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            <forname>Prätorius Peter von</forname>
            <surname>Richthofen</surname>
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        *

—

Zur Zollfrage.
Von Freiherrnvon Richthofen-Boquslawitz, M. d. R.

Die Zollfrage beschäftigt seit längerer Zeit die HÖffentlichkeit
und die Parlamente. über das grundsätzliche Für und Wider
der Frage — Schutzzoll oder Freihandel — ist genügend dis—
kutiert worden.

Zalsächlich hat Deutschland die Zollfrage längst in posi—
tivem Sinn entschieden, als das dämalige Kabinett
durch Gesetzgebung am 5. April und 5. August 1922
die Vorkriegszöllenll. Tarif von 19072, mit Ausnahme
der Hauptpositionen der Landwirtschaft, wieder ein—
schallete.
Die offentlichkeit erfuhr von diesen Vorgängen sehr wenig. Des—
halb erscheint heute Vielen die Zollfrage als eiwas Reues! Ob
jener Beschluß Finanzzölle oder Schutzzölle zeitigen sollte, ist für
die Wirtschaft selbst — den Verbraucher — belanglos! Es ist
dem Verbraucher irgend einer Ware vollkommen gleichgültig,
ob eine Verteuerung durch Finanzzölle, Ausgleichszölle oder
Schutzzölle bewirkt wird. Die Zölle werden zudem nicht etwa
nur von Luxusartikeln erhoben, wie es heute hingestellt wird.
Zudem, aber ist die Frage vom Ausland so enischieden, so daß
Deutschland gar keine Wahl bleibtl, ob es Freihandels⸗ oder
Schutzzolland sein will. Bas Ausland ist zum Hochschutzzoll⸗
fystem, teilweise sogar zu Prohibilivzöllen übergegangen.die—
jenigen Länder, die heuͤte noch sog. bedingte Freihandelsländer
sind, planen ebenfalls von diesem System abzugehen, weil auch
sie auf die Hochschutzzollpolitik der großen Länder gar keinen
Einfluß haben. Will ein Land nicht zum Abladeplatz der über—
flüssigen Güter der Welt werden, so muß es sich schützen. Je
stärker der Abschluß anderer Länder durch Schutzzoilmauern ift,
desto höher müssen die eigenen Schutzzollmauern errichtet wer—
den, um dadurch der eigenen Wirtschaft denselben Schutz zu—
kommen zu lassen. Nur so kann prohibitiven Schutzzöllen noch
am ehesten begegnet werden. In Berücksichtigung muß bei a
dem gezogen werden, daß zum Niederlegen der Schutzzollmauern
anderer eigene Macht gehört, die wir — leider — nicht besitzen
Daß heute Deutschland, mit den ungeheuren Abgaben beiastet,
teurer produziert als andere Länder, bedarf keiner weiteren Be—
gründung — zurzgeit beträgt diese Vorbelaftung 238 Prozent —.

So ist es vollkommen müßig, über die Theorie zu streiten, ob

Freihandel oder Schutzzoll, so interessant dies auch sein nmag.

*
        <pb n="5" />
        Das proleklionistische Hochschutzzollsystem ist grundfätzlich zu be⸗
dauern. denn es unterbindet eine gesunde Konkurrenz. Aber
wie gesagt, — es ist müßig, darüber zu streiten.

Die jetzt von der Regierung eingebrachte, politisch so heiß
umkämpfte, provisorische Zollvorlage ist alies andere als cine
„Hochschutzzollvorlage“, als die sie hingestelltf wird, im Vergleich
zu den Tarifen anderer Länder, die für unseren Handelsver—
kehr besonders wichtig sind. Gewiß sind zahlreiche Industrie⸗
artikel gegen den Frieden im Zollschutz erhöht. Sie kommen
aber nicht annähernd an diejenigen Beträge heran, mit denen
andere Länder ihre Produktion geschützt haben. Teilweise be—
tragen sie nur einen Bruchteil dävou. Zudem sind die vorge—
sehenen Tarife nur „autonome“, können und werden also ein⸗
bezw. abgehandelt werden. Die Vorlage will (17) das Unrecht
vom Jahre 1922 heilen und sieht auch fuͤr die landwirtschaftlichen
Produkte „Zollsätzer vor. Sie betragen aber für das Jahr
1925/26 nur 60 Prozent der Vorkriegshöhe — am Goldwert ge⸗
messen nur 35240 prozent — während die Zollsätze für nicht-
— D Prozent
heraufgesetzt sind. Ab 1. August 1926 sollen im ganzen die Vor—
kriegssätze wieder in Kraft treten. Wie dies aber bewerkstelligt
werden soll, nachdem Verträge bis dahin für längere Zeit ab—
geschlossen sein werden, erscheint schlechterdings prattlisch unmög-
lich. Zudem ist es politisch leicht, Zölle zu senken;, fehr schwer
aber ist es, sie zu erhöhen. Die Senkung soll (it. Begründung)
einen „übergang“ darstellen und „Rücksicht auf die Konsumenten“
nehmen. Vergessen wird aber, deg der Landwirt ebenso Konsu—
meni städtischer Erzeugnisse ist. — Für den Landwirt aber gabees
keine Übergangszölle“ — Der Landwirt ist Konsument für 50
Prozent aller industriellen pp. Erzeugnissel Die geschwächte
Kaufkraft des Landwirts trägt Schuld an dem Darniederliegen
von Handel und, Wandel, nachdem der Export gegen die Vor—
kriegszeit um 40 Prozent heruntergegangen ist. (1924 Goldwert
2Milliarden gegen 10-11 Milliarden 1913.)

An einen starken Export ist so bald nicht zu denken. Deutsch⸗
land blieb — rein auf Kriegsbedarf umgestellt — gegen die Fort⸗
schritte anderer Länder im Kriege zwängsläufig zuͤrück.

Die Zölle für die landwirtschaftliche Produktion sind poli—
tisch in Deutschland von je heiß umstritten. Sie werden von
links als „Brotwucher“ bezeichnet. Aber auch hier sollte es sach—
lich keine Meinungsverschiedenheit geben dürfen. Niemals haät
die deutsche Landwirlschaft aus sich Zölle gefordert. Schon bei
Beginn der deutschen Schutzzollära 1879 erhielt die Landwiri—
schaft — die durchaus freihäudlerisch eingestellt war — minimal—
sten Zollschutz (50 Pfg. je I Ztr. Roggen gegen 2,550 M im Jahre
1887). Es hat sich aber im 80jährigen Zeitraum herausgefteilt,
daß das Zolltarifverhältnis des Friedens — abgesehen von
Schwankungen, die stets vorkommen — ein für die deutschen
Verhältnisse leidlich richtiges war. Die Probe auf die Richlig-
keit erbrachte die Caprivi-AUra, während der die landwirtschafi-
lichen Zölle gesenkt wurden. Der Bodenwechsel nahm überhand,
die Kultur ging zurück, trotz der anders lautenden Statistik, für
        <pb n="6" />
        deren Durchführung die Grundfätze Änderungen erfuhren.
Wohl wäre die Senkung der landwirfschaftlichen Jolltarife mög—
sich gewesen, wenn zugleich eine Seukung des gesamten Zou-
larifs erfolgt wäre!

Im folgenden soll auf die Haupteinwände, die gegen die
landwirtschaftlichen Zölle teils von wissenschaftlicher, teils von
volitischer Seite gemacht werden, eingegangen werden.

.
Ganz besonders bestreitet Geheimrat Sering, der einst die
Notwendigkeit des Schutzes der laändwirtschaftlichen Produktion
bertreten hat, die heutige Berechtigung landwirtschaftlicher Zölle.
Beheimrat Sering begründet seine Stellungnahme mit folgen—
den Hauptargumenten:

1. Durch das Ausscheiden Ost- und Südeuropas infolge der
dortigen vernichtenden „Agrarreform“ haben sich die Anbau—
flächen der Welt verringert, obwohl Neulandkulluren in Übersee
hinzugetreten sind. Deshalb werden die Preise für landwirt—
schaftliche Produkte steigen im Gegensatz zu einst, als große Neu—
andflächen in Kultur genommen wurden. Auch sei ein starker
KRückgang der Viehhallung in letzter Zeit in Üübersee — Argen—
tinien — zu verzeichnen.

2. Die Produktionskosten seien in der Welt ganz allgemein
gegen einst stark gestiegen. Die Preise aber richten sich à la
—7 nach denjenigen Ländern, die die höchsten Produktionskosten
haben.

3. Da aber seine Prognosen womöglich nicht — oder nur
heraehenv — zutreffen könnten, empfiehlt er „Bereitschafts-
zölle“.

II.
Professor Aereboe vertritt den Standpunkt, daß die Land—
wirtschaft ihre Produkte veredeln und sich besonders der Bieh—
zucht und der besseren Veredelung der Viehprodukte annehmen
müsse. Diese Zweige seien hoch zu schützen. Alsdann wird Geld—
einkommen und Dünger geschaffen, der Mehrernten hervor—
bringe — besonders Hackfrüchte, natürlich auch Getreide, und
3 Mehrerntien würden die Unkosten auch ohne Zollschutz er—
tatten.

III.
Von anderer, besonders politischer Seite werden folgende,
allbekannlen Argumente gegen die Zölle ins Feld geführt:

1. Zollschutz verteuert die Lebenshaltung der Konsumenten.

2. Durch Zollschutz werde die Produktion nicht erhöht.

3. Das Preisverhältnis der landwirtschaftlichen Produkte zu

den Betriebsmitteln sei beinahe ausgeglichen.

4. Zollschutz bedinge eine ohne Mehrarbeit gesteigerte Rente,
sei damit Anreiz zur Trägheit.
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        5. An eine Selbfternährung sei gar nicht zu denken, zumal
diese auch im Frieden, bei der damals größeren Bodenfläche
nicht möglich gewesen wäre.

6. Die Landwirtschaft sei gegen einst entschuldet und könne
deshalb ganz andere Lasten tragen als früher.

7. Kredite können helfen.

8. Der Weg vom Erzeuger zum Verbraucher müsse abgekürzt
werden.

9. Nur Fertigwaren seien schutzzollberechtigt. Die Land⸗
wirtschaft aber liefere keine Fertigwaren, sondern nur Roh-(Ur-⸗)
Produkte.

10. Der Landarbeiter habe nichts von den Zöllen, da der
Landwirt die Mehreinnahmen lediglich als Privatrente betrachte
und die Arbeiter keinen Anteil haben.
Zu den einzelnen Punkten ist folgendes zu erwidern:
Zu J.
Ausschlaggebende Bedeutung der Ertragshöhe.
nicht der Anbauflüche.
Durch den Ausfall von Rußland, Rumänien und anderen
Ländern ist die Anbaufläche um 84 Progzent im Jahre 1924 gegen
1913 zurückgeblieben; das Ernteergebnis um 25 Progent. Die
Anbauͤstatistiken für dieses Jahr aber melden eine Mehranbau—
fläche gegen 1924 von rund 3 Millionen Hektar in übersee. Es
fehlen somit an reiner Anbaufläche in diesem Jahre nur noch
324 Prozent gegen den Gesamtweltanbau im Frieden. Ame—
rika, Kanada, Australien hatten ihre Anbauflächen im Kriege
um rund 18 Millionen Hektar erhöht. Diese Anbauflächen wur—
den aber im vorigen Jahre um 6 Millionen Hektar eingeschränkt,
in diesem Jahre, wie oben, wieder um 3 Millionen Hektar erhöht.
Diese Erhoͤhung der Anbaufläche kommt natürlich jetzt für die
Ausfuhr mehr in Frage. Bei einem Ertrag von 10 Doppel⸗
zentnern je Hektar beträgt also die Ernte dieser Neuflächen 150
Millionen Doppelzentner, gegen 114 Millionen Doppelzentner
Getreide, die einst Ost- und Südeuropa als Ausfuhrüberschuß
hergab. Nach Ssering hat sich aber die Bevölkerung in der Wellt
seit zehn Jahren um 10 Prozent — 50 Millionen Menschen ver⸗
mehrt. Gach anderen Statistiken um 4,8 Progent, also nur 28
Millionen.) Für diese 50 Millionen Menschen sind 100 Millionen
Doppelzentiner Getreide notwendig. Es würden unter Ansehung
der allgemein gesunkenen europäischen Nachkriegsernten 30—60
Millionen Doppelzentner gegen die Vorkriegsernährung fehlen.
Die Anbaufläche steigt aber ständig weiter; Rußland und Süd—
europa werden in vielleicht nicht zu ferner Zeit wieder als Üüber—
schußländer auf den Markt kommen. Die reinen Anbaustatistiken
besagen heute herzlich wenig. Wenn auch Deutschland mit seiner
in der Welt heute anerkannt führenden Landwirtschaft die größte
Intensität aufweist — Deutschland verbraucht heute von einer
Million Tonnen reinem Stickstoff Gesamtweltproduktion allein .
— so ist die Intensität durch Zuhilfenahme von Technik und
        <pb n="8" />
        Wissenschaft in der ganzen Welt gestiegen. Vor dem Krieg
wurden in der Welt nur rund 500 000 Tonnen Stichstoff, heute
das doppelte Quantum verbraucht. Der Stickstoffbedarf hat sich
somit in der Welt verdoppelt, wie er sich auch in Deutschland
berdoppelt hat. Trotz der noch nicht vollkommenen Betriebs—
sicherheit von Motoren kann die Feldarbeit in Übersee viel groß—
zügiger gestaltet werden als einst. Wenn auch in übersee einige
hunderttausend Farmen im vorigen Jahre verlassen sind (Pro—
fessor Harms), so können dieselben jederzeit — wie es ja auch
geschehen ist — wieder in Anbau genommen werden. Übersee
hat eben ein gänzlich anderes Klima als wir. Monatelang ist
das Wetter heiß und trocken. Gebäude sind für die Bergung der
Ernte deshalb nicht oder nur sehr wenig erforderlich. Das Stroh
wird nicht verwertet, da gemischtwirtschaftlicher Beirieb — Feld—
und Viehwirtschaft — nach unseren Begriffen nicht vorhanden
—D— —
hommenen Flächen eine üleinigkeit für die reichen Übersee—
länder, diese Flächen durch Eisenbahnen baldigst zu erschließen.
Es kommt weiter hinzu, daß die Industrien in der ganzen Welt
während des Krieges stark ausgebaut sind und daß somit der
Ligenbedarf der Laͤnder zum größten Teil gedeckt wird, also kein
Bedarf wie einst vorliegt.
Es ist aber eine Binsenwahrheit,
daß nicht die Anbaufläche allein,
sondern die
Intensität die Ernke entscheidend beeinslußft.
Es ist ferner eine bekannte Tatsache, daß der Ertrag im all—
zemeinen auf Kulturland durch 1 Zir. Stickstoffdünger um 33tr.
Betreide gesteigert werden kann. Wie würde sich die Rechnung
sttellen, wenn nur in geringem Umfange Kunstdünger in Übersee
verwendet worden wäre? Dann ist die gesamte Theorie von
Geheimrat Sering vollkommen über den Haufen geworfen und
es würde ein Überangebot stattfinden, wie es durch reine Anbau—
flächenpermehrung niemals zu verzeichnen war.

Auch Dr. Conrad hat im Jahre 1892, als er den Reichskanz—
ler Caprivi beriet, auf Grund der Getreidehausse jenes Jahres
ähnliche Voraussagen gemacht, die die Veranlassung gaben, die
Zölle stark zu senken. Die Theorie von Conrad wurde in kürzester
Frist ad absurdum geführt und es half nichts, daß Conrad den
Schaden, den er der Landwirtschaft zugefügt, schwer bedauerte.

Es ist im Gegenteil anzunehmen, daß heute aus den vor—
genannten Gründen die Seringsche Voraussage noch viel schnel—
ser ad absurdum geführt sein kann. Schon heute erweist es sich,
wie irreführend die Proanosen von Serinq à la lons sich aus—
wirken können.

Bor einem Jahre standen die Preise für Getreide 60 Prozent
unter den Höchstpreisen dieses Jahres. Geheimrat Sering erklärt
diese Tatsache „mit der Verarmung Deutschlands, das nicht ge—
nügend auf dem Weltmarkt habe kaufen können“. Diese Behaup—
tung kann aber den tatsächlichen Verhältnissen, wie sie waren
und wie sie sind, nicht standhalten. Deutschland deckte seinen
        <pb n="9" />
        Brotgetreidebedarf im Frieden bis auf 6 Prozent aus eigener
Ernte. Es führte also nur rund 2 Million Tonnen als Zusatz—
bedarf ein gegen 184 Millionen Tonnen, also die dreifache Menge
im Jahre 1923 und 1924. Deutschland hat keinen Anteil an der
Preisbewegung der letzten beiden Jahre gehabt. Nicht die ge—
sieigerte Kaufkraft Deutschlands in diesem Jahre, wie Geheimrat
Sering angibt, ist es gewesen, die die Preise in die Höhe trieb,
sondern geschäftliche wie politische Faktoren waren die Ursache
der Preissteigerung. Es ist bekannt, daß die privaten statistischen
Büros in' Amerika eine gute Ernte voraussagten, und daß ganz
plötzlich die von der Regierung angestellten Kommissare schlechte
Ernten in Aussicht stelllten, um die Farmer für die Wahl des
Präsidenten Coolidge gefügig zu machen. Zudem hatte die ame—
itanische Regierung eine starke Stützungsaktion für die Farmer.
in Ausficht gestellt. Gerade diese Vorgänge aber sollten jedem
einzelnen Deutschen vor Augen führen, mit, was wir zu rechnen
haben, wenn wir von den zufälligen, wirtschaftlich wie politisch
spekulativen Momenten abhangig bleiben. Wenn die verringerte
Welternte tatsächlich die höheren Preise bedingt hätte, dann
mußte heute, am Ende des Erntejahres, der Preis gewaltig in
die Höhe gehen. Der höchste Preis in Chikago betrug in diesem
Jahre 353 A je Tonne gegen 255 4 in den letzten Tagen. Nir—
gends ist ein Mangel an Brotgetreide zu spüren. Alfo schon in
diesem Jahr erweist sich die wissenschaftliche Voraussage zu einem
guten Teil als Theorie. Dazu ist auch bei einer noch so
schlechten Wirtschaft in Rußland in Anhetracht der ungeheuren
dortigen Flächen schließlich mit einer gewissen Ausfuhr, und wenn
diesesve auch auf Kosten des Verhungerns vieler Russen gehen
follte, zu rechnen. Allein die Ausfuhr von Flachs aus den öst⸗
lichen Staaten hat in diesem Jahre in wenigen Wochen die Ren—
rabilität des Anbaues bei uns vollständig in Frage gestellt.
Zu 2. Preise richten sich nach dem billigst produzierenden Lande.
Es ist überhaupt nicht einzusehen, wie die Landwirtschaft
ohne Wiederherstellumg der Zwangswirtschaft, ohne Einschaltung
von Zoll für landwirtschaftliche Produkte mit relativ preiswerten
Beitriebsmitteln versehen werden soll. Selbst Geheimrat Sering
sagt: „Für diesen Fall muß auch die Wiedereinführung von
agrarischen Zöllen in einem entsprechenden Betrage als Forde—
ruͤng ausgleichender Gerechtigkeit anerkannt werden.“ Wenn die
heutige Einfuhrsperre gegen Industrieartikel fällt, so ist zu berück⸗
fichtigen, daß sich die Produktionskosten durch die Anhäufung des
Geldes in Amerika und dessen Entwertung nominell stark erhöht
haben. Eine Ausnahme machen die Automobile und Traktoren.
Daß aber diese Maschinen nur einen Ausgleich für die ander—
weitig eingetretenen Schwierigkeiten der Landwirtschaft, und, die
zum Teil geringere Arbeitsleistung darstellen, braucht nicht beson⸗
ders hervorgehoben zu werden. Die Anschaffung von Traktoxen
allein bedeutei in keiner Weise eine Ersparnis auf anderen Ge—
bieten. Dies trifft besonders zu im Hinblick auf die gemischte
Wirtschaftsart der deutschen Landwirtschaft. Sie sind geeignet,
bestimmte Arbeiten gelegentlich schneller ausführen zu können,

*
        <pb n="10" />
        ermöglichen aber nicht in stärkerem Maße die Abschaffung von
Gespannen, wie so oft behauptet wird. Bestenfalls bringen sie
durch die schnellere Arbeitsleistung ein wenig erhöhte Ernten.
Unserer Industrie heute im Hinblick auf die Hochschuͤtzzollpolitik
des Auslandes den Zoll zu nehmen, würde eine noch größere
Gefährdung der Industrie bedeulen, als sie an sich schon vorhan—
den ist. Dieses Mittel anwenden, hieße nichts anderes, als den
Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Bei einer weilleren Beschäfti—
gungslosigkeit der Industrie würden die Sozialabgaben in noch
schwindelhaftere Höhen anwachsen als bisher.

Die Produktionskosten sind in der ganzen Welt gestiegen,
haben sich aber, wenn man fuͤr dieselben bezüglich der auslän—
dischen Landwirtschaft die Friedenszahl 100 einsetzt, am eigent—
lichen Friedensgoldwert nicht gesteigert. Es haden sich somit
für das Ausland Preisniveau und Produktionskosten nicht geän—
dert, sondern es hat eine Verschlechterung des Geldwertes stattge⸗
funden. Die Basis ist also dieselbe gebneben. Es ist aber nicht
einzusehen, weshalb sich die Preise bei freier Markientwicklung,
wie sie bei der Landwirischaft gegeben ist, nach dem höchsten, je⸗
weiligen Produktionskosten in der Welt richten follen? Diese
theoretische Behauptung ist durch die praktische Entwicklung in
unzähligen Fällen vollkommen widerlegt. Das billigst produzie⸗
rende Land wird seine Ware zuerst auf dem Markte unterbringen.
Der schlagendste Beweis dafür ist Ford in Amerika, der die Mo—
torenpreise in der ganzen Welt über den Haufen geworfen hat.
Dieses billigste Angebot wird die Preise drücken und erst, wenn
dieses Angebot aufgenommen ist, wird das teurer produzierende
Land seine Forderungen durchsetzen, vorausgesetzt, daß — noch
Bedarf vorhanden ist. Diese Entwickelung ist ferner bewiesen durch
das Angebot der Agrarprodukte in den sO er Jahren aus Übersee,
das die damalige Agrarkrisis verursacht hat. Beweis ist ferner
die Tatsache, daß der Rohrzucker die Zuckerpreise bis auf 7 Al je
Zentner, das heißt, weil unter die Produktionskosten des keurer
produzierenden Deulschlands herunlersehe. Unsere stark vorbe—
lastete Industrie hat aber auch heute mit ihren höheren Preisen
auf den reichlich versorgten Weltmarkt keinerlei Einfluß.

3. Bereitschaftszölle werden von allen Seiten als nicht

durchführbar abgelehnt!

Geheimrat Sering empfiehlt für den Fall, daß seine Voraus—
sagen falsch seien, kemporäre Zölle einzufuühren, die nur dann er—
hohen werden sollen, wenn und solange die Preise in Deutschland
unter Selbstkosten fallen. Die temporären — gleitenden — Zölle
werden sowohl von der Regierung als für Handelsvertragsver—
handlungen ungeeignet, vom Handel aber jedes Geschäft verhin⸗
dernd, abgelehnt. Sie würden unbedingt zu einer starken, unge⸗
sunden Spekulation besonders des Überseehandels führen. Zu—
dem wäre bei ihnen die mit dem Zollschutz unbedingt notwendige
Regelung des Einfuhrschein-Systems garnicht zu lösen. Über
diese Frage ist in der Presse und in den Parlamenten so viel
verhandelt worden, daß ein nochmaliges näheres Eingehen sich
hier erübrigen dürfte. Die Landwirtschaft kann von ihrer For—
derung von Mindestzöllen auch für Vieh nicht abgehen.
        <pb n="11" />
        II.
Der Schutzzoll muß sich auf alle Produkle der Landwirtschaft
erstrecken.
Allgemein wird zugegeben, daß die Viehzucht, und die Vieh⸗
produtte besonders geschüht werden sollen. Ganz besonders emp⸗
fiehlt dies auch Prof. Aerebode. Niemand, vor allem nicht die
Landwirtschaft, wird dagegen etwas einzuwenden haben. Bedeu⸗
let doch der Wert des Viehes nicht nur einen hohen Wertanteil
der Landwirischaft an sich, sondern stellt mehr als die Hälfte der
jährlich von der Landwirtschaft in den Verkehr gebrachten Werte
dar. 5106 Milliarden Mark Produkte der Viehwirtschaft: 9
bis 10 Milliarden Gesamtwert. Wie aber der Schutz der nalio-
nalen Wirtschaft im ganzen nicht zerrissen werden darf, so darf
auch nicht der Schutz innerhalb der Landwirtschaft irgendwelchen
Schaden erleiden. Der bäuerliche Besitz, d. h. der kleinere Besitz,
ist wertmäßig an der Brotgetreideversorgung des deutschen Vol⸗
kes doppelt so hoch als der große Besitz interessiert. Es ist also
wiederum vorsaͤtzlich irreführend, wenn der Schutz der Getreide-
produttion als ein ausschließlicher Schutz des größeren Betriebes
hingestellt wird, wie es heute beliebt ist. Dazu aber kommt, daß
das Broi letzten Endes immer die Grundlage der Existenz eines
Volkes war und bleiben wird. Zudem bedingt ein guter Ge⸗
treidebau hohe landwirtschaftliche Kultur und damit auch die
Sicherung des Futterbaues für das Vieh. Es darf nur nach
voliswirijchafllichen Grundsähhen abgewogen werden. Dabei ist
zu berücksichtigen, daß Deutschland heute nicht nur durch eine mög⸗
liche Blockade gefährdet ist, sondern daß bei der verzweifelten
wirtschaftlichen Lage Deutschlands sich die Währungsfrage als
Blocade duswirken kann. Deutschland muß sich darüber klar
sein, daß es heute so arm ist, wie es einst reich war. Bei voller
Anerkennung der Notwendigkeit des Exportes von Industrie⸗
waren bleib auch dies ein frommer Wunsch. Die Welt ist, wie
schon vorn ausgeführt, industriealisiert und nur zu einem Bruch—
teil Abnehmer deutscher Ware, ganz abgesehen von den politischen
Molsben die andere Länder gegen Deutschland beeinflufssen.
Ein einseitiger Schutz der deutschen Viehwirtschaft, würde
aber gerade demjenigen, dem der Schutz Hilfe bringen soll, näm⸗
— des großen Be—⸗
sißers bringen, der dann seine Wirtschaft endguͤltig und einseitig
auf die Viehwirtschaft zuschneiden würde. Gerade die glückliche
Besitzverleilung in Deutschland hat die hohe Intensitätsstuse un⸗
serer Landwirlschaft, die glückliche Berteilung zwischen Produkten
don Ackerbau und Viehzucht ermöglicht. Bei stärkerer Vieh⸗
— DD seinen Viehüber⸗
fluß haben. Das deutsche Volk hat sogar im letzten Jahr für
Milliarde Fette und Fettkäse — und für mehr als 24 Milliarde
Suͤdfrüchte eingeführt. So hart es auch ist — wir werden uns
den Luxus der Einfuhr solcher nicht lebensnotwendigen, aber be—
sonders hoch veredeller Produkte sehr bald nicht mehr leisten
fönnen!Alsdann müßten solche kostspieligen Veredelungspro—
20
        <pb n="12" />
        dukte ausgeführt werden! Es entsteht die Frage: Wohin? Die
Welt ist verteilt! Wie aber sollen solche Umstellungen heute bei
der völligen Kapitalverknappung genommen werden? Wie lange
dauert solche Umstellung bei der Landwirtschaft, die “kein leicht
umzustellender Fabrikbetrieb ist? Wir brauchen aber bald, sofocik
Hilfe! Ohne diese Hoffnung geht die Landwirtschaft zur Exien
sität über.

Der Vorschlag Geheimrats Aereboe nimmt ferner keinerlei
Rücksicht auf die rd. 20 Prozent der Bodenfläche einnehmenden
leichten Böden, die eben in besonders starkem Mäße am Getreide—
bau interessiert sind, für die der Getreidebau eine Lebensfrage
ist, weil Futlerbau höchst unsicher ist. Der Produktionswert die—
ser Böden beträgt 2 Milliarden Marktware, die zunächst bestimmt
mehr eingeführt werden müßten, d. h. statt 277 — 5 Milli⸗
arden Lebensmitteleinfuhr. An diesen Böden ist nicht etwa aus—
schließlich der Großbesitz interessiert. Geheimrat Aereboe emp—
fiehlt auch a. a. O. den Waldbestand umzulegen. Diese leichten
Böden sollen nach Aereboe dem Wald, andere mit Wald bestan—
dene Flächen der Landwirtschaft zugeführt werden. Solche Um—
eerdo aber nicht Jahre, sondern viele Jahrzehnte er—⸗
ordern!

III.
Der Zollschutz verbilligt relativ die Lebenshaltung.
Der Zollschutz hat sich im Frieden im 10 jährigen Durchschnitt
nur um 60 Progent ausgewirkt, da infolge geringerer Nachfrage
auf dem Weltmarkt die Preise fielen.

Nicht der Slädter, der Lebensmitlel benötigt, ist allein

Konsument, sondern auch der Landwirt ist Verbraucher

von käglichen Bedarfsartikeln wie Kkleider, Wäsche,

Schuhwerk usw. bis hinauf zu den größten Maschinen.
Deshalb ist die Landwirtschaft vollkommen in die Volkswirkschafi
verflochten und ebenso Verbraucher wie irgendein anderer Stand.
Von der Landwirtschaft ist die Befruchtung der Volkswirtschaft
auf das vitalste abhängig.

Der Anteil der Landwirtschaft an der Gesamtproduktion be—
trägt weit mehr als die Hälfte der gesamten Erzeugung. Der
Werht der von der Landwirtschaft verkauflen Produkte betrögt8
bis 10, veredelt 17 bis 20 Milliarden Goldmark. Mit dem Selbst—
verbrauch der rund 17 Millionen Köpfe betragenden landwirt—
schaftlichen Bevölkerung beläuft sich der Wert der Produktion un—
veredelt auf zirka 16 Milliarden, in veredellem Zustand auf 25
bis 27 Milliarden. Der Gesamtwert der deutschen Güterproduk—
tion beträgt heute schätzungsweise nicht mehr als 40 bis 43 Milli-
arden Mark. Werden diese Zahlen, die auf Schätzungen beruhen,
auch angegriffen, so kann in keinem Falle behauptet werden, daß
Deutschland heute in seiner schwierigen Lage die Landwirtschasi
entbehren kann, etwa nach dem Muster Englands, das sich mit
seinen vielen Kolonien und Dominions in einer ganz anderen
Lage befindet.
]
        <pb n="13" />
        Der Zollschutz erhöht das Preisniveau tatsächlich nur schein—
bar, denn der Konsument muß sich darüber klar sein, daß die
Preise stets durch die Auswirkung von Angebot und Nachfrage
gebildet werden. Wenn aber die Produktion wegen Unrentabili⸗
lät und Verlusten nicht mehr möglich ist, so fällt die Erzeugung
im ganzen; dann kritt das ein, wäs Geheimral Sering, wie vorn
ausgefuhrt, zur Grundlage seiner Deduklionen macht, nämlich:
nicht nur Verringerung der sichlbaren Anbaufläche, sondern —
und das ist viel entscheidender —
Zu 2. Zurückgeben der Intensität ohne Zollschutz.
Die Zölle haben tatsächlich nicht verteuernd, sondern sogar
Wenidend gewirkt. Es betrugen die Preise für Getreide im
ahre
1880 für Weizen 218 AM 1913 199 Al
1880 für Roggen 188 A 1913 164 A
Die Produktionssteigerung der Welt, im besonderen Deutschlands,
das im Durchschnitt einen verständigen e genoß, erhöhte
die Produktion und senkte dadurch die Preise allgemein.
Seit dem Jahre 1880 stieg die Produktion um fast das Dop⸗
pelte. So muß die Frage gestellt werden:
wie hoch wären die Preise gewesen, wenn die seit dem
JZahre 1880 gesteigerle Produktlion bei der in der Weli
um 40 Prozent, in Deulschland um 50 Prozeni gestie⸗
gene Bevölkerungsziffer nicht eingetreten wäre, das
heifzt, wenn zur Ernährung Deutschlands eine Mehr⸗
einsuhr an Hauptnahrungsmilteln vorhanden gewesen
wäre von
324 Millionen Tonnen Getreide,
3d4 Kartoffeln,
—1 * Fleisch,
2 * * Zucker usw.
Was aber wäre in dem Deutschland aufgezwungenen Krieg aus
dem deutschen Volke geworden? Wie hoch aber würden die Preise
heute sein, wenn bei den von Geheimrat Sering angenommenen
Fehlmengen Deutschland diese Fehlmengen auch noch aus dem
Weltmarit herausgenommen haͤtte? Würden dann die Preise
nicht noch viel höher, vielleicht um ein Vielfaches höher stehen?
Wos bedeutet gegen diese Versicherung der geringe vorgesehene
Ausgleichszoll?
Um seine Produkte zu schützen, erhöhte Amerika sofort seine
Zölle auf Getreide, als das billiger produzierende Kanada in
Konkurrenz trat.
Zu 3. Die Preisschere bestehl weiter.
Ohne weiteres wird zugegeben, daß sich das Preisverhältnis
im Laufe des letzten Jahres zugunsten der Landwirtschaft ge—
bessert hat. Die Zahl von 96 Proz. mag als zutreffend anerkannt
werden. Die Vergleichsbasis gegen einst hat sich aber vollkommen
12
        <pb n="14" />
        verschoben. Die Handelspreise der Lebensmittel, die den Be—
triebsmitteln der Landwirtschaft gegenüber gestellt werden, sind
heute irreführend. Die höhere Vorbelastung innerhalb der Wirt—⸗
schaft bekträgt gegen einst mehr als 10 Prozent. So beläuft sich
allein die Umsatzsteuer für 1 Zentner Lebendvieh auf einem kur⸗
zen Verkehrsweg 5,85 A. ohne Weiterwälzung durch die ver—
schiedenen Hände. Da dieselben jedoch gezwungen sind, Risiko,
Steuern und Zinsen einzukalkulieren, kann ein Aufschlag von
50 Prozent ohne weiteres angenommen werden, d. h. die Um—
satzsteuer mit allen Folgen wirkt sich nicht auf 5,85 M, sondern
auf 9Al aus. Es entsteht somit für den Landwirt eine Mehr—
belastung von 10—215 Prozent, und um diese Spanne klafft eben
die sogen. Preisschere krotz genauesten theoretischer Errechnungen.
Wenn den Landwirten diese Vorbelastung nichl erstattet wird, so
sind sie zunächst gezwungen, alle Ausgaben zu vermeiden und zu
einer extensiveren Wirtschaftsweise überzugehen. Bei einem Ver—
kaufswert der landwirtschaftlichen Produkte von 10 Milliarden
und bei einer fortgesetzten Vorbelastung von 10—15 Prozent be—
trägt der Verlust je Jahr 150 Milliarden Mark. Rechnet man
die vorjährigen niedrigen Préise für landwirtschaftliche Produkte
hinzu, als die „Schere“ um 30 Prozent klaffte, so hat die Land—
wirtschaft in diesem Jahre 20 bis 30 Prozent Verlust zu ver—
zeichnen; die Schuldenlast der Landwirlschaft an Real- und Per—
sonalkredit von 224 bis 3 Milliarden findet ihre Aufklärung in
dieser Berechnung. Bei einem „Schließen der Schere“ kann sich
der Verlust wohl verringern, kann aber nicht aus der Welt ge—
schafft werden. Hinzu kommt die Umsaätzsteuerfreiheit der einge⸗
führten Lebensmiltel, die nicht nur für die Landwirtschaft selbst,
sondern auch die mit ihr verwandten Industriegewerbe, Müllere
u. a., in schwerster Weise geführdel haben und gefährden. Der
Landwirtschaft wird nun der Vorschlag gemacht, für die Umsatz—
steuerbefreiung einzutreten. Dieser Vorschlag klingt gewiß sehr
verlockend, er muß aber reine Theorie bleiben, weil anders das
Reich wie die Länder ihre Etats nicht ausbalancieren können —
fordert doch das Dawesgutachten 1,2 Milliarden allein aus in—
direkten Steuern.

Zu 4. Die Siteigerung des Bodenpreises ist nicht auf Schutzzoll

zurückzuführen.
Die Zollschutzära seit 1880 wird als „Wucher und leichter
überverdienst der Landwirkschaft“ hingestellt. Wenn dem so
wäre, dann hätte die Landwirtschaft es nicht nolwendig gehabt,
seit dem Jahre 1885 sich mit 11 Milliarden Mark Hypotheken neu
zu verschulden. Diese Verschuldung wird aber von zoilgegnerischer
Seite nicht als eine Verschuldung zu Produktionszwecken hinge—
stellt, sondern als „eine Verpfändung der Rente“, die durch die
Zölle gegeben wurde. Diese Deduktion ist vollkommen abwegig,
denn die Landwirtschaft hat, um die vorn aufgeführte Produf—
tionssteigerung zu leisten, sehr starke Kapitalinvestitionen vor—
genommen. Allein der Gebäudewert hat sich in den letzten 40
Jahren am einstigen Geldwert gemessen mehr als verdoppelt,
13
        <pb n="15" />
        d. h. er ist je Hektar um 400—800 AM gestiegen. Der übrige In—
ventarwert hat sich nach Warmbold um 240 4 je Hektar erhöht;
die Düngeranwendung ist seit 50 Jahren verzehnfacht. Hinzu
kommt die Verbesserung der Böden durch Entwässerung, Bauten
von Kunststraßen und unzählige andere kostspielige Maßnahmen,
die hier aufzuführen zu weit fuͤhren würde. Nach Damaschke soll
sich der Verkaufspreis von Grundftücken in den letzten drei Jahr—
zehnten verdoppelt haben. Andererseits aber gibt Damaschke
selbst zu, daß die Aufwendungen für Verbesserungen erstattet
werden sollen? Es ist eine altbekannte Tatsache, daß beim Ver—
kauf von Grundstücken im Frieden oft genug nicht einmal der
effektive Gebäudeversicherungsbetrag erzielt wurde. Die In—
vestitionen betrugen eben zumeist ganz erheblich mehr, als die Zu—
nahme des Grundstückswertes ausmacht. Es ist also weder von
einem Wucher mit den Produklen, noch mit dem Grundflück die
Rede. Die Zölle waren notwendig, um die Landwirtschaft nicht
wie in England, das seine einst blühende Landwirtschaft preisgab,
zu vernichten. Und wie einst, so ist es auch heule. Der relative
Schutzzoll ist Voraussetzung für das Bestehen der Landwirtschaft.
Wenñ der Zollschutz die Trägheit fördern würde, dann hätten
weder die vermehrte Produktion, noch die Neuverschuldung statt—
gefunden.

Genaueste Ausbalancierung der Zollhöhe ist unmöglich, zu—
mal die Landwirtschaft zuviel verschiedene Produkte erzeugt. Die
Erfahrung lehrt, daß die Preise für die verschiedenen Erzeugnisse
wechseln und sich ausgleichen müssen. Schließlich müssen gewisse
mögliche Verdienste eines Jahres verlustbringende Jahre decken.
Aber gesetzt den Fall, daß die Rente in der Landwirtschaft sich
anstatt auf 3 Prozent auf ein geringes mehr stellen sollte, so wird
die Landwirtschaft diese wie bisher zu Investitionen benutzen.
Zeiten des Aufstiegs der Landwirtschaft bringen den Boden be—
kanntlich zum kleinen Wirt und fördern die Siedlung, deren na—
türliche Entwicklung erstrebenswert ist. (Ab 1885 Abnahme des
großen Besitzes 2,22 Prozent, entsprechend Zunahme des bäuer—
sichen und kleinbäuerlichen Betriebes.)
Zu 5. Ernährung auf eigener Scholle ist möglich.

Im Jahre 1924 wurden eingeführt für 2,7 Milliarden Le—
bensmittel und solche Artikel, die der Lebensmitteleinfuhr zur
Laft geschrieben werden. Nach Professor Warmbold ist zur Er—
nährung des deutschen Volkes u. a. notwendig die Anwendung
von 500 000 Tonnen N. (Stickstoff), Im Frieden wurden ver—⸗
wandt auf derselben Reichsfläche 180 000 Tonnen. Diese Menge
ist im letzten Wirischaftsjahr verdoppell. Diese Zunahme ist auf
die ungeheure Aufklärungskätigkeit der landwirtschaftlichen Or—
ganisatijonen, den zunehmenden Einfluß der Versuchsringe zu—
rückzuführen. Noch nie wurden soviel Saatenmärkte durch die
Kreislandbünde in engster Zusammenarbeit mit den Kammern
abgehalten, wie dies in den letzten Jahren der Fall war. Die
Verwendung von Kunstdünger ist der beste Inder für die Inken—
siläl, wie jeder weiß, der überhaupt auch nur lose mit der Land—
        <pb n="16" />
        wirlschaft verbunden ist. Seine erhöhte Anwendung ist auch au
seinen billigen Preis zurückzuführen, da er allein von allen kand
wirtschaftlichen Betriebsmitteln auf dem Vorkriegsstande steht.
Die Stidstoffanwendung braucht nicht mehr wie in den lehten
drei Jahren verdoppeli zu werden, sondern es genügt eine 50
prozentige Steigerung gegenüber der Menge von 1924, um die
deulsche Bevölkerung mit den Hauptlebensmitkel versorgen und
damit die Einfuhr von Lebensmitein aller Art zwar nicht völlig
erübrigen, aber in stärkstem Maße vermindern und dadurch „De
visen sparen zu können“. der Fruchtstand dieses Jahres Follte
jedent Unvoreingenommenen vor Augen führen, wie die Land—
wirtschaft gearbeitet und wie sie sich durch Selbsthilfe vorwäris
gebracht hat. Und zu all dem hat sie seibst die Mittel heran
geschafft, indem sie nach dem völligen Währungszusammenbruch
die Rentenbank schuf uñd zu ihr 33 beilrug. Waͤre in Deutsch⸗
land alles so glänzend geglückt wie das Hilfswerk der Landwiri—
schaft, dann stande es in Deulschland heule wahrlich besser.

Hier sei anschließend gesagt, daß die Selbsternährung viel—
leicht schon in diesem Jahre in einem viel größeren Maße möglich
sein wird als im vergangenen.
Zu 6. Der geringen apitalentschuldung steht eine erhöhte Be⸗
lastung durch Zinsen und Steuern gegenüber.

Eine Entschuldung ist nicht eingetreten, im Gegenteil, die
Zinslasten sind heute wenigftens ebenso hoch, wie sie einst gewesen
sind. Hinzu kommt die Belastung durch Mehrsteuern. Dafür
folgende Zahlen:
Die Landwirtschaft war im Frieden mit 16 Milliarden Real—
kredit verschuldet. Nach den bisher vorliegenden Beschlüssen soll
die Landwirtschaft aufwerten:
Restkaufgelder mit 75 bis 100 Prozent; reine Hypotheken mit
25 Prozent, rückwirkend bis Juni 1922. Entgegen allen Be—
hauptungen hat die Landwirtschaft während und nach dem Kriege
die Hypothekenschulden nicht in starkem Maße zurückgezahlt. Wo—
her sollte ein Landwirt, der die Zwangswirischaftsgeseze befolgte,
die Gelder nehmen? Sehr wohl mögen solche Landwirte, die fich
nicht nach den Gesetzen richteten, Hnpotheken abgestoßen haben.
Sehr viele Landwirie aber waren gezwungen, sich mit Roggen-
pfandbriefen neu zu verschulden, um die Verluste durch die
Zwangswirtschaft decken zu könen. Für alle diese Vorgänge
fehlen genaue Statistiken, Es mag entgegenkommend ange—
nommen werden, daß der Hypotheken vor 1922 zurückgezahlt
sein mögen. Es verbleiben also 12 Milliarden. Von diesen 12
Milliarden soll nur 5 als Restkaufgelder — 4 Milliarden Marf
in Betracht kommen.
Bei 80 bis 100 Prozent Aufwertung — 3,5 Milliarden
Rest 8 Milliarden Hypotheken
aufgewertet zu 25 Prozent — 2,0
Sa. 8.5 Misarden
15
        <pb n="17" />
        zu 4 Progent Zinsen —
(ab 1927. Bis dahin steigend von 120
Mill.)
Schulden 1. 1. 24 3, Milliarden Roggen⸗
pfandbriefe zu 14 Prozent —
2 Milliarden diesjährige Betriebsverlufl-
kredite zu 13 Prozent (bis 17 Proz.!)
Milliarde neue Realkreditverschuldung
1924 zu 12 Prozent (tatsächlich höher) 60
Sa. Zinsen 6485 Millionen
Die Zinszahl im Frieden betrug von 16 Milliar⸗
den Verschuldung zu 4 Progent 640
mithin heite mehr 6 Millionen.

Zinsen 220 Millionen

Nach neuesten, jedoch nicht endgültig abgeschlossenen Ver—
schuldungsaufnahmen von 550 ländlichen Gemeinden soll die Ver⸗
schuldung jedoch nicht 100 Prozent, sondern 182 Prozent gegen—
über dem Vorkriegsstande betragen. Demgemäß wäre die Be—
rechnung noch äußerst niedrig. Hinzu kommt die Mehrsteuer
belastung, die je Morgen im Zurchschnitt 6,80 A beträgt, d. h.
bei einer Gesamtfläche von 120 Millionen Morgen

780 Millionen Mark
Die Gesamtbelastung beträgt mithin heute
645 780 - 1425

gegen vor dem Kriege 640
Bei einem Gesamtwert der Landwirtschaft von rund 40 Milliar⸗
den im Frieden betrug die Rente im Höchstfall 324 Prozent, also
1400 Millionen Mark. Werden also die Friedensverhältnisse zum
Vergleich herangezogen, so ist die einstige Friedensrente von den
heutigen höheren Lasten vollkommen aufgegzehrt.
Zu 7. Kredit ist nicht zu erhallen.
Billige Kredite sind überhaupt nicht, teure kaum zu haben.
Die Hoffnung, über die Rentenbank Kredit zu erhalten, ist durch
die geplante Verringerung des Kapitals von 500 auf 300 Mil⸗
lionen Mark gesunken. Die Rentenbank sollte durch die Gene—
ralverpfändung der deulschen Landwirtschafl im Ausland das
Vertrauen zur Kredithergabe erwirken, die Einlage sollte mit
achtfacher Höhe beliehen werden können. Im ganzen könnte also
die deutsche Landwirtschaft auf Grund der Rentenbank 2,4 Mil⸗
liarden Mark Grundkredite aufnehmen, statt 4 Milliarden, wie
dei einer Summe von 800 Millionen Mark Einlage moglich
gewesen wäre. Die Landwirtschaft muß in kürzester Frist die
Personalkreditverschuldung in Höhe von 2 Milliarden Mark zu⸗
rückzahlen. Deswegen ist sie gezwungen, Realkredite aufzu⸗
nehmen. Sie kann dies nur, wenn sie das Grundbuch bereinigt,
u. U. die aufgewerteten Hypotheken zurückzahlt. So bleibt ihr —
wenn überhaupt — nur eine geringe Moglichkeit für neue Real⸗
verschuldung übrig. Diese Kredite aber kosten im Mindestmaß,
untes Berükksichtigung aller Umstände, 12 Prozent, d. h. dreimal

2
        <pb n="18" />
        mehr, als sie im Frieden gekostet haben. Eine weitere Ver—
schuldung wäre nichts anderes als sträflicher Leichtsinn und des—
halb muß in erster Linie die Existenzmöglichkeit der Landwirt⸗
schaft überhaupt durch ausgleichende Gerechligkeit hergestelll
werden. Es ist ferner völlig ausgeschlossen, daß eiwa die Reichs⸗
bank auf Kosten der anderen Bevölkerung der Landwirtschaft
verbilligte Kredite in irgend erheblicherem Ausmaß zuweisen
iye Also auch dieser Ral ist dazu verurleiltl, reine Theorie
zu en.
Zu 8. Die Spanne Erzeuger — Kleinhandelspreis ist durch die
wirtschaftlichen Verhältnisse bedingt.
Gewiß haben sich viele Existenzen in den Handel einge—
schlichen, die nicht hineingehörten. Die letzte Entwickelung aber
hat viele solcher Existenzen ausgeschieden uͤd wird es weiter sun.
Aber auch der Handel hat, wie gerechterweise zugegeben werden
muß, schwer unter der Entwicklung gelitten. Sein Betriebs—
kapital ist verloren und niemand dent daran, ihm diese Betriebs—
mittel, die er im Betriebe arbeiten ließ, zu erstatten. Der Handel
ist auf teuren Kredit angewiesen und ist ebenfalls steuerlich un—
geheuer belastet. Zahlreich sind die Versuche, die auf dem Gebiet
der Verkürzung des Weges vom Erzeuger zum Verbraucher ge
macht sind. Am extremsten bestand dieser Zustand, als Staat
und Kommunen selbst mit Margarine, Kartoffeln u. a. m. han—
delten. Von einer Verbilligung war leider nichts zu merken, die
zum Teil schweren Verluste wurden durch Steuern gedeckt. Wenn
beim Handel die Belastung durch die Zwischenverdienste wirklich
so hoch wären, dann müßten doch z. B. die Konsumvereine das
Brot nicht um einen Pfennig, sondern um viele Pfennige je Pfund
billiger verkaufen können? Man sollte mit Verallgemeinerungen,
die lediglich einen Kampf aller gegen alle bedeuten, recht vor—
sichtig sein.

Zu 9. Der europäische Landwirt ist nicht mehr Urproduzent.

Diese Behauptung wird durch das Gesetz vom abnehmenden
Bodenertrag bewiesen. Geheimrat Sering betont den abnehmen—
den Bodenertrag und die dadurch bedingte Überlegenheit der Pro—
duktion in Übersee. Der Bodenertrag kann sich aber auf die
Dauer nur hallen, wenn dem Boden diejenigen Nährstoffe, die
ihm durch die Frucht entzogen sind, wiedergegeben werden. Ist
dies nicht der Fall, dann muß der Bodenoerkrag sinken. Wenn
dem Boden aber durch Kullkur und unstdünger mehr Rährstoffe
zugeführt werden, dann nimmt der Bodenerkrag zu. Schon ein
Erhalten derjenigen Erntemengen, die der Boden beĩ der In⸗
kulturnahme hergibt, kann also vereits als Herstellung von Ver⸗
edelungsproduften angesprochen werden. Denn wenn der Ertrag
gesteigert wird, haben wir es mit einem von Menschenarbeit her
gestellten Veredelungsprodukt zu tun und nicht mehr mit einem
Urprodukt, das gleichsam „ein Geschenk der Erde“ ist. Bei der
hohen Intensität, die die deutsche Landwirtschaft heute aufweist,
17
        <pb n="19" />
        bedeutet also der erzielte Ertrag eine ganz besonders hochstehende
veredelungsindustrie, an dem der nur dem Boden zu verdankende
Ertrag einen ebenso minimalen Anleil hat wie der reine Boden⸗
wert am Verkauispreis.
Zu 10. Auch der Arbeiter haf Vorlkeile von Schutzzöllen.
Nach Ashley sind die Löhne von 1870 bis 1912 in Prozent
von 100 auf 157 gestiegen, während Roggenbrot in der gleichen
Zeit von 100 auf 83 fiel. Daraus geht klar hervor, daß die
Löhne stark — übrigens mit vollem Kecht — relativ wie absolut
gestiegen sind. Der Rüben⸗ und Hackfruchtbau, der besonders
Dele Veute beansprucht, war es, der mit seiner Ausdehnung den
Arbeitermangel und damit die gestiegenen Löhne auf dem Lande
hervorrief. Die Zuckerproduktidn betrug im Jgahre 1880 24 Mil⸗
lionen Tonnen gegen 234 Millionen Tonnen 1913. Die Kar⸗
toffelproduktion betrug Io I9.466 000 Tonnen gegen 54,121,000
Thanen 1913. Daß Zu diesen Arbeiten sehr viele Arbeitskräfte
notwendig waren, und daß infolge des knappen Angebotes der
Arbeiter infolge Abwanderns in die Indusirie die Nachfrage und
damit die Löhne stiegen, ist selbstverständlich. Zugleich aber be⸗
deutet die schon im oͤrieden erfolgte Schlechterstellung der Land⸗
wirtschaft, die beklagenswerte Landflucht und damit die Kon—
lurteng der Landarbeiter auf dem industriellen Arbeitsmarkt
eine Erscheinung, die oft genug von Arbeiterführern zugegeben
worden ijt. Hesse⸗Conrad sagt in seinem „Grundriß der poli—
schen Hkonomie“ J, Seite 1207 daß „sich das Gehalt eines ordent⸗
lichen Profefsors am Wert des Roggens gemessen seit 1697 ver⸗
dreifacht, am Geld fast versechsfacht hat. Es kostete im Jahre
16697 der Roggen 4,559 AM, im Jahre 1892 aber 8,21 AM“. So er⸗
klärt sich auch die eingehend aufgestellte Behauptung, daß die
Produktion die Preise verbillige. Bei einem gleichen Verhältnis
zwischen Lohn⸗ und Produktenpreis hätte1 Zentner Roggen im
Jahre 1892 das Sechsfache — 26, und nicht 8,21 AM tosten
müssen. Wenn die Landwirtschaft jetzt nicht den relativen Schutz
erhült, den andere Berufsstände genießen, dann möge man mit
Aien Versuchen, die Landflucht zu bannen, getrost aufhören.
Es kann weder dem Unternehmer, noch dem Angestellten und
Arbeiter verdacht werden, wenn sie einem Berufsstand den
Rüucken kehren, der zum Untergang verurteilt ist. Dasselbe trat
trotz Desraelis Warnung im Jahre 1852 in England ein. Auch
damals „siegte die Politik der Kache“. Gern möchte England
heute seine dandwirischaft wieder in Gang bringen. Es bewil⸗
gt viele Millionen Suboentionen, es wird aber nicht gelingen,
in absehbarer Zeit die enguůsche Landwirlschaft wieder in Gang
ju bringen. Wohl kann eine Industrie in kurzem aus der Erde
gestampft oder umgestellt erden, micht aber ist dies bei der Land⸗
wirtschaft der Fall, wie nicht oft genug betont werden kann.
Auch der Industriearbeiler muß sich darüber klar sein, daß
sein Wohl und Wehe in erster Linie von dem Ergehen der
Landwirischaft abhängt. Dder Binnenmarkt hat entscheidende
Bedeutung“ für die Industrie. Der Hauptabnehmer auf
dem Binnenmarkt ist die Landwirtschaft. Ist sie nicht in der
1J
        <pb n="20" />
        Lage, Industrieprodukte abzunehmen, beginnt die Krise für fast
die gesamte Industrie, unter der Unternehmer und Arbeiter in
gleicher Weise leiden. Deutlich sind diese Wechselbeziehungen
aus den Krisenkurven von Wagemann zu erkennen, durch die
bewiesen wird, daß die Agrarkrise stels mit der Gesamtwiri—
schaftskrise zusammenfällt. Auch dafür ist Englands heutige
Wirtschaft ein schlagender Beweis. Auch England leidet wegen
der Industriealifierung der Welt unter Absätzstockung. Seine
Arbeitslosenziffer ist hoͤher als die deutsche — weil ihm nun die
einst preisgegebene Landwirtschaft als Abnehmer fehlt.

Zum Schluß sei darauf hingewiesen, daß jeder Betrag, der
heute an Einfuhr eingespart wird, eine Verbesserung der Wäh—
rung bedeutel. So entsteht für Währungstechniker die Frage;
Welchen Wert würde heule die deutsche Waͤhrung in der Weli
haben, wenn die Einfuhr von 2,7 Goldmilliarden im letzlen Jahre
nicht erfolgt wäre?

Gerade die blühende Wirtschaft des Reiches gab Deutschland einst
die hohe Bewertung seines Geldes in der Weit. Wäre die Bilanz
Deutschlands im Frieden nicht so günstig gewesen, dann hätte es
auch nicht einen so hohen Siand seiner Währung zu verzeichnen
gehabt. Eine weitere Belastung unserer Währuug unter den
heutigen Verhältnissen durch ein Nichtanspannen aller gegebenen
Faktoren der Arbeit würde nichts anderes als den Verfall un⸗
serer Währung mit allen nicht auszudenkenden Folgen für das
Balerland nach sich ziehen. Dann wird die geringe Spanne für
den Zoll sich nicht in wenigen Mark und Pfennigen se Einheit
ausdrücken, sondern es wird die Wiederholung der Billionen⸗
rechnung einireten. So wie die deuische Wirtschaft heute gestellt
ist, bedeutet jeder unnötig ausgegebene Pfennig eine schwere
Belastung für die Währung.

Die Krise der deutschen Landwirtschaft ist riesengroß. Schutz—
los steht die Landwirtschaft einer immer steigenden Welternte
gegenüber. Die Hauptbedrohung liegt in der Intensitätssteige
rung in Übersee und in Rußland. die Ernteschätzuugen über—
seseh die vorjährigen erheblich! Schon heute sind landwirt—
schaftliche Produͤkle neuer Ernte — Fruhkartoffeln, Wintergerste
T nur zu stark weichenden Preisen schwer abzuseßen. Der Ver—⸗
kauf muß aber wegen der siarken kurzfristigen Verschuldung
porgenommen werden. Der frühere Reinertraäg ist meist einem
Betriebsverlust gewichen. Eine Möoglichkeit, bisligen Kredit auf⸗
zunehmen, besteht nicht. Das deutsche Landvolk ist willens, die
nationalen und wirtschaftlichen Aufgaben zu erfüllen. Faft ist
das Ziel der Ernährung auf eigener Scholle erreicht. Doch wir
ß am Ende unserer Kraft. Es ist Pflicht des Slaates und des

olkes, schnell zu helfen/

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möglichen aber nicht in stärkerem Maße die Abschaffung von
espannen, wie so oft behauptet wird. Bestenfalls bringen sie
rch die schnellere Arbeitsleistung ein wenig erhöhte Ernten.
iserer Industrie heute im Hinblick auf die Hochschuͤtzzollpolitik
s Auslandes den Zoll zu nehmen, würde ein— noch größere
efährdung der Industrie bedeulen, als sie an sich schon vorhan—
n ist. Dieses Mittel anwenden, hieße nichts anderes, als den
Fkufel mit Beelzebub ausgutreiben.“ Bei einer weiteren Beschäfti⸗
Angslosigkeit der Industrie würden die Sozialabgaben in noch
w ndelhaftere Höhen anwachsen als bisher.
Die Produktionskosten sind in der ganzen Welt gestiegen,
en sich aber, wenn man fuͤr dieselben bezüglich der auslän—
Ichen Landwirtschaft die Friedenszahl 100 einseht, am eigent⸗
en Friedensgoldwert nicht gesteigert. Es haben sich somit
das Ausland Preisniveau und Produktionskosten nicht geün—
rt, sondern es hat eine Verschlechterung des Geldwertes stattge⸗
den. Die Basis ist also diefelbe geblieben. Es ist aber nicht
zusehen, weshalb sich die Preise bei freser Marktentwicklung,
esie bei der Landwirlschaft gegeben ist, nach dem höchsten, je—
iligen Produktionskoften in“ der Welt richten sollen? Diese
oretische Behauptung ift durch die praktische Entwicklung in
zähligen Fällen vollkommen widerlegt. Das billigst produůzie⸗
ide Land wird seine Ware zuerst auf dem Markte unterbringen,
r schlagendste Beweis dafür ist Ford in Amerika, der die Mo—
enpreise in der ganzen Welt üder den Haufen geworfen hat.
ses billigste Angebot wird die Preise drücken und erst, wenn
ses Angebot aufgenommen ist, wird das teurer produgierende
ud seine Forderungen durchsetzen, vorausgesetzt, daß — noch
darf vorhanden ist. Diese Entwickeiung ist ferner bewiesen durch
Angebot der Agrarprodukte in den sO er Jahren aus Übersee,
die damalige Agrarkrisis verursacht hat. Beweis ist ferner
Tatsache, daß der Rohrzucker die Zuckerpreise bis auf 7 je
atner, das heißt, weit unter die Produktionskosten des leurer
duzierenden Deutschlands heruntersetzte. Unsere stark vorbe—
ete Industrie hat aber auch heute mit ihren höheren Preisen
den reichlich versorgten Weltmarkt keinerlei Einfluß.

3. Bereilschaflszölle werden von allen Seiten als nicht

durchführbar abgelehnt!

Geheimrat Sering empfiehlt für den Fall, daß seine Voraus—⸗
en falsch seien, temporäre Zölle einzufuͤhren, die nur daunn ei—
en werden sollen, wenn und solange die Preife in Deutschland
er Selbstkosten fallen. Die temporären — gleitenden — Zölle
den sowohl von der Regierung als für Handelsvertragsver⸗
dlungen ungeeignet, vom Handel aber jedes Geschäft verhin⸗
id, abgelehnt. Sie würden unbedingt zu einer starken, unge⸗
den Spekulation besonders des UÜberseehandels führen. Zu—
wäre bei ihnen die mit dem Zollschutz uͤnbedingt notwendige
jelung des Einfuhrschein-Systems garnicht zu lösen. Über
x Frage ist in der Presse uͤnd in den Parlamenten so viel
handelt worden, daß ein nochmaliges näheres Eingehen sich
erübrigen dürfte. Die Landwirtschaft kann von ihrer For⸗
ing von Mindestzöllen auch für Vieh nicht abgehen.

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