 mm mittlerer Jahresmenge und 200 mm mittlerer Sommermenge
zu 300 mm und 75 mm im Süden. Die mittlere relative Feuchtigkeit
beträgt im Winter 83, im Frühjahr 75, im Sommer 66, im Herbit
78, die mittlere Jahrestemperatur im Norden + 89, im Süden + 10°,
die mittlere Sahresamplitude 25% Unter 09 finfen nur die Monate
Dezember, Januar und Februar. Die Schneedede dauert 40—60 Tage,
der Dnjejtr ijt 288 Tage eisfrei, von Anfang März bis Mitte De
zember.
Der Boden ijt mittlerer Schwarzerdeboden aus Lehm und Sand
mit 6—10 % Humus. In den früheren und jebigen Waldböden ij
der Humus weggewajden und ijt der graue Waldboden zurüd»
geblieben. Solde Stellen finden jich befonders im mittleren Teile
des Landes. Gegen Süden Hin, bejonders in den Tälern vermindert
jidj) der Humusgehalt, und der Sand wiegt vor. Reiner Sandboden
jindet fid an den Ufern des Schwarzen Meeres und der Donau.
Schwarzerdejalzboden findet fid an einigen Stellen, wie bei Sorofi.
Pflanzenwelt. “Malditeppengebiet wecdhjelt ab mit Schwarz:
erdeboden. Im den nördliden Wäldern wiegen vor Buchen, Hagebuchen
 und Eiden. Im Süden überwiegt die reine Steppe und zwar
als Pfriemengrasjteppe und als MWermutiteppe (leßtere im Bud[haf).
Feuchte Wiejen gibt es nur wenige. An Kulturpflanzen find vor
allem Weizen, Mais und Weinrebe zu nennen.
Das Tierleben ift nicht reidhaltig und enthält vor allem
feine Vertreter der großen und mittleren Klaffen. Zahlreid find die
Heinen Infektenfrejjer: Igel, Maulwurf, Spigmaus, Ziejelmaus und
andere Meine Nager und Steppenräuber. Stark vertreten ijt die Waldund
 Wafjervogelwelt; die Flüffe find reid an Filden. Bejonderheiten
von Befjarabien find der Sieben[Hhläfer (Myoxus) und einige Vögel:
Goldhähndhen, Steppenbirkhuhn, Bergfink, Neuntöter (Würger). Un
Haustieren werden an eigenen Najjen gezüchtet Schafe und Schweine;
von lekteren die fraushaarigen und furzohrigen. Bienenzucdht wird
nod) vielfad in Baumhöhlen betrieben.
In Bodenihäßgen ijt Beljarabien anjdheinend arm. Es werden
        <pb n="143" />
        133 —

gewonnen: Kalffteine und Marmor, Salpeter und Salz und Bhosphorite.
 Leßtere Hatten 1908 ein Ergebnis von 10080 Bud. Die
Salzgewinnung nimmt ab, von 4—5 Millionen Bud im Nahre 1850
auf 1300000 Bud vor dem Kriege.
Die Bevölkerung betrug im Sahre 1910 2441200 Seelen;
davon 1246000 Männer und 1194000 Frauen. In den wenigen
und Heinen Städten lebten 357000, auf dem Lande 2083000. Unter
3588 bewohnten Punkten find zwölf Städte und 1002 Orte mit mebr
als 500 Einwohnern. Die größte Stadt ijt die Hauptjtabt Kildinew
mit 119000 Einwohnern. Wenn wir die einzelnen Kreije Bellarabiens
betrachten, [o zeigt fig in der Zufammenfeßung der Bevölkerung eine
deutlide Zweiteilung in eine nördlide und [übdblide Hälfte, die etwa
abgegrenzt werden dur die Eifenbahnlinie von Bendery nad Yally.
Die nachfolgenden Ziffern find gegeben nad) der Volfszählung von
1897. In ihrem gegenfeitigen Verhältnis dürften fie die gleichen aud)
vor dem Kriege gewefjen fein.
Nordbhälfte:

Kreis im Jahre 1913
Chotin . . 3985 qkm 307500 Einw. d. f. 74,65 pro qkm u. 113,1 pro Qu.-Werlt
Sioroli 4564 „ 218900 „ „47,9% „ „ „ 715 „
Bjelzy + . 5544 „ 211400 »” »” 38,12 ” non 56,2 ” ”
Orgejew . 5133 _,, 213500 ,, „ 41,59 „ „ „ 763 „
19226 akm 951300 Einwohner,
Sübdhälfte:
Kreis im SYahre 1913
Kijdhinew. 3724 qkm 279600 Einw. 5. [. 75,08 pro qkm u. 106,4 pro Qu.-Werlt
Bendern . 6144 „ 194900 „ „30,74 „ „ „ 483, „
Afterman, 8288 ” 265 200 ” ”„ 32,0 LI ” m” 51,6 ” »
Ssmail . 9250 ,, 244300 „ 2641 „ „ „ 456 .
27406 qkm 984000 Einwohner.
Beffarabien 46632 qkm 1935300 Einw. d. 1. 42,4 pro akm u. 65,1 pro Qu.-Werlt
jährlide Geburtenüber[hukß beträgt 2 n. $S.
Nationalität nach verteilen ih die Einwohner folgen

bermaken -

n

€
D

n

n

‘5
3

Rumänen:

Ühotin . .
Sforofi . .
Bjelzy . .
Orgejew .
Nordhälfte: | 517800
d. 1. 53,3 % |

Ufrainer

Rullen

den Bul-Garen



Deut-Iche


Übrige

63700
35.100
24 100
11900

19400
0700
‘4300
57000

31100
54700
30700
20.700

_
—

2100

234800 | 50100 |166200 ; — | —— —
        <pb n="144" />
        134 —

Rumänen!

Mfrainer

Rulfen '

NYuden

Bulgaren


Deut-Ihe



Übrige

Rilhinew .
Bendern -
Afferman
xsmail . -
SZudhälfte: , 402800 900 08200 93800
&amp;gt;. | 41,8% | 15,0 % 11,2 % 20,1%
950900 | 379700 ‚158300 x: 56500 | 58300 —
47,6 % 19,6% | 8% |18,6% 29% | 3% 103%

175900
88000
143400
95500

5200
21.000
70800
17900

33400
18600
25700
30500

41 100
61700
35400
55600

2400
5600
43400
4800

unter den übrigen Nationalitäten find Türken und Zigeuner.
An leßteren zählte man 1897 9000 Seelen. Im Jahre 1868 waren
25 nod) 19000. Die Abhgefallenen Haben fi® den Moldowanern angeflofjen.

Zu bemerken wäre noch, daß die Rullen in Beilarabien zum
größten Teile der Beamten[hHaft, dem Militär, der Grenzikontrolle
und dem Grokgrundbefjig angehören; nady dem Türkenkriege 1878
find viele Generäle und Beamte mit grohen Dotationsaütern bedacht
worden.
Der Konfe[lion nad überwiegen die Orthodoxen mit 77,4 v. 9.
weit alle anderen. Zu ihnen zählen die Moldowaner, Ufrainer, Rullen
und Bulgaren. Die Juden zählen 18,6 v. $S., die Protejtanten (Deutiche)
3, die Katholiken (Bolen und Deutide) 0,97, Mohammedaner 0,03
v. B9.
Das anbaufähige Land betrug im Sahre 1905 3834824
Dekiatinen (1 Dekjatine = 1,09 ha). Davon war 1656109 Dekjatinen
in Privatbejig (das find 43,2 v. $.), 1864023 Bauernanteilland
(=48,6 v. $.), 314692 im Belig von Stäbten, AKlöftern u. Dgl.
(=8,2 v. $.)- Einzelne Befie gab es 5507 mit 301 Dekjatinen im
DurchiHnitt. Das Nadjelland (von der Krone verliehene Land) vers
teilte Jich auf 1288 Gejellijhaften mit 284663 Wirtjhaften, die Jomit
eine Durchihnittsgröße von 6,5 Dekjatinen Hatten. Das meilte Land
befigen die Kolonijten (Bulgaren und Deut[dHe) mit durdh[Hnittlich
16,3 Dekjatinen auf die Tirtjhaft, jJodann die Bauern auf Staats-[ändereien
 mit 9,6 Debkjatinen, dann die auf Gutsländereien mit 5,3
und auf fremden Ländereien mit 4 Dekjatinen. Ganz Jandloje Bauern
gibt es in grober Zahl, 23 v. SH. Die Bulgarifden und deutjden
Roloniften Haben feinerzeit 449421 Dekijatinen Nadjelland von der
Krone erhalten, wovon auf die ftark bevorzugten Bulgaren rund
300000 Dekijatinen entfielen. BadhHtwirtfHaft findet fi in Beffarabien
jelten, fait das ganze Land befindet Jid in Eigenwirtdhaft.

zn
        <pb n="145" />
        3

1
1

:T

D

— 135 —
Der Candbefik ijft ftark verlhuldet. Im Iahre 1907 lagen
auf 1153874 Dekjatinen, d. 4. 70 v. $S. des Privatbefikes, 83 761000
Rubel HypothekenfHulden. Es entfallen fomit auf die - Dehijatine
137 Rubel. Die Landpreife [ind hoc). 1863—72 wurde im Mittel die
Dehjatine mit 31 Rubel, 1893—1902 mit 124 Rubel, 1907 mit
244 Rubel bezahlt. Deutidhe Koloniften zahlten noch bedeutend Höhere
Preije. So wurden vor dem Kriege halbe Wirtihaften mit 30 Dehijalinen
 Land, Haus, Hof und Einridtung mit 25—830000 Rubel he:
jahlt, FMeinere Wirtjdhaften noch höher.
Bemerkt fei no, da die deutfden Koloniften, die vor etwa
L00 Jahren (1814—19) in 25 Dörfern des Kreifes Afterman auf
L42216 Deßjatinen Land angefiedelt wurden, im Sahre 1859 24066
Seelen zählten. Bor dem Kriege zählten fie in 204 Siedlungen mit
11000 Familien rund 60000 Seelen und Hatten zu ihrem NMadielland
mehr als nochmal fo viel Land dazugekauft.
Das Wirt|Haftisleben in Beflarabien beruht zum größten
Teile auf der Landwirt[haft, mit der [ih 70 % ber Bevölkerung beihäftigen.
 Vorwiegend wird Aderbau getrieben, Viehzucht nur neben:
dei, Im Yahre 1860 betrug die Anbauflädge 39 v. HS. des anbaufähigen
Landes, im Jahre 1908 60 v.$., 1910 waren befät im ganzen
2287333 Dehjatinen, davon mit Weizen 729000 Dehijatinen, (mit
Winterweizen 449 000 Dekiatinen), mit Mais 627000 Debhiatinen, mit
Gerjte 545000 Dekjatinen, mit Roggen 217000 Dekjatinen, mit
Safer 59000 Deßjatinen, weitere 110000 Dehjatinen mit Kartoffeln,
Xlads, Hanf und anderen Hadfrüchten. Die Ernteerträgniffe [ind gut,
jogar beljer als auf ausge[prodenem Schwarzerdeland: Roggen ergab
12 v. $., Sommerweizen 20 v. S., Gerfte 33 v. HS. mehr als auf diefem.
Die Gefamtprodutktion betrug im Nahre 1910: Winterroggen
273000t, Sommerroggen 4900 t, Winterweizen 549000 t, Sommer:
veizen 191 900%, Gerite 565800 t, Hafer 72100 t, Kartoffeln 121 400 t,
Mais 970900t. Daran waren beteiligt das Bauernland mit 48 n,
5., der Privatbelig mit 52 v. $. Der Getreideüber[huß des Brivatdelikes
 betrug durdfHnittlid 100 Millionen Bud (=16kg).
Bejondere Kulturen werden betrieben in Chotin: Sonnenblumen
jur Serftelung von Öl, in Orgejew Tabakbau — 1908 Ertrag 147581
Bud bejter türkijdher Blättertabak; für Gemüfegärten und BaldHtanen
‚Melonen, Gurken, Kürbis) wurden 32500 Dekjatinen verwendet. Wein:
und Obftgärten gab es 1908 171353 auf 97825 Debkjatinen. Sie er:
gaben 1822000 Bud Obit, das meilt getrodnet wird. Die Weingärten
zrgaben 8 Millionen Wedro Wein (=12,29 Liter). Die Seidenraupenjudgt
 in den Kreijen Afferman und SIimail ergab bei 25000 Maul:
deerbäumen 8000 Bud Cocon. Auch die Bienenzucht wird fleibig be:
rieben.
        <pb n="146" />
        136 —
Die Wälder im Umfange DON 154000 ‚Dekjatinen find hHauptjädlid
 in Privatbeliß.
Der BVBiehbejtand betrug in Beilarabien im Iahre 1910:
An Pferden. - + + 403000 Stüd, d. 1. auf 100 Einwohner 20 Stüd
Hornvieh + + + 481000 „m 100 # 23
Schafen u. Ziegen 1392000 „ „mn 100 # 67
Schweinen + 285000 „mn 100 p 4
Die Biehzucht wird hHauptfächlidh von den deutihen und bulgarien
 Kolonijten betrieben. hr Zwed ijt Mild- und Flei[Hbefhaffung.
Daneben werden zwei Sorten Käfe hergeitellt : Kaidyiowala (frildher
Kuhfäfe) und Brinja (Schaffäfe). Sm Jahre 1908 wurden 222000 Stüd
Bieh gefHlachtet, darunter 140000 Sohafe. Lebendig wurden nad)
außen 95000 perkauft. Die Pferdezucht beidafit vor allem Urbeitspferde,
daneben au Luxzuspferde. Aud Geflügelzucht wird fleihig betrieben.
Sudufjtrie und Handwerk find ihwad) entwidelt. Sm Jahre
1910 wurden in Bejfarabien jelöft verarbeitet für 20000 Rubel Baumwolle,
 für 108000 Rubel Wolle und für 281000 Rubel Eijen und
andere Metalle. Wichtiger ijt das Mülereigewerbe. Unter 6463 Müh-[en
 befinden ji 4647 {leine MWindmühlen, 636 Dampfmühlen feiner
und mittlerer Art; die übrigen find MWaifermühlen. Un Jonjtigen
Habrifen gibt es 4 Tabakfabrifen, 21 Schnapsbrennereien, die 1910
231893 Wedro Spiritus DON 400 fabrizierten, 4 Obit{hnaps= und
Litörfabrifen und 4 Kognakbrennereien mit 49603 Wedro Spiritusreftififation,
 aukerdem 8 Bier: und Metbrauereien und 1 Zuderfabrik.
Nicht zu überfehen ijt das Kudufjtriehandwerk, das mandje deutjche
Kolonien in bedeutendem Ausmake betreiben, die MWMagenbauerei, die
weithin bekannte Produkte liefert. Au das Schmiedehandwerk ilt
jebr gut entwidelt. Sit doch aus einer beifarabi[den deutfhen DorfjOmiede
 die größte Pilugfabrik Ruklands, I. X. Höhn in DObella, hervorgegangen.

Der Handel befakt id ausfHlieblid mit dem Vertrieb land»
wirt/dhaftlider und Biehwirt]Haftsprodukte, fowie der BeidHaffung von
Majdhinen, Geräten und anderen Bedürfniffen. Im Kahre 1908 regiftrierten
 die Zollämter an Einfuhr 180690 Bud Waren und Fabri-Fate
 mit einem Werte von 3941202 Rubel und eine Ausfuhr von
16483094 Bud, meilt Getreide, im Werte von 15308186 Rubel.
Berkehr. Das Eijenbahnneß ijt [ehr jdwacdh entwidelt und umfaßte
 1911 nur 840 Werlt eingleifige Bahnen. Der Güterverkehr betrug
 100—130 Millionen Pud, meift Getreide. Die Grenzilülle Donau,
Dnjeitr und Pruth find joiffbar. 27 Schiffe befahren 821 Wert.
1908 wurden auf dem Dnjejtr beladen 1055 Schiffe und 105 $löke
mit 5117427 Bud, entladen 1196 Schiffe und 218 Flöhe mit 4937094
Nud.

TI
        <pb n="147" />
        — 137 —

1

Az

4
‘.

Auf der Donau wurden verfracdtet 4909369 Bud. Aus den
Häfen AWkferman, Reni, Kilia, Ifmail und Wilkow gingen 1908 940
Schiffe aus mit 175000 NRegijtertonnen. 2400 Küjtenfahrer transportierten
 680000 Regijtertonnen.
Bolt: und Telegraphenämter gab es 62, bloße Poljtämter 24.
Für die GejundhHeitspflege forgen 63 Krankenhäufer, 20
Heilanjtalten und 21 Sanitätsjtationen mit 2781 Betten, [owie 31 UAnjtalten
 für Geburtshilfe; 1 pjydiatrijdhes Haus zählt 892 Kranke. Ärzte
gibt es 219. AWpotheken 94.
Für die Bolksauffkflärung forgien 1908 1716 Schulen mit
113315 Schülern; das find 40 v. GH. der fHulpflihtigen Kinder. Infolgedejfen
 beträgt die Berhältniszahl der UWnalphabeten bei den Männern
 78, bei den Frauen 91,2 v. H. —
Aus dem kurz Gejdhilderten ergeben [iH von felbjt die notwendigen
Entwidilungen für die Zukunft. Sie haben zum Teil [Hon ein:
gefegt und mülfen nun folgerichtig ausgebaut werden. Grundlage der
Wirt[dhaft wird immer die LandwirtjhHaft bleiben. Die legten Yahrzehnte
 zeigen eine bedeutende Verringerung des AWbelsbefiges und
eine Vermehrung der Bauern und anderen Beliker. Bon 100 Dekjatinen
 gehörten
1877 dem AWbel 72,2; den Bauern 4,5; andern Belikern 23,3
1905 „ ”„ 56,7; ” „ 14,4; »” „” 28,4
Der Durdhjchnitt des AWdelsbejikes betrug 1877 1078 Dekjatinen, 1905
603 Deßjatinen. Eine gejunde Entwidlung, an der die deut/dHen und
bulgarijden Kokonijten, die unter den Bauern jteden, wohl den Löwenanteil
 haben. Gleichzeitig zeigt [ih ein ent|dHhiedenes Beftreben von der
extenfiven Wirtjchaft zu einer inten]iveren überzugehen. In Ddiefer
Richtung Kegt der Fortfdhritt. Hierzu gehört ein ent]predjender Ausbau
der Yndufjtrie, die die vorhandenen Rohftoffe, vor allem Getreide und
andere Erdfrüchte und die Produkte der Viehwirt/dhHaft an Ort und
Stelle verarbeitet. Eine Großindufjtrie läßt jiH wegen des Mangels
an Kohlen und Eijen nicht IHaffen. Eine weitere Vorbedingung ‚für
eine günftige Entwidlung ijt der Ausbau der Verkehrswege, [owohl
zu Lande wie zu Wajfer, Jowie der gejamten modernen Verkehrseinrichtungen.
 Nicht weniger wichtig für eine gedeihlide Entwidlung der
Wirt[chaft ijft der Friede zwilden den Beffarahien bewohnenden Völkerjdaften.
 Diefer hängt davon ab, daß fie alle mit gleihHen Rechten, wie
Pflichten begabt werden. BVorausfegung dafür ijt eine weitgehende
fulturelle Autonomie eines jeden Volkes.
Die ruflijde Regierung hat wenig für die Entwidlung Belfarabiens
getan, aber aud) nit viel geftört. Wird Rumänien mehr leiten
fönnen und wollen, und wird es gerechter fein als Rukland?
Das wäre im Interelfie Belfarabiens febr zu wünlchen.
        <pb n="148" />
        Das Land der Weißruffen oder Weißruthenen”)
Nach von N. Szonn gefammeltem Material,
bearbeitet von %. Wittram

Sn den meiften Kreijen Deutjchlands hHerriht über die natürliden
Grenzen Weikruklands eine ganz falige Auffaffung, die dadurch bedingt
ijt, daß die deutjdhen Bejagungsbehörden in MWeikruthenien und Litauen,
bie fog. Ober-Oft-Verwaltung, die hefehten Teile diejfer Gebiete unter
dem einen Namen Litauen zujammenfaßte und völlig außer adt ließ,
daß die Bevölferung dieler Gebiete in ihrer völkijgen Zujammenjegung
durchaus nicht einheitlid ft. Rein litauifg find nur die Gouvernements
 Kowno und Suwalki, während die Gouvernements Wilna
und Grodno von Weikrukland beanfprucht werden, da dort der größere
Yeil der Bevölkerung aus MWeikrujfen beiteht. Auker den eben ge
nannten Gouvernements Wilna, mit Ausnahme feines nordweitlidhen
Teils, und Grodno, ohne feinen fübligen Teil, gehören zu Weihrußland
 no) die Gouvernements Mini, Mohilew, Witeblt (im Welten
bis zum Flujfe Drijfa) und der weitlide Teil von Smolenjk. Die
große Malje des weikruflildhen Bolfes wohnt auf einem Gebiet, das fi
von Weiten nad) Ojten etwa 700 km und von Norden nad) Süden etwa
500km erjtredt. Die ethnographiidhen Grenzen diejes Gebietes find
im großen und ganzen, immer im weißrulliidgen Sinne, [Oarf und
eindeutig. Befonders gilt dies von der weißrulfi[dH-Kitauijden Grenze,
während die Grenzen gegen die Ukraine und gen DOiten nicht Io
Har ind.
MWeikruthenien umfaßt fomit ein Gebiet von rund 300000 qkm.
Folgende Tabelle veranfhauliht die Gebietsausdehnung Weikrutheniens.
Gouvernements Flächeninhalt in qkm
Wilna . . 11908
Srodno . 35580
Minik. . 91218
Mohilew 47951
MWitebit 13985
Smolenit — 56006
zufammen: 319648
D. A. v. Bonftedt und D. Trietidh: „Das zullilhe Reid in Europa und
Alien“. Berlin 1913,
*) Über wenige Gebiete des früheren zufliiden Reichs Jind die bisherigen
Beröffentlidungen fo lücdenhaft wie über MWeikrukland. Bei der Wiedergabe
Hatifiijder Daten haben wir darum zum Teil auf ältere, aber fidherere An
gaben zurüdgreifen müllen, die neueren bloß IHägungsweijen vorzuziehen nd.
        <pb n="149" />
        — 139 —

MWeikrukland it demnad) etwa fo groß wie Italien ober Großdritannien
 (ohne Kolonien), es ijt zehnmal fo arok wie Belgien und
acdtmal jo groß wie Dänemark.
Man hat diefes Gebiet am 1. Januar 1919 auf 161% Millionen
Einwohner ge[hHäßt, von denen 70—90% Weikrulfen find. Diele von
weikrulfijdher Seite [tammenden Zahlen find wohl etwas zu Hoc) gegriffen,
 und rund 131/, Millionen dürfen den Tatiadjen eher ent-Iprecdhen.

Die Weikruflen Haben nun noch Heute im groben und ganzen ihren
ur/prünglidjen Wohnlik an den Oberläufen des Mjemen, der Düna und
bes Dnjepr. Zwilden Polen, Litauern, Grok=- und Kleinrujjen eingefeilt,
 Hatten fie feine Möglichkeit weiterer AMusbreitung. Die Weiß:
rufjen ftellen die im Laufe der Jahrhunderte am wenigjten veränderte
und deshalb altertümlidhite Form Mawijdhen VBolisdajeins dar. Ein
wichtiger Grund für die Erhaltung urfprünglidher Lebensformen ijt
in der NMatıur diefes Landes zu fucdhen, das dank feinen didten Wäldern
und unweglamen Mooren und Sümpfen fhwer zu durchdringen ift.
Erdfundlidh [Heiden fihH in Weikrukland Nord und Süd ziemlidh |Harf.
Nordweitlidh der Linie Breft-Minfk-Mohilew-Brianfk it die Landihaft
Hügelig und zeigt Härfere Umrijje. Dort befindet fiH au Weikrußlands
 hHöcjter Punkt, die Lyffa-Gora, der 343m über dem Waiferipiegel
 gelegen ijt. Der erwähnte Höhenzug bildet die Walfer[heide
swilden dem Baltilden und dem Schwarzen Meere. Ins Baltilche
Meer fMlieken die Düna mit der Difna und der Njemen mit der Wilia,
ins Schwarze Meer ergiekt [iH der Dnjepr mit der Berejina, dem
Stofd und dem Pripet. Der Norden Weikruklands ift ein Seen»
gebiet und Zeigt tinpijdje eiszeitliHe Formationen. Diefe Seenplatte
ijt derfelben Art wie die mafurijdHen Seen und bildet offenbar deren
Nortjekung. Die größten der weikrulliihen Seen find: der Narotich-See
 5Sftlid von Wilna, der Drijwati-See füdliH von Dünaburg, der
Rafno-See füblidH von Refchiza und [üdliH von diejem der Ojweja-See.
hr Filhreihtum ijt bekannt. Während das Land nördliH der Walfericheide
 fruchtbar ijt und die Bewohner Aderbau treiben, bietet der
Süden ein anderes Bild. Die Walfer[heide ijt als Endmoräne des
großen eiszeitliden Gletihers anzufehen, der fidH bis nad Weikruhland
hin eritredte, Das Land fübliH davon, das teils von Sümpfen, teils
von Wäldern bhededt ift, ilt der Grund des Glet}hermeeres, das [ih
dur) das Schmelzen des Eijes gebildet Hatte. Der Boden belteht
hier aus Teihtem Sand, und die Bewohner hefaffen fi Hauptjächlich
mit Viehzudht und Forktwirtfhaft. Der nördlidH des Oberlaufes der
Düna gelegene Teil Weißruklands ift mit devonifHen Sedimenten
(Dolomiten, Kalffanditein) bededt. Yn äukerften Often findet fiH Steinfohle.
 Sm allgemeinen herrIcht jedoch in MWeikrukland die Kreide
        <pb n="150" />
        140 —
dor, die im Südwelten von einer mächtigen Shit von Moräneablagerungen
 durchlegt ijt.
Bor dem Eindringen der Menjdhen war Wefjtrukland überhaupt
fajt volljtändig mit Wald bebedt, und noch Heute [ind gerade in
Weftrukland, abgejehen von vielen Heinen und mittleren Waldungen,
:inige Jehbr groBe zujammenhängende und wenig berührte Wälder er
halten, teils trodene auf den Homflädhen, teils in den NMiederungen
gelegene Sumpfwälder. Der bekanntejte von diefen Urwäldern ijft wohl
die „Bialowiefkaja Pujhtjdha‘“, die It. Meyers Konverfationslezikon
1224gkm groß, im Kreije Grodno gelegen ilt. Se nad) den Srtlidhen
Bodenverhältnijfen bejteht diejes Waldgebiet aus reinen Nadelholz-,
reinen Laubholz- und Mijdwäldern, aus fait undurqdbringliden
bidichtartigen, aus parfähnliden und Hohen Hhallenförmigen Beijtänden,
aus Mooren, naffen Wiejen und Sumpfwäldern. Wie die BialowiejEaja
 Buldhtiha einen Reft der natürligen und ur[prüngliden Landihaft
 darftellt, fo verkörpert ihr edeljter Bewohner, das Wijent, ein
Haralkterijtijdhes Stüd des alten Wildbejtandes. Dak ih hier noch eine
größere Anzahl diefes aud) fonjt im übrigen Weftrukland ausgerotteten
Wildes erhalten Hat, ijt dem Umjtand zu verdanken, dak die Jagd
den Landesherren vorbehalten war und Jonfjt Itreng beltraft wurde,
Einen ganz anderen Anblid als die SHochflädenländer, zu denen die
Bialowieltaja Pufjdhtjha gehört, bieten die Sumpfwaldungen, wie 3. B.
das „Bolefje‘, das in den Pripetniederungen gelegen ijt. Das Grund»
walfer jteigt bier oft bis oder Jogar über die Bodenflädhe. Die Stämme
diefes bruchartigen Waldes find nicht fehr entwidelt und ohne großen
Nukzen. Es verfteht fidh, dak der Verkehr in diejem fumpfartigen
Walde äußert erjdwert ijt und hauptjächlich auf den jHmalen Dünenzügen
 bewerfitelligt wird, die die Pripetfümpfe durchziehen. Die ge
maltigite Urwaldlandijhaft des weitlidhen Rukßlands zeigt fiH in der
verfehrsahgelegenen Niederung der Berejina. Die Bereflinawälder [ind
nur an den Rändern gelichtet und jtellenweije Thwad befiedelt; das
Xnnere ijt au jekt noch) ein fajt gar nicht erforjdhtes Gebiet. Die
Schneijen, die früher einmal in weiten AWbitänden gejhlagen worden
waren, find wieder verjumpft und zugewachlen, fo daH der Eindrud
der Wildheit no erhöht wird. Das Wijent der Bialowie[kaja Puldtidha
vertritt hier der Eldhd. In den DididHten Haufen Wildjhweine, und
in den Nandgebieten treibt der Wolf fein Unwefjen. Abgejehen vom
Wijent, WildiHwein und EldH ijt neben anderem aug in Deutichland
oorkommendem Wilde der Bär Häufig anzutreffen.
Diefe Wälder mit ihrem Falt uner]Höpfliden Neidhtum an den
verfhiedenften und heiten Holzarten find der größte Schaß des Landes.
Obgleidy die im Privatbelig befindliden Wälder von ihren Eigen.
tümern in gewiffenlofjelter Weife verwültet worden find, verfügen die
        <pb n="151" />
        141 —

der Krone gehörenden Wälder und das Polejje noch über einen ungeheuren
 Holzreihtum. Über die Größe des weikrujjijdhen Waldheitandes
 aibt folaende Tabelle Auffichluk:

1

Gouvernements

Waldbeitand in 1000 Dekjatinen, 1 Dekj. — 10925,4 am
Staats: und Domänenwälder | Brivatwälder | zulammen

903
717
2980
820
1013
zulammen: , 1479 ; 6018 | 7497
Un Holzarten Iommen in Weikrukland folgende vor: Kiefer,
ichte, Lärdhe, Eidhe, Erle, Ahorn, Linde, Birke, Ejpe, Ejidhe und
Ulme, teils in gemijdten, teils in reinen Befjtänden, Neben dem Holzseidhtum
 verfügt Rußland aber nod) über andere hervorragende Boden-‚däße
 in reihem Make. Bor allen Dingen ijt hier der unermekhliche
Torfreidtum zu erwähnen, dejjen wirtjHaftliHe Ausnukung fidH noch
in den erfjten Anfängen befindet. Torf Iommt in Weikrukland Hauptlächlid
 in der Nähe der Stäbte und an unbewaldeten Stellen vor.
Eine gründlide Entwäljerung aller Torflager würde WeiHrukland in
bie Lage verfeken, feine ganze Indufjtrie mit Torf zu verforgen, ohne
den Waldbejtand zu diejem Zwed angreifen zu müfjen. Außerdem
findet [ih in Weikrukland im Gouvernement Smolenjt Steinkohle.
Um Pripet und Dnjepr wird Braunkohle gewonnen. Die Erzlager
iind no) wenig erfor]dht. Neide Phosphorlager befinden ihH im Gouvernement
 Smolenjt und in anderen Gegenden. Fernerhin werden
Kalfjtein, Oder, Kreide, feuerfelter Ton ufw. an mehreren Stellen
gefördert. AWuf die einzelnen Gouvernements verteilt, verfügt Weikßrukland
 über folgende Boden|dhäke:
Gouvernement Wilna: viel Torf, Lehm hervorragender Güte
in Überfiuß, quarzhaltiger Sand, geeignet zur Herftellung von weikem
Slaje, Granit, Gneis, Bajalt, Quarz, Iradhit u.a., die fihH zu Bau»
jweden eignen, Lignit, Rajeneijenitein. Minerallakzauellen befinden ich
im Trofkijden Kreife.
Souvernement Grodno: Torf, Kreide, Granit, Gneis, Kalk, Lehm.
Souvernement Minjk: Torf, Kreide.
ouvernement Mobhilew: Torf, Kalk, Eilenquelen, Schwefelquellen,

I
Srodno 1...
Mint +...
Mobhilew . ..
WitebjE . . .
Smolenft

gehm.
SGouvernement Witebjit: Torf, Kalk.
Gouvernement Smolenjk: Zorf, Kreide, Phosphor, Kalkftein, feuerjejter
 Ton, Oder, Schwefelquellen, Steinkohle.
        <pb n="152" />
        %

Das Klima in Weikrukland ijt im allgemeinen bedeutend milder
als in den benachbarten Gebieten Großrußlands und der Ukraine. Der
Weiten und Norden des Landes Haben in Himatijder Hinjicht vielfjad
Ühnlichkeit mit Ofjtpreuken. DOft-Weiprukland Hingegen hat rauheres
Klima und bildet darin den Übergang zu SGrokrukzliand. Die mittlere
NYahrestemperatur beträgt für SUtittel-Weißrußland (Gouvernement
Wiinjt) ungefähr + 69%, die mittlere Sanuartemperatur — 7°, die im
Suli + 18,5% Der Nordoften ijt kälter, milder dagegen der Südwelten,
Die atmojphärijdhen Niederjdhläge verteilen jid) gleidmähig auf das
ganze Sahır; ihr Mittel Jind 550 mm. Dürre ijt fajt gar nicht bekannt,
und Spätfröfte Lommen nur im Nordojten vor. Der Schnee bleibt
drei bis fünf Monate liegen, wobei er im Südwelten oft im Winter
jOÖmilzt, was im Mordolten, im Gouvernement Smolenif, nicht vortonımt.

Seitiem Wejen nad ijt Weikrukland ein typijder Aderbauftaat.
75 % der Bevölkerung befaßt jid) mit Landwirtjhaft, Biehzucht, Waldtultur
 und Fijdfang, find aljo Bauern. Wie Jon oben erwähnt,
jtellt der Weikrujje eine Form jlawijden Bolksdajeins dar, die [id im
Laufe der SIahrhunderte am wenigjten verändert und ihr altertümlies,
 urjprünglides Wejen am meijten von allen anderen flawijden
Bölferjhaften beibehalten Hat. Dabei find die Weikrujjen im eigentlügen
 Sinne Stieffinder des Glüdes zu nennen. Nod) bis zum Zahre
1862 war die große Majje des Bolies den Gutsherren frondien]tpflidhtig.
 Die Ober[dhidht: Fürjten und Bojaren, teilweije au) die
Städter, waren während der Zeit der polnijden Herrjcdhaft polonijiert
und Iatholifiert worden, [o daz ihnen die völtijdhe Zujammengehörigfeit
 mit den Chleboroby, den Brotmadhern, d.h. dem aderbauenden
Bolfe nidt mehr bewukt war.
Nachden aber der auf Selbjtbejtimmung gerichtete Zug der Zeit
aud) das weißrujlijde Bolk aus feinem Dahinbrüten zu weden begonnen
Hat, mehrt [id die Zahl derer, die, der weißruflijdhen Oberjdhicht angehörend,
 ji auf ihr eigentlides Volistum belinnen und ih als
Weikrujjen offen bekennen.
Wie fidy der Weikruffe in feinen Lebensformen vom Grokruljjen
unter[Heidet, zeigt aud) fein Aukeres ein anderes Bild. Der Weikrujfe
 ijt meijt von feinem Wuchs, unterjeßt, mit blondem Haar und
Heinen, tiefliegenden Augen und jieht bereits mit 40 bis 50 Jahren
greijenhaft aus; aud) die Frauen verblühen früh. Die Kleidung
des MWeikrulfen ijt äukerjt einfadh und Weiß jeine Lieblingsfarbe.
Die alltäglidhe Kleidung unterfdheidet ih wenig von der feiertäglichen,
wie aud) die Sommer- und Winterkfleidung wenig Unterjchiede aufweilen.
 Schmudgegenitände findet man hei den Weikrulien falt nie,
        <pb n="153" />
        143 —

und wenn, dann find fie aus Kupfer oder Glas, Jelten aus Edelmetallen.
 .
Die Nahrungs- und WohHnungsverhältnijfe ind jehr ärmlih. Mild,
Quark, im Herbit und Winter Kartoffeln, Kohl, Bohnen, Erbjen, im
Sommer falte Gemüfeluppen und JHwarzes Brot aus ungebeuteltem,
auf Handmühlen [Hledht gemahlenem Mehl — das ijt in der Hauptlade
 die Nahrung der Weiprujjen, und das nod) in einem guten Yahr
und bei einem wohlhabenden Bauer. Was die Wohnungen anlangt,
jo haben bdiejfe bis zum Heutigen Tage ihren Urzujtand erhalten. Eine
enge, dumpfe, vollgeräuderte Bretterhütte, die mit Lappen oder Stroh
gededt ijt, mit zwei winzigen Fenjtern, die irgendwie mit Glas]hHerben
verfehen find, und mit einer feinen Vorratsiammer im Vorhaufe,
aufgefüllt mit [tidenden Ausdünitungen von Vieh und Menfjdhen, wimmelnd
 von Ungeziefer, wie Tarakanen und Sqwaben — das ijt der
Zypus der Bauernhütte, Die Dörfer bejtehen aus zwei bis fünf, jelten
aus 10 und mehr Hütten und Kiegen zerfireut zwijden Wäldern und
Sümpfen, oft an fajlt unzugänglidgen Orten, die Höcdhjtens auf den primitiven
 Bauernfuhrwerken zu erreidhen jind, die mit birfenen unbejd)lagenen
 Rädern verfehen find. Der Anjpann diejer Vehikel bejteht
aus Balt und Striden. Das Pferdematerial ijt [ehr [Hleht. Kaum
befler ijft die weikrujliide Kuh, die der NReidhtum und der Stolz des
dortigen Bauern ijt. Über den ViehH- und Pferdebejtand Weikruklands
für 1914 aibt folgende Tabelle Auffchluk.

t

T.

a1

=

es

n

37
D

nm

g
2.

1,

SP

A

Gouvernements

I Pferde
älter als jüngerals
4 Xabre 14 Nabhre

Rühe und
Yinder

Schafe u.
Yeaen

Schweine

251021 52825 664154 115526 2351340
196746 58462 565284 501258 279699
351151 83728 1100537 514495 597 509
360799 33911 624960 1445201 395593
236864 40916 657102 2500428 320677
271759 __ 76388 649001 524 594 307655
zulammen: | 1768340 | 406230 | 4279038 |3101502 |2252473
Statijt. Jahrbudy von Rußland f. d. Yahr 1914. Amtl. Ausa. d. Miniit.
des Innern, Petersburg 1915.
Den Ader bejtellt der Weikßrulfe mit einer vorfintfiutliden Pflugjdar.
 NMirgends trifft man irgendwelde Verbhejjerungen. Infolgedeffen
[ind die Ernteerträge [Hledht, obgleich der meijtens fehr fruchtbare Boden
ein mehrfades hHervorbringen fönnte. Wenn au die Lebensverhältnijje
 des weikßrufjjijden Bauern äukerjt ärmlidh find, fo fan man doch
nicht behaupten. dak der Grund hierfür nur in ihm felbit zu fuchen

Wilna +. 0.004
Sr0dnd . . . . 0.0.
Minft. . 0.0.0...
Mobhilew ....
WWitibjeE . . ;
Smolenft
        <pb n="154" />
        144 —

ijt. Der weißruflijde Bauer ijt in geiftiger Beziehung nidt unbegabt,
aber die fhwere, traurige Vergangenheit des weikruffilhen Bolkes
hat es auf einer Kulturjtufe ftehen Iajfen, die dem, was man heutzutage
 Kultur zu nennen pflegt, in feiner Weife mehr ent]priht. Und
dod) haben die weiHrujfifldhen Bauern, die noch Heute ein ausge[prodhenes
Naturvolk find, eine in ihrer Art bewunderungswürdige Kultur erhalten,
 die es dem weltentlegenen Dorf ermöglicht, allen feinen Lebens
Sedürfnijjen zu genügen, ohne eine Hilfe von augen befonders entbehren
 zu müjfen. Der weißruflijde Bauer ijt Baumeijter, Töpfer und
Tildler in einer Perfon und Jomit imftande, fein bejdheidenes und
ärmlides Heim felbjt zu erridhten und dejien Einridhtung Herzuftellen,
Au die Wirtjhaftsgeräte madt er jih felbjit: Der Webituhl für
die Frauen, die Wagen, Schlitten, Pflüge, Eggen, Kummet und Geljhirre
für das Zugvieh [ind eigene Handarbeit. Die Frauen fpinnen Schafwolle,
 Fladhs und Hanf, weben und färben das Gejpinnit und fertigen
die Kleidungsjtüde an.
Da Weikrukland in erjter Linie ein AYderbauftaat ijt, it es von
großer Wichtigkeit, die Agrarfrage näher zu betradten. BP. Kreczewify
ichreibt in der Brojdhüre von Walter Säger „Weikruthenien‘, Berlin 1919
u.a. folgendes: „Die Verteilung des Grundbeliges in der Republik*)
it folgendermaßen geftaltet:
Groß-Gouvernements
 grundbelig
18,2 °%
36,7%
Ka 207

Bauern:
Tarıd
40,3 % 0
46,3 °/o
28,8 %/o
40,9 % 9
40,3 % 0
41,0%

Sonftiger
Belih
BY 9 9
5%
Vo
A

Wilna
Srodno
Minfk .
Mohilew
Witebit
Smolenit

Sa

fa

Q,

Aus obenftehender Tabelle erhellt, da in vier von fehs weiß:
cuthenijden Gouvernements mehr als 50 % bdes gefamten AWgrarvermögens
 [id im Privatbefig befinden,
Wenn man noch Hinzufügt, daß in Weikruthenien das YAograrvermögen
 der Bauern nad) dem SGrundjage des perfönliden Eigentumsrechts
 verteilt ijt, daß die Fommuniftijdhe Lehre (Gemeindebeliß)
nie in Weikruthenien verwirkliht war, jo ift damit hbewiejen, daß es
id in ausgejlprodenen Gegenjaß 3 Großrußland ftellt und [id den
Rulturverhältnillen Weiteuropas nähert.

*) Ein weißrufliihes Staatswefen als felbitändige Republik befteht heute
wohl mehr in der Theorie als in Wirklichkeit, Der weißruthentihen „Rada“
und den Vertretungen im Ausland fehlt noch immer der tatlächlicdhe ftaatliche
Hintergrund, Die Schriftleitung.
        <pb n="155" />
        145 —
Was die Größe der einzelnen Agrareinheiten anbetrifft, jo gibt
jolgende Tabelle Auffdhluk:

S

D

SHaouvernements

Anzahl der Landgüter
bis 50 Dekiat. ! vor 50—200 Dekiat. | über 200 Dekiat,

‘5

I

„z

DD

&amp;gt;

Tl
It
te

f
Ad

nm
7
9

:B=&amp;gt;72



1T=Ne


b)
5
air

ute
na’
che

Srodno . . ...
Mina . . .

AO
NA 9%
- 1000 Dekiat.
29,89,
39,1%
26.6 %/a

‚5%
11,6%
über 1000 Debkijat.
6,4%
4,3 WM ;
5,8%
34 0

Minjt . .
Mobilew . .
WiteblE . .
Smolenit

7x

oh
70.0 9/a

Mus diejer Tabelle ijt erfichtlid, daß von den in Privatbelig befindliden
 Gütern die überwiegende Mehrzahl aus Heinen GehHöften
is 3u 50 Dekjatinen befteht, obwohl das von diefem eingenommene
Gebiet im Vergleidh mit den nicht zahlreiden Gütern der übrigen Klajlen
äuberft gering ijt. Daraus entjpringt die Neigung für jyjtematijde
Teilung der großen Grundbejige und ihren Übergang in die Hände
inzelner Heiner Grundbeliker. Hierüber qibt nachitehende Tabelle eine
Äberficht:

GHouvernements

Srundbelig | Anzahl |
in Dekiat. | 1877 | 1905

Areal
1877 | 1905

Girodno

5is 50 Deki. | 88,1 % |
on 50—200 5,2 %
über 200 * 6,7%

90,3 %/
5,2%
450

7,8%
5,99.
36.830) 1

15,7 °%
11,0 %
73,30%

Wilna ]

bis 50 Debj. | 67,2% |
von 50—200 * 19,0% |
über 200 1389

68,0 9%
20,4. °0
11.6

64% | 9,3%
11.59 | 14,2%
2940 76.591.

n

Was die übrigen weikrulfilgen Gouvernements anbelangt, jo ging
dort der Übergang der Grokgrundbefige an den Heinen Grundbejiker
yermöge der Tätigkeit der Bauernagrarbank bei der Barzellierung
bes Landes [Hneller vonftatten.
Das Streben der Bauern, im Hinblid auf die ungeheure AusdehHnung
 des Grundbelikes, ihr perfönlidhes Eigentum zu vergröbhern,
trägt Teineswegs zur Tulturellen Hebung des feinen Grund:
bejiges bei, fondern verringert vielmehr feinen Kulturwert, weil
ja der Aufwand perfönlider Arbeitsiraft bei weitem nidHt den
Borteil bietet, wie die frühere Nugniezung des Grundjtüdes im
Pachtverhältnis. Die Folge aber davon ijt, daß der ungeheure Flädeninhalt
 bebauten Landes dur fyjltemlole und unverltändige Bewirt-Die
 mirtichaftliche Aukunft des Oftens In
        <pb n="156" />
        — 146 —

iaftung kaum genügt, den Unterhalt der Bevölkerung zu gewährt»
leijten, während unter anderen Bedingungen [ogar ein Überfdhuß er
zielt werden müßte, die Ausfuhr erhöht werden Könnte. Andererfeits
ilt es Dbezeichnend, daß wir nur bie Landeserzeugnijfe auszuführen
vermögen, die uns die Natur unmittelbar Kiefert. So ilt zum Beijpiel
im Gouvernement Minjk guter Aderboden nur zu 25 % vorhanden.
Es werden hier hauptläclid Roggen, Hafer, Gerfte, Buchweizen und
Kartoffeln angebaut. Die Ernte lieferte trog der geringen Bebauung
durchfHnittlid) fjehr jtattlide Beträge: 1908 waren es etwa 450000
Tonnen Roggen, 200000 Tonnen Hafer, 570000 Tonnen Kartoffeln,
70000 Tonnen Gerfte ulw.“ Soweit P. Kreczewity. — Die Erntezrträge
 in Weißrukland in den Jahren 1903 bzw. 1905 find aus
folgender, Meyers Konverfationslexikion entnommener Tabelle er
icOhtlidh:

BouDernNeMeEnNtsS

Roaaen Gerlite Safer Kartoffeln

Buch- Fladhsweizen
 faljern
„Tonn. LTonn. LTonn, iTomnn. tTonn. kg
293,827 51.053 126,805 772,883 — 7,5 Mill.
194,584 369,764 32,153 —.
153,840 722,404 34,748 —
112,520 417,576 — 18,9
214.299 457,576 10,660 —

Wilna . .
Srodno -
MinlE . .
Mobhilew .
Witebit .
Smolenit .
Hierzu ft noch Hinzuzufügen, daß aukerdem nod) in einigen
Souvernements Weizen, Tabak, Hanf und Zuderrüben angebaut
werden. Das Gouvernement Smolenjt lieferte von fämtliden
Souvernements den agrökßten Ertrag an Flachsfaler (1903: 24749
Yonmnen).
Was die Verteilung des
ergibt fig) folgendes Bild*):
Gouvernements Aderland
Wilna. . . 40,3%
Srodno . . 39,6%
Mint... 23,5%
Mobilew . 31,7%
Mitebit . . 27,2%
Smolenif . 31.29,

Hnland
13,0%
13,8%
22,8°/
16,6%
19,6°/
11,5%
Obwohl das Gejamtgebiet des bebauten Landes durdjHnitttlich
‚inige 30 % Bei nur ungefähr 15 % Heufdlag in MWeikrukland beträgt
 und infolgedefjen die Landwirtjdhaft auf einer verhältnismäßig
Hohen Kulturftufe jtehen müßte, find dennod die Erträge infolge des
ungeregelten Wirtjdhaftsbetriebes noch Tehr gering. Die vernünftige
*\ Meners Konverlationslexifon.
        <pb n="157" />
        — 147 —

Bearbeitung unfruchtbarer Landjtreden, die 17 % der Bodenfläde ein
nehmen, fönnte einen erhebliden Teil fruchtbaren Landes ergeben.
Die Entwällerung der Sümpfe und Torfmoore würde den Flächeninhalt
 der Heufhläge verarökern und die Ausbeutung der Torflager
erhöhen.
Die Weikruflildhe Bölferrepublik umfakt, wie [Hoın oben erwähnt,
zin Gebiet von 319648 gkm, das von rund 1312 Millionen Einwohnern
bewohnt wird. DurchjHnittlih entfallen aljo auf 1 akm 42 Menjdhen
gegen 112 im Deutjhen Reiche. Für die Bevölferungsdichte der ein»
zelnen Gouvernements gilt folgende Aufftellung :
Gouvernements Wilna . . . . . auf 1 qkm rund 48 Bewohner
Srodro 2... „10 „57 ”
Mint ..... 1 2 nn 3
Mobilew. ... „1. nn 49 „
Witebit .... „1 » 8 „
Smolenft. ... „21“ „37 ”
Was nun das zahlenmäkige Verhältnis zwijhen den einzelnen
Bevölferungsgruppen in völkijdher und Konfejlioneller Beziehung an-(angt,
 jo Ianın man im allgemeinen fagen, daß [idy das rein weiße
rullijdhe, grieci[d-orthodboxe Element von Weiten nad) Ojten verfjtärkt
und Dverbichtet. Die Teile des Landes, die näher zu Polen liegen,
weijen naturgemäß mehr Katholiken und Polen auf, als die mittleren
und ftliden Teile. Meyers Konverlationslexifon enthält hierüber
folgende Angaben.
Nationalitätenverhältnis in Weihkrußland
Houvernements Weikrullen Htauer len und Rufen Iuden Letten
Wilna 81,4% 7 7,RO &amp;gt;20 12,8% —
Srodno 16,0% Ran 20.0% 19,0% —
Mint... 11,0% 17,0% 12,0% =
Mohilew . . 35,0% 3,0% 12,0% —
Witeblt . .. 81,0% 9,0% 12,0% 18,0%
Smolenjt . 55,0% 45,0%, (Ruffen) —
Das deutjdhe Element in Weikrußland beträgt 0,5 %. Die Iuden
wohnen Hauptfächlid in den Städten und Marktfleden. Cbhenjo die
Rulfen, von denen der größte Teil Beamte find, die zur Rullifizierung
des Landes dorthin geldhidt wurden.

»zq

Verteilung nad den Glaubensbekenntniffen
Houvernements griechtidh-orthobox römifd-Iatholild
Mina... 28,4% 58,8%
Sr0dno . .
Minit . .
Mobhilew. .
MWiteblt .
Smolentt

mofaifch
12,8%

73,4%
34,0%
61,0%
38,0%

15,8°/0
13,0%
L5,0°/
1,0%
        <pb n="158" />
        — 148 —
Die Anhänger des evangelijd-Iutherif[dhen Glaubensbhefenntni[fes
jebr gering an Zahl.
Was die Verteilung der Bevölferung auf beruflidge Gruppen
anlangt, jo [ind 75% auf Jandwirtihaftlidhem Gebiet tätig, Dbeihäftigen
 jid mit Wderbau, Viehzucht, Waldkultur und FildHfang. Bon
der Induftrie leben nur 8,3 % und vom Handel fogar nur 4,6 %
der weißruflijden Bevölferung (laut Itatijtilden Daten der allgemeinen
Volkszählung 1897). Die reitlichen 12,1 % entfallen auf die übrigen
bürgerliden Berufe.
Daß Weiprukland trog feiner ungeheuren Boden[Häke aud auf
induftriellem Gebiet jtark im Rüdftande ijt, erklärt [id in der Hauptjadhe
 aus dem Mangel an Betriebskapital und den fehr [Hledhten Ber.
Fehrsverhältnifjen. Die AWusdehnung der induftriellen Unternehmungen
in den Gouvernements Minijk, Miohilew, MWitebjk und Smolenjt veranjdaulidht
 folgende Tabelle, die nach ftatijtifjden Angaben des Profellors
 Semenow zulammengeltellt ift.

Retriebe

Berarbeitung von Nahrungsmitteln
 +... 0044
Berarbeitung von Fajerftoffen
Holzinduftrie . . . + + +
Mineral» und eramtidhe
Snduftrie +... +. +
Bapierindujtrie . . + + +
Berarbeitung tierijher Ers
zeugnijle . + + . + + +
Chemiidhe Indulirie . . .
Metallindufjtrie . + +
Übrigen Indultrien .
Zulammen. -

Anzahl
der
xabritfer

Zroduktion
in Taufend
Rubel

Anzahl der
Mrbeiter

Bergrößerung
her Produktion
unn 1893— 90

4016
284
261

21,644
4,557
3.775

10,007
5,574
3.993

36,6%
72,7°%
283,4%,

683
55

2,209
92.057

6,180
1.686

107,79
91,0%

2,005 62,8°/
1,994 243,8°%
1,043 166,1°%
1,533 77,4%
6047 | 40.917 | 36,235 | 61,7%

AR

Die Induljtrie in den Gouvernements Wilna und Grodno nimmt
ben vier genannten gegenüber in bejtimmiten Zweigen eine Herrihende
Stellung ein. Wilna, die größte Stabt des Landes mit rund 200000
Einwohnern, {ft allerdings mehr Handels- und Hndufjtriejtadt; es Herr]At
fein Snduftriezweig vor. Anders ijt es in der Umgebung der Stabt
und im Gouvernement. Da find an der Wilia bedeutende Sägewerfe,
Gerbereien, Ziegeleien und SGroßmühlen. Bejonders die Holzinduftrie
war recht anfehnlid. 55 Betriebe, jeder mit mehr als 50 Arbeitern,
davon drei Betriebe mit je über 500 Arbeitern wurden DOT dem
Kriege gezählt.
        <pb n="159" />
        — 149 —

m)

mn
ez
an
/9

2

m

uf
ot=Ms

en

M1s

"=ng


‚Dt
9

ımt
nbe
)00
iOt
adt
fe,
"rie
zrn,
Jem

Weit bedeutender ijt das Gouvernement Grodno. Im NVahre
L900 arbeiteten etwa 3400 Betriebe mit über 20000 Arbeitern,
Der Umfag betrug rzund 12800000 Rubel. Die Stadt jelbjt Hatte vor
bem Kriege gegen 120000 Einwohner und zählte über 300 Betriebe
allein für die Webeindujtrie. Neben ihr ijt vor allem die Lederinduftrie
zu nennen. Einen Weltruf Hat Grodno dur jeine Tabakfabrifen er»
[angt, die über 2000 Arbeiter bejhäftigen und einen -Umfag von
nahezu 2 Millionen Rubel Hatten. Bemerkenswert ijt nod) die bei
Bialyftof belegene Mafjdhinenfabrit von AU. Weczeret mit einem jähr»
liden Umjag von 110000 Rubel.
Sn derfelben Weife, wie die Induljtrie unter dem Mangel an
geordneten Verkehrsverhältnijjen leidet, konnte id der Handel aud
nicht jo entwideln, wie es ein [o reides Land wie Weikrukßland eigent»
lid verdiente. Der Handel, der fiH naturgemäß in der Hauptjache
auf die im Lande vorhandenen Werte Ionzentriert, ijt zum größten
Teil in den Händen der Iuden und in den groken Städten, wie
Wilna, Witebjt, Smolen|f, Dünahurg, Mohilew u.a. zu hoher Blüte
gelangt. Der YMuslandshandel Hatte trog der [Hwierigen Verhältnilfe
vor dem Kriege einige Bedeutung auf dem Weltmarkt errungen. Der
Hauptausfuhrartifel ijt Holz, das auf den Flüjlen nad) den groken
Handelsitädbten an der Oltfee geflößt wurde. Deutihland, England
und die Ufraine bezogen vor dem Kriege bedeutende Mengen von
Holz aus Weikrukßland. AWukHerdem gelangten zur AWNusfuhr: Vieh, Ge
lügel, Getreide, Fladhs und Hanf. Die Ausfuhr diejer beiden lebten
Artifel betrug vor dem Kriege 4 Millionen Pud (1 Pud= 32 deut|dhe
Pfund) jährlich, d.h. drei Viertel der von ganz Rukland ausgeführten
Menge diejer Artikel.
Was die größeren Induljtrie- und Handelsmittelpunite anlanat,
jo liegen diefe in ihrer Mehrzahl im Welten des Landes, da hier
die Verkehrsverhältnijje dank zahlreiden Eijenbahnen und Chauffeen
günftiger [ind, als im Olten des Landes. So Iiegt die Eijenbahnlinie
Dünaburg— Wilna—Bialyjtok, die Warjhau mit Petersburg verbindet,
 auf weikrujfijigem Gebiet. OÖfltlidH vom Gouvernement Wilna find
nur die allernötigjten Eijenbahnen gebaut worden: Minjf— Kowel und
Minft— Smolen]i— Moskau. Außer den Eijenbahnlinien gehen wid)
tige Chauffeen von Bialyjtok, Breit, Wolkownyik, Baranowit|dht, Dünaburg
 und Wilna aus. Alte gefdhidhtlide HandelsitrahHen gehen den
großen Flüjjen entlang, dem Dnjepr, der Düna, dem Pripet und
dem Mjemen, mit ihren 3zahlreiden Nebenflüjjen. - Die FJlüjje felbit
wurden von den RMuffjen in ihrer Schiffbarkeit Teider fehr vernacdhläfligt
und find, ebenfo wie aud) die Kanäle, jtark verfandet. Bei [orglamer
Berwaltung Könnten Jie viel zur Hebung von Handel und Indultrie
beitragen. AWbagelehen von den Eilenbahnlinien, den Chaulfeen, deren
        <pb n="160" />
        — 150 —

Zahl . im Verhältnis zur Größe des Landes viel zu gering ift, und
den Füllen verfügt MWeißrukhland über Keine weiteren Verkehrswege.
Die Landiiraken und -wWege find infolge der Nachläffigieit der Ge:
meinden und Gutsbefiger, denen Die Knjtandhaltung oblag, und dank
der ungünftigen Bodenverhältnifje fo [Hlecht, daß fie für Handel und
Wandel gar niht in Betradht Iommen.
Eine der Haupthedingungen für eine gedeihlide Entwidlung ber
Weikrufliidhen MBölferrepublik iit aljo die Berbeiferung und Erweiterung
der BVerkehrsverhältnifte, die ihrerfeits eine Hebung der Landwirt:
ihaft und Entwidhung von Handel und Indujtrie ZUT Folge haben
würden. Diefes von der Natur fo reid) gejegnete Land, das nod) verhältnismäkig
 wenig erfor[dt ijt, Darrt Jeiner fulturellen und wirtjhaftliden
 Erfchliekung. Über die Möglichkeiten, die Deutichland offen
find, fih dabei zu beteiligen, findet Jich ein Auflaß in der „Allgemeinen
Deutigen Zeitung“ (Nr. 484), der eine Unterredung wiedergibt, Die
siner ihrer Mitarbeiter mit einem in Berlin weilenden Mitgliede der
Bertretung der WeihHruthenijdhen Nölkerrepublit Hatte. Da heißt es
u.a: „Meikruthenien hat den aufrichtigen WunihH mit der neuen
deutfhen Republik freundfHaftlidhe Beziehungen anzubahnen. Die in
Weikruthenien anläfligen DeutdHen und Deutjhltämmigen willen, daß
deutide Tätigkeit und deutjches Wifjen von der MWeikrullijhen Bevölferung
 ftets nad Gebühr gewertet worden find, wenn aud) dem
vorrevolutionären Deutjdland die Folgen des Breit-Litowffer Friedens
zum Vorwurf gemadt werden. Der Krieg hat in MWeikruthenien fürd)-terlide
 Berwültungen angerichtet. Die ehemals blühenden Felder HKiegen
darnieder und bedürfen. forgfältiger Bewirtihaftung. Der gröhte Teil
ber wirtihaftliHen Majdinen und Geräte find vernichtet oder ausgeführt
 worden. Au die indujtriellen Betriebe find von allen notwendigen
 Maldinen entblößt. Gier würde die deut/He Induftrie ein
anabfehbares Abjakgebiet für ihre mannigfaltigen Erzeugnifje finden.
MWeikruthenien braudt Hemifdhe Produkte aller Art; es braucht Pflüge,
Eggen, Sämaldhinen, Qokomobilen, Sidheln, Senjen, induftrielle Majdinen
 aller Art ufw. ulw. Zum Wiederaufbau feiner Landwirt{Hhaft
und feiner Induljtrie bedarf es aber aud) gelhulter Arbeitsiräfte.
Deutfihe Ingenieure, Forftleute, Landwirte, Handwerker, Kaufleute,
furzum Spegzialijten aller Art, Fönnen fiher fein, feitens der weihru[lidhen
Regierung und des Volkes fünftighin wärmite Aufnahme zu finden.
Ganz befonders wichtig für MWeikßruthenien ijt die Frage der
Schaffung neuer Verkehrswege. Alle Waflerwege, weldhe die Verbindungen
 zwijden dem BaltiidHen und dem Schwarzen Meer heritellen
fönnen, führen durd weikruthenijhes Gebiet, Deshalb don ijt Weib“
zuthenien in der Zukunft berufen, eine Rolle auf dem Weltmarkite zu
’nielen. Gelingt es, Ddiele Nerkehrsweage zu Ihaffen, fo Fönnen die
        <pb n="161" />
        — 151 —

iD

€:
=
1ıt
»

et
1g
t:
en

=
«tz
en
on
»ie
‚er

bS

‚en
nm
aB
Je:
em
ans
“=zen

Zeil
US:
ıDtz
in
en.
ge,
Die
aft
ıte.
ute,
hen

der
inen

{Br
zu
4110

ungeheuren Boden|häße, jowohl Weikrutheniens, als aud der Uiraine
an Holz, Ölen, Getreide, Flads, Hanf und Petroleum auf die billigite
Urt dem welteuropäilden Markte zugeführt werden. In eriter Linie
würde Deutjdland daraus Nußen ziehen Knnen.
In ähnlider Weije äußert fi der Finanzminijter der wei}-ruflijgen
 Volksrepublik, Herr W. Sadharko, über diefe Frage in einem
Memorandum, das im Verlage der Berliner weikrulliihen Million
erihienen ift.
Zum Schluß jet noch ein dem Rahmen diejer Arbeit ent/predender
hırzer Wbriß der Gedichte Weißruklands gebracht, in der ja ein
Hauptgrund für die Kulturelle und wirtidhaftlihe Lage des Bolfes der
Weikrufjen zu fuchen ift.
Die ältelten gefhidhtliden Überlieferungen über das weikruffilcdhe
Volk reihen bis auf das 7. Yahrhundert nad Chrifti Geburt zurüd.
Demnad) wurde damals das Heutige Weikrußland von drei untereinander
 verwandten [lawijdhen Stämmen bewohnt. Dieje lebten anjangs
 gejondert jeder für Jidh, [Hoffen fidh jedoch bald dem Staatenverband
 des Grokfürjtentums Kiew an, ohne dabei ihre Selbjtändigfeit
 3u verlieren. Im 10, Jahrhundert Iöfte fid diejes Verhältnis,
and es bildeten jidh drei gefonderte Herrjdhaften, die im 14. Yahrhundert
3. X. dur Heirat, 3. T. auf andere Weije dem damals neuent/tandenen
Srokfürftentum Litauen einverleibt wurden, ohne jedoch aud) hier wieder
ihrer Selbitändigfeit verlujtig zu gehen. So entjtand der auf Per:
ionalunion beruhende Staat Litauen-Weikruthenien, der in der Ge-Se[didhte
 als Grokfürjtentum Litauen, Schmudj und Rulj figuriert.
Das Wort „weiß‘“ bedeutete damals fo viel wie „frei“ und ftammte
aus der Zeit, als die Tataren das ganze damalige rujlifhe Reid unter
ioct Hatten; nur Weikrukland war ihnen nicht tributpflichtig ge:
worden. In dem neuge[haffenen Staate nahm das weißrujlijdhe Element
 von vornherein eine führende Stellung ein, da die Litauer in
allem, was Sitte, Kultur und Entwidlung betraf, auf überaus niedriger
 Stufe [tanden. Im 15. Jahrhundert Iam es zu einer neuen Perjonalunion
 3zwijden Litauen-Weikrukland und Polen, die eine Folge
der 1447 erfolgten Heirat des itauifhen Grokfürften Yagello mit
der polnijden Königstodhter Hedwig war. Die Selbjtändigkeit Litauen-Weikrußlands,
 die feierlid) zugefidhert wurde, war nidht von kanger
Dauer. Bald jegten Heftige Polonifierungs- und Katholilierungsveriudje
 Jeitens der polnijden Regierung ein. Zur Förderung diejfer Zwede
zntjtand die „Kirdenunion‘“, eine Vereinigung der IatholijdHen und
gried)i[d-orthodozen Kirde. Wenn aug) die große Malie des weikrujfijden
 Volfes ihrem VBolistum und ihrer Religion treu blieb, fo
unterlag doc der größte Teil des weikrufjijden AWdels den polniidhen
 Verlodungen. So wuchs der polniiche Einfluk im Lande. In
        <pb n="162" />
        — 152 —

feiner Verzweiflung wandte fih der orthodoxe Teil der MWeihruffen
an Großrußland und bat um Hilfe. In drei aufeinanderfolgenden
Traktaten wurde weißrufjlijdes Land dem Grokrullijdhen Reihe einverleibt.
 Nah dem Frieden von Tiljit fiel das lekte Stüdchen von
Meikrukland an Großrukland. Dieje Berjdhmelzung brachte aber Weihzußland
 feinen Gewinn. Unter der abfolutijtijhen Herrihaft der Ronandws
 wurde Weikruhland der legte Reit von Selbjtändigfeit gesommen.
 An Stelle der Polonifierung trat die Ruffifizierung, die fo
treng durchgeführt wurde, daß 1839 der Gebraud) der meißru[jijdhen
Sprache in Kirde und Schule und 1856 jegliches Schrifttum in ihr
„erboten. wurde. Trog aller Verfolgungen aber und tiroß [Härffter
3Zwangsmaßregeln feitens der ruflijdgen Regierung gelang es nicht, das
oölfijde Bewußtjein im weißru[lijden VBolie 3zu ertöten. Als 1917
in Rukland die Revolution ausbrac, traten die militärijden und
zivilen völlijgen Parteien zweds Bildung einer weißrullijhen Regiezung
 3zufammen. Obgleich einerfeits die Polen, anderfeits die BoliHewiften
 die neuentjtandene Republik bedrohen und ihre Zukunft nod)
wenig fider erfdheint, find die Beijtrebungen der Weißrujlen nad) völ-Eicher
 Selbitändigkeit zu Hark, um unterdrüdt werden zu Können.

Benugte Literatur:
E, bh. Karsty, „Äberliht der Laute und Formen des weißrulltidhen Dialetts“
„Enziklopeditihestii Stowar“, Brodhaus, Leipzig 1907, SKefron, Petersburg
Dr. M. Schlefinger, „Rubland im 20. KahHrhundert‘“ Berlin 1908,
Walter Yäger, „Weikruthenien“, Berlin 1919,
Rechtsanwalt Dr. v. Dittmann, Meikruthen. Preliebüro Nr. .14, Berlin,
15. 8, 1919,
Brof. Dr. Stalweit, „Sandwirtfdhaft in den Hitautihen Gouvernements“,
Sena 1918,
Toutay u. Simon, „Königbergs Grokichiffahrisweg nach Litauen, der Ukraine
und Polen“, 1917.
WM. Sering, „Weitrukland in feiner Bedeutung für die Entwidlung Mitteleuropas‘“,
 Berlin 1917,
Oberarzt Dr. B. Brandt, „Geographifher Bilderatlas des polniidhen-weißruffiichen
 Grenzgebietes‘“, Warjdau 1918,
„Meikrutheniiches Preffebüro“, Nr. 20, 12, 15, 17, 18, 21, 25, 28, 1, 2, 8, 6, 11.
Dr. A. v. Bonitedt u. D. Trietih, „Das Rulliiche Reich in Eurova und Alien“,
Berlin 1913.
Meyers Konverfationslexikon.
„Statiftiides Jahrbuch von Rußland für das Iahr 1914‘, amtliqe Ausgabe
des Minijteriums des Inneren, Petersburg 1915.
%. Qupezanko, „Rußland in Zahlen‘‘, Leipzia 1902.
        <pb n="163" />
        Polen (Kongreß-Polen)
Bon N. Sıonn

Anmerkung: Sprig in polntiden Namen:
3z wie I0 im Deutihen
SZ »” 119 m" ”„
„ ' ” „ (in fjeben)
”„ 3 „ „
’ en „ ”„
»” on (om) » . „
7. 4 im SFranzöftidhen (in jardin)

Li

1

{=Az



|,

36

Unter dem Namen „Polen“ find im Laufe der Zeiten Flädhenteile
Europas von erheblid) [Hwankendem Umfange verjtanden worden, weil
die Bezeidhnung „Polen“ in erfter Linie eine hHiftorijdhe, an den zeit“
weilig in weiten Grenzen fhwankfenden politiiden Begriff des polni[dhen
Staates gebundene Bezeidhnung ijt und nidt eine geographijdhe Benennung
 für eine einwandfrei begrenzte natürlidHe Landjdhaft.
Die Grundzüge von Polens Territorialge[hichte müfjjen daher
befannt fein, will man mit diefem, im Laufe der Zeiten fo verfdhieden
großen bijtoriiden Polen einen‘ jeweils entipredenden geographildhen
Raumbegriff verbinden.
Die in Polens Gefhidhte in Frage kommenden territorialen Beränderungen
 vollziehen jidh in einer Anzahl deutlid unter[Heidbarer
Perioden, deren er]te um das Yahr 950 mit dem Zujammenjdhluß der
damals an der mittleren Warthe und mittleren Weichfjel JiHenden Slawenftämme
 der Polanen, Kujawen, Wijlanen, Leczycer und Mazuren
zu einem altpolniigen Staat unter Mieczy[Iaw I. (960—992) be
ginnt. Die alte Siedlung Kruldewik bildete ihr politijdes Zentrum.
Bereits unter Bole[law Chrobry, dem Tapferen (992 bis
L025), weiten fid die Grenzen Polens ganz bedeutend. Durch vorübergehende
 Einverleibung Schlefiens werden im Südojten die Subdeten
als Grenze erreidht; das Flukgebiet der Mard) (Mähren) wird ebenfalls
 angegliedert. m Süden dringt Polen bis an die Karpathen
dor, die es 3eitweilig Jübdlid der Tatra überjhreitet, Im Sübdoften
erjtredt fid) die Neidsgrenze bis Lemberg und Halicz, im Oljten bis
zum Bug. Im Norden wird die Grenzzone der Neke übermunden
und Sinternommern bis ans Meer beliebt.
        <pb n="164" />
        — 154 —

Nah einem Jahrhundert gelingt es Bolejlaw Krzywoulty,
Schiefmund (1107—1138), Hinterpommern volljtändig zu erobern und
Borpommern zu befeben. Wenn aud) diejes Gebiet, wie au ähnlich tand-[ic
 gelegene Beligungen als Mähren und das Slowafengebiet jenjeits
 der Tatra, wieder verlorengingen, [0 beherriden dog) Polens
Könige gegen Ende diefer Periode (um das Iahr 1138) ein weitausgedehntes
 Gebiet, von Hinterpommerns Külte im Norden bis zum
Suß der Sudeten und Karpathen im Süden, von der Oder im Welten
bis jenjeits der Weichjel zum Narew und Bug im Olten. Der Schwerunit
 des Reidhes Hatte [ih von der Gegend um SGnelen und Bolen
im Norden, nad Krakau im Süden verfdhoben.
Un diejem Befjigjtand ändert ji mandes während der zweiten
Beriode der territorialen Entwidhung (1138—1386). In ihr geht
infolge des politijdHen Berfalls des bis dahin geeinten polnijden Königreides
 in zahlreihe Teilfürftentümer eine erheblidhe territoriale Ein:
buße vor fig. Vor allen Dingen verliert Polen in diefer Zeit viel
Landbelig im Weiten und Norden. Es bükt ganz Pommern ein, jowie
das Gebiet an der unteren Weichjel, vorübergehend fjogar einf[Hliehlid
Kujawiens. Dadurh wird Polen im 14. Jahrhundert Dolljtändig
oom nördliden Baltijden Meere verdrängt. Blok gegen Südolten
wird unter Kafimir dem Groken (1333—1370) durd Eroberung
Rotruklands ein großer Teil des heutigen Galizien und der Ukraine
für Polen erworben. Zugleid wird unter demfelben Herrjdher die
Annäherung Polens an das Sftlid benachbarte Litauen angebahnt. Sie
findet in der Vereinigung Litauens und Polens in Perfonalunion durch
die Hochzeit des litauijden Königs: Jagiello mit der polnijdhen
Königin Jadwiga (Hedwig) in Iahre 1386 ihren Ab{hluß. Bom
Niemen und der Düna beginnend dur das ganze Flukgebiet des Dnjepr
bis an die Gejtabe des Schwarzen Meeres wird alles Land unter
polnifh-Kitauijdem Zepter vereinigt. Polen wird bhierdurd) zu einem
Reid) von mehr als der doppelten Größe Deutjdhlands. Es ijt der
damals größte flawijhe Staat feiner Zeit, welder andere flawilde
Staaten jener Zeit (Böhmen, Rußland) an Gröke weit übertrifft,
und nit mit Unrecht als einer der mädhtigiten Staaten des derzeitigen
Europas gilt. Zu feinem Mittelpunkt wächit mehr und mehr MWarichau
heran.
Da in der Folge als Lehensgebiete aud nody Preuken und die
Moldau zeitweilig hinzukommen, Hält fidh in der dritten territorialen
Entwidlungsperiode, der Yagiellonifjden Cpode (1386—1572),
Bolen fait zwei Yahrhunderte hHindurdh auf diejem AWreal, das mehr
als um das Drei bis Bierfadhe feine urlprünglide Ausdehnung übertrifft.
 Sedo ein [Hwerwiegender Nachteil ijt mit diejem Flächen:
vachstum verbunden aewelen: das volnifch-Kitauifihe Reich iit feit dem
        <pb n="165" />
        — 155 —

),
iD
Dz

=

Ss

mz

„m

an

Iz
am

en
of
19:
iniel

Die
iq
ig
‚en
ng
«ne
die
5ie
‚ch
hen
am
:PT
:ter
em
der
ide
it,
zen
au

die
ılen
(2),
eht
Jers
Jen:

Xahre 1386 ein Mationalitätenjtaat, in weildem Deut[dHe, Litauer,
Zetten, Eliten, Weikrujfen und Ruthenen neben den eigentliden Polen
:zinen nicht unerhebliden Anteil an der Gejamtbevölferung nehmen.
Deswegen und weil dur Übergang zum Wahlfönigtum Polen
nad) diefer Yagiellonijdhen Epoche in feiner inneren Kraft und äußeren
Widerftandsfähigkeit ge[Hwäcdt wird, tritt in einer vierten territorialen
Periode (1572—1772) zunächlt ein Stilljtand, dann ein Abbrödeln
des zu groß gewordenen Beligltandes und fcehlieklid ein rapider Zerfall
infolge der drei Teilungen (1772, 1793, 1795) ein. Nody unter dem
lebten König Stanislaus Augujt (1764—1795), ijt Polen rund
740000 akm groB, allo immer nod) falt anderthalb mal fo groß wie
DeutidHland.
Uın Schluffe diejer Teilungen Polens fieht fig RNukland, dem
die ganzen 5Sftliden Gebiete des ehemaligen polni[d-litauijhen Reis
zufallen (475000 akm), der Flädhe nad am reidhjten bedacht. OÖlterrei
 hat Galizien und das Land nördliH davon bis zur Pilica (Neu-Galizien),
 zufammen 117000 qkm erhalten. Preußen ijt in den Beliß
von ganz Bofen und Weltpreuken gefommen und erhält dazu nodh die
Gebiete des fogenannten Neu-Oltpreuken und SüdpreuHen, zujammen
zinen Zuwachs von 148000 agkm. Freilid währt diejer Zujtand
nit lange. Bereits im Yahre 1807 erridhtet Napolkeon auf den
Trümmern des ehemaligen Polenreides das Großherzogtum Warjcdhau
(102000 qkm), das er dann 1809 durch Hinzufügen der Sfterreichij hen
und galizijdgen Gebietsteile füdlidH der Pilica bis zur Weicdhjel auf
154000 akm erweitert. 1815 entiteht daraus dur den Wiener KongreBß
 das fogenannte Kongreß-Polen (rund 127000 qkm), weldhes
on RMußland zwar anfangs als autonomes Königreidh prokflamiert
»ird und eine eigene DVerfajjung erhält, aber infolge wiederholter
Aufjtände (1830, 1863) feine Sonderrechte verliert und 1867 voll:
tändig mit dem Ruffiidhen Reiche verjdhmolzen wird.
Die großen Gejdhehnifje des Weltkrieges (1914— 1918) haben eine
neue tiefein|dhneidende Wendung in der Gejhidhte Polens herbeigeführt.
Nachdem bereits am 5. November 1916 namens der deut/hHen und Siterreichi[dhen
 Regierungen die Prokflamierung eines Jelbjtändigen polni[den
Staates in den Grenzen des bisherigen KongreH-BPolens erfolgt war,
ift dur) den Frieden zu Verfailles die Wnerkennung der Unabhängigkeit
des zukünftigen gejamtpolnijden Staates, der nidt nur Kongrek-Polen,
iondern audj die übrigen „von unbeftreitbar polnijdHer Bevölferung be:
wohnten Gebiete“ umfaljen fol, ausgefproden und befdlojfen worden.
Polen tritt nunmehr als unabhängiger, felbitändiger Staat in die
Reihe der europäilchen Mäcte.

em
        <pb n="166" />
        156 —

Die vorliegende Wbhandlung fol fi vorwiegend auf das bis»
Herige „Rulfijd-Polen‘“ oder „Kongrekß-Polen“ befdhränkfen, und, foweit
nicht ausdrücdlidhH etwas anderes bemerft ijt, Joll unter Bolen ftets
RongrekH-Polen verjianden werden.
Kongrek-Polen grenzt im Norden an die Provinzen Olt- und Weltpreuken
 und das ruljijhe Gouvernement Kowno, im Olten an die
SHouvernements Wilna, Grodno und Wolynien, im Süden an das
öfterreidhifhe Kronland Galizien, im Welten an die preukiidhen Provinzen
Sehlelien und Pofen.
Sm [übdliden Teil wird Polen von den AYusläufern der Karpathen
durchzogen und geht nad Norden zu in eine weite, zum Teil Jumpfige
Ebene über, die von der Weidjel und ihren Nebenflüjfen (Pilica, Bzura,
Przemysza, Wieprz, Bug und Narew), von der Warthe und dem Niemen
hewälfert wird. Die Bodenerhebungen Südpolens bheitehen aus drei
Sruppen: der Öftlidjen, mittleren und weltlidjen. Der öftlide oder
Zublinihe Höhenzug erreicht feinen Höchiten Punkt (500 FuH) dei der
Stadt Chelm; der mittlere oder Sandomierfhe Höhenzug bildet eine
Hochebene, feine Hödijten Punkte [ind der Berg der Heiligen Katharina
1913 Fuß) und die Lyja Gora, d. h. der Kahle Berg (1800 Fuk); der
weitlide oder Olkuzihe Höhenzug bildet gewijjermaken eine Fortjegung
des Eandomierfhen Höhenzuges, von dem er durch die NMida getrennt
wird, die mittlere Höhe des Höhenzuges beträgt 900 Fuk, fein höchfter
Bunit ift der Berg Podjameze (1473 Fuß).
An größeren Seen find folgende zu erwähnen: Wigrajee, Rofpuda-'ge,
 ESainojee, Bialafee, Netykofee, Raisgrodjee, Luzinjee, Hoplofee,
Zlekinfee, Stiemijtfejee, Welgefee, Szutowlee, Dratowjee und Kricznifee.
KongreH-Polen umfakt mit einem Flädenraum von 126 955 qkm
die zehn früheren ruffijden Gouvernements: Piotriow, Kalisz, War[hau,
Block, LomZa, Suwalki, Siedlee, Lublin, Radom und Kielce,
Die dem heutigen polnijhHen Staat auf Grund des Friedensvertrages
 von Verfailles zugefallenen bzw. durch die no) bevorjtehenden
Bolksabitimmungen eventuell noch zufallenden, bisher preubijden und
öfterreidhijden Gebiete umfajjen einen Flädenraum von 160584 qkm;
hiervon entfallen auf Preuken 79 805 akm, auf Ölterreid} 80779 akm.
Die Bevölferungszahl betrug in den preuki[hen Gebieten im SYahre 1910
und 6.6 Millionen, in den Siterreidhijhen Gebieten 8,4 Millionen.
Bon größeren Stäbten Polens find folgende zu erwähnen:
Warfhau, (pomifjdH Warfzawa) Gouvernement Warjhau, Lagerfejtung,
15 Forts, 30—40 m über der Weichfel, 864000 Einwohner. Landeshauptftadt,
Andultrien: Mehr als 300 Fabriken mit einem jährliden Produktionswert von
‘irla 75 Millionen Mark. HauptläclidH Fabrikation in Baumwolle, Tabak,
Leder, Tuch, Öl, Wagen, Chemtfalten, Malcdhinen, Metallgegenftänden, namentlich
 in Bronze, Gold und Silber. HKandelsplak erlten Ranges, hauptlächlich
        <pb n="167" />
        — 157 —

*

I

t

IE

Is
h

‘ür Polen, ftand aber au mit dem Inneren Ruklands nach allen Seiten,
'owie mit Danzig in Verbindung. NMeichsbank, zahlreide anderen Banken,
3Zollamt, Konfulate, Univerfität mit botanijdem Garten, reihe Bibliotheken
and wertvolle Sammlungen, Erzbistum. 36,9% der Gefamtbenökferung find
Suden.
; L2od3, SGouvernement Piotriow, Feltung an der Ludka, 508000 Einxohner.
 Poft, Telegraph, Eijenbahn nach Kolufzfi und Warjhau. Indufjtrien:
Hauptjig der Baumwoll» und Wollindujtrie ganz Rukglands. Fabrikation von
Seiden: und Stahlwaren. Reidhsbantkfiliale. Technijhe Anjtalt. Garnijon.
Symnalien für Knaben und Mädchen, Handels und mittlere Yndultrielchule.
22,4°/, der Gejamtbevölferung find Juden.
Sosnowice, Gouvernement Piotriow, 114000 Einwohner. Polt, Telegraph,
 Eijenbahn nach Ywangrod. Indujtrien: Ziniwerke, Knodenmehl, Schrot,
Refjel und Rohre, Nägel, Glas, Papier. Zollamt. Realichule. Nordöitlih das
Dombrowa-Kohlengebiet,
Czeltohowa, Gouvernement Piotrkow, 90000 Einwohner, links der
Warthe. Poft, Telegraph, Etjenbahn nad) Warfchau und Granica. Jnduftrien:
Baumwollwaren, Iute, Zelluloid, Leim, Nadeln, Knöpfe, Zündhölzer, Spiel»
jagen, Heiligenbilder. Berühmter Wallfahrtsort. Klojter Jana Gora. Gym»
nalien, Neidhsbanfkfiliale, Garten und Obitbauf[dhule. Garnijon.
Lublin, Gouvernement Lublin, 72000 Einwohner, linis an der Byitryca
 (zur Weichfel). 192 m Seehöhe. Poft, Telegraph, Eijenbahn nad Lukow.
Indujtrien: Dampfmühlen, Wollweberei, Fabrikation von Tabak, Iandwirte
jhaftlidHen Geräten, Leder. Handel: Getreide, Wolle, Wein. Roidhsbankfi'iale.
Bistum, Garnijon, Brigadefommando. Seminar, Knaben- und MäddhHengnmnaftum.
 Schon unter den Yagellonen war Lublin eine der arökien Städte
des Königreiches.
Kali]z3, Gouvernement Kalijz, an den drei Armen der Profna, 6 km
von der preukiichen Grenze, 61000 Einwohner. Poft, Telegraph, Eijenbahn.
Indujtrien: Zuder, Tabak, Tuch, Band und Wollwaren, Bier und Methbrauereien.
Bildhofsfig. Militärklommando, Grenzwace, Reichsbankfiliale, Seminar, Gnmnafium,
 Realidhule.
Bendzin, Gouvernement Piotrfow, 5 km von der Slterreichijdhen Grenze,
55000 Einwohner. Pofjt, Telegraph, Eijenbahn nad Tabkowice— Sosnowice.
In der Nähe Kohlengruben und Staatszinkwerfe. Bevölkerung meift Yuden.
Wloclawetk, Gouvernement Warfchau, Kinis an der Weicdhfel, 52000 Ein»
wohner. Polt, Telegraph, Eijenbahn nad Skierniewice— Wexandrowo, Dampfers
jtatton. Indujtrien: Fabrikation von landwirtjdhaftliHen Geräten, Zelluloid
Porzellan, Met. Bistum, Garnifon, Seminar, HandelsfHule.
Babiance, Gouvernement Piotrkow, an der Dobrzynia (zur Warthe),
18000 Einwohner. Bolt, Telegraph, Eijenbahn, elekfrijhe Bahn nad Lodz.
Indujtrien: Woll- und Baumwollwebereien, Zudfabrikation, Färbereien, lands
wirtidaftlige Geräte, Papier, Chemikalien.
Nadom, SGouvernement Radom, an der Radomka, 43000 Einwohner.
Bolt, Telegraph, Eijenbahn nad Dombrowa-— Jwangorod. Indultrien: Hut»
und Lederfabrifation, Stahlgieherei, Bier“ und Branntwein, Tonwaren, landwirticdhaftlihe
 Geräte. Bedeutender Handelsplak. Reichsbankfiliale, Garniion,
        <pb n="168" />
        Anaben- und MädchHengymnalium, Handels: und EijenbahnjHule. Ein Drittel
per Gejamtbevölferung [ind Juden.
Biotrkow, (Petrikau) Gouvernement Piotrkow, links an der Pilica,
42000 Einwohner, darunter 12000 DeutjdHe. Bolt, Telegraph, Eijenbahn nad
Waridhau— Granica. Induftrien: Fabrikation von fandwirtiHaftlidhen Geräten,
Leder, Bier, Kacheln, Glas. Reichsbankfiliale, Sarnijon, Gymnalium für
Knaben und Mädchen, Handels- und HandwerkeriHule.
Kielce, Gouvernement Kielce, 37 000 Einwohner. Bolt, Telegraph, Eifenbahn
 nad) IJwangorod-— Dombrowa. Indujtrien: Eijen, Zuder. In der Nähe
Bergbau auf Eijen, Kupfer und Blei. Nahe bei Bad Bulto Schwefel» und
Salzquellen. Neicdhsbankfiliale, Garnifjon, Bistum, Seminar, Gymnaljium.
Tomajzow, Gouvernement Piotrkow, Jlinis an der Pilica, 37000 Ein«
wohner. Poft, Telegraph, Eijenbahn nad Kolufzki— Ojtrowice. Indultrien:
Fabrikation von Tuch. Chemikalien ufw. Reidsbankfiliale, HandelsjHule.
Plock, Gouvernement Piock, rechts ander Weichfelauf 60 m hohem Steilufer,
32000 Einwohner. Poft, Telegraph, Eijenbahn, Dampferftation. Indujtrien:
Fabrikation IandwirtjHaftlidHer Geräte, Getreidehandel. Reichsbankfiltale, Bis«
tum, Garnijon, Seminar und Gymnajium.
Siedlee, Gouvernement Siedlee, Knks vom Liwicz (zum Bug), 29000 Einwohner
 (viel Juden). Polt, Telegraph, Cijenbahn nad Warfchau-— Iwangos
rod-—Maikindoka. Induljtrien: Bierbrauerei und Branniweinbrennereien. Gar
nijon, zwei Knaben: und ein MädoHengymnafium,
Lomia, Gouvernement Lomza, Kintfs am Narew (zum Bug), 100 m Sees
höhe, 27000 Einwohner. Bolt, Telegraph. Getreide», Holz-, Teerhandel.
Reichsbankfiliale, Garnijon. Knaben und MädhHengymnalium.
Sumwalki, Gouvernement Suwalki, 27000 Einwohner, (davon 14000
Kuden). Bolt, Telegraph, Eijenbahn nach SGrodno—Wilna. Indujtrien: Fabrifation
 von Leder, Butter ufw, Garnijon. Knaben und WMädchHengymnalium,
Handels und Handwerker] Hule.
Chelm, Gouvernement Lublin, an der Ucherfa, 22000 Einwohner. Polt,
Telegraph, Eijendbahn nad Kowel—Mlawa und Breit—Cheim. Bistum. Vieh»
und Getreidehandel. Gymnafjium, geiftlides Seminar, Mufjeum.
DOzorkow, Gouvernement Kalifz, an der Bzura (zur Weichfel) 20000 Eins
wohner. Pojt, Telegraph. Bedeutende Wolls und Baumwollinduftrie, Färberei
 ulw.
Kongreß-Polen gehört zu den am dichtejten bevölferten Ländern
Europas. Im Jahre 1913 wohnten hier auf dem Quadratkilometer
durch Hnittlid nicht weniger als 103 Menjdhen. Am didhtejften [ind
die beiden am meiften indujtriellen Gouvernements Piotriow mit 185
und MWarjhau mit 152 Einwohnern auf 1 qkm bevölfert. m übrigen
ijt zu bemerfen, daß die Bevölkerungsdidhte von Süden nach Norden
und von Weiten nad Often abnimmt.
Die folgende Tabelle gibt die Bevölferungszahl und die Be
völferungsdidhte an:

I58 —
        <pb n="169" />
        — 159 —

D

ne

pP

„9

4

„

{3

)s

Souvernements der

Es betrug am 14. Januar 1913
Mächeninhalt die Zivil- die Bevölferung
In akm bevölferung auf 1 qkm
12249 2067 858 185,1
11337 A 116,1
:7480 152,7
3431 74,8
0545 81,6
2319 52,9
4318 71,5
8831 93,8
&amp;gt;353 93,0
2093 103,2

Biotriow
Ralilz .
Marfchau
Block. .
Qomia .
Suwalfi
Sieblee .
Qublin .
Radom .
Rielce
xongreb-Bolen .

- .. 726955 13057213
Mit der erften rujjijden Volkszählung vom Iahre 1897 war eine
Berufszählung verbunden, bei der ein Berufsihema angewendet wurde,
das von dem in Deutjchland üblidhHen in vielen wichtigen Beziehungen
ıbwidh. Wenn wir es nidtsdejtoweniger verfucdhen, die Daten diefer
3ählung auf das bei den deutjdhen Berufszählungen gebräuchlidhe Becufsichenın
 zu reduzieren, Jo eraibt fig folgendes Bild:

1028

Üs

Ö

3=Ai



t,
4

{18

U

nn

Br
ıD
'5

an
1

Sm Jahre 1897 wurden in Polen gezählt
Berufszugehörige der Berufstklalfen I abfolut | in%,
56,7
16,1
8,4
2.7
&amp;gt;5
A

1. Land: und Forltwirtfhaft + . . 0... + 04
2, Yndultrie, Bergbau, Baugewerbe . . ...
&amp;gt;, Sandel, Berfkehr, Galtwirtichaft
Armee 2 2 0 ee
Dffentlide Dienfte, freie Berufe
Berufslole . . 0.0.0000 04
Rohnarbeit wechjelnder Art. . .
3, Hausdiener[haft (Köche uw.) . .
9, Hausbejorger, Portiers, Nadhtwädter
‚0. Guts- und Fabrifdiener|haft . . +.
IL. Brivatbeamte (inkl. Eifenbahnbeamte)

5327663
1512658
789946
253229
234244
323218
106299
256331
49984
155864
Q2AQ8

‚3
27
05
17
L0

Zulammen Geflamtbevölferung en

9402024 | 100.0

Mithin lebten im Yahre 1897 von der Landwirtjdhaft etwa 57%,
von der Indujtrie und vom Gewerbe etwas über 16 %, und vom
Handel und Verkehr etwa 81% %. Für das Iahr 1919 darf be
)auptet werden, da in Polen wohl kaum mehr als die Hälfte der
Bevölferung von der LandwirtjhHaft lebte.
Von der Gefjamthevölferung Polens wohnten im Yahre 1913
in den 116 Städten 2993000, in den Handelsorten 1114000, in den
1291 Landaemeinden nad Ausicheidung der Handelsorte 8948000
        <pb n="170" />
        — 160 —

MenfgHen. Es wohnten demnad) 22 Vo der Bevölkerung in den Städhten,
8,5 % in den Handelsorten und 68,6 0% auf dem Lande. Die jtärkjte
jtäbtiide Bevölferung haben die Gouvernements Piotriow und Waridau,
 hier wohnen 40,6 bzw. 39,9 % der Bevölkerung in den Städten.
Sn den übrigen Gouvernements it die [tädtijdHe Bevölferung bei
weitem geringer, in den Städten wohnen hier nur 8,0 (Stielce) bis
14,2 0% (Siedlee) der Bevölferung des betreffenden Gouvernements.
Sm Ileßten Jahrzehnt vor dem Kriege [tammte die beträchtliche
polni[dje Emigration nad den Vereinigten Staaten von AWmerika vorwiegend
 aus Kongrekpolen; fie trug ganz deutlid) einen zeitweiligen
Erwerbscharakter. Mit wenigen Nusnahmen 30g ein jeder diejer Auswanderer
 hinaus mit dem fejten Entihluffe, heimzufehren, jobald er
fig einen Betrag erjpart Haben würde, der ihm unumgänglih nötig
war, um eine Schuld zu bezahlen, ein Grundjtüd zu erwerben, ein
neues Haus zu bauen, feinen Biehjtand zu vermehren und dergl.
An der überfeeildhen Erwerbswanderung durfte angelihts ihrer
hohen Koften nur derjenige teilnehmen, dem gewijfe Mittel oder ein
ent/predjender Kredit zur Verfügung jtanden. Bauern, die Keine Mittel
für die überfeeilde Reife aufbringen und in ihrer Gegend feine oder
nur fOledht bezahlte Arbeit finden Ionnten, mußten demnad) 3U Feldarbeiten
 nach verjdhiedenen europäijden Ländern wandern. So entjtand
die Kontinentale Auswanderung mit ausgeprägtem Saijondharafkter, da
jie Jid ausfjHlieklidh auf die Dauer der Feldarbeiten, d. h. vom Srühjahr
 bis in den Spätherbit, beidhränkte,
Auf dem europäijdhen Feltlande bildete Polen mit feinen Landarbeitern
 die wichtigjte Arbeiterbezugsquelle, befonders für Norddeut[dh-(and,
 wohin fidh jährligH ungefähr 300000 Landarbeiter begaben. Uriprünglid
 richtete id) die Saijonauswanderung aus Kongreß:
polen HauptlächlidH nad) der preukijdhen Provinz Sachjen, und deswegen
wird dieje Auswanderungsbewegung landläufig „Sachjengängerei‘“ genannt.
 Für die preukijde LandwirtfHaft war bisher der jtarfe Zufluß
von polniiden Saijonarbeitern von großer Bedeutung; ob und in
weldem Umfange in Zukunft eine Saijonauswanderung nad Preußen
nod) ftattfinden wird, wird von der fozialöfonomijdhen Entwidlung
des heutigen polnijden Staates abhängig jein. — Eine verhältnismäßig
geringe Anzahl von polnijdhen Saijonarbeitern begab fidH au in
den legten Jahren vor Ausbruch des Weltirieges alljährlid nad) Dänemarf,
 Schweden, in die Schweiz und nad Franfkreid.
Die Emigration bildete im Wirt[Hafts- und Finanzleben Polens
eine wichtige Erjheinung. Für die Ausfuhr feiner Arbeitsiräfte erzielte
 Bolen einen jteten Zufluß baren Geldes in Gefjtalt der von
den Auswanderern erfparten Mark und Dollars. Dielje Erjparni[fe
idwollen zu beträctliH hohen Summen an und bildeten für ganze
        <pb n="171" />
        161 —

Ien,
te
Satz
ten.
bei
3165

15.
liche
901:
ıgen
{uS-)
 er
ötig
sin

Hrer
ein
ıttel
der
&amp;lt;elDdtand

‚ da
rühand-=



Urjreß-


ge:
ıfluß
d in
.uben
Hung
1äBig
9 in
JÄäne:

lens
» eI:
Jon
znilfe
Janze

Sebiete Polens den widhtigjten Aktivpojten der Zahlungsbilanz. Einer
genauen Berechnung der dem Lande durd) die Emigration 3zujtrömenden
Summen ftellen fidH unüberwindlide Schwierigfeiten entgegen. —
Die Erwerbsemigration nad) Amerika ermöglichte es den Bauern,
;Hre hHeimatliden Gehöfte in Ordnung 3u bringen oder au) ihren
eimatliden Belig zu erweitern; fie ipielte den Befjiglojen Mittel zum
Bodenerwerb in die Hand und erleichterte die Parzellierung größerer
Srundbejikge. Dieje Emigration bildete für viele eine Zuflucht vor
der äukßeriten Not, für andere wurde fie zum Mittel, JihH die Uns
abhängigfeit zu erringen und eine eigene Werkitatt zu lidhern.
Dasfelbe ließ fidh aber nidht von der Saifonwander[dHaft Jagen.
Mit den nicht allzu großen Erjparniffen, die er im Herbit in die
Heimat mitbracdte, dedie der „‚Sachfengänger‘“ vor allem ver[dhiedene
irüher entitandene Lüden [eines Budgets; indem er damit aud) feiner
Familie beiftand, verzehrte er jedod) den größten Teil diejer Er]jpars
nijje während der winterliden Zwangsmuße. So war er beim Früh»
jahrsanbruc) meijtens ebenjo arm und jeder Mittel bar wie im vorigen
Nahre und griff wieder nad) dem Wanbderjtab.
Sn dem vom Ruffijhen Warjhauer Statijtijgen Komitee beim
Rüdzuge der Ruffen in Warfhau zurüdgelajfenen, noch nicht veröffentlichten
 jtatijtilden Material befinden id aud) Angaben über die
nationale Zufjammenjegung der Bevölkerung.
Trogdem dieje Angaben auf Genauigkeit offenbar feinen An-‘prud)
 erheben Können, führen wir bier folgende auf Grund Ddiejes
Materials im dritten Band des „Rocznik Statystyczny Krölewstwa
Polskiego‘, Warjhau 1916, enthaltene Tabelle an:
Zipilbevölkferung im Jahre 1913

Nationalitäten

Städte und
Handelspläke
abiolut |! %6

Landgemeinden
xbfolut |! %

Kongreß-Polen

abfolut | %

Polen . .. 0.
Deutide . . .
Sroßruffen mit |
Keinrzuffen ulw. | 617327] 14,7
3uden . .. ‚941640 14,9
Yitauer . . . 34521€ 2,6
Andere... _ OU 11361 01
zulammen; } 4106865 | 100,0 | 8948448 | 100,0 113055313 | 100,0

2002370 |
273394 |

48,8
6,7

7418623
445382

28,9
5,0

420993 ı
718776 |

72,2
5,5

Sn den einzelnen Gouvernements ftellt fid) die nationale 3Zujammenjeßung
 der Bevöllerung der Städte und Handelsorte einerfeits, ber
Landgemeinden andererfeits, folgendermaken dar:
Die wirtidHaftlide Zukunft des Oftens
        <pb n="172" />
        162 —

Bon je 100 der Zivilbevölterung waren 1913
in den Städten und Handels |
orten in den Landgemeinden

Gouvernements

BPiotriow . ..
Ralilz. . . .
Waridhau . .
Plot...
Romla . ®
Suwalfi s
Ziedlee . ;
Rublin ..
Radom . . s
Rielce . .

rs.
5 €
Ss | 3
3 |S
Q

51,8119,6
54,0! 8,0
54,4| 2,1
52,3| 1,8
10,8/ 0.”
31,3 5
30,7! 0.-37,3/
 07
47,2 5
31.0| 0..

2.4 21|8|88
7 3 ‘}
=B 2 1 5|
35 3 = =
ES 219 ‘SS

6
38
‘mn 1

af

"2

4 z ©
3|3
S&amp;amp; | 9

34.0
91.0
88,9
19,6

0.7

8.3
6,5
2a

9

IC

x

mar

97,5:

£ .| £
3 3
+
25.3

0,3
nt

5,8
16
4.0
1

976

32,

A
S
Fl
| 2
=

0,2

Was die Städte und Handelsorte anlangt, fo heben wir hervor,
dak die Polen mır in den fünf Gouvernements Warjhau, Salijz, Plock,
Piotriow und Kielce 51,6 bis 54,4%, alfo mehr als die Hälfte der
‘täbtijdgen Bevölkerung bilden. In den übrigen fünf Gouvernements
sntfallen auf die Polen 31 bis 47 % der [tädbtijdhen Bevölkerung.
Um 14. Januar 1913 gab es in Kongrekpolen unter der Zivilbevölkerung:


Konfellion

in den Stäbten
und Handelsorten

abfolut |

0

Römif{dh-Katholifche
Proteltanten . . .
Sriecdhi[h=-Orthodoze
Siraeliten ....
Andere . +. +

2010111
241923
114251
1696092
44488
zulJammen: | 4106869 | 100,0 ı

auf dem Lande

üÜüberbaupt

abfolut ! 9%

abfolut | Yo

7832317 9842428 ' 75,4
456981 698804 5,3
369998 484249 3,7
258552 „954644 15,0
30600 75088 _ 0,6
8948448 | 100,0 ı 13055313 | 100,0

Das Shul- und Bildungswejen war bisher in Kongrekpolen
außerorbentlid) [Hwadh entwidelt und genügte Tfeineswegs den Anforderungen
 und Anjprücdhen, die man an dasfelbe zu ftellen berechtigt
war; abgefehen von der ungenügenden Zahl der Hodh-, Mittel= und
Sach Hulen, Iag das gefamte VBolisjhulwejen arg darnieder; bejonders
eit Einführung der RMuffifizierung (in den 70er Jahren des vorigen
Sahrhunderts) machte ih auf allen Gebieten des Schul und Bildungs-BE


im
        <pb n="173" />
        163 —

wejens ein bedeutender Rüdgang bemerkbar. Erfjt jeit dem Jahre 1905,
no die rufliihe Regierung einen liheraleren Kurs einfdlug, fegten die
Anfänge einer gedeihliden Entwidlung des Bildungswejens ein. Aus
privaten Mitteln wurde in allen Gauen Kongrekßpolens ein ganzes
Ne von Schulen und Bildungsanftalten verfchiedenjter Iypen mit
polnijher Unterridhtsjpradhe eröffnet und unterhalten. In den |taatliden
 Lehranfjtalten wurde allerdings von der ruflijden Regierung
nad) wie vor die ruflilche Lehriprade beibehalten.
Das Klima Kongreßpolens ijt ziemlid gemähigt und ähnelt
dem Klima Mitteleuropas. Infolge des milden Winters, des frühen
Beginns des Frühlings, der anhaltenden Wärme im SHerbhit und des
Fehlens großer Hike im Sommer gedeihen hier viele Bäume und
Pflanzen Weljteuropas, die fowohl ftrenge Fröfte als aud) übermäßige
Hike nicht vertragen, wie 3. B. die Buche, Aukerlt günftig find für
die Begetation und WirtjhHaft die atmo[phärijdhen Nieder[dläge verteilt,
überall mehr als 500 mm im Yahr, am meijten zu Beginn und in der
Mitte des Sommers (Juni und IKuli), im Auguft [Hon weniger,
befonders far ijt der September, daher befonders günftig für bie
Rartoffel» und Zuderrübenernte. Der Oktober und November find
icon regnerijher und feuchter als der September, erjterer ijt aber
ao fo warm, dak die Winterfaaten vorzüglid gedeihen. Der Schnee
liegt im Winter nicht [o lange wie in Mittel- und Oftrukland unter
benfelben Breitengraden; mandımal geht er jhon im Januar, häufiger
im März volljtändig ab, und die Flüjje gehen auf, jedod hat bdiejes
feinen befonders [Hädbliden Einfluk auf die Felder, da es in Toldhen
Wintern gewöhnlid) feine ftarfen Fröjte gibt. Der März {it redt
zegnerifch, und diejes ijt für die Vegetation günijtig; im April und
Mai herriht nicht felten andauernd irodenes und Nares Wetter, doch
die Häufigen Nachtfröfte [Häbigen die zarten Pflanzen. ‚Schädlih find
außerdem die übermähig langen Regenperioden und die feuchte Wittezung
 im Sommer, Der jHmale nördlide Landesftreifen, bejonders
das Gouvernement Suwalki, unter[Heidet fiH von den übrigen Teilen
Rongrekpolens durd) einen feuchteren und regnerifcdheren Herbit und
3in |päteres Frühjahr und nähert [id in diefer Beziehung mehr den
Gouvernements Kownos und Wilna. Der allerwärmite Sommer herr]ht
im waldarmen Schhwarzerdegebiet des Jüdöftliden Teils des Gouvernements
 @ublin, der Kältelte Sommer aber night im Norden, fondern auf
dem Höhenzuge des Gouvernements Radom im Südwelten. —
Die mittlere Temperatur beträgt nad) Beobachtungen der
Obfervatorien:
im Januar April Suli September Iahrestemperatur
Warihau . . .. —43 +7,11 -+18,5 —+13,4 47,2
Nowo-Alexzandria — 3,3 +85 +19,0 —+14,0 + 7,8
za
        <pb n="174" />
        - 164 —

Atmo[phäriidhe Nieder] Hläge pro Iahr in mm:
Warfghau 510; Czeltodhowa 656; Rabom 659; Nowo-Alexandria
618; Lublin 564.
Die atmojphärijden Nieder[hläge verteilen fid nad) Monaten in
Warjdhau wie folgt: Februar 131, März B4, April 37, Mai 48,
Suni 69, Juli 76, Augujt 77, September 49, Oktober 44. Mittlerer
 Termin des Aufgehens der Weichjel bei Warfhau 17. Februar,
des Zufrierens 19, Dezember. Im Laufe eines Jahrhunderts fror
die Weicdhfel in 9 Wintern überhaupt nidHt zu.
Der füdlide Teil Kongrekpolens zeichnet [ih hauptfäclig durd
Kalfböden, die von devonijdHem Kalk abjtammen, aus; hier (in den
Gouvernements Kielce und Nadom) kommen Triasformationen Door,
aber im [üdligen Teil des Gouvernements Piotriow — ein Steinfohlenbeden.
 Sn den weftliden Teilen treten Iuraformationen auf.
Kreideformationen find befonders ftark in den Gouvernements BPiotriow,
Kielce, Radom und Lublin entwidelt.. Aus verwitterten Kreidemergeln
bildet [ih der durch feine Fruchtbarkeit bekannte „„Weizenboden“ Kongreßpolens.
 LehHmboden herridht in den nördliden Gouvernements, Sandboden
 an den Ufern der Weicfel und Warthe und gleichfalls im Gouvernement
 Siedlee vor. Schhwarzerde kommt im jJüböltlihen Teil des
Gouvernements Lublin vor.
Un Boden|hHäßgen ijt Kongrekpolen verhältnismäkig reich.
Das Steinkohlenrevier Kongreßpolens umfakt einen Flädenraum
 von 3irla 500 qkm, die Mächtigieit der einzelnen Flöze ft
recht bedeutend. So beträgt im MNordofjten, bei Dabrowa Gornica,
die gefamte Tiefe des Kohlenbedens 1700 m, die Zahl der Flöze 15,
die Summe ihrer Stärke 33m, worunter fid aber ein Flöz durch die
ungewöhnlide Müchtigkeit von 14m einheitlider Kohlenmalle auszeichnet.

Die im polnilden Kohlenrevier vorhandene Kohlenmenge läßt
id nur annähernd berechnen, fie beträgt ungefähr 5 Milliarden Kubifkmeter;
 die geförderte Kohle ijt mager, [ie gibt wohl ein fehr gutes
Heizmaterial ab, liefert aber feinen verhüttungsfähigen Koks.
Sn der Gegend von Zawiercie, zwijhen dem Steinkohlenbeden
von Dabrowa und der Stadt Czejtodhowa, finden [id in Trias] dichten
und zwar in geringer Tiefe (beiläufig 15—50 m) wageredhte Schichten
guter Brennkohle von geringer Mädhtigkeit (etwa 1m) vor. Auf
einer weit größeren Fläde und in bedeutend mäcdhtigeren Flözen tritt
bie Brenniohle im weltliden Teile Polens auf.
Zu erwähnen find nod) die jüngjten, eher direkt pflanzlihen als
mineralifden Brennitoffablagerungen, nämlidh die Torflager, welde
in Kongrekpolen, befonders in den nördliden Teilen ausgedehnte
Streden einnehmen. Sie haben iedoch bis jet nur eine Ioiale Be-
        <pb n="175" />
        165 —

deutung, indem fie als Brennftoffquelle für Gegenden dienen, in denen
es weder Steinkohle no Holz gibt.
3inferz wird in Kongrekpolen nur in der Geftalt von Galmei
mit geringer BVeimijhung von Blende gefördert, die Bleierze enthalten
 einen Meinen Zufjaßg von Silber,
In Kongrekpolen, wo während der Iekten Hundert Yahre die
politildgen Ereigniffje mehrmals die ruhige induftrielle Arbeit unterbraden
 und wo die Montanindujtrie keinen folgen Schuß genok wie
in Preußen, wurden die Bleigruben, troßdem der Bleiberghbau fehr
alt und bis ins Mittelalter zurüdreichht, nicht wieder in Tätigkeit
gefeßt; an ihrer Stelle entjtanden in der Nähe von Olkujz Galmetgruben,
 die übrigens nur eine geringe Produktion aufweijen. Nah
der Blende dagegen, deren Vorkommen im tieferen Lagen hier wie
in Schlefien anzunehmen ijt, hat no niemand ernitlid gefudht; und es
it doc angefichts der ausgedehnten Flächen, die in Kongrekpolen
ber erzführende Dolomit und der Sohlenkalk einnehmen, das VBorhandenjein
 grober Mengen von Blei- als auch Zinkerzen beitimmt
zu erwarten.
€s gibt nod) eine zweite Gegend in Kongrekpolen, in der Bleierze
 zu finden find, nämlih die Gegend von Kielce und Checiny, in
welder vom 14. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Bleiglanzgruben
und Bleihütten beftanden. Bleiglanz bildet dort Wdern in devonijdHem
Ralf; die Dimenfionen der einzelnen Blöde diefes Erzes Iaffen vermuten,
 daß jadhgemäßhe und mit entjpredendem Koltenaufwand durchgeführte
 Nacdhforfhungen zu einer Wiederaufnahme dieler Berawerke
Jühren werden,
In Ciedhocinekt an der Weicdhjel treten Salzquellen, die 4,5
bis 6% Salz enthalten, auf. Die Sole wird in Gradierwerken bis
20% Ionzentriert und dann gefjotten. Die Solliederei in Ciedhocinek i{jt
bie einzige einheimi[de Bezugsquelle von Salz für Kongreßpolen, doc
ijt die Produktion hei bheitem nicht ausreihend, um den Bedarf zu
deden.
Die Bermutung ijt berechtigt, dak au die [Hwefel- und falzhaltigen
 Quellen, die an mehreren Stellen im jübliden Teil der Land»
Iqhaft Kielce zutage freien und denen die Kuranfjtalten Bujt und
Solce ihre Entjtehung verdanken, auf das Vorhandenfjein von Stein:
jalzlagern hinweijen; das ijft um fo wahrfdheinlidher, als das dortige
Seftein derfelben Miozänformation angehört wie die Jalzführenden Ges
iteine in Wieliczla und Bochnia und in Oberfhlkefien.
nn Kongreßpolen finden jiH Eifenerze an mehreren Stellen
in beträchtlider Ausdehnung, und [hon feit längerer Zeit bildet ihr
Borhandenfein eine Stüße der Eijenindujtrie des Landes. Eine Berechnung
 ibrer Gelamtmenae, wie wir fie für die Steinkohle vor:
        <pb n="176" />
        _ 166 —

genommen Haben, er]dwert jedoch wefentlidH das Fehlen ein|Olägiger
Daten. — Die polnijdhen Eifenerze treten teilweije in dünnen Schichten,
teilweife jedod) in unregelmäkigen Meltern auf und find relativ arm
an Eifen; fie haben nur 30—40 % Eifengehalt.
Sn Kongrekpolen finden id Eifenerze vornehmlid an Drei
Stellen vor:
1. Sm Kohlenbeden, wo fie gleid) den Zink und Bleierzen in
der Trias auftreten und Heine unregelmäkige Nelter in einer Tonjhicht
 bilden, die den Mufjdheltalk überlagert. Das dortige Eifenerz
ijit Brauneifenjtein mit. 40 % Eijenerz. Der Mufdelkalt if in
beträchtliger Ausdehnung vorhanden; vermutligh dürfte alldo au das
Eifenerz in anfehnliden Quantitäten zu finden fein.
2, Eine zweite ausgedehnte Zone des BVorkommens von Eijenerzen
befinder Jih in der Gegend von Czeltodhowa. Das Erz ijt jogenannter
Toneifenftein, d. h. Fohlenjaures Eijen (Siderit) mit Ton vermifdt,
von 35 bis 40 0% Eijengehalt. Seiner Reinheit und Jeichten Schmelz
barfeit wegen ijt der Toneifenjtein ein fehr gutes und gern verwenbetes
 Erz. — Mit Rüdfight auf den Flädenraum diejfer Zone, welder
nahe an 1000qkm eranreidt und auf das Vorkommen des CErzes
in zujammenhängenden, flädenhaft ausgebreiteten Lagen er[dHeint die
Vermutung als tatthaft, dakz hier der Boden mindeltens einige Dukend
Millionen Tonnen Eijenerz bergen dürfte.
3, Die dritte Eijenerzzone Kongrekpolens liegt in der Land[Haft
Radom; fie zieht ih dem Nordfuk der Gory Swietofrzy[kie (Heiligenfreuzberge)
 entlang und wejtwärts diefes Gebirges hin. Der Flädenraum
 Diejer Zone beträgt gegen 1500akm. Die Erze treten bier
nahe unter der Oberfläde in mehreren Niveaus übereinander, teils
in der Trias, teils in Yura und zwar in Gejtalt von Brauneifenftein
und Toneijenitein mit etwa 35 0% Eifengehalt auf.
Für die in Kongreßpolen wahrfdheinlidH vorhandene Menge von
Eijenerzen gibt das im Yahre 1910 auf Grund eines Beidhluljes des
internationalen Geologenfongreffes zu Stodholm herausgegebene Werk:
„Iron resoures of the world“ (Die Eifenvorräte der Welt) die ehr
beträchtliche Ziffer von 300 Millionen Tonnen an.
Bhosphorite, ein wichtiger Rohftoff zur Erzeugung der als
Superphosphate bekannten Kunfjtdüngerarten, finden fih in der Nähe
von Tosmarczow vor; fie wurden aber bisher dort nicht gefördert
und find nicht einmal genügend erfor[dht.
Kupfererze fommen bei Kielce und Checiny vor. Sie wurden
[don zur Zeit des alten Polenreihes gefördert, fpäter aber verfielen
diefe Bergwerke aus Mangel an ftaatlidem Schuß, ähnlid wie die
Bleigruben; die im vorigen Jahrhundert und in jüngiter Zeit vorgenommenen
 Verluche, fie wieder in Betrieb zu feken, find nicht gealüdt.
        <pb n="177" />
        157

Bei entjprehendem Kapitalaufwand könnte die Förderung diejer Erze
bei den jekigen Hohen Kupferpreifen gewiß mit Vorteil betrieben werden.
In der Gegend von Kielce und von Czeftohowa und in der
XZriasformation, die das Kohlenbeden zum Teil hebedt, gibt es jehr
viel Kalkjtein, der vorwiegend zur Kalibrennerei, zum Teil aber
aud als Bauftein dient. Für lekteren Zwed eignet [id bejonders
der devonijde Kalkjtein aus der Gegend von Kielce und Checiny,
der jidh in groBe regelmähige Blöde zerfühlagen läkt, eine gute Politur
annimmt und als „Marmor von Kielkce“ bekannt ijt.
3m füdliden Teil der LandjhHaft Kielce findet [ih ein weiher
miozäner Kalfitein vor, der im frilden Zujtand, unmittelbar nad)
jeiner Losbredhung aus dem Boden, weidh ijt und fiH dur Säge und
Beil in große regelmähige Blöde teilen läßt, beim TIrodnen aber
hart wird; er Könnte einen ausgezeichneten Baufjtein für die Städte
abgeben, wenn Verkehrswege vorhanden wären, die jekt vollltändig
fehlen.
In den LandjHaften Kielce und RMadom gibt es vorzüglidhe, teils
weihe, teils rote SanDditeine, die ih zu Bauzweden fehr gut eignen
und immer ausgedehntere Verwendung finden.
Sm füdlidhen Teil der Landihaft Kielce Iommt Gips in ausgedehnien
 Lagern vor.
Sn der Landjdaft Lublin, unweit der Stadt Chelm, findet jidh
Rreide vor.
In reiden Mengen treten in Kongrekpolen die verfdhiedenften
Arten Ton auf, die zu allen erdenkfliden feramiijden Zweden von
der Ziegelbrennerei bis zur Erzeugung von Fanence und Porzellan
brauchbar find.
In der LandiHaft Radom, längs des Nordflujjes der Heiligenfreugberge
 und weitwärts von ihnen findet jiH guter feuerfelter
Ton, defjen BVorhandenjein die Gründung einiger keramijdher Fabhrifen
 veranlakt hat; dort gibt es audy Oder, der an Ort und Stelle
zu Yarben verarbeitet wird. — Iın Kohlenbeden kommen in Trias
und Jura brauchbare feuerfelte Tone vor.
In Kongreß-Bolen jprudeln im f[übliden Teil der LandjdHaft
Kielce an einigen Stellen die Jhon erwähnten fakzigen Sch wefelquellen,
 die mit den dortigen Gipslagern in Zujammenhang fjtehen;
fie beweijen aber aud), daß in der Tiefe Salz exiftieren muß, Dvielleidt
 nur in den Ton|dhicdhten zerftreut, vielleicht aber au zu größeren
Lagern vereinigt. An Gafen enthalten dieje Quellen Schwefelwalfjeritoff,
 an felten Subftanzen Kochfalz und Karbonate. In Bujk und
Solce bejtehen dank diefen Quellen von altersher Heilbäder.
Bekannt ijt ferner das Heilbad von Ciechocinek, das die dortige
Salzauelle benükßt: ein ähnliches Bad DBeiteht aud in Anowroclaw.
        <pb n="178" />
        168

Zu erwähnen jind endlid die malerild am Niemen gelegenen Heilbäder
 von Drufkieniki und Birfytany, fowie das Heilbad von Naleczow
in der LandjdHaft Lublin. — —
Ms Bedingungen der bisherigen indultriellen Entwidlung Kongreß-Bolens
 müljen wir vor allem die natürliden Grundlagen ihrer
Ezxijtenz prüfen.
Die Hauptmotorenkraft der Snduftrie ftellt Kohle dar, den
Hauptrohjtoff derjelben Eifjen.
Die Kohlenproduktion des Dabrowner Gebiets bheirug im
SXahre 1913 6,8 Millionen, im Verhältnis zur Produktion des Donezer
Reviers 27 0%, Galiziens 340 %, Oberfchlefiens 16 %, Öfterr.-Schle=Hens
 90 0%.
Der Berbrauc an Steinkohle in Kongrek-Polen betrug im Jahre
1913 71,5 Millionen Meterzentner, hiervon an Dabrowaer Kohle 59,7
Millionen oder 83 0%, an ausländifdher Kohle 11,3 Millionen oder
16 9%, an ruffifder 0,5 Millionen oder zirka 1%, Gleichzeitig wurden
ungefähr 9 Millionen Meterzentner Dabrowaer Kohle außerhalb der
Grenzen Polens verfandt (nad) Rußland 7,8, nad) Ölterreih 0,8 Mil-[ionen
 Zentner). Demnad würde die Produktion der Drabowaer
Kohlengruben ohne Ausfuhr den Landesbedarf beinahe zu deden in
ber Lage fein.
Die Zufuhr ausländifher Kohle ift dennoch weiterhin für KongreB-Bolen
 unumgänglid notwendig und zwar aus dem Grunde, weil
Dabrowaer Kohle nicht die Eigen[haft der Verkokung bhelißt und daher
für Nobheifen- und Gasproduktion nit 3U verwenden ijt. Dabei ik
zu beachten, daß infolge der bisherigen hbedauernswerten Verkehrsverhältniffje
 viele Ortjdhaften auf die Verwendung der Dabrowaer
Rohle verzidhten mußten, wogegen in die nahe der Grenze gelegenen
Bläße ausländifjde Kohle zugeführt wurde.
Laut annähernden Beredhnungen Ionnten ungefähr 33000 akm,
alfo über ein Viertel Kongrek-Polens, Dabrowaer Kohle infolge Mangels
 an Berkehrsmittteln nicht benußen. Zu diefen benachteiligten Gegenden
 gehörte der nordöftlidHe Teil des SGouvernements Plock, der Sltlige
 und füdlidhe Kreis des Gouvernements Ktielce, wie auch einige
Gegenden der Gouvernements Warfhau, Radom, Lublin und Siedlee.
Der technifde Zujtand der groben Dabrowaer Kohlengruben fteht
denjenigen des AWuslandes nicht wefentlidh nad; IOhlechter inftalliert
Hind die Heineren Gruben, welde von undbedeutenden Unternehmunngen
exploitiert werden. Die durchjHnittliche Leiltungsfähigfeit des polnifdhen
Urbeiters jteht der des Wejtens nach (in KongreH-Polen 276 Tonnen,
in Oberfchlefien 344 Tonnen); hingegen überfteigt die Produktion bedeutend
 die Ergiebigkeit der rulliiden Gruben (157 Tonnen auf einen
YMrbeiter).

_

LA
        <pb n="179" />
        169

Der Vorrat an Erzen ijt bisher in Polen wenig erforfht und
ihr Wert vielleiht deswegen nit genügend gefhäßt. Erzgruben exitieren
 dafelbit nur als Hilfszweig für die Hüttenindultrie; die Gruben
murden ausfdhliekliH für Hütten oder von den Hütten exploitiert. Der
Reichtum: an einheimildhen. Erzen fowie der vorausfichtlidHe erhöhte
Wert derfelben nad) dem Kriege gibt Anlakh, die Erzgruben als einen
[elbjtändigen Zweig der nationalen Wirt/hHaft anzufehen und die planmäßige
 und rationelle Organifation derfelben vorzubereiten,
Der Borrat an Eifenerzen betrug im nordweitliden Teil des
Rreijes Bendzin gegen 1500000 tons, in der JüdöftliHen Gegend des
Rrafau-Wieluner Gebirgsitreifens 39 bis 70 Millionen tons. Die rielige,
 3000 qkm umfalfende Fläde der Anhöhe Klein-Polens ft un
erforfcht, und die Berehnung des dort hefindliden Erzes unmöglich.
Sleichfalls unbekannt it der Erzuorrat im füdliHen Teil des Olkuhzer
Kreifes und im weltligen Teil Polens. Von fünf Komplexen der
Erzlageritätten fönnen annähernde Berechnungen für zwei verhältnismäßig
 Meine Fläden durchgeführt werden, die welentlidhiten Erzlageritätten
 bleiben no) weiter unerforht und der Mineralvorrat unbe
fannt. Die von verfhiedenen Forihern qemadjten SchäHungen des
Reidhtums der polnifden Erzgruben [Hwanken zwifden 2 und 37 Mil-[iarden
 Bud (1 Pud=3 Hentner), die meiften Iiheoretifhen Berechnungen
 deuten einige Milliarden Bud an (durdhHfHnittliH zirka 19
Milliarden). Da der Eijengehalt der Erze zirka 30 % beträgt, fo
befißt Polen nad) diefen Beredhnungen auf feinem Terrain in Erzen
ungefähr 4,5 Millionen Pud Roheifen.
Die Exploitation heimifder Erze war bisher gänzlih vernad)-[äfftat.
 Die Schürfung nahm in den NIahren der Hohen BPreije für
cuffilhe Erze bedeutend zu, verringerte fig) aber beim Konjunkturwechfel.
 Iın Fahre 1901 3. V. ergab die Schürfung 20 Millionen Pud,
im Sahre 1909 7,5 Millionen, im Vahre 1911 16 Millionen Pud. Die
Exploitation war demnadH von dem Bedarf der Hüttenwerke abhängig.
Solde zufällige und ungleiHmähige Ausnüßung machte eine rationelle
Gejtaltung des Bergbaues unmöglich, weshalb au diefer Broduktionszweig
 vernachläffligt wurde.
Die Urfadhe der UnterfHäkung der einheimijdhen Erze feitens der
SHüttenwerfe war bis jekt [MHeinbar der geringe Eijengehalt derjelben
und die Notwendigkeit der Beimijhung reichhaltigerer fremder CErze.
Es ift jebod) eine allgemeine Er heinung des modernen Induftrielebens,
daß fein Neid, weldjes hebeutendere Quanten Eijenm produziert, (die
Bereinigten Staaten und Rußland ausgenommen), aus[Hließlih eigene
Erze verwendet, vielmehr jedes große Quanten fremder Erze bezieht.
Mus dielfem Grunde darf der aerinae Eilenaehalt der volniichen Erz-
        <pb n="180" />
        — 10 —

aruben durchaus nicht als ein triftiges Motiv für die Auflaflung
Ihrer Exploitation angejehen werden.
€s muß übrigens bemerkt werden, daß die polnijden Erze nidht
jo arm find, wie Häufig behauptet wird. Die legten NadHforjhungen
Haben erwiejen, daß reicliche Sideriten[hihten bei Czejtodhowa 35 9%
und nad) dem Röften über 40 %, Brauneijen, bei Kielce fogar 50 %
Eifen HKefern. Die neueften VBerfudHe beweifen aukzerdem, dab polnijcdhe
Erze hei rationeler Produktion nur eine geringe Beimijhung Teidhaltigerer
 Erze erfordern; es wäre bei entipredjender Einridhtung der
SHocdhöfen fjogar möglich, diele Erze ohne irgendweldhe Beimildhung 3U
verwenden.
Bis jekt dedte die Hüttenindufjtrie ihren Bedarf in hohem
Make mit ruflijden Erzen, deren Zufuhr in den Jahren 1909— 1912
durchichnittligH 23 Millionen Pud betrug und fomit um das Doyyelte
die Erzförderung des Landes überftieg.
Die Roheijenproduktion genügte bisher dem Eigenbedarf des Landes
 nicht. Aus Südrukland wurden durHfOnittligH 8 Millionen Pud
jährlig bezogen, was ungefähr ein Drittel der Landesproduktion dartell.
 Die Hütttenindujtrie war bisher ebenfalls von den ruflilchen
Marktkonjunituren abhängig, was zUr Folge Hatte, daß die Produktion
in den Sahren der Hohen Preife für ruflijdes Roheijen erweitert, bei
einem Konjunkturwecdhfjel beidhränit wurde. Der Grund hierzu lag 3. T.
im niedrigen Eijengehalt der polnifden Erze.
Die Hüttenindujtrie Polens war vor dem Kriege in guter finanzieller
 Lage; die tednifden Suftallationen jtanden jenen des Weltens
Faum nad; dies dürfte zur Überwindung der Krieasirilen behilf-[iQ
 fein.
Die Schürfung des Galmeis in Kongrek-Polen betrug im Jahre
1913 3,2 Millionen Pud, des Galmeis mit Blende 890000 Bud.
Die durch[Hnittlihe Leitung eines Grubenarbeiters betrug im
NXahre 1913 4300 Bud, alfo mehr als in Oberichlelien, wo auf einen
Arbeiter 3300 Pud entfallen.
Die Zinkhütten in Polen verarbeiteten jährliH 3,7 Millionen
Bud Galmei und Nieferten zirka 1/5 Million Bud Zink und bis
40000 Bud Zinkjtaub.
Sm DVergleide zu den Staaten, die als Weltlieferanten von
Zink gelten (Belgien und die Vereinigten Staaten), ift dies nidt viel;
im Verhältnis zur Gefamtproduktion der Erde beträgt dieje Produktion
nur ungefähr 1%; die Produktion Ruklands wird jedody dur diejenige
 Polens fajt fünfmal übertroffen. 40 % der Produktion Polens
blieben im Lande zurüd, 60 % wurden nad) Rußland verjandt. Die
Leiltung eines Hüttenarbeiters in Bolen beträgt 724 Bud, in Oberiehlelien
 1270 Bud.
        <pb n="181" />
        — 1 —

Die Zufuhr von Zink in Geftalt von Gäufen und BlehH nad
Polen betrug im Jahre 1911 zirka 700000 Pud. —
Die Kupferbergwerke Polens werden [eit 1820 nicht mehr
betrieben. Die Lagerftätten der Kupfererze [ind bis jekt unerfor[dht,
weshalb es aud unmöglich ift, fiH über ihren Borrat zu äußern und
ihre Exploitation Sionomild) und tedhnijdh zu beurteilen.
Bon den wichtigjiten Mineraljhägen fehlen Kongrek-Polen Salz
und NMaphthHa. Die unbedeutende Salzproduktion in der Umgegend von
Tiedhocinek (zirka 200000 Pud jährlich) fpielt Feine Rolle im Vergleich
zu dem Bedarf des Landes. Salz als Rohftoff bildet die Grundlage
der Hemifjden Indufjtrie und fpielt hierbei Ddiefelbe Rolle wie Kohle
und Eijenerz in der Eijenindultrie. Naphtha ijt neben der Kohle
das vorzüglidhjte Brennmaterial und die Motorkraft für die BVerarbeitungsinduftrien.

Die nadhjtehenden Ausführungen über die Indujtrie Kongrek-Polens,
 ihre Entwidlung und ihren Stand vor Ausbruch des Weltirieges
 haben gewijjermaßen nur einen Hijtoriflhen Wert, insbejondere
die ftatijtijden Daten, jedody ermangeln fie nicht eines Interejjes, da
ji aus ihnen mehr oder weniger auf die weitere Entwidlung der
polnifden Indujtrie Schlüffe ziehen fallen und uns Anhaltspunkte und
Grundlagen hierzu gewähren.
Dur die Iriegerifgen Ereignijfe, die unfreiwillige oder planmäßige
 Zeritörung ganzer Indultriejtätten, dur die AWbwanderung
oder militärijdhe Einziehung der Arbeiter find die gegenwärtigen Ver.
hältnifje der Indufjtrie volllommen in Verwirrung geraten, Jo daß
gegenwärtig eine genaue 3ahlenmäßige Angabe in den meilten Indultriezweigen
 vollibommen unmöglid) wird.
Db fig in Zukunft die früheren Zujtände wieder einfinden werden,
 it zurzeit no nicht überfehbar. Iedenfalls hat die polni[de
Sndultrie dur den Krieg eine furchtbare Schäbigung erlitten, an
deren Nadhwirkungen fie zweifellos eine lange Reihe von Jahren nod
zu leiden haben wird. — —

Die gefamte Fabrikinduftrie Polens Konzentrierte [id bisher —
bis auf wenige zeritreut liegende Fabriken — infs der Weichjel in
drei Mayons: dem Lodzer, dem Sofnowice-Czejtodauer und dem Wardauer.
 Die beiden erften trugen ein ftreng einheitlides Gepräge:
Der Lodzer Rayon, welder die Stadt Lodz mit ihrem Kreis, ihre
Nachbarjtädte Zgierz und Pabianice, ferner die Städte Tomalzow,
Ozorfow und Zdunjfka-Wola umfakt, war Sik der Textilindujtrie, der
Sofnowicer Rayon jener des Bergbaues auf Kohle und Eijen und der
Hütteninduftrie, feit 1877 audy der Tezxtilindufjtrie, namentlid der
Spinnerei. Der Warichauer Rayon weilt diele Einheitlidhkeit nidht auf,
        <pb n="182" />
        — 172 —

[eine wictigiten Sndujtriezweige [ind jedoch die Metallbearbeitung, der
Mafdhinenbau und die Zuderfabrikation.
Die Anfänge des induftriellen Lebens verdankt das Land der
intenfiven Förderung feitens der Regierung des Herzogtums War[dau
und päter des Königreichs Polen, aljo den bewukten Staatseingriffen
in den Gang des MWirt[Haftslebens, die wir als „merkantilijtilde Wirtjhaftspolitif““
 zu bezeichnen pflegen. Während jedoch im Weiten die
Regierungen ihre Unterltühung einer natürlichen Entwidlung der jtädtiden
 Produktion geboten haben, welde allmählid infolge der Konzentration
 Des Handelskapitals und der Erweiterung des Wobjagmarktes
die Umwandlung des Handwerks in eine manufakturmäßige Produktionsweijfe
 drängte, war Polen zu Anfang des 19. Sahrhunderts ein reiner
Morarftaat, aufgebaut auf der Naturalwirtihaft des Gutshofs. Die
MWirtIhaftspolitik der Regierung konnte weder in tehnifdher, no in
jozialer Beziehung an eine eigene Sfonomijde Entwidlung anknüpfen
und war fomit genötigt, aus dem Auslande Kapitalien, Unternehmer
— man denke an Coqueril, Fraget, Sirard — [owie Handwerker zU
beziehen. Durch ein Dekret vom Hahre 1809 wurden fremden Handwerfern
 und Fabrikanten bei ihrer Anfiedlung im Herzogtum Warihau
materielle Borteile zugejidert, gleichzeitig wurde die Einfuhr von Rohitoffen
 3oNpoliti[d gefördert, ihre Ausfuhr erjhwert. Die Entjtehungsperiode
 der polnijchen Sudujtrie, oder, richtiger gejagt, Der polnijchen
Manufaktur fällt jedod in das Sahrzehnt 1820—1830. Mit einer
Reihe von Dekreten ftellte die Regierung in den Yahren 1816—1824
unentgeltlid Häufer und Baumaterial zur Verfügung, erließ den Pachtzins,
 gründete Fonds 3ZUr Unteritüßgung von SIndultriellen, befreite
die Einwanderer von allen Steuern und vom Militärdienjt. Diele
UAnziehungsmittel verfehlten nicht ihre Wirkung. Ungefähr zehHntaufend
deutjhe Handwerferfamilien find in wenigen Sahren (1818—1827)
eingewandert. Deutjher Unternehmungsgeijt und Arbeitslujt haben die
polnifjde Indultrie begründet, ihnen verdankt fie aud) die weitere Entmidlung
 und Blüte bis in die jüngite Zeit hinein. Sm DVBerein damit
jaben das deutfhe Kapital und die deutfde Technik bis zum Ausbruch
des Weltkrieges eine führende Rolle in der Ynduftrie Polens gelpielt ;
der größte Teil der großindujtriellen Unternehmungen lag in deut[hen
Händen, war von Deutidhen begründet worden und wurde von ihnen
geleitet, während polni]des Kapital vorwiegend Nur in den landwirt-Ihaftlich-induftriellen
 Unternehmungen eine bedeutende Rolle fpielte.
1817 wurden Handels» und Manufakturflammern errich:
tet, im folgenden Yahre Hypothekenbücher eingeführt, 1825 die Landfreditgefellidhaft
 gegründet. Einen recht bedeutungsvollen Stüßgpunit
gab die Regierung aber der Tfeimenden Manufaktur dur Gründung
der Bolniichen Bank 1828, die nad dem Norbild der deutichen
        <pb n="183" />
        178

„‚Seehandlung“ und der helgifdhen „Soci6tee generale“ eingerichtet wurde.
Die Bank eröffnete der Induftrie, eben[o wie der Landwirt|haft, Kredit
und entwidelte eine äuberft vielfeitige Tätigkeit. Sie gründete nicht
nur Jelbit Fabriken, betrieb den Bergbau und die Landwirt/Haft, [ondern
 forgie au) für Verkehrsmittel. Die erjte polnilde Eijenbahnlinie
‚War|dau— Wien“ (1845), die Lodz bis auf 30 km nahe am, war
Hauptfädlid) das Werk der Polnijdhen Bank. 1866 ijt eine Verbindung
mit Diejer Strede dur die Lodzer Yabritbahn gejdhaffen worden.
Wie hoc man aber aud) die Initiative und die Bemühungen der
polnifden, in dem Namen des Fürlten Lubecki verkörperten Negiesung
 für die Anfänge der polnijdHen Indultrie einjHäßgt, für ihre fernere
Entwidlung ijt noch) eine Meihe anderer welentlider Faktoren von
ntjHeidendem Einfluß gewejen.
Die Bemühungen der Regierung Kongrek-Polens fanden günftigen
Boden in den Zollverhältnifjen Polens, wie fie dur die Wiener
KRongrekakte und dann dur den rufjiidhen Zolltarif von 1822 und
1824 reguliert wurden. Infolge Sperrung der ruljijchen Zollgrenze
nad) dem Aufjtand von 1831 ward die polnijde Manufaktur auf den
inneren Markt angewiejen. Es entjtehen zwar neue Produktionszweige,
mie Gerberei, Seifenfabrikation, Zuderproduktion, Bergbau und Papier»
jabrifation, dem Wachstum der Indultrie in Polen waren jedoch durch
die fozialen Zujtände des Lebens zienlid) enge Schranken gezogen. Die
Bevölkerung, im ganzen 4—5 Millionen MenfhHen, lebte zum größten
Teil in Naturalwirt/hHaft, vom Waren- und Geldverfehr ziemlidh abgefhnitten.
 Nad) dem anfängliden Auffdwung init die polnijde uch
rabrifation von 5,7 Millionen Rubel im Iahre 1829 auf 1,9 Millionen
Rubel im Jahre 1832, um erft nad und nad) 1850 2,6 Millionen
Rubel zu erreiden. Der vorwiegend hHandwerismähige Charakter der
Snduftrie jener Zeit ijt aus ihrer Zerfplitterung erjidhtlid. Im Iahre
1857 zählte man 12542 „Fabriken“ mit 56 364 Arbeitern und 21,1 Mil-(ion
 Nubel Produktionswert: im DurchjAHnitt 4—5 Arbeiter und 1700
Rubel Produktion auf eine Fabrik.
Seit den fünfziger Jahren tritt eine NMeihe von Faktoren auf,
die eine völlige Umwälzung in der polnijdHen Induftrie hervorbringt
und fie in eine fabrifmähige Großindufjtrie verwandelt. Dur die
Abfdhaffung der Zollgrenze zwijHen Rußland und Polen 1851 und die
Einbeziehung Polens in das rulflijde ZoNlgebiet befam Polen voll«
tändig freie Warenausfuhr nad Rußland und die AWusficht, für einen
größeren Majjenabfaßg zu produzieren. In derfelben Richtung wirkte
ber Bau einer Reihe von Eijenbahnlinien zwijden Polen und Rukland.
1862 wurde Polen mit Petersburg, 1866 mit Wolynien, Weikrukland
und Podolien, 1870 mit Moskau, 1871 mit Kiew, 1877 mit Südruk-[and
 verbunden, wodurch eine veritärkfte Nachfrage nad polniidhen Er-
        <pb n="184" />
        ‘74

jeugniffen und eine Erweiterung der Produktion hervorgerufen wurde.
Bon größtem Einfluß war ferner die WbidHaffung der Hörigfkeit (1861
in Rukland und 1864 in Polen) und die dadurch hHeruorgerufene Umwälzung
 in der Landwirt[dhaft. Die Grundbejiger waren NUN auf Die
Anftellung von Lohnarbeitern und auf den Ankauf von Hndultrieprodukten,
 die fie früher vielfad) auf den eigenen FronhHöfen hatten
verfertigen lafjen, angewiejen. Andererfeits bekam dadurh au die
große Bauernmalie Geld in die Hand und wurde ebenfalls Käufer für
Fabriferzeugnifie. Ende der fiebziger Iahre tritt endlid die Zoll
politik Ruklands Hinzu, die durch einen ftrengen Protektionismus den
Schuß der einheimijdhen Kndultrie DO ausländi[her Konkurrenz be:
jwedte.
Die Entwidlung der Sndufjtrie Polens (mit Einfluß aud
der Kleinbetriebe) ijt aus folgenden, wenn au teilweife nicht ganz
gerläblihen Daten zu erjehen:

Xabhr

1877
1882
1892
‚903/04
1905
1910

Zahl der

yxabrifen '

Mrbeiter

506
9208
2909
„0479
0953

+.

252.17
276747
400922

Wert der
Produktion
1 1000 Rubel

13404
83672
221715
1420424
413858
R60148

Die Zahl der indujtriellen Betriebe Kongreh-Polens und Der
pajelbit befdhäftigten Mrbeiter zeigt laut den amtliden Angaben für
das Yahr 1913 die Tabelle S. 175.
Die Ziffern beziehen fig auf indujtrielle Betriebe mit medani{dem
 Kraftbetrieb oder auf Fabriken, in denen nicht weniger als
16 Arbeiter tätig find. Kleinere Fabriken und Handwerksitätten Jind
in der amtlidgen ruljildhen Statiftit nit herüclichtigt.
Die wicdtigjte der Berarbeitungsinduftrien ijt Die Textilinduftrie,
 deren Betriebe ungefähr 34 % der Sefamtzahl bilden und
52 0% der gejamten MArbeiterfhaft bejhäftigen. Dieljer Indujtriezweig
ijt zugleich am meijten fonzentriert, indem hier die HöhHite DurdHihnittszahl
 der Arbeiter auf eine Fabrik entfällt.
Die zweite Stelle nimmt die Metallindujtrie mit 14 % Der
Fabriken ein und 16 % der Arbeiterzahl; hieran reiht jid) die Nahsungsmittelfabrifation,
 wo die relativen Zahlen 14 0% und 14 %
betragen.
        <pb n="185" />
        175 —

NBerarbeitunasindultrie

Xabritfen

Arbeiter

Durdihn.
Arbeiterzahl
in 1 Yabrit

Baumwollindultrie ... 0...
Wollinduftzie . . . 0. ....00...
Ybrige Tertilinduftrie ... 2...

240 69262
578 62190
2792 249214

288
108
126

BHefamte Tezxtilindultrie. .....
Papier und Graphijhe Indultrie . .
SHolzindujtrie . ........ ..
Metallinduftrie . . ...... .
Mineralindultrie ., ...0....0.0
Berarbeitung tierijdher Produkte . . . .
Nahrungsmittelindufjtrie . . .....
Chemijdhe Produkte . . .
Übrige Indultrie .
Sefamte Berarbeitungsindulktrie .
Bergbau: und Hüttenindultrie . . . ..
Rohlengruben + . 0 .0.0.00000
Eijenerzgruben . ....00..000
Übrige Erzgruben . . 2.000.004
Eijenhütten . ... .
3Zinfhütten .... BL LE WA
HejamteBergbau-u.Hüttenindultri-Die
 gelamte Induitrie . .......] 3319 | 363034 | 109

n

In der Gejamtindufjtrie Kongrek-Polens gebührt eine hervorragende
 Stelle den Grubenwerken, und zwar den Berg- und
Süttenwerfen, welde 2 % aller Anlagen daritellen und 13 0% der
gelamten Arbeiterzahl bejHäftigen,
Den [tärkften Zweig der Bergwerksproduktion bilden die Kohlengruben,
 den [Hwächlten die Erzgruben.
Die Berteilung der Arbeiterzahl unter HNeinere, mittlere
und größere Betriebe gibt einen Begriff des Konzentrierungsarades
der Berarbeitunasindultrie,

yabrifen mit

abrifen. | 0 | Arbeiter: | ö
/o /o
zahl zahl

Bis 50 Arbeitern 2275
50—100 ,, | 444
100—500 ,, | 407
über 500 1718

45121 14
32183 10
93751 29
“ '45610__ | _46
324 | 100 316665 100
        <pb n="186" />
        176 —

Die vorherrihende Zorm der Fabrikindujtrie ijt die großfapita-(ijtildje.
 Kleine Fabriken mit weniger als 50 Arbeitern bejdhäftigen nur
14 0% der Gejamtarbeiterzahl, die mittleren 39 %o, wogegen die größten
Anlagen fajt die Hälfte aller Arbeiter umfalfen.
Was die allgemeine indultrielle Lage Kongreß-Polens betrifft,
jo. Iteht es — nad) der Zahl der (in Betrieben mit über 50 Arbeitern)
bejhäftigten Yrbeiter im Verhältnis zur Einwohnerzahl beurteilt —
Deutidhland um das Dreifadhe nad, Öfterreih fajt um das Doppelte,
übertrifft jedoch anderthalb nod) Rukland. Das Verhältnis zu Preukilcdh-Schlefien
 entjpridHt dem Verhältnis zu Deutichland.
Sn den einzelnen Indufiriezweigen bejteht ein ähnlidjes Ver.
hältnis.
Die finanzielle Struktur der induftriellen Anlagen Kongreß-Polens
antiprad) ihren wirtjhaftliden Einridhtungen.
m Sahre 1912 zählte Polen 196 induftrielle Aktiengejellidhaften,
Das dabei beteiligte Kapital betrug gegen 550 Millionen Rubel, das
Mitienkapital 308 Millionen Rubel, die Gejamtdividende 22 Millionen
Rubel, was im Verhältnis zum ganzen beteiligten Kapital 4 % und
im Verhältnis zum Aktienkapital 6,8 % ausmadte. — Wenn wir auf
Grund der Erfahrung annehmen, daß das Kapital der Aktiengelellihaften
 ungefähr ein bis anderthalbmal während des Iahres umgelebt
wird, fehen wir, daß der annähernde Produktionswert aller Aitien:
gefellidhaften 600 bis 800 Millionen Rubel beträgt. Hieraus Kann
der Schluk gezogen werden, daß ungefähr drei Viertel der gefamten
Produktion Kongrek-Polens in MAitiengejelljdhaften Konzentriert ft.
Das Amortifationskfapital der induftriellen Aktienge[ellidaften
 beitrug im Jahre 1912 169 Millionen Rubel, [omit beinahe
35 0% des AWitienkapitals, was die gute finanzielle Lage der Mehrzahl
der SHndufjtrieunternehmungen vor dem Kriege beweilt.
Die erite Stelle in diefer HinjiHt nehmen der Bergbau und die
Hüttenwerke ein mit 77 % Amortijationskapital im Verhältnis zum
Mitienfapital (31 und 40 Millionen). Un zweiter Stelle reiht [id
die Teztilindujtrie mit 72 % Amortijationsfapital (114 Millionen
Aitienkapital und 83 Millionen Amortijationskapital), dann folgen
die Metallindujirie und Nahrungsmittelproduktion mit 60 und 32
Millionen Aktienkapital und 25 und 13 Millionen Amortijationsfapital;
 das Verhältnis diejer Pofition beträgt ziria 40 0%.
Hier muß bemerkt werden, daß, obgleid die hohe Amortijation
des Vermögens im allgemeinen von der guten wirt[Haftliden VBerwaltung
 der indufjtriellen Unternehmungen zeugt, dies für den Zeit“
punkt nad) dem Kriege dody nicht makgebend fein dürfte, da die polnijdhe
Snduftrie, der meijten Produktionsmittel entblökt, gezwungen fein wirb,
bie Fabriksinitallationen in großem Umfange zu erneuern.

we
mn

EN

nn
        <pb n="187" />
        — 177 —

1

.,

Bolen Hat die Naturalwirtjhaft zum größten Teil bereits übers
yunden und it in VBolkswirtjhaft eingetreten. Trogdem befindet ji
Polen noch auf einer gewijlen Entwidlungsitufe und ijt no nidht vollfommen
 Indultriejltaat im Sinne der weiteuropäi[den Verhältnijje geworden.
 Das „Zeitalter des Übergewidhts geiftiger YUrbeit‘“, wie es
der Nationalöfonom Conrad nennt, ijt alfo erft angebrochen. Dieljes
zeigt ih aud im Handwerk und in der Hausindulfjtrie. In
Polen Hat fidH in den Städten frühzeitig ein jtäbtijdes Handwerk
gebildet, aber wvielfad) gleichzeitig ein ländlihes Gewerbe, ein
Handwerk der Bauern, das teils den eigenen Bedarf an Kleidungsjtüden
 heritellte, (befannt [ind die bunten Lowiczer Bauernitoffe), teils
über den eigenen Bedarf hinaus Waren erzeugte; der ungenügende
Ertrag des ländlihen Bejiges war die VBeranlaffung dazu. Diele Hausindujtrie,
 befonders die Weberei, war falt durdhweg von den Iuden
für ihre Zwede dienjthar gemadt. Sie erteilten, von Dorf zu Dorf
wandernd, ihre Aufträge und nüßten infolge des Mangels an Berkehrsgelegenheiten
 die Notlage der bäuerlidhen Hausweber nad Möglichkeit
aus. Soweit die Hausinduftrie, vor allem das Handwerk, nidht an
den Herftellungsort gefejfelt war, führte fie zu einem Wander»
gewerbe. Nod) heute wandern allerlei Leute, zumeijt Juden, im Lande
herum und üben ihr Handwerk als Tilhler, Glafer, Schneider, Schujter
u. dal. aus. Früher fpielte das Handwerk in Bolen eine erheblich
größere Molle als in anderen Staaten; infolge der [päten Entitehung
der Kndultrie war es die einzige Quelle für die Heritelung tednijdher
Erzeugnijfe. Nu heute noch find mande Gegenjtände, die in Deut[d-[and
 längit von der Fabrikindujtrie erfakt find, noch. dem Handwerk
bzw. der Hausindujtrie vorbehalten, wie 3.3. Sdouhwaren und
Herrenfleider. So leben 3. B. in MWarfhau gegen 10000 Schulter,
die ihre Erzeugnijfe im Handbetrieb heritellen, und zwar ftellt id) die
Fertigware meriwürdigerweife billiger als diejenige der wenigen DOI-Handenen
 Schuhfabrifen. In Brzeziny wiederum, 20 km von Lodz entfernt,
 ijft der Hauptjig der Hausinduftrie für Herftelung von Herren-Heidern
 und des Kleiderhandels. Etwa 2000 Schneidermeijter werden
bier befcdhäftigt. 150 Unternehmer — Magazinäre genannt — geben
die zugefÄnittenen Kleidungsftüde an die Schneidermeijter weiter, die
mittels Gejellen und Lehrlingen auf Nähmajdinen die Waren fertigjtellen.
 Der Wert diejer Konfektion wird auf 7 Millionen Rubel
ge[häßt. Die Arbeiter erhielten früher einen äußerjt geringen Lohn,
täglid) 1—1,50 Rubel Arbeitslohn, es ij daher alles aud nur Schundware.
 Die Stoffe Kamen aus Lodz, Tomalzow und Zgierz, die Arbeiter
waren falt aus[Hließlig Juden.
Ein merfwürdiges Bindeglied zwijden Handwerk, Hausindufjtrie
und eigentlider Indujtrie waren in .Polen die fogenannten Mietse
"Die wirtichaftlihe Zukunft des Oftens &amp;gt;
        <pb n="188" />
        — 178 —

indujtrien. Modte es der Mangel an gefebliden Bejtimmungen
fein, mochte es vor allem das [Hwadhe Kapitalsvermögen der einzelnen
jein, jedenfalls Hatten jid in diejer Beziehung in Polen Verhältniffe
entwidelt, die in Deutjdhland volllommen unbekannt find. Es gab eine
Menge Fabriken, bei denen der Grund und Boden einem anderen
Eigentümer gehörte wie das Fubriigebäude; die Mafjdinen (Webjtühle)
 gehörten wieder einem anderen und wurden auch von diejem
nicht auf eigene Rechnung betrieben, jondern gehörten entweder mehreren
 Eigentümern oder wurden an mehrere oder einzelne auf bejtimmte
Zeit vermietet. Dak dies natürlidH äukerjt ungefunde VBerhältniffe
zur Folge Hatte und die [Hwierigjten jurijtijden Verwidlungen
ergeben fonnte, ijt far. Befonders in jüdijden Kreijen war bdieje
Art der Haus- oder Kleininduftrie nod) jehr beliebt und bildete oft
die Grundlage für [pätere gröhere Vermögen.
Warjhau ijt im Gegenjaßg zu dem grokinduftriellen Gouvernement
 Piotriow mehr der Bezirk der Kleinindujtrie und des Hands
werfs, 1901 3ählte es 657 Fabriken mit 65640 Arbeitern und 118,2
Millionen Rubel Produktionswert; 1894 bereits 10400 Handwerksmeifjter,
 die mit 26627 Gefellen und 18479 Lehrlingen Werte von
56,8 Millionen Rubel erzeugten.
Der Handel nahm bisher in Kongrekpolen noch nicht den Rang
und den Umfang ein, wie in den wirt]daftlid) fortgejdhrittenen Staaten
bes weltliden Europas. Das Kapital befand fih in großem Umfange
in Händen von Ausländern, befonders von Deutjdhen. Der Pole war
an Handel und Induftrie, mit ANusnahme der Iandwirt[dhaftliden Induftrie
 und einiger AktiengefelljHaften der Textilinduftrie, nur in geringem
 Make beteiligt. Das franzöjijhHe Kapital war in der polnijden
Snduftrie mit 60—70 Millionen Rubel beteiligt, das ru]lijdhe dagegen
nur mit 15—20 Millionen. EnglijdHe Beteiligungen betrugen ungefähr
5 Millionen Rubel, italienijHe und belgijdHe nur 1 Million. Ausländer,
 insbefondere Deutidhe, hatten vielfad) Zweigniederlafjungen und
Bertretungen ihHrer heimijden großen GejelljhHaften und Handelshäufer.
Die Textilfabrifen Polens hatten ihre Niederlagen, die fie für eigene
Rechnung betrieben. Es blieb demnad) für den Handel im groken Stil
nit viel zu hun übrig. Wie einen großen Teil feiner Kultur, fo
verdankte Polen aud den vorhandenen Handel im weitgehendjten Make
den Deutjchen. Die eingewanderten zahlreiden Deutjdhen waren neben
MWebern au Bergleute, Bauern und Gewerbetreibende aller Art, die
aus dem Welten her grökere Kulturaniprüde mitbradten. Infolgedefjen
 entwidelte [id von felbjt ein Haulierhandel, der aud) heute noch
in großem Umfange beiteht.
Zum weitaus größten Teil wird der Handel von Juden betrieben.
Belondere Handelsverhältnifie beitanden für die Erzeugnijje der groben

N

DM

TE?

A

a an
AP
        <pb n="189" />
        — 179 —

R

pP

3

€

n

e

“
9

A.

1

Tezxtilfabrifen; jeder Induftrielle war fein eigener Großhändler; er
Hatte feine eigenen Reijenden, die ganz Rußland und Alien bereiften
und die Fertigwaren anboten und verkauften.
Bon Bedeutung war der Handel in Warfhau. War[]hau ilt
mehr ein Handelszentrum als ein Indujtrieort; es ijt Knotenpunit
der wictigiten Eijenbahnen, es ift VBerlade- und Entladeplag ber
Weichjelijdhiffahrt. In Warfjdhan kamen allein per Waller von tal
aufwärts gelegenen Gegenden jährlid für 5 Millionen Rubel, von
talabwärts gelegenen für 7 Millionen Rubel Waren an, während 3u
Waller nach beiden Richtungen ungefähr für 3 Millionen Rubel Waren
verfandt wurden. Als Hauptjtadt des Landes, in der fidh alle Bejucher
aus der Provinz, vor allem die Landleute und Grokgrundbefiger im
Winter treffen, wo fie ihren Ein- und Verkauf an Getreide, Maldinen
und perfönliden Gegenftänden vornehmen, ijt Warfchau als Handelsplaßg
 auberordentlid günjtig gelegen. Ungeheure Mengen von Waren
lagen zu Friedenszeiten hier aufgejtapelt. Tee, Staffee, Hölzer, Pelze,
Seidenwaren, Teppide und anderes waren die Hauptartikel des Wars
jdauer Handels, die aus Rußland fommend hier verfauft und nad
dem Weiten verfrachtet wurden. Umgekehrt kamen Hölzer, Steine,
Wein, Düngemittel, Gerbjtoffe, Kolonialwaren und anderes aus dem
Weiten hier an und fanden über Warfhau ihren AWbjag in Polen
oder ihren Abflukß nad dem Innern Ruklands. Der Handel wurde
aber hier nod) nad) veralteten Grundläßen betrieben. Während im
Welten Europas jeder Kaufmann bemüht ijft, fein Kapital möglidjt
oft umzufeßen und daher in der Lage it, fig mit einem geringen
Berdienft zu begnügen, konnte der polnijde SHandelsherr infolge der
erfdhwerten Verkehrsverhältnifje und der weiten Entfernungen fein
Kapital jährlidh nit fo Häufig umjegen, er war daher auf einen
größeren Preiszu[dhlag angewiejen, der zumeijt recht bedeutend ijt und
alle Waren erheblid verteuert. Daher am es, daß der Pole einen
großen Teil feiner perfönliden Bedürfnifie im Auslande einfaufte und
dadurdy wieder ganze Handelszweige nidht aufblühen Ionnten. Bis
zum NYahre 1850 war der Handel falt aus[lieglid auf das eigentlidhe
Polen befhHränkt, da eine fejte ZoNljdhränke Polen von Rukland trennte,
Erft als diefe durd den Tarif vom 1. Januar 1851 befeitigt wurde,
fonnte der Handel Jidh allmähliH mehr und mehr entfalten.
Der Binnenhandel erjtredte jich Hauptjächlid auf die Ver.
jorgung der [tädtijhen Bevölferung mit Lebensmitteln und billigen
Kieidungs- und Bedarfsgegenjtänden. Befjere Kleidungs- und Luxus»
gegenjtände wurden aus dem Auslande: bezogen. Ein nicht wefjentlidher
Teil des Binnenhandels hefakte fihH mit der Lieferung tehnijder Ber
darfsartifel für die Induljtrie, welde zum großen Teil in Polen hHergeftellt
 wurden.
        <pb n="190" />
        — 180 —

Der ZwijdHen- und KettenhHandel fpielte feit jeher in Polen
eine befonders große Nolle. Die meijften Gegenjtände, die in den
Handel kommen, befonders die Iandwirt[HaftlidHen Erzeugniile, gehen
durch fünf bis fehs Hände, ehHe fie in den BeliH des Verbrauchers
gelangen. Auch diejer Mikfjtand verurfachte eine erheblide Preisjteigecung
 und verteuerte die Mare unermeklid. Begünftigt wurde diefjer
ungejunde Zwifldhenhandel durch das Fehlen von Handelszentren, von
Märkten, auf denen der Produzent unmittelbar [eine Waren dem Ver:
braucher anbieten und verkaufen Konnte. Der Wanderhandel, der
Ausgangspunkt in der Entwidlung eines modernen Handelsverkehrs,
blüht nod) im weitelten Make. Die fogenannten Jahrmärkte in den
fleinen Städten verlieren mehr und mehr an Bedeutung. Urjachen
dafür find die weiten Entfernungen, die Berbefjerung der Verkehrsitraßen
 und Eifenbahnen und die Berjhuldung der Bauern an die Juden.
Der Detail-, befonders der Produktenhandel, liegt zum
weitaus größten ‘Leil in den Händen der Juden. Der Iude Kauft
und verkauft alles, er bejdhafft den Hausfrauen die erforderlidhen
Qebensmittel, er Kauft den Bauern die Mild, das Getreide ad und
taujdht es gegen andere Waren ein und fährt es an die geeigneten
Berkaufsitellen; in den Heineren Städten beherrfhen die Juden volltommen
 den Handel. Sie fahren im Lande umher, führen Stoffe und
andere ähnlide Bedarfsartifel bei fiH und taufden diefe gegen Lebens»
mittel bei den Bauern ein. Die Erbauung von Marfkthallen in den Städten
MWarfhau und Lodz Hat einen gewijfjen Wandel gefgaffen, aber aud
hier Jieht man an den BVerkaufsfjtänden fajt nur Iuden als Händler;
der Bauer, die deut[/de Marktfrau fehlen fajt überall. In den jog.
Bazaren, einer Art von ftändigem Yahrmarkt, ijt es nicht anders.
Auch hier find es aus[hlieklid Yuden, die ihre Verkaufsjtände haben
und ihre zumeijlt minderwertigen Kurzwaren und Lebensmittel zum
Berkauf anbieten.
Au die Banken waren größtenteils in jüdijdhen Händen, Jofern
fie nicht rujjifldhes oder ausländijdes, zumeiflt deut[des Kapital ver:
traten. Bolnijdes Geld arbeitet nur in einigen größeren Bankhäujern
der Warfhauer Finanzgruppe. ÄÜhnlih it es im Grokhandel. im
Nuhrwejen und in der Schiffahrt.
Inwieweit [id der Großhandel mit Ein- und AWusfuhrhandel bejaBte
 oder nur Tranfithandel trieb, ijt fehr Ihwer feitzultellen. da
hierüber Itatijtijde Erhebungen fehlen.
Audy der Großhandel liegt zum Teil in den Händen der Iuden.
Die in Warfhau lagernden großen Borräte befinden [ih hHauptlächlich
im dortigen Iudenviertel, in Nalewtki.
Dab der Handel falt ausfHlieklid in den Händen der Juden
        <pb n="191" />
        181 —

8

a

N

1

{1

N

Ta

fiegt, ift auf ihre Stellung in Kongrekpolen bzw. ihr Verhaltnis zum
rujfiiden Staat zurüdzuführen. Im Anfang des 14. Jahrhunderts,
den deutjdhen Verfolgungen fidH entziehend, fanden die Juden Schuß
unter Kalimir von Polen. Da das kanonijdhHe Recht den Chrijten den
Geldhandel und Geldwechjel verbot, wandte [ih das Hauptinterejle
der Juden diefem Erwerbszweige zu, der bereits 1347 durd) das
„Statut von Wijlica“ den Juden gefegmäßig zuerkannt wurde. Unter
dem Einfluß ihrer Sprache und den Religionsbräuden zu[ammenhaltend,
jiedelten fie fig hauptjächlid) in Stäbten an.
Snfolge der rulfijgden GefjehHgebung über einen jüdijhen „Anjiedlungsrayon“*),
 die ein Abwandern der Iuden nad dem Olten
Rußlands verhindern [ollte, wandten ih die aus Rußland ausgewiejenen
Suden nad) Kongrekpolen, foweit fie nicht gänzlidH auswanderten. So
fommt es, daB in Polen im IYahre 1913 rund 2 Millionen Juden
vorhanden waren, das find etwa 15% der Gefamtbevölferung. Zum
jtändigen Aufenthalt außerhalb des Anfiedlungsrayons wurden nur
ausnahmsweife- einzelne Kategorien von Iuden, und zwar Leute mit
afademifcher Bildung, Grokkapitaliften (Kaufleute erjter Gilde) und gewilfe
 hochqualifizierte Handwerker zugelafjen. Bon diejen Ausnahmen
abgejehen, wurden die übrigen Yuden feit dem Iahre 1882 periodild
iminer von neuem mit aller Rüdfichtslofigfeit ausgewiefen und ver»
trieben. Außer diefen behördlidgen Mafjfenausweijungen trugen gleich»
falls die von der fanatijdhen rujjijdhen Bevölkerung infzenierten blutigen
 Yudenheken, die fogenannten „Pogrome“, aud) viel dazu bei,
daß Hunderttaufende von Juden nach den polnijdhen Landen hineingedrängt
 wurden; in der Zeit von 1893 bis 1909 Jind allein über
100000 Juden aus Rußland nach Kongrekpolen eingewandert.
Man findet unter den Juden in Polen Vertreter verfhiedeniter
Berufe. Es gibt unter ihnen Grokinduftrielle und VBankiers, Land»
wirte und Angehörige aller freien Berufe; ferner Gelehrte, Politiker
und Schriftiteller. Die Mehrzahl der Juden befteht aber aus Heinen
Rrämern, Straßenverkäufern und Haufierern, ferner aus allerlei Bermittlern,
 [ogenannten „Faktoren“, die eine Vermittlung primitiver Art
betreiben, die als Agenten und Informatoren gröherer Kaufleute und
Brivatperfonen ihr Brot verdienen; viele hefajfen fich au) mit dem
Transport von Waren. Es ijt dies ein in jeiner Art einziges Handels
proletariat, das buchjtäblig weder Einlage -nod) Betriebskapital bett,
 Jondern dusfhlieklid auf den Verdienjt des Tages angewiejen it.
Zahlreihe Juden find allerdings au Handmerker. Mande der am

DL
Ah

*) Zum weiteren Anftedlungsranon gehörten außer Kongreß-Polen au
andere Gebiete Ruklands, die früher mit dem arokpolniicdhen Reich vereinigt
MWDaren.
        <pb n="192" />
        182

ihledhteften bezahlten SHandwerke, wie die Slaferei und Klempneret,
jind fajt aus[dhlieBlidh in ihren Händen. Es find dies aber gewöhnlich
Handwerke, die nicht in eigenen MWerkjtätten, fondern in den Häufern
der Kunden ausgeübt werden, wodurd) es möglich wird, ohne An-[agefapital
 auszulommen und mit dem Handwerk die BejdHäftigung
eines „Faktors“ zu verbinden, Sn einer Reihe anderer Handwerke,
wie in der Schuhmaderei und Schneiderei, bilden die Yuden, eine niedere
Kategorie der [og. „Pfujder‘“, die billig und jHledht arbeiten. Eine
LieblingsbefhHäftigung der Iuden bildete früher in Polen das Schanfgewerbe;
 infolge der Einführung des jtaatlidhen Branntweinmonopols
jind aber diefe jüdijdhen Schankwirte von der Bildfläde verJdwunden.
Ziemlich viele Yuden betreiben pactweije die Mildwirtjdhaft, wobei
ein folder Pädhter in der Regel aud Handelsagent ijt. Eine weitere
Spezialität diejer Juden ijt die Padhtung von Obitgärten mit reifenden
Früchten. Ein großer Teil der Fleijder in Polen jind Kuden; bejonders
 in den Markitfleden RBolens finden fi fait aushlieklid jübilche
leider vor. — .
Die jüdijgen Kaufleute in Polen belhäftigen [id vorzugsweile
mit Getreide, Vieh- und Holzhandel.
Viele Yuden befhHäftigen fiH aud mit dem Geldhandel. Aus
ihnen rekrutiert [ih ein anfehnlider Teil der Bankiers aller Stufen,
von den Leitern und Miteigentümern der gröhten Finanzinjtitute bis
zu den Heinen Geldwechilern. Sehr viele von ihnen find aud zugleich
Pfandleiher und Wucherer, weldhe unter den ärmiten BevölkerungsjOihten
 in Stadt und Land operieren. Das Wuchergelchäft it insbefondere
 auf dem fladen Lande aufgeblüht.
Sm Verhältnis zur Gejamtzahl der in den einzelnen Berufsgruppen
 tätigen Perfonen weijen die Suden folgende Prozentjäge auf:
Handel 73,0; Induftrie und Handwerk 23,3; Transportwejen
22,4; freie Berufe 17,2; Häusliche Dienite und Tagelöhnerarbeit 12,4;
Landwirt/Haft 0,5.
Den vorhandenen Ziffern zufolge find von je 100 in Polen an-[älfigen
 SYuden tätig in folgenden Berufen:
Handels- und Transportwejen 42,5; Gewerbe und Ynduftrie 34,9;
häuslide Dienjte und Tagelöhner 8,3; undejtimmte BeidHäftigungen 6,6;
freie Berufe, Beamten: und Militärdienjt 5,4; Aderbau 2,3.
Sn Kongrekpolen Fommt den Iuden in der Tat eine durchaus
eigentümlidgje wirt/haftlide Rolle von hervorragender Bedeutung 3U,
und zwar nicht deshalb, weil [ih ein beträchtlidher Teil des im Lande
vorhandenen beweglidgen Vermögens in jüdilhen Händen vereinigt
findet; wie [hon erwähnt lebt hier die große. Mehrzahl der Iuden in
tiefer Dürftigieit und Elend dahin. Aber gerade weil dieje Proletarier
 fo fehr zahlreid find, weil fie falt alle (77 %o der gefamten

fr
        <pb n="193" />
        183 —

49

3

A

SS

a,
€
3t
n

11

übdijgHen EinwohHner]haft Polens und darunter fajt alle ärmeren Juden)
on demfelben finanziell-Fommerziellen Berufe Ieben wollen, und weil
ie überdies in völfijder und Kultureller Hinfjidht eine der Übrigen
Einwohnerfdhaft fremde, in veralteten Ideen befangene Gruppe daritellen,
 wirfen Jie auf die wirtfdhaftlide Entwidlung hemnend ein. Jedes
auf Reform des WirtjhHaftslebens abzielende Unternehmen Hat in Polen
nicht fo Jehr gegen die Konkurrenz als vielmehr gegen den injtinktiven
Widerftand der Yuden anzufämpfen, die in ihm ein Attentat auf
hr Handelsmonopol erbliden. So 3. B. bezictigen die Yuden die
Senoffen[haftsbewegung in Polen bheftändig des Antijemitismus, inem
 fie den Verbacht heben, dak das einzige Ziel diejer Bewegung
die Vernichtung des jüdifhen Volkes fei, während doch in Wirklichkeit
die polnijde Genoffenfhaftsbewegung ganz Ddiefelben Ziele verfolgt
mie diefe Bewegung in anderen Ländern. — Sogar der durdaus redtmäßige
 Vorgang, daK ein Chrijt in irgendeinem Marktfleden einen
Laden aufmadt, wird von den Iuden als eine Verlekung ihres Monopols
 aufgefakt; er veranlakt fie zu entipredenden Schritten, von
benen der Boykott nod) einer der mildelten ijt. Und doch ijt der
jüdilde Handel in jener Form, in der er JiH in Kongrekpolen 1100)
arhalten hat, nicht nur unfähig, feine Funktion innerhalb des nationalen
 MWirtidHaftsorganismus normal zu erfüllen, fondern er wirkt
zeradezu als Hemmichuh jedes wirtjdHaftliHen FortfjoHrittes.
Die traditionelle Eigenart der Iuden in Kongrekpolen ijt nod
jeht {tark entwidelt. Während in Wejteuropa das Ghetto nur mehr
zine Erinnerung aus vergangener Zeit daritellt, Hat es ih in Kongrekpolen
 bis heute nod) dur die Kraft der jüdijden Tradition erhalten.
Die Juden [ind es felbjt nämlich, die ih in argwöhnijder Wahrung
Ihrer Eigenart freiwillig in das Shetto zurüd einjAHliehen.
Sie leben ihr eigenes Geiftesleben und fprechen ihre eigene Sprade.
Es ijt dies ein verdorbenes Deutjh, ftark mit polnijden, rujlildhen
und Dbebräifgen Ausdrüden vermengt. Die Eigentümlichkeit diejer
Sprade („Siddifjh‘“) wird äußerlidH dadurh verltärkt, dak man fie
mit hebräilden Buchjtaben [hreibt und drucdt. Dieje Sprache, die in
Bolen „der jübdilHe Yargon“ oder kurzweg „Iargon“ Heikt, ft die
innere Verkehrsiprade des jübijhen Gemeinwejens in Polen. Nur
diefe Sprache it die hHäuslide Umgangsfprade der jüdijdhen Malfen,
in ihr lehren die Juden ihre Kinder, in ihr lejen fie ihre Bücher
und Zeitfhriften, in ihr hören fie Theaterftüde an. Die Mehrzahl der
Xuden in Polen ift mur diejer Sprade volllommen mächtig.
Durch eine eigene Sprade von ihren AHrijtliden Nachbarn abgefondert,
 mit ihnen nur im Kaufladen oder auf dem Marfkte in
Berührung kommend, leben die jüdijhen Mafjfen in gänzlicher Sjolieuna
 dahin, in einer Melt non eigenen Beariffen, Glaubensiäken und
        <pb n="194" />
        :— 184 —

Sitten, welde als ein Vermächtnis ihrer Urväter gelten und nur
auf dem Wege einer inneren, von der nihtjüdiflhen Augenwelt unabhängigen
 Entwidlung ergänzt werden. Der polnilde Jude Hält nod
immer an jener Tradition des auserwählten Volkes Felt, derzufolge
alles und jedes durgG Gott und für Gott gefdhieht. Die Religion
durchdringt buchjtäblih alles in feinem Leben, von den aNlgemeinlten
Moralgrundläken angefanaen bis zu den KHeinlichiten Einzelheiten des
tägligen Lebens.
Der teils in „jiddijhHer“, teil ins hHebräifdher Sprache in fpeziellen
Privatiqhulen erteilte ReligionsunterridHt ilt in Kongrekpolen der einzige
Unterricht, den der jüdifjd-orthodoxe Knabe empfängt. Theologie, Myltik,
und Kabbala find die einzigen Wiffenfhaften, die von den breiten
Schihten der orthodoxen Juden in großem Stile betrieben werden.
Schriftgelehrte, Kabbalijten und in exaltierter Frömmigkeit lebende
Männer, welde als Wundertäter gelten, ftehen hei den jübi/den Malen
in hohem Anfehen, wobei ihnen diefe Mafjfen in allem gehorfjam find.
Außer diefen Gelehrten aber, weldhe tatfächlih oft auf ihrem Gebiete
höchijt Tenntnisreide Leute und Ffeinfinnige Kommentatoren jind, Dbefindet
 fidH die weitaus größere Mehrzahl der Rabbiner auf einer jehr
niedrigen Bildungs= und Kulturktufe. Kein Wunder alfo, daß unter
dem Einfluß folder Leute und bei ungünftigen äußeren Bedingungen
die große Malie der Juden in tieffter Unwifjenheit derfunken it.
Die ruflilhe Negierung erließ für die Yuden in Polen eine Reihe
von Ausnahmebeltimmungen, wie fie [Hon früher für ihre Stammesund
 Glaubensgenoffen in Rußland gegolten Hatten. Zu den empfind-[ihften
 Borfhriften diejer Urt gehörte die FeltfeHung einer mazxtmalen
 Brozentnorm, über welde die Zahl der jübijchen Schüler
an den Gymnalien, HochfHhulen und anderen Sffentlihen Lehrannitalten
nicht hinausgehen durfte. Aber au auf anderen Gebieten des öffent:
liden Lebens fuchten die rullifhden Behörden die Kluft zwilhen den
Suden und der übrigen Bevölkerung Fünitlidh zu erweitern. Eine große
Anzahl von den den Yuden im Yahre 1862 verliehenen Rechten wurde
ihnen wieder genommen, fo das Necht, von Bauern Land zu Tfanfen,
um [id in den Dörfern niederzulaffen, gewiffe Zweige des Handels
3. B. mit Gegenftänden, die in einer gewifjen Beziehung zum griechi[d)-orthodoxen
 Kultus ftehen, zu betreiben, wie au nod) viele andere
Rechte. Überhaupt behandelte man fie als Staatsbürger zweiter KIaffe,
was natürlig bei den Juden einen Groll gegen die fie umgebende, ihnen
gegenüber relativ bevorzugte yolnilhe Bevöllerung hervorrufen und
nähren mukte.
Sm Großhandel, vor allem im Tranfitverkehr, wurden
neben Rohitoffen, wie Baumwolle, Wolle, Eifen, SI, Holz, vor allem
Rehensmittel und Landwirtichaftlihe Erzeuaniife aehandelt, mie Kleie,
        <pb n="195" />
        — 1855 —

Rüben, Zuder, fünftlide Düngemittel, ferner Tabak, Salz, Wein und
Petroleum. Einen jHweren Schlag Hatte der Getreidehandel durch
die Erridhtung der ftaatlidhen Getreidelilos und Umichlageltationen an
der Weichjel erlitten.
Die eingeführten Rohjtoffe verliegen Polen zumeilt wieder als
Vertig „oder Halbfabrikate, daher war bei vielen Stoffen die Ausfuhr
größer als die Einfuhr; fo überftieg 3. B. die Ausfuhr von Metallen
die Einfuhr um 4,3 Millionen Pud, von Metallwaren um 7 Millionen,
von Geweben um 3,7 Millionen Pud jährliH. Man Konnte demnach
Don einem eigentliden reinen Außenhandel Polens bisher nicht Iprecden.
Welde Einfuhrmengen in Polen [elbjt verbraucht wurden, bzw.
welde Ausfuhrmengen aus Polen ftammten, ijt nit feitzujtellen.
Lebtere werden mit Ausnahme von Kohlen, Erzen und landwirtihaftliden
 Erzeugniffen geringfügig fein.
Nach einer Statiftik des deut[H-ruffijden Vereins betrugen die
Einfuhr und Ausfuhr Bolens im Jahre:

bie Einfuhr 1900 1912
aus Deutfhland . . . . 100 Millionen Rubel 206 Millionen Rubel
„ DeiterreidhsUngamm . 20 „ 23
te Nusfuhr
nad Deutihland . ... 91 „ # 168 „ „
Deiterreidh-Unaarn - 8 # 28 . u

Die Steigerung der deutfjhHen Einfuhr dürfte vor allem in MaiOinen
 und eleftrilden Anlagen beitehen und ging zum aröhten Teil
auf Kolten Englands.
m DVergleid zu Rußland, wo auf 1000 Quadratwerft nur
10,7 Werft Eijenbahnen kommen, it Polen reid an Eijenbahnen,
zirfa 22km auf 1000 qkm; auf 1000 Seelen zirka 23.3 km. Insaelamt
hat Polen 2796 km Eifjenbahnen.
Obwohl jedody Polen Kukland gegenüber bevorzugt er[heint,
reihen die Eifjenbahnen bei weitem nidHt aus, den Bedürfnijlen des
Landes genügend Nedhnung zu tragen. Die Anlage der Bahnen erfolgte
ausfehließlid im ftrategijlden und politilden Interelfe ohne Rüdlicht
auf die wirtfHaftliden Bedürfniffe. Die Indujtrie mußte fig daher
nach) den vorhandenen und bzw. entjtehenden Bahnen richten, nicht
wie in anderen. Ländern die Eilenhahnen nah den vorhandenen
Sndultrien.
Bon den Eijenbahnverbindungen führten 8 Linien nad Deut]hland,
 und zwar über Srajewo— Mlana— Xhorn— Kali}z— Herby—
Sofnowiece— Mnyslowig, und nur ein Übergang nach Ölterreih-Ungarn
hei Giranica.
        <pb n="196" />
        — 186 —

Der weitaus größte Teil der Güter paflierte die polnijde Grenze
nur im Durggangsverkehr. Nur die eine Schlukfolgerung kann
man aus der hefferen Bahnverbindung mit Deutjdhland ziehen, dab
ber - Handelsverfehr mit Deutichland erheblidh aröker war als mit
Öiterreich-Ungarn.
Eijenbahngüterverkehr zwijden Deutjdland und Polen
(1918): Aus Polen: 721467 Tonnen; nad Polen: 2522151 Tonnen.
Obwohl in Polen die Eijenbahnen in den legten Nahren eine
nicht unerheblide Erweiterung fanden, reihen Jie für die Bedürfnijje
des Landes nicht aus. Die Landittraken behielten demnad) eine
erheblid) größere Bedeutung als bei uns in Deut[dhland. Sie gewannen
jogar an Wert und Wichtigkeit als Zufuhrjtraken 3u den ent|tandenen
Eijenbahnjtationen. Wer aber die polnijden Landijtraken fennt, weiß,
dak diefelben zweimal im Iahre, zur Zeit der Schnee[hmelze und
zur Zeit der herbliden Regen falt vollfommen unfahrbar und ungangbar
jind. Dies ijt wohl auf den, fumpfigen bzw. Iehmigen Untergrund
zurüdzuführen, der eine Schotterung der Straßen außerordentlich er-[wert
 bzw. verteuert. Ganz Polen beligt an Kunftitraken ftatiftild
fait 8800 km; wieviele von diejen Straken aber tat]äcliqh als Kunftjtraben
 ausgebaut waren, läßt fig nidt feltjtellen. Abgeflehen von
einigen großen von Weiten nad Often durchgehenden fogenannten Neichsjtraßen,
 die vom rulfijdhen Staat in gutem Zujtande erhalten wurden,
waren die fogenannten Gouvernementsjtraken [Hledt und anldheinend,
befonders vor dem Kriege, abjicdhtlih vernadläfligt.
Der aukferordentlih [Hledhte Zuftand der Walferitraken, die
infolge der Vernachläffigung dur die Regierung mehr und mehr
verfandeten, ihre Lage am Rande bzw. außerhalb der Indultriegebiete,
madcte ihre Verwendung als Handelsjtraken bisher nur in geringem
Umfange möglid. Die 412 km, die die Weichfel (Wijlla) durd) polnildes
 Gebiet fließt, ihre nicht unbedeutenden Nebenflüjfe, wie Bug
und Narew, find zur Schiffahrt kaum benugbar, für einen regelmäßigen
Dampferverkehr fajt unmöglid, da fie nicht reguliert find. Abhgefehen
von einer ausgedehnten HolzflökHerei, die bejonders im Tranlitverkehr
 mit Galizien eine Rolle fpielte und auf der Weicjel insgejamt
eine Menge von 31 141 469 Bud im Werte von 6,1 Millionen Rubel ausmachte,
 wurden bisher fajt nur Iandwirt}Haftliche Erzeugnifje zu Waljer
verfrachtet, wie Getreide, Kleie, Zuder, Rüben und Kartoffeln, außerdem
 Brennmaterialien, Steine, Ziegel und Hölzer, ferner Gerbitoffe,
Petroleum und Kolonialwaren. Für die anderen Rohjtoffe, wie 3. B.
Eijen, Kalk und Kohlen, Ianı der Wallerweg nur in beicheidenen Grenzen
in Frage.
Die Einfuhr auf dem Wafjferwege war aud Nur gering.
Die aroken Mengen ausländiiher Baumwolle, die in Polen verbraucht
        <pb n="197" />
        — 187 —

myurden, kamen aus[oHlieklidH per Bahn an. Nad) den Berichten des
Nielzawaer ZolNlamtes ergaben fih für das Jahr 1909 folgende Verfehrsziffern:


Ausfuhr nad dem Auslande:
Menge in taufend Pud: Wert in taufend Rubeln:
2171 11159

Einfuhr aus dem Auslande:
Menge in taufjend Pud: Wert in taufend Rubeln:
4639 3498

Die Menge und der Wert der Zufuhr ilt aNjährlid geltiegen,
nährend der Wert der Ausfuhr bei falt gleihbleibender Menge von
Xahr zu NYahr Jank. Bezüglid der eingeführten Waren ijt feine fta-Hiftilde
 Verteilung vorhanden; Dbetreffs der Ausfuhr fer nur fo viel
feitgeftellt, daß an Holz ujw. 30 Millionen Bud alljährlich den Weg
nach Deuticland fanden. Dann folgten:

Nleie mit. . . 0.0.04
Meizen „+ 0.0.0004 0
Roggen „+ 0000
Serjte „ Ve
Frblien .

1335133 Bud
384109
84.928
(28379
26 507

Sn Kongref-Polen bejtehen folgende Kanäle: 1. der Königs:
anal, aud Muchewice-Kanal genannt, noch unter König Stanislaus
Auguft im Yahre 1775 erbaut, verbindet die Pina, einen Nebenflukß der in
den Rripetj mündenden Yafiolda mit der Muchewice, itellt Jomit eine Berdindung
 zwildhen Dnjepr und Weichfjel her. 2. Der DOginffi-Kanal,
benfalls in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch Midjail Oginiki,
Sroßfeldherrn von Litauen, erbaut, verbindet die Saftolda mit der
der in den Niemen mündenden Szezara, fomit den Dnjepr mit dem
Niemen; 3. der Kanalvon Auguftow, von der Regierung des autonomen
 Stönigreidhes Polen 1824 erbaut, verbindet die in den Niemen mündende
 Czarna Hanjza mit der NMetta, einem Zufluß der Biebrza, welde in
den Narew mündet, er bildet jomit eine Verbindung zwilden Niemen
und Weichjel; 4. der von der rulfijden Regierung erbaute Berejina-Kanal
 verbindet die Berefina, einen Nebenfluk des Dnievr, mit der
UMa, einem Nebenfluß der Düna,
Statiftilde Angaben über den Verkehr auf diefen Kanälen fehlen;
infolge ihres fhledhten tedhnijHen Zujtandes verlieren die Kanäle mit
jedem NYahre mehr von ihrer alten Bedeutung für den Handel.
Aukerdem ijt der Bromberger Kanal von Bedeutung; er verbindet
 die Brahe mit der Nege und damit die Weichjel mit der Obder.
Er hat nur eine Länae von 26 km und wird von zahlreiden Flöken,
        <pb n="198" />
        188 —

Schiffen und Dampfern befahren. — Zu erwähnen ijt ferner der aud)
in das Meichjelitromgebiet fallende WeidhHfel-Dnjejtr-Kanal, der
yon der Sfterreidh-ungarifHen Negierung in Angriff genommen wurde
und die Weichjel, ausgehend von Krakau, mit dem Dnjeitr hei Zalelie
gerbinden fol. Der Kanal fol eine Länge von 338 km Haben und
wird befonders für die Jüdpolniihe Berawerkindultrie eine erhebliche
Bedeutung gewinnen. — — —
Von der Gejamtfläche entfielen in Kongrek-Polen im Sahre
1909 auf Aderland 56,34 0%, Wiejen und Weiden 14,77 %, Wald
18,5 0%, Gärten und Hofräume 3,88 V%, Odland und unbejtimmt
6,9 9%. Danadh nimmt in Polen das AWderland einen fehr erheblichen,
der Wald einen vergleidhsweifje geringen Umfang ein.
Zedhlin hat in feiner Wbhandlung über die „Bedeutung der
Bevölferungs- und Grundbefigverhältniffe in Polen“ gezeigt,
daß die große Bevölferungsdihte in der Eigenart der Jändlidhen
Berhältnifje begründet ijt. Für diele find die folgenden Tatlacdhen
befonders bhezeidhnend:
1. Über 57 0% des landwirtfhHaftlidH genukgten Bodens befinden
lid in den Händen des Kleingrundbhefjikes. Die Bauernitellen,
die daran den Hauptanteil tragen, [ind meijtens außerordentlid Nein;
dagegen ift die Anzahl der auf einer Stelle als Familie des Bauern
und als Arbeiter wohnenden Perjonen fehr groß. Im Gouvernement
Kalilz, das einen wohlhabenden und auf verhältnismähig grohen
Stellen angejeffenen Bauernitand hat, beträgt die DurdhiHnittsgröße
einer Bauernitelle 5,7 Hektar; auf jeder Stelle wohnen (wiederum
im Durofohnitt) 8,7 Perfonen. Die Größe der Bauernitellen jteigt
gewöhnlid in Gegenden mit geringerem Boden, die Anzahl der auf
den einzelnen Stellen wohnenden Perfonen vermindert ich aber, ie
Ihlechter die Bodenverhältnifje werden.
2, Nur zirka 35 0% der landwirt[HaftliH genukten Fläche gehören
 dem GroHgrundbefig. Bei weitem den größten Teil dieler
Beligungen bilden, befonders im Weidhfelboden, Güter bis 2000 Morgen.
 Der fogenannte größere Grundbelig mit Gütern über 2000 Morgen,
 der fo zahlreidh in den oftelbijden Provinzen Preukens vertreten
it, fritt in Polen gegenüber dem HMeineren Grokgrundbejig ganz in
den Hintergrund. Latifundien find nur wenige vorhanden.
Diefer Umftand übt auf die Benölferunasdichte einen einfchneidenden
 Einfluß aus.
Die Bodenverhältniffe Polens find denen in den preukijdhen
Oltprovinzen, befonders in Pofen, fjehr ähnlid. Dagegen fteht die
AderwirtiHaft an Intenfität der in der Provinz Pofen weit nad.
Vor allem fällt eine große Unausgeglidenheit der polnijhen Landmirtichaft
 inbezuag auf die Führung der einzelnen Betriebe auf, Neben
        <pb n="199" />
        189 —
(ehr intenfiven, muljtergültigen Wirtjdhaften liegen oft [dledht geführte
oder verwahrlolte Güter.
Wo der Grokgrundbelik überwiegt, oder wenigjtens ftark in den
Bordergrund dritt, ijt im allgemeinen die IandwirtjHaftliHe Kultur
Höher als in Kreijen mit vorwiegend Heinem Beliz. Die BelihHverteilung
 ijft mit ein Hauptgrund dafür, daß der AWderbau von Oltpolen
— mit Ausnahme des Gouvernements Lublin — bedeutend gegen den
von Wejtpolen abfällt.
Kongreß-Polen war nidHt in der Lage, fidH Telbit zu ernähren.
Sn der empfindlidhjten Weije war der Grokgrundbelig in Polen
dur die auf ihm ruhenden Servitute belajtet, durd weldhe die
Zand- und Forjtwirtfdhaft aukerordentlih beeinträchtigt und mirtichaftih
 ge[Hädigt wurde.
Während fidh die ruflijde Regierung bemühte, den Bauer materiell
möglidghjt unabhängig vom Gutsbeliger zu ftellen, hatte [ie es nidt
jür nötig befunden, aud) den Gutsbefiger in Unabhängigfeit vom
Bauern zu bringen. Denn fie hatte das den Bauern bei der Auf»
Hebung der Leibeigen|dHaft im Jahre 1864 verliehene Servitutenrecdt
 beibehalten. Die Bauern behielten das Recht auf Waldund
 Weidenugung fowie die Benugung von Fahr- und Fukwegen,
das fie fidh dur Gewohnheitsrecht oder hejondere Verträge und mündfide
 Abmadhungen erworben Hatten. Sie Ionnten aus den Gutswäldern
3. B. Bau- und Brennholz, Reifig und Blätter entnehmen und auf dem
Sutsader weiden. Diefle Rechte, an denen im Iahre 1864 335171
Bauernhöfe teilnahmen, erhielten aber erjt im Jahre 1870 GefjeHesfraft.
 Sie find nun zum allergrößten Teil bezüglidH ihHres wirtjHaftliden
 Wertes für die Bauern [ehr problematijdher Natur. Bor allen
Dingen haben die Rechte der Wald- und Weidebenugung kfkeinen Wert
mehr. Die meijten Wälder, die Heute nod) mit dem Servitut belajtet
Äind, ftehen unter dem Zeidhen des Verfalls. Seit Jahren ijt nicht nur
alles Laub, Reifig und Moos aus ihHnen hHerausgeholt worden, [ondern
aud) das Unterholz und die Baumrinde. Solde Wälder madjen mit
ihren ausgetretenen BViehljteigen und verfümmernden Bäumen einen
traurigen Eindrud. Der Servituteninhaber kann aus ihnen nichts mehr
herausholen oder er muß Holz ftehlen. Der Holzdiebjtahl ijt darum
aud) außerordentlid verbreitet und ein [tändiger Grund des Streites
zwilden den Gutsbeligern und Bauern. —
Ähnlich {teht es mit dem Weiderecdht. Wo die Gutsbejiker zu
einer modernen Feldwirt{hHaft übergegangen jind, wo [ie Meliorationen
der Wiefen durchgeführt Haben, da bemühen fie ih, das Bauernvieh
von ihrem Lande fernzuhalten. Sie erreidhen es, indem fie entweder
die zweite Heuernte fo mwät leaen. dak die Bauern von der Weide:
        <pb n="200" />
        190 —

berechtigung nichts mehr haben, oder indem fie, wo das immer nur
möglid) ijt, gleid) nad) der Getreideernte mit dem Unterpflügen. der
Stoppeln beginnen. Auch bei diefer Form der Servitute kann der
Bauer nur einen Nuben daraus ziehen, wenn er [ein Recht überjdreitet,
3 B. wenn er das Vieh auf ungemähte Wiefjen jchidt. Infolgedejfen
jind die Streitigkeiten zwilden Bauern und Gutsbeligern ohne Ende.
Ungeachtet des Schadens, den dieje Verhältnijje der Landwirtidaft
 in Polen zufügten, griff die tujjildhe Regierung abfichtlid) nicht
zin. — — Divide et impera! — —
Wo aber die Gutsbefiker auf AWblöjung der Servitute drangen,
beftanden die bäuerligen Servituteninhaber meift auf einer Wbfindung
durch Land.
Bis zum Jahre 1909 find auf dem Wege der Servitutenablöfung
194000 Hektar Land in die Hände der Bauern übergegangen; zurzeit
find etwa 20 0% der Servitute nody nicht abgelöft worden.
Bom Jahre 1870 bis 1909 Hat [ih die Gejamtfläde des Klein:
grundbejiges dur Parzellierung und Servitutenablöfung auf Kojten
des Grokgrundbejiges um 1493633 Hektar, d.h. um 33 00 einer uriprüngligen
 Ausdehnung vergrößert.
Ein Bild von den Anbauflägen und Ernteerträgen der
Hauptjädliden Nährfrücte wird durch die folgende, in deutidHe Make
bereits umgerechnete, von L. X. Fiedler veröffentlichte Statiltif ge
geben.
Ernteerträge vom Hektar in Doppekzentnern in Kongreß:
Bolen und in der Provinz Polen.

Fruchtart

Weizen ..
Roggen + +. +.
Serite . ... 0...
Hafer . . 2.0.0004
Rartoffeln . . .

in Rongreß-Polen

1905—1910 '

in Polen
durdhfHnNittlich
abgerundet)
1904— 1917

Mehrertrag in Pofen

in Dz3. | 9

99,9
1 70,0
20 ) 9 | 818
| 19 210 | .211,0
149 1 53 1 55.0

96

Die polniflden Erträge bleiben hinter den Pofener Zahlen weit
zurüd. SHieran ift zu ermefjen, wieviel in der polnijden Landwirt|daft
jeitens einer 3ielbewukten Regierung und feitens der einzelnen Gutsbefißer
 zu gejhehen. Hätte, um die Erträge auf die Höhe zu bringen,
welde bei den an fidH günfjtigen Bodenverhältnijfen erreichbar find.
Anbauflägden und Erträge der Hauptfrücte in Kongreß-Bolen
 (nad Fiedler):

x
ba

en
Kr

En

*

OR
&amp;gt;

N
a

He
ei
        <pb n="201" />
        191 -

Kongreß-Bolen

DurchfjHnittswerte |
nBolen für dieJahre
1906-—1910

Durchihnittswerte
apm Hektar in Da.

Ieizen

&amp;amp;
.

Maggen

Gerite

Hafer

Kart ttoln

”uderrüben

=
z
„&amp;gt;
".
8
5
4

1210

108

_ Betradtet man den Zeitraum von 1900 bis zum Ausbruch des
Weltkrieges, [fo weijen die AUnbaufläden jämtlider Hauptfrücte ein
dauerndes ziemlidy bedeutendes Anfjteigen auf. Bejonders ftark hat
iQ der Anbau von Kartoffeln und Zuderrüben ausgedehnt, was nidht
nur eine Nufnahme der „Produktion für den Markt‘, fondern vor
allem eine zunehmende Intenfivierung der polnijHen Landwirt|dhHaft
bedeutet. Gleichlaufend hiermit zeigt die polnijdhe Statijtik für Bucdweizen,
 Hirje, Linien, Lein, Hanf, d.h. für Pflanzen, die meijlt von
den Bauern in HMNeinfjten Feldjtüden für den eigenen Hausbedarf angebaut
werden, ein ftetiges Zurüdgehen der AUnbaufläde. In dem Jahr
3wölft von 1901—1913 haben die lekßtgenannten Pflanzen zirka 100 000
Morgen ihrer Unbaufläde eingebükt.
3m Kriege find die Unbauflädhen Jämtlider Kulturpflanzen zurüdgegangen.
 In Gebieten, in denen monatelang Stellungskfämpfe jtattgefunden
 haben, jind die BVerwültungen [o groß, daß dieje Stireden
erit nad) Jahren zu der normalen Bewirtichaftung werden zurüdfehren
Fönnen.

Zür die Yahre 1906—1912 haben [ih nad) den bei der Bauernıgrarbant
 abgejdhloflenen Verkäufen für den Morgen (= 0,51 Dekatinen)
 bie folgenden DurdhfhHnittspreile in den einzelnen Gouvernenents
 eraehben (in Ruheln):

4 2 8 LER op
Em lsie 2 ]|är EIS ia
23|5 3 2 EEE 2/23 213
3818 1% 19 19 | 5 '0 dd

‘

1912
1911
1910 |
.906-—09

‘60
137
130
113

202 O0 144 48 59 7 128
98 42 184 86 98 20 200 125 89
130 45 186 108 110 1:10 145 113 85 '
109 | 142 i156 | 78 | 86! 98 | 118 1109| —

173
144
172
128
        <pb n="202" />
        - 192 —

Bon allen Zweigen der Landwirt/Haft Hat die ViehzudhHt ohne
Zweifel am ftärfjten dur den Krieg ZU Jeiden. Polen vermochte
jeinen Fleijdhbedbarf [hon vor dem Kriege nicht jelbjt zu deden, jondern
war auf die Einfuhr rujjijdhen VBiehs angewiefen. Da diefes bei den
primitiven rullijlden AWufzuchtverhältniflen relativ billig war und auch
troß der hHinzukommenden Iransportkofjten und Spejen dem polnijdhen
Nbnehmer billig zu jtehen kam, drücte diefer Import felbftverftändlid
die Preije, die für einheimijhes Vieh gezahlt werden KIonnten.
Mit jteigender Ertragsfähigieit des Landes hat ji die MNahrungsmittelinduftrie
 bedeutend gehoben. Von 717 derartigen Unlagen
im Sahre 1901/02 ijt deren Zahl auf 3032 im Nahre 1910 geltiegen.
Neben den Brennereien find Kartoffeljtärke= und Kartvoffelflodenfabrifen
 entjtanden. Die Zahl der Zuderfabrifen ilt
in Bolen auf 53 geftiegen. Sie hatten 1913/14 eine Produktion von
über 3000000 Zentiner Zuder. Die meijten Zuderfahriken liegen in
dem Gouvernement MWarfhaw und zwar in dem Kreije Kutno,
Genauere Angaben über die infolge der rufli[dhen Tarifpolitit ganz
darniederliegende Müllerei können nidt gebradt werden. Windund
 Waffermühlen, ebenjo wie Heinere SGutsdampfmühlen find im
ganzen Lande verftreut. Gröhere indufjtrielle Mühlenanlagen [ind in
den fekten Jahren, vor dem Kriege, infolge der eigenartigen 3Zollver-Hältnijje
 mit Deutjdhland, an der deutjden Grenze entitanden, im
Snnern des Landes fehlen fie fajt gänzlid.
Nad den Angaben von Marcell Levy ijt in den Sahren 1907
bis 1910 durh[HnittliH pro Yahr aus Rußland viel mehr an Agrar
produkten eingeführt worden, als von Polen nad) Rußland ausgeführt
worden ijt; es betrugen die Mengen der jährligen Mehreinfuhr in
Bud (3 Pud= 1 Zentner):

Roggen. . +... 0.0... 2146600 Bud
Roggenmehl . . . . . + +. 242000 „
Srüße . .. Wu 2336000 „
Weizenmehl . 9103000 „
Hafer + . 5425000 ‚,
Es ilt Mar, daß die Überfhwemmung des polnijden Marktes mit
zuffilden Agrarprodukten zwar die Preije für den Verbraucher fenkte,
andererfeits aber der polnijden Landwirtfdhaft zum großen Teil den
AUnfporn zur Hebung der eigenen Produktionswirt]Haft nahm und die
Ernährung des Landes abhängig madte von der ruflijdgen Zufuhr.
Das meijte nad) Polen eingeführte Getreide Lam aus den Gouvernements
Saratow, Poltawa und Befjjarabien. Der Ausfall diejer Zufuhren
zufammen mit den Verwültungen, die dem Lande infolge des Krieges
nicht er[part blieben, verurjaden jeßt die Schwierigkeiten in der Ernährung
 der polniiden Bevölkerung

A
Sr

LI

IE

=
=*
„Ewar

Pe
Sb

SE ET
KA nl

A
        <pb n="203" />
        1938 —

1
)

1

4

=

nt

t

t

A

3

)=n


n

mn

7

=
:t
1

At

2,
n
ie

CL,
S

m
2

Sowohl die Erträge vom Bauern- wie vom Gutsland [ind |teigezungsfähig.
 Die rullijdhe Regierung hat aber die polnijde Landwirt-‚Haft
 nidt nur nicht gefördert, jondern mit allen Mitteln gehemmt.
Serade die Landwirt/hHaft Polens mußte bejonders [tark an der Müdtändigkeit
 des ruflijdhen Staatswejens leiden. — —
Die Eigenart der ruflijden GifenbahHntarife ermöglidHte und
förderte das Berjenden von Getreide und Mehl aus dem Innern Ruß-Jjands
 nad) den Grenzgebieten, d.h. nad Polen. Es ijt hier nicht der
Ort, diefe Frage näher zu erörtern; es fei nur erwähnt, daz die ruflihen
 Staffeltarife für Getreide und Mehl im Vergleid) zu den deutfden
von niedrigeren Anfangsjäßen für die Gewichts- und Stredenzinheit
 ausgingen;
auf weite Entfernungen (über 400 km) pro Einheit verhältnismäßig
 billiger wurden;
auf mittlere Entfernungen (100—400 km) pro Einheit teurer
waren;
für Mehl verhältnismäßig billigere Säge als für Getreide
hatten.
Bolen, weldes feine ZoNlgrenze gegen Rukland Hatte, war nicht in der
Rage, fidh gegen die Einflüjje, die eine derartige Tarifjpolitik Ruß:
lands auf die polnijdhe Landwirt/hHaft und Mühlenindultrie Haben
mußte und Hatte, zu [Hüßen. — —
Kongreß-Polen ift ein waldarmes Land. Nach feiner geographi-“hen
 Lage jedoch, feinem Klima und feinen Bodenverhältnijjen follte
Polen ein rechtes Waldland fein. Es unterliegt aud) keinem Zweifel,
daß Polen fidh früher eines ganz außerordentliden Waldreidhtums erfreut
 hat. NMody in der Mitte des 18. Yahrhunderts waren zwei
Drittel der Landesflähe mit Wald bededt. AWber jhon 1866 [Häkte
Dberforjtrat v. Berg in Iharandt das Bewaldungsprozent
Polens auf 33. Innerhalb eines Jahrhunderts war demnach die
Waldflähde um die Hälfte zujammenge[Hmokzen. Die Wuldfläche
3ing nod) weiter unaufhaltjam 3urüd. MWerekha gibt 1873
jür Polen ein Bewaldungsprozent von 27, v. Arnold 1893 nur
in [oldjes von 23 an, während Chrapowicki 1912 mit Bedauern
jeftjtellt, daK der Wald in Polen nur nod) 20 % der Landesfläcde
bededt und von Tag zu TYag abnimmt.
Wenn man dieje Ziffern richtig würdigen will, muß man aber
wijfen, daß in der rullijden Statijtit über die Bodenbenußgung groke
yläden als „Wald“ gebucht find, die in der Statijtik des Deutjdhen
Reids als OÖdland oder geringe Weiden nacdhgewiejen werden. Die
tat[ächlidHe Bewaldungsziffer Polens vor dem Beginn des Weltkrieges
wird daher noch beträchtliH unter 20 % gelegen haben.
Die wirtidHaftlidHe Zukunft des DOitens 3
        <pb n="204" />
        194 —

Um 3u zeigen, daz eine Jolde Bewaldungsziffer unzureichend
iit, muß man [ig erinnern, daß das Deutjhe Reid) bei einer Bewaldungsziffer
 von 25,9 % nur etwa vier Fünftel feines Hokzbedarfs
im eigenen Lande zu erzeugen vermag.
Nah amtlidHen Angaben umfakt das Waldareal Polens gegenwärtig
 eine Fläche von 2218000 Hektar, hiervon entfallen rund [eds
Zehntel auf den Grokgrundbefig, ein Zehntel auf den bäuerlichen
Belig, und etwa drei Zehntel ijt Staatsbeliß.
Vorherridhend find Kiefern- und FidHtenbeftände, dog gibt
es auch, HauptlächliH im Wejten und Südwelten, umfangreiche Eidhenwälder;
 die Buche findet-in Polen die öftlidHe Grenze ihrer natürlidhen
Berbreitung. Die Edeltanne ijt nur im Süden des Gouvernements
MWarihau hHeimifch; die Lärche tritt in den füdlidHen Teilen Polens
beftandbildend auf. Die Eibe (Taxus baccata) geht {tark zurüd und if
nur vereinzelt: zu. finden. — Die Hainbuche ijt im Mijdhwalde überall
vertreten. An Laubhölzern finden wir nod) mehr oder weniger
verbreitet die Birke, Wipe, Ahorn, Rüiter, Eiche und verihiedene Weidenarten.

Die Forftwirt[Haft fteht nidt entfernt auf der Höhe der
deutichen, troßdem die Oberleitung vieljad) in den Händen deutjdHer
Vachleute lag. Hauptgründe der Rücjtändigkeit find die Höchlt
nangelhaften Wegeverhältnijje und die wenigen Eijenbahnen. Die
Kronsforfjten [ind am bejten hewirtjhaftet. Die Forjtwirtjdhaft der
Srokgrundbeliger leidet, wie bereits [hon des näheren angeführt worden
 ift, ftarf unter dem 1864 der häuerliden Bevölkerung gewährten
Recht, ihren Holzbedarf abgabefrei aus dem „Herrenwalde“ zu Holen;
eben[o unter dem Recht des Bauern, im Gutswalde fein Vieh 3u
meiden.
Die Holzpreife find verhältnismäkig hoch, da das waldarme
Bolen feinen Holzbedarf nicht entfernt jelbjt dedt.
Über den Holzhandel und Holzbebarf it bereits an an
derer Stelle berichtet worden.
Der jährlide Holzertragswert der polnijden Wälder betrug
Ausbruch des. Weltkrieges annähernd 15,5 Millionen Rubel.
Dur. die Erfhütterungen des Weltkrieges ijt Polen auf allen
Sebieten feines Wirtjdhaftslebens ftark in Mitleiden]dhaft gezogen worden;
 der neue polnijdhe Staat wird daher alle Jeine Kräfte anipannen
müjfen, um das Wirt[haftsleben neu aufzubauen und es einer günftigen
Entwidlung entgegenzuführen. Wenn aud) die wirt[dHaftlidhen Borausjeßungen
 auf manden Gebieten als günitig gelten fönnen, [o
ergeben [id doch für den Staat ganz gewaltige WNufgaben, die er zu er»
füllen haben wird. um allen Anforderungen, die an ein mobernes

BDTE
        <pb n="205" />
        — 195 —

Staatswejen geitellt werden müffen, gerecht zu werden, und all die
idhwierigen wirtidhaftliden und fozialen Probleme zu löfen.
Man nimmt an, daß von der gefamten indujtriellen Produktion
 Polens nur zwei Fünftel im Lande felbjt verbraut wurden,
drei Fünftel aber nad) dem eigentliden Rukland Wblag fanden. In diejer
Abhängigkeit vom Abjag nad Rußland liegt jebt nad) er»
folgter Abtrennung von Rußland die Schwierigkeit der wirt|Haftlidhen
Entwidlung Polens. Denn Polen entwidelte jid zum SInduftrieland
und fann wer zu einem einjeitigen Agrarland zurüdge[Oraubt werden.
Befonders die polnijde Textilindujtrie wird in Zukunft mit dem
weitaus größten Teil ihrer Erzeugung auf die AWusfuhr nad) anderen
Qändern angewiefen fein, für die fie Feineswegs bejonders günftig liegt
und wo fie überlegenem Wettbewerb und Zokljdhranken begegnen würde.
Ühnlid würde es mit den anderen Indujtrien Hiegen.
Für Polen ijft aber der induftrielle Export die Quelle zur
Dedung des Ymports und der ausländijden VerjHuldung.
Die Möglichkeit irgendeines ausländijdHen Smports hängi
jonad mit der Ezijtenz der polnijden Indujtrie und ihrer regen Export
fähigfeit eng 3zuJammen.
Sollte die Ynduftrie nidt mehr Iebensfähig fein, dann verfhwindet
für Polen au die Möglichkeit, Jeine Bilanz aufrecht zu erhalten. Bei
[older Sachlage aber müfjen die Ajpiranten auf den polniiden Markt
aud von Ymportbejtrebungen Wbjtand nehmen.
Rolens wirt[haftlihe Lage wird aud) auf die politijge Zukunft
des Landes einen entidheidenden Einfluß ausüben. Diejfer Zujammenhang
 verdient Interejje; im Rahmen der vorliegenden Abhandlung
fönnen wir aber hierauf nicht näher eingehen. — -—
        <pb n="206" />
        Litauen
Bon Victor Jungfer, Freiburg

MAugdehnung des Gebietes

Die politilden Grenzen des litauifden Staates ftehen zur Zeit
nad) fajt Feiner RMidhtung hin fejt, da die Iriegerijden Verwidlungen,
namentlid) zwijden Litauen und Polen, noch nidHt zum Abjdhluk ge-(angt
 find. Die Frage: was gehört zu Litauen? wird verjdhieden be:
antwortet werden müjfjen, je nad)dem wir einen ge[HidHtlidhen, politijdHen,
jpracdlidhen oder ethHnographijden Makitab anlegen. In dem „Kitauiiden“
 Grodno, in der Gegend von Breft-Litow|t (lit. Furt), bei
Bialowies ujw. wohnen feine Litauer, haben au) vielleidht nie Joldhe
in größerer Anzahl gelebt, wenngleid) die ehemals rujlijden Gouvernements
 Grodno, Minik, ujlw. einmal zum „SGrogfürftentum Litauen“
gehört Haben. Cbenfo irreführend wirkt es, wenn jidH Heute nod
Bewohner diejer Gegenden als Litauer bezeidnen, ehemalige politiiche
Grenzen im Volisbewuktfjein aljo nod nachleben.
Sprachlig allein abzugrenzen ijt das Gebiet ebenjo [Hwer, da wir
oft, infolge der Spradentfremdung, die in Litauen weit um ih ge
griffen hat, eine ethnographijdh einheitlide Majje vorfinden, die, ohne
völfijdes Bewuktjein, unter dem Drud einer herr]henden, ihren Bejtrebungen
 aber fernjtehenden (polnijden) Oberfdhicht, [ih verleiten
ließ, ihre angejtammte Sprade zu mikadhten und teilweije preiszugeben.
 Immerhin ijt es der einzig möglidHe Weg, auf Grund der
Sprade Grenzen wenigjtens in rohen Umrifjen zu ziehen, die wir allerbings
 nad) ethnographijden Gelichtspunften teilmeije zu berichtigen gezwungen
 [ind
Das Gebiet, das wir unter diejen Borausjegungen als „Hitaui[ch“
bezeihnen, dürfte fiH aud) ungefähr mit den zu erwartenden Grenzen
des Staates Litauen deden, wenn die Regelung feiner Anjprücdhe im
Sinne der Gerechtigkeit erfolgen [ollte. Politijde Grenzen hat Litauen
unter rullijder Herridhaft nicht gehabt, Man fpradg) zuweilen von
„Jitaui[den Gouvernements‘“ und verftand darunter die Gouvernements
Kowno, Wilna und Grodno. Kür Grodno war, wie oben erwähnt,
        <pb n="207" />
        —_ 197 —

die Zugehörigkeit zum alten Litauerreidh für die Bezeihnung als Hitautjdes
 Gouvernement maßgebend.
Das ethnographijde Litauen, das uns im folgenden be[hHäftigen
joll, umfaßt im wefjentliden die ehemals rufjijhen Gouvernements
Kowno, Wilna und Suwalki und wird begrenzt im Norden von
Kurland — dem fübweftliden Teile der Republik Lettland — im
Wefjten vom Freijtadt Memel und Ofjtpreuken, im Süden von Grodno
und im Often und Südoften von den Gouvernements Witeb]t und Minfk.
Die Spracdhgrenze verläuft im Norden etwas anders, [o dak der Öitliche
Teil des Kreijes Nowo-Alexandrowfk (JüböfjtlidH Dünaburg) ausfdheidet.
Bei Polangen, nördlidg) Memel, ftößt Litauen mit 9 km Kültenlänge
ans Meer.
Im Süden verläuft die Spradhgrenze in der HIöhe von Goldap
Jüdöftlidh, [Hneidet den nördliden größeren Teil Suwalkis für Litauen
ab (ausgejdlofjen werden die Kreije Suwalfi und Auguftow), geht
dur Seinen und [dHliegt — nur bei Druskininkfen und Poriecz
— ein Meines Stüd des Gouvernements Grodno ein. Sie biegt fo
dann bis etwa Losduhnen nad) DOiten vor, befhreibt einen weiten nad
Sübolten geöffneten Bogen um Wilna, [vo daß Wilna, die Haupt»
jtadt des Landes, aukerhalb des litauifjden Spradgebietes
 liegt, und läuft dur) die Kreije Wilna und Swenzjanen,
bis fie endlidG dem ungefähren Lauf der Driswiata nach Norden folat.

Sand und Leute

Das umfdhriebene Gebiet befigt einen Flädheninhalt von 94 416 akm
und wurde 1914 von 4651000 Menjd)en bewohnt. Der Litauer teilt
jein Land, das er zum Unterfdhiede von „Kleinlitauen“, dem preukijden
 Litauen, Groklitauen nennt, ein in AuffdHtaiten oder Hodhlitauen,
 das [Jüdlide Litauen, und SdGOamaiten oder Niederlitauen,
das Gebiet nördlid) der Memel. Beide Gebiete Iajjen [id gefhHihHtlich,
efhnographijd und au fpraclidH fmMarf trennen. Die Sprade der
Schamaiten (deren Wbart das preukijhe Litauijdh ijt) verhält [ih zu
der der AYWukjdhHtaiten etwa wie plattdeutj{H zu hHochHdeut]h. Innerhalb
diejer exiftiert eine Fülle weiterer Ddialektijdher. Ver]dhiedenheiten, wos
dur dem Ausländer gewijffle Schwierigkeiten erwadjen. Eine Schrift»
[prade ft in jüngljter Zeit entjtanden und wird eifrig gepflegt.
Geologijh hat Litauen nidhts mit Rukland zu tun. Es kann mit
Ditpreuken vergliden werden. Schamaiten, das dem früheren Gouvernement
 Rowno entjpricht, ijt ein unregelmäßiges Hügelland mit Er
hHebungen bis zu 250 Meter. Quer dur Litauen zieht ih der preus
        <pb n="208" />
        198 —

Bifch-Hitaui[de Landrüden, der durdh die Städte SGumbinnen, Kowno,
Wilkomir und Friedrihfjtadt bezeidnet wird. Abzweigungen [ind die
„Taljher Berge“ im Nordwelten. Der Südolten Litauens ijt ein
flacdwelliges, jeendurdfektes Hügelland, das teilweije an Mafuren erinnert.
 Suwalti enthält im Norden eine Ehene mit wertvollen Waldbeitänden,
 wird nad Süden zu Hügeliger und verläuft gegen Grodno
in eintönigen Kiefernwäldern auf fandigem Boden, der deutlid auf
jeine Entjtehung aus prähijtorijder Gletjdherzeit Hinweilt.
Die Füljfe Litauens gehören fajt fämtlid zum Quellengebiet der
Memel. Zu nennen find außer diefer die Sche[Huppe in Suwalli, die
bei Kowno mündende Wilija mit der Schhwenta, die Nevejda mit
Daimonka und Sohuldhwa, die Dubijja, die Yura mit einigen Nebenjlüffen,
 die Minja und die Donja. Nordlitauen wird durchitrömt von
der Windan und den QuelNlflüffen der kurijdhen Aa. — —
Das Boll der Litauer it indogermanijher Herkunft und teht
sthnographifdh in der Mitte zwijhden den baltijdHen Bölfern, den Letten
und den ausgejtorbenen Preußen und Sudauern einerfeits, und den
jlawifden Bölfern andererfeits. Es ijt Heute nicht mehr von einheitligjer
 Ralfe, trogdem es im allgemeinen auf reines Blut hält. Zu
den Kreuzungen einer primitiven Zeit Kamen in neuerer andere, Jind
doch die Städte des Landes polnijh-jüdifh, der Grokbefiß polni[d,
während die Beamtenfdhaft feit fajt einem Iahrhundert ruffijd war
und die rullilde Soldatesia wirr zulammengewürfeltes MenjdHenmaterial
znthielt, So finden wir in Litauen Hell- und Dunkelhaarige, Langjhädel
 und Kurzlöpfe, Hocdhgewadjene und Mittelgroke. 9/,0 gehören
ber römi[dh-fatholildHen Kirdhe an, 1/,9 ilt reformiert und Iutheranifh,
 orthodox find Heute fajt nur nod) die wenigen rujlijden Noloniftendörfer.
 Die Juden Haben ihren eigenen [trengen Glauben bes
wahrt. —

Sefchichte

Unfere Kenntinifje der ältelten Gefhihte Litauens find geringe.
Erjt 1217 tritt es uns unter Rimgaudas als felbjtändiger Staat
entgegen, zu einer Zeit, wo nod) jtändig Sage und Gejdhichte durd)-einandergehen,
 und entwidelt [id 1235 zum Grokßfürftentum,
KRimgaudas Sohn, Mindaugas (Mindowg) ließ jiH taufen, zum
König Irönen, trat aus politijden Gründen dann wieder zum Heidentum
 3urüd und wurde 1261 von Verwandten ermordet, Aus den
Wirren, die nad feinem Tode eintraten, führte der vom Bolfe gewählte
Bitenis das Land zu neuer Gejundung.
Unter deffen Sohne, Gediminas (1315—1328) begann der große
politiide Aufichwung, der Litauen in die NMeihe der Grokmächte ein-
        <pb n="209" />
        199 —

teihßte. Gediminas eroberte die Fürftentumer Luck, Wladimir und Wol-Aynien,
 gründete die Städte Wilna und Torki und hHob namentlidh
dur Berufung deutjdher Mönche, Kaufleute und Handwerker die Kultur
des Landes, Zahlreide Kämpfe nit dem deutichen Ritterorden fallen
in dieje Zeit.
Nach feinem Tode braden Bürgerkriege aus, bis das in adht Teile
zerfallene Reid) unter Gediminas Söhnen, Algirdas und Kenjtutis,
aufs neue geeinigt wurde, Algirdas (Dilgerd) eroberte Pleskau, Nowgorod,
 Smolen|t und die Hälfte Galiziens. Er [Hlug die Tataren in
Bodolien, den rufjijden Großfürften Demetrius bei Mofhaijl. Kenjtutis
 Bielt die Nord- und Weftgrenzen des Landes in erbitterten
Kämpfen mit dem deutjden Orden, Damals reichte Litauen von der
Ditfee bis zum Schwarzen Meere,
Algirdas Sohn, Jagaila (Iagiello) vermählte [id mit der
polnijden Königstodhter YJadwiga und lieH jidH am 14. Februar 1386
in Krakau taufen. Litauen felbft trat er an feinen Better Bytautas
(Witowat) ab. Das Land war zu diejer Zeit kein gejAlofjener Nationaljtaat
 in unjerem Sinne, €s reichte fajt bis Moskau und umfakhte den
größten Teil Weiß- und Rofruklands. Nur der zehnte Teil der Be.
wohner beftand aus Litauern. Darin lag ein Keim der Zerjeßung,
jo groß aud) der militärijde und politijde Einfluß Litauens damals
war. 1410 fHlugen Vytautas und Yagaila den Orden in der Schlacht
bei Tannenberg.
Nad dem Tode des Vytautas, des hedeutenditen Nepräfentanten
der Kitauijdhen Gejdhidhte, wurde Grokfürjt Kafimir zugleid polnijdher
König. Seit 1501 find beide Länder [tändig durdg) Perfonalunion verbunden.
  Litauens Gejdhidhte erfdheint nun im Lichte der polnijdHen.
Der Reichstag von Ljublin bringt die Vereinigung aud) in innerpolitis
[den Staatsangelegenheiten, Litauen wird von Polen über]dwenmt.
Der niedere Adel geht im Polentum auf. Die Leideigen|dhaft wird
eingeführt. Überall traten BerfallserjhHeinungen auf, bis endlich die
polnijden Teilungen von 1772, 1773 und 1795 das vereinigte Bolen-Litauen
 als felbjtändigen Staat verjdhwinden lafjen. .
Der Teil Litauens jüdlihH der Memel am 1795 als „Neu=-Oftz
preuben“ an Preußen. Er murde 1807 durch Navoleon polnifjdh und
1830 ruffiich.

In den legten 60 Jahren ijt das völkijdhe Bewußtjein der Litauer
zu ungeahnter Stärke erwacht, bejonders durch die Kkatholijdhe Geiftlich:
feit gefördert. Eine Abwehr aller fremden, namentliH polnijden An:
jprüce ijft die Folge. Sie findet ihren AWusdrud in den Kämpfen
Litauens um das ihm gefhHidHtlidH und ethnographijh zugehörige Ge
biet — namentlich feine alte hiltoriidhe SHauptitabt Milna. .
        <pb n="210" />
        200

BevölFerungsdichte und BevslFerungsverteilung nach nationalen
Oruppen

Das Gebiet des ethHnographijhen Litauens ijt von feiner einheitlid
 litauifden Bevölterung bewohnt, wenngleid dieje natürlid prozeninal
 am ftärkften vertreten ijt. Um den Anteil der übrigen Nationen
jeftzujtellen, Jind wir leider auf die Höchlt ungenau und unwijfen]Haftlid
 durchgeführte große rullilde Boliszählung von 1897 angewiejen *).
Folgende Tabelle, in der id die Zahlen für Oftpreuken und Wejtpreuben
 von 1895 zum Vergleid mit angebe, veranjhaulicht zunächtt
ie Bevölferungsdichte Litauens:

Gouvernentents

Rownd. . .
Wilna . .
Suwalli .
Oitpreußen
WMeltnreuken

vVläcdhe ’n ak '

ı 09

ao

17
7002
05554 ;

Bevölferungszahl | auf 1 akm

1544564
„591 207
582913
2006689
1494360

38,4
38,0
47,3
54,2
58,5

Saigalat hat jedoch) mit Nedht darauf aufmerkjam gemadht, daß
in Litauen das platte Land ebenfo ftark hefiedelt ijt wie in den
preubijden Provinzen, worüber die Zahlen der lebten Rubrik nament-(id)
 nicht hinwegtäufden dürfen, da in Litauen nur 1/, der Bevölkerung
auf die wenigen Städte entfällt, im Gegenjag zu Deutfcdhland.
Das Bölferwirrwarr Litauens wird ebenfalls am beften durch eine
{urze Tabelle beleuchtet. (Anzahl in Taufenden.)

” Gouvernements

Kowno
davon in Städten

Ara

SE

Wilna |
bavon in Städten '

Ytauer!

I
Rolen! Yuden

Deut: | Groß: | Klein: | Weiß
Ihe Rulfen Rufen Rulfen

Qetten

L019,8 ' 139,6
16,5| 28,3

212,0 |
61,7

21,8
46

72,9 ' 1,7 ! 37,8 | 35,2
26,5 - 18 1,2
78,6 | 0,9 1891,9 | 0,5
36.8 15.1 —

279,9 ' 130,1
36! 528

202,4 | 3,9
852 22

Suwalii A 59,1 30,5 | 245 ] 2,0 | 26,6 | 0,1
davon in Städten | 681 19,8 | 29,5 | 3,8 111,3 ' 08 ' 0,7! —

Die aufgeftellte Tabelle ijft in verfdhiedener Beziehung wichtig.
Zunächft fehen wir, daß in den Gebieten von Kowno und Suwalki
die Litauer mit 66%, bzw. 52% den Hauptteil der Bevölkerung aus-*)

 Bal. meinen Auffjaß: Die Entvölferung von Kurland und das lettifche
Bevölferungsproblem. Baltiidhe Blätter. 2. Jahrg. Nr. 40-43.
        <pb n="211" />
        201 —

machen, im Gouvernement Wilna Hingegen nur 18%. Wir fehen
jerner, daß diefe Litauer nur zu einem ver[dwindenden Bruchteil in
den Städten wohnen, das platte Land Hingegen volllommen beherrjden.
 In den Städten überwiegt das polnijde und namentlich jüdijcdhe
Element. Dies günftige Zahlenverhältnis für die Polen im Bezirk
Suwalti erflärt id daraus, daß hier die Statijtik die rein polnijdhen
Kreife Suwalki und Augujtow mit 101000 Polen mit inhegreift,
 die, wie eingangs erwähnt, als nidt zum ethnographi[den
Litauen gehörige Grenzgebiete ausge[dhieden werden mülffen, was die
Stellung der Litauer prozentual bedeutend verbefjert. Das gleiche gilt
von den nidchtlitauijden Kreijen Wileika und Disna im Gouvernement
 Wilna, wodurdh fih die Zahl der zu Wilna gehörigen
Weikrulfen auf 545000 vermindern würde. Bezüglih diejer Weih:-rujfen
 hat Werbalis den ziemlich fidHeren Beweis erbracht, dak es lich
hier um entnationalijierte Litauer handelt, Er jagt: „Zuleßt ilt nod)
zu erwähnen, daß dieje ‚WeiHrujfen‘ felbjt, die fi von den Rulfjen
und den anderen Völfern nur durdhH die Konfelfion (röm.-kath.) zu
unterfdeiden verltehen, fiH am Häufigiten für Polen halten, und das
mit Rüdlidht auf ihr Glaubensbekenntnis *).“
Es fei in bdiefem Zufammenhange auf die Unterdrüdung des
[itauifgen Bolfes und feiner Sprache einerfeits dur Rußland hingewiejen
 — die mit allen Mitteln einfegende Rufjjifizierung Hatte fogar
das Drudverbot für litauifde Bücher von‘ 1864—1904 im Gefolge —
andererfeits auf den befonders nad) der Nevolution 1905 erwadhenden
Fanatismus, mit dem Polen und polonifierte Litauer im Gowvernement
 Wilna die Kitauilde Sprade bedrängten. Die polonifkierte Geijtlichteit
 JOrak in ihrem Chauvinismus nicht davor zurüd, die Titaui} he
Sprache von der Kanzel hHerab als „HeidnifhH‘“ zu verfjdHreien und die
[itauijde Geiftlichfeit. zu denunzieren. In einer BittjhHrift, die 70
[itauijde Prielter aus dem Bistum Wilna an Papft Pius X. am
1. Suni 1912 abfandten, heißt es wörtlid: „Machtlos fehen wir zu,
wie unfjere fatholijden Kirchen entweiht werden durch Befoffene, die
färmend unfere Predigten unterbrechen, unjere Gebethlicdher verbrennen,
das Volk gegen uns aufwiegeln und Frauen und Kinder, die auf
litauijd) beten, förperligH mikhandeln. Unfjere Kitauifden Bauern werden
 aefhlagen und verwundet, und menn lie fih mandmal ‚.. 3ZUr

*) Die BVerhältniffe unter diefen entnationalifterten Boltsiplittern im
Bölferkeilel des Bezirks Wilna zu erkennen, i{jt für Deutide ungeheuer [Hwierig,
da uns Tolche Gedankengänge vollitändig fern Hegen. Zu der legten Bemerkung
von MWerbelis fet angeführt, daß ih in Schamelken, wo man doch von „Entnationalifierung“
 Teineswegs reden Konnte, auf meine Frage nad der Nationalität
 von den Bauern überall die ftereotnne Antwort: „Yo bin’Katholit“.
befam.
        <pb n="212" />
        — 202 —

Wehr feken, dann mülfen fie oft [were Reprejfalien erfahren
von Jeiten einer Regierung, die [ih nur allzuleight von
den Hauptmännern der panpolnifden Banden einfangen
[äbt“ —
Dieje Zeilen mögen genügen, um den [tarfen Mitauifjdh-polnifjdhen
GegenJag an der Südgrenze des Landes, der politijdh und religiös
(troß des gleiden Befenntnifjes) ijt, zu beleuchten. Sie werfen aber
aud) ein eigenartiges Lit auf die oben befprodene Statijtikf, der. iQ
im weiteren folge.
Die Hohe Zahl der DeutfdhHen, namentliH in Suwalki, die
jür uns ganz befonders interejfant ijt, erflärt [id einerfeits aus der,
wenn aud) nur wenige Jahre dauernden Zugehörigieit des Landes
zu Preußen (Neu-Oftpreuken), andererfeits allerdings audy dadurch
mit, daß hier die zahlreiden deutfdHipredenden reformierten
Litauer einfad als Deutidhe regiftriert worden find.
Die für das Gouvernement Kowno angegebenen Letten wohnen
hauptJäcdlid) im Nordieil von Schamaiten an der Grenze Kurlands.
Außer diejen Bölkerfhaften finden wir in Litauen noch eine Anzahl
 Turko-Tataren (Tataren und IlHuwaldhen), befonders um
MWilna und Kalwarija herum, fowie in der Gegend von TIraken und
Poneviejd ein Häuflein Karaiten, ein Volk mongolildher Ralfe,
das fig zum molaifden Glauben bekennt. Sie treiben YWderbau, find
aber im Ausiterben beariffen, da He nur untereinander heiraten.

DBerteilung der Bevölkerung auf Berufsgruppen
Der Hauptteil der gefamten Bevölkerung ijt land oder forjtwirt-[Haftlid
 tätig. Die beruflide Gliederung ergibt jomit fein fehr abwech
 lungsreides Bild. Auf je 1000 Einwohner wurden in den einzelnen
 Berufen gezählt:

Gouvernes
ments

Land und
xoritmwirtichaft

Handwerk, In»
duitrie.Gewerbe

rivatdient


Handel und
Nerfkehr

Andere
Berufe

Rowng 686
Wilna . . :) 734
Suwalli . . 793

98 68 zl 81
] 88 52 61 | 65
1 N 692 1 4 ii 99

Die legte Spalte umfaßt die wenigen freien Berufe, die Beamten:
[Haft, das (rulflijdhe) Militär, die Geijtlidhtfeit, jowie Mentner, vom
Staate, öffentliHen Berbänden und Privatperfonen Bejoldete — aljo
größtenteils Nicdtlitauer. Das gleidhe gilt von der vorlekten Spalte,
da der Handel vor dem Kriege gänzlidH in jüdijHen Händen lag und
noch Heute liegt, und zum Teil auch von der zweiten Syalte, da auch
        <pb n="213" />
        503

das Handwerk in den Städten Hauptfächlig von Juden ausgeübt
nurde, ebenjo das Gewerbe. Die Indufjtrie befand [ih überwiegend
in deutjden Händen. Den Juden war der Belik von Land bis vor
furzem unterfagt.
Sn der erften Spalte aber Handelt es fihH zum weitaus überwiegenden
 Teil um fjelbijitändige Bauern, waren dog) von 100
jelbftändigen Perfonen im Gouwvernement Kowno 74,59, im Gouvernement
 Wilna jogar 79,63 in der Landwirtihaft tätig.

Handel und Fnduftrie

Die Induftrie beherr[ht nur ein geringes Feld, da die nötigen
Borausfekungen infolge des Mangels an Erzen und Kohlen fehlen.
Xn dem außerhalb des ethHnographifjhen Litauens Hegenden Kreije
Bialyjtod jei die bedeutende Tudinduljtrie erwähnt. (BVegründet
oon deutjhen Tucwebern, die auf dem Rüczuge Napoleons hier zurüdlieben.)
 Die Zahl der dortigen Spinnereien, Webereien und Xuchfabrifen
 wird 1907 auf 334 angegeben. Innerhalb des eigentliden
Litauens fannı man Wilna eher als Handels- denn als Yndufjtriejtadt
anjpreden. Wir finden hier die Schokoladenfabrif Bi:toria, fowie
zinige Gerbereien, Ziegeleien und Grokmühlen. Es fehlt jedoch jeder
Zufammen[Hluß. 55 Werke befhäftigten mehr als 50 Arbeiter, 3 über
500, Tfeins über 1000. Eine großzügige Anlage ijt die Senjenfabrit
yer Lübeder Firma Poffehl in Wileika*). In Kowno finden wir vor
allem zwei deutjde Metallfabriken, die Schrauben- und Drahtfabrit
der Gebrüder Tillmanns (1600 Arbeiter) und die Schmidtihe Schlokfabrit
 (800 Arbeiter). Beide jind hezüglid Rohjtoffe und Kohle auf
deutihe Einfuhr angewiejen. Eine Knochen und Leimfabrik, einige
bedeutende Brennereien, zwei Zündholzfabriken, vor allem jedod) eine
itändig fteigende Zahl von Sägewerfen und Holz[Hneidemühlen maden
Kowno zur hedeutendjten Indujtrieltadbt Litauens, Im Gouvernement
Suwalti treffen wir eine an Umfang geringe Indufjtrie namentlid
im Kreile Wilfowildhken in deutfhen Händen an. Litauer haben id
an Sndultriegründungen bisher felten beteiligt. Inpildh Kitauiid it
eigentlig) nur die Hausinduftrie,
An Bedeutung [teht in Litauen die Metallindujtrie an erlter
Stelle. Die Holzverarbeitungsindujtrie ijt weniger entwidelt.
Bolz wurde in Stämmen oder zer[Hnitten auf dem Wajferwege abs
transportiert. Für den Iransport fertiger Waren liegen Hier die
Wegeverhältnille zu ungünitiga. Die Lederindultrie hat eine ge

*) An der Bahnitation Nemunek fet nodh eine Glasfabrit mit 550 Ars
beitern genannt,
        <pb n="214" />
        204

wijje Bodenftändigkeit. Wir finden in ShHaulen und Wilna gröhere
mafldinell! eingerichtete Unternehmen. Die verarbeiteten Häute waren
iqwere, größtenteils überfeeijde. Die einheimijhen wurden vor dem
Kriege nidHt nad) Nordamerika und Deutfjhland ausgeführt*). Die
Lederfabrit Fränkel in Schaulen hatte ein Jahr vor dem Kriege eine
eigene Gerbitoffabrit angelegt. Die Hemijde Induljtrie ijt bes
deutungslos. Wuker Seifen= und Olfabrifen exijtieren nur drei Farben»
jabrifen und- vier Fabriken von AWpothekerartifeln. Die Tabakinduitrie
 ift in Wilna vertreten, die berühmte A. 6. Scherejhewiy (MagHorfa-Tabak,
 Zigaretten) befindet fiH in Grodno, aljo außerhalb
fitauijden Gebietes. Die Lebensmittelinduftrie ijt vertreten durch
zahlreide Getreidemüllereien, Brauereien und Brennereien ohne bes
jondere Bedeutung, abgefehen von Mildhwirt]dHaftsbetrieben. Berg»
und Süttenwejen fehlt. Erwähnt jeien die Kalkgruben von
WilfowijdHhken, die Gipslager von Biozen und JohannijHkele, zahlreide
 [Höne LehHmlager, die fowohl für Dränrshren wie für feinere
Tonwaren Material Kiefern Iönnen und zum Schlukz die reichlid) vor:
handenen Torflager**).
Aus dem bisher Gejagten ergibt ih, daß die Kitauijhe Yuduftrie
auf engen Anjdluß an ihre Land- und Forjtwirtjhaft angewiefen ift,
Hier Kiegt ihr natürliher Standort. Ihr Gebiet ijt damit um]Hrieben. —
Zentralpunit des Kitauifjden Handels, namentlidH für Holz und
Pelzwaren ijt Wilna, vielleicht der einzige Ort, wo ein Großhandel in
unjerem Sinne ezxijtiert. Daneben blüht das KommifjjionsgejHäft, be-[onders
 auf dem Gebiete des Holkz- und Fladhshandels. Der Handel
iit an den größeren Zentralen teilweije fehr lebhaft, aber auf das
Gebiet des Binnenverkehrs hejhränikt. In den MNeineren Orten treffen
wir Laden- und Marktverfehr an. Nur der leßtere liegt in litauijdhen
Händen. Bon Wichtigkeit jind die berühmten Kitauijden Pferde: und
Sahrmärkte, (Markt auf dem Lukijdhkiplakg in Wilna.) Ihre Zahl
betrug 1911 im Gouvernement Kowno 354, im Gouvernement Wilna
219, Sie werden von Taujenden bejucht. Meijtens dauern fie ein bis
zwei Tage. Auf dem Lande blüht der jüdildhe Haujierhandel. Bei dem
unausgebildeten Geldverkehr war, namentlid) in Meinen Orten im Frieden
 der Tau[hhandel jehr verbreitet. (Der Krieg hat hier für Litauen
alfo nidts Neues gebracht.)
Wie groß der Anteil des litauilden Handels in feir
nen ver[diedenen Formen am internationalen Warenverfehr
 war und ik, Iäkt id ziffernmäßig nidHt felt-*)
 In Kowno und Wilna beftehen Schhuhfabrifen, die Ihr befferes Ober
leder meijt aus Deutidhland bezogen.
**) Ein großes Torfmoor im Kownver Walde begann die deutihe Ver
waltung: während des Krieges auszubauen.
        <pb n="215" />
        205 —

jtellen. Während des Krieges Hatte die deutjde Verwaltung AWbtei-[ung
 Ojt die litauijde Indufjtrie gänzlid zu Heereszweden umgewandelt,
 den freien Großhandel, wo er bheftand, unterbunden und die Be-“haffung
 von NMohlitoffen aus dem Lande in eigene Hand genommen.

Mus: und Einfuhr

Die Einfuhr Litauens erftredt fidH hHauptjäcdhliH auf Mafjdhinen,
Getreide, fünitliden Dünger, Galanterie- und Manufakturwaren, die
Nusfuhr auf Roggen, Gerfte, Holz, Leinjaat, Fladhs. Im Grenzhandel
 wurden hejonders Pferde, Butter, Eier und Gänfe nad) Deut[h-[and
 ausgeführt. Die Hauptausfuhr ging über die rujjijhen Zoll
itationen Windau, Lidau, Iurburg und Wirballen.
Unbedingt an erjter Stelle der litauijhen Ausfuhr teht das Holz.
In den erften jehs Monaten des Jahres 1913 wurde für über elf
Millionen Pfund Sterling Holz, für englijde Rednung, die Düna hinabgeflößt.
 Die Holzausfuhr Litauens nad) Deutjdhland hatte vor dem
Kriege einen Wert von jährliH 20 Millionen Mark. Tilfit und Memel
verdanken diejem Handel einen groben Teil ihres heutigen Wohl-[tandes.
 |
Genauere Daten jtehen leider nur für den Getreide-Cxport und
Import bezüglig der ehemaligen Gouvernements Kowno und Wilna
in den NYahren 1900—1902 zur Berfügung *).

SGouvernement

oizen

Yoaaen ' Hafer

Rownd . . . .' ‘“Y) - - 494 1248
Wilna ....| 1860 |— 1927 -- 37
[Zahlen in 1000 Bud. Mehreinfuhr (—), Mehrausfuhr (A).]

Gerite
112
— 518

Nur das nördlide Litauen hat allo für Hafer und Gerijte eine
Mehrausfuhr zu verzeidhnen. Die Zahlen find zu beachten, da man
id) vielfad) ein faljhes Bild von den derzeitigen Getreideexportmöglichfeiten
 Litauens macht, nicht zum wenigjten deshalb, weil die
deutjde Verwaltung unter dem Drud der Verhältnifje während des
Krieges dadurch, daß fie das Volk auf Inappe Nationen fekte, beträdtlide
 Getreidemengen zur AWusfuhr bringen konnte**). Dak [id
die Getreideausfuhr Litauens bedeutend heben lHieke, darüber befteht
natürlid) fein Zweifel. Zur Zeit muß jedoch bas oben Gelagte gelten.

*) SJurowiiy, Der rufliidhe Getreideexport. Berlin 1910.
**) Bol. hier Ajdmies: Litauen, S. 51 und Schlidhting: Bilder aus Litauen.
L. Mufl., S. 11, demaengenüber Geiaalat: Litauen, S. 111.
        <pb n="216" />
        206

Berkehrsverhältniffe
Die bhefonderen Schwierigkeiten, die dem itauijden Handel ent»
gegenftehen, find in den völlig unausgebildeten Verkehrsverhältnijjen
zu [ucdhen. Die folgende Statijtik aus dem Jahre 1913, bzw. 1911 gibt
über Zahl und Bedeutung der beftehenden Verkehrswege Aufichluk.
(Länae in Werit.)

Eilenbahnen }  Binnenwaiteritraben

Gouvernements

Rowno ..
Wilna . .
Suwalli -

1

Ed

4
„8

+
;
;
%

=
7
A:
»zp =
29

371
1242
. | Q8

Oiltpreuken hat 25/,mal foviel Eijenbahnen wie Wilna, fünfnal
joviel wie Kowno, aber etwa zwanzigmal foviel Chaufijeen wie die
beiden Gouvernements.
Die wichtigjte Eijenbahnlinie, die Litauen durdHquert, ijt die Linie
Wirbalen— Kowno— Ko[dhedary—Wilna—Dünaburg, die vor dem
Kriege Königsberg mit St. Petersburg verband. Ebhenjo durdh|chneidet
die große Linie Libau—Schaulen— Wilna—Rowno Litauen und läuft
zwijden Kojdedary und Wilna mit erfterer parallel. Hinter Radziwilijdhfi
 trennt JidH von ihr die Strede Poneviejdh—Kupijdhki— Raki[dhki
(nad) Dünaburg), die ihrerjeits durch eine 100 km lange Kleinbahn über
UZienen—Saldugijdhki mit der Strede Wilna—Dünaburg verbunden ft.
Nordlitauen wird berührt von der Linie Memel—Bajohren—Pres
huln, die hier in die Strede Libau—Wilna einmündet. Bon Murawjewo
 ab zweigt eine Teilftrede nad) Mitau, Die zweite Eijenbahnlinie,
die Schamaiten durdjHneidet, läuft von Tilfit über Laugszargen nach
dem nördliden Bahnknotenpunit Schaulen. Die Fortjegung führt über
Sanijcdhti ebenfalls nad) Mitau. Im füddöljtliden Litauen ijt Wilna
ber wicdhtigjte Bahniknotenpunit, Bon hier aus geht, abgejehen von
der oben genannten direkten Verbindung mit Königsberg, Libau und
Petersburg, die große Bahnlinie Grodro— Warfdhau mit ihren Nebenitreden
 Oranen—Olita-— Suwalki und SGrodno—Suwalki, Eine direkte
Verbindung Marggrabowa— Suwalki belteht.
Chau]feen gibt es in Schamaiten nur zwei, die ältere Strake
Taurvagen— Schaulen— WMitau (160 km in Litauen) und die 1863
        <pb n="217" />
        „207 —

zrbaute Chaufjfee Kowno—Ianow— Wilfomir—Dünaburg, die Litauen
in 200 km Länge durchquert. Im Süden feien die Chauffeen Wilna—
Wabalninfen und Wilna—SchHirwind genannt.
Neben den Chauffeen erwähnt die rufjijdhe Statijtit nod Kies»
wege in bedeutender Länge. In Ddiefe Jind jedohH aud) die gewöhnfiden
 Landwege mit einge[Hloffen, die nur jelten ohne Schwierig:
feiten befahrbar find. Brüden fehlen vielfad) oder [ind zerfallen. Die
wictigeren diejer Land- und Pojtwege wurden zu ruflijder Zeit von
den Beligern der anliegenden Ort{Haften inftand gehalten. Die Länge
ber zu unterhaltenden Wegijtrede richtete ih nad) der Größe des Bejißtums
 und wurde durch numerierte Steine längs der Strake be
zeidhnet. Bei dem Zujtand diejer Wege, von dem lid ein Nidtkenner
feinen Begriff madjen kann, war der Erfolg einer [oldhen „Ausbelfe
rung‘ jedod) eher negativ als poljitiv. Im Winter liegen die BVBerhältnijje
 wefjentlid) günftiger.
Einen gewijfen AWusgleid für die troftlofen Wegeverhältnijje bies
ten die zahlreiden Wafferverbindungen, die in Litauen nod
günitiger find als in dem fonjt aud) gut geitellten Rußland. Für die
Injtandhaltung ijft no wenig getan. Der einzige [Oiffbare FIuk
Litauens, die Memel, weijt — im SGegenjag zur Kegulierung auf
deutjder Seite — von Kowno bis zur Grenze nod) jtarfe Verjandungen
 und Steinrifje auf, ijt aber aud bei niedrigjtem Wallerjtande
für Ladetiefen bis ein Meter (Lafjtfähne bis 300 %) befahrbar. Der
Kownver Memelhafen wurde während des Krieges von Deut/hland
aus Landesmitteln gefhaffen. Eine Fahrrinne von 1,50 m wäre für
die Memel leicht zu Ihaffen. Das gleidhe gilt von der Wilija. Nod
günftiger liegen die Verhältnijje bei-der Nevejdha, die eine Durd-|Onittstiefe
 von drei Meter hat, fomit von groken Schiffen befahren
werben fann.
Die übrigen Walferftraken Icmmen fajt fämtlidH mur für die
lökerei in Frage, für die im Frühling übrigens jeder Bad ausgenußt
Mirb.

Kanäle gibt es im eigentliHen Litauen nit, Für den Jitaui[dhen
Handel von Wichtigkeit ijt jedod der Augujtow-Kanal (200 km),
zine teils fün[tlide teils natürlide Wafjerftrake zwi[den Bobr—Narew
und der Memel. Der Kanal ift 1825—1837 erbaut mit 11,5 Meter
Sohlenbreite und 20 Meter Spiegelbreite bei voller Füllung auf 1,43
Meter Tiefe, Grohe Weicjelfähne (mit über 40 Meter Länge und
über ein Meter Tiefgang) Können jedohH nur im Frühjahr und Herbit
auf den an den Kanal anjhliekenden Flukijtreden fahren, Benugt wird
er meift von Heinen Barfen von 40—70 t für den Getreidetransport
DDR der Memel nad Marighau.
        <pb n="218" />
        208 -—

Von größerer Wichtigkeit ijt der Ogin[ki- Kanal, der die
Schara, einen linfen Nebenfluß der Memel, mit dem Pripet und
weiter mit dem Dnjepr und dem Schwarzen Meere verbindet (Länge
100 km).

Klima und Bodenbefchaffenheit
Abgejehen vom weftligen Shamaiten, wo [id der Einfluß der
Ditjee geltend madt, ijt das Klima Litauens KIontinentaler als das
Ultpreukens. Die Kälte nimmt von Welten nad Olten zu. Die Januar
temperatur beträgt in WejtjdHamaiten — 31° C, in MitteljdHamaiten
— 5° C und im öftliden Teile — 6 bis 7°C. Ebhenfo nimmt die Yuliwärme
 von NW nad) SO zu. Sie beträgt in Kowno + 17 bis 18°C,
in Wilna + 181% bis 191° C, in Grodno über 20°C. Vier Monate
iteht die Temperatur unter 0°. Der Frühling Jegt jedodh jehr plößlich
ein. Die Vegetation ijt im April gewöhnlidhH weiter als in Ofjtpreuken.
Infolge der Nälje des undränierten AWders beginnt die Bejtellung jedoch
erit Ende April.
Die Nieder] Hläge entjpredhen den mittleren Nieder[Hhlägen Oftpreußens.
 Überwiegend find Weftwinde, im Januar mehr aus Südweit,
 im Yuli aus Nordweit fommend.
Der Boden ijt diluvialen Ur]prungs, feine Geftaltung der Oltpreukens
 gleid. ANuvium finden wir in den Fluktälern, Mooren und
Sümpfen. Den beften Boden enthält Schamaiten, lehHmreide Kalk:
böden treffen wir an der Grenze Lettlands an. Hier wird auch mehr
Weizen angebaut. Das gleidhe gilt in verftärkftem Make für Suwalki.
Im ehemaligen Gouvernement Wilna hHerrihen leidhte und Mittelbaden
vor, zuweilen von Schhwarzerde und Lehmboden unterbrochen.

Bodenverteilung

Das Ktauijdhe Gebiet enthält 36% Ader, 18% Wald, 13% Wiefen,
1% Weide, 212% Gartenland und 232% Unland, Wege ufw. Die
Bauern bejiken etwa 50—55% des Bodens, rund 35% entfällt auf
die Güter, der Reft ift Staatsland. Die DurdhfHnittsgröße eines Bauern-Hofes
 ijt etwa 50 Morgen. An einem Kräftigen Bauernjtande fehlt es
jomit nicht. Ungefunder Parzellen- und Zwergbefig, der in Polen 3. B.
den Kernpunit des Agrarproblems bildet, tritt in Litauen volfommen
zurüd,
Infolge der extenfiven Bewirt/dHaftung hHerriht jedoch trokdem
unter den Bauern Landhunger. Da feine Indultrie die über]hüfligen
Bolisiräfte in zureidendem Make aufnehmen Ionnte, die Arbeits»
gelegenheit auf den groben Gütern infolge der unzureihenden Ent:
        <pb n="219" />
        209 —

[ohnung eine geringe war, der Bauer jein Anwejen aber ungern teilte,
gab Litauen vor dem Kriege jährlich fajt feinen gejamten Geburten
über[duß an Nordamerika ab, wo zur Zeit falt ein Drittel des Litauervolfes
 wohnt.
Sm Gegenfag zu Rukland, wo bis vor kurzem die Mir-Verfaljung
herricdhte, ijt in Litauen fajt durdweg das Sondereigentum verbreitet,
Sinderlidy für eine rationelle Bewirtfhaftung ijt jedod) die überall
— abgefjeben von Suwalti — beftehende „Gemengelage“, In einzelnen
Landitridhen ijt allerdings mit der „Verkoppelung‘“ begonnen worden,
Man Hat hier gute Fortjhritte innerhalb weniger Yahre erzielt. Im
Bezirt Kowno find zur Zeit 1/,, im Bezirk Wilna 1/, aller Höfe verfoppelt.
 Damit beginnt eine der erjten Borbedingungen für eine intenlivere
 Wirtihaftsform als die bisherige zum größten Teil übliche
„Dreifelderwirtjhaft‘“ erfüllt zu werden. Der nidtbäuerlidhe Beliß be:
findet fi fajt durdhweg in der Hand von AWdligen, meijt Polen bzw.
polonifierten Litauern. Yuf den Befiß der Kirdhe entfällt noch nidt
zin Prozent. Ebhenjo tritt der bürgerlide Befig volliommen zurüd,
Das Verhältnis zwijHen Bauer und Grokgrundbefiker ijt kein
gutes, ba hier zu den fozialen nod) die nationalen Gegenläge treten,
Berihärft wird der GegenjakK noch dadur-Hh, daß fidh fait der gejamte
Mald in den Händen des Grokbelikes befindet — abgelehen von den
Fisialiidhen Beitänden.

rund: und Bodenpreife vor dem Kriege
Die litauijden Borkriegspreife für Land dürfen nicht ohne weiteres
in deutide Friedenswährung umgerechnet werden. Eine volljtändig
andere Wirtijdhaftslage prägt [id hier aus. So wie fi die Preife für
Getreide, Erbjen, Kartoffeln und Heu in Litauen 11/2—2mal niedriger
itellten als auf dem Königsberger Markte, jo wie ih das unanfjehnliche
litaui[de Landvieh mit den hHohgezücteten deutjHen Nofjen überhaupt
nicht vergleichen läht*), fo wie endiid die geringen Löhne bei [Hmalen
Gütererträgen den BVerhältnijfen diefes Landes angepaßt waren, das
in der Hauptjadhe für Jidh felbjt produzierte und in dem ein Au Bert
geringer Bargeldumlauf herridte — fo waren aud) die mittleren
 Kaufpreife für Land entjpredjend niedrig. Die folgende Tabelle
gilt für Land, das die Bauern felbjt gekauft haben. Die Preife veriteben
 fig für 1 ha im Durchichnitt der angegebenen Yahre (Vreile in
Ward.

*) Urbeitspferde Kofteten im DurdHjdhnitt 150 M., Ochfen 130 M., Milch»
tühe 100 M., Schweine 30 M., Schafe 10 M.
Die mirtichaftliche Zukunft des DOitens
        <pb n="220" />
        210 —

Gouvernements

1901—1905 ! 1906 | 1907 | 1908 | 1909 | 1910 [1911 | 1912

Rownd . . .. 150 154 ;@
Wilna + | 170 | 170 | 162 ı
Zuwalli ... 302

nA

1/4

3 04 192
186 140 | 146
246 | 330 | 348

202
180

Die Preije bewegen [id allo im Durdhjdhnitt zwilden 150 und
300 Mark. Für Oftpreuken betrugen fie in den gleiden Iahren 300
bis 400 Mark, bei bejferem Boden bis 1000 Mark. —
Der Krieg Hat natürlid eine volljtändige Revolutionierung der
Preije wie in allen Ländern gebracht. Das Land ijt mit Papiergeld,
namentlid) deut]dem, überjdhwemmt. Über die Entwidlung der Bodenpreife
 während des Krieges läßt fidh nidts Jagen, da die deutiche
Berwaltung jeden Handel mit Land verboten Hatte. Die augenblidliden
 VBerhältnijje find aber noch zu wenig [tabilijiert, als daß Ungaben
 mit irgend welcher Sicherheit gemacht werden Könnten.

Wirtfchafttiche BVorausfekungen und Entwicklungsmöglichkeiten
Der Krieg hat in Litauen nicht allzu viel vernichtet, wenn auch
die Kämpfe bei Schaulen, an der Dubijja ujw. traurige Spuren hinter-[affen
 haben. Menngleidh ih es ablehnen möchte, Litauen „das Land
anbegrenzter Möglichkeiten“ *) zu nennen, fo find doch zu bedeutende
Entwidlungsmöglicdhfeiten gegeben, als dak man über fie Itill-IOweigend
 hinweggehen fönnte.
Die wirtjdHaftlidgen Borausjegungen, die hierfür nötig
jind, find teilweifje in den Unterjudungen und Arbeiten der deutjdhen
Verwaltung für Litauen während feiner Bejegung niedergelegt**). Entwidlungsfähig
 in hohem Grade ijt vor allem die Landwirt[hHaft.
Grundlegende Borbedingung ift hier eine Ausgejtaltung der Verkehrs»
wege und =mittel. In Betracht käme eine Dränage in großem Stil,
Berforgung mit fünfjtlidgem Dünger (dort, wo die Waljerfrage gelöft
ift), Befhaffung von Mafjdhinen und befferem Saatgut an Stelle der
bisherigen heruntergewirt/dhafteten Sorten, Einführung von ausländiidem
 BiehH und Belehrung der kandwirt[Haftliden Bevölferung über
zationellere, der eigentümligden Natur des Landes angepaßte
 Wirtjhaftsformen, Bei uns üblide Methoden lajfen jidh natürlid)
 nidt überall übertragen. — Anfänge find vielerorts gemacht. Die
(andwirtiHaftlihe Lehranitalt Datnow, die Verluchsitattonen Beifagola

*) Schlidting, Bilder aus Litauen. S. 16.
**) Verweijen möchte ih auf das von der deutjhen Verwaltung herausgegebene
 Werk: Das Land Ob.-Oft, das einige wertvolle von Fachleuten ger
iOriebene Aufläge über Htauilche Wirtidhaft enthält.
        <pb n="221" />
        211 —

und Bieninkonie und die Wderbaujhule IJohannijHkele legen Zeugnis
davon ab. Die Intenfivierung des AWderbaus Hehe [ich allerdings nur
allmählig durchführen.
Der Obfitbau, bisher hHauptjäcdliH — abgejehen von Gutsplantagen
 — in Heinen Hausgärten betrieben, ließe id weiter ausgeltalten.
 Bor dem Kriege lieferte das Gouvernement Komno allein jährlid
170000 Zentner Obijt an die großen wejteuropäijden Zentralen. Nament-[ich
 eine gefteigerte Erdbeeriultur verfpräche Erfolg.
Die Wafjjerkraft der Flüfjje it no) völlig unausgenüßt.
Stauwehranlagen fönnten weite Streden mit Elektrizität verjorgen.
Die Holzausfuhr bleibt nad) wie vor befonders wichtig. Wber
bie Bejtände find hier nicht uner[Höpflid. Maßlojer Raubbau ijt getrieben
 worden. In weitem Umfkreije find dort, wo die Waljerverhältnijje
 den AWbtransport ermöglichten, die Wälder niedergejHlagen
worden. Neues Wachstum wurde dem Unflug überlafjen. Die Statiftik
für Kowno von 1910 gibt 620000 ha Wald an gegen 900000 im
Sahre 1887! Eine rationelle Forftiultur Hätte aljo einzujeßen*). In
den beftehenden Indujtrien jtehen Jider Umwandlungen bevor. Man-Hes
 Frühere wird vielleidht verfhwinden, Neues Könnte fih aufbauen.
Das Gebiet wird jedoch hejhränkt bleiben. Inwieweit die bisherigen
teilweije überlebten Formen des Handels fid) umgeltalten werden,
 kann jet während der Übergangszeit nicht vorausgejagt werden. —
Zur Bejdaffung der beträchtliden Mittel, die ein wirtjHaftlicher
Neuaufbau erfordert, wäre der Genofjen[haftsgedanke zu beleben, der
Real und Perjonaliredit auszubauen. Auch hier heitehen überall ver-Ipredhende
 Anfänge. — — —

te

Anmerkung:
Die ftatiitifdhen Aufftellungen Hüßgen fidH auf folgende Werke,
au fonjt benußt wurden:
Müller, Stattit. HandbudH für Kurland und Litauen. Iena, SG. Fiicher

1918.
Stalweit, LandwirtjHaft In d. Kit. Gouvernements, Jena, SG. Fijdher 1918,
Werbelis, Ruff. Litauen. Statiit. ethnoar. Betrachtungen. Stuttgart,
Schrader 1918.

€
N

*) Der Waldbeftand Litauens betrug 1910 für das Gouvernement Kowno
300000 ha. Milna 107250 ha. Sumaltt 220380 ha. zulammen allo 1848530 ha,
        <pb n="222" />
        Die Baltifchen Lande
Bon W. von Maydell

Unter dem Namen: die Baltijden Lande, falfen wir die Gebiete
der heutigen Nepubliken Ejtland und Lettland zujammen, die Iulture
Siltorifjd und wirt[Haftlih, foweit fie die früheren baltijden Provinzen
 Ejtland, Livland und Kurland umfafjjen, bis in die jüngjte VBergangenheit
 innerlid zufammenhängen; dazu zählen jegt no: im Nordweiten
 des Gouvernements Pleskiau das Ländchen der „Settus‘“*) und
dann die LandjhHaft Lettgallen, die zulegt zum Gouvernement Witebik,
in alter Zeit aber zu Livland gehörte.
Un der Oftfjeeküfte erftreden fid) die Baltijden Lande von der
Nordoftgrenze des heutigen Memelgebiets bis zur Mündung der Nazowa
 in den Finnijden Meerbufen; im Ojten begrenzt [ie der Wafferlauf
 der Narowa und der Peipusfjee bis zur Südweit]pige feines Aus
läufers — des Plesiaujden Sees; dann verläuft die Ojtgrenze weiter
jüdwärts in der Richtung auf das Dünaknie bei Drijja (S]tlidH Düna-5urg),
 wobei ethnographijd nördlih großruflijdhes und füdlidh weißruflilhes
 Land angrenzt. Die Südgrenze lehnt jidH an litauifhes Land.
Die heutigen Republiien Ejtland (Eejti) und Lettland (Latwija)
ind als de facto, d. h. tat]ädlid beftehend von einigen Mächten anerfannt,
 von anderen nicht. Eine AWnerfennung als de jure, d. h. von
Rechts wegen BGejtehender Staaten Haben fie bisher nicht erreichen
fönnen.
Die Republit Ejtland umfakt die frühere Provinz Ejtland, die
nördlidHe Hälfte Livlands, im Nordweiten des Gouvernements Plesfau
 das fogenannte Settuland, die Infeln Defel, Dagoe, Moon, Worms
und eine Anzahl Heinerer Injeln in den Kültengewälflern und hat
einen Flädheninhalt von etwa 46000 qkm. (Die Grenze gegen Lett-[and
 it no nidHt genau feftgelegt.)
Die Republik Lettland umfakt Kurland, die [üblidHe Hälfte von
Livland, Lettgallen, das zum Gouvernement Witeb]t gehörte, und daran
angrenzend einen Heinen Landitreijen des Gouvernements Pleskau.
Der Fläcdeninhalt Lettlands beträgt etwa 67000 qkm. (Die Grenzen

*) Griechifidh-orthodozer Eliten, die einen befonderen Dialekt Iprechen.
        <pb n="223" />
        213 —

gegen Ejtland, gegen Sowjetrukland, gegen MWeikrußland und gegen
Litauen |tehen noch nicht felt.)
Die Gefjamtgröße des ganzen Gebietes beträgt mithin etwa
113000 qkm, wovon auf die früheren baltijgden Provinzen Ejtland,
Livland, Kurland und die zugehörigen Injeln 93800 qkm entfallen.
Die Bevölkerungszahl des ganzen Gebiets betrug vor dem Kriege
über drei Millionen; die Bevölferungsdihte 29 Einwohner auf den
Quadratkilometer — gegen 120 im DeutjhHen Reich und 300 im Königreid)
 Sachjen *).
Die Verteilung der Bevölkerung auf die einzelnen Nationalitäten
und Glaubensbefenntinilie war vor dem Kriege folgende:

Nationalitäten:
DeutidHe — in Livland, Kurland, Ejtland und auf den Infeln . .
Letten und Lettgallen — meilt im jebigen Lettland . . . .
Eliten — meijt im jebigen Ejtland. . . . . 20
in den früheren baltiidjen Provinzen . . . . . 130000
unten {in dem von Eitland im Often gewonnenen Gebiet 10000 **) U 290000
in dem von Lettland im Often gewonnenen Gebiet 150000
Polen — in Kurland, Lettgallen, Riga . . . -
Litauer — in Südkurland und Riga . . . + -
Schweden — auf eltländiihen Infeln . . .. 0.0.0.0 +4 44
Kuden — Hauptfächlid in Kurland, in Lettgallen und audH in Riga
Andere +. . . ..

Glaubensbekfenniniffe:
Broteftanten: Deutfdhe, Letten, Eliten, Schweden . .. . +...
GriechtiH=orthodoz: Ruffen, Letten, Eliten, (lektere bejonders im
Settu=-Land + 0 0 0 nn
Sriechilh-Fatholtih-altgläubig: Rulfen (befonders in Lettgallen) .
Römifch-Iatholijdh: Lettgallen, Polen, Litauer . . . . .. 0
Mofaiidh . . . +
Ändere. .....0.0.0 14 KR
Sn den früheren „baltijdHen Provinzen“ — dem Kern des ganzen
 Gebiets — gaben die drei bodenjtändigen Nationalitäten: Deutide,
Letten und Eiten dem Lande den Charakter. Die Ruljen waren ein
mehr fluftuwierendes Element, gehörten zum größten Teil der Beamten-{haft
 und dem Militär an und waren in größerer Zahl erft infolge
der von der NMeichsregierung gewollten Nuffifizierung ins Land ge
fommen.

2000000

350000
125000
430000
120000

*) Bergleidhsweifle: Griedenland mit Kreta (vor dem Kriege):
120063 qakm — 4699000 Einwohner
Dänemark mit Island und Farder (vor dem Kriege):
145153 gkm — 2860000 Einwohner
**) Davon mehr als-!/, MWetkrulfen,
        <pb n="224" />
        — 214 —
Die Landeskirche der baltijden Provinzen war die evangeli[d)-utherijde.

Die Landesge[HidhHte ft ein Stüd deut/der Vergangenheit.
DeutiHe feefahrende Kaufleute hatten [don in der zweiten Hälfte
des 12. Sahrhunderts den Weg in die Düna gefunden und trieben am
Unterlauf des Stromes — alljährlid wiederfehrend — LTaufdhandel,
Sie brachten Werkzeuge und Waffen, Shmud, Wein, Gewebe und
Salz. Dagegen taufchten fie Wachs und Relzwerk, Häute, Flahs
und Talg.
Die an Zahl unbedeutenden Volksjtämme, die das Land be
mohnten, waren primitive Aderbauer; fie befahen weder eine Schriftipradje,
 noch eine [taatlidhe Organifation, nur gegen äußere Feinde
vereinigten [id) die Bewohner einer Gegend unter ber Führung von
Häuptlingen.
Na dem finnif[dH-ugrifgen VBolisjtamm der Liven, den die Deut»
ihen zuerft kennen lernten, nannten fie das Land Livland, und diefer
Name bezeichnete lange Zeit das ganze Gebiet, das fiQ fpäter in Eljtland,
 Livland und Kurland gliederte und zu dem damals aud) Lettgallen
 gehörte,
Dem deutjhen Handel folgte bald die Mijlionstätigieit der römijcdhfatholijgden
 Kirde und die deut[dHe Städtegründung (zuerjt 1201 —
Riga); der deutfde Orden, der gleichzeitig in Preußen gebot, bejeftigte
 dann die deutfhe Herridhaft in Alt-Livland, die dreieinhalb
Xahrkunderte lang in einem Iolen Zulammenhang mit dem damaligen
Deutidhen Neid) beftand.
Gegen Ende des 15. Yahrhunderts Hatte die gewaltjame Ex:
panfion des Moskauer Zarenjtaats in der NRidtung nad) Weiten be:
zonnen. Sie wurde für Alt-Livland zum Verhängnis. Im Jahre
1502 gelang es nod) dem ivländijhen Ordensmeifter Wolter von
Blettenberg unter Aufbietung aller Kräfte des Landes das angreifende
zuflilde Heer zu [AHlagen und Hierdurdh die Gefahr für ein halbes
Nahrhundert zu bannen. AWber zur Regierungszeit des Zaren Swan IV.,
des Graufamen, braden mordend und verwüftend ruljijdhe Heerhaufen
nieder ins Land ein, und im Jahre 1560 fank bei Ermes auf dem
Schlachtfelde die Ordensfahne. Das Deutjdhe Neid) erwies fig als ohnmächtig,
 die erbetene und zugefagte Hilfe zu Teilten, und nad) jahre
langer verheerender Kriegszeit fanden die Livländer eine Rettung vor
aölligem Untergang durch Unterwerfung unter Polen und Schweben.
Rurland wurde polnifjdhes Lehnsherzogtum, Livland (im engeren Sinn)
fam unter polnijdje und Ejtland unter [Hwediflhe Herrjghaft. 1621
murde Riga vom Schwedenkönig Gujtav Adolf den Polen durd Er
oberung abgewonnen und damit Livland mit Ejtland unter IHwebdildher
Serrichaft vereinigt. 1710 aewann Veter der Groke im Nnurdilchen
        <pb n="225" />
        — 25 —

Kriege Ejtland und Livland, und 1795 annektierte die ruflijde Kaljerin
 Katharina II, das polnijde Lehnsherzogtum Kurland. Bon da
an bis zu den jüngiten Entjheidungen des Weltkriegs war das alte
Ordensland unter rullilder Herrjhaft vereinigt.
Die einzelnen VBoltsftämme, die die Deutfhen einjt in Alt-Livland
 vorfanden, und über die fie ihre Herrfdhaft aufridhteten, find
im Laufe der folgenden Jahrhunderte zu zwei VBölkerfjhaften verjOmolzen:
 den Ejten im Gebiet der Heutigen Republik Ejtland und
den Letten im Gebiet der hHeutigen Republik Lettland. Diele ethnographilde
 Scheidung der Bevöllerung führte im Relultat des Welt:
Irieges zur politijlgjen Teilung des Gebietes.
Die heutigen Letten find ein Mijdvolf; den arijdhen Litauern
(und den alten Preußen) nahe verwandt, Haben fie in ihrem jebigen
Siedlungsgebiet finni[dh-ugrijdes Blut. in id aufgenommen, Die Cjten
find finnildugrijden Stammes, Die finnijd-ugrijden Stämme, die
die erjten deutfhen Livlandfahrer vorfanden, Hatten die Refte früher
im Lande eingejelfener Germanen in jiH aufgefogen; fpätere Bluts
mifdung ift dazugekommen, und vom finniidh-ugrifhen Raflentyp ilt
wenig übrig geblieben.
Die Kultur der BaltijHen Lande und ihrer Bewohner ijt deutjden
 Urlprungs — das Werk einer zahlenmäkig geringen deuten
Oberfchicht, die von der Ordenszeit an dur ein Dreivierteljahriaujend
die politijide und foziale Führung im Lande behauptet hat, Der
deutiHen Herrihaft und deren Erziehung verdanken die Eljten und
Leiten ihre Iulturelle Überlegenheit über ihre SftlidHen Nachbarn, und
die geleiftete Kulturarbeit gibt den deutfHltämmigen Balten ein Recht,
aud) unter veränderten Verhältnijjen ein Fortleben als gleidhberedhtigte
Bürger in ihrer Heimat zu verlangen. So feine Bölfer, wie die
Eiten und Letten, find zu jhwadh, um ohne Anlehnung an einen grö=Beren
 Kulturkreis eine höhere Entwidlung zu erreidhen, oder zu be
hHaupten; aber die nationaliftijde Überhebung der Heute das politijdHe
Regiment führenden Ejten und Letten, die fidh bisher nidht fähig ers
wiejen haben, Rechtsitaaten zu [Hhaffen, wird vielleidht erjt dann hefjerer
Einjidt Plag machen, wenn es zu fpät ift, wenn die fonit vielleicht
exiftenzfähigen Staaten aus dem Unvermögen ihrer Regierungen einen
NedHtszujtand hHerzujtellen in id zulammenbredhen und dann fremder
SHerrihaft verfallen.
Die foziale Ordnung in den früheren baltijden Provinzen war
jtändild. ÜhnlidH und etwa um diejelbe Zeit wie in den norddeut]dHen
Ländern und Dänemark hat es au hier eine Bauernbefreiung ge
geben (ein halbes Yahrhundert früher wie fonjt im rulfijgden Reich).
Sn dem vorwiegend agraren baltifhen Gebiet war vor dem Welt
friege etwa die Hälfte des privaten Grundbhelikes Eigentum deut[d:
        <pb n="226" />
        216 —

itämmiger Großgrundbefiker, die andere Hälfte Eigentum der bäuerliden
 Tettijden und eftnijHen Landbevölferung. Beim bäuerliHen Beji
 überwog die landwirtfdhaftlidH ausgenußte Fläche; zum GroHgrundbeliß
 gehörten ausgedehnte Waldungen. Neben dem privaten Grund»
beliß gab es in den Provinzen Kurland und Livland zahlreide Staatsdomänen;
 in Kurland 200 (20% der gejamten Bodenfläche), In
Zivland 132 (14% der gefamten Bodenfläche).
Der Großgrundbelig war in den Provinzen Livland, Eitland und
Rurland und gefondert auf der Injel Defel Körperidhaftlich organifiert.
Den „Ritter- und Landjhaften‘“ war aber von ihren einjtigen Rechten
als anerlannte ‚Landesvertretungen‘“ nicht viel mehr übrig geblieben,
als din Befchlukrecht über Steuern im Landesinterejfe, die als Grund:
jiteuer umgelegt und erhoben wurden. Die lettijden und eltni[den
Bauerngemeinden, denen fowohl die befigliden Bauernwirte wie die
Qandarbeiter und fonftige Landbewohner angehörten, Hatten ihre eigene
Selbjtverwaltung und Gemeinde-Geridhtsbarkeit. Die Provinzen waren
in Landkreife und dieje in Kirchfpiele geteilt; jedes Kirchjpiel bejtanb
aus einer Anzahl zugehöriger- Landgemeinden und Rittergüter,
Aukerhalb der Selbjtverwaltung und Vertretung des flachen Landes
 jtanden die Städte, die au) unter [id feinen förper[daftlidhen
Zufammenhang hatten. . Dieje Städte [ind deutide Gründungen”) und
waren die Mittelpunkte deutfder Kultur. Ihre Bürger waren früher
aus{lieblid Deutjde und nur zur BVBerridhtung primitiver Dienftleiitungen
 hielten fid in ihrem Bereid) eine geringe Anzahl Leiten und
Eiten auf. Das war natürlich, denn eine jtädtijdhe Kultur Hatten die
Borfahren der Letten und Elten noch nicht hefejfen, als die Deutjhen
ins Land kamen und ihre Städte gründeten. Die Iulturelle deutjdhe
Überlegenheit, die in den Städten lag, Iäkt au allein eine ausreidende
ErfNärung dafür finden, wie es durdy die Jahrhunderte möglihH war,
Ten die nationale deutihe Minderheit fiH als führend behaupten
onnte,
Erjt das Zeitalter der Majdhine, der Freizügigieit und der Ge
werbefreiheit hat im Bbaltijden Leben und befonders in den Städten
Veränderungen hervorgerufen, die auf die Stellung der deut|hjtämmigen
 bisherigen fozialen Oberfdhiht nidht ohne Wirkung bleiben onnten.
Das freie Spiel der Kräfte führte zu einem [Hrnellen WahHstum der
Städte, denen vom Lande eine neue lettijdHe und eftniide Bevölkerung
zujtrömte. Bald begann der nationale Kampf um die Herrihaft in
den Stadtparlamenten, für dejfen leiden[Haftlide Führung die nationale
 BVerhekungspolitik der rulliihen Reidhsregierung den Boden be-—_*)

 Nur Revals erjte Anfänge ftammen aus einer Iurzen Epifode dänildher
Macdhtausdehnung.
        <pb n="227" />
        217 —

reitet hatte, weil fie ihr Ziel: die Rulfifizierung, nad dem Grundjaß
divide et impera! am ebhelten 3u erreidhen meinte,
Sn diejem nationalen Kampf war fHon zu Beginn unjeres Yahır-Hunderts
 das baltijdhe deutfhe Element aus einzelnen Teineren Städten
ganz verdrängt worden; die Ruflifizierung Hatte aud) ihren Teil dazu
beigetragen, und als Folge bot id dem unparteii[chen Beobachter das
Bild ultureller Verödung. — Ob und wie weit das deutidhe Element
in den baltijHen Städten wieder Geltung und ein Mitbeltimmungss»
recht gewinnen wird, das wird die Zukunft lehren.
Sm Mittelpunkt des Interefjes der innerpolitilHen Fragen fteht
heute in den neuen Nepublifen Ejtland und Lettland die Agrarfrage.
Mie im Deutfhen Reid und in anderen europäifjden Ländern ijt aud)
bort das Problem der inneren Kolonifation akut geworden. Sn diejer
Frage finden aber aud andere Gelidhtspunkte einen draftijdhen Aus:
drud; Jo tritt befonders der aggreflive nationaliltilde Chauvinismus
der neu auf der MWelthühne erfheinenden Ejten und Letten hervor; der
Kampf gegen den Befigitand anderer Nationalitäten wird [Honungslos
geführt, und das nur zu ausgefprochene Streben niederer Ynitinkte geht
nad) mübhelojer und Koftenlojer Bereidherung an fremdem Eigentum.
So ift die Enteignung des deutfden Grokgrundbeliges in Ejtland bereits
zum Gejeß geworden. In Lettland aber herr/den zur Zeit Haotildhe
agrare Zufjtände, und die ungejekliche Belibergreifung des deutidhen
Grundbejiges ijt befonders im nördlidHen Teil der Tettifdjen Republik
bie NMegel. Die Vertretung des deutjdhen Großgrundbefikes in Lettland
ijt beitrebt, das Landbhedürfnis für die Zwede der inneren Rolonijation
 dur) eine organifierte Landlieferung 3zU befriedigen, [oweit es
dur eine Aufteilung der umfangreichen Staatsdomänen nidt gededt
wird. Die fhledhten wirtjHaftliHen Erfahrungen, die man im benad)»
barten Eitland mit dem gegen den deutjhen Großgrundbelig gerichteten
Enteianungsgefeb gemacht hat, und der Umftand, daß 3U der Zeit,
wo die Aararfrage in Lettland ihre gefehlidhe Regelung finden wird,
vieleicht fhon nüchternere und wirt[Haftlidhe Erwägungen in den Vordergrund
 treten, läßt dort dem Optimismus nod) Raum, aber auch
der Peflimismus findet Nahrung.
Ein Überfluß an wirtihaftlihH produktiven Kräften ilt in dem
jebr dünn hevölferten haltijden Gebiet nicht vorhanden, und eine
Berdrängung der einen oder anderen Nationalität würde darum nur
bie wirtfhaftlide Produktivität Herableken und damit die neuen Staats:
welen felbit [Hwäcden.
Die geringe Bevölferungsdihte im baltijdHen Gebiet ilt der Grund
bafür, daß die Bodenkultur no nicht die Intenlität erreicht hat, wie
in dichter hevölterten wefitliHen Ländern. Denn Fleiß und VBerjktändnis
Für den bäuerliden Beruf find die Tugenden der Eliten und Letten.
        <pb n="228" />
        — 218 —

Sn der legten Zeit vor dem Kriege Kam das bäuerlidhe landwirt[haftide
 Genoffenfhaftswejen in Yufnahme und Hat das Wirtidhaftsieben
wejentlid) gefördert.
Tie MNimatijgden Berhältniffe geftatten eine JandwirtjHaftlidhe Bielgeftaltigfeit.
 Die nördlide Lage des baltilden Landes it dur fein
Seetflima für die Vegetation gemildert. Die vier Nahreszeiten [ind
annähernd von gleider Zeitdauer. Die Kürze der Sommerzeit wird
für die Vegetation durch die dem Mitteleuropäer unbekannte Länge der
Sommertage teils erfeht, denn bekanntlid) erjeßt im Rflanzenleben
eine größere Lidhtmenge einen Ausfall an Wärmemenge. Dadurh er-HNärt
 es fi au, daz im baltijHen Gebiet mande Pflanzen, die aus
jüblideren Gegenden eingeführt werden, gut gedeihen. Die Yahresdurch
 Anitts- Temperatur von Riga beträgt 6,1° C, die von Reval 4,4°C.
Der Aderboden ijt im allgemeinen fruchtbar: Jandiger bis [Hwerer
humofjer Lehm, lehmiger und Humofjer Sand. Als Wintergetreide wird
vorwiegend Roggen angebaut, in Kurland aber aud Weizen auf gröheren
 Flächen. Als Sommergetreide baut man hHauptlächlid Hafer und
Serfte, daneben aber aud) Hülfenfrüchte und Buchweizen, von Gefpinftpflanzen
 den auf den europäijden Märkten als Rigaijdhen oder Bernau[djen
 Fladhs wohlbefannten Bajtlein; fein Unbau wird von Boden
und Klima fjehr begünftigt und Hat neuerdings wieder eine Belebung
erfahren, feit die Fortjhritte der Tehnik für die Bearbeitung des
Leins nach der Ernte zur Falergewinnung und weiteren Verarbeitung
neue Wege geöffnet haben, wodurdg die fo zeitraubende und mühlelige
Handarbeit erjekt wird. In der Kreisitadt Fellin — im eftnifden
Gebiet — Befteht ein vorbildlidhes größeres genoffen]haftlidhes Unternehmen,
 in dem mit Majdhinen deutfher Provenienz der Lein ge
hedhelt, gefponnen und zu Geweben verarbeitet wird. In derjelben
Gegend ijt eine moderne Flacdhsröjte — ebenfalls als genoffen[daftlies
 Unternehmen — in Betrieb gejekt worden, um den Lein, wie
er vom Felde kommt, in Bearbeitung zu nehHmen. Dieje Unterneh:
mungen find von um fo größerer wirt[dhaftlider Bedeutung, als der
Lein von jeher eines der wertvolljten Ausfuhrprodukte des Landes war.
Bon Hadfrüchten wird die Kartoffel angebaut — am ausgedehnteiten
 in Ejtland, wo die Spiritusbrennerei, die für den inneren rulftide
 Markt produzierte, eine große Bedeutung erlangt Hatte. In den
legten Sahrzehnten kam der Anbau der Futterrüben in Aufnahme,
weil die LandwirtiHhaft der niedrigen Kornpreije wegen fidh in fteigendem
 Make der Entwidlung der BiehHzucht zuwandte. Die Verforgung
Ruklands mit MaifeviehH war dabei das züchterifjhe Ziel; gleidhzeitig
entjtanden überall im Lande Molfereibetriebe; Käle nad Schweizer
Art, urlprüngliG von Schweizer Käfjemeiftern Hergeftellt, fand auf
dem inneren rufliilhen Markt auten AWbiabg; BLaltilde Butter wurde
        <pb n="229" />
        — 219 —

}

f

e

1

3
=}

(=J


3

u

in großen Mengen exportiert und ging bejonders den Weg nad Kopenhagen,
 von wo aus fie zum großen Teil als däniihe Butter auf den
Qondoner Markt kam.
Bon den Futtergewächfen hHerr]hen im Anbau die Klee- und Grasarten,
 vor, die im baltilden Gebiet gut gedeihen. In neuerer Zeit
it audy mit Erfolg der Grasfamenbau aufgenommen worden.
Die gewöhnligen Gemüfe= und DObitforten Iommen — Dbejonders
im ITettifldhen Gebiet — gut fort; ihr Anbau ijt aber nicht fo ausgedehnt,
 daß er viel mehr als den Lokalen Bedarf zu deden vermag;
qualitativ vorzüglid) find verjdhiedene Apfelforten.
Zwijhen den Üdern und oft aud) mitten im Walde lieht man
ausgedehnte, niedriger gelegene Moorwiejen. Ihre Kultur ijft mit der
Entwidlung der Viehzucht in eigendem Make in Angriff genommen
worden.
Einen großen NReidhtum des Gebiets bilden feine Wälder. Die
zinheimijden NadelhHölzer: Kiefer und FidHte herrihen vor. Die baltildhe
Kiefer befigt einen [dlanfen Hohen Wuchs und eine Geradheit, die man
in Deutidhland nicht antrifft. Der gemijdhte Wald überwiegt die reinen
Beftände, und das gibt dem baltijgen Walde feinen eigentümliden
Reiz der natürligen Urjprünglidhkeit. Bon den Laubholzarten find die
Birke, die Schwarzeller, die Weikeller und die Eipe die verbreitetjten
in den Forlten. In einzelnen Bejtänden und im Walde verfprengt,
trifft man aud) andere in Mitteleurvpa befannte Holzarten.
No vor einem halben Sahrhundert hatte der baltijdHe Wald
nicht viel mehr als nur einen Iofalen Gebrauchswert, Mit der Entwidlung
 des ausländijden und befonders des englifden Bedarfs an
Hölzern und namentlid nad) dem Bau von Schienenwegen wurden
die Forjtprodukte zum wichtigjten Ausfuhrerzeugnis des Gebiets, und
Riga, das an der Mündung der Düna gelegen, durch dieje Lage bejonders
 hegünftigt ijt, war vor dem Kriege der hedeutendite Holzexport-Hafen
 der Welt, wozu freilid das litauifde und weißrulliidhe Hinter-[and
 in hervorragendem Make beitrugen.
Der baltijide Wald nahm über ein Viertel der Bodenflädhe des
Gebietes ein. Der Wert, den die Forjtprodukte dur die Weltionjunitur
 und die Entwidlung der Verkehrswege gewonnen Hatten, wurde
zur Beranlaffung der Einführung einer geregelten Forftwirt[dhaft, und
die in leßter Zeit in immer größerem Umfang in Angriff genommene
Entwäiferung und Aufforftung von OÖdländereien und für eine andere
Nukung weniger geeigneten Bodens ließ eine wefjentlide Bermehrung
des Waldbhejtandes für die Zukunft vorausjehen, wenn aud) bie vOrhHandenen
 Bejtände hier und da in erhöhtem Maße zum AWbtrieb
famen. Ein devajtierender Abtrieb gröherer Waldflächen hat während
des Krieges Teitens der KFriegführenden Parteien ftattgefunden.
        <pb n="230" />
        Das baltiidHe Landjchaftsbild ijft eine Hier und da von Hügeln
und Heineren Höhenzügen unterbrodjene Ebhene. Zahlreid) find Die
Seen und Flukläufe. Neben fruchtbaren Ädern, Naturwieflen, Wäldern
und Gehegen fieht man viele Moore von teils fehr beträdtliher Ausdehynung;
 fie nehmen — ungerechnet die zur Heumahd genußgten Moorwiejfen
 — ein Fünftel der gejamten Bodenfläde ein und enthalten
Torflager von fehr großer Maädhtigkeit.
SGeologifdh bilden kambrifche, Jilurifhe und devonijde Wblagerungen
die Unterlage des Gebiets. Mit dem Kambrium am Nordrande CEit-[lands
 beginnend, folgen fiH die Schichten in von Nord nad Süd
'mmer jünger werdenden AWblagerungen. Der Kalfjtein, der Sanditein
und der Dolomit der Unterlage find im allgemeinen von AWblagerungen
 aus der Eiszeit als oberer Bodenkrume bhebedt, die aber im ndrdlien
 Eltland ftelenweije nur dünn ijt; fonjt wird diefe Unterlage
hier und da von Flukläufen durhjHnitten und blokgelegt. Längs der
Nordiüfte Ejtlands, die auf weite Streden teil ins Meer abfällt,
hebt ji der Kalkfels als fogenannter „Glint“ hervor. Stellenweife
geht der Kalk in Marmor über. In der über die Landesgrenzen hinaus
 bekannten Zementfabrit Port Kunda wird der Kalkjtein zu Zement
verarbeitet. Neuerdings it ein befonderes Interejje den OÖljdhiefervorfommen
 im eftländilhen Kalkftein zugewandt worden. Unlängit
hat Tid eine einheimi[de Genofjen[Haft zu ihrer AWusbeute begründet.
TDurd neuere Unterfudhungen ijt über dieje Olfdhiefer Genaueres
feitgejtellt worden. Man unter[hHeidet erjtens den zum Kambrium geredneten
 Dikityonema-Schiefer, der am Slint zutage tritt, dejjen
Ausbeute aber faum Iohnend erfheint, und zweitens den unterjilurijdhen
KRuder[hHen Schiefer oder Kuder[it, der im Inneren des Landes,
 in der Gegend von Kuders angetroffen wird. Na Dr. L. von
zur Mühlken*) ijt er dort „in etwa 50 km Erftredung in zwei (bisher
feftgeftellten) 0,45 und 0,30 Meter mächtigen, durch ein etwa 0,30 Meter
melfendes Kalkfteinmittel getrennten Bänken entwidelt... Das Ge:
itein ftellt feiner Entjtehung nad) einen in fladen Meeresbuchten abge:
jeßten Ialfhaltigen Fauljdwamm dar. Der Hohe Bitumengehalt, d.h.
bie große Menge der in ihm vorhandenen organijden Beftandteile ijt
auf algenähnlide, feetangartige Lebewejen zurüdzuführen. Wiederholt
ausgeführte Analyfen zeigen einen beträchtlihHen, von 14 bis 28%
und mandmal darüber hHinausgehenden Ölgehalt und eine gleichfalls
jehr anfehnlidhe, auf ein Kilogramm Gejtein 0,3 Kubikmeter ausmadende
Gasausbeute. Es liegt Mar auf der Hand, dakß [idH der Kuderfit am
cationelliten für eine gleidzeitige Ol- und Gasgewinnung eignet und
nicht, wie es bisher gefchieht, zu Heizungszweden verwandt werden

*) Yun den baltildHen Blättern.

E a

Sa
        <pb n="231" />
        291 —-NM


le
n

nn
DD

N

{=2



P

4

1

1

darf, was vom volfswirt|dhaftlidhen Standpunkt aus als Raubbau be-‚eidhnet
 werden muß... Erjhwerend und beeinträchtigend wirken bei
einem Abbau die Hmale Ausjtrihlinie und die ungünjtigen Wajjeroerhältnijfe.
 Infolge des allgemeinen Sübdeinfalls der Schichten if
nur mit einem gegen 100 bis 200 Meter breiten zutage gehenden ab=-bauwürdigen
 Streifen zu rechnen“...
Ter Ybbau des Kuderfit wurde in legter Zeit in mähigem Umfang
 von der ejtnijden Regierung 3zU Heizungszweden betrieben, nad
sem früher die ruflijhe Regierung für diejen Wobau fhon größere
Borarbeiten — wie Entwälferung und Anlage einer Zweigbahn (Sonda
—Kochtel) — für diefen Wobau ausgeführt hatte,
Nah einer eltnilden Zeitungsmeldung hat unlängit eine finnländilhe
 SGefellfjhaft nad) vorangegangenen Unterfucdhungen an 3Zujtändiger
 Stelle darum nacdhgefucht, zur Schieferausbeutung ein Gelände
von 100 Hektar auf 15 Jahre zu padten; die GefelljdHaft bietet dafür
eine jährlide Pacht von einer halben Million eitnijden Mark. —
Ralkbrüce find überall im ejtnijdHen und aud) im lettijdhen Gebiet
dort anzutreffen, wo der Kalfjtein nahe der Erdoberflähe lagert.
Rleine Kalkbrennereien zur Dedung des Eigenbhedarfs [ind zahlreich
aorhanden, hier und da aud) größere gewerblid betriebene Unter»
nehHmungen diejer Art. In manden Gegenden findet der gebrodhene
Kalkjtein als Baujtein Verwendung — befonders in Eftland. — Die
Gipsbrüdhe in Palzmar — im Norden des lettijden Gebiets — find
durch den dort gewonnenen Gips im Lande bekannt. Groker Beliebt:
heit erfreuen fi) die Schhwefelbäber in Kemmern und Baldohn in der
Gegend von Riga, deren Heilquellen durd) Gipslager erflärt find.
CharakteriftilH für mandje baltijde Land[Haft find die Moränen
— aus Gejcdhiebeerde, Häufig ganz aus Kies beftehende längere Dder
furze Bergjättel, die von der Eiszeit hHerrühren. Zahlreidhe errati[dhe
Blöde, die hefonders in Ejtland Häufig auffallen, rühren ebenfalls von
der Eiszeit her und hatten einjt jenjeit des Finnilden Meerbujens ihre
Heimat. Sie finden als Baumaterial, das die Natur überall verltreut
hat, Berwendung.
Das Braunkohlenvoriommen im Südwejten von Kurland hat
jaum mehr als eine 5rtlid) bejdhränfte Bedeutung, Eine Zufunftsirage
 von größerer Wichtigkeit ijt aber die Ausbeutung der [dHon
erwähnten mächtigen Torflager. Die Torfgewinnung 3U Brennzweden
wird immer mehr zur Notwendigkeit, je mehr das Holz der Wälder
als Exportware, die das Land liefern Kann, beanfprucdht wird. Wie
weit [id die baltijden Torflager eventuell no) anders als zur Brennund
 Streutorfgewinnung ausnuken laffen, it no nicht unteriudht wor
den. —
        <pb n="232" />
        „928 —

Nur zum Teil auf den natürliden, im Lande felbjt gegebenen
Borausfekungen gegründet, war die Indufjtrie der größeren baltijden
Hafenjtädte emporgewachjen. Weder die Kohle no) die Rohjtoffe
mandjer führender Yuduftriezweige hatten im baltijden Gebiet ihren
Urfprung. Die baltijde Indujtrie war darum zum Teil nicht bodenjtändig.
 Sie verdanite der rullilden Schugzollpolitik ihr treibhausartiges
 Wachstum in den legten Yahrzehnten. Eine natürlide Stüke
bejaß fie aber doc aud in der überaus günjtigen Berfehrslage und
in der Möglichkeit, ein für indujtrielle Erzeugung brauchbares Menidhenmaterial
 örtlid zu refrutieren,
Riga, das Zentrum der baltijden Indufjtrie, hatte vor dem
Kriege zwijden 500000 und 600000 Einwohner; die jährlide Zus
wanderung betrug IHon zu Anfang unferes IYahrhunderts etwa 10000
Berlonen,
Dur ruffilde Staatsinterejjen früher Künftlid über das natürlide
 Maß emporgetrieben, wurde die Rigaer Indujtrie während des
Weltirieges durdy einen Aft rujfilhHer Staatsgewalt volljtändig vernichtet.
 Sie wurde, wie der Kunfjtausdrud damals lautete, ins Innere
des Neichs „evakuiert“; d. h. alle wejentliden zur Produktion nötigen
Einridhtungen wurden zerftört und die Mafjdhinen irgendwohin nad
Snnerrzußland verldleppt. Nach der Zeit deutfdher Befegung erlebte
Riga die zerjtörende Schredensherrihaft der Boljdhewijten; nad) der
Befreiung der Stadt vom roten Schreden — im Mai 1919 — folgten
innere baltijdje Kämpfe, und wieder gab es in Riga neue Herren. AWber
nod) immer follte feine Ruhe einfehren; im Spätherbjt 1919 Hatte ih
die Bermondtarmee das Weidhbild der Stabt zum Kampfplag ausgefucht;
 mit der finnlofen Zerftörung Rigas durdy wodhenlanges UArtilleriefeuer
 Ionnte der Gedanke einer rufjjijhen Reftauration aber nidht
gerade an werbender Kraft gewinnen. — Die Stadt zählt Heute nur
nod) ein Drittel der Bevölkerung, die fie zu Anfang des Iahres 1914
belaß. Von der Wiederaufnahme ihHrer indujtriellen Betätigung in
der Art und dem Ausmaß, wie eine jolde vor dem Kriege beftand,
fann heute nicht die Rede fein. Welde neue Entwidlung aber die
Zukunft bringen wird, läkt id heute nod) nidht abjehen.
In neuerer Zeit und befonders während des Krieges ijt im Zw
jammenhbang mit dem Plan der Schaffung einer großen Walferftrake
von Kiga nad) Cherjon — längs der Düna und dem Dnjepr — viel
von einer Nukgbarmadung der Wajjerkräfte der Düna für die Rigaer
Sndultrie die Rede gewejen; das Könnte einer neuen. Rigaer Indujtrie
zine neue Grundlage geben und für fie eine Bodenjtändigkeit begründen,
wie Jie die frühere Induljtrie Rigas nidht bejak.
Für die zweitgrößte baltijde Indujtrieftadt, Neval, jekt die Hauptitadt
 der eltnilden Republik, gilt im allgemeinen, in bezug auf die Bor-
        <pb n="233" />
        3 —
22

’n

nn

Te

nm

1=37



ıD

4z

IM

1=MN


{=36



(=re



n
9
te

&amp;gt;
an

ar
Ti)

55

{=ht


Ar
4
in
D,
ie

ıtz
Be
el
er
10

1.

‚Is

Pe

ausjeßungen der bisher dort betriebenen Snduftrie, dasfjelbe wie für
Riga, mit der EinjHräniung, daz das indujtrielle Wachstum dort nidt
entfernt einen ähnliden Umfang angenommen hatte. — MReval {lt
im Kriege und in den Zeiten der Unruhe feinen großen Zerftörungen
unterworfen gewejen. Die Verkehrs[hwierigieiten und der Heizitoffmangel
 Iegen aber heute die SKnduftrie dort brad, und die Rechtsunficherheit
 hemmt die UnterneHmungslult.
Bemerkenswert ijt die recht bedeutende Narwaer Induftrie (die
TVeztilindujtrie in Kränholm bei Narwa), die durch die AYusnugung
her Waifjerfälle der Narowa eine Srilidhe Energiequelle belibt.
Die Zelljtoff-Fabrif Waldhof bei Pernau war einer der größten
Betriebe feiner Art; die Fabrifanlagen find durch die Rullen während
 des Krieges völlig zerjtört worden.
Allein mit der Bernidhtung der Yudufjtrie Nigas {it die Hälfte
der gejanten baltijgden Indujtrie getötet worden*). Da aud) andermweitig
 Zerftörungen jtattjanden und für mandje nicht zerjtörte indujtrielle
 Betriebsanlagen die früheren Ezijtenzbedingungen der Arbeit
jortgefallen jind, [o hat das Bild der Vergangenheit der baltiicdhen
Sndufjtrie mehr ein hijtorijdhes als ein aftuelles Interelfe. Aus diejem
Grunde kann hier auf eine eingehende Darjtellung der einzelnen Induljtriezweige,
 die früher beftanden, verzichtet werden. Die natürlichen
Grundlagen, die das Land einer Indujtrie bietet, werden mit der Zeit
eine neue bodenjtändige Indufjtrie erjtehen Iafjen. Ob daneben noch
Betriebe entijtehen werden, die zweds Ausnußung der günftigen VBerfehrslage
 oder Fünftiger Konjunituren wegen fi in den Baltijdhen
Banden niederlaffen, wird von fünftigen Umitänden abhängen.
Die frühere baltijde Indujtrie umfaßte die meiljten indultriellen
Betriebszweige. Führende Indujtrien waren: die Teztilinduftrie, die
Metallverarbeitungs-Indujtrie, die Hemijche Knduljtrie, die Holzvuerarbeitungs-
 Induftrie, Die Papierindufjtrie und die Nahrungsmittel- Indujtrie;
 auf die Gummi- Induljtrie und die Ölindultrie wäre no Hinzu
weijen; in diejem Zufammenhang ift aud) die als Iandwirt|Haftlidhes
Nebengewerbe jHon erwähnte Spiritusbrennerei 3u nennen, die mit
240 Betrieben — im eftnilhen Gebiet — eine gqroke Bedeutung er-[langt
 hatte, — —
TFehlte einem großen Teil der baltijden Indultrie die Bodenjtänbigfeit,
 die allein für eine Dauer die Gewähr bietet, fo ruhte der
bedeutende baltilge Handel auf Grundlagen, die felt find, und die den
Wandel der Zeiten überdauern. Die BaltijHen Lande waren und
bleiben durch ihre geographiihe Lage der Um/{Olagplag auf dem gro“
ben Handelswege über die Oltiee nad DOfteuropa und meiter nad

*) Der ndultriebezirk von Riga umfakte 1913 474 Fabriken.
        <pb n="234" />
        — 224 —

Alien hinein. Und dieje Bedeutung des Gebiets als Umfchlag- und
Stapelplas ijt beftehen geblieben bei der wechjelvollen politijden Bergangenbheit,

Wie vor fieben Jahrhunderten, fo gehören nod) heute Fladhs und
Helle zu den wicdhtigiten ANusfuhrwaren; in den legten Yahrzehnten jteht
die Holzausfuhr an erfter Stelle und vor dem Kriege Hatte die Butterausfuhr,
 durd) den Weg, den der fibirijdHe Butterexport über die baltildjen
 Häfen nahm, einen ftetig zunehmenden Umfang erreicht; die
bedeutende rullilhe Eierausfuhr über die Oltjeehäfen ijt [Hlieklid noch
hervorzuheben. LandwirtjHaftlide Erzeugnijje und Forftprodukte beherr{dhten
 die Ausfuhr nad) Wefjt- und Mitteleuropa. Der Haupt:
iunde vor dem Kriege war England.
An der Spike der Einfuhrwaren ftand Baumwolle — zum großen
Teil für die innerruffilhe Textilindujtrie, Eingeführt wurden ferner
nod) Maljdinen — befonders landwirtfHaftlidHe und Düngemittel, Rohgummi,
 Kohlen und Koks, Hemifdhe Produkte und AWpothekerwaren,
Heringe und Tee und bhefonders au Metalle als Rohitoff für die
baltijdhe Indultrie,
Vom gejamten AWukenhandel des rujjijhen Reichs entfiel cin AUnteil
 von ?2/, auf den Handelsweg über die Häfen der Baltijden Lande,
Unter den baltijden Seehandelsjtädten ftand Riga von jeher
an erfter Stelle, Reval war der bedeutendite Einfuhrhafen für Baumwolle.
 Der jibiride Butterexport ging zulekt hHauptjädlidh über Win:
dau. Libau, das den Vorzug der Eisfreiheit hat, fing an, [id Jtark
zu entwideln und Riga Konkurrenz zu madjen. Pernau war befonders
durd) feine Ausfuhr von Fladhs halktijHer Provenienz bekannt.
War die geographi[He Lage bejtimmend für die Stellung, die dem
baltijden Küljtenlande im Welthandelsverfehr zufallen mukte, [jo ijt
es verjtändlid von wie großer Wichtigkeit die Entwidlung und Unterhaltung
 der inneren Verkehrswege, die die Warenbeförderung zur Külte
erleidhtern fonnten, von jeher fein mußte. Während in den Sftlid
angrenzenden Gebieten die Landjtraken alles zu wünfdhen lHieken, gab
es [don lange vor der Zeit der Eijenbahnen in Alt-Livland wohHlunterhaltene
 Handels und Heerftrahen, an die [ih ein veräjteltes Neg von
Kieswegen anjdloß. In fpäterer Zeit wurden durH den Bau einiger
Chauffjeen die Verkehrsverhältnifje weiter gefördert, und im lebten
Viertel des vorigen und zu Anfang unfjeres Jahrhunderts brachte der
Eijenbahnbau eine neue BVerkehrsbelebung. An die Magijtralen [Hoffen
jid) bald auf private Initiative erbaute JHmalfpurige Zufuhrbahnen
und vor dem Kriege Konnte fid jede Gegend der Vorzüge des modernen
Verkehrsmittels erfreuen. Der Krieg aber, der fonjt jo unendlidh viel
zerftört hat, brachte auf dem Gebiet der Entwidlung der Verkehrswege
ginen weiteren IOhnellen Fortidhritt. Sowohl von rulliiher wie von
        <pb n="235" />
        _ 9% —

jeutiher Seite wurdeh aus ftrategilden Gründen neue Landjtraken
und. Eijenbahnen gebaut, die im Frieden eine andere Bedeutung ge
ninnen werden.
Die wicdtiglte Frage auf dem Gebiet des VBerkehrswejens {jt Heute
bie der Ausgejtaltung der inneren MWalferwege zu Berkehrswegen. Im
Brennpunit des Interelles jteht da der als nötig und erwünfdt erfannte
 Ausbau zweier großer Magijiralen von Oft nach Welt, einer
im Ilettilgen und einer im eltnijden Gebiet.
m Tettijden Gebiet it die Schiffbarmadhung der Düna ein
Problem von europäijdher Bedeutung, wenn durd) eine weitere Fortjeßung
 Ddiejer Wafierftrake längs dem Dünaljtrom dur Weißrukland
und eine Kanalverbindung mit dem Dnjepr ein neuer Schiffahrtsweg
durch die Ukraine bis zum Schwarzen Meer entiteht. Heute ijt der
nächtige Dünaftrom nur bis Riga für größere Fahrzeuge ichiffbar,
neiter oberhalb verkehren — ber Stromjhnellen wegen‘ nicht ohne
Gefahr — nur fladgehende Kähne, und die Bedeutung diefes Stromes
beruht für das weite Hinterland hHauptfächlid auf der Holzflößung.
Sm eftnifden Gebiet verläuft die von der Natur vorgezeichnete
fünftige Waffjerftrake vom Peipus den Embad aufwärts an Dorpat
porbei bis zum Wirzjärwijee und von dort weiter längs MNeineren 3zUjammenhängenden
 Flukläufen und dur den Felliner See bis BPernau.
 In der Ordenszeit fol bei dem damals größeren Wafferreidtum
diejer Waljerweg in jeiner ganzen Ausdehnung benußgt worden ein,
und feiner Neuausgeftaltung würden heute natürlide Hinderniife nicht
im Wege ftehen.
In früherer Vergangenheit vollzog ih der „Ruffenhandel“ über
den Beipus und längs der Düna. Die Natur hat hier wohl aud die
Haupthandelswege der Zukunft vorgezeihnet, auf denen jid) die Mallengüter
 des Oltens zur baltijdjen Külte bewegen werden.
Wie [ih die politijhe Zukunft der Baltijdhen Lande, der Heutigen
Republiten Lettland und Eitland, geftalten mag, ijt eine Frage, deren
singehende Erörterung night in den Rahmen diefer Wbhandlung ge
Hört. Dak diefes Gebiet nur im Zujammenhang mit Rußland ezxijtieren
fönne, oder richtiger Rukland nicht ohne feine Beherrihung, it eine
iehr verbreitete Anlidht. Auf politiidhe Prophezeihungen kann Dver-;ichtet
 werden. Es mag aber an die Bergangenheit erinnert werden,
die IHon andere Möglichkeiten bewiejen hat. Die Gejhidhte findet
;mmer wieder neue Wege. Wir wollen dem die Augen nicht veridlieken,
 weil wir fonit den Standvunkt obieftiver Beobachter perlieren
mürden.
Die baltijde Frage hat Heute noch feine Löfung gefunden, die eine
Dauer verbürgt; durch eine verblendete Verdrängung von allem, was
beutih ift im Lande, wird [old eine Qöfung aud) nicht erreicht wer-Die
 mirtichaftlide Zukunft des Ditens 15
        <pb n="236" />
        — 226 —

den. Das alte Ordensland, das Gebiet der heutigen Republiken Ejtland
und Lettland, hat in der Vergangenheit manden Wandel und mande
Stürme erlebt. Eins aber ijt diejem Lande doc immer endlich geolieben:
 der deutfde Charakter feiner Kultur. Was mehr als einmal
‘don vernichtet jdhien, gewann wieder neues Leben, denn nicht die
Zahl Iulturlojer Malfjen, jondern der Geijt, der den Dingen innewohnt,
 ent|dheidet zulegt den Wusgang der Ereignijle, die wir Ge:
idhidhte nennen. No nie find innere Notwendigkeiten durch äukere
Madctmittel bezwungen worden.
        <pb n="237" />
        Finnland (Suomi)
Bon Dr. Richard Mobhle

Unter den wenigen Ländern des Nordens Jiegt der neue finnijdhe
Staat weitaus am nördlidhjten. Berühren doch feine füdlihjten Punkte
gerade erjt den 60. Rarallelfreis, welder ja aud die Sübdfpige der
arktilgjen Injel Grönland [OHneidet, obgleid) große Refidenzjtädte wie
Stodholm und Petersburg ich gleichfalls in diejer Breite Halten. Aus
breiter Balis allmählid) [id ver[dhmälernd, jendet der nördlidhe Streifen
des heutigen Staatsgebietes zwei Lappen nordwärts hinaus, von denen
der eine, öltlidhe, bei 70° n.B. fein äuberjtes Ende nod) nidt erreicht,
während der weltliche, JMmälere in nordweitlider Ridhtung mit 1300 m
Höhe im andinavildhen Hochgebirge jid) verliert. So nähert lid die
Nordgrenze ganz beträchtlid) an zwei Stellen tief ein[Hneidenden Not:
wegijdhen Fjorden, gefdügten Hafenbuchten am nordatlanti[dhen Teile
des offenen Weltmeeres, ohne jedoch völlig an Jie heran 3zU gelangen.
Sit fomit Finnlands unwirtidhaftlidhiter Teil vom Meere nicht direkt
zugänglich, fo liegen bie BVerhältniffe für Mitte und Süden um Jo
günftiger. ‚Ziehen wir auf der Karte eine Linie von Tornea bis Wiborg,
[o fOneiden wir dem finnländijdhen Staat ein Dreied ab, weldhes tief
in die Oitfee hHineinragt. Umfhloffen vom Finnijden und Bottnijden
Golf, gewährt es einem großen Teil Finnlands die mannigfaltigen
Yorteile einer maritimen Lage, während nur ein verhältnismäßig KHeines
 Gebiet, vom Meere entfernt, [id mit einer befcheideneren Rolle
begnügen muß, da es fidh an die fajt genau von Norden nad) Süden
verlaufende Oftgrenze als Rüdwand lehnt. Trokdem liegen aud) hier
die Verhältniffe nidHt ganz fo ungünftig, weil die nördlichjten Punkte
nicht weit vom Varanger-Fjord entfernt find, andere Teile der Mitte
immerhin der Wejtfüjte des Weiken Meerees nahe liegen und Finn-[ands
 Südojten id von Natur zum mädtigen Ladogafee öffnet, dejfen
dur ruffijdhes Gebiet laufende tHatürlide Wajjerverbindung mit dem
Baltijden Meer (die Newa) un[dwer durch eine über finniides Gehiet
 laufende Kanalverbindung erfegt werden fann.
        <pb n="238" />
        2928

Das finnijde Dreied, mit dem wir uns hauptjächlidh zu be[häftigen
 Haben, hebt fidh zu mäßiger Höhe (bis zu 300 m) über das Meer
hinaus, zu weldem das Land von der Mitte Her allmählidh fi fenkt.
Troßdem kommt, wenn man das Ganze in Betracht zieht, eine Hauptridtung
 des Gefälles nad Süden und Südwelten zuftande, d. H. nad
der Spike des Dreieds, wohin au) die Küftenlinien beider Golfe jicdh
ziehen. Lage, Gejtalt und Höhenverhältnijje geben aljo dem größten
und am beiten aufgefdhlofjenen Teile des Staates die Richtung mitten
auf die Grohe Oftfee und über diejelbe hinaus nad) der Mitte Europas.
Geographijhe Urjaden waren es tatjächlich, welhe die Bewohner Finn-[ands
 horn früh im Mittelalter zum Seeverfehr nad Deutichland
drängten.
Die Lage des Landes am Meer, weldes ja aud) nur ein Teil
des Atlantik und von diejem nur durch niedrig gelegene fHwebijcdhe,
dänijdHe und deutjdhe Landjtreifen getrennt it, [hafft weitere günftige
Verhältnifje und zwar für das Klima. Es ergibt [ih für beftimmte
Teile des Yahres eine Beeinflujfung durd) die aus füdlider und weltlider
 Richtung herbeiftrömenden Winde, welde die KMimatijdhen Verhältniffe
 des nördliden Landes mildern ‚und die Vegetationsperiode
verlängern. Begünitigt wird das Eindringen warmer Luftjtrömungen
ins Snnere Finnlands no) infofern, als die Oberfläde landeinwärts
erfit Jebr allmählich anfteigt. Vergleiden wir nun unjer Gebiet mit
den benachbarten, fo ergeben fi mannigfade Vorteile einmal gegenüber
Norwegen, weldhes fehr gebirgigen Charakters ijt, ferner gegenüber
Schweden, das im Schatten atlantijder Winde liegt und endlid im
Bergleidy mit Nordrukland, weldes nad) Norden geöffnet erfjcheint.
Die günftigen Mimatijden Verhältnifje zeigen fi am deutlidhjten auf
den Inieiln der Alandsgruppe, dann aber auch an einem breiten füdweftlidgen
 und füdliden Küjtenfjtreifen, der edle Laubbhäume beherbergt
und Obitiultur geftattet. Hier hat man in den legten Jahrzehnten
jogar fehr erfolgreide Berjuche mit der Kultur der Zuderrübe an
geftellt, die foeben zur Gründung der erften finnifhen Rübenzuderfabrik
führten.
Wir haben nun bereits einen Einblid dafür gewonnen, weldher
Teil des finnifden Dreieds von der Natur am reichfjten bedadt worden
ift; hierzu kommt dann noch eins: Von Aland bis Wiborg ziehen
fig von Weiten nad Olten zahlloje Injeln hin, Sdhären genannt. Cs
ijt Har, daß durch diefen Reidhtum an der füdliden Umrahmung die
Kültenlänge ganz bedeutend vergrößert wird; hier mußte fid) eine
jeegewohnte Fijderbevölferung entwideln, welde dem Lande nicht nur
durd) die örtliche Fijdherei Werte und Nährmittel befhHafft, fondern
aud der finnijden Handelsflotte die hekanntlid) fehr tüchtige Bemannung
 Itellt.
        <pb n="239" />
        2209 —

Wir befinden uns in dem an NaturjdhHönheiten o rTeidhen „Land
der taufend Seen“ (in Wirklichkeit find es mehr als 30000). Ein
Blid auf jede bhefjere Karte zeigt, daß die Hauptmalje der Seen auf
ginem Plateau ableits der Küjte Kiegt (finnijde Seenplatte). Die
wirt/haftlide Bedeutung der Seen liegt nun bei weitem nicht etwa
allein in ihrem Fifjdhreidhtum. Sie [ind vor allen Dingen Verkehrsmittel,
 da fie die [ohiffbaren Flüjle erfegen. Man Iann Hunderte
von Kilometern mit Hilfe regelmäkig verfehrender Dampferlinien auf
diefen dur Lotjenwejen und Leudtfeuer vervolliommneten Walfjerjtraben
 Iandeinwärts fahren. Die größten Seen liegen in Oftfinnland,
und der Saimajee erhält dur den bei Wiborg mündenden, in finnijden
 Fels gejprengten Saimakanal eine Fünfjtlidhe Wafferverbindung
mit der Ojtjee, die für den Warenverkehr von großer Wichtigkeit ijt.
Die eigentümlidhe, durd) eiszeitlide Vorgänge bedingte Natur des
Landes bringt es mit fidh, daß die Flüffe vielfady nur Kurze VBerbindungsitüde
 zwifhen Seen darftellen, die in verjdiedenem Niveau
liegen; [ie bilden daher Stromfcdhnellen oder Waijerfälle. Das [Hönite
Beifpiel dafür find die Stromjhnellen, an denen die Stadt Tammersfors
 einjtmals gegründet wurde, die [id aus einem unbedeutenden
Dorf zur Induftrieltätte erjten Ranges entwidelte und jeßt natürlid
mit den an Ort und Stelle zu entnehmenden Wafjerkräften längit
nit mehr ausiommt, AWber au die Flüjfe, die in weniger [eenreichen
 Teilen des Südens oder Nordens dem Meere zuftrömen, Jind
teid an MWajferkräften, und die Natur Hat dem finnijden Staate
den Erfag an dem Lande fehlender Ihwarzer Kohle in Geltalt weiker
Kohle geliefert.
Man hört vielfadh von Finnlands kargem Boden Ipreden. Tatjäclih
 gibt es viele fteinige Böden, nadte Fels= und Schotterfläcden,
wenig fruchtbare Sande, desgleiden viele Moore. Größere Räume
fruchtbaren Lehmbodens finden id aber doch, und zwar gerade in
breiten Steifen an den Küften, HMeinere hier und da im Innern des
Landes. Indelfen durdaus nicht alle frudtbaren Fläden Itehen unter
intenJiver Kultur, und zahlreide Moore können durd Entwälterung
und Bearbeitung in üppiges Grasland verwandelt werden. Die Jteinigen
und fandigen Fläden aber dedt der Wald, gebildet aus Nadelbäumen,
 vorzugsweije Kiefern und Fichten, ferner aus Birken und
Eipen. Die feenreihe Rundhöderlandfhaft, aufgebaut aus Urgeltein,
Granit und SGneis, gilt vorläufig nod) als arm an Mineraljdhäßen,
während Finnlands Steinindufjtirie jeit langem bekannt ijt; aber
{don furz vor dem Kriege verlauteten jidjere Nadridhten über Eijenerzjunde
 im Norden (Rovanienie), und während des Krieges wurde die
Aufarbeitung von Kupfererzen (Ontopennpu) bedeutend geiteigert.
        <pb n="240" />
        230 --Welde

 Entwidlungsmöglichtfeiten auf diefen Gebieten vorliegen, 1äßt
fi® heute no) nicht fagen; fie mögen aber bedeutend fein. Man
denke nur an das der finnijden Grenze fo nahe liegende Kirkenääs
mit feinen reihen Eijenerzen! Früher hat man falt nur das wenig
wertvolle, am Grunde der Seen Kiegende NRafjeneifenerz aufgearbeitet.
So fjeben wir, daß die Natur dem Bewohner des finnijdhen
Staates neben günftigen Fijdhereis und Schiffahrisbedingungen fowie
günfjtigen Verfkehrsverhältnijfen im Innern des Landes, die Mög-[ichfeit
 bietet, durgy Moorkultur Viehzucdtgelände zu Ihaffen, und auf
den der Küfte benadbharten Streifen Pflanzen anzubauen, die einer
größeren Wärme bedürfen. Am widtigiten indejjen erfdheint die Kombination
 in der Voliswirtihaft Finnlands, welde entjteht aus dem
Borhandenfein größter Waldreihtümer, zahlreicher Wafjerfräfte und
ihlieklidh vielleicht audy noch wichtiger Erzlagerftätten.
Auch für das Werden Finnlands, für feine Entwidlung ijt die
geographi[de Lage maHgebend gewefen, nämlid) der Umjtand, daß
die Spike der finnifjden Halbinfel in den Alandjdhären gewi[jermahen
den VBorpoften befigt, der id) dem [Hwedijhen Fejtland bis auf geringe
Entfernung nähert. An diejer Stelle entjtand zuerft der wechfeljeitige
Verkehr; hier Iag der Weg, den die Schweden der Kreuzzlige des
12, und 13. Sahrhunderts befuhren, um ihr Nachbarland im Namen
Thrifti zu erobern. So finden wir au die erften Anfiedlungen an
der Südküjte Finnlands, hier aud) die ältejten Städte, Abo im Welten,
Wiborg im Olten, um Burgen als Kerne gejdhart. Schwebdijhe Bevölferung
 breitet id in einigen Küfjtenftreifen (Gegenden fruchtbaren
Lehmbodens) aus. Sie bildet au den Stamm in den mittelalterlidhen
Städten. Die Urbevölferung der Lappen, ein Zweig der mongolif[den
Kaffe mit finnilh-ugriider Sprache, wird von den fi im Mittelalter
 über weite dünnbeliedelte Räume ausbreitenden Finnen immer
weiter nad) Norden zurüdgedrängt. Die Schweden gaben dem Lande
Zivilifation und Kultur (zuerft römijd-Katholijdhe, dann nad) der Re:
formation evangelijdje) und dem gejamten Gemeinwejen die Form.
Sie verdrängten aber die Finnen nicht, welde den am weitelten nad)
Nordoften vorgeldhobenen Pojten der finnifjdH-ugrijdhen Sprache bilden.
Die blonden, helläugigen Finnen Haben hei ihrer überwiegenden Menge
auf Grund ihrer Sitten und Gebräuche der Bevölkerung die hiftori[dhe
Eigenart bewahrt, die auf jener Tradition gegründet ft, welche wir
in den herrliden Gefjängen urfinnijden Lebens begründet finden, die
finnifde Gelehrte unter dem Namen „Kalewala“ herausgegeben haben.
Der vom finnijden Staate eingenommene Raum bildet befanntlid)
 eine Brüde zwijdhen der andinavijden Halbinjel und der breiten
Balis Europas — dem moskowitijHen Rukland. Kein Wunder, dak
        <pb n="241" />
        231 —

hier Gegenjäge zum Austrag fommen mußten, wenn folge zwijdhen
Schweden und Moskowien vorhanden waren. Tatlächlih find zwijden
Heiden Mächten zahlreide Fehden ausgefämpft worden, um die Vor--Herrichaft
 an der Oftfee, in denen die eingeborenen Finnen mit groHer
Tapferkeit ihre heimatliche Scholle verteidigt Haben. Hierdurch, und
infolge der räumliden Irennung dur den Bottnijden Meerbufen
erhielt die Kolonie des fHwedijHen Staates ihre Eigenart, die aud)
im Titel „SGroßfürftentum Finnland“ bereits aud im Mittelalter Sffentfig
 vom Mutterlande anerkannt ward. In den durch die Iahrhunderte
mährenden Kämpfen war befanntlid im Jahre 1809 das KRKRubkland
Peters des Großen Sieger geblieben. Zar Alexander I. übernahm das
SGrokfürjtentum von der Krone Schwedens „wie es ging und ftand“
und [Hlug es als autonomes Staatswelen zum ruflilden Reid.
Bis in die 90er Iahre des vergangenen SZahrhunderts konnte
das eigenartige Staatswefen, das vom finnijdjen Staat, alfo von
finnländijden Bürgern verwaltet wurde, fi felbjtändig weiter entmideln.
 Die Finnländer Hatten ihre eigene Münze und ihr Zollinftem,
 Gerichtsbarkeit, eine Schule, die den an Zahl immer mehr
zunehmenden Bürgern finnijdher Nationalität gleidhfalls die Ausbildung
bis in die HochfHhule in ihrer Mutter/prahe bot. Endlid) ein eigenes
finnländijhHes Heerwejen. Was Finnland mit dem rujliidhen Reid) ver-Band,
 war ein Vertrag, den zU halten die Finnländer für ihre heilige
Pflicht erachteten, Jolange Die andere Seite, d. h. die Regierung des
Zaren ihren Pflidten nadfam. Erjt gegen Ende des Sahrhunderts
wurde Har, daß das mächtige Rußland danad ftrebte, das Heine
Finnland zu unterdrüden, ZU fnechten, ihın feine Geredhtjame zu nehmen,
das blühende Wirtjhaftsleben zu Hwächen und das autonome Staatsmejen
 in eine rullijde Provinz zu verwandeln. Der Grund dafür lag
in den gewaltigen Anftrengungen und Rüfjtungen, die Rußland in
Borbereitung zum Weltiriege traf. Als Vorwand diente die FurdGHt,
Finnland könne im Falle eines Krieges dem Feinde VBorfhub leilten.
Rein Wunder, daz während des Weltkrieges die Gefühle der Finn-[änder
 dorthin geridtet waren, wo im Süden der Oftjee „der Sachje“
wohnt. (Sakla heißt in finnijder Sprache der Deutihe.) Lagen doc
dort in Deutidland die alten Hanfejtädte, deren Kaufleute im 20, Jahr-Hundert
 nicht weniger als im tiefen Mittelalter SHandelsverfehr mit
den Finnländern pflogen. Aus dem Herzen Deutjdlands war den
Finnländern die Lehre Luthers gekommen, und zahlreiche Bande geiftiger
Art waren feitdem hinüber und Herüber gejponnen worden; während
des Krieges erfreuten [id die Finnländer in weiten Teilen des Deutiden
 Reiches lebhaftejter moralilder Unterjtügung im Kampfe um
ihre Sreibeit.
        <pb n="242" />
        —

Es ilt ein weiter Leidensweg, den der Staat von 1914 bis 1919
jurüdzulegen Hatte. In den erften Kriegsjahren aufs äukerfte geinechtet,
 Ionnten die Finnländer erjt bei Eintritt der rufjlijhen Reoolution
 wieder aufatmen, als die rujlijdhe proviforijdhe Regierung
im März 1917 fid) bereit erflärte, Finnlands autonome Stellung
ju adten. Was [ih aber in Rußland des weiteren entwidelte, madte
ieine Wirkung aug) in Finnland fühlbar. Yede der verldiedenen, in
Rußland auftretenden Strömungen fuchte Finnland mit mehr oder
minder verfdhleierter Gewalt zu beeinflufjjen. Die drüben immer mehr
vor jidy gehende Zerfegung ward aud) nad) drüben Hineingetragen.
Ende des Jahres 1917 erfolgte durd) den Landtag die finnländijdHe
Erflärung der Selbjtändigkeit des neuen Staates, welde fogleich
don Deutjdhland und Schweden anerkannt wurde. Zwar Hat auch
Renins Regierung ihre Anerkennung zu Ddiejfem Schritte nicht verjagt,
doch fandten die ruflildhen Maximalijten (Boljdhewiki) heimtüdijdHerweife
zu gleider Zeit nidt nur Waffen und Munition, Jondern auch
rote Zruppen zur Unterjtüßung der finnijdhen radikalen Sozialiften
über die Grenze. Sie entfacdhten mit Hilfe kommuniftijd) gelinnter
Arbeiter und Kleinbauern einen Aufftand in Finnland, der Millionen
von Werten und Taujende unbewaffneter bürgerlidjer Perjonen in unbegreiflidh|tem
 Terror vernichtete, der aber |Hlieklid) doch durd) eine
weiße Armee finnländijder Bürger und Bauern unter Mannerheims
Führung unterdrüdt werden Konnte, und zwar indem ein Hilfstkorps
deutjder Iruppen, geführt vom Grafen von der Golkg, im lekten
Moment zur Unterjtügung Hherbeieilte.
ANmäbhlicdh zieht nun politijde Ruhe ein. Im finnijdhen Reichstag,
der aus dem alten Landiag des autonomen Finnland entftanden ilt,
jaben feit dem März 1919 die Sozialdemokraten (in deren Reihen
es nod) viele unruhige fommunijtijde Elemente gibt) mit 80 Sikgen nidt
mehr das Übergewicht. Ihnen nähern fidh zwar die Agrarier mit
12 Sigen, eine als bürgerlid) zu betrachtende Partei Meiner Bauern.
UNucd die nationale Fort{Hrittspartei (Progrejjijten) fteht mit ihren
26 Mitgliedern recht weit linfs und neigt dazu, mit den Kleinbauern
zu gehen. Aus der früheren altfinnijden und einem Teil der jungfinnijden
 Partei ijt die nationale Sammlungspartei (Koalition) mit
28 Sikgen hervorgegangen. Diejen, durchweg die finnijdh |predjende Bevölferung
 vertretenden bürgerliden Parteien gegenüber fteht mit
22 Plägen die [Hwebijdhe Bolispartei als Vertreterin hauptjächlih der
in Sübdwelt-Finnland gejdlofjen auf dem Lande lebenden [Hwebdijd
ipredenden Bevölkerung. Die Hrijtlide AWrbeiterJhaft als lektes bürgerlidjes
 Element hat es erft auf 2 Sike bringen fönnen. Diele Zujammenfjekgung
 der Kammer verbüragt dem jungen Staatswelen eine
bürgerliche Regierung.
        <pb n="243" />
        — 233 —

Wenn dem Staat fernerhin innere Kämpfe erfpart fein follten,
jo wird er ausbauen fönnen, was von ihm aud) in den [Hwierigen
drei lekten Jahrzehnten rullildher Oberherr]dhaft auf dem Gebiet geiftiger
Kultur gejhaffen ward. Finnland ijt ein zweijpradhiges Land; 1r08-dem
 befigt es ein hHocjentwideltes Boliks-, Mittel und Hoch[hulwejen
für beide Sprachen und eine dementjpredjend geringe Anzahl von Analphabeten
 aud) unter den Finnen. Es er[dHeint bewunderungswürdig,
wie beide Nationalitäten, die finnijde neben der fhwedijdhen, friedlich
neben: und miteinander dahergehen, fjeitdem die allen von auken Ddrohende
 Gefahr fie zu einer Nation zujammenge[Hweikt Hat,
Die materielle Kultur entjpridt in ihrer Höhe dem allgemeinen
Bildungsftande der Bevölkerung durdhaus. Vielleicht kann fie nicht
beifer Harakterijiert werden als dur folgende Zahlen: Bor dem
Kriege betrug der Kopfanteil des Finnländers am Aukenhandel des
Landes in Finnland 200 Mark, in Rußland dagegen nur 35 Mark.
Xndelfen hatte Finnland immer gewifje Schwierigkeiten, fein Budget
ins Sleidgewidht zu fekgen. Iekt, da es frei und unabhängig ilt
und vor allem feine fozialen Verhältnijje auf die notwendige Höhe
bringen muß, wird es auch diejenigen wirt]Haftspolitijden Maßnahmen
treffen fönnen, welde ihm möglichjte Selbitverforgung lJidern.
Freilich fönnte die geringe Bolisdihte Bedenken erregen. Doch einmal
ijt die natürlihHe Bolksvermehrung ungewöihnlid) hoch, und zweitens
ijt Finnland fein Agrarftaat und Kfeineswegs gezwungen, alles im
eigenen Lande zu erzeugen. Gewiz müfjjen Moorkultur und YAWuf-IOhlieBung
 brachliegender Böden die AUnbauflädhe vergrößern helfen;
vor allen Dingen aber liegt die Möglichkeit vor, den ungewöhnlichen
Waldreidhtum durch gefteigerte Herftellung indujtrieller Erzeugnijfe nod)
beffer zu verwerten als bisher. Dabei können nahezu alle Verfkehrsmittel
 und nod) viele Induljtriebetriebe aus den Waffjerfkräften elektrijiert
werden. Finnland braucht alfo keineswegs zu fürchten, aud) weiterhin
mit feiner Ausfuhr der Einfuhr gegenüber im Rüdjtand zu bleiben.
Dazu gehört FfreilidH nicht allein Kapital, jondern es find au nod)
mehr gut vorgebildete und gejdhulte Menfdhenkräfte nötig, und in
dem Make als erjteres dem Lande zuflieken wird, müllen lektere ins
Land gezogen werden. .
3 gebe nun zum Schluß einige Jtatijtijde Tabellen, deren Er-Märung
 überflüffig erfheint. Die neuelte Bejdreibung Finnlands it
1919 unter dem Titel „Finnland im Anfang des 20. Jahrhunderts‘
in der Druderei der finnifiden Literaturgefellfihaft zu Hellingfors er-Ichienen.
 Wer ih mit einer fürzeren, irogdem aber jehr volljtändigen
Auskunft begnügen will, dem fei 5. Dehquijts „Finnland“ empfohlen
(Bd. 700 der Sammlung „Aus Natur und Geilteswelt“, B. G. Teubner
 1919).
        <pb n="244" />
        234 —

Sitatiftiiche Beilagen

Münze: 1 Fmk. = 1 Finnifde Mark (vor dem Kriege = 1 Franken = 0,80 Rımk.)
Make: metrildhes Makiyltem, wie im Deutfhen Reich.
Xläcgeninhbalt und Bevölkerung

Gejamt-Bolts-


zuf den
qkm

Yan *)

yläche
akım |

Davon;
Seen:
äche

oo
Der
Zeen

Beyölferung 1917

yeltes
Rand

Stadt |

QanDd

YNıland (Mlimaa)
Xbo-Björneborg
(Turku-Pois)
Favaltehus
(Häme)
Biborg (Viipuri)
Zt. Midel
(Mikkeli)
RuopiO |
Baja (Waaja)
WMeaborg (Dulu)

12039 '
24371

11272

767
1145 |

6,37
4.69

206248

2923325

Q8R 091

38,1
225

232926

433521

20961

17457

3504

16,72

593892

303 321

20,6
18,2
122

43229
23314

21376

1853

27,42

54521

517708

16638

6676

28 67

11204

191292

144067 36191 7876 17,87 9,7
41474 38431 3043| 7,34 14,1
167971 158549 9422‘ 5,61 23
377426 | 333140 [44286 | 11,73 | 528515 12818338 | 10,0
15,8% 84,2%
A
2246852

Einwohnerzahl der wichtigiten
Heflingfors-Seljinki . 70452
bo Turku . . . . . . 53926
Fammersfors-Tampers 45213
Miborg-VBiipurt . - 29329
Baja-Waaja . - + - + + 24430
‚HNeaborg-Sulu . + . + 21605
RunDio - - 17587

zZtädte 1914/15 (berechnet).
Björneborg-Pari . - +
zotfa. + 0000000004 404
Sakobsitabt-Pietarfaart .
Raumo-Rauma . + +
Tavaltehus-Hämeenlinna
Danab:-Hanko .

17541
12227
7280
7070
5656
BASS

Rlima, Ddarageltellt durch mittlere Monatstemperaturen zweier Orte in Südund
 Mittelfinniand:

Helfingfors .
RuopiOo - .)]

a

vi

„5,7 | - 12 | 4} | 24 | 94 | 148
96 | -10,3 * -65 1,3 8,3 13,9

Fr

VIII

sp | X

Helfingfors .| 17.1 15,5 | 10,6 | 5,5 1,0 8,1
RudDiD 16,7 | 141 8,7 3.2 -2,2 -3.1
*) Schwediihe Bezeichnung der Bermwaltunaseinheit.
        <pb n="245" />
        — 235 —
Mutterfpradhe 1910

in der Gefamtbevölferung:

Berfonen: un
Finnilh . 2571145 88,0
Schwebdijd . 338961 11,6
Rulltig 7339 d,2
Deutidh . - 1794 0,1
Andere. . . . +. ,
(davon 1659 Lappen) / 1005 04
2921197 100,0

Berufe 1910 in der Gefamtbevölferung:

Perjonen: un
RandwirtjdhHaft . . 1937198 56,3
Indultrie . . . 357220 12,2
VBerkehrsweien . 84351 2,9
Handel . . 0.000 0 64589 2,2
Freie oder öffentlide Berufe 74751 2,6
Sonitige Berufe . . . . 50562 1,7
LohHnarbeit wechlelnder Art 176401 6.0
Benlionäre, Rentner . . . 69371 74
Unbenannte Berufe . . . 106754 3,7
20921197 100,0

Berteilung der Unbauflädgen und wichtigiter wirtjdhaftlider Berufe
in %, 1910:

Rän

yland . . . +
Mbo-Björneborg
Tavaltehus . .
Wiborg . +.
St. Midel ..
Ruopio . . +.
Wafja . +
YWleaborg . .

Mcerareal

ha

229 100
389.000
248 000
239000
111100
130.100
406 000
114100

Miejen:
areal

19

38200
48 600
48600
'09700
78100
157800
115000
327 400

Zuf.Proz.' Landwirtd.Gejamt-'
 IOhaftlidhe
slähe ! Berufe

Win

23,0 |
18,9
17,0
11,1
11,4
8,0
13,6 |
OR

43,06
62,60
61,31
65,40
82,01
79,39
74,16
"71 96

| Sandel-Indufiiie-
  erfehr-Berufe
 | Yerufe

in

Di

18,92
13,92
14,39
13,87
5,89
5,84 |
7,95 |)
1133

10,10
6,24
1,54
5,92
2,14
2,33
3,39
2 66

Sejantt: | 1866400 ! 923400
        <pb n="246" />
        386

Landwirt{chaft :
Wert der Erntemengen in Fmfk. 191“

Län
Nıland . . ..
Abo-Björnebyorg
Tavaltehus . .
WMiborg . . .
St. Midel . .
Ruopio . . .
Waja. . . 0
Meaborg . . -
Vinnland:

Getreide
16181800
31 695 200
‘9049100
20125000
10683300
12502300
21707 300
9031100

Rartoffeln
2705800
4356700
3122600
14507800
2350900
1640200
‘985200
2180100

Rüben
151800
518800
396300
275000
144000
342200
570100
69100
“2167300

140975109

28 249200

Län
Yyland. . . .
Abo-Björneborg
Tavaltehus
Wiborg . .
St. Michel .
Ruodpid +...
Wala. . +.
Yeaborg + .
Zinnlaud:

Heu
3861100
16623500
10703 500
15693200
5166000
15658700
72561409
16297 800
111559200

Stroh
3902000
7201200
1215800
1500700
2307 300
2704200
797°07 00
17 RAN

*lacs u. Han
27000
127900
156000
112100
68300
35800
92600
715600
G8E ana

Hr
Br

Butterber ltung 1914;
Molkereien Produktion

Qän

9, der Gejamt-Butterbereitung


Nıland . .
Abo-Björneborg
Tavaltehus
Wiborg .
St. Micdel .
Ruopio .
Waja . &amp;gt;
Yleaborg
Tinnland

Kg
123400
545800
‚314800
291800
595 700
2436400
2219700
1530000
13457600

3.4

2
3}
=

33,8
9,7
2,2
5,2
18,0
16,8
12
100,0

X
RO
39
m

xäfebereitung 1914:
kän kg
Nyland .. ... . .. +. 1290586
Nbo-Björneborg . . . . . . 623305
Tavafltehus sn 307.040

Y/ der gef. Kälebereitung

53,5
25,1
13,0
91,6
100,0

„7 2216840
Dagegen Gejamt-Finnland . 2462161
        <pb n="247" />
        23837 —

Soritwirtjdhaft
MArealverteilung ha
Broduktiver Waldboden . . . . . . . 16982800
Seringwertiger » 0. « «= 3232600
Unproduftiver 2.04 +. 12684400
Dffene Moore, Ga

0!
10
16,9
8,9
35.0

Einnahmen der Staatsforjten (Neingewinn, Fmi.)
1914 9989500
1915 5362839
‚916 7263499
1917 12628427

Xnduftrie

Bruttoertrag der Produktion und Zahl der Arbeiter 1914
Indultrien SA
149455 300
124 603400
101477 400
78347 600
76521300
30041 700
21850400
12 983700
11470500
8980400
1685300
685800
1692000

Dol3- . 00.0... ...
Nahrungs: und Genußmittel-Papiers
 . 4.000000 0 +
Metalls +... 00004
SE
Leder und Haar» . ... 0.44
Stein=, Erde, Glas=-, Kohlen-, Torf»
Sraphijdhe Gewerbes . .. . .
Beleucdtungs-, Kraftübertragungs-Teer-,
 Öl», Gummi: . . .
Ehbemiidhe . . . .
Undere . .0..0...00 4
Srubenbau, Erzaewinnung

621564800

3ahl der
Arbeiter
31371
11 448
12496
16418
5555
2956
3923
3330
401
509
388
140
552

106088

Bedeutung einiger Städte als Induliriezentren 1913
Millionen Fmi.
Innerhalb der Stadigrenzen Auf dem umgebend. Lande
Brutitoertrag Boltsw. Neinertrag Bruttoertrag Bolisw. Reinertrag
Xabrifen Xabriken

Hellingfors . 100.8
Tammersfors 55,3
Nbo. ... 391
Waja + +. . 25,6
Rotia .. . 23,7
Björneborg 18,7
Weaborg . . 185
Sakobitabt . 16.1
Wibora - - 15,5

18,7
25,0
99
3,5
25

7

R5
3,9
5,1
„0
n0
4,1
1,3
0,7
43
        <pb n="248" />
        _ 288 —

Einfuhr
Deutjchland . . 94.6
Rußland . 7
England . .
Nrankreih .
Schweden
Dänemark
Niederlande
Belgien .
Spanien .
Norweaen

Handel
Millionen Fmf
1904
YNusfuhr 3Z1riammen
108

ar

U

ff.

Sinfuhr
202,5
139,5
30.8

1913
Ausfuhr Zujammen
51,6 254,1
112,8 252,3
108 5 169,3
38,5 45,6
.ß 43,0
40,7
31,4
27,1
A’

19,2

Betriebslänge der Cijenbahnen 1915
Staatseijenbahnen . . . + - + + 3,685 km
breitfpurige Privatbahnen . +. + 157
"Hmalipuriage „ .‚.. 218,

Yinnlands Handelsflotte 30. 6. 1919
Tragfähigteit Neg.= To.
82623,3
142721,4
9548,9
279648,4
514542.0

Dampfer +... -
Segler. . +...
Motorfahrzeuge
Prähme . ..

zufammen 5021
        <pb n="249" />
        Der Kaukafus
Bon Dr. €, v. Bera

1. Das fand

Kaukfafien umfaßt rund 397000 Quadratwerit, ijt aljo etwa fo
groß wie bas alte Deutidje Reid) ohne Bayern. Der Betrachtung
legt man am Dbejten eine Einteilung nad) der geographilden Struktur
des Landes zugrunde *), wobei [id eine natürliHe Irennung in folgende
vier Teile ergibt: 1. die Chene nördlidH des Kaukajusgebirges, 2. das
Raufkfalusgebirge mit dem Hochland von Dagefjtan, 3. die Fluktäler
des Rion und des Kur und 4. das Hochland von Armenien.
1. Die nördlid dem Kaukajus vorgelagerte Ebene um:
jaßt die Provinzen Kuban, Terek und Stawropol und ftellt eine allmäbhlidh
 bejonders in der Richtung zum Kafpilhen Meer abfallende
läde dar, die [ih nur im Zentrum auf annähernd 600—800 Meter
HShe erhebt; dies ijt die Hochebene von Stawropol, die die Wafjeridheide
 zwijden dem Kuban im Welten und dem Terek und der Kuma
m Olten bildet. Didhte Wälder bededen die AWusläufer des Gebirges,
in weltlider Nidhtung geht die LandjHaft in die füdrullildhHe Steppe
über und endet in den [Hilfbewadhlenen Sümpfen des Kubandeltas.
Sm Norden und Often zwilden dem Manytidh und dem Kalpilden
Meer liegen Steppen von fandigem und fteinigem Charakter. Im
großen und ganzen ijt der Boden, befonders in den NMiederungen am
Teref und Kuban, wo er vom Schlamm der Flüffe gedüngt ijt, äußert
irucdtbar. Klimatijd kommt in Betracht, daß das Gebiet im Norden
unge[hüßt daliegt; die DurdHfOnittstemperatur beträgt im Minter
209 im Sommer +22, .
2. Das Kaukfafjusgebirge erftredt Jid) von der Straße von
Rertjd) im Nordweften bis zur Halbinjel Apfheron am Kafpildhen
Meer im Südoften in einer Längenausdehnung von 1100 km (rechnet
man no die Krümmunagen des Berarüdens hinzu, fo eraibt id eine

*) An Stelle der gewohnten Einteilung in Ziskaukafien: Provinzen Kuban,
Stawropol, Terel und Dageftan, und Transkaukaften: Schwarzmeergebiet,
Bound, Kutais, Tiflis, Kars. Eriman, Xelilametnpol und Bahkı.
        <pb n="250" />
        240

Länge von 1500 km). Der Kaukafus ift mithin ausgedehnter als die
Alpen, hat dagegen eine Breite von durchjOHnittlid) bloß 170 km, fo
daß die von ihm bededte Fläge von 31000 qkm der der Alpen unter:
legen ijt und ungefähr der doppelten Gröhe des Königreihs Sachjen
entipricht; an durchiHnittlider und abfoluter Höhe überragt der Kaufajus
 die Alpen, Gipfel wie der Eihrus und Kajbek erheben [id weit
über den Montblanc. Dagegen bejißt der Kaukafus feinen einzigen
See von Belang. Die Berggipfel find meift Hein von Umfang, der
Schnee haftet an teilen Abhängen, [o daß die SFlüffe als ftürmilde,
wild [Häumende Gebirgsflüfle dahinbraufen. Der füdlidhe Kaukalus
ijt unvergleiclid) reider an Feuchtigkeit als der nördliche, und die
Schneegrenze reiht im Süden 400 m weiter hinab als im Norden *),
die Gegenden in der Nähe des Gebirgsfammes find äuberit falt, Die
Sleticher reihen bis zu 1600 m hinab. Herrlidhe Hocdhwälder von ähnlien
 Holzarten wie die der Alpen bhededen die Gebirge.
3. Die FiluHgebiete des KRion und des Kur, die zwijchen
dem Kaufajusgebirge und dem Hochland von Armenien, oft von Aus-[äufern
 beider Gebirge durchzogen, gelegen find, bilden den am jtärfiten
Sevölferten und fruchtbarkten Teil Kaufkaliens. Das ganze Talgebiet,
das im Zentrum von der Kadhetijhen Hochebene unterbroden wird,
jentt fidy nach Often: bei Tiflis liegt es noch 60—150 m hoc, am
KaipijhHen Meer dagegen 25 m unter dem normalen Meeresfpiegel.
Das Klima wechjelt je nad) der Höhenlage: Tiflis hat ein Sahresmittel
 von beinahe +13° (Sanuartemperatur 09, Suli +24°%), der
zrite Froft wird hier am 17. Rovember, in Poti am Schwarzen Meeer
erit anı 12. Januar regiltriert; nod) wärmer ijt Baku mit einer NYahrestemperatur
 von 414129 (Suli + 269, Januar +3,40), da das Dorgelagerte
 Gebirge die Kalten Nordwinde auffängt, fo it namentlich
der Herbit ausnehmend warm. Die Regenzeit tritt im Olten früher ein
als im Weiten: in Batum fällt der meilte Regen im November, in
Tiflis im Frühjahr. Die jährlide Nieder[dlagsmenge beläuft fidh in
Batum auf 2370 mm, nimmt in öftlider Richtung immer mehr ab und
beträgt in Baku nur noch) 214mm. Das trodene Klima prägt dem
3ftligen Transkaukajien den Charakter eines dden Steppenlandes auf,
in dem Hin und wieder ein Salzjee und nur an den Ufern der Fülle
einzelne Baumgruppen (Pappeln, Zwergeichen, Tamarisfen) anzutreffen
jind. Dagegen weilt das weiter [üdlidh gelegene Lenkorangebiet ein
jeuchtes Klima, fruchtbaren Boden und reiden Pflanzenwuchs auf,
Hier einige Daten:
Höhe Sahrestemp. NiederIhlagsmenge
Mladikawias . . . 678m 9,03 ° 0,920 m
BjatigorltE . . . + 516 ,, 9,37° 0,548 ,,
Noworoliliiit ... 4 13.44° 0,584 ,,
        <pb n="251" />
        — 241 —

.

n

52
un

4,
dD,
m
el.

5:
er
er
52

IX=6

in
in
nm

1D

am

if,
Te
m
in
AT.

Zelten . vielgeltaltig ijt das Klima im weitliden Transfaukfafjien: eine
;ropijd) üppige Vegetation (u. a. Feigen und SGranatbäume), Sümpfe
und dichte Urwälder, in denen der Büffel Hault, hededen das regenreihe,
 warme Tiefland; etwas Höher hinauf liegt die Zone der Eiche,
des Maijes und des Weinfjtods —- der am didhtejten bevölferte Teil
yes Landes. Bis 700m Höhe trifft man die Baumwolljtaude als
Rulturpflanze, bis 1000 m Linden- und Eidenwälder an; weiter höher
nird der Wald zuerft von Buchen, dann von Birken, Nadelhölzern,
Ahorn und Notbuchen gebildet; in einer Höhe von 1500m nimmt er
ganz nordijdhes Gepräge (Tannen, Birken und Ejpen) an. Bon Körner:
früchten wird in den unteren Lagen Mais, in den mittleren Weizen,
weiter höher Roggen und Gerfte gebaut. Die Bewohner des Waldes
iind vorzugsweile Rehe, Edelhirfhe und Bären, oberhalb der Baumgrenze
 lebt die Gemfe und der Steinbod,
4. Das HogHland von Armenien, der [ogenannte Kleine
Raufajus, verläuft im allgemeinen parallel mit dem Kaufa[usgebirge
und bildet mit feiner viel geringeren Erhebung von 1500 bis 1800 m
sin teils {Iacdhes, teils gewölbtes, meijt jrudtbares Plateau; aus
diejem erheben fidy verfdiedene Berginjteme, die eine HShe von 2500
5is 3000m erreiden; die hHöchiten Gipfel [ind der Ararat und der
Aagös; viele Bergifetten hefigen erlojdene Vulkane; im Krater des
Uagds wird fogar Schwefel gewonnen; Zahlreiche und große Seen
beleben die Landihaft. Klimatijdh find alle Zonen vom weichen See-%Tima
 an der Külte bis zum rauhen Gehirasklima vertreten.

9. Die DBevölkerung

Kaufafien beherbergt etwa 12 Millionen Einwohner und ijft dem:
nad) äußert dünn bevölfert: die Didtigkeit pro Quadratwerjt beträgt
im Gouvernement Kutais 55, Eriwan 40, Tiflis 33, Kuban 33,
Baku 30, dagegen im Dageftan nur 26 und im Terefgebiet gar 19.
Die ethHnographijHen Verhältnifje Kaukafiens gehören zu den vermideliten
 der Erde, feine Lage als einer Brüde zwilden Ajien und
Europa, fowie der Oberflägendharakter des Landes mit ben riegelartig
 abjperrenden Gebirgsreihen und tief eingefeniten, [dhwer zugängliden
 Tälern haben ein Völkergemijdh von jeltener VBielgejtaltigkeit
hervorgebracht: groß war die Zahl der eingewanderten KRalfen und
der Meinen Völkerfplitter, die unter dem Schuß der Bergwälle ein
zinfames Leben zu führen und fo ihr Blut- und Sittenerbe durch
die Yahrhunderte zu erhalten vermochten. Noch Heute zählt man in
Raufalien 35—40 verfdhiedene Sprachen.
Da {ft zunächft die autodthone Kaukalijche Rafje: die Sprachen
itanden bis vor kurzem ganz ifoliert da und werden neuerdings mit dem
Die wirtichaftlidhe Zukunft des Ditens

2
A
        <pb n="252" />
        — 242 —

Bastkifjden und EtruskijdHen in Verbindung gebracht. Phylilde Merk
male der Kaukafier find große Najen und üppiger Haar- und Bart:
uchs (mitunter von blaufdwarzer Farbe), feelild gehören fie zu den
Sanguinifern: leidenfhaftlidh erreyt, jäh aufbraujend in Liebe und
Haß, find fie tapfer im Kriege und von ausgeprägtem Chrgefühl,
daher aud) die Häufigieit von Streit und Blutradhe. Der Kaukfafilcdhe
Stamm gliedert fidhH in die georgijhe Gruppe und die Gruppen der
wejtliden und die der Sftliden Bergvölier. Die weitlidgen Bergvölfer
zerfallen in die Kabardiner, Abohajen und TIjherkejfen; Iektere Jind
im vorigen Yahrhundert nad) Unterliegen im Kampf gegen die Rulfen
zum großen Teil nad Kleinafien ausgewandert; berühmt war ihre
Tapferkeit und Mitterlichkeit, auf der anderen Seite aber auch ihr
Blutdurft und ihre Graujamfkeit. Zur Sjtliden Bergvölfergruppe gehören
die IfhetfhHenen, Kijften und Ingujdhen, weiter Sftlih [OHlieken fidhh die
lesgilden Stämme an. Das Volk der Georgier (etwa 3 Mill. [tark)
nimmt in der Hauptjade die Gouvernements Kutais, Tiflis und das
Batumgebiet ein; es 3erfällt in eine Reihe von Stämmen: in und
um Tiflis wohnen die Khartlier, denen Ehrlichkeit, Zuverläffigkeit
und 3ähes Feithalten am Althergebradhten nadhgejagt wird, Sfjtlih die
ihres Weinbaus wegen berühmten Kachetier, weitlid) die Ymerier und
Surier, Mingrelier und Lajen; feurig, tapfer und Iühn, aber wenig
ausdauernd in ihren Unternehmungen, jind fie vielfad) verarmt, aber
von unleugbarer Bildungsfähigieit und [tarfem Bildungsdrang befeelt;
gine eigenartige Stellung unter den georgijden Stämmen nehmen die
Swanetier ein, die eines der hHöchft gelegenen Täler des Gebirges
bewohnen; hohe Gebirgswänbe, die nur von wenigen im Sommer
gangbaren BPäflen durdHfHnitten werden, [Heiden das Land von der
Umwelt und bewirken, daß fih hier nod) ganz mittelalterliche, teilweife
an das Feudaliyltem ankflingende Zujtände erhalten haben.
Sm Gegenfag zur autodthonen Kaufkfafijdhen Rafje find die anderen
 Völfker]hHaften in hijtorijdher Zeit zugewandert. Zum urali[dhaltatijden
 Stamm gehören außer den in Nordfaukafien nomadifierenden
KRalmüden, Nogaiern und Iurkmenen vor allem die AWierbeidldhan-Tartaren,
 die, über 11% Millionen |tarf, das Gouvernement Balu,
ben größten Teil des Gouvernements Helijawetpol und den Südoften
des Gouvernements Eriwan bewohnen. Nicht nur als AYderbauer und
Viehzüchter, Jondern aud) in unternehmungslujtiger Weije im Grokhandel
 tätig, |pielen fie im WirtjhHaftsleben des Landes eine bedeutende
 Rolle und tehen auf einer verhältnismäkig hohen DBildungsitufe.

3Zwijdhen die beiden Hauptjiedlungsgebiete Iranskaukafjiens —
bas georgijdhe und das tartarijHe — dringt das armenijdhe hinein,
indem es den aröbten Teil des Gouvernements Eriwan, den Oltteil
        <pb n="253" />
        — 248 —

1

)

yes buntbeuölferten Karsgebiets bededt und in beträchtlidem Umfange
ins Gouvernement Yelifjawetpol hineinragt. Die Armenier bilden nirgends
 eine bedeutende Majorität der Bevölferung, hHauptfächlid) ind
je als Kaufleute tätig und haben [id als Joldje den HakH der anderstämmigen
 Bevölkerung zugezogen, die ihnen Wucher und Ausbeutung
vorwirft.
Das rufliidhe Siedlungsgebiet umfaßt hHauptfädlidh das Borland
jes Kaufalus (abgejehen von den Sftlidhen Nomadendijtrikten), ertredt
 Jidh in der Schwarzmeerzone, im füdliden Kuban- und im mittieren
 Terekgebiet ins Gebirge hinein und zieht fidy als [Hmaler Streifen
längs dem Kajpiufer des nördliden Ziskaukajiens hin. Bor der großen
Umwälzung beftand zudem die Beamtenfdiaft und ein groker Teil
der Kaufmannjdhaft aus Ruflen.
twa 60000 beträgt die Zahl der Deutjhen; auker in den Städten
leben fie in gejdlofjenen Siedlungen, fogenannten Kolonien, von denen
die in Transkaukafien die bekanntejten find. Die AKoloniften in Transtaufajien
 find AWbkömmlinge einer Anzahl im Jahre 1818 ausgewanderten
 Württemberger und haben es unter anfangs unfäglidgen Schhwierigfeiten
 dur Fleiß und Beharrlichtfeit zu einem erhebligen Wohlitand
 gebracdt, fo daß lie vor dem Kriege zu den beften Steuerzahlern
 Transfaukfajiens gehörten. Nüchternheit, Fleiß und SGaltfreundidaft
 und vor allem [trenge Bewahrung ihres deut[H-nationalen Chavafters
 werden den Kolonijten mit Recht nadhgerühmt. Die Eigen[haften
der Kolonijten, die ihrer Weiterentwidlung hHemmend enigegen]tanden
— ein allzu großes Fejthalten am Althergebrachten im allgemeinen und
an veralterten Wirtichaftsmethoden im bejonderen, ein gewiljer Man-3el
 an großzügiger Initiative — erflären lid aus der Hfoliertheit
des Koloniften von der hHeimijhen Kultur und dem Heimijhen Wirtidhaftsleben.
 Zu den Mitteln, das dortige Deutidhtum zu jtärfen, würde
vor allem gehören: in Iultureller Hinfidht Förderung des KHrhliden
Lebens, Erhaltung des deutjhen Charakters der Schule, evt. Berufung
deuticher Pfarrer und Lehrer in den Kaukafus, Förderung des geijtigen
Lebens dur Vorträge und Unterftüßung des deutfhen Zeitungswejens,
Förderung [HlieklidH auch der Fahbildung durhH Entjendung von Jandwirtighaftliden
 Injirukteuren, Begründung von Schulen und Multerbetrieben.
 Dringend erwünfjdt wäre den Koloniften au wirt|dhaftlide
 Hilfe dur Eröffnung eines weitgehenden Kredits, die es ihnen
ermögliden würde, von den teilweije veralteten Wirtidhaftsformen
zu modernen rationellen Beiriebsmethoden überzugehen.
Bon den übrigen Bölker[hHaften feien noch) die Griechen an der
SZchwarzmeerfüfte und im Karsgebiet, die iranijHen Bölfer der Oljeten
im Zentrum des Gebirges, die Kurden in Kars und Eriman und
ie Berier, IhliekligH die Türken in Batum und Kars erwähnt. Dem

fe
        <pb n="254" />
        — 344 —

Slaubensbekenntnis nad) gehören die Georgier (mit Ausnahme der
mohammebdanifdhen Adjdharen in Batum) der griedhijH-Latholijdhen Kirde
an, die Tartaren und fajt alle Bergvölfer [ind Mohammedaner, die
Deut/den in überwiegender Mehrzahl Lutheraner, die Kalmüden
Buddhiften.
Das Shul- und Sanitätswefen liegt no) redht im argen:
die rufliihe Statiftik ergab einen Prozentfag von 10,5 des Lejens
und Schreibens Kundigen. Bor allem fehlt es aud) an mittleren Landwirtichafts]hulen,
 von denen es 1913 in ganz Iranskfaufajien nidt
zine einzige gab; neuerdings hat die georgifhe Regierung einige [older
Schulen eröffnet und plant nod) eine Reihe weiterer zu begründen.
Ebenfo viel zu wenig gibt es Ärzte und Krankenhäufer; obgleid) die
Sterblichteit nit hoch ijt (18,8 auf Taufjend) Könnte in der Be:
fämpfung der hHauptfäclidhiten Seuchen, wie Malaria und Iyphus, nod
viel gefhehen, jo 3. B. haben fig die früher äukerft ungejunden Ver-Bältnijfe
 in Batum dur Trodenlegung der Sümpfe wejentlidh gebejjert.
Staatlige Neubildungen. DBVielgeftaltig wie die Bevölkecung
 war das politijde Schidjal des Kaukafus; von feinen Völkern
hat vor allem das georgifdhe feine eigene Kultur mit eigenem Schrifttum
 und einen jahriaufendalten Staat hervorgebracht; unter der Königin
 Tamara um 1200 erjtredte [id Georgien vom Schwarzen bis
zum Kafpijden Meer, nachher zerfiel das RMeih in mehrere Klein:
itaaten. Der öftlige Teil des Kaukafus kam dann unter perfijdhe
Dberhoheit, während der weitlidhe und die Vergvölfer wenigltens nominell
 der Türkei unterjtanden. Seit dem 18. Yahrhundert begann
Rußland im Kaukafus Fuß 3u fafjjen: 1801 annektierte es Georgien,
1859 wurden nad) jahrzehntelangem blutigem Kleinkrieg die Bergoölfer
 unterworfen, 1878 trat die Türkei Batum, Kars und Ardbahan
ab. Der ruflilde Einfluß auf das innere Leben der kaukfafjiihen Bölfer
iit nie groß gewefen: fie haben ihre Eigenart bis auf wenige Wusnahmen
bewahrt. Nach Ausbruch der ruflijihen Märzrevolten von 1917 madten
ji au glei Selbjtändigkeitsbejtrebungen bemerkbar, die zuerft auf
in föderatives Verhältnis zu Rukland, nachher aber feit Beginn der
Bolfhewiftenherridhaft in Rukland auf völlige Selbjtändigieit hinausliefen.
 Der anfangs unternommene Verfuch, Georgien, Armenien und
Aierbeidihan (wie das tatarijhe Siedlungsgebiet genannt wird) 3U
einem Föderativjtaat zu ammenzu[dhlieken, [Heiterte an dem tatarijdarmenijden
 Gegenjage und der faljden türkijhen Kriegspolitik. Die
zinzelnen drei Iaufkalijden Staaten find dann getrennte Wege gegangen
und haben ihre Unabhängigkeit erflärt, die audy von der Entente anerfannt
 worden ijt. Die Verhältnijfe bei den Bergvölfern find nodh
nicht geflärt, zu einem geldloffenen Staatswejen haben ie es troH
dabhinzielender Berluche noch nicht gebracht.
        <pb n="255" />
        245 —

3. Das wirtfchaftliche Leben
1. BerkehrsverhHältnijfe. Das gejamte Wirt[dhHaftsleben des
Raukfahus Fönnte einen glänzenden Aufidhwung nehmen, wenn die Verfehrsverhältnijfe
 eine durdgreifende Verbejferung erfahren würden. Eine
zroße Eijenbahn umzieht das Gebirge: von Roftow am Don ausgehend,
sieht fie dur das Vorgebirge des Gebirges dahin, berührt auf einer
jJängeren Strede das Kafjpiufer, wendet [id) bei Baku nad Welten und
fehrt nad) Poti und Batum an das Schwarze Meer zurüd, An diefe
Hauptlinie [Hlieken fidh eine Reihe von Nebenlinien, [o nad Noworoffijlt,
1ach Nuapfe, nad Kars und Sarykamijd, 3. B. die Linie Batum-Trapezund,
 Täbris-Djhulfa, Baku-D{hHulja, ferner eine Linie an der
Küljte des Schwarzen Meeres. Geplant wurde der Bau einer Bahn
sort Batum nad) Kars und von dort nad D{Hulfa, [owie einer eleftrilden
 Bahn über die Bergiette des Kaukajus von Wladifawkas nach
Tiflis. Die BVerwirklidung diejer und ‚anderer Pläne ijt für Die
Zufunft des Landes von größter Bedeutung und ftellt eine der wid
tigjten Aufgaben der Gegenwart dar. Bon den groben Heerftraken
}jt die 213 km lange georgijde Heerftraße von Tiflis nad) Wladikawkas
au wegen ihrer landjHaftliHen Schönheit berühmt. Während des
Krieges wurde eine Kraftwagen|ttae von Baku nad Lenforan und
don dort nad dem perfijdHen Hafen RejdHt gebaut. Die ofjetifche
und avarijdje Heerftrake führen über Päjle von 2800m und Jind
im Winter nicht gangbar. Die fonjtigen Verkehrswege im Gebirge
find meilt Pfade, die unge[Hüßgt an Abgründen vorbeiführen und
infolge ihrer Höhenlage bis zum Hocdhfommer durch Schneefälle bedroht
jind; Swanetien iit 8 Monate im Iahr von der übrigen Welt abgefdhnitten,
 und mit vielen Gegenden im Gebieet von Dageltan und
Rars ift es nicht bejfer Deftellt.
Aud) für den Wafjjerverkehr Könnte dur Regulierung der Flülfe
noch mandjes gejdhehen; ftörend madt fig der Schlamm bemerfbar,
den 3. B. der Kion in foldjen Mengen mit [ih führt, daß die Hafenanlagen
 von Poti ernitlid bedroht jind. Der Rion if auf 80km
jür fladhgebaute Schiffe fahrbar, der Kur auf 320km, doch liebe
ji eine weit größere Strede [Hiffbar maden. Die Haupthäfen jind:
am Schwarzen Meer Batum, Pott, Sudhum und Noworolijit,
am Ralpijden Meer Baku. Die Häfen follten im Jahr 1914 wejentlide
 Verbeiferungen erfahren, doc) find die AWrbeiten, die jdon in
vollem Gange waren, dur Kriegsausbruch unterbrochen worden; ihre
Wiederaufnahme ftellt eine wirtjdhaftlige Notwendigieit dar.
2, Die Urproduktion. Den Hauptberuf der Bevölkerung bei
dielen Stämmen, wie bei den Bergvölfern, fait den alleinigen Beruf,
bildet die Landwirtidhaft. Die wichtiglten Getreidearten find Weizen
        <pb n="256" />
        — 246 —

und Gerfte, jedoch bauen tuljijde Kolonijten nad) heimijder Gewohnheit
 daneben aud) Roggen und Hafen, jowie Budhweizen und Kartoffeln
 an. Grohe Bedeutung Hat in Transkaukfafien die Kultur von
Reis und Baumwolle. Im weitligen Iranskaukafien, dem Gebiet reich:
licher Sommerregen, gedeiht der Mais, und fein Anbau drängt alles
übrige Getreide in den Hintergrund. 1914 waren im gelamten Kaufajus
3477474 Debkjatinen mit Brotgetreide, 422666 Dekiatinen mit Hafer
und 93758 Dekijatinen mit Kartoffeln bebaut. Die Kornilammern
Kaukaliens, die Provinzen Kuban, Stawropol und das’ Terekgebiet,
erbrachten jährlig rund 300 Millionen Pud Weizen und Gerite, aljo
150% der gefamtruffiigen Weizen: und Gerfjtenernte, Dieles Ergebnis
wurde bei einer aug für ruflijhe Berhältnilfe überextenfiven Wirt[chaftsmethode
 erzielt: unmittelbar vor dem Pflügen mit einem 2-, 3=, 4 [da
rigen deutjdjen Pflug wird die Saat auf den harten Boden ausgeftreut,
troßdem wurde durch[Hnittlih auf die Dehjatine erzielt: an Gerfte 127,
an Minterweizen 66, an Sommerweizen 64 Pud. Unbaufähiger Boden
ift no) genügend vorhanden, [o daß SZiskaukfajien noch für längere Zeit
jowohl was Verbefierung der Wirt[Haftsmethoden, als aud) was YAusdehnung
 der AUnbaufläcde betrifft, ein Feld ausgedehnter Betätigung
darftellt.
Die Ernte an Brotgetreide in TIranskaukafien beitrug 1913
71,85 Millionen Pud. Der Aderbau ift hier nod) ganz bejonders
weitgehenditer Verbeljerung fähig: von 2213 Millionen Dekjatinen
Land, von denen ein beträchtliher Teil no KIulturfähigen Boden
darftellt, wird nur die Hälfte, 111% Millionen Dekjatinen, von der
Bevölkerung landwirt[dHaftlihH ausgenugt; von dielen aber find 510%
Weiden und Geftrüpp, mehr als 10% Wälder, 4% Wiefen und nur
330% Aderland und Gärten. Der Getreidebau ijt nvod) ganz rücjtändig
und arbeitet mit veralteten Mitteln und Methoden: der Boden wird
nicht genügend gedüngt, Die Fruchtwechjelwirtjhaft war vor nod) nicht
langer Zeit gänzlid) unbekannt, die IandwirtihaftliHen Geräte [ind
noch ganz primitiv, moderne Pflüge, Drejdmajdhinen kommen erft allmäbhlid
 in Gebraucd). Bei tationeller Bewirt/Haftung wäre die Produktion
 nod) einer gewaltigen Steigerung Fähig. Der Einfuhr TandwirtjHaftliger
 Maldinen und Geräte bieten fidh Hier in Zufunft glänzende
 Perfpektiven; dieje Einfuhr wird aud) vom geotgijdhen Landmirtidhaftsminijterium
 als dringendjtes Gebot der Stunde bezeichnet;
außerdem find in Georgien in leHter Zeit bereits jtaatlide Mujterwirtjqhaften
 errichtet, Infjtrukteure angejtellt und Iandwirtidhaftliche
Schulen begründet; dieje Maknahmen follen in größerem Umfange
fortgeführt werden.
Große Bedeutung hat wie fhon erwähnt der Baumwollanbau,
 der vor dem Kriege tändig erweitert wurde. Die Unbau-
        <pb n="257" />
        — 217 —

Täche umfaßte 1911 84672 Dekjatinen die 4257000 Bud Rohbaumnolle
 ergaben. Während des Krieges ift ganz wie in Turkejtan die
Baumwollkultur zurüdgegangen*), da die Bevölkerung infolge mangelnder
 Zufuhr an Getreide gezwungen war in verftärktem Make zum
Anbau von Brotgetreide zurüdzufehren. Die Baumwollproduktion wäre
durch Hebung der Baumwollkultur, [parjame Verwendung des Walilers
und vor allem durdy ausgedehnte Bewälferung des Sitliden Iransfaufafiens
 no) um ein BVielfades zu fteigern: neu bewäljert werden
fönnten nodj 114 Millionen Dekjatinen, die, wenn aud nur zu 23
mit Baumwolle bebaut, noch einen Ertrag von 6 Millionen Pud Fajern
liefern würden. In den legten Yahren vor dem Kriege hat die rullifdhe
Regierung eine großzügige Bewäjjerung der Mugan-Steppe in die
Wege geleitet (bewälfert und mit Baumwolle bepflanzt waren 1912
70000 Dekjatinen, zum Januar 1916 follte die gejamte Steppe, 200 000
Dehjatinen, bewälfert fein). Trog manderlei anfänglider Fehlidhläge
— große Schwierigkeiten bereitet der Salzgehalt des Bodens, nad
der Bewälferung muß das mit Salz gefättigte Waljer abgeleitet werden
 — ijt die Kultivierbarkeit des Steppengebiets erwiejen **). Der
Kaufpreis einer Dekjatine Baumwolland betrug vor dem Kriege bis
zu 1000 Rubel, fie erbringt etwa 300 Rubel brutto oder 150 Rubel
netto. Die Baumwollpflanze liefert außer der Spinnfaler nod) bie
Samen, die zur Ölproduktion benußt werden ***).
Neben der Baumwoll- fpielt die Seidenkultur befonders in
Transtkaukafien eine große Rolle, es wurden 1912/13 durchfOnittlich
280000 Bud gewonnen, die eingeführten Raupeneier find aber meilt
minderwertig, und die Fütterungsmethode der Würmer ilt primitiv.
Eine große Bedeutung hat der Weinbau Jowohl in 3is- als aud)
in Transkaukafien hauptfächlid in Kadhetien; er erjtredte fi@ im Sahre
1914 in Nordkaukalien auf 27000, in TIranskaukafien auf 97 000 Deßjatinen,
 die 23 Millionen Pud Trauben ergaben. Ein großer Teil des
Weines wird an Ort und Stelle verbraucht, ausgeführt wurden jährlid
 5—600000 SHektoliter. Der im Lande verbleibende Wein wird
zum Teil zur Kognakerzeugung verbraucht, die jährlid rund 30000
Hektoliter Kognak ergibt. Intereffant fjt, dakz etwa ein Drittel der
gejamten transfaufalilden Weinproduktion auf die deutlichen Kolonien
entiällt.

*) Die Baumwollanbauflähe war 1917 55000 Hektar groß, Die ca.
270000 Zentner Fajern Keferten.
**) Der Arazesidhlamm ijt reider als der des Nil: er führt in einem Liter
3,5g, der Niljdlamm nur 2,5 g. Zur Bewällerung wäre vor allem jeßt die
Raraja-Steppe in Georgien weitlid von Tiflis in Angriff zu nehmen.
***) Die Samenernte betrug 1914 gegen 1300000 Zentner, 1917 nur
500000 Zentner.
        <pb n="258" />
        — 248 —

Aug für die Ob jtiultur ijt das Klima des Landes gut geeignet:
Pfirfiche, AWprikojen, Äpfel, Birnen, Kirjdhen, AWpfellinen, Zitronen,
Quitten, Feigen und Granatäpfel gedeihen gut, finden aber vielerorts
 noch nicht eine wirklich rationelle Pflege. Im Batumgebiet werden
 jährlig 15000 Bud Oliven geerntet, von denen aber nur ein
feiner Teil zu OI verarbeitet wird, iroßdem dies von ausgezeidhneter
Qualität ijt. Gemüfe wird meijt für den eigenen Bedarf angebaut,
jtellenweife, wie in der Gegend von Kutais, Hatte fidh ein Export nad)
Rußland anzubahnen begonnen.
In den legten 20 Jahren Hatte fi zuerft in der Gegend von
Batum und dann auch in Gurien eine einhHeimi[de Teeproduktion
entwidelt, die immer mehr Bedeutung gewinnt. Geerntet wurden 1914
auf 892 Hektar 689382 kg grüner Blätter.
Die Tabakerzeugung ijt hHauptjäclig im Kubangebiet, im
Kreije Sudhum und in der Gegend von Tiflis konzentriert. Die Ausbeute
 an wertvollem türkijden Tabak betrug 1915: im Kubangebiet
rund 1354000, im Kreije Sudhum 500000 Pud und im übrigen Kaufafus
 263000 Bud, zujammen 2117000 Pud. Davon wird nur ein
geringer Teil im Lande felbjt verarbeitet. Georgien allein produzierte
jährlidg) mehr als 6 Millionen Kilogramm; gegenwärtig hat ji ein
Borrat von 17 Millionen Kilogramm angelammelt, der der AWusjuhr
 harrt.
Viehzucht. Abfolut genommen ijt der Kaukafus reid an Bieh:
man 3ählt etwa 2 Millionen Pferde, 6 Millionen Rinder, 12 Millionen
 Schafe und Ziegen. Davon wies Iranskaukajien mit feinen
3 Millionen Dekjatinen Winter: und 5,5 Millionen Dekjatinen Sommerweiden
 auf: 3333000 Stüd Rindvieh, 14000 Kamele, 6,7 Millionen
Schafe und Ziegen, 300000 Schweine. Die Viehzucht ijt zweifellos
nod) bedeutend intenjiver zu betreiben — durd) planmäkige Bekämpfung
 der Seuchen, die unter den Herden große Verheerungen anrichten,
dur rationellen Futterbau und Ausfaat geeigneter Pflanzen auf dem
„Unland“, dann aud durh Erfhliekung neuen bewälferten Landes
und durh Übergang der Nomaden zur fekhaften Lebensweije. In
der Gegend von Kars und BortjHalinjE hat neuerdings die Käjewirtjhaft
 einen Auffhwung genommen — 75000 Pud Käfe wurden jährlid
 exportiert. Aud) die Produktion von Honig, der fehr Ihmadhaft
 ilt, Iäbt fig mit Leichtigkeit noch jteigern.
Die FildhHerei iit in den Meeren und Flüjfen ergiebig (auch
am wohljdmedenden Sterlett), dagegen arm in den meilt Talzreichen
Binnenfeen.
Groß ijt der Neidtum des Kaukajfus an Wäldern, welde viele
Iojtbare Holzarten, wie Nukbäume, Eiden, KIaukajilde Palmen u. a.
enthalten, deren Ausbeutung bei rationeller Foritwirtihaft aroken
        <pb n="259" />
        „— 249 —

Nugen ergeben kann. Bor allem muß der Vernichtung der Wälder durch
Raubbau, Waldbrände und dur das Weiden der Ziegen: und Schafjerden
 ein Ende gemadıt werden, ebenjo wäre die Vermehrung des
Holzbeltandes durh planmäkige Unpflanzungen eine wichtige Zuiunitsıufgabe.

Boden|Häße. Bon Boden|Häßen, an denen der Kaukajus ganz
bejonders reich ijt, |teht der Bedeutung nad) an erfter Stelle das
Naphtha. Bon dem Gejamtertrage der Erde an jährlidher OÖlerzeugung
bringt der Kaukajfus ungefähr ein Fünftel hHervor*). Gegenwärtig
beginnen die alten Bakuer Quellen ihrer allmähliden Erjdhöpfung entgegenzugehen,
 troßdent wird die Gefamterzeugung nicht ab-, Jondern
junehmen, weil gerade die legten Yahre gezeigt Haben, daz Jowohl
Srofny (1916: 102,7 Millionen Bud), als audy Suradany und Be-1agady
 (beide im Bezirk Bakı) einen ausreidhenden Erjag bieten werden;
 aud) [tehen zahlreide neue Felder für die Ausbeutung zur Berjügung,
 [o in Gurien und Kadhetien, wo neuerdings Naphtha feitgeftellt,
ıber nod) nicht exploitiert worden ijt. Schäbdigend maden [ih die Mikitände
 im Transportwefen bemerkbar, die dringend der AWbhilfe bedürfen:
 [vo war während des Krieges die Produktion im Dijtrift von
%rojny, dejfen Petroleum fidh bejonders zur Herjtellung von Benzin
zignet, [o groß, dak erheblige Schwierigieiten für Lagerung und
Zransport eintraten. In den RMevolutionswirren Haben die NMaphthaunternehmungen
 dur ausgedehnte Brände [Hweren Schaden erlitten.
Der Export bedient id) der beiden Schhwarzmeerhäfen von Batum
und Noworoffijlk**), von denen der erfte durch eine 896 km lange Rohr-‚eitung
 mit Baku verbunden ijt, während Noworoffijit nur mit der
Bahn verforgt werden Kann; eine Leitungsanlage von SGrofny ans
Schwarze Meer würde au diefes Naphthagebiet dem wejteuropäijden
Markt näherbringen; die Leitungsanlage von SGrofny nad) Petrowfk
ım Schwarzen Meer diente nur der Verforgung des innerruljiidhen
Marktes. Die Ausbeute in Baku betrug im verflofjenen Jahr etwa
34 % der Borkriegsmenge, da aber die Requifitionen eingejtellt |ind,
haben fid gegenwärtig gewaltige Vorräte angehäuft; die NMohrleitung
Baku—Batum ijt wiederhergeftellt, Jo dak von hier aus die Ausfuhr
wieder aufgenommen werden kann. Von allergrößtem Wert au für
die deutfhe Induftrie find die Manganerze, die in der georgijden Prodinz
 Oberimeretien, vorzugsweije in der Gegend von Ijchiatura gewonnen
 werden, und zwar in foldem Umfange, dak der Kaukajus
*) Die Naphthaproduktion im Jahre 1912 betrug (MiN. Pud):
Baku: 4 alte Felder 419,1 — Suradany: 31,4 — Binagady: 10,2 — Heilige
Infel: 3,3 — Mailop: 9,3 — Grofny: 65,4 — zujammmen: 538,7,
**) Die Ausfuhr betrug 1912 über Batum 33,8 Mil. Pud, über Nowos
COMME 9,6 Mill. Bud.
        <pb n="260" />
        250 —

ungefähr die Hälfte der gejamten Manganerzproduktion der Welt
aufweilt; im Kriege Hat die Entwidlung des Manganerzbaus noch
bedeutend zugenommen; gegenwärtig liegen in Ijohiatura und Poti
gegen 2 Millionen Tonnen Manganerz ausfuhrbereit. Im Iahre 1913
wurden 65 Millionen Tonnen ausgeführt, von denen 25,5 Millionen
alio über 40 % nad) Deutfjdhland gingen.
Bon den fonjtigen Mineralihägen hat fidH die Ausbeutung hHaupt-Jächlih
 auf einige Kupferlager bejdränit, von denen im Iahre 1916
512000 Bud reines Metall gewonnen wurde. Eijenerze, die in reicher
Menge und hohem Gehalt vorhanden find, werden wegen Mangel
zutiprehender Kohle gar nicht ausgebeutet. Aukerdem finden ji Lager
von Steinkohle im Kubangebiet, hei Ijchiatura und Suchum, ferner
Blei Zinn, Schwefel, Alaun, Glauberjalz; neuerdings find von einer
georgijden Studienkommifjion in Swanetien aud Goldlager entdedi
worden. Berühmt find die Mineralquellen in Nordfaukfajien bei Pjatigorjt
 und in Transfaukajien bei Tiflis, Bodom und AWbas-Tuman.
2, Jndufjtrie und Gewerbe. Die Kaufkalier find im allge
meinen fünftlerijd hodbegabt, was fowohl im originellen Stil ihres
Haus: und Städtebaues, als aud) in der Hausinduftrie — in der
Metalltechnik (Waffen, Silberwaren), in der Weberei, vor allem in
der Teppidweberei und im fonjtigen Kunftgewerbe — z3utage tritt.
Ganz veraltet find meijt die Iandwirt]Haftlidhen Nebenbetriebe
wie Mühlen und Brennereien. Die eigentlide Indujtrie des Kaufajus
 jteht zum großen Teil nod) im Anfangsitadium ihrer Entwid:
[ung*), eine große Zukunft hat vor allem die eleftrilde Indultrie,
da die Waljerkräfte des Landes nom) eine ungeheure Energiequelle
darftellen. Jın Jahre 1912 erhielt eine britijde Firma eine Kon:
zeifion zur Erridtung von Kraftjtationen, mittels derer die Städte
3Zis- und Iranskaukafiens mit Lidht und Kraft verforgt werben follten,
es war geplant 3u diejfem Zwed eine Kraftjtation am Terek (deim
Kasbef) und eine zweite am Gökt[ha See zu errichten; die vorbereitenden
Arbeiten begannen 1914, an die AYusführung des Projekts, delfen
finanzielle Seite nod) nicht geregelt war, ijt erjt in Zukunft zu denken.
Au in der Jonjtigen Yndujtrie liegen nod) viele Betätigungsmöglichfeiten,
 Jo in der Rohfeidegewinnung, die in verhältnismäkig primitiver
 Art betrieben wird, in der Baumwollreinigung, der ÖMHlägerei
ujw.; die Zahl derartiger Betriebe ijt in Anbetracht der NRohitoffmenge
 viel zu gering. Eine Zukunft hätte 3. B. nodh die Holzindujtrie
(Waldreidhtum): fo ijt feit 1914, wo die Einfuhr aus Deutjdhland
aufhörte, eine ganze Anzahl von Betrieben zur Heritellung von Butter:
*) Nach den ftatiltiidHen Angaben von 1908 gab es im ganzen Kaufafus
23688 Fabriken und Werkjtätten mit einem Produktionswert von 73469842
Yubel und einer Arbeiterzahl von 96402 Berlonen.
        <pb n="261" />
        — 92951 —

jäflern aus einheimijdem Budenholz entjtanden; aud) in Zukunft werden
 fie guten AWbjag finden, da die Zahl der allein in Sibirien erjorderlidhen
 Gefäke auf 2 Millionen gejhäßt wird. Bon Jahr zu
%ahr vergrößert haben fi vor dem Kriege die Zementwerke von
Noworoffijik und Ielijawetpol. Eine große Bedeutung Iommt vor
allem der NMaphthainduftrie, vorwiegend in Baku, zu: 1910 Deftanden
dort 71 Betriebe, die über 3 Millionen Pud Ware produzierten. Bakı
ijt überhaupt die größte Fabrikfftadt des Landes, fie beidhäftigte über
11000 Arbeiter, der Wert der Broduktion betrug über 50 Millionen
Rubel.
3, Handel. Der Kaukafus ijt eine Brüde zwijden Europa und
Alien, über die Wege aus Zentralafien, Afghanijtan, Indien und
Nordperkien nad) Europa führen, woraus fhon die große Bedeutung
erhellt, die das Land für den Iranfithandel hefigt. Dementipredend
war der Handel vor dem Kriege mit Perfien bhefonders lebhaft: der
Wert der Einfuhr betrug 43 Millionen Rubel, der der Ausfuhr 121
Millionen Rubel. AWukerdem exportierte der Kaukfajus aud nad) anderen
 Ländern. Die Hauptausfuhrartifel waren: Petroleum und Petroleumprodukte,
 Manganerz, Nukbaum-, Buzbaum-, Eihen- und Buchenhölzer,
 Baumwolljaat und Baumwolljaatiuchen (die Baumwolle jelbft
ging nad) Rußland), Mais, Erbfen, Wolle (eigene und perjildhe),
Lakrike, Kokons, Rohjeide, Häute und Felle ulw. Die Einfuhr er-[tredte
 fid in der Hauptjache auf Eijen, verzinnte Bledhe (für Petroleumfanijter),
 Blei, Meffing, Mafdhinen aller Art, feuerfejte Ziegel,
Chemikalien, Kupferfulfat, Apothekerwaren, Düngemittel, Seidenraupeneier,
 Textilwaren, fertige Kleidung, Stiefel, Emaillegeichirr,
Modeartikel ujw.*).
Sm Bergleidy zur Borkriegszeit wird, wenn Kaufkaljien feine Selbjtändigfeit
 behält, eine grundlegende Umgeltaltung des AWukenhandels

*) Die Haupteinfuhr- und Ausfuhrhäfen find Batum und Batu, für die
einige Daten angeführt feien. 1913 beftand die Sauptausfuhr aus Batum
aus: Petroleum und deflen Erzeugniffen . 624622 Tonnen
Manganerz . . ...00. + «+ . 429000
Wolle +. 0 00 He 4492
Korn und Mehl ......... 28047
Kokons und KRohijeide . . . . + + 1238
Süßbholz. ..+ ....0..... 24291
3infbled) und Majdhinen waren die Haupteinfuhrgüter.
Sm Jahre 1908 wurden nad Baku eingeführt 5076000 Pud Waren im
Werte von 12327145 Rubel und ausgeführt 4741000 Bud im Werte von
11100956 Rubel. Eingeführt wurden in der Hauptjadhe : Reis 3337300 Pud,
Baumwolle 486850 Bud, Früchte 466695 Pud, Holz 359400 ud, Farben
182 822 Bud, Fildhe 173835 Pud. Ausgeführt wurden: Zuder 2820835 Bud,
Nanyhiba 1410895, Weizenmehl 132484 Bud.
        <pb n="262" />
        — 252 —
Blag greifen: während bisher nur die Überfdhüffe der tujlijdhen Produktion
 dem Auslande abgegeben wurden, wird jekt der rujlijdhe Marki
gleich dem wejteuropäifjden zum AWuslandmarit werden und feine bejJondere
 Begünftigung mehr erfahren.
Durch den Krieg ift der Handel ins Stoden geraten, große Mengen
Rodhitoffe (f. oben) haben fig angefammelt; andererjeits ijt der Mangel
an weiteuropäifghen Indujirieerzeugnijjen in erfter Linie an Maldinen
aller Art ungemein fühlbar. Gegenwärtig beabfichtigt die georgijde
Regierung für eine Reihe von Exportwaren, wie Mangan, Holz, Tabal,
Seide ujw., das Staatsmonopol einzuführen und fie im Austaufdh
der dringend benötigten Waren zur Ausfuhr zuzulajjen. Außer den
Engländern entwideln die Italiener gegenwärtig in Georgien eine
rege Handelstätigkeit. Bor dem Kriege waren in Kaukafjus in Der
Hauptjache beteiligt: [Hwedijhes und englijdes Kapital in der Petro-Jeuminduftrie,
 franzöfildes in den Bergwerksunternehmungen und belgijdes
 im Verkehrswejen, während es den deutjdhen Handelshäufjern
vermöge ihrer vorzügliden Organijation gelungen war, }id) eines großen
Teiles des Handels zu bemächtigen: fie errichteten Agenturen in den
meijten großen Städten, legten große Vorräte von Waren an und
ließen ihre Kundjhaft von Neijenden befuchen. Groke Betätigungs:
möglichfeiten für den deutjden Ausfuhrhandel liegen aud) jeBt vor,
mährend von drüben eine Reihe der unentbhehrlichiten Rohitoffe im
Austaulgh zu beziehen mären.
        <pb n="263" />
        Zranskafpien
Bon Dr. €, v. Berg

1. fand und Leute

Zransfajpien im weiteren Sinne, unter welder Bezeidhnung hier
Rujliidh-Zentralafien überhaupt verftanden werden foll, zerfällt in Kirs
gilijtan und Iurkeftan. Erfteres, das aus den Gebieten Uraljt, Turgai,
Aimolinjt und Semipalatinjt bejteht, umfakt einen Flädenraum von
tund 1618000 Quadratwerft; etwas feiner ijt Turkejtan (1493000
Quadratwerft), zu dem die adminijtrativen Einheiten: Transkafpien
im engeren Sinne, Syr-Darja, Semiret[dhje, Samarkand und Fergana
gehören; früher rednete man nod) die beiden rullijdhen Bafallen{taaten,
die Khanate Chiwa und Buchara, hinzu (238000 Quadratwerft). Das
gejamte Rujlijh-Zentralafien bededt eine Fläche, die ungefähr fechsmal
 jo groß ift wie die Deutjdhlands. -
Oberfläde und Bodenbe[Haffenheit. Kirgijiltan oder das
Steppengebiet, wie es aud) nad) feinem hervorftedenden land[hHaftliden
 Merkmal genannt. wird, ftellt eine riefige Ebene dar, die nur
im Nordweiten und im Zentrum von geringfügigen Höhenzügen unterbrogen
 wird und fiH im DOfjten auf das Altaj-Gebirge |tüßt. Der
Bodenbefdhaffenheit nad zerfällt das Land in drei Zonen: im Norden
herrjht die fruchtbare Schwarzerde vor, weiterhin füdlidy nimmt die
Mächtigieit der Humusidhiht immer mehr ab, der Boden nimmt eine
bräunlide Farbtönung an (fogenannte Kajtanienerde) und ijt vielerorts
 von ausgedehnten Salzfläden bededt; der Süden des Landes wird
von Sand- und Cehmboden gebildet, auf dem nur eine äuberft [pärlide
 Vegetation gedeihen kann, und der auf weiten Streden ausgefprodenen
 Wültendarakter annimmt. Anders ijt die geographijde
Struktur Turfejtans. Es ftellt eine im Süden und Olten von hohen
Gebirgszügen begrenzte, nad) Weiten und Norden abfallende durchjOnittlidh
 ziemlid tiefe Chene dar; in den Gebirgsfetten Jammeln ji
die vom Kafpijden Meer und BPerfijden Golf auffteigenden Tünite
und Wolfen, hier entitehen die Flülje, die den Längstälern der Berge
entlang ihren Lauf nad Weiten in die weite Ebene nehmen. Das
Gebirge Karatau zerlegt die Turkeitaniihe Ebene in zwei Teile: der
        <pb n="264" />
        254 —

nördliche, Heinere Teil, nad) dem großen Baldhajchfee Baldgajdhbaflin
genannt, wird von einer Menge HNeinerer Flülfe durchzogen; der Boden
befteht im Nordojten aus Lehm, füdblidh des Baldajh und am unteren
Tidhu aus Triebjand, der unfruchtbares Wüftenland bededt, in [üDdiger
 und JüdöftlidHer Nichtung jHlkieken fidh dann fruchtbare Lehmund
 Löhjtreden an. Im Gegenjag zum Baldhafjhbafjin gleicht der zweite
jüdlide Teil Turfkejtans — die Aral-Kalpifdhe Niederung — mit ihren
ungeheuren Sandfläden einer großen Wüfjte, Außer dem Syr-Darja
und dem Amu-Darja, den beiden, großen Strömen, die, im Aralfee
mündend, das Land durchziehen, ijt die Gegend äukerjt arm an Binnengewälfern;
 der Öftlide Teil des Landes, das Ballin des Syr-Darja,
leidet no) verhältnismäßig am wenigjten unter der Trodenheit und
iit vorwiegend von Lehmiteppen bededt, weit trodener ijt [don das
Rlima im Ballin des AUmu-Darja, und das Gebiet am Kafpijdhen
Meer ijt völlig von Seen und Flüjfen entblößt. Rielige Landjtreden
ind von fterilem Sand bededt, jo die Wülte Kyjyl-Kum („Rotjand“)
wilden Syr-Darja und Amu-Darja und Kara-Kum („Schwarzland“)
zwildhen dem Umu-Darja und dem Kalpijdhen Meer, Ein großer Teil
diejer Sandwülten bejteht aus Bardanen, Sandbergen, die eine Höhe
His zu 30 Metern erreidhen und aus feinförnigem Sand gebildet find,
dei leifeltem Wind beginnen die Barchanen zu „rauchen“, bei Sturm
ijt die Wülte ein einziges rotglühendes, undurchlichtiges Feuermeer von
Sand, das fig unaufhaltfam, alles vernidhtend, vorwärts wälzt und
zine [d)were Gefahr für die in der Nähe der Wülte gelegenen Anjied-'ungen
 bildet. Außerhalb der Wülte, im BVorgebirge, in den Tälern
der Fülle befteht der Boden aus Löß, der von einer erftaunlidhen
Fruchtbarkeit ijt; die Lökbodenzone verläuft in ungleider Breite und
Tiefe von der Nordede des Karatau bis zu den Stäbten Turfkejtan,
Tihimtfent, weiter über Taldfkent zum Syr-Darja, dann über das
zefamte Ferganagebiet über Ural-Tübe bis zum Serafjdhangebiet, fie
bededt ferner den Oberlauf des Amu-Darja und feine Zuflülle, Towie
die Ausläufer des Hindukuldhgebirges.
Klima. Das Klima Rujfifch-Zentralajiens ijt extrem fontinental
und im größten Teil des Landes ein ausgejprodjenes Wülten- und
Steppenflima, mit auffallend großen Temperaturunter[dieden zwijden
Tag und Nacht, zwijden Sommer und Winter, mit einer kurzen Frühings-
 und Herbitzeit. Die durchjehnittlide Sommertemperatur im
Steppengebiet beträgt etwa 20°, die Wintertemperatur —15°, aud
Temperaturen von — 40° gehören nicht zu den Seltenheiten, und
weit und breit bededt tiefer Schnee das Land. Audy in der ECbhene
Zurfeltans Jind die Winter ausnehmend ftreng, Schneejtürme unterbredjen
 den Verkehr und [Hädigen die Viehzucht, aber die Hike im
Sommer it fehr arok (lie erreicht in vielen Orten Sübturkefltans 50°
        <pb n="265" />
        255 —

1
»

1

1

fh}

3

e

2

A

D

n

jn

9
D

ie

=

n

und mehr) und dauert lang genug, um troß der Kalten Winter den
Anbau fubtropijdher Pflanzen zu ermöglidhen; übrigens wird die Hike
;m Sommer gut vertragen, da die relative Feuchtigkeit fehr gering
ijt: die Höhe der jährliden Nieder[dhläge beträgt nicht einmal 200 mm,
in den Sommermonaten (Mai— September) fällt in den Niederungen
Zurfeftans fait überhaupt fein Regen, die Menge des verduniteten
Waljers überfteigt die der Niederjhläge bei weitem, fo dak viele Wlülje
m Sommer verliegen.
Bevölkerung. Die Bevölkerung RullijdhH-Zentralajiens beträgt
#twa 10,7 Millionen, was einer Didhtigkeit von 3,4 (pro Ouadratwerit)
ant]pridht. Zieht man in Betracht, dak ein großer Teil in Dajen zu:
Tammengedrängt wohnt, fo fann man fig eine Vorftellung davon
machen, wie viele öde Landjtreden unbewohnt daliegen, wo mandmal
auf vielen Hundert Kilometern feine Anfiedlung anzutreffen ift.
Die Bevölkerung bejteht zur überwiegenden Mehrheit (90%) aus
Mohammedanern; der Lebensweife nad) zerfällt fie in Nomaden und
Unjälflige. Zu erfteren gehört vor allem das turko-tatarijdhe Bolt der
Kirgijen, die ungefähr vier Millionen ftarf das weite Gebiet vom
Yralfiuß und Kaljpijden Meer bis zur AHinefijden Grenze, von Omit
dis Tajdfent bevölfern*). Ehrılidy und fleikig, aber auf verhältnisnähig
 niedriger Kulturftufe ftehend, find die Kirgifen zu dauernder
ihnen ungewohnter Tätigkeit [Hwer zu erziehen. Die anderen Nomaden-55ölferjhaften
 find von untergeordneter Bedeutung **). Unter harten
Bedingungen müffen die Nomaden ihr Leben frijften; nur während der
Aurzen Regenzeit können fie die Steppen ausnußen, bei Beginn des
Sommers müfjen fie weiter nad) Norden, jelbit nad Sibirien oder
‘ns Gebirge ziehen. Gegenwärtig findet bei den Nomadenjtämmen ein
unaufhaltjamer allmählidher Übergang zur anfäfligen Lebensweije ftatt,
dement|predjend tritt an Stelle der feit NVahrtaufjenden betriebenen
Biehzudht der AWderbau. Bereits jekt führt über die Hälfte der ein
zeborenen Bevölferung Iurkejtans ein anfäljfiges Leben; am zahl
reichjten ijt das Turkvolf der Sarten, die das ganze Zentrum Turke-'tans
 bewohnen und allmählidh die anderen benachbarten Völfer[dhaften
‚Yzbefen, Kiptjdhaken, Karakalpaken, Tadjhikfen) in fid aufjaugen. Die
Sarten find ein faufmänni[jd hohbegabtes Volk, dabei bedürfnislos,
meijt ehrlid und zäh an althergebracten Iulturellen und wirtidhaftliden
 Forderungen fejthaltend. Unter den Europäern [tehen der Zahl
1ad) die Rufjen an erjter Stelle, es find teils Jon feit längerer Zeit
dort anjäflige Kofaken, teils Bauern, die von der rujlijdhen Megierung
*) Nah verwandt mit den Kirgifen find die Karakirgijen in Fergana und
Teilen des Semiretfchje= und Syr-Darja Gebiets.
**) So die Karakalpaken an der Mündung des Amu-Darja,-die Turkmenen
in Transkalpien und verichiedene andere fartilierte Stämme.
        <pb n="266" />
        256 —

hejonders in den legten Yahren vor dem Kriege zum Zwed der Rullifizierung
 des Gebiets angejiedelt worden find. Aug die Zahl der
Deutichen ift fjeit den neunziger Jahren ftarf gewachjen, außer [tädtiiden
 Bewohnern zählt man weit über 10000 ländliHhe Siedler, die
meift aus den deutjden Wolgakolonien ftammen,
Die hHygienilden BerhHältniffe find äußerjt mangelhaft, in-Folgedeffen
 ijt die Sterblihteit unter der einheimilden Bevölkerung
außerordentlid groß: Sumpffieber, Tuberfuloje, Iyphus, Poden, Syphilis
 wüten in erjdredender Weije. Was die Europäer anbelangt,
jo wirft das Turkejtaner Klima auf fie ungünftig ein, wozu nod) als
bejonders [Hädigend der Alkoholgenuß hinzukommt; alle neu nad)
Turkeftan eingewanderten Europäer erfranien an Sumpffieber, ein
beträchtlidher Prozentfag der Fälle verläuft tödlih. Groß ijt die Sterb-[ichteit
 unter den eingewanderten und nodh größer unter den hier ge:
borenen Kindern; es fHeint, daß eine wirkflide Afflimatijation erlt
in Generationen erfolgt. Mit ein Grund der [Hlimmen fanitären Ver:
hältnijje ijt die ungenügende Zahl ver Ärzte und Kranfenhäufjer: nad)
der Statijtik von 1910 kam ein Arzt auf 9751 Quadratwer]t und
33300 Perfonen, ein Krankenhaus auf 20462 Quadratwerit und
65614 Perjonen.
Bon Schulen bheftehen auker den von der mohammebdanijdhen
Geiftlichtfeit geleiteten Lehranjtalten für Einheimijdhe in den größeren
Ortihaften rullijde Elementar- und Mittelidhulen, Jowie Handwerfker-,
Handels- und landwirt[Haftlide Schulen; im Snterelfe rationellen Landbaus
 müßte die Zahl der lekteren noch bedeutend vermehrt werden.
BolitijdHe Berhältniffje. Die allgemeine rujlildhe Revolution
 hat aud) in Zentralafien Widerhall gefunden, doch find die Ver-Hältnijje
 dort nod) ungeflärt. Sowohl der im Dezember 1917 unternommene
 BVerluch der bürgerliden Kirgijen, einen autonomen Staat
zu begründen, als aud) ein ähnlicher zur [elben Zeit erfolgter Berfuc
der Sarten wurde von rufliiden und einheimijden Bolidhewijten mit
Waffengewalt zum Scheitern gebracht. Cbhenfo hatten englijde Bejtrebungen,
 Jid auf rulfiidem Boden feltzulehen, auf die Dauer feinen
Erfolg. Gegenwärtig fteht das ganze zentralaliatijde Gebiet unter boljdewijtilder
 Herrihaft, wobei [owohl Kirgijiftan, als audy Turfejtan
zu autonomen Beitandteilen der rullildhen Sowijetrepublit erflärt worden
 Jind.

'9, Das wirtfchaftliche Leben

VBerkehrsverhältnijfe. Diefelben Iajfen noch viel zu wünidhen
 übrig. Früher und noch jekt in vielen Gegenden, die nidht von
ber Eijenbahn durchzogen werden, jteht der Verfehr vermittels Kamel:
farawanen an eriter Stelle. Das Kamel durchquert mit Leichtigkeit
        <pb n="267" />
        — 257 —

;owohl fqwer paflierbare jHhneebededte Gebirge, als aud) Jonnenverrannte
 Sandwülten, nur der nalje Lehmboden kann ihm gefahrvoll
yerden; es ift daher in der Regenzeit nit Teicht, eine Karawane 3Ujammenzujtellen,
 man ijt genötigt, [elbjt Kamele zu faufen, fie folteten
dor dem Kriege etwa 120—160 Mark. Die Transportpreije betrugen
ie nad) der Jahreszeit 40—85 Pfennig pro Tonne und Kilometer. Ein
Ramel farın mit 200—250 kg beladen werden und legt in einer Nacht
(am Tage ruhen die Tiere aus) 35 km zurüd. Pferde gehen etwas
idhneller (40 km täglich), tragen aber nicht mehr als 80 kg. Die Waren
iind allen Einflüjfen der Witterung ausgejeßt und werden bei dem täglien
 Auf und Wbladen leicht bejhäbigt. Die Wege, die dem Wagenverfehr
 dienen, find oft ganz unpallierbar: der Löhboben bildet, wenn
sr vom NMegen aufgeweicht ift, einen zähen Moraljt, der für Wagen
und Tiere oft wodhenlang nicht zu durchqueren ijt. Dem Berfonenverkehr
dient die Pofjt, dem Perjonen- und Wagenverkehr der einheimijdhe
Mrba, ein zweirädriger Hoher, ganz AaUs Holz hergeftellter Wagen.
Neuerdings wurde au ein Automobilomnibusverkehr geplant. Die
Wege im Hochgebirge ftellen enge, äußer]t fOwer gangbare Pfade dar,
bie meift überhaupt nur im Sommer (Suli—YAuguft) benugbar find.
Bon größter Bedeutung für die wirt{dhaftlide Entwidlung des
Landes find natürlid die Eijenbahnen, die feit den achtziger Jahren
des vorigen Jahrhunderts mit unjäglider Mühe gebaut worden jind;
große Schwierigfeiten bereitete vor allem der Triebjand: dur Bededen
 des Bodens zu beiden Seiten der Bahnlinie mit einer Qehmihidht,
 durg Anpflanzung von Wüftenpflanzen ijt die Bahn allmählid
 nad) mandherlei Mikerfolgen vor Verjdüttung ge/hüßt. Die beiden
zroßen Bahnlinien (die mittelafiatiide und die Orenburg— TajdHfenter)
genügen den Verkehrsanjprüden [don längit nidt mehr, vor allem
verlangt das Baumwolland Südturkejtan beijere Verbindungen mit
dem getreidereichen Norden, eine ent|prehende Bahnlinie (Arys—Werny)
wurde bei Kriegsbeginn in Angriff genommen. Ganz bejonders wichtig
märe die Anlage von möglichjt zahlreichen Aeinbahnen. Neuerdings
ift u. a. der Bau folgender Bahnen ins Auge gefaßt: einer [übjibirie
i®en Bahn von Orft im Gouvernement DOrenburg nad) Semipala-Hinf£
 durd) die Kirgifijdhe Steppe (mit einer Abzweigung nad) den Kupferwerfen
 von Aimolinfk), einer Linie Stawgorod— Semipalatinff—Werny
und Petropawlowji— Koft!dhetaw,
Der Verkehr auf den Waljfjerftraken ft in Airgifijtan auf dem
Srtyld) befonders lebhaft, während er auf den Flüfjen Turkejtans
mit großen Schwierigfeiten zu fämpfen Hat: Hochwajjer wedhjeln mit
außerordentlidem Tiefitande, das Wafjer reißt oft ganze Landiompleze
 mit fig fort und verändert [tändig das SFlußbett, erjhwert wird
der Dampferverkehr no durd den Hohen Schlammgehalt des Walfers.
Die wirtichaftlihe Aukunft des Oltens 17
        <pb n="268" />
        DER

Erit nad einer planmäkigen Regulierung der Flüjje, vor allem des
Amu- und Syr-Darja, nad) der Anlage von Häfen ijt an eine Entwidlung
 der Schiffahrt zu denken. Zu erwähnen wäre nod) die Schiff
fahrt auf dem KajpijHen Meer und dem Araljee,
Bewälferung. Nadh ihrer wirtjHaftliden Bedeutung fteht im
Süden Zentralafiens, in Turkejtan, die Landwirt[Haft an erjter Stelle;
nun ift aber die Aral-Kajpijde Niederung waljerarm und ganz auf
fünftlide Bewälferung angewiefen. AUndererjeits ijt bei genügender
Wafjerzufuhr gerade die Trodenheit ungemein günftig,, da fie die
hohe Qualität der Südfrüchte, des Zuders und zum Teil au) der
Baumwolle bedingt. Ehenfjo find die Schwierigkeiten, die die Flülje der
Schiffahrt entgegenftellen — das ftarfe Gefälle und der Schlammgehalt
— für die Bewälferung des Landes äußert wertvoll: das Gefälle ers
feichtert die Abzweigung der Kanäle, und der Schlamm ijt ein unentbeörlies
 Düngmittel. Zudem führen die Flüjje gerade im Sommer,
wo der Schnee und das Eis im Gebirge [Hmikzt, das meijte Wafier,
Ein rationeller Kanalbau ftellt die Technik vor [Hwierige Probleme:
bie Kanalköpfe und ebenjo die fehr fpigwinflig zum Sirom laufenden
Kanäle mülfen vor Uferabjpülungen gefjhüßt werden. Die meiften
Bewäfjflerungsanlagen find freilid von der einheimijdhen Bevölferung
aufgeführt, die weder über das nötige Kapital, no) über das moderne
Baumaterial (Eifen, Zement) verfügte, die Anlagen find deshalb zwar
einfad) und billig, dafür aber au wenig dauerhaft und von manden
Mikjtänden behaftet (bei ungenügender Dränage 3. B. flieht das überjüllige
 Waifer niht ab und führt zur Entjtehung von Sumpf- oder
Salzboden). Im ganzen find in Rulfijdh-Turkejtan 2800000 Dekjatinen
 Land bewälfert, was etwa 1,8% des Gejamtterritoriums ausmadt.
Wieviel Land nodh durch Bewälferung er]hlojfen werden Könnte, ijt nur
jHägungsweife anzugeben: im Bajljin des Syr-Darja, Umu-Darja und
ihrer Nebenflüjfe liegen fidy ungefähr nod) drei Millionen Dekjatinen,
in dem Gebiet der anderen nod) wenig erforfhten Flüljle (Ili, Ijchu,
Serawjdhan u. a.) 1—2 Millionen Dekjatinen bewälfern. Der Wallerverbraud)
 einer Dekjatine beträgt jährlidh ungefähr 1200 Kubikfjajhen;
ber Wert einer unbewäfjflerten Dekjatine Land ijt fehr gering, ofi
gleid. Null und ftieg vor dem Kriege nur jelten bis auf 15 Rubel, da:
gegen ijt eine bewäflerte Dekjatine nirgends weniger als 100 Rubel,
im Baumwollranon bis zu 3000 Rubel wert (hei einem Yahresertrage
von 150 Rubel). Die Koften der Bewällerung einer Dekjatine ind
durch{Hnittlid auf 200 Rubel anzujeken.
Das Land in Iranskafpien, das fehr arm an Flüfjen ft, wird von
der einheimijden Bevölferung vermittels ‚Kjärije‘“ bewäljert, einer
Reihe von Brunnen, die unterirdijd miteinander verbunden find, fid
oft zehn Kilometer weit hinziehen und, allmählich aniteigend, das Grund:
        <pb n="269" />
        2359 ——

waljer an die Oberfläche leiten. Die ganze Anlage it äußerft primitiv
und die Gewinnung und Nugbarmadung des Grundwallers bedarf
dringend der BVerbeflerung.
Grokzügige Pläne [ind vor -dem Kriege von zwei ruljlijdhen Militäringenieuren,
 Unanew und Yermolajew, vorgelegt worden: erjterer
beabfichtigte den MNebenfluß des AUmu-Darja Surdhan zur Bewälferung
 des fruchtbaren Schirabadtales auszunuken, lekterer plante einen
420 km Iangen Sanal am Amu-Darja unterhalb der Afganijdhen
Srenze, wodurg 520000 ha Iultivierbaren Bodens gewonnen werden
fönnten, das erforderlide Kapital hoffte man in England aufzubringen.
Xn legter Zeit ijt eine neue Art der Bewälfjerung bekannt geworden:
das Wafjfer wird aus den tief Kegenden Flüjlen mittels einer von
Maldjinen getriebenen Pumpe auf die notwendige Höhe gehoben und
in die Kanäle geleitet. Die Bewälferung vermittels artejijdher Brunnen
ift trogß erfolgreider Berfudhe nod) nidht in größerem Makitabe in Anariff
 genommen. Viel Könnte nod) erreidht werden durch Verbefjerung
ber primitiven Kanalanlagen (3. B. ijt die Anlage von Schleufen
ztemlid) unbekannt) und durch organijatorijdhe Reformen.
Urproduktion. Der Aderbau ift einer der Hauptproduktionszweige
 der Bevölkerung, befonders feitdem die Nomaden Jih ihm gleidfalls
 zuwenden. Im Steppengebiet zählt man über zwei Millionen
Dekiatinen, in Turkeltan über drei Millionen IandwirtjHaftlidh bee
bauter Fläche. m Steppengebiet [teht an erjter Stelle der Unbau von
Weizen (61% der bebauten Fläde), an zweiter Stelle der der Hirje
(14%), dann erft folgt Hafer (13%) und Roggen (5%). AWukerdem
wird angebaut: Gerfte, Buchweizen, Kartoffel, Mais, Linjen, Erbjen,
Sladhs, Hanf, ftellenweije audy Tabak, Es hHerr{dht eine ausge[proden
extenfive Mirtjdhaftsform vor: ein Düngen der Felder findet nidHt
itatt, das Land wird 3—6 NYahr hintereinander erft mit Weizen und
Roggen, dann, wenn der Boden ausgefogen fjt, mit Hafer und Gerfte
befät. Nach einer folden 6—10 jährigen Periode der Exploitation, Kiegt
der Boden 6—10 Nahre Iang brad, worauf er dann wieder in der
jelben Weile in Benukgung genommen wird. Geerntet wird durch-“Onittlid)
 60—70, in fruchtbaren Gegenden 150—180, mandımal [ogar
200 Bud pro Dekjatine,
In TIurkeltan wird vorwiegend angebaut: Weizen (45% der bebauten
 Fläde), Gerjte (10%), Hirfe 6%), Hafer (4%), Roggen
(200), Baumwolle (10%), Luzerne (8%), Reis (6%), aukerdem Fladhs,
Sanf, Kartoffel, Maldy (eine Bohnenart) D{hıgara, Mohn, Sonnenblumen,
 3Zuderrüben, Melonen, Kürbis, Indigo und Saflor. Der
Ertrag an Weizen beträgt im Vorgebirge, wo feine KüinjtlidHe Bewälfetung
 erforderlidh it, 30—40, auf bewäljlertem Boden 75—100 Pud
pro Dekjatine. Die Meiskultur [teht in Hoher Blüte, da Reis ein
17%
        <pb n="270" />
        - 0 —

Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung ijt; eine Dekjatine erbringt
einen Gewinn von durchjehnittlid 100 Rubel*). Sehr wichtig für
die turkejtanijde Wirtjdhaft ijt der Anbau der Luzerne (eine Kleecart),
die die Stelle des Heus vertritt; an erntet die Luzerne 3—6mal
jährlid. Der Samen ift. ein Exportartifel nad) Wefteuropa und Umesrifa,
 eine Dekjatine erbringt 20—30 Pud Samen, welde 80 Kopeken
bis 1,20 Rubel pro Pud Kofteten. Die Ausfuhr betrug Ihon im
Sahre 1908 503200 Pud.
Bon größter Bedeutung für die gefamte wirt[haftlidHe Entwidlung
 Turkejftans it die Baumwollkultur, die dafelbit idon in
den ältejten Zeiten bekannt war. Die einheimijde Baumwolle ijt von
geringer Qualität, dagegen hat man mit der Einführung der amerifanilden
 Baumwolle „Upland“ jehr gute Ergebnifje erzielt, diefe Sorte
verdrängt von Yahr zu Jahr mehr die einheimifdhen und ftellte vor
dem Kriege 75% der gejamten Baumwollproduktion Turkejtans dar.
Die ruflilde Regierung Hat alles getan, nit zulekt durd) ihre Zoll»
politif, um den Baumwollanbau zu fördern, einerfeits um von aus-[ändijder
 Einfuhr unabhängig zu fein, andererfeits wohl um Turkejtan
 die wirtfdHhaftlide Selbjtändigkeit zu nehmen und feiter an [id
zu binden: das Land Konnte fid nicht jelbjt ernähren und war vollftändig
 auf die Einfuhr rufjlijhen Getreides angewiejen, die jährlid)
15—18 Millionen Pud betrug; ent/tand wie im Kriege in der Zufuhr
eine Stodung, fo war Hungersnot und ein Rüdgang der Baumwollproduktion
 zugunjien des Getreidebaus die Folge (1916 um 30—40%),
Baumwolle wird in ganz Turkejtan gebaut, hHauptjächlih in den Niederungen,
 aber aud) im Vorgebirge, 3/4 der turkeltanilhen Baumwolle
wird im Ferganagebiet erzeugt.
Groke Plantagen find eine Seltenheit, wenige nehmen mehr als
L00 Hektar ein. Hödftens ein Drittel der Felder werden zur Baumwollkultur
 verwandt, das betreffende Land wird im darauffolgenden
Sahr mit einer anderen Saat beitellt, da Baumwolle mehr als irgendeine
 andere Feldfrudht den Boden ausfaugt. Der Ernteertrag ijt ver-IHieden:
 in den nördlidHen Provinzen redhnet man mit 45—50 Bud
RohHbaumwolle pro Dekjatine, in den jüdliden mit 60—65 Pud. Unter
günftigen Bedingungen Tfönnen die Erträge aud) zwei und Dreimal
jo groß Jjein. Bor dem Kriege war die Baumwollproduktion Iurke-*)

 Die NMeiskultur wirkt ftellenweife auf die Bodenbe[Haffenheit günltig
ein — die [Hädliden Salze werden durch die reichlidge Bewällerung forte
gefpült, andererjeits begünitigt fie die Entwidlung von Krankheiten (Malaria)
und verbraucht unverhältnismäkig viel Waller. Die Reiskultur wird Haupt:
jädlid) betrieben in den Gebieten Syr-Darja, Samarkand, SemiretIhje und
Teragana.
        <pb n="271" />
        361

itans in jtändigem Wachjen begriffen”). Was die Frage einer weiteren
Steigerung anbelangt, jo wäre zunäcjt an einen Anbau auf Kojten
des Getreides zu denken: wenn überall ein Drittel der Felder der
Baumwollfultur nugbar gemacht wären, [o fönnten derjelben 800000
Dekiatinen er[Hlofjen werden, es würde allo das Dreifadhe der jekigen
Quantität Baumwolle erzeugt werden. Vorbedingung wäre eine ausreidende
 Zufuhr von Getreide (dur den Bau neuer Bahnen) aus den
getreidereiden nördliden Gebieten. In Betracht käme ferner eine rationellere
 Ausnugung des Bodens (befonders durgH Düngung), Errichtung
 von Multerplantagen, Organijation eines großzügigen Kredit»
jyitems, um die Bevölferung von dem Wucher, der mit den Borfdhüffen
auf die nächjte Ernte getrieben wird, zu befreien (der Zinsfuß, der
bei den großen Firmen 8—90% Beträgt, fteigt, bis das Darlehen die
Bevölferung dur Vermittlung der Zwifjhenhändler erreicht, auf 40
bis 60% und mehr). Sehr widtig wäre ferner die Verwendung von
Pflug- und Sämaldinen, die Heranziehung von Pferden zur Arbeit,
mwoburd) ji die Wusgaben um zirka 40% verringern würden: während
bei der jehigen Arbeitsmethode einer Einnahme (pro Debkjatine) von
300 Rubeln eine Ausgabe von 203,4 gegenüberfteht, lieken [ih die
MNusgaben beim Übergang zum mafjdhinellen Betrieb auf 101,4 vertingern.
 Bor allem kommt aber für eine Hebung der BaumwolNproduktion
 die oben erwähnte Erweiterung der Bewällerungsanlagen in
Betracht: ein Iulturfähiges Neuland von drei Millionen Dekjatinen
würde zu 1/, mit Baumwolle bebaut 18—20 Millionen Bud Baumwollfafern
 ergeben.
Eine große Zukunft, befonders in Turkeftan, hat der Gartenbau,
ber jebßt meiftens als Mebenerwerb betrieben wird; die hHeimilden
Sorten Äpfel, Pflaumen und Birnen Iaffen viel zu wünjdhen übrig,
Pfirjide und Aprikojen [tehen aber unerreidht da und ergeben ein vorzüglides
 Material für die Konjervenfabrifation, Die Obfjtgärten find
im Steppengebiet vorerft im Gebiet von AWimolinjk vertreten, in Turfeitan
 nehmen jie eine Fläche von 22000 Dekjatinen ein, exportiert
*) Es betrug:

die Anbaufläde in Des.
1906/1910 |!
Ddurcfehn.)

1912

die Ernte an Rohbaumwolle
ir 1090 Bud
3096/1970 1912

Transtafpien 24385 37509 43437 1628,3 'n] 2519,38
Zamarfand. 21110 46936 31593 925,6 0347 1615,7
3yr-Darja . 29821 49047 62279 19089 797 2965,0
ergana_. .! 917384 _ 267347 2RASAR 120224  15497,0 , 16585,1
Im ganzen: | 292700 | 400839 | 401955 |16952,6 | 23267,8 | 23685,1
        <pb n="272" />
        _ 262 —

wurde vor dem Kriege hHauptjächliH nad) Sibirien. Bedeutend it
azud) die Ausfuhr von Zudermelonen, bejonders aus Bucdhara.
Die Weingärten Turkefltans (HauptfädlidH in Samarkand und
Fergana) bededen zirla 25000 Dekjatinen und ergeben fabelhafte
Ernten (400—800 Bud pro Dekjatine). Die Trauben find von ungewöhnlider
 Größe und Haben bis zu 22% reinen Zudergehalt. Die
Entwidlung der Weinfabrikation jteht nodh in den Anfängen (jährliche
Broduktion bloß 150000 Tonnen).
Seide. Die Turkejtaner Seide ift von hoher Qualität; die Seidengewinnung
 ijft in leßter Zeit merflidh gejtiegen, nachdem fie zeitweife
infolge Krankheiten der Seidenraupe zurüdgegangen war, 1910 produzierte
 Turkejtan über 340000 Pud Kokons, Die Turkejtaner Seide
wurde nidHt nur nad) Rußland ausgeführt, jondern war aud) auf aus-[ändildHen
 Märkten zu finden. Die Seidenproduktion hat allem UAUn-"Hein
 nad) eine große Zukunft, widhtig wäre die Begründung von
Schulen für Seidenweberei, von Multertrodnereien, Anitellung von
Xnitrukteuren uw.
Die Biehzucht liegt vorwiegend in den Händen der Nomaden.
Die Herde liefert dem Nomaden alles, was er zum Leben braucht:
jeine Wohnung, die HauptfäclidH aus Filz hHergeftellt ijt, Seider,
Nahrung, die aus Mild, Käfe und Fleijd befteht. Se mehr die No»
maden zur anfäjfigen Lebensweije übergehen, um jo mehr tritt die
Pferdezucht gegenüber der Ninderzucht in den Hintergrund. Die Anforderungen,
 die der Nomade an fein Vieh ftellt, Haben eine 3ühe,
zum Kampf mit der Natur befähigte Ralje hHerangezüchtet, wenn fie
zud) den veränderten neuzeitliden VBerhältnijjen nicht mehr immer
zntipridht. Gut find die Kamele und Schafe, aud) die Pferde find
äußerjt ausdauernd, während das Rindvieh von minderwertiger Qua-[ität
 ijt. Berühmt find die Karakuljhafe, die das bekannte „Ajtradanfell“
 ergeben; die Feinvliesfhafe find erft in neuerer Zeit eingeführt
und Haben [id gut akflimatifiert, [jo daß die Möglichkeit der 3üdchıng
 von Merinos erwiefen ijft, Die Wollausfuhr (Kamel- und Schafwolle)
 betrug vor dem Kriege jährligH 600—800000 Pud. Erwähnt
jei nod) die Zucht von Ziegen, Schweinen (nur von den Rulfen beirieben),
 Ejeln (ein billiges unentbehrlides Zug- und Reittier) und
Yals (das Zugtier des Turkejtaner Gebirges).
Die Bienenzucdht Könnte nod viel intenfiver betrieben werden,
lie war der einheimifdhen Bevölkerung fajt gar nidht bekannt und wird
hauptJäclig von rullijden Kolonijten ausgeübt.
Fildfang wird Hauptfäclig am Irtyfh, dem Saijanfee, dem
Uralfluß, der Oftfüfte des Kafpilhen Meeres, dem Aralfee mit den
Vülfen Amu- und Sypr-Daria betrieben, die anderen Klülle und Seen
        <pb n="273" />
        263

Turfeftans, eben]o der Oberlauf des Amu-Darja und Syr-Darja find
trog ihres Fijdhreihtums fajt gar nidt ausgenußt.
Die Jagd auf Wild und Pelztiere hat noch Keine befondere
wirt[daftlide Bedeutung erlangt troß des Reihtums an den verldniedeniten
 Arten von Tieren,
Boden[Hägße. Die Erdirulte Turkejtans it jehr reid an den
ver[dhieden|ten . Rohjtoffen: auker Kohle, Naphtha, Kupfer und Salz
finden fig Lager von Eijen, Quedlilber, Zink, Mangan, Blei, Silber»
blei, Silber, Gold, Graphit, Schwefel, Ozokerit, Ajbejt, Antimon, Glauberjalz,
 Ebheljteinen. Trogdem werden die BodenjHäge nur in fehr gecingem
 Umfange ausgebeutet, vor allem weil fie in JOwer zugängliden
 Gebirgen oder Wülten liegen; die Anlage von Wegen, Gruben,
Drahtjeil- oder Zahnradbahnen muß erfolgt fein, bevor an einen rationellen
 YWusbau diejer Stoffe zu denken ijt. Für die Zukunft Kegen hier
noch ganz ungeahnte Möglichkeiten vor,
Im einzelnen findet [iH Napgtha im Gebiet von Uraljt, Turgaj
und Semiret/hje, am Baldhafjcdhjee, ferner am Oljtufer des Kalpilden
Meeres (insbejondere auf der Injel IjHeleken), bei AWidhabad, Merw
und im Ferganagebiet, bejonders im Iektgenannten Gebiet*) und in
Bucdhara gibt es nod) naphthareihe Gegenden, die überhaupt noch kei:
ner Unterfudhung unterzogen worden find, wobei das Fergananaphtha
bas von Baku an guter Qualität übertreffen Joll. Mangel an guten
Verkehrsmitteln und audy an Kapital haben bewirkt, daß [ih die
Naphthagewinnung erft im Anfangsitadium ihrer Entwidiung befinbet**).
 Das gewonnene Naphtha wird im Lande felbjt von Fabriken
und Eijenbahnen verbraucht, an einen größeren Export ilt fürs erite
nicht zu denken.
Diejelben Schwierigkeiten ftelen [id der Ausbeutung der 3:7 T.
bekannten aber vielfad) nodh ungenugt daliegenden Kohlenlager entgegen.
 Kohlenlager von großer Mädctigkeit finden jidH im Nordojten
Kirgililtans, in den Bergen am Oberlauf des Syr-Darja, Jowie längs
defjen Mittellauf; Steiniohlenlager liegen tief im Hochgebirge, und
die Wege zu ihnen find nur zu beftimmten Jahreszeiten überhaupt
gangbar. Der Kohlenreihtum Turkejtans wird jür das Land von grökter
 Bedeutung fein, da es wenig Wälder bhefikt, deren Erhaltung in
Aimatiigder SHinliht von Wichtigkeit it.

*) Sm Ferganagebiet fand nur in Tidhimion, das mit einer 20 km langen
Rohrkeitung mit der Eifenbahnitation Wannowskaia verbunden lt, eine nennens:
werte Produktion jtatt.
**) Die Naphthaproduktion betrug im Jahre 1912 auf der Infel Iichelefen
 12 Mil. Bud, in Turkejtan 3,7 Mil. Pud; an der Embamündung am
Nordufer des Kalpildhen Meeres, im Xahre 1916 15,6 Mil. Bud.
        <pb n="274" />
        264 —

Eine Zukunft hat aud) die Nusbeutung der Kupfer», Blei und
Silberlager in Nordturkefjtan, Gold findet jidH an den Quellen und Oberäufen
 des AUmu-Darja, Syr-Darja und Serawihan und jedenfalls
n nod) unbekannten Teilen des Hochgebirges; bejonders rei ijt Das
Qand [HlieklidH an Schwefel und Salz, erjteres findet id im Kofkandviftrilt
 und in Iransfajpien, leßteres in den vielen Salzieen Zentralafliens.
 Aud) an Mineralquellen it [owohl Kirgijijtan, als aug Turfeitan
 fehr reid, dod) jind fie nur zum Teil bekannt und fjehr wenig der
Benukung zugänglidH gemadt.
Snduftrie. Die Heimarbeit fpielt nod) immer eine große Rolle,
insbefondere hei den Nomaden, die fi Falt alle Gebrauds- und Schmud»
gegenjtände [elbjt verfertigen; es ijit aud) nicht fo leicht, die von den
Handwerkern verfertigten Gegenitände durch Fabrikferzeugnifje zu Derdrängen,
 da die einheimi[den Arbeiter ein großes Talent haben, fig
den Anforderungen der Neuzeit und dem SGejhmad anzupafien. Die
Fabrikindujtrie entwidelt fig nodj fehr Ianglam, dog Könnte die Berbilligung
 der Brennitoffe in Zukunft einen günitigen Einfluß ausüben.
An eriter Stelle fteht die Baumwollreinigung, doch find die Anlagen
noch ziemlich primitiv, eine MWeiterverarbeitung der Baumwolle fand
5is vor furzem außer in der Heimarbeit überhaupt nidt jtatt — wohl
aus Mangel an Kapital — obwohl eine [oldhe dringend notwendig
wäre, da Turkeltan fjehr viel fertige Stoffe aus Rußland bezog, und
die Ausfuhr nach Afghanijtan und Perfien äukerft Iohnend wäre, Erit
der Krieg hat den Anjtoß zur Errichtung von einer Reihe von Tuch»
fabriten gegeben.
Bon fonitiger Induftrie fei genannt die GSeidenfpinnerei, die OIproduktion
 und die Zuder-, Mein= und Bierfabrikation. Bier Hat in
Zurfejftan neuerdings [ehr viel Anklang gefunden. MafdHinenfabrifen
iind außer einigen Werkjtätten gar nit vorhanden, jo daß fämtliche
Maijdhinen, nad) denen — wie in der Landwirtihaft — eine immer
jteigende Nachfrage herridht, von auswärts bezogen werden müllen.
Bedeutungsvoll für die Entwidlung der NIndufjtrie wird in Zukunft
die ANusnukung der Wafferkraft werden, fie ftellt eine ungeheure Energiemenge
 dar, da die Flüjle im Gebirge ein großes Gefälle aufweifjen
und dort aud) während des ganzen Sahres über eine genügende
MWalfermenge verfügen. Mit der Erridtung eleftrifher Überlandzeniralen
 in großem Maßijtabe könnte auch die gelamte Yndultrie einen
Nufitieg nehmen.
Handel. Der Handel innerhalb des Landes ift fehr rege, da
:r der Natur der aliatijden Bevölkerung ent[pridht: falt jeder Sarte
betreibt einen Handel als Nebenerwerb; jede Stadt hat ihren Marit,
der aus Läden und Werkjtätten befteht; die Kirgijen bringen ihre
Maren (Vieh, Kelle, Wolle, Filz) meilt Ende hes Sommers in eine
        <pb n="275" />
        265 —

benachbarte Stadt, in der Jid dann ein Leben und Treiben wie auf
einer europäilden Meljfe entwidelt. Der Handel Turkejtans mit Rukz-[and
 beftand in der Ausfuhr von Rohjtoffen und Einfuhr von Fertigjabrifaten*).
 Der Handel mit Perfien, Afghanijtan und China im
Werte von 50 Millionen Rubel jährlich war hauptläcdliH Tranlithandel.

MNus dem Vorhergehenden folgt, dak Ruffijh-Zentralafien noch
große Entwidlungsmöglichfeiten in [ih birgt; Borbedingung zu ihrer
Verwirklidhung ijt allerdings der Aufwand groker Kapitalien vor allem
zur Bewäfjlerung des Landes und zu einer großzügigen Erweiterung
und BVerbeijerung des Verkehrsnekes.

*) Die betreffenden der Eifenbahnftatiftit für 1908 entnommenen Daten
jind allerdings veraltert, da Korn in den legten Jahren vor dem Kriege ein:
geführt wurde (15—18 Mil. Bud) und die Baumwollausfuhr 1912 11200000
Bud betrug:

Manufaktturwaren .
Zuder 2... +4
Betroleum, Nayphtha

Einfuhr (in Pud):
2087000 Holz +. + 00004
2076000 Cijen . Kö
3486000 Tee

1 928 000
1228000
533000

Ausfuhr
Baumwolle . . . . 3621000
Rom .. 4870000
Filde . 1918500
Rofinen . 398000
Ölfuden . ... 855300
Setrodnete Früchte 814800
Schhafwolle . . -. 802200
Rottondl . . .. 374200
Felle (Schaf) . . . 314000
Herner Nuß= und Sükholz, von
ins Ausland verlandt.

in Bud):
Häute, unbearbeitet .
Häute, bearbeitet
Wein + 2.
Seide . . .
Ramelwolle
Rarakul ,
Früchte
Mein

227 300
18400
94100
86000
63200
55100
54.900
30.000

(ekterem wurden 1913 1720000 Bud
        <pb n="276" />
        Sibirien

Bon

Werner von Harpe

Größte Bejhränkung war bei der Überfülle des Materials in
vorliegender Überficht über Sibirien geboten.
Der Zwed der Schrift wäre voNauf erfüllt, wenn fie das elementarte
 Wilfen von diejem Lande dem Lejer foweit geordnet darbringen
 würde, daß ein tieferes Erforfden einigermaken erleichtert
jein würde. Wie das Land felbit, find die ion vorhandenen
Befchreibungen -rteidh, aber voller innerer Widerjprücdhe. Es iit Zeit,
das Bild zu IHlieken, womit hier ein beicheidener Veriudh gemacht
worden ift.
Die Zeit fordert neues Werden. Sibirien wird vornehmlich} ein
Herd neuer Lebensbildung werden. Der Raum des wirt[dHaftlidhen
Schwergewicdhts wird jih augen[Heinlid hierin verlegen. Sibirien wird
zu einem Treffpunkt der alten, der neuen und der neueften (‚gelben‘)
Kultur werden.
Eine Ländermaife, wo weniges feine fejte Grenze gefunden hat,
ein Land ungeheurer Makitäbe und Möglichleiten, aber aud) ein Land,
deifjen urwüchfige Natur unverrüdt von den gewaltigen Umwälzungen
dafteht, die Europa bis ins Innerfte erfhüttern. Man darf nit
glauben, daz alle die dort ruhenden Schäße leicht erIdhlofjen werden
Fönnten; dazu braucht es Kräfte, die den mächtigen Wideritand der
Natur zu zwingen wifjen.
Sibirien, der nad) dem alten Herriherfiß Sfjibir benannte nörd-[ide
 Teil der ruljijden Befigungen in Afien, nimmt den Raum zwildhen
420 20’ und 770 36‘ (Kap Tjdheljujkin) n.B. und 59° 33’ (Ural)
bis 1749 24’ (&amp;amp;ap Deldhnew) 5. L. ein.
Sibirien wird begrenzt: im Norden vom Nördliden Eismeer und
delfen Teilen:

L. dem Karifden Meer mit den Inlel
a) Nowaja Semlja,
b) Neufibirijde Infeln u. a.
2. der Nordenjköldiee :;
        <pb n="277" />
        267

im Olten vom
1. Bering-Meer (mit Siachalin),
2, Ochotikfijdhen Meer,
3. Yapanijhen Meer;
im Süden von der
Chinelifden Mandidhurei und Mongolei
und von
Zentralafien ;
im Weiten vom
Uralgebirge.
Die Külten des Eismeeres [ind 10, die des Beringmeeres mindejtens
6—7, die des OdhotfkilHen Meeres 7—8 Monate, und jelbjt die des
KJapanijden 2—3 Monate dur Eis ver[Hloffen, und wenig durch
Buchten, Halbinfeln und Infeln gegliedert. Sibirien umfakt einen
Vlächenraum von 12518487 qkm (Europa — rund 9000000 qkm).
Das Land. Das ganze Gebiet wird in die wefitfibirijde Tiefebene
 bis zum Senijjei und das dreimal fo große, bergige Oltjibirien
eingeteilt. Die weftfjibirijde Ebene wird durchzoaen von den Strom-Iyftemen
 des Ob und des Ieniljei.
Der Ob gehört zu den längiten Flüffen der Erde, denn erkennt
man den Yıtfy[ als feinen Hauptquellfluß an, jo erreicht die Lauflänge
 4400 km, mit einem Stromgebiet von 3500000 qkm!
Der Ob entipringt SltlidH der Quellen des Irtyjh dem Ihönen
jüdliden Grenzgebirge Wejtlibiriens, dem Altai.
Bei Barnaul tritt er in die Tiefebene, durchftrömt hier zuerft
SteppenlandihHaften und dann den großen fhweigenden fibiriichen
Urwald, der etwa in Höhe des Nebenflufjfes Tom einjebt.
ZwifdHen IrtyidH und Ob liegt die Baraba, ein Gebiet des
Übergangs von Steppe zu Wald, in welden der Iiekann- See liegt.
Der Iriy[dH hat eine größere Länge als der Ob felbit. Er nimmt
rechts den Om, links den J[Him und Zobol auf.
Der Tobol entjteht am Südofjtabhange des Ural und zieht das
gefamte Waiferneg des öftliden Ural bis Petropawlow|t an id. Er
jtellt vielfad) die Grenze zwijhen Waldgebiet im Often und Steppe
im Welten dar. Der bei Samarowjk vereinigte Ob-Irtylh wälzt [ih in
trägem Lauf bis ins KarijHe Meer. Die Mündung ijt verjandet,
baher ijt der Strom erft aufwärts von Obdorft für Dampfer Idiffbar,
 bis hinauf nad) Siemipalatin|f.
Das Stromgebiet des Ob ijt eine jüngere Formation, ehemaliger
Meeresboden.
Der Ieniffei ift die natürliHe Grenzfdheide zwijhen Weit und
Dit. Nimmt man die Selenaa als feinen Quellflukß an, Io wird er
        <pb n="278" />
        268

als der fünftlängijte FluH der Erde gelten müffen. Seine Stromlänge
beträgt 5200 km, alfo mehr wie beim Ob, das Stromgebiet ill
2750000 akm groß, allo Meiner, als das des Ob.
Diefer majeftätiidHe Strom Hat, im Gegenjag zum Ob, ein [tarkes
Gefälle. Der eigentlide Yenijfet ent/pringt einem Ausläufer des Sajanifdjen
 Randgebirges. Nah Austritt aus dem Gebirge, von
deffen regnerijdem Nordabhange er eine Reihe von TIributaren empfängt,
fließt der SHenijfei in ausgedehnten Wäldern dahin, zwilden denen
die lebhaften Städte Minuffinfk und Krafnojarjk liegen. Beim Eintritt
 in das jibirijdje Bergland ijt er immer no) reißend; angeblich
Joll die Stromfhnelligkeit an ruhigen Sttiellen 5 Stundenkilometer be
fragen, an einigen fehr reigenden Stellen bis 27 km in der Stunde*).
Die Schiffahrt wird hier nur [tromabwärts und zwar meijt mit Flöken
betrieben. Sein ftarkes Gefälle verliert der Fluk erft am Zujammen-Hluffe
 mit der Oberen Tungulka und mird von hier aus vollauf
{hiffbar.
Die Obere Tungujka, die ihm Lei Ienijfeijf zuflieht, ft Tein
zweiter, größerer Quellfluk, aud Ungara, und aufwärts vom Baifaljee
 Selenga genannt. Die füdlighlte Quelle liegt auf dem Changatgebirge
 nahe bei Karakorum.
Der Fluk tritt in die Wüfjtenebene, nadjdem er den Verbindungs:
rüden zwijden dem Sajanijdhen unddem Jablonoi-Gebirge durdhrohen.
 Öltlid liegen die Städte Kjadhta und Maimatidhin.
Die Selenga durch[Hneidet nunmehr das den Baikaliee umrahmende
Gebirge, um in diefen felbjt zu münden.
Der Baikalfee ijt der größte Gebirgsjee der Erde, ein etwa
640 km langes bis 40 km breites, 34180 qkm großes, langgeltredtes
Beden, das rings von altkrijtallinijHen Gebirgszügen umgeben ilt.
Die Seehöhe über dem Meere beträgt 469 m, die Tiefe aber bis zu
1248 m (!), fo dak der Grund des Sees nicht weniger als 779 m
unter dem Meeresfpiegel Kegt, alfo nur um 14 m Höher als der Boden
des toten Meeres. Die Ufer find auberjt fteil und vielfad) bis zu
400 m hoch, die Landfjhaftsbilder großartig. Die Uferberge find von
Tannenwäldern, Birken, Pappeln und Zedern bhejtanden, im See felbli
findet man meriwürdigerweile Sechunde, und nahe feinen Ufern heiße
Quellen.
Sm Winter friert der Baikal zu, fo daz man über das glatte
und Hore Eis rald) zum anderen Ufer gelangen Kann. Es ijft zur Ieit
des NYapanifhen Krieges verfucht worden, einen Schienenjtrang über
das Eis zu legen; die Lokomotiven werden jedoch nicht vom Eile
getragen.
Der Bau der Baikal-Umgehungsbahn Hat enorme Mittel gebraucht;
:„ *) Sievers, Alten.
        <pb n="279" />
        269 —

1

:{

der Kilometer BaHnjtrede Koftete 472392 Mi.*); man hat viele Kilometer
 Tunnel bauen müffen.
Zur Überführung von Zügen wird audy eine große Fähre ger
braucht, die nötigenfalls auf einem vorhandenen Schhwimmdod repariert
werden fann.
Etwa 64 km unterhalb des YWustritts der Ungara aus dem See
liegt Sriutjf. Bevor fie in den Ienifjei mündet, bildet fie mehrere
Stromfdhnellen.
Der IJenijjert nimmt im weiteren Laufe vom linken, niedrigen
Ufer nur unbedeutende Flüjje auf, von rechts empfängt er die Steinige
 und Untere Zungufkia (bei Zurucdhanfjf). Die lebtere {ft
von einiger Wichtigkeit, weil man auf ihr nahe bis an die Lena
fommen fann. ;
Linis liegen viel Sümpfe, das Sitlidhe Ufer trägt Wald. Der
Strom friert im Oktober zu und taut erjt im Iuni wieder auf. Der
Wallerltand erreicht zur Zeit des Eisganges zuweilen 30 m.
Die Mündung des Ieniffei Hat eine Breite von 64 km.
Seine Wichtigkeit für den Verkehr wird nur dur die Iange
Dauer der Eisdede und die UnihHiffbarkeit des Meeres, in weldhes er
mündet, be[dHränit.
Mit den gewaltigen Wafjfermengen wird dem Eismeer jedoch
night unerheblig Wärme zugeführt, liegt dody die Mündung des Ob
unmittelbar neben der des Ienifjei. So ijt es denn fhon Häufig
gelungen, die Seeverbindung troß aller böjen Eisverhältnijje zu
benußen. Es ijt nicht ausge[Alofjen, daß wiffen|Haftlide Forjhungen
im Verein mit den Hilfsmitteln unjerer Zivilijation eine Unabhängigfeit
 und Negelmähigkeit diejer Verbindung in den Grenzen gewilfjer
Sahreszeiten herbeiführen Könnten. Die enorme Bedeutung diejes liegt
auf der Hand, zumal fidh der ‚Kenifjei leiht mit dem Obiyftem ver.
binden liebe. .
Der dritte grobe Strom, die Lena, Iheidet das Nordafiatijdhe
Bergland in Mitteljibirien mit der Taimnyr-Halbiniel und das eigentliqge
 Ojftjibirien.
Ihre Gejamtlänge dürfte 4000 km nicht überfteigen. Dur die
Aufnahme des Aldan wird das Hydrographijdhe Gebiet der Lena
bis zum großen Dzean ausgedehnt und erreicht fait 2,4 Millionen akm
Areal.
Die Lena entjpringt dem Sltlidgen Randgebirge des Baikalfees,
und durdhitrömt zunächit ein bewalbetes, hügeliges Gebiet. Nad) Vers
einigung mit dem Witim, der feine Quellen auf dem Witimplateau
 hat, durgbriht die Lena das Bergland und ftrömt unter-Halb
 Iakutjk „in eine Tiefebene hinaus, wo fie den walferreiden AWldan
*) Nanfien, Sibirien.
        <pb n="280" />
        9970

aufnimmt. Legterer fommt vom Aldanplateau, wobei er dem Bogen
jes Yablonvi-Gebirges folgt, weldher Jid) nordwärts bis zur Z Huth
Halbinfel unter dem Namen Stanowoi-Chrebet fortjeßt.
Bon der Mündung des Aldan weicht die Lena in großem Bogen
dem WerhHojanijhen Gebirge aus, behält aber die Eigen{dHaften
;ines breiten Flachlandjtromes mit vielen Injeln und Buchten, und
&amp;gt;mpfängt den größten linken Nebenfluß Wiljni.
Nur vereinzelten Eismeerfahrern (Norden[kjöld) ijt es gelungen,
on Europa aus bis an die Lenamündung durchzudringen. Wichtig
dagegen ijt die Binnenfahrt — über das Aldantal führt die bedeutende
 Strake Yakut[f-OdHotfk.
Die fanggejtredte Halbinjel KamtjhHhatka fällt aus dem Gebiet
der großen fibirijden Ströme. Sie ift falt von der Gröhe Italiens
und wird von hohen Gebirgen durchzogen. Im Sfjtliden Teil ijt eine
Reihe von Bulkanen noch tätig (Rljutjdhewifaja Siopfa). Die hohen
Berge find bis zur Hälfte in Schnee gehüllt, tief unterhalb in den
Niederungen erblidt man dagegen eine reihe Vegetation. Getreide
gedeiht [Olecht. Mit Gegenfägen ganz bejonderer Urt bietet Kam»
Hchatia hohe Iandjhaftlidhe Reize.
Die Kurilen bilden eine natürlihe Fortjekung der Kamtichatka-Höhenzüge.


Das Tafelland zwijden dem Iablonoi-Gebirge und der Külte
äßt fi feiner Formation nad) nit von den benachbarten Hineijden
 Gebieten trennen. Wir fallen es zulammen unter dem Namen
‚Rullifgd-Oftafien‘‘.
Fünf Randgebirge erftreden [id hier nad) NNO.
Das Yablonvigebirge mit 10 Parallelfetten am rechten Ufer
jer Sielenga (Transbaikalien), das Chingangebirge (in der
MandidHurei), das Burejagebirge (Amurprovinz), das
Bribre[Hnygebirge zwilden Siungari und Uffuri, und der
Lidota Alin oder das tatarijde Kültengebirge zwijdhen
Wladiwoltok und Siachalin (Küftenprovinz). Auch Siachalin it als
eine weitere bogenförmige Kette zu betrachten.
Einge[hloffen zwijden diejen Gebirgszügen liegen die ebenen Tafel
tüde, die Hochebenen, Tiefebenen oder Hügelgelände bilden. Der Lauf
der Ströme entjpright im allgemeinen diejer Unordnung der Ketten.
Biele von ihnen fließen in den Furden zwijdhen den Tafelrändern,
wie die Schilfa, der Argun, die Bureja, der obere und untere
Sjungari, der U{juri und der untere Amur. An anderen Stellen
durchfchneiden wieder die Flüjffe die Tafelränder, [o der MUjfuri, Shungart
und der AUmur felbit, deffen Mittellauf fenkreht gegen bas ganze
Syitem gerichtet ijt. -
Der Amur KHebht mit einer Länge von 4700km in AWiien nur dem
        <pb n="281" />
        — 91 —

Sangtjekfiang und Ienijjei nad. Er jekt [ih aus zwei Quellflüfjen
zujammen, dem Argun und der Schilka.
Die Schilina ent{pringt dem Jablonvigebirge und empfängt von
[inis die fajlt ebenjo lange Yndoga, welde einen [Hon bei T}chita
für Flöhe [Hiffbaren Fluß Ddarjtellt. Mad) der Bereinigung beider
Slülle bei Mertjchinjt beginnt bereits die Dampfjdhiffahrt, der alsdann
bis zur Mündung des UWmur fein Hindernis mehr entgegeniteht. -
Der Argun durchitrömt unwirtlide, [alzge[hwängerte Steppen
zwi[den niedrigen Hügelketten. Erft bei der Vereinigung beider Flülle
ijt das Ufer wieder bewaldet.
Sobald der nunmehr Amur genannte Strom das Chingangebirge
erreicht, folgt eine [Hhöne Szenerie der anderen. Bei YWigun durdhfließt
 er die fladwellige Tafel der Mandjdhurei in tonigem, weidhem,
idwarzgem Boden, auf weldem üppiges mannshohes Gras wudert.
Wo die Burejaberge fihH ihm nähern und er von lHinis den gleichnamigen
 Fluß empfängt, zieren Wälder die Hügel; dann wird die
Gegend wieder de, und aus der Steppe jtrömt dem Umur bei Chabarowif
 der Sfjungari zu, welder bis Zizidhar für Dampfer [dHiffbar
 ijt. Unterhalb der Mündung des Sjungart nimmt der Ymur
den AUljuri auf, der links neben fiH den Chankajee liegen läbt.
Der untere Umur fliegt zwildhen dem Pribrejdhny und dem Burejagebitge
 durch [umpfiges Gelände nunmehr nad) Nordoften in der Stromridhtung
 des AWjfjuri. NMahe bei der Mündung, an welder die Stadt
Nikolajewi/t liegt, umgeben bereits didhte Nadelwälder den Strom.
Rechts vom Beden des Uffurt läuft der Lidhota. Alin. Er ftürzt
fi@ fo unvermittelt zum Meere ab, daz zwijdhen Wlabiwojtok und
Aexandrowfjk nicht ein einziger braucbarer Hafen zu finden ijt. Nach
dem Innern zu finkt das Küftengebirge in Form kehmiger, bewaldeter
Hüöhenzüge ab. Na Süden zu findet man Steppe.
Charatkteriftilgh für Rulfijdh-Oftafien find die riefigen Waldbrände
im Sommer. Schon in Wejtjibirien ijt der Wald in einigen Bezirken
durd) finnlolen Raubbau und Brände devajtiert, Hier ijt der Schaden
nicht zu ermejjen. Der Wald „Hat ja feinen Wert“ — und brennt
wochenlang auf Hunderte von Kilometern. Weithin it das Gelände
in Nauch gehüllt. Es verbrennen Zukunftswerte,
Sibirien beherriht ein. vollilommen fontinentales Klima.
Große Irodenheit, große Unter[dhiede der Sommer- und Wintertemperatur
 [ind die bekannten Merkmale.
Die Kälte und die Wärme find infolge der trodenen Atmofjphäre
viel leichter zu ertragen als in Gegenden mit feuchtem Klima,
Es ijt vielerfeits beobachtet worden, dak das Klima in Sibirien
in leßter Zeit milder geworden ift.
Die Reaenmenae beträgt 37—42 cem.
        <pb n="282" />
        — 2 —

Die Temperaturunterjdhiede im Januar und Suli betragen: In
der welt[ibirijden Steppe 37°, am Ienijfei 43°, In Sakut[t 67,7°, in
Werchojanjt am ojtarktijdHen Kältepol 86,2°.
Die MWärmeunterchiede der abfoluten Extreme erreiden an lebt
genanntem Ort 100°,
Die Januarijotherme —15 läuft über Spigbergen und den [üdliden
 Altat, die Iuliifotherme +20 über Paris, Warjhau, Omik,
Wladiwoltok.
Die Yahresijotherme 0 [AHneidet die Nordipige Norwegens, bes
rührt Ardhangelft und läuft dann nördlid Toboljk und füdlid Zomft
über Srkutft bis zum Norden Siachalins und Süden KamtjhHatfas,
Sm Sanuar Kiegt ein atmo[phärijdes Maximum über Urga (Jüdl.
von Kjadta), im Iuli ein Minimum über dem Süden BPerfiens. Diefes,
jowie die Janglame Erwärmung der See beftimmt in erfter Linie die
WindridHtung. Am Stillen Ozean wehen im Winter kalte Landwinde,
im Sommer regelmähig Seewinde (Monfjune). Im Hauptländerkomplex
Sibiriens find die atmojphärijhen Verhältnijje unregelmäkiger; mei[t
jind es da im Januar Südwelit-, im Zuli Nordoftwinde. Gefürdtet
jind Ddie Burane, die bhefonders als Schneeitürme groken Schaden
anrichten.
Entiprehend den zwifden fehr weiten Grenzen liegenden Himatilden
 Berhältnifjen diejes Landes ijt das pflanzlidje und tierifche
Leben äuberit mannigfaltig. Es Iaffen lid beitimmte Zonen unter:
Icheiden.
Sn die arktijHe Zone gehört die Moostundra, dur) die Man
mutfunde bekannt, welde nur von Hunde und Renntiernomaden durch.
zogen wird, und die weftöftlide Taiga, welde in rund 1000 km breitem
und 4000km Iangem ‚Streifen ganz Sibirien durchzieht. Hier findet
fih die Lärche bis zum 70° nördlider Breite, weiter Jüdlid folgen
bie weiße Birke, die Zirbelkiefer, feltener die Fichte und im füblichen
Taigaltreifen die [ibirijde Tanne.
Hier Haufen die großen und KMNeineren NRaubtiere, Wölfe, Bären,
Eis- und Blaufücfe, Dacfe, und die wertvollen Belzierte: Zobel,
Hermelin, Eihhörnden, Biber, deren Zahl aber [tarf heruntergegangen
it, Jodann Sirjhe, Elentiere, Rehwild. Die Ähnlichkeit mit dem nördliden
 Europa Ipringt in die Augen. Der Ural ift feine natürliche
Grenze zweier Weltteile.
Die europäifjgden Naturformen [ind nod) häufiger in dem welt
jibirifden Kulturftreifen anzutreffen, weider ih weitlid) bis
etwa zum 58° n. Br., im Olten nur bis zum 53° erjtredt.
Steppe wedhfelt hier mit Mildwald, nur in den jfüdliden Land
bergen trifft man mehr Nadelhölzer. Für Kulturgewächfe ijt der Boden
nicht immer aeeianet, andererleits mieder ijt er aukerorbentlid fruchtbar.
        <pb n="283" />
        — 278 —

Der bekannte „TIjhernofjom‘“, die Schwarzerde, zieht fich Teiljörmig
 aus Sübdrukland bis zum Ob; durch[Hnittlid) trägt der Boden
15-—17 Rom und liefert 6—8 Iahre ungedüngt leidlide Erträge.
Xnfolge der großen Sommerhige reift das Korn in 3 Monaten, fo dak
die Kürze des Sommers kein Hindernis für den Aderbau ijt. Böfe ind
die vielen NacHtfröfte, überhaupt die Mimatijdhe Unzuverlälfigteit.
Zukunftsreid) ind die Altaijteppe und Teile der Hineji[dH-japani[den
Begetationszone. Kennzeihnend ijt für Ddieje die große Mannigfaltigfeit
 in der Natur. Wülteneien wechtIn mit Gebieten voll Jüdländilcher
üppigleit.
Den Befldhluk macht die Zone der Salziteppe, die vom Altai her
bis an die Wolga heranreidht. Eine Unterlage für die Kleinviehzucht,
welde den Kirgijildh-turkmenijden Nomaden zum wirt]Haftliden Bes
Herriher des Gebietes madt und nur wenig Raum für dauernde
Bauernliedlungen überläkt.

l

P

; 1

1

N

1,

L
n
)=‚p



Do

=

nm

Az

Die Einwohner.
Die Einwohnerzahl ganz Sibiriens wurde 1892 zu 4313680, 1897
zu 5727000, 1904 zu 6493400 fejtgeftellt. Iegt find es ungefähr
11 Millionen. Dieje Zahl wie audy alle übrigen AUngaben beziehen
ji, foweit nidt ausdrüdlid anderes gelagt ijt, auf die Zeit vor
Ausbruch des Weltkrieges.
Bon. der Gejamtbevölferung Wejtfibiriens find 90% Ruffen, im
Diten it der Prozentjag Ruffen erheblidH geringer; fo jtehen in der
Provinz Vakutjk 30000 Ruffen etwa 200000 Eingeborene gegenüber.
Die Bevölferungsdidhte jHwankt zwijhen 0,06 (Provinz Iakut[f)
und 2,3 Berfonen auf den Quadratkilometer (Gouvernement Zomff).
uf die einzelnen Gebiete verteilt [ih die Bevölkerung wie folgt:
Bewohner auf
1897 1 qkm
1031364 n3
220557 7
28168
pm

qkm
2991356 SGeneralgouvernement Amur
1854236 Rüftenprovinz
75978 Rreis Siachalin
147667 Provinz Amur
813475 Nrovinz Iransbatkalien
7245635 Seneralgouvernement Irkutit
1124897 SGouvernement Irkutfk
3563982 DE Souvernement Jakutjk
2556756 580000 SGouvernement Ienijfeiftk
c) 857682 "929099 ; SGouvernement Zomft
d) 1397692 _ 1438484 10 ___ Souvernement Zoboi:._
12492365 5727090 0,46 zuJammen,
Die Zahlen [ind das Ergebnis der legten rTuflijhen Bölkerzählung
 1897,
Die wirtidaftliche Zukunft bes Oltens.
        <pb n="284" />
        274

Der Sibirier.
Der Sibirier hat fidH zu einem befonderen rufjijchen MienfdHen|Hlag
Herausgebildet, Seinen Charakter hat er durd) die eigenartige ZUlammenjeßung
 der Eingewanderten erhalten, jowie audy durch Blutmildhung
 mit Eingeborenen,
Ein Schlaglidht auf diefes wilde Land wirft die Art der Eroberung.
Sie begann dur den Kofaken Yermak, der gegen Ende des 16. Yahrunderts
 als AUnführer einer KMNeinen Schar im AYuftrage der Kaufmannsfamilie
 Stroganow ins Land eindrang, und feine Eroberung,
die er mit eigenen Mitteln nicht behaupten Konnte, nachher dem Zuren
Xohann dem Graujamen als Gejdent anbot.
Es handelte [ih zunäcit um weitlide Teile des jehtigen Sibirien.
Später ijt das ganze große Gebiet jtetig fortihreitend durch unternehmungsluftige
 Leute weiterbejeßt worden. Sind doch noch in den
50er NYahren des 19. Jahrhunderts im Amurgebiet von einem rujliiden
 Offizier mit einer Handvoll Soldaten gegen den Willen der
mujfijden Regierung Eroberungen gemadt worden! Wahrlid, dem
Lande Hat ein Cooper gefehlt, der uns durch feine Lederjtrumpferzählungen
 das Bild der amerikaniiden Wildnis jeinerzeit belebt Hat.
Den Pionieren der fibirijdHen Kolonifation folgten Kofaken, die
bejonders in den Grenzgebieten angefiedelt wurden. Es wurde ihnen
reichlig Land zugeteilt (durdjAHnittlih 30ha pro Kopf; die Bauer.
folonijten bekamen urjprünglid 12—15 ha, fpäter nody weniger).
MWirtjhaftliH haben jidh die Kofaken night bewährt; fie find Iries
gerifjd tüchtig, aber faul. Idr Stolz ijt, möglichjt viel Pferde 3zu
jigen, um fi damit von den Stammesgenofjen abzuheben.
Schon 1653 Hat die ruffijde Regierung begonnen, die ihr unbequemen
 Elemente nad) Sibirien zu deportieren. Dieje Berbannten haben eine
bedeutungsvolle Wirkung auf die Bildung des [ibirijden Volkes ausgeübt.
Die Berbannten. laffen fid in drei Hauptkfafjen einteilen *) :
L. Zwangsiträflinge (KXator[hniki),
2, Straffoloniften (Pofjelenzy),
3. Siylnyje, einfad) Berbannte.
Dazu Können die freiwillig mitziehenden Angehörigen gerechnet
werden, meijt Frauen und Kinder.
Die Berihicten der erften zwei Klajjen find Verbrecher, die lebens:
(änglidy in Sibirien bleiben müljen; jene, welde der dritten Klalle
angehören, fönnen meift nad) Ablauf ihrer Strafzeit in die Heimat
zurüdfehren. Zu den Verichicten der dritten Klalle gehören:
L. Vagabunden,
2, Berfonen, welde dur richterlidhes Urteil verbannt werden,
». Berfonen, welde vom Gemeindeältelten verbannt werden.
k) Bennan. Stbirien.
        <pb n="285" />
        2
75

r

1

&amp;gt;

n

11

Os

10

bh

21

SG
Te

ıt

x

Sede Dorfgemeinde hatte in Rukland bis 1906 das Recht, An»
gehörige, die ihr zur Laflt fielen oder fidh fcdhleht aufführten, zu ver»
bannen. Als es in den Bauerngemeinden infolge des Syjtems des
teten NMeunufteilens des Gemeindelandes (Mir) zu eng wurde, ijt von
diefem Recht in ausgiebigem Make Gebraud) gemacht worden.
4. Perjonen, welde auf adminiftratipvem Wege ver[dhidt werden,
meift fogenannte ‚‚Politijdhe‘“, aber aud) viele Sektierer, deren es in
Rußland mehr gibt, als man gewöhnlidh annimmt.
Leute, die für ihre Gefinnung leiden, häufig hochjtehende Charaktere,
 die auf den Machtjprudh höherer Beamten verjdhidt werden, nidt
gar 3u felten aus periönliqher AWbneigung des betreffenden Madıt-Habers.

Hier ijt zu beachten, dak nicht einmal die Hälfte durch richHterlies
 Urteil nad) Sibirien gefommen ift, weiterhin der grobe Prozent
laß ber „Freiwilligen“.
Der objektive Beurteiler wird eine Kritik an das Syltem der
Berjdhidung nur nad) genauer Prüfung der Gefamtverhältnijje legen
fönnen. Durd) harte Mittel ijt da Häufig die Lölung grandiofer Kulturprobleme
 gejucht worden.
Eine verheerende Wirkung auf die RMaffenbildung in Sibirien
fönnen diejfe Elemente wohl nicht gehabt haben. Auch ijt ihre Zahl
gering im Verhältnis zur gefamten Malje der Einwanderer. In jedem
der erjten Jahre unjeres Jahrhunderts follen rund 19000 Berfonen
in die Verbannung gegangen fein.
Dahingegen betrug die SGefjamteinwanderung nad) Sibirien:
in den Jahren 1600 bis 1896 3000000 Köpfe,
in den Jahren 1896 bis 1905 1370000 Köpfe,
in den Jahren 1905 bis 1913 3000000 Köpfe.
über Sibirien nad) Oftalien in den Yahren

nach NManfen nah Göbe
OS Aa

NRüdwandereı
nach ©5öbel

1899 ca.
(900
{901 „,
1902 „,
1903 „
1904 ,,
1905 ,,
1906
1907
1908 „
1909
1910 ,,
1911 ,,
1912 ,
1913

2A NO)

34.000
3A 000
7000
1000
1000
4000
6000
27000
38 000
QRO000

et

2700
565.000
B20.000

1079
355000
226 000
259000
207 (MW)

1Q*
        <pb n="286" />
        276 —

Die Tabelle [priHt Bände. Ein großer Zug ft erlt in die
Befiedelung gekommen, als von 1892 ab bie jibirijde Bahn ihren
Schienenftrang in verhältnismäßig tafjdem Tempo vom Ural her nad
Diten vorfhob, im Jahre 1895 den Ob, 95 den SIenilfjei, 1902 den
Baikalfee und 1904 den Stillen Ozean erreidhend. Eine wahre Bölkerwanderung
 benußte die Iransportgelegenheit.
Die Urlache dazu liegt, fo wenig glaubhaft es auch. [Heinen mag,
in der Engigkeit der alten Heimat.
Zunächit mal Juchte der rufjilde Bauer Sibiriens Freiheit und
Sibiriens Wälder auf, um aus der wirtjdHaftlidHen CEinengung 3U ent
rinnen. Der Landhunger iit jhon oben durh das Syltem des Miir
begründet worden.
Dann gab es in der ruflijh-orthodoxen Kirdhe eine große Menge
von Gefktierern, vor allem die fogenannten Altgläubigen, welde im
zuropäijden Rußland jtarfen Bedrüdungen ausgejegt waren. Nebenbei
gejagt, find die Altgläubigen ein Hervorragend gejunder und wideritandsfähiger
 Menjdhenfhlag. Ihr ftrenger Glaube verbietet ihnen den
Genuß des ruflijden VBolisvergifters Schnaps.
Der dritte mächtige, treibende Faktor der Auswanderung ijt die
im AbfjoHnitt „Berbannte“ gekennzeichnete Beichränkung des politiidhen
Gedankens gewejen. .
Als viertes Tann man auf den Reiz hHinweifen, den Sibirien auf
unternehmungsluftige Leute machen wird. Wir erfehen aus Obenjtehendem,
 daH au die freien Kolonijten teilweife ähnlide Charaktereigenheiten
 aufweijen müfjfen, wie mande Gruppen der „Berfhidten“.
Nad) dem japanijdHen Kriege hat die ruljijdhe Regierung die erhöhte
Wichtigkeit der Bejiedelung Sibiriens voll erkannt und die Einwanderung
in verjtärktem Make gefördert. Der „gelben“ Gefahr Konnte nur ein
son innen jtarfes Sibirien entgegengejtellt werden.
Nah einem fühlbaren RüdjdHlage in den dem Kriege folgenden
NYahren wurde der Zujtrom der LandhHeijhenden zu groß. Cs war
nicht mehr möglich, allen Siedlern Land zu vermejjen und anzuweijen
und ihnen die nötige AUnterltügung zum Nufbau der Wirtichaft zu
gewähren.
Es fam wieder zum Nücjdylag; eine fehr erheblide Anzahl war
genötigt rüdzumandern. Die Zahl der Rüdwanderer (in einigen Jahren
30 % der Zugewanderten) gibt ein anjdauliches Bild von den übers
großen Schwierigkeiten, die der Kolonijt zu überwältigen hatte. Ein
grelles Licht wirft aud auf. die Zujtände in Sibirien die Tatfade,
daß allein von deut[dHen Häfen 1900 bis 1906 485 850 rufliidhe Staatsangehörige
 nad) Wmerika: auswanderten.
Trog aller Mikzjtände ijt man berechtigt anzuerkennen, dak große
Arbeit aeleiftet worden it. Der freie und leiht zugänglide Boden,
        <pb n="287" />
        — 270 —

der zur Beftellung einigermaßen bereit liegt, ijt im weltliden Sibirien
großenteils aufgeteilt. Es gibt Ortihaften, wo Ihon über Landmangel
geflagt wird.
Die Siedler ziehen [ih immer weiter hinaus — in die Jüblidhen
Kirgijenjteppen, nad) Norden in die unwirtliHe Taiga und in den
gebirgigen Olten.
Die Regierung hat jährlidH vor 1896 weniger als 1 Million
Rubel auf die Kolonifation verwandt, 1896—1905 ftieg der Betrag
auf ungefähr 2,9 Millionen im Iahr,
1906 wurden es gegen .
1907 Ion. .. .-1908
 ..
1909 ....
1913-1914 über .

5000000 *)
13500000
19000000
22 500000
30000000

Bon 1908 dis zum Weltkriege Hat [iH der Betrag verzehnfacdht !
Das gejamte Land gilt in Sibirien als Stantseigentum. Bon
jeber Sieblergruppe in der Heimat muß ein KundihHafter (Chobof)
ausgefandt werden, um anbaufähiges Land auszuluchen. Darauf kommt
die Gruppe nad. Die Regierung gewährt groke Erleichterungen für
die Überfahrt und gibt Darlehen zum Aufbau der Häufer und Wirt
iqaften. Mehrere Jahre werden feine Wbgaben erhoben.
Aug in Sibirien herrjdht das Syjtem des „Mir“, verliert aber
bei dem Landreihtum jeine Bedeutung.
Bei den fibirijhHen Bauern Hat fih infolgedefjen ein viel gröheres
Selbitbewuktfein und eine größere Selbjtändigkeit des Handelns herausgebildet,

Ein Landkauf ijt bei den beftehHenden Bejikverhältniffen nidHt
tet möglich, fpeziell in den Gegenden mit dichter Befiedlung.
Einzelne Zuzügler kauften fid in die Gemeinden ein, was aber
mindeftens 100 Rubel Koltete.
Andere padteten [id Land bei den Kofaken, die größere RNefervate
bejißen und zudem bei den unter ihnen Herrihenden Anjdauungen
geneigt find, die Bewirtjdhaftung ihres Landes anderen zu überlaffen.
Deutjde Kolonijten aus dem europäijden Rukland Haben bei:
ipielsweife auf bdieje Art [ibirijdes Land unter den Pflug bekommen.
Im Omfifer Diftrift foMen fid ihrer 25000 bis 30000 angeljiedelt
haben. Sie find ganz auf fig Jelbit geftellt. Bon taatlider Seite
wurde ihnen fein Land zugewiefen.
Wieder andere, die ohne behördliHe Erlaubnis die Heimat ver-(allen,
 verdingen [ih als Arbeitsträfte bei den örtlidHen Bauern, oder
ziehen Jidy weiter hinaus in die noch unbevölferten Landitrihe. Es
*) Nanfen.
        <pb n="288" />
        278

ol vorgekommen fein, daß ganze Dörfer ın der Taigawildnis ge-:unden
 wurden, von deren Exijtenz man felbit. in Sibirien nichts
gewußt Hatte, In den Yahren 1909—1910 war es bekannt ge
worden, daß in der Altaifteppe 250000 foldher irregulärer Einwanderer
 vorhanden waren, die nun mit Aniprüßhen auf Land hervortraten.

40000 akm {fjollen jährliH in lebter Zeit befiedelt worden fein,
mehr wie halb Bayern an Flädenraum, und immer nod) ftehen unermeß-“ie
 Gebiete unberührt da, wie ein VBeriprechen, dem Leben neue
Quellen zuzuführen.
Der leßte Beitandteil der ruflijdhen Bevölkerung Sibiriens ind
die 3zahlreiden Beamten und Militärperjonen. Rußland Hatte vor
Ausbrug der Revolution ein zentralifiertes VBerwaltungsfyftem — alle
Käden liefen in Petersburg zuflammen. Daher kam es, daß bejonders
die höheren Beamten meift nidt aus eingefeffenen Sibirierfamilien
itammten. Durd diefe entftanden dauernde Wedjelbeziehungen mit
dem Mutterlande. Die niederen Beamten Haben [id meilt ganz in
den jibirijden Städten niedergelalien, es finden lid) bheilpielsweile ganze
EijenbahHner[tädte.
Den Eingeborenen, inshejondere den birijden Naturvölfern ij
die Berührung mit europäijder Kultur verhängnisvoll geworden. Die
Ruffen nahmen ihnen die Yagdgebiete und FildHereigewälfer, aud) die
Zahl der wertvollen Pelztiere ij fo zurüdgegangen, daß erwägt wurde,
die Yagd auf einzelne Arten diefjer Tiere ganz zu verbieten. Dazu
werden neue Bedürfniffe gewedt und die Lebenskraft durch die Be-Tanntfhaft
 mit dem Schnaps und anderen Erzeugnijjen europäijder
Zivilifation gemindert. Verheerend wirfen Seuchen auf diele Völker,
befonders die Gefchlechtsirankheiten.
Für den vordringenden Teil ijt es eine Forderung der Vernunft
lennen 3zu lernen, bevor er vernichtet.
Die fibirijdjen Eingeborenen werden eingeteilt in:
L. Finnijde Bölfer: Wogulen, Samojeden, Oltiafen;
2, Turko-Tatariihe Völker:
a) Kirgijen, Tataren,
b) Sakuten, Yukagiren, ZjOuktdHen, Korjäfen, Kamt[dhHadalen ;
Mongolilde Stämme: (Kalmüden), Burjäten, Tungufjen 11nd
andere fleinere Bölfer vom Charakter der Mandichu, wie
Golden, Orotjdhonen;
Angehörige alter gelber Kulturrafien: Koreaner, Chinelen, Sa
paner, Mand]dHus;
5. Sjokierte Völkerjhaften: Ienijjei-Oftjaken, Giljafen, YWino.
Dieje Einteilung ft im wefentliden eine Spradenteilung, dem
Uriprunag nach allen lich diele Mölker nicht reinlich voneinander [heiden
        <pb n="289" />
        279

und in Gruppen zujammenfajjen. Es Haben in früher Vorzeit Wanderungen,
 Rafjenkreuzungen, Annahmen fremder Sprachen im AWbhängigfeitsverhältnis
 tattgefunden, Kurz es find Bindungen erfolgt,
und es lHiegen da Zujammenhänge verborgen, die dem Foriher ein
weites, interejjantes Feld bieten.
Es ijt volllommen unmöglich, die Zahl der fibirifhen Eingeborenen
mit einiger Sicherheit fejtzujtellen. Sie Ieben teilweije in Wildnilfen,
die nie vom weißen Mann betreten wurden, zerftreut auf Taufende
von Kilometern. Wir wollen uns infolgedeffen darauf befhränken,
daß bei der Bejpredung der einzelnen Völkerihaften runde Zahlen
genannt werden.
Der größte Teil fit natürliH am Lauf der Ströme, große Land-|tride
 Jind völlig unbewohnt, vor allem das nördliche fibirijhe Waldgebiet
 und die Tundra, die nur im Sommer von den Nomadenjtämmen
Nord-AWljiens mit ihren Renntierherden durchzogen wird.
Als erjtes werden wir, von Weiten nad) Often fHreitend, die
Hilder-, Iagd- und NMomadenvölfer Nord-Aljiens betrachten.
Die Wogulen bewohnen die weltlig des Ob gelegenen Lands
jtridhe, 5ftlid) davon die Ojtjaken, nördlidH auf der IYalmal-Halbinfel
und weiter längs der Eismeerküjte bis zum Kap T]Heljujkin.. Die
Zahl diefer drei Stämme geht jtändig Jtark zurüd, die Kinderfterb-[id)feit
 Joll vielerorts 50 % der Geburten betragen. Neben den oben
angeführten Gründen [pielt bei diejfem Rüdgang au die BVermilchung
mit den Rufjen eine Rolle.
Der BernidHtungsvorgang bedeutet einen Verlujt, denn der CEuropäer
 wird nie die Zundra und die nördlidHe Taiga Jo ausnüßen Können,
mie dieje Bölfer mit ihrer eigenartigen Kultur. Die Renntierzucht
bet den Jogenannten Renntier-Samojeden ift bheifpielsweile eine nidt
zu unter]hägende Leijtung, wenn ınan in Betracht zieht, duk der Boden
in der öden Tundra falt das ganze Yahr über gefroren ijt, das zum
3Zwede der Beldhaffung von Weidegelände verbundene Nomabdilieren
in Eis und Schnee ijt für den Europäer auf die Dauer ausgeldHloffen.
Sübdlig der eigentlidHen Oftjafen wohnt das rätjelhafte Volk der
Senifjei-Oftjafen. Diefe find allen anderen Bölfern Sibiriens unähnlid;
 die Sprache diejer Oftjaken ijt offenbar mit keiner der jeBt leben:
den Sprachen in diejem Weltteil verwandt und muk einen ganz anderen
Uriprung haben. Sie fterben aus.
Weiter Sftlidh, vom Henijjei bis zum nördliden Amur, lebt der
mongolijde Stamm der Tungufen. Kopfzahl etwa 40000,
Die Tungufjen find urfprünglihH nidht in Sibirien anfällig; ihre
Urlige [tanden in dem Gebirge zwijhHen Korea und der Mand{Hurei
„am weißen Berge‘, wo fie das Hineljijde Reid 1125 bedrängten und
die Mandichurei eroberten, bis lie 1234 durch die Monaolen verdränat
        <pb n="290" />
        — 280 —-yurden.

 Man darf annehmen, daß fie nad) diefer Zeit nordwärts
urücdwichen, und dabei im Kampfe mit der Ungunjt des Klimas
und des Bodens viel Don ihrer früheren Kultur verloren.
Sie befigen im Süden Aderbaugebiete, während ihr nördlidhlter
Stamm fait am Polarmeer lebt; demgemäß zerfallen fie in Steppen-,
Mald-, Pferdes, Hunde- und Renntiertungufen. Ihre Hauptbe[Häftigung
 ijt Jagd. Als Wohnungen benußen lie, glei den Samojeden,
Wogulen und Oftjaken Zelte (Yurten) aus Fellen und Baumrinde,
Gerühmt wird die förperlide Kraft, Zähigkeit, Spanniraft und
Sinneshärfe der Tungufen, vor allem aud) der Mut, den 3zU jtählen
oft gefährlide Iagden Gelegenheit bieten.
ls Volksfejlte find die Märkte anzufjehen, die größtenteils in
den Wintermonaten abgehalten werden und Pulver, Blei, Mehl, Tee,
Zuder, Tabal, Nadeln, Baumwollzeug und Branntwein namentlidj
gegen Felle, Melzitiefel und SHir]hHgeweihe zum Austaufch bringen *).
Ebenfalls mand[Huartige Filder- und SKägervölfer find die Golden
und Orotfhonen am unteren Ulluri.
Die größte nationale Kraft und MWiderftandsfähigkeit gegen die
Einflüjje der Kultur wird den turkotatarifden Iakuten zugelprocdhen,
Diejes Volk ijt anpalfungsfähiger und rühriger, wie die meijten Nach»
darftämme. Sie find au) der hei weitem zahlreidhite Stamm DON allen
nordaliati[d-mongolijdhen Naturvölfern — ungefähr 200000 Kopf Iark.
Die Yakuten find in der Hauptfade Nomaden, Pferdezüchter, Daneben
 audy Fijder und Jäger, und lieferten den größten Teil der
3Zobel und Hermelinfelle, die einjtmals auf den großen Pelzmarkt
nad) YakutjE gebracht wurden. Ihre Pferde uchen fig das Futter
unter dem Schnee hervor, bleiben faft jtändig unter freiem Himmel
und mülfen, ebenfo wie das Rindvieh, Fleild und Mil Kefern.
Die Wohnungen der Iakuten werden aus Balfen zulammengefügt
and- mit LehHm und Rajen von außen bededt.
Sm Lande der Jakuten findet eine tet erhebliHe Blutmijdhung
mit Nufjen ftatt, derart, dak in der Regel die Rulflen jafutiliert werden.
Den äußerften Nordoften Aliens bewohnen die Iihuktjhen auf
der TlHuktjHen-Halbinjel. Sie haben jidh bisher, dank dem unwirtliden
 Charakter des Landes, unabhängig erhalten fönnen und Jind
mit den Rulfen wenig in Berührung gefommen. Sie weijen 3. X. die
bekannten Merkmale der mongolilden Raffe, 3. X. mehr die Eigen
tümlichteiten der Indianer Nordamerikas auf. Sie gelten als ein
iriegerijdhes, rohes Volk.
Die Geräte find AUxte amerikanijdher Herkunft, Lampen, Spiegelglas,
 Flaldhen, Kämme, Nähzeuge, IJagdutenkilien und Angelgerät:
*) Sievers, Alten.
        <pb n="291" />
        281 —

jdHaften, dazu Kochgeräte, Hämmer, Bohrer zum Feuermadhen und
Pfeifen mit Tabakbeuteln. Die Waffen: Bogen, Pfeile, Harpunen,
Spiehe, Bogeljdleudern. .
Se nad) der geographifgen Berbreitung unter[heidet man Küftentiduktjden
 und NRenntiertjhukt/dHen.
Der Handelsverkehr bewegt fiH längs der aliatijdHen Nordkülte
und befhränkt ih Hauptjäcdhlid auf das EintaufjdHen von Branntwein,
Tabak, Eijenwaren und MNMenntierfleild) gegen Seehundsfelle, Iran,
Walrokzähne und ähnliches.
Die Zahl der gefamten Bevölkerung foll 5000 betragen.
Südlich der IJHuktjdhen, Jowie audy noch in dem NMorden der
Halbinjel Kamt|/Hatka hinein wohnen die Korjäken, ein Volk, das roh
und voller Leidenjdhaften ijt. Ihr Ausiterben it in Kurzer Zeit zu
erwarten.
Dasfjelbe wird von den Kamt/hHabalen im Jübliden Teil von
Ramt[datia behauptet.
Zum Schluß haben wir nod) zweier ijolierter Völker zu gedenken.
Der Wino, im [übliden Teil von Siadalin und der SGiljafen am
unteren Amur an der oltlibirijhen Külte und im nördlichen Teil von
Siachalin.
Man nimmt eine BerwandtjdHaft diejer Bölfer mit den auftralifidhen
Bapua an.
Die YAino werden von verfdiedenen Forjdhern für Urbewohner
ber japanijden Infeln gehalten.
Sie fallen vor allem dur den bei mongolijdhen Bölfern fehlen
den itarfen Bartwucdhs auf.
Nino und Giljaken find vor allem FijdhHer, die Wino bauen aber
Hirje an und pflanzen Gurken, Kürbijje, Rüben und anderes.
Alle bisher betrachteten Völkerjhaften find dem Schamanentum
ergeben. Der in weitejtem Make erfolgte Übertritt zum Chrilktentum
ijt mehr äußerlider Art.
Wir gehen jet zu den buddhiftijden Burjäten über, die in den
Jüdlidhjtien Teilen Mitteljibiriens ihre Sike Haben.
Die Burjäten weiden nur wenig vom Iypus der Ofjtmongolen
ab, haben fid aber jegt [Hon fehr mit den Ruffen vermifcht. Ihr Gebiet
 liegt auf beiden Seiten der Südhälfte des Baikallees. Die Zahl
der Burjäten wird auf 260000 ge[Häßt.
Die Burjäten [d)reiben mit dem MandjHurei-Alphabet und foNen
an Intelligenz die Mongolen der Gobi übertreffen.
Neben dem Buddhismus hat [ih bei ihnen no) das alte Schamanentum
 erhalten. Der Schamanismus nimmt aber immer mehr
ab, und aud) der Buddhismus macht dem Chriktentum Blat.
        <pb n="292" />
        2892

Wenige Bölfer Sihiriens jind jo jehr der KRulfifizierung unterjegen,
 wie die Burjäten. Den Ruffen dürfte die Itarfe Aufnahme
yurjätijdgen Blutes eine Gefahr bedeuten.
Anders liegen die Dinge bei den zahlreiden, im [üdöjtlidhen Winrel
 Sibiriens lebenden Angehörigen der alten gelben Kulturrajien.
Koreaner, Chinefen und Yapaner [ind hier in großer Zahl einzewandert,
 und es ijt anzunehmen, daß das während des Weltkrieges,
ganz befonders aber nad) Ausbruch der tuflijdhen Revolution in jehr
verftärkftem Make weiter ftattgefunden Hat.
Die Kapaner haben fiH an einigen Orten fejtgefebt, und eine
Befekung großer Streden der Sltliden Kültengebiete liegt im Bereiche
ber nahen Möglichkeiten.
Nady dem unglüdliHen Kriege mit Japan Hat die ruffjijdhe Regiezung
 nad) Kräften verfucht, den Zujirom der Gelben abzudämmen.
Die Hapaner durften auf Grund des Friedensvertrages nicht ange:
tafltet werden, dejto Härter wurden die Chinejen angefaßt. In Scharen
wurden fie des Landes verwiefen. Ihnen, Jowie aud) den Koreanern
murde verboten, Land anzukaufen. 1869 Hatte die erite Maljeneinwanderung
 von Koreanern ftattgefunden. 1882 erfhien eine Verordnung,
nach der die [Hon anfjäjligen und die his 1884 eingewanderten Koreaner
eujfilde Untertanen werden durften, allen übrigen und [päteren Einwanderern
 aber wurde das Wohnredht innerhalb der ruffijdhen Grenzen
zuf eine Iurze Zeit befdhränkt. Man traf bei der Ausführung diejer
Berordnung auf große Schwierigkeiten. Der tücdhtige foreaniJde AWderbauer
 und der unentbehrlidhe Hinefilde Handwerker und Arbeiter waren
in einem Lande, das fo fehr menjdlider Arbeitskraft bedurfte, nicht
zu mil]jen.
Der Krieg hat mandje von diejen Problemen gelöft und andere an
5telle gelegt.
Es verbleiben uns nur noch die meijt mohammedanijden Nomaden
üdweftliden jibirijden Steppen, die Tataren und die Kirgijen,
Die Tataren bewohnen die Gebiete vom Tobol bis zum Teniljei
vom Sriyidh bis gegen den 60. Grad.
Sn der Barabajteppe wohnen die jogenannten Barabinzen, zwijden
Db und Tom die Teleuten, im Altat die Bergialmüden oder Altaier,
zwifchen Tom und Ieniffei verfdhiedene MNeinere Stämme, fämtlig an
Zahl gering, und nicht mur mit Ruffen, Jondern 3. T. aud) mit finnijden
und mongoliiden Stämmen gemijcht. Unter diefen Stämmen find die
UAitaier ein Meitervoll, wie die Tataren und Kirgijen überhaupt. Sie
züchten Pferde von vorzügligher Malje, Schafe und Ziegen und beldhäftigen
 fid außerdem mit Jagd und Fildhfang.
Die gefamten hierhergehörigen Stämme find meijt äußerlid Chriiten,
 hängen aber alle am Schamanismus.

er
        <pb n="293" />
        283

Die in Europa Jekhaften Tataren find Mohammedaner.
Treten wir aus den Gebirgsgegenden des Mordwejtrandes von
Zentralafien heraus, fo treffen wir überall auf das bedeutendite und
reinjte Volk der Turktataren, die Kirgijen, die [idH in vielen [treng geteilten
 Unterabteilungen, Horden, von Rulftidh-Zentralafien bis zum
Sry und Ob, und von der Wolga bis in die Täler des Tjen-Schan
ausbreiten und überall nomadildher Lebensweije ergeben find. Ihre
Zahl wird zu 400000 angenommen.
Neben verfdhiedenen guten Charaktereigentümlichfeiten wird ihnen
eine bis zur ToNlheit grenzende Wut zugejdhrieben, jobald das Gleichgewicht
 in ihnen gejtört ijt. Hier, wie überhaupt bei einer Beurteilung
wejensfremder Völker, ijt große Vorfidht anzuwenden. Vielleicht jteht
die obengenannte Eigenjhaft in gewiffem Zujammenhang mit dem
brutalen Plündern der dort ftationierten Kofjaken und anderem mehr.
Die Kleidung der Kirgijen befteht meilt aus greilgefärbten BaumwoNjtoffen,
 die Wohnungen find transportable Yurten aus Filz. Die
Kirgifen find Mohammedaner.
Sie züchten Schafe, Ziegen, Pferde, feltener Rinder, Kamele.
Die Schafe find von der fett/Hwänzigen Ralfe, weiden im Sommer
und Winter auf freier Steppe und Juden au in der Falten Jahreszeit
 ihr Futter felbjt. Sie bilden die wicdhtigjie Exijtenzunterlage der
Kirgifen. Sein Pferd liebt der Kirgije mehr, wie die Geliebte. Die
firgifijden Stutereien [ind weithin berühmt. Die Bferde find Hein,
itarf und ausdauernd.
Das Nomabijieren gefdhieht Teineswegs planlos, fondern man
wählt die paffenden Weidepläke für die Sommer und Winterweiden
mit großer Umlicht.
Die Viehherden der Kirgijen find riefengroß.
Aljährlig finden große Yahrmärkte [tatt*). Einen Begriff von
den Handelsumfäken, die da mitten in der falzigen Steppe ein folder
Kirgijen- Jahrmarkt zu bewältigen hat, mögen einige Angaben über
den NHahrmarktsort Kujondy gewähren. 1909 find da
an Rindvieh . . ...... ++. 21300 Kopf
Schafen und Ziegen. . . 133100 ‚,,
Pferden nur . . . 1400 ,,
zum Verkauf geftellt worden. Dazu kamen
8400 Rindviehhäute
71600 Schaffelle
36500 Ziegenfelle
9000 Pferdehäute
600 Kamelhäute

*) Wiedenfeld, Sibirien
        <pb n="294" />
        Pe

va  —

anderfeits:

41000 Bud Schafwolle
6700 ‚, Kamelwolle
2000 „, 3iegenwolle
900 „ SNokidhweife

Aus dem Berkauf diefes einen Jahrmarktes famen in die Kirgijenteppe
 1400000 Rubel hinein.
Hinaus gingen:

Yür Baumwollwaren . . . ..
Tee und Zuder . ...
Eifen= und Metallwaren .
Mebl und andere Ekhwaren

1 100000 Rubel
230000 „
35000 ,,
35000
400000 Rubel

Seit Ausbrud) des Weltkrieges drangen wiederholt Gerüchte über
Auffjtände der Kirgijen und anderes mehr aus der Kirgifenfteppe.
Erit die Zukunft wird größere Klarheit bringen.
Der AWderbau wird in Sibirien noch) wefentlidh extenfiver betrieben,
als im europäijden Rukland. Es fehlt an Verkaufsmöglidhkeiten. Die
Hohen Iransportiojten Heben eine Wetitbewerbsfähigieit auf; Der
europäijdhe Markt findet von anderer Seite vollauf jeine Dedung.
Günftige Ernten Tommen viel zu felten in Sibirien vor, um ins Aus
[and ausführen zu Können.
Eine |teigende Bebeutung gewinnt dahingegen die Viehzucht *).
2Bohl fehlt dem Vieh eine rationelle Pflege, der Bauer baut ja nidHt
einmal felte Stäle — troß alledem fteigt die Butterproduktion von
Sahr zu Jahr. Das ganze Land ijft mit einem NMeg von Molkereien
überzogen, um deren Einführung fidhH dänijdhe Meier verdient gemacht
haben. Kopenhagen, Hamburg, London, Rotterdam nahmen grobe
Maijen auf. AWNjahrlid wird eine halbe Million Doppekzentner und
mehr aus Sibirien herausgebracht.
DeutjdhHland allein hat no im Iahre 1913 nidht weniger als
30000 Tonnen im Werte von 63 Millionen Mark von dorther importiert.
 Biel Flei[dh geht gefroren nad Petersburg und Moskau.
Die Unterlage diefer Exportmöglichleit ijt in einer eigentümlidhen
Produktionskojtentehnung gegeben. Der Bauer nämlich, welder Die
Mil an die Molkerei feines Artels**) liefert, braucht nur einen ganz
geringen Unfojtenbetrag zu beredinen. Land und Lebensführung Toftet
im bis auf eine geringe Grundijiteuer nichts. Die Barlöhne der Ar-*)

 Wiedenfeld.
**) GenoifenIchaft.
        <pb n="295" />
        285

heiter und die Grundrente fehlen einjtweilen in der Verednung — die
wolge ijt eine Unabhängigfeit der Preifje.
Butter und FleildhH geht in eisgefühlten Wagen direkt bis an die
DitfeeHäfen, die Erzeugnijje der Kleinviehzucht, Häute, Felle, Wolle
gehen nod) den alten Weg dur die Yahrmärkte und die Melfen in
Srbit und Nijdni. Ks
Bergbau und Indufjtrie Kegen nod in den Anfängen. Das
liegt an Verfehrs[hwierigkeiten und Mangel an gejHulten Arbeitern.
Die größten Bodenidhäge liegen im Altai und in Transbaikalien.
Nach der Lage der Dinge im fernen Often fommt für europäijdhe Unter
nehmungen der Altai in Frage. Diejem bieten fig Verkehrsmöglich-Teiten
 durg den Ienifjei. Die Arbeiterfrage Iäkt [id löjen, wenn
man eine landwirt|Haftlide Bejiedelung Hand in Hand gehen Iäßt
mit dem Ausbau der Indujtrie. Die vorzüglidge Bodenbe/dHaffenheit
und das dem [Hweizerildhen vergleichbare Klima geben dazu die bhefte
Unterlage.
Das ganze Gebiet mit feinen unermehliden MineraljhHägen galt
bis 1917 als Eigentum des ruljlilden Kaijerhaufes. Erjt durd) die
Märzrevolution wurden die Pforten diefes Landes allen geöffnet.
Bon den Erzeugnijjen des Bergbaues nennen wir als erjtes das
Gold. Iroß der primitiven Mittel der Goldwäjdereien wurden 1900
1579 Bud Gold gewonnen, und zwar im Kufnezk-Minuffinjfer Rayon
(im Altai), zwijden dem oberen Lauf der Flüjfe Ob und Ienijfet,
nordöftliH von der oberen Zungujka und Ienijfeijk, im Olekminfkijdhen
Bezirk (an der oberen Lena — Witim, Bodaibo-Werke) in den Nertidhinjffer
 Bergwerken (Transbhaikalien). Audh hier darf man es mit
den Zahlen nidHt jo genau nehmen. Die tatjächlidge Menge des gewonnenen
 Goldes überjteigt die des offiziell eingetragenen fehr bedeutend;
 größere Mengen werden „verJdhoben‘“, bejonders nad China.
Als Arbeiter wurden in mandjen diejer Bergwerke und Goldwäldhereien
 Zwangsfträflinge verwandt.
Eijen wurden 188130 Pud gewonnen, an Sukeijen 303670 Pud,
im Altai an der oberen Iungujka, bei Petrowfk.
Salz: 1010315 Bud in den Salzjeen und Solen zwijdhen Paw-Iodar
 und Barnaul (Baraba) und am Baikal.
Silber: 79 Pud bei Wladiwoftok.
Blei: 18130 Pud bei Wladiwojtok und nördliH Barnaul.
Graphit: an der Nenifjeimündung und am Baikal.
Sn geringer Menge wurde aud) Steinkohle zum Verbrauch der
Eijenbahn (Andjer und Sudjhenka an der Bahn) gefördert.
Neben dem Bergbau find die widhtigjten indujtriellen und gewerbelien
 Wirtidhaftszweige: Die Müllerei, Gerberei und Lederarbeiten,
        <pb n="296" />
        86 -

die Seifenfiederei, Kerzenfabrikation, Brennerei, neuerdings aud) die
Brauerei, Metallwaren: und Zuderwarenfabrikation und anderes mehr.
Der WahHstumserfheinung der [ibirijhHen Wirtjhaft entjpridht die
Steigerung der Einfuhr. Einjimals war es nur der Karawanentee, der
zin-, genauer durchgeführt wurde. Er kam aus China, wurde über
Kiacdhta auf dem großen [ibirijden Trakt bis nad Irbit und Nijhni
geführt, von wo er in alle Kulturjtaaten weiter verjandt wurde, Als
Transportmittel dienten Kamele, Fuhren (die von befjonderen Gelpannbauern
 geftellt wurden, welde längs des Weges lebten und ihren
Unterhalt fajt ausfchließlid in diejem Gewerbe fanden), bei Benutzung
 der Flukläufe Flöke und Boote. Unzählige Male wurde die
Mare umgeladen, man war abhängig von Witterung und Eisverhältniifen,
 furz, es. verging Häufig über ein Iahr, bis der Tee in Irbit
anfam. Diefem Handel wurde Wobhruch getan, als es möglid wurde,
den Tee vermittels von Dampfichiffen direkt aus China herüberzujhaffen.
 Erlt der Bau der Jibirifhen Bahn machte die Teekönige in
Moskau wieder unabhängiger. Der fibirijdhe Konjument wurde nunmehr
 aus Moskau, Hauptjächlid mit dem fogenannten Ziegeltee verjorgt,
 wozu in einem Zuge der dazugehörige Zuder genannt werden
muß.
Die Einfuhr von landwirtihaftliHen Ernte= und Buttermajdhinen
hat in Iegter Zeit ungeheuer an Umfang zugenommen, trogdem an
Frachtkoften für [Hwere Malcdhinen leicht 5000—6000 Rubel hHerausfommen,
 da fie meijlt aus dem fernen Umerifa hHerüberge[hafft werben.
Sm übrigen find die eigentliden Berbraudhswaren der einfachen
Lebenshaltung und dem primitiven Gejdhmad von Eingeborenen und
Siedlern angepaBt und befdhränfen fidH auf Baumwolljtoffe, Metall
und Glaswaren. Sie werden teils auf den Yahrmärkten gekauft, teils
fommen fie an den Verbraucher dılrch die weit verbreiteten genoffen-[Haftliden
 Handlungen. In den meilten Dörfern findet man die
„Lawia“*) mit einem durd) ganz Sibirien gleidhförmigen Wareninhalt,
Dur die Bahnverbindung werden die Formen des Handels allmäblicy
 verändert. Es wird zwedmäkig, die Waren fortlaufend zUzuführen.
 Hier, wie überall, find es natürlidh die Stäbte, welche dieles
vermitteln,
Einige von den fihirijden Stähten, wie Krofnojarjt und Nowo-Nikolajewik,
 Haben fidh in fajt amerifanijdem Tempo entwidelt, Bei
idnen berührt der Bahnitrang je einen der aroken Ströme, den Ob
und den Ienifjet.
Nah Krafnojarjt ijt der Sig des Gouvernements aus Ienifjeiff
— einem aroken Dorf — verlegt worden; Nowo-Nikolajewik hat die

*) Kaufmannsladen.
        <pb n="297" />
        287 —

}

wirt[haftlide Rolle von Tomfjt übernommen, da Tomjt feltjamerweije
 abfeits der großen Bahn liegen gelajfen ijt, wogegen Iektere
Stadt das geijtige Zentrum Sibiriens geworden ijt. Hier befindet fi
die einzige Univerlität und die tedhnijde HSochfHule.
MWirt/dhaftlid am wichtigjten ijt Omjtk am Schnittpunkt der Bahn
mit dem Sriyjh, einem Strom, der den Einfluß der Bahn in bejonders
 wertvolle Streden Sibiriens hineinträgt.
Die Mehrzahl der gröheren Städte liegt felbftverftändlid) in Weftjibirien,
 von T{hekjabinit am Ofthange des Ural bis nad) Irkutjt am
Baikalfee, .
Sm Olten HKegt die Hauptjtadt von Iransbaikalien — Tjodhita, in
der Amurprovinz BlagowjeldhtIHhenff, an der Küfte Wladiwojtok („„Deherridhe
 den Olten“).
Der Prozentjag der in den Städten anjäffligen Bevölkerung it
für ein Land mit ausgefprodener Naturalwirt/Haft groß. Audy hier
find die Zahlenunter[Hiede der verfdhiedenen Quellenangaben geradezu
ungeheuerlidh. Bon einigen werben 8% genannt und das mag ungefähr
 Tatjadhen entipreden. Sicher ijt, dakz die in vielen Fällen zehntaufendköpfige
 Beamten und Eijenbahnerzahl den Stäbhten einen er»
Hebliden Zuwachs gebracht hat. Hat man doch beim Bau der Bahnitrede
 dur) unwirtlihe Gegenden mandmal ganze Neuanfiedlungen
anlegen müffen, um den Bau überhaupt zu ermöglichen.
Aus all unfjeren gedrängten Ausführungen ergibt [ih die Richtlinie
der [birijdhen Zukunft wie von Telbft.
Das Land ruft berufstüchtige, tarfe Menjcdhen; viel Menjdhen;
und fordert Mittel zur Überwindung der Verkehrshindernifje; und
braudt Köpfe, die den organijh-natürliden Übergang zur Intenjivierung
 der Wrbeits- und Lebensformen planmähig leiten Können.
€s baben große Umf[dohicdhtungen ftattgefunden. Die ganze Beamten[diht
 hat dur die Revolution ihre Bedeutung verloren, die
Kofaken find dur den Krieg hin und her geworfen worden, im Gebiet
 zwilden Baikal und dem Stillen Ozean haben Gelbe in groker
Anzahl ihre Pläke eingenommen, eine Menge Kriegsgefangener hat
wider Willen das Land Fennenlernen müfjfen.
Grökere Umfdhicdhtungen werden folgen. Bisher hat Rukland fremde
SHilfsiräfte ausgefperrt. In Zukunft wird es nicht möglich Tein, dieles
durchzuführen,
NidHt gar jo bald werden fihH die Verhältnijje Mären. Einerjeits
hing bas Land ja am europäijdhen Rußland, dejjen furdhtbare Not
immer nod) unter[Häßt wird — andererfeits formt es ih zu einem
neuen eigenartigen Gebilde, Die Stellung des neuen Sibiriens zum
Zuftrom nidtrullildher Elemente wird wejentlid davon abhängen, wie
weit [id) die Autonomie — oder die [tarfen Selbitändigkeitsbejtrebun-
        <pb n="298" />
        — 88 —

gen durchjegen werden. Stattfinden wird ein Zujtrom in jedem Fall.
Das fordert die Entwidlung Welteuropas nicht minder, als diejenige
Sibiriens.
Mand) einer wird hier mehr finden, als er zu finden glaubte.
Hridtjof NManjen jagt von diefem Lande:
„5 habe es liebgewonnen, diejes endloje Land, das gewaltig
ijt, wie das Meer, — mit feinen unendliden weiten Ebenen und feinen
Gebirgen — mit der erftarrten Eismeerfüjte — der den, freien Tundra
— mit der tiefen geheimnisvollen Taiga, die fiH vom Ural bis an den
Stillen Ozean erfirtedt — der mit Gras beftandenen wogenden Steppe,
den blauen bewaldeten Bergen — und mit den fNeinen Fleden da:
zwilden, auf denen Menidhen wohnen.‘
        <pb n="299" />
        Die Deutfchen im Ofen
Non W. von Maydell

Zwei deutjde Aktivpoften im Often find trog der Niederlage des
Deutjden Reidhes im Weltkrieg nod) vorhanden. Es find zwei früher
wenig gewürbigte, aber deshalb nicht wenig hedeutfame Tatjadhen:
Die internationale Sprade im ge[hHäftliden Verkehr ijt neben
der früher ruflilden Reidhsjpradghe das Deutjhe, und überall, wo das
Wirt/dhaftsleben reger pulliert, wo wirt]Haftlide Werte gejdhaffen werden,
 die für den Weltverkfehr von Bedeutung find, da find [andeseingefeifene
 Deutjdhe anzutreffen. Das MWirtichaftsleben im Often verdankt
 diefen Oftlanddeutjhen und ihrer [Haffenden Arbeit in hervorragendftem
 Make feine Impulje, und darum war der Geijt der Zeit,
ber in jüngiter Vergangenheit unter zarifher, boljhewijtijder oder
nationaliftiid-Hauvinijtijder Fahne ihre Vernichtung forderte, im Grunde
immer ein Geilt der Selbjtvernidhtung.
Wenn einmal im Olten nad) aller Zerjtörung wieder ein Aufbauen
 beginnen foll, dann wird das ohne deutjde Mitwirkung, ohne
die Oftlanddeutfhen nicht zu verwirfliden fein, Wer den Olten Kennt,
der weiß, dak dies keine Übertreibung der Bedeutung der 21 Millionen
Deutihen ijt, die dort ihre Heimat hatten,
Wen irgendwelde Gründe mit dem Olten in Berührung bringen,
den muß es darum iInterejfieren, von den deutjden MNiederlajjungen
dort zu Hören, wie fie ent/tanden und über weldie Gegenden lie lich
hauptlädlid ausbreiten.
Mit den Deut/Hen im Neid verband die Deutjdhen im Olten das
gemeinjame Bolistum. AWber das Bolisbewuktiein im Reid von 1871
wurde immer mehr durch ein anationales Staatsbewußtjein abgelöft
und verdrängt, und fo Konnte es gefdhehen, dak immer wieder, wenn
außerhalb der Reidhsgrenzen Deutjdhe ihres Bolistums wegen bedrüdt
wurden, in der Prejfe und von hoher amtlider Stelle des Reids —
Idon ungefragt — erklärt wurde: man mijde fid nidht in innere
Angelegenheiten anderer Länder. Im AWusland trug Ddieje anderen
Völkern unverftändlide Haltung dem Reid feine Achtung ein, und
im 3ariiden Rußland wirkte jie wie eine Brovokation, mit den Drang-Die
 wirtidhaftliche Aukunit des Ditens

30
        <pb n="300" />
        — 290 —

jalierungen Deutjdher fortzufahren; das hat im Lauf der Zeit nicht
menig dazu beigetragen, aud) bei den Deutjden im Ofjften das Gefühl
der Zujammengehörigieit mit den Volisgenojfjen im Mutterlande zu
[(odern. Borübergehend brachte wohl der Krieg eine neue Annäherung
als die deutjden Heere als umjubelte Befreier bis zur Narowa und
bis zum Kaufajus vordrangen; eine wacdjende Enttäujdhung der Ojt-(anddeutjdHen
 folgte aber bald, als fie das verhängnisvolle Ungejdhid
der Militärverwaltung und der deutidhen politijden Leitung an ji
erfahren mußten. Die überhaftete Räumung der bejekten Gebiete und
die oft erlebte Art der Preisgabe an eine neue Schredensherr{dhaft
hat die Enttäujdhung über die reihsdeutidhen Bolisgenofjen dann nod)
vertieft.
Die Kulturgemeinjdhaft eines Volistums bleibt für die Deutidhen
im Often mit ihren Bolksgenoffen im Reid) natürlid) beftehen, Tonft
trennt jie aber von Ddiefen ebenfoviel wie die Deutidhamerifaner oder
ie deuten Schweizer.
Die Oltlanddeutfdhen haben ihre eigene Vergangenheit und Entwidlung.
 Sie zerfallen nad) ihren Wohnliken, nach ihrer Art und Ge-‚Hichte
 in mehrere Gruppen, die fihH deutlid) genug voneinander unter-"Heiden.

Bon diejen Deutidhen im Ojten find die Balten die einzigen,
die — einjt Herren ihres Landes — einen PlaK in der europäijden
Sefjdhidhte haben. In anderem Zujammenhang ijt über ihre Geldhichte
jdon einiges gejagt worden, was hier nicht wiederholt zu werben
braucht. Un Zahl gering (vor dem Kriege nicht mehr als 180000,
d. 5. etwa 1/,4 der Deutjdhen im früheren Rukland) ftanden die Balten
fulturell, und was ihren politijden Einfluß anlangte, an der eriten
Stelle unter ihren VBolisgenoflen im Olten.
Die oloniale deutide Eroberung Alt-Livlands vor fieben Yahrhunderten
 hat dort im Lauf der Zeit einen bejonderen baltijdh-deut]hen
Boltsjtamm entitehen Iaffen, der fidH aud nad dem Zujammenbruch
jeiner [taatliden Selbitändigieit — um die Mitte des 16. IJahrhunderis
 — unter wecdhjelnder fremder Oberhoheit autonome Rechte und
bie innerpolitijlde Führung im Lande zu wahren verftand. Als Livs
land und Ejtland im Jahre 1710 und Kurland im Jahre 1795 mit
dem rullijiden Imperium vereinigt wurden, wurde diejen Ländern
zine autonome Selbjtverwaltung nad) eigenem Landesrecht feierlich
zugeftanden. Die politilden Körper[hHaften jener Zeit, mit denen Ruk-[and
 die Kapitulationen über die Gefjcdhide diejer Länder [Hlok, waren
deutfch; die Koloniale deutjdhe Oberfhicht allein war politijdH organijiert
 und vertrat nidt nur fi Jelbjt, fondern das ganze Land. So
wurde au zur Zeit rullilder Herridhaft der deutidHe Kulturcharakter
        <pb n="301" />
        — 991 —

ber Baltijdhen Lande weiter gewahrt, und erft das legtivergangene Men-‚Henalter
 vor dem Weltirieg brachte für das innere Leben der Baltijdhen
Lande und für die baltijden Deutjdhen einfhneidende Wandlungen.
Das Zeitalter der gewaltfamen Rujffifizierung — in den adtziger
Xahren des vorigen Jahrhunderts beginnend — befeitigte zuerjt die
nnerpolitijde baltijde Selbjtändigfeit, Rullijdhe Verwaltung und SGe-:ichte
 traten an die Stelle der baltijdh-deutfdhen. Dann folgte die
Rufljifizierung der Schulen (au) der unter baltijd-deuther Leitung
antjtandenen lettijdHen und efjtnijden VBolfsjdhulen). TIrog allem bejauptete
 fi die Kulturelle und foziale Überlegenheit der Deutjdh-Balten
‚o0dj weiter. Das aber mußte der NMeidhsregierung, die das autonome
Gebiet mit allen Mitteln rullildh maden wollte, ein Dom im Auge
jein, Die Iyltematijde Berhegung der das Land bewohnenden Citen
und Letten gegen die Balten wurde von rujlifldher Seite mit Erfolg
begonnen, denn war erjt die Kraft der Balten gebrochen, jo wäre aud)
on den anderen Nationalitäten kein ernjter Widerftand mehr möglich.
Die Wirkungen diejer jahrzehntelangen rujfiiden BVerhegungspolitik
der Nationalitäten untereinander nad) dem alten Grundjaßg: divide et
impera! famen in den Revolutionsjahren 1905 und 1906, während des
Weltkrieges, zur Boljhewiftenzeit und zur Zeit der Bildung der neuen
Republifen Ejtland und Lettland afut zum Ausdrud. Ein aggreffiver
Thauvinismus der neuerwadhten Völker, der Elten und der Letten, Juchte
im Deutigdenhaß feinen Ausdrud,
Dah es fo hat kommen können, ijt von verfdhiedener Seite immer
wieder den Balten jelbjit zum Vorwurf gemacht worden. Sie hätten
das Land „eindeutfjhen‘“ können und Hätten das verabfäumt, folange
fie die politilde Macht in Händen Hatten. Es erübrigt [id hier auf
diefle Frage näher einzugehen. Sie konnte nur von Theoretifern und
von Perfönlidtfeiten aufgeworfen werden, die von der Geldhichte des
Landes und den tatjäcdlidhen Macdtgrenzen der Balten und ihren Lebensbedingungen
 eine ungenügende Borfjtellung hatten. Es bleibt nur die
Frage diskutabel, durdy welde Mittel es möglidh gewefjen wäre, die
Ropfzahl des baltijdHen Stammes um einiges zu erhöhen; von der
Möglichkeit der „Eindeutidhung‘“ des Landes zu irgendeinem Zeitpunit
in der Vergangenheit Kann nicht die Rede fein.
Einen anderen Weg Haben die führenden baltifdh=deutfden Selbjtverwaltungs-Körperihaften,
 die fogenannten Ritter- und Landihaften,
gehen wollen, indem fie dur Jahrzehnte immer wieder eine Meform
der Selbjtverwaltung auf breiterer Grundlage unter Beteiligung der
Retten und Eliten bei der rulfijden Staatsregierung beantragten. Hieraus
 hätte fi ein felter Jtaatsbürgerlider Zujammenjdhluß der ein
Land bewohnenden Nationalitäten entwideln müffen, und die Balten
Hätten [io ihrer KIulturellen‘ Bedeutung nad) im Lande behauptet.
19*
        <pb n="302" />
        — 292 —

Solch eine Entwidlung aber, die — ähnlid wie in Finnland — eine
Einheitsfront gegen alle KRuflifizierungspläne erzeugen mußte, Ionnte
nicht den Wünfdhen der rujlijhen Reichsregierung entjpreden. Darum
lieben audy die baltijH-deutidhen Reformvorjdhläge immer underüdjichtigt.
 Die Notwendigkeit von Reformen aber blieb beftehen und
wuchs, und die baltijden Privilegien wurden fo dur ruljliflhen Willen
zum SZielpunkt der Agitation. In einen Zuftand des nationalen Friedens
war der Hak gefät worden, und die heutige Not der Balten hat ihren
Uriprung in der panrujlijchen Staatsraijon.
Die Zukunft der Balten ijt heute ungewiß. In der Vergangenheit
 bildeten fie den kulturellen Mittelpunkt der DeutjdHen im rullijhen
 Imperium, Das gilt befonders für die früher deutjde Landesuniverjität
 Dorpat, aus der eine Anzahl Gelehrter von Weltruf hervorgegangen
 ijft. Wber aud) nad) der Rulfifizierung behielt Dorpat
durch feine deutfjh gebliebene evangelijde theologijdhe Fakultät, die
einzige im rullijden Reich, noch eine gewiifle Bedeutung für alle Deutjhen
 im Often,
Die Selbjthehauptung der Balten unter fremder Oberhoheit und
inmitten einer Landesbevölferung, von der fie felbjt nur einen Bruch»
teil — vor dem Kriege nit mehr als 1/,4 — ausmachten, war allein
dur eine Kulturelle Überlegenheit über die Umwelt möglig. Dabei
hatte die Koloniale Vergangenheit des baltijden Stammes eine bejondere
 Befähigung für Körper[dhaftlidhe Organifation entwidelt. Durch
einen engen Zulammenfdluß in Stadt und Land, durch gemeinjame
Wahrung ihrer Yuterejfen und durdh eine Opferwilligfeit für die Gemein{haft,
 die ihresgleihen jhwer finden wird, haben fig) die Balten
durch widrige Zeiten hindurd) bis zu unjerer Zeit ihre Exijtenz er-Halten.
 Ob und wie fie die Krifis überbauern werden, in der fie heute
jtehen, das wird die Zukunft lehren. — — —
Nächjt den Balten jind die am längiten im Diten eingefefienen
DeutigHen;: die Deutfhen in Kongrekz- Polen.
Zur Zeit der großen Völferwanderungen waren die deutjdhen
Stämme im Olten bis über die Elbe zurüdgedrängt worden. Erjt im
zehnten Yahrhundert beginnt ein Zurüdfluten nad) Often. Dann folgt
die Unterwerfung von Preußen und Alt-Livland durd) den Deutihen
Drden, zu delien Niederlaflung in Preuken der Ruf eines polnilchen
Hürften den erften Anftoß gegeben Hatte.
Die Folge der Schladt von Tannenberg von 1410 ift eine Verringerung
 des politijdHen deutf/den Madtgebietes im Olten, dur die
Teilungen Polens wäclt es aber wieder über die früher erreichten
Grenzen hinaus. Na den NapoleonijHen Kriegen beftimmt dann der
Miener Konarek für ein Yahrhundert die deutidhe (bzw. vyreukildhe)
        <pb n="303" />
        293 —

9

€

mn

I

nl

;n
‚N
3t
Ag

dd

zz

‚ie
an
zT

Oftgrenze, und das fogenannte Kongreß-Polen kommt unter rujliiche
Oberhobeit.
Eine vorübergehende Epifode, die mande Wechjelwirkungen zeitigte,
it die Einherrigieit Sacdhjens und Polens unter Augufjt dem Starken.
Die Kriegerijden und politijHen Beziehungen zwijden Deutjdhen
und Polen find jo alt, wie die beiden Bölfer Grenznadbarn find. Im
Lauf der Zeit ift mandjes deutjde VBoliselement nad) Polen einge
drungen und mandes polnijdhe in deutidhes Land; die wiederholten
Grenzverihiebungen im Lauf eines Jahrtaulends haben das ihre Dazu
beigetragen.
Ohne den Lärm gleichzeitiger politijdher Ereignijje |ind friedliche
Wanderungen vor [ih gegangen — polnijde und deutjde — wie
Wellen, die fid immer von neuem wiederholen, jid) begegnen und fi
freuzen. ‚Man denke nur an die polnijden Niederlaffungen in Weltdeut[Hland;
 ebenfo gibt es deutfhe NMiederlajjungen in Kongrekb-Polen,
von denen man erft im Weltkrieg in der deutidhen Öffentlichkeit wieder
etwas hörte.
Die deutidje Städhtekultur war in alter Zeit für die Nadhbar-[änder
 vorbildligh. Wie nad) Ungarn und Böhmen, [o zogen aud nad
Bolen auf den Ruf dortiger Landesherren zahlreide Deutidhe und gründeten
 im fremden Lande mit deutjdem Recht privilegierte. deut[de
Städte; unter anderen polnijden Städten ift aud Warihau von Deutjhen
 gegründet. AWber im Lauf der Zeit affimilierten ji Ddieje erften
deutfhen Infjeln ihrer ponifden Umwelt. Andere. Deutidhe kamen ins
Land, Bürger und Bauern, und ließen fidh nieder; bejonders zur Zeit
des Dreikigjährigen Krieges fand ein ftärferer Zujtrom jtatt; aber
aud) diefe Deutidhen find zum größten Teil im Polentum aufgegangen.
Die heutigen Deutjden in Kongrek-Polen verdanken ihren Urs
jprung wohl Hauptjäclidh den deutihen Zuzligen in der zweiten Hälfte
des 18. Yahrhunderts und hbejonders der inneren Kolonifation, die im
preubijden Staatsgebiet und au in feinen um die Jahrhundertwende
polnijden Landesteilen mit großem Erfolg zur Ausführung fam,. Das
Wefjen diejfer inneren Kolonifation, die eine vorwiegend ländlidhe war,
Harakterifiert [id dabei nidHt durd eine nationale, fondern durch eine
cein wirtidhaftlide Tendenz. In der wirt|haftlihen Zwedmäbhigfeit
beruht aud) das Geheimnis ihres Erfolges. Der Zwed aber war, unbebaute
 Landitreden urbar zu maden, vom Boden Erträge, dem Staat
Steuern und Untertanen zu gewinnen. Es ijt bekannt, daß Friedrich
der Grohe in Preuken neben Deutfjdhen aus verjdhiedener Herren Ländern
 audy Angehörige anderer Nationalitäten anjiedelte. Wenn das
deut[de Element bei den Anfiedelungen jener Zeit in ver]diedenen
Ländern überwog, fo lag das wohl daran, da; der deut/de Bauer
feiner wirtichaftlihen Tüchtigkeit wegen als Anliedler bevorzugt wurde,
        <pb n="304" />
        — 204 —

befonders aber audy an dem Umfjtand, daß damals eine zahlreiche
deutfde Auswanderung im Gang war.
Eine fpätere Zeit brachte eine größere induftrielle Einwanderung
nach Kongreß-Polen. In die zwanziger Yahre des 19. Iahrhunderts
fallen die erjten Anfänge von Lodz im Gouvernement Petrifau. Dort
entjtand- eine befonders privilegierte Kolonie deutjdHer Spinner und
Weber, die aus Schlefien, Sadjen und Böhmen zuwanderten. AWber
erjft im legten Viertel des vorigen Jahrhunderts erhob id Lodz in
wenigen Yahrzehnten zur indujtriellen Grokijtadt. Die rujlijde Schubzollpolitif
 und die Förderung induftrieller Unternehmungen innerhalb
der rufjiihen Zollgrenzen blieb nicht ohne Wirkung. In Lodz — nahe
der Grenze — waren die Anfänge einer deutfiden Indujtrie in Meinem
Makitabe fHon vorhanden; nun wurde diejer Ort zum Wanderziel
vieler Deutjcher, deren gewerblider Tüchtigfeit die zu Beginn des
Weltkrieges eine halbe Million Einwohner zählende Stadt ihren Ruf
verdankt. Die Ihlefilde Textilindujtrie, deren Erzeugnijje im Often
bis an den Ural ihren AWbjag Hatten, und die durch die rullijdhe Schub:
zollpoliti£ eine Schädigung erfuhr, entwidelte in Lodz, jenjeit der
Zollgrenze, einen Wbleger.
Außer in Lodz haben fiH au in anderen Städten Kongreß
Polens Deutidhe niedergelafjen; man trifft fie überall; ihre Zahl und
ihr Einfluß it aber nirgends annähernd [jo groß, wie in der Stadt
Lodz, die 1913 unter ihHren Einwohnern 121000 Deutjche zählte,
Die Gejamtzahl der DeutfjhHen in Kongrek-Polen betrug 19153
nad) dem polnijhHen fjtatijtilden Yahrbud Rocznit Statyjtyczny Krovlew/twa
 Polskiego (von 1915) — 719000, d. h. 5,5% der Landes:
bevölferung. 2/, bdiejer Deutiden wohnen auf dem fladen Land,
1/, in Städten, Die ländliden deutichen Siedlungen konzentrieren Kid
in folgenden Gegenden:
L. im Nordwelten Kongrek-Polens, vom nördliden Teil des Gouvernements
 Kali beginnend, in breitem Streifen parallel der frühe:
ten deutjden Grenze nordofjtwärts bis an die Grenze Oltpreukens;
in der Gegend von Lipno, in der Weichfelniederung, ijt da die deutiche
Siedlung am Ddichtelten — bis 40% der Bevölkerung;
2, im Sübdweften: in der Gegend von. Lodz und von Petrikau;
3. im Norden: im Gouvernement Suwalki, in der Gegenb von
Woyltownyfziy, im ethnologijdh Kitauijhen Gebiet;
4. im Südolten: in der Gegend von Chelm (oder Cholm), im
ufrainijden Grenzgebiet.
Außerdem finden fid deut/de Bauerndörfer am Lauf der Weichte)
an verfdhiedenen Stellen und im Lande hier und da verftreut,
In Prozenten der Gejamtbevölferung lebten Deutidhe in Den
eimelnen Gouvernements (alter Einteilung):
        <pb n="305" />
        295 —

3iotrfow (Petrikau) . . 14,4%,
Ralijch (Kalijih). . . 8,2%
Block (Iprid: Ploztk) 6,9%
Zuwalti. . 5,5%
Marjchau 4,5%
&amp;gt;-blin 2,7%
‘edlce 1,6%
*adom 1,2%
Lomza 9,9%
en a Rielce . , 0,3 %%
Die Deutiden Kongrek-Bolens find mit ganz geringen Ausrahmen
 evangelilden Glaubens. Bisher die einzige jie alle zufammenfaffende
 Organifation im Lande ijt die der Kirdhe. Kongrek-Polen
ildet von rullifjher Zeit her einen bejonderen evangelijden Konjitorialbezirf;
 Sig des Konfijtoriums und Wohnort des Generalfuperntendenten
 ijft MWarfhau. Die Zahl der nidHtdeutfden Evangelijchen
Kongreß-Polens ijt nicht groß; meijt find es ins Polentum übergegangene
 Deutfjhe. Zu Ddiefen gehört aber — mit ganz wenigen UAusnahmen
 — die gefamte evangelifjde Geijtlidteit des Landes. In
den deutjden Gemeinden wird diejer Zujtand als anormal empfunden,
und eine Bewegung für eine Trennung der evangeliidhen Kirche. vom
Staat madt fidh heute bemerkbar.
Die Beltrebungen für eine Iulturelle Vereinigung der DeutjdhHen
Rongrek-Polens find durd) den neuen polnijdHen Staat gejtört worden.
 Das neue Polen kann fig aber bald in derfelben Lage fehen,
mie die Iihedho-Slowakei, in der Jid eine mit der Spike gegen die
deutfdhen Staatsbürger orientierte Regierung [Hon als unhaltbar erwiefen
 hat. Das Polentum bildet im neuen polnijden Staat nicht
die Mehrheit der Bevölkerung, und die Deutfjden Kongrek- Polens
werden night nur an den. Deutidhen Pojens, Weftpreukens, Galiziens
und der im Often von Polen gewonnenen Gebiete einen Rückhalt
Anden, fondern aud) an den anderen völfijdhen Minoritäten: der Ufrainer,
 der MWeikrulfjen, der Litauer und der zahlreiden Juden; ie alle
verlangen eine völlilde Selbjtbejtimmung, und gemeinjam bilden fie
im Staat die Majorität,
Troß ftarfer Wbwanderung ijt die Zahl der Deutjden in Kongreb-Bolen
 im Lauf des legten Jahrhunderts doch [tändig gewadhlen. Nicht
xenige „polnijhe“ oder „rujlijdhe“ Saijonarbeiter, die jahraus jahrein
im Deutjden Neid Arbeit fanden, waren Deutjde.
Zu einer Abwanderung deutfher Bauern aus Kongrek-Polen gab
der polnifide Aufftand vom Iahre 1863 mit einen Unlaz. Die Nichtbeteiligung
 der Deutiden an der nationalen polnifden Erhebung lebte
jie manderlei Bedrängungen aus, und das gleichzeitige billige Landangebot
 wolyniidher Grokarundbeliker übte feine Wirkung; mandges

m SGouvernement
        <pb n="306" />
        296 —

deut/de Dorf in Kongrek-Polen löfte id damals auf, und feine Einwohner
 wanderten füdojtwärts in die Ukraine, in das angrenzende
MWolynien; der Bevölferungsüberfluß anderer Bauerndörfer folgte
im Lauf jpäterer Jahre, und [jo entjtanden die meilten deut[hHen
Bauernkolonien in Wolynien, die jidH bald bis in das Gouvernement
 Kiew hinein vorjdhoben.
Schon von früherer Zeit beftanden in Wolhynien ein paar deutfche
Niederlajjungen, die von Mennoniten aus Wejtpreuken gegründet waren.
Un der Strake von Rowno nad) Nowogradb-—Wolynjk liegen die bei:
den ältejften Kolonien Wolhyniens: Annette und Yojephine. Die groke
Einwanderung nad) Wolynien gejhah aber erjt in den fechziger, Jiebziger
 und achtziger Yahren des vorizen Jahrhunderts, und dieje Einwanderung
 kam aus Kongrek-Polen. In ein paar Jahrzehnten entjtanden
 auf Neuland, das durd) Rodung dem Walde abgewonnen wurde,
gegen 500 deutfjhe Dörfer, und 1913 gab es in Wolynien und feinen
Grenzgebieten 250000 Deutjdhe in gejHloljenen Bauernkolonien, d.h.
5,7% der Landesbevölferung. Dieje Deutjdhen find zum allergrößten
Teil evangelijden Glaubens; daneben haben jid) aber aud) einige
Seiten ausgebreitet, von denen befonders die Baptijten zu nennen jind.
Nur ein Teil der Kolonien war auf zu Eigentum erworbenem
Lande gegründet; die Mehrzahl war auf Pachtland entjtanden, das
erjt dur die AUrbeit der Kolonijten in Kulturland verwandelt wurde,
und defjen Wert durd den Bau von jtrategijd wichtigen Cijenbahnen
und Chaufjfeen bald einen weiteren Zuwachs erlebte. Die erjten Padtverträge
 waren meift auf 36 Yahre abgejhloffen; die jährlide Pactzahlung
 war gering und betrug oft night mehr als 50 Kopeken für die
Dekjatine (= 1,0925 ha). Obwahl das rujfifdhe Recht (anders als
das Landesredht Kongrek-Polens) keine‘ Erbpacdt Kennt, enthielten die
meilten Pacdhtverträge die Beftimmung, da nad) AWblauf der 36jährigen
PachHtzeit die Verträge immer wieder auf je 36 Jahre unter den alten
Bedingungen zu erneuern wären. Diele GejeHesumgehung wurde aber
in der Folge für die Koloniften verhängnisvoll. Um die JahHrhundertwende
 begann der Wblauf der Pachtverträge. Die Zeiten Hatten jid
geändert; die Obereigentümer Hatten vielfad) mehr Steuern zu zahlen,
als der Pacdhtzins ihHnek eintrug; aud) andere Gründe, die [id weniger
rechtfertigen lieben, führten fie (meijlt waren es Ihon die NRedhtsnadjolger
 der erften Verpächter) zur Weigerung, die alten Pachtverträge
zu erneuern. Es fam zu vielen geridtliden Prozeffen. Statt einen
modus vivendi zu jOh)affen, benußte die rulfijdhe Staatsregierung die
Lage, um unter dem Schein des Rechts das Überhandnehmen deut/dher
Siedlungen im „Grenzgouvernement‘“ Wolynien einzudämmen. Die
Brutalität diejer rullijden Staatsraijon führte zu einem Zuijtand der
Rechtlofiakeit eines ehr aroken Teils der deutidhen Bauern Molpniens.
        <pb n="307" />
        297 —

2

Die von der Staatsregierung gewollte NWbwanderung begann; fie nahm
ihren Weg zum Teil ins Wusland, bejonders nad) Nord- und Südamerika,
 der größere Teil der Auswanderer fand aber neue WohHnjiße
 in anderen Provinzen des rujjijdhen Reichs. Die ruljijdhe Staats
regierung Hatte fogenannte „innere“ Gouvernements für die Nieder-[aljung
 der an der RMeichsgrenze ungenehmen deutjdhen Untertanen
quserjehen; jo wanderte eine Anzahl Deutjder aus Wolynien nach
Tula und ließ fid dort nieder; aber viele Iehrten bald wieder zurüd,
und die jtaatlid gewollte Umfiedelung Hatte ohne ftaatlidHe Hilfe
wenig Erfolg. Ein anderes heliehteres Wanderziel waren die Baltijdhen
Lande, hefonders Kurland. Der größte Strom der Auswanderer nahın
aber den Weg nad Weikrukland, in das im Norden an Wolynien
grenzende Gouvernement Minjk. Dort blühte im Anfang unjeres Yahrhunderts
 bis zum Kriegsausbrudh) das Gejhäft der Güterparzellierung.
Nad) Abholzung des Waldes wurde das Land in Parzellen zum Kauf
ausgeboten. Da waren die deut/dhHen Kolonijten, die die Mühe nicht
idgeuten, neues Kulturland zu Haffen, als Käufer willifommen. Wieder
antjtanden neue deut/dHe Bauerndörfer, die noch auf feiner Karte verzeichnet
 find, und deren Exijtenz aud) von Landeskundigen erft entdedt
werben mußte.
Sn Wolynien felbit verfhwanden wohl aus mandjen Gegenden,
wo feine Eigentümerfolonien beftanden, oder Padtikolonien vorherr]dhten,
 die deutfhen Siedlungen völlig oder zum grökeren Teil. Im
ganzen ließ fid) aber Iaum eine abfolute Wbnahme der Kolonijten
fonjtatieren. Mandjen BadhHtkolonien gelang es, wenn aud) unter [Hweren
Bedingungen, ihr Pachtland als Eigentum zu erwerben oder weiter
zu pachten, andere verlieen wohl die alte Gegend, fanden aber anderwärts
 im Lande die Möglichkeit zu neuer Niederlafjung, trogdem durd
Ausnahmegefege der Landerwerb den Kolonijten fajt unmöglid) gemadt
 wurde. Schlieklidg bewirkte der ungSwöhnlid) Hohe natürliche
Zuwachs einen Ausgleid für die Wbwanderung; als Geburtenzahl
der wolynifdhen deutjden Bauernkolonijten wird 72 pro Taujend angegeben
 (gegen 30 im früheren DeutjdHen Reich). Eine ähnlidhy Hohe
SGeburtenzahl gilt au) für die anderen deutjden Bauernkolonijten im
früheren Rußland. Sie find oft jhon vor dem zwanzigiten Lebensjahr
 verheiratet und ziemlid regelmäkig gibt es alle zwei Yahre 20
bis 30 Yahre lang Familienzuwachs.
Die deutiden Bauerniolonien in Wolhynien konzentrieren [id beionders
 in folgenden Gegenden: um Wladimir-Wolynj£k, im weiten
Umtfreife um Lußk, nördlidH von Rowno, zwijdhen Nowograd-Wolynitk
and Shitomir, um Emiltjdhin und weiter im Nordoften Wolyniens;
jerner im angrenzenden Norden des Gouvernements Kiew in der Gegend
von NRadomyll.
        <pb n="308" />
        - 2908 —

Anders als die Entitehung der deutjHen Bauernkolonien in Wol-Aynien
 und den angrenzenden Gebieten war der Werdegang der deutden
 Kolonien an der Wolga*). Ein Manifelt der Kaijerin
Katharina II. vom 22. Juli 1763 Iud YWusländer aus allen europäijHen
 Kulturländern ein, [id in Rukland niederzulajlen und dort Wderbau,
 Gewerbe und Handel zu treiben. . Den Einwanderungsluftigen
wurden Reifegeld, Anfiedlungsland, Steuerfreiheit für eine Reihe von
Sahren, Befreiung vom Militärdienjt, Selbjtverwaltung bei gejOloffener
Anfiedlung, dazu nod) andere Vorteile und Privilegien zugelicdhert,
insbejondere Aderbauern eine wirt/Hhaftlide Wusftattung. Sm Plan
der Kaijerin lag es dabei, die Anfiedlung vornehmlid) dort auszuführen,
 wo es nod) feine anfäjlige Bevölkerung gab, und die Wahl
fiel auf die Gegenden an der Wolga, auf das Grenzgebiet rujjijdher
Ziedelung und des Landes der nomabdijierenden Kalmüden, Kirgijen
und Balchkiren, die Gouvernements Saratow und Samara,
Die amtlidhen rulliiden Vertretungen im Yusland Hatten Befehl,
das Manifelt der Kaijerin bekannt zu maden und Auswanderer anzuwerben,
 und bejonders in den vielen Neinen deutjden Baterländern
wirkten die rujlilden Diplomaten als Yuswanderungsagenten.
Es war die Zeit nad) dem Siebenjährigen Kriege; in deutichen
Zanden gab es viel herabgekommene Ezxijtenzen; die Kiefen den rufliihen
 Agenten zu; audy mandje ordentlidhe, aber verarmte Leute lHiehen
jid) anwerben, aber in der Minderzahl. Die AWuswandererzüge müljen
ein buntidhediges Bild geboten haben; Menichen aller Berufe und
Stände waren in ihnen vertreten.
Zu jener Zeit war die innere Kolonijation zur wirt{dhaftlidhen
Hebung der Staaten modern. Mit den Ruljen Konkurrierten auf dem
deutichen Menichenmarkt preukifde Werber Friedrihs des Großen,
englilde Agenten, die für Nordamerikas Befjiedlung wirften, Berireter
 des Kaifers Yofeßh II, die Auswanderer für die Anliedlung
in Galizien und Ungarn Jammelten, und andere.
Um ihren Kolonifations-Unternehmungen einen nod) größeren Um:
fang zu geben, fonzejfionierte Katharina IL eine Anzahl Privatunternehmer
 zur Anlage von Kolonien und wies ihnen Land zur Weiterverteilung
 an die Siedler in denjelben Wolgagegenden an. Auch Diele
Unternehmer trieben in Deutjhland ihr Wejen.
Gegen 25000 Kolonijten wurden in den fehziger Yahren Des
18. Yahrhunderts in 104 Kolonien an der Wolga angefiedelt, davon
die Hälfte im Gouvernement Saratow auf der wejtliden „Bergleite“
Des Stromes und die andere Hälfte im Gouvernement Samara auf

*) Näheres hierüber fiehe: Bonwetidh, Geldhichte der deutidhen Kolonien
an der Molaa.
        <pb n="309" />
        — 299 —

ber öltlidhen „Wiejenfeite‘“. Die Mehrzahl diefer Anjiedler waren mitteldeutider
 Herkunft, aber au Nord: und Süddeutjdhe gab es unter
ihnen, und Franzofen, Schweizer, Holländer find unter den anderen
Staatsangehörigen zu nennen, die in MNeineren Gruppen mitzogen und
ipäter in der neuen Heimat mit den Deutjdhen verfmolzen. Der
Name der Heute deutiden Kolonie „Franzojen‘ erinnert nodh an ihre
Entitehung.
Bon den erlten Koloniften an der Wolga waren 2/, evangeli[ch
und 1/, Iatholijd. Heute überwiegen die Evangelijdhen jtärfer als zur
SGründungszeit,
Mandherlei Enttäufghungen erwarteten die Kolonijften in der neuen
Heimat und [Hon auf dem Wege dahin. Der gute Wille Katharinas,
alle möglidge Fürforge zu üben, wurde vielfad) durch die Untätigkeit
und den Eigennuß ihrer Beamten durchkreuzt. Die Koloniften Jahen
jid) — am SReifeziel angelommen — in einer unbebauten Gegend auf
ji Telbit geftellt; es fehlte viel von dem, was zu ihrer wirtfdhaftlidhen
Ausitattung verfproden war. Bittere Not und Entbehrungen aller
Art zwangen das arbeits}heue Bolt der Auswanderer, ih an Harte
Arbeit zu gewöhnen, und der gute deutjdHe Kern kam in dieler rauhen
Schule fAHlieklidH zum DurgHbrudh.
Die fogenannten „Kronsfolonien“ unterftanden von ihrer Gründung
 an in Berwaltung und Gericht einer bejonderen Behörde, dem
„Kontor“ in Saratow, dem Jpäter audy die Kolonien der Privatunternehmer
 unterjtellt wurden. Diejes Kontor wurde im 18. Yahrhundert
 vorübergehend aufgehoben, aber bald in erweiterter Form
neu eröffnet. Es bejtand bis zum Jahre 1876 und Hat unter der
Leitung mander fähiger Borfteher im ganzen zum WohHl und Nußgen
der Kolonijten gewirkt; vom Yahrıe 1866 an war das Kontor nur nod
für Kirden- und Schulangelegenheiten zujtändig. Mit Aufhebung feiner
Kompetenzen wurden die Kolonien den allgemeinen Maatlihen Behörden
unterftellt.
Die Kolonien hatten ihre gewählte Selbjtverwaltung in den einzelnen
 Dörfern und ebenfalls gewählte Gebietsverwaltungen für zum
Gebiet (rulfild): Woloftj) vereinigte Gruppen von Dörfern, Dielen
Selbitverwaltungsorganen ftanden gewählte Dorfidhukzen und Ober-Ihulzen
 vor, die früher audy die niedere eigene Gerichtsbarkeit der
Kolonijten leiteten. Als höhere Geridhtsinjtanz war das Kontor in
Saratow zujtändig. m Jahre 1871 verloren die Wolgakolonien ihre
Privilegien; ihre Selbitverwaltung aber in Dörfern und Gebieten
blieb befjtehen.
Eine eigene Entjtehungsgelhidhte für fidh hat die befonders privilegierte
 Herrnhuter Kolonie Sarepta — weiter abwärts an der Wolga;
ibre Gründuna fällt in diefelbe Zeit wie die der übrigen erlten Wolga-
        <pb n="310" />
        — 300 —

folonien. Mit diejer Gründung verfolgten die Unhänger der Herrn-Huter
 Brüdergemeinde urjprünglid) den Zwed der Mijlion. Wohlausgerüftet
 mit allem legten bie erjten Anfiedler die Kolonie an. AYderbau,
 Handel und Gewerbe waren von Anfang an als Erwerbszweige
vertreten; die mufterhafte WirtjHaftsführung in Sarepta Jenite bald
die Aufmerkfjamteit auf dieje Niederlallung und bearündete ihren weit
befannten guten Ruf.
Sm Lauf der Jahre haben die Kolonien lich [tark ausgebreitet,
und es find in den Gouvernements Saratow und Samara eine Reihe
von Todhterkolonien entjtanden. Aukerdem fand aber eine weitere
Abwanderung des Bolisüberfhuffes ftatt, und es entjtanden neue Kolonien
 in Südrukland und in Kaukalien; aber aud eine Auswanderung
nad) Amerika und nad) Rullifch-Afien fand in leßter Zeit ftatt. An
der Wolga felbit lebten zu Ausbruch des Weltkrieges als Nadkommen
der erften Anfiedler mehr als 600000 deutjde Kolonilten. Die meilten
von ihnen waren Dorfbewohner; wenig über 30000 Iebten in Den
Städten, vornehmlid in Saratow, das feine Entwidlung nicht zum
wenigiten den Kolonijten verdankt. Neben AWderbau war die Hausindujtrie
 der „Sarpinka“-Weberei ehr verbreitet, aber aud) andere
Gewerbe blühten; die Müllerei in Ddiejer Wolgagegend wurde zum
größten Teil von Deutjden betrieben; aud) im Handel waren die
Kolonijten vertreten. Ihre Agrarverfajfung in den Dörfern war ein
mobifizierter ruflifidher Mir, was den Zujammenhalt förderte, die wirtjhaftlide
 Entwidlung aber hemmte. In der MBorkrieqszeit hatte auch
hier die UWgrarreform begonnen.
Um die Mitte des vorigen Yahrhunderts find im Wolgagebiet
noch) einige Mennonitenkolonien (in der Gegend von Nowo-Ufen]t)
als Anfiedlungen neuer Einwanderer gegründet worden. Ihrer vorbildliden
 Wirtjdhaft wegen, die die Aufmerffamfeit auf Mid) 309, verdienen
 fie Beadtung. — —
Ein weiteres deut[dhes Siedlungsgebiet find die Gegenden
 im Norden des Schwarzen Meeres. Nod) zur Regierungszeit
 Katharinas II. war die Kolonifation diefer den Zürken abgewonnenen
 Landjtride in Angriff genommen worden, und gegen Ende des
18. NYahrhunderts waren in der Gegend der Stadt FJekaterinoflaw
27 Kolonien entjtanden, davon 18 Mennonitenkolonien (1788 gegründet).
 Die großzügig organijierte deutfde Siedlung im nördlihen
Schhwarzmeergebiet fällt aber jdhon in eine zweite Epoche innerer Kolonifation
 in Rukland, zur Regierungszeit AWlexanders I, zu Beginn des
19. Jahrhunderts.
Sm Sahre 1804 wurden in einem Kaiferliden Erlaß die Richtlinien
 für die Anfiedlung fejtgelegt. Frühere Erfahrungen an der
MWolaa hatten manches gelehrt. NYeßt Tollten nur noch mit Kändlicher
        <pb n="311" />
        - 301 —

9

=

=

56

0

1

=&amp;gt;

5

Arbeit vertraute Familienväter, die über mindejtens 300 Gulden in
Geld, oder über ein entjpredjendes Eigentum verfügten, zur Anjied-(ung
 zugelaffen werden. Die Zeit der NMapoleonijden Kriege und ihre
Holgezeit bejtimmten viele DeutjidHe zur Auswanderung; fie folgten
dem zarijdhen Ruf und Kieken fidhH in den bunt bevölferten, von Ruß:
[and neu gewonnenen Gebieten nieder, bejonders im Norden des Schwarzen
 Meeres, Über 50000 deutjde Auswanderer wurden dort in 209
Kolonien angeliedelt. Die amtlidhe AWnfiedlungstätigfeit dauerte noch
bis über die Mitte des Jahrhunderts; die größten Züge der deutjdHen
Einwanderung und die Gründung der meijlten Stammkolonien fallen
aber in die Zeit der erlten beiden Jahrzehnte nad dem Kaiferlidhen
Erlaß.
Ühnlid wie in der Wolgagegend das Saratower Kontor, wirkte
im Schwarzmeergebiet vom Jahre 1818 an das fogenannte Fürjorge-Komitee
 als befjondere Oberbehörde der Kolonien. Dieles Fürforge-Romitee
 hatte feinen Sig zuerft in Yekaterinoflaw, danadı in Kildhinew
(in Befflarabien) und zulegt in Odefja. Als 1871 die Koloniften überall
in Rußland ihre befonderen Privilegien verloren, wurde das Fürjorge-Rumitee
 aufgelölt und die Kolonien den allgemeinen Behörden untertellt.

Die Agrarverfaljung der Dörfer und die Selbjtverwaltung der
Schhwarzmeerdeutjdhen in Dorf und Gebiet (Woloftj) waren ähnlich
wie die ihrer Bolisgenoffen an der Wolga. Die Auslefe hei der erften
Anfiedlung hat aber wohl dazu beigetragen, dar im Schhwarzmeergebiet
 [on von vornherein ein tüchtigerer MenfdHenfdlag feine Selbfjtverwaltungsorgane
 für das Allgemeinwohl wirfjamer geftaltete. Das
äuberte jid) bejonders, als die zunehmende BVolfszahl in den Stammfolonien
 die Gründung von Tochterkolonien nötig oder erwünfdht madte,
an der Hilfe, die diejen NMeufiedlungen zuteil wurde.
Der große natürliHe Zuwadhs der Kolonijten führte zu einer
tajdhen Ausbreitung ihrer Siedlungen; dazu wirkte teils aud) eine
Zuwanderung von WolgadeutjdhHen mit. Edmund Schmid*) macht für
1912 über die Anzahl der Schwarzmeerdeutihen und ihren Landbelig
jolgende Angaben:
Souvernement Beljarabien .
berfon +...
Taurien . .
Sekaterinoflaw .
Shbarlowp  -62875

 Deutidhe - -
‘69313
125875
24 605
7580
35500

*ı
a»
35
38
se
33
129
cs

Donaebie;

m aanzen: S53E'

T
x.

*) Die deutjden Kolonien im Schwarzmeergebiet Südruklands — ein
Yopulär gebaltenes Schriftdhen.
        <pb n="312" />
        _— 302 —

In der Stadt Odelja lebten etwa 12000 DeutidHe; aud) in anderen
 Städten diejes Gebiets find Deutjche anzutreffen; bejonders
ijt die Stadt Alezandrowik (im Gouvernentent Yekaterino] law) zu nennen.
 Die überwiegende Mehrzahl der Schwarzmeerbeutichen find aber
Bauern.
Am dichtejten find die deutjdHen Siedlungen im weiten Umfreis
um Obdelja und um die Landenge von Berekop, die auf die Halbinlel
Krim führt,
Vor 100 Jahren war der Landbelig im Schwarzmeergebiet vornehmlid)
 in Händen von Latifundienbefigern, die id) um ihre Be:
jigungen wenig fümmerten; bie Wirtichaftsform war auf ihnen primitive
 Schafzucht. Bon diefen Ländereien padteten und kauften die Koloniften
 im Lauf der Zeit einen beträchtliden Teil und verwandelten fie
in Kulturland. Fleiß und Tüchtigieit Iohnten reidlidh in dem von Natur
jo gejegneten Lande. Viele Enkel der eingewanderten Bauern faHen
als wohlhabende Herren auf großen Landgütern und trugen den wirtichaftligen
 Fortjdhritt weit ins Land hinaus.
Dak das Schwarzmeergebiet zur Kornklammer Rußlands und Europas
 wurde, ift durch deutliche Arbeit qelhehen, ilt das Werk der deutichen
Kolonijten.
Trog der Dieljeitigen Entwidlungsmöglidhfeiten, die das Land
im Norden des Schwarzen Meeres bietet, und troß des weiten Wirfungsfeldes,
 das hier gegeben wäre, hat dog aud) aus diejem Gebiet
jdon eine deutjde Wuswanderung jtattgefunden, meijt wohl in andere,
vor allem benadjbarte Gegenden des rujjijhen Reichs, aber aud) nad)
Überjee. Neben dem deutiden Hang zum Wandern haben Die volitiidhen
 BVerhältnijje das ihre dazu beigetragen.
Ein deutidhes Wanderziel ijt |Hon lange Kaufkaljien. Dort
gab es vor dem Kriege in dem bunten Durcheinander der verjdhiedenen
Völker und VBoltsjtämme 70 bis 80000 Deutjdhe, etwa 4000 davon
in Baku, 3000 in Tiflis, die große Mehrzahl aber auf dem Lande in
deutjden Bauerndörfern. Das dünn bevölferte Nordkaukajlien war feit
der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Ziel für aus der Wolgagegend
 und aus dem nördlidhen Schhwarzmeergebiet abwandernde Koloniften.
 In kurzer Zeit entjtanden hier eine größere Zahl neue deutjche
Kolonien — ohne ftaatlide Fürforge — aus eigener Initiative der
Kolonijten gegründet, Dieje deutjhe Wanderung war no) im vollen
Zuge, als der Weltirieg ausbrad.
Älter, aber an Kopfijtärke weit geringer, [ind die ShHwaben-Kolvnien
 in Transkaukafien (etwa 13 bis 15000 Seelen). Die Gründung
der erften [Hwäbijhen Stammfkfolonien fällt in den Anfang des vorigen
Xahrhunderts (1817 und 1818). Der Wirtichaftszweiqg, dem Diele
        <pb n="313" />
        — 303 —

Kolonien ihren Wohlltand verdanken, ijt der Weinbau, der von ihnen
neben der LandwirtihHaft mit Erfolg betrieben wird“).
Su den legten Jahrzehnten führte der allgemeine Zug nad) Sibirien
 und ruflifdg Mittelajien audy mande wandernden deutjdhHen
Koloniften auf diejen Weg nad dem ferneren Olten. Im Riejenraum
von Orenburg und Ufa bis zum Stillen Ozean und im Süden bis
nad) Chiwa hatten fid) gegen 100000 deutidHe Bauern in neuen Siedlungen
 niedergelafien. Wie Tropfen im Meer fchienen fie hier 3zu
ver[dwinden, und doch entwidelten ji AWnfäßge neuer deutjdher Niederlaljungsgebiete:
 Im Gouvernement Tomft, im Kreije Barnaul hatten
lid) gegen 20000 Kolonijten in einer Gegend angeliedelt, und im Akmolinjfgebiet
 in den Kreilen YWimolin]k und Onmjt je 10000. Ohne
itaatlidge Hilfe, die rujlijden Überfiedlern zuteil wurde, allein auf
die eigene Kraft und auf die Fürjorge angewiejen, die die Mutterfolonien
 an der Wolga und im Schwarzmeergebiet ihren Auswanderern
gewährten, hatten die deutjden Bauern den weiten Weg zurücdlegen
müljen; ihre wirt/qaftlide Tüchtigieit half ihnen aber, und die neuen
deut[den Bauerngehöfte, die fie auf jungfräulider aftatijdher Erde
errichteten, jtaden bald vorteilhaft von der NMadhbarjhaft ab.
Ob und wie weit die gewaltfame Überfiedlung deutijder Kolonilten
der „SGrenzgouvernements‘“ während des Krieges nad) Sibirien die
Zahl der deutfdhen Kolonijten dort vermehrt Hat, entzieht }idh Heute
der Beurteilung, denn wir wijjen nicht, wie viele der Unglüdlidhen
hei Ddiejfer graufjamen „Evakuation‘““ nod) lebend das ihnen beitimmte
Ziel erreidht haben. —
Bon den Siedlungen deutjder Bauern und Gewerbetreibenden im
früheren Rußland bleibt nody eine Gruppe bejonders hervorzuheben:
zs Jind die deut[dHen Kolonien in Ingermanland, in der
Umgegend von Petersburg, mit deren Gründung Katharina II, in
den fedhziger Yahren des 18. Jahrhunderts ihr Kolonijationswerk
begann. Im Schatten der früheren Reihshauptjtadt bleiben dieje Kolonien
 meijft unbemerit und unbeadhtet. Darüber vergibt man, daß die
Orte: Oranienbaum, Zarffoje Sjelv, Gatidhina, Schlüjfelburg, Peter-9of
 durd) deutfjde Einwanderer jener Zeit zur Bedeutung gelangten.
Au) der hHungernde Petersburger von Heute, der [ih früher in Deutidenheke
 nicht genug tun Ionnte, entjinnt fi) jet wieder der Nüßfidhfeit
 und wirtjdHaftliden Tüchtigfeit der deutjdHen Bauern im rullt
iden Staat; denn in den deutjdhen Kolonien, die wie ein Kranz um
Petersburg liegen, gelingt es ihm am ebhelten, bisweilen feiner Ernährung
 aufzuhelfen.
*) Ein lebensvolle Schilderung des Kolonijtenlebens in Iranskaukajien
3ibt Graf Schhweinig in feinem Buch: Helenendorf. Eine deutidhe Kolonie
im Kautfalus,
        <pb n="314" />
        — 304 —

Xn Ingermanland gibt es Heute über 30 deutfde Bauernkolonien,
größere und HNeinere Siedlungen, die alten Stammfolonien und ihre
ipäteren Ableger. Als ältere Tochterkolonien der Siedlungen in Ingermanland
 liegen fern von ihnen, im Nowgorodiden am Woldhowjtrom,
die Nikolai-Kolonie und die Wexander-Kolonie; erjtere — gegen 5000
Seelen groß — in einem abge[dhloffenen Eigendajein ein Bild vergehen
der deutjhHer Vergangenheit.
Als Gründung Katharinas II. ijt nod) die Kolonie Hir[Henhof
in Qivland (1766 gegründet) zu nennen.
Fern von den Gebieten zufammenhängender Ddeutjder Bauernfiedlungen
 finden fid no hier und da in den weiten Ländern des
früheren Rußland einzelne deutfde Kolonien, oder HNeinere Gruppen
von folgen: in der nördlidjen Ukraine, in Weißrußland und ganz vereinzelt
 au) in einigen großrufjfilden Gouvernements; in legteren jeint
der Boden für eine Ausbreitung deutfdher Siedlungen aber nicht geeignet
gewefen zu fein. In den Ländern der [ogenannten „Fremdvölker“, die
im Weiten, im Süden und im Olten das großruljlijhe Land umj]ließen,
haben die groken deutjdjen Siedlungen [tattgefunden, [ich ausgebreitet
und Haben wejentlid dazu beigetragen, die Wirt[haft diefer Länder
über das Niveau der armen großruffi[den Reidhsmitte zu heben. Die
Abiidht der Reichsregierung, eine fremdjtämmige Siedlung vom groß
rulfilden Lande fernzuhalten, hat hier eine natürlide Entwidlung ergänzt
 und unterftüßt; es war niHht zum Schaden der deutjhen Kolonijten,
 denn die natürliden Reidhtümer Ruklands liegen vornehmlid
in den Ländern der unterworfenen „Fremdvölker“, und deutiche Arbeit
 fand dort ein Betätigungsfeld fie zu heben.
Ohne deutjhe Arbeit ging es überhaupt nicht in Rukland. Schon
zur Zeit Jwans des Schredliden wurden deut/He Fachleute nad) Mosfau
 gerufen und ließen jid) dort nieder. Das europäijde Zeitalter
ruffildher Geidhichte von Peter dem Großen an ijt dann die Gejhichte
des Aufbaus des modernen rufjijden Staats dur Deutjche, YAWber
200 Sahre fpäter hieß es fhon im panflawiftijd) gewordenen Ruk-[and:
 der Mohr hat feine Schuldigkeit getan — er kann gehen! Und
als es zum Außerjten gefommen war mit den Auswüchfen panflawiitiigen
 Wahnfinns, als ein Gejeß über die „Liquidation‘“ des Landhefikes
 der deutjdhen Untertanen Ruklands in Kraft treten [ollte, als
iogar der mündlidHe Gebrauch) der deut/Hen Sprache bei Hoher Strafe
verboten wart — da brady der ruflijhe Staat zujamnmen. ;
Es ging night ohne Deutfde in Rußland, und kein neues Staatswefen
 im Often wird id behaupten fönnen, das auf AWusfhaktung der
DeutjhHen ausgeht. Das ijt vielleicht eine manden unangenehme Wahrheit,
 aber wer den Often kennt, der begreift fie, Kein anderes Kultur-Dot
 auker den Deutidhen Iann dem Often die Zahl von Menidhen
        <pb n="315" />
        205 —

AM

1

T

TE

=

ı=z

h

MM

35

°C
te

TE
32
5

1:

3=z

5

2

=

er
Is
Fz

x

hergeben, die dort zur Hervorbringung wirt]dhaftlidher und Kultureller
Werte unerläßlig find. Und die WeltwirtjHhHaft verlangt nad) diejen
Werten. Die natürliden Reichtümer eines Landes bedeuten nichts, wenn
ber Menid) fehlt, der fie hebt. In der fjandigen Mark Brandenburg
znt{tand Berlin. Der reihe Boden der Jüdrulfildhen Steppe Iag brad,
bis deutfde Kolonijten ihn in Bearbeitung nahmen. Der Deutjche
im Ojten ift das Element der Ordnung und der [Haffenden Arbeit, das
Element der wirt/dhaftliden Initiative in Stadt und Land.
Sm weiten rulfifden Reid gab es feine Stadt, wo nidht Deutjhe
anzutreffen waren, im ftaatlidjen Leben faum einen Verwaltungsjweig,
 wo nicht deutide Tüchtigkeit und Gewiffenhaftigkeit gebraucht
wurde.
Die Deutjdhen der rullijhen Städte und der gebildeten Stände
gefrutierten [id aus drei Quellen: der deutjden Einwanderung aus
DeutjHland, der haltijdHen .Abwanderung und aus dem Zuzug aus den
deuten Bauernkolonien. Die beiden Reidhshauptjtäbte zählten unter
ihren Einwohnern ‚einflußreide Ddeutjde Gruppen — in Petersburg
über 50000, in Moskau gegen 20000, — Städte find an id Kon
iumenten lebender Menjdhen und darum auf |tändigen Zuzug angemwiejen;
 die rulfijden Städte waren aber aud) der Boden, auf dem
lid) das zugewanderte deutjde Volistum im Lauf der Jahre und
Generationen der Umgebung ajffimilierte. Am fAHnelliten ging diejer
AjjimilierungprozeH bei den neu zugewanderten RMeidhsdeutfhen vor
iO, am längiten erhielten [id) ihr Bolistum die Balten, wozu ihr
Sinn für ein forporatives Zujammenhalten viel beitrug.
Den Zufjammenhang der Deuthen inmitten einer fremden Umgebung
förderte bejonders die evangelijde GlaubensgemeinfdHaft und Kirdhlidhe Orzanifation.
 76% der Deut/dhen in Rukland waren evangeli[dhH-Iutheri[d,
3,6% evangeli[d)-reformiert, 13,5% römi[d-Latholijdh (an der Wolga und
im Süden) und 3,5% Mennoniten; der Reft verteilte [idH auf andere Befenntniffe,
 befonders auf Sekten. Eitland, Livland und Kurland Hatten ihre
eigenen Landeskirden-Organijationen — als evangelifdh-Iutherijhe Länder.
 Dem KurländildhHen Konlijtorialbezirt unterjtanden au in Litauen
und Weikrukland deutidhe Kirdengemeinden. Kongrek-Polen hatte feine
sigene evangelilde Landeskirche. Die übrigen deutjH-evangelijden Gemeinden
 Ruklands (ohne Finnland) fanden in den Konfijtorialbezirken
von Petersburg und Moskau ihre Zufammenfajhung. Un der Spike
itand das evangelilde General-Konfiltorium in Petersburg. Die Ausoildungsftelle
 der evangelilden Geiltlidhkeit ganz Ruklands war die
theologijdhe Fakultät der Univerjität Dorpat.
Die fatholijden deut/den Gemeinden wurden nach ihrem Ent:
teben anfangs von Yefuiten, dann von polnijden Geijtliden bedient,
bis die Gründung einer deutfHh-Iatholijdhen Diözeje mit dem Sig in
Die mirtichaftliche Zukunft des Oltens I
        <pb n="316" />
        — 306 —
SZaratow und die fpätere Gründung eines Priefterjeminars am felben
Ort hierin einen Wandel [Huf
Ein höher entwideltes deutjdhes Schulwejen gab es in den balti-(hen
 Ländern, wo die Univerjität in Dorpat und das Polntedhnikum
in Riga Deutfidhe aus ganz Rußland zum Studium vereinten. Höhere
deutfde MitteljdhHulen bejtanden aukerdem no {in Lodz, in Petersburg,
 in Moskau; die Berjudhe der Kolonijften an der Wolga und im
Schwarzmeergebiet, Höhere deutjde Mitteljdhulen ins Leben zu rufen,
ieiterten am Widerftand der Reidhsregierung. In den Bauernkolonien
herrichte ein fehr primitives, von den fogenannten Külter-Lehrern gehandhabtes
 Bolishulwejen vor. Ein befjer ausgebildetes Schulwejen
hatten die Scohwabenkolonien in TIranskaukajien. Die Ruklfifizierung
in den lebten Jahrzehnten vernidtete alle Anjäge zu einer weiteren
Entwidlung des deutfden Schulwejens, und eine Kurze freiheitlicdhere
Strömung nad) 1905, wo überall deutjde Schulvereine entjtanden,
wid) fehr bald einer neuen Unterdrüdung aller. Requngen für eine nationale
 Kultur der „Fremdltämmigen“.
Deutjhe Tageszeitungen und Zeitfdhriften erfhienen eine ganze
Anzahl in den größeren haltijden Stähten, in den Neineren Kreisjtädten
Wochenblätter. Deutide Zeitungen gab es fonft nod) im ruljijden Reid
in Lodz, in Petersburg, in Moskau, in Saratow, in Odella, in Alexandrow]f,
 in Tiflis.
Nach 1905 entftand ein Streben der Deut/dhen in Rukland, lid in
ihren verfhiedenen WohHngebieten zu ‚KIulturellen Vereinen zujammenzu/lieben,
 und einen Zujammenhang diejer Vereine im ganzen rufftiden
 Reich zu [Haffen, [Hien die weitere Aufgabe. Nicht gegen irgendzin
 anderes Volistum gerichtet, fondern nur für die Bildung und CEr-;iebung
 der eigenen Bolisgenoffen und zur Förderung ihrer wirt{Oaftlien
 Tüchtigkeit follte die Einigung der Deutjhen in Ruhland ge
idaffen werden. Es fam aber nicht mehr dazu. Der große Krieg warf
jeine Schatten voraus und zerftörte dann, was fHhon gebaut war, Troß
mander, befonders in den Baltijden Landen, erfreulider Leiltungen
der deutfhen Schulvereine, bleibt es aber doch fraglidH, ob auf dem
Wege freier Vereinigungen, denen man nad) Belieben angehören fann
oder nicht, nationale Fragen der Gegenwart für einiae Dauer zu Iöfen
find. Es darf bezweifelt werden.
Bei national gemifdten Bevölkerungen gibt es nur
zine Löfung, die jedermann feine Iulturelle Selbfjtbe:
itimmung gewährleijtet: es ijt die obligatori[de 3Zujam:
menfaffung der einzelnen Nationalitäten zu Tulturellen
 Zwedverbänden, denen in kulturellen Dingen Das
Redht der Selbjthbefteuerung zuijteht; gleichzeitig muß
das Haatlihe Steuerinitem fo aeordnet fein, dahH nie:
        <pb n="317" />
        — 507 —

nand für kulturelle Zwede einer anderen Nationalität
dejteuert wird. — Bei ehrligem Willen zu nationalem Frieden ift
yiejer Weg ehr wohl gangbar. Der Wille aber fehlt no zur Zeit,
und nicht die Unmöglichkeit, diejen Weg zu gehen, ijt bisher nod) das
Hindernis der Löfung der nationalen Fragen im Often. Bon der Löjung
diefer Frage hängt aber die Zukunft der DeutjdHen im Often ab. Aug
unter den anderen Völkern wird dort vorher fein Friede einkehren,
die Zeiten ungeltrafter nationaler Vergewaltigung find Heute vorbei.
Die Länder im Ofjten brauden die deutfde Wirkfjamkeit auf ihrem
Boden noch mehr als die DeutjdHen den Often zum Leben nötig haben.
Und das Staatswejen, das die Zukunft des Oftens bheherrihen will,
wird das nur mit Hilfe deutfder Arbeit erreiden.
Die OftlanddeutjdHen aber verlangen von einem Staat, dem fie
angehören [ollen, fulturelle Freiheit für ihr Bolkstum und volle bürger-‘ide
 Gleidhberedhtigung. Das allein verbürgt ihnen eine Zukunft.

u?
        <pb n="318" />
        Maße und Gewichte

Längenmaße
Werit — 500 Faden (Sajhen) = 1,067 km.
Faden (Safhen) = 3 Ar]hin = 7 Fuß == 2,134 m.
Ar[chin — 16 Werfhok = 0,7112 m.
Werlhot = 4,445 cm.
Fuß == 12 3011 == 0,3048 m.
Zoll = 12 (oder 10) Linien — 2,5399 cm.
Linie = 2,117 mm (oder 2,5399 mm.)
| km — 1000 m = 0,937 Werft = 468,7 Faden (Salben)
| m == 100 cm = 0,4687 Faden (Sajhen) = 1,406 Arjhin — 3281 Fuß.
| cm = 10 mm == 0,2250 Werfhot = 0,3937 Zoll.
| mm — 0.4724 Linien (= +5 300),

Siäch
enma
Be

1 Werft = 104,2 Dekjatinen — 250000 [|] Faden ([] Safhen) = 1,138 qkm.
Debijatine = 2400 [7] Faden (1 Sofhen) — 1,092 ha,
7 Faden ((] Salben) = 9 1] Arldhin — 49 [|] Fuß = 4,552 qm.
* Arlhin =— 5,444 [|] Fuß == 0,5058 qm.
_ Fuß = 144 7] 3011 == 0,0929 qm,
7] 301 = 144 [7] Linien (x Z0W) =— 6,451 gem.
7 Linie (7% Zoll) = 4,48 qamm,
‚ gkm = 100 ha = 0,8787 [|] Werft = 91,53 Dekiatinen
| ha = 100 a = 0,9153 Dekjatinen.
| a — 100 qm = 21,97 [7] Faden = 197,7 |] Arfdhin = 1076 [_ Fuß.
| am = 10000 gem = 0,2197 [|] Faden == 1,977 L] UArlhin == 10,76 |] Juß
| qcm == 100 qamm = 0,155 [|] 300.
| amm — 0,2232 [7 Linien (5 Zoll).

Kubiklmaße

Kubikfaden = 27 Kubikar] hin — 343 KubiHfuß — 9,718 cbm.
L Rubikarfhin — 4 096 Kubikwar[Hhok == 359,527 chdm,
L Kubikfuß = 1728 Kubikzoll — 283,168 cbdm.
| Kubikzo0ll =— 16,387 cbem.

L
        <pb n="319" />
        Hohlmaße
Botfdhka (Tonne, Faß) == 40 Wedro (Eimer) — 491,951.
Wedro (Eimer) = 10 Stof = 12,298 1.
Stof= 1,231.
IlHetwert — 8 IidHetiwerik — 209,896 1.
. Yohetwerit — 8 Garnez == 26,237 1.
. Garnez — 3,281.
| hl == 1001= 0,4764 ZlGHetwert — 8,131 Wedro.
| ] == 1000 cbem — 0,8131 Stof.

Semwichte
Berkowez (oder Schiffpfund) = 10 Pud =— 400 Pfund — 163,805 kg.
Bud =— 40 Pfund = 16,380 kg.
Pfund — 32 Lot = 96 Solotnik — 0,4095 kg.
Lot = 3 Solotnik — 12,797 g.
Solotnif — 96 Doli — 4,266 g.
Doli == 44,44 g.
] t (Zonne) = 1000 kg — 61,05 Pud — 2442 Pfund (rujliich).
l D-3Zentner — 100 kg — 6,105 Pud — 244,2 Pfund (rujfijch).
1 kg = 1000 g — 2,442 Pfund (rufliidh).
1 Pfund (deutih) — 500 g — 1,221 Pfund (ruflifh),
1 g = 1000 mg = 0,078 14 Lot — 0,2344 Solotnifk.
1 mg — 0,02250 Doli.

KNuffifhe Upothekergewicte
| Pfund == 0,875 Handelspfund — 12 Unzen — 358,3234 g.
| Unze = 7 Solotnit = 29,8603 g.
Dradyme — 84 Doli — 3,7325 g.
Strupel — 28 Doli — 1,2442 g.
Gran — 1.4 Doli — 62.2089 me.

l

NB.!

Auber den offiziellen für das ganze ruflijde Reid geltenden Makhen
maren (und find) in den verjdhiedenen Ländern au Drilide Make im Ge:
braug. (In manden Fällen bei gleidher Bezeidhnung ein anderes Mak!)
        <pb n="320" />
        Die MWeltfrieasrevolution

VBVorkräge
Bon Dr. €, Stadtler
Preis geheftet ı2 M., gebunden 18,75 M.
Mus dem Weltkrieg hat fich die Weltrevolutton entwoidelt, die man nicht mit
äußeren Mitteln, fondern von innen heraus überwinden muß.

Die Diktatur
der fozialen Nevolution

Bon Dr. E, Stadtler
Preis geheftet 13 M., gebunden 20 M,
us den BVBerfagen der Weltdemzokratie, des Milfonihen Bölkerbundgedankens
and der Leninfchen Junenpolitik entwidelt Stadtler fein Programm zur Rettung
Deutfhlands und der Welt durch die „Diktatur“ eines parteifreien, farfen
Mannes, welcher mit einem großzügigen, foglaliftifhen Reformprogramm bie
Hnarchie rüclichtsiog niederhalten muß,

Die Entartung der Nevolution
Neue Nuffäße
Bon Hans von Hentkig
Preis 6 NM,
Deufichtum gegen Schiebertum!

Der Bolfchewismus
: we
und die deut{chen Intellektuellen
Bon Heinrich Freiherr von SGleiden-RNußfwurm
Preis ı2 NM,
Antworten auf eine Rundfrage des „Bundes Deutfcher Gelehrter und Künftler“
über Wefen, Grundlage und Überwindungsmöglichkeiten des Bolfchewigmus,
Zugleich das Ergebnig zweier Yusfpradhen und einiger davon unabhängiger
NMeorSffentlichungen.

RT, Kochler * Berlag * Leipzig

Q4 4A
        <pb n="321" />
        Kritif des Weltkrieges
Das Erbe Moltkes und Schlieffens im großen Kriege
Von einem Seneralftähler
Preis In Halbleinen gebunden 30 M, Mit ı2 Karten
Das Buch eines ungenannten Generalftabsoffisiers hat großes Yuffehen erregt,
da es die Zufimmung bedeutender Heerführer gefunden haft, es bietet zum erfien
Male eine völlig unparteiiflhe Schilderung des Verlaufg der Operationen des
Weltkrieges, die fih auch auf Bewaffnungss und Nusbildungsfragen erfiredt. Man
Jann dag mit reidem Kartenmaterial auggeftattete Werk ein „SGeneralftabs;
werk im Heinen“ nennen. Es if nicht nur für das Heer, fondern für weite
Kreife des Volkes beftimmt.

Der Untergang der Sfterr.-ungar. Monarchie
Von FriedriH SG, F, Kleinwaedhter
Preis gebunden 33 M,
Der Berfaffer enthüllt das Problem der fkerbenden Donanumonarchie, die Infolge
des Zufammentreffeng verjchiedener unglüdlider Berhältniffe nicht aus dem
Staatengebilde, das der Habsbhurgifche Hausmachtgedanke gefchaffen, zu einem
modernen Staatgwefen entwidelt werden konnte, Ein ausgezeichneter Kenner
[hildert hier in meifterhafter Sprache und mit der fharfen Logik des SGefhihts:
forfchers Kämpfe und Ziele der einzelnen Nationen und bringt viele Sefichts:
pautnıfte, die bisher unbekannt waren, der Allgemeinheit nahe.

General von Stein
GSeneralquartiermeifer und Kriegsminifter a. D.
Erlebniffe und Betrachtungen aus der Zeit des Weltkrieges
Mit Bildnis des Berfaffers, Preis gebunden 14.50 M.
Inhalts: Verzeichnis:
Heimatlogs — Perfönlichkeiten — Militärifhe Kriegsovorbereitung und Politik —
Mobilmadhung — Yufmarfh — Schilderungen aus dem Kriege — Kriegs;
miniftertum — Der Reichstag — Regierungen — Das Heer — Die Bundes:
aensfien — SchlufGworf,

Sroßadmiral von Tirpir / Erinnerungen
Mit Bild des Berfaffers. DurhH Namens und Sachverzeichnig vermehrte Neuz
auflage. Preis gebunden 35 M.
Das Buch will Feine Senfationen, aber es bringt Senfationen, Es if ein
Sefchichtsbuch, wie es felten gefhrieben ward. Durch feine Urfprünglichfeit und
Unmittelbarfeit Iäßt es jeden Lefer die Heldentragödie unferes Volkes, die er
ohne wahre Erkenntnis miterlebte, noch einmal in voller Klarheit anferfiehen,
Niemand kann fich dem Seift des Tirpiefhen Werkes entziehen, Die Ers
innerungen des Großadnmirals nicht fefen, heißt (ih am SGeißft der
Zeit verfändiaen, aleichviel zu weicher Hartet man fi bekennt.

$,.&amp;amp; Koehler * Berlag * Leipzig
        <pb n="322" />
        Die zwei weißen Völker!
(The two white nations!)
Deutfch-Englilde Erinnerungen eines deutfhen Seeoffigiers$
Von Georg von Hafe, Fregatten-Kapitän a, D.
Zweite Yuflage, Mit 23 Ubbildungen auf Kunftdrud und 2 Sefechtsffigsen
MVreig in Fünftlerifchen: Einband 22 MM,

BGeneral von Lettow-Borbeck

Meine Erinnerungen aus Ofafrika
Mit einem farbigen Bildnis des VBerfaffers, 20 Vollbildern von Hauptmann
son Nucktelchell, x Blättern mit zahlreichen Sefechtsffigsen und 2 farbigen Karten
MYreig aebunden 35 M,

Heia Safari!

Deufkfchlands Heldenkampf in Dftafrika

Der deukfchen Jugend unter Mitwirkung feines Mitkämpfers Hauptmann von
Kucktefchell ersählt. Mit einem Bilde des Berfaffers, 38 Abbildungen und ı Karte
Yreig gebunden 13.50 M,

Generaloberit Frhr. von Haufen
Erinnerungen an den Marne-Feldzug 1914
Mit einen: Bildnis des Berfaflers, 3 Karten und 6 Kartenffigsen
Mreig aebunden 20 M,

SGeneralfeldmarf{chall
Prinz Leopold von Bayern
Ein Lebensbild von Profi Dr. Wolbe
Mit einem Bildnis des Prinzen
Vreig gebunden 26 M.
Mit einenr Yuffab des Generalmajor Hoffmann, ehemals Chef des Seneral;
abeg Oberoft, über die Friedensverhandlungen von Breftstitowif,

&amp;amp; &amp;amp; Rochler * Berlag * Leipkig
        <pb n="323" />
        Soeben erfchienen

Sraf von der Golß
YNMeine Sendung in Sinnland
und im Baltikum

Mit zahlreihen Bildern und Karten
Preis gebunden 50 M.
Die Erinnerungen eines Tats und Willengmenfhen, eines echt deutfdhen Mannes,
bem e8 vergöünnt war, alg felbftändiger Führer Finnland vom Solfhewismus
zu befreien und als Befehlshaber im Baltikum im Kampfe mit den Solfhewiften,
mit der Vielheit der Entente, Letten, den eigenen Soldatenräten, der deutfhen
Regierung und Preffe den deutfhen Namen und Waffeneuhm im UYusland auch
nach der Revolution hHochzuhalten, — Die Wahrheit über die Verhältniffe im
Baltikum wird Hier zum erffen Male veröffentlicht, da die deutfche Regierung
mit allen Mitteln verfucht hat, die Taten der Baltikumtruppen zu verkleinern,

’ &amp;amp; ev“
Die Deutichen in Sapanı
Von Profeffor Dits Schmiedel
Preis gebunden 28 NM,
Sn launiger, an perfönlidem Erlebnis reicher Erzählung wird das Leben der Euros
päer in Yapar auf Grund der Betrachtungen, die der Berfaffler in den Jahren
1887—1892 gemacht haf, gefhlldert, Man muß fhon auf die Werke der großen
Forfchungsreifenden zurüdgreifen, um eine folche Unmittelbarkett der Anfchauung,
eine foldhe Bielfeitigkeit des Yntereffes und eine ähnliche Nufnahmefähigkeit für das
Sroße und Kleine zu finden, wie fle Dito Schmiedel zu eigen find. Überall Dffens
hersigfeit, Klarheit und verfiändiges Urteil! Der Hauptteil des Buches wird eins
gerahmt von einem hifkorildhen Überblid über die Deutfchen im alten Yapan und in
der Übergangszeit und von einer DarfeNlung deutfdher Arbeit in Japan am Ende
des 19. und Unfang des 20. Yahrhundertg, Mit der Gründlichkeit des Forfchers vers
bindet der Nerfaller froß (eines leichten Platon na Day Wel-Klid deg Diplomaten,

RR, T, Kochler * Verlaa * Leipzig
        <pb n="324" />
        Demnächn erfheintf

BSraf Luckner / Seeteufel

Mit zahlreichen Bildern und Karten
Vreiswerte Yusgabe mit wirkungssoliem Umfolagbild
bon Marinemaler Rave in beffem Dfffetdrud etwa 20 M,
Beffere Yusgabe etwa 60 M.
Das Buch (Dhildert die Erlebniffe einer betwegten Lauf
bahn vom fOhulentlaufenen Schiffsjungen zum Kommans
danten des Seglers „Seeadler“, der mit einer alten Kanone
alg deutfHer Hilfskrewzer fo erfolgreich Kaperfrieg geführt hat,
Sn atemlofer Spannung erleben wir Freud und Leid mit
dem jugendliden Durchbrenner, der in YNYuftralien auf der
Suche nach einem paffenden Beruf 1. a, zur Heilsarmee, zu
den Fakiren und Preisborern geht und dann wieder lange
als „Filar Lüdefe“ auf Seglern fährt, ehe er es zum Steuers
mann und Seeoffisier Bringt. — Mir hinreißendem Schwung
erzählt er von feiner frifdhen, frohen. Kaperfahrt, dem
Schifföruch auf Heinem Koralleneiland, der Suche nach einem
neuen Schiff, 2000 Seemeilen im offenen Book, der Ses
fangenfchaft mit ffet$ erneufen Fluchtverfuchen, / Das
Buch if eine einzigartige Erfcheinung in der Literatur uns
ferer Tage, Der Verfaffer gewinnt den Lefer durch fein
uner(höpflihes Semüt und feinen durd Schiffale und
Veranlagung wmunderfam vertieften Humor. Die Schnurren
und Iufligen Taten find nur der Zettel, der Einfhlag if
dag Menfhtum eines echten und großen Künftlers, der
mit allen Menfchen zu weinen, zu lachen und mit jedem
feine Sprache zu fprechem weiß.

RT, Aoechler * DBerlag * Leipzia

Orud von Oscar Brandfietter in Seipzig
        <pb n="325" />
        ROM
807562659
        <pb n="326" />
        fo
„@
i&amp;gt;
1]

O
N

A

v8)
x;

&amp;gt;
"N

N
—

= 197 —

:it zum alten Litauerreih für die Bezeidnung als litautment
 maßgebend,
ographijde Litauen, das uns im folgenden be[hHäftigen
m wejentliden die ehemals rulfijden Gouvernements
‘na und Suwaltki und wird begrenzt im Norden von
em [übdweltliden Teile der Republik Lettland — im
reijtadt Memel und Oltpreuken, im Süden von Grodno
nd Südolten von den Gouvernements Witehb]t und Minfk.
ze verläuft im Norden etwas anders, [o dak der Sltliche
5 Nowo-Alexandrowff ([üdöftlig Dünaburg) ausfhHeidet.
nördlich Memel, tößt Litauen mit 9 km Kültenlänge

=
%

a

DD

=
3

n verläuft die Spradhgrenze in der Höhe von Goldap
det den nördlidHen größeren Teil Suwalkis für Litauen
jen werden die Kreije Suwalki und Augujtow), geht
nd [Hließt — nur bei Druskininken und Poriecz
Stüd des Gouvernements Grodno ein. Sie biegt fo-Losduhnen
 nad) Ojten vor, befihreibt einen weiten nad
teten Bogen um Wilna, fo dak Wilna, die Hauptındes,
 aukHerhalb des litauifden Spradgeund
 [äuft dur) die Kreije Wilna und Swenzjanen,
‚em ungefähren Lauf der Driswiata nad Norden folat.

Sand und Leute

a
oO

&amp;gt;
78]

&amp;gt;
#}

&amp;gt;
\N3

&amp;gt;
=.

8)
a

DJ
br

&amp;gt;
7

riebene Gebiet beißt einen Flädeninhalt von 94416 akm
4 von 4651000 Menjden bewohnt. Der Litauer teilt
er zum Unterjdhiede von „Kleinlitauen‘“, dem preukßi-SGroßlitauen
 nennt, ein in AuffdHtaiten oder Hodblide
 Litauen, und SdHamaiten oder Niederlitauen,
‚blid) der Memel, Beide Gebiete Iajfen jidh gefhidhtlicdh,
und aud) fpradlih fHarf trennen. Die Sprade der
zen AWbart das preukijdhe Litauijdh ft) verhält ih zu
'aiten etwa wie plattdeut[d) zu hochdeutjdh. Innerhalb
eine Jülle weiterer diakektilder. VerjHhiedenheiten, wos
länder gewifje Sqhwierigkeiten erwachjen. Eine Schrift»
ngiter Zeit entjtanden und wird eifrig gepflegt. ;
hat Litauen nidts mit Rukland zu tun. Es kann mit
alien werden. Schamaiten, das dem früheren Gouver-.
 entf]pridht, ijt ein unregelmähiges Hügelland mit Er
250 Meter. Quer dur Litauen zieht [ih der preu=1



©
od

m
[e+]

&amp;gt;
o
        <pb n="327" />
        <pb n="328" />
        <pb n="329" />
        <pb n="330" />
        <pb n="331" />
        <pb n="332" />
        <pb n="333" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
