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        <title>Kapitalismus und Sozialismus</title>
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            <surname>Eckstein</surname>
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        Kapitalismus 
// // und // // 
Sozialismus 
Gespräche zur Einführung in 
die Grundbegriffe des wiffen- 
schaftlichen Sozialismus 
Don Gustav Eckstein 
Mit Vorwort von Karl Kautökv 
Wien 1920 
Derlag der Wiener DoNsbuchhandlung ÄgnarBranbLSo. 
6. astilrf, &lt;9umpen6orffiHra8e 18
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        tf 9 $/{ 
Sozialistische Bücherei. 
Heft 1: Der Weg 
Wien 1919. 
zum Sozialismus. Von Otto Bauer. 32 Seiten. 
Kr. 2 — 
Agitationsausgabe Kr. 1'20 
Heft 2: Rätediktatur oder Demokratie? 16 Seiten. Wien 1919. Kr. 1*— 
Agitationsausgabe Kr. —*40 
Heft 3: Rätearbeit und Nationalversammlungstragödien in Revolutionen. 
Von Alexander Täubler. 20 Seiten. Wien 1919. Kr. 1*20 
Agitationsausgabe Kr. —*60 
Heft 4: Die Sozialisierung und der neue Geist der Zeit. Von Alexander 
Täubler. 32 Seiten. Wien 1919, Kr. 2 — 
Agitationsausgabe Kr- 1*— 
Heft 5: Die Sozialisierung und die Arbeiterräte. Von Karl Kautsky. 
16 Seiten. Wien 1919. Kr. 1— 
Agitationsausgabe Kr. —*50 
Heft 6: Das Kommunistische Manifest. Von Karl Marx und Friedrich 
Engels. Mit Vorwort von Max Adler. 36 Seiten. Wien 1919. Kr. 2'— 
Agitationsausgabe Kr. 1*— 
Heft 7: Revolutionäre Disziplin. Von Josef Frey. 16 Seiten. Wien 1919. 
Kr. 1*— 
Agitationsausgabe Kr. —*50 
Heft 8: Demokratie und Rätesystem. Von Max Adler. 40 Seiten. Kr. 2*40 
Agitationsausgabe Kr. 1*20 
Heft 9: Betriebsräte und Gewerkschaften. Von Julius Grünwald. 20 Seiten, 
Wien 1919. Kr. 1*20 
Agitationsausgabe Kr. —*60 
Heft 10: Die Arbeiterbewegung im Kampf gegen den alten Klassenstaat. 
Prozeß Viktor Adler. Vorwort von Michael Schacher!. 56 Seiten. 
Wien 1919. „ Kr. 3 60 
Agsiationsausgabe Kr. 1*80 
Heft 11: Weltrevolution. 20 Seiten. Wien 1919. Kr. 1 20 
Agitationsausgabe Kr. —60 
Heft 12: Acht Monate auswärtige Politik. Rede, gehalten am 29. Juli 
1919 von Otto Bauer. 12 Seiten. Wien 1919. Kr. —*80 
Agitationsausgabe Kr. —*40 
Heft 13: Die Arbeiterräte in Deutschösterreich. Von Julius Braunthal. 
56 Seiten. Wien 1919. Kr. 3 50 
Agitationsausgabe Kr. 1*75 
Heft 14: Entstehung und Zusammenbruch der ungarischen Rätediktatur. 
Von V 22 Seiten. Wien 1919. Kr. 1*50 
Agitationsausgabe Kr. —*80 
Bei allen Preisen 20 Prozent Teuerungszuschlag. 
Zu beziehen durch den 
Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 
Ignaz Brand &amp; Co. 
Wien VI, Gumpendorferstraße 18. &gt;
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        Kapitalismus und 
Sozialismus 
Gespräche zur Einführung in 
die Grundbegriffe des wiffen- 
I schastlichen Sozialismus / 
Von Gustav Eckstein 
preis 8 Kronen 
20 Prozent Teuerungszuschlag 
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A-^ 
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Wien 1920 
Verlag der Wiener Volksbuchhandlung 6. Bezirk, Gumpendorferstrahe 18
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        Inhalt. 
) 
Vorwort . . 
Was ist Sozialismus? 
Bauernleben in der guten alten Zeit . . . 
Die Bauernbefreiung ^ 
„Das Handwerk hat einen goldenen Boden" 
Der Lohn geistiger Arbeit 
Der Ursprung des Proletariats 
Der Ursprung des Kapitals - - . 
Der Wert 
Angebot und Nachfrage 
Der Große frißt den Kleinen 
Der Arbeitslohn 
Die Gewerkschaft 
Die Arbeitszeit 
Zeitlohn und Stücklohn 
Die Maschine 
.Der Profit 
Frauen- und Kinderarbeit z 
Löhne und Preise 
Der Kapitalismus erwürgt sich selbst . '. . 
Die Ueberproduktion 
Die Krien . . 
Kartelle und Truste 
Tie soziale Revolution 
Was sollen wir lesen 
Seite 
3 
8 
11 
. 14 
. 16 
20 
. 23 
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. 75 
. 80 
. 85 
. 93 
. 96 
. 99 
. 105 
. 108 
. 116
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        Vorwort. 
Die »vorliegende Schrift bildet eine Zusammenfassung von Ar 
tikeln, die mein lieber Freund Eckstein einige Jahre vor dem Kriege 
in der Berliner „Arbeiterjugend" erscheinen ließ. Sie waren so gelungen 
und fanden solchen Beifall, daß von den verschiedenste^ Seiten der 
Wunsch laut wurde, sie möchten in Buchform erscheinen und damit 
weiteren Kreisen und auch den dem Jugendalter entwachsenen Teilen 
der Arbeiterschaft zugänglich gemacht werden. 
Eckstein machte sich gern anheischig, der Anregung Folge zu leisten, 
doch wollte er die Artikel noch nach manchen Richtungen hin vervoll 
ständigen. Andere dringendere Arbeiten hinderten ihn zunächst daran, 
dann kam der Krieg mit seinen Aufregungen und Entbehrungen, die 
unseren bereits schwer erkrankten Freund vollends niederwarfen und 
damit unserer großen Sache vorzeitig einen unserer treuesten Genossen, 
unserer unerschrockensten Vorkämpfer, unserer erfolgreichsten Lehrer, 
unserer tiefsten Denker raubten. 
Umfassende Arbeitspläne nahm unser unvergeßlicher Kamerad 
mit sich ins Grab. So war er auch nicht mehr dazugekommen, feine- 
„Gespräche zur Einführung in die Grundbegriffe des wissenschaftlichen 
Sozialismus" in Buchform herauszugeben. Ein Jahrzehnt der kolossal 
sten Umwälzungen liegt seit ihrer Abfassung und ihrem jetzigen Er 
scheinen. Aber sie haben seitdem an Bedeutung nichts verloren und 
sind durch keine Publikation ähnlicher Art überholt worden. 
' Es ist eben nicht leicht, Ergebnisse der modernen Wissenschaft, die 
so ungeheuer viele Kenntnisse voraussetzt, zu popularisieren, ohne 
Schaden für die Wissenschaft; das heißt, jene Ergebnisse einem 
Publikum, das nur über das dürftige Wissen der Volksschule verfügt, 
verständlich zu machen, ohne die Erkenntnisse zu verflachen, zu ver 
simpeln oder zu vergröbern. Mit einem Worte, es ist nicht leicht, 
populär zu fein, ohne vulgär zu werden. 
Es gehört dazu eine Summe sehr verschiedener Fähigkeiten, die' 
nur selten in einer Person vereinigt anzutreffen sind: ein starker wissen 
schaftlicher Sinn wie vollkommene Beherrschung des Gegenstandes, 
daneben aber auch eine große dialektische, das heißt lehrhafte Begabung 
und tiefstes Verständnis für die geistige Eigengrt des Publikums, für 
das man popularisiert, ein Verständnis, das nur erworben wird von 
solchep, di^ mit ihrem Publikum seit Jahren durch regen persönlichen 
Verkehr aufs innigste vertraut sind und es aufs liebevollste in allen 
seinen Aeußerungen belauschen. 
Das gilt von der Popularisierung jeder Wissenschaft. Der wissen 
schaftliche Sozialismus setzt aber überdies noch voraus, daß man in 
verschiedenen Wissenschaften zu Hause ist.
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        r- 
— 4 — 
Man wird als Marxist nichts Bedeutendes leisten, wenn man 
nicht historisch ebenso beschlagen ist wie ökonomisch. Man wird 
um so mehr leisten, je mehr man sich mit der Methodik natur- 
wissenschastlichen Denkens bekannt gemacht und je mehr man 
imstande ist, die Grenzgebiete zwischen Gesellschaftswissen- | 
schast und Naturwissenschaft zu überschauen. Marx und 
Engels waren aus allen diesen Gebieten Meister. 
Auch unser Eckstein war hier zu Hause wie wenige. Und so wie 
unsere großen Lehrer fühlte er stets das Bedürfnis, die Ergebnisse | 
seines Forschens nicht nur der gelehrten Welt in dicken Bänden zu 
zuflüstern, sondern sie dem Proletariat zugänglich zu machen, an dem j 
er mit der größten Liebe hing, dem sein ganzes Sinnen und Trachten 
galt und mit dem er, namentlich in den letzten Jahren vor dem Kriege | 
als Lehrer an der Parteischule in Berlin und durch sonstige aufklärende ; 
Veranstaltungen in stetem persönlichen Kontakt stand. 
Die vorliegende Arbeit gehört denn auch zu unseren besten j 
populären Schriften, die in die Marxsche Oekonomie einführen wollen. 
Zunächst für die Arbeiterjugend geschrieben, wird sie auch dem gereiften j 
Leser des Volkes, und nicht bloß Handarbeiter, eine Bereicherung und * 
Klärung seines ökonomischen Wissens und Denkens bringen. 
Hätte Eckstein sie heute herausgegeben, dann wäre sie wohl erheb 
lich erweitert worden. Denn der Krieg hat so abnorme Verhältnisse 
geschaffen, daß die ökonomischen Gesetze schwer zu erkennen sind. So 
geht zrmr Beispiel Eckstein von der Voraussetzung der freien Konkurrenz ' 
aus und untersucht bei den Wirtschaftskrisen nur die Tendenz zur 
Ileberproduktion. Heute ist die freie Konkurrenz in weitestem Maße 
ausgeschaltet, die Produzenten sind zu Monopolisten geworden. Und die 
stlnterproduktion ist das Leiden, das uns am meisten gefährdet und 
quält. Aber die ökonomischen Gesetze sind darum nicht aufgehoben, sie 
wirken weiter und die Abnormitäten kann man erst dann völlig ; 
begreifen? wenn man den normalen Zustand verstehen gelernt hat. 
Die heutige wirtschaftliche Lage zeichnet sich aber auch »dadurch 
vor der normalen aus, daß Fragen, die meist nur den Kapitalisten j 
kümmern, nun auch für den Arbeiter von äußerster Wichtigkeit ge 
worden sind. 
Das zeigt sich auch zum Beispiel in dem verschiedenen Interesse, j 
das die beiden Bände des Marxschen „Kapital" erwecken. Der exste I 
Band behandelt den Produktionsprozeß. Er spielt in der Fabrik, legt ; 
jene Vorgänge dar, denen der Klassengegensatz zwischen der Lohnarbeit ! 
und^dem Kapital entspringt. Diesen Band des „Kapital" hat man vor ; 
allem im Auge, wenn man von dem Marxschen Werke spricht. Auch die 
Schrift Ecksteins popularisiert überwiegend in ihren ökonomischen Aus 
führungen diesen Pand, zieht nur nebenbei noch den zweiten und 
dritten heran. 
Der zweite Band hatte in der Tat bis zum Kriege für die Arbeiter 
geringeres Interesse. Er behandelt den Zirkulationsprozeß des Kapitals, 
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der Damit beginnt, daß der industrielle Kapitalist Produktionsmittel 
zur Produktion von Waren kauft, und damit endet, daß er die fertigen 
Waren verkauft, worauf der Vorgang wieder von neuem beginnt, mit 
Dem gewonnenen Geld neue Produktionsmittel gekauft werden u. s. nt. 
Die Vorgänge bei diesem Prozeß gehen in erster Linie den 
Kapitalisten an. Die Höhe seines Profits hängt nicht bloß davon ab, 
wie hoch der Arbeitslohn, wie lange die Arbeitszeit seiner Arbeiter, 
sondern auch davon, wie hoch der Preis seiner Rohmaterialien n. s. to., 
wie hoch der, den er für die tiertaufte Ware erzielt, wie rasch der 
Umschlag seines Kapitals. 
Der Arbeiter hat äü diesen Vorgängen wenig Interesse. Seine 
Arbeitsbedingungen hängen direkt davon nicht ab. Wohl bleiben sie 
nicht ohne Einfluß auf ihn. Bei hohem Preis des Materials, niederem 
Preis der Ware wird der Kapitalist trachten, sich am Arbeitslohn schab- 
los zu halten. Und je rascher der Umschlag des Kapitals vor sich geht, 
desto wichtiger wird für den Kapitalisten der ungestörte Fortgang der 
Produktion, desto größer sein Interesse, jeden Streik zu vermeiden. 
Aber bei alledem hat der Arbeiter auf die Zirkulationsvorgänge 
nicht den.geringsten Einfluß, sie werden ausschließlich vom Kapitalisten 
geleitet, während bei der Festsetzung der Arbeitsbedingungen der 
^Arbeiter doch ein Wörtchen mitzureden hat. 
Der Klassengegensatz tritt im Bereich der Zirkulation auch wenig 
in Erscheinung. Daher werden die Beweise für die Harmonie der 
Interessen tion Kapital und Arbeit mit Vorliebe ans ihr entnommen. 
Damit ist jedoch nicht gesagt, daß sie für den Sozialismus ohne 
Belang ist. Dieser vertritt die Interessen nicht bloß der Lohnarbeiter 
schaft, sondern Der Gesellschaft. Er baut auf die Lohnarbeiterschaft, weil 
deren großes Gesamtinteresse zusammenfällt mit dem gesellschaftlichen 
Interesse. 
Dieses wird aber durch Die Zirkulationsvorgänge sehr stark 
berührt. Aus ihnen entspringen bei der Anarchie zahlloser privater 
Produktionsstätten die furchtbaren Wirtschaftskrisen, die für alle Sozia 
listen des 19. Jahrhunderts ein ebenso starkes Argument zugunsten 
gesellschaftlicher Produktion waren, wie die Ausbeutung der Lohnarbeit 
im Produktionsprozeß. 
Nie aber lebten wir inmitten einer so furchtbaren Zirkulations 
störung wie eben jetzt, freilich einer ganz eigener Art. Entsprangen 
die Krisen sonst der Schwierigkeit, für die fertige Ware Absatz zu finden, 
so ^ liegt heute ihre ^Ursache in dem Mangel an Produktionsmitteln, die 
während^ des Krieges aufs furchtbarste verwüstet wurden, indes ihre 
Zkeuschaffung aufs äußerste eingeschränkt war. 
3llle Klassen leiden sehr unter dieser Zirkulationsstörung, ganz 
entsetzlich aber die Arbeiterklasse. Sonst brachte die Krise Arbeitslosig 
keit, dabei aber doch ein Sinken der Preise. Heute gesellen sich zu den 
schrecken der Arbeitslosigkeit noch die weit furchtbareren einer Steige 
rung aller Warenpreise zu unerschwinglicher Höhe.
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        6 
Schon das ist ein zwingender Grund für die Arbeiter, heute dem 
^irkulationsprozeß ebensoviel Beachtung zu schenken wie dem Pro- j 
duktionsprozeß. Dazu kommt noch, daß die Arbeiter durch die Revolution 
ihre politische Macht in den gesetzgebenden Versammlungen und gegen-1 
Ü6er den Regierungen oder in ihnen sowie ihre ökonomilche Macht 
durch das Erstarken der Gewerkschaften und durch die Einrichtung von l 
Arbeiterräten bedeutend vermehrt haben. Sie sind daher in höherem i 
Maße als vor dem Kriege imstande, Einfluß zu nehmen, nicht bloß | 
auf die Arbeitsbedingungen im Produktionsprozeß, sondern auch aus 
die Bedingungen des Zirkulationsprozesses, zum Beispiel die Be 
schaffung von Rohmaterial. ^ ,, Y , 
Das Studium des zweiten Bandes des Marxschen „Kapital wird^ 
jetzt für die Arbeiter ebenso wichtig wie das des ersten. Sie finden die i 
besten Anweisungen dazu am Schlüsse der vorliegenden Schristz 
Wohl ist ein weiter Weg von dieser Schrift bis zum zweiten und i 
dritten Band des „Kapital". Ehe der Leser zu diesem vordringt, sind 
viele Bücher zu lesen, keines einfach, jedes mit großen Ansorderungeii j 
an Aufmerksamkeit und Denkkrast verbunden. 
Und wenn der Arbeiter die Theorien der Bewegungen der kapi- j 
talistischen Welt ersaßt hat, ist' seine wissenschaftliche Aufgabe nicht zu 
Ende. Er studiert die Theorie, um praktisch etwas zu leisten, die Wissen 
schaft soll für ihn nicht graue Theorie bleiben, sondern angewandte 
Wissenschaft werden. Diese erfordert aber, daß man es versteht, vom 
Allgemeinen zum Besonderen vorzuschreiten, den umgekehrten Weg zn 
gehen, den die Theorie einschlägt, die aus dem Besonderen das All 
gemeine ableitet. r . 
Für den Arzt genügt es nicht, Anatomie und Physiologie und | 
die sonstigen wissenschaftlichen Grundlagen der Medizin zu kennen, er i 
muß auch die Eigenart des Kranken, die natürlichen und sozialen 
Bedingungen, unter denen er lebt, studieren, will er die richtigen I 
Methoden seiner Heilung herausfinden. r „ I 
So müssen auch die Politiker und Sozialisten nicht blotz die j 
ökonomische Theorie studieren, wie sie am besten Marx entwickelte, 
sondern auch ihre Anwendung in der Steuerpolitik, Handelspolitik, 
Bankpolitik, Geldpolitik, Agrarpolitik u. s. to., von denen Marx nichr 
ausdrücklich handelte. Und sie haben auch noch die besonderen Bedin 
gungen dieser Anwendung in jedem Falle zu untersuchen. Damit stellt : 
unsere Zeit dem Proletarier, der als Sozialist wirken, der die Gesell- ! 
jcfyaft zu einer höheren (Stufe fortentwickeln triff, ungeheure Aufgaben 
Des Studiums, Ausgaben, die um so schwerer fallen, da mit dem Fort 
schreiten der politischen und gewerkschaftlichen Organisation und der 
staatlichen und kommunalen Tätigkeit des Proletariats sich auch die 
Gebiete der Verwaltung rasch ausdehnen, die immer mehr Kraft und 
Zeit des kämpfenden Teiles des Proletariats verschlingen. 
Die Anforderungen, die unser Zeitalter an das Proletariat stellt, 
siiid enorm. Aber es muß sich ihnen gewachsen zeigen, wenn e* sich 
bewä 
höhei 
wem 
Rück 
Fähi 
jenio 
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Brecl 
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Zesell- | 
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Fort- 
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ft und 
; stellt, 
es sich 
bewähren will als die Kraft, die die abgelebte alte Gesellschaft zu einem 
höheren Dasein emporhebt. 
Gerade unsere Tage zeigen uns, daß es nicht damit abgetan ist,- 
wenn man die Macht gewinnt, daß dies sogar schädlich werden, zu 
Rückschlägen führen kann, wenn es vorzeitig geschieht, che man die 
Fähigkeit erlangt hat, die Macht festzuhalten, was nur dem 
jenigen gelingt, der imstande ist, sie zweckmäßig auszuüben. 
Das Proletariat mit Wissen zu füllen, das Monopol der 
besitzenden Klassen auf W i s s e n zu brechen, ist ebenso wichtig wie das 
Brechen des Monopols der Kapitalisten aus den Besitz der Staats 
gewalt und der Produktionsmittel. Nur ein Proletariat, 
das brennender Durst nach Wissen erfüllt, wird seiner großen histo 
rischen Aufgabe gewachsen sein. 
Und das Zeitalter der sozialen Revolution, das mit dem Ende 
des Weltkrieges eingesetzt hat, bringt dem Proletariat nicht nur eine 
Fülle schwerer Aufgaben, sondern auch eine Verbesserung der Bedin 
gungen, ihnen gerecht zu werden. 
‘ Vor allem ist der Achtstundentag als Maximalarbeitstag allent 
halben zur Wahrheit geworden und damit die Zahl der Stunden im 
Tage vermehrt, während denen der Arbeiter sich selbst und seiner Sache 
gehören kann. * 
. Dieser Fortschritt wird heute noch nicht vollständig fühlbar, da 
der Arbeiter augenblicklich seine freie Zeit oft im Suchen nach Lebens 
mitteln vergeuden muß. Und in. seinem Zustand der Unterernährung 
erschöpft ihn leicht achtstündige Arbeit ebensosehr wie ehedem zehn 
stündige und läßt ihm wenig Kraft für die Arbeit zur Erweiterung 
seines Wissens und zu dessen Anwendung im Dienste des Sozialismus. 
Erst wenn die Nahrungsschwierigkeiten überwunden sind, wird 
die Verkürzung der Arbeitszeit ihre volle Bedeutung für die geistige 
Höherentwicklung der Arbeiterschaft gewinnen. 
Aber wer unter den Proletariern es kann, muß heute schon irrt 
Interesse seiner Klasse, im Interesse der sozialen Revolution alles auf 
bieten, - um sein Wissen zu erweitern. Die Verkürzung der Zeit der 
Arbeit im Produktionsprozeß soll doch nicht eine bloße Verlängerung 
der Zeit für Karten und Kinos bedeuten. 
Wer immer aber sich daranmacht, den Kapitalismus und den aus 
diesem zu entwickelnden Sozialismus zu studiereir und sich zu einem 
bewußten Kämpfer für unsere große Sache zu bilden, der wird keinen 
besseren Ausgangspunkt finden als die Gespräche, die unser Freund 
Eckstein „zur Einführung in die Grundbegriffe des wifsenschaftlichen 
Sozialismus" niederschrieb. 
Sie verdienen die weiteste Verbreitung. 
B e r l i rr, März 1920. 
Karl Kautsky.
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        \ 
V- 
i 
Was ist Sozialismus? 
„Und es ist doch ein Unsinn, was dn da sagst. Die Menschen sind nun 
einmal nicht gleich, und es ist darum auch ein Unsinn, sie gleich behandeln j 
zu wollen." 
„Gar so ungleich sind die Menschen nicht, wie man immer sagt. Iln- 
gleich ist, was sie lernen, wie sie auswachsen, und deshalb sind auch die er 
wachsenen Leute so verschieden. Gib das Kind einer Gräfin zu einer Ar 
beiterin und umgekehrt, und kein Mensch wird es später bemerken." 
Dieses Gespräch hörte ich unlängst, als ich an einem schönen Sonntag- 
vormittag auf einer Bank im Tiergarten saß. Zwei junge Leute waren im 
eifrigsten Gespräch die Allee herabgekommen und hatten, ohne mich irgend 
wie zu beachten, auf der Bank neben mir Platz genommen. Sie waren beide 
nett, aber einfach gekleidet. Ihre jugendlichen Gesichter, die auf ein Alter 
von etwa 16 bis 17 Jahren schließen ließen, sahen intelligent und durch das 
Gespräch angeregt aus. Der Gegenstand ihres Streites schien für beide großes 
Interesse zu besitzen. 
„Erinnere dich nur", begann jetzt wieder der Kleinere van den beiden, 
der zuletzt gesprochen hatte, „an die Geschichte, die unlängst m der Zeitung 
stand. Da war eine lange Gerichtsverhandlung darüber, ob das Kind einer 
Gräfin nicht in Wirklichkeit ein unterschobenes Bauernkind war. Was haben 
sie da nicht alles ausprobiert, um die Wahrheit herauszukriegen, und zum 
Schluß wußte keiner viel mehr als zu Anfang. Und überhaupt, ist denn das 
ein Grund, warum der eine arm sein soll und der andere reich? £&gt;Tt_ sind 
doch gerade die gescheiten Leute arm und die Dummen sind reich. Die dicken, 
starken Kerls können oft faulenzen und unsere Martha zum Beispiel muß in 
die Fabrik gehen, wenn sie noch so sehr hustet. Ist das gerecht? Muß das so! 
sein?" Er hatte sich ordentlich in Eifer geredet und sah jetzt fast zornig drein. 
„Ja, schön sieht das nicht aus", sagte der Größere nach einer kurzen 
Pause. „Aber was kann man dagegen machen? Es hat immer Reiche und 
Arme gegeben. Und ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich eingesegnet 
wurde, sagte auch der Herr Pastor, daß Gott es so eingerichtet habe, damit 
die Armen sich in Demut üben und die Reichen in Barmherzigkeit. Wenn 
keiner mehr den anderen brauchte, sagte er, da würden sich die Menschen 
ganz fremd werden, jeder würde nur für sich sorgen und eigensüchtig 
werden." 
„Und du glaubst das?" platzte ratn der andere heraus. „Der Pastor 
hat doch auch gesagt, daß Gott allgerecht und allgütig ist. Und da soll die 
schöne Einrichtung von ihm sein, daß der arme Teufel demütig bitten muß, 
damit der Reiche seine Barmherzigkeit zeigen kann. Neulich ist unsere Martha 
heulend nach Hause gekommen und hat erzählt, daß sie in der Fabrik, wo sie 
früher gearbeitet hat, entlassen worden ist. Na, die Mutter hat sie schön aus 
gescholten. Zuerst wollte die Martha gar nicht sagen, was denn auf einmal 
i* 
(
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        geschehen war. Endlich kriegte Mirtter es aber doch raus. Der Sohn vom 
Chef ist gegen das Mädel frech und zudringlich geworden; und wie sie sich 
nicht mehr anders helfen konnte, da gab sie ihm eine Maulschelle, daß es 
klatschte. Da hat er sie rausgeschmissen. Und das soll der liebe Gott selber 
so angeordnet haben, daß der lumpige Kerl mit dem Auto fährt und meine 
Schwester jetzt in die chemische Fabrik zur Arbeit gehen muß, wo es so stinkt 
und sie aus dem Husten nicht herauskommt? Nein, mit den Geschichten ver 
schone mich lieber. Und glaubst du am Ende gar, dZß Demut und Barnr- 
herzigkeit notwendig sind, damit die Menschen zusammenhalten? Sind wir 
zwei nicht befreundet, ohne daß einer gegen den anderen „barmherzig" sein 
muß? Gerade zwischen den Reichen und den Armen herrscht verdammt wenig 
Zusammenhalt!" 
■ Der andere war nachdenklich geworden; endlich aber sagte er: „Aber 
das ist doch wahr, daß es immer Reiche und Arme gegeben chat, und das 
kann man auch nicht abschaffen. Weißt du noch, wie der Lehrer uns in der 
Schule von den alten Römern erzählt hat, was die erst alles angegeben 
haben! Da waren auf der einen Seite so reiche Leute, die Nachtigallen 
zungen gegessen haben und Fische, die.mit Menschenfleisch gefüttert waren; 
und auf der anderen Seite waren die armen Sklaven, die zur Arbeit ge 
peitscht wurden. Haben wir es da nicht doch noch besser?" 
„Das ist schon wahr", sagte der Kleinere zögernd. „Aber immer war 
es doch nicht so. Zum Beispiel die alten Deutschen, die die Römer so ver- 
klopft haben; bei denen hat es keine so reichen und keine so armen Leute 
gegeben wie bei den Römern. Vielleicht waren sie gerade deshalb die Stär 
keren. Am Ende geht es uns auch noch so, daß von irgendwo fremde Völker 
kommen, bei denen es noch nicht soviel Elend gibt, vielleicht die Japaner, 
und uns kurz- und kleinschlagen, wie damals die Deutschen die Römer." 
„Na, das glaube ich nicht", lachte der Größere. „Mit uns werden sie 
nicht so rasch fertig werden; noch dazu hab^ ich neulich in der Zeitung ge 
lesen, daß es dort drüben jetzt auch schon so ausschaut wie bei uns, daß sie 
auch Fabriken haben und reiche Fabrikanten uyd viele arme Teufel. Das 
ist eben so auf der ganzen Welt; und wenn es auch vielleicht wirklich ein 
Uebel ist, so ist doch dagegen kein Kraut gewachsen." 
„Aber die Sozialdemokraten sagen doch, daß es &gt;ncht so sein muß." 
Der Kleinere geriet wieder in Eifer. „Erst unlängst hörte ich in der Werk 
statt ein Gespräch mit an. „Laß nur mal die Roten zur Macht kommen," 
sagte der lange Max, weißt du, das ist der junge Sozi, von dem ich dir 
fchon so oft erzählt habe, „und ihr werdet sehen, wie alles anders wird. 
Wenn nur einmal die Arbeiter wirklich zusammenhalten, dann können sie 
kommandieren, und dann werden sie selber essen, was sie geschafft haben." 
„Ja freilich," unterbrach hier der Größere lachend. „Eure Maschinen, 
die ihr macht, die werdet ihr aufessen, und wir werden alle Kleider selber 
anziehen, die bei uns im Magazin liegen." 
„Na, so dumm ist Max nicht," sagte der andere zornig, ,„daß er so was 
glaubt. Natürlich, wenn wir in unserer Werkstatt und ihr in eurem Ge 
schäft anfingen, dann könnte nichts Gescheites dabei herauskommen. Darum 
müssen eben alle zusammenhalten. Dann kann jeder das kriegen, was er 
braucht." 
„Na also," erwiderte der Größere, „da bist du ja bei der Teilerei. Das 
sagt ja auch der Vater immer. Die Sozialdemokraten wollen teilen und 
dann fängt die alte Geschichte von vorn an. Dazu wollen sie die alte Ord-
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tmng umstürzen, den Kaiser abschaffen und die reichen Leute ausplündern. 
Dann geht das große Juchhe los, bis alles durchgebracht ist. Na, ich glaube 
selber, Vater übertreibt da; aber etwas wird schon dran sein. Wenn heute 
geteilt wird, ist morgen die alte Geschichte, nur daß jetzt andere Leute reich 
sind, als die es früher waren. Aber dazwischen wäre eine Revolution mit 
Mord und Brand, mit all dem Jammer urrd Elend." 
„So was Aehnliches hat unlängst auch der Werkführcr bei uns gesagt. 
Da ist aber Max wütend geworden. „Wie oft," hat er geschrien, „soll man 
es euch noch sagen, daß wir gar nicht teilen wollen, daß wir gerade wollen, 
alles soll allen gemeinsam gehören. Heute ist alles unter die Reichen ver 
teilt irnd die Armen haben fast gar nichts. Ihr teilt, nicht wir." Es war 
ent Glück, daß Max zum Verein der Metallarbeiter gehört, sonst wäre er 
hinausgeflogen für seine Keckheit; aber mit denen bindet der Werkführer 
nicht gern an. Ganz habe ich freilich auch nicht verstanden, was er ge 
meint hat." 
„Siehst du, das ist es eben," erwiderte nun der Größere in über 
legenem und lehrhaftem Tone. „Die meisten Arbeiter verstehen selber nicht 
recht, warum sie für die Roten sind. Wenn man nicht auf diese unverständ 
lichen Phrasen hört, sondern sich das wirkliche Leben betrachtet, dann sieht 
man, daß die Sozialdemokraten das Kleingewerbe,^ den gesunden Mittel 
stand, ruinieren, daß sie den Landarbeiter in die Stadt locken, wo er mir 
unglücklich wird, daß sie überall Unzufriedenheit und Unfrieden stiften, kurz, 
daß sie auf den Umsturz ausgehen. Was sie wollen, das ist ein unmöglicher 
Unsinn, und wie sie es durchführen wollen, das ist gar schlecht und dumm. 
Werden die Arbeiter vielleicht glücklicher sein, wenn die Sozi die Familie 
zerstört haben, wenn alle Ordnung aufgehört hat und jeder nur nimmt, 
so viel er erwischen kann? Die unverständlichen Redereien der Agitatoren 
verführen die Arbeiter nur zum Ungliick. Ein Blick ins wirkliche Leben 
zeigt dies sofort." 
„Glauben Sie das wirklich?" mischte ich mich nun in das Gespräch, 
dem ich mit wachsendem Interesse gefolgt war. Zum Schluß hatte aller 
dings der Größere von den beiden Jungen gesprochen, wie wenn er eine 
eingelernte Lektion hersagte. Man merkte, daß er das, was^ er da her 
betete, oft und oft mußte gehört haben. „Glauben Sie das wirklich," sagte 
ich also, „daß so die Lehren des wirklichen Lebens aussehen? Das haben 
Sie gewiß noch nicht selbst ausprobiert. Ich höre es Ihnen an, daß Sic 
da nur was Eingelerntes hersagen." 
Im ersten Augenblick waren die beiden jungen Leute erschrocken und 
auch unwillig, daß sich ein Fremder, von dessen Anwesenheit sie gar keine 
^lotiz genommen hqtten, in ihr Gespräch mischte. Bald aber war es mir 
gelungen, mir ihr Vertrauen zu erwerben, und nun sprachen wir weiter 
über die Fragen, über die sie eben gestritten hatten; binnen kurzem waren 
wir gute Bekannte geworden. Der Kleinere von den beiden war jugend 
licher Hilfsarbeiter in einer Maschinenfabrik, der Größere war Handlungs 
lehrling in einem Kleiderkonsektionsgeschäft. Sie hatten schon als Kinder 
viel zusammen gespielt und waren in dieselbe Schulklasse gegangen, und so 
hatte sich die warme Freundschaft erhalten, auch als sich ihre Lebenswege 
trennten. In ihren Anschauungen gingen sie freilich oft recht weit ausein 
ander, da jeder von ihnen stark von der häuslichen Umgebung checinflußt 
war. Wilhelm, der künftige Kommis, war der Sohn eines Schutzmannes, 
Karl der eines Arbeiters. Es war daher nur natürlich, daß ihre Eltern
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in vielen Dingen sehr verschieden dachten, und das färbte auch auf die Söhne 
ab. Der Streit, den ich eben mitangehört hatte, war nicht der erste über 
diesen Gegenstand, und bisher War es noch keinem von den beiden gelungen, 
den anderen für seine eigene Ansicht zu gewinnen. 
Da sich Wilhelm selbst auf die Lehren des wirklichen Lebens berufen 
hatte, regte ich nun an, daß damit auch Ernst gemacht werden solle. Wir 
verabredeten, daß wir einander am nächsten Sonntag wieder treffen wollten. 
Um in der einfachsten Weise festzustellen, ob denn die Verhältnisse wirklich so 
unveränderlich feien, wie besonders Wilhelm behauptet hatte, meinte ich, daß 
es das praktischeste wäre, wenn jeder von uns seinen Vater ersuchte, ihm 
seine Leidensgeschichte zu erzählen. Darüber wollten wir uns dann be 
richten. Da würde sich ja gleich zeigen, ob und wie sich die Verhältnisse m 
'tier letzten Zeit geändert hätten. So schieden wir denn mit dem gegenseiti 
gen Versprechen, uns am folgenden Sonntag wieder zusammenzufinden. 
Bauernleben in der guten alten Zeit. 
Als wir wieder zusammenkamen, fragten wir zunächst Wilhelm, was 
er zu berichten habe. Er wurde etwas verlegen, und endlich sagte er: „An 
meinen Vater traue ich mich nicht recht heran mit so einer Frage. Der ist 
immer so streng gegen^irns Kinder; aber der Großvater, der bei uns wohnt, 
der erzählt gerne, und so habe ich den gefragt, wie es denn in seiner Jugend 
ausgesehen hat, ob es da viel anders war als heute; und da erzählte er mir 
gleich aus seinen Erinnerungen. Wenn es euch recht ist, will ich euch die 
Geschichte ganz so wiedergeben, wie er sie erzählt hat; denn ich habe gut auf 
gepaßt und mir sie gut gemerkt." 
Wir waren ganz einverstanden und so begann ^Wilhelm: 
„Du fragst, mein Junge," sagte der Großvater, „ob'die Welt in meiner 
Jugend anders ausgesehen hat als heute? Das will ich meinen! _ Wenn 
ich mich so zurückerinnere, wie alles damals war, so kommt es mir ganz 
wunderlich vor, daß doch alles so geschwind gegangen ist. 
Mein Vater war Bauer in Schlesien, und ich bin aus dem Lande auf 
gewachsen. Als ich aber unlängst zum Begräbnis meiner Schwester wieder 
in der Heimat war, da erkannte ich das Bauernleben kaum wieder. Bei uns 
gab es das nicht, daß so viel beim Kaufmann und gar in der Stadt gekauft 
wurde, wie das jetzt geschieht. Was nur ging, das wurde zu Hause gemacht. 
Die Mutter und meine Schwester spannen fleißig im Winter und das Ge 
spinst wurde gleich im Dorf gewoben. Schuhwerk trug man überhaupt 
nur im Winter, und das waren Holzschuhe, die zu Hause angefertigt wurden. 
Kleider und Wäsche machte Mutter zurecht, den Pflug und die Egge besserte 
der Vater selber aus, und wenn was Neues nötig war, dann machte es der 
Dorfschmied. ■ ^ 
Mein Vater war schon ein wohlhabenderer Mann. Wir hatten vier 
Kühe und zwei Pferde im Stalle stehen, mit denen Vater auf dem Gutshof 
Spanndienst leisten mußte. Damals war nämlich der Bauer nicht so frei wie 
jetzt, wo er nur für sich selber zu arbeiten hat und den Hos verkaufen und 
fortziehen kann. Das gab es damals nicht. Wer Pferde hatte, der mußte 
mehrmals die Woche zeitlich früh mit ihnen auf den Gutshof kommen und 
da für den Gutsherrn arbeiten. Meine zwei älteren Brüder und meine 
Schwester niußten auch jedes ein Jahr umsonst dort dienen, und außerdem
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mußten wir noch Hühner, Eier, Butter und weiß Gott was noch für Sachen 
dem Gutsherrn geben. Fortziehen durften wir nicht, und wollte nur ein 
Bauer seinen Jungen was anderes werden lassen als wieder Bauer, so war 
die Erlaubnis des Gutsherrn dazu nötig. Dafür aber durften wir auch im 
herrschaftlichen Wald Klaubholz suchen und unser Vieh auf die Gutsweide 
treiben. Das war mein Geschäft. Und ich kann mich noch sehr gut erinnern, 
wie eines schönen Tages der Herr Gutsverwalter daherkam und mich mit 
samt meinen Kühen davonjagte. 
Ich wußte nicht, was das auf einmal zu bedeuten hatte, denn bis dahin 
hatte er nie etwas dagegen gesagt. Ich wollte den Vater fragen; aber als ich 
weinend nach Hause kam, was war da für eine Aufregung im Hause! Die 
Mutter weinte, der Vater fluchte und rang die Hände. Alles war in heller 
Verzweiflung. Damals begriff ich nicht, was denn Schreckliches geschehen 
war. Erst viel später erfuhr ich den Zusammenhang. 
Unser Gutsherr, der Herr Graf, hatte meinem Vater den Spanndienst 
und Handdienst, wie man das dazumal nannte, erlassen, und wir brauchten 
auch keine Hühner u. s. to. mehr zu geben. Dafür aber nahm er uns das 
Klaubholz und die Weide und den halben Grund, der feit Menschengedenkeu 
in unserer Familie gewesen war. Mein Vater wollte das gar nicht glauben 
und lief gleich zum Kreisamt into wollte Klage führen; aber dort sagten 
sie ihm, der Herr Graf sei ganz in seinem Rechte, es bestehe da so ein Gesetz, 
das ihm das erlaubt. Und wie mein Vater das nicht glauben wollte, da 
drohten sie ihm mit dem Einsperren. 
Das war ein schwerer Schlag. Freilich, daß er die Dienste nicht mehr 
zu leisten brauchte und die Kinder zu Hause behalten konnte, das war dem 
Vater schon recht! Aber die Hälfte von seinem Grund und Boden wegzu- 
uehmen, das war doch schrecklich. Dann war unser Haus schon alt und schad 
haft, lind der Vater wollte im nächsten Jahre ein neues bauen oder doch ein 
neues Dach aufsetzen. Das Holz^hätte er aus dem Herrschaftswald holen 
können. Das durfte er nun auch nicht mehr. 
Jetzt ging es ans Sparen! Zwei Kühe mußten gleich verkauft werden, 
denu nun war kein Futter mehr für sie da, und so hatte ich auch nichts mehr 
zu tun, denn die anderen zwei Kühe standen im Stalle. Für das kleine Stück 
Land, das dem Vater geblieben war, gab es nun in der Familie reichlich 
genug Hände und mehr als genug Münder. Der Vater war daher sehr froh, 
als meine Tante, seine Schwester, den Vorschlag machte, mich zu sich zu 
nehmen. Sie hatte einen wohlhabenden Bauern jenseits der Grenze ge 
heiratet. Leicht war es freilich nicht gewesen, zu dieser Heirat die Einwilli 
gung unseres Gutsherrn zu bekommen, und es hatte ein hübsches Stück Geld 
gekostet. 
^ Jetzt, nahm mich die Tante 31t sich, und so kam ich ins Oesterreichische. 
Das Dorf, wo sie wohnte, war freilich von dem unseren kaum mehr als 
eine stunde entfernt, aber doch war dort vieles anders als bei uns und 
nicht gerade bdsser. Denn dort stand die Bauernplackerei noch in voller Blüte. 
Unter den Bauern gingen allerhand Geschichten um von dem guten Kaiser 
Josef, der den Bauern hätte helfen wollen und den die Jesuiten umgebracht 
hätten. Ich weiß nicht, wieviel davon wahr ist; aber schlecht genug ging es 
den Bauern dort noch immer. 
Mein Onkel, der Mann meiner Tante, hatte im Jahre 40 bis 50 Tage 
für den Gutsherrn Spanndienste zu leisten und das natürlich gerade immer 
zu der Zeit, wo er selbst hätte ackern, säen, düngen und ernten sollen; aber 
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5er Herrendienst ging vor. Dann mußte er aus den hoch oben im Gebirge 
gelegenen Schafstellen den Dung herabführen und im Winter mußte er 
zweimal zwei Klafter Holz und aus den herrschaftlichen Teichen das Eis 
nach Jägerndorß in die Stadt fahren, wo es für den Gutsherrn verkauft 
wurde. Zu den Erntearbeiten im Herbst mußte der Onkel noch einen Ge 
hilfen aus eigenem mitbringen, zum Fischfang sogar zwei: und wenn herr 
schaftliche Jagd war, mußte er einen Treiber stellen und zu diesem Ver 
gnügen war oft ich ausersehen. Auch bares Geld wanderte oft in die schier 
unergründlichen Taschen des Gutsherrn. Beim Besitzwechsel mußte oft ein 
Zehntel vom Werte an den Gutsherrn gezahlt werden. Für die Erlaubnis 
zum Heiraten oder den Sohn was lernen zu lassen, mußte gezahlt werden, 
und dann gab es noch allerhand Abgaben, Me alle schöne Titel hatten, wie 
Eisenhammer, Robotgeld, Jürge-,^Michaeli-, Hühner-, Kälber- und Garn- 
zins. Wurde im Gutsbezirk eine Straße gebaut, dann mußten die Bauern 
nicht nur Fuhren umsonst leisten, oft wurden ihnen statt dessen Geldbeiträge 
auferlegt. 
Da war einmal, erinnere ich mich, eine sonderbare Geschichte. Da wurde 
unserem ganzen Dorfe eine Geldsteuer für eine neue Straße auferlegt und 
die mußte vier Jahre lang bezahlt werden. Zum Schluß stellte sich heraus, 
daß die Straße nur geplant gewesen war: gebaut wurde sie nie, aber das 
Geld war hin. 
War aber schließlich wirklich schon alles an den Gutsherrn abgezahlt, 
dann kam noch der Herr Pfarrer daher und verlangte im Namen Gottes 
und des Gesetzes, daß ihm der Bauer seinen Zehent, die Kirchensteuer, in 
die Scheuer lieferte. Der Schnaps, mit dem er dann die Bauern bewirtete, 
war ein recht schmaler Ersatz. 
Zu all dem kam aber noch, daß wir zum Beispiel unser Getreide nicht 
dort mahlen lassen durften, wo wir wollten und wo es billig war, sondern wir 
mußten es zur herrschaftlichen Mühle bringen, die schlecht und teuer 
arbeitete. Dafür aber mußten wir das schlechte herrschaftliche Bier trinken, 
, und da wurde der Bauer nicht lange gefragt, wieviel er wolle: er mußte 
Jahr für Jahr seine bestimmten Fässer abnehmen und gut bezahlen. 
Das war schon so Rechtens; aber was alles konnte sich die Herrschaft 
noch darüber erlauben, wenn sie wollte! Mein Onkel war mit seiner Herr 
schaft noch gut dran, aber anderen Bauern ging es gar schlimm. Bei wem 
wollten sie sich auch beschweren? Der Gutsherr war in Oesterreich geradeso 
wie in Preußen die Obrigkeit. Freilich gab es noch die Kreisämter, bei 
denen man sich beschweren konnte, aber das kostete Geld. Und dann kam eines 
schönen Tages der Herr Kreiskommissär. Natürlich wohnte er im herrschaft 
lichen Schloß oder gewöhnlich beim Herrn herrschaftlichen Amtmann und 
dem tat er dann nicht weh. Und so blieb es fast immer bei dem, was der 
Herr Amtmann selber verfügt hatte. Freilich konnte der Bauer dann noch 
ans Gericht gehen, wenn er sich arm prozessieren wollte. Denn so ein 
Prozeß dauerte damals seine hübsche Zeit. Im Dorfe, wo der Onkel wohnte, 
hatte die Herrschaft einem Bauern ein Stück Feld weggenommen. Sie 
behauptete, das habe einmal zum Gutshof gehört, der Bauer habe es nur 
in Pacht gehabt. Das war nicht wahr und der Bauer wollte es sich nicht 
gefallen lassen. AIs ich im Jahre 46 hinkam, dauerte der Prozeß schon drei 
Jahre und im Jahre 48 war er noch nicht beendet; aber der Bauer hatte 
schon sein ganzes Geld verprozessiert.
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Aber wehe, wenn ein Bauer einmal etwas gegen die Herrschaft au 
fteilte! Da war die „Gerechtigkeit" sehr geschwind und dann regnete es nur 
so Stockprllgel. Und da gab es ganz kuriose Verbrechen. So kriegte zu meiner 
Zeit einmal unser NaMar fünf saftige Hiebe, weil er in der. geheiligten 
Nähe des herrschaftlichen Beamten beim Ackern unter Geräusch respekt- 
widrigen Gasen den Abzug erlaubt hatte!" 
„Ja, siehst du," sagte der Großvater, „so sah es in meiner Jugend 
aus. Heute geht der Bauer, dem es hier nicht mehr recht ist, nach Amerika. 
Damals durfte er überhaupt nicht weg ohne Bewilligung der Herrschaft. 
Und wenn einer ein keckes Wort riskierte, gab es einfach Prügel und ein 
dunkles Loch, wo man bei Wasser und Brot über den Wert der Demut nach 
denken konnte." 
■ „Aber, Großvater," sagte ich endlich, „wie ist es denn aber gekommen, 
daß heute alles so anders ist? Wer hat denn das bewirkt?" 
Aber der Großvater war schon müde vom Erzählen und so versprach 
er, mir davon ein andermal zu berichten. 
Die Bauernbefreiung. 
„Nun, siehst du", begann jetzt Karl, der schweigend und aufmerksam 
zpgehört hatte. „Es wird ja gewiß interessant sein zu hören, wieso sich die 
Zustände auf dem Lande so gründlich geändert haben seit der,Kindheit Leines 
Großvaters; aber so viel steht doch jedenfalls schon einmal fest, daß sich m 
der kurzen Zeit sehr viel geändert hat. Ich habe, wie es verabredet war, 
ebenfalls meinen Vater um seine Lebensgeschichte befragt, und aus ihr geht 
es auch klar hervor, daß es ein Schwindel ist, wenn immer gesagt wird, alles 
sei stets so gewesen, wie es heute ist und werde darum auch so bleiben. Diese 
Geschichte werde ich aber erst erzählen, wenn Wilhelm die semes Großvaters 
beendet haben wird. Also los, erzähle." 
Und Wilhelm begann wieder: „Sobald ich sah, daß der Großvater 
wieder einmal gut aufgelegt war, erinnerte ich ihn an sein Versprechen, 
mir seine'weiteren Erlebnisse zu schildern, und wie es denn gekommen rst, 
daß der Bauer heute so ganz anders lebt als vor 60 oder 70 Jahren." 
„Es ist ganz gut," meinte der Großvater, nachdem er sich eine neue 
Pfeife angesteckt hatte, „daß dein Vater gerade nicht zu Hause ist; denn der 
würde es wahrscheinlich nicht gern hören, wenn ich dir von der Revolution 
erzähle, die die Bauern frei gemacht hat; aber dasüst ja schon solange her 
und heute gibt es keine Bauern mehr zu befreien. Freilich, damals dachte 
von den Bauern agch keiner daran, wie nahe so große Ereignisse bevor 
standen. Wenigstens vor uns Jungen to at nie die Rede davon. Aber eines 
Tages, es wird so gegen Ende März des Jahres 1848 gewesen fern, da wurde 
es unruhig bei uns im Dorf. Da kamen ganz besondere Gerüchte auf, daß 
die Wiener auf den Straßen mit dem Militär gekämpft haben, daß dw 
Minister davongelaufen sind, daß jetzt auf einmal dort Freiheit herriwt 
und jeder reden und tun kann, was er will. Zuerst wollte niemand recht 
daran glauben; aber am nächsten Sonntag predigte der Herr Pfarrer m 
der Kirche gegen den Aebermut des Volkes, das in Wien schon begonnen 
habe, selber zu regieren und den guten Kaiser zu verjagen. Na, jetzt wußten 
wir es doch, daß etwas geschehen war, und bald kriegten tote auch bessere 
Nachrichten Einer der größten Bauern im Dorf hatte einen Sohn, der m
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I 
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Wien studierte und der schrieb lange Briefe an seinen Vater nach Hause. Die 
gingen dann von Hand zu Hand, nicht nur bei uns, sondern oft auch in den 
Nachbardörfern. Der erzählte, wie Mitte März in Wien das Volk aufge 
standen war, wie auf den Straßen gekämpft wurde und endlich die Revo 
lution siegte, wie die Minister davonliefen und der Kaiser ein Parlament 
, versprach. Daß man hätte den Kaiser verjagen wollen, das war nicht wahr. 
Aber eine Nationalgarde hatten die Wiener gebildet, Bürger, Arbeiter und 
besonders die Studenten hatten sich bewaffnet, und da beschlossen denn die 
Bauern, das auch zu tun. Da tauchten alle möglichen alten Schießprügel 
auf, mein Vetter fand noch in einer Bodenkammer ein altes Feuerstein 
gewehr und rückte damit aus. Wer keine Feuerwaffen austreiben konnte, 
der nahm die Mist- oder Heugübel, und so hatten wir bald auch im Dorf 
unsere »Nationalgarde«, die fleißig exerzierte. Wenn ich mich heute daran 
erinnere, muß ich lachen, wie zusammengestöppelt alles war; aber damals 
war es allen sehr ernst; und besonders den Herren Amtleüten wäre das 
Lachen ganz gehörig vergangen, wenn sie jetzt versucht hätten, den Bauer 
so zu behandeln wie vorher. Aber das versuchten sie gar nicht; die früher 
die ärgsten Schinder gewesen waxen, die waren jetzt sanft wie Lämmer. 
|Benn ein Bauer von der Robot, so hieß die Zwangsarbeit, fernblieb, dann 
tat der Herr Amtmann, als ob er nichts bemerkte. Früher hätte es Prügel 
gesetzt. Manche meinten nun, man solle der Herrschaft überhaupt keine Ar 
beit mehr umsonst leisten; die Mehrheit aber beschloß, eine Petition an den 
Kaiser zu richten um Aufhebung der Robot. Die Bittschrift wurde auch ab 
geschickt; aber wie das schon ist, wenn kein Zwang mehr da ist; wer nicht 
wollte, der leistete seine Arbeit eben nicht, und die Herrschaften waren froh, 
wenn ihnen die Bauern nicht noch das Haus ansteckten, wie das in anderen 
Gegenden ab und zu geschehen sein soll. 
Anfangs des Sommers waren dann die Wahlen für den ersten Reichs 
tag. Na, war das eine Aufregung! Und aus unserem Wahlbezirk wurde auch 
ein Bauer als Abgeordneter nach Wien geschickt. Das war etwas ganz Un 
erhörtes. Noch vor ein paar Monaten hatte der Bauer vor jedem Beamten 
und vor jedem Adeligen auf dem Bauch liegen müssen. Jetzt schickten sie 
einen der ihrigen als Gesetzgeber nach Wien! Beworben hatten sich allerhand 
Leute um das Mandat, darunter auch ein früherer Amtmann, der jetzt den 
Bauern schrecklich schön tat; aber die trauten ihm nicht über den Weg und 
wählten lieber einen der ihrigen. Bald darauf hörte man, daß im Reichstag 
über Bauernbefreiung verhandelt wurde und unser Abgeordneter schrieb oft 
darüber nach Hause. Gar.so eilig hatte man es im Dorf damit eigentlich 
nicht einmal; denn dort leistete ohnehin keiner mehr die Robot, und wenn 
die Ablösung gesetzlich wurde, dann mußten die Bauern der Herrschaft etwas 
bezahlen. Trotzdem freuten sich»aber doch alle, als man im September er 
fuhr, wie ein Gesetz vom Reichstag angenommen worden war, daß viele 
Lasten ganz unentgeltlich aufgehoben sein sollten, andere nur gegen eine 
kleine Entschädigung. Freilich hatten viele gehofft, es werde alles einfach 
so bleiben, wie es nun geworden war, das heißt, daß die, Robot ganz ohne 
Bezahlung wegfalle; aber die meisten waren doch sehr zufrieden mit dem, 
was der Reichstag damals beschloß. Später, als wirklich reguliert wurde 
und mancher dennoch ein schönes Stück Geld zu zahlen hatte, murrten wieder 
viele, jedoch auch die beruhigten sich bald. 
Aber die Revolutionäre in Wien wollten noch keine Ruhe geben und 
trieben die Sache immer ärger, so- daß der Kaiser aus Wien flüchten mußte 
und dann verbanden sie sich sogar mit den rebellischen Ungarn. Dafür to«»-
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den sie aber auch gezüchtigt. Wien wurde belagert und eingenommen. Mit 
der revolutionären Herrschaft war es vorbei; der Reichstag wurde aufge 
löst. aber die Bauern hatten doch erreicht, was sie wollten und brauchten. 
Wenn ich mrch erinnere, wie es bei uns in Preutzisch-Schlesien gegangen 
war, wo meinem Vater bei der »Befreiung« sein halber Grund und Boden 
weggenommen wurde, so muß ich doch sagen, daß es in Oesterreich besser war; 
denn dort behielt der Bauer sein ganzes Land, ein Teil der Lasten entfiel 
ganz ohne Ablösung, und einen Teil der übrigen Ablösungsgelder, die auch 
nicht so hoch waren, zahlte das Land an die Herrschaften. Für die Bauern 
war die Revolution doch was wert gewesen." 
„Und dafür haben sie sie verraten", schrie hier Karl ganz aufgeregt 
dazwischen. „Die eigene Befreiung von den Lasten, die war den Bauern 
schon recht; aber als sie die hatten und es" den Wienern schlecht ging, die 
doch für die Bauern die Kastanien aus dem Feuer geholt hatten, da rührten 
sic sich nicht. Wenigstens hat dein Großvater Nichts davon erwähnt, daß die 
Bauern den belagerten Wienern zu Hilfe gekommen wären. So etwas ist 
vielleicht praktisch; aber ich nenne so einen Verrat eine Lumperei. Schön 
ist es nicht." Er war ganz wild geworden. 
„So unrecht hättest du ja nicht," sagte ich darum zu seiner Beruhigung, 
„wenn die Volksklassen wie einzelne Menschen zu beurteilen wären, die für 
Wohltaten dankbar sein sollten. Aber die Geschichte zeigt, daß das noch nie 
der Fall war. Schon im täglichen Leben tut jeder gut, wenn er sich nur auf 
sich selbst und auf die Kameraden verläßt, die gemeinsames Interesse mit 
ihm verbindet; aber gar in der Politik darf nie eine Klasse auf die andere 
rechnen, da muß jede für sich selbst sorgen. So war es noch bei jeder Revo 
lution; sobald die Besitzenden das erlangt haben, was sie begehrten, dann 
wollen sie ruhig und ungestört bleiben und wenden sich gegen jeden/ der 
sie stört, also am meisten gegen ihre früheren Verbündeten, die noch nicht 
befriedigt und gesättigt waren." 
„Das ist traurig," erwiderte Karl; „aber trotzdem zeigt die Geschichte, 
die uns Wilhelm da erzählt hat, doch, wieviel besser es ist, wenn sich das 
Volk etwas selber nimmt, als wenn es wartet, bis es ihm gegeben wird." 
„Das dachte ich mir auch schon bei der Erzählung", gab nun Wilhelm 
zu. „In Preußen müssen doch die Gutsherren bei der Ablösung ein gutes 
Geschäft gemacht haben; sonst hätten sie nicht selber darauf gedrungen. In 
Oesterreich haben sich die Bauern alles selber genommen unö_ die Guts 
herren mußten zufrieden sein mit dem, was ihnen nachher ersetzt wurde. 
Aber ganz kann ich dem Karl doch nicht recht geben; denn was hätten schließ 
lich die Bauern den Wienern viel helfen können? Wir haben ja gehört, wie 
schlecht sie bewaffnet waren. Und wären sie mit unterlegen, so wäre es mit 
allen ihren Errungenschaften wieder vorbm gewesen." 
„Das Handwerk hat einen goldenen Boden." 
„Siehst du, Wilhelm," begann Karl, als wir uns das nächste Mal 
trafen, „mir ging es mit meinem Vater gerade umgekehrt wie dir. Du hast 
dich gar nicht getraut, ihn zu fragen, und ich hatte es nicht einmal nötig. 
Denn vor ein paar Tagen kam er abends von einer LZersammlung nach 
Hause, in der ein sozialdemokratischer Referent gesprochen hatte. Nachher 
war ein Bäckermeister aufgetreten und hatte den Sozis vorgeworfen, daß
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itig. 
nach 
hher 
daß 
sie das Handwerk ruinieren. Die Diskussion war erregt gewesen und der 
Referent hatte entgegnet, daß' es nicht die Sozialdemokraten seien, die das 
Handwerk zugrunde richteten, sondern die Konkurrenz der kapitalistischen 
Großbetriebes daß aber allerdings die Sozialdemokraten diese Notwendig 
keit nicht nur erkennen, sondern auch offen erklären, während andere Par 
teien die 'Beteiligten darüber hinwegzutäuschen suchten. 
Als der Vater nach Hause kam, war er noch in Erregung und er 
zählte uns von der Redeschlacht. „Ja," sagte er, „das kann ich bestätigen, das 
habe ich miterlebt, wie der Handwerker aus den Hund gebracht wird durch 
das große Ungetüm, das Kapital." Und nun erzählte er mir die Geschidsie 
seines Lebens. 
„Mein Vater," begann er, „war Tischlermeister in einer kleinen 
Stadt. Er war ein geachteter Bürger, auf dessen Meinung Und Stimme 
man etwas gab in der Gemeinde. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er in der 
Werkstatt an der Hobelbank stand und die Arbeit ihm nur so von den 
Händen slog. Er war geschickt in seinem Fach, und in der ganzen Stadt 
waren seine gediegenen und geschmackvollen Möbel bekannt und beliebt. 
Wenn wo ein junges Bürgerpaar heiratet, dann wußte der Vater schon, 
daß sie zu ihm kommen und ihre Einrichtung bestellen würden. Als der 
Bürgermeister eine neue Amtsstube einrichtete, da hatte er lange Be 
ratungen mit dem Vater. Der war fleißig, aber er liefe sich auch nichts 
abgehen. Hühner und Gänse zog die Mutter selbst und Gemüse hatten wir 
aus dem eigenen Garten, in dem auch id) ms Kind oft arbeitete und wo 
der Vater oft am Sonntag morgens auch nach dem Rechten sah. Das Haus, 
in dem wir wohnten, war schon seit mehr als hundert Jahren in der 
Familie. So lebten wir, mein Vater, die Mutter, vier Gesckjwister und der 
Geselle, der auch mit zur Familie zählte, zwar einfach, aber auskömmlid) 
und ohne wirtschaftliche Sorgen. 
Wann das große Ereignis geschah, das später unser Leben zerstören 
sollte, das weiß ich gar nicht; denn anfangs achtete bei uns gar niemand 
darauf, daß in dem Städtchen ein Möbelmagazin errichtet wurde, wo man 
fertige Ware vom Lager kaufte. Ich erinnere mich nur, daß Vater sich 
öfters über die Schundware lustig mad)te, die es dort zu kaufen gab, die 
freilich nach etwas aussah, aber an Solidität und Geschmack den Ver 
gleich mit Vaters Werken nicht aushalten konnte. 
Aber das Lachen verging ihm bald. Nach einiger Zeit merkte er, 
daß besonders die ärmeren Kunden sich nicht mehr so regelmäßig einstellten. 
Der Händler verkaufte nicht nur billiger, er gewährte auch Ratenzahlungen, 
und hauptsächlich brauchte man bei ihm nichts zu bestellen, man konnte sich 
die Möbel fertig ansehen und wählen. Dabei hatte er immer noch neue 
Muster, die er aus der Großstadt bezog, und so kam es, daß 'auch die 
„besseren" Bürger immer mehr iferf# Kundschaft ihm zuwendeten. Die Be 
stellungen bei Vater wurden immer seltener. Ich hörte ihn nicht mehr so 
lustig bei der Arbeit fingen, und eines Tages wurde der Geselle, der so 
lange an seiner Seite gearbeitet hatte, entlassen. Es war ein trauriger 
Tag, dem aber traurigere folgten. 
Da sich die Kundschaft nicht mehr recht einstellen wollte, beschloß Vater 
endlich, auch aus Lager zu arbeiten. Da er dazu mehr Holz anschaffen mußte, 
nahm er ein Darlehen aus, das aufs Haus angesd)rieben wurde. Aber diese 
Spekulation schlug fehl. Mein Vater arbeitete solid; er konnte gar nicht 
anders, und so waren die von ihm hergestellten Möbel teurer als die beim
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Händler. Auch hatten sich die Leute jetzt schon angewöhnt, zum Händler zu 
gehen, wo ganze Einrichtungen in großen Magazinen übersichtlich geordnet 
standen, während in dem alten Haus bei uns kein Platz war und das Möbel- 
lager beinahe wie eine Rumpelkammer aussah. 
So kam denn, was kommen mußte. Der Vater konnte die Zinsen 
für das Darlehen nicht bezahlen, als der Termin herankam. Sollte ihm 
nicht das Haus versteigert werden, so mußte er Geld schassen um jeden 
Preis. Als es soweit war, und die Klage gegen meinen armen Vater schon 
bei Gericht eingereicht War, kam eines Tages Herr Becker, der Möbel 
händler, zu meinem Vater und erbot sich, das ganze Lager zu übernehmen. 
Aber was für einen Preis bot er! Kaum langte es, um das Holz zu bezahlen^ 
das verarbeitet war. Aber was wollte der Vater machen? Zähneknirschend 
ging er den- schmählichen Handel ein, die Möbel wurden in das Magazin 
des Herrn Becker gebracht, der noch tat, als habe er meinem Vater eine 
Wohltat erwiesen, und zunächst wurden unsere Schulden und die Zinsen 
für das Darlehen bezahlt. 
Der edle Wohltäter, der Herr Becker, hatte meinen Vater gefragt, ob 
er nicht lieber für ihn arbeiten wollen da hätte er doch sein sicheres Brot. 
Natürlich könne er nicht so viel zahlen, wie mein Vater zu berechnen ge 
wohnt war, denn er müsse doch auch leben. Und so bot er Preise an, die 
meinem Vater als Lohn für seine Arbeit nicht einmal so viel ließen, wie 
er ehemals dem Gesellen bezahlt hatte. Mein Vater wies den edlen Mann 
ab, und ich sah, daß er ihn mirfiebften geprügelt hätte. 
Aber das Geschäft wollte jetzt gar nicht mehr gehen. Wußten doch die 
Leute, daß sie Vaters Möbel bei Herrn Becker sogar billiger haben konntest 
als bei ihm selbst. So kam der nächste Zinstermin, und Vater konnte wieder 
nicht zahlen. Diesmal gab es keine Rettung. Das Haus, das seit Menschen 
gedenken unsere Familie gehört hatte, wurde verkauft, wir mufften hinaus, 
und der Vater mietete mit dem letzten Gelde eine kleine Werkstatt in einem 
finsteren Nebengäßchen, wo natürlich Kunden schon gar nicht hinkamen. 
Die arme Mutter hatten die Aufregungen und Sorgen dieser Zeit sehr 
mitgenommen; und als sie bald nach der Uebersiedlung entbunden wurde, 
da verfiel sie in ein langwieriges Siechtum, das meinem Vater die letzte 
Widerstandskraft raubte. Nun blieb ihm nichts übrig als selbst zu Becker zu 
gehen und ihm Lieferungen anzubieten. Der ließ sich lange bitten. Er war 
gekränkt, weil ihn der Vater vorher abgewiesen hatte. Erst als der früher 
so stolze und selbstbewußte Mann sich ganz demütigte und den Geldprotzen 
fast fußfällig bat, ihm Arbeit zu geben, damit er die kranke Frau und die 
Kinder ernähren könne, da „erbarmte" er sich und erwies sich wieder als der 
„edle Wohltäter", der uns Brot gab. Natürlich waren die bewilligten Preise 
jetzt noch schlechter als früher. Die Folge war, daß Vater bald um Vor 
schuß für Holz bitten mußte, und jetzt war er noch Schuldner seines Aus 
beuters. Damals begann für uns alle eine schreckliche Zeit. Wir hungerten 
und froren. Weit über unsere jungen Kräfte mußten wir dem Vater helfen, 
die Mutter pflegen. Aber trotz alledem konnte Vater bei größtem Fleiß 
nicht den dürftigsten Lebensunterhalt für uns schaffen. Da gab er endlich 
den Kampf auf. Mit Entsetzen gedenke ich noch der Nacht, als der Vater 
von der Verrechnung mit Becker nach Hause kam. Er war in Wirtshäusern 
gewesen und hatte noch das wenige Geld vertrunken. Als er nach Hause 
kam, prügelte er uns und sein krankes Weib.
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Von da an ging es rasch mit ihm ganz bergab. Die letzten Jahre 
seines unglücklichen Lebens will ich dir lieber nicht schildern. Ich selbst war 
froh, bald aus dem Hause zu kommen. Ich wurde Lehrling bei OnkellAdolf, 
der damals Bauschlosser hier in Berlin war. ^ r „ 
Das war eine große Werkstatt, wo außer dem Meister sechs Gesellen 
arbeiteten, und an Arbeit fehlte es meist auch nicht. Dehnte sich doch die Stadt 
schon damals rasch aus und das Baugewerbe blühte. Einige Jahre ging 
es auch slott vorwärts. Onkel Adolf war ein ernster, fleißiger Mann, der 
nicht nur von seinem Handwerk, sondern auch vom Geschäftlichen etwas 
verstand. Gewöhnlich sprach er nicht viel; aber eines Tages, ich entsinne 
mich noch sehr wohl, kam er sichtlich angeregt in die Werkstatt und ver 
kündete, er habe eben einen großen Auftrag übernommen, die ganzen 
Schlosserarbeiten für zwei Neubauten eines Unternehmers. -Die ausge- 
bungenen Preise waren nicht schlecht, und so spendierte der Onkel sogar zur 
Feier des Tages, was sonst nicht seine Gewohnheit war, em Faßchen Bier. 
Na, nun ging es los mit der Arbeit. Ueberstunden wurden njcht 
weuiae gemacht. Das heißt, unsere Arbeitszeit war ja damals nicht so genau 
geregelt'; aber in dieser Zeit arbeiteten wir eifriger und länger als sonst. 
Zum festgesetzten Termin waren wir fertig und lieferten ab. Aber der 
Bauherr hielt sich weniger streng an den Termin. Obwohl ihn der Onkel, 
der selbst die Lieferanten bezahlen mußte, schließlich drängte, kam kein 
Geld, und als er die Klage einreichte, erfuhr er zu seinem Schrecken, daß 
die beiden Häuser, noch ehe sie fertig waren, schon weit überschuldet und 
daß auch die Zimmerleute, Bautischler, Klempner und Ziegeldecker ebenso 
wenig bezahlt waren wie er. Sie alle brachten jetzt ^Klagen ein gegen den 
Unternehmer und erwirkten Anschreibung auf die Häuser. Aber was nutzte 
ihnen das? Es stellte sich heraus, daß der sogenannte Unternehmer nur 
ein vorgeschobener Strohmann war. Die beiden Häuser waren verpfändet 
an einen reichen Bierbrauer, der sie jetzt öffentlich versteigern ließ, wobei er 
sie selbst erstand. Das war eine schon vorher abgekartete Sache gewesen. 
Der vorgeschobene Unternehmer war selbst ein armer Teufel, der nichts 
hatte und von dem man auch nichts kriegen konnte. Die gesamten Bau 
handwerker fielen glatt durch und kriegten gar nichts. Der Bierbrauer aber 
hatte spottwohlfeil zwei schöne Häuser. 
Der Onkel hat sich von diesem Schlag nie mehr erholt. Er war em 
gebrochener Mann. Sein Geschäft und sein Name Waren ruiniert. Eine 
Zeitlang fristete er noch sein Leben mit Reparaturen und Flickarbeiten; 
aber lange hat er diesen Krach nicht überlebst 
Die große Werkstatt hatte er natürlich aufgeben müssen, und so standen 
nun die Gehilfen, und darunter auch ich, arbeitslos aus^ der Straße, ^zch 
ging zu verschiedenen Schlossern nach Arbeit, überall umsonst. Unterdessen 
waren meine Ersparnisse aufgebraucht, ich mußte jede Arbeit nehmen, die 
sich mir bot. Ich war damals Schneeschaufler und Markthelfer, ich machte 
Botengänge und trug Säcke. Endlich gelang es mir, ständigere Arbeit zu 
finden — in einer Schuhfabrik als ungelernter Arbeiter. Die Bezahlung 
war elend; aber was wollte ich machen? Hunger tut weh ! 
In dieser Fabrik habe ich längere Zeit geschuftet; es waren dort alle 
möglichen Professionen unter den Arbeitern vertreten. Da gab es Gartner 
und Schneider, Bildhauer und Eisengießer; nur Schuhmacher gab es nicht 
unter uns. Später erfuhr ich, daß die Fabriksleitung Schuster überhaupt 
nicht zu diesen Arbeiten aufnahm, denn diese stellten als gelernte Arbeiter 
viel zu hohe Lohnforderungen. 
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        20 
Vor Jahren kriegte ich einmal eines deiner Schullesebücher in die 
Hand. Ich wollte doch sehen, was die Kinder heute in der Schule lernen, um 
sich fürs Leben vorzubereiten. Da fiel mein Blick auf ein Lesestück das den 
schönen Titel führte: „Das Handwerk hat einen goldenen Boden." Dort 
war erzählt, daß man nur Fleiß und Ausdauer brauche, um als Hand 
werker ein reicher Mann zu werden. Ich las das Stück nicht aus. Wütend 
warf ich das Buch fort, das solche Lügen enthielt und den Gehirnen der 
Jugend eintrichtern wollte. Und das soll die viel gepriesene Volks 
bildung sein?" 
Der Vater hatte sich immer mehr in leidenschaftlichen Zorn hinein 
geredet. Die Bilder aus seiner Kindheit und Jugend waren ihm wieder 
lebendig geworden. 
„Wenn ich heute noch," sagte er endlich, „mich der Fratze des edlen 
Wohltäters Becker erinnere oder jener Häuser, in die wir unsere schöne 
Arbeit steckten, die dann ein anderer ohne Entgelt genoß, dann überkommt 
mich noch die Wut. Aber schließlich weiß ich ja doch, daß es nicht nur mir 
allein so ging, daß das nur Einzelfälle sind aus dem großen Schuldbuch 
des Kapitals, das überall seinen Weg genommen hat über Blut und Leichen." 
Der Lohn geistiger Arbeit. 
„Das sehe ich nun allerdings ein," meinte Wilhelm, der Karls Er 
zählung voll Aufmerksamkeit zugehört hatte; „mein Großvater und dein 
Vater haben in ihrer Jugend eine ganz andere Welt gesehen als wir; aber 
aus zwei einzelnen Schicksalen dürfen wir doch nicht gleich so weitreichende 
Schlüsse ziehen. Vielleicht ist es nur ein Zufall, daß gerade unsere Väter 
unter so ganz anderen Verhältnissen aufgewachsen sind als wir." 
„Wie kannst du nur so etwas sagen!" entgegnete Karl. „Gibt es denn 
heute überhaupt noch leibeigene Bauern, und sehen wir nicht überall, daß 
das Kleingewerbe von den Fabriken verschlungen wird?" 
.„Na, ganz so gefährlich kann es doch nicht sein; denn es gibt heute 
noch immer eine Menge Handwerker, und wenn es vielen von ihnen auch 
nicht besonders gut geht, sie leben und bestehen doch noch immer. Mit den 
Bauern muß ich dir freilich recht geben. Leibeigen sind sie nicht mehr; aber 
geht es ihnen deshalb jetzt um so viel besser? Immerfort liest man in der 
Zeitung von der »Slot der Landwirtschaft«." 
„Db es heute besser oder schlechter ist als früher, das weiß ich nicht," 
meinte nun Karl; „jedenfalls sieht die Welt heute ganz anders aus als da 
mals. Uebrigens ist uns ja Gustav noch die Geschichte seines Vaters schuldig. 
Zuerst wollen wir die noch hören." 
Damit wandten sich meine jungen Freunde an mich und ich erzählte 
ihnen: 
„Mein Vater ist schon mehrere Jahre tot; aber ich kann euch seine 
Geschichte ganz gut erzählen, denn ich habe sie zum Teil miterlebt unfc daS 
übrige oft von ihm und Mutter erzählen gehört. 
Er entstammte recht bescheidenen Verhältnissen. Mein Großvater war 
Dorfschullehrer gewesen und es hatte ihm sehr große Schwierigkeiten und 
Opfer bereitet, den Sohn studieren zu lassen; denn der sollte es einmal 
in der Welt zu etwas bringen. Schon im Gymnasium lernte mein Vater 
den Ernst des Lebens kennen. Von zu Hause bekam er nicht viel; was er 
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sonst brauchte, mußte er selbst verdienen. Da hieß es nun sparen und 
arbeiten. Während die anderen Jungen spazieren oder auf die Eisbahn 
gingen, mußte er Stunden geben und für ein Geschäft Adressen schreiben. 
Als er endlich an die Universität kam, ging es ihm noch schlechter. Er 
brauchte mehr zum Leben, und der alte Vater war unterdessen arbeits 
unfähig geworden und lebte sehr kümmerlich von seiner kargen Pension, 
dem Sohn konnte er nichts schicken. 
Trotz dieser Schwierigkeiten machte mein Vater seine Studien als 
Chemiker mit dem besten Erfolg, und seine Professoren redeten ihm sogar 
zu, die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, selbst Professor zu werden. 
Davon konnte aber gar nicht die Rede sein; denn um solange als unbe 
soldeter Privatdozent leben und auf Verdienst warten zu können, wie es 
hier notwendig ist, dazu muß man viel Geld zusetzen können, dazu muß 
man in der Wahl seiner Eltern viel vorsichtiger gewesen sein, als es mein 
Vater gewesen war. 
So suchte er denn eine Anstellung in einer chemischen Fabrik. Da er 
auch da nicht lange warten konnte, sondern genötigt war, bald unterzu 
kommen, nahm er zunächst mit einer ziemlich schlecht bezahlten Stellung in 
einer großen chemischen Fabrik vorlieb. Es handelte sich ja nur um ein vor 
läufiges Unterkommen; denn mein Vater trug sich mit einer großen Er 
findung, die ihm, wie er dachte, auch viel Geld einbringen müsse. 
Durch einen Zufall war schon während seiner Studienzeit seine be 
sondere Aufmerksamkeit darauf gelenkt worden, daß es für die Lederindustrie 
ein ungeheurer Gewinn wäre, wenn die Zeit der Gerbung, die nach dem alten 
Verfahren oft Jahre in Anspruch nimmt, wesentlich abgekürzt werden tonnte, 
und er suchte nun nach einem neuen Verfahren, das durch Anwendung von 
chemischen Mitteln diese Zeit stark abkürzen würde. Nach jahrelangen Be 
mühungen war es ihm denn auch gelungen, ein solches Verfahren zu finden. 
Freilich hatte er seine Versuche nur in sehr kleinem Maßstab ausführen 
können; denn Leder ist teuer, noch mehr aber die Apparate und Chemikalien, 
die zu der neuen Gerberei nötig gewesen wären. Der Vater mußte sich da 
her mit allerhand alten Kisten, Gläsern, Röhren u. s. w. behelfen. Dabei 
liel aber die Ware, das heißt das Leder, nie schön aus. Immer zeigten sich 
Ungleichmäßigkeiten und auch Flecken. Hier war das Leder noch nicht durch 
gegerbt, dort war es schon zu mürbe geworden. 
Umsonst bemühte sich mein Vater in langwierigen Versuchen, diese 
Fehler zu beseitigen. Er hatte unterdessen geheiratet und brannte nun erst 
recht auf den Erfolg seiner Bemühungen. Ich erinnere mich heute noch aus 
meiner Kindheit, was für ein Gestank oft in der ganzen Wohnung war. 
wenn der Vater wieder seine Versuche unternahm. Endlich mußte er aber 
doch einsehen, daß, sollte das Unternehmen gedeihen, weit größere Mittel 
und viel mehr Zeit notwendig wären, als ihm damals zur Ver 
fügung standen. Bis dahin hatte er nur abends und nachts 
an seiner Erfindung arbeiten können, da er tagsüber in der Fabrik be 
schäftigt war. Nach langem Zaudern und reiflicher Ueberlegung entschloß 
der Vater sich nun endlich, einen Gesellschafter zu suchen, der ihm Geld geben 
und dafür einen Teil des Gewinnes erhalten sollte. Reiche Freunde oder 
Bekannte hatte mein Vater nicht, so blieb ihm nichts anderes übrig, als 
ein Inserat in eine Zeitung zu geben, daß ein Erfinder einen Teilhaber mit 
Geld suche. Tatsächlich meldeten sich auch einige Leute, aber die einen wollten 
sich nur beteiligen, wenn sie fertige schöne Ware sähen und die konnte ihnen 
Vater noch nicht zeigen; die anderen wollten vor allem das Verfahren selbst
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        kennenlernen, bevor sie sick ans das Unternehme,: weiter einliehen. Darauf 
konnte aber Vater wieder nicht eingehen: denn nichts bürgte ihm dafür, 
daß diese Leute nicht dann von feiner sorgfältig geheimgehaltenen Erfindung 
selbst Gebrauch machten und er der Geprellte war. 
So sah er denn bald ein, daß er vor allem ein Patent auf seine Er 
findung nehmen müsse. Das kostete aber ziemlich viel Geld und, um dieses 
aufzubringen, mußte sich der Vater in Schulden stürzen. Nun erlischt aber 
ein Patent schon nach wenigen Jahren, wenn es nicht ausgeführt wird. 
So war also der Vater gezwungen, sein Verfahren bald in die Praxis um 
zusetzen, wenn er nicht riskieren wollte, daß das Patent ungültig wurde. 
Dann wäre nicht nur das bezahlte Geld verloren gewesen, sondern das 
Patentaint veröfentlicht in solchen Fällen die patentierten Verfahrensarten. 
Wenn das Patent erlosch, konnte also jeder nach der veröffentlichten Beschrei 
bung Leder schnell gerben und mein Vater hatte nichts von seiner Erfindung. 
Tatsächlich fand er denn nun auch bald einen Kompagnon, der seinen 
Anforderungen wohl entsprach, den Besitzer einer ansehnlichen Gerberei, 
der mit meinem Vater abmachte, daß das patentierte Verfahren ihnen beiden 
gemeinsam gehören und Vater sich ganz dessen Verwirklichung widmen 
solle, dafür solle dann auch der dabei erzielte Gewinn unter ihnen gleich 
mäßig verteilt werden. Mein Vater ging sehr gern auf diesen Vorschlag 
ein, obwohl ihm die Person seines neuen Kompagnons nicht sehr zusagte; ! 
aber er war in einer Zwangslage. Kaum hatte nämlich sein Fabrikchef von 
dem Patent erfahren, das mein Vater erworben hatte, als er es ihm zu 
miserablem Preis abkaufen wollte. Als mein Vater auf dieses Geschäft, das 
ihn fast ganz um den Lohn seiner langjährigen Arbeiten gebracht hätte, 
nicht eingehen wollte, erhielt er die 5ründigung. »Ich verlange von meinen 
Angestellten,« erklärte der Chef, »daß sie ihre ganze Kraft meinem'Unter 
nehmen weihen. J-ch kann ihnen nickt gestatten, für private Rechnung Er 
findungen zu machen und so gerade den besten Teil Ihrer geistigen Kraft 
und Aufmerksamkeit Ihrer eigentlichen Stellung zu entziehen. Ich will 
Ihrem Glück nicht im Wege stehen, das für Sie offenbar außerhalb meines 
Unternehmen liegt.« 
So war denn mein Vater brotlos geworden und er mußte froh sein, 
den Vertrag mit dem Gerbereibesitzer eingehen zu können. Mit größtem 
Eifer machte er sich nun an die Einrichtung der neuen Abteilung und bald 
konnte mit dem Betrieb begonnen werden. Aber der brachte zunächst nichts 
als Enttäuschungen. Das Leder wurde stets ungleichmäßig, die Färbungen 
versagten, kurz, alles ging schief. Mein Vater war in Verzweiflung. Er 
konnte nicht begreifen, wieso es kam, daß die Proben oft sogar schlechter 
ausfielen, als wie er sie mit seinen primitiven Apparaten hergestellt hatte. 
Als nun die Jahresabrechnung kam, ergab sich nicht nur kein Reingewinn, 
sondern noch ein ganz namhafter Verlust, und nun verlangte Herr Fuchs, 
der Kompagnon, daß mein Vater die Hälfte davon decke. Das war aber ganz 
unmöglich; denn dieser hatte während des Jahres, in dem er ja keinen 
eigentlichen Lohn erhielt, bereits Vorschüsse bei jenem aufnehmen müssen, 
die jetzt auch zurückgezahlt werden sollten, und dazu kamen noch die 
Schulden von der Patenterwerbung. Herr Fuchs drohte nun mit Gericht 
und Pfändung, so daß sich endlich mein Vater entschloß, seinen neuen Vor 
schlag anzunehmen. Herr Fuchs erklärte, trotz des empfindlichen Schadens, 
den ihm der unglückselige Versuch gebracht habe, doch^mit dem armen Er 
finder Mitleid zu fühlen, und so wolle er ihm alle Schulden erlassen und 
sogar noch seine Privatschulden übernehmen, falls ihm dieser alle Rechte 
an dem »ohnehin wertlosen« Patent abtrete. Jetzt begann mein armer
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Vater den Braten zu riechen und tiefes Mißtrauen erfaßte rhu gegen die 
Ehrlichkeit feines Kompagnons. Aber was sollte er machen? Das Messer 
saß ihm an der Kehle, Beweise für einen Betrug hatte er nicht und so 
mußte er, der Not gehorchend, unterschreiben. . 
Er stand nun wieder vollkommen mittellos da und mußte froh setn, 
bei einem großen Werk einen Posten zu erhalten, der noch schlechter bezahlt 
war als der, den er einst innegehabt hatte. 
Bei Herrn Fuchs aber trug sich ein Wunder zu. Kaum hatte der das 
Patent allein im Besitz, als das Verfahren plötzlich viel besser wurde. Die 
Ware war nun nicht mehr fleckig und ließ sich auch ganz gut färben. Wie 
das zuging, das konnte niemand je ergründen. Meinem Vater, der ihm 
einmal Vorhaltungen zu machen versuchte, entgegnete Herr Fuchs ganz 
ruhig, er bedaure, daß gerade mein Vater auf diese »unliebsame« Geschrchte 
zu sprechen komme. So sei er genötigt, offen zu sagen, daß es meinem 
Vater der ja gewiß ein guter Theoretiker sei, an der praktischen Begabung 
offenbar fehle. Erst als er fort war, habe der Werkführer, den mein Vater 
nie habe zur Geltung kommen lassen wollen, einige Verbesserungen ange 
bracht, die nun den Erfolg herbeigeführt hätten. „ t 
Es wäre ja möglich, daß sich das von meinem Vater erfundene Ver 
fahren erst nach längeren Versuchen wirklich praktisch gestalten ließ. Das 
kommt bei neuen Erfindungen oft genug vor und daran ist schon mancher 
Erfinder zugrunde gegangen, aber gerade in diesem Falle kann ich einen 
ganz bestimmten Verdacht nicht loswerden, den schon mein Vater ausge 
sprochen hat. Gegen diesen Werkführer, den Herr Fuchs selbst angestellt 
hatte, war mein Vater stets mißtrauisch gewesen. Er hatte wrederholt be 
merkt, daß dieser schlechte Felle und minderwertige Farbmtttel verwendete. 
Damals hatte Vater geglaubt, daß diese Verfehlungen auf Unwrssenhett 
oder Ungeschicklichkeit des Mannes zurückzuführen seien. Und nun erfaßte 
ihn der Argwohn, daß das ein mit dem Chef abgekartetes Spiel gewesen 
war, um meinen Vater um die Früchte seiner geistigen Arbeit zu prellen. 
Wie dem immer war, der Betrieb des Herrn Fuchs wurde bald ganz 
nach dem neuen Verfahren eingerichtet und heute ist dieser Ehrenmann ein 
vielfacher Millionär, dessen Automobil mit Straßenkot den Sohn des 
Mannes überschüttet, der seinen Reichtum in Wirklichkeit geschaffen hat und 
selbst in Dürftigkeit und Kummer zugrunde ging." 
Der Ursprung des Proletariats. 
„Wo Tauben sind, fliegen Tauben, zu," sagte Karl, als ich geendet 
hatte, ,-das sieht man da, wieder. Wenn einer Geld hat, dann wird es schon 
von selber mehr. Wenn aber einer keines hat, dann geht es ihm wie meinem 
Großvater oder deinem Vater. Mein Großvater war ein tüchtiger Tischler, 
dein Vater ein guter Chemiker; und wer hatte den Vorteil davon? Beide 
mal ein Kerl, der Geld hatte und ein weites Gewissen. Viel Tüchtigkeit, 
Fleiß oder Talent hat dazu wirklich nicht gehört." 
„Das mag ja sein," erwiderte Wilhelm nachdenklich, „daß nicht viel 
dazu gehört, sein Vermögen zu vergrößern, wenn schon einmal eines da ist. 
Gar so sehr imponiert mir, offen gestanden, mein Herr Chef auch nicht. 
Aber damit einmal ein Vermögen zusammenkommt, dazu bedarf es doch
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des Fleißes, der Ausdauer, der Sparsamkeit. Ohne die wären eben jene 
Vermögen nie gebildet worden, die es jetzt ihren Besitzern allerdings oft j 
leicht machen, etwas dazu zu gewinnen." 
„Freilich," unterbrach hier Karl mit ironischem Lachen, „Fleiß und 
Sparsamkeit, die führen zu etwas. Waren mein Großvater, mein Vater und 
mein Großonkel, der Schlossermeister, waren das nicht alles fleißige und j 
sparsame Männer? Und zu was haben sie es gebracht? Fast bis zum 
Bettelstab." ° . 
„Das sind einzelne Fälle. Die darf man nicht gleich verallgemeinern", 
erwiderte Wilhelm. 
„Das ist ganz richtig", mischte ich mich nun wieder ins Gespräch. „Ein- I 
zelne Fälle beweisen noch nichts; aber du, Wilhelm, warst es ja selber, der 
sich auf die tägliche Erfahrung berief, und die ist auch lehrreich. Freilich muß , 
man mit offenen Augen sehen können. Daß aber solche Schicksale wie die 
unserer Väter und Großväter keine Ausnahmsfälle sind, das können wir 
leicht feststellen, indem wir die Geschichte studieren. Freilich nicht die der j 
Könige und Feldherren. Die gehen uns meist nicht viel an. Aber die Wirt 
schaftsgeschichte erzählt uns eigentlich nur zusammenfassend, wie sich alle 
die Menschen vor uns geplagt Haben, um ihren Lebensunterhalt zu ge- I 
Winnen, und wie sie von den Mächtigen geplagt wurden, die von der Arbeit 1 
jener lebten. Diese Wissenschaft wird uns denn wohl auch zeigen, wie die | 
ersten großen Vermögen entstanden, die zur kapitalistischen Ausbeutung 
verwendet wurden." 
„Große Vermögen hat es immer gegeben", warf hier Wilhelm ein. 
„Aber früher hat man nichts von „kapitalistischer Ausbeutung" gesprochen." 
„Das macht eben auch einen großen Unterschied," erwiderte ich, „wozu . 
ein Vermögen verwendet wird. Wenn sich in Rom zum Beispiel ein reicher i 
Mann Sklaven kaufte und sie für sich arbeiten ließ, dann war das doch etwas 
anderes, als wenn zum Beispiel im Mittelalter ein reicher Grundbesitzer 
viele Leibeigime hatte, toe ihm einen Teil ihrer Ernte abliefern mußten: 
und das ist doch wieder etwas ganz anderes, als wenn ein moderner 
Fabrikant viele Arbeiter beschäftigt und großen Profit macht.!" 
„Oho," unterbrach mich da Wilhelm, „gar viel Unterschied kann ich Juv 
nicht sehen. Jeder von denen hat sein Vermögen gut angelegt und kann so 
vom Ertrag leben." 
„Na siehst du," rief hier Karl dazwischen, „jetzt stellst du selber den 
Fabrikanten mit dem Sklavenhalter auf eine Stufe. Freilich, beide arbeiten 
selber nichts, lassen andere für sich arbeiten und führen dabei das schönste | 
Leben. Gar viel Unterschied ist da wirklich nicht." 
„Das möchte ich doch nicht behaupten, daß da so gar kein Unterschied 
ist", nahm ich nun wieder das Wort. „Der Sklave gehört seinem Herrn, der 
mit ihm machen kann, was er will; er hat ihn gekauft wie ein Stück Vieh. 
Aber gerade weil er den Sklaven hat bezahlen müssen, deshalb hat der auch i 
Wert für ihn, und der Herr wird darauf achten, daß sein menschliches Last- | 
vieh nicht vorzeitig eingeht, Der heutige Arbeiter aber ist ein freier Mann, - 
der heute für diese» Chef arbeiten kann, morgen für jenen. Der Kapitalist ; 
kauft nicht ihn, sondern nur seine Arbeitskraft. Ist die ausbedungene Ar 
beitszeit vorüber, so ist der Arbeiter wieder sein eigener Herr. Aber deshalb , 
hat er selbst auch keinen Wert für den Kapitalisten, sondern nur seine Kraft 
während der Arbeitszeit. Kann der eine Arbeiter heute die Arbeit nicht 
meh 
war 
meh 
beit 
hier 
ent; 
wof 
auck 
der 
Prc 
Mö 
rat! 
ihrc 
lerr 
bess 
so i 
der 
eig! 
den 
erü 
Ler 
dab 
üur 
Rei 
geh 
Bat 
In 
sow 
so 
seir 
um 
nel; 
übe 
Rei 
der 
hök 
Elc 
gek 
schl 
am 
ma 
der 
Ab
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mehr leisten, dann stehen schon soundso viele andere bereit, die nur daraus 
warten, für ihn einzuspringen. Deshalb braucht der Kapitalist heute nicht 
mehr wie früher einmal der Sklavenhalter dafür zu sorgen, daß der Ar 
beiter genug zu essen kriegt." 
„Wieso sind denn dann die Arbeiter noch nicht alle vierhungert?" wars 
hier Wilhelm ironisch ein. 
„Weil dann die Kapitalisten niemand mehr hätten, der für sie arbeitete", 
entgegnete ich. „Am Leben des einzelnen braucht ihnen nichts zu liegen, 
wohl aber an der Existenz der Arbeiterschaft überhaupt, und so ist es denn 
auch ihr fortwährendes Bestreben, die Löhne so weit herabzudrücken, daß 
der Arbeiter gerade noch knapp davon leben kann. Aber dadurch, daß die 
Proletarier frei sind, daß sie keine Sklaven mehr sind, haben sie auch die 
Möglichkeit, für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. 
Freilich hat es Zeiten gegeben, wo die Arbeiterschaft ganz hilf- und 
ratlos der Willkür der Kapitalisten preisgegeben war, und dann wurde auch 
ihre Lebenshaltung herabgedrückt bis zum äußersten Elend; aber dann 
lernten sie sich gewerkschaftlich und politisch zu organisieren und so ein 
besseres, menschenwürdigeres Leben zu erkämpfen. 
Aber darin hat Wilhelm schon recht, daß der moderne Kapitalist gerade 
so von der Arbeit seiner Arbeiter lebt wie der römische Sklavenhalter von 
der seiner Sklaven und wie der mittelalterliche Baron von der seiner kii- 
eigenen Bauern." 
Daß ich mich so auf Wilhelm selbst berief, ärgerte diesen ein wenig, 
denn er hatte das nicht sagen wollen; aber er mußte es nun als richtig an 
erkennen. 
„Ja, aber," sagte er nun in seinem Aerger, „wer zwingt denn die 
Leute, für den Kapitalisten zu arbeiten, wenn sie nicht selbst ihren Vorteil 
dabei finden? Ihr werdet sagen, sie müssen arbeiten, weil sie sonst ver 
hungern. Aber eben deshalb ist es auch zu ihrem Vorteil, daß ihnen der 
Reiche Arbeit und Lohn gibt. Täte er das nicht, dann müßten wir zugrunde 
gehen. Deshalb müssen wir den Kapitalisten dankbar sein. Das sagt mein 
Vater doch immer." 
„Mit der Dankbarkeit," entgegnete ich, „ist das eine eigene Sache. 
In der Regel kann der eine nichts dafür, daß er arm, und der andere eben 
sowenig dafür, daß er reich ist. Beide sind in ihre Lage hineingeboren, und 
so hat keiner dem andern etwas vorzuwerfen oder ihm dankbar zu 
sein. Uebrigens ist der Kapitalist viel mehr auf die Arbeiter angewiesen als 
umgekehrt; denn dieser braucht nur die. Arbeitsmittel, aber nicht den Unter 
nehmer stkbst. Der Katzitalist aber kann ohne die Person des Arbeiters 
überhaupt nichts anfangen; denn wenn die Arbeiter nicht mehr für die 
Reichen arbeiten würden, müßten die auch bakd verhungern. Auf die Frage 
der Dankbarkeit kommt es aber auch gar nicht an. Der Arbeiter kämpft um 
höheren Lohn, weil er menschenwüvdig leben will; wer an seinem 
Elend schuld ist, das spielt dabei keine Rolle. Aber wie dieses Elend zustande 
gekommen ist, das interessiert uns. Denn daraus können wir vielleicht 
schließen, wie ihm wieder abgeholfen werden kann, und dabei werden wir 
auch die Quelle des Kapitalismus finden. Ohne das Elend großer Volks 
massen ist ja dieser unmöglich; denn wer nicht durch die Not gedrängt Wird, 
der arbeitet nicht freiwillig Tag für Tag vom Morgen bis zum späten 
Abend und oft auch noch die Nacht durch an einer langweiligen, geisttötenden
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        26 
Arbeit in stickigem, lärmerfülltem Raum für kärglichen Lohn und oft in 
fortwährender Lebensgefahr. Wenn wir also den Ursprug des Kapitalismus 
finden wollen, dann müssen wir nicht nur nach der Entstehung der großen 
Vermögen suchen, sondern vor allem auch nach dem Aufkommen des Massen 
elends freier Arbeiter. 
Nun hat es ja freie Arbeiter auch im Mittelalter schon gegeben. Die 
Handwerker in den Städten und ihre Gehilfen waren frei; aber sie waren 
keine besitzlosen Proletarier. Die Meister selbst hatten sehr oft das Haus, 
in dem sie wohnten und arbeiteten, samt Hof und Garten und häufig auch 
noch ein Stück Feld Zu eigen, und es vererbte sich in der Familie. Die Ge 
sellen waren zum großen Teil Söhne von Meistern und hatten Aussicht, 
selbst Meister zu werden. Dabei war das Handwerk in Zünften organisiert, 
die dem einzelnen Meister und Gesellen einen Rückhalt boten. Meist wurde 
für die Kundschaft am Orte gearbeitet, häufig auf Bestellung. In kleineren 
Orten haben sich ähnliche Verhältnisse bis in die neueste Zeit hinein er 
halten. Karls Großvater war ja auch noch ein Tischlermeister dieser alten, 
guten Art. Die arbeiteten für eigene Rechnung und lieferten direkt an die 
Kunden. Da war für den Kapitalisten nichts zu holen. 
Auf dem Lande aber gab es keine freie Arbeiterschaft. Der Bauer war 
leibeigen, das heißt, er mußte auf dem Landgut bleiben und Landwirtsä-att 
treiben, er mußte dem Herrn, den er nicht verlassen oder wechseln durste, 
persönliche Dienste leisten und Abgaben entrichten. Die Geschichte von 
Wilhelms Großvater hat uns ja gezeigt, wie es da zuging. Da war also 
wieder für das Kapital nichts zu machen; denn wenn der Bauer auch oft 
arm war, so daß er sich gern um Lohn verdungen hätte, er war an die 
Scholle gebunden und mußte der Landwirtschaft treu bleiben. 
Diese Verhältnisse mußten daher erst geändert werden, bevor das 
Kapital seine Herrschaft antreten konnte. Das geschah in verschiedenen Län 
dern in verschiedener Weise. In England zum Beispiel vertrieben schon im 
Iß. Jahrhundert häufig die großen Grundbesitzer die Bauern mit Gewalt 
oder durch Rechtsverdreherei von ihrem Gut; denn es war für sie damals 
lohnender geworden, Schafe zu halten und ihre Wolle teuer zu verkaufen, 
als von den Bauern Abgaben in Getreide zu erpressen. 
In Preußen wieder ging es gerade umgekehrt zu. Hier wollten die 
großen Grundherren möglichst viel Getreide verkaufen, und dazu genügte 
ihnen das bißchen nicht, das ihnen der Bauer von seiner schlechten Wirt 
schaft abgeben konnte. Da war es lohnender, das Land der Bauern, 
wenigstens gitm größten Teil, einzuziehen und diesen die bisherigen Ver 
pflichtungen zu erlassen. Von dem Stückchen Grun^&gt;, das dem Bauern blieb, 
konnte er ja nicht leben, und so war er gezwungen, beim Gutsherrn um 
billigsten Lohn zu arbeiten, und dieser hatte dabei noch den Vorteil, daß er 
im Winter nicht alle Arbeitskräfte verpflegen mußte, die er im Sommer 
brauchte. So kam es zur „Bauernbefreiung". 
„Aha," unterbrach mich hier Wilhelm, „jetzt verstehe ich, wieso es zur 
zwangsweisen „Befreiung" der Eltern meines Großvaters kam. Da ist es 
begreiflich, daß sich die Bauern sträubten, so gut sie konnten. Aber laß dich 
nicht stören, erzähle nur weiter." So fuhr ich dann fort: 
„Ob nun aber die Sache so wie in England vor sich ging, wo Aecker 
in Schaftriften verwandelt wurden, oder so wie in Preußen, wo der uner 
giebige bäuerliche Landbau durch die viel lohnendere gutsherrliche Betriebs 
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toeife Derbrängt würbe, bas cine blieb immer, batz bem Bauern fern Sanb 
abhanden kam, batz er befreit würbe nicht nur von feiner Knechtschaft, son 
dern zugleich auch Don seinem Besitz. Aus bem leibeigenen Bauer würbe bet 
freie Proletarier. Der schaute sich nun natürlich um, tote und wo er ferne 
Arbeitskraft am lohnendsten verwerten konnte, er war bas richttge Aus 
beutungsobjekt für bas Kapital." 
Der Ursprung des Kapitals. 
„Jetzt finb wir aber Don unserer ursprünglichen Frage ganz abge= 
kommen", tonrf hier Wilhelm ein. „Du versprachst uns boch, etwas Don ber 
Entstehung ber großen Vermögen zu erzählen, unb statt besten hast bu über 
die Entstehung bes großen Elenbs gesprochen." .. 
Oho", unterbrach ich ihn. „Ich habe nur von ben großen Vermögen, 
-u erzählen versprodien, bie zur kapitalistischen Ausbeutung Dertoenbet 
tttctöciL Denn toic bu selber gefQQt hust, e§ reiche Seute febort Ute! früher 
aegeben. Aber jetzt wissen wir eben, woraus es ankommt; denn nicht jeber 
Besitz an Gelb ober anbeten Reichtümern ist beshalb schon ein Kapital, 
sondern nur ein Vermögen, bas zur Ausbeutung freier Arbeiter Dertoenbet 
wirb Unb deshalb mußten wir zuerst untersuchen, wie es denn überhaupt 
dazu kam, baß ein freies unb zugleich besitzloses Mastenproletarrat aufkam. 
Es fragt sich nun, wo unb wie bieses Massenproletariat zuerst zur Ver 
mehrung bes Vermögens Dertoenbet würbe. . ^ v . nr 
In ber Lanbwirtschaft konnte bas neue Verfahren, btc Anwenbung 
freier Arbeiter, nicht aufkommen; benn bie würbe noch lange Zeit mit Leib- 
eigenen betrieben." 
„Halt!" schrie ba Wilhelm. „Jetzt habe ich bich auf einem Wrber 
spruch ertappt. Vorhin hast bu uns bewiesen, baß zuerst bte Bauern befreit 
werben mußten, bevor ber Kapitalismus beginnen konnte, unb jetzt erzählst 
du uns, er habe nicht auf bem Laube anfangen können, weil bort bie Arbeiter 
noch leibeigen waren. Da ist er also boch zur Zeit der Leibeigenschaft ent 
standen." • r r , . 
„Richtig, jetzt hat er mich", sagte ich lachend. „Aber es ist sehr gut, bag 
bu mich hier gleich auf einen sehr wichtigen Punkt aufmerksam machst. Man 
darf sich nämlich nie vorstellen, baß große wirtschaftliche Umwälzungen mit 
einem Ruck, ganz plötzlich unb unbemittelt, vor sich gehen. Auch die großen 
Revolutionen verwirklichen nur bas, was schon lange vorbereitet ist, sie 
bringen nur bie Keime zur schnelleren Reife. So war es auch mit der soge 
nannten „Bauernbefreiung". In Preußen zum Beispiel zieht sich dieser 
Prozeßburchmehralshunbert Jahre hin. Während dieser ganzen Zeit war es 
bas Bestreben ber Grundbesitzer, bie Bauern vom Land nach Möglicksteit 
zu verdrängen unb dieses sich selbst anzueignen. Während dieser ganzen Zeit 
wurden denn auch fortwährend Bauern um ihren Besitz gebracht unb zum 
Teil als Proletarier in bie Stabt getrieben. Dort entstand denn auch mit 
diesen freien Arbeitern bie erste von ben Hanbwerkszünften unabhängige 
Industrie. Das, was dein Großvater miterlebt hat, bas war nur ber Schluß 
akt des großen Dramas. 
Die großen Besitzungen ber Adeligen unb ber Kirche eigneten sich 
überhaupt nicht sehr für bie Entstehung ber Industrie, wenn freilich schon 
frühzeitig auch bort Mahl- unb Sägemühlen, Bierbrauereien, Schnaps-
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        28 
brennereien und später auch Zuckerfabriken entstanden. Auch nach den Berg- ste r 
'.öerfen strömte ein Teil dieses neuen Proletariats; aber die Bergwerke er- diese 
langten auch erst ihre Bedeutung durch das Aufblühen der großen Industrie i Kon! 
in den Städten. Dort miissen wir also den Ursprung des Kapitals suchen. ! 
Dort hatte schon seit alter Zeit das Handelskapital eine große Rolle j Han! 
gespielt. Der Handel beschäftigte von jeher fast nur freie Arbeitskräfte, und port 
gerade hier wurden oft ungeheure Vermögen erworben. Freilich dürfen wir j und 
nicht glauben, daß es beim Handel immer so zugegangen ist wie heute. Im I die 1 
Mittelalter und auch vielfach noch in späterer Zeit zog der Fuhrmann mit 1 hälti 
seinem Gespann auf der miserablen Landstraße dahin, bis an die Zähne be- könn 
-vaffnet, jederzeit auf räuberischen Ueberfall gefaßt. Und gewährten ihm i Zeit 
Adelige oder Städte Schutz, dann mußte er so viel dafür bezahlen, daß sich; selbs 
der Schutz von Raub oft nicht mehr so sehr unterschied. Noch schlimmer war; Die 
es zur See. Diese wimmelte von Seeräubern, und bei guter Gelegenheit! Pro! 
verwandelte sich auch der ehrbare Kaufmann in einen solchen. Kriege gab j fand 
cs ja fast immer, und begegneten sich Schiffe der feindlichen Parteien, so ! bald 
raubte das stärkere das schwächere aus. — ■ So t 
Sollte sich also der Handel rentieren, dann mußten die Preise so erhöht erdr' 
werden, daß alle Verluste und Gefahrei: dadurch wieder hereingebracht 
wurden. So suchten sich die Kaufleute an den Käufern schadlos zu halten, Kar! 
indem sie sie nach Kräften übervorteilten und plünderten. ! danr 
Wie arg diese Ausbeutung durch das Handelskapital war und wie 
schwer sie empfunden wurde, dafür ist bezeichnend, was der fromme Gottes-1 Frei 
mann Martin Luther über die Kaufleute seiner Zeit sagt. Diese hatten sich | gewi 
nämlich über die räuberischen Ueberfälle der Edelleute und die großen Ge-1 sich i 
jähren beim Handel beschlvert. Darauf antwortete Luther: „Weil solch groß I wuch 
Unrecht und unchristliche Dieberei und Räuberei über die ganze Welt durch j es d 
die Kaufleute, auch selbst untereinander geschieht; was ist Wunder, ob Gott, ein 
schafft, daß solch groß Gut mit Unrecht gewonnen, wiederum verloren oder! wen! 
geraubt wird und sie selbst dazu über die Köpfe geschlagen oder gefangen j Wer 
werden?" ; Hein 
„Na, davon hat uns der Herr Pastor im Konfirmationsunterricht I und 
nichts erzählt," sagte Wilhelm lachend. „Von der Seite haben wir den alten j als 
Luther nicht kennen aelernt. Aber da muß es wirklich schon ara aewesen sein." mög 
„Noch viel schlimmer aber," fuhr ich fort, „als die Ausbeutung der jfwi 
Käufer in der Heimat war die der fremden Völker, besonders in Asien, i oc „ t . L 
Afrika und Amerika, durch das Handelskapital." j 
„Ja, da habe ich einmal ein Buch über die Greuel gelesen," bestätigte | mi 
Karl, „die die Spanier in Amerika angerichtet haben. Das waren ganz ^ 
scheußliche Sachen. Der Verfasser des Buches bemerkte dazu, da sehe man die j m .i 
Roheit der Katholiken." ! 
„Na, in dem Punkt," erwiderte ich, „brauchen sich die Protestanten j trie! 
wirklich nicht mausig zu machen. Die Engländer haben in Indien, die Hol- ! keim 
länder in Südafrika und in Java gerade solche Scheußlichkeiten begangen ‘ 
wie die Spanier, die Portugiesen und Franzosen. Und daß die Deutschen ; um 
nicht besser sind, das haben sie jetzt in Afrika bewiesen. Alle diese Kaufleute | fähr 
wetteifern in der Ausplünderung der fremden Länder und Erdteile. An hat 
dem Geld, das sie von dort holten, klebte noch mehr Blut und Schmutz als i Zins 
an dem, das sie ihren Volksgenossen abzwackten; denn draußen begnügten beza 
sich die Kaufleute oft nicht damit, die Eingeborenen zu berauben, sondern rrge
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sie raubten sie selbst und verkauften sie als Sklaven in die Fremde. An 
diesem schmählichen Handel beteiligten sich die Schiffe aller Nationen und 
Konfessionen, und fromme Geistliche gaben dazu ihren Segen. 
Zuerst hatte sich der Handel hauptsächlich mit den Erzeugnissen des 
Handwerks befatzt. Naturprodukte spielten keine große Rolle, da ihr Trans 
port über Land zu schwierig und kostspielig war. Eisenbahnen gab es nich-, 
und die Straßen waren in dem elendesten Zustand, und dazu kam eben noch 
die Unsicherheit, so daß nur Waren gehandelt werden konnten, die bei ver 
hältnismäßig geringem Gewicht und Umfang möglichst hohe Preise erzielen 
konnten. Als dann aber der Handel wuchs, fanden es die Kaufleute mit der 
Zeit lästig, den Handwerkern ihre Ware erst abzukaufen, sie wollten sie lieber 
selbst billiger und ganz nach ihren Handelsbedürfnissen herstellen lassen. 
Die zünftigen Meister und Gesellen waren dazu nicht zu haben; aber die 
Proletarier, die in die Stadt strömten und in den Zünften keine Aufnahme 
fanden, die konnten nun von den Kaufleuten ans Werk gesetzt werden und 
bald die zünftigen Handwerker unterbieten und dadurch zugrunde richten. 
So wurde das alte Handwerk zum größten Teil durch die neue Manufaktur 
erdrückt und verdrängt." 
„Das ist ja ganz die Geschichte meines Großvaters", unterbrach mich hier 
Karl. „Der wurde auch vom Möbelhändler ums Brot gebracht und mußte 
dann noch selber für ihn arbeiten." 
„Ja," erwiderte ich, „so ähnlich hat sich der Prozeß überall abgespielt. 
Freilich, als die Sache einmal im Zug war, als man allgemein sah, wie 
gewinnbringend man Geld in der Manufaktur anlegen konnte, da drängten 
sich alle zu diesem Erwerbszweig, die verfügbares Geld hatten. Der Dorf 
wucherer zwang nun seine Schuldner, für ihn zu arbeiten, und ebenso machte 
es der städtische Hauswirt. Der hatte oft aus der Ausbeutung seiner Mieter 
ein schönes Vermögen zusammengescharrt, und das konnte nun schön ange 
wendet werden, um arme Teufel in ihrem eigenen Heim oder in großen 
Werkstätten zur Arbeit zu setzen und auf diese Weise schöne Profite einzu 
heimsen. Sobald einmal ein besitzloses Proletariat da war und man die Art 
und Weise kannte, aus diesem Arbeit herauszuschlagen, die weit mehr ergab 
als den Lohn dieser Arbeiter, seit dieser Zeit war jedes verfügbare Geldver 
mögen als Kapital anwendbar, ja der Besitzer brauchte sich nicht einmal mehr 
selbst mit der Ausbeutung der Arbeitskräfte zu bemühen, er konnte sein 
Geld einem Industriellen leihen und den Gewinn mit diesem teilen. Er 
erhielt die Zinsen von seinem Kapital, der Unternehmer behielt den Ge 
winn, der darüber hinaus erzielt wurde. 
So konnte der Glaube entstehen, daß das Kapital von selber Zinsen 
trage, daß es aus eigener Kraft wachse; denn wer ein Kapital hat, der kriegt 
auch ohne jede weitere Anstrengung die Zinsen. Aber das heißt nur, er 
braucht sich nicht selbst anzustrengen. Wenn sich auch die Arbeiter in dem Be 
trieb nicht anstrengten, dem er das Geld vorstreckte, dann kriegte er auch 
keine Zinsen, dann bliebe das Kapital tot liegen." 
„Aber man braucht doch nicht sein Geld einem Fabrikanten zu borgen, 
um Zinsen zu bekommen," wandte hier Wilhelm ein. „Mein Vater hat unge 
fähr 800 Mk. in der Sparkasse liegen, die sich von selbst verzinsen, und dann 
hat er noch Staatspapier um 2000 Mk., und unlängst erst ging ich mit den 
Zinsscheinen in eine Wechselstube und erhielt das Geld ohne weiteres aus 
bezahlt. Da trägt doch das Kapital selber Zinsen? Oder kommen die auch 
irgendwie aus der Arbeit?"
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        „Freilich tun sie das," entgegnete ich. „Die Sparkasse könnte nicht fort 
gesetzt Zinsen zahlen, wenn sie nicht das eingelegte Kapital wieder an 
dustrielle ausleihen würde. Diese zahlen der Sparkasse einen Teil dessen, was 
ihnen ihre Arbeiter erworben haben, und einen Teil ihres Gewinnes zahlt 
die Sparkasse wieder den Einlegern. Ebenso könnte der Staat seinen Gläu- 
bigerw nicht immerfort Zinsen zählen, wenn er das Geld nicht von den 
Steuerträgern bekäme, die es entweder durch^eigene Arbeit oder durch die 
Ausbeutung fremder Arbeit erworben haben. So fließen also in Wirklichkeit 
auch diese Zinsen aus der Arbeit her." 
„Wenn das so ist," meinte nun Wilhelm, „dann muß ich wohl zugeben, 
daß auch zum ursprünglichen Erwerb des Kapitals keine besonderen Fährg- 
keilen nötig waren. Du hast uns gezeigt, daß es aus Raub, Gewalt, Er 
pressung und Ausbeutung herrührt. Also sollten wirklich die Kapitalisten 
von jeher so viel schlechtere Leuttz gewesen sein als alle anderen? Waren 
nicht zum Beispiel die Raubritter noch viel habsüchtiger und gewalttätiger 
als sie?" . 
„Das mag schon der Fall gewesen sein, und die ersten Kapitalisten 
brauchen durchaus nicht schlechtere Menschen gewesen zu sein als zum Bei 
spiel die Adeligen ihrer Zeit, sie hatten nur andere Methoden, sich zu be 
reichern, als diese. Auch will ich nicht sagen, daß zur Anhäufung und zur Ver 
mehrung des Kapitals nicht besondere Fähigkeiten erforderlich sind. Das ist 
oft der Fall; aber es sind nicht Fleiß und Sparsamkeit, sondern Schlauheit, 
Geistesgegenwart und vor allem brutale Rücksichtslosigkeit. Gewiß war das 
Gewerbe des Raubritters nicht sehr schön und edel, aber es war wenigstens 
so weit ehrlich, als sich der Räuber für nichts anderes ausgab als er war. 
Es fiel ihm nicht ein, sich noch als Wohltäter derjenigen Menschen aufzuspielen, 
die er ausraubte. Der Kapitalist tut das aber. Er plündert seine Arbeiter, 
indem er sagt, er gäbe ihnen Arbeit und ernähre sie. Er brandschatzt die Kon 
sumenten, indem er ihnen erzählt, daß er sie mit den Segnungen der Kultur 
versehe, und er verbreitet die Zivilisation unter den Wilden, indem er sie 
mit Schnaps vergiftet, sie zu Arbeitssklaven macht und ihre Naturschätze 
stiehlt." . . 
„Wenn ich schon die Wahl habe," meinte da Karl, „dann ist nur der 
ehrliche Räuber, der wenigstens seine Haut zu Markte trägt, doch noch lieber 
als der heuchlerische „Wohltäter", der von seinem Kontor aus tn voller 
Sicherheit die.Menschen ausplündert." 
Der Wert. 
i. 
„Du stellst alles so dar," meinte Karl nach einer Weile, „als ob es sich 
da um einen großen Kampf mit Waffen handeln würde. Da Ware es sofort 
klar, weshalb der Stärkere den Schwächeren, der besser Gerüstete den 
Waffenlosen überwältigt; aber in der Industrie muß doch mrt anderen 
Waffen gekämpft werden. Wenn ich dich recht verstanden habe, handelt es sich 
da meist darum, daß derjenige den anderen schlägt, der billigere Preiw macht. | 
Do hat der Möbelhändler den Tischler, die große Fabrik die kleine Werkstatt ■ 
durch dieses Mittel aus dem Feld geschlagen. Aber wovon hangt es denn ab, 
wie hohe Preise einer verlangen kann? Wie werden denn die Preiw über- j 
Haupt bestimmt?"
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„Das ist recht einfach," erwiderte Wilhelm, „das haben wir erst kürz 
lich in der Handelsschule gelernt. Das macht man so: Zum Preis des Roh 
materials wird ein Betrag für die Äbnsitzung der Maschinen und Baulich 
keiten und ferner der Betrag der Löhne geschlagen. Zu dieser Summe wird 
der gewöhnliche Profitprozentsatz gerechnet, und so ergibt sich der Verkaufs 
preis. Wenn ich zum Beispiel den Preis wissen will, um den ich einen Anzug 
verkaufen darf, dann rechne ich den Preis von Stofs, Futter, Zwirn u. s. w.. 
dazu kommt die Abnutzung der Nähwaschinen, ein kleiner Teil der Werkstatt 
miete ynb der Arbeitslohn. Macht das alles zusammen, sagen wir, 30 Mk. 
aus, so schlage ich noch 20 Prozent dazu, das sind 6 Mk.; ich kann also den 
Anzug mit 36 Mk. verkaufen. Vorsichtshalber werde ich seinen Preis freilich 
in der Regel mit 40 Mk. ansetzen, wenn ihn nicht die Konkurrenz mit 38 
oder gar mit 36 Mk. anbietet. Niedriger darf ich aber nicht gehen." 
„Das ist ja alles ganz schön," meinte Karl nachdenklich, „aber ich ver 
stehe nicht recht, warum du gerade 20 Prozent dazuschlägst und nicht 50 Pro 
zent. Da würdet ihr doch noch mehr verdienen." 
„Das geht eben nicht," erwiderte Wilhelm, „denn wir können nicht 
teurer verkaufen als die Konkurrenz, sonst liefen uns die Kunden davon. 
So rechnen alle den gleichen Profit von 20 Prozent." 
„Das verstehe ich aber noch immer nicht," wandte Karl ein. „Haben 
denn alle Kleiderhändler und Schneider eine Vereinbarung getroffen, daß 
sie den gleichen Profit von 20 Prozent machen? Und warum haben sie denn 
nicht alle lieber mehr festgesetzt?" 
„Das ist wahr," bemerkte Wilhelm etwas verlegen, „daran habe ich 
noch gar nicht gedacht. Eine Vereinbarung besteht nicht, und doch hat der 
Profit eine bestimmte Höhe. Von der Willkür der Meister kann diese nicht 
abhängen, ober es rechnen doch alle mit ihr. Wovon sie abhängt, das weiß ich 
nicht; aber das ist sicher, daß die Preise so zustande kommen, wie ich dir 
cs geschildert habe." 
„Das ist schon richtig," warf ich ein, „aber ist diese Rechnung die 
Antwort auf Karls Frage? Du gehst zum Beispiel vom Preis des Roh 
materials aus: aber da entsteht ja gleich wieder die Frage, wovon denn 
dieser abhängt. Dann rechnest du den. Ilrbeitslohn dazu. Aber wie groß ist 
beim dieser?" 
„Das hast du uns selber schon einmal auseinandergesetzt," erwiderte 
Wilhelm. „Erinnere dich, als wir von der Entstehung des Proletariats 
sprachen, da zeigtest du uns, daß das Kapital die Arbeiter immer auf einen 
Lohn beschränken will, der gerade zum Leben hinreicht, und wie die Arbeiter 
immerfort kämpfen müssen, um bessere Löhne durchzusetzen. Im großen und 
ganzen muß es also doch so sein, daß die Slrbeitcr so viel Lohn bekommen, 
daß sie davon leben können. Der Lohn muß daher mindestens so hoch sein, 
daß der Arbeiter sich alle notwendigen Lebensrnittel kaufen kann." 
„Da hast du sehr richtig kalkuliert," erwiderte ich, „aber da siehst du erst 
recht wieder, daß der Lohn abhängt vom Preis der Lebensmittel. Wir wissen 
also jetzt, daß sich der Preis des Slnzugs, den du vorhin als Beispiel gewählt 
hast, aus vielen anderen Preisen zusammensetzt. Wir wissen also eigentlich 
darüber, wovon denn die Preise abhängen, nicht viel mehr als früher." 
„Das kann ich nicht einsehen," gab Wilhelm zurück. „Wenn ich zum 
Beispiel gefragt werde, wie lang ein Stoff ist, so werde ich antworten, er hat 
soundso viele Meter; da habe ich doch auch nur gezeigt, daß seine Länge sich 
aus anderen Längen zusammensetzt. Und gerade so gut ist es auch eine ge-
        <pb n="36" />
        tmgenbe Antwort, wenn ich sage, der Preis des Anzugs besteht aus dem j 
Preis des Rohmaterials, dem Preis der Lebensmittel, welche die Arbeiter j 
brauchen, die ihn anfertigen u. s. to." 
„Du hättest den Vergleich sogar noch weiterführen können," entgegnete | 
ich. „Denn so wie man sagt, der Stoff ist so viele Meter lang, so sagt man • 
beim Preis, der Anzug ist soundso viele Mark wert. Was das Metermatz für: 
die Länge, das ist das Geld für den Wert." 
„Da gibst du mir also doch auch einmal recht," bemerkte Wilhelm 1 
lachend, „das ist selten genug." • 
„Aber danach habe ich ja gar 'nicht gefragt", mischte sich nun Karl j 
wieder ins Gespräch. „Ich wollte nicht wissen, wie der Preis einer Ware ge-1 
messen wird, sondern warum er eine bestimmte Höhe hat." Sich an Wilhelm 
wendend, fuhr er darauf fort: „Wenn zum Beispiel eine Kundschaft zu euch 
ins Geschäft kommt und auf einen Anzug weisend sagt: „Warum ist denn 
der so teuer?", dann möchte ich dir nicht raten zu antworten: „Weil er &gt; 
50 Mk. kostet". Von der Auskunft wäre die Kundschaft sicherlich ttfentg be i 
friedigt." . ! 
„Nein," sagte Wilhelm lachend, „in einem solchen Falle müssen^ wir! 
immer sagen, das komme daher, weil die Arbeiter jetzt so hohe Löhne 
verlangen." 
„Na, siehst du," meinte nun Karl, „deine Weisheit von dem Geld als I 
Maßstab des Wertes nützt uns gar nichts, wir wissen jetzt nicht mehr als 
früher, wovon eigentlich der Preis abhängig ist." 
„Wenn wir darüber etwas wissen wollen," meinte ich, „müßten wir doch 
wohl zuerst untersuchen, ob der Wert eine Eigenschaft der Ware selbst istj 
oder nicht." 
„Ja was sollte er denn sonst sein?" fragte Karl erstaunt. „Ob tcE)j 
sage, der Hut hat eine schwarze Farbe, oder, der Hut kostet 5 Mk., in beiden! 
Fällen sage ich doch, daß der Hut eine bestimmte Eigenschaft hat." 
„So ganz gleich ist das aber doch nicht," wandte ich ein. „Ob du deib 
Hut in Berlin oder in Amerika anschaust, immer ist er schwarz; er kann 
aber in Berlin 5 Mk. wert sein, in Amerika jedoch vielleicht 7 Mk. So ist 
zum Beispiel Getreide in Amerika viel billiger als bei uns. Am Getreide 
selbst kann aber die Ursache des Unterschiedes nicht liegen, denn das hat dort 
die gleiche Bedeutung als Nahrungsmittel wie bei uns." 
„Der Unterschied der Werte", meinte Wilhelm, „kommt, soviel ich 
weiß, daher, daß es in Amerika viel mehr fruchtbaren Boden gibt als bei 
uns." 
„Das stimmt nicht recht," erwiderte ich; „der Boden ist in Amerika im 
allgemeinen nicht besser als bei uns; aber Amerika ist noch lange nicht so 
dicht besiedelt wie Europa, und so brauchen sie dort den Boden nicht so aus 
zunützen, sie düngen sehr wenig und begnügen sich mit dem, was der Boden 
bei leichter Bebauung hergibt. In den Vereinigten Staaten trägt der gleiche 
Acker kaum die Hälfte der Frucht wie in Deutschland; aber die darauf ver 
wendete Müh? und Arbeit ist noch viel weniger als die Hälfte dessen, was 
in Deutschland gebraucht wird. Weil aber das Land so dünn bevölkert ist, 
haben die Amerikaner an ihren Vorrären nicht nur genug, sie können nod) ; 
sehr viel davon exportieren. Dazu kommt ferner, daß sie mehr und besser? 
Maschinen anwenden als wir, hauptsächlich aber auch, daß sie kein Militär 
haben und daher viel weniger Steuern aufzubringen brauchen. Ihr seht 
also, daß der Unterschied nicht im Getreide liegt, sondern in den sozialen
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        38 
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Verhältnissen, unter denen jenes erzeugt wird. Hätten wir in Deutschland 
eine ebenso spärliche Bevölkerung, keine Militärlasten u. s. w., dann wäre 
unser Getreide gerade so billig wie das amerikaniM." _, r , 
„Da müssen wir also," fragte Karl, „erst unsere sozialen Verhaltmsw 
studieren, um zu verstehen, weshalb mein Hut 3 Mk. gekostet hat? Das ist 
aber ein weiter Weg! Und wie sollen wir denn das anfangen?" 
„Das ist freilich nicht so einfach," bestätigte ich, „besonders weil unsere 
jo furchtbar komplizierte Welt gar nicht zu verstehen ist, wenn man nicht ihre 
Wirtschaft, ihr inneres Räderwerk begreift." 
„Aber da drehen wir uns ja immer nur im Kreis", warf Wilhelm ern. 
„Gerade vorhin hast du uns gesagt, die Bildung des Wertes sei nur aus den 
sozialen Berhältnisse zu verstehen. Jetzt sagst du uns wieder, diese könne 
nian nur verstehen, wenn man die Wirtschaft begreift. Der Wert gehört aber 
doch zur Wirtschaft. Auf diese Art kommen wir gar nicht von der Stelle." 
„Das wollte ich gerade auch selber sagen, als du mich unterbrachst", er 
widerte äch ruhig meinem etwas zornig gewordenen Freunde. „Unsere 
heutigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind viel zu komplizierl. 
als daß man sie ohne weiteres untersuchen und verstehen könnte. Aber es 
geht einem ja auch ähnlich, wenn man in eine moderne große Fabrik tritt. 
Da kann sich der Laie noch so lange umschauen, er wird die Zusammenhänge 
nicht begreifen." 
„!Das ist wahr," bestätigte Karl, „wenn man in unsere Werkstatt kommt 
und den surrenden Rädern, stampfenden Rollen, den ächzenden Kränen und 
den sausenden Riemen zusieht, dann wird einem ganz wirr im Kopf: obwohl 
ich dock jetzt schon fast drei Jahre in der Fabrik beschäftigt bin, verstehe rch 
noch immer nicht das ganze Werk. Einiges hat mir einmal der „rote Max" 
expliziert: aber jetzt ist er schon lange nicht mehr dazugekommen." 
„Nun, und wie hat er das gemacht?" fragte ich. 
„Er hat mir gezeigt," antwortete Karl, „mit welchen Maschinen die 
Fabrik seinerzeit begonnen hat. Das sind natürlich die notwendigsten; seither 
weiß ich wenigstens, was das Wesentlichste und was als mehr nebensächlich 
anzusehen ist. Aber tue einzelnen Maschinen verstehe ich noch immer nicht. 
Da versprach mir Max, einmal mit mir in die „Urania" * *) zu gehen und 
mir dort die einfachen Modelle zu zeigen. Er meinte, dann werde ich auch die 
komplizierten Dkaschinen besser und leichter verstehen." 
„Da hat er auch ganz recht gehabt", bestätigte ich. „Sind doch auch die 
heutigen komplizierten Maschinen aus so einfachen hervorgegangen. So wie 
mir nun jene einfachen Formen zuerst untersuchen und verstehen müssen, be 
vor wir an die komplizierten herangehen dürfen, so müssen wir auch zuerst 
die einfachen Wirtschaftsverhältnisse und sozialen Zustände unserer Vorfahren 
studieren, wenn wir die Welt begreifen wollen, in der wir heute leben." 
„Nun, da nehmen wir wohl am besten die Zustände, aus denen mein 
Großvater hervorgegangen ist," schlug Wilhelm vor. „Die waren doch einfach 
genug. Ich habe sie euch ja schon einmal geschildert." 
„Warum hältst du die eigentlich für so besonders einfach?" fragte ich. 
„Erinnere dich doch nur," erwiderte Wilhelm, „wie einförmig damals 
das Leben gewesen sein mutz. Den hörigen Bauern floß ein Tag hin wie 
*) Volkstümliches, wissenschaftliches Institut in Berlin. 
• ' 3
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        34 
der andere, nur daß sie einmal für den Gutsherrn sich schinden mußten 
und dann wieder für sich selbst. Zerkaust und gekauft würbe sehr wenig, 
nur gerade, was der Gutsherr ihnen um einen Spottpreis abnahm oder 
um teuren Preis aufdrängte." \ 
„Ja, siehst du," erwiderte ich, „da liegt eben gerade die Schwierigkeir. . 
Was wollen wir denn eigentlich Herauskriegen? Von welcher Frage sind wir 
denn ausgegangen?" 
„Ich wollte wissen, wovon die Preise abhängen," sagte Karl. „Bei 
dieser Gelegenheit möchte ich dich übrigens fragen, was das zu bedeuten hat, 
daß wir einmal vom Preis und dann wieder vom Wert reden. Ist das das-l 
selbe oder was ist der Unterschied?" 
„Es ist gut, daß du mich darauf aufmerksam machst," antwortete ich; 
„denn davor muß man sich sehr hüten, eine Sache mit verschiedenen Aus-t 
drücken oder mehrere Sachen mit einem Wort zu bezeichnen. Daraus ent-» 
stehen dann immer Verwechslungen und unnütze Streitereien. Wir wollen 
also fortan als Wert, genauer Tauschwert, das Verhältnis bezeichnen, in dem 
sich Waren gegeneinander austauschen. Wenn sich also zum Beispiel zwei 
Röcke gegen drei Hüte austauschen lassen, dann haben zwei Röcke den „Tausch- • 
wert" von drei Hüten und die drei Hüte den „Tauschwert" von zwei Röcken. 
Diese Bedeutung des Ausdruckes müssen wir uns gut merken. Der „Preis" 
ist dann das Verhältnis, in dem sich die Waren gegen Geld austauschen. Das 
ist aber schon eine kompliziertere Erscheinung, und so müssen wir also die 
Frage zunächst so stellen: „Wovon hängt der Tauschwert der Waren ab?" : 
Aus den Preis werden wir dann schon später kommen." 
„Du sprichst da immer," unterbrach mich Wilhelm, „von „Austauschen", 
aber man tauscht doch nicht zum Beispiel ein Paar Stiesel gegen einen Rock. 
Tauschgeschäfte machen bei uns zulande allenfalls die Kinder in der Schule, | 
aber doch nicht Geschäftsleute." 
„Das ist schon richtig," antwortete ich; „aber wenn ich als Schuster ein 
Paar Stiefel um, sagen wir, 15 Mk. verkaufe und mir für dieses Geld einen 
Rock kaufe, dann ist es doch für mich dasselbe, als ob ich den Rock gegen die j 
Stiefel eingetauscht hätte. Ebenso kauft der Schneider mit den 15 Mk. viel-1 
leicht ein Bügeleisen, der Eisenhändler für dasselbe Geld Brot und der! 
Bäcker endlich wieder Stiefel. Hier ändert das Geld nichts an den Be 
ziehungen, es ist so,, als ob alle miteinander getauscht hätten." 
„Nun schauen wir aber einmal," fuhr ich fort, „ob wir dein Beispiel für : 
unseren Zweck gebrauchen können. Was hat es denn in der Wirtschaft deiner ! 
Urgroßeltern, der dienstpflichtigen Bauern, für Austausch gegeben?" 
Wilhelm dachte eine Weile nach,'und dann sagte er: „Eigentlich recht 
wenig; denn die machten sich fast alles selbst, was sie brauchten, sie brachten 
nichts auf den Markt und kauften dort nicht ein. Höchstens das käme in Be 
tracht, was sie dem Gutsherrn verkaufen oder von ihm kaufen mußten." 
„Aber damit werden wir auch nicht viel anfangen können," entgegnete 
ich; „denn für uns handelt es sich doch darum, die Gesetze des freien Aus 
tausches zu ergründen, wie er heute stattfindet, ohne Zwang; denn wenn; 
ein Räuber zum Beispiel im Wald einen Wanderer anfällt und mit ihm die | 
Kleider tauscht, dann werden wir aus diesem Vorgang nicht viel darüber I 
erfahren, wie der Tausch zwischen Gewerbsleuten, Kaufleuten u. s. to. in der 
Regel vor sich geht. Ihr seht also, daß wir nicht alle einfachen Lebensverhält 
nisse für unseren Zweck der Erklärung des Tauschwertes gebrauchen können."
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        3* 
35 
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„So versuchen wir es einmal mit den Verhältnissen, in denen mein 
Grotzvater, der Tischler, lebte," meinte nun Karl. „Damals waken die Zu 
stände doch auch noch viel einfacher als heute, und dabei arbeitete der Grotz- 
vater doch nicht, wie der Bauer, für sich selbst, sondern zum Verkauf an 
Kunden." 
. „Da hast du ganz recht," entgegnete ich, „jedenfalls können wir ja 
den Versuch machen. Stelleir wir uns also eine Gesellschaft, etwa eine Stadt, 
vor, wo die Waren von selbständigen Kleinnieistern hergestellt werden, die 
meist auf Bestellung zum Verkauf arbeiten. Nehmen wir da zum Beispiel 
einen Schneider und einen Hutmacher. .In welchem Verhältnis werden die 
ihre Produkte miteinander tauschen?" 
„Das wird dock", meinte Wilheln,, „wesentlich wieder davon abhängeir, 
wie teuer der Rohstoff ist, den beide verarbeiten, und wie teuer die Werkzeuge 
sind, die sie benützen." 
„Das ist ganz richtig," antwortete ich; „doch hat der Wert der Werk 
zeuge damals keine große Rolle gespielt. Maschinen gab es fast gar nicht, und 
die Handwerkszeuge vererbten sich meist vom Vater auf bett Sohn, ihr Wert 
war ebenso gering wie ihre Abnützung. Davon können wir also absehen. 
Anders liegt die Sache mit dem Rohmaterial. Um uns aber die Frage zu 
vereinfachen, wollen wir vorläustg annehmen, daß das Rohmaterial, das der 
Schneider etwa in einer Woche verarbeitet, sich gegen das eintauscht, das der 
Hutmacher in derselben Zeit vernutzt." 
„Ja, wenn du so etwas annimmst," warf Wilhelm ein, „dann machst 
du dir die Sache freilich leicht."' 
„Das will ich ja auch," antwortete ich. „Eine schwierige Frage mutz 
inan sich immer nach Möglichkeit zu vereinfachen suchen. Solche Annahmen 
wie die von dem gleichen Tauschwert des Rohmaterials sind da sehr nützlich, 
und sie sind auch erlaubt, wettn man sich gut merkt, daß man diese An 
nahme gemacht hat, und zum Schluß untersucht, was sich an bent Ergebnis 
ändert, wenn man jene Annahme fallen läßt." 
„Also gut," rief darauf Wilhelm lachend; „ich werde schon acht geben 
und dir scharf auf die Finger schauen, daß du nicht schwindelst und am Ende 
jene Annahme unter den Tisch fallen läßt." 
„Einverstanden!" stimmte ich zu; „aber ich bin ja kein Taschenspieler 
und will euch nichts vorschwindeln, sondern wir wollen die Frage gemeinsam 
itntersuchen. 
Wir nehmen also zunächst an, daß das von den beiden m einer Woche 
verarbeitete Rohmaterial den gleichen Tauschwert hat. Wenn nun der 
Schneider in dieser Woche zwei Röcke und der Hutmacher drei Hüte anfertigt, 
dann werden auch die zwei Röcke sich austauschen gegen die drei Hüte." 
„Oho!" riefen Karl und Wilhelm wie aus einem Munde. „Das be 
hauptest du, aber du mutzt es uns erst beweisen." 
„Ganz richtig," antwortete ich; „das ist nicht so schwer. Wenn zum Bei 
spiel die drei Hüte gegen einen Rock ausgetauscht würden, dann würden 
die Schneider in kürzester Zeit viel reicher werden als die Hutmacher; denn 
ihre Arbeit würde doppelt so viel schaffen wie die jener. Das könnte aber 
nicht lange bcytern; denn bald würden alle Leute, und besonders alle Hut- 
inacher, Schneider werden wollen. Es würden dann sehr viele Röcke und nur 
mehr sehr wenige Hüte gemacht werden, die Hüte würden teuer und die 
Röcke billig werden, man würde schließlich schon zwei Röcke für einen Hut 
hergeben müssen. Dann wiirden wieder die Hutmacher reich und die Schneider
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        * 
36 
arm. Das Gleichgewicht stellt sich erst dann wieder ein, wenn drei Hüte sich 
gegen zwei. Röcke vertauschen, das heißt, wenn die Arbeitswoche des Hut 
machers so viel Wert schafft wie die des Schneiders." 
„Das verstehe ich aber nicht recht," warf Karl dazwischen. „Warum 
müssen die Röcke billiger und die Hüte teurer werden, weil mehr Leute» 
Schneider und weniger Hutmacher geworden sind?" 
„Stell' dir vor," antwortete ich, „in der Stadt, von der imr reden, j 
brauche man im Jahre 2000 neue Röcke und 1000 neue Hüte. Wenn jetzt statt 
dessen 3000 Röcke erzeugt.worden sind, dann müssen 1000 Röcke unverkauft 
bleiben, und deshalb wird jeder Schneider zusehen, die von ihm angefer 
tigten nchglichst bald loszuschlagen, damit sie ihm nicht liegen bleiben, er I 
wird daher im Preis heruntergehen müssen. Da das aber die anderen auch 
tun, muß der einzelne noch weiter gehen, und so sinkt der Preis fort- j 
während. Bei dem billigeren Preis werden dann auch mehr Röcke gekauft j 
als bei dem höheren. Umgekehrt, wenn statt 1000 Hüte nur 700 gemacht | 
worden sind, dann müssen sich die Käufer überbieten, damit sie noch einen j 
Hut kriegen und nicht barhäuptig herumlaufen müssen und am Ende I 
den Sonnenstich kriegen." 
„Gut," sagte Wilhelm nach einigem Zögern. „Das stimmt also, das 
müssen wir als richtig anerkennen; aber jetzt komme ich mit meinem Ein-» 
wand : Wie steht denn die Geschichte, wenn das Tuch des Schneiders nicht den I 
gleichen Wert hat wie der Filz des Hutmachers, sondern vielleicht den 
doppelten? Dann können doch die drei Hüte nicht wieder soviel wert I 
sein wie die zwei Röcke." 
„Freilich nicht," bestätigte ich. „Ich sprach aber auch vorhin nur von dem I 
Wert, den der Schneider und der Hutmacher ihren Rohstoffen hinzugefügt 
haben. Dieser Wert war eben in beiden Fällen gleich, da die beiden gleich j 
lange Zeit arbeiteten. Doch untersuchen wir jetzt also den Fall, daß das | 
verarbeitete Tuch doppelt soviel wert war wie der verarbeitete Filz. Wir 
können da wieder denselben Weg einschlagen wie vorbin. Wenn zum Bei 
spiel der Wollscherer, der Spinner und der Weber, die an dem Tuch ge-! 
arbeitet haben, die gleiche Zeit daran gearbeitet hätten wie der Wollscherer 
und der Walker, die zusammen den Filz herstellten, das Tuch aber schließlich, 
doppelt soviel wert wäre wie der Filz, was würde dann geschehen?" 
„Dann würden alle Walker Spinner und Weber werden wollen," ant 
wortete Wilhelm. 
„Ja, wenn sie gleich lange Zeit arbeiten, dann erzeugen sie doch gleichen 
Wert, das haben wir ja eben erst gesehen," ergänzte Karl. „Das ist ganz so 
wie beim Schneider und Hutmacher. Wenn Tuch und Filz gleich lange Ar 
beitszeit gebraucht haben, kann eben das Tuch nicht doppelt fo teuer sein i 
wie der Filz." 
„Wenn das aber nun doch der Fall ist," wandte ich ein, „dann müssen 
wir eben annehmen, daß sie nicht gleich viel Arbeit gekostet haben." 
„Aha," meinte Wilhelm nach einigem Nachdenken, „dann steckt eben in 
dem Tuch auch doppelt soviel Arbeit drin wie im Filz, und deshalb hat es 
den doppelten Wert. Wie steht es aber nun mit dem Wert von Hüten und: 
Röcken?" 
„Das hängt wieder," erwiderte ich, „davon ab, wieviel Wert Verhältnis- j 
mäßig im Rohmaterial und wieviel in der Verarbeitung steckt. Wenn zum 
Beispiel die Herstellung des Tuches vier Arbeitswochen eines Mannes ge- : 
kostet hat, wie lange muß dann die Herstellung des Filzes gedauert haben?" I 
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— 37 — 
„Zwei Wochen," antworteten Karl und Wilhelm zugleich. 
„Nun also," begann ich wieder. „Jetzt haben wir für die zwei Röcke 
vier Wochen Luchmacherarbeit und eine Woche Schneiderarbeit, macht zu 
sammen fünf Wochen; für die drei Hüte zwei Wochen Filzmacherarbeit und 
eine Woche Hutmacherarbeit, macht drei Wochen. Folglich werden sich also die 
zwei Röcke im Wert zu den drei Hüten verhalten wie fünf Wochen zu drei, 
das heißt sie werden sich im Verhältnis von fünf zu drei austauschen." 
„Wenn also," ergänzte Wilhelm, „die zwei Röcke zum Beispiel 50 Mk. 
kosten, so werden die drei Hüte zusammen 30 Mk. kosten." 
„Oder," fügte Karl hinzu, „man kann auch sagen, daß sich sechs (2X3) 
Röcke gegen 15 (3X5) Hüte eintauschen." 
„Das ist alles recht schön und gut," bemerkte Wilhelm. „Aber ich glaube, 
deine Rechnung hat doch ein Loch. Du sprichst von Schneider und Hutmacher; 
da mag es stimmen, daß sich dem Beruf um so mehr Seute zuwenden, je mehr 
Wert er erzeugt. Wenn wir aber zum Beispiel einen Uhrmacher und einen 
gewöhnlichen Maurer miteinander vergleichen, dann ist klar, daß viele Seute 
eher tauglich sein werden, Maurer als Uhrmacher zu werden. Zu diesem 
Beruf muß man doch viel geschickter sein und auch viel mehr lernen. Da 
stimmt dann deine Rechnung nicht, da werden sich die Werte nicht ausgleichen." 
„Du hast ja ganz recht," erwiderte ich. „Also sehen wir jetzt zu, was 
die Folge davon ist. daß die Arbeit des einen schwerer zu erlernen ist als die 
lles anderen." 
„Nun, da werden eben weniger Seute sich dem schwereren Beruf zu 
wenden," meinte Karl, „und daher werden auch die dort erzeugten Waren 
einen größeren Tauschwert haben." 
„Also wird man zum Beispiel," ergänzte ich, „das Produkt von zwei 
Tagen Maurerarbeit für das Produkt von einem Arbeitstag des Uhrmachers 
hergeben müssen. Ihr seht also, daß das Gesetz, daß sich die Waren in dem 
Verhältnis gegeneinander austauschen, wie sie Arbeitszeit enthalten, in 
dieser Form noch nicht ganz richtig ist. Es ist notwendig, es noch weiter durch 
die Bestimmung zu ergänzen, daß die von einem Arbeiter auf eine Ware auf 
gewendete Arbeitszeit um so mehr Wert schafft, je schwieriger zu erlernen 
und auszuführen diese Arbeit ist."** 
Ilf. 
„Nun können wir," fuhr ich fort, „noch eine Art Probe machen, o» 
unsere Untersuchung uns nicht irregeführt hat. Nehmen wir einmal an, die 
Stadt, in der unser Schneider, Hutmacher, Maurer, Uhrmacher und noch 
viele andere Handwerker leben, sei plötzlich in einen tiefen Schlaf verfallen, 
wie die Bewohner des Schlosses in dem schönen Märchen vom Dornröschen. 
Was wird dann mit all den Häusern, den Werkzeugen, den Warenvorräten 
u. s. w. geschehen?" 
„Da wird alles mit der Zeit kaput gehen," erwiderte Karl. „Bei den 
Dächern wird es hineinregnen, das Werkzeug wird rosten, das Fleisch wird 
faulen, das Vieh davonlaufen oder verhungern, die Straßen werden mit 
Gras überwachsen werden, alles wird ruiniert." 
„Wodurch wird aber nun in Wirklichkeit bewirkt, daß das nicht nur 
nicht geschieht, sondern daß zugleich fortwährend neue Werte geschaffen 
werden, daß zum Beispiel nach einem Jahr mehr Häuser, mehr Sebens- 
mittel, mehr Gerätschaften da sind und diese zusammen einen größeren 
Wert repräsentieren als zu Beginn dieses Jahres?"
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        „Aha," antwortete Wilhelm, „ich sehe schon, wo du hinaus willst. Es | 
ist die Arbeit der Bewohner dieser Stadt, die alles das bewirkt." 
„Aber wäre dein Beispiel nicht einfacher gewesen," fragte nun Karl, 1 
„wenn du nicht eine ganze Stadt, sondern nur einen Handwerker genommen 
hättest? Von dein gilt es doch auch, daß sein Werkzeug u. s. w. mit der Zeit j 
wertlos wird, wenn er es nicht benützt, und daß nur seine Arbeit den Wert 1 
erhält und neuen schafft." 
„Das ist freilich richtig," bestätigte ich. „Trotzdem aber erscheint mir 
das Beispiel von der Stadt klarer, denn beim einzelnen Meister entsteht leicht j 
der Anschein, als ob nicht nur seine Arbeit den Wert schaffte, sondern auch 
sein Werkzeug. Tatsächlich glauben das auch viele Leute. Wenn man aber die j 
ganze Wirtschaft betrachtet, dann sieht man sofort, daß nur die Arbeit es ist, | 
die den Wert schafft und bestimmt." 
„Das will mir aber doch nicht ganz einleuchten," wandte Wilhelm; 
ein. „Du sprichst immer nur vom Handwerk; aber wie steht es denn zuml 
Beispiel bei der Landwirtschaft? Das Korn wird doch nicht nur durch die l 
Arbeit des Menschen hervorgebracht. Wenn die Erde nicht fruchtbar ist, wenn I 
nicht die Sonne scheint und der Regen fällt, dann ist alle Mühe umsonst, dann 1 
kann die Arbeit gar nichts schaffen. Da kommt es also auf die Natur ebenso i 
an wie auf die Arbeit." ^ 
„Du hättest gar nicht bis zur Landwirtschaft gehen müssen, mit das 
zu beweisen," entgegnete ich, „denn auch im Handwerk spielen die Natur-1 
fräste eine große Rolle. Was finge zum Beispiel der Gerber an ohne die | 
chemische Wirksamkeit der Lohe?" 
„Nun also," unterbrach mich Wilhelm eifrig, „dann stimmt doch das,» 
was du da gesagt hast, auch für das Handwerk nicht; dann ist es dock nicht 
nur die Arbeit, die schafft, sondern auch die Natur." 
„Das habe ich auch gar nicht geleugnet," erwiderte ich. „Aber darauf I 
kommt es hier ja gar nicht an. Wir fragen doch nicht, wie die verschiedenen 
Waren entstanden sind, sondern wie ihr Wert zustande gekommen ist. Wir j 
haben aber gesehen, daß der Wert ein gesellschaftliches Verhältnis ist, eine 
Beziehung zwischen den Menschen und nicht eine Eigenschaft der Sachen. Daß 
das Getreide schmackhaft ist und Nälhrwert besitzt, daß man daraus Stärke I 
zum Steifen der Hemdbrust und Schnaps zum Verblöden des Gehirns! 
machen kann, das sind seine natürlichen Eigenschaften. Daß sich aber ein | 
Zentner Getreide gegen zwei Hüte oder gegen ein paar Stiefel, gegen I 
100 Schachteln Schuhwichse oder eine Flasche Champagnerwein eintauschen i 
läßt, das ist nicht seine natürliche Eigenschaft, das kommt nur daher, daß 
wir in ganz bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen leben, daß zur Er-! 
zeugung aller dieser schönen Dinge gleich viel menschliche Arbeit erforderlich 
ist. Ob der Bauer in einem guten Jahr auf seinem Grund und Boden 
20 Zentner Getreide produziert oder in einem schlechten Jahr nur 15 Zentner,» 
das macht, wenn diese Aenderung allgemein ist, einen großen Unterschied für 
die Volksernährung aus, aber am Wert seines Produktes ändert es nichts, t 
Die 15 Zentner im schlechten Jahr werden denselben Tauschwert, wenn auch! 
nicht dieselbe Nährkrüft haben, wie die 20 Zentner im guten Jahr." 
„Aber 15 Zentner können doch nicht denselben Wert haben wie 20," 
warf hier Wilhelm ein. „Von 20 Zentner Getreide kann man doch zum Bei-» 
spiel viel länger leben als von 15." 
„Du verwechselst hier," erwiderte ich, „zwei verschiedene Dinge. Der j 
sogenannte „Gebrauchswert", das heißt der Nutzen von 20 Zentner ist freilich 
größi 
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freilich 
größer, aber es kann ganz gut sein, daß 15 Zentner in einem unfruchtbaren 
Jahr sogar teurer sind, mehr Tauschwert haben als 20 in einem guten Jahr. 
Um Verwechslungen zu vermeiden, wollen wir unter Wert immer nur den 
Tauschwert verstehen, den sogenannten „Gebrauchswert" aber als Nützlichkeit 
bezeichnen." 
,,Das ist ja richtig," bestätigte Karl, „wenn sich jemand beschwert, daß 
alle Lebensmittel teurer werden, dann heißt es immer, das Wetter im letzten 
Zommer war zu heiß oder zu kalt, es war zu naß oder es war zu trocken." 
„Nun, das ist ja meistens nicht ganz wahr: denn die Teuerung hat 
heute meist noch ganz andere Gründe; aus die können wir erst später zu 
sprechen kommen; aber so viel könnt ihr doch daraus ersehen, daß es allge 
mein bekannt ist, daß in einem schlechten Jahr die Bodenprodukte alle teurer 
sind als in einem guten." 
„Wenn aber nun," begann Wilhelm wieder mit seinen Einwänden, 
„ein Schneider zum Beispiel geschickter und flinker ist als der andere, wenn 
der eine zum Beispiel drei Röcke in derselben Zeit anfertigt, in der der 
andere nur zwei fertigstellen kann, dann müßten doch die zwei Röcke ebenso 
viel Tauschwert haben wie die drei, die der flinkere Arbeiter gemacht hat. 
Das ist doch unmöglich." 
„Diese Bemerkung ist vollkommen richtig," erwiderte ich, „und sie 
führt uns wieder zu einer wichtigen Ergänzung unseres Wertgesetzes. Wir 
müssen uns da wieder fragen, ob dieser Unterschied durch die Konkurrenz 
ausgeglichen wird." 
„Ja, was verstehst du denn da unter Konkurrenz?" fragte Wilhelm. 
„Ich habe bisher immer geglaubt, die Konkurrenz besteht darin, daß ein 
Kaufmann billiger verkauft als der andere, um ^hm die Kunden weg 
zufischen. Aber was hat denn das mit unseren zwei Schneidern zu tun?" 
„Was du da meinst," entgegnete ich, „ist nur eine bestimmte Form der 
Konkurrenz. Diese liegt überall dort vor, wo Kaufleute, Gewerbetreibende, 
Industrielle, Bauern u. s. to., aber auch die Konsumenten, kurz alle, die ernt 
Wirtschaftsleben beteiligt sind, sich dieselben Vorteile zu verschaffen suchen, 
die einer oder mehrere von ihnen voraus haben. Bleiben wir bei unserem 
früheren Beispiel von den 3000 Röcken und 700 Hüten, die statt 2000 Röcken 
und 1000 Hüten erzeugt worden sind. Dann wird es für jeden Schneider ein 
Vorteil sein, seine Ware los zu werden; denn da zu viele Röcke da sind, werden 
nicht alle verkauft werden können .Um diesen Vorteil werden sich aber alle 
zugleich bemühen, indem es einer so zu machen sucht wie der andere; wenn 
einer die Preise herabsetzt, müssen es die anderen auch, und so reißen sie sich 
gegenseitig die Preise herunter. Bei den Hüten ist wieder jede Kundschaft 
im Vorteil, die noch einen erwischt, da nicht genug für alle da sind, und so 
werden die Preise in die Höhe getrieben; denn hier sucht wieder jeder den 
anderen zu überbieten. Es fragt sich also nun in deinem Beispiel von dem 
besonders geschickten Schneider, ob sich die anderen den Vorteil, den jenem 
seine besondere Geschicklichkeit verschafft, auch aneignen förtnen. Wenn der 
Flinke, wie du annimmst, in einer Woche drei Röcke macht, während die 
anderen nur zwei anfertigen können, wird er zunächst jedenfalls anderthalb- 
inal so viel Wert in^ der Hand haben als die anderen. Es fragt sich nur, ob 
nicht die anderen Schneider diesen Vorteil dadurch aufheben können, daß 
sie es ebenso machen wie er." 
„Keine Spur," rief Karl, „denn jeder Schneider hat sich sicherlich schon 
vorher bemüht, möglichst geschickt und flink zu arbeiten. Wenn also einer von
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        Natur aus geschickter ist als die anderen, so können die ihin eben nicht nach 
kommen, er behält seinen Vorteil. Er wird dann eben mehr verdienen äst- 
die anderen. Wenn aber einer besonders ungeschickt oder faul ist, dann wird er 
nichts erreichen. Es ist also offenbar doch nicht die Arbeit, die der einzelne j 
auf seine Produkte verwendet, die den Wert bestimmt, sondern die Arbeit, 
die durchschnittlich zu ihrer Herstellung notwendig ist. Dabei wird dann der 
besonders Begabte mehr, der Faule oder Dumme weniger verdienen, als es 
die Regel ist." 
»Wie ist denn aber nun die Sache," warf ich die Frage auf, „wenn der 
Vorteil des einen Schneiders nicht auf seiner natürlichen Anlage berühr, 
sondern darauf, daß er etwa bessere Werkzeuge hat, wie etwa der erste, der! 
eine Nähmaschine verwenden konnte?" 
„Nun, da wird er geradeso wie der geschicktere Arbeiter mehr in der-» 
selben Zeit erzeugen als der, der nur schlechteres Werkzeug hat," meinte 
Wilhelm. 
„Da müssen wir doch erst näher zusehen," erwiderte ich. „Fragen toitj 
uns wieder, ob dieser Vorteil durch die Konkurrenz ausgeglichen werden 
kann, das heißt dadurch, daß auch die anderen Schneider versuchen, es ihiuk 
nachzumachen und so sich denselben Vorteil anzueignen." 
^ „Es komnit also," ergänzte Karl, „auf die Frage an, ob die anderen 
Schneider auch dieselben verbesserten Werkzeuge anwenden können. Da^s 
hängt doch davon ab, ob man die zu kaufen kriegt." 
„Seht ihr," erwiderte ich, „da ist doch ein sehr wichtiger Unterschied 
gegenüber dem früheren Fall. Talent und Geschicklichkeit rann man fickst 
nicht kaufen, wohl aber neue Werkzeuge und Maschinen." 
„Wenn aber der Schneider, der sie erfunden hat, sie nicht hergibt? 
Wenn er die Erfindung für sich behält?" fragte Wilhelm. 
„Solange ihm das gelingt und die anderen nicht auch auf die Er-ß 
findung verfallen," entgegnete ich, „wird er gerade so einen Vorteil davon 
haben, als ob er von Natur geschickter oder stärker wäre als die anderen. 
„In diesem Falle aber," rief Wilhelm triumphierend, „hat die Maschine 
doch Wert geschaffen. Der Schneider, der sie anwendet, hat doch Vorteil davon,! 
das hast du selber gesagt." 
„Wenn das wahr wäre," erwiderte ich, „daß die Maschine Wert schafft,! 
dann könnte doch daran nichts geändert werden, wenn sie allgemein ver-l 
breitet ist. Dann müßte sie erst recht jedem, der sie anwendet, höheren Wert! 
einbringen. Wir haben aber gerade gesehen, daß das nicht der Fall ist. So-! 
bald die neue Maschine allgemein zugänglich ist, hört sie auf, dem einen einen! 
Vorteil über den anderen zu geben, die Werte sind wieder bei allen gleich, nur 
daß jetzt durchweg die Schneiderarbeit von drei Röcken so viel wert ist, wie 
früher von zweien. Tie Röcke sind billiger geworden, die Schneider haben 
aber dabei nichts gewonnen. Ihr Arbeitstag schafft jetzt ebensoviel Wert wie 
vorher, nur daß es sich in mehr Gegenständen, in mehr Röcken verkörpert.! 
Diese werden aber nun zusammen keinen größeren Wert haben als früher! 
die wenigeren Röcke." 
„Aber warum wendet man denn dann überhaupt Maschinen an, wenn 
sie keinen Wert schaffen?" fragte Karl. 
„Unser Beispiel wird dir sofort darauf die Antwort geben," erwiderte! 
ich, „Erinnere dich, daß der Schneider, der zuerst das bessere Werkzeug oder 
die bessere Maschine anwandte, einen großen Vorteil vor den anderen hatte.! 
Er konnte billiger verkaufen als jene und dabei doch noch mehr gewinnen.
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»innen. 
Nehmen wir zum Beispiel an. ein Rock koste 10 Mk. Mit seiner neuen Er 
findung kann öer Schneider Meck drei statt zwei Röcke machen. Wenn er nun 
jeden Rock um 8 Mk. berfauft, bekommt er noch immer 24 Mk., also um 4 Mk. 
mct) r als die anderen. Dabei unterbietet er sie aber um 2 Mk., die Kunden 
werden daher lieber bei ihm kaufen als bei den anderen. Wollen die anderen 
Schneider nicht zugrunde gehen, dann müssen sie ebenfalls die neuen Werk- 
;eugc und Maschinen anwenden. So nützt eine Erfindung immer nur den 
echten die sie anwenden, und schadet denen, die sie nock, nicht gebrauchen 
können; diese müssen dann nachfolgen. Ist sie aber einmal allgemein, dann 
bat keiner mehr einen Vorteil, nur die Kundschaft, die die Waren fetzr 
billiger bekommt." . 
' „Jetzt verstehe ich," meinte .Karl nachdenklich, „wreso cm Patent so 
D iel wert sein kann. Denn für die Benützung einer Maschine wird jeder mehr 
zahlen toollen, als sic selbst wert ist; denn solange sie nicht jeder hat, kann der, 
der sie anwendet, einen um so größeren Gewinn niachen. Der Schneider zum 
Beispiel, bon dem wir eben sprachen, macht bei drei Röcken einen Gewinn bon 
4 Mk Wenn er mit der neuen Maschine 3000 Röcke machen kann, kann er doch 
ganz ruhig 3000 Mk. für die Maschine zahlen, sie wird ihm doch noch 1006 
Mark Nutzen bringen. Wenn die Maschine selbst bielleicht nur 1000 Mk. wert 
ist, kann der Erfinder so bei jeder einen 'Gewinn bon 2000 Mk. machen, so 
lange kein anderer dieselbe Maschine erzeugt und billiger berfauft. Da kann 
ec schon hübsch was zahlen, daß der Staat allen anderen Leuten berbietet, 
seine Erfindung nachzumachen." , 
„Ihr seht also hier wieder." bemerkte ich, „daß es nicht eine natürliche 
Eigenschaft der Maschine ist, Wert zu erzeugen, sondern daß nur der Um 
sland. daß nicht alle Produzenten die Maschine besitzen, sondern nur ein 
zelne, diesen einen Vorteil über die anderen gibt. Das zeigt also wieder, daß 
der Wert keine Eigenschaft der Tinge ist, sondern eine Beziehung der 
Menschen." 
„Fassen wir jetzt nochmals zusammen, was wir gesunden haben. Der 
Wert ist also eine gesellschaftliche Erscheinung. Er wird durch die Arbeits- 
-eil bestimmt, die zur Herstellung der Waren durchschnittlich nötig ist, wobei 
aber die Arbeit um so mehr Wert schafft, je schwerer sie zu erlernen und 
auszuüben ist." 
Angebot und Nachfrage. 
„Hör' mal, Gustab," sagte Wilhelm zu mir, als wir uns das nächstenial 
trafen, „wir sind dir jetzt darauf gekommen, daß du unsere Gespräche 
immer in die Zeitung bringst?) Karl hat sie jetzt abonniert, und siehe, cllles 
steht darin, was wir neulich besprochen haben. Nun, das macht weiter nichts. 
Wenn einer bon uns etwas recht Dummes sagt, läßt du es ja doch weg, also 
haben wir nichts einzuwenden. Vielmehr kommt es uns jetzt sogar zugute, 
denn wir können dann besser über das nochmals nachdenken, was wir bet- 
handelt haben. So sind mir jetzt auch gleich Bedenken aufgestiegen. Du wirst 
dich erinnern, daß du bon einer Stadt sprachst, in der 2000 neue Röcke ge 
braucht werden. Wenn nun statt dessen 3000 Röcke auf den Markt kommen. 
*) Die in diesem Buche enthaltenen Aussätze sind zuerst in der Berliner 
„Arbeiterjugend" erschienen.
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        dann muß jeder billiger verkauft werden. Daraus ergibt sich doch ganz thu, 
daß der Wert einfach davon abhängt, wie viele Stücke auf den Markt gebracht 
werden, und wie stark der Bedarf ist. Uebrigens haben wir das auch in -nu 
ferer Handelsschule gelernt, daß der Preis durch Angebot und Nachfrage be 
stimmt wird." 
„Neulich hast du uns aber etwas anderes erzählt," warf hier Karl cu&gt;. 
„Damals hattet ihr in eurer Schule gelernt, daß der Preis durch die Kosten 
des Rohmaterials, der Löhne u. s. w. und den Profit bestimmt wird. Wir 
haben gesehen, daß mit dieser Erklärung nicht viel weiter zu kommen ist 
vscyt erzählst du uns von Angebot und Äkachfrage. Ich bin neugierig, ob da 
mehr herauskommen wird." ' 
„Du hast da," wandte ich mich an Wilhelm, „eine hübsche neue Kra 
watte. Was hat denn die gekostet?" 
„Eine Mark," entgegnete Wilhelm mit einem gewissen Stotz. „Sie 
lieht aber nach mehr aus." 
„Waren in dem Geschäft, in dem du sie gekauft hast, nicht auch noch 
ichonere, feinere?" fragte ich weiter. 
„Freilich," erwiderte Wilhelm; „aber die konnte ich nicht kaufen, weil 
tre gu teuer waren." 
„Aha," unterbrach hier Karl. „Ich sehe schon, wo Gustav hinaus 
will. Derne Nachfrage nach Krawatten hat sich nach den Preisen gerichtet 
und nicht der Preis nach deiner Nachfrage." 
„Das ist eigentlich wahr," entgegnete Wilhelm, im ersten Augenblick 
etwas verblüffc; „aber, fuhr er fort, „das gilt eben nur für die einzelne 
Kundschaft. Wenn eines schönen Tages zum Beispiel niemand mehr seidene 
Krawatten verlangen wurde, dann müßten sie doch im Preis stark sinken. 
Das konnt ihr doch nicht leugnen." 
„Fällt mir auch gar nicht ein," erwiderte ich. „Aber sehen wir v,u, 
was werter geschieht. Nehmen wir also an, daß heute zum Beispiel die 
leiöenen Krawatten aus der Mode kommen und jeder elegante Herr sich 
einen hänfenen Strick um den Hals schlingt. Dann werden gewiß zunächst 
die Kravatten b-lliger r-nd die Stricke teurer werden. Glaubst du aber 
-aß dann die Krawattenfabrikanten noch weiter ihre Ware auf den Markt 
bringen werden?" 
„Nein," antwortete.Wilhelm. „Das können sie ja gar nicht, denn sie 
würden dann mit Verlust arbeiten. Da werden sie lieber seidene Laschen-' 
-ucher oder sonst etwas machen, was Abnehmer findet, oder sie werden ihr 
Kapitaf ganz zurückziehen und vielleicht eine Seilerei errichten, um Stricke 
zu machen." 
„Du sprichst davon," unterbrach ich ihn, „daß der Fabrikant nicht 
„mit Verlust" arbeiten könne. Wenn aber, wie du meinst, der Wert wirklich 
durch Angebot und Nachfrage bestimmt würde, dann könnte ich nicht ein 
sehen. wieso der Krawattenfabrikant jetzt Verlust haben soll. Jetzt sind eben 
die Lkrawatten weniger wert, weil weniger Nachfrage danach ist. Er ist in 
seinen Hoffnungen enttäuscht, aber worin soll denn sein Verlust, bestehen?" 
„Das ist doch ganz klar," erwiderte Wilhelur eifrig. „Er hat doch 
Rohmaterial angeschafft, Löhne bezahlt, Maschinen abgenutzt, und schließlich 
will er doch auch einen Profit machen. Wenn er das alles nicht im Preis erser-t 
bekommt, bann arbeitet er mit Verlust, das heißt: er arbeitet lieber gar 
nicht."
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        „Halt!" rief da Karl dazwischen. „Jetzt bist du ja wieder mitten in der 
ersten Bestimmung für den Preis, die du uns schon das vorige. Mal zum 
besten gegeben hast. Also ist es doch nicht Angebot und Nachfrage, was den 
Wert bestimmt, sondern die „Prodilktie nskosten", wie du daß nennst. Denn 
sinkt die Nachfrage soweit, daß diese Kosten nicht mehr gedeckt werden, dann 
wird nicht mehr produziert. So sind also nicht Angebot und Nachfrage maß 
gebend, sondern die Produktionskosten." 
„Wie steht denn aber nun die Sache mit den Stricken, die teurer 
geworden sind, weil sie- jetzt so viel als Halsbinden verlangt werden?" 
fragte ich wieder. 
„Nun, die Seiler werben eben mehr machen als bisher," erwiderte 
Karl, „und dadurch werden sie wieder so billig wie zuvor." 
„Du siehst also," wandte er sich an Wilhelm, „nach deiner eigenen 
Angabe wird der Wert durch die Produktionskosten bestimmt ,und nicht 
durch Angebot und Nachfrage. Nun haben wir aber schon neulich gesehen, 
doß auch die Produktionskosten selbst nicht den Wert bestimmen können, 
. sondern daß dieser durch die Arbeitszeit bestimmt wird, die durchschnrtklrch 
mr Produktion notwendig ist. Wenn also diese unverändert bleibt, kann sich 
auch der Wert nicht ändern." 
„Das stimmt aber doch nicht," erwiderte Wilhelm. „Wir haben ja 
gerade gesehen, daß die Krawatten billiger und die '»triefe teurer wurden, 
ohne daß sich irgend etwas in der Art ihrer Herstellung geändert hatte. 
Die notwendige Arbeitszeit ist also die gleiche geblieben, der Wert aber 
ist gesunken." 
„Da scheint allerdings eine Schwierigkeit vorzuliegen," antwortete 
ich. „Wir haben uns das vorige Mal überzeugt, daß der Wert einer Ware 
von der Arbeitszeit abhängt, die zu ihrer Herstellung notwendig ist, und 
jetzt sehen wir, daß der Preis, das heißt der Wert, ausgedruckt m Geld, 
doch auch von Angebot und Nachfrage abhängt." 
„Ja, aber doch nur in engen Grenzen," unterbrach mich hier Karl. 
„Gerade vorhin haben wir ja bewiesen, daß doch der Arbeitswert immer 
wieder zur Geltung kommt, toenn auch für den Augenblick Angebot und 
Nachfrage ein Steigen oder Sinken herbeiführen." 
„Man kann aber." bemerkte Wilhelm nach einigem Nachdenken, „die 
Sache auch umgekehrt darstellen, und so scheint sie mir eigentlich richtiger. 
Der Krawattenfabrikant darf in seine Ware nur ^soviel Arbeit hinein 
stecken, daß sie dann noch genug Abnehmer findet, »teckt er mehr hinein, 
so wird der Wert zu hoch und er bringt die Ware nicht an, er muß sie 
unter ihrem Wert, mit Verlust, verkaufen. Also ist doch im Grunde An 
gebot und Nachfrage dafür entscheidend, ivieviel Arbeit in eine Ware 
hineingesteckt wird, mithin für ihren Wert." 
„Das leuchtet mir eigentlich auch ein," bemerkte Karl; „jetzt kenne 
ich mich aber erst recht nicht aus, was denn eigentlich den Wert bestimmt." 
„Nun, dann untersuchen wir," antwortete ich, „wie wir dao schon 
einmal getan haben, wie sich denn die Frage für die ganze Gesellschaft 
stellt. Nehmen wir zum Beispiel an, in einer Stadt, die vom Verkehr mit 
der übrigen Welt ganz abgeschlossen ist, bestehe ein Bedarf nach 10.000 
seidenen Krawatten. Diese tocrö-en von zehn Arbeitern in je 100 Dogen 
hergestellt. Wenn jetzt der Bedarf aus irgendeinem Grunde auf die Hälfte 
sinkt, wie viele Arbeiter wären nun notwendig, um ihn zu befriedigen?"
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„Nun, fünf," antwortete Wilhelm, „wenn jeder wieder 100 Tage 
arbeitet. Dasselbe Ergebnis wäre natürlich erzielt, wenn die zehn Arbeiter 
nur mehr je 50 Tage arbeiteten." 
„Wie groß würde dann der Wert gegenüber dem früheren Zustand 
fein?" fragte ich. 
„Die Hälfte," antworteten Karl und Wilhelm zugleich. 
„Wenn aber nun die zehn Arbeiter nicht jeder nur 50 Tage arbeiten, 
sondern 100 Tage und so 10.000 Krawatten erzeugen, während nur 5000 
gebraucht werden, dann haben sie 50 Tage zu viel gearbeitet.. Nicht wahr? 
Dann wären nur 50 Tage notwendige Arbeitszeit, 50 Tage aber über 
flüssig." 
„Ah, da erhält aber der Ausdruck „notwendige Arbeitszeit" auf einmal 
eine ganz neue Bedeutung," rief hier Wilhelm dazwischen. „Früher sprachst 
du so davon, daß wir annehmen mußten, du meintest die Arbeitszeit, die 
notwendig ist, um ein Produkt herzustellen. Jetzt auf einmal soll es so viel 
heißen, wie die Arbeitszeit, die notwendig ist, um den Bedarf zu decken. 
Das schmeckt stark nach Schwindel." 
„Na, na!" erwiderte ich, „du brauchst nicht gleich grob zu werden. 
Bon Schwindel ist da gar keine Rede. Ihr braucht euch nur zu erinnern, 
daß wir ausdrücklich davon sprachen, daß das Wertgesetz so, wie wir es 
ableiteten, nur für die einfachen Verhältnisse des Handwerks gilt, welches 
sür die Kunden auf Bestellung arbeitet. Da kann so etwas wie mit den 
Krawatten in unserem Beispiel nicht passieren: denn da weiß jeder Meister 
schon un voraus, wie groß der Bedarf nach seinen Waren ist. Heute ist das 
aber längst nickst mehr der Fall. Da produziert jeder für den Markt und 
weiß nicht, wer etwas braucht, und wieviel er anbringen wird, er weiß 
ja nickst einmla, wieviel die anderen, seine Konkurrenten, erzeugen. Wüßten 
zum Beispiel in der Stadt, von der wir soeben sprachen, die zehn Arbeiter, 
wieviel jeder von ihnen herstellt und wie groß der Bedarf ist, dann würde 
leder nur 50 Tage arbeiten und die Krawatten zu ihrem Wert verkaufen. 
Da das aber keiner weiß, arbeitet jeder doppelt so viel als notwendig und 
'.nuß daher das einzelne Stück um die Hälfte des Wertes verkaufen." 
„Also kommt der Einfluß von Angebot und Nachfrage," unterbrach 
iitict) Karl, „nur daher, daß heute kein Produzent vom anderen und von 
der Kundschaft etwas weiß." 
„Ganz richtig," erwiderte ich. „Angebot und Nachfrage sind die Art! 
wie heute Sie Produzenten und ihre Kundschaft sich gegenseitig mitteilen,! 
was sie hergestellt haben, und was sie brauchen." 
„Da danke ich dafür," erwiderte Karl; „da ist es ja.schon zu spät! 
wenn die Waren schon fertig auf den Markt gebracht sind. Was nützt es 
denn nachher den Krawattenmachern, wenn sie erfahren, daß sie zu viel 
Krawatten hergestellt haben?" 
„Ja, das ist heute eben so", entgegnete ich. „Kein Produzent weiß, 
ob die Arbeit, die er in die Ware steckt, auch gesellschaftlich notwendig ist, 
das heißt, ob der Bedarf nach dem Artikel ebenso groß ist, wie die Menge 
der Waren, die hergestellt wird, und zwar nicht nur von ihm hergestellt, 
sondern auch von allen seinen Konkurrenten, die er meist gar nicht kennt. 
So weiß keiner, ob er seine Ware zu dem Wert, den er ihr durch seine 
Arbeit verleihen wollte, auch anbringen wird." 
„Aber das ist ja wie in der Lotterie!" rief Wilhelm. „Da ist doch jede 
Produktion das reinste Glücksspiel." 
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„Heule ist eS auch so," antwortete ich. „Es kommt nid&gt;t nur darauf 
an, Arbeit in ein Produkt hineinzustecken, noch wichtiger ist beinahe, heraus- 
zufinden, wo sie von der Gesellschaft am meisten benötigt wird. Es ist ein 
Widersinn, daß der Produzent erst wenn er das fertige Produkt verkaufen 
will, erfährt, ob nach der Ware ein genügender Bedarf besteht, ob die in sie 
hineingesteckte Arbeit wertbildend war. Dieser Widersinn kommt daher, daß 
heute die Produzenten vereinzelt sind und keiner weiß, was der andere 
macht, daß sie dabei aber zugleich für eine Kundschaft arbeiten, die keiner 
von ihnen kennt, deren Bedarf sie nicht abschätzen können. 
In der einfachen Gesellschaft, von der wir ausgegangen sind, war 
dieser Widersinn noch nicht zu finden; dort arbeitete der Meister nach 
Bestellung und wußte daher stets genau, wie groß der Bedarf nach der von 
ihm hergestellten Ware war. Erst allmählich hat sich daraus unsere heutige 
Gesellschaft entwickelt. Wenn wir also verstehen wollen, woher es kommt, 
daß heute nur mehr die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit den Wert 
bestimmt, müssen wir uns diesen Entwicklungsgang etwas näher ansehen." 
Der Grotze frißt den Kleinen. 
1. ® e r kleine, u 
Letzthin", begann Wilhelm, als wir uns an einem schönen Frühlings- 
abenb wieder im Tiergarten trafen, „letzthin hast du uns gezeigt, wie der 
Kapitalismus entstanden ist, und die Kapitalisten jener Zeit sind dabei nicht 
sehr gut weggekommen. Aber was du uns da erzählt hast, gilt nur für die 
Zeit, als sich dieses neue . System erst durchsetzte; heute liegen die Dinge 
doch ganz anders. Freilich geschehen auch jetzt noch viele Grausamkeiten in 
der Form des Rechts, das will ich gar nicht bestreiten; wurde doch zum Bei 
spiel erst unlängst die Familie eines kleinen Schreibers aus unserem Haus 
exmittiert, weil sie die Miete nicht zahlen konnte; und der Mann war krank 
gewesen und hatte nicht einmal das Brot verdienen können. Aber wenn 
das wirklich so wäre, wie du das geschildert hast, wenn wirklich die Kapi 
talisten ihre Macht so rücksichtslos gebrauchen würden, um die kleinen Leute 
ums Brot zu bringen, dann wäre es doch nicht zu erklären, daß es noch 
immer so viele kleine Geschäfte, so viele kleine Meister gibt, auch hier in 
der Großstadt. Du selbst hast uns gesagt, wir sollten um uns blicken und 
jo das Leben kennen zu lernen suchen. Wenn ich aber durch die Straßen 
Berlins gehe, dann sehe ich überall kleine Geschäfte, da gibt es überall noch 
kleine Schuster, Schneider, Klempner, Gastwirte, Seifengeschäfte, Butter 
handlungen u. s. w. Da kann es also doch nicht so schlimm sein mit dem Ge 
fressenwerden der Kleinen durch die Großen." 
„Das hat mir Wilhelm schon neulich, als wir zusammen spazieren 
gingen, gesagt", warf hier Karl ein. „Damals wußte ich ihm nicht gleich zu 
antworten. Aber ich habe mir die Sache seither überlegt. Was diese kleinen 
Leute verkaufen, das haben sie ja zum größten Teil nicht selbst gemacht, das 
müssen sie von den großen Fabrikanten und Kaufleuten beziehen. Vor ein 
paar Tagen war der Geburtstag meiner Mutter, und da habe ich ihr einen 
neuen Kafseetops gekauft, weil bei ihrem alten der Henkel schon lange kaput 
ist. Als ich in dem Geschäft war, sah ich mich so um und fragte mich, woher 
wohl alle die Waren sind, die der Mann zu verkaufen hat. Das Porzellan
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        46 
ist natürlich aus einer großen Fabrik, das Blechgeschirr und die Eisenwaren 
erst recht, und so ging es fort. Alles, was ich dort sah, stammte aus großen 
Fabriken, und da fiel mir ein, daß diese kleinen Geschäfte doch für diese 
großen Unternehmungen notwendig sind. Die Porzellanfabrik zum Beispiel 
kann doch nicht jeder Hausfrau nachlaufen, die einen Topf braucht, und die 
.Hausfrau hat auch nicht Zeit, wegen jedes Topfes viele Straßen weiter zu 
laufen bis zur Niederlage der großen Blechgeschirrfabrik." 
„Ja, das ist ganz richtig," entgegnete Wilhelm: „aber warum errichten 
denn dann die großen Firmen nicht selbst Filialen in allen Straßen? 
Warum überlassen sie das Geschäft und den Nutzen den kleinen Händlern? 
lind dann trifft das, was du da sagst, doch auf viele von diesen kleinen 
Leuten nicht zu. Der Schuster zum Beispiel macht die Schuhe, der Schneider 
die Kleider selbst. Und schließlich beweist du mit dem, was du da sagst, nur, 
wie notwendig die Kleinen für die Großen sind. Die wären also Narren, 
wenn sie jene auffräßen." 
„Nun, ich denke," unterbrach ich hier die Debatte der beiden, dir 
hitzig zu werden begann, „wir schauen uns zunächst das, was Wilhelm be 
obachtet hat, noch etwas genauer an. Wir können ja'einmal statt hier im 
Park auch d.urch die Straßen schlendern, und da werden wir vielleicht auch 
Aufschluß über unsere Frage bekommen." 
Wir verließen also den Tiergarten und bummelten in den an 
grenzenden belebten Straßen. „Nun also," begann Wilhelm: „da schaue 
nur einmal, an jeder Straßenecke beinahe ist ein Zigarrenladen." 
„Ja," antwortete Karl lachetrd; „aber alle gehören drei Firmen. Schau 
dir doch nur die Firmenschilder an. Ueber all kommen wieder dieselben 
Namen vor." 
Wilhelm war etwas ärgerlich, daß sein erster Versuch mißglückt war. 
„Nun, so zähle einmal die Wirtschaften in dieser Straße," sagte er; „das 
sind doch lauter selbständige Gewerbetreibende." 
„Weißt du das so sicher?" fragte- ich. „Sehen wir uns einmal die' 
Schilder an. Hier steht groß angeschrieben, daß man Patzenhofer Bier kriegt, 
dort bekommt man welches aus der Schultheiß-Brauerei u. s. to." 
„Natürlich," unterbrach mich Wilhelm eifrig, „kann ein Wirt oft nicht 
bei drei oder vier verschiedenen Brauereien kaufen; aber deshalb bleibt er 
doch ein selbständiger Mann." 
„Wenn er nur von einer Brauerei sein Bier bezieht, dann ist er 
doch eigentlich nur der ihr Agent," antwortete Karl. 
„Jetzt schauen wir aber einmal ein wenig hinter die Kulissen," 
sagte ich. „Ich habe eine Zeitlang einmal bei Gericht gearbeitet, und da 
habe ich eine Menge Prozesse von Brauereien gegen Wirte kennen gelernt. 
Das ist sehr häufig so, daß die Brauerei irgendeinem armen Teufel ein 
Lokal einrichtet. Er selbst steckt die paar hundert Mark, die er vielleicht 
durch jahrelange Arbeit erworben und erspart hat, auch noch ins Geschäft 
und eröffnet jetzt mit dem Geld der Brauerei und seinem eigenen die Gast 
wirtschaft oder Destille. Der Brauerei muß er aber nicht nur die Zinsen' 
von dem geliehenen Kapital zahlen, sondern er muß das Bier bei ihr neh 
men. Den Preis diktiert natürlich die Brauerei, und über die Dualität 
darf er sich a^uch nicht beklagen, denn der Brauereibesitzer hat ihn ganz in! 
der Hand. So geht es ein paar Jahre fort, der Wirt schlägt oft kaum den- 
Lohn seiner eigenen Arbeit und den seiner Frau und eines Schankburschen s 
heraus. Manchmal geht es freilich gut, und dann gelingt es ihm auch, sich 
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aus der Sklaverei des Braukapitals los zu machen; sehr oft aber kommen 
auch schwere Zeiten, eines Tages kann der Wirt nicht mehr das Bier oder 
die Miete bezahlen, er wird vor die Tür gesetzt, und ein anderer Wirt, der 
vielleicht wieder etwas Geld zuzusetzen hat, tritt an seine Stelle. Die 
Brauerei verliert in keinem Falle; denn entweder kriegt sie ihr Kapital mit 
Zinsen zurück oder sie kann wieder einen neuen Wirt in das schon einge- 
ritMete Lokal zu denselben Bedingungen setzen." 
„Unh_ dabei noch sein Geld einstecken, das er zusetzt," ergänzte Karl 
eitrig. „So hat die Brauerei gar kein Msiko. Geht es schief, so geht der 
Wirt krachen, sie selbst aber behält das eingerichtete Lokal." 
„Wie du das so von den Wirten erzählst," meinte Wilhelm etwas zö 
gernd, „erinnert es mich an die Geschichte des Bäckerladens in unserem 
Hause." 
„Das ist wahr," unterbrach Karl; „das ist eine ganz ähnliche Gc- 
scksichte. Unser Hauswirt hat einen Backofen, und den vermietet er zusam 
men mit einem Laden an Bäckermeister, natürlich recht teuer. Seit wir in 
dem Haus wohnen, das sind jetzt beinahe drei Jahre, sind schon zwei Bäcker 
verkracht, und als der zweite mit seiner Familie herausgesetzt wurde, da 
machte er noch auf der Straße einen furchtbaren Spektakel und schrie, der 
Hauswirt habe ihm das Blut ausgesaugt." 
„Uebrigens hast du mit deinem Beispiel von den Gastwirten auch 
sonst nicht viel Glück," wandte ich mich an Wilhelm, indem ich auf das blau- 
und weißkarrierte Schild des letzten Lokals in der Straße hinwies. „Da 
schau einmal, was da oben steht." Und Wilhelm las mit sichtlicher Ver 
legenheit: „42. Bierquelle." 
--Na, und da drüben," zeigte Karl auf die andere Straßenseite, „da 
ist ein Buttergeschäft. 'Schau nur, wie sckstin dort in Goldschrift steht: 
Vierzeh,n Stadtfilialen. Uebrigens ist das noch nichts gegen eine andere 
Firma. Da kaufte ich unlängst im Vorbeigehen ein paar recht duftige 
Harzer. Auf dem Papier, in das die Kaschen gewickelt waren, stand, daß 
dies die 36. Filiale des Geschäftes war; und gar nicht weit von unserem 
Haus, erinnere ich mich jetzt, habe ich schon oft das Schild gelesen: 
„a7. Seifenfiliale." 
"Nun ja, das gebe ich zu," sagte Wilhelm ärgerlich, „das die kleinen 
&lt;2traßengeschäfte oft nicht von selbständigen kleinen Kaufleuten betrieben 
werden, sondern daß sie vielfach entweder Filialen großer Geschäfte sind 
oder mehr oder weniger verkappte Agenturen von Brauereien oder sonstigen 
großen Fabriken, oder endlich nur den Zweck haben, den Hauswirt zu be 
reichern. Aber was ist es denn mit den Kleinmeistern, den Schneidern, 
Schustern. Klempnern u. s. w.?" 
„Ja, was macht denn das aus," meinte Karl wegwerfend, „was die 
fertig bringen. Neben den großen Schuhfabriken, Kleidermagazinen u. s. w. 
spielen die doch gar keine Rolle. Ta sieh dir einmal diesen elenden Laden 
an." Dabei wies er auf einen kleinen Straßenladen eines Schneiders hin. 
„Das ist aber komisch," bemerkte Wichelm, als er das Schild sah, „daß 
wir gerade hier vorbeikommen. Den Mann kenne ich; der arbeitet für 
meinen Chef. Freilich hat er den Ehrgeiz, sich „Meister" schimpfen zu lassen: 
aber es geht ihm miserabel, und gezahlt wird er für seine Arbeit noch 
schlechter als die Arbeiter, die bei uns sitzen. Daß er auch für Kunden ar 
beitet, kann ich mir gar nicht vorstellen: denn er hat ja kein Geld, um den 
^tosf zu kaufen, und borgen tut ihm schon lange niemand mehr."
        <pb n="52" />
        - 48 - 
Inzwischen kamen wir an einem Schuhmacherladen vorüber. Karl I 
las laut das Schild ab: „Schuhwarenniederlage. Reparaturwerkstätte." I 
„Na, da hast du den selbständigen Gewerbetreibenden," sagte er. „Er be- 1 
hauptet ja selber nicht einmal mehr, daß er Schuhe macht; er repariert nur 
welche, und daneben verkauft er Ware, die er selbst aus der Fabrik bezieht." I 
„Aber trotz alledem," entgegnete Wilhelm, „gibt es doch noch immer auch 
selbständige Kleinmeister. Freilich habe ich ihre Zahl weit überschätzt; 
aber wenn man auch von allen denen absieht, von denen ich jetzt weiß, datz 
sie in der Tat keine selbständigen Existenzen sind, dann bleiben doch immer 
noch zahlreiche Kleinmeister übrig, die vom Großkapital nicht niederkon- i 
kurriert sind. Meist geht es ihnen ja nicht sehr gut, das ist wahr, aber sie ! 
behaupten sich doch." „Aber auf wessen. Kosten?" warf ich Hier ein. „Daß I 
ich immerhin noch Kleinmeister behaupten können, das verdanken sie vor I 
ollem dem Umstande, daß sie unentgeltliche Arbeiter haben, die sie nach 
Herzenslust ausbeuten, ohne daß sich diese wehren können, die L e h r- 
ling e." „Ja, das ist wahr", pflichtete mir Karl bei. „Meine kleinere | 
'Schwester zum Beispiel ist bei einer Blumenmacherin in der „Lehre". Ge-'f 
zahlt kriegt sie nichts, und das Men muß auch sehr wenig sein; denn 
wenn sie abends nach Hause kommt, hat sie einen schrecklichen Hunger. 
Dabei lernt sie aber nicht einmal was Rechtes; denn fast den ganzen 
Tag muß sie das Kind der Meisterin herumschleppen, ausfegen, j 
Staub wischen und sonst häusliche Arbeiten machen. Die Frau hat dann 
noch ein älteres Lehrmädchen, der sie ein paar Mark monatlich zahlt, die 
macht mit der Meisterin zusammen die ganze Arbeit. So hat diese eine 
Magd umsonst und eine Arbeiterin fast umsonst." „Und dabei sind gerade 
diese jungen Leute ganz schutzlos," fuhr ich fort. „Die Arbeiterschutzgesetze! 
gelten nur für Fabriken, die kleinen Meister können ihre Lehrlinge schin-! 
den, wie sie wollen, und sie können sie sogar prügeln. Ja, die Kleinmeister, 
das sind die Lieblinge der Regierungen, und, um ihnen zu helfen, werden 
die armen Lehrlinge geopfert. Die haben ja kein Stimmrecht, und or 
ganisiert sind sie auch nicht."' „Das muß aber auch einmal anders werden." 
unterbrach mich Karl mit großem Eifer. „Auch wir Jugendlichen müssen 
zusammenhalten. Das darf es nicht mehr geben, daß auf unserem Rücken 
Holz gehackt wird. Wenn die Jugendlichen mit den erwachsenen^Arbeitern 
wirklich zusammenhalten, dann werden auch die Lehrlinge eine Stütze fin 
den. Bisher habe ich noch immer geschwankt, ob ich unserem Jugendverein; 
beitreten soll; denn ich glaubte, daß so etwas doch für uns keinen rechten 
Zweck hat. Aber jetzt sehe ich ein, daß auch wir unsere Interessen selber 
wahrnehmen müssen. Mit unseren Knochen sollen die bankrotten Klein-! 
meister nicht mehr ihren Kampf gegen das überlegene Kapital ausfeckten 
dürfen." 
2. Der Große. 
Während dieses Gespräches waren wir vor einem jener modernen 
Riesenpaläste gelangt, die der kundige Berliner schon von weitem als Waren-j 
haus erkennt. Wir traten durch eines der mächtigen Portale ein und ge-l 
rieten sofort in den Strom der Kauflustigen, die sich zwischen den Verkaufs-^ 
tischen drängten. Wir waren gerade in die Wirkwarenabteilung geraten, 
und da sahen wir nun neben- und übereinander gelagert Strümpfe und 
Krawatten, Trikotwäsche uitö Geldbeutel, Seide, Wolle, Baumwolle. Gleich 
darauf kamen wir in die Schuhabteilung, hierauf zur Damenwäsche und 
zu den Fahrrädern. Mit einem der zahlreichen Aufzüge fuhren wir in die 
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Gleich 
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in die 
dritte Etage und gingen durch die Abteilung für frische Fische und Wild 
nach dem Porzellanlager. Die Damenkonfektion interessierte uns wenig, 
aber wir kamen alsbald auch zu der Ausstellung von Kunstwerken. Da gab 
es Büsten aus Marmor und Nippesfigürchen aus Terrakotta, alte hölzerne 
Heiligenstatuen und bronzene Tänzerinnen, die in emporgehobenen Händen 
elektrische Glühlichter trugen. Im Erfrischungsraum nahmen wir ein 
paar belegte Brötchen und besichtigten dann die Abteilung für weibliche 
Handarbeiten und das Bücherlager. Besonders fielen uns dort die vielen 
neuen, aber im Preis sehr herabgesetzten Bücher auf. Bon da eilten wir 
öurch das Pavfümerienlager in die japanische Abteilung mit ihren Basen 
und Götterstatuen, den Reisekissen und Kinderspielwaren, den Stickereien 
und Porzellanservicen. An den Apothekerwaren vorbei kamen wir zu den 
Strohhüten und von da zu den Küchenmöbeln. 
Als wir nach einer Stunde das riesige Gebäude verließen, hatten wir 
so ziemlich alles gesehen, was ein Mensch überhaupt in seinem Leben 
braucht. Bon all den unzähligen Artikeln, die in grellster Beleilchtung da 
zum Kauf ausgestellt waren und sich den Kunden ordentlich aufdrängten, 
waren wir fast wirr geworden, und als wir nun wieder auf der Straße 
standen, atmeten wir geradezu erleichtert auf. 
„Es ist sonderbar," sagte Wilhelm, „während der ganzen Zeit unseres 
Aufenthalts im Warenhaus bin ich ein unheimliches Gefühl nicht los ge* 
worden." 
„Mir ist es geradeso gegangen," bestätigte Karl. „Wenn man so zwi 
schen diesen ungeheuren Massen von oft doch kostbaren Waren herumgeht, 
die ganz lose auf den Tischen liegen, muß man sich doch immer denken, daß 
jeder Besucher heimlich genau beobachtet wird, ob er nichts stiehlt, und 
dieses Bewußtsein ist mir höchst unbehaglich. Ich begreife gar nicht, wie 
man sich da frei bewegen kann, wenn man immer argwöhnische Blicke aus 
sich gerichtet fühlt, und doch verstehe ich nicht, wieso nicht sehr viel ge 
stohlen wird." •» 
„Der Grund, warum ich ein drückendes Gefühl nicht abweisen 
konnte, ist freilich ein ganz anderer", erwiderte Wilhelm. „SBenn 
ich diese riesigen Warenmengen betrachte, dann denke ich unwillkür 
lich an alle die Existenzen, die zertreten werden mußten, bis all 
das sich in einer Hand vereinigen konnte. Ich habe mich bei verschiedenen 
Artikeln, die ich von unserem Geschäfte her renne, nach den Preisen erkun 
digt, und manches war viel billiger als wir es verkaufen. Da können na 
türlich die kleineren Geschäfte nicht bestehen. Aber wieso können die Waren 
häuser den Preis so drücken? Unlängst war einmal bei uns im Geschäft 
davon die Rede, weshalb jetzt die große Herrenkleiderfirma S. A. so spott- 
billig verkaufen könne und uns dadurch die Kundschaft abjagt, und da wies 
unser Zuschneider darauf hin, daß jene Firma kürzlich erst einen großen 
Posten Stosse aus dem Konkurs einer Fabrik furchtbar billig erstanden hat 
und diese Stoffe jetzt verarbeitet und so billig auf den Markt wirft. Die 
Erinnerung bin ich die ganze Zeit nicht los geworden, und ich dachte immer, 
wie biele* Fabriken verkracht sein müssen, damit das Warenhaus so billig 
verkaufen kann. Ich hatte das Gefühl, als ob ich auf einem Kirchhof herum 
spazierte. Jeder Stoß Waren schien mir der Leichenstein einer Fabrik." 
„Nun, ich glaube, daß du da doch zu schwarz siehst," unterbrach ich seine 
Betrachtungen; „freilich, viel Wahres ist schon daran. So stammt zum Bei 
spiel ein großer Teil der so billigen Bücher aus den Vorräten von verkrack-
        <pb n="54" />
        ten Buchhandlungen und Verlagsgeschäften, und auch sonst rührt ein Leit 
der Waren aus solchen Ankäufen her. Aber diese Art der Erwerbung tritt 
doch immer mehr in ihrer Bedeutung zurück. Ja, im Ansang der Waren 
häuser, und das sind noch keine zwanzig Jahre her, da verlegten sie sich 
zum großen Teil auf solche Gelegenheitskäufe." 
„Aus solchen Leichenraub," berichtigte mich Wilhelm erbittert. 
„Du magst es nennen, wie du willst," entgegnete ich, „jedenfalls sind 
die großen Warenhäuser darüber bald hinausgewachsen. Heute können sie j 
sich auf solche Gelegenheitsgeschäfte nicht mehr verlassen, wenn sie sie auch j 
gerne noch mit in Kauf nehmen; aber daß sie ihre kleineren Konkurrenten 
unterbieten können, das hat doch hauptsächlich andere Gründe. So ein 
riesiger Bau, wie der hier mit all seiner Einrichtung, Beheizung, Beleuch 
tung u. s. w., kostet ja gewiß ein furchtbares Geld; aber stellt euch vor, daß I 
diese ganze riesige Warenmasse in lauter Einzelläden verkauft werden j 
sollte; das wäre ja schon eine kleine Stadt, und die Miete würde doch noch i 
wesentlich mehr kosten, als der Besitzer des Warenhauses rechnen muß. Dazu | 
kommt, daß er von fast jedem Artikel so große Mengen braucht, daß er j 
nicht nur billiger einlaufen kann als der kleine Händler, sondern auch von j 
den Bahnen, Dampferlinien u. s. w. große Begünstigungen bekommt. Ins'! I 
besondere aber tritt er den Fabrikanten ganz anders gegenüber als sein j 
kleinerer Konkurrent. Wenn der einkauft, muß er oft lange auf die I 
Lieferung warten, er muß die Artikel nehmen, die ihm angeboten werden, i 
Das Warenhaus bestellt so gewaltige Mengen, daß es sich für die Fabrik! 
lohnt, eigens für diese große Kundschaft zu arbeiten, die so wichtig ist, daß ! 
man sie auch nicht warten lassen darf, und oft arbeiten Fabriken schon aus- | 
schließlich für Warenhäuser, von denen sie dann vollständig abhängig sind." I 
„Das ist ja ganz wie bei meinem Großvater, dem Tischler," unter- | 
brach mich hier Karl. „So wie der schließlich für den Möbelhändler allein ! 
arbeiten mußte und ganz von ihm abhängig war, so geht es also jetzt de» I 
großen Faßriken mit den Warenhäusern." 
„Ja," antwortete ich, „das ist wirklich etwas Aehnliches, nur daß cs 1 
sich hier um Riesen handelt im Vergleich zu jenen Zwergen, dem Tischler 
und dem Möbelhändler. Aber im Wesen ist es immer das gleiche. Wer 
heute über das größere Kapital verfügt, der siegt in der Konkurrenz über I 
den schwächeren Gegner." * 
„Das habe ich erst unlängst auch bei uns gesehen," meinte Karl. „Da I 
wurde bei uns eine neue Maschine ausgestellt, die arbeitet ganz großartig, j 
Wozu früher mit den einfachen Maschinen 70 Arbeiter nötig waren, das I 
machen jetzt mit der neuen Maschine 30, und dabei sieht die Ware jetzt j 
noch schöner aus als früher. Aber ein hübsches Stück Geld muß die Ge- I 
schichte gekostet haben. Ich habe was von 80.000 Mk. reden gehört. Natur- I 
lief), wer sich so eine Maschine nicht auch anschaffen kann, der arbeitet viel I 
teurer und dabei weniger gleichmäßig." 
„Fa, seht ihr," ergänzte ich, „und das ist einer der Gründe für die j 
Ueberlegenheit des großen Betriebes über den kleinen. Auch hier kauft 
einer um so billiger sein Rohmaterial, je größere Massen er einkauft. Der 
große Lederfabrikant zum Beispiel kauft die Felle in Rußland, in Indien, 
in Amerika gleich vom Tierzüchter und bezieht sie in ganzen Schisfsladun- j 
gen und Eisenbahnwaggons. Der kleine Gerber kann das nicht tun, der 
muß zum Händler gehen, der natürlich auch sein Geschäft dabei machen 
will, und wenn der nicht selbst einen sehr großen Umsatz hat, dann kauft er
        <pb n="55" />
        4* 
51 
ieinerseits erst vom Großhändler oder er bezieht die Ware in kleineren 
Partien vom Viehzüchter nnd muß nicht nur diesem höhere Preise zahlen, 
sondern auch der Eisenbahn und der Dampferlinie für den Transport. Dazu 
kommt aber noch, daß auch die Baulichkeiten im Verhältnis billiger werden, 
je größer sie sind. Ein Fabrikgebäude, in dem zwei Maschinen stehen, kostet 
lange nicht doppelt io viel wie eines, in welchem nur eine Maschine steht. 
Aber auch mit den Arbeitern ist der große Betrieb besser daran, denn gerade 
die teueren Arbeitskräfte, die Ingenieure, Buchhalter, Werkführer, Vor 
arbeiter u. s. w. wachsen an Zahl lange nicht so schnell wie die Handarbeiter. 
Oft braucht ein kleiner Betrieb gerade so viele von diesen wie ein weit 
größerer." 
„Das ist richtig," bestätigte Wilhelm. „Im vorigen Jahre wurde bei uns 
das Geschäft stark erweitert, wir haben seither fast doppelt so viele Arbeiter 
wie früher, aber ebenso wie früher nur einen Direktor und zwei Zuschneider. 
Die mußten früher hie und da auch sonst aushelfen; das tun sie nun nicht 
mehr, sie sind jetzt große Herren geworden." 
„Das ist auch ein Hauptgrund," fügte ich bei, „warum geschickte Ar 
beiter meist lieber in einem großen als in einem kleinen Betrieb Beschäfti 
gung nehmen, weil sie dort außer ihrer eigentlichen Arbeit oft auch noch 
anderweitig aushelfen müssen. Der große Unternehmer kann sie deshalb 
auch höher bezahlen, weil er ihre geschulte Arbeitskraft besser ausnützen 
kann." 
„Wenn man sich das alles so überlegt," meinte Karl, „so begreift man 
sehr wohl, wieso das große Geschäft dem kleinen so überlegen ist, wieso es 
viele kleine erdrückt, und wenn Wilhelm vorhin davon gesprochen hat, daß ein 
großes Warenhaus ihn an einen Kirchhof erinnert, so hat er also doch wohl 
recht gehabt." 
Nachdem wir eine Zeitlang schweigend nebeneinander gegangen waren, 
wandte sich Wilhelm an mich: „In so einem Warenhaus oder so einer 
großen Fabrik," sagte er, „steckt ein riesiges Kapital. Um das zusammenzu 
bringen, dazu gehört doch eine sehr große Geschäftstüchtigkeit. Haben die 
Warenhäuser zum Beispiel nicht von klein angefangen? Du sagst, daß sie 
noch keine 20 Jahre alt sind. Kann man in so kurzer Zeit ein so riesiges 
Kapital zusammenbringen oder waren die Leute, die sie errichtet haben, 
schon von Anfang an so furchtbar reich?" 
„Keins von beiden war der Fall," entgegnete ich. „Es gibt heute 
Warenhäuser, deren Besitzer klein angefangen haben. So hatte die Firma 
Tietz zum Beispiel, der heute neun riesige Warenhäuser in verschiedenen 
L-tädten gehören, ursprünglich ein kleines Geschäft für Weiß- und Woll- 
waren. Erst allmählich bezog sie auch andere Artikel ein, während sich der 
Umsatz immer mehr ausdehnte, und so entstand mit der Zeit der Riesen 
betrieb; aber das Kapital, das heute darin steckt, gehört durchaus nicht ganz 
dem Herrn Tietz, der seinerzeit das Geschäft begann. Zunächst bestimmte 
er seine Verwandten, ihr Geld bei ihni anzulegen; bald aber reichte auch 
das nicht mehr für die Ausdehnung des Geschäftes aus. Aber damals wußte 
man schon, daß die Firma „gut" war, das heißt, daß man ihr ruhig Geld 
borgen konnte, daß sie gewiß die Zinsen bezahlte und dabei das Geld sicher 
war; es war daher nicht allzu schwer, von Banken Geld zu bekommen." 
„Davon haben wirfta schon unlängst gesprochen," unterbrach mich Karl, 
„daß die Banken und Sparkassen den Einlegern von Geld nicht Zinsen
        <pb n="56" />
        zahlen könnten, wenn sie nicht dieses Geld wieder in Unternehmungen an 
legen würden, die ihnen mehr tragen, als sie den Einlegern auszahlen." 
„Ganz richtig," fuhr ich fort, „daher sind auch die Banken immer auf 
der Suche nach guter Anlage ihres Kapitals und leihen es gern Unterneh 
mungen, die ihnen sicher erscheinen. Natürlich verlangen sie aber höhere 
Zinsen für dieses Kapital als sie selbst bezahlen." 
„Also gehört," meinte Wilhelm, „das Geld, das ich für eine Ware be 
zahle, nicht ganz dem Besitzer des Warenhauses; er muß es mit der Bank 
teilen, die ihm das Kapital vorgestreckt hat?" 
„Freilich muß er das", erwiderte ich. 
„Aber wozu", fragte Karl, „leiht sich dann die Firma fremdes Geld 
aus, wenn sie doch den Ertrag wieder hergeben muß?" 
_ „Das hat seine sehr guten Gründe", antwortete ich. „Je größer ein 
Betrieb, um so billiger arbeitet er; das haben wir vorhin gesehen. Deshalb 
sucht jeder Kapitalist sein Unternehmen nach Möglichkeit auszudehnen. Er 
hätte so einen Vorteil, selbst wenn er den ganzen Ertrag des ausgeliehenen 
Kapitals der Bank abführen müßte; denn sein eigenes Kapital liefert ihm 
jetzt auch einen höheren Ertrag. Tatsächlich aber muß er auch nicht den 
ganzen Gewinn, den er mit dem ausgeborgten Kapital macht, der Bank ab 
liefern, sondern er teilt ihn mit ihr, und so machen beide ein gutes Geschäft. 
Du siehst also, daß es weder notwendig war, daß der Besitzer des Waren- 
bauses von vornherein ein riesiges Vermögen hatte, noch daß er es in seinem 
Geschäft ersparte. Denn er arbeitet hauptsächlich mit fremdem Gelde." 
„Aber unlängst", wendete Karl ein, „habe ich in der Zeitung gelesen, 
daß ein neues, ganz riesiges Warenhaus gegründet wurde. Da muß der 
Besitzer doch mit einem sehr großen eigenen Kapital angefangen haben; 
denn im Anfang wissen doch die Banken noch nicht, ob das Geschäft gehen 
und etwas einbringen wird." 
„Das ist allerdings etwas anderes", antwortete ich; „aber eigenes 
Kapital hat der Gründer dieses neuen Warenhauses wahrscheinlich noch 
weniger als die früheren. Hinter diesen Neugründungen stecken erst recht 
die großen Banken. Sie geben das ganze Kapital her, sie behalten sich 
aber auch die Kontrolle des Betriebes vor." 
„Ja, aber dann", unterbrach mich Karl, „ist ja der Unternehmer des 
Warenhauses eigentlich nur mehr ein Angestellter der Bank, wenn die ihm 
in alles dreinreden kann." 
„Beinahe ist es auch so", bestätigte ich. „Das ist aber kein einzelner 
Fall. Die Banken haben heute ihre mächtige Hand in fast allen großen 
Unternehmungen. Sie borgen ihnen Geld, dafür aber beaufsichtigen und 
leiten sie auch den Betrieb immer mehr." 
„Ja, aber dann stehen ja", meinte Wilhelm ganz bestürzt, „die Banken 
zu den großen Firmen in einem ähnlichen Verhältnis wie das Warenhaus 
zur Fabrik und der Möbelhändler zum Tischler. Da frißt ja überall der 
Größere den Kleineren, da beutet überall der Reichere den Aermeren aus. 
Aber woher haben denn die großen Banken das Geld, das sie so mächtig 
&gt;nacht?" 
„Da gibt es verschiedene Quellen", antwortete ich. „Früher einmal 
konnte einer, der Geld übrig hatte, nichts anderes damit tun, als daß er 
es für Zeiten der Not aufhob und dann ausgab. Später konnte er es, wie 
wir ja gesehen haben, dazu verwenden, besitzlose Arbeiter ans Werk zu 
setzen und auszubeuten. Heute aber braucht er sich auch dieser Mühe nicht
        <pb n="57" />
        53 
uiehr zu unterziehen. Er trägt sein Geld in die Bank und bezieht die Zinsen 
davon. ^ Du hast unlängst selbst erwähnt, daß dein Vater einige hundert 
Mark in einer Sparkasse liegen hat und regelmäßig die Zinsen abhebt." 
„Auf diese Art", ^unterbrach mich Wilhelm, „wären dann eigentlich die 
Einleger des Geldes die Herren der Bank; denn von ihnen rührt das Geld, 
mit dem die Geschäfte gemacht werden." 
„Ja hat denn dein Vater etwas dreinzureden, wie das Geld verwendet 
wird, das er eingelegt hat?" fragte Karl ironisch. 
„Aber wer bestimmt denn dann eigentlich, was die Bank zu tun hat?" 
fragte Wilhelm. 
„Ihr dürft euch", entgegnete ich, „die Sache nicht so vorstellen, als 
ob das Kapital der Bank nur durch die Einlagen der kleinen und großen 
Leute zustande käme. Vor allem sind die Aktionäre der Bank da, die sie 
gegründet und ihr Kapital eingebracht haben. Die sollen in der General 
versammlung beschließen, was die Bank zu tun hat, sie ernennen auch die 
Beamten. In Wirklichkeit aber regieren meist ein paar große Kapitalisten, 
die die anderen überstimmen und dann tun können, was sie wollen, und oft 
sind es noch dazu dieselben Leute, die in verschiedenen Banken maßgebend 
sind." 
„Da müssen die aber dann eine riesige Macht haben", meinte Wilhelm, 
„wenn sie die mächtigen Banken unter sich haben, die doch wieder die In 
dustrie beherrschen." 
„Ja, das sind heute die ungekrönten Könige", antwortete ich, „und 
mancher wirkliche König könnte sich gratulieren, wenn er eine solche Macht 
hätte; denn oft herrschen sie nicht nur in einem Lande, sondern ihr Bereich 
geht über ganze Erdteile, und ihre Macht wächst noch immer fort, denn sie 
dringen auch immer tiefer in das Erwerbsleben ein. 
Früher haben sich die großen Betriebe gegenseitig bekämpft und unter 
boten. Heute tun sie das sehr oft nicht mehr, sondern sie schließen sich zu 
sammen und beuten gemeinsam das Publikum, ihre Arbeiter und ihre 
Lieferanten aus, und dabei leisten ihnen die Banken die beste Hilfe. Denn 
wenn eine große Bank mehreren großen Unternehmungen Geld geborgt hat, 
dann will sie natürlich nicht, daß sie sich gegenseitig schaden, sondern sie 
veranlaßt sie, sich zu verabreden, die Preise und Löhne festzusetzen und sich. 
nicht mehr zu unterbieten. Ein Konkurrent kann dann schwer aufkommen, 
weil ihm die Banken kein Geld borgen, und so bleiben die großen, unter 
einander verbundenen Firmen unbehelligt und beschützt. 
Da waren zum Beispiel auf einem amerikanischen Fluß zwei Dampfer 
linien, die sich wütend bekämpften. Jede suchte die andere zu unterbieten, 
jede versprach den Passagieren alles Mögliche an Geschwindigkeit und An 
nehmlichkeit der Fahrt. Das Publikum freute sich, denn man konnte billig 
und angenehm reisen, die Gesellschaften gingen aber beide fast zugrunde. 
Da besannen sie sich endlich doch eines Besseren und einigten sich. Jetzt 
wurden die Preise hinaufgeschraubt, daß den Passagieren ganz angst und 
bange wurde; aber was konnten sie machen? Ein Konkurrent war nicht da, 
zu dem man hätte gehen können. So mußte man zahlen, was jene ver 
langten, und die Inhaber der beiden Gesellschaften teilten sich schmunzelnd 
den Raub. 
^ Solche Vereinbarungen und Vereinigungen sind aber heute nichts 
Seltenes mehr. Sie beherrschen immer mehr die Industrie. So haben sich 
die großen Kohlengruben und die Eisenwerke, die Zuckerfabriken und die
        <pb n="58" />
        54 
Erzeuger von Zündhölzern und noch eine große Anzahl anderer Industrien I 
bereits organisiert und fast täglich kann man von neuen solchen „Kartellen" 
und „Trusts" hören, die oft nicht mehr auf ein Land und auch oft nickt 
mehr auf eine Industrie beschränkt sind. So ist zum Beispiel die Petroleum- j 
Produktion fast der ganzen Welt bereits in einer Hand vereinigt und der- 1 
selben Gesellschaft gehören eine ganze Reihe von Eisenbahnen und Dampfer- j 
linien. Diesen neuen Herrschern zahlt jeder seinen Tribut, der heute eine 1 
Petroleumlampe brennt, aber auch, wer irgendwie eine Maschine braucht, 1 
die mit Rohöl gespeist wird, und endlich, wer mit den Eisenbahnen und 
Dampfern jener Gesellschaft fährt oder mit ihnen Güter befördern will: ja 4 
jeder muß dieser Gesellschaft seine Steuer entrichten, der Waren kauft, die &gt; 
mit solchen Maschinen hergestellt oder auf solchen Linien befördert worden 1 
sind. Gegen diese Riesen kommt keine Konkurrenz mehr auf, und selbst die 1 
Staatsgewalt erweist sich gegen sie oft ohnmächtig." 
nichl 
stell! 
zwei 
höri 
zähl 
Gru 
lebe: 
nis 
Seil 
ist. 
lebe: 
Der Arbeitslohn. 
„Welches war also", begann ich wieder, „der Gesellschaftszustand, für 1 
den wir das Wertgesetz abgeleitet haben, daß sich die Waren im Verhältnis 1 
der Arbeitszeit vertauschen, die zu ihrer Herstellung notwendig ist?" 
„Nun, das war die Zeit meines Großvaters," antwortete Karl, „der 
als selbständiger Meister direkt für die Kundschaft ans Bestellung arbeitete.» 
Davon sind wir ausgegangen, daß das einmal der allgemeine Zustand ivnr. 1 
Der Großvater blieb aber, wie ich euch ja schon erzählt habe, kein selbstän- 1 
diger Meister, er kam in Abhängigkeit von einem Möbelhändler und mußte j 
für den arbeiten." 
„Es wird sich also nun", fuhr ich fort, „darum handeln, ob der Wert 1 
der Tische, Schränke u. s. w., die dekn Großvater herstellte, dadurch oer- j 
ändert wurde, daß sie nicht mehr von deinem Großvater selbst auf den Markt j 
gebracht wurden, sondern durch den Möbelhändler." 
„Der Möbelhündler verkaufte billiger als der Großvater," antwortete I 
Karl: „denn auf diese Weise unterbot er ihn ja und gewann die Kundschaft I 
für sich." — „Ganz so Hast du aber damals die Geschichte doch nicht erzählt", I 
warf ich ein. „Erinnere dich nur, wie du uns den Zorn deines Großvaters I 
darüber geschildert hast, daß der Händler schlechte Ware auf den Markt I 
warf und ihn dadurch unterbot. Die Schränke, Stühle u. s. w. des Hand- 1 
lers waren billiger, sie waren aber auch schlechter, sie enthielten weniger 1 
geschickte Arbeit als die Waren, die dein Großvater herstellte, und des-1 
halb konnte jener billiger verkaufen. Als dann aber dein Großvater 1 
aus dem Felde geschlagen und ruiniert war und nun selbst für den Händler I 
arbeiten mußte, da verkaufte der gewiß auch wieder gute „Qualitätsware" I 
an die kaufkräftige Kundschaft, und zwar zu dem alten Preis, den dein I 
Großvater früher erhalten hatte." I 
„Aber der Großvater bekam noch viel weniger von dem Möbel- | 
Händler als den früheren Preis der Möbel", rief wieder Karl dazwischen. 
„Freilich," antwortete ich, „sonst hätte ja der Möbelhändler kein Ge- | 
schüft, keinen Prbfit gemacht." — „Dann hat aber", meinte Karl, „der I 
Großvater nur einen Teil seiner Arbeit für sich selbst gemacht und den | 
anderen Teil für den Händler." 
Mö 
dige 
„Eri 
vatr 
„hat 
kein 
Uni 
beut 
Tat 
die 
die 
Reg 
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daß 
wur 
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War 
mir 
daß 
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doch 
aus 
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2 M 
3ufr 
die : 
"auck 
wim 
Was 
Zurr 
geses 
einst
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        „Gewiß tat er das," erwiderte ich, „und er musste es tun, wenn er 
nicht verhungern wollte. Man kann sich das also zum Beispiel so vor 
stellen, daß er an den sechs Werktagen der Woche vier für sich arbeitete und 
zwei für den Händler." 
„Das ist aber dann", unterbrach hier Wilhelm, „ganz so wie bei den 
hörigen Bauern, von denen mir mein Großvater aus seiner Jugend er 
zählt hat. Die mußten auch soundso viele Tage im Jahre für Len 
Grundherrn schuften, und für sie selbst blieb nur gerade so viel, daß sie 
leben konnten." 
„Nun, seht ihr," erwiderte ich, „wie ähnlich in der Tat das Verhält 
nis zwischen dem abhängigen Arbeiter und dem Händler auf der einen 
Leite, zwischen dem Hörigen und dem Grundherrn auf der anderen Seite 
ist. Auch dem abhängigen Arbeiter bleibt nur gerade so viel, daß er davon 
leben kann, alles übrige nimmt der Unternehmer für sich in Anspruch." 
„Ja, aber war denn Karls Großvater eigentlich Lohnarbeiter bei dem 
Möbelhändler?" fragte Wilhelm zweifelnd. „Er blieb doch immer selbstän 
diger Meister." 
„Na, für die Selbständigkeit danke ich schön", antwortete Karl selbst. 
„Erinnert euch doch, was ich davon erzählte, wie der Händler meinen Groß 
vater ausgebeutet und geschunden hat." — „Aber trotzdem", erwiderte ich, 
„hat Wilhelm doch nicht so ganz unrecht. Dein Großvater, Karl, war noch 
kein eigentlicher Lohnarbeiter, er arbeitete nicht in der Werkstatt seines 
Unternehmers, sondern in seiner eigenen. In dieser Lage sind ja auch 
heute noch viele sogenannte „Meister", die sich selbständig nennen, in der 
Tat aber vom kapitalistischen Unternehmer noch mehr geknechtet werden als 
die eigentlichen Fabrikarbeiter. Aber wir haben schon davon gesprochen, daß 
die Entwicklung allgemein über diesen Zustand hinausging und in der 
Regel dazu führte, daß die unselbständig gewordenen Arbeiter nun auch 
in die Werkstätte ihres Unternehmers gehen mußten. Es ist aber klar, 
daß dadurch zunächst jedenfalls nichts am Wert der Waren verändert 
wurde. Denn ob der Arbeiter zu Hause arbeitet oder in der großen 
Werkstätte, das bleibt doch für das Ergebnis dasselbe. Immer bekommt 
er vom Unternehmer nur so viel, daß er gerade davon leben kann, und der 
Unterschied zwischen dem gezahlten Lohn und dem Verkaufspreis der 
Waren verbleibt dem Untnernehmer als sein Gewinn." — „Das lenchtet 
mir schon ein," erwiderte Wilhelm, „aber ganz überzeugt bin ich doch nicht, 
daß der Wert unverändert bleibt. Kann denn jetzt nicht der Unternehmer 
billiger verkaufen als früher der selbständige Meister? Er behält ja dann 
doch noch immer einen Gewinn. Wenn der Meister zum Beispiel früher 
aus Holz um 3 Mk. in einem Tag einen Stuhl gemacht und ihn um 
l&gt; Mk. verkauft hat, so zahlt jetzt vielleicht der Unternehmer dem Schreiner 
2 Mk. Lohn und hat 1 Mk. Gewinn. Wenn er sich nun aber mit 50 Pf. 
zufrieden gibt, kann er doch den Stuhl mit Mk. 5"50 verkaufen und so 
die Konkurrenz unterbieten." 
„Das ist ganz richtig," erwiderte ich, „und zeitweilig geschieht dies 
"auch; aber niemand verkauft billiger, als er muß. Auf einen Teil des Ge 
winns verzichtet daher der Unternehmer immer nur für kurze Zeit, als 
Waffe im Konkurrenzkämpfe. Sobald aber der Zweck erreicht, der Kon 
kurrent aus dem Felde geschlagen ist, wird der Preis wieder so hoch fest 
gesetzt wie möglich. Das heißt so hoch, daß er mit dem Arbeitswert über 
einstimmt."
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        66 
„Nun ja," warf Karl ein, „auch das sehe ich ein, daß der Unter 
nehmer den Verkaufspreis nicht willkürlich erhöhen kann, weil er fönst von 
der Konkurrenz geschlagen wird; aber kann er nicht den Lohn des- Arbeiters 
nach Belieben herabsetzen und dadurch feinen Gewinn vergrößern? Kann j 
er nicht in dem Beispiel, das Wilhelm vorhin anführte, dem Schreiner nur | 
Mk 150 statt 2 Mk. Lohn zahlen und so seinen Gewinn auf Mk. 1'50 statt 
1 Mk. erhöhen?" — „Wenn er das könnte," antwortete ich, „dann täte er ! 
§8 sicher: denn das ist allgemein das einzige Streben des kapitalistischen 
Unternehmers, seinen Gewinn zu erhöhen. Wie es den Arbeitern dabei 
ergeht, das ist gleichgültig. Aber was würde geschehen, wenn ein Unter- j 
nehmer schlechtere Löhne zahlen würde als die anderen in derselben. 
Branche?" — „Dann würde er bald keine Arbeiter mehr kriegen", erwiderte [ 
Karl. „Aber wie ist es denn, wenn die Löhne in der ganzen Branche 
herabgesetzt werden?" „Dann würden wohl", meinte Wilhelm, „viele 
Arbeiter versuchen, den Beruf zu wechseln, sie würden das Gewerbe mit de» j 
niedrigen Löhnen verlassen imb eins mit besseren Lohnverhältnissen auf-; 
suchen." — „Dann müßten aber doch", warf hier Karl ein, „die Löhne in 
allen Gewerben gleich sein. Das ist aber nicht wahr. In unserer Fabrik &gt; 
zum Beispiel bekommt ein Monteur viel mehr Lohn als ein,Heizer." ,,^a,, 
aber warum wird dann der Heizer nicht Monteur?" fragte ich. 
„Weil er es nicht gelernt hat", erwiderte Karl. „Glaubst du denn,, 
das kann man so ohneweiters, man braucht nur hinzugehen, um eine Ma 
schine zu montieren? Da heißt es ordentlich lernen, bevor einer so 
weit ist." 
. „Nun siehst du", erwiderte ich. „wieso sich die Löhne nicht ganz aus-, 
gleichen. Die Kraft der Arbeiter ist verschieden, ebenso ihre Geschicklichkeit: i 
viel wichtiger aber sind die Unterschiede in der Vorbildung. Je langer einer, 
braucht, um ein Gewerbe zu erlernen, um so höher sind in der Regel dort 
die Löhne." 
„Ja, aber", meinte Wilhelm, „tote ist es denn, wenn die Lohne in 
allen Gewerbezweigen zugleich herabgesetzt werden? Da können doch dir 
Arbeiter nicht von einem Gewerbe ins andere ausrücken, weil es doch überall 
gleich schlecht ist." | 
„Vielleicht aber", meinte ich, „können sie ins Ausland gehen und &gt; 
dort bessere Löhne suchen. Ist aber auch das nicht möglich, und bleiben die j 
Löhne längere Zeit so niedrig, daß die Arbeiter nicht einmal so viel haben, 
als sie zum Leben brauchen, dann werden viele von ihnen zugrunde gehen i 
und infolgedessen werden die Löhne wieder steigen, denn dann müssen sich: 
die Kapitalisten gegenseitig überbieten, um Arbeiter zu bekommen, ohne! 
die sie nichts machen können." — - „Aber kommt denn das auch wirklich; 
vor," fragte nun Wilhelm, „daß in einem ganzen Lande die Löhne auf! 
einmal herabgesetzt werden? Das könnte doch nur sein, wenn sich alle | 
Kapitalisten miteinander verabreden, und das ist doch sehr unwahrschein-1 
sich." „Allerdings," erwiderte ich, „aber in einer anderen Form kommen j 
leider solche allgemeinen Lohnherabsetzungen sehr häufig vor. Der Str- : 
beiter bekommt, den Lohn in Geld ausgezahlt. Das kann er jedoch nicht 
essen, er muß sich Essen, Kleider, Wohnung u. s. w. dafür erst kaufen. Wenn 
aber alle diese Dinge teurer werden, dann bekommt der Arbeiter für seinen 
alten Lohn nicht mehr dasselbe wie früher, sein Lohn ist in Wirklichkeit 
gesunken." — „Ja, davon kann meine Mutter ein Lied singen", bestätigte i 
Wilhelm. „Mein Vater ist doch Schutzmann und kriegt jeden Monat sein; 
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Gehalt. Aber die Mutter klagt jetzt die ganze Zeit, fie könne nicht mehr 
auskommen, alles fei' teurer geworden, und so reiche es hinten und vorrre 
nicht mehr." 
„Bei uns ist es geradeso", bemerkte Karl. „Dater hat zwar im 
vorigen Jahre gestreikt und eine kleine Lohnaufbesserung erhalten: aber 
Mutter sagt doch, es gehe jetzt schlechter zusammen als jemals." 
„Aber wenn jetzt, wie wir ja wissen, die Preise der Lebensmittel in 
die Höhe gegangen und die Löhne dadurch allgemein gesunken sind," fragte 
nun wieder Wilhelm, „dann müßten doch auch die Folgen eintreten, die du 
ausgemalt hast, dann müßten die Arbeiter vor Hunger sterben. Aber das 
liest man doch nie in der Zeitung, daß heutzutage einer verhungert rst." 
„Das hat verschiedene Ursachen", antwortete ich. „Da ist zunächst die 
Armenversorgung, die viele gerade über Wasser erhält, so daß sie nicht zu 
grunde gehen. Und das ist für die Kapitalisten sehr nützlich; denn auf diese 
Weise können sie oft die Löhne tiefer herabdrücken, als es sonst möglich 
wäre, und dann haben sie da immer eine Reserve von Arbeitskräften, die 
sie einberufen können, wenn sie Arbeiter brauchen. Anderseits aber 
gehen furchtbar viele Leute infolge von Hunger und Unterernährung zu 
grunde, ohne zu verhungern. Der von Hunger und Entbehrungen ge 
schwächte Körper ist gegen alle möglichen Krankheiten machtlos, die der 
kräftige, gut genährte Organisnrus spielend überwindet. Besonders 
wächst die Kindersterblichkeit mit der Not ganz furchtbar. Endlich werden 
auch in Zeiten der Not weniger Kinder gezeugt und geboren als bei Hoch- 
stand der Löhne. So verringern die niedrigen Löhne die Zahl der Menschen 
still und ruhig. Der Kapitalismus mordet nicht mit wilder Gewalt und 
mit großem Lärm; er besorgt das ganz im stillen, ohne viel Aufhebens. 
Drittens aber, und das ist ein besonders wichtiger Punkt, darf man 
hier die Wirksamkeit der Gewerkschaften nicht außer acht lassen. Doch 
darüber ein anderes Mal mehr." 
Die Gewerkschaft. 
Es hatte einige Zeit gedauert, bis ich mit meinen jungen Freunden 
wieder zusammentraf. Als wir nun in meiner Stube beisammensaßen, be 
gann Wilhelm: „Du hast uns neulich gesagt, daß die Gewerkschaften beson 
ders stark dazu beitragen, daß die Löhne der Arbeiter in die Höhe gehen oder 
wenigstens nicht gar zu tief sinken. Darüber ist aber mein Vater ganz an 
derer Ansicht. Ihr wißt doch, da war unlängst ein großer Streik bei der 
Firma M..., und da hatte mein Vater als Schutzmann einen schweren 
Dienst. Es mag sein, daß er dadurch gegen die Gewerkschaft, die zu dem 
Streik gehetzt hat, besonders erbost war; aber als er einmal recht rnüde 
und verärgert nach Hause kam, da brach er los. Das hättet ihr nicht hören 
dürfen, wie er da über die Roten und die Gewerkschaften schimpfte. Er 
behauptete, die Gewerkschaften seien für die Arbeiter nur schädlich. Zuerst 
müßten die armen Teufel immer hohe Beiträge bezahlen, von denen die 
Beamten der Gewerkschaft recht schön lebten. Die machen sich dann^ wichtig 
und reizen den Unternehmer durch ihre großmäulige Frechheit, schmeißt 
der sie raus, dann hetzen sie zum Streik, bei dem dann alles draufgeht, 
was die Arbeiter mit saurer Mühe erspart haben. Würden die Arbeiter
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        58 
inii ihrem Chef einig werden und sich vertragen, dann würde der ihnen auch 
viel eher Lohnaufbesserungen gewähren, während er jetzt durch ihre drohende j 
Haltung und das anmaßende Auftreten der Gewerkschaftsführer gerade 
dazu gezwungen wäre, zu zeigen, wer der Herr im Hause ist. Schließlich! 
meinte der Vater, seien ja die Arbeiter geradeso wie der Iknternehmer selbst 
daran interessiert, daß das Geschäft gut geht. Wenn ein Streik den Unter 
nehmer ruiniert, dann liegen die Arbeiter auf der Straße und haben gan 
nichts." 
„Na, und glaubst du, daß dein Vater da recht hat?" fragte ich. 
„Ja, das ist mir stark im Kopfe herumgegangen", antwortete Wilhelin.! 
„Ich habe auch schon mit Karl darüber gesprochen, aber wir haben uns nicht; 
einigen können." 
„Ich habe Wilhelm gleich gesagt," unterbrach hier Karl eifrig, „daß 
das ein Unsinn ist, daß die Gewerkschaft zum Streik »Hetze«. Gerade! 
das Gegenteil ist wahr. Unlängst war bei uns in der Fabrik ein Streits 
-.wischen einem Werkführer und einem Eisendreher. Der Arbeiter war im 
siecht und doch wurde er entlassen und nicht der Werkfllhrer. Daraufhin 
wollten alle bei uns in den Streik treten, um dem Kollegen zu helfen. Aber 
da kam einer von der Organisation und zeigte, daß ein Streik jetzt gar- 
keine Aussichten hat, und er riet so lange davon ab, bis alle es einsahen 
und der Streik unterblieb. Da siehst du also, wie die Gewerkschaft zum 
Streik »hetzt«." 
„Das ist ja ganz richtig," erwiderte Wilhelm, „und ich glaube ja auch,! 
daß mein Vater in seinem Aerger etwas gar zu schwarz gemalt hat. Aber 
die Hauptsache ist doch, ob die Arbeiter nicht besser fahren, wenn sie sich! 
mit ihrem Unternehmer vertragen, als wenn sie' mit ihm kämpfen." 
„Sind denn aber das Geschäft und der Unternehmer ein und dasselbe?"« 
warf ich ein. „In einer Fabrik zum Beispiel werden Stücke Stahldraht zu! 
Nadeln verarbeitet. Die sind mehr wert als der verarbeitete Draht und! 
die Abnutzung der Maschinen und Baulichkeiten." 
„Natürlich," unterbrach mich Karl, „sie haben den Wert dazu gewon-I 
nen, den ihnen die Arbeit der in dieser Fabrik beschäftigten Arbeiter zu-t 
gesetzt hat. Das haben wir ja schon neulich besprochen." 
„Nun also," fuhr ich fort; „was geschieht aber nun mit diesem neuen | 
Wert?" 
„Einen Teil davon haben die Arbeiter als ihren Lohn bekommen,"! 
bemerkte Wilhelm, „und der Rest bleibt dem Unternehmer." 
„Ganz richtig," bestätigte ich. „Daraus geht aber hervor, daß iserj 
Anteil des Unternehmers um so kleiner werden muß, je größer der Anteil! 
der Arbeiter wird. Je höher also der Lohn der Arbeiter, desto geringer 
der Gewinn des Kapitalisten." 
„Na das sieht nicht ganz so aus, als ob ihre Interessen überein-l 
stimmten", warf Karl lachend ein. 
„Das sehe ich ja ein," erwiderte Wilhelm, „und ich begreife auch, 
daß ein Geschäft zugleich florieren und der Unternehmer doch nur einen! 
kleineren Anteil von erzeugtem Wert kriegen kann, während die Arbeits-! 
löhne steigen. Aber das hat doch seine Grenzen. Wenn man bem Kapitalisten I 
den ganzen Gewinn wegnimmt, dann sperrt er doch lieber die Bude zu und I 
die Arbeiter haben das Nachsehen." ; 
„Da siehst du gleich an einem Beispiel," antwortete ich, „wozu die 
Gewerkschaften ihre Beamten brauchen. An dem, was Karl aus seiner Werk 
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statt erzählte, konntest du schon erkennen, wie notwendig es rst, vor dem 
Ausbruch eines Lohnkampfes die Aussichten auf den Sieg richtig zu beur 
teilen. Dazu gehört aber vor allem auch, daß man den Widerstand des 
Gegners richtig einschätzt. Geht es einem Unternehmer gut und hat er dre 
Hände voll zu tun, dann wird er viel leichter in eine Lohnerhöhung ern- 
willigen, als einen Streik riskieren; denn er macht ihm sicher großen 
schaden, während er, wenn flott weitergearbeitet wird, so viel Gewinn 
macht, daß er einen kleinen Teil davon den Arbeitern überlassen kann, ohne 
selbst viel davon zu merken. Geht aber das Geschäft schlecht, ist der 
Gewinn des Unternehmers sowieso schon gering und stockt der Absatz, dann 
verliert der Unternehmer nicht viel durch die Arbeitseinstellung: im Gegen 
teil, er braucht in dieser Zeit keine Löhne zu zahlen und kann sein Waren 
lager ausverkaufen. In eine Lohnerhöhung wird er aber gerade dann erst 
recht nicht einwilligen, denn die würde ihm seinen Gewrnn zu sehr verkürzen, 
«ieber wird er den Widerstand bis zum Aeußersten trerben und eventuell 
sogar das Geschäft aufgeben. Ein tüchtiger Gewerkschaftsbeamter muß das 
alles berücksichtigen, er muß den Markt und das Geschäft genau kennen, 
bevor er ein Urteil über die Zulässigkeit eines Lohnkampfes abglbt. Aber 
das ist noch nicht alles. . , 
Wenn die Löhne in einem Betrieb steigen, ist es oft für den Kaprtalrstelr 
rentabler, neue Maschinen aufzustellen, die die Menschenkraft ersetzen, 
Amerika, wo die Löhne am höchsten sind, werden viel mehr Maschrnen ver 
wendet als zum Beispiel bei uns. In China aber, wo dre Löhne entsetzlich 
niedrig sind, wird fast alles mit der Hand gemacht. Wenn also m irgend 
einer Fabrik Lohndifferenzen ausbrechen und der Gewerkfchaftsbeamie 
beurteilen will, ob man in einen Lohnkampf eintreten soll, muß, er sich 
auch die Frage vorlegen, ob die verlangte Lohnerhöhung nicht die 
üellung neuer Maschinen für den Unternehmer rentabler macht, ob dadurch 
nicht noch mehr Kollegen brotlos werden, auf der anderen Seite aber auch, 
ob der Unternehmer nicht lieber jene Maschinen einführen und die Lokni- 
erhöhung bewilligen, als es auf einen langwierigen Lohnkampf ankommen 
lassen wird." , , • 
„Donnerwetter!" rief Karl ganz entsetzt. „Da brummt einem w. der 
Schädel, wenn man all das hört. Ich hätte mir die Entscheidung über einen 
Streik gar nicht so schwer vorgestellt." 
„Ja, seht ihr," antwortete ich, „die Gewerkschaften _ wissen schon, 
warum und wozu sie Beamte anstellen. Der einzelne Fabrikarbeiter tennt 
den Betrieb, in dem er arbeitet, und die Uebelstände, die dort herrschen, 
genauer als der Gewerkschaftsbeamte; aber den Ueberblick über das ganze 
Gewerbe kann er sich nicht verschaffen. Dazu fehlt es ihm schon an der Zeit. 
Dazu muß einer eigens angestellt sein, und auch dann noch ist es oft eine 
schwierige Sache, die viel Wissen und feinen Takt, die einen ganzen Mann 
/,Jd, aber sind denn diese Kämpfe überhaupt notwendig?" fragte nach 
einigem Schweigen Wilhelm. „Dadurch erbittern doch die Arbeiter die 
Unternehmer. Würden sie nicht auf friedlichem Wege eher etwas erreichen?" 
1 „Nun, das ist ja schon genug versucht worden", antwortete ich. „Bevor 
cs noch Gewerkschaften gab, hätten doch die Unternehmer reichlich Gelegen 
heit gehabt, ihre Großmut zu zeigen. Damals ist ihnen aber davon gar 
nichts eingefallen. Erst als ihnen später die Organisationen der Arbeiter 
zu Leibe gingen, da fingen sie zu schreien an, sie hätten ja gern alles Mdg-
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        tichs freiwillig gegeben, drängen liehen sie sich nicht. Aber die Arbeiter hatten 
noch zu gut in Erinnerung, daß sie freiwillig von ihren Arbeitgebern nie 
etwas bekommen hatten, und so glaubten sie ihnen jetzt nicht und hielten 
lieber am Kampfe fest, und auf diese Art erreichten sie auch alles, was sie 
überhaupt errungen haben." 
„Das mag ja alles richtig sein", warf hier Wilhelm ein. „Ich sehe 
ein, daß die Interessen der Unternehmer denen der Arbeiter geroöe ent 
gegengesetzt sind und daß sie deshalb im Kampfe miteinander stehen 
müssen. Aber das beweist doch nicht, daß die organisierten Arbeiter die 
anderen vergewaltigen müssen." 
„Das ist auch nicht wahr, das tun sie nicht!" schrie hier Karl ganz 
zornig dazwischen. 
„Reg' dich nicht so auf," erwiderte Wilhelm höhnisch, „du hast mir 
selbst vor ein paar Tagen erzählt, daß bei euch in der Fabrik jeder neu 
eintretende Arbeiter vom Vertrauensmann der Gewerkschaft gefragt wird, 
ob er der Organisation angehört. Wenn das nicht der Fall ist und wenn 
er nicht beitreten will, dann fliegt er raus. Ist das nicht ein Zwang, eine 
Vergewaltigung?" 
„Man kann doch niemand zwingen, mit so einem Kerl zusammenzu 
arbeiten", antwortete Karl. 
„Ja, ist denn das etwas so Schreckliches, wenn einer nicht dem Verein 
angehören will?" entgegnete Wilhelm. „Das sollte doch in jedermanns 
freiem Belieben stehen." 
„Weißt du," warf ich da ein, „wie man die Leute nennt, die im Kriege 
hinter den Armeen einherziehen und nach der Schlacht den Sieg dazu aus 
nützen, um zu plündern, und weißt du, was man mit denen tut?" 
„Marodeure werden erschossen", antwortete Wilhelm. „Aber ich weiß 
nicht recht, wo du mit dieser Frage hinaus willst." 
„Ich verstehe es ganz gut", unterbrach Karl. „So ein Mensch, der 
keiner Organisation angehört, der beteiligt sich nicht am Kampfe, er gibt 
fein Geld und keine Arbeitskraft für die Sache der Arbeiter her; wenn es 
aber zum Kampfe kommt, dann läßt er sich unterstützen oder er wird zum 
Streikbrecher: und ist der Sieg von der Organisation gewonnen, dann nimmt 
er an den Früchten des Sieges gern teil, dann läßt er sich den höheren 
Lohn, die kürzere Arbeitszeit gern gefallen. So ein Unorganisierter ist nichts 
anderes als ein Marodeur." 
„So habe ich die Sache freilich noch nicht angesehen", erwiderte Wil 
helm etwas kleinlaut. „Da begreife ich die Erbitterung der Organisierten, 
wenn mir auch der Vergleich mit Marodeuren doch gar zu hart erscheint." 
„So?" fragte ich. „Der Vergleich ist noch zu milde: denn der plündernde 
Marodeilr fällt wenigstens der Armee, deren Sieg er für sich ausnützt, 
nicht in den Rücken, wie es der Unorganisierte so häufig tut, und noch dazu 
einer Armee, die für seine eigene Sache ficht." 
„Das ist schon wahr", bestätigte Wilhelm. „Die Arbeitswilligen müssen 
schr oft üble Kunden sein. Auf die ist auch mein Vater eigentlich nicht gut 
zu sprechen. Als er unlängst so verdrossen und mürrisch nach Hause kam 
und über den Streik schimpfte, der ihm soviel Arbeit mache, da- sagte er 
auch: Und das Ekelhafteste bei der ganzen Geschichte, das, was einen am 
meisten aufbringt, das ist, daß man diese Kerle noch liebevoll beschützen 
muß, die man am liebsten gleich ins Kittchen brächte. Unter den Arbeits 
willigen gab es heute ein Paar Galgengesichter, wie man sie sonst nur in den 
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verrufensten Kneipen steht. Wenn mich sonst so einer von weiten! sieht, dann 
macht er, daß er werter kommt, und jetzt muß ich selber diese Kerle now 
beschützen. Das machte meinen Vater am meisten wütend gegen den Streik 
daß er als Schutzmann, als königlicher Beamter, solchen Galgenvögeln noch 
beinahe den Bedienten machen muß." 
„Siehst du," antwortete ich, „das kommt eben daher, daß sich ein 
anständiger Arbeiter zum Streikbrecher nicht hergibt. Aber wir stehen ja da 
auf demselben Standpimkt wie dein Vater. Auch wir sagen. Laß es ein Miß 
brauch ist, die Polizei zum Schutz dieser dunklen Ehrenmänner zu ver 
wenden. Dafür soll dein Vater nicht die Arbeiter verantwortlich machen, 
sondern die, die ihn zu diesen Dienst bestimmt haben." 
„Aber treten denn", warf Wilhelm ein, „die anderen Arbeiter der 
Gewerkschaft nur bei, weil sie mit den Unternehmern kämpft? Die Gewerk 
schaften haben doch, soviel ich weiß, auch allerhand Unterstützungskassen. 
Die dienen doch nicht dem Kampfe?" 
„Das läßt sich nicht so ohne, weiteres sagen", antwortete ich. „Sie alle 
erleichtern wenigstens den Kampf. So schützt zum Beispiel die Unterstützung 
der Arbeltslofen davor, daß diese gezwungen sind, um jeden Preis Arbeit 
anzunehmen und dadurch die Löhne zu drücken. Denselben Zweck verfolgt die 
Reiseunterstützung, und die bietet dabei noch den Vorteil, daß durch sie die 
Gewerkschaft darauf Einfluß gewinnt, wohin die Arbeiter reisen. Sie farm 
sie zum Beispiel davor warnen, an einen Ort zu gehen, wo gerade Lohn- 
kämpfe ausgebrochen sind." 
„Aber wenn das so ist," entgegnete Wilhelm nachdenklich, „wenn die 
Gewerkschaft m jeder Hinsicht so gut für die Arbeiter sorgt, dann verstehe ich 
erst recht nicht, wozu noch eine politische Partei notwendig ist, die doch, wie 
du sagst, denselben Zweck verfolgt wie die Sozialdemokratie. Wäre es da nicht 
besser, wenn die Arbeiter ihre ganze Kraft nur der Gewerkschaftsbewegung 
zuwenden würden?" 
„Aber Wilhelm!" unterbrach hier Karl. „Wie kannst du so etwas 
sagen? Hast du denn nicht die Artikel in der „Arbeiter-Jugend" gelesen, die 
ich dir neulich gegeben habe, besonders den über: „Die Gewerkschaften unter 
dem Sozialistengesetz"? Da hast du doch deutlich sehen können, daß die Politik 
für die Gewerkschaften nicht gleichgültig ist." 
„Freilich," entgegnete Wilhelm spöttisch, „aber den Nutzen der Politik 
für die Gewerkschaften konnte ich gerade da nicht sehen: denn hätten die 
Sozialdemokraten damals nicht durch ihre staatsfeindliche Agitation daS 
Sozialistengesetz veranlaßt, dann wäre den Gewerkschaften nichts geschehen, 
dann hätte ihnen Bismarck nicht ihre Rechte weggenommen." 
„Aber woher hatten denn die Arbeiter überhaupt die Rechte, die ihnen 
Bismarck mit seinem Sozialistengesetz wegnahm?" warf ich dazwischen. 
„Na, da siehst du es ja, Wilhelm!" rief Karl. „Erinnere dich an den 
Artikel: „Der Kampf um das Koalitionsrecht" in unserer Zeitung. Da 
konntest du es lesen, wie erst der politische Kampf der Arbeiterklasse das 
Koalitionsrecht schuf, wie die Arbeiter die Rechte, die sie haben, sich erst 
erobern mußten. Da kannst du also sehen, daß die wichtigsten Rechte, die 
die Gewerkschaften zum Leben brauchen, erst durch politischen Parteikampf 
erobert und dann behauptet werden mußten." 
„Uebrigens fällt mir jetzt da noch etwas ein, was die Wichtigkeit der 
Gesetzgebung für die Arbeiter zeigt", fuhr Karl fort. „Das sind die Arbeiter- 
ichutzgesetze. Da hat zum Beispiel unlängst meine Schwester Luise, die das
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Mumenmachen lernt, auch am Sonntag ins Geschäft kommen musien. Von 
außen war an dem Geschäft nichts zu sehen. Die Mädchen muhten durch die 
Hintertür gehen, damit man nichts bemerkt. Aber tote mern Vater das 
erfuhr daß das arme Mädel auch noch am Sonntag m die Schwttzbude 
kriechen mußte, da machte er die Anzeige, und am nächsten Sonntag kam dre 
Volizei und schickte die Mädels nach Hause und dte Metstertn mußte Strafe 
bezahlen. Da siehst du doch, Wilhelm, daß die Gesetze für uns wtchttg sind 
und auf die Gesetzgeberei kann man doch nur eintotrken, wenn man Poltttk 
„Wenn aber die Gesetze gar so wichtig sind," wandte nun Wilhelm 
wieder ein, „dann weiß ich wieder nicht,'wozu die Gewerkschaften sind. Dann 
läßt sich doch alles durch Gesetze regeln." l 
„Das ist schon deshalb nicht richtig," ekwiderte tch, „Werl das Gesetz 
nur allgemeine Vorschriften erlassen kann. Die Verhältmsfe sind aber fast tn 
sedem Betrieb verschieden. Das Gesetz kann deshalb nur anordnen, wav 
überall durchführbar ist, die Gewerkschaft kann aber oft darüber htnaus 
m einzelnen Betrieben noch viel mehr durchsetzen. Dann t,t es auch meist 
ungeheuer schwierig, ein neues Gesetz durchzubrmgen, wahrend es oft den 
Gewerkschaften, wenigstens auf einzelnen Gebteten, Mel letchter gelingt 
selbst das durchzusetzen, was das Gesetz bewirken sollte. Endlich aber erlangt 
Gesetz gerade erst durch die Wirksamkeit der Gewerkschaften lerne volle 
Geltung: denn die wachen am sorg-fältigsten über seiner Ausführung. So 
ergänzen sich die Tätigkeit der Gewerkschaften und die der Gesetzgebung 
in der wirksamsten Weise." , . 0 , „1 
„Gibt es denn überhaupt gesetzliche Bestimmungen über den Lohn^ 
fragte Karl. „ , „ 
„Ueber die Art der Auszahlung und Aehnliches bestimmt das Gesetz, 
entaegnete ich: „aber über die Höhe des Lohnes sagt es gar nichts, und oo-j 
ist auch schwer möglich, da die Verhältnisse zu verschiedenartig sind. Dtt 
gesetzlichen Bestimmungen beziehen sich meist auf die Arbeitszeit, besonders 
von Frauen und jugendlichen Arbeitern, also gerade dem Teile der Arbeiter 
schaft, der sich am schwersten durch eigene Organisation schützen kann. 
„Also ist da eine Art Arbeitsteilung," meinte Karl. „Die Gesetz 
gebung übernimmt das zur Erledigung, was die Gewerkschaften nicht machen 
können und umgekehrt." 
„Leider stimmt das nicht ganz," erwiderte ich, „denn es bleibt noch W 
viel übrig, was die Gewerkschaften nicht leisten können, wofür aber auch 
keine Gesetze bestehen. Immerhin aber ergänzen sich, wie ich schon vorhin 
sagte, die Gewerkschaften und die Gesetzgebung in wirksamer Weise, besoii- 
ders in der Bestimmung der Arbeitszeit, und die ist für den Arbeiter fast 
noch wichtiger als die Festsetzung des Lohnes." 
Die Arbeitszeit. 
„Das ist aber doch eine Uebertreibung," meinte Karl, „wenn du sagst, 
daß die Bestimmung der Arbeitszeit für den Arbeiter fast noch wichtiger 
ist als die Festsetzung des Lohnes. Gewiß ist es für mich sehr wichtig, 
wie lange ich am Tage arbeite, wann ich Feierabend machen kann; aber ohne
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Lohn kann rch überhaupt nicht leben, ich muß verhungern. Darum glaube 
ich doch, daß der Lohn für den Arbeiter noch viel bedeutungsvoller ist als die 
Arbeitszeit." 
„Das sieht freilich ganz richtig aus," erwiderte ich: „aber betrachten 
wir dre Sache einmal etwas genauer, und wir werden sehen, daß es doch 
nicht ganz stimmt. Stelle dir zum Beispiel vor, du solltest Tag für Tag 
etwa 18 Stunden arbeiten und bekämst einen sehr hohen Lohn dafür. Wärst 
du damit zufrieden?" 
„Das hält ja kein Mensch aus!" rief Karl entsetzt. „Unlängst machten 
wir Ueberzett, und nach diesen 10^2 Stunden Arbeit fühlte ich mich schon 
ganz zerbrochen. Wenn ich täglich 18 Stunden arbeiten müßte, dann wäre 
ich schon nach der ersten Woche eine rote Leiche." 
„Nun," bestätigte ich, „dann würde dir kein noch so hoher Lohn mehr 
nützen. Wird der Arbeiter zu stark angestrengt, muß er täglich zu lange 
arbeiten, so leidet seine Gesundheit, verkürzt sich sein Leben mindestens 
. ebenso tote bei zu niedrigen Löhnen. Dazu kommt aber noch eins, und das 
ist von größter Bedeutung. Der Mensch, der nur gerade sein Leben fristet 
, und Kinder aufzieht, der lebt nicht besser und hat nicht mehr Wert als ein 
Stuck Vieh. Im Anfang des Kapitalismus, als die Arbeiter noch unorgani 
siert und wehrlos waren, da herrschten unmäßig lange Arbeitszeiten, da 
lebten sie auch zum'großen Teil ganz stupid dahin, das Elend hatte sie 
stumpf gemacht, nur hie und da kam es zu wilden Ausbrüchen der Der- 
3meiflung,_ die aber von den Regierungen leicht erstickt werden konnten. 
Erst allmählich sind die Arbeiter wieder zum Bewußtsein ihrer Menschen 
würde gekommen, sie haben einsehen gelernt daß sie sich organisieren, daß 
sie einen langen, hartnäckigen und opferreichen Kampf mit ihren Ausbeutern 
führen müssen, um in die Höhe zu kommen. Aber schon damit sie zu dieser 
Erkenntnis kamen, dazu war notwendig, daß sie Zeit hatten zum Nach 
denken und zur Beratung untereinander. Solange der Arbeitstag alle 
Kräfte in Anspruch nahm, solange der Arbeiter huudemüde nach Hause 
kam, um sich möglichst rasch durch todähnlichen Schlaf für 
die Rackerei des nächsten Tages vorzubereiten, da konnte von Organisation, 
von Aufklärung und Bildung, von gewerkschaftlichem und politischem Leben 
der Arbeiterschaft noch kaum die Rede sein. Ihr seht also, daß die notwen 
digste Vorbedingung jeder Kultur des Proletariats die .Kürzung der Ar 
beitszeit ist." 
„Mir scheint," warf nun Wilhelm ein, „daß ihr beide recht habt. Für 
den einzelnen Arbeiter ist vielleicht die Höhe des Lohnes noch wichtiger als 
die Länge der Arbeitszeit; für die Arbeiterschaft im ganzen aber, für ihr 
Schicksal und ihre Zukunft ist doch die Verkürzung der Arbeitszeit das aller 
wichtigste. Aber", fügte er zu mir gewendet hinzu, „warum leisten denn 
die Unternehmer gerade gegen die Beschränkung der Arbeitszeit einen nom 
heftigeren Widerstand als gegen die Erhöhung des Arbeitslohnes? Ich habe 
das schon wiederholt in der Zeitung verfolgt, daß bei Streiks die Unter 
nehmer noch eher bereit sind, den Lohn zu erhöhen, als die Arbeitszeit 
herabzusetzen. Ich hätte gedacht, daß ihnen das ganz gleich sein kann., Ich 
habe^ über diese Frage schon öfters nachgedacht, und nach dem, was wir 
neulich über Wert und Lohn gesprochen haben, schien mir dieser Unterschied 
erst recht unverständlich. Nehmen wir znm Beispiel an, ein Arbeiter arbeite 
täglich zehn Stunden und bekomme einen Lohn von 3 Mk. täglich. Nehmen 
wir an, daß der Arbeiter den Wert dieser 3 Mk., seines Lohnes, in sechs
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        64 
Stunden schafft, dann bleiben noch vier Stunden, die er für den Unter 
nehmer allein arbeitet. Das wäre dann also ein Wert von 2 Mk. Verlangt 
jetzt der Arbeiter eine Lohnerhöhung bort 50 Pf., so blieben für den Unter 
nehmer bei gleicher Arbeitsleistung nur noch Mk. 1'50. Denn von dem 
ganzen neu erzeugten Wert von 5 Mk. fallen jetzt Mk. 3T&gt;0 dem Arbeiter 
zu, es bleiben also Mk. 1'50 für den Unternehmer übrig. Genau das gleiche 
wird aber erzielt, wenn der Lohn gleichbleibt, die Arbeitszeit aber um eine 
Stunde vermindert wird. Dann erzeugt der Arbeiter nach wie vor in sechs 
Stunden den Wert seines Lohnes, und in den restlichen drei Stunden er- 
zeugt er für den Unternehmer einen Wert von Mk. 1'50. In beiden Fällen 
kommt also genau das gleiche heraus, ich kann daher nicht einsehen, warum 
das den Unternehmern nicht ganz gleil- sein sollte." 
„Nun, das haben wir ja gerade gesehen", erwiderte Karl. „Je mehr 
Zeit die Arbeiter für sich haben, um so besser können sie sich geistig werter- 
bilden, und um so besser können sie sich vor tiHetn organisieren. Da ist es 
doch begreiflich, daß die Unternehmer dagegen sind." 
„Etwas ist schon an dem, was du da sagst," erwiderte ich, „aber maß- ' 
gebend für die Unternehmer sind doch in erster Linie andere Erwägungen, 
die ihnen noch viel näher liegen. Du hast nämlich, Wilhelm, vor allem bet 
deiner Rechnung einen wichtigen Umstand ausgelassen. Wir haben icx ge 
sehen, daß der Wert einer Ware nicht nur von der Arbeit abhangt, die un 
mittelbar zu ihrer Herstellung notwendig war, sondern auch von dem Wert 
des Rohmaterials und von der Abnutzung der Maschinen, Werkzeuge u. s. w. 
Der Wert dieser Arbeitismittel muß ersetzt sein, bis dtese abgenutzt sind. 
Nehmen wir an, eine Maschinenanlage habe 300.000 Mk. gekostet und ihre 
Lebensdauer sei zehn Jahre, das heißt, nach durchschnittlich zehn Jahren 
sind diese Maschinen aufgebraucht, dann müssen sie zum alten Ersen geworfen 
werden. Ist das der Fall, dann müssen in jedem Jahre 30.000 Mk. ersetzt 
werden oder, das Jahr zu 300 Arbeitstagen gerechnet, in einem Tage müssen 
100 Mk. ersetzt werden, das heißt, um soviel müssen die in diesem Tage er 
zeugten Waren teurer verkauft werden, damit am Schluß der zehn Jahre 
der Wert der Maschinenanlage wieder voll hereingebracht ist." 
„Aha, ich verstehe schon", unterbrach mit da Wilhelm. „Diese 100 Mk. 
inüssen täglich ersetzt werden, gleichviel, wieviel Waren hergestellt worden 
sind. Wenn also nur neun Stunden statt zehn gearbeitet wird, so muß auch 
in diesen neun Stunden dieser Ersatz von 100 Mk. geschaffeit werden. Aber 
wie ist denn das möglich?" 
„Es müssen eben", antwortete ich, „die Preise für das Stück erhöht 
werden. Früher mußte das Arbeitsprodukt einer Stunde mit 10 Mk. be 
lastet werden, damit in zehn Arbeitsstunden die 100 Mk. hereingebracht 
werden, jetzt aber muß auf das Produkt jeder Arbeitsstunde mehr als 
11 Mk. aufgeschlagen werden, damit sich die 100 Mk. schon in neun Stunden 
erzielen lassen. Die betreffende Ware muß daher verteuert werden und das 
erschwert ihren Absatz, oder der Unternehmer muß auf einen Teil fernes 
Gewinnes verzichten und dafür die Preise so weit herabsetzen, daß er wieder 
so wie früher verkaufen kann. Sowieso hat er also einen noch größeren 
Schaden als bei der Erhöhung der Löhne seiner Arbeiter, und es ist daher 
begreiflich, daß er sich dagegen noch heftiger sträubt." 
„Danach wäre also", meinte Karl wieder, „jede Verkürzung der Ar 
beitszeit ein schwerer Schaden für den Unternehmer."
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„Das läßt sich doch nicht so ohnetoeiters behaupten", antwortete ich. 
„Man darf nämlich nicht vergessen, daß der Arbeiter keine Maschine ist und 
daher ermüdet. So kann es kommen, daß er zum Beispiel in acht Stunden 
ebensoviel oder vielleicht sogar noch mehr leistet als früher in zehn Stunden, 
und tatsächlich ist das auch schon oft der Fall gewesen. Dazu kommt noch, 
daß der übermüdete Arbeiter viel Ausschuß macht, schlecht arbeitet und da 
durch viel Material und oft sogar auch Werkzeug und Maschinen verdirbt." 
„Das kann ich mir ganz gut für den Handwerker vorstellen, aber nicht 
Titr den Fabrikarbeiter", warf Wilhelm ein. „Die Schneider zum Beispiel, 
die für unser Geschäft arbeiten, können vielleicht in kürzerer Arbeitszeit 
ebensoviel oder sogar noch mehr leisten als in einer längeren; denn da 
kommt es auf die Geschwindigkeit, die Geschicklichkeit des Arbeiters an; 
aber in der Fabrik, wo Karl arbeitet, da wird doch die Geschwindigkeit der 
Arbeit von der Maschine angegeben, da kann doch der Arbeiter gar nicht 
flinker arbeiten, als es ihm die Maschine erlaubt." 
„Das ist schon wahr," entgegenete Karl; „aber wenn der Arbeiter frischer 
und weniger müde ist, dann kann man eben die Maschine schneller laufen 
lassen. Ich sehe das oft zum Beispiel bei unseren Drehern. Wenn sie mor 
gens in die Fabrik kommen, dann arbeiten sie ganz leicht an der Drehbank. 
Am Abend brauchen sie schon viel länger zum Aufbringen der neuen Werk 
stücke und damit gibt es auch viel mehr verdorbene Stücke, Ausschuß. Wenn 
die Arbeitszeit kürzer wäre, dann dürften die Drehbänke^wahrscheinlich noch 
schneller laufen, es könnte also wahrscheinlich in acht Stunden mindestens 
ebensoviel geschafft werden wie jetzt in neun." 
„Ja, aber wenn das wahr ist," warf nun Wilhelm wieder ein, „dann 
stimmt das doch nicht, was du früher gesagt hast, warum die Unternehmer 
so sehr gegen die Verkürzung der Arbeitszeit sind. Denn wenn die Arbeiter 
in der kürzeren Zeit so viel arbeiten wie vorher in der längeren, dann ist 
doch nicht recht zu verstehen, warum sich die Unternehmer gerade gegen diese 
Verkürzung so heftig sträuben." 
„Dieser Einwand hat eine gewisse Berechtigung", erwiderte ich. „Aber 
erstens dauert es gewöhnlich einige Zeit, bis die Arbeiter sich so an die 
kürzere Arbeitszeit gewöhnt haben, daß sie jetzt ebensoviel schaffen wie früher 
in der längeren Arbeitszeit. Zweitens tritt dieser Erfolg auch nicht immer 
und überall ein. Oft wird nur ein Teil der Arbeitszeitverkürzung auf diese 
Weise wettgemacht; drittens aber, und das ist wohl der wichtigste Grund, 
ist fast immer eine Umformung der Maschinenanlagen u. s. w. erforderlich, 
dannt das alte Resultat auch bei kürzerer Arbeitszeit erreicht werden kann. 
Es müssen oft neue Maschineu aufgestellt und die alten einer schnelleren 
Gangart angepaßt werden. Das alles kostet Geld, oft viel Geld, und wenn 
sich diese Anlagen auch oft gut rentieren, macht sie der Unternehmer, doch 
recht ungern. Wenn er das Geld hat oder leicht geborgt kriegt, würde er 
es lieber zur Erweiterung seines Unternehmens verwenden. Hat er das 
Geld nicht und auch keinen guten Kredit, so kommt er nun in große Ver 
legenheit. Jedenfalls ärgert er sich, daß er durch seine Arbeiter gezwungen 
wird, sein Geld oder seinen Kredit anders zu verwenden, als er selbst 
wollte." 
„Ich glaube," ergänzte Karl, „da wirkt wohl noch ein Umstand mit. 
Eine Lohnerhöhung kann man oft bald wieder rückgängig machen oder der 
Unternehmer hofft wenigstens, daß ihm das gelingen werde. Wenn er aber 
eigens Maschinen hat anschaffen oder renovieren lassen nrüsien für die kürzere 
5
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        Arbeitszeit, baun kann er das nicht so leicht ungeschehen machen, dann muß 
es schon bei der kürzeren Arbeitszeit bleiben, auch wenn die Gewerkschaft 
zum Beispiel nachher besiegt ober sonst geschwächt wirb." 
„Gewiß spielt bas auch eine Rolle," ergänzte ich, „unb ebenso auch, baß 
in einem mobernen Großbetriebe bic Arbeitszeit für alle ober boch fast alle, 
Arbeiter bie gleiche ist, der Lohn aber nicht. Ter Unternehmer kann baher ' 
irgenbeiner Gruppe von Arbeitern, bic besonbers gut organisiert unb an 
griffslustig ist, Lohnerhöhung gewähren, bem Rest aber nicht. Eine Ver 
kürzung ber Arbeitszeit bagegen macht sich von selbst für alle geltenb." 
Zeitlohn und Stücklohn. 
^ „Donnerwetter, Karl," rief ich, als ich bas nächstemal meine jungen I 
Freunbe traf, „was machst bit beim für ein saures Gesicht! Was ist bir bcnn 1 
passiert?" 
„Nun ja," antwortete Karl übelgelaunt; „soll man sich ba nicht 
ärgern, wenn einem bas Gelb ans ber Tasche gestohlen wirb?" 
„Unb noch bazu solches, bas noch gar nicht brin war", ergänzte Wil 
helm lachenb. „Karl hat mir schon erzählt, warum er so aufgebracht ist. Es j 
ist ihnen in ber Fabrik ber Akkorblohn herabgesetzt worben." 
„Ist bas nicht auch wirklich eine Gemeinheit?" rief Karl. „Da kam - : 
vor acht Tagen eine ganz neue, komplizierte Arbeit bei uns aus. Zuerst 
kriegten nur bie brei besten von unseren Drehern solche Stücke mit bem : 
Auftrag, sie nur recht schnell zu machen. Die plagten sich benn auch ordentlich 
damit und arbeiteten fix drauflos. Wie sie mit den drei Stücken fertig ; 
waren, die jeder von ihnen noch an demselben Tag fertiggestellt hatte, kam 
der Meister und erklärte, jetzt bekämen alle in unserer Werkstatt diese 
Arbeit, und für das Stück werden zwei Mark bezahlt, da hätte jeder einen 
Taglohn von sechs Mark. Das wäre ja nun soweit ganz schön gewesen; 
aber nur bie allerbesten unb flinksten Arbeiter brachten auch wirklich in 
einem Tag drei fehlerlose Stücke fertig; bic anderen brachten es anfangs 
oft nur auf zwei, und so hatten sie nur vier Mark verdient. Abei bei der i 
Arbeit kriegt man doch mit der Zeit seinen Vorteil heraus, auch lernt einer : 
vom anderen, ^und so kamen wir gegen Ende der Woche doch dabin, daß 
fast alle drei Stück fertig kriegten, manche aber sogar schon vier. Freilich, 
eine ordentliche Schinderei war es, bis man so weit kam; aber wenigstens ; 
durfte man hoffen, daß jetzt in der zweiten Woche die Löhne gut ausfallen 
würden. Wir konnten es brauchen; denn viele waren bei dem Akkord recht 
schlecht weggekommen; aber jetzt kommt auf einmal am Montag der Meister 
und verkündet, fortan werde per Stück nur mehr Mk. 1'50 bezahlt werden. I 
«Ihr habt es ja jetzt schon fein heraus," sagte er, „wie bie Sache rasch I 
geht. Jetzt braucht ihr euch nicht mehr mit jedem Stück so zu Plagen. Da sind 
Mk. 1-50 auch genug." Na, das war eine Aufregung bei uns in ber Werk 
statt! Zuerst schrien alle, wir wollen streifen;" aber endlich mußten wir 
doch einsehen, daß wir nichts machen können; aber eine furchtbare Wut 
haben wir jetzt alle. Da wird man sich jetzt schön abhetzen können, daß man 
halbwegs seinen Lohn herauswirtsckiaftet! Bei uns ist doch eine ewige 
Hetzjagd." 
„Das ist bei uns doch ganz anders", meinte nun Wilhelm. „In 
unserem Kleibergeschäft kümmert sich der Chef in der Regel, wenn es nicht
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        gerade due Postarbeit ist, gar nicht darum, wie lange ein Arbeiter zu 
einem Stück braucht. Wir geben die Arbeit außer Haus, jeder Arbeiter 
arbeitet bei sich, und wie lange er da braucht, das geht niemand was an, 
er kriegt einfach für das abgelibferte Stück." 
„Das ist aber doch dasselbe wie bei uns", unterbrach ihn Karl. „Bei 
uns erhält doch auch der Arbeiter den Lohn per Stück bezahlt." 
„Das schon," entgegnete Wilhelm, „aber der Unterschied ist doch der, 
daß bei euch der Meister hetzt, bei uns aber kümmert sich niemand darum, 
ob einer rasch oder langsam arbeitet. Wir haben da auch ein paar ältere 
Arbeiter, die schon recht langweilig sind." 
„Na, und wie leben denn die von ihren: Lehn?" fragte ich. „Kommen 
sie mit dem aus, was sie bei deinem Chef verdienen?" 
„Danach habe ich eigentlich noch nicht viel gefragt," entgegnete Wil 
helm etwas beschämt; „aber, da fällt mir ein, daß der eine von unseren 
»Alten« neulich schrecklich geklagt hat, weil seine Tochter heiratet, die ihm 
bisher mit ihrem Lohn ausgeholfen hat. Und es ist auch wahr; wenn ich 
mir so überlege, was der alte Mann in einer Woche verdient, dann kann 
ich mir gar nicht vorstellen, wie ein Mensch davon soll leben können." 
„Nun, da siehst du ja," bemerkte Karl, „daß bei euch die Hetzerei 
geradeso arg rst wie bei uns, nur ist sie nicht so auffällig. Wenn ein 
Schneider mit seiner Arbeit sich und Frau und Kinder erhalten will, da 
muß er schon ordentlich zugreifen und flink arbeiten, sonst schafft er es nicht." 
„Ja, aber wozu ist denn diese Hetzerei?" fragte Wilhelm. „In einer 
großen Fabrik wie ber Karl begreife ich es noch; dort sollen wohl die 
Maschinen möglichst ausgenützt werden. Dann haben die auch einen bestimm 
ten Arbeitstag und da soll möglichst viel fertiggestellt werden; aber bei 
unseren Arbeitern ist das doch alles ganz anders; die arbeiten zu Haufe 
mit ihrer eigenen Maschine und haben gar keine bestimmte Arbeitszeit. 
Könnte es da meinem Chef nicht gleich sein, ob die rasch oder langs»m 
arbeiten? Er zahlt ja doch nur für das Stück und nicht für die Zeit, die 
der Arbeiter damit verbracht hat." 
„Das ist eben eine Täuschung", erwiderte ich. „Das kannst du gerade 
im dem Beispiel von Karls Akkordarbeit gut sehen. Warum wurde denn 
dort der Stücklohn herabgesetzt?" 
„Weil der Arbeiter jetzt schon flinker arbeitet als vor einer Woche", 
antwortete Wilhelm. 
,Das heißt also," ergänzte ich, „daß er weniger Zeit für jedes Stück 
braucht. Der Meister rechnet so: Ein sehr geschickter Arbeiter muß bei 
sehr angestrengter Arbeit täglich 6 Mk. verdiene!: können. Wenn er täglich 
drei Stück fertig bringen kann, berechne ich den Lohn per Stück mit 2 Mk. 
Kann er aber später vier Stück in einem Tag fertig machen, so brauche ich 
ihm nur Mk. 1*50 per Stück zu bezahlen. So ist also der Stücklohn nur 
ein verkleideter Zeitlohn, der aber für den Unternehmer den Vorteil hat. 
daß er den Arbeiter zwingt, n:öglichst rasch zu arbeiten." 
„Ja, aber was hat denn der Unternehmer davon?" „Das fragt sich 
ja eben", warf Wilhelm ein. 
„Das ist aber doch klar", unterbrach Karl. „Ich will dir das gleich 
bei deinen Schneidern zeigen. Ein tüchtiger Schneider bekommt per Tag 
vielleicht 5 Mk. Lohn und ist imstande, einen Rock zu machen. Wenn Stoff. 
Zubehör u. s. w. 10 Mk. kosten und der Kleiderhändler den fertigen Rack 
um 18 Mk. verkauft, so hat er einen Gewinn von 3 Mk. gemacht. Wenn 
ober der Schneider so flink arbeitet, daß er zwei Röcke in einem Tag machen 
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kann, dafür aber doch nur 5 Mk. Lohn bekommt, dann stellt sich die Rech 
nung so: der Stotf u. s. tu. für zwei Röcke kostet 20 Mk., der Lohn 5 Mk., 
zusammen also 25 Mk. Verkaufen wird aber der Kleiderhändler die zwei 
Röcke um 36 Mk. Er hat also früher bei 15 Mk. Auslagen einen Gewinn 
von 3 Mk. gemacht, jetzt aber macht er auf 25 Mk. einen solchen von 11 Mk 
Da begreift man schon, daß es ihm um die Hetzerei zu tun ist. Das ist eben 
der Schaden des Stücklohnes, daß er die Arbeiter dazu zwingt, sich so ab 
zuhetzen." 
„Na, das bringen die Unternehmer sonst schon auch fertig, auch bein- 
reinen Zeitlohn", entgegnete ich. „Das ist schon eine eigene Kunst und Wissen 
schaft geworden, wie man aus dem Arbeiter die größtmögliche Leistung 
herauspreßt. Am abgefeimtesten sind darin heute die Amerikaner. Da las ich 
zum Beispiel neulich von einem Fabrikanten, der Arbeiter von verschiedenen 
Nationalitäten beschäftigte. Da wurde nun verkündet, daß die Fahne 
derjenigen Nation auf der Fabrik gehißt werden soll, die in der betreffenden 
Woche am tüchtigsten gearbeitet hat. Und richtig fielen die armen Teufel 
auf den groben Köder hinein. Zuerst legten sich die Russen furchtbar ins 
Zeug und erreichten es wirklich, daß ihre Flagge gehißt wurde. Aber schon 
in der nächsten Woche holten sie die Schweden herunter, zum Schluß aber 
siegten die Irländer. „Hoch die irische Fahne!" schrie ihr Vorarbeiter, als 
diese gehißt wurde, „und schaut zu, Burschen, daß kein verfluchter Protestant 
sie wieder herunterholt." Dieses schöne Mittel kostete den Unternehmer nur 
ein paar Lappen buntes Tuch, die Arbeiter aber strengten sich aufs äußerste 
an, wie sie glaubten, zur Ehre ihrer Nation, in Wckl)rheit aber nur für den 
Geldsack des Unternehmers. In den Schlachthäusern von Chikago zum Bei 
spiel haben sie wieder ein anderes System. Dort werden einige besondere 
gewandte und kräftige Arbeiter sehr hoch dafür bezahlt, daß sie mit Auf 
bietung aller Kräfte so schnell wie nur irgend möglich arbeiten. Die an- 
de«n, schlecht bezahlten Arbeiter müssen dann mit diesen Vorarbertern 
schritt halten, sonst werden sie entlassen. Diese sind gewöhnlich nach kurzer 
Zeit aufgebraucht, sie können die Hetzjagd nicht länger mitmachen. Dann 
werden eben wieder neue Vorarbeiter eingestellt, und die alten müssen froh 
sein, wenn sie in den Reihen der Gehetzten noch Platz finden. So geht die 
Zagd nach Profit schonungslos werter. Sie geht über die Leichen unzähliger 
Arbeiter hinweg, aber was kümmert das den Unternehmer, wenn es ein 
paar tausend Mark mehr zu ergattern gibt." 
Die Maschine. 
i. 
„Das wichtigste Mittel," meinte Karl, „diese Hetzjagd durchzuführen 
und noch zu beschleunigen, ist aber doch wohl die Maschine. Denn wird die 
in schnellerem Lauf gesetzt, so müssen die Arbeiter mit, ob sie wollen oder 
nicht. Deshalb stellen die Fabrikanten auch immer neue Maschinen ein." 
„Das dürfte wohl dabei keine so große Rolle spielen," antwortete ich: 
denn die Beschleunigung der Arbeit, die auf diese Weise erzielt wird, hat 
ziemlich enge Grenzen. Läuft die Maschine so rasch, daß der Arbeiter nicht 
mehr gut nachkommen kann oder will, dann wird nicht nur das Produkt 
verdorben, sondern auch noch die Maschine selbst. Das kann also jedenfalls 
nicht der Hauptgrund für die Einführung neuer Maschinen sein."
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„Das hat mir überhaupt schon viel zu denken gegeben", warf nun 
Wilhelm ein. „Du hast uns neulich gezeigt, daß der Wert der Waren von 
der Arbeit abhängig ist, die in sie hineingesteckt wird. Wenn das wahr ist, 
dann kann ich überhaupt nicht einsehen, wozu die Maschinen da sein sollen; 
denn die Maschine soll ja nach deiner Meinung nichts zum Wert der Ware 
beitragen. Wenn ich dich recht verstanden habe, gibt sie an die Ware nur 
so viel Wert ab, als sie selbst verliert. Wozu soll also ein Kapitalist viel 
Geld für die Anschaffung einer Maschine ausgeben, die den Waren, die er 
fabriziert, doch keinen Wert zufügt? Nun schaffen aber doch alle Fabrikanten 
um die Wette Maschinen an, daher muß deine Werttheorie falsch sein. Ich 
weiß zwar nicht, wo der Fehler steckt; denn ich war damals ganz überzeugt, 
daß du recht hast. Aber bit hast uns ja selber eingeschärft, daß wir immer 
hauptsächlich die Tatsachen im Auge behalten sollen und daß eine Theorie 
falsch ist, wenn sie mit den Tatsachen nicht stimmt." 
„Das ist ein sehr gescheiter Einwand," antwortete ich, „und es freut 
mick sehr, daß du die Sachen so scharf durchdenkst. Das ist ja richtig, daß 
die Bsaschine der Ware keinen Wert zufügt, und ebenso richtig ist, daß viel 
Geld für die Anschaffung von Maschinen angewendet wird, und daß sich 
dieses Geld meist sogar sehr gut rentiert, und doch stehen diese beiden Tat 
sachen nicht im Widerspruch, wenn es auch so aussieht." 
„Nun, ich bin neugierig," unterbrach mich hier Karl; „Wilhelm hat 
mir diesen Einwand auch schon mitgeteilt, und ich wußte nichts darauf zu 
erwidern; deshalb bin ich ja jetzt auf den Ausweg verfallen, daß die Ma 
schine dazu da ist, um die Arbeiter zu schnellerem Arbeiten zu zwingen." 
„Nun, die Sache ist nicht so schwierig," beruhigte ich ihn, „wir müssen 
nur etwas genauer zusehen, wie es bei Einstellung einer neuen Maschine 
zugeht, zu welchem Zweck sie geschieht." 
„Da kann ich gleich ein Beispiel geben", bemerkte Karl. „Neulich 
wurde bei uns eine automatische Revolverbank aufgestellt. Das ist ein furcht 
bar kompliziertes und jedenfalls auch schrecklich teures Ungetüm, in das auf 
der einen Leite eine Eisenstange gesteckt wird; auf der anderen Seite fallen 
dann fertige Schrauben jedes gewünschten Kalibers heraus, je nachdem die 
Maschine eingestellt wird, und dabei arbeitet diese fast ganz allein, wie von 
selbst; kaum daß hie und da ein Arbeiter nach ihr sehen muß, um sich zu ver 
gewissern, daß alles in Ordnung ist, und daß sie genug Futter hat, denn sie 
schlingtsehrrasch.FreilichsinddieLchraubenfrüher bei uns nicht mit der Hand 
geschnitten worden, sondern mit einer Maschine, die aber viel weniger 
leistungsfähig war als die neue Drehbank und dabei viel mehr Bedienung 
brauchte. Wenn ich mir aber vorstelle, daß alle die Schrauben, die unsere 
Drehbank heute in einem Tag liefert, mit der Hand müßten geschnitten 
werden, dann wäre die fleißige Arbeit einer ganzen Armee geschickter 
Schlosser nötig, wo heute einer nur gelegentlich einen Blick und einen 
I Handgriff tut. Dadurch wird natürlich riesig viel Lohn erspart, und ich 
denke, das wird wohl der hauptsächlichste Vorteil sein, den der Fabrikant 
von der Einführung der neuen Maschine hat." 
„Oho!" rief hier Wilhelm dazwischen. „Diesen Vorteil hat er eben 
nicht; denn wenn keine Arbeit mehr bei der Maschine geleistet werden muß, 
setzt ja, wie wir gehört haben, die Maschine dem Produkt auch keinen Wert 
«u. Wenn nur ein Arbeiter arbeitet, schafft eben auch nur dieser eine Ar 
beiter neuen Wert, ob mit oder ohne Maschine, das ist gleich. Mit Hilfe der 
Maschine schafft er viel mehr Produkt, aber nicht mehr Wert. Das hat uns 
doch Gustav ausführlich auseinandergesetzt."
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„So viel ich weiß," entgegnete Karl, „werden aber unsere Schrauben 
jetzt nicht billiger berechnet und verkauft als früher. Da macht also der 
Fabrikant doch den Gewinn." 
„Nun also," triumphierte Wilhelm, „da siehst du klar, jjafe euer 
Wertgesetz falsch ist. Wenn es richtig wäre, müßte ja der Wert der schrauben 
um so viel heruntergehen, wenn statt der vielen Arbeiter jetzt nur noch 
einer zur Bedienung der Maschine verwendet wird." 
„Halt!" rief ich nun dazwischen, „nur nicht gar so rasch! Wenn du 
dich recht erinnerst, hat unser Wertgesetz gesagt, daß der Wert der Waren 
von der Arbeitszeit abhängt, die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich not 
wendig ist. Das darf man dabei eben nicht vergessen. Nun werden ja außer 
in der Fabrik, wo Karl beschäftigt ist, auch in vielen anderen Schrauben 
angefertigt. Als nun die erste automatische Drehbank dieser Art in irgend 
einer Fabrik eingeführt wurde, da änderte sich dadurch der Wert der dort 
hergestellten Schrauben nicht sofort- denn gesellschaftlich notwendig war 
auch die Arbeit in allen jenen Werken, wo noch ohne die neue Maschine 
gearbeitet wurde. Erst allmählich, wie sich die neue Erfindung ausbreitete 
und allgemeine Verwendung fand, sank der Wert der Schrauben, weil jetzt 
die Arbeit in den rückständigen Betrieben nicht mehr notwendig ist, um^den 
gesellschaftlichen Bedarf zu decken. Zuerst hatten jene Werke einen beträkch- 
lichen Vorteil, welche die neue Drehbank eingeführt hatten, da der gesell 
schaftliche Wert der Schrauben damals viel höher stand, als die Arbeits 
menge ausmachte, die in jenen fortgeschrittenen Betrieben aufgewendet 
wurde. Allmählich aber sank nun der Wert der Schrauben, und nun waren 
die anderen Betriebe geradezu gezwungen, auch diese Erfindung bei sich 
einzuführen, denn nun war die Arbeit so vieler Arbeiter statt eines einzigen 
nicht mehr gesellschaftlich nötig, der Bedarf der Gesellschaft konnte allen 
falls auch von den Werken, die die neue Erfindung 'eingeführt hatten, allein 
gedeckt werden. Wollten also die noch rückständigen Fabriken konkurrenz 
fähig bleiben, wollten sie nicht so teuer produzieren, daß sich die Produktion 
überhaupt nicht mehr rentierte, dann mußten sie die neue Maschine ein 
führen. In diesem Falle war jedenfalls deine Fabrik, Karl. Denn so viel 
ich weiß, sind diese Revolverdrehbänke in den großen Werken schon ziemlich 
allgemein eingeführt." 
„Ja, jetzt erinnere ich mich auch," ergänzte Karl, „daß vor der Ein 
stellung der neuen Maschine gerade bei der Schraubenfabrikation am meisten 
gehetzt und am meisten an den Löhnen abgeknapst wurde, und daß es dann 
immer hieß, der Preis der Schrauben stehe so schlecht. Deshalb ist jedenbMs 
endlich die neue Drehbank aufgestellt worden." 
II. 
Eine Weile waren meine beiden jungen Freunde ganz still geworden 
und ich sah an ihrem Gesichtsausdruck, wie ihr Gehirn arbeitete. Endlich 
sagte Wilhelm: 
„Ja, das ist aber eine recht sonderbare Geschichte. Sobald eine Ma 
schine allgemein ist, hat kein Fabrikant mehr etwas von ihr, vielmehr kostet 
sie ihn nur schweres Geld. Und trotzdem suchen doch alle Fabrikanten um die 
Wette, neue Maschinen in ihren Betrieben einzuführen. / 
„Nun ja," ergänzte Karl, „weil sie doch nur so lange etwas von den 
Maschinen haben, als sie den anderen damit voraus sind. Natürlich müssen 
dann die anderen wieder schauen, möglichst, rasch auch in den Besitz solcher
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        oder womöglich noch besserer Maschinen zu kommen. Da ist ja eigentlich 
unter den Kapitalisten gerade so eine Hetzjagd, ein ebensolches Wettrennen, 
wie unter den Arbeitern." 
„Dabei ist es aber bei den Kapitalisten so," warf Wilhelm ein, „datz 
immer nur der Unterschied zählt. Jeder hat nur davon etwas, datz er den 
anderen voraus ist. Sobald ihn die eingeholt haben, hat er überhaupt nichts 
mehr davon, datz er die Maschinen ausgestellt hat. Bleibt er aber gar zurück 
hinter den anderen, dann zahlt er noch drauf." 
,;Na, weißt du, Wilhelm," unterbrach ihn hier Karl lachend, „wenn 
man dich hört, möchte man fast Mitleid bekommen mit den armen Kapita 
listen. Du vergißt dabei ganz, daß es sich für sie immer nur um einen Unter 
schied in der Grötze des Gewinnes handelt; dieser selbst beruht ja auf der 
Ausbeutung der Arbeiter. Der Streit geht doch nur darum, wie groß der 
Anteil eines jeden an dieser Beute ist. Wenn man dir aber zuhört, sieht man 
sie ordentlich, wie ihnen vor lauter Wettrennen die Zunge zum Hals 
heraushängt." 
„Nun, natürlich," erwiderte Wilhelm ärgerlich: „jetzt lachst du mich 
aus. Recht habe ich aber doch. Freilich, das ist ja wahr, und das macht natür 
lich einen riesigen Unterschied: beim Arbeiter geht es bei dieser Hetzjagd ums 
Leben, beim Kapitalisten nur um die Größe des Profits. Aber hetzen müssen 
sie sich beide." , 
„Und auch das stimmt für beide gleichmäßig," ergänzte ich, „daß es 
mit dem bloßen guten Willen nicht getan ist. Der Arbeiter, der nicht über 
die nötige Kraft und Geschicklichkeit verfügt, der bleibt trotz aller Mühe 
zurück, und bald wird er von den Nachdrängenden zur Seite.gestoßen. Aber 
auch beim Kapitalisten- genügt der beste Wille nicht zur Anschaffung der 
neuen Maschinen, die er braucht, um sich konkurrenzfähig zu erhalten." 
„Natürlich," unterbrach Wilhelni, „wo nichts ist, hat der Kaiser sein 
Recht verloren. Ohne Geld kann man sich keine neuen Maschinen anschaffen." 
„Und hübsch viel Geld muß dazu notwendig sein", ergänzte Karl. 
„Diese Drehbank zum Beispiel, von der ich vorhin sprach, muß ein furcht 
bares Geld gekostet haben. Kleinere Werke können sich die gewiß nicht an 
schaffen. Und schließlich hätten sie auch nicht viel von ihr. Bei uns werden 
die Schrauben zum großen Teil im Werk selbst verwendet. In einem 
kleineren Betrieb müßten fast alle verkauft werden, und wer weiß, ob die 
verlangten Sorten dann gerade mit den im Werk gebrauchten überein 
stimmen." 
„Da sind ja aber dann," bemerkte Wilhelm nachdenklich, „die großen 
Werke immer riesig im Vorteil gegenüber den kleineren; denn sie haben 
doch meist viel eher das Geld, um die neuesten und besten Maschinen an 
zuschaffen. Dadurch können sie billiger produzieren als die kleineren und 
so zugleich mehr Gewinn machen und dabei die anderen doch noch unter 
bieten. Dadurch muß sich dieser Unterschied noch immer mehr verschärfen." 
„Aha, jetzt verstehe ich," fiel Karl ein, „wieso es kommt, daß immer 
der Große den Meinen frißt. Hat einer einmal den Vorteil des größeren 
Kapitals voraus, dann kann er immer die neuesten Erfindungen und Ein 
richtungen anschaffen und dadurch den andern immer weiter voraus 
kommen." 
„Das ist aber," ergänzte ich, „nicht der einzige Vorteil, den er vor 
den anderen voraus hat; denn die Produktion im großen ist überhaupt 
schon viel rentabler als die im kleinen. Eine Werkstatt für 20 Arbeiter
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        72 
kostet nicht doppelt so viel lvie eine für 10 Arbeiter. Eine Maschine die 
täglich 20.000 Drahtstifte liefert, kostet nicht das Vierfache des Preises 
einer Maschine, die nur 5000 Stifte herstellt, und es sind auch nicht vier 
mal so viele Arbeiter zu ihrer Bedienung notwendig, nicht viermal so viel 
Dampfkraft, nicht viermal so viel Schmieröl u. s. w. zu ihrem Betrieb." 
„So allgemein, wie du es hinstellst." wendete nun Wilhelm wieder 
ein, „können die Vorteile des Großbetriebes aber doch nicht sein. Wenn das 
i)er Fall wäre, Io würde doch mein Chef alle die Arbeiter, die für un£ 
liefern, lieber in eine große Werkstatt setzen und dort arbeiten lassen. Das 
fallt ihm aber gar nicht ein. Bei uns sind nur zwei Schneider im Geschäft, 
die Maß nehmen, anprobieren und zuschneiden. Dann kommt die Arbeit 
außer Haus zu unseren Heimarbeitern, von denen jeder seine eigene Ma 
schine hat und jeder für sich arbeitet. Das zeigt doch, daß das billiger sein 
muß, als wenn sie alle gemeinsam in einer Werkstatt arbeiten. Denn wenn 
mein Herr Chef auch von der Schneiderei blutwenig versteht, aufs Profit 
machen versteht er sich um so besser." 
„Das glaube ich schon," erwiderte ich, „und ich bin auch überzeugt, 
dall er recht hat, aber woher kommt das? Wie wir schon früher gesehen 
haben, muß der Lohn eines Arbeiters immer mindestens so viel betragen, 
daß er davon leben und eine Familie aufziehen kann. Dazu gehört aber 
auch, daß er eine Wohnung hat, wenn sie auch noch so schlecht ist. Ist er 
nun dem Kapitalisten möglich, diese Wohnung, die der Arbeiter ja aus 
jeden Fall mieten muß, zur Werkstatt zu machen, dann hat er einfach die 
Werkstattmiete ganz gespart, er braucht dafür gar nichts mehr auszulegen." 
„Wieso geht das aber gerade bei den Schneidern?" fragte Karl. 
„Das ist sehr einfach", begann ich, aber Karl unterbrach mich gleich 
selbst. 
„Aber natürlich," rief er, „bei uns wäre jo etwas lächerlich. Einen 
Dampfhammer kann sich keiner in seine Wohnung stellen wie eine Näh 
maschine. Diese Art, die Last der Werkstattmiete den Arbeitern noch auf 
zuhalsen, ist offenbar nur dort möglich, wo keine oder nur sehr kleine Ma- 
schinen in Anwendung kommen. Im allgemeinen, besonders in der Groß 
industrie ist also doch das richtig, was du vorhin gesagt hast, daß die Pro 
duktion nn großen billiger und daher im Vergleich rentabler ist als die 
im kleinen. Da ist es denn nur natürlich, daß der Große stets den Kleinen 
frißt, und je mehr große Maschinen in Anwendung kommen, desto rascher 
muß das gehen." 
„Nun kommt aber noch etwas dazu", fuhr ich fort. „Stellt euch vor, 
em Kapitalist habe ein Kapital von 10.000 Mk., das ihm 20 Prozent trägt, 
so hat er jährlich 2000 Mk. zu verzehren ^ da wird ihm nicht viel übrig 
bleiben. Ein anderer Kapitalist hat eine Million angelegt. Trägt ihm diese 
auch 20 Prozent, so hat er jährlich 200.000 Mk. reines Einkommen, und 
wenn er da noch so blödsinnigen Luxus treibt, wird er doch leicht noch einen 
Teil übrig behalten, den er zum Kapital schlägt, wodurch er dieses noch 
vergrößert. So wachsen die großen Kapitalien fast von selbst, während die 
kleinen zugrunde gehen." 
„Da fällt mir aber d»ä, ein Beispiel ein," warf hier Karl ein. „das 
das Gegenteil zu zeigen scheint. Bei uns im Haus ist ein Papiergeschäft. 
Zufällig habe ich kürzlich bei einem Gespräch gehört, daß der Mann un 
gefähr 1500 Mk. in sein Geschäft gesteckt hat, und die trugen ihm doch so 
viel, daß er und seine Familie davon leben können, wenn auch reckst knapp.
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        73 
Ich glaube, er muß so etwa 1200 Mk. im Jahr verdienen, das ist also doch 
btes mehr als 20 Prozent." 
, "Das war ja von mir auch nur als Beispiel angeführt", erwiderte 
cch. „Ueberhaupt läßt es sich schwer feststellen, wie hoch der durchschnittliche 
Gewinn der Kapitalisten wirklich ist. Aber vor allem beweist dein Beispiel 
hrer schon deshalb nichts, weil diese 1200 Mk. zum größten Teil gar kein 
Kapitalgewlnn stnd, sondern Arbeitslohn. Wenn der Papierhändler einen 
Kommis in seinem Geschäft halten müßte, würde der vielleicht schon mehr 
Lohn verlangen, als der ganze Ertrag des Geschäftes ausmacht^ So arbeiten 
wahrscheinlich der Mann und die Frau den ganzen Tag im Geschäft." 
„Und die Tochter auch noch", unterbrach mich Karl. 
"^un also, da siehst du ja," fuhr ich fort, „würden diese drei Per- 
lonen ihre Arbeit in einer Fabrik verwenden oder in einem fremden Ge 
schäft, so würden sie wahrscheinlich mehr Lohn erhalten, als jetzt ihr Gewinn 
aus dem Geschäft ist. Das Kapital, das siOdort hineingesteckt haben, ver- 
ichafft ihnen nur die Möglichkeit, sich selbst auszubeuten, statt sich von 
anderen ausbeuten zu lassen." 
III. 
_ „Nun hat es sich aber doch herausgestellt," begann Wilhelm das 
nächste Mal, „daß der Gewinn der Unternehmer aus zwei verschiedenen 
Ursachen herstammt. Du hast uns früher gezeigt, daß es die Ausbeutung 
der Arbeiter ist, die den Kapitalisten Gewinn bringt, weil nur ein Teil der 
Arbeit, die die Arbeiter leisten, vom Unternehmer bezahlt wird. Aber das 
ist doch nicht die einzige Ursache, denn das letzte Mal hasten wir doch ge 
sehen, daß de.r Kapitalist auch aus den Erfindungen, aus den neuen Ma 
schinen. die er anwendet. Vorteil zieht. Freilich können das nicht alle Kapi 
talisten zugleich: denn die neue Maschine bringt ihrem Besitzer nur so lange 
höheren Gewinn, als sie nicht allgemein eingeführt ist; aber wenigstens 
eine Zeitlang tut sie das eben doch, und du hast uns ja selbst gezeigt daß 
die großen Fabrikanten gerade infolgedessen den kleinen gegenüber sehr 
im Vorteil sind." 
„Na, dir merkt man ja die Handelsschule ordentlich an", unterbrach 
ihn hier Karl. „Früher hast du gar nicht so schön geredet wie jetzt. Man 
könnte glauben, du hast das aus einem Buch auswendig gelernt." 
„Nun, das ist kein Fehler," erwiderte ich, „wenn man sich klar und 
bestimmt auszudrücken lernt. Dazu ist gar keine besondere Kunst notwendig. 
Die Hauptsache ist, daß einem selbst der Gedanke klar ist, den man aus- 
ivrechen will. Nun aber zu deinem Einwand, Wilhelm. Das ist ja richtig, 
daß die Einstellung neuer Maschinen dem Fabrikanten in der Regel Ge 
winn bringt; sonst würde der ja keine Maschinen einstellen. Und so sieht 
es tatsächlich so aus, als ob hier eine neue Duelle der Bereicherung wäre." 
„Das kannst du doch nicht abstreiten", unterbrach Wilhelm eifrig. „Du 
sagst schon wieder, »es sieht so aus als ob«, das heißt also, es ist doch nicht 
io, du hast es aber eben selbst zugegeben." 
„Es fällt mir gar nicht ein, das für den einzelnen Kapitalisten be- 
streiten zu wollen", antwortete ich ruhig. „Aber es ist auch nicht zweifelhaft, 
daß zum Beispiel der Einbreck&gt;er sich durch Diebstahl bereichert. Wirst du aber 
deshalb behaupten wollen, daß alle zusammen dadurch reicher würden, wenn 
einer den anderen bestiehlt?"
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        74 
„Nein, das natürlich nicht", entgegnete Wilhelm. „Aber das trifft 
doch gerade auf deine Behauptung zu, daß die Kapitalisten sich auf Kosten 
der Arbeiter bereichern. Was sie gewinnen, das nehmen sie den Arbeitern 
weg; also bereichern sich auch nicht alle zugleich." 
„Nein, aber doch alle Kapitalisten", wars hier Karl ein. 
„Der neue Wert," fuhr ich fort, „wird von den Arbeitern geschaffen, 
nicht wahr? Aber sie können ihn nicht behalten, sie müssen ihn an die Be 
sitzer der Produktionsmittel, an die Kapitalisten abliefern, und die geben 
ihnen davon nur so viel, daß die Arbeiter gsrade davon leben können, den 
Arbeitslohn; den Rest behalten sie für sich. Wenn jetzt neue Maschinen 
eingestellt werden, wird dadurch etwas am Wert geändert?" 
„Nein", sagte Wilhelm etwas kleinlaut. „Es werden zwar mehr Pro 
dukte hergestellt, aber ihr Gesamtwert bleibt derselbe, das einzelne Stück 
wird billiger, das haben wir ja erst neulich gesehen. Aber trotzdem ist doch 
der Gewinn, den der KapitcHst aus der Einführung der Maschine hat, 
eine Tatsache. Wo komnit der also her?" 
„Nun, das haben wir ja auch bereits besprochen", antwortete ich. „Wir 
brauchen nur das Beispiel von der Revolverdrehbauk nochnials anzusehen. 
Zuerst war doch die Sache so, daß in Karls Fabrik noch keine solche Ma 
schine aufgestellt war, aber schon in einigen anderen Fabriken. Die Folge 
davon war, daß diese billiger produzieren, die Schrauben billiger ver 
kaufen konnten. Dadurch wurde, wie wir gesehen haben, der Preis der 
Schrauben im allgemeinen gedrückt." 
„Ja, und unser Werk zahlte damals drauf", ergänzte Karl. „Ich habe 
euch ja erzählt, wie damals die Arbeiter in der Schraubenableilung ge 
schunden wurden, weil der Preis so schlecht war." 
„Nun also"^ fuhr ich fort. „An diesem Beispiel könnt, ihr jetzt sehr 
gut sehen, wo der Gewinn herkommt, den der Kapitalist dadurch macht, 
Laß er neue Maschinen aufstellt." 
„Aha, jetzt verstehe ich, was du vorhin mit deinem Beispiel von Len 
Einbrechern sagen wolltest", rief Karl. „Du meinst also, durch die Ein 
stellung neuer Maschinen nimmt nur ein Kapitalist dem andern etwas von 
seinem Gewinn weg. Was dem einen seine Eule, das ist dem andern seine 
Nachtigall, heißt es in einem Sprichwort. Was deni einen Gewinn, das 
ist dem andern Verlust; für alle Kapitalisten zusammengenommen, gleicht 
sich das also wieder aus." 
»Ja, jetzt wird mir die Sache klar", ergänzte Wilhelm. „Die Arbeiter 
schaffen den neuen Wert, den sie dem Rohmaterial u.J. w. zusetzen. In 
diesen Wert müssen sie sich mit den Kapitalisten teilen. Sie selbst bekommen 
nur den Arbeitslohn, die Kapitalisten beziehen den Rest als Gewinn. Dann 
fängt aber erst unter diesen selbst die Rauferei um den Anteil an der Beute 
an, und die Waffe, die sie in diesem Kamps benutzen, ist vor allem die Ma 
schine. Wer dem andern zuvorkommt, wer zuerst eine neue Maschine auf 
stellt, der fischt seinen Konkurrenten ein Stück von ihrem Gewinn weg, viel 
leicht sogar den ganzen. Natürlich will sich das keiner gefallen lassen: wer 
kann, schafft sich daher auch neue Maschinen an, womöglich noch bessere al 
der andere, um dadurch den anderen wieder einen Happen abzujagen. Wer 
es nicht kann, der bleibt auf der Strecke. Schön ist das Bild ja gerade nicht, 
wie sich da zuerst alle Kapitalisten zusammen mit der Arbeiterklasse raufen, 
und wie sie dann anfangen, sich gegenseitig um das Eroberte herumzu 
schlagen, wie die Schwächeren liegen bleiben und von den Starken autge-
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        75 
treffen werden. Schön ist dieses Bild menschlicher Raubtierhaftigkeit nicht, 
aber wahr ist es, das muß ich zugeben, und jetzt verstehe ich erst, wozu die 
Maschinen da sind. Sie sind die Waffe, mit der sich die Kapitalisten gegen 
seitig bekämpfen, sich gegenseitig den Gewinn abjagen." 
„Dabei darfst du aber nicht vergessen," berichtigte Karl, „daß der 
Hauptzweck bei der Einführung der Maschinen doch immer der ist und 
bleibt, Arbeitslohn zu sparen, und das heißt, Arbeiter aufs Pflaster zu 
fetzen und die übrigen noch stärker auszubeuten. So ist die Maschine die 
furchtbarste Waffe. Sie preßt dem Arbeiter das Blut aus und zugleich er 
schlägt sie den kleinen Kapitalisten. Wer die größten und leistungsfähigsten 
Maschinen hat, der ist der Herrscher, -er Mächtige, dem fliegt das GeH 
nur so zu." 
Der Profit. 
i. 
„Das ist und bleibt aber doch eine merkwürdige Geschichte mit den 
Maschinen", sagte Karl sinnend. „Es schafft doch nur die Arbeit neuen 
Wert, also die Arbeiter. Daher sollte man meinen, daß ein Geschäft um f» 
gewinnbringender sein müßte, je mehr Arbeiter es beschäftigt und je weniger 
Maschinen. Das ist aber doch nicht wahr, und wir haben ja auch gerade 
das Gegenteil gesehen." 
„Wenn wir uns zwei Geschäfte wie die unirigen ansehen," meint« 
Wilhelm, „also die Schneiderei und die Maschinenfabrikation, so müssen 
wir gleich feststellen können, ob das richtig ist. Nehmen wir an, bei uns 
kommen auf 1000 Mk., die für Kleiderstoff ausgelegt werden, 1000 Mk. 
Lohn. Maschinen, Baulichkeiten u. s. w. spielen da ja keine Rolle, diese Last 
hat der Chef den Arbeitern aufgebürdet, das haben wir ja erst neulich be 
sprochen. Wenn nun der Arbeiter den halben Tag für sich arbeitet und den 
halben Tag für den Unternehmer, das heißt also, wenn er den Wert seines 
Arbeitslohnes im halben Tag neu schafft, dann ist der Gewinn, der dem 
Unternehmer verbleibt, ebenso groß wie der Lohn, also auch 1000 Mk. Wenn 
aber in Karls Fabrik dasselbe der Fall ist, wenn auch dort die Arbeiter 
den halben Tag für sich und den halben Tag für den Unternehmer arbeiten, 
so beträgt der Gewinn des Unternehmers auch 1000 Mk. Um die zu erzielen, 
mußte er aber nicht nur Eisen einkaufen, sondern auch teure Maschinen 
anschaffen, große Gebäude aufrichten lassen oder mieten. Er mußte also 
viel mehr Kapital aufwenden, um denselben Gewinn zu erzielen. Dann 
wäre aber die Maschinenfabrikation ein viel schlechteres Geschäft als di« 
Schneiderei. Da hat Karl ganz recht. Das ist doch nicht wahr, und wir haben 
auch in unserer Handelsschule gelernt, daß der Profit für jedes Kapital 
gleich ist, das heißt, daß es nur auf die Höhe des Kapitals ankommt. Wenn 
ein Kapital von 1000 Mk. 200 Mk. Profit abwirft, so wirft eine Million 
200.000 Mk. als Profit ab, und es macht keinen Unterschied, ob das Geld 
in der Schneiderei, in der Maschinenfabrikation oder sonstwo angelegt ist." 
„Das ist aber doch recht sonderbar", widersprach Karl. „Ich habe 
immer geglaubt, daß es gute und schlechte Geschäfte gibt, und das ist doch 
eben die Kunst des Kapitalisten, daß er weiß, wo er sein Kapital an 
legen soll."
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        „Und gerade daher kommt es/' belehrte Wilhelm seinen Freund, „dass 
der Profit überall gleich ist; denn sobald er in irgendeinem Geschäftszweig 
höher ist als in dem andern, strömt sofort mehr Kapital dorthin, weil alle 
Kapitalisten natürlich an dem höheren Gewinn ihren Anteil haben wollen. 
Dadurch wird dort der Profit wieder herabgedrückt/' 
„Ja, das sagst du so", erwiderte Karl. „Wieso wird denn der Profit, 
wie du das nennst, hcrabgcdrückt, weil mehr Kapitalisten sich dem be 
treffenden Geschäftszweig zuwenden?" 
„Nun, das ist doch sehr einfach", entgegn etc Wilhelm. „Wenn mehr 
Kapital sich zum Beispiel der Hutmacherei zuwendet, dann werden eben 
mehr Hüte erzeugt, das Angebot steigt, und infolgedessen fallen die Preise. 
Wenn aber die Löhne unverändert bleiben, dann muß der Gewinn des 
Unternehmers, sein Profit, sinken." 
„Ja, dann werden aber doch", cntgegnete Karl nachdenklich, „die Hüte 
billiger verkauft, als ihr Wert ist." 
„Das ist aber doch nur vorübergehend", erwiderte Wilhelm.^„Das 
gilt nur so lange, bis der Vorteil der Hutmacher ausgeglichen ist. Sobald 
der Prosit in der Hutmacherei nicht mehr größer ist als in den anderen 
Gewerben, strömt ja kein Kapital mehr dorthin. Vielleicht war früher 
gerade zufällig eine besonders starke Nachfrage nach Hüten gewesen, viel 
leicht ist gerade eine neue Forn: in Mode gekommen. Dadurch haben die 
Hutmacher eine Zeitlang die Hüte über ihren Wert verkaufen können; jetzt 
find l'o viele aus den Markt gebracht worden, daß sie wieder billiger ge 
worden sind. So gleicht sich das immer wieder aus. Das haben wir gerade 
vorige Woche in unserer Handelsschule gelernt, und das ist auch gewiß 
wahr." 
Karl versank in tiefes Sinnen. Plötzlich wandte er sich an Wilhelm: 
„Ja, aber gilt denn das nicht geradeso für unser Beispiel? Wenn die 
Schneider ein so viel besseres Geschäft machen als die Maschinenfabrikanten, 
dann werden eben mehr Kapitalisten ein Schneidergesck&gt;äst errichten und 
weniger Kapital wird in die Maschinenfabriken gesteckt werden." 
„Da ist aber doch ein großer Unterschied", erwiderte Wilhelm.^ „Die 
Kapitalisten gehen immer dorthin, wo mehr zu verdienen ist. Das ist ein 
mal in diesem, einmal in jenem Geschäft oder Geschäftszweig der Fall. ^Jst 
heute zum Beispiel die Hutmacherei besonders gewinnbringend, so strömt 
das Kapital so lange hin, bis der Preis der Hüte so weit gesunken ist, daß 
jetzt etwa die Korbflechterei mehr Profit einbringt als die Hutmacherei. 
Sofort wendet sich jetzt das Kapital wieder von der Hutmacherei ab und 
der Korbflechterei zu und so geht das fort. Wenn aber der Unterschied aus 
geglichen werden soll, von dem wir vorhin gesprochen haben, wenn der 
Maschinenfabrikant immer denselben Profit haben soll wie das Kleider 
geschäft, dann müßte ja immerfort zu viel Kapital in der Schneiderei und 
zu wenig in der Maschinenfabrikation stecken, dann müssten die Maschinen 
immerfort teurer verkauft werden, als sie wert sind und die Kleider immer 
fort billiger. Das ist aber doch ein Unsinn. Da kann ich mir viel eher vor 
stellen, daß eben die Arbeiter in der Maschinenfabrik nur kurze Zeit für 
stch und längere Zeit für den Unternehmer arbeiten. Wenn sie also, wie es 
im Belspiel vorhin war, 1000 Mk. Lohn bekommen, schaffen sie vielleicht 
nicht 1000 Mk. für den Kapitalisten, sondern 2000 Mk. Das würde dann 
ganz gut erklären, wieso das etwa doppelt so große Kapital des Maschinen- 
sabrikanten auch den doppelten Profit trägt, 2000 Mk. statt 1000 Mk."
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        77 
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chinen- 
Nk." 
‘'X a ^ ei c ^ en Frage," warf Karl ein, „ob die Ausbeutung 
un Maschinenbau wirklich größer ist als in der Schneiderei. Ich kann das 
nicht recht glauben." 
. "XX n - n il e j ne Ansicht, Wilhelm, richtig sein soll," mischte ich mich nun 
m das Gelprach, „so müsste der Deil des Arbeitstages, den der Arbeiter 
für ,ich selbst arbeitet, um so kleiner fein, je mehr Maschinen, Baulichkeiten 
u. s. hx in einem Geschäftszweig angewendet werden." 
„Ja, das meine ich", bestätigte Wilhelm. 
„Das wäre aber nur dann möglich," fuhr ich fort, „wenn ein Arbeiter 
m einer bestimmten Zeit um so mehr Wert erzeugen würde, je mehr Ma- 
ichinen u. f. w. er anwendet. Nehmen wir an, der Taglohn eines Maschinen 
bauers und der eines Schneiders feien gleich, dann braucht auch jeder von 
ihnen gleich lange Arbeitszeit, um den Wert dieses Lohnes herzustellen 
Ist also der Arbeitstag in beiden Fällen gleich lang, dann bleibt auch von 
dem Wert, den der Arbeiter in einem Tag schafft, in beiden Fällen gleich 
viel für den Kapitalisten übrig. Wenn es so wäre, wie du vorhin gesagt hast, 
daß der Arbeiter um so kürzere Zeit für sich arbeitet, je mehr Maschinen 
er verwendet, so hieße das, daß die Maschinen, Baulichkeiten u. s. w. selbst 
Wert schaffen oder daß doch der Arbeiter mehr Wert schafft, wenn er an 
der Maschine arbeitet. Wir haben aber gesehen, daß das nicht richtig ist. 
Mit deinem Auskunftsmittel geht es also nicht." 
„Dann bleibt aber doch nur die andere Möglichkeit übrig," entgegnete 
Wilhelm, „daß die Schneider immer weniger für ihre Ware bekommen, als 
sie wert ist, die Maschinenfabrikanten aber mehr. Das ist doch ein Unsinn." 
„Das sehe ich nicht ein", erwiderte Karl. „Freilich sieht es sonderbar 
aus, daß die Kleider immer unter und die Maschinen immer über ihrem 
Wert verkauft werden sollen. Aber erinnere dich doch, daß wir neulich, als 
wir über die Wirkung der Maschinen auf den Preis der Produkte sprachen, 
etwas ganz Aehnliches hatten. Da fanden wir, daß die Besitzer neuer Ma 
schinen ihre Waren immer teurer verkaufen konnten, als der Arbeit ent 
sprach, die in ihrem Betrieb zu deren Herstellung notwendig war, daß aber 
in den rückständigen Betrieben die Waren nicht mehr den Preis erzielen 
konnten, der bisher ihrem Wert entsprochen hatte. So wie also hier die 
Waren nicht immer zu ihrem Wert verkauft werden, sondern in manchen 
Betrieben billiger, in manchen wieder teurer, als ihr Wert ist, so ist es 
auch da." 
„Aber wie können dann", unterbrach hier Wilhelm, „die Schneider 
immer unter dem Wert verkaufen? Da müssen sie doch zugrunde gehen!" 
„Durchaus nicht", antwortete ich, „erinnere dich nur, wie wir zu 
den vom Wert abweichenden Preisen gekommen sind." 
„Ja, das ist wahr", meinte Wilhelm nach einigem Nachdenken. „Die 
Preise sind ja gerade dadurch von den Werten verschieden geworden, daß 
jeder Kapitalist für sein Kapital den gleichen Profit erhält. So bewirkt 
also gerade der Preis, der bei dem einen unter, bei dem anderen über 
dem Werte steht, daß der Gewinn, der Profit beim Schneider ebenso groß 
ist wie beim Maschinenfabrikanten. Der Schneider weiß jedenfalls gar 
nichts davon, daß er die Kleider unter ihrem Wert verkauft. Unser Chef 
will einfach seinen Profit. Um den ist es ihm zu tun. Hat er den, so 
schert er sich gar nicht darum, ob die Waren zu ihrem Wert verkauft werden 
oder nicht, von diesen Sachen versteht er auch gar nichts." 
„Der Kapitalist", fuhr ich fort, „kümmert sich um die inneren Gesetze 
der Wirtschaft sehr wenig. Ihm ist es nur darum zu tun, möglichst viel
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        78 
Profit einzustreichen. Wenn man aber studieren will, wohin unser Weg 
geht, wohin unsere Wirtschaft steuert, dann muß man aus die Gesetze 
zurückgehen, die unsere Wirtschaft beherrschen. Dem Kapitalisten ist es 
nur um das Nächstliegende zu tun, um seinen Happen vom Gewinn seiner 
Klasse. Wir haben vorhin bei Betrachtung der Maschinen gesehen, daß 
sich die Kapitalisten um den gesamten Profit raufen und jeder soviel an 
fick, reißt, als es seine Kräfte, das heißt vor allem sein Kapital erlauben. 
Hier sehen wir nur dasselbe. So kommt es, daß der Profit im Derhaltms 
steht zum angewandten Kapital, auch wenn dadurch manche Waren über, 
manche unter ihrem Wert verkauft werden." 
II. 
„Wenn das aber so ist," begann Wilhelin nach einigem Nachdenken, 
„wenn die Kapitalisten miteinander um den Anteil raufen, den jeder 
von ihnen an der Gesamtbeute haben will, wenn die einen Waren über, 
die änderen unter ihrem Werte verkauft werden, dann stimmt das Wert 
gesetz ja doch wieder nicht. Du hast uns auseinandergesetzt, daß der 
Wert einer Ware Lurch die Arbeitszeit bestimmt ist, die gesellschaftlich zu 
ihrer Herstellung notwendig ist. Dann haben wir gesehen, daß der Arbeiter 
nur einen Teil des von ihm neu geschaffenen Wertes selbst wieder 
erhält, daß der Rest dem Kapitalisten als Gewinn verbleibt. Dadurch 
ist aber doch dieser Gewinn ganz genau bestimmt, da gibt es doch weiter 
keine Rauferei. Nehmen wir an, in einer Schuhfabrik arbeiten 100 Ar 
beiter, von denen jeder täglich 5 Mk. Lohn erhält. Dabei setzen diese 
100 Arbeiter dem Leder durch ihre Arbeit täglich einen Wert von 1000 Mk. 
zu. Dann verbleiben dem Kapitalisten einfach 500 Mk. Wird ihm ein 
Teil davon von jemand anderen, weggenommeik, dann stimmt eben deine 
Rechnung nicht. Und welchen Sinn soll es denn überhaupt haben, datz 
die Waren einen Wert haben, aber zu einem Preis verkauft werden, der 
ihrem Wert gar nicht entspricht?" 
„Diese Einwendung wäre an sich ganz richtig," entgcgnete ich, „aper du 
hast eins vergessen. Erinnere dich, als wir begannen, das Wirtschaftsleben von 
innen her, theoretisch, zu betrachten, da sprachen wir davon, daß nian eine 
komplizierte Maschine nur begreifen lernt, wenn man zuerst- die einfache 
kennt, aus der sie hervorgegangen ist. Bei den wirtschaftlichen Vorgängen, 
sagten wir, ist es ebenso; auch da muß man zuerst die einfachen Verhält 
nisse studieren, damit man nachher die komplizierteren begreift. Und des 
halb begannen wir damit, das Wertgesetz für die einfachen Verhältnisse 
des Handwerks zu untersuchen." 
„Das heißt also," unterbrach mich Wilhelm ungeduldig, „daß das 
Wertgesetz heute nicht mehr gilt. Da habe ich also doch recht, aber dann 
weiß ich wirklich nicht, wozu wir uns so lange damit herumgeplagt haben/ 
„Bist du aber hitzig!" warf Karl lachend dazwischen. „Laß doch Gustav 
zuerst ausreden. Da werden wir ja sehen, ob er der Meinung ist, daß 
das Wertgesetz heute tatsächlich nicht mehr Geltung hat." 
„Es wäre allerdings ganz gut gewesen," bestätigte ich, „wenn Wil 
helm noch ein bißchen gewartet hätte. Das Wertgesetz gilt heute noch, 
aber es äußert sich anders/' 
„Na, das sind aber Haarspaltereien!" rief Wilhelm ganz entrüstet. 
„Ist es da nickt besser, einfach zuzugeben, daß das Gesetz nicht gilt, als 
daß man so herumredet?"
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wl nirf)t r n \ Schule gelernt," gab ich ruhig zurück, 
K»rper die schwerer sind als die Luft, zur Erde fallen?" 
da-'- hier?""'' anth)ortcte Wilhelm etwatz erstaunt, „aber was 
v., 1 ,' l 'f a s!n„ ^, r A*, /ort, „du hast mir doch kürzlich erzählt, daß 
Flugplatz draußen warst und den Fliegern zugesehen hast. 
Sind die,c Apparate nrcht schwerer als die Lust? Und sie fliegen doch, und 
es können sogar noch zwer Menschen mitfahren," ^ 
,. K' 5a, r ,¥ § kommt aber doch daher," warf Karl ein, „daß die Flug 
schrauben sich glerchsam mdre Luft einbohren und den Apparat mit sich 
ziehen. Sobald die ruhig stehen, fällt der Apparat auch richtig zu Boden." 
kuhr ich fort, „daß die Schwerkraft auf den 
Apparat eben,o wirkt tote auf ieden anderen Körper, daß aber ihre 
Aeußerung durch andere Kräfte aufgehoben wird. Ja, der Apparat könnte 
gar nicht fliegen, wenn es keine Schwerkraft gäbe: denn die Flugschraube 
kE nur wirken wenn die Luft dicht genug ist, das heißt alw, wenn sie 
^chlvertraft genügend zusammengepreßt ist. Wer das^ 
nicht versteht, der wird den Flugapparat als ein Wunderding anstaunen, 
aber begreifen wird er ihn nicht. Und ebenso ist es mit dem Kapitalismus 
Auch ihn kann man nur verstehen, wenn man das Wertgesetz kennt und 
begreift, wenn man aber auch studiert, wodurch seine Aeußerungen geändert 
tücrocn. 
- , io ganz richtig," erwiderte Wilhelm ärgerlich, „aber deshalb 
«ehe ich doch noch immer nicht ein, was der Nutzen des Wertgesetzes sein 
l. ' ^,,!brelse doch anders sind; und wie werden denn nun wirklich 
die Preise bestimmt? 
haben wir ja jetzt eigentlich schon gesehen",'antwortete ich, 
„Die Arbeiter haben den neuen Wert geschaffen, ihn dem Wert des Roh- 
materials zugesetzt. Sie selbst bekommen nur einen Teil davon als Lohn 
zuruck, den Rest teilen die Kapitalisten unter sich, und jeder sucht so viel 
davon an sich zu bringen, tote er nur kann. Was sich daraus ergibt, das 
hast du, Wilhelm, uns gerade vorhin erst selbst auseinandergesetzt. Du 
Ulst uns gezeigt, daß der Profit für jedes Kapital der gleiche' ist, daß die 
Wanderungen des Kapitals von den weniger gewinnreichen Geschäft^- 
zweigen m die gutgehenden eben diese Wirkung haben, den Profit überall 
auszugleichen. Natürlich ist er nicht überall genau gleich, es gibt fort- 
wahrend Schwankungen, aber im wesentlichen gleichen sich die io aus, daß 
ledes Kapital von emer gewissen Größe ungefähr den gleichen Gewinn 
bringt, den gleichen Profit trägt. Wenn man also den Preis einer Ware 
wißen will, das heißt die Geldmenge, die wirklich für sie gezahlt wird, 
dann muß man einfach die Kosten der ganzen Produktenmenge berechnen, 
£ t( r Bersprel m einem Jahre in einem Betrieb erzeugt wird, das 
heißt die Rohmaterialien und Hilfsstoffe und die Abnutzung der Maschinen 
und Baulichkeiten, und dazu wird dann der Profit geschlagen, berechnet auf 
das ganze Kapital, das zur Verwendung gelangt. Nehmen wir zun. 
Bei,piel an, in einer Schuhfabrik werden in einem Jahre 10.000 Paar 
J?* erf f ti0t o Der in diesem Jahre bezahlte Arbeitslohn betrage 
40.000 Mk., das Leder koste auch 40.000 Mk., die Abnutzung der Anlagen 
bestage 20.000 Mk. Dann sind die Herstellungskosten dieser 10.000 Paar 
Schuhe 100.000 Mk. Dazu kommt aber nun der Kapitalprofit. Haben 
die ganzen Anlagen der Fabrik etwa einen Wert von einer halben Million 
und beträgt der Durchschnittsprofit 20 Prozent, so sind also 100.000 Mk
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        — so — 
(20 Prozent von 500.000 Mt.) der Profit des Kapitals. Die 10 VOO Paar 
Schuhe müssen also um 200.000 Mk. (100.000 Mk. Kosten und 100.000 Mk. 
Prosit) verkauft werden, das Paar Schuhe kostet also 20 Mk." 
„Da hört aber doch alles auf", rief Wilhelm ganz aufgebracht da 
zwischen. „Das ist doch ganz genau die Rechnung, die ich früher einmal 
ausgestellt habe. Damals war sie natürlich falsch. Heute ist ste aus ein 
mal richtig! Da hätten wir uns wirklich die ganze Herumrederei _ über 
ben Wert ersparen können. Damals habe ich doch auch gesagt, baß ber 
Preis einer Ware sich aus den Kosten und dem Kapitalprosit zusammen 
setzt und jetzt sagst du genau dasselbe." „ 
„Na, diesen Einwand habe ich schon vorausgesehen, erwiderte im 
lachend, „und deshalb habe ich die Nunimer der „Arbeiter-Jugend vom 
3. September 1910 gleich mitgebracht; denn dort steht unser ganzes Ge 
spräch von damals, drinnen, und da können wir ja jetzt sehen, ob die 
Einwände, die wir damals gegen deine Rechnung erhoben haben, auch 
auf meine Rechnung zutreffen oder ob sie vielleicht überhaupt falsch waren. 
Eifrig machten sich nun meine beiden Freunde über den Artikel her, 
den sie ausmerksain durchstudierten^). Als sie fertig waren, ivandte sich Karl 
an mich und sagte: r , .. ... 
„Es ist doch recht praktisch, daß du unsere Gespräche m die Zeitung 
bringst. Sonst hätten wir uns das doch nicht so genau gemerkt, -o sehen 
wir aber, daß der Haupteinwand gegen Wilhelms Rechnung damals war. 
daß er die Höhe des Profits nicht erklären konnte. Heute aber wissen wir, 
woher diese rührt, und so trift dieser Einwand, der damals ferne Rechnung 
umwarf, auf deine Rechnung nicht zu." , m . * 
„Das gebe ich zu," ergänzte Wilhelm zögernd, „aber em $ dienten 
bleibt doch. Der zweite Einwand, den du damals erhobst, war der, dass 
ich den Preis eines Anzuges zum Beispiel aus den Preisen des «tosses, 
ber Maschinenabnutzung, aus ben Löhnen u. s. w. zusammensetzte, nur 
deine Rechnung stimmt das aber doch auch." ^ , , 
„Ja, aber der Einwand war doch damals eben der, wars Karl da 
zwischen, „daß wir nicht angeben konnten, woher denn der Wert all dreier 
Dinge kommt, heute wissen wir aber, daß es die Arbeit ist, dre rhnen und 
damit auch dem Produkt, das aus ihnen hergestellt^ wird, den Wert ver 
leiht und daher auch den Preis bestimmt. Wenn man dre Wertrechnung 
nicht versteht, kann man natürlich die Preisrechnung erst recht nicht be 
greifen. Das ist wirklich geradeso, wie man unsere komplizierten Maschinen 
nicht verstehen kann, wenn man nicht zuerst dre einfacheren begriffen hat, 
aus denen sie- hervorgegangen find." „ . r v m , •&gt;* 
„Und dasselbe zeigt euch auch", ergänzte ich, „das Beispiel voin Flug 
apparat, das wir vorhin besprochen haben. Das Fliegen scheint des Gesetzes 
der Schwere zu spotten, und doch ist der Flugapparat erst zu verstehen, 
wenn man sich mit jenem Gesetz sehr genau vertraut gemacht hat." 
Frauen- und Kinderarbeit. 
„Das wäre ja alles soweit ganz schön und interessant", begann Wil 
helm, als wir uns das nächstemal trafen, „was wir jetzt alles iiber Wert, 
Preis und Profit erfahren haben; aber leider sind wir doch keine Kapitalisten 
und da werden wir mit dieser Wissenschaft nicht viel anfangen können." 
*) Siehe Seite 26, Absatz 1.
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        — 81 — 
„Ja," bestätigte Karl, „dieses Bedenken ist mir auch gekommen. Wir 
sind davon abgekommen, zu untersuchen, wie die Arbeiter ins Elend ge 
kommen sind, und haben dafür gelernt, wie der Profit der Kapitalisten 
zustande kommt." 
„Nun," erwiderte ich, „vielleicht war das gerade der notwendige Weg, 
um zu jener Untersuchung zu kommen. Wir haben jetzt gesehen,'warum 
die Kapitalisten immer mehr Maschinen anwenden, und wir haben auch 
gesehen, wie das auf ihren Profit wirkt. Jetzt können wir uns der Frage 
zuwenden, wie die Maschine auf die Lage des Arbeiters wirkt." 
„Aber da hätten wir uns doch den langen Umweg ersparen können," 
warf Wilhelm ein. „Das hätten wir doch gleich untersuchen können. Was 
die Kapitalisten von den Maschinen haben, das kann uns doch gleichgültig 
sein. Wir sind doch keine Kapitalisten." 
„Oho!" erwiderte ich. „So liegt die Sache doch nicht. Die Anwendung 
von Maschinen kann die allerverschiedensten Wirkungen für die Arbeiter 
haben, je nachdem, wem sie gehören, wer ihre Anwendung leitet. Stellt euch 
vor, alle Maschinen gehörten den Arbeitern selbst, die für sich selbst mit ihnen 
arbeiten. Da werden die Menschen um so weniger zu tun und .um so mehr zu 
genießen haben, je mehr Maschinen da sind; wenn zum Beispiel die Schneider 
früher zehn Stunden arbeiten mußten, um mit der bloßen Hand Kleider 
für alle herzustellen, so werden sie nach Einführung der Nähmaschine viel 
leicht nur fünf Stunden zu arbeiten brauchen, und dabei werden noch alle 
mehr und bessere Kleider haben." 
„Ja, aber in Wirklichkeit," warf Wilhelm ein, „stimmt das doch gar 
nicht. Je mehr Maschinen eingeführt werden, desto schlechter geht es meistens 
den Arbeitern." 
„Das ist eben," erwiderte Karl, „weil die Maschinen nicht den Arbeitern 
gehören, sondern den Kapitalisten." 
„Nun seht ihr," ergänzte ich, „daß es eben gar nicht gleichgültig ist, 
wem die Maschinen gehören und welchem Zwecke sie dienen. Heute hat die 
ganze Produktion in erster Linie nicht den Zweck, die Bedürfnisse der Masse 
zu befriedigen, sondern den Profit der Kapitalisten zu erhöhen. Man muß 
also erst studieren, wie der Prosit beschaffen ist und was ihn erhöht, damit 
man untersuchen kann, wie die Maschine auf den Arbeiter wirkt. Wir haben 
also gesehen,, daß es den Kapitalisten darauf ankommen muß: 1. möglichst 
viel Wert zu erzeugen, also möglichst lange Arbeitszeit und Ausnutzung der 
Arbeitsmittel: 2. von diesem neu erzeugten Wert möglichst viel für sich selbst 
zu behalten und möglichst wenig herzugeben, daher vor allem Herabdrückung 
der Löhne; 3. dem kapitalistischen Konkurrenten den Vorsprung abzu 
gewinnen, billiger zu produzieren als er, daher steigende Verwendung von 
Maschinerie und wieder Herabdrückung der Löhne; 4. nach Möglichkeit an 
Betriebskosten zu sparen, damit sich der Profit auf ein möglichst kleines 
Kapital verteilen muß, daher billiger Einkauf von Rohmaterial u. s. to., vor 
allem jedoch abermals Herabdrückung der Löhne." 
„Aber das ist ja schrecklich," rief Wilhelm ganz entsetzt dazwischen; 
„dein erstens, zweitens, drittens und viertens, alles läuft hinaus auf Ver 
längerung der Arbeitszeit und Verkürzung des Arbeitslohnes. Also hätten die 
Kapitalisten überhaupt kein anderes Interesse, als die Arbeiter zu schinden, 
so gut sie nur können!" 
„Und das ist auch wahr!" bestätigte Karl. „Du kannst in unserer Fabrik 
hinschauen, wohin du willst, alles ist darauf angelegt, entweder Arbeiter zu
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        82 
ersetzen, das heißt viele brotlos zu machen, oder sie zur ärgsten Hetzjagd an 
zuspornen oder sie für Zuspätkommen oder Lässigkeit zir bestrafen, kurz, aus 
ihnen herauszupvessen, soviel nur geht." 
„Ja,^ aber daran haben doch Wohl die Maschinen nichts geändert," be 
merkte Wilhelm. „Der Meister hat seine Gesellen früher einmal auch so 
stark ausgebeutet wie er konnte." 
„Das ist nicht ganz richtig," entgegnete ich. „Der Meister, der mit dem 
Gesellen an einem Tisch gß und in einer Werkstatt mit ihm zusammen 
arbeitete, stand ihm menschlich viel näher; gewöhnlich brauchte da der Geselle 
auch nicht viel mehr zu arbeiten als der Meister, und beide pflegten sich nicht 
zu überanstrengen." 
„Na, das ist aber doch nicht wahr," bemerkte Karl. „Heute wenigstens 
werden die Arbeiter nirgends so geschunden als im Handwerk. Mein Vater 
war vor zwei Jahren eine Zeitlang arbeitslos und ging, da er nichts anderes 
fand, zu einem kleinen Meister. Aber nie in feinem Leben, sagte er mir, hat 
er sich so abrackern müssen wie dort, und neben ihm waren nur noch zwei 
Lehrjungen und denen ging es noch schlechter." 
„Da ist eben," berichtigte ich, „ein großer Unterschied zwischen dem 
Handwerk von ehemals und von heute. Jetzt zwingt eben die Konkurrenz 
des Großbetriebes mit seinen Maschinen den Kleinmeister, sich und seine 
Arbeiter zu Tode zu rackern, um nicht wirtschaftlich zugrunde zu gehen." 
„Ja, aber," begann Wilhelm nachdenklich wieder, „du hast uns selbst 
gezeigt, daß der Lohn eine untere Grenze hat, über die er nicht mehr 
hinuntergedrückt werden kann. Also kann doch die Ausbeutung nicht noch 
weiter steigen, wenn diese Grenze einmal erreicht ist." 
„Ganz richtig," entgegnete ich; „aber wo ist diese traurige Elends 
grenze?" 
„Nun, ein Arbeiter muß soviel verdienen," erklärte Karl, „daß er sich 
und seine Familie erhalten kann." 
„Ist das aber auch richtig?" fragte ich nun. „Erhält bei dir zu Hause, 
Karl, wirklich der Vater die ganze Familie?" 
„Nein," erwiderte dieser, „das ist wahr; es ist noch gar nicht so lange 
her, daß Mutter mit Zeitungaustragen auch zuverdienen mutzte; jetzt brauchst 
sie das freilich nicht mehr zu tun, seitdem meine Schwestern und ich auch 
was verdienen." 
„Nun seht ihr," fuhr ich fort, „daß jene Elendsgrenze doch noch ziem 
lich stark verschiebbar ist. Früher einmal mußte der Vater allein soviel ver 
dienen können, daß er die ganze Familie mit seinem Lohn erhielt. Heute 
aber müssen die Frau und die Kinder tüchtig mitverdienen, wenn die 
Familie nicht ins Elend geraten soll." 
„Ja, aber woher kommt das?" fragte Wilhelm. „Sollen früher die 
Meister oder die Kapitalisten weichherziger gewesen sein als heute? Das 
glaube ich doch nicht." 
„Nein," antwortete ich, „das glaube ich auch nicht, ich glaube überhaupt 
nicht, daß die Kapitalisten schlechtere Menschen sind als wir; aber die Kon 
kurrenz zwingt sie, die Löhne so weit wie möglich zu drücken. Daß es unter 
ihnen auch grausame Halunken gibt, will ich nakürlich nicht leugnen. Aber 
darauf kommt es nicht an." 
„Aber was ist denn dann die Ursache?" fragte Karl. „Du erklärtest uns 
doch damals, daß der Arbeitslohn deshalb nicht noch weiter gedrückt werden 
kann, weil sonst die Arbeiter auswandern oder die Bevölkerung abnehmen 
wiirde. Und nun ist doch noch eine Herabdrückung möglich."
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        S3 
"^', cuie Stage leibst," entgegnete ich, „enthält schon die Antwort. Die 
.^ohne tonnen eucn dann noch weiter herabgedrückt werden, wenn 
autzer dem Jmnn nod) dre Frau und die Kinder zum Verdienen herangezogen 
werden können. Liese Möglichkeit hat aber in größerem Maßstab erst die 
L&gt;:chchine gcschafsen. 
„Hätte man, fuhr ich fort, „zum Beispiel vor hundert Jahren einem 
«chmied, einem Tischler, einem Gerber oder gar einem Bergarbeiter gesagt 
daß leine Arbeit von Frauen verrichtet werden würde, so hätte der nur 
gelacht und gesagt: „Das ist keine Weiberarbeit, da gehört ein ganzer Mann 
dazg ; heute aber sind in all diesen Industrien Frauen tätig, und wenn 
ne bei uns im Bergbau unter Tag nicht arbeiten, so hindert sie daran 
nur em gesebliches Verbot, das aber nicht überall gilt und nicht immer 
bestanden hat. so gibt es heute fast gar keinen Beruf mehr, in den die 
Frauenarbeit noch nicht eingedrungen wäre. Das, wozu früher der Mann 
sondere Körperkraft aufwenden mußte, das hat zum größten Teil die 
Maschine übernommen, und die kann meist von ungelernten Arbeitern von 
Frauen und Kindern, bedient werden." 
„Das ist doch eigentlich eine merkwürdige Sache," bemerkte Wilhelm 
nach einigem Nachsinnen. „Die Maschine hat die Arbeit so viel leichter ge 
macht, und dabei hat sie die Plackerei und Schinderei der Arbeiter nur 
vermehrt. Das ist doch ein arger Widersinn- Wenn die Maschinen den 
Arbeitern gehörten, konnten sie sich das Leben mit ihrer Hilfe doch viel an- 
genehmer gestalten,'während sie so nur ihr Elend vergrößern. Darin hast 
du schon ^recht; aber daß gerade die Maschine erst die Frauen- und Kinder- 
arbeit möglich gemacht hat, das kann ich doch nicht recht glauben. Bei den 
Schneidern die für unser Geschäft arbeiten, müssen überall die Frauen und 
Kinder stark mitschanzen; sie richten vor, die Frau plättet auch oft, die Ar 
beit an der Maschine macht der Mann. 
Im vorigen Sommer hatte ich einmal ein paar 'Tage frei, und da 
lu.hr ich zu Verwandten aufs Land in Thüringen, und dort im Dorf sah ich 
wie Spielzeug gemacht wird. Da arbeitet alles mit, da greift alles zu' 
selbst ganz kleine Kinder; aber Maschinen sind da sehr wenig in Gebrauch, 
und die werden von den Männern bedient." 
„Da hast du ganz recht," entgegnete ich. „Und dennoch ist auch diese 
Frauen- und Kinderarbeit eine Folge des Maschinenwesens." 
"Du meinst wohl," unterbrach mich Karl, „weil die Konkurrenz der 
Maschinen ine Heimarbeiter zwingt, mit aller Kraft zu arbeiten und auch 
Weib und Kind in das Arbeitsjoch zu spannen?" 
„Das ist der eine Grund," erwiderte ich. „Solange es noch keine 
Maschinen gab, wurdeii die Waren, die heute von den Heimarbeitern im 
fürchterlichsten Elend hergestellt werden, im Handwerk erzeugt. Da war 
es den Frauen meist sogar verboten, Hand anzulegen; an die Scheußlichkeit 
der Kinderarbeit dachte man gar nicht. Und die Frau hatte mich sonst genug 
zu tun in der Wirtschaft; sie mußte nicht nur kochen und die Wohnung in- 
itani) halten, damals wurde auch das Brot zu Hause gebacken, Geflügel und 
SGveine wurden gezogen, häufig besaß der Meister auch ein Stückcheii 
Feld oder mindestens einen Garten, vielleicht auch ein paar Kühe. So 
hatte Me Frau vollauf zu tun, aber das waren Arbeiten, die ihrer Statur 
enfiprachen und gesund waren, nicht langweilige Jndustriearbeit in stickiger 
Luft, stunden um Stunden, Tage um Tage. Erst die Maschine hat die 
Frau aus ihrem alten Beruf, dem Haushalt, gerissen. Erst das Maschinen-
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        84 
Zeitalter hat die furchtbaren Steinwüsten geschaffen, unsere Großstädte, wo 
die Menschen in stickigen, kleinen Wohnungen neben- und übereinander 
geschachtelt sind, wo der Arbeiter kein Heim, die Frau keinen Haushalt 
mehr hat. Die Maschine hat der Frau ihre alte Arbeit abgenommen. Heute 
wird das Brot in der Fabrik gebacken, die Wurst in der Fabrik gemacht 
u s. w. Zugleich hat aber die Maschine die Frau und Las Kind in die 
Industrie hineingerissen, und nun müssen sie auch, dort fronen, wo,,die Ma 
schine noch nicht den Sieg errungen hat; ja, die Heiniarbeit wä« schon 
längst eingegangen, wenn sie sich nicht vom Blut und Schweiß der Frauen 
und Kinder nähren würde. 
Es besteht aber noch ein zweiter Zusammenhang zwischen der Maschrne 
lind der Arbeit von Frauen und Kindern in der Heimarbeit, früher wurde 
in jeder Werkstatt eine ganze Reihe verschiedener Waren hergestellt. Der 
Schneider arbeitete nach Maß, und so war jeder Rock vom aiwern ver 
schieden; der Tischler, der Schlosser arbeiteten auf Bestellung: die besonderen 
Wünsche der Kunden waren maßgebend, es gehörte ein geschickter und er 
fahrener Arbeiter dazu, um allen diesen Wünschen zu entsprechen. Die Ma 
schine hat den Massenartikel aufgebracht. Jetzt wird alles in ungeheuren 
Massen auf den Markt geworfen, der Käufer kann sich dann aus dem Wust 
das heraussuchen, was ihm zusagt oder was ihm nicht zu teuer ist." 
Aha, ich verstehe schon", unterbrach mich Karl wieder. „Die Massen 
artikel sind viel einfacher herzustellen, und deshalb können dazu auch un 
gelernte Frauen und Kinder verwendet werden." 
„Ganz richtig," erwiderte ich. „Jetzt wird rn jedem Hermarberts- 
betrieb nur irgendeine bestimmte Teilarbeit ausgeführt, und die kann jeder 
leicht und rasch erlernen; da können Frauen und Kinder ohne tnel Anler- 
nung herangezogen werden. 
Dadurch aber, daß jetzt so viele Frauen lind Kinder arbeiten müssen, 
werden die Löhne so stark gedrückt, daß der einzelne Arbeiter m der Regel 
gar nicht mehr so viel verdienen kann, daß er eine Familie zu ernähren rni- 
stande ist; und so müssen Frau und Kinder wieder auf Arbeit gehen, und 
dadurch wird die ganze Familie auscinandergerissen." 
„Das ist wahr," bestättgte Karl. „Höchstens, daß wir uns am 'Sonntag 
alle zusammen um den Tisch setzen können. Unter der Woche kommen wir 
alle nicht zum Mittagessen nach Hause, und am Abend fehlt auch meist der 
eine oder der andere." 
, Dabei habt ihr cs aber noch gut," berichtigte ich, „west bet euch 
wenigstens noch die Mutter zu Hause ist und die Wirtschaft instandhalten 
kann, und weil ihr keine fremden Mieter in eure Wohnung aufzunehmen 
braucht." . „ r „ ... 
„Na, das sehe ich bei unseren Nachbarn," bestätigte Karl. „Er m 
Müllkutscher, sie geht in die Fabrik. Er ist bei Nacht nicht zu Hause, ste bei 
Tag nicht. Dabei haben sie zwei Kinder, und, um den Wohnungszins aus 
zubringen, müssen sie noch einen Schlafdurschen nehmen. Ta gibt es dann 
immer furchtbaren Krach. Es ist ja kein Wunder, daß der Mann da eiter- 
süchtig ist, ilnd so gibt es immerfort Streit und oft auch Keile." 
' „Ja, das habe ich mir eigentlich schon immer gedacht," bemerkte nun 
Wilhelm, „daß die Frauenarbeit nicht recht ist. Mein Vater sagt auch 
immer: „Die Frau gehört ins Haus." Dabei ist aber doch meine^Schwester 
Telephonistin und ist fast den ganzen Tag nicht zu Hause; aber was soll denn 
Vater machen? Von seinem Gehalt als Schutzmatin kann er nicht die ganze
        <pb n="89" />
        Familie erhalten. Aber das ist gewiß nicht recht, daß die Frauen und 
Mädchen jetzt gezwungen sind, sich selbst ihr Brot zu suchen, statt wie früher 
zu Hause zu bleiben." 
„Oho!" widersprach da aber Karl. „Tn bist ganz im Unrecht. Da 
habe ich unlängst einen Roman gelesen, wo lauter Frauen und Mädchen 
aus der guten alten Zeit vorkommen, die fein zu Hause sitzen und kaum die 
Nase zum Fenster hinausstrecken. Sind das Gänse! Die haben ja für gar 
nichts Interesse als für Kochen, Nähen und hauptsächlich für Kokettieren. 
Wenn ich mir vorstelle, daß ich mit lauter solchen Frauenzimmern beisammen 
sern mußte, da käme man ja um Vor Langeweile. Schau dir dagegen un 
sere Mädels an. Die sind viel geweckter, die müssen sich gerade so gut um 
ihren Lohn und um ihre Arbeitszeit herumschlagen wie wir. Dafür fitüt 
sie aber auch gescheiter und selbständiger als jene langweiligen Gänse, die 
gar nicht wissen, wie es in der Welt wirklich ausschaut." 
„Na ja, wahr ist es schon," bestätigte Wilhelm: „seit meine Schwester 
nicht mehr zu Hause herumhockt und wartet, daß einer sie holt, seit sie einen 
Beruf hat, ist sie viel selbständiger geworden: aber freilich, lustiger hat sie 
ihr Beruf nicht gemacht. Oft ist sie schrecklich brummig und mürrisch, wenn 
sie abends müde nach Hause kommt." 
„Das ist aber nicht Schuld der Arbeit selbst," warf ich ein. „Die Ar 
beit erzieht den Menschen, sie erweitert seinen Gesichtskreis, sitz macht ihn 
selbständig und selbstbewußt; aber der Kapitalismus, die von Kapitalisten 
angewandte Maschine, hat die Arbeit zur eintönigen, aufreibenden Plackerei, 
zur Oual gemacht. Erst wenn die Arbeit wieder frei sein wird, dann wird 
sie ihren veredelnden Einflriß ausüben können auf Mann und Frau, auf 
den Erwachsenen und das Kind." 
Löhne und Preise. 
I; 
„Wenn also tum, wie du sagst", begann Wilheln» wieder, „die Löhne 
so sehr herabgedrückt werden, wenn schlecht bezahlte Frauen und Kinder 
an die Stelle erwachsener Männer treten, werden denn dadurch die Waren 
nicht billiger? Das würde doch den Arbeitern dann wieder einen Vorteil 
bringen. Neulich klagte meine Mutter wieder darüber, daß in den letzten 
Jahren die Preise von allen Lebensmitteln so furchtbar in die Höhe ge 
gangen sind. Ta meinte der Vater, daran seien die Gewerkschaften schuld, 
welche die Arbeiter immerfort aufhetzen, höhere Löhne zu verlangen, und da 
durch würden dann die Fabrikanten gezwungen, auch die Preise wieder 
höher anzusetzen. Das muß also doch auch umgekehrt gelten: wenn die Löhne 
niedriger werden, dann müssen die Prerse sinken, die Waren billiger werden." 
„Ja, das habe ich auch schon oft gehört," bestätigte Karl, „daß die 
Waren teurer werden, wenn die Löhne steigen; und vor ein paar Tagen 
erst habe ich ein Wahlflugblatt gelesen, in dem auch steht, daß die Gewerk 
schaften an der Teuerung schuld sind, und daß darum die Arbeiter von den 
höheren Löhnen auch gar keinen Vorteil haben: denn was sie an Löhnen 
mehr einnehmen, das müssen sie für teuere Ware wieder mehr ausgeben. 
Wenn die Löhne steigen, sind die Fabrikanten und Kaufleute gezwungen, 
die Preise hinauszusetzen."
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        — 86 — 
„Die armen Fabrikanten!" rief ich lachend dazwischen. „Wie gerne 
möchten sie niedrige Preise machen, aber die bösen Arbeiter lassen das nicht 
zu, die sind zu begehrlich." 
„Nun, das weiß ich schon, daß das nicht wahr ist," entgegnete Wilhelur 
ärgerlich: „aber das ist doch Tatsache, daß höhere Löhne höhere Preise mit 
sich bringen. Und erinnere dich doch nur, du hast uns gezeigt, wie die Preise 
zustande kommen. Zu den Produktionskosten wird der Durchschnittsprofit 
geschlagen, die Summe ist der Preis. Nun gehören aber doch die gezahlten 
Löhne auch zu den Produktionskosten. Ob also die Löhne steigen oder ob zum 
Beispiel das Rohprodukt teurer wird, kommt doch auf eins hinaus. In 
beiden Fällen steigen die Produktionskosten und damit die Preise." 
„Ja, aber wie verträgt sich denn das mit der Wertformel?" warf Karl 
dazwischen. „Der Wert einer Ware ist abhängig von der Arbeitsmenge, die 
zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendig ist. Ob jetzt die Arbeit besser 
oder schlechter entlohnt wird, ist also für den Wert ganz gleich, solange nach 
wie vor dieselbe Arbeitszeit notwendig ist, um die Ware herzustellen. Von 
den Werten hängen aber die Preise ab. Daher könnten die Preise sich über 
haupt nicht ändern, wenn die Löhne steigen oder fallen; das kann ich aber 
doch nicht glauben; denn es ist doch Tatsache, daß oft Waren teurer werden, 
wenn die Arbeitslöhne steigen, und dann wüßte ich auch nicht, was gegen 
Wilhelms Rechnung einzuwenden wäre. So weiß ich jetzt gar nicht, was ich 
denken soll." 
„Ihr habt vorhin beide davon gesprochen," begann ich wieder, „daß 
die Fabrikanten und Händler »gezwungen« sind, die Preise zu erhöhen. Das 
sieht so aus, als ob die das sehr ungern täten." 
„Nun ja," unterbrach mich Karl etwas ungeduldig, „das ist doch nur 
eine Redensart, wie sie eben Wilhelms Vater und das Wahlflugblatt ver 
wendeten; aber auf die Ausdrucksweise kommt es doch nicht an." 
„Vielleicht steckt aber doch etwas Ernsteres dahinter," erwiderte ich. 
„Jeder Kaufmann will doch so teuer verkaufen, als er nur irgend kann. 
Warum verlangt denn dann nicht jeder noch viel höhere Preise, als es in 
Wirklichkeit geschieht?" 
„Weil sonst die Käufer zum Konkurrenten gehen," antwortete Wil 
helm. „Darüber haben wir ja auch schon früher gesprochen." 
„Ja, und damals sind wir von da aus zum Wertgesetz gekommen." 
ergänzte Karl. „Das ist schon wahr; wenn die Fabrikanten u. s. w. die 
Preise erhöhen könnten, wie sie wollen, dann hätten sie nicht aus die Lohn 
erhöhung gewartet, dann hätten sie die Preise gleich höher angesetzt. Es 
fragt sich also, ob sie die Preise deshalb höher ansetzen können, weil die 
Löhne gestiegen sind." 
„Freilich können sie das," erwiderte Wilhelm. „Erstens haben jetzt die 
Arbeiter mehr Geld und können darum mehr kaufen und höhere Preise 
bezahlen, und zweitens habe ich euch ja schon vorhin gezeigt, daß sich nach 
der Preisberechnung, die wir von Gustav selbst gelernt haben, ein höherer 
Preis ergibt, wenn man zu den gesteigerten Produktionskosten den Prosit 
schlägt. Waren früher zum Beispiel die Auslagen für Rohstoffe, Maschinen 
abnutzung u. s. to. 800 Mk., die Löhne 200 Mk. und der Profit 20 Prozent, 
also auf 1000 Mk. noch 200 Mk., so wurden die fertigen Waren um 
800 + 200 + 200 — 1200 Mk. verkauft. Steigt jetzt der Lohn von 200 Mk. 
auf 300 Mk., dann haben wir 800 + 300 — 1100 Mk. Produktionsunkosten. 
Dazu kommen 20 Prozent von 1100 Mk., das sind 220 Mk., so kostet die 
selbe Ware, die früher 1200 Mk. gekostet hat, jetzt 1100 + 220 Mk., also
        <pb n="91" />
        87 
1320 Mk. Die Preise steigen also noch stärker als die Löhne. Mit dem Wert- 
V s rol m *Wenn ich mir nicht schon ein paarmal mit 
^L^M^^^^u^g das Maul verbrannt hätte, würde ich sagen, daß also 
das Wertgesetz falsch sein muß." 
„Und damit würdest du dir freilich wieder das Maul verbrennen," 
eiw'.öerte ich lachend, „sehen wir uns zunächst einmal dein erstes Argument 
an. Du lagst, die Arbeiter haben jetzt mehr Geld, sie können darum mehr 
kaufen. Aber woher haben pe denn das Geld?" 
™ rief da Karl dazwischen,, „ich sehe schon, wo du hinaus willst. 
üw Arbeiter mehr, das haben die Kapitalisten weniger, und so bleibt 
sich die summe gleich und alles ist beim alten." 
„Nicht ganz," erwiderte ich. „Die ausgegebene Summe ist die gleiche 
wie vorher; aber die Art der eingekauften Arttkel hat sich geändert. Früher 
Erden mehr Luxusartikel gekauft, jetzt mehr Lebensmittel. Aber im Wert 
bleibt die Summe allerdings die gleiche." 
• ^^HkgnLte Wilhelm; „aber was kannst du gegen meine Rech- 
*y n 9 vorbringen . Die ist doch nach deinem eigenen Rezept gemacht. Daran 
ist docy nicht zu tippen." 
„Bielleicht aber doch," erwiderte ich. „Sehen wir sie uns nochmals 
genauer an. 
Qon fuhr Wilhelm ärgerlich dazwischen. „An den 
onn t JÄ atenaI lft doch nicht zu rühren, und daß der Lohn von 
..00 auf 300 Mk. hinaufgeht, das ist doch eben die Voraussetzung. Und dar- 
aus ergibt sich dann alles andere bort selbst." 
- , . "Ja, wenn in beiden Fällen der Profit von 20 Prozent der gleiche 
bleibt, entgegnete ich ruhig; „aber das ist eben die Frage. Erinnere dich, 
was wir soeben erst gesehen haben, daß der Arbeiter bei einer Lohn 
erhöhung nur so viel gewinnt, wie der Kapitalist verliert. Wenn also in 
deinem Beispiel das Rohmaterial u. s. w. 800 Mk. kostet und der durch die 
Arbeit neu geschaffene Wert 400 Mk. ist, so haben im ersten Falle die Ar- 
oeiter von diesem zugesetzten Wert 200 Mk. erhalten, der Kapitalist eben- 
joviel. Im zweiten Falle hat sich der Lohn von 200 auf 300 Mk erhöht und 
so bleiben fur den Kapitalisten nur 100 Mk. übrig. Die Erhöhung der Löhne 
bat also nicht eine Erhöhung der Preise zur Folge gehabt, sondern eine 
-Verabsetzung des Profits. Früher hat der Kapitalist mit einem Kapital 
von 1000 Mk. (800 + 200) einen Profit von 200 Mk. gemacht, also 20 Pro- 
Zent, letzt braucht er ein Kapital von 1100 Mk. (800 + 300), um einen 
Profit von 100 Mk. zu erzielen, sein Gewinn beträgt kaum mehr als 
9 Prozent." 
II. 
"Na, weißt du," begann Wilhelm wieder liach einigem Nachdenken, 
„die Geschichte will mir doch nicht recht einleuchten. Du sagst, wenn die Löhne 
in einem Unternehmen steigen, so werden dadurch nicht die Preise erhöht, 
sondern der Profit des Unternehmers wird uni so viel verringert. Aber wir 
haben ja früher gesehen, was die Folge ist, wenn das geschieht. Erinnere 
dich doch; als wir von der Ausgleichung des Profits sprachen und davon, 
wieso die Preise von den Waren abweichen*), da sahen wir, daß das Kapital 
immer dorthin geht, wo hoher Profit ist, und dort davonläuft, wo wenig 
ist. Wenn also der Fabrikant, von dem wir vorhin sprachen, auf einmal statt 
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        — 88 — 
20 Prozent nur mehr 9 Prozent macht, dann wird er wohl bald das Ge 
schäft aufgeben und sich einem lohnenderen zuwenden." 
„Ja, aber was hat denn das mit unserer Frage zu tun?" warf Karl 
dazwischen. „Das ist doch eine Privatangelegenheit des Fabrikanten, ob er 
Strünrpfe erzeugt oder Glasspiegel oder sonst was." 
„Oho," antwortete Wilhelm eifrig, das ist für den Preis gar nicht 
so gleichgültig. Es ist doch nicht anznnehmen, daß die Löhne nur gerade 
in diesem einen Betrieb steigen. Sie werden das in dieser ganzen 
Industrie tun. Wenn nun da der Profit sinkt, dann wird sich das Kapital 
aus diesem Erwerbszweig zurückziehen und sich anderen zuwenden, das 
heißt aber, daß weniger Werte dieser Art erzeugt werden. Ist zum Beispiel 
die Lohnsteigerung in der Strumpfwirkerei eingetreten, so werden jetzt 
weniger Strümpfe erzeugt werden, da aber der Bedarf der gleiche geblieben 
ist, werden die Preise der Strümpfe steigen, diese werden also doch teurer 
werden, weil die Löhne gestiegen sind, und so behalte ich doch ausnahms 
weise einmal recht." 
„Das kann schon sein," erwiderte ich lachend. „Ich habe allerdings 
gar nicht behauptet, daß die Erhöhung der Löhne gar keinen Einfluß aus 
die Preise hat. Was du da sagst, ist auch ganz richtig; aber wir dürfen 
dabei noch nicht stehen bleiben. Du hast ganz richtig gesagt, daß größere 
Lohnerhöhungen sich gewöhnlich nicht aus einen einzelnen Betrieb be 
schränken, sondern den ganzen Gewerbszweig erfassen. In einem solchen 
Fall werden gewiß zunächst die Preise dieser Artikel steigen. Ob das von 
Dauer sein muß, werden wir noch sehen. Aber wir sind ja von der Unter 
suchung der Frage ausgegangen, ob eine allgemeine Erhöhung der Löhne 
auch eine allgemeine Erhöhung der Preise mit sich bringt. Wir müssen uns 
also jetzt dieser Frage zuwenden. Aendert sich etwas an dem, was du vorhin 
über die Wirkungen der Lohnerhöhung aus die Preise ausgeführt hast, wenn 
wir voraussetzen, daß alle Löhne gleichzeitig gleichmäßig gestiegen sind?" 
„Natürlich," rief Karl eifrig dazwischen, „das ändert die Sache voll 
ständig. Denn wenn durch die allgemeine Lohnerhöhung die Profite überall 
herabgesetzt werden, ist ja kein Grund mehr vorhanden, warum das 
Kapital sich aus dem einen Gewerbe zurückziehen und einem anderen zu 
strömen sollte. Es kriegt ja wo anders auch nicht mehr Profit. Wenn also 
die Lohnerhöhung allgemein ist, ändert sich an den Preisen gar nichts. Du 
hast also doch wieder nicht recht, Wilhelm." 
„Halt! Halt!" fiel ich lachend Karl ins Wort. „Bei dir gcht es doch 
etwas gar zu geschwind. Wenn die allgemeine gleichmäßige Lohnerhöhung 
wirklich überall die gleiche Herabsetzung des Profits zur Folge hätte, dann 
wären deine Schlußfolgerungen ganz unanfechtbar. Aber es ist eben die 
Frage, ob diese Voraussetzung richtig ist." 
„Na, wie sollte sie denn das nicht sein?" fragte Karl ganz verdutzt. 
„Nun, überlegen wir einmal," antwortete ich. „Wir haben da zum 
Beispiel einen Steinbruch. Der ^erfordert sehr _ wenig Kapital zur An 
schaffung von Maschinen u. s. w. Sagen wir, es seien 100 Mk. erforderlich 
für Ersatz von Geräten, Instandhaltung der Straße, die zum^ Steinbruch 
führt, den Wagen, auf denen die Steine verfrachtet werden, für Spreng- 
material u. s. w. An Arbeitslöhnen werden 900 Mk. bezahlt. Das macht 
also zusammen 1000 Mk. Das können natürlich ebensogut auch englische 
Pfund sein oder tausende Mark, es handelt sich hier nur um ein willkürliches 
Beispiel zur Veranschaulichung. Die Profitrate, das heißt das Verhältnis 
des Profits zum ausgelegten Kapital, sei 20 Prozent, dann beträgt der
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        Prosit 200 Mk., und die gebrochenen Steine werden um 1200 Mk. ver 
kauft Worden. Nun vergleichen wir damit eine Maschinenfabrik. Dort ist 
das Verhältnis zwischen Auslagen für Abnutzung von Maschinen und Bau 
lichkeiten, für Material und Hilfsstoffe u. s. w. und Arbeitslohn gerade um 
gekehrt wie beim Steinbruch. Dort werden also für den ersteren Zweck 
900 Mk. ausgelegt, für Löhne 100 Mk. Das macht also zusammen wieder 
1000 Mk., und diese tragen bei der gleichen Profitrate wieder 200 Mk., die 
Produkte werden also ebenfalls um 1200 Mk. verkauft. 
Nun steigen die Löhne um 10 Prozent. Der Steinbruchbesitzer wird 
also jetzt statt 900 Mk. an Arbeitslohn 990 Mk. auslegen müssen. Die 
100 Mk. für Werkzeugersatz u. s. w. bleiben gleich, er muß also statt 1000 Mk. 
jetzt 1090 Mk. (100 + 990) auslegen. Beim Maschinenfabrikanten sind 
die 900 Mk. für Material, Baulichkeitsabnutzung u. s. w. zunächst unver- 
ättdert geblieben, aus den 100 Mk. Arbeitslohn sind nun 110 Mk. geworden, 
er muß also statt 1000 Mk. jetzt 1010 Mk. auslegen (900 + 110). Würden 
die Steine und die neuen Maschinen zu den alten Preisen verkauft 
werden,.. 
„Dann kämen ganz verschiedene Profite heraus," unterbrach lnich 
Wilhelm. „Der Steinbruchbesitzer würde jetzt 110 Mk. Profit machen 
(1200 —1090), der Maschinenfabrikant aber 190 Mk. (1200—1010). Karl 
hat also doch nicht recht. Denn jetzt wird natürlich das Kapital sich vom 
Steinbruch zurückziehen und sich dem Maschinenbau zuwenden, die Steine 
werden teurer und die Maschinen werden billiger werden als früher." 
„Das wäre aber kurios," warf Karl ein. „Jetzt soll gar der Preis 
der Maschinen sinken, weil die Löhne gestiegen sind." 
„Und es ist doch so," antwortete ich. „Wilhelm hat ganz recht. Wenn 
es überhaupt nur diese beiden Industrien gäbe, die Steingewinnung und 
die Maschinenindustrie, dann wäre in ihnen vor der Lohnerhöhung ein 
Kapital von zusammen 2000 Mk. ausgelegt und ein Wert von 240Ö Mk. 
erzeugt worden, somit hätte der Profit 400 Mk. oder 20 Prozent betragen. 
Nach der Lohnerhöhung beträgt das Kapital der beiden Industrien 2100 Mk. 
(1090 im Steinbruch, 1010 in der Maschinenfabrikation angelegt), der 
Preis aller ihrer Produkte zusammen wäre unverändert 2400 Mk., der 
Profit also 300 Mk. (2400 — 2100), die Profitrate wäre also von 20 Prozent 
auf 14 1 3 Prozent gesunken." 
„Das ist ja alles ganz schön und gut," unterbrach mich Karl unge 
duldig, „aber ich kann nicht absehen, was bei der langen Rechnerei heraus 
kommen soll." 
„Natürlich," rief Wilhelm lachend, „wenn du einmal im Unrecht bist, 
verlierst du gleich die Geduld. Ich habe oft genug zusehen müssen, wie 
alles zerpflückt und zerfasert wurde, was ich gesagt hatte." 
„Tu brauchst gar nicht so zu triumphieren", entgegnete Karl ganz auf- 
gebracht. „Du hast anfangs behauptet, daß alle Waren teurer werden, 
wenn die Löhne steigen, und jetzt behauptet Gustav, daß sogar welche billiger 
werden, wenn die Löhne steigen. Da weiß ich wirklich nicht, warum du so 
stolz zu tun brauchst." 
„Aber hört doch auf zu streiten," ries ich dazwischen. „Wer wird denn 
theoretische Fragen persönlich nehmen! Setzen wir lieber ruhig unsere 
Untersuchung fort. Wir hahen also gesehen, daß sich infolge der Lohn 
erhöhung um 10 Prozent die Profitrate von 20 Prozent auf 14 1 /.., Prozent 
gesenkt hat. Daraus läßt sich nun leicht berechnen, wie sich die Preise der 
Steine und der Maschinen jetzt verhalten müssen. Der Steinbruchbesitzer hat
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        90 
1 
1090 Mk. ausgelegt. Wenn sich nun die Profite durch Abwendung des 
Kapitals ausgeglichen haben, so erhält er den neuen Durchschnittsprofit 
von Ich V3 Prozent, das macht 156 Mk., der Preis der Steine stellt sick alio 
auf 1246 Mk. (1090 +156), er ist also gegen früher um 46 Mk. gestiegen. 
Der Maschinenfabrikant hat 1010 Mk. ausgelegt, dazu kominen 14s', Pro 
zent, das ist 144 Mk., der Preis der Maschinen stellt sich also aus 1154 Mt. 
(1010 +144), er ist also gegen früher um 46 Mk. (1200 —1154) gesunken." 
III. 
„Das kann schon stimmen," meinte Wilhelm nachdenklich. „Der eine 
gewinnt geradeso viel, wie der andere verliert, der Gesamtwert und -preis 
bleibt unverändert. Aber in Wirklichkeit gibt es doch nicht nur Steinbruch- 
besitzer und Maschinenfabrikanten, sondern auch andere Menschen." 
„Das ist allerdings eine unbestreitbare Wahrheit," entgegnete ick: 
„aber ich hatte ja dieses Beispiel nur gewählt, um euch die Dinge mögliäsil 
anschaulich und einfach vorzuführen. In Wirklichkeit ist das Verhältnis 
zwischen Arbeitslohn und den anderen Bestandteilen des angewandten Kap-i- 
tals von Betrieb zu Betrieb, hauptsächlich aber von einem Industriezweig 
zum andern verschieden." 
„Und wenn nun die Löhne steigen oder fallen," unterbrach mich Wil 
helm, „dann gleicht die Konkurrenz, das Abwandern der Kapitalien dort- 
lsin, wo der höchste Profit winkt, die Profite wieder aus, und dadurch wer 
den die Preise neu geregelt." 
„Ja, aber das will mir doch nicht recht einleuchten," wandte nun Karl 
wieder ein, „daß die Preise sinken sollen, wenn die Löhne steigen. Davon 
hätte man doch schon einmal etwas merken müssen. Ich habe aber immer 
nur gehört, daß man das Steigen der Preise mit den: Steigen der Löhne 
erklärt." 
„Das glaub' ich schon," lachte Wilhelm. „Bei uns im Geschäft müssen 
wir immer, wenn sich ein Kunde beschwert, daß ein Anzug zu teuer ist, 
sagen, die Arbeiter verlangten jetzt so hohe Löhne. Aber mir ist es noch 
nicht vorgekommen, daß einem Kunden etwas zu billig war, so daß wir uns 
deswegen hätten entschuldigen müssen." 
„Karl hat nicht so unrecht," antwortete ich., „In den letzten Jat:r- 
zehnten sind die Geldlöhne im allgemeinen gestiegen, wenn'auch nicht im 
Verhältnis zu den gesteigerten Lebensmittelpreisen und der ^gesteigerten 
Arbeitsqual. Nun meint Karl, das hätte sich doch auch in einer Senkung der 
Preise jener Waren zeigen müssen, zu deren Herstellnng im Verhältnis viel 
Maschinen und wenig Arbeitskraft nötig sind." 
„Aber es sind doch auch eine Menge Waren billiger geworden", warf 
Wilhelm ein; es scheint mir aber recht fraglich, ob gerade das Steigen der 
Löhne daran schuld ist. Ich kann das säsiver glanben. Da ist doch wohl die 
Hauptursache, daß arbeitsparende Maschinen eingeführt wurden, daß das 
Rohprodukt billiger geworden ist u. s. to." 
„Das ist ganz richtig", antwortete ich. „Es ist geradezu unmöglidi, 
aus den komplizierten Erscheinungen unseres wirtschaftlichen Lebens direkt 
die Regeln und Gesetze dieser Wirtschaft herauszulesen. Deshalb haben wir 
ja auch den weiten Umweg einschlagen müssen, den wir gegangen sind. Daß 
Waren teurer oder billiger werden, hängt von sehr verschiedenen Umständen 
ab. Die wichtigste, die ausschlaggebende Ursache bleibt allerdings..."
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        „Ob mehr cider weniger Arbeit zu ihrer Herstellung gesellschaftlich 
notwendig ist", fiel mir Karl Jn§ Wort. „Aber wir haben gesehen, das; 
dieses Gesetz in seiner ganzen Strenge nur für die Gesamtheit der Waren 
gilt; der Preis der einzelnen Warengattung aber hängt auch von der Kon 
kurrenz ab, welche die Kapitalien auf die verschiedenen Industrien verteilt. 
Wenn die Löhne steigen, wird das Kapital dadurch aus den Industrien 
vertrieben, in denen sich die Steigerung stärker fühlbar macht, und dort 
steigen die Preise; es wird dorthin gelockt, wo die Lohnerhöhung weniger 
bervortritt, und dort werden also die Preise sinken. Ich glaube, jetzt Habe- 
ich die Sache verstanden." 
„Vollständig", bestätigte ich. „Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, 
daß noch wichtiger für die Bestimmung des Preises als der bezahlte Lohn 
oft der Preis des Rohmaterials ist. Nehmen wir wieder unseren Maschinen 
fabrikanten. Steigt der Lohn in seinem Betrieb um 10 Prozent, so macht 
das nicht so sehr viel aus, weil ja nur ein Zehntel seines Kapitals (100 
von 1000) für Arbeitslöhne ausgelegt wird. Verteuert sich aber das Roh- 
»raterial um 10 Prozent, so macht das für den Preis seiner Produkte viel 
&gt;nehr aus, da vielleicht die Hälfte des angewandten Kapitals für Roh 
material ausgelegt werden muß. Kostet jetzt zum Beispiel der Stahl, aus 
dem die Maschinen hergestellt werden sollen, statt 500 um 10 Prozent mehr, 
also 550 (etwa Tausende Mark), so muß das Produkt uin 50 verteuert 
werden; bei einer Steigerung des Arbeitslohnes um 10 Prozent müßte es 
unter den vorhin genannten Bedingungen, wie wir gesehen haben, uni 
46 Mark verbilligt werden, der Preis der Maschinen wäre also um 4 
(50 — 46) gestiegen, die verbilligende Wirkung der Lohnerhöhung wäre 
also nicht zu bemerken." 
„Aha, ich sehe schon, wo du hinaus willst", unterbrach inich Karl. 
„Wenn zur Erzeugung des Rohprodukts vixl lebendige Arbeit notwendig 
ist, muß es teurer werden, sobald die Löhne steigen. Wenn dann in der Ver 
arbeitung dieses Rohmaterials auch inehr Maschinen verwendet werden und 
weniger lebendige Arbeitskraft, so müßte der Preis des fertigen Produkts 
sinken, er steigt aber doch, weil das Rohprodukt teurer geworden ist." j 
„Das ist alles sehr schön und scharfsinnig ausspintisiert", meinte nun 
Wilhelm; „aber ich kann den Nutzen nicht recht einsehen. Zuerst hast dir 
uns auseinandergesetzt, daß der Preis der in dieser Fabrik hergestellten 
Maschinen sinken muß, wenn die Löhne steigen; jetzt heißt es wieder, daß 
sie doch teurer werden müssen, weil das Rohmaterial int Preise gestiegen 
ist. Auf diese Weise kann man doch sein Lebtag nicht Herauskriegen, wie 
eine Lohnerhöhung auf den Preis von sagen wir einem Paar Stiefel 
wirken wird. Einerseits sinkt der Preis, anderseits steigt er wieder, da soll 
iich der Teufel auskennen." 
„Ist das nicht schon ein Vorteil, daß wir das jetzt einseheir?" fragte 
Karl lachend. „Vorhin haben wir doch beide geglaubt, daß eine allgemeine 
Erhöhung der Löhne alle Waren teurer machen muß. Jetzt wissen wir, daß 
das nicht wahr ist. Das ist doch auch was wert." 
„Das ist aber nicht der einzige Zweck unserer Auseinandersetzungen", 
erwiderte ich; „der wäre recht mager. Aber wenn auch jeder einzelne Fall 
zu kompliziert ist, um ihn in so einfache Vorgänge aufzulösen, wie
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wir sie soeben betrachtet haben, so werden wir doch einen Ueberblick über 
die allgemeinen Folgen einer gleichmäßigen Lohnsteigerung auf allen 
Gebieten erhalten, und wissen nun, nach welcher Richturrg wir im einzelnen 
Falle zu forschen haben. Wenn wir zirm Beispiel hören, daß Maschinen 
oder sonst ein Produkt, zu dessen Herstellung viel totes Kapital, aber wenig 
lebendige Arbeitskraft notwendig ist, teurer geworden ist, werden wir uns 
mit der Erklärung nicht zufriedengeben dürfen, daß die Löhne im allge 
meinen gestiegen sind. Bei einem Hausbau hingegen ist das eventuell ein 
genügender Grund für das Teurerwerden-, denn hier werden wenig 
Maschinen verwendet, das Rohmaterial ist verhältnismäßig billig, es ist 
aber viel lebendige Arbeitskraft notwendig." 
„Das ist aber doch eigentlich sonderbar", begann Karl nachdenklick 
wieder; „wir haben jetzt gesehen, daß eine allgemeine Erhöhung der Löhne 
den Profit allgemein herabdrückt und infolgedessen die Preise dort steigen, wo 
viel lebendige Arbeit angeweirdet wird, und dort sinken, wo ini Verhältnis 
wenig lebendige Arbeit am Werke ist. Daraus sollte man aber doch schließen, 
daß sich gegen eine Lohnerhöhung am heftigsten die Unternehmer sträuben, 
deren Produkte im Preise herabgesetzt werden, also die viel Maschinen 
anwenden, und die Unternehmer weniger, die wenig Maschinen haben. In 
Wirklichkeit ist es aber, glaube ich,-umgekehrt. Wenigstens habe ich unlängst 
bei uns in der Werkstatt einem Gespräch zugehört, wie sich zwei gewerkschaft 
lich organisierte Kollegen darüber berieten, ob man bei uns eine Lohn 
erhöhung durchsetzen könne, und da sagte der eine — und ich weiß, das ist 
ein gescheiter Mensch — bei uns gehe das vielleicht leichter als nt manchem 
anderen Geschäft, weil der Besitzer von so vielen und so teuren Maschinen 
einen Stteik .mehr fürchten muß als einer, der keine großen Anlagen 
während dieser Zeit sttllstehen lassen muß. Das leuchtet mir auch sehr ein. 
Rach dem aber, was wir jetzt von dir gehört haben, sollte man eher das 
Gegenteil erwarten." 
„Aber Karl!" wandte Wilhelm ein. „Du vergißt ja, daß es sich bei 
einem Streik nicht um eine allgemeine Lohnerhöhung handelt, sondern 
um eine solche in dem betreffenden»Geschäft, und durch die werden.alle die 
Folgen ja nicht herbeigeführt, von denen wir gesprochen haben. Da ist es 
natürlich, daß dein Kollege recht hat. Nehmen wir wieder das Beispiel von 
der Maschinenfabrik und vom Steinbruch, so muß der Fabrikant bei einer 
Lohnerhöhung um 10 Prozent statt 1000 Mark jetzt 1010 Mark an Kapital 
auslegen, der Steinbruchbesitzer aber statt 1000 Mark 1090 Mark. Da ist 
es doch begreiflich, daß sich der noch heftiger wehrt als jener." 
„Das ist ganz richtig"; bestätigte ich, „aber es kommt noch ein sehr 
wichtiger Umstand dazu. Werden, nämlich die Löhne erhöht, so wird oft die 
Anwendung von Maschinen lohnend, die früher nicht angewendet werden 
konnten, und dadurch werden die Produkte, tote wir gesehen haben, audt 
wieder billiger; der einzelne Unternehmer kann die Lohnerhöhung wieder- 
t) er einbringen. Die Einführung neuer Maschinen aber ist fast immer dort 
viel leichter, wo ein Betrieb schon stark maschinell betrieben wird, als dort, 
wo das noch nicht der Fall ist, und so ist es um so begreiflicher, daß sid? 
der Maschinenfabrikant zum Beispiel leichter mit einer Lohnerhöhung ab 
finden kann als 'der Steinbruchbesitzer."
        <pb n="97" />
        Der Kapitalismus erwürgt sich selbst. 
„So sind wir also bei unseren Besprechungen wieder einmal bei den 
Maschinen angelangt", begann Karl unser nächstes Gespräch, indem er an 
das vorige ant'nllpfte. „Wirf die Katze wie du willst, sie sällt immer auf 
die Füße. Und geradeso kann man jede Frage, die man nur will, über 
das Verhalten des Kapitalisten auswerfen, immer heißt es: er stellt wieder 
neue Maschinen auf. Macht sein Konkurrent billige Preise, so führt er 
neue Maschinen ein. Erzwingen die Arbeiter kürzere Arbeitszeit oder 
höhere Löhne, stellt er neue Maschinen auf. Und tut cs der eine, so müssen 
es natürlich die anderen auch tun, sonst werden sie aus dem Felde ge 
schlagen." 
„Ja," bestätigte ich, „die Maschine ist eben die Waffe, mit der der 
Kapitalist alle seine Schlachten schlägt, sowohl gegen seine Konkurrenten 
als auch gegen die Arbeiter." 
„Aber das kostet doch schrecklich viel Geld," warf Karl ein. Mit den 
Maschinen allein ist es noch nicht getan, es müssen doch auch Häuser oder 
sonstige Baulichkeiten da sein, in denen sie stehen, und wenn so viele 
Maschinen im Betrieb sind, dann brauchen sie doch auch riesig viel Roh 
material. Wenn also ein Fabrikant seinen Betrieb erweitert, tocmt er 
neue Maschinen aufstellt, wo nimmt er denn da immer das Geld dazu her? 
Da muß er es doch anderswo zurückziehen." 
„O nein," unterbrach Wilhelm, „das ist durchaus nicht der Fall. Du 
vergißt ja ganz, daß der Kapitalist seinen Profit nicht aufzuessen braucht, 
daß er einen Teil davon zurücklegen kann, und auf diese Weise kann er im 
Laufe der Jahre schon hübsch was zusammensparen und damit kann er 
dann sein Geschäft erweitern." 
„Ja, aber tut denn das der Kapitalist nicht auf jeden Fall?" warf 
Karl ein. „Jeder will doch seinen Betrieb möglichst vergrößern, das haben 
wir ja gesehen, und er muß es, weil er sonst nicht konkurrenzfähig bleibt. 
Er wird also doch ivohl seine Ersparnisse in seinem Betrieb anlegen, auch 
wenn er keine neuartigen Maschinen aufstellt." 
„Da ist aber doch ein großer Unterschied," erwiderte ich. „Wenn der 
Fabrikant einfach seinen Betrieb erweitert, dann ändert sich nichts Wesent 
liches an dem Verhältnis zwischen dem in Maschinen u. s. w. angelegten 
Kapital und den Arbeitslöhnen. Stellt er aber neue Maschinen auf, um 
seine Konkurrenten zu schlagen oder Lohnerhöhungen auszugleichen, so 
tut er das doch nur, wenn er dadurch Lohn erspart, das heißt 
wenn die neuen Maschinen mehr Arbeitslohn ersparen als ihr Anschaffungs 
preis ausmacht. Denn sonst könnten sie ja eben nicht angewendet werden." 
„Aha, ich sehe schon wo du hinauswillst," unterbrach mich Karl leb 
haft. „Wenn der Kapitalist seine Ersparnisse anwendet, um neuartige 
Maschinen aufzustellen, die ihm Arbeitslöhne ersparen sollen, dann steckt 
er sein Geld eben ganz oder fast ganz in die neuen Maschinen und in den 
vermehrten Rohstoff, der verarbeitet wird; die Auslagen für Arbeitslöhne 
werden aber nicht vermehrt." 
„Aber wenn das immer so fortgeht," meinte nun Wilhelm nachdenklich, 
„dann muß doch der Anteil des Kapitals, der für Maschinen, Bauten und 
Rohstoffe ausgelegt wird, immerfort im Verhältnis zunehmen, der Anteil 
der Arbeitslöhne aber immer zurückgehen." 
„Und ist denn das nicht wahr?",unterbrach ihn Karl mit Eifer. „Du 
rveißt doch, bei uns war kürzlich großes Fabriksfest, weil die Bude jetzt
        <pb n="98" />
        — f)4 — 
25 Jahre lang steht. Da wurde jedem Arbeiter feierlich ein Heft einge 
händigt, in dem die Geschichte des Werks erzählt war. Natürlich war 
schrecklich viel Lobhudelei für den Fabrikanten dabei; aber interessiert hat 
es mich doch, weil aus dem kleinen Betrieb die jetzige Riesenfabrik geworden 
ist. Und da sieht man deutlich, wie die lebendige Arbeit fortwährend zurück 
gedrängt worden ist durch die kalten, herzlosen Maschinen. Der Wert der 
Anlagen ist heute zehnmal so groß als vor 25 Jahren. Die Zahl der Arbeiter 
hat sich in dieser Zeit nur verdoppelt." 
„Dann sollte man doch meinen," warf hier Wilhelm ein, „daß auch 
der in der Fabrik erzeugte Wert nur doppelt so groß ist als vor 25 Jahren, 
wenn dort jetzt nur doppelt so viele Arbeiter sind als damals. Nach dem 
Wertgesetz wenigstens müßte es doch so sein." 
„Na, ganz genau so nicht", erwiderte ich. „Die 200 Arbeiter zum Bei 
spiel von heute setzen dem Rohmaterial doppelt soviel neuen Wert zu als 
die 100 Arbeiter vor 25 Jahren. Aber ihr dürft nicht vergessen, daß erstens 
beute vielleicht das Zwanzigfache an Rohmaterial von den 200 Arbeitern 
verarbeitet wird im Vergleich zu dem, was damals die 100 verarbeiteten, 
und durch die Verarbeitung geht ja der Wert der Rohstoffe auf das Produkt 
über, und daß zweitens nicht nur der Wert des Rohmaterials auf das 
Produkt übertragen wird, sondern auch der Wert der Abnutzung der Ma 
schinen u. s. w. Und das ist natürlich bei dem jetzigen Riesenbetrieb eine 
viel höhere Summe als damals bei dem soviel kleineren Werk. Aber neu 
geschaffen wird tatsächlich in der heutigen Fabrik nur doppelt soviel Wert 
wie damals." 
„Ja, aber dann wäre doch diese Erweiterung des Betriebes ein reiner 
Unsinn gewesen", warf Karl ein. „Wenn der Kapitalist damals zum Beispiel 
eine Kapitalsanlage von 100.000 Mark hatte und ihm die Arbeiter einen 
Wert vor, sagen wir, 10.000 Mark über ihren Lohn hinaus schafften, dann 
hatte er doch einen Profit von 10 Prozent. Wenn heute aber in der Fabrik 
eine Million angelegt ist und die Arbeiter jetzt das Doppelte schaffen, also 
20.000 Mark, dann ist sein Profit nur mehr 2 Prozent (1,000.000 : 20.000). 
Mit all seiner eifrigen Tätigkeit hätte also unser erlauchter Herr Chef nur 
erreicht, daß er jetzt einen geringeren Profit macht als vor 25 Jahren. Danach 
sieht es aber gar nicht aus. Es scheint ihm recht gut angeschlagen zu haben." 
„Vor allem hast du einen kleinen Rechenfehler gemacht", erwiderte ich; 
„denn wenn die Arbeiter jetzt den doppelten Wert neu schaffen, so ist ja 
damit noch nicht gesagt, daß sie auch den doppelten Lohn erhalten." 
„Und das ist auch nicht einmal wahrscheinlich", warf Wilhelm hastig 
dazwischen. „Je mehr Maschinen angewendet werden, desto billiger werden 
die Waren, und so kann der Geldlohn des Arbeiters sinken, während das, 
was er sich dafür kaufen kann, vielleicht sogar mehr wird." 
„Na, ich glaube zwar nicht, daß das wirklich geschehen ist, denn mir 
scheint eher, daß alles teurer geworden ist", antwortete Karl; „aber die Mög 
lichkeit gebe ich schon zu. Es ist wahr, daß ich daran nicht gedacht habe. 
Aber nehmen wir einmal an, daß die 10.000 Mark, welche die Arbeiter früher 
dem Chef als Profit lieferten, zum Beispiel die Hälfte des von ihnen neu 
geschaffenen Wertes ausmachte und die andere Hälfte, also ebenfalls 10.000 
Mark, als Lohn ihnen selbst zufiel, und daß jetzt sogar drei Viertel von 
dem neu geschaffenen Wert (also von 40.000 Mark, dem Doppelten der 
früheren 20.000 Mark) dem Kapitalisten und nur ein Viertel den Arbeitern 
zufallen, so hätte jetzt der Unternehmer doch nur auf eine Million Anlage-
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kapital einen Profit von 30.000 Mark, also ganze 3 Prozent; sein Gewinn 
^ a i e a^o nod) immer von 10 auf 3 Prozent gesunken. Das kann ich aber 
doch nicht glauben Da müßte er doch verrückt sein, um das zu tun, und 
das ist er gewiß nicht. Der ist ein ganz schlauer Patron." 
^ m ® e ^ nuv '“ lvarf ich ein, „ob er das freiwillig getan hat." 
0 -.xsd) weiß schon, worauf du anspielst", bemerkte Wilhelm, der eine 
Zeitlang nachdenklich geschwiegen hatte. „Ich erinnere mich ganz gut: als 
wir von der Einführung der Maschinen überhaupt sprachen, da fanden wir, 
uiB die Kapitalisten durch die Konkurrenz gezwungen werden, immerfort 
neue Maschinen einzustellen, und daß sie dabei nur so lange einen besonderen 
Vorteil haben, als ste ihren Konkurrenten voraus sind. Ist die neue Maschine 
allgeinein eingeführt, dann hat keiner mehr einen Vorteil davon. Jetzt 
Ktietnt sick) aber sogar herauszustellen, daß alle zusammen nicht nur keinen 
Vorteil haben, sondern einen direkten Nachteil, wenn nach der Ausgleichung 
i H Profit tm Verhältnis zum angelegten Kapital kleiner geworden ist." 
t .. »Ja, aber bei meinem Chef kann ich das doch nicht glauben", er 
widerte Karl; „der ist dabei ein reicher Mann geworden. Wenn aber unsere 
vorige Berechnung richtig wäre, hätte er doch verarmen müssen." 
r 'k^uN' gar so schlimm sah es doch nicht aus", erwiderte Wilhelm 
mchend. -Mach unserer Rechnung, hat er doch gegen 10.000 Mark Prosit von 
damals, letzt oO OM Mark. Das ist nicht gerade zum Verhungern. Aber das 
yn ^ m L toa J ll: ' ^ eme merkwürdige Geschichte ist: denn um diese 
. 0.000 Mark zu verdienen, muß er jetzt zehnmal soviel Kapital anwenden 
wie früher. 
„Ihr vergeßt beide," fiel ich ein, „daß der Profit nicht in dem be- 
^f?ltenden Betrieb allein erzeugt wird, sondern daß der in der ganzen Gesell- 
Eaft ne» erzeugte Wert, soweit er nicht als Lohn an die Arbeiter selbst 
K'^uckbezahlt wird, durch die Konkurrenz ziemlich gleichmäßig auf alle 
Kapitalien verteilt wird. Es kommt also dabei nicht nur auf das Verhältnis 
zwilchen totem Kapital und Arbeitslohn in Karls Fabrik an, sondern auf 
das tm ganzen Wirtschaftsgebiet, also zunächst im Deutschen Reich Im 
allgemeinen ist aber die Entwicklung noch nicht so weit fortgeschritten wie 
in Karls Fabrik, der Profit ist daher auch noch nicht so stark gesunken, wie 
es unsere Rechnung ergeben hat." 
"Noch nicht!" riefen Karl und Wilhelm zugleich. „Aber mit der Zeit 
mich es , denn doch dazu kommen", fuhr Karl fort. „Denn die Konkurrenz 
zwingt ia die Kapitalisten fortwährend, Arbeiter durch Maschinen zu ver- 
drangen: aber dadurch wirft das Kapital nicht nur Arbeiter aufs Pflaster, 
dadurch ichadet es sich selbst, denn es verkürzt immerfort den eigenen 
Profit." 
.. »Dadurch aber," ergänzte ich, „wird der Prozeß, in dem die Großen 
me Kleinen auffressen, noch beschleunigt: denn wir haben ja gesehen, daß 
die Konkurrenz jeden Kapitalisten umbringt, der nicht fortwährend seinen 
betrieb ausbaut und vergrößert. Je kleiner aber der Profit im Verhältnis 
3um angelegten Kapital wird, desto schwieriger wird es für den kleineren 
Kapitalisten, so große Ersparungen zu machen. Denn abgehen lassen will 
er sich iß auch nichts. Natürlich, beim Riesenkapital, da spielen die paar 
Lausende, die der Kapitalist für sich verbraucht, kaum eine Rolle- das ver 
mehrt sich rapid, auch wenn der Profit im Verhältnis kleiner wird. Der 
kleinere Kapitalist aber zehrt seinen ganzen Profit auf, es bleibt nichts 
übrig, womit er seinen Betrieb vergrößern könnte."
        <pb n="100" />
        „Holloh!" schrie jetzt Karl ganz aufgeregt. „Wenn das alles richtig ist, 
dann würde das ja bedeuten, daß sich der Kapitalismus selbst umbringt. 
Denn durch sein eigenes Wachstum verringert er seinen eigenen Prosit. 
Von dem aber lebt er. Wenn das so fortgeht, dann wird man noch einmal 
in der Zeitung unter den Todesnachrichten lesen können: „Gestern hat 
der Herr Kapitalismus nach langem, schwerem Leiden seinem Leben durch 
Erwürgen selbst ein Ende gemacht. Friede seiner Asche." Das wird lustig 
sein!" Und Karl lachte über das ganze Gesicht. 
Die Ueberproduktion. 
Als ich von einer längeren Reise zurückkehrte, traf ich bald wieder 
meine beiden jungen Freunde. Kaum waren wir wieder beisammen und 
hatten uns eben begrüßt, so begann Karl: „Während deiner Abwesenheit 
haben wir uns viel gestritten, wir sind aber bis heute noch zu keiner Eini 
gung gekommen. Wilhelm warf nämlich die Frage auf, wo denn eigentlich 
die ungeheuren Warenmassen alle hinkommen, die Jahr für Jahr pro 
duziert werden? Wir haben gesehen, daß die Fabrikanten fortwährend neue 
Maschinen einstellen, und daß sie das tun müssen, wenn sie nicht von anderen 
Konkurrenten unterboten werden wollen. Da nmß aber doch die Produktion 
von Jahr zu Jahr steigen, und zwar sehr schnell. Wo kommt das alles hin? 
Die Zahl der Arbeiter und ihr Lohn wachsen doch lange nicht so schnell wie 
die Erzeugung von Waren. Und schließlich können die Kapitalisten allein 
doch nicht soviel aufzehren. Sie treiben ja allen möglichen Luxus; aber 
gerade die Massenartikel werden doch nicht von den reichen Leuten ver 
braucht, sondern von den ärmeren, besonders von den Arbeitern. Wer kaust 
also die Unmengen von Waren? 
Diese Frage hat uns viel zu denken und zu streiten gegeben. Zuerst 
meinte ich, daß doch ein sehr großer Teil der Arbeit gar nicht auf Lebens 
mittel, Wohnhäuser u. s. w. verwendet wird, also aus Sachen, die von den 
Menschen unmittelbar verbraucht werden, sondern daß ein großer Teil der 
jährlichen Arbeit zur Herstellung von Maschinen, Eisenbahnen, Fabrik- 
' gebäuden, Bergwerken u. s. w. verwendet wird, und nach diesen ist der Bedarf 
unbeschränkt. AIs ich das aber Wilhelm sagte, wandte er ein, daß so die 
Schwierigkeit nicht beseitigt wird, sondern nur hinausgeschoben. Denn alle 
diese Maschinen u. s. w. dienen doch dazu, noch mehr Waren für den 
Lebensbedarf herzustellen, und so wird die Schwierigkeit immer größer 
statt kleiner." 
„Ich finde die Sache gar nicht so furchtbar schwierig", unterbrach 
Wilhelm seinen Freund; „ich habe dir ja schon öfters gesagt: gerade daraus, 
daß soviel produziert wird, was bei uns nicht verkäuflich ist, geht hervor, 
wie notwendig es ist, daß exportiert wird. Im Inland lassen sich die Waren 
nicht mehr absetzen, so schickt man sie eben ins Ausland." 
„Aber wäre es denn da nicht viel besser, die Löhne der Arbeiter würden 
erhöht, damit die Arbeiter selbst mehr kaufen können?" warf Karl ein. 
„Siehst du," wandte er sich an mich, „so streiten wir jetzt schon die ganze 
Zeit herum. Wilhelm will immer beweisen, wie wichtig der Aussuhrhandel 
ist, und ich will ihm beweisen, wie notwendig es wäre, daß die Arbeitslöhne 
erhöht werden."
        <pb n="101" />
        — 97 — 
r rr ich ja gar nicht", fiel Wilhelm hitzig ein. „Natürlich 
sollen die Arbeitslöhne erhöht werden. Das wäre gewiß auch für den Absatz 
Waren gut. Wenn die Arbeiter mehr Geld hätten, würden sie gewiß 
&lt; r E^ufen und unser Geschäft würde sich heben. Aber wir sprechen 
doch nicht davon, was schön wäre und was wir uns wünschen, sondern davon, 
^^"^chchoschleht. Tatsächlich werden die Löhne nicht oder sehr wenig 
erhöht und die Waren finden doch Absatz. Da bleibt also nur übrig, daß sie 
entweder von den reichen Leuten selbst gekauft oder daß sie exportiert 
to ' C lK n - „w“ °ber gerade vorhin selbst gesagt, daß die reichen Leute 
nicht so viele Massenartikel kaufen. So bleibt also mtr die Ausfuhr übrig." 
„-vM, ober erlaub einmal die Frage," warf ich nun ein, „werden denn 
unsere exportierten Waren verschenkt?" 
„Natürlich nicht", erwiderte Wilhelm unwillig. „Im Ausland werden 
sie eben^gut verkauft, sonst würde man sie doch nicht ausführen." 
r, "Schön", erwiderte ich; „aber wenn die Waren verkauft und nicht 
verichenkt werden, dann sehe ich nicht ein, wieso dadurch die Schwierigkeit 
behoben werden soll, die euch soviel zu denken gibt. Denn für das Geld 
Serben wieder tm Auslande Waren eingekauft und zu uns eingeführt. 
Tatsächlich gleichen sich ja Ausfuhr und Einfuhr der meisten Länder im 
Werte annähernd aus. So werden zum Beispiel aus Deutschland Waren 
nn Werte von 8000 Millionen Mark im Jahre ausgeführt und für 9000 
Millionen eingeführt. Ihr seht also, die Schwierigkeit wird durch den 
Handel nach fremden Ländern nicht geringer, sondern eher größer." 
Art wäre es dann wohl das Gescheiteste", erwiderte 
Wilhelm lachend, man würde Jahr für Jahr etliche Millionen zuni Beispiel 
rns Meer trerfen, damit auf dem Warenmarkt Luft wird. Ihr seht aber, 
es geht auch, ohne daß das geschieht. Ich habe wenigstens noch nichts davon 
gehört, daß die Kapitalisten miteinander übereingekommen wären, jährlich 
etliche Millionen ins Meer zu versenken. Früher soll ja so etwas zuweilen 
vorgekommen sein. So habe ich kürzlich gelesen, daß die Holländer ganze 
Schiffsladungen von kostbaren Gewürzen ins Wasser geworfen haben, um 
die Preise hoch zu halten. Heute geschieht so etwas aber doch nicht mehr " 
„Da irrst du dich aber gründlich", antwortete ich. „Gerade heute ge- 
Ichieht dasein noch viel größerem Maßstabe als jemals früher, und dabei 
listet " ^ aCf,e ' tt,rau gemacht, daß sie die Kapitalisten selbst fast nichts 
„Da bin ich aber neugierig, wo und wann das geschehen soll", unter- 
•‘Jsr nn $ Wilhelm. „So etwas ließe sich doch nicht heimlich machen. Du 
willst uns einen Bären aufbinden." 
„Das geschieht auch gar iiicht heimlich," antwortete ich ruhig, .sondern 
vor aller Augen. Das Parlament berät jedes Jahr, wie viele' Millionen 
wieder ins Wasser geworfen werden sollen; oft bestimmt es die Summen 
schon auf Jahre voraus. Die Kosten, die daraus entstehen, werden dann 
durch indirekte Steuern aufgebracht, das heißt: die Lebensmittel werden ver-' 
teuert, und auf diese Weise muß die große Masse der armen Leute be 
zahlen was die Kapitalisten ins Wasser werfen. Und es handelt sich dabei 
gar nicht etwa um geringfügige Summen, sondern um Hunderte von 
Millionen." 
„Aha, jetzt verstehe ich schon, wc&gt;s Giistav meint", fiel hier Karl 
lächelnd ein. „Es ist unsere Kriegsmarine. Da werden wirklich Jahr für 
isnfir Hunderte von Millionen ins Wasser geworfen, ohne daß wir jemals 
etwas dafür zurückbekommen wie beim Außenhandel. Aber gerade so wie
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        98 
die Marine kannst du doch dann auch unsere übrigen militärischen 
Rilstnngen heranziehen. Die verschlingen doch Jahr für Jahr noch viel 
größere Summen, für die nie etwas zurückkommt. Daran dachte ich frei 
lich noch nie, daß der Militarismus ja eine ungeheure Erleichterung auf den 
Warenmarkt schaffen muß. Da wird uns immer erzählt, daß das Vater 
land in Gefahr ist und daß wir deshalb rüsten und hohe Steuern zahlen 
müssen. Dabei hat aber die ganze Geschichte den Zweck, den Kapitalisten 
Absatz zu verschaffen." 
„Halt", rief Wilhelm dazwischen. „Ihr wollt mich t&gt;a beschummeln. 
Werden denn die Kriegsschiffe, Kanonen, Munition, Lebensmittel und Aus 
rüstungsstücke für die Soldaten u. s. w. nicht ebenso bezahlt, als ob sie ins 
Ausland gingen? Wenn also der Export keine Erleichterung schasst, dann 
tun es doch die Militärausgaben auch nicht." 
„Freilich werden diese schönen Dinge alle bezahlt, und zwar recht gut", 
antwortete ich; „aber wo kommt das Geld dazu her? Aus den Steuern 
und Zöllen. Die Sache ist also so, daß die großen Massen des Volkes das 
Geld zusammenschießen müssen, um den großen Fabrikanten Panzerplatten, 
Kanonen, Uniformen u. s. w. abzukaufen und diese schönen Dinge dann 
wegzuwerfen oder vielmehr mit ihnen Jahr für Jahr ein paar hundert 
tausend junge, arbeitskräftige Männer mit anstrengendem Nichtstun zu be 
schäftigen. Würde man alle diese jungen Leute in der Produktion beschäftigen, 
statt sie durch zwei Jahre in geschäftigem und anstrengendem Müßiggang 
zu erhalten, dann würde die Produktion noch viel rascher wachsen, als sie es 
schon tut. Dann würde die Gesellschaft noch mehr in ihrem Warenüberfluß 
ersticken." 
„Das wäre aber auch ein Unglück!" rief Karl ganz grimmig dazwischen. 
„Es können doch gar nicht zuviel Waren da sein. Es gibt noch so viele 
Leute, die hungern und frieren, die kein Dach über dem Kopfe haben und 
in Lumpen gehen. Und da soll es eine Ueberproduktion geben? Sollen nur 
die Kapitalisten die Löhne erhöhen, dann werden sic gleich Absatz für ihre 
Waren haben! Dann brauchen wir den ganzen Militarismus nicht mehr." 
„Ja, seht ihr," erwiderte ich, „wenn es wirklich das Ziel und der 
Zweck unserer Wirtschaft wäre, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, 
dann wäre die Sache sehr einfach, dann gäbe es die Frage der Ueber 
produktion überhaupt nicht. Dann ginge es allen Menschen um so besser, 
je mehr Güter erzeugt würden; denn um so mehr entfiele dann auf den ein 
zelnen. So wäre es in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Heute aber 
wird die ganze Produktion nur von dem Streben nach Profit beherrscht. 
Es fragt sich nicht, ob die Produkte nützlich sind, sondern, ob sie mit großem 
Nutzen verkauft werden können. Darum wird zum Beispiel riesig viel 
Kapital und unmittelbare Arbeit auf die Schnapsbrennerei verwendet, ob 
gleich der Schnaps gar nichts Nützliches, sondern ein gefährliches und schäd 
liches Gift ist, während zugleich eine Menge Menschen hungern, die von dem 
Getreide und den Kartoffeln, die jetzt gebrannt werden, ganz gut leben 
könnten. 
Da nun aber die Höhe des Profits in unserer Wirtschaft das Aus 
schlaggebende ist, rönnen sich die Kapitalisten natürlich mit einer Maßregel 
nicht befreunden, die diesen Profit schmälert. Eine Erhöhung der Löhne tut 
das aber, wie wir gesehen haben. Daher ist es den Kapitalisten viel lieber, 
Jahr für Jahr Hunderte von .Millionen ins Meer zu werfen oder in 
Kanonen, Festungen u. s. to. zu stecken, die ja doch.fast ganz von der großen 
Masse des armen Volkes bezahlt werden müssen, als die Arbeitslöhne zu
        <pb n="103" />
        99 
erfjofycn imb dadurch ihren Profit noch weiter zu schmälern, als er durch die 
natürliche Entwicklung des Kapitalismus selbst schon herabgedrückt wird, 
xcu ist ^onn auch einer der Hauptgründe dafür, daß die bürgerlichen 
Parteren durchweg für Kriegsrustungen sind, wir aber mit aller Kraft dem 
entgegentreten. 1 
Die Krisen. 
i. 
. "Nun höre aber einmal, Gustav," begann Wilhelm wieder, nachdem 
££ S^tlong nachdenklich vor sich hingeblickt hatte, „du sagst, die großen- 
Massen der neu erzeugten Waren könnten deshalb nicht aufgebraucht wer 
den, weil dre Lohne nicht in demselben Verhältnis steigen wie die Waren- 
erzeugung, die Kapitalisten aber für ihren persönlichen Bedarf nicht Massen- 
artikel verbrauchen, sondern Luxuswaren. Deshalb, sagst du, bleiben Massen- 
arnkel übrig oder sie müssen dann „ins Meer geworfen", das heißt für 
militärische Zwecke verwendet werden." 
'^un, was dn zum Schluß sagst, ist nicht ganz richtig", unterbrach ich 
ihn. Die Massenartikel werden nicht zuerst blind darauslos erzeugt und 
dann für militariiche Zwecke u. s. to. verwendet, sondern die Produktion selbst 
wird schon für diese Zwecke eingerichtet." 
„Schön," antwortete Wilhelm, „das führt sogar noch näher zu der 
Frage, die ich dir stellen wollte: Warum werden nicht einfach Luxuswaren 
iur den Bedarf der Neichen erzeugt statt der Massenartikel, die sich dann als 
unverkäuflich Herausstellen? Wenn die Produktion für die Zwecke des 
Militärs eigens eingerichtet werden kann, so muß das doch auch für die 
Luxuswaren möglich sein. Geschieht das aber, dann gibt es gar keine 
Ueberproduktion mehr." 
. "Das ist eigentlich ganz richtig", siel Karl beistimmend ein. „Wenn 
zuviel Massenartikel und zu wenig Luxuswaren erzeugt werden, dann muß 
doch der Preis der Luxuswaren steigen, und so wird es lohnend, sie zu pro 
duzieren. Damit wäre doch eigentlich die ganze Schtvierigkeit gelöst." 
„Das sieht allerdings sehr überzeugend aus", antwortete ich. „Aber 
sehen wir einmal etwas genauer zu, wie es denn zu dieser ungeheuren 
Steigerung der Produktion eigentlich kommt. Warum erzeugen denn die 
Kapitalisten überhaupt so viel, daß sie dann nicht wissen, wohin mit all dem 
Legen? 
_ . --Weil jeder die Preise des anderen unterbieten will und deshalb 
semen Betrieb erweitern muß; denn tip großen ist die Produktion immer 
billiger als im kleinen", antwortete Karl. 
,Manz richtig", erwiderte ich; „wir haben aber auch gesehen, welche 
große Rolle dabei die Einführung von neuen Maschinen spielt. Ihr werdet 
euch erinnern, daß der Kapitalist, der eine neue arbeitsparende Maschine 
einfuhrt, dadurch einen Extraprofit macht. Dadurch zwingt er aber die an 
deren Kapitalisten, ebenfalls solche neue Maschinen einzuführen, und so 
wird die Produktion gerade in den mit Maschinen betriebenen Industrien 
ungeheuer schnell gesteigert. Der kleine Gewinn, der durck die Steigerung 
der Preise für Luxuswaren erzielt werden kann, kommt kaum in Betracht 
neben den nesigen Extraprofiten, die von den einzelnen Kapitalisten durch 
Einführung von neuen Maschinen gemacht werden können. So erklärt es 
l*
        <pb n="104" />
        100 
sich, daß die Produktion von Massenartikeln viel rascher wächst als die von 
Luxuswaren, und dadurch kommt es fortwährend zur Ueberproduktion, und 
die kapitalistische Welt weiß dann nicht, wohin mit dem billigen Zeug." 
„Aber bleibt da nicht noch immer ein Ausweg?" fragte Wilhelm 
zögernd. „Kann man nicht die Massenartikel ins Ausland exportieren und 
dafür Luxuswaren eintauschen?" 
„Das wollen aber doch alle Völker zugleich," wandte Karl ein; „das 
kann doch nicht gehen." 
„Was Wilhelm da sagt, ist gar nicht so uneben," erwiderte ich. „Frei 
lich, Industrieländer können nicht so miteinander tauschen, daß jedes die 
Massenartikel hergibt und dafür Luxuswaren bezieht. Wohl aber ging das 
lange Zeit mit den wirtschaftlich rückständigen Völkern und geht auch heute 
• noch zum Teil so. So führt Deutschland zum Beispiel große Mengen billiger 
Baumwollwaren nach China und Afrika aus und erhält dafür von dort 
Seide, Gold, Elfenbein und andere Luxusartikel für den Bedarf der 
Reichen. Früher wurde der ganze Handel nach den Ländern des fernen 
Osten, nach Indien, China, Japan, nach den Südsecinseln u. s. W. in dieser 
Weise geführt. Aber seit die Riesendampfer den Verkehr vermitteln und 
jene fernen Länder sich nun auch für den Export im großen eingerichtet 
haben, sind eine Reihe von Artikeln, die früher nur für die Reichen da 
waren, auch in den Verbrauch der ärmeren Leute übergegangen, wie 
Kaffee, Tee, Kakao, Pfeffer, Bananen u. s. to. Ferner aber werden jetzt 
eine Unmenge Rohprodukte für unsere Industrie aus jenen Gegenden oder 
aus Afrika geholt, wie zum Beispiel Baumwolle, Kautschuk, Kokosnüsse, aus 
denen Pflanzenfett gewonnen wird, und viele andere. Endlich aber fangen 
einige von diesen Ländern jetzt sogar schon an, selbst Jndustrieartikel für 
den Masfenexport zu fabrizieren. Daher wird diese Möglichkeit für das 
Kapital, Massenartikel im Ausland gegen Luxuswaren einzuhandeln, 
immer geringer." 
„Ja, das ist schon wahr," meinte Wilhelm. „Mit Luxusartikeln 
allein könnte man unsere Riesendampfer auf ihrer Heimreise von ben 
überseeischen Ländern nicht befrachten. Uebrigens würde doch unsere In 
dustrie zugrunde gehen ohne die fremden Rohstoffe. Wenn ich nur zum 
Beispiel meinen Anzug anschaue, muß ich das schon einsehen. Mein Hemd 
ist aus Baumwolle gemacht, und die kommt aus Aegypten, Indien und 
Amerika. Das Tuch zu meinem Rock ist vielleicht aus australischer Schaf 
wolle gewebt; das Leder zu meinen Stiefeln stammt vielleicht aus Indien. 
Eigentlich muß man staunen, daß diese Länder noch immer so viel Roh 
stoffe liefern können. Unsere Industrie dehnt sich doch riesig rasch aus; 
ich weiß gar nicht, wie diese zurückgebliebenen Länder mit ihrer Land 
wirtschaft nachkommen können. Wird denn die ebenso rasch verbessert wie 
bei uns die Industrie?" 
„Durchaus nicht," erwiderte ich. „In Aegypten zum Beispiel pflügen 
heute die Bauern nicht viel besser als ihre Vorfahren vor 2000 Jahren; 
in Indien ist es kaum anders. Aber der alte Ackerbau für den Bedarf 
der Eingeborenen wird in diesen Ländern stark zurückgedrängt, und dafür 
werden immer weitere Gebiete mit Baumwollstauden, mit Kaffeebäumen, 
Teesträuchern u. s. w. bebaut. Die fortwährenden entsetzlichen Hungers 
nöte in Indien sind zum großen Teil dadurch bewirkt." 
„Aber das muß doch seine Grenzen haben," fiel Karl ein. „Man 
kann doch den Bauern ihr Land nicht ganz wegnehmen, sie müssen doch
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        101 
Kttouf , ^ n tnr nS Ct s der Bedarf nach Baumwolle, 
ti 0 ^ r « 0 toQd) ' r s° mußte doch das Gebiet auch fort- 
wahrend wachsen, das mit Baumwollstauden und Gummibäumen bepflanzt 
©orm^fir unforo ri to frf+' ontwortete ich. „Es ist auch eine ständige 
stüffpir hw. f J nt n i tnta rj t r t r n ' die ungeheuren Massen von Roh- 
n Shipn b, l U] hernehmen. Darum werden die Bauern 
m Indien, Aegypten und anderen Landern immer mehr gezwungen statt 
.Handelspflanzen anzubauen, und trotzdem da oft 
geradezu Raubbau getrieben wird, das heißt obwohl die Bodemckätze aus 
gebeutet werden ohne Rücksicht auf die kommenden Liten wÄst doch 
immerfort die Verlegenheit um das Rohmaterial." ^ 
„Wer da ist doch ein großer Unterschied," entgegnete Karl „Ein 
großer Teil der Rohmaterialien, die in der Industrie verarbeitet werden 
Ichmmt doch aus Bergwerken zum Beispiel das Eisen, aus dem unsere 
^Ä^n^omacht werden, ist aus Eisenerzen gewonnen. Die kann man 
aber graben, io viel man will. Bei den Kohlen ist es doch auch so." 
iw sh "sAs 6anz^richtig," ^ erwiderte ich; „denn die Gewinnung 
der Erze und Kohlen wird um so teurer, je tiefer man in die Erde vor- 
ringen muß. Aber jo viel ist schon richtig, daß Erfindungen, Einführung 
neuer Maschinen u s. to. diese Gewinnung wieder sehr fördern und ver 
billigen, und man kann beinahe davon sprechen, daß man jederzeit soviel 
Esten und Kohlen gewinnen kann, wie man braucht. Aber bei den pflanz- 
lochen und tierischen Stoffen liegt die Sache anders. Auch da kann man 
naturlia,- die Flache ausdehnen, auf denen die Pflanzen angebaut, die 
gLZuchtet werden, und man kann auch durch Anwendung von der- 
besserten Methoden den Ertrag der Grundstücke steigern. Aber das geht 
lange nicht so schnell, wie es die Industrie erfordern würde." 
„Aber dann müssen doch die Bodenprodukte, besonders die pflanz 
lichen und tierischen Rohstoffe, stark im Preise steigen", wandte Wil 
helm ein. 
„Das tun sie auch, besonders zeitweilig", antwortete ich. 
"Wieso denn zeitweilig mehr als sonst?" fragte nun Wilhelm er- 
staunt, „xzch hatte gedacht, daß dann eben die Preise überhaupt immer 
steigen müssen, nicht nur manchmal." 
„Es ist aber doch so", antwortet^ ich, „nnd ihr werdet gleich einsehen 
woher das kommt. Nehmen wir zum Beispiel an, daß der Kaffecpreis 
zu irgendeiner Zeit sehr hoch steht. Nun erscheint es vielen Besitzern von 
Pstanzungen, aus denen bisher etwa Tee oder Kakao oder Getreide ange- 
baut wurde, lohnender, Kaffeebäume anzupflanzen, aber diese Bäumchen 
brauchen mehrere Jahre bis sie Früchte liefern. Während dieser Zeit 
bleibt der Drew noch immer hoch und steigt wahrscheinlich sogar noch. Nach 
^ un ^ohren aber fangen alle diese jungen Bäumchen auf einmal 
an, Bohnen zu liefern; nun übersteigt auf einmal das Angebot die Nach- 
srage, es werden mehr Kaffeebohnen aus den Markt gebracht, zum Kauf 
angeboteil, als zu dem alten hohen Preis verlangt werden, und nun be- 
ginnen stch die Kasseepflanzer gegenseitig zu unterbieten, die Preise sinken. 
Bon ^ahr zu st&gt;ahr wächst aber die Kaffeernte, und so sinken die Preise 
immer tiefer. Jetzt will niemand mehr Kasfeebäume anpflanzen, denn 
die Preise ltohen so schlecht, daß sich andere Pflanzen noch immer viel 
besser lohnen. Wenn aber die Kaffeebäumchen etwa 20 Jahre alt sind.
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        102 
liefern sie keine brauchbare Ernte mehr. Plötzlich werden wieder viel 
weniger Kaffeebohnen auf den Markt gebracht als früher, und so steigt 
wieder ihr Preis, und die Geschichte kann von vorn beginnen. Uebrigens 
habe ich dieses Beispiel nicht erfunden-, sondern die Sache hat sich tatsächlich 
oft so abgespielt." 
II. 
„Aber gilt denn das, was du da von den Kaffeebäumen erzählst, nicht 
ebenso auch für Fabrikanlagen, große Maschinen u. s. to.?" fragte Karl nach 
einigem Nachdenken. „Der Bau unserer Fabrik zum Beispiel und die Kon 
struktion der Maschinen würde ein paar hübsche Jahre dauern. Wenn also 
zum Beispiel der Preis all der Eisenwaren, die bei uns erzeugt werden, steigt 
und ein Kapitalist jetzt eine neue Fabrik errichten will, braucht er, wenn 
er die Maschinen fertig kauft, mindestens ein paar Monate, bis er Waren 
liefern kann, und unterdessen können die Preise sich schon längst wieder 
geändert haben." 
„Ganz richtig," bestätigte ich, „aber wenn viele Kapitalisten das zugleich 
tun wollen, dann können sie nicht alle die Maschinen fertig kaufen, dann 
müssen diese erst bestellt und gebaut werden. Das kann Jahre dauern. Man 
muß ja auch rechnen, daß bei starker Steigerung des Bedarfes an Maschinen 
erst der Stahl, aus dem sie gebaut werden sollen, bereitet werden muß. 
Es müssen also vielleicht erst Hochöfen und Stahlwerke gebaut, am Ende 
gar neue Bergwerke angelegt werden. Darüber werden gewiß Jahre ver 
gehen." 
„Ja, aber können da nicht ein ganze Menge Kapitalisten zugleich solche 
Werke anlegen," meinte Wilhelm, „weil sie die hohen Preise ausnützen 
wollen? Einer weiß nichts vom anderen, alle bauen drauf los. Und wenn 
es dann dazu kommt, daß einer fertig ist und feine Waren zum Verkauf 
bringt, sind die anderen auch geradeso weit, und dann stehen sie alle mit 
langen Gesichtern da." 
„Das kann nicht nur geschehen," bestätigte ich, „das geschieht tat 
sächlich oft genug. Nehmen wir als Beispiel den Bau einer neuen Eisenbahn 
linie. Da werden Eisenbahnschienen gebraucht und Schwellen, aber auch 
neues „rollendes Material", also Wagen und Lokomotiven. Für die Stations 
gebäude werden Ziegel gebraucht, für die Brücken Eisenkonstruktionen. 
Zugleich werden aber eine Menge Arbeiter in die Gegend gezogen. Die 
brauchen Kleider, Lebensmittel u. s. w. Jetzt fängt unter den Kapitalisten 
ein Wettlauf an. Wer zuerst imstande ist, die großen Aufträge auszuführen, 
der ist im Vorteil. Hals über Kopf wird gearbeitet. Hochöfen werden errichtet, 
Walzwerke angelegt, Sägewerke, Ziegelöfen errichtet, Bäckereien, Fleische 
reien erweitert u. s. f. Handelt es sich nur um eine neue Linie, so läßt sich 
vielleicht noch halbwegs überblicken, wieviel gebraucht werden wird und 
welche Vorbereitungen zu treffen sind. Aber oft treffen viele solche 
Anlagen in einer Zeit zusammen, und dann ist es fast unmöglich, Nachfrage 
und Angebot zu überblicken; denn unsere ganze Produktion wird ja nicht 
einheitlich geleitet, sondern jeder einzelne Produzent wird nur von dem 
Verlangen getrieben, möglichst viel Profit zu machen." 
„Da ist es aber doch gar nicht zu vermeiden, daß manchmal zu viel 
und dann wieder zu wenig produziert wird", meinte nun Wilhelm nach 
denklich. „Solange es sich um Waren handelte, die mit geringem Kapital, 
mit Handbetrieb oder mit nur wenigen Maschinen erzeugt wurden, da 
konnten die Preise ganz gut die Erzeugung regeln; stiegen die Preise, dann
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        103 
tourben eben sofort mehr Waren dieser Art erzeugt, großer Vorbereitungen 
bedurfte es dazu nicht; und dann sanken die Preise wieder. Sanken sie 
zu stark, so wurde d:e Erzeugung dieser Waren nicht mehr lohnend, sie wurde 
eingeschränkt, und die Preise stiegen wieder. Aber jetzt liegt doch die Sache 
Tonnen Jahre vergehen, bis die Fabriken gebaut sind und 
dre Waren erzeugt und verkauft werden können. In der Zwischenzeit weiß 
keln? ensch, ob die Bauten und Maschinen, die da errichtet werden, später 
verkäufliche Waren erzeugen werden oder etwas, wonach dann gar keine 
oder nur mehr eine geringe Nachfrage sein wird, oder ob nicht soundso viele 
Konkurrenten zugleich auch solche Werke bauen und dadurch die Preise 
drucken werden." 1 
„ "So, aber wie ist es denn dann erst, wenn die Preise nachher wirklich 
unten. fragte Karl. „Wenn alle diese Bauten und Maschinen dastehen, 
kann man fte doch nicht einfach ruhen lassen. Da stecken doch Dttllionen drin. 
Der Schneider, Schuhmacher oder Bäcker entläßt ein paar Gehilfen und 
schrankt seinen Betrieb em. Er macht dann natürlich weniger Gewinn, aber 
™ T E 1 . 0 «) 'einen direkten Schaden. Aber wenn zum Beispiel in unserem 
Werke die Maschinen stillstehen müßten, dann wäre das ein schöner Schaden 
für die Besitzer. Die Maschinen werden durch das Stillstehen nicht besser. 
Vor allem aber muß das Kapital, das in ihnen steckt, verzinst werden. 
Woher aber die Zinsen nehmen, wenn nicht gearbeitet wird? Was geschieht 
also dann, wenn das wirklich eintritt, was du uns da erzählt hast, wenn zu 
bl - e l e , N?^n errichtet worden sind und jetzt infolgedessen ihre Produkte 
nicht absetzen können?" 
„Dann kommt der große Krach," antwortete ich, „die Krise. Sobald 
die Preiw anfangen zu sinken, wird jeder einzelne Fabrikant erst recht 
darauf aus fern, möglichst viele Aufträge zu ergattern, denn je größer die 
Produktion um so billiger, und um so niedrigere Preise kann der Fabrikant 
daher gewahren. 
„Stber da jagen sich die Fabrikanten ja selbst nur nach schneller ins 
Verderben", rief Wilhelm ganz entsetzt. 
, „Freilich tun sie das," erwiderte ich, „aber das ist ja nicht das erstemal, 
daß wir bemerken, wie die Kapitalisten dadurch ins Verderben rennen daß 
seder den anderen zii besiegen, ihm einen Vorteil abzujagen sucht. Und so 
sehen wir das hier wieder bestätigt. Natürlich muß dann der Krach mit um 
io größerer Wucht kommen. Dann können die Fabrikanten auf einmal ihre 
Rechnungen nicht mehr zahlen, sie stellen die Zahlungen ein, die Werke 
stehen, die Arbeiter werden entlassen. Natürlich suchen die jetzt anderswo 
unterzmommen und drücken dadurch auch die Löhne der anderen Arbeiter 
Diese können daher keine neuen Kleider, Schuhe, Wäsche, Möbel u. s. w. an- 
ichaifen und müssen ihren Bedarf an Lebensmitteln soweit wie nur irgend 
möglich einschränken. Dadurch werden jetzt die Weber die 
Schneider, die Schuhmacher, die Näherinnen, die Tischler, Bäcker, 
Fleischer u.ß w. weniger beschäftigt, auch hier werden Arbeiter entlassen, 
viele Fabnranten können ihren Verbindlichkeiten nicht mehr nachkommen 
und gehen zugrunde. So tritt eine allgemeine Stockung ein. Die Fabri- 
kanten, die bisher für die jetzt verkrachten Werke geliefert haben, finden 
für ihre Waren keinen Absatz mehr, und zugleich werden ihre früheren 
Rechnungen Nicht bezahlt. So reißt einer den anderen mit, Not und Jammer 
werden allgemein. Am schwersten haben natürlich die Arbeiter zu leiden. 
Solange die Geschäfte gut gingen, hatten sie oft Ueberzeit zu arbeiten, sie 
mußten sich atemlos schinden und plagen. Jetzt haben sie Zeit, sich auszu-
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ruhen. Ratlos irren sie von einer Werkstatt zur anderen, überall heißt es, 
daß auch hier Arbeiter entlassen, aber keine neuen eingestellt werden. Und 
während der Schneidermeister zugrunde geht, weil er seine fertigen Anzüge 
nicht verkaufen kann, muß er seine Arbeiter entlassen, und diese haben b-ald 
ebenso wie ihre Leidensgefährten aus anderen Berufen keinen ganzen Rock 
mehr anzuziehen." 
„Aber auf diese Weise miißte doch alles zugrunde gehen", rief da 
Wilhelm dazwischen. „Einer reißt den anderen mit und so wird alles ver 
nichtet. Ist denn das wahr?" 
„Seitdem der Kapitalismus herrscht," erwiderte ich, „sind die Krisen 
eine regelmäßige Erscheinung geworden. Europa sah große Krisen in den 
Jahren 1815, 1825, 1836/1847 (die letztere leitete die Revolution ein), 1857, 
1873, 1882, 1891, 1895, 1900 und 1907." 
„Aber das geht ja wirklich fast ganz regelmäßig", erwiderte Karl 
erstaunt. „Aber wieso erholt sich denn die Wirtschaft doch immer wieder?" 
„Die Krise selbst," antwortete ich, „bewirkt schon den neuen Aufschwung. 
Während der Krisenzeit braucht jeder notwendig Geld, um Zahlungen zu 
leisten. Geborgt wird nichts mehr. Jetzt müssen die Waren um jeden Preis 
losgeschlagen werden, oft tief unter dem Werte. Aber auch die Fabrik 
anlagen selbst müssen oft Hals über Kopf verkauft werden. Wer sie nun 
billig ersteht und auch die Rohmaterialien und Hilfsstoffe um einen Spott 
preis kaufen kann und die Arbeiter billig bekommt, der vermag selbst 
unter den herrschenden schlechten Absatzbedingungen noch mit Gewinn zu 
produzieren. Dadurch beginnt aber das ganze Geschüftsleben sich wieder zu 
heben. Die Arbeiter sind nicht mehr arbeitslos und können sich allmählich 
wieder aus ihrem tiefsten Elend emporarbeiten: sie kaufen Kleider, 
Möbel u. s. w. Die Fabrikanten kaufen wieder Rohstoffe. Jetzt werden neue 
Fabriken gebaut, neue Maschinen aufgestellt, um dem gesteigerten Bedarf 
zu genügen, und so beginnt die Geschichte wieder von vorne." 
„Wenn sich das aber schon so oft abgespielt hat," warf Karl ein, „wieso 
wissen denn die Kapitalisten noch nicht, daß es zum Krach kommen muß?" 
„Die wissen das schon", entgegenete ich, „aber gerade deshalb sucht 
jeder um so schneller sein Schäfchen ins trockene zu bringen. Jeder sucht so 
viel Extraprofit zu machen wie nur möglich. Darum werden die Betriebe 
ausgedehnt, neue Maschinen aufgestellt, jeder sucht die anderen zu über 
flügeln. Je mehr Maschinen in einer Industrie verwendet werden, um so 
eher sind solche Ertragewinne in ihr zu machen, um so mehr Kapital fließt 
ihr zu. Aber wie wir gesehen haben, dauert es gerade bei diesen In 
dustrien oft jahrelang, bis sie die neuen Produkte verkäuflich liefern 
können. Bis dahin stehen natürlich die Preise immer noch, hoch. Die Ma 
schinen und Fabrikbauten, die errichtet werden, erfordern eine Menge Roh 
material und beschäftigen eine Menge Arbeiter. So blüht das ganze Ge 
schäft, besonders die Massenartikel finden reißenden Absatz. Sind doch jetzt 
die Löhne vergleichsweise hoch. Das geht längere Zeit so fort. Die Er 
zeugung von Massenartikeln wächst immer rascher. Endlich aber muß sich 
doch herausstellen, daß zuviel Massenartikel produziert worden sind, daß 
sich keine Käufer dafür finden. Jetzt beginnt die Sache auf einmal zu 
stocken. Irgendwo hat ein großer Fabrikant seine Waren nicht mehr ver 
kaufen können, er kann daher seine Rechnungen, nicht bezahlen, dadurch 
kommt der andere in Verlegenheit, und so reißt einer den anderen mit, die 
Krise ist da."
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Kartelle und Truste. 
„Du erzählst uns da, daß in den letzten hundert Jahren die Krisen 
regelmäßig sich immer wiederholt haben", begann Wilhelm nachdenklich. 
„Da müssen aber doch die Kapitalisten selbst auch daraufgekommen fein, 
was die Ursachen der Krisen sind. Darum kann ich nicht verstehen, daß sie 
nicht versucht haben sollten, dem Uebel zu begegnen, die Krisen zu ver 
mindern. Sie brauchten doch nur untereinander zu vereinbaren, wieviel 
von jeder Warengattung erzeugt werden sollte, und die Gefahr der Krisen 
war beseitigt." 
„Nur!" höhnte Karl; „glaubst du denn, das sei so einfach, die Kapi 
talisten brauchten „nur" zu vereinbaren, wieviel produziert werden 
sollte?" 
„Und doch hat Wilhelm nicht so ganz unrecht", warf ich ein. „Aller 
dings haben die Kapitalisten auch heute noch die wahren Ursachen der 
Krisen recht wenig erkannt. Die einen glauben, es werde überhaupt zu 
viel produziert, andere glauben, es fehlt an Bargeld, wieder andere meinen, 
die Banken seien an den Krisen schuld u. s. w. Gerade die Lehren von den 
Krisen gehört zu den allernmstrittensten Gebieten der Nationalökonomie: 
aber daß die regellose Konkurrenz für die Beteiligten oft große Gefahren 
und Nachteile hat, das mußten selbst die Blindesten erkennen. Ein sehr 
hübsches Beispiel dafür liefern die Dampferlinien auf den großen amerika 
nischen Flüssen. Die unterboten sich früher gegenseitig in den Preisen für 
Frachten- und Personenbeförderung und überboten sich besonders in der 
Schnelligkeit der Fahrten. Das artete so aus, daß oft die tollsten Wett 
fahrten erfolgten und dabei durch Kesselexplosionen und Auffahren auf 
Sandbänke Schiffe und Menschen zugrunde gingen. Endlich fanden die 
Unternehmer aber doch, daß es für sie alle besser ist, wenn sie sich vertrugen, 
statt sich gegenseitig niederzukonkurrieren. Sie vereinigten sich und setzten 
die Preise hinauf, die Geschwindigkeit herunter. Natürlich machten sie jetzt 
viel bessere Geschäfte." 
„Nun also, da hast du es ja", wandte sich Wilhelm triumphierend au 
Karl. „Und wenn dort Vereinbarungen möglich waren, so sind sie es doch 
sonst auch." 
„Das ist bis zu einem gewissen Grade richtig," antwortete ich, „und 
heute gibt es schon eine Unmenge von Vereinbarungen zwischen den Unter 
nehmern; oft haben sie sogar zu noch viel engerem Zusammenschluß ge 
führt. Da braucht zum Beispiel ein Stahlwerk Roheisen und Kohle in 
großen Mengen. Um sich von den Preisschwankungen unabhängig zu 
machen, schließt der Besitzer des Stahlwerks mit den Besitzern von Hochöfen 
und Kohlengruben Verträge auf Jahre hinaus, daß sie ihm zu einem be 
stimmten Preis liefern werden. Oft aber bleibt es dabei nicht stehen. Er ver 
einbart zum Beispiel mit ihnen, daß sie keinem anderen Werk liefern als nur 
ihm. Dafür muß er sich aber verpflichten, eine bestimmte Menge von 
Eisen und Kohle abzunehmen. Jetzt sind die Besitzer der Hochöfen und 
Kohlengruben auch an dem Gedeihen des Stahlwerks stark interessiert: 
denn wenn dieses schlecht geht, kann es ihnen das Roheisen und die Kohlen 
nicht abnehmen. So wird der Zusammenhang zwischen diesen Werken 
immer inniger, oft bilden sie schließlich wirklich eine Gesellschaft, oder der 
Besitzer des Stahlwerks zum Beispiel kauft die Hochöfen und Kohlengruben 
und vereinigt sie mit seinem Werk. Dasselbe Ergebnis tritt ein, wenn zum
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        Beispiel der Besitzer eines Hochofens das Roheisen nicht verkaufen will, 
sondern sich selbst ein Stahlwerk errichtet und erst den Stahl verkauft 
Solche Verbindungen gibt es in größter Mannigfaltigkeit. So haben sich 
zum Beispiel viele große landwirtschaftliche Betriebe Spiritusbrennereien 
oder Zuckerfabriken angegliedert. Das großartigste Beispiel solcher Kom 
bination bieten aber die Elektrizitätswerke, die sich nicht nur darauf ein 
gerichtet haben, die Kupferdrähte selbst zu erzeugen, die sie brauchen, son 
dern sich ganze Kabelwerke angegliedert haben: sie stellen aber auch zugleich 
elektrische Maschinen her und haben zu diesem Zweck große Maschinen 
fabriken errichtet: sie erzeugen aber auch Trambahnwagen, dadurch kommen 
sie in die Holzindustrie u. s. w. Um es aber den Gemeinden zu erleichtern, 
sich Elektrizitätswerke, elektrische Straßenbahnen u. s. w. anznschafsen 
strecken ihnen die großen Elektrizitätsfirmen Geld vor, und dazu haben sie 
wieder ihre eigenen Banken." 
„Aber das ist doch etwas ganz anderes als das Beispiel der amerika 
nischen Dampferlinien, das du vorhin angeführt hast", unterbrach mich hier 
Karl. „Du sprichst hier von Vereinigungen von Werken, die sich keine Kon 
kurrenz machen. Dort aber handelte es sich um die Verhinderung der Kon- 
knrrenz." 
„Ganz richtig," bestätigte ich, „aber wir sprachen ja über die Frage 
der Regelung der Produktion überhaupt; und diesem Zwecke dienen eben 
auch jene Verabredungen und Vereinigungen, von Lenen wir bisher ge 
sprochen haben. Aber noch wichtiger als sie sind jene Verträge zwischen 
selbständigen Unternehmern, welche die Konkurrenz verhindern oder doch ab 
schwächen und beschränken sollen. So schließen zum Beispiel die großen 
Stahlwerke unter sich einen Vertrag, daß sie nur eine bestimmte Produk 
tionsmenge erzeugen und ihre Produkte nicht unter einem bestimmten Preise 
verkaufen, oder daß sie Roheisen und Kohlen nicht über einen be 
stimmten Preis kaufen wollen. Aber so wie im früher besprochenen Falle 
können auch hier die Verabredungen viel weitergehen; demnach unterscheidet 
man auch die loseren Verbindungen, bei denen die einzelnen Unternehmer 
ihre geschäftliche Selbständigkeit noch größtenteils behalten, als sogenannte 
„Kartelle" von den engeren Verbindungen, bei denen die ganze Produktion 
von einer Zentralstelle geleitet wird, den Trusten". Das sind eigentlich 
Gesellschaften, welche die gesamte Erzeugung und den Verkauf bestimmter 
Waren einheitlich regeln und durchführen. Diese Vereinbarungen be 
schranken sich aber nicht auf die Festsetzung der Produktionsmengen und der 
Preise, sie besagen auch oft, daß die Löhne nicht über eine gewisse 
Grenze erhöht werden, oder daß von einem Werk entlassene Arbeiter 
oder Angestellte in keinem anderen angestellt werden dürfen." 
„Aber das ist ja eine Niederträchtigkeit", unterbrach mich hier Wil 
helm. „So ein Arbeiter, der zum Beispiel als Metallarbeiter einen hohen 
Lohn bekommt, findet dann überhaupt kein Brot mehr, wenn er von allen 
Metallfabriken ausgesperrt ist. Da sind ja die Arbeiter an Händen und 
Fußen gebunden ihren Zwingherren ausgeliefert." 
»Oho!" rief Karl dazwischen. „Du vergißt die Gewerkschaften. Wenn 
sich auf der einen Seite die Unternehmer organisieren, so auf der anderen 
Seite die Arbeiter. Gerade dadurch ist es um so notwendiger geworden, 
daß die Arbeiter fest zusammenhalten und einer für den anderen einsteht." 
^ »Das ist schon wahr," bestätigte ich, „aber der Kampf der Gewerk 
schaften um bessere Arbeitsbedingungen wird immer schwerer, und nur das
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eiserne Zusammenhalten kann die Arbeiter vor der völligen Vernichtung 
ihrer besten Waffe, ihrer Verbände, bewahren. Denn die Gegner werden 
immer mächtiger. So wie sich Erzbergwerke, Hochöfen, Stahlwerke und 
Kohlengruben oft zu sogenannten „kombinierten Werken" zusammen 
schließen und dem Willen einer Zentralleitung unterstehen, so werden auch 
die zuerst lockeren Vereinigungen der Unternehmer derselben Industrie 
immer fester, auch hier tritt schließlich eine Verschmelzung ein. Vorhin 
zeigte ich euch zum Beispiel, wie sich die großen Elektrizitätswerke den ver 
schiedensten Fabriken und Banken angliedern. Zugleich haben sich aber 
auch diese Werke selbst immer mehr zusammengeschlossen und nicht nur in 
einzelnen Staaten, sondern in der ganzen Welt. Es gibt heute nur noch 
vier riesige Elektrizitätsfirmen, die sich in die Welt geteilt haben und unter* 
I einander wieder durch Verträge und Vereinbarungen verbunden sind. In 
ähnlicher Weise wird heute fast die ganze Petroleumproduktion der Welt 
einheitlich geleitet. Herr Rockefeller in Amerika ist der fast absolute Herr 
nicht nur über die Petroleumproduktion des größten Teils der Erde, ihm 
oder vielmehr der Finanzgruppe, die er vertritt, gehören Schiffahrtslinien 
und Eisenbahnen, er besitzt Erzgruben und Hochöfen." 
„Ja, aber auf diese Weise besitzen ja wirklich ein paar Leute die Herr 
schaft über die wichtigsten Produktionszweige der Welt", unterbrach mich 
Wilhelm. „Da ist doch wirklich nicht abzusehen, warum die nicht unterein 
ander Abkommen treffen, wieviel jeder produzieren soll, so daß dadurch die 
Krisen unmöglich gemacht werden." 
„So weit sind wir vorläufig doch noch lange nicht", antwortete ich. 
„In Amerika nehmen allerdings die Kartelle und die Truste sehr rasch zu; 
aber selbst dort sind eine Menge Industrien nicht so weit organisiert. Ihr 
dürft ja nicht vergessen, daß diese Vereinbarungen um so schwieriger werden, 
je mannigfaltiger die Artikel sind, auf die sie sich erstrecken. Es ist leicht, 
den Preis von Stabeisen, von Zncker, von Petroleum, Spiritus u. s. w. zu 
vereinbaren: viel schwieriger aber ist das zum Beispiel bei Maschinen, fast 
unmöglich bei Luxusartikeln. Ebenso ist eine Vereinbarung zwischen gleich 
Starken viel leichter als zwischen Unternehmern von ganz verschiedenen 
Kräften. Die kleinen werden da eben meist nur gewaltsam gezwungen, sich 
anzuschließen, auch wenn sie von der Vereinbarung eher Schaden als Nutzen 
haben, oder sie werden ruiniert. Der Terrorismus, der hier herrscht, ist 
unvergleichlich stärker als der Zwang, den hie und da Gewerkschafter auf 
unorganisierte Arbeiter ausüben, sich dem Verein anzuschließen, an dessen 
Vorteilen sie jedenfalls teilnehmen. In Europa, mit seinen verhältnis 
mäßig kleinen Staaten, mit seinen ungeheuren, durch das Militär ver 
ursachten Stenerlasten, mit seiner Politik, die den Kleinbetrieb aufrecht 
erhalten will, mit seinen altererbten Gewohnheiten, geht die Entwicklung 
trotz aller industriellen Umwälzungen doch nicht so rasch wie in dem jungen, 
dirrch keinerlei Rücksichten gehemmten Amerika." 
„Nun gut", warf Wilhelm hier ein. „Wenn auch die Entwicklung 
noch nicht so weit ist, so gibst du doch selbst zu, daß sie in dieser Richtung 
vor sich geht, daß also immer mehr die Produktion der ganzen Welt ein 
heitlich wird. Da wäre es also doch möglich, die Krisen auszuschließen?" 
„Undenkbar ist das freilich nicht," antwortete ich, „aber das würde 
voraussetzen, daß. nicht nur die Unternehmer in jedem Staate sich zu un 
geheuren Verbänden zusammenschließen, die die Leitung ihrer Betriebe 
einer Zentralstelle überlassen, sondern daß diese Vereinigungen
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international werden, und daß zugleich diese Riesenverbände untereinander 
wieder Abmachungen treffen. Schließlich bliebe dann nur noch eine Zen- 
tralstelle übrig, die die Produktion der ganzen Welt einheitlich reguliert. 
Dann wären allerdings die Krisen ausgeschlossen, die ja auf der Planlosigkeit 
unserer Wirtschaft beruhen." 
Die soziale Revolution. 
i. 
„Was du da das letztemal gesagt hast," begann Wilhelm die Unter 
haltung, als wir uns nach längerer Unterbrechung wieder trafen, „das hat 
mir viel zu denken gegeben. Wenn man sich vorstellt, daß die ganze Wirt 
schaft der Welt, die ganze Produktion von einer Zentralstelle aus geleitet 
wird, und wenn man sich diesen Zustand auszumalen versucht, dann ist 
diese Borstellung doch etwas Schreckliches. Dann wäre doch die ganze 
Menschheit nur mehr eine Herde von Sklaven, die für die Leiter dieser j 
Zentralstelle schuften müssen. Jeder eigene Wille müßte dann aufhören, ■ 
die ganze Welt wäre ein Zuchthaus. Ich kann nicht glauben, daß uns das ; 
wirklich bevorsteht. Und doch, wenn ich mir wieder überlege, wie jetzt alles ; 
zur Bildung riesiger Vermögen drängt, wie die Großen immer mehr die 
Kleinen fressen oder doch unterdrücken und dann selbst wieder von noch 
Größeren gefressen oder ausgebeutet werden; wenn ich bedenke, wie sich 
diese ganz großen Raubtiere immer mehr in Rudeln zusammentun, die 
Kartelle oder Truste oder sonstwie heißen; wenn ich mir das alles vergegen- ; 
wältige, dann sehe ich keine andere Möglichkeit, dann muß ich glauben, daß 
du, Gustav, recht hast und wir diesem Zustand der allgemeinen Sklaverei 
entgegengehen." 
„Ja, das hat mir Wilhelm auch schon auseinandergesetzt," begann nun 
Karl, „und das ist mir auch viel im Kopf herumgegangen. Aber ich glaube : 
doch, Wilhelm kann da nicht recht haben; das darf nicht sein. Gutwillig 
werden sich die Arbeiter das nicht gefallen lassen. Sie sind ja heute schon 
abhängig und unterdrückt genug. Aber dann wäre ihre Lage doch ganz ; 
hoffnungslos. Heute können sie doch wenigstens den Unternehmer wechseln, 
von bent sie sich ausbeuten lassen, und durch die Gewerkschaften können sie I 
eine Verbesserung ihres Loses erringen. Aber dann? Dann gäbe es doch i 
nur mehr einen Riesennnternehmer, und wer bei dem nicht in Gnade ! 
steht, der ist rettungslos verloren, der findet überhaupt kein Brot." 
„Und die Gewerkschaften können dann auch nichts inehr machen," ] 
unterbrach hier Wilhelm seinen Freund. „Wenn alle Kapitalisten zusam- 1 
menhielten, könnten die Gewerkschaften heute auch schon nicht mehr viel 
ausrichten: Und je größer und stärker die Verbände und Organisationen 
der Unternehmer werden, desto schwieriger wird der Gewerkschaftskampf. 
Das hast du mir selber neulich auseinandergesetzt, Karl, als ich dich nach 
eurer Vereinsversammlung traf und du mir erzähltest, was der Redner dort 
ausgeführt hatte." 
„Das ist schon richtig," gab Karl kleinlaut zu, „aber trotzdem kann ich 
nicht glauben, daß^sich die Arbeiter das ruhig gefallen lassen werden, wenn 
man sie ganz zu Sklaven macht."
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        109 
„Wie soll das aber gehindert werden?" warf Wilhelm ein. „Können 
die Gewerkschaften znm Beispiel die Bildung von Kartellen vereiteln? 
.Können sie verhindern, daß der Große den Kleinen frißt?" 
„Nein, das können sie gewiß nicht," entgegnete Karl finster, „aber 
wenn es zum Aenßersten kommt, wenn die Arbeiter zur Verzweiflung ge 
trieben werden, dann können die Arbeiter die Fabrikanten hinauswerfen 
und.selber das Werk weiterführen. Glaubt ihr zum Beispiel," fuhr er er 
regt fort, „wir könnten nicht unsere Fabrik auch ohne die Herren Aktionäre 
fortführen? Ein paar Ingenieure würden schon zu uns halten, und bei 
uns sind genug tüchtige Kerle, die die Kunst und Wissenschaft bald heraus 
hätten." 
„Nun ja," mischte ich mich wieder in das Gespräch, „das ist ja ganz 
schön, was du da sagst. Aber ich weiß nur nicht, ob damit allzuviel ge 
wonnen wäre." 
„Na, hörst du," unterbrach nnch Karl entrüstet. „Damit soll nicht ge 
holfen sein, wenn die Fabrik jetzt den Arbeitern selbst gehört und nicht mehr 
den Aktionären? Dann würden wir doch auch den ganzen Ertrag der 
Fabrik unter uns teilen können. Wir bekämen also alles, was heute die' 
Herren Aktionäre und Direktoren einstecken. Und das soll kein Vorteil sein?" 
„Das bestreite ich gar nicht", erwiderte ich. „Die Frage ist nur, wie 
lange die Herrlichkeit dauern könnte. Es sind ja solche Versuche genossen 
schaftlicher Fabriken schon oft gemacht worden: aber sie sind fast alle zu 
grunde gegangen, oder die Genossenschaften haben sich in Aktiengesellschaften 
umgewandelt. Und das ist auch begreiflich." 
„Na, da bin ich aber neugierig", rief Karl kampfbereit. 
„Sind bei euch immer gleich viele Arbeiter beschäftigt?" Mit dieser 
Frage wandte ich mich nun an ihn. 
„Nein," erwiderte er. „Es ist ein fortwährendes Kommen und Gehen, 
je nachdem, wie die Geschäftslage ist. Geht das Geschäft gut, so werden 
mehr Arbeiter eingestellt. Geht es schlechter, so werden welche entlassen. 
Werden neue Maschinen aufgestellt, so werden alte Arbeiter weggeschickt 
und neue bei der Maschine eingestellt, natürlich weniger, als früher da 
waren. Steigt dann wieder die Produktion, so werden wieder mehr Ar 
beiter herangezogen. So schwankt die Zahl fortwährend." 
„Schön," erwiderte ich. „Was geschähe aber, wenn die Arbeiter Ge 
nossenschafter wären? Dann kann doch keiner „entlassen" werden." 
„Statt dessen müßten dann eben alle kürzere Zeit arbeiten", warf 
Wilhelm ein. 
„Nein, so einfach geht _ es doch nicht," erwiderte Karl nachdenklich: 
„wenn zum Beispiel bei uns in der Fabrik kürzere Zeit gearbeitet würde, 
bapn müßten die Maschinen u. s. w. um soviel länger ruhen. Dadurch wird 
aber das ganze Unternehmen unrentabel: und wenn das länger dauert, dann 
müßte die Fabrik zugrunde gehen, auch wenn sie den Arbeitern selbst gehört. 
Ferner aber, was soll man tun, wenn sich das Geschäft hebt? Soll man 
da Ueberzeit arbeiten oder sollen mehr Genossenschafter eintreten, die dann 
in schlechten Zeiten nicht genug zu tun haben?" 
„Nun, da gäbe cs ja ein einfaches Auskunftsmittel," warf Wilhelm 
ein. „Wenn sich das Unternehmen ausdehnt, werden einfach zunächst Lohn 
arbeiter ^eingestellt, und erst wenn man sich überzeugt hat, daß sich die Sache 
halten läßt, daß die Ausdehnung des Betriebes von Dauer ist, dann läßt 
man sie an der Genossenschaft teilnehmen."
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        „Aber, Wilhelm," rief Karl vorwurfsvoll, „was fällt dir denn da 
ein! Wenn alle Fabriken den Arbeitern gehören, da gibt es doch keine 
Lohnarbeiter mehr. Wenn es aber selbst gelänge, welche aufzutreiben, dann 
hätte ja Gustav recht mit seiner Behauptung, daß sich die Produktions 
genossenschaft in eine Aktiengesellschaft verwandeln würde. Dann gäbe es 
wieder Unternehmer und Arbeiter, die „Genossenschafter" würden sich in 
den Profit teilen, den sie durch die Ausbeutung ihrer Lohnarbeiter erzielt 
haben." 
„Woran liegt es also nun," fragte ich, „daß sich die Sache nicht so ein 
fach machen läßt, wie Karl gemeint hat?" 
„An den Schwankungen der Geschäftslage, der Konjunktur," antwor 
tete dieser. 
„Wenn also die Arbeiter das Joch des Kapitalismus abschütteln 
wollen," fuhr ich fort, „wenn sie die Produktion selbst in die Hand nehmen 
wollen, um für sich selbst zu produzieren, dann genügt es nicht, daß sie die 
einzelnen Fabriken, in denen sie arbeiten, an sich bringen und weiter be 
treiben, dann muß die ganze Art der Wirtschaft geändert werden. Dann 
darf nicht mehr der Profit ausschlaggebend sein, ob er jetzt von den Unter 
nehmern oder von den Arbeitern eingesteckt wird, sondern der Bedarf der 
großen Masse. Dann muß die Anarchie, die Planlosigkeit aufhören, die 
heute unser Wirtschaftsleben beherrscht, und statt dessen muß die ganze 
Wirtschaft einheitlich geregelt werden; freilich nicht zum Vorteil einiger 
weniger Kapitalmagnaten, sondern zum Nutzen der Gesamtheit." 
„Aber das ist doch der reine Unsinn, was wir da reden," mischte sich 
nun Wilhelm wieder in das Gespräch. „Ihr tut so, als ob das so eine ein 
fache Sache wäre, die Kapitalisten aus ihrem Besitz zu _ vertreiben. Ihr 
vergeht dabei nur die Kleinigkeit, daß es noch eine Polizei gibt, um das zu 
verhindern, und wenn die schon nicht mehr ausreicht, dann kommt eben das 
Militär. Und gegen das sind die Arbeiter doch machtlos, dagegen kommen 
sie nicht auf. Wer also den Arbeitern solche Ratschläge gibt, wer sie dazu 
anreizt, sich der Fabriken zu bemächtigen, der begeht ein Verbrechen, nicht 
nur an den Fabrikanten, sondern vor allem an den Arbeitern^ die er zur 
Schlachtbank und ins Zuchthaus treibt. Das sagt mein Vater immer, und 
ich kann nur finden, daß er recht hat." 
II. 
„Nun, da hat dein Vater nicht unrecht," erwiderte ich, „wenn er sagt, 
daß der ein Narr oder ein Verbrecher fein muß, der den Arbeitern heute 
den Rat gibt, die Fabriken einfach für sich zu nehmen und die Besitzer zu 
verjagen. Denn erstens würden sie damit doch nicht zum Ziel kommen, wie 
wir gesehen haben, und dann würden sie sich an dem Widerstand der Staqts- 
gewalt den Schädel einrennen." 
„Aber wer ist denn diese Staatsgewalt?" rief nun Karl. „Wer sind 
denn die Polizisten und Soldaten? 'Das sind doch wieder Proletarier. 
Werden sich die denn immer dazu gebrauchen lassen, die Rechte der Unter 
drücker zu verteidigen gegen ihre eigenen Leidensgefährten? Und wird 
denn das Proletariat nicht auch immer stärker und mächtiger? Die Städte 
werden immer größer, und in den Städten wächst die Organisation doch 
noch rascher als auf dem Lande. Aber auch dort breitet sie sich aus. Die 
jungen Leute, die heute zum Militär kommen, sind darum auch keine 
Dklavenseelen mehr. Das weiß ich: wenn ich einmal einrücken muß, ich
        <pb n="115" />
        werde mich nicht dazu gebrauchen lassen, auf Proletarier zu schießen, nur 
um den Geldsack zu verteidigen. Lieber lasse ich mich selber erschießen." 
„Recht hast du", stimmte Wilhelm begeistert zu. „Ich bin kein Sozia!- 
demokrat. Aber ich bin auch keine Sklavenseele. Sollen doch die Reichen ihre 
Angelegenheiten selber mit den Armen ausmachen! Ich bin nicht dazu da, 
sie vor den Folgen ihrer eigenen Habsucht zu schützen. Was sie sich ein 
gebrockt haben, das sollen sie nur auch selber essen." 
„Nun, nun," beschwichtigte ich, „ihr redet ja beide, als sollte morgen 
die blutige Revolution ausbrechen. Das kommt aber daher, daß Karl meinte, 
es gäbe keinen anderen Ausweg aus der immer ärger werdenden Sklaverei 
als die Besetzung der Fabriken dnrch.die dort tätigen Arbeiter." 
„Was soll es denn aber sonst noch für einen Ausweg geben?" fragten 
nun Karl und Wilhelm wie aus einem Munde. 
„Du sagtest vorhin, Wilhelm," fuhr ich fort, „der Staat werde es nicht 
zulassen, daß die Arbeiter von den Fabriken Besitz ergreifen. Warum glaubst 
du das eigentlich?" 
„Aber das wäre doch Revolution!" erwiderte Wilhelm. „Der Staat 
kann doch nicht erlauben, daß einer dem anderen fein Eigentum wegnimmt. 
Da würde doch alle Rechtssicherheit aufhören." 
„So?" gab ich scharf zurück. „Glaubst du das wirklich? Als die Bauern, 
dein eigener Urgroßvater, bei ihrer „Befreiung" um einen großen Teil ihres 
Landes gebracht wurden, als Karls Großvater durch den Möbelhändler, sein 
Großonkel durch den Bauspekulanten um Hab und Gut gebracht wurden, 
als mein Vater um den Ertrag seiner Erfindung geprellt wurde: wo wa« 
denn da der Staat? Hat ep sich da auch um die „heiligen Rechte des Eigen 
tums" gekümmert?" 
„Das ist aber doch etwas ganz anderes", erwiderte Wilhelm etwas 
verlegen. „All dieses Unrecht, das du da erwähnst, ist doch in rechtlicher 
Form geschehen; die das Unrecht verübten, haben doch kein Gesetz übertreten. 
Die Arbeiter aber, die den Fabrikanten seiner Fabrik berauben, begehen 
doch damit ein Verbrechen." 
„Warum ist aber gerade das ein Verbrechen," unterbrach Karl lebhaft, 
„das Ruinieren eines armen Tischlers oder Chemikers ist aber keines? Weil 
eben dieselben Leute, die den armen Bauern, den Tischler, den kleinen Schlosser 
u. s. w. ausplündern, selbst die Gesetze machen. Darum erklären sie, es ist 
kein Verbrechen, die Armen auszuplündern, es ist aber eines, den Reichen 
etwas wegzunehmen." 
„Nun ja," erwiderte Wilhelm lachend, „wenn einmal die Arbeiter 
Gesetze machen, dann werden sie den Spieß umdrehen. Dann wird es ein 
Verbrechen sein, den Armen zu schaden, sie auszubeuten, und es wird keines 
sein, den Reichen etwas wegzunehmen." 
„Du brauchst darüber gar nicht zu lachen", entgegnete ich. „Jede Klasse, 
die über den Staat herrscht, macht ihn zu ihrem Werkzeug. Deshalb ist es 
für das Proletariat eben unbedingt vor allem notwendig, die Staatsgewalt 
an sich zu bringen, um dadurch dem Unternehmertum seine Machtmittel zu 
entwinden." 
„Aha, jetzt verstehe ich, warum die Sozialdemokraten so ein großes 
Gewicht auf die Reichstags- und Landtagswahlen legen", meinte nun Karl 
nachdenklich. „Die Zahl ihrer Stimmen und ihrer Mandate schwillt immer 
mehr an, und so müssen sie doch mit der Zeit die Mehrheit bekommen, und 
dann machen sie die Gesetze."
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        112 
„Und du glaubst wirklich, die Kapitalisten würden da ruhig gehorchen, 
wenn zum Beispiel ein roter Reichstag beschließen würde, alle Fabriken 
sollen den Arbeitern gehören, die in ihnen arbeiten?" erwiderte Wilhelm. 
Glaubst du denn, die Negierung würde es überhaupt so weit kommen 
lassen? Da würde sie schon früher das Parlament auseinandersprengen." 
„Und glaubst du, das würden wir uns gefallen lassen?" schrie nun 
Karl wieder aufgeregt. „Wenn das geschieht, da haben nicht dw Arbeiter, 
die Sozialdemokraten, die Revolution angezettelt, sondern die Regierung, 
die Kapitalisten. Dann würden wir aber unser Recht zu verteidigen wissen." 
„Das hoffe ich auch," erwiderte ich. „Aber besser ist es natürlich, wenn 
wir es nicht auf solche Kraftproben ankommen lassen müssen. Gerade des 
halb sind unsere Organisationen und die Wahlen so ungeheuer wichtig^ Sie 
zeigen unseren Gegnern, aber auch uns selbst, unsere Macht und Stärke. 
Unsere Abgeordneten in den Parlamenten haben ein so gewichtiges Wort zu 
reden, weil jeder weiß, daß die ungeheure Masse nicht nur der Wähler, 
sondern insbesondere der Organisierten hinter ihnen steht. Je stärker wir 
sind und je stärker wir uns zeigen, um so weniger werden die Gegner es 
wagen, uns anzugreifen. Bei uns bewahrheitet sich wirklich das alte Wort, 
das für die Beziehungen der Staaten ganz falsch geworden ist: Wenn du 
den Frieden willst, mußt du zum Kriege rüsten." 
„Wie kommt es denn aber eigentlich," meinte nun Wilhelm nach 
denklich, „daß überall auf der ganzen Welt die sozialdemokratischen Stimmen 
und die Zahl der Organisierten zunehmen? Ich habe erst kürzlich in einer 
Zeitungsnotiz die Zahlen gelesen: aber dieses Anwachsen der Sozialdenw- 
kratie ist doch Wohl nur ein Zufall." 
„Durchaus nicht," fiel Karl ein. „Unsere Agitation klärt eben immer 
weitere Schichten des Proletariats auf und zeigt ihnen, welche Partei ihre 
Interessen verficht und nie verrät. Da ist es doch kein Wunder, daß sich 
immer mehr Arbeiter dieser Partei anschließen, die immer für sie eintritt." 
„Das ist aber nicht alles," ergänzte ich. „Ter stärkste und inächtigstc 
Agitator und Organisator der Sozialdemokratie, der nie erlahmt und 
ermüdet, das ist der Kapitalismus selbst: denn er läßt zwar die Betriebe 
immer größer werden, er vereinigt immer kolossalere Vermögensmassen in 
wenigen Händen, er macht die Rolle des Kapitalbesitzers immer überflüssiger, 
weil die Leitung dieser Riesenbetriebe immer mehr von bezahlten Lohn 
arbeitern besorgt wird, von den Ingenieuren, Buchhaltern, Direktoren 
u. s. w.: zugleich aber vereinigt der Kapitalismus immer gewaltigere Ar 
beitermassen in diesen Betrieben und gewöhnt sie an organisiertes Zu 
sammenarbeiten, an Disziplin und Manneszucht, er vereinigt ^ immer 
kolossalere Massen solcher Arbeiter in den Großstädten, wo sie miteinander 
in Verkehr treten und sich gewerkschaftlich und politisch zusammenschließen. 
Darum hatten Marx und Engels recht, als sie irrt „Kommunistischen 
Manifest" schon im Jahre 1847 voraussagten: „Die Bourgeoisie hat nicht 
nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen, sie hat ottcE^ die 
Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden — die modernen Arbeiter, 
die Proletarier." Karl Marx hat diesen Gedanken später in seinem gewaltigen 
Werk, dem „Kapital" weiter ausgeführt. Und die Sätze, in denen er dort 
seine Anschauungen zusammenfaßt, sind seither weltberühmt geworden. 
Ich will sie euch vorlesen." 
Ich nahm den ersten Band des „Kapital" vom Bücherregal, schlug 
Seite 727 auf und las meinen gespannt lauschenden Hörern vor:
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        cchen, 
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- 118 - 
die matttÄllen Höhepunkt bringt die kleingewerbliche Produktionsweise 
rto/n ficB IrSftP $ t e'genen Vernichtung zur Welt. Von diesem Augenblick 
fessett füBlfn lie hP?Ä f f n ^ ,n l Gesellschaftsschobe. welche sich von ihr ge- 
labten. Ute mutz vernichtet werden, sie wird vernichtet dlbre Vernicbtunu 
ZN L sd'SH 
hinreichend zersetzt hat, sobald die Arbeiter in Proletarier?ihre Arbeits' 
bedingungen in^ Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise 
auf eigenen putzen sieht, gewinnt die weitere Vergesellschaftung der Arbeit und 
weitere Verwandlung der Erde und anderer Produktionsmittel in gesellschaftlich aus- 
^ö^utete also gemeinschaftliche Produktionsmittel, daher die weiwre Expropriation 
Hl !S ,senun l er ' C i ne neue Form... Je ein Kapitalist schlägt viele tot Msi 
der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalinagnaten, welche alle Vorteile dieses 
llmwandlungsprozesies usurpieren (an sich reihen) und monopolisieren (allein be- 
l?"chsi die Masse des Elends, des Druckes, der Knechtschaft, der Entartuna 
der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den 
Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozeffes selbst geschulten vereinten 
Arbeiterklaffe. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produk 
tionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Vrodnt 
tionsmittel und d,e Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt wolw u- ' 
werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt Dw Stunde 
des kap,tal&gt;,t',che.i Privateigentums schlägt. Die Expropriateur?werde,, expropriiert" 
( , 1IL 
^^Ibendet hatte, saßen meine beiden jungen Freunde zuerst eine 
Beülong nachsinnend da; dann ergriffen sie das Buch und lasen die Stelle 
nochmals aufmerksam durch. Endlich sagte Karl: „So ganz leicht ist es 4 a 
(ÄS rSS'« «■eint. Ich gimchch das Smt 6aU” 
(iR hier so titele Gedanken tu ein paar Satze zusammengedrängt sind. Aber 
nach dem, was totr zusatninen besprochen haben, glaube ich die Sache schon 
Erstehen. Der Kapitalismus ist dadtlrch in die Höhe aekommen, daß 
V .felbitQnbtgen Bauern unb Handwerker ausgeplündert" ertorotirnert'' 
bnt. D,e kapttalisttsche Fabrik nun arbeitet nicht mehr für bestimmte Kunden 
jonbern für den Markt, für unbekannte Käufer. Dadurch hört aber die Fabri- 
5Sr aU f'- Cn s e pL m a lr Angelegenheit zu sein, wie etwa die Erzeugung von 
«tufeln für den Nachbarn durch den Handwerker, und wird immer mehr 
bE Angelegenheit der Gesellschaft. Nun habe.i wir aber gesehn laiche 
sS?,L5nft.hrung der Maschinen gehabt hat, wie nun die ganze ©irt« 
unsicher wurde, tote sie zu Krisen und zur Bildung von Kartellen ae- 
^"h^ hat, tote der Profit im Verhältnis zum Kapital immer kleiner wird 
SÄ ?8 er JS? ,t §S SmU f S f ? begonnen hat, sich selbst zu?rwiirgen. So tier- 
siehe ich es, wenn Marx lagt, das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Pro- 
dnktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist." 
e, . , ‘ beginne ich auch etwas zu verstehen, was mir schon lange im 
innvJ" horumgeht, ohne daß uh mir bisher recht darüber klar geworden 
sich selbst er^r^^ sE/^ e"®'/ fpmrf)en bopon ' daß der „Kapitalismus 
iicy leibst erwürgt . Aber ich konnte nur me recht vorstellen wie denn hnü 
zum Kol fA e S' ^&gt;in der Prosit i,inner kleiner wird'im Verhältnis 
zilm Kapital, schadet das den Kapitalisten, und die Vergrößerung ihrer 
Kapitalien wird langsamer. Wenn Krisen hereinbrechen, dann gehen riesige
        <pb n="118" />
        114 
Werte zuarunde. Aber trotz alledem wäre damit der Kapitalismus iclbst 
noch nicht immöglich geworden. Aber letzt sehe ich ein, ich habe das Wich- 
tiaste dabei vergessen oder doch nicht daran gedacht, die Arbeiter, chenn dav 
Kapital in den Händen von wenigen liegt, wenn dre Arbeit immer mehr 
von Maschinen verdrängt wird, wenn Krisen wnndso viele Firmen zugrunde 
richten und ioundso viele wieder von den Kartellen verschlungen werden, 
dann leiden die Arbeiter unter all dem am meisten. Aber ich habe letzt ein 
sehen gelernt, daß die Sache ihre zwei Seiten hat. Denn geraoe durch diese 
Vorgänge werden die Arbeiter, wie Marx sagt, „„durch den „pechanminus 
des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschult, vereint und 
organisiert" zum Kampfe gegen das Unternehmertum. . r 
„Und vor allem gegen den Staat", fuhr Karl fort. Erst p-tzt verstehe 
ich recht den Wert der politischen Forderungen der Sozialdemokraten, ^zhre 
Durchsetzung würde bedeuten, daß die Proletarier die Macht m die Hand 
bekommen/Wenn wir wirklich in Deutschland mn allgemeines und gleiches 
Wahlrecht für alle Lertretungskörper hätten, nicht ein durch Wahltreis 
ungleichheit und durch Klassenwahlrecht verhunztes i wenn wir Volks- 
bewafsnunq imb Vereins- und Versammlungsfreiheit hatten, so daß Polizei 
und Militär nicht mehr gegen Streikende auftreten konnten, dann wurde 
es nicht lange dauern, bis die Arbeiterschaft von Stadt und Land die Herr 
schaft in der Hand hätte." s 
Aber was würden sie damit anfangen? fragte Wilhelm. „Wurde sich 
dann wirklich lo viel ändern? Könnten denn die Arbeiter verhindern, daß 
der Kapitalismus seinen Weg weitergeht?" * v , „ , , _ r 
„Nun, jedenfalls würde es besser werden als heute, entgegnete Kart. 
Stellen wir uns einmal vor, wir drei wären die sozialdemokratische Parla 
mentsfraktion und hätten die Mehrheit im Reichstag Das erste, was ich 
da diirchsetzen würde, wäre eine ausgiebige Altersrente. Mein Vater und 
meine Mutter haben sich schon lange geiiug geplagt, ^etzt konnte ihnen schon 
der Staat sine ordentliche Rente geben." 
Ich glaube," meinte Wilhelm, „es wäre doch noch wichtiger, die 
Arbeitszeit abzukürzen, dann würden die Arbeiter nicht so friih alt werden 
Und bessere Schutzvorrichtungen, bessere Ventilation der Werkstatt 
inüfeft" eingeführt werden," setzte Karl eifrig sein Programm fort, „und em 
Minimallohn müßte festgesetzt werden. Weniger als dieser ourfte sur keine 
Arbeit gezahlt werden." . , ^ £ „ t-, 
„Nein, ich glaube, das Wichtigste ist doch die steuerfrage,^ fiel 
Wilhelm eifrig ein. „Heute wird ein sehr großer Teil der Gelder fur den 
Staat durch Zölle und indirekte Steuern hereingebracht, die die Lebensmittel 
verteuern. Wenn wir einmal das Heft in der Hand hätten, dann nahmen 
wir die reichen Leiste hoch: ich würde hohe Einkommensteuern einfuhren 
ilnd Erbschaftssteuern, und wenn das nicht langt, dann sollen die großen 
Kapitalisten nur etwas von ihrem Vermögen hergeben." 
„Aber Donnerwetter, Wilhelm'" rief Karl ganz erstaunt; „dii bist ja 
auf einmal ganz revolutionär geworden." 
Das kommt davon," entgegnete Wilhelm, „wenn man einmal anfangt, 
seinen Wilnschzettel aufzustellen. Solange man glaubt, alles muß so bleiben, 
inte es ist, da fallen einem solche Forderiingen gar nicht mn. Wenn man 
aber begriffen hat, daß die Arbeiter auch einmal zum Kommaiidleren dran 
kommen inüssen, da fallen einem auch gleich alle möglichen schonen und guten 
Dinge ein, die man diirchsetzen möchte."
        <pb n="119" />
        — 115 — 
„Nun, ihr habt so da einen recht großen Wunschzettel zusammen 
gestellt/' mischte ich mich wieder ins Gespräch, „aber wenn das Proletariat 
wirklich einmal zur Macht gelangt, und das wird es, dann werden es sicher 
lich solche Forderungen sein, die es zuerst durchzusetzen suchen wird. Was 
bleibt aber dann noch von der ganzen kapitalistischen Herrlichkeit? Durch 
euer schönes Programm würde ja der ganze Profit der Kapitalisten auf 
gezehrt: diese könnten daher die Produktion gar nicht fortsetzen." 
„Das werden wir dann schon besorgen," rief da Karl lachend. „Die 
»Mühe werden wir den Herren gern abnehmen." 
„Aber trifft denn dann nicht doch wieder das zu, was du vorhin da 
gegen eingewendet hast, daß die Arbeiter die Fabriken in Besitz nehmen?" 
meinte nun wieder Wilhelm zweifelnd. 
„Durchaus nicht," ntaegnete ich. „Denn diese Bedenken gelten ja nur 
für den Fall, daß die Arbeiter der einzelnen Fabriken von diesen Besiß ei 
nreisen. Wenn aber die von den Arbeitern beherrschte Staatsgewalt das int. 
dann wird eben auch nicht mebr kavitaliftisch produziert, sondern sarialtftifch. 
Dann wird die ganze Broduktion einheitlich gereartt, aber nicht im Interesse 
einiger weniger, sondern im Interesse der Gesamtheit der arbeitenden 
Menschen." 
..Werden dann aber auch die Arbe7tsbr&gt;dinaunaen wesentltw, aebetfprt 
werde!' können?" inarf Wilbelm nachdenklich ein. ..Wenn wirklich, wie du 
sagst, der ganze Profit durch unsere Forderungen weggenommen und auf 
gebraucht wird, dann find natürlich die Arbeitsbedingungen besser geworden: 
die Arbeitszeit ist verkürzt, die Löbne sind durch die ungehinderte Wirksam 
keit der Gewerkschaften gesteigert. Schubvorrichtunaen. Bentilationen u. s. w. 
find besser. Aber so sebr groß kann doch der llnterschted gegen beute n'cht 
fein: denn wenn man heute den ganzen wrofit auf alle Arbeiter aufteilen 
würde, bekäme doch der einzelne nicht besonders viel." 
„So liegt aber auch die Sache nicht," erwiderte ich. „Davon ist doch 
eben nicht die Nede, daß so weitervroduziert wird wie beute, daß nur das 
Produkt anders verteilt wird. Dann wäre dein winwand berechtigt. Aber 
bedenkt, wieviel heute dilrch Krisen, durch die Konkurrenz überhaupt ver 
lorengeht. was für Neklame u. s. w. aufgewendet Wird, ferner wieviel unver 
käuflich bleibt und verdirbt, vor allem aber, wie schlecht noch immer pro 
duziert wird. Würde alles, was heute noch in kleinen Werkstätten erzeugt 
wird, in großen Fabriken hergestellt, so wäre nur ein kleiner Bruchteil ber 
Arbeiter notwendig. Heute wäre das für die Arbeiter ein llnalück. denn 
viele würden entlassen werden, und dadurch würde auch der Lobn der übrigen 
noch gedrückt. In einer vernünftig eingerichteten, in einer sozialistischen Ge 
sellschaft aber wäre das ein Glück für die Arbeiter: denn dann könnte eben 
die Arbeitszeit für alle wesentlich abgekürzt und dabei doch der Vorrat guter 
Produkte erhöht werden." 
„Ja, das ist wahr", gab Wilhelm zu. „Erst wenn man sich so eine ver 
nünftige Wirtschaft vorstellt, sieht man so recht, wie unvernünftig, wie wahn 
sinnig unsere heutige Wirtschaft ist. Aber diese Erkenntnis hat jetzt nichts 
Niederdrückendes nlehr: denn wir sehen ja zugleich den Ausweg aus dieser 
Wüste, wir sehen das gelobte Land, wohin uns die Sozialdemokratie 
führen will."
        <pb n="120" />
        116 
♦ 
Was sollen wir lesen? 
„Wilhelm!" rief Kcirl erfreut, als er feinen Freund so sprechen hörte. 
„Du kannst es doch nicht mehr leugnen, du bist endlich ein Sozialdemokrat 
geworden. Wer so denkt und spricht wie du jetzt, der ist unser Genosse." 
„Nun ja," gab Wilhelm zögernd Bit, „manchmal glaube ich es selber, 
manchmal zweifle ich wieder, ob ich es bin. Was wir drei jetzt in dieser 
langen Zeit miteinander besprochen haben, hat mir viel zu denken gegeben 
und mich auch überzeugt, daß die Sozialdemokraten mit ihren Theorien und 
ihren Forderungen recht haben. Mer dann höre ich wieder meinen Vater, 
wie er die Treue gegen Kaiser und Reich preist und den Sozialdemokraten 
vorwirft, daß sie das Vaterland wehrlos machen und verraten: ich spreche mit 
meinen Kollegen im Geschäft und höre sie von der Herrlichkeit der deutschen 
Nation reden und wie die internationalen Roten dafür kein Verständnis 
haben. Neulich spielte auch unser Lehrer in der Handelsschule darauf an, 
daß die Arbeiter doch viele Interessen mit ihren Chefs gemeinsam haben. 
Bei all dem weiß ich dann nicht jedesmal gleich eine Antwort, und so werde 
ich immer wieder schwankend, und deshalb kann ich eigentlich nicht sagen, 
daß ich ein wirklicher Sozialdemokrat bin." 
„Nun, gegen dieses Leiden gibt es ein einfaches Mittel," entgegnete 
ich Wilhelm, „du mußt dich eben mit den Dingen besser vertraut machen, 
sie genauer studieren, alle Einwände prüfen. Da wirst du mit der Zeit zu 
einer selbstgebildeten Ueberzeugung gelangen, die hieb^ und sttchfest ist." 
„Ja, das ist ganz schön," meinte Wilhelm ,„aber wie soll ich denn das 
machen? Du wirst wohl auch nicht immer Zeit haben, uns bei jedem Be 
denken Rede und Antwort zu stehen." 
„Was glaubst du denn eigentlich, wozu der Herr Gutenberg, oder 
wer es sonst war, die schwarze Kunst der Buchdruckerei erfunden hat?" 
fräste ich lachend. . _ „ „ 
„Du hast gut spotten," warf Karl ein. „Neulich hast du uns ein Stuck 
aus dem „Kapital" von Marx zu lesen gegeben, aber wenn das ganze Buch 
so schwer ist, da traue ich mich nicht daran." 
', Mit dem „Kapital" kann man freilich nicht den Anfang machen," 
antwortete ich. „Aber wenn man vorher leichter verständliche Schriften 
gelesen hat, darf man sich nachher schon auch an die großen Hauptwerke 
heranmachen." 
„Also aut," unterbrach mich Wilhelm, „dann sage uns, womit wir den 
Anfang machen sollen. Ich glaube, vor allem müssen wir doch genauer 
wissen, was die Sozialdemokraten wollen und verlangen, wir müssen doch 
ihr Programm einmal vornehmen. Wenigstens für mich ist das sehr wichtig, 
damit ich doch endlich weiß, ob ich ein Sozialdemokrat bin oder nicht." 
„Da hast du ganz recht," erwiderte ich. „Darum ist es gewiß am besten, 
wenn ihr zunächst das Buch von Kautsky lest: Das ist „Das Erfurter 
Programm"^). 
„Ist das aber auch wirklich leicht verständlich?" fragte Karl zweifelnd. 
Dieses Buch hat mir schon einmal der „rote Max" zu lesen gegeben, ein 
Arbeiter in unserer Fabrik, von dem ich schon öfters gesprochen habe, und 
da fand ich die Lektüre doch nicht gar leicht." 
i) Stuttgart, I. H. W. Dieh Nachs. Preis 2 Mk.
        <pb n="121" />
        „Ja, wie ein Roman sind wissenschaftliche Bücher freilich nicht zu lesen," 
erwiderte ich. „Etwas anstrengen muß man sich besonders im Anfang 
immer. Aber nachdem wir jetzt alle diele Dinge so ausführlich durchgesprochen 
haben und ihr unsere Gespräche auch iwch in der „Arbeiter-Jugend" nach 
lesen könnt, wird euch Kautskys Buch, glaube ich, keine Schwierigkeiten 
machen, wenn ihr es aufmerksam lest. Vielleicht tut ihr das am besten 
zusammen, so daß ihr miteinander diskutieren könnt. Ich würde euch aber 
raten, dann auch gleich die Schrift von Robert Danneberg zu lesen 
„Das sozialdemokratische Programm"^), denn sie bietet eine sehr gute 
Ergänzung zu Kautskys Buch, und beide zusammen sind viel leichter ver 
ständlich als jedes für sich. Dann könnt ihr aber auch gleich eine kleine Schrift 
von Marx lesen, die nicht schwer zu verstehen ist, denn sie gibt einen Vortrag 
wieder, den Marx selbst vor Arbeitern gehalten hat: sie heißt „Lohnarbeit 
und Kapital"^). 
„Könnten wir da nicht gleich das „Kommunistische Manifest" lesen?" 
unterbrach mich Karl, offenbar stolz darauf, daß er es kannte. „Das ist doch 
auch nur eine kleine Broschüre von Marx und Engels." 
„Freilich ist es eine kleine Broschüre," erwiderte ich, „aber sie enthält 
doch schon die wesentlichsten Gedanken, die Marx und Engels später in dicken 
Bänden ausgeführt haben. Gerade deshalb ist das „Manifest" gar nicht so 
leicht zu verstehen, aber es ist, wenn man einmal zum Verständnis gekommen 
ist, ein um so höherer Genuß. Da enthält jeder Satz einen großen Gedanken. 
Darum ist es notwendig, daß man sich für diese konzentrierte Nahrung vorher 
noch etwas besser vorbereitet. Ich würde euch daher empfehlen, zunächst das 
Buch „Die Gesellschaftsklassen in Deutschland" von Paul Kampffmeyer^) 
zu lesen, dann aber auch Bebels berühmtes Werk „Die Frau und der 
Sozialismus"^. 
„Ja, was hat denn das da zu tun?" fragte Wilhelm ganz erstaunt. 
„Auf einmal kommst du mit einem Buch über die Frauen. Was haben denn 
die mit dem „Kommunistischen Manifest" zu schaffen?" 
„Das Manifest," entgegenete ich, „gibt in ganz knappen Aügen ein 
Bild von der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft vom Mittelalter zur 
neuesten Zeit, zum Kapitalismus, und zeigt, wie die Wirtschaft über den 
Kapitalismus hinausdrängt zum Sozialismus. Das Buch von Kampfmeyer 
legt die wirtschaftliche Entwicklung für Deutschland etwas ausführlicher dar. 
Bebels „Frau" aber schildert eigentlich den Verlauf der ganzen menschlichen 
Entwicklung in sehr lebendiger und eindringlicher Darstellung. Wenn ihr 
das gelesen habt, dann könnt ihr an die Lektüre des „Kommunistischen 
Manifestst gehen. Den Abschnitt III „Sozialistische und kommunistische 
Literatur laßt ihr aber besser vorläufig weg. Um den zu verstehen, muß man 
die Geschichte des Sozialismus kennen. Vielleicht unterhalten wir uns später 
einmal über diese; vorläufig würde ich euch jedoch raten, diesen Abschnitt 
2 ) Wien 1920, Jg. Brand u. Co. Preis 5 Kr. 
3 ) Berlin, Vorwärts. Preis 25 Pf 
4 ) Berlin, Vorwärts. Preis Mk. 2'50. 
5 ) Stuttgart, I. H. W. Dietz Nachf. Preis geb. Mk. 2-50 
6) Berlin, Vorwärts. Preis 20 Pf.
        <pb n="122" />
        — 118 — 
nicht zu lesen. Aber das sage ich euch gleich; zum Lesen des „Manifests" 
braucht man viel Zeit. Wer die kleine Broschüre nur durchfliegt, hat gar 
nichts davon. 
Wenn ihr soweit seid, dann könnt ihr sogar an die Lektüre des 
„Kapitals" selbst denken; aber das ist eine schwierige Sache. Darum 
empfiehlt es sich, daß ihr vorher noch das erläuternde Buch von Kautsky 
■&lt; lest „Marx' Oekonomische Lehren"^). Das empfiehlt sich besonders auch des 
halb, weil im 1. Band des „Kapitals" gerade die ersten einleitenden Kapitel 
sehr schwer verständlich geschrieben sind. Habt ihr aber die angeführten 
Bücher und Schriften gelesen, dann könnt ihr im „Kapital" zunächst die 
Kapitel 1 bis 4 überschlagen und bei Kapitel 5 beginnen. Erst wenn ihr den 
ersten Band zum erstcnnml ausgelesen habt, dann beginnt nochmals mit 
dem ersten Kapitel." 
„Ja, isieinst du denn, wir sollen das dicke Buch mehrmals lesen?" fragte 
Karl mit einem gewissen Entsetzen. 
„Das wird wohl notwendig sein," erwiderte ich. „Natürlich kann malt 
ein sehr guter Sozialdemokrat sein, ohne das „Kapital" überhaupt gelesen 
zu hohen. Aber wenn man in die Theorie, in die grundlegenden Anschau- 
ungen wirklich eindringen, wenn man sie ernstlich verstehen will, dann niuß 
man das „Kapital" nicht nur lesen, sondern studieren. Man muß viele 
Stellen mehrmals lesen, denn oft bemerkt man erst später, daß man eine 
friihere Stelle nicht richtig verstanden hat, oder umgekehrt, sie wird einem 
erst im weiteren Verlauf der Lektüre ganz klar. Aber so oft man eins von 
den großen Büchern der Weltliteratur wieder studiert, und das „Kapital" 
von Marx gehört zu den allergrößten, hat man nicht nur reichen Gewinn, 
sondern auch hohen Genuß davon." 
„Aber es sind doch, so viel ich weiß, drei Bände," warf Wilhelm ein. 
„Genügt es.denn, wenn man nur den ersten liest?" 
„Der erste ist freilich besonders für Arbeiter der wichtigste, weil er 
den Produktionsprozeß behandelt, das heißt weil er zeigt, dirrch welche 
wirtschaftlichen Gesetze unter der Herrschaft des Kapitalismus die Erzeu 
gung der Waren beherrscht und geleitet wird. Der Arbeiter ist aber gerade 
an der Erzeugung, der Produktion, beteiligt: von seinen Leiden, aber auch 
von seinen Hoffnungen ist darum vor allem im ersten Band die Rede. Darum 
ist auch int Jahre 1914 eine Volksausgabe des ersten Bandes erschienen, 
welche die Lektüre einigermaßen erleichtert. 
Wenn man aber das große kapitalistische Getriebe gründlich verstehen 
will, dann muß man freilich auch die anderen beiden Bände studieren, beson 
ders sind einige Partien der späteren beiden Bände zum vollen Verständnis 
auch des ersten Bandes unerläßlich. Bevor man an das eingehende Studium 
des ganzen großen Werkes geht, empfiehlt es sich darum, nach der Lektüre 
des ersten Bandes zunächst die Kapitel 1, 2, 3, 5, 7 und 8 des zweiten 
Bandes und hierauf die Kapitel 1 bis 4, 8 bis 11, und 13 bis 15 des dritten 
Bandes zu lesen, dann die Kapitel 20 und 36, endlich die Kapitel 37, 38, 45 
und 47 des dritten Bandes. 
Am schwierigsten ist wohl der zweite Band, besonders die letzten, dabei 
aber wichtigsten Teile; ihre Lektüre wird wird wohl auch am besten zum 
7 ) Stuttgart, I. H. W. Dietz Äiachf. Preis 2 Mk.
        <pb n="123" />
        Schluß vorgenommen. Die Kapitel 18 bis 21. des zweiten Bandes sind sehr 
schwer, ober auch höchst wertvoll. Sie schildern den Kreislauf des gesell 
schaftlichen Gesa.ntkapitals. Hat man sich auch durch sie durchgearbeitet, dann 
kehrt mau am besten zrrnl dritten Band zuriick und liest die das ganze Werk 
abschließenden Kapitel 48 bis 52." 
„Aber um Gottes willen, das ist ja ganz entsetzlich," rief Karl da be 
stürzt. .„Warum hat denn Marx das nicht selber in der Reihenfolge ge 
schrieben, in der man sein Buch lesen soll? Warum mutz man jetzt darin 
herumhüpfen wie der Frosch im Teich?" 
„Marx hat sein Werk nicht als Lehrbuch geschrieben," eutgegnete ich, 
„er hat ein wissenschaftliches Systenr aufgestellt. Wenn man einmal das 
Ganze begriffen hat, dann sieht inan auch die Folgerichtigkeit dieses Systems 
ein. Aber zur ersten Orientierung dürfte es wohl am besten sein, die Ka 
pitel in der Reihenfolge zu lesen, wie ich sie euch angegeben habe. Natürlich 
muß man dann das gaiize Werk nochmals durchnehmen." 
„Ach, jo alt werde ich in meinem Leben nicht," seufzte Karl. 
„Aller Anfang ist bekanntlich schwer," erwiderte ich beruhigend. „Nicht 
jeder mutz und nicht jeder kann die großen, grundlegenden lvissenschaftlichen 
Werke selbst studieren. Unsere Volksschulen sind so mangelhaft, daß es den 
Schülern später schon sehr schwer fällt, wissenschaftliche Bücher zu lesen. Die 
Arbeit des Proletariers aber saugt ihm noch dazu so alle Kräfte aus, daß 
er meist nicht imstande ist, seine spärliche freie Zeit noch anstrengender 
geistiger Arbeit zu widmeii. Trotzdem aber haben es doch einzelne Arbeiter 
fertig gebracht, sich in die schwierigsten wissenschaftlichen Arbeiten zu ver 
tiefen. Höchste Ehre ihrem Streben, ihrem Eifer, ihrer bewunderungs 
würdigen Zähigkeit! Ob ihr imstande sein werdet, so Außerordentliches zu 
leisten, das weiß ich ja nicht; aber streben werdet ihr gewiß danach, zu leisten, 
was in euren Kräfte,: steht. Ich kann dabei nicht mehr tun, als euch den 
Weg zeigen, den ich für den besten und den gangbarsten halte." 
„Aber ist nicht seit Marx' Tod vieles geschehen, was er doch nicht vor 
aussehen konnte?" wandte Wilhelm schüchtern ein. „Fst es nicht notwendig, 
auch darüber etwas zu erfahren?" 
„Ganz richtig," erwiderte ich. „In dieser Hinsicht ist Marx' Werk auch 
in letzter Zeit ergänzt worden. In populärer Weise haben das Otto Bauer 
in seiner Schrift „Die Teuerung" und Parvus in seiner Broschüre „Die 
Banken, der Staat und die Industrie" getan; in streng wissenschaftlicher 
Form Rudolf Hilferdings in seinem großen Werk „Das Finanzkapital". Das 
ist freilich auch nicht leicht zu lesen. Wenn man aber Marx studiert hat, dann 
kann man auch ohne Schwierigkeit besonders die Kapitel 7 und 12 bis 15 
lesen, die für uns die wichtigsten sind; und verhältnismäßig leicht verständ- 
sich ist der letzte Abschnitt, der die Wirtschaftspolitik der großen Kapitalmächte 
behandelt. Erst wenn man sie versteht, kann man voll begreifen, was für 
Kräfte heute die Politik der Welt beherrschen; wie sich alles immer mehr zu- 
spitzt zu einem furchtbaren Entscheidungskampf zwischen den Kapitalisten 
und Arbeitern. Ueber die laufenden Fragen der Wirtschaft und Politik fin- 
bet ihr am besten Aufschluß in der Lektüre der „Neuen Zeit" und des 
„Kampf", des wissenschaftlichen Organs unserer österreichischen Bruderparte,.
        <pb n="124" />
        Ihr, meine Freunds, seid noch jung, vor euch liegt die Zukunft. Wie 
sie aussehen wird, ob sie unter stets schwererer Knechtschaft seufzen, ob sie 
in Freiheit und Glück jubeln wird, das hängt mit von euch ab, von eurem 
Mut, eurer Ausdauer, cum- Kraft und vor allem eurer Erkenntnis. Denn 
diese ist die mächtigste Waffe. Nur wer des Feindes Kräfte kennt und die 
eigenen, und wer den richtigen Augenblick erkennt und ihn benutzt, um alle 
seine Kraft auf den richtigen Punkt zu sammeln, der ist ein furchtbarer 
Gegner, ihm gebührt der Sieg, ihm kann er nicht entgehen. 
Der einzelne Arbeiter ist schwach, er wird wehrlos vom Kapital er 
drückt. Nur wenn er mit seinen Leidensgefährten eisern'^,nsammenhält und 
wenn sic alle zusammen ihre Kräfte in die Richtung der wirtschaftlichen 
Entwicklung einstellen, dann können, dann müssen sie siegen. Darum, meine 
jungen Freunde, wappnet euch zum großen Kampf durch Solidarität und 
durch- Erkenntnis, und zeigt mutvolle Entschlossenheit im Augenblick, der als 
der richtige zum Handeln erkannt ist.
        <pb n="125" />
        Danneberg Robert 
M WUMMU WWW 
17. Auflage. — Wien 1920. — 208 Seiten. — Kr. 5 — 
Deutsch Julius 
VWG Der iMMm. MeiterbewegW 
Wien 1919. 80 Seiten. Kr. 3— 
Kautsky Karl 
Kriegsmarxismus 
84 Seiten. Wien 1918. Kr. 3-60 
Die Diktatur des Proletariats 
4. Auflage. 64 Seiten. Wien 1919. Kr. 3 — 
Dr. phil. Rosenberg 
Ritaröo mb Wrx ala lverlkheoretlker 
Eine kritische Studie. 
Wien 1904. 128 Seitru. Kr. 5 40 
Grigoroviei Tatjana 
Vie lvertlehre bei fllarf mb £a)ialle 
Beitrag zur Geschichte eines wissenschaftlichen Mißverstöndnisfes. 
Separatabdruck aus Marx-Studien, Band III. 
Wien 1910. 96 Seiten. Kr. 3 60 
Luzzatto Elisabeth 
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SozlaliftisSe Bewegungen und Lysteme bis zum Sabre 1848. 
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Ballod, Dr. Karl, Der Zukunfts 
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A. Bebel und Ed. Bernstein. 
4 Bände. 48 Mk. 
Engels, Friedrich, Herrn Eugen 
Dührings Umwälzung der 
Wissenschaft. 9. Auflage. 7 Mk. 
— Der Ursprung der Familie, des 
Privateigentums und des Staats. 
16. Auflage. 7 Mk. 
Kautsky, Karl, Der Ursprung des 
Christentums. Eine historische 
Untersuchung. 7. Tausend. 
10 Mk. 
— Vorläufer des neueren Sozialis 
mus. 3. Auflage. 1. Band: 
Kommunistische Bewegungen im 
Mittelalter. 7 Mk. 
2. Band: Der Kommunismus 
in der deutschen Reformation. 
7 Mk. 
— Karl Marx' Oekonomische Lehren. 
16. Auflage. 7 Mk. 
— Das Erfurter Programm. 14. Ausl. 
7 Mk. 
Marx, Karl, Das Kapital, Kritik 
der politischen Oekonomie. Erstes 
Buch. Volksausgabe. Herausge 
geben von K. Kautsky. 24 Mk. 
— Das Elend der Philosophie. 
Deutsch von Eduard Bernstein 
und Karl Kautsky. 6. Auflage. 
7 Mk. 
— Zur Kritik der politischen Oeko 
nomie. Herausgegeben von Karl 
Kautsky. 4. Auflage. 7 Mk. 
— Theorien über den Mehrwert. 
Aus dem nachgelassenen Ma 
nuskript .ZurKritik der politischen 
Oekonomie" von Karl Marx. 
Herausgegeben von Karl Kautsky. 
1. Band: Die Anfänge der The 
orie vom Mehrwert bis A. Smith. 
10 Mk. 
2. Band, erster Teil: David 
Ricardo I. 9 Mk. 
2. Band, zweiter Teil: David 
Ricardo II. 9 Mk. 
3. Band. Von Ricardo zur Vul 
gärökonomie. 12 Mk. 
Marx-Engels-Lassalle, Aus dem 
literarischen Nachlaß. Herausge 
geben von Franz Mehring. Vier 
Bände. 2. Auslage. 45 Mk. 
Marx-Engels, Gesammelte Schrif 
ten. 1852 bis 1862. Herausge 
geben von R. Rjasanoff. Zwei 
Bände. 40 Mk. 
Mehring Franz, Die Geschichte 
der deutschen Sozialdemokratie. 
Komplett in zwei Doppelbänden. 
6. und 7. Auflage. 40 Mk. 
Olberg Paul, Briefe aus Sowjet- 
Rußland. Mk. 3-50 
Salvioli I., Der Kapitalismus im 
Altertum. Nach dem Französischen 
übersetzt von Karl Kautsky jun. 
7 MIk. 
20 Prozent Teuerungsschlag. 
Auslieferung für Oesterreich durch die 
Wiener Volksbuchhandlung 
Ignaz Brand &amp; Co. 
Wien VI, Gumpendorferstraße 18
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*irl, „dieses Bedenken ist mir auch gekommen. Wir 
;, zu untersuchen, wie die Arbeiter ins Elend ge- 
en dafür gelernt, wie der Profit der Kapitalisten 
ch, „vielleicht war das gerade der notwendige Weg, 
ling zu kommen. Wir haben jetzt gesehen, warum 
mehr Maschinen anwenden, und wir haben auch 
cen Profit wirkt. Jetzt können wir uns der Frage 
fine auf die Lage des Arbeiters wirkt." 
'ir uns doch den langen Umweg ersparen können," 
l p hätten wir doch gleich untersuchen können. Was 
. Maschinen haben, das kann uns doch gleichgültig 
Kapitalisten." 
l-»ch. „So liegt die Sache doch nicht. Die Anwendung 
e allerverschiedensten Wirkungen für die Arbeiter 
sie gehören, wer ihre Anwendung leitet. Stellt euch 
ten den Arbeitern selbst, die für sich selbst mit ihnen 
^ Nenschen um so weniger zu tun und um so mehr zu 
Maschinen da sind; wenn zum Beispiel die Schneider 
beiten mußten, um mit der bloßen Hand^ Kleider 
jverden sie nach Einführung der Nähmaschine viel- 
zu arbeiten brauchen, und dabei werden noch alle 
| I haben/' 
i: lichkeit," warf Wilhelm ein, „stimmt das doch gar 
:: eingeführt werden, desto schlechter geht es meistens 
jderte Karl, „weil die Maschinen nicht den Arbeitern 
pitalisten." 
-gänzte ich, „daß es eben gar nicht gleichgültig ist, 
i; rett und welchem Zwecke sie dienen. Heute hat die 
:r Linie nicht den Zweck, die Bedürfnisse der Masse 
PP Isis r : &gt;en Profit der Kapitalisten zu erhöhen. Man muß 
jr Profit beschaffen ist und was ihn erhöht, damit 
tc die Maschine auf den Arbeiter wirkt. Wir haben 
Kapitalisten darauf ankommen muß: 1. möglichst 
so möglichst lange Arbeitszeit und Ausnutzung der 
"lent neu erzeugten Wert möglichst viel für sich selbst 
f _ wenig herzugeben, daher vor allem Herabdrückung 
litalistischen Konkurrenten den Vorsprung abzu- 
3 «duzieren als er, daher steigende Verwendung von 
Herabdrückung der Löhne; 4. nach Möglichkeit an 
n, damit sich der Profit auf ein möglichst kleines 
iher billiger Einkauf von Rohmaterial u. s. to., vor 
rabdrückung der Löhne." 
| schrecklich," rief Wilhelm ganz entsetzt dazwischen; 
irittenS und viertens, alles läuft hinaus auf Ver° 
und Verkürzung des Arbeitslohnes. Also hätten die 
in anderes Interesse, als die Arbeiter zu schinden. 
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ii tor!" bestätigte Karl. „Du kannst in unserer Fabrik 
;,lst, alles ist darauf angelegt, entweder Arbeiter zu
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