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        <title>Tote und lebendige Wissenschaft</title>
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            <forname>Othmar</forname>
            <surname>Spann</surname>
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        ﻿Tote und lebendige
Wissenschaft

Abhandlungen zur Auseinandersetzung
mit Individualismus und Marxismus

von

Dr. Dthmar Spann

o. ö. Professor der Volkswirtschaftslehre und
Gesellschaftslehre an der Universität Wien

Zweite, stark vermehrte und durchgesehene Auflage

Bemühe Dich nicht um kleine
Dinge, denn Du bist zu Kleinem
nicht berufen. Meister Eckehart

Jena

Verlag von Gustav Fischer
        <pb n="6" />
        ﻿Grundzüge

einer Philosophie der Volkswirtschaft

Versuch einer Volkswirtschaftslehre auf philosophischem Grunde

Von

Rudolf Stolzmann

Professor und Ehrendoktor der Staatswissenschaft, Senatspräsident a. D.

Zweite, vervollständigte Auflage, mit einem Anhang:

Wescn und Ziele der Wirtschafsphilosophie

VIII, 221 u. 64 S. gr. 8°	1925	Rmk ll.—, geb. 12.50

Inhalt: Einleitung. — I. Allgemeiner Teil. l. Die Abgrenzung des wirt-
schaftsphilosophischen Feldes. 2. Die Philosophie ist srzial, zunächst eine Erkenntnistheorie.
3. Das Soziale in der Metaphysik. 4. Das Soziale in der Eihik. 5. Znsommenfassung.
6. Die Philosophie als Schlüssel zur sozialen Erkenntnis. 7. Individuum und Gesellschaft.

8.	Die Unterscheidung der natürlichen und der sozialen Kategorien in der Volkswirtschaft.

9.	Die Bedeutung der sozialen „Machtverhältnisse". — II. Die angewandte Wirt-
schaftsphilosophie. IO. Das Problem des Eigentums, il. Fortsetzung: Das Eigen-
tum in der Zukunft. 12. Das Arbeitsproblem. 13. Das Wesen des Kapitals 14. Die
Konkurrenz als Bindeglied zwischen Individual- und Sozialprinzip. 15/16. Das Verhält-
nis zwischen Kapital und Arbeit. 17 Die Wege der Versöhnung. 18. Die Anwendung
auf das Bereiligungsproblem. 19. Das Wertproblem. Der Wert „an sich".

Vom Standpunkt philosophischer Erkenntnis versucht dieses Werk in die Zusammen-
hänge volkswirtschaftlicher Grundlagen einzudringen. Sie unternimmt eine kritische Un-
tersuchung über den Empirismus, der sich bisher in allen drei Zweigen der Nationalöko-
nomie, in der Wirtschaftsgeschichte, in der Wirtschaftstheorie und in der Wirtichaftspoliiik
hervorgetan und alle philosophische und soziologische Allgemeinbetrachtung aus dem Gebiete
volkswirtschaftlicher Wissenschaft nach des Verfassers Meinung herausgebildet hat. Die
damit zusammenhängenden Erscheinungen, welche den Empirismus und Naturalismus
kennzeichnen, erfahren eine eingehende Begründung, die aus der Tiefe sozialphilosophischer
Würdigung, insonderheit aus den Ergebnissen einer allgemeinen Bolkswirtschaftsphilosophie
gewonnen wird.

Jahr bücher für Nationalökonomie, Bd. 68, H. 2: . . . Der durchgehende Ge-
danke ist, daß in der Gesellschaft das individuelle und das soziale Prinzip untrennbar als
Pol und Gegenpol verbunden sind, daß jede Einseitigkeit, die nur einen Pol im Auge
hat, zum Irrtum und zur praktischen Unmöglichkeit führen muß. Der im Privateigentum
verkörperte Egoismus kann sich den Forderungen der anderen gar nicht entziehen, da er der
anderen für seine Zwecke bedarf. . . . Das Buch ... ist anregend geschrieben und enthält
viele gute Gedanken, die zum weiteren Selbüdenken anregen. Paul Barth (Leipzig)

Literarisches Zentralblatt für Deutschland 1921, Nr. 38: ... Stolzmann
versucht ein „eigenes, in sich geschlossenes System der Volkswirtschaftsphilosophie". In
der Philoiophie überhaupt verankert, wird das Soziale in der Erkenntnistheorie, Meta-
physik, Ethik gesucht, und dann die philosophische Erkenntnis über das Verbältnis von
Individuum und Gesellschaft auf Eigentum. Konkurrenz, Arbeit, Kapital und Wert ange-
wandt. Es werden diese Haupibegriffe als „Ansicbbegriffe", d. h. „in ihrer überge-
schichtlichen allgemeinphilosophlschen Bedeutung" herausgearbeitet. Karl Eugen Nickel

Das Volk (Jena), 2. Juli 1921 : . . Das vorliegende Werk gehört zu den tiefst
schürfenden Arbeiten eines wirklich philosophischen Denkers, der zum
mindesten wieder die eigentlichen Kernprobleme der Wirtschaftstheorie „gründlich
erfaßt und aus dieser, in die Gründe dringenden Fragestellung heraus theoretisch zu lösen
sucht. Gerade jetzt, wo die Gemeinwirtschaft als zukünftige Form der Bolkswirtichait
im Werden ist, sollte das Buch von allen gelesen werden, die in dem Chaos der Gedanken
weder aus noch ein wissen. Es ist ein Bucki, das man als Sozialdemokrat nicht ohne
wertvolle Bereicherung durch neue Gesichtspunkte, wenn auch nicht ohne Widerspruch, aus
der Hand legt — eine „Streitschrift" im besten Sinne des Wortes.

l)r. Eberhard Zschimmer
        <pb n="7" />
        ﻿Tote und lebendige
Wissenschaft

Abhandlungen zur Auseinandersetzung
mit Individualismus und Marxismus

von

Ol-. Dchmar Spann

o. ö. Professor der Volkswirtschaftslehre und
Gesellschaftslehre an der Universität Wien

Zweite, stark vermehrte und durchgesehene Auflage

Bemühe Dich nicht um kleine
Dinge, denn Du bist zu Kleinem
nicht berufen. Meister Eckehart

Jena

Verlag von Gustav Fischer
1925
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        ﻿
        <pb n="9" />
        ﻿Georg von Below
zu eigen
        <pb n="10" />
        ﻿
        <pb n="11" />
        ﻿Inhaltsverzeichnis.

Seite

Vorwort zur ersten Auflage..................................VII

Vorwort zur zweiten Auflage................................. XI

Die vier Grundgestalten der Wirtschaft.

Einleitung................................................... 3

1.	Die reine Verkehrswirtschaft............................. 5

2.	Die durchgängige Planwirtschaft oder kommunistische Wirtschaft 19

3.	Die ständisch gebundene Wirtschaft...................... 26

4.	Die freigeregelte Wirtschaft oder der gemäßigte Kapitalismus .	32

5.	Geschichtlicher Rückblick............................... 36

6.	Das Verhältnis der vier Grundgestalten zueiander........ 43

Tausch und Preis

nach individualistischer und universalistischer Auffassung.
Einleitung.................................................. 49

1.	Der Begriff des Tausches................................ 50

2.	Einwände................................................ 60

3.	Der Begriff des Preises................................. 63

4.	Ursächlichkeit oder Gliedlichkeit?...................... 74

5.	Der Begriff der volkswirtschaftlichen	Verteilung........ 77

6.	Ist Preis oder Leistung das Erste?...................... 80

7.	Preis und Zurechnung.................................... 83

8.	Eigennutz und Wettbewerb................................ 85

Die Ausgliederungsordnung der Wirtschaft
und ihre Vorrangverhältnisse.

I.	Abschnitt: DasWesenderAusgliederung . . . .	93

II.	Abschnitt: Die Teilganzen derVolkswirtschaft

und ihre Dorrangverhältnisse............................ 96

1.	Gemeinsamkeitsreife ist vor Vorreife................ 98

2.	Vorreife ist vor Hervorbringungsreife...............100
        <pb n="12" />
        ﻿VI

Seite

3.	In der Vorreife ist Erfinden vor Lehren................101

4.	Gemeinsamkeitsreife ist vor Hervorbringungsreife .... 101

5.	Innerhalb der Hervorbringungsreife ist Marktreife vor Werk-
reife ........................................................ 103

6.	Innerhalb der Marktreife ist die Marktreife des Geldes vor

der Marktreife der Waren....................................104

7.	Innerhalb der Werkreife ist Kapitalreife vor der Reife der

Genußgüter..................................................108

8.	Innerhalb der nicht Kapitalgüter erzeugenden Werkreife ist

Genußreife vor Rohstoffreife................................109

III.	Abschnitt: Über den Stufenbau der Wirtschaft 110

1.	Wie sieht der Stufenbau der Wirtschaft aus und welchen

Stufenwert haben die Teilganzen in ihm?.....................111

A.	Allgemeine Erörterung der Frage........................111

B.	Vorläufiger Rückblick..................................120

C.	Erläuternde und zusätzliche Bemerkungen................122

a)	Die Stellung der Wirtschaftsverbände...............122

b)	Tausch.............................................125

c)	Abgeleitete Ganzheiten der Stufenleiter............128

2.	Welches sind die Vorrangverhältnisse im Stufenbau der

Wirtschaft?.................................................132

A.	Die Bedeutung einer allgemeinen Theorie des Vorranges

im Stufenbau............................................132

B.	Theorie	des Vorranges im Stufenbau....................133

a)	Die	Welt- und Volkswirtschaft......................135

b)	Die	Gebietswirtschaft..............................140

c)	Die	Verbandswirtschaft.............................141

d)	Der	Betrieb.......................................142

Zum Abschluß........................................................144

Bemerkungen zu Max Webers Soziologie.

Einleitung.......................................................149

1.	Methodologische Fragen..........................................150

2.	Wirtschaftslehre................................................159

3.	Die soziologischen Lehrstücke...................................160

4.	Die Religionssoziologie im	Besonderen...........................162

Sachverzeichnis..................................................168
        <pb n="13" />
        ﻿Vorwort zur ersten Auflage.

In mehreren größeren systematischen Schriften („Gesell-
schaftslehre", 1. Aufl., Berlin 19141), „Fundament der Volks-
wirtschaftslehre", Jena, 2. Aufl., 19212), „Der wahre Staat",
Lpz. 19213) fyabe ich versucht, der herkömmlichen indivi-
dualistischen und marxistischen Gesellschaftserklärung, die beide
materialistisch sind, eine universalistische gegenüber zu stellen,
die durchaus vom Geistigen in Gesellschaft und Wirtschaft
ausgeht. Die folgenden Ausführungen in Form zweier Ab-
handlungen dürfen als ein Nachwort zu diesen Büchern
betrachtet werden, das aber zugleich für sich selbständig be-
stehen möchte.

Die beiden Abhandlungen sind den Herzfragen der jetzigen
Gesellschaftswissenschaft gewidmet. Die erste über die Grund-
gestalten der Wirtschaft soll die Lehre von den Wirtschafts-
typen auf eine neue Grundlage stellen, indem sie die Frage
nach dem Wesen der Wirtschaft in ihrer baulichen (organisa-
torischen) Form allgemein gesellschaftswissenscbaftlich zu lösen
versucht; die andere über Tausch und Preis soll eine Grund-
frage der rein theoretischen Volkswirtschaftslehre beantworten.

Beide Untersuchungen gehen ganz und gar von einem
methodologischen Grundbegriffe aus: dem Begriffe der
Ganzheit.

x) Jetzt: 2. Aufl. Leipzig, Quelle L Meyer, 1923.

-) Jetzt: 3. Aufl. 1923.

3) Jetzt: 2. Aufl. 1923.
        <pb n="14" />
        ﻿Die Gesellschaft und alles, was in ihr enthalten ist (sohin
auch die Wirtschaft) ist ein Geistiges, kein Materielles. Als
Geistiges ist sie Ganzheit und nicht Summe oder Haufen
von getrennten Einzelheiten, daher nicht Mechanismus, nicht
Atomhaftes; daher auch nicht ein von mechanischen Gesetzen
der Ursächlichkeit Beherrschtes, sondern ein von den Gesetzen
der Gliederung, der zweckgültigen, teleologischen Ordnung
Beherrschtes.

Sind Wirtschaft und Gesellschaft nichts Außeres, Fremdes,
Stoffliches, liegt vielmehr in ihnen das Innere unserer eigenen
menschlichen Natur ausgebreitet vor uns, so ist jede gesell-
schaftswissenschaftliche Untersuchung ein Streifzug in den
objektiven Geist des Menschen, jede Gesellschaftswissenschaft
innere Mit-Wissenschaft der menschlichen Seele, des objekti-
vierten Geistigen, des objektivierten menschlichen Wesens. Geist
und Seele können nie als stückartig Zusammengesetztes, als
Häufung von Einzelnem begriffen werden, sondern Einssein, der
Blitz der Ganzheit ist nötig, um das Einzelne zu ergreifen.
Zum Gliede muß alles Einzelne durchaus werden, soll es
aus seinem Fürsichsein, aus seiner Getrenntheit und Nichtig-
keit erhoben und in das allein wahrhaft seiende Dasein der
Ganzheit umgeschaffen werden. Dies allein ist das Grund-
legende, ist die Ur-Aufgabe aller gesellschaftlichen Wissenschaft:
zu begreifen, was Ganzheit sei, und welcher vollkommene
Gegensatz bestehe zwischen jenem Verfahren, das aus einzelnen
Stücken ein (scheinbares) Ganzes zusammen-stellen und jenem
anderen, dem Ganzheit ein Erstes, das Erstwesentliche, Unab-
leitbare (Primäre), alle Einzelheit dagegen nur abgeleiteter,
gliedlicher Teil ist. Das erstere Verfahren ist Stückwerk im
buchstäblichen Sinne dieses Wortes und möchte sich dennoch
vermessen, die wahre lebendige Ganzheit des pulsierenden,
hervorbringenden Lebens zu erklären. Es ist das individuali-
stische, mechanistische, atomistische, ursächliche Verfahren und
        <pb n="15" />
        ﻿IX

ergibt eine entgeistigte, am Äußerlichen klebende, ursächliche,
nie ans Herz vordringende Wissenschaft. Das andere Verfahren
geht auf den Urquell zurück, das Ganze, und ist durchgeistigte,
innerlich mitwissende, einsichtige Wissenschaft.

Der Begriff der Ganzheit ist das echte Samenkorn lebendiger
Wissenschaft, der Begriff getrennter Einzelheit ist die Drachen-
saat der Irrlehre und zuletzt toter Wissenschaft.

Was im Besonderen das Lehrstück von Tausch und Preis
anbelangt, so ist bekannt, daß es in der überkommenen Wissen-
schaft der Volkswirtschaftslehre dem ganzen Lehrgebäude
durchaus die grundlegenden Begriffe liefert. Vom Tausch-
begriffe aus wird der jeweilige Wertbegriff erst zum Preis-
begriff verarbeitet, die Preisgesetze werden dann ihrerseits
wieder zu Grundgesetzen der Einkommensverteilung und der
Verteilung der Wirtschaftsmittel überhaupt weitergeführt,
indem Rente, Zins, Unternehmergewinn und Lohn als Sonder-
formen des Preises begriffen werden. Preis und Tausch sind,
so darf man sagen, das Reich der Mitte in unserer Wissenschaft.
Im Verhältnis zu ihnen sind alle anderen Begriffe nur Ab-
leitungen. Diese Erscheinung wird allgemein als eine schlecht-
hin gegebene Grundtatsache der volkswirtschaftlichen Theorie
hingenommen — denn sie besteht seit über 200 Jahren. Smith,
Ricardo, Marx und sogar die Schulen der Grenznutzenlehre
legen davon Zeugnis ab.

Ich habe in meinem „Fundament" eine andere Auffassung
zu entwickeln versucht, wonach der erste Grundbegriff der
Volkswirtschaftslehre nicht der Tausch, sondern die Leistung ist;
und Leistung ist nur als Glied einer Ganzheit faßbar. Diese
Auffassung muß für sich selbst sprechen; es kann nicht der Zweck
der vorliegenden kleinen Arbeit sein, sie neuerdings zu be-
gründen. Jedoch war in jenem Buche nicht der Ort, die
        <pb n="16" />
        ﻿-M

— X —

gegnerischen Gedanken über Tausch und Preis streitbar zu
untersuchen. Dies sott nunmehr geschehen. Der Gegner sott
selbst sprechen, seine entscheidenden Gedankengänge sotten ge-
hört, geprüft und mit den hier vertretenen Begriffen verglichen
werden. So sehr sonst die aufbauende Arbeit der bloß kämpfe-
rischen und verneinenden vorzuziehen ist, diesmal galt es,
den Gegner im eigenen Lager aufzusuchen, ihn auf seinem
ureigensten Gebiet zu schlagen. Tausch -und Preis sind nach
den Ergebnissen der vorliegenden Auseinandersetzung nicht die
Grundbegriffe der Volkswirtschaftslehre überhaupt, sondern
lediglich der individualistischen Volkswirtschafts-
lehre; Tausch und Preis sind ferner nicht Begriffe, die dem
Streit um Individualismus und Universalismus entrückt wären
(wie die unbewußt aufklärerische Art von heute glaubt), sondern
sie gerade stehen im Mittelpunkt dieses Streites, sie gerade
entscheiden darüber, welche Straße die Forschung geht. Nur
wenn Tausch und Preis individualistisch gefaßt werden, kann
eine in ihrem theoretischen Begriffsbau rndividualistische
Volkswirtschaftslehre entstehen (von „individualistisch" im
Sinne einer wirtschafts- politischen Einstellung ist hier
nicht die Rede), nur wenn sie universalistisch gefaßt werden,
eine universalistische. Dies sind die Sätze, die in der zweiten
Abhandlung verfochten werden. Sie schließt sich damit an
meine Wiener Antrittsrede „Vom Geist der Volkswirtschafts-
lehre" (Jena 1919) an, in der ich gezeigt habe, daß es nicht
eigentlich Eine Volkswirtschaftslehre, sondern deren zwei gibt,
die individualistische Volkswirtschaftslehre und die univer-
salistische Volkswirtschaftslehre. Das wird, wie ich hoffe,
hier, wo auf den Inhalt, nicht nur auf das methodologische
Bild der Begriffe eingegangen wird, von der stofflichen Seite
her so klar und offenbar, daß der bisherige vermittlerische
und beschwichtigende Widerspruch verstummt.
        <pb n="17" />
        ﻿XI

Auch wenn diese Schrift nichts erreichen sollte als die
Geister zu scheiden und von der überlieferten Flauheit in der
heutigen deutschen Wissenschaft zur Selbstbesinnung aufzu-
rufen, hat sie ihren Zweck erfüllt.

Wien, im Juli 1921.	Gthmar Spann.

Vorwort zur zweiten Auflage.

3u den zwei Aufsätzen der ersten Auflage dieses Buches
„Die vier Grundgestalten der Wirtschaft" und „Wert und
Preis nach individualistischer und universalistischer Auffassung"
kamen neu hinzu: Der Aufsatz über die „Ausgliederungsordnung
der Wirtschaft und ihre Vorrangverhältnisse" und die „Be-
merkungen über Mar Webers Soziologie".

Über den grundsätzlichen Standpunkt der beiden ersten
Abhandlungen gibt das Vorwort zur ersten Auflage Auskunft.
Mit Freude darf ich dazu noch die Abhandlung von W o l f -
gang Heller „Das Fundament der Volkswirtschaftslehre"
verzeichnen, der namentlich meine im zweiten Aufsatz über
Tausch und Preis niedergelegte Kritik grundsätzlich, wenn
auch mit Einschränkungen, anerkannte^).

Von den neuen Aufsätzen faßt jener über „Die Ausgliede-
rungsordnung der Wirtschaft" das Ganze meiner Lehre kurz
zusammen.

In verfahrenkundlicher Hinsicht zeigt er, wie die Unter-
scheidung der Teilganzen und Stufen nach dem bisher un-
bekannten und noch niemals planmäßig verwendeten Ver-
fahren des Vorranges durchzuführen und zu be-
stimmen ist; ein Verfahren, welches der individualistischen
Volkswirtschaftslehre allerdings unbekannt bleiben mußte, da

9 Jahrbücher für Nationalökonomie, Bd. 122, Jahrg. 1924, S. 577 ff.,
s. bes. S. 582 ff. u. 593.
        <pb n="18" />
        ﻿XII

sie notgedrungen nur mechanische Kausalität und äußerlich
beschreibende Induktion kennt. Der Begriff des Vorranges
gründet sich auf den uralten platonisch-aristotelischen Satz
„Das Ganze ist vor dem Teil". Wer diesen Satz nicht anerkennt
— oder richtiger: nicht begreift, denn er gehört zu jenen Sätzen,
die jeder annehmen muß, sobald er sie nur begreift — für den
ist Begriff wie Verfahren des Vorranges/allerdings ungültig.

Inhaltlich will der Aufsatz nebst einem Abrisse der ganz-
heitlichen Lehre namentlich gine neue Grundlegung der Wirt-
schaftspflege, der sog. Volkswirtschaftspolitik, geben, welche
über Listens Schutzzollehre hinausgeht. Dies, indem sie nicht
nur Zolltheorie ist, sondern ganz allgemein: erstens das
organische Verhältnis der Weltwirtschaft zur Volkswirtschaft,
ferner aber auch das der Volkswirtschaft zu ihren eigenen
Unterstufen — Gebiet, Verband, Betrieb, Haushalt, deren
Dasein bisher theoretisch in diesem Zusammenhange unbe-
kannt war — nach dem Verfahren des Vorranges und ganz-
heitlicher Zergliederung bestimmt. Es ist der Grundfehler der
Individualisten und Freihändler, vom Einzelnen unmittelbar
zum Weltverkehr überzugehen. Sie gleichen damit dem Manne,
der seinen eigenen Schatten überspringen will und denken
die Wirtschaft ohne jeden inneren Stufenbau, ohne wesenhafte
Gliederung überhaupt (was bei ihnen nur folgerichtig ist, da
sie in den Handlungen der Einzelnen als in wirtschaftlichen
Atomen, die ursprünglichen Bestandteile sehen). Es war aber
auch bisher ein Fehler aller organisch gerichteten Lehren, den
inneren Stufenbau der Volkswirtschaft zu übersehen, die Unter-
ganzheiten dieses Stufenbaus, die ja vom Oberganzen, der
Volkswirtschaft, ebensowenig verzehrt werden können wie die
Volkswirtschaft von der Weltwirtschaft, in ihrem Eigenleben
nicht planmäßig zu beachten und sie darum nicht ebenso der
Wirtschaftspflege zu empfehlen, wie das Gesamtganze der
Volkswirtschaft selbst.
        <pb n="19" />
        ﻿

— XIII —

Den Aufsatz über Mar Weber, der zuerst in der österreichi-
schen „Zeitschrift für Volkswirtschaft" (N. F., Bd. II, Jahrg.
1922) erschien, in erweiterter und sorgfältig durchgesehener
Fassung hier neu vorzulegen, hielt ich für eine schmerzliche Pflicht.
Wie meine vielen Besprechungen in verschiedenen Zeitschriften
bezeugen, ist es sonst meine Art nickt, abzuurteilen, ich lasse
weit lieber Werk und Mühe eines Verfassers gelten, als daß
ich ihm seine Mängel nachrechne. Aber Mar Weber war kein
gewöhnlicher Mann, sondern ein dämonischer, zersetzender Geist,
der in persönlichem Verkehr und persönlicher Wirkung eine
gefährliche Macht über die andern ausübte. Bei ihm war es
unbedingt geboten, die dunklen Seiten seines Schaffens heraus-
zuheben und der Gerechtigkeit ihre volle Schärfe zu geben.
Sein Ansehen wird auch heute noch von dunklen Mächten in
unserem armen, geistig sich selbst entfremdeten Deutschland
planmäßig wie instinktiv gepflegt, und darum ist es unerläßlich,
einmal die nackte Wahrheit über ihn zu sagen. Daß er öfters
an logischem deliritmi tremens litt — wie u. a. seine De-
finitionen jedem klar Denkenden zeigen (s. unten z. B. die
Definition des sozialen Handelns S. 154, der Macht und Herr-
schaft S. 160f., der Nation S. 162) — möchte noch dahin-
gehen, da ja auch sonst viel Unlogisches geschrieben und ernst
genommen wird; daß er aber als völlig a-metaphysischer Mensch
von religiösen und sittlichen Dingen sprach und weithin ge-
hört wurde, durfte in unserer innerlich erschütterten und ver-
worrenen Zeit nicht gleichgültig bleiben.

Dies sind die Gründe, warum ich mich zu einer öffentlichen
Kritik entschloß. Ich erlebte die Genugtuung, viel begeisterte
Anerkennung dafür zu finden, ja sie wurde als geradezu erlösend
bezeichnet. Wie viele unterirdische Feinde sie mir gemacht, ist
allerdings eine andere Frage. Aber es gibt Menschen, deren
Feindschaft uns zur Ehre gereicht.
        <pb n="20" />
        ﻿XIV

stljit diesem Buche möchte ich den Kampf gegen individua-
Mische, atomistische, psychologistische, marxistische und
andere tote Wissenschaft abschließen. Daß ich alle
meine Gegner überzeuge und die Toten zum Leben auferwecke,
kann ich mir nicht träumen lassen. Es liegt in der Natur der
Dinge, daß die Lehre von der Ganzheit der heutigen, allzu
handgreiflichen Art wissenschaftlicher Kärrner und Sophisten
unerreichbar bleibt. Wem, wie diesen, die Wirtschaft nur ein
armseliger Mechanismus ist, der durch blinde Naturgesetze
umgetrieben wird, wem sie nur die kümmerliche Sorge für
das Morgen ist, der weiß nichts davon, daß sie viel mehr als
das, daß sie ein Glied des Lebens ist. Die Ganzheit,
einmal erschlossen, leitet den Geist wie von selbst in der
Erkenntnis weiter. Kein Wunder, denn mit ihr ist das Zen-
trum, ist der Lebenskern der Dinge entriegelt, in dem alles
enthalten ist. Nur in ihrer Ganzheit sind die Dinge daheim;
nur aus der Ganzheit heraus werden die Dinge geschaffen
und sind sie selbst schaffend; nur in ihrem Geschaffenwerden
und ihrem Schaffen werden die Dinge erkannt; und darum
liegt nur im Erforschen der Ganzheit wahre, lebendige
Wissenschaft.

*

*

*

Ich habe diese Auflage Georg von Below gewid-
met, da ich zu ihm als zu einem Bundesgenossen im Kampfe
gegen Individualismus und Marxismus fast von Jugend an
aufblicke; und da er, der zugleich ein anerkannter Meister kriti-
scher Quellenarbeit und strengster Einzelforschung ist, mit
seiner ganzen Lebensarbeit von selbst den Vorwurf widerlegt,
daß Romantik und Idealismus, diese ewigen Leitsterne wesen-
hafter Wissenschaft, ins Unklare, Nebelhafte, ja Phantastische
        <pb n="21" />
        ﻿XV

führen müßten. In Georg von Below haben wir einen Meister
zu verehren, der die hingebende Treue für das Einzelne mit
dem Blick auf das Große zu vereinen weiß und die Kraft
für die Schau des Einzelnen schöpft aus dem romantischen
Drange nach dem Ganzen.

In der Lahn

bei Vordernberg in Steiermark, zu Ostern 1925.

Gthmar Spann.
        <pb n="22" />
        ﻿
        <pb n="23" />
        ﻿Die vier Grundgestalten der Wirtschaft.



£)■ Spann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Aufl.

1
        <pb n="24" />
        ﻿. r\ .
        <pb n="25" />
        ﻿

Sieht man sich nach Belehrung über die Grundgestalten
oder Organisationsformen der Wirtschaft um, so wird man
im gesamten theoretischen Schrifttum nichts darüber finden.
Der Streit um die Ordnung des Wirtschaftslebens wird heute
fast ausschließlich politisch geführt. Um das Wesen der
Wirtschaft, um das Wesen dessen, was geordnet und gestaltet
werden soll, wird dabei nicht viel gefragt. Denn einerseits
meint man, die Wirtschaft bestände aus so fügsamem Stoffe,
daß er sich ordnen lasse, wie man nur wünsche (z. B. sowohl
liberal wie kommunistisch); anderseits meint man, die Wissen-
schaft habe nur zu erforschen, was ist, nicht aber was sein soll.
Wie aber die Wirtschaft organisiert und gestaltet werden
solle, das, so sagt man, sei Sache der „Weltanschauung",
Sache der „subjektiven Awecksetzung", der „politischen Partei-
meinung". Seit die neukantische Cohenschule eine vollkommene
Trennung von Sein und Sollen in die Philosophie einführte,
seit Mar Weber und andere diese Trennung in die gesell-
schaftlichen Wissenscbaften übernahmen, war diese trostlose
Lehre immer mehr zum herrschenden Standpunkte geworden!

Je mehr man diese Sachlage überdenkt, um so mehr muß
man vor ihr erschrecken. War je eine Aeit so tief gesunken,
daß sie meinte, man könne wohl erkennen, was ist, — was
aber sein soll, sei Geschmacksache und der Willkür des
Einzelnen überlassen? Diese Lehre verschuldet auch bis
heute das völlige Fehlen der Frage nach der
wesensgemäßen, d. h. der besten Wirt-
schaftsgestalt in unserer Wissenschaft.

1*
        <pb n="26" />
        ﻿In Wahrheit ist es nicht schwer einzusehen und zu zeigen,
daß alles Sollen aus dem Sein erkannt wird, daß alles Sollen
ein Sacherfordernis des Seienden, nichts Sub-
jektives, nichts Willkürliches ifU). Die rechte Organisationsform
der Wirtschaft ist daher eindeutig bestimmt — durch das Wesen
der Sache selbst! Die richtige Ordnungsweise des Wirtschafts-
lebens ist diejenige, welche aus der Natur der Wirtschaft ent-
nommen ist.

Dennoch soll an dieser Stelle nicht mit einer weitaus-
holenden begrifflichen Untersuchung über das Wesen der Wirt-
schaft begonnen werden. Die wichtigste Erkenntnis darüber,
was Wirtschaft sei, wird sich gelegentlich der späteren Unter-
suchungen von selbst ergeben. An dieser Stelle sind unsere
entscheidenden Fragen diese:

Welche Grundgestalten, Organisationsformen oder Ver-
fassungstypen der Wirtschaft sind überhaupt denkbar?; und
welche Lebensfähigkeit haben sie?

Zur leichteren Verständlichkeit des Folgenden wird es
dienen, wenn wir unsere späteren Ergebnisse in Form von
Streitsätzen (Thesen) vorweg nehmen, damit der Leser von
Anbeginn wisse, worauf die Untersuchung abzielt.

1.	Es gibt vier Grundgestalten oder Organisationsformen
der Wirtschaft: Die reine Verkehrswirtschaft, auch freie Ver-
kehrswirtschaft oder reiner Kapitalismus genannt; die reine
Planwirtschaft, auch kollektive oder kommunistische Wirtschaft
genannt; die körperschaftliche oder ständisch gebundene Wirt-
schaft; die frei geregelte Wirtschaft, auch gemäßigter Kapita-
lismus genannt.

2.	Von diesen vier Grundgestalten ist die reine Verkehrs-
wirtschaft vollkommen utopisch, die kommunistische Wirtschaft
grundsätzlich utopisch, aber in gewissen Grenzfällen verwirk-

*) Den näheren Nachweis s. in meiner „Kategorienlehre", Jena
1924, S. 99 ff. und 326 ff.
        <pb n="27" />
        ﻿5



lichbar, die frei geregelte Wirtschaft vorübergehend geschichtlich
möglich und die ständisch gebundene Wirtschaft die eigentliche
und wesensgemäße, die einzig wahrhaft wirkliche Wirtschafts-
form. Kurz ausgedrückt läßt sich auch sagen: Von den ge-
nannten vier Wirtschaftsformen sind die ersten beiden utopisch,
die letzten beiden allein in der Wirklichkeit möglich, davon
jedoch nur die letzte dauernd und wahrhaft möglich.

3.	In der Geschichte gibt es keine Entwicklung von ur-
kommunistischen Zuständen durch immer weniger gebundene
hindurch zum Kapitalismus, dem schließlich wieder ein ge-
läuterter Kommunismus folgen würde, wie die Lehre Mar-
rens und annähernd auch die heute vorherrschende Lehre
23^0:61) behauptet; sondern nur ständisch gebundene Wirt-
schaft mit verhältnismäßig vorübergehenden Schwankungen
frei geregelter Wirtschaft. Der Wechsel dieser beiden Wirt-
schaftsformen ist nicht durch mechanische, dem Wirtschafts-
körper innewohnende „Naturgesetze" oder „Entwicklungs-
gesetze" bestimmt, sondern ist von den geistigen Bedingungen
abhängig, unter denen eine geschichtliche Wirtschaft jeweils
steht.

1.	Oie reine verkehrswirtschaft.

Der Begriff der rein individualistisch gedachten oder sog.
freien Verkehrswirtschaft beruht auf derjenigen Art, sich das
wirtschaftliche Geschehen vorzustellen, die wir Heutigen allein
zu üben gewohnt sind. Die äußere Erfahrung, so sagt etwa
diese Auffassung, zeigt uns überall zunächst nur einzelne Stücke
von wirtschaftlichen Dingen, insbesondere einzelne Handlungen
einzelner Wirtschafter. Aus ihnen ist die Wirtschaft zusammen-
gesetzt, zusammen-gestellt, gleichsam summiert, zusammen-ge-
stückelt! — Durch die individualistischen Klassiker der Volks-

*) Bücher, Entstehung der Volkswirtschaft, 11. Aufl. Tübingen 1919;
ders., Die Sozialisierung, 2. Aufl. Tübingen 1919.
        <pb n="28" />
        ﻿6

wirtschaftslehre ist diese an den handgreiflichen äußeren Augen-
schein anknüpfende Denkweise wissenschaftlich so ausgebildet
worden, daß wir uns die wirkliche Wirtschaft auf eine andere
als die angegebene summative, auf eine andere als grund-
sätzlich atomistisch-verkehrswirtschaftliche Art kaum noch vor-
stellen können! Wir pflegen heute im Grunde jeden Wirtschafts-
vorgang so zu denken, daß irgendein bestimmter Einzelner eine
wirtschaftliche Handlung von sich aus vornimmt und auf diese
Weise schließlich die Gesamtheit der Wirtschaft, die Volkswirt-
schaft, zusammengesetzt wird. Wir sehen z. B.: daß ein Ar-
beiter seine Arbeitsleistung anbietet oder an der Drehbank
eine Arbeitsleistung vollzieht, daß ein Unternehmer eine neue
Maschine einstellt, oder sein Erzeugnis anbietet; daß ferner
ein Börseaner gewisse Papiere kauft, um andere zu verkaufen —
lauter für sich dastehende „einzelne" Handlungen. Wir pflegen
uns dabei ferner jeden wirtschaftlichen Vorgang, jeden Tausch
wie jede Erzeugung als eine auf Selbstentschließung
der Einzelnen beruhende Handlung zu denken, die lediglich
dem Einzelnen selbst anheimgegeben ist.

Ich nenne dieses Merkmal unserer heutigen Vorstellung
vom Wirtschaften, daß nämlich die Handlungen auf der eigenen,
der subjektiven Entschließung und Tat des Einzelnen beruhen,
das Merkmal des individuellen Ursprungs der Wirtschaft.

Das zweite Grundmerkmal, das man bei jener Art, die
Wirtschaft vorzustellen, mitdenkt, nämlich: Das Zusammen-
treffen der Handlungen mehrerer Wirtschafter, wofür das
Wort „Verkehr" gebraucht zu werden pflegt, nenne ich das
Merkmal des Verkehrs. Im sog. „Verkehr" kommt das Merkmal
des individuellen Ursprungs der Wirtschaft erst zur Erscheinung.
Man stellt sich vor, daß die Wirtschaft aus Beiträgen der Ein-
zelnen zusammengesetzt wird, und daß also die Erscheinungs-
form dieser Zusammensetzung oder Zusammenlegung der Hand-
lungen der „Verkehr" sei.
        <pb n="29" />
        ﻿7

cp

3 Bibliothek |

Nun behaupte ich:	V^?,

Sowohl jener „individuelle Ursprung" der Wirtschäft,'^je
dieses „Zusammentreffen der Handlungen", dieser „Verkehr"

(ein Verkehr also, der durch Z u s a m m e n-setzung aus wirt-
schaftlichen Einzelhandlungen entstände) ist eine Täuschung;
beide Begriffsmerkmale sind falsch. Der Begriff einer reinen
oder „freien" „Verkehrswirtschaft", den sie begründen ist ein
Unbegriff.

Wenn diese unsere Behauptung richtig ist, so folgt daraus,
daß es reine Verkehrswirtschaft auch nirgends in der Welt
gegeben hat, noch geben kann, daß sie daher eine vollkommen
utopische Daseinsweise oder „Grundgestalt" der Wirtschaft ist.

Ich bemerke dazu, daß es, soziologisch gesehen, den
Einzelnen als solchen (d. h. als seinem Begriffe nach absoluten
Einzelnen) überhaupt nicht gibt, daß sein Begriff nur eine Ab-
straktion ist. Die Verkehrstheorie macht daber mit einem Be-
griffe Ernst, der schon auf dem weiteren Gebiete der Gesell-
schaft ungültig ist, für den daher auf dem engeren der Wirt-
schaft die Voraussetzung gänzlich fehlt*).

Wird der Einzelne, von dem die wirtschaftlichen Hand-
lungen ausgehen, folgerichtig als etwas ganz für sich Seiendes,
Selbsthaftes, Eigenes (Autarkes, Autonomes) gedacht, so steht
jeder für sich als ein Robinson da, der mit den anderen wirt-
schaftlich nichts zu tun hat; in diesem Falle (in welchem eigent-
lich ganz allein der Begriff des Einzelnen folgerichtig festge-
balten wird) entsteht überhaupt keinerlei Volkswirtschaft, keine
Arbeitsteilung, kein Verkehr. Jede Art von Gesamtwirtschaft
ist in diesem Falle unmöglich — es bleibt nur eine Welt von
Einsiedlern.

Wird aber der Begriff des Einzelnen wirtschaftlich nicht so
streng festgehalten, sondern der Einzelne auf solche Weise gedacht,

*) Dgl. dazu meine „Gesellschaftslehre", 2. Ausl., S. 175 ff., 113 ff.,
und „Der wahre Staat", 2. Ausl., 1923, § 14 u. 13.
        <pb n="30" />
        ﻿8

daß er infolge von Arbeitsteilung Dinge herstellt, die er gegen
andere eintauschen muß; und wird weiter der Einzelne wirk-
lich als auf sich selbst begründet und von außen her unbe-
schränkt (frei) gedacht — so entstünde wieder keine Volkswirt-
schaft, sondern, wenn man es genau bedenkt, ein ungestaltetes,
reibungsvolles Durcheinander, ein planloses Chaos. Ein Chaos
in zwiefachem Sinne:

1. Im Sinne eines gänzlich unordentlichen, ja schließlich
unmöglichen Ablaufes der Verkehrshandlungen. Bei voll-
kommener Freiheit des Einzelnen könnte nicht Recht noch
Sicherheit, nicht Borg noch Geld, nicht Vertrauen noch Ver-
trag bestehen, zumindest nicht in jenem Maße, als nötig ist,
um einen gedeihlichen Wirtschaftsgang zu sichern; die Men-
schen brauchen Recht, Sitte und Gesetz, Strafe, Sicherheit;
öffentliches Maß und Gewicht, Ordnung des Geldwesens,
Wirtschaftsmoral,Wirtschaftserziehung und tausend andere ähn-
liche Hilfen der Allgemeinheit, die uns „Staat",
„Gemeinde", „Verbände" usf. auf Schritt und Tritt zur
Verfügung stellen, und die jeder Handlung jedes Einzelnen vor-
gestaltend, geburtshelfend vorstehen, die bei jeder Wirtschafts-
handlung gleichsam unsichtbar mitwirken! Diese überindivi-
duellen allgemeinen Wirtschaftsmittel (Hilfen) haben die Eigen-
schaft, daß sie allgemein gebraucht werden müssen*). Um also
dieses Hindernis der Unsicherheit und des Mangels an solchen
gemeinsamen Wirtschaftsmitteln wegzuräumen, bedürfte
es schon planmäßiger Einschränkungen der Verkehrsfreiheit, be-
dürfte es schon des Zwanges (sei es durch Gesetz, sei es durch
Sitte und Herkommen), in jener ganz bestimmten Weise zu
wirtschaften, wie es Sicherheit, Vertragsrecht, Geldwesen usw.
usw. erfordern. Die betreffenden Regeln oder Hilfen der Ge-

*) Weiteres über diese gemeinsamen Wirtschaftsmittel, die ich als
„Kapital höherer Ordnung" näher bestimmt habe, s. „Funda-
ment", 3. Ausl., S. 101 ff., 159 ff., 177 ff.
        <pb n="31" />
        ﻿9

samtverbände „Staat", „Gemeinde" würden also schon bei
jeder wirtschaftlichen Verkehrshandlung mitsprechen, d i e
Gesamtheit wäre schon in jeder Handlung
der Einzelnen als Bestandteil mit dabei —
es wäre keine reine Verkehrswirtschaft der Einzelnen mehr!

2.	Sehen wir selbst von diesem Hindernis der Gefügelosig-
keit (gleichsam einer „Ablauflosigkeit") ab, das den Einzelnen
in seiner Vereinzeltheit wirtschaftlich als unmöglich zeigt, so
bleibt noch ein ganz anderes übrig: es entstünde ein Chaos
im Sachlichen, im Inhalte der Wirtschaft. Kein Mensch wüßte,
was er machen sollte, um entweder jene Güter, die er an-
gefertigt hat, und die vielleicht niemand will, an den Mann zu
bringen, oder um jene Güter zu erlangen, die er gern gegen seine
eigenen eintauschen möchte, die aber von niemand anderem
angefertigt wurden. Es würde sich nicht nur die Unfähigkeit
des Einzelnen, gliedhaft zu handeln, nicht nur die anarchi-
stische Unsicherheit und Reibung zeigen (die wir soeben unter 1.
besprachen), sondern noch dazu die inhaltliche Planlosigkeit,
das grenzenlose sachliche Durcheinander der Wirtschaft ent-
stehen. Man darf sich da nicht auf die verkehrswirtschaftlichen,
sog. kapitalistischen, Zeitalter der Geschichte berufen. Nicht
nur, daß es nirgends einen auch nur annähernd reinen, regel-
losen Kapitalismus gegeben hat: Man muß bedenken, daß die
sog. kapitalistischen Einbrüche in der Geschichte alle in wohl-
geordnete, nämlich in ständisch gebundene Wirtschaften erfolgten.
Diese Einbrüche waren von Jahr zu Jahr und von Jahrzehnt
zu Jahrzehnt schließlich nur geringe Abänderungen des Ge-
samtplanes der jeweiligen geschichtlich bestandenen Wirtschaft.
Nur schrittweise sind z. B. in der frühkapitalistischen Zeit neben
Zunft und Stadtwirtschaft die Fabriken hinzugekommen.
Und seit der Einführung der Gewerbefreiheit im neueren
Europa (wobei „Freiheit" durchaus nicht buchstäblich zu ver-
stehen !) sind gleichfalls nur schrittweise Fabriken, Eisenbahnen
        <pb n="32" />
        ﻿10

und Großbetriebe anderer Art an die Stelle der alten Gliede-
rungen getreten. Und selbst dieser größtenteils sehr langsame
Hergang hatte immer wieder Zustände fürchterlicher Un-
ordnung, Krisen, Wirtschaftszerstörungen großen Stils, zur
Folge. (Näheres darüber s. unten S. 34 f. und 41 f.)

Diesen Überlegungen gegenüber müssen all die herkömm-
lichen Redensarten von der „Selbstregulierung" der Verkehrs-
wirtschaft, z. B. durch Hinströmen des Kapitals zu dem Orte
des größten Gewinnes, durch Ausgleich infolge Wettbewerbs,
von der absichtslosen „Entstehung" des Geldes durch An-
nahme der absatzfähigsten Ware und ähnliche „automatische"
Vorgänge, verstummen. (Schon daß „Wettbewerb" als orga-
nisierende Kraft gefaßt werden muß, statt als reiner Ausfluß
der Selbstbestimmtheit des Individuums, zeigt den Wider-
spruch im Begriffe der Verkehrswirtschaft; darüber s. unten
am Ende der zweiten Abhandlung.) Die alten Klassiker waren
da Mch viel ehrlicher. Für sie war es geradezu eine „prä-
stabilierte Harmonie", ein unerklärliches Wunder, daß im
Ganzen etwas Geordnetes und Vernünftiges herauskomme,
wo jeder Einzelne nur tut, was er will. Heute getraut man
sich nicht mehr, dieses Wunder anzunehmen, behält aber die
Folgerungen, die die sog. Klassiker daraus zogen, bei!

Die angeführten allgemeinen Überlegungen genügen be-
reits, um die vollkommen utopische Natur der absoluten oder
reinen Verkehrswirtschaft klarzulegen. Wirtschaft-
licher „Verkehr" selbständig gedachterEin-
zelner zeigt sich als unmöglich.

Das Nachfolgende soll aber noch im Besonderen unsere Be-
hauptung beweisen.

Geht man nämlich ins Einzelne, so zeigt sich zuerst, daß der
individuelle Ursprung der wirtschaftlichen Handlungen eine
Täuschung ist. Die rein psychologische Seite der Sache: daß
der einzelne Arbeiter oder Unternehmer sich wirklich selber
        <pb n="33" />
        ﻿11

entschließen muß, daß also inr wirtschaftlichen Handeln psycho-
logisch etwas ganz Persönliches vor sich gehe, geben wir billig
zu; aber was will das besagen? Es besagt gar nichts, weil es
keine wirtschaftliche, sondern eine psychologische Erscheinung ist.
Diese psychologische Erscheinung hat gar keinen wirtschaft-
lichen Charakter, sie ist wirtschaftlich ganz wesenlos! Wirt-
schaftlicher Natur ist lediglich die Frage: a) welche Be-
deutung die betreffende (sei es aus Selbstentschließung oder
aus Suggestion oder aus welchem Grunde immer entsprungene)
Handlung für das Ganze der jeweiligen Volkswirtschaft habe,
welche Stellung sie in diesem Ganzen einnehme; und b) auf
Grund welcher in der objektiven, in der überindividuellen
Wirtschaftslage gelegenen Prämissen sie geschah, anders gesagt:
In welchem Sinne die einzelne Handlung
als Glied der Ganzheit allesWirtschaftens
erscheine. Auf diese Gliedhaftigkeit des Handelns kommt
es einzig und allein an, denn von ihr allein erhält es seine
wirtschaftliche Wirklichkeit. Hierfür ein Beispiel.

Wenn jemand aus der Donau Wasser schöpfte und dieses
Wasser auf der Ringstraße in Wien, wo es niemand braucht,
feilböte, so wäre dies keine Wirtschaftshandlung, einfach des-
halb, weil sie sich in die Ganzheit von Erzeugung und Verbrauch,
in die Gesamtganzheit und Gesamtrangordnung aller wirt-
schaftlichen Handlungen, die Volkswirtschaft, überhaupt nicht
einfügen könnte. Ob diese Handlung durch Selbstentschließung
oder Suggestion, durch vernünftiges Denken oder Narrheit
bestimmt wurde, ist eine Frage, ,die wirtschaftlich keinen Sinn
hat; wirtschaftlich hat nur die Frage einen Sinn, ob sie eine
wirtschaftliche Handlung sei, ob sie sich in wirtschaftliche Ganz-
heiten jeweils eingliedere. Noch ein anderes Beispiel:
Wenn jemand eine Fabrik mit zehnmal so hohen Kosten, als
nötig ist, baut, so hat er nur zu x/10 gewirtschaftet, die anderen
9/io stnd für die Wirtschaft gar nicht da. Nicht die individuelle
        <pb n="34" />
        ﻿12

Handlung für sich, ebensowenig ihr Bezug in einem psycho-
logischen oder anderen Zusammenhang, ist irgend maßgebend,
ob und in welchem Sinne eine Handlung wirtschaftliche
Art erlange, sondern einzig und allein die Eingliederung
in die wirtschaftliche Ganzheit! Was jeder Handlung je-
weils vorgegeben ist, ist der überindividuelle Gliederbau
der Volks- und Weltwirtschaft, was ein subjektives Handeln
zum wirtschaftlichen macht, ist die Eingliederung in diesen
Bau, ist die Erlangung der Gliedhaftigkeit innerhalb des-
selben.

Damit sind wir aber zu dem wichtigsten Ergebnis ge-
langt: daß es die Frage des individuellen Ursprunges der
wirtschaftlichen Handlungen im rein wirtschaftlichen Denk-
bereiche gar nicht gibt. Von wem die Handlungen persönlich
herrühren, ist keine wirtschaftliche Frage, sondern eine geistige,
gesellschaftliche, psychologische, technische. Ob z. B. die Hand-
lungen von Personen oder von Automaten herkommen, ist
(außerhalb der wirtschaftlichen Eigenschaften, die da-
durch mitgebracht werden) keine wirtschaftliche Frage, ist im
rein wirtschaftlichen (allerdings nicht im sittlichen, religiösen,
geistig-gesellschaftlichen) Denkbereiche unstellbar; wie denn auch
in Wirklichkeit die Maschinenarbeit und die persönliche Arbeit
beide nur nach wirtschaftlichen Eigenschaften Wirtschaftsbestand-
teile sind — niemals nach psychologischen oder anderen Eigen-
schaften, die vorwirtschaftlicher, nachwirtschaftlicher, überwirt-
schaftlicher oder irgendwelcher anderer Art sind. Nur die
Eigenschaft, einem wirtschaftlichen Ganzen eingegliedert zu
sein (genauer ausgedrückt: als Mittel für Ziele einen be-
stimmten Rang in der Ganzheit von Mitteln einzunehmen),
macht eine Handlung zum Glied, und nur diese ihre Glied-
haftigkeit ist auch ihre wirtschaftliche Beschaffenheit. Der
individuelle Ursprung kann wirtschaftlich gar nicht zu Ende ge-
dacht werden, weil die wirtschaftliche Denkweise nur im sinn-
        <pb n="35" />
        ﻿13

vollen, im rangmäßigen Zusammenhange der Glieder, in ihrer
Teilnahme am Ganzen ihren Gegenstand hat.

So viel über das Merkmal des „individuellen Ursprunges".

Wie steht es nun weiterhin mit dem Merkmal des Ver-
kehrs? („Verkehr" im obigen individualistischen Sinne des
„Zusammentreffens" mehrerer Handlungen — ein Unbegriff,
wie wir sahen!) Welcher ist nach dem Bisherigen der wahre
Begriff von „Verkehr"? Im organischen Sinne ist nunmehr
Verkehr — nachdem das Individuum als Ursprung und Be-
dingung nicht in das Blickfeld der Betrachtung fällt — nicht
mehr das bloße Summenphänomen, das bloße Zusammen-
treffen mehrerer Handlungen, dessen Eigenschaften sich davon
herschrieben, wie die einzelnen Handlungen, welche eben gerade
zusammentreffen, beschaffen sind; vielmehr ist „Verkehr" aus
der Ganzheit abzuleiten. Die Verkehrserscheinung im uni-
versalistischen Sinne ist eine Erscheinungsform der Ganzheit;
diese ist es nunmehr, welche die einzelnen, angeblich nur „zusam-
mentreffenden" Handlungen als Glieder in sich aufnimmt.
Verkehr ist die nicht organisierte Form der Eingliederung
einzelner Handlungen in jeweils schon vorher gegebene, aber
in ihrer letzten Konkretion noch nicht ausgegliederte Ganzheiten,
damit allerdings zugleich eine Umgliederung dieser
Ganzheiten; oder, auf die kürzeste Formel gebracht: Ver-
kehr ist die freie Form des sich-Einglie-
derns in vorgegebene aber ihrer letzten
Verwirklichung nach nur virtuell beste-
hende Ganzheiten. Wie z. B. die Gattungsbegriffe
die einzelnen Erscheinungen in sich befassen, so der Verkehr
(die Ganzheitsform „Verkehr") die einzelnen Handlungen,
welche ihrer Natur nach schon vorher alle „verkehrshaft" finfc1).

Sehen wir doch daraufhin die Wirklichkeit einmal genau an.

*) Dgl. dazu unten die Darlegungen über den Tauschbegriff in der
zweiten und dritten Abhandlung.
        <pb n="36" />
        ﻿14

Getreide kommt auf den Markt und wird dort von Müllern
und Bäckern gekauft. Was geht hier vor sich? Nicht ein „Zu-
sammentreffen" von Müllern, Bäckern und Landwirten, die
frei nach ihrem Eigennutz handeln, bezeichnet das Wesen des
Vorganges. Das Wesentliche liegt vielmehr darin, daß inner-
halb der in Landwirtschaft, Müllerei und Bäckerei ausgeglie-
derten Volkswirtschaft die Erzeugnisse der Unterganzheit
„Landwirtschaft" in die nächsthöhere Unterganzheit „Müllerei"
(usf.) mittelst Kaufes und Verkaufes, des „Verkehrs", ein-
gegliedert wurden. — Noch ein anderes, scheinbar schwie-
rigstes Beispiel lehrt uns dasselbe.

Ein Börsentag kommt nicht zustande dadurch, daß jeder
kauft und verkauft, wie er gerade will — denn sonst
könnte ja auch das Spiel sinnloser Willkür, sonst könnte auch
eine wahre Narrenburg „Börse" heißen, vielmehr: Jeder
kauft und verkauft natürlich nach bestimmten Gründen und
Erwägungen. Aber nach welchen Erwägungen? Darnach
nämlich, wie er seine Handlungen in die
Vielheit wirtschaftlicher Ganzheiten ein-
füg e!,' in die Ganzheit z. B., die darin besteht, daß die Ware A
gebraucht wird (Absatz finden wird), daher zum Weiterverkauf
gekauft werden kann, daher der Börseaner seine Handlung in
die Ganzheit von Erzeugung, Handel und Verbrauch der
Ware A eingliedern kann, während die Ware B nicht gebraucht
und verlangt wird, daher in diese (absterbende) Ganzheit
ihres Verbrauches und ihrer Erzeugung keine Eingliederung
stattfindet. Gleicherweise hat jede wirtschaftliche Handlung,
sei es im Arbitrage-, Kost- oder einem noch so künstlichen Ge-
schäfte ihre wirtschaftliche Bestimmtheit nur dadurch, daß sie
sich in die betreffende Ganzheit aller Kaufkräfte, Erzeugungs-
kräfte, Vorräte, die sich um die betreffenden Waren herum
gruppieren, eingliedert. Die Tätigkeit gerade des
scheinbar willkürlichsten und freiesten
        <pb n="37" />
        ﻿15



Wirtschafters, des Spekulanten, besteht
grundsätzlich darin, die Erfordernisse der
bestehenden oder der kommenden wirtschaft-
lichen Ganzheiten zu erforschen und danach
zu handeln. Je umfassender er das Ganze überschaut,
desto besser „spekuliert" er, je kurzsichtiger, desto schlechter.

So ist der individuelle Ursprung der wirtschaftlichen Ele-
mente ebenso verschwunden wie der angeblich erst aus ihrem
Zusammentreffen entstehende „freie" Verkehr, und es be-
stätigt sich, was wir schon früher sahen, und nun nochmals kur;
zusammenfassen wollen:

1.	Jede Handlung erlangt nur insofern wirtschaftliche Wirk-
lichkeit, als sie Glied einer wirtschaftlichen Ganzheit wird;
sofern sie aber nicht Glied einer solchen werden kann, hat sie
überhaupt kein wirtschaftliches Dasein. Und die Handlung
des Einzelnen kann nur dadurch zur wirtschaftlichen Glied-
haftigkeit gelangen, daß sie ihre Prämissen aus dem jeweils
schon gegebenen Gliederbau der Wirtschaft hernimmt! (Siehe
oben S. 11 ff.)

2.	Der Verkehr ist nicht die Folge zusammentreffenden
Handelns der Einzelnen, sondern die Form, in der wirtschaft-
liche Ganzheiten auf nicht im voraus genau organisiertem
Wege ihre Wirklichkeit annehmen können. Der Inhalt des
Handelns kommt aus dem Ganzen; er vermittelt sich aller-
dings nur im Einzelnen.

3.	Aber auch die Tatsache, daß der Einzelne handelt, ge-
hört nicht ihm selber autark zu, sondern ist nur möglich durch
den Gebrauch gemeinsamer Wirtschaftsmittel („Kapital höherer
Ordnung", siehe oben S. 8f.), die gleichsam geburtshelferisch
dabei mitwirken.

4.	Eine „Verkehrswirtschaft" in dem Sinne, wie sie seit
den Klassikern gedacht wird, wonach individuell entsprungene
Wirtschaftshandlungen zusammenträfen, wonach mithin auf
        <pb n="38" />
        ﻿16

individualistische und a t o m i st i s ch e Weise (durch
individuelle, atomhafte Beiträge) die Gesamtwirtschaft der
Menschen entstände — gibt es gar nicht und kann es der Natur
der Dinge nach niemals geben. In diesem individualistisch-
atomistischen Sinne ist der Begriff der Verkehrswirtschaft gar
nicht zu Ende zu denken und eine reine Utopie. Dieser indivi-
dualistische Begriff der Verkehrswirtschaft kann methodologisch
lediglich die Bedeutung einer bedingten Unterstellung, eines
Gedankenversuches haben, niemals aber beanspruchen, auch
nur einen Zoll von wirtschaftlicher Wirklichkeit in sich zu befassen.

Noch entsteht aber die Frage, wieso der Einzelne an den
wirtschaftlichen Ganzheiten teilnehmen kann.

Darauf ist die bündige Antwort: Nur dadurch, daß er kein
Vereinzelter ist, daß er seine Einzelheit, seine Subjektivität
verliert und zum Gliede einer höheren Ganzheit, einer ge-
meinsamen geistigen Welt wird! Denn wodurch können denn
„Einzelne" überhaupt miteinander „verkehren", „wirtschaften"?
— nur insofern sie alle an der Ganzheit der Wirtschaft (Volks-
wirtschaft) schon von Natur und Anlage aus teilnehmen.
Die Durchführung dieser Teilnahme ge-
schieht aber durch zweierlei: Durch Gemein-
samkeit der Wirtschaftsziele, d. h. des Geistigen der Gesellschaft,
des Lebens überhaupt; und durch die daraus schließlich fol-
gende Gemeinsamkeit der Wirtschaftsmittel. Diese Gemein-
samkeit muß keine vollkommene, auf alle Einzelheiten durch-
gängig sich erstreckende sein, das wäre gar nicht möglich,
da es ganz gleiche Menschen nicht gibt; aber sie muß stets
wenigstens in den Grundzügen vorhanden sein. In diesen
Grundzügen aber bedeutet sie: daß die Gliedhaftigkeit des
Einzelnen im geistig-sittlichen Lebensganzen der Kultur schon
bestehen muß, ehe er in die Wirtschaft aktiv eintritt!
        <pb n="39" />
        ﻿17

Folgendes Beispiel wird dies klar machen. Zwei Menschen
kamen von verschiedenen Monden auf unsere Erde herunter.
Ausnahmslos alles, was jeder der beiden braucbt, seine
Nahrungsmittel, Kleidung, Wohnung usw., wäre für den
anderen Gift (etwa mit tödlichen Stoffen imprägniert). Diese
beiden Menschen könnten in keinerlei Wirtschaftsbeziehungen
miteinander treten, denn selbst die Grund- und Rohstoffe,
die sie etwa austauschen könnten, hätten schon die Eigenschaft
gegenseitiger absoluter Unbrauchbarkeit. Hier fehlt die Ge-
meinsamkeit der Ziele, der „Bedürfnisse", des Geistigen und
Sinnlich-Seelischen, dem die Wirtschaft dient, vollkommen,
daher auch die daraus folgende Gemeinsamkeit der Mittel für
jene Ziele. Gleichartigkeit der Ziele und der Mittel heißt aber:

1 Einer gleichen geistig-sinnlichen Welt, einer gleichen geistigen
Ganzheit angehören, heißt, eine geistige Gemeinschaft bilden!
Eine geistige Gemeinschaft bildend aber sind, wie die Gesell-
scbaftslehre lehrt, die Einzelnen nicht mehr Einzelne — sondern
schon Glieder einer Ganzheit; und nur indem sie Glieder
in der Ganzheit der Ziele sind, können sie auch Glieder der wirt-
schaftlichen Ganzheit werden, die nichts anderes ist als eine Ganz-
heit der Mittel für jene (geistigen) Ziele. Die Gemeinsamkeit
und Ganzheit der Mittel eben ist es, die einen objektiven
G l i e d e r b a u der Wirtscbaft ergibt. — Der Begriff des in sich
gegründeten Individuums fällt daher auch in dem Maße fort, als
Gemeinsamkeit der Ziele und Gemeinsamkeit der Mittel vor-
banden ist — allerwenigstens (um dies zu wiederholen) in den
Grundzügen, so daß doch die meisten Grund- und Rohstoffe
und auch Fertigerzeugnisse gleichermaßen gebraucht werden
können. Denn erst dadurch ist Gegenseitigkeit und das heißt
ja schon — Ganzheit möglich!

Ich habe dies in meinem „Fundament" näher dargelegt
und den Satz begründet: „Alle Verkehrswirtschaft ist zielverbun-
dcne Wirtschaft, ist nur nach Maßgabe der Zielgleichheit der

O. Spann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Aufl.	2
        <pb n="40" />
        ﻿Wirtschaft möglich" (1. Ausl., S. 157, jetzt 3. Aufl., S. 165).
Die zielverbundene, auf geistiger Gleichartigkeit beruhende Wirt-
schaft ist völkische Wirtschaft. Volkstum und indivi-
dualistische Verkehrs wirtschaft, völkische
Wirtschaft und freihändlerische, volkstumlos
gedachte Weltwirtschaft sind daher Gegensätze.

Wir sahen früher, indem wir unsere Frage rein kritisch be-
handelten, daß Menschen, die für sich gedacht werden, überhaupt
nie an einer Ganzheit teilnehmen können und nur wirtschaft-
liche Robinsone sind, daher von ihnen aus nie Verkehrswirt-
schaft entstehen kann; so begriffen wir den vollkommen uto-
pischen Charakter der Verkehrswirtschaft von der negativen
Seite her. Nunmehr aber, da wir das Wesen der Ganzheit
selbst entwickelten, wird unsere Denkaufgabe auch von der posi-
tiven Seite her klar. Nur dadurch, daß der Einzelne nicht ein
Individuum für sich ist, nur dadurch, daß er die Subjektivität
überwindet und an geistigen wie handelnden Ganzheiten teil-
nimmt, ist die nicht-robinsonadische Wirtschaft möglich. I n
dieser Teilnahme aber bleibt der Ein-
zelne nicht ein Einzelner, sondern wird
er zum Gliede, hebt er sich selbst als Eige-
nes, Einzelnes auf und läßt die Ganzheit
hervortreten, indem er die Einzelhaftig-
keit vernichtet.

Die individualistische Verkehrswirtschaft zeigt sich nun als
wahrer Unbegriff; sie macht eine Voraussetzung (den Ein-
zelnen), der sie durch das stillschweigende Denken des Ver-
kehrs als heimlicher Ganzheit selbst widerspricht. Macht man
mit jener Voraussetzung ernst, so kommt es zu gar keinem Ver-
kehr; macht man mit dieser heimlichen Annahme ernst, so ist
die Voraussetzung fallen gelassen und die Wirtschaft in Wahr-
heit als Ganzheit mit ihren Gliederungen, sohin als das
Gegenteil individualistischen Verkehrs, begriffen.
        <pb n="41" />
        ﻿19

2.	Die durchgängige Planwirtschaft oder kommunistische
Wirtschaft.

Unsere bisherigen Betrachtungen zeigten „Wirtschaft" nur
als überindividuellen Gliederbau, nur als Ganzheit wirklich.
„Ganzheit" — so sahen wir, und wir müssen es uns immer
wieder vollkommen klar machen — heißt aber nicht, daß
einzelne Stücke sich zusammenstellen, und nun durch solche
Zusammenstellung oder Aneinanderreibung auf atomistische
Weise das Ganze bilden. Nein! „Ganzheit" ist ein Geistiges
und schon darum keine Versammlung des Zerstreuten; Ganz-
heit ist ein Ausgegliedertes; und Ganzheit ist darum
ferner logisch früher da als die einzelnen Bestandteile, sie ist
die Idee, die Seele, die Lebenskraft, das Erste: Durch Ein-
gliederung in sie, durch Teilnahme an ihr, gleichsam als
Beseeltwerden, Geschaffenwerden des „Stückes" durch sie
(oder wie man es auch sonst ausdrücken möge) kann etwas
Glied davon werden.

Die Frage, wie etwas Glied des Ganzen werden kann,
ist die Schicksalsfrage der kommunistischen Wirtschaft. Das
anschaulichste Beispiel dafür bildet der Organismus. Ein ver-
letztes Organ kann man nicht dadurch ergänzen, daß man etwa
Stücke von Fleisch hineinstopft. Sondern das Fremde muß
erst zu Nahrung werden, die Nahrung muß erst durch' manche
Mittelstufen hindurch zu Blut werden, das Blut muß erst in
das Organ sich verwandeln, es in diesem übertragenen Sinne
„aufbauen", muß es in Wahrheit neu schäften, neu ausgliedern
— so nur kann das, was vorher außerhalb des Organismus
war, nun ein Gliedhaftes, ein wahrer Teil der Ganzheit werden.

Den Fehler, die individualistisch - verkehrswirtschaftliche
(mechanische, atomistische) Vorstellungsweise, welche das Ganze
nicht von der Ganzheit her ausgegliedert sein, sondern von
den Stücken aus zusammengesetzt werden läßt, auch auf

2*
        <pb n="42" />
        ﻿20

eine planmäßig gebaute Volkswirtschaft auszudehnen, macht
nun die allgemeine kommunistische Lehre, wie jede sonstige
besondere, hierher gehörige Art von „Planwirtschaft" (sei sie
nun nach Lenin, nach Ballod, Popper-Lynkeus oder anderen
tollkühnen Planern gedacht). Die kommunistische Lehre will
aber eine Ganzheit nicht nur schlechthin zusannnen-setzen,
sondern das noch dazu aus gleichen Stücken, aus gleichen
Atomen! Wenn der Kommunismus auch weder in der Ver-
teilung, noch in der Hervorbringung mathematisch genaue Gleich-
heit anstrebt und gewisse Unterschiede (wie Prämienlöhne usw.)
leicht walten lassen kann, in den Grundzügen muß doch
Gleichheit herrschen, sonst hat die ganze Planwirtschaft keinen
Sinn. Denn wenn Abstufungen und damit Abhängigkeiten
großen Stils wieder eingeführt würden, könnte man ebenso-
gut bei einer beliebigen anderen alten Wirtschaftsweise bleiben.
Ist in der Verteilung grundsätzlich Gleichheit nötig, so auch
in der Hervorbringung der Güter, d. h. in den Beiträgen
zur gesamten Hervorbringung. Gleicher Lohn heißt ja: die
Annahme, daß jeder ungefähr das Gleiche zur Gesamterzeugung
beigetragen habe. Daher muß notwendig alles ausgeglichen,
„planiert" werden, wie es denn auch in dem sog. Konzentra-
tions„gesetz" von Karl Marx am reinsten zum Ausdruck kommt.
Nach diesem werden überall die Tausende ganz verschiedener
Kleinbetriebe zu wenigen Riesenbetrieben mit innerlich gleichem
Gefüge zusammengezogen; eine einzige ungeheure Arbeiter-
armee, in der wieder jeder Einzelne gleichsam als wirtschaft-
licher Soldat ungefähr das Gleiche zählt, soll im Großgewerbe
und in der Landwirtschaft gebildet werden, um die Gesamt-
erzeugung auf einartige, technisch und wirtschaftlich gleiche
Weise zu erledigen.

Mit dieser riesenhaften „Konzentration" wäre folgender
Zustand erreicht: Es wird ein einziger Zentralpunkt der Volks-
wirtschaft geschaffen, die Oberleitung; die Gesamtheit aller
        <pb n="43" />
        ﻿21

Arbeitsmittel wird in einem Kranz von gleichen oder annähernd
gleichen Riesenbetrieben allergrößten Stils zusammengefaßt
und die gesamte nationale Arbeitskraft vereinigt sich in einer
einzigen Masse von diensttuenden und annähernd gleichviel
geltenden Fabrikmenschen. (Übrigens eine groteske Phantasie
schrankenloser Diktatur, wie wir sie ja auch in Rußland unter
Lenin und Trotzki beobachten konnten!) Diese Fabriksarmee
mag in sich nacb Ingenieuren, Werkführern, Betriebsleitern
und dgl. gegliedert sein — solche Gliederung ist ganz neben-
sächlich und unwesentlich, die ungeheuere Masse der Arbeits-
kräfte ist doch einartig; und ebenso ist wieder die ungeheuere
Masse der Maschinen und sonstigen Erzeugungsmittel in jedem
Betriebszweige einartig, weil jeder vollkommen „konzentriert"
ist, denn die frühere Vielartigkeit der Betriebsformen und
Betriebsgrößen von Riesen-, Groß-, Mittel-, Klein- und Allein-
betrieb, von Fabrik und Verlag, von privater, gesellschaftlicher,
genossenschaftlicher, zünftiger, gemeindlicher und staatlicher
Unternehmung, sowie die durch sie alle bedingte Vielartigkeit
der Techniken, der Kostenelemente und Kostenberechnungen, der
Rohstoffarten (Sorten), Warenarten, Erzeugnisse und was sonst
damit zusammenhängt — all dies ist notgedrungen ausgeschaltet,
muß auch schon deshalb ausgeschaltet werden, weil sonst die
Aufstellung eines Gesamtplanes der volkswirtschaftlichen Er-
zeugung wegen gänzlicher Unübersichtlichkeit ja offenkundig
unmöglich wäre.

Notwendig wird somit mittels der durchgängigen Plan-
mäßigkeit die Volkswirtschaft zuerst atomi-
siert und dann zentralisiert — s o wird
sie aber auch ihrer Natur als echter Ganz-
heit entkleidet, abgetötet und vollständig
utopisch. Es ist, wie wenn einem Menschen zuerst sämtliche
Knochen gebrochen und zu Gries zerrieben würden, um aus
diesem Knochensand ein neues Knochengerüst zusammenzu-
        <pb n="44" />
        ﻿22

pressen. Das ist nicht nur technisch, sondern dem Wesen nach,
ist innerlich unmöglich. Eine Ganzheit ist 1. niemals aus
gleichen Stücken (Atomen) zusammengesetzt und 2. über-
haupt niemals aus Stücken zu sa mm en-gesetzt. Nicht aus
gleichen Stücken, denn das Organische ist nicht homogen und
das Homogene ist nicht organisch; alles Ganzheitliche muß sich
immer differenzieren, d. h. es muß in verschiedene, in ungleiche
Teil-Ganze auseinandergehen;—nicht aus Stücken „zusammen-
gesetzt, da nicht die Stücke zuerst da sind, sondern die Ganz-
heit, die nach ihren Erfordernissen sich in Besonderungen, den
scheinbar selbständigen „Stücken", individualisiert, sich in sie aus-
gliedert! Das Organische besteht aus Gliedern, die notge-
drungen Verschiedenes sind, nicht aus einem Brei gleicher Be-
standstücke; nicht zusammen-gesetzt, sondern vielmehr aus-
einander-gegliedert ist die echte Ganzheit.

So nimmt sich die kommunistische Wirtschaft ihrem wahren
Gesicht nach aus. Sie ist kein echter Universalismus, keine
echte Ganzheitslehre, sondern ein wunderlicher Umweg des
Atomismus, des Individualismus über einen Schein-Universa-
lismus zu sich selbst zurück!

Versuchen wir nun umgekehrt, zu begreifen, warum vom
Standpunkt der Wirtschaft als echter Ganzheit, von dem Stand-
punkte aus, den wir „universalistisch", im Gegensatz zu „indi-
vidualistisch" nennen, durchgängige Planwirtschaft nicht mög-
lich ist?

Wenn man daran festhält, daß Wirtschaft eine Ganzheit,
nicht Einzelnes noch Stückwerk ist, so könnte man von einem
gewissen Standpunkte aus versucht sein, gerade so zu folgern,
wie es dem Gedanken der Planwirtschaft entspricht: Gibt es
nur Ganzheiten, dagegen für sich bestehende Stücke über-
haupt nicht, so ist jene dem Wesen der Wirtschaft angemessenste
        <pb n="45" />
        ﻿23

und somit lebensvollste Form die, das wirtschaftliche Ganze von
Anbeginn festzulegen und jedem einzelnen Mitgliede der Wirt-
schaftsgesellschaft seine Teilnahme an demselben genau vorzu-
schreiben (statt sie, wie in der „verkehrswirtschaftlichen" Or-
ganisationsform, der freiwilligen Eingliederung des Einzelnen
zu überlassen). In dieser Planwirtschaft gäbe es dann grund-
sätzlich keine einzige wirtschaftliche Handlung, keine Arbeits-
stunde, keinen Rohstoff, keine Maschine noch anderes Erzeugungs-
mittel, dessen Verwendung nicht genau vorgesehen und vor-
geschrieben wäre. — Sehen wir von dem Einwand, den wir
eben erörterten, ab, daß nämlich durch diese planmäßige Er-
fassung jedes einzelnen Wirtschaftsbestandteiles notwendig
Konzentration und damit vollkommene Atomisierung und Ab-
tötung dieser Bestandteile herbeigeführt werden müßte; son-
dern halten wir die Unterstellung, daß es sich um echte (ge-
gliederte, abgestufte) Ganzheit dabei handeln könnte, einmal
auftecht, so bemerken wir doch, daß diese Planwirtschaft gänz-
lich undurchführbar ist.

Der Grund liegt hier in der inneren Lebendigkeit der
Ganzheit selbst und in der inneren Vielfältigkeit des Geistigen,
auf dem sie ruht. Jene starr vereinheitlichte Ganzheit „Plan-
wirtschaft" setzt vollkommene Gemeinsamkeit aller Ziele,
alles Geistigen und Sinnlichen, dem die Wirtschaft dient,
und dadurch die darauf folgende vollkommene Gemeinsam-
keit der Mittel voraus. Überall dort, wo jene geistige Ziel-
gemeinsamkeit erreicht wird, zeigt uns die Geschichte in der
Tat gewisse kommunistische Wirtschaftskörper: In den Ur-
christengemeinden (wenn auch nur annähernd), in strengen,
auf vollkommen einheitlicher Lebensführung beruhenden Orden,
Brüderschaften, und ähnlichen ganz engen Kreisen, die über-
dies alle auf asketischem Grundsätze ruhen, alle die Wirtschaft
auf eine Nebensache herabsetzen! Die kommunistische
Wirtschaft ist also als Grenzfall derWirt-
        <pb n="46" />
        ﻿24

schüft dort möglich, wo im engen Kreise
innigste geistige Geineinschaft und Ziel-
gleichheit herrscht; sie ist für w eitere
Kreise, wo diese Voraussetzungen nicht
vorhanden sind, eine Utopie. Dies scheint schon
Pythagoras gewußt zu haben, indem er den Satz aufstellte:
xoivä rd tcöv (pilcov, „Unter Freunden ist alles gemein" —
nur unter Freunden, unter wahren, vollkommenen Freunden')!

An dieser Tatsache, daß die kommunistische Wirtschaft als
„Grenzfall" noch möglich ist, zeigt sich auf das deutlichste Wahr-
heit und Irrtum ihres Begriffes. Es zeigt sich:

1.	daß sie mehr Wahrheitsgehalt in sich schließt als der
individualistische Begriff der reinen Verkehrswirtschaft; denn
diese ist nicht einmal als Grenzfall möglich, sondern so wenig
zu Ende zu denken, wie auszuführen.

2.	daß sie aber der geschichtlichen Wirklichkeit nach dennoch
eine Utopie ist. Sie will eine Ganzheit sein; aber Ganzheit
muß organische Verschiedenheit haben, kann daher nicht jene
Gleichheit und Atomisierung in sich schließen, 'welche ihre kom-
munistische Konstruktion voraussetzen muß (denn man kann
solche Ganzheit nur konstruieren, die nötige planmäßige
Übersicht im voraus daher nur dann gewinnen, wenn man
die Atomisierung vornimmt). Macht aber die kommunistische
Wirtschaft mit der Verschiedenheit der Teile ernst, so ist ihr die
Ganzheit unerreichbar. Nur in dem Grenzfalle der zielgleichen,
asketischen Wirtschaft, im engsten Kreise der „Freunde", ergibt
jene annähernde Atomisierung wie diese minimale Differen-
zierung eine lebensfähige, annähernd kommunistische Wirt-
schaft; selbst diese besteht trotz unerhörter Gesinnungsgleichheit
nur durch einförmigsten Zwang, durch lebenslange Selbst-
beherrschung (Gelübde, Ordensregel!).

*) Näheres darüber in meinem „Wahren Staat", 2. Aufl., Leipzig
1923, S. 58 ff., 201 ff., insbesondere 238 ff.
        <pb n="47" />
        ﻿25

Von beiden Richtungen aus gesehen, verfehlt die kommu-
nistische Fügung der Wirtschaft mit unausweichlicher Not-
wendigkeit ihr Ziel.

Von der gewonnenen Einsicht aus ist die oben (S. 22 f.)
begonnene Überlegung leicht zu Ende zu führen. Unterstellen
wir einmal, es könne die durch Planwirtschaft entworfene Ganz-
heit eine echte Ganzheit sein, so fehlt es daran: Eine lebendige
lebensfähige Ganzheit zu entwerfen, die unendliche Gliederung
jedes wirklichen Lebens in seine Teilganzen (Organe) und deren
Gliederung wieder in ihre Unterganzen und inneren Glieder
und unendlich differenzierten Bestandteile anschaulich zu er-
kennen. Ja selbst wenn es gelänge, eine solche unendlich ge-
gliederte Ganzheit wirklich zu entwerfen, was aber die mensch-
liche Anschauungskraft übersteigt, so wäre diese absolut unfähig,
die unaufhörlichen, reichen Änderungen, Schwankungen, Ent-
wicklungen des Lebens mitzuveranschlagen. Hierfür ein Bei-
spiel: Wenn es z. B. gelänge, die Mehlerzeugung, die sich in
Dampfmühlen für den Weltmarkt und den inneren Groß-
markt, in mittlere und kleine Mühlen für die mittleren und
kleinen Jnnenmärkte wie den eigenen Bedarf der Bauern, teilt,
so zu gliedern, daß wirtschaftlich lebensfähige Kostenberech-
nungen und Gebilde herauskämen, so bleibt doch noch die Auf-
gabe gänzlich unlösbar: wie bei dem verschiedenen Ausfall der
Ernten (und das wieder in den verschiedenen Tälern und
Gauen des eigenen Landes und in den Weltmarktländern)
nun Arbeit, Maschinen und Kostenelemente je nach den ge-
änderten Bedingungen verwendet werden sollten. Was soll
aber erst geschehen, wenn die Rangstellungen der Güter sich
infolge veränderter Einschätzung der Diele (z. B. der Alkohol-
genuß bei veränderter physiologischer Einschätzung) ändern? —
Diese Beispiele zeigen auch die grundsätzliche Unmöglichkeit
        <pb n="48" />
        ﻿26

richtiger Wirtschaftsrechnung und Wirtschaftsführung, richtiger
Bewertung und Verwendung der Güter in der Planwirtschaft,
welche sich Marx kindlicherweise als ganz mechanische Arbeits-
stundenrechnung vorstellte. Eine richtige Einschätzung der Güter
in der kommunistischen Wirtschaft ist also deshalb nicht mög-
lich, weil die Erkenntnis der mannigfachen Nutzungen und
Leistungen all' der unzählig vielen und vielfältigen Er-
zeugungs- und Genußgüter im Gesamtgebäude der Volks-
wirtschaft die menschliche Anschauungskraft
übersteigt.

Wie immer man die kommunistische Wirtschaft ansieht, als
das, was sie ihrer innersten Natur nach ist: Nach individuali-
stisch-atomistischer Denkweise aus Beiträgen der Einzelnen zu-
sammengesetzt (wobei sie aber doch Awang brauchen muß);
oder als das, was sie zu sein vorgeben möchte, aber nicht ist:
Als aus echter Ganzheit heraus aufgebaut — stets zeigt sie
sich als Utopie. In dem einen Falle, weil sie nur eine fest-
gemachte individualistische Verkehrswirtschaft sein will und
darum ebenso unmöglich ist wie diese selbst; im anderen
Falle, weil sie eine allzu einfache, unendlich zu wenig ge-
gliederte Ganzheit darstellt, die nicht lebens- noch entwick-
lungsfähig wäre.

3.	Die körperschaftlich oder ständisch gebundene
Wirtschaft.

Mit der Betrachtung dieser Wirtschaftsform treten wir in
das Reich der Wirklichkeit ein. Die Geschichte ist voll von
körperschaftlich gebundenen, oder ähnlich organisierten Ord-
nungen, das will sagen, von im weitesten Sinne des Wortes
ständischen Wirtschaftsformen aller Art. Die Grund-
gestalt der körperschaftlichen oder ständischen Wirtschaft ist die
in Leben und Geschichte bedingungslos vorherrschende. Als
        <pb n="49" />
        ﻿27

die klassisch ausgeprägte Form ständischer Wirtschaftsgestal-
tung ist die mittelalterliche Zunft- und Stadtwirtschaft anzu-
sehen; aber auch die verschiedenen gutsherrlichen Wirtschafts-
formen der ftüheren und späteren Zeiten, ebenso die Kar-
telle, kartellähnlichen Gebilde aller Art, ferner die Gewerk-
s schäften und Genossenschaften der modernen Wirtschaft, ge-
l bören hierher.

Die ständisch gebundene Wirtschaft besteht darin, daß ge-
wisse wirtschaftliche Gruppen mehr oder weniger streng oder
l lose organisiert sind, wodurch die Gliederung der Gesamt-
wirtschaft eines Volkes in den wicbtigsten Wirtschaftszweigen
verhältnismäßig festgelegt wird, z. B. die Zunft und Gilde,
die sog. Hauswirtschaft; wobei aber ein bewegliches Verhältnis
nach dem Innern sowohl herrscht, z. B. durch Änderungen
von Technik, Einkauf und Verkauf im inneren Wirtschafts-
plan des Zunft- oder Gutsbetriebes; wie nach untenhin,
z. B. durch Änderung der Preise, Änderung der dem Ver-
braucher abgegebenen Mengen und Beschaffenheiten der Güter;
und endlich auch nach oben, nach den übergeordneten Ganz-
heiten hin.

Die Grundlage ständischer Wirtschaft ist: daß sie sich auf
Zielgemeinsamkeit im verhältnismäßig kleinen Kreise gründet;
daß sie sich aber auch in diesem kleinen Kreis wieder abstuft,
denn sie setzt in ihm nicht vollkommene Zielgleichheit voraus,
und bewirkt daher keinen Kommunismus im Innern, sondern,
indem sie, der Wahrheit gemäß, eine nur beziehungsweise Ziel-
gleichheit voraussetzt, eine nur lockere Genossen-
schaftlichkeit, eine auf gewisse Grundzüge beschränkte
Gemeinsamkeit der Mittel, also (wenn man schon dieses Wort
wählen will) einen auch im kleinen Kreise beschränkten und sehr
bedingten „Kommunismus". Daher kann man die ständische
Wirtschaft auch „genossenschaftliche Wirtschaft" nennen. — Der
Beruf aller wirtschaftlichen Körperschaft, Genossenschaft, Ver-
        <pb n="50" />
        ﻿28

bandes oder Standes im weitesten Sinne ist: die gliedhafte Zu-
sammenfassung von verhältnismäßig Gleichen; sowie die daraus
folgende verhältnismäßige „Gleichheit unter Gleichen". Wesent-
lich ist aber dabei (um dies abermals hervorzuheben), daß die
körperschaftlichen Verbände sowohl abgestufte, wie andererseits
innerhalb gewisser beweglicher Grenzen doch festgelegte Be-
ziehungen zueiander haben, wodurch diese Wirtschaftsform erst
ihren mehr hierarchischen, d. i. eben im weitesten Sinne des
Wortes ständischen, Charakter gewinnt.

Ständisch gebunden, so können wir zusammenfassend sagen,
ist im weiteren Sinne des Wortes jede Wirtschaft, die in ver-
hältnismäßig gleichartige, zunftähnliche oder in anderer Weise
verbandlich gestaltete Wirtschaftskreise gegliedert ist, in der
die Unterganzen im Innern enger gebunden und abgestuft,
nach oben hin aber loser gebunden sind. So sind die Zünfte
vor allem im Innern gebunden durch Zahl der Meister, Ge-
sellen, Vorschriften über Güte und Preis der Ware oder Be-
einflussung der Technik. Sie sind aber nicht in jeder Einzel-
heit gebunden (also in keinem Punkte feste „Planwirtschaft"),
sondern haben überall für Fleiß und Lohn, namentlich aber in
Bezug auf die Güte ihrer Erzeugnisse einen freien Spielraum.
Die Bindung nach außen hin ist noch beweglicher, indem jede
einzelne Zunft in der Gesamtheit aller Zünfte, bzw. im Ganzen
der Stadtwirtschaft, auf eine verhältnismäßig freie Auseinander-
setzung mit den anderen Zünften und stadtwirtschaftlichen Ge-
walten angewiesen ist. Das Gesamtganze der „Stadtwirtschaft"
ist dann wieder durch die noch beweglicheren Verbindungen
in gebietsmäßige und weltmarktmäßige Überganzheiten ein-
gefügt, wie sie durch Messen, Märkte, Fernhandel, gemeinsame
oder freie Rohstoffeinfuhr, Zölle, Stapelrechte usw. vermittelt
wurden.

Wie die zunftartigen, so sind auch die „hauswirtschaftlichen",
d. h. gutswirtschaftlichen, grundherrlichen Gebilde der Wirt-
        <pb n="51" />
        ﻿29

schüft als ständisch zu betrachten. Es ist falsch, irgendein Zeit-
alter der Geschichte so anzusehen, als hätte in ihm „g e -
s ch l o s s e n e" Hauswirtschaft (z. B. der Bauernhöfe, der
Fronhöfe oder der antiken Herrenhöfe mit Sklaven) je geherrscht
oder gar allein geherrscht. Das wäre wieder eine atomistischc
Vorstellungsweise! Man denkt sich in diesem Falle die Gesamt-
wirtschaft eines Volkes zwar nicht aus lauter Robinsonen,
aber aus lauter robinsonadisch abgeschlossenen Wirtschafts-
gebilden bestehend. Die Gesamtwirtschaft eines Volkes oder
Gebietes böte aber den Anblick einer Summe in sich ge-
schlossener (autarker) Wirtschaften. In Wahrheit darf man
die sog. „Hauswirtschaft" niemals, und sei sie noch so ureinfach,
als „geschlossen" ansehen — geschlossene Hauswirtschaften hat
es nicbt einmal im Steinzeitalter gegebenl1); ebensowenig
gibt es eine solche bei irgendeinem Naturvolk^). Die Haus-
wirtschaft ist gleich der Zunft im Innern verhältnismäßig ge-
bunden (organisiert), aber sie ist in der Lage, jede Veränderung
der Ziele und Mittel, z. B. bei Mißernten, Kriegen, Bevöl-
kerungsscbwankungen, durch selbst vorgenommenen, nach eigener
individualisierter Anpassung durchgeführten inneren Umbau
von Erzeugung und Verbrauch aufzuwiegen. Wie die Zunft
mit anderen Wirtschaftskörpern verbunden und in höhere
Wirtschaftsganzheiten strenger oder loser eingegliedert ist, so ist
auch die einzelne Hauswirtschaft, eben weil sie nie ganz geschlossen
ist, mit vielen anderen Wirtschaftskörpern verbunden und in
allgemeine Zusammenhänge freier oder genauer eingegliedert.
Die Verbindung der einzelnen Hauswirtscbaft mit Nachbar-
schaften (z. B. durch gemeinnachbarliche Arbeiten), mit der
Dorfschaft (z. B. durch gemeinsam bestellte Organe und ge-

*) Vgl. z. B. den Art. „Handel" im Reallexikon der germanischen
Altertumskunde, Straßburg, Trübner, 1915.

2) Dgl. z. B. Schmid, Ethnologische Volkswirtschaftslehre, Leipzig
1920, 1. Bd.
        <pb n="52" />
        ﻿30





meinsam durchgeführte Ordnungen aller Art), mit größeren
Gutswirtschaften (grundherrschaftliche, fronhofartige Verbin-
dungen), endlich mit dem politisch verbundenen Wirtschaftskreis
von Gau, Herzogtum, Territorium (z. B. schon durch Kriegs-,
Waffen- und Ausrüstungsbeisteuer, Steuer, aber auch durch
Fernhandel und Gütertausch) bedeutet der Wirtschaftsform
nach stets: daß nicht nur eine innere Organisation, sondern
auch eine Gliedhaftigkeit in übergeordneten, wirtschaftlichen
Ganzheiten und Gruppen besteht! Möge nun, wie gesagt, diese
Gliedhaftigkeit und Verbundenheit eine genauer festgelegte oder
eine unbestimmtere, möge sie eine herrschaftliche oder freiere
sein, stets bedeutet sie, daß die Unterganzheit der „Hauswirt-
schaft" in lebensvoller, anpassungsfähiger Weise dem Ge-
samtganzen. der Landschafts-, Volks- und
Weltwirtschaft eingegliedert ist.

Das von Schönberg, Bücher u. a. ausgemalte Phantom
einer „geschlossenen Hauswirtschaft" ohne Volkswirtschaft hat
nie existiert*).

Zusammenfassend ergibt sich:

Das Wappenzeichen jeder ständisch gebundenen Wirtschaft,
gründe sie sich nun auf Zunft- und Feudalverband oder bloß
auf vorwiegend feudale (grundherrschaftliche, „haus"wirt-
schaftliche) Gebilde, ist: gegliederte, in ihrem Verhältnis zu-
einander teils festgelegte, teils bewegliche Unterganze; durch
Selbstbestimmung im Innern freie Unterganze. — Durch diese
Bestimmungsstücke ist die ständische Wirtschaft von der Ver-
kehrswirtschaft sowohl wie von der Planwirtschaft grund-
sätzlich getrennt — aber dennoch hat die ständische Wirtschaft
sowohl ein Stück „Kommunismus" wie ein Stück „Verkehrs-
wirtschaft", gleichsam als logische Schichten oder Stufen, in
sich! Durch verhältnismäßige Zielgleichheit im Kreise der
Zunftgenossen, Hausgenossen, Gutsgenossen, Verbandsge-

*) Dgl. unten S. 38 f.
        <pb n="53" />
        ﻿31

nossen und darauf gegründete Genossenschaftlichkeit enthält sie
ein Stück echter, nichtutopischer, daher nur verhältnismäßig
„kommunistischer" Wirtschaft; durch Beweglichkeit, freie Aus-
einandersetzung der Glieder enthält sie ein Stück „freien Ver-
kehrs", aber nicht in dem utopischen Sinne zufällig zusammen-
treffender, selbstwüchsiger Wirtschaftsatome, sondern in dem
Sinne von Verkehr als Erscheinungsform und Verwirklichungs-
weise von Ganzheit. Die gemeinsame geistige Grundlage, auf
der sich die „ständische" Gliederung erhebt, verleiht ihr endlick
das Gepräge einer völkischen Wirtschaft.

Die ständisch-genossenschaftliche Wirtschaftsgestalt ist die-
jenige, welche allein dem Baugesetz echter Ganzheit vollkommen
entspricht. Wirtschaft erklärten wir ja ftüher als das Gebäude
von Mitteln für Ziele. „Gebäude" heißt aber, daß die Mittel
nur in bestimmter Rangfolge ihren jeweiligen Zielen gewidmet
würden, also in einer Hierarchie, als Glieder einer Ganzheit!
Die ständische Wirtschaft wahrt nun durch und durch diesen
Charakter von Ganzheit, weil sie nirgends aus Einzelnen,
Isolierten, sondern stets aus Unterganzen (Verbänden) besteht,
die Umfang und Wert von ihrer Rangstellung, ihrer Leistung
ableiten; sie zeigt vollkommene Mannigfaltigkeit der Glieder
wie der echte Organismus und ist daher zum Unterschied von
der Planwirtschaft vollkommen lebensfähig; sie erreicht dies
dadurch, daß die Verbände auf verhältnismäßige geistige
Gleichartigkeit ihrer Glieder begründet sind, und dabei dennoch
sowohl im Innern wie nach oben und unten hin gewisse Frei-
heiten haben und diejenigen Änderungen ihrer Lebensbe-
dingungen, die sich durch geistige, technische und stoffliche
Entwicklungen ergeben, durchführen und durchkämpfen können;
sie ist vor allem ferner aber dadurch lebensfähig, daß sie im
inneren Umkreise selbstbestimmend (autonom) ist, daß sie die-
        <pb n="54" />
        ﻿32

jenigen Dinge, die der Beteiligte allein übersehen und be-
urteilen kann, selbst entscheidet und daher den fort-
währenden inneren Umbau der Wirtschaft
in der Zelle selbst besorgt. Der Schuster urteilt
in seiner Zunft über Schusterangelegenheiten, die nur er ver-
steht, der chemische Erzeuger über chemische Angelegenheiten,
die nur ihm bekannt sind und mit seinem Wohl und Wehe
zusammenhängen. Die ständische Wirtschaft ist nach dem Grund-
sätze „Gleichheit unter Gleichen" gebaut und hat
damit demjenigen Baugesetz, das aus dem Wesen und der
Urkraft alles gesellschaftlichen Werdens, dem geistigen Leben,
entspringt, Genüge getan.

Dennoch wohnt auch der ständischen Wirtschaft eine ge-
wisse Gefahr inne, die Gefahr der Erstarrung ihrer Ordnungen.
Wenn jene oben geschilderte Beweglichkeit im Innern wie nach
außen hin so gehemmt wird, daß die wirtschaftlichen Tätigkeiten
mehr festgelegt werden, als der Entwicklung der geistig-
sittlichen Ziele, denen die Wirtschaft dient, nicht entspricht;
und wenn das geistig-sittliche Leben derart nachläßt, daß dauern-
der Organ-Eigennutz (Verbands-Eigennutz) die Eingliederung
nach oben und unten zerstört; dann geht die Beweglichkeit
der Ziele über die Beweglichkeit der Mittel hinaus, dann ob-
siegt das Mittel über das Ziel und es entsteht ein ähnliches Un-
vermögen der Wirtschaft, ihren Zielen zu dienen wie in der
Planwirtschaft. Die Folge ist eine Rebellion der geistigen Welt
gegen die Welt der Mittel, welche unzeitgemäße (nicht mehr
zielgemäße) Bindungen aufweist. Renaissance und Humanis-
mus mit ihrem Frühkapitalismus sind Beispiele dafür.

4.	Die frei geregelte wirtschaft oder der gemäßigte
Kapitalismus.

Es ist denkbar, daß die ständisch-genossenschaftlichen Bin-
dungen sich im Innern wie im Verhältnis zueinander so sehr
        <pb n="55" />
        ﻿33

lockern, daß nur noch die Grundzüge des Wirtschaften geregelt
und gebunden sind. Wenn, wie heutzutage, nur bestimmt
wird, innerhalb welcher Grenzen ein Arbeitsvertrag abge-
scblossen werden darf (Achtstundentag, Sonntagsruhe, Jugend-
lichenarbeit, Frauenarbeit, Versicherungspflicht), dieser aber
im übrigen frei ist; wenn ferner zwar Zollschutz, Frachten-
schutz, Verwaltungsschutz, Steuerschutz und ähnliche öffent-
liche Wirtschaftspflege geübt wird, innerhalb dieser Grenzen
aber der Verkehr nach außen wie im Innern frei ist — dann
sind wohl gewisse Grundzüge der Eingliederung einer Arbeits-
kraft in die Unternehmerbetriebe, wie der Eingliederung der
Unternehmungen in die Volkswirtschaft und Weltwirtschaft
geregelt, aber die Gestaltung und Anwendung im Einzelnen
bleibt ungegliedert und frei. Ebenso wenn bestimmt wird,
daß eine Fabrik unter gewissen Voraussetzungen (bauliche
Sicherheit, Nichtbeschädigung der Nachbarscbaft usf.) gebaut
werden darf, so sind wohl gewisse Grundzüge der Fabriks-
gründung geregelt, das große Ganze solcher Unternehmungen
aber frei („Gewerbefreiheit").

Wir nennen diesen Zustand zum Unterschiede von der stän-
disch gebundenen Wirtschaft die frei geregelte Wirtschaft; man
könnte ihn auch die locker gebundene Wirtschaft, die grund-
zügig geregelte Wirtschaft oder die bewegliche Bindung der
Wirtschaft nennen.

Diese Wirtschaftsgestalt ist diejenige, welche uns in der
Form von „Sozialpolitik", „Zollpolitik", „merkantilistischer
Politik" und anderer systematischer Wirtschaftsförderung
durch Staat und öffentliche Körperschaft als sog. ge-
mäßigter Kapitalismus" oder „regulierte Verkehrswirtschaft"
in der Geschichte entgegentritt. Wir sehen diese Wirtschaft
in den sog. kapitalistischen Zeitaltern der Geschichte immer wie-
der wirklich werden; und doch ist sie ihrem eigentlichen, innersten
Wesen nach eine utopische Wirtschaftsform. Warum?

O. Spann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Aufl.	3
        <pb n="56" />
        ﻿34

Der gemäßigte Kapitalismus ist seiner Natur nach eine
Übergangsform. Als Übergangsform und Entwicklungs-
stadium ist er wirklichkeits- und lebensfördernd, gleichwie ein
Fieber zur Überwindung von Krankheitsstoffen führt; als
Dauerform ist er utopisch, weil er nur auf dem Boden ständischer
Bindung lebensfähig ist und nur von dem ererbten Schatze
ständischer Bindungen zehren kann.

Wenn der staatlich überwachte und beeinflußte Kapitalis-
mus rasch in neue körperschaftlich-ständische Gliederungen und
Bindungen übergeht, wie sie den geistig veränderten Lebens-
zuständen der Gesellschaft entsprechen, dann gereicht er zum
Segen, wenn nicht, so führt er zur Zerstörung.

Nach der bisherigen Meinung wäre der „gemäßigte Ka-
pitalismus" als eine verkehrswirtschaftliche Wirtschaftsordnung
im individualistischen Sinne zu begreifen und wäre da-
mit die geschichtliche Möglichkeit und Lebensfähigkeit
individualistisch-atomistischer Wirtschaft bewiesen, in welcher
der Einzelne auf eigene Faust wirtschaftete, wenn
auch seine Wirtschaftshandlungen da und dort eingeschränkt,
seine Freiheiten gemäßigt würden. Das heißt, der heutige
Kapitalismus wäre geschichtlich verwirklichte, aber allerdings
nicht zu völlig reiner Gestaltung gekommene indivividualistische
Verkehrswirtschaft! —Wenn dies der Fall wäre, dann müßte
es ja erreicht werden können, aus einem rein chaotischen,
utopischen Wirtschaftsdurcheinander durch gewisse Ordnungen
und Bindungen eine Gestalt, gleichsam aus dem Urgemenge,
zu schaffen. Das Gegenteil ist der Fall. Der sog. „Kapita-
lismus" besteht niemals als solcher, sondern
begrifflich wie geschichtlich ist er nur auf
Grund einer Auflockerung vorhandener
ständischer Gliederungen möglich, wie wir schon
in einem anderen Zusammenhange (oben S. 9f.) feststellten.
Er ist wohl in hohem Maße eine individualistisch-atomistische
        <pb n="57" />
        ﻿35

Wirtschaftsform (wenn auch die Bestie niemals ganz entfesselt
ist) aber nur — zur Auflösung von Bindungen, nur als
eine Umschichtung, als eine Verflüssigung, der vorhandenen
Gliederungen! Die jeweilige „Freiheit der Einzelnen in ihren
wirtschaftlichen Handlungen ist geschichtlich immer nur dadurch
verwirklichbar gewesen, daß Angebot und Nachfrage, Verbrauch
und Erzeugung, Preise und Gewinn, Kapitalien, Arbeit und
Boden, Jnnenmarkt und Außenmarkt schon jeweils in bestimmter
überlieferter Gegliedcrtheit und Ganzheit vorbanden waren, und
daß nur durch schrittweise Änderungen — z. B. monopolistische
Manufakturgründungen außerhalb der Zunft im merkantili-
stischen Zeitalter — den, schließlich wieder nur bedingt freien,
Handlungen der Einzelnen überlassen wurden.

Selbst der sehr gemäßigte Kapitalismus bedeutet also
niemals, daß aus freien Handlungen Einzelner sich die Wirt-
schaft erst bilde. Er bedeutet jedoch allerdings eine verhältnis-
mäßig stürmische und wenig gebundene, darum auch krisen-
reiche Umwandlung wohlgeordneter Verhältnisse! Er ver-
bindet zwei ständische Perioden, er bildet eine Kurve aus zwei
Bogen und einem Umkehrungspunkt. Diese Umkehrung ge-
schieht, wie die Geschichte lehrt, nwhr unbewußt, aber kraft
innerer logischer Notwendigkeit der Wirtscbaft, die auf Gliede-
rung und Ganzheit, nicht auf Vereinzelung geht.

____________

Zum Schlüsse sei es erlaubt, unsere Zergliederung der vier
Grundgestalten der Wirtscbaft an einem Bilde zu verdeutlichen.
Es wäre dann — man erschrecke nicht — die individualistische
Verkehrswirtschaft einem Narrenbause zu vergleichen, wo jeder
nach eigenem Gutdünken herumflitzt und ängstlich das Seine
sucht; die kommunistische Wirtschaft einem Zuchthause, wo
jeder Einzelne gefesselt in seiner Zelle sitzt; die frei geregelte
Wirtschaft einem in voller Umbildung begriffenen Hauswesen,
wo durch den Tod des Hausvaters das Erbe geteilt wird; die
        <pb n="58" />
        ﻿36

ständisch gebundene Wirtschaft hingegen einem blühenden, wohl
bestellten, organisch gegliederten Hauswesen, wo Pflichten und
Rechte, Aufgaben und Freiheiten, Mühe und Lohn in schönem
Ebenmaße ausgeteilt sind.

5.	wirtschaftsgeschichtlicher Rückblick.

Die Beurteilung der Grundgestalten der Wirtschaft in der
bisher dargelegten Weise führt zu einer ganz anderen Ein-
stellung in der Wirtschaftsgeschichte, als sie bisher üblich ist.
Bisher herrscht die darwinistische und die marxistische Ein-
stellung in der Wirtschaftsgeschichte unbewußt vor. Die darwi-
nistische insofern, als in den früheren Zeitabschnitten der Ge-
schichte überall primitivere Verhältnisse gesehen werden, die
wir durch unsere moderne Entwicklung längst überholt hätten.
Die marxistische insofern, als in der Urzeit eine Art von kom-
munistischen Verhältnissen angenommen wird — z. B. die
Markgenossenschaft der Germanen, die aus lauter Gleichen be-
standen haben soll —welche langsam durch immer größere Durch-
brüche des Privateigentums zum Gipfel der bisherigen Ent-
wicklung, zum Kapitalismus, geführt hätten, auf den dann nach
Marx ein geläuterter Zukunfts-Kommunismus folgen würde.

Bücher hat, ganz diesem Darwinisch - Marrischen Geiste
gemäß, in seinem Werke „Entstehung der Volkswirtschaft"
(1. Ausl. 1893) die gesamte Wirtschaftsgeschichte nach der
Stufenfolge von „Hauswirtschaft, Stadtwirtschaft, Volkswirt-
schaft" erklären wollen (z. T. auf Gedanken von Schönberg
und Rodbertus gestützt)^). So sehr diese Stufenlehre von be-
deutenden Geschichtsforschern, besonders von Below^) und

*) Vgl. Plenge, Die Stammformen der vergleichenden Wirt-
schaftstheorie, Essen 1919, und Below, Probleme der Wirtschaftsgeschichte,
1920. S. 175 u. ö.

2)	Vgl. Probleme der Wirtschaftsgeschichte, Tübingen 1920. S. 143 ff.

u. ö.
        <pb n="59" />
        ﻿37

Eduard Meyers in entscheidenden Einzelheiten angegriffen
wurde, ist und bleibt sie dennoch typisch für den Geist unserer
ganzen heutigen Wirtschaftsgeschichte. Eduard Meyer hat zwar
gezeigt, daß kapitalistische Verkehrswirtschaft schon im Altertum
vorhanden war; Pöhlmann^) hat sozialistisch und kommu-
nistisch geartete Revolutionen schon im Altertum nachgewiesen
(wenn auch wohl allzu sehr mit modernen Augen gesehen);
v. Below^) hat die von Bücher gegebene Stufenfolge (mit
kritischen Vorbehalten) nur als Typenlehre, nicht aber als

I geschichtliche Reihe gelten lassen und damit einen sehr wich-
tigen Einwand gemacht; Sombart, Mar Weber u. a. haben
ihre Einwendungen vorgebracht — aber die Grundzüge des
Ganzen wurden zuletzt doch von allen Gegnern stehen gelassen;
Dopsch^) vielleicht am meisten hat, indem er die kommu-
nistische Art der germanischen Markgenossenschaft am entschie-
densten ablehnte, die Geschlossenheit der Hauswirtschaft (wie
schon v. Below) verneinte und für die Karolingerzeit eine
kapitalistische Welle annahm, an den Sinn der Bücherischen
Gesamtkonstruktion gerührt.

All dem gegenüber muß hervorgehoben werden, daß die
Bücherische Einteilung aber nicht nur als Stufenfolge, also
als geschichtliche Entwicklungslehre, unannehmbar ist; sondern
sie ist auch systematisch, sie ist auch als Typen-
lehre falsch. Dies sofern sie den „Weg des Produktes" (vom
Erzeuger bis zum Verbraucher) als Einteilungsgrund nimmt
und noch allgemeiner darum: weil sie von der Einzelwirtschaft
ausgeht! Denn einen Einteilungsgrund für die Wirtschafts-

*) Die wirtschaftliche Entwicklung des Altertums, Jena 1895.

2) Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in der an-
tiken Welt, 2. Ausl., München 1912, 2 Bde.

3)	Probleme der Wirtschaftsgeschichte, 1920, S. 171 ff., 192ff.

4)	Grundlagen der europäischen Kulturentwicklung, I, Wien 1918,
II, 1920.
        <pb n="60" />
        ﻿38

weise gibt entweder der Inhalt der Wirtschaft ab (Fischerei,
Gewerbe, Handel — so bei List); oder die Verfassungsform,
d. h. die Gliederungsform, die Art, wie sich Ganzheit in der
Verfassung einer Gesamtwirtschaft darstellt (z. B. ständische,
kommunistische Wirtschaft). Niemals kann aber die Einzel-
wirtschaft als solche — das Haus, die Unternehmung — den
Einteilungsgrund abgeben. Dieser kommt ja in den einzelnen
Wirtschaftsgebilden erst zur Erscheinung! Aber auch der ange-
nommene „Weg des Produktes" wird von Bücher insofern falsch
dargestellt, als die Wege in jeweils höheren Ganzheiten und Zu-
sammenhängen als dem Hause und Gutshofe, bzw. der Zunft,
verleugnet werden, wodurch eine gerade Stufenfolge, eine
geradlinige „Entwicklung" herauskommt, die es in Wahrheit
nie gab. Bücher ist der Handlanger Marrens und all' der
anderen Materialisten und Mechanisten.

Eine wahrhaft „geschlossene" Hauswirtschaft vor allem gibt
es, wie wir früher (S. 29) darlegten, grundsätzlich nicht. Dieser
Bücherische Hauptbegriff fällt schon von Anbeginn ins Wasser.
Was aber nun den Begriff einer „Hauswirtschaft" im all-
gemeinen anbelangt, so besteht auch dieser nur mit Einschrän-
kungen zu Recht. Woran Bücher bei der „Hauswirtschaft" denkt,
sind große Gruppen, ja ganze Kreise von Personen, keine
bloße Familie mehr. Die „Hauswirtschaft" ist eine an den
Gutshof (mittelalterlicher Fronhof, antiker Herrenhof, neu-
zeitlicher Feudalhof) geknüpfte Wirtschaft, deren Eigentüm-
lichkeit ich vorzugsweise dahin bestimmen möchte, daß sie ihre
eigene grundherrliche Bodengrundlage unmittelbar selbst be-
nützt und daher ein stark bodenwirtschaftliches Gepräge zeigt.
„Hofwirtschaft" wäre daher die sachgemäßere Bezeichnung.
Behält man aber den alten Namen „Hauswirtschaft" bei,
so gilt: Eine „Hauswirtschaft" gibt es wohl als Betriebs-
form (in dem Sinne, daß der Betrieb an Hof und Haus ge-
knüpft ist), aber nicht als Verfassungsform der Wirtschaft.
        <pb n="61" />
        ﻿— 39 —

Man muß auch hinter der Hauswirtschaft die ständischen
Gliederungen erblicken und dars nicht den geradezu wider-
sinnigen Gedanken hegen, es sei das Wirtschafts-
leben eines Volkes zu irgendeiner Zeit
durch eine Summe, durch ein Nebenein-
ander, geschlossener Hauswirtschaften be-
stritten worden! Das gibt es auch bei den einfachsten
Naturvölkern nicht. Stets und überall sind Zusammenhänge
zwischen den Hauswirtschaften und zwar organische Glied-
haftigkeiten, überhauswirtschaftliche Bindungen vorhanden ge-
wesen, wie wir schon früher (s. oben S. 29 f.) feststellten;
die zugleich echte „Volkswirtschaft" sind (auf welche wir da-
her nicht bis 1789 warten mußten, wie Büchers primitiver
Darwinismus glaubt). Ohne Eingliederung in gauwirtschaft-
liche, volkswirtschaftliche und weltwirtschaftliche Überganz-
hciten wäre keine der geschichtlichen Formen der Hauswirt-
schaft möglich gewesen. „Hauswirtschaft" heißt nichts anderes
als ständische Wirtschaft bei überwiegend ackerbaulichem In-
halte und hofwirtschaftlicher Betriebsform. Nur in solchem,
das Ständische unterteilendem Sinne kann der Begriff „Haus-
wirtschaft" überhaupt gebraucht werden. Zunftmäßig wie hof-
mäßig organisierte Wirtschaft sind gleicherweise Beispiele für
körperschaftlich-ständisch gegliederten Bau der Volkswirtschaft.

Dasselbe gilt von der S t a d t w i r t s ch a f t. Auch sie
war kein Nebeneinander von städtischen Wirtschaftskörpern.
Sondern diese Wirtschaftskörper hatten bestimmte Verrich-
tungen innerhalb der Gesamtwirtschaft: Nah- und Fernhandel,
Gewerbe, das die Fronhofswirtschaft zu ergänzen hat, mit
Nah- und Fernausfuhr, Kapitalverwertung und Kapital-
bildung nebst allen jenen Verrichtungen, die dem jeweils
überlegenen Wirtschaftszentrum zukommen. Die innere
Gliederung der Stadtwirtschaft und der Grad ihrer Selbst-
versorgung ist dem gegenüber etwas Abgeleitetes. Denn jedes
        <pb n="62" />
        ﻿40

Organ empfängt von seinen Aufgaben die innere Gliede-
rung! Erst das Enthaltensein in einem höheren Ganzen be-
stimmt seinen inneren Bau. So auch in der Stadtwirtschaft.
Die innere Organisation — und zwar sowohl das Autarkie-
streben wie das entgegengesetzte Bestreben, sowohl der innere,
selbstversorgte Markt, wie der äußere auf Handel, Geld und
Uberschußtausch gegründete Markt — war ihrem Rahmen nach
durch die damalige Gesamtganzheit der Wirtschaft mit ihrem
bestimmten (politisch bedingten) Kapital höherer Ordnung und
ihrer Ausgliederung in gutsherrliche und gewerbliche Wirtschasts-
körper gegeben.

Die bisherige Theorie hat allerdings die Wirtschaftsgeschichte
im Stich gelassen; aber noch schlimmer ist es, wenn diejenigen,
die Theorie treiben sollen, statt dessen schlechte Geschichte
schreiben. Dieser Vorwurf trifft die ganze jüngere geschicht-
liche Schule der Volkswirtschaftslehre, schon v. Below hat
ihn gegen sie, als reiner Historiker sprechend, erhoben^).

Die Wirtschaftsgeschichte muß, wie alle Geschichte, die
großen Ganzheiten aufsuchen und erkennen und die Einzel-
vorgänge in ihrer Gliedhaftigkeit bestimmen.

Die Grundwahrheit und Grundtatsache
der Wirtschaftsgeschichte ist, daß alles
wirtschaftliche Geschehen nur ständisch-
genossenschaftliche Art zeigt, und daß
lediglich in vorübergehender Weise die
jeweiligen festen ständischen Bindungen
auf lockere, gemäßigt-kapitalistische Bin-
dungen herabgesetzt werden können.

In meinem Buche „Der wahre Staat"^) habe ich diesen
Gedanken in Bezug auf den modernen Kapitalismus folgender-
maßen entwickelt:

0 Ztschr. f. Sozialwissensch., Leipzig 1904.

2) 2. Aufl., Leipzig 1923.
        <pb n="63" />
        ﻿41

Wer in der Wirtschaftsgeschichte zu lesen versteht, wird
finden, daß die ständisch gebundene Wirtschaft zu allen Zeiten
die einzig wirkliche ist, daß überall im letzten Grunde, „Gliede-
rungen, Abhängigkeiten, ständisch-genossenschaftliche Bindungen
aller Art es sind, welche die Wirtschaftsgeschichte von Anbeginn
der Zeiten erfüllen". Es ist, das kann nicht oft genug betont
werden, nicht das Mittelalter allein, das eine ständisch-genossen-
schaftliche Wirtschaftsordnung zeigt. Es gibt Zeiten, wo diese
durch verkehrswirtschaftliche, dynamische Formen überdeckt
wird (die kapitalistischen Wellen), aber das eigentlich Bestand-

! Habende, das tiefere Reale sind dabei doch die jeweiligen stän-
dischen Bindungen. „Wenn etwas geeignet ist, diese Wahrheit
zu bestätigen, so ist es die Entwicklung der heutigen kapitali-
stischen Gesellschaft selbst. Diese riß mit Gewalt alle ständischen
Schranken nieder (besonders in Frankreich 1789) und doch mußte
sie teils sehr Vieles gegen ihren Willen stehen lassen, teils
bildete sich aus dem selbstgeschaffenen Wirrwarr kraft innerer
Gesetzmäßigkeit eine neue organische Gliederung heraus.
Innungen, Bruderladen und manche andere zunftähnliche
Verbände konnten nie völlig beseitigt werden. Der freie Wett-
bewerb auf dem Weltmarkt, den erst der Freihandel gebracht
hatte, konnte nie verwirklicht werden (wo es scheinbar der
Fall war, haben Frachtenschutz, Steuerschutz, Subventionen,
Ausfuhrprämien und Verwaltungsschutz aller Art die Zoll-
freiheit wieder aufgehoben, d. h. wieder neue Sonderstellungen
Bindungen, Gruppierungen geschaffen). Aber das Wunder-
barste ist dieses: Inmitten des heftigsten freien Wettbewerbes
haben sich auf seiten der Unternehmungen die

Kartelle und kartellähnlichen monopoloiden Gruppierungen;
auf seiten der Arbeiter die

Gewerkschaften und gewerkschaftähnlichen Verbände
gebildet und haben so, ehe noch eine eigentliche Lücke großen
Stils entstehen konnte, selbsttätig wieder neue ständische Gliede-
        <pb n="64" />
        ﻿42

rungen an die Stelle der alten, verlorenen und zerstörten ge-
setzt — allerdings Gliederungen, die nur vorläufig und wild
gewachsen sind, statt der planmäßigen in früherer Zeit. Der
gleichmacherisch-atomistische Wettbewerb hat nirgends ein völlig
atomistisches Nebeneinander, noch völlige Freiheit der Teile
hervorbringen oder erhallen können, sondern überall zu-
sammenfassende Bindung und Gliederung bewirkt"^).

Der Wechsel dieser Wirtschaftsformen ist nicht von mecha-
nischen Entwicklungsgesetzen gleich dem Mürrischen „Kon-
zentrationsgesetz" abhängig, denn solche Kausalgesetze gibt es
in keinem Sinne; sondern von der Art der Ziele, denen die
Wirtschaft dient, vom Geist der Wirtschaft und des Lebens
selbst. Je mehr diese Ziele in einem Zeitalter sehr gleichartig
und einheitlich sind, tritt ständische Bindung ein, je mehr sich
diese Einheit in individualistische Zersplitterung auflöst, um
so mehr herrscht kapitalistische Regelung. Mit anderen Worten:
In ihrem geistigen Gefüge individualistisch gerichtete Zeit-
alter bringen eine zersetzende kapitalistische Wirtschaft, uni-
versalistisch gerichtete Zeitalter eine ständisch gebundene Wirt-
schaft hervor. — Dabei ist allerdings zu bedenken, daß Maß
und Inhalt des betreffenden „kapitalistischen" Zeitalters je-
weils mit dem geistigen Inhalte der Zeiten gründlich wechselt;
aber das Stichwort „Kapitalismus" gibt doch die ausgesprochene
Richtung der Wirtschaftsweise — d. h. den Zug zu indi-
vidualistischer Wirtschaftsgestaltung zutreffend an. Auch
die ständischen Wirtschaftsformen haben ja nicht überall den-
selben geistigen noch technischen Gehalt und Charakter.

Es gereicht mir zur Beruhigung, daß unabhängig von
mir und von rein wirtschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen
heraus der Privatdozent an der Wiener Universität Theodor

i) st. a. O., in der 1. Aufl. S. 246 f., jetzt S. 259.
        <pb n="65" />
        ﻿43

Mayers, eine solche Auffassung der Entstehung der ver-
schiedenen kapitalistischen Zeitwellen in der Geschichte ent-
wickelt hat, welche mit meiner obigen Theorie sehr verwandt
ist und sich jedenfalls von dem Bücher - Mürrischen Entwick-
lungsschema freimacht^). Zwar bleibt auch Mayer noch in-
sofern in der mechanischen Vorstellungsweise befangen, als
er den Wechsel der kapitalistischen und genossenschaftlichen
Zeiten durch der Wirtschaft immanente „Kausalgesetze" be-
dingt annimmt, während nach meiner Meinung die Wirtschaft
als ein dienendes Mittel weder eigene „Kausal-Gesetze" noch
auch eigene Entwicklungsgesetze hat; (wie ja auch einem mecha-
nischen Kausalgesetz überhaupt nie „Richtung" oder „Wert"
und darum auch keine Entwicklung dahin zukommen kann).
Für die Abwandlung der geschichtlichen Verfassungsform der
Wirtschaft ist vielmehr der Wechsel der Gesinnungsrichtung
einer Zeit, d. h. das Geistige maßgebend, dem die Wirtschaft
dient (s. oben S. 42). Aber die wirtschaftsgeschichtliche Grund-
tatsache, daß die kapitalistischen Abschnitte jeweils aus ständisch-
genossenschaftlichen hervorgehen und umgekehrt zu genossen-
schaftlichen führen, hat Theodor Mayer anerkannt.

6.	Das Verhältnis der vier Grün-gestalten zueinander.

Von den betrachteten vier Grundgestalten der Wirtschaft
ergab sich nur die ständisch gebundene als die rein verwirklich-
bare, vollkommene, gesunde und dem Wesen der Ganzheit
gemäße Wirtschaft.

Aus diesem Grund- und Hauptergebnis unserer ganzen
Untersuchung folgt: daß die behandelten vier Grundgestalten der

*) Jur Zeit der 1. Aufl., jetzt Prof, an der deutschen Universität in
Prag.

2) Dgl. Theodor Mayer, i. d. (österreich.) Ztschr. f. Volks-
wirtsch. (N. F., Bd. 1), Wesen u. Entstehung des Kapitalismus, S. 1 ff.,
Wien (Deuticke) 1921.
        <pb n="66" />
        ﻿Wirtschaft nicht alle gleich erstwesentlich (primär) sind, daher
nicht unableitbar nebeneinander stehen. Im letztenGrunde
gibt es nur Eine Wirtschaftsform, die ständische;
die drei anderen Wirtschaftsformen sind
nur Abarten der ständischen, gleichsam lo-
gische Stufen oder Schichten von ihr —
logische Stufen aber keine Realstufen! Die ständische Wirt-
schaft hat Bestandstücke (Momente) davon in sich; wenn aber
diese Bestandstücke selbständige Wirklichkeit erlangen wollen,
dann gleichen sie der Krankheit, die nur dadurch besteht, daß
sie vom gesunden Körper zehrt und nur solange besteht, als
sie dies vermag. Freie Verkehrs- und zentralistische Plan-
wirtschaft führen in den Abgrund, die geregelte Verkehrs-
wirtschaft ist, wie ein Mittelding, so eine Übergangserscheinung.
Die ständische Wirtschaft dagegen ist keine nur vorübergehende
Erscheinung, sondern die einzig mögliche, die ewige Wirt-
schaftsform, deren unterste logische Schicht gleichsam „Ver-
kehrswirtschaft" ist, sofern	die in ihr enthaltene bedingte

(delegierte) Selbständigkeit der einzelnen Wirtschafter unbe-
grenzt gedacht und von aller Gemeinsamkeit, als dem Pri-
mären, abgesehen wird; deren oberste Schicht gleichsam eine
„Planwirtschaft" ist, sofern die Zielgemeinsamkeit unbegrenzt,
die Gültigkeit der Mittel gleichförmig, atomistisch gedacht wird.
Die echte ständische Wirtschaftsweise verwirklicht das Element
wahren universalistischen, nicht des individualistischen, Ver-
kehrs, nämlich des Verkehrs als Erscheinungsform des Ganzen;
sie hat ebenso das kommunistische Element in sich, nämlich als
Geordnetheit (planmäßige Organisiertheit), jedoch nur nach
Maßgabe der geistigen Bedingtheit der Wirtschaft, der Gleich-
heit der Ziele. — Reine Verkehrs- und Planwirtschaft erwiesen
sich als bloße begriffliche Konstruktionen, die frei geregelte
Wirtschaft dagegen zeigte sich weniger von begrifflicher als
von geschichtlicher Bedeutung. Sie ist eine vorübergehende
        <pb n="67" />
        ﻿45

Kompromißform individualistisch aufgefaßter Verkehrswirtschaft,
die aber, selbst wenn sie jahrzehntelang vorherrscht, Wirklich-
keitsgehalt nur in eingeschränktem, nur in abgeleitetem Sinne
besitzt, ähnlich wie heilende Krankheitserscheinungen, denen
aufbauendes Wesen nur mittelbar, nur deswegen zukommt,
weil sie zur vollen, vielleicht zu einer besser begründeten
Gesundheit zurückführen.

Demgemäß hat die ständische Wirtschaft die anderen Be-
griffselemente als Bestimmungsstücke oder gleichsam als logische
Stufen sämtlich in sich. Daß innerhalb der Einen Wirtschaft
logische Stufen vorhanden sind, kommt daher, daß Wirtschaft
nicht nur schlechthin „Mittel für Ziele" ist, sondern stets „g e -
m e i n sa m e Mittel" (1) in sich schließt und damit ferner
ein System oder Ganzheit d e r M i t t e l (2) für das
System oder die Ganzheit der Ziele (3) und für ge-
meinsame Ziele (4) ist. „Gemeinsamkeit" der Ziele,
die selbst wieder nur als „System" auftreten, darum auch
Gemeinsamkeit der Mittel und ihres Systems, tritt aber nur
stufenweise in Erscheinung.

Daß diese ganze Erkenntnis des Wesens der Wirtschaft
und ihrer Grundgestalten nicht längst Gemeingut der volks-
wirtschaftlichen Wissenschaft ist, kommt allein von der durchaus
individualistischen Einstellung unseres Denkens her, die uns
Heutige, die Kinder der Aufklärung, bewußt oder unbewußt
alle beherrscht. Das Geheimnis von Wirtschaft und Gesellschaft
liegt allein im Begriffe der Ganzheit, liegt allein darin, die
Ganzheit sehen zu lernen, wo nur die Teile einzeln unserem
Blicke sich zeigen. Gleich wie der Biologe, wenn er das Herz
erkennen will, nicht allein dieses, sondern noch mehr seine Ent-
sprechungen, seinen Zusammenhang mit den anderen Zweig-
ganzen, d. h. seine Eigenschaft, Glied der Ganzheit unseres
        <pb n="68" />
        ﻿46



Körpers zu sein, betrachten muß; so muß auch der Wirtschafts-
forscher überall die Ganzheit aufsuchen, um die Einzelheit zu
erkennen, weil alles Einzelne nur ist als Be-
sonder ung oder Glied des Ganzen und darüber
hinaus überhaupt nicht ist.

Gilt dies schon für die Einzelforschung und die Teilerschei-
nungen, die uns in der Erfahrung entgegentreten, um wieviel
mehr muß es von der Aufgabe gelten, die Grundgestalten der
Wirtschaft zu erkennen! Das Wesen der Wirtschaftsgestalt
kann nur durch das Wesen der Wirtschaft bestimmt sein, am
wesentlichsten durch die Ganzheit, die als Grundmerkmal aller
Wirtschaft innewohnt, da sie den Teilen erst ihre Stelle, ihre
Art, ihre Gliederung gibt. Ganzheit ist es, was der Wirtschaft
„Gefüge", „Struktur" verleiht und ihrem innersten Bau allein
ihren Stempel aufdrückt. Lebensform und Verfassung der Wirt-
schaft muß daher aus dem Wesen ihrer Ganzheit verstanden
und abgeleitet werden. Wer dieses erkennt, kann weder Indi-
vidualist noch Marxist sein.

Auch die Ganzheit der Wirtschaft aber ist dabei kein Letztes,
sondern sie ist an höhere Ganzheit angeknüpft, nämlich an die
Gesellschaft, welche, wie wir im Vorwort auseinandersetzten,
ein Geistiges ist und alles Materielle, das der Wirtschaft noch
anhaften könnte, hinter sich läßt. Diese Seite der Frage, daß
Wirtschaft von der Natur der Gesellschaft, wirtschaftliche Ganz-
heit von gesellschaftlicher Ganzheit bestimmt sei, zu berücksich-
tigen, war in der vorstehenden Untersuchung nicht möglich.
Daß Wirtschaft Geistigem dient und in diesem vermittelten
Sinne selbst Geistiges ist, war der wesentliche Gedanke, der
dabei obwaltete und in unseren Zergliederungen als Führer
gedient hat. Nur der Geist aber ist Leben. Nur wer ihm folgt,
erlangt lebendige, wer ihm nicht folgt, tote Wissenschaft.
        <pb n="69" />
        ﻿t

Tausch und Preis

nach individualistischer und universalistischer Auffassung

1
        <pb n="70" />
        ﻿Erweiterter Sonderabdruck aus den
„Jahrbüchern für Nation alökonomi e",
Bd. 117.
        <pb n="71" />
        ﻿Die Wert- und Preistheorien Ricardos, Marrens und, mit
geringen Einschränkungen, selbst der Grenznutzenlehre, haben
alle einen individualistischen Preisbegriff ausgebildet, der sich
notwendig von einem individualistischen Tauschbegriff ableitet.
„Was soll aber hier der Begriff Individualistisch'?" — so wird
man einwenden. „Der Preis ist doch eine eindeutig bestimm-
bare Erfahrungstatsache, die darin besteht, daß z. B. zehn
Schafe gegen einen Ochsen getauscht werden (also den Preis
von einem Ochsen haben), oder daß ein Ballen Baum-
wolle die Summe von X Mark kostet. Ebenso eindeutig ge-
geben erscheint ferner die Erfahrungstatsache des Tausches.
Der Pferdezüchter P tauscht mit dem Landwirt B Pferde
gegen Hafer oder gegen die Geldsumme von Y Mark (d. h.
kauft Pferde zum Preise von Y Mark); der Börseaner A tauscht
von dem Börseaner B Aktien gegen die Geldsumme von X Mark
ein (anders gesagt „kauft" Aktien zum Preise von X Mark).
Ist an dieser unzweifelhaften Tatsache etwas zu rütteln?,
kann man hier von individualistischer oder universalistischer
Auffassung des Tausches reden?"

Dem möchte ich Folgendes entgegenhalten. Es handelt
sich in der Volkswirtschaftslehre nicht nur um die Feststel-
lung des äußeren Antlitzes der Tatsachen, des unmittelbar
Handgreiflichen, das damit gegeben ist, daß A und B mit-
einander tauschen (obwohl in der Art der Feststellung stets
schon ein Stück von Ausdeutung, von Theorie liegt; son-
dern auch um das Begreifen des Festgestellten, um
das Wesen des Tausches. Da nun, wie sich zeigen wird,

O. Spann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Ausl.	4
        <pb n="72" />
        ﻿50	—

von dem Begriffe des Tausches aus der des Preises sich erst
ableitet, hiervon wieder jener der Verteilung, so beginne ich
mit der Untersuchung des Tauschbegriffes.

1.	Der Begriff -es Tausches.

Wenn man nicht nur die unmittelbare äußere Erscheinung,
sondern auch den Begriff des Tausches dahin faßt, daß der
Pferdezüchter P mit dem Landwirt B, der Börseaner B mit
dem Börseaner A tauscht, so hat man: 1. die Erscheinung in
ihrer äußerlichen Form, gleichsam nach Art einer Augenblicks-
aufnahme, getreulich festgestellt; sie aber 2. auch dahin begriff-
lich ausgedeutet, daß wirklich der B selber, also selb-
ständig und selbstbestimmt, sozusagen selbstwüchsig, seine Hand-
lung vornehme (allerdings in Bezug auf den B), der B selber,
selbständig und selbstbestimmt seine Handlung vornehme (aller-
dings in Bezug auf den A). Diese Ausdeutung zeigt sich auch
schon in der Form des von der individualistischen Lehre überall
verwendeten Grundbeispieles, wonach der Nomadenstamm
N „zufällig" dem Nomadenstamm Pli begegnet; beide haben
je ein bestimmtes Gut, z. B. der erste Salz, der zweite Eisen,
in verhältnismäßigem Überfluß; beide, tauschen nun diese
zufällig überschüssigen Güter aus. Die äußere Feststellung
(1) jener Erscheinung nun, wonach A und B selbst tauschen,
ist richtig; auch das Nomadenbeispiel ist logisch möglich; die
begriffliche Ausdeutung (2) ist aber falsch und das Nomaden-
beispiel nur ein letzter Grenzfall, also kein Grundtypus und
daher als Beispiel unbrauchbar (siehe darüber noch unten

S.	58).

Zuerst steht die Sache so, daß hier die Feststellung mit der
Ausdeutung gleichgesetzt wird: da A und B ersichtlich und hand-
greiflich als Tauschparteien auftreten, wird auch schon das
W e s e n des Tausches in diesen persönlichen (und den Persön-
        <pb n="73" />
        ﻿lichkeiten zugerechneten) Handlungen erblickt! Feststellung und
Ausdeutung, die hier leichthin zusammengeworfen werden,
sind aber in Wahrheit zwei verschiedene Dinge. Dafür mögen
die Sterne am Himmel als Beispiel dienen. Daß sie, der äuße-
ren Erscheinung nach, bestimmte Bewegungen haben, stellten
die Sternkundigen aller Zeiten übereinstimmend fest; ob aber
das festgestellte Bewegungsbild dadurch zustande kommt und
zu begreifen ist, daß ich mich bewege oder der Stern, das war
die Frage der begrifflichen Ausdeutung jener Erscheinung,
die Frage des Begriffes, der ^Theorie" der Himmels-
erscheinung. Genau so auch in unserem Falle: daß die Bör-
seaner A und B voneinander Papiere kaufen, kann niemand
bezweifeln. Die Frage ist aber, was von eigentlicher Realität
dahinter stecke?, ob die Börseaner die Tauschbewegung
machen und daraufhin sich das wirtschaftliche Himmelsgewölbe
drehe, oder ob deren Tauschbewegung nur Ausdruck, nur
Bestandteil der Drehung des wirtschaftlichen Himmelsgewölbes
sei? Die Frage ist also, ob der rechte Begriff jener persönlichen
Tauschhandlungen wirklich darin liege, daß die Handlungen
je als individuelle (selbstwüchsige) Handlungen ihrer Träger
betrachtet werden! Das ist die Frage des Tausch -Begrif-
fes, das ist die eigentliche Frage aller Tausch- und Preis-
theorie.

Die individualistische Tauscherklärung besteht nun, das kann
nicht deutlich genug wiederholt werden, darin, daß sie behauptet,
mit der Feststellung der Erscheinung sei auch der Begriff schon
gegeben: Der A selber, als solcher, sei tatsächlich derjenige, der
tausche oder kaufe, es seien seine wirtschaftlichen Ent-
schließungen, Handlungen, die hier verwirklicht würden; cs
stünden zwei für sich selbst dastehende, selbständige, selbst-
bestimmte wirtschaftliche Einzelne einander gegenüber. — Man
muß diese Tauschauffassung notwendig als a t o m i st i s ch
erkennen, weil sie den Markt zu;ammengesetzt denkt aus lauter
        <pb n="74" />
        ﻿52

einzelnen Tauschern, aus deren einzelnen Wirtschaftshand-
lungen, demgemäß aus einzelnen Partikelchen, Atomen!
Diese Auffassung sagt also: daß die einzelnen Tauschhandlungen
wie selbständige Kraftpartikelchen oder Atome auftreten und
aufeinander wirken.

Die dargelegte Auffassung des Tausches sagt aber ferner:
Die einzelnen Taus chhandlun gen stammen
alle aus den einzelnen Wirtschaftern und
sind je für sich eine wirtschaftliche Wirk-
lichkeit; sie ist mit dieser Anschauung individua-
listisch, denn jede wirtschaftliche Handlung erscheint damit
als eigenes Einzelnes, als Individuum, in welchem die pri-
märe, selbstwüchsige Wirklichkeit liegt. Darum will die Grenz-
nutzenschule „psychologisch-erklärend" die einzelne Handlung
untersuchen; darum sollen Angebot und Nachfrage ebenso
wie der ganze Markt nur die Zusammenballung, nur die
Summation dieser Atom-Individuen sein, wie in der Folge
jede Wirtschaftserscheinung aus ihnen als den allein Ur-
sprünglichen und Wirklichen zusammengesetzt erscheinen soll.

Die individualistisch-atomistische Auffassung sagt endlich:
diese Kraftzentren oder Atome wirken aufeinander — ganz
ähnlich wie die physikalischen Körper — nach mechanischer
Ursächlichkeit! Diese Wirkungen und ihre ursächliche Ver-
kettung ergeben ihr erst die Wirtschaftsvorgänge aller Art und
zuletzt den Gesamtgang der Volks- und Weltwirtschaft. Die
individualistisch-atomistische Auffassung ist damit in ihrer ver-
fahrenmäßigen Beschaffenheit: kausalwissenschaftlich.

Atomistisch — individualistisch — mechanisch-ursächlich, das
sind die drei Bestimmungsstücke, die diese Betrachtung des
Tausches, kennzeichnen, die aufeinander hinführen, die not-
wendig zueinander gehören!
        <pb n="75" />
        ﻿53



Ganz anders die universalistische Auffassung des Tausches.
Sie kann, was den Erfahrungsgegenstand anbelangt, das
äußerliche Beobachtungsbild der individualistischen Auffassung
allerdings nicht bestreiten: „A tauscht mit B", „P tauscht mit B"
und zwar der Einzelne „A", „B" usw. kraft jener Entschließungen,
die er selbst faßt. Insoweit stimmen individualistische und uni-
versalistische Lehre überein — in der Feststellung der rein greif-
baren Tatsache, in der Umschreibung des zunächst sichtbaren
Beobachlungsbildes. Anders aber in der Deutung dieser fest-
gestellten Tatsache. Die universalistische Ausdeutung leugnet,
daß wirklich die Einzelnen „A", „B", „P", „B", daß diese
Individuen als solche dabei miteinander in Verbindung träten,
daß es sich dabei wirklich um individuelle, um subjektive
Betätigung in dem Sinne handele, als sei jene Betätigung
auch wirtschaftlich den Individuen selbst zuzurechnen (im wirt-
schaftlichen, nicht etwa psychologischen oder sittlichen Sinne!);
daß demgemäß wirklich die einzelnen Kräfte dieses Na-
mens wie Atome, wie Stücke je für sich aufträten und aufein-
ander wirkten.

Was geschieht denn in Wahrheit, wenn der A z. B. Aktien
der „Zentralbank deutscher Sparkassen" an den B verkauft?;
dieses: A tritt aus dem Bankbetrieb „Zentralbank deut-
scher Sparkassen", dessen (wenn noch so unbedeutender) Teil-
haber und Mitleiter er durch Aktienbesitz war, aus, er zieht seine
Teilhaberschaft davon zurück und der Käufer B tritt statt
seiner in diesen Betrieb, in dieses Wirtschaftsgebilde, ein.
— Ferner: Ob Castiglioni oder Stinnes den steirischen Erz-
berg besitzen, ist keine volkswirtschaftliche Frage, sofern die
Person des C. oder S. dabei ins Auge gefaßt wird; volkswirt-
schaftlich ist erst die Tatsache, daß Stinnes westfälischen Koks zum
steirischen Erz hinzubringt, die steirischen und westfälischen Werke
organisch verbindet. Der objektive Wirtschafts-
vorgang besteht also nicht darin, daß A und
        <pb n="76" />
        ﻿54

B für s i ch wirtschafteten; sondern darin, daß
an einem ganzheitlichen Gebilde, einend Be-
trieb, gleichsam einer Zelle im Organis-
mus der Volkswirtschaft, eine Veränderung
vor sich ging, nämlich durch die mit einem Wechsel
der Teilhaberschaft gegebenen Sachveränderungen. Nicht die
(tauschenden) Personen kommen als wirtschaftliche irgend-
wie in Frage: ob sie sich „entschließen", ob sie dabei persönlich
„eigennützig" u. dgl. sind — dieses, wie alles Psychologisch-
Persönliche, kann auf der wirtschaftlichen Denkebene über-
haupt nicht aufscheinen!! Einzig und allein wesentlich ist,
welche Veränderungen an wirtschaftlichen „Gebilden", „Be-
trieben" durch die betreffenden Handlungen vor sich gehen! —
Das andere Beispiel. Was geschieht, wenn der Landwirt B von
dem Pferdezüchter B ein Pferd kauft? Ein Erzeugnis des
Pferdezucht b e t r i e b e s „B" wird in den (gleichsam weiter
verarbeitenden, verwendenden und fortpflanzenden) Betrieb
„B" übergeführt. Der Tausch zwischen B und B heißt also
nicht, daß „B" als Einzelner, B als Einzelner irgendwie wirt-
schaftlich handelten und taten, was ihnen zuzurechnen sei;
er heißt, daß ein Pferd aus dem Vorbetrieb (B) in einen Ver-
wendungsbetrieb (B) übertrat. Wenn dann ferner Herr B an
Herrn B einen Preis zahlt, heißt dies wieder nur, daß B aus
anderen volkswirtschaftlichen Betrieben, z. B. aus der Schmiede,
dafür Hufeisen bezieht (deren Abgabe an B wieder darin be-
gründet sein kann, daß B ein Erzeugnis, z. B. Korn, an
diese Schmiede abgibt). —

In beiden Fällen gilt: Nicht das Individuum A war es,
das selbst tauschte, d. h. das in dem Sinn tauschte, als sei ihm
seine Handlung wirtschaftlich zuzurechnen; sondern der Bank-
betrieb X (der gleichsam durch einen Abgeordneten einen Teil
seines Besitzes verkauft) ist es, mit dem eine Veränderung vor-
ging (Wechsel der Teilhaber verbunden mit dem entsprechen-
        <pb n="77" />
        ﻿55

den Wechsel von sachlichen Eingliederungen und Abhängig-
keiten); nicht die Individuen L und P waren es, die für sich
tauschten und wirtschafteten, sondern der landwirtschaftliche
Betrieb L, und der Pferdezuchtbetrieb P haben eine Verände-
rung dadurch erfahren, daß ein Erzeugnis des Betriebes P
in den Betrieb L überging und der Betrieb P dafür einen Gegen-
wert empfing, welcher die Aurückführung anderer Erzeugnisse
aus anderen Betrieben der Volkswirtschaft in den Betrieb L
in sich schließt.

Das Gleiche gilt bei allen anderen Tausch- und Kaufvor-
gängen. Ob der Gastwirt ein Faß Wein, ob, um selbst die
äußersten Beispiele zu wiederholen, der rein spekulativ vor-
gehende „Schieber" einen Wagen Fett kauft, ob ein Finanz-
mann die Aktienmehrheit erwirbt: immer sind es nicht Gast-
wirt X, nicht Schieber X noch Finanzmann X, die in Frage
kommen, sondern die objektiven Vorgänge im Weinbergs-
und Gasihausbetriebe, in den Fetterzeugungs- und Fett-
verwendungsbetrieben, in der organischen Verbindung des
neu „kontrollierten" Aktienbetriebes mit den anderen Be-
trieben des Finanzmannes als Vor- und Nachstufen der Er-
zeugung, die in Frage kommen. Nur Vorgänge im Gliederbau
der Ganzheit „Wirtschaft" sind wirtschaftlicher Art, subjektive
Vorgänge und Handlungen sind es als solche niemals.

In dieser eben dargelegten Erkenntnis, daß immer „Ge-
bilde", „Betriebe", kurz Organe, Unterganze der Volkswirtschaft
es sind, die beim Tausch verändert werden, liegt das Wesent-
liche der universalistischen Erklärung der Tauschvorgänge.
Und hierin allein liegt die Urentscheidung, welche den Gegen-
satz „individualistisch-universalistisch" in die Mitte stellt und
unausweichlich macht: daß entweder der einzelne Tauscher
mit der einzelnen Tauschhandlung für sich, selbstwüchsig, primär,
und das ist individualistisch und atomistisch, betrachtet wird;
oder daß er als nur scheinbar für sich, in Wahrheit aber stets
        <pb n="78" />
        ﻿56

bloß als Vertreter (Exponent) einer wirtschaftlichen Unter-
Ganzheit zu betrachten ist.

Alle bisherigen Beispiele und Betrachtungen zeigten immer
wieder, wie man den „Tausch" wohl psychologisch dem Ein-
zelnen zurechnen kann, z. B. sofern er sich sagt, „Ich verkaufe
meine Aktien", „Ich kaufe mir Pferde statt der Ochsen"; aber
wie wirtschaftlich diese Handlung nicht im Umkreise der je-
weils lauschenden Personen stecken bleibt, und ferner auch
nicht ihrem Umkreis entsprungen sein kann. Die Tausch-
handlung ist wirtschaftlich nichts Selbst-
wüchsiges, sie ist darum auch nichts Atomhaftes, nichts
Summenhaftes, sie ist kein Zusammen-stückeln, kein Zusammen-
setzen! Wirtschaftlich besteht Tausch überhaupt nicht in der
„Handlung" Einzelner, sondern vermittelt, wie wir sahen,
die organische Verbindung von wirtschaftlichen Betrieben, be-
deutet organische Vorgänge im Ganzen der Volkswirtschaft.
Tausch ist Ausdruck, ist gleichsam Gelenk der organischen
Verbindungen und Auseinandersetzungen. Nicht die Indivi-
duen als selbständige, eigene, selbstbestimmte oder gar willkür-
liche sind es, die lauschen, sondern die Betriebe verschiedener
Stufen der Erzeugung sind es, die im Tausche ihre Erzeugnisse,
Kapitalien usf. aneinander abgeben und verrechnen. Die im Ab-
geben und Übernehmen gegebene Jneinanderordnung der Wirt-
schaftsbetriebe oder „Gebilde" zu höheren Ganzen ist es, die
im Tausche sich vollzieht. Tausch ist daher: die Sichtbar-
werdung jener Ganzheit, als deren bloße
Glieder sich die Tauschenden offenbaren. Diese
Ganzheit ist, wie sich zeigte, jeweils von ganz bestimmter Art:
Sie nimmt das Gut als in eine höhere Stufe der Verrichtung,
d. h. in größere Zielnähe, oder zur endgültigen Leistung in
sich auf. — Daraus ergibt sich folgende genaue Begriffsbestim-
mung des Tausches, bezw. des Kaufes und Verkaufes:

Tausch ist die freie, organisatorisch nicht im voraus genau
        <pb n="79" />
        ﻿57

festgelegte, Form der Aktuierung einer dem Einzelnen jeweils
vorgegebenen, aber in ihrer letzten Konkretisierung nur virtuell
bestehenden Ganzheit, deren Glieder durch ihn wird. — Kurz
gefaßt:

Tausch ist die letzte Verwirklichung einer dem
Einzelnen jeweils vorgegebenen Ganzheit*).

Werden nun, wie wir sahen, im Tausche die Wirtschafts-
mittel und zwar auch in Form von Kapitalien, Aktien, aus
dem einen Betrieb herausgenommen und in einen anderen
Betrieb hineingestellt, dann müssen auf diese Weise Waren-
tausch, Handel, Spekulationen, Arbitrage, Steuerzahlung,
Zinsenzahlung usw. (lauter Arten von Tausch) jeweils ganz
andere volkswirtschaftliche Vorgänge, ganz eigene Arten
der Herstellung von Verbindungen, des Er-
scheinens höherer Ganzheiten bedeuten, trotzdem sie äußer-
lich die Form von „Tausch" der Einzelnen oder „Kauf und
Verkauf" in bar oder Stundungsform haben, also scheinbar
nur Einzelnen zuzurechnen wären. Daß die Einzelnen allein
es sind, welche diesen Tausch zuletzt vollziehen, wird natürlich
auch von der universalistischen Auffassung nicht geleugnet, —
aber sie sind es gleichsam nur als Schauspieler, als, wenn auch
vielleicht aus dem Stegreif spielende, aber stets im G a n z e n
dichtende Spieler!; daß die Einzelnen für sich, als solche es
wären, die tauschten, das muß geleugnet werden.

Immer wieder kommen wir bei dem an, was sich schon ein-
gangs unserer Zergliederung ergab: die Einzelnen tauschen nicht
als solche, sondern als Träger wirtschaftlicher Gebilde, die hinter
ihnen stehen. Daß die Einzelnen diesen Tausch vollziehen, ist nur
eine äußere Erscheinungsweise gesamtvolkswirtschaftlicher Tat-

*) Dgl. auch oben S. 13 über den organischen Begriff des Verkehrs.
„Verkehr" und „Tausch" sind insofern einerlei, sofern jeder Verkehrs-
akt als Tausch aufgefaßt werden kann. — S. ferner unten, 3. Abhand-
lung S. 125 ff.
        <pb n="80" />
        ﻿58

fachen. Sind die Jnvividuen aber nur die Träger, so sind die or-
ganischen Verbindungs- und Auseinandersetzungsvorgänge, die
zwischen den Gebilden stattfinden, das allein Wirkliche. Diese Ge-
bilde, z. B. „Gutshof", „Fabrik", aufkaufender „Handel", „Eisen-
bahn", „Börse", „Zerstreuungshandel", „Kleinverschleiß" sind
lauter organische Unterganze, welche den Gliederbau der Volks-
wirtschaft bilden (wie ich sie etwa im „Bauplan der Volks-
wirtschaft" meines „Fundamentes" skizziert habe). Diese Ge-
bilde selber haben wieder die Form des „Betriebes". „Betrieb"
kann wieder Alleinbetrieb, Klein- oder Großbetrieb sein —
nicht ob viele oder wenige darinnen arbeiten, ist maßgebend,
sondern die Natur desselben, eine Zelle im Gebäude der volks-
wirtschaftlichen Ganzheit und in sich selber wieder ein Sy-
stem, ein Gliederbau zu sein. Als Träger (Funktionär, Ex-
ponent) solcher wirtschaftlicher Organe, als Vertreter seines
Gebildes tritt der Börseaner, ebenso wie der Bauer, Pferde-
züchter auf, als wirkender, aber unbewußter, Delegierter. Die
Gebilde sind auf ihre Einzelvertreter angewiesen, aber die
meisten Individuen wissen das nicht!

Von hier aus ist nun auch das oben (S. 50) angeführte
Nomadenbeispiel mit seinen drei Zufällen aufzu-
lösen. Ich will nicht sagen, daß der Fall unlogisch gedacht sei,
denn es ist logisch möglich, daß „zufällig" der Stamm N Salz-
überschuß, „zufällig" der Stamm Nx Eisenüberschuß habe
und beide einander „zufällig" treffen. Das „Zufällige" daran
zeigt aber, daß es sich hier um einen Grenzfall des Möglichen,
nicht um einen Typus handle. Das tiefste Wesen auch dieses
Tausches besteht, wie in allen Fällen, hier ebenfalls darin,
daß Salz und Eisen einander ergänzen müssen: wodurch die
beiden Wirtschaften Glieder einer Ganzheit werden. Nach
vollzogenem Tausche zeigt sich, daß die Eisen erzeugende Wirt-
schaft der Vorerzeuger für die Eisen verwendende und die
Salz erzeugende der Vorerzeuger für die Salz verwendende
        <pb n="81" />
        ﻿

— 59 —

war. Denn beide Wirtschaften müssen, indem sie in das Ver-
hältnis von Vor- und Nacherzeuger gegenseitig eintreten,
ihren gesamten Wirtschaftsplan ändern,
was der deutlichste Beweis dafür ist, daß jetzt beide Wirt-
schaften in organischer Verbindung miteinander stehen, d. h.
in Bezug auf den Wirtschaftszweig „Salz-
Eisen" und die damit zusammenhängen-
denHilfs- und Nachbargebilde eine Ganz-
heit bilden, deren Glied nunmehr nur
jede einzelne Wirtschaft ist.

Alles dieses wird später noch von mehreren Seiten her
klar werden.

Nach allem Bisherigen dürfen wir (man entschuldige die
Wiederholungen mit der Schwierigkeit des Gegenstandes) zu-
sammenfassend sagen:

Unter Tausch im individualistischen Sinne versteht man
das auf dem Handeln der für sich gesehenen Einzelnen beruhende
Abgeben von Gütern gegen andere Güter oder gegen Geld
(„Kauf"); unter Tausch im universalistischen Sinne verstehen
wir die organische Verbindung und Auseinandersetzung der
wirtschaftlichen Gebilde, als deren bloße Träger (Vertreter)
die tauschenden Einzelpersonen auftreten; Tausch im indivi-
dualistischen Sinne ist das Ergebnis selbsiwüchsigen (angeblich
wirtschaftlichen) Handelns Einzelner; Tausch im universalistischen
Sinne ist nur der Ausdruck des organischen Angelegtseins volks-
wirtschaftlicher Gebilde aufeinander, gleichsam das Gelenk
ihrer ganzheitlichen Eingliederung, und der Vorgang der
Fertigmachung (Konkretisierung oder auch Umbildung) der
beteiligten Ganzheiten; durch Tausch im individualistischen
Sinne wird etwas aus Einzelnem zusammengesetzt; durch
Tausch im universalistischen Sinne gliedert sich eine Ganzheit
aus und um. Das Wesentlichste des Unterschiedes beider Auf-
        <pb n="82" />
        ﻿60

fassungen bleibt, daß der Tausch im individualistischen Sinne
als Angelegenheit tauschender Einzelpersonen erscheint (z. B.
zweier Börseaner, die sich vielleicht gegenseitig übers Ohr
hauen möchten); während er im universalistischen Sinne die
Plattform der Verbindungs- und Auseinandersetzungsvorgänge
der Unterganzen zum Gesamtganzen der Volkswirtschaft ist.

2.	Einwände.

1.	Da die herkömmliche Auffassung glaubt, weder indivi-
dualistisch noch universalistisch zu sein (während sie in Wirk-
lichkeit, wie wir gezeigt haben, rein individualistisch ist), liegt
als erster Einwand gegen unsere Ausführungen dieser nahe:
der Gegensatz habe überhaupt keine Gültigkeit, beide Be-
trachtungsweisen kämen auf dasselbe hinaus.

Dies ist aber gewiß nicht richtig. „Tausch" als Zusammen-
setzung einzelner, je für sich selbständiger Handlungen ist himmel-
weit verschieden von „Tausch" als Ganzheit, deren Glieder
nur jene Handlungen sind, und der Anblick der Dinge ändert
sich nach beiden Standpunkten gänzlich. Volkswirtschaftlich be-
deutsam werden nach der universalistischen Auffassung Hand-
lungen nur genau so weit, als sie Glieder zu werden vermögen,
als die Eingliederung in Ganzheiten, z. B. der Rohstoff- in
die Veredlungserzeugung, gelingt, nur genau soweit, als ihnen
Gliedlichkeit zukommt. Diese Gliedlichkeit ist nun ihre Grund-
eigenschaft, die Ganzheit, welche im „Tausch" jeweils erscheint,
die einzig erste und reale Erscheinung. — Die individualistische
Betrachtungsweise geht dagegen nicht nur umgekehrt vor (und
käme dabei angeblich zum gleichen Ergebnis), sondern sie ge-
langt auch nie zu einer Ganzheit, nie zu Teilorganen noch zu
organischer Verbindung volkswirtschaftlicher Glieder. Was
durch Zusammensetzung einzelner, diskreter (getrennter, selbst-
wüchsiger) Stücke entsteht, ist niemals eine Ganzheit, sondern
        <pb n="83" />
        ﻿61

nur eine Anhäufung, ein Konglomerat, nur eine Summations-
erscheinung. Alle vom Tausch abgeleiteten Erscheinungen
könnten daher nur als Anhäufungen und zufällige Zusammen-
setzungen erklärt werden, niemals als organische Glieder.
Die individualistische Auffassung kommt denn auch demgemäß
überhaupt zu keiner Volkswirtschaft, zu keinem
obersten Ganzen, wofür die „Freihandelslehre", indem sie
eine Volkswirtschaft gar nicht anerkennt, ein beredter Aus-
druck ist. Ein anderes Beispiel dafür ist die Arbeitsteilung.
Arbeitsteilung, wie Smith sie sich vorstellt, als mosaikartige Zu-
sammensetzung einzelner Handlungen, gibt es nicht. Auch der
Begriff von sog. „Arbeitsvereinigung" ist schief; als ob die
einzelnen Arbeiten hinterdrein „vereinigt" würden! Richtig
ist allein der Begriff der Arbeits-Gliederung. Das Ganze des
Arbeitsvorganges mit seinen Gliedern, d. h. die Ganz-
heit mit ihrer bestimmten Arbeitsaus-
gliederung ist die alleinige Wirklichkeit;
denn nur das Glied gehört dem Ganzen an, außerhalb des
Ganzen hat es kein Dasein. — Im übrigen werden sich die
Gegensätze bei der weiteren Behandlung der Begriffe noch
deutlich genug zeigen.

2.	Angesichts der gegebenen Beweisführung bliebe viel-
leicht für den Individualisten noch die Möglichkeit, zu erklären:
die Tauschhandlungen sind allein die Handlungen der einzelnen
Wirtschafter; die Folgen dieser Handlungen dagegen sind
solche für die Ganzheit der Volkswirtschaft. — Hierin läge aber
nur eine leere Scheinweisheit. Eine wirtschaftliche Hand-
lung und Erscheinung ist wirtschaftlich ganz allein durch ihre
„Folgen", d. h. durch ihre Leistungen (Funktionen) definiert,
eine andere Bestimmtheit hat sie überhaupt nicht. „Pferde-
kauf" schließt in sich eine Bedeutung (Leistung, Funktion)
des Pferdes für den Betrieb, in dem es arbeiten soll, wie für
jenen aus dem es austritt, und damit für die Volkswirtschaft,
        <pb n="84" />
        ﻿62

in welcher wieder beide Betriebe etwas leisten. „Aktienkauf"
schließt in sich eine Leistung, z. B. „Kursgewinn", für den
Handelsbetrieb des Käufers, eine Leistung, z. B. „Wechsel
in der Aktienmehrheit", in dem mittelbar betroffenen Aktien-
betrieb. Der Begriff einer wirtschaftlichen Erscheinung er-
schöpft sich gänzlich in ihrer leistungsmäßigen Bestimmtheit,
d. h. in ihrer Eigenschaft „Mittel für Ziele" zu sein (darüber
siehe eingehender mein „Fundament der Vwl."). „Geld"
z. B. ist nur insoferne es „Tauschmittel", „Zahlungsmittel",
„Wertmesser" ist, Geld, d. h. sofern es arteigene Leistungen
aufweist. Darüber hinaus ist es überhaupt nichts Wirtschaft-
liches mehr. Selbst sofern der Tausch nur der Einzelperson 8
allein Gewinn brächte, der bei 8 steckenbliebe, wäre er Wirt-
schaftserscheinung nur durch leistungsmäßige Auswirkungen.
Z. B.: L habe zu gleichem Preise einen Ochsen verkauft, ein
Pferd gekauft, das Pferd leiste aber 50 Proz. mehr; setzt sich
nun dieses Mehr in größere private Verbrauchsausgaben des
L um, dann entsteht wieder ein neuer Tausch aus den Lei-
stungen des ersten Tausches, der mithin nicht im Persönlichen
stecken blieb, sondern organische Veränderungen hervorrief.

3.	Ein weiteres, besonders wichtiges Beispiel, wie keine
Tauschhandlung bloß persönlich zugerechnet werden könne,
sondern ganz und gar als Verbindung wirtschaftlicher Gruppen,
volkswirtschaftlicher Organe zu betrachten sei, liefert der an-
gebliche Schauplatz rein persönlich-spekulativen Tausches, die
Börse. Welches ist das Bild der Börse im Falle eines plötz-
lichen Kurssturzes? Dieser zeigt, daß nicht Börseaner, sondern
zuletzt die hinter der Börse stehenden Banken, Fabriken
und Aktienbetriebe aller Art es sind, die auf der Börse wirt-
schaften. Wenn z. B. die Erzeugnisse einer Fabrik wegen
neuer Patente der Nebenbuhler keinen Absatz mehr finden,
so stürzen die Kurse ihrer Papiere auf Null; kein Mensch tauscht
sie gegen andere ein. Aber nicht weil er zufällig mag, sondern
        <pb n="85" />
        ﻿63

weil der Betrieb aus dem Organismus der Volkswirt-
schaft ausschied, daher mit keinem anderen Betriebe mehr durch
Tausch verbunden werden kann. So auch, wenn der Kurs auf
die Hälfte sinkt, es ist dann, als wenn nur die Hälfte der Er-
zeugnisse brauchbar und absetzbar wäre. Freilich ist die Börse
nur Plattform (Tauschstätte) für Finanzkapital, daher der
Kurssturz niemals ganz die Warenbewegung der Betriebe
widerspiegelt, sondern nur Bedingungen davon. Aber soviel
ist klar, daß es zuletzt die Betriebe allein sind, die auf der Börse
erscheinen, wenn auch nicht vertreten durch förmliche Ab-
gesandte, sondern durch eigene Beurteiler, die „Spekulanten".
(Damit sollen die argen Schäden unseres heutigen Börsen-
und Bankwesens, als unvollkommener Organe, natürlich nicht
geleugnet werden.)

4.	Schließlich sei noch eine letzte erläuternde Bemerkung
gestattet. Man könnte den Unterschied unserer eben dar-
gelegten universalistischen gegen die individualistische Auffassung
auch so erklären, daß, ins Mathematische übersetzt, die indi-
vidualistische Auffassung mit 1, 2, 3 rechnet, also mit lauter
eigenen Einheiten, die universalistische dafür x/io/ 2/io/ 3/io
setzt — d. h. mit Teilen von Ganzen rechnet statt nüt
Einzelnen, statt mit Atomen. Diese letztere Auffassung ist
nicht gezwungen und konstruiert, sondern die allein richtige,
denn sie behält die Gliedeigenschaft der Größen im Auge,
während die erstere Auffassung sie vergißt. Keine wirtschaft-
liche Erscheinung ist, universalistisch gesehen, in Stücken für
sich da, sondern sie ist stets ein Glied in einer Gesamtheit,
der Tauschende ist Träger, Vertreter wirtschaftlicher Ganz-
heiten, für sich existiert er wirtschaftlich gar nicht.

3.	Der Begriff -es Preises.

Individualistisch gefaßt, ist der „Preis" gleich dem Ver-
hältnis der ausgetauschten Waren der sog. „Tauschrelation".
        <pb n="86" />
        ﻿Sind z. B. 20 Ellen Leinewand gleich 1 Rock oder gleich
X Mark, so ist der Preis von 20 Ellen Leinewand 1 Rock.
Damit wird der Preis genau so, wie der Tausch, mit dem
er ja nach dieser Auffassung eigentlich einerlei ist, erklärt; näm-
lich genau so individualistisch als Zusammentreffen und „Re-
lation" einzelner Waren oder Handlungen. — Dasselbe ge-
schieht, wenn es heißt, der Preis sei „von Angebot und Nach-
ffage abhängig", denn das bedeutet individualistisch doch nur:
von Tauschware und Gegenlauschware = von der Summe
aller Tauschhandlungen. Nach welcher besonderen „Gesetz-
mäßigkeit" diese Summierung der Tauschhandlungen ge-
schieht, versuchen dann die verschiedenen individualistischen
Preistheorien je in ihrer Weise zu ermitteln. Aber sowohl
bei Ricardo wie bei Böhm-Bawerk und bei allen, die zwischen
ihnen stehen, sind es die Tauschhandlungen der Einzelnen,
aus denen sich der Pre's ergibt. Ja hier ist Böhm-Bawerk
in gewissem Sinne noch individualistischer als Ricardo und
Marx, da bei den letzteren der Güterwert (obzwar die Tausch-
handlung nur dem Einzelnen zugerechnet wird) grundsätzlich
durch eine objektive Tatsache, nämlich die in ihr steckende Ar-
beitsmenge bestimmt ist; bei Böhm dagegen nur die Schätzungs-
handlungen der Einzelnen allein (in ihren Verschlingungen
mit anderen) den Preis ergeben.

Anders unsere vom Ganzen ausgehende, die universalistische
Auffassung. Ist der Tausch (wie wir oben S. 56 f. ausführten)
nur eine bestimmte Weise organischer Verbindung von Stufen,
Betriebsgruppen und Erzeugungszweigen der Volkswirtschaft,
ist er nur die Plattform der Verbindungs- und Auseinander-
setzungsvorgänge, auf welcher vorgegebene Ganzheiten kon-
kretisiert werden, und ist er in dieser vermittelnden Aufgabe
und in diesem Sinne gleichsam selbst ein Organ, dasjenige
Hilfsorgan, das zuletzt die Ganzheit im Rahmen der Volks-
wirffchaft hinstellt und zur Erscheinung bringt — dann ist
        <pb n="87" />
        ﻿65

der „P r e i s" auch nicht das bloße Mengen-
verhältnis der getauschten Waren selbst;
dann bängt er aucb nicht von dem bloßen jeweils gegebenen
Angebot und der jeweils gegebenen Nachfrage ab; dann kann
den jeweils schon gegebenen Angeboten und gegebenen Nach-
fragen auch bloß eine markttechnische, aber keine eigentlich
preisbildende Bedeutung zukommen!

Vielmehr zeigt sich der Preis nunmehr: als die Aus-
drucksform, als der Anzeiger des organischen
Verbindungs wertes der sich berührenden
volkswirtschaftlichen Stufen und Erzeu-
gn n g s z w e i g e. „20 Ellen Leinwand gegen 1 Rock",
„X Wagen Leder gegen Y Wagen Schuhe", „X Ballen Baum-
wolle gegen Z Sack Mehl", oder: 1 Elle Leinwand = A Mark,
1 Rock = B Mark, usw. — all dieses heißt nun nicht, daß Herr A
von ungefähr oder mit Vorsatz Leinwand, B Röcke, C Leder
usw. tauscht oder kauft, denn diese Tatsache ist belanglos;
sondern daß die Vorstufe „Leinwanderzeugung" oder „Lein-
wandangebot" in einem organisch bestimmten Verbältnis zur
Nachstufe Rockerzeugung (Nachfrage nach Leinwand) steht.

Notwendig muß ja, da „Volkswirtschaft" eine Ganzheit
und kein Haufen ist, jede Vor-, Nach- und Nebenstufe
der Wirtschaft in einer organischen Verbindung, einem
gliedbaften Verhältnis der Entsprechung zu jeder anderen
sieben. Vom Hochofen hängt das Walzwerk, vom Walzwerk
die Klein-Eisenerzeugung, die Maschinenerzeugung usw. ab.
„Walzwerk" muß zu seinen Vor-, Nach- und Nebengewerben
in einem ganz bestimmten Verhältnis stehen. Dieses Ver-
hältnis ist das Erste, der Preis bloßer Ausdruck davon, bloßer
Anzeiger (Erponent) gegenständlicher volkswirtschaftlicher Ver-
hältnismäßigkeiten; er ist nicht etwas, was den einzelnen
Tauschhandlungen als solchen, den einzelnen Täuschern als
solchen zugehört und entspringt, noch aus einem Summations-

O. Lpann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Aufl.	5
        <pb n="88" />
        ﻿66

Vorgang „Angebot—Nachfrage", noch aus dem „Gleichge-
wicht" der beiden; insbesondere geht er daher nicht aus „sub-
jektiven Wertschätzungen" hervor, er ist nicht ihr „Ergebnis", wie
Menger und seine Schule will'); vielmehr sind, gerade ent-
gegengesetzt, die subjektiven Schatzungen der Wirtschafter erst die
Erponenten, die Ausdrücke des objektiven Gliederbaues der
Wirtschaft.

Unsere Auffassung des Preises als Anzeiger organischer
Gliederung und in diesem Sinne als organisch erPreis
ist allerdings noch keine vollständige Preistheorie; aber sie
gibt den Rahmen an, in dem sich die universalistischen
Preiserklärungen zu bewegen haben. Die besondere Preis-
theorie hat (auf der angegebenen allgemeinen Grundlage)
noch darzutun, nach welchen Gründen und in welchen Sonder-
vorgängen jenes „Anzeigen", „Ausdrücken" organischer Be-
ziehungen der Teilganzen im volkswirtschaftlichen Gesamt-
ganzen geschieht, wie sich die Gliedhaftigkeiten in ihm durch-
setzen (vgl. unten S. 73 über „Gleichwichtigkeit"). Die
österreichische Schule, sofern sie den Wert von Bedürfnis-
stand und Gütermenge (d. h. vom Verhältnis der Mittel zu
den Zielen) abhängig macht, wäre mit diesen allgemeinen
Voraussetzungen immerhin beim rechten Anfange; jedoch müßte
Ziel und Mittelbestand der Einzelnen, müßte die Marktlage
stets als Äußerung der volkswirtschaftlichen Ganzheit begriffen
werden, nicht aber als Zufälliges, als bloß Summiertes, das
aus sich-zusammenfindenden Atomen bestünde. Wenn daher
Böhm-Bawerk sagt, „der Preis ergibt sich vom Anfang bis
zum Ende aus subjektiven Wertschätzungen"?) und nach diesem
Grundsätze auch seine entscheidende Preisformel (Beispiel vom

x) Böhm-Bawerk, Positive Theorie des Kapitals, 4. Ausl.
Jena 1921, Bd. 1, S. 280, 281, 291.

2) st. angef. Orte, Bd. 1, S. 280.
        <pb n="89" />
        ﻿Pferdemarkt) aufstellt*), so sind jene organischen Voraussetzungen
wieder ins Individualistische umgebogen. E s i st richtig,
daß sich Ganzheit nur durch Einzelheit
(Subjektivität)vermittelt;aber das Gegen-
teildieserGrundtatsacheist,daßdieSumme
der Einzelheiten, daß die Subjektivitäten,
das erste Reale wären. Rur indem der Ein-
zelne sich zum Träger oder Gliede einer
wirtschaftlichen Ganzheit macht, und damit
seine Subjektivität und Einzelheit über-
windet, erlangt er wirtschaftliche Wirk-
lichkeit.

Daß ferner dieses „Zum-Gliede-Werden" keine rein
passive Bedeutung hat, sondern jeweils auch eine U m -
g l i e d e r u n g der vorgegebenen Ganzheit hervorruft, liegt
im Wesen der Sache, und ich habe es bei früheren Gelegen-
heiten wiederholt erwähnt.

In meinem „Fundament der Volkswirtschaftslehre" (3. Aufl., 1923,
§ 19) habe ich das Wesen des Preises bestimmt als „d i e Leistungs-
größe eines Mittels im überindividuellen Zu-
sammenhange aller Mitte l".

Diese Bestimmung ist nur eine nähere Ausführung der obigen Grund-
bestimmung (und zwar im Sinne meiner Auffassung der„ leistungsmäßigen"
„verrichtsamen", d. h. „funktionellen" nicht aber „kausalen", Natur aller
Wirtschaft). Denn die organische Verbindung einer Vorstufe von Erzeu-
gung mit ihrer Nachstufe kann nur dadurch hergestellt werden, daß die
Güter der Vorstufe (z. B. von „Hochofen") im Betrieb der Nachstufe
(z. B. von „Walzwerk") eine Verwendung finden, d. h. also eine bestimmte
Leistung in dieser Nachsiufe, im nstchstböheren Ganzen, vollbringen, in das
(jeweils als Ganzes schon gegliederte!) Gebäude dieser Leistungen mit
ganz bestimmten Verrichtungen eingehen. Je nachdem viele oder weniger
Güter von der Vorstufe geliefert werden, werden wicbtigere oder un-
wichtigere Leistungen verwirklicht werden können, werden die Leistungs-
ganzheiten (Leistungsstände) der Gebilde verschiedene sein.

*) a. angef. Orte; in Nachbildung von Mengers Pferdebeispiel.
        <pb n="90" />
        ﻿68

Alles zusammengefaßt, schließt unser Begriff des Preises
fünferlei in sich:

1.	daß der Preis eine Ausdrucksform, nämlich
„Ausdruck organischer Verbindung", „Anzeiger von Verhältnis-
mäßigkeit", ist;

2.	daß der Preis Ausdruck von Gliederung, von Ganz-
heit der Wirtschaftsmittel ist; im Sinne von 1 und 2 ist
der Preis seiner Natur nach organischer preis;

3.	daß das einen Preis erlangt habende Gut eine be-
sondere Stelle in der Ganzheit einnimmt;

4.	daß der Preis die Richtung jener Änderung, welche
in der Ganzheit vor sich geht, ausdrückt;

5.	daß der Preis, soferne er richtiger Ausdruck eines rich-
tigen Gliederbaues der Wirtschaft ist, richtiger organischer
oder gerechter Preis genannt werden muß.

Hierzu folgende Erläuterungen:

Au 1. und 2.: Der Preis ist (so führten wir früher aus)
Ausdruck jener jeweiligen Ganzheit, welche die getauschte Güter-
verbindung jeweils in ihrer Weise darstellt. Damit ist aber
der Preis Anzeiger der auf dem Markt jeweils auftretenden
Gliederung des beteiligten Wirtschaftsmittels. Und daraus
folgt nun weiter: er ist Ausdruck des Angebotes und der
Nachfrage nicht nur als der jeweils unmittelbar gegebenen
Güter, sondern auch jener, die als stell-
vertretende Güter in Betracht kämen (z. B.
Eisen für Kupfer, man denke an eine Art Waren-Arbitrage
für verwandte Güter und an das „Ersatzwesen" des Krieges).
Nicht nur gegebene Angebote und Nach-
fragen, sondern noch mehr deren Glied-
eigenschaften, insbesondere deren Ver-
tretbarkeil durch andere Leistungen sind
es, die sich im Preis und in der Preisent-
        <pb n="91" />
        ﻿Wicklung ausdrücken. Angebot und Nachfrage sind
nicht zusammengeschneit und nicht mengenmäßig zu fassen,
sondern sind als Ausgliederungsergebnisse und nach Aus-
gliederungsfolgen zu verstehen, also in ihrer gliedhaften Be-
deutung. Das bestätigt auch die Preisstatistik.

Au 3.: Daß jede Ware in der Gliederung des Ganzen der
Volks- und Weltwirtscbaft eine ganz bestimmte Stelle ein-
nimmt, bewirkt, daß der Preis nicht nur die Ganzheit, die
Gliederung der Wirtschaftsmittel, ausdrückt, die hinter ihm
steht, sondern auch die besondere Stelle, an der die bewertete
Ware steht. Es ist daher nur natürlich, daß dieselbe Ware
in Wien und Graz einen abweichenden Preis hat, und zwar
auf den Großmärkten, wo sie der volkswirtschaftlichen Ganz-
heit noch näher steht, weniger als auf den Kleinmärkten.
Ferner hat der Kuchen beim Bäcker einen anderen Preis
als im Gasthof, das Mehl einen anderen beim Großhändler
und Kleinhändler, „dieselbe" Ware als „Brief" und „Geld"
einen anderen Kurs an der Börse. „Dasselbe" Gut ist eben
an verschiedener volkswirtschaftlicher Stelle ein verschiedener
Erponent (Besonderer) der Ganzheit, ein verschiedenes Glied
verschiedener ganzheitlicher Gebilde, wesbalb aucb seine Lei-
stung dann verschieden ist. „Gleiche" Güter haben
dar u m wesensgemäß überall ungleiche
Preise. (XL.: Wenn sich umgekehrt zeigt, daß dagegen
ein Buch in Königsberg und Leipzig den gleichen Preis hat —
ja sogar in Königsberg und Wien, also auch über die Volks-
wirtschaften hinweg — so geschieht dies nur dadurcb, daß die
zünftlerische Organisation des Buchhandels eine ein-
heitliche Gliederung selber herstellt und dadurch örtliche Ver-
schiedenheiten künstlich ausgleicht.)

Hieran sei noch eine weitere Betrachtung geknüpft:

Aus der Grundtatsache, daß an jeder Stelle der volkswirt-
schaftlichen Ganzheit „dasjelbc" Gut die Ganzheit in anderer,
        <pb n="92" />
        ﻿70

besonderer Weise widerspiegelt, daher notwendig auch einen
anderen Preis hat, folgt,

daß das Umwechslungsverhältnis einer
Ware zu allen anderen Waren der Volks-
wirtschaft kein eindeutiges ist; daß daher
der Preis eines Gutes auch nicht voll-
kommen rechenbar ist, sondern stets ein
irrationales Element enthält. „1 Rock =
20 Ellen Leinwand = 20 Mk." — dieses Verhältnis, so könnte
man einwenden, erscheint wohl als ein eindeutig gerechnetes.
Steht aber damit, so antworten wir, der Rock, stehen die
20 Mk., zu allen anderen Gütern der Volkswirtschaft schon
in einem eindeutigen Verhältnis? Nein! Denn für 20 Mk.
kann ich zwar allerlei kaufen, aber nicht jede der betreffenden
Waren zu ein und demselben Preise! Sollen 20 Mk. etwa
in Mittagessen und Wohnungsmiete für 24 Stunden um-
gesetzt werden, so kann ich „dasselbe" Mittagessen im Gasthofe
A, B, C oder in Wien und Linz nur zu abweichenden Preisen
kaufen und ebenso wird die Miete für 24 Stunden in Gasthof,
Herberge oder eigener Wohnung nur zu sehr verschiedenen
Preisen zu erlangen sein. Bekannt ist auch, daß nicht
jede Fabrik für die gleichen Leistungen
die gleichen Löhne zahlt, noch zahlen kann:
die „gleiche" Arbeitsleistung eines Eisendrehers erzielt daher
in jeder Fabrik einen anderen Preis, weil sie an einer anderen
Stelle des Organismus der Volkswirtschaft steht. (Voraus-
gesetzt, daß nicht durch organisatorische Vorkehrung, z. B. durch
Tarifvertrag, die Löhne ausgeglichen werden.) — Nicht die
Gattung und Güte der Ware, die ich kaufen will, bestimmt
daher den Preis eindeutig, sondern die volkswirtschaftliche
Stelle, an der die konkrete von mir gekaufte Ware steht, ist
dafür ausschlaggebend! — Hieraus folgt weiter:

daß die individualistische Annahme, als könnten durch Wett-
        <pb n="93" />
        ﻿71

bewerb wenigstens idealerweise die Preise absolut ausgeglichen
werden, falsch ist, da jede Ware an verschiedener Stelle ein
verschiedenes Glied der Volks- und Weltwirtschaft ist und daher
notwendig einen verschiedenen Preis haben muß.

Nicht der Wettbewerb, sondern nur sein Gegenteil, die Or-
ganisation, kann die Preise vollkommen ausgleichen — Kartell,
Kollektivarbeitsvertrag sind dafür zwei Beispiele. Und zwar
bewirkt dies die Organisation zunächst gegen die Natur de:
Wirtschaft, die verschiedene Preise verlangt, je nachdem die
Ware an einer anderen Stelle im volkswirtschaftlichen Ganzen
steht (ob in den F o l g e n nützlich oder nicht, ist ja eine andere
Frage!). Am deutlichsten zeigt sich dies daran, daß der Ober-
leiter einer kommunistischen Volkswirtschaft für die gleichen
Schuhe einer Schuhfabrik in Graz andere Selbstkosten haben
würde als in Wien, z. B. infolge anderer Materialkosten,
Frachtkosten, Gründungskosien, „Regie", abweichenden Wir-
kungsgrades von Arbeit und Maschine. — Ein Ganzes besteht
eben überall nur aus Gliedern, damit aber aus Unterschiedenem,
nicht aber aus Homogenem, nicht aus gleichen Atomen.

Dies nicht erkannt zu haben, ist der Grundirrtum Böhm-
B a w e r k s in seiner schon erwähnten Pferdemarktformel, in
welcher ihm heimlich der Börsensensal mit seinem Notizbuche
(enthaltend die „subjektiven Wertschätzungen der Käufer und
Verkäufer") vorschwebte. Und in der Tat geht die Preis-
bestimmung im Schranken häufig so vor sich, wie Böhms Formel
will. Der Börsensensal im Schranken ist aber ein Or-
ganisator der Preisbildung (ähnlich wie der Versteige-
rungsleiter und alle derartigen Organe), er ist damit ein
Preisausgleicher! Die Preisbildung bei freiem Wett-
bewerbe ginge ganz anders vor sich — mit vielen Preisen,
nicht mit einem einzigen, mittleren Preise! Daraus folgt:
Das Böhm-Bawerkische „Gesetz der Grenz-
paare" ist falsch; auf dem freien Markte müßte sich der
        <pb n="94" />
        ﻿72

Preis ganz anders stellen — abgesehen davon, daß die Vor-
aussetzungen für den Markt, die Böhm-Bawerk macht, über-
haupt nicht zu Ende gedacht werden können, daß sie wider-
spruchsvoll sind und darum der ganze Ansatz seiner Preislehre
in der gegebenen Form unbrauchbar ist (wie ich an anderem
Orte nachwies)'). Böhms Schema ist nicht, wie er meint,
ein solches „von äußerster Einfachheit", das hinterdrein „aus-
zugestalten" wäre^), sondern ein wesenswidriges, weil es die
subjektiven Schätzungen als primäre auffaßt, statt die im
Gliederbau der Volkswirtschaft liegenden Prämissen der sub-
jektiven Erwägungen als primäre zu behandeln!

Wenn aber jeder Preis, wie wir sahen, ein besonderer ist,
wenn es nur abgestufte Preise geben kann, folgt daraus, um
es in der üblichen individualistischen Ausdrucksweise zu sagen:
Es gibt grundsätzlich keinen für den ganzen Markt gleichen,
idealen Wettbewerbspreis, sondern nur monopoloide Preise.
Alle wirklichen Preise sind monopoloide
Preise. Das „Monopol" kommt da weder von einem
rechtlichen Monopol (wie bei der Eisenbahn) noch von der
Machtstellung usf. her, sondern zuletzt von der Unwiederhol-
barkeit der gliedhaften Stellung jedes Betriebes, jeder Hand-
lung, jedes Gutes in der Volks- und Weltwirtschaft.

Au 4.: Der gegebene Preisbegrisf schließt ferner in sich,
daß der Preis, wenn er von einem früheren Stande abweicht,
auch eine Änderung seiner Grundlagen anzeigt. Die Preis-
Änderung ist daher von ganz besonderer Bedeutung, sie
zeigt an, daß die jeweilige Gliederung der Wirtschaftsmittel, die
jeweilige Verhältnismäßigkeit aller Unterganzen in einer Ver-
schiebung begriffen ist! Um lins die Grundtatsache „Gliede-
rung" klarzumachen, niußten wir ein Augenblicksbild vollen-

i) Dgl. mein „Fundament", § 19; zum Folgenden auch nieinen Art.
„Eigennutz" im Hdwb. d. Staatsw., 4. Ausl., Jena 1925.
a. a. O. S. 286.
        <pb n="95" />
        ﻿73

beter Gegliedertheit einer Volkswirtschaft festhalten, d. h. eine
beständige, feste Gliederung annehmen, die „statische" Wirt-
schaft. Die Wirklichkeit der Wirtschaft ist aber, immer lebendig
und in unaufhörlicher Bewegung zu sein. Die Preise zu Beginn
des Marktes und am Ende des Marktes, des vorigen und heu-
tigen Tages, des Frühjahrs und des Herbstes, des vorigen
und heurigen Jabres wechseln und schwanken unaufhörlich!
Ein gegebener Preis, verglichen mit einem früheren, spiegelt
daher nicht nur eine Gliederung des Augenblicks von Markt-
lage und Volkswirtschaft wider, sondern auch eine Änderung
dieser Gliederung in einer ganz bestimmten Richtung; diese
Richtung ist von ihm allein aus allerdings noch nicht erkennbar,
sondern erst von jenen Umgliederungsvorgängen her, deren
Ausdruck jeweils der Preis ist (hierüber s. S. 82 f.).

Au 5.: Der Begriff des organischen und gerechten Preises,
den die individualistischen Schulen verspotteten, muß wieder
zu Ehren kommen. Er wurzelt im Begriffe des richtigen
Gliederbaues jeder wirtschaftlichen Ganzheit, zuletzt im Be-
griffe der richtigen Wirtschaft überhaupt und ist dadurch sub-
jektiver Willkür entzogen.

Zusatz über Gleich Wichtigkeit. Zur Beantwortung der
oben (S. 66) aufgeworfenen Frage, wie sich jenes „Anzeigen", „Ausdrücken"
der organischen Gliederung, in dem der Preis besteht, vollziehe, weise
ich auf den Begriff der G l e i ch w i ch t i g k e i t oder Ä q u i p o l l e n z
bin, den ich in der Fruchtbarkeitslehre entwickelte (ohne mir allerdings
damals des grundsätzlichen Widerspruchs zum Grenznutzen klar zu sein,
s. Fundament, 3. A., S. 234 f., 235 ff.). Die Gleichwichtigkeit besieht
darin, daß zur Erlangung eines bestimmten Leistungsstandes eines Ge-
bildes alle Leistungen unentbehrlich, somit, da nichts wichtiger als „unent-
behrlich" sein kann, gleichwichtig sind. Der in anderen Zusammenbängen
hervortretende llnterschied zwischen lebenswichtigen und lebensunwichtigen
Leistungen (z.B. des Betriebsleiters gegenüber dem Lehrling, des Herzens
gegenüber dem kleinen Finger) soll damit an sich nicht geleugnet werden.
Aber wirtschaftlich wirksam wird er erst dann, wenn ein neuer, ein min-
derer Leistungsstand in Frage kommt. Nicht überhaupt mögliche, sondern
jeweils konkrete Leistungsstände der Vorräte, Betriebe, Haushalte usf.
        <pb n="96" />
        ﻿74

kommen für die Wirtschaft in Frage! Für diese aber sind die einzelnen
Leistungen — nach Maßgabe der Ausgliederungsordnung — stets gleich-
wichtig (z. 23, 10 Schafe auf 1 Ochsen, beide Leistungszweige, Schaf-
und Kuhzucht, sind für den gegebenen Leistungsstand gleichwichtig). Der
Sah, „die Güter werden nach dem Grenznutzen geschäht", ist daher ungültig;
stets müssen die Vorräte (Angebote, Nachfragen, leistenden Gebilde) als
Ganze in Betracht kommen. Nicht der Grenznuhen des
Einzelgutes, sondern der Leistungsstand des
ganzen Gebildes ist maßgebend. Cs gilt daher der Satz:
Die Güter werden von der Gesamtleistung des Gebildes aus nach Gleich-
wichtigkeit geschäht. — Nunmehr handelt es sich, das liegt klar zutage,
in der Werttheorie nicht mehr um subjektive Eigenschaften und subjektive
Schätzungen der Einzelnen; sondern diese haben die objektiv gegebenen
Leistungsgrößen zu finden. — Daß die „Gleichwichtigkeit" nicht etwa
zu gleichen Preisen und Löhnen führt, ergibt sich schon aus der nur ver-
hältnismäßigen Ausgliederung von Mitteln (z. B. 10 Schafe auf 1 Ochsen);
welche Verhältnismäßigkeit freilich nur eine erste Grundlage dafür ist,
wie sich die Gesamtausgliederung der Volks- und Weltwirtschaft und ihre
Umgliederungsbewegung jeweils in Preisen ausdrückt. — Eine weitere
Darlegung soll an anderer Stelle erfolgen (vgl. auch S. 68, 82 f., 84 f.).

4.	Ursächlichkeit oder Gliedlichkeit?

Die individualistische Auffassung, wonach die einzelne
Tauschhandlung als ursprüngliche, selbstwüchsige Wirklichkeit
auftritt, muß die Tauschhandlung methodologisch als Kraft-
zentrum fassen, das eindeutige „Ursache" für „Wirkungen" ist,
als Atom, das eindeutig bestimmbar (nach dem Eigennutz)
„wirkt". Dieses „Wirken" wird methodologisch ernst genommen,
nämlich als Kausalität oder Ursächlichkeit, und die Theorie
der Tausch- und Preiserscheinungen wird daher als ein In-
begriff von „Kausalgesetzen" gefaßt. Die Preisgesetze sind
„Naturgesetze"; mechanische Ursächlichkeit ist die Kategorie
der nationalökonomischen Denkweise. Die Wirtschaftserschei-
nungen werden da so betrachtet, wie die Gegenstände der
Chemie. Der Chemiker wirft verschiedene Reagentien in
den Bottich, worauf es brodelt und braut und eindeutige.
        <pb n="97" />
        ﻿75

weil ursächlich bestimmte, Hergänge entstehen. Ebenso be-
trachtet der individualistische Wirtschaftsforscher den Markt.
Dieser ist ihm der Bottich, in welchem verschiedene Reagentien
(die Wirtschaftsatome, die einzelnen Tauscher, bzw. ihre
Tauschhandlungen) brodeln und brauen und eindeutig be-
stimmte Folgeerscheinungen m diesem mechanischen Aufein-
ander-Wirken erzeugen, z. B. Preise als „Gleichgewicht" von
Angebot und Nachfrage. „Wertgesetze", „Preisgesetze", „Ver-
teilungsgesetze" sind der Ausdruck solcher ursächlicher Ver-
kettungen, sind die „Naturgesetze" der Wirtschaft.

Im physiokratischen „orctre naturel" kam diese Lehre von der Natur-
gesetzlichkeit der Wirtschaft zum ersten Male zu einem vollendeten Aus-
druck, seither ist sie die Grundlage jeder Preistheorie geworden.

Diesen Boden muß die universalistische Auffassung gänz-
lich verlassen, und es ist dies vielleicht die schwerste Zumutung,
welche an den gestellt wird, der in der bisherigen (ursächlichen,
individualistischen) Denkweise groß wurde. Zwar sind die
Wirtschaftsvorgänge für die universalistische Auffassung nicht
minder eindeutig bestimmt als für die individualistische, je-
doch nicht auf dem Boden der Ursächlichkeit. An Stelle der
Kategorie Ursache—Wirkung tritt für die universalistische Auf-
fassung die Kategorie Ganzheit—Glied. „Gliederung" des
Ganzen in Teile, „Gliedlichkeit" der Teile, sinnvolle „Ent-
sprechung" (Korrelation) der Glieder untereinander und im
Ganzen (wie Herz und Lunge, Nerven- und Muskelsystem
einander entsprechen), das sind die Kategorien, die Denk-
formen, in denen sich die volkswirtschaftliche Erkenntnis abspielt.
Ein „Warum" und „Weil" gibt es auch für uns:
aber nur als sinnvolles Warurn, als gliedliches
Warum, nicht als mechanisches, kausales! Z.B. ist
das Warum des „Gesetzes" von Angebot und Nachfrage für
uns kein mechanisch-ursächliches, wie es für den Individualisten
in „Menge" oder „Gleichgewicht" der Waren liegt. Für uns
        <pb n="98" />
        ﻿76

ist die Sachlage vielmehr diese: daß eine Vergröße-
rung des Angebotes sich nur dadurch und
nur insofern in einen: neuen Preise aus-
drückt, a l s in ihr eine Neugliederung und
Neuordnung der Mittel, d. h. ihrer Rang-
stellung, ihrer Gültigkeiten, ihrer Lei-
stungen (z. B. durch Erweiterung der betr. Gebilde) zur
Erscheinung kommt; — also bei neu geändertem Ver-
hältnis von Mittel und Ziel, von Erzeugung und Kaufkraft.
Als Hauptregel kann ja dabei gelten, daß — wie die alte
Lehre will — bei vergrößertem Angebote der Preis sinkt,
da bei einem Mehr an Gütern oft zu geringeren Nutzungen
herabgestiegen wird; aber ein „Gesetz" ist das nicht, da die
Neugliederung eine solche sein kann, daß nun gerade erst kom-
plementäre Güter nutzbar und wichtige Leistungen ermöglicht
werden, also das Mehr an Angebot ein Mehr an Nachfrage erst
hervorrufen, die Nachfrage daher das vermehrte Angebot ohne
Preissturz aufnehmen wird (s. o. S. 68 f., S. 74).

Wir sahen, daß sich im „Tausch" eine Ganzheit verwirklicht,
in der sich die Gliedlichkeit der Teile (der Tauschhandlung)
darstellt; wir sahen, daß der Preis Ausdruck von Gliederung
ist, seine Änderung einen Umbau der Gliederung der betroffenen
Ganzheit in bestimmter Richtung anzeigt; die Tausch- und
Preisgesetze wie alle anderen Gesetze der Volkswirtschaftslehre
sind daher sämtlich Gesetze, welche die Bezogenheit der Teile
in der Ganzheit betreffen, sie sind Gliederungsgesetze, Ent-
sprechungsgesetze. Als solche sind sie allerdings eindeutig
(weil z. B. Herz- und Lungenentsprechung, Handels- und Er-
zeugungsentsprechung unter gegebenen Umständen eindeutig
sind); ja sie sind sogar einsichtig, d. h. ihre Notwendig-
keit, ihre Gültigkeit kann unnüttelbar eingesehen werden,
leuchtet ein (während nicht einleuchtet, warum die Thermo-
metersäule steigt ^mechanische Wirkung), wenn es wärmer wird
        <pb n="99" />
        ﻿77

^mechanische Ursache^); aber sie sind niemals und
in keine ni Sinne mechanisch-ursächlich!

Wieder zeigt sich uns die vom Ganzen ausgehende uni-
versalistische Lehre mit ihren einsichtig begriffenen Wahrheiten
als lebendige, die individualistische Lehre mit ihren mechanisch-
ursächlichen Gesetzen als tote Wissenschaft.

An dieser Stelle soll dieses schwierige Gebiet nicht weiter betreten
werden, es sollte nur auf die verfabrenkundliche Folgerung hingewiesen
werden, die entstebt, wenn die Tausch- und Preislehre es mit Ganzheiten
statt mit Einzelbandlungen, mit Wirtschaftsatomen, zu tun hat. Weiter-
geführt ist der Gedankengang im „Fundament d. Volkswirtschaftsl.",
3. Aufl., 1923, S. 20 ff., 249 f., 262 f.; „Kategorienlehre" 294 ff.

5.	Der Begriff der volkswirtschaftlichen Verteilung.

Die individualistische Volkswirtschaftslehre wird auch mit
Bezug auf den Verteilungsbegriff geneigt sein zu leugnen,
daß es eine eigene individualistische und universalistische Be-
trachtungsweise gäbe. In ihrer methodologischen Unbefangen-
heit würde sie etwa sagen: Die Betrachtung des Wertes und
Preises führt von selbst notwendig auf Tatsachen, die sich nach-
träglich als volkswirtschaftliche „Verteilung" Herausstellen;
denn der Preis ist es, in dessen Gestalt sich das Abströmen
des Hcrvorbringnisses vollzieht; „Tausch", „Preis" schließt daher
schon „Verteilung" in sich; daher gilt für den Individualisten:

Die Handlungen der Einzelnen ergeben den Preis; im
Preise ist der Austausch der Realgüter beschlossen; der Preis
ergibt daher die Verteilung; aus den Preisgesetzen ergeben
sich die Verteilungsgesetze. In diesem Punkte kann daher
eine andere, die universalistische Betrachtung nichts Neues
ergeben — so etwa könnte man den Gedankengang Ri-
cardos oder Böhm-Bawerks als Einwand gegen uns for-
mulieren. Ferner herrscht dabei die Vorstellung: daß jeweils
schon fertige Güter in der Preisbildung verteilt würden.
        <pb n="100" />
        ﻿78

In Wahrheit können indessen auch hier individualistische
und universalistische Auffassung nicht zusammenkommen. Würde
selbst der individualistisch aufgefaßte Preis zu einer „Vertei-
lung" führen, so wäre diese doch wieder eine durchaus indivi-
dualistisch gedachte, eine solche, die aus den souveränen Tausch-
Handlungen der Einzelnen folgt! Wenn der Preis sich aus
dem Tun Einzelner ergibt, dann ergibt sich auch die
Verteilung aus dem Tun Einzelner, sie summiert sich, aus
vielen einzelnen Tauschakten, Preisbildungen; die selbstwüchsigen
Handlungen sollen plötzlich statt eines Chaos eine geordnete,
volkswirtschaftliche Verteilung ergeben! Die alten individuali-
stischen Klassiker erkannten auch offen dieses Rätsel an. Sie
priesen den glücklichen Zufall, daß durch den Eigennutz der
Einzelnen nicht ein Chaos herauskäme und nannten das „prä-
stabilierte Harmonie" (vgl. oben S. 8 u. 10). Nach diesen:
Grundsätze hat denn auch Ricardo, hat die Grenznutzenlehre,
haben alle anderen Individualisten die Verteilungserschei-
nungen erklärt! Die Verteilung ergibt sich ihnen (um es zu
wiederholen) n a ch t r ä g l i ch , d. h. 1. durch Zusammen-
setzung der einzelnen Handlungen; 2. nachdem im individuellen
Tausche die Preise sich bildeten und 3., nachdem die Erzeugnisse
schon selbstwüchsig erzeugt waren, wie beim Fabrikanten, bzw.
schon selbstwüchsig weiter bewirtschaftet waren (wie dein:
Händler oder Bankmann), also nachdem fertige Güter jeweils
schon da sind. Die Individuen machen hier die Verteilung —
freilich unbewußt und ungewollt. 4. Von der Preisseite
her ausgedrückt, heißt dies: Die Preise bestimmen
die Verteilung. Sie bestimmen dadurch ferner auch das,
was sich (nach individualistischer Betrachtungsweise) nach-
träglich als die organische Verbindung der einzelnen Wirtschafts-
zweige herausstellt, und zwar soll dies nach dem „mechanischen"
Gesetz von Angebot und Nachfrage erfolgen, indem die weniger
versorgten Wirtschaftszweige große Profite, die mehr ver-
        <pb n="101" />
        ﻿79

sorgten kleine Profite erzielen, Kapital und Arbeit daher den
Stellen höheren Gewinnes zuströmen. Durch diese blinde
Ursächlichkeit, diesen blinden Mechanismus stellt sich der
gesamte volkswirtschaftliche Ablauf her! So die individua-
listische, so die ganze bis heute herrschende Auffassung seit
Adam Smith.	%

Gerade umgekehrt wieder die organische, die universali-
stische Auffassung! Hier muß es heißen: Nicht der Preis be-
stimmt die Verteilung, sondern die Verteilung be -
stimmt den Preis; und das heißt: die Gliederung der
gesamten Wirtscbaftsmittel überhaupt bestimmt die Verteilung
mittelst der Preise, welche bloß Ausdruck dieser Gliede-
rung sind. Die Preise bestimmen also weder die Verteilung,
noch die organischen Entsprechungen, die in ihr beschlossen
liegen! Die Gliederung der Wirtschaftsmittel bestimmt nicht
nur was erzeugt und geleistet wird, sondern auch, wie das
Geleistete weiterhin verwendet, eingestellt, d. h. verteilt
wird. „Verteilung" ist daher nicht nur Einkommensbildung,
sie schließt die Gesamtverwendung aller Mittel, die Gesamt-
gliederung aller Leistungen in sich. — Entsprechend unserem
ersten Satze gilt auch der zweite: die Verteilungs-
schwankungen bestimmen die Preisschwan-
kungen, nicht aber die jeweils neuen Preisschwankungen
die Verteilungsschwankungen.

Während die individualistische Auffassung die Erzeugungs-
lehre (Produktionslehre) hinaus abstrahiert, nur Tauschvorgänge
kennt und eine „Verteilung" jeweils schon fertiger Erzeugnisse
durch den Tausch annimmt, steckt für die universalistische Auffas-
sung in der Gliederung der Leistungen schon der
Preis: Die Preise haften den Gütern nach Maßgabe der
Ausgliederungsordnung der Wirtschaft an!

Geht man nun dieser Frage des Verhältnisses von Ver-
teilung oder Wirtschaftsgliederung zum Preis auf den Grund,
        <pb n="102" />
        ﻿80

so gelangt man zu der noch allgemeineren Fragestellung:
ob der Preis oder der Wirtschaftsvorgang, d. h. die Leistung,
die in ihm liegt, das Erstwesentliche sei? „Erstwesentlich" be-
deutet dabei das „logisch Erste", das logisch (nicht zeitlich)
Primäre. Wir wenden uns der Frage in dieser ihrer allge-
meineren F§rm zu.

6.	Ist preis oder Leistung das Erste?

Die Frage, ob Preis oder Leistung das Erstwesentliche
(Primäre) ist, wird, wie wir wissen, von der individualistischen
Auffassung gemäß ihrer Verteilungslehre dahin beantwortet,
daß der Preis das Erste in der Wirtschaft sei, von dem sich
alles andere, d. h. von dem sich der weitere Wirtschaftsvorgang
erst ableite. Natürlich, denn alles, was der Einzelne in der
Wirtschaft tut, ergibt sich ja erst aus dem Preis, richtet sich nach
dem Preis, den er erzielt oder zu erzielen hofft. „Alle Wirt-
schaftserscheinungen leiten sich daher von der Wert- und Preis-
erscheinung ab" — so haben seit Smith, bewußt oder unbe-
wußt, alle Volkswirte außer Adam Müller, List und wenigen
anderen gedacht. Daß es neben dem Preis auch etwas anderes
in der Volkswirtschaft gebe, das wurde im Grunde gänzlich
übersehen, weil jeder Wirtschaftsvorgang in einen Preis-
bildungsvorgang aufgelöst erschien, so daß die obige Frage:
Ob Preis oder Leistung das Erste sei, gar nicht aufkommen
konnte, methodisch eigens gar nicht untersucht wurde; die Erst-
wesentlichkeit (logische Priorität) des Preises galt als selbst-
verständlich.

Anders für die universalistische Auffassung. Ein Organis-
mus von Leistungen, d. h. ein Organismus wirklicher Wirt-
schaftszweige, Wirtschaftshandlungen, die Entsprechungsver-
hältnisse dieser Zweige und Handlungen, der stufenweise,
gegenseitig aufeinander angelegte Gesamtplan aller Teile, ist
        <pb n="103" />
        ﻿81

hier stets und notwendig das Erste. Von ihm allein kann alles
andere abgeleitet sein, daher insbesondere auch der Preis.
Der Preis kann nur Anzeiger, Inder sein. Der Preis kann
die stattgefundenen Gliederungen wie ihre Bewegungen und
Veränderungen ausdrücken, er kann sie nicht be-
wirken.

Betrachten wir hierfür einige Beispiele. Wenn ein neues
Erzlager entdeckt wird, dann ändern sich die Verhältnismäßig-
keiten von Eisen und Eisenwaren zu allen anderen Waren:
die Gliederung der Wirtschaftsmittel hat sich geändert — die
Verteilung, und damit auch die Preise. Die Preise haben also
nichts bewirkt, sondern sind Ausdruck stattgefundener Ände-
rungen. Das Gleiche geschieht, wenn ein neues Verfahren
erfunden wird: dadurch werden gewisse Waren reichlicher
und die Gliederung, Verteilung der Volkswirtschaft und ihrer
Teilganzen ändert sich, damit auch die Preise. Auch die Ände-
rungen der „Konjunktur" und „Marktlage" sind in ihrem
ersten Wesen Veränderungen in der Verteilung, in der Ge-
gliedertheit der Volkswirtschaft und Weltwirtschaft. Wenn
z. B. die Walzwerkserzeugung gegenüber den verbrauchenden
Gewerben zurückgeblieben ist, so zeigt diese Störung der or-
ganischen Entsprechungen ein erhöhter Preis an; der Preis
hat aber dieses Zurückbleiben nicht bewirkt. Wenn das unver-
hältnismäßige Zurückbleiben im Preise zum Ausdruck ge-
kommen ist, so entstehen Kräfte, es wieder gutzumachen. Der
Preis bewirkt auch hier nicht eigentlich, daß die Walzwerke
sich vergrößern und ins rechte Verhältnis gesetzt werden,
sondern er vermittelt nur diese Bewegungen als Anzeiger.
Die Preissteigerung ist ja erst die Folge dieses Zurückbleibens;
und die Notwendigkeit für die Verbrauchergewerbe, höhere
Preise zu zahlen, ist die Folge ihres Überwucherns. Der
höhere Preis der Walzwerkerzeugnisse beweist daher auch nicht
eindeutig, daß sich die Walzwerke nun vergrößern werden —

O. Spann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Ausl.	6
        <pb n="104" />
        ﻿82

denn statt der Vergrößerung der Walzwerke kann auch eine
Verkleinerung der Verbrauchergewerbe eintreten, wenn sie
nämlich den hohen Preis nicht zahlen können; in diesem Falle
zeigt der Preis an, daß die organische Gliederung nicht durch
Zurückbleiben der Walzwerke, sondern durch Überwuchern der
Kleineisengewerbe gestört wurde. Die organische Verbindung
der volkswirtschaftlichen Erzeugungszweige ist es, nach der
sich die eine oder andere Bewegung richten wird. Der Preis
zeigt sowohl nach rückwärts die Veränderung an (dem Walz-
werk gegenüber, dessen augenblickliches Zurückbleiben und da-
her die Preis- und Profitsteigerung), wie auch nach vorwärts
(den Verbrauchergewerben gegenüber das Überwuchern und
damit die erhöhten Preisopfer, die geringeren Gewinne und
Profite). Eine Preiserhöhung zeigt also nicht, wie die indi-
vidualistische Ansicht lehrt, an, daß das gestiegene Gut schlechthin
knapper geworden ist; sondern: einePreiserhöhung
kann, weil sie nur die organische Störung
als solche anzeigt, nicht auch eindeutig
die Richtung dieser Störung erkennbar
machen. Eine Erhöhung kann nach vorwärts zeigen und
dann überträgt sie sich stufenweise auf alle Nacherzeugnisse,
bedeutet Ausdehnung der Vorerzeugung; in diesem Falle
zeigte sie Knappheit, erhöhte Wichtigkeit der gestiegenen Ware
an (z. B. einer Erhöhung des Roheisenpreises folgt ohne
Ermattung die entsprechende Erhöhung aller Preise der Nach-
erzeugnisse). Die Erhöhung kann nach rückwärts zeigen; dann
bedeutet sie eine Rückbildung der Nachfrage, dann zeigt sie
an, daß der Verbrauch die erfolgte Uberwucherung der er-
höhten Erzeugung nicht erträgt und nicht die Vorerzeugungen
nach den Nachstufen sich umgliedern, sondern sich die Nach-
stufen in das alte Verhältnis zurückgliedern.

Immer wieder zeigt sich, was wir schon früher sahen:
Nicht der Preis bestimmt die Verteilung, sondern die Ver-
        <pb n="105" />
        ﻿83

teilung bestimmt den Preise und die Änderung der Verteilung
bestimmt die Änderung des Preises und die weitere Entwicklung
der organischen Verteilungsänderung in der Volkswirtschaft
bestimmt, ob der neue Preis eine Vergrößerung der zurückge-
bliebenen Organteile der Volkswirtschaft anzeigen und ver-
mitteln oder eine Verengung ihrer überwucherten Organ-
teile anzeigen und vermitteln wird. Weil die individualistischen
Freihändler von einer organisierten Gliederung nichts wissen
wollen, denken sie immer nur an die Knappheit der gestiegenen
Ware auf dem jeweils betroffenen Markt, und an die Be-
hebung der Knappheit durch Ausdehnung der Erzeugung;
sie denken aber nicht daran, daß die anderen Organteile der
Volkswirtschaft nun in Entsprechung gebracht werden
müssen, am wenigsten, daß dabei Rückbildungen stattfinden
könnten und die Wirtschaft als völkische Ganzheit
in sich beruhen bleibt! — Universalistisch ist dagegen schon die
Vorstellung, daß die Individuen nicht einfach den Preisen
nachlaufen, sondern sich erst fragen: ob sie kaufen wollen,
ob sie im Rahmen aller Nutzungen kaufen dürfen, wie sie
ihre Mittel bei richtiger Wirtschaft zu gliedern haben.

Von jeder Seite her gesehen, zeigt sich der Preis als
schlechthin Abgeleitetes, die organische Gliederung der Lei-
stungen aber als das Erste und Ursprüngliche.

7.	preis und Zurechnung.

Ist der Preis Ausdruck organischer Verhältnisse der Lei-
stungszwcige in der Volkswirtschaft, so ist die eigentliche und
maßgebende primäre Preistheorie nicht die von Angebot und
Nachfrage, nicht die Theorie des Markttreibens und der Markt-
technik, sondern das, was man im weiten Sinne Aurechnungs-
theorie nennen könnte. Nicht das Ergebnis zufälliger Marktlagen,
zufälliger Summierung atomistischer Handlungen, nicht das

6*
        <pb n="106" />
        ﻿84

Durcheinander augenblicklicher Nachfrage- und Angebotsschwan-
kungen (s. o. S. 68 f.), sondern die Ganzheit der Volkswirtschaft
ist die Grundlage der Preisbildung. Damit wird aber die
universale Zurechnungslehre, indem sie von gegebenen Werten
auf die Glieder zurückgeht, indem sie sowohl die Organ-
lehre des Betriebes, wie die Organlehre
der ganzen Volkswirtschaft und Weltwirtschaft
ist, die eigentliche und maßgebende Preislehre! Gewiß äußert
sich auch die Zurechnung in den subjektiven Wert-
schätzungen der Betriebs- und Haushaltsführer; aber ihre
Schätzungen sind nicht isolierte Wertungen einzelner Güter,
sondern gründen sich auf die Gliederung der gesamten Be-
triebs- und Haushaltsmittel, sie sind Zurechnungen aus dem
Leistungsganzen der Gebilde nach dem Grundsätze der Gleich-
wichtigkeit (s. S. 74).

Die Preislehre der Marktvorgänge, wie sie z. B. in Böhm-
Bawerks Pferdemarktformel, und überhaupt im sog. „Gesetz
der Grenzpaare", sich darstellt, hält bei genauer Untersuchung
nicht stand^). Die Preislehre muß in Zurechnungslehre auf-
gelöst werden: Die bisherige Marktpreislehre
kann man nur als eine Lehre über gewisse
markttechnische Einzelheiten gelten lassen,
sie kann nur eine Hilfslehre sein für die Zurechnungstheorie.
Wie die Gliederung der Leistungen das Erste ist und die Preise
das Abgeleitete sind, so ist im Gebiete der Preise die Zurechnung
das Erste, und die Marktpreise das aus der
Zurechnung im Betriebe und der höheren
Zurechnung im Ganzen der Volkswirt-
schaft sich erst in Konkretion der jeweiligen
Marktsorm und Markttechnik Ergebende
und Ableitende. Denn „Wert" ist nur möglich als
gegliederter Wert, als Teilwert eines Gebäudes, einer Ganz-

i) S. oben S. 66 f., 71 f.
        <pb n="107" />
        ﻿85

heit von Werten; den gegliederten Wert aber erforscht die
Zurechnungslehre. Ebenso ist Preis nur möglich als gegliederter
Preis, als Gliederung aller Preise. Die Marktpreise müssen
daher als Preisglieder des Marktes, d. h. aber: aus Zu-
rechnung der im Markt zusammenhängenden Betriebe be-
griffen werden! Die „Zurechnung" ist daher die universali-
stische Wertbetrachtung, die Marktpreislehre nach Art Ricardos,
Marrens- oder des Böhm-Bawerkischen „Gesetzes der Grenz-
paare" ist die individualistische Wertbetrachtung. „Zurechnung"
leitet sich von Gliederung der Leistungen (d. i. der Wirtschafts-
Vorgänge) ab; jene Marktpreislehre aber muß vom atomi-
stischen Wertungsakte des Einzelnen ihren Ausgangspunkt
nehmen, diese Wertungen summierend zusammensetzen, eine
mechanische Mittelgröße als Preis („Gleichgewichtspreis")
suchen und verliert auf diese Weise alle organische Gliederung
der Wirtschaft (s. o. S. 74 über „Gleichwichtigkeit").

8.	Eigennutz und Wettbewerb*).

Nach der individualistischen Auffassung ist Eigennutz und
Wettbewerb ein Erstes und zwar ein von den Individuen,
die das vollkommen Erste (Primäre) und Einzige in der Volks-
wirtschaft sind. Getragenes. Eigennutz ist ihr eine Äußerung
individueller Kräfte, Wettbewerb ihr Zusammentreffen.

Dieses kann wieder als äußerlich beobachtete Erscheinung
genommen, von der universalistischen Auffassung nicht ge-
leugnet werden, — dennoch ist es nicht richtig. Primär sind
stets die Gliederungen der volkswirtschaftlichen Kräfte, die
Ganzheit der Volkswirtschaft und ihre Unterganzen, die
als Organ und Teilorgan der Gesamtganzheit „Volkswirt-
schaft" sich entfalten und im Rahmen dieses Gesamtganzen
bestehen.

*) Einige weitere Ausführungen darüber in meinem Art. „Eigennutz",
Handwörterbuch d. Staatsw., 4. Aufl., Jena 1925.
        <pb n="108" />
        ﻿86

In Wahrheit ist der wirtschaftliche Eigennutz nicht als sub-
jektiver Beweggrund bedeutsam, sondern lediglich mittel-
bar, nämlich als Eingliederungsgrund und Eingliederungs-
weise. Das Gleiche gilt sinngemäß vom Wettbewerb. Er
ist ein bestimmtes Verhältnis der Eingliederungshandlungen
(oder -kräfte) zueinander. Konkret gefaßt, besteht es darin,
daß ein Unterbieten und Verdrängen der Eingliederungs-
handlung des B durch jene des A stattfindet. Darin liegt,
daß der obsiegende Betrieb des A seinen Umfang erweitert:
ferner, daß sich um das Schicksal der im Wettbewerb Besiegten
niemand kümmert (was sich in Krisen und Wirtschaftszer-
störung auswirkt).

Diese umgliedernde Eigenschaft des Wettbewerbes
hat man bei seiner Beurteilung stets im Auge zu behalten.
Die Wirtschaft steht nicht „unter der Bedingung" des Wett-
bewerbes, sondern ihre (gegebene) Gliederung läßt jeweils
Umgliederungen durch den Wettbewerb zu. Nicht das freie
Walten der Eigennutze, sondern die umgliedernde Bedeutung
freier Eingliederungsakte und ihre Bezogenheit aufeinander
ist das Wesentliche am Wettbewerbe. Der Wettbewerb der
Individuen untereinander kann also stets nur im Rahmen der
Ganzheit begriffen werden. Im Wettbewerb vermittelt sich
Ganzheit in der Bezogenheit Einzelner aufeinander! Der
Wettbewerb erscheint am Individuum, aber er entsteht
und besteht nur insoweit, als er Ganz-
heiten aufbaut oder zerstört — er ist so recht
eigentlich eine bildende oder zerstörende Kraft im Ganzen.
In dieser gefügebildenden Kraft ist sein Wesen gelegen. Er
ist volkswirtschaftlich durchaus nichts anderes als eine be-
stimmte Art von Vereinheitlichung, Angleichung oder auch
Sprengung und Zerstörung. „Wetteifer" der Einzelnen heißt:
In eine Ganzheit durch Übertreffen des anderen oder An-
gleichung an ihn eintreten, „Wetteifer" heißt nicht, daß das
        <pb n="109" />
        ﻿87

Individuum willkürlich und etwas, das auf es selbst beschränkt
bleiben könnte, tut, noch daß ein Kampf atomistischer Kraft-
zentren geführt würde.

Wo auch immer betrachtet, bei Tausch, Wert, Preis, Markt,
Verteilung, Zurechnung, Eigennutz und Wettbewerb, nie zeigt
sich Wirtschaft als Summe und Zusammensetzung von Ein-
zelnem, sondern stets als Gemeinbestand von Teilen eines
Ganzen, als Ausgliederung von Ganzheit. Ganzheit zeigt sich
als die wahre Wirklichkeit, Einzelheit für sich genommen nur
als unterstellte (fiktive), bloß durch Abstraktion gewonnene
Hilfsvorsiellung. Alles Zerstreute und Vereinzelte bedeutet
Tod und Nichtigkeit; Leben und Wahrheit kommt allein aus
der ursprünglich quellenden Innenkraft der Ganzheit, die sie
den Gliedern mitteilt. Alles was ist, ist aus einem Gusse
oder gar nicht.

So offenbart sich zuletzt auch hier wieder der Urgegensatz
von individualistischer, am Einzelnen verarmter, toter und
universalistischer, aus dem Vollen schöpfender, lebendiger
Wissenschaft. Die tote Wissenschaft kann Wirklichkeit nicht er-
klären; die lebendige Wissenschaft allein geht auf die erste
und umfassende Wirklichkeit, auf die Ganzheit, zurück, welche
der Grund und Boden, der keimkräftige Anfang für alles Be-
sondere und Gliedhafte ist. Die tote Wissenschaft führt in eine
falsche Welt, welche eine Kette von Trug und Selbstvernichtung
ist; die auf Ganzheit gerichtete Wissenschaft in das wabre,
unauflösliche Leben.
        <pb n="110" />
        ﻿
        <pb n="111" />
        ﻿Die Ausgliederungsordnung der
Wirtschaft und ihre Vorrangverhältniffe.
        <pb n="112" />
        ﻿
        <pb n="113" />
        ﻿In einer Reihe von Schriften habe ich dargelegt, daß die
herkömmliche Auffassung der Wirtschaft, als aus Handlungen
der einzelnen Menschen oder gar als aus Gütermengen zu-
sammen-gesetzt, verfahrenmäßig und sachlich unrichtig ist.
Verfahrenmäßig ist sie kausal und mechanistisch, führt sie zur
Annahme von blinden „Naturgesetzen" der Wirtschaft — was
dann der „Entwicklungsmechanik" des Marxismus Vorschub
leistet — und sachlich ist sie individualistisch, wird
sie formelle Tausch- und Preislehre, bleibt sie, da auf falscher
Abstraktion begründet, lebensfremde, tote Wissenschaft.

Demgegenüber habe ich gezeigt, daß die sachlich wie ver-
fahrenmäßig allein richtige Auffassung diejenige ist, welche das
Wesentliche aller Wirtschaftserscheinungen in ibrer leistenden
Natur innerhalb des objektivenGliederbaues der
Wirtschaft (als eines Gebäudes von Mitteln für Ziele) er-
kennt; und, indem sie so auf das gegliederte und lebendig
pulsierende Ganze geht, die ganzheitliche oder uni-
versalistische genannt werden darf, — wie sie von
den großen deutschen Volkswirten Adam Müller, Thünen
und List und in Ansätzen auch von anderen Verfassern
mehr oder weniger unbewußt durchgeführt und von mir als
Lehrgebäude begründet wurde.

Macht man nun mit der ganzheitlichen Auffassung Ernst,
versucht man, den Gedanken durchzuführen, daß die wirt-
schaftlichen Erscheinungen nicht aus einzelnen Handlungen der
Wirtschafter zusammengestückelt seien, sondern aus Ganzheiten
        <pb n="114" />
        ﻿92

bestehen, die ihrerseits die wirtschaftlichen Unterganzheiten
und Einzelerscheinungen ausgliedern (welche Aus-
gliederung allerdings in den Akten des Wirtschafts s u b j e k t s
sich vollzieht), so ist es im Aufbau des Systems eine der wich-
tigsten Aufgaben, über den grundsätzlichen Gang dieser Aus-
gliederung, oder, wie wir es kurz nennen wollen, über die
A u s g l i e d e r u n g s o r d n u n g der Wirtschaft
Klarheit zu erlangen.

Es ist nicht möglich, im Rahmen eines kurzen Aufsatzes die
ganze Denkaufgabe, die sich hier ergibt, zu erschöpfen. Darum
sei mir eine Beschränkung auf das Nötigste gestattet und zu-
gleich ein Hinweis auf jene anderen Arbeiten, in denen ich ein
Übriges bereits getan habe^). Dennoch will der folgende Auf-
satz: fürs Erste eine Probe ganzheitlichen Verfahrens geben, in-
dem er zum ersten Male in der Geschichte der Volkswirtschafts-
lehre den Begriff des Vorranges planmäßig als Untersuchungs-
mittel verwendet; er will ferner auch eine Darstellung der
Hauptpunkte der ganzheitlichen Volkswirtschaftslehre sein; eben
damit wird er notgedrungen drittens auch zu einer Grundlegung
der Volkswirtschaftspolitik. Diese führt, wie sich zeigen wird,
systematisch über List hinaus, indem sie die Erfordernisse des
Eigenlebens (der vita propria) aller Ganzheiten, Unterganz-
heiten und Glieder zur Grundfeste der Wirtschaftspflege macht,
nicht an Einer Ganzheit, der Volkswirtschaft, und an Einer
Frage, der Aollfrage, haften bleibt, wie dies Schutzzoll- und
Freihandelslehre tun.

*) Kategorienlehre, G. Fischer, Jena 1924;
Fundament der Volkswirtschaftslehre, 3. Ausl.
G. Fischer, Jena 1923;

Gesellschaftslehre, 2. Aufl., Quelle &amp; Meyer, Leipzig 1923;
ferner der Aufsah „Vorrang und Gestaltwandel in der Ausgliederungs-
ordnung der Gesellschaft" in der Ztschr. „Logos", Bd. VIII, Tübingen
1924/25.
        <pb n="115" />
        ﻿93

1. Abschnitt:

Ausgliederung und Vorrang.

Das Wesen der Ausgliederung ist nach dem Satze zu
verstehen: „Das Ganze ist vor den Gliedern", ein uralter
Satz, der schon platonisch-aristotelisches Lehrgut ist und sich
auch in den indischen Upanischaden findet. Aus ihm folgt
auch: daß das Ganze an sich (als solches) nicht erscheint (gleich-
sam im V or-Dasein bleibt), sondern in den Gliedern zur Dar-
stellung, zum Da-Sein gelangt. Darum kann man die „Volks-
wirtschaft" an sich (sie selbst als solche) ebensowenig sehen und
greifen wie den Eichbaum an sich oder den menschlichen Or-
ganismus an sich. Wo wir auch die Volkswirtschaft suchen, wir
finden sie „selber", wir finden sie „als solche" oder „an sich" nicht,
wir stoßen überall auf bestimmte Wirtschafter, auf Unternehmer
und Arbeiter, auf Konkret-Einzelne, die aber — und das ist das
Entscheidende — nichts Selbständiges (Autarkes) sind, d. h. das,
was sie sind, nicht von sich aus sein können; sondern
wir stoßen stets auf solche Einzelne, die lediglich als Glieder
der Volkswirtschaft bestehen, die lediglich in ihrer Gliedhaftig-
keit Bestand finden. Ebensowenig kann ich auch den Staat
„an sich" handgreiflich finden, ich finde immer nur seine Organe,
den König, die Abgeordneten, die Bürger. Ebensowenig end-
lich kann ich je den menschlichen Organismus „an sich" er-
greifen, wo ich hingreife, ergreife ich ein Organ, z. B. Hand,
Arm, Muskeln usw. (ich kann zwar den ganzen Körper, d. h.
ich kann alle Organe sehen, aber den Organismus „an sich"
nicht); ebensowenig kann ich die Eiche je ergreifen, ich kann
immer nur ihre Organe ergreifen, die Rinde, die Blätter,
die Blüten usf. Aber diese Organe sind alle durch und durch
eichene Organe — in ihnen stellt sich die Eiche dar; gleich
wie jene Wirtschafter durch und durch wirtschaftliche Organe
        <pb n="116" />
        ﻿94

sind — in ihnen stellt sich die Volkswirtschaft dar, gliedert sich
das Ganze aus.

Hiermit haben wir im Wesen der Ausgliederung bereits
zwei wichtige Bestimmungsstücke vor uns: den Begriff des
Teilganzen und den Begriff des Vorranges der Teilganzen
untereinander. Betrachten wir zuerst den des Teilganzen.

Wenn nämlich das Ganze als solches nicht wirklich wird,
sondern nur in den Gliedern erscheint (d. h. in konkreten Glie-
dern, die auf der untersten, sinnlich wahrnehmbaren Realitäts-
stufe stehen); so sind diese Glieder doch andererseits nicht
u n v e r in i t t e l t e Bestandteile des Ganzen. Die erste,
höchste Ausgliederungsweise des Ganzen
sind die Teilganzen. Die Teilganzen sind jene
grundsätzliche Auseinanderlegung des Ganzen in bestimmte
sachliche Grundgebiete, die man bei den lebenden Organis-
men „Organsysteme" nennt — z. B. Nervensystem, Muskel-
system, Verdauungssystem bei den höheren Tieren; Wurzel,
Blatt und Blüte bei den Pflanzen — die man aber auch
in der Gesellschaft als eigene „Gebiete" oder „Seiten" längst
unterschieden hat, wie z. B. Recht, Staat, Wirtschaft, Kunst,
Wissenschaft, Religion. Wir nennen sie kurz Teilinhalte oder
Teilganze.

Die zweite Grundtatsache, auf die es besonders ankommt,
ist die des begrifflichen Vorranges oder der logischen
Priorität der Teilganzen untereinander. Unter diesem Begriffe,
der gleichfalls schon dem platonisch-aristotelischen Gedanken-
kreise angehört, aber weder dort noch später verfahrenmäßig je
verwertet wurde, versteht man nicht die wertmäßige Abstufung
nach dem Range (x ist dem Rang nach „höher" als y), noch auch
die seinsmäßige (reale) Abhängigkeit (x ist von y erzeugt,
real hervorgerufen und real abhängig); sondern nur den Um-
stand: daß das begrifflich vorgeordnete Teilganze auch die
begriffliche Voraussetzung, die begriffliche Grundlage für das
        <pb n="117" />
        ﻿95

Nachgeordnete Teilganze abgibt. Die genetische oder kausal-
mechanische Abfolge der Dinge ist also nicht das Gleiche wie
ihr begriffliches Vorrangverhältnis. Was begrifflich den Vor-
rang hat, kann genetisch (real) auch das Spätere sein. Andere
Namen für begrifflichen Vorrang oder Priorität sind: Der
logische Primat, die begriffliche Vorgeordnetheit, die begriff-
liche Obenheit, (eine Verdeutschung, welche Meister Eckehart
gebraucht), begriffliche Erstigkeit.

Zu Teilganzem und Vorrang gesellt sich noch eine dritte
Grundtatsache, der Stufenbau. Die Ganzheit gliedert sich
nämlich nicht schlechthin in reine Teilganze aus, sondern
die Teilganzen erscheinen jeweils in einem bestimmten, einem
geschichtlich-konkreten Stufenbau von Gattung
u n d A r t. So finden wir ja auch die Organsysteme (Teil-
ganzen) der Nerven, der Muskeln, der Atmung usw. nicht nur
beim Menschen (d. h. in der Ganzheit, welche die Stufe „Mensch"
hat), sondern vom Menschen herunter in der ganzen Gattung
der Säugetiere: das Ganze gliedert sich in einem Stufenbau
von Gattung und Art aus. Nennen wir die Ausgliederung
des Ganzen in Teilganze die „Seitengliederung", so erscheint
der Stufcnbau nach Gattung und Art als „Tiefengliederung".
Und es ergibt sich dann die Erkenntnis: daß die Teilganzen
jeweils in verschieden gearteter Form auf allen Stufen der
Tiefengliederung wieder erscheinen. Der Begriff des Teil-
ganzen an sich oder des reinen, absoluten Teilganzen wird
nur durch Abstraktion gewonnen, die wirklichen oder jeweils
bestimmt „gearteten" Teilganzen erscheinen stets auf einer
bestimmten Stufe, oder wie wir es nennen wollen, mit einem
bestimmten Stufen wert versehen. Herz, Lunge, Blut
erscheint in jeder Säugetierart mit einem bestimmten S ru-
fen w e r t, z. B. als Löwenherz, Hasenherz, Schlangen-
blut, Fischblut, also stets auf einer bestimmten Stufe des
Stockwerkbaues der Arten. Ähnlich gibt es auch Handel auf
        <pb n="118" />
        ﻿96

der Börse oder im Kontor, Eisenhandel auf dem Eisen-Groß-
markte oder auf dem Eisen-Kleinmarkte, Handel auf dem
Weltmärkte, dem innern, dem örtlichen Markte, der zwar
immer „Handel" bleibt, aber stets auf verschiedener Stufe
der Wirtschaft ist.

Die Betrachtung dieser Verhältnisse in der Volkswirt-
schaftslehre, die noch niemals planmäßig in Angriff genommen
worden ist, soll der Gegenstand der folgenden Ausführungen sein.

2.	Abschnitt:

Die Teilganzen der Volkswirtschaft und ihre
Vorrangverhältnisse.

Die erste Frage, die wir nach dem Obigen zu erörtern haben,
lautet: Welches sind die Teilganzen der Wirtschaft und in
welchem Vorrangverhältnisse stehen sie untereinander?

In meinem Buche „Das Fundament der Volkswirtschafts-
lehre", habe ich die reinen Teilganzen aller Wirtschaft (d. h.
der Wirtschaft jeder Stufe) bereits dargelegt. Ich habe sie
dort als „Gemeinsamkeitsreife", „Vorreife" und „Hervor-
bringungsreife" näher bestimmt.

Die Gemeinsamkeitsreife besteht aus jenen
Leistungen, die von allen zum Gebrauch für alle hergestellt
werden, aus Leistungen also, die ein Wirtschaftsmittel für
die wirtschaftlichen Handlungen (und zwar schöpferischer Art)
bilden; entscheidend ist dann die folgende Bestimmung:
erst durch den notwendigen All-Gebrauch dieser Wirtschafts-
mittel werden die wirtschaftlichen Handlungen
der Einzelnen in das Ganze der Wirt-
schaft eingegliedert. Beispiele für Gemeinsamkeits-
reife sind: Marktordnung, Steuerwesen, Jollwesen, Recht,
        <pb n="119" />
        ﻿— 97 —

Sicherheit, Handelsvertrag, wirtschaftspolitische Vorsorgen aller
Art, z. B. des Verkehrs- und Tarifwesens; aber auch das Wäh-
rungswesen und Geldwesen würde ich persönlich hierher
rechnen. „Jede Arbeit, jedes Gut kann auf jeder beliebigen
Stufe der Werkreife, Marktreife, Genußreife nur entstehen
und seine Leistung ausüben, wenn ihm der Staat oder andere
gemeinsame Verbände mit ihren Leistungen geburtshelfend
zur Seite stehen*). So kann der Kaufmann keine Geschäfte
mit dem Auslande machen ohne die Mitwirkung des Staats-
mannes und Verwaltungsmannes, die im „Handelsverträge"
und in der „Zollverwaltung" geschah und fortwährend weiterhin
geschieht; er kann im Jnlande keine Wechsel- und Kreditgeschäfte
abschließen, ohne die organisatorischen Hilfen, die das Wechsel-
und Kreditrecht, das gesamte „Wirtschaftsrecht", schließlich das
„bürgerliche Recht", das „Strafrecht" und die „Verwaltung"
greifbar oder verborgen leisten"^).

Die V o r r e i f e besteht, kurz gesagt, in Erfinden und Weiter-
geben des Erfundenen und Gefundenen im Lehren. Erfinden
und Lehren ist noch keine selbst hervorbringende oder ausführende
Wirtschaft, aber sie ist ihre unerläßliche, logische Vorbedingung.

Die Hervorbringungsreife besteht nun in
dem, was man herkömmlicherweise meist allein im Auge hat,
wenn man von der „eigentlichen", von der „schaffenden" Wirt-
schaft spricht (eine Redeweise, die nicht glücklich ist, da eine
Erfindung oder ein Handelsvertrag mehr zum Gesamterfolge
der Wirtschaft beitragen kann als die fleißigste und beste Arbeit

') „Statt t" i st hier nicht im Sinne eines G e b i l -
des von Recht und Gerechtigkeit aufzufassen, son:
d e r n als lvirtschaftsmittel, d. i. als ein Stammittel aller Wirtschafts:
mittel, das wir als „Kapital höherer Ordnung" bezeichnen können. „Staat",
„Recht", „Verbände" sind dann in diesem Sinne selber Wirtschafts-
erscheinungen (Kapitalien), u. zw. hervorbringender, führender Art,
nickt aber politische Erscheinungen! s. S. 122 ff.

2) Fundament, 3. Aufl., S. 179.

C. Spann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Aufl.	7
        <pb n="120" />
        ﻿98

in Werkstätte und Haushalt) aus: Werkreife, Marktreife und
Genußreife.

Betrachtet man das Wesen der eben skizzierten Reifearten
oder Teilganzen der Wirtschaft in ihrem Verhältnis zueinander,
so ergeben sich eindeutig die begrifflichen, logischen Vor-
rangverhältnisse zwischen ihnen. Wir können sie in
folgende Sätze kleiden:

1.	Gemeinsamkeitsreife ist vor Vorreife.

2.	Vorreife ist vor Hervorbringungsreife.

3.	Innerhalb der Vorreife ist Erfinden vor Lehren.

4.	Gemeinsamkeitsreife ist vor Hervorbringungsreife.

5.	Innerhalb der Hervorbringungsreife ist Marktreife vor
Werkreife.

6.	Innerhalb der Marktreife ist die Marktreife des Geldes
vor der Marktreife der Ware.

7.	Innerhalb der Werkreife ist Kapitalreife vor der Reife
der Genußgüter.

8.	Innerhalb der nicht Kapitalgüter erzeugenden Werkreife
ist Genußreife vor Rohstoffreife.

1.	Gemeinsamkeitsreife ist vor vorreise.

Daß die Gemeinsamkeitsreife den vollständigen begrifflichen
Vorrang (die höchste logische Priorität) unter den Teilganzen
oder Reifearten der Wirtschaft habe, folgt schon ganz im All-
gemeinen aus dem Begriffe der Ganzheit. „Das Ganze ist vor
dem Teile", das Ganze setzt den Teil, unbeschadet dieser ein
Eigenleben, eine vita propria, hat. — Wer darum nicht der
Meinung ist, daß irgendeine Wirtschaft der Welt je aus ein-
zelnen Handlungen, Gütern, Stoffen oder auch aus einzelnen
Wirtschaftern, Betrieben und anderen einzeln gedachten
Elementen (die vor ihrer Verbindung mit den anderen
schon da sein könnten) zusammengestückelt ist; sondern wer er-
kennt, daß die einzelne Wirtschaftshandlung stets nur dadurch
        <pb n="121" />
        ﻿99

wirtschaftliche Handlung ist, daß sie die G l i e d h a f t i g -
k e i t im jeweiligen Ganzen der Wirtschaft besitzt, der muß
auch die Folgerung ziehen, daß diejenige wirtschaftliche Tätig-
keit, welche den einzelnen Elementen die Gliedhaftigkeit immer
wieder von neuem verleiht, die Gemeinsamkeitsreife, die wesen-
bafte, sohin nicht etwa nur reale, sondern begriffliche Voraus-
setzung für alle übrigen bildet.

Es leuchtet darum schon logisch ein, daß die Gemeinsam-
keitsreife vor der Hervorbringungsreife ist, doch mögen dies
noch einige Beispiele belegen. Angenommen, die Lieferung
von Gewebewaren aus Wien nach Belgrad könnte zu einem
bestimmten Zeitpunkt nicht stattfinden, ein neuer Handels-
vertrag ermögliche sie aber plötzlich. Dann ist es klar, daß der
Handelsvertrag, also ein Gebilde der Gemeinsamkeitsreife,
die Erzeugung von Gewebe zwar nicht real bewirkte (die reale
Erzeugung liegt an Dampfmaschine, Webstuhl usf., nicht mit
Handelsvertrag); aber die begriffliche, wesenhafte Voraus-
setzung dafür bildet, daß sowohl das Handelsgeschäft abge-
schlossen werden konnte (d. h. der Handelsvertrag war Vor-
aussetzung für die Marktreife) wie auch die Arbeit in den
Fabriken aufgenommen werden konnte, denn erst auf Grund
der Bestellungen des Handels konnten die Fabriken erzeugen.
„Voraussetzung" ist aber zu wenig gesagt — es ist zugleich
ein Führen, ein Mitbauen, ein Bilden des Gliedes (im logi-
schen, nicht im realen Sinne), das hier vorliegt; denn den
in anderen Ganzheiten schon ausgebildeten Gliedern wird nun
eine neue Gliedhaftigkeit, wird neues Leben, neue Entwicklung
geschenkt. — Desgleichen sind die Arbeitshandlungen des Heizers
an der Dampfmaschine, des Setzers an der Setzmaschine nicht
schon an sich „Wirtschaft", sondern sie sind es erst als Glieder
ihrer Fabrik, deren „Betriebsorganisation" jenes Gebilde der Ge-
meinsamkeitsreife, d. h. jenes „Kapital höherer Ordnung" aus-
macht, das sie von bloß technisch Agierenden zu Gliedern macht.
        <pb n="122" />
        ﻿100

Aber auch für die Vorreife ist die Gemeinsamkeitsreife Vor-
bedingung. Viele Erfindungen würden gar nicht gemacht
werden, wenn nicht die Einrichtung der Patentierung, viele
Muster gar nicht erdacht und eingeführt werden, wenn nicht die
Einrichtung des Musterschutzes vorhanden wäre. Hier ist es
handgreiflich, wie das im Erfinder- und Musterschutz liegende
Kapital höherer Ordnung, d. h. die dadurch geleistete Gemein-
samkeitsreife, begriffliche Vorbedingung der Erfindung, der Vor-
reife, wird (aber keine real-psychologische, denn der „Muster-
schutz" bringt keine Gedanken hervor). — Jedoch auch soweit die
Gemeinsamkeitsreife im Erziehungs- und Schulwesen liegt, wo
technische Geschicklichkeiten gelehrt, wo die Fähigkeiten zum Er-
finden ausbildet werden (s. besonders die technischen Hochschulen),
soweit sie ferner in den organisatorischen Vorsorgen dafür be-
steht — Laboratorien, Versuchswesen eines Landes! — erscheint
sie gleichfalls deutlich als Bedingung der Vorreife. Ebenso muß
die Gemeinsamkeitsreife für das „Lehren" Vorsorgen, welches
das Erfundene und Alterrungene unaufhörlich weitergibt.
Im „Wanderzwang" hatte das Mittelalter, im Lehrlingswesen
und Fachschulwesen, in Ausstellungen und der Publizistik hat
die heutige Zeit diese unentbehrlichen Leistungen der Gemein-
samkeitsreife gesichert.

2.	vorreife ist vor hervorbringungsreife.

Dieser Satz leuchtet bereits aus dem früheren ein. Würden
z. B. die Erfindungen nicht durch Lehren weiter verbreitet, so
würden sie bald wieder in Vergessenheit geraten. Das Lehren
ist also die Voraussetzung für dauernde Anwendung der Er-
findungen und damit die Voraussetzung für die Hervorbringung
überhaupt. Daß Vorreife vor aller hervorbringenden Wirt-
schaft ist, ergibt sich auch zwingend, wenn man bedenkt, daß alle
durchführende wirtschaftliche Arbeit einmal erfunden und aus-
gedacht werden mußte (ebenso wie das Erfundene wieder ge-
        <pb n="123" />
        ﻿101

lehrt werden muß). Begriffliche Voraussetzung alles tatsäch-
lichen werkmäßigen wie marktmäßigen Wirtschaftens ist über-
all Erfindung und Lehren.

3.	In -er vorreife ist Lrfin-en vor Lehren.

Auch dieser Satz ergibt sich rein begrifflich von selbst und
bedarf wohl weiterer Ausführung nicht. Zwar niuß der wirk-
liche Erfinder stets vorher etwas gelernt haben — aber auch
das, was er gelernt hat, mußte immer vorher gefunden und
ausgedacht worden sein. Begrifflich ist der Gedanke vor dem
Wort, die Erschaffung vor dem Geschöpf, aber auch darum der
Einfall vor der Lehre.

4.	Gemeinsamkeitsreife ist vor hervorbringungsreife.

Dieser Satz folgt aus dem Satz 1 („Gemeinsamkeitsreife
ist vor Vorreife") und Satz 2 („Vorreife ist vor Hervorbringungs-
reife") und bedarf daher keiner besonderen Beweisführung.
Wenn nämlich Gemeinsamkeitsreife vor Vorreife, Vorreife
aber vor Hervorbringungsreife ist, so folgt notwendig, daß die
Gemeinsamkeitsreife auch vor Hervorbringungsreife ist. Im
Besonderen sei noch hervorgehoben, daß die Gemeinsamkeits-
reife damit nicht nur vor der engeren Hervorbringungsreife,
d. i. der Werkreife in Bergwerk, Landwirtschaft, Werkstätte
und Fabrik ist, sondern auch vor der Marktreife, also sowohl
vor dem Warenhandel wie dem Geldhandel ist.

Wenn nun auch die gegebene Ableitung unseres Satzes
„Gemeinsamkeitsreife ist vor Vorreife" streng genommen
durchaus genügt, so sei doch wegen der entscheidenden Be-
deutung desselben, namentlich für alles das, was man „Pro-
duktionslehre" nennt, seine ausdrückliche Begründung hier
nochmals ausgesprochen. Neues sagen wir damit freilich
nicht (vgl. oben Satz 1, S. 98 f.).
        <pb n="124" />
        ﻿102 —

Gemeinsamkeitsreife ist vor Hervorbringungsreife, weil
jede einzelne Wirtschaftshandlung nur als Glied möglich
ist. Dies ist die letzte und einfachste Begründung des Satzes!
Wollte man dagegen sagen, daß das jeweils ausgegliederte
Wirtschaftsganze doch auf die Handlungen der Einzelnen an-
gewiesen ist, so wäre das kein Einwand. Denn diese Handlung
kann stets nur als eine sich eingliedernde Wirtschaft
werden, und die jeweils das Handeln setzende Kraft ist
daher schon keine eigentlich „subjektive" mehr, sondern ent-
stammt dem Eigenleben des Wirtschaftsgliedes, nämlich dem
„Eigenleben" dessen, was nur darum schon (als Eigenleben)
ist, weil es in anderen Ganzheiten bereits Glied ward; das
heißt also: der Einzelne ist nicht mehr Subjekt (autark, selbst-
wüchsig, einzelhaft, selbstsetzend), sondern Glied. Dem kann
auch nicht anders sein. Denn da das Ganze vor dem Teil ist,
so ist die Wirtschaftshandlung des Einzelnen in dem Sinne eine
Tat der Ganzheit, als sie durch und durch gliedhaft sein muß,
um überhaupt entstehen, um überhaupt wirtschaftliche Wirk-
lichkeit erlangen zu können. Auch wenn diese Wirtschaftshand-
lung zugleich eine umgliedernde (das Ganze umbildende) Art
hat, ist sie doch nur, sofern das Ganze in ihr lebt. Denn nur
dadurch, daß das Ganze im Einzelnen enthalten ist, wird dieses
Einzelne zum Gliede.

Gegenüber diesem Gedankengange könnte sich der Einwand
erheben, die Wirtschaft sei doch um der Zielerreichung willen
da, zuletzt also um der Genußreife willen, das Kapital höherer
Ordnung sei darum zuletzt nur ein Hilfsmittel der in der Ge-
nußreife gipfelnden Wirtschaft und könne daher nicht den Vor-
rang haben, vielmehr müßte Genußreife vor Gemeinsamkeits-
reife sein. — Dieser Einwand ist darum falsch, weil, wie immer
wieder zu sagen, der Genußreife-Akt wie jeder andere Wirt-
schaftsakt nur gliedhaft möglich ist, das Ganze, in das er sich
eingliedern soll, daher schon früher da sein muß, die Gemein-
        <pb n="125" />
        ﻿103

samkcitsreife demnach diese Ganzheit vorher schaffen und
sichern und eben damit auch der einzelnen Handlung selbst
Gliedbaftigkeit verleihen muß.

Unsere nächste Aufgabe ist nun, die Vorrangverhältnisse
innerhalb der Hervorbringungsreise selbst zu klären. Die
Hervorbringungsreife zerfällt, wie ausgeführt, in Werkreife,
bestehend aus Kapital- wie Genußreife, und in Marktreife;
die letztere zeigt sich als die Vorgeordnete. Darum lautet unser
nächster Satz:

5.	Innerhalb der hervorbringungsreife
ist Marltreife vor werkreife.

Es wäre nicht richtig, die Werkreife, in der sich die stoff-
lich-technische Erzeugung der Güter vollzieht und die daher
am greifbarsten für den Laien „Wirtschaft" ist, als das Vor-
geordnete und Erstwesentliche der Wirtschaft zu betrachten.
Man kann an die stoffliche Herstellung und Bearbeitung eines
Gutes immer erst dann herangehen, wenn die wirtschaftlichen
Vorbedingungen erfüllt sind, z. B. Aussicht auf „Absatz", auf
„Verkäuflichkeit" des Gutes vorhanden ist. Sofern also
ein Gut (eine wirtschaftliche Leistung) auf Absatz und Verkauf
angewiesen ist, ist die Herstellung dieses Absatzes, d. i. die
„Marktreife", die Vorbedingung und es geht daher Marktreife
vor Werkreife. Sofern aber ein Gut nicht erst verkauft
zu werden braucht, sondern nur dazu bestimmt ist, in der
eigenen Wirtschaft verbraucht zu werden, z. B. Milch im eigenen
Haushalt des Bauern, ist doch auch nicht die Werkreife selbst
das begrifflich Erste, sondern das, was ein Analogon zur
Marktreife bildet: die Gesamtgliederung, die „Einteilung" der
Wirtschaftsmittel, ihre „Gliederung" und „Gegenseitigkeit" näm-
lich die Gemeinsamkeitsreife (Kap. höh. Ordnung). Man wird
auch hier nicht zuerst wirtschaften und dann die „Einteilung"
        <pb n="126" />
        ﻿104

(Gliederung) treffen, sondern zuerst überlegen, welche Ziele
mit welchen Mitteln zu erreichen seien unb dem Ergebnis
dieser die Gliederung bestimmenden Überlegung
entsprechend, an die Arbeiten der Werkreife, z. B. an die Vieh-
zucht und Milchgewinnung, gehen. (Man kann diese Ein-
gliederungsvorgänge auch bereits als „Gemeinsamkeitsreife"
betrachten — beide fließen im Innern der Wirtschaft in-
einander über.)

Zusatz über die Fruchtbarkeit derMarkt-
reife. Diese durchaus grundsätzliche Bestimnrung der Markt-
reife sagt darüber gar nichts aus, ob eine bestimmte geschichtliche
Form der Marktreife, z. B. die heutige individualistische des
Großkapitals und der Weltbörsen, gut oder schlecht sei. Durch
die grundsätzlich eNotwendigkeit derMarkt-
reife kann eine schlechte Form derselben
ebensowenig gut werden, wie durch die
grundsätzliche Ergiebigkeit der Dampf-
maschinen eine schlecht gebaute Maschine
ergiebig und gut wird. Überwucherung von Markt-
reifetätigkeit und namentlich Uberzentralisation der Kapitals-
macht einerseits, und anderseits schlechte Standortverteilung
der gewerblichen Betriebe (durch ihre Uberzentralisation, wo-
durch eine zu große Vermittlungstätigkeit nötig wird) sind die
schwersten Schäden, die sich bei der heutigen individualistischen
(vulgo kapitalistischen) Marktreife zeigen und am Mark des
Volkswohlstandes zehren können.

6.	Innerhalb der Marktreife ist die Marktreife des Geldes
vor der Marktreife der Ware.

Das Wesen des Geldes wird nach verschiedenen Theorien
verschieden erklärt. Wir selbst haben es im „Fundament"
als „Kapital höherer Ordnung", d. h. als ein Gebilde der Ge-
meinsamkeitsreife behandelt. (Man denke nur an das gesetz-
        <pb n="127" />
        ﻿105

tief) geregelte Währungswesen eines Landes.) Doch haben
wir uns an dieser Stelle in den Streit der Geldtheorien nicht
einzumischen. Was das Geld nun auch sei, nach welchem Be-
griffe es auch bestimmt werden möge, ob metallistisch als Ware,
ob „nominalistisch" als Gesetz, oder in zwischen beiden ver-
mittelnder Weise, wir sehen in der Wirtschaft aller Zeiten,
aber größten Stiles in der modernen individualistischen Wirt-
schaft, daß überall auch das Geld seinen „Markt" bat, daß es
verliehen und gekauft wird, ähnlich wie die Waren auch. Das
Bank- und Wechslerwesen aller Zeiten, dazu heute das Finanz-
kapital in seinen vielfachen Formen und endlich die Effekten-
börsen und was sich daran an ergänzenden und helfenden
Tätigkeiten anschließt — sie alle bestehen darin, dem Gelde
jeweilig seine Marktreife zu verleihen. (Auch in den rein natural-
wirtschaftlichen Gesellschaften hat Geld niemals gänzlich ge-
fehlt, Geld ist eine Urerscheinung aller Wirtschaft.)

Da nun überall wo Geld in Verwendung ist und sofern
es in Verwendung ist, gelten muß: Geld ist vor Ware, da Geld
(gerade nach unserer eigenen Theorie) Kapital höherer Ord-
nung ist, die Ware aber nur entweder Genußgut oder Werk-
zeug (Kapital) ist, und da demnach das Kapital höherer Ord-
nung als Werkzeug sowohl für Werkzeuge wie für Genußgüter
Voraussetzung für jederlei Ware ist; so gilt auch für die Markt-
reife, daß die Marktreifeverleihung an das Geld vor jener
an die Ware ist — allerdings immer nur nach der Maßgabe,
daß für die Warenverbandlung (Marktreife für die Waren)
überhaupt Geld nötig ist, also unter der Voraussetzung der
geldlichen und nicht der naturalen Abwicklung (es gibt ja auch
einen naturalen Markt). Kurz gefaßt lautet dieser Gedanken-
gang:

Waren können erst marktreif gemacht werden durch Geld,
die Marktreifmachung des Geldes ist daher begriffliche Vor-
aussetzung für die Marktreifmachung der Ware.
        <pb n="128" />
        ﻿106



Da nun, wie wir oben (S. 103 f.) sahen, die gesamte Markt-
reife wieder vor Werkreife geht, so lautet dieser Satz in anderer
Form:

Das F i n a n z k a p r t a l geht vor Industrie-
kapital (auch vor Landwirtschafts- und Bergbaukapital)
oder noch allgemeiner: Kreditwesen geht vor
Erzeugungswesen.

Diese Sätze mögen für die gegenwärtige, liberal-indi-
vidualistisch organisierte (oder vielmehr desorganisierte) Wirt-
schaftsweise traurig klingen, wenn man bedenkt, welche durch-
aus führende Bedeutung man dann dem heute so oft versagenden
Börsen- und Großbankwesen zuerkennen muß. Aber es wäre
zwecklos, wie der Vogel Strauß die Augen in den Sand zu stecken.
Die Wirtschaftspolitik wird diesen Satz nie
umstoßen können, aber sie kann ihn un-
schädlich machen, wenn sie an eine gemein-
nützige, z. B. fachlich-produktivgenossen-
schaftliche, ständisch-zünftige und staatliche
wie gemeindliche Umbildung der Marktreife
des Geldes geht. Nicht daß diese Bedingung des
Warenhandels wie der Erzeugung ist, kann einen Anklagepunkt
bilden — denn das liegt in der Natur der Dinge und war
zu allen Zeiten so, es war auch im Mittelalter so
und müßte sogar in einer kommunistischen Wirtschaft, wenn
diese sonst möglich wäre, ebenso sein — sondern nur, daß sie
diese Bedingung schlecht erfüllt.

Bisher war die Frage des Vorranges insofern eindeutig
zu lösen, als der Entscheidungsgrund für den jeweiligen Vorrang
in dem Satze liegt: „Das Ganze ist vor dem Teile", „Das
höhere Ganze ist vor dem niedern"; und als das Zentral-Ganze
(in der Gemeinsamkeilsreife) und das jeweils höhere Zwischen-
        <pb n="129" />
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— 107 —

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Kie\

: Bibliothek

ganze (in der Marktreife vor der Hervorbringungsreifc). sÄner
im Geld vor der Ware) offen vor Augen lag, da das ft
nur niedrigere Ganze oder Glied deutlich als solches gegen:
dem höheren Ganzen oder Zwischengasen zu erkennen war.

Anders liegt die Sache, sobald wir in die reine Werkreife
eintreten. (Die reine Werkreife besteht aus: Stoffreife — stoff-
lich im engsten Sinne, z. B. Hochofen —, Zeitreife, z. B. Kon-
scrvierungsgewerbe, und Ortsreife, z. B. Frachtwcsen.) Kann
es innerhalb der Werkreife, wo ein einheitlicher Fortgang vom
Rohstoffe bis zum Genußgute stattfindet, überhaupt einen „Vor-
rang" geben?; oder gibt es hier vielmehr nur einen genetischen
Fortgang, einen Fortgang des Werdens? Die grundsätzliche
Antwort lautet: daß innerhalb einer genetisch artgleichen Reihe,
die letzte Handlung als das Ziel, als der Endzweck, die logische
Bedingung aller vorherigen Glieder der Reihe ist, also die
letzte Handlung den Vorrang vor allen früheren hat! Dies
gilt aber nur von wirklich artgleichen Reihen, von wirklich
artgleichen Geschlechtern leistender Wirtschaftshandlungen, die
aufeinander folgen. Aber der Fortgang der Werkreife (z. B.
vom Erzbergbau über die Verhüttung zum Schuhnagel) ist
insofern kein einheitlicher, als nicht nur eine Kette von un-
mittelbar zum Genuß führenden Handlungen in ihr vorliegt
(wie beim Pflücken und Essen reifen Obstes ohne Werkzeuge),
sondern auch eine Werkzeugverwendung und darum neben
jenen Wirtschaftstätigkeiten, die in ihrer geraden Abfolge zu-
letzt zum Genuß führen, jene Handlungen einhergehen, die zur
Werkzeugherstellung, zur Herstellung von Realkapital, führen.

Wir gewinnen daraus die Sätze: Innerhalb der reale Kapital-
güter verwendenden Werkreife ist Kapitalreife vor der übrigen
Werkreife, kurz gesagt, hat Kapitalreife vor Genußreife den
Vorrang; innerhalb der in gerader Abfolge zum Genußziele
führenden Wirtschaftshandlungen hat die letzte Handlung vor
der ersten den Vorrang. Wir formulieren diesen letzten Satz
        <pb n="130" />
        ﻿108

einfacher dahin: Innerhalb der nicht Kapitalgüter erzeugenden
Werkreife ist Genußreife vor Rohstoffreife. — Nach diesen
Überlegungen mögen folgende kurze Erläuterungen genügen.

7.	Innerhalb -er werkreife ist Rapitalreife vor -er Reife
-er Genutzgüter.

Wenn wir nunmehr von der rein begrifflichen Behandlung
absehen, so gilt dieser Satz deswegen, weil die Verwendung
von Werkzeugen und Maschinen (Realkapital überhaupt)
1. meistens die Bedingung dafür ist, daß bestimmte Güter über-
haupt hergestellt werden können. Man kann zwar Wasser mit
der hohlen Hand schöpfen, reifes Obst ohne Werkzeuge vom
Baume pflücken; aber weder Schuhe noch Kleider, weder
Häuser noch Geräte, noch die tausend und abertausend Nutz-
gegenstände des dürftigsten Alltags können ohne Werkzeuge
(Realkapital) gemacht werden; 2. ist das Kapital die Be-
dingung größerer Ergiebigkeit der Leistungen. Mit einem
Gefäß Wasser zu schöpfen oder durch eine Wasserleitung das
Wasser zu gewinnen, ist ergiebiger, als mit der hohlen Hand; mit
Leitern und Werkzeugen Obst zu pflücken, ist ergiebiger als mit
bloßen Händen usw. — Das Wesen des Kapitals ist darum
nicht eigentlich das, Produktions„umweg" zu sein (ein ohne-
hin unglückliches Wort Böhm-Bawerks, da ein „Umweg" doch
immer etwas Unergiebiges, Mißglücktes bleibt), noch auch das,
„vorgetane Arbeit" zu sein (Ricardo), sondern das: eine höhere
Ganzheitsstufe im Leistungskörper der Wirtschaft zu sein als
die Genußleistungen, d. h.: eine Vorbedingung für die Mög-
lichkeit jener unmittelbaren Leistungen zu sein, die zum Genuß
führen. Vom Eisenerz bis zum Schuhnagel sind lauter Lei-
stungen vorhanden, die gerade Vorfahren der Genußleistung
(Benützung des Schuhnagels) sind; aber alle diese Leistungen
sind von der Kapitalverwendung begleitet; aber „begleitet"
nicht nur, sondern ermöglicht — und das heißt zuletzt noch
        <pb n="131" />
        ﻿109

mehr: mit ausgegliedert, mit gemacht. Die Kapitalerzeugung
hat im Gesamtgebäude der Volkswirtschaft die Bedeutung
einer die Glieder logisch bedingenden, logisch früheren Ganz-
heit; denn die Kapitalverwendung schafft und setzt erst die zur
Aiclerreichung führenden Leistungen.

8.	Innerhalb -er nicht Rapitalgiiter erzeugenden werkreife
ist Genutzreife vor Rohstoffreife.

Dieser Satz gilt nur für das — bloß in der Abstraktion vor-
handene — Geschlecht der unmittelbaren Leistungen, oder, wie
wir sie auch nennen, „Genußleistungen", „Genußreife", die
vom Robsioffe bis zum Genußgut als der rote Faden aller
Wirtschaft gedacht werden müssen. Die allgemeine Begrün-
dung dieses Satzes wurde schon oben gegeben, sie sei hier noch-
mals kurz zusammengefaßt.

Die Genußreife ist nichts als eine Werkreife letzter Stufe.
Viehzucht ist Werkreife früher Stufe, der Gasthof, in welchem
das Fleisch des Mastviehs zum letzten Genuß zubereitet wird,
ist Werkreife letzter Stufe, anders ausgedrückt, er verleiht dem
Fleisch die Genußreife. Daß „Genußreife", obwohl im zeit-
lichen Verlaufe das Spatere, begrifflich das Frühere ist, folgt
daraus, daß die Werkreife, sei es nun auf der Stufe des Roh-
stoffes oder auf jener der Veredlung (daher insbesondere auch
die Ortsreife oder der Verkehr) erst einsetzen wird, wenn die
Arbeit der Genußreife sichergestellt ist. Die letzte Handlung
hat, als der Endzweck und die logische Bedingung der früheren,
vor diesen den Vorrang.
        <pb n="132" />
        ﻿110

3. Abschnitt.

Lieber den Stufenbau der Wirtschaft.

Die Teilganzen der Gemeinsamkeitsreife, Vorreife und
Hervorbringung sind in jener allgemeinen, abgezogenen und
ungeschichtlichen Fassung, in der wir sie eben betrachteten, nir-
gends anzutreffen. Die geschichtliche Wirklichkeit
der Wirtschaft ist die, daß sie sich in einem Stockwerkbau von
Gattung und Art herunterbaut, daß sie von der höchsten Ganz-
heit herunter bis zu ihrem letzten Gliede, dem einzelnen Wirt-
schafter, einen Stufenbau ausgliedert, in dem sich Unter-
ganze und Awischenganze der verschiedensten Art befinden.
Auf jeder St ufe nun sind alle Teilganzen
vorhanden. Überall gibt es eine Gemeinsamkeitsreife,
Vorreife und Hervorbringungsreife und zwar sind sie auf jeder
Stufe in arteigener Weise ausgebildet.

Es ist nicht im entferntesten möglich, an dieser Stelle das
zu geben, was die Aufgabe des sachlichen Teiles der ganzen
Volkswirtschaftslehre ist, nämlich eine zergliedernde Darstellung
des Stufenbaues der Wirtschaft und eine Untersuchung ihrer
Teilganzen, sowie der Eingliederungs-Verhältnisse der Stufen
nach oben und unten. Was hier gegeben werden kann, sind
lediglich einige Darlegungen grundsätzlicher Art, welche die
große Denkaufgabe, die hier vorliegt, aufhellen sollen. Wir
behandeln den ganzen Stoff im Rahmen dreier Fragen:
1. Wie sieht dieser Stufenbau aus? — 2. Welches sind
die kennzeichnenden Beispiele für die Veränderungen der
Teilganzen auf den einzelnen Stufen? — 3. Welches
sind die Vorrangverhältnisse zwischen den Stufen? — Die
erste und zweite Frage behandeln wir gemeinsam, die dritte
für sich.
        <pb n="133" />
        ﻿111

1. wie sieht -er Stufenbau -er Wirtschaft aus
un- welchen Stufenwert haben -ie Teilganzen in ihm?

A. Allgemeine Erörterung der Frage.

Unsere erste Aufgabe ist es nun, den Gesamtrahmen der
Stufengliederung der Wirtschaft überhaupt zu finden. Es ist
dies kein anderer als jener, der von der Weltwirtschaft zur
Einzelwirtschaft herabreickt. In den äußersten Umrissen wären
folgende Unterschiede zu machen, die aber noch innere Unter-
stufen und Zwischengliederungen, welche wir hier gar nickt
erwähnen, in sich schließen:

Weltwirtschaft;

Volkswirtschaft;

Gebietswirtschaft*);

Wirtschaftsverbände (zünftige Wirtschaft i. w. S.);

Betriebe;

Bedarfswirtschaft des Einzelwirtschafters, insbesonders der
Haushalt;

Der Einzelwirtschafter als Glied des Haushaltes.

In dieser Reihe ist die Weltwirtschaft als die höchste und
allgemeinste Ganzheit der Wirtschaftsausgliederung an die
Spitze gesetzt. Fragt man, welches Verhältnis sie zur Volks-
wirtschaft habe, so beginnt hier bereits eine theoretische Schwie-
rigkeit. Als die höchste Ganzheit scheint sie diejenige zu sein,
auf die sich zuletzt alles durchgreifend einzustellen hätte. Das
trifft aber augenscheinlich nicht zu. Denn ähnlich wie die
Menschheit nur durch das Volkstum geht, daraus also, daß es
eine Menschheit gibt, nicht die Wesenlosigkeit des Volkstums
folgt, so folgt auch aus dem Bestände der Weltwirtschaft nicht
die Nichtigkeit der Volkswirtschaft — und auch nicht der übrigen
unteren Stufen!

*) Beispiele: die Wirtschaft innerhalb von Bundesstaaten; Gauen
(= Provinzen); Sprengeln; Gemeinden.
        <pb n="134" />
        ﻿112

Die genauere Betrachtung ergibt drei grundlegende Ein-
sichten: 1. daß die oberste Ganzheit dem Eigenleben der Unter-
ganzheiten keinen Abbruch tut, und 2. daß der unmittelbare Aus-
gliederungsinhalt der obersten Ganzheit „Weltwirtschaft" ein
sehr armer, jener der Volkswirtschaft dagegen ein sehr reicher
ist; und 3. folgt hieraus: daß die Ausgliederungs-
macht der Weltwirtschaft — so wollen wir jene Bedeutung
nennen, welche sie als B e d i n g u n g des Lebens und des
inneren Aufbaues der Volkswirtschaft hat*), — über die
Volkswirtschaften sich auf sehr wenige Gebiete beschränkt. Ja,
diese Beschränkung kann so weit gehen, daß eine Volkswirt-
schaft sich dauernd zu verselbständigen, also der Uberganzheit
„Weltwirtschaft" völlig zu entziehen vermag! Doch ist dieser
äußerste Fall nur bei sehr großen Wohlstandsverlusten möglich.
Darum ist er auch geschichtlich nirgends dauernd vor-
handen. Denn selbst die einfachsten Naturvölker stehen in
weltwirtschaftlicher Gliedstellung, z. B. wenn die Australneger
im Innern des Kontinents Waren von der Küste durch Fern-
handel beziehen, oder wenn Auswirkungen des Karawanen-
handels bis in das innerste Afrika reichen. — Wird also auch
zugegeben, daß eine Volkswirtschaft sich der weltwirtschaft-
lichen Uberganzheit zu entziehen vermag, so muß dennoch die
Frage, ob es sich bei der „Weltwirtschaft" um eine echte
Überganzheit handelt, die wieder Unterganzheiten, die Volks-
wirtschaften, unter sich ausgliedert, bejaht werden! Wesent-
lich ist indessen dabei die Erkenntnis: daß die Weltwirtschaft
ihrer Natur nach eine auf wenige Sachgebiete beschränkte
Uberganzheit ist, daß sie die Volkswirtschaft also nur teil-
weise überhöht (was übrigens jede höhere Ganzheit gegen-
über den niederen tut, denn sonst käme diesen kein Eigenleben,

x) Näheres darüber noch unten S. 133 ff. (Über die Verschie-
denheit der Ausgliederungsfülle der höheren Stufe gegenüber der
niederen).
        <pb n="135" />
        ﻿113

keine — organartige — Selbständigkeit zu!). Dagegen beweist
die mögliche Verselbständigung der Volkswirtschaft: daß sie
alle Sachgebiete der Wirtschaft ausgliedert. Die verhältnis-
mäßige Fülle und Geschlossenheit der Volkswirtschaft hat ihren
wichtigsten Grund in einem reichen und durchgreifen-
den Kapital höherer Ordnung *). Die Welt-
wirtschaft ist also eine Ganzheit mit armem, die Volkswirtschaft
eine Ganzheit mit reichem Eigenleben; aber die Weltwirtschaft
bestimmt als die höhere dennoch die Gliederung der Volks-
wirtschaft — soweit sie sie nämlich wirklich überhöht (in sicb
befaßt), d. h. auf allen jenen Gebieten, die jeweils in das
weltwirtscbaftliche Sachgebiet fallen. Nur in diesem Sinne
und Maße ist die Volkswirtschaft trotz ihrer weit größeren Fülle
und trotz ihrer potentiellen Selbständigkeit, die der Weltwirt-
schaft nie zukommt, ein Organ der Weltwirtschaft! (Die
verschiedenen Volkswirtschaften sind wesensgemäß auch in ver-
schiedener Weise Organe: die überseeischen vornehmlich welt-
wirtschaftliche Robstofferzeuger, die europäischen vornehmlich
Fabrikaterzeuger sowie Handels- und Schiffahrtsländer.)

Ist nun die Weltwirtschaft eine echte Ganzheit, so muß sie
auch, soweit eben ihr Sachgebiet reicht, eine Gemeinsamkeits-
reife (Kapital höherer Ordnung) und Marktreife — (diese
beiden Teilganzen wollen wir im nachfolgenden allein als
Beispiele behandeln) — auf arteigene Weise, d. h. auf eine
Weise, die nur ihrer Stufe allein zukommt, ausgliedern. In
der Tat sehen wir ein arteigenes Kapital höherer Ordnung, wel-
ches den weltwirtschaftlichen Vorgängen seine Gemeinsamkeits-
reise verleiht. Wir brauchen nur auf die zwischen den Volks-
wirtschaften geltenden Handelsverträge, Eisenbahn-, Schiff-
fahrts-, Steuerverträge, auf die Vereinbarungen über Maße
und Gewichte, über Arbeiterschutz, Rechtsschutz und Rechts-
wesen, Gesundheitswesen, auf die eigenen Marktordnungen

') S. Fundament, S. 104 ff., 161 ff.

£• Spann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Ausl.

8
        <pb n="136" />
        ﻿114

für internationale Märkte, endlich aus die überstaatlichen Ab-
machungen der Kartelle und Verbände (z. B. im Verkehrs-
gewerbe, für Kohle, Erze und Metalle) hinzuweisen. Diese
und ähnliche andere Gebilde*) versehen die Verrichtungen des
Kapitals höherer Ordnung, d. h. sie bieten für die auf den
Weltmärkten zusammentreffenden Wirtschafter diejenigen ge-
meinsamen Wirtschaftsmittel, die für jede Wirtschaft un-
entbehrlich sind und die ihnen — wie das Wort sagt — gewisse
gemeinsame Wege weisen; d. h. ihnen gewisse unentbehrliche
gliedliche Eigenschaften — die Gemeinsamkeitsreife — ver-
leihen; anders gesagt, jene Gebilde des Kapitals höherer Ord-
nung sind es, welche die durch sie gesetzten (bzw. von ihnen
regulierten) Akte auf arteigene, nämlich auf weltwirt-
schaftliche Weise ausgliedern.

Außer der Gemeinsamkeitsreife sehen wir auch eine art-
eigene Marktreife am Werke: die Weltfinanz, die dem „inter-
nationalen" Geschäft sich widmende Bankwelt, welche der
Kapitalanlage im Auslande, dem weltwirtschaftlichen Kapital,
die Marktreife verleiht, ferner das überstaatliche („internatio-
nale") Arbitragegeschäft in Valuten und Effekten, und ebenso
die überstaatliche Arbitrage im Warengeschäft, wie der welt-
wirtschaftliche Warenhandel selbst (man denke an Baum-
wolle, Getreide, Metalle und die sog. Kolonialwaren!).

Ein anderes Gesicht haben dieselben Teilganzen der Ge-
meinsamkeits- und Marktreife auf der Stufe der Volkswirt-
schaft. Das Kapital höherer Ordnung ist hier allumfassend
ausgebildet, ist den jeweiligen arteigenen Zielen (besonders
dem völkischen Wesen) gemäß ausgestaltet und hat nicht nur
eine allseitige, sondern auch eine so durchgreifende Bedeutung,
daß sogar die Preise für die meisten Erzeugnisse der Volkswirt-

*) Eine reiche Zusammenstellung des Tatsächlichen der Vorkriegszeit
s. in dem bekannten Buch von Harms, Volkswirtschaft und Weltwirt-
schaft, 2. Aufs., 1920.
        <pb n="137" />
        ﻿115

schaft mittels des weltwirtschaftlichen Wettbewerbes grund-
sätzlich nicht ausgeglichen werden können. Schon das Zoll-
wesen z. B. hindert diese Ausgleichung — aber Zölle könnte
man immerhin noch wegdenken; jedoch auch die Unüber-
tragbarkeit des volkswirtschaftlichen Ka-
pitals höherer Ordnung auf die anderen Volks-
wirtschaften (und deren Märkte) hindert es. Z. B. bewirkt eine
Bauordnung, indem sie bestimmte Mauerstärken und Sicher-
heitsvorkehrungen verlangt, im Vereine mit dem bestimmten
jeweils üblichen Ziegelformat ganz bestimmte und von jeder
anderen Bauordnung abweichende Baukosten (von Bau-
gewohnheiten = Eigenarten, die in den Zielen liegen, dabei
abgesehen); womit schon eines der wichtigsten Kostenelemente
zwischen den Volkswirtschaften, die Geschäfts- und Wohnungs-
mieten, unausgleichbar verschieden sind! Bedenkt man allgemein
die durchgreifende Bedeutung und die selbständige Natur des
volkswirtscbaftlichen Kapitals höherer Ordnung, das in der
bodenständigen Ganzheit der Volkswirtschaft wurzelt und die
Volkswirtschaft zu einer arteigenen Mittel- bzw. Zielgemein-
schaft der Wirtschafter verbindet, so ergibt sich als allgemeine
Richtschnur der Satz: das volkswirtschaftliche Kapital höherer
Ordnung ist die Grundlage für das weltwirtschaftliche Kapital
höherer Ordnung*).

Auch die Marktreise hat in der Volkswirtschaft ihre art-
eigenen Weisen. Handel und Tausch jeder Art finden in der
Volkswirtschaft andere Bedingungen vor als in der Welt-
wirtschaft, einerseits von der Seite der Gemeinsamkcitsreife
her (z. B. andere Marktordnungen), anderseits aber und vor
allem durch die besondere innere Gliederung innerhalb der

*) Denn auch wo Weltwirtschaft die Volkswirtschaft überhöht, ge-
schieht dies auf Grundlage der potentiellen Selbständigkeit der Volkswirt-
schaft, ihres durchgreifenden, weil völkisch-staatlich
be dingten Kapitals höherer Ordnung.

8*
        <pb n="138" />
        ﻿116

Volkswirtschaft und ihre besonderen Muster und Waren. Der
Welthandel umfaßt seiner Natur nach vorzugsweise Roh-
und Halbstoffe. In der Volkswirtschaft dagegen ist der Geld-
wie Warenhandel planmäßig auf die gesamten Kräfte
der Volkswirtschaft aufgebaut, richtiger gesagt: er organisiert
diese Kräfte (soweit eben der Handel als Organisator dafür
in Frage kommt) von sich aus; dadurch entsteht eine hier-
archische Gliederung der Märkte als innere Größtmärkte
(die führenden Märkte innerhalb der eigenen Volkswirtschaft),
innere Awischenmärkte und innere Kleinmärkte, denen sich
schließlich Einzelhandel und Haushalt angliedert. — In dem
dargelegten Unterschiede der Marktreife liegt auch, welche
Unterschiede in der Hervorbringungsreife bestehen: daß näm-
lich, wie erwähnt, die weltwirtschaftliche Warenerzeugung viel
wesentlicher Rohstofferzeugung (nebst Erzeugung von Sonder-
waren monopoloider Art) ist, als die volkswirtschaftliche.

Als eine eigene Unterganzheit der Volkswirtschaft haben
wir oben die „Gebietswirtschaft" bezeichnet. Darunter ver-
stehen wir die durch öffentliche Unterverbände, wie Bundes-
staaten oder Gaue (Provinzeü), Sprengel und Gemeinden
geschaffenen Wirtschaftsgebiete und zwar nicht soweit sie als
Staatengebilde in Frage kommen, sondern soweit in
ihnen arteigenes Kapital höherer Ord-
nung zur Anwendung kommt! Dies geschieht z. B.
durch eigene Steuern, eigene Verkehrsvorsorgen, wie etwa
eigeneBahnen mit eigenen Tarifen, durch eigeneBauordnungen,
eigene Sozialpolitik, eigene Gesetze und Sonderrechte, eigene
Begünstigungen und wirtschaftspolitische Maßnahmen aller
Art. (Während der Inflationszeit traten diese volkswirt-
schaftlichen Unterganzheiten sogar durch ihr eigenes „Notgeld"
oft deutlich hervor.)

Den Gebietswirtschaften bzw. der Volkswirtschaft unter-
geordnet oder die Gebietswirtschaften (und sogar Volkswirt-
        <pb n="139" />
        ﻿117

schäften) kreuzend und überhöhend sind dann die-
jenigen Gebilde, die wir oben als „Verbandswirtschaften"
bezeichneten, worunter wir umfassende wirtschaftliche Gebilde
verstehen, die sich je ein eigenes Kapital höherer Ordnung
schaffen — das aber nur für den Umkreis der verbandlichen
Mitglieder und ihrer bestimmten Tätigkeit gilt, also weniger
örtlich als im Sach- und Personenkreis beschränkt ist, weil es
nur einen „fachlichen" Geltungsbereich hat. Kartelle, kartell-
ähnliche Verbände und wirtschaftliche Übereinkommen aller
Art, die Genossenschaftsverbände und die Genossenschaften (sei
es die genossenschaftliche Gestaltung des Kredits, Ein- und
Verkaufs, man denke nur an die landwirtschaftlichen Genossen-
schaften, seien es andere Genossenschaften und zunftähnliche
Gebilde); ferner die Gewerkschaftsverbände und die Gewerk-
vereine gehören neben vielen anderen hierher (ihr Umkreis
ist „Lohnwirtschaft", fachliche Sozialpolitik). Was hier vor-
liegt, ist: daß sich im Rabmen der Volks- und Gebietswirt-
schaft Unterganzheiten mit eigenem Kapital
höherer Ordnung bilden! Die jeweiligen „Verein-
barungen", seien es nun Preisverabredungen, Konditionen-
und Absatzkartelle oder seien es Tarifverträge zwischen Ge-
werkverein und Unternehmer, sind ein auf das Fachgebiet
beschränktes Kapital höherer Ordnung, von dem alle Betroffe-
nen (als Glieder des Verbandes) zwangsweise Gebrauch
machen müssen! — Auch die Marktreife nimmt in diesen Kreisen
entsprechend eigene Formen an. Beim Geld — man denke z. B.
an die Kreditgenossenschaft statt der freien Bank oder an die
Fachbank, die vom zunftähnlichen Fachverein mehr oder weniger
beeinflußt sein wird oder kann — liegt dies auf der Hand;
ähnlich beim Warenhandel, wofür man nur an die verschie-
denen Arten der Konsumvereine zu denken braucht.

Glieder aller dieser Unter- und Überganzheiten — Welt-,
Volks-, Gebiets- und Verbandswirtschaft — sind dann die
        <pb n="140" />
        ﻿118

jeweiligen Betriebe. Die Gemeinsamkeitsreife im Betriebe
ist einerseits die „Fabriksordnung", „Betriebsordnung", deren
Rahmen zwar schon von der Volks- und Gebietswirtschaft
gegeben wird. die aber doch eine individuelle Ausgestaltung
erfährt; anderseits diejenige innere „Betriebsorganisation",
welche seitens der „kommerziellen Leitung" des Betriebs
gefordert und seitens der „Betriebsleitung" jeweils durch-
geführt wird! „Betriebsleiter" und „Werkstättenleiter" sind
die Organe des Kapitals höherer Ordnung innerhalb eines
Betriebes, woraus erhellt, was von dem platten individualisti-
schen Einwände zu halten ist, daß Volks- und Weltwirtschaft
nur abstrakte, unechte Ganzheiten seien, da nur der Betrieb
eine einheitliche Leitung habe! Die Wahrheit ist, daß im Be-
trieb der Leiter ebenso nur als Organ des Kapitals höherer
Ordnung auftritt (bzw. dieses erzeugt) wie in der Volkswirt-
schaft Parlament und Minister, in der Weltwirtschaft die
Staatsunterhändler (z. B. bei Abschluß von Handelsverträgen).
Was das Bedenken Wolfgang Hellers anlangt, daß
bei der Unternehmung das Gewinnstreben vorwalte*), so
scheint es sich mir durch den Hinblick darauf zu lösen, daß der
„Gewinn" selbst wieder Wirtschaftsmittel ist, und nur darum
zum Eingliederungsgrund wird (s. auch S. 119 oben).

Die Marktreife für die wirtschaftlichen Leistungen des
Betriebes wird einerseits durch das verwirklicht, was man
die „kommerzielle Leitung" nennt, was also sowohl die
Kapitalsbeschaffung (die Bankverbindung), den Einkauf wie
den Absatz, d. h. die Eingliederung des Betriebs in die Märkte
der Vor- und Nachindustrie in sich schließt; anderseits doch
wieder durch die „Betriebsleitung", sofern nämlich der Arbeits-
markt in Frage kommt, denn die Aufnahme und Eingliederung
der Arbeiter gehört zu den Aufgaben der Betriebsleitung.

9 D. Fundament der Dolkswirtschl., Iahrb. f. Nationalök., 122. Bd.
S. 599.
        <pb n="141" />
        ﻿119 —



Eine weitere Stufe bilden die Personen des Betriebes.
Auch diese gehören in dieser ihrer Gliedeigenschaft ausnahms-
los zum Betrieb selbst. Von den Direktoren und Inspektoren
berunter bis zum Arbeiter ist jeder Organ des Betriebes,
auch der Unternehmer selbst — eine Tatsache, die so oft über-
sehen wird und einen Hauptgrund der falschen individualisti-
schen Einstellung bildet, die Unternehmung, Markt und Volks-
wirtschaft aus (gleichsam willkürlichen, subjektiven) Einzel-
handlungen zusammengestückelt sein laßt, statt sie als aus
Ganzheiten, die sich bis herunter zum letzten Organ ausgliedern,
zu verstehen! —

Aus dieser Organeigenschaft der Betriebsteilnehmer folgt
wieder die Eigenschaft jedes Gliedes, ein Einzelwirtschafter
zu sein, d. h. mit Hilfe des aus dem Betriebe gezogenen Wirt-
schaftsertrages — des Einkommens — selbst seinen eigenen
Bedarfsbetrieb, den „Haushalt", als eine kleinste wirtschaft-
liche Ganzheit, aufzubauen, sich selbst zu ihrem Gliede zu
machen. Die meisten Haushalte sind dann wieder so aufgebaut,
daß mehrere an ihnen teilnehmen, daß sie also selbst mehrere
Wirtschaftsglieder haben, meistens die zur Familie gehörigen
Personen (die wieder Glieder mehrerer Betriebe sein können).
Daß der Haushalt seine eigene Gemeinsamkeilsreife besitzt,
liegt auf der Hand. Er ist ein Betrieb mit eigener „wirt-
schaftlicher Hausordnung", die den gesamten Wirtschafts-
handlungen — welche hauptsächlich der Genußreife an-
gehören — ihre ganz bestimmte Gliederung verleiht. Auch
die Hervorbringungsreife im Haushalte ist eine arteigene.
Man vergleiche z. B. die Gliederung der Handlungen der
Genußreife in einem Gasthofe mit jener in einem Familien-
haushalte. Der Unterschied in der verschiedenen „Betriebs-
organisation" zeigt jenen der jeweiligen Gemeinsamkeitsreife
an. — Daß der Haushalt selbst keine innere „Marktreife" hat,
darum auch keinerlei Handelstätigkeit, die im Innern seines
        <pb n="142" />
        ﻿120

eigenen Wirtschaftskreislaufes sich vollzöge, ist selbstverständlich.
Der Grund liegt darin, daß es sich in ihm um einen Betrieb
für den eigenen Bedarf handelt, daher alle Güter für die eigene
Fertigerzeugung, die in diese Wirtschaft eintreten, keinen Lei-
stungswechsel mehr einzugehen haben. — Über die erwähnte
wirtschaftliche Haushaltsgliedschaft selbst näher zu sprechen, darf
hier unterbleiben. Sie ist hauptsächlich dadurch gekennzeichnet,
daß derjenige Budgetposten, der die wirtschaftliche Mitglied-
schaft am Haushalte kennzeichnet, nicht zusammenfällt mit
dem wirtschaftlichen Budget der betreffenden Wirtschaftsperson
überhaupt. Auch bezeichnet diese Mitgliedschaft keine selb-
ständige wirtschaftliche Ganzheit mehr, da ihr die Teilganzen,
die zu deren Konstituierung nötig sind, notwendig fehlen.
(Nur dort, wo alle Teilganzen vorhanden sind, kann von einer
wirtschaftlichen Ganzheit, andernfalls kann nur von Gliedern
gesprochen werden.)

B. Vorläufiger Rückblick.

Wir unterbrechen nun kurz den Gang der Untersuchung,
um einen Rückblick auf unsere Hauptergebnisse zu werfen.

Das Gesamtganze der Wirtschaft zeigte gleichsam zwei ver-
schiedene Staffeln im Gange seiner Ausgliederung.

Wir sahen zuerst das, was wir die Teilganzen, die Sach-
gebiete oder Organarten, Organsysteme der Wirtschaft nann-
ten, ähnlich wie im lebenden Organismus Blut, Herz, Lunge
usf. unterschieden wird.

Wir sahen dann weiter, daß diese Teilganzen niemals an
sich, sozusagen in abstrakter Gestalt, sondern stets nur auf einer
bestimmten Ztufe verwirklicht werden, ähnlich wie z. B.
„Blut" im Stockwerkbau der Gattungen und Arten nicht an
sich, sondern etwa auf der Stufe Wolf oder Lamm, ähnlich
wie „Herz" nicht an sich, sondern auf der Stufe Fisch oder
Vogel erscheint.
        <pb n="143" />
        ﻿121

Daraus folgt, daß das Gesamtganze der Wirtschaft sich
nicht nur in Teilganze ausgliedert, sondern auch in einen ganz
bestimmten S t u f e n b a u. Die Teilganzen erscheinen stets
nur mit einem bestimmten „Stufenwert", die Stufen stets nur
mit arteigenen Teilganzen.

Mit der Stufe zeigte sich bald eine andere Grundtatsache,
die des Eigenlebens der Stufe (bzw. des Unterganzen und
Gliedes überhaupt). Jede Stufe, von der höchsten herab durch
alle Unterganzen hindurch bis zu den letzten Gliedern, hat ihr
Eigenleben. Dieses ist aber nicht auf jeder Stufe gleich mäch-
tig und umfassend, die höhere Stufe hat nicht immer das
umfassendere Eigenleben. So ergab sich der Begriff der 6us-
glieüerungsmacht und Kusglieüerungs fülle, ein grundlegen-
der Begriff, der uns später noch beschäftigen wird.

Endlich ergab sich der Begriff des Vorranges, und es er-
gab sich die Aufgabe, die Vorrangverhältnisse zwischen den
reinen Teilganzen (ohne Rücksicht auf Stufenwert) und die
Vorrangverhältnisse zwischen den Stufen getrennt zu erfor-
schen sind. Es zeigte sich bereits und wird sich weiter zeigen,
daß die Erforschung dieser beiden Arten von Vorrängen das
innere Verständnis der Wirtschaftserscheinungen und der Wirt-
schaftspflege erst so recht erschließen. Mit dem Begriffe des
Vorranges hat unsere Lehre und unser Verfahren etwas
Außerordentliches zu sagen. Er erleuchtet die dunkelsten, ver-
borgensten Zusammenhänge in ihrer innersten Natur.

Indem wir die Wirtschaft nicht wie die Individualisten
als ein Gemenge subjektiver Handlungen, sondern als ein
Ganzes mit eigener Ausgliederungsordnung ansahen, änderte
sich das Bild mit einem Schlage. Mit dem Begriffe der Ganz-
heit ist der Funke aus dem Stein geschlagen, der das Licht
der Wahrheit entzündet. Die Welt der Wirtschaft eröffnet sich
uns wie ein Wunderland in reichen Farben, in reicber Ge-
staltung und in buntbewegtem Leben.
        <pb n="144" />
        ﻿122

C. Erläuternde und zusätzliche Bemer-
kungen.

a) Die Stellung der Wirtschaftsverbände.

Den vorstehenden Darlegungen könnte zunächst der Ein-
wurf gemacht werden, daß es unstatthaft sei, die Verbands-
wirtschaften — als deren Beispiele wir u. a. Kartelle, Genossen-
schaftsverbände und Genossenschaften, Gewerkschaftsverbände
und Gewerkschaften anführten — als Unterganzheiten der
„Volkswirtschaft" zu behandeln. Die zunftähnlichen Verbände,
so könnte man einwenden, seien sichtbare und greifbare „Orga-
nisationen" mit einer Leitung, einem „Vorstande", an der
Spitze; und ihr Wesen sei die Selbsthilfe der einzelnen Wirt-
schafter, welche sich in ihnen zusammentun, um sich mono-
polistische Stellungen für ihre wirtschaftlichen Leistungen zu
erobern.

Dieser Einwurf ist nicht stichhaltig. Die Volkswirtschaft
kann und muß — wenn man schon von dieser Seite der Betrach-
tung ausgeht — ganz ähnlich als „Organisation" der Wirt-
schaft betrachtet werden, wie ein Kartell oder eine Genossen-
schaft „Organisation" einzelner Teilgebiete oder Fachbereiche
ist. Der Organisator heißt aber in der Volkswirtschaft nicht
„Kartelldirektor" oder „Genossenschafts-Vorstand", sondern —
Staat, und in der Gebietswirtschaft: Landesregierung, Provinz-
regierung, Landrat, Gemeinderat! Allerdings muß man sich
daran gewöhnen, im Bannkreis der wirtschaftlichen Erschei-
nungen ausschließliche lautere Wirtschaft zu suchen
und zu sehen. Der Staat ist hier, wie wir schon oben (S. 97)
betonten, nicht in seiner Eigenschaft als „Staat" Bestandteil
desjenigen, was wir als „Volkswirtschaft" vor uns haben; er
ist daher im strengsten Sinne des Wortes auch durchaus nicht
als der „Organisator" der Volkswirtschaft zu betrachten!
Denn „Staat" und „Organisation" sind ab-
        <pb n="145" />
        ﻿123



fclut keine wirtschaftlichen Erscheinungen, son-
dern gesellschaftliche Erscheinungen von ganz anderer Ebene als
die Wirtschaft; sie gehören einem ganz anderen Teilganzen
der Gesellschaft an (wie z. B. auch die Religion, die Kirche,
die Sittlichkeit andere Teilganze der Gesellschaft sind). Im
Teilganzen „Wirtschaft" gibt es nur und ausschließlich wirt-
schaftliche Erscheinungen!, ähnlich wie es im Teilganzen
„Religion" nur religiöse, im Teilganzen „Kunst" nur künst-
lerische, im Teilganzen „Heer" nur heeresmäßige, im Teilganzen
„Staat" nur staatliche Erscheinungen gibt (z. B. nur die
Staatsorgane Parlament, Ministerium, Staatsbürger usw.).
Nicht in seiner Eigenschaft als „Staat" also, um es zu wieder-
holen, sondern in seiner Eigenschaft als Wirtschaftsmittel, —
nämlich als Kapital höherer Ordnung, als Gebilde der wirt-
schaftlichen Gemeinsamkeitsreife — gehört das, was man in
der Politik „Staat" nennt, der Wirtschaft an; ferner ebenso:
nicht in seiner Eigenschaft als „Organisation", sondern als
Wirtschaftsmittel, — nämlich als Kapital höherer Ordnung,
als Gebilde der Gemeinsamkeitsreife — ist das, was wir
von dem einen Standpunkt aus (dem politischen) „Staat"
nennen, von dem anderen Standpunkte aus (dem wirtschaft-
lichen) Volkswirtschaft! Der „Staat" muß sich erst
in Wirtschaft verwandeln, um im Bereiche
der wirtschaftlichen Erscheinungen über-
haupt wirksam werden und erscheinen zu
können. Er ist „Kapital höherer Ordnung" (Gemeinsam-
keitsreife), er ist selbst Wirtschafter, z. B. dann Steuerein-
nehmer und Bewirtschafter der Steuergelder, Betriebsführer
lind vieles andere, was auf der rein wirtschaftlichen Ebene
' liegt. — Dasjenige nun, was die Urerzeugung von Kapital
höherer Ordnung und das oberste (führende) Gebiet der
Gemeinsamkeitsreife in sich schließt, ist die „Volkswirt-
s ch a f t", — dasselbe, was vom nicht wirtschaftlichen, z. B.
        <pb n="146" />
        ﻿124

vom politischen Standpunkte aus, als „staatliche Organisation
der Wirtschaft" erscheint. —

Nun zeigt sich deutlich, daß alle Unterganzheiten, welche
gleichfalls Kapital höherer Ordnung ursprünglich bilden und
daher Gemeinsamkeitsreife erzeugen, Unterganzheiten der
Volkswirtschaft sind. Dazu gehören insbesondere die zunft-
artigen Verbände jeder Art. In ihnen geschieht, wie wir oben
sahen, dasselbe, was auch in der Volkswirtschaft (in der „staat-
lichen" „Organisation" der Volkswirtschaft) geschieht: Sie
schaffen — sogar durch ähnliche Beschlüsse in kleinen Beratungs-
körpern, gleichsam „Parlamenten" „Vorständen" — ein Kapital
höherer Ordnung zum Zwecke einer Gemeinsamkeitsreife für
einen ganz bestimmten Kreis von Wirtschaftshandlungen. —
Vom subjektiven Standpunkte der Mitglieder aus
mögen allerdings diese Verbände bloße „Selbsthilfe" be-
deuten, etwas ganz anderes als die, ihnen (oft) schlechthin
gegebene, „Volkswirtschaft"! Von diesem subjektiven Stand-
punkte aus und von dem gewisser Markterscheinungen aus
kann man sie ferner als bloße „Monopolstellungen" kenn-
zeichnen. Das bleibt aber alles an der Ober-
fläche! — es ist die übliche individualistische Betrachtung von
der Froschperspektive aus. Ihr tieferes, ihr objektives Wesen
besteht darin, daß sie ein Kapital höherer Ordnung für einen
bestimmten Umkreis wirtschaftlicher Handlungen erzeugen und
damit diesem wirtschaftlichen Umkreise eine bestimmte Eigen-
schaft als Organ, eine bestimmte gliedliche Stellung und Ver-
richtung in der Volkswirtschaft verschaffen — und sei es selbst
auf dem Wege der Monopolisierung, sei es selbst, daß da-
durch Hypertrophie und ungesunde Überbildungen im grö-
ßeren Ganzen der Gebiets- oder Volkswirtschaft entstehen;
das ändert an der grundsätzlichen Bedeutung und an dem
grundsätzlichen Charakter der Wirtschaftsverbände als Erschei-
nungen der Gemeinsamkeitsreife nichts! So befremdlich es
        <pb n="147" />
        ﻿125

daher der heute herrschenden individualistischen Vorstellungs-
weise erscheinen mag: die Wirtschaftsverbände sind ihrer
reinen Natur nach Unterganzheiten der Volkswirtschaft. Sie
haben sogar die Fähigkeit, nicht nur die jeweiligen Gebiets-
wirtschaften, sondern auch die ganze Volkswirtschaft zu über-
höhen, indem sie sich zu weltwirtschaftlichen „Konzernen"
und Mächten (s. die Hansa!) auszuwachsen vermögen. Gerade
das beweist, daß die Gemeinsamkeitsreife kein Privileg des
„Staates" (als „Volkswirtschaft") ist, sondern überall erfolgen
kann, soweit körperschaftliche und ständische Wirklichkeit reicht.

d) Tausch und Kauf.

Ein weiteres Bedenken könnte sich auf das Fehlen des
Tausches im oben (S. 111) bezeichneten Stufenbau beziehen.
Hier ist aber zu bemerken, daß diese ganze Tafel wie über-
haupt alle unsere Erörterungen nur dann richtig sind, wenn der
ganzheitliche Standpunkt angenommen und der individua-
listische verworfen wird. Es muß daher auch der individua-
listische Begriff des Tausches verworfen werden, wenn unsere
Tafel gültig sein soll. Dieser individualistische Tauschbegriff
geht aber dahin: daß der Tausch durch Zusammensetzung der
wirtschaftlichen Handlungen einzelner Individuen in seinem
Wesen bezeichnet sei. Nach unseren Voraussetzungen ist dies
unrichtig. Tausch besteht nicht darin, daß mehrere einzelne
Wirtschafter bestimmte wirtschaftliche Handlungen mosaikartig
zusammensetzen, sondern darin: daß er bestimmte gliedliche Un-
terganzheiten der Wirtschaft organisch miteinander verbindet
und auseinandersetzt. Wenn z. B. der Sckuster A vom Gerber
B Leder kauft, so ist das Wesentliche nicht das, daß ein ge-
wisser A und ein gewisser B irgendwelche Handlungen voll-
ziehen (das ist vollkommen uninteressant); sondern die Tat-
sache: daß der lederverbrauchende als verarbeitender Betrieb
mit dem ledererzeugenden Betrieb in jene Verbindung tritt.
        <pb n="148" />
        ﻿126

durch welche der letztere sich als wirksames Glied der Volks-
wirtschaft ausweist, nämlich als eine solche Zelle der Volks-
wirtschaft, die im gesamten Kreisläufe von Erzeugen und Ver-
brauchen sich als vollgültig leistend bewährte.

Welche Stellung hat nun dieser organisch gefaßte Tausch
in unserer obigen Tafel?: Er bedeutet, daß die Ergebnisse
der Werkreife auch ihre Marktreife gefunden haben, d. h. auf
eine höhere Reifestufe gekommen sind, ähnlich etwa wie wenn
das Eisen aus dem Hochofen in das Walzwerk kommt. Nun
erklärt sich auch, warum er in unserer obigen Tafel des Stufen-
baues nicht vorkommen kann: darum nicht, weil er uns nicht
subjektive Akte bedeutet, durch deren Zusammensetzung das
Gebilde „Markt" oder gar „Volkswirtschaft" entstünde; son-
dern eine Form der organischen Jn-Verbindung-Bringung der
Unterganzheiten (Betriebe) oder, vom Standpunkte der Ein-
zelnen aus: eine Form der Eingliederung der Einzelnen (Käufer
und Verkäufer) in schon vorgegebene Ganzheiten, die aber nun
erst konkretisiert (verwirklicht) werden*).

Hieraus folgt: Der Tausch kann nun darum
in der obigen Tafel nicht eigens vorkom-
men, weil er in der Stufe der Marktreife
ganz allgemein enthalten ist. „Allgemein"
will aber besagen, daß die Marktreife nicht unbedingt und
ausschließlich durch „Tausch" (durch Handel) vor sich gehen
muß. Sie kann auch mehr oder weniger unmittelbar durch
einen Akt der Gemeinsamkeitsreife bewirkt werden. Man
denke an die Fronhofswirtschaft des Mittelalters, an die
Kriegswirtschaft, an die „Konsumvereine", an die „Quoten-
festsetzungen" von Kartellen und genossenschaftsähnlichen
Verbänden. Hier hat sich der Tausch in verschiedene Formen
von „Z u 1 e i l u n g", die durch Gemeinsamkeits-

*) S. die ausführt. Darstellung in der früheren Abhandlung, oben
S. 50 ff., bes. S. 56 f.
        <pb n="149" />
        ﻿127

reife bewirkt wird, verwandelt. Auch hier gehen die Lei-
stungen von Stufe zu Stufe (von Betrieb zu Betrieb), aber
diese Vorgänge haben nicht, oder nicht ganz die Form des
spekulativen und freien Tausches. Tausch und Zutei-
lung sind daher verschiedene Formen der
Gliederungsvorgänge (der Verbindungs- und Aus-
einandcrsetzungsvorgänge) zwischen den Unterganz-
heiten der Volks- und Weltwirtschaft,
bzw. der Eingliederungsvorgänge der Einzelwirtschafter in sie;
sie sind aber keine eigenen „Unterganzheiten" noch eigene „Or-
ganisationsformen" der Wirtschaft! Daher darf der Tausch
nicht, wie heute in Lehrbüchern auch üblich, unter den „Organi-
sationsformen" der Volkswirtschaft behandelt werden! Der
Umstand, daß mit dem Tausch freie Preisbildung, mit den
verschiedenen Zuteilungsformen aber solche Preisbildungen
verbunden sind, die der Naturalrechnung — in diesem Falle
aber der inneren, noch übersichtlichen Naturalrechnung der
betreffenden Wirtschaftskreise — angehören, ist eine Erschei-
nung, die außerhalb des Zusammenhanges dieser Betrachtungen
liegt. — Wir fassen unsere bisherigen Ausführungen folgender-
maßen zusammen:

1.	Der Tausch vollzieht sich zwar sowohl in der Volkswirt-
schaft wie in der Weltwirtschaft durch „Personen", aber: a) durch
Personen nur in ihrer Eigenschaft als Wirtschafter; und b) nur
dadurch, daß jeder Wirtschafter Glied eines Wirtschaftsgebildes,
eines „Betriebes" ist, wobei „Betrieb" als Zelle in der ob-
jektiven, jeweils gegebenen Gliederung der Volkswirtschaft
aufzufassen ist, nicht als Summe von wirtschaftenden Subjekten
oder als Besitz von Subjekten.

2.	Dieser von einzelnen Personen als Exponenten
von Betrieben durchgeführte Tausch vollzieht sich:
a) unter der Gemeinsamkeitsreife zünftiger (verbandlicher)
Art; d) gebietswirtschaftlicher Art; c) volkswirtschaftlicher Art;
        <pb n="150" />
        ﻿128

d) falls er sich auf einem äußeren Markte abspielt oder diesem
gliedlich angehört, auch noch weltwirtschaftlicher Art. Jede
Marktreifeverleihung, die in einer Tauschhandlung beschlossen
liegt, steht also unter der Bedingung der Gemeinsamkeitsreife
verschiedener Stufen! Darum — und dies ist von größter
Wichtigkeit — ist der Tausch nicht derselbe innerhalb eines
Verbands-Bereiches und Weltwirtschafts-Bereiches. Es gibt
keinen abstrakten Tausch zwischen abstrak-
ten Personen, wie die individualistische Tausch- und
Preislehre annimmt, sondern der Wirtschafter kann nur durch
seine unmittelbare Wirtschaftsganzheit (die Verbands- und
Gebietswirtschaft) hindurch und durch die jeweils höheren
Wirtschaftsganzheiten, zuletzt durch die Volkswirtschaften hin-
durch auf dem Weltmärkte auftreten! Er tritt also dort un-
mittelbar als Exponent seines Betriebes, mittelbar als Ex-
ponent seiner zunftartigen Branche (des Wirtschaftsverbandes),
seiner Gebietswirtschaft und seiner ganzen Volkswirtschaft auf.
Als „Exponent der Volkswirtschaft" heißt ja bereits: aller in
dieser ausgegliederten wirtschaftlichen Unterganzheiten.

e) Abgeleitete Ganzheiten der Stufenleiter.

Unsere obige Tafel enthält nur die gerade Stufenfolge der
Ganzheiten. Sie läßt aber erkennen, wie sich von dieser aus
abgeleitete Stufungen ergeben und verstehen lassen. Wir
haben oben die Einkommensbildung berührt, welche durch die
Gliedschaft des Einzelwirtschafters am Betriebe entsteht; die
Verschiedenheit dieser Einkommensbildung läßt dann wieder
große Kreise oder Schichten verschiedenen Einkommens ent-
stehen, mit denen als neue, aber abgeleitete Ganzheiten die
wirtschaftlichen Einkommensklassen (zugleich als Aus-
formung der gesellschaftlichen Stände) erscheinen. — Ferner
ergeben sich auch Schichtungen je nach der Art der wirtschaft-
lichen Teilnahme (Gliedlichkeit) am Betriebe, z. B. ob Teil-
        <pb n="151" />
        ﻿129

nähme durch Lohnarbeit, Kapitalbeteiligung, Bodenbeistellung,
Erfindung. Danach entstehen die abgeleiteten Ganzheiten nach
der Bildungsweise (nicht nach der Höhe) der Einkommen, näm-
lich Lohnempfänger, Zinsempfänger usf. — Auch die Er-
scheinung der sog. „Verteilungsström e", gleichfalls
abgeleitete Ganzheiten, tritt nun in einen bestimmten syste-
matischen Zusammenhang mit dem Stufenbau der Wirtschaft.
Und es zeigt sich, wie die sog. „Verteilungslehre" nicht nur von
der allgemeinen Leistungslehre und Lehre von den Teilganzen,
sondern auch vom geschichtlichen Inhalte des Stufenbaues
einer Wirtschaft ausgehen muß. Überhaupt darf die Vertei-
lungslehre nicht, wie bisher, von der falschen Annahme aus-
gehen, als ob fertige Güter auf den Markt kämen, die dann
hinterdrein, nämlich erst innerbalb der Preisbildung, „verteilt"
würden; diese angeblich nachträgliche „Verteilung" ist vielmehr
schon vor dem Fertigwerden der Güter bestimmt, nämlich durch
die gesamte Gliederung der Wirtschaftsmittel, und zwar nach
reinen Teilganzen sowohl wie nach dem Stufenbau und nach
der Teilnahmeweise der Glieder.

Als eine letzte abgeleitete Ganzheitserscheinung sei hier
noch die Zahlungs- und Handelsbilanz er-
wähnt. Diese ist nach individualistischer Auffassung etwas durch-
aus Wesenloses und muß es sein — so sehr die individualistische
Theorie damit auch mit den elementaren Notwendigkeiten
jeder praktischen Wirtschafts- und Währungspolitik in Wider-
spruch kommt. Nach individualistischer Auffassung ist die Zah-
lungs- und Handelsbilanz nichts als die „Summe der Bilanzen
der einzelnen Wirtschafter"'). Von dieser Auffassung aus ist
es unverständlich, wie der Zahlungsbilanz irgendwelche wirt-
schaftspolitische Bedeutung zukommen könne. Ob der Ge-

*) So grell hat es sogar Wieser (Grundriß der Sozialökonomik I,
Tübingen 1914, S. 437) formuliert, er folgt aber damit nur der allgemein
herrschenden individualistischen Auffassung.

£. Spann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Ausl.

9
        <pb n="152" />
        ﻿130

schäftsfreund des Wiener Wirtschafters in Linz oder in Zürich
wohnt — das ist dann ganz gleichgültig. Vom rein wirtschaft-
lichen Standpunkte aus ist es ein durchaus willkürlicher Schnitt,
der da gemacht wird: Man könnte auch die Bilanzen aller
Linzer, aller Züricher, aller australischer Geschäftsfreunde zu-
sammenstellen und miteinander vergleichen — daß gerade jene
Wirtschafter, die in „Österreich" wohnen, zusammengezählt
werden, ist danach vollständig irrational. — Es ist immer das-
selbe individualistische Lied: die Wirtschaft entsteht dadurch,
daß einzelne Wirtschafter ihre Handlungen vollziehen und diese
Handlungen zusammenstellen! Der ganzheitliche Standpunkt
ist nun hier ein genau umgekehrter: Nicht die Summierung
der Privatbilanzen macht die Zahlungsbilanz aus; sondern
die Zahlungsbilanz — z. B. mittels der durch sie
bewirkten Bewegung der Valutenkurse — ist die Bedin-
gung, unter der die Privatbilanzen stehen,
die Bedingung, unter der sie allein diese oder jene Gestalt an-
nehmen können. Wenn infolge der passiven Zahlungsbilanz
der Preis der Schweizer Franken steigt, dann ist es für den
Wiener Kaufmann plötzlich nicht mehr gleichgültig, ob sein
Geschäftsfreund in Linz oder Zürich wohnt, und die arteigene
Verbundenheit aller österreichischer Wirtschafter in einem ge-
meinsamen Kapital höherer Ordnung (dem Währungswesen)
kommt plötzlich zur Erscheinung.

Vom Standpunkte unserer Stufentafel aus erweist sich die
Zahlungsbilanz als jene Erscheinung, welche die Eigenschaft
der Volkswirtschaft, mit anderen Volkswirtschaften in organischer
Verbindung, d. h. Glied der Weltwirtschaft zu sein, zum Aus-
druck bringt. Kurz gesagt, zeigt die Zahlungs-
und Handelsbilanz die jeweilige glied-
liche Stellung der Volkswirtschaft in der
Weltwirtschaft an. Es wäre falsch, zu glauben, daß
sie nur das Verhältnis des eigenen Geldes — eines inneren
        <pb n="153" />
        ﻿131

Kapitals höherer Ordnung der Volkswirtschaft — zum Gelde
anderer Volkswirtschaften, zu dem inneren Kapital höherer
Ordnung der anderen Volkswirtschaften, sei (denn daß es ein
„Weltgeld" nicht gibt, sondern Geld nur als inneres
Kapital höherer Ordnung einzelner Volkswirtschaften, kann
nicht zweifelhaft sein); außer dieser Gliedhaftigkeit des
eigenen Geldes in der Weltwirtschaft kommt darinnen auch die
Gliedhaftigkeit aller Zweige der Werkreife und Genußreife,
sowie des darin verwendeten Kapitals zum Ausdruck, z. B.:
die Abhängigkeit der eigenen Gewerbe von ftemden Rohstoffen,
der eigenen Landwirtschaft und eigenen Ernährung vom ftem-
den Boden, der eigenen Betriebe von ftemdem Kapital, der
eigenen Märkte, Börsen und Banken von den ftemden Märkten,
Börsen und Banken, der eigenen Arbeit von den ftemden
Arbeitskräften (u. a. in der Bedeutung der Geldsendungen
ftemder Einwanderer ins Ausland). Darum sind auch nicht
die Zahlen und die Saldi der Zahlungsbilanz an sich von Be-
lang, sondern die gliedhafte Bedeutung dessen, was sie
ausdrücken („Produktivitätsbilanz"*)).

Gerade im Spiegel der Zahlungs- und Handelsbilanz zeigt
sich, wie die abgeleiteten Ganzheiten systematisch und theore-
tisch durch ihre Anknüpfung an den Stufenbau näher bestimmt
und erklärt werden können. Auch die Erklärung der Krisen
kann hierdurch nur gewinnen, da diese nun deutlicher als nach
jeder bisherigen volkswirtschaftlichen Theorie durch die Miß-
verhältnisse in den Gliederungen der konkreten Unterganzheiten
des Stufenbaues und ihrer Ableitungen gekennzeichnet er-
scheinen.

*) Dgl. meine Haupttheorien der Volkswl., 12. Aufl., Lpz. 1923,
S. 18 ff.

9*
        <pb n="154" />
        ﻿132

2. welches find die Vorrangverhältnisse im Stufenbau
-er Wirtschaft?

A. D i e Bedeutung

einer allgemeinen Theorie des Vorranges
im Stufenbau.

Es ist der Grundfehler aller Individualisten und Frei-
händler, die Wirtschaft ohne jeden Stufenbau und darum auch
ohne das jeder Stufe arteigene Kapital höherer Ordnung
vorzustellen. Darum können sie auch die Frage nach einem
Vorrange der Stufen — insbesondere nicht die Frage nach
einem organischen Verhältnisse der Volks- und Weltwirtschaft —
gar nicht stellen. Darum fordern sie in ganz mechanistischer und
atomistischer Weise Verkehrsfreiheit schlechthin und größt-
mögliche, d. h. weltwirtschaftliche, Arbeitsteilung schlechthin.
Gerade das aber ist nach unseren grundsätzlichen Voraus-
setzungen durchaus wesenswidrig. Vielmehr gilt es
umgekehrt, die Stufen als lebendige Ganzheiten überall zu
bewahren! Darum gibt auch, wie ersichtlich, eine Theorie der
Vorrangverhältnrsse im Stufenbau der Wirtschaft mehr als
eine bloße Theorie des Schutzzolles zur Erziehung der „produk-
tiven Kräfte" im Sinne Lists, denn sie beschränkt sich nicht nur
auf die Stufen Welt- und Volkswirtschaft, sondern sie umfaßt
alle Stufen und zeigt die Ausbildung dieser Stufen nach Maß-
gabe ihrer gliedhaften Stellung. Also nicht ihre absolute
und egoistische, sondern ihre verhältnismäßige, ihre organisch
richtige, ihre organisch wesensgemäße Ausbildung! Die Theorie
der Vorrangverhältnisse im Stufenbau der Wirtschaft enthält
daher weit mehr als eine bloße Schutzzolltheorie, sie enthält
die Grundlagen der Wirtschaftspolitik aller
Stufen.
        <pb n="155" />
        ﻿133

B. Theorie des Vorranges im Stufenbau.

Der allgemeinste Grundsatz für die Feststellung der Vor-
rangverhältnisse im Stufenbau ist durchaus eindeutig und ein-
fach, er lautet:

9.	die höhere Ganzheit ist vor der nie-
deren, Gattung ist vor Art. Daraus ergeben sich dann (in
Ergänzung von 1—8 s. S. 98) folgende Sätze:

Weltwirtschaft ist vor Volkswirtschaft;

Volkswirtschaft ist vor Gebietswirtschaft;

Gebietswirtschaft ist vor Verbandswirtschaft (soweit nicht
Kreuzungen und Überhöhungen vorhanden sind, d. h. der
Verband über das Gebiet, z. B. den Bundesstaat, die Pro-
vinz, hinausgeht);

Verbandswirtschaft ist vor Betrieb;

Betrieb ist vor Betriebsglied;

wirtschaftliche Betriebsgliedschaft ist vor Haushalt.

So unbestreitbar richtig diese Stufenleiter ist, so hinterläßt
sie doch ein unbehagliches Gefühl. Woran liegt das? Bei
näherer Betrachtung zeigt sich nämlich: daß der Vorrang
der oberen über die untere Ganzheit nicht überall dieselbe Be-
deutung haben kann! Unsere obigen Überlegungen ergaben
denn auch, daß die „Weltwirtschaft" ihre Oberhoheit nicht auf
alle Sachgebiete der Volkswirtschaft erstreckt (s. oben S. 112);
die Volkswirtschaft dagegen zeigt eine unendlich größere Fülle
der Ausgliederung über die unter ihr befindlichen Unterganz-
heiten! Es ist darum nicht alles gesagt, wenn man die Welt-
wirtschaft ebenso über die Volkswirtschaft stellt wie etwa die
Volkswirtschaft über die Betriebe.

Die Auflösung dieser Schwierigkeit liegt darin, daß wohl
die Ausgliederungsmacht der oberen über die untere Ganz-
heit immer dieselbe ist, sich aber in der ganzen Stufenleiter
nicht immer auf dieselben Ausgliederungsgebiete erstreckt,
nicht immer dieselbe Fülle von Sachgebieten betrifft. Es ist
        <pb n="156" />
        ﻿134

also nicht der Fall, daß die jeweils höhere Ganzheit auch die
umfassendere Ausgliederungsfülle, das mächtigere
Eigenleben, besäße. Wir kleiden diese Einsicht in den
Satz:

10.	Die Ausgliederungsmacht der oberen
über die untere Ganzheit ist auf allen
Stufen gleich; aber die Ausgliederungs-
fülle der Ganzheiten ist auf allen Stufen
verschieden. Daraus folgt, daß es zwar keine schwachen
oder lockeren Ganzheiten gibt, die nur eine geringe Aus-
gliederungsmacht besäßen; denn die Ausgliederungskraft muß
dort, wo sie in Geltung ist, auch vollständig wirken. Es gibt
nur entweder Ganzheiten oder bloße Haufen, Aggregate —
ein Mittelding ist nicht denkbar. Aber es zeigt sich, daß der
Geltungsbereich der Ausgliederung mehr oder weniger Sach-
gebiete umfassen kann und daß diese wechselnde
Fülle der A u s g l i e d e r u n g s g e b i e t e unab-
hängig ist von der Stufe, auf der sich die
Ganzheit befindet. Darum ist es der Fall, daß die
Volkswirtschaft eine Ganzheit darstellt, die fast die gesamten
Sachgebiete der Wirtschaft ausgliedert; die über ihr befindliche
Weltwirtschaft dagegen eine solche, die nur verhältnismäßig
wenige Sachgebiete ausgliedert. Daraus ergibt sich eine
weitere grundlegende Folgerung, die einen allgemeinen ver-
fahrenmäßigen Grundsatz festlegt. Sie lautet:

11.	Die Theorie jeder wirtschaftlichen Ganz-
heit hat sich auf die Untersuchung ihrer sach-
lichen Ausgliederungsfülle aufzubauen.

Die Lehrstücke vom Wesen der Volkswirtschaft, wie sie
bei List, Adam Müller, Carey, Dühring und den Merkantilisten
vorliegen, beruhen zum guten Teile auf der sachlichen Zer-
gliederung der Ausgliederungsfülle, die der Ganzheit „Volks-
wirtschaft" von Natur zukommt. Dagegen sind die Lehren
        <pb n="157" />
        ﻿135

eines Smith, Ricardo und ihrer Schulen gerade darum so
blutleer, weil sie von der Ausgliederungsfülle bestimmter
Ganzheiten absehen wollen und Vorgänge ins Auge fassen,
die sich (von gedachten Robinsonen oder deren Kongressen
ausgehend) angeblich überall abspielen können — die strenge
Folgerung aus der Annahme, daß es keine wirtschaftlichen
Ganzheiten gebe, sondern nur Handlungen, die die reinen
Wirtschaftsindividuen von sich aus setzen!

Nicht zum Behufe einer selbständigen Untersuchung, son-
dern mehr als Beispiel und Beweis für die obige Behauptung
mögen folgende Bemerkungen über die Ausgliederungsfülle
der Weltwirtschaft, der Volkswirtschaft und der anderen Stufen
hier hinzugefügt werden.

a) D i e Welt- und Volkswirtschaft.

Wenn wir den Unterschied der Volks- zur Weltwirtschaft
oben grundsätzlich dadurch bezeichnet fanden, daß die Volks-
wirtschaft befähigt erscheint, sich aus dem weltwirtschaftlichen
Zusammenhange zurückzuziehen, eine wenigstens annähernd
geschlossene Volkswirtschaft zu werden (die Mittelmächte
waren dies annähernd während des Krieges), so ist damit ge-
sagt, daß die souveräne Ausgliederungsmacht der Volkswirt-
schaft sich, wie schon erwähnt, grundsätzlich auf alle Sachgebiete
der Wirtschaft entweder annähernd wirklich erstreckt oder er-
strecken kann. Diese Behauptung hat aber sehr weitgehende
theoretische und wirtschaftspolitische Folgerungen!

Der Begriff der vollständigen Ausgliederungs-
fülle bedeutet nämlich, wenn man ihn richtig zu Ende
denkt, nichts geringeres als die Behauptung der „Geschlossen-
heit" jener Ganzheit als Wirtschaftsgebilde. Für die Volks-
wirtschaft bedeutet darum die (wenigstens potenziell vorhandene
real nicht vollkommen erreichbare) umfassende Natur ihrer
Ausgliederung Jdealziele wie die folgenden: die eigene Boden-
        <pb n="158" />
        ﻿136

grundlage; die eigene Rohstoffgrundlage; die eigene Kapital-
grundlage und eigene Arbeitergrundlage; und schließlich das
arteigene Kapital höherer Ordnung, d. h. eine Gemeinsam-
keitsreife, die nicht aus verwässernder Nachahmung fremder
Volkswirtschaften herstammt; und alles zusammen: die ganze
Fülle der eigenen Leistungsgrundlage, soweit sie jeweils wesens-
gemäß erreichbar ist. Diese aus der Sache heraus geforderten
Jdealziele bilden die Grundforderungen aller Volkswirt-
schaftspolitik! Soll die wesensgemäße Ausgliederungsfülle der
Volkswirtschaft erreicht werden: dann liegt in der Abrundung
und Ausgestaltung der eigenen Ganzheit, dann liegt in der
jeweils erreichbaren „Autarkie" ein Wert, welcher über die
marktpreismäßigen Vorteile der weltwirtschaftlichen Erzeugung
unbedingt hinausgeht. Das Ideal dieser Wirtschaftsauffassung
ist daher dieses: jeder wirtschaftlichen Ganzheit die ihr art-
gemäße Vollständigkeit, das ihr wesensgemäße Eigenleben
zu geben (s. unten Satz 12, S. 144).

Daraus folgt als grundlegende wirtschaftspolitische Einsicht:
daß die Volkswirtschaft nur soweit Glied
der Weltwirtschaft zu werden hat, als
die Vollständigkeit ihrer inneren Aus-
gliederung nicht erreichbar ist, d. h. als gewisse
Produktivkräfte unentwickelbar erscheinen und anderseits ge-
wisse andere Produktivkräfte solche natürliche Überschüsse ab-
geben, daß damit das Fehlende ersetzt werden kann. Nicht
Freihandel bezeichnet daher das wesens-
gemäße Verhältnis der Volks- zur Welt-
wirtschaft, sondern Wahrung der wesensgemäßen Aus-
gliederungsfülle beider auf der Grundlage der zur Selbst-
versorgung strebenden völkischen wirtschaft. Denn wesens-
gemäß verlangt die Volkswirtschaft ihre ganze jeweils er-
reichbare Ausgliederungsfülle. Das Fehlen des einen oder
anderen Sachgebietes durch jeweilige marktpreismäßige Vor-
        <pb n="159" />
        ﻿137

teile einzelner Waren rechtfertigen zu wollen (wie dies die
Freihandelstheorie tut), ist für diesen Standpunkt, wie scbon
oben erwähnt, ein absoluter Fehler. Denn nichts kann
den Gewinn ersetzen, der darin liegt, daß
die Volkswirtschaft mit der Fülle ihrer
Sachgebiete auch an Lebendigkeit, Kraft
und Gesundheit ihrer eigenen Ganzheit
gewinnt. Die preismäßigen Gewinne dagegen, die damit
entstehen, daß einzelne Waren von den Weltmärkten billiger
bezogen werden können, erweisen sich dadurch als nur schein-
bare, daß auch andere, für sich durchaus lebensfähige Wirt-
schaftszweige unter der Tatsache leiden müßten, daß ein Wirt-
schaftsglied (für das sie Vorerzeugung, Nacherzeugung oder
Seitenzweig waren), aus ihrer Mitte gerissen würde. Ist z. B.
Bergwerk, Walzwerk, Kleineisenindustrie, Maschinenindustrie
vollkommen entwicklungsfähig, die Verhüttung dagegen, etwa
infolge mangelnder Kohle, teurer als im Auslande, so würde
durch den freien ausländischen Wettbewerb nicht nur der Hoch-
ofen, sondern fast seine ganze Vor- und Nachindustrie unmög-
lich gemacht: wegen Eines billigen Zwischen-
produktes würde der Volkswirtschaft der
gesamte Gewinn aus den Vor-, Nach-
und Seitenprodukten entzogen! Es ist die
schöpferische Bedeutung der Gegenseitigkeit aller Wirt-
schaftszweige, die in diesem Gedanken der Vollständigkeit der
Ausgliederung liegt; es ist eine schöpferische Ent-
sprechung, die aus der gliedhaften Stellung jedes Wirtschafts-
zweiges (ja jedes Betriebes, jedes einzelnen Wirtschafters
sogar!) folgt, und die allen denen einleuchten wird, welche
das Wesen der „Ganzheit" überhaupt begriffen haben.

Umgekehrt zeigen sich leicht die Schäden des Gegenteils.
Je mehr eine Volkswirtschaft in der Weise in die Weltwirt-
schaft eintritt, daß sie für die selbst verbrauchten Güter ihre
        <pb n="160" />
        ﻿138

eigene Bodengrundlage, ihre eigene Rohstoffgrundlage, ihre
eigene Kapitalsgrundlage, ihre eigene Menschen- und Arbeits-
grundlage überschreitet; um so mehr wird die Über-Konzen-
tration der weltwirtschaftlichen Erzeugungsbetriebe (wo immer
sie sich befinden, naturgemäß gehören sie aber den weltwirt-
schaftlich führenden Ländern, besonders England und Amerika
an) hervortreten; um so mehr wird sie durch übermächtigen
Wettbewerb die Entwicklung der schwächeren Glieder der
eigenen Volkswirtschaft hemmen und dadurch mittelbar auch
die Lebenskraft der an sich starken, aber ihrer Vor- und Nach-
erzeugung (ihres „inneren Marktes") beraubten Betriebe und
Wirtschaftszweige treffen; um so mehr wird auch die Über-
bildung und Übermacht der Weltfinanzkräfte und Weltbörsen,
wird ferner die Uberbildung des Weltwarenhandels und Welt-
frachtwesens (als Folge der Überkonzentration der Erzeugungs-
stätten wie auch der Weltfinanzmacht) sich geltend machen
und die eigene Volkswirtschaft unter Tribut bringen; um so
mehr werden auch im Innern der Volkswirtschaft durch über-
große Menschenanhäufungen in Städten und Großgewerbe-
gebieten unnütze Frachtleistungen, Verwaltungsleistungen,
Grundrenten und damit Teuerung, Großstadtelend, Ent-
wurzelung der Massen nebst allen weiteren Folgeerscheinungen
bewirkt; — was alles darauf hinausläuft, die innere
Ausgliederungskraft der Volkswirtschaft
auch für die übrigen Wirtschaftszweige
zu schwächen! Wenn unser Vieh mit ausländischem Vieh-
futter gemästet wird, wenn unsere Ernten von Russen, Polen
und Slowaken eingebracht, unsere Erdarbeiten und Hochbauten
von italienischen Arbeitern ausgeführt werden, so schadet das
der Lebenskraft unserer Volkswirtschaft. Es wird dadurch die
einzelne Leistung gekräftigt (und ihr Erzeugnis verbilligt),
das Ganze aber geschwächt! Eine Regierung, die ausländische
Erntearbeiter, Industriearbeiter und Rohstoffe in Massen zu-
        <pb n="161" />
        ﻿139

läßt, ist eine Mißregierung, welche die Volkswirtschaft eines
Landes zugrunde richtet, indem sie deren gesunde Eigen-
gliederung und Dauergrundlage langsam zerstört. Eine solche
Volkswirtschaft nährt sich wie eine Schmarotzerpstanze von
fremden Säften. Der uralte, merkantilistische Satz, daß es
besser ist, die eigene Ware mit zwei Talern zu bezahlen statt
die ftemde mit einem, gibt dieser Erkenntnis herrlichen Aus-
druck. Unsere individualistischen Theoretiker und Staats-
männer haben sich von der Tiefe dieser Weisheit nichts träumen
lassen. Die Listische Lehre von den Produktivkräften und von
der erzieherischen Bedeutung der Zölle, die merkantilistische
Lehre von der Handels- und Zahlungsbilanz und von der Jn-
dustrieförderung, Careys und Dührings Lehre von der De-
zentralisation der Erzeugung, Thünens Lehre von der Schich-
tung der landwirtschaftlichen Betriebssysteme in Kreisen
(welche eine Entwicklung jeder Kraft an ihrem Orte
fordert!), Adam Müllers Lehre von der Gegenseitigkeit aller
Seiten der Gesellschaft und von der Wichtigkeit der Dauer
gegenüber Augenblicks-Ertragsrechnung — alle diese und andere
Lehrstücke gehen von der stillschweigenden Voraussetzung der
umfassenden Ausgliederungsfülle der Ganzheit „Volkswirt-
schaft" aus. Unsere individualistischen Volkswirte und Staats-
männer der letzten hundert Jahre haben dafür allerdings nur
ein Lächeln übrig gehabt — zum Schaden des gesamten deut-
schen Volkes, das ohne einen solchen wirtschafts- und gesell-
schaftstheoretischen Individualismus niemals in die furchtbare
Lage von heute hätte kommen können.

Der wahre Staatsmann und Wirtschaftspfleger erkennt den
großen Reichtum der Gliederungen und Stufen des Wirtschafts-
lebens, er erkennt und schützt ihn, nicht nur als ein wirtschaft-
liches, sondern zugleich als ein hohes völkisches Gut.
        <pb n="162" />
        ﻿140

b) Die Gebietswirtschaft.

Der Begriff der wesensgemäßen Ausgliederungsfülle führt
aber von der Volkswirtschaft notwendig noch weiter zur Ge-
bietswirtschaft. Was von der Volkswirtschaft gilb gift sinnge-
mäß auch von der Gebietswirtschaft (allgemein gesagt, von
allen Unterganzheiten, die sie ausgliedert). Da alle Wirt-
schaftsbereiche, die sich innerhalb einer Volkswirtschaft befinden,
ihr eigenes lebendiges Glied sind, kann die volle Le-
bendigkeit des Ganzen nur erreicht wer-
den, wenn die volle Lebendigkeit der
Glieder gesichert wird. In der Volkswirtschaft darf
darum ebensowenig eine Überbildung einzelner Wirtschafts-
gebiete und Wirtschaftskräfte stattfinden und wären sie auch
die „von der Natur bevorzugten"! Es darf z. B. nicht sein,
daß ein mageres Kohlen- und Erzlager im Süden deswegen
unausgebeutet bleibt, weil ein fetteres im Norden vorhanden
ist. Die Überkonzentration der Betriebe in dem bevorzugten
Gebiete, die Überbildung des Fracht- und Handelswesens;
die Überbildung des Finanzkapitals usf., von der wir in der
freien Weltwirtschaft oben sprachen, wäre ja damit auf eigenem
Gebiete ebenso wieder eingeleitet. Die Gegenseitig-
keit derWirtschaftszweige muß nach Mög-
lichkeit auch in den Unterstufen derVolks-
wirtschaft jeweils aufs reichste ausgebildet
werden. Ähnliche Grundsätze, wie sie der Weltwirtschaft
gegenüber Platz greifen, müssen auch vom Standpunkte der
Gebiete d5r Volkswirtschaft gegenüber Platz greifen; wenn
sie auch nicht der äußeren Form nach zu ähnlichen Maßnahmen
(Zölle, Verbote) führen dürfen. Wenn wir z. B. annehmen,
daß in einem künftigen Großdeutschland das rheinisch-west-
fälische, das oberschlesische und das österreichisch-steirische
Eisen- und Kohlengebiet in einer Volkswirtschaft vereint wären,
so müßte die überragende Leistungsfähigkeit und Vormacht t
        <pb n="163" />
        ﻿141

des rheinisch-westfälischen Erzeugungsgebietes (bei dem Kohle
und Eisen beisammen sind) wenn nötig durch besondere Auf-
lagen eher gedämpft, die schwächere Kraft des oberschlesischen
und steirischen Gebietes durch besondere Begünstigungen
(Fracht- und Steuerbegünstigungen, öffentliche Leistungen)
aber so gehoben werden, daß überall die gesunden Kräfte voll
ausgenützt werden könnten, daß die reichste Mannigfaltigkeit
der Betriebe, Siedlungen, Arbeitskräfte und Verbindung mit
bodenständigen Wirtschaftskräften aller Art einträte; nicht aber
durch Überbildung des Frachtwesens, Handelswesens, Finanz-
kapitals, und durch Überkonzentration der Betriebe und Wohn-
stätten eine schlechte Kapital- und Arbeitsgliederung auf der
einen Seite, dafür schlechte Monopolstellungen, ungesunde
Wirtschaftsbaronien, schwächende Dumpings u. dgl., auf der
anderen Seite, damit im Ganzen Brachlegungen und Ver-
armungen einzelner Gegenden, entstünden. Nicht die reine
Preisrechnung der einzelnen Ware, sondern
d i e mittelbaren Kusgliederungssolgen mit ihren an-
schließenden Preisverschiebungen sindfür
die Frage maßgebend, ob neben den besten
auch schwächere Produktivkräfte auszu-
nutzen sind.

c) Die Verbands wirtschaft.

Was für die Volkswirtschaften und für die Gebietswirt-
schaften gilt, gilt sinngemäß auch für die Verbandswirtschaften
(ja sogar die Betriebe, wovon aber an dieser Stelle nicht weiter
zu sprechen ist). Um ein besonders kennzeichnendes Beispiel
anzuführen, so folgt aus den obigen Vordersätzen die Einsicht:
daß die vielgerühmte Politik der Kartelle, die jeweils schwächsten
Betriebe stillzulegen, insofern grundsätzlich nicht durchaus
richtig ist, als sie der Forderung der allseitigen Aus-
nutzung und Ausbildung der Wirtschaftskräfte widerspricht
        <pb n="164" />
        ﻿142

und als sie Überkonzentration der Betriebe, Überfracht-
leistungen, Über-Konzentration der Märkte, Monopolisierungen
und Übermacht der Kapitalskräfte hervorruft!

6) Der Betrieb.

Im Betriebe endlich hat die moderne Neigung, Vorer-
zeugnisse selbst herzustellen und Weiterveredlung selbst vorzu-
nehmen, eben dieselbe Bedeutung: ein rundes Ganzes der
eigenen Produktivkräfte auszubilden, schon im kleinsten Kreise
der Erzeugung zu einer gewissen Ganzheit, reichen inneren
Gliederung zu gelangen. Bei zunftähnlicher Zusammenfassung
der Betriebe kann diese Abrundung der inneren Gliederung
auch von der Zunft selbst — durch gemeinsamen Großeinkauf,
gemeinsame Verwertung der Nebenprodukte usf. — in die
Hand genommen werden. Die jeweilige Ausgliederungsfülle
des Betriebes wird sich aber wieder je nach seiner
gliedlichen Stellung im Ganzen seines Wirtschafts-
zweiges (bzw. durch diesen hindurch der Volkswirtschaft) wesent-
lich verändern.

Die vorstehenden Ausführungen sind mehr als Beispiele
denn als geschlossene Untersuchung gedacht. Es ist ihnen
daher versagt, über die rein begriffliche Begründung hinaus-
zugehen; sie dürfen aber dafür allerdings auf List, Ad. Müller,
Carey, Dühring, Ruskin und andere Verfasser verweisen,
wenngleich diese alle die Volkswirtschaft noch zu zentralistisch
und ohne Unterstufung, also zu verkehrswirtschaftlich auf-
faßten. Die grundsätzliche Richtung unserer Ausführungen
erhellt gar wohl aus den in dieser Abhandlung vorgetragenen
Lehrbegriffen; ihre besondere Anwendung auf die Frage:
Welche Sachgebiete der Ausgliederung den jeweils in Frage
kommenden Ganzheiten tatsächlich zukommen, hat aber je-
        <pb n="165" />
        ﻿143

wellige streng zergliedernde, auf Tatsachen gestützte Unter-
suchungen zur Voraussetzung, die hier nicht gegeben werden
konnten.

Lediglich ein grundsätzlicher Hinweis auf die Maßstäbe
sei hier noch hinzugefügt, nach denen die Heranziehung
der weniger ergiebigen Kräfte jeweils zu beurteilen ist. Die
Grundlage für ein solches Lehrstück der nur ver-
hältnismäßigen Leistungsfähigkeit aller
Wirtschaftsmittel scheinen mir in folgenden Lehr-
begriffen gegeben, die ich an anderer Stelle entwickelte:

An erster Stelle steht hier der Satz: daß unter gewissen
Voraussetzungen, wie insbesondere genügenden Kapitals-
vorrates, für den großen Markt der Großbetrieb, für den kleinen
Markt der Kleinbetrieb, die jeweils richtige Wirtschafts-
form ist; ein Satz, der nicht nur die Mürrische Konzentrations-
lehre widerlegt, sondern auch Bedingung und Maßstab für die
Anwendung verschieden leistungsfähiger Betriebsformen und
Wirtschaftsmittel aufzeigt*).

Zweitens wirft das Lehrstück von der Preisverschiebung
ein Licht auf unsere Frage. Indem nämlich durch Steigerung
der Ergiebigkeit in einem Wirtschaftszweige (z. B. infolge neuer
Erfindungen) eine erhöhte Kaufkraft in diesem Wirtschafts-
kreise entsteht, dadurch wieder eine erhöhte Nachfrage, die
Preiserhöhungen der neu nachgefragten Güter bewirkt, müssen
unter Umständen für diese neu nachgefragten Güter weniger
ergiebige Wirtschaftsmittel in Anwendung kommen. Es
werden also damit durch Erhöhung der Wirtschaftskraft einer

l) Vgl. Wahrer Staat, 2. Aufl., Leipzig 1923, S. 150 ff. — Da»
Lehrstück von der nur verhältnismäßigen Leistungsfähigkeit der Wirtschafts-
mittel ist kein Widerspruch zu dem an anderer Stelle entwickelten Lehr-
stück der „Gleichwicktigkeit" (s. oben S. 74). Denn es besagt nur, daß
zur Erreichung einer Gesamtleistung im Gebilde verschiedenartige Leistungs-
glieder, im Gebilde höherer Ordnung verschiedenartige Gebilde teilnehmen
müssen.
        <pb n="166" />
        ﻿144

bestimmten Ganzheit, die Wirtschaftskräfte anderer Ganz-
heiten in abgestufter Weise berührt und herangezogen.
Ergiebige Wirtschaftsmittel schließen die Anwendung weniger
ergiebiger nicht aus, im Gegenteil, sie verlangen sie sogar,
ähnlich wie der Führer den Geführten. Nicht auf Vereinigung
sondern auf Scheidung (Dezentralisation) und auf weitere
Untergliederung der Wirtschaft zielen diese Auswirkungen abH.

Drittens kommt hier das Lehrstück von der „schöpferischen
Entsprechung" zur Geltung, da diese eine abgestufte Leistungs-
fähigkeit voraussetzt und herbeiführt^).

Aus der Erkenntnis des Unterschiedes von Ausgliederungs-
m a ch t der jeweils höheren Ganzheit gegenüber Aus-
gliederungs fülle einer Ganzheit (gleichgültig auf welcher
Stufe sie auch stehe), ergibt sich noch eine letzte grundlegende
Folgerung für jede (in Bezug auf die Inhalte der Ziele be-
liebig gerichtete) Wirtschaftspolitik. Wir dürfen sie als einen
eigenen, im Obigen wiederholt begründeten Satz neben die
früheren Sätze stellen. Sie lautet:

12.	Jeder wirtschaftlichen Ganzheit ist
ihre wesensgemäße A u s g l i e d e r u n g s f ü l l e
zu sichern; jedes Weniger, aber auch jedes Mehr schadet
der Lebenskraft aller anderen wirtschaftlichen Ganzheiten,
zuletzt der Volkswirtschaft.

Zum Abschluß.

Mit den vorstehenden Darlegungen ist das Ganze der uni-
versalistischen Volkswirtschaftslehre und ihres Verfahrens in
Hauptumrissen sichtbar geworden.

*) Vgl. Theorie der Preisverschiebung, Wien 1913, Manz.

-) Fundament, 3. Ausl., S. 121 f. Das Beispiel vom besten Schneider.
        <pb n="167" />
        ﻿Diese Lehre schmeichelt nicht dem Einzelnen, indem sie
seine wirtschaftlichen Entschlüsse und Handlungen, seine Wert-
schätzungen wie seine „Psychologie" an den Anfang stellt, um
von da aus die wirtschaftliche Welt aufzubauen; sie kommt auch
nicht jenem platten Standpunkte entgegen, der seinen Blick
an Gütermengen, Markttreiben, Preisen und Zahlen sättigt
und das, was als stofftich und handgreiflich in die Augen
fällt, für die erste oder gar die alleinige Wirklichkeit der Wirt-
schaft hält; sie ist weder eine Psychologie noch eine Buch-
führung der Wirtschaft.

Unsere Lehre lenkt ihren Blick höher hinauf, auf das Erste,
das Ganze, und steigt von da erst herunter zu den Gliedern.
Ja, sie ist wirklich eine Wissenschaft, die von oben herab und
nicht von unten hinauf steigt! Sie beruht auf der königlichen
Erkenntnis der Ganzheit und der Ordnung ihrer Ausgliederung,
welche nach Teilganzen und Stufen vor sich geht, und in
beiden wieder nach arteigenen Vorrängen und arteigen lei-
stenden Gliedern sich darstellt. Während die individualistische
Volkswirtschaftslehre diesen erhabenen Sachverhalt kaum zu
ahnen vermag, indem sie an dem subjektiven Scheinleben der
Wirtschafter als Einzelner und an dem toten Dasein der Güter-
welt als einer materiellen haftet; ist die universalistische Lehre
mit der Erkenntnis der Ganzheit bereits ans Herz des wahren
Lebens vorgedrungen. Sie erkennt dem einzelnen Wirtschafter
seine Selbständigkeit, seine Eigenkraft wie seine unwiederhol-
bare Einzigkeit überall als eine gliedhafte zu und hebt dennoch

t die Ganzheit und ihre Ordnungen über ihn und seine Sub-
jektivität hinaus. Denn wohl ist allein das Einzelne die letzte,
greifbare Wirklichkeit, aber bloß, in sofern Ganzheit darin sich
darstellt. Alles Einzelne für sich ist welk, aus der Ganzheit
erst empfängt es Kraft des Daseins, Wahrheit und Leben.

O. Spann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Aufl.

10
        <pb n="168" />
        ﻿
        <pb n="169" />
        ﻿
        <pb n="170" />
        ﻿Erweiterter Sonderabdruck aus der „Zeitschrift für Volkswirtschaft
und Sozialpolitik", Wien, N. F., Bd. III, 1923.
        <pb n="171" />
        ﻿So sagt mir doch, verfluchte Puppen,
Was quirlt ihr in dem Brei herum?
„Wir kochen breite Bettelsuppen."

„Da habt Ihr ein groß' Publikum."

Goethe, Faust.

Das Werk Mar Webers*), das vor nicht langer Zeit
endlich zum Abschlüsse kam, nachdem es fast zwei Jahre hindurch,
in Form von vier Lieferungen, im Erscheinen begriffen war,
ist von einem Umfange (840 Lerikonseiten) und einer Mannig-
faltigkeit, daß eine kurze Anzeige im Rahmen einer Zeitschrift
keineswegs beanspruchen kann, es zu erschöpfen. Es zerfällt
in drei Teile und behandelt im ersten Teil „Die Wirtschaft
und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte", im zweiten
Teil die „Typen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaf-
tung" und im dritten Teil die „Typen der Herrschaft". Der erste
Teil zerfällt in die folgenden Hauptabschnitte: „Soziologische
Grundbegriffe"; „Soziologische Grundkategorien des Wirt-
schaftens"; „Typen der Herrschaft"; „Klassen und Stände".
Der zweite Teil zerfällt in die Hauptabschnitte: „Wirtschaft
und Gesellschaft im allgemeinen"; „Typen der Vergemein-
schaftung und Vergesellschaftung" (dreht sich hauptsächlich um
die „Hausgemeinschaft"); „Ethnische Gemeinschaften" (Rasse,
Volkstum); die „Typen religiöser Vergemeinschaftung";
„Markt"; „Die Wirtschaft und die Ordnungen"; die „Rechts-
soziologie"; „die Stadt". Der dritte Teil zerfällt in die Haupt-
abschnitte: „Herrschaft"; „PolitischeGemeinschaften";„Macht-

') MaxWeber, Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. III des „Grund-
riß der Sozialökonomik", Tübingen 1922, I. C. B. Mohr, Lex.-8°, 12
und 840 S.
        <pb n="172" />
        ﻿150

gebilde"; „Nation"; „Klassen, Stand, Parteien"; „Legi-
timität"; „Bureaukratie"; „Patrimonialismus"; „Wirkungen
des Patriarchalismus und Feudalismus"; „Charismatismus";
„Umbildung des Charisma"; „Staat und Hierokratie".

Diese Aufzählung der Hauptabschnitte beweist einerseits
die Reichhaltigkeit des Werkes, sie zeigt aber schon, daß es sich
nicht um ein von Mar Weber selbst ganz druckfertig ge-
machtes, überhaupt um kein einheitliches Werk handelt, denn
die wiederholte Vornahme und wechselnde systematische Stel-
lung der Lehre über Stand und Klasse, über Herrschaft, über
das Charisma, die planlose Folge soziologischer, wirtschafts-
theoretischer und politischer Stoffe wäre in einem einheitlichen
Werke unmöglich. Wie Frau Marianne Weber im Vor-
wort zum zweiten Teil berichtet, handelt es sich von da an
(von S. 180 an, bis wohin Mar Weber das Werk selbst noch
herausgab) um eine Sammlung von Aufsätzen, die aus den
Jahren 1911—1913 stammen. Leider ist durch den plötzlichen
Tod des Verfassers die Lesbarkeit des aus dem Nachlasse
herausgegebenen Teiles des Werkes noch schwieriger geworden,
als es schon der von Mar Weber selbst herausgegebene Teil war.
Zum Fehlen jeder Systematik kommen noch stilistische Mängel
und Härten, ganz einseitige und dürftige Literaturberücksich-
tigung, Lücken in der Darstellung des Stofflichen, oft ein
wahrer Wust von Klassifikationen und manches andere, was fast
den Eindruck, daß man es hier mehr mit abgedruckten Notiz-
büchern als mit durchgeführten Abhandlungen zu tun habe,
erweckt.

1. Methodologische fragen.

Mar Weber eröffnet sein Werk mit einer Begriffsbestimmung
der Soziologie. Er sagt: „Soziologie . . . soll heißen: eine
Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und
dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich
        <pb n="173" />
        ﻿151

erklären will1 2 * 4)." Dazu gibt Mar Weber mehrere Erläuterungen:
„»'Handeln« soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei,
ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden)
heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit
ihm einen subjektiven Sinn verbinden. .Soziales' Handeln
aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem
oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Ver-
halten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf
orientiert ist?)." „Die soziale Beziehung besteht ... in der
Chance, daß in einer (sinnhaft) angebbaren Art sozial ge-
handelt wird, einerlei zunächst: worauf diese Chance beruht^)."

Zur Ehre Mar Webers sei angenommen, daß diese Be-
griffsbestimmung (er gab diesen Teil des Werkes noch selbst
heraus) nur als eine vorläufige gedacht war, die in der syste-
matischen Fortsetzung des Werkes, eine wesentliche Ergänzung
und Berichtigung gefunden hätte. Denn wenn er auch in seinem
Bestreben, Geschichte, Volkswirtschaftslehre, Rechtswissenschaft
und Soziologie, ja sogar Musiktheorie miteinander zu ver-
binden^), auf philosophischem und erkenntnistheoretischem Ge-
biete als durchgebildeter Kenner nicht betrachtet werden kann,
so kann man ihm doch schwerlich zutrauen, methodologisch
derart unvereinbare Elemente zusammenspannen zu wollen,
wie es in der angeführten Definition geschieht. Im ersten Satze
liegen zwei schroffe, methodologisch schlechthin unvereinbare
Widersprüche offen zutage. Die Soziologie soll 1. Handeln
„deutend verstehen" und 2. „ursächlich erklären". „Deutend
verstehen" heißt doch notwendig: auf den Sinngehalt und
Sinnzusammenhang eingehen, wie z. B. die Logik tut, wenn

») S. 1.

2) Ebenda; ähnlich S. 11.

2) S. 13.

4) Vgl. Max Weber, Die rationalen und soziologischen Grundlagen
der Musik, München 1921.
        <pb n="174" />
        ﻿152

sie eine Schlußkette zergliedert, nicht aber ursächlich erklären,
wie z. B. die Physik tut, wenn sie die mechanische Fallbe-
wegung und Mondbewegung berechnet. Denn das Wesen der
logischen Zusammenhänge wird nicht gefunden, indem man
etwa auf äußerliche Abfolge in der Assoziationsmechanik der
Vorstellungen achtet, sondern indem man auf ihren Sinngehalt
deutend und verstehend eingeht; darum ist der zweite Teil
des Satzes „. . . und dadurch (nämlich durch das deutende
Verstehen) in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ur-
sächlich erklären will"i), ein unbegreiflicher Widerspruch.
Es ist klar, daß durch ein deutendes Verstehen, durch Eingehen
auf den Sinngehalt eines Gegenstandes, jede Ursächlichkeit
grundsätzlich ausgeschlossen ist! Denn „Ursächlichkeit"
geht durchaus bloß auf die äußere, auf die mechanische
Aufeinanderfolge der Erscheinungen, sie besteht, genauer ge-
sagt, in der Gesamtheit der Antezedentien, auf welche eine
Erscheinung (als zeitliches Konsequens) folgt; während deuten-
des Verstehen auf ganz anderen, auf inneren Kategorien be-
ruht, indem es, wie gesagt, den sinnvollen Zusammen-
hang erschließt. Darum nennt man, wie männiglich bekannt,
die Logik keine ursächliche Wissenschaft, was etwa die Physik,
sondern eine „Norm-Wissenschaft", denn sie hat es mit dem Be-
griffe des richtigen Denkens, mit dem sinnvollen
Gehalt, nicht mit der kausal-mechanischen Verknüpfung der
Gedanken zu tun?). Wer über die Anfangsgründe der Logik
und der philosophischen Verfahrenlehre hinaus ist, muß es

D Der Sperrdruck stammt von mir. Spann.

2) Ein anderes Beispiel: Was zwischen zwei Fechtern vorgeht, ist
keinem Sinngehalte nach als „Kampf" zu verstehen, der äußeren mecha-
nischen Kausalität nach dagegen etwa als „Energieumsah der Armmusku-
latur", als „beschleunigte Bewegung von Massen" (der eisernen Schwerter),
als „Elastizität", „Oxydation" (der sprühenden Funken) u. dgl. zu be-
stimmen. — Beide Betrachtungsweisen liegen also
methodologisch auf anderen Ebenen.
        <pb n="175" />
        ﻿153

unbegreiflich finden, wie Mar Weber sein Buch mit einem Satze
beginnen konnte, der einen grellen, einen geradezu elementaren
Widerspruch enthält. — Ferner sind auch die Ausätze „in seinem
Ablauf und seinen Wirkungen" widerspruchsvoll. Sie be-
deuten, daß das Handeln in seiner Motivation — besonders als
„innerliches Handeln" — erklärt werden soll, und daß auch die
„Wirkungen" (wohl die auf die anderen Handelnden) kausal-
psychologisch gefaßt werden. — Endlich ist auch der Zusatz
„äußeres oder innerliches Tun" zu betrachten. Soll nur das
eigentliche Handeln, oder soll auch die Empfindung, der Ge-
danke, das Gemüt (die gleichsam als „inneres Tun" zu fassen
wären) Gegenstand der Soziologie sein?; oder sollen es nur
die unmittelbaren Voraussetzungen, die Gründe des äußeren
Tuns, sein, die in den Bereich der Soziologie fallen? Darüber
gibt die Definition in ihrer Unklarheit keinen endgültigen
Aufschluß. Hält man sich aber an das, was wörtlich gesagt ist
„äußeres oder innerliches Tun", dann soll nach Mar Weber,
wie ja nach manchen anderen Soziologen der naturalistischen
Richtung, die kausaltheoretisch gedachte Psychologie grund-
sätzlich ein Bestandteil der Soziologie sein — dies aber wieder
trotz der ausdrücklichen Verwahrung auf Seite 9, die jedoch
selber gleich auf derselben Seite mit dem Begriffe des „Motives"
in Widerspruch kommt!

In der angeführten Begriffsbestimmung streiten sich in
der Tat alle jene Elemente, die in Mar Webers nachgelassenen
Entwürfen — um mehr handelte es sich nicht, wenn man dem
ruhlos tätigen Manne nicht Unrecht tun will — gleichfalls im
hellen Widersprüche zu finden sind. Doch ist kein Zweifel,
daß ihm der kausale Gesichtspunkt der durchschlagende und
herrschende war! Denn trotzdem er zugleich strebte, das Ver-
stehende, Normative, Nichtkausale und Individuell-Geschicht-
liche in seine Soziologie hinein zu verweben, blieben ihm die
gesellschaftlichen Erscheinungen schließlich immer ein System
        <pb n="176" />
        ﻿154

kausaler Beziehungen. In diesem Streben, das Sinnvolle,
Nichtkausale aufzunehmen, ging er über die landesübliche,
naturalistische und über die nach-Comtische französische und
englische Soziologie hinaus; sein Ziel erreichte er jedoch leider
nicht. Wo er sich einmal klar und bestimmt auf den methodo-
logischen Boden der Kausalität stellte, gehörte er dann sogar
zu den entschiedensten Empiristen, um nicht zu sagen, Skep-
tikern. „Die »Gesetze«," sagt er, „als welche man manche
Lehrsätze der verstehenden Soziologie zu bezeichnen gewohnt
ist — etwa das Greshamsche „Gesetz" — sind durch Beobach-
tung erhärtete typische Chancen eines bei Vorliegen ge-
wisser Tatbestände zu gewärtigenden Ablaufes von
sozialem Handeln ..." (S. 9). Abgesehen nun davon, daß hier
wieder der verstehenden Soziologie ein mechanisches
Gesetz mit naturwissenschaftlicher Wahrscheinlichkeit zuge-
schrieben wird — zeigt sich jetzt, wie Mar Weber den Ur-
sächlichkeits- und Gesetzesbegriff eigentlich faßt: Wir haben
hier einfach den Humeschen Begriff der Erwartung und der
Wahrscheinlichkeit, womit der krasseste Empirismus bei dem
sonst geistvollen Gelehrten einkehrt! Unbegreiflich ist, wie er
es dabei fertig bringt, sich wenige Zeilen später, sowie in der
kurz vorhergehenden Schriftenangabe, auf R i cf e r t zu berufen,
dessen Begriff des Generellen durchaus mit „Chance" und „Er-
wartung" unvereinbar ist und dessen ganze Logik darauf ge-
richtet ist, von der Alleinherrschaft der naturwissenschaftlich-
kausalen Begriffsbildung loszukommen.

Wie ferner eine Definition nach Art der angeführten „die
soziale Beziehung besteht... (darin), daß ... sozial gehandelt
wird"*), bei einem geschulten Denker möglich ist, fragt man
sich vergebens (s. auch die Machtdifinition unten S. 160).

Bei dem widerspruchsvollen und ganz unfertigen Zustande
des verfahrenmäßigen Begriffsgebäudes Mar Webers ist es

H S. 13, Hervorhebung von mir. Spann.
        <pb n="177" />
        ﻿	

— 155 —

auch für mich persönlich nicht einladend, auf eine Verteidigung
gegen seine Angriffe auf mich einzugehen. Auch habe ich das
Gefühl, ihm vielleicht nicht ganz gerecht zu werden, wenn ich
ihn auf Grund einer hingeworfenen Notiz bekämpfe, von der
kaum feststeht, wieweit er sie selbst ernst nahm. Da dies aber
von anderer Seite geschah, ist es geboten, in aller Kürze meinen
Standpunkt festzustellen. Mar Weber sagt in Bezug auf meine
Unterscheidung von Individualismus und Universalismus in
methodologischer Hinsicht:

„Das ungeheure Mißverständnis jedenfalls, als ob eine
„individualistische" Methode eine (in irgendeinem
möglichen Sinn) individualistische Wertung bedeute, ist
ebenso auszuschalten, wie die Meinung: der unvermeidlich
(relativ) rationalistische Charakter der Begriffs bildung be-
deute den Glauben an das V o r w a l t e n rationaler M o -
tive oder gar: eine positive W e r t u n g des „Rationalis-
mus". Auch eine sozialistische Wirtschaft müßte soziologisch
genau so „individualistisch", das heißt: aus dem Handeln
der einzelnen — der Typen von „Funktionären", die
in ihr auftreten — heraus deutend verstanden werden,
wie etwa die Tauschvorgänge durch die Grenznutzlehre . . .
Denn stets beginnt auch dort die entscheidende empirisch-
soziologische Arbeit erst mit der Frage: welche Motive be-
stimmten und bestimmen die einzelnen Funktionäre
und Glieder dieser „Gemeinschaft", sich so zu verhalten, daß
sie entstand und fortbesteht? Alle funktionale
(vom „Ganzen" ausgehende) Begriffsbildung leistet nur „V o r -
arbeit" dafür. . .*)".

Diese Äußerungen zeigen einerseits, daß mich Mar Weber
nicht richtig verstanden hat, anderseits, daß er durchaus, mit
voller Selbstverständlichkeit und Naivität — Individualist ist!
Mein Gedankengang, auf den sich Mar Weber hier bezieht,
») S. 9.
        <pb n="178" />
        ﻿156

ist kurz gesagt der: daß die sozialen Erscheinungen ent-
weder von ihren Bestandteilen, den einzelnen Menschen
und ihren Handlungen, her begriffen werden oder vom
Ganzen her, zum Beispiel von „Gesellschaft", „Staat" her.
Im ersten Falle sind die einzelnen Bestandteile (die Menschen,
Handlungen) das Primäre, das eigentlich Wirkliche, in sich selbst
Gegründete und vor ihren Kombinationen oder „Beziehungen"
schon fertig, schon real; und die Analysis der ge-
sellschaftlichen Erscheinungen wird in der
Folge stets d i e s e n S t a n d p u n k t festhalten,
das heißt ein „Ganzes" als eigene Realität nicht aner-
kennen, sondern jedes „Ganze" mit allen seinen Eigenschaften
aus den Einzelnen herleiten. Und in diesem Sinne wird
der Begriff des Einzelnen als des Primären, der des scheinbaren
„Ganzen" aber (das dann in Wahrheit nur eine Summe ist)
als des Abgeleiteten, methodisch grundlegend sein. Dieser
Standpunkt ist der individualistische, er hat mit „Wertung",
wie Mar Weber meint, als solcher gar nichts zu tun, er beruht
auf einer Wesensanalyse. Aus ihm folgt allerdings auch
eine Wertung oder kann wenigstens folgen; denn derjenige,
der im Einzelnen das primär Wirkliche sieht, wird auch nur
dem Einzelnen den primären Wert zubilligen. — Ferner sagte
ich, in meiner „Gesellschaftslehre" (1. Aufl. 1914) und in
meinem „Fundament" (1. Aufl. 1918), daß umgekehrt, wenn
man von den gesellschaftlichen Erscheinungen als Ganz-
heiten ausgeht, man diesen die primäre Wirklichkeit
zuschreiben und alles Einzelne (zuletzt auch die einzelnen
Menschen, ihre Handlungen usw.) als das Sekundäre, als das
vom Ganzen in dem Sinne Abgeleitete betrachten muß, daß
es nur im Rahmen des Ganzen, daß es nur als G l i e d mög-
lich ist.

Mar Weber verstand mich in diesem Gedankengang so
wenig, daß er in der obigen Erwiderung: 1. von „Wertung"
        <pb n="179" />
        ﻿157

sprach, die mit dem Kern meiner Unterscheidung des Indi-
vidualismus und Universalismus (die auf einem rein ana-
lytischen Gedankengange ruht) gar nichts zu tun hat, und
behauptete, die individualistische Methode bedeute eine „indi-
vidualistische Wertung". M. W. betrachtet naiverweise Indivi-
dualismus und Universalismus primär als Zweckeinstel-
lungen während sie in Wahrheit primär Wesensanalysen,
analytische Befunde sind! Die Zweck- und Werteinstellung
gehört erst der Frage an: ob aus dem analy-
tischen Befunde für die Wertung etwas
zu folgern sei und was; und daß er 2. sofort mit
naiver Selbstverständlichkeit die individualistische Analysis
als die einzig mögliche und richtige hinstellt und dazu noch
was gar nicht notwendig zu ihr gehört, behauptet, es müßten
auch die „Motive" des Handelns der Einzelnen, als erste und
ursprüngliche Wirklichkeit der wirtschaftlichen (gesellschaftlichen)
Erscheinungen betrachtet werden; wobei er die universali-
stische vom Ganzen ausgehende Analyse als „Hilfsbetrachtung"
annimmt!! Mit dieser zweiten Entgegnung
hat sich MarWeber durchaus auf den Bo-
den meiner Theorie gestellt. Er hat zwar nicht
dieselbe analytische Entscheidung getroffen wie icb, nämlich
nicht die universalistische, sondern die individualistische; aber
er hat ungewollt und unbewußt anerkannt, daß stets eine dieser
beiden Entscheidungen getroffen werden muß, daß man ihr,
selbst wenn man die Alternative formell ablehnt, in Wirklichkeit
niemals entgehen könne; und er hat endlich selbst mittelbar
festgestellt, daß diese Entscheidung ihre methodologischen Folgen
hat, ja daß diese Entscheidung die gesamte
Methodik beherrscht. Das kann mir genug sein.

Daß die dargelegte Stellungnahme Mar Webers auch mit
seinem bekannten, nicht zu Ende gedachten, unklaren Begriffe
des „Idealtypus" zusammenhängt, bemerke ich hier nur neben-
        <pb n="180" />
        ﻿158

her, ohne weiter darauf eingehen zu können (vgl. S. 10,
S. 124 seines Werkes u. ö.).

Ein das ganze Werk in allen Untersuchungen bestimmender
Gedanke ist die bekannte Unterscheidung Mar Webers von Politik
und Theorie, Wert und Wirklichkeit, die er von der neukan-
tischen Schule übernahm und als erster in die Sozialwissen-
schaft einführte (Kelsen folgte erst später). Der theoretische
Begriff betrifft nach ihm das Sein, der politische Begriff, die
politische Lehre, betrifft das Sollen, den Wert. Die Theorie ist,
so sagt er, vollkommen „wertfrei", der Wert, die Politik da-
gegen entspricht der Weltanschauung, dem Subjektiven, dem
Wertenden. Seit der Tagung des Vereins für Sozialpolitik
zu Wien 1909 hat Mar Weber diese Unterscheidung mit der
ihm eigenen Wärme wiederholt vertreten. Er, der so oft dem
entschiedensten Positivismus und Empirismus zuneigte, ist
hier ganz in den Bahnen des Neukantianers Cohen ge-
wandelt, welcher Sein und Sollen wie zwei Welten, die
grundsätzlich nie zueinander kommen können, trennte. Ich habe
an anderer Stelle*) die Fehler des Cohenischen, Weberischen
und Kelsenischen Gedankenganges ausführlich nachgewiesen.
Indem ich darauf verweise, glaube ich mich hier mit der Be-
hauptung begnügen zu dürfen, daß das entscheidende Wort
in dieser unheilvollen Bewegung, die Mar Weber im Verein
mit andern auslöste, dieses ist: die Verschiedenheit in den Voll-
kommenheitsbegriffen oder „Wertungen" der einzelnen volks-
wirtschaftlichen Theorien und Schulen — man denke z. B. an
den Gegensatz von Freihandel und Schutzzoll — hat ihren Grund
nicht in der Verschiedenheit der politischen und subjektiven Vor-
aussetzungen ihrer Vertreter, sondern in der Verschiedenheit der
analytischen Voraussetzungen ihrer Theorien. Der Wert

*) Zeitschrift für öffentliches Recht, III. Bd., Wien 1923, ferner
meine Gesellschaftslehre, 2A., 1923, S. 555 ff. u. ö. und meine „Kate-
gorienlehre", 1924, S. 326 ff.
        <pb n="181" />
        ﻿159

folgt aus dem Wesen, das Sollen wird aus
dem Sein erkannt! Nicht subjektive Wünsche des
Einzelnen, sondern die Erfordernisse der Sache sind es, aus
denen der Maßstab für das Vollkommene eines Wesens, für
Sollen und Wert entnommen werden muß. „Das Voll-
kommene ist früher als das Unvollkommene", sagte schon
Aristoteles, — aber für diese uralte platonisch-aristotelische
Weisheit hat der krasse Empirist und Relativist Mar Weber
freilich keinen Sinn, selbst wenn er sich den Seitensprung
des Apriorismus in Cohenischer Form erlaubt.

Hiermit möge es an den methodologischen Bemerkungen
genug sein. Die Unterscheidung von „zweckrational" und „wert-
rational" (S. 12 f.) — deren UnHaltbarkeit allzulanger Dar-
legungen erforderte — darf ich hier übergehen, da sie schon
aus anderen Schriften Webers bekannt ist.

2. Die wirtschastslehre.

In dem Abschnitte über „soziologische Grundkategorien des
Wirtschaftens" ist wenig Ursprüngliches enthalten. Der auf
S. 31 und S. 181 entwickelte Wirtschaftsbegriff ist im Grunde
jener Karl M e n g e r s. „ Wirtschaftlich orientiert soll
ein Handeln insoweit heißen, als es seinem gemeinten Sinne
nach an der Fürsorge für einen Begehr nach Nutzleistungen
orientiert ist1)." — Über den auf S. 32 gegen mich geltend ge-
machten Einwand, Wirtschaft sei nicht „Mittel für Ziele",
sondern eine „Wahl zwischen Zwecken", kann ich hier hinweg-
gehen, da ich ihn in meinem „Fundament der Volkswirtschafts-
lehre" 2) zurückgewiesen und dort dargetan habe, daß die Wirt-

*) S. 31. — Menger sagte: Wirtschaft ist die „vorsorgliche Tätig-
keit" für „Befriedigung der Bedürfnisse" („Grundsätze", 1871, S. 1;
„Untersuchungen", 1882, S. 232 u. ö.). Bei M. W. heißt es: Fürsorge
für „einen Begehr".

*) 3. Aufl., Jena 1923, S. 265 ff.
        <pb n="182" />
        ﻿160

schaft keine Untersuchung der Zwecke selbst sei. — Der Tausch
wird von Mar Weber im gleichen Sinne wie die Wirtschaft
rein individualistisch aufgefaßt*); sein Geldbegriff beruht auf
einem Versuche, eine Art gemäßigteren Metallismus, etwa
im Sinne der Schule von Karl Menger, mit dem Chartalis-
mus K n a p p s laienhaft zu verbinden (S. 38 ff.). Im
übrigen werden die Grundbegriffe meistens nur elementar,
aber doch unter Einführung scharfsinniger, eigenartiger Klassi-
fikationen behandelt, wovon ich nur auf den Begriff der „rech-
nungsfremden Leistungsvergemeinschaftung" Hinweise (S. 88 f.).
Leider ist auch hier keine Systematik in der Aufeinanderfolge
der Begriffe und Paragraphen eingehalten, wodurch der Ver-
fasser über das bloße Nebeneinander von Einteilungen fast
nirgends hinauskommt. Im Ganzen zeigt sich, daß Mar
Weber kein volkswirtschaftlicher Theoretiker, sondern Historiker
ist, der sich erst spät mit den tieferen Problemen der Wirtschafts-
theorie vertraut machte. Seine jahrzehntelange Krankheit hat
ihn daran gehindert, sich jene umfassenden theoretischen Kennt-
nisse anzueignen, die nun einmal für eigene Forschung unent-
behrlich sind.

3.	Die soziologischen Lehrstücke. Geschichte.

Mehr Selbständiges enthalten dagegen die soziologischen
Teile des Werkes. Da ist zuerst der Abschnitt „die Typen der
Herrschaft" (S. 122 ff.), wo rationale, traditionale und charis-
matische Herrschaft als die drei „Jdealtypen" unterschieden
werden. Doch beruhen, man muß es leider aussprechen, die
Begriffsbestimmungen von Macht und Hc.ftchaft auf einem
geradezu naiven Zirkel. „M acht bedeutet jede Chance . . .
den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen ...."
„Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl . . .

*) Siehe S. 36.
        <pb n="183" />
        ﻿161

Gehorsam zu finden*)." Es liegt doch auf der Hand, daß der
Begriff des „Durchsetzens" schon die Macht, der Begriff des
„Gehorsamfindens" schon die Herrschaft in sich schließt: „Armut
kommt von der puuverte!"

Einer mehrfachen Behandlung unterzieht Mar Weber
den Begriff von Stand und Klasse (S. 177 ff., 631 ff., 267 ff.
u. ö.). E. unterscheidet, schnell fertig, die Besitzklassen, Erwerbs-
klassen und sozialen Klassen, und faßt dabei den Klassenbegriff
als Summierung der Zustände von Einzelnen — also durchaus
individualistisch. „.. . Klasse bezeichnet an sich nur Tatbestände
gleicher... typischer Jnteressenlagen, in denen der einzelne
sich ebenso wie zahlreiche andere befindet" (S. 177). Ebenso
ist ihm der Begriff des Standes nur durch die soziale Schätzung
bezeichnet! Der universalistische Gedanke, daß die „Klasse" —
richtiger der Stand — als ein Organ der jeweiligen wirt-
schaftlichen oder gesellschaftlichen Ganzheiten, als Ausdruck
von deren Gliederungen und als Träger der in diesen
Gliederungen liegenden Aufgaben aufgefaßt werden könne,
daß daher den Klassenunterschieden im tieferen, wesenhaften
Sinne organische Unterschiede in den gesellschaftlichen Ver-
richtungen notwendig zugrunde liegen, kommt unserem, in
diesem Falle durchaus marristisch befangenen, Verfasser gar
nicht in den Sinn.

Von den übrigen Teilen des Werkes, auf die wir leider
nicht mehr alle eingehen können, hebe ich noch hervor: die
wirtschaftsgcschichtlichen Stücke, die zu den besten gehören;
ferner die „Rechtssoziologie" und eine sehr umfangreiche,
aber allerdings auch nicht vollendete „Religionssoziologie". —
Der Rechts- und Staatsbegriff Mar Webers ist ein durchaus
subjektivistischer, naturalistischer und psychologisiischer. Auf
S. 412 heißt es: „. . . das Bestehen eines konkreten Rechtes

S. 28.

C. Spann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Aufl.

11
        <pb n="184" />
        ﻿162

(ist) a potiori [ist] die Gewährung eines Superadditums von
Chance dafür: daß bestimmte Erwartungen nicht enttäuscht
werden . . Sollte das Recht wirklich nicht mehr sein? Und
das „Superadditum von Chance dafür: daß bestimmte Er-
wartungen nicht enttäuscht werden", ist überdies ein rein —
individualistischer Begriff, denn nur Rechte von psychologisch
betrachteten Subjekten könnten dahin bestimmt werden! Mar
Weber hat auch nicht bemerkt, daß er dadurch im besten Falle
psychologische Gefühle, die sich bei Nechtsvorgängen abspielen,
hervorhebt, keinesfalls aber den Begriff des Rechtes selbst
— als eines Teilganzen der Gesellschaft — damit berührt.
(Vgl. auch Kelsens Kritik in der „Itschr. f. Volksw.", Wien
1921.)

Ähnliches gilt gegenüber dem Begriff der Nation, die zu-
nächst dadurch bezeichnet sein soll, „daß gewissen Menschen-
gruppen ein spezifisches Solidaritätsempfinden anderen gegen-
über zuzumuten sei . . ." (S. 627) — eine wertlose
Scheindefmrtion, die schon in dem Worte „spezifisch" die ganze
Denkaufgabe ohne Scheu ungelöst zurückläßt.

Als Geschichtsforscher hat M. W. gewiß seine ernstesten
Leistungen aufzuweisen, aber auch da ist sein Streben oft ver-
neinend. Seine berühmt gewordene Erklärung der Entstehung
des Kapitalismus aus einer asketisch-religiösen Einstellung (der
kalvinistischen Ethik mit ihrer Prädestinationslehre) ist nicht nur
paradox und heißt, aus dem Feuer die Kälte erklären, ist nicht
nur geschichtlich falsch (wie Rachfahl, Brentano, Th. Mayer
nachwiesen), sondern sie ist auch, was viel mehr bedeutet, von
zerstörender, von geradezu dämonischer Art, indem sie die Reli-
giosität wie in einem Zerrspiegel, wie in äußerlicher Fratzen-
haftigkeit empfinden läßt. Damit kommen wir zu dem
schlimmsten Teile des Buches, zur Religionssoziologie.
        <pb n="185" />
        ﻿163

4.	Oie Religionssoziologie im Besonderen.

Die Religionssoziologie war bekanntlich eines der Haupt-
arbeitsgebiete Mar Webers. Die Vorzüge seiner Schriften
darüber bestehen in einer ungewöhnlichen Mannigfaltigkeit des
geschichtlichen und gegenwärtigen Tatsachenstoffes. Für ihn
gilt aber, was leider auch für den größten Teil der modernen
Religionssoziologie überhaupt gilt: daß eine unrcligiöse Re-
ligionssoziologie ihren Gegenstand nicht fassen kann. Wer
nicht nur die besondere Dogmatik einer Religion, sondern
Religiosität überhaupt verneint, der soll und kann nicht Reli-
gionssoziologie treiben. Sollte Webers Lehre wirklich eine
„verstehende" Soziologie sein, so könnte sie dieses nur durch
Versenkung in das Innere der Religiosität, ihrer Formen
und Hilfsmittel sein. Gerade er aber sieht der Religiosität so
fremd gegenüber wie kaum ein anderer. Er sucht nicht das
Innere des Religiösen auf, sondern haftet absichtlich am Äußer-
lichen (S. 227) und verfehlt dadurch das Bild der Wahr-
heit. „Religiös oder magisch motiviertes Handeln", so lesen
wir gleich zu Beginn, „ist in seinem urwüchsigen Bestände
diesseitig ausgerichtet. ,Auf daß es dir wohlergehe
und daß du lange lebest auf Erden', sollen die religiös oder
magisch gebotenen Handlungen vollzogen werden*)." So Mar
Weber. Religiöses Handeln soll also darin bestehen — daß
es nicht religiös ist! Ob es schon jemanden gegeben hat, der
aus dem vierten Gebot die Religion begründete, und sie daraus
als „diesseitig ausgerichtet" bestimmte?

„Religiös oder magisch motiviertes Handeln", so fährt
Weber fort, „ist ferner gerade in seiner urwüchsigen Gestalt
ein mindestens relativ rationales Handeln ... Wie das Quirlen
den Funken aus dem Holz, so lockt die „magische" Mimik des
Kundigen den Regen aus dem Himmel . . . Das religiöse . . .



0 S. 227.

11*
        <pb n="186" />
        ﻿164

Handeln ... ist also gar nicht aus dem Kreise des alltäglichen
Zweckhandelns auszusondern, zumal auch seine Zwecke selbst
überwiegend ökonomisch sinLU)." — Daß die Zwecke des
religiösen Handelns „überwiegend ökonomisch" seien, wie Mar
Weber hier behauptet, wird wohl kaum jemand unterschreiben
können. So redet ein Blinder von der Farbe. Begriffsbestim-
mungen dieses Stiles finden sich aber leider auf Schritt und
Tritt. Zum Beispiel: „Wie der Zauberer sein Charisma
fGnadengabe^, so hat der Gott seine Macht zu bewähre n.
Zeigt sich der Versuch der Beeinflussung dauernd nutzlos, so
ist entweder der Gott machtlos oder die Mittel seiner Be-
einflussung sind unbekannt und man gibt ihn auf." (S. 243.)
Auch hier wird der Gottesbegriff von der denkbar äußerlichsten
Seite und von entarteten Erscheinungen her gefaßt: von hier
aus glaubt Mar Weber das Recht ableiten zu können, das
Metaphysische, den Kern jedes Gottesbegriffes, — zu über-
gehen !

Im folgenden Abschnitt „Zauberer—Priester" heißt es
(S. 241): „Priester, die Funktionäre eines regelmäßig organi-
sierten stetigen Betriebes zur Beeinflussung der Götter
gegenüber der individuellen Inanspruchnahme der Zauberer
von Fall zu Fall." „Typisch ist für den Priesterbegriff, daß der
Funktionär dauernd angestellt ist, indessen die Zauberer einen
freien Beruf ausüben." Solche Ausführungen muten wie
Hohn auf ernste Wissenschaftlichkeit an. Und sie stimmen nicht
einmal mit den Geschichtskenntnissen eines Gymnasiasten.
War nun Agamemnon, der nicht in einem „Betrieb" als
„Funktionär dauernd angestellt" war, Priester oder Zauberer?
— Das alte Christentum nennt M. W. „eine spezifische Hand-
werkerreligiosität" (S. 275). „Sein Heiland ein landstädtischer
Handwerker, seine Missonare wandernde Handwerksburschen .."

l) S. 227.
        <pb n="187" />
        ﻿165

(ebenda) — wahrlich eine großartige Intuition
über religiöse Berufung!

Von der Verbindung der Religiosität mit der Sittlichkeit
spricht Mar Weber in dieser Tonart: „Ganz der Realität
der Dinge im Leben entsprechend, ist der Hüter der R e ch t s -
ordnung keineswegs notwendig der stärkste Gott: weder
Varun'a in Indien, noch Maat in Ägypten, noch weniger
Lykos in Attika oder Dike oder Themis und auch nicht Apollon
waren dies. Nur ihre ethische Qualifikation (!)... zeichnet
sie aus. Aber nicht weil er ein Gott ist, schützt der „ethische"
Gott die Rechtsordnung . . . Sondern weil er nun einmal
diese besondere Art von Handeln in seine Obhut genommen
hat*)." — Ein materialistisches Zerrbild religiösen Wesens,
wie es trauriger nicht gedacht werden kann.

In Bezug auf das Verhältnis der Religion zu den Klassen
und Ständen heißt es u. a.: Gnosis, Manichäismus waren
„Jntellektuellenkulte" (S. 280), „der Fraueneinfluß pflegt
nur die emotionellen, hysterisch bedingten Seiten der Reli-
giosität zu steigern" (ebenda). Die „Bedeutung der Erlösungs-
religiosität für die . . . negativ privilegierten Schichten im
Gegensatze zu den positiv privilegierten . . ." wird dahin be-
stimmt, „daß das Würdegefühl der höchst privilegierten . . .
Schichten, speziell des Adels ... auf dem Bewußtsein der „Voll-
endung" ihrer Lebensführung als eines Ausdruckes ihres
qualitativen, in sich beruhenden, nicht über sich hinaus weisen-
den „Sein s" ruht, und, der Natur der Sache nach, ruhen
kann, jedes Würdegefühl negativ Privilegierter dagegen auf
einer ihnen verbürgten „Verheißung", die an eine ihnen zuge-
wiesene „Funktion", „Mission", „Beruf" geknüpft ist?)." „Der
Hunger nach einer ihnen ... nicht zugefallenen Würde schafft
diese Konzeption, aus welcher die rationalistische Idee einer

0 S. 244 f.
r) S. 280 f.
        <pb n="188" />
        ﻿166 —

„Vorsehung" ... entspringt" (S. 281). Hier geht die religiöse
Farbenblindheit in unbewußte aber krasse Tatsachenfälschung
infolge marxistischer Befangenheit über. Denn was soll es be-
deuten, daß der Erlösungsidee als „Verheißung" bei den Armen,
ein „Sein" beim Adel gegenüberstünde? Begegnet etwa beim
Adel nicht der Glaube an eine Vorsehung und das Bedürfnis nach
Erlösung von den Übeln des Daseins? Ich will hier absichtlich
vom christlichen Mittelalter nicht sprechen; aber war der König-
sohn Buddha, der die Erlösungsidee in den Mittelpunkt der
Religion stellte, ein Proletarier, hat nicht fast seine ganze
Gemeinde aus Adeligen bestanden? „Geburt ist Leiden,
Alter ist Leiden, Tod ist Leiden", allein schon diese Worte
Buddhas hätten Mar Weber lehren können, daß der religiöse
Erlösungsgedanke mit der „Privilegierung" und „ökonomischen
Lage" einer Schicht innerlich nichts zu tun, sondern unendlich
tiefere Gründe hat. Die Fragen des Lebens reichen wahrlich
über die Einkommenslehre hinaus — dieser Satz ist es vor-
nehmlich, den man Mar Webers „Religionssoziologie" als einer
ungeheuren Sammlung mißverstandenen
Tatsachenstoffes entgegenhalten muß. Ein a-meta-
physischer Mensch unterfing sich darin, das größte meta-
physische Gebiet der menschlichen Gesellschaft und Geschichte
zu behandeln.

Von einer „verstehenden Soziologie" ist hier wenig mehr
zu finden. Es ist eine seltene Verständnisarmut, die sich hier
an ein ihr unerschwingliches Grundgebiet des sozialen Lebens,
die Religiosität, heranwagt, es ist eine ätzende Sucht, zu zer-
setzen und zu zerstören, die sich hier kund tut. Und was bietet sie
selber? — überall nur ein atheistisches Aufklärertum plattester
Art. Da gilt, was Faust zu Mephisto sagt:

Was willst Du armer Teufel geben?

Ward eines Menschen Geist in seinem hohen Streben

Von Deinesgleichen je gefaßt?
        <pb n="189" />
        ﻿167

Mar Weber hat recht, es ist ein „Sein ohne Sollen", ein
Wertfreies und Wertloses, das er uns hier zum besten gibt.
Vor 20 Jahren noch hätte Mar Webers Atheismus, Skeptizis-
mus, Materialismus, Individualismus, Marrismus und was
dieser Art mehr ist, sein „groß' Publikum" gefunden. Heute ist
seine Zeit vorbei, heute ist seine Lehre tote Wissenschaft,
da in den grausigen Wirren des Lebens der Mensch sich wieder
auf seine letzten Grundlagen zurückgeworfen sieht und dem
uralten Worte nachsinnen lernt, daß alles Irdische an den
Himmel gebunden ist.

Mar Weber war ein dämonisch ruheloser Mann, der auf
andere persönlich zu wirken vermochte, dem es aber nicht be-
schieden war, ein Lebenswerk zu hinterlassen, das dauern
könnte.
        <pb n="190" />
        ﻿Sachverzeichnis*).

Die Zahlen bedeuten die Seiten.

Angebot und Nachfrage
35, 52, 64 ff., 68, 74, 75, 76,
78, 83 f.

Arbeitsteilung 8, 61.

Arbeitsvereiniqunq 61.

A r t 133.

Atom, Atomisierung 20,
23, 71, 75.

Atomisrnus siehe Indi-
vidualismus.

A u s g l i e d e r u n g 40, 92, 93
—96, 120, 145.

Ausgliederungsfülle 121,
135, 136, 142, 144, 145.

Ausgliederungskraft, Aus-
gliederungsmacht 121,134,
138, 144.

Ausgliederungsordnung 92ff.

Autarkie, autark 7, 15, 29, 40,
93, 102.

Betrieb 54, 55, 56, 57, 58, 61,
62, 72, 111, 118, 125, 126, 127,
133, 141; s. a. Unterganzheit.

Betriebsgliedschaft 133.

Betriebsorganisation 118,
119.

B ö r s e 14, 62, 73, 96, 104, 105,
131.

Börsensensal 71.

B r u d e r l a d e n 41.

Chaos 8.

Chartalismus 159.

Darwinismus 36, 39.
Dezentralisierung, De-
zentralisation 139, 144.

Eigenkraft 145.

E i g e n l e b e n 92, 98, 102, 112,
121, 134, 145.

Eigennutz 14, 32, 78, 85—87.
Eingliederung 12, 13, 14,
19, 33.

Einkommen 128 f.
Einzelheit 66.

E i n z e l h a f t i g k e i t 18.
Einzelwirtschaft 37, 111.
Empirismus 154, 157.
Entwicklungs-s. Naturgesetze.
Erzeugungslehre 79.
Erzeugungswesen 107.

Freihandels, 136, 159.

F r e i h a n d e l s l e h r e 61, 92,
137.

J) Angefertigt von Dr. Klaus Thiede.
        <pb n="191" />
        ﻿— 169 —

Fronhof 29.

Fronhofswirtschaft 126.

Frühkapitalismus 32.

Ganzes, Ganzheit 12, 13,
14, 15, 16, 17, 18, 19, 24, 25,
26, 33, 35, 38, 45, 46, 57, 58, 59,
60, 67, 68, 69, 75, 86, 91, 98,
112, 119, 121, 126, 134, 135, 137,
143, 145.

Ganzheitslehre s. Univer-
salismus.

Gattung 133.

Gebietswirtschaft 111,116,
117, 118, 122, 124, 133, 140.

G e b i l d e 55, 58, 73, 74 s. Unter-
ganzheit.

Gefüge 46.

G e l d 62, 69, 98, 104, 116.

Geldwesen 8, 97.

Gemeinde 8, 9.

Gemeinsamkeit der Ziele
16, 17.

Gemeinsamkeitsreife 96,
97, 98, 100, 101—103, 104, 107,
110, 113, 114, 118, 123, 124,
133, 140.

Genossenschaft 27, 117, 122.

Genossenschaftlichkeit 27,
31.

Genossenschaftsverband
117, 122.

G e n u ß r e i f e 97, 102, 107, 109,
131.

Gesetz der Grenz paare 71 f.,
74, 84 f.

Gesetzmäßigkeit 164.

Gewerbefreiheit 9, 33.

G e w e r k s ch a f t 27, 41, 122.

Gewerkschaftsverband
117, 122.

Gewerkverein 117.

G i l d e 27.

Gleichgewicht von Angebot
und Nachfrage 66, 75.

Gleich Wichtigkeit 73 f., 85.

G l i e d 11, 12, 13, 17, 59, 71, 75,
93, 94, 102, 120, 121, 145.

G l i e d e r b a u 58, 66, 68, 72, 91.

—, objektiver 17.

—, überindividueller 19.

G l i e d e r u n g 31, 35, 41, 42, 68,
73, 74, 76, 79, 81, 85, 129.

Gliederungsform 38.

—, ständische 34, 39.

G l i e d h a f t i g k e i t 11, 12, 16,
30, 60, 74—77, 93, 99, 103, 128,
131.

Gliedlichkeit s. Gliedbaftig-
keit.

Gliedschaft s. Gliedhaftigkeit.

G r e n z s a l l 58.

Grenznutzen, Grenznutzeu-
lehre 49, 73, 74, 78, 155.

Grcnznutzenschule 52.

Greshamsches Gesetz 154.

Großbetrieb 10, 58, 143.

Grundgestalten 4.

G u t 9, 69, 72, 103.

Handelsbilanz 129 ff.

H a n d e l s v e r t r a g 97, 99, 118.

Harmonie, prästabilierte 10,78.

Haushalt 119, 133.

Hauswirtschaft 27 ff., 36,
38 f., 39.

Hervorbringungsreife 96,
98, 100—104, 110.
        <pb n="192" />
        ﻿170

Hilfsgebilde 59.

Hofwirtschaft 38.

Homogene 22, 71.

Humanismus 32.

Jdealtypus 157.

I n d i v i d u a l i s m u s 5,16,19,
22, 29, 34, 35, 42, 45, 46, 49, 51,
52, 55 f., 59, 60, 61, 63, 73, 75,
77, 78, 83, 85, 91, 121, 129, 132,
139, 155.

Innung 41.

Aapital höherer Ordnung
15, 40, 96 f., 100, 102, 104, 105,
113 ff., 117, 123 f., 130 f., 132,
136.

Kapitalismus 4, 5, 9, 32
—35, 36, 40.

K a p i t e l r e i f e 107—109.

Kartell 27, 41, 71, 114, 117,
122, 126, 141.

Kausalgesetz 42, 43, 74.

Kausalität s. Ursächlichkeit.

Kirche 123.

Klasse 169.

Kleinbetrieb 58, 143.

Kollektivarbeitsvertrag

71.

Kommunismus, kommuni-
stische Wirtschaft 4, 5, 19—26, 27,
30, 35, 36, 39, 44, 71, 104.

Konglomerat 60.

Konjunktur 81.

Konzentration, Konzen-
trat i o n s g e s e tz 20 f., 23,
42, 138, 142.

Konzentrationslehre 143.

Kreditwesen 107.

Kriegswirtschaft 126.

Krise 10, 35, 86, 131.

Kunst 123.

Landschaftswirtschaft 30.

Leistung 61, 62, 67, 70, 76,
80, 96, 97, 108, 126.

Leistungsgröße 67.

L e i st u n g s l e h r e 79, 101, 129.

Marktpreisformel 71, 84.

Marktlage 81.

M a r k t r e i f e 97, 98, 103 f., 114,
116, 118, 126.

Marxismus 36, 46, 91, 165.

M e r k a n t i l i s m u s 33,35,139.

M e t a l l i s m u s 105, 159.

Methode 150.

M i t t e l f ü r § i e l e 62,91,103.

Monopol, monopoloid. 35, 72,
74, 122, 124.

Monopolisierung 142.

Nachbargebilde s. Hilfsge-
bilde.

Nachstufe der Erzeugung
65, 67.

N a t u r g e s e tz e 5, 74, 75, 91.

Neukantische Schule 3,
157.

Nominalismus 105.

Organisation 69, 71, 122.

Organisationsform 4.

Organismus 19, 31, 54, 62,
70, 80, 93.

Planlosigkeit 9.

Planwirtschaft 4, 19—26,
30, 32, 44.
        <pb n="193" />
        ﻿171

Positivismus 157.

Preis 48—87, 125ff.

— organischer, gerechter 68.
Produktionslehre s. Lei-
stungslehre.

Produktionsumweg 108.
Produktivitätsbilanz 131.
Psychologie 145.

Rang 12.

Rangordnung 11.

Realität 51.

Relativismus 159.
Religionssoziologie 162ff. *
Renaissance 32.
Rohstoffreife 108.

Zacherfordernis 4.
Schutzzolls, 132, 158.

Sein und Sollen 3.
Seitengliederung 95.

S e l b st e n t s ch l i e ß u n g 6,11.
Selbstregulierung 10.
Sittlichkeit 123.
Skeptizismus 154.
Sozialpolitik 33, 117.
Spekulant 15.

S t a a t 8, 9, 33, 93, 97,122, 123.
Stand 28, 161.

Ständische Wirtschaft s.
Wirtschaft.

S t a d t w i r t s ch a f t 9, 27, 36,
39.

S t r e i t s a h 4, 95.

Struktur s. Gefüge.

Stufe 65, 145.

Stufenbau 110—142.
Stufenfolge 37, 128.
Stufenlehre 36 f.
Stufenwert 95.

S u b j e k t i v i t ä t 16,18,67,145.

Suggestion 11.

Summationsvorgang 66.

Tausch, Tausch relation 7,
13, 48—87, bes. 56 f., 125—128.

Teilganze 55, 66, 94, 95, 96,
109, 110, 120,121,123,129—145.

These s. Streitsah.

Tiefengliederung 95.

T y p e n l e h r e 37.

Typus 58.

Uberganzheit 112.

Überkonzentration 140,
141, 142.

Überzentralisation 104.

ü m g l i e d e r u n g 13, 67.

U n i v e r s a l i s m u s 22, 55, 59,
60, 63, 64, 75, 77, 91, 145.

U n t e r g a n z h e i t 14, 30, 58,
60, 92, 112, 116, 117, 124, 125,
126, 128, 140.

Untergliederung 144.

Ursächlichkeit, ursächlich, 53,
74—77, 79* 83, 151 f., 154, 155.

Utopie, utopisch 4, 7, 24, 31,
33, 34.

verband 8, 28.

Derbandswirtschaft 117,
122, 133.

Verbundenheit s. Gtiedhaf-
tigkeit.

V e r k e h r 6,10,13,14,15, 31, 44.

Verkehrsfreiheit 8, 132.

Verkehrswirtschaft 4, 5
—18, 24, 30, 33, 34, 35, 37, 44,
45, 142.
        <pb n="194" />
        ﻿172	—

Verteilung, Verteilungs-
lehre 77, 78, 79, 80, 81, 82,
83, 129.

Volkstum 18.

V o l k s w i r t s ch a f t 6 f., 11, 12,
14, 20, 33, 34, 36, 38, 39, 52,
54 f., 58, 61, 62, 65, 69, 70, 71,
72, 80, 81, 83, 85, 93,111,112 ff.,

117,	122, 123, 126 ff., 130, 132,
134, 135—139, 140.

Vorrang, Vorrangver-
halt n i s 92, 93—96, 121, 132
—142.

D o r r e i f e 69, 98—101, 110.
Vorstufe (derErzeugung) 65,67.

lvanderzwang 100.
Weltanschauung 3, 158.

W e l t m a r k t 96.
Weltwirtschaft 12, 33, 52,
69, 71, 72, 81, 111, 112 ff., 117,

118,	127, 128, 130, 132 f., 133,
134 f., 135—139, 140.

W e r k r e i f e 97, 98, 103 f., 107
—109, 126, 131.
Wettbewerb 10, 41, 86.

Wirtschaft, frei geregelte, s.
Kapitalismus.

—, genossenschaftliche 27.

— ständisch gebundene 4, 5, 9, 26
—32, 33, 39, 41, 42, 44, 45.

—, statische 72, 73.

—, völkische 18, 31, 136.

Wirtschaftsgebilde, robin-
sonadische 29.

Wirtschaftsgestalt 3.

Wirtschaftsplan 59.

Wirtschaftsverband 111.

Wirtschaftszentrum 39.

Zahlungsbilanz 129, 130, 131.

Aielgemeinsamkeit 27.

§ i e l g l e i ch h e i t 24, 27.

Z o l l p o l i t i k 33.

Zollverwaltung 97.

Z u n f t 9, 27 ff., 32, 35, 38, 69,
106, 117, 122, 127, 142.

Z u n f t w i r t s ch a f t 27, 36.

Zurechnung, Zurcchnungs-
t h e o r i e 83—85, s. Gleich-
wichtigkeit.

Zuteilung 126.
        <pb n="195" />
        ﻿Weitere Schriften von

Othmar Spann

Verlag von Gustav Fischer in Jena:

Fundament der Volkswirtschaftslehre. Dritte, neuerdings
durchgesehene Auflage. Mit einem Anhang: Vom Geist der Volks-
wirtschaftslehre. XVI, 382 S. gr. 8° 1923 Rmk 7.-, geb. 9.—

Der Verfasser entwirft in dem vorliegenden Buche eine umfangreiche, mit neuen Be-
griffen arbeitende Leistungslehre, die sehr viele wertvolle Gedanken aufweist. Sie entspricht
seinem Hauptprinzip, daß die Volkswirtschaftslehre aus der rohen Auffaffung und Begriffs-
form einer Kausalwiffenschast herauszuheben und als Wiffenschaft von ganz anderer be-
grifflicher Natur, als eine reine Zweckwiffenschaft zu begründen sei, welche die Zweckbe-
ziehung ihrer Elemente zueinander als das einzig Wesentliche und Unterscheidende in ihrem
Gegenstände ansieht; in der 3. Auflage sind die Gedankengänge, welche die universalistische
Auffassung der Wirtschaft im Gegensatz zu der bisher herrschenden atomistisch-individuali-
stischen begründet, besonders klar ausgebildet. Die als Anhang dem Buche beigefügte An-
rrittsrede „Vom Geist der Volkswirtschaft" gibt einen Ueberblick über die Grundgedanken
des Spannschen Systems und erleichtert das Eindringen in seine Gedanken.

Das Werk ist nicht nur eine neue Grundlegung, sondern auch ein Führer durch
alle großen Srreitfragen, welche die Volkswirtschaftslehre von heute bewegen. Daß
die Volkswirtschaftslehre in die Kulturwissenschaften einzureihen sei, haben schon seit län-
gerer Zeit teils Vertreter der Voltswirtschastslehre selbst, teils Vertreter der Soziologie
und der Philosophie ausgesprochen. Die Durchführung dieser Auffaffung blieb jedoch bis-
her unbefriedigend, weil nicht wirklich vom Boden der Wirtschaft ausgegangen wurde.
Das Werk gelangt von einer strengen Bestimmung des Begriffs der Wirtschaft aus zuerst
zu einem planmäßigen Ausbau des Begriffsgebäudes der Volkswirtschaftslehre. Im zweiten
Teil, der „Lehre vom Verfahren", bringt es eine Lösung des ein Menschenalter lang
fruchtlos geführten „Methodenstreites", indem es eine Logik der volkswirtschaftlichen Be-
griffsbildung und eine Lehre vom logischen Ausbau der Volkswirtschaftslehre gibt.

Die Schrift wendet sich nicht nur an die Theoretiker der Volkswirtschaftslehre, sondern
auch an alle diejenigen, die an dem Fortschreiten der volkswirtschaftlichen Erkenntnis aus
wirtschaftspolitischen, sozialpolitischen, staatspolitischen, soziologischen ober philosophischen
Gründen Anteil nehmen.

Kategorienlkhre. („Die Herdflamme". Hrsg, von O Spann. Er-
gänzungsband 1.) XVI, 373 S. kl. 8° 1924	Rmk. 5.—, geb. 6.50

Inhalt: I. Einführung und geschichtlicher Ueberblick. — II. Die Ur-
weisen des Seins. 1. Allgemeine Erklärung des Wesens der Ganzheit. 2. Die Ur-
weisen der Ausgliederung nnd Vollkommenheit mit ihren Besonderungen. 3. Die Weisen
der Rückverbundenheit des Gliedes im Ganzen. — III. Ausblicke. 1. Ganzheit und Ur-
sächlichkeit. 2. Kategorienlehre und Ontologie. 3. Bemerkungen über die Bedeutung des
Begriffes der Ganzheit für den Begriff der Erkenntnis. 4. Bemerkungen über den Unter-
schied von Ganzheit. Form, Substanz und Teilnahme. 5. Gezweiung, Dreizahl, dialektische
Methode. 6. Der Gottesbeweis aus dem Begriffe der Ganzheit. — Sachverzeichnis.

Verlag Quelle Meyer, Leipzig:

Die Haupttheorien der Volkswirtschaftslehre. 15. Auflage.

75. Taufend. 1923

Der wahre Staat. 2. Auflage. 1923
Gesellschaftslehre. 2. Auflage. 1923

Böhmerland-Verlag, Leipzig und Eger:

Vom Wesen des Volkstums. Was ist deutsch? Ein Vortrag.
2. Auflage. (7. bis 15. Tausend.) 1922
        <pb n="196" />
        ﻿Die Herdflamme

Sammlung der gesellschaftswissenschaftlichen Grundwerke aller
Zeiten und Völker

Herausgegeben von Pros. Or. Othmar Spann, Wien

Verlag von Gustav Fischer in Jena

Bd. 1: Die Elemente der Staatskunst. Oeffentliche Vor-
lesungen, 1808/09 zu Dresden gehalten von Adam H. Müller.
Mit einem Bildnis des Verfassers nach Gerh. v. Kügelgen. Her-
ausgegeben und mit einer Einführung, erklärenden Anmerkungen
und Originaldokumenten versehen von Priv.-Dozent Dr. Jakob
Baxa. Zwei Bände. Mit 3 Tafeln. XXIV, 475 u. 606 S. 1922

Rmk 7.50, geb. 10.50

Bd. 2: Versuche einer neuen Theorie des Geldes (mit besonderer
Berücksichtigung Großbritanniens) (1816). Von Adam H. Müller.
Mit Einführungen und erklärenden Anmerkungen versehen von Dr.
Helene Lieser, Wien. VIII, 381 (3. 1922 Rmk2.50, geb. 3.50

Bd. 3: Ausgewählte Schriften zur Staats- und Wirtschafts-
lehre des Thomas von Aquino. Neue Uebertragung, mit
Anmerkungen, lateinischem Paralleltext und einer kritischen Ein-
führung von Dr. Friedr. Schreyvogl, Wien. III, 448 S.
1923	Rmk 5.—. geb. 6.—

Bd. 4: Augustinus / Der Gottesstaat. Die staatswissenschaftlichen
Teile ausgewählt, übersetzt, mit lateinischem Paralleltext und mit
Anmerkungen versehen von Univ -Prof. D. Dr. Karl Völker,
Wien. III, 194 S. 1923	Rmk 2.50, geb. 3.50

Bd.5/6:Plat0Ns Staatschriften. Griechisch und deutsch. Text
der Oxoniana, durchgesehen und neu übersetzt, erläutert und einge-
leitet von Priv.-Doz. Dr. Wilhelm Andreae, Berlin.

Teil 1: Briefe. XXVHI, 200 S. 1923 Rmk 3.—, geb. 4.—
Geschenkausgabe in rot Leder handgebunden Rmk 25.—

Teil 2: „Staat". Zwei Bände.

I. Halbband: Text und Uebersetzung. IX, 844 S. 1924

Rmk 13.—, geb. 15.—
Geschenkausgabe in rot Leder handgebunden Rmk 36.—

II. Halbband: Einleitung, erläuternde Anmerkungen, Sach- und
Namenverzeichnis V, 224 S. 1925 Rmk 4.50. geb 5.50
Geschenkausgabe in rot Leder handgebunden Rmk 27.—

— Teil 3 siehe Bd. 13. —
        <pb n="197" />
        ﻿93b. 8: Gesellschaft und Staat im Spiegel deutscher Romantik.

Die staats- und gesellschaftswissenschaftlichen Schriften deutscher
Romantiker, ausgewählt, mit erklärenden Einleitungen und An-
merkungen versehen und herausgegeben von Priv.-Doz. vr. Jakob
B axa, Wien. VII, 664 S. 1924	Rmk8.50, geb. 10.—

Bd. 9: Der Staat der Germanen. Eine Ouellensammlung. Von
vr. E. Klebel, Wien. Zwei Bände.	in Vorbereitung

Bd. 10: Friedrich Lifts kleinere Schriften. Gesammelt, herausge-
geben und mit einem Vorwort versehen von Prof. vr. Friedrich
Lenz, Gießen.

Teil I: Zur Staatswissenschaft und politischen Oeko-
nomie. 1925	im Druck

Bd.11: Hegels sozialphilosophische Schriften. Herausgegeben und

erläutert von vr. Baeumler.

1. Teil: Rechtsphilosophie. 1925	in Vorbereitung

93b. 12: Schellings sozialphilosophische Schriften. Herausgegeben

und erläutert von vr. Manfred Schröter, München. 1925

in Vorbereitung

Bd. 13: Platons Staatschriften. Teil 3: „Der Staatsmann".
Griechisch und deutsch.	in Vorbereitung

Später wird folgen: Teil 4: „Gesetze".

93b. 14: Baaders sozialphilosophische Schriften. Herausgegeben
von vr. I. Sauter, München. 1925	im Druck

93b. 15: Fichtes Schriften zur Gesellschaftsphilosophie. I: Die
Reden an die deutsche Nation. — Staatslehre (von 1813). —
Herausgegeben und mit einer Einleitung und erklärenden Anmer-
kungen versehen von vr. Hans Riehl, Wien, in Vorbereitung

93b. 16: Frh. vom Stein. Ausgewählte Schriften. Herausge-
geben und mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von vr.
Klaus Thiede, Wien.	in Vorbereitung

Bd. 17: Wilhelm v. Hnmdoldt. Ausgewählte Schriften zur Gesellschafts-
philosophie Herausgegeben, eingeleitet und mit erläuternden An-
merkungen versehen von vr. I. Tins, Prag in Vorbereitung

Ergänzungsband 1: Kategorienlehre. Von Prof. vr. Othmar Spann,
Wien. XVI, 373 S. 1924	Rmk 5.—, geb. 6.50

— Die Sammlung wird fortgesetzt.
        <pb n="198" />
        ﻿Verlag von Gustav Fischer in Jena

Adam Müller

Ausgewählte Abhandlungen

Mit einem Bildnis, einem Lebensabriß
und bisher unveröffentlichten Briefen und Berichten Adam Müllers

Auf Grund archivarischer Forschungen und mit erklärenden Anmerkungen
herausgegeben von

Dr. Jakob Baxa, Wien

Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Othmar Spann, Wien
VII. 251 S. gr. 8°	1921	Rmk 4.—, geb. 6.—

Inhalt: I. Adam Müllers ausgewählte Abhandlungen: 1. Bon der Idee
des Staates. 2. Die heutige Wisienichaft der Nationalökonomie, kurz und faßlich darge-
stellt. 1816. 3. Zeitgemäße Betrachtungen über den Gelduinlauf. 1816. 4. Vom Papier-
gelde. 5. Bon der Gewerbefreiheit. 6. Adam Smith. 1808. 7. Streit zwischen Glück
und Industrie. 8. Indirekte Abgaben, indirekte Rekrutierung der Armen. 9. Teilung der
Arbeit. 10. Taxation des Grundeigentums. 11. Geldwesen von Großbritannien. 13. Von
den Vorteilen der Errichtung einer Nationalbank. 13. Briefe über Geldnot, Finanzen u.
andere dringliche Angelegenheiten. 1819. 14. Ueber die Errichtung der Sparbanken. 1819.
15. Argronowiiche Briefe. 1812. 16. Staatswirtschaftliche Verlegenheit in England und
Reform der Geldverhältnisse in Oesterreich. 17. Der poetische Besitz. — II. Anmerkungen
zu den Abhandlungen. — III. Adam Müller und die deutsche Romantik. Ein
Lebensbild. — IV. Quellennachweise der Erläuterungen zum Lebensbilde. — V. Zeit-
tafel zu Adam Müllers Leben. — VI. Anhang: Originaldokumente zu Adam Müllers
Leben. - VII- Verzeichnis der vom Herausgeber benützten Schriften. — VIII. Namen
Verzeichnis.

Die Werke Adam Müllers, eines der größten deutschen Volkswirte, sind alle längst
vergriffen, ja zum Teil verschollen. So kommt es, daß heute sein Name verklungen ist.
Seine Gedanken aber haben die Zeit überdauert und scheinen besonders für uns und die
Zukunft von größter Bedeutung zu werden. Adam Müller war der erste in Deutschland,
der den wirtschaftlichen Liberalismus des Adam Smith bekämpfte und für eine organische
Auffassung der Volkswirtschaft eintrat. Er war besonders auch ein Vorläufer unseres
großen nationalen Volkswirtes Friedrich List, der manche Lehre Müllers sich zu eigen
machte. Die vorliegende Auswahl seiner Abhandlungen wird zur Einführung und Ueber-
sicht die besten Dienste bieten. Für die Theoretiker der Volkswirtschaftslehre sind sie von
besonderem Wert.

Deustsch-österreich. Tageszeitung, 18. Juni 1922: . . . Das Buch Müllers ist
ein organisches Ganzes von Grundbegriffen der Staats-, Wirtschafts- und Gescllschaftslehre,
wie es kaum ein anderes Volk von einem seiner Geistesgrößen besitzt. Der Staat als soziale
Einheit, die Zusammenhänge der einzelnen Funktionen, die Stellung und Bedeutung des
Ganzen und seiner Teile sind hier in einer Weise behandelt, die n: bezug auf die reife
Erkenntnis vielleicht einzelne Spezialisten der Philosophie, der Soziologie, der National-
ökonomie in die Nähe gekommen, die in bezug auf Gesamtauffassung und Gesamtdarstellung
wohl von keinem erreicht, sicherlich nicht übertroffen wurde. Es ist von größter Wichtigkeit,
gerade jetzt, wo die Kraft des deutschen Geistes unsere wirksamste Waffe geblieben ist, die
Meisterwerke dieses Geistes zu kennen, zu würdigen, zu nützen. . .

Dozent Dr. Rich. Kerschagl
        <pb n="199" />
        ﻿Verlag von Gustav Fischer in Jena

Tie Ausgangspunkte der Wirtschaftswissenschaft. Von Dr.

Sven Helander, Hauptamt!. Dozent der Nationalökonomie und Leiter
der Handelshochschulkurse zu Golhenburg. III, 122 S. gr. 8°	1923

Rmk 3.—

Inhalt: 1. Tie Problemstellung. Deutsche und englische Nationalökonomie. 2. Der
Begriff der Wirtschaft und der Ausgangspunkt der Wirtschaftswissenichaft. 3. Reine und
historische Wirtschaftswissenschaft. 4. Nur-wirtschastliche und wirtschaftssvziologische Wirt-
schaftswissenschaft. 5. Jndividualprinzipielle und sozialprinzivielle Wirtschaftswissenschaft.
6. Statische und dynamische Wirtschaftswissenschaft 7. Theoretische und politische Wirt-
schaftswissenschaft. - Schlußbemerkungcn. Exkurs: Adam Smith und die Wirtsckaftsstusen-
theorie von Friedrich List.

Weltwirtschaft!. Archiv. Juli 1922: ... Als Gesamteindruck bleibt bestehen,
daß wir es hier mit einer gründlichen, scharfsinnigen Analyse zu tun haben,
welche durch eine gerade heute selten gewordene Kraft der Synthese ergänzt wird. Mir
dem hier ausgestellten System wird sich zunächst der Theoretiker eingehend besassen muffen.
Aber auch der Togmenhistoriker dürfte aus den aus meist unmittelbarer, breiter Quellen-
kenntnis geschöpften Belegen und den daran geknüpften, kritische Schulung verratenden
Urteilen manche wertvollen Anregungen entnehmen. Schließlich gibt die Schrift aucd noch
einige praktisch verwertbare Hinweise bezüglich einer neuen, arbeitsteiligen Behandlung
des noch immer ungenügend durchorganisierten Stoffgebietes der Wirtschastswiffenschast.

vr. H. Proesler (Nürnberg)

Prinzipien der Wirtschaft. Eine Grundlegung der Einkommens-
lehre. Von Di-. Berlliold Josephh, Privaidozent an der Universität
Jena. IV, 205 S. gr. 8« 1925	Rmk 8.—

Inhalt: Einleitung: Kriterien und Prinzipien. — I Grundlagen der
Wirtschaft. Ter Wirlsckiaftsbegriff. Tie Wirtschaftsprinzipien. Tie Wirtschafisfubjckte.
— II. Hab und Gut des Wirtschafters. Das Eigentum. Das Gut. — III Ertrag
und Einkommen. Tw natürliche Individualwirtschaft Tie polinswe Wirtschaft. Tie
soziale Wirtschaft: Tausch und Preise; Erträge; Einkommen. — Schluß.

Tie Durchführung eines positiven Gedankens in der Wirtschaftstheorie ist die Aufgabe
dieser Untersuchungen. Diese Bestimmung ließ es nicht als angebracht erscheinen, auf den
berührten Gebieten kritisch Stellung zu nehmen zu anderen Autoren, die ebenfalls diese Ge-
biete, aber nicht unter dem hier betonten Gesichtspunkte behandelt haben. Tie vorhandenen
Beziehungen ergeben sich für den geschulten Theoretiker von selbst, und deshalb hielt sich
der Bcrsasser für berechtigt, diese Abhandlung von dogmenkritischen Einschaltungen, welche
den zusammenhängenden Fluß der Darstellung störend unterbrochen hätte», freizuhalten Die
elienen Heranziehungen anderer Meinungen haben nur demonstrative, keine kritische Be-
deutung.

Tie Krisis in der heutigen Volkswirtschaft, dargestellt an lite-
rarischen Neuerscheinungen. Mit Vorschlägen zur Ueberwindung der
Krise. Von Prof. Dr. Ii. c. Rudolf Stolzmann, Cenatspräsident a.D.
VII, 145 S. gr. 8° 1925	Rmk 6.—

Inhalt: Einleitung. — I Kritischer Teil. 1. Die sozialrechtliche Lehre Karl
Diehls. 2. Die „Grundlagen der Volkswirtschaft" nach Verrijn Stuart. 3. „Die
Ausgangspunkte der Wirtschaftswissenschaft" nach S v e n H e l a nde r. 4. „Die ökono-
mischen Kategorien und die Organisation der Wirtschaft" nach der Auffaffnng von Or.
Richard Strigl. 3. „Die Grnndprobleme der funktionellen Verteilung des wirtschaft-
lichen Wertes" nach Or. Karl Landauer. 6. „Das Fundament der Volkswirtschafts-
lehre" nach Othmar Spann. 7. Das Verhältnis der Glieder der Volkswirtschaft zu-
einander. 8. Der Leistungsbegriff bei Spann. 9. Das Verhältnis von Jndividnum und
Gesellschaft. 10. Das Verhältnis von Ursache und Zweck. — II. Positiver Teil.
1. Die Begrenzung der Aufgabe g) Das Wesen der Idee b) Das Wesen der Wirklich-
keit. c) Tie Verknüpfung von Idee und Wirklichkeit. 2. Das Recht des Reinökonomischen
und das Reckt der sozialen Kategorie. 3. Das Zusammenwirken der Produklionsfaktoren
in der volkswirtschaftlichen Arbeitsgemeinschaft. 4. Die Wert- und Preislehre. 5. Er-
gebniffe für einen Ausgleich der Gegensätze. — Namen- und Sachregister.
        <pb n="200" />
        ﻿Verlag von Gustav Fischer in Jena

Wesen und Ziele der Wirtschaftsphilosophic. Von Prof. Dr.
h. c. Rttd. Stolzmann, Senatspräsident a. D., Charlottenburg. Aus
dem Entwurf eines zusammenfassenden Vortrags, abgedruckt als syste-
matische Ergänzung zu des Verfassers ..Grundzüge einer Philosophie
der Volkswirtschaft". 52 S. gr. 8° 1923	Rmk 1.—

Inhalt: Einleitung und Programm. — 1. Die Philosophie als Wissenschaft vom
Ganzen. 2. Die Volkswirtschaft als ein Ganzes. 3. Der Ursprung der Erkenntnis. 4. Die
Unterscheidung von Form und Inhalt. 5. Ursprung, Form und Inhalt der volkswirt-
schaftlichen Erkenntnis. 6. Natur und Freiheit. 7. Natur und Freiheit (Kausalität und
Zweck) in der Volkswirtschaft. 8. Die Wertlehre.

Die Geineinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus. Von
Prof. Dr. Ludwig Mises, Wien. VIII. 503 S. gr. 8° 1922

Rmk 6 —, geb. 8.—

Inhalt: Einleitung. — I. Liberalismus und Sozialismus.— II. Die Wirt-
schaft des sozialistischen Gemeinwesens. 1. Das isolierte sozialistische Gemein-
wesen. 2. Das sozialistische Gemeinwesen im Verkehr. 3. Besondere Gestaltung des sozia-
listischen Ideals und psendosozialistische Gebilde. III. Die Lehre von der Unentrinn-
barkeit des Sozialismus, l. Die gesellschaftliche Entwicklung. 2. Kapitalskonzen-
tration unk, Monopolbildung als Vorstufe des Sozialismus. — IV. Sozialismus als
sittliche Forderung. — V. Der Destruktionismus. — Schluß: Die geschichtliche
Bedeutung des Sozialismus.

Das Buch von Professor Mises hat in der wissenschaftlichen Welt großes Aufsehen er-
regt und zu einer Reihe von wissenschaftlichen Diskussionen Anlaß gegeben. Allein über
das eine in dem Werke zuerst berührte Problem „die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen
Gemeinwesen" ist eine ganze Literarur entstanden.

In seinem Aufsatze „Sozialpolitische Wandlungen in der wissenschaftlichen National-
ökonomie" („Der Arbeitgeber". 1923. 1. Febr.), der den Anstoß zu den unter dem
Schlagworte „Die Krisis in der Sozialpolitik" in der „Sozialen Praxis" (1923) erschie-
nenen bekannten Erörterungen gegeben hat, sagt Professor Herkner bei Erwähnung der
den Kathedersozialismus ablehnenden Nationalökonomen: „Die weitaus bedeutsamste
Leistung dieser Richtung tritt uns in dem glänzend geschriebenen, gedankenreichen Werke
des Wiener Nationalökonomen L. Mises „Die Gemeinwirtschafk" entgegen. Im Vollbe-
sitze der modernsten wissenschaftlichen Errungenschaften übt der Autor eine geradezu zer-
malmende, zum Teil von durchaus neuen Gesichtspunkten ausgehende Kritik an dem So-
zialismus jeder Spielart und an allem, was er als Sozialismus ansieht. Der Sozialismus
ist, wie er nachweist, ganz außerstande, auch nur den bescheidensten Ansprüchen in bezug
auf die Wirtschaftlichkeit der Produktion zu genügen, weil er seinem Prinzip nach die
Selbstverantwortlichkeit, das Selbstinteresse und die Geldwertrechnung ausschaltet. Ohne
letztere ist rationales, wirtschaftliches Handeln aber ganz undenkbar."

Arbeitsgliederung und Arbeitsverschiebung. Grundzttge einer
Theorie der volkswirtschaftlichen Dynamik und der Krisen. Von
Prof. Dr. August Uhl. (Abhandlungen des wirtschaftswissenschaftlichen
Seminars zu Jena. Begr. von I. Pierstorff, Hrsg, von Fr. Gut-
mann und G. Keßler. Bd. 17, Heft 1.) V, 177 S. gr. 8« 1924

Rmk 6 —

Inhalt: Einleitung. — I. Teil. Die Arbeitsgliedcrung. 1. Die Begriffe
Arbeitsteilung und Arbeitsgliederung. 2. Die Arbeitsgliedcrung vom historischen, tech- '
Nischen unv sozialwirtschaftlichen Gesichtspunkt. 3. Die schematische Darstellung der wirt-
schaftlichen Zusammenhänge. — II. Teil. Die A rb eitsverl chiebung. &gt;. Der Be-
griff der Arbeitsverichiebung. 2. Die gegenseitige Abhängigkeit der beruflichen Arbeit.

3 Die Korrelation der Arbeit. 4. Die potentielle Arbeitsverschiebung. 5. Das Verhältnis
der Arbeit zur Kaufkraft. 6. Die Ursachen der Arbeitsverschiebung. Die Herkunst der
freien Kaufkraft; insbesondere die Rente. 8. Die übrigen Quellen der freien Kaufkraft. —
Schluß. — Literaturverzeichnis.

Soziale Praxis, 1924, Nr. 51: Nach einer kurzen Erörterung der Arbeitsglicde-
rung d. h. des bestehenden Wirtschaftsaufbaues aus Berufen und Wirtschaftseinheiten
untersucht der Verfasser die Störungen des Wirtschaftslebens, wie sie sich in Arbeitsver-
schiebungen auswirken. Die Herkunft und Wirkung der freien Kaufkraft, insbesondere der
Rente als der wesentlichen Ursache der Arbeitsverschiebung, wird eingehend dargestellt. Das
Buch ist anregend und läßt manche bekannten Zusammenhänge in neuein Licht erscheinen.
        <pb n="201" />
        ﻿
        <pb n="202" />
        ﻿
        <pb n="203" />
        ﻿

— 161 —

Gehorsam zu finden*)." Es liegt doch auf der Hand, daß der
Begriff des „Durchsetzens" schon die Macht, der Begriff des
„Gehorsamfindens" schon die Herrschaft in sich schließt: „Armut
kommt von der puuverte!"

Einer mehrfachen Behandlung unterzieht Mar Weber
den Begriff von Stand und Klasse (S. 177 ff., 631 ff., 267 ff.
u. ö.). E. unterscheidet, schnell fertig, die Besitzklassen, Erwerbs-
klassen und sozialen Klassen, und faßt dabei den Klassenbegriff
als Summierung der Zustände von Einzelnen — also durchaus
individualistisch. „. . . Klasse bezeichnet an sich nur Tatbestände
gleicher... typischer Jnteressenlagen, in denen der einzelne
sich ebenso wie zahlreiche andere befindet" (S. 177). Ebenso
ist ihm der Begriff des Standes nur durch die soziale Schätzung
bezeichnet! Der universalistische Gedanke, daß die „Klasse" —
richtiger der Stand — als ein Organ der jeweiligen wirt-
scbaftlichen oder gesellschaftlichen Ganzheiten, als Ausdruck
von deren Gliederungen und als Träger der in diesen

! Gliederungen liegenden Aufgaben aufgefaßt werden könne,
daß daher den Klassenunterschieden im tieferen, wesenhaften
Sinne organische Unterschiede in den gesellschaftlichen Ver-
richtungen notwendig zugrunde liegen, kommt unserem, in
diesem Falle durchaus marristisch befangenen, Verfasser gar
nicht in den Sinn.

Von den übrigen Teilen des Werkes, auf die wir leider
nicht mehr alle eingehen können, hebe ich noch hervor: die
wirtschaftsgeschichtlichen Stücke, die zu den besten gehören;
ferner die „Rechtssoziologie" und eine sehr umfangreiche,
aber allerdings auch nicht vollendete „Religionssoziologie". —
Der Rechts- und Staatsbegriff Mar Webers ist ein durchaus
subjektivistischer, naturalistischer und psychologistischer. Auf

S.	412 heißt es: „. . . das Bestehen eines konkreten Rechtes

») S. 28.

O. Spann, Tote und lebendige Wissenschaft. 2. Aufl.	11
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
