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        <title>Tote und lebendige Wissenschaft</title>
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            <forname>Othmar</forname>
            <surname>Spann</surname>
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        </author>
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            <idno>1016561377</idno>
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        Tote  und  lebendige
Wissenschaft
Abhandlungen  zur  Auseinandersetzung
mit  Individualismus  und  Marxismus
von
Dr.  Dthmar  Spann
o.  ö.  Professor  der  Volkswirtschaftslehre  und
Gesellschaftslehre  an  der  Universität  Wien

Zweite,  stark  vermehrte  und  durchgesehene  Auflage

Bemühe  Dich  nicht  um  kleine
Dinge,  denn  Du  bist  zu  Kleinem
nicht  berufen.  Meister  Eckehart

Jena
Verlag  von  Gustav  Fischer
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        Grundzüge
einer  Philosophie  der  Volkswirtschaft
Versuch  einer  Volkswirtschaftslehre  auf  philosophischem  Grunde
Von
Rudolf  Stolzmann
Professor  und  Ehrendoktor  der  Staatswissenschaft,  Senatspräsident  a.  D.
Zweite,  vervollständigte  Auflage,  mit  einem  Anhang:
Wescn  und  Ziele  der  Wirtschafsphilosophie
VIII,  221  u.  64  S.  gr.  8°  1925  Rmk  ll.—,  geb.  12.50

Inhalt:  Einleitung.  —  I.  Allgemeiner  Teil.  l.  Die  Abgrenzung  des  wirtschaftsphilosophischen ­
  Feldes.  2.  Die  Philosophie  ist  srzial,  zunächst  eine  Erkenntnistheorie.
3.  Das  Soziale  in  der  Metaphysik.  4.  Das  Soziale  in  der  Eihik.  5.  Znsommenfassung.
6.  Die  Philosophie  als  Schlüssel  zur  sozialen  Erkenntnis.  7.  Individuum  und  Gesellschaft.
8.  Die  Unterscheidung  der  natürlichen  und  der  sozialen  Kategorien  in  der  Volkswirtschaft.
9.  Die  Bedeutung  der  sozialen  „Machtverhältnisse".  —  II.  Die  angewandte  Wirtschaftsphilosophie. ­
  IO.  Das  Problem  des  Eigentums,  il.  Fortsetzung:  Das  Eigentum ­
  in  der  Zukunft.  12.  Das  Arbeitsproblem.  13.  Das  Wesen  des  Kapitals  14.  Die
Konkurrenz  als  Bindeglied  zwischen  Individual-  und  Sozialprinzip.  15/16.  Das  Verhältnis
  zwischen  Kapital  und  Arbeit.  17  Die  Wege  der  Versöhnung.  18.  Die  Anwendung
auf  das  Bereiligungsproblem.  19.  Das  Wertproblem.  Der  Wert  „an  sich".
Vom  Standpunkt  philosophischer  Erkenntnis  versucht  dieses  Werk  in  die  Zusammenhänge ­
  volkswirtschaftlicher  Grundlagen  einzudringen.  Sie  unternimmt  eine  kritische  Untersuchung ­
  über  den  Empirismus,  der  sich  bisher  in  allen  drei  Zweigen  der  Nationalökonomie, ­
  in  der  Wirtschaftsgeschichte,  in  der  Wirtschaftstheorie  und  in  der  Wirtichaftspoliiik
hervorgetan  und  alle  philosophische  und  soziologische  Allgemeinbetrachtung  aus  dem  Gebiete
volkswirtschaftlicher  Wissenschaft  nach  des  Verfassers  Meinung  herausgebildet  hat.  Die
damit  zusammenhängenden  Erscheinungen,  welche  den  Empirismus  und  Naturalismus
kennzeichnen,  erfahren  eine  eingehende  Begründung,  die  aus  der  Tiefe  sozialphilosophischer
Würdigung,  insonderheit  aus  den  Ergebnissen  einer  allgemeinen  Bolkswirtschaftsphilosophie
gewonnen  wird.
Jahr  bücher  für  Nationalökonomie,  Bd.  68,  H.  2:  .  .  .  Der  durchgehende  Gedanke ­
  ist,  daß  in  der  Gesellschaft  das  individuelle  und  das  soziale  Prinzip  untrennbar  als
Pol  und  Gegenpol  verbunden  sind,  daß  jede  Einseitigkeit,  die  nur  einen  Pol  im  Auge
hat,  zum  Irrtum  und  zur  praktischen  Unmöglichkeit  führen  muß.  Der  im  Privateigentum
verkörperte  Egoismus  kann  sich  den  Forderungen  der  anderen  gar  nicht  entziehen,  da  er  der
anderen  für  seine  Zwecke  bedarf.  .  .  .  Das  Buch  ...  ist  anregend  geschrieben  und  enthält
viele  gute  Gedanken,  die  zum  weiteren  Selbüdenken  anregen.  Paul  Barth  (Leipzig)
Literarisches  Zentralblatt  für  Deutschland  1921,  Nr.  38:  ...  Stolzmann
versucht  ein  „eigenes,  in  sich  geschlossenes  System  der  Volkswirtschaftsphilosophie".  In
der  Philoiophie  überhaupt  verankert,  wird  das  Soziale  in  der  Erkenntnistheorie,  Metaphysik, ­
  Ethik  gesucht,  und  dann  die  philosophische  Erkenntnis  über  das  Verbältnis  von
Individuum  und  Gesellschaft  auf  Eigentum.  Konkurrenz,  Arbeit,  Kapital  und  Wert  angewandt. ­
  Es  werden  diese  Haupibegriffe  als  „Ansicbbegriffe",  d.  h.  „in  ihrer  übergeschichtlichen ­
  allgemeinphilosophlschen  Bedeutung"  herausgearbeitet.  Karl  Eugen  Nickel
Das  Volk  (Jena),  2.  Juli  1921  :  .  .  Das  vorliegende  Werk  gehört  zu  den  tiefst
schürfenden  Arbeiten  eines  wirklich  philosophischen  Denkers,  der  zum
mindesten  wieder  die  eigentlichen  Kernprobleme  der  Wirtschaftstheorie  „gründlich
erfaßt  und  aus  dieser,  in  die  Gründe  dringenden  Fragestellung  heraus  theoretisch  zu  lösen
sucht.  Gerade  jetzt,  wo  die  Gemeinwirtschaft  als  zukünftige  Form  der  Bolkswirtichait
im  Werden  ist,  sollte  das  Buch  von  allen  gelesen  werden,  die  in  dem  Chaos  der  Gedanken
weder  aus  noch  ein  wissen.  Es  ist  ein  Bucki,  das  man  als  Sozialdemokrat  nicht  ohne
wertvolle  Bereicherung  durch  neue  Gesichtspunkte,  wenn  auch  nicht  ohne  Widerspruch,  aus
der  Hand  legt  —  eine  „Streitschrift"  im  besten  Sinne  des  Wortes.
l)r.  Eberhard  Zschimmer
        <pb n="4" />
        Tote  und  lebendige
Wissenschaft
Abhandlungen  zur  Auseinandersetzung
mit  Individualismus  und  Marxismus
von
Ol-.  Dchmar  Spann
o.  ö.  Professor  der  Volkswirtschaftslehre  und
Gesellschaftslehre  an  der  Universität  Wien
Zweite,  stark  vermehrte  und  durchgesehene  Auflage
Bemühe  Dich  nicht  um  kleine
Dinge,  denn  Du  bist  zu  Kleinem
nicht  berufen.  Meister  Eckehart

Jena
Verlag  von  Gustav  Fischer
1925
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        Georg  von  Below
zu  eigen
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        Inhaltsverzeichnis.

Seite
Vorwort  zur  ersten  Auflage  VII
Vorwort  zur  zweiten  Auflage  XI
Die  vier  Grundgestalten  der  Wirtschaft.
Einleitung  3
1.  Die  reine  Verkehrswirtschaft  5
2.  Die  durchgängige  Planwirtschaft  oder  kommunistische  Wirtschaft  19
3.  Die  ständisch  gebundene  Wirtschaft  26
4.  Die  freigeregelte  Wirtschaft  oder  der  gemäßigte  Kapitalismus  .  32
5.  Geschichtlicher  Rückblick  36
6.  Das  Verhältnis  der  vier  Grundgestalten  zueiander  43
Tausch  und  Preis
nach  individualistischer  und  universalistischer  Auffassung.
Einleitung  49
1.  Der  Begriff  des  Tausches  50
2.  Einwände  60
3.  Der  Begriff  des  Preises  63
4.  Ursächlichkeit  oder  Gliedlichkeit?  74
5.  Der  Begriff  der  volkswirtschaftlichen  Verteilung  77
6.  Ist  Preis  oder  Leistung  das  Erste?  80
7.  Preis  und  Zurechnung  83
8.  Eigennutz  und  Wettbewerb  85
Die  Ausgliederungsordnung  der  Wirtschaft
und  ihre  Vorrangverhältnisse.
I.  Abschnitt:  DasWesenderAusgliederung  .  .  .  .  93
II.  Abschnitt:  Die  Teilganzen  derVolkswirtschaft
und  ihre  Dorrangverhältnisse  96
1.  Gemeinsamkeitsreife  ist  vor  Vorreife  98
2.  Vorreife  ist  vor  Hervorbringungsreife  100
        <pb n="7" />
        VI

Seite
3.  In  der  Vorreife  ist  Erfinden  vor  Lehren  101
4.  Gemeinsamkeitsreife  ist  vor  Hervorbringungsreife  ....  101
5.  Innerhalb  der  Hervorbringungsreife  ist  Marktreife  vor  Werkreife ­
  103
6.  Innerhalb  der  Marktreife  ist  die  Marktreife  des  Geldes  vor
der  Marktreife  der  Waren  104
7.  Innerhalb  der  Werkreife  ist  Kapitalreife  vor  der  Reife  der
Genußgüter  108
8.  Innerhalb  der  nicht  Kapitalgüter  erzeugenden  Werkreife  ist
Genußreife  vor  Rohstoffreife  109
III.  Abschnitt:  Über  den  Stufenbau  der  Wirtschaft  110
1.  Wie  sieht  der  Stufenbau  der  Wirtschaft  aus  und  welchen
Stufenwert  haben  die  Teilganzen  in  ihm?  111
A.  Allgemeine  Erörterung  der  Frage  111
B.  Vorläufiger  Rückblick  120
C.  Erläuternde  und  zusätzliche  Bemerkungen  122
a)  Die  Stellung  der  Wirtschaftsverbände  122
b)  Tausch  125
c)  Abgeleitete  Ganzheiten  der  Stufenleiter  128
2.  Welches  sind  die  Vorrangverhältnisse  im  Stufenbau  der
Wirtschaft?  132
A.  Die  Bedeutung  einer  allgemeinen  Theorie  des  Vorranges
im  Stufenbau  132
B.  Theorie  des  Vorranges  im  Stufenbau  133
a)  Die  Welt-  und  Volkswirtschaft  135
b)  Die  Gebietswirtschaft  140
c)  Die  Verbandswirtschaft  141
d)  Der  Betrieb  142
Zum  Abschluß  144
Bemerkungen  zu  Max  Webers  Soziologie.
Einleitung  149
1.  Methodologische  Fragen  150
2.  Wirtschaftslehre  159
3.  Die  soziologischen  Lehrstücke  160
4.  Die  Religionssoziologie  im  Besonderen  162
Sachverzeichnis  16 8
        <pb n="8" />
        Vorwort  zur  ersten  Auflage.

In  mehreren  größeren  systematischen  Schriften  („Gesellschaftslehre", ­
  1.  Aufl.,  Berlin  1914 1 ),  „Fundament  der  Volkswirtschaftslehre", ­
  Jena,  2.  Aufl.,  1921 2 ),  „Der  wahre  Staat",
Lpz.  1921 3 )  fyabe  ich  versucht,  der  herkömmlichen  individualistischen ­
  und  marxistischen  Gesellschaftserklärung,  die  beide
materialistisch  sind,  eine  universalistische  gegenüber  zu  stellen,
die  durchaus  vom  Geistigen  in  Gesellschaft  und  Wirtschaft
ausgeht.  Die  folgenden  Ausführungen  in  Form  zweier  Abhandlungen ­
  dürfen  als  ein  Nachwort  zu  diesen  Büchern
betrachtet  werden,  das  aber  zugleich  für  sich  selbständig  bestehen ­
  möchte.
Die  beiden  Abhandlungen  sind  den  Herzfragen  der  jetzigen
Gesellschaftswissenschaft  gewidmet.  Die  erste  über  die  Grundgestalten ­
  der  Wirtschaft  soll  die  Lehre  von  den  Wirtschaftstypen ­
  auf  eine  neue  Grundlage  stellen,  indem  sie  die  Frage
nach  dem  Wesen  der  Wirtschaft  in  ihrer  baulichen  (organisatorischen) ­
  Form  allgemein  gesellschaftswissenscbaftlich  zu  lösen
versucht;  die  andere  über  Tausch  und  Preis  soll  eine  Grundfrage ­
  der  rein  theoretischen  Volkswirtschaftslehre  beantworten.
Beide  Untersuchungen  gehen  ganz  und  gar  von  einem
methodologischen  Grundbegriffe  aus:  dem  Begriffe  der
Ganzheit.
x )  Jetzt:  2.  Aufl.  Leipzig,  Quelle  L  Meyer,  1923.
-)  Jetzt:  3.  Aufl.  1923.
3 )  Jetzt:  2.  Aufl.  1923.
        <pb n="9" />
        Die  Gesellschaft  und  alles,  was  in  ihr  enthalten  ist  (sohin
auch  die  Wirtschaft)  ist  ein  Geistiges,  kein  Materielles.  Als
Geistiges  ist  sie  Ganzheit  und  nicht  Summe  oder  Haufen
von  getrennten  Einzelheiten,  daher  nicht  Mechanismus,  nicht
Atomhaftes;  daher  auch  nicht  ein  von  mechanischen  Gesetzen
der  Ursächlichkeit  Beherrschtes,  sondern  ein  von  den  Gesetzen
der  Gliederung,  der  zweckgültigen,  teleologischen  Ordnung
Beherrschtes.
Sind  Wirtschaft  und  Gesellschaft  nichts  Außeres,  Fremdes,
Stoffliches,  liegt  vielmehr  in  ihnen  das  Innere  unserer  eigenen
menschlichen  Natur  ausgebreitet  vor  uns,  so  ist  jede  gesellschaftswissenschaftliche ­
  Untersuchung  ein  Streifzug  in  den
objektiven  Geist  des  Menschen,  jede  Gesellschaftswissenschaft
innere  Mit-Wissenschaft  der  menschlichen  Seele,  des  objektivierten ­
  Geistigen,  des  objektivierten  menschlichen  Wesens.  Geist
und  Seele  können  nie  als  stückartig  Zusammengesetztes,  als
Häufung  von  Einzelnem  begriffen  werden,  sondern  Einssein,  der
Blitz  der  Ganzheit  ist  nötig,  um  das  Einzelne  zu  ergreifen.
Zum  Gliede  muß  alles  Einzelne  durchaus  werden,  soll  es
aus  seinem  Fürsichsein,  aus  seiner  Getrenntheit  und  Nichtigkeit ­
  erhoben  und  in  das  allein  wahrhaft  seiende  Dasein  der
Ganzheit  umgeschaffen  werden.  Dies  allein  ist  das  Grundlegende, ­
  ist  die  Ur-Aufgabe  aller  gesellschaftlichen  Wissenschaft:
zu  begreifen,  was  Ganzheit  sei,  und  welcher  vollkommene
Gegensatz  bestehe  zwischen  jenem  Verfahren,  das  aus  einzelnen
Stücken  ein  (scheinbares)  Ganzes  zusammen-stellen  und  jenem
anderen,  dem  Ganzheit  ein  Erstes,  das  Erstwesentliche,  Unableitbare
  (Primäre),  alle  Einzelheit  dagegen  nur  abgeleiteter,
gliedlicher  Teil  ist.  Das  erstere  Verfahren  ist  Stückwerk  im
buchstäblichen  Sinne  dieses  Wortes  und  möchte  sich  dennoch
vermessen,  die  wahre  lebendige  Ganzheit  des  pulsierenden,
hervorbringenden  Lebens  zu  erklären.  Es  ist  das  individualistische, ­
  mechanistische,  atomistische,  ursächliche  Verfahren  und
        <pb n="10" />
        IX

ergibt  eine  entgeistigte,  am  Äußerlichen  klebende,  ursächliche,
nie  ans  Herz  vordringende  Wissenschaft.  Das  andere  Verfahren
geht  auf  den  Urquell  zurück,  das  Ganze,  und  ist  durchgeistigte,
innerlich  mitwissende,  einsichtige  Wissenschaft.
Der  Begriff  der  Ganzheit  ist  das  echte  Samenkorn  lebendiger
Wissenschaft,  der  Begriff  getrennter  Einzelheit  ist  die  Drachensaat
  der  Irrlehre  und  zuletzt  toter  Wissenschaft.

Was  im  Besonderen  das  Lehrstück  von  Tausch  und  Preis
anbelangt,  so  ist  bekannt,  daß  es  in  der  überkommenen  Wissenschaft ­
  der  Volkswirtschaftslehre  dem  ganzen  Lehrgebäude
durchaus  die  grundlegenden  Begriffe  liefert.  Vom  Tauschbegriffe ­
  aus  wird  der  jeweilige  Wertbegriff  erst  zum  Preisbegriff ­
  verarbeitet,  die  Preisgesetze  werden  dann  ihrerseits
wieder  zu  Grundgesetzen  der  Einkommensverteilung  und  der
Verteilung  der  Wirtschaftsmittel  überhaupt  weitergeführt,
indem  Rente,  Zins,  Unternehmergewinn  und  Lohn  als  Sonderformen ­
  des  Preises  begriffen  werden.  Preis  und  Tausch  sind,
so  darf  man  sagen,  das  Reich  der  Mitte  in  unserer  Wissenschaft.
Im  Verhältnis  zu  ihnen  sind  alle  anderen  Begriffe  nur  Ableitungen. ­
  Diese  Erscheinung  wird  allgemein  als  eine  schlechthin ­
  gegebene  Grundtatsache  der  volkswirtschaftlichen  Theorie
hingenommen  —  denn  sie  besteht  seit  über  200  Jahren.  Smith,
Ricardo,  Marx  und  sogar  die  Schulen  der  Grenznutzenlehre
legen  davon  Zeugnis  ab.
Ich  habe  in  meinem  „Fundament"  eine  andere  Auffassung
zu  entwickeln  versucht,  wonach  der  erste  Grundbegriff  der
Volkswirtschaftslehre  nicht  der  Tausch,  sondern  die  Leistung  ist;
und  Leistung  ist  nur  als  Glied  einer  Ganzheit  faßbar.  Diese
Auffassung  muß  für  sich  selbst  sprechen;  es  kann  nicht  der  Zweck
der  vorliegenden  kleinen  Arbeit  sein,  sie  neuerdings  zu  begründen. ­
  Jedoch  war  in  jenem  Buche  nicht  der  Ort,  die
        <pb n="11" />
        -M

—  X  —
gegnerischen  Gedanken  über  Tausch  und  Preis  streitbar  zu
untersuchen.  Dies  sott  nunmehr  geschehen.  Der  Gegner  sott
selbst  sprechen,  seine  entscheidenden  Gedankengänge  sotten  gehört, ­
  geprüft  und  mit  den  hier  vertretenen  Begriffen  verglichen
werden.  So  sehr  sonst  die  aufbauende  Arbeit  der  bloß  kämpferischen ­
  und  verneinenden  vorzuziehen  ist,  diesmal  galt  es,
den  Gegner  im  eigenen  Lager  aufzusuchen,  ihn  auf  seinem
ureigensten  Gebiet  zu  schlagen.  Tausch  -und  Preis  sind  nach
den  Ergebnissen  der  vorliegenden  Auseinandersetzung  nicht  die
Grundbegriffe  der  Volkswirtschaftslehre  überhaupt,  sondern
lediglich  der  individualistischen  Volkswirtschaftslehre; ­
  Tausch  und  Preis  sind  ferner  nicht  Begriffe,  die  dem
Streit  um  Individualismus  und  Universalismus  entrückt  wären
(wie  die  unbewußt  aufklärerische  Art  von  heute  glaubt),  sondern
sie  gerade  stehen  im  Mittelpunkt  dieses  Streites,  sie  gerade
entscheiden  darüber,  welche  Straße  die  Forschung  geht.  Nur
wenn  Tausch  und  Preis  individualistisch  gefaßt  werden,  kann
eine  in  ihrem  theoretischen  Begriffsbau  rndividualistische
Volkswirtschaftslehre  entstehen  (von  „individualistisch"  im
Sinne  einer  wirtschafts-  politischen  Einstellung  ist  hier
nicht  die  Rede),  nur  wenn  sie  universalistisch  gefaßt  werden,
eine  universalistische.  Dies  sind  die  Sätze,  die  in  der  zweiten
Abhandlung  verfochten  werden.  Sie  schließt  sich  damit  an
meine  Wiener  Antrittsrede  „Vom  Geist  der  Volkswirtschaftslehre" ­
  (Jena  1919)  an,  in  der  ich  gezeigt  habe,  daß  es  nicht
eigentlich  Eine  Volkswirtschaftslehre,  sondern  deren  zwei  gibt,
die  individualistische  Volkswirtschaftslehre  und  die  universalistische ­
  Volkswirtschaftslehre.  Das  wird,  wie  ich  hoffe,
hier,  wo  auf  den  Inhalt,  nicht  nur  auf  das  methodologische
Bild  der  Begriffe  eingegangen  wird,  von  der  stofflichen  Seite
her  so  klar  und  offenbar,  daß  der  bisherige  vermittlerische
und  beschwichtigende  Widerspruch  verstummt.
        <pb n="12" />
        XI

Auch  wenn  diese  Schrift  nichts  erreichen  sollte  als  die
Geister  zu  scheiden  und  von  der  überlieferten  Flauheit  in  der
heutigen  deutschen  Wissenschaft  zur  Selbstbesinnung  aufzurufen, ­
  hat  sie  ihren  Zweck  erfüllt.
Wien,  im  Juli  1921.  Gthmar  Spann.

Vorwort  zur  zweiten  Auflage.
3 u  den  zwei  Aufsätzen  der  ersten  Auflage  dieses  Buches
„Die  vier  Grundgestalten  der  Wirtschaft"  und  „Wert  und
Preis  nach  individualistischer  und  universalistischer  Auffassung"
kamen  neu  hinzu:  Der  Aufsatz  über  die  „Ausgliederungsordnung
der  Wirtschaft  und  ihre  Vorrangverhältnisse"  und  die  „Bemerkungen ­
  über  Mar  Webers  Soziologie".
Über  den  grundsätzlichen  Standpunkt  der  beiden  ersten
Abhandlungen  gibt  das  Vorwort  zur  ersten  Auflage  Auskunft.
Mit  Freude  darf  ich  dazu  noch  die  Abhandlung  von  W  o  l  f  -
gang  Heller  „Das  Fundament  der  Volkswirtschaftslehre"
verzeichnen,  der  namentlich  meine  im  zweiten  Aufsatz  über
Tausch  und  Preis  niedergelegte  Kritik  grundsätzlich,  wenn
auch  mit  Einschränkungen,  anerkannte^).
Von  den  neuen  Aufsätzen  faßt  jener  über  „Die  Ausgliederungsordnung ­
  der  Wirtschaft"  das  Ganze  meiner  Lehre  kurz
zusammen.
In  verfahrenkundlicher  Hinsicht  zeigt  er,  wie  die  Unterscheidung ­
  der  Teilganzen  und  Stufen  nach  dem  bisher  unbekannten ­
  und  noch  niemals  planmäßig  verwendeten  Verfahren ­
  des  Vorranges  durchzuführen  und  zu  bestimmen ­
  ist;  ein  Verfahren,  welches  der  individualistischen
Volkswirtschaftslehre  allerdings  unbekannt  bleiben  mußte,  da
9  Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  Bd.  122,  Jahrg.  1924,  S.  577  ff.,
s.  bes.  S.  582  ff.  u.  593.
        <pb n="13" />
        XII

sie  notgedrungen  nur  mechanische  Kausalität  und  äußerlich
beschreibende  Induktion  kennt.  Der  Begriff  des  Vorranges
gründet  sich  auf  den  uralten  platonisch-aristotelischen  Satz
„Das  Ganze  ist  vor  dem  Teil".  Wer  diesen  Satz  nicht  anerkennt
—  oder  richtiger:  nicht  begreift,  denn  er  gehört  zu  jenen  Sätzen,
die  jeder  annehmen  muß,  sobald  er  sie  nur  begreift  —  für  den
ist  Begriff  wie  Verfahren  des  Vorranges/allerdings  ungültig.
Inhaltlich  will  der  Aufsatz  nebst  einem  Abrisse  der  ganzheitlichen ­
  Lehre  namentlich  gine  neue  Grundlegung  der  Wirtschaftspflege, ­
  der  sog.  Volkswirtschaftspolitik,  geben,  welche
über  Listens  Schutzzollehre  hinausgeht.  Dies,  indem  sie  nicht
nur  Zolltheorie  ist,  sondern  ganz  allgemein:  erstens  das
organische  Verhältnis  der  Weltwirtschaft  zur  Volkswirtschaft,
ferner  aber  auch  das  der  Volkswirtschaft  zu  ihren  eigenen
Unterstufen  —  Gebiet,  Verband,  Betrieb,  Haushalt,  deren
Dasein  bisher  theoretisch  in  diesem  Zusammenhange  unbekannt ­
  war  —  nach  dem  Verfahren  des  Vorranges  und  ganzheitlicher ­
  Zergliederung  bestimmt.  Es  ist  der  Grundfehler  der
Individualisten  und  Freihändler,  vom  Einzelnen  unmittelbar
zum  Weltverkehr  überzugehen.  Sie  gleichen  damit  dem  Manne,
der  seinen  eigenen  Schatten  überspringen  will  und  denken
die  Wirtschaft  ohne  jeden  inneren  Stufenbau,  ohne  wesenhafte
Gliederung  überhaupt  (was  bei  ihnen  nur  folgerichtig  ist,  da
sie  in  den  Handlungen  der  Einzelnen  als  in  wirtschaftlichen
Atomen,  die  ursprünglichen  Bestandteile  sehen).  Es  war  aber
auch  bisher  ein  Fehler  aller  organisch  gerichteten  Lehren,  den
inneren  Stufenbau  der  Volkswirtschaft  zu  übersehen,  die  Unterganzheiten ­
  dieses  Stufenbaus,  die  ja  vom  Oberganzen,  der
Volkswirtschaft,  ebensowenig  verzehrt  werden  können  wie  die
Volkswirtschaft  von  der  Weltwirtschaft,  in  ihrem  Eigenleben
nicht  planmäßig  zu  beachten  und  sie  darum  nicht  ebenso  der
Wirtschaftspflege  zu  empfehlen,  wie  das  Gesamtganze  der
Volkswirtschaft  selbst.
        <pb n="14" />
        —  XIII  —

Den  Aufsatz  über  Mar  Weber,  der  zuerst  in  der  österreichischen ­
  „Zeitschrift  für  Volkswirtschaft"  (N.  F.,  Bd.  II,  Jahrg.
1922)  erschien,  in  erweiterter  und  sorgfältig  durchgesehener
Fassung  hier  neu  vorzulegen,  hielt  ich  für  eine  schmerzliche  Pflicht.
Wie  meine  vielen  Besprechungen  in  verschiedenen  Zeitschriften
bezeugen,  ist  es  sonst  meine  Art  nickt,  abzuurteilen,  ich  lasse
weit  lieber  Werk  und  Mühe  eines  Verfassers  gelten,  als  daß
ich  ihm  seine  Mängel  nachrechne.  Aber  Mar  Weber  war  kein
gewöhnlicher  Mann,  sondern  ein  dämonischer,  zersetzender  Geist,
der  in  persönlichem  Verkehr  und  persönlicher  Wirkung  eine
gefährliche  Macht  über  die  andern  ausübte.  Bei  ihm  war  es
unbedingt  geboten,  die  dunklen  Seiten  seines  Schaffens  herauszuheben ­
  und  der  Gerechtigkeit  ihre  volle  Schärfe  zu  geben.
Sein  Ansehen  wird  auch  heute  noch  von  dunklen  Mächten  in
unserem  armen,  geistig  sich  selbst  entfremdeten  Deutschland
planmäßig  wie  instinktiv  gepflegt,  und  darum  ist  es  unerläßlich,
einmal  die  nackte  Wahrheit  über  ihn  zu  sagen.  Daß  er  öfters
an  logischem  deliritmi  tremens  litt  —  wie  u.  a.  seine  Definitionen ­
  jedem  klar  Denkenden  zeigen  (s.  unten  z.  B.  die
Definition  des  sozialen  Handelns  S.  154,  der  Macht  und  Herrschaft ­
  S.  160f.,  der  Nation  S.  162)  —  möchte  noch  dahingehen, ­
  da  ja  auch  sonst  viel  Unlogisches  geschrieben  und  ernst
genommen  wird;  daß  er  aber  als  völlig  a-metaphysischer  Mensch
von  religiösen  und  sittlichen  Dingen  sprach  und  weithin  gehört ­
  wurde,  durfte  in  unserer  innerlich  erschütterten  und  verworrenen ­
  Zeit  nicht  gleichgültig  bleiben.
Dies  sind  die  Gründe,  warum  ich  mich  zu  einer  öffentlichen
Kritik  entschloß.  Ich  erlebte  die  Genugtuung,  viel  begeisterte
Anerkennung  dafür  zu  finden,  ja  sie  wurde  als  geradezu  erlösend
bezeichnet.  Wie  viele  unterirdische  Feinde  sie  mir  gemacht,  ist
allerdings  eine  andere  Frage.  Aber  es  gibt  Menschen,  deren
Feindschaft  uns  zur  Ehre  gereicht.
        <pb n="15" />
        XIV

stljit  diesem  Buche  möchte  ich  den  Kampf  gegen  individua-Mische,
  atomistische,  psychologistische,  marxistische  und
andere  tote  Wissenschaft  abschließen.  Daß  ich  alle
meine  Gegner  überzeuge  und  die  Toten  zum  Leben  auferwecke,
kann  ich  mir  nicht  träumen  lassen.  Es  liegt  in  der  Natur  der
Dinge,  daß  die  Lehre  von  der  Ganzheit  der  heutigen,  allzu
handgreiflichen  Art  wissenschaftlicher  Kärrner  und  Sophisten
unerreichbar  bleibt.  Wem,  wie  diesen,  die  Wirtschaft  nur  ein
armseliger  Mechanismus  ist,  der  durch  blinde  Naturgesetze
umgetrieben  wird,  wem  sie  nur  die  kümmerliche  Sorge  für
das  Morgen  ist,  der  weiß  nichts  davon,  daß  sie  viel  mehr  als
das,  daß  sie  ein  Glied  des  Lebens  ist.  Die  Ganzheit,
einmal  erschlossen,  leitet  den  Geist  wie  von  selbst  in  der
Erkenntnis  weiter.  Kein  Wunder,  denn  mit  ihr  ist  das  Zentrum, ­
  ist  der  Lebenskern  der  Dinge  entriegelt,  in  dem  alles
enthalten  ist.  Nur  in  ihrer  Ganzheit  sind  die  Dinge  daheim;
nur  aus  der  Ganzheit  heraus  werden  die  Dinge  geschaffen
und  sind  sie  selbst  schaffend;  nur  in  ihrem  Geschaffenwerden
und  ihrem  Schaffen  werden  die  Dinge  erkannt;  und  darum
liegt  nur  im  Erforschen  der  Ganzheit  wahre,  lebendige
Wissenschaft.

*

*

*

Ich  habe  diese  Auflage  Georg  von  Below  gewidmet, ­
  da  ich  zu  ihm  als  zu  einem  Bundesgenossen  im  Kampfe
gegen  Individualismus  und  Marxismus  fast  von  Jugend  an
aufblicke;  und  da  er,  der  zugleich  ein  anerkannter  Meister  kritischer ­
  Quellenarbeit  und  strengster  Einzelforschung  ist,  mit
seiner  ganzen  Lebensarbeit  von  selbst  den  Vorwurf  widerlegt,
daß  Romantik  und  Idealismus,  diese  ewigen  Leitsterne  wesenhafter
  Wissenschaft,  ins  Unklare,  Nebelhafte,  ja  Phantastische
        <pb n="16" />
        XV

führen  müßten.  In  Georg  von  Below  haben  wir  einen  Meister
zu  verehren,  der  die  hingebende  Treue  für  das  Einzelne  mit
dem  Blick  auf  das  Große  zu  vereinen  weiß  und  die  Kraft
für  die  Schau  des  Einzelnen  schöpft  aus  dem  romantischen
Drange  nach  dem  Ganzen.
In  der  Lahn
bei  Vordernberg  in  Steiermark,  zu  Ostern  1925.

Gthmar  Spann.
        <pb n="17" />
        £)■  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Aufl.

1

Die  vier  Grundgestalten  der  Wirtschaft.
        <pb n="18" />
        Sieht  man  sich  nach  Belehrung  über  die  Grundgestalten
oder  Organisationsformen  der  Wirtschaft  um,  so  wird  man
im  gesamten  theoretischen  Schrifttum  nichts  darüber  finden.
Der  Streit  um  die  Ordnung  des  Wirtschaftslebens  wird  heute
fast  ausschließlich  politisch  geführt.  Um  das  Wesen  der
Wirtschaft,  um  das  Wesen  dessen,  was  geordnet  und  gestaltet
werden  soll,  wird  dabei  nicht  viel  gefragt.  Denn  einerseits
meint  man,  die  Wirtschaft  bestände  aus  so  fügsamem  Stoffe,
daß  er  sich  ordnen  lasse,  wie  man  nur  wünsche  (z.  B.  sowohl
liberal  wie  kommunistisch);  anderseits  meint  man,  die  Wissenschaft ­
  habe  nur  zu  erforschen,  was  ist,  nicht  aber  was  sein  soll.
Wie  aber  die  Wirtschaft  organisiert  und  gestaltet  werden
solle,  das,  so  sagt  man,  sei  Sache  der  „Weltanschauung",
Sache  der  „subjektiven  Awecksetzung",  der  „politischen  Parteimeinung". ­
  Seit  die  neukantische  Cohenschule  eine  vollkommene
Trennung  von  Sein  und  Sollen  in  die  Philosophie  einführte,
seit  Mar  Weber  und  andere  diese  Trennung  in  die  gesellschaftlichen ­
  Wissenscbaften  übernahmen,  war  diese  trostlose
Lehre  immer  mehr  zum  herrschenden  Standpunkte  geworden!
Je  mehr  man  diese  Sachlage  überdenkt,  um  so  mehr  muß
man  vor  ihr  erschrecken.  War  je  eine  Aeit  so  tief  gesunken,
daß  sie  meinte,  man  könne  wohl  erkennen,  was  ist,  —  was
aber  sein  soll,  sei  Geschmacksache  und  der  Willkür  des
Einzelnen  überlassen?  Diese  Lehre  verschuldet  auch  bis
heute  das  völlige  Fehlen  der  Frage  nach  der
wesensgemäßen,  d.  h.  der  besten  Wirtschaftsgestalt
  in  unserer  Wissenschaft.
1*
        <pb n="19" />
        In  Wahrheit  ist  es  nicht  schwer  einzusehen  und  zu  zeigen,
daß  alles  Sollen  aus  dem  Sein  erkannt  wird,  daß  alles  Sollen
ein  Sacherfordernis  des  Seienden,  nichts  Subjektives, ­
  nichts  Willkürliches  ifU).  Die  rechte  Organisationsform
der  Wirtschaft  ist  daher  eindeutig  bestimmt  —  durch  das  Wesen
der  Sache  selbst!  Die  richtige  Ordnungsweise  des  Wirtschaftslebens ­
  ist  diejenige,  welche  aus  der  Natur  der  Wirtschaft  entnommen ­
  ist.
Dennoch  soll  an  dieser  Stelle  nicht  mit  einer  weitausholenden ­
  begrifflichen  Untersuchung  über  das  Wesen  der  Wirtschaft ­
  begonnen  werden.  Die  wichtigste  Erkenntnis  darüber,
was  Wirtschaft  sei,  wird  sich  gelegentlich  der  späteren  Untersuchungen ­
  von  selbst  ergeben.  An  dieser  Stelle  sind  unsere
entscheidenden  Fragen  diese:
Welche  Grundgestalten,  Organisationsformen  oder  Verfassungstypen ­
  der  Wirtschaft  sind  überhaupt  denkbar?;  und
welche  Lebensfähigkeit  haben  sie?
Zur  leichteren  Verständlichkeit  des  Folgenden  wird  es
dienen,  wenn  wir  unsere  späteren  Ergebnisse  in  Form  von
Streitsätzen  (Thesen)  vorweg  nehmen,  damit  der  Leser  von
Anbeginn  wisse,  worauf  die  Untersuchung  abzielt.
1.  Es  gibt  vier  Grundgestalten  oder  Organisationsformen
der  Wirtschaft:  Die  reine  Verkehrswirtschaft,  auch  freie  Verkehrswirtschaft ­
  oder  reiner  Kapitalismus  genannt;  die  reine
Planwirtschaft,  auch  kollektive  oder  kommunistische  Wirtschaft
genannt;  die  körperschaftliche  oder  ständisch  gebundene  Wirtschaft; ­
  die  frei  geregelte  Wirtschaft,  auch  gemäßigter  Kapitalismus ­
  genannt.
2.  Von  diesen  vier  Grundgestalten  ist  die  reine  Verkehrswirtschaft ­
  vollkommen  utopisch,  die  kommunistische  Wirtschaft
grundsätzlich  utopisch,  aber  in  gewissen  Grenzfällen  verwirk-*)
  Den  näheren  Nachweis  s.  in  meiner  „Kategorienlehre",  Jena
1924,  S.  99  ff.  und  326  ff.
        <pb n="20" />
        5

lichbar,  die  frei  geregelte  Wirtschaft  vorübergehend  geschichtlich
möglich  und  die  ständisch  gebundene  Wirtschaft  die  eigentliche
und  wesensgemäße,  die  einzig  wahrhaft  wirkliche  Wirtschaftsform. ­
  Kurz  ausgedrückt  läßt  sich  auch  sagen:  Von  den  genannten ­
  vier  Wirtschaftsformen  sind  die  ersten  beiden  utopisch,
die  letzten  beiden  allein  in  der  Wirklichkeit  möglich,  davon
jedoch  nur  die  letzte  dauernd  und  wahrhaft  möglich.
3.  In  der  Geschichte  gibt  es  keine  Entwicklung  von  urkommunistischen
  Zuständen  durch  immer  weniger  gebundene
hindurch  zum  Kapitalismus,  dem  schließlich  wieder  ein  geläuterter ­
  Kommunismus  folgen  würde,  wie  die  Lehre  Marrens ­
  und  annähernd  auch  die  heute  vorherrschende  Lehre
23^0:61)  behauptet;  sondern  nur  ständisch  gebundene  Wirtschaft ­
  mit  verhältnismäßig  vorübergehenden  Schwankungen
frei  geregelter  Wirtschaft.  Der  Wechsel  dieser  beiden  Wirtschaftsformen ­
  ist  nicht  durch  mechanische,  dem  Wirtschaftskörper ­
  innewohnende  „Naturgesetze"  oder  „Entwicklungsgesetze" ­
  bestimmt,  sondern  ist  von  den  geistigen  Bedingungen
abhängig,  unter  denen  eine  geschichtliche  Wirtschaft  jeweils
steht.

1.  Oie  reine  verkehrswirtschaft.
Der  Begriff  der  rein  individualistisch  gedachten  oder  sog.
freien  Verkehrswirtschaft  beruht  auf  derjenigen  Art,  sich  das
wirtschaftliche  Geschehen  vorzustellen,  die  wir  Heutigen  allein
zu  üben  gewohnt  sind.  Die  äußere  Erfahrung,  so  sagt  etwa
diese  Auffassung,  zeigt  uns  überall  zunächst  nur  einzelne  Stücke
von  wirtschaftlichen  Dingen,  insbesondere  einzelne  Handlungen
einzelner  Wirtschafter.  Aus  ihnen  ist  die  Wirtschaft  zusammengesetzt, ­
  zusammen-gestellt,  gleichsam  summiert,  zusammen-gestückelt!
  —  Durch  die  individualistischen  Klassiker  der  Volks-*)
  Bücher,  Entstehung  der  Volkswirtschaft,  11.  Aufl.  Tübingen  1919;
ders.,  Die  Sozialisierung,  2.  Aufl.  Tübingen  1919.
        <pb n="21" />
        6

wirtschaftslehre  ist  diese  an  den  handgreiflichen  äußeren  Augenschein ­
  anknüpfende  Denkweise  wissenschaftlich  so  ausgebildet
worden,  daß  wir  uns  die  wirkliche  Wirtschaft  auf  eine  andere
als  die  angegebene  summative,  auf  eine  andere  als  grundsätzlich ­
  atomistisch-verkehrswirtschaftliche  Art  kaum  noch  vorstellen ­
  können!  Wir  pflegen  heute  im  Grunde  jeden  Wirtschaftsvorgang ­
  so  zu  denken,  daß  irgendein  bestimmter  Einzelner  eine
wirtschaftliche  Handlung  von  sich  aus  vornimmt  und  auf  diese
Weise  schließlich  die  Gesamtheit  der  Wirtschaft,  die  Volkswirtschaft, ­
  zusammengesetzt  wird.  Wir  sehen  z.  B.:  daß  ein  Arbeiter ­
  seine  Arbeitsleistung  anbietet  oder  an  der  Drehbank
eine  Arbeitsleistung  vollzieht,  daß  ein  Unternehmer  eine  neue
Maschine  einstellt,  oder  sein  Erzeugnis  anbietet;  daß  ferner
ein  Börseaner  gewisse  Papiere  kauft,  um  andere  zu  verkaufen  —
lauter  für  sich  dastehende  „einzelne"  Handlungen.  Wir  pflegen
uns  dabei  ferner  jeden  wirtschaftlichen  Vorgang,  jeden  Tausch
wie  jede  Erzeugung  als  eine  auf  Selbstentschließung
der  Einzelnen  beruhende  Handlung  zu  denken,  die  lediglich
dem  Einzelnen  selbst  anheimgegeben  ist.
Ich  nenne  dieses  Merkmal  unserer  heutigen  Vorstellung
vom  Wirtschaften,  daß  nämlich  die  Handlungen  auf  der  eigenen,
der  subjektiven  Entschließung  und  Tat  des  Einzelnen  beruhen,
das  Merkmal  des  individuellen  Ursprungs  der  Wirtschaft.
Das  zweite  Grundmerkmal,  das  man  bei  jener  Art,  die
Wirtschaft  vorzustellen,  mitdenkt,  nämlich:  Das  Zusammentreffen ­
  der  Handlungen  mehrerer  Wirtschafter,  wofür  das
Wort  „Verkehr"  gebraucht  zu  werden  pflegt,  nenne  ich  das
Merkmal  des  Verkehrs.  Im  sog.  „Verkehr"  kommt  das  Merkmal
des  individuellen  Ursprungs  der  Wirtschaft  erst  zur  Erscheinung.
Man  stellt  sich  vor,  daß  die  Wirtschaft  aus  Beiträgen  der  Einzelnen ­
  zusammengesetzt  wird,  und  daß  also  die  Erscheinungsform ­
  dieser  Zusammensetzung  oder  Zusammenlegung  der  Handlungen ­
  der  „Verkehr"  sei.
        <pb n="22" />
        7

cp
3  Bibliothek  |
Nun  behaupte  ich:  V^?,
Sowohl  jener  „individuelle  Ursprung"  der  Wirtschäft,'^je
dieses  „Zusammentreffen  der  Handlungen",  dieser  „Verkehr"
(ein  Verkehr  also,  der  durch  Z  u  s  a  m  m  e  n-setzung  aus  wirtschaftlichen ­
  Einzelhandlungen  entstände)  ist  eine  Täuschung;
beide  Begriffsmerkmale  sind  falsch.  Der  Begriff  einer  reinen
oder  „freien"  „Verkehrswirtschaft",  den  sie  begründen  ist  ein
Unbegriff.
Wenn  diese  unsere  Behauptung  richtig  ist,  so  folgt  daraus,
daß  es  reine  Verkehrswirtschaft  auch  nirgends  in  der  Welt
gegeben  hat,  noch  geben  kann,  daß  sie  daher  eine  vollkommen
utopische  Daseinsweise  oder  „Grundgestalt"  der  Wirtschaft  ist.
Ich  bemerke  dazu,  daß  es,  soziologisch  gesehen,  den
Einzelnen  als  solchen  (d.  h.  als  seinem  Begriffe  nach  absoluten
Einzelnen)  überhaupt  nicht  gibt,  daß  sein  Begriff  nur  eine  Abstraktion ­
  ist.  Die  Verkehrstheorie  macht  daber  mit  einem  Begriffe ­
  Ernst,  der  schon  auf  dem  weiteren  Gebiete  der  Gesellschaft ­
  ungültig  ist,  für  den  daher  auf  dem  engeren  der  Wirtschaft ­
  die  Voraussetzung  gänzlich  fehlt*).
Wird  der  Einzelne,  von  dem  die  wirtschaftlichen  Handlungen ­
  ausgehen,  folgerichtig  als  etwas  ganz  für  sich  Seiendes,
Selbsthaftes,  Eigenes  (Autarkes,  Autonomes)  gedacht,  so  steht
jeder  für  sich  als  ein  Robinson  da,  der  mit  den  anderen  wirtschaftlich ­
  nichts  zu  tun  hat;  in  diesem  Falle  (in  welchem  eigentlich ­
  ganz  allein  der  Begriff  des  Einzelnen  folgerichtig  festgebalten
  wird)  entsteht  überhaupt  keinerlei  Volkswirtschaft,  keine
Arbeitsteilung,  kein  Verkehr.  Jede  Art  von  Gesamtwirtschaft
ist  in  diesem  Falle  unmöglich  —  es  bleibt  nur  eine  Welt  von
Einsiedlern.
Wird  aber  der  Begriff  des  Einzelnen  wirtschaftlich  nicht  so
streng  festgehalten,  sondern  der  Einzelne  auf  solche  Weise  gedacht,
*)  Dgl.  dazu  meine  „Gesellschaftslehre",  2.  Ausl.,  S.  175  ff.,  113  ff.,
und  „Der  wahre  Staat",  2.  Ausl.,  1923,  §  14  u.  13.
        <pb n="23" />
        8

daß  er  infolge  von  Arbeitsteilung  Dinge  herstellt,  die  er  gegen
andere  eintauschen  muß;  und  wird  weiter  der  Einzelne  wirklich ­
  als  auf  sich  selbst  begründet  und  von  außen  her  unbeschränkt ­
  (frei)  gedacht  —  so  entstünde  wieder  keine  Volkswirtschaft, ­
  sondern,  wenn  man  es  genau  bedenkt,  ein  ungestaltetes,
reibungsvolles  Durcheinander,  ein  planloses  Chaos.  Ein  Chaos
in  zwiefachem  Sinne:
1.  Im  Sinne  eines  gänzlich  unordentlichen,  ja  schließlich
unmöglichen  Ablaufes  der  Verkehrshandlungen.  Bei  vollkommener ­
  Freiheit  des  Einzelnen  könnte  nicht  Recht  noch
Sicherheit,  nicht  Borg  noch  Geld,  nicht  Vertrauen  noch  Vertrag ­
  bestehen,  zumindest  nicht  in  jenem  Maße,  als  nötig  ist,
um  einen  gedeihlichen  Wirtschaftsgang  zu  sichern;  die  Menschen ­
  brauchen  Recht,  Sitte  und  Gesetz,  Strafe,  Sicherheit;
öffentliches  Maß  und  Gewicht,  Ordnung  des  Geldwesens,
Wirtschaftsmoral,Wirtschaftserziehung  und  tausend  andere  ähnliche ­
  Hilfen  der  Allgemeinheit,  die  uns  „Staat",
„Gemeinde",  „Verbände"  usf.  auf  Schritt  und  Tritt  zur
Verfügung  stellen,  und  die  jeder  Handlung  jedes  Einzelnen  vorgestaltend, ­
  geburtshelfend  vorstehen,  die  bei  jeder  Wirtschaftshandlung ­
  gleichsam  unsichtbar  mitwirken!  Diese  überindividuellen ­
  allgemeinen  Wirtschaftsmittel  (Hilfen)  haben  die  Eigenschaft, ­
  daß  sie  allgemein  gebraucht  werden  müssen*).  Um  also
dieses  Hindernis  der  Unsicherheit  und  des  Mangels  an  solchen
gemeinsamen  Wirtschaftsmitteln  wegzuräumen,  bedürfte
es  schon  planmäßiger  Einschränkungen  der  Verkehrsfreiheit,  bedürfte ­
  es  schon  des  Zwanges  (sei  es  durch  Gesetz,  sei  es  durch
Sitte  und  Herkommen),  in  jener  ganz  bestimmten  Weise  zu
wirtschaften,  wie  es  Sicherheit,  Vertragsrecht,  Geldwesen  usw.
usw.  erfordern.  Die  betreffenden  Regeln  oder  Hilfen  der  Ge-*)
  Weiteres  über  diese  gemeinsamen  Wirtschaftsmittel,  die  ich  als
„Kapital  höherer  Ordnung"  näher  bestimmt  habe,  s.  „Fundament", ­
  3.  Ausl.,  S.  101  ff.,  159  ff.,  177  ff.
        <pb n="24" />
        9

samtverbände  „Staat",  „Gemeinde"  würden  also  schon  bei
jeder  wirtschaftlichen  Verkehrshandlung  mitsprechen,  d  i  e
Gesamtheit  wäre  schon  in  jeder  Handlung
der  Einzelnen  als  Bestandteil  mit  dabei  —
es  wäre  keine  reine  Verkehrswirtschaft  der  Einzelnen  mehr!
2.  Sehen  wir  selbst  von  diesem  Hindernis  der  Gefügelosigkeit
  (gleichsam  einer  „Ablauflosigkeit")  ab,  das  den  Einzelnen
in  seiner  Vereinzeltheit  wirtschaftlich  als  unmöglich  zeigt,  so
bleibt  noch  ein  ganz  anderes  übrig:  es  entstünde  ein  Chaos
im  Sachlichen,  im  Inhalte  der  Wirtschaft.  Kein  Mensch  wüßte,
was  er  machen  sollte,  um  entweder  jene  Güter,  die  er  angefertigt ­
  hat,  und  die  vielleicht  niemand  will,  an  den  Mann  zu
bringen,  oder  um  jene  Güter  zu  erlangen,  die  er  gern  gegen  seine
eigenen  eintauschen  möchte,  die  aber  von  niemand  anderem
angefertigt  wurden.  Es  würde  sich  nicht  nur  die  Unfähigkeit
des  Einzelnen,  gliedhaft  zu  handeln,  nicht  nur  die  anarchistische ­
  Unsicherheit  und  Reibung  zeigen  (die  wir  soeben  unter  1.
besprachen),  sondern  noch  dazu  die  inhaltliche  Planlosigkeit,
das  grenzenlose  sachliche  Durcheinander  der  Wirtschaft  entstehen. ­
  Man  darf  sich  da  nicht  auf  die  verkehrswirtschaftlichen,
sog.  kapitalistischen,  Zeitalter  der  Geschichte  berufen.  Nicht
nur,  daß  es  nirgends  einen  auch  nur  annähernd  reinen,  regellosen ­
  Kapitalismus  gegeben  hat:  Man  muß  bedenken,  daß  die
sog.  kapitalistischen  Einbrüche  in  der  Geschichte  alle  in  wohlgeordnete, ­
  nämlich  in  ständisch  gebundene  Wirtschaften  erfolgten.
Diese  Einbrüche  waren  von  Jahr  zu  Jahr  und  von  Jahrzehnt
zu  Jahrzehnt  schließlich  nur  geringe  Abänderungen  des  Gesamtplanes ­
  der  jeweiligen  geschichtlich  bestandenen  Wirtschaft.
Nur  schrittweise  sind  z.  B.  in  der  frühkapitalistischen  Zeit  neben
Zunft  und  Stadtwirtschaft  die  Fabriken  hinzugekommen.
Und  seit  der  Einführung  der  Gewerbefreiheit  im  neueren
Europa  (wobei  „Freiheit"  durchaus  nicht  buchstäblich  zu  verstehen ­
  !)  sind  gleichfalls  nur  schrittweise  Fabriken,  Eisenbahnen
        <pb n="25" />
        10

und  Großbetriebe  anderer  Art  an  die  Stelle  der  alten  Gliederungen ­
  getreten.  Und  selbst  dieser  größtenteils  sehr  langsame
Hergang  hatte  immer  wieder  Zustände  fürchterlicher  Unordnung, ­
  Krisen,  Wirtschaftszerstörungen  großen  Stils,  zur
Folge.  (Näheres  darüber  s.  unten  S.  34  f.  und  41  f.)
Diesen  Überlegungen  gegenüber  müssen  all  die  herkömmlichen ­
  Redensarten  von  der  „Selbstregulierung"  der  Verkehrswirtschaft, ­
  z.  B.  durch  Hinströmen  des  Kapitals  zu  dem  Orte
des  größten  Gewinnes,  durch  Ausgleich  infolge  Wettbewerbs,
von  der  absichtslosen  „Entstehung"  des  Geldes  durch  Annahme ­
  der  absatzfähigsten  Ware  und  ähnliche  „automatische"
Vorgänge,  verstummen.  (Schon  daß  „Wettbewerb"  als  organisierende ­
  Kraft  gefaßt  werden  muß,  statt  als  reiner  Ausfluß
der  Selbstbestimmtheit  des  Individuums,  zeigt  den  Widerspruch ­
  im  Begriffe  der  Verkehrswirtschaft;  darüber  s.  unten
am  Ende  der  zweiten  Abhandlung.)  Die  alten  Klassiker  waren
da  Mch  viel  ehrlicher.  Für  sie  war  es  geradezu  eine  „prästabilierte
  Harmonie",  ein  unerklärliches  Wunder,  daß  im
Ganzen  etwas  Geordnetes  und  Vernünftiges  herauskomme,
wo  jeder  Einzelne  nur  tut,  was  er  will.  Heute  getraut  man
sich  nicht  mehr,  dieses  Wunder  anzunehmen,  behält  aber  die
Folgerungen,  die  die  sog.  Klassiker  daraus  zogen,  bei!
Die  angeführten  allgemeinen  Überlegungen  genügen  bereits, ­
  um  die  vollkommen  utopische  Natur  der  absoluten  oder
reinen  Verkehrswirtschaft  klarzulegen.  Wirtschaftlicher ­
  „Verkehr"  selbständig  gedachterEinzelner
  zeigt  sich  als  unmöglich.
Das  Nachfolgende  soll  aber  noch  im  Besonderen  unsere  Behauptung ­
  beweisen.
Geht  man  nämlich  ins  Einzelne,  so  zeigt  sich  zuerst,  daß  der
individuelle  Ursprung  der  wirtschaftlichen  Handlungen  eine
Täuschung  ist.  Die  rein  psychologische  Seite  der  Sache:  daß
der  einzelne  Arbeiter  oder  Unternehmer  sich  wirklich  selber
        <pb n="26" />
        11

entschließen  muß,  daß  also  inr  wirtschaftlichen  Handeln  psychologisch ­
  etwas  ganz  Persönliches  vor  sich  gehe,  geben  wir  billig
zu;  aber  was  will  das  besagen?  Es  besagt  gar  nichts,  weil  es
keine  wirtschaftliche,  sondern  eine  psychologische  Erscheinung  ist.
Diese  psychologische  Erscheinung  hat  gar  keinen  wirtschaftlichen ­
  Charakter,  sie  ist  wirtschaftlich  ganz  wesenlos!  Wirtschaftlicher ­
  Natur  ist  lediglich  die  Frage:  a)  welche  Bedeutung ­
  die  betreffende  (sei  es  aus  Selbstentschließung  oder
aus  Suggestion  oder  aus  welchem  Grunde  immer  entsprungene)
Handlung  für  das  Ganze  der  jeweiligen  Volkswirtschaft  habe,
welche  Stellung  sie  in  diesem  Ganzen  einnehme;  und  b)  auf
Grund  welcher  in  der  objektiven,  in  der  überindividuellen
Wirtschaftslage  gelegenen  Prämissen  sie  geschah,  anders  gesagt:
In  welchem  Sinne  die  einzelne  Handlung
als  Glied  der  Ganzheit  allesWirtschaftens
erscheine.  Auf  diese  Gliedhaftigkeit  des  Handelns  kommt
es  einzig  und  allein  an,  denn  von  ihr  allein  erhält  es  seine
wirtschaftliche  Wirklichkeit.  Hierfür  ein  Beispiel.
Wenn  jemand  aus  der  Donau  Wasser  schöpfte  und  dieses
Wasser  auf  der  Ringstraße  in  Wien,  wo  es  niemand  braucht,
feilböte,  so  wäre  dies  keine  Wirtschaftshandlung,  einfach  deshalb, ­
  weil  sie  sich  in  die  Ganzheit  von  Erzeugung  und  Verbrauch,
in  die  Gesamtganzheit  und  Gesamtrangordnung  aller  wirtschaftlichen ­
  Handlungen,  die  Volkswirtschaft,  überhaupt  nicht
einfügen  könnte.  Ob  diese  Handlung  durch  Selbstentschließung
oder  Suggestion,  durch  vernünftiges  Denken  oder  Narrheit
bestimmt  wurde,  ist  eine  Frage,  ,die  wirtschaftlich  keinen  Sinn
hat;  wirtschaftlich  hat  nur  die  Frage  einen  Sinn,  ob  sie  eine
wirtschaftliche  Handlung  sei,  ob  sie  sich  in  wirtschaftliche  Ganzheiten ­
  jeweils  eingliedere.  Noch  ein  anderes  Beispiel:
Wenn  jemand  eine  Fabrik  mit  zehnmal  so  hohen  Kosten,  als
nötig  ist,  baut,  so  hat  er  nur  zu  x / 10  gewirtschaftet,  die  anderen
9 /io  stnd  für  die  Wirtschaft  gar  nicht  da.  Nicht  die  individuelle
        <pb n="27" />
        12

Handlung  für  sich,  ebensowenig  ihr  Bezug  in  einem  psychologischen ­
  oder  anderen  Zusammenhang,  ist  irgend  maßgebend,
ob  und  in  welchem  Sinne  eine  Handlung  wirtschaftliche
Art  erlange,  sondern  einzig  und  allein  die  Eingliederung
in  die  wirtschaftliche  Ganzheit!  Was  jeder  Handlung  jeweils ­
  vorgegeben  ist,  ist  der  überindividuelle  Gliederbau
der  Volks-  und  Weltwirtschaft,  was  ein  subjektives  Handeln
zum  wirtschaftlichen  macht,  ist  die  Eingliederung  in  diesen
Bau,  ist  die  Erlangung  der  Gliedhaftigkeit  innerhalb  desselben. ­

Damit  sind  wir  aber  zu  dem  wichtigsten  Ergebnis  gelangt: ­
  daß  es  die  Frage  des  individuellen  Ursprunges  der
wirtschaftlichen  Handlungen  im  rein  wirtschaftlichen  Denkbereiche ­
  gar  nicht  gibt.  Von  wem  die  Handlungen  persönlich
herrühren,  ist  keine  wirtschaftliche  Frage,  sondern  eine  geistige,
gesellschaftliche,  psychologische,  technische.  Ob  z.  B.  die  Handlungen ­
  von  Personen  oder  von  Automaten  herkommen,  ist
(außerhalb  der  wirtschaftlichen  Eigenschaften,  die  dadurch ­
  mitgebracht  werden)  keine  wirtschaftliche  Frage,  ist  im
rein  wirtschaftlichen  (allerdings  nicht  im  sittlichen,  religiösen,
geistig-gesellschaftlichen)  Denkbereiche  unstellbar;  wie  denn  auch
in  Wirklichkeit  die  Maschinenarbeit  und  die  persönliche  Arbeit
beide  nur  nach  wirtschaftlichen  Eigenschaften  Wirtschaftsbestandteile ­
  sind  —  niemals  nach  psychologischen  oder  anderen  Eigenschaften, ­
  die  vorwirtschaftlicher,  nachwirtschaftlicher,  überwirtschaftlicher ­
  oder  irgendwelcher  anderer  Art  sind.  Nur  die
Eigenschaft,  einem  wirtschaftlichen  Ganzen  eingegliedert  zu
sein  (genauer  ausgedrückt:  als  Mittel  für  Ziele  einen  bestimmten ­
  Rang  in  der  Ganzheit  von  Mitteln  einzunehmen),
macht  eine  Handlung  zum  Glied,  und  nur  diese  ihre  Gliedhaftigkeit ­
  ist  auch  ihre  wirtschaftliche  Beschaffenheit.  Der
individuelle  Ursprung  kann  wirtschaftlich  gar  nicht  zu  Ende  gedacht ­
  werden,  weil  die  wirtschaftliche  Denkweise  nur  im  sinn-
        <pb n="28" />
        13

vollen,  im  rangmäßigen  Zusammenhange  der  Glieder,  in  ihrer
Teilnahme  am  Ganzen  ihren  Gegenstand  hat.
So  viel  über  das  Merkmal  des  „individuellen  Ursprunges".
Wie  steht  es  nun  weiterhin  mit  dem  Merkmal  des  Verkehrs? ­
  („Verkehr"  im  obigen  individualistischen  Sinne  des
„Zusammentreffens"  mehrerer  Handlungen  —  ein  Unbegriff,
wie  wir  sahen!)  Welcher  ist  nach  dem  Bisherigen  der  wahre
Begriff  von  „Verkehr"?  Im  organischen  Sinne  ist  nunmehr
Verkehr  —  nachdem  das  Individuum  als  Ursprung  und  Bedingung ­
  nicht  in  das  Blickfeld  der  Betrachtung  fällt  —  nicht
mehr  das  bloße  Summenphänomen,  das  bloße  Zusammentreffen ­
  mehrerer  Handlungen,  dessen  Eigenschaften  sich  davon
herschrieben,  wie  die  einzelnen  Handlungen,  welche  eben  gerade
zusammentreffen,  beschaffen  sind;  vielmehr  ist  „Verkehr"  aus
der  Ganzheit  abzuleiten.  Die  Verkehrserscheinung  im  universalistischen ­
  Sinne  ist  eine  Erscheinungsform  der  Ganzheit;
diese  ist  es  nunmehr,  welche  die  einzelnen,  angeblich  nur  „zusammentreffenden" ­
  Handlungen  als  Glieder  in  sich  aufnimmt.
Verkehr  ist  die  nicht  organisierte  Form  der  Eingliederung
einzelner  Handlungen  in  jeweils  schon  vorher  gegebene,  aber
in  ihrer  letzten  Konkretion  noch  nicht  ausgegliederte  Ganzheiten,
damit  allerdings  zugleich  eine  Umgliederung  dieser
Ganzheiten;  oder,  auf  die  kürzeste  Formel  gebracht:  Verkehr ­
  ist  die  freie  Form  des  sich-Eingliederns
  in  vorgegebene  aber  ihrer  letzten
Verwirklichung  nach  nur  virtuell  bestehende ­
  Ganzheiten.  Wie  z.  B.  die  Gattungsbegriffe
die  einzelnen  Erscheinungen  in  sich  befassen,  so  der  Verkehr
(die  Ganzheitsform  „Verkehr")  die  einzelnen  Handlungen,
welche  ihrer  Natur  nach  schon  vorher  alle  „verkehrshaft"  finfc 1 ).
Sehen  wir  doch  daraufhin  die  Wirklichkeit  einmal  genau  an.
*)  Dgl.  dazu  unten  die  Darlegungen  über  den  Tauschbegriff  in  der
zweiten  und  dritten  Abhandlung.
        <pb n="29" />
        14

Getreide  kommt  auf  den  Markt  und  wird  dort  von  Müllern
und  Bäckern  gekauft.  Was  geht  hier  vor  sich?  Nicht  ein  „Zusammentreffen" ­
  von  Müllern,  Bäckern  und  Landwirten,  die
frei  nach  ihrem  Eigennutz  handeln,  bezeichnet  das  Wesen  des
Vorganges.  Das  Wesentliche  liegt  vielmehr  darin,  daß  innerhalb ­
  der  in  Landwirtschaft,  Müllerei  und  Bäckerei  ausgegliederten ­
  Volkswirtschaft  die  Erzeugnisse  der  Unterganzheit
„Landwirtschaft"  in  die  nächsthöhere  Unterganzheit  „Müllerei"
(usf.)  mittelst  Kaufes  und  Verkaufes,  des  „Verkehrs",  eingegliedert ­
  wurden.  —  Noch  ein  anderes,  scheinbar  schwierigstes ­
  Beispiel  lehrt  uns  dasselbe.
Ein  Börsentag  kommt  nicht  zustande  dadurch,  daß  jeder
kauft  und  verkauft,  wie  er  gerade  will  —  denn  sonst
könnte  ja  auch  das  Spiel  sinnloser  Willkür,  sonst  könnte  auch
eine  wahre  Narrenburg  „Börse"  heißen,  vielmehr:  Jeder
kauft  und  verkauft  natürlich  nach  bestimmten  Gründen  und
Erwägungen.  Aber  nach  welchen  Erwägungen?  Darnach
nämlich,  wie  er  seine  Handlungen  in  die
Vielheit  wirtschaftlicher  Ganzheiten  einfüg ­
  e!,'  in  die  Ganzheit  z.  B.,  die  darin  besteht,  daß  die  Ware  A
gebraucht  wird  (Absatz  finden  wird),  daher  zum  Weiterverkauf
gekauft  werden  kann,  daher  der  Börseaner  seine  Handlung  in
die  Ganzheit  von  Erzeugung,  Handel  und  Verbrauch  der
Ware  A  eingliedern  kann,  während  die  Ware  B  nicht  gebraucht
und  verlangt  wird,  daher  in  diese  (absterbende)  Ganzheit
ihres  Verbrauches  und  ihrer  Erzeugung  keine  Eingliederung
stattfindet.  Gleicherweise  hat  jede  wirtschaftliche  Handlung,
sei  es  im  Arbitrage-,  Kost-  oder  einem  noch  so  künstlichen  Geschäfte ­
  ihre  wirtschaftliche  Bestimmtheit  nur  dadurch,  daß  sie
sich  in  die  betreffende  Ganzheit  aller  Kaufkräfte,  Erzeugungskräfte, ­
  Vorräte,  die  sich  um  die  betreffenden  Waren  herum
gruppieren,  eingliedert.  Die  Tätigkeit  gerade  des
scheinbar  willkürlichsten  und  freiesten
        <pb n="30" />
        15

Wirtschafters,  des  Spekulanten,  besteht
grundsätzlich  darin,  die  Erfordernisse  der
bestehenden  oder  der  kommenden  wirtschaftlichen ­
  Ganzheiten  zu  erforschen  und  danach
zu  handeln.  Je  umfassender  er  das  Ganze  überschaut,
desto  besser  „spekuliert"  er,  je  kurzsichtiger,  desto  schlechter.
So  ist  der  individuelle  Ursprung  der  wirtschaftlichen  Elemente ­
  ebenso  verschwunden  wie  der  angeblich  erst  aus  ihrem
Zusammentreffen  entstehende  „freie"  Verkehr,  und  es  bestätigt ­
  sich,  was  wir  schon  früher  sahen,  und  nun  nochmals  kur;
zusammenfassen  wollen:
1.  Jede  Handlung  erlangt  nur  insofern  wirtschaftliche  Wirklichkeit, ­
  als  sie  Glied  einer  wirtschaftlichen  Ganzheit  wird;
sofern  sie  aber  nicht  Glied  einer  solchen  werden  kann,  hat  sie
überhaupt  kein  wirtschaftliches  Dasein.  Und  die  Handlung
des  Einzelnen  kann  nur  dadurch  zur  wirtschaftlichen  Gliedhaftigkeit
  gelangen,  daß  sie  ihre  Prämissen  aus  dem  jeweils
schon  gegebenen  Gliederbau  der  Wirtschaft  hernimmt!  (Siehe
oben  S.  11  ff.)
2.  Der  Verkehr  ist  nicht  die  Folge  zusammentreffenden
Handelns  der  Einzelnen,  sondern  die  Form,  in  der  wirtschaftliche ­
  Ganzheiten  auf  nicht  im  voraus  genau  organisiertem
Wege  ihre  Wirklichkeit  annehmen  können.  Der  Inhalt  des
Handelns  kommt  aus  dem  Ganzen;  er  vermittelt  sich  allerdings ­
  nur  im  Einzelnen.
3.  Aber  auch  die  Tatsache,  daß  der  Einzelne  handelt,  gehört ­
  nicht  ihm  selber  autark  zu,  sondern  ist  nur  möglich  durch
den  Gebrauch  gemeinsamer  Wirtschaftsmittel  („Kapital  höherer
Ordnung",  siehe  oben  S.  8f.),  die  gleichsam  geburtshelferisch
dabei  mitwirken.
4.  Eine  „Verkehrswirtschaft"  in  dem  Sinne,  wie  sie  seit
den  Klassikern  gedacht  wird,  wonach  individuell  entsprungene
Wirtschaftshandlungen  zusammenträfen,  wonach  mithin  auf
        <pb n="31" />
        16

individualistische  und  a  t  o  m  i  st  i  s  ch  e  Weise  (durch
individuelle,  atomhafte  Beiträge)  die  Gesamtwirtschaft  der
Menschen  entstände  —  gibt  es  gar  nicht  und  kann  es  der  Natur
der  Dinge  nach  niemals  geben.  In  diesem  individualistischatomistischen
  Sinne  ist  der  Begriff  der  Verkehrswirtschaft  gar
nicht  zu  Ende  zu  denken  und  eine  reine  Utopie.  Dieser  individualistische ­
  Begriff  der  Verkehrswirtschaft  kann  methodologisch
lediglich  die  Bedeutung  einer  bedingten  Unterstellung,  eines
Gedankenversuches  haben,  niemals  aber  beanspruchen,  auch
nur  einen  Zoll  von  wirtschaftlicher  Wirklichkeit  in  sich  zu  befassen.

Noch  entsteht  aber  die  Frage,  wieso  der  Einzelne  an  den
wirtschaftlichen  Ganzheiten  teilnehmen  kann.
Darauf  ist  die  bündige  Antwort:  Nur  dadurch,  daß  er  kein
Vereinzelter  ist,  daß  er  seine  Einzelheit,  seine  Subjektivität
verliert  und  zum  Gliede  einer  höheren  Ganzheit,  einer  gemeinsamen ­
  geistigen  Welt  wird!  Denn  wodurch  können  denn
„Einzelne"  überhaupt  miteinander  „verkehren",  „wirtschaften"?
—  nur  insofern  sie  alle  an  der  Ganzheit  der  Wirtschaft  (Volkswirtschaft) ­
  schon  von  Natur  und  Anlage  aus  teilnehmen.
Die  Durchführung  dieser  Teilnahme  geschieht ­
  aber  durch  zweierlei:  Durch  Gemeinsamkeit ­
  der  Wirtschaftsziele,  d.  h.  des  Geistigen  der  Gesellschaft,
des  Lebens  überhaupt;  und  durch  die  daraus  schließlich  folgende ­
  Gemeinsamkeit  der  Wirtschaftsmittel.  Diese  Gemeinsamkeit ­
  muß  keine  vollkommene,  auf  alle  Einzelheiten  durchgängig ­
  sich  erstreckende  sein,  das  wäre  gar  nicht  möglich,
da  es  ganz  gleiche  Menschen  nicht  gibt;  aber  sie  muß  stets
wenigstens  in  den  Grundzügen  vorhanden  sein.  In  diesen
Grundzügen  aber  bedeutet  sie:  daß  die  Gliedhaftigkeit  des
Einzelnen  im  geistig-sittlichen  Lebensganzen  der  Kultur  schon
bestehen  muß,  ehe  er  in  die  Wirtschaft  aktiv  eintritt!
        <pb n="32" />
        17

Folgendes  Beispiel  wird  dies  klar  machen.  Zwei  Menschen
kamen  von  verschiedenen  Monden  auf  unsere  Erde  herunter.
Ausnahmslos  alles,  was  jeder  der  beiden  braucbt,  seine
Nahrungsmittel,  Kleidung,  Wohnung  usw.,  wäre  für  den
anderen  Gift  (etwa  mit  tödlichen  Stoffen  imprägniert).  Diese
beiden  Menschen  könnten  in  keinerlei  Wirtschaftsbeziehungen
miteinander  treten,  denn  selbst  die  Grund-  und  Rohstoffe,
die  sie  etwa  austauschen  könnten,  hätten  schon  die  Eigenschaft
gegenseitiger  absoluter  Unbrauchbarkeit.  Hier  fehlt  die  Gemeinsamkeit ­
  der  Ziele,  der  „Bedürfnisse",  des  Geistigen  und
Sinnlich-Seelischen,  dem  die  Wirtschaft  dient,  vollkommen,
daher  auch  die  daraus  folgende  Gemeinsamkeit  der  Mittel  für
jene  Ziele.  Gleichartigkeit  der  Ziele  und  der  Mittel  heißt  aber:
1  Einer  gleichen  geistig-sinnlichen  Welt,  einer  gleichen  geistigen
Ganzheit  angehören,  heißt,  eine  geistige  Gemeinschaft  bilden!
Eine  geistige  Gemeinschaft  bildend  aber  sind,  wie  die  Gesellscbaftslehre
  lehrt,  die  Einzelnen  nicht  mehr  Einzelne  —  sondern
schon  Glieder  einer  Ganzheit;  und  nur  indem  sie  Glieder
in  der  Ganzheit  der  Ziele  sind,  können  sie  auch  Glieder  der  wirtschaftlichen ­
  Ganzheit  werden,  die  nichts  anderes  ist  als  eine  Ganzheit ­
  der  Mittel  für  jene  (geistigen)  Ziele.  Die  Gemeinsamkeit
und  Ganzheit  der  Mittel  eben  ist  es,  die  einen  objektiven
G  l  i  e  d  e  r  b  a  u  der  Wirtscbaft  ergibt.  —  Der  Begriff  des  in  sich
gegründeten  Individuums  fällt  daher  auch  in  dem  Maße  fort,  als
Gemeinsamkeit  der  Ziele  und  Gemeinsamkeit  der  Mittel  vorbanden ­
  ist  —  allerwenigstens  (um  dies  zu  wiederholen)  in  den
Grundzügen,  so  daß  doch  die  meisten  Grund-  und  Rohstoffe
und  auch  Fertigerzeugnisse  gleichermaßen  gebraucht  werden
können.  Denn  erst  dadurch  ist  Gegenseitigkeit  und  das  heißt
ja  schon  —  Ganzheit  möglich!
Ich  habe  dies  in  meinem  „Fundament"  näher  dargelegt
und  den  Satz  begründet:  „Alle  Verkehrswirtschaft  ist  zielverbundcne
  Wirtschaft,  ist  nur  nach  Maßgabe  der  Zielgleichheit  der
O.  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Aufl.  2
        <pb n="33" />
        Wirtschaft  möglich"  (1.  Ausl.,  S.  157,  jetzt  3.  Aufl.,  S.  165).
Die  zielverbundene,  auf  geistiger  Gleichartigkeit  beruhende  Wirtschaft ­
  ist  völkische  Wirtschaft.  Volkstum  und  individualistische ­
  Verkehrs  wirtschaft,  völkische
Wirtschaft  und  freihändlerische,  volkstumlos
gedachte  Weltwirtschaft  sind  daher  Gegensätze.
Wir  sahen  früher,  indem  wir  unsere  Frage  rein  kritisch  behandelten, ­
  daß  Menschen,  die  für  sich  gedacht  werden,  überhaupt
nie  an  einer  Ganzheit  teilnehmen  können  und  nur  wirtschaftliche ­
  Robinsone  sind,  daher  von  ihnen  aus  nie  Verkehrswirtschaft ­
  entstehen  kann;  so  begriffen  wir  den  vollkommen  utopischen ­
  Charakter  der  Verkehrswirtschaft  von  der  negativen
Seite  her.  Nunmehr  aber,  da  wir  das  Wesen  der  Ganzheit
selbst  entwickelten,  wird  unsere  Denkaufgabe  auch  von  der  positiven ­
  Seite  her  klar.  Nur  dadurch,  daß  der  Einzelne  nicht  ein
Individuum  für  sich  ist,  nur  dadurch,  daß  er  die  Subjektivität
überwindet  und  an  geistigen  wie  handelnden  Ganzheiten  teilnimmt, ­
  ist  die  nicht-robinsonadische  Wirtschaft  möglich.  I  n
dieser  Teilnahme  aber  bleibt  der  Einzelne ­
  nicht  ein  Einzelner,  sondern  wird
er  zum  Gliede,  hebt  er  sich  selbst  als  Eigenes, ­
  Einzelnes  auf  und  läßt  die  Ganzheit
hervortreten,  indem  er  die  Einzelhaftigkeit
  vernichtet.
Die  individualistische  Verkehrswirtschaft  zeigt  sich  nun  als
wahrer  Unbegriff;  sie  macht  eine  Voraussetzung  (den  Einzelnen), ­
  der  sie  durch  das  stillschweigende  Denken  des  Verkehrs ­
  als  heimlicher  Ganzheit  selbst  widerspricht.  Macht  man
mit  jener  Voraussetzung  ernst,  so  kommt  es  zu  gar  keinem  Verkehr; ­
  macht  man  mit  dieser  heimlichen  Annahme  ernst,  so  ist
die  Voraussetzung  fallen  gelassen  und  die  Wirtschaft  in  Wahrheit ­
  als  Ganzheit  mit  ihren  Gliederungen,  sohin  als  das
Gegenteil  individualistischen  Verkehrs,  begriffen.
        <pb n="34" />
        19

2.  Die  durchgängige  Planwirtschaft  oder  kommunistische
Wirtschaft.
Unsere  bisherigen  Betrachtungen  zeigten  „Wirtschaft"  nur
als  überindividuellen  Gliederbau,  nur  als  Ganzheit  wirklich.
„Ganzheit"  —  so  sahen  wir,  und  wir  müssen  es  uns  immer
wieder  vollkommen  klar  machen  —  heißt  aber  nicht,  daß
einzelne  Stücke  sich  zusammenstellen,  und  nun  durch  solche
Zusammenstellung  oder  Aneinanderreibung  auf  atomistische
Weise  das  Ganze  bilden.  Nein!  „Ganzheit"  ist  ein  Geistiges
und  schon  darum  keine  Versammlung  des  Zerstreuten;  Ganzheit ­
  ist  ein  Ausgegliedertes;  und  Ganzheit  ist  darum
ferner  logisch  früher  da  als  die  einzelnen  Bestandteile,  sie  ist
die  Idee,  die  Seele,  die  Lebenskraft,  das  Erste:  Durch  Eingliederung ­
  in  sie,  durch  Teilnahme  an  ihr,  gleichsam  als
Beseeltwerden,  Geschaffenwerden  des  „Stückes"  durch  sie
(oder  wie  man  es  auch  sonst  ausdrücken  möge)  kann  etwas
Glied  davon  werden.
Die  Frage,  wie  etwas  Glied  des  Ganzen  werden  kann,
ist  die  Schicksalsfrage  der  kommunistischen  Wirtschaft.  Das
anschaulichste  Beispiel  dafür  bildet  der  Organismus.  Ein  verletztes ­
  Organ  kann  man  nicht  dadurch  ergänzen,  daß  man  etwa
Stücke  von  Fleisch  hineinstopft.  Sondern  das  Fremde  muß
erst  zu  Nahrung  werden,  die  Nahrung  muß  erst  durch'  manche
Mittelstufen  hindurch  zu  Blut  werden,  das  Blut  muß  erst  in
das  Organ  sich  verwandeln,  es  in  diesem  übertragenen  Sinne
„aufbauen",  muß  es  in  Wahrheit  neu  schäften,  neu  ausgliedern
—  so  nur  kann  das,  was  vorher  außerhalb  des  Organismus
war,  nun  ein  Gliedhaftes,  ein  wahrer  Teil  der  Ganzheit  werden.
Den  Fehler,  die  individualistisch  -  verkehrswirtschaftliche
(mechanische,  atomistische)  Vorstellungsweise,  welche  das  Ganze
nicht  von  der  Ganzheit  her  ausgegliedert  sein,  sondern  von
den  Stücken  aus  zusammengesetzt  werden  läßt,  auch  auf
2*
        <pb n="35" />
        20

eine  planmäßig  gebaute  Volkswirtschaft  auszudehnen,  macht
nun  die  allgemeine  kommunistische  Lehre,  wie  jede  sonstige
besondere,  hierher  gehörige  Art  von  „Planwirtschaft"  (sei  sie
nun  nach  Lenin,  nach  Ballod,  Popper-Lynkeus  oder  anderen
tollkühnen  Planern  gedacht).  Die  kommunistische  Lehre  will
aber  eine  Ganzheit  nicht  nur  schlechthin  zusannnen-setzen,
sondern  das  noch  dazu  aus  gleichen  Stücken,  aus  gleichen
Atomen!  Wenn  der  Kommunismus  auch  weder  in  der  Verteilung, ­
  noch  in  der  Hervorbringung  mathematisch  genaue  Gleichheit ­
  anstrebt  und  gewisse  Unterschiede  (wie  Prämienlöhne  usw.)
leicht  walten  lassen  kann,  in  den  Grundzügen  muß  doch
Gleichheit  herrschen,  sonst  hat  die  ganze  Planwirtschaft  keinen
Sinn.  Denn  wenn  Abstufungen  und  damit  Abhängigkeiten
großen  Stils  wieder  eingeführt  würden,  könnte  man  ebensogut ­
  bei  einer  beliebigen  anderen  alten  Wirtschaftsweise  bleiben.
Ist  in  der  Verteilung  grundsätzlich  Gleichheit  nötig,  so  auch
in  der  Hervorbringung  der  Güter,  d.  h.  in  den  Beiträgen
zur  gesamten  Hervorbringung.  Gleicher  Lohn  heißt  ja:  die
Annahme,  daß  jeder  ungefähr  das  Gleiche  zur  Gesamterzeugung
beigetragen  habe.  Daher  muß  notwendig  alles  ausgeglichen,
„planiert"  werden,  wie  es  denn  auch  in  dem  sog.  Konzentrations„gesetz"
  von  Karl  Marx  am  reinsten  zum  Ausdruck  kommt.
Nach  diesem  werden  überall  die  Tausende  ganz  verschiedener
Kleinbetriebe  zu  wenigen  Riesenbetrieben  mit  innerlich  gleichem
Gefüge  zusammengezogen;  eine  einzige  ungeheure  Arbeiterarmee, ­
  in  der  wieder  jeder  Einzelne  gleichsam  als  wirtschaftlicher ­
  Soldat  ungefähr  das  Gleiche  zählt,  soll  im  Großgewerbe
und  in  der  Landwirtschaft  gebildet  werden,  um  die  Gesamterzeugung ­
  auf  einartige,  technisch  und  wirtschaftlich  gleiche
Weise  zu  erledigen.
Mit  dieser  riesenhaften  „Konzentration"  wäre  folgender
Zustand  erreicht:  Es  wird  ein  einziger  Zentralpunkt  der  Volkswirtschaft ­
  geschaffen,  die  Oberleitung;  die  Gesamtheit  aller
        <pb n="36" />
        21

Arbeitsmittel  wird  in  einem  Kranz  von  gleichen  oder  annähernd
gleichen  Riesenbetrieben  allergrößten  Stils  zusammengefaßt
und  die  gesamte  nationale  Arbeitskraft  vereinigt  sich  in  einer
einzigen  Masse  von  diensttuenden  und  annähernd  gleichviel
geltenden  Fabrikmenschen.  (Übrigens  eine  groteske  Phantasie
schrankenloser  Diktatur,  wie  wir  sie  ja  auch  in  Rußland  unter
Lenin  und  Trotzki  beobachten  konnten!)  Diese  Fabriksarmee
mag  in  sich  nacb  Ingenieuren,  Werkführern,  Betriebsleitern
und  dgl.  gegliedert  sein  —  solche  Gliederung  ist  ganz  nebensächlich ­
  und  unwesentlich,  die  ungeheuere  Masse  der  Arbeitskräfte ­
  ist  doch  einartig;  und  ebenso  ist  wieder  die  ungeheuere
Masse  der  Maschinen  und  sonstigen  Erzeugungsmittel  in  jedem
Betriebszweige  einartig,  weil  jeder  vollkommen  „konzentriert"
ist,  denn  die  frühere  Vielartigkeit  der  Betriebsformen  und
Betriebsgrößen  von  Riesen-,  Groß-,  Mittel-,  Klein-  und  Alleinbetrieb,
  von  Fabrik  und  Verlag,  von  privater,  gesellschaftlicher,
genossenschaftlicher,  zünftiger,  gemeindlicher  und  staatlicher
Unternehmung,  sowie  die  durch  sie  alle  bedingte  Vielartigkeit
der  Techniken,  der  Kostenelemente  und  Kostenberechnungen,  der
Rohstoffarten  (Sorten),  Warenarten,  Erzeugnisse  und  was  sonst
damit  zusammenhängt  —  all  dies  ist  notgedrungen  ausgeschaltet,
muß  auch  schon  deshalb  ausgeschaltet  werden,  weil  sonst  die
Aufstellung  eines  Gesamtplanes  der  volkswirtschaftlichen  Erzeugung ­
  wegen  gänzlicher  Unübersichtlichkeit  ja  offenkundig
unmöglich  wäre.
Notwendig  wird  somit  mittels  der  durchgängigen  Planmäßigkeit ­
  die  Volkswirtschaft  zuerst  atomisiert
  und  dann  zentralisiert  —  s  o  wird
sie  aber  auch  ihrer  Natur  als  echter  Ganzheit ­
  entkleidet,  abgetötet  und  vollständig
utopisch.  Es  ist,  wie  wenn  einem  Menschen  zuerst  sämtliche
Knochen  gebrochen  und  zu  Gries  zerrieben  würden,  um  aus
diesem  Knochensand  ein  neues  Knochengerüst  zusammenzu-
        <pb n="37" />
        22

pressen.  Das  ist  nicht  nur  technisch,  sondern  dem  Wesen  nach,
ist  innerlich  unmöglich.  Eine  Ganzheit  ist  1.  niemals  aus
gleichen  Stücken  (Atomen)  zusammengesetzt  und  2.  überhaupt ­
  niemals  aus  Stücken  zu  sa  mm  en-gesetzt.  Nicht  aus
gleichen  Stücken,  denn  das  Organische  ist  nicht  homogen  und
das  Homogene  ist  nicht  organisch;  alles  Ganzheitliche  muß  sich
immer  differenzieren,  d.  h.  es  muß  in  verschiedene,  in  ungleiche
Teil-Ganze  auseinandergehen;—nicht  aus  Stücken  „zusammengesetzt, ­
  da  nicht  die  Stücke  zuerst  da  sind,  sondern  die  Ganzheit, ­
  die  nach  ihren  Erfordernissen  sich  in  Besonderungen,  den
scheinbar  selbständigen  „Stücken",  individualisiert,  sich  in  sie  ausgliedert! ­
  Das  Organische  besteht  aus  Gliedern,  die  notgedrungen ­
  Verschiedenes  sind,  nicht  aus  einem  Brei  gleicher  Bestandstücke; ­
  nicht  zusammen-gesetzt,  sondern  vielmehr  auseinander-gegliedert
  ist  die  echte  Ganzheit.
So  nimmt  sich  die  kommunistische  Wirtschaft  ihrem  wahren
Gesicht  nach  aus.  Sie  ist  kein  echter  Universalismus,  keine
echte  Ganzheitslehre,  sondern  ein  wunderlicher  Umweg  des
Atomismus,  des  Individualismus  über  einen  Schein-Universalismus ­
  zu  sich  selbst  zurück!

Versuchen  wir  nun  umgekehrt,  zu  begreifen,  warum  vom
Standpunkt  der  Wirtschaft  als  echter  Ganzheit,  von  dem  Standpunkte ­
  aus,  den  wir  „universalistisch",  im  Gegensatz  zu  „individualistisch" ­
  nennen,  durchgängige  Planwirtschaft  nicht  möglich ­
  ist?
Wenn  man  daran  festhält,  daß  Wirtschaft  eine  Ganzheit,
nicht  Einzelnes  noch  Stückwerk  ist,  so  könnte  man  von  einem
gewissen  Standpunkte  aus  versucht  sein,  gerade  so  zu  folgern,
wie  es  dem  Gedanken  der  Planwirtschaft  entspricht:  Gibt  es
nur  Ganzheiten,  dagegen  für  sich  bestehende  Stücke  überhaupt ­
  nicht,  so  ist  jene  dem  Wesen  der  Wirtschaft  angemessenste
        <pb n="38" />
        23

und  somit  lebensvollste  Form  die,  das  wirtschaftliche  Ganze  von
Anbeginn  festzulegen  und  jedem  einzelnen  Mitgliede  der  Wirtschaftsgesellschaft ­
  seine  Teilnahme  an  demselben  genau  vorzuschreiben ­
  (statt  sie,  wie  in  der  „verkehrswirtschaftlichen"  Organisationsform, ­
  der  freiwilligen  Eingliederung  des  Einzelnen
zu  überlassen).  In  dieser  Planwirtschaft  gäbe  es  dann  grundsätzlich ­
  keine  einzige  wirtschaftliche  Handlung,  keine  Arbeitsstunde, ­
  keinen  Rohstoff,  keine  Maschine  noch  anderes  Erzeugungsmittel, ­
  dessen  Verwendung  nicht  genau  vorgesehen  und  vorgeschrieben ­
  wäre.  —  Sehen  wir  von  dem  Einwand,  den  wir
eben  erörterten,  ab,  daß  nämlich  durch  diese  planmäßige  Erfassung ­
  jedes  einzelnen  Wirtschaftsbestandteiles  notwendig
Konzentration  und  damit  vollkommene  Atomisierung  und  Abtötung ­
  dieser  Bestandteile  herbeigeführt  werden  müßte;  sondern ­
  halten  wir  die  Unterstellung,  daß  es  sich  um  echte  (gegliederte, ­
  abgestufte)  Ganzheit  dabei  handeln  könnte,  einmal
auftecht,  so  bemerken  wir  doch,  daß  diese  Planwirtschaft  gänzlich ­
  undurchführbar  ist.
Der  Grund  liegt  hier  in  der  inneren  Lebendigkeit  der
Ganzheit  selbst  und  in  der  inneren  Vielfältigkeit  des  Geistigen,
auf  dem  sie  ruht.  Jene  starr  vereinheitlichte  Ganzheit  „Planwirtschaft" ­
  setzt  vollkommene  Gemeinsamkeit  aller  Ziele,
alles  Geistigen  und  Sinnlichen,  dem  die  Wirtschaft  dient,
und  dadurch  die  darauf  folgende  vollkommene  Gemeinsamkeit ­
  der  Mittel  voraus.  Überall  dort,  wo  jene  geistige  Zielgemeinsamkeit ­
  erreicht  wird,  zeigt  uns  die  Geschichte  in  der
Tat  gewisse  kommunistische  Wirtschaftskörper:  In  den  Urchristengemeinden
  (wenn  auch  nur  annähernd),  in  strengen,
auf  vollkommen  einheitlicher  Lebensführung  beruhenden  Orden,
Brüderschaften,  und  ähnlichen  ganz  engen  Kreisen,  die  überdies ­
  alle  auf  asketischem  Grundsätze  ruhen,  alle  die  Wirtschaft
auf  eine  Nebensache  herabsetzen!  Die  kommunistische
Wirtschaft  ist  also  als  Grenzfall  derWirt-
        <pb n="39" />
        24

schüft  dort  möglich,  wo  im  engen  Kreise
innigste  geistige  Geineinschaft  und  Zielgleichheit
  herrscht;  sie  ist  für  w  eitere
Kreise,  wo  diese  Voraussetzungen  nicht
vorhanden  sind,  eine  Utopie.  Dies  scheint  schon
Pythagoras  gewußt  zu  haben,  indem  er  den  Satz  aufstellte:
xoivä  rd  tcöv  (pilcov,  „Unter  Freunden  ist  alles  gemein"  —
nur  unter  Freunden,  unter  wahren,  vollkommenen  Freunden')!
An  dieser  Tatsache,  daß  die  kommunistische  Wirtschaft  als
„Grenzfall"  noch  möglich  ist,  zeigt  sich  auf  das  deutlichste  Wahrheit ­
  und  Irrtum  ihres  Begriffes.  Es  zeigt  sich:
1.  daß  sie  mehr  Wahrheitsgehalt  in  sich  schließt  als  der
individualistische  Begriff  der  reinen  Verkehrswirtschaft;  denn
diese  ist  nicht  einmal  als  Grenzfall  möglich,  sondern  so  wenig
zu  Ende  zu  denken,  wie  auszuführen.
2.  daß  sie  aber  der  geschichtlichen  Wirklichkeit  nach  dennoch
eine  Utopie  ist.  Sie  will  eine  Ganzheit  sein;  aber  Ganzheit
muß  organische  Verschiedenheit  haben,  kann  daher  nicht  jene
Gleichheit  und  Atomisierung  in  sich  schließen,  'welche  ihre  kommunistische ­
  Konstruktion  voraussetzen  muß  (denn  man  kann
solche  Ganzheit  nur  konstruieren,  die  nötige  planmäßige
Übersicht  im  voraus  daher  nur  dann  gewinnen,  wenn  man
die  Atomisierung  vornimmt).  Macht  aber  die  kommunistische
Wirtschaft  mit  der  Verschiedenheit  der  Teile  ernst,  so  ist  ihr  die
Ganzheit  unerreichbar.  Nur  in  dem  Grenzfalle  der  zielgleichen,
asketischen  Wirtschaft,  im  engsten  Kreise  der  „Freunde",  ergibt
jene  annähernde  Atomisierung  wie  diese  minimale  Differenzierung ­
  eine  lebensfähige,  annähernd  kommunistische  Wirtschaft; ­
  selbst  diese  besteht  trotz  unerhörter  Gesinnungsgleichheit
nur  durch  einförmigsten  Zwang,  durch  lebenslange  Selbstbeherrschung ­
  (Gelübde,  Ordensregel!).
*)  Näheres  darüber  in  meinem  „Wahren  Staat",  2.  Aufl.,  Leipzig
1923,  S.  58  ff.,  201  ff.,  insbesondere  238  ff.
        <pb n="40" />
        25

Von  beiden  Richtungen  aus  gesehen,  verfehlt  die  kommunistische ­
  Fügung  der  Wirtschaft  mit  unausweichlicher  Notwendigkeit ­
  ihr  Ziel.

Von  der  gewonnenen  Einsicht  aus  ist  die  oben  (S.  22  f.)
begonnene  Überlegung  leicht  zu  Ende  zu  führen.  Unterstellen
wir  einmal,  es  könne  die  durch  Planwirtschaft  entworfene  Ganzheit ­
  eine  echte  Ganzheit  sein,  so  fehlt  es  daran:  Eine  lebendige
lebensfähige  Ganzheit  zu  entwerfen,  die  unendliche  Gliederung
jedes  wirklichen  Lebens  in  seine  Teilganzen  (Organe)  und  deren
Gliederung  wieder  in  ihre  Unterganzen  und  inneren  Glieder
und  unendlich  differenzierten  Bestandteile  anschaulich  zu  erkennen. ­
  Ja  selbst  wenn  es  gelänge,  eine  solche  unendlich  gegliederte ­
  Ganzheit  wirklich  zu  entwerfen,  was  aber  die  menschliche ­
  Anschauungskraft  übersteigt,  so  wäre  diese  absolut  unfähig,
die  unaufhörlichen,  reichen  Änderungen,  Schwankungen,  Entwicklungen ­
  des  Lebens  mitzuveranschlagen.  Hierfür  ein  Beispiel: ­
  Wenn  es  z.  B.  gelänge,  die  Mehlerzeugung,  die  sich  in
Dampfmühlen  für  den  Weltmarkt  und  den  inneren  Großmarkt, ­
  in  mittlere  und  kleine  Mühlen  für  die  mittleren  und
kleinen  Jnnenmärkte  wie  den  eigenen  Bedarf  der  Bauern,  teilt,
so  zu  gliedern,  daß  wirtschaftlich  lebensfähige  Kostenberechnungen ­
  und  Gebilde  herauskämen,  so  bleibt  doch  noch  die  Aufgabe ­
  gänzlich  unlösbar:  wie  bei  dem  verschiedenen  Ausfall  der
Ernten  (und  das  wieder  in  den  verschiedenen  Tälern  und
Gauen  des  eigenen  Landes  und  in  den  Weltmarktländern)
nun  Arbeit,  Maschinen  und  Kostenelemente  je  nach  den  geänderten ­
  Bedingungen  verwendet  werden  sollten.  Was  soll
aber  erst  geschehen,  wenn  die  Rangstellungen  der  Güter  sich
infolge  veränderter  Einschätzung  der  Diele  (z.  B.  der  Alkoholgenuß ­
  bei  veränderter  physiologischer  Einschätzung)  ändern?  —
Diese  Beispiele  zeigen  auch  die  grundsätzliche  Unmöglichkeit
        <pb n="41" />
        26

richtiger  Wirtschaftsrechnung  und  Wirtschaftsführung,  richtiger
Bewertung  und  Verwendung  der  Güter  in  der  Planwirtschaft,
welche  sich  Marx  kindlicherweise  als  ganz  mechanische  Arbeitsstundenrechnung ­
  vorstellte.  Eine  richtige  Einschätzung  der  Güter
in  der  kommunistischen  Wirtschaft  ist  also  deshalb  nicht  möglich, ­
  weil  die  Erkenntnis  der  mannigfachen  Nutzungen  und
Leistungen  all'  der  unzählig  vielen  und  vielfältigen  Erzeugungs-
  und  Genußgüter  im  Gesamtgebäude  der  Volkswirtschaft ­
  die  menschliche  Anschauungskraft
übersteigt.
Wie  immer  man  die  kommunistische  Wirtschaft  ansieht,  als
das,  was  sie  ihrer  innersten  Natur  nach  ist:  Nach  individualistisch-atomistischer
  Denkweise  aus  Beiträgen  der  Einzelnen  zusammengesetzt ­
  (wobei  sie  aber  doch  Awang  brauchen  muß);
oder  als  das,  was  sie  zu  sein  vorgeben  möchte,  aber  nicht  ist:
Als  aus  echter  Ganzheit  heraus  aufgebaut  —  stets  zeigt  sie
sich  als  Utopie.  In  dem  einen  Falle,  weil  sie  nur  eine  festgemachte ­
  individualistische  Verkehrswirtschaft  sein  will  und
darum  ebenso  unmöglich  ist  wie  diese  selbst;  im  anderen
Falle,  weil  sie  eine  allzu  einfache,  unendlich  zu  wenig  gegliederte ­
  Ganzheit  darstellt,  die  nicht  lebens-  noch  entwicklungsfähig ­
  wäre.

3.  Die  körperschaftlich  oder  ständisch  gebundene
Wirtschaft.
Mit  der  Betrachtung  dieser  Wirtschaftsform  treten  wir  in
das  Reich  der  Wirklichkeit  ein.  Die  Geschichte  ist  voll  von
körperschaftlich  gebundenen,  oder  ähnlich  organisierten  Ordnungen, ­
  das  will  sagen,  von  im  weitesten  Sinne  des  Wortes
ständischen  Wirtschaftsformen  aller  Art.  Die  Grundgestalt ­
  der  körperschaftlichen  oder  ständischen  Wirtschaft  ist  die
in  Leben  und  Geschichte  bedingungslos  vorherrschende.  Als
        <pb n="42" />
        27

die  klassisch  ausgeprägte  Form  ständischer  Wirtschaftsgestaltung ­
  ist  die  mittelalterliche  Zunft-  und  Stadtwirtschaft  anzusehen; ­
  aber  auch  die  verschiedenen  gutsherrlichen  Wirtschaftsformen ­
  der  ftüheren  und  späteren  Zeiten,  ebenso  die  Kartelle, ­
  kartellähnlichen  Gebilde  aller  Art,  ferner  die  Gewerks
  schäften  und  Genossenschaften  der  modernen  Wirtschaft,  gel
  bören  hierher.
Die  ständisch  gebundene  Wirtschaft  besteht  darin,  daß  gewisse ­
  wirtschaftliche  Gruppen  mehr  oder  weniger  streng  oder
l  lose  organisiert  sind,  wodurch  die  Gliederung  der  Gesamtwirtschaft ­
  eines  Volkes  in  den  wicbtigsten  Wirtschaftszweigen
verhältnismäßig  festgelegt  wird,  z.  B.  die  Zunft  und  Gilde,
die  sog.  Hauswirtschaft;  wobei  aber  ein  bewegliches  Verhältnis
nach  dem  Innern  sowohl  herrscht,  z.  B.  durch  Änderungen
von  Technik,  Einkauf  und  Verkauf  im  inneren  Wirtschaftsplan ­
  des  Zunft-  oder  Gutsbetriebes;  wie  nach  untenhin,
z.  B.  durch  Änderung  der  Preise,  Änderung  der  dem  Verbraucher ­
  abgegebenen  Mengen  und  Beschaffenheiten  der  Güter;
und  endlich  auch  nach  oben,  nach  den  übergeordneten  Ganzheiten ­
  hin.
Die  Grundlage  ständischer  Wirtschaft  ist:  daß  sie  sich  auf
Zielgemeinsamkeit  im  verhältnismäßig  kleinen  Kreise  gründet;
daß  sie  sich  aber  auch  in  diesem  kleinen  Kreis  wieder  abstuft,
denn  sie  setzt  in  ihm  nicht  vollkommene  Zielgleichheit  voraus,
und  bewirkt  daher  keinen  Kommunismus  im  Innern,  sondern,
indem  sie,  der  Wahrheit  gemäß,  eine  nur  beziehungsweise  Zielgleichheit ­
  voraussetzt,  eine  nur  lockere  Genossenschaftlichkeit,
  eine  auf  gewisse  Grundzüge  beschränkte
Gemeinsamkeit  der  Mittel,  also  (wenn  man  schon  dieses  Wort
wählen  will)  einen  auch  im  kleinen  Kreise  beschränkten  und  sehr
bedingten  „Kommunismus".  Daher  kann  man  die  ständische
Wirtschaft  auch  „genossenschaftliche  Wirtschaft"  nennen.  —  Der
Beruf  aller  wirtschaftlichen  Körperschaft,  Genossenschaft,  Ver-
        <pb n="43" />
        28

bandes  oder  Standes  im  weitesten  Sinne  ist:  die  gliedhafte  Zusammenfassung ­
  von  verhältnismäßig  Gleichen;  sowie  die  daraus
folgende  verhältnismäßige  „Gleichheit  unter  Gleichen".  Wesentlich ­
  ist  aber  dabei  (um  dies  abermals  hervorzuheben),  daß  die
körperschaftlichen  Verbände  sowohl  abgestufte,  wie  andererseits
innerhalb  gewisser  beweglicher  Grenzen  doch  festgelegte  Beziehungen ­
  zueiander  haben,  wodurch  diese  Wirtschaftsform  erst
ihren  mehr  hierarchischen,  d.  i.  eben  im  weitesten  Sinne  des
Wortes  ständischen,  Charakter  gewinnt.
Ständisch  gebunden,  so  können  wir  zusammenfassend  sagen,
ist  im  weiteren  Sinne  des  Wortes  jede  Wirtschaft,  die  in  verhältnismäßig ­
  gleichartige,  zunftähnliche  oder  in  anderer  Weise
verbandlich  gestaltete  Wirtschaftskreise  gegliedert  ist,  in  der
die  Unterganzen  im  Innern  enger  gebunden  und  abgestuft,
nach  oben  hin  aber  loser  gebunden  sind.  So  sind  die  Zünfte
vor  allem  im  Innern  gebunden  durch  Zahl  der  Meister,  Gesellen, ­
  Vorschriften  über  Güte  und  Preis  der  Ware  oder  Beeinflussung ­
  der  Technik.  Sie  sind  aber  nicht  in  jeder  Einzelheit ­
  gebunden  (also  in  keinem  Punkte  feste  „Planwirtschaft"),
sondern  haben  überall  für  Fleiß  und  Lohn,  namentlich  aber  in
Bezug  auf  die  Güte  ihrer  Erzeugnisse  einen  freien  Spielraum.
Die  Bindung  nach  außen  hin  ist  noch  beweglicher,  indem  jede
einzelne  Zunft  in  der  Gesamtheit  aller  Zünfte,  bzw.  im  Ganzen
der  Stadtwirtschaft,  auf  eine  verhältnismäßig  freie  Auseinandersetzung ­
  mit  den  anderen  Zünften  und  stadtwirtschaftlichen  Gewalten ­
  angewiesen  ist.  Das  Gesamtganze  der  „Stadtwirtschaft"
ist  dann  wieder  durch  die  noch  beweglicheren  Verbindungen
in  gebietsmäßige  und  weltmarktmäßige  Überganzheiten  eingefügt, ­
  wie  sie  durch  Messen,  Märkte,  Fernhandel,  gemeinsame
oder  freie  Rohstoffeinfuhr,  Zölle,  Stapelrechte  usw.  vermittelt
wurden.
Wie  die  zunftartigen,  so  sind  auch  die  „hauswirtschaftlichen",
d.  h.  gutswirtschaftlichen,  grundherrlichen  Gebilde  der  Wirt-
        <pb n="44" />
        29

schüft  als  ständisch  zu  betrachten.  Es  ist  falsch,  irgendein  Zeitalter ­
  der  Geschichte  so  anzusehen,  als  hätte  in  ihm  „g  e  -
s  ch  l  o  s  s  e  n  e"  Hauswirtschaft  (z.  B.  der  Bauernhöfe,  der
Fronhöfe  oder  der  antiken  Herrenhöfe  mit  Sklaven)  je  geherrscht
oder  gar  allein  geherrscht.  Das  wäre  wieder  eine  atomistischc
Vorstellungsweise!  Man  denkt  sich  in  diesem  Falle  die  Gesamtwirtschaft
  eines  Volkes  zwar  nicht  aus  lauter  Robinsonen,
aber  aus  lauter  robinsonadisch  abgeschlossenen  Wirtschaftsgebilden ­
  bestehend.  Die  Gesamtwirtschaft  eines  Volkes  oder
Gebietes  böte  aber  den  Anblick  einer  Summe  in  sich  geschlossener ­
  (autarker)  Wirtschaften.  In  Wahrheit  darf  man
die  sog.  „Hauswirtschaft"  niemals,  und  sei  sie  noch  so  ureinfach,
als  „geschlossen"  ansehen  —  geschlossene  Hauswirtschaften  hat
es  nicbt  einmal  im  Steinzeitalter  gegebenl 1 );  ebensowenig
gibt  es  eine  solche  bei  irgendeinem  Naturvolk^).  Die  Hauswirtschaft ­
  ist  gleich  der  Zunft  im  Innern  verhältnismäßig  gebunden ­
  (organisiert),  aber  sie  ist  in  der  Lage,  jede  Veränderung
der  Ziele  und  Mittel,  z.  B.  bei  Mißernten,  Kriegen,  Bevölkerungsscbwankungen,
  durch  selbst  vorgenommenen,  nach  eigener
individualisierter  Anpassung  durchgeführten  inneren  Umbau
von  Erzeugung  und  Verbrauch  aufzuwiegen.  Wie  die  Zunft
mit  anderen  Wirtschaftskörpern  verbunden  und  in  höhere
Wirtschaftsganzheiten  strenger  oder  loser  eingegliedert  ist,  so  ist
auch  die  einzelne  Hauswirtschaft,  eben  weil  sie  nie  ganz  geschlossen
ist,  mit  vielen  anderen  Wirtschaftskörpern  verbunden  und  in
allgemeine  Zusammenhänge  freier  oder  genauer  eingegliedert.
Die  Verbindung  der  einzelnen  Hauswirtscbaft  mit  Nachbarschaften ­
  (z.  B.  durch  gemeinnachbarliche  Arbeiten),  mit  der
Dorfschaft  (z.  B.  durch  gemeinsam  bestellte  Organe  und  ge-*)
  Vgl.  z.  B.  den  Art.  „Handel"  im  Reallexikon  der  germanischen
Altertumskunde,  Straßburg,  Trübner,  1915.
2 )  Dgl.  z.  B.  Schmid,  Ethnologische  Volkswirtschaftslehre,  Leipzig
1920,  1.  Bd.
        <pb n="45" />
        30

meinsam  durchgeführte  Ordnungen  aller  Art),  mit  größeren
Gutswirtschaften  (grundherrschaftliche,  fronhofartige  Verbindungen), ­
  endlich  mit  dem  politisch  verbundenen  Wirtschaftskreis
von  Gau,  Herzogtum,  Territorium  (z.  B.  schon  durch  Kriegs-,
Waffen-  und  Ausrüstungsbeisteuer,  Steuer,  aber  auch  durch
Fernhandel  und  Gütertausch)  bedeutet  der  Wirtschaftsform
nach  stets:  daß  nicht  nur  eine  innere  Organisation,  sondern
auch  eine  Gliedhaftigkeit  in  übergeordneten,  wirtschaftlichen
Ganzheiten  und  Gruppen  besteht!  Möge  nun,  wie  gesagt,  diese
Gliedhaftigkeit  und  Verbundenheit  eine  genauer  festgelegte  oder
eine  unbestimmtere,  möge  sie  eine  herrschaftliche  oder  freiere
sein,  stets  bedeutet  sie,  daß  die  Unterganzheit  der  „Hauswirtschaft" ­
  in  lebensvoller,  anpassungsfähiger  Weise  dem  Gesamtganzen. ­
  der  Landschafts-,  Volks-  und
Weltwirtschaft  eingegliedert  ist.
Das  von  Schönberg,  Bücher  u.  a.  ausgemalte  Phantom
einer  „geschlossenen  Hauswirtschaft"  ohne  Volkswirtschaft  hat
nie  existiert*).
Zusammenfassend  ergibt  sich:
Das  Wappenzeichen  jeder  ständisch  gebundenen  Wirtschaft,
gründe  sie  sich  nun  auf  Zunft-  und  Feudalverband  oder  bloß
auf  vorwiegend  feudale  (grundherrschaftliche,  „haus"wirtschaftliche)
  Gebilde,  ist:  gegliederte,  in  ihrem  Verhältnis  zueinander ­
  teils  festgelegte,  teils  bewegliche  Unterganze;  durch
Selbstbestimmung  im  Innern  freie  Unterganze.  —  Durch  diese
Bestimmungsstücke  ist  die  ständische  Wirtschaft  von  der  Verkehrswirtschaft ­
  sowohl  wie  von  der  Planwirtschaft  grundsätzlich ­
  getrennt  —  aber  dennoch  hat  die  ständische  Wirtschaft
sowohl  ein  Stück  „Kommunismus"  wie  ein  Stück  „Verkehrswirtschaft",
  gleichsam  als  logische  Schichten  oder  Stufen,  in
sich!  Durch  verhältnismäßige  Zielgleichheit  im  Kreise  der
Zunftgenossen,  Hausgenossen,  Gutsgenossen,  Verbandsge-*)

  Dgl.  unten  S.  38  f.
        <pb n="46" />
        31

nossen  und  darauf  gegründete  Genossenschaftlichkeit  enthält  sie
ein  Stück  echter,  nichtutopischer,  daher  nur  verhältnismäßig
„kommunistischer"  Wirtschaft;  durch  Beweglichkeit,  freie  Auseinandersetzung ­
  der  Glieder  enthält  sie  ein  Stück  „freien  Verkehrs", ­
  aber  nicht  in  dem  utopischen  Sinne  zufällig  zusammentreffender, ­
  selbstwüchsiger  Wirtschaftsatome,  sondern  in  dem
Sinne  von  Verkehr  als  Erscheinungsform  und  Verwirklichungsweise ­
  von  Ganzheit.  Die  gemeinsame  geistige  Grundlage,  auf
der  sich  die  „ständische"  Gliederung  erhebt,  verleiht  ihr  endlick
das  Gepräge  einer  völkischen  Wirtschaft.

Die  ständisch-genossenschaftliche  Wirtschaftsgestalt  ist  diejenige, ­
  welche  allein  dem  Baugesetz  echter  Ganzheit  vollkommen
entspricht.  Wirtschaft  erklärten  wir  ja  ftüher  als  das  Gebäude
von  Mitteln  für  Ziele.  „Gebäude"  heißt  aber,  daß  die  Mittel
nur  in  bestimmter  Rangfolge  ihren  jeweiligen  Zielen  gewidmet
würden,  also  in  einer  Hierarchie,  als  Glieder  einer  Ganzheit!
Die  ständische  Wirtschaft  wahrt  nun  durch  und  durch  diesen
Charakter  von  Ganzheit,  weil  sie  nirgends  aus  Einzelnen,
Isolierten,  sondern  stets  aus  Unterganzen  (Verbänden)  besteht,
die  Umfang  und  Wert  von  ihrer  Rangstellung,  ihrer  Leistung
ableiten;  sie  zeigt  vollkommene  Mannigfaltigkeit  der  Glieder
wie  der  echte  Organismus  und  ist  daher  zum  Unterschied  von
der  Planwirtschaft  vollkommen  lebensfähig;  sie  erreicht  dies
dadurch,  daß  die  Verbände  auf  verhältnismäßige  geistige
Gleichartigkeit  ihrer  Glieder  begründet  sind,  und  dabei  dennoch
sowohl  im  Innern  wie  nach  oben  und  unten  hin  gewisse  Freiheiten ­
  haben  und  diejenigen  Änderungen  ihrer  Lebensbedingungen, ­
  die  sich  durch  geistige,  technische  und  stoffliche
Entwicklungen  ergeben,  durchführen  und  durchkämpfen  können;
sie  ist  vor  allem  ferner  aber  dadurch  lebensfähig,  daß  sie  im
inneren  Umkreise  selbstbestimmend  (autonom)  ist,  daß  sie  die-
        <pb n="47" />
        32

jenigen  Dinge,  die  der  Beteiligte  allein  übersehen  und  beurteilen ­
  kann,  selbst  entscheidet  und  daher  den  fortwährenden ­
  inneren  Umbau  der  Wirtschaft
in  der  Zelle  selbst  besorgt.  Der  Schuster  urteilt
in  seiner  Zunft  über  Schusterangelegenheiten,  die  nur  er  versteht, ­
  der  chemische  Erzeuger  über  chemische  Angelegenheiten,
die  nur  ihm  bekannt  sind  und  mit  seinem  Wohl  und  Wehe
zusammenhängen.  Die  ständische  Wirtschaft  ist  nach  dem  Grundsätze ­
  „Gleichheit  unter  Gleichen"  gebaut  und  hat
damit  demjenigen  Baugesetz,  das  aus  dem  Wesen  und  der
Urkraft  alles  gesellschaftlichen  Werdens,  dem  geistigen  Leben,
entspringt,  Genüge  getan.
Dennoch  wohnt  auch  der  ständischen  Wirtschaft  eine  gewisse ­
  Gefahr  inne,  die  Gefahr  der  Erstarrung  ihrer  Ordnungen.
Wenn  jene  oben  geschilderte  Beweglichkeit  im  Innern  wie  nach
außen  hin  so  gehemmt  wird,  daß  die  wirtschaftlichen  Tätigkeiten
mehr  festgelegt  werden,  als  der  Entwicklung  der  geistigsittlichen ­
  Ziele,  denen  die  Wirtschaft  dient,  nicht  entspricht;
und  wenn  das  geistig-sittliche  Leben  derart  nachläßt,  daß  dauernder ­
  Organ-Eigennutz  (Verbands-Eigennutz)  die  Eingliederung
nach  oben  und  unten  zerstört;  dann  geht  die  Beweglichkeit
der  Ziele  über  die  Beweglichkeit  der  Mittel  hinaus,  dann  obsiegt ­
  das  Mittel  über  das  Ziel  und  es  entsteht  ein  ähnliches  Unvermögen ­
  der  Wirtschaft,  ihren  Zielen  zu  dienen  wie  in  der
Planwirtschaft.  Die  Folge  ist  eine  Rebellion  der  geistigen  Welt
gegen  die  Welt  der  Mittel,  welche  unzeitgemäße  (nicht  mehr
zielgemäße)  Bindungen  aufweist.  Renaissance  und  Humanismus ­
  mit  ihrem  Frühkapitalismus  sind  Beispiele  dafür.
4.  Die  frei  geregelte  wirtschaft  oder  der  gemäßigte
Kapitalismus.
Es  ist  denkbar,  daß  die  ständisch-genossenschaftlichen  Bindungen ­
  sich  im  Innern  wie  im  Verhältnis  zueinander  so  sehr
        <pb n="48" />
        33

lockern,  daß  nur  noch  die  Grundzüge  des  Wirtschaften  geregelt
und  gebunden  sind.  Wenn,  wie  heutzutage,  nur  bestimmt
wird,  innerhalb  welcher  Grenzen  ein  Arbeitsvertrag  abgescblossen
  werden  darf  (Achtstundentag,  Sonntagsruhe,  Jugendlichenarbeit, ­
  Frauenarbeit,  Versicherungspflicht),  dieser  aber
im  übrigen  frei  ist;  wenn  ferner  zwar  Zollschutz,  Frachtenschutz,
  Verwaltungsschutz,  Steuerschutz  und  ähnliche  öffentliche ­
  Wirtschaftspflege  geübt  wird,  innerhalb  dieser  Grenzen
aber  der  Verkehr  nach  außen  wie  im  Innern  frei  ist  —  dann
sind  wohl  gewisse  Grundzüge  der  Eingliederung  einer  Arbeitskraft ­
  in  die  Unternehmerbetriebe,  wie  der  Eingliederung  der
Unternehmungen  in  die  Volkswirtschaft  und  Weltwirtschaft
geregelt,  aber  die  Gestaltung  und  Anwendung  im  Einzelnen
bleibt  ungegliedert  und  frei.  Ebenso  wenn  bestimmt  wird,
daß  eine  Fabrik  unter  gewissen  Voraussetzungen  (bauliche
Sicherheit,  Nichtbeschädigung  der  Nachbarscbaft  usf.)  gebaut
werden  darf,  so  sind  wohl  gewisse  Grundzüge  der  Fabriksgründung ­
  geregelt,  das  große  Ganze  solcher  Unternehmungen
aber  frei  („Gewerbefreiheit").
Wir  nennen  diesen  Zustand  zum  Unterschiede  von  der  ständisch ­
  gebundenen  Wirtschaft  die  frei  geregelte  Wirtschaft;  man
könnte  ihn  auch  die  locker  gebundene  Wirtschaft,  die  grundzügig ­
  geregelte  Wirtschaft  oder  die  bewegliche  Bindung  der
Wirtschaft  nennen.
Diese  Wirtschaftsgestalt  ist  diejenige,  welche  uns  in  der
Form  von  „Sozialpolitik",  „Zollpolitik",  „merkantilistischer
Politik"  und  anderer  systematischer  Wirtschaftsförderung
durch  Staat  und  öffentliche  Körperschaft  als  sog.  gemäßigter ­
  Kapitalismus"  oder  „regulierte  Verkehrswirtschaft"
in  der  Geschichte  entgegentritt.  Wir  sehen  diese  Wirtschaft
in  den  sog.  kapitalistischen  Zeitaltern  der  Geschichte  immer  wieder ­
  wirklich  werden;  und  doch  ist  sie  ihrem  eigentlichen,  innersten
Wesen  nach  eine  utopische  Wirtschaftsform.  Warum?
O.  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Aufl.  3
        <pb n="49" />
        34

Der  gemäßigte  Kapitalismus  ist  seiner  Natur  nach  eine
Übergangsform.  Als  Übergangsform  und  Entwicklungsstadium ­
  ist  er  wirklichkeits-  und  lebensfördernd,  gleichwie  ein
Fieber  zur  Überwindung  von  Krankheitsstoffen  führt;  als
Dauerform  ist  er  utopisch,  weil  er  nur  auf  dem  Boden  ständischer
Bindung  lebensfähig  ist  und  nur  von  dem  ererbten  Schatze
ständischer  Bindungen  zehren  kann.
Wenn  der  staatlich  überwachte  und  beeinflußte  Kapitalismus ­
  rasch  in  neue  körperschaftlich-ständische  Gliederungen  und
Bindungen  übergeht,  wie  sie  den  geistig  veränderten  Lebenszuständen ­
  der  Gesellschaft  entsprechen,  dann  gereicht  er  zum
Segen,  wenn  nicht,  so  führt  er  zur  Zerstörung.
Nach  der  bisherigen  Meinung  wäre  der  „gemäßigte  Kapitalismus" ­
  als  eine  verkehrswirtschaftliche  Wirtschaftsordnung
im  individualistischen  Sinne  zu  begreifen  und  wäre  damit ­
  die  geschichtliche  Möglichkeit  und  Lebensfähigkeit
individualistisch-atomistischer  Wirtschaft  bewiesen,  in  welcher
der  Einzelne  auf  eigene  Faust  wirtschaftete,  wenn
auch  seine  Wirtschaftshandlungen  da  und  dort  eingeschränkt,
seine  Freiheiten  gemäßigt  würden.  Das  heißt,  der  heutige
Kapitalismus  wäre  geschichtlich  verwirklichte,  aber  allerdings
nicht  zu  völlig  reiner  Gestaltung  gekommene  indivividualistische
Verkehrswirtschaft!  —Wenn  dies  der  Fall  wäre,  dann  müßte
es  ja  erreicht  werden  können,  aus  einem  rein  chaotischen,
utopischen  Wirtschaftsdurcheinander  durch  gewisse  Ordnungen
und  Bindungen  eine  Gestalt,  gleichsam  aus  dem  Urgemenge,
zu  schaffen.  Das  Gegenteil  ist  der  Fall.  Der  sog.  „Kapitalismus" ­
  besteht  niemals  als  solcher,  sondern
begrifflich  wie  geschichtlich  ist  er  nur  auf
Grund  einer  Auflockerung  vorhandener
ständischer  Gliederungen  möglich,  wie  wir  schon
in  einem  anderen  Zusammenhange  (oben  S.  9f.)  feststellten.
Er  ist  wohl  in  hohem  Maße  eine  individualistisch-atomistische
        <pb n="50" />
        35

Wirtschaftsform  (wenn  auch  die  Bestie  niemals  ganz  entfesselt
ist)  aber  nur  —  zur  Auflösung  von  Bindungen,  nur  als
eine  Umschichtung,  als  eine  Verflüssigung,  der  vorhandenen
Gliederungen!  Die  jeweilige  „Freiheit  der  Einzelnen  in  ihren
wirtschaftlichen  Handlungen  ist  geschichtlich  immer  nur  dadurch
verwirklichbar  gewesen,  daß  Angebot  und  Nachfrage,  Verbrauch
und  Erzeugung,  Preise  und  Gewinn,  Kapitalien,  Arbeit  und
Boden,  Jnnenmarkt  und  Außenmarkt  schon  jeweils  in  bestimmter
überlieferter  Gegliedcrtheit  und  Ganzheit  vorbanden  waren,  und
daß  nur  durch  schrittweise  Änderungen  —  z.  B.  monopolistische
Manufakturgründungen  außerhalb  der  Zunft  im  merkantilistischen
  Zeitalter  —  den,  schließlich  wieder  nur  bedingt  freien,
Handlungen  der  Einzelnen  überlassen  wurden.
Selbst  der  sehr  gemäßigte  Kapitalismus  bedeutet  also
niemals,  daß  aus  freien  Handlungen  Einzelner  sich  die  Wirtschaft ­
  erst  bilde.  Er  bedeutet  jedoch  allerdings  eine  verhältnismäßig ­
  stürmische  und  wenig  gebundene,  darum  auch  krisenreiche
  Umwandlung  wohlgeordneter  Verhältnisse!  Er  verbindet ­
  zwei  ständische  Perioden,  er  bildet  eine  Kurve  aus  zwei
Bogen  und  einem  Umkehrungspunkt.  Diese  Umkehrung  geschieht, ­
  wie  die  Geschichte  lehrt,  nwhr  unbewußt,  aber  kraft
innerer  logischer  Notwendigkeit  der  Wirtscbaft,  die  auf  Gliederung ­
  und  Ganzheit,  nicht  auf  Vereinzelung  geht.
Zum  Schlüsse  sei  es  erlaubt,  unsere  Zergliederung  der  vier
Grundgestalten  der  Wirtscbaft  an  einem  Bilde  zu  verdeutlichen.
Es  wäre  dann  —  man  erschrecke  nicht  —  die  individualistische
Verkehrswirtschaft  einem  Narrenbause  zu  vergleichen,  wo  jeder
nach  eigenem  Gutdünken  herumflitzt  und  ängstlich  das  Seine
sucht;  die  kommunistische  Wirtschaft  einem  Zuchthause,  wo
jeder  Einzelne  gefesselt  in  seiner  Zelle  sitzt;  die  frei  geregelte
Wirtschaft  einem  in  voller  Umbildung  begriffenen  Hauswesen,
wo  durch  den  Tod  des  Hausvaters  das  Erbe  geteilt  wird;  die
        <pb n="51" />
        36

ständisch  gebundene  Wirtschaft  hingegen  einem  blühenden,  wohl
bestellten,  organisch  gegliederten  Hauswesen,  wo  Pflichten  und
Rechte,  Aufgaben  und  Freiheiten,  Mühe  und  Lohn  in  schönem
Ebenmaße  ausgeteilt  sind.
5.  wirtschaftsgeschichtlicher  Rückblick.
Die  Beurteilung  der  Grundgestalten  der  Wirtschaft  in  der
bisher  dargelegten  Weise  führt  zu  einer  ganz  anderen  Einstellung ­
  in  der  Wirtschaftsgeschichte,  als  sie  bisher  üblich  ist.
Bisher  herrscht  die  darwinistische  und  die  marxistische  Einstellung ­
  in  der  Wirtschaftsgeschichte  unbewußt  vor.  Die  darwinistische ­
  insofern,  als  in  den  früheren  Zeitabschnitten  der  Geschichte ­
  überall  primitivere  Verhältnisse  gesehen  werden,  die
wir  durch  unsere  moderne  Entwicklung  längst  überholt  hätten.
Die  marxistische  insofern,  als  in  der  Urzeit  eine  Art  von  kommunistischen ­
  Verhältnissen  angenommen  wird  —  z.  B.  die
Markgenossenschaft  der  Germanen,  die  aus  lauter  Gleichen  bestanden ­
  haben  soll  —welche  langsam  durch  immer  größere  Durchbrüche ­
  des  Privateigentums  zum  Gipfel  der  bisherigen  Entwicklung, ­
  zum  Kapitalismus,  geführt  hätten,  auf  den  dann  nach
Marx  ein  geläuterter  Zukunfts-Kommunismus  folgen  würde.
Bücher  hat,  ganz  diesem  Darwinisch  -  Marrischen  Geiste
gemäß,  in  seinem  Werke  „Entstehung  der  Volkswirtschaft"
(1.  Ausl.  1893)  die  gesamte  Wirtschaftsgeschichte  nach  der
Stufenfolge  von  „Hauswirtschaft,  Stadtwirtschaft,  Volkswirtschaft" ­
  erklären  wollen  (z.  T.  auf  Gedanken  von  Schönberg
und  Rodbertus  gestützt)^).  So  sehr  diese  Stufenlehre  von  bedeutenden ­
  Geschichtsforschern,  besonders  von  Below^)  und
*)  Vgl.  Plenge,  Die  Stammformen  der  vergleichenden  Wirtschaftstheorie, ­
  Essen  1919,  und  Below,  Probleme  der  Wirtschaftsgeschichte,
1920.  S.  175  u.  ö.
2 )  Vgl.  Probleme  der  Wirtschaftsgeschichte,  Tübingen  1920.  S.  143  ff.
u.  ö.
        <pb n="52" />
        37

Eduard  Meyers  in  entscheidenden  Einzelheiten  angegriffen
wurde,  ist  und  bleibt  sie  dennoch  typisch  für  den  Geist  unserer
ganzen  heutigen  Wirtschaftsgeschichte.  Eduard  Meyer  hat  zwar
gezeigt,  daß  kapitalistische  Verkehrswirtschaft  schon  im  Altertum
vorhanden  war;  Pöhlmann^)  hat  sozialistisch  und  kommunistisch ­
  geartete  Revolutionen  schon  im  Altertum  nachgewiesen
(wenn  auch  wohl  allzu  sehr  mit  modernen  Augen  gesehen);
v.  Below^)  hat  die  von  Bücher  gegebene  Stufenfolge  (mit
kritischen  Vorbehalten)  nur  als  Typenlehre,  nicht  aber  als
I  geschichtliche  Reihe  gelten  lassen  und  damit  einen  sehr  wichtigen ­
  Einwand  gemacht;  Sombart,  Mar  Weber  u.  a.  haben
ihre  Einwendungen  vorgebracht  —  aber  die  Grundzüge  des
Ganzen  wurden  zuletzt  doch  von  allen  Gegnern  stehen  gelassen;
Dopsch^)  vielleicht  am  meisten  hat,  indem  er  die  kommunistische ­
  Art  der  germanischen  Markgenossenschaft  am  entschiedensten ­
  ablehnte,  die  Geschlossenheit  der  Hauswirtschaft  (wie
schon  v.  Below)  verneinte  und  für  die  Karolingerzeit  eine
kapitalistische  Welle  annahm,  an  den  Sinn  der  Bücherischen
Gesamtkonstruktion  gerührt.
All  dem  gegenüber  muß  hervorgehoben  werden,  daß  die
Bücherische  Einteilung  aber  nicht  nur  als  Stufenfolge,  also
als  geschichtliche  Entwicklungslehre,  unannehmbar  ist;  sondern
sie  ist  auch  systematisch,  sie  ist  auch  als  Typenlehre ­
  falsch.  Dies  sofern  sie  den  „Weg  des  Produktes"  (vom
Erzeuger  bis  zum  Verbraucher)  als  Einteilungsgrund  nimmt
und  noch  allgemeiner  darum:  weil  sie  von  der  Einzelwirtschaft
ausgeht!  Denn  einen  Einteilungsgrund  für  die  Wirtschafts-*)
  Die  wirtschaftliche  Entwicklung  des  Altertums,  Jena  1895.
2 )  Geschichte  der  sozialen  Frage  und  des  Sozialismus  in  der  antiken ­
  Welt,  2.  Ausl.,  München  1912,  2  Bde.
3 )  Probleme  der  Wirtschaftsgeschichte,  1920,  S.  171  ff.,  192ff.
4 )  Grundlagen  der  europäischen  Kulturentwicklung,  I,  Wien  1918,
II,  1920.
        <pb n="53" />
        38

weise  gibt  entweder  der  Inhalt  der  Wirtschaft  ab  (Fischerei,
Gewerbe,  Handel  —  so  bei  List);  oder  die  Verfassungsform,
d.  h.  die  Gliederungsform,  die  Art,  wie  sich  Ganzheit  in  der
Verfassung  einer  Gesamtwirtschaft  darstellt  (z.  B.  ständische,
kommunistische  Wirtschaft).  Niemals  kann  aber  die  Einzelwirtschaft ­
  als  solche  —  das  Haus,  die  Unternehmung  —  den
Einteilungsgrund  abgeben.  Dieser  kommt  ja  in  den  einzelnen
Wirtschaftsgebilden  erst  zur  Erscheinung!  Aber  auch  der  angenommene ­
  „Weg  des  Produktes"  wird  von  Bücher  insofern  falsch
dargestellt,  als  die  Wege  in  jeweils  höheren  Ganzheiten  und  Zusammenhängen ­
  als  dem  Hause  und  Gutshofe,  bzw.  der  Zunft,
verleugnet  werden,  wodurch  eine  gerade  Stufenfolge,  eine
geradlinige  „Entwicklung"  herauskommt,  die  es  in  Wahrheit
nie  gab.  Bücher  ist  der  Handlanger  Marrens  und  all'  der
anderen  Materialisten  und  Mechanisten.
Eine  wahrhaft  „geschlossene"  Hauswirtschaft  vor  allem  gibt
es,  wie  wir  früher  (S.  29)  darlegten,  grundsätzlich  nicht.  Dieser
Bücherische  Hauptbegriff  fällt  schon  von  Anbeginn  ins  Wasser.
Was  aber  nun  den  Begriff  einer  „Hauswirtschaft"  im  allgemeinen ­
  anbelangt,  so  besteht  auch  dieser  nur  mit  Einschränkungen ­
  zu  Recht.  Woran  Bücher  bei  der  „Hauswirtschaft"  denkt,
sind  große  Gruppen,  ja  ganze  Kreise  von  Personen,  keine
bloße  Familie  mehr.  Die  „Hauswirtschaft"  ist  eine  an  den
Gutshof  (mittelalterlicher  Fronhof,  antiker  Herrenhof,  neuzeitlicher ­
  Feudalhof)  geknüpfte  Wirtschaft,  deren  Eigentümlichkeit ­
  ich  vorzugsweise  dahin  bestimmen  möchte,  daß  sie  ihre
eigene  grundherrliche  Bodengrundlage  unmittelbar  selbst  benützt ­
  und  daher  ein  stark  bodenwirtschaftliches  Gepräge  zeigt.
„Hofwirtschaft"  wäre  daher  die  sachgemäßere  Bezeichnung.
Behält  man  aber  den  alten  Namen  „Hauswirtschaft"  bei,
so  gilt:  Eine  „Hauswirtschaft"  gibt  es  wohl  als  Betriebsform ­
  (in  dem  Sinne,  daß  der  Betrieb  an  Hof  und  Haus  geknüpft ­
  ist),  aber  nicht  als  Verfassungsform  der  Wirtschaft.
        <pb n="54" />
        —  39  —
Man  muß  auch  hinter  der  Hauswirtschaft  die  ständischen
Gliederungen  erblicken  und  dars  nicht  den  geradezu  widersinnigen ­
  Gedanken  hegen,  es  sei  das  Wirtschaftsleben ­
  eines  Volkes  zu  irgendeiner  Zeit
durch  eine  Summe,  durch  ein  Nebeneinander, ­
  geschlossener  Hauswirtschaften  bestritten ­
  worden!  Das  gibt  es  auch  bei  den  einfachsten
Naturvölkern  nicht.  Stets  und  überall  sind  Zusammenhänge
zwischen  den  Hauswirtschaften  und  zwar  organische  Gliedhaftigkeiten,
  überhauswirtschaftliche  Bindungen  vorhanden  gewesen, ­
  wie  wir  schon  früher  (s.  oben  S.  29  f.)  feststellten;
die  zugleich  echte  „Volkswirtschaft"  sind  (auf  welche  wir  daher ­
  nicht  bis  1789  warten  mußten,  wie  Büchers  primitiver
Darwinismus  glaubt).  Ohne  Eingliederung  in  gauwirtschaftliche, ­
  volkswirtschaftliche  und  weltwirtschaftliche  Überganzhciten
  wäre  keine  der  geschichtlichen  Formen  der  Hauswirtschaft ­
  möglich  gewesen.  „Hauswirtschaft"  heißt  nichts  anderes
als  ständische  Wirtschaft  bei  überwiegend  ackerbaulichem  Inhalte ­
  und  hofwirtschaftlicher  Betriebsform.  Nur  in  solchem,
das  Ständische  unterteilendem  Sinne  kann  der  Begriff  „Hauswirtschaft" ­
  überhaupt  gebraucht  werden.  Zunftmäßig  wie  hofmäßig ­
  organisierte  Wirtschaft  sind  gleicherweise  Beispiele  für
körperschaftlich-ständisch  gegliederten  Bau  der  Volkswirtschaft.
Dasselbe  gilt  von  der  S  t  a  d  t  w  i  r  t  s  ch  a  f  t.  Auch  sie
war  kein  Nebeneinander  von  städtischen  Wirtschaftskörpern.
Sondern  diese  Wirtschaftskörper  hatten  bestimmte  Verrichtungen ­
  innerhalb  der  Gesamtwirtschaft:  Nah-  und  Fernhandel,
Gewerbe,  das  die  Fronhofswirtschaft  zu  ergänzen  hat,  mit
Nah-  und  Fernausfuhr,  Kapitalverwertung  und  Kapitalbildung ­
  nebst  allen  jenen  Verrichtungen,  die  dem  jeweils
überlegenen  Wirtschaftszentrum  zukommen.  Die  innere
Gliederung  der  Stadtwirtschaft  und  der  Grad  ihrer  Selbstversorgung ­
  ist  dem  gegenüber  etwas  Abgeleitetes.  Denn  jedes
        <pb n="55" />
        40

Organ  empfängt  von  seinen  Aufgaben  die  innere  Gliederung! ­
  Erst  das  Enthaltensein  in  einem  höheren  Ganzen  bestimmt ­
  seinen  inneren  Bau.  So  auch  in  der  Stadtwirtschaft.
Die  innere  Organisation  —  und  zwar  sowohl  das  Autarkiestreben ­
  wie  das  entgegengesetzte  Bestreben,  sowohl  der  innere,
selbstversorgte  Markt,  wie  der  äußere  auf  Handel,  Geld  und
Uberschußtausch  gegründete  Markt  —  war  ihrem  Rahmen  nach
durch  die  damalige  Gesamtganzheit  der  Wirtschaft  mit  ihrem
bestimmten  (politisch  bedingten)  Kapital  höherer  Ordnung  und
ihrer  Ausgliederung  in  gutsherrliche  und  gewerbliche  Wirtschastskörper
  gegeben.
Die  bisherige  Theorie  hat  allerdings  die  Wirtschaftsgeschichte
im  Stich  gelassen;  aber  noch  schlimmer  ist  es,  wenn  diejenigen,
die  Theorie  treiben  sollen,  statt  dessen  schlechte  Geschichte
schreiben.  Dieser  Vorwurf  trifft  die  ganze  jüngere  geschichtliche ­
  Schule  der  Volkswirtschaftslehre,  schon  v.  Below  hat
ihn  gegen  sie,  als  reiner  Historiker  sprechend,  erhoben^).
Die  Wirtschaftsgeschichte  muß,  wie  alle  Geschichte,  die
großen  Ganzheiten  aufsuchen  und  erkennen  und  die  Einzelvorgänge ­
  in  ihrer  Gliedhaftigkeit  bestimmen.
Die  Grundwahrheit  und  Grundtatsache
der  Wirtschaftsgeschichte  ist,  daß  alles
wirtschaftliche  Geschehen  nur  ständischgenossenschaftliche ­
  Art  zeigt,  und  daß
lediglich  in  vorübergehender  Weise  die
jeweiligen  festen  ständischen  Bindungen
auf  lockere,  gemäßigt-kapitalistische  Bindungen ­
  herabgesetzt  werden  können.
In  meinem  Buche  „Der  wahre  Staat"^)  habe  ich  diesen
Gedanken  in  Bezug  auf  den  modernen  Kapitalismus  folgendermaßen ­
  entwickelt:
0  Ztschr.  f.  Sozialwissensch.,  Leipzig  1904.
2 )  2.  Aufl.,  Leipzig  1923.
        <pb n="56" />
        41

Wer  in  der  Wirtschaftsgeschichte  zu  lesen  versteht,  wird
finden,  daß  die  ständisch  gebundene  Wirtschaft  zu  allen  Zeiten
die  einzig  wirkliche  ist,  daß  überall  im  letzten  Grunde,  „Gliederungen, ­
  Abhängigkeiten,  ständisch-genossenschaftliche  Bindungen
aller  Art  es  sind,  welche  die  Wirtschaftsgeschichte  von  Anbeginn
der  Zeiten  erfüllen".  Es  ist,  das  kann  nicht  oft  genug  betont
werden,  nicht  das  Mittelalter  allein,  das  eine  ständisch-genossenschaftliche ­
  Wirtschaftsordnung  zeigt.  Es  gibt  Zeiten,  wo  diese
durch  verkehrswirtschaftliche,  dynamische  Formen  überdeckt
wird  (die  kapitalistischen  Wellen),  aber  das  eigentlich  Bestand-!
  Habende,  das  tiefere  Reale  sind  dabei  doch  die  jeweiligen  ständischen ­
  Bindungen.  „Wenn  etwas  geeignet  ist,  diese  Wahrheit
zu  bestätigen,  so  ist  es  die  Entwicklung  der  heutigen  kapitalistischen ­
  Gesellschaft  selbst.  Diese  riß  mit  Gewalt  alle  ständischen
Schranken  nieder  (besonders  in  Frankreich  1789)  und  doch  mußte
sie  teils  sehr  Vieles  gegen  ihren  Willen  stehen  lassen,  teils
bildete  sich  aus  dem  selbstgeschaffenen  Wirrwarr  kraft  innerer
Gesetzmäßigkeit  eine  neue  organische  Gliederung  heraus.
Innungen,  Bruderladen  und  manche  andere  zunftähnliche
Verbände  konnten  nie  völlig  beseitigt  werden.  Der  freie  Wettbewerb ­
  auf  dem  Weltmarkt,  den  erst  der  Freihandel  gebracht
hatte,  konnte  nie  verwirklicht  werden  (wo  es  scheinbar  der
Fall  war,  haben  Frachtenschutz,  Steuerschutz,  Subventionen,
Ausfuhrprämien  und  Verwaltungsschutz  aller  Art  die  Zollfreiheit ­
  wieder  aufgehoben,  d.  h.  wieder  neue  Sonderstellungen
Bindungen,  Gruppierungen  geschaffen).  Aber  das  Wunderbarste ­
  ist  dieses:  Inmitten  des  heftigsten  freien  Wettbewerbes
haben  sich  auf  seiten  der  Unternehmungen  die
Kartelle  und  kartellähnlichen  monopoloiden  Gruppierungen;
auf  seiten  der  Arbeiter  die
Gewerkschaften  und  gewerkschaftähnlichen  Verbände
gebildet  und  haben  so,  ehe  noch  eine  eigentliche  Lücke  großen
Stils  entstehen  konnte,  selbsttätig  wieder  neue  ständische  Gliede-
        <pb n="57" />
        42

rungen  an  die  Stelle  der  alten,  verlorenen  und  zerstörten  gesetzt ­
  —  allerdings  Gliederungen,  die  nur  vorläufig  und  wild
gewachsen  sind,  statt  der  planmäßigen  in  früherer  Zeit.  Der
gleichmacherisch-atomistische  Wettbewerb  hat  nirgends  ein  völlig
atomistisches  Nebeneinander,  noch  völlige  Freiheit  der  Teile
hervorbringen  oder  erhallen  können,  sondern  überall  zusammenfassende ­
  Bindung  und  Gliederung  bewirkt"^).
Der  Wechsel  dieser  Wirtschaftsformen  ist  nicht  von  mechanischen ­
  Entwicklungsgesetzen  gleich  dem  Mürrischen  „Konzentrationsgesetz" ­
  abhängig,  denn  solche  Kausalgesetze  gibt  es
in  keinem  Sinne;  sondern  von  der  Art  der  Ziele,  denen  die
Wirtschaft  dient,  vom  Geist  der  Wirtschaft  und  des  Lebens
selbst.  Je  mehr  diese  Ziele  in  einem  Zeitalter  sehr  gleichartig
und  einheitlich  sind,  tritt  ständische  Bindung  ein,  je  mehr  sich
diese  Einheit  in  individualistische  Zersplitterung  auflöst,  um
so  mehr  herrscht  kapitalistische  Regelung.  Mit  anderen  Worten:
In  ihrem  geistigen  Gefüge  individualistisch  gerichtete  Zeitalter ­
  bringen  eine  zersetzende  kapitalistische  Wirtschaft,  universalistisch ­
  gerichtete  Zeitalter  eine  ständisch  gebundene  Wirtschaft ­
  hervor.  —  Dabei  ist  allerdings  zu  bedenken,  daß  Maß
und  Inhalt  des  betreffenden  „kapitalistischen"  Zeitalters  jeweils ­
  mit  dem  geistigen  Inhalte  der  Zeiten  gründlich  wechselt;
aber  das  Stichwort  „Kapitalismus"  gibt  doch  die  ausgesprochene
Richtung  der  Wirtschaftsweise  —  d.  h.  den  Zug  zu  individualistischer ­
  Wirtschaftsgestaltung  zutreffend  an.  Auch
die  ständischen  Wirtschaftsformen  haben  ja  nicht  überall  denselben ­
  geistigen  noch  technischen  Gehalt  und  Charakter.

Es  gereicht  mir  zur  Beruhigung,  daß  unabhängig  von
mir  und  von  rein  wirtschaftsgeschichtlichen  Voraussetzungen
heraus  der  Privatdozent  an  der  Wiener  Universität  Theodor

i)  st.  a.  O.,  in  der  1.  Aufl.  S.  246  f.,  jetzt  S.  259.
        <pb n="58" />
        43

Mayers,  eine  solche  Auffassung  der  Entstehung  der  verschiedenen ­
  kapitalistischen  Zeitwellen  in  der  Geschichte  entwickelt ­
  hat,  welche  mit  meiner  obigen  Theorie  sehr  verwandt
ist  und  sich  jedenfalls  von  dem  Bücher  -  Mürrischen  Entwicklungsschema ­
  freimacht^).  Zwar  bleibt  auch  Mayer  noch  insofern ­
  in  der  mechanischen  Vorstellungsweise  befangen,  als
er  den  Wechsel  der  kapitalistischen  und  genossenschaftlichen
Zeiten  durch  der  Wirtschaft  immanente  „Kausalgesetze"  bedingt ­
  annimmt,  während  nach  meiner  Meinung  die  Wirtschaft
als  ein  dienendes  Mittel  weder  eigene  „Kausal-Gesetze"  noch
auch  eigene  Entwicklungsgesetze  hat;  (wie  ja  auch  einem  mechanischen ­
  Kausalgesetz  überhaupt  nie  „Richtung"  oder  „Wert"
und  darum  auch  keine  Entwicklung  dahin  zukommen  kann).
Für  die  Abwandlung  der  geschichtlichen  Verfassungsform  der
Wirtschaft  ist  vielmehr  der  Wechsel  der  Gesinnungsrichtung
einer  Zeit,  d.  h.  das  Geistige  maßgebend,  dem  die  Wirtschaft
dient  (s.  oben  S.  42).  Aber  die  wirtschaftsgeschichtliche  Grundtatsache, ­
  daß  die  kapitalistischen  Abschnitte  jeweils  aus  ständischgenossenschaftlichen ­
  hervorgehen  und  umgekehrt  zu  genossenschaftlichen ­
  führen,  hat  Theodor  Mayer  anerkannt.
6.  Das  Verhältnis  der  vier  Grün-gestalten  zueinander.
Von  den  betrachteten  vier  Grundgestalten  der  Wirtschaft
ergab  sich  nur  die  ständisch  gebundene  als  die  rein  verwirklichbare, ­
  vollkommene,  gesunde  und  dem  Wesen  der  Ganzheit
gemäße  Wirtschaft.
Aus  diesem  Grund-  und  Hauptergebnis  unserer  ganzen
Untersuchung  folgt:  daß  die  behandelten  vier  Grundgestalten  der
*)  Jur  Zeit  der  1.  Aufl.,  jetzt  Prof,  an  der  deutschen  Universität  in
Prag.
2 )  Dgl.  Theodor  Mayer,  i.  d.  (österreich.)  Ztschr.  f.  Volkswirtsch.
  (N.  F.,  Bd.  1),  Wesen  u.  Entstehung  des  Kapitalismus,  S.  1  ff.,
Wien  (Deuticke)  1921.
        <pb n="59" />
        Wirtschaft  nicht  alle  gleich  erstwesentlich  (primär)  sind,  daher
nicht  unableitbar  nebeneinander  stehen.  Im  letztenGrunde
gibt  es  nur  Eine  Wirtschaftsform,  die  ständische;
die  drei  anderen  Wirtschaftsformen  sind
nur  Abarten  der  ständischen,  gleichsam  logische ­
  Stufen  oder  Schichten  von  ihr  —
logische  Stufen  aber  keine  Realstufen!  Die  ständische  Wirtschaft ­
  hat  Bestandstücke  (Momente)  davon  in  sich;  wenn  aber
diese  Bestandstücke  selbständige  Wirklichkeit  erlangen  wollen,
dann  gleichen  sie  der  Krankheit,  die  nur  dadurch  besteht,  daß
sie  vom  gesunden  Körper  zehrt  und  nur  solange  besteht,  als
sie  dies  vermag.  Freie  Verkehrs-  und  zentralistische  Planwirtschaft ­
  führen  in  den  Abgrund,  die  geregelte  Verkehrswirtschaft ­
  ist,  wie  ein  Mittelding,  so  eine  Übergangserscheinung.
Die  ständische  Wirtschaft  dagegen  ist  keine  nur  vorübergehende
Erscheinung,  sondern  die  einzig  mögliche,  die  ewige  Wirtschaftsform, ­
  deren  unterste  logische  Schicht  gleichsam  „Verkehrswirtschaft" ­
  ist,  sofern  die  in  ihr  enthaltene  bedingte
(delegierte)  Selbständigkeit  der  einzelnen  Wirtschafter  unbegrenzt ­
  gedacht  und  von  aller  Gemeinsamkeit,  als  dem  Primären, ­
  abgesehen  wird;  deren  oberste  Schicht  gleichsam  eine
„Planwirtschaft"  ist,  sofern  die  Zielgemeinsamkeit  unbegrenzt,
die  Gültigkeit  der  Mittel  gleichförmig,  atomistisch  gedacht  wird.
Die  echte  ständische  Wirtschaftsweise  verwirklicht  das  Element
wahren  universalistischen,  nicht  des  individualistischen,  Verkehrs, ­
  nämlich  des  Verkehrs  als  Erscheinungsform  des  Ganzen;
sie  hat  ebenso  das  kommunistische  Element  in  sich,  nämlich  als
Geordnetheit  (planmäßige  Organisiertheit),  jedoch  nur  nach
Maßgabe  der  geistigen  Bedingtheit  der  Wirtschaft,  der  Gleichheit ­
  der  Ziele.  —  Reine  Verkehrs-  und  Planwirtschaft  erwiesen
sich  als  bloße  begriffliche  Konstruktionen,  die  frei  geregelte
Wirtschaft  dagegen  zeigte  sich  weniger  von  begrifflicher  als
von  geschichtlicher  Bedeutung.  Sie  ist  eine  vorübergehende
        <pb n="60" />
        45

Kompromißform  individualistisch  aufgefaßter  Verkehrswirtschaft,
die  aber,  selbst  wenn  sie  jahrzehntelang  vorherrscht,  Wirklichkeitsgehalt ­
  nur  in  eingeschränktem,  nur  in  abgeleitetem  Sinne
besitzt,  ähnlich  wie  heilende  Krankheitserscheinungen,  denen
aufbauendes  Wesen  nur  mittelbar,  nur  deswegen  zukommt,
weil  sie  zur  vollen,  vielleicht  zu  einer  besser  begründeten
Gesundheit  zurückführen.
Demgemäß  hat  die  ständische  Wirtschaft  die  anderen  Begriffselemente ­
  als  Bestimmungsstücke  oder  gleichsam  als  logische
Stufen  sämtlich  in  sich.  Daß  innerhalb  der  Einen  Wirtschaft
logische  Stufen  vorhanden  sind,  kommt  daher,  daß  Wirtschaft
nicht  nur  schlechthin  „Mittel  für  Ziele"  ist,  sondern  stets  „g  e  -
m  e  i  n  sa  m  e  Mittel"  (1)  in  sich  schließt  und  damit  ferner
ein  System  oder  Ganzheit  d  e  r  M  i  t  t  e  l  (2)  für  das
System  oder  die  Ganzheit  der  Ziele  (3)  und  für  gemeinsame ­
  Ziele  (4)  ist.  „Gemeinsamkeit"  der  Ziele,
die  selbst  wieder  nur  als  „System"  auftreten,  darum  auch
Gemeinsamkeit  der  Mittel  und  ihres  Systems,  tritt  aber  nur
stufenweise  in  Erscheinung.

Daß  diese  ganze  Erkenntnis  des  Wesens  der  Wirtschaft
und  ihrer  Grundgestalten  nicht  längst  Gemeingut  der  volkswirtschaftlichen ­
  Wissenschaft  ist,  kommt  allein  von  der  durchaus
individualistischen  Einstellung  unseres  Denkens  her,  die  uns
Heutige,  die  Kinder  der  Aufklärung,  bewußt  oder  unbewußt
alle  beherrscht.  Das  Geheimnis  von  Wirtschaft  und  Gesellschaft
liegt  allein  im  Begriffe  der  Ganzheit,  liegt  allein  darin,  die
Ganzheit  sehen  zu  lernen,  wo  nur  die  Teile  einzeln  unserem
Blicke  sich  zeigen.  Gleich  wie  der  Biologe,  wenn  er  das  Herz
erkennen  will,  nicht  allein  dieses,  sondern  noch  mehr  seine  Entsprechungen, ­
  seinen  Zusammenhang  mit  den  anderen  Zweigganzen, ­
  d.  h.  seine  Eigenschaft,  Glied  der  Ganzheit  unseres
        <pb n="61" />
        46

Körpers  zu  sein,  betrachten  muß;  so  muß  auch  der  Wirtschaftsforscher ­
  überall  die  Ganzheit  aufsuchen,  um  die  Einzelheit  zu
erkennen,  weil  alles  Einzelne  nur  ist  als  Besonder ­
  ung  oder  Glied  des  Ganzen  und  darüber
hinaus  überhaupt  nicht  ist.
Gilt  dies  schon  für  die  Einzelforschung  und  die  Teilerscheinungen, ­
  die  uns  in  der  Erfahrung  entgegentreten,  um  wieviel
mehr  muß  es  von  der  Aufgabe  gelten,  die  Grundgestalten  der
Wirtschaft  zu  erkennen!  Das  Wesen  der  Wirtschaftsgestalt
kann  nur  durch  das  Wesen  der  Wirtschaft  bestimmt  sein,  am
wesentlichsten  durch  die  Ganzheit,  die  als  Grundmerkmal  aller
Wirtschaft  innewohnt,  da  sie  den  Teilen  erst  ihre  Stelle,  ihre
Art,  ihre  Gliederung  gibt.  Ganzheit  ist  es,  was  der  Wirtschaft
„Gefüge",  „Struktur"  verleiht  und  ihrem  innersten  Bau  allein
ihren  Stempel  aufdrückt.  Lebensform  und  Verfassung  der  Wirtschaft ­
  muß  daher  aus  dem  Wesen  ihrer  Ganzheit  verstanden
und  abgeleitet  werden.  Wer  dieses  erkennt,  kann  weder  Individualist ­
  noch  Marxist  sein.
Auch  die  Ganzheit  der  Wirtschaft  aber  ist  dabei  kein  Letztes,
sondern  sie  ist  an  höhere  Ganzheit  angeknüpft,  nämlich  an  die
Gesellschaft,  welche,  wie  wir  im  Vorwort  auseinandersetzten,
ein  Geistiges  ist  und  alles  Materielle,  das  der  Wirtschaft  noch
anhaften  könnte,  hinter  sich  läßt.  Diese  Seite  der  Frage,  daß
Wirtschaft  von  der  Natur  der  Gesellschaft,  wirtschaftliche  Ganzheit ­
  von  gesellschaftlicher  Ganzheit  bestimmt  sei,  zu  berücksichtigen, ­
  war  in  der  vorstehenden  Untersuchung  nicht  möglich.
Daß  Wirtschaft  Geistigem  dient  und  in  diesem  vermittelten
Sinne  selbst  Geistiges  ist,  war  der  wesentliche  Gedanke,  der
dabei  obwaltete  und  in  unseren  Zergliederungen  als  Führer
gedient  hat.  Nur  der  Geist  aber  ist  Leben.  Nur  wer  ihm  folgt,
erlangt  lebendige,  wer  ihm  nicht  folgt,  tote  Wissenschaft.
        <pb n="62" />
        1

t
Tausch  und  Preis
nach  individualistischer  und  universalistischer  Auffassung
        <pb n="63" />
        Erweiterter  Sonderabdruck  aus  den
„Jahrbüchern  für  Nation  alökonomi  e",
Bd.  117.
        <pb n="64" />
        Die  Wert-  und  Preistheorien  Ricardos,  Marrens  und,  mit
geringen  Einschränkungen,  selbst  der  Grenznutzenlehre,  haben
alle  einen  individualistischen  Preisbegriff  ausgebildet,  der  sich
notwendig  von  einem  individualistischen  Tauschbegriff  ableitet.
„Was  soll  aber  hier  der  Begriff  Individualistisch'?"  —  so  wird
man  einwenden.  „Der  Preis  ist  doch  eine  eindeutig  bestimmbare ­
  Erfahrungstatsache,  die  darin  besteht,  daß  z.  B.  zehn
Schafe  gegen  einen  Ochsen  getauscht  werden  (also  den  Preis
von  einem  Ochsen  haben),  oder  daß  ein  Ballen  Baumwolle ­
  die  Summe  von  X  Mark  kostet.  Ebenso  eindeutig  gegeben ­
  erscheint  ferner  die  Erfahrungstatsache  des  Tausches.
Der  Pferdezüchter  P  tauscht  mit  dem  Landwirt  B  Pferde
gegen  Hafer  oder  gegen  die  Geldsumme  von  Y  Mark  (d.  h.
kauft  Pferde  zum  Preise  von  Y  Mark);  der  Börseaner  A  tauscht
von  dem  Börseaner  B  Aktien  gegen  die  Geldsumme  von  X  Mark
ein  (anders  gesagt  „kauft"  Aktien  zum  Preise  von  X  Mark).
Ist  an  dieser  unzweifelhaften  Tatsache  etwas  zu  rütteln?,
kann  man  hier  von  individualistischer  oder  universalistischer
Auffassung  des  Tausches  reden?"
Dem  möchte  ich  Folgendes  entgegenhalten.  Es  handelt
sich  in  der  Volkswirtschaftslehre  nicht  nur  um  die  Feststellung ­
  des  äußeren  Antlitzes  der  Tatsachen,  des  unmittelbar
Handgreiflichen,  das  damit  gegeben  ist,  daß  A  und  B  miteinander ­
  tauschen  (obwohl  in  der  Art  der  Feststellung  stets
schon  ein  Stück  von  Ausdeutung,  von  Theorie  liegt;  sondern ­
  auch  um  das  Begreifen  des  Festgestellten,  um
das  Wesen  des  Tausches.  Da  nun,  wie  sich  zeigen  wird,
O.  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Ausl.  4
        <pb n="65" />
        50  —

von  dem  Begriffe  des  Tausches  aus  der  des  Preises  sich  erst
ableitet,  hiervon  wieder  jener  der  Verteilung,  so  beginne  ich
mit  der  Untersuchung  des  Tauschbegriffes.

1.  Der  Begriff  -es  Tausches.
Wenn  man  nicht  nur  die  unmittelbare  äußere  Erscheinung,
sondern  auch  den  Begriff  des  Tausches  dahin  faßt,  daß  der
Pferdezüchter  P  mit  dem  Landwirt  B,  der  Börseaner  B  mit
dem  Börseaner  A  tauscht,  so  hat  man:  1.  die  Erscheinung  in
ihrer  äußerlichen  Form,  gleichsam  nach  Art  einer  Augenblicksaufnahme, ­
  getreulich  festgestellt;  sie  aber  2.  auch  dahin  begrifflich ­
  ausgedeutet,  daß  wirklich  der  B  selber,  also  selbständig ­
  und  selbstbestimmt,  sozusagen  selbstwüchsig,  seine  Handlung ­
  vornehme  (allerdings  in  Bezug  auf  den  B),  der  B  selber,
selbständig  und  selbstbestimmt  seine  Handlung  vornehme  (allerdings ­
  in  Bezug  auf  den  A).  Diese  Ausdeutung  zeigt  sich  auch
schon  in  der  Form  des  von  der  individualistischen  Lehre  überall
verwendeten  Grundbeispieles,  wonach  der  Nomadenstamm
N  „zufällig"  dem  Nomadenstamm  Pli  begegnet;  beide  haben
je  ein  bestimmtes  Gut,  z.  B.  der  erste  Salz,  der  zweite  Eisen,
in  verhältnismäßigem  Überfluß;  beide,  tauschen  nun  diese
zufällig  überschüssigen  Güter  aus.  Die  äußere  Feststellung
(1)  jener  Erscheinung  nun,  wonach  A  und  B  selbst  tauschen,
ist  richtig;  auch  das  Nomadenbeispiel  ist  logisch  möglich;  die
begriffliche  Ausdeutung  (2)  ist  aber  falsch  und  das  Nomadenbeispiel ­
  nur  ein  letzter  Grenzfall,  also  kein  Grundtypus  und
daher  als  Beispiel  unbrauchbar  (siehe  darüber  noch  unten
S.  58).
Zuerst  steht  die  Sache  so,  daß  hier  die  Feststellung  mit  der
Ausdeutung  gleichgesetzt  wird:  da  A  und  B  ersichtlich  und  handgreiflich ­
  als  Tauschparteien  auftreten,  wird  auch  schon  das
W  e  s  e  n  des  Tausches  in  diesen  persönlichen  (und  den  Persön-
        <pb n="66" />
        lichkeiten  zugerechneten)  Handlungen  erblickt!  Feststellung  und
Ausdeutung,  die  hier  leichthin  zusammengeworfen  werden,
sind  aber  in  Wahrheit  zwei  verschiedene  Dinge.  Dafür  mögen
die  Sterne  am  Himmel  als  Beispiel  dienen.  Daß  sie,  der  äußeren ­
  Erscheinung  nach,  bestimmte  Bewegungen  haben,  stellten
die  Sternkundigen  aller  Zeiten  übereinstimmend  fest;  ob  aber
das  festgestellte  Bewegungsbild  dadurch  zustande  kommt  und
zu  begreifen  ist,  daß  ich  mich  bewege  oder  der  Stern,  das  war
die  Frage  der  begrifflichen  Ausdeutung  jener  Erscheinung,
die  Frage  des  Begriffes,  der  ^Theorie"  der  Himmelserscheinung. ­
  Genau  so  auch  in  unserem  Falle:  daß  die  Börseaner
  A  und  B  voneinander  Papiere  kaufen,  kann  niemand
bezweifeln.  Die  Frage  ist  aber,  was  von  eigentlicher  Realität
dahinter  stecke?,  ob  die  Börseaner  die  Tauschbewegung
machen  und  daraufhin  sich  das  wirtschaftliche  Himmelsgewölbe
drehe,  oder  ob  deren  Tauschbewegung  nur  Ausdruck,  nur
Bestandteil  der  Drehung  des  wirtschaftlichen  Himmelsgewölbes
sei?  Die  Frage  ist  also,  ob  der  rechte  Begriff  jener  persönlichen
Tauschhandlungen  wirklich  darin  liege,  daß  die  Handlungen
je  als  individuelle  (selbstwüchsige)  Handlungen  ihrer  Träger
betrachtet  werden!  Das  ist  die  Frage  des  Tausch  -Begriffes, ­
  das  ist  die  eigentliche  Frage  aller  Tausch-  und  Preistheorie. ­

Die  individualistische  Tauscherklärung  besteht  nun,  das  kann
nicht  deutlich  genug  wiederholt  werden,  darin,  daß  sie  behauptet,
mit  der  Feststellung  der  Erscheinung  sei  auch  der  Begriff  schon
gegeben:  Der  A  selber,  als  solcher,  sei  tatsächlich  derjenige,  der
tausche  oder  kaufe,  es  seien  seine  wirtschaftlichen  Entschließungen, ­
  Handlungen,  die  hier  verwirklicht  würden;  cs
stünden  zwei  für  sich  selbst  dastehende,  selbständige,  selbstbestimmte ­
  wirtschaftliche  Einzelne  einander  gegenüber.  —  Man
muß  diese  Tauschauffassung  notwendig  als  a  t  o  m  i  st  i  s  ch
erkennen,  weil  sie  den  Markt  zu;ammengesetzt  denkt  aus  lauter
        <pb n="67" />
        52

einzelnen  Tauschern,  aus  deren  einzelnen  Wirtschaftshandlungen, ­
  demgemäß  aus  einzelnen  Partikelchen,  Atomen!
Diese  Auffassung  sagt  also:  daß  die  einzelnen  Tauschhandlungen
wie  selbständige  Kraftpartikelchen  oder  Atome  auftreten  und
aufeinander  wirken.
Die  dargelegte  Auffassung  des  Tausches  sagt  aber  ferner:
Die  einzelnen  Taus  chhandlun  gen  stammen
alle  aus  den  einzelnen  Wirtschaftern  und
sind  je  für  sich  eine  wirtschaftliche  Wirklichkeit; ­
  sie  ist  mit  dieser  Anschauung  individualistisch, ­
  denn  jede  wirtschaftliche  Handlung  erscheint  damit
als  eigenes  Einzelnes,  als  Individuum,  in  welchem  die  primäre, ­
  selbstwüchsige  Wirklichkeit  liegt.  Darum  will  die  Grenznutzenschule
  „psychologisch-erklärend"  die  einzelne  Handlung
untersuchen;  darum  sollen  Angebot  und  Nachfrage  ebenso
wie  der  ganze  Markt  nur  die  Zusammenballung,  nur  die
Summation  dieser  Atom-Individuen  sein,  wie  in  der  Folge
jede  Wirtschaftserscheinung  aus  ihnen  als  den  allein  Ursprünglichen ­
  und  Wirklichen  zusammengesetzt  erscheinen  soll.
Die  individualistisch-atomistische  Auffassung  sagt  endlich:
diese  Kraftzentren  oder  Atome  wirken  aufeinander  —  ganz
ähnlich  wie  die  physikalischen  Körper  —  nach  mechanischer
Ursächlichkeit!  Diese  Wirkungen  und  ihre  ursächliche  Verkettung ­
  ergeben  ihr  erst  die  Wirtschaftsvorgänge  aller  Art  und
zuletzt  den  Gesamtgang  der  Volks-  und  Weltwirtschaft.  Die
individualistisch-atomistische  Auffassung  ist  damit  in  ihrer  verfahrenmäßigen ­
  Beschaffenheit:  kausalwissenschaftlich.
Atomistisch  —  individualistisch  —  mechanisch-ursächlich,  das
sind  die  drei  Bestimmungsstücke,  die  diese  Betrachtung  des
Tausches,  kennzeichnen,  die  aufeinander  hinführen,  die  notwendig ­
  zueinander  gehören!
        <pb n="68" />
        53

Ganz  anders  die  universalistische  Auffassung  des  Tausches.
Sie  kann,  was  den  Erfahrungsgegenstand  anbelangt,  das
äußerliche  Beobachtungsbild  der  individualistischen  Auffassung
allerdings  nicht  bestreiten:  „A  tauscht  mit  B",  „P  tauscht  mit  B"
und  zwar  der  Einzelne  „A",  „B"  usw.  kraft  jener  Entschließungen,
die  er  selbst  faßt.  Insoweit  stimmen  individualistische  und  universalistische ­
  Lehre  überein  —  in  der  Feststellung  der  rein  greifbaren ­
  Tatsache,  in  der  Umschreibung  des  zunächst  sichtbaren
Beobachlungsbildes.  Anders  aber  in  der  Deutung  dieser  festgestellten ­
  Tatsache.  Die  universalistische  Ausdeutung  leugnet,
daß  wirklich  die  Einzelnen  „A",  „B",  „P",  „B",  daß  diese
Individuen  als  solche  dabei  miteinander  in  Verbindung  träten,
daß  es  sich  dabei  wirklich  um  individuelle,  um  subjektive
Betätigung  in  dem  Sinne  handele,  als  sei  jene  Betätigung
auch  wirtschaftlich  den  Individuen  selbst  zuzurechnen  (im  wirtschaftlichen, ­
  nicht  etwa  psychologischen  oder  sittlichen  Sinne!);
daß  demgemäß  wirklich  die  einzelnen  Kräfte  dieses  Namens ­
  wie  Atome,  wie  Stücke  je  für  sich  aufträten  und  aufeinander ­
  wirkten.
Was  geschieht  denn  in  Wahrheit,  wenn  der  A  z.  B.  Aktien
der  „Zentralbank  deutscher  Sparkassen"  an  den  B  verkauft?;
dieses:  A  tritt  aus  dem  Bankbetrieb  „Zentralbank  deutscher ­
  Sparkassen",  dessen  (wenn  noch  so  unbedeutender)  Teilhaber ­
  und  Mitleiter  er  durch  Aktienbesitz  war,  aus,  er  zieht  seine
Teilhaberschaft  davon  zurück  und  der  Käufer  B  tritt  statt
seiner  in  diesen  Betrieb,  in  dieses  Wirtschaftsgebilde,  ein.
—  Ferner:  Ob  Castiglioni  oder  Stinnes  den  steirischen  Erzberg ­
  besitzen,  ist  keine  volkswirtschaftliche  Frage,  sofern  die
Person  des  C.  oder  S.  dabei  ins  Auge  gefaßt  wird;  volkswirtschaftlich ­
  ist  erst  die  Tatsache,  daß  Stinnes  westfälischen  Koks  zum
steirischen  Erz  hinzubringt,  die  steirischen  und  westfälischen  Werke
organisch  verbindet.  Der  objektive  Wirtschaftsvorgang ­
  besteht  also  nicht  darin,  daß  A  und
        <pb n="69" />
        54

B  für  s  i  ch  wirtschafteten;  sondern  darin,  daß
an  einem  ganzheitlichen  Gebilde,  einend  Betrieb, ­
  gleichsam  einer  Zelle  im  Organismus ­
  der  Volkswirtschaft,  eine  Veränderung
vor  sich  ging,  nämlich  durch  die  mit  einem  Wechsel
der  Teilhaberschaft  gegebenen  Sachveränderungen.  Nicht  die
(tauschenden)  Personen  kommen  als  wirtschaftliche  irgendwie ­
  in  Frage:  ob  sie  sich  „entschließen",  ob  sie  dabei  persönlich
„eigennützig"  u.  dgl.  sind  —  dieses,  wie  alles  Psychologisch-Persönliche,
  kann  auf  der  wirtschaftlichen  Denkebene  überhaupt ­
  nicht  aufscheinen!!  Einzig  und  allein  wesentlich  ist,
welche  Veränderungen  an  wirtschaftlichen  „Gebilden",  „Betrieben" ­
  durch  die  betreffenden  Handlungen  vor  sich  gehen!  —
Das  andere  Beispiel.  Was  geschieht,  wenn  der  Landwirt  B  von
dem  Pferdezüchter  B  ein  Pferd  kauft?  Ein  Erzeugnis  des
Pferdezucht  b  e  t  r  i  e  b  e  s  „B"  wird  in  den  (gleichsam  weiter
verarbeitenden,  verwendenden  und  fortpflanzenden)  Betrieb
„B"  übergeführt.  Der  Tausch  zwischen  B  und  B  heißt  also
nicht,  daß  „B"  als  Einzelner,  B  als  Einzelner  irgendwie  wirtschaftlich ­
  handelten  und  taten,  was  ihnen  zuzurechnen  sei;
er  heißt,  daß  ein  Pferd  aus  dem  Vorbetrieb  (B)  in  einen  Verwendungsbetrieb ­
  (B)  übertrat.  Wenn  dann  ferner  Herr  B  an
Herrn  B  einen  Preis  zahlt,  heißt  dies  wieder  nur,  daß  B  aus
anderen  volkswirtschaftlichen  Betrieben,  z.  B.  aus  der  Schmiede,
dafür  Hufeisen  bezieht  (deren  Abgabe  an  B  wieder  darin  begründet ­
  sein  kann,  daß  B  ein  Erzeugnis,  z.  B.  Korn,  an
diese  Schmiede  abgibt).  —
In  beiden  Fällen  gilt:  Nicht  das  Individuum  A  war  es,
das  selbst  tauschte,  d.  h.  das  in  dem  Sinn  tauschte,  als  sei  ihm
seine  Handlung  wirtschaftlich  zuzurechnen;  sondern  der  Bankbetrieb ­
  X  (der  gleichsam  durch  einen  Abgeordneten  einen  Teil
seines  Besitzes  verkauft)  ist  es,  mit  dem  eine  Veränderung  vorging ­
  (Wechsel  der  Teilhaber  verbunden  mit  dem  entsprechen-
        <pb n="70" />
        55

den  Wechsel  von  sachlichen  Eingliederungen  und  Abhängigkeiten); ­
  nicht  die  Individuen  L  und  P  waren  es,  die  für  sich
tauschten  und  wirtschafteten,  sondern  der  landwirtschaftliche
Betrieb  L,  und  der  Pferdezuchtbetrieb  P  haben  eine  Veränderung ­
  dadurch  erfahren,  daß  ein  Erzeugnis  des  Betriebes  P
in  den  Betrieb  L  überging  und  der  Betrieb  P  dafür  einen  Gegenwert ­
  empfing,  welcher  die  Aurückführung  anderer  Erzeugnisse
aus  anderen  Betrieben  der  Volkswirtschaft  in  den  Betrieb  L
in  sich  schließt.
Das  Gleiche  gilt  bei  allen  anderen  Tausch-  und  Kaufvorgängen. ­
  Ob  der  Gastwirt  ein  Faß  Wein,  ob,  um  selbst  die
äußersten  Beispiele  zu  wiederholen,  der  rein  spekulativ  vorgehende ­
  „Schieber"  einen  Wagen  Fett  kauft,  ob  ein  Finanzmann ­
  die  Aktienmehrheit  erwirbt:  immer  sind  es  nicht  Gastwirt ­
  X,  nicht  Schieber  X  noch  Finanzmann  X,  die  in  Frage
kommen,  sondern  die  objektiven  Vorgänge  im  Weinbergsund ­
  Gasihausbetriebe,  in  den  Fetterzeugungs-  und  Fettverwendungsbetrieben, ­
  in  der  organischen  Verbindung  des
neu  „kontrollierten"  Aktienbetriebes  mit  den  anderen  Betrieben ­
  des  Finanzmannes  als  Vor-  und  Nachstufen  der  Erzeugung, ­
  die  in  Frage  kommen.  Nur  Vorgänge  im  Gliederbau
der  Ganzheit  „Wirtschaft"  sind  wirtschaftlicher  Art,  subjektive
Vorgänge  und  Handlungen  sind  es  als  solche  niemals.
In  dieser  eben  dargelegten  Erkenntnis,  daß  immer  „Gebilde", ­
  „Betriebe",  kurz  Organe,  Unterganze  der  Volkswirtschaft
es  sind,  die  beim  Tausch  verändert  werden,  liegt  das  Wesentliche ­
  der  universalistischen  Erklärung  der  Tauschvorgänge.
Und  hierin  allein  liegt  die  Urentscheidung,  welche  den  Gegensatz
  „individualistisch-universalistisch"  in  die  Mitte  stellt  und
unausweichlich  macht:  daß  entweder  der  einzelne  Tauscher
mit  der  einzelnen  Tauschhandlung  für  sich,  selbstwüchsig,  primär,
und  das  ist  individualistisch  und  atomistisch,  betrachtet  wird;
oder  daß  er  als  nur  scheinbar  für  sich,  in  Wahrheit  aber  stets
        <pb n="71" />
        56

bloß  als  Vertreter  (Exponent)  einer  wirtschaftlichen  Unter-Ganzheit
  zu  betrachten  ist.
Alle  bisherigen  Beispiele  und  Betrachtungen  zeigten  immer
wieder,  wie  man  den  „Tausch"  wohl  psychologisch  dem  Einzelnen ­
  zurechnen  kann,  z.  B.  sofern  er  sich  sagt,  „Ich  verkaufe
meine  Aktien",  „Ich  kaufe  mir  Pferde  statt  der  Ochsen";  aber
wie  wirtschaftlich  diese  Handlung  nicht  im  Umkreise  der  jeweils ­
  lauschenden  Personen  stecken  bleibt,  und  ferner  auch
nicht  ihrem  Umkreis  entsprungen  sein  kann.  Die  Tauschhandlung
  ist  wirtschaftlich  nichts  Selbstwüchsiges, ­
  sie  ist  darum  auch  nichts  Atomhaftes,  nichts
Summenhaftes,  sie  ist  kein  Zusammen-stückeln,  kein  Zusammensetzen! ­
  Wirtschaftlich  besteht  Tausch  überhaupt  nicht  in  der
„Handlung"  Einzelner,  sondern  vermittelt,  wie  wir  sahen,
die  organische  Verbindung  von  wirtschaftlichen  Betrieben,  bedeutet ­
  organische  Vorgänge  im  Ganzen  der  Volkswirtschaft.
Tausch  ist  Ausdruck,  ist  gleichsam  Gelenk  der  organischen
Verbindungen  und  Auseinandersetzungen.  Nicht  die  Individuen ­
  als  selbständige,  eigene,  selbstbestimmte  oder  gar  willkürliche ­
  sind  es,  die  lauschen,  sondern  die  Betriebe  verschiedener
Stufen  der  Erzeugung  sind  es,  die  im  Tausche  ihre  Erzeugnisse,
Kapitalien  usf.  aneinander  abgeben  und  verrechnen.  Die  im  Abgeben ­
  und  Übernehmen  gegebene  Jneinanderordnung  der  Wirtschaftsbetriebe ­
  oder  „Gebilde"  zu  höheren  Ganzen  ist  es,  die
im  Tausche  sich  vollzieht.  Tausch  ist  daher:  die  Sichtbarwerdung
  jener  Ganzheit,  als  deren  bloße
Glieder  sich  die  Tauschenden  offenbaren.  Diese
Ganzheit  ist,  wie  sich  zeigte,  jeweils  von  ganz  bestimmter  Art:
Sie  nimmt  das  Gut  als  in  eine  höhere  Stufe  der  Verrichtung,
d.  h.  in  größere  Zielnähe,  oder  zur  endgültigen  Leistung  in
sich  auf.  —  Daraus  ergibt  sich  folgende  genaue  Begriffsbestimmung ­
  des  Tausches,  bezw.  des  Kaufes  und  Verkaufes:
Tausch  ist  die  freie,  organisatorisch  nicht  im  voraus  genau
        <pb n="72" />
        57

festgelegte,  Form  der  Aktuierung  einer  dem  Einzelnen  jeweils
vorgegebenen,  aber  in  ihrer  letzten  Konkretisierung  nur  virtuell
bestehenden  Ganzheit,  deren  Glieder  durch  ihn  wird.  —  Kurz
gefaßt:
Tausch  ist  die  letzte  Verwirklichung  einer  dem
Einzelnen  jeweils  vorgegebenen  Ganzheit*).
Werden  nun,  wie  wir  sahen,  im  Tausche  die  Wirtschaftsmittel ­
  und  zwar  auch  in  Form  von  Kapitalien,  Aktien,  aus
dem  einen  Betrieb  herausgenommen  und  in  einen  anderen
Betrieb  hineingestellt,  dann  müssen  auf  diese  Weise  Warentausch, ­
  Handel,  Spekulationen,  Arbitrage,  Steuerzahlung,
Zinsenzahlung  usw.  (lauter  Arten  von  Tausch)  jeweils  ganz
andere  volkswirtschaftliche  Vorgänge,  ganz  eigene  Arten
der  Herstellung  von  Verbindungen,  des  Erscheinens ­
  höherer  Ganzheiten  bedeuten,  trotzdem  sie  äußerlich ­
  die  Form  von  „Tausch"  der  Einzelnen  oder  „Kauf  und
Verkauf"  in  bar  oder  Stundungsform  haben,  also  scheinbar
nur  Einzelnen  zuzurechnen  wären.  Daß  die  Einzelnen  allein
es  sind,  welche  diesen  Tausch  zuletzt  vollziehen,  wird  natürlich
auch  von  der  universalistischen  Auffassung  nicht  geleugnet,  —
aber  sie  sind  es  gleichsam  nur  als  Schauspieler,  als,  wenn  auch
vielleicht  aus  dem  Stegreif  spielende,  aber  stets  im  G  a  n  z  e  n
dichtende  Spieler!;  daß  die  Einzelnen  für  sich,  als  solche  es
wären,  die  tauschten,  das  muß  geleugnet  werden.
Immer  wieder  kommen  wir  bei  dem  an,  was  sich  schon  eingangs ­
  unserer  Zergliederung  ergab:  die  Einzelnen  tauschen  nicht
als  solche,  sondern  als  Träger  wirtschaftlicher  Gebilde,  die  hinter
ihnen  stehen.  Daß  die  Einzelnen  diesen  Tausch  vollziehen,  ist  nur
eine  äußere  Erscheinungsweise  gesamtvolkswirtschaftlicher  Tat-*)

  Dgl.  auch  oben  S.  13  über  den  organischen  Begriff  des  Verkehrs.
„Verkehr"  und  „Tausch"  sind  insofern  einerlei,  sofern  jeder  Verkehrsakt ­
  als  Tausch  aufgefaßt  werden  kann.  —  S.  ferner  unten,  3.  Abhandlung ­
  S.  125  ff.
        <pb n="73" />
        58

fachen.  Sind  die  Jnvividuen  aber  nur  die  Träger,  so  sind  die  organischen ­
  Verbindungs-  und  Auseinandersetzungsvorgänge,  die
zwischen  den  Gebilden  stattfinden,  das  allein  Wirkliche.  Diese  Gebilde, ­
  z.  B.  „Gutshof",  „Fabrik",  aufkaufender  „Handel",  „Eisenbahn", ­
  „Börse",  „Zerstreuungshandel",  „Kleinverschleiß"  sind
lauter  organische  Unterganze,  welche  den  Gliederbau  der  Volkswirtschaft ­
  bilden  (wie  ich  sie  etwa  im  „Bauplan  der  Volkswirtschaft" ­
  meines  „Fundamentes"  skizziert  habe).  Diese  Gebilde ­
  selber  haben  wieder  die  Form  des  „Betriebes".  „Betrieb"
kann  wieder  Alleinbetrieb,  Klein-  oder  Großbetrieb  sein  —
nicht  ob  viele  oder  wenige  darinnen  arbeiten,  ist  maßgebend,
sondern  die  Natur  desselben,  eine  Zelle  im  Gebäude  der  volkswirtschaftlichen ­
  Ganzheit  und  in  sich  selber  wieder  ein  System, ­
  ein  Gliederbau  zu  sein.  Als  Träger  (Funktionär,  Exponent) ­
  solcher  wirtschaftlicher  Organe,  als  Vertreter  seines
Gebildes  tritt  der  Börseaner,  ebenso  wie  der  Bauer,  Pferdezüchter ­
  auf,  als  wirkender,  aber  unbewußter,  Delegierter.  Die
Gebilde  sind  auf  ihre  Einzelvertreter  angewiesen,  aber  die
meisten  Individuen  wissen  das  nicht!
Von  hier  aus  ist  nun  auch  das  oben  (S.  50)  angeführte
Nomadenbeispiel  mit  seinen  drei  Zufällen  aufzulösen. ­
  Ich  will  nicht  sagen,  daß  der  Fall  unlogisch  gedacht  sei,
denn  es  ist  logisch  möglich,  daß  „zufällig"  der  Stamm  N  Salzüberschuß, ­
  „zufällig"  der  Stamm  N x  Eisenüberschuß  habe
und  beide  einander  „zufällig"  treffen.  Das  „Zufällige"  daran
zeigt  aber,  daß  es  sich  hier  um  einen  Grenzfall  des  Möglichen,
nicht  um  einen  Typus  handle.  Das  tiefste  Wesen  auch  dieses
Tausches  besteht,  wie  in  allen  Fällen,  hier  ebenfalls  darin,
daß  Salz  und  Eisen  einander  ergänzen  müssen:  wodurch  die
beiden  Wirtschaften  Glieder  einer  Ganzheit  werden.  Nach
vollzogenem  Tausche  zeigt  sich,  daß  die  Eisen  erzeugende  Wirtschaft ­
  der  Vorerzeuger  für  die  Eisen  verwendende  und  die
Salz  erzeugende  der  Vorerzeuger  für  die  Salz  verwendende
        <pb n="74" />
        —  59  —
war.  Denn  beide  Wirtschaften  müssen,  indem  sie  in  das  Verhältnis ­
  von  Vor-  und  Nacherzeuger  gegenseitig  eintreten,
ihren  gesamten  Wirtschaftsplan  ändern,
was  der  deutlichste  Beweis  dafür  ist,  daß  jetzt  beide  Wirtschaften ­
  in  organischer  Verbindung  miteinander  stehen,  d.  h.
in  Bezug  auf  den  Wirtschaftszweig  „Salz-Eisen"
  und  die  damit  zusammenhängendenHilfs-
  und  Nachbargebilde  eine  Ganzheit ­
  bilden,  deren  Glied  nunmehr  nur
jede  einzelne  Wirtschaft  ist.
Alles  dieses  wird  später  noch  von  mehreren  Seiten  her
klar  werden.
Nach  allem  Bisherigen  dürfen  wir  (man  entschuldige  die
Wiederholungen  mit  der  Schwierigkeit  des  Gegenstandes)  zusammenfassend ­
  sagen:
Unter  Tausch  im  individualistischen  Sinne  versteht  man
das  auf  dem  Handeln  der  für  sich  gesehenen  Einzelnen  beruhende
Abgeben  von  Gütern  gegen  andere  Güter  oder  gegen  Geld
(„Kauf");  unter  Tausch  im  universalistischen  Sinne  verstehen
wir  die  organische  Verbindung  und  Auseinandersetzung  der
wirtschaftlichen  Gebilde,  als  deren  bloße  Träger  (Vertreter)
die  tauschenden  Einzelpersonen  auftreten;  Tausch  im  individualistischen ­
  Sinne  ist  das  Ergebnis  selbsiwüchsigen  (angeblich
wirtschaftlichen)  Handelns  Einzelner;  Tausch  im  universalistischen
Sinne  ist  nur  der  Ausdruck  des  organischen  Angelegtseins  volkswirtschaftlicher ­
  Gebilde  aufeinander,  gleichsam  das  Gelenk
ihrer  ganzheitlichen  Eingliederung,  und  der  Vorgang  der
Fertigmachung  (Konkretisierung  oder  auch  Umbildung)  der
beteiligten  Ganzheiten;  durch  Tausch  im  individualistischen
Sinne  wird  etwas  aus  Einzelnem  zusammengesetzt;  durch
Tausch  im  universalistischen  Sinne  gliedert  sich  eine  Ganzheit
aus  und  um.  Das  Wesentlichste  des  Unterschiedes  beider  Auf-
        <pb n="75" />
        60

fassungen  bleibt,  daß  der  Tausch  im  individualistischen  Sinne
als  Angelegenheit  tauschender  Einzelpersonen  erscheint  (z.  B.
zweier  Börseaner,  die  sich  vielleicht  gegenseitig  übers  Ohr
hauen  möchten);  während  er  im  universalistischen  Sinne  die
Plattform  der  Verbindungs-  und  Auseinandersetzungsvorgänge
der  Unterganzen  zum  Gesamtganzen  der  Volkswirtschaft  ist.

2.  Einwände.
1.  Da  die  herkömmliche  Auffassung  glaubt,  weder  individualistisch ­
  noch  universalistisch  zu  sein  (während  sie  in  Wirklichkeit, ­
  wie  wir  gezeigt  haben,  rein  individualistisch  ist),  liegt
als  erster  Einwand  gegen  unsere  Ausführungen  dieser  nahe:
der  Gegensatz  habe  überhaupt  keine  Gültigkeit,  beide  Betrachtungsweisen ­
  kämen  auf  dasselbe  hinaus.
Dies  ist  aber  gewiß  nicht  richtig.  „Tausch"  als  Zusammensetzung ­
  einzelner,  je  für  sich  selbständiger  Handlungen  ist  himmelweit ­
  verschieden  von  „Tausch"  als  Ganzheit,  deren  Glieder
nur  jene  Handlungen  sind,  und  der  Anblick  der  Dinge  ändert
sich  nach  beiden  Standpunkten  gänzlich.  Volkswirtschaftlich  bedeutsam ­
  werden  nach  der  universalistischen  Auffassung  Handlungen ­
  nur  genau  so  weit,  als  sie  Glieder  zu  werden  vermögen,
als  die  Eingliederung  in  Ganzheiten,  z.  B.  der  Rohstoff-  in
die  Veredlungserzeugung,  gelingt,  nur  genau  soweit,  als  ihnen
Gliedlichkeit  zukommt.  Diese  Gliedlichkeit  ist  nun  ihre  Grundeigenschaft, ­
  die  Ganzheit,  welche  im  „Tausch"  jeweils  erscheint,
die  einzig  erste  und  reale  Erscheinung.  —  Die  individualistische
Betrachtungsweise  geht  dagegen  nicht  nur  umgekehrt  vor  (und
käme  dabei  angeblich  zum  gleichen  Ergebnis),  sondern  sie  gelangt ­
  auch  nie  zu  einer  Ganzheit,  nie  zu  Teilorganen  noch  zu
organischer  Verbindung  volkswirtschaftlicher  Glieder.  Was
durch  Zusammensetzung  einzelner,  diskreter  (getrennter,  selbstwüchsiger) ­
  Stücke  entsteht,  ist  niemals  eine  Ganzheit,  sondern
        <pb n="76" />
        61

nur  eine  Anhäufung,  ein  Konglomerat,  nur  eine  Summationserscheinung. ­
  Alle  vom  Tausch  abgeleiteten  Erscheinungen
könnten  daher  nur  als  Anhäufungen  und  zufällige  Zusammensetzungen ­
  erklärt  werden,  niemals  als  organische  Glieder.
Die  individualistische  Auffassung  kommt  denn  auch  demgemäß
überhaupt  zu  keiner  Volkswirtschaft,  zu  keinem
obersten  Ganzen,  wofür  die  „Freihandelslehre",  indem  sie
eine  Volkswirtschaft  gar  nicht  anerkennt,  ein  beredter  Ausdruck ­
  ist.  Ein  anderes  Beispiel  dafür  ist  die  Arbeitsteilung.
Arbeitsteilung,  wie  Smith  sie  sich  vorstellt,  als  mosaikartige  Zusammensetzung ­
  einzelner  Handlungen,  gibt  es  nicht.  Auch  der
Begriff  von  sog.  „Arbeitsvereinigung"  ist  schief;  als  ob  die
einzelnen  Arbeiten  hinterdrein  „vereinigt"  würden!  Richtig
ist  allein  der  Begriff  der  Arbeits-Gliederung.  Das  Ganze  des
Arbeitsvorganges  mit  seinen  Gliedern,  d.  h.  die  Ganzheit ­
  mit  ihrer  bestimmten  Arbeitsausgliederung ­
  ist  die  alleinige  Wirklichkeit;
denn  nur  das  Glied  gehört  dem  Ganzen  an,  außerhalb  des
Ganzen  hat  es  kein  Dasein.  —  Im  übrigen  werden  sich  die
Gegensätze  bei  der  weiteren  Behandlung  der  Begriffe  noch
deutlich  genug  zeigen.
2.  Angesichts  der  gegebenen  Beweisführung  bliebe  vielleicht ­
  für  den  Individualisten  noch  die  Möglichkeit,  zu  erklären:
die  Tauschhandlungen  sind  allein  die  Handlungen  der  einzelnen
Wirtschafter;  die  Folgen  dieser  Handlungen  dagegen  sind
solche  für  die  Ganzheit  der  Volkswirtschaft.  —  Hierin  läge  aber
nur  eine  leere  Scheinweisheit.  Eine  wirtschaftliche  Handlung ­
  und  Erscheinung  ist  wirtschaftlich  ganz  allein  durch  ihre
„Folgen",  d.  h.  durch  ihre  Leistungen  (Funktionen)  definiert,
eine  andere  Bestimmtheit  hat  sie  überhaupt  nicht.  „Pferdekauf" ­
  schließt  in  sich  eine  Bedeutung  (Leistung,  Funktion)
des  Pferdes  für  den  Betrieb,  in  dem  es  arbeiten  soll,  wie  für
jenen  aus  dem  es  austritt,  und  damit  für  die  Volkswirtschaft,
        <pb n="77" />
        62

in  welcher  wieder  beide  Betriebe  etwas  leisten.  „Aktienkauf"
schließt  in  sich  eine  Leistung,  z.  B.  „Kursgewinn",  für  den
Handelsbetrieb  des  Käufers,  eine  Leistung,  z.  B.  „Wechsel
in  der  Aktienmehrheit",  in  dem  mittelbar  betroffenen  Aktienbetrieb. ­
  Der  Begriff  einer  wirtschaftlichen  Erscheinung  erschöpft ­
  sich  gänzlich  in  ihrer  leistungsmäßigen  Bestimmtheit,
d.  h.  in  ihrer  Eigenschaft  „Mittel  für  Ziele"  zu  sein  (darüber
siehe  eingehender  mein  „Fundament  der  Vwl.").  „Geld"
z.  B.  ist  nur  insoferne  es  „Tauschmittel",  „Zahlungsmittel",
„Wertmesser"  ist,  Geld,  d.  h.  sofern  es  arteigene  Leistungen
aufweist.  Darüber  hinaus  ist  es  überhaupt  nichts  Wirtschaftliches ­
  mehr.  Selbst  sofern  der  Tausch  nur  der  Einzelperson  8
allein  Gewinn  brächte,  der  bei  8  steckenbliebe,  wäre  er  Wirtschaftserscheinung ­
  nur  durch  leistungsmäßige  Auswirkungen.
Z.  B.:  L  habe  zu  gleichem  Preise  einen  Ochsen  verkauft,  ein
Pferd  gekauft,  das  Pferd  leiste  aber  50  Proz.  mehr;  setzt  sich
nun  dieses  Mehr  in  größere  private  Verbrauchsausgaben  des
L  um,  dann  entsteht  wieder  ein  neuer  Tausch  aus  den  Leistungen ­
  des  ersten  Tausches,  der  mithin  nicht  im  Persönlichen
stecken  blieb,  sondern  organische  Veränderungen  hervorrief.
3.  Ein  weiteres,  besonders  wichtiges  Beispiel,  wie  keine
Tauschhandlung  bloß  persönlich  zugerechnet  werden  könne,
sondern  ganz  und  gar  als  Verbindung  wirtschaftlicher  Gruppen,
volkswirtschaftlicher  Organe  zu  betrachten  sei,  liefert  der  angebliche ­
  Schauplatz  rein  persönlich-spekulativen  Tausches,  die
Börse.  Welches  ist  das  Bild  der  Börse  im  Falle  eines  plötzlichen ­
  Kurssturzes?  Dieser  zeigt,  daß  nicht  Börseaner,  sondern
zuletzt  die  hinter  der  Börse  stehenden  Banken,  Fabriken
und  Aktienbetriebe  aller  Art  es  sind,  die  auf  der  Börse  wirtschaften. ­
  Wenn  z.  B.  die  Erzeugnisse  einer  Fabrik  wegen
neuer  Patente  der  Nebenbuhler  keinen  Absatz  mehr  finden,
so  stürzen  die  Kurse  ihrer  Papiere  auf  Null;  kein  Mensch  tauscht
sie  gegen  andere  ein.  Aber  nicht  weil  er  zufällig  mag,  sondern
        <pb n="78" />
        63

weil  der  Betrieb  aus  dem  Organismus  der  Volkswirtschaft ­
  ausschied,  daher  mit  keinem  anderen  Betriebe  mehr  durch
Tausch  verbunden  werden  kann.  So  auch,  wenn  der  Kurs  auf
die  Hälfte  sinkt,  es  ist  dann,  als  wenn  nur  die  Hälfte  der  Erzeugnisse ­
  brauchbar  und  absetzbar  wäre.  Freilich  ist  die  Börse
nur  Plattform  (Tauschstätte)  für  Finanzkapital,  daher  der
Kurssturz  niemals  ganz  die  Warenbewegung  der  Betriebe
widerspiegelt,  sondern  nur  Bedingungen  davon.  Aber  soviel
ist  klar,  daß  es  zuletzt  die  Betriebe  allein  sind,  die  auf  der  Börse
erscheinen,  wenn  auch  nicht  vertreten  durch  förmliche  Abgesandte, ­
  sondern  durch  eigene  Beurteiler,  die  „Spekulanten".
(Damit  sollen  die  argen  Schäden  unseres  heutigen  Börsenund
  Bankwesens,  als  unvollkommener  Organe,  natürlich  nicht
geleugnet  werden.)
4.  Schließlich  sei  noch  eine  letzte  erläuternde  Bemerkung
gestattet.  Man  könnte  den  Unterschied  unserer  eben  dargelegten ­
  universalistischen  gegen  die  individualistische  Auffassung
auch  so  erklären,  daß,  ins  Mathematische  übersetzt,  die  individualistische ­
  Auffassung  mit  1,  2,  3  rechnet,  also  mit  lauter
eigenen  Einheiten,  die  universalistische  dafür  x /io/  2 /io/  3 /io
setzt  —  d.  h.  mit  Teilen  von  Ganzen  rechnet  statt  nüt
Einzelnen,  statt  mit  Atomen.  Diese  letztere  Auffassung  ist
nicht  gezwungen  und  konstruiert,  sondern  die  allein  richtige,
denn  sie  behält  die  Gliedeigenschaft  der  Größen  im  Auge,
während  die  erstere  Auffassung  sie  vergißt.  Keine  wirtschaftliche ­
  Erscheinung  ist,  universalistisch  gesehen,  in  Stücken  für
sich  da,  sondern  sie  ist  stets  ein  Glied  in  einer  Gesamtheit,
der  Tauschende  ist  Träger,  Vertreter  wirtschaftlicher  Ganzheiten, ­
  für  sich  existiert  er  wirtschaftlich  gar  nicht.
3.  Der  Begriff  -es  Preises.
Individualistisch  gefaßt,  ist  der  „Preis"  gleich  dem  Verhältnis ­
  der  ausgetauschten  Waren  der  sog.  „Tauschrelation".
        <pb n="79" />
        Sind  z.  B.  20  Ellen  Leinewand  gleich  1  Rock  oder  gleich
X  Mark,  so  ist  der  Preis  von  20  Ellen  Leinewand  1  Rock.
Damit  wird  der  Preis  genau  so,  wie  der  Tausch,  mit  dem
er  ja  nach  dieser  Auffassung  eigentlich  einerlei  ist,  erklärt;  nämlich ­
  genau  so  individualistisch  als  Zusammentreffen  und  „Relation" ­
  einzelner  Waren  oder  Handlungen.  —  Dasselbe  geschieht, ­
  wenn  es  heißt,  der  Preis  sei  „von  Angebot  und  Nachffage
  abhängig",  denn  das  bedeutet  individualistisch  doch  nur:
von  Tauschware  und  Gegenlauschware  =  von  der  Summe
aller  Tauschhandlungen.  Nach  welcher  besonderen  „Gesetzmäßigkeit" ­
  diese  Summierung  der  Tauschhandlungen  geschieht, ­
  versuchen  dann  die  verschiedenen  individualistischen
Preistheorien  je  in  ihrer  Weise  zu  ermitteln.  Aber  sowohl
bei  Ricardo  wie  bei  Böhm-Bawerk  und  bei  allen,  die  zwischen
ihnen  stehen,  sind  es  die  Tauschhandlungen  der  Einzelnen,
aus  denen  sich  der  Pre's  ergibt.  Ja  hier  ist  Böhm-Bawerk
in  gewissem  Sinne  noch  individualistischer  als  Ricardo  und
Marx,  da  bei  den  letzteren  der  Güterwert  (obzwar  die  Tauschhandlung ­
  nur  dem  Einzelnen  zugerechnet  wird)  grundsätzlich
durch  eine  objektive  Tatsache,  nämlich  die  in  ihr  steckende  Arbeitsmenge ­
  bestimmt  ist;  bei  Böhm  dagegen  nur  die  Schätzungshandlungen ­
  der  Einzelnen  allein  (in  ihren  Verschlingungen
mit  anderen)  den  Preis  ergeben.
Anders  unsere  vom  Ganzen  ausgehende,  die  universalistische
Auffassung.  Ist  der  Tausch  (wie  wir  oben  S.  56  f.  ausführten)
nur  eine  bestimmte  Weise  organischer  Verbindung  von  Stufen,
Betriebsgruppen  und  Erzeugungszweigen  der  Volkswirtschaft,
ist  er  nur  die  Plattform  der  Verbindungs-  und  Auseinandersetzungsvorgänge, ­
  auf  welcher  vorgegebene  Ganzheiten  konkretisiert ­
  werden,  und  ist  er  in  dieser  vermittelnden  Aufgabe
und  in  diesem  Sinne  gleichsam  selbst  ein  Organ,  dasjenige
Hilfsorgan,  das  zuletzt  die  Ganzheit  im  Rahmen  der  Volkswirffchaft
  hinstellt  und  zur  Erscheinung  bringt  —  dann  ist
        <pb n="80" />
        65

der  „P  r  e  i  s"  auch  nicht  das  bloße  Mengenverhältnis ­
  der  getauschten  Waren  selbst;
dann  bängt  er  aucb  nicht  von  dem  bloßen  jeweils  gegebenen
Angebot  und  der  jeweils  gegebenen  Nachfrage  ab;  dann  kann
den  jeweils  schon  gegebenen  Angeboten  und  gegebenen  Nachfragen ­
  auch  bloß  eine  markttechnische,  aber  keine  eigentlich
preisbildende  Bedeutung  zukommen!
Vielmehr  zeigt  sich  der  Preis  nunmehr:  als  die  Ausdrucksform, ­
  als  der  Anzeiger  des  organischen
Verbindungs  wertes  der  sich  berührenden
volkswirtschaftlichen  Stufen  und  Erzeugn ­
  n  g  s  z  w  e  i  g  e.  „20  Ellen  Leinwand  gegen  1  Rock",
„X  Wagen  Leder  gegen  Y  Wagen  Schuhe",  „X  Ballen  Baumwolle ­
  gegen  Z  Sack  Mehl",  oder:  1  Elle  Leinwand  =  A  Mark,
1  Rock  =  B  Mark,  usw.  —  all  dieses  heißt  nun  nicht,  daß  Herr  A
von  ungefähr  oder  mit  Vorsatz  Leinwand,  B  Röcke,  C  Leder
usw.  tauscht  oder  kauft,  denn  diese  Tatsache  ist  belanglos;
sondern  daß  die  Vorstufe  „Leinwanderzeugung"  oder  „Leinwandangebot" ­
  in  einem  organisch  bestimmten  Verbältnis  zur
Nachstufe  Rockerzeugung  (Nachfrage  nach  Leinwand)  steht.
Notwendig  muß  ja,  da  „Volkswirtschaft"  eine  Ganzheit
und  kein  Haufen  ist,  jede  Vor-,  Nach-  und  Nebenstufe
der  Wirtschaft  in  einer  organischen  Verbindung,  einem
gliedbaften  Verhältnis  der  Entsprechung  zu  jeder  anderen
sieben.  Vom  Hochofen  hängt  das  Walzwerk,  vom  Walzwerk
die  Klein-Eisenerzeugung,  die  Maschinenerzeugung  usw.  ab.
„Walzwerk"  muß  zu  seinen  Vor-,  Nach-  und  Nebengewerben
in  einem  ganz  bestimmten  Verhältnis  stehen.  Dieses  Verhältnis ­
  ist  das  Erste,  der  Preis  bloßer  Ausdruck  davon,  bloßer
Anzeiger  (Erponent)  gegenständlicher  volkswirtschaftlicher  Verhältnismäßigkeiten; ­
  er  ist  nicht  etwas,  was  den  einzelnen
Tauschhandlungen  als  solchen,  den  einzelnen  Täuschern  als
solchen  zugehört  und  entspringt,  noch  aus  einem  Summations-O.
  Lpann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Aufl.  5
        <pb n="81" />
        66

Vorgang  „Angebot—Nachfrage",  noch  aus  dem  „Gleichgewicht" ­
  der  beiden;  insbesondere  geht  er  daher  nicht  aus  „subjektiven ­
  Wertschätzungen"  hervor,  er  ist  nicht  ihr  „Ergebnis",  wie
Menger  und  seine  Schule  will');  vielmehr  sind,  gerade  entgegengesetzt, ­
  die  subjektiven  Schatzungen  der  Wirtschafter  erst  die
Erponenten,  die  Ausdrücke  des  objektiven  Gliederbaues  der
Wirtschaft.
Unsere  Auffassung  des  Preises  als  Anzeiger  organischer
Gliederung  und  in  diesem  Sinne  als  organisch  erPreis
ist  allerdings  noch  keine  vollständige  Preistheorie;  aber  sie
gibt  den  Rahmen  an,  in  dem  sich  die  universalistischen
Preiserklärungen  zu  bewegen  haben.  Die  besondere  Preistheorie ­
  hat  (auf  der  angegebenen  allgemeinen  Grundlage)
noch  darzutun,  nach  welchen  Gründen  und  in  welchen  Sondervorgängen ­
  jenes  „Anzeigen",  „Ausdrücken"  organischer  Beziehungen ­
  der  Teilganzen  im  volkswirtschaftlichen  Gesamtganzen ­
  geschieht,  wie  sich  die  Gliedhaftigkeiten  in  ihm  durchsetzen ­
  (vgl.  unten  S.  73  über  „Gleichwichtigkeit").  Die
österreichische  Schule,  sofern  sie  den  Wert  von  Bedürfnisstand ­
  und  Gütermenge  (d.  h.  vom  Verhältnis  der  Mittel  zu
den  Zielen)  abhängig  macht,  wäre  mit  diesen  allgemeinen
Voraussetzungen  immerhin  beim  rechten  Anfange;  jedoch  müßte
Ziel  und  Mittelbestand  der  Einzelnen,  müßte  die  Marktlage
stets  als  Äußerung  der  volkswirtschaftlichen  Ganzheit  begriffen
werden,  nicht  aber  als  Zufälliges,  als  bloß  Summiertes,  das
aus  sich-zusammenfindenden  Atomen  bestünde.  Wenn  daher
Böhm-Bawerk  sagt,  „der  Preis  ergibt  sich  vom  Anfang  bis
zum  Ende  aus  subjektiven  Wertschätzungen"?)  und  nach  diesem
Grundsätze  auch  seine  entscheidende  Preisformel  (Beispiel  vom

x )  Böhm-Bawerk,  Positive  Theorie  des  Kapitals,  4.  Ausl.
Jena  1921,  Bd.  1,  S.  280,  281,  291.
2 )  st.  angef.  Orte,  Bd.  1,  S.  280.
        <pb n="82" />
        Pferdemarkt)  aufstellt*),  so  sind  jene  organischen  Voraussetzungen
wieder  ins  Individualistische  umgebogen.  E  s  i  st  richtig,
daß  sich  Ganzheit  nur  durch  Einzelheit
(Subjektivität)vermittelt;aber  das  GegenteildieserGrundtatsacheist,daßdieSumme

der  Einzelheiten,  daß  die  Subjektivitäten,
das  erste  Reale  wären.  Rur  indem  der  Einzelne ­
  sich  zum  Träger  oder  Gliede  einer
wirtschaftlichen  Ganzheit  macht,  und  damit
seine  Subjektivität  und  Einzelheit  überwindet, ­
  erlangt  er  wirtschaftliche  Wirklichkeit. ­

Daß  ferner  dieses  „Zum-Gliede-Werden"  keine  rein
passive  Bedeutung  hat,  sondern  jeweils  auch  eine  U  m  -
g  l  i  e  d  e  r  u  n  g  der  vorgegebenen  Ganzheit  hervorruft,  liegt
im  Wesen  der  Sache,  und  ich  habe  es  bei  früheren  Gelegenheiten ­
  wiederholt  erwähnt.
In  meinem  „Fundament  der  Volkswirtschaftslehre"  (3.  Aufl.,  1923,
§  19)  habe  ich  das  Wesen  des  Preises  bestimmt  als  „d  i  e  Leistungsgröße ­
  eines  Mittels  im  überindividuellen  Zusammenhange ­
  aller  Mitte  l".
Diese  Bestimmung  ist  nur  eine  nähere  Ausführung  der  obigen  Grundbestimmung ­
  (und  zwar  im  Sinne  meiner  Auffassung  der„  leistungsmäßigen"
„verrichtsamen",  d.  h.  „funktionellen"  nicht  aber  „kausalen",  Natur  aller
Wirtschaft).  Denn  die  organische  Verbindung  einer  Vorstufe  von  Erzeugung ­
  mit  ihrer  Nachstufe  kann  nur  dadurch  hergestellt  werden,  daß  die
Güter  der  Vorstufe  (z.  B.  von  „Hochofen")  im  Betrieb  der  Nachstufe
(z.  B.  von  „Walzwerk")  eine  Verwendung  finden,  d.  h.  also  eine  bestimmte
Leistung  in  dieser  Nachsiufe,  im  nstchstböheren  Ganzen,  vollbringen,  in  das
(jeweils  als  Ganzes  schon  gegliederte!)  Gebäude  dieser  Leistungen  mit
ganz  bestimmten  Verrichtungen  eingehen.  Je  nachdem  viele  oder  weniger
Güter  von  der  Vorstufe  geliefert  werden,  werden  wicbtigere  oder  unwichtigere ­
  Leistungen  verwirklicht  werden  können,  werden  die  Leistungsganzheiten ­
  (Leistungsstände)  der  Gebilde  verschiedene  sein.

*)  a.  angef.  Orte;  in  Nachbildung  von  Mengers  Pferdebeispiel.
        <pb n="83" />
        68

Alles  zusammengefaßt,  schließt  unser  Begriff  des  Preises
fünferlei  in  sich:
1.  daß  der  Preis  eine  Ausdrucksform,  nämlich
„Ausdruck  organischer  Verbindung",  „Anzeiger  von  Verhältnismäßigkeit", ­
  ist;
2.  daß  der  Preis  Ausdruck  von  Gliederung,  von  Ganzheit ­
  der  Wirtschaftsmittel  ist;  im  Sinne  von  1  und  2  ist
der  Preis  seiner  Natur  nach  organischer  preis;
3.  daß  das  einen  Preis  erlangt  habende  Gut  eine  besondere ­
  Stelle  in  der  Ganzheit  einnimmt;
4.  daß  der  Preis  die  Richtung  jener  Änderung,  welche
in  der  Ganzheit  vor  sich  geht,  ausdrückt;
5.  daß  der  Preis,  soferne  er  richtiger  Ausdruck  eines  richtigen ­
  Gliederbaues  der  Wirtschaft  ist,  richtiger  organischer
oder  gerechter  Preis  genannt  werden  muß.
Hierzu  folgende  Erläuterungen:
Au  1.  und  2.:  Der  Preis  ist  (so  führten  wir  früher  aus)
Ausdruck  jener  jeweiligen  Ganzheit,  welche  die  getauschte  Güterverbindung ­
  jeweils  in  ihrer  Weise  darstellt.  Damit  ist  aber
der  Preis  Anzeiger  der  auf  dem  Markt  jeweils  auftretenden
Gliederung  des  beteiligten  Wirtschaftsmittels.  Und  daraus
folgt  nun  weiter:  er  ist  Ausdruck  des  Angebotes  und  der
Nachfrage  nicht  nur  als  der  jeweils  unmittelbar  gegebenen
Güter,  sondern  auch  jener,  die  als  stellvertretende ­
  Güter  in  Betracht  kämen  (z.  B.
Eisen  für  Kupfer,  man  denke  an  eine  Art  Waren-Arbitrage
für  verwandte  Güter  und  an  das  „Ersatzwesen"  des  Krieges).
Nicht  nur  gegebene  Angebote  und  Nachfragen, ­
  sondern  noch  mehr  deren  Gliedeigenschaften, ­
  insbesondere  deren  Vertretbarkeil ­
  durch  andere  Leistungen  sind
es,  die  sich  im  Preis  und  in  der  Preisent-
        <pb n="84" />
        Wicklung  ausdrücken.  Angebot  und  Nachfrage  sind
nicht  zusammengeschneit  und  nicht  mengenmäßig  zu  fassen,
sondern  sind  als  Ausgliederungsergebnisse  und  nach  Ausgliederungsfolgen ­
  zu  verstehen,  also  in  ihrer  gliedhaften  Bedeutung. ­
  Das  bestätigt  auch  die  Preisstatistik.
Au  3.:  Daß  jede  Ware  in  der  Gliederung  des  Ganzen  der
Volks-  und  Weltwirtscbaft  eine  ganz  bestimmte  Stelle  einnimmt, ­
  bewirkt,  daß  der  Preis  nicht  nur  die  Ganzheit,  die
Gliederung  der  Wirtschaftsmittel,  ausdrückt,  die  hinter  ihm
steht,  sondern  auch  die  besondere  Stelle,  an  der  die  bewertete
Ware  steht.  Es  ist  daher  nur  natürlich,  daß  dieselbe  Ware
in  Wien  und  Graz  einen  abweichenden  Preis  hat,  und  zwar
auf  den  Großmärkten,  wo  sie  der  volkswirtschaftlichen  Ganzheit ­
  noch  näher  steht,  weniger  als  auf  den  Kleinmärkten.
Ferner  hat  der  Kuchen  beim  Bäcker  einen  anderen  Preis
als  im  Gasthof,  das  Mehl  einen  anderen  beim  Großhändler
und  Kleinhändler,  „dieselbe"  Ware  als  „Brief"  und  „Geld"
einen  anderen  Kurs  an  der  Börse.  „Dasselbe"  Gut  ist  eben
an  verschiedener  volkswirtschaftlicher  Stelle  ein  verschiedener
Erponent  (Besonderer)  der  Ganzheit,  ein  verschiedenes  Glied
verschiedener  ganzheitlicher  Gebilde,  wesbalb  aucb  seine  Leistung ­
  dann  verschieden  ist.  „Gleiche"  Güter  haben
dar  u  m  wesensgemäß  überall  ungleiche
Preise.  (XL.:  Wenn  sich  umgekehrt  zeigt,  daß  dagegen
ein  Buch  in  Königsberg  und  Leipzig  den  gleichen  Preis  hat  —
ja  sogar  in  Königsberg  und  Wien,  also  auch  über  die  Volkswirtschaften ­
  hinweg  —  so  geschieht  dies  nur  dadurcb,  daß  die
zünftlerische  Organisation  des  Buchhandels  eine  einheitliche ­
  Gliederung  selber  herstellt  und  dadurch  örtliche  Verschiedenheiten ­
  künstlich  ausgleicht.)
Hieran  sei  noch  eine  weitere  Betrachtung  geknüpft:
Aus  der  Grundtatsache,  daß  an  jeder  Stelle  der  volkswirtschaftlichen ­
  Ganzheit  „dasjelbc"  Gut  die  Ganzheit  in  anderer,
        <pb n="85" />
        70

besonderer  Weise  widerspiegelt,  daher  notwendig  auch  einen
anderen  Preis  hat,  folgt,
daß  das  Umwechslungsverhältnis  einer
Ware  zu  allen  anderen  Waren  der  Volkswirtschaft ­
  kein  eindeutiges  ist;  daß  daher
der  Preis  eines  Gutes  auch  nicht  vollkommen ­
  rechenbar  ist,  sondern  stets  ein
irrationales  Element  enthält.  „1  Rock  =
20  Ellen  Leinwand  =  20  Mk."  —  dieses  Verhältnis,  so  könnte
man  einwenden,  erscheint  wohl  als  ein  eindeutig  gerechnetes.
Steht  aber  damit,  so  antworten  wir,  der  Rock,  stehen  die
20  Mk.,  zu  allen  anderen  Gütern  der  Volkswirtschaft  schon
in  einem  eindeutigen  Verhältnis?  Nein!  Denn  für  20  Mk.
kann  ich  zwar  allerlei  kaufen,  aber  nicht  jede  der  betreffenden
Waren  zu  ein  und  demselben  Preise!  Sollen  20  Mk.  etwa
in  Mittagessen  und  Wohnungsmiete  für  24  Stunden  umgesetzt ­
  werden,  so  kann  ich  „dasselbe"  Mittagessen  im  Gasthofe
A,  B,  C  oder  in  Wien  und  Linz  nur  zu  abweichenden  Preisen
kaufen  und  ebenso  wird  die  Miete  für  24  Stunden  in  Gasthof,
Herberge  oder  eigener  Wohnung  nur  zu  sehr  verschiedenen
Preisen  zu  erlangen  sein.  Bekannt  ist  auch,  daß  nicht
jede  Fabrik  für  die  gleichen  Leistungen
die  gleichen  Löhne  zahlt,  noch  zahlen  kann:
die  „gleiche"  Arbeitsleistung  eines  Eisendrehers  erzielt  daher
in  jeder  Fabrik  einen  anderen  Preis,  weil  sie  an  einer  anderen
Stelle  des  Organismus  der  Volkswirtschaft  steht.  (Vorausgesetzt, ­
  daß  nicht  durch  organisatorische  Vorkehrung,  z.  B.  durch
Tarifvertrag,  die  Löhne  ausgeglichen  werden.)  —  Nicht  die
Gattung  und  Güte  der  Ware,  die  ich  kaufen  will,  bestimmt
daher  den  Preis  eindeutig,  sondern  die  volkswirtschaftliche
Stelle,  an  der  die  konkrete  von  mir  gekaufte  Ware  steht,  ist
dafür  ausschlaggebend!  —  Hieraus  folgt  weiter:
daß  die  individualistische  Annahme,  als  könnten  durch  Wett-
        <pb n="86" />
        71

bewerb  wenigstens  idealerweise  die  Preise  absolut  ausgeglichen
werden,  falsch  ist,  da  jede  Ware  an  verschiedener  Stelle  ein
verschiedenes  Glied  der  Volks-  und  Weltwirtschaft  ist  und  daher
notwendig  einen  verschiedenen  Preis  haben  muß.
Nicht  der  Wettbewerb,  sondern  nur  sein  Gegenteil,  die  Organisation, ­
  kann  die  Preise  vollkommen  ausgleichen  —  Kartell,
Kollektivarbeitsvertrag  sind  dafür  zwei  Beispiele.  Und  zwar
bewirkt  dies  die  Organisation  zunächst  gegen  die  Natur  de:
Wirtschaft,  die  verschiedene  Preise  verlangt,  je  nachdem  die
Ware  an  einer  anderen  Stelle  im  volkswirtschaftlichen  Ganzen
steht  (ob  in  den  F  o  l  g  e  n  nützlich  oder  nicht,  ist  ja  eine  andere
Frage!).  Am  deutlichsten  zeigt  sich  dies  daran,  daß  der  Oberleiter ­
  einer  kommunistischen  Volkswirtschaft  für  die  gleichen
Schuhe  einer  Schuhfabrik  in  Graz  andere  Selbstkosten  haben
würde  als  in  Wien,  z.  B.  infolge  anderer  Materialkosten,
Frachtkosten,  Gründungskosien,  „Regie",  abweichenden  Wirkungsgrades ­
  von  Arbeit  und  Maschine.  —  Ein  Ganzes  besteht
eben  überall  nur  aus  Gliedern,  damit  aber  aus  Unterschiedenem,
nicht  aber  aus  Homogenem,  nicht  aus  gleichen  Atomen.
Dies  nicht  erkannt  zu  haben,  ist  der  Grundirrtum  Böhm-B
  a  w  e  r  k  s  in  seiner  schon  erwähnten  Pferdemarktformel,  in
welcher  ihm  heimlich  der  Börsensensal  mit  seinem  Notizbuche
(enthaltend  die  „subjektiven  Wertschätzungen  der  Käufer  und
Verkäufer")  vorschwebte.  Und  in  der  Tat  geht  die  Preisbestimmung ­
  im  Schranken  häufig  so  vor  sich,  wie  Böhms  Formel
will.  Der  Börsensensal  im  Schranken  ist  aber  ein  Organisator ­
  der  Preisbildung  (ähnlich  wie  der  Versteigerungsleiter ­
  und  alle  derartigen  Organe),  er  ist  damit  ein
Preisausgleicher!  Die  Preisbildung  bei  freiem  Wettbewerbe ­
  ginge  ganz  anders  vor  sich  —  mit  vielen  Preisen,
nicht  mit  einem  einzigen,  mittleren  Preise!  Daraus  folgt:
Das  Böhm-Bawerkische  „Gesetz  der  Grenzpaare" ­
  ist  falsch;  auf  dem  freien  Markte  müßte  sich  der
        <pb n="87" />
        72

Preis  ganz  anders  stellen  —  abgesehen  davon,  daß  die  Voraussetzungen ­
  für  den  Markt,  die  Böhm-Bawerk  macht,  überhaupt ­
  nicht  zu  Ende  gedacht  werden  können,  daß  sie  widerspruchsvoll ­
  sind  und  darum  der  ganze  Ansatz  seiner  Preislehre
in  der  gegebenen  Form  unbrauchbar  ist  (wie  ich  an  anderem
Orte  nachwies)').  Böhms  Schema  ist  nicht,  wie  er  meint,
ein  solches  „von  äußerster  Einfachheit",  das  hinterdrein  „auszugestalten" ­
  wäre^),  sondern  ein  wesenswidriges,  weil  es  die
subjektiven  Schätzungen  als  primäre  auffaßt,  statt  die  im
Gliederbau  der  Volkswirtschaft  liegenden  Prämissen  der  subjektiven ­
  Erwägungen  als  primäre  zu  behandeln!
Wenn  aber  jeder  Preis,  wie  wir  sahen,  ein  besonderer  ist,
wenn  es  nur  abgestufte  Preise  geben  kann,  folgt  daraus,  um
es  in  der  üblichen  individualistischen  Ausdrucksweise  zu  sagen:
Es  gibt  grundsätzlich  keinen  für  den  ganzen  Markt  gleichen,
idealen  Wettbewerbspreis,  sondern  nur  monopoloide  Preise.
Alle  wirklichen  Preise  sind  monopoloide
Preise.  Das  „Monopol"  kommt  da  weder  von  einem
rechtlichen  Monopol  (wie  bei  der  Eisenbahn)  noch  von  der
Machtstellung  usf.  her,  sondern  zuletzt  von  der  Unwiederholbarkeit ­
  der  gliedhaften  Stellung  jedes  Betriebes,  jeder  Handlung, ­
  jedes  Gutes  in  der  Volks-  und  Weltwirtschaft.
Au  4.:  Der  gegebene  Preisbegrisf  schließt  ferner  in  sich,
daß  der  Preis,  wenn  er  von  einem  früheren  Stande  abweicht,
auch  eine  Änderung  seiner  Grundlagen  anzeigt.  Die  Preis-Änderung
  ist  daher  von  ganz  besonderer  Bedeutung,  sie
zeigt  an,  daß  die  jeweilige  Gliederung  der  Wirtschaftsmittel,  die
jeweilige  Verhältnismäßigkeit  aller  Unterganzen  in  einer  Verschiebung ­
  begriffen  ist!  Um  lins  die  Grundtatsache  „Gliederung" ­
  klarzumachen,  niußten  wir  ein  Augenblicksbild  volleni)
  Dgl.  mein  „Fundament",  §  19;  zum  Folgenden  auch  nieinen  Art.
„Eigennutz"  im  Hdwb.  d.  Staatsw.,  4.  Ausl.,  Jena  1925.
a.  a.  O.  S.  286.
        <pb n="88" />
        73

beter  Gegliedertheit  einer  Volkswirtschaft  festhalten,  d.  h.  eine
beständige,  feste  Gliederung  annehmen,  die  „statische"  Wirtschaft. ­
  Die  Wirklichkeit  der  Wirtschaft  ist  aber,  immer  lebendig
und  in  unaufhörlicher  Bewegung  zu  sein.  Die  Preise  zu  Beginn
des  Marktes  und  am  Ende  des  Marktes,  des  vorigen  und  heutigen ­
  Tages,  des  Frühjahrs  und  des  Herbstes,  des  vorigen
und  heurigen  Jabres  wechseln  und  schwanken  unaufhörlich!
Ein  gegebener  Preis,  verglichen  mit  einem  früheren,  spiegelt
daher  nicht  nur  eine  Gliederung  des  Augenblicks  von  Marktlage ­
  und  Volkswirtschaft  wider,  sondern  auch  eine  Änderung
dieser  Gliederung  in  einer  ganz  bestimmten  Richtung;  diese
Richtung  ist  von  ihm  allein  aus  allerdings  noch  nicht  erkennbar,
sondern  erst  von  jenen  Umgliederungsvorgängen  her,  deren
Ausdruck  jeweils  der  Preis  ist  (hierüber  s.  S.  82  f.).
Au  5.:  Der  Begriff  des  organischen  und  gerechten  Preises,
den  die  individualistischen  Schulen  verspotteten,  muß  wieder
zu  Ehren  kommen.  Er  wurzelt  im  Begriffe  des  richtigen
Gliederbaues  jeder  wirtschaftlichen  Ganzheit,  zuletzt  im  Begriffe ­
  der  richtigen  Wirtschaft  überhaupt  und  ist  dadurch  subjektiver ­
  Willkür  entzogen.
Zusatz  über  Gleich  Wichtigkeit.  Zur  Beantwortung  der
oben  (S.  66)  aufgeworfenen  Frage,  wie  sich  jenes  „Anzeigen",  „Ausdrücken"
der  organischen  Gliederung,  in  dem  der  Preis  besteht,  vollziehe,  weise
ich  auf  den  Begriff  der  G  l  e  i  ch  w  i  ch  t  i  g  k  e  i  t  oder  Ä  q  u  i  p  o  l  l  e  n  z
bin,  den  ich  in  der  Fruchtbarkeitslehre  entwickelte  (ohne  mir  allerdings
damals  des  grundsätzlichen  Widerspruchs  zum  Grenznutzen  klar  zu  sein,
s.  Fundament,  3.  A.,  S.  234  f.,  235  ff.).  Die  Gleichwichtigkeit  besieht
darin,  daß  zur  Erlangung  eines  bestimmten  Leistungsstandes  eines  Gebildes ­
  alle  Leistungen  unentbehrlich,  somit,  da  nichts  wichtiger  als  „unentbehrlich" ­
  sein  kann,  gleichwichtig  sind.  Der  in  anderen  Zusammenbängen
hervortretende  llnterschied  zwischen  lebenswichtigen  und  lebensunwichtigen
Leistungen  (z.B.  des  Betriebsleiters  gegenüber  dem  Lehrling,  des  Herzens
gegenüber  dem  kleinen  Finger)  soll  damit  an  sich  nicht  geleugnet  werden.
Aber  wirtschaftlich  wirksam  wird  er  erst  dann,  wenn  ein  neuer,  ein  minderer ­
  Leistungsstand  in  Frage  kommt.  Nicht  überhaupt  mögliche,  sondern
jeweils  konkrete  Leistungsstände  der  Vorräte,  Betriebe,  Haushalte  usf.
        <pb n="89" />
        74

kommen  für  die  Wirtschaft  in  Frage!  Für  diese  aber  sind  die  einzelnen
Leistungen  —  nach  Maßgabe  der  Ausgliederungsordnung  —  stets  gleichwichtig ­
  (z.  23,  10  Schafe  auf  1  Ochsen,  beide  Leistungszweige,  Schafund
  Kuhzucht,  sind  für  den  gegebenen  Leistungsstand  gleichwichtig).  Der
Sah,  „die  Güter  werden  nach  dem  Grenznutzen  geschäht",  ist  daher  ungültig;
stets  müssen  die  Vorräte  (Angebote,  Nachfragen,  leistenden  Gebilde)  als
Ganze  in  Betracht  kommen.  Nicht  der  Grenznuhen  des
Einzelgutes,  sondern  der  Leistungsstand  des
ganzen  Gebildes  ist  maßgebend.  Cs  gilt  daher  der  Satz:
Die  Güter  werden  von  der  Gesamtleistung  des  Gebildes  aus  nach  Gleichwichtigkeit ­
  geschäht.  —  Nunmehr  handelt  es  sich,  das  liegt  klar  zutage,
in  der  Werttheorie  nicht  mehr  um  subjektive  Eigenschaften  und  subjektive
Schätzungen  der  Einzelnen;  sondern  diese  haben  die  objektiv  gegebenen
Leistungsgrößen  zu  finden.  —  Daß  die  „Gleichwichtigkeit"  nicht  etwa
zu  gleichen  Preisen  und  Löhnen  führt,  ergibt  sich  schon  aus  der  nur  verhältnismäßigen ­
  Ausgliederung  von  Mitteln  (z.  B.  10  Schafe  auf  1  Ochsen);
welche  Verhältnismäßigkeit  freilich  nur  eine  erste  Grundlage  dafür  ist,
wie  sich  die  Gesamtausgliederung  der  Volks-  und  Weltwirtschaft  und  ihre
Umgliederungsbewegung  jeweils  in  Preisen  ausdrückt.  —  Eine  weitere
Darlegung  soll  an  anderer  Stelle  erfolgen  (vgl.  auch  S.  68,  82  f.,  84  f.).
4.  Ursächlichkeit  oder  Gliedlichkeit?
Die  individualistische  Auffassung,  wonach  die  einzelne
Tauschhandlung  als  ursprüngliche,  selbstwüchsige  Wirklichkeit
auftritt,  muß  die  Tauschhandlung  methodologisch  als  Kraftzentrum
  fassen,  das  eindeutige  „Ursache"  für  „Wirkungen"  ist,
als  Atom,  das  eindeutig  bestimmbar  (nach  dem  Eigennutz)
„wirkt".  Dieses  „Wirken"  wird  methodologisch  ernst  genommen,
nämlich  als  Kausalität  oder  Ursächlichkeit,  und  die  Theorie
der  Tausch-  und  Preiserscheinungen  wird  daher  als  ein  Inbegriff ­
  von  „Kausalgesetzen"  gefaßt.  Die  Preisgesetze  sind
„Naturgesetze";  mechanische  Ursächlichkeit  ist  die  Kategorie
der  nationalökonomischen  Denkweise.  Die  Wirtschaftserscheinungen ­
  werden  da  so  betrachtet,  wie  die  Gegenstände  der
Chemie.  Der  Chemiker  wirft  verschiedene  Reagentien  in
den  Bottich,  worauf  es  brodelt  und  braut  und  eindeutige.
        <pb n="90" />
        75

weil  ursächlich  bestimmte,  Hergänge  entstehen.  Ebenso  betrachtet ­
  der  individualistische  Wirtschaftsforscher  den  Markt.
Dieser  ist  ihm  der  Bottich,  in  welchem  verschiedene  Reagentien
(die  Wirtschaftsatome,  die  einzelnen  Tauscher,  bzw.  ihre
Tauschhandlungen)  brodeln  und  brauen  und  eindeutig  bestimmte ­
  Folgeerscheinungen  m  diesem  mechanischen  Aufeinander-Wirken
  erzeugen,  z.  B.  Preise  als  „Gleichgewicht"  von
Angebot  und  Nachfrage.  „Wertgesetze",  „Preisgesetze",  „Verteilungsgesetze" ­
  sind  der  Ausdruck  solcher  ursächlicher  Verkettungen, ­
  sind  die  „Naturgesetze"  der  Wirtschaft.
Im  physiokratischen  „orctre  naturel"  kam  diese  Lehre  von  der  Naturgesetzlichkeit
  der  Wirtschaft  zum  ersten  Male  zu  einem  vollendeten  Ausdruck, ­
  seither  ist  sie  die  Grundlage  jeder  Preistheorie  geworden.
Diesen  Boden  muß  die  universalistische  Auffassung  gänzlich ­
  verlassen,  und  es  ist  dies  vielleicht  die  schwerste  Zumutung,
welche  an  den  gestellt  wird,  der  in  der  bisherigen  (ursächlichen,
individualistischen)  Denkweise  groß  wurde.  Zwar  sind  die
Wirtschaftsvorgänge  für  die  universalistische  Auffassung  nicht
minder  eindeutig  bestimmt  als  für  die  individualistische,  jedoch ­
  nicht  auf  dem  Boden  der  Ursächlichkeit.  An  Stelle  der
Kategorie  Ursache—Wirkung  tritt  für  die  universalistische  Auffassung ­
  die  Kategorie  Ganzheit—Glied.  „Gliederung"  des
Ganzen  in  Teile,  „Gliedlichkeit"  der  Teile,  sinnvolle  „Entsprechung" ­
  (Korrelation)  der  Glieder  untereinander  und  im
Ganzen  (wie  Herz  und  Lunge,  Nerven-  und  Muskelsystem
einander  entsprechen),  das  sind  die  Kategorien,  die  Denkformen, ­
  in  denen  sich  die  volkswirtschaftliche  Erkenntnis  abspielt.
Ein  „Warum"  und  „Weil"  gibt  es  auch  für  uns:
aber  nur  als  sinnvolles  Warurn,  als  gliedliches
Warum,  nicht  als  mechanisches,  kausales!  Z.B.  ist
das  Warum  des  „Gesetzes"  von  Angebot  und  Nachfrage  für
uns  kein  mechanisch-ursächliches,  wie  es  für  den  Individualisten
in  „Menge"  oder  „Gleichgewicht"  der  Waren  liegt.  Für  uns
        <pb n="91" />
        76

ist  die  Sachlage  vielmehr  diese:  daß  eine  Vergrößerung ­
  des  Angebotes  sich  nur  dadurch  und
nur  insofern  in  einen:  neuen  Preise  ausdrückt, ­
  a  l  s  in  ihr  eine  Neugliederung  und
Neuordnung  der  Mittel,  d.  h.  ihrer  Rangstellung, ­
  ihrer  Gültigkeiten,  ihrer  Leistungen ­
  (z.  B.  durch  Erweiterung  der  betr.  Gebilde)  zur
Erscheinung  kommt;  —  also  bei  neu  geändertem  Verhältnis ­
  von  Mittel  und  Ziel,  von  Erzeugung  und  Kaufkraft.
Als  Hauptregel  kann  ja  dabei  gelten,  daß  —  wie  die  alte
Lehre  will  —  bei  vergrößertem  Angebote  der  Preis  sinkt,
da  bei  einem  Mehr  an  Gütern  oft  zu  geringeren  Nutzungen
herabgestiegen  wird;  aber  ein  „Gesetz"  ist  das  nicht,  da  die
Neugliederung  eine  solche  sein  kann,  daß  nun  gerade  erst  komplementäre ­
  Güter  nutzbar  und  wichtige  Leistungen  ermöglicht
werden,  also  das  Mehr  an  Angebot  ein  Mehr  an  Nachfrage  erst
hervorrufen,  die  Nachfrage  daher  das  vermehrte  Angebot  ohne
Preissturz  aufnehmen  wird  (s.  o.  S.  68  f.,  S.  74).
Wir  sahen,  daß  sich  im  „Tausch"  eine  Ganzheit  verwirklicht,
in  der  sich  die  Gliedlichkeit  der  Teile  (der  Tauschhandlung)
darstellt;  wir  sahen,  daß  der  Preis  Ausdruck  von  Gliederung
ist,  seine  Änderung  einen  Umbau  der  Gliederung  der  betroffenen
Ganzheit  in  bestimmter  Richtung  anzeigt;  die  Tausch-  und
Preisgesetze  wie  alle  anderen  Gesetze  der  Volkswirtschaftslehre
sind  daher  sämtlich  Gesetze,  welche  die  Bezogenheit  der  Teile
in  der  Ganzheit  betreffen,  sie  sind  Gliederungsgesetze,  Entsprechungsgesetze. ­
  Als  solche  sind  sie  allerdings  eindeutig
(weil  z.  B.  Herz-  und  Lungenentsprechung,  Handels-  und  Erzeugungsentsprechung ­
  unter  gegebenen  Umständen  eindeutig
sind);  ja  sie  sind  sogar  einsichtig,  d.  h.  ihre  Notwendigkeit, ­
  ihre  Gültigkeit  kann  unnüttelbar  eingesehen  werden,
leuchtet  ein  (während  nicht  einleuchtet,  warum  die  Thermometersäule ­
  steigt  ^mechanische  Wirkung),  wenn  es  wärmer  wird
        <pb n="92" />
        77

^mechanische  Ursache^);  aber  sie  sind  niemals  und
in  keine  ni  Sinne  mechanisch-ursächlich!
Wieder  zeigt  sich  uns  die  vom  Ganzen  ausgehende  universalistische ­
  Lehre  mit  ihren  einsichtig  begriffenen  Wahrheiten
als  lebendige,  die  individualistische  Lehre  mit  ihren  mechanischursächlichen ­
  Gesetzen  als  tote  Wissenschaft.
An  dieser  Stelle  soll  dieses  schwierige  Gebiet  nicht  weiter  betreten
werden,  es  sollte  nur  auf  die  verfabrenkundliche  Folgerung  hingewiesen
werden,  die  entstebt,  wenn  die  Tausch-  und  Preislehre  es  mit  Ganzheiten
statt  mit  Einzelbandlungen,  mit  Wirtschaftsatomen,  zu  tun  hat.  Weitergeführt ­
  ist  der  Gedankengang  im  „Fundament  d.  Volkswirtschaftsl.",
3.  Aufl.,  1923,  S.  20  ff.,  249  f.,  262  f.;  „Kategorienlehre"  294  ff.

5.  Der  Begriff  der  volkswirtschaftlichen  Verteilung.
Die  individualistische  Volkswirtschaftslehre  wird  auch  mit
Bezug  auf  den  Verteilungsbegriff  geneigt  sein  zu  leugnen,
daß  es  eine  eigene  individualistische  und  universalistische  Betrachtungsweise ­
  gäbe.  In  ihrer  methodologischen  Unbefangenheit ­
  würde  sie  etwa  sagen:  Die  Betrachtung  des  Wertes  und
Preises  führt  von  selbst  notwendig  auf  Tatsachen,  die  sich  nachträglich ­
  als  volkswirtschaftliche  „Verteilung"  Herausstellen;
denn  der  Preis  ist  es,  in  dessen  Gestalt  sich  das  Abströmen
des  Hcrvorbringnisses  vollzieht;  „Tausch",  „Preis"  schließt  daher
schon  „Verteilung"  in  sich;  daher  gilt  für  den  Individualisten:
Die  Handlungen  der  Einzelnen  ergeben  den  Preis;  im
Preise  ist  der  Austausch  der  Realgüter  beschlossen;  der  Preis
ergibt  daher  die  Verteilung;  aus  den  Preisgesetzen  ergeben
sich  die  Verteilungsgesetze.  In  diesem  Punkte  kann  daher
eine  andere,  die  universalistische  Betrachtung  nichts  Neues
ergeben  —  so  etwa  könnte  man  den  Gedankengang  Ricardos ­
  oder  Böhm-Bawerks  als  Einwand  gegen  uns  formulieren. ­
  Ferner  herrscht  dabei  die  Vorstellung:  daß  jeweils
schon  fertige  Güter  in  der  Preisbildung  verteilt  würden.
        <pb n="93" />
        78

In  Wahrheit  können  indessen  auch  hier  individualistische
und  universalistische  Auffassung  nicht  zusammenkommen.  Würde
selbst  der  individualistisch  aufgefaßte  Preis  zu  einer  „Verteilung" ­
  führen,  so  wäre  diese  doch  wieder  eine  durchaus  individualistisch ­
  gedachte,  eine  solche,  die  aus  den  souveränen  Tausch-Handlungen
  der  Einzelnen  folgt!  Wenn  der  Preis  sich  aus
dem  Tun  Einzelner  ergibt,  dann  ergibt  sich  auch  die
Verteilung  aus  dem  Tun  Einzelner,  sie  summiert  sich,  aus
vielen  einzelnen  Tauschakten,  Preisbildungen;  die  selbstwüchsigen
Handlungen  sollen  plötzlich  statt  eines  Chaos  eine  geordnete,
volkswirtschaftliche  Verteilung  ergeben!  Die  alten  individualistischen ­
  Klassiker  erkannten  auch  offen  dieses  Rätsel  an.  Sie
priesen  den  glücklichen  Zufall,  daß  durch  den  Eigennutz  der
Einzelnen  nicht  ein  Chaos  herauskäme  und  nannten  das  „prästabilierte
  Harmonie"  (vgl.  oben  S.  8  u.  10).  Nach  diesen:
Grundsätze  hat  denn  auch  Ricardo,  hat  die  Grenznutzenlehre,
haben  alle  anderen  Individualisten  die  Verteilungserscheinungen ­
  erklärt!  Die  Verteilung  ergibt  sich  ihnen  (um  es  zu
wiederholen)  n  a  ch  t  r  ä  g  l  i  ch  ,  d.  h.  1.  durch  Zusammensetzung ­
  der  einzelnen  Handlungen;  2.  nachdem  im  individuellen
Tausche  die  Preise  sich  bildeten  und  3.,  nachdem  die  Erzeugnisse
schon  selbstwüchsig  erzeugt  waren,  wie  beim  Fabrikanten,  bzw.
schon  selbstwüchsig  weiter  bewirtschaftet  waren  (wie  dein:
Händler  oder  Bankmann),  also  nachdem  fertige  Güter  jeweils
schon  da  sind.  Die  Individuen  machen  hier  die  Verteilung  —
freilich  unbewußt  und  ungewollt.  4.  Von  der  Preisseite
her  ausgedrückt,  heißt  dies:  Die  Preise  bestimmen
die  Verteilung.  Sie  bestimmen  dadurch  ferner  auch  das,
was  sich  (nach  individualistischer  Betrachtungsweise)  nachträglich ­
  als  die  organische  Verbindung  der  einzelnen  Wirtschaftszweige ­
  herausstellt,  und  zwar  soll  dies  nach  dem  „mechanischen"
Gesetz  von  Angebot  und  Nachfrage  erfolgen,  indem  die  weniger
versorgten  Wirtschaftszweige  große  Profite,  die  mehr  ver-
        <pb n="94" />
        79

sorgten  kleine  Profite  erzielen,  Kapital  und  Arbeit  daher  den
Stellen  höheren  Gewinnes  zuströmen.  Durch  diese  blinde
Ursächlichkeit,  diesen  blinden  Mechanismus  stellt  sich  der
gesamte  volkswirtschaftliche  Ablauf  her!  So  die  individualistische, ­
  so  die  ganze  bis  heute  herrschende  Auffassung  seit
Adam  Smith.  %
Gerade  umgekehrt  wieder  die  organische,  die  universalistische ­
  Auffassung!  Hier  muß  es  heißen:  Nicht  der  Preis  bestimmt ­
  die  Verteilung,  sondern  die  Verteilung  be  -
stimmt  den  Preis;  und  das  heißt:  die  Gliederung  der
gesamten  Wirtscbaftsmittel  überhaupt  bestimmt  die  Verteilung
mittelst  der  Preise,  welche  bloß  Ausdruck  dieser  Gliederung ­
  sind.  Die  Preise  bestimmen  also  weder  die  Verteilung,
noch  die  organischen  Entsprechungen,  die  in  ihr  beschlossen
liegen!  Die  Gliederung  der  Wirtschaftsmittel  bestimmt  nicht
nur  was  erzeugt  und  geleistet  wird,  sondern  auch,  wie  das
Geleistete  weiterhin  verwendet,  eingestellt,  d.  h.  verteilt
wird.  „Verteilung"  ist  daher  nicht  nur  Einkommensbildung,
sie  schließt  die  Gesamtverwendung  aller  Mittel,  die  Gesamtgliederung ­
  aller  Leistungen  in  sich.  —  Entsprechend  unserem
ersten  Satze  gilt  auch  der  zweite:  die  Verteilungsschwankungen ­
  bestimmen  die  Preisschwankungen, ­
  nicht  aber  die  jeweils  neuen  Preisschwankungen
die  Verteilungsschwankungen.
Während  die  individualistische  Auffassung  die  Erzeugungslehre ­
  (Produktionslehre)  hinaus  abstrahiert,  nur  Tauschvorgänge
kennt  und  eine  „Verteilung"  jeweils  schon  fertiger  Erzeugnisse
durch  den  Tausch  annimmt,  steckt  für  die  universalistische  Auffassung ­
  in  der  Gliederung  der  Leistungen  schon  der
Preis:  Die  Preise  haften  den  Gütern  nach  Maßgabe  der
Ausgliederungsordnung  der  Wirtschaft  an!
Geht  man  nun  dieser  Frage  des  Verhältnisses  von  Verteilung ­
  oder  Wirtschaftsgliederung  zum  Preis  auf  den  Grund,
        <pb n="95" />
        80

so  gelangt  man  zu  der  noch  allgemeineren  Fragestellung:
ob  der  Preis  oder  der  Wirtschaftsvorgang,  d.  h.  die  Leistung,
die  in  ihm  liegt,  das  Erstwesentliche  sei?  „Erstwesentlich"  bedeutet ­
  dabei  das  „logisch  Erste",  das  logisch  (nicht  zeitlich)
Primäre.  Wir  wenden  uns  der  Frage  in  dieser  ihrer  allgemeineren ­
  F§rm  zu.

6.  Ist  preis  oder  Leistung  das  Erste?
Die  Frage,  ob  Preis  oder  Leistung  das  Erstwesentliche
(Primäre)  ist,  wird,  wie  wir  wissen,  von  der  individualistischen
Auffassung  gemäß  ihrer  Verteilungslehre  dahin  beantwortet,
daß  der  Preis  das  Erste  in  der  Wirtschaft  sei,  von  dem  sich
alles  andere,  d.  h.  von  dem  sich  der  weitere  Wirtschaftsvorgang
erst  ableite.  Natürlich,  denn  alles,  was  der  Einzelne  in  der
Wirtschaft  tut,  ergibt  sich  ja  erst  aus  dem  Preis,  richtet  sich  nach
dem  Preis,  den  er  erzielt  oder  zu  erzielen  hofft.  „Alle  Wirtschaftserscheinungen ­
  leiten  sich  daher  von  der  Wert-  und  Preiserscheinung ­
  ab"  —  so  haben  seit  Smith,  bewußt  oder  unbewußt, ­
  alle  Volkswirte  außer  Adam  Müller,  List  und  wenigen
anderen  gedacht.  Daß  es  neben  dem  Preis  auch  etwas  anderes
in  der  Volkswirtschaft  gebe,  das  wurde  im  Grunde  gänzlich
übersehen,  weil  jeder  Wirtschaftsvorgang  in  einen  Preisbildungsvorgang ­
  aufgelöst  erschien,  so  daß  die  obige  Frage:
Ob  Preis  oder  Leistung  das  Erste  sei,  gar  nicht  aufkommen
konnte,  methodisch  eigens  gar  nicht  untersucht  wurde;  die  Erstwesentlichkeit ­
  (logische  Priorität)  des  Preises  galt  als  selbstverständlich. ­

Anders  für  die  universalistische  Auffassung.  Ein  Organismus ­
  von  Leistungen,  d.  h.  ein  Organismus  wirklicher  Wirtschaftszweige, ­
  Wirtschaftshandlungen,  die  Entsprechungsverhältnisse
  dieser  Zweige  und  Handlungen,  der  stufenweise,
gegenseitig  aufeinander  angelegte  Gesamtplan  aller  Teile,  ist
        <pb n="96" />
        81

hier  stets  und  notwendig  das  Erste.  Von  ihm  allein  kann  alles
andere  abgeleitet  sein,  daher  insbesondere  auch  der  Preis.
Der  Preis  kann  nur  Anzeiger,  Inder  sein.  Der  Preis  kann
die  stattgefundenen  Gliederungen  wie  ihre  Bewegungen  und
Veränderungen  ausdrücken,  er  kann  sie  nicht  bewirken. ­

Betrachten  wir  hierfür  einige  Beispiele.  Wenn  ein  neues
Erzlager  entdeckt  wird,  dann  ändern  sich  die  Verhältnismäßigkeiten ­
  von  Eisen  und  Eisenwaren  zu  allen  anderen  Waren:
die  Gliederung  der  Wirtschaftsmittel  hat  sich  geändert  —  die
Verteilung,  und  damit  auch  die  Preise.  Die  Preise  haben  also
nichts  bewirkt,  sondern  sind  Ausdruck  stattgefundener  Änderungen. ­
  Das  Gleiche  geschieht,  wenn  ein  neues  Verfahren
erfunden  wird:  dadurch  werden  gewisse  Waren  reichlicher
und  die  Gliederung,  Verteilung  der  Volkswirtschaft  und  ihrer
Teilganzen  ändert  sich,  damit  auch  die  Preise.  Auch  die  Änderungen ­
  der  „Konjunktur"  und  „Marktlage"  sind  in  ihrem
ersten  Wesen  Veränderungen  in  der  Verteilung,  in  der  Gegliedertheit
  der  Volkswirtschaft  und  Weltwirtschaft.  Wenn
z.  B.  die  Walzwerkserzeugung  gegenüber  den  verbrauchenden
Gewerben  zurückgeblieben  ist,  so  zeigt  diese  Störung  der  organischen ­
  Entsprechungen  ein  erhöhter  Preis  an;  der  Preis
hat  aber  dieses  Zurückbleiben  nicht  bewirkt.  Wenn  das  unverhältnismäßige ­
  Zurückbleiben  im  Preise  zum  Ausdruck  gekommen ­
  ist,  so  entstehen  Kräfte,  es  wieder  gutzumachen.  Der
Preis  bewirkt  auch  hier  nicht  eigentlich,  daß  die  Walzwerke
sich  vergrößern  und  ins  rechte  Verhältnis  gesetzt  werden,
sondern  er  vermittelt  nur  diese  Bewegungen  als  Anzeiger.
Die  Preissteigerung  ist  ja  erst  die  Folge  dieses  Zurückbleibens;
und  die  Notwendigkeit  für  die  Verbrauchergewerbe,  höhere
Preise  zu  zahlen,  ist  die  Folge  ihres  Überwucherns.  Der
höhere  Preis  der  Walzwerkerzeugnisse  beweist  daher  auch  nicht
eindeutig,  daß  sich  die  Walzwerke  nun  vergrößern  werden  —
O.  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Ausl.  6
        <pb n="97" />
        82

denn  statt  der  Vergrößerung  der  Walzwerke  kann  auch  eine
Verkleinerung  der  Verbrauchergewerbe  eintreten,  wenn  sie
nämlich  den  hohen  Preis  nicht  zahlen  können;  in  diesem  Falle
zeigt  der  Preis  an,  daß  die  organische  Gliederung  nicht  durch
Zurückbleiben  der  Walzwerke,  sondern  durch  Überwuchern  der
Kleineisengewerbe  gestört  wurde.  Die  organische  Verbindung
der  volkswirtschaftlichen  Erzeugungszweige  ist  es,  nach  der
sich  die  eine  oder  andere  Bewegung  richten  wird.  Der  Preis
zeigt  sowohl  nach  rückwärts  die  Veränderung  an  (dem  Walzwerk ­
  gegenüber,  dessen  augenblickliches  Zurückbleiben  und  daher ­
  die  Preis-  und  Profitsteigerung),  wie  auch  nach  vorwärts
(den  Verbrauchergewerben  gegenüber  das  Überwuchern  und
damit  die  erhöhten  Preisopfer,  die  geringeren  Gewinne  und
Profite).  Eine  Preiserhöhung  zeigt  also  nicht,  wie  die  individualistische ­
  Ansicht  lehrt,  an,  daß  das  gestiegene  Gut  schlechthin
knapper  geworden  ist;  sondern:  einePreiserhöhung
kann,  weil  sie  nur  die  organische  Störung
als  solche  anzeigt,  nicht  auch  eindeutig
die  Richtung  dieser  Störung  erkennbar
machen.  Eine  Erhöhung  kann  nach  vorwärts  zeigen  und
dann  überträgt  sie  sich  stufenweise  auf  alle  Nacherzeugnisse,
bedeutet  Ausdehnung  der  Vorerzeugung;  in  diesem  Falle
zeigte  sie  Knappheit,  erhöhte  Wichtigkeit  der  gestiegenen  Ware
an  (z.  B.  einer  Erhöhung  des  Roheisenpreises  folgt  ohne
Ermattung  die  entsprechende  Erhöhung  aller  Preise  der  Nacherzeugnisse). ­
  Die  Erhöhung  kann  nach  rückwärts  zeigen;  dann
bedeutet  sie  eine  Rückbildung  der  Nachfrage,  dann  zeigt  sie
an,  daß  der  Verbrauch  die  erfolgte  Uberwucherung  der  erhöhten ­
  Erzeugung  nicht  erträgt  und  nicht  die  Vorerzeugungen
nach  den  Nachstufen  sich  umgliedern,  sondern  sich  die  Nachstufen ­
  in  das  alte  Verhältnis  zurückgliedern.
Immer  wieder  zeigt  sich,  was  wir  schon  früher  sahen:
Nicht  der  Preis  bestimmt  die  Verteilung,  sondern  die  Ver-
        <pb n="98" />
        83

teilung  bestimmt  den  Preise  und  die  Änderung  der  Verteilung
bestimmt  die  Änderung  des  Preises  und  die  weitere  Entwicklung
der  organischen  Verteilungsänderung  in  der  Volkswirtschaft
bestimmt,  ob  der  neue  Preis  eine  Vergrößerung  der  zurückgebliebenen ­
  Organteile  der  Volkswirtschaft  anzeigen  und  vermitteln ­
  oder  eine  Verengung  ihrer  überwucherten  Organteile ­
  anzeigen  und  vermitteln  wird.  Weil  die  individualistischen
Freihändler  von  einer  organisierten  Gliederung  nichts  wissen
wollen,  denken  sie  immer  nur  an  die  Knappheit  der  gestiegenen
Ware  auf  dem  jeweils  betroffenen  Markt,  und  an  die  Behebung ­
  der  Knappheit  durch  Ausdehnung  der  Erzeugung;
sie  denken  aber  nicht  daran,  daß  die  anderen  Organteile  der
Volkswirtschaft  nun  in  Entsprechung  gebracht  werden
müssen,  am  wenigsten,  daß  dabei  Rückbildungen  stattfinden
könnten  und  die  Wirtschaft  als  völkische  Ganzheit
in  sich  beruhen  bleibt!  —  Universalistisch  ist  dagegen  schon  die
Vorstellung,  daß  die  Individuen  nicht  einfach  den  Preisen
nachlaufen,  sondern  sich  erst  fragen:  ob  sie  kaufen  wollen,
ob  sie  im  Rahmen  aller  Nutzungen  kaufen  dürfen,  wie  sie
ihre  Mittel  bei  richtiger  Wirtschaft  zu  gliedern  haben.
Von  jeder  Seite  her  gesehen,  zeigt  sich  der  Preis  als
schlechthin  Abgeleitetes,  die  organische  Gliederung  der  Leistungen ­
  aber  als  das  Erste  und  Ursprüngliche.

7.  preis  und  Zurechnung.
Ist  der  Preis  Ausdruck  organischer  Verhältnisse  der  Leistungszwcige
  in  der  Volkswirtschaft,  so  ist  die  eigentliche  und
maßgebende  primäre  Preistheorie  nicht  die  von  Angebot  und
Nachfrage,  nicht  die  Theorie  des  Markttreibens  und  der  Markttechnik, ­
  sondern  das,  was  man  im  weiten  Sinne  Aurechnungstheorie
  nennen  könnte.  Nicht  das  Ergebnis  zufälliger  Marktlagen,
zufälliger  Summierung  atomistischer  Handlungen,  nicht  das
6*
        <pb n="99" />
        84

Durcheinander  augenblicklicher  Nachfrage-  und  Angebotsschwankungen ­
  (s.  o.  S.  68  f.),  sondern  die  Ganzheit  der  Volkswirtschaft
ist  die  Grundlage  der  Preisbildung.  Damit  wird  aber  die
universale  Zurechnungslehre,  indem  sie  von  gegebenen  Werten
auf  die  Glieder  zurückgeht,  indem  sie  sowohl  die  Organlehre
  des  Betriebes,  wie  die  Organlehre
der  ganzen  Volkswirtschaft  und  Weltwirtschaft
ist,  die  eigentliche  und  maßgebende  Preislehre!  Gewiß  äußert
sich  auch  die  Zurechnung  in  den  subjektiven  Wertschätzungen ­
  der  Betriebs-  und  Haushaltsführer;  aber  ihre
Schätzungen  sind  nicht  isolierte  Wertungen  einzelner  Güter,
sondern  gründen  sich  auf  die  Gliederung  der  gesamten  Betriebs- ­
  und  Haushaltsmittel,  sie  sind  Zurechnungen  aus  dem
Leistungsganzen  der  Gebilde  nach  dem  Grundsätze  der  Gleichwichtigkeit ­
  (s.  S.  74).
Die  Preislehre  der  Marktvorgänge,  wie  sie  z.  B.  in  Böhm-Bawerks
  Pferdemarktformel,  und  überhaupt  im  sog.  „Gesetz
der  Grenzpaare",  sich  darstellt,  hält  bei  genauer  Untersuchung
nicht  stand^).  Die  Preislehre  muß  in  Zurechnungslehre  aufgelöst ­
  werden:  Die  bisherige  Marktpreislehre
kann  man  nur  als  eine  Lehre  über  gewisse
markttechnische  Einzelheiten  gelten  lassen,
sie  kann  nur  eine  Hilfslehre  sein  für  die  Zurechnungstheorie.
Wie  die  Gliederung  der  Leistungen  das  Erste  ist  und  die  Preise
das  Abgeleitete  sind,  so  ist  im  Gebiete  der  Preise  die  Zurechnung
das  Erste,  und  die  Marktpreise  das  aus  der
Zurechnung  im  Betriebe  und  der  höheren
Zurechnung  im  Ganzen  der  Volkswirtschaft ­
  sich  erst  in  Konkretion  der  jeweiligen
Marktsorm  und  Markttechnik  Ergebende
und  Ableitende.  Denn  „Wert"  ist  nur  möglich  als
gegliederter  Wert,  als  Teilwert  eines  Gebäudes,  einer  Ganzi)

  S.  oben  S.  66  f.,  71  f.
        <pb n="100" />
        85

heit  von  Werten;  den  gegliederten  Wert  aber  erforscht  die
Zurechnungslehre.  Ebenso  ist  Preis  nur  möglich  als  gegliederter
Preis,  als  Gliederung  aller  Preise.  Die  Marktpreise  müssen
daher  als  Preisglieder  des  Marktes,  d.  h.  aber:  aus  Zurechnung ­
  der  im  Markt  zusammenhängenden  Betriebe  begriffen ­
  werden!  Die  „Zurechnung"  ist  daher  die  universalistische ­
  Wertbetrachtung,  die  Marktpreislehre  nach  Art  Ricardos,
Marrens-  oder  des  Böhm-Bawerkischen  „Gesetzes  der  Grenzpaare" ­
  ist  die  individualistische  Wertbetrachtung.  „Zurechnung"
leitet  sich  von  Gliederung  der  Leistungen  (d.  i.  der  Wirtschafts-Vorgänge)
  ab;  jene  Marktpreislehre  aber  muß  vom  atomistischen
  Wertungsakte  des  Einzelnen  ihren  Ausgangspunkt
nehmen,  diese  Wertungen  summierend  zusammensetzen,  eine
mechanische  Mittelgröße  als  Preis  („Gleichgewichtspreis")
suchen  und  verliert  auf  diese  Weise  alle  organische  Gliederung
der  Wirtschaft  (s.  o.  S.  74  über  „Gleichwichtigkeit").
8.  Eigennutz  und  Wettbewerb*).
Nach  der  individualistischen  Auffassung  ist  Eigennutz  und
Wettbewerb  ein  Erstes  und  zwar  ein  von  den  Individuen,
die  das  vollkommen  Erste  (Primäre)  und  Einzige  in  der  Volkswirtschaft ­
  sind.  Getragenes.  Eigennutz  ist  ihr  eine  Äußerung
individueller  Kräfte,  Wettbewerb  ihr  Zusammentreffen.
Dieses  kann  wieder  als  äußerlich  beobachtete  Erscheinung
genommen,  von  der  universalistischen  Auffassung  nicht  geleugnet ­
  werden,  —  dennoch  ist  es  nicht  richtig.  Primär  sind
stets  die  Gliederungen  der  volkswirtschaftlichen  Kräfte,  die
Ganzheit  der  Volkswirtschaft  und  ihre  Unterganzen,  die
als  Organ  und  Teilorgan  der  Gesamtganzheit  „Volkswirtschaft" ­
  sich  entfalten  und  im  Rahmen  dieses  Gesamtganzen
bestehen.
*)  Einige  weitere  Ausführungen  darüber  in  meinem  Art.  „Eigennutz",
Handwörterbuch  d.  Staatsw.,  4.  Aufl.,  Jena  1925.
        <pb n="101" />
        86

In  Wahrheit  ist  der  wirtschaftliche  Eigennutz  nicht  als  subjektiver ­
  Beweggrund  bedeutsam,  sondern  lediglich  mittelbar, ­
  nämlich  als  Eingliederungsgrund  und  Eingliederungsweise. ­
  Das  Gleiche  gilt  sinngemäß  vom  Wettbewerb.  Er
ist  ein  bestimmtes  Verhältnis  der  Eingliederungshandlungen
(oder  -kräfte)  zueinander.  Konkret  gefaßt,  besteht  es  darin,
daß  ein  Unterbieten  und  Verdrängen  der  Eingliederungshandlung ­
  des  B  durch  jene  des  A  stattfindet.  Darin  liegt,
daß  der  obsiegende  Betrieb  des  A  seinen  Umfang  erweitert:
ferner,  daß  sich  um  das  Schicksal  der  im  Wettbewerb  Besiegten
niemand  kümmert  (was  sich  in  Krisen  und  Wirtschaftszerstörung ­
  auswirkt).
Diese  umgliedernde  Eigenschaft  des  Wettbewerbes
hat  man  bei  seiner  Beurteilung  stets  im  Auge  zu  behalten.
Die  Wirtschaft  steht  nicht  „unter  der  Bedingung"  des  Wettbewerbes, ­
  sondern  ihre  (gegebene)  Gliederung  läßt  jeweils
Umgliederungen  durch  den  Wettbewerb  zu.  Nicht  das  freie
Walten  der  Eigennutze,  sondern  die  umgliedernde  Bedeutung
freier  Eingliederungsakte  und  ihre  Bezogenheit  aufeinander
ist  das  Wesentliche  am  Wettbewerbe.  Der  Wettbewerb  der
Individuen  untereinander  kann  also  stets  nur  im  Rahmen  der
Ganzheit  begriffen  werden.  Im  Wettbewerb  vermittelt  sich
Ganzheit  in  der  Bezogenheit  Einzelner  aufeinander!  Der
Wettbewerb  erscheint  am  Individuum,  aber  er  entsteht
und  besteht  nur  insoweit,  als  er  Ganzheiten ­
  aufbaut  oder  zerstört  —  er  ist  so  recht
eigentlich  eine  bildende  oder  zerstörende  Kraft  im  Ganzen.
In  dieser  gefügebildenden  Kraft  ist  sein  Wesen  gelegen.  Er
ist  volkswirtschaftlich  durchaus  nichts  anderes  als  eine  bestimmte ­
  Art  von  Vereinheitlichung,  Angleichung  oder  auch
Sprengung  und  Zerstörung.  „Wetteifer"  der  Einzelnen  heißt:
In  eine  Ganzheit  durch  Übertreffen  des  anderen  oder  Angleichung ­
  an  ihn  eintreten,  „Wetteifer"  heißt  nicht,  daß  das
        <pb n="102" />
        87

Individuum  willkürlich  und  etwas,  das  auf  es  selbst  beschränkt
bleiben  könnte,  tut,  noch  daß  ein  Kampf  atomistischer  Kraftzentren ­
  geführt  würde.

Wo  auch  immer  betrachtet,  bei  Tausch,  Wert,  Preis,  Markt,
Verteilung,  Zurechnung,  Eigennutz  und  Wettbewerb,  nie  zeigt
sich  Wirtschaft  als  Summe  und  Zusammensetzung  von  Einzelnem, ­
  sondern  stets  als  Gemeinbestand  von  Teilen  eines
Ganzen,  als  Ausgliederung  von  Ganzheit.  Ganzheit  zeigt  sich
als  die  wahre  Wirklichkeit,  Einzelheit  für  sich  genommen  nur
als  unterstellte  (fiktive),  bloß  durch  Abstraktion  gewonnene
Hilfsvorsiellung.  Alles  Zerstreute  und  Vereinzelte  bedeutet
Tod  und  Nichtigkeit;  Leben  und  Wahrheit  kommt  allein  aus
der  ursprünglich  quellenden  Innenkraft  der  Ganzheit,  die  sie
den  Gliedern  mitteilt.  Alles  was  ist,  ist  aus  einem  Gusse
oder  gar  nicht.
So  offenbart  sich  zuletzt  auch  hier  wieder  der  Urgegensatz
von  individualistischer,  am  Einzelnen  verarmter,  toter  und
universalistischer,  aus  dem  Vollen  schöpfender,  lebendiger
Wissenschaft.  Die  tote  Wissenschaft  kann  Wirklichkeit  nicht  erklären; ­
  die  lebendige  Wissenschaft  allein  geht  auf  die  erste
und  umfassende  Wirklichkeit,  auf  die  Ganzheit,  zurück,  welche
der  Grund  und  Boden,  der  keimkräftige  Anfang  für  alles  Besondere ­
  und  Gliedhafte  ist.  Die  tote  Wissenschaft  führt  in  eine
falsche  Welt,  welche  eine  Kette  von  Trug  und  Selbstvernichtung
ist;  die  auf  Ganzheit  gerichtete  Wissenschaft  in  das  wabre,
unauflösliche  Leben.
        <pb n="103" />
        Die  Ausgliederungsordnung  der
Wirtschaft  und  ihre  Vorrangverhältniffe.
        <pb n="104" />
        In  einer  Reihe  von  Schriften  habe  ich  dargelegt,  daß  die
herkömmliche  Auffassung  der  Wirtschaft,  als  aus  Handlungen
der  einzelnen  Menschen  oder  gar  als  aus  Gütermengen  zusammen-gesetzt,
  verfahrenmäßig  und  sachlich  unrichtig  ist.
Verfahrenmäßig  ist  sie  kausal  und  mechanistisch,  führt  sie  zur
Annahme  von  blinden  „Naturgesetzen"  der  Wirtschaft  —  was
dann  der  „Entwicklungsmechanik"  des  Marxismus  Vorschub
leistet  —  und  sachlich  ist  sie  individualistisch,  wird
sie  formelle  Tausch-  und  Preislehre,  bleibt  sie,  da  auf  falscher
Abstraktion  begründet,  lebensfremde,  tote  Wissenschaft.
Demgegenüber  habe  ich  gezeigt,  daß  die  sachlich  wie  verfahrenmäßig ­
  allein  richtige  Auffassung  diejenige  ist,  welche  das
Wesentliche  aller  Wirtschaftserscheinungen  in  ibrer  leistenden
Natur  innerhalb  des  objektivenGliederbaues  der
Wirtschaft  (als  eines  Gebäudes  von  Mitteln  für  Ziele)  erkennt; ­
  und,  indem  sie  so  auf  das  gegliederte  und  lebendig
pulsierende  Ganze  geht,  die  ganzheitliche  oder  universalistische ­
  genannt  werden  darf,  —  wie  sie  von
den  großen  deutschen  Volkswirten  Adam  Müller,  Thünen
und  List  und  in  Ansätzen  auch  von  anderen  Verfassern
mehr  oder  weniger  unbewußt  durchgeführt  und  von  mir  als
Lehrgebäude  begründet  wurde.
Macht  man  nun  mit  der  ganzheitlichen  Auffassung  Ernst,
versucht  man,  den  Gedanken  durchzuführen,  daß  die  wirtschaftlichen ­
  Erscheinungen  nicht  aus  einzelnen  Handlungen  der
Wirtschafter  zusammengestückelt  seien,  sondern  aus  Ganzheiten
        <pb n="105" />
        92

bestehen,  die  ihrerseits  die  wirtschaftlichen  Unterganzheiten
und  Einzelerscheinungen  ausgliedern  (welche  Ausgliederung ­
  allerdings  in  den  Akten  des  Wirtschafts  s  u  b  j  e  k  t  s
sich  vollzieht),  so  ist  es  im  Aufbau  des  Systems  eine  der  wichtigsten ­
  Aufgaben,  über  den  grundsätzlichen  Gang  dieser  Ausgliederung, ­
  oder,  wie  wir  es  kurz  nennen  wollen,  über  die
A  u  s  g  l  i  e  d  e  r  u  n  g  s  o  r  d  n  u  n  g  der  Wirtschaft
Klarheit  zu  erlangen.
Es  ist  nicht  möglich,  im  Rahmen  eines  kurzen  Aufsatzes  die
ganze  Denkaufgabe,  die  sich  hier  ergibt,  zu  erschöpfen.  Darum
sei  mir  eine  Beschränkung  auf  das  Nötigste  gestattet  und  zugleich ­
  ein  Hinweis  auf  jene  anderen  Arbeiten,  in  denen  ich  ein
Übriges  bereits  getan  habe^).  Dennoch  will  der  folgende  Aufsatz: ­
  fürs  Erste  eine  Probe  ganzheitlichen  Verfahrens  geben,  indem ­
  er  zum  ersten  Male  in  der  Geschichte  der  Volkswirtschaftslehre ­
  den  Begriff  des  Vorranges  planmäßig  als  Untersuchungsmittel ­
  verwendet;  er  will  ferner  auch  eine  Darstellung  der
Hauptpunkte  der  ganzheitlichen  Volkswirtschaftslehre  sein;  eben
damit  wird  er  notgedrungen  drittens  auch  zu  einer  Grundlegung
der  Volkswirtschaftspolitik.  Diese  führt,  wie  sich  zeigen  wird,
systematisch  über  List  hinaus,  indem  sie  die  Erfordernisse  des
Eigenlebens  (der  vita  propria)  aller  Ganzheiten,  Unterganzheiten ­
  und  Glieder  zur  Grundfeste  der  Wirtschaftspflege  macht,
nicht  an  Einer  Ganzheit,  der  Volkswirtschaft,  und  an  Einer
Frage,  der  Aollfrage,  haften  bleibt,  wie  dies  Schutzzoll-  und
Freihandelslehre  tun.

*)  Kategorienlehre,  G.  Fischer,  Jena  1924;
Fundament  der  Volkswirtschaftslehre,  3.  Ausl.
G.  Fischer,  Jena  1923;
Gesellschaftslehre,  2.  Aufl.,  Quelle  &amp;amp;  Meyer,  Leipzig  1923;
ferner  der  Aufsah  „Vorrang  und  Gestaltwandel  in  der  Ausgliederungsordnung ­
  der  Gesellschaft"  in  der  Ztschr.  „Logos",  Bd.  VIII,  Tübingen
1924/25.
        <pb n="106" />
        93

1.  Abschnitt:
Ausgliederung  und  Vorrang.
Das  Wesen  der  Ausgliederung  ist  nach  dem  Satze  zu
verstehen:  „Das  Ganze  ist  vor  den  Gliedern",  ein  uralter
Satz,  der  schon  platonisch-aristotelisches  Lehrgut  ist  und  sich
auch  in  den  indischen  Upanischaden  findet.  Aus  ihm  folgt
auch:  daß  das  Ganze  an  sich  (als  solches)  nicht  erscheint  (gleichsam ­
  im  V  or-Dasein  bleibt),  sondern  in  den  Gliedern  zur  Darstellung, ­
  zum  Da-Sein  gelangt.  Darum  kann  man  die  „Volkswirtschaft" ­
  an  sich  (sie  selbst  als  solche)  ebensowenig  sehen  und
greifen  wie  den  Eichbaum  an  sich  oder  den  menschlichen  Organismus ­
  an  sich.  Wo  wir  auch  die  Volkswirtschaft  suchen,  wir
finden  sie  „selber",  wir  finden  sie  „als  solche"  oder  „an  sich"  nicht,
wir  stoßen  überall  auf  bestimmte  Wirtschafter,  auf  Unternehmer
und  Arbeiter,  auf  Konkret-Einzelne,  die  aber  —  und  das  ist  das
Entscheidende  —  nichts  Selbständiges  (Autarkes)  sind,  d.  h.  das,
was  sie  sind,  nicht  von  sich  aus  sein  können;  sondern
wir  stoßen  stets  auf  solche  Einzelne,  die  lediglich  als  Glieder
der  Volkswirtschaft  bestehen,  die  lediglich  in  ihrer  Gliedhaftigkeit
  Bestand  finden.  Ebensowenig  kann  ich  auch  den  Staat
„an  sich"  handgreiflich  finden,  ich  finde  immer  nur  seine  Organe,
den  König,  die  Abgeordneten,  die  Bürger.  Ebensowenig  endlich ­
  kann  ich  je  den  menschlichen  Organismus  „an  sich"  ergreifen, ­
  wo  ich  hingreife,  ergreife  ich  ein  Organ,  z.  B.  Hand,
Arm,  Muskeln  usw.  (ich  kann  zwar  den  ganzen  Körper,  d.  h.
ich  kann  alle  Organe  sehen,  aber  den  Organismus  „an  sich"
nicht);  ebensowenig  kann  ich  die  Eiche  je  ergreifen,  ich  kann
immer  nur  ihre  Organe  ergreifen,  die  Rinde,  die  Blätter,
die  Blüten  usf.  Aber  diese  Organe  sind  alle  durch  und  durch
eichene  Organe  —  in  ihnen  stellt  sich  die  Eiche  dar;  gleich
wie  jene  Wirtschafter  durch  und  durch  wirtschaftliche  Organe
        <pb n="107" />
        94

sind  —  in  ihnen  stellt  sich  die  Volkswirtschaft  dar,  gliedert  sich
das  Ganze  aus.
Hiermit  haben  wir  im  Wesen  der  Ausgliederung  bereits
zwei  wichtige  Bestimmungsstücke  vor  uns:  den  Begriff  des
Teilganzen  und  den  Begriff  des  Vorranges  der  Teilganzen
untereinander.  Betrachten  wir  zuerst  den  des  Teilganzen.
Wenn  nämlich  das  Ganze  als  solches  nicht  wirklich  wird,
sondern  nur  in  den  Gliedern  erscheint  (d.  h.  in  konkreten  Gliedern, ­
  die  auf  der  untersten,  sinnlich  wahrnehmbaren  Realitätsstufe ­
  stehen);  so  sind  diese  Glieder  doch  andererseits  nicht
u  n  v  e  r  in  i  t  t  e  l  t  e  Bestandteile  des  Ganzen.  Die  erste,
höchste  Ausgliederungsweise  des  Ganzen
sind  die  Teilganzen.  Die  Teilganzen  sind  jene
grundsätzliche  Auseinanderlegung  des  Ganzen  in  bestimmte
sachliche  Grundgebiete,  die  man  bei  den  lebenden  Organismen ­
  „Organsysteme"  nennt  —  z.  B.  Nervensystem,  Muskelsystem, ­
  Verdauungssystem  bei  den  höheren  Tieren;  Wurzel,
Blatt  und  Blüte  bei  den  Pflanzen  —  die  man  aber  auch
in  der  Gesellschaft  als  eigene  „Gebiete"  oder  „Seiten"  längst
unterschieden  hat,  wie  z.  B.  Recht,  Staat,  Wirtschaft,  Kunst,
Wissenschaft,  Religion.  Wir  nennen  sie  kurz  Teilinhalte  oder
Teilganze.
Die  zweite  Grundtatsache,  auf  die  es  besonders  ankommt,
ist  die  des  begrifflichen  Vorranges  oder  der  logischen
Priorität  der  Teilganzen  untereinander.  Unter  diesem  Begriffe,
der  gleichfalls  schon  dem  platonisch-aristotelischen  Gedankenkreise ­
  angehört,  aber  weder  dort  noch  später  verfahrenmäßig  je
verwertet  wurde,  versteht  man  nicht  die  wertmäßige  Abstufung
nach  dem  Range  (x  ist  dem  Rang  nach  „höher"  als  y),  noch  auch
die  seinsmäßige  (reale)  Abhängigkeit  (x  ist  von  y  erzeugt,
real  hervorgerufen  und  real  abhängig);  sondern  nur  den  Umstand: ­
  daß  das  begrifflich  vorgeordnete  Teilganze  auch  die
begriffliche  Voraussetzung,  die  begriffliche  Grundlage  für  das
        <pb n="108" />
        95

Nachgeordnete  Teilganze  abgibt.  Die  genetische  oder  kausalmechanische ­
  Abfolge  der  Dinge  ist  also  nicht  das  Gleiche  wie
ihr  begriffliches  Vorrangverhältnis.  Was  begrifflich  den  Vorrang ­
  hat,  kann  genetisch  (real)  auch  das  Spätere  sein.  Andere
Namen  für  begrifflichen  Vorrang  oder  Priorität  sind:  Der
logische  Primat,  die  begriffliche  Vorgeordnetheit,  die  begriffliche ­
  Obenheit,  (eine  Verdeutschung,  welche  Meister  Eckehart
gebraucht),  begriffliche  Erstigkeit.
Zu  Teilganzem  und  Vorrang  gesellt  sich  noch  eine  dritte
Grundtatsache,  der  Stufenbau.  Die  Ganzheit  gliedert  sich
nämlich  nicht  schlechthin  in  reine  Teilganze  aus,  sondern
die  Teilganzen  erscheinen  jeweils  in  einem  bestimmten,  einem
geschichtlich-konkreten  Stufenbau  von  Gattung
u  n  d  A  r  t.  So  finden  wir  ja  auch  die  Organsysteme  (Teilganzen) ­
  der  Nerven,  der  Muskeln,  der  Atmung  usw.  nicht  nur
beim  Menschen  (d.  h.  in  der  Ganzheit,  welche  die  Stufe  „Mensch"
hat),  sondern  vom  Menschen  herunter  in  der  ganzen  Gattung
der  Säugetiere:  das  Ganze  gliedert  sich  in  einem  Stufenbau
von  Gattung  und  Art  aus.  Nennen  wir  die  Ausgliederung
des  Ganzen  in  Teilganze  die  „Seitengliederung",  so  erscheint
der  Stufcnbau  nach  Gattung  und  Art  als  „Tiefengliederung".
Und  es  ergibt  sich  dann  die  Erkenntnis:  daß  die  Teilganzen
jeweils  in  verschieden  gearteter  Form  auf  allen  Stufen  der
Tiefengliederung  wieder  erscheinen.  Der  Begriff  des  Teilganzen
  an  sich  oder  des  reinen,  absoluten  Teilganzen  wird
nur  durch  Abstraktion  gewonnen,  die  wirklichen  oder  jeweils
bestimmt  „gearteten"  Teilganzen  erscheinen  stets  auf  einer
bestimmten  Stufe,  oder  wie  wir  es  nennen  wollen,  mit  einem
bestimmten  Stufen  wert  versehen.  Herz,  Lunge,  Blut
erscheint  in  jeder  Säugetierart  mit  einem  bestimmten  S  rufen ­
  w  e  r  t,  z.  B.  als  Löwenherz,  Hasenherz,  Schlangenblut, ­
  Fischblut,  also  stets  auf  einer  bestimmten  Stufe  des
Stockwerkbaues  der  Arten.  Ähnlich  gibt  es  auch  Handel  auf
        <pb n="109" />
        96

der  Börse  oder  im  Kontor,  Eisenhandel  auf  dem  Eisen-Großmarkte ­
  oder  auf  dem  Eisen-Kleinmarkte,  Handel  auf  dem
Weltmärkte,  dem  innern,  dem  örtlichen  Markte,  der  zwar
immer  „Handel"  bleibt,  aber  stets  auf  verschiedener  Stufe
der  Wirtschaft  ist.
Die  Betrachtung  dieser  Verhältnisse  in  der  Volkswirtschaftslehre, ­
  die  noch  niemals  planmäßig  in  Angriff  genommen
worden  ist,  soll  der  Gegenstand  der  folgenden  Ausführungen  sein.

2.  Abschnitt:
Die  Teilganzen  der  Volkswirtschaft  und  ihre
Vorrangverhältnisse.
Die  erste  Frage,  die  wir  nach  dem  Obigen  zu  erörtern  haben,
lautet:  Welches  sind  die  Teilganzen  der  Wirtschaft  und  in
welchem  Vorrangverhältnisse  stehen  sie  untereinander?
In  meinem  Buche  „Das  Fundament  der  Volkswirtschaftslehre", ­
  habe  ich  die  reinen  Teilganzen  aller  Wirtschaft  (d.  h.
der  Wirtschaft  jeder  Stufe)  bereits  dargelegt.  Ich  habe  sie
dort  als  „Gemeinsamkeitsreife",  „Vorreife"  und  „Hervorbringungsreife" ­
  näher  bestimmt.
Die  Gemeinsamkeitsreife  besteht  aus  jenen
Leistungen,  die  von  allen  zum  Gebrauch  für  alle  hergestellt
werden,  aus  Leistungen  also,  die  ein  Wirtschaftsmittel  für
die  wirtschaftlichen  Handlungen  (und  zwar  schöpferischer  Art)
bilden;  entscheidend  ist  dann  die  folgende  Bestimmung:
erst  durch  den  notwendigen  All-Gebrauch  dieser  Wirtschaftsmittel ­
  werden  die  wirtschaftlichen  Handlungen
der  Einzelnen  in  das  Ganze  der  Wirtschaft ­
  eingegliedert.  Beispiele  für  Gemeinsamkeitsreife ­
  sind:  Marktordnung,  Steuerwesen,  Jollwesen,  Recht,
        <pb n="110" />
        —  97  —
Sicherheit,  Handelsvertrag,  wirtschaftspolitische  Vorsorgen  aller
Art,  z.  B.  des  Verkehrs-  und  Tarifwesens;  aber  auch  das  Währungswesen ­
  und  Geldwesen  würde  ich  persönlich  hierher
rechnen.  „Jede  Arbeit,  jedes  Gut  kann  auf  jeder  beliebigen
Stufe  der  Werkreife,  Marktreife,  Genußreife  nur  entstehen
und  seine  Leistung  ausüben,  wenn  ihm  der  Staat  oder  andere
gemeinsame  Verbände  mit  ihren  Leistungen  geburtshelfend
zur  Seite  stehen*).  So  kann  der  Kaufmann  keine  Geschäfte
mit  dem  Auslande  machen  ohne  die  Mitwirkung  des  Staatsmannes ­
  und  Verwaltungsmannes,  die  im  „Handelsverträge"
und  in  der  „Zollverwaltung"  geschah  und  fortwährend  weiterhin
geschieht;  er  kann  im  Jnlande  keine  Wechsel-  und  Kreditgeschäfte
abschließen,  ohne  die  organisatorischen  Hilfen,  die  das  Wechselund
  Kreditrecht,  das  gesamte  „Wirtschaftsrecht",  schließlich  das
„bürgerliche  Recht",  das  „Strafrecht"  und  die  „Verwaltung"
greifbar  oder  verborgen  leisten"^).
Die  V  o  r  r  e  i  f  e  besteht,  kurz  gesagt,  in  Erfinden  und  Weitergeben ­
  des  Erfundenen  und  Gefundenen  im  Lehren.  Erfinden
und  Lehren  ist  noch  keine  selbst  hervorbringende  oder  ausführende
Wirtschaft,  aber  sie  ist  ihre  unerläßliche,  logische  Vorbedingung.
Die  Hervorbringungsreife  besteht  nun  in
dem,  was  man  herkömmlicherweise  meist  allein  im  Auge  hat,
wenn  man  von  der  „eigentlichen",  von  der  „schaffenden"  Wirtschaft ­
  spricht  (eine  Redeweise,  die  nicht  glücklich  ist,  da  eine
Erfindung  oder  ein  Handelsvertrag  mehr  zum  Gesamterfolge
der  Wirtschaft  beitragen  kann  als  die  fleißigste  und  beste  Arbeit
')  „Statt  t"  i  st  hier  nicht  im  Sinne  eines  G  e  b  i  l  -
des  von  Recht  und  Gerechtigkeit  aufzufassen,  son:
d  e  r  n  als  lvirtschaftsmittel,  d.  i.  als  ein  Stammittel  aller  Wirtschafts:
mittel,  das  wir  als  „Kapital  höherer  Ordnung"  bezeichnen  können.  „Staat",
„Recht",  „Verbände"  sind  dann  in  diesem  Sinne  selber  Wirtschaftserscheinungen
  (Kapitalien),  u.  zw.  hervorbringender,  führender  Art,
nickt  aber  politische  Erscheinungen!  s.  S.  122  ff.
2 )  Fundament,  3.  Aufl.,  S.  179.
C.  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Aufl.  7
        <pb n="111" />
        98

in  Werkstätte  und  Haushalt)  aus:  Werkreife,  Marktreife  und
Genußreife.
Betrachtet  man  das  Wesen  der  eben  skizzierten  Reifearten
oder  Teilganzen  der  Wirtschaft  in  ihrem  Verhältnis  zueinander,
so  ergeben  sich  eindeutig  die  begrifflichen,  logischen  Vorrangverhältnisse ­
  zwischen  ihnen.  Wir  können  sie  in
folgende  Sätze  kleiden:
1.  Gemeinsamkeitsreife  ist  vor  Vorreife.
2.  Vorreife  ist  vor  Hervorbringungsreife.
3.  Innerhalb  der  Vorreife  ist  Erfinden  vor  Lehren.
4.  Gemeinsamkeitsreife  ist  vor  Hervorbringungsreife.
5.  Innerhalb  der  Hervorbringungsreife  ist  Marktreife  vor
Werkreife.
6.  Innerhalb  der  Marktreife  ist  die  Marktreife  des  Geldes
vor  der  Marktreife  der  Ware.
7.  Innerhalb  der  Werkreife  ist  Kapitalreife  vor  der  Reife
der  Genußgüter.
8.  Innerhalb  der  nicht  Kapitalgüter  erzeugenden  Werkreife
ist  Genußreife  vor  Rohstoffreife.
1.  Gemeinsamkeitsreife  ist  vor  vorreise.
Daß  die  Gemeinsamkeitsreife  den  vollständigen  begrifflichen
Vorrang  (die  höchste  logische  Priorität)  unter  den  Teilganzen
oder  Reifearten  der  Wirtschaft  habe,  folgt  schon  ganz  im  Allgemeinen ­
  aus  dem  Begriffe  der  Ganzheit.  „Das  Ganze  ist  vor
dem  Teile",  das  Ganze  setzt  den  Teil,  unbeschadet  dieser  ein
Eigenleben,  eine  vita  propria,  hat.  —  Wer  darum  nicht  der
Meinung  ist,  daß  irgendeine  Wirtschaft  der  Welt  je  aus  einzelnen ­
  Handlungen,  Gütern,  Stoffen  oder  auch  aus  einzelnen
Wirtschaftern,  Betrieben  und  anderen  einzeln  gedachten
Elementen  (die  vor  ihrer  Verbindung  mit  den  anderen
schon  da  sein  könnten)  zusammengestückelt  ist;  sondern  wer  erkennt, ­
  daß  die  einzelne  Wirtschaftshandlung  stets  nur  dadurch
        <pb n="112" />
        99

wirtschaftliche  Handlung  ist,  daß  sie  die  G  l  i  e  d  h  a  f  t  i  g  -
k  e  i  t  im  jeweiligen  Ganzen  der  Wirtschaft  besitzt,  der  muß
auch  die  Folgerung  ziehen,  daß  diejenige  wirtschaftliche  Tätigkeit, ­
  welche  den  einzelnen  Elementen  die  Gliedhaftigkeit  immer
wieder  von  neuem  verleiht,  die  Gemeinsamkeitsreife,  die  wesenbafte,
  sohin  nicht  etwa  nur  reale,  sondern  begriffliche  Voraussetzung ­
  für  alle  übrigen  bildet.
Es  leuchtet  darum  schon  logisch  ein,  daß  die  Gemeinsamkeitsreife ­
  vor  der  Hervorbringungsreife  ist,  doch  mögen  dies
noch  einige  Beispiele  belegen.  Angenommen,  die  Lieferung
von  Gewebewaren  aus  Wien  nach  Belgrad  könnte  zu  einem
bestimmten  Zeitpunkt  nicht  stattfinden,  ein  neuer  Handelsvertrag ­
  ermögliche  sie  aber  plötzlich.  Dann  ist  es  klar,  daß  der
Handelsvertrag,  also  ein  Gebilde  der  Gemeinsamkeitsreife,
die  Erzeugung  von  Gewebe  zwar  nicht  real  bewirkte  (die  reale
Erzeugung  liegt  an  Dampfmaschine,  Webstuhl  usf.,  nicht  mit
Handelsvertrag);  aber  die  begriffliche,  wesenhafte  Voraussetzung ­
  dafür  bildet,  daß  sowohl  das  Handelsgeschäft  abgeschlossen ­
  werden  konnte  (d.  h.  der  Handelsvertrag  war  Voraussetzung ­
  für  die  Marktreife)  wie  auch  die  Arbeit  in  den
Fabriken  aufgenommen  werden  konnte,  denn  erst  auf  Grund
der  Bestellungen  des  Handels  konnten  die  Fabriken  erzeugen.
„Voraussetzung"  ist  aber  zu  wenig  gesagt  —  es  ist  zugleich
ein  Führen,  ein  Mitbauen,  ein  Bilden  des  Gliedes  (im  logischen, ­
  nicht  im  realen  Sinne),  das  hier  vorliegt;  denn  den
in  anderen  Ganzheiten  schon  ausgebildeten  Gliedern  wird  nun
eine  neue  Gliedhaftigkeit,  wird  neues  Leben,  neue  Entwicklung
geschenkt.  —  Desgleichen  sind  die  Arbeitshandlungen  des  Heizers
an  der  Dampfmaschine,  des  Setzers  an  der  Setzmaschine  nicht
schon  an  sich  „Wirtschaft",  sondern  sie  sind  es  erst  als  Glieder
ihrer  Fabrik,  deren  „Betriebsorganisation"  jenes  Gebilde  der  Gemeinsamkeitsreife,
  d.  h.  jenes  „Kapital  höherer  Ordnung"  ausmacht, ­
  das  sie  von  bloß  technisch  Agierenden  zu  Gliedern  macht.
        <pb n="113" />
        100

Aber  auch  für  die  Vorreife  ist  die  Gemeinsamkeitsreife  Vorbedingung. ­
  Viele  Erfindungen  würden  gar  nicht  gemacht
werden,  wenn  nicht  die  Einrichtung  der  Patentierung,  viele
Muster  gar  nicht  erdacht  und  eingeführt  werden,  wenn  nicht  die
Einrichtung  des  Musterschutzes  vorhanden  wäre.  Hier  ist  es
handgreiflich,  wie  das  im  Erfinder-  und  Musterschutz  liegende
Kapital  höherer  Ordnung,  d.  h.  die  dadurch  geleistete  Gemeinsamkeitsreife, ­
  begriffliche  Vorbedingung  der  Erfindung,  der  Vorreife, ­
  wird  (aber  keine  real-psychologische,  denn  der  „Musterschutz" ­
  bringt  keine  Gedanken  hervor).  —  Jedoch  auch  soweit  die
Gemeinsamkeitsreife  im  Erziehungs-  und  Schulwesen  liegt,  wo
technische  Geschicklichkeiten  gelehrt,  wo  die  Fähigkeiten  zum  Erfinden ­
  ausbildet  werden  (s.  besonders  die  technischen  Hochschulen),
soweit  sie  ferner  in  den  organisatorischen  Vorsorgen  dafür  besteht ­
  —  Laboratorien,  Versuchswesen  eines  Landes!  —  erscheint
sie  gleichfalls  deutlich  als  Bedingung  der  Vorreife.  Ebenso  muß
die  Gemeinsamkeitsreife  für  das  „Lehren"  Vorsorgen,  welches
das  Erfundene  und  Alterrungene  unaufhörlich  weitergibt.
Im  „Wanderzwang"  hatte  das  Mittelalter,  im  Lehrlingswesen
und  Fachschulwesen,  in  Ausstellungen  und  der  Publizistik  hat
die  heutige  Zeit  diese  unentbehrlichen  Leistungen  der  Gemeinsamkeitsreife ­
  gesichert.
2.  vorreife  ist  vor  hervorbringungsreife.
Dieser  Satz  leuchtet  bereits  aus  dem  früheren  ein.  Würden
z.  B.  die  Erfindungen  nicht  durch  Lehren  weiter  verbreitet,  so
würden  sie  bald  wieder  in  Vergessenheit  geraten.  Das  Lehren
ist  also  die  Voraussetzung  für  dauernde  Anwendung  der  Erfindungen ­
  und  damit  die  Voraussetzung  für  die  Hervorbringung
überhaupt.  Daß  Vorreife  vor  aller  hervorbringenden  Wirtschaft ­
  ist,  ergibt  sich  auch  zwingend,  wenn  man  bedenkt,  daß  alle
durchführende  wirtschaftliche  Arbeit  einmal  erfunden  und  ausgedacht ­
  werden  mußte  (ebenso  wie  das  Erfundene  wieder  ge-
        <pb n="114" />
        101

lehrt  werden  muß).  Begriffliche  Voraussetzung  alles  tatsächlichen ­
  werkmäßigen  wie  marktmäßigen  Wirtschaftens  ist  überall ­
  Erfindung  und  Lehren.
3.  In  -er  vorreife  ist  Lrfin-en  vor  Lehren.
Auch  dieser  Satz  ergibt  sich  rein  begrifflich  von  selbst  und
bedarf  wohl  weiterer  Ausführung  nicht.  Zwar  niuß  der  wirkliche ­
  Erfinder  stets  vorher  etwas  gelernt  haben  —  aber  auch
das,  was  er  gelernt  hat,  mußte  immer  vorher  gefunden  und
ausgedacht  worden  sein.  Begrifflich  ist  der  Gedanke  vor  dem
Wort,  die  Erschaffung  vor  dem  Geschöpf,  aber  auch  darum  der
Einfall  vor  der  Lehre.
4.  Gemeinsamkeitsreife  ist  vor  hervorbringungsreife.
Dieser  Satz  folgt  aus  dem  Satz  1  („Gemeinsamkeitsreife
ist  vor  Vorreife")  und  Satz  2  („Vorreife  ist  vor  Hervorbringungsreife") ­
  und  bedarf  daher  keiner  besonderen  Beweisführung.
Wenn  nämlich  Gemeinsamkeitsreife  vor  Vorreife,  Vorreife
aber  vor  Hervorbringungsreife  ist,  so  folgt  notwendig,  daß  die
Gemeinsamkeitsreife  auch  vor  Hervorbringungsreife  ist.  Im
Besonderen  sei  noch  hervorgehoben,  daß  die  Gemeinsamkeitsreife ­
  damit  nicht  nur  vor  der  engeren  Hervorbringungsreife,
d.  i.  der  Werkreife  in  Bergwerk,  Landwirtschaft,  Werkstätte
und  Fabrik  ist,  sondern  auch  vor  der  Marktreife,  also  sowohl
vor  dem  Warenhandel  wie  dem  Geldhandel  ist.
Wenn  nun  auch  die  gegebene  Ableitung  unseres  Satzes
„Gemeinsamkeitsreife  ist  vor  Vorreife"  streng  genommen
durchaus  genügt,  so  sei  doch  wegen  der  entscheidenden  Bedeutung ­
  desselben,  namentlich  für  alles  das,  was  man  „Produktionslehre" ­
  nennt,  seine  ausdrückliche  Begründung  hier
nochmals  ausgesprochen.  Neues  sagen  wir  damit  freilich
nicht  (vgl.  oben  Satz  1,  S.  98  f.).
        <pb n="115" />
        102  —

Gemeinsamkeitsreife  ist  vor  Hervorbringungsreife,  weil
jede  einzelne  Wirtschaftshandlung  nur  als  Glied  möglich
ist.  Dies  ist  die  letzte  und  einfachste  Begründung  des  Satzes!
Wollte  man  dagegen  sagen,  daß  das  jeweils  ausgegliederte
Wirtschaftsganze  doch  auf  die  Handlungen  der  Einzelnen  angewiesen ­
  ist,  so  wäre  das  kein  Einwand.  Denn  diese  Handlung
kann  stets  nur  als  eine  sich  eingliedernde  Wirtschaft
werden,  und  die  jeweils  das  Handeln  setzende  Kraft  ist
daher  schon  keine  eigentlich  „subjektive"  mehr,  sondern  entstammt ­
  dem  Eigenleben  des  Wirtschaftsgliedes,  nämlich  dem
„Eigenleben"  dessen,  was  nur  darum  schon  (als  Eigenleben)
ist,  weil  es  in  anderen  Ganzheiten  bereits  Glied  ward;  das
heißt  also:  der  Einzelne  ist  nicht  mehr  Subjekt  (autark,  selbstwüchsig, ­
  einzelhaft,  selbstsetzend),  sondern  Glied.  Dem  kann
auch  nicht  anders  sein.  Denn  da  das  Ganze  vor  dem  Teil  ist,
so  ist  die  Wirtschaftshandlung  des  Einzelnen  in  dem  Sinne  eine
Tat  der  Ganzheit,  als  sie  durch  und  durch  gliedhaft  sein  muß,
um  überhaupt  entstehen,  um  überhaupt  wirtschaftliche  Wirklichkeit ­
  erlangen  zu  können.  Auch  wenn  diese  Wirtschaftshandlung ­
  zugleich  eine  umgliedernde  (das  Ganze  umbildende)  Art
hat,  ist  sie  doch  nur,  sofern  das  Ganze  in  ihr  lebt.  Denn  nur
dadurch,  daß  das  Ganze  im  Einzelnen  enthalten  ist,  wird  dieses
Einzelne  zum  Gliede.
Gegenüber  diesem  Gedankengange  könnte  sich  der  Einwand
erheben,  die  Wirtschaft  sei  doch  um  der  Zielerreichung  willen
da,  zuletzt  also  um  der  Genußreife  willen,  das  Kapital  höherer
Ordnung  sei  darum  zuletzt  nur  ein  Hilfsmittel  der  in  der  Genußreife ­
  gipfelnden  Wirtschaft  und  könne  daher  nicht  den  Vorrang ­
  haben,  vielmehr  müßte  Genußreife  vor  Gemeinsamkeitsreife ­
  sein.  —  Dieser  Einwand  ist  darum  falsch,  weil,  wie  immer
wieder  zu  sagen,  der  Genußreife-Akt  wie  jeder  andere  Wirtschaftsakt ­
  nur  gliedhaft  möglich  ist,  das  Ganze,  in  das  er  sich
eingliedern  soll,  daher  schon  früher  da  sein  muß,  die  Gemein-
        <pb n="116" />
        103

samkcitsreife  demnach  diese  Ganzheit  vorher  schaffen  und
sichern  und  eben  damit  auch  der  einzelnen  Handlung  selbst
Gliedbaftigkeit  verleihen  muß.

Unsere  nächste  Aufgabe  ist  nun,  die  Vorrangverhältnisse
innerhalb  der  Hervorbringungsreise  selbst  zu  klären.  Die
Hervorbringungsreife  zerfällt,  wie  ausgeführt,  in  Werkreife,
bestehend  aus  Kapital-  wie  Genußreife,  und  in  Marktreife;
die  letztere  zeigt  sich  als  die  Vorgeordnete.  Darum  lautet  unser
nächster  Satz:
5.  Innerhalb  der  hervorbringungsreife
ist  Marltreife  vor  werkreife.
Es  wäre  nicht  richtig,  die  Werkreife,  in  der  sich  die  stofflich-technische ­
  Erzeugung  der  Güter  vollzieht  und  die  daher
am  greifbarsten  für  den  Laien  „Wirtschaft"  ist,  als  das  Vorgeordnete ­
  und  Erstwesentliche  der  Wirtschaft  zu  betrachten.
Man  kann  an  die  stoffliche  Herstellung  und  Bearbeitung  eines
Gutes  immer  erst  dann  herangehen,  wenn  die  wirtschaftlichen
Vorbedingungen  erfüllt  sind,  z.  B.  Aussicht  auf  „Absatz",  auf
„Verkäuflichkeit"  des  Gutes  vorhanden  ist.  Sofern  also
ein  Gut  (eine  wirtschaftliche  Leistung)  auf  Absatz  und  Verkauf
angewiesen  ist,  ist  die  Herstellung  dieses  Absatzes,  d.  i.  die
„Marktreife",  die  Vorbedingung  und  es  geht  daher  Marktreife
vor  Werkreife.  Sofern  aber  ein  Gut  nicht  erst  verkauft
zu  werden  braucht,  sondern  nur  dazu  bestimmt  ist,  in  der
eigenen  Wirtschaft  verbraucht  zu  werden,  z.  B.  Milch  im  eigenen
Haushalt  des  Bauern,  ist  doch  auch  nicht  die  Werkreife  selbst
das  begrifflich  Erste,  sondern  das,  was  ein  Analogon  zur
Marktreife  bildet:  die  Gesamtgliederung,  die  „Einteilung"  der
Wirtschaftsmittel,  ihre  „Gliederung"  und  „Gegenseitigkeit"  nämlich ­
  die  Gemeinsamkeitsreife  (Kap.  höh.  Ordnung).  Man  wird
auch  hier  nicht  zuerst  wirtschaften  und  dann  die  „Einteilung"
        <pb n="117" />
        104

(Gliederung)  treffen,  sondern  zuerst  überlegen,  welche  Ziele
mit  welchen  Mitteln  zu  erreichen  seien  unb  dem  Ergebnis
dieser  die  Gliederung  bestimmenden  Überlegung
entsprechend,  an  die  Arbeiten  der  Werkreife,  z.  B.  an  die  Viehzucht ­
  und  Milchgewinnung,  gehen.  (Man  kann  diese  Eingliederungsvorgänge ­
  auch  bereits  als  „Gemeinsamkeitsreife"
betrachten  —  beide  fließen  im  Innern  der  Wirtschaft  ineinander ­
  über.)
Zusatz  über  die  Fruchtbarkeit  derMarktreife.
  Diese  durchaus  grundsätzliche  Bestimnrung  der  Marktreife ­
  sagt  darüber  gar  nichts  aus,  ob  eine  bestimmte  geschichtliche
Form  der  Marktreife,  z.  B.  die  heutige  individualistische  des
Großkapitals  und  der  Weltbörsen,  gut  oder  schlecht  sei.  Durch
die  grundsätzlich  eNotwendigkeit  derMarktreife
  kann  eine  schlechte  Form  derselben
ebensowenig  gut  werden,  wie  durch  die
grundsätzliche  Ergiebigkeit  der  Dampfmaschinen ­
  eine  schlecht  gebaute  Maschine
ergiebig  und  gut  wird.  Überwucherung  von  Marktreifetätigkeit ­
  und  namentlich  Uberzentralisation  der  Kapitalsmacht ­
  einerseits,  und  anderseits  schlechte  Standortverteilung
der  gewerblichen  Betriebe  (durch  ihre  Uberzentralisation,  wodurch ­
  eine  zu  große  Vermittlungstätigkeit  nötig  wird)  sind  die
schwersten  Schäden,  die  sich  bei  der  heutigen  individualistischen
(vulgo  kapitalistischen)  Marktreife  zeigen  und  am  Mark  des
Volkswohlstandes  zehren  können.
6.  Innerhalb  der  Marktreife  ist  die  Marktreife  des  Geldes
vor  der  Marktreife  der  Ware.
Das  Wesen  des  Geldes  wird  nach  verschiedenen  Theorien
verschieden  erklärt.  Wir  selbst  haben  es  im  „Fundament"
als  „Kapital  höherer  Ordnung",  d.  h.  als  ein  Gebilde  der  Gemeinsamkeitsreife ­
  behandelt.  (Man  denke  nur  an  das  gesetz ­
        <pb n="118" />
        105

tief)  geregelte  Währungswesen  eines  Landes.)  Doch  haben
wir  uns  an  dieser  Stelle  in  den  Streit  der  Geldtheorien  nicht
einzumischen.  Was  das  Geld  nun  auch  sei,  nach  welchem  Begriffe ­
  es  auch  bestimmt  werden  möge,  ob  metallistisch  als  Ware,
ob  „nominalistisch"  als  Gesetz,  oder  in  zwischen  beiden  vermittelnder ­
  Weise,  wir  sehen  in  der  Wirtschaft  aller  Zeiten,
aber  größten  Stiles  in  der  modernen  individualistischen  Wirtschaft, ­
  daß  überall  auch  das  Geld  seinen  „Markt"  bat,  daß  es
verliehen  und  gekauft  wird,  ähnlich  wie  die  Waren  auch.  Das
Bank-  und  Wechslerwesen  aller  Zeiten,  dazu  heute  das  Finanzkapital ­
  in  seinen  vielfachen  Formen  und  endlich  die  Effektenbörsen ­
  und  was  sich  daran  an  ergänzenden  und  helfenden
Tätigkeiten  anschließt  —  sie  alle  bestehen  darin,  dem  Gelde
jeweilig  seine  Marktreife  zu  verleihen.  (Auch  in  den  rein  naturalwirtschaftlichen ­
  Gesellschaften  hat  Geld  niemals  gänzlich  gefehlt, ­
  Geld  ist  eine  Urerscheinung  aller  Wirtschaft.)
Da  nun  überall  wo  Geld  in  Verwendung  ist  und  sofern
es  in  Verwendung  ist,  gelten  muß:  Geld  ist  vor  Ware,  da  Geld
(gerade  nach  unserer  eigenen  Theorie)  Kapital  höherer  Ordnung ­
  ist,  die  Ware  aber  nur  entweder  Genußgut  oder  Werkzeug ­
  (Kapital)  ist,  und  da  demnach  das  Kapital  höherer  Ordnung ­
  als  Werkzeug  sowohl  für  Werkzeuge  wie  für  Genußgüter
Voraussetzung  für  jederlei  Ware  ist;  so  gilt  auch  für  die  Marktreife, ­
  daß  die  Marktreifeverleihung  an  das  Geld  vor  jener
an  die  Ware  ist  —  allerdings  immer  nur  nach  der  Maßgabe,
daß  für  die  Warenverbandlung  (Marktreife  für  die  Waren)
überhaupt  Geld  nötig  ist,  also  unter  der  Voraussetzung  der
geldlichen  und  nicht  der  naturalen  Abwicklung  (es  gibt  ja  auch
einen  naturalen  Markt).  Kurz  gefaßt  lautet  dieser  Gedankengang: ­

Waren  können  erst  marktreif  gemacht  werden  durch  Geld,
die  Marktreifmachung  des  Geldes  ist  daher  begriffliche  Voraussetzung ­
  für  die  Marktreifmachung  der  Ware.
        <pb n="119" />
        106

Da  nun,  wie  wir  oben  (S.  103  f.)  sahen,  die  gesamte  Marktreife ­
  wieder  vor  Werkreife  geht,  so  lautet  dieser  Satz  in  anderer
Form:
Das  F  i  n  a  n  z  k  a  p  r  t  a  l  geht  vor  Industriekapital ­
  (auch  vor  Landwirtschafts-  und  Bergbaukapital)
oder  noch  allgemeiner:  Kreditwesen  geht  vor
Erzeugungswesen.
Diese  Sätze  mögen  für  die  gegenwärtige,  liberal-individualistisch ­
  organisierte  (oder  vielmehr  desorganisierte)  Wirtschaftsweise ­
  traurig  klingen,  wenn  man  bedenkt,  welche  durchaus ­
  führende  Bedeutung  man  dann  dem  heute  so  oft  versagenden
Börsen-  und  Großbankwesen  zuerkennen  muß.  Aber  es  wäre
zwecklos,  wie  der  Vogel  Strauß  die  Augen  in  den  Sand  zu  stecken.
Die  Wirtschaftspolitik  wird  diesen  Satz  nie
umstoßen  können,  aber  sie  kann  ihn  unschädlich ­
  machen,  wenn  sie  an  eine  gemeinnützige, ­
  z.  B.  fachlich-produktivgenossenschaftliche, ­
  ständisch-zünftige  und  staatliche
wie  gemeindliche  Umbildung  der  Marktreife
des  Geldes  geht.  Nicht  daß  diese  Bedingung  des
Warenhandels  wie  der  Erzeugung  ist,  kann  einen  Anklagepunkt
bilden  —  denn  das  liegt  in  der  Natur  der  Dinge  und  war
zu  allen  Zeiten  so,  es  war  auch  im  Mittelalter  so
und  müßte  sogar  in  einer  kommunistischen  Wirtschaft,  wenn
diese  sonst  möglich  wäre,  ebenso  sein  —  sondern  nur,  daß  sie
diese  Bedingung  schlecht  erfüllt.

Bisher  war  die  Frage  des  Vorranges  insofern  eindeutig
zu  lösen,  als  der  Entscheidungsgrund  für  den  jeweiligen  Vorrang
in  dem  Satze  liegt:  „Das  Ganze  ist  vor  dem  Teile",  „Das
höhere  Ganze  ist  vor  dem  niedern";  und  als  das  Zentral-Ganze
(in  der  Gemeinsamkeilsreife)  und  das  jeweils  höhere  Zwischen-
        <pb n="120" />
        vj\\TvS  C/j#

—  107  —

veÄs

Kie\

:  Bibliothek
ganze  (in  der  Marktreife  vor  der  Hervorbringungsreifc).  sÄner
im  Geld  vor  der  Ware)  offen  vor  Augen  lag,  da  das  ft
nur  niedrigere  Ganze  oder  Glied  deutlich  als  solches  gegen:
dem  höheren  Ganzen  oder  Zwischengasen  zu  erkennen  war.
Anders  liegt  die  Sache,  sobald  wir  in  die  reine  Werkreife
eintreten.  (Die  reine  Werkreife  besteht  aus:  Stoffreife  —  stofflich ­
  im  engsten  Sinne,  z.  B.  Hochofen  —,  Zeitreife,  z.  B.  Konscrvierungsgewerbe,
  und  Ortsreife,  z.  B.  Frachtwcsen.)  Kann
es  innerhalb  der  Werkreife,  wo  ein  einheitlicher  Fortgang  vom
Rohstoffe  bis  zum  Genußgute  stattfindet,  überhaupt  einen  „Vorrang" ­
  geben?;  oder  gibt  es  hier  vielmehr  nur  einen  genetischen
Fortgang,  einen  Fortgang  des  Werdens?  Die  grundsätzliche
Antwort  lautet:  daß  innerhalb  einer  genetisch  artgleichen  Reihe,
die  letzte  Handlung  als  das  Ziel,  als  der  Endzweck,  die  logische
Bedingung  aller  vorherigen  Glieder  der  Reihe  ist,  also  die
letzte  Handlung  den  Vorrang  vor  allen  früheren  hat!  Dies
gilt  aber  nur  von  wirklich  artgleichen  Reihen,  von  wirklich
artgleichen  Geschlechtern  leistender  Wirtschaftshandlungen,  die
aufeinander  folgen.  Aber  der  Fortgang  der  Werkreife  (z.  B.
vom  Erzbergbau  über  die  Verhüttung  zum  Schuhnagel)  ist
insofern  kein  einheitlicher,  als  nicht  nur  eine  Kette  von  unmittelbar ­
  zum  Genuß  führenden  Handlungen  in  ihr  vorliegt
(wie  beim  Pflücken  und  Essen  reifen  Obstes  ohne  Werkzeuge),
sondern  auch  eine  Werkzeugverwendung  und  darum  neben
jenen  Wirtschaftstätigkeiten,  die  in  ihrer  geraden  Abfolge  zuletzt ­
  zum  Genuß  führen,  jene  Handlungen  einhergehen,  die  zur
Werkzeugherstellung,  zur  Herstellung  von  Realkapital,  führen.
Wir  gewinnen  daraus  die  Sätze:  Innerhalb  der  reale  Kapitalgüter ­
  verwendenden  Werkreife  ist  Kapitalreife  vor  der  übrigen
Werkreife,  kurz  gesagt,  hat  Kapitalreife  vor  Genußreife  den
Vorrang;  innerhalb  der  in  gerader  Abfolge  zum  Genußziele
führenden  Wirtschaftshandlungen  hat  die  letzte  Handlung  vor
der  ersten  den  Vorrang.  Wir  formulieren  diesen  letzten  Satz
        <pb n="121" />
        108

einfacher  dahin:  Innerhalb  der  nicht  Kapitalgüter  erzeugenden
Werkreife  ist  Genußreife  vor  Rohstoffreife.  —  Nach  diesen
Überlegungen  mögen  folgende  kurze  Erläuterungen  genügen.
7.  Innerhalb  -er  werkreife  ist  Rapitalreife  vor  -er  Reife
-er  Genutzgüter.
Wenn  wir  nunmehr  von  der  rein  begrifflichen  Behandlung
absehen,  so  gilt  dieser  Satz  deswegen,  weil  die  Verwendung
von  Werkzeugen  und  Maschinen  (Realkapital  überhaupt)
1.  meistens  die  Bedingung  dafür  ist,  daß  bestimmte  Güter  überhaupt ­
  hergestellt  werden  können.  Man  kann  zwar  Wasser  mit
der  hohlen  Hand  schöpfen,  reifes  Obst  ohne  Werkzeuge  vom
Baume  pflücken;  aber  weder  Schuhe  noch  Kleider,  weder
Häuser  noch  Geräte,  noch  die  tausend  und  abertausend  Nutzgegenstände ­
  des  dürftigsten  Alltags  können  ohne  Werkzeuge
(Realkapital)  gemacht  werden;  2.  ist  das  Kapital  die  Bedingung ­
  größerer  Ergiebigkeit  der  Leistungen.  Mit  einem
Gefäß  Wasser  zu  schöpfen  oder  durch  eine  Wasserleitung  das
Wasser  zu  gewinnen,  ist  ergiebiger,  als  mit  der  hohlen  Hand;  mit
Leitern  und  Werkzeugen  Obst  zu  pflücken,  ist  ergiebiger  als  mit
bloßen  Händen  usw.  —  Das  Wesen  des  Kapitals  ist  darum
nicht  eigentlich  das,  Produktions„umweg"  zu  sein  (ein  ohnehin ­
  unglückliches  Wort  Böhm-Bawerks,  da  ein  „Umweg"  doch
immer  etwas  Unergiebiges,  Mißglücktes  bleibt),  noch  auch  das,
„vorgetane  Arbeit"  zu  sein  (Ricardo),  sondern  das:  eine  höhere
Ganzheitsstufe  im  Leistungskörper  der  Wirtschaft  zu  sein  als
die  Genußleistungen,  d.  h.:  eine  Vorbedingung  für  die  Möglichkeit ­
  jener  unmittelbaren  Leistungen  zu  sein,  die  zum  Genuß
führen.  Vom  Eisenerz  bis  zum  Schuhnagel  sind  lauter  Leistungen ­
  vorhanden,  die  gerade  Vorfahren  der  Genußleistung
(Benützung  des  Schuhnagels)  sind;  aber  alle  diese  Leistungen
sind  von  der  Kapitalverwendung  begleitet;  aber  „begleitet"
nicht  nur,  sondern  ermöglicht  —  und  das  heißt  zuletzt  noch
        <pb n="122" />
        109

mehr:  mit  ausgegliedert,  mit  gemacht.  Die  Kapitalerzeugung
hat  im  Gesamtgebäude  der  Volkswirtschaft  die  Bedeutung
einer  die  Glieder  logisch  bedingenden,  logisch  früheren  Ganzheit; ­
  denn  die  Kapitalverwendung  schafft  und  setzt  erst  die  zur
Aiclerreichung  führenden  Leistungen.

8.  Innerhalb  -er  nicht  Rapitalgiiter  erzeugenden  werkreife
ist  Genutzreife  vor  Rohstoffreife.
Dieser  Satz  gilt  nur  für  das  —  bloß  in  der  Abstraktion  vorhandene ­
  —  Geschlecht  der  unmittelbaren  Leistungen,  oder,  wie
wir  sie  auch  nennen,  „Genußleistungen",  „Genußreife",  die
vom  Robsioffe  bis  zum  Genußgut  als  der  rote  Faden  aller
Wirtschaft  gedacht  werden  müssen.  Die  allgemeine  Begründung ­
  dieses  Satzes  wurde  schon  oben  gegeben,  sie  sei  hier  nochmals ­
  kurz  zusammengefaßt.
Die  Genußreife  ist  nichts  als  eine  Werkreife  letzter  Stufe.
Viehzucht  ist  Werkreife  früher  Stufe,  der  Gasthof,  in  welchem
das  Fleisch  des  Mastviehs  zum  letzten  Genuß  zubereitet  wird,
ist  Werkreife  letzter  Stufe,  anders  ausgedrückt,  er  verleiht  dem
Fleisch  die  Genußreife.  Daß  „Genußreife",  obwohl  im  zeitlichen ­
  Verlaufe  das  Spatere,  begrifflich  das  Frühere  ist,  folgt
daraus,  daß  die  Werkreife,  sei  es  nun  auf  der  Stufe  des  Rohstoffes ­
  oder  auf  jener  der  Veredlung  (daher  insbesondere  auch
die  Ortsreife  oder  der  Verkehr)  erst  einsetzen  wird,  wenn  die
Arbeit  der  Genußreife  sichergestellt  ist.  Die  letzte  Handlung
hat,  als  der  Endzweck  und  die  logische  Bedingung  der  früheren,
vor  diesen  den  Vorrang.
        <pb n="123" />
        110

3.  Abschnitt.
Lieber  den  Stufenbau  der  Wirtschaft.
Die  Teilganzen  der  Gemeinsamkeitsreife,  Vorreife  und
Hervorbringung  sind  in  jener  allgemeinen,  abgezogenen  und
ungeschichtlichen  Fassung,  in  der  wir  sie  eben  betrachteten,  nirgends ­
  anzutreffen.  Die  geschichtliche  Wirklichkeit
der  Wirtschaft  ist  die,  daß  sie  sich  in  einem  Stockwerkbau  von
Gattung  und  Art  herunterbaut,  daß  sie  von  der  höchsten  Ganzheit ­
  herunter  bis  zu  ihrem  letzten  Gliede,  dem  einzelnen  Wirtschafter, ­
  einen  Stufenbau  ausgliedert,  in  dem  sich  Unterganze ­
  und  Awischenganze  der  verschiedensten  Art  befinden.
Auf  jeder  St  ufe  nun  sind  alle  Teilganzen
vorhanden.  Überall  gibt  es  eine  Gemeinsamkeitsreife,
Vorreife  und  Hervorbringungsreife  und  zwar  sind  sie  auf  jeder
Stufe  in  arteigener  Weise  ausgebildet.
Es  ist  nicht  im  entferntesten  möglich,  an  dieser  Stelle  das
zu  geben,  was  die  Aufgabe  des  sachlichen  Teiles  der  ganzen
Volkswirtschaftslehre  ist,  nämlich  eine  zergliedernde  Darstellung
des  Stufenbaues  der  Wirtschaft  und  eine  Untersuchung  ihrer
Teilganzen,  sowie  der  Eingliederungs-Verhältnisse  der  Stufen
nach  oben  und  unten.  Was  hier  gegeben  werden  kann,  sind
lediglich  einige  Darlegungen  grundsätzlicher  Art,  welche  die
große  Denkaufgabe,  die  hier  vorliegt,  aufhellen  sollen.  Wir
behandeln  den  ganzen  Stoff  im  Rahmen  dreier  Fragen:
1.  Wie  sieht  dieser  Stufenbau  aus?  —  2.  Welches  sind
die  kennzeichnenden  Beispiele  für  die  Veränderungen  der
Teilganzen  auf  den  einzelnen  Stufen?  —  3.  Welches
sind  die  Vorrangverhältnisse  zwischen  den  Stufen?  —  Die
erste  und  zweite  Frage  behandeln  wir  gemeinsam,  die  dritte
für  sich.
        <pb n="124" />
        111

1.  wie  sieht  -er  Stufenbau  -er  Wirtschaft  aus
un-  welchen  Stufenwert  haben  -ie  Teilganzen  in  ihm?
A.  Allgemeine  Erörterung  der  Frage.
Unsere  erste  Aufgabe  ist  es  nun,  den  Gesamtrahmen  der
Stufengliederung  der  Wirtschaft  überhaupt  zu  finden.  Es  ist
dies  kein  anderer  als  jener,  der  von  der  Weltwirtschaft  zur
Einzelwirtschaft  herabreickt.  In  den  äußersten  Umrissen  wären
folgende  Unterschiede  zu  machen,  die  aber  noch  innere  Unterstufen ­
  und  Zwischengliederungen,  welche  wir  hier  gar  nickt
erwähnen,  in  sich  schließen:
Weltwirtschaft;
Volkswirtschaft;
Gebietswirtschaft*);
Wirtschaftsverbände  (zünftige  Wirtschaft  i.  w.  S.);
Betriebe;
Bedarfswirtschaft  des  Einzelwirtschafters,  insbesonders  der
Haushalt;
Der  Einzelwirtschafter  als  Glied  des  Haushaltes.
In  dieser  Reihe  ist  die  Weltwirtschaft  als  die  höchste  und
allgemeinste  Ganzheit  der  Wirtschaftsausgliederung  an  die
Spitze  gesetzt.  Fragt  man,  welches  Verhältnis  sie  zur  Volkswirtschaft ­
  habe,  so  beginnt  hier  bereits  eine  theoretische  Schwierigkeit. ­
  Als  die  höchste  Ganzheit  scheint  sie  diejenige  zu  sein,
auf  die  sich  zuletzt  alles  durchgreifend  einzustellen  hätte.  Das
trifft  aber  augenscheinlich  nicht  zu.  Denn  ähnlich  wie  die
Menschheit  nur  durch  das  Volkstum  geht,  daraus  also,  daß  es
eine  Menschheit  gibt,  nicht  die  Wesenlosigkeit  des  Volkstums
folgt,  so  folgt  auch  aus  dem  Bestände  der  Weltwirtschaft  nicht
die  Nichtigkeit  der  Volkswirtschaft  —  und  auch  nicht  der  übrigen
unteren  Stufen!
*)  Beispiele:  die  Wirtschaft  innerhalb  von  Bundesstaaten;  Gauen
(=  Provinzen);  Sprengeln;  Gemeinden.
        <pb n="125" />
        112

Die  genauere  Betrachtung  ergibt  drei  grundlegende  Einsichten: ­
  1.  daß  die  oberste  Ganzheit  dem  Eigenleben  der  Unterganzheiten ­
  keinen  Abbruch  tut,  und  2.  daß  der  unmittelbare  Ausgliederungsinhalt ­
  der  obersten  Ganzheit  „Weltwirtschaft"  ein
sehr  armer,  jener  der  Volkswirtschaft  dagegen  ein  sehr  reicher
ist;  und  3.  folgt  hieraus:  daß  die  Ausgliederungsmacht ­
  der  Weltwirtschaft  —  so  wollen  wir  jene  Bedeutung
nennen,  welche  sie  als  B  e  d  i  n  g  u  n  g  des  Lebens  und  des
inneren  Aufbaues  der  Volkswirtschaft  hat*),  —  über  die
Volkswirtschaften  sich  auf  sehr  wenige  Gebiete  beschränkt.  Ja,
diese  Beschränkung  kann  so  weit  gehen,  daß  eine  Volkswirtschaft ­
  sich  dauernd  zu  verselbständigen,  also  der  Uberganzheit
„Weltwirtschaft"  völlig  zu  entziehen  vermag!  Doch  ist  dieser
äußerste  Fall  nur  bei  sehr  großen  Wohlstandsverlusten  möglich.
Darum  ist  er  auch  geschichtlich  nirgends  dauernd  vorhanden. ­
  Denn  selbst  die  einfachsten  Naturvölker  stehen  in
weltwirtschaftlicher  Gliedstellung,  z.  B.  wenn  die  Australneger
im  Innern  des  Kontinents  Waren  von  der  Küste  durch  Fernhandel ­
  beziehen,  oder  wenn  Auswirkungen  des  Karawanenhandels ­
  bis  in  das  innerste  Afrika  reichen.  —  Wird  also  auch
zugegeben,  daß  eine  Volkswirtschaft  sich  der  weltwirtschaftlichen ­
  Uberganzheit  zu  entziehen  vermag,  so  muß  dennoch  die
Frage,  ob  es  sich  bei  der  „Weltwirtschaft"  um  eine  echte
Überganzheit  handelt,  die  wieder  Unterganzheiten,  die  Volkswirtschaften, ­
  unter  sich  ausgliedert,  bejaht  werden!  Wesentlich ­
  ist  indessen  dabei  die  Erkenntnis:  daß  die  Weltwirtschaft
ihrer  Natur  nach  eine  auf  wenige  Sachgebiete  beschränkte
Uberganzheit  ist,  daß  sie  die  Volkswirtschaft  also  nur  teilweise ­
  überhöht  (was  übrigens  jede  höhere  Ganzheit  gegenüber ­
  den  niederen  tut,  denn  sonst  käme  diesen  kein  Eigenleben,
x )  Näheres  darüber  noch  unten  S.  133  ff.  (Über  die  Verschiedenheit ­
  der  Ausgliederungsfülle  der  höheren  Stufe  gegenüber  der
niederen).
        <pb n="126" />
        113

keine  —  organartige  —  Selbständigkeit  zu!).  Dagegen  beweist
die  mögliche  Verselbständigung  der  Volkswirtschaft:  daß  sie
alle  Sachgebiete  der  Wirtschaft  ausgliedert.  Die  verhältnismäßige ­
  Fülle  und  Geschlossenheit  der  Volkswirtschaft  hat  ihren
wichtigsten  Grund  in  einem  reichen  und  durchgreifenden ­
  Kapital  höherer  Ordnung  *).  Die  Weltwirtschaft ­
  ist  also  eine  Ganzheit  mit  armem,  die  Volkswirtschaft
eine  Ganzheit  mit  reichem  Eigenleben;  aber  die  Weltwirtschaft
bestimmt  als  die  höhere  dennoch  die  Gliederung  der  Volkswirtschaft ­
  —  soweit  sie  sie  nämlich  wirklich  überhöht  (in  sicb
befaßt),  d.  h.  auf  allen  jenen  Gebieten,  die  jeweils  in  das
weltwirtscbaftliche  Sachgebiet  fallen.  Nur  in  diesem  Sinne
und  Maße  ist  die  Volkswirtschaft  trotz  ihrer  weit  größeren  Fülle
und  trotz  ihrer  potentiellen  Selbständigkeit,  die  der  Weltwirtschaft ­
  nie  zukommt,  ein  Organ  der  Weltwirtschaft!  (Die
verschiedenen  Volkswirtschaften  sind  wesensgemäß  auch  in  verschiedener ­
  Weise  Organe:  die  überseeischen  vornehmlich  weltwirtschaftliche ­
  Robstofferzeuger,  die  europäischen  vornehmlich
Fabrikaterzeuger  sowie  Handels-  und  Schiffahrtsländer.)
Ist  nun  die  Weltwirtschaft  eine  echte  Ganzheit,  so  muß  sie
auch,  soweit  eben  ihr  Sachgebiet  reicht,  eine  Gemeinsamkeitsreife ­
  (Kapital  höherer  Ordnung)  und  Marktreife  —  (diese
beiden  Teilganzen  wollen  wir  im  nachfolgenden  allein  als
Beispiele  behandeln)  —  auf  arteigene  Weise,  d.  h.  auf  eine
Weise,  die  nur  ihrer  Stufe  allein  zukommt,  ausgliedern.  In
der  Tat  sehen  wir  ein  arteigenes  Kapital  höherer  Ordnung,  welches ­
  den  weltwirtschaftlichen  Vorgängen  seine  Gemeinsamkeitsreise ­
  verleiht.  Wir  brauchen  nur  auf  die  zwischen  den  Volkswirtschaften ­
  geltenden  Handelsverträge,  Eisenbahn-,  Schifffahrts-,
  Steuerverträge,  auf  die  Vereinbarungen  über  Maße
und  Gewichte,  über  Arbeiterschutz,  Rechtsschutz  und  Rechtswesen, ­
  Gesundheitswesen,  auf  die  eigenen  Marktordnungen
')  S.  Fundament,  S.  104  ff.,  161  ff.
£•  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Ausl.

8
        <pb n="127" />
        114

für  internationale  Märkte,  endlich  aus  die  überstaatlichen  Abmachungen ­
  der  Kartelle  und  Verbände  (z.  B.  im  Verkehrsgewerbe, ­
  für  Kohle,  Erze  und  Metalle)  hinzuweisen.  Diese
und  ähnliche  andere  Gebilde*)  versehen  die  Verrichtungen  des
Kapitals  höherer  Ordnung,  d.  h.  sie  bieten  für  die  auf  den
Weltmärkten  zusammentreffenden  Wirtschafter  diejenigen  gemeinsamen ­
  Wirtschaftsmittel,  die  für  jede  Wirtschaft  unentbehrlich ­
  sind  und  die  ihnen  —  wie  das  Wort  sagt  —  gewisse
gemeinsame  Wege  weisen;  d.  h.  ihnen  gewisse  unentbehrliche
gliedliche  Eigenschaften  —  die  Gemeinsamkeitsreife  —  verleihen; ­
  anders  gesagt,  jene  Gebilde  des  Kapitals  höherer  Ordnung ­
  sind  es,  welche  die  durch  sie  gesetzten  (bzw.  von  ihnen
regulierten)  Akte  auf  arteigene,  nämlich  auf  weltwirtschaftliche ­
  Weise  ausgliedern.
Außer  der  Gemeinsamkeitsreife  sehen  wir  auch  eine  arteigene ­
  Marktreife  am  Werke:  die  Weltfinanz,  die  dem  „internationalen" ­
  Geschäft  sich  widmende  Bankwelt,  welche  der
Kapitalanlage  im  Auslande,  dem  weltwirtschaftlichen  Kapital,
die  Marktreife  verleiht,  ferner  das  überstaatliche  („internationale") ­
  Arbitragegeschäft  in  Valuten  und  Effekten,  und  ebenso
die  überstaatliche  Arbitrage  im  Warengeschäft,  wie  der  weltwirtschaftliche ­
  Warenhandel  selbst  (man  denke  an  Baumwolle, ­
  Getreide,  Metalle  und  die  sog.  Kolonialwaren!).
Ein  anderes  Gesicht  haben  dieselben  Teilganzen  der  Gemeinsamkeits-
  und  Marktreife  auf  der  Stufe  der  Volkswirtschaft. ­
  Das  Kapital  höherer  Ordnung  ist  hier  allumfassend
ausgebildet,  ist  den  jeweiligen  arteigenen  Zielen  (besonders
dem  völkischen  Wesen)  gemäß  ausgestaltet  und  hat  nicht  nur
eine  allseitige,  sondern  auch  eine  so  durchgreifende  Bedeutung,
daß  sogar  die  Preise  für  die  meisten  Erzeugnisse  der  Volkswirt-*)
  Eine  reiche  Zusammenstellung  des  Tatsächlichen  der  Vorkriegszeit
s.  in  dem  bekannten  Buch  von  Harms,  Volkswirtschaft  und  Weltwirtschaft, ­
  2.  Aufs.,  1920.
        <pb n="128" />
        115

schaft  mittels  des  weltwirtschaftlichen  Wettbewerbes  grundsätzlich ­
  nicht  ausgeglichen  werden  können.  Schon  das  Zollwesen
  z.  B.  hindert  diese  Ausgleichung  —  aber  Zölle  könnte
man  immerhin  noch  wegdenken;  jedoch  auch  die  Unübertragbarkeit ­
  des  volkswirtschaftlichen  Kapitals ­
  höherer  Ordnung  auf  die  anderen  Volkswirtschaften ­
  (und  deren  Märkte)  hindert  es.  Z.  B.  bewirkt  eine
Bauordnung,  indem  sie  bestimmte  Mauerstärken  und  Sicherheitsvorkehrungen ­
  verlangt,  im  Vereine  mit  dem  bestimmten
jeweils  üblichen  Ziegelformat  ganz  bestimmte  und  von  jeder
anderen  Bauordnung  abweichende  Baukosten  (von  Baugewohnheiten
  =  Eigenarten,  die  in  den  Zielen  liegen,  dabei
abgesehen);  womit  schon  eines  der  wichtigsten  Kostenelemente
zwischen  den  Volkswirtschaften,  die  Geschäfts-  und  Wohnungsmieten, ­
  unausgleichbar  verschieden  sind!  Bedenkt  man  allgemein
die  durchgreifende  Bedeutung  und  die  selbständige  Natur  des
volkswirtscbaftlichen  Kapitals  höherer  Ordnung,  das  in  der
bodenständigen  Ganzheit  der  Volkswirtschaft  wurzelt  und  die
Volkswirtschaft  zu  einer  arteigenen  Mittel-  bzw.  Zielgemeinschaft ­
  der  Wirtschafter  verbindet,  so  ergibt  sich  als  allgemeine
Richtschnur  der  Satz:  das  volkswirtschaftliche  Kapital  höherer
Ordnung  ist  die  Grundlage  für  das  weltwirtschaftliche  Kapital
höherer  Ordnung*).
Auch  die  Marktreise  hat  in  der  Volkswirtschaft  ihre  arteigenen ­
  Weisen.  Handel  und  Tausch  jeder  Art  finden  in  der
Volkswirtschaft  andere  Bedingungen  vor  als  in  der  Weltwirtschaft, ­
  einerseits  von  der  Seite  der  Gemeinsamkcitsreife
her  (z.  B.  andere  Marktordnungen),  anderseits  aber  und  vor
allem  durch  die  besondere  innere  Gliederung  innerhalb  der
*)  Denn  auch  wo  Weltwirtschaft  die  Volkswirtschaft  überhöht,  geschieht ­
  dies  auf  Grundlage  der  potentiellen  Selbständigkeit  der  Volkswirtschaft, ­
  ihres  durchgreifenden,  weil  völkisch-staatlich
be  dingten  Kapitals  höherer  Ordnung.

8*
        <pb n="129" />
        116

Volkswirtschaft  und  ihre  besonderen  Muster  und  Waren.  Der
Welthandel  umfaßt  seiner  Natur  nach  vorzugsweise  Rohund
  Halbstoffe.  In  der  Volkswirtschaft  dagegen  ist  der  Geldwie
  Warenhandel  planmäßig  auf  die  gesamten  Kräfte
der  Volkswirtschaft  aufgebaut,  richtiger  gesagt:  er  organisiert
diese  Kräfte  (soweit  eben  der  Handel  als  Organisator  dafür
in  Frage  kommt)  von  sich  aus;  dadurch  entsteht  eine  hierarchische ­
  Gliederung  der  Märkte  als  innere  Größtmärkte
(die  führenden  Märkte  innerhalb  der  eigenen  Volkswirtschaft),
innere  Awischenmärkte  und  innere  Kleinmärkte,  denen  sich
schließlich  Einzelhandel  und  Haushalt  angliedert.  —  In  dem
dargelegten  Unterschiede  der  Marktreife  liegt  auch,  welche
Unterschiede  in  der  Hervorbringungsreife  bestehen:  daß  nämlich, ­
  wie  erwähnt,  die  weltwirtschaftliche  Warenerzeugung  viel
wesentlicher  Rohstofferzeugung  (nebst  Erzeugung  von  Sonderwaren ­
  monopoloider  Art)  ist,  als  die  volkswirtschaftliche.
Als  eine  eigene  Unterganzheit  der  Volkswirtschaft  haben
wir  oben  die  „Gebietswirtschaft"  bezeichnet.  Darunter  verstehen ­
  wir  die  durch  öffentliche  Unterverbände,  wie  Bundesstaaten ­
  oder  Gaue  (Provinzeü),  Sprengel  und  Gemeinden
geschaffenen  Wirtschaftsgebiete  und  zwar  nicht  soweit  sie  als
Staatengebilde  in  Frage  kommen,  sondern  soweit  in
ihnen  arteigenes  Kapital  höherer  Ordnung ­
  zur  Anwendung  kommt!  Dies  geschieht  z.  B.
durch  eigene  Steuern,  eigene  Verkehrsvorsorgen,  wie  etwa
eigeneBahnen  mit  eigenen  Tarifen,  durch  eigeneBauordnungen,
eigene  Sozialpolitik,  eigene  Gesetze  und  Sonderrechte,  eigene
Begünstigungen  und  wirtschaftspolitische  Maßnahmen  aller
Art.  (Während  der  Inflationszeit  traten  diese  volkswirtschaftlichen ­
  Unterganzheiten  sogar  durch  ihr  eigenes  „Notgeld"
oft  deutlich  hervor.)
Den  Gebietswirtschaften  bzw.  der  Volkswirtschaft  untergeordnet ­
  oder  die  Gebietswirtschaften  (und  sogar  Volkswirt-
        <pb n="130" />
        117

schäften)  kreuzend  und  überhöhend  sind  dann  diejenigen ­
  Gebilde,  die  wir  oben  als  „Verbandswirtschaften"
bezeichneten,  worunter  wir  umfassende  wirtschaftliche  Gebilde
verstehen,  die  sich  je  ein  eigenes  Kapital  höherer  Ordnung
schaffen  —  das  aber  nur  für  den  Umkreis  der  verbandlichen
Mitglieder  und  ihrer  bestimmten  Tätigkeit  gilt,  also  weniger
örtlich  als  im  Sach-  und  Personenkreis  beschränkt  ist,  weil  es
nur  einen  „fachlichen"  Geltungsbereich  hat.  Kartelle,  kartellähnliche ­
  Verbände  und  wirtschaftliche  Übereinkommen  aller
Art,  die  Genossenschaftsverbände  und  die  Genossenschaften  (sei
es  die  genossenschaftliche  Gestaltung  des  Kredits,  Ein-  und
Verkaufs,  man  denke  nur  an  die  landwirtschaftlichen  Genossenschaften, ­
  seien  es  andere  Genossenschaften  und  zunftähnliche
Gebilde);  ferner  die  Gewerkschaftsverbände  und  die  Gewerkvereine ­
  gehören  neben  vielen  anderen  hierher  (ihr  Umkreis
ist  „Lohnwirtschaft",  fachliche  Sozialpolitik).  Was  hier  vorliegt, ­
  ist:  daß  sich  im  Rabmen  der  Volks-  und  Gebietswirtschaft ­
  Unterganzheiten  mit  eigenem  Kapital
höherer  Ordnung  bilden!  Die  jeweiligen  „Vereinbarungen", ­
  seien  es  nun  Preisverabredungen,  Konditionenund
  Absatzkartelle  oder  seien  es  Tarifverträge  zwischen  Gewerkverein ­
  und  Unternehmer,  sind  ein  auf  das  Fachgebiet
beschränktes  Kapital  höherer  Ordnung,  von  dem  alle  Betroffenen ­
  (als  Glieder  des  Verbandes)  zwangsweise  Gebrauch
machen  müssen!  —  Auch  die  Marktreife  nimmt  in  diesen  Kreisen
entsprechend  eigene  Formen  an.  Beim  Geld  —  man  denke  z.  B.
an  die  Kreditgenossenschaft  statt  der  freien  Bank  oder  an  die
Fachbank,  die  vom  zunftähnlichen  Fachverein  mehr  oder  weniger
beeinflußt  sein  wird  oder  kann  —  liegt  dies  auf  der  Hand;
ähnlich  beim  Warenhandel,  wofür  man  nur  an  die  verschiedenen ­
  Arten  der  Konsumvereine  zu  denken  braucht.
Glieder  aller  dieser  Unter-  und  Überganzheiten  —  Welt-,
Volks-,  Gebiets-  und  Verbandswirtschaft  —  sind  dann  die
        <pb n="131" />
        118

jeweiligen  Betriebe.  Die  Gemeinsamkeitsreife  im  Betriebe
ist  einerseits  die  „Fabriksordnung",  „Betriebsordnung",  deren
Rahmen  zwar  schon  von  der  Volks-  und  Gebietswirtschaft
gegeben  wird.  die  aber  doch  eine  individuelle  Ausgestaltung
erfährt;  anderseits  diejenige  innere  „Betriebsorganisation",
welche  seitens  der  „kommerziellen  Leitung"  des  Betriebs
gefordert  und  seitens  der  „Betriebsleitung"  jeweils  durchgeführt ­
  wird!  „Betriebsleiter"  und  „Werkstättenleiter"  sind
die  Organe  des  Kapitals  höherer  Ordnung  innerhalb  eines
Betriebes,  woraus  erhellt,  was  von  dem  platten  individualistischen ­
  Einwände  zu  halten  ist,  daß  Volks-  und  Weltwirtschaft
nur  abstrakte,  unechte  Ganzheiten  seien,  da  nur  der  Betrieb
eine  einheitliche  Leitung  habe!  Die  Wahrheit  ist,  daß  im  Betrieb ­
  der  Leiter  ebenso  nur  als  Organ  des  Kapitals  höherer
Ordnung  auftritt  (bzw.  dieses  erzeugt)  wie  in  der  Volkswirtschaft ­
  Parlament  und  Minister,  in  der  Weltwirtschaft  die
Staatsunterhändler  (z.  B.  bei  Abschluß  von  Handelsverträgen).
Was  das  Bedenken  Wolfgang  Hellers  anlangt,  daß
bei  der  Unternehmung  das  Gewinnstreben  vorwalte*),  so
scheint  es  sich  mir  durch  den  Hinblick  darauf  zu  lösen,  daß  der
„Gewinn"  selbst  wieder  Wirtschaftsmittel  ist,  und  nur  darum
zum  Eingliederungsgrund  wird  (s.  auch  S.  119  oben).
Die  Marktreife  für  die  wirtschaftlichen  Leistungen  des
Betriebes  wird  einerseits  durch  das  verwirklicht,  was  man
die  „kommerzielle  Leitung"  nennt,  was  also  sowohl  die
Kapitalsbeschaffung  (die  Bankverbindung),  den  Einkauf  wie
den  Absatz,  d.  h.  die  Eingliederung  des  Betriebs  in  die  Märkte
der  Vor-  und  Nachindustrie  in  sich  schließt;  anderseits  doch
wieder  durch  die  „Betriebsleitung",  sofern  nämlich  der  Arbeitsmarkt ­
  in  Frage  kommt,  denn  die  Aufnahme  und  Eingliederung
der  Arbeiter  gehört  zu  den  Aufgaben  der  Betriebsleitung.
9  D.  Fundament  der  Dolkswirtschl.,  Iahrb.  f.  Nationalök.,  122.  Bd.
S.  599.
        <pb n="132" />
        119  —

Eine  weitere  Stufe  bilden  die  Personen  des  Betriebes.
Auch  diese  gehören  in  dieser  ihrer  Gliedeigenschaft  ausnahmslos ­
  zum  Betrieb  selbst.  Von  den  Direktoren  und  Inspektoren
berunter  bis  zum  Arbeiter  ist  jeder  Organ  des  Betriebes,
auch  der  Unternehmer  selbst  —  eine  Tatsache,  die  so  oft  übersehen ­
  wird  und  einen  Hauptgrund  der  falschen  individualistischen ­
  Einstellung  bildet,  die  Unternehmung,  Markt  und  Volkswirtschaft ­
  aus  (gleichsam  willkürlichen,  subjektiven)  Einzelhandlungen ­
  zusammengestückelt  sein  laßt,  statt  sie  als  aus
Ganzheiten,  die  sich  bis  herunter  zum  letzten  Organ  ausgliedern,
zu  verstehen!  —
Aus  dieser  Organeigenschaft  der  Betriebsteilnehmer  folgt
wieder  die  Eigenschaft  jedes  Gliedes,  ein  Einzelwirtschafter
zu  sein,  d.  h.  mit  Hilfe  des  aus  dem  Betriebe  gezogenen  Wirtschaftsertrages ­
  —  des  Einkommens  —  selbst  seinen  eigenen
Bedarfsbetrieb,  den  „Haushalt",  als  eine  kleinste  wirtschaftliche ­
  Ganzheit,  aufzubauen,  sich  selbst  zu  ihrem  Gliede  zu
machen.  Die  meisten  Haushalte  sind  dann  wieder  so  aufgebaut,
daß  mehrere  an  ihnen  teilnehmen,  daß  sie  also  selbst  mehrere
Wirtschaftsglieder  haben,  meistens  die  zur  Familie  gehörigen
Personen  (die  wieder  Glieder  mehrerer  Betriebe  sein  können).
Daß  der  Haushalt  seine  eigene  Gemeinsamkeilsreife  besitzt,
liegt  auf  der  Hand.  Er  ist  ein  Betrieb  mit  eigener  „wirtschaftlicher ­
  Hausordnung",  die  den  gesamten  Wirtschaftshandlungen ­
  —  welche  hauptsächlich  der  Genußreife  angehören ­
  —  ihre  ganz  bestimmte  Gliederung  verleiht.  Auch
die  Hervorbringungsreife  im  Haushalte  ist  eine  arteigene.
Man  vergleiche  z.  B.  die  Gliederung  der  Handlungen  der
Genußreife  in  einem  Gasthofe  mit  jener  in  einem  Familienhaushalte. ­
  Der  Unterschied  in  der  verschiedenen  „Betriebsorganisation" ­
  zeigt  jenen  der  jeweiligen  Gemeinsamkeitsreife
an.  —  Daß  der  Haushalt  selbst  keine  innere  „Marktreife"  hat,
darum  auch  keinerlei  Handelstätigkeit,  die  im  Innern  seines
        <pb n="133" />
        120

eigenen  Wirtschaftskreislaufes  sich  vollzöge,  ist  selbstverständlich.
Der  Grund  liegt  darin,  daß  es  sich  in  ihm  um  einen  Betrieb
für  den  eigenen  Bedarf  handelt,  daher  alle  Güter  für  die  eigene
Fertigerzeugung,  die  in  diese  Wirtschaft  eintreten,  keinen  Leistungswechsel ­
  mehr  einzugehen  haben.  —  Über  die  erwähnte
wirtschaftliche  Haushaltsgliedschaft  selbst  näher  zu  sprechen,  darf
hier  unterbleiben.  Sie  ist  hauptsächlich  dadurch  gekennzeichnet,
daß  derjenige  Budgetposten,  der  die  wirtschaftliche  Mitgliedschaft ­
  am  Haushalte  kennzeichnet,  nicht  zusammenfällt  mit
dem  wirtschaftlichen  Budget  der  betreffenden  Wirtschaftsperson
überhaupt.  Auch  bezeichnet  diese  Mitgliedschaft  keine  selbständige ­
  wirtschaftliche  Ganzheit  mehr,  da  ihr  die  Teilganzen,
die  zu  deren  Konstituierung  nötig  sind,  notwendig  fehlen.
(Nur  dort,  wo  alle  Teilganzen  vorhanden  sind,  kann  von  einer
wirtschaftlichen  Ganzheit,  andernfalls  kann  nur  von  Gliedern
gesprochen  werden.)
B.  Vorläufiger  Rückblick.
Wir  unterbrechen  nun  kurz  den  Gang  der  Untersuchung,
um  einen  Rückblick  auf  unsere  Hauptergebnisse  zu  werfen.
Das  Gesamtganze  der  Wirtschaft  zeigte  gleichsam  zwei  verschiedene ­
  Staffeln  im  Gange  seiner  Ausgliederung.
Wir  sahen  zuerst  das,  was  wir  die  Teilganzen,  die  Sachgebiete ­
  oder  Organarten,  Organsysteme  der  Wirtschaft  nannten, ­
  ähnlich  wie  im  lebenden  Organismus  Blut,  Herz,  Lunge
usf.  unterschieden  wird.
Wir  sahen  dann  weiter,  daß  diese  Teilganzen  niemals  an
sich,  sozusagen  in  abstrakter  Gestalt,  sondern  stets  nur  auf  einer
bestimmten  Ztufe  verwirklicht  werden,  ähnlich  wie  z.  B.
„Blut"  im  Stockwerkbau  der  Gattungen  und  Arten  nicht  an
sich,  sondern  etwa  auf  der  Stufe  Wolf  oder  Lamm,  ähnlich
wie  „Herz"  nicht  an  sich,  sondern  auf  der  Stufe  Fisch  oder
Vogel  erscheint.
        <pb n="134" />
        121

Daraus  folgt,  daß  das  Gesamtganze  der  Wirtschaft  sich
nicht  nur  in  Teilganze  ausgliedert,  sondern  auch  in  einen  ganz
bestimmten  S  t  u  f  e  n  b  a  u.  Die  Teilganzen  erscheinen  stets
nur  mit  einem  bestimmten  „Stufenwert",  die  Stufen  stets  nur
mit  arteigenen  Teilganzen.
Mit  der  Stufe  zeigte  sich  bald  eine  andere  Grundtatsache,
die  des  Eigenlebens  der  Stufe  (bzw.  des  Unterganzen  und
Gliedes  überhaupt).  Jede  Stufe,  von  der  höchsten  herab  durch
alle  Unterganzen  hindurch  bis  zu  den  letzten  Gliedern,  hat  ihr
Eigenleben.  Dieses  ist  aber  nicht  auf  jeder  Stufe  gleich  mächtig ­
  und  umfassend,  die  höhere  Stufe  hat  nicht  immer  das
umfassendere  Eigenleben.  So  ergab  sich  der  Begriff  der  6usglieüerungsmacht
  und  Kusglieüerungs  fülle,  ein  grundlegender ­
  Begriff,  der  uns  später  noch  beschäftigen  wird.
Endlich  ergab  sich  der  Begriff  des  Vorranges,  und  es  ergab ­
  sich  die  Aufgabe,  die  Vorrangverhältnisse  zwischen  den
reinen  Teilganzen  (ohne  Rücksicht  auf  Stufenwert)  und  die
Vorrangverhältnisse  zwischen  den  Stufen  getrennt  zu  erforschen ­
  sind.  Es  zeigte  sich  bereits  und  wird  sich  weiter  zeigen,
daß  die  Erforschung  dieser  beiden  Arten  von  Vorrängen  das
innere  Verständnis  der  Wirtschaftserscheinungen  und  der  Wirtschaftspflege ­
  erst  so  recht  erschließen.  Mit  dem  Begriffe  des
Vorranges  hat  unsere  Lehre  und  unser  Verfahren  etwas
Außerordentliches  zu  sagen.  Er  erleuchtet  die  dunkelsten,  verborgensten ­
  Zusammenhänge  in  ihrer  innersten  Natur.
Indem  wir  die  Wirtschaft  nicht  wie  die  Individualisten
als  ein  Gemenge  subjektiver  Handlungen,  sondern  als  ein
Ganzes  mit  eigener  Ausgliederungsordnung  ansahen,  änderte
sich  das  Bild  mit  einem  Schlage.  Mit  dem  Begriffe  der  Ganzheit ­
  ist  der  Funke  aus  dem  Stein  geschlagen,  der  das  Licht
der  Wahrheit  entzündet.  Die  Welt  der  Wirtschaft  eröffnet  sich
uns  wie  ein  Wunderland  in  reichen  Farben,  in  reicber  Gestaltung ­
  und  in  buntbewegtem  Leben.
        <pb n="135" />
        122

C.  Erläuternde  und  zusätzliche  Bemerkungen. ­

a)  Die  Stellung  der  Wirtschaftsverbände.
Den  vorstehenden  Darlegungen  könnte  zunächst  der  Einwurf ­
  gemacht  werden,  daß  es  unstatthaft  sei,  die  Verbandswirtschaften
  —  als  deren  Beispiele  wir  u.  a.  Kartelle,  Genossenschaftsverbände ­
  und  Genossenschaften,  Gewerkschaftsverbände
und  Gewerkschaften  anführten  —  als  Unterganzheiten  der
„Volkswirtschaft"  zu  behandeln.  Die  zunftähnlichen  Verbände,
so  könnte  man  einwenden,  seien  sichtbare  und  greifbare  „Organisationen" ­
  mit  einer  Leitung,  einem  „Vorstande",  an  der
Spitze;  und  ihr  Wesen  sei  die  Selbsthilfe  der  einzelnen  Wirtschafter, ­
  welche  sich  in  ihnen  zusammentun,  um  sich  monopolistische ­
  Stellungen  für  ihre  wirtschaftlichen  Leistungen  zu
erobern.
Dieser  Einwurf  ist  nicht  stichhaltig.  Die  Volkswirtschaft
kann  und  muß  —  wenn  man  schon  von  dieser  Seite  der  Betrachtung ­
  ausgeht  —  ganz  ähnlich  als  „Organisation"  der  Wirtschaft ­
  betrachtet  werden,  wie  ein  Kartell  oder  eine  Genossenschaft ­
  „Organisation"  einzelner  Teilgebiete  oder  Fachbereiche
ist.  Der  Organisator  heißt  aber  in  der  Volkswirtschaft  nicht
„Kartelldirektor"  oder  „Genossenschafts-Vorstand",  sondern  —
Staat,  und  in  der  Gebietswirtschaft:  Landesregierung,  Provinzregierung, ­
  Landrat,  Gemeinderat!  Allerdings  muß  man  sich
daran  gewöhnen,  im  Bannkreis  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen ­
  ausschließliche  lautere  Wirtschaft  zu  suchen
und  zu  sehen.  Der  Staat  ist  hier,  wie  wir  schon  oben  (S.  97)
betonten,  nicht  in  seiner  Eigenschaft  als  „Staat"  Bestandteil
desjenigen,  was  wir  als  „Volkswirtschaft"  vor  uns  haben;  er
ist  daher  im  strengsten  Sinne  des  Wortes  auch  durchaus  nicht
als  der  „Organisator"  der  Volkswirtschaft  zu  betrachten!
Denn  „Staat"  und  „Organisation"  sind  ab-
        <pb n="136" />
        123

fclut  keine  wirtschaftlichen  Erscheinungen,  sondern ­
  gesellschaftliche  Erscheinungen  von  ganz  anderer  Ebene  als
die  Wirtschaft;  sie  gehören  einem  ganz  anderen  Teilganzen
der  Gesellschaft  an  (wie  z.  B.  auch  die  Religion,  die  Kirche,
die  Sittlichkeit  andere  Teilganze  der  Gesellschaft  sind).  Im
Teilganzen  „Wirtschaft"  gibt  es  nur  und  ausschließlich  wirtschaftliche ­
  Erscheinungen!,  ähnlich  wie  es  im  Teilganzen
„Religion"  nur  religiöse,  im  Teilganzen  „Kunst"  nur  künstlerische, ­
  im  Teilganzen  „Heer"  nur  heeresmäßige,  im  Teilganzen
„Staat"  nur  staatliche  Erscheinungen  gibt  (z.  B.  nur  die
Staatsorgane  Parlament,  Ministerium,  Staatsbürger  usw.).
Nicht  in  seiner  Eigenschaft  als  „Staat"  also,  um  es  zu  wiederholen, ­
  sondern  in  seiner  Eigenschaft  als  Wirtschaftsmittel,  —
nämlich  als  Kapital  höherer  Ordnung,  als  Gebilde  der  wirtschaftlichen ­
  Gemeinsamkeitsreife  —  gehört  das,  was  man  in
der  Politik  „Staat"  nennt,  der  Wirtschaft  an;  ferner  ebenso:
nicht  in  seiner  Eigenschaft  als  „Organisation",  sondern  als
Wirtschaftsmittel,  —  nämlich  als  Kapital  höherer  Ordnung,
als  Gebilde  der  Gemeinsamkeitsreife  —  ist  das,  was  wir
von  dem  einen  Standpunkt  aus  (dem  politischen)  „Staat"
nennen,  von  dem  anderen  Standpunkte  aus  (dem  wirtschaftlichen) ­
  Volkswirtschaft!  Der  „Staat"  muß  sich  erst
in  Wirtschaft  verwandeln,  um  im  Bereiche
der  wirtschaftlichen  Erscheinungen  überhaupt ­
  wirksam  werden  und  erscheinen  zu
können.  Er  ist  „Kapital  höherer  Ordnung"  (Gemeinsamkeitsreife), ­
  er  ist  selbst  Wirtschafter,  z.  B.  dann  Steuereinnehmer ­
  und  Bewirtschafter  der  Steuergelder,  Betriebsführer
lind  vieles  andere,  was  auf  der  rein  wirtschaftlichen  Ebene
'  liegt.  —  Dasjenige  nun,  was  die  Urerzeugung  von  Kapital
höherer  Ordnung  und  das  oberste  (führende)  Gebiet  der
Gemeinsamkeitsreife  in  sich  schließt,  ist  die  „Volkswirts
  ch  a  f  t",  —  dasselbe,  was  vom  nicht  wirtschaftlichen,  z.  B.
        <pb n="137" />
        124

vom  politischen  Standpunkte  aus,  als  „staatliche  Organisation
der  Wirtschaft"  erscheint.  —
Nun  zeigt  sich  deutlich,  daß  alle  Unterganzheiten,  welche
gleichfalls  Kapital  höherer  Ordnung  ursprünglich  bilden  und
daher  Gemeinsamkeitsreife  erzeugen,  Unterganzheiten  der
Volkswirtschaft  sind.  Dazu  gehören  insbesondere  die  zunftartigen ­
  Verbände  jeder  Art.  In  ihnen  geschieht,  wie  wir  oben
sahen,  dasselbe,  was  auch  in  der  Volkswirtschaft  (in  der  „staatlichen" ­
  „Organisation"  der  Volkswirtschaft)  geschieht:  Sie
schaffen  —  sogar  durch  ähnliche  Beschlüsse  in  kleinen  Beratungskörpern, ­
  gleichsam  „Parlamenten"  „Vorständen"  —  ein  Kapital
höherer  Ordnung  zum  Zwecke  einer  Gemeinsamkeitsreife  für
einen  ganz  bestimmten  Kreis  von  Wirtschaftshandlungen.  —
Vom  subjektiven  Standpunkte  der  Mitglieder  aus
mögen  allerdings  diese  Verbände  bloße  „Selbsthilfe"  bedeuten, ­
  etwas  ganz  anderes  als  die,  ihnen  (oft)  schlechthin
gegebene,  „Volkswirtschaft"!  Von  diesem  subjektiven  Standpunkte ­
  aus  und  von  dem  gewisser  Markterscheinungen  aus
kann  man  sie  ferner  als  bloße  „Monopolstellungen"  kennzeichnen. ­
  Das  bleibt  aber  alles  an  der  Oberfläche! ­
  —  es  ist  die  übliche  individualistische  Betrachtung  von
der  Froschperspektive  aus.  Ihr  tieferes,  ihr  objektives  Wesen
besteht  darin,  daß  sie  ein  Kapital  höherer  Ordnung  für  einen
bestimmten  Umkreis  wirtschaftlicher  Handlungen  erzeugen  und
damit  diesem  wirtschaftlichen  Umkreise  eine  bestimmte  Eigenschaft ­
  als  Organ,  eine  bestimmte  gliedliche  Stellung  und  Verrichtung ­
  in  der  Volkswirtschaft  verschaffen  —  und  sei  es  selbst
auf  dem  Wege  der  Monopolisierung,  sei  es  selbst,  daß  dadurch ­
  Hypertrophie  und  ungesunde  Überbildungen  im  größeren ­
  Ganzen  der  Gebiets-  oder  Volkswirtschaft  entstehen;
das  ändert  an  der  grundsätzlichen  Bedeutung  und  an  dem
grundsätzlichen  Charakter  der  Wirtschaftsverbände  als  Erscheinungen ­
  der  Gemeinsamkeitsreife  nichts!  So  befremdlich  es
        <pb n="138" />
        125

daher  der  heute  herrschenden  individualistischen  Vorstellungsweise ­
  erscheinen  mag:  die  Wirtschaftsverbände  sind  ihrer
reinen  Natur  nach  Unterganzheiten  der  Volkswirtschaft.  Sie
haben  sogar  die  Fähigkeit,  nicht  nur  die  jeweiligen  Gebietswirtschaften, ­
  sondern  auch  die  ganze  Volkswirtschaft  zu  überhöhen, ­
  indem  sie  sich  zu  weltwirtschaftlichen  „Konzernen"
und  Mächten  (s.  die  Hansa!)  auszuwachsen  vermögen.  Gerade
das  beweist,  daß  die  Gemeinsamkeitsreife  kein  Privileg  des
„Staates"  (als  „Volkswirtschaft")  ist,  sondern  überall  erfolgen
kann,  soweit  körperschaftliche  und  ständische  Wirklichkeit  reicht.
d)  Tausch  und  Kauf.
Ein  weiteres  Bedenken  könnte  sich  auf  das  Fehlen  des
Tausches  im  oben  (S.  111)  bezeichneten  Stufenbau  beziehen.
Hier  ist  aber  zu  bemerken,  daß  diese  ganze  Tafel  wie  überhaupt ­
  alle  unsere  Erörterungen  nur  dann  richtig  sind,  wenn  der
ganzheitliche  Standpunkt  angenommen  und  der  individualistische ­
  verworfen  wird.  Es  muß  daher  auch  der  individualistische ­
  Begriff  des  Tausches  verworfen  werden,  wenn  unsere
Tafel  gültig  sein  soll.  Dieser  individualistische  Tauschbegriff
geht  aber  dahin:  daß  der  Tausch  durch  Zusammensetzung  der
wirtschaftlichen  Handlungen  einzelner  Individuen  in  seinem
Wesen  bezeichnet  sei.  Nach  unseren  Voraussetzungen  ist  dies
unrichtig.  Tausch  besteht  nicht  darin,  daß  mehrere  einzelne
Wirtschafter  bestimmte  wirtschaftliche  Handlungen  mosaikartig
zusammensetzen,  sondern  darin:  daß  er  bestimmte  gliedliche  Unterganzheiten ­
  der  Wirtschaft  organisch  miteinander  verbindet
und  auseinandersetzt.  Wenn  z.  B.  der  Sckuster  A  vom  Gerber
B  Leder  kauft,  so  ist  das  Wesentliche  nicht  das,  daß  ein  gewisser ­
  A  und  ein  gewisser  B  irgendwelche  Handlungen  vollziehen ­
  (das  ist  vollkommen  uninteressant);  sondern  die  Tatsache: ­
  daß  der  lederverbrauchende  als  verarbeitender  Betrieb
mit  dem  ledererzeugenden  Betrieb  in  jene  Verbindung  tritt.
        <pb n="139" />
        126

durch  welche  der  letztere  sich  als  wirksames  Glied  der  Volkswirtschaft ­
  ausweist,  nämlich  als  eine  solche  Zelle  der  Volkswirtschaft, ­
  die  im  gesamten  Kreisläufe  von  Erzeugen  und  Verbrauchen ­
  sich  als  vollgültig  leistend  bewährte.
Welche  Stellung  hat  nun  dieser  organisch  gefaßte  Tausch
in  unserer  obigen  Tafel?:  Er  bedeutet,  daß  die  Ergebnisse
der  Werkreife  auch  ihre  Marktreife  gefunden  haben,  d.  h.  auf
eine  höhere  Reifestufe  gekommen  sind,  ähnlich  etwa  wie  wenn
das  Eisen  aus  dem  Hochofen  in  das  Walzwerk  kommt.  Nun
erklärt  sich  auch,  warum  er  in  unserer  obigen  Tafel  des  Stufenbaues ­
  nicht  vorkommen  kann:  darum  nicht,  weil  er  uns  nicht
subjektive  Akte  bedeutet,  durch  deren  Zusammensetzung  das
Gebilde  „Markt"  oder  gar  „Volkswirtschaft"  entstünde;  sondern ­
  eine  Form  der  organischen  Jn-Verbindung-Bringung  der
Unterganzheiten  (Betriebe)  oder,  vom  Standpunkte  der  Einzelnen ­
  aus:  eine  Form  der  Eingliederung  der  Einzelnen  (Käufer
und  Verkäufer)  in  schon  vorgegebene  Ganzheiten,  die  aber  nun
erst  konkretisiert  (verwirklicht)  werden*).
Hieraus  folgt:  Der  Tausch  kann  nun  darum
in  der  obigen  Tafel  nicht  eigens  vorkommen, ­
  weil  er  in  der  Stufe  der  Marktreife
ganz  allgemein  enthalten  ist.  „Allgemein"
will  aber  besagen,  daß  die  Marktreife  nicht  unbedingt  und
ausschließlich  durch  „Tausch"  (durch  Handel)  vor  sich  gehen
muß.  Sie  kann  auch  mehr  oder  weniger  unmittelbar  durch
einen  Akt  der  Gemeinsamkeitsreife  bewirkt  werden.  Man
denke  an  die  Fronhofswirtschaft  des  Mittelalters,  an  die
Kriegswirtschaft,  an  die  „Konsumvereine",  an  die  „Quotenfestsetzungen"
  von  Kartellen  und  genossenschaftsähnlichen
Verbänden.  Hier  hat  sich  der  Tausch  in  verschiedene  Formen
von  „Z  u  1  e  i  l  u  n  g",  die  durch  Gemeinsamkeits-*)
  S.  die  ausführt.  Darstellung  in  der  früheren  Abhandlung,  oben
S.  50  ff.,  bes.  S.  56  f.
        <pb n="140" />
        127

reife  bewirkt  wird,  verwandelt.  Auch  hier  gehen  die  Leistungen ­
  von  Stufe  zu  Stufe  (von  Betrieb  zu  Betrieb),  aber
diese  Vorgänge  haben  nicht,  oder  nicht  ganz  die  Form  des
spekulativen  und  freien  Tausches.  Tausch  und  Zuteilung ­
  sind  daher  verschiedene  Formen  der
Gliederungsvorgänge  (der  Verbindungs-  und  Auseinandcrsetzungsvorgänge)
  zwischen  den  Unterganzheiten ­
  der  Volks-  und  Weltwirtschaft,
bzw.  der  Eingliederungsvorgänge  der  Einzelwirtschafter  in  sie;
sie  sind  aber  keine  eigenen  „Unterganzheiten"  noch  eigene  „Organisationsformen" ­
  der  Wirtschaft!  Daher  darf  der  Tausch
nicht,  wie  heute  in  Lehrbüchern  auch  üblich,  unter  den  „Organisationsformen" ­
  der  Volkswirtschaft  behandelt  werden!  Der
Umstand,  daß  mit  dem  Tausch  freie  Preisbildung,  mit  den
verschiedenen  Zuteilungsformen  aber  solche  Preisbildungen
verbunden  sind,  die  der  Naturalrechnung  —  in  diesem  Falle
aber  der  inneren,  noch  übersichtlichen  Naturalrechnung  der
betreffenden  Wirtschaftskreise  —  angehören,  ist  eine  Erscheinung, ­
  die  außerhalb  des  Zusammenhanges  dieser  Betrachtungen
liegt.  —  Wir  fassen  unsere  bisherigen  Ausführungen  folgendermaßen ­
  zusammen:
1.  Der  Tausch  vollzieht  sich  zwar  sowohl  in  der  Volkswirtschaft ­
  wie  in  der  Weltwirtschaft  durch  „Personen",  aber:  a)  durch
Personen  nur  in  ihrer  Eigenschaft  als  Wirtschafter;  und  b)  nur
dadurch,  daß  jeder  Wirtschafter  Glied  eines  Wirtschaftsgebildes,
eines  „Betriebes"  ist,  wobei  „Betrieb"  als  Zelle  in  der  objektiven, ­
  jeweils  gegebenen  Gliederung  der  Volkswirtschaft
aufzufassen  ist,  nicht  als  Summe  von  wirtschaftenden  Subjekten
oder  als  Besitz  von  Subjekten.
2.  Dieser  von  einzelnen  Personen  als  Exponenten
von  Betrieben  durchgeführte  Tausch  vollzieht  sich:
a)  unter  der  Gemeinsamkeitsreife  zünftiger  (verbandlicher)
Art;  d)  gebietswirtschaftlicher  Art;  c)  volkswirtschaftlicher  Art;
        <pb n="141" />
        128

d)  falls  er  sich  auf  einem  äußeren  Markte  abspielt  oder  diesem
gliedlich  angehört,  auch  noch  weltwirtschaftlicher  Art.  Jede
Marktreifeverleihung,  die  in  einer  Tauschhandlung  beschlossen
liegt,  steht  also  unter  der  Bedingung  der  Gemeinsamkeitsreife
verschiedener  Stufen!  Darum  —  und  dies  ist  von  größter
Wichtigkeit  —  ist  der  Tausch  nicht  derselbe  innerhalb  eines
Verbands-Bereiches  und  Weltwirtschafts-Bereiches.  Es  gibt
keinen  abstrakten  Tausch  zwischen  abstrakten ­
  Personen,  wie  die  individualistische  Tausch-  und
Preislehre  annimmt,  sondern  der  Wirtschafter  kann  nur  durch
seine  unmittelbare  Wirtschaftsganzheit  (die  Verbands-  und
Gebietswirtschaft)  hindurch  und  durch  die  jeweils  höheren
Wirtschaftsganzheiten,  zuletzt  durch  die  Volkswirtschaften  hindurch ­
  auf  dem  Weltmärkte  auftreten!  Er  tritt  also  dort  unmittelbar ­
  als  Exponent  seines  Betriebes,  mittelbar  als  Exponent ­
  seiner  zunftartigen  Branche  (des  Wirtschaftsverbandes),
seiner  Gebietswirtschaft  und  seiner  ganzen  Volkswirtschaft  auf.
Als  „Exponent  der  Volkswirtschaft"  heißt  ja  bereits:  aller  in
dieser  ausgegliederten  wirtschaftlichen  Unterganzheiten.
e)  Abgeleitete  Ganzheiten  der  Stufenleiter.
Unsere  obige  Tafel  enthält  nur  die  gerade  Stufenfolge  der
Ganzheiten.  Sie  läßt  aber  erkennen,  wie  sich  von  dieser  aus
abgeleitete  Stufungen  ergeben  und  verstehen  lassen.  Wir
haben  oben  die  Einkommensbildung  berührt,  welche  durch  die
Gliedschaft  des  Einzelwirtschafters  am  Betriebe  entsteht;  die
Verschiedenheit  dieser  Einkommensbildung  läßt  dann  wieder
große  Kreise  oder  Schichten  verschiedenen  Einkommens  entstehen, ­
  mit  denen  als  neue,  aber  abgeleitete  Ganzheiten  die
wirtschaftlichen  Einkommensklassen  (zugleich  als  Ausformung
  der  gesellschaftlichen  Stände)  erscheinen.  —  Ferner
ergeben  sich  auch  Schichtungen  je  nach  der  Art  der  wirtschaftlichen ­
  Teilnahme  (Gliedlichkeit)  am  Betriebe,  z.  B.  ob  Teil-
        <pb n="142" />
        129

nähme  durch  Lohnarbeit,  Kapitalbeteiligung,  Bodenbeistellung,
Erfindung.  Danach  entstehen  die  abgeleiteten  Ganzheiten  nach
der  Bildungsweise  (nicht  nach  der  Höhe)  der  Einkommen,  nämlich ­
  Lohnempfänger,  Zinsempfänger  usf.  —  Auch  die  Erscheinung ­
  der  sog.  „Verteilungsström  e",  gleichfalls
abgeleitete  Ganzheiten,  tritt  nun  in  einen  bestimmten  systematischen ­
  Zusammenhang  mit  dem  Stufenbau  der  Wirtschaft.
Und  es  zeigt  sich,  wie  die  sog.  „Verteilungslehre"  nicht  nur  von
der  allgemeinen  Leistungslehre  und  Lehre  von  den  Teilganzen,
sondern  auch  vom  geschichtlichen  Inhalte  des  Stufenbaues
einer  Wirtschaft  ausgehen  muß.  Überhaupt  darf  die  Verteilungslehre ­
  nicht,  wie  bisher,  von  der  falschen  Annahme  ausgehen, ­
  als  ob  fertige  Güter  auf  den  Markt  kämen,  die  dann
hinterdrein,  nämlich  erst  innerbalb  der  Preisbildung,  „verteilt"
würden;  diese  angeblich  nachträgliche  „Verteilung"  ist  vielmehr
schon  vor  dem  Fertigwerden  der  Güter  bestimmt,  nämlich  durch
die  gesamte  Gliederung  der  Wirtschaftsmittel,  und  zwar  nach
reinen  Teilganzen  sowohl  wie  nach  dem  Stufenbau  und  nach
der  Teilnahmeweise  der  Glieder.
Als  eine  letzte  abgeleitete  Ganzheitserscheinung  sei  hier
noch  die  Zahlungs-  und  Handelsbilanz  erwähnt. ­
  Diese  ist  nach  individualistischer  Auffassung  etwas  durchaus ­
  Wesenloses  und  muß  es  sein  —  so  sehr  die  individualistische
Theorie  damit  auch  mit  den  elementaren  Notwendigkeiten
jeder  praktischen  Wirtschafts-  und  Währungspolitik  in  Widerspruch ­
  kommt.  Nach  individualistischer  Auffassung  ist  die  Zahlungs- ­
  und  Handelsbilanz  nichts  als  die  „Summe  der  Bilanzen
der  einzelnen  Wirtschafter"').  Von  dieser  Auffassung  aus  ist
es  unverständlich,  wie  der  Zahlungsbilanz  irgendwelche  wirtschaftspolitische ­
  Bedeutung  zukommen  könne.  Ob  der  Ge-*)
  So  grell  hat  es  sogar  Wieser  (Grundriß  der  Sozialökonomik  I,
Tübingen  1914,  S.  437)  formuliert,  er  folgt  aber  damit  nur  der  allgemein
herrschenden  individualistischen  Auffassung.
£.  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Ausl.

9
        <pb n="143" />
        130

schäftsfreund  des  Wiener  Wirtschafters  in  Linz  oder  in  Zürich
wohnt  —  das  ist  dann  ganz  gleichgültig.  Vom  rein  wirtschaftlichen ­
  Standpunkte  aus  ist  es  ein  durchaus  willkürlicher  Schnitt,
der  da  gemacht  wird:  Man  könnte  auch  die  Bilanzen  aller
Linzer,  aller  Züricher,  aller  australischer  Geschäftsfreunde  zusammenstellen ­
  und  miteinander  vergleichen  —  daß  gerade  jene
Wirtschafter,  die  in  „Österreich"  wohnen,  zusammengezählt
werden,  ist  danach  vollständig  irrational.  —  Es  ist  immer  dasselbe ­
  individualistische  Lied:  die  Wirtschaft  entsteht  dadurch,
daß  einzelne  Wirtschafter  ihre  Handlungen  vollziehen  und  diese
Handlungen  zusammenstellen!  Der  ganzheitliche  Standpunkt
ist  nun  hier  ein  genau  umgekehrter:  Nicht  die  Summierung
der  Privatbilanzen  macht  die  Zahlungsbilanz  aus;  sondern
die  Zahlungsbilanz  —  z.  B.  mittels  der  durch  sie
bewirkten  Bewegung  der  Valutenkurse  —  ist  die  Bedingung, ­
  unter  der  die  Privatbilanzen  stehen,
die  Bedingung,  unter  der  sie  allein  diese  oder  jene  Gestalt  annehmen ­
  können.  Wenn  infolge  der  passiven  Zahlungsbilanz
der  Preis  der  Schweizer  Franken  steigt,  dann  ist  es  für  den
Wiener  Kaufmann  plötzlich  nicht  mehr  gleichgültig,  ob  sein
Geschäftsfreund  in  Linz  oder  Zürich  wohnt,  und  die  arteigene
Verbundenheit  aller  österreichischer  Wirtschafter  in  einem  gemeinsamen ­
  Kapital  höherer  Ordnung  (dem  Währungswesen)
kommt  plötzlich  zur  Erscheinung.
Vom  Standpunkte  unserer  Stufentafel  aus  erweist  sich  die
Zahlungsbilanz  als  jene  Erscheinung,  welche  die  Eigenschaft
der  Volkswirtschaft,  mit  anderen  Volkswirtschaften  in  organischer
Verbindung,  d.  h.  Glied  der  Weltwirtschaft  zu  sein,  zum  Ausdruck ­
  bringt.  Kurz  gesagt,  zeigt  die  Zahlungsund
  Handelsbilanz  die  jeweilige  gliedliche
  Stellung  der  Volkswirtschaft  in  der
Weltwirtschaft  an.  Es  wäre  falsch,  zu  glauben,  daß
sie  nur  das  Verhältnis  des  eigenen  Geldes  —  eines  inneren
        <pb n="144" />
        131

Kapitals  höherer  Ordnung  der  Volkswirtschaft  —  zum  Gelde
anderer  Volkswirtschaften,  zu  dem  inneren  Kapital  höherer
Ordnung  der  anderen  Volkswirtschaften,  sei  (denn  daß  es  ein
„Weltgeld"  nicht  gibt,  sondern  Geld  nur  als  inneres
Kapital  höherer  Ordnung  einzelner  Volkswirtschaften,  kann
nicht  zweifelhaft  sein);  außer  dieser  Gliedhaftigkeit  des
eigenen  Geldes  in  der  Weltwirtschaft  kommt  darinnen  auch  die
Gliedhaftigkeit  aller  Zweige  der  Werkreife  und  Genußreife,
sowie  des  darin  verwendeten  Kapitals  zum  Ausdruck,  z.  B.:
die  Abhängigkeit  der  eigenen  Gewerbe  von  ftemden  Rohstoffen,
der  eigenen  Landwirtschaft  und  eigenen  Ernährung  vom  ftemden ­
  Boden,  der  eigenen  Betriebe  von  ftemdem  Kapital,  der
eigenen  Märkte,  Börsen  und  Banken  von  den  ftemden  Märkten,
Börsen  und  Banken,  der  eigenen  Arbeit  von  den  ftemden
Arbeitskräften  (u.  a.  in  der  Bedeutung  der  Geldsendungen
ftemder  Einwanderer  ins  Ausland).  Darum  sind  auch  nicht
die  Zahlen  und  die  Saldi  der  Zahlungsbilanz  an  sich  von  Belang, ­
  sondern  die  gliedhafte  Bedeutung  dessen,  was  sie
ausdrücken  („Produktivitätsbilanz"*)).
Gerade  im  Spiegel  der  Zahlungs-  und  Handelsbilanz  zeigt
sich,  wie  die  abgeleiteten  Ganzheiten  systematisch  und  theoretisch ­
  durch  ihre  Anknüpfung  an  den  Stufenbau  näher  bestimmt
und  erklärt  werden  können.  Auch  die  Erklärung  der  Krisen
kann  hierdurch  nur  gewinnen,  da  diese  nun  deutlicher  als  nach
jeder  bisherigen  volkswirtschaftlichen  Theorie  durch  die  Mißverhältnisse ­
  in  den  Gliederungen  der  konkreten  Unterganzheiten
des  Stufenbaues  und  ihrer  Ableitungen  gekennzeichnet  erscheinen. ­


*)  Dgl.  meine  Haupttheorien  der  Volkswl.,  12.  Aufl.,  Lpz.  1923,
S.  18  ff.

9*
        <pb n="145" />
        132

2.  welches  find  die  Vorrangverhältnisse  im  Stufenbau
-er  Wirtschaft?
A.  D  i  e  Bedeutung
einer  allgemeinen  Theorie  des  Vorranges
im  Stufenbau.
Es  ist  der  Grundfehler  aller  Individualisten  und  Freihändler, ­
  die  Wirtschaft  ohne  jeden  Stufenbau  und  darum  auch
ohne  das  jeder  Stufe  arteigene  Kapital  höherer  Ordnung
vorzustellen.  Darum  können  sie  auch  die  Frage  nach  einem
Vorrange  der  Stufen  —  insbesondere  nicht  die  Frage  nach
einem  organischen  Verhältnisse  der  Volks-  und  Weltwirtschaft  —
gar  nicht  stellen.  Darum  fordern  sie  in  ganz  mechanistischer  und
atomistischer  Weise  Verkehrsfreiheit  schlechthin  und  größtmögliche, ­
  d.  h.  weltwirtschaftliche,  Arbeitsteilung  schlechthin.
Gerade  das  aber  ist  nach  unseren  grundsätzlichen  Voraussetzungen ­
  durchaus  wesenswidrig.  Vielmehr  gilt  es
umgekehrt,  die  Stufen  als  lebendige  Ganzheiten  überall  zu
bewahren!  Darum  gibt  auch,  wie  ersichtlich,  eine  Theorie  der
Vorrangverhältnrsse  im  Stufenbau  der  Wirtschaft  mehr  als
eine  bloße  Theorie  des  Schutzzolles  zur  Erziehung  der  „produktiven ­
  Kräfte"  im  Sinne  Lists,  denn  sie  beschränkt  sich  nicht  nur
auf  die  Stufen  Welt-  und  Volkswirtschaft,  sondern  sie  umfaßt
alle  Stufen  und  zeigt  die  Ausbildung  dieser  Stufen  nach  Maßgabe ­
  ihrer  gliedhaften  Stellung.  Also  nicht  ihre  absolute
und  egoistische,  sondern  ihre  verhältnismäßige,  ihre  organisch
richtige,  ihre  organisch  wesensgemäße  Ausbildung!  Die  Theorie
der  Vorrangverhältnisse  im  Stufenbau  der  Wirtschaft  enthält
daher  weit  mehr  als  eine  bloße  Schutzzolltheorie,  sie  enthält
die  Grundlagen  der  Wirtschaftspolitik  aller
Stufen.
        <pb n="146" />
        133

B.  Theorie  des  Vorranges  im  Stufenbau.
Der  allgemeinste  Grundsatz  für  die  Feststellung  der  Vorrangverhältnisse ­
  im  Stufenbau  ist  durchaus  eindeutig  und  einfach, ­
  er  lautet:
9.  die  höhere  Ganzheit  ist  vor  der  niederen, ­
  Gattung  ist  vor  Art.  Daraus  ergeben  sich  dann  (in
Ergänzung  von  1—8  s.  S.  98)  folgende  Sätze:
Weltwirtschaft  ist  vor  Volkswirtschaft;
Volkswirtschaft  ist  vor  Gebietswirtschaft;
Gebietswirtschaft  ist  vor  Verbandswirtschaft  (soweit  nicht
Kreuzungen  und  Überhöhungen  vorhanden  sind,  d.  h.  der
Verband  über  das  Gebiet,  z.  B.  den  Bundesstaat,  die  Provinz, ­
  hinausgeht);
Verbandswirtschaft  ist  vor  Betrieb;
Betrieb  ist  vor  Betriebsglied;
wirtschaftliche  Betriebsgliedschaft  ist  vor  Haushalt.
So  unbestreitbar  richtig  diese  Stufenleiter  ist,  so  hinterläßt
sie  doch  ein  unbehagliches  Gefühl.  Woran  liegt  das?  Bei
näherer  Betrachtung  zeigt  sich  nämlich:  daß  der  Vorrang
der  oberen  über  die  untere  Ganzheit  nicht  überall  dieselbe  Bedeutung ­
  haben  kann!  Unsere  obigen  Überlegungen  ergaben
denn  auch,  daß  die  „Weltwirtschaft"  ihre  Oberhoheit  nicht  auf
alle  Sachgebiete  der  Volkswirtschaft  erstreckt  (s.  oben  S.  112);
die  Volkswirtschaft  dagegen  zeigt  eine  unendlich  größere  Fülle
der  Ausgliederung  über  die  unter  ihr  befindlichen  Unterganzheiten! ­
  Es  ist  darum  nicht  alles  gesagt,  wenn  man  die  Weltwirtschaft ­
  ebenso  über  die  Volkswirtschaft  stellt  wie  etwa  die
Volkswirtschaft  über  die  Betriebe.
Die  Auflösung  dieser  Schwierigkeit  liegt  darin,  daß  wohl
die  Ausgliederungsmacht  der  oberen  über  die  untere  Ganzheit ­
  immer  dieselbe  ist,  sich  aber  in  der  ganzen  Stufenleiter
nicht  immer  auf  dieselben  Ausgliederungsgebiete  erstreckt,
nicht  immer  dieselbe  Fülle  von  Sachgebieten  betrifft.  Es  ist
        <pb n="147" />
        134

also  nicht  der  Fall,  daß  die  jeweils  höhere  Ganzheit  auch  die
umfassendere  Ausgliederungsfülle,  das  mächtigere
Eigenleben,  besäße.  Wir  kleiden  diese  Einsicht  in  den
Satz:
10.  Die  Ausgliederungsmacht  der  oberen
über  die  untere  Ganzheit  ist  auf  allen
Stufen  gleich;  aber  die  Ausgliederungsfülle ­
  der  Ganzheiten  ist  auf  allen  Stufen
verschieden.  Daraus  folgt,  daß  es  zwar  keine  schwachen
oder  lockeren  Ganzheiten  gibt,  die  nur  eine  geringe  Ausgliederungsmacht ­
  besäßen;  denn  die  Ausgliederungskraft  muß
dort,  wo  sie  in  Geltung  ist,  auch  vollständig  wirken.  Es  gibt
nur  entweder  Ganzheiten  oder  bloße  Haufen,  Aggregate  —
ein  Mittelding  ist  nicht  denkbar.  Aber  es  zeigt  sich,  daß  der
Geltungsbereich  der  Ausgliederung  mehr  oder  weniger  Sachgebiete ­
  umfassen  kann  und  daß  diese  wechselnde
Fülle  der  A  u  s  g  l  i  e  d  e  r  u  n  g  s  g  e  b  i  e  t  e  unabhängig ­
  ist  von  der  Stufe,  auf  der  sich  die
Ganzheit  befindet.  Darum  ist  es  der  Fall,  daß  die
Volkswirtschaft  eine  Ganzheit  darstellt,  die  fast  die  gesamten
Sachgebiete  der  Wirtschaft  ausgliedert;  die  über  ihr  befindliche
Weltwirtschaft  dagegen  eine  solche,  die  nur  verhältnismäßig
wenige  Sachgebiete  ausgliedert.  Daraus  ergibt  sich  eine
weitere  grundlegende  Folgerung,  die  einen  allgemeinen  verfahrenmäßigen ­
  Grundsatz  festlegt.  Sie  lautet:
11.  Die  Theorie  jeder  wirtschaftlichen  Ganzheit ­
  hat  sich  auf  die  Untersuchung  ihrer  sachlichen ­
  Ausgliederungsfülle  aufzubauen.
Die  Lehrstücke  vom  Wesen  der  Volkswirtschaft,  wie  sie
bei  List,  Adam  Müller,  Carey,  Dühring  und  den  Merkantilisten
vorliegen,  beruhen  zum  guten  Teile  auf  der  sachlichen  Zergliederung ­
  der  Ausgliederungsfülle,  die  der  Ganzheit  „Volkswirtschaft" ­
  von  Natur  zukommt.  Dagegen  sind  die  Lehren
        <pb n="148" />
        135

eines  Smith,  Ricardo  und  ihrer  Schulen  gerade  darum  so
blutleer,  weil  sie  von  der  Ausgliederungsfülle  bestimmter
Ganzheiten  absehen  wollen  und  Vorgänge  ins  Auge  fassen,
die  sich  (von  gedachten  Robinsonen  oder  deren  Kongressen
ausgehend)  angeblich  überall  abspielen  können  —  die  strenge
Folgerung  aus  der  Annahme,  daß  es  keine  wirtschaftlichen
Ganzheiten  gebe,  sondern  nur  Handlungen,  die  die  reinen
Wirtschaftsindividuen  von  sich  aus  setzen!
Nicht  zum  Behufe  einer  selbständigen  Untersuchung,  sondern ­
  mehr  als  Beispiel  und  Beweis  für  die  obige  Behauptung
mögen  folgende  Bemerkungen  über  die  Ausgliederungsfülle
der  Weltwirtschaft,  der  Volkswirtschaft  und  der  anderen  Stufen
hier  hinzugefügt  werden.
a)  D  i  e  Welt-  und  Volkswirtschaft.
Wenn  wir  den  Unterschied  der  Volks-  zur  Weltwirtschaft
oben  grundsätzlich  dadurch  bezeichnet  fanden,  daß  die  Volkswirtschaft ­
  befähigt  erscheint,  sich  aus  dem  weltwirtschaftlichen
Zusammenhange  zurückzuziehen,  eine  wenigstens  annähernd
geschlossene  Volkswirtschaft  zu  werden  (die  Mittelmächte
waren  dies  annähernd  während  des  Krieges),  so  ist  damit  gesagt, ­
  daß  die  souveräne  Ausgliederungsmacht  der  Volkswirtschaft ­
  sich,  wie  schon  erwähnt,  grundsätzlich  auf  alle  Sachgebiete
der  Wirtschaft  entweder  annähernd  wirklich  erstreckt  oder  erstrecken ­
  kann.  Diese  Behauptung  hat  aber  sehr  weitgehende
theoretische  und  wirtschaftspolitische  Folgerungen!
Der  Begriff  der  vollständigen  Ausgliederungsfülle ­
  bedeutet  nämlich,  wenn  man  ihn  richtig  zu  Ende
denkt,  nichts  geringeres  als  die  Behauptung  der  „Geschlossenheit" ­
  jener  Ganzheit  als  Wirtschaftsgebilde.  Für  die  Volkswirtschaft ­
  bedeutet  darum  die  (wenigstens  potenziell  vorhandene
real  nicht  vollkommen  erreichbare)  umfassende  Natur  ihrer
Ausgliederung  Jdealziele  wie  die  folgenden:  die  eigene  Boden-
        <pb n="149" />
        136

grundlage;  die  eigene  Rohstoffgrundlage;  die  eigene  Kapitalgrundlage ­
  und  eigene  Arbeitergrundlage;  und  schließlich  das
arteigene  Kapital  höherer  Ordnung,  d.  h.  eine  Gemeinsamkeitsreife, ­
  die  nicht  aus  verwässernder  Nachahmung  fremder
Volkswirtschaften  herstammt;  und  alles  zusammen:  die  ganze
Fülle  der  eigenen  Leistungsgrundlage,  soweit  sie  jeweils  wesensgemäß ­
  erreichbar  ist.  Diese  aus  der  Sache  heraus  geforderten
Jdealziele  bilden  die  Grundforderungen  aller  Volkswirtschaftspolitik! ­
  Soll  die  wesensgemäße  Ausgliederungsfülle  der
Volkswirtschaft  erreicht  werden:  dann  liegt  in  der  Abrundung
und  Ausgestaltung  der  eigenen  Ganzheit,  dann  liegt  in  der
jeweils  erreichbaren  „Autarkie"  ein  Wert,  welcher  über  die
marktpreismäßigen  Vorteile  der  weltwirtschaftlichen  Erzeugung
unbedingt  hinausgeht.  Das  Ideal  dieser  Wirtschaftsauffassung
ist  daher  dieses:  jeder  wirtschaftlichen  Ganzheit  die  ihr  artgemäße ­
  Vollständigkeit,  das  ihr  wesensgemäße  Eigenleben
zu  geben  (s.  unten  Satz  12,  S.  144).
Daraus  folgt  als  grundlegende  wirtschaftspolitische  Einsicht:
daß  die  Volkswirtschaft  nur  soweit  Glied
der  Weltwirtschaft  zu  werden  hat,  als
die  Vollständigkeit  ihrer  inneren  Ausgliederung ­
  nicht  erreichbar  ist,  d.  h.  als  gewisse
Produktivkräfte  unentwickelbar  erscheinen  und  anderseits  gewisse ­
  andere  Produktivkräfte  solche  natürliche  Überschüsse  abgeben, ­
  daß  damit  das  Fehlende  ersetzt  werden  kann.  Nicht
Freihandel  bezeichnet  daher  das  wesensgemäße ­
  Verhältnis  der  Volks-  zur  Weltwirtschaft, ­
  sondern  Wahrung  der  wesensgemäßen  Ausgliederungsfülle ­
  beider  auf  der  Grundlage  der  zur  Selbstversorgung ­
  strebenden  völkischen  wirtschaft.  Denn  wesensgemäß ­
  verlangt  die  Volkswirtschaft  ihre  ganze  jeweils  erreichbare ­
  Ausgliederungsfülle.  Das  Fehlen  des  einen  oder
anderen  Sachgebietes  durch  jeweilige  marktpreismäßige  Vor-
        <pb n="150" />
        137

teile  einzelner  Waren  rechtfertigen  zu  wollen  (wie  dies  die
Freihandelstheorie  tut),  ist  für  diesen  Standpunkt,  wie  scbon
oben  erwähnt,  ein  absoluter  Fehler.  Denn  nichts  kann
den  Gewinn  ersetzen,  der  darin  liegt,  daß
die  Volkswirtschaft  mit  der  Fülle  ihrer
Sachgebiete  auch  an  Lebendigkeit,  Kraft
und  Gesundheit  ihrer  eigenen  Ganzheit
gewinnt.  Die  preismäßigen  Gewinne  dagegen,  die  damit
entstehen,  daß  einzelne  Waren  von  den  Weltmärkten  billiger
bezogen  werden  können,  erweisen  sich  dadurch  als  nur  scheinbare, ­
  daß  auch  andere,  für  sich  durchaus  lebensfähige  Wirtschaftszweige ­
  unter  der  Tatsache  leiden  müßten,  daß  ein  Wirtschaftsglied ­
  (für  das  sie  Vorerzeugung,  Nacherzeugung  oder
Seitenzweig  waren),  aus  ihrer  Mitte  gerissen  würde.  Ist  z.  B.
Bergwerk,  Walzwerk,  Kleineisenindustrie,  Maschinenindustrie
vollkommen  entwicklungsfähig,  die  Verhüttung  dagegen,  etwa
infolge  mangelnder  Kohle,  teurer  als  im  Auslande,  so  würde
durch  den  freien  ausländischen  Wettbewerb  nicht  nur  der  Hochofen, ­
  sondern  fast  seine  ganze  Vor-  und  Nachindustrie  unmöglich ­
  gemacht:  wegen  Eines  billigen  Zwischenproduktes ­
  würde  der  Volkswirtschaft  der
gesamte  Gewinn  aus  den  Vor-,  Nachund
  Seitenprodukten  entzogen!  Es  ist  die
schöpferische  Bedeutung  der  Gegenseitigkeit  aller  Wirtschaftszweige, ­
  die  in  diesem  Gedanken  der  Vollständigkeit  der
Ausgliederung  liegt;  es  ist  eine  schöpferische  Entsprechung, ­
  die  aus  der  gliedhaften  Stellung  jedes  Wirtschaftszweiges ­
  (ja  jedes  Betriebes,  jedes  einzelnen  Wirtschafters
sogar!)  folgt,  und  die  allen  denen  einleuchten  wird,  welche
das  Wesen  der  „Ganzheit"  überhaupt  begriffen  haben.
Umgekehrt  zeigen  sich  leicht  die  Schäden  des  Gegenteils.
Je  mehr  eine  Volkswirtschaft  in  der  Weise  in  die  Weltwirtschaft ­
  eintritt,  daß  sie  für  die  selbst  verbrauchten  Güter  ihre
        <pb n="151" />
        138

eigene  Bodengrundlage,  ihre  eigene  Rohstoffgrundlage,  ihre
eigene  Kapitalsgrundlage,  ihre  eigene  Menschen-  und  Arbeitsgrundlage ­
  überschreitet;  um  so  mehr  wird  die  Über-Konzentration
  der  weltwirtschaftlichen  Erzeugungsbetriebe  (wo  immer
sie  sich  befinden,  naturgemäß  gehören  sie  aber  den  weltwirtschaftlich ­
  führenden  Ländern,  besonders  England  und  Amerika
an)  hervortreten;  um  so  mehr  wird  sie  durch  übermächtigen
Wettbewerb  die  Entwicklung  der  schwächeren  Glieder  der
eigenen  Volkswirtschaft  hemmen  und  dadurch  mittelbar  auch
die  Lebenskraft  der  an  sich  starken,  aber  ihrer  Vor-  und  Nacherzeugung ­
  (ihres  „inneren  Marktes")  beraubten  Betriebe  und
Wirtschaftszweige  treffen;  um  so  mehr  wird  auch  die  Überbildung ­
  und  Übermacht  der  Weltfinanzkräfte  und  Weltbörsen,
wird  ferner  die  Uberbildung  des  Weltwarenhandels  und  Weltfrachtwesens ­
  (als  Folge  der  Überkonzentration  der  Erzeugungsstätten ­
  wie  auch  der  Weltfinanzmacht)  sich  geltend  machen
und  die  eigene  Volkswirtschaft  unter  Tribut  bringen;  um  so
mehr  werden  auch  im  Innern  der  Volkswirtschaft  durch  übergroße ­
  Menschenanhäufungen  in  Städten  und  Großgewerbegebieten ­
  unnütze  Frachtleistungen,  Verwaltungsleistungen,
Grundrenten  und  damit  Teuerung,  Großstadtelend,  Entwurzelung ­
  der  Massen  nebst  allen  weiteren  Folgeerscheinungen
bewirkt;  —  was  alles  darauf  hinausläuft,  die  innere
Ausgliederungskraft  der  Volkswirtschaft
auch  für  die  übrigen  Wirtschaftszweige
zu  schwächen!  Wenn  unser  Vieh  mit  ausländischem  Viehfutter ­
  gemästet  wird,  wenn  unsere  Ernten  von  Russen,  Polen
und  Slowaken  eingebracht,  unsere  Erdarbeiten  und  Hochbauten
von  italienischen  Arbeitern  ausgeführt  werden,  so  schadet  das
der  Lebenskraft  unserer  Volkswirtschaft.  Es  wird  dadurch  die
einzelne  Leistung  gekräftigt  (und  ihr  Erzeugnis  verbilligt),
das  Ganze  aber  geschwächt!  Eine  Regierung,  die  ausländische
Erntearbeiter,  Industriearbeiter  und  Rohstoffe  in  Massen  zu-
        <pb n="152" />
        139

läßt,  ist  eine  Mißregierung,  welche  die  Volkswirtschaft  eines
Landes  zugrunde  richtet,  indem  sie  deren  gesunde  Eigengliederung ­
  und  Dauergrundlage  langsam  zerstört.  Eine  solche
Volkswirtschaft  nährt  sich  wie  eine  Schmarotzerpstanze  von
fremden  Säften.  Der  uralte,  merkantilistische  Satz,  daß  es
besser  ist,  die  eigene  Ware  mit  zwei  Talern  zu  bezahlen  statt
die  ftemde  mit  einem,  gibt  dieser  Erkenntnis  herrlichen  Ausdruck. ­
  Unsere  individualistischen  Theoretiker  und  Staatsmänner ­
  haben  sich  von  der  Tiefe  dieser  Weisheit  nichts  träumen
lassen.  Die  Listische  Lehre  von  den  Produktivkräften  und  von
der  erzieherischen  Bedeutung  der  Zölle,  die  merkantilistische
Lehre  von  der  Handels-  und  Zahlungsbilanz  und  von  der  Jndustrieförderung,
  Careys  und  Dührings  Lehre  von  der  Dezentralisation ­
  der  Erzeugung,  Thünens  Lehre  von  der  Schichtung ­
  der  landwirtschaftlichen  Betriebssysteme  in  Kreisen
(welche  eine  Entwicklung  jeder  Kraft  an  ihrem  Orte
fordert!),  Adam  Müllers  Lehre  von  der  Gegenseitigkeit  aller
Seiten  der  Gesellschaft  und  von  der  Wichtigkeit  der  Dauer
gegenüber  Augenblicks-Ertragsrechnung  —  alle  diese  und  andere
Lehrstücke  gehen  von  der  stillschweigenden  Voraussetzung  der
umfassenden  Ausgliederungsfülle  der  Ganzheit  „Volkswirtschaft" ­
  aus.  Unsere  individualistischen  Volkswirte  und  Staatsmänner ­
  der  letzten  hundert  Jahre  haben  dafür  allerdings  nur
ein  Lächeln  übrig  gehabt  —  zum  Schaden  des  gesamten  deutschen ­
  Volkes,  das  ohne  einen  solchen  wirtschafts-  und  gesellschaftstheoretischen ­
  Individualismus  niemals  in  die  furchtbare
Lage  von  heute  hätte  kommen  können.
Der  wahre  Staatsmann  und  Wirtschaftspfleger  erkennt  den
großen  Reichtum  der  Gliederungen  und  Stufen  des  Wirtschaftslebens, ­
  er  erkennt  und  schützt  ihn,  nicht  nur  als  ein  wirtschaftliches, ­
  sondern  zugleich  als  ein  hohes  völkisches  Gut.
        <pb n="153" />
        140

b)  Die  Gebietswirtschaft.
Der  Begriff  der  wesensgemäßen  Ausgliederungsfülle  führt
aber  von  der  Volkswirtschaft  notwendig  noch  weiter  zur  Gebietswirtschaft. ­
  Was  von  der  Volkswirtschaft  gilb  gift  sinngemäß ­
  auch  von  der  Gebietswirtschaft  (allgemein  gesagt,  von
allen  Unterganzheiten,  die  sie  ausgliedert).  Da  alle  Wirtschaftsbereiche, ­
  die  sich  innerhalb  einer  Volkswirtschaft  befinden,
ihr  eigenes  lebendiges  Glied  sind,  kann  die  volle  Lebendigkeit ­
  des  Ganzen  nur  erreicht  werden, ­
  wenn  die  volle  Lebendigkeit  der
Glieder  gesichert  wird.  In  der  Volkswirtschaft  darf
darum  ebensowenig  eine  Überbildung  einzelner  Wirtschaftsgebiete ­
  und  Wirtschaftskräfte  stattfinden  und  wären  sie  auch
die  „von  der  Natur  bevorzugten"!  Es  darf  z.  B.  nicht  sein,
daß  ein  mageres  Kohlen-  und  Erzlager  im  Süden  deswegen
unausgebeutet  bleibt,  weil  ein  fetteres  im  Norden  vorhanden
ist.  Die  Überkonzentration  der  Betriebe  in  dem  bevorzugten
Gebiete,  die  Überbildung  des  Fracht-  und  Handelswesens;
die  Überbildung  des  Finanzkapitals  usf.,  von  der  wir  in  der
freien  Weltwirtschaft  oben  sprachen,  wäre  ja  damit  auf  eigenem
Gebiete  ebenso  wieder  eingeleitet.  Die  Gegenseitigkeit ­
  derWirtschaftszweige  muß  nach  Möglichkeit ­
  auch  in  den  Unterstufen  derVolkswirtschaft
  jeweils  aufs  reichste  ausgebildet
werden.  Ähnliche  Grundsätze,  wie  sie  der  Weltwirtschaft
gegenüber  Platz  greifen,  müssen  auch  vom  Standpunkte  der
Gebiete  d5r  Volkswirtschaft  gegenüber  Platz  greifen;  wenn
sie  auch  nicht  der  äußeren  Form  nach  zu  ähnlichen  Maßnahmen
(Zölle,  Verbote)  führen  dürfen.  Wenn  wir  z.  B.  annehmen,
daß  in  einem  künftigen  Großdeutschland  das  rheinisch-westfälische, ­
  das  oberschlesische  und  das  österreichisch-steirische
Eisen-  und  Kohlengebiet  in  einer  Volkswirtschaft  vereint  wären,
so  müßte  die  überragende  Leistungsfähigkeit  und  Vormacht  t
        <pb n="154" />
        141

des  rheinisch-westfälischen  Erzeugungsgebietes  (bei  dem  Kohle
und  Eisen  beisammen  sind)  wenn  nötig  durch  besondere  Auflagen ­
  eher  gedämpft,  die  schwächere  Kraft  des  oberschlesischen
und  steirischen  Gebietes  durch  besondere  Begünstigungen
(Fracht-  und  Steuerbegünstigungen,  öffentliche  Leistungen)
aber  so  gehoben  werden,  daß  überall  die  gesunden  Kräfte  voll
ausgenützt  werden  könnten,  daß  die  reichste  Mannigfaltigkeit
der  Betriebe,  Siedlungen,  Arbeitskräfte  und  Verbindung  mit
bodenständigen  Wirtschaftskräften  aller  Art  einträte;  nicht  aber
durch  Überbildung  des  Frachtwesens,  Handelswesens,  Finanzkapitals, ­
  und  durch  Überkonzentration  der  Betriebe  und  Wohnstätten ­
  eine  schlechte  Kapital-  und  Arbeitsgliederung  auf  der
einen  Seite,  dafür  schlechte  Monopolstellungen,  ungesunde
Wirtschaftsbaronien,  schwächende  Dumpings  u.  dgl.,  auf  der
anderen  Seite,  damit  im  Ganzen  Brachlegungen  und  Verarmungen ­
  einzelner  Gegenden,  entstünden.  Nicht  die  reine
Preisrechnung  der  einzelnen  Ware,  sondern
d  i  e  mittelbaren  Kusgliederungssolgen  mit  ihren  anschließenden ­
  Preisverschiebungen  sindfür
die  Frage  maßgebend,  ob  neben  den  besten
auch  schwächere  Produktivkräfte  auszunutzen ­
  sind.

c)  Die  Verbands  wirtschaft.
Was  für  die  Volkswirtschaften  und  für  die  Gebietswirtschaften
  gilt,  gilt  sinngemäß  auch  für  die  Verbandswirtschaften
(ja  sogar  die  Betriebe,  wovon  aber  an  dieser  Stelle  nicht  weiter
zu  sprechen  ist).  Um  ein  besonders  kennzeichnendes  Beispiel
anzuführen,  so  folgt  aus  den  obigen  Vordersätzen  die  Einsicht:
daß  die  vielgerühmte  Politik  der  Kartelle,  die  jeweils  schwächsten
Betriebe  stillzulegen,  insofern  grundsätzlich  nicht  durchaus
richtig  ist,  als  sie  der  Forderung  der  allseitigen  Ausnutzung ­
  und  Ausbildung  der  Wirtschaftskräfte  widerspricht
        <pb n="155" />
        142

und  als  sie  Überkonzentration  der  Betriebe,  Überfrachtleistungen, ­
  Über-Konzentration  der  Märkte,  Monopolisierungen
und  Übermacht  der  Kapitalskräfte  hervorruft!
6)  Der  Betrieb.
Im  Betriebe  endlich  hat  die  moderne  Neigung,  Vorerzeugnisse ­
  selbst  herzustellen  und  Weiterveredlung  selbst  vorzunehmen, ­
  eben  dieselbe  Bedeutung:  ein  rundes  Ganzes  der
eigenen  Produktivkräfte  auszubilden,  schon  im  kleinsten  Kreise
der  Erzeugung  zu  einer  gewissen  Ganzheit,  reichen  inneren
Gliederung  zu  gelangen.  Bei  zunftähnlicher  Zusammenfassung
der  Betriebe  kann  diese  Abrundung  der  inneren  Gliederung
auch  von  der  Zunft  selbst  —  durch  gemeinsamen  Großeinkauf,
gemeinsame  Verwertung  der  Nebenprodukte  usf.  —  in  die
Hand  genommen  werden.  Die  jeweilige  Ausgliederungsfülle
des  Betriebes  wird  sich  aber  wieder  je  nach  seiner
gliedlichen  Stellung  im  Ganzen  seines  Wirtschaftszweiges ­
  (bzw.  durch  diesen  hindurch  der  Volkswirtschaft)  wesentlich ­
  verändern.

Die  vorstehenden  Ausführungen  sind  mehr  als  Beispiele
denn  als  geschlossene  Untersuchung  gedacht.  Es  ist  ihnen
daher  versagt,  über  die  rein  begriffliche  Begründung  hinauszugehen; ­
  sie  dürfen  aber  dafür  allerdings  auf  List,  Ad.  Müller,
Carey,  Dühring,  Ruskin  und  andere  Verfasser  verweisen,
wenngleich  diese  alle  die  Volkswirtschaft  noch  zu  zentralistisch
und  ohne  Unterstufung,  also  zu  verkehrswirtschaftlich  auffaßten. ­
  Die  grundsätzliche  Richtung  unserer  Ausführungen
erhellt  gar  wohl  aus  den  in  dieser  Abhandlung  vorgetragenen
Lehrbegriffen;  ihre  besondere  Anwendung  auf  die  Frage:
Welche  Sachgebiete  der  Ausgliederung  den  jeweils  in  Frage
kommenden  Ganzheiten  tatsächlich  zukommen,  hat  aber  je-
        <pb n="156" />
        143

wellige  streng  zergliedernde,  auf  Tatsachen  gestützte  Untersuchungen ­
  zur  Voraussetzung,  die  hier  nicht  gegeben  werden
konnten.
Lediglich  ein  grundsätzlicher  Hinweis  auf  die  Maßstäbe
sei  hier  noch  hinzugefügt,  nach  denen  die  Heranziehung
der  weniger  ergiebigen  Kräfte  jeweils  zu  beurteilen  ist.  Die
Grundlage  für  ein  solches  Lehrstück  der  nur  verhältnismäßigen ­
  Leistungsfähigkeit  aller
Wirtschaftsmittel  scheinen  mir  in  folgenden  Lehrbegriffen ­
  gegeben,  die  ich  an  anderer  Stelle  entwickelte:
An  erster  Stelle  steht  hier  der  Satz:  daß  unter  gewissen
Voraussetzungen,  wie  insbesondere  genügenden  Kapitalsvorrates, ­
  für  den  großen  Markt  der  Großbetrieb,  für  den  kleinen
Markt  der  Kleinbetrieb,  die  jeweils  richtige  Wirtschaftsform ­
  ist;  ein  Satz,  der  nicht  nur  die  Mürrische  Konzentrationslehre ­
  widerlegt,  sondern  auch  Bedingung  und  Maßstab  für  die
Anwendung  verschieden  leistungsfähiger  Betriebsformen  und
Wirtschaftsmittel  aufzeigt*).
Zweitens  wirft  das  Lehrstück  von  der  Preisverschiebung
ein  Licht  auf  unsere  Frage.  Indem  nämlich  durch  Steigerung
der  Ergiebigkeit  in  einem  Wirtschaftszweige  (z.  B.  infolge  neuer
Erfindungen)  eine  erhöhte  Kaufkraft  in  diesem  Wirtschaftskreise ­
  entsteht,  dadurch  wieder  eine  erhöhte  Nachfrage,  die
Preiserhöhungen  der  neu  nachgefragten  Güter  bewirkt,  müssen
unter  Umständen  für  diese  neu  nachgefragten  Güter  weniger
ergiebige  Wirtschaftsmittel  in  Anwendung  kommen.  Es
werden  also  damit  durch  Erhöhung  der  Wirtschaftskraft  einer
l )  Vgl.  Wahrer  Staat,  2.  Aufl.,  Leipzig  1923,  S.  150  ff.  —  Da»
Lehrstück  von  der  nur  verhältnismäßigen  Leistungsfähigkeit  der  Wirtschaftsmittel ­
  ist  kein  Widerspruch  zu  dem  an  anderer  Stelle  entwickelten  Lehrstück ­
  der  „Gleichwicktigkeit"  (s.  oben  S.  74).  Denn  es  besagt  nur,  daß
zur  Erreichung  einer  Gesamtleistung  im  Gebilde  verschiedenartige  Leistungsglieder, ­
  im  Gebilde  höherer  Ordnung  verschiedenartige  Gebilde  teilnehmen
müssen.
        <pb n="157" />
        144

bestimmten  Ganzheit,  die  Wirtschaftskräfte  anderer  Ganzheiten ­
  in  abgestufter  Weise  berührt  und  herangezogen.
Ergiebige  Wirtschaftsmittel  schließen  die  Anwendung  weniger
ergiebiger  nicht  aus,  im  Gegenteil,  sie  verlangen  sie  sogar,
ähnlich  wie  der  Führer  den  Geführten.  Nicht  auf  Vereinigung
sondern  auf  Scheidung  (Dezentralisation)  und  auf  weitere
Untergliederung  der  Wirtschaft  zielen  diese  Auswirkungen  abH.
Drittens  kommt  hier  das  Lehrstück  von  der  „schöpferischen
Entsprechung"  zur  Geltung,  da  diese  eine  abgestufte  Leistungsfähigkeit ­
  voraussetzt  und  herbeiführt^).

Aus  der  Erkenntnis  des  Unterschiedes  von  Ausgliederungsm
  a  ch  t  der  jeweils  höheren  Ganzheit  gegenüber  Ausgliederungs
  fülle  einer  Ganzheit  (gleichgültig  auf  welcher
Stufe  sie  auch  stehe),  ergibt  sich  noch  eine  letzte  grundlegende
Folgerung  für  jede  (in  Bezug  auf  die  Inhalte  der  Ziele  beliebig ­
  gerichtete)  Wirtschaftspolitik.  Wir  dürfen  sie  als  einen
eigenen,  im  Obigen  wiederholt  begründeten  Satz  neben  die
früheren  Sätze  stellen.  Sie  lautet:
12.  Jeder  wirtschaftlichen  Ganzheit  ist
ihre  wesensgemäße  A  u  s  g  l  i  e  d  e  r  u  n  g  s  f  ü  l  l  e
zu  sichern;  jedes  Weniger,  aber  auch  jedes  Mehr  schadet
der  Lebenskraft  aller  anderen  wirtschaftlichen  Ganzheiten,
zuletzt  der  Volkswirtschaft.
Zum  Abschluß.
Mit  den  vorstehenden  Darlegungen  ist  das  Ganze  der  universalistischen ­
  Volkswirtschaftslehre  und  ihres  Verfahrens  in
Hauptumrissen  sichtbar  geworden.
*)  Vgl.  Theorie  der  Preisverschiebung,  Wien  1913,  Manz.
-)  Fundament,  3.  Ausl.,  S.  121  f.  Das  Beispiel  vom  besten  Schneider.
        <pb n="158" />
        O.  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Aufl.

10

Diese  Lehre  schmeichelt  nicht  dem  Einzelnen,  indem  sie
seine  wirtschaftlichen  Entschlüsse  und  Handlungen,  seine  Wertschätzungen ­
  wie  seine  „Psychologie"  an  den  Anfang  stellt,  um
von  da  aus  die  wirtschaftliche  Welt  aufzubauen;  sie  kommt  auch
nicht  jenem  platten  Standpunkte  entgegen,  der  seinen  Blick
an  Gütermengen,  Markttreiben,  Preisen  und  Zahlen  sättigt
und  das,  was  als  stofftich  und  handgreiflich  in  die  Augen
fällt,  für  die  erste  oder  gar  die  alleinige  Wirklichkeit  der  Wirtschaft ­
  hält;  sie  ist  weder  eine  Psychologie  noch  eine  Buchführung ­
  der  Wirtschaft.
Unsere  Lehre  lenkt  ihren  Blick  höher  hinauf,  auf  das  Erste,
das  Ganze,  und  steigt  von  da  erst  herunter  zu  den  Gliedern.
Ja,  sie  ist  wirklich  eine  Wissenschaft,  die  von  oben  herab  und
nicht  von  unten  hinauf  steigt!  Sie  beruht  auf  der  königlichen
Erkenntnis  der  Ganzheit  und  der  Ordnung  ihrer  Ausgliederung,
welche  nach  Teilganzen  und  Stufen  vor  sich  geht,  und  in
beiden  wieder  nach  arteigenen  Vorrängen  und  arteigen  leistenden ­
  Gliedern  sich  darstellt.  Während  die  individualistische
Volkswirtschaftslehre  diesen  erhabenen  Sachverhalt  kaum  zu
ahnen  vermag,  indem  sie  an  dem  subjektiven  Scheinleben  der
Wirtschafter  als  Einzelner  und  an  dem  toten  Dasein  der  Güterwelt ­
  als  einer  materiellen  haftet;  ist  die  universalistische  Lehre
mit  der  Erkenntnis  der  Ganzheit  bereits  ans  Herz  des  wahren
Lebens  vorgedrungen.  Sie  erkennt  dem  einzelnen  Wirtschafter
seine  Selbständigkeit,  seine  Eigenkraft  wie  seine  unwiederholbare ­
  Einzigkeit  überall  als  eine  gliedhafte  zu  und  hebt  dennoch
t  die  Ganzheit  und  ihre  Ordnungen  über  ihn  und  seine  Subjektivität ­
  hinaus.  Denn  wohl  ist  allein  das  Einzelne  die  letzte,
greifbare  Wirklichkeit,  aber  bloß,  in  sofern  Ganzheit  darin  sich
darstellt.  Alles  Einzelne  für  sich  ist  welk,  aus  der  Ganzheit
erst  empfängt  es  Kraft  des  Daseins,  Wahrheit  und  Leben.
        <pb n="159" />
        Erweiterter  Sonderabdruck  aus  der  „Zeitschrift  für  Volkswirtschaft
und  Sozialpolitik",  Wien,  N.  F.,  Bd.  III,  1923.
        <pb n="160" />
        So  sagt  mir  doch,  verfluchte  Puppen,
Was  quirlt  ihr  in  dem  Brei  herum?
„Wir  kochen  breite  Bettelsuppen."
„Da  habt  Ihr  ein  groß'  Publikum."
Goethe,  Faust.
Das  Werk  Mar  Webers*),  das  vor  nicht  langer  Zeit
endlich  zum  Abschlüsse  kam,  nachdem  es  fast  zwei  Jahre  hindurch,
in  Form  von  vier  Lieferungen,  im  Erscheinen  begriffen  war,
ist  von  einem  Umfange  (840  Lerikonseiten)  und  einer  Mannigfaltigkeit, ­
  daß  eine  kurze  Anzeige  im  Rahmen  einer  Zeitschrift
keineswegs  beanspruchen  kann,  es  zu  erschöpfen.  Es  zerfällt
in  drei  Teile  und  behandelt  im  ersten  Teil  „Die  Wirtschaft
und  die  gesellschaftlichen  Ordnungen  und  Mächte",  im  zweiten
Teil  die  „Typen  der  Vergemeinschaftung  und  Vergesellschaftung" ­
  und  im  dritten  Teil  die  „Typen  der  Herrschaft".  Der  erste
Teil  zerfällt  in  die  folgenden  Hauptabschnitte:  „Soziologische
Grundbegriffe";  „Soziologische  Grundkategorien  des  Wirtschaftens";
  „Typen  der  Herrschaft";  „Klassen  und  Stände".
Der  zweite  Teil  zerfällt  in  die  Hauptabschnitte:  „Wirtschaft
und  Gesellschaft  im  allgemeinen";  „Typen  der  Vergemeinschaftung ­
  und  Vergesellschaftung"  (dreht  sich  hauptsächlich  um
die  „Hausgemeinschaft");  „Ethnische  Gemeinschaften"  (Rasse,
Volkstum);  die  „Typen  religiöser  Vergemeinschaftung";
„Markt";  „Die  Wirtschaft  und  die  Ordnungen";  die  „Rechtssoziologie"; ­
  „die  Stadt".  Der  dritte  Teil  zerfällt  in  die  Hauptabschnitte: ­
  „Herrschaft";  „PolitischeGemeinschaften";„Macht-')
  MaxWeber,  Wirtschaft  und  Gesellschaft,  Bd.  III  des  „Grundriß ­
  der  Sozialökonomik",  Tübingen  1922,  I.  C.  B.  Mohr,  Lex.-8°,  12
und  840  S.
        <pb n="161" />
        150

gebilde";  „Nation";  „Klassen,  Stand,  Parteien";  „Legitimität"; ­
  „Bureaukratie";  „Patrimonialismus";  „Wirkungen
des  Patriarchalismus  und  Feudalismus";  „Charismatismus";
„Umbildung  des  Charisma";  „Staat  und  Hierokratie".
Diese  Aufzählung  der  Hauptabschnitte  beweist  einerseits
die  Reichhaltigkeit  des  Werkes,  sie  zeigt  aber  schon,  daß  es  sich
nicht  um  ein  von  Mar  Weber  selbst  ganz  druckfertig  gemachtes, ­
  überhaupt  um  kein  einheitliches  Werk  handelt,  denn
die  wiederholte  Vornahme  und  wechselnde  systematische  Stellung ­
  der  Lehre  über  Stand  und  Klasse,  über  Herrschaft,  über
das  Charisma,  die  planlose  Folge  soziologischer,  wirtschaftstheoretischer ­
  und  politischer  Stoffe  wäre  in  einem  einheitlichen
Werke  unmöglich.  Wie  Frau  Marianne  Weber  im  Vorwort ­
  zum  zweiten  Teil  berichtet,  handelt  es  sich  von  da  an
(von  S.  180  an,  bis  wohin  Mar  Weber  das  Werk  selbst  noch
herausgab)  um  eine  Sammlung  von  Aufsätzen,  die  aus  den
Jahren  1911—1913  stammen.  Leider  ist  durch  den  plötzlichen
Tod  des  Verfassers  die  Lesbarkeit  des  aus  dem  Nachlasse
herausgegebenen  Teiles  des  Werkes  noch  schwieriger  geworden,
als  es  schon  der  von  Mar  Weber  selbst  herausgegebene  Teil  war.
Zum  Fehlen  jeder  Systematik  kommen  noch  stilistische  Mängel
und  Härten,  ganz  einseitige  und  dürftige  Literaturberücksichtigung, ­
  Lücken  in  der  Darstellung  des  Stofflichen,  oft  ein
wahrer  Wust  von  Klassifikationen  und  manches  andere,  was  fast
den  Eindruck,  daß  man  es  hier  mehr  mit  abgedruckten  Notizbüchern ­
  als  mit  durchgeführten  Abhandlungen  zu  tun  habe,
erweckt.

1.  Methodologische  fragen.
Mar  Weber  eröffnet  sein  Werk  mit  einer  Begriffsbestimmung
der  Soziologie.  Er  sagt:  „Soziologie  .  .  .  soll  heißen:  eine
Wissenschaft,  welche  soziales  Handeln  deutend  verstehen  und
dadurch  in  seinem  Ablauf  und  seinen  Wirkungen  ursächlich
        <pb n="162" />
        151

erklären  will 1  2  *  4 )."  Dazu  gibt  Mar  Weber  mehrere  Erläuterungen:
„»'Handeln«  soll  dabei  ein  menschliches  Verhalten  (einerlei,
ob  äußeres  oder  innerliches  Tun,  Unterlassen  oder  Dulden)
heißen,  wenn  und  insofern  als  der  oder  die  Handelnden  mit
ihm  einen  subjektiven  Sinn  verbinden.  .Soziales'  Handeln
aber  soll  ein  solches  Handeln  heißen,  welches  seinem  von  dem
oder  den  Handelnden  gemeinten  Sinn  nach  auf  das  Verhalten ­
  anderer  bezogen  wird  und  daran  in  seinem  Ablauf
orientiert  ist?)."  „Die  soziale  Beziehung  besteht  ...  in  der
Chance,  daß  in  einer  (sinnhaft)  angebbaren  Art  sozial  gehandelt ­
  wird,  einerlei  zunächst:  worauf  diese  Chance  beruht^)."
Zur  Ehre  Mar  Webers  sei  angenommen,  daß  diese  Begriffsbestimmung ­
  (er  gab  diesen  Teil  des  Werkes  noch  selbst
heraus)  nur  als  eine  vorläufige  gedacht  war,  die  in  der  systematischen ­
  Fortsetzung  des  Werkes,  eine  wesentliche  Ergänzung
und  Berichtigung  gefunden  hätte.  Denn  wenn  er  auch  in  seinem
Bestreben,  Geschichte,  Volkswirtschaftslehre,  Rechtswissenschaft
und  Soziologie,  ja  sogar  Musiktheorie  miteinander  zu  verbinden^), ­
  auf  philosophischem  und  erkenntnistheoretischem  Gebiete ­
  als  durchgebildeter  Kenner  nicht  betrachtet  werden  kann,
so  kann  man  ihm  doch  schwerlich  zutrauen,  methodologisch
derart  unvereinbare  Elemente  zusammenspannen  zu  wollen,
wie  es  in  der  angeführten  Definition  geschieht.  Im  ersten  Satze
liegen  zwei  schroffe,  methodologisch  schlechthin  unvereinbare
Widersprüche  offen  zutage.  Die  Soziologie  soll  1.  Handeln
„deutend  verstehen"  und  2.  „ursächlich  erklären".  „Deutend
verstehen"  heißt  doch  notwendig:  auf  den  Sinngehalt  und
Sinnzusammenhang  eingehen,  wie  z.  B.  die  Logik  tut,  wenn
»)  S.  1.
2 )  Ebenda;  ähnlich  S.  11.
2 )  S.  13.
4 )  Vgl.  Max  Weber,  Die  rationalen  und  soziologischen  Grundlagen
der  Musik,  München  1921.
        <pb n="163" />
        152

sie  eine  Schlußkette  zergliedert,  nicht  aber  ursächlich  erklären,
wie  z.  B.  die  Physik  tut,  wenn  sie  die  mechanische  Fallbewegung ­
  und  Mondbewegung  berechnet.  Denn  das  Wesen  der
logischen  Zusammenhänge  wird  nicht  gefunden,  indem  man
etwa  auf  äußerliche  Abfolge  in  der  Assoziationsmechanik  der
Vorstellungen  achtet,  sondern  indem  man  auf  ihren  Sinngehalt
deutend  und  verstehend  eingeht;  darum  ist  der  zweite  Teil
des  Satzes  „.  .  .  und  dadurch  (nämlich  durch  das  deutende
Verstehen)  in  seinem  Ablauf  und  seinen  Wirkungen  ursächlich ­
  erklären  will"i),  ein  unbegreiflicher  Widerspruch.
Es  ist  klar,  daß  durch  ein  deutendes  Verstehen,  durch  Eingehen
auf  den  Sinngehalt  eines  Gegenstandes,  jede  Ursächlichkeit
grundsätzlich  ausgeschlossen  ist!  Denn  „Ursächlichkeit"
geht  durchaus  bloß  auf  die  äußere,  auf  die  mechanische
Aufeinanderfolge  der  Erscheinungen,  sie  besteht,  genauer  gesagt, ­
  in  der  Gesamtheit  der  Antezedentien,  auf  welche  eine
Erscheinung  (als  zeitliches  Konsequens)  folgt;  während  deutendes ­
  Verstehen  auf  ganz  anderen,  auf  inneren  Kategorien  beruht, ­
  indem  es,  wie  gesagt,  den  sinnvollen  Zusammenhang ­
  erschließt.  Darum  nennt  man,  wie  männiglich  bekannt,
die  Logik  keine  ursächliche  Wissenschaft,  was  etwa  die  Physik,
sondern  eine  „Norm-Wissenschaft",  denn  sie  hat  es  mit  dem  Begriffe ­
  des  richtigen  Denkens,  mit  dem  sinnvollen
Gehalt,  nicht  mit  der  kausal-mechanischen  Verknüpfung  der
Gedanken  zu  tun?).  Wer  über  die  Anfangsgründe  der  Logik
und  der  philosophischen  Verfahrenlehre  hinaus  ist,  muß  es
D  Der  Sperrdruck  stammt  von  mir.  Spann.
2 )  Ein  anderes  Beispiel:  Was  zwischen  zwei  Fechtern  vorgeht,  ist
keinem  Sinngehalte  nach  als  „Kampf"  zu  verstehen,  der  äußeren  mechanischen ­
  Kausalität  nach  dagegen  etwa  als  „Energieumsah  der  Armmuskulatur", ­
  als  „beschleunigte  Bewegung  von  Massen"  (der  eisernen  Schwerter),
als  „Elastizität",  „Oxydation"  (der  sprühenden  Funken)  u.  dgl.  zu  bestimmen. ­
  —  Beide  Betrachtungsweisen  liegen  also
methodologisch  auf  anderen  Ebenen.
        <pb n="164" />
        153

unbegreiflich  finden,  wie  Mar  Weber  sein  Buch  mit  einem  Satze
beginnen  konnte,  der  einen  grellen,  einen  geradezu  elementaren
Widerspruch  enthält.  —  Ferner  sind  auch  die  Ausätze  „in  seinem
Ablauf  und  seinen  Wirkungen"  widerspruchsvoll.  Sie  bedeuten, ­
  daß  das  Handeln  in  seiner  Motivation  —  besonders  als
„innerliches  Handeln"  —  erklärt  werden  soll,  und  daß  auch  die
„Wirkungen"  (wohl  die  auf  die  anderen  Handelnden)  kausalpsychologisch ­
  gefaßt  werden.  —  Endlich  ist  auch  der  Zusatz
„äußeres  oder  innerliches  Tun"  zu  betrachten.  Soll  nur  das
eigentliche  Handeln,  oder  soll  auch  die  Empfindung,  der  Gedanke, ­
  das  Gemüt  (die  gleichsam  als  „inneres  Tun"  zu  fassen
wären)  Gegenstand  der  Soziologie  sein?;  oder  sollen  es  nur
die  unmittelbaren  Voraussetzungen,  die  Gründe  des  äußeren
Tuns,  sein,  die  in  den  Bereich  der  Soziologie  fallen?  Darüber
gibt  die  Definition  in  ihrer  Unklarheit  keinen  endgültigen
Aufschluß.  Hält  man  sich  aber  an  das,  was  wörtlich  gesagt  ist
„äußeres  oder  innerliches  Tun",  dann  soll  nach  Mar  Weber,
wie  ja  nach  manchen  anderen  Soziologen  der  naturalistischen
Richtung,  die  kausaltheoretisch  gedachte  Psychologie  grundsätzlich ­
  ein  Bestandteil  der  Soziologie  sein  —  dies  aber  wieder
trotz  der  ausdrücklichen  Verwahrung  auf  Seite  9,  die  jedoch
selber  gleich  auf  derselben  Seite  mit  dem  Begriffe  des  „Motives"
in  Widerspruch  kommt!
In  der  angeführten  Begriffsbestimmung  streiten  sich  in
der  Tat  alle  jene  Elemente,  die  in  Mar  Webers  nachgelassenen
Entwürfen  —  um  mehr  handelte  es  sich  nicht,  wenn  man  dem
ruhlos  tätigen  Manne  nicht  Unrecht  tun  will  —  gleichfalls  im
hellen  Widersprüche  zu  finden  sind.  Doch  ist  kein  Zweifel,
daß  ihm  der  kausale  Gesichtspunkt  der  durchschlagende  und
herrschende  war!  Denn  trotzdem  er  zugleich  strebte,  das  Verstehende, ­
  Normative,  Nichtkausale  und  Individuell-Geschichtliche ­
  in  seine  Soziologie  hinein  zu  verweben,  blieben  ihm  die
gesellschaftlichen  Erscheinungen  schließlich  immer  ein  System
        <pb n="165" />
        154

kausaler  Beziehungen.  In  diesem  Streben,  das  Sinnvolle,
Nichtkausale  aufzunehmen,  ging  er  über  die  landesübliche,
naturalistische  und  über  die  nach-Comtische  französische  und
englische  Soziologie  hinaus;  sein  Ziel  erreichte  er  jedoch  leider
nicht.  Wo  er  sich  einmal  klar  und  bestimmt  auf  den  methodologischen ­
  Boden  der  Kausalität  stellte,  gehörte  er  dann  sogar
zu  den  entschiedensten  Empiristen,  um  nicht  zu  sagen,  Skeptikern. ­
  „Die  »Gesetze«,"  sagt  er,  „als  welche  man  manche
Lehrsätze  der  verstehenden  Soziologie  zu  bezeichnen  gewohnt
ist  —  etwa  das  Greshamsche  „Gesetz"  —  sind  durch  Beobachtung ­
  erhärtete  typische  Chancen  eines  bei  Vorliegen  gewisser ­
  Tatbestände  zu  gewärtigenden  Ablaufes  von
sozialem  Handeln  ..."  (S.  9).  Abgesehen  nun  davon,  daß  hier
wieder  der  verstehenden  Soziologie  ein  mechanisches
Gesetz  mit  naturwissenschaftlicher  Wahrscheinlichkeit  zugeschrieben ­
  wird  —  zeigt  sich  jetzt,  wie  Mar  Weber  den  Ursächlichkeits-
  und  Gesetzesbegriff  eigentlich  faßt:  Wir  haben
hier  einfach  den  Humeschen  Begriff  der  Erwartung  und  der
Wahrscheinlichkeit,  womit  der  krasseste  Empirismus  bei  dem
sonst  geistvollen  Gelehrten  einkehrt!  Unbegreiflich  ist,  wie  er
es  dabei  fertig  bringt,  sich  wenige  Zeilen  später,  sowie  in  der
kurz  vorhergehenden  Schriftenangabe,  auf  R  i  cf  e  r  t  zu  berufen,
dessen  Begriff  des  Generellen  durchaus  mit  „Chance"  und  „Erwartung" ­
  unvereinbar  ist  und  dessen  ganze  Logik  darauf  gerichtet ­
  ist,  von  der  Alleinherrschaft  der  naturwissenschaftlichkausalen ­
  Begriffsbildung  loszukommen.
Wie  ferner  eine  Definition  nach  Art  der  angeführten  „die
soziale  Beziehung  besteht...  (darin),  daß  ...  sozial  gehandelt
wird"*),  bei  einem  geschulten  Denker  möglich  ist,  fragt  man
sich  vergebens  (s.  auch  die  Machtdifinition  unten  S.  160).
Bei  dem  widerspruchsvollen  und  ganz  unfertigen  Zustande
des  verfahrenmäßigen  Begriffsgebäudes  Mar  Webers  ist  es

H  S.  13,  Hervorhebung  von  mir.  Spann.
        <pb n="166" />
        —  155  —
auch  für  mich  persönlich  nicht  einladend,  auf  eine  Verteidigung
gegen  seine  Angriffe  auf  mich  einzugehen.  Auch  habe  ich  das
Gefühl,  ihm  vielleicht  nicht  ganz  gerecht  zu  werden,  wenn  ich
ihn  auf  Grund  einer  hingeworfenen  Notiz  bekämpfe,  von  der
kaum  feststeht,  wieweit  er  sie  selbst  ernst  nahm.  Da  dies  aber
von  anderer  Seite  geschah,  ist  es  geboten,  in  aller  Kürze  meinen
Standpunkt  festzustellen.  Mar  Weber  sagt  in  Bezug  auf  meine
Unterscheidung  von  Individualismus  und  Universalismus  in
methodologischer  Hinsicht:
„Das  ungeheure  Mißverständnis  jedenfalls,  als  ob  eine
„individualistische"  Methode  eine  (in  irgendeinem
möglichen  Sinn)  individualistische  Wertung  bedeute,  ist
ebenso  auszuschalten,  wie  die  Meinung:  der  unvermeidlich
(relativ)  rationalistische  Charakter  der  Begriffs  bildung  bedeute ­
  den  Glauben  an  das  V  o  r  w  a  l  t  e  n  rationaler  M  o  -
tive  oder  gar:  eine  positive  W  e  r  t  u  n  g  des  „Rationalismus". ­
  Auch  eine  sozialistische  Wirtschaft  müßte  soziologisch
genau  so  „individualistisch",  das  heißt:  aus  dem  Handeln
der  einzelnen  —  der  Typen  von  „Funktionären",  die
in  ihr  auftreten  —  heraus  deutend  verstanden  werden,
wie  etwa  die  Tauschvorgänge  durch  die  Grenznutzlehre  .  .  .
Denn  stets  beginnt  auch  dort  die  entscheidende  empirischsoziologische
  Arbeit  erst  mit  der  Frage:  welche  Motive  bestimmten ­
  und  bestimmen  die  einzelnen  Funktionäre
und  Glieder  dieser  „Gemeinschaft",  sich  so  zu  verhalten,  daß
sie  entstand  und  fortbesteht?  Alle  funktionale
(vom  „Ganzen"  ausgehende)  Begriffsbildung  leistet  nur  „V  o  r  -
arbeit"  dafür.  .  .*)".
Diese  Äußerungen  zeigen  einerseits,  daß  mich  Mar  Weber
nicht  richtig  verstanden  hat,  anderseits,  daß  er  durchaus,  mit
voller  Selbstverständlichkeit  und  Naivität  —  Individualist  ist!
Mein  Gedankengang,  auf  den  sich  Mar  Weber  hier  bezieht,
»)  S.  9.
        <pb n="167" />
        156

ist  kurz  gesagt  der:  daß  die  sozialen  Erscheinungen  entweder ­
  von  ihren  Bestandteilen,  den  einzelnen  Menschen
und  ihren  Handlungen,  her  begriffen  werden  oder  vom
Ganzen  her,  zum  Beispiel  von  „Gesellschaft",  „Staat"  her.
Im  ersten  Falle  sind  die  einzelnen  Bestandteile  (die  Menschen,
Handlungen)  das  Primäre,  das  eigentlich  Wirkliche,  in  sich  selbst
Gegründete  und  vor  ihren  Kombinationen  oder  „Beziehungen"
schon  fertig,  schon  real;  und  die  Analysis  der  gesellschaftlichen ­
  Erscheinungen  wird  in  der
Folge  stets  d  i  e  s  e  n  S  t  a  n  d  p  u  n  k  t  festhalten,
das  heißt  ein  „Ganzes"  als  eigene  Realität  nicht  anerkennen, ­
  sondern  jedes  „Ganze"  mit  allen  seinen  Eigenschaften
aus  den  Einzelnen  herleiten.  Und  in  diesem  Sinne  wird
der  Begriff  des  Einzelnen  als  des  Primären,  der  des  scheinbaren
„Ganzen"  aber  (das  dann  in  Wahrheit  nur  eine  Summe  ist)
als  des  Abgeleiteten,  methodisch  grundlegend  sein.  Dieser
Standpunkt  ist  der  individualistische,  er  hat  mit  „Wertung",
wie  Mar  Weber  meint,  als  solcher  gar  nichts  zu  tun,  er  beruht
auf  einer  Wesensanalyse.  Aus  ihm  folgt  allerdings  auch
eine  Wertung  oder  kann  wenigstens  folgen;  denn  derjenige,
der  im  Einzelnen  das  primär  Wirkliche  sieht,  wird  auch  nur
dem  Einzelnen  den  primären  Wert  zubilligen.  —  Ferner  sagte
ich,  in  meiner  „Gesellschaftslehre"  (1.  Aufl.  1914)  und  in
meinem  „Fundament"  (1.  Aufl.  1918),  daß  umgekehrt,  wenn
man  von  den  gesellschaftlichen  Erscheinungen  als  Ganzheiten ­
  ausgeht,  man  diesen  die  primäre  Wirklichkeit
zuschreiben  und  alles  Einzelne  (zuletzt  auch  die  einzelnen
Menschen,  ihre  Handlungen  usw.)  als  das  Sekundäre,  als  das
vom  Ganzen  in  dem  Sinne  Abgeleitete  betrachten  muß,  daß
es  nur  im  Rahmen  des  Ganzen,  daß  es  nur  als  G  l  i  e  d  möglich ­
  ist.
Mar  Weber  verstand  mich  in  diesem  Gedankengang  so
wenig,  daß  er  in  der  obigen  Erwiderung:  1.  von  „Wertung"
        <pb n="168" />
        157

sprach,  die  mit  dem  Kern  meiner  Unterscheidung  des  Individualismus ­
  und  Universalismus  (die  auf  einem  rein  analytischen ­
  Gedankengange  ruht)  gar  nichts  zu  tun  hat,  und
behauptete,  die  individualistische  Methode  bedeute  eine  „individualistische ­
  Wertung".  M.  W.  betrachtet  naiverweise  Individualismus ­
  und  Universalismus  primär  als  Zweckeinstellungen ­
  während  sie  in  Wahrheit  primär  Wesensanalysen,
analytische  Befunde  sind!  Die  Zweck-  und  Werteinstellung
gehört  erst  der  Frage  an:  ob  aus  dem  analytischen ­
  Befunde  für  die  Wertung  etwas
zu  folgern  sei  und  was;  und  daß  er  2.  sofort  mit
naiver  Selbstverständlichkeit  die  individualistische  Analysis
als  die  einzig  mögliche  und  richtige  hinstellt  und  dazu  noch
was  gar  nicht  notwendig  zu  ihr  gehört,  behauptet,  es  müßten
auch  die  „Motive"  des  Handelns  der  Einzelnen,  als  erste  und
ursprüngliche  Wirklichkeit  der  wirtschaftlichen  (gesellschaftlichen)
Erscheinungen  betrachtet  werden;  wobei  er  die  universalistische ­
  vom  Ganzen  ausgehende  Analyse  als  „Hilfsbetrachtung"
annimmt!!  Mit  dieser  zweiten  Entgegnung
hat  sich  MarWeber  durchaus  auf  den  Boden ­
  meiner  Theorie  gestellt.  Er  hat  zwar  nicht
dieselbe  analytische  Entscheidung  getroffen  wie  icb,  nämlich
nicht  die  universalistische,  sondern  die  individualistische;  aber
er  hat  ungewollt  und  unbewußt  anerkannt,  daß  stets  eine  dieser
beiden  Entscheidungen  getroffen  werden  muß,  daß  man  ihr,
selbst  wenn  man  die  Alternative  formell  ablehnt,  in  Wirklichkeit
niemals  entgehen  könne;  und  er  hat  endlich  selbst  mittelbar
festgestellt,  daß  diese  Entscheidung  ihre  methodologischen  Folgen
hat,  ja  daß  diese  Entscheidung  die  gesamte
Methodik  beherrscht.  Das  kann  mir  genug  sein.
Daß  die  dargelegte  Stellungnahme  Mar  Webers  auch  mit
seinem  bekannten,  nicht  zu  Ende  gedachten,  unklaren  Begriffe
des  „Idealtypus"  zusammenhängt,  bemerke  ich  hier  nur  neben ­
        <pb n="169" />
        158

her,  ohne  weiter  darauf  eingehen  zu  können  (vgl.  S.  10,
S.  124  seines  Werkes  u.  ö.).
Ein  das  ganze  Werk  in  allen  Untersuchungen  bestimmender
Gedanke  ist  die  bekannte  Unterscheidung  Mar  Webers  von  Politik
und  Theorie,  Wert  und  Wirklichkeit,  die  er  von  der  neukantischen
  Schule  übernahm  und  als  erster  in  die  Sozialwissenschaft ­
  einführte  (Kelsen  folgte  erst  später).  Der  theoretische
Begriff  betrifft  nach  ihm  das  Sein,  der  politische  Begriff,  die
politische  Lehre,  betrifft  das  Sollen,  den  Wert.  Die  Theorie  ist,
so  sagt  er,  vollkommen  „wertfrei",  der  Wert,  die  Politik  dagegen ­
  entspricht  der  Weltanschauung,  dem  Subjektiven,  dem
Wertenden.  Seit  der  Tagung  des  Vereins  für  Sozialpolitik
zu  Wien  1909  hat  Mar  Weber  diese  Unterscheidung  mit  der
ihm  eigenen  Wärme  wiederholt  vertreten.  Er,  der  so  oft  dem
entschiedensten  Positivismus  und  Empirismus  zuneigte,  ist
hier  ganz  in  den  Bahnen  des  Neukantianers  Cohen  gewandelt, ­
  welcher  Sein  und  Sollen  wie  zwei  Welten,  die
grundsätzlich  nie  zueinander  kommen  können,  trennte.  Ich  habe
an  anderer  Stelle*)  die  Fehler  des  Cohenischen,  Weberischen
und  Kelsenischen  Gedankenganges  ausführlich  nachgewiesen.
Indem  ich  darauf  verweise,  glaube  ich  mich  hier  mit  der  Behauptung ­
  begnügen  zu  dürfen,  daß  das  entscheidende  Wort
in  dieser  unheilvollen  Bewegung,  die  Mar  Weber  im  Verein
mit  andern  auslöste,  dieses  ist:  die  Verschiedenheit  in  den  Vollkommenheitsbegriffen ­
  oder  „Wertungen"  der  einzelnen  volkswirtschaftlichen ­
  Theorien  und  Schulen  —  man  denke  z.  B.  an
den  Gegensatz  von  Freihandel  und  Schutzzoll  —  hat  ihren  Grund
nicht  in  der  Verschiedenheit  der  politischen  und  subjektiven  Voraussetzungen ­
  ihrer  Vertreter,  sondern  in  der  Verschiedenheit  der
analytischen  Voraussetzungen  ihrer  Theorien.  Der  Wert
*)  Zeitschrift  für  öffentliches  Recht,  III.  Bd.,  Wien  1923,  ferner
meine  Gesellschaftslehre,  2A.,  1923,  S.  555  ff.  u.  ö.  und  meine  „Kategorienlehre", ­
  1924,  S.  326  ff.
        <pb n="170" />
        159

folgt  aus  dem  Wesen,  das  Sollen  wird  aus
dem  Sein  erkannt!  Nicht  subjektive  Wünsche  des
Einzelnen,  sondern  die  Erfordernisse  der  Sache  sind  es,  aus
denen  der  Maßstab  für  das  Vollkommene  eines  Wesens,  für
Sollen  und  Wert  entnommen  werden  muß.  „Das  Vollkommene ­
  ist  früher  als  das  Unvollkommene",  sagte  schon
Aristoteles,  —  aber  für  diese  uralte  platonisch-aristotelische
Weisheit  hat  der  krasse  Empirist  und  Relativist  Mar  Weber
freilich  keinen  Sinn,  selbst  wenn  er  sich  den  Seitensprung
des  Apriorismus  in  Cohenischer  Form  erlaubt.
Hiermit  möge  es  an  den  methodologischen  Bemerkungen
genug  sein.  Die  Unterscheidung  von  „zweckrational"  und  „wertrational"
  (S.  12  f.)  —  deren  UnHaltbarkeit  allzulanger  Darlegungen ­
  erforderte  —  darf  ich  hier  übergehen,  da  sie  schon
aus  anderen  Schriften  Webers  bekannt  ist.
2.  Die  wirtschastslehre.
In  dem  Abschnitte  über  „soziologische  Grundkategorien  des
Wirtschaftens"  ist  wenig  Ursprüngliches  enthalten.  Der  auf
S.  31  und  S.  181  entwickelte  Wirtschaftsbegriff  ist  im  Grunde
jener  Karl  M  e  n  g  e  r  s.  „  Wirtschaftlich  orientiert  soll
ein  Handeln  insoweit  heißen,  als  es  seinem  gemeinten  Sinne
nach  an  der  Fürsorge  für  einen  Begehr  nach  Nutzleistungen
orientiert  ist 1 )."  —  Über  den  auf  S.  32  gegen  mich  geltend  gemachten ­
  Einwand,  Wirtschaft  sei  nicht  „Mittel  für  Ziele",
sondern  eine  „Wahl  zwischen  Zwecken",  kann  ich  hier  hinweggehen, ­
  da  ich  ihn  in  meinem  „Fundament  der  Volkswirtschaftslehre" ­
  2 )  zurückgewiesen  und  dort  dargetan  habe,  daß  die  Wirt-*)
  S.  31.  —  Menger  sagte:  Wirtschaft  ist  die  „vorsorgliche  Tätigkeit" ­
  für  „Befriedigung  der  Bedürfnisse"  („Grundsätze",  1871,  S.  1;
„Untersuchungen",  1882,  S.  232  u.  ö.).  Bei  M.  W.  heißt  es:  Fürsorge
für  „einen  Begehr".
*)  3.  Aufl.,  Jena  1923,  S.  265  ff.
        <pb n="171" />
        160

schaft  keine  Untersuchung  der  Zwecke  selbst  sei.  —  Der  Tausch
wird  von  Mar  Weber  im  gleichen  Sinne  wie  die  Wirtschaft
rein  individualistisch  aufgefaßt*);  sein  Geldbegriff  beruht  auf
einem  Versuche,  eine  Art  gemäßigteren  Metallismus,  etwa
im  Sinne  der  Schule  von  Karl  Menger,  mit  dem  Chartalismus ­
  K  n  a  p  p  s  laienhaft  zu  verbinden  (S.  38  ff.).  Im
übrigen  werden  die  Grundbegriffe  meistens  nur  elementar,
aber  doch  unter  Einführung  scharfsinniger,  eigenartiger  Klassifikationen ­
  behandelt,  wovon  ich  nur  auf  den  Begriff  der  „rechnungsfremden ­
  Leistungsvergemeinschaftung"  Hinweise  (S.  88  f.).
Leider  ist  auch  hier  keine  Systematik  in  der  Aufeinanderfolge
der  Begriffe  und  Paragraphen  eingehalten,  wodurch  der  Verfasser ­
  über  das  bloße  Nebeneinander  von  Einteilungen  fast
nirgends  hinauskommt.  Im  Ganzen  zeigt  sich,  daß  Mar
Weber  kein  volkswirtschaftlicher  Theoretiker,  sondern  Historiker
ist,  der  sich  erst  spät  mit  den  tieferen  Problemen  der  Wirtschaftstheorie ­
  vertraut  machte.  Seine  jahrzehntelange  Krankheit  hat
ihn  daran  gehindert,  sich  jene  umfassenden  theoretischen  Kenntnisse ­
  anzueignen,  die  nun  einmal  für  eigene  Forschung  unentbehrlich ­
  sind.
3.  Die  soziologischen  Lehrstücke.  Geschichte.
Mehr  Selbständiges  enthalten  dagegen  die  soziologischen
Teile  des  Werkes.  Da  ist  zuerst  der  Abschnitt  „die  Typen  der
Herrschaft"  (S.  122  ff.),  wo  rationale,  traditionale  und  charismatische ­
  Herrschaft  als  die  drei  „Jdealtypen"  unterschieden
werden.  Doch  beruhen,  man  muß  es  leider  aussprechen,  die
Begriffsbestimmungen  von  Macht  und  Hc.ftchaft  auf  einem
geradezu  naiven  Zirkel.  „M  acht  bedeutet  jede  Chance  .  .  .
den  eigenen  Willen  auch  gegen  Widerstreben  durchzusetzen  ...."
„Herrschaft  soll  heißen  die  Chance,  für  einen  Befehl  .  .  .

*)  Siehe  S.  36.
        <pb n="172" />
        161

Gehorsam  zu  finden*)."  Es  liegt  doch  auf  der  Hand,  daß  der
Begriff  des  „Durchsetzens"  schon  die  Macht,  der  Begriff  des
„Gehorsamfindens"  schon  die  Herrschaft  in  sich  schließt:  „Armut
kommt  von  der  puuverte!"
Einer  mehrfachen  Behandlung  unterzieht  Mar  Weber
den  Begriff  von  Stand  und  Klasse  (S.  177  ff.,  631  ff.,  267  ff.
u.  ö.).  E.  unterscheidet,  schnell  fertig,  die  Besitzklassen,  Erwerbsklassen ­
  und  sozialen  Klassen,  und  faßt  dabei  den  Klassenbegriff
als  Summierung  der  Zustände  von  Einzelnen  —  also  durchaus
individualistisch.  „..  .  Klasse  bezeichnet  an  sich  nur  Tatbestände
gleicher...  typischer  Jnteressenlagen,  in  denen  der  einzelne
sich  ebenso  wie  zahlreiche  andere  befindet"  (S.  177).  Ebenso
ist  ihm  der  Begriff  des  Standes  nur  durch  die  soziale  Schätzung
bezeichnet!  Der  universalistische  Gedanke,  daß  die  „Klasse"  —
richtiger  der  Stand  —  als  ein  Organ  der  jeweiligen  wirtschaftlichen ­
  oder  gesellschaftlichen  Ganzheiten,  als  Ausdruck
von  deren  Gliederungen  und  als  Träger  der  in  diesen
Gliederungen  liegenden  Aufgaben  aufgefaßt  werden  könne,
daß  daher  den  Klassenunterschieden  im  tieferen,  wesenhaften
Sinne  organische  Unterschiede  in  den  gesellschaftlichen  Verrichtungen ­
  notwendig  zugrunde  liegen,  kommt  unserem,  in
diesem  Falle  durchaus  marristisch  befangenen,  Verfasser  gar
nicht  in  den  Sinn.
Von  den  übrigen  Teilen  des  Werkes,  auf  die  wir  leider
nicht  mehr  alle  eingehen  können,  hebe  ich  noch  hervor:  die
wirtschaftsgcschichtlichen  Stücke,  die  zu  den  besten  gehören;
ferner  die  „Rechtssoziologie"  und  eine  sehr  umfangreiche,
aber  allerdings  auch  nicht  vollendete  „Religionssoziologie".  —
Der  Rechts-  und  Staatsbegriff  Mar  Webers  ist  ein  durchaus
subjektivistischer,  naturalistischer  und  psychologisiischer.  Auf
S.  412  heißt  es:  „.  .  .  das  Bestehen  eines  konkreten  Rechtes

S.  28.
C.  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Aufl.

11
        <pb n="173" />
        162

(ist)  a  potiori  [ist]  die  Gewährung  eines  Superadditums  von
Chance  dafür:  daß  bestimmte  Erwartungen  nicht  enttäuscht
werden  .  .  Sollte  das  Recht  wirklich  nicht  mehr  sein?  Und
das  „Superadditum  von  Chance  dafür:  daß  bestimmte  Erwartungen ­
  nicht  enttäuscht  werden",  ist  überdies  ein  rein  —
individualistischer  Begriff,  denn  nur  Rechte  von  psychologisch
betrachteten  Subjekten  könnten  dahin  bestimmt  werden!  Mar
Weber  hat  auch  nicht  bemerkt,  daß  er  dadurch  im  besten  Falle
psychologische  Gefühle,  die  sich  bei  Nechtsvorgängen  abspielen,
hervorhebt,  keinesfalls  aber  den  Begriff  des  Rechtes  selbst
—  als  eines  Teilganzen  der  Gesellschaft  —  damit  berührt.
(Vgl.  auch  Kelsens  Kritik  in  der  „Itschr.  f.  Volksw.",  Wien
1921.)
Ähnliches  gilt  gegenüber  dem  Begriff  der  Nation,  die  zunächst ­
  dadurch  bezeichnet  sein  soll,  „daß  gewissen  Menschengruppen ­
  ein  spezifisches  Solidaritätsempfinden  anderen  gegenüber ­
  zuzumuten  sei  .  .  ."  (S.  627)  —  eine  wertlose
Scheindefmrtion,  die  schon  in  dem  Worte  „spezifisch"  die  ganze
Denkaufgabe  ohne  Scheu  ungelöst  zurückläßt.
Als  Geschichtsforscher  hat  M.  W.  gewiß  seine  ernstesten
Leistungen  aufzuweisen,  aber  auch  da  ist  sein  Streben  oft  verneinend. ­
  Seine  berühmt  gewordene  Erklärung  der  Entstehung
des  Kapitalismus  aus  einer  asketisch-religiösen  Einstellung  (der
kalvinistischen  Ethik  mit  ihrer  Prädestinationslehre)  ist  nicht  nur
paradox  und  heißt,  aus  dem  Feuer  die  Kälte  erklären,  ist  nicht
nur  geschichtlich  falsch  (wie  Rachfahl,  Brentano,  Th.  Mayer
nachwiesen),  sondern  sie  ist  auch,  was  viel  mehr  bedeutet,  von
zerstörender,  von  geradezu  dämonischer  Art,  indem  sie  die  Religiosität ­
  wie  in  einem  Zerrspiegel,  wie  in  äußerlicher  Fratzenhaftigkeit
  empfinden  läßt.  Damit  kommen  wir  zu  dem
schlimmsten  Teile  des  Buches,  zur  Religionssoziologie.
        <pb n="174" />
        163

4.  Oie  Religionssoziologie  im  Besonderen.
Die  Religionssoziologie  war  bekanntlich  eines  der  Hauptarbeitsgebiete ­
  Mar  Webers.  Die  Vorzüge  seiner  Schriften
darüber  bestehen  in  einer  ungewöhnlichen  Mannigfaltigkeit  des
geschichtlichen  und  gegenwärtigen  Tatsachenstoffes.  Für  ihn
gilt  aber,  was  leider  auch  für  den  größten  Teil  der  modernen
Religionssoziologie  überhaupt  gilt:  daß  eine  unrcligiöse  Religionssoziologie ­
  ihren  Gegenstand  nicht  fassen  kann.  Wer
nicht  nur  die  besondere  Dogmatik  einer  Religion,  sondern
Religiosität  überhaupt  verneint,  der  soll  und  kann  nicht  Religionssoziologie ­
  treiben.  Sollte  Webers  Lehre  wirklich  eine
„verstehende"  Soziologie  sein,  so  könnte  sie  dieses  nur  durch
Versenkung  in  das  Innere  der  Religiosität,  ihrer  Formen
und  Hilfsmittel  sein.  Gerade  er  aber  sieht  der  Religiosität  so
fremd  gegenüber  wie  kaum  ein  anderer.  Er  sucht  nicht  das
Innere  des  Religiösen  auf,  sondern  haftet  absichtlich  am  Äußerlichen ­
  (S.  227)  und  verfehlt  dadurch  das  Bild  der  Wahrheit. ­
  „Religiös  oder  magisch  motiviertes  Handeln",  so  lesen
wir  gleich  zu  Beginn,  „ist  in  seinem  urwüchsigen  Bestände
diesseitig  ausgerichtet.  ,Auf  daß  es  dir  wohlergehe
und  daß  du  lange  lebest  auf  Erden',  sollen  die  religiös  oder
magisch  gebotenen  Handlungen  vollzogen  werden*)."  So  Mar
Weber.  Religiöses  Handeln  soll  also  darin  bestehen  —  daß
es  nicht  religiös  ist!  Ob  es  schon  jemanden  gegeben  hat,  der
aus  dem  vierten  Gebot  die  Religion  begründete,  und  sie  daraus
als  „diesseitig  ausgerichtet"  bestimmte?
„Religiös  oder  magisch  motiviertes  Handeln",  so  fährt
Weber  fort,  „ist  ferner  gerade  in  seiner  urwüchsigen  Gestalt
ein  mindestens  relativ  rationales  Handeln  ...  Wie  das  Quirlen
den  Funken  aus  dem  Holz,  so  lockt  die  „magische"  Mimik  des
Kundigen  den  Regen  aus  dem  Himmel  .  .  .  Das  religiöse  .  .  .

0  S.  227.

11*
        <pb n="175" />
        164

Handeln  ...  ist  also  gar  nicht  aus  dem  Kreise  des  alltäglichen
Zweckhandelns  auszusondern,  zumal  auch  seine  Zwecke  selbst
überwiegend  ökonomisch  sinLU)."  —  Daß  die  Zwecke  des
religiösen  Handelns  „überwiegend  ökonomisch"  seien,  wie  Mar
Weber  hier  behauptet,  wird  wohl  kaum  jemand  unterschreiben
können.  So  redet  ein  Blinder  von  der  Farbe.  Begriffsbestimmungen ­
  dieses  Stiles  finden  sich  aber  leider  auf  Schritt  und
Tritt.  Zum  Beispiel:  „Wie  der  Zauberer  sein  Charisma
fGnadengabe^,  so  hat  der  Gott  seine  Macht  zu  bewähre  n.
Zeigt  sich  der  Versuch  der  Beeinflussung  dauernd  nutzlos,  so
ist  entweder  der  Gott  machtlos  oder  die  Mittel  seiner  Beeinflussung ­
  sind  unbekannt  und  man  gibt  ihn  auf."  (S.  243.)
Auch  hier  wird  der  Gottesbegriff  von  der  denkbar  äußerlichsten
Seite  und  von  entarteten  Erscheinungen  her  gefaßt:  von  hier
aus  glaubt  Mar  Weber  das  Recht  ableiten  zu  können,  das
Metaphysische,  den  Kern  jedes  Gottesbegriffes,  —  zu  übergehen ­
  !
Im  folgenden  Abschnitt  „Zauberer—Priester"  heißt  es
(S.  241):  „Priester,  die  Funktionäre  eines  regelmäßig  organisierten ­
  stetigen  Betriebes  zur  Beeinflussung  der  Götter
gegenüber  der  individuellen  Inanspruchnahme  der  Zauberer
von  Fall  zu  Fall."  „Typisch  ist  für  den  Priesterbegriff,  daß  der
Funktionär  dauernd  angestellt  ist,  indessen  die  Zauberer  einen
freien  Beruf  ausüben."  Solche  Ausführungen  muten  wie
Hohn  auf  ernste  Wissenschaftlichkeit  an.  Und  sie  stimmen  nicht
einmal  mit  den  Geschichtskenntnissen  eines  Gymnasiasten.
War  nun  Agamemnon,  der  nicht  in  einem  „Betrieb"  als
„Funktionär  dauernd  angestellt"  war,  Priester  oder  Zauberer?
—  Das  alte  Christentum  nennt  M.  W.  „eine  spezifische  Handwerkerreligiosität" ­
  (S.  275).  „Sein  Heiland  ein  landstädtischer
Handwerker,  seine  Missonare  wandernde  Handwerksburschen  .."

l )  S.  227.
        <pb n="176" />
        165

(ebenda)  —  wahrlich  eine  großartige  Intuition
über  religiöse  Berufung!
Von  der  Verbindung  der  Religiosität  mit  der  Sittlichkeit
spricht  Mar  Weber  in  dieser  Tonart:  „Ganz  der  Realität
der  Dinge  im  Leben  entsprechend,  ist  der  Hüter  der  R  e  ch  t  s  -
ordnung  keineswegs  notwendig  der  stärkste  Gott:  weder
Varun'a  in  Indien,  noch  Maat  in  Ägypten,  noch  weniger
Lykos  in  Attika  oder  Dike  oder  Themis  und  auch  nicht  Apollon
waren  dies.  Nur  ihre  ethische  Qualifikation  (!)...  zeichnet
sie  aus.  Aber  nicht  weil  er  ein  Gott  ist,  schützt  der  „ethische"
Gott  die  Rechtsordnung  .  .  .  Sondern  weil  er  nun  einmal
diese  besondere  Art  von  Handeln  in  seine  Obhut  genommen
hat*)."  —  Ein  materialistisches  Zerrbild  religiösen  Wesens,
wie  es  trauriger  nicht  gedacht  werden  kann.
In  Bezug  auf  das  Verhältnis  der  Religion  zu  den  Klassen
und  Ständen  heißt  es  u.  a.:  Gnosis,  Manichäismus  waren
„Jntellektuellenkulte"  (S.  280),  „der  Fraueneinfluß  pflegt
nur  die  emotionellen,  hysterisch  bedingten  Seiten  der  Religiosität ­
  zu  steigern"  (ebenda).  Die  „Bedeutung  der  Erlösungsreligiosität ­
  für  die  .  .  .  negativ  privilegierten  Schichten  im
Gegensatze  zu  den  positiv  privilegierten  .  .  ."  wird  dahin  bestimmt, ­
  „daß  das  Würdegefühl  der  höchst  privilegierten  .  .  .
Schichten,  speziell  des  Adels  ...  auf  dem  Bewußtsein  der  „Vollendung" ­
  ihrer  Lebensführung  als  eines  Ausdruckes  ihres
qualitativen,  in  sich  beruhenden,  nicht  über  sich  hinaus  weisenden ­
  „Sein  s"  ruht,  und,  der  Natur  der  Sache  nach,  ruhen
kann,  jedes  Würdegefühl  negativ  Privilegierter  dagegen  auf
einer  ihnen  verbürgten  „Verheißung",  die  an  eine  ihnen  zugewiesene ­
  „Funktion",  „Mission",  „Beruf"  geknüpft  ist?)."  „Der
Hunger  nach  einer  ihnen  ...  nicht  zugefallenen  Würde  schafft
diese  Konzeption,  aus  welcher  die  rationalistische  Idee  einer

0  S.  244  f.
r)  S.  280  f.
        <pb n="177" />
        166  —

„Vorsehung"  ...  entspringt"  (S.  281).  Hier  geht  die  religiöse
Farbenblindheit  in  unbewußte  aber  krasse  Tatsachenfälschung
infolge  marxistischer  Befangenheit  über.  Denn  was  soll  es  bedeuten, ­
  daß  der  Erlösungsidee  als  „Verheißung"  bei  den  Armen,
ein  „Sein"  beim  Adel  gegenüberstünde?  Begegnet  etwa  beim
Adel  nicht  der  Glaube  an  eine  Vorsehung  und  das  Bedürfnis  nach
Erlösung  von  den  Übeln  des  Daseins?  Ich  will  hier  absichtlich
vom  christlichen  Mittelalter  nicht  sprechen;  aber  war  der  Königsohn ­
  Buddha,  der  die  Erlösungsidee  in  den  Mittelpunkt  der
Religion  stellte,  ein  Proletarier,  hat  nicht  fast  seine  ganze
Gemeinde  aus  Adeligen  bestanden?  „Geburt  ist  Leiden,
Alter  ist  Leiden,  Tod  ist  Leiden",  allein  schon  diese  Worte
Buddhas  hätten  Mar  Weber  lehren  können,  daß  der  religiöse
Erlösungsgedanke  mit  der  „Privilegierung"  und  „ökonomischen
Lage"  einer  Schicht  innerlich  nichts  zu  tun,  sondern  unendlich
tiefere  Gründe  hat.  Die  Fragen  des  Lebens  reichen  wahrlich
über  die  Einkommenslehre  hinaus  —  dieser  Satz  ist  es  vornehmlich, ­
  den  man  Mar  Webers  „Religionssoziologie"  als  einer
ungeheuren  Sammlung  mißverstandenen
Tatsachenstoffes  entgegenhalten  muß.  Ein  a-metaphysischer
  Mensch  unterfing  sich  darin,  das  größte  metaphysische ­
  Gebiet  der  menschlichen  Gesellschaft  und  Geschichte
zu  behandeln.
Von  einer  „verstehenden  Soziologie"  ist  hier  wenig  mehr
zu  finden.  Es  ist  eine  seltene  Verständnisarmut,  die  sich  hier
an  ein  ihr  unerschwingliches  Grundgebiet  des  sozialen  Lebens,
die  Religiosität,  heranwagt,  es  ist  eine  ätzende  Sucht,  zu  zersetzen ­
  und  zu  zerstören,  die  sich  hier  kund  tut.  Und  was  bietet  sie
selber?  —  überall  nur  ein  atheistisches  Aufklärertum  plattester
Art.  Da  gilt,  was  Faust  zu  Mephisto  sagt:
Was  willst  Du  armer  Teufel  geben?
Ward  eines  Menschen  Geist  in  seinem  hohen  Streben
Von  Deinesgleichen  je  gefaßt?
        <pb n="178" />
        167

Mar  Weber  hat  recht,  es  ist  ein  „Sein  ohne  Sollen",  ein
Wertfreies  und  Wertloses,  das  er  uns  hier  zum  besten  gibt.
Vor  20  Jahren  noch  hätte  Mar  Webers  Atheismus,  Skeptizismus, ­
  Materialismus,  Individualismus,  Marrismus  und  was
dieser  Art  mehr  ist,  sein  „groß'  Publikum"  gefunden.  Heute  ist
seine  Zeit  vorbei,  heute  ist  seine  Lehre  tote  Wissenschaft,
da  in  den  grausigen  Wirren  des  Lebens  der  Mensch  sich  wieder
auf  seine  letzten  Grundlagen  zurückgeworfen  sieht  und  dem
uralten  Worte  nachsinnen  lernt,  daß  alles  Irdische  an  den
Himmel  gebunden  ist.
Mar  Weber  war  ein  dämonisch  ruheloser  Mann,  der  auf
andere  persönlich  zu  wirken  vermochte,  dem  es  aber  nicht  beschieden
  war,  ein  Lebenswerk  zu  hinterlassen,  das  dauern
könnte.
        <pb n="179" />
        Sachverzeichnis*).
Die  Zahlen  bedeuten  die  Seiten.

Angebot  und  Nachfrage
35,  52,  64  ff.,  68,  74,  75,  76,
78,  83  f.
Arbeitsteilung  8,  61.
Arbeitsvereiniqunq  61.
A  r  t  133.
Atom,  Atomisierung  20,
23,  71,  75.
Atomisrnus  siehe  Individualismus. ­

A  u  s  g  l  i  e  d  e  r  u  n  g  40,  92,  93
—96,  120,  145.
Ausgliederungsfülle  121,
135,  136,  142,  144,  145.
Ausgliederungskraft,  Ausgliederungsmacht ­
  121,134,
138,  144.
Ausgliederungsordnung  92ff.
Autarkie,  autark  7,  15,  29,  40,
93,  102.
Betrieb  54,  55,  56,  57,  58,  61,
62,  72,  111,  118,  125,  126,  127,
133,  141;  s.  a.  Unterganzheit.
Betriebsgliedschaft  133.
Betriebsorganisation  118,
119.
B  ö  r  s  e  14,  62,  73,  96,  104,  105,
131.

Börsensensal  71.
B  r  u  d  e  r  l  a  d  e  n  41.
Chaos  8.
Chartalismus  159.
Darwinismus  36,  39.
Dezentralisierung,  Dezentralisation ­
  139,  144.
Eigenkraft  145.
E  i  g  e  n  l  e  b  e  n  92,  98,  102,  112,
121,  134,  145.
Eigennutz  14,  32,  78,  85—87.
Eingliederung  12,  13,  14,
19,  33.
Einkommen  128  f.
Einzelheit  66.
E  i  n  z  e  l  h  a  f  t  i  g  k  e  i  t  18.
Einzelwirtschaft  37,  111.
Empirismus  154,  157.
Entwicklungs-s.  Naturgesetze.
Erzeugungslehre  79.
Erzeugungswesen  107.
Freihandels,  136,  159.
F  r  e  i  h  a  n  d  e  l  s  l  e  h  r  e  61,  92,
137.

J )  Angefertigt  von  Dr.  Klaus  Thiede.
        <pb n="180" />
        —  169  —

Fronhof  29.
Fronhofswirtschaft  126.
Frühkapitalismus  32.
Ganzes,  Ganzheit  12,  13,
14,  15,  16,  17,  18,  19,  24,  25,
26,  33,  35,  38,  45,  46,  57,  58,  59,
60,  67,  68,  69,  75,  86,  91,  98,
112,  119,  121,  126,  134,  135,  137,
143,  145.
Ganzheitslehre  s.  Universalismus. ­

Gattung  133.
Gebietswirtschaft  111,116,
117,  118,  122,  124,  133,  140.
G  e  b  i  l  d  e  55,  58,  73,  74  s.  Unterganzheit. ­

Gefüge  46.
G  e  l  d  62,  69,  98,  104,  116.
Geldwesen  8,  97.
Gemeinde  8,  9.
Gemeinsamkeit  der  Ziele
16,  17.
Gemeinsamkeitsreife  96,
97,  98,  100,  101—103,  104,  107,
110,  113,  114,  118,  123,  124,
133,  140.
Genossenschaft  27,  117,  122.
Genossenschaftlichkeit  27,
31.
Genossenschaftsverband
117,  122.
G  e  n  u  ß  r  e  i  f  e  97,  102,  107,  109,
131.
Gesetz  der  Grenz  paare  71  f.,
74,  84  f.
Gesetzmäßigkeit  164.
Gewerbefreiheit  9,  33.
G  e  w  e  r  k  s  ch  a  f  t  27,  41,  122.

Gewerkschaftsverband
117,  122.
Gewerkverein  117.
G  i  l  d  e  27.
Gleichgewicht  von  Angebot
und  Nachfrage  66,  75.
Gleich  Wichtigkeit  73  f.,  85.
G  l  i  e  d  11,  12,  13,  17,  59,  71,  75,
93,  94,  102,  120,  121,  145.
G  l  i  e  d  e  r  b  a  u  58,  66,  68,  72,  91.
—,  objektiver  17.
—,  überindividueller  19.
G  l  i  e  d  e  r  u  n  g  31,  35,  41,  42,  68,
73,  74,  76,  79,  81,  85,  129.
Gliederungsform  38.
—,  ständische  34,  39.
G  l  i  e  d  h  a  f  t  i  g  k  e  i  t  11,  12,  16,
30,  60,  74—77,  93,  99,  103,  128,
131.
Gliedlichkeit  s.  Gliedbaftigkeit.

Gliedschaft  s.  Gliedhaftigkeit.
G  r  e  n  z  s  a  l  l  58.
Grenznutzen,  Grenznutzeulehre ­
  49,  73,  74,  78,  155.
Grcnznutzenschule  52.
Greshamsches  Gesetz  154.
Großbetrieb  10,  58,  143.
Grundgestalten  4.
G  u  t  9,  69,  72,  103.
Handelsbilanz  129  ff.
H  a  n  d  e  l  s  v  e  r  t  r  a  g  97,  99,  118.
Harmonie,  prästabilierte  10,78.
Haushalt  119,  133.
Hauswirtschaft  27  ff.,  36,
38  f.,  39.
Hervorbringungsreife  96,
98,  100—104,  110.
        <pb n="181" />
        170

Hilfsgebilde  59.
Hofwirtschaft  38.
Homogene  22,  71.
Humanismus  32.
Jdealtypus  157.
I  n  d  i  v  i  d  u  a  l  i  s  m  u  s  5,16,19,
22,  29,  34,  35,  42,  45,  46,  49,  51,
52,  55  f.,  59,  60,  61,  63,  73,  75,
77,  78,  83,  85,  91,  121,  129,  132,
139,  155.
Innung  41.
Aapital  höherer  Ordnung
15,  40,  96  f.,  100,  102,  104,  105,
113  ff.,  117,  123  f.,  130  f.,  132,
136.
Kapitalismus  4,  5,  9,  32
—35,  36,  40.
K  a  p  i  t  e  l  r  e  i  f  e  107—109.
Kartell  27,  41,  71,  114,  117,
122,  126,  141.
Kausalgesetz  42,  43,  74.
Kausalität  s.  Ursächlichkeit.
Kirche  123.
Klasse  169.
Kleinbetrieb  58,  143.
Kollektivarbeitsvertrag
71.
Kommunismus,  kommunistische ­
  Wirtschaft  4,  5,  19—26,  27,
30,  35,  36,  39,  44,  71,  104.
Konglomerat  60.
Konjunktur  81.
Konzentration,  Konzentrat ­
  i  o  n  s  g  e  s  e  tz  20  f.,  23,
42,  138,  142.
Konzentrationslehre  143.
Kreditwesen  107.

Kriegswirtschaft  126.
Krise  10,  35,  86,  131.
Kunst  123.
Landschaftswirtschaft  30.
Leistung  61,  62,  67,  70,  76,
80,  96,  97,  108,  126.
Leistungsgröße  67.
L  e  i  st  u  n  g  s  l  e  h  r  e  79,  101,  129.
Marktpreisformel  71,  84.
Marktlage  81.
M  a  r  k  t  r  e  i  f  e  97,  98,  103  f.,  114,
116,  118,  126.
Marxismus  36,  46,  91,  165.
M  e  r  k  a  n  t  i  l  i  s  m  u  s  33,35,139.
M  e  t  a  l  l  i  s  m  u  s  105,  159.
Methode  150.
M  i  t  t  e  l  f  ü  r  §  i  e  l  e  62,91,103.
Monopol,  monopoloid.  35,  72,
74,  122,  124.
Monopolisierung  142.
Nachbargebilde  s.  Hilfsgebilde. ­

Nachstufe  der  Erzeugung
65,  67.
N  a  t  u  r  g  e  s  e  tz  e  5,  74,  75,  91.
Neukantische  Schule  3,
157.
Nominalismus  105.
Organisation  69,  71,  122.
Organisationsform  4.
Organismus  19,  31,  54,  62,
70,  80,  93.
Planlosigkeit  9.
Planwirtschaft  4,  19—26,
30,  32,  44.
        <pb n="182" />
        171

Positivismus  157.
Preis  48—87,  125ff.
—  organischer,  gerechter  68.
Produktionslehre  s.  Leistungslehre. ­

Produktionsumweg  108.
Produktivitätsbilanz  131.
Psychologie  145.
Rang  12.
Rangordnung  11.
Realität  51.
Relativismus  159.
Religionssoziologie  162ff.  *
Renaissance  32.
Rohstoffreife  108.
Zacherfordernis  4.
Schutzzolls,  132,  158.
Sein  und  Sollen  3.
Seitengliederung  95.
S  e  l  b  st  e  n  t  s  ch  l  i  e  ß  u  n  g  6,11.
Selbstregulierung  10.
Sittlichkeit  123.
Skeptizismus  154.
Sozialpolitik  33,  117.
Spekulant  15.
S  t  a  a  t  8,  9,  33,  93,  97,122,  123.
Stand  28,  161.
Ständische  Wirtschaft  s.
Wirtschaft.
S  t  a  d  t  w  i  r  t  s  ch  a  f  t  9,  27,  36,
39.
S  t  r  e  i  t  s  a  h  4,  95.
Struktur  s.  Gefüge.
Stufe  65,  145.
Stufenbau  110—142.
Stufenfolge  37,  128.
Stufenlehre  36  f.
Stufenwert  95.

S  u  b  j  e  k  t  i  v  i  t  ä  t  16,18,67,145.
Suggestion  11.
Summationsvorgang  66.
Tausch,  Tausch  relation  7,
13,  48—87,  bes.  56  f.,  125—128.
Teilganze  55,  66,  94,  95,  96,
109,  110,  120,121,123,129—145.
These  s.  Streitsah.
Tiefengliederung  95.
T  y  p  e  n  l  e  h  r  e  37.
Typus  58.
Uberganzheit  112.
Überkonzentration  140,
141,  142.
Überzentralisation  104.
ü  m  g  l  i  e  d  e  r  u  n  g  13,  67.
U  n  i  v  e  r  s  a  l  i  s  m  u  s  22,  55,  59,
60,  63,  64,  75,  77,  91,  145.
U  n  t  e  r  g  a  n  z  h  e  i  t  14,  30,  58,
60,  92,  112,  116,  117,  124,  125,
126,  128,  140.
Untergliederung  144.
Ursächlichkeit,  ursächlich,  53,
74—77,  79*  83,  151  f.,  154,  155.
Utopie,  utopisch  4,  7,  24,  31,
33,  34.
verband  8,  28.
Derbandswirtschaft  117,
122,  133.
Verbundenheit  s.  Gtiedhaftigkeit.

V  e  r  k  e  h  r  6,10,13,14,15,  31,  44.
Verkehrsfreiheit  8,  132.
Verkehrswirtschaft  4,  5
—18,  24,  30,  33,  34,  35,  37,  44,
45,  142.
        <pb n="183" />
        172  —

Verteilung,  Verteilungslehre ­
  77,  78,  79,  80,  81,  82,
83,  129.
Volkstum  18.
V  o  l  k  s  w  i  r  t  s  ch  a  f  t  6  f.,  11,  12,
14,  20,  33,  34,  36,  38,  39,  52,
54  f.,  58,  61,  62,  65,  69,  70,  71,
72,  80,  81,  83,  85,  93,111,112  ff.,
117,  122,  123,  126  ff.,  130,  132,
134,  135—139,  140.
Vorrang,  Vorrangverhalt ­
  n  i  s  92,  93—96,  121,  132
—142.
D  o  r  r  e  i  f  e  69,  98—101,  110.
Vorstufe  (derErzeugung)  65,67.
lvanderzwang  100.
Weltanschauung  3,  158.
W  e  l  t  m  a  r  k  t  96.
Weltwirtschaft  12,  33,  52,
69,  71,  72,  81,  111,  112  ff.,  117,
118,  127,  128,  130,  132  f.,  133,
134  f.,  135—139,  140.
W  e  r  k  r  e  i  f  e  97,  98,  103  f.,  107
—109,  126,  131.
Wettbewerb  10,  41,  86.

Wirtschaft,  frei  geregelte,  s.
Kapitalismus.
—,  genossenschaftliche  27.
—  ständisch  gebundene  4,  5,  9,  26
—32,  33,  39,  41,  42,  44,  45.
—,  statische  72,  73.
—,  völkische  18,  31,  136.
Wirtschaftsgebilde,  robinsonadische
  29.
Wirtschaftsgestalt  3.
Wirtschaftsplan  59.
Wirtschaftsverband  111.
Wirtschaftszentrum  39.
Zahlungsbilanz  129,  130,  131.
Aielgemeinsamkeit  27.
§  i  e  l  g  l  e  i  ch  h  e  i  t  24,  27.
Z  o  l  l  p  o  l  i  t  i  k  33.
Zollverwaltung  97.
Z  u  n  f  t  9,  27  ff.,  32,  35,  38,  69,
106,  117,  122,  127,  142.
Z  u  n  f  t  w  i  r  t  s  ch  a  f  t  27,  36.
Zurechnung,  Zurcchnungst
  h  e  o  r  i  e  83—85,  s.  Gleichwichtigkeit. ­

Zuteilung  126.
        <pb n="184" />
        Weitere  Schriften  von

Othmar  Spann
Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena:
Fundament  der  Volkswirtschaftslehre.  Dritte,  neuerdings
durchgesehene  Auflage.  Mit  einem  Anhang:  Vom  Geist  der  Volkswirtschaftslehre. ­
  XVI,  382  S.  gr.  8°  1923  Rmk  7.-,  geb.  9.—
Der  Verfasser  entwirft  in  dem  vorliegenden  Buche  eine  umfangreiche,  mit  neuen  Begriffen ­
  arbeitende  Leistungslehre,  die  sehr  viele  wertvolle  Gedanken  aufweist.  Sie  entspricht
seinem  Hauptprinzip,  daß  die  Volkswirtschaftslehre  aus  der  rohen  Auffaffung  und  Begriffsform ­
  einer  Kausalwiffenschast  herauszuheben  und  als  Wiffenschaft  von  ganz  anderer  begrifflicher ­
  Natur,  als  eine  reine  Zweckwiffenschaft  zu  begründen  sei,  welche  die  Zweckbeziehung ­
  ihrer  Elemente  zueinander  als  das  einzig  Wesentliche  und  Unterscheidende  in  ihrem
Gegenstände  ansieht;  in  der  3.  Auflage  sind  die  Gedankengänge,  welche  die  universalistische
Auffassung  der  Wirtschaft  im  Gegensatz  zu  der  bisher  herrschenden  atomistisch-individualistischen
  begründet,  besonders  klar  ausgebildet.  Die  als  Anhang  dem  Buche  beigefügte  Anrrittsrede
  „Vom  Geist  der  Volkswirtschaft"  gibt  einen  Ueberblick  über  die  Grundgedanken
des  Spannschen  Systems  und  erleichtert  das  Eindringen  in  seine  Gedanken.
Das  Werk  ist  nicht  nur  eine  neue  Grundlegung,  sondern  auch  ein  Führer  durch
alle  großen  Srreitfragen,  welche  die  Volkswirtschaftslehre  von  heute  bewegen.  Daß
die  Volkswirtschaftslehre  in  die  Kulturwissenschaften  einzureihen  sei,  haben  schon  seit  längerer ­
  Zeit  teils  Vertreter  der  Voltswirtschastslehre  selbst,  teils  Vertreter  der  Soziologie
und  der  Philosophie  ausgesprochen.  Die  Durchführung  dieser  Auffaffung  blieb  jedoch  bisher ­
  unbefriedigend,  weil  nicht  wirklich  vom  Boden  der  Wirtschaft  ausgegangen  wurde.
Das  Werk  gelangt  von  einer  strengen  Bestimmung  des  Begriffs  der  Wirtschaft  aus  zuerst
zu  einem  planmäßigen  Ausbau  des  Begriffsgebäudes  der  Volkswirtschaftslehre.  Im  zweiten
Teil,  der  „Lehre  vom  Verfahren",  bringt  es  eine  Lösung  des  ein  Menschenalter  lang
fruchtlos  geführten  „Methodenstreites",  indem  es  eine  Logik  der  volkswirtschaftlichen  Begriffsbildung ­
  und  eine  Lehre  vom  logischen  Ausbau  der  Volkswirtschaftslehre  gibt.
Die  Schrift  wendet  sich  nicht  nur  an  die  Theoretiker  der  Volkswirtschaftslehre,  sondern
auch  an  alle  diejenigen,  die  an  dem  Fortschreiten  der  volkswirtschaftlichen  Erkenntnis  aus
wirtschaftspolitischen,  sozialpolitischen,  staatspolitischen,  soziologischen  ober  philosophischen
Gründen  Anteil  nehmen.
Kategorienlkhre.  („Die  Herdflamme".  Hrsg,  von  O  Spann.  Ergänzungsband ­
  1.)  XVI,  373  S.  kl.  8°  1924  Rmk.  5.—,  geb.  6.50
Inhalt:  I.  Einführung  und  geschichtlicher  Ueberblick.  —  II.  Die  Urweisen
  des  Seins.  1.  Allgemeine  Erklärung  des  Wesens  der  Ganzheit.  2.  Die  Urweisen
  der  Ausgliederung  nnd  Vollkommenheit  mit  ihren  Besonderungen.  3.  Die  Weisen
der  Rückverbundenheit  des  Gliedes  im  Ganzen.  —  III.  Ausblicke.  1.  Ganzheit  und  Ursächlichkeit. ­
  2.  Kategorienlehre  und  Ontologie.  3.  Bemerkungen  über  die  Bedeutung  des
Begriffes  der  Ganzheit  für  den  Begriff  der  Erkenntnis.  4.  Bemerkungen  über  den  Unterschied ­
  von  Ganzheit.  Form,  Substanz  und  Teilnahme.  5.  Gezweiung,  Dreizahl,  dialektische
Methode.  6.  Der  Gottesbeweis  aus  dem  Begriffe  der  Ganzheit.  —  Sachverzeichnis.

Verlag  Quelle  Meyer,  Leipzig:
Die  Haupttheorien  der  Volkswirtschaftslehre.  15.  Auflage.
75.  Taufend.  1923
Der  wahre  Staat.  2.  Auflage.  1923
Gesellschaftslehre.  2.  Auflage.  1923

Böhmerland-Verlag,  Leipzig  und  Eger:
Vom  Wesen  des  Volkstums.  Was  ist  deutsch?  Ein  Vortrag.
2.  Auflage.  (7.  bis  15.  Tausend.)  1922
        <pb n="185" />
        Die  Herdflamme
Sammlung  der  gesellschaftswissenschaftlichen  Grundwerke  aller
Zeiten  und  Völker
Herausgegeben  von  Pros.  Or.  Othmar  Spann,  Wien

Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena

Bd.  1:  Die  Elemente  der  Staatskunst.  Oeffentliche  Vorlesungen, ­
  1808/09  zu  Dresden  gehalten  von  Adam  H.  Müller.
Mit  einem  Bildnis  des  Verfassers  nach  Gerh.  v.  Kügelgen.  Herausgegeben ­
  und  mit  einer  Einführung,  erklärenden  Anmerkungen
und  Originaldokumenten  versehen  von  Priv.-Dozent  Dr.  Jakob
Baxa.  Zwei  Bände.  Mit  3  Tafeln.  XXIV,  475  u.  606  S.  1922
Rmk  7.50,  geb.  10.50
Bd.  2:  Versuche  einer  neuen  Theorie  des  Geldes  (mit  besonderer
Berücksichtigung  Großbritanniens)  (1816).  Von  Adam  H.  Müller.
Mit  Einführungen  und  erklärenden  Anmerkungen  versehen  von  Dr.
Helene  Lieser,  Wien.  VIII,  381  (3.  1922  Rmk2.50,  geb.  3.50
Bd.  3:  Ausgewählte  Schriften  zur  Staats-  und  Wirtschaftslehre ­
  des  Thomas  von  Aquino.  Neue  Uebertragung,  mit
Anmerkungen,  lateinischem  Paralleltext  und  einer  kritischen  Einführung ­
  von  Dr.  Friedr.  Schreyvogl,  Wien.  III,  448  S.
1923  Rmk  5.—.  geb.  6.—
Bd.  4:  Augustinus  /  Der  Gottesstaat.  Die  staatswissenschaftlichen
Teile  ausgewählt,  übersetzt,  mit  lateinischem  Paralleltext  und  mit
Anmerkungen  versehen  von  Univ  -Prof.  D.  Dr.  Karl  Völker,
Wien.  III,  194  S.  1923  Rmk  2.50,  geb.  3.50
Bd.5/6:Plat0Ns  Staatschriften.  Griechisch  und  deutsch.  Text
der  Oxoniana,  durchgesehen  und  neu  übersetzt,  erläutert  und  eingeleitet ­
  von  Priv.-Doz.  Dr.  Wilhelm  Andreae,  Berlin.
Teil  1:  Briefe.  XXVHI,  200  S.  1923  Rmk  3.—,  geb.  4.—
Geschenkausgabe  in  rot  Leder  handgebunden  Rmk  25.—
Teil  2:  „Staat".  Zwei  Bände.
I.  Halbband:  Text  und  Uebersetzung.  IX,  844  S.  1924
Rmk  13.—,  geb.  15.—
Geschenkausgabe  in  rot  Leder  handgebunden  Rmk  36.—
II.  Halbband:  Einleitung,  erläuternde  Anmerkungen,  Sach-  und
Namenverzeichnis  V,  224  S.  1925  Rmk  4.50.  geb  5.50
Geschenkausgabe  in  rot  Leder  handgebunden  Rmk  27.—
—  Teil  3  siehe  Bd.  13.  —
        <pb n="186" />
        93b.  8:  Gesellschaft  und  Staat  im  Spiegel  deutscher  Romantik.
Die  staats-  und  gesellschaftswissenschaftlichen  Schriften  deutscher
Romantiker,  ausgewählt,  mit  erklärenden  Einleitungen  und  Anmerkungen ­
  versehen  und  herausgegeben  von  Priv.-Doz.  vr.  Jakob
B  axa,  Wien.  VII,  664  S.  1924  Rmk8.50,  geb.  10.—
Bd.  9:  Der  Staat  der  Germanen.  Eine  Ouellensammlung.  Von
vr.  E.  Klebel,  Wien.  Zwei  Bände.  in  Vorbereitung
Bd.  10:  Friedrich  Lifts  kleinere  Schriften.  Gesammelt,  herausgegeben
  und  mit  einem  Vorwort  versehen  von  Prof.  vr.  Friedrich
Lenz,  Gießen.
Teil  I:  Zur  Staatswissenschaft  und  politischen  Oekonomie.
  1925  im  Druck
Bd.11:  Hegels  sozialphilosophische  Schriften.  Herausgegeben  und
erläutert  von  vr.  Baeumler.
1.  Teil:  Rechtsphilosophie.  1925  in  Vorbereitung
93b.  12:  Schellings  sozialphilosophische  Schriften.  Herausgegeben
und  erläutert  von  vr.  Manfred  Schröter,  München.  1925
in  Vorbereitung
Bd.  13:  Platons  Staatschriften.  Teil  3:  „Der  Staatsmann".
Griechisch  und  deutsch.  in  Vorbereitung
Später  wird  folgen:  Teil  4:  „Gesetze".
93b.  14:  Baaders  sozialphilosophische  Schriften.  Herausgegeben
von  vr.  I.  Sauter,  München.  1925  im  Druck
93b.  15:  Fichtes  Schriften  zur  Gesellschaftsphilosophie.  I:  Die
Reden  an  die  deutsche  Nation.  —  Staatslehre  (von  1813).  —
Herausgegeben  und  mit  einer  Einleitung  und  erklärenden  Anmerkungen ­
  versehen  von  vr.  Hans  Riehl,  Wien,  in  Vorbereitung
93b.  16:  Frh.  vom  Stein.  Ausgewählte  Schriften.  Herausgegeben ­
  und  mit  Einleitungen  und  Anmerkungen  versehen  von  vr.
Klaus  Thiede,  Wien.  in  Vorbereitung
Bd.  17:  Wilhelm  v.  Hnmdoldt.  Ausgewählte  Schriften  zur  Gesellschaftsphilosophie ­
  Herausgegeben,  eingeleitet  und  mit  erläuternden  Anmerkungen ­
  versehen  von  vr.  I.  Tins,  Prag  in  Vorbereitung
Ergänzungsband  1:  Kategorienlehre.  Von  Prof.  vr.  Othmar  Spann,
Wien.  XVI,  373  S.  1924  Rmk  5.—,  geb.  6.50

—  Die  Sammlung  wird  fortgesetzt.
        <pb n="187" />
        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena

Adam  Müller
Ausgewählte  Abhandlungen
Mit  einem  Bildnis,  einem  Lebensabriß
und  bisher  unveröffentlichten  Briefen  und  Berichten  Adam  Müllers
Auf  Grund  archivarischer  Forschungen  und  mit  erklärenden  Anmerkungen
herausgegeben  von
Dr.  Jakob  Baxa,  Wien
Mit  einem  Geleitwort  von  Prof.  Dr.  Othmar  Spann,  Wien
VII.  251  S.  gr.  8°  1921  Rmk  4.—,  geb.  6.—

Inhalt:  I.  Adam  Müllers  ausgewählte  Abhandlungen:  1.  Bon  der  Idee
des  Staates.  2.  Die  heutige  Wisienichaft  der  Nationalökonomie,  kurz  und  faßlich  dargestellt. ­
  1816.  3.  Zeitgemäße  Betrachtungen  über  den  Gelduinlauf.  1816.  4.  Vom  Papiergelde. ­
  5.  Bon  der  Gewerbefreiheit.  6.  Adam  Smith.  1808.  7.  Streit  zwischen  Glück
und  Industrie.  8.  Indirekte  Abgaben,  indirekte  Rekrutierung  der  Armen.  9.  Teilung  der
Arbeit.  10.  Taxation  des  Grundeigentums.  11.  Geldwesen  von  Großbritannien.  13.  Von
den  Vorteilen  der  Errichtung  einer  Nationalbank.  13.  Briefe  über  Geldnot,  Finanzen  u.
andere  dringliche  Angelegenheiten.  1819.  14.  Ueber  die  Errichtung  der  Sparbanken.  1819.
15.  Argronowiiche  Briefe.  1812.  16.  Staatswirtschaftliche  Verlegenheit  in  England  und
Reform  der  Geldverhältnisse  in  Oesterreich.  17.  Der  poetische  Besitz.  —  II.  Anmerkungen
zu  den  Abhandlungen.  —  III.  Adam  Müller  und  die  deutsche  Romantik.  Ein
Lebensbild.  —  IV.  Quellennachweise  der  Erläuterungen  zum  Lebensbilde.  —  V.  Zeittafel ­
  zu  Adam  Müllers  Leben.  —  VI.  Anhang:  Originaldokumente  zu  Adam  Müllers
Leben.  -  VII-  Verzeichnis  der  vom  Herausgeber  benützten  Schriften.  —  VIII.  Namen
Verzeichnis.
Die  Werke  Adam  Müllers,  eines  der  größten  deutschen  Volkswirte,  sind  alle  längst
vergriffen,  ja  zum  Teil  verschollen.  So  kommt  es,  daß  heute  sein  Name  verklungen  ist.
Seine  Gedanken  aber  haben  die  Zeit  überdauert  und  scheinen  besonders  für  uns  und  die
Zukunft  von  größter  Bedeutung  zu  werden.  Adam  Müller  war  der  erste  in  Deutschland,
der  den  wirtschaftlichen  Liberalismus  des  Adam  Smith  bekämpfte  und  für  eine  organische
Auffassung  der  Volkswirtschaft  eintrat.  Er  war  besonders  auch  ein  Vorläufer  unseres
großen  nationalen  Volkswirtes  Friedrich  List,  der  manche  Lehre  Müllers  sich  zu  eigen
machte.  Die  vorliegende  Auswahl  seiner  Abhandlungen  wird  zur  Einführung  und  Uebersicht ­
  die  besten  Dienste  bieten.  Für  die  Theoretiker  der  Volkswirtschaftslehre  sind  sie  von
besonderem  Wert.
Deustsch-österreich.  Tageszeitung,  18.  Juni  1922:  .  .  .  Das  Buch  Müllers  ist
ein  organisches  Ganzes  von  Grundbegriffen  der  Staats-,  Wirtschafts-  und  Gescllschaftslehre,
wie  es  kaum  ein  anderes  Volk  von  einem  seiner  Geistesgrößen  besitzt.  Der  Staat  als  soziale
Einheit,  die  Zusammenhänge  der  einzelnen  Funktionen,  die  Stellung  und  Bedeutung  des
Ganzen  und  seiner  Teile  sind  hier  in  einer  Weise  behandelt,  die  n:  bezug  auf  die  reife
Erkenntnis  vielleicht  einzelne  Spezialisten  der  Philosophie,  der  Soziologie,  der  Nationalökonomie ­
  in  die  Nähe  gekommen,  die  in  bezug  auf  Gesamtauffassung  und  Gesamtdarstellung
wohl  von  keinem  erreicht,  sicherlich  nicht  übertroffen  wurde.  Es  ist  von  größter  Wichtigkeit,
gerade  jetzt,  wo  die  Kraft  des  deutschen  Geistes  unsere  wirksamste  Waffe  geblieben  ist,  die
Meisterwerke  dieses  Geistes  zu  kennen,  zu  würdigen,  zu  nützen.  .  .
Dozent  Dr.  Rich.  Kerschagl
        <pb n="188" />
        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena

Tie  Ausgangspunkte  der  Wirtschaftswissenschaft.  Von  Dr.
Sven  Helander,  Hauptamt!.  Dozent  der  Nationalökonomie  und  Leiter
der  Handelshochschulkurse  zu  Golhenburg.  III,  122  S.  gr.  8°  1923
Rmk  3.—
Inhalt:  1.  Tie  Problemstellung.  Deutsche  und  englische  Nationalökonomie.  2.  Der
Begriff  der  Wirtschaft  und  der  Ausgangspunkt  der  Wirtschaftswissenichaft.  3.  Reine  und
historische  Wirtschaftswissenschaft.  4.  Nur-wirtschastliche  und  wirtschaftssvziologische  Wirtschaftswissenschaft. ­
  5.  Jndividualprinzipielle  und  sozialprinzivielle  Wirtschaftswissenschaft.
6.  Statische  und  dynamische  Wirtschaftswissenschaft  7.  Theoretische  und  politische  Wirtschaftswissenschaft. ­
  -  Schlußbemerkungcn.  Exkurs:  Adam  Smith  und  die  Wirtsckaftsstusentheorie
  von  Friedrich  List.
Weltwirtschaft!.  Archiv.  Juli  1922:  ...  Als  Gesamteindruck  bleibt  bestehen,
daß  wir  es  hier  mit  einer  gründlichen,  scharfsinnigen  Analyse  zu  tun  haben,
welche  durch  eine  gerade  heute  selten  gewordene  Kraft  der  Synthese  ergänzt  wird.  Mir
dem  hier  ausgestellten  System  wird  sich  zunächst  der  Theoretiker  eingehend  besassen  muffen.
Aber  auch  der  Togmenhistoriker  dürfte  aus  den  aus  meist  unmittelbarer,  breiter  Quellenkenntnis
  geschöpften  Belegen  und  den  daran  geknüpften,  kritische  Schulung  verratenden
Urteilen  manche  wertvollen  Anregungen  entnehmen.  Schließlich  gibt  die  Schrift  aucd  noch
einige  praktisch  verwertbare  Hinweise  bezüglich  einer  neuen,  arbeitsteiligen  Behandlung
des  noch  immer  ungenügend  durchorganisierten  Stoffgebietes  der  Wirtschastswiffenschast.
vr.  H.  Proesler  (Nürnberg)

Prinzipien  der  Wirtschaft.  Eine  Grundlegung  der  Einkommenslehre. ­
  Von  Di-.  Berlliold  Josephh,  Privaidozent  an  der  Universität
Jena.  IV,  205  S.  gr.  8«  1925  Rmk  8.—
Inhalt:  Einleitung:  Kriterien  und  Prinzipien.  —  I  Grundlagen  der
Wirtschaft.  Ter  Wirlsckiaftsbegriff.  Tie  Wirtschaftsprinzipien.  Tie  Wirtschafisfubjckte.
—  II.  Hab  und  Gut  des  Wirtschafters.  Das  Eigentum.  Das  Gut.  —  III  Ertrag
und  Einkommen.  Tw  natürliche  Individualwirtschaft  Tie  polinswe  Wirtschaft.  Tie
soziale  Wirtschaft:  Tausch  und  Preise;  Erträge;  Einkommen.  —  Schluß.
Tie  Durchführung  eines  positiven  Gedankens  in  der  Wirtschaftstheorie  ist  die  Aufgabe
dieser  Untersuchungen.  Diese  Bestimmung  ließ  es  nicht  als  angebracht  erscheinen,  auf  den
berührten  Gebieten  kritisch  Stellung  zu  nehmen  zu  anderen  Autoren,  die  ebenfalls  diese  Gebiete, ­
  aber  nicht  unter  dem  hier  betonten  Gesichtspunkte  behandelt  haben.  Tie  vorhandenen
Beziehungen  ergeben  sich  für  den  geschulten  Theoretiker  von  selbst,  und  deshalb  hielt  sich
der  Bcrsasser  für  berechtigt,  diese  Abhandlung  von  dogmenkritischen  Einschaltungen,  welche
den  zusammenhängenden  Fluß  der  Darstellung  störend  unterbrochen  hätte»,  freizuhalten  Die
elienen  Heranziehungen  anderer  Meinungen  haben  nur  demonstrative,  keine  kritische  Bedeutung. ­

Tie  Krisis  in  der  heutigen  Volkswirtschaft,  dargestellt  an  literarischen ­
  Neuerscheinungen.  Mit  Vorschlägen  zur  Ueberwindung  der
Krise.  Von  Prof.  Dr.  Ii.  c.  Rudolf  Stolzmann,  Cenatspräsident  a.D.
VII,  145  S.  gr.  8°  1925  Rmk  6.—
Inhalt:  Einleitung.  —  I  Kritischer  Teil.  1.  Die  sozialrechtliche  Lehre  Karl
Diehls.  2.  Die  „Grundlagen  der  Volkswirtschaft"  nach  Verrijn  Stuart.  3.  „Die
Ausgangspunkte  der  Wirtschaftswissenschaft"  nach  S  v  e  n  H  e  l  a  nde  r.  4.  „Die  ökonomischen ­
  Kategorien  und  die  Organisation  der  Wirtschaft"  nach  der  Auffaffnng  von  Or.
Richard  Strigl.  3.  „Die  Grnndprobleme  der  funktionellen  Verteilung  des  wirtschaftlichen ­
  Wertes"  nach  Or.  Karl  Landauer.  6.  „Das  Fundament  der  Volkswirtschaftslehre" ­
  nach  Othmar  Spann.  7.  Das  Verhältnis  der  Glieder  der  Volkswirtschaft  zueinander. ­
  8.  Der  Leistungsbegriff  bei  Spann.  9.  Das  Verhältnis  von  Jndividnum  und
Gesellschaft.  10.  Das  Verhältnis  von  Ursache  und  Zweck.  —  II.  Positiver  Teil.
1.  Die  Begrenzung  der  Aufgabe  g)  Das  Wesen  der  Idee  b)  Das  Wesen  der  Wirklichkeit. ­
  c)  Tie  Verknüpfung  von  Idee  und  Wirklichkeit.  2.  Das  Recht  des  Reinökonomischen
und  das  Reckt  der  sozialen  Kategorie.  3.  Das  Zusammenwirken  der  Produklionsfaktoren
in  der  volkswirtschaftlichen  Arbeitsgemeinschaft.  4.  Die  Wert-  und  Preislehre.  5.  Ergebniffe
  für  einen  Ausgleich  der  Gegensätze.  —  Namen-  und  Sachregister.
        <pb n="189" />
        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena

Wesen  und  Ziele  der  Wirtschaftsphilosophic.  Von  Prof.  Dr.
h.  c.  Rttd.  Stolzmann,  Senatspräsident  a.  D.,  Charlottenburg.  Aus
dem  Entwurf  eines  zusammenfassenden  Vortrags,  abgedruckt  als  systematische ­
  Ergänzung  zu  des  Verfassers  ..Grundzüge  einer  Philosophie
der  Volkswirtschaft".  52  S.  gr.  8°  1923  Rmk  1.—
Inhalt:  Einleitung  und  Programm.  —  1.  Die  Philosophie  als  Wissenschaft  vom
Ganzen.  2.  Die  Volkswirtschaft  als  ein  Ganzes.  3.  Der  Ursprung  der  Erkenntnis.  4.  Die
Unterscheidung  von  Form  und  Inhalt.  5.  Ursprung,  Form  und  Inhalt  der  volkswirtschaftlichen ­
  Erkenntnis.  6.  Natur  und  Freiheit.  7.  Natur  und  Freiheit  (Kausalität  und
Zweck)  in  der  Volkswirtschaft.  8.  Die  Wertlehre.
Die  Geineinwirtschaft.  Untersuchungen  über  den  Sozialismus.  Von
Prof.  Dr.  Ludwig  Mises,  Wien.  VIII.  503  S.  gr.  8°  1922
Rmk  6  —,  geb.  8.—
Inhalt:  Einleitung.  —  I.  Liberalismus  und  Sozialismus.—  II.  Die  Wirtschaft ­
  des  sozialistischen  Gemeinwesens.  1.  Das  isolierte  sozialistische  Gemeinwesen. ­
  2.  Das  sozialistische  Gemeinwesen  im  Verkehr.  3.  Besondere  Gestaltung  des  sozialistischen ­
  Ideals  und  psendosozialistische  Gebilde.  III.  Die  Lehre  von  der  Unentrinnbarkeit
  des  Sozialismus,  l.  Die  gesellschaftliche  Entwicklung.  2.  Kapitalskonzentration ­
  unk,  Monopolbildung  als  Vorstufe  des  Sozialismus.  —  IV.  Sozialismus  als
sittliche  Forderung.  —  V.  Der  Destruktionismus.  —  Schluß:  Die  geschichtliche
Bedeutung  des  Sozialismus.
Das  Buch  von  Professor  Mises  hat  in  der  wissenschaftlichen  Welt  großes  Aufsehen  erregt ­
  und  zu  einer  Reihe  von  wissenschaftlichen  Diskussionen  Anlaß  gegeben.  Allein  über
das  eine  in  dem  Werke  zuerst  berührte  Problem  „die  Wirtschaftsrechnung  im  sozialistischen
Gemeinwesen"  ist  eine  ganze  Literarur  entstanden.
In  seinem  Aufsatze  „Sozialpolitische  Wandlungen  in  der  wissenschaftlichen  Nationalökonomie" ­
  („Der  Arbeitgeber".  1923.  1.  Febr.),  der  den  Anstoß  zu  den  unter  dem
Schlagworte  „Die  Krisis  in  der  Sozialpolitik"  in  der  „Sozialen  Praxis"  (1923)  erschienenen ­
  bekannten  Erörterungen  gegeben  hat,  sagt  Professor  Herkner  bei  Erwähnung  der
den  Kathedersozialismus  ablehnenden  Nationalökonomen:  „Die  weitaus  bedeutsamste
Leistung  dieser  Richtung  tritt  uns  in  dem  glänzend  geschriebenen,  gedankenreichen  Werke
des  Wiener  Nationalökonomen  L.  Mises  „Die  Gemeinwirtschafk"  entgegen.  Im  Vollbesitze ­
  der  modernsten  wissenschaftlichen  Errungenschaften  übt  der  Autor  eine  geradezu  zermalmende, ­
  zum  Teil  von  durchaus  neuen  Gesichtspunkten  ausgehende  Kritik  an  dem  Sozialismus ­
  jeder  Spielart  und  an  allem,  was  er  als  Sozialismus  ansieht.  Der  Sozialismus
ist,  wie  er  nachweist,  ganz  außerstande,  auch  nur  den  bescheidensten  Ansprüchen  in  bezug
auf  die  Wirtschaftlichkeit  der  Produktion  zu  genügen,  weil  er  seinem  Prinzip  nach  die
Selbstverantwortlichkeit,  das  Selbstinteresse  und  die  Geldwertrechnung  ausschaltet.  Ohne
letztere  ist  rationales,  wirtschaftliches  Handeln  aber  ganz  undenkbar."
Arbeitsgliederung  und  Arbeitsverschiebung.  Grundzttge  einer
Theorie  der  volkswirtschaftlichen  Dynamik  und  der  Krisen.  Von
Prof.  Dr.  August  Uhl.  (Abhandlungen  des  wirtschaftswissenschaftlichen
Seminars  zu  Jena.  Begr.  von  I.  Pierstorff,  Hrsg,  von  Fr.  Gutmann ­
  und  G.  Keßler.  Bd.  17,  Heft  1.)  V,  177  S.  gr.  8«  1924
Rmk  6  —
Inhalt:  Einleitung.  —  I.  Teil.  Die  Arbeitsgliedcrung.  1.  Die  Begriffe
Arbeitsteilung  und  Arbeitsgliederung.  2.  Die  Arbeitsgliedcrung  vom  historischen,  tech-  '
Nischen  unv  sozialwirtschaftlichen  Gesichtspunkt.  3.  Die  schematische  Darstellung  der  wirtschaftlichen ­
  Zusammenhänge.  —  II.  Teil.  Die  A  rb  eitsverl  chiebung.  &amp;gt;.  Der  Begriff ­
  der  Arbeitsverichiebung.  2.  Die  gegenseitige  Abhängigkeit  der  beruflichen  Arbeit.
3  Die  Korrelation  der  Arbeit.  4.  Die  potentielle  Arbeitsverschiebung.  5.  Das  Verhältnis
der  Arbeit  zur  Kaufkraft.  6.  Die  Ursachen  der  Arbeitsverschiebung.  Die  Herkunst  der
freien  Kaufkraft;  insbesondere  die  Rente.  8.  Die  übrigen  Quellen  der  freien  Kaufkraft.  —
Schluß.  —  Literaturverzeichnis.
Soziale  Praxis,  1924,  Nr.  51:  Nach  einer  kurzen  Erörterung  der  Arbeitsglicderung
  d.  h.  des  bestehenden  Wirtschaftsaufbaues  aus  Berufen  und  Wirtschaftseinheiten
untersucht  der  Verfasser  die  Störungen  des  Wirtschaftslebens,  wie  sie  sich  in  Arbeitsverschiebungen ­
  auswirken.  Die  Herkunft  und  Wirkung  der  freien  Kaufkraft,  insbesondere  der
Rente  als  der  wesentlichen  Ursache  der  Arbeitsverschiebung,  wird  eingehend  dargestellt.  Das
Buch  ist  anregend  und  läßt  manche  bekannten  Zusammenhänge  in  neuein  Licht  erscheinen.
        <pb n="190" />
        —  161  —
Gehorsam  zu  finden*)."  Es  liegt  doch  auf  der  Hand,  daß  der
Begriff  des  „Durchsetzens"  schon  die  Macht,  der  Begriff  des
„Gehorsamfindens"  schon  die  Herrschaft  in  sich  schließt:  „Armut
kommt  von  der  puuverte!"
Einer  mehrfachen  Behandlung  unterzieht  Mar  Weber
den  Begriff  von  Stand  und  Klasse  (S.  177  ff.,  631  ff.,  267  ff.
u.  ö.).  E.  unterscheidet,  schnell  fertig,  die  Besitzklassen,  Erwerbsklassen ­
  und  sozialen  Klassen,  und  faßt  dabei  den  Klassenbegriff
als  Summierung  der  Zustände  von  Einzelnen  —  also  durchaus
individualistisch.  „.  .  .  Klasse  bezeichnet  an  sich  nur  Tatbestände
gleicher...  typischer  Jnteressenlagen,  in  denen  der  einzelne
sich  ebenso  wie  zahlreiche  andere  befindet"  (S.  177).  Ebenso
ist  ihm  der  Begriff  des  Standes  nur  durch  die  soziale  Schätzung
bezeichnet!  Der  universalistische  Gedanke,  daß  die  „Klasse"  —
richtiger  der  Stand  —  als  ein  Organ  der  jeweiligen  wirtscbaftlichen
  oder  gesellschaftlichen  Ganzheiten,  als  Ausdruck
von  deren  Gliederungen  und  als  Träger  der  in  diesen
!  Gliederungen  liegenden  Aufgaben  aufgefaßt  werden  könne,
daß  daher  den  Klassenunterschieden  im  tieferen,  wesenhaften
Sinne  organische  Unterschiede  in  den  gesellschaftlichen  Verrichtungen ­
  notwendig  zugrunde  liegen,  kommt  unserem,  in
diesem  Falle  durchaus  marristisch  befangenen,  Verfasser  gar
nicht  in  den  Sinn.
Von  den  übrigen  Teilen  des  Werkes,  auf  die  wir  leider
nicht  mehr  alle  eingehen  können,  hebe  ich  noch  hervor:  die
wirtschaftsgeschichtlichen  Stücke,  die  zu  den  besten  gehören;
ferner  die  „Rechtssoziologie"  und  eine  sehr  umfangreiche,
aber  allerdings  auch  nicht  vollendete  „Religionssoziologie".  —
Der  Rechts-  und  Staatsbegriff  Mar  Webers  ist  ein  durchaus
subjektivistischer,  naturalistischer  und  psychologistischer.  Auf
S.  412  heißt  es:  „.  .  .  das  Bestehen  eines  konkreten  Rechtes
»)  S.  28.
O.  Spann,  Tote  und  lebendige  Wissenschaft.  2.  Aufl.  11
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