— 86 — „Die armen Fabrikanten!" rief ich lachend dazwischen. „Wie gerne möchten sie niedrige Preise machen, aber die bösen Arbeiter lassen das nicht zu, die sind zu begehrlich." „Nun, das weiß ich schon, daß das nicht wahr ist," entgegnete Wilhelur ärgerlich: „aber das ist doch Tatsache, daß höhere Löhne höhere Preise mit sich bringen. Und erinnere dich doch nur, du hast uns gezeigt, wie die Preise zustande kommen. Zu den Produktionskosten wird der Durchschnittsprofit geschlagen, die Summe ist der Preis. Nun gehören aber doch die gezahlten Löhne auch zu den Produktionskosten. Ob also die Löhne steigen oder ob zum Beispiel das Rohprodukt teurer wird, kommt doch auf eins hinaus. In beiden Fällen steigen die Produktionskosten und damit die Preise." „Ja, aber wie verträgt sich denn das mit der Wertformel?" warf Karl dazwischen. „Der Wert einer Ware ist abhängig von der Arbeitsmenge, die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendig ist. Ob jetzt die Arbeit besser oder schlechter entlohnt wird, ist also für den Wert ganz gleich, solange nach wie vor dieselbe Arbeitszeit notwendig ist, um die Ware herzustellen. Von den Werten hängen aber die Preise ab. Daher könnten die Preise sich über haupt nicht ändern, wenn die Löhne steigen oder fallen; das kann ich aber doch nicht glauben; denn es ist doch Tatsache, daß oft Waren teurer werden, wenn die Arbeitslöhne steigen, und dann wüßte ich auch nicht, was gegen Wilhelms Rechnung einzuwenden wäre. So weiß ich jetzt gar nicht, was ich denken soll." „Ihr habt vorhin beide davon gesprochen," begann ich wieder, „daß die Fabrikanten und Händler »gezwungen« sind, die Preise zu erhöhen. Das sieht so aus, als ob die das sehr ungern täten." „Nun ja," unterbrach mich Karl etwas ungeduldig, „das ist doch nur eine Redensart, wie sie eben Wilhelms Vater und das Wahlflugblatt ver wendeten; aber auf die Ausdrucksweise kommt es doch nicht an." „Vielleicht steckt aber doch etwas Ernsteres dahinter," erwiderte ich. „Jeder Kaufmann will doch so teuer verkaufen, als er nur irgend kann. Warum verlangt denn dann nicht jeder noch viel höhere Preise, als es in Wirklichkeit geschieht?" „Weil sonst die Käufer zum Konkurrenten gehen," antwortete Wil helm. „Darüber haben wir ja auch schon früher gesprochen." „Ja, und damals sind wir von da aus zum Wertgesetz gekommen." ergänzte Karl. „Das ist schon wahr; wenn die Fabrikanten u. s. w. die Preise erhöhen könnten, wie sie wollen, dann hätten sie nicht aus die Lohn erhöhung gewartet, dann hätten sie die Preise gleich höher angesetzt. Es fragt sich also, ob sie die Preise deshalb höher ansetzen können, weil die Löhne gestiegen sind." „Freilich können sie das," erwiderte Wilhelm. „Erstens haben jetzt die Arbeiter mehr Geld und können darum mehr kaufen und höhere Preise bezahlen, und zweitens habe ich euch ja schon vorhin gezeigt, daß sich nach der Preisberechnung, die wir von Gustav selbst gelernt haben, ein höherer Preis ergibt, wenn man zu den gesteigerten Produktionskosten den Prosit schlägt. Waren früher zum Beispiel die Auslagen für Rohstoffe, Maschinen abnutzung u. s. to. 800 Mk., die Löhne 200 Mk. und der Profit 20 Prozent, also auf 1000 Mk. noch 200 Mk., so wurden die fertigen Waren um 800 + 200 + 200 — 1200 Mk. verkauft. Steigt jetzt der Lohn von 200 Mk. auf 300 Mk., dann haben wir 800 + 300 — 1100 Mk. Produktionsunkosten. Dazu kommen 20 Prozent von 1100 Mk., das sind 220 Mk., so kostet die selbe Ware, die früher 1200 Mk. gekostet hat, jetzt 1100 + 220 Mk., also