34 Der gemäßigte Kapitalismus ist seiner Natur nach eine Übergangsform. Als Übergangsform und Entwicklungs stadium ist er wirklichkeits- und lebensfördernd, gleichwie ein Fieber zur Überwindung von Krankheitsstoffen führt; als Dauerform ist er utopisch, weil er nur auf dem Boden ständischer Bindung lebensfähig ist und nur von dem ererbten Schatze ständischer Bindungen zehren kann. Wenn der staatlich überwachte und beeinflußte Kapitalis mus rasch in neue körperschaftlich-ständische Gliederungen und Bindungen übergeht, wie sie den geistig veränderten Lebens zuständen der Gesellschaft entsprechen, dann gereicht er zum Segen, wenn nicht, so führt er zur Zerstörung. Nach der bisherigen Meinung wäre der „gemäßigte Ka pitalismus" als eine verkehrswirtschaftliche Wirtschaftsordnung im individualistischen Sinne zu begreifen und wäre da mit die geschichtliche Möglichkeit und Lebensfähigkeit individualistisch-atomistischer Wirtschaft bewiesen, in welcher der Einzelne auf eigene Faust wirtschaftete, wenn auch seine Wirtschaftshandlungen da und dort eingeschränkt, seine Freiheiten gemäßigt würden. Das heißt, der heutige Kapitalismus wäre geschichtlich verwirklichte, aber allerdings nicht zu völlig reiner Gestaltung gekommene indivividualistische Verkehrswirtschaft! —Wenn dies der Fall wäre, dann müßte es ja erreicht werden können, aus einem rein chaotischen, utopischen Wirtschaftsdurcheinander durch gewisse Ordnungen und Bindungen eine Gestalt, gleichsam aus dem Urgemenge, zu schaffen. Das Gegenteil ist der Fall. Der sog. „Kapita lismus" besteht niemals als solcher, sondern begrifflich wie geschichtlich ist er nur auf Grund einer Auflockerung vorhandener ständischer Gliederungen möglich, wie wir schon in einem anderen Zusammenhange (oben S. 9f.) feststellten. Er ist wohl in hohem Maße eine individualistisch-atomistische