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        <title>Kapitalismus und Sozialismus</title>
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            <forname>Gustav</forname>
            <surname>Eckstein</surname>
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        </author>
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            <idno>1019428651</idno>
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        Kapitalismus
//  //  und  //  //
Sozialismus
Gespräche  zur  Einführung  in
die  Grundbegriffe  des  wiffenschaftlichen
  Sozialismus
Don  Gustav  Eckstein
Mit  Vorwort  von  Karl  Kautökv

Wien  1920
Derlag  der  Wiener  DoNsbuchhandlung  ÄgnarBranbLSo.
6.  astilrf,  &amp;lt;9umpen6orffiHra8e  18
        <pb n="2" />
        tf  9  $/{

Sozialistische  Bücherei.

Heft  1:  Der  Weg
Wien  1919.

zum  Sozialismus.  Von  Otto  Bauer.  32  Seiten.
Kr.  2  —
Agitationsausgabe  Kr.  1'20
Heft  2:  Rätediktatur  oder  Demokratie?  16  Seiten.  Wien  1919.  Kr.  1*—
Agitationsausgabe  Kr.  —*40
Heft  3:  Rätearbeit  und  Nationalversammlungstragödien  in  Revolutionen.
Von  Alexander  Täubler.  20  Seiten.  Wien  1919.  Kr.  1*20
Agitationsausgabe  Kr.  —*60
Heft  4:  Die  Sozialisierung  und  der  neue  Geist  der  Zeit.  Von  Alexander
Täubler.  32  Seiten.  Wien  1919,  Kr.  2  —
Agitationsausgabe  Kr-  1*—
Heft  5:  Die  Sozialisierung  und  die  Arbeiterräte.  Von  Karl  Kautsky.
16  Seiten.  Wien  1919.  Kr.  1—
Agitationsausgabe  Kr.  —*50
Heft  6:  Das  Kommunistische  Manifest.  Von  Karl  Marx  und  Friedrich
Engels.  Mit  Vorwort  von  Max  Adler.  36  Seiten.  Wien  1919.  Kr.  2'—
Agitationsausgabe  Kr.  1*—
Heft  7:  Revolutionäre  Disziplin.  Von  Josef  Frey.  16  Seiten.  Wien  1919.
Kr.  1*—
Agitationsausgabe  Kr.  —*50
Heft  8:  Demokratie  und  Rätesystem.  Von  Max  Adler.  40  Seiten.  Kr.  2*40
Agitationsausgabe  Kr.  1*20
Heft  9:  Betriebsräte  und  Gewerkschaften.  Von  Julius  Grünwald.  20  Seiten,
Wien  1919.  Kr.  1*20
Agitationsausgabe  Kr.  —*60
Heft  10:  Die  Arbeiterbewegung  im  Kampf  gegen  den  alten  Klassenstaat.
Prozeß  Viktor  Adler.  Vorwort  von  Michael  Schacher!.  56  Seiten.
Wien  1919.  „  Kr.  3  60
Agsiationsausgabe  Kr.  1*80
Heft  11:  Weltrevolution.  20  Seiten.  Wien  1919.  Kr.  1  20
Agitationsausgabe  Kr.  —60
Heft  12:  Acht  Monate  auswärtige  Politik.  Rede,  gehalten  am  29.  Juli
1919  von  Otto  Bauer.  12  Seiten.  Wien  1919.  Kr.  —*80
Agitationsausgabe  Kr.  —*40
Heft  13:  Die  Arbeiterräte  in  Deutschösterreich.  Von  Julius  Braunthal.
56  Seiten.  Wien  1919.  Kr.  3  50
Agitationsausgabe  Kr.  1*75
Heft  14:  Entstehung  und  Zusammenbruch  der  ungarischen  Rätediktatur.
Von  V  22  Seiten.  Wien  1919.  Kr.  1*50
Agitationsausgabe  Kr.  —*80
Bei  allen  Preisen  20  Prozent  Teuerungszuschlag.
Zu  beziehen  durch  den
Verlag  der  Wiener  Volksbuchhandlung
Ignaz  Brand  &amp;amp;  Co.
Wien  VI,  Gumpendorferstraße  18.  &amp;gt;
        <pb n="3" />
        Kapitalismus  und
Sozialismus
Gespräche  zur  Einführung  in
die  Grundbegriffe  des  wiffen-I
  schastlichen  Sozialismus  /

Von  Gustav  Eckstein

preis  8  Kronen
20  Prozent  Teuerungszuschlag

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Wien  1920
Verlag  der  Wiener  Volksbuchhandlung  6.  Bezirk,  Gumpendorferstrahe  18
        <pb n="4" />
        Inhalt.

)
Vorwort  .  .
Was  ist  Sozialismus?
Bauernleben  in  der  guten  alten  Zeit  .  .  .
Die  Bauernbefreiung  ^
„Das  Handwerk  hat  einen  goldenen  Boden"
Der  Lohn  geistiger  Arbeit
Der  Ursprung  des  Proletariats
Der  Ursprung  des  Kapitals  -  -  .
Der  Wert
Angebot  und  Nachfrage
Der  Große  frißt  den  Kleinen
Der  Arbeitslohn
Die  Gewerkschaft
Die  Arbeitszeit
Zeitlohn  und  Stücklohn
Die  Maschine
.Der  Profit
Frauen-  und  Kinderarbeit  z
Löhne  und  Preise
Der  Kapitalismus  erwürgt  sich  selbst  .  '.  .
Die  Ueberproduktion
Die  Krien  .  .
Kartelle  und  Truste
Tie  soziale  Revolution
Was  sollen  wir  lesen

Seite
3
8
11
.  14
.  16
20
.  23
.  27
30
.  41
.  45
54
.  57
.  62
.  66
.  68
.  75
.  80
.  85
.  93
.  96
.  99
.  105
.  108
.  116
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        Vorwort.
Die  »vorliegende  Schrift  bildet  eine  Zusammenfassung  von  Artikeln, ­
  die  mein  lieber  Freund  Eckstein  einige  Jahre  vor  dem  Kriege
in  der  Berliner  „Arbeiterjugend"  erscheinen  ließ.  Sie  waren  so  gelungen
und  fanden  solchen  Beifall,  daß  von  den  verschiedenste^  Seiten  der
Wunsch  laut  wurde,  sie  möchten  in  Buchform  erscheinen  und  damit
weiteren  Kreisen  und  auch  den  dem  Jugendalter  entwachsenen  Teilen
der  Arbeiterschaft  zugänglich  gemacht  werden.
Eckstein  machte  sich  gern  anheischig,  der  Anregung  Folge  zu  leisten,
doch  wollte  er  die  Artikel  noch  nach  manchen  Richtungen  hin  vervollständigen. ­
  Andere  dringendere  Arbeiten  hinderten  ihn  zunächst  daran,
dann  kam  der  Krieg  mit  seinen  Aufregungen  und  Entbehrungen,  die
unseren  bereits  schwer  erkrankten  Freund  vollends  niederwarfen  und
damit  unserer  großen  Sache  vorzeitig  einen  unserer  treuesten  Genossen,
unserer  unerschrockensten  Vorkämpfer,  unserer  erfolgreichsten  Lehrer,
unserer  tiefsten  Denker  raubten.
Umfassende  Arbeitspläne  nahm  unser  unvergeßlicher  Kamerad
mit  sich  ins  Grab.  So  war  er  auch  nicht  mehr  dazugekommen,  feine-„Gespräche
  zur  Einführung  in  die  Grundbegriffe  des  wissenschaftlichen
Sozialismus"  in  Buchform  herauszugeben.  Ein  Jahrzehnt  der  kolossalsten ­
  Umwälzungen  liegt  seit  ihrer  Abfassung  und  ihrem  jetzigen  Erscheinen. ­
  Aber  sie  haben  seitdem  an  Bedeutung  nichts  verloren  und
sind  durch  keine  Publikation  ähnlicher  Art  überholt  worden.
'  Es  ist  eben  nicht  leicht,  Ergebnisse  der  modernen  Wissenschaft,  die
so  ungeheuer  viele  Kenntnisse  voraussetzt,  zu  popularisieren,  ohne
Schaden  für  die  Wissenschaft;  das  heißt,  jene  Ergebnisse  einem
Publikum,  das  nur  über  das  dürftige  Wissen  der  Volksschule  verfügt,
verständlich  zu  machen,  ohne  die  Erkenntnisse  zu  verflachen,  zu  versimpeln ­
  oder  zu  vergröbern.  Mit  einem  Worte,  es  ist  nicht  leicht,
populär  zu  fein,  ohne  vulgär  zu  werden.
Es  gehört  dazu  eine  Summe  sehr  verschiedener  Fähigkeiten,  die'
nur  selten  in  einer  Person  vereinigt  anzutreffen  sind:  ein  starker  wissenschaftlicher ­
  Sinn  wie  vollkommene  Beherrschung  des  Gegenstandes,
daneben  aber  auch  eine  große  dialektische,  das  heißt  lehrhafte  Begabung
und  tiefstes  Verständnis  für  die  geistige  Eigengrt  des  Publikums,  für
das  man  popularisiert,  ein  Verständnis,  das  nur  erworben  wird  von
solchep,  di^  mit  ihrem  Publikum  seit  Jahren  durch  regen  persönlichen
Verkehr  aufs  innigste  vertraut  sind  und  es  aufs  liebevollste  in  allen
seinen  Aeußerungen  belauschen.
Das  gilt  von  der  Popularisierung  jeder  Wissenschaft.  Der  wissenschaftliche ­
  Sozialismus  setzt  aber  überdies  noch  voraus,  daß  man  in
verschiedenen  Wissenschaften  zu  Hause  ist.
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        r-—

  4  —
Man  wird  als  Marxist  nichts  Bedeutendes  leisten,  wenn  man
nicht  historisch  ebenso  beschlagen  ist  wie  ökonomisch.  Man  wird
um  so  mehr  leisten,  je  mehr  man  sich  mit  der  Methodik  naturwissenschastlichen
  Denkens  bekannt  gemacht  und  je  mehr  man
imstande  ist,  die  Grenzgebiete  zwischen  Gesellschaftswissen-  |
schast  und  Naturwissenschaft  zu  überschauen.  Marx  und
Engels  waren  aus  allen  diesen  Gebieten  Meister.
Auch  unser  Eckstein  war  hier  zu  Hause  wie  wenige.  Und  so  wie
unsere  großen  Lehrer  fühlte  er  stets  das  Bedürfnis,  die  Ergebnisse  |
seines  Forschens  nicht  nur  der  gelehrten  Welt  in  dicken  Bänden  zuzuflüstern, ­
  sondern  sie  dem  Proletariat  zugänglich  zu  machen,  an  dem  j
er  mit  der  größten  Liebe  hing,  dem  sein  ganzes  Sinnen  und  Trachten
galt  und  mit  dem  er,  namentlich  in  den  letzten  Jahren  vor  dem  Kriege  |
als  Lehrer  an  der  Parteischule  in  Berlin  und  durch  sonstige  aufklärende  ;
Veranstaltungen  in  stetem  persönlichen  Kontakt  stand.
Die  vorliegende  Arbeit  gehört  denn  auch  zu  unseren  besten  j
populären  Schriften,  die  in  die  Marxsche  Oekonomie  einführen  wollen.
Zunächst  für  die  Arbeiterjugend  geschrieben,  wird  sie  auch  dem  gereiften  j
Leser  des  Volkes,  und  nicht  bloß  Handarbeiter,  eine  Bereicherung  und  *
Klärung  seines  ökonomischen  Wissens  und  Denkens  bringen.
Hätte  Eckstein  sie  heute  herausgegeben,  dann  wäre  sie  wohl  erheblich ­
  erweitert  worden.  Denn  der  Krieg  hat  so  abnorme  Verhältnisse
geschaffen,  daß  die  ökonomischen  Gesetze  schwer  zu  erkennen  sind.  So
geht  zrmr  Beispiel  Eckstein  von  der  Voraussetzung  der  freien  Konkurrenz  '
aus  und  untersucht  bei  den  Wirtschaftskrisen  nur  die  Tendenz  zur
Ileberproduktion.  Heute  ist  die  freie  Konkurrenz  in  weitestem  Maße
ausgeschaltet,  die  Produzenten  sind  zu  Monopolisten  geworden.  Und  die
stlnterproduktion  ist  das  Leiden,  das  uns  am  meisten  gefährdet  und
quält.  Aber  die  ökonomischen  Gesetze  sind  darum  nicht  aufgehoben,  sie
wirken  weiter  und  die  Abnormitäten  kann  man  erst  dann  völlig  ;
begreifen?  wenn  man  den  normalen  Zustand  verstehen  gelernt  hat.
Die  heutige  wirtschaftliche  Lage  zeichnet  sich  aber  auch  »dadurch
vor  der  normalen  aus,  daß  Fragen,  die  meist  nur  den  Kapitalisten  j
kümmern,  nun  auch  für  den  Arbeiter  von  äußerster  Wichtigkeit  geworden ­
  sind.
Das  zeigt  sich  auch  zum  Beispiel  in  dem  verschiedenen  Interesse,  j
das  die  beiden  Bände  des  Marxschen  „Kapital"  erwecken.  Der  exste  I
Band  behandelt  den  Produktionsprozeß.  Er  spielt  in  der  Fabrik,  legt  ;
jene  Vorgänge  dar,  denen  der  Klassengegensatz  zwischen  der  Lohnarbeit  !
und^dem  Kapital  entspringt.  Diesen  Band  des  „Kapital"  hat  man  vor  ;
allem  im  Auge,  wenn  man  von  dem  Marxschen  Werke  spricht.  Auch  die
Schrift  Ecksteins  popularisiert  überwiegend  in  ihren  ökonomischen  Ausführungen ­
  diesen  Pand,  zieht  nur  nebenbei  noch  den  zweiten  und
dritten  heran.
Der  zweite  Band  hatte  in  der  Tat  bis  zum  Kriege  für  die  Arbeiter
geringeres  Interesse.  Er  behandelt  den  Zirkulationsprozeß  des  Kapitals,

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der  Damit  beginnt,  daß  der  industrielle  Kapitalist  Produktionsmittel
zur  Produktion  von  Waren  kauft,  und  damit  endet,  daß  er  die  fertigen
Waren  verkauft,  worauf  der  Vorgang  wieder  von  neuem  beginnt,  mit
Dem  gewonnenen  Geld  neue  Produktionsmittel  gekauft  werden  u.  s.  nt.
Die  Vorgänge  bei  diesem  Prozeß  gehen  in  erster  Linie  den
Kapitalisten  an.  Die  Höhe  seines  Profits  hängt  nicht  bloß  davon  ab,
wie  hoch  der  Arbeitslohn,  wie  lange  die  Arbeitszeit  seiner  Arbeiter,
sondern  auch  davon,  wie  hoch  der  Preis  seiner  Rohmaterialien  n.  s.  to.,
wie  hoch  der,  den  er  für  die  tiertaufte  Ware  erzielt,  wie  rasch  der
Umschlag  seines  Kapitals.
Der  Arbeiter  hat  äü  diesen  Vorgängen  wenig  Interesse.  Seine
Arbeitsbedingungen  hängen  direkt  davon  nicht  ab.  Wohl  bleiben  sie
nicht  ohne  Einfluß  auf  ihn.  Bei  hohem  Preis  des  Materials,  niederem
Preis  der  Ware  wird  der  Kapitalist  trachten,  sich  am  Arbeitslohn  schablos
  zu  halten.  Und  je  rascher  der  Umschlag  des  Kapitals  vor  sich  geht,
desto  wichtiger  wird  für  den  Kapitalisten  der  ungestörte  Fortgang  der
Produktion,  desto  größer  sein  Interesse,  jeden  Streik  zu  vermeiden.
Aber  bei  alledem  hat  der  Arbeiter  auf  die  Zirkulationsvorgänge
nicht  den.geringsten  Einfluß,  sie  werden  ausschließlich  vom  Kapitalisten
geleitet,  während  bei  der  Festsetzung  der  Arbeitsbedingungen  der
^Arbeiter  doch  ein  Wörtchen  mitzureden  hat.
Der  Klassengegensatz  tritt  im  Bereich  der  Zirkulation  auch  wenig
in  Erscheinung.  Daher  werden  die  Beweise  für  die  Harmonie  der
Interessen  tion  Kapital  und  Arbeit  mit  Vorliebe  ans  ihr  entnommen.
Damit  ist  jedoch  nicht  gesagt,  daß  sie  für  den  Sozialismus  ohne
Belang  ist.  Dieser  vertritt  die  Interessen  nicht  bloß  der  Lohnarbeiterschaft, ­
  sondern  Der  Gesellschaft.  Er  baut  auf  die  Lohnarbeiterschaft,  weil
deren  großes  Gesamtinteresse  zusammenfällt  mit  dem  gesellschaftlichen
Interesse.
Dieses  wird  aber  durch  Die  Zirkulationsvorgänge  sehr  stark
berührt.  Aus  ihnen  entspringen  bei  der  Anarchie  zahlloser  privater
Produktionsstätten  die  furchtbaren  Wirtschaftskrisen,  die  für  alle  Sozialisten ­
  des  19.  Jahrhunderts  ein  ebenso  starkes  Argument  zugunsten
gesellschaftlicher  Produktion  waren,  wie  die  Ausbeutung  der  Lohnarbeit
im  Produktionsprozeß.
Nie  aber  lebten  wir  inmitten  einer  so  furchtbaren  Zirkulationsstörung ­
  wie  eben  jetzt,  freilich  einer  ganz  eigener  Art.  Entsprangen
die  Krisen  sonst  der  Schwierigkeit,  für  die  fertige  Ware  Absatz  zu  finden,
so  ^  liegt  heute  ihre  ^Ursache  in  dem  Mangel  an  Produktionsmitteln,  die
während^  des  Krieges  aufs  furchtbarste  verwüstet  wurden,  indes  ihre
Zkeuschaffung  aufs  äußerste  eingeschränkt  war.
3llle  Klassen  leiden  sehr  unter  dieser  Zirkulationsstörung,  ganz
entsetzlich  aber  die  Arbeiterklasse.  Sonst  brachte  die  Krise  Arbeitslosigkeit, ­
  dabei  aber  doch  ein  Sinken  der  Preise.  Heute  gesellen  sich  zu  den
schrecken  der  Arbeitslosigkeit  noch  die  weit  furchtbareren  einer  Steigerung ­
  aller  Warenpreise  zu  unerschwinglicher  Höhe.
        <pb n="8" />
        6

Schon  das  ist  ein  zwingender  Grund  für  die  Arbeiter,  heute  dem
^irkulationsprozeß  ebensoviel  Beachtung  zu  schenken  wie  dem  Pro-  j
duktionsprozeß.  Dazu  kommt  noch,  daß  die  Arbeiter  durch  die  Revolution
ihre  politische  Macht  in  den  gesetzgebenden  Versammlungen  und  gegen-1
Ü6er  den  Regierungen  oder  in  ihnen  sowie  ihre  ökonomilche  Macht
durch  das  Erstarken  der  Gewerkschaften  und  durch  die  Einrichtung  von  l
Arbeiterräten  bedeutend  vermehrt  haben.  Sie  sind  daher  in  höherem  i
Maße  als  vor  dem  Kriege  imstande,  Einfluß  zu  nehmen,  nicht  bloß  |
auf  die  Arbeitsbedingungen  im  Produktionsprozeß,  sondern  auch  aus
die  Bedingungen  des  Zirkulationsprozesses,  zum  Beispiel  die  Beschaffung ­
  von  Rohmaterial.  ^  ,,  Y  ,
Das  Studium  des  zweiten  Bandes  des  Marxschen  „Kapital  wird^
jetzt  für  die  Arbeiter  ebenso  wichtig  wie  das  des  ersten.  Sie  finden  die  i
besten  Anweisungen  dazu  am  Schlüsse  der  vorliegenden  Schristz
Wohl  ist  ein  weiter  Weg  von  dieser  Schrift  bis  zum  zweiten  und  i
dritten  Band  des  „Kapital".  Ehe  der  Leser  zu  diesem  vordringt,  sind
viele  Bücher  zu  lesen,  keines  einfach,  jedes  mit  großen  Ansorderungeii  j
an  Aufmerksamkeit  und  Denkkrast  verbunden.
Und  wenn  der  Arbeiter  die  Theorien  der  Bewegungen  der  kapi-  j
talistischen  Welt  ersaßt  hat,  ist'  seine  wissenschaftliche  Aufgabe  nicht  zu
Ende.  Er  studiert  die  Theorie,  um  praktisch  etwas  zu  leisten,  die  Wissenschaft ­
  soll  für  ihn  nicht  graue  Theorie  bleiben,  sondern  angewandte
Wissenschaft  werden.  Diese  erfordert  aber,  daß  man  es  versteht,  vom
Allgemeinen  zum  Besonderen  vorzuschreiten,  den  umgekehrten  Weg  zn
gehen,  den  die  Theorie  einschlägt,  die  aus  dem  Besonderen  das  Allgemeine ­
  ableitet.  r  .
Für  den  Arzt  genügt  es  nicht,  Anatomie  und  Physiologie  und  |
die  sonstigen  wissenschaftlichen  Grundlagen  der  Medizin  zu  kennen,  er  i
muß  auch  die  Eigenart  des  Kranken,  die  natürlichen  und  sozialen
Bedingungen,  unter  denen  er  lebt,  studieren,  will  er  die  richtigen  I
Methoden  seiner  Heilung  herausfinden.  r  „  I
So  müssen  auch  die  Politiker  und  Sozialisten  nicht  blotz  die  j
ökonomische  Theorie  studieren,  wie  sie  am  besten  Marx  entwickelte,
sondern  auch  ihre  Anwendung  in  der  Steuerpolitik,  Handelspolitik,
Bankpolitik,  Geldpolitik,  Agrarpolitik  u.  s.  to.,  von  denen  Marx  nichr
ausdrücklich  handelte.  Und  sie  haben  auch  noch  die  besonderen  Bedingungen ­
  dieser  Anwendung  in  jedem  Falle  zu  untersuchen.  Damit  stellt :
unsere  Zeit  dem  Proletarier,  der  als  Sozialist  wirken,  der  die  Gesell-  !
jcfyaft  zu  einer  höheren  (Stufe  fortentwickeln  triff,  ungeheure  Aufgaben
Des  Studiums,  Ausgaben,  die  um  so  schwerer  fallen,  da  mit  dem  Fortschreiten ­
  der  politischen  und  gewerkschaftlichen  Organisation  und  der
staatlichen  und  kommunalen  Tätigkeit  des  Proletariats  sich  auch  die
Gebiete  der  Verwaltung  rasch  ausdehnen,  die  immer  mehr  Kraft  und
Zeit  des  kämpfenden  Teiles  des  Proletariats  verschlingen.
Die  Anforderungen,  die  unser  Zeitalter  an  das  Proletariat  stellt,
siiid  enorm.  Aber  es  muß  sich  ihnen  gewachsen  zeigen,  wenn  e*  sich

bewä
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es  sich

bewähren  will  als  die  Kraft,  die  die  abgelebte  alte  Gesellschaft  zu  einem
höheren  Dasein  emporhebt.
Gerade  unsere  Tage  zeigen  uns,  daß  es  nicht  damit  abgetan  ist,-wenn
  man  die  Macht  gewinnt,  daß  dies  sogar  schädlich  werden,  zu
Rückschlägen  führen  kann,  wenn  es  vorzeitig  geschieht,  che  man  die
Fähigkeit  erlangt  hat,  die  Macht  festzuhalten,  was  nur  demjenigen ­
  gelingt,  der  imstande  ist,  sie  zweckmäßig  auszuüben.
Das  Proletariat  mit  Wissen  zu  füllen,  das  Monopol  der
besitzenden  Klassen  auf  W  i  s  s  e  n  zu  brechen,  ist  ebenso  wichtig  wie  das
Brechen  des  Monopols  der  Kapitalisten  aus  den  Besitz  der  Staatsgewalt ­
  und  der  Produktionsmittel.  Nur  ein  Proletariat,
das  brennender  Durst  nach  Wissen  erfüllt,  wird  seiner  großen  historischen ­
  Aufgabe  gewachsen  sein.
Und  das  Zeitalter  der  sozialen  Revolution,  das  mit  dem  Ende
des  Weltkrieges  eingesetzt  hat,  bringt  dem  Proletariat  nicht  nur  eine
Fülle  schwerer  Aufgaben,  sondern  auch  eine  Verbesserung  der  Bedingungen, ­
  ihnen  gerecht  zu  werden.
‘  Vor  allem  ist  der  Achtstundentag  als  Maximalarbeitstag  allenthalben ­
  zur  Wahrheit  geworden  und  damit  die  Zahl  der  Stunden  im
Tage  vermehrt,  während  denen  der  Arbeiter  sich  selbst  und  seiner  Sache
gehören  kann.  *
.  Dieser  Fortschritt  wird  heute  noch  nicht  vollständig  fühlbar,  da
der  Arbeiter  augenblicklich  seine  freie  Zeit  oft  im  Suchen  nach  Lebensmitteln ­
  vergeuden  muß.  Und  in.  seinem  Zustand  der  Unterernährung
erschöpft  ihn  leicht  achtstündige  Arbeit  ebensosehr  wie  ehedem  zehnstündige ­
  und  läßt  ihm  wenig  Kraft  für  die  Arbeit  zur  Erweiterung
seines  Wissens  und  zu  dessen  Anwendung  im  Dienste  des  Sozialismus.
Erst  wenn  die  Nahrungsschwierigkeiten  überwunden  sind,  wird
die  Verkürzung  der  Arbeitszeit  ihre  volle  Bedeutung  für  die  geistige
Höherentwicklung  der  Arbeiterschaft  gewinnen.
Aber  wer  unter  den  Proletariern  es  kann,  muß  heute  schon  irrt
Interesse  seiner  Klasse,  im  Interesse  der  sozialen  Revolution  alles  aufbieten, ­
  -  um  sein  Wissen  zu  erweitern.  Die  Verkürzung  der  Zeit  der
Arbeit  im  Produktionsprozeß  soll  doch  nicht  eine  bloße  Verlängerung
der  Zeit  für  Karten  und  Kinos  bedeuten.
Wer  immer  aber  sich  daranmacht,  den  Kapitalismus  und  den  aus
diesem  zu  entwickelnden  Sozialismus  zu  studiereir  und  sich  zu  einem
bewußten  Kämpfer  für  unsere  große  Sache  zu  bilden,  der  wird  keinen
besseren  Ausgangspunkt  finden  als  die  Gespräche,  die  unser  Freund
Eckstein  „zur  Einführung  in  die  Grundbegriffe  des  wifsenschaftlichen
Sozialismus"  niederschrieb.
Sie  verdienen  die  weiteste  Verbreitung.
B  e  r  l  i  rr,  März  1920.

Karl  Kautsky.
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        \

Vi


Was  ist  Sozialismus?
„Und  es  ist  doch  ein  Unsinn,  was  dn  da  sagst.  Die  Menschen  sind  nun
einmal  nicht  gleich,  und  es  ist  darum  auch  ein  Unsinn,  sie  gleich  behandeln  j
zu  wollen."
„Gar  so  ungleich  sind  die  Menschen  nicht,  wie  man  immer  sagt.  Ilngleich
  ist,  was  sie  lernen,  wie  sie  auswachsen,  und  deshalb  sind  auch  die  erwachsenen ­
  Leute  so  verschieden.  Gib  das  Kind  einer  Gräfin  zu  einer  Arbeiterin ­
  und  umgekehrt,  und  kein  Mensch  wird  es  später  bemerken."
Dieses  Gespräch  hörte  ich  unlängst,  als  ich  an  einem  schönen  Sonntagvormittag
  auf  einer  Bank  im  Tiergarten  saß.  Zwei  junge  Leute  waren  im
eifrigsten  Gespräch  die  Allee  herabgekommen  und  hatten,  ohne  mich  irgendwie ­
  zu  beachten,  auf  der  Bank  neben  mir  Platz  genommen.  Sie  waren  beide
nett,  aber  einfach  gekleidet.  Ihre  jugendlichen  Gesichter,  die  auf  ein  Alter
von  etwa  16  bis  17  Jahren  schließen  ließen,  sahen  intelligent  und  durch  das
Gespräch  angeregt  aus.  Der  Gegenstand  ihres  Streites  schien  für  beide  großes
Interesse  zu  besitzen.
„Erinnere  dich  nur",  begann  jetzt  wieder  der  Kleinere  van  den  beiden,
der  zuletzt  gesprochen  hatte,  „an  die  Geschichte,  die  unlängst  m  der  Zeitung
stand.  Da  war  eine  lange  Gerichtsverhandlung  darüber,  ob  das  Kind  einer
Gräfin  nicht  in  Wirklichkeit  ein  unterschobenes  Bauernkind  war.  Was  haben
sie  da  nicht  alles  ausprobiert,  um  die  Wahrheit  herauszukriegen,  und  zum
Schluß  wußte  keiner  viel  mehr  als  zu  Anfang.  Und  überhaupt,  ist  denn  das
ein  Grund,  warum  der  eine  arm  sein  soll  und  der  andere  reich?  £&amp;gt;Tt_  sind
doch  gerade  die  gescheiten  Leute  arm  und  die  Dummen  sind  reich.  Die  dicken,
starken  Kerls  können  oft  faulenzen  und  unsere  Martha  zum  Beispiel  muß  in
die  Fabrik  gehen,  wenn  sie  noch  so  sehr  hustet.  Ist  das  gerecht?  Muß  das  so!
sein?"  Er  hatte  sich  ordentlich  in  Eifer  geredet  und  sah  jetzt  fast  zornig  drein.
„Ja,  schön  sieht  das  nicht  aus",  sagte  der  Größere  nach  einer  kurzen
Pause.  „Aber  was  kann  man  dagegen  machen?  Es  hat  immer  Reiche  und
Arme  gegeben.  Und  ich  erinnere  mich  noch  sehr  gut,  wie  ich  eingesegnet
wurde,  sagte  auch  der  Herr  Pastor,  daß  Gott  es  so  eingerichtet  habe,  damit
die  Armen  sich  in  Demut  üben  und  die  Reichen  in  Barmherzigkeit.  Wenn
keiner  mehr  den  anderen  brauchte,  sagte  er,  da  würden  sich  die  Menschen
ganz  fremd  werden,  jeder  würde  nur  für  sich  sorgen  und  eigensüchtig
werden."
„Und  du  glaubst  das?"  platzte  ratn  der  andere  heraus.  „Der  Pastor
hat  doch  auch  gesagt,  daß  Gott  allgerecht  und  allgütig  ist.  Und  da  soll  die
schöne  Einrichtung  von  ihm  sein,  daß  der  arme  Teufel  demütig  bitten  muß,
damit  der  Reiche  seine  Barmherzigkeit  zeigen  kann.  Neulich  ist  unsere  Martha
heulend  nach  Hause  gekommen  und  hat  erzählt,  daß  sie  in  der  Fabrik,  wo  sie
früher  gearbeitet  hat,  entlassen  worden  ist.  Na,  die  Mutter  hat  sie  schön  ausgescholten. ­
  Zuerst  wollte  die  Martha  gar  nicht  sagen,  was  denn  auf  einmal
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        geschehen  war.  Endlich  kriegte  Mirtter  es  aber  doch  raus.  Der  Sohn  vom
Chef  ist  gegen  das  Mädel  frech  und  zudringlich  geworden;  und  wie  sie  sich
nicht  mehr  anders  helfen  konnte,  da  gab  sie  ihm  eine  Maulschelle,  daß  es
klatschte.  Da  hat  er  sie  rausgeschmissen.  Und  das  soll  der  liebe  Gott  selber
so  angeordnet  haben,  daß  der  lumpige  Kerl  mit  dem  Auto  fährt  und  meine
Schwester  jetzt  in  die  chemische  Fabrik  zur  Arbeit  gehen  muß,  wo  es  so  stinkt
und  sie  aus  dem  Husten  nicht  herauskommt?  Nein,  mit  den  Geschichten  verschone ­
  mich  lieber.  Und  glaubst  du  am  Ende  gar,  dZß  Demut  und  Barnrherzigkeit
  notwendig  sind,  damit  die  Menschen  zusammenhalten?  Sind  wir
zwei  nicht  befreundet,  ohne  daß  einer  gegen  den  anderen  „barmherzig"  sein
muß?  Gerade  zwischen  den  Reichen  und  den  Armen  herrscht  verdammt  wenig
Zusammenhalt!"
■  Der  andere  war  nachdenklich  geworden;  endlich  aber  sagte  er:  „Aber
das  ist  doch  wahr,  daß  es  immer  Reiche  und  Arme  gegeben  chat,  und  das
kann  man  auch  nicht  abschaffen.  Weißt  du  noch,  wie  der  Lehrer  uns  in  der
Schule  von  den  alten  Römern  erzählt  hat,  was  die  erst  alles  angegeben
haben!  Da  waren  auf  der  einen  Seite  so  reiche  Leute,  die  Nachtigallenzungen ­
  gegessen  haben  und  Fische,  die.mit  Menschenfleisch  gefüttert  waren;
und  auf  der  anderen  Seite  waren  die  armen  Sklaven,  die  zur  Arbeit  gepeitscht ­
  wurden.  Haben  wir  es  da  nicht  doch  noch  besser?"
„Das  ist  schon  wahr",  sagte  der  Kleinere  zögernd.  „Aber  immer  wares ­
  doch  nicht  so.  Zum  Beispiel  die  alten  Deutschen,  die  die  Römer  so  verklopft
  haben;  bei  denen  hat  es  keine  so  reichen  und  keine  so  armen  Leute
gegeben  wie  bei  den  Römern.  Vielleicht  waren  sie  gerade  deshalb  die  Stärkeren. ­
  Am  Ende  geht  es  uns  auch  noch  so,  daß  von  irgendwo  fremde  Völker
kommen,  bei  denen  es  noch  nicht  soviel  Elend  gibt,  vielleicht  die  Japaner,
und  uns  kurz-  und  kleinschlagen,  wie  damals  die  Deutschen  die  Römer."
„Na,  das  glaube  ich  nicht",  lachte  der  Größere.  „Mit  uns  werden  sie
nicht  so  rasch  fertig  werden;  noch  dazu  hab^  ich  neulich  in  der  Zeitung  gelesen, ­
  daß  es  dort  drüben  jetzt  auch  schon  so  ausschaut  wie  bei  uns,  daß  sie
auch  Fabriken  haben  und  reiche  Fabrikanten  uyd  viele  arme  Teufel.  Das
ist  eben  so  auf  der  ganzen  Welt;  und  wenn  es  auch  vielleicht  wirklich  ein
Uebel  ist,  so  ist  doch  dagegen  kein  Kraut  gewachsen."
„Aber  die  Sozialdemokraten  sagen  doch,  daß  es  &amp;gt;ncht  so  sein  muß."
Der  Kleinere  geriet  wieder  in  Eifer.  „Erst  unlängst  hörte  ich  in  der  Werkstatt ­
  ein  Gespräch  mit  an.  „Laß  nur  mal  die  Roten  zur  Macht  kommen,"
sagte  der  lange  Max,  weißt  du,  das  ist  der  junge  Sozi,  von  dem  ich  dir
fchon  so  oft  erzählt  habe,  „und  ihr  werdet  sehen,  wie  alles  anders  wird.
Wenn  nur  einmal  die  Arbeiter  wirklich  zusammenhalten,  dann  können  sie
kommandieren,  und  dann  werden  sie  selber  essen,  was  sie  geschafft  haben."
„Ja  freilich,"  unterbrach  hier  der  Größere  lachend.  „Eure  Maschinen,
die  ihr  macht,  die  werdet  ihr  aufessen,  und  wir  werden  alle  Kleider  selber
anziehen,  die  bei  uns  im  Magazin  liegen."
„Na,  so  dumm  ist  Max  nicht,"  sagte  der  andere  zornig,  ,„daß  er  so  was
glaubt.  Natürlich,  wenn  wir  in  unserer  Werkstatt  und  ihr  in  eurem  Geschäft ­
  anfingen,  dann  könnte  nichts  Gescheites  dabei  herauskommen.  Darum
müssen  eben  alle  zusammenhalten.  Dann  kann  jeder  das  kriegen,  was  er
braucht."
„Na  also,"  erwiderte  der  Größere,  „da  bist  du  ja  bei  der  Teilerei.  Das
sagt  ja  auch  der  Vater  immer.  Die  Sozialdemokraten  wollen  teilen  und
dann  fängt  die  alte  Geschichte  von  vorn  an.  Dazu  wollen  sie  die  alte  Ord-
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        10

tmng  umstürzen,  den  Kaiser  abschaffen  und  die  reichen  Leute  ausplündern.
Dann  geht  das  große  Juchhe  los,  bis  alles  durchgebracht  ist.  Na,  ich  glaube
selber,  Vater  übertreibt  da;  aber  etwas  wird  schon  dran  sein.  Wenn  heute
geteilt  wird,  ist  morgen  die  alte  Geschichte,  nur  daß  jetzt  andere  Leute  reich
sind,  als  die  es  früher  waren.  Aber  dazwischen  wäre  eine  Revolution  mit
Mord  und  Brand,  mit  all  dem  Jammer  urrd  Elend."
„So  was  Aehnliches  hat  unlängst  auch  der  Werkführcr  bei  uns  gesagt.
Da  ist  aber  Max  wütend  geworden.  „Wie  oft,"  hat  er  geschrien,  „soll  man
es  euch  noch  sagen,  daß  wir  gar  nicht  teilen  wollen,  daß  wir  gerade  wollen,
alles  soll  allen  gemeinsam  gehören.  Heute  ist  alles  unter  die  Reichen  verteilt ­
  irnd  die  Armen  haben  fast  gar  nichts.  Ihr  teilt,  nicht  wir."  Es  war
ent  Glück,  daß  Max  zum  Verein  der  Metallarbeiter  gehört,  sonst  wäre  er
hinausgeflogen  für  seine  Keckheit;  aber  mit  denen  bindet  der  Werkführer
nicht  gern  an.  Ganz  habe  ich  freilich  auch  nicht  verstanden,  was  er  gemeint ­
  hat."
„Siehst  du,  das  ist  es  eben,"  erwiderte  nun  der  Größere  in  überlegenem ­
  und  lehrhaftem  Tone.  „Die  meisten  Arbeiter  verstehen  selber  nicht
recht,  warum  sie  für  die  Roten  sind.  Wenn  man  nicht  auf  diese  unverständlichen ­
  Phrasen  hört,  sondern  sich  das  wirkliche  Leben  betrachtet,  dann  sieht
man,  daß  die  Sozialdemokraten  das  Kleingewerbe,^  den  gesunden  Mittelstand, ­
  ruinieren,  daß  sie  den  Landarbeiter  in  die  Stadt  locken,  wo  er  mir
unglücklich  wird,  daß  sie  überall  Unzufriedenheit  und  Unfrieden  stiften,  kurz,
daß  sie  auf  den  Umsturz  ausgehen.  Was  sie  wollen,  das  ist  ein  unmöglicher
Unsinn,  und  wie  sie  es  durchführen  wollen,  das  ist  gar  schlecht  und  dumm.
Werden  die  Arbeiter  vielleicht  glücklicher  sein,  wenn  die  Sozi  die  Familie
zerstört  haben,  wenn  alle  Ordnung  aufgehört  hat  und  jeder  nur  nimmt,
so  viel  er  erwischen  kann?  Die  unverständlichen  Redereien  der  Agitatoren
verführen  die  Arbeiter  nur  zum  Ungliick.  Ein  Blick  ins  wirkliche  Leben
zeigt  dies  sofort."
„Glauben  Sie  das  wirklich?"  mischte  ich  mich  nun  in  das  Gespräch,
dem  ich  mit  wachsendem  Interesse  gefolgt  war.  Zum  Schluß  hatte  allerdings ­
  der  Größere  von  den  beiden  Jungen  gesprochen,  wie  wenn  er  eine
eingelernte  Lektion  hersagte.  Man  merkte,  daß  er  das,  was^  er  da  herbetete, ­
  oft  und  oft  mußte  gehört  haben.  „Glauben  Sie  das  wirklich,"  sagte
ich  also,  „daß  so  die  Lehren  des  wirklichen  Lebens  aussehen?  Das  haben
Sie  gewiß  noch  nicht  selbst  ausprobiert.  Ich  höre  es  Ihnen  an,  daß  Sic
da  nur  was  Eingelerntes  hersagen."
Im  ersten  Augenblick  waren  die  beiden  jungen  Leute  erschrocken  und
auch  unwillig,  daß  sich  ein  Fremder,  von  dessen  Anwesenheit  sie  gar  keine
^lotiz  genommen  hqtten,  in  ihr  Gespräch  mischte.  Bald  aber  war  es  mir
gelungen,  mir  ihr  Vertrauen  zu  erwerben,  und  nun  sprachen  wir  weiter
über  die  Fragen,  über  die  sie  eben  gestritten  hatten;  binnen  kurzem  waren
wir  gute  Bekannte  geworden.  Der  Kleinere  von  den  beiden  war  jugendlicher ­
  Hilfsarbeiter  in  einer  Maschinenfabrik,  der  Größere  war  Handlungslehrling ­
  in  einem  Kleiderkonsektionsgeschäft.  Sie  hatten  schon  als  Kinder
viel  zusammen  gespielt  und  waren  in  dieselbe  Schulklasse  gegangen,  und  so
hatte  sich  die  warme  Freundschaft  erhalten,  auch  als  sich  ihre  Lebenswege
trennten.  In  ihren  Anschauungen  gingen  sie  freilich  oft  recht  weit  auseinander, ­
  da  jeder  von  ihnen  stark  von  der  häuslichen  Umgebung  checinflußt
war.  Wilhelm,  der  künftige  Kommis,  war  der  Sohn  eines  Schutzmannes,
Karl  der  eines  Arbeiters.  Es  war  daher  nur  natürlich,  daß  ihre  Eltern
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        11

in  vielen  Dingen  sehr  verschieden  dachten,  und  das  färbte  auch  auf  die  Söhne
ab.  Der  Streit,  den  ich  eben  mitangehört  hatte,  war  nicht  der  erste  über
diesen  Gegenstand,  und  bisher  War  es  noch  keinem  von  den  beiden  gelungen,
den  anderen  für  seine  eigene  Ansicht  zu  gewinnen.
Da  sich  Wilhelm  selbst  auf  die  Lehren  des  wirklichen  Lebens  berufen
hatte,  regte  ich  nun  an,  daß  damit  auch  Ernst  gemacht  werden  solle.  Wir
verabredeten,  daß  wir  einander  am  nächsten  Sonntag  wieder  treffen  wollten.
Um  in  der  einfachsten  Weise  festzustellen,  ob  denn  die  Verhältnisse  wirklich  so
unveränderlich  feien,  wie  besonders  Wilhelm  behauptet  hatte,  meinte  ich,  daß
es  das  praktischeste  wäre,  wenn  jeder  von  uns  seinen  Vater  ersuchte,  ihm
seine  Leidensgeschichte  zu  erzählen.  Darüber  wollten  wir  uns  dann  berichten. ­
  Da  würde  sich  ja  gleich  zeigen,  ob  und  wie  sich  die  Verhältnisse  m
'tier  letzten  Zeit  geändert  hätten.  So  schieden  wir  denn  mit  dem  gegenseitigen ­
  Versprechen,  uns  am  folgenden  Sonntag  wieder  zusammenzufinden.

Bauernleben  in  der  guten  alten  Zeit.
Als  wir  wieder  zusammenkamen,  fragten  wir  zunächst  Wilhelm,  was
er  zu  berichten  habe.  Er  wurde  etwas  verlegen,  und  endlich  sagte  er:  „An
meinen  Vater  traue  ich  mich  nicht  recht  heran  mit  so  einer  Frage.  Der  ist
immer  so  streng  gegen^irns  Kinder;  aber  der  Großvater,  der  bei  uns  wohnt,
der  erzählt  gerne,  und  so  habe  ich  den  gefragt,  wie  es  denn  in  seiner  Jugend
ausgesehen  hat,  ob  es  da  viel  anders  war  als  heute;  und  da  erzählte  er  mir
gleich  aus  seinen  Erinnerungen.  Wenn  es  euch  recht  ist,  will  ich  euch  die
Geschichte  ganz  so  wiedergeben,  wie  er  sie  erzählt  hat;  denn  ich  habe  gut  aufgepaßt ­
  und  mir  sie  gut  gemerkt."
Wir  waren  ganz  einverstanden  und  so  begann  ^Wilhelm:
„Du  fragst,  mein  Junge,"  sagte  der  Großvater,  „ob'die  Welt  in  meiner
Jugend  anders  ausgesehen  hat  als  heute?  Das  will  ich  meinen!  _  Wenn
ich  mich  so  zurückerinnere,  wie  alles  damals  war,  so  kommt  es  mir  ganz
wunderlich  vor,  daß  doch  alles  so  geschwind  gegangen  ist.
Mein  Vater  war  Bauer  in  Schlesien,  und  ich  bin  aus  dem  Lande  aufgewachsen. ­
  Als  ich  aber  unlängst  zum  Begräbnis  meiner  Schwester  wieder
in  der  Heimat  war,  da  erkannte  ich  das  Bauernleben  kaum  wieder.  Bei  uns
gab  es  das  nicht,  daß  so  viel  beim  Kaufmann  und  gar  in  der  Stadt  gekauft
wurde,  wie  das  jetzt  geschieht.  Was  nur  ging,  das  wurde  zu  Hause  gemacht.
Die  Mutter  und  meine  Schwester  spannen  fleißig  im  Winter  und  das  Gespinst ­
  wurde  gleich  im  Dorf  gewoben.  Schuhwerk  trug  man  überhaupt
nur  im  Winter,  und  das  waren  Holzschuhe,  die  zu  Hause  angefertigt  wurden.
Kleider  und  Wäsche  machte  Mutter  zurecht,  den  Pflug  und  die  Egge  besserte
der  Vater  selber  aus,  und  wenn  was  Neues  nötig  war,  dann  machte  es  der
Dorfschmied.  ■  ^
Mein  Vater  war  schon  ein  wohlhabenderer  Mann.  Wir  hatten  vier
Kühe  und  zwei  Pferde  im  Stalle  stehen,  mit  denen  Vater  auf  dem  Gutshof
Spanndienst  leisten  mußte.  Damals  war  nämlich  der  Bauer  nicht  so  frei  wie
jetzt,  wo  er  nur  für  sich  selber  zu  arbeiten  hat  und  den  Hos  verkaufen  und
fortziehen  kann.  Das  gab  es  damals  nicht.  Wer  Pferde  hatte,  der  mußte
mehrmals  die  Woche  zeitlich  früh  mit  ihnen  auf  den  Gutshof  kommen  und
da  für  den  Gutsherrn  arbeiten.  Meine  zwei  älteren  Brüder  und  meine
Schwester  niußten  auch  jedes  ein  Jahr  umsonst  dort  dienen,  und  außerdem
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        12

mußten  wir  noch  Hühner,  Eier,  Butter  und  weiß  Gott  was  noch  für  Sachen
dem  Gutsherrn  geben.  Fortziehen  durften  wir  nicht,  und  wollte  nur  ein
Bauer  seinen  Jungen  was  anderes  werden  lassen  als  wieder  Bauer,  so  war
die  Erlaubnis  des  Gutsherrn  dazu  nötig.  Dafür  aber  durften  wir  auch  im
herrschaftlichen  Wald  Klaubholz  suchen  und  unser  Vieh  auf  die  Gutsweide
treiben.  Das  war  mein  Geschäft.  Und  ich  kann  mich  noch  sehr  gut  erinnern,
wie  eines  schönen  Tages  der  Herr  Gutsverwalter  daherkam  und  mich  mitsamt ­
  meinen  Kühen  davonjagte.
Ich  wußte  nicht,  was  das  auf  einmal  zu  bedeuten  hatte,  denn  bis  dahin
hatte  er  nie  etwas  dagegen  gesagt.  Ich  wollte  den  Vater  fragen;  aber  als  ich
weinend  nach  Hause  kam,  was  war  da  für  eine  Aufregung  im  Hause!  Die
Mutter  weinte,  der  Vater  fluchte  und  rang  die  Hände.  Alles  war  in  heller
Verzweiflung.  Damals  begriff  ich  nicht,  was  denn  Schreckliches  geschehen
war.  Erst  viel  später  erfuhr  ich  den  Zusammenhang.
Unser  Gutsherr,  der  Herr  Graf,  hatte  meinem  Vater  den  Spanndienst
und  Handdienst,  wie  man  das  dazumal  nannte,  erlassen,  und  wir  brauchten
auch  keine  Hühner  u.  s.  to.  mehr  zu  geben.  Dafür  aber  nahm  er  uns  das
Klaubholz  und  die  Weide  und  den  halben  Grund,  der  feit  Menschengedenkeu
in  unserer  Familie  gewesen  war.  Mein  Vater  wollte  das  gar  nicht  glauben
und  lief  gleich  zum  Kreisamt  into  wollte  Klage  führen;  aber  dort  sagten
sie  ihm,  der  Herr  Graf  sei  ganz  in  seinem  Rechte,  es  bestehe  da  so  ein  Gesetz,
das  ihm  das  erlaubt.  Und  wie  mein  Vater  das  nicht  glauben  wollte,  da
drohten  sie  ihm  mit  dem  Einsperren.
Das  war  ein  schwerer  Schlag.  Freilich,  daß  er  die  Dienste  nicht  mehr
zu  leisten  brauchte  und  die  Kinder  zu  Hause  behalten  konnte,  das  war  dem
Vater  schon  recht!  Aber  die  Hälfte  von  seinem  Grund  und  Boden  wegzuuehmen,
  das  war  doch  schrecklich.  Dann  war  unser  Haus  schon  alt  und  schadhaft, ­
  lind  der  Vater  wollte  im  nächsten  Jahre  ein  neues  bauen  oder  doch  ein
neues  Dach  aufsetzen.  Das  Holz^hätte  er  aus  dem  Herrschaftswald  holen
können.  Das  durfte  er  nun  auch  nicht  mehr.
Jetzt  ging  es  ans  Sparen!  Zwei  Kühe  mußten  gleich  verkauft  werden,
denu  nun  war  kein  Futter  mehr  für  sie  da,  und  so  hatte  ich  auch  nichts  mehr
zu  tun,  denn  die  anderen  zwei  Kühe  standen  im  Stalle.  Für  das  kleine  Stück
Land,  das  dem  Vater  geblieben  war,  gab  es  nun  in  der  Familie  reichlich
genug  Hände  und  mehr  als  genug  Münder.  Der  Vater  war  daher  sehr  froh,
als  meine  Tante,  seine  Schwester,  den  Vorschlag  machte,  mich  zu  sich  zu
nehmen.  Sie  hatte  einen  wohlhabenden  Bauern  jenseits  der  Grenze  geheiratet. ­
  Leicht  war  es  freilich  nicht  gewesen,  zu  dieser  Heirat  die  Einwilligung ­
  unseres  Gutsherrn  zu  bekommen,  und  es  hatte  ein  hübsches  Stück  Geld
gekostet.
^  Jetzt,  nahm  mich  die  Tante  31t  sich,  und  so  kam  ich  ins  Oesterreichische.
Das  Dorf,  wo  sie  wohnte,  war  freilich  von  dem  unseren  kaum  mehr  als
eine  stunde  entfernt,  aber  doch  war  dort  vieles  anders  als  bei  uns  und
nicht  gerade  bdsser.  Denn  dort  stand  die  Bauernplackerei  noch  in  voller  Blüte.
Unter  den  Bauern  gingen  allerhand  Geschichten  um  von  dem  guten  Kaiser
Josef,  der  den  Bauern  hätte  helfen  wollen  und  den  die  Jesuiten  umgebracht
hätten.  Ich  weiß  nicht,  wieviel  davon  wahr  ist;  aber  schlecht  genug  ging  es
den  Bauern  dort  noch  immer.
Mein  Onkel,  der  Mann  meiner  Tante,  hatte  im  Jahre  40  bis  50  Tage
für  den  Gutsherrn  Spanndienste  zu  leisten  und  das  natürlich  gerade  immer
zu  der  Zeit,  wo  er  selbst  hätte  ackern,  säen,  düngen  und  ernten  sollen;  aber
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        13

5er  Herrendienst  ging  vor.  Dann  mußte  er  aus  den  hoch  oben  im  Gebirge
gelegenen  Schafstellen  den  Dung  herabführen  und  im  Winter  mußte  er
zweimal  zwei  Klafter  Holz  und  aus  den  herrschaftlichen  Teichen  das  Eis
nach  Jägerndorß  in  die  Stadt  fahren,  wo  es  für  den  Gutsherrn  verkauft
wurde.  Zu  den  Erntearbeiten  im  Herbst  mußte  der  Onkel  noch  einen  Gehilfen ­
  aus  eigenem  mitbringen,  zum  Fischfang  sogar  zwei:  und  wenn  herrschaftliche ­
  Jagd  war,  mußte  er  einen  Treiber  stellen  und  zu  diesem  Vergnügen ­
  war  oft  ich  ausersehen.  Auch  bares  Geld  wanderte  oft  in  die  schier
unergründlichen  Taschen  des  Gutsherrn.  Beim  Besitzwechsel  mußte  oft  ein
Zehntel  vom  Werte  an  den  Gutsherrn  gezahlt  werden.  Für  die  Erlaubnis
zum  Heiraten  oder  den  Sohn  was  lernen  zu  lassen,  mußte  gezahlt  werden,
und  dann  gab  es  noch  allerhand  Abgaben,  Me  alle  schöne  Titel  hatten,  wie
Eisenhammer,  Robotgeld,  Jürge-,^Michaeli-,  Hühner-,  Kälber-  und  Garnzins.
  Wurde  im  Gutsbezirk  eine  Straße  gebaut,  dann  mußten  die  Bauern
nicht  nur  Fuhren  umsonst  leisten,  oft  wurden  ihnen  statt  dessen  Geldbeiträge
auferlegt.
Da  war  einmal,  erinnere  ich  mich,  eine  sonderbare  Geschichte.  Da  wurde
unserem  ganzen  Dorfe  eine  Geldsteuer  für  eine  neue  Straße  auferlegt  und
die  mußte  vier  Jahre  lang  bezahlt  werden.  Zum  Schluß  stellte  sich  heraus,
daß  die  Straße  nur  geplant  gewesen  war:  gebaut  wurde  sie  nie,  aber  das
Geld  war  hin.
War  aber  schließlich  wirklich  schon  alles  an  den  Gutsherrn  abgezahlt,
dann  kam  noch  der  Herr  Pfarrer  daher  und  verlangte  im  Namen  Gottes
und  des  Gesetzes,  daß  ihm  der  Bauer  seinen  Zehent,  die  Kirchensteuer,  in
die  Scheuer  lieferte.  Der  Schnaps,  mit  dem  er  dann  die  Bauern  bewirtete,
war  ein  recht  schmaler  Ersatz.
Zu  all  dem  kam  aber  noch,  daß  wir  zum  Beispiel  unser  Getreide  nicht
dort  mahlen  lassen  durften,  wo  wir  wollten  und  wo  es  billig  war,  sondern  wir
mußten  es  zur  herrschaftlichen  Mühle  bringen,  die  schlecht  und  teuer
arbeitete.  Dafür  aber  mußten  wir  das  schlechte  herrschaftliche  Bier  trinken,
,  und  da  wurde  der  Bauer  nicht  lange  gefragt,  wieviel  er  wolle:  er  mußte
Jahr  für  Jahr  seine  bestimmten  Fässer  abnehmen  und  gut  bezahlen.
Das  war  schon  so  Rechtens;  aber  was  alles  konnte  sich  die  Herrschaft
noch  darüber  erlauben,  wenn  sie  wollte!  Mein  Onkel  war  mit  seiner  Herrschaft ­
  noch  gut  dran,  aber  anderen  Bauern  ging  es  gar  schlimm.  Bei  wem
wollten  sie  sich  auch  beschweren?  Der  Gutsherr  war  in  Oesterreich  geradeso
wie  in  Preußen  die  Obrigkeit.  Freilich  gab  es  noch  die  Kreisämter,  bei
denen  man  sich  beschweren  konnte,  aber  das  kostete  Geld.  Und  dann  kam  eines
schönen  Tages  der  Herr  Kreiskommissär.  Natürlich  wohnte  er  im  herrschaftlichen ­
  Schloß  oder  gewöhnlich  beim  Herrn  herrschaftlichen  Amtmann  und
dem  tat  er  dann  nicht  weh.  Und  so  blieb  es  fast  immer  bei  dem,  was  der
Herr  Amtmann  selber  verfügt  hatte.  Freilich  konnte  der  Bauer  dann  noch
ans  Gericht  gehen,  wenn  er  sich  arm  prozessieren  wollte.  Denn  so  ein
Prozeß  dauerte  damals  seine  hübsche  Zeit.  Im  Dorfe,  wo  der  Onkel  wohnte,
hatte  die  Herrschaft  einem  Bauern  ein  Stück  Feld  weggenommen.  Sie
behauptete,  das  habe  einmal  zum  Gutshof  gehört,  der  Bauer  habe  es  nur
in  Pacht  gehabt.  Das  war  nicht  wahr  und  der  Bauer  wollte  es  sich  nicht
gefallen  lassen.  AIs  ich  im  Jahre  46  hinkam,  dauerte  der  Prozeß  schon  drei
Jahre  und  im  Jahre  48  war  er  noch  nicht  beendet;  aber  der  Bauer  hatte
schon  sein  ganzes  Geld  verprozessiert.
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        14

Aber  wehe,  wenn  ein  Bauer  einmal  etwas  gegen  die  Herrschaft  aufteilte! ­
  Da  war  die  „Gerechtigkeit"  sehr  geschwind  und  dann  regnete  es  nur
so  Stockprllgel.  Und  da  gab  es  ganz  kuriose  Verbrechen.  So  kriegte  zu  meiner
Zeit  einmal  unser  NaMar  fünf  saftige  Hiebe,  weil  er  in  der.  geheiligten
Nähe  des  herrschaftlichen  Beamten  beim  Ackern  unter  Geräusch  respektwidrigen
  Gasen  den  Abzug  erlaubt  hatte!"
„Ja,  siehst  du,"  sagte  der  Großvater,  „so  sah  es  in  meiner  Jugend
aus.  Heute  geht  der  Bauer,  dem  es  hier  nicht  mehr  recht  ist,  nach  Amerika.
Damals  durfte  er  überhaupt  nicht  weg  ohne  Bewilligung  der  Herrschaft.
Und  wenn  einer  ein  keckes  Wort  riskierte,  gab  es  einfach  Prügel  und  ein
dunkles  Loch,  wo  man  bei  Wasser  und  Brot  über  den  Wert  der  Demut  nachdenken ­
  konnte."
■  „Aber,  Großvater,"  sagte  ich  endlich,  „wie  ist  es  denn  aber  gekommen,
daß  heute  alles  so  anders  ist?  Wer  hat  denn  das  bewirkt?"
Aber  der  Großvater  war  schon  müde  vom  Erzählen  und  so  versprach
er,  mir  davon  ein  andermal  zu  berichten.

Die  Bauernbefreiung.
„Nun,  siehst  du",  begann  jetzt  Karl,  der  schweigend  und  aufmerksam
zpgehört  hatte.  „Es  wird  ja  gewiß  interessant  sein  zu  hören,  wieso  sich  die
Zustände  auf  dem  Lande  so  gründlich  geändert  haben  seit  der,Kindheit  Leines
Großvaters;  aber  so  viel  steht  doch  jedenfalls  schon  einmal  fest,  daß  sich  m
der  kurzen  Zeit  sehr  viel  geändert  hat.  Ich  habe,  wie  es  verabredet  war,
ebenfalls  meinen  Vater  um  seine  Lebensgeschichte  befragt,  und  aus  ihr  geht
es  auch  klar  hervor,  daß  es  ein  Schwindel  ist,  wenn  immer  gesagt  wird,  alles
sei  stets  so  gewesen,  wie  es  heute  ist  und  werde  darum  auch  so  bleiben.  Diese
Geschichte  werde  ich  aber  erst  erzählen,  wenn  Wilhelm  die  semes  Großvaters
beendet  haben  wird.  Also  los,  erzähle."
Und  Wilhelm  begann  wieder:  „Sobald  ich  sah,  daß  der  Großvater
wieder  einmal  gut  aufgelegt  war,  erinnerte  ich  ihn  an  sein  Versprechen,
mir  seine'weiteren  Erlebnisse  zu  schildern,  und  wie  es  denn  gekommen  rst,
daß  der  Bauer  heute  so  ganz  anders  lebt  als  vor  60  oder  70  Jahren."
„Es  ist  ganz  gut,"  meinte  der  Großvater,  nachdem  er  sich  eine  neue
Pfeife  angesteckt  hatte,  „daß  dein  Vater  gerade  nicht  zu  Hause  ist;  denn  der
würde  es  wahrscheinlich  nicht  gern  hören,  wenn  ich  dir  von  der  Revolution
erzähle,  die  die  Bauern  frei  gemacht  hat;  aber  dasüst  ja  schon  solange  her
und  heute  gibt  es  keine  Bauern  mehr  zu  befreien.  Freilich,  damals  dachte
von  den  Bauern  agch  keiner  daran,  wie  nahe  so  große  Ereignisse  bevorstanden. ­
  Wenigstens  vor  uns  Jungen  to  at  nie  die  Rede  davon.  Aber  eines
Tages,  es  wird  so  gegen  Ende  März  des  Jahres  1848  gewesen  fern,  da  wurde
es  unruhig  bei  uns  im  Dorf.  Da  kamen  ganz  besondere  Gerüchte  auf,  daß
die  Wiener  auf  den  Straßen  mit  dem  Militär  gekämpft  haben,  daß  dw
Minister  davongelaufen  sind,  daß  jetzt  auf  einmal  dort  Freiheit  herriwt
und  jeder  reden  und  tun  kann,  was  er  will.  Zuerst  wollte  niemand  recht
daran  glauben;  aber  am  nächsten  Sonntag  predigte  der  Herr  Pfarrer  m
der  Kirche  gegen  den  Aebermut  des  Volkes,  das  in  Wien  schon  begonnen
habe,  selber  zu  regieren  und  den  guten  Kaiser  zu  verjagen.  Na,  jetzt  wußten
wir  es  doch,  daß  etwas  geschehen  war,  und  bald  kriegten  tote  auch  bessere
Nachrichten  Einer  der  größten  Bauern  im  Dorf  hatte  einen  Sohn,  der  m
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        h

I

-  15  -
Wien  studierte  und  der  schrieb  lange  Briefe  an  seinen  Vater  nach  Hause.  Die
gingen  dann  von  Hand  zu  Hand,  nicht  nur  bei  uns,  sondern  oft  auch  in  den
Nachbardörfern.  Der  erzählte,  wie  Mitte  März  in  Wien  das  Volk  aufgestanden ­
  war,  wie  auf  den  Straßen  gekämpft  wurde  und  endlich  die  Revolution ­
  siegte,  wie  die  Minister  davonliefen  und  der  Kaiser  ein  Parlament
,  versprach.  Daß  man  hätte  den  Kaiser  verjagen  wollen,  das  war  nicht  wahr.
Aber  eine  Nationalgarde  hatten  die  Wiener  gebildet,  Bürger,  Arbeiter  und
besonders  die  Studenten  hatten  sich  bewaffnet,  und  da  beschlossen  denn  die
Bauern,  das  auch  zu  tun.  Da  tauchten  alle  möglichen  alten  Schießprügel
auf,  mein  Vetter  fand  noch  in  einer  Bodenkammer  ein  altes  Feuersteingewehr ­
  und  rückte  damit  aus.  Wer  keine  Feuerwaffen  austreiben  konnte,
der  nahm  die  Mist-  oder  Heugübel,  und  so  hatten  wir  bald  auch  im  Dorf
unsere  »Nationalgarde«,  die  fleißig  exerzierte.  Wenn  ich  mich  heute  daran
erinnere,  muß  ich  lachen,  wie  zusammengestöppelt  alles  war;  aber  damals
war  es  allen  sehr  ernst;  und  besonders  den  Herren  Amtleüten  wäre  das
Lachen  ganz  gehörig  vergangen,  wenn  sie  jetzt  versucht  hätten,  den  Bauer
so  zu  behandeln  wie  vorher.  Aber  das  versuchten  sie  gar  nicht;  die  früher
die  ärgsten  Schinder  gewesen  waxen,  die  waren  jetzt  sanft  wie  Lämmer.
|Benn  ein  Bauer  von  der  Robot,  so  hieß  die  Zwangsarbeit,  fernblieb,  dann
tat  der  Herr  Amtmann,  als  ob  er  nichts  bemerkte.  Früher  hätte  es  Prügel
gesetzt.  Manche  meinten  nun,  man  solle  der  Herrschaft  überhaupt  keine  Arbeit ­
  mehr  umsonst  leisten;  die  Mehrheit  aber  beschloß,  eine  Petition  an  den
Kaiser  zu  richten  um  Aufhebung  der  Robot.  Die  Bittschrift  wurde  auch  abgeschickt; ­
  aber  wie  das  schon  ist,  wenn  kein  Zwang  mehr  da  ist;  wer  nicht
wollte,  der  leistete  seine  Arbeit  eben  nicht,  und  die  Herrschaften  waren  froh,
wenn  ihnen  die  Bauern  nicht  noch  das  Haus  ansteckten,  wie  das  in  anderen
Gegenden  ab  und  zu  geschehen  sein  soll.
Anfangs  des  Sommers  waren  dann  die  Wahlen  für  den  ersten  Reichstag. ­
  Na,  war  das  eine  Aufregung!  Und  aus  unserem  Wahlbezirk  wurde  auch
ein  Bauer  als  Abgeordneter  nach  Wien  geschickt.  Das  war  etwas  ganz  Unerhörtes. ­
  Noch  vor  ein  paar  Monaten  hatte  der  Bauer  vor  jedem  Beamten
und  vor  jedem  Adeligen  auf  dem  Bauch  liegen  müssen.  Jetzt  schickten  sie
einen  der  ihrigen  als  Gesetzgeber  nach  Wien!  Beworben  hatten  sich  allerhand
Leute  um  das  Mandat,  darunter  auch  ein  früherer  Amtmann,  der  jetzt  den
Bauern  schrecklich  schön  tat;  aber  die  trauten  ihm  nicht  über  den  Weg  und
wählten  lieber  einen  der  ihrigen.  Bald  darauf  hörte  man,  daß  im  Reichstag
über  Bauernbefreiung  verhandelt  wurde  und  unser  Abgeordneter  schrieb  oft
darüber  nach  Hause.  Gar.so  eilig  hatte  man  es  im  Dorf  damit  eigentlich
nicht  einmal;  denn  dort  leistete  ohnehin  keiner  mehr  die  Robot,  und  wenn
die  Ablösung  gesetzlich  wurde,  dann  mußten  die  Bauern  der  Herrschaft  etwas
bezahlen.  Trotzdem  freuten  sich»aber  doch  alle,  als  man  im  September  erfuhr, ­
  wie  ein  Gesetz  vom  Reichstag  angenommen  worden  war,  daß  viele
Lasten  ganz  unentgeltlich  aufgehoben  sein  sollten,  andere  nur  gegen  eine
kleine  Entschädigung.  Freilich  hatten  viele  gehofft,  es  werde  alles  einfach
so  bleiben,  wie  es  nun  geworden  war,  das  heißt,  daß  die,  Robot  ganz  ohne
Bezahlung  wegfalle;  aber  die  meisten  waren  doch  sehr  zufrieden  mit  dem,
was  der  Reichstag  damals  beschloß.  Später,  als  wirklich  reguliert  wurde
und  mancher  dennoch  ein  schönes  Stück  Geld  zu  zahlen  hatte,  murrten  wieder
viele,  jedoch  auch  die  beruhigten  sich  bald.
Aber  die  Revolutionäre  in  Wien  wollten  noch  keine  Ruhe  geben  und
trieben  die  Sache  immer  ärger,  so-  daß  der  Kaiser  aus  Wien  flüchten  mußte
und  dann  verbanden  sie  sich  sogar  mit  den  rebellischen  Ungarn.  Dafür  to«»-
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        16

den  sie  aber  auch  gezüchtigt.  Wien  wurde  belagert  und  eingenommen.  Mit
der  revolutionären  Herrschaft  war  es  vorbei;  der  Reichstag  wurde  aufgelöst. ­
  aber  die  Bauern  hatten  doch  erreicht,  was  sie  wollten  und  brauchten.
Wenn  ich  mrch  erinnere,  wie  es  bei  uns  in  Preutzisch-Schlesien  gegangen
war,  wo  meinem  Vater  bei  der  »Befreiung«  sein  halber  Grund  und  Boden
weggenommen  wurde,  so  muß  ich  doch  sagen,  daß  es  in  Oesterreich  besser  war;
denn  dort  behielt  der  Bauer  sein  ganzes  Land,  ein  Teil  der  Lasten  entfiel
ganz  ohne  Ablösung,  und  einen  Teil  der  übrigen  Ablösungsgelder,  die  auch
nicht  so  hoch  waren,  zahlte  das  Land  an  die  Herrschaften.  Für  die  Bauern
war  die  Revolution  doch  was  wert  gewesen."
„Und  dafür  haben  sie  sie  verraten",  schrie  hier  Karl  ganz  aufgeregt
dazwischen.  „Die  eigene  Befreiung  von  den  Lasten,  die  war  den  Bauern
schon  recht;  aber  als  sie  die  hatten  und  es"  den  Wienern  schlecht  ging,  die
doch  für  die  Bauern  die  Kastanien  aus  dem  Feuer  geholt  hatten,  da  rührten
sic  sich  nicht.  Wenigstens  hat  dein  Großvater  Nichts  davon  erwähnt,  daß  die
Bauern  den  belagerten  Wienern  zu  Hilfe  gekommen  wären.  So  etwas  ist
vielleicht  praktisch;  aber  ich  nenne  so  einen  Verrat  eine  Lumperei.  Schön
ist  es  nicht."  Er  war  ganz  wild  geworden.
„So  unrecht  hättest  du  ja  nicht,"  sagte  ich  darum  zu  seiner  Beruhigung,
„wenn  die  Volksklassen  wie  einzelne  Menschen  zu  beurteilen  wären,  die  für
Wohltaten  dankbar  sein  sollten.  Aber  die  Geschichte  zeigt,  daß  das  noch  nie
der  Fall  war.  Schon  im  täglichen  Leben  tut  jeder  gut,  wenn  er  sich  nur  auf
sich  selbst  und  auf  die  Kameraden  verläßt,  die  gemeinsames  Interesse  mit
ihm  verbindet;  aber  gar  in  der  Politik  darf  nie  eine  Klasse  auf  die  andere
rechnen,  da  muß  jede  für  sich  selbst  sorgen.  So  war  es  noch  bei  jeder  Revolution; ­
  sobald  die  Besitzenden  das  erlangt  haben,  was  sie  begehrten,  dann
wollen  sie  ruhig  und  ungestört  bleiben  und  wenden  sich  gegen  jeden/  der
sie  stört,  also  am  meisten  gegen  ihre  früheren  Verbündeten,  die  noch  nicht
befriedigt  und  gesättigt  waren."
„Das  ist  traurig,"  erwiderte  Karl;  „aber  trotzdem  zeigt  die  Geschichte,
die  uns  Wilhelm  da  erzählt  hat,  doch,  wieviel  besser  es  ist,  wenn  sich  das
Volk  etwas  selber  nimmt,  als  wenn  es  wartet,  bis  es  ihm  gegeben  wird."
„Das  dachte  ich  mir  auch  schon  bei  der  Erzählung",  gab  nun  Wilhelm
zu.  „In  Preußen  müssen  doch  die  Gutsherren  bei  der  Ablösung  ein  gutes
Geschäft  gemacht  haben;  sonst  hätten  sie  nicht  selber  darauf  gedrungen.  In
Oesterreich  haben  sich  die  Bauern  alles  selber  genommen  unö_  die  Gutsherren ­
  mußten  zufrieden  sein  mit  dem,  was  ihnen  nachher  ersetzt  wurde.
Aber  ganz  kann  ich  dem  Karl  doch  nicht  recht  geben;  denn  was  hätten  schließlich ­
  die  Bauern  den  Wienern  viel  helfen  können?  Wir  haben  ja  gehört,  wie
schlecht  sie  bewaffnet  waren.  Und  wären  sie  mit  unterlegen,  so  wäre  es  mit
allen  ihren  Errungenschaften  wieder  vorbm  gewesen."

„Das  Handwerk  hat  einen  goldenen  Boden."
„Siehst  du,  Wilhelm,"  begann  Karl,  als  wir  uns  das  nächste  Mal
trafen,  „mir  ging  es  mit  meinem  Vater  gerade  umgekehrt  wie  dir.  Du  hast
dich  gar  nicht  getraut,  ihn  zu  fragen,  und  ich  hatte  es  nicht  einmal  nötig.
Denn  vor  ein  paar  Tagen  kam  er  abends  von  einer  LZersammlung  nach
Hause,  in  der  ein  sozialdemokratischer  Referent  gesprochen  hatte.  Nachher
war  ein  Bäckermeister  aufgetreten  und  hatte  den  Sozis  vorgeworfen,  daß
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sie  das  Handwerk  ruinieren.  Die  Diskussion  war  erregt  gewesen  und  der
Referent  hatte  entgegnet,  daß'  es  nicht  die  Sozialdemokraten  seien,  die  das
Handwerk  zugrunde  richteten,  sondern  die  Konkurrenz  der  kapitalistischen
Großbetriebes  daß  aber  allerdings  die  Sozialdemokraten  diese  Notwendigkeit ­
  nicht  nur  erkennen,  sondern  auch  offen  erklären,  während  andere  Parteien ­
  die 'Beteiligten  darüber  hinwegzutäuschen  suchten.
Als  der  Vater  nach  Hause  kam,  war  er  noch  in  Erregung  und  erzählte ­
  uns  von  der  Redeschlacht.  „Ja,"  sagte  er,  „das  kann  ich  bestätigen,  das
habe  ich  miterlebt,  wie  der  Handwerker  aus  den  Hund  gebracht  wird  durch
das  große  Ungetüm,  das  Kapital."  Und  nun  erzählte  er  mir  die  Geschidsie
seines  Lebens.
„Mein  Vater,"  begann  er,  „war  Tischlermeister  in  einer  kleinen
Stadt.  Er  war  ein  geachteter  Bürger,  auf  dessen  Meinung  Und  Stimme
man  etwas  gab  in  der  Gemeinde.  Ich  sehe  ihn  noch  vor  mir,  wie  er  in  der
Werkstatt  an  der  Hobelbank  stand  und  die  Arbeit  ihm  nur  so  von  den
Händen  slog.  Er  war  geschickt  in  seinem  Fach,  und  in  der  ganzen  Stadt
waren  seine  gediegenen  und  geschmackvollen  Möbel  bekannt  und  beliebt.
Wenn  wo  ein  junges  Bürgerpaar  heiratet,  dann  wußte  der  Vater  schon,
daß  sie  zu  ihm  kommen  und  ihre  Einrichtung  bestellen  würden.  Als  der
Bürgermeister  eine  neue  Amtsstube  einrichtete,  da  hatte  er  lange  Beratungen ­
  mit  dem  Vater.  Der  war  fleißig,  aber  er  liefe  sich  auch  nichts
abgehen.  Hühner  und  Gänse  zog  die  Mutter  selbst  und  Gemüse  hatten  wir
aus  dem  eigenen  Garten,  in  dem  auch  id)  ms  Kind  oft  arbeitete  und  wo
der  Vater  oft  am  Sonntag  morgens  auch  nach  dem  Rechten  sah.  Das  Haus,
in  dem  wir  wohnten,  war  schon  seit  mehr  als  hundert  Jahren  in  der
Familie.  So  lebten  wir,  mein  Vater,  die  Mutter,  vier  Gesckjwister  und  der
Geselle,  der  auch  mit  zur  Familie  zählte,  zwar  einfach,  aber  auskömmlid)
und  ohne  wirtschaftliche  Sorgen.
Wann  das  große  Ereignis  geschah,  das  später  unser  Leben  zerstören
sollte,  das  weiß  ich  gar  nicht;  denn  anfangs  achtete  bei  uns  gar  niemand
darauf,  daß  in  dem  Städtchen  ein  Möbelmagazin  errichtet  wurde,  wo  man
fertige  Ware  vom  Lager  kaufte.  Ich  erinnere  mich  nur,  daß  Vater  sich
öfters  über  die  Schundware  lustig  mad)te,  die  es  dort  zu  kaufen  gab,  die
freilich  nach  etwas  aussah,  aber  an  Solidität  und  Geschmack  den  Vergleich ­
  mit  Vaters  Werken  nicht  aushalten  konnte.
Aber  das  Lachen  verging  ihm  bald.  Nach  einiger  Zeit  merkte  er,
daß  besonders  die  ärmeren  Kunden  sich  nicht  mehr  so  regelmäßig  einstellten.
Der  Händler  verkaufte  nicht  nur  billiger,  er  gewährte  auch  Ratenzahlungen,
und  hauptsächlich  brauchte  man  bei  ihm  nichts  zu  bestellen,  man  konnte  sich
die  Möbel  fertig  ansehen  und  wählen.  Dabei  hatte  er  immer  noch  neue
Muster,  die  er  aus  der  Großstadt  bezog,  und  so  kam  es,  daß  'auch  die
„besseren"  Bürger  immer  mehr  iferf#  Kundschaft  ihm  zuwendeten.  Die  Bestellungen ­
  bei  Vater  wurden  immer  seltener.  Ich  hörte  ihn  nicht  mehr  so
lustig  bei  der  Arbeit  fingen,  und  eines  Tages  wurde  der  Geselle,  der  so
lange  an  seiner  Seite  gearbeitet  hatte,  entlassen.  Es  war  ein  trauriger
Tag,  dem  aber  traurigere  folgten.
Da  sich  die  Kundschaft  nicht  mehr  recht  einstellen  wollte,  beschloß  Vater
endlich,  auch  aus  Lager  zu  arbeiten.  Da  er  dazu  mehr  Holz  anschaffen  mußte,
nahm  er  ein  Darlehen  aus,  das  aufs  Haus  angesd)rieben  wurde.  Aber  diese
Spekulation  schlug  fehl.  Mein  Vater  arbeitete  solid;  er  konnte  gar  nicht
anders,  und  so  waren  die  von  ihm  hergestellten  Möbel  teurer  als  die  beim
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        18

Händler.  Auch  hatten  sich  die  Leute  jetzt  schon  angewöhnt,  zum  Händler  zu
gehen,  wo  ganze  Einrichtungen  in  großen  Magazinen  übersichtlich  geordnet
standen,  während  in  dem  alten  Haus  bei  uns  kein  Platz  war  und  das  Möbellager
  beinahe  wie  eine  Rumpelkammer  aussah.
So  kam  denn,  was  kommen  mußte.  Der  Vater  konnte  die  Zinsen
für  das  Darlehen  nicht  bezahlen,  als  der  Termin  herankam.  Sollte  ihm
nicht  das  Haus  versteigert  werden,  so  mußte  er  Geld  schassen  um  jeden
Preis.  Als  es  soweit  war,  und  die  Klage  gegen  meinen  armen  Vater  schon
bei  Gericht  eingereicht  War,  kam  eines  Tages  Herr  Becker,  der  Möbelhändler, ­
  zu  meinem  Vater  und  erbot  sich,  das  ganze  Lager  zu  übernehmen.
Aber  was  für  einen  Preis  bot  er!  Kaum  langte  es,  um  das  Holz  zu  bezahlen^
das  verarbeitet  war.  Aber  was  wollte  der  Vater  machen?  Zähneknirschend
ging  er  den-  schmählichen  Handel  ein,  die  Möbel  wurden  in  das  Magazin
des  Herrn  Becker  gebracht,  der  noch  tat,  als  habe  er  meinem  Vater  eine
Wohltat  erwiesen,  und  zunächst  wurden  unsere  Schulden  und  die  Zinsen
für  das  Darlehen  bezahlt.
Der  edle  Wohltäter,  der  Herr  Becker,  hatte  meinen  Vater  gefragt,  ob
er  nicht  lieber  für  ihn  arbeiten  wollen  da  hätte  er  doch  sein  sicheres  Brot.
Natürlich  könne  er  nicht  so  viel  zahlen,  wie  mein  Vater  zu  berechnen  gewohnt ­
  war,  denn  er  müsse  doch  auch  leben.  Und  so  bot  er  Preise  an,  die
meinem  Vater  als  Lohn  für  seine  Arbeit  nicht  einmal  so  viel  ließen,  wie
er  ehemals  dem  Gesellen  bezahlt  hatte.  Mein  Vater  wies  den  edlen  Mann
ab,  und  ich  sah,  daß  er  ihn  mirfiebften  geprügelt  hätte.
Aber  das  Geschäft  wollte  jetzt  gar  nicht  mehr  gehen.  Wußten  doch  die
Leute,  daß  sie  Vaters  Möbel  bei  Herrn  Becker  sogar  billiger  haben  konntest
als  bei  ihm  selbst.  So  kam  der  nächste  Zinstermin,  und  Vater  konnte  wieder
nicht  zahlen.  Diesmal  gab  es  keine  Rettung.  Das  Haus,  das  seit  Menschengedenken ­
  unsere  Familie  gehört  hatte,  wurde  verkauft,  wir  mufften  hinaus,
und  der  Vater  mietete  mit  dem  letzten  Gelde  eine  kleine  Werkstatt  in  einem
finsteren  Nebengäßchen,  wo  natürlich  Kunden  schon  gar  nicht  hinkamen.
Die  arme  Mutter  hatten  die  Aufregungen  und  Sorgen  dieser  Zeit  sehr
mitgenommen;  und  als  sie  bald  nach  der  Uebersiedlung  entbunden  wurde,
da  verfiel  sie  in  ein  langwieriges  Siechtum,  das  meinem  Vater  die  letzte
Widerstandskraft  raubte.  Nun  blieb  ihm  nichts  übrig  als  selbst  zu  Becker  zu
gehen  und  ihm  Lieferungen  anzubieten.  Der  ließ  sich  lange  bitten.  Er  war
gekränkt,  weil  ihn  der  Vater  vorher  abgewiesen  hatte.  Erst  als  der  früher
so  stolze  und  selbstbewußte  Mann  sich  ganz  demütigte  und  den  Geldprotzen
fast  fußfällig  bat,  ihm  Arbeit  zu  geben,  damit  er  die  kranke  Frau  und  die
Kinder  ernähren  könne,  da  „erbarmte"  er  sich  und  erwies  sich  wieder  als  der
„edle  Wohltäter",  der  uns  Brot  gab.  Natürlich  waren  die  bewilligten  Preise
jetzt  noch  schlechter  als  früher.  Die  Folge  war,  daß  Vater  bald  um  Vorschuß ­
  für  Holz  bitten  mußte,  und  jetzt  war  er  noch  Schuldner  seines  Ausbeuters. ­
  Damals  begann  für  uns  alle  eine  schreckliche  Zeit.  Wir  hungerten
und  froren.  Weit  über  unsere  jungen  Kräfte  mußten  wir  dem  Vater  helfen,
die  Mutter  pflegen.  Aber  trotz  alledem  konnte  Vater  bei  größtem  Fleiß
nicht  den  dürftigsten  Lebensunterhalt  für  uns  schaffen.  Da  gab  er  endlich
den  Kampf  auf.  Mit  Entsetzen  gedenke  ich  noch  der  Nacht,  als  der  Vater
von  der  Verrechnung  mit  Becker  nach  Hause  kam.  Er  war  in  Wirtshäusern
gewesen  und  hatte  noch  das  wenige  Geld  vertrunken.  Als  er  nach  Hause
kam,  prügelte  er  uns  und  sein  krankes  Weib.
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Von  da  an  ging  es  rasch  mit  ihm  ganz  bergab.  Die  letzten  Jahre
seines  unglücklichen  Lebens  will  ich  dir  lieber  nicht  schildern.  Ich  selbst  war
froh,  bald  aus  dem  Hause  zu  kommen.  Ich  wurde  Lehrling  bei  OnkellAdolf,
der  damals  Bauschlosser  hier  in  Berlin  war.  ^  r  „
Das  war  eine  große  Werkstatt,  wo  außer  dem  Meister  sechs  Gesellen
arbeiteten,  und  an  Arbeit  fehlte  es  meist  auch  nicht.  Dehnte  sich  doch  die  Stadt
schon  damals  rasch  aus  und  das  Baugewerbe  blühte.  Einige  Jahre  ging
es  auch  slott  vorwärts.  Onkel  Adolf  war  ein  ernster,  fleißiger  Mann,  der
nicht  nur  von  seinem  Handwerk,  sondern  auch  vom  Geschäftlichen  etwas
verstand.  Gewöhnlich  sprach  er  nicht  viel;  aber  eines  Tages,  ich  entsinne
mich  noch  sehr  wohl,  kam  er  sichtlich  angeregt  in  die  Werkstatt  und  verkündete, ­
  er  habe  eben  einen  großen  Auftrag  übernommen,  die  ganzen
Schlosserarbeiten  für  zwei  Neubauten  eines  Unternehmers.  -Die  ausgebungenen
  Preise  waren  nicht  schlecht,  und  so  spendierte  der  Onkel  sogar  zur
Feier  des  Tages,  was  sonst  nicht  seine  Gewohnheit  war,  em  Faßchen  Bier.
Na,  nun  ging  es  los  mit  der  Arbeit.  Ueberstunden  wurden  njcht
weuiae  gemacht.  Das  heißt,  unsere  Arbeitszeit  war  ja  damals  nicht  so  genau
geregelt';  aber  in  dieser  Zeit  arbeiteten  wir  eifriger  und  länger  als  sonst.
Zum  festgesetzten  Termin  waren  wir  fertig  und  lieferten  ab.  Aber  der
Bauherr  hielt  sich  weniger  streng  an  den  Termin.  Obwohl  ihn  der  Onkel,
der  selbst  die  Lieferanten  bezahlen  mußte,  schließlich  drängte,  kam  kein
Geld,  und  als  er  die  Klage  einreichte,  erfuhr  er  zu  seinem  Schrecken,  daß
die  beiden  Häuser,  noch  ehe  sie  fertig  waren,  schon  weit  überschuldet  und
daß  auch  die  Zimmerleute,  Bautischler,  Klempner  und  Ziegeldecker  ebenso
wenig  bezahlt  waren  wie  er.  Sie  alle  brachten  jetzt  ^Klagen  ein  gegen  den
Unternehmer  und  erwirkten  Anschreibung  auf  die  Häuser.  Aber  was  nutzte
ihnen  das?  Es  stellte  sich  heraus,  daß  der  sogenannte  Unternehmer  nur
ein  vorgeschobener  Strohmann  war.  Die  beiden  Häuser  waren  verpfändet
an  einen  reichen  Bierbrauer,  der  sie  jetzt  öffentlich  versteigern  ließ,  wobei  er
sie  selbst  erstand.  Das  war  eine  schon  vorher  abgekartete  Sache  gewesen.
Der  vorgeschobene  Unternehmer  war  selbst  ein  armer  Teufel,  der  nichts
hatte  und  von  dem  man  auch  nichts  kriegen  konnte.  Die  gesamten  Bauhandwerker ­
  fielen  glatt  durch  und  kriegten  gar  nichts.  Der  Bierbrauer  aber
hatte  spottwohlfeil  zwei  schöne  Häuser.
Der  Onkel  hat  sich  von  diesem  Schlag  nie  mehr  erholt.  Er  war  em
gebrochener  Mann.  Sein  Geschäft  und  sein  Name  Waren  ruiniert.  Eine
Zeitlang  fristete  er  noch  sein  Leben  mit  Reparaturen  und  Flickarbeiten;
aber  lange  hat  er  diesen  Krach  nicht  überlebst
Die  große  Werkstatt  hatte  er  natürlich  aufgeben  müssen,  und  so  standen
nun  die  Gehilfen,  und  darunter  auch  ich,  arbeitslos  aus^  der  Straße,  ^zch
ging  zu  verschiedenen  Schlossern  nach  Arbeit,  überall  umsonst.  Unterdessen
waren  meine  Ersparnisse  aufgebraucht,  ich  mußte  jede  Arbeit  nehmen,  die
sich  mir  bot.  Ich  war  damals  Schneeschaufler  und  Markthelfer,  ich  machte
Botengänge  und  trug  Säcke.  Endlich  gelang  es  mir,  ständigere  Arbeit  zu
finden  —  in  einer  Schuhfabrik  als  ungelernter  Arbeiter.  Die  Bezahlung
war  elend;  aber  was  wollte  ich  machen?  Hunger  tut  weh !
In  dieser  Fabrik  habe  ich  längere  Zeit  geschuftet;  es  waren  dort  alle
möglichen  Professionen  unter  den  Arbeitern  vertreten.  Da  gab  es  Gartner
und  Schneider,  Bildhauer  und  Eisengießer;  nur  Schuhmacher  gab  es  nicht
unter  uns.  Später  erfuhr  ich,  daß  die  Fabriksleitung  Schuster  überhaupt
nicht  zu  diesen  Arbeiten  aufnahm,  denn  diese  stellten  als  gelernte  Arbeiter
viel  zu  hohe  Lohnforderungen.

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Vor  Jahren  kriegte  ich  einmal  eines  deiner  Schullesebücher  in  die
Hand.  Ich  wollte  doch  sehen,  was  die  Kinder  heute  in  der  Schule  lernen,  um
sich  fürs  Leben  vorzubereiten.  Da  fiel  mein  Blick  auf  ein  Lesestück  das  den
schönen  Titel  führte:  „Das  Handwerk  hat  einen  goldenen  Boden."  Dort
war  erzählt,  daß  man  nur  Fleiß  und  Ausdauer  brauche,  um  als  Handwerker ­
  ein  reicher  Mann  zu  werden.  Ich  las  das  Stück  nicht  aus.  Wütend
warf  ich  das  Buch  fort,  das  solche  Lügen  enthielt  und  den  Gehirnen  der
Jugend  eintrichtern  wollte.  Und  das  soll  die  viel  gepriesene  Volksbildung ­
  sein?"
Der  Vater  hatte  sich  immer  mehr  in  leidenschaftlichen  Zorn  hineingeredet. ­
  Die  Bilder  aus  seiner  Kindheit  und  Jugend  waren  ihm  wieder
lebendig  geworden.
„Wenn  ich  heute  noch,"  sagte  er  endlich,  „mich  der  Fratze  des  edlen
Wohltäters  Becker  erinnere  oder  jener  Häuser,  in  die  wir  unsere  schöne
Arbeit  steckten,  die  dann  ein  anderer  ohne  Entgelt  genoß,  dann  überkommt
mich  noch  die  Wut.  Aber  schließlich  weiß  ich  ja  doch,  daß  es  nicht  nur  mir
allein  so  ging,  daß  das  nur  Einzelfälle  sind  aus  dem  großen  Schuldbuch
des  Kapitals,  das  überall  seinen  Weg  genommen  hat  über  Blut  und  Leichen."

Der  Lohn  geistiger  Arbeit.
„Das  sehe  ich  nun  allerdings  ein,"  meinte  Wilhelm,  der  Karls  Erzählung ­
  voll  Aufmerksamkeit  zugehört  hatte;  „mein  Großvater  und  dein
Vater  haben  in  ihrer  Jugend  eine  ganz  andere  Welt  gesehen  als  wir;  aber
aus  zwei  einzelnen  Schicksalen  dürfen  wir  doch  nicht  gleich  so  weitreichende
Schlüsse  ziehen.  Vielleicht  ist  es  nur  ein  Zufall,  daß  gerade  unsere  Väter
unter  so  ganz  anderen  Verhältnissen  aufgewachsen  sind  als  wir."
„Wie  kannst  du  nur  so  etwas  sagen!"  entgegnete  Karl.  „Gibt  es  denn
heute  überhaupt  noch  leibeigene  Bauern,  und  sehen  wir  nicht  überall,  daß
das  Kleingewerbe  von  den  Fabriken  verschlungen  wird?"
.„Na,  ganz  so  gefährlich  kann  es  doch  nicht  sein;  denn  es  gibt  heute
noch  immer  eine  Menge  Handwerker,  und  wenn  es  vielen  von  ihnen  auch
nicht  besonders  gut  geht,  sie  leben  und  bestehen  doch  noch  immer.  Mit  den
Bauern  muß  ich  dir  freilich  recht  geben.  Leibeigen  sind  sie  nicht  mehr;  aber
geht  es  ihnen  deshalb  jetzt  um  so  viel  besser?  Immerfort  liest  man  in  der
Zeitung  von  der  »Slot  der  Landwirtschaft«."
„Db  es  heute  besser  oder  schlechter  ist  als  früher,  das  weiß  ich  nicht,"
meinte  nun  Karl;  „jedenfalls  sieht  die  Welt  heute  ganz  anders  aus  als  damals. ­
  Uebrigens  ist  uns  ja  Gustav  noch  die  Geschichte  seines  Vaters  schuldig.
Zuerst  wollen  wir  die  noch  hören."
Damit  wandten  sich  meine  jungen  Freunde  an  mich  und  ich  erzählte
ihnen:
„Mein  Vater  ist  schon  mehrere  Jahre  tot;  aber  ich  kann  euch  seine
Geschichte  ganz  gut  erzählen,  denn  ich  habe  sie  zum  Teil  miterlebt  unfc  daS
übrige  oft  von  ihm  und  Mutter  erzählen  gehört.
Er  entstammte  recht  bescheidenen  Verhältnissen.  Mein  Großvater  war
Dorfschullehrer  gewesen  und  es  hatte  ihm  sehr  große  Schwierigkeiten  und
Opfer  bereitet,  den  Sohn  studieren  zu  lassen;  denn  der  sollte  es  einmal
in  der  Welt  zu  etwas  bringen.  Schon  im  Gymnasium  lernte  mein  Vater
den  Ernst  des  Lebens  kennen.  Von  zu  Hause  bekam  er  nicht  viel;  was  er

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sonst  brauchte,  mußte  er  selbst  verdienen.  Da  hieß  es  nun  sparen  und
arbeiten.  Während  die  anderen  Jungen  spazieren  oder  auf  die  Eisbahn
gingen,  mußte  er  Stunden  geben  und  für  ein  Geschäft  Adressen  schreiben.
Als  er  endlich  an  die  Universität  kam,  ging  es  ihm  noch  schlechter.  Er
brauchte  mehr  zum  Leben,  und  der  alte  Vater  war  unterdessen  arbeitsunfähig ­
  geworden  und  lebte  sehr  kümmerlich  von  seiner  kargen  Pension,
dem  Sohn  konnte  er  nichts  schicken.
Trotz  dieser  Schwierigkeiten  machte  mein  Vater  seine  Studien  als
Chemiker  mit  dem  besten  Erfolg,  und  seine  Professoren  redeten  ihm  sogar
zu,  die  wissenschaftliche  Laufbahn  einzuschlagen,  selbst  Professor  zu  werden.
Davon  konnte  aber  gar  nicht  die  Rede  sein;  denn  um  solange  als  unbesoldeter ­
  Privatdozent  leben  und  auf  Verdienst  warten  zu  können,  wie  es
hier  notwendig  ist,  dazu  muß  man  viel  Geld  zusetzen  können,  dazu  muß
man  in  der  Wahl  seiner  Eltern  viel  vorsichtiger  gewesen  sein,  als  es  mein
Vater  gewesen  war.
So  suchte  er  denn  eine  Anstellung  in  einer  chemischen  Fabrik.  Da  er
auch  da  nicht  lange  warten  konnte,  sondern  genötigt  war,  bald  unterzukommen, ­
  nahm  er  zunächst  mit  einer  ziemlich  schlecht  bezahlten  Stellung  in
einer  großen  chemischen  Fabrik  vorlieb.  Es  handelte  sich  ja  nur  um  ein  vorläufiges ­
  Unterkommen;  denn  mein  Vater  trug  sich  mit  einer  großen  Erfindung, ­
  die  ihm,  wie  er  dachte,  auch  viel  Geld  einbringen  müsse.
Durch  einen  Zufall  war  schon  während  seiner  Studienzeit  seine  besondere ­
  Aufmerksamkeit  darauf  gelenkt  worden,  daß  es  für  die  Lederindustrie
ein  ungeheurer  Gewinn  wäre,  wenn  die  Zeit  der  Gerbung,  die  nach  dem  alten
Verfahren  oft  Jahre  in  Anspruch  nimmt,  wesentlich  abgekürzt  werden  tonnte,
und  er  suchte  nun  nach  einem  neuen  Verfahren,  das  durch  Anwendung  von
chemischen  Mitteln  diese  Zeit  stark  abkürzen  würde.  Nach  jahrelangen  Bemühungen ­
  war  es  ihm  denn  auch  gelungen,  ein  solches  Verfahren  zu  finden.
Freilich  hatte  er  seine  Versuche  nur  in  sehr  kleinem  Maßstab  ausführen
können;  denn  Leder  ist  teuer,  noch  mehr  aber  die  Apparate  und  Chemikalien,
die  zu  der  neuen  Gerberei  nötig  gewesen  wären.  Der  Vater  mußte  sich  daher ­
  mit  allerhand  alten  Kisten,  Gläsern,  Röhren  u.  s.  w.  behelfen.  Dabei
liel  aber  die  Ware,  das  heißt  das  Leder,  nie  schön  aus.  Immer  zeigten  sich
Ungleichmäßigkeiten  und  auch  Flecken.  Hier  war  das  Leder  noch  nicht  durchgegerbt, ­
  dort  war  es  schon  zu  mürbe  geworden.
Umsonst  bemühte  sich  mein  Vater  in  langwierigen  Versuchen,  diese
Fehler  zu  beseitigen.  Er  hatte  unterdessen  geheiratet  und  brannte  nun  erst
recht  auf  den  Erfolg  seiner  Bemühungen.  Ich  erinnere  mich  heute  noch  aus
meiner  Kindheit,  was  für  ein  Gestank  oft  in  der  ganzen  Wohnung  war.
wenn  der  Vater  wieder  seine  Versuche  unternahm.  Endlich  mußte  er  aber
doch  einsehen,  daß,  sollte  das  Unternehmen  gedeihen,  weit  größere  Mittel
und  viel  mehr  Zeit  notwendig  wären,  als  ihm  damals  zur  Verfügung ­
  standen.  Bis  dahin  hatte  er  nur  abends  und  nachts
an  seiner  Erfindung  arbeiten  können,  da  er  tagsüber  in  der  Fabrik  beschäftigt ­
  war.  Nach  langem  Zaudern  und  reiflicher  Ueberlegung  entschloß
der  Vater  sich  nun  endlich,  einen  Gesellschafter  zu  suchen,  der  ihm  Geld  geben
und  dafür  einen  Teil  des  Gewinnes  erhalten  sollte.  Reiche  Freunde  oder
Bekannte  hatte  mein  Vater  nicht,  so  blieb  ihm  nichts  anderes  übrig,  als
ein  Inserat  in  eine  Zeitung  zu  geben,  daß  ein  Erfinder  einen  Teilhaber  mit
Geld  suche.  Tatsächlich  meldeten  sich  auch  einige  Leute,  aber  die  einen  wollten
sich  nur  beteiligen,  wenn  sie  fertige  schöne  Ware  sähen  und  die  konnte  ihnen
Vater  noch  nicht  zeigen;  die  anderen  wollten  vor  allem  das  Verfahren  selbst
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        kennenlernen,  bevor  sie  sick  ans  das  Unternehme,:  weiter  einliehen.  Darauf
konnte  aber  Vater  wieder  nicht  eingehen:  denn  nichts  bürgte  ihm  dafür,
daß  diese  Leute  nicht  dann  von  feiner  sorgfältig  geheimgehaltenen  Erfindung
selbst  Gebrauch  machten  und  er  der  Geprellte  war.
So  sah  er  denn  bald  ein,  daß  er  vor  allem  ein  Patent  auf  seine  Erfindung ­
  nehmen  müsse.  Das  kostete  aber  ziemlich  viel  Geld  und,  um  dieses
aufzubringen,  mußte  sich  der  Vater  in  Schulden  stürzen.  Nun  erlischt  aber
ein  Patent  schon  nach  wenigen  Jahren,  wenn  es  nicht  ausgeführt  wird.
So  war  also  der  Vater  gezwungen,  sein  Verfahren  bald  in  die  Praxis  umzusetzen, ­
  wenn  er  nicht  riskieren  wollte,  daß  das  Patent  ungültig  wurde.
Dann  wäre  nicht  nur  das  bezahlte  Geld  verloren  gewesen,  sondern  das
Patentaint  veröfentlicht  in  solchen  Fällen  die  patentierten  Verfahrensarten.
Wenn  das  Patent  erlosch,  konnte  also  jeder  nach  der  veröffentlichten  Beschreibung ­
  Leder  schnell  gerben  und  mein  Vater  hatte  nichts  von  seiner  Erfindung.
Tatsächlich  fand  er  denn  nun  auch  bald  einen  Kompagnon,  der  seinen
Anforderungen  wohl  entsprach,  den  Besitzer  einer  ansehnlichen  Gerberei,
der  mit  meinem  Vater  abmachte,  daß  das  patentierte  Verfahren  ihnen  beiden
gemeinsam  gehören  und  Vater  sich  ganz  dessen  Verwirklichung  widmen
solle,  dafür  solle  dann  auch  der  dabei  erzielte  Gewinn  unter  ihnen  gleichmäßig ­
  verteilt  werden.  Mein  Vater  ging  sehr  gern  auf  diesen  Vorschlag
ein,  obwohl  ihm  die  Person  seines  neuen  Kompagnons  nicht  sehr  zusagte;  !
aber  er  war  in  einer  Zwangslage.  Kaum  hatte  nämlich  sein  Fabrikchef  von
dem  Patent  erfahren,  das  mein  Vater  erworben  hatte,  als  er  es  ihm  zu
miserablem  Preis  abkaufen  wollte.  Als  mein  Vater  auf  dieses  Geschäft,  das
ihn  fast  ganz  um  den  Lohn  seiner  langjährigen  Arbeiten  gebracht  hätte,
nicht  eingehen  wollte,  erhielt  er  die  5ründigung.  »Ich  verlange  von  meinen
Angestellten,«  erklärte  der  Chef,  »daß  sie  ihre  ganze  Kraft  meinem'Unternehmen ­
  weihen.  J-ch  kann  ihnen  nickt  gestatten,  für  private  Rechnung  Erfindungen ­
  zu  machen  und  so  gerade  den  besten  Teil  Ihrer  geistigen  Kraft
und  Aufmerksamkeit  Ihrer  eigentlichen  Stellung  zu  entziehen.  Ich  will
Ihrem  Glück  nicht  im  Wege  stehen,  das  für  Sie  offenbar  außerhalb  meines
Unternehmen  liegt.«
So  war  denn  mein  Vater  brotlos  geworden  und  er  mußte  froh  sein,
den  Vertrag  mit  dem  Gerbereibesitzer  eingehen  zu  können.  Mit  größtem
Eifer  machte  er  sich  nun  an  die  Einrichtung  der  neuen  Abteilung  und  bald
konnte  mit  dem  Betrieb  begonnen  werden.  Aber  der  brachte  zunächst  nichts
als  Enttäuschungen.  Das  Leder  wurde  stets  ungleichmäßig,  die  Färbungen
versagten,  kurz,  alles  ging  schief.  Mein  Vater  war  in  Verzweiflung.  Er
konnte  nicht  begreifen,  wieso  es  kam,  daß  die  Proben  oft  sogar  schlechter
ausfielen,  als  wie  er  sie  mit  seinen  primitiven  Apparaten  hergestellt  hatte.
Als  nun  die  Jahresabrechnung  kam,  ergab  sich  nicht  nur  kein  Reingewinn,
sondern  noch  ein  ganz  namhafter  Verlust,  und  nun  verlangte  Herr  Fuchs,
der  Kompagnon,  daß  mein  Vater  die  Hälfte  davon  decke.  Das  war  aber  ganz
unmöglich;  denn  dieser  hatte  während  des  Jahres,  in  dem  er  ja  keinen
eigentlichen  Lohn  erhielt,  bereits  Vorschüsse  bei  jenem  aufnehmen  müssen,
die  jetzt  auch  zurückgezahlt  werden  sollten,  und  dazu  kamen  noch  die
Schulden  von  der  Patenterwerbung.  Herr  Fuchs  drohte  nun  mit  Gericht
und  Pfändung,  so  daß  sich  endlich  mein  Vater  entschloß,  seinen  neuen  Vorschlag ­
  anzunehmen.  Herr  Fuchs  erklärte,  trotz  des  empfindlichen  Schadens,
den  ihm  der  unglückselige  Versuch  gebracht  habe,  doch^mit  dem  armen  Erfinder ­
  Mitleid  zu  fühlen,  und  so  wolle  er  ihm  alle  Schulden  erlassen  und
sogar  noch  seine  Privatschulden  übernehmen,  falls  ihm  dieser  alle  Rechte
an  dem  »ohnehin  wertlosen«  Patent  abtrete.  Jetzt  begann  mein  armer
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Vater  den  Braten  zu  riechen  und  tiefes  Mißtrauen  erfaßte  rhu  gegen  die
Ehrlichkeit  feines  Kompagnons.  Aber  was  sollte  er  machen?  Das  Messer
saß  ihm  an  der  Kehle,  Beweise  für  einen  Betrug  hatte  er  nicht  und  so
mußte  er,  der  Not  gehorchend,  unterschreiben.  .
Er  stand  nun  wieder  vollkommen  mittellos  da  und  mußte  froh  setn,
bei  einem  großen  Werk  einen  Posten  zu  erhalten,  der  noch  schlechter  bezahlt
war  als  der,  den  er  einst  innegehabt  hatte.
Bei  Herrn  Fuchs  aber  trug  sich  ein  Wunder  zu.  Kaum  hatte  der  das
Patent  allein  im  Besitz,  als  das  Verfahren  plötzlich  viel  besser  wurde.  Die
Ware  war  nun  nicht  mehr  fleckig  und  ließ  sich  auch  ganz  gut  färben.  Wie
das  zuging,  das  konnte  niemand  je  ergründen.  Meinem  Vater,  der  ihm
einmal  Vorhaltungen  zu  machen  versuchte,  entgegnete  Herr  Fuchs  ganz
ruhig,  er  bedaure,  daß  gerade  mein  Vater  auf  diese  »unliebsame«  Geschrchte
zu  sprechen  komme.  So  sei  er  genötigt,  offen  zu  sagen,  daß  es  meinem
Vater  der  ja  gewiß  ein  guter  Theoretiker  sei,  an  der  praktischen  Begabung
offenbar  fehle.  Erst  als  er  fort  war,  habe  der  Werkführer,  den  mein  Vater
nie  habe  zur  Geltung  kommen  lassen  wollen,  einige  Verbesserungen  angebracht, ­
  die  nun  den  Erfolg  herbeigeführt  hätten.  „  t
Es  wäre  ja  möglich,  daß  sich  das  von  meinem  Vater  erfundene  Verfahren ­
  erst  nach  längeren  Versuchen  wirklich  praktisch  gestalten  ließ.  Das
kommt  bei  neuen  Erfindungen  oft  genug  vor  und  daran  ist  schon  mancher
Erfinder  zugrunde  gegangen,  aber  gerade  in  diesem  Falle  kann  ich  einen
ganz  bestimmten  Verdacht  nicht  loswerden,  den  schon  mein  Vater  ausgesprochen ­
  hat.  Gegen  diesen  Werkführer,  den  Herr  Fuchs  selbst  angestellt
hatte,  war  mein  Vater  stets  mißtrauisch  gewesen.  Er  hatte  wrederholt  bemerkt, ­
  daß  dieser  schlechte  Felle  und  minderwertige  Farbmtttel  verwendete.
Damals  hatte  Vater  geglaubt,  daß  diese  Verfehlungen  auf  Unwrssenhett
oder  Ungeschicklichkeit  des  Mannes  zurückzuführen  seien.  Und  nun  erfaßte
ihn  der  Argwohn,  daß  das  ein  mit  dem  Chef  abgekartetes  Spiel  gewesen
war,  um  meinen  Vater  um  die  Früchte  seiner  geistigen  Arbeit  zu  prellen.
Wie  dem  immer  war,  der  Betrieb  des  Herrn  Fuchs  wurde  bald  ganz
nach  dem  neuen  Verfahren  eingerichtet  und  heute  ist  dieser  Ehrenmann  ein
vielfacher  Millionär,  dessen  Automobil  mit  Straßenkot  den  Sohn  des
Mannes  überschüttet,  der  seinen  Reichtum  in  Wirklichkeit  geschaffen  hat  und
selbst  in  Dürftigkeit  und  Kummer  zugrunde  ging."

Der  Ursprung  des  Proletariats.
„Wo  Tauben  sind,  fliegen  Tauben,  zu,"  sagte  Karl,  als  ich  geendet
hatte,  ,-das  sieht  man  da,  wieder.  Wenn  einer  Geld  hat,  dann  wird  es  schon
von  selber  mehr.  Wenn  aber  einer  keines  hat,  dann  geht  es  ihm  wie  meinem
Großvater  oder  deinem  Vater.  Mein  Großvater  war  ein  tüchtiger  Tischler,
dein  Vater  ein  guter  Chemiker;  und  wer  hatte  den  Vorteil  davon?  Beidemal ­
  ein  Kerl,  der  Geld  hatte  und  ein  weites  Gewissen.  Viel  Tüchtigkeit,
Fleiß  oder  Talent  hat  dazu  wirklich  nicht  gehört."
„Das  mag  ja  sein,"  erwiderte  Wilhelm  nachdenklich,  „daß  nicht  viel
dazu  gehört,  sein  Vermögen  zu  vergrößern,  wenn  schon  einmal  eines  da  ist.
Gar  so  sehr  imponiert  mir,  offen  gestanden,  mein  Herr  Chef  auch  nicht.
Aber  damit  einmal  ein  Vermögen  zusammenkommt,  dazu  bedarf  es  doch
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        24

des  Fleißes,  der  Ausdauer,  der  Sparsamkeit.  Ohne  die  wären  eben  jene
Vermögen  nie  gebildet  worden,  die  es  jetzt  ihren  Besitzern  allerdings  oft  j
leicht  machen,  etwas  dazu  zu  gewinnen."
„Freilich,"  unterbrach  hier  Karl  mit  ironischem  Lachen,  „Fleiß  und
Sparsamkeit,  die  führen  zu  etwas.  Waren  mein  Großvater,  mein  Vater  und
mein  Großonkel,  der  Schlossermeister,  waren  das  nicht  alles  fleißige  und  j
sparsame  Männer?  Und  zu  was  haben  sie  es  gebracht?  Fast  bis  zum
Bettelstab."  °  .
„Das  sind  einzelne  Fälle.  Die  darf  man  nicht  gleich  verallgemeinern",
erwiderte  Wilhelm.
„Das  ist  ganz  richtig",  mischte  ich  mich  nun  wieder  ins  Gespräch.  „Ein-  I
zelne  Fälle  beweisen  noch  nichts;  aber  du,  Wilhelm,  warst  es  ja  selber,  der
sich  auf  die  tägliche  Erfahrung  berief,  und  die  ist  auch  lehrreich.  Freilich  muß  ,
man  mit  offenen  Augen  sehen  können.  Daß  aber  solche  Schicksale  wie  die
unserer  Väter  und  Großväter  keine  Ausnahmsfälle  sind,  das  können  wir
leicht  feststellen,  indem  wir  die  Geschichte  studieren.  Freilich  nicht  die  der  j
Könige  und  Feldherren.  Die  gehen  uns  meist  nicht  viel  an.  Aber  die  Wirtschaftsgeschichte ­
  erzählt  uns  eigentlich  nur  zusammenfassend,  wie  sich  alle
die  Menschen  vor  uns  geplagt  Haben,  um  ihren  Lebensunterhalt  zu  ge-  I
Winnen,  und  wie  sie  von  den  Mächtigen  geplagt  wurden,  die  von  der  Arbeit  1
jener  lebten.  Diese  Wissenschaft  wird  uns  denn  wohl  auch  zeigen,  wie  die  |
ersten  großen  Vermögen  entstanden,  die  zur  kapitalistischen  Ausbeutung
verwendet  wurden."
„Große  Vermögen  hat  es  immer  gegeben",  warf  hier  Wilhelm  ein.
„Aber  früher  hat  man  nichts  von  „kapitalistischer  Ausbeutung"  gesprochen."
„Das  macht  eben  auch  einen  großen  Unterschied,"  erwiderte  ich,  „wozu  .
ein  Vermögen  verwendet  wird.  Wenn  sich  in  Rom  zum  Beispiel  ein  reicher  i
Mann  Sklaven  kaufte  und  sie  für  sich  arbeiten  ließ,  dann  war  das  doch  etwas
anderes,  als  wenn  zum  Beispiel  im  Mittelalter  ein  reicher  Grundbesitzer
viele  Leibeigime  hatte,  toe  ihm  einen  Teil  ihrer  Ernte  abliefern  mußten:
und  das  ist  doch  wieder  etwas  ganz  anderes,  als  wenn  ein  moderner
Fabrikant  viele  Arbeiter  beschäftigt  und  großen  Profit  macht.!"
„Oho,"  unterbrach  mich  da  Wilhelm,  „gar  viel  Unterschied  kann  ich  Juv
nicht  sehen.  Jeder  von  denen  hat  sein  Vermögen  gut  angelegt  und  kann  so
vom  Ertrag  leben."
„Na  siehst  du,"  rief  hier  Karl  dazwischen,  „jetzt  stellst  du  selber  den
Fabrikanten  mit  dem  Sklavenhalter  auf  eine  Stufe.  Freilich,  beide  arbeiten
selber  nichts,  lassen  andere  für  sich  arbeiten  und  führen  dabei  das  schönste  |
Leben.  Gar  viel  Unterschied  ist  da  wirklich  nicht."
„Das  möchte  ich  doch  nicht  behaupten,  daß  da  so  gar  kein  Unterschied
ist",  nahm  ich  nun  wieder  das  Wort.  „Der  Sklave  gehört  seinem  Herrn,  der
mit  ihm  machen  kann,  was  er  will;  er  hat  ihn  gekauft  wie  ein  Stück  Vieh.
Aber  gerade  weil  er  den  Sklaven  hat  bezahlen  müssen,  deshalb  hat  der  auch  i
Wert  für  ihn,  und  der  Herr  wird  darauf  achten,  daß  sein  menschliches  Last-  |
vieh  nicht  vorzeitig  eingeht,  Der  heutige  Arbeiter  aber  ist  ein  freier  Mann,  -
der  heute  für  diese»  Chef  arbeiten  kann,  morgen  für  jenen.  Der  Kapitalist  ;
kauft  nicht  ihn,  sondern  nur  seine  Arbeitskraft.  Ist  die  ausbedungene  Arbeitszeit ­
  vorüber,  so  ist  der  Arbeiter  wieder  sein  eigener  Herr.  Aber  deshalb  ,
hat  er  selbst  auch  keinen  Wert  für  den  Kapitalisten,  sondern  nur  seine  Kraft
während  der  Arbeitszeit.  Kann  der  eine  Arbeiter  heute  die  Arbeit  nicht

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Ab
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        25

mehr  leisten,  dann  stehen  schon  soundso  viele  andere  bereit,  die  nur  daraus
warten,  für  ihn  einzuspringen.  Deshalb  braucht  der  Kapitalist  heute  nicht
mehr  wie  früher  einmal  der  Sklavenhalter  dafür  zu  sorgen,  daß  der  Arbeiter ­
  genug  zu  essen  kriegt."
„Wieso  sind  denn  dann  die  Arbeiter  noch  nicht  alle  vierhungert?"  wars
hier  Wilhelm  ironisch  ein.
„Weil  dann  die  Kapitalisten  niemand  mehr  hätten,  der  für  sie  arbeitete",
entgegnete  ich.  „Am  Leben  des  einzelnen  braucht  ihnen  nichts  zu  liegen,
wohl  aber  an  der  Existenz  der  Arbeiterschaft  überhaupt,  und  so  ist  es  denn
auch  ihr  fortwährendes  Bestreben,  die  Löhne  so  weit  herabzudrücken,  daß
der  Arbeiter  gerade  noch  knapp  davon  leben  kann.  Aber  dadurch,  daß  die
Proletarier  frei  sind,  daß  sie  keine  Sklaven  mehr  sind,  haben  sie  auch  die
Möglichkeit,  für  höhere  Löhne  und  bessere  Arbeitsbedingungen  zu  kämpfen.
Freilich  hat  es  Zeiten  gegeben,  wo  die  Arbeiterschaft  ganz  hilf-  und
ratlos  der  Willkür  der  Kapitalisten  preisgegeben  war,  und  dann  wurde  auch
ihre  Lebenshaltung  herabgedrückt  bis  zum  äußersten  Elend;  aber  dann
lernten  sie  sich  gewerkschaftlich  und  politisch  zu  organisieren  und  so  ein
besseres,  menschenwürdigeres  Leben  zu  erkämpfen.
Aber  darin  hat  Wilhelm  schon  recht,  daß  der  moderne  Kapitalist  geradeso ­
  von  der  Arbeit  seiner  Arbeiter  lebt  wie  der  römische  Sklavenhalter  von
der  seiner  Sklaven  und  wie  der  mittelalterliche  Baron  von  der  seiner  kiieigenen
  Bauern."
Daß  ich  mich  so  auf  Wilhelm  selbst  berief,  ärgerte  diesen  ein  wenig,
denn  er  hatte  das  nicht  sagen  wollen;  aber  er  mußte  es  nun  als  richtig  anerkennen. ­

„Ja,  aber,"  sagte  er  nun  in  seinem  Aerger,  „wer  zwingt  denn  die
Leute,  für  den  Kapitalisten  zu  arbeiten,  wenn  sie  nicht  selbst  ihren  Vorteil
dabei  finden?  Ihr  werdet  sagen,  sie  müssen  arbeiten,  weil  sie  sonst  verhungern. ­
  Aber  eben  deshalb  ist  es  auch  zu  ihrem  Vorteil,  daß  ihnen  der
Reiche  Arbeit  und  Lohn  gibt.  Täte  er  das  nicht,  dann  müßten  wir  zugrunde
gehen.  Deshalb  müssen  wir  den  Kapitalisten  dankbar  sein.  Das  sagt  mein
Vater  doch  immer."
„Mit  der  Dankbarkeit,"  entgegnete  ich,  „ist  das  eine  eigene  Sache.
In  der  Regel  kann  der  eine  nichts  dafür,  daß  er  arm,  und  der  andere  ebensowenig ­
  dafür,  daß  er  reich  ist.  Beide  sind  in  ihre  Lage  hineingeboren,  und
so  hat  keiner  dem  andern  etwas  vorzuwerfen  oder  ihm  dankbar  zu
sein.  Uebrigens  ist  der  Kapitalist  viel  mehr  auf  die  Arbeiter  angewiesen  als
umgekehrt;  denn  dieser  braucht  nur  die.  Arbeitsmittel,  aber  nicht  den  Unternehmer ­
  stkbst.  Der  Katzitalist  aber  kann  ohne  die  Person  des  Arbeiters
überhaupt  nichts  anfangen;  denn  wenn  die  Arbeiter  nicht  mehr  für  die
Reichen  arbeiten  würden,  müßten  die  auch  bakd  verhungern.  Auf  die  Frage
der  Dankbarkeit  kommt  es  aber  auch  gar  nicht  an.  Der  Arbeiter  kämpft  um
höheren  Lohn,  weil  er  menschenwüvdig  leben  will;  wer  an  seinem
Elend  schuld  ist,  das  spielt  dabei  keine  Rolle.  Aber  wie  dieses  Elend  zustande
gekommen  ist,  das  interessiert  uns.  Denn  daraus  können  wir  vielleicht
schließen,  wie  ihm  wieder  abgeholfen  werden  kann,  und  dabei  werden  wir
auch  die  Quelle  des  Kapitalismus  finden.  Ohne  das  Elend  großer  Volksmassen ­
  ist  ja  dieser  unmöglich;  denn  wer  nicht  durch  die  Not  gedrängt  Wird,
der  arbeitet  nicht  freiwillig  Tag  für  Tag  vom  Morgen  bis  zum  späten
Abend  und  oft  auch  noch  die  Nacht  durch  an  einer  langweiligen,  geisttötenden
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        26

Arbeit  in  stickigem,  lärmerfülltem  Raum  für  kärglichen  Lohn  und  oft  in
fortwährender  Lebensgefahr.  Wenn  wir  also  den  Ursprug  des  Kapitalismus
finden  wollen,  dann  müssen  wir  nicht  nur  nach  der  Entstehung  der  großen
Vermögen  suchen,  sondern  vor  allem  auch  nach  dem  Aufkommen  des  Massenelends ­
  freier  Arbeiter.
Nun  hat  es  ja  freie  Arbeiter  auch  im  Mittelalter  schon  gegeben.  Die
Handwerker  in  den  Städten  und  ihre  Gehilfen  waren  frei;  aber  sie  waren
keine  besitzlosen  Proletarier.  Die  Meister  selbst  hatten  sehr  oft  das  Haus,
in  dem  sie  wohnten  und  arbeiteten,  samt  Hof  und  Garten  und  häufig  auch
noch  ein  Stück  Feld  Zu  eigen,  und  es  vererbte  sich  in  der  Familie.  Die  Gesellen ­
  waren  zum  großen  Teil  Söhne  von  Meistern  und  hatten  Aussicht,
selbst  Meister  zu  werden.  Dabei  war  das  Handwerk  in  Zünften  organisiert,
die  dem  einzelnen  Meister  und  Gesellen  einen  Rückhalt  boten.  Meist  wurde
für  die  Kundschaft  am  Orte  gearbeitet,  häufig  auf  Bestellung.  In  kleineren
Orten  haben  sich  ähnliche  Verhältnisse  bis  in  die  neueste  Zeit  hinein  erhalten. ­
  Karls  Großvater  war  ja  auch  noch  ein  Tischlermeister  dieser  alten,
guten  Art.  Die  arbeiteten  für  eigene  Rechnung  und  lieferten  direkt  an  die
Kunden.  Da  war  für  den  Kapitalisten  nichts  zu  holen.
Auf  dem  Lande  aber  gab  es  keine  freie  Arbeiterschaft.  Der  Bauer  war
leibeigen,  das  heißt,  er  mußte  auf  dem  Landgut  bleiben  und  Landwirtsä-att
treiben,  er  mußte  dem  Herrn,  den  er  nicht  verlassen  oder  wechseln  durste,
persönliche  Dienste  leisten  und  Abgaben  entrichten.  Die  Geschichte  von
Wilhelms  Großvater  hat  uns  ja  gezeigt,  wie  es  da  zuging.  Da  war  also
wieder  für  das  Kapital  nichts  zu  machen;  denn  wenn  der  Bauer  auch  oft
arm  war,  so  daß  er  sich  gern  um  Lohn  verdungen  hätte,  er  war  an  die
Scholle  gebunden  und  mußte  der  Landwirtschaft  treu  bleiben.
Diese  Verhältnisse  mußten  daher  erst  geändert  werden,  bevor  das
Kapital  seine  Herrschaft  antreten  konnte.  Das  geschah  in  verschiedenen  Ländern ­
  in  verschiedener  Weise.  In  England  zum  Beispiel  vertrieben  schon  im
Iß.  Jahrhundert  häufig  die  großen  Grundbesitzer  die  Bauern  mit  Gewalt
oder  durch  Rechtsverdreherei  von  ihrem  Gut;  denn  es  war  für  sie  damals
lohnender  geworden,  Schafe  zu  halten  und  ihre  Wolle  teuer  zu  verkaufen,
als  von  den  Bauern  Abgaben  in  Getreide  zu  erpressen.
In  Preußen  wieder  ging  es  gerade  umgekehrt  zu.  Hier  wollten  die
großen  Grundherren  möglichst  viel  Getreide  verkaufen,  und  dazu  genügte
ihnen  das  bißchen  nicht,  das  ihnen  der  Bauer  von  seiner  schlechten  Wirtschaft ­
  abgeben  konnte.  Da  war  es  lohnender,  das  Land  der  Bauern,
wenigstens  gitm  größten  Teil,  einzuziehen  und  diesen  die  bisherigen  Verpflichtungen ­
  zu  erlassen.  Von  dem  Stückchen  Grun^&amp;gt;,  das  dem  Bauern  blieb,
konnte  er  ja  nicht  leben,  und  so  war  er  gezwungen,  beim  Gutsherrn  um
billigsten  Lohn  zu  arbeiten,  und  dieser  hatte  dabei  noch  den  Vorteil,  daß  er
im  Winter  nicht  alle  Arbeitskräfte  verpflegen  mußte,  die  er  im  Sommer
brauchte.  So  kam  es  zur  „Bauernbefreiung".
„Aha,"  unterbrach  mich  hier  Wilhelm,  „jetzt  verstehe  ich,  wieso  es  zur
zwangsweisen  „Befreiung"  der  Eltern  meines  Großvaters  kam.  Da  ist  es
begreiflich,  daß  sich  die  Bauern  sträubten,  so  gut  sie  konnten.  Aber  laß  dich
nicht  stören,  erzähle  nur  weiter."  So  fuhr  ich  dann  fort:
„Ob  nun  aber  die  Sache  so  wie  in  England  vor  sich  ging,  wo  Aecker
in  Schaftriften  verwandelt  wurden,  oder  so  wie  in  Preußen,  wo  der  unergiebige ­
  bäuerliche  Landbau  durch  die  viel  lohnendere  gutsherrliche  Betriebsweis ­


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  Derbrängt  würbe,  bas  cine  blieb  immer,  batz  bem  Bauern  fern  Sanb
abhanden  kam,  batz  er  befreit  würbe  nicht  nur  von  feiner  Knechtschaft,  sondern ­
  zugleich  auch  Don  seinem  Besitz.  Aus  bem  leibeigenen  Bauer  würbe  bet
freie  Proletarier.  Der  schaute  sich  nun  natürlich  um,  tote  und  wo  er  ferne
Arbeitskraft  am  lohnendsten  verwerten  konnte,  er  war  bas  richttge  Ausbeutungsobjekt ­
  für  bas  Kapital."

Der  Ursprung  des  Kapitals.
„Jetzt  finb  wir  aber  Don  unserer  ursprünglichen  Frage  ganz  abgekommen",
  tonrf  hier  Wilhelm  ein.  „Du  versprachst  uns  boch,  etwas  Don  ber
Entstehung  ber  großen  Vermögen  zu  erzählen,  unb  statt  besten  hast  bu  über
die  Entstehung  bes  großen  Elenbs  gesprochen."  ..
Oho",  unterbrach  ich  ihn.  „Ich  habe  nur  von  ben  großen  Vermögen,
-u  erzählen  versprodien,  bie  zur  kapitalistischen  Ausbeutung  Dertoenbet
tttctöciL  Denn  toic  bu  selber  gefQQt  hust,  e§  reiche  Seute  febort  Ute!  früher
aegeben.  Aber  jetzt  wissen  wir  eben,  woraus  es  ankommt;  denn  nicht  jeber
Besitz  an  Gelb  ober  anbeten  Reichtümern  ist  beshalb  schon  ein  Kapital,
sondern  nur  ein  Vermögen,  bas  zur  Ausbeutung  freier  Arbeiter  Dertoenbet
wirb  Unb  deshalb  mußten  wir  zuerst  untersuchen,  wie  es  denn  überhaupt
dazu  kam,  baß  ein  freies  unb  zugleich  besitzloses  Mastenproletarrat  aufkam.
Es  fragt  sich  nun,  wo  unb  wie  bieses  Massenproletariat  zuerst  zur  Vermehrung ­
  bes  Vermögens  Dertoenbet  würbe.  .  ^  v .  nr
In  ber  Lanbwirtschaft  konnte  bas  neue  Verfahren,  btc  Anwenbung
freier  Arbeiter,  nicht  aufkommen;  benn  bie  würbe  noch  lange  Zeit  mit  Leibeigenen
  betrieben."
„Halt!"  schrie  ba  Wilhelm.  „Jetzt  habe  ich  bich  auf  einem  Wrber
spruch  ertappt.  Vorhin  hast  bu  uns  bewiesen,  baß  zuerst  bte  Bauern  befreit
werben  mußten,  bevor  ber  Kapitalismus  beginnen  konnte,  unb  jetzt  erzählst
du  uns,  er  habe  nicht  auf  bem  Laube  anfangen  können,  weil  bort  bie  Arbeiter
noch  leibeigen  waren.  Da  ist  er  also  boch  zur  Zeit  der  Leibeigenschaft  entstanden." ­
  •  r  r  ,  .
„Richtig,  jetzt  hat  er  mich",  sagte  ich  lachend.  „Aber  es  ist  sehr  gut,  bag
bu  mich  hier  gleich  auf  einen  sehr  wichtigen  Punkt  aufmerksam  machst.  Man
darf  sich  nämlich  nie  vorstellen,  baß  große  wirtschaftliche  Umwälzungen  mit
einem  Ruck,  ganz  plötzlich  unb  unbemittelt,  vor  sich  gehen.  Auch  die  großen
Revolutionen  verwirklichen  nur  bas,  was  schon  lange  vorbereitet  ist,  sie
bringen  nur  bie  Keime  zur  schnelleren  Reife.  So  war  es  auch  mit  der  sogenannten ­
  „Bauernbefreiung".  In  Preußen  zum  Beispiel  zieht  sich  dieser
Prozeßburchmehralshunbert  Jahre  hin.  Während  dieser  ganzen  Zeit  war  es
bas  Bestreben  ber  Grundbesitzer,  bie  Bauern  vom  Land  nach  Möglicksteit
zu  verdrängen  unb  dieses  sich  selbst  anzueignen.  Während  dieser  ganzen  Zeit
wurden  denn  auch  fortwährend  Bauern  um  ihren  Besitz  gebracht  unb  zum
Teil  als  Proletarier  in  bie  Stabt  getrieben.  Dort  entstand  denn  auch  mit
diesen  freien  Arbeitern  bie  erste  von  ben  Hanbwerkszünften  unabhängige
Industrie.  Das,  was  dein  Großvater  miterlebt  hat,  bas  war  nur  ber  Schlußakt ­
  des  großen  Dramas.
Die  großen  Besitzungen  ber  Adeligen  unb  ber  Kirche  eigneten  sich
überhaupt  nicht  sehr  für  bie  Entstehung  ber  Industrie,  wenn  freilich  schon
frühzeitig  auch  bort  Mahl-  unb  Sägemühlen,  Bierbrauereien,  Schnaps-
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brennereien  und  später  auch  Zuckerfabriken  entstanden.  Auch  nach  den  Berg-  ste  r
'.öerfen  strömte  ein  Teil  dieses  neuen  Proletariats;  aber  die  Bergwerke  er-  diese
langten  auch  erst  ihre  Bedeutung  durch  das  Aufblühen  der  großen  Industrie  i  Kon!
in  den  Städten.  Dort  miissen  wir  also  den  Ursprung  des  Kapitals  suchen.  !
Dort  hatte  schon  seit  alter  Zeit  das  Handelskapital  eine  große  Rolle  j  Han!
gespielt.  Der  Handel  beschäftigte  von  jeher  fast  nur  freie  Arbeitskräfte,  und  port
gerade  hier  wurden  oft  ungeheure  Vermögen  erworben.  Freilich  dürfen  wir  j  und
nicht  glauben,  daß  es  beim  Handel  immer  so  zugegangen  ist  wie  heute.  Im  I  die  1
Mittelalter  und  auch  vielfach  noch  in  späterer  Zeit  zog  der  Fuhrmann  mit  1  hälti
seinem  Gespann  auf  der  miserablen  Landstraße  dahin,  bis  an  die  Zähne  be-  könn
-vaffnet,  jederzeit  auf  räuberischen  Ueberfall  gefaßt.  Und  gewährten  ihm  i  Zeit
Adelige  oder  Städte  Schutz,  dann  mußte  er  so  viel  dafür  bezahlen,  daß  sich;  selbs
der  Schutz  von  Raub  oft  nicht  mehr  so  sehr  unterschied.  Noch  schlimmer  war;  Die
es  zur  See.  Diese  wimmelte  von  Seeräubern,  und  bei  guter  Gelegenheit!  Pro!
verwandelte  sich  auch  der  ehrbare  Kaufmann  in  einen  solchen.  Kriege  gab  j  fand
cs  ja  fast  immer,  und  begegneten  sich  Schiffe  der  feindlichen  Parteien,  so  !  bald
raubte  das  stärkere  das  schwächere  aus.  —  ■  So  t
Sollte  sich  also  der  Handel  rentieren,  dann  mußten  die  Preise  so  erhöht  erdr'
werden,  daß  alle  Verluste  und  Gefahrei:  dadurch  wieder  hereingebracht
wurden.  So  suchten  sich  die  Kaufleute  an  den  Käufern  schadlos  zu  halten,  Kar!
indem  sie  sie  nach  Kräften  übervorteilten  und  plünderten.  !  danr
Wie  arg  diese  Ausbeutung  durch  das  Handelskapital  war  und  wie
schwer  sie  empfunden  wurde,  dafür  ist  bezeichnend,  was  der  fromme  Gottes-1  Frei
mann  Martin  Luther  über  die  Kaufleute  seiner  Zeit  sagt.  Diese  hatten  sich  |  gewi
nämlich  über  die  räuberischen  Ueberfälle  der  Edelleute  und  die  großen  Ge-1  sich  i
jähren  beim  Handel  beschlvert.  Darauf  antwortete  Luther:  „Weil  solch  groß  I  wuch
Unrecht  und  unchristliche  Dieberei  und  Räuberei  über  die  ganze  Welt  durch  j  es  d
die  Kaufleute,  auch  selbst  untereinander  geschieht;  was  ist  Wunder,  ob  Gott,  ein
schafft,  daß  solch  groß  Gut  mit  Unrecht  gewonnen,  wiederum  verloren  oder!  wen!
geraubt  wird  und  sie  selbst  dazu  über  die  Köpfe  geschlagen  oder  gefangen  j  Wer
werden?"  ;  Hein
„Na,  davon  hat  uns  der  Herr  Pastor  im  Konfirmationsunterricht  I  und
nichts  erzählt,"  sagte  Wilhelm  lachend.  „Von  der  Seite  haben  wir  den  alten  j  als
Luther  nicht  kennen  aelernt.  Aber  da  muß  es  wirklich  schon  ara  aewesen  sein."  mög

„Noch  viel  schlimmer  aber,"  fuhr  ich  fort,  „als  die  Ausbeutung  der  jfwi
Käufer  in  der  Heimat  war  die  der  fremden  Völker,  besonders  in  Asien,  i  oc „ t . L

Afrika  und  Amerika,  durch  das  Handelskapital."  j
„Ja,  da  habe  ich  einmal  ein  Buch  über  die  Greuel  gelesen,"  bestätigte  |  mi
Karl,  „die  die  Spanier  in  Amerika  angerichtet  haben.  Das  waren  ganz  ^
scheußliche  Sachen.  Der  Verfasser  des  Buches  bemerkte  dazu,  da  sehe  man  die  j  m .i
Roheit  der  Katholiken."  !
„Na,  in  dem  Punkt,"  erwiderte  ich,  „brauchen  sich  die  Protestanten  j  trie!
wirklich  nicht  mausig  zu  machen.  Die  Engländer  haben  in  Indien,  die  Hol-  !  keim
länder  in  Südafrika  und  in  Java  gerade  solche  Scheußlichkeiten  begangen  ‘
wie  die  Spanier,  die  Portugiesen  und  Franzosen.  Und  daß  die  Deutschen ;  um
nicht  besser  sind,  das  haben  sie  jetzt  in  Afrika  bewiesen.  Alle  diese  Kaufleute  |  fähr
wetteifern  in  der  Ausplünderung  der  fremden  Länder  und  Erdteile.  An  hat
dem  Geld,  das  sie  von  dort  holten,  klebte  noch  mehr  Blut  und  Schmutz  als  i  Zins
an  dem,  das  sie  ihren  Volksgenossen  abzwackten;  denn  draußen  begnügten  beza
sich  die  Kaufleute  oft  nicht  damit,  die  Eingeborenen  zu  berauben,  sondern  rrge
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sie  raubten  sie  selbst  und  verkauften  sie  als  Sklaven  in  die  Fremde.  An
diesem  schmählichen  Handel  beteiligten  sich  die  Schiffe  aller  Nationen  und
Konfessionen,  und  fromme  Geistliche  gaben  dazu  ihren  Segen.
Zuerst  hatte  sich  der  Handel  hauptsächlich  mit  den  Erzeugnissen  des
Handwerks  befatzt.  Naturprodukte  spielten  keine  große  Rolle,  da  ihr  Transport ­
  über  Land  zu  schwierig  und  kostspielig  war.  Eisenbahnen  gab  es  nich-,
und  die  Straßen  waren  in  dem  elendesten  Zustand,  und  dazu  kam  eben  noch
die  Unsicherheit,  so  daß  nur  Waren  gehandelt  werden  konnten,  die  bei  verhältnismäßig ­
  geringem  Gewicht  und  Umfang  möglichst  hohe  Preise  erzielen
konnten.  Als  dann  aber  der  Handel  wuchs,  fanden  es  die  Kaufleute  mit  der
Zeit  lästig,  den  Handwerkern  ihre  Ware  erst  abzukaufen,  sie  wollten  sie  lieber
selbst  billiger  und  ganz  nach  ihren  Handelsbedürfnissen  herstellen  lassen.
Die  zünftigen  Meister  und  Gesellen  waren  dazu  nicht  zu  haben;  aber  die
Proletarier,  die  in  die  Stadt  strömten  und  in  den  Zünften  keine  Aufnahme
fanden,  die  konnten  nun  von  den  Kaufleuten  ans  Werk  gesetzt  werden  und
bald  die  zünftigen  Handwerker  unterbieten  und  dadurch  zugrunde  richten.
So  wurde  das  alte  Handwerk  zum  größten  Teil  durch  die  neue  Manufaktur
erdrückt  und  verdrängt."
„Das  ist  ja  ganz  die  Geschichte  meines  Großvaters",  unterbrach  mich  hier
Karl.  „Der  wurde  auch  vom  Möbelhändler  ums  Brot  gebracht  und  mußte
dann  noch  selber  für  ihn  arbeiten."
„Ja,"  erwiderte  ich,  „so  ähnlich  hat  sich  der  Prozeß  überall  abgespielt.
Freilich,  als  die  Sache  einmal  im  Zug  war,  als  man  allgemein  sah,  wie
gewinnbringend  man  Geld  in  der  Manufaktur  anlegen  konnte,  da  drängten
sich  alle  zu  diesem  Erwerbszweig,  die  verfügbares  Geld  hatten.  Der  Dorfwucherer ­
  zwang  nun  seine  Schuldner,  für  ihn  zu  arbeiten,  und  ebenso  machte
es  der  städtische  Hauswirt.  Der  hatte  oft  aus  der  Ausbeutung  seiner  Mieter
ein  schönes  Vermögen  zusammengescharrt,  und  das  konnte  nun  schön  angewendet ­
  werden,  um  arme  Teufel  in  ihrem  eigenen  Heim  oder  in  großen
Werkstätten  zur  Arbeit  zu  setzen  und  auf  diese  Weise  schöne  Profite  einzuheimsen. ­
  Sobald  einmal  ein  besitzloses  Proletariat  da  war  und  man  die  Art
und  Weise  kannte,  aus  diesem  Arbeit  herauszuschlagen,  die  weit  mehr  ergab
als  den  Lohn  dieser  Arbeiter,  seit  dieser  Zeit  war  jedes  verfügbare  Geldvermögen ­
  als  Kapital  anwendbar,  ja  der  Besitzer  brauchte  sich  nicht  einmal  mehr
selbst  mit  der  Ausbeutung  der  Arbeitskräfte  zu  bemühen,  er  konnte  sein
Geld  einem  Industriellen  leihen  und  den  Gewinn  mit  diesem  teilen.  Er
erhielt  die  Zinsen  von  seinem  Kapital,  der  Unternehmer  behielt  den  Gewinn, ­
  der  darüber  hinaus  erzielt  wurde.
So  konnte  der  Glaube  entstehen,  daß  das  Kapital  von  selber  Zinsen
trage,  daß  es  aus  eigener  Kraft  wachse;  denn  wer  ein  Kapital  hat,  der  kriegt
auch  ohne  jede  weitere  Anstrengung  die  Zinsen.  Aber  das  heißt  nur,  er
braucht  sich  nicht  selbst  anzustrengen.  Wenn  sich  auch  die  Arbeiter  in  dem  Betrieb ­
  nicht  anstrengten,  dem  er  das  Geld  vorstreckte,  dann  kriegte  er  auch
keine  Zinsen,  dann  bliebe  das  Kapital  tot  liegen."
„Aber  man  braucht  doch  nicht  sein  Geld  einem  Fabrikanten  zu  borgen,
um  Zinsen  zu  bekommen,"  wandte  hier  Wilhelm  ein.  „Mein  Vater  hat  ungefähr ­
  800  Mk.  in  der  Sparkasse  liegen,  die  sich  von  selbst  verzinsen,  und  dann
hat  er  noch  Staatspapier  um  2000  Mk.,  und  unlängst  erst  ging  ich  mit  den
Zinsscheinen  in  eine  Wechselstube  und  erhielt  das  Geld  ohne  weiteres  ausbezahlt. ­
  Da  trägt  doch  das  Kapital  selber  Zinsen?  Oder  kommen  die  auch
irgendwie  aus  der  Arbeit?"
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        „Freilich  tun  sie  das,"  entgegnete  ich.  „Die  Sparkasse  könnte  nicht  fortgesetzt ­
  Zinsen  zahlen,  wenn  sie  nicht  das  eingelegte  Kapital  wieder  an
dustrielle  ausleihen  würde.  Diese  zahlen  der  Sparkasse  einen  Teil  dessen,  was
ihnen  ihre  Arbeiter  erworben  haben,  und  einen  Teil  ihres  Gewinnes  zahlt
die  Sparkasse  wieder  den  Einlegern.  Ebenso  könnte  der  Staat  seinen  Gläubigerw
  nicht  immerfort  Zinsen  zählen,  wenn  er  das  Geld  nicht  von  den
Steuerträgern  bekäme,  die  es  entweder  durch^eigene  Arbeit  oder  durch  die
Ausbeutung  fremder  Arbeit  erworben  haben.  So  fließen  also  in  Wirklichkeit
auch  diese  Zinsen  aus  der  Arbeit  her."
„Wenn  das  so  ist,"  meinte  nun  Wilhelm,  „dann  muß  ich  wohl  zugeben,
daß  auch  zum  ursprünglichen  Erwerb  des  Kapitals  keine  besonderen  Fährgkeilen
  nötig  waren.  Du  hast  uns  gezeigt,  daß  es  aus  Raub,  Gewalt,  Erpressung ­
  und  Ausbeutung  herrührt.  Also  sollten  wirklich  die  Kapitalisten
von  jeher  so  viel  schlechtere  Leuttz  gewesen  sein  als  alle  anderen?  Waren
nicht  zum  Beispiel  die  Raubritter  noch  viel  habsüchtiger  und  gewalttätiger
als  sie?"  .
„Das  mag  schon  der  Fall  gewesen  sein,  und  die  ersten  Kapitalisten
brauchen  durchaus  nicht  schlechtere  Menschen  gewesen  zu  sein  als  zum  Beispiel ­
  die  Adeligen  ihrer  Zeit,  sie  hatten  nur  andere  Methoden,  sich  zu  bereichern, ­
  als  diese.  Auch  will  ich  nicht  sagen,  daß  zur  Anhäufung  und  zur  Vermehrung ­
  des  Kapitals  nicht  besondere  Fähigkeiten  erforderlich  sind.  Das  ist
oft  der  Fall;  aber  es  sind  nicht  Fleiß  und  Sparsamkeit,  sondern  Schlauheit,
Geistesgegenwart  und  vor  allem  brutale  Rücksichtslosigkeit.  Gewiß  war  das
Gewerbe  des  Raubritters  nicht  sehr  schön  und  edel,  aber  es  war  wenigstens
so  weit  ehrlich,  als  sich  der  Räuber  für  nichts  anderes  ausgab  als  er  war.
Es  fiel  ihm  nicht  ein,  sich  noch  als  Wohltäter  derjenigen  Menschen  aufzuspielen,
die  er  ausraubte.  Der  Kapitalist  tut  das  aber.  Er  plündert  seine  Arbeiter,
indem  er  sagt,  er  gäbe  ihnen  Arbeit  und  ernähre  sie.  Er  brandschatzt  die  Konsumenten, ­
  indem  er  ihnen  erzählt,  daß  er  sie  mit  den  Segnungen  der  Kultur
versehe,  und  er  verbreitet  die  Zivilisation  unter  den  Wilden,  indem  er  sie
mit  Schnaps  vergiftet,  sie  zu  Arbeitssklaven  macht  und  ihre  Naturschätze
stiehlt."  .  .
„Wenn  ich  schon  die  Wahl  habe,"  meinte  da  Karl,  „dann  ist  nur  der
ehrliche  Räuber,  der  wenigstens  seine  Haut  zu  Markte  trägt,  doch  noch  lieber
als  der  heuchlerische  „Wohltäter",  der  von  seinem  Kontor  aus  tn  voller
Sicherheit  die.Menschen  ausplündert."

Der  Wert.
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„Du  stellst  alles  so  dar,"  meinte  Karl  nach  einer  Weile,  „als  ob  es  sich
da  um  einen  großen  Kampf  mit  Waffen  handeln  würde.  Da  Ware  es  sofort
klar,  weshalb  der  Stärkere  den  Schwächeren,  der  besser  Gerüstete  den
Waffenlosen  überwältigt;  aber  in  der  Industrie  muß  doch  mrt  anderen
Waffen  gekämpft  werden.  Wenn  ich  dich  recht  verstanden  habe,  handelt  es  sich
da  meist  darum,  daß  derjenige  den  anderen  schlägt,  der  billigere  Preiw  macht.  |
Do  hat  der  Möbelhändler  den  Tischler,  die  große  Fabrik  die  kleine  Werkstatt  ■
durch  dieses  Mittel  aus  dem  Feld  geschlagen.  Aber  wovon  hangt  es  denn  ab,
wie  hohe  Preise  einer  verlangen  kann?  Wie  werden  denn  die  Preiw  über-  j
Haupt  bestimmt?"
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„Das  ist  recht  einfach,"  erwiderte  Wilhelm,  „das  haben  wir  erst  kürzlich ­
  in  der  Handelsschule  gelernt.  Das  macht  man  so:  Zum  Preis  des  Rohmaterials ­
  wird  ein  Betrag  für  die  Äbnsitzung  der  Maschinen  und  Baulichkeiten ­
  und  ferner  der  Betrag  der  Löhne  geschlagen.  Zu  dieser  Summe  wird
der  gewöhnliche  Profitprozentsatz  gerechnet,  und  so  ergibt  sich  der  Verkaufspreis. ­
  Wenn  ich  zum  Beispiel  den  Preis  wissen  will,  um  den  ich  einen  Anzug
verkaufen  darf,  dann  rechne  ich  den  Preis  von  Stofs,  Futter,  Zwirn  u.  s.  w..
dazu  kommt  die  Abnutzung  der  Nähwaschinen,  ein  kleiner  Teil  der  Werkstattmiete ­
  ynb  der  Arbeitslohn.  Macht  das  alles  zusammen,  sagen  wir,  30  Mk.
aus,  so  schlage  ich  noch  20  Prozent  dazu,  das  sind  6  Mk.;  ich  kann  also  den
Anzug  mit  36  Mk.  verkaufen.  Vorsichtshalber  werde  ich  seinen  Preis  freilich
in  der  Regel  mit  40  Mk.  ansetzen,  wenn  ihn  nicht  die  Konkurrenz  mit  38
oder  gar  mit  36  Mk.  anbietet.  Niedriger  darf  ich  aber  nicht  gehen."
„Das  ist  ja  alles  ganz  schön,"  meinte  Karl  nachdenklich,  „aber  ich  verstehe ­
  nicht  recht,  warum  du  gerade  20  Prozent  dazuschlägst  und  nicht  50  Prozent. ­
  Da  würdet  ihr  doch  noch  mehr  verdienen."
„Das  geht  eben  nicht,"  erwiderte  Wilhelm,  „denn  wir  können  nicht
teurer  verkaufen  als  die  Konkurrenz,  sonst  liefen  uns  die  Kunden  davon.
So  rechnen  alle  den  gleichen  Profit  von  20  Prozent."
„Das  verstehe  ich  aber  noch  immer  nicht,"  wandte  Karl  ein.  „Haben
denn  alle  Kleiderhändler  und  Schneider  eine  Vereinbarung  getroffen,  daß
sie  den  gleichen  Profit  von  20  Prozent  machen?  Und  warum  haben  sie  denn
nicht  alle  lieber  mehr  festgesetzt?"
„Das  ist  wahr,"  bemerkte  Wilhelm  etwas  verlegen,  „daran  habe  ich
noch  gar  nicht  gedacht.  Eine  Vereinbarung  besteht  nicht,  und  doch  hat  der
Profit  eine  bestimmte  Höhe.  Von  der  Willkür  der  Meister  kann  diese  nicht
abhängen,  ober  es  rechnen  doch  alle  mit  ihr.  Wovon  sie  abhängt,  das  weiß  ich
nicht;  aber  das  ist  sicher,  daß  die  Preise  so  zustande  kommen,  wie  ich  dir
cs  geschildert  habe."
„Das  ist  schon  richtig,"  warf  ich  ein,  „aber  ist  diese  Rechnung  die
Antwort  auf  Karls  Frage?  Du  gehst  zum  Beispiel  vom  Preis  des  Rohmaterials ­
  aus:  aber  da  entsteht  ja  gleich  wieder  die  Frage,  wovon  denn
dieser  abhängt.  Dann  rechnest  du  den.  Ilrbeitslohn  dazu.  Aber  wie  groß  ist
beim  dieser?"
„Das  hast  du  uns  selber  schon  einmal  auseinandergesetzt,"  erwiderte
Wilhelm.  „Erinnere  dich,  als  wir  von  der  Entstehung  des  Proletariats
sprachen,  da  zeigtest  du  uns,  daß  das  Kapital  die  Arbeiter  immer  auf  einen
Lohn  beschränken  will,  der  gerade  zum  Leben  hinreicht,  und  wie  die  Arbeiter
immerfort  kämpfen  müssen,  um  bessere  Löhne  durchzusetzen.  Im  großen  und
ganzen  muß  es  also  doch  so  sein,  daß  die  Slrbeitcr  so  viel  Lohn  bekommen,
daß  sie  davon  leben  können.  Der  Lohn  muß  daher  mindestens  so  hoch  sein,
daß  der  Arbeiter  sich  alle  notwendigen  Lebensrnittel  kaufen  kann."
„Da  hast  du  sehr  richtig  kalkuliert,"  erwiderte  ich,  „aber  da  siehst  du  erst
recht  wieder,  daß  der  Lohn  abhängt  vom  Preis  der  Lebensmittel.  Wir  wissen
also  jetzt,  daß  sich  der  Preis  des  Slnzugs,  den  du  vorhin  als  Beispiel  gewählt
hast,  aus  vielen  anderen  Preisen  zusammensetzt.  Wir  wissen  also  eigentlich
darüber,  wovon  denn  die  Preise  abhängen,  nicht  viel  mehr  als  früher."
„Das  kann  ich  nicht  einsehen,"  gab  Wilhelm  zurück.  „Wenn  ich  zum
Beispiel  gefragt  werde,  wie  lang  ein  Stoff  ist,  so  werde  ich  antworten,  er  hat
soundso  viele  Meter;  da  habe  ich  doch  auch  nur  gezeigt,  daß  seine  Länge  sich
aus  anderen  Längen  zusammensetzt.  Und  gerade  so  gut  ist  es  auch  eine  ge-
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        tmgenbe  Antwort,  wenn  ich  sage,  der  Preis  des  Anzugs  besteht  aus  dem  j
Preis  des  Rohmaterials,  dem  Preis  der  Lebensmittel,  welche  die  Arbeiter  j
brauchen,  die  ihn  anfertigen  u.  s.  to."
„Du  hättest  den  Vergleich  sogar  noch  weiterführen  können,"  entgegnete  |
ich.  „Denn  so  wie  man  sagt,  der  Stoff  ist  so  viele  Meter  lang,  so  sagt  man  •
beim  Preis,  der  Anzug  ist  soundso  viele  Mark  wert.  Was  das  Metermatz  für:
die  Länge,  das  ist  das  Geld  für  den  Wert."
„Da  gibst  du  mir  also  doch  auch  einmal  recht,"  bemerkte  Wilhelm  1
lachend,  „das  ist  selten  genug."  •
„Aber  danach  habe  ich  ja  gar  'nicht  gefragt",  mischte  sich  nun  Karl  j
wieder  ins  Gespräch.  „Ich  wollte  nicht  wissen,  wie  der  Preis  einer  Ware  ge-1
messen  wird,  sondern  warum  er  eine  bestimmte  Höhe  hat."  Sich  an  Wilhelm
wendend,  fuhr  er  darauf  fort:  „Wenn  zum  Beispiel  eine  Kundschaft  zu  euch
ins  Geschäft  kommt  und  auf  einen  Anzug  weisend  sagt:  „Warum  ist  denn
der  so  teuer?",  dann  möchte  ich  dir  nicht  raten  zu  antworten:  „Weil  er  &amp;gt;
50  Mk.  kostet".  Von  der  Auskunft  wäre  die  Kundschaft  sicherlich  ttfentg  be  i
friedigt."  .  !
„Nein,"  sagte  Wilhelm  lachend,  „in  einem  solchen  Falle  müssen^  wir!
immer  sagen,  das  komme  daher,  weil  die  Arbeiter  jetzt  so  hohe  Löhne
verlangen."
„Na,  siehst  du,"  meinte  nun  Karl,  „deine  Weisheit  von  dem  Geld  als  I
Maßstab  des  Wertes  nützt  uns  gar  nichts,  wir  wissen  jetzt  nicht  mehr  als
früher,  wovon  eigentlich  der  Preis  abhängig  ist."
„Wenn  wir  darüber  etwas  wissen  wollen,"  meinte  ich,  „müßten  wir  doch
wohl  zuerst  untersuchen,  ob  der  Wert  eine  Eigenschaft  der  Ware  selbst  istj
oder  nicht."
„Ja  was  sollte  er  denn  sonst  sein?"  fragte  Karl  erstaunt.  „Ob  tcE)j
sage,  der  Hut  hat  eine  schwarze  Farbe,  oder,  der  Hut  kostet  5  Mk.,  in  beiden!
Fällen  sage  ich  doch,  daß  der  Hut  eine  bestimmte  Eigenschaft  hat."
„So  ganz  gleich  ist  das  aber  doch  nicht,"  wandte  ich  ein.  „Ob  du  deib
Hut  in  Berlin  oder  in  Amerika  anschaust,  immer  ist  er  schwarz;  er  kann
aber  in  Berlin  5  Mk.  wert  sein,  in  Amerika  jedoch  vielleicht  7  Mk.  So  ist
zum  Beispiel  Getreide  in  Amerika  viel  billiger  als  bei  uns.  Am  Getreide
selbst  kann  aber  die  Ursache  des  Unterschiedes  nicht  liegen,  denn  das  hat  dort
die  gleiche  Bedeutung  als  Nahrungsmittel  wie  bei  uns."
„Der  Unterschied  der  Werte",  meinte  Wilhelm,  „kommt,  soviel  ich
weiß,  daher,  daß  es  in  Amerika  viel  mehr  fruchtbaren  Boden  gibt  als  bei
uns."
„Das  stimmt  nicht  recht,"  erwiderte  ich;  „der  Boden  ist  in  Amerika  im
allgemeinen  nicht  besser  als  bei  uns;  aber  Amerika  ist  noch  lange  nicht  so
dicht  besiedelt  wie  Europa,  und  so  brauchen  sie  dort  den  Boden  nicht  so  auszunützen, ­
  sie  düngen  sehr  wenig  und  begnügen  sich  mit  dem,  was  der  Boden
bei  leichter  Bebauung  hergibt.  In  den  Vereinigten  Staaten  trägt  der  gleiche
Acker  kaum  die  Hälfte  der  Frucht  wie  in  Deutschland;  aber  die  darauf  verwendete ­
  Müh?  und  Arbeit  ist  noch  viel  weniger  als  die  Hälfte  dessen,  was
in  Deutschland  gebraucht  wird.  Weil  aber  das  Land  so  dünn  bevölkert  ist,
haben  die  Amerikaner  an  ihren  Vorrären  nicht  nur  genug,  sie  können  nod) ;
sehr  viel  davon  exportieren.  Dazu  kommt  ferner,  daß  sie  mehr  und  besser?
Maschinen  anwenden  als  wir,  hauptsächlich  aber  auch,  daß  sie  kein  Militär
haben  und  daher  viel  weniger  Steuern  aufzubringen  brauchen.  Ihr  seht
also,  daß  der  Unterschied  nicht  im  Getreide  liegt,  sondern  in  den  sozialen
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        38

&amp;gt;  dem
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ire  geilhelm

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Seil  er
ig  bear ­
  wir
Löhne
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ir  doch
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Ob  ich
beiden
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So  ist
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it  dort
iet  ich
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richt  so'
o  aus-Boden

gleiche
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  was
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:n  noch
bessere
Nilitär
fr  seht
ozialen

Verhältnissen,  unter  denen  jenes  erzeugt  wird.  Hätten  wir  in  Deutschland
eine  ebenso  spärliche  Bevölkerung,  keine  Militärlasten  u.  s.  w.,  dann  wäre
unser  Getreide  gerade  so  billig  wie  das  amerikaniM."  _, r ,
„Da  müssen  wir  also,"  fragte  Karl,  „erst  unsere  sozialen  Verhaltmsw
studieren,  um  zu  verstehen,  weshalb  mein  Hut  3  Mk.  gekostet  hat?  Das  ist
aber  ein  weiter  Weg!  Und  wie  sollen  wir  denn  das  anfangen?"
„Das  ist  freilich  nicht  so  einfach,"  bestätigte  ich,  „besonders  weil  unsere
jo  furchtbar  komplizierte  Welt  gar  nicht  zu  verstehen  ist,  wenn  man  nicht  ihre
Wirtschaft,  ihr  inneres  Räderwerk  begreift."
„Aber  da  drehen  wir  uns  ja  immer  nur  im  Kreis",  warf  Wilhelm  ern.
„Gerade  vorhin  hast  du  uns  gesagt,  die  Bildung  des  Wertes  sei  nur  aus  den
sozialen  Berhältnisse  zu  verstehen.  Jetzt  sagst  du  uns  wieder,  diese  könne
nian  nur  verstehen,  wenn  man  die  Wirtschaft  begreift.  Der  Wert  gehört  aber
doch  zur  Wirtschaft.  Auf  diese  Art  kommen  wir  gar  nicht  von  der  Stelle."
„Das  wollte  ich  gerade  auch  selber  sagen,  als  du  mich  unterbrachst",  erwiderte ­
  äch  ruhig  meinem  etwas  zornig  gewordenen  Freunde.  „Unsere
heutigen  sozialen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse  sind  viel  zu  komplizierl.
als  daß  man  sie  ohne  weiteres  untersuchen  und  verstehen  könnte.  Aber  es
geht  einem  ja  auch  ähnlich,  wenn  man  in  eine  moderne  große  Fabrik  tritt.
Da  kann  sich  der  Laie  noch  so  lange  umschauen,  er  wird  die  Zusammenhänge

nicht  begreifen."
„!Das  ist  wahr,"  bestätigte  Karl,  „wenn  man  in  unsere  Werkstatt  kommt
und  den  surrenden  Rädern,  stampfenden  Rollen,  den  ächzenden  Kränen  und
den  sausenden  Riemen  zusieht,  dann  wird  einem  ganz  wirr  im  Kopf:  obwohl
ich  dock  jetzt  schon  fast  drei  Jahre  in  der  Fabrik  beschäftigt  bin,  verstehe  rch
noch  immer  nicht  das  ganze  Werk.  Einiges  hat  mir  einmal  der  „rote  Max"
expliziert:  aber  jetzt  ist  er  schon  lange  nicht  mehr  dazugekommen."
„Nun,  und  wie  hat  er  das  gemacht?"  fragte  ich.
„Er  hat  mir  gezeigt,"  antwortete  Karl,  „mit  welchen  Maschinen  die
Fabrik  seinerzeit  begonnen  hat.  Das  sind  natürlich  die  notwendigsten;  seither
weiß  ich  wenigstens,  was  das  Wesentlichste  und  was  als  mehr  nebensächlich
anzusehen  ist.  Aber  tue  einzelnen  Maschinen  verstehe  ich  noch  immer  nicht.
Da  versprach  mir  Max,  einmal  mit  mir  in  die  „Urania"  *  *)  zu  gehen  und
mir  dort  die  einfachen  Modelle  zu  zeigen.  Er  meinte,  dann  werde  ich  auch  die
komplizierten  Dkaschinen  besser  und  leichter  verstehen."
„Da  hat  er  auch  ganz  recht  gehabt",  bestätigte  ich.  „Sind  doch  auch  die
heutigen  komplizierten  Maschinen  aus  so  einfachen  hervorgegangen.  So  wie
mir  nun  jene  einfachen  Formen  zuerst  untersuchen  und  verstehen  müssen,  bevor ­
  wir  an  die  komplizierten  herangehen  dürfen,  so  müssen  wir  auch  zuerst
die  einfachen  Wirtschaftsverhältnisse  und  sozialen  Zustände  unserer  Vorfahren
studieren,  wenn  wir  die  Welt  begreifen  wollen,  in  der  wir  heute  leben."

„Nun,  da  nehmen  wir  wohl  am  besten  die  Zustände,  aus  denen  mein
Großvater  hervorgegangen  ist,"  schlug  Wilhelm  vor.  „Die  waren  doch  einfach
genug.  Ich  habe  sie  euch  ja  schon  einmal  geschildert."
„Warum  hältst  du  die  eigentlich  für  so  besonders  einfach?"  fragte  ich.
„Erinnere  dich  doch  nur,"  erwiderte  Wilhelm,  „wie  einförmig  damals
das  Leben  gewesen  sein  mutz.  Den  hörigen  Bauern  floß  ein  Tag  hin  wie
*)  Volkstümliches,  wissenschaftliches  Institut  in  Berlin.
•  '  3
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        34

der  andere,  nur  daß  sie  einmal  für  den  Gutsherrn  sich  schinden  mußten
und  dann  wieder  für  sich  selbst.  Zerkaust  und  gekauft  würbe  sehr  wenig,
nur  gerade,  was  der  Gutsherr  ihnen  um  einen  Spottpreis  abnahm  oder
um  teuren  Preis  aufdrängte."  \
„Ja,  siehst  du,"  erwiderte  ich,  „da  liegt  eben  gerade  die  Schwierigkeir.  .
Was  wollen  wir  denn  eigentlich  Herauskriegen?  Von  welcher  Frage  sind  wir
denn  ausgegangen?"
„Ich  wollte  wissen,  wovon  die  Preise  abhängen,"  sagte  Karl.  „Bei
dieser  Gelegenheit  möchte  ich  dich  übrigens  fragen,  was  das  zu  bedeuten  hat,
daß  wir  einmal  vom  Preis  und  dann  wieder  vom  Wert  reden.  Ist  das  das-l
selbe  oder  was  ist  der  Unterschied?"
„Es  ist  gut,  daß  du  mich  darauf  aufmerksam  machst,"  antwortete  ich;
„denn  davor  muß  man  sich  sehr  hüten,  eine  Sache  mit  verschiedenen  Aus-t
drücken  oder  mehrere  Sachen  mit  einem  Wort  zu  bezeichnen.  Daraus  ent-»
stehen  dann  immer  Verwechslungen  und  unnütze  Streitereien.  Wir  wollen
also  fortan  als  Wert,  genauer  Tauschwert,  das  Verhältnis  bezeichnen,  in  dem
sich  Waren  gegeneinander  austauschen.  Wenn  sich  also  zum  Beispiel  zwei
Röcke  gegen  drei  Hüte  austauschen  lassen,  dann  haben  zwei  Röcke  den  „Tausch-  •
wert"  von  drei  Hüten  und  die  drei  Hüte  den  „Tauschwert"  von  zwei  Röcken.
Diese  Bedeutung  des  Ausdruckes  müssen  wir  uns  gut  merken.  Der  „Preis"
ist  dann  das  Verhältnis,  in  dem  sich  die  Waren  gegen  Geld  austauschen.  Das
ist  aber  schon  eine  kompliziertere  Erscheinung,  und  so  müssen  wir  also  die
Frage  zunächst  so  stellen:  „Wovon  hängt  der  Tauschwert  der  Waren  ab?"  :
Aus  den  Preis  werden  wir  dann  schon  später  kommen."
„Du  sprichst  da  immer,"  unterbrach  mich  Wilhelm,  „von  „Austauschen",
aber  man  tauscht  doch  nicht  zum  Beispiel  ein  Paar  Stiesel  gegen  einen  Rock.
Tauschgeschäfte  machen  bei  uns  zulande  allenfalls  die  Kinder  in  der  Schule,  |
aber  doch  nicht  Geschäftsleute."
„Das  ist  schon  richtig,"  antwortete  ich;  „aber  wenn  ich  als  Schuster  ein
Paar  Stiefel  um,  sagen  wir,  15  Mk.  verkaufe  und  mir  für  dieses  Geld  einen
Rock  kaufe,  dann  ist  es  doch  für  mich  dasselbe,  als  ob  ich  den  Rock  gegen  die  j
Stiefel  eingetauscht  hätte.  Ebenso  kauft  der  Schneider  mit  den  15  Mk.  viel-1
leicht  ein  Bügeleisen,  der  Eisenhändler  für  dasselbe  Geld  Brot  und  der!
Bäcker  endlich  wieder  Stiefel.  Hier  ändert  das  Geld  nichts  an  den  Beziehungen, ­
  es  ist  so,,  als  ob  alle  miteinander  getauscht  hätten."
„Nun  schauen  wir  aber  einmal,"  fuhr  ich  fort,  „ob  wir  dein  Beispiel  für  :
unseren  Zweck  gebrauchen  können.  Was  hat  es  denn  in  der  Wirtschaft  deiner  !
Urgroßeltern,  der  dienstpflichtigen  Bauern,  für  Austausch  gegeben?"
Wilhelm  dachte  eine  Weile  nach,'und  dann  sagte  er:  „Eigentlich  recht
wenig;  denn  die  machten  sich  fast  alles  selbst,  was  sie  brauchten,  sie  brachten
nichts  auf  den  Markt  und  kauften  dort  nicht  ein.  Höchstens  das  käme  in  Betracht, ­
  was  sie  dem  Gutsherrn  verkaufen  oder  von  ihm  kaufen  mußten."
„Aber  damit  werden  wir  auch  nicht  viel  anfangen  können,"  entgegnete
ich;  „denn  für  uns  handelt  es  sich  doch  darum,  die  Gesetze  des  freien  Austausches ­
  zu  ergründen,  wie  er  heute  stattfindet,  ohne  Zwang;  denn  wenn;
ein  Räuber  zum  Beispiel  im  Wald  einen  Wanderer  anfällt  und  mit  ihm  die  |
Kleider  tauscht,  dann  werden  wir  aus  diesem  Vorgang  nicht  viel  darüber  I
erfahren,  wie  der  Tausch  zwischen  Gewerbsleuten,  Kaufleuten  u.  s.  to.  in  der
Regel  vor  sich  geht.  Ihr  seht  also,  daß  wir  nicht  alle  einfachen  Lebensverhältnisse ­
  für  unseren  Zweck  der  Erklärung  des  Tauschwertes  gebrauchen  können."
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„So  versuchen  wir  es  einmal  mit  den  Verhältnissen,  in  denen  mein
Grotzvater,  der  Tischler,  lebte,"  meinte  nun  Karl.  „Damals  waken  die  Zustände ­
  doch  auch  noch  viel  einfacher  als  heute,  und  dabei  arbeitete  der  Grotzvater
  doch  nicht,  wie  der  Bauer,  für  sich  selbst,  sondern  zum  Verkauf  an
Kunden."
.  „Da  hast  du  ganz  recht,"  entgegnete  ich,  „jedenfalls  können  wir  ja
den  Versuch  machen.  Stelleir  wir  uns  also  eine  Gesellschaft,  etwa  eine  Stadt,
vor,  wo  die  Waren  von  selbständigen  Kleinnieistern  hergestellt  werden,  die
meist  auf  Bestellung  zum  Verkauf  arbeiten.  Nehmen  wir  da  zum  Beispiel
einen  Schneider  und  einen  Hutmacher.  .In  welchem  Verhältnis  werden  die
ihre  Produkte  miteinander  tauschen?"
„Das  wird  dock",  meinte  Wilheln,,  „wesentlich  wieder  davon  abhängeir,
wie  teuer  der  Rohstoff  ist,  den  beide  verarbeiten,  und  wie  teuer  die  Werkzeuge
sind,  die  sie  benützen."
„Das  ist  ganz  richtig,"  antwortete  ich;  „doch  hat  der  Wert  der  Werkzeuge ­
  damals  keine  große  Rolle  gespielt.  Maschinen  gab  es  fast  gar  nicht,  und
die  Handwerkszeuge  vererbten  sich  meist  vom  Vater  auf  bett  Sohn,  ihr  Wert
war  ebenso  gering  wie  ihre  Abnützung.  Davon  können  wir  also  absehen.
Anders  liegt  die  Sache  mit  dem  Rohmaterial.  Um  uns  aber  die  Frage  zu
vereinfachen,  wollen  wir  vorläustg  annehmen,  daß  das  Rohmaterial,  das  der
Schneider  etwa  in  einer  Woche  verarbeitet,  sich  gegen  das  eintauscht,  das  der
Hutmacher  in  derselben  Zeit  vernutzt."
„Ja,  wenn  du  so  etwas  annimmst,"  warf  Wilhelm  ein,  „dann  machst
du  dir  die  Sache  freilich  leicht."'
„Das  will  ich  ja  auch,"  antwortete  ich.  „Eine  schwierige  Frage  mutz
inan  sich  immer  nach  Möglichkeit  zu  vereinfachen  suchen.  Solche  Annahmen
wie  die  von  dem  gleichen  Tauschwert  des  Rohmaterials  sind  da  sehr  nützlich,
und  sie  sind  auch  erlaubt,  wettn  man  sich  gut  merkt,  daß  man  diese  Annahme ­
  gemacht  hat,  und  zum  Schluß  untersucht,  was  sich  an  bent  Ergebnis
ändert,  wenn  man  jene  Annahme  fallen  läßt."
„Also  gut,"  rief  darauf  Wilhelm  lachend;  „ich  werde  schon  acht  geben
und  dir  scharf  auf  die  Finger  schauen,  daß  du  nicht  schwindelst  und  am  Ende
jene  Annahme  unter  den  Tisch  fallen  läßt."
„Einverstanden!"  stimmte  ich  zu;  „aber  ich  bin  ja  kein  Taschenspieler
und  will  euch  nichts  vorschwindeln,  sondern  wir  wollen  die  Frage  gemeinsam
itntersuchen.
Wir  nehmen  also  zunächst  an,  daß  das  von  den  beiden  m  einer  Woche
verarbeitete  Rohmaterial  den  gleichen  Tauschwert  hat.  Wenn  nun  der
Schneider  in  dieser  Woche  zwei  Röcke  und  der  Hutmacher  drei  Hüte  anfertigt,
dann  werden  auch  die  zwei  Röcke  sich  austauschen  gegen  die  drei  Hüte."
„Oho!"  riefen  Karl  und  Wilhelm  wie  aus  einem  Munde.  „Das  behauptest ­
  du,  aber  du  mutzt  es  uns  erst  beweisen."
„Ganz  richtig,"  antwortete  ich;  „das  ist  nicht  so  schwer.  Wenn  zum  Beispiel ­
  die  drei  Hüte  gegen  einen  Rock  ausgetauscht  würden,  dann  würden
die  Schneider  in  kürzester  Zeit  viel  reicher  werden  als  die  Hutmacher;  denn
ihre  Arbeit  würde  doppelt  so  viel  schaffen  wie  die  jener.  Das  könnte  aber
nicht  lange  bcytern;  denn  bald  würden  alle  Leute,  und  besonders  alle  Hutinacher,
  Schneider  werden  wollen.  Es  würden  dann  sehr  viele  Röcke  und  nur
mehr  sehr  wenige  Hüte  gemacht  werden,  die  Hüte  würden  teuer  und  die
Röcke  billig  werden,  man  würde  schließlich  schon  zwei  Röcke  für  einen  Hut
hergeben  müssen.  Dann  wiirden  wieder  die  Hutmacher  reich  und  die  Schneider
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        *

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arm.  Das  Gleichgewicht  stellt  sich  erst  dann  wieder  ein,  wenn  drei  Hüte  sich
gegen  zwei.  Röcke  vertauschen,  das  heißt,  wenn  die  Arbeitswoche  des  Hutmachers ­
  so  viel  Wert  schafft  wie  die  des  Schneiders."
„Das  verstehe  ich  aber  nicht  recht,"  warf  Karl  dazwischen.  „Warum
müssen  die  Röcke  billiger  und  die  Hüte  teurer  werden,  weil  mehr  Leute»
Schneider  und  weniger  Hutmacher  geworden  sind?"
„Stell'  dir  vor,"  antwortete  ich,  „in  der  Stadt,  von  der  imr  reden,  j
brauche  man  im  Jahre  2000  neue  Röcke  und  1000  neue  Hüte.  Wenn  jetzt  statt
dessen  3000  Röcke  erzeugt.worden  sind,  dann  müssen  1000  Röcke  unverkauft
bleiben,  und  deshalb  wird  jeder  Schneider  zusehen,  die  von  ihm  angefertigten ­
  nchglichst  bald  loszuschlagen,  damit  sie  ihm  nicht  liegen  bleiben,  er  I
wird  daher  im  Preis  heruntergehen  müssen.  Da  das  aber  die  anderen  auch
tun,  muß  der  einzelne  noch  weiter  gehen,  und  so  sinkt  der  Preis  fort-  j
während.  Bei  dem  billigeren  Preis  werden  dann  auch  mehr  Röcke  gekauft  j
als  bei  dem  höheren.  Umgekehrt,  wenn  statt  1000  Hüte  nur  700  gemacht  |
worden  sind,  dann  müssen  sich  die  Käufer  überbieten,  damit  sie  noch  einen  j
Hut  kriegen  und  nicht  barhäuptig  herumlaufen  müssen  und  am  Ende  I
den  Sonnenstich  kriegen."
„Gut,"  sagte  Wilhelm  nach  einigem  Zögern.  „Das  stimmt  also,  das
müssen  wir  als  richtig  anerkennen;  aber  jetzt  komme  ich  mit  meinem  Ein-»
wand :  Wie  steht  denn  die  Geschichte,  wenn  das  Tuch  des  Schneiders  nicht  den  I
gleichen  Wert  hat  wie  der  Filz  des  Hutmachers,  sondern  vielleicht  den
doppelten?  Dann  können  doch  die  drei  Hüte  nicht  wieder  soviel  wert  I
sein  wie  die  zwei  Röcke."
„Freilich  nicht,"  bestätigte  ich.  „Ich  sprach  aber  auch  vorhin  nur  von  dem  I
Wert,  den  der  Schneider  und  der  Hutmacher  ihren  Rohstoffen  hinzugefügt
haben.  Dieser  Wert  war  eben  in  beiden  Fällen  gleich,  da  die  beiden  gleich  j
lange  Zeit  arbeiteten.  Doch  untersuchen  wir  jetzt  also  den  Fall,  daß  das  |
verarbeitete  Tuch  doppelt  soviel  wert  war  wie  der  verarbeitete  Filz.  Wir
können  da  wieder  denselben  Weg  einschlagen  wie  vorbin.  Wenn  zum  Beispiel ­
  der  Wollscherer,  der  Spinner  und  der  Weber,  die  an  dem  Tuch  ge-!
arbeitet  haben,  die  gleiche  Zeit  daran  gearbeitet  hätten  wie  der  Wollscherer
und  der  Walker,  die  zusammen  den  Filz  herstellten,  das  Tuch  aber  schließlich,
doppelt  soviel  wert  wäre  wie  der  Filz,  was  würde  dann  geschehen?"
„Dann  würden  alle  Walker  Spinner  und  Weber  werden  wollen,"  antwortete ­
  Wilhelm.
„Ja,  wenn  sie  gleich  lange  Zeit  arbeiten,  dann  erzeugen  sie  doch  gleichen
Wert,  das  haben  wir  ja  eben  erst  gesehen,"  ergänzte  Karl.  „Das  ist  ganz  so
wie  beim  Schneider  und  Hutmacher.  Wenn  Tuch  und  Filz  gleich  lange  Arbeitszeit ­
  gebraucht  haben,  kann  eben  das  Tuch  nicht  doppelt  fo  teuer  sein  i
wie  der  Filz."
„Wenn  das  aber  nun  doch  der  Fall  ist,"  wandte  ich  ein,  „dann  müssen
wir  eben  annehmen,  daß  sie  nicht  gleich  viel  Arbeit  gekostet  haben."
„Aha,"  meinte  Wilhelm  nach  einigem  Nachdenken,  „dann  steckt  eben  in
dem  Tuch  auch  doppelt  soviel  Arbeit  drin  wie  im  Filz,  und  deshalb  hat  es
den  doppelten  Wert.  Wie  steht  es  aber  nun  mit  dem  Wert  von  Hüten  und:
Röcken?"
„Das  hängt  wieder,"  erwiderte  ich,  „davon  ab,  wieviel  Wert  Verhältnis-  j
mäßig  im  Rohmaterial  und  wieviel  in  der  Verarbeitung  steckt.  Wenn  zum
Beispiel  die  Herstellung  des  Tuches  vier  Arbeitswochen  eines  Mannes  ge-  :
kostet  hat,  wie  lange  muß  dann  die  Herstellung  des  Filzes  gedauert  haben?"  I

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—  37  —
„Zwei  Wochen,"  antworteten  Karl  und  Wilhelm  zugleich.
„Nun  also,"  begann  ich  wieder.  „Jetzt  haben  wir  für  die  zwei  Röcke
vier  Wochen  Luchmacherarbeit  und  eine  Woche  Schneiderarbeit,  macht  zusammen ­
  fünf  Wochen;  für  die  drei  Hüte  zwei  Wochen  Filzmacherarbeit  und
eine  Woche  Hutmacherarbeit,  macht  drei  Wochen.  Folglich  werden  sich  also  die
zwei  Röcke  im  Wert  zu  den  drei  Hüten  verhalten  wie  fünf  Wochen  zu  drei,
das  heißt  sie  werden  sich  im  Verhältnis  von  fünf  zu  drei  austauschen."
„Wenn  also,"  ergänzte  Wilhelm,  „die  zwei  Röcke  zum  Beispiel  50  Mk.
kosten,  so  werden  die  drei  Hüte  zusammen  30  Mk.  kosten."
„Oder,"  fügte  Karl  hinzu,  „man  kann  auch  sagen,  daß  sich  sechs  (2X3)
Röcke  gegen  15  (3X5)  Hüte  eintauschen."
„Das  ist  alles  recht  schön  und  gut,"  bemerkte  Wilhelm.  „Aber  ich  glaube,
deine  Rechnung  hat  doch  ein  Loch.  Du  sprichst  von  Schneider  und  Hutmacher;
da  mag  es  stimmen,  daß  sich  dem  Beruf  um  so  mehr  Seute  zuwenden,  je  mehr
Wert  er  erzeugt.  Wenn  wir  aber  zum  Beispiel  einen  Uhrmacher  und  einen
gewöhnlichen  Maurer  miteinander  vergleichen,  dann  ist  klar,  daß  viele  Seute
eher  tauglich  sein  werden,  Maurer  als  Uhrmacher  zu  werden.  Zu  diesem
Beruf  muß  man  doch  viel  geschickter  sein  und  auch  viel  mehr  lernen.  Da
stimmt  dann  deine  Rechnung  nicht,  da  werden  sich  die  Werte  nicht  ausgleichen."
„Du  hast  ja  ganz  recht,"  erwiderte  ich.  „Also  sehen  wir  jetzt  zu,  was
die  Folge  davon  ist.  daß  die  Arbeit  des  einen  schwerer  zu  erlernen  ist  als  die
lles  anderen."
„Nun,  da  werden  eben  weniger  Seute  sich  dem  schwereren  Beruf  zuwenden," ­
  meinte  Karl,  „und  daher  werden  auch  die  dort  erzeugten  Waren
einen  größeren  Tauschwert  haben."
„Also  wird  man  zum  Beispiel,"  ergänzte  ich,  „das  Produkt  von  zwei
Tagen  Maurerarbeit  für  das  Produkt  von  einem  Arbeitstag  des  Uhrmachers
hergeben  müssen.  Ihr  seht  also,  daß  das  Gesetz,  daß  sich  die  Waren  in  dem
Verhältnis  gegeneinander  austauschen,  wie  sie  Arbeitszeit  enthalten,  in
dieser  Form  noch  nicht  ganz  richtig  ist.  Es  ist  notwendig,  es  noch  weiter  durch
die  Bestimmung  zu  ergänzen,  daß  die  von  einem  Arbeiter  auf  eine  Ware  aufgewendete ­
  Arbeitszeit  um  so  mehr  Wert  schafft,  je  schwieriger  zu  erlernen
und  auszuführen  diese  Arbeit  ist."**
Ilf.
„Nun  können  wir,"  fuhr  ich  fort,  „noch  eine  Art  Probe  machen,  o»
unsere  Untersuchung  uns  nicht  irregeführt  hat.  Nehmen  wir  einmal  an,  die
Stadt,  in  der  unser  Schneider,  Hutmacher,  Maurer,  Uhrmacher  und  noch
viele  andere  Handwerker  leben,  sei  plötzlich  in  einen  tiefen  Schlaf  verfallen,
wie  die  Bewohner  des  Schlosses  in  dem  schönen  Märchen  vom  Dornröschen.
Was  wird  dann  mit  all  den  Häusern,  den  Werkzeugen,  den  Warenvorräten
u.  s.  w.  geschehen?"
„Da  wird  alles  mit  der  Zeit  kaput  gehen,"  erwiderte  Karl.  „Bei  den
Dächern  wird  es  hineinregnen,  das  Werkzeug  wird  rosten,  das  Fleisch  wird
faulen,  das  Vieh  davonlaufen  oder  verhungern,  die  Straßen  werden  mit
Gras  überwachsen  werden,  alles  wird  ruiniert."
„Wodurch  wird  aber  nun  in  Wirklichkeit  bewirkt,  daß  das  nicht  nur
nicht  geschieht,  sondern  daß  zugleich  fortwährend  neue  Werte  geschaffen
werden,  daß  zum  Beispiel  nach  einem  Jahr  mehr  Häuser,  mehr  Sebensmittel,
  mehr  Gerätschaften  da  sind  und  diese  zusammen  einen  größeren
Wert  repräsentieren  als  zu  Beginn  dieses  Jahres?"
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        „Aha,"  antwortete  Wilhelm,  „ich  sehe  schon,  wo  du  hinaus  willst.  Es  |
ist  die  Arbeit  der  Bewohner  dieser  Stadt,  die  alles  das  bewirkt."
„Aber  wäre  dein  Beispiel  nicht  einfacher  gewesen,"  fragte  nun  Karl,  1
„wenn  du  nicht  eine  ganze  Stadt,  sondern  nur  einen  Handwerker  genommen
hättest?  Von  dein  gilt  es  doch  auch,  daß  sein  Werkzeug  u.  s.  w.  mit  der  Zeit  j
wertlos  wird,  wenn  er  es  nicht  benützt,  und  daß  nur  seine  Arbeit  den  Wert  1
erhält  und  neuen  schafft."
„Das  ist  freilich  richtig,"  bestätigte  ich.  „Trotzdem  aber  erscheint  mir
das  Beispiel  von  der  Stadt  klarer,  denn  beim  einzelnen  Meister  entsteht  leicht  j
der  Anschein,  als  ob  nicht  nur  seine  Arbeit  den  Wert  schaffte,  sondern  auch
sein  Werkzeug.  Tatsächlich  glauben  das  auch  viele  Leute.  Wenn  man  aber  die  j
ganze  Wirtschaft  betrachtet,  dann  sieht  man  sofort,  daß  nur  die  Arbeit  es  ist,  |
die  den  Wert  schafft  und  bestimmt."
„Das  will  mir  aber  doch  nicht  ganz  einleuchten,"  wandte  Wilhelm;
ein.  „Du  sprichst  immer  nur  vom  Handwerk;  aber  wie  steht  es  denn  zuml
Beispiel  bei  der  Landwirtschaft?  Das  Korn  wird  doch  nicht  nur  durch  die  l
Arbeit  des  Menschen  hervorgebracht.  Wenn  die  Erde  nicht  fruchtbar  ist,  wenn  I
nicht  die  Sonne  scheint  und  der  Regen  fällt,  dann  ist  alle  Mühe  umsonst,  dann  1
kann  die  Arbeit  gar  nichts  schaffen.  Da  kommt  es  also  auf  die  Natur  ebenso  i
an  wie  auf  die  Arbeit."  ^
„Du  hättest  gar  nicht  bis  zur  Landwirtschaft  gehen  müssen,  mit  das
zu  beweisen,"  entgegnete  ich,  „denn  auch  im  Handwerk  spielen  die  Natur-1
fräste  eine  große  Rolle.  Was  finge  zum  Beispiel  der  Gerber  an  ohne  die  |
chemische  Wirksamkeit  der  Lohe?"
„Nun  also,"  unterbrach  mich  Wilhelm  eifrig,  „dann  stimmt  doch  das,»
was  du  da  gesagt  hast,  auch  für  das  Handwerk  nicht;  dann  ist  es  dock  nicht
nur  die  Arbeit,  die  schafft,  sondern  auch  die  Natur."
„Das  habe  ich  auch  gar  nicht  geleugnet,"  erwiderte  ich.  „Aber  darauf  I
kommt  es  hier  ja  gar  nicht  an.  Wir  fragen  doch  nicht,  wie  die  verschiedenen
Waren  entstanden  sind,  sondern  wie  ihr  Wert  zustande  gekommen  ist.  Wir  j
haben  aber  gesehen,  daß  der  Wert  ein  gesellschaftliches  Verhältnis  ist,  eine
Beziehung  zwischen  den  Menschen  und  nicht  eine  Eigenschaft  der  Sachen.  Daß
das  Getreide  schmackhaft  ist  und  Nälhrwert  besitzt,  daß  man  daraus  Stärke  I
zum  Steifen  der  Hemdbrust  und  Schnaps  zum  Verblöden  des  Gehirns!
machen  kann,  das  sind  seine  natürlichen  Eigenschaften.  Daß  sich  aber  ein  |
Zentner  Getreide  gegen  zwei  Hüte  oder  gegen  ein  paar  Stiefel,  gegen  I
100  Schachteln  Schuhwichse  oder  eine  Flasche  Champagnerwein  eintauschen  i
läßt,  das  ist  nicht  seine  natürliche  Eigenschaft,  das  kommt  nur  daher,  daß
wir  in  ganz  bestimmten  gesellschaftlichen  Verhältnissen  leben,  daß  zur  Er-!
zeugung  aller  dieser  schönen  Dinge  gleich  viel  menschliche  Arbeit  erforderlich
ist.  Ob  der  Bauer  in  einem  guten  Jahr  auf  seinem  Grund  und  Boden
20  Zentner  Getreide  produziert  oder  in  einem  schlechten  Jahr  nur  15  Zentner,»
das  macht,  wenn  diese  Aenderung  allgemein  ist,  einen  großen  Unterschied  für
die  Volksernährung  aus,  aber  am  Wert  seines  Produktes  ändert  es  nichts,  t
Die  15  Zentner  im  schlechten  Jahr  werden  denselben  Tauschwert,  wenn  auch!
nicht  dieselbe  Nährkrüft  haben,  wie  die  20  Zentner  im  guten  Jahr."
„Aber  15  Zentner  können  doch  nicht  denselben  Wert  haben  wie  20,"
warf  hier  Wilhelm  ein.  „Von  20  Zentner  Getreide  kann  man  doch  zum  Bei-»
spiel  viel  länger  leben  als  von  15."
„Du  verwechselst  hier,"  erwiderte  ich,  „zwei  verschiedene  Dinge.  Der  j
sogenannte  „Gebrauchswert",  das  heißt  der  Nutzen  von  20  Zentner  ist  freilich

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größer,  aber  es  kann  ganz  gut  sein,  daß  15  Zentner  in  einem  unfruchtbaren
Jahr  sogar  teurer  sind,  mehr  Tauschwert  haben  als  20  in  einem  guten  Jahr.
Um  Verwechslungen  zu  vermeiden,  wollen  wir  unter  Wert  immer  nur  den
Tauschwert  verstehen,  den  sogenannten  „Gebrauchswert"  aber  als  Nützlichkeit
bezeichnen."
,,Das  ist  ja  richtig,"  bestätigte  Karl,  „wenn  sich  jemand  beschwert,  daß
alle  Lebensmittel  teurer  werden,  dann  heißt  es  immer,  das  Wetter  im  letzten
Zommer  war  zu  heiß  oder  zu  kalt,  es  war  zu  naß  oder  es  war  zu  trocken."
„Nun,  das  ist  ja  meistens  nicht  ganz  wahr:  denn  die  Teuerung  hat
heute  meist  noch  ganz  andere  Gründe;  aus  die  können  wir  erst  später  zu
sprechen  kommen;  aber  so  viel  könnt  ihr  doch  daraus  ersehen,  daß  es  allgemein ­
  bekannt  ist,  daß  in  einem  schlechten  Jahr  die  Bodenprodukte  alle  teurer
sind  als  in  einem  guten."
„Wenn  aber  nun,"  begann  Wilhelm  wieder  mit  seinen  Einwänden,
„ein  Schneider  zum  Beispiel  geschickter  und  flinker  ist  als  der  andere,  wenn
der  eine  zum  Beispiel  drei  Röcke  in  derselben  Zeit  anfertigt,  in  der  der
andere  nur  zwei  fertigstellen  kann,  dann  müßten  doch  die  zwei  Röcke  ebensoviel ­
  Tauschwert  haben  wie  die  drei,  die  der  flinkere  Arbeiter  gemacht  hat.
Das  ist  doch  unmöglich."
„Diese  Bemerkung  ist  vollkommen  richtig,"  erwiderte  ich,  „und  sie
führt  uns  wieder  zu  einer  wichtigen  Ergänzung  unseres  Wertgesetzes.  Wir
müssen  uns  da  wieder  fragen,  ob  dieser  Unterschied  durch  die  Konkurrenz
ausgeglichen  wird."
„Ja,  was  verstehst  du  denn  da  unter  Konkurrenz?"  fragte  Wilhelm.
„Ich  habe  bisher  immer  geglaubt,  die  Konkurrenz  besteht  darin,  daß  ein
Kaufmann  billiger  verkauft  als  der  andere,  um  ^hm  die  Kunden  wegzufischen. ­
  Aber  was  hat  denn  das  mit  unseren  zwei  Schneidern  zu  tun?"
„Was  du  da  meinst,"  entgegnete  ich,  „ist  nur  eine  bestimmte  Form  der
Konkurrenz.  Diese  liegt  überall  dort  vor,  wo  Kaufleute,  Gewerbetreibende,
Industrielle,  Bauern  u.  s.  to.,  aber  auch  die  Konsumenten,  kurz  alle,  die  ernt
Wirtschaftsleben  beteiligt  sind,  sich  dieselben  Vorteile  zu  verschaffen  suchen,
die  einer  oder  mehrere  von  ihnen  voraus  haben.  Bleiben  wir  bei  unserem
früheren  Beispiel  von  den  3000  Röcken  und  700  Hüten,  die  statt  2000  Röcken
und  1000  Hüten  erzeugt  worden  sind.  Dann  wird  es  für  jeden  Schneider  ein
Vorteil  sein,  seine  Ware  los  zu  werden;  denn  da  zu  viele  Röcke  da  sind,  werden
nicht  alle  verkauft  werden  können  .Um  diesen  Vorteil  werden  sich  aber  alle
zugleich  bemühen,  indem  es  einer  so  zu  machen  sucht  wie  der  andere;  wenn
einer  die  Preise  herabsetzt,  müssen  es  die  anderen  auch,  und  so  reißen  sie  sich
gegenseitig  die  Preise  herunter.  Bei  den  Hüten  ist  wieder  jede  Kundschaft
im  Vorteil,  die  noch  einen  erwischt,  da  nicht  genug  für  alle  da  sind,  und  so
werden  die  Preise  in  die  Höhe  getrieben;  denn  hier  sucht  wieder  jeder  den
anderen  zu  überbieten.  Es  fragt  sich  also  nun  in  deinem  Beispiel  von  dem
besonders  geschickten  Schneider,  ob  sich  die  anderen  den  Vorteil,  den  jenem
seine  besondere  Geschicklichkeit  verschafft,  auch  aneignen  förtnen.  Wenn  der
Flinke,  wie  du  annimmst,  in  einer  Woche  drei  Röcke  macht,  während  die
anderen  nur  zwei  anfertigen  können,  wird  er  zunächst  jedenfalls  anderthalbinal
  so  viel  Wert  in^  der  Hand  haben  als  die  anderen.  Es  fragt  sich  nur,  ob
nicht  die  anderen  Schneider  diesen  Vorteil  dadurch  aufheben  können,  daß
sie  es  ebenso  machen  wie  er."
„Keine  Spur,"  rief  Karl,  „denn  jeder  Schneider  hat  sich  sicherlich  schon
vorher  bemüht,  möglichst  geschickt  und  flink  zu  arbeiten.  Wenn  also  einer  von
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        Natur  aus  geschickter  ist  als  die  anderen,  so  können  die  ihin  eben  nicht  nachkommen, ­
  er  behält  seinen  Vorteil.  Er  wird  dann  eben  mehr  verdienen  ästdie
  anderen.  Wenn  aber  einer  besonders  ungeschickt  oder  faul  ist,  dann  wird  er
nichts  erreichen.  Es  ist  also  offenbar  doch  nicht  die  Arbeit,  die  der  einzelne  j
auf  seine  Produkte  verwendet,  die  den  Wert  bestimmt,  sondern  die  Arbeit,
die  durchschnittlich  zu  ihrer  Herstellung  notwendig  ist.  Dabei  wird  dann  der
besonders  Begabte  mehr,  der  Faule  oder  Dumme  weniger  verdienen,  als  es
die  Regel  ist."

»Wie  ist  denn  aber  nun  die  Sache,"  warf  ich  die  Frage  auf,  „wenn  der
Vorteil  des  einen  Schneiders  nicht  auf  seiner  natürlichen  Anlage  berühr,
sondern  darauf,  daß  er  etwa  bessere  Werkzeuge  hat,  wie  etwa  der  erste,  der!
eine  Nähmaschine  verwenden  konnte?"
„Nun,  da  wird  er  geradeso  wie  der  geschicktere  Arbeiter  mehr  in  der-»
selben  Zeit  erzeugen  als  der,  der  nur  schlechteres  Werkzeug  hat,"  meinte
Wilhelm.
„Da  müssen  wir  doch  erst  näher  zusehen,"  erwiderte  ich.  „Fragen  toitj
uns  wieder,  ob  dieser  Vorteil  durch  die  Konkurrenz  ausgeglichen  werden
kann,  das  heißt  dadurch,  daß  auch  die  anderen  Schneider  versuchen,  es  ihiuk
nachzumachen  und  so  sich  denselben  Vorteil  anzueignen."
^  „Es  komnit  also,"  ergänzte  Karl,  „auf  die  Frage  an,  ob  die  anderen
Schneider  auch  dieselben  verbesserten  Werkzeuge  anwenden  können.  Da^s
hängt  doch  davon  ab,  ob  man  die  zu  kaufen  kriegt."
„Seht  ihr,"  erwiderte  ich,  „da  ist  doch  ein  sehr  wichtiger  Unterschied
gegenüber  dem  früheren  Fall.  Talent  und  Geschicklichkeit  rann  man  fickst
nicht  kaufen,  wohl  aber  neue  Werkzeuge  und  Maschinen."
„Wenn  aber  der  Schneider,  der  sie  erfunden  hat,  sie  nicht  hergibt?
Wenn  er  die  Erfindung  für  sich  behält?"  fragte  Wilhelm.
„Solange  ihm  das  gelingt  und  die  anderen  nicht  auch  auf  die  Er-ß
findung  verfallen,"  entgegnete  ich,  „wird  er  gerade  so  einen  Vorteil  davon
haben,  als  ob  er  von  Natur  geschickter  oder  stärker  wäre  als  die  anderen.
„In  diesem  Falle  aber,"  rief  Wilhelm  triumphierend,  „hat  die  Maschine
doch  Wert  geschaffen.  Der  Schneider,  der  sie  anwendet,  hat  doch  Vorteil  davon,!
das  hast  du  selber  gesagt."
„Wenn  das  wahr  wäre,"  erwiderte  ich,  „daß  die  Maschine  Wert  schafft,!
dann  könnte  doch  daran  nichts  geändert  werden,  wenn  sie  allgemein  ver-l
breitet  ist.  Dann  müßte  sie  erst  recht  jedem,  der  sie  anwendet,  höheren  Wert!
einbringen.  Wir  haben  aber  gerade  gesehen,  daß  das  nicht  der  Fall  ist.  So-!
bald  die  neue  Maschine  allgemein  zugänglich  ist,  hört  sie  auf,  dem  einen  einen!
Vorteil  über  den  anderen  zu  geben,  die  Werte  sind  wieder  bei  allen  gleich,  nur
daß  jetzt  durchweg  die  Schneiderarbeit  von  drei  Röcken  so  viel  wert  ist,  wie
früher  von  zweien.  Tie  Röcke  sind  billiger  geworden,  die  Schneider  haben
aber  dabei  nichts  gewonnen.  Ihr  Arbeitstag  schafft  jetzt  ebensoviel  Wert  wie
vorher,  nur  daß  es  sich  in  mehr  Gegenständen,  in  mehr  Röcken  verkörpert.!
Diese  werden  aber  nun  zusammen  keinen  größeren  Wert  haben  als  früher!
die  wenigeren  Röcke."
„Aber  warum  wendet  man  denn  dann  überhaupt  Maschinen  an,  wenn
sie  keinen  Wert  schaffen?"  fragte  Karl.
„Unser  Beispiel  wird  dir  sofort  darauf  die  Antwort  geben,"  erwiderte!
ich,  „Erinnere  dich,  daß  der  Schneider,  der  zuerst  das  bessere  Werkzeug  oder
die  bessere  Maschine  anwandte,  einen  großen  Vorteil  vor  den  anderen  hatte.!
Er  konnte  billiger  verkaufen  als  jene  und  dabei  doch  noch  mehr  gewinnen.
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Nehmen  wir  zum  Beispiel  an.  ein  Rock  koste  10  Mk.  Mit  seiner  neuen  Erfindung ­
  kann  öer  Schneider  Meck  drei  statt  zwei  Röcke  machen.  Wenn  er  nun
jeden  Rock  um  8  Mk.  berfauft,  bekommt  er  noch  immer  24  Mk.,  also  um  4  Mk.
mct) r  als  die  anderen.  Dabei  unterbietet  er  sie  aber  um  2  Mk.,  die  Kunden
werden  daher  lieber  bei  ihm  kaufen  als  bei  den  anderen.  Wollen  die  anderen
Schneider  nicht  zugrunde  gehen,  dann  müssen  sie  ebenfalls  die  neuen  Werk-;eugc
  und  Maschinen  anwenden.  So  nützt  eine  Erfindung  immer  nur  den
echten  die  sie  anwenden,  und  schadet  denen,  die  sie  nock,  nicht  gebrauchen
können;  diese  müssen  dann  nachfolgen.  Ist  sie  aber  einmal  allgemein,  dann
bat  keiner  mehr  einen  Vorteil,  nur  die  Kundschaft,  die  die  Waren  fetzr
billiger  bekommt."  .
'  „Jetzt  verstehe  ich,"  meinte  .Karl  nachdenklich,  „wreso  cm  Patent  so
D iel  wert  sein  kann.  Denn  für  die  Benützung  einer  Maschine  wird  jeder  mehr
zahlen  toollen,  als  sic  selbst  wert  ist;  denn  solange  sie  nicht  jeder  hat,  kann  der,
der  sie  anwendet,  einen  um  so  größeren  Gewinn  niachen.  Der  Schneider  zum
Beispiel,  bon  dem  wir  eben  sprachen,  macht  bei  drei  Röcken  einen  Gewinn  bon
4  Mk  Wenn  er  mit  der  neuen  Maschine  3000  Röcke  machen  kann,  kann  er  doch
ganz  ruhig  3000  Mk.  für  die  Maschine  zahlen,  sie  wird  ihm  doch  noch  1006
Mark  Nutzen  bringen.  Wenn  die  Maschine  selbst  bielleicht  nur  1000  Mk.  wert
ist,  kann  der  Erfinder  so  bei  jeder  einen  'Gewinn  bon  2000  Mk.  machen,  so
lange  kein  anderer  dieselbe  Maschine  erzeugt  und  billiger  berfauft.  Da  kann
ec  schon  hübsch  was  zahlen,  daß  der  Staat  allen  anderen  Leuten  berbietet,
seine  Erfindung  nachzumachen."  ,
„Ihr  seht  also  hier  wieder."  bemerkte  ich,  „daß  es  nicht  eine  natürliche
Eigenschaft  der  Maschine  ist,  Wert  zu  erzeugen,  sondern  daß  nur  der  Umsland. ­
  daß  nicht  alle  Produzenten  die  Maschine  besitzen,  sondern  nur  einzelne, ­
  diesen  einen  Vorteil  über  die  anderen  gibt.  Das  zeigt  also  wieder,  daß
der  Wert  keine  Eigenschaft  der  Tinge  ist,  sondern  eine  Beziehung  der
Menschen."
„Fassen  wir  jetzt  nochmals  zusammen,  was  wir  gesunden  haben.  Der
Wert  ist  also  eine  gesellschaftliche  Erscheinung.  Er  wird  durch  die  Arbeits--eil
  bestimmt,  die  zur  Herstellung  der  Waren  durchschnittlich  nötig  ist,  wobei
aber  die  Arbeit  um  so  mehr  Wert  schafft,  je  schwerer  sie  zu  erlernen  und
auszuüben  ist."

Angebot  und  Nachfrage.
„Hör'  mal,  Gustab,"  sagte  Wilhelm  zu  mir,  als  wir  uns  das  nächstenial
trafen,  „wir  sind  dir  jetzt  darauf  gekommen,  daß  du  unsere  Gespräche
immer  in  die  Zeitung  bringst?)  Karl  hat  sie  jetzt  abonniert,  und  siehe,  cllles
steht  darin,  was  wir  neulich  besprochen  haben.  Nun,  das  macht  weiter  nichts.
Wenn  einer  bon  uns  etwas  recht  Dummes  sagt,  läßt  du  es  ja  doch  weg,  also
haben  wir  nichts  einzuwenden.  Vielmehr  kommt  es  uns  jetzt  sogar  zugute,
denn  wir  können  dann  besser  über  das  nochmals  nachdenken,  was  wir  bethandelt
  haben.  So  sind  mir  jetzt  auch  gleich  Bedenken  aufgestiegen.  Du  wirst
dich  erinnern,  daß  du  bon  einer  Stadt  sprachst,  in  der  2000  neue  Röcke  gebraucht ­
  werden.  Wenn  nun  statt  dessen  3000  Röcke  auf  den  Markt  kommen.
*)  Die  in  diesem  Buche  enthaltenen  Aussätze  sind  zuerst  in  der  Berliner
„Arbeiterjugend"  erschienen.
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        dann  muß  jeder  billiger  verkauft  werden.  Daraus  ergibt  sich  doch  ganz  thu,
daß  der  Wert  einfach  davon  abhängt,  wie  viele  Stücke  auf  den  Markt  gebracht
werden,  und  wie  stark  der  Bedarf  ist.  Uebrigens  haben  wir  das  auch  in  -nuferer ­
  Handelsschule  gelernt,  daß  der  Preis  durch  Angebot  und  Nachfrage  bestimmt ­
  wird."
„Neulich  hast  du  uns  aber  etwas  anderes  erzählt,"  warf  hier  Karl  cu&amp;gt;.
„Damals  hattet  ihr  in  eurer  Schule  gelernt,  daß  der  Preis  durch  die  Kosten
des  Rohmaterials,  der  Löhne  u.  s.  w.  und  den  Profit  bestimmt  wird.  Wir
haben  gesehen,  daß  mit  dieser  Erklärung  nicht  viel  weiter  zu  kommen  ist
vscyt  erzählst  du  uns  von  Angebot  und  Äkachfrage.  Ich  bin  neugierig,  ob  da
mehr  herauskommen  wird."  '
„Du  hast  da,"  wandte  ich  mich  an  Wilhelm,  „eine  hübsche  neue  Krawatte. ­
  Was  hat  denn  die  gekostet?"
„Eine  Mark,"  entgegnete  Wilhelm  mit  einem  gewissen  Stotz.  „Sie
lieht  aber  nach  mehr  aus."
„Waren  in  dem  Geschäft,  in  dem  du  sie  gekauft  hast,  nicht  auch  noch
ichonere,  feinere?"  fragte  ich  weiter.
„Freilich,"  erwiderte  Wilhelm;  „aber  die  konnte  ich  nicht  kaufen,  weil
tre  gu  teuer  waren."
„Aha,"  unterbrach  hier  Karl.  „Ich  sehe  schon,  wo  Gustav  hinaus
will.  Derne  Nachfrage  nach  Krawatten  hat  sich  nach  den  Preisen  gerichtet
und  nicht  der  Preis  nach  deiner  Nachfrage."
„Das  ist  eigentlich  wahr,"  entgegnete  Wilhelm,  im  ersten  Augenblick
etwas  verblüffc;  „aber,  fuhr  er  fort,  „das  gilt  eben  nur  für  die  einzelne
Kundschaft.  Wenn  eines  schönen  Tages  zum  Beispiel  niemand  mehr  seidene
Krawatten  verlangen  wurde,  dann  müßten  sie  doch  im  Preis  stark  sinken.
Das  konnt  ihr  doch  nicht  leugnen."
„Fällt  mir  auch  gar  nicht  ein,"  erwiderte  ich.  „Aber  sehen  wir  v,u,
was  werter  geschieht.  Nehmen  wir  also  an,  daß  heute  zum  Beispiel  die
leiöenen  Krawatten  aus  der  Mode  kommen  und  jeder  elegante  Herr  sich
einen  hänfenen  Strick  um  den  Hals  schlingt.  Dann  werden  gewiß  zunächst
die  Kravatten  b-lliger  r-nd  die  Stricke  teurer  werden.  Glaubst  du  aber
-aß  dann  die  Krawattenfabrikanten  noch  weiter  ihre  Ware  auf  den  Markt
bringen  werden?"
„Nein,"  antwortete.Wilhelm.  „Das  können  sie  ja  gar  nicht,  denn  sie
würden  dann  mit  Verlust  arbeiten.  Da  werden  sie  lieber  seidene  Laschen-'
-ucher  oder  sonst  etwas  machen,  was  Abnehmer  findet,  oder  sie  werden  ihr
Kapitaf  ganz  zurückziehen  und  vielleicht  eine  Seilerei  errichten,  um  Stricke
zu  machen."
„Du  sprichst  davon,"  unterbrach  ich  ihn,  „daß  der  Fabrikant  nicht
„mit  Verlust"  arbeiten  könne.  Wenn  aber,  wie  du  meinst,  der  Wert  wirklich
durch  Angebot  und  Nachfrage  bestimmt  würde,  dann  könnte  ich  nicht  einsehen. ­
  wieso  der  Krawattenfabrikant  jetzt  Verlust  haben  soll.  Jetzt  sind  eben
die  Lkrawatten  weniger  wert,  weil  weniger  Nachfrage  danach  ist.  Er  ist  in
seinen  Hoffnungen  enttäuscht,  aber  worin  soll  denn  sein  Verlust,  bestehen?"
„Das  ist  doch  ganz  klar,"  erwiderte  Wilhelur  eifrig.  „Er  hat  doch
Rohmaterial  angeschafft,  Löhne  bezahlt,  Maschinen  abgenutzt,  und  schließlich
will  er  doch  auch  einen  Profit  machen.  Wenn  er  das  alles  nicht  im  Preis  erser-t
bekommt,  bann  arbeitet  er  mit  Verlust,  das  heißt:  er  arbeitet  lieber  gar
nicht."
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        „Halt!"  rief  da  Karl  dazwischen.  „Jetzt  bist  du  ja  wieder  mitten  in  der
ersten  Bestimmung  für  den  Preis,  die  du  uns  schon  das  vorige.  Mal  zum
besten  gegeben  hast.  Also  ist  es  doch  nicht  Angebot  und  Nachfrage,  was  den
Wert  bestimmt,  sondern  die  „Prodilktie  nskosten",  wie  du  daß  nennst.  Denn
sinkt  die  Nachfrage  soweit,  daß  diese  Kosten  nicht  mehr  gedeckt  werden,  dann
wird  nicht  mehr  produziert.  So  sind  also  nicht  Angebot  und  Nachfrage  maßgebend, ­
  sondern  die  Produktionskosten."
„Wie  steht  denn  aber  nun  die  Sache  mit  den  Stricken,  die  teurer
geworden  sind,  weil  sie-  jetzt  so  viel  als  Halsbinden  verlangt  werden?"
fragte  ich  wieder.
„Nun,  die  Seiler  werben  eben  mehr  machen  als  bisher,"  erwiderte
Karl,  „und  dadurch  werden  sie  wieder  so  billig  wie  zuvor."
„Du  siehst  also,"  wandte  er  sich  an  Wilhelm,  „nach  deiner  eigenen
Angabe  wird  der  Wert  durch  die  Produktionskosten  bestimmt  ,und  nicht
durch  Angebot  und  Nachfrage.  Nun  haben  wir  aber  schon  neulich  gesehen,
doß  auch  die  Produktionskosten  selbst  nicht  den  Wert  bestimmen  können,
.  sondern  daß  dieser  durch  die  Arbeitszeit  bestimmt  wird,  die  durchschnrtklrch
mr  Produktion  notwendig  ist.  Wenn  also  diese  unverändert  bleibt,  kann  sich
auch  der  Wert  nicht  ändern."
„Das  stimmt  aber  doch  nicht,"  erwiderte  Wilhelm.  „Wir  haben  ja
gerade  gesehen,  daß  die  Krawatten  billiger  und  die  '»triefe  teurer  wurden,
ohne  daß  sich  irgend  etwas  in  der  Art  ihrer  Herstellung  geändert  hatte.
Die  notwendige  Arbeitszeit  ist  also  die  gleiche  geblieben,  der  Wert  aber
ist  gesunken."
„Da  scheint  allerdings  eine  Schwierigkeit  vorzuliegen,"  antwortete
ich.  „Wir  haben  uns  das  vorige  Mal  überzeugt,  daß  der  Wert  einer  Ware
von  der  Arbeitszeit  abhängt,  die  zu  ihrer  Herstellung  notwendig  ist,  und
jetzt  sehen  wir,  daß  der  Preis,  das  heißt  der  Wert,  ausgedruckt  m  Geld,
doch  auch  von  Angebot  und  Nachfrage  abhängt."
„Ja,  aber  doch  nur  in  engen  Grenzen,"  unterbrach  mich  hier  Karl.
„Gerade  vorhin  haben  wir  ja  bewiesen,  daß  doch  der  Arbeitswert  immer
wieder  zur  Geltung  kommt,  toenn  auch  für  den  Augenblick  Angebot  und
Nachfrage  ein  Steigen  oder  Sinken  herbeiführen."
„Man  kann  aber."  bemerkte  Wilhelm  nach  einigem  Nachdenken,  „die
Sache  auch  umgekehrt  darstellen,  und  so  scheint  sie  mir  eigentlich  richtiger.
Der  Krawattenfabrikant  darf  in  seine  Ware  nur  ^soviel  Arbeit  hineinstecken, ­
  daß  sie  dann  noch  genug  Abnehmer  findet,  »teckt  er  mehr  hinein,
so  wird  der  Wert  zu  hoch  und  er  bringt  die  Ware  nicht  an,  er  muß  sie
unter  ihrem  Wert,  mit  Verlust,  verkaufen.  Also  ist  doch  im  Grunde  Angebot ­
  und  Nachfrage  dafür  entscheidend,  ivieviel  Arbeit  in  eine  Ware
hineingesteckt  wird,  mithin  für  ihren  Wert."
„Das  leuchtet  mir  eigentlich  auch  ein,"  bemerkte  Karl;  „jetzt  kenne
ich  mich  aber  erst  recht  nicht  aus,  was  denn  eigentlich  den  Wert  bestimmt."
„Nun,  dann  untersuchen  wir,"  antwortete  ich,  „wie  wir  dao  schon
einmal  getan  haben,  wie  sich  denn  die  Frage  für  die  ganze  Gesellschaft
stellt.  Nehmen  wir  zum  Beispiel  an,  in  einer  Stadt,  die  vom  Verkehr  mit
der  übrigen  Welt  ganz  abgeschlossen  ist,  bestehe  ein  Bedarf  nach  10.000
seidenen  Krawatten.  Diese  tocrö-en  von  zehn  Arbeitern  in  je  100  Dogen
hergestellt.  Wenn  jetzt  der  Bedarf  aus  irgendeinem  Grunde  auf  die  Hälfte
sinkt,  wie  viele  Arbeiter  wären  nun  notwendig,  um  ihn  zu  befriedigen?"
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        —  4i  —
„Nun,  fünf,"  antwortete  Wilhelm,  „wenn  jeder  wieder  100  Tage
arbeitet.  Dasselbe  Ergebnis  wäre  natürlich  erzielt,  wenn  die  zehn  Arbeiter
nur  mehr  je  50  Tage  arbeiteten."
„Wie  groß  würde  dann  der  Wert  gegenüber  dem  früheren  Zustand
fein?"  fragte  ich.
„Die  Hälfte,"  antworteten  Karl  und  Wilhelm  zugleich.
„Wenn  aber  nun  die  zehn  Arbeiter  nicht  jeder  nur  50  Tage  arbeiten,
sondern  100  Tage  und  so  10.000  Krawatten  erzeugen,  während  nur  5000
gebraucht  werden,  dann  haben  sie  50  Tage  zu  viel  gearbeitet..  Nicht  wahr?
Dann  wären  nur  50  Tage  notwendige  Arbeitszeit,  50  Tage  aber  überflüssig." ­

„Ah,  da  erhält  aber  der  Ausdruck  „notwendige  Arbeitszeit"  auf  einmal
eine  ganz  neue  Bedeutung,"  rief  hier  Wilhelm  dazwischen.  „Früher  sprachst
du  so  davon,  daß  wir  annehmen  mußten,  du  meintest  die  Arbeitszeit,  die
notwendig  ist,  um  ein  Produkt  herzustellen.  Jetzt  auf  einmal  soll  es  so  viel
heißen,  wie  die  Arbeitszeit,  die  notwendig  ist,  um  den  Bedarf  zu  decken.
Das  schmeckt  stark  nach  Schwindel."
„Na,  na!"  erwiderte  ich,  „du  brauchst  nicht  gleich  grob  zu  werden.
Bon  Schwindel  ist  da  gar  keine  Rede.  Ihr  braucht  euch  nur  zu  erinnern,
daß  wir  ausdrücklich  davon  sprachen,  daß  das  Wertgesetz  so,  wie  wir  es
ableiteten,  nur  für  die  einfachen  Verhältnisse  des  Handwerks  gilt,  welches
sür  die  Kunden  auf  Bestellung  arbeitet.  Da  kann  so  etwas  wie  mit  den
Krawatten  in  unserem  Beispiel  nicht  passieren:  denn  da  weiß  jeder  Meister
schon  un  voraus,  wie  groß  der  Bedarf  nach  seinen  Waren  ist.  Heute  ist  das
aber  längst  nickst  mehr  der  Fall.  Da  produziert  jeder  für  den  Markt  und
weiß  nicht,  wer  etwas  braucht,  und  wieviel  er  anbringen  wird,  er  weiß
ja  nickst  einmla,  wieviel  die  anderen,  seine  Konkurrenten,  erzeugen.  Wüßten
zum  Beispiel  in  der  Stadt,  von  der  wir  soeben  sprachen,  die  zehn  Arbeiter,
wieviel  jeder  von  ihnen  herstellt  und  wie  groß  der  Bedarf  ist,  dann  würde
leder  nur  50  Tage  arbeiten  und  die  Krawatten  zu  ihrem  Wert  verkaufen.
Da  das  aber  keiner  weiß,  arbeitet  jeder  doppelt  so  viel  als  notwendig  und
'.nuß  daher  das  einzelne  Stück  um  die  Hälfte  des  Wertes  verkaufen."
„Also  kommt  der  Einfluß  von  Angebot  und  Nachfrage,"  unterbrach
iitict)  Karl,  „nur  daher,  daß  heute  kein  Produzent  vom  anderen  und  von
der  Kundschaft  etwas  weiß."
„Ganz  richtig,"  erwiderte  ich.  „Angebot  und  Nachfrage  sind  die  Art!
wie  heute  Sie  Produzenten  und  ihre  Kundschaft  sich  gegenseitig  mitteilen,!
was  sie  hergestellt  haben,  und  was  sie  brauchen."
„Da  danke  ich  dafür,"  erwiderte  Karl;  „da  ist  es  ja.schon  zu  spät!
wenn  die  Waren  schon  fertig  auf  den  Markt  gebracht  sind.  Was  nützt  es
denn  nachher  den  Krawattenmachern,  wenn  sie  erfahren,  daß  sie  zu  viel
Krawatten  hergestellt  haben?"
„Ja,  das  ist  heute  eben  so",  entgegnete  ich.  „Kein  Produzent  weiß,
ob  die  Arbeit,  die  er  in  die  Ware  steckt,  auch  gesellschaftlich  notwendig  ist,
das  heißt,  ob  der  Bedarf  nach  dem  Artikel  ebenso  groß  ist,  wie  die  Menge
der  Waren,  die  hergestellt  wird,  und  zwar  nicht  nur  von  ihm  hergestellt,
sondern  auch  von  allen  seinen  Konkurrenten,  die  er  meist  gar  nicht  kennt.
So  weiß  keiner,  ob  er  seine  Ware  zu  dem  Wert,  den  er  ihr  durch  seine
Arbeit  verleihen  wollte,  auch  anbringen  wird."
„Aber  das  ist  ja  wie  in  der  Lotterie!"  rief  Wilhelm.  „Da  ist  doch  jede
Produktion  das  reinste  Glücksspiel."

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„Heule  ist  eS  auch  so,"  antwortete  ich.  „Es  kommt  nid&amp;gt;t  nur  darauf
an,  Arbeit  in  ein  Produkt  hineinzustecken,  noch  wichtiger  ist  beinahe,  herauszufinden,
  wo  sie  von  der  Gesellschaft  am  meisten  benötigt  wird.  Es  ist  ein
Widersinn,  daß  der  Produzent  erst  wenn  er  das  fertige  Produkt  verkaufen
will,  erfährt,  ob  nach  der  Ware  ein  genügender  Bedarf  besteht,  ob  die  in  sie
hineingesteckte  Arbeit  wertbildend  war.  Dieser  Widersinn  kommt  daher,  daß
heute  die  Produzenten  vereinzelt  sind  und  keiner  weiß,  was  der  andere
macht,  daß  sie  dabei  aber  zugleich  für  eine  Kundschaft  arbeiten,  die  keiner
von  ihnen  kennt,  deren  Bedarf  sie  nicht  abschätzen  können.
In  der  einfachen  Gesellschaft,  von  der  wir  ausgegangen  sind,  war
dieser  Widersinn  noch  nicht  zu  finden;  dort  arbeitete  der  Meister  nach
Bestellung  und  wußte  daher  stets  genau,  wie  groß  der  Bedarf  nach  der  von
ihm  hergestellten  Ware  war.  Erst  allmählich  hat  sich  daraus  unsere  heutige
Gesellschaft  entwickelt.  Wenn  wir  also  verstehen  wollen,  woher  es  kommt,
daß  heute  nur  mehr  die  gesellschaftlich  notwendige  Arbeitszeit  den  Wert
bestimmt,  müssen  wir  uns  diesen  Entwicklungsgang  etwas  näher  ansehen."

Der  Grotze  frißt  den  Kleinen.
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Letzthin",  begann  Wilhelm,  als  wir  uns  an  einem  schönen  Frühlingsabenb
  wieder  im  Tiergarten  trafen,  „letzthin  hast  du  uns  gezeigt,  wie  der
Kapitalismus  entstanden  ist,  und  die  Kapitalisten  jener  Zeit  sind  dabei  nicht
sehr  gut  weggekommen.  Aber  was  du  uns  da  erzählt  hast,  gilt  nur  für  die
Zeit,  als  sich  dieses  neue  .  System  erst  durchsetzte;  heute  liegen  die  Dinge
doch  ganz  anders.  Freilich  geschehen  auch  jetzt  noch  viele  Grausamkeiten  in
der  Form  des  Rechts,  das  will  ich  gar  nicht  bestreiten;  wurde  doch  zum  Beispiel ­
  erst  unlängst  die  Familie  eines  kleinen  Schreibers  aus  unserem  Haus
exmittiert,  weil  sie  die  Miete  nicht  zahlen  konnte;  und  der  Mann  war  krank
gewesen  und  hatte  nicht  einmal  das  Brot  verdienen  können.  Aber  wenn
das  wirklich  so  wäre,  wie  du  das  geschildert  hast,  wenn  wirklich  die  Kapitalisten ­
  ihre  Macht  so  rücksichtslos  gebrauchen  würden,  um  die  kleinen  Leute
ums  Brot  zu  bringen,  dann  wäre  es  doch  nicht  zu  erklären,  daß  es  noch
immer  so  viele  kleine  Geschäfte,  so  viele  kleine  Meister  gibt,  auch  hier  in
der  Großstadt.  Du  selbst  hast  uns  gesagt,  wir  sollten  um  uns  blicken  und
jo  das  Leben  kennen  zu  lernen  suchen.  Wenn  ich  aber  durch  die  Straßen
Berlins  gehe,  dann  sehe  ich  überall  kleine  Geschäfte,  da  gibt  es  überall  noch
kleine  Schuster,  Schneider,  Klempner,  Gastwirte,  Seifengeschäfte,  Butterhandlungen ­
  u.  s.  w.  Da  kann  es  also  doch  nicht  so  schlimm  sein  mit  dem  Gefressenwerden ­
  der  Kleinen  durch  die  Großen."
„Das  hat  mir  Wilhelm  schon  neulich,  als  wir  zusammen  spazieren
gingen,  gesagt",  warf  hier  Karl  ein.  „Damals  wußte  ich  ihm  nicht  gleich  zu
antworten.  Aber  ich  habe  mir  die  Sache  seither  überlegt.  Was  diese  kleinen
Leute  verkaufen,  das  haben  sie  ja  zum  größten  Teil  nicht  selbst  gemacht,  das
müssen  sie  von  den  großen  Fabrikanten  und  Kaufleuten  beziehen.  Vor  ein
paar  Tagen  war  der  Geburtstag  meiner  Mutter,  und  da  habe  ich  ihr  einen
neuen  Kafseetops  gekauft,  weil  bei  ihrem  alten  der  Henkel  schon  lange  kaput
ist.  Als  ich  in  dem  Geschäft  war,  sah  ich  mich  so  um  und  fragte  mich,  woher
wohl  alle  die  Waren  sind,  die  der  Mann  zu  verkaufen  hat.  Das  Porzellan
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        46

ist  natürlich  aus  einer  großen  Fabrik,  das  Blechgeschirr  und  die  Eisenwaren
erst  recht,  und  so  ging  es  fort.  Alles,  was  ich  dort  sah,  stammte  aus  großen
Fabriken,  und  da  fiel  mir  ein,  daß  diese  kleinen  Geschäfte  doch  für  diese
großen  Unternehmungen  notwendig  sind.  Die  Porzellanfabrik  zum  Beispiel
kann  doch  nicht  jeder  Hausfrau  nachlaufen,  die  einen  Topf  braucht,  und  die
.Hausfrau  hat  auch  nicht  Zeit,  wegen  jedes  Topfes  viele  Straßen  weiter  zu
laufen  bis  zur  Niederlage  der  großen  Blechgeschirrfabrik."
„Ja,  das  ist  ganz  richtig,"  entgegnete  Wilhelm:  „aber  warum  errichten
denn  dann  die  großen  Firmen  nicht  selbst  Filialen  in  allen  Straßen?
Warum  überlassen  sie  das  Geschäft  und  den  Nutzen  den  kleinen  Händlern?
lind  dann  trifft  das,  was  du  da  sagst,  doch  auf  viele  von  diesen  kleinen
Leuten  nicht  zu.  Der  Schuster  zum  Beispiel  macht  die  Schuhe,  der  Schneider
die  Kleider  selbst.  Und  schließlich  beweist  du  mit  dem,  was  du  da  sagst,  nur,
wie  notwendig  die  Kleinen  für  die  Großen  sind.  Die  wären  also  Narren,
wenn  sie  jene  auffräßen."
„Nun,  ich  denke,"  unterbrach  ich  hier  die  Debatte  der  beiden,  dir
hitzig  zu  werden  begann,  „wir  schauen  uns  zunächst  das,  was  Wilhelm  beobachtet ­
  hat,  noch  etwas  genauer  an.  Wir  können  ja'einmal  statt  hier  im
Park  auch  d.urch  die  Straßen  schlendern,  und  da  werden  wir  vielleicht  auch
Aufschluß  über  unsere  Frage  bekommen."
Wir  verließen  also  den  Tiergarten  und  bummelten  in  den  angrenzenden ­
  belebten  Straßen.  „Nun  also,"  begann  Wilhelm:  „da  schaue
nur  einmal,  an  jeder  Straßenecke  beinahe  ist  ein  Zigarrenladen."
„Ja,"  antwortete  Karl  lachetrd;  „aber  alle  gehören  drei  Firmen.  Schau
dir  doch  nur  die  Firmenschilder  an.  Ueber  all  kommen  wieder  dieselben
Namen  vor."
Wilhelm  war  etwas  ärgerlich,  daß  sein  erster  Versuch  mißglückt  war.
„Nun,  so  zähle  einmal  die  Wirtschaften  in  dieser  Straße,"  sagte  er;  „das
sind  doch  lauter  selbständige  Gewerbetreibende."
„Weißt  du  das  so  sicher?"  fragte-  ich.  „Sehen  wir  uns  einmal  die'
Schilder  an.  Hier  steht  groß  angeschrieben,  daß  man  Patzenhofer  Bier  kriegt,
dort  bekommt  man  welches  aus  der  Schultheiß-Brauerei  u.  s.  to."
„Natürlich,"  unterbrach  mich  Wilhelm  eifrig,  „kann  ein  Wirt  oft  nicht
bei  drei  oder  vier  verschiedenen  Brauereien  kaufen;  aber  deshalb  bleibt  er
doch  ein  selbständiger  Mann."
„Wenn  er  nur  von  einer  Brauerei  sein  Bier  bezieht,  dann  ist  er
doch  eigentlich  nur  der  ihr  Agent,"  antwortete  Karl.
„Jetzt  schauen  wir  aber  einmal  ein  wenig  hinter  die  Kulissen,"
sagte  ich.  „Ich  habe  eine  Zeitlang  einmal  bei  Gericht  gearbeitet,  und  da
habe  ich  eine  Menge  Prozesse  von  Brauereien  gegen  Wirte  kennen  gelernt.
Das  ist  sehr  häufig  so,  daß  die  Brauerei  irgendeinem  armen  Teufel  ein
Lokal  einrichtet.  Er  selbst  steckt  die  paar  hundert  Mark,  die  er  vielleicht
durch  jahrelange  Arbeit  erworben  und  erspart  hat,  auch  noch  ins  Geschäft
und  eröffnet  jetzt  mit  dem  Geld  der  Brauerei  und  seinem  eigenen  die  Gastwirtschaft ­
  oder  Destille.  Der  Brauerei  muß  er  aber  nicht  nur  die  Zinsen'
von  dem  geliehenen  Kapital  zahlen,  sondern  er  muß  das  Bier  bei  ihr  nehmen. ­
  Den  Preis  diktiert  natürlich  die  Brauerei,  und  über  die  Dualität
darf  er  sich  a^uch  nicht  beklagen,  denn  der  Brauereibesitzer  hat  ihn  ganz  in!
der  Hand.  So  geht  es  ein  paar  Jahre  fort,  der  Wirt  schlägt  oft  kaum  den-Lohn
  seiner  eigenen  Arbeit  und  den  seiner  Frau  und  eines  Schankburschen  s
heraus.  Manchmal  geht  es  freilich  gut,  und  dann  gelingt  es  ihm  auch,  sich

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aus  der  Sklaverei  des  Braukapitals  los  zu  machen;  sehr  oft  aber  kommen
auch  schwere  Zeiten,  eines  Tages  kann  der  Wirt  nicht  mehr  das  Bier  oder
die  Miete  bezahlen,  er  wird  vor  die  Tür  gesetzt,  und  ein  anderer  Wirt,  der
vielleicht  wieder  etwas  Geld  zuzusetzen  hat,  tritt  an  seine  Stelle.  Die
Brauerei  verliert  in  keinem  Falle;  denn  entweder  kriegt  sie  ihr  Kapital  mit
Zinsen  zurück  oder  sie  kann  wieder  einen  neuen  Wirt  in  das  schon  eingeritMete
  Lokal  zu  denselben  Bedingungen  setzen."
„Unh_  dabei  noch  sein  Geld  einstecken,  das  er  zusetzt,"  ergänzte  Karl
eitrig.  „So  hat  die  Brauerei  gar  kein  Msiko.  Geht  es  schief,  so  geht  der
Wirt  krachen,  sie  selbst  aber  behält  das  eingerichtete  Lokal."
„Wie  du  das  so  von  den  Wirten  erzählst,"  meinte  Wilhelm  etwas  zögernd, ­
  „erinnert  es  mich  an  die  Geschichte  des  Bäckerladens  in  unserem
Hause."
„Das  ist  wahr,"  unterbrach  Karl;  „das  ist  eine  ganz  ähnliche  Gcscksichte.
  Unser  Hauswirt  hat  einen  Backofen,  und  den  vermietet  er  zusammen ­
  mit  einem  Laden  an  Bäckermeister,  natürlich  recht  teuer.  Seit  wir  in
dem  Haus  wohnen,  das  sind  jetzt  beinahe  drei  Jahre,  sind  schon  zwei  Bäcker
verkracht,  und  als  der  zweite  mit  seiner  Familie  herausgesetzt  wurde,  da
machte  er  noch  auf  der  Straße  einen  furchtbaren  Spektakel  und  schrie,  der
Hauswirt  habe  ihm  das  Blut  ausgesaugt."
„Uebrigens  hast  du  mit  deinem  Beispiel  von  den  Gastwirten  auch
sonst  nicht  viel  Glück,"  wandte  ich  mich  an  Wilhelm,  indem  ich  auf  das  blauund
  weißkarrierte  Schild  des  letzten  Lokals  in  der  Straße  hinwies.  „Da
schau  einmal,  was  da  oben  steht."  Und  Wilhelm  las  mit  sichtlicher  Verlegenheit: ­
  „42.  Bierquelle."
--Na,  und  da  drüben,"  zeigte  Karl  auf  die  andere  Straßenseite,  „da
ist  ein  Buttergeschäft.  'Schau  nur,  wie  sckstin  dort  in  Goldschrift  steht:
Vierzeh,n  Stadtfilialen.  Uebrigens  ist  das  noch  nichts  gegen  eine  andere
Firma.  Da  kaufte  ich  unlängst  im  Vorbeigehen  ein  paar  recht  duftige
Harzer.  Auf  dem  Papier,  in  das  die  Kaschen  gewickelt  waren,  stand,  daß
dies  die  36.  Filiale  des  Geschäftes  war;  und  gar  nicht  weit  von  unserem
Haus,  erinnere  ich  mich  jetzt,  habe  ich  schon  oft  das  Schild  gelesen:
„a7.  Seifenfiliale."
"Nun  ja,  das  gebe  ich  zu,"  sagte  Wilhelm  ärgerlich,  „das  die  kleinen
&amp;lt;2traßengeschäfte  oft  nicht  von  selbständigen  kleinen  Kaufleuten  betrieben
werden,  sondern  daß  sie  vielfach  entweder  Filialen  großer  Geschäfte  sind
oder  mehr  oder  weniger  verkappte  Agenturen  von  Brauereien  oder  sonstigen
großen  Fabriken,  oder  endlich  nur  den  Zweck  haben,  den  Hauswirt  zu  bereichern. ­
  Aber  was  ist  es  denn  mit  den  Kleinmeistern,  den  Schneidern,
Schustern.  Klempnern  u.  s.  w.?"
„Ja,  was  macht  denn  das  aus,"  meinte  Karl  wegwerfend,  „was  die
fertig  bringen.  Neben  den  großen  Schuhfabriken,  Kleidermagazinen  u.  s.  w.
spielen  die  doch  gar  keine  Rolle.  Ta  sieh  dir  einmal  diesen  elenden  Laden
an."  Dabei  wies  er  auf  einen  kleinen  Straßenladen  eines  Schneiders  hin.
„Das  ist  aber  komisch,"  bemerkte  Wichelm,  als  er  das  Schild  sah,  „daß
wir  gerade  hier  vorbeikommen.  Den  Mann  kenne  ich;  der  arbeitet  für
meinen  Chef.  Freilich  hat  er  den  Ehrgeiz,  sich  „Meister"  schimpfen  zu  lassen:
aber  es  geht  ihm  miserabel,  und  gezahlt  wird  er  für  seine  Arbeit  noch
schlechter  als  die  Arbeiter,  die  bei  uns  sitzen.  Daß  er  auch  für  Kunden  arbeitet, ­
  kann  ich  mir  gar  nicht  vorstellen:  denn  er  hat  ja  kein  Geld,  um  den
^tosf  zu  kaufen,  und  borgen  tut  ihm  schon  lange  niemand  mehr."
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        -  48  -

Inzwischen  kamen  wir  an  einem  Schuhmacherladen  vorüber.  Karl  I
las  laut  das  Schild  ab:  „Schuhwarenniederlage.  Reparaturwerkstätte."  I
„Na,  da  hast  du  den  selbständigen  Gewerbetreibenden,"  sagte  er.  „Er  be- 1
hauptet  ja  selber  nicht  einmal  mehr,  daß  er  Schuhe  macht;  er  repariert  nur
welche,  und  daneben  verkauft  er  Ware,  die  er  selbst  aus  der  Fabrik  bezieht."  I
„Aber  trotz  alledem,"  entgegnete  Wilhelm,  „gibt  es  doch  noch  immer  auch
selbständige  Kleinmeister.  Freilich  habe  ich  ihre  Zahl  weit  überschätzt;
aber  wenn  man  auch  von  allen  denen  absieht,  von  denen  ich  jetzt  weiß,  datz
sie  in  der  Tat  keine  selbständigen  Existenzen  sind,  dann  bleiben  doch  immer
noch  zahlreiche  Kleinmeister  übrig,  die  vom  Großkapital  nicht  niederkon-  i
kurriert  sind.  Meist  geht  es  ihnen  ja  nicht  sehr  gut,  das  ist  wahr,  aber  sie  !
behaupten  sich  doch."  „Aber  auf  wessen.  Kosten?"  warf  ich  Hier  ein.  „Daß  I
ich  immerhin  noch  Kleinmeister  behaupten  können,  das  verdanken  sie  vor  I
ollem  dem  Umstande,  daß  sie  unentgeltliche  Arbeiter  haben,  die  sie  nach
Herzenslust  ausbeuten,  ohne  daß  sich  diese  wehren  können,  die  L  e  h  rling
  e."  „Ja,  das  ist  wahr",  pflichtete  mir  Karl  bei.  „Meine  kleinere  |
'Schwester  zum  Beispiel  ist  bei  einer  Blumenmacherin  in  der  „Lehre".  Ge-'f
zahlt  kriegt  sie  nichts,  und  das  Men  muß  auch  sehr  wenig  sein;  denn
wenn  sie  abends  nach  Hause  kommt,  hat  sie  einen  schrecklichen  Hunger.
Dabei  lernt  sie  aber  nicht  einmal  was  Rechtes;  denn  fast  den  ganzen
Tag  muß  sie  das  Kind  der  Meisterin  herumschleppen,  ausfegen,  j
Staub  wischen  und  sonst  häusliche  Arbeiten  machen.  Die  Frau  hat  dann
noch  ein  älteres  Lehrmädchen,  der  sie  ein  paar  Mark  monatlich  zahlt,  die
macht  mit  der  Meisterin  zusammen  die  ganze  Arbeit.  So  hat  diese  eine
Magd  umsonst  und  eine  Arbeiterin  fast  umsonst."  „Und  dabei  sind  gerade
diese  jungen  Leute  ganz  schutzlos,"  fuhr  ich  fort.  „Die  Arbeiterschutzgesetze!
gelten  nur  für  Fabriken,  die  kleinen  Meister  können  ihre  Lehrlinge  schin-!
den,  wie  sie  wollen,  und  sie  können  sie  sogar  prügeln.  Ja,  die  Kleinmeister,
das  sind  die  Lieblinge  der  Regierungen,  und,  um  ihnen  zu  helfen,  werden
die  armen  Lehrlinge  geopfert.  Die  haben  ja  kein  Stimmrecht,  und  organisiert ­
  sind  sie  auch  nicht."'  „Das  muß  aber  auch  einmal  anders  werden."
unterbrach  mich  Karl  mit  großem  Eifer.  „Auch  wir  Jugendlichen  müssen
zusammenhalten.  Das  darf  es  nicht  mehr  geben,  daß  auf  unserem  Rücken
Holz  gehackt  wird.  Wenn  die  Jugendlichen  mit  den  erwachsenen^Arbeitern
wirklich  zusammenhalten,  dann  werden  auch  die  Lehrlinge  eine  Stütze  finden. ­
  Bisher  habe  ich  noch  immer  geschwankt,  ob  ich  unserem  Jugendverein;
beitreten  soll;  denn  ich  glaubte,  daß  so  etwas  doch  für  uns  keinen  rechten
Zweck  hat.  Aber  jetzt  sehe  ich  ein,  daß  auch  wir  unsere  Interessen  selber
wahrnehmen  müssen.  Mit  unseren  Knochen  sollen  die  bankrotten  Klein-!
meister  nicht  mehr  ihren  Kampf  gegen  das  überlegene  Kapital  ausfeckten
dürfen."
2.  Der  Große.
Während  dieses  Gespräches  waren  wir  vor  einem  jener  modernen
Riesenpaläste  gelangt,  die  der  kundige  Berliner  schon  von  weitem  als  Waren-j
haus  erkennt.  Wir  traten  durch  eines  der  mächtigen  Portale  ein  und  ge-l
rieten  sofort  in  den  Strom  der  Kauflustigen,  die  sich  zwischen  den  Verkaufs-^
tischen  drängten.  Wir  waren  gerade  in  die  Wirkwarenabteilung  geraten,
und  da  sahen  wir  nun  neben-  und  übereinander  gelagert  Strümpfe  und
Krawatten,  Trikotwäsche  uitö  Geldbeutel,  Seide,  Wolle,  Baumwolle.  Gleich
darauf  kamen  wir  in  die  Schuhabteilung,  hierauf  zur  Damenwäsche  und
zu  den  Fahrrädern.  Mit  einem  der  zahlreichen  Aufzüge  fuhren  wir  in  die

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dritte  Etage  und  gingen  durch  die  Abteilung  für  frische  Fische  und  Wild
nach  dem  Porzellanlager.  Die  Damenkonfektion  interessierte  uns  wenig,
aber  wir  kamen  alsbald  auch  zu  der  Ausstellung  von  Kunstwerken.  Da  gab
es  Büsten  aus  Marmor  und  Nippesfigürchen  aus  Terrakotta,  alte  hölzerne
Heiligenstatuen  und  bronzene  Tänzerinnen,  die  in  emporgehobenen  Händen
elektrische  Glühlichter  trugen.  Im  Erfrischungsraum  nahmen  wir  ein
paar  belegte  Brötchen  und  besichtigten  dann  die  Abteilung  für  weibliche
Handarbeiten  und  das  Bücherlager.  Besonders  fielen  uns  dort  die  vielen
neuen,  aber  im  Preis  sehr  herabgesetzten  Bücher  auf.  Bon  da  eilten  wir
öurch  das  Pavfümerienlager  in  die  japanische  Abteilung  mit  ihren  Basen
und  Götterstatuen,  den  Reisekissen  und  Kinderspielwaren,  den  Stickereien
und  Porzellanservicen.  An  den  Apothekerwaren  vorbei  kamen  wir  zu  den
Strohhüten  und  von  da  zu  den  Küchenmöbeln.
Als  wir  nach  einer  Stunde  das  riesige  Gebäude  verließen,  hatten  wir
so  ziemlich  alles  gesehen,  was  ein  Mensch  überhaupt  in  seinem  Leben
braucht.  Bon  all  den  unzähligen  Artikeln,  die  in  grellster  Beleilchtung  da
zum  Kauf  ausgestellt  waren  und  sich  den  Kunden  ordentlich  aufdrängten,
waren  wir  fast  wirr  geworden,  und  als  wir  nun  wieder  auf  der  Straße
standen,  atmeten  wir  geradezu  erleichtert  auf.
„Es  ist  sonderbar,"  sagte  Wilhelm,  „während  der  ganzen  Zeit  unseres
Aufenthalts  im  Warenhaus  bin  ich  ein  unheimliches  Gefühl  nicht  los  ge*
worden."
„Mir  ist  es  geradeso  gegangen,"  bestätigte  Karl.  „Wenn  man  so  zwischen ­
  diesen  ungeheuren  Massen  von  oft  doch  kostbaren  Waren  herumgeht,
die  ganz  lose  auf  den  Tischen  liegen,  muß  man  sich  doch  immer  denken,  daß
jeder  Besucher  heimlich  genau  beobachtet  wird,  ob  er  nichts  stiehlt,  und
dieses  Bewußtsein  ist  mir  höchst  unbehaglich.  Ich  begreife  gar  nicht,  wie
man  sich  da  frei  bewegen  kann,  wenn  man  immer  argwöhnische  Blicke  aus
sich  gerichtet  fühlt,  und  doch  verstehe  ich  nicht,  wieso  nicht  sehr  viel  gestohlen ­
  wird."  •»
„Der  Grund,  warum  ich  ein  drückendes  Gefühl  nicht  abweisen
konnte,  ist  freilich  ein  ganz  anderer",  erwiderte  Wilhelm.  „SBenn
ich  diese  riesigen  Warenmengen  betrachte,  dann  denke  ich  unwillkürlich ­
  an  alle  die  Existenzen,  die  zertreten  werden  mußten,  bis  all
das  sich  in  einer  Hand  vereinigen  konnte.  Ich  habe  mich  bei  verschiedenen
Artikeln,  die  ich  von  unserem  Geschäfte  her  renne,  nach  den  Preisen  erkundigt, ­
  und  manches  war  viel  billiger  als  wir  es  verkaufen.  Da  können  natürlich ­
  die  kleineren  Geschäfte  nicht  bestehen.  Aber  wieso  können  die  Warenhäuser ­
  den  Preis  so  drücken?  Unlängst  war  einmal  bei  uns  im  Geschäft
davon  die  Rede,  weshalb  jetzt  die  große  Herrenkleiderfirma  S.  A.  so  spottbillig
  verkaufen  könne  und  uns  dadurch  die  Kundschaft  abjagt,  und  da  wies
unser  Zuschneider  darauf  hin,  daß  jene  Firma  kürzlich  erst  einen  großen
Posten  Stosse  aus  dem  Konkurs  einer  Fabrik  furchtbar  billig  erstanden  hat
und  diese  Stoffe  jetzt  verarbeitet  und  so  billig  auf  den  Markt  wirft.  Die
Erinnerung  bin  ich  die  ganze  Zeit  nicht  los  geworden,  und  ich  dachte  immer,
wie  biele*  Fabriken  verkracht  sein  müssen,  damit  das  Warenhaus  so  billig
verkaufen  kann.  Ich  hatte  das  Gefühl,  als  ob  ich  auf  einem  Kirchhof  herumspazierte. ­
  Jeder  Stoß  Waren  schien  mir  der  Leichenstein  einer  Fabrik."
„Nun,  ich  glaube,  daß  du  da  doch  zu  schwarz  siehst,"  unterbrach  ich  seine
Betrachtungen;  „freilich,  viel  Wahres  ist  schon  daran.  So  stammt  zum  Beispiel ­
  ein  großer  Teil  der  so  billigen  Bücher  aus  den  Vorräten  von  verkrack-
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        ten  Buchhandlungen  und  Verlagsgeschäften,  und  auch  sonst  rührt  ein  Leit
der  Waren  aus  solchen  Ankäufen  her.  Aber  diese  Art  der  Erwerbung  tritt
doch  immer  mehr  in  ihrer  Bedeutung  zurück.  Ja,  im  Ansang  der  Warenhäuser, ­
  und  das  sind  noch  keine  zwanzig  Jahre  her,  da  verlegten  sie  sich
zum  großen  Teil  auf  solche  Gelegenheitskäufe."
„Aus  solchen  Leichenraub,"  berichtigte  mich  Wilhelm  erbittert.
„Du  magst  es  nennen,  wie  du  willst,"  entgegnete  ich,  „jedenfalls  sind
die  großen  Warenhäuser  darüber  bald  hinausgewachsen.  Heute  können  sie  j
sich  auf  solche  Gelegenheitsgeschäfte  nicht  mehr  verlassen,  wenn  sie  sie  auch  j
gerne  noch  mit  in  Kauf  nehmen;  aber  daß  sie  ihre  kleineren  Konkurrenten
unterbieten  können,  das  hat  doch  hauptsächlich  andere  Gründe.  So  ein
riesiger  Bau,  wie  der  hier  mit  all  seiner  Einrichtung,  Beheizung,  Beleuchtung ­
  u.  s.  w.,  kostet  ja  gewiß  ein  furchtbares  Geld;  aber  stellt  euch  vor,  daß  I
diese  ganze  riesige  Warenmasse  in  lauter  Einzelläden  verkauft  werden  j
sollte;  das  wäre  ja  schon  eine  kleine  Stadt,  und  die  Miete  würde  doch  noch  i
wesentlich  mehr  kosten,  als  der  Besitzer  des  Warenhauses  rechnen  muß.  Dazu  |
kommt,  daß  er  von  fast  jedem  Artikel  so  große  Mengen  braucht,  daß  er  j
nicht  nur  billiger  einlaufen  kann  als  der  kleine  Händler,  sondern  auch  von  j
den  Bahnen,  Dampferlinien  u.  s.  w.  große  Begünstigungen  bekommt.  Ins'!  I
besondere  aber  tritt  er  den  Fabrikanten  ganz  anders  gegenüber  als  sein  j
kleinerer  Konkurrent.  Wenn  der  einkauft,  muß  er  oft  lange  auf  die  I
Lieferung  warten,  er  muß  die  Artikel  nehmen,  die  ihm  angeboten  werden,  i
Das  Warenhaus  bestellt  so  gewaltige  Mengen,  daß  es  sich  für  die  Fabrik!
lohnt,  eigens  für  diese  große  Kundschaft  zu  arbeiten,  die  so  wichtig  ist,  daß  !
man  sie  auch  nicht  warten  lassen  darf,  und  oft  arbeiten  Fabriken  schon  aus-  |
schließlich  für  Warenhäuser,  von  denen  sie  dann  vollständig  abhängig  sind."  I
„Das  ist  ja  ganz  wie  bei  meinem  Großvater,  dem  Tischler,"  unter-  |
brach  mich  hier  Karl.  „So  wie  der  schließlich  für  den  Möbelhändler  allein  !
arbeiten  mußte  und  ganz  von  ihm  abhängig  war,  so  geht  es  also  jetzt  de»  I
großen  Faßriken  mit  den  Warenhäusern."
„Ja,"  antwortete  ich,  „das  ist  wirklich  etwas  Aehnliches,  nur  daß  cs  1
sich  hier  um  Riesen  handelt  im  Vergleich  zu  jenen  Zwergen,  dem  Tischler
und  dem  Möbelhändler.  Aber  im  Wesen  ist  es  immer  das  gleiche.  Wer
heute  über  das  größere  Kapital  verfügt,  der  siegt  in  der  Konkurrenz  über  I
den  schwächeren  Gegner."  *
„Das  habe  ich  erst  unlängst  auch  bei  uns  gesehen,"  meinte  Karl.  „Da  I
wurde  bei  uns  eine  neue  Maschine  ausgestellt,  die  arbeitet  ganz  großartig,  j
Wozu  früher  mit  den  einfachen  Maschinen  70  Arbeiter  nötig  waren,  das  I
machen  jetzt  mit  der  neuen  Maschine  30,  und  dabei  sieht  die  Ware  jetzt  j
noch  schöner  aus  als  früher.  Aber  ein  hübsches  Stück  Geld  muß  die  Ge-  I
schichte  gekostet  haben.  Ich  habe  was  von  80.000  Mk.  reden  gehört.  Natur-  I
lief),  wer  sich  so  eine  Maschine  nicht  auch  anschaffen  kann,  der  arbeitet  viel  I
teurer  und  dabei  weniger  gleichmäßig."
„Fa,  seht  ihr,"  ergänzte  ich,  „und  das  ist  einer  der  Gründe  für  die  j
Ueberlegenheit  des  großen  Betriebes  über  den  kleinen.  Auch  hier  kauft
einer  um  so  billiger  sein  Rohmaterial,  je  größere  Massen  er  einkauft.  Der
große  Lederfabrikant  zum  Beispiel  kauft  die  Felle  in  Rußland,  in  Indien,
in  Amerika  gleich  vom  Tierzüchter  und  bezieht  sie  in  ganzen  Schisfsladun-  j
gen  und  Eisenbahnwaggons.  Der  kleine  Gerber  kann  das  nicht  tun,  der
muß  zum  Händler  gehen,  der  natürlich  auch  sein  Geschäft  dabei  machen
will,  und  wenn  der  nicht  selbst  einen  sehr  großen  Umsatz  hat,  dann  kauft  er
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        4*

51

ieinerseits  erst  vom  Großhändler  oder  er  bezieht  die  Ware  in  kleineren
Partien  vom  Viehzüchter  nnd  muß  nicht  nur  diesem  höhere  Preise  zahlen,
sondern  auch  der  Eisenbahn  und  der  Dampferlinie  für  den  Transport.  Dazu
kommt  aber  noch,  daß  auch  die  Baulichkeiten  im  Verhältnis  billiger  werden,
je  größer  sie  sind.  Ein  Fabrikgebäude,  in  dem  zwei  Maschinen  stehen,  kostet
lange  nicht  doppelt  io  viel  wie  eines,  in  welchem  nur  eine  Maschine  steht.
Aber  auch  mit  den  Arbeitern  ist  der  große  Betrieb  besser  daran,  denn  gerade
die  teueren  Arbeitskräfte,  die  Ingenieure,  Buchhalter,  Werkführer,  Vorarbeiter ­
  u.  s.  w.  wachsen  an  Zahl  lange  nicht  so  schnell  wie  die  Handarbeiter.
Oft  braucht  ein  kleiner  Betrieb  gerade  so  viele  von  diesen  wie  ein  weit
größerer."
„Das  ist  richtig,"  bestätigte  Wilhelm.  „Im  vorigen  Jahre  wurde  bei  uns
das  Geschäft  stark  erweitert,  wir  haben  seither  fast  doppelt  so  viele  Arbeiter
wie  früher,  aber  ebenso  wie  früher  nur  einen  Direktor  und  zwei  Zuschneider.
Die  mußten  früher  hie  und  da  auch  sonst  aushelfen;  das  tun  sie  nun  nicht
mehr,  sie  sind  jetzt  große  Herren  geworden."
„Das  ist  auch  ein  Hauptgrund,"  fügte  ich  bei,  „warum  geschickte  Arbeiter ­
  meist  lieber  in  einem  großen  als  in  einem  kleinen  Betrieb  Beschäftigung ­
  nehmen,  weil  sie  dort  außer  ihrer  eigentlichen  Arbeit  oft  auch  noch
anderweitig  aushelfen  müssen.  Der  große  Unternehmer  kann  sie  deshalb
auch  höher  bezahlen,  weil  er  ihre  geschulte  Arbeitskraft  besser  ausnützen
kann."
„Wenn  man  sich  das  alles  so  überlegt,"  meinte  Karl,  „so  begreift  man
sehr  wohl,  wieso  das  große  Geschäft  dem  kleinen  so  überlegen  ist,  wieso  es
viele  kleine  erdrückt,  und  wenn  Wilhelm  vorhin  davon  gesprochen  hat,  daß  ein
großes  Warenhaus  ihn  an  einen  Kirchhof  erinnert,  so  hat  er  also  doch  wohl
recht  gehabt."
Nachdem  wir  eine  Zeitlang  schweigend  nebeneinander  gegangen  waren,
wandte  sich  Wilhelm  an  mich:  „In  so  einem  Warenhaus  oder  so  einer
großen  Fabrik,"  sagte  er,  „steckt  ein  riesiges  Kapital.  Um  das  zusammenzubringen, ­
  dazu  gehört  doch  eine  sehr  große  Geschäftstüchtigkeit.  Haben  die
Warenhäuser  zum  Beispiel  nicht  von  klein  angefangen?  Du  sagst,  daß  sie
noch  keine  20  Jahre  alt  sind.  Kann  man  in  so  kurzer  Zeit  ein  so  riesiges
Kapital  zusammenbringen  oder  waren  die  Leute,  die  sie  errichtet  haben,
schon  von  Anfang  an  so  furchtbar  reich?"
„Keins  von  beiden  war  der  Fall,"  entgegnete  ich.  „Es  gibt  heute
Warenhäuser,  deren  Besitzer  klein  angefangen  haben.  So  hatte  die  Firma
Tietz  zum  Beispiel,  der  heute  neun  riesige  Warenhäuser  in  verschiedenen
L-tädten  gehören,  ursprünglich  ein  kleines  Geschäft  für  Weiß-  und  Wollwaren.
  Erst  allmählich  bezog  sie  auch  andere  Artikel  ein,  während  sich  der
Umsatz  immer  mehr  ausdehnte,  und  so  entstand  mit  der  Zeit  der  Riesenbetrieb; ­
  aber  das  Kapital,  das  heute  darin  steckt,  gehört  durchaus  nicht  ganz
dem  Herrn  Tietz,  der  seinerzeit  das  Geschäft  begann.  Zunächst  bestimmte
er  seine  Verwandten,  ihr  Geld  bei  ihni  anzulegen;  bald  aber  reichte  auch
das  nicht  mehr  für  die  Ausdehnung  des  Geschäftes  aus.  Aber  damals  wußte
man  schon,  daß  die  Firma  „gut"  war,  das  heißt,  daß  man  ihr  ruhig  Geld
borgen  konnte,  daß  sie  gewiß  die  Zinsen  bezahlte  und  dabei  das  Geld  sicher
war;  es  war  daher  nicht  allzu  schwer,  von  Banken  Geld  zu  bekommen."
„Davon  haben  wirfta  schon  unlängst  gesprochen,"  unterbrach  mich  Karl,
„daß  die  Banken  und  Sparkassen  den  Einlegern  von  Geld  nicht  Zinsen
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        zahlen  könnten,  wenn  sie  nicht  dieses  Geld  wieder  in  Unternehmungen  anlegen ­
  würden,  die  ihnen  mehr  tragen,  als  sie  den  Einlegern  auszahlen."
„Ganz  richtig,"  fuhr  ich  fort,  „daher  sind  auch  die  Banken  immer  auf
der  Suche  nach  guter  Anlage  ihres  Kapitals  und  leihen  es  gern  Unternehmungen, ­
  die  ihnen  sicher  erscheinen.  Natürlich  verlangen  sie  aber  höhere
Zinsen  für  dieses  Kapital  als  sie  selbst  bezahlen."
„Also  gehört,"  meinte  Wilhelm,  „das  Geld,  das  ich  für  eine  Ware  bezahle, ­
  nicht  ganz  dem  Besitzer  des  Warenhauses;  er  muß  es  mit  der  Bank
teilen,  die  ihm  das  Kapital  vorgestreckt  hat?"
„Freilich  muß  er  das",  erwiderte  ich.
„Aber  wozu",  fragte  Karl,  „leiht  sich  dann  die  Firma  fremdes  Geld
aus,  wenn  sie  doch  den  Ertrag  wieder  hergeben  muß?"
_  „Das  hat  seine  sehr  guten  Gründe",  antwortete  ich.  „Je  größer  ein
Betrieb,  um  so  billiger  arbeitet  er;  das  haben  wir  vorhin  gesehen.  Deshalb
sucht  jeder  Kapitalist  sein  Unternehmen  nach  Möglichkeit  auszudehnen.  Er
hätte  so  einen  Vorteil,  selbst  wenn  er  den  ganzen  Ertrag  des  ausgeliehenen
Kapitals  der  Bank  abführen  müßte;  denn  sein  eigenes  Kapital  liefert  ihm
jetzt  auch  einen  höheren  Ertrag.  Tatsächlich  aber  muß  er  auch  nicht  den
ganzen  Gewinn,  den  er  mit  dem  ausgeborgten  Kapital  macht,  der  Bank  abliefern, ­
  sondern  er  teilt  ihn  mit  ihr,  und  so  machen  beide  ein  gutes  Geschäft.
Du  siehst  also,  daß  es  weder  notwendig  war,  daß  der  Besitzer  des  Warenbauses
  von  vornherein  ein  riesiges  Vermögen  hatte,  noch  daß  er  es  in  seinem
Geschäft  ersparte.  Denn  er  arbeitet  hauptsächlich  mit  fremdem  Gelde."
„Aber  unlängst",  wendete  Karl  ein,  „habe  ich  in  der  Zeitung  gelesen,
daß  ein  neues,  ganz  riesiges  Warenhaus  gegründet  wurde.  Da  muß  der
Besitzer  doch  mit  einem  sehr  großen  eigenen  Kapital  angefangen  haben;
denn  im  Anfang  wissen  doch  die  Banken  noch  nicht,  ob  das  Geschäft  gehen
und  etwas  einbringen  wird."
„Das  ist  allerdings  etwas  anderes",  antwortete  ich;  „aber  eigenes
Kapital  hat  der  Gründer  dieses  neuen  Warenhauses  wahrscheinlich  noch
weniger  als  die  früheren.  Hinter  diesen  Neugründungen  stecken  erst  recht
die  großen  Banken.  Sie  geben  das  ganze  Kapital  her,  sie  behalten  sich
aber  auch  die  Kontrolle  des  Betriebes  vor."
„Ja,  aber  dann",  unterbrach  mich  Karl,  „ist  ja  der  Unternehmer  des
Warenhauses  eigentlich  nur  mehr  ein  Angestellter  der  Bank,  wenn  die  ihm
in  alles  dreinreden  kann."
„Beinahe  ist  es  auch  so",  bestätigte  ich.  „Das  ist  aber  kein  einzelner
Fall.  Die  Banken  haben  heute  ihre  mächtige  Hand  in  fast  allen  großen
Unternehmungen.  Sie  borgen  ihnen  Geld,  dafür  aber  beaufsichtigen  und
leiten  sie  auch  den  Betrieb  immer  mehr."
„Ja,  aber  dann  stehen  ja",  meinte  Wilhelm  ganz  bestürzt,  „die  Banken
zu  den  großen  Firmen  in  einem  ähnlichen  Verhältnis  wie  das  Warenhaus
zur  Fabrik  und  der  Möbelhändler  zum  Tischler.  Da  frißt  ja  überall  der
Größere  den  Kleineren,  da  beutet  überall  der  Reichere  den  Aermeren  aus.
Aber  woher  haben  denn  die  großen  Banken  das  Geld,  das  sie  so  mächtig
&amp;gt;nacht?"
„Da  gibt  es  verschiedene  Quellen",  antwortete  ich.  „Früher  einmal
konnte  einer,  der  Geld  übrig  hatte,  nichts  anderes  damit  tun,  als  daß  er
es  für  Zeiten  der  Not  aufhob  und  dann  ausgab.  Später  konnte  er  es,  wie
wir  ja  gesehen  haben,  dazu  verwenden,  besitzlose  Arbeiter  ans  Werk  zu
setzen  und  auszubeuten.  Heute  aber  braucht  er  sich  auch  dieser  Mühe  nicht
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        53

uiehr  zu  unterziehen.  Er  trägt  sein  Geld  in  die  Bank  und  bezieht  die  Zinsen
davon.  ^  Du  hast  unlängst  selbst  erwähnt,  daß  dein  Vater  einige  hundert
Mark  in  einer  Sparkasse  liegen  hat  und  regelmäßig  die  Zinsen  abhebt."
„Auf  diese  Art",  ^unterbrach  mich  Wilhelm,  „wären  dann  eigentlich  die
Einleger  des  Geldes  die  Herren  der  Bank;  denn  von  ihnen  rührt  das  Geld,
mit  dem  die  Geschäfte  gemacht  werden."
„Ja  hat  denn  dein  Vater  etwas  dreinzureden,  wie  das  Geld  verwendet
wird,  das  er  eingelegt  hat?"  fragte  Karl  ironisch.
„Aber  wer  bestimmt  denn  dann  eigentlich,  was  die  Bank  zu  tun  hat?"
fragte  Wilhelm.
„Ihr  dürft  euch",  entgegnete  ich,  „die  Sache  nicht  so  vorstellen,  als
ob  das  Kapital  der  Bank  nur  durch  die  Einlagen  der  kleinen  und  großen
Leute  zustande  käme.  Vor  allem  sind  die  Aktionäre  der  Bank  da,  die  sie
gegründet  und  ihr  Kapital  eingebracht  haben.  Die  sollen  in  der  Generalversammlung ­
  beschließen,  was  die  Bank  zu  tun  hat,  sie  ernennen  auch  die
Beamten.  In  Wirklichkeit  aber  regieren  meist  ein  paar  große  Kapitalisten,
die  die  anderen  überstimmen  und  dann  tun  können,  was  sie  wollen,  und  oft
sind  es  noch  dazu  dieselben  Leute,  die  in  verschiedenen  Banken  maßgebend
sind."
„Da  müssen  die  aber  dann  eine  riesige  Macht  haben",  meinte  Wilhelm,
„wenn  sie  die  mächtigen  Banken  unter  sich  haben,  die  doch  wieder  die  Industrie ­
  beherrschen."
„Ja,  das  sind  heute  die  ungekrönten  Könige",  antwortete  ich,  „und
mancher  wirkliche  König  könnte  sich  gratulieren,  wenn  er  eine  solche  Macht
hätte;  denn  oft  herrschen  sie  nicht  nur  in  einem  Lande,  sondern  ihr  Bereich
geht  über  ganze  Erdteile,  und  ihre  Macht  wächst  noch  immer  fort,  denn  sie
dringen  auch  immer  tiefer  in  das  Erwerbsleben  ein.
Früher  haben  sich  die  großen  Betriebe  gegenseitig  bekämpft  und  unterboten. ­
  Heute  tun  sie  das  sehr  oft  nicht  mehr,  sondern  sie  schließen  sich  zusammen ­
  und  beuten  gemeinsam  das  Publikum,  ihre  Arbeiter  und  ihre
Lieferanten  aus,  und  dabei  leisten  ihnen  die  Banken  die  beste  Hilfe.  Denn
wenn  eine  große  Bank  mehreren  großen  Unternehmungen  Geld  geborgt  hat,
dann  will  sie  natürlich  nicht,  daß  sie  sich  gegenseitig  schaden,  sondern  sie
veranlaßt  sie,  sich  zu  verabreden,  die  Preise  und  Löhne  festzusetzen  und  sich.
nicht  mehr  zu  unterbieten.  Ein  Konkurrent  kann  dann  schwer  aufkommen,
weil  ihm  die  Banken  kein  Geld  borgen,  und  so  bleiben  die  großen,  untereinander ­
  verbundenen  Firmen  unbehelligt  und  beschützt.
Da  waren  zum  Beispiel  auf  einem  amerikanischen  Fluß  zwei  Dampferlinien, ­
  die  sich  wütend  bekämpften.  Jede  suchte  die  andere  zu  unterbieten,
jede  versprach  den  Passagieren  alles  Mögliche  an  Geschwindigkeit  und  Annehmlichkeit ­
  der  Fahrt.  Das  Publikum  freute  sich,  denn  man  konnte  billig
und  angenehm  reisen,  die  Gesellschaften  gingen  aber  beide  fast  zugrunde.
Da  besannen  sie  sich  endlich  doch  eines  Besseren  und  einigten  sich.  Jetzt
wurden  die  Preise  hinaufgeschraubt,  daß  den  Passagieren  ganz  angst  und
bange  wurde;  aber  was  konnten  sie  machen?  Ein  Konkurrent  war  nicht  da,
zu  dem  man  hätte  gehen  können.  So  mußte  man  zahlen,  was  jene  verlangten, ­
  und  die  Inhaber  der  beiden  Gesellschaften  teilten  sich  schmunzelnd
den  Raub.
^  Solche  Vereinbarungen  und  Vereinigungen  sind  aber  heute  nichts
Seltenes  mehr.  Sie  beherrschen  immer  mehr  die  Industrie.  So  haben  sich
die  großen  Kohlengruben  und  die  Eisenwerke,  die  Zuckerfabriken  und  die
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Erzeuger  von  Zündhölzern  und  noch  eine  große  Anzahl  anderer  Industrien  I
bereits  organisiert  und  fast  täglich  kann  man  von  neuen  solchen  „Kartellen"
und  „Trusts"  hören,  die  oft  nicht  mehr  auf  ein  Land  und  auch  oft  nickt
mehr  auf  eine  Industrie  beschränkt  sind.  So  ist  zum  Beispiel  die  Petroleum-  j
Produktion  fast  der  ganzen  Welt  bereits  in  einer  Hand  vereinigt  und  der-  1
selben  Gesellschaft  gehören  eine  ganze  Reihe  von  Eisenbahnen  und  Dampfer-  j
linien.  Diesen  neuen  Herrschern  zahlt  jeder  seinen  Tribut,  der  heute  eine  1
Petroleumlampe  brennt,  aber  auch,  wer  irgendwie  eine  Maschine  braucht,  1
die  mit  Rohöl  gespeist  wird,  und  endlich,  wer  mit  den  Eisenbahnen  und
Dampfern  jener  Gesellschaft  fährt  oder  mit  ihnen  Güter  befördern  will:  ja  4
jeder  muß  dieser  Gesellschaft  seine  Steuer  entrichten,  der  Waren  kauft,  die  &amp;gt;
mit  solchen  Maschinen  hergestellt  oder  auf  solchen  Linien  befördert  worden  1
sind.  Gegen  diese  Riesen  kommt  keine  Konkurrenz  mehr  auf,  und  selbst  die  1
Staatsgewalt  erweist  sich  gegen  sie  oft  ohnmächtig."

nichl
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zwei

höri
zähl
Gru
lebe:
nis
Seil
ist.
lebe:

Der  Arbeitslohn.
„Welches  war  also",  begann  ich  wieder,  „der  Gesellschaftszustand,  für  1
den  wir  das  Wertgesetz  abgeleitet  haben,  daß  sich  die  Waren  im  Verhältnis  1
der  Arbeitszeit  vertauschen,  die  zu  ihrer  Herstellung  notwendig  ist?"
„Nun,  das  war  die  Zeit  meines  Großvaters,"  antwortete  Karl,  „der
als  selbständiger  Meister  direkt  für  die  Kundschaft  ans  Bestellung  arbeitete.»
Davon  sind  wir  ausgegangen,  daß  das  einmal  der  allgemeine  Zustand  ivnr.  1
Der  Großvater  blieb  aber,  wie  ich  euch  ja  schon  erzählt  habe,  kein  selbstän-  1
diger  Meister,  er  kam  in  Abhängigkeit  von  einem  Möbelhändler  und  mußte  j
für  den  arbeiten."
„Es  wird  sich  also  nun",  fuhr  ich  fort,  „darum  handeln,  ob  der  Wert  1
der  Tische,  Schränke  u.  s.  w.,  die  dekn  Großvater  herstellte,  dadurch  oer-  j
ändert  wurde,  daß  sie  nicht  mehr  von  deinem  Großvater  selbst  auf  den  Markt  j
gebracht  wurden,  sondern  durch  den  Möbelhändler."
„Der  Möbelhündler  verkaufte  billiger  als  der  Großvater,"  antwortete  I
Karl:  „denn  auf  diese  Weise  unterbot  er  ihn  ja  und  gewann  die  Kundschaft  I
für  sich."  —  „Ganz  so  Hast  du  aber  damals  die  Geschichte  doch  nicht  erzählt",  I
warf  ich  ein.  „Erinnere  dich  nur,  wie  du  uns  den  Zorn  deines  Großvaters  I
darüber  geschildert  hast,  daß  der  Händler  schlechte  Ware  auf  den  Markt  I
warf  und  ihn  dadurch  unterbot.  Die  Schränke,  Stühle  u.  s.  w.  des  Hand-  1
lers  waren  billiger,  sie  waren  aber  auch  schlechter,  sie  enthielten  weniger  1
geschickte  Arbeit  als  die  Waren,  die  dein  Großvater  herstellte,  und  des-1
halb  konnte  jener  billiger  verkaufen.  Als  dann  aber  dein  Großvater  1
aus  dem  Felde  geschlagen  und  ruiniert  war  und  nun  selbst  für  den  Händler  I
arbeiten  mußte,  da  verkaufte  der  gewiß  auch  wieder  gute  „Qualitätsware"  I
an  die  kaufkräftige  Kundschaft,  und  zwar  zu  dem  alten  Preis,  den  dein  I
Großvater  früher  erhalten  hatte."  I
„Aber  der  Großvater  bekam  noch  viel  weniger  von  dem  Möbel-  |
Händler  als  den  früheren  Preis  der  Möbel",  rief  wieder  Karl  dazwischen.
„Freilich,"  antwortete  ich,  „sonst  hätte  ja  der  Möbelhändler  kein  Ge-  |
schüft,  keinen  Prbfit  gemacht."  —  „Dann  hat  aber",  meinte  Karl,  „der  I
Großvater  nur  einen  Teil  seiner  Arbeit  für  sich  selbst  gemacht  und  den  |
anderen  Teil  für  den  Händler."

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        „Gewiß  tat  er  das,"  erwiderte  ich,  „und  er  musste  es  tun,  wenn  er
nicht  verhungern  wollte.  Man  kann  sich  das  also  zum  Beispiel  so  vorstellen, ­
  daß  er  an  den  sechs  Werktagen  der  Woche  vier  für  sich  arbeitete  und
zwei  für  den  Händler."
„Das  ist  aber  dann",  unterbrach  hier  Wilhelm,  „ganz  so  wie  bei  den
hörigen  Bauern,  von  denen  mir  mein  Großvater  aus  seiner  Jugend  erzählt ­
  hat.  Die  mußten  auch  soundso  viele  Tage  im  Jahre  für  Len
Grundherrn  schuften,  und  für  sie  selbst  blieb  nur  gerade  so  viel,  daß  sie
leben  konnten."
„Nun,  seht  ihr,"  erwiderte  ich,  „wie  ähnlich  in  der  Tat  das  Verhältnis ­
  zwischen  dem  abhängigen  Arbeiter  und  dem  Händler  auf  der  einen
Leite,  zwischen  dem  Hörigen  und  dem  Grundherrn  auf  der  anderen  Seite
ist.  Auch  dem  abhängigen  Arbeiter  bleibt  nur  gerade  so  viel,  daß  er  davon
leben  kann,  alles  übrige  nimmt  der  Unternehmer  für  sich  in  Anspruch."
„Ja,  aber  war  denn  Karls  Großvater  eigentlich  Lohnarbeiter  bei  dem
Möbelhändler?"  fragte  Wilhelm  zweifelnd.  „Er  blieb  doch  immer  selbständiger ­
  Meister."
„Na,  für  die  Selbständigkeit  danke  ich  schön",  antwortete  Karl  selbst.
„Erinnert  euch  doch,  was  ich  davon  erzählte,  wie  der  Händler  meinen  Großvater ­
  ausgebeutet  und  geschunden  hat."  —  „Aber  trotzdem",  erwiderte  ich,
„hat  Wilhelm  doch  nicht  so  ganz  unrecht.  Dein  Großvater,  Karl,  war  noch
kein  eigentlicher  Lohnarbeiter,  er  arbeitete  nicht  in  der  Werkstatt  seines
Unternehmers,  sondern  in  seiner  eigenen.  In  dieser  Lage  sind  ja  auch
heute  noch  viele  sogenannte  „Meister",  die  sich  selbständig  nennen,  in  der
Tat  aber  vom  kapitalistischen  Unternehmer  noch  mehr  geknechtet  werden  als
die  eigentlichen  Fabrikarbeiter.  Aber  wir  haben  schon  davon  gesprochen,  daß
die  Entwicklung  allgemein  über  diesen  Zustand  hinausging  und  in  der
Regel  dazu  führte,  daß  die  unselbständig  gewordenen  Arbeiter  nun  auch
in  die  Werkstätte  ihres  Unternehmers  gehen  mußten.  Es  ist  aber  klar,
daß  dadurch  zunächst  jedenfalls  nichts  am  Wert  der  Waren  verändert
wurde.  Denn  ob  der  Arbeiter  zu  Hause  arbeitet  oder  in  der  großen
Werkstätte,  das  bleibt  doch  für  das  Ergebnis  dasselbe.  Immer  bekommt
er  vom  Unternehmer  nur  so  viel,  daß  er  gerade  davon  leben  kann,  und  der
Unterschied  zwischen  dem  gezahlten  Lohn  und  dem  Verkaufspreis  der
Waren  verbleibt  dem  Untnernehmer  als  sein  Gewinn."  —  „Das  lenchtet
mir  schon  ein,"  erwiderte  Wilhelm,  „aber  ganz  überzeugt  bin  ich  doch  nicht,
daß  der  Wert  unverändert  bleibt.  Kann  denn  jetzt  nicht  der  Unternehmer
billiger  verkaufen  als  früher  der  selbständige  Meister?  Er  behält  ja  dann
doch  noch  immer  einen  Gewinn.  Wenn  der  Meister  zum  Beispiel  früher
aus  Holz  um  3  Mk.  in  einem  Tag  einen  Stuhl  gemacht  und  ihn  um
l&amp;gt;  Mk.  verkauft  hat,  so  zahlt  jetzt  vielleicht  der  Unternehmer  dem  Schreiner
2  Mk.  Lohn  und  hat  1  Mk.  Gewinn.  Wenn  er  sich  nun  aber  mit  50  Pf.
zufrieden  gibt,  kann  er  doch  den  Stuhl  mit  Mk.  5"50  verkaufen  und  so
die  Konkurrenz  unterbieten."
„Das  ist  ganz  richtig,"  erwiderte  ich,  „und  zeitweilig  geschieht  dies
"auch;  aber  niemand  verkauft  billiger,  als  er  muß.  Auf  einen  Teil  des  Ge
winns  verzichtet  daher  der  Unternehmer  immer  nur  für  kurze  Zeit,  als
Waffe  im  Konkurrenzkämpfe.  Sobald  aber  der  Zweck  erreicht,  der  Konkurrent ­
  aus  dem  Felde  geschlagen  ist,  wird  der  Preis  wieder  so  hoch  festgesetzt ­
  wie  möglich.  Das  heißt  so  hoch,  daß  er  mit  dem  Arbeitswert  übereinstimmt." ­
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        66

„Nun  ja,"  warf  Karl  ein,  „auch  das  sehe  ich  ein,  daß  der  Unternehmer ­
  den  Verkaufspreis  nicht  willkürlich  erhöhen  kann,  weil  er  fönst  von
der  Konkurrenz  geschlagen  wird;  aber  kann  er  nicht  den  Lohn  des-  Arbeiters
nach  Belieben  herabsetzen  und  dadurch  feinen  Gewinn  vergrößern?  Kann  j
er  nicht  in  dem  Beispiel,  das  Wilhelm  vorhin  anführte,  dem  Schreiner  nur  |
Mk  150  statt  2  Mk.  Lohn  zahlen  und  so  seinen  Gewinn  auf  Mk.  1'50  statt
1  Mk.  erhöhen?"  —  „Wenn  er  das  könnte,"  antwortete  ich,  „dann  täte  er  !
§8  sicher:  denn  das  ist  allgemein  das  einzige  Streben  des  kapitalistischen
Unternehmers,  seinen  Gewinn  zu  erhöhen.  Wie  es  den  Arbeitern  dabei
ergeht,  das  ist  gleichgültig.  Aber  was  würde  geschehen,  wenn  ein  Unter-  j
nehmer  schlechtere  Löhne  zahlen  würde  als  die  anderen  in  derselben.
Branche?"  —  „Dann  würde  er  bald  keine  Arbeiter  mehr  kriegen",  erwiderte  [
Karl.  „Aber  wie  ist  es  denn,  wenn  die  Löhne  in  der  ganzen  Branche
herabgesetzt  werden?"  „Dann  würden  wohl",  meinte  Wilhelm,  „viele
Arbeiter  versuchen,  den  Beruf  zu  wechseln,  sie  würden  das  Gewerbe  mit  de»  j
niedrigen  Löhnen  verlassen  imb  eins  mit  besseren  Lohnverhältnissen  auf-;
suchen."  —  „Dann  müßten  aber  doch",  warf  hier  Karl  ein,  „die  Löhne  in
allen  Gewerben  gleich  sein.  Das  ist  aber  nicht  wahr.  In  unserer  Fabrik  &amp;gt;
zum  Beispiel  bekommt  ein  Monteur  viel  mehr  Lohn  als  ein,Heizer."  ,,^a,,
aber  warum  wird  dann  der  Heizer  nicht  Monteur?"  fragte  ich.
„Weil  er  es  nicht  gelernt  hat",  erwiderte  Karl.  „Glaubst  du  denn,,
das  kann  man  so  ohneweiters,  man  braucht  nur  hinzugehen,  um  eine  Maschine ­
  zu  montieren?  Da  heißt  es  ordentlich  lernen,  bevor  einer  so
weit  ist."
.  „Nun  siehst  du",  erwiderte  ich.  „wieso  sich  die  Löhne  nicht  ganz  aus-,
gleichen.  Die  Kraft  der  Arbeiter  ist  verschieden,  ebenso  ihre  Geschicklichkeit:  i
viel  wichtiger  aber  sind  die  Unterschiede  in  der  Vorbildung.  Je  langer  einer,
braucht,  um  ein  Gewerbe  zu  erlernen,  um  so  höher  sind  in  der  Regel  dort
die  Löhne."
„Ja,  aber",  meinte  Wilhelm,  „tote  ist  es  denn,  wenn  die  Lohne  in
allen  Gewerbezweigen  zugleich  herabgesetzt  werden?  Da  können  doch  dir
Arbeiter  nicht  von  einem  Gewerbe  ins  andere  ausrücken,  weil  es  doch  überall
gleich  schlecht  ist."  |
„Vielleicht  aber",  meinte  ich,  „können  sie  ins  Ausland  gehen  und  &amp;gt;
dort  bessere  Löhne  suchen.  Ist  aber  auch  das  nicht  möglich,  und  bleiben  die  j
Löhne  längere  Zeit  so  niedrig,  daß  die  Arbeiter  nicht  einmal  so  viel  haben,
als  sie  zum  Leben  brauchen,  dann  werden  viele  von  ihnen  zugrunde  gehen  i
und  infolgedessen  werden  die  Löhne  wieder  steigen,  denn  dann  müssen  sich:
die  Kapitalisten  gegenseitig  überbieten,  um  Arbeiter  zu  bekommen,  ohne!
die  sie  nichts  machen  können."  —  -  „Aber  kommt  denn  das  auch  wirklich;
vor,"  fragte  nun  Wilhelm,  „daß  in  einem  ganzen  Lande  die  Löhne  auf!
einmal  herabgesetzt  werden?  Das  könnte  doch  nur  sein,  wenn  sich  alle  |
Kapitalisten  miteinander  verabreden,  und  das  ist  doch  sehr  unwahrschein-1
sich."  „Allerdings,"  erwiderte  ich,  „aber  in  einer  anderen  Form  kommen  j
leider  solche  allgemeinen  Lohnherabsetzungen  sehr  häufig  vor.  Der  Str- :
beiter  bekommt,  den  Lohn  in  Geld  ausgezahlt.  Das  kann  er  jedoch  nicht
essen,  er  muß  sich  Essen,  Kleider,  Wohnung  u.  s.  w.  dafür  erst  kaufen.  Wenn
aber  alle  diese  Dinge  teurer  werden,  dann  bekommt  der  Arbeiter  für  seinen
alten  Lohn  nicht  mehr  dasselbe  wie  früher,  sein  Lohn  ist  in  Wirklichkeit
gesunken."  —  „Ja,  davon  kann  meine  Mutter  ein  Lied  singen",  bestätigte  i
Wilhelm.  „Mein  Vater  ist  doch  Schutzmann  und  kriegt  jeden  Monat  sein;

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Gehalt.  Aber  die  Mutter  klagt  jetzt  die  ganze  Zeit,  fie  könne  nicht  mehr
auskommen,  alles  fei' teurer  geworden,  und  so  reiche  es  hinten  und  vorrre
nicht  mehr."
„Bei  uns  ist  es  geradeso",  bemerkte  Karl.  „Dater  hat  zwar  im
vorigen  Jahre  gestreikt  und  eine  kleine  Lohnaufbesserung  erhalten:  aber
Mutter  sagt  doch,  es  gehe  jetzt  schlechter  zusammen  als  jemals."
„Aber  wenn  jetzt,  wie  wir  ja  wissen,  die  Preise  der  Lebensmittel  in
die  Höhe  gegangen  und  die  Löhne  dadurch  allgemein  gesunken  sind,"  fragte
nun  wieder  Wilhelm,  „dann  müßten  doch  auch  die  Folgen  eintreten,  die  du
ausgemalt  hast,  dann  müßten  die  Arbeiter  vor  Hunger  sterben.  Aber  das
liest  man  doch  nie  in  der  Zeitung,  daß  heutzutage  einer  verhungert  rst."
„Das  hat  verschiedene  Ursachen",  antwortete  ich.  „Da  ist  zunächst  die
Armenversorgung,  die  viele  gerade  über  Wasser  erhält,  so  daß  sie  nicht  zugrunde ­
  gehen.  Und  das  ist  für  die  Kapitalisten  sehr  nützlich;  denn  auf  diese
Weise  können  sie  oft  die  Löhne  tiefer  herabdrücken,  als  es  sonst  möglich
wäre,  und  dann  haben  sie  da  immer  eine  Reserve  von  Arbeitskräften,  die
sie  einberufen  können,  wenn  sie  Arbeiter  brauchen.  Anderseits  aber
gehen  furchtbar  viele  Leute  infolge  von  Hunger  und  Unterernährung  zugrunde, ­
  ohne  zu  verhungern.  Der  von  Hunger  und  Entbehrungen  geschwächte ­
  Körper  ist  gegen  alle  möglichen  Krankheiten  machtlos,  die  der
kräftige,  gut  genährte  Organisnrus  spielend  überwindet.  Besonders
wächst  die  Kindersterblichkeit  mit  der  Not  ganz  furchtbar.  Endlich  werden
auch  in  Zeiten  der  Not  weniger  Kinder  gezeugt  und  geboren  als  bei  Hochstand
  der  Löhne.  So  verringern  die  niedrigen  Löhne  die  Zahl  der  Menschen
still  und  ruhig.  Der  Kapitalismus  mordet  nicht  mit  wilder  Gewalt  und
mit  großem  Lärm;  er  besorgt  das  ganz  im  stillen,  ohne  viel  Aufhebens.
Drittens  aber,  und  das  ist  ein  besonders  wichtiger  Punkt,  darf  man
hier  die  Wirksamkeit  der  Gewerkschaften  nicht  außer  acht  lassen.  Doch
darüber  ein  anderes  Mal  mehr."

Die  Gewerkschaft.
Es  hatte  einige  Zeit  gedauert,  bis  ich  mit  meinen  jungen  Freunden
wieder  zusammentraf.  Als  wir  nun  in  meiner  Stube  beisammensaßen,  begann ­
  Wilhelm:  „Du  hast  uns  neulich  gesagt,  daß  die  Gewerkschaften  besonders ­
  stark  dazu  beitragen,  daß  die  Löhne  der  Arbeiter  in  die  Höhe  gehen  oder
wenigstens  nicht  gar  zu  tief  sinken.  Darüber  ist  aber  mein  Vater  ganz  anderer ­
  Ansicht.  Ihr  wißt  doch,  da  war  unlängst  ein  großer  Streik  bei  der
Firma  M...,  und  da  hatte  mein  Vater  als  Schutzmann  einen  schweren
Dienst.  Es  mag  sein,  daß  er  dadurch  gegen  die  Gewerkschaft,  die  zu  dem
Streik  gehetzt  hat,  besonders  erbost  war;  aber  als  er  einmal  recht  rnüde
und  verärgert  nach  Hause  kam,  da  brach  er  los.  Das  hättet  ihr  nicht  hören
dürfen,  wie  er  da  über  die  Roten  und  die  Gewerkschaften  schimpfte.  Er
behauptete,  die  Gewerkschaften  seien  für  die  Arbeiter  nur  schädlich.  Zuerst
müßten  die  armen  Teufel  immer  hohe  Beiträge  bezahlen,  von  denen  die
Beamten  der  Gewerkschaft  recht  schön  lebten.  Die  machen  sich  dann^  wichtig
und  reizen  den  Unternehmer  durch  ihre  großmäulige  Frechheit,  schmeißt
der  sie  raus,  dann  hetzen  sie  zum  Streik,  bei  dem  dann  alles  draufgeht,
was  die  Arbeiter  mit  saurer  Mühe  erspart  haben.  Würden  die  Arbeiter
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        58

inii  ihrem  Chef  einig  werden  und  sich  vertragen,  dann  würde  der  ihnen  auch
viel  eher  Lohnaufbesserungen  gewähren,  während  er  jetzt  durch  ihre  drohende  j
Haltung  und  das  anmaßende  Auftreten  der  Gewerkschaftsführer  gerade
dazu  gezwungen  wäre,  zu  zeigen,  wer  der  Herr  im  Hause  ist.  Schließlich!
meinte  der  Vater,  seien  ja  die  Arbeiter  geradeso  wie  der  Iknternehmer  selbst
daran  interessiert,  daß  das  Geschäft  gut  geht.  Wenn  ein  Streik  den  Unternehmer ­
  ruiniert,  dann  liegen  die  Arbeiter  auf  der  Straße  und  haben  gan
nichts."
„Na,  und  glaubst  du,  daß  dein  Vater  da  recht  hat?"  fragte  ich.
„Ja,  das  ist  mir  stark  im  Kopfe  herumgegangen",  antwortete  Wilhelin.!
„Ich  habe  auch  schon  mit  Karl  darüber  gesprochen,  aber  wir  haben  uns  nicht;
einigen  können."
„Ich  habe  Wilhelm  gleich  gesagt,"  unterbrach  hier  Karl  eifrig,  „daß
das  ein  Unsinn  ist,  daß  die  Gewerkschaft  zum  Streik  »Hetze«.  Gerade!
das  Gegenteil  ist  wahr.  Unlängst  war  bei  uns  in  der  Fabrik  ein  Streits
-.wischen  einem  Werkführer  und  einem  Eisendreher.  Der  Arbeiter  war  im
siecht  und  doch  wurde  er  entlassen  und  nicht  der  Werkfllhrer.  Daraufhin
wollten  alle  bei  uns  in  den  Streik  treten,  um  dem  Kollegen  zu  helfen.  Aber
da  kam  einer  von  der  Organisation  und  zeigte,  daß  ein  Streik  jetzt  garkeine
  Aussichten  hat,  und  er  riet  so  lange  davon  ab,  bis  alle  es  einsahen
und  der  Streik  unterblieb.  Da  siehst  du  also,  wie  die  Gewerkschaft  zum
Streik  »hetzt«."
„Das  ist  ja  ganz  richtig,"  erwiderte  Wilhelm,  „und  ich  glaube  ja  auch,!
daß  mein  Vater  in  seinem  Aerger  etwas  gar  zu  schwarz  gemalt  hat.  Aber
die  Hauptsache  ist  doch,  ob  die  Arbeiter  nicht  besser  fahren,  wenn  sie  sich!
mit  ihrem  Unternehmer  vertragen,  als  wenn  sie'  mit  ihm  kämpfen."
„Sind  denn  aber  das  Geschäft  und  der  Unternehmer  ein  und  dasselbe?"«
warf  ich  ein.  „In  einer  Fabrik  zum  Beispiel  werden  Stücke  Stahldraht  zu!
Nadeln  verarbeitet.  Die  sind  mehr  wert  als  der  verarbeitete  Draht  und!
die  Abnutzung  der  Maschinen  und  Baulichkeiten."
„Natürlich,"  unterbrach  mich  Karl,  „sie  haben  den  Wert  dazu  gewon-I
nen,  den  ihnen  die  Arbeit  der  in  dieser  Fabrik  beschäftigten  Arbeiter  zu-t
gesetzt  hat.  Das  haben  wir  ja  schon  neulich  besprochen."
„Nun  also,"  fuhr  ich  fort;  „was  geschieht  aber  nun  mit  diesem  neuen  |
Wert?"
„Einen  Teil  davon  haben  die  Arbeiter  als  ihren  Lohn  bekommen,"!
bemerkte  Wilhelm,  „und  der  Rest  bleibt  dem  Unternehmer."
„Ganz  richtig,"  bestätigte  ich.  „Daraus  geht  aber  hervor,  daß  iserj
Anteil  des  Unternehmers  um  so  kleiner  werden  muß,  je  größer  der  Anteil!
der  Arbeiter  wird.  Je  höher  also  der  Lohn  der  Arbeiter,  desto  geringer
der  Gewinn  des  Kapitalisten."
„Na  das  sieht  nicht  ganz  so  aus,  als  ob  ihre  Interessen  überein-l
stimmten",  warf  Karl  lachend  ein.
„Das  sehe  ich  ja  ein,"  erwiderte  Wilhelm,  „und  ich  begreife  auch,
daß  ein  Geschäft  zugleich  florieren  und  der  Unternehmer  doch  nur  einen!
kleineren  Anteil  von  erzeugtem  Wert  kriegen  kann,  während  die  Arbeits-!
löhne  steigen.  Aber  das  hat  doch  seine  Grenzen.  Wenn  man  bem  Kapitalisten  I
den  ganzen  Gewinn  wegnimmt,  dann  sperrt  er  doch  lieber  die  Bude  zu  und  I
die  Arbeiter  haben  das  Nachsehen."  ;
„Da  siehst  du  gleich  an  einem  Beispiel,"  antwortete  ich,  „wozu  die
Gewerkschaften  ihre  Beamten  brauchen.  An  dem,  was  Karl  aus  seiner  Werkstatt ­

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  erzählte,  konntest  du  schon  erkennen,  wie  notwendig  es  rst,  vor  dem
Ausbruch  eines  Lohnkampfes  die  Aussichten  auf  den  Sieg  richtig  zu  beurteilen. ­
  Dazu  gehört  aber  vor  allem  auch,  daß  man  den  Widerstand  des
Gegners  richtig  einschätzt.  Geht  es  einem  Unternehmer  gut  und  hat  er  dre
Hände  voll  zu  tun,  dann  wird  er  viel  leichter  in  eine  Lohnerhöhung  ernwilligen,
  als  einen  Streik  riskieren;  denn  er  macht  ihm  sicher  großen
schaden,  während  er,  wenn  flott  weitergearbeitet  wird,  so  viel  Gewinn
macht,  daß  er  einen  kleinen  Teil  davon  den  Arbeitern  überlassen  kann,  ohne
selbst  viel  davon  zu  merken.  Geht  aber  das  Geschäft  schlecht,  ist  der
Gewinn  des  Unternehmers  sowieso  schon  gering  und  stockt  der  Absatz,  dann
verliert  der  Unternehmer  nicht  viel  durch  die  Arbeitseinstellung:  im  Gegenteil, ­
  er  braucht  in  dieser  Zeit  keine  Löhne  zu  zahlen  und  kann  sein  Warenlager ­
  ausverkaufen.  In  eine  Lohnerhöhung  wird  er  aber  gerade  dann  erst
recht  nicht  einwilligen,  denn  die  würde  ihm  seinen  Gewrnn  zu  sehr  verkürzen,
«ieber  wird  er  den  Widerstand  bis  zum  Aeußersten  trerben  und  eventuell
sogar  das  Geschäft  aufgeben.  Ein  tüchtiger  Gewerkschaftsbeamter  muß  das
alles  berücksichtigen,  er  muß  den  Markt  und  das  Geschäft  genau  kennen,
bevor  er  ein  Urteil  über  die  Zulässigkeit  eines  Lohnkampfes  abglbt.  Aber
das  ist  noch  nicht  alles.  .  ,
Wenn  die  Löhne  in  einem  Betrieb  steigen,  ist  es  oft  für  den  Kaprtalrstelr
rentabler,  neue  Maschinen  aufzustellen,  die  die  Menschenkraft  ersetzen,
Amerika,  wo  die  Löhne  am  höchsten  sind,  werden  viel  mehr  Maschrnen  verwendet ­
  als  zum  Beispiel  bei  uns.  In  China  aber,  wo  dre  Löhne  entsetzlich
niedrig  sind,  wird  fast  alles  mit  der  Hand  gemacht.  Wenn  also  m  irgendeiner ­
  Fabrik  Lohndifferenzen  ausbrechen  und  der  Gewerkfchaftsbeamie
beurteilen  will,  ob  man  in  einen  Lohnkampf  eintreten  soll,  muß,  er  sich
auch  die  Frage  vorlegen,  ob  die  verlangte  Lohnerhöhung  nicht  die
üellung  neuer  Maschinen  für  den  Unternehmer  rentabler  macht,  ob  dadurch
nicht  noch  mehr  Kollegen  brotlos  werden,  auf  der  anderen  Seite  aber  auch,
ob  der  Unternehmer  nicht  lieber  jene  Maschinen  einführen  und  die  Loknierhöhung
  bewilligen,  als  es  auf  einen  langwierigen  Lohnkampf  ankommen
lassen  wird."  ,  ,  •
„Donnerwetter!"  rief  Karl  ganz  entsetzt.  „Da  brummt  einem  w.  der
Schädel,  wenn  man  all  das  hört.  Ich  hätte  mir  die  Entscheidung  über  einen
Streik  gar  nicht  so  schwer  vorgestellt."
„Ja,  seht  ihr,"  antwortete  ich,  „die  Gewerkschaften  _  wissen  schon,
warum  und  wozu  sie  Beamte  anstellen.  Der  einzelne  Fabrikarbeiter  tennt
den  Betrieb,  in  dem  er  arbeitet,  und  die  Uebelstände,  die  dort  herrschen,
genauer  als  der  Gewerkschaftsbeamte;  aber  den  Ueberblick  über  das  ganze
Gewerbe  kann  er  sich  nicht  verschaffen.  Dazu  fehlt  es  ihm  schon  an  der  Zeit.
Dazu  muß  einer  eigens  angestellt  sein,  und  auch  dann  noch  ist  es  oft  eine
schwierige  Sache,  die  viel  Wissen  und  feinen  Takt,  die  einen  ganzen  Mann

/,Jd,  aber  sind  denn  diese  Kämpfe  überhaupt  notwendig?"  fragte  nach
einigem  Schweigen  Wilhelm.  „Dadurch  erbittern  doch  die  Arbeiter  die
Unternehmer.  Würden  sie  nicht  auf  friedlichem  Wege  eher  etwas  erreichen?"
1  „Nun,  das  ist  ja  schon  genug  versucht  worden",  antwortete  ich.  „Bevor
cs  noch  Gewerkschaften  gab,  hätten  doch  die  Unternehmer  reichlich  Gelegenheit ­
  gehabt,  ihre  Großmut  zu  zeigen.  Damals  ist  ihnen  aber  davon  gar
nichts  eingefallen.  Erst  als  ihnen  später  die  Organisationen  der  Arbeiter
zu  Leibe  gingen,  da  fingen  sie  zu  schreien  an,  sie  hätten  ja  gern  alles  Mdg-
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        tichs  freiwillig  gegeben,  drängen  liehen  sie  sich  nicht.  Aber  die  Arbeiter  hatten
noch  zu  gut  in  Erinnerung,  daß  sie  freiwillig  von  ihren  Arbeitgebern  nie
etwas  bekommen  hatten,  und  so  glaubten  sie  ihnen  jetzt  nicht  und  hielten
lieber  am  Kampfe  fest,  und  auf  diese  Art  erreichten  sie  auch  alles,  was  sie
überhaupt  errungen  haben."
„Das  mag  ja  alles  richtig  sein",  warf  hier  Wilhelm  ein.  „Ich  sehe
ein,  daß  die  Interessen  der  Unternehmer  denen  der  Arbeiter  geroöe  entgegengesetzt ­
  sind  und  daß  sie  deshalb  im  Kampfe  miteinander  stehen
müssen.  Aber  das  beweist  doch  nicht,  daß  die  organisierten  Arbeiter  die
anderen  vergewaltigen  müssen."
„Das  ist  auch  nicht  wahr,  das  tun  sie  nicht!"  schrie  hier  Karl  ganz
zornig  dazwischen.
„Reg'  dich  nicht  so  auf,"  erwiderte  Wilhelm  höhnisch,  „du  hast  mir
selbst  vor  ein  paar  Tagen  erzählt,  daß  bei  euch  in  der  Fabrik  jeder  neu
eintretende  Arbeiter  vom  Vertrauensmann  der  Gewerkschaft  gefragt  wird,
ob  er  der  Organisation  angehört.  Wenn  das  nicht  der  Fall  ist  und  wenn
er  nicht  beitreten  will,  dann  fliegt  er  raus.  Ist  das  nicht  ein  Zwang,  eine
Vergewaltigung?"
„Man  kann  doch  niemand  zwingen,  mit  so  einem  Kerl  zusammenzuarbeiten", ­
  antwortete  Karl.
„Ja,  ist  denn  das  etwas  so  Schreckliches,  wenn  einer  nicht  dem  Verein
angehören  will?"  entgegnete  Wilhelm.  „Das  sollte  doch  in  jedermanns
freiem  Belieben  stehen."
„Weißt  du,"  warf  ich  da  ein,  „wie  man  die  Leute  nennt,  die  im  Kriege
hinter  den  Armeen  einherziehen  und  nach  der  Schlacht  den  Sieg  dazu  ausnützen, ­
  um  zu  plündern,  und  weißt  du,  was  man  mit  denen  tut?"
„Marodeure  werden  erschossen",  antwortete  Wilhelm.  „Aber  ich  weiß
nicht  recht,  wo  du  mit  dieser  Frage  hinaus  willst."
„Ich  verstehe  es  ganz  gut",  unterbrach  Karl.  „So  ein  Mensch,  der
keiner  Organisation  angehört,  der  beteiligt  sich  nicht  am  Kampfe,  er  gibt
fein  Geld  und  keine  Arbeitskraft  für  die  Sache  der  Arbeiter  her;  wenn  es
aber  zum  Kampfe  kommt,  dann  läßt  er  sich  unterstützen  oder  er  wird  zum
Streikbrecher:  und  ist  der  Sieg  von  der  Organisation  gewonnen,  dann  nimmt
er  an  den  Früchten  des  Sieges  gern  teil,  dann  läßt  er  sich  den  höheren
Lohn,  die  kürzere  Arbeitszeit  gern  gefallen.  So  ein  Unorganisierter  ist  nichts
anderes  als  ein  Marodeur."
„So  habe  ich  die  Sache  freilich  noch  nicht  angesehen",  erwiderte  Wilhelm ­
  etwas  kleinlaut.  „Da  begreife  ich  die  Erbitterung  der  Organisierten,
wenn  mir  auch  der  Vergleich  mit  Marodeuren  doch  gar  zu  hart  erscheint."
„So?"  fragte  ich.  „Der  Vergleich  ist  noch  zu  milde:  denn  der  plündernde
Marodeilr  fällt  wenigstens  der  Armee,  deren  Sieg  er  für  sich  ausnützt,
nicht  in  den  Rücken,  wie  es  der  Unorganisierte  so  häufig  tut,  und  noch  dazu
einer  Armee,  die  für  seine  eigene  Sache  ficht."
„Das  ist  schon  wahr",  bestätigte  Wilhelm.  „Die  Arbeitswilligen  müssen
schr  oft  üble  Kunden  sein.  Auf  die  ist  auch  mein  Vater  eigentlich  nicht  gut
zu  sprechen.  Als  er  unlängst  so  verdrossen  und  mürrisch  nach  Hause  kam
und  über  den  Streik  schimpfte,  der  ihm  soviel  Arbeit  mache,  da-  sagte  er
auch:  Und  das  Ekelhafteste  bei  der  ganzen  Geschichte,  das,  was  einen  am
meisten  aufbringt,  das  ist,  daß  man  diese  Kerle  noch  liebevoll  beschützen
muß,  die  man  am  liebsten  gleich  ins  Kittchen  brächte.  Unter  den  Arbeitswilligen ­
  gab  es  heute  ein  Paar  Galgengesichter,  wie  man  sie  sonst  nur  in  den

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verrufensten  Kneipen  steht.  Wenn  mich  sonst  so  einer  von  weiten!  sieht,  dann
macht  er,  daß  er  werter  kommt,  und  jetzt  muß  ich  selber  diese  Kerle  now
beschützen.  Das  machte  meinen  Vater  am  meisten  wütend  gegen  den  Streik
daß  er  als  Schutzmann,  als  königlicher  Beamter,  solchen  Galgenvögeln  noch
beinahe  den  Bedienten  machen  muß."
„Siehst  du,"  antwortete  ich,  „das  kommt  eben  daher,  daß  sich  ein
anständiger  Arbeiter  zum  Streikbrecher  nicht  hergibt.  Aber  wir  stehen  ja  da
auf  demselben  Standpimkt  wie  dein  Vater.  Auch  wir  sagen.  Laß  es  ein  Mißbrauch ­
  ist,  die  Polizei  zum  Schutz  dieser  dunklen  Ehrenmänner  zu  verwenden. ­
  Dafür  soll  dein  Vater  nicht  die  Arbeiter  verantwortlich  machen,
sondern  die,  die  ihn  zu  diesen  Dienst  bestimmt  haben."
„Aber  treten  denn",  warf  Wilhelm  ein,  „die  anderen  Arbeiter  der
Gewerkschaft  nur  bei,  weil  sie  mit  den  Unternehmern  kämpft?  Die  Gewerkschaften ­
  haben  doch,  soviel  ich  weiß,  auch  allerhand  Unterstützungskassen.
Die  dienen  doch  nicht  dem  Kampfe?"
„Das  läßt  sich  nicht  so  ohne,  weiteres  sagen",  antwortete  ich.  „Sie  alle
erleichtern  wenigstens  den  Kampf.  So  schützt  zum  Beispiel  die  Unterstützung
der  Arbeltslofen  davor,  daß  diese  gezwungen  sind,  um  jeden  Preis  Arbeit
anzunehmen  und  dadurch  die  Löhne  zu  drücken.  Denselben  Zweck  verfolgt  die
Reiseunterstützung,  und  die  bietet  dabei  noch  den  Vorteil,  daß  durch  sie  die
Gewerkschaft  darauf  Einfluß  gewinnt,  wohin  die  Arbeiter  reisen.  Sie  farm
sie  zum  Beispiel  davor  warnen,  an  einen  Ort  zu  gehen,  wo  gerade  Lohnkämpfe
  ausgebrochen  sind."
„Aber  wenn  das  so  ist,"  entgegnete  Wilhelm  nachdenklich,  „wenn  die
Gewerkschaft  m  jeder  Hinsicht  so  gut  für  die  Arbeiter  sorgt,  dann  verstehe  ich
erst  recht  nicht,  wozu  noch  eine  politische  Partei  notwendig  ist,  die  doch,  wie
du  sagst,  denselben  Zweck  verfolgt  wie  die  Sozialdemokratie.  Wäre  es  da  nicht
besser,  wenn  die  Arbeiter  ihre  ganze  Kraft  nur  der  Gewerkschaftsbewegung
zuwenden  würden?"
„Aber  Wilhelm!"  unterbrach  hier  Karl.  „Wie  kannst  du  so  etwas
sagen?  Hast  du  denn  nicht  die  Artikel  in  der  „Arbeiter-Jugend"  gelesen,  die
ich  dir  neulich  gegeben  habe,  besonders  den  über:  „Die  Gewerkschaften  unter
dem  Sozialistengesetz"?  Da  hast  du  doch  deutlich  sehen  können,  daß  die  Politik
für  die  Gewerkschaften  nicht  gleichgültig  ist."
„Freilich,"  entgegnete  Wilhelm  spöttisch,  „aber  den  Nutzen  der  Politik
für  die  Gewerkschaften  konnte  ich  gerade  da  nicht  sehen:  denn  hätten  die
Sozialdemokraten  damals  nicht  durch  ihre  staatsfeindliche  Agitation  daS
Sozialistengesetz  veranlaßt,  dann  wäre  den  Gewerkschaften  nichts  geschehen,
dann  hätte  ihnen  Bismarck  nicht  ihre  Rechte  weggenommen."
„Aber  woher  hatten  denn  die  Arbeiter  überhaupt  die  Rechte,  die  ihnen
Bismarck  mit  seinem  Sozialistengesetz  wegnahm?"  warf  ich  dazwischen.
„Na,  da  siehst  du  es  ja,  Wilhelm!"  rief  Karl.  „Erinnere  dich  an  den
Artikel:  „Der  Kampf  um  das  Koalitionsrecht"  in  unserer  Zeitung.  Da
konntest  du  es  lesen,  wie  erst  der  politische  Kampf  der  Arbeiterklasse  das
Koalitionsrecht  schuf,  wie  die  Arbeiter  die  Rechte,  die  sie  haben,  sich  erst
erobern  mußten.  Da  kannst  du  also  sehen,  daß  die  wichtigsten  Rechte,  die
die  Gewerkschaften  zum  Leben  brauchen,  erst  durch  politischen  Parteikampf
erobert  und  dann  behauptet  werden  mußten."
„Uebrigens  fällt  mir  jetzt  da  noch  etwas  ein,  was  die  Wichtigkeit  der
Gesetzgebung  für  die  Arbeiter  zeigt",  fuhr  Karl  fort.  „Das  sind  die  Arbeiterichutzgesetze.
  Da  hat  zum  Beispiel  unlängst  meine  Schwester  Luise,  die  das
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        62

Mumenmachen  lernt,  auch  am  Sonntag  ins  Geschäft  kommen  musien.  Von
außen  war  an  dem  Geschäft  nichts  zu  sehen.  Die  Mädchen  muhten  durch  die
Hintertür  gehen,  damit  man  nichts  bemerkt.  Aber  tote  mern  Vater  das
erfuhr  daß  das  arme  Mädel  auch  noch  am  Sonntag  m  die  Schwttzbude
kriechen  mußte,  da  machte  er  die  Anzeige,  und  am  nächsten  Sonntag  kam  dre
Volizei  und  schickte  die  Mädels  nach  Hause  und  dte  Metstertn  mußte  Strafe
bezahlen.  Da  siehst  du  doch,  Wilhelm,  daß  die  Gesetze  für  uns  wtchttg  sind
und  auf  die  Gesetzgeberei  kann  man  doch  nur  eintotrken,  wenn  man  Poltttk

„Wenn  aber  die  Gesetze  gar  so  wichtig  sind,"  wandte  nun  Wilhelm
wieder  ein,  „dann  weiß  ich  wieder  nicht,'wozu  die  Gewerkschaften  sind.  Dann
läßt  sich  doch  alles  durch  Gesetze  regeln."  l
„Das  ist  schon  deshalb  nicht  richtig,"  ekwiderte  tch,  „Werl  das  Gesetz
nur  allgemeine  Vorschriften  erlassen  kann.  Die  Verhältmsfe  sind  aber  fast  tn
sedem  Betrieb  verschieden.  Das  Gesetz  kann  deshalb  nur  anordnen,  wav
überall  durchführbar  ist,  die  Gewerkschaft  kann  aber  oft  darüber  htnaus
m  einzelnen  Betrieben  noch  viel  mehr  durchsetzen.  Dann  t,t  es  auch  meist
ungeheuer  schwierig,  ein  neues  Gesetz  durchzubrmgen,  wahrend  es  oft  den
Gewerkschaften,  wenigstens  auf  einzelnen  Gebteten,  Mel  letchter  gelingt
selbst  das  durchzusetzen,  was  das  Gesetz  bewirken  sollte.  Endlich  aber  erlangt
Gesetz  gerade  erst  durch  die  Wirksamkeit  der  Gewerkschaften  lerne  volle
Geltung:  denn  die  wachen  am  sorg-fältigsten  über  seiner  Ausführung.  So
ergänzen  sich  die  Tätigkeit  der  Gewerkschaften  und  die  der  Gesetzgebung
in  der  wirksamsten  Weise."  ,  .  0  ,  „1
„Gibt  es  denn  überhaupt  gesetzliche  Bestimmungen  über  den  Lohn^

fragte  Karl.  „  ,  „
„Ueber  die  Art  der  Auszahlung  und  Aehnliches  bestimmt  das  Gesetz,
entaegnete  ich:  „aber  über  die  Höhe  des  Lohnes  sagt  es  gar  nichts,  und  oo-j
ist  auch  schwer  möglich,  da  die  Verhältnisse  zu  verschiedenartig  sind.  Dtt
gesetzlichen  Bestimmungen  beziehen  sich  meist  auf  die  Arbeitszeit,  besonders
von  Frauen  und  jugendlichen  Arbeitern,  also  gerade  dem  Teile  der  Arbeiterschaft, ­
  der  sich  am  schwersten  durch  eigene  Organisation  schützen  kann.
„Also  ist  da  eine  Art  Arbeitsteilung,"  meinte  Karl.  „Die  Gesetzgebung ­
  übernimmt  das  zur  Erledigung,  was  die  Gewerkschaften  nicht  machen
können  und  umgekehrt."
„Leider  stimmt  das  nicht  ganz,"  erwiderte  ich,  „denn  es  bleibt  noch  W
viel  übrig,  was  die  Gewerkschaften  nicht  leisten  können,  wofür  aber  auch
keine  Gesetze  bestehen.  Immerhin  aber  ergänzen  sich,  wie  ich  schon  vorhin
sagte,  die  Gewerkschaften  und  die  Gesetzgebung  in  wirksamer  Weise,  besoiiders
  in  der  Bestimmung  der  Arbeitszeit,  und  die  ist  für  den  Arbeiter  fast
noch  wichtiger  als  die  Festsetzung  des  Lohnes."

Die  Arbeitszeit.
„Das  ist  aber  doch  eine  Uebertreibung,"  meinte  Karl,  „wenn  du  sagst,
daß  die  Bestimmung  der  Arbeitszeit  für  den  Arbeiter  fast  noch  wichtiger
ist  als  die  Festsetzung  des  Lohnes.  Gewiß  ist  es  für  mich  sehr  wichtig,
wie  lange  ich  am  Tage  arbeite,  wann  ich  Feierabend  machen  kann;  aber  ohne
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  fast

iu  sagst,
sichtiger
wichtig,
ier  ohne

Lohn  kann  rch  überhaupt  nicht  leben,  ich  muß  verhungern.  Darum  glaube
ich  doch,  daß  der  Lohn  für  den  Arbeiter  noch  viel  bedeutungsvoller  ist  als  die
Arbeitszeit."
„Das  sieht  freilich  ganz  richtig  aus,"  erwiderte  ich:  „aber  betrachten
wir  dre  Sache  einmal  etwas  genauer,  und  wir  werden  sehen,  daß  es  doch
nicht  ganz  stimmt.  Stelle  dir  zum  Beispiel  vor,  du  solltest  Tag  für  Tag
etwa  18  Stunden  arbeiten  und  bekämst  einen  sehr  hohen  Lohn  dafür.  Wärst
du  damit  zufrieden?"
„Das  hält  ja  kein  Mensch  aus!"  rief  Karl  entsetzt.  „Unlängst  machten
wir  Ueberzett,  und  nach  diesen  10^2  Stunden  Arbeit  fühlte  ich  mich  schon
ganz  zerbrochen.  Wenn  ich  täglich  18  Stunden  arbeiten  müßte,  dann  wäre
ich  schon  nach  der  ersten  Woche  eine  rote  Leiche."
„Nun,"  bestätigte  ich,  „dann  würde  dir  kein  noch  so  hoher  Lohn  mehr
nützen.  Wird  der  Arbeiter  zu  stark  angestrengt,  muß  er  täglich  zu  lange
arbeiten,  so  leidet  seine  Gesundheit,  verkürzt  sich  sein  Leben  mindestens
.  ebenso  tote  bei  zu  niedrigen  Löhnen.  Dazu  kommt  aber  noch  eins,  und  das
ist  von  größter  Bedeutung.  Der  Mensch,  der  nur  gerade  sein  Leben  fristet
,  und  Kinder  aufzieht,  der  lebt  nicht  besser  und  hat  nicht  mehr  Wert  als  ein
Stuck  Vieh.  Im  Anfang  des  Kapitalismus,  als  die  Arbeiter  noch  unorganisiert ­
  und  wehrlos  waren,  da  herrschten  unmäßig  lange  Arbeitszeiten,  da
lebten  sie  auch  zum'großen  Teil  ganz  stupid  dahin,  das  Elend  hatte  sie
stumpf  gemacht,  nur  hie  und  da  kam  es  zu  wilden  Ausbrüchen  der  Der-3meiflung,_
  die  aber  von  den  Regierungen  leicht  erstickt  werden  konnten.
Erst  allmählich  sind  die  Arbeiter  wieder  zum  Bewußtsein  ihrer  Menschenwürde ­
  gekommen,  sie  haben  einsehen  gelernt  daß  sie  sich  organisieren,  daß
sie  einen  langen,  hartnäckigen  und  opferreichen  Kampf  mit  ihren  Ausbeutern
führen  müssen,  um  in  die  Höhe  zu  kommen.  Aber  schon  damit  sie  zu  dieser
Erkenntnis  kamen,  dazu  war  notwendig,  daß  sie  Zeit  hatten  zum  Nachdenken ­
  und  zur  Beratung  untereinander.  Solange  der  Arbeitstag  alle
Kräfte  in  Anspruch  nahm,  solange  der  Arbeiter  huudemüde  nach  Hause
kam,  um  sich  möglichst  rasch  durch  todähnlichen  Schlaf  für
die  Rackerei  des  nächsten  Tages  vorzubereiten,  da  konnte  von  Organisation,
von  Aufklärung  und  Bildung,  von  gewerkschaftlichem  und  politischem  Leben
der  Arbeiterschaft  noch  kaum  die  Rede  sein.  Ihr  seht  also,  daß  die  notwendigste ­
  Vorbedingung  jeder  Kultur  des  Proletariats  die  .Kürzung  der  Arbeitszeit ­
  ist."
„Mir  scheint,"  warf  nun  Wilhelm  ein,  „daß  ihr  beide  recht  habt.  Für
den  einzelnen  Arbeiter  ist  vielleicht  die  Höhe  des  Lohnes  noch  wichtiger  als
die  Länge  der  Arbeitszeit;  für  die  Arbeiterschaft  im  ganzen  aber,  für  ihr
Schicksal  und  ihre  Zukunft  ist  doch  die  Verkürzung  der  Arbeitszeit  das  allerwichtigste. ­
  Aber",  fügte  er  zu  mir  gewendet  hinzu,  „warum  leisten  denn
die  Unternehmer  gerade  gegen  die  Beschränkung  der  Arbeitszeit  einen  nom
heftigeren  Widerstand  als  gegen  die  Erhöhung  des  Arbeitslohnes?  Ich  habe
das  schon  wiederholt  in  der  Zeitung  verfolgt,  daß  bei  Streiks  die  Unternehmer ­
  noch  eher  bereit  sind,  den  Lohn  zu  erhöhen,  als  die  Arbeitszeit
herabzusetzen.  Ich  hätte  gedacht,  daß  ihnen  das  ganz  gleich  sein  kann.,  Ich
habe^  über  diese  Frage  schon  öfters  nachgedacht,  und  nach  dem,  was  wir
neulich  über  Wert  und  Lohn  gesprochen  haben,  schien  mir  dieser  Unterschied
erst  recht  unverständlich.  Nehmen  wir  znm  Beispiel  an,  ein  Arbeiter  arbeite
täglich  zehn  Stunden  und  bekomme  einen  Lohn  von  3  Mk.  täglich.  Nehmen
wir  an,  daß  der  Arbeiter  den  Wert  dieser  3  Mk.,  seines  Lohnes,  in  sechs
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        64

Stunden  schafft,  dann  bleiben  noch  vier  Stunden,  die  er  für  den  Unternehmer ­
  allein  arbeitet.  Das  wäre  dann  also  ein  Wert  von  2  Mk.  Verlangt
jetzt  der  Arbeiter  eine  Lohnerhöhung  bort  50  Pf.,  so  blieben  für  den  Unternehmer ­
  bei  gleicher  Arbeitsleistung  nur  noch  Mk.  1'50.  Denn  von  dem
ganzen  neu  erzeugten  Wert  von  5  Mk.  fallen  jetzt  Mk.  3T&amp;gt;0  dem  Arbeiter
zu,  es  bleiben  also  Mk.  1'50  für  den  Unternehmer  übrig.  Genau  das  gleiche
wird  aber  erzielt,  wenn  der  Lohn  gleichbleibt,  die  Arbeitszeit  aber  um  eine
Stunde  vermindert  wird.  Dann  erzeugt  der  Arbeiter  nach  wie  vor  in  sechs
Stunden  den  Wert  seines  Lohnes,  und  in  den  restlichen  drei  Stunden  erzeugt
  er  für  den  Unternehmer  einen  Wert  von  Mk.  1'50.  In  beiden  Fällen
kommt  also  genau  das  gleiche  heraus,  ich  kann  daher  nicht  einsehen,  warum
das  den  Unternehmern  nicht  ganz  gleil-  sein  sollte."
„Nun,  das  haben  wir  ja  gerade  gesehen",  erwiderte  Karl.  „Je  mehr
Zeit  die  Arbeiter  für  sich  haben,  um  so  besser  können  sie  sich  geistig  werterbilden,
  und  um  so  besser  können  sie  sich  vor  tiHetn  organisieren.  Da  ist  es
doch  begreiflich,  daß  die  Unternehmer  dagegen  sind."
„Etwas  ist  schon  an  dem,  was  du  da  sagst,"  erwiderte  ich,  „aber  maß-  '
gebend  für  die  Unternehmer  sind  doch  in  erster  Linie  andere  Erwägungen,
die  ihnen  noch  viel  näher  liegen.  Du  hast  nämlich,  Wilhelm,  vor  allem  bet
deiner  Rechnung  einen  wichtigen  Umstand  ausgelassen.  Wir  haben  icx  gesehen, ­
  daß  der  Wert  einer  Ware  nicht  nur  von  der  Arbeit  abhangt,  die  unmittelbar ­
  zu  ihrer  Herstellung  notwendig  war,  sondern  auch  von  dem  Wert
des  Rohmaterials  und  von  der  Abnutzung  der  Maschinen,  Werkzeuge  u.  s.  w.
Der  Wert  dieser  Arbeitismittel  muß  ersetzt  sein,  bis  dtese  abgenutzt  sind.
Nehmen  wir  an,  eine  Maschinenanlage  habe  300.000  Mk.  gekostet  und  ihre
Lebensdauer  sei  zehn  Jahre,  das  heißt,  nach  durchschnittlich  zehn  Jahren
sind  diese  Maschinen  aufgebraucht,  dann  müssen  sie  zum  alten  Ersen  geworfen
werden.  Ist  das  der  Fall,  dann  müssen  in  jedem  Jahre  30.000  Mk.  ersetzt
werden  oder,  das  Jahr  zu  300  Arbeitstagen  gerechnet,  in  einem  Tage  müssen
100  Mk.  ersetzt  werden,  das  heißt,  um  soviel  müssen  die  in  diesem  Tage  erzeugten ­
  Waren  teurer  verkauft  werden,  damit  am  Schluß  der  zehn  Jahre
der  Wert  der  Maschinenanlage  wieder  voll  hereingebracht  ist."
„Aha,  ich  verstehe  schon",  unterbrach  mit  da  Wilhelm.  „Diese  100  Mk.
inüssen  täglich  ersetzt  werden,  gleichviel,  wieviel  Waren  hergestellt  worden
sind.  Wenn  also  nur  neun  Stunden  statt  zehn  gearbeitet  wird,  so  muß  auch
in  diesen  neun  Stunden  dieser  Ersatz  von  100  Mk.  geschaffeit  werden.  Aber
wie  ist  denn  das  möglich?"
„Es  müssen  eben",  antwortete  ich,  „die  Preise  für  das  Stück  erhöht
werden.  Früher  mußte  das  Arbeitsprodukt  einer  Stunde  mit  10  Mk.  belastet ­
  werden,  damit  in  zehn  Arbeitsstunden  die  100  Mk.  hereingebracht
werden,  jetzt  aber  muß  auf  das  Produkt  jeder  Arbeitsstunde  mehr  als
11  Mk.  aufgeschlagen  werden,  damit  sich  die  100  Mk.  schon  in  neun  Stunden
erzielen  lassen.  Die  betreffende  Ware  muß  daher  verteuert  werden  und  das
erschwert  ihren  Absatz,  oder  der  Unternehmer  muß  auf  einen  Teil  fernes
Gewinnes  verzichten  und  dafür  die  Preise  so  weit  herabsetzen,  daß  er  wieder
so  wie  früher  verkaufen  kann.  Sowieso  hat  er  also  einen  noch  größeren
Schaden  als  bei  der  Erhöhung  der  Löhne  seiner  Arbeiter,  und  es  ist  daher
begreiflich,  daß  er  sich  dagegen  noch  heftiger  sträubt."
„Danach  wäre  also",  meinte  Karl  wieder,  „jede  Verkürzung  der  Arbeitszeit ­
  ein  schwerer  Schaden  für  den  Unternehmer."
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  läßt  sich  doch  nicht  so  ohnetoeiters  behaupten",  antwortete  ich.
„Man  darf  nämlich  nicht  vergessen,  daß  der  Arbeiter  keine  Maschine  ist  und
daher  ermüdet.  So  kann  es  kommen,  daß  er  zum  Beispiel  in  acht  Stunden
ebensoviel  oder  vielleicht  sogar  noch  mehr  leistet  als  früher  in  zehn  Stunden,
und  tatsächlich  ist  das  auch  schon  oft  der  Fall  gewesen.  Dazu  kommt  noch,
daß  der  übermüdete  Arbeiter  viel  Ausschuß  macht,  schlecht  arbeitet  und  dadurch ­
  viel  Material  und  oft  sogar  auch  Werkzeug  und  Maschinen  verdirbt."
„Das  kann  ich  mir  ganz  gut  für  den  Handwerker  vorstellen,  aber  nicht
Titr  den  Fabrikarbeiter",  warf  Wilhelm  ein.  „Die  Schneider  zum  Beispiel,
die  für  unser  Geschäft  arbeiten,  können  vielleicht  in  kürzerer  Arbeitszeit
ebensoviel  oder  sogar  noch  mehr  leisten  als  in  einer  längeren;  denn  da
kommt  es  auf  die  Geschwindigkeit,  die  Geschicklichkeit  des  Arbeiters  an;
aber  in  der  Fabrik,  wo  Karl  arbeitet,  da  wird  doch  die  Geschwindigkeit  der
Arbeit  von  der  Maschine  angegeben,  da  kann  doch  der  Arbeiter  gar  nicht
flinker  arbeiten,  als  es  ihm  die  Maschine  erlaubt."
„Das  ist  schon  wahr,"  entgegenete  Karl;  „aber  wenn  der  Arbeiter  frischer
und  weniger  müde  ist,  dann  kann  man  eben  die  Maschine  schneller  laufen
lassen.  Ich  sehe  das  oft  zum  Beispiel  bei  unseren  Drehern.  Wenn  sie  morgens ­
  in  die  Fabrik  kommen,  dann  arbeiten  sie  ganz  leicht  an  der  Drehbank.
Am  Abend  brauchen  sie  schon  viel  länger  zum  Aufbringen  der  neuen  Werkstücke ­
  und  damit  gibt  es  auch  viel  mehr  verdorbene  Stücke,  Ausschuß.  Wenn
die  Arbeitszeit  kürzer  wäre,  dann  dürften  die  Drehbänke^wahrscheinlich  noch
schneller  laufen,  es  könnte  also  wahrscheinlich  in  acht  Stunden  mindestens
ebensoviel  geschafft  werden  wie  jetzt  in  neun."
„Ja,  aber  wenn  das  wahr  ist,"  warf  nun  Wilhelm  wieder  ein,  „dann
stimmt  das  doch  nicht,  was  du  früher  gesagt  hast,  warum  die  Unternehmer
so  sehr  gegen  die  Verkürzung  der  Arbeitszeit  sind.  Denn  wenn  die  Arbeiter
in  der  kürzeren  Zeit  so  viel  arbeiten  wie  vorher  in  der  längeren,  dann  ist
doch  nicht  recht  zu  verstehen,  warum  sich  die  Unternehmer  gerade  gegen  diese
Verkürzung  so  heftig  sträuben."
„Dieser  Einwand  hat  eine  gewisse  Berechtigung",  erwiderte  ich.  „Aber
erstens  dauert  es  gewöhnlich  einige  Zeit,  bis  die  Arbeiter  sich  so  an  die
kürzere  Arbeitszeit  gewöhnt  haben,  daß  sie  jetzt  ebensoviel  schaffen  wie  früher
in  der  längeren  Arbeitszeit.  Zweitens  tritt  dieser  Erfolg  auch  nicht  immer
und  überall  ein.  Oft  wird  nur  ein  Teil  der  Arbeitszeitverkürzung  auf  diese
Weise  wettgemacht;  drittens  aber,  und  das  ist  wohl  der  wichtigste  Grund,
ist  fast  immer  eine  Umformung  der  Maschinenanlagen  u.  s.  w.  erforderlich,
dannt  das  alte  Resultat  auch  bei  kürzerer  Arbeitszeit  erreicht  werden  kann.
Es  müssen  oft  neue  Maschineu  aufgestellt  und  die  alten  einer  schnelleren
Gangart  angepaßt  werden.  Das  alles  kostet  Geld,  oft  viel  Geld,  und  wenn
sich  diese  Anlagen  auch  oft  gut  rentieren,  macht  sie  der  Unternehmer,  doch
recht  ungern.  Wenn  er  das  Geld  hat  oder  leicht  geborgt  kriegt,  würde  er
es  lieber  zur  Erweiterung  seines  Unternehmens  verwenden.  Hat  er  das
Geld  nicht  und  auch  keinen  guten  Kredit,  so  kommt  er  nun  in  große  Verlegenheit. ­
  Jedenfalls  ärgert  er  sich,  daß  er  durch  seine  Arbeiter  gezwungen
wird,  sein  Geld  oder  seinen  Kredit  anders  zu  verwenden,  als  er  selbst
wollte."
„Ich  glaube,"  ergänzte  Karl,  „da  wirkt  wohl  noch  ein  Umstand  mit.
Eine  Lohnerhöhung  kann  man  oft  bald  wieder  rückgängig  machen  oder  der
Unternehmer  hofft  wenigstens,  daß  ihm  das  gelingen  werde.  Wenn  er  aber
eigens  Maschinen  hat  anschaffen  oder  renovieren  lassen  nrüsien  für  die  kürzere
5
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        Arbeitszeit,  baun  kann  er  das  nicht  so  leicht  ungeschehen  machen,  dann  muß
es  schon  bei  der  kürzeren  Arbeitszeit  bleiben,  auch  wenn  die  Gewerkschaft
zum  Beispiel  nachher  besiegt  ober  sonst  geschwächt  wirb."
„Gewiß  spielt  bas  auch  eine  Rolle,"  ergänzte  ich,  „unb  ebenso  auch,  baß
in  einem  mobernen  Großbetriebe  bic  Arbeitszeit  für  alle  ober  boch  fast  alle,
Arbeiter  bie  gleiche  ist,  der  Lohn  aber  nicht.  Ter  Unternehmer  kann  baher  '
irgenbeiner  Gruppe  von  Arbeitern,  bic  besonbers  gut  organisiert  unb  angriffslustig ­
  ist,  Lohnerhöhung  gewähren,  bem  Rest  aber  nicht.  Eine  Verkürzung ­
  ber  Arbeitszeit  bagegen  macht  sich  von  selbst  für  alle  geltenb."

Zeitlohn  und  Stücklohn.
^  „Donnerwetter,  Karl,"  rief  ich,  als  ich  bas  nächstemal  meine  jungen  I
Freunbe  traf,  „was  machst  bit  beim  für  ein  saures  Gesicht!  Was  ist  bir  bcnn  1
passiert?"
„Nun  ja,"  antwortete  Karl  übelgelaunt;  „soll  man  sich  ba  nicht
ärgern,  wenn  einem  bas  Gelb  ans  ber  Tasche  gestohlen  wirb?"
„Unb  noch  bazu  solches,  bas  noch  gar  nicht  brin  war",  ergänzte  Wilhelm ­
  lachenb.  „Karl  hat  mir  schon  erzählt,  warum  er  so  aufgebracht  ist.  Es  j
ist  ihnen  in  ber  Fabrik  ber  Akkorblohn  herabgesetzt  worben."
„Ist  bas  nicht  auch  wirklich  eine  Gemeinheit?"  rief  Karl.  „Da  kam  - :
vor  acht  Tagen  eine  ganz  neue,  komplizierte  Arbeit  bei  uns  aus.  Zuerst
kriegten  nur  bie  brei  besten  von  unseren  Drehern  solche  Stücke  mit  bem  :
Auftrag,  sie  nur  recht  schnell  zu  machen.  Die  plagten  sich  benn  auch  ordentlich
damit  und  arbeiteten  fix  drauflos.  Wie  sie  mit  den  drei  Stücken  fertig  ;
waren,  die  jeder  von  ihnen  noch  an  demselben  Tag  fertiggestellt  hatte,  kam
der  Meister  und  erklärte,  jetzt  bekämen  alle  in  unserer  Werkstatt  diese
Arbeit,  und  für  das  Stück  werden  zwei  Mark  bezahlt,  da  hätte  jeder  einen
Taglohn  von  sechs  Mark.  Das  wäre  ja  nun  soweit  ganz  schön  gewesen;
aber  nur  bie  allerbesten  unb  flinksten  Arbeiter  brachten  auch  wirklich  in
einem  Tag  drei  fehlerlose  Stücke  fertig;  bic  anderen  brachten  es  anfangs
oft  nur  auf  zwei,  und  so  hatten  sie  nur  vier  Mark  verdient.  Abei  bei  der  i
Arbeit  kriegt  man  doch  mit  der  Zeit  seinen  Vorteil  heraus,  auch  lernt  einer  :
vom  anderen,  ^und  so  kamen  wir  gegen  Ende  der  Woche  doch  dabin,  daß
fast  alle  drei  Stück  fertig  kriegten,  manche  aber  sogar  schon  vier.  Freilich,
eine  ordentliche  Schinderei  war  es,  bis  man  so  weit  kam;  aber  wenigstens  ;
durfte  man  hoffen,  daß  jetzt  in  der  zweiten  Woche  die  Löhne  gut  ausfallen
würden.  Wir  konnten  es  brauchen;  denn  viele  waren  bei  dem  Akkord  recht
schlecht  weggekommen;  aber  jetzt  kommt  auf  einmal  am  Montag  der  Meister
und  verkündet,  fortan  werde  per  Stück  nur  mehr  Mk.  1'50  bezahlt  werden.  I
«Ihr  habt  es  ja  jetzt  schon  fein  heraus,"  sagte  er,  „wie  bie  Sache  rasch  I
geht.  Jetzt  braucht  ihr  euch  nicht  mehr  mit  jedem  Stück  so  zu  Plagen.  Da  sind
Mk.  1-50  auch  genug."  Na,  das  war  eine  Aufregung  bei  uns  in  ber  Werkstatt! ­
  Zuerst  schrien  alle,  wir  wollen  streifen;"  aber  endlich  mußten  wir
doch  einsehen,  daß  wir  nichts  machen  können;  aber  eine  furchtbare  Wut
haben  wir  jetzt  alle.  Da  wird  man  sich  jetzt  schön  abhetzen  können,  daß  man
halbwegs  seinen  Lohn  herauswirtsckiaftet!  Bei  uns  ist  doch  eine  ewige
Hetzjagd."
„Das  ist  bei  uns  doch  ganz  anders",  meinte  nun  Wilhelm.  „In
unserem  Kleibergeschäft  kümmert  sich  der  Chef  in  der  Regel,  wenn  es  nicht
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        gerade  due  Postarbeit  ist,  gar  nicht  darum,  wie  lange  ein  Arbeiter  zu
einem  Stück  braucht.  Wir  geben  die  Arbeit  außer  Haus,  jeder  Arbeiter
arbeitet  bei  sich,  und  wie  lange  er  da  braucht,  das  geht  niemand  was  an,
er  kriegt  einfach  für  das  abgelibferte  Stück."
„Das  ist  aber  doch  dasselbe  wie  bei  uns",  unterbrach  ihn  Karl.  „Bei
uns  erhält  doch  auch  der  Arbeiter  den  Lohn  per  Stück  bezahlt."
„Das  schon,"  entgegnete  Wilhelm,  „aber  der  Unterschied  ist  doch  der,
daß  bei  euch  der  Meister  hetzt,  bei  uns  aber  kümmert  sich  niemand  darum,
ob  einer  rasch  oder  langsam  arbeitet.  Wir  haben  da  auch  ein  paar  ältere
Arbeiter,  die  schon  recht  langweilig  sind."
„Na,  und  wie  leben  denn  die  von  ihren:  Lehn?"  fragte  ich.  „Kommen
sie  mit  dem  aus,  was  sie  bei  deinem  Chef  verdienen?"
„Danach  habe  ich  eigentlich  noch  nicht  viel  gefragt,"  entgegnete  Wilhelm ­
  etwas  beschämt;  „aber,  da  fällt  mir  ein,  daß  der  eine  von  unseren
»Alten«  neulich  schrecklich  geklagt  hat,  weil  seine  Tochter  heiratet,  die  ihm
bisher  mit  ihrem  Lohn  ausgeholfen  hat.  Und  es  ist  auch  wahr;  wenn  ich
mir  so  überlege,  was  der  alte  Mann  in  einer  Woche  verdient,  dann  kann
ich  mir  gar  nicht  vorstellen,  wie  ein  Mensch  davon  soll  leben  können."
„Nun,  da  siehst  du  ja,"  bemerkte  Karl,  „daß  bei  euch  die  Hetzerei
geradeso  arg  rst  wie  bei  uns,  nur  ist  sie  nicht  so  auffällig.  Wenn  ein
Schneider  mit  seiner  Arbeit  sich  und  Frau  und  Kinder  erhalten  will,  da
muß  er  schon  ordentlich  zugreifen  und  flink  arbeiten,  sonst  schafft  er  es  nicht."
„Ja,  aber  wozu  ist  denn  diese  Hetzerei?"  fragte  Wilhelm.  „In  einer
großen  Fabrik  wie  ber  Karl  begreife  ich  es  noch;  dort  sollen  wohl  die
Maschinen  möglichst  ausgenützt  werden.  Dann  haben  die  auch  einen  bestimmten ­
  Arbeitstag  und  da  soll  möglichst  viel  fertiggestellt  werden;  aber  bei
unseren  Arbeitern  ist  das  doch  alles  ganz  anders;  die  arbeiten  zu  Haufe
mit  ihrer  eigenen  Maschine  und  haben  gar  keine  bestimmte  Arbeitszeit.
Könnte  es  da  meinem  Chef  nicht  gleich  sein,  ob  die  rasch  oder  langs»m
arbeiten?  Er  zahlt  ja  doch  nur  für  das  Stück  und  nicht  für  die  Zeit,  die
der  Arbeiter  damit  verbracht  hat."
„Das  ist  eben  eine  Täuschung",  erwiderte  ich.  „Das  kannst  du  gerade
im  dem  Beispiel  von  Karls  Akkordarbeit  gut  sehen.  Warum  wurde  denn
dort  der  Stücklohn  herabgesetzt?"
„Weil  der  Arbeiter  jetzt  schon  flinker  arbeitet  als  vor  einer  Woche",
antwortete  Wilhelm.
,Das  heißt  also,"  ergänzte  ich,  „daß  er  weniger  Zeit  für  jedes  Stück
braucht.  Der  Meister  rechnet  so:  Ein  sehr  geschickter  Arbeiter  muß  bei
sehr  angestrengter  Arbeit  täglich  6  Mk.  verdiene!:  können.  Wenn  er  täglich
drei  Stück  fertig  bringen  kann,  berechne  ich  den  Lohn  per  Stück  mit  2  Mk.
Kann  er  aber  später  vier  Stück  in  einem  Tag  fertig  machen,  so  brauche  ich
ihm  nur  Mk.  1*50  per  Stück  zu  bezahlen.  So  ist  also  der  Stücklohn  nur
ein  verkleideter  Zeitlohn,  der  aber  für  den  Unternehmer  den  Vorteil  hat.
daß  er  den  Arbeiter  zwingt,  n:öglichst  rasch  zu  arbeiten."
„Ja,  aber  was  hat  denn  der  Unternehmer  davon?"  „Das  fragt  sich
ja  eben",  warf  Wilhelm  ein.
„Das  ist  aber  doch  klar",  unterbrach  Karl.  „Ich  will  dir  das  gleich
bei  deinen  Schneidern  zeigen.  Ein  tüchtiger  Schneider  bekommt  per  Tag
vielleicht  5  Mk.  Lohn  und  ist  imstande,  einen  Rock  zu  machen.  Wenn  Stoff.
Zubehör  u.  s.  w.  10  Mk.  kosten  und  der  Kleiderhändler  den  fertigen  Rack
um  18  Mk.  verkauft,  so  hat  er  einen  Gewinn  von  3  Mk.  gemacht.  Wenn
ober  der  Schneider  so  flink  arbeitet,  daß  er  zwei  Röcke  in  einem  Tag  machen
5*
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kann,  dafür  aber  doch  nur  5  Mk.  Lohn  bekommt,  dann  stellt  sich  die  Rechnung ­
  so:  der  Stotf  u.  s.  tu.  für  zwei  Röcke  kostet  20  Mk.,  der  Lohn  5  Mk.,
zusammen  also  25  Mk.  Verkaufen  wird  aber  der  Kleiderhändler  die  zwei
Röcke  um  36  Mk.  Er  hat  also  früher  bei  15  Mk.  Auslagen  einen  Gewinn
von  3  Mk.  gemacht,  jetzt  aber  macht  er  auf  25  Mk.  einen  solchen  von  11  Mk
Da  begreift  man  schon,  daß  es  ihm  um  die  Hetzerei  zu  tun  ist.  Das  ist  eben
der  Schaden  des  Stücklohnes,  daß  er  die  Arbeiter  dazu  zwingt,  sich  so  abzuhetzen." ­

„Na,  das  bringen  die  Unternehmer  sonst  schon  auch  fertig,  auch  beinreinen
  Zeitlohn",  entgegnete  ich.  „Das  ist  schon  eine  eigene  Kunst  und  Wissenschaft ­
  geworden,  wie  man  aus  dem  Arbeiter  die  größtmögliche  Leistung
herauspreßt.  Am  abgefeimtesten  sind  darin  heute  die  Amerikaner.  Da  las  ich
zum  Beispiel  neulich  von  einem  Fabrikanten,  der  Arbeiter  von  verschiedenen
Nationalitäten  beschäftigte.  Da  wurde  nun  verkündet,  daß  die  Fahne
derjenigen  Nation  auf  der  Fabrik  gehißt  werden  soll,  die  in  der  betreffenden
Woche  am  tüchtigsten  gearbeitet  hat.  Und  richtig  fielen  die  armen  Teufel
auf  den  groben  Köder  hinein.  Zuerst  legten  sich  die  Russen  furchtbar  ins
Zeug  und  erreichten  es  wirklich,  daß  ihre  Flagge  gehißt  wurde.  Aber  schon
in  der  nächsten  Woche  holten  sie  die  Schweden  herunter,  zum  Schluß  aber
siegten  die  Irländer.  „Hoch  die  irische  Fahne!"  schrie  ihr  Vorarbeiter,  als
diese  gehißt  wurde,  „und  schaut  zu,  Burschen,  daß  kein  verfluchter  Protestant
sie  wieder  herunterholt."  Dieses  schöne  Mittel  kostete  den  Unternehmer  nur
ein  paar  Lappen  buntes  Tuch,  die  Arbeiter  aber  strengten  sich  aufs  äußerste
an,  wie  sie  glaubten,  zur  Ehre  ihrer  Nation,  in  Wckl)rheit  aber  nur  für  den
Geldsack  des  Unternehmers.  In  den  Schlachthäusern  von  Chikago  zum  Beispiel ­
  haben  sie  wieder  ein  anderes  System.  Dort  werden  einige  besondere
gewandte  und  kräftige  Arbeiter  sehr  hoch  dafür  bezahlt,  daß  sie  mit  Aufbietung ­
  aller  Kräfte  so  schnell  wie  nur  irgend  möglich  arbeiten.  Die  ande«n,
  schlecht  bezahlten  Arbeiter  müssen  dann  mit  diesen  Vorarbertern
schritt  halten,  sonst  werden  sie  entlassen.  Diese  sind  gewöhnlich  nach  kurzer
Zeit  aufgebraucht,  sie  können  die  Hetzjagd  nicht  länger  mitmachen.  Dann
werden  eben  wieder  neue  Vorarbeiter  eingestellt,  und  die  alten  müssen  froh
sein,  wenn  sie  in  den  Reihen  der  Gehetzten  noch  Platz  finden.  So  geht  die
Zagd  nach  Profit  schonungslos  werter.  Sie  geht  über  die  Leichen  unzähliger
Arbeiter  hinweg,  aber  was  kümmert  das  den  Unternehmer,  wenn  es  ein
paar  tausend  Mark  mehr  zu  ergattern  gibt."

Die  Maschine.
i.
„Das  wichtigste  Mittel,"  meinte  Karl,  „diese  Hetzjagd  durchzuführen
und  noch  zu  beschleunigen,  ist  aber  doch  wohl  die  Maschine.  Denn  wird  die
in  schnellerem  Lauf  gesetzt,  so  müssen  die  Arbeiter  mit,  ob  sie  wollen  oder
nicht.  Deshalb  stellen  die  Fabrikanten  auch  immer  neue  Maschinen  ein."
„Das  dürfte  wohl  dabei  keine  so  große  Rolle  spielen,"  antwortete  ich:
denn  die  Beschleunigung  der  Arbeit,  die  auf  diese  Weise  erzielt  wird,  hat
ziemlich  enge  Grenzen.  Läuft  die  Maschine  so  rasch,  daß  der  Arbeiter  nicht
mehr  gut  nachkommen  kann  oder  will,  dann  wird  nicht  nur  das  Produkt
verdorben,  sondern  auch  noch  die  Maschine  selbst.  Das  kann  also  jedenfalls
nicht  der  Hauptgrund  für  die  Einführung  neuer  Maschinen  sein."
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„Das  hat  mir  überhaupt  schon  viel  zu  denken  gegeben",  warf  nun
Wilhelm  ein.  „Du  hast  uns  neulich  gezeigt,  daß  der  Wert  der  Waren  von
der  Arbeit  abhängig  ist,  die  in  sie  hineingesteckt  wird.  Wenn  das  wahr  ist,
dann  kann  ich  überhaupt  nicht  einsehen,  wozu  die  Maschinen  da  sein  sollen;
denn  die  Maschine  soll  ja  nach  deiner  Meinung  nichts  zum  Wert  der  Ware
beitragen.  Wenn  ich  dich  recht  verstanden  habe,  gibt  sie  an  die  Ware  nur
so  viel  Wert  ab,  als  sie  selbst  verliert.  Wozu  soll  also  ein  Kapitalist  viel
Geld  für  die  Anschaffung  einer  Maschine  ausgeben,  die  den  Waren,  die  er
fabriziert,  doch  keinen  Wert  zufügt?  Nun  schaffen  aber  doch  alle  Fabrikanten
um  die  Wette  Maschinen  an,  daher  muß  deine  Werttheorie  falsch  sein.  Ich
weiß  zwar  nicht,  wo  der  Fehler  steckt;  denn  ich  war  damals  ganz  überzeugt,
daß  du  recht  hast.  Aber  bit  hast  uns  ja  selber  eingeschärft,  daß  wir  immer
hauptsächlich  die  Tatsachen  im  Auge  behalten  sollen  und  daß  eine  Theorie
falsch  ist,  wenn  sie  mit  den  Tatsachen  nicht  stimmt."
„Das  ist  ein  sehr  gescheiter  Einwand,"  antwortete  ich,  „und  es  freut
mick  sehr,  daß  du  die  Sachen  so  scharf  durchdenkst.  Das  ist  ja  richtig,  daß
die  Bsaschine  der  Ware  keinen  Wert  zufügt,  und  ebenso  richtig  ist,  daß  viel
Geld  für  die  Anschaffung  von  Maschinen  angewendet  wird,  und  daß  sich
dieses  Geld  meist  sogar  sehr  gut  rentiert,  und  doch  stehen  diese  beiden  Tatsachen ­
  nicht  im  Widerspruch,  wenn  es  auch  so  aussieht."
„Nun,  ich  bin  neugierig,"  unterbrach  mich  hier  Karl;  „Wilhelm  hat
mir  diesen  Einwand  auch  schon  mitgeteilt,  und  ich  wußte  nichts  darauf  zu
erwidern;  deshalb  bin  ich  ja  jetzt  auf  den  Ausweg  verfallen,  daß  die  Maschine ­
  dazu  da  ist,  um  die  Arbeiter  zu  schnellerem  Arbeiten  zu  zwingen."
„Nun,  die  Sache  ist  nicht  so  schwierig,"  beruhigte  ich  ihn,  „wir  müssen
nur  etwas  genauer  zusehen,  wie  es  bei  Einstellung  einer  neuen  Maschine
zugeht,  zu  welchem  Zweck  sie  geschieht."
„Da  kann  ich  gleich  ein  Beispiel  geben",  bemerkte  Karl.  „Neulich
wurde  bei  uns  eine  automatische  Revolverbank  aufgestellt.  Das  ist  ein  furchtbar ­
  kompliziertes  und  jedenfalls  auch  schrecklich  teures  Ungetüm,  in  das  auf
der  einen  Leite  eine  Eisenstange  gesteckt  wird;  auf  der  anderen  Seite  fallen
dann  fertige  Schrauben  jedes  gewünschten  Kalibers  heraus,  je  nachdem  die
Maschine  eingestellt  wird,  und  dabei  arbeitet  diese  fast  ganz  allein,  wie  von
selbst;  kaum  daß  hie  und  da  ein  Arbeiter  nach  ihr  sehen  muß,  um  sich  zu  vergewissern, ­
  daß  alles  in  Ordnung  ist,  und  daß  sie  genug  Futter  hat,  denn  sie
schlingtsehrrasch.FreilichsinddieLchraubenfrüher  bei  uns  nicht  mit  der  Hand
geschnitten  worden,  sondern  mit  einer  Maschine,  die  aber  viel  weniger
leistungsfähig  war  als  die  neue  Drehbank  und  dabei  viel  mehr  Bedienung
brauchte.  Wenn  ich  mir  aber  vorstelle,  daß  alle  die  Schrauben,  die  unsere
Drehbank  heute  in  einem  Tag  liefert,  mit  der  Hand  müßten  geschnitten
werden,  dann  wäre  die  fleißige  Arbeit  einer  ganzen  Armee  geschickter
Schlosser  nötig,  wo  heute  einer  nur  gelegentlich  einen  Blick  und  einen
I  Handgriff  tut.  Dadurch  wird  natürlich  riesig  viel  Lohn  erspart,  und  ich
denke,  das  wird  wohl  der  hauptsächlichste  Vorteil  sein,  den  der  Fabrikant
von  der  Einführung  der  neuen  Maschine  hat."
„Oho!"  rief  hier  Wilhelm  dazwischen.  „Diesen  Vorteil  hat  er  eben
nicht;  denn  wenn  keine  Arbeit  mehr  bei  der  Maschine  geleistet  werden  muß,
setzt  ja,  wie  wir  gehört  haben,  die  Maschine  dem  Produkt  auch  keinen  Wert
«u.  Wenn  nur  ein  Arbeiter  arbeitet,  schafft  eben  auch  nur  dieser  eine  Arbeiter ­
  neuen  Wert,  ob  mit  oder  ohne  Maschine,  das  ist  gleich.  Mit  Hilfe  der
Maschine  schafft  er  viel  mehr  Produkt,  aber  nicht  mehr  Wert.  Das  hat  uns
doch  Gustav  ausführlich  auseinandergesetzt."
        <pb n="72" />
        70

„So  viel  ich  weiß,"  entgegnete  Karl,  „werden  aber  unsere  Schrauben
jetzt  nicht  billiger  berechnet  und  verkauft  als  früher.  Da  macht  also  der
Fabrikant  doch  den  Gewinn."
„Nun  also,"  triumphierte  Wilhelm,  „da  siehst  du  klar,  jjafe  euer
Wertgesetz  falsch  ist.  Wenn  es  richtig  wäre,  müßte  ja  der  Wert  der  schrauben
um  so  viel  heruntergehen,  wenn  statt  der  vielen  Arbeiter  jetzt  nur  noch
einer  zur  Bedienung  der  Maschine  verwendet  wird."
„Halt!"  rief  ich  nun  dazwischen,  „nur  nicht  gar  so  rasch!  Wenn  du
dich  recht  erinnerst,  hat  unser  Wertgesetz  gesagt,  daß  der  Wert  der  Waren
von  der  Arbeitszeit  abhängt,  die  zu  ihrer  Herstellung  gesellschaftlich  notwendig ­
  ist.  Das  darf  man  dabei  eben  nicht  vergessen.  Nun  werden  ja  außer
in  der  Fabrik,  wo  Karl  beschäftigt  ist,  auch  in  vielen  anderen  Schrauben
angefertigt.  Als  nun  die  erste  automatische  Drehbank  dieser  Art  in  irgendeiner ­
  Fabrik  eingeführt  wurde,  da  änderte  sich  dadurch  der  Wert  der  dort
hergestellten  Schrauben  nicht  sofort-  denn  gesellschaftlich  notwendig  war
auch  die  Arbeit  in  allen  jenen  Werken,  wo  noch  ohne  die  neue  Maschine
gearbeitet  wurde.  Erst  allmählich,  wie  sich  die  neue  Erfindung  ausbreitete
und  allgemeine  Verwendung  fand,  sank  der  Wert  der  Schrauben,  weil  jetzt
die  Arbeit  in  den  rückständigen  Betrieben  nicht  mehr  notwendig  ist,  um^den
gesellschaftlichen  Bedarf  zu  decken.  Zuerst  hatten  jene  Werke  einen  beträkchlichen
  Vorteil,  welche  die  neue  Drehbank  eingeführt  hatten,  da  der  gesellschaftliche ­
  Wert  der  Schrauben  damals  viel  höher  stand,  als  die  Arbeitsmenge ­
  ausmachte,  die  in  jenen  fortgeschrittenen  Betrieben  aufgewendet
wurde.  Allmählich  aber  sank  nun  der  Wert  der  Schrauben,  und  nun  waren
die  anderen  Betriebe  geradezu  gezwungen,  auch  diese  Erfindung  bei  sich
einzuführen,  denn  nun  war  die  Arbeit  so  vieler  Arbeiter  statt  eines  einzigen
nicht  mehr  gesellschaftlich  nötig,  der  Bedarf  der  Gesellschaft  konnte  allenfalls ­
  auch  von  den  Werken,  die  die  neue  Erfindung  'eingeführt  hatten,  allein
gedeckt  werden.  Wollten  also  die  noch  rückständigen  Fabriken  konkurrenzfähig ­
  bleiben,  wollten  sie  nicht  so  teuer  produzieren,  daß  sich  die  Produktion
überhaupt  nicht  mehr  rentierte,  dann  mußten  sie  die  neue  Maschine  einführen. ­
  In  diesem  Falle  war  jedenfalls  deine  Fabrik,  Karl.  Denn  so  viel
ich  weiß,  sind  diese  Revolverdrehbänke  in  den  großen  Werken  schon  ziemlich
allgemein  eingeführt."
„Ja,  jetzt  erinnere  ich  mich  auch,"  ergänzte  Karl,  „daß  vor  der  Einstellung ­
  der  neuen  Maschine  gerade  bei  der  Schraubenfabrikation  am  meisten
gehetzt  und  am  meisten  an  den  Löhnen  abgeknapst  wurde,  und  daß  es  dann
immer  hieß,  der  Preis  der  Schrauben  stehe  so  schlecht.  Deshalb  ist  jedenbMs
endlich  die  neue  Drehbank  aufgestellt  worden."
II.
Eine  Weile  waren  meine  beiden  jungen  Freunde  ganz  still  geworden
und  ich  sah  an  ihrem  Gesichtsausdruck,  wie  ihr  Gehirn  arbeitete.  Endlich
sagte  Wilhelm:
„Ja,  das  ist  aber  eine  recht  sonderbare  Geschichte.  Sobald  eine  Maschine ­
  allgemein  ist,  hat  kein  Fabrikant  mehr  etwas  von  ihr,  vielmehr  kostet
sie  ihn  nur  schweres  Geld.  Und  trotzdem  suchen  doch  alle  Fabrikanten  um  die
Wette,  neue  Maschinen  in  ihren  Betrieben  einzuführen.  /
„Nun  ja,"  ergänzte  Karl,  „weil  sie  doch  nur  so  lange  etwas  von  den
Maschinen  haben,  als  sie  den  anderen  damit  voraus  sind.  Natürlich  müssen
dann  die  anderen  wieder  schauen,  möglichst,  rasch  auch  in  den  Besitz  solcher
        <pb n="73" />
        oder  womöglich  noch  besserer  Maschinen  zu  kommen.  Da  ist  ja  eigentlich
unter  den  Kapitalisten  gerade  so  eine  Hetzjagd,  ein  ebensolches  Wettrennen,
wie  unter  den  Arbeitern."
„Dabei  ist  es  aber  bei  den  Kapitalisten  so,"  warf  Wilhelm  ein,  „datz
immer  nur  der  Unterschied  zählt.  Jeder  hat  nur  davon  etwas,  datz  er  den
anderen  voraus  ist.  Sobald  ihn  die  eingeholt  haben,  hat  er  überhaupt  nichts
mehr  davon,  datz  er  die  Maschinen  ausgestellt  hat.  Bleibt  er  aber  gar  zurück
hinter  den  anderen,  dann  zahlt  er  noch  drauf."
,;Na,  weißt  du,  Wilhelm,"  unterbrach  ihn  hier  Karl  lachend,  „wenn
man  dich  hört,  möchte  man  fast  Mitleid  bekommen  mit  den  armen  Kapitalisten. ­
  Du  vergißt  dabei  ganz,  daß  es  sich  für  sie  immer  nur  um  einen  Unterschied ­
  in  der  Grötze  des  Gewinnes  handelt;  dieser  selbst  beruht  ja  auf  der
Ausbeutung  der  Arbeiter.  Der  Streit  geht  doch  nur  darum,  wie  groß  der
Anteil  eines  jeden  an  dieser  Beute  ist.  Wenn  man  dir  aber  zuhört,  sieht  man
sie  ordentlich,  wie  ihnen  vor  lauter  Wettrennen  die  Zunge  zum  Hals
heraushängt."
„Nun,  natürlich,"  erwiderte  Wilhelm  ärgerlich:  „jetzt  lachst  du  mich
aus.  Recht  habe  ich  aber  doch.  Freilich,  das  ist  ja  wahr,  und  das  macht  natürlich ­
  einen  riesigen  Unterschied:  beim  Arbeiter  geht  es  bei  dieser  Hetzjagd  ums
Leben,  beim  Kapitalisten  nur  um  die  Größe  des  Profits.  Aber  hetzen  müssen
sie  sich  beide."  ,
„Und  auch  das  stimmt  für  beide  gleichmäßig,"  ergänzte  ich,  „daß  es
mit  dem  bloßen  guten  Willen  nicht  getan  ist.  Der  Arbeiter,  der  nicht  über
die  nötige  Kraft  und  Geschicklichkeit  verfügt,  der  bleibt  trotz  aller  Mühe
zurück,  und  bald  wird  er  von  den  Nachdrängenden  zur  Seite.gestoßen.  Aber
auch  beim  Kapitalisten-  genügt  der  beste  Wille  nicht  zur  Anschaffung  der
neuen  Maschinen,  die  er  braucht,  um  sich  konkurrenzfähig  zu  erhalten."
„Natürlich,"  unterbrach  Wilhelni,  „wo  nichts  ist,  hat  der  Kaiser  sein
Recht  verloren.  Ohne  Geld  kann  man  sich  keine  neuen  Maschinen  anschaffen."
„Und  hübsch  viel  Geld  muß  dazu  notwendig  sein",  ergänzte  Karl.
„Diese  Drehbank  zum  Beispiel,  von  der  ich  vorhin  sprach,  muß  ein  furchtbares ­
  Geld  gekostet  haben.  Kleinere  Werke  können  sich  die  gewiß  nicht  anschaffen. ­
  Und  schließlich  hätten  sie  auch  nicht  viel  von  ihr.  Bei  uns  werden
die  Schrauben  zum  großen  Teil  im  Werk  selbst  verwendet.  In  einem
kleineren  Betrieb  müßten  fast  alle  verkauft  werden,  und  wer  weiß,  ob  die
verlangten  Sorten  dann  gerade  mit  den  im  Werk  gebrauchten  übereinstimmen." ­

„Da  sind  ja  aber  dann,"  bemerkte  Wilhelm  nachdenklich,  „die  großen
Werke  immer  riesig  im  Vorteil  gegenüber  den  kleineren;  denn  sie  haben
doch  meist  viel  eher  das  Geld,  um  die  neuesten  und  besten  Maschinen  anzuschaffen. ­
  Dadurch  können  sie  billiger  produzieren  als  die  kleineren  und
so  zugleich  mehr  Gewinn  machen  und  dabei  die  anderen  doch  noch  unterbieten. ­
  Dadurch  muß  sich  dieser  Unterschied  noch  immer  mehr  verschärfen."
„Aha,  jetzt  verstehe  ich,"  fiel  Karl  ein,  „wieso  es  kommt,  daß  immer
der  Große  den  Meinen  frißt.  Hat  einer  einmal  den  Vorteil  des  größeren
Kapitals  voraus,  dann  kann  er  immer  die  neuesten  Erfindungen  und  Einrichtungen ­
  anschaffen  und  dadurch  den  andern  immer  weiter  vorauskommen." ­

„Das  ist  aber,"  ergänzte  ich,  „nicht  der  einzige  Vorteil,  den  er  vor
den  anderen  voraus  hat;  denn  die  Produktion  im  großen  ist  überhaupt
schon  viel  rentabler  als  die  im  kleinen.  Eine  Werkstatt  für  20  Arbeiter
        <pb n="74" />
        72

kostet  nicht  doppelt  so  viel  lvie  eine  für  10  Arbeiter.  Eine  Maschine  die
täglich  20.000  Drahtstifte  liefert,  kostet  nicht  das  Vierfache  des  Preises
einer  Maschine,  die  nur  5000  Stifte  herstellt,  und  es  sind  auch  nicht  viermal ­
  so  viele  Arbeiter  zu  ihrer  Bedienung  notwendig,  nicht  viermal  so  viel
Dampfkraft,  nicht  viermal  so  viel  Schmieröl  u.  s.  w.  zu  ihrem  Betrieb."
„So  allgemein,  wie  du  es  hinstellst."  wendete  nun  Wilhelm  wieder
ein,  „können  die  Vorteile  des  Großbetriebes  aber  doch  nicht  sein.  Wenn  das
i)er  Fall  wäre,  Io  würde  doch  mein  Chef  alle  die  Arbeiter,  die  für  un£
liefern,  lieber  in  eine  große  Werkstatt  setzen  und  dort  arbeiten  lassen.  Das
fallt  ihm  aber  gar  nicht  ein.  Bei  uns  sind  nur  zwei  Schneider  im  Geschäft,
die  Maß  nehmen,  anprobieren  und  zuschneiden.  Dann  kommt  die  Arbeit
außer  Haus  zu  unseren  Heimarbeitern,  von  denen  jeder  seine  eigene  Maschine ­
  hat  und  jeder  für  sich  arbeitet.  Das  zeigt  doch,  daß  das  billiger  sein
muß,  als  wenn  sie  alle  gemeinsam  in  einer  Werkstatt  arbeiten.  Denn  wenn
mein  Herr  Chef  auch  von  der  Schneiderei  blutwenig  versteht,  aufs  Profitmachen ­
  versteht  er  sich  um  so  besser."
„Das  glaube  ich  schon,"  erwiderte  ich,  „und  ich  bin  auch  überzeugt,
dall  er  recht  hat,  aber  woher  kommt  das?  Wie  wir  schon  früher  gesehen
haben,  muß  der  Lohn  eines  Arbeiters  immer  mindestens  so  viel  betragen,
daß  er  davon  leben  und  eine  Familie  aufziehen  kann.  Dazu  gehört  aber
auch,  daß  er  eine  Wohnung  hat,  wenn  sie  auch  noch  so  schlecht  ist.  Ist  er
nun  dem  Kapitalisten  möglich,  diese  Wohnung,  die  der  Arbeiter  ja  aus
jeden  Fall  mieten  muß,  zur  Werkstatt  zu  machen,  dann  hat  er  einfach  die
Werkstattmiete  ganz  gespart,  er  braucht  dafür  gar  nichts  mehr  auszulegen."
„Wieso  geht  das  aber  gerade  bei  den  Schneidern?"  fragte  Karl.
„Das  ist  sehr  einfach",  begann  ich,  aber  Karl  unterbrach  mich  gleich
selbst.
„Aber  natürlich,"  rief  er,  „bei  uns  wäre  jo  etwas  lächerlich.  Einen
Dampfhammer  kann  sich  keiner  in  seine  Wohnung  stellen  wie  eine  Nähmaschine. ­
  Diese  Art,  die  Last  der  Werkstattmiete  den  Arbeitern  noch  aufzuhalsen, ­
  ist  offenbar  nur  dort  möglich,  wo  keine  oder  nur  sehr  kleine  Maschinen
  in  Anwendung  kommen.  Im  allgemeinen,  besonders  in  der  Großindustrie ­
  ist  also  doch  das  richtig,  was  du  vorhin  gesagt  hast,  daß  die  Produktion ­
  nn  großen  billiger  und  daher  im  Vergleich  rentabler  ist  als  die
im  kleinen.  Da  ist  es  denn  nur  natürlich,  daß  der  Große  stets  den  Kleinen
frißt,  und  je  mehr  große  Maschinen  in  Anwendung  kommen,  desto  rascher
muß  das  gehen."
„Nun  kommt  aber  noch  etwas  dazu",  fuhr  ich  fort.  „Stellt  euch  vor,
em  Kapitalist  habe  ein  Kapital  von  10.000  Mk.,  das  ihm  20  Prozent  trägt,
so  hat  er  jährlich  2000  Mk.  zu  verzehren  ^  da  wird  ihm  nicht  viel  übrig
bleiben.  Ein  anderer  Kapitalist  hat  eine  Million  angelegt.  Trägt  ihm  diese
auch  20  Prozent,  so  hat  er  jährlich  200.000  Mk.  reines  Einkommen,  und
wenn  er  da  noch  so  blödsinnigen  Luxus  treibt,  wird  er  doch  leicht  noch  einen
Teil  übrig  behalten,  den  er  zum  Kapital  schlägt,  wodurch  er  dieses  noch
vergrößert.  So  wachsen  die  großen  Kapitalien  fast  von  selbst,  während  die
kleinen  zugrunde  gehen."
„Da  fällt  mir  aber  d»ä,  ein  Beispiel  ein,"  warf  hier  Karl  ein.  „das
das  Gegenteil  zu  zeigen  scheint.  Bei  uns  im  Haus  ist  ein  Papiergeschäft.
Zufällig  habe  ich  kürzlich  bei  einem  Gespräch  gehört,  daß  der  Mann  ungefähr ­
  1500  Mk.  in  sein  Geschäft  gesteckt  hat,  und  die  trugen  ihm  doch  so
viel,  daß  er  und  seine  Familie  davon  leben  können,  wenn  auch  reckst  knapp.
        <pb n="75" />
        73

Ich  glaube,  er  muß  so  etwa  1200  Mk.  im  Jahr  verdienen,  das  ist  also  doch
btes  mehr  als  20  Prozent."
,  "Das  war  ja  von  mir  auch  nur  als  Beispiel  angeführt",  erwiderte
cch.  „Ueberhaupt  läßt  es  sich  schwer  feststellen,  wie  hoch  der  durchschnittliche
Gewinn  der  Kapitalisten  wirklich  ist.  Aber  vor  allem  beweist  dein  Beispiel
hrer  schon  deshalb  nichts,  weil  diese  1200  Mk.  zum  größten  Teil  gar  kein
Kapitalgewlnn  stnd,  sondern  Arbeitslohn.  Wenn  der  Papierhändler  einen
Kommis  in  seinem  Geschäft  halten  müßte,  würde  der  vielleicht  schon  mehr
Lohn  verlangen,  als  der  ganze  Ertrag  des  Geschäftes  ausmacht^  So  arbeiten
wahrscheinlich  der  Mann  und  die  Frau  den  ganzen  Tag  im  Geschäft."
„Und  die  Tochter  auch  noch",  unterbrach  mich  Karl.
"^un  also,  da  siehst  du  ja,"  fuhr  ich  fort,  „würden  diese  drei  Perlonen
  ihre  Arbeit  in  einer  Fabrik  verwenden  oder  in  einem  fremden  Geschäft, ­
  so  würden  sie  wahrscheinlich  mehr  Lohn  erhalten,  als  jetzt  ihr  Gewinn
aus  dem  Geschäft  ist.  Das  Kapital,  das  siOdort  hineingesteckt  haben,  verichafft
  ihnen  nur  die  Möglichkeit,  sich  selbst  auszubeuten,  statt  sich  von
anderen  ausbeuten  zu  lassen."

III.
_  „Nun  hat  es  sich  aber  doch  herausgestellt,"  begann  Wilhelm  das
nächste  Mal,  „daß  der  Gewinn  der  Unternehmer  aus  zwei  verschiedenen
Ursachen  herstammt.  Du  hast  uns  früher  gezeigt,  daß  es  die  Ausbeutung
der  Arbeiter  ist,  die  den  Kapitalisten  Gewinn  bringt,  weil  nur  ein  Teil  der
Arbeit,  die  die  Arbeiter  leisten,  vom  Unternehmer  bezahlt  wird.  Aber  das
ist  doch  nicht  die  einzige  Ursache,  denn  das  letzte  Mal  hasten  wir  doch  gesehen, ­
  daß  de.r  Kapitalist  auch  aus  den  Erfindungen,  aus  den  neuen  Maschinen. ­
  die  er  anwendet.  Vorteil  zieht.  Freilich  können  das  nicht  alle  Kapitalisten ­
  zugleich:  denn  die  neue  Maschine  bringt  ihrem  Besitzer  nur  so  lange
höheren  Gewinn,  als  sie  nicht  allgemein  eingeführt  ist;  aber  wenigstens
eine  Zeitlang  tut  sie  das  eben  doch,  und  du  hast  uns  ja  selbst  gezeigt  daß
die  großen  Fabrikanten  gerade  infolgedessen  den  kleinen  gegenüber  sehr
im  Vorteil  sind."
„Na,  dir  merkt  man  ja  die  Handelsschule  ordentlich  an",  unterbrach
ihn  hier  Karl.  „Früher  hast  du  gar  nicht  so  schön  geredet  wie  jetzt.  Man
könnte  glauben,  du  hast  das  aus  einem  Buch  auswendig  gelernt."
„Nun,  das  ist  kein  Fehler,"  erwiderte  ich,  „wenn  man  sich  klar  und
bestimmt  auszudrücken  lernt.  Dazu  ist  gar  keine  besondere  Kunst  notwendig.
Die  Hauptsache  ist,  daß  einem  selbst  der  Gedanke  klar  ist,  den  man  ausivrechen
  will.  Nun  aber  zu  deinem  Einwand,  Wilhelm.  Das  ist  ja  richtig,
daß  die  Einstellung  neuer  Maschinen  dem  Fabrikanten  in  der  Regel  Gewinn ­
  bringt;  sonst  würde  der  ja  keine  Maschinen  einstellen.  Und  so  sieht
es  tatsächlich  so  aus,  als  ob  hier  eine  neue  Duelle  der  Bereicherung  wäre."
„Das  kannst  du  doch  nicht  abstreiten",  unterbrach  Wilhelm  eifrig.  „Du
sagst  schon  wieder,  »es  sieht  so  aus  als  ob«,  das  heißt  also,  es  ist  doch  nicht
io,  du  hast  es  aber  eben  selbst  zugegeben."
„Es  fällt  mir  gar  nicht  ein,  das  für  den  einzelnen  Kapitalisten  bestreiten
  zu  wollen",  antwortete  ich  ruhig.  „Aber  es  ist  auch  nicht  zweifelhaft,
daß  zum  Beispiel  der  Einbreck&amp;gt;er  sich  durch  Diebstahl  bereichert.  Wirst  du  aber
deshalb  behaupten  wollen,  daß  alle  zusammen  dadurch  reicher  würden,  wenn
einer  den  anderen  bestiehlt?"
        <pb n="76" />
        74

„Nein,  das  natürlich  nicht",  entgegnete  Wilhelm.  „Aber  das  trifft
doch  gerade  auf  deine  Behauptung  zu,  daß  die  Kapitalisten  sich  auf  Kosten
der  Arbeiter  bereichern.  Was  sie  gewinnen,  das  nehmen  sie  den  Arbeitern
weg;  also  bereichern  sich  auch  nicht  alle  zugleich."
„Nein,  aber  doch  alle  Kapitalisten",  wars  hier  Karl  ein.
„Der  neue  Wert,"  fuhr  ich  fort,  „wird  von  den  Arbeitern  geschaffen,
nicht  wahr?  Aber  sie  können  ihn  nicht  behalten,  sie  müssen  ihn  an  die  Besitzer ­
  der  Produktionsmittel,  an  die  Kapitalisten  abliefern,  und  die  geben
ihnen  davon  nur  so  viel,  daß  die  Arbeiter  gsrade  davon  leben  können,  den
Arbeitslohn;  den  Rest  behalten  sie  für  sich.  Wenn  jetzt  neue  Maschinen
eingestellt  werden,  wird  dadurch  etwas  am  Wert  geändert?"
„Nein",  sagte  Wilhelm  etwas  kleinlaut.  „Es  werden  zwar  mehr  Produkte ­
  hergestellt,  aber  ihr  Gesamtwert  bleibt  derselbe,  das  einzelne  Stück
wird  billiger,  das  haben  wir  ja  erst  neulich  gesehen.  Aber  trotzdem  ist  doch
der  Gewinn,  den  der  KapitcHst  aus  der  Einführung  der  Maschine  hat,
eine  Tatsache.  Wo  komnit  der  also  her?"
„Nun,  das  haben  wir  ja  auch  bereits  besprochen",  antwortete  ich.  „Wir
brauchen  nur  das  Beispiel  von  der  Revolverdrehbauk  nochnials  anzusehen.
Zuerst  war  doch  die  Sache  so,  daß  in  Karls  Fabrik  noch  keine  solche  Maschine ­
  aufgestellt  war,  aber  schon  in  einigen  anderen  Fabriken.  Die  Folge
davon  war,  daß  diese  billiger  produzieren,  die  Schrauben  billiger  verkaufen ­
  konnten.  Dadurch  wurde,  wie  wir  gesehen  haben,  der  Preis  der
Schrauben  im  allgemeinen  gedrückt."
„Ja,  und  unser  Werk  zahlte  damals  drauf",  ergänzte  Karl.  „Ich  habe
euch  ja  erzählt,  wie  damals  die  Arbeiter  in  der  Schraubenableilung  geschunden ­
  wurden,  weil  der  Preis  so  schlecht  war."
„Nun  also"^  fuhr  ich  fort.  „An  diesem  Beispiel  könnt,  ihr  jetzt  sehr
gut  sehen,  wo  der  Gewinn  herkommt,  den  der  Kapitalist  dadurch  macht,
Laß  er  neue  Maschinen  aufstellt."
„Aha,  jetzt  verstehe  ich,  was  du  vorhin  mit  deinem  Beispiel  von  Len
Einbrechern  sagen  wolltest",  rief  Karl.  „Du  meinst  also,  durch  die  Einstellung ­
  neuer  Maschinen  nimmt  nur  ein  Kapitalist  dem  andern  etwas  von
seinem  Gewinn  weg.  Was  dem  einen  seine  Eule,  das  ist  dem  andern  seine
Nachtigall,  heißt  es  in  einem  Sprichwort.  Was  deni  einen  Gewinn,  das
ist  dem  andern  Verlust;  für  alle  Kapitalisten  zusammengenommen,  gleicht
sich  das  also  wieder  aus."
»Ja,  jetzt  wird  mir  die  Sache  klar",  ergänzte  Wilhelm.  „Die  Arbeiter
schaffen  den  neuen  Wert,  den  sie  dem  Rohmaterial  u.J.  w.  zusetzen.  In
diesen  Wert  müssen  sie  sich  mit  den  Kapitalisten  teilen.  Sie  selbst  bekommen
nur  den  Arbeitslohn,  die  Kapitalisten  beziehen  den  Rest  als  Gewinn.  Dann
fängt  aber  erst  unter  diesen  selbst  die  Rauferei  um  den  Anteil  an  der  Beute
an,  und  die  Waffe,  die  sie  in  diesem  Kamps  benutzen,  ist  vor  allem  die  Maschine. ­
  Wer  dem  andern  zuvorkommt,  wer  zuerst  eine  neue  Maschine  aufstellt, ­
  der  fischt  seinen  Konkurrenten  ein  Stück  von  ihrem  Gewinn  weg,  vielleicht ­
  sogar  den  ganzen.  Natürlich  will  sich  das  keiner  gefallen  lassen:  wer
kann,  schafft  sich  daher  auch  neue  Maschinen  an,  womöglich  noch  bessere  alder ­
  andere,  um  dadurch  den  anderen  wieder  einen  Happen  abzujagen.  Wer
es  nicht  kann,  der  bleibt  auf  der  Strecke.  Schön  ist  das  Bild  ja  gerade  nicht,
wie  sich  da  zuerst  alle  Kapitalisten  zusammen  mit  der  Arbeiterklasse  raufen,
und  wie  sie  dann  anfangen,  sich  gegenseitig  um  das  Eroberte  herumzuschlagen, ­
  wie  die  Schwächeren  liegen  bleiben  und  von  den  Starken  autge-
        <pb n="77" />
        75

treffen  werden.  Schön  ist  dieses  Bild  menschlicher  Raubtierhaftigkeit  nicht,
aber  wahr  ist  es,  das  muß  ich  zugeben,  und  jetzt  verstehe  ich  erst,  wozu  die
Maschinen  da  sind.  Sie  sind  die  Waffe,  mit  der  sich  die  Kapitalisten  gegenseitig ­
  bekämpfen,  sich  gegenseitig  den  Gewinn  abjagen."
„Dabei  darfst  du  aber  nicht  vergessen,"  berichtigte  Karl,  „daß  der
Hauptzweck  bei  der  Einführung  der  Maschinen  doch  immer  der  ist  und
bleibt,  Arbeitslohn  zu  sparen,  und  das  heißt,  Arbeiter  aufs  Pflaster  zu
fetzen  und  die  übrigen  noch  stärker  auszubeuten.  So  ist  die  Maschine  die
furchtbarste  Waffe.  Sie  preßt  dem  Arbeiter  das  Blut  aus  und  zugleich  erschlägt ­
  sie  den  kleinen  Kapitalisten.  Wer  die  größten  und  leistungsfähigsten
Maschinen  hat,  der  ist  der  Herrscher,  -er  Mächtige,  dem  fliegt  das  GeH
nur  so  zu."

Der  Profit.
i.
„Das  ist  und  bleibt  aber  doch  eine  merkwürdige  Geschichte  mit  den
Maschinen",  sagte  Karl  sinnend.  „Es  schafft  doch  nur  die  Arbeit  neuen
Wert,  also  die  Arbeiter.  Daher  sollte  man  meinen,  daß  ein  Geschäft  um  f»
gewinnbringender  sein  müßte,  je  mehr  Arbeiter  es  beschäftigt  und  je  weniger
Maschinen.  Das  ist  aber  doch  nicht  wahr,  und  wir  haben  ja  auch  gerade
das  Gegenteil  gesehen."
„Wenn  wir  uns  zwei  Geschäfte  wie  die  unirigen  ansehen,"  meint«
Wilhelm,  „also  die  Schneiderei  und  die  Maschinenfabrikation,  so  müssen
wir  gleich  feststellen  können,  ob  das  richtig  ist.  Nehmen  wir  an,  bei  uns
kommen  auf  1000  Mk.,  die  für  Kleiderstoff  ausgelegt  werden,  1000  Mk.
Lohn.  Maschinen,  Baulichkeiten  u.  s.  w.  spielen  da  ja  keine  Rolle,  diese  Last
hat  der  Chef  den  Arbeitern  aufgebürdet,  das  haben  wir  ja  erst  neulich  besprochen. ­
  Wenn  nun  der  Arbeiter  den  halben  Tag  für  sich  arbeitet  und  den
halben  Tag  für  den  Unternehmer,  das  heißt  also,  wenn  er  den  Wert  seines
Arbeitslohnes  im  halben  Tag  neu  schafft,  dann  ist  der  Gewinn,  der  dem
Unternehmer  verbleibt,  ebenso  groß  wie  der  Lohn,  also  auch  1000  Mk.  Wenn
aber  in  Karls  Fabrik  dasselbe  der  Fall  ist,  wenn  auch  dort  die  Arbeiter
den  halben  Tag  für  sich  und  den  halben  Tag  für  den  Unternehmer  arbeiten,
so  beträgt  der  Gewinn  des  Unternehmers  auch  1000  Mk.  Um  die  zu  erzielen,
mußte  er  aber  nicht  nur  Eisen  einkaufen,  sondern  auch  teure  Maschinen
anschaffen,  große  Gebäude  aufrichten  lassen  oder  mieten.  Er  mußte  also
viel  mehr  Kapital  aufwenden,  um  denselben  Gewinn  zu  erzielen.  Dann
wäre  aber  die  Maschinenfabrikation  ein  viel  schlechteres  Geschäft  als  di«
Schneiderei.  Da  hat  Karl  ganz  recht.  Das  ist  doch  nicht  wahr,  und  wir  haben
auch  in  unserer  Handelsschule  gelernt,  daß  der  Profit  für  jedes  Kapital
gleich  ist,  das  heißt,  daß  es  nur  auf  die  Höhe  des  Kapitals  ankommt.  Wenn
ein  Kapital  von  1000  Mk.  200  Mk.  Profit  abwirft,  so  wirft  eine  Million
200.000  Mk.  als  Profit  ab,  und  es  macht  keinen  Unterschied,  ob  das  Geld
in  der  Schneiderei,  in  der  Maschinenfabrikation  oder  sonstwo  angelegt  ist."
„Das  ist  aber  doch  recht  sonderbar",  widersprach  Karl.  „Ich  habe
immer  geglaubt,  daß  es  gute  und  schlechte  Geschäfte  gibt,  und  das  ist  doch
eben  die  Kunst  des  Kapitalisten,  daß  er  weiß,  wo  er  sein  Kapital  an
legen  soll."
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        „Und  gerade  daher  kommt  es/'  belehrte  Wilhelm  seinen  Freund,  „dass
der  Profit  überall  gleich  ist;  denn  sobald  er  in  irgendeinem  Geschäftszweig
höher  ist  als  in  dem  andern,  strömt  sofort  mehr  Kapital  dorthin,  weil  alle
Kapitalisten  natürlich  an  dem  höheren  Gewinn  ihren  Anteil  haben  wollen.
Dadurch  wird  dort  der  Profit  wieder  herabgedrückt/'
„Ja,  das  sagst  du  so",  erwiderte  Karl.  „Wieso  wird  denn  der  Profit,
wie  du  das  nennst,  hcrabgcdrückt,  weil  mehr  Kapitalisten  sich  dem  betreffenden ­
  Geschäftszweig  zuwenden?"
„Nun,  das  ist  doch  sehr  einfach",  entgegn  etc  Wilhelm.  „Wenn  mehr
Kapital  sich  zum  Beispiel  der  Hutmacherei  zuwendet,  dann  werden  eben
mehr  Hüte  erzeugt,  das  Angebot  steigt,  und  infolgedessen  fallen  die  Preise.
Wenn  aber  die  Löhne  unverändert  bleiben,  dann  muß  der  Gewinn  des
Unternehmers,  sein  Profit,  sinken."
„Ja,  dann  werden  aber  doch",  cntgegnete  Karl  nachdenklich,  „die  Hüte
billiger  verkauft,  als  ihr  Wert  ist."
„Das  ist  aber  doch  nur  vorübergehend",  erwiderte  Wilhelm.^„Das
gilt  nur  so  lange,  bis  der  Vorteil  der  Hutmacher  ausgeglichen  ist.  Sobald
der  Prosit  in  der  Hutmacherei  nicht  mehr  größer  ist  als  in  den  anderen
Gewerben,  strömt  ja  kein  Kapital  mehr  dorthin.  Vielleicht  war  früher
gerade  zufällig  eine  besonders  starke  Nachfrage  nach  Hüten  gewesen,  vielleicht ­
  ist  gerade  eine  neue  Forn:  in  Mode  gekommen.  Dadurch  haben  die
Hutmacher  eine  Zeitlang  die  Hüte  über  ihren  Wert  verkaufen  können;  jetzt
find  l'o  viele  aus  den  Markt  gebracht  worden,  daß  sie  wieder  billiger  geworden ­
  sind.  So  gleicht  sich  das  immer  wieder  aus.  Das  haben  wir  gerade
vorige  Woche  in  unserer  Handelsschule  gelernt,  und  das  ist  auch  gewiß
wahr."
Karl  versank  in  tiefes  Sinnen.  Plötzlich  wandte  er  sich  an  Wilhelm:
„Ja,  aber  gilt  denn  das  nicht  geradeso  für  unser  Beispiel?  Wenn  die
Schneider  ein  so  viel  besseres  Geschäft  machen  als  die  Maschinenfabrikanten,
dann  werden  eben  mehr  Kapitalisten  ein  Schneidergesck&amp;gt;äst  errichten  und
weniger  Kapital  wird  in  die  Maschinenfabriken  gesteckt  werden."
„Da  ist  aber  doch  ein  großer  Unterschied",  erwiderte  Wilhelm.^  „Die
Kapitalisten  gehen  immer  dorthin,  wo  mehr  zu  verdienen  ist.  Das  ist  einmal ­
  in  diesem,  einmal  in  jenem  Geschäft  oder  Geschäftszweig  der  Fall.  ^Jst
heute  zum  Beispiel  die  Hutmacherei  besonders  gewinnbringend,  so  strömt
das  Kapital  so  lange  hin,  bis  der  Preis  der  Hüte  so  weit  gesunken  ist,  daß
jetzt  etwa  die  Korbflechterei  mehr  Profit  einbringt  als  die  Hutmacherei.
Sofort  wendet  sich  jetzt  das  Kapital  wieder  von  der  Hutmacherei  ab  und
der  Korbflechterei  zu  und  so  geht  das  fort.  Wenn  aber  der  Unterschied  ausgeglichen ­
  werden  soll,  von  dem  wir  vorhin  gesprochen  haben,  wenn  der
Maschinenfabrikant  immer  denselben  Profit  haben  soll  wie  das  Kleidergeschäft, ­
  dann  müßte  ja  immerfort  zu  viel  Kapital  in  der  Schneiderei  und
zu  wenig  in  der  Maschinenfabrikation  stecken,  dann  müssten  die  Maschinen
immerfort  teurer  verkauft  werden,  als  sie  wert  sind  und  die  Kleider  immerfort ­
  billiger.  Das  ist  aber  doch  ein  Unsinn.  Da  kann  ich  mir  viel  eher  vorstellen, ­
  daß  eben  die  Arbeiter  in  der  Maschinenfabrik  nur  kurze  Zeit  für
stch  und  längere  Zeit  für  den  Unternehmer  arbeiten.  Wenn  sie  also,  wie  es
im  Belspiel  vorhin  war,  1000  Mk.  Lohn  bekommen,  schaffen  sie  vielleicht
nicht  1000  Mk.  für  den  Kapitalisten,  sondern  2000  Mk.  Das  würde  dann
ganz  gut  erklären,  wieso  das  etwa  doppelt  so  große  Kapital  des  Maschinensabrikanten
  auch  den  doppelten  Profit  trägt,  2000  Mk.  statt  1000  Mk."
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        77

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‘'X  a ^ ei  c ^ en  Frage,"  warf  Karl  ein,  „ob  die  Ausbeutung
un  Maschinenbau  wirklich  größer  ist  als  in  der  Schneiderei.  Ich  kann  das
nicht  recht  glauben."
.  "XX n - n  il e j ne  Ansicht,  Wilhelm,  richtig  sein  soll,"  mischte  ich  mich  nun
m  das  Gelprach,  „so  müsste  der  Deil  des  Arbeitstages,  den  der  Arbeiter
für  ,ich  selbst  arbeitet,  um  so  kleiner  fein,  je  mehr  Maschinen,  Baulichkeiten
u.  s.  hx  in  einem  Geschäftszweig  angewendet  werden."
„Ja,  das  meine  ich",  bestätigte  Wilhelm.
„Das  wäre  aber  nur  dann  möglich,"  fuhr  ich  fort,  „wenn  ein  Arbeiter
m  einer  bestimmten  Zeit  um  so  mehr  Wert  erzeugen  würde,  je  mehr  Maichinen
  u.  f.  w.  er  anwendet.  Nehmen  wir  an,  der  Taglohn  eines  Maschinenbauers ­
  und  der  eines  Schneiders  feien  gleich,  dann  braucht  auch  jeder  von
ihnen  gleich  lange  Arbeitszeit,  um  den  Wert  dieses  Lohnes  herzustellen
Ist  also  der  Arbeitstag  in  beiden  Fällen  gleich  lang,  dann  bleibt  auch  von
dem  Wert,  den  der  Arbeiter  in  einem  Tag  schafft,  in  beiden  Fällen  gleich
viel  für  den  Kapitalisten  übrig.  Wenn  es  so  wäre,  wie  du  vorhin  gesagt  hast,
daß  der  Arbeiter  um  so  kürzere  Zeit  für  sich  arbeitet,  je  mehr  Maschinen
er  verwendet,  so  hieße  das,  daß  die  Maschinen,  Baulichkeiten  u.  s.  w.  selbst
Wert  schaffen  oder  daß  doch  der  Arbeiter  mehr  Wert  schafft,  wenn  er  an
der  Maschine  arbeitet.  Wir  haben  aber  gesehen,  daß  das  nicht  richtig  ist.
Mit  deinem  Auskunftsmittel  geht  es  also  nicht."
„Dann  bleibt  aber  doch  nur  die  andere  Möglichkeit  übrig,"  entgegnete
Wilhelm,  „daß  die  Schneider  immer  weniger  für  ihre  Ware  bekommen,  als
sie  wert  ist,  die  Maschinenfabrikanten  aber  mehr.  Das  ist  doch  ein  Unsinn."
„Das  sehe  ich  nicht  ein",  erwiderte  Karl.  „Freilich  sieht  es  sonderbar
aus,  daß  die  Kleider  immer  unter  und  die  Maschinen  immer  über  ihrem
Wert  verkauft  werden  sollen.  Aber  erinnere  dich  doch,  daß  wir  neulich,  als
wir  über  die  Wirkung  der  Maschinen  auf  den  Preis  der  Produkte  sprachen,
etwas  ganz  Aehnliches  hatten.  Da  fanden  wir,  daß  die  Besitzer  neuer  Maschinen ­
  ihre  Waren  immer  teurer  verkaufen  konnten,  als  der  Arbeit  entsprach, ­
  die  in  ihrem  Betrieb  zu  deren  Herstellung  notwendig  war,  daß  aber
in  den  rückständigen  Betrieben  die  Waren  nicht  mehr  den  Preis  erzielen
konnten,  der  bisher  ihrem  Wert  entsprochen  hatte.  So  wie  also  hier  die
Waren  nicht  immer  zu  ihrem  Wert  verkauft  werden,  sondern  in  manchen
Betrieben  billiger,  in  manchen  wieder  teurer,  als  ihr  Wert  ist,  so  ist  es
auch  da."
„Aber  wie  können  dann",  unterbrach  hier  Wilhelm,  „die  Schneider
immer  unter  dem  Wert  verkaufen?  Da  müssen  sie  doch  zugrunde  gehen!"
„Durchaus  nicht",  antwortete  ich,  „erinnere  dich  nur,  wie  wir  zu
den  vom  Wert  abweichenden  Preisen  gekommen  sind."
„Ja,  das  ist  wahr",  meinte  Wilhelm  nach  einigem  Nachdenken.  „Die
Preise  sind  ja  gerade  dadurch  von  den  Werten  verschieden  geworden,  daß
jeder  Kapitalist  für  sein  Kapital  den  gleichen  Profit  erhält.  So  bewirkt
also  gerade  der  Preis,  der  bei  dem  einen  unter,  bei  dem  anderen  über
dem  Werte  steht,  daß  der  Gewinn,  der  Profit  beim  Schneider  ebenso  groß
ist  wie  beim  Maschinenfabrikanten.  Der  Schneider  weiß  jedenfalls  gar
nichts  davon,  daß  er  die  Kleider  unter  ihrem  Wert  verkauft.  Unser  Chef
will  einfach  seinen  Profit.  Um  den  ist  es  ihm  zu  tun.  Hat  er  den,  so
schert  er  sich  gar  nicht  darum,  ob  die  Waren  zu  ihrem  Wert  verkauft  werden
oder  nicht,  von  diesen  Sachen  versteht  er  auch  gar  nichts."
„Der  Kapitalist",  fuhr  ich  fort,  „kümmert  sich  um  die  inneren  Gesetze
der  Wirtschaft  sehr  wenig.  Ihm  ist  es  nur  darum  zu  tun,  möglichst  viel
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        78

Profit  einzustreichen.  Wenn  man  aber  studieren  will,  wohin  unser  Weg
geht,  wohin  unsere  Wirtschaft  steuert,  dann  muß  man  aus  die  Gesetze
zurückgehen,  die  unsere  Wirtschaft  beherrschen.  Dem  Kapitalisten  ist  es
nur  um  das  Nächstliegende  zu  tun,  um  seinen  Happen  vom  Gewinn  seiner
Klasse.  Wir  haben  vorhin  bei  Betrachtung  der  Maschinen  gesehen,  daß
sich  die  Kapitalisten  um  den  gesamten  Profit  raufen  und  jeder  soviel  an
fick,  reißt,  als  es  seine  Kräfte,  das  heißt  vor  allem  sein  Kapital  erlauben.
Hier  sehen  wir  nur  dasselbe.  So  kommt  es,  daß  der  Profit  im  Derhaltms
steht  zum  angewandten  Kapital,  auch  wenn  dadurch  manche  Waren  über,
manche  unter  ihrem  Wert  verkauft  werden."
II.
„Wenn  das  aber  so  ist,"  begann  Wilhelin  nach  einigem  Nachdenken,
„wenn  die  Kapitalisten  miteinander  um  den  Anteil  raufen,  den  jeder
von  ihnen  an  der  Gesamtbeute  haben  will,  wenn  die  einen  Waren  über,
die  änderen  unter  ihrem  Werte  verkauft  werden,  dann  stimmt  das  Wertgesetz ­
  ja  doch  wieder  nicht.  Du  hast  uns  auseinandergesetzt,  daß  der
Wert  einer  Ware  Lurch  die  Arbeitszeit  bestimmt  ist,  die  gesellschaftlich  zu
ihrer  Herstellung  notwendig  ist.  Dann  haben  wir  gesehen,  daß  der  Arbeiter
nur  einen  Teil  des  von  ihm  neu  geschaffenen  Wertes  selbst  wiedererhält, ­
  daß  der  Rest  dem  Kapitalisten  als  Gewinn  verbleibt.  Dadurch
ist  aber  doch  dieser  Gewinn  ganz  genau  bestimmt,  da  gibt  es  doch  weiter
keine  Rauferei.  Nehmen  wir  an,  in  einer  Schuhfabrik  arbeiten  100  Arbeiter, ­
  von  denen  jeder  täglich  5  Mk.  Lohn  erhält.  Dabei  setzen  diese
100  Arbeiter  dem  Leder  durch  ihre  Arbeit  täglich  einen  Wert  von  1000  Mk.
zu.  Dann  verbleiben  dem  Kapitalisten  einfach  500  Mk.  Wird  ihm  ein
Teil  davon  von  jemand  anderen,  weggenommeik,  dann  stimmt  eben  deine
Rechnung  nicht.  Und  welchen  Sinn  soll  es  denn  überhaupt  haben,  datz
die  Waren  einen  Wert  haben,  aber  zu  einem  Preis  verkauft  werden,  der
ihrem  Wert  gar  nicht  entspricht?"
„Diese  Einwendung  wäre  an  sich  ganz  richtig,"  entgcgnete  ich,  „aper  du
hast  eins  vergessen.  Erinnere  dich,  als  wir  begannen,  das  Wirtschaftsleben  von
innen  her,  theoretisch,  zu  betrachten,  da  sprachen  wir  davon,  daß  nian  eine
komplizierte  Maschine  nur  begreifen  lernt,  wenn  man  zuerst-  die  einfache
kennt,  aus  der  sie  hervorgegangen  ist.  Bei  den  wirtschaftlichen  Vorgängen,
sagten  wir,  ist  es  ebenso;  auch  da  muß  man  zuerst  die  einfachen  Verhältnisse ­
  studieren,  damit  man  nachher  die  komplizierteren  begreift.  Und  deshalb ­
  begannen  wir  damit,  das  Wertgesetz  für  die  einfachen  Verhältnisse
des  Handwerks  zu  untersuchen."
„Das  heißt  also,"  unterbrach  mich  Wilhelm  ungeduldig,  „daß  das
Wertgesetz  heute  nicht  mehr  gilt.  Da  habe  ich  also  doch  recht,  aber  dann
weiß  ich  wirklich  nicht,  wozu  wir  uns  so  lange  damit  herumgeplagt  haben/
„Bist  du  aber  hitzig!"  warf  Karl  lachend  dazwischen.  „Laß  doch  Gustav
zuerst  ausreden.  Da  werden  wir  ja  sehen,  ob  er  der  Meinung  ist,  daß
das  Wertgesetz  heute  tatsächlich  nicht  mehr  Geltung  hat."
„Es  wäre  allerdings  ganz  gut  gewesen,"  bestätigte  ich,  „wenn  Wilhelm ­
  noch  ein  bißchen  gewartet  hätte.  Das  Wertgesetz  gilt  heute  noch,
aber  es  äußert  sich  anders/'
„Na,  das  sind  aber  Haarspaltereien!"  rief  Wilhelm  ganz  entrüstet.
„Ist  es  da  nickt  besser,  einfach  zuzugeben,  daß  das  Gesetz  nicht  gilt,  als
daß  man  so  herumredet?"
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        Weg
besetze
ist  es
seiner
daß
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iO  Mk.
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Nustcw
it,  daß
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  noch,
trüstet.
It,  als

daß
soll

wl nirf)t r n \  Schule  gelernt,"  gab  ich  ruhig  zurück,
K»rper  die  schwerer  sind  als  die  Luft,  zur  Erde  fallen?"
da-'-  hier?""''  anth)ortcte  Wilhelm  etwatz  erstaunt,  „aber  was
v.,  1 ,' l 'f a s!n„  ^, r  A*,  /ort,  „du  hast  mir  doch  kürzlich  erzählt,  daß
Flugplatz  draußen  warst  und  den  Fliegern  zugesehen  hast.
Sind  die,c  Apparate  nrcht  schwerer  als  die  Lust?  Und  sie  fliegen  doch,  und
es  können  sogar  noch  zwer  Menschen  mitfahren,"  ^
,.  K' 5a, r ,¥ §  kommt  aber  doch  daher,"  warf  Karl  ein,  „daß  die  Flugschrauben ­
  sich  glerchsam  mdre  Luft  einbohren  und  den  Apparat  mit  sich
ziehen.  Sobald  die  ruhig  stehen,  fällt  der  Apparat  auch  richtig  zu  Boden."
kuhr  ich  fort,  „daß  die  Schwerkraft  auf  den
Apparat  eben,o  wirkt  tote  auf  ieden  anderen  Körper,  daß  aber  ihre
Aeußerung  durch  andere  Kräfte  aufgehoben  wird.  Ja,  der  Apparat  könnte
gar  nicht  fliegen,  wenn  es  keine  Schwerkraft  gäbe:  denn  die  Flugschraube
kE  nur  wirken  wenn  die  Luft  dicht  genug  ist,  das  heißt  alw,  wenn  sie
^chlvertraft  genügend  zusammengepreßt  ist.  Wer  das^
nicht  versteht,  der  wird  den  Flugapparat  als  ein  Wunderding  anstaunen,
aber  begreifen  wird  er  ihn  nicht.  Und  ebenso  ist  es  mit  dem  Kapitalismus
Auch  ihn  kann  man  nur  verstehen,  wenn  man  das  Wertgesetz  kennt  und
begreift,  wenn  man  aber  auch  studiert,  wodurch  seine  Aeußerungen  geändert
tücrocn.
-  ,  io  ganz  richtig,"  erwiderte  Wilhelm  ärgerlich,  „aber  deshalb
«ehe  ich  doch  noch  immer  nicht  ein,  was  der  Nutzen  des  Wertgesetzes  sein
l.  '  ^,,!brelse  doch  anders  sind;  und  wie  werden  denn  nun  wirklich
die  Preise  bestimmt?
haben  wir  ja  jetzt  eigentlich  schon  gesehen",'antwortete  ich,
„Die  Arbeiter  haben  den  neuen  Wert  geschaffen,  ihn  dem  Wert  des  Rohmaterials
  zugesetzt.  Sie  selbst  bekommen  nur  einen  Teil  davon  als  Lohn
zuruck,  den  Rest  teilen  die  Kapitalisten  unter  sich,  und  jeder  sucht  so  viel
davon  an  sich  zu  bringen,  tote  er  nur  kann.  Was  sich  daraus  ergibt,  das
hast  du,  Wilhelm,  uns  gerade  vorhin  erst  selbst  auseinandergesetzt.  Du
Ulst  uns  gezeigt,  daß  der  Profit  für  jedes  Kapital  der  gleiche'  ist,  daß  die
Wanderungen  des  Kapitals  von  den  weniger  gewinnreichen  Geschäft^-zweigen
  m  die  gutgehenden  eben  diese  Wirkung  haben,  den  Profit  überall
auszugleichen.  Natürlich  ist  er  nicht  überall  genau  gleich,  es  gibt  fortwahrend
  Schwankungen,  aber  im  wesentlichen  gleichen  sich  die  io  aus,  daß
ledes  Kapital  von  emer  gewissen  Größe  ungefähr  den  gleichen  Gewinn
bringt,  den  gleichen  Profit  trägt.  Wenn  man  also  den  Preis  einer  Ware
wißen  will,  das  heißt  die  Geldmenge,  die  wirklich  für  sie  gezahlt  wird,
dann  muß  man  einfach  die  Kosten  der  ganzen  Produktenmenge  berechnen,
£ t( r  Bersprel  m  einem  Jahre  in  einem  Betrieb  erzeugt  wird,  das
heißt  die  Rohmaterialien  und  Hilfsstoffe  und  die  Abnutzung  der  Maschinen
und  Baulichkeiten,  und  dazu  wird  dann  der  Profit  geschlagen,  berechnet  auf
das  ganze  Kapital,  das  zur  Verwendung  gelangt.  Nehmen  wir  zun.
Bei,piel  an,  in  einer  Schuhfabrik  werden  in  einem  Jahre  10.000  Paar
J?* erf f ti0t o  Der  in  diesem  Jahre  bezahlte  Arbeitslohn  betrage
40.000  Mk.,  das  Leder  koste  auch  40.000  Mk.,  die  Abnutzung  der  Anlagen
bestage  20.000  Mk.  Dann  sind  die  Herstellungskosten  dieser  10.000  Paar
Schuhe  100.000  Mk.  Dazu  kommt  aber  nun  der  Kapitalprofit.  Haben
die  ganzen  Anlagen  der  Fabrik  etwa  einen  Wert  von  einer  halben  Million
und  beträgt  der  Durchschnittsprofit  20  Prozent,  so  sind  also  100.000  Mk
        <pb n="82" />
        —  so  —
(20  Prozent  von  500.000  Mt.)  der  Profit  des  Kapitals.  Die  10  VOO  Paar
Schuhe  müssen  also  um  200.000  Mk.  (100.000  Mk.  Kosten  und  100.000  Mk.
Prosit)  verkauft  werden,  das  Paar  Schuhe  kostet  also  20  Mk."
„Da  hört  aber  doch  alles  auf",  rief  Wilhelm  ganz  aufgebracht  dazwischen. ­
  „Das  ist  doch  ganz  genau  die  Rechnung,  die  ich  früher  einmal
ausgestellt  habe.  Damals  war  sie  natürlich  falsch.  Heute  ist  ste  aus  einmal ­
  richtig!  Da  hätten  wir  uns  wirklich  die  ganze  Herumrederei  _  über
ben  Wert  ersparen  können.  Damals  habe  ich  doch  auch  gesagt,  baß  ber
Preis  einer  Ware  sich  aus  den  Kosten  und  dem  Kapitalprosit  zusammensetzt ­
  und  jetzt  sagst  du  genau  dasselbe."  „
„Na,  diesen  Einwand  habe  ich  schon  vorausgesehen,  erwiderte  im
lachend,  „und  deshalb  habe  ich  die  Nunimer  der  „Arbeiter-Jugend  vom
3.  September  1910  gleich  mitgebracht;  denn  dort  steht  unser  ganzes  Gespräch ­
  von  damals,  drinnen,  und  da  können  wir  ja  jetzt  sehen,  ob  die
Einwände,  die  wir  damals  gegen  deine  Rechnung  erhoben  haben,  auch
auf  meine  Rechnung  zutreffen  oder  ob  sie  vielleicht  überhaupt  falsch  waren.
Eifrig  machten  sich  nun  meine  beiden  Freunde  über  den  Artikel  her,
den  sie  ausmerksain  durchstudierten^).  Als  sie  fertig  waren,  ivandte  sich  Karl
an  mich  und  sagte:  r  ,  ..  ...
„Es  ist  doch  recht  praktisch,  daß  du  unsere  Gespräche  m  die  Zeitung
bringst.  Sonst  hätten  wir  uns  das  doch  nicht  so  genau  gemerkt,  -o  sehen
wir  aber,  daß  der  Haupteinwand  gegen  Wilhelms  Rechnung  damals  war.
daß  er  die  Höhe  des  Profits  nicht  erklären  konnte.  Heute  aber  wissen  wir,
woher  diese  rührt,  und  so  trift  dieser  Einwand,  der  damals  ferne  Rechnung
umwarf,  auf  deine  Rechnung  nicht  zu."  ,  m  .  *
„Das  gebe  ich  zu,"  ergänzte  Wilhelm  zögernd,  „aber  em  $  dienten
bleibt  doch.  Der  zweite  Einwand,  den  du  damals  erhobst,  war  der,  dass
ich  den  Preis  eines  Anzuges  zum  Beispiel  aus  den  Preisen  des  «tosses,
ber  Maschinenabnutzung,  aus  ben  Löhnen  u.  s.  w.  zusammensetzte,  nur
deine  Rechnung  stimmt  das  aber  doch  auch."  ^  ,  ,
„Ja,  aber  der  Einwand  war  doch  damals  eben  der,  wars  Karl  dazwischen, ­
  „daß  wir  nicht  angeben  konnten,  woher  denn  der  Wert  all  dreier
Dinge  kommt,  heute  wissen  wir  aber,  daß  es  die  Arbeit  ist,  dre  rhnen  und
damit  auch  dem  Produkt,  das  aus  ihnen  hergestellt^  wird,  den  Wert  verleiht ­
  und  daher  auch  den  Preis  bestimmt.  Wenn  man  dre  Wertrechnung
nicht  versteht,  kann  man  natürlich  die  Preisrechnung  erst  recht  nicht  begreifen. ­
  Das  ist  wirklich  geradeso,  wie  man  unsere  komplizierten  Maschinen
nicht  verstehen  kann,  wenn  man  nicht  zuerst  dre  einfacheren  begriffen  hat,
aus  denen  sie-  hervorgegangen  find."  „  .  r  v  m  ,  •&amp;gt;*
„Und  dasselbe  zeigt  euch  auch",  ergänzte  ich,  „das  Beispiel  voin  Flugapparat, ­
  das  wir  vorhin  besprochen  haben.  Das  Fliegen  scheint  des  Gesetzes
der  Schwere  zu  spotten,  und  doch  ist  der  Flugapparat  erst  zu  verstehen,
wenn  man  sich  mit  jenem  Gesetz  sehr  genau  vertraut  gemacht  hat."
Frauen-  und  Kinderarbeit.
„Das  wäre  ja  alles  soweit  ganz  schön  und  interessant",  begann  Wilhelm, ­
  als  wir  uns  das  nächstemal  trafen,  „was  wir  jetzt  alles  iiber  Wert,
Preis  und  Profit  erfahren  haben;  aber  leider  sind  wir  doch  keine  Kapitalisten
und  da  werden  wir  mit  dieser  Wissenschaft  nicht  viel  anfangen  können."
*)  Siehe  Seite  26,  Absatz  1.
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        —  81  —
„Ja,"  bestätigte  Karl,  „dieses  Bedenken  ist  mir  auch  gekommen.  Wir
sind  davon  abgekommen,  zu  untersuchen,  wie  die  Arbeiter  ins  Elend  gekommen ­
  sind,  und  haben  dafür  gelernt,  wie  der  Profit  der  Kapitalisten
zustande  kommt."
„Nun,"  erwiderte  ich,  „vielleicht  war  das  gerade  der  notwendige  Weg,
um  zu  jener  Untersuchung  zu  kommen.  Wir  haben  jetzt  gesehen,'warum
die  Kapitalisten  immer  mehr  Maschinen  anwenden,  und  wir  haben  auch
gesehen,  wie  das  auf  ihren  Profit  wirkt.  Jetzt  können  wir  uns  der  Frage
zuwenden,  wie  die  Maschine  auf  die  Lage  des  Arbeiters  wirkt."
„Aber  da  hätten  wir  uns  doch  den  langen  Umweg  ersparen  können,"
warf  Wilhelm  ein.  „Das  hätten  wir  doch  gleich  untersuchen  können.  Was
die  Kapitalisten  von  den  Maschinen  haben,  das  kann  uns  doch  gleichgültig
sein.  Wir  sind  doch  keine  Kapitalisten."
„Oho!"  erwiderte  ich.  „So  liegt  die  Sache  doch  nicht.  Die  Anwendung
von  Maschinen  kann  die  allerverschiedensten  Wirkungen  für  die  Arbeiter
haben,  je  nachdem,  wem  sie  gehören,  wer  ihre  Anwendung  leitet.  Stellt  euch
vor,  alle  Maschinen  gehörten  den  Arbeitern  selbst,  die  für  sich  selbst  mit  ihnen
arbeiten.  Da  werden  die  Menschen  um  so  weniger  zu  tun  und  .um  so  mehr  zu
genießen  haben,  je  mehr  Maschinen  da  sind;  wenn  zum  Beispiel  die  Schneider
früher  zehn  Stunden  arbeiten  mußten,  um  mit  der  bloßen  Hand  Kleider
für  alle  herzustellen,  so  werden  sie  nach  Einführung  der  Nähmaschine  vielleicht ­
  nur  fünf  Stunden  zu  arbeiten  brauchen,  und  dabei  werden  noch  alle
mehr  und  bessere  Kleider  haben."
„Ja,  aber  in  Wirklichkeit,"  warf  Wilhelm  ein,  „stimmt  das  doch  gar
nicht.  Je  mehr  Maschinen  eingeführt  werden,  desto  schlechter  geht  es  meistens
den  Arbeitern."
„Das  ist  eben,"  erwiderte  Karl,  „weil  die  Maschinen  nicht  den  Arbeitern
gehören,  sondern  den  Kapitalisten."
„Nun  seht  ihr,"  ergänzte  ich,  „daß  es  eben  gar  nicht  gleichgültig  ist,
wem  die  Maschinen  gehören  und  welchem  Zwecke  sie  dienen.  Heute  hat  die
ganze  Produktion  in  erster  Linie  nicht  den  Zweck,  die  Bedürfnisse  der  Masse
zu  befriedigen,  sondern  den  Profit  der  Kapitalisten  zu  erhöhen.  Man  muß
also  erst  studieren,  wie  der  Prosit  beschaffen  ist  und  was  ihn  erhöht,  damit
man  untersuchen  kann,  wie  die  Maschine  auf  den  Arbeiter  wirkt.  Wir  haben
also  gesehen,,  daß  es  den  Kapitalisten  darauf  ankommen  muß:  1.  möglichst
viel  Wert  zu  erzeugen,  also  möglichst  lange  Arbeitszeit  und  Ausnutzung  der
Arbeitsmittel:  2.  von  diesem  neu  erzeugten  Wert  möglichst  viel  für  sich  selbst
zu  behalten  und  möglichst  wenig  herzugeben,  daher  vor  allem  Herabdrückung
der  Löhne;  3.  dem  kapitalistischen  Konkurrenten  den  Vorsprung  abzugewinnen, ­
  billiger  zu  produzieren  als  er,  daher  steigende  Verwendung  von
Maschinerie  und  wieder  Herabdrückung  der  Löhne;  4.  nach  Möglichkeit  an
Betriebskosten  zu  sparen,  damit  sich  der  Profit  auf  ein  möglichst  kleines
Kapital  verteilen  muß,  daher  billiger  Einkauf  von  Rohmaterial  u.  s.  to.,  vor
allem  jedoch  abermals  Herabdrückung  der  Löhne."
„Aber  das  ist  ja  schrecklich,"  rief  Wilhelm  ganz  entsetzt  dazwischen;
„dein  erstens,  zweitens,  drittens  und  viertens,  alles  läuft  hinaus  auf  Verlängerung ­
  der  Arbeitszeit  und  Verkürzung  des  Arbeitslohnes.  Also  hätten  die
Kapitalisten  überhaupt  kein  anderes  Interesse,  als  die  Arbeiter  zu  schinden,
so  gut  sie  nur  können!"
„Und  das  ist  auch  wahr!"  bestätigte  Karl.  „Du  kannst  in  unserer  Fabrik
hinschauen,  wohin  du  willst,  alles  ist  darauf  angelegt,  entweder  Arbeiter  zu
        <pb n="84" />
        82

ersetzen,  das  heißt  viele  brotlos  zu  machen,  oder  sie  zur  ärgsten  Hetzjagd  anzuspornen ­
  oder  sie  für  Zuspätkommen  oder  Lässigkeit  zir  bestrafen,  kurz,  aus
ihnen  herauszupvessen,  soviel  nur  geht."
„Ja,^  aber  daran  haben  doch  Wohl  die  Maschinen  nichts  geändert,"  bemerkte ­
  Wilhelm.  „Der  Meister  hat  seine  Gesellen  früher  einmal  auch  so
stark  ausgebeutet  wie  er  konnte."
„Das  ist  nicht  ganz  richtig,"  entgegnete  ich.  „Der  Meister,  der  mit  dem
Gesellen  an  einem  Tisch  gß  und  in  einer  Werkstatt  mit  ihm  zusammen
arbeitete,  stand  ihm  menschlich  viel  näher;  gewöhnlich  brauchte  da  der  Geselle
auch  nicht  viel  mehr  zu  arbeiten  als  der  Meister,  und  beide  pflegten  sich  nicht
zu  überanstrengen."
„Na,  das  ist  aber  doch  nicht  wahr,"  bemerkte  Karl.  „Heute  wenigstens
werden  die  Arbeiter  nirgends  so  geschunden  als  im  Handwerk.  Mein  Vater
war  vor  zwei  Jahren  eine  Zeitlang  arbeitslos  und  ging,  da  er  nichts  anderes
fand,  zu  einem  kleinen  Meister.  Aber  nie  in  feinem  Leben,  sagte  er  mir,  hat
er  sich  so  abrackern  müssen  wie  dort,  und  neben  ihm  waren  nur  noch  zwei
Lehrjungen  und  denen  ging  es  noch  schlechter."
„Da  ist  eben,"  berichtigte  ich,  „ein  großer  Unterschied  zwischen  dem
Handwerk  von  ehemals  und  von  heute.  Jetzt  zwingt  eben  die  Konkurrenz
des  Großbetriebes  mit  seinen  Maschinen  den  Kleinmeister,  sich  und  seine
Arbeiter  zu  Tode  zu  rackern,  um  nicht  wirtschaftlich  zugrunde  zu  gehen."
„Ja,  aber,"  begann  Wilhelm  nachdenklich  wieder,  „du  hast  uns  selbst
gezeigt,  daß  der  Lohn  eine  untere  Grenze  hat,  über  die  er  nicht  mehr
hinuntergedrückt  werden  kann.  Also  kann  doch  die  Ausbeutung  nicht  noch
weiter  steigen,  wenn  diese  Grenze  einmal  erreicht  ist."
„Ganz  richtig,"  entgegnete  ich;  „aber  wo  ist  diese  traurige  Elendsgrenze?" ­

„Nun,  ein  Arbeiter  muß  soviel  verdienen,"  erklärte  Karl,  „daß  er  sich
und  seine  Familie  erhalten  kann."
„Ist  das  aber  auch  richtig?"  fragte  ich  nun.  „Erhält  bei  dir  zu  Hause,
Karl,  wirklich  der  Vater  die  ganze  Familie?"
„Nein,"  erwiderte  dieser,  „das  ist  wahr;  es  ist  noch  gar  nicht  so  lange
her,  daß  Mutter  mit  Zeitungaustragen  auch  zuverdienen  mutzte;  jetzt  brauchst
sie  das  freilich  nicht  mehr  zu  tun,  seitdem  meine  Schwestern  und  ich  auch
was  verdienen."
„Nun  seht  ihr,"  fuhr  ich  fort,  „daß  jene  Elendsgrenze  doch  noch  ziemlich ­
  stark  verschiebbar  ist.  Früher  einmal  mußte  der  Vater  allein  soviel  verdienen ­
  können,  daß  er  die  ganze  Familie  mit  seinem  Lohn  erhielt.  Heute
aber  müssen  die  Frau  und  die  Kinder  tüchtig  mitverdienen,  wenn  die
Familie  nicht  ins  Elend  geraten  soll."
„Ja,  aber  woher  kommt  das?"  fragte  Wilhelm.  „Sollen  früher  die
Meister  oder  die  Kapitalisten  weichherziger  gewesen  sein  als  heute?  Das
glaube  ich  doch  nicht."
„Nein,"  antwortete  ich,  „das  glaube  ich  auch  nicht,  ich  glaube  überhaupt
nicht,  daß  die  Kapitalisten  schlechtere  Menschen  sind  als  wir;  aber  die  Konkurrenz ­
  zwingt  sie,  die  Löhne  so  weit  wie  möglich  zu  drücken.  Daß  es  unter
ihnen  auch  grausame  Halunken  gibt,  will  ich  nakürlich  nicht  leugnen.  Aber
darauf  kommt  es  nicht  an."
„Aber  was  ist  denn  dann  die  Ursache?"  fragte  Karl.  „Du  erklärtest  uns
doch  damals,  daß  der  Arbeitslohn  deshalb  nicht  noch  weiter  gedrückt  werden
kann,  weil  sonst  die  Arbeiter  auswandern  oder  die  Bevölkerung  abnehmen
wiirde.  Und  nun  ist  doch  noch  eine  Herabdrückung  möglich."
        <pb n="85" />
        S3

"^', cuie  Stage  leibst,"  entgegnete  ich,  „enthält  schon  die  Antwort.  Die
.^ohne  tonnen  eucn  dann  noch  weiter  herabgedrückt  werden,  wenn
autzer  dem  Jmnn  nod)  dre  Frau  und  die  Kinder  zum  Verdienen  herangezogen
werden  können.  Liese  Möglichkeit  hat  aber  in  größerem  Maßstab  erst  die
L&amp;gt;:chchine  gcschafsen.
„Hätte  man,  fuhr  ich  fort,  „zum  Beispiel  vor  hundert  Jahren  einem
«chmied,  einem  Tischler,  einem  Gerber  oder  gar  einem  Bergarbeiter  gesagt
daß  leine  Arbeit  von  Frauen  verrichtet  werden  würde,  so  hätte  der  nur
gelacht  und  gesagt:  „Das  ist  keine  Weiberarbeit,  da  gehört  ein  ganzer  Mann
dazg  ;  heute  aber  sind  in  all  diesen  Industrien  Frauen  tätig,  und  wenn
ne  bei  uns  im  Bergbau  unter  Tag  nicht  arbeiten,  so  hindert  sie  daran
nur  em  gesebliches  Verbot,  das  aber  nicht  überall  gilt  und  nicht  immer
bestanden  hat.  so  gibt  es  heute  fast  gar  keinen  Beruf  mehr,  in  den  die
Frauenarbeit  noch  nicht  eingedrungen  wäre.  Das,  wozu  früher  der  Mann
sondere  Körperkraft  aufwenden  mußte,  das  hat  zum  größten  Teil  die
Maschine  übernommen,  und  die  kann  meist  von  ungelernten  Arbeitern  von
Frauen  und  Kindern,  bedient  werden."

„Das  ist  doch  eigentlich  eine  merkwürdige  Sache,"  bemerkte  Wilhelm
nach  einigem  Nachsinnen.  „Die  Maschine  hat  die  Arbeit  so  viel  leichter  gemacht, ­
  und  dabei  hat  sie  die  Plackerei  und  Schinderei  der  Arbeiter  nur
vermehrt.  Das  ist  doch  ein  arger  Widersinn-  Wenn  die  Maschinen  den
Arbeitern  gehörten,  konnten  sie  sich  das  Leben  mit  ihrer  Hilfe  doch  viel  angenehmer
  gestalten,'während  sie  so  nur  ihr  Elend  vergrößern.  Darin  hast
du  schon  ^recht;  aber  daß  gerade  die  Maschine  erst  die  Frauen-  und  Kinderarbeit
  möglich  gemacht  hat,  das  kann  ich  doch  nicht  recht  glauben.  Bei  den
Schneidern  die  für  unser  Geschäft  arbeiten,  müssen  überall  die  Frauen  und
Kinder  stark  mitschanzen;  sie  richten  vor,  die  Frau  plättet  auch  oft,  die  Arbeit ­
  an  der  Maschine  macht  der  Mann.
Im  vorigen  Sommer  hatte  ich  einmal  ein  paar 'Tage  frei,  und  da
lu.hr  ich  zu  Verwandten  aufs  Land  in  Thüringen,  und  dort  im  Dorf  sah  ich
wie  Spielzeug  gemacht  wird.  Da  arbeitet  alles  mit,  da  greift  alles  zu'
selbst  ganz  kleine  Kinder;  aber  Maschinen  sind  da  sehr  wenig  in  Gebrauch,
und  die  werden  von  den  Männern  bedient."
„Da  hast  du  ganz  recht,"  entgegnete  ich.  „Und  dennoch  ist  auch  diese
Frauen-  und  Kinderarbeit  eine  Folge  des  Maschinenwesens."
"Du  meinst  wohl,"  unterbrach  mich  Karl,  „weil  die  Konkurrenz  der
Maschinen  ine  Heimarbeiter  zwingt,  mit  aller  Kraft  zu  arbeiten  und  auch
Weib  und  Kind  in  das  Arbeitsjoch  zu  spannen?"
„Das  ist  der  eine  Grund,"  erwiderte  ich.  „Solange  es  noch  keine
Maschinen  gab,  wurdeii  die  Waren,  die  heute  von  den  Heimarbeitern  im
fürchterlichsten  Elend  hergestellt  werden,  im  Handwerk  erzeugt.  Da  war
es  den  Frauen  meist  sogar  verboten,  Hand  anzulegen;  an  die  Scheußlichkeit
der  Kinderarbeit  dachte  man  gar  nicht.  Und  die  Frau  hatte  mich  sonst  genug
zu  tun  in  der  Wirtschaft;  sie  mußte  nicht  nur  kochen  und  die  Wohnung  initani)
  halten,  damals  wurde  auch  das  Brot  zu  Hause  gebacken,  Geflügel  und
SGveine  wurden  gezogen,  häufig  besaß  der  Meister  auch  ein  Stückcheii
Feld  oder  mindestens  einen  Garten,  vielleicht  auch  ein  paar  Kühe.  So
hatte  Me  Frau  vollauf  zu  tun,  aber  das  waren  Arbeiten,  die  ihrer  Statur
enfiprachen  und  gesund  waren,  nicht  langweilige  Jndustriearbeit  in  stickiger
Luft,  stunden  um  Stunden,  Tage  um  Tage.  Erst  die  Maschine  hat  die
Frau  aus  ihrem  alten  Beruf,  dem  Haushalt,  gerissen.  Erst  das  Maschinen-
        <pb n="86" />
        84

Zeitalter  hat  die  furchtbaren  Steinwüsten  geschaffen,  unsere  Großstädte,  wo
die  Menschen  in  stickigen,  kleinen  Wohnungen  neben-  und  übereinandergeschachtelt ­
  sind,  wo  der  Arbeiter  kein  Heim,  die  Frau  keinen  Haushalt
mehr  hat.  Die  Maschine  hat  der  Frau  ihre  alte  Arbeit  abgenommen.  Heute
wird  das  Brot  in  der  Fabrik  gebacken,  die  Wurst  in  der  Fabrik  gemacht
u  s.  w.  Zugleich  hat  aber  die  Maschine  die  Frau  und  Las  Kind  in  die
Industrie  hineingerissen,  und  nun  müssen  sie  auch,  dort  fronen,  wo,,die  Maschine ­
  noch  nicht  den  Sieg  errungen  hat;  ja,  die  Heiniarbeit  wä«  schon
längst  eingegangen,  wenn  sie  sich  nicht  vom  Blut  und  Schweiß  der  Frauen
und  Kinder  nähren  würde.
Es  besteht  aber  noch  ein  zweiter  Zusammenhang  zwischen  der  Maschrne
lind  der  Arbeit  von  Frauen  und  Kindern  in  der  Heimarbeit,  früher  wurde
in  jeder  Werkstatt  eine  ganze  Reihe  verschiedener  Waren  hergestellt.  Der
Schneider  arbeitete  nach  Maß,  und  so  war  jeder  Rock  vom  aiwern  verschieden; ­
  der  Tischler,  der  Schlosser  arbeiteten  auf  Bestellung:  die  besonderen
Wünsche  der  Kunden  waren  maßgebend,  es  gehörte  ein  geschickter  und  erfahrener ­
  Arbeiter  dazu,  um  allen  diesen  Wünschen  zu  entsprechen.  Die  Maschine ­
  hat  den  Massenartikel  aufgebracht.  Jetzt  wird  alles  in  ungeheuren
Massen  auf  den  Markt  geworfen,  der  Käufer  kann  sich  dann  aus  dem  Wust
das  heraussuchen,  was  ihm  zusagt  oder  was  ihm  nicht  zu  teuer  ist."
Aha,  ich  verstehe  schon",  unterbrach  mich  Karl  wieder.  „Die  Massenartikel ­
  sind  viel  einfacher  herzustellen,  und  deshalb  können  dazu  auch  ungelernte ­
  Frauen  und  Kinder  verwendet  werden."
„Ganz  richtig,"  erwiderte  ich.  „Jetzt  wird  rn  jedem  Hermarbertsbetrieb
  nur  irgendeine  bestimmte  Teilarbeit  ausgeführt,  und  die  kann  jeder
leicht  und  rasch  erlernen;  da  können  Frauen  und  Kinder  ohne  tnel  Anlernung
  herangezogen  werden.
Dadurch  aber,  daß  jetzt  so  viele  Frauen  lind  Kinder  arbeiten  müssen,
werden  die  Löhne  so  stark  gedrückt,  daß  der  einzelne  Arbeiter  m  der  Regel
gar  nicht  mehr  so  viel  verdienen  kann,  daß  er  eine  Familie  zu  ernähren  rnistande
  ist;  und  so  müssen  Frau  und  Kinder  wieder  auf  Arbeit  gehen,  und
dadurch  wird  die  ganze  Familie  auscinandergerissen."
„Das  ist  wahr,"  bestättgte  Karl.  „Höchstens,  daß  wir  uns  am  'Sonntag
alle  zusammen  um  den  Tisch  setzen  können.  Unter  der  Woche  kommen  wir
alle  nicht  zum  Mittagessen  nach  Hause,  und  am  Abend  fehlt  auch  meist  der
eine  oder  der  andere."
,  Dabei  habt  ihr  cs  aber  noch  gut,"  berichtigte  ich,  „west  bet  euch
wenigstens  noch  die  Mutter  zu  Hause  ist  und  die  Wirtschaft  instandhalten
kann,  und  weil  ihr  keine  fremden  Mieter  in  eure  Wohnung  aufzunehmen
braucht."  .  „  r  „  ...
„Na,  das  sehe  ich  bei  unseren  Nachbarn,"  bestätigte  Karl.  „Er  m
Müllkutscher,  sie  geht  in  die  Fabrik.  Er  ist  bei  Nacht  nicht  zu  Hause,  ste  bei
Tag  nicht.  Dabei  haben  sie  zwei  Kinder,  und,  um  den  Wohnungszins  auszubringen, ­
  müssen  sie  noch  einen  Schlafdurschen  nehmen.  Ta  gibt  es  dann
immer  furchtbaren  Krach.  Es  ist  ja  kein  Wunder,  daß  der  Mann  da  eitersüchtig
  ist,  ilnd  so  gibt  es  immerfort  Streit  und  oft  auch  Keile."
'  „Ja,  das  habe  ich  mir  eigentlich  schon  immer  gedacht,"  bemerkte  nun
Wilhelm,  „daß  die  Frauenarbeit  nicht  recht  ist.  Mein  Vater  sagt  auch
immer:  „Die  Frau  gehört  ins  Haus."  Dabei  ist  aber  doch  meine^Schwester
Telephonistin  und  ist  fast  den  ganzen  Tag  nicht  zu  Hause;  aber  was  soll  denn
Vater  machen?  Von  seinem  Gehalt  als  Schutzmatin  kann  er  nicht  die  ganze
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        Familie  erhalten.  Aber  das  ist  gewiß  nicht  recht,  daß  die  Frauen  und
Mädchen  jetzt  gezwungen  sind,  sich  selbst  ihr  Brot  zu  suchen,  statt  wie  früher
zu  Hause  zu  bleiben."
„Oho!"  widersprach  da  aber  Karl.  „Tn  bist  ganz  im  Unrecht.  Da
habe  ich  unlängst  einen  Roman  gelesen,  wo  lauter  Frauen  und  Mädchen
aus  der  guten  alten  Zeit  vorkommen,  die  fein  zu  Hause  sitzen  und  kaum  die
Nase  zum  Fenster  hinausstrecken.  Sind  das  Gänse!  Die  haben  ja  für  gar
nichts  Interesse  als  für  Kochen,  Nähen  und  hauptsächlich  für  Kokettieren.
Wenn  ich  mir  vorstelle,  daß  ich  mit  lauter  solchen  Frauenzimmern  beisammen
sern  mußte,  da  käme  man  ja  um  Vor  Langeweile.  Schau  dir  dagegen  unsere ­
  Mädels  an.  Die  sind  viel  geweckter,  die  müssen  sich  gerade  so  gut  um
ihren  Lohn  und  um  ihre  Arbeitszeit  herumschlagen  wie  wir.  Dafür  fitüt
sie  aber  auch  gescheiter  und  selbständiger  als  jene  langweiligen  Gänse,  die
gar  nicht  wissen,  wie  es  in  der  Welt  wirklich  ausschaut."
„Na  ja,  wahr  ist  es  schon,"  bestätigte  Wilhelm:  „seit  meine  Schwester
nicht  mehr  zu  Hause  herumhockt  und  wartet,  daß  einer  sie  holt,  seit  sie  einen
Beruf  hat,  ist  sie  viel  selbständiger  geworden:  aber  freilich,  lustiger  hat  sie
ihr  Beruf  nicht  gemacht.  Oft  ist  sie  schrecklich  brummig  und  mürrisch,  wenn
sie  abends  müde  nach  Hause  kommt."
„Das  ist  aber  nicht  Schuld  der  Arbeit  selbst,"  warf  ich  ein.  „Die  Arbeit ­
  erzieht  den  Menschen,  sie  erweitert  seinen  Gesichtskreis,  sitz  macht  ihn
selbständig  und  selbstbewußt;  aber  der  Kapitalismus,  die  von  Kapitalisten
angewandte  Maschine,  hat  die  Arbeit  zur  eintönigen,  aufreibenden  Plackerei,
zur  Oual  gemacht.  Erst  wenn  die  Arbeit  wieder  frei  sein  wird,  dann  wird
sie  ihren  veredelnden  Einflriß  ausüben  können  auf  Mann  und  Frau,  auf
den  Erwachsenen  und  das  Kind."

Löhne  und  Preise.
I;
„Wenn  also  tum,  wie  du  sagst",  begann  Wilheln»  wieder,  „die  Löhne
so  sehr  herabgedrückt  werden,  wenn  schlecht  bezahlte  Frauen  und  Kinder
an  die  Stelle  erwachsener  Männer  treten,  werden  denn  dadurch  die  Waren
nicht  billiger?  Das  würde  doch  den  Arbeitern  dann  wieder  einen  Vorteil
bringen.  Neulich  klagte  meine  Mutter  wieder  darüber,  daß  in  den  letzten
Jahren  die  Preise  von  allen  Lebensmitteln  so  furchtbar  in  die  Höhe  gegangen ­
  sind.  Ta  meinte  der  Vater,  daran  seien  die  Gewerkschaften  schuld,
welche  die  Arbeiter  immerfort  aufhetzen,  höhere  Löhne  zu  verlangen,  und  dadurch ­
  würden  dann  die  Fabrikanten  gezwungen,  auch  die  Preise  wieder
höher  anzusetzen.  Das  muß  also  doch  auch  umgekehrt  gelten:  wenn  die  Löhne
niedriger  werden,  dann  müssen  die  Prerse  sinken,  die  Waren  billiger  werden."
„Ja,  das  habe  ich  auch  schon  oft  gehört,"  bestätigte  Karl,  „daß  die
Waren  teurer  werden,  wenn  die  Löhne  steigen;  und  vor  ein  paar  Tagen
erst  habe  ich  ein  Wahlflugblatt  gelesen,  in  dem  auch  steht,  daß  die  Gewerkschaften ­
  an  der  Teuerung  schuld  sind,  und  daß  darum  die  Arbeiter  von  den
höheren  Löhnen  auch  gar  keinen  Vorteil  haben:  denn  was  sie  an  Löhnen
mehr  einnehmen,  das  müssen  sie  für  teuere  Ware  wieder  mehr  ausgeben.
Wenn  die  Löhne  steigen,  sind  die  Fabrikanten  und  Kaufleute  gezwungen,
die  Preise  hinauszusetzen."
        <pb n="88" />
        —  86  —
„Die  armen  Fabrikanten!"  rief  ich  lachend  dazwischen.  „Wie  gerne
möchten  sie  niedrige  Preise  machen,  aber  die  bösen  Arbeiter  lassen  das  nicht
zu,  die  sind  zu  begehrlich."
„Nun,  das  weiß  ich  schon,  daß  das  nicht  wahr  ist,"  entgegnete  Wilhelur
ärgerlich:  „aber  das  ist  doch  Tatsache,  daß  höhere  Löhne  höhere  Preise  mit
sich  bringen.  Und  erinnere  dich  doch  nur,  du  hast  uns  gezeigt,  wie  die  Preise
zustande  kommen.  Zu  den  Produktionskosten  wird  der  Durchschnittsprofit
geschlagen,  die  Summe  ist  der  Preis.  Nun  gehören  aber  doch  die  gezahlten
Löhne  auch  zu  den  Produktionskosten.  Ob  also  die  Löhne  steigen  oder  ob  zum
Beispiel  das  Rohprodukt  teurer  wird,  kommt  doch  auf  eins  hinaus.  In
beiden  Fällen  steigen  die  Produktionskosten  und  damit  die  Preise."
„Ja,  aber  wie  verträgt  sich  denn  das  mit  der  Wertformel?"  warf  Karl
dazwischen.  „Der  Wert  einer  Ware  ist  abhängig  von  der  Arbeitsmenge,  die
zu  ihrer  Herstellung  gesellschaftlich  notwendig  ist.  Ob  jetzt  die  Arbeit  besser
oder  schlechter  entlohnt  wird,  ist  also  für  den  Wert  ganz  gleich,  solange  nach
wie  vor  dieselbe  Arbeitszeit  notwendig  ist,  um  die  Ware  herzustellen.  Von
den  Werten  hängen  aber  die  Preise  ab.  Daher  könnten  die  Preise  sich  überhaupt ­
  nicht  ändern,  wenn  die  Löhne  steigen  oder  fallen;  das  kann  ich  aber
doch  nicht  glauben;  denn  es  ist  doch  Tatsache,  daß  oft  Waren  teurer  werden,
wenn  die  Arbeitslöhne  steigen,  und  dann  wüßte  ich  auch  nicht,  was  gegen
Wilhelms  Rechnung  einzuwenden  wäre.  So  weiß  ich  jetzt  gar  nicht,  was  ich
denken  soll."
„Ihr  habt  vorhin  beide  davon  gesprochen,"  begann  ich  wieder,  „daß
die  Fabrikanten  und  Händler  »gezwungen«  sind,  die  Preise  zu  erhöhen.  Das
sieht  so  aus,  als  ob  die  das  sehr  ungern  täten."
„Nun  ja,"  unterbrach  mich  Karl  etwas  ungeduldig,  „das  ist  doch  nur
eine  Redensart,  wie  sie  eben  Wilhelms  Vater  und  das  Wahlflugblatt  verwendeten; ­
  aber  auf  die  Ausdrucksweise  kommt  es  doch  nicht  an."
„Vielleicht  steckt  aber  doch  etwas  Ernsteres  dahinter,"  erwiderte  ich.
„Jeder  Kaufmann  will  doch  so  teuer  verkaufen,  als  er  nur  irgend  kann.
Warum  verlangt  denn  dann  nicht  jeder  noch  viel  höhere  Preise,  als  es  in
Wirklichkeit  geschieht?"
„Weil  sonst  die  Käufer  zum  Konkurrenten  gehen,"  antwortete  Wilhelm. ­
  „Darüber  haben  wir  ja  auch  schon  früher  gesprochen."
„Ja,  und  damals  sind  wir  von  da  aus  zum  Wertgesetz  gekommen."
ergänzte  Karl.  „Das  ist  schon  wahr;  wenn  die  Fabrikanten  u.  s.  w.  die
Preise  erhöhen  könnten,  wie  sie  wollen,  dann  hätten  sie  nicht  aus  die  Lohnerhöhung ­
  gewartet,  dann  hätten  sie  die  Preise  gleich  höher  angesetzt.  Es
fragt  sich  also,  ob  sie  die  Preise  deshalb  höher  ansetzen  können,  weil  die
Löhne  gestiegen  sind."
„Freilich  können  sie  das,"  erwiderte  Wilhelm.  „Erstens  haben  jetzt  die
Arbeiter  mehr  Geld  und  können  darum  mehr  kaufen  und  höhere  Preise
bezahlen,  und  zweitens  habe  ich  euch  ja  schon  vorhin  gezeigt,  daß  sich  nach
der  Preisberechnung,  die  wir  von  Gustav  selbst  gelernt  haben,  ein  höherer
Preis  ergibt,  wenn  man  zu  den  gesteigerten  Produktionskosten  den  Prosit
schlägt.  Waren  früher  zum  Beispiel  die  Auslagen  für  Rohstoffe,  Maschinenabnutzung ­
  u.  s.  to.  800  Mk.,  die  Löhne  200  Mk.  und  der  Profit  20  Prozent,
also  auf  1000  Mk.  noch  200  Mk.,  so  wurden  die  fertigen  Waren  um
800  +  200  +  200  —  1200  Mk.  verkauft.  Steigt  jetzt  der  Lohn  von  200  Mk.
auf  300  Mk.,  dann  haben  wir  800  +  300  —  1100  Mk.  Produktionsunkosten.
Dazu  kommen  20  Prozent  von  1100  Mk.,  das  sind  220  Mk.,  so  kostet  dieselbe ­
  Ware,  die  früher  1200  Mk.  gekostet  hat,  jetzt  1100  +  220  Mk.,  also
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        87

1320  Mk.  Die  Preise  steigen  also  noch  stärker  als  die  Löhne.  Mit  dem  Wert-V
  s  rol m *Wenn  ich  mir  nicht  schon  ein  paarmal  mit
^L^M^^^^u^g  das  Maul  verbrannt  hätte,  würde  ich  sagen,  daß  also
das  Wertgesetz  falsch  sein  muß."
„Und  damit  würdest  du  dir  freilich  wieder  das  Maul  verbrennen,"
eiw'.öerte  ich  lachend,  „sehen  wir  uns  zunächst  einmal  dein  erstes  Argument
an.  Du  lagst,  die  Arbeiter  haben  jetzt  mehr  Geld,  sie  können  darum  mehr
kaufen.  Aber  woher  haben  pe  denn  das  Geld?"
™  rief  da  Karl  dazwischen,,  „ich  sehe  schon,  wo  du  hinaus  willst.
üw  Arbeiter  mehr,  das  haben  die  Kapitalisten  weniger,  und  so  bleibt
sich  die  summe  gleich  und  alles  ist  beim  alten."
„Nicht  ganz,"  erwiderte  ich.  „Die  ausgegebene  Summe  ist  die  gleiche
wie  vorher;  aber  die  Art  der  eingekauften  Arttkel  hat  sich  geändert.  Früher
Erden  mehr  Luxusartikel  gekauft,  jetzt  mehr  Lebensmittel.  Aber  im  Wert
bleibt  die  Summe  allerdings  die  gleiche."
•  ^^HkgnLte  Wilhelm;  „aber  was  kannst  du  gegen  meine  Rech-*y
 n 9  vorbringen .  Die  ist  doch  nach  deinem  eigenen  Rezept  gemacht.  Daran
ist  docy  nicht  zu  tippen."
„Bielleicht  aber  doch,"  erwiderte  ich.  „Sehen  wir  sie  uns  nochmals
genauer  an.
Qon  fuhr  Wilhelm  ärgerlich  dazwischen.  „An  den
onn  t  JÄ atenaI  lft  doch  nicht  zu  rühren,  und  daß  der  Lohn  von
..00  auf  300  Mk.  hinaufgeht,  das  ist  doch  eben  die  Voraussetzung.  Und  daraus
  ergibt  sich  dann  alles  andere  bort  selbst."
-  ,  .  "Ja,  wenn  in  beiden  Fällen  der  Profit  von  20  Prozent  der  gleiche
bleibt,  entgegnete  ich  ruhig;  „aber  das  ist  eben  die  Frage.  Erinnere  dich,
was  wir  soeben  erst  gesehen  haben,  daß  der  Arbeiter  bei  einer  Lohnerhöhung ­
  nur  so  viel  gewinnt,  wie  der  Kapitalist  verliert.  Wenn  also  in
deinem  Beispiel  das  Rohmaterial  u.  s.  w.  800  Mk.  kostet  und  der  durch  die
Arbeit  neu  geschaffene  Wert  400  Mk.  ist,  so  haben  im  ersten  Falle  die  Aroeiter
  von  diesem  zugesetzten  Wert  200  Mk.  erhalten,  der  Kapitalist  ebenjoviel.
  Im  zweiten  Falle  hat  sich  der  Lohn  von  200  auf  300  Mk  erhöht  und
so  bleiben  fur  den  Kapitalisten  nur  100  Mk.  übrig.  Die  Erhöhung  der  Löhne
bat  also  nicht  eine  Erhöhung  der  Preise  zur  Folge  gehabt,  sondern  eine
-Verabsetzung  des  Profits.  Früher  hat  der  Kapitalist  mit  einem  Kapital
von  1000  Mk.  (800  +  200)  einen  Profit  von  200  Mk.  gemacht,  also  20  Pro-Zent,
  letzt  braucht  er  ein  Kapital  von  1100  Mk.  (800  +  300),  um  einen
Profit  von  100  Mk.  zu  erzielen,  sein  Gewinn  beträgt  kaum  mehr  als
9  Prozent."

II.
"Na,  weißt  du,"  begann  Wilhelm  wieder  liach  einigem  Nachdenken,
„die  Geschichte  will  mir  doch  nicht  recht  einleuchten.  Du  sagst,  wenn  die  Löhne
in  einem  Unternehmen  steigen,  so  werden  dadurch  nicht  die  Preise  erhöht,
sondern  der  Profit  des  Unternehmers  wird  uni  so  viel  verringert.  Aber  wir
haben  ja  früher  gesehen,  was  die  Folge  ist,  wenn  das  geschieht.  Erinnere
dich  doch;  als  wir  von  der  Ausgleichung  des  Profits  sprachen  und  davon,
wieso  die  Preise  von  den  Waren  abweichen*),  da  sahen  wir,  daß  das  Kapital
immer  dorthin  geht,  wo  hoher  Profit  ist,  und  dort  davonläuft,  wo  wenig
ist.  Wenn  also  der  Fabrikant,  von  dem  wir  vorhin  sprachen,  auf  einmal  statt

*)  Seite  70
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        —  88  —
20  Prozent  nur  mehr  9  Prozent  macht,  dann  wird  er  wohl  bald  das  Geschäft ­
  aufgeben  und  sich  einem  lohnenderen  zuwenden."
„Ja,  aber  was  hat  denn  das  mit  unserer  Frage  zu  tun?"  warf  Karl
dazwischen.  „Das  ist  doch  eine  Privatangelegenheit  des  Fabrikanten,  ob  er
Strünrpfe  erzeugt  oder  Glasspiegel  oder  sonst  was."
„Oho,"  antwortete  Wilhelm  eifrig,  das  ist  für  den  Preis  gar  nicht
so  gleichgültig.  Es  ist  doch  nicht  anznnehmen,  daß  die  Löhne  nur  gerade
in  diesem  einen  Betrieb  steigen.  Sie  werden  das  in  dieser  ganzen
Industrie  tun.  Wenn  nun  da  der  Profit  sinkt,  dann  wird  sich  das  Kapital
aus  diesem  Erwerbszweig  zurückziehen  und  sich  anderen  zuwenden,  das
heißt  aber,  daß  weniger  Werte  dieser  Art  erzeugt  werden.  Ist  zum  Beispiel
die  Lohnsteigerung  in  der  Strumpfwirkerei  eingetreten,  so  werden  jetzt
weniger  Strümpfe  erzeugt  werden,  da  aber  der  Bedarf  der  gleiche  geblieben
ist,  werden  die  Preise  der  Strümpfe  steigen,  diese  werden  also  doch  teurer
werden,  weil  die  Löhne  gestiegen  sind,  und  so  behalte  ich  doch  ausnahmsweise ­
  einmal  recht."
„Das  kann  schon  sein,"  erwiderte  ich  lachend.  „Ich  habe  allerdings
gar  nicht  behauptet,  daß  die  Erhöhung  der  Löhne  gar  keinen  Einfluß  aus
die  Preise  hat.  Was  du  da  sagst,  ist  auch  ganz  richtig;  aber  wir  dürfen
dabei  noch  nicht  stehen  bleiben.  Du  hast  ganz  richtig  gesagt,  daß  größere
Lohnerhöhungen  sich  gewöhnlich  nicht  aus  einen  einzelnen  Betrieb  beschränken, ­
  sondern  den  ganzen  Gewerbszweig  erfassen.  In  einem  solchen
Fall  werden  gewiß  zunächst  die  Preise  dieser  Artikel  steigen.  Ob  das  von
Dauer  sein  muß,  werden  wir  noch  sehen.  Aber  wir  sind  ja  von  der  Untersuchung ­
  der  Frage  ausgegangen,  ob  eine  allgemeine  Erhöhung  der  Löhne
auch  eine  allgemeine  Erhöhung  der  Preise  mit  sich  bringt.  Wir  müssen  uns
also  jetzt  dieser  Frage  zuwenden.  Aendert  sich  etwas  an  dem,  was  du  vorhin
über  die  Wirkungen  der  Lohnerhöhung  aus  die  Preise  ausgeführt  hast,  wenn
wir  voraussetzen,  daß  alle  Löhne  gleichzeitig  gleichmäßig  gestiegen  sind?"
„Natürlich,"  rief  Karl  eifrig  dazwischen,  „das  ändert  die  Sache  vollständig. ­
  Denn  wenn  durch  die  allgemeine  Lohnerhöhung  die  Profite  überall
herabgesetzt  werden,  ist  ja  kein  Grund  mehr  vorhanden,  warum  das
Kapital  sich  aus  dem  einen  Gewerbe  zurückziehen  und  einem  anderen  zuströmen ­
  sollte.  Es  kriegt  ja  wo  anders  auch  nicht  mehr  Profit.  Wenn  also
die  Lohnerhöhung  allgemein  ist,  ändert  sich  an  den  Preisen  gar  nichts.  Du
hast  also  doch  wieder  nicht  recht,  Wilhelm."
„Halt!  Halt!"  fiel  ich  lachend  Karl  ins  Wort.  „Bei  dir  gcht  es  doch
etwas  gar  zu  geschwind.  Wenn  die  allgemeine  gleichmäßige  Lohnerhöhung
wirklich  überall  die  gleiche  Herabsetzung  des  Profits  zur  Folge  hätte,  dann
wären  deine  Schlußfolgerungen  ganz  unanfechtbar.  Aber  es  ist  eben  die
Frage,  ob  diese  Voraussetzung  richtig  ist."
„Na,  wie  sollte  sie  denn  das  nicht  sein?"  fragte  Karl  ganz  verdutzt.
„Nun,  überlegen  wir  einmal,"  antwortete  ich.  „Wir  haben  da  zum
Beispiel  einen  Steinbruch.  Der  ^erfordert  sehr  _  wenig  Kapital  zur  Anschaffung ­
  von  Maschinen  u.  s.  w.  Sagen  wir,  es  seien  100  Mk.  erforderlich
für  Ersatz  von  Geräten,  Instandhaltung  der  Straße,  die  zum^  Steinbruch
führt,  den  Wagen,  auf  denen  die  Steine  verfrachtet  werden,  für  Sprengmaterial
  u.  s.  w.  An  Arbeitslöhnen  werden  900  Mk.  bezahlt.  Das  macht
also  zusammen  1000  Mk.  Das  können  natürlich  ebensogut  auch  englische
Pfund  sein  oder  tausende  Mark,  es  handelt  sich  hier  nur  um  ein  willkürliches
Beispiel  zur  Veranschaulichung.  Die  Profitrate,  das  heißt  das  Verhältnis
des  Profits  zum  ausgelegten  Kapital,  sei  20  Prozent,  dann  beträgt  der
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        Prosit  200  Mk.,  und  die  gebrochenen  Steine  werden  um  1200  Mk.  verkauft ­
  Worden.  Nun  vergleichen  wir  damit  eine  Maschinenfabrik.  Dort  ist
das  Verhältnis  zwischen  Auslagen  für  Abnutzung  von  Maschinen  und  Baulichkeiten, ­
  für  Material  und  Hilfsstoffe  u.  s.  w.  und  Arbeitslohn  gerade  umgekehrt ­
  wie  beim  Steinbruch.  Dort  werden  also  für  den  ersteren  Zweck
900  Mk.  ausgelegt,  für  Löhne  100  Mk.  Das  macht  also  zusammen  wieder
1000  Mk.,  und  diese  tragen  bei  der  gleichen  Profitrate  wieder  200  Mk.,  die
Produkte  werden  also  ebenfalls  um  1200  Mk.  verkauft.
Nun  steigen  die  Löhne  um  10  Prozent.  Der  Steinbruchbesitzer  wird
also  jetzt  statt  900  Mk.  an  Arbeitslohn  990  Mk.  auslegen  müssen.  Die
100  Mk.  für  Werkzeugersatz  u.  s.  w.  bleiben  gleich,  er  muß  also  statt  1000  Mk.
jetzt  1090  Mk.  (100  +  990)  auslegen.  Beim  Maschinenfabrikanten  sind
die  900  Mk.  für  Material,  Baulichkeitsabnutzung  u.  s.  w.  zunächst  unverättdert
  geblieben,  aus  den  100  Mk.  Arbeitslohn  sind  nun  110  Mk.  geworden,
er  muß  also  statt  1000  Mk.  jetzt  1010  Mk.  auslegen  (900  +  110).  Würden
die  Steine  und  die  neuen  Maschinen  zu  den  alten  Preisen  verkauft
werden,..
„Dann  kämen  ganz  verschiedene  Profite  heraus,"  unterbrach  lnich
Wilhelm.  „Der  Steinbruchbesitzer  würde  jetzt  110  Mk.  Profit  machen
(1200  —1090),  der  Maschinenfabrikant  aber  190  Mk.  (1200—1010).  Karl
hat  also  doch  nicht  recht.  Denn  jetzt  wird  natürlich  das  Kapital  sich  vom
Steinbruch  zurückziehen  und  sich  dem  Maschinenbau  zuwenden,  die  Steine
werden  teurer  und  die  Maschinen  werden  billiger  werden  als  früher."
„Das  wäre  aber  kurios,"  warf  Karl  ein.  „Jetzt  soll  gar  der  Preis
der  Maschinen  sinken,  weil  die  Löhne  gestiegen  sind."
„Und  es  ist  doch  so,"  antwortete  ich.  „Wilhelm  hat  ganz  recht.  Wenn
es  überhaupt  nur  diese  beiden  Industrien  gäbe,  die  Steingewinnung  und
die  Maschinenindustrie,  dann  wäre  in  ihnen  vor  der  Lohnerhöhung  ein
Kapital  von  zusammen  2000  Mk.  ausgelegt  und  ein  Wert  von  240Ö  Mk.
erzeugt  worden,  somit  hätte  der  Profit  400  Mk.  oder  20  Prozent  betragen.
Nach  der  Lohnerhöhung  beträgt  das  Kapital  der  beiden  Industrien  2100  Mk.
(1090  im  Steinbruch,  1010  in  der  Maschinenfabrikation  angelegt),  der
Preis  aller  ihrer  Produkte  zusammen  wäre  unverändert  2400  Mk.,  der
Profit  also  300  Mk.  (2400  —  2100),  die  Profitrate  wäre  also  von  20  Prozent
auf  14 1  3  Prozent  gesunken."
„Das  ist  ja  alles  ganz  schön  und  gut,"  unterbrach  mich  Karl  ungeduldig, ­
  „aber  ich  kann  nicht  absehen,  was  bei  der  langen  Rechnerei  herauskommen ­
  soll."
„Natürlich,"  rief  Wilhelm  lachend,  „wenn  du  einmal  im  Unrecht  bist,
verlierst  du  gleich  die  Geduld.  Ich  habe  oft  genug  zusehen  müssen,  wie
alles  zerpflückt  und  zerfasert  wurde,  was  ich  gesagt  hatte."
„Tu  brauchst  gar  nicht  so  zu  triumphieren",  entgegnete  Karl  ganz  aufgebracht.
  „Du  hast  anfangs  behauptet,  daß  alle  Waren  teurer  werden,
wenn  die  Löhne  steigen,  und  jetzt  behauptet  Gustav,  daß  sogar  welche  billiger
werden,  wenn  die  Löhne  steigen.  Da  weiß  ich  wirklich  nicht,  warum  du  so
stolz  zu  tun  brauchst."
„Aber  hört  doch  auf  zu  streiten,"  ries  ich  dazwischen.  „Wer  wird  denn
theoretische  Fragen  persönlich  nehmen!  Setzen  wir  lieber  ruhig  unsere
Untersuchung  fort.  Wir  hahen  also  gesehen,  daß  sich  infolge  der  Lohnerhöhung ­
  um  10  Prozent  die  Profitrate  von  20  Prozent  auf  14 1 /..,  Prozent
gesenkt  hat.  Daraus  läßt  sich  nun  leicht  berechnen,  wie  sich  die  Preise  der
Steine  und  der  Maschinen  jetzt  verhalten  müssen.  Der  Steinbruchbesitzer  hat
        <pb n="92" />
        90

1

1090  Mk.  ausgelegt.  Wenn  sich  nun  die  Profite  durch  Abwendung  des
Kapitals  ausgeglichen  haben,  so  erhält  er  den  neuen  Durchschnittsprofit
von  Ich  V3  Prozent,  das  macht  156  Mk.,  der  Preis  der  Steine  stellt  sick  alio
auf  1246  Mk.  (1090  +156),  er  ist  also  gegen  früher  um  46  Mk.  gestiegen.
Der  Maschinenfabrikant  hat  1010  Mk.  ausgelegt,  dazu  kominen  14s',  Prozent, ­
  das  ist  144  Mk.,  der  Preis  der  Maschinen  stellt  sich  also  aus  1154  Mt.
(1010  +144),  er  ist  also  gegen  früher  um  46  Mk.  (1200  —1154)  gesunken."
III.
„Das  kann  schon  stimmen,"  meinte  Wilhelm  nachdenklich.  „Der  eine
gewinnt  geradeso  viel,  wie  der  andere  verliert,  der  Gesamtwert  und  -preis
bleibt  unverändert.  Aber  in  Wirklichkeit  gibt  es  doch  nicht  nur  Steinbruchbesitzer
  und  Maschinenfabrikanten,  sondern  auch  andere  Menschen."
„Das  ist  allerdings  eine  unbestreitbare  Wahrheit,"  entgegnete  ick:
„aber  ich  hatte  ja  dieses  Beispiel  nur  gewählt,  um  euch  die  Dinge  mögliäsil
anschaulich  und  einfach  vorzuführen.  In  Wirklichkeit  ist  das  Verhältnis
zwischen  Arbeitslohn  und  den  anderen  Bestandteilen  des  angewandten  Kap-itals
  von  Betrieb  zu  Betrieb,  hauptsächlich  aber  von  einem  Industriezweig
zum  andern  verschieden."
„Und  wenn  nun  die  Löhne  steigen  oder  fallen,"  unterbrach  mich  Wilhelm, ­
  „dann  gleicht  die  Konkurrenz,  das  Abwandern  der  Kapitalien  dortlsin,
  wo  der  höchste  Profit  winkt,  die  Profite  wieder  aus,  und  dadurch  werden ­
  die  Preise  neu  geregelt."
„Ja,  aber  das  will  mir  doch  nicht  recht  einleuchten,"  wandte  nun  Karl
wieder  ein,  „daß  die  Preise  sinken  sollen,  wenn  die  Löhne  steigen.  Davon
hätte  man  doch  schon  einmal  etwas  merken  müssen.  Ich  habe  aber  immer
nur  gehört,  daß  man  das  Steigen  der  Preise  mit  den:  Steigen  der  Löhne
erklärt."
„Das  glaub'  ich  schon,"  lachte  Wilhelm.  „Bei  uns  im  Geschäft  müssen
wir  immer,  wenn  sich  ein  Kunde  beschwert,  daß  ein  Anzug  zu  teuer  ist,
sagen,  die  Arbeiter  verlangten  jetzt  so  hohe  Löhne.  Aber  mir  ist  es  noch
nicht  vorgekommen,  daß  einem  Kunden  etwas  zu  billig  war,  so  daß  wir  uns
deswegen  hätten  entschuldigen  müssen."
„Karl  hat  nicht  so  unrecht,"  antwortete  ich.,  „In  den  letzten  Jat:rzehnten
  sind  die  Geldlöhne  im  allgemeinen  gestiegen,  wenn'auch  nicht  im
Verhältnis  zu  den  gesteigerten  Lebensmittelpreisen  und  der  ^gesteigerten
Arbeitsqual.  Nun  meint  Karl,  das  hätte  sich  doch  auch  in  einer  Senkung  der
Preise  jener  Waren  zeigen  müssen,  zu  deren  Herstellnng  im  Verhältnis  viel
Maschinen  und  wenig  Arbeitskraft  nötig  sind."
„Aber  es  sind  doch  auch  eine  Menge  Waren  billiger  geworden",  warf
Wilhelm  ein;  es  scheint  mir  aber  recht  fraglich,  ob  gerade  das  Steigen  der
Löhne  daran  schuld  ist.  Ich  kann  das  säsiver  glanben.  Da  ist  doch  wohl  die
Hauptursache,  daß  arbeitsparende  Maschinen  eingeführt  wurden,  daß  das
Rohprodukt  billiger  geworden  ist  u.  s.  to."
„Das  ist  ganz  richtig",  antwortete  ich.  „Es  ist  geradezu  unmöglidi,
aus  den  komplizierten  Erscheinungen  unseres  wirtschaftlichen  Lebens  direkt
die  Regeln  und  Gesetze  dieser  Wirtschaft  herauszulesen.  Deshalb  haben  wir
ja  auch  den  weiten  Umweg  einschlagen  müssen,  den  wir  gegangen  sind.  Daß
Waren  teurer  oder  billiger  werden,  hängt  von  sehr  verschiedenen  Umständen
ab.  Die  wichtigste,  die  ausschlaggebende  Ursache  bleibt  allerdings..."
        <pb n="93" />
        „Ob  mehr  cider  weniger  Arbeit  zu  ihrer  Herstellung  gesellschaftlich
notwendig  ist",  fiel  mir  Karl  Jn§  Wort.  „Aber  wir  haben  gesehen,  das;
dieses  Gesetz  in  seiner  ganzen  Strenge  nur  für  die  Gesamtheit  der  Waren
gilt;  der  Preis  der  einzelnen  Warengattung  aber  hängt  auch  von  der  Konkurrenz ­
  ab,  welche  die  Kapitalien  auf  die  verschiedenen  Industrien  verteilt.
Wenn  die  Löhne  steigen,  wird  das  Kapital  dadurch  aus  den  Industrien
vertrieben,  in  denen  sich  die  Steigerung  stärker  fühlbar  macht,  und  dort
steigen  die  Preise;  es  wird  dorthin  gelockt,  wo  die  Lohnerhöhung  weniger
bervortritt,  und  dort  werden  also  die  Preise  sinken.  Ich  glaube,  jetzt  Habeich
  die  Sache  verstanden."
„Vollständig",  bestätigte  ich.  „Aber  wir  dürfen  dabei  nicht  vergessen,
daß  noch  wichtiger  für  die  Bestimmung  des  Preises  als  der  bezahlte  Lohn
oft  der  Preis  des  Rohmaterials  ist.  Nehmen  wir  wieder  unseren  Maschinenfabrikanten. ­
  Steigt  der  Lohn  in  seinem  Betrieb  um  10  Prozent,  so  macht
das  nicht  so  sehr  viel  aus,  weil  ja  nur  ein  Zehntel  seines  Kapitals  (100
von  1000)  für  Arbeitslöhne  ausgelegt  wird.  Verteuert  sich  aber  das  Roh-»raterial
  um  10  Prozent,  so  macht  das  für  den  Preis  seiner  Produkte  viel
&amp;gt;nehr  aus,  da  vielleicht  die  Hälfte  des  angewandten  Kapitals  für  Rohmaterial ­
  ausgelegt  werden  muß.  Kostet  jetzt  zum  Beispiel  der  Stahl,  aus
dem  die  Maschinen  hergestellt  werden  sollen,  statt  500  um  10  Prozent  mehr,
also  550  (etwa  Tausende  Mark),  so  muß  das  Produkt  uin  50  verteuert
werden;  bei  einer  Steigerung  des  Arbeitslohnes  um  10  Prozent  müßte  es
unter  den  vorhin  genannten  Bedingungen,  wie  wir  gesehen  haben,  uni
46  Mark  verbilligt  werden,  der  Preis  der  Maschinen  wäre  also  um  4
(50  —  46)  gestiegen,  die  verbilligende  Wirkung  der  Lohnerhöhung  wäre
also  nicht  zu  bemerken."
„Aha,  ich  sehe  schon,  wo  du  hinaus  willst",  unterbrach  inich  Karl.
„Wenn  zur  Erzeugung  des  Rohprodukts  vixl  lebendige  Arbeit  notwendig
ist,  muß  es  teurer  werden,  sobald  die  Löhne  steigen.  Wenn  dann  in  der  Verarbeitung ­
  dieses  Rohmaterials  auch  inehr  Maschinen  verwendet  werden  und
weniger  lebendige  Arbeitskraft,  so  müßte  der  Preis  des  fertigen  Produkts
sinken,  er  steigt  aber  doch,  weil  das  Rohprodukt  teurer  geworden  ist."  j
„Das  ist  alles  sehr  schön  und  scharfsinnig  ausspintisiert",  meinte  nun
Wilhelm;  „aber  ich  kann  den  Nutzen  nicht  recht  einsehen.  Zuerst  hast  dir
uns  auseinandergesetzt,  daß  der  Preis  der  in  dieser  Fabrik  hergestellten
Maschinen  sinken  muß,  wenn  die  Löhne  steigen;  jetzt  heißt  es  wieder,  daß
sie  doch  teurer  werden  müssen,  weil  das  Rohmaterial  int  Preise  gestiegen
ist.  Auf  diese  Weise  kann  man  doch  sein  Lebtag  nicht  Herauskriegen,  wie
eine  Lohnerhöhung  auf  den  Preis  von  sagen  wir  einem  Paar  Stiefel
wirken  wird.  Einerseits  sinkt  der  Preis,  anderseits  steigt  er  wieder,  da  soll
iich  der  Teufel  auskennen."
„Ist  das  nicht  schon  ein  Vorteil,  daß  wir  das  jetzt  einseheir?"  fragte
Karl  lachend.  „Vorhin  haben  wir  doch  beide  geglaubt,  daß  eine  allgemeine
Erhöhung  der  Löhne  alle  Waren  teurer  machen  muß.  Jetzt  wissen  wir,  daß
das  nicht  wahr  ist.  Das  ist  doch  auch  was  wert."
„Das  ist  aber  nicht  der  einzige  Zweck  unserer  Auseinandersetzungen",
erwiderte  ich;  „der  wäre  recht  mager.  Aber  wenn  auch  jeder  einzelne  Fall
zu  kompliziert  ist,  um  ihn  in  so  einfache  Vorgänge  aufzulösen,  wie
        <pb n="94" />
        92

wir  sie  soeben  betrachtet  haben,  so  werden  wir  doch  einen  Ueberblick  über
die  allgemeinen  Folgen  einer  gleichmäßigen  Lohnsteigerung  auf  allen
Gebieten  erhalten,  und  wissen  nun,  nach  welcher  Richturrg  wir  im  einzelnen
Falle  zu  forschen  haben.  Wenn  wir  zirm  Beispiel  hören,  daß  Maschinen
oder  sonst  ein  Produkt,  zu  dessen  Herstellung  viel  totes  Kapital,  aber  wenig
lebendige  Arbeitskraft  notwendig  ist,  teurer  geworden  ist,  werden  wir  uns
mit  der  Erklärung  nicht  zufriedengeben  dürfen,  daß  die  Löhne  im  allgemeinen ­
  gestiegen  sind.  Bei  einem  Hausbau  hingegen  ist  das  eventuell  ein
genügender  Grund  für  das  Teurerwerden-,  denn  hier  werden  wenig
Maschinen  verwendet,  das  Rohmaterial  ist  verhältnismäßig  billig,  es  ist
aber  viel  lebendige  Arbeitskraft  notwendig."
„Das  ist  aber  doch  eigentlich  sonderbar",  begann  Karl  nachdenklick
wieder;  „wir  haben  jetzt  gesehen,  daß  eine  allgemeine  Erhöhung  der  Löhne
den  Profit  allgemein  herabdrückt  und  infolgedessen  die  Preise  dort  steigen,  wo
viel  lebendige  Arbeit  angeweirdet  wird,  und  dort  sinken,  wo  ini  Verhältnis
wenig  lebendige  Arbeit  am  Werke  ist.  Daraus  sollte  man  aber  doch  schließen,
daß  sich  gegen  eine  Lohnerhöhung  am  heftigsten  die  Unternehmer  sträuben,
deren  Produkte  im  Preise  herabgesetzt  werden,  also  die  viel  Maschinen
anwenden,  und  die  Unternehmer  weniger,  die  wenig  Maschinen  haben.  In
Wirklichkeit  ist  es  aber,  glaube  ich,-umgekehrt.  Wenigstens  habe  ich  unlängst
bei  uns  in  der  Werkstatt  einem  Gespräch  zugehört,  wie  sich  zwei  gewerkschaftlich ­
  organisierte  Kollegen  darüber  berieten,  ob  man  bei  uns  eine  Lohnerhöhung ­
  durchsetzen  könne,  und  da  sagte  der  eine  —  und  ich  weiß,  das  ist
ein  gescheiter  Mensch  —  bei  uns  gehe  das  vielleicht  leichter  als  nt  manchem
anderen  Geschäft,  weil  der  Besitzer  von  so  vielen  und  so  teuren  Maschinen
einen  Stteik  .mehr  fürchten  muß  als  einer,  der  keine  großen  Anlagen
während  dieser  Zeit  sttllstehen  lassen  muß.  Das  leuchtet  mir  auch  sehr  ein.
Rach  dem  aber,  was  wir  jetzt  von  dir  gehört  haben,  sollte  man  eher  das
Gegenteil  erwarten."
„Aber  Karl!"  wandte  Wilhelm  ein.  „Du  vergißt  ja,  daß  es  sich  bei
einem  Streik  nicht  um  eine  allgemeine  Lohnerhöhung  handelt,  sondern
um  eine  solche  in  dem  betreffenden»Geschäft,  und  durch  die  werden.alle  die
Folgen  ja  nicht  herbeigeführt,  von  denen  wir  gesprochen  haben.  Da  ist  es
natürlich,  daß  dein  Kollege  recht  hat.  Nehmen  wir  wieder  das  Beispiel  von
der  Maschinenfabrik  und  vom  Steinbruch,  so  muß  der  Fabrikant  bei  einer
Lohnerhöhung  um  10  Prozent  statt  1000  Mark  jetzt  1010  Mark  an  Kapital
auslegen,  der  Steinbruchbesitzer  aber  statt  1000  Mark  1090  Mark.  Da  ist
es  doch  begreiflich,  daß  sich  der  noch  heftiger  wehrt  als  jener."
„Das  ist  ganz  richtig";  bestätigte  ich,  „aber  es  kommt  noch  ein  sehr
wichtiger  Umstand  dazu.  Werden,  nämlich  die  Löhne  erhöht,  so  wird  oft  die
Anwendung  von  Maschinen  lohnend,  die  früher  nicht  angewendet  werden
konnten,  und  dadurch  werden  die  Produkte,  tote  wir  gesehen  haben,  audt
wieder  billiger;  der  einzelne  Unternehmer  kann  die  Lohnerhöhung  wiedert)
  er  einbringen.  Die  Einführung  neuer  Maschinen  aber  ist  fast  immer  dort
viel  leichter,  wo  ein  Betrieb  schon  stark  maschinell  betrieben  wird,  als  dort,
wo  das  noch  nicht  der  Fall  ist,  und  so  ist  es  um  so  begreiflicher,  daß  sid?
der  Maschinenfabrikant  zum  Beispiel  leichter  mit  einer  Lohnerhöhung  abfinden ­
  kann  als  'der  Steinbruchbesitzer."
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        Der  Kapitalismus  erwürgt  sich  selbst.
„So  sind  wir  also  bei  unseren  Besprechungen  wieder  einmal  bei  den
Maschinen  angelangt",  begann  Karl  unser  nächstes  Gespräch,  indem  er  an
das  vorige  ant'nllpfte.  „Wirf  die  Katze  wie  du  willst,  sie  sällt  immer  auf
die  Füße.  Und  geradeso  kann  man  jede  Frage,  die  man  nur  will,  über
das  Verhalten  des  Kapitalisten  auswerfen,  immer  heißt  es:  er  stellt  wieder
neue  Maschinen  auf.  Macht  sein  Konkurrent  billige  Preise,  so  führt  er
neue  Maschinen  ein.  Erzwingen  die  Arbeiter  kürzere  Arbeitszeit  oder
höhere  Löhne,  stellt  er  neue  Maschinen  auf.  Und  tut  cs  der  eine,  so  müssen
es  natürlich  die  anderen  auch  tun,  sonst  werden  sie  aus  dem  Felde  geschlagen." ­

„Ja,"  bestätigte  ich,  „die  Maschine  ist  eben  die  Waffe,  mit  der  der
Kapitalist  alle  seine  Schlachten  schlägt,  sowohl  gegen  seine  Konkurrenten
als  auch  gegen  die  Arbeiter."
„Aber  das  kostet  doch  schrecklich  viel  Geld,"  warf  Karl  ein.  Mit  den
Maschinen  allein  ist  es  noch  nicht  getan,  es  müssen  doch  auch  Häuser  oder
sonstige  Baulichkeiten  da  sein,  in  denen  sie  stehen,  und  wenn  so  viele
Maschinen  im  Betrieb  sind,  dann  brauchen  sie  doch  auch  riesig  viel  Rohmaterial. ­
  Wenn  also  ein  Fabrikant  seinen  Betrieb  erweitert,  tocmt  er
neue  Maschinen  aufstellt,  wo  nimmt  er  denn  da  immer  das  Geld  dazu  her?
Da  muß  er  es  doch  anderswo  zurückziehen."
„O  nein,"  unterbrach  Wilhelm,  „das  ist  durchaus  nicht  der  Fall.  Du
vergißt  ja  ganz,  daß  der  Kapitalist  seinen  Profit  nicht  aufzuessen  braucht,
daß  er  einen  Teil  davon  zurücklegen  kann,  und  auf  diese  Weise  kann  er  im
Laufe  der  Jahre  schon  hübsch  was  zusammensparen  und  damit  kann  er
dann  sein  Geschäft  erweitern."
„Ja,  aber  tut  denn  das  der  Kapitalist  nicht  auf  jeden  Fall?"  warf
Karl  ein.  „Jeder  will  doch  seinen  Betrieb  möglichst  vergrößern,  das  haben
wir  ja  gesehen,  und  er  muß  es,  weil  er  sonst  nicht  konkurrenzfähig  bleibt.
Er  wird  also  doch  ivohl  seine  Ersparnisse  in  seinem  Betrieb  anlegen,  auch
wenn  er  keine  neuartigen  Maschinen  aufstellt."
„Da  ist  aber  doch  ein  großer  Unterschied,"  erwiderte  ich.  „Wenn  der
Fabrikant  einfach  seinen  Betrieb  erweitert,  dann  ändert  sich  nichts  Wesentliches ­
  an  dem  Verhältnis  zwischen  dem  in  Maschinen  u.  s.  w.  angelegten
Kapital  und  den  Arbeitslöhnen.  Stellt  er  aber  neue  Maschinen  auf,  um
seine  Konkurrenten  zu  schlagen  oder  Lohnerhöhungen  auszugleichen,  so
tut  er  das  doch  nur,  wenn  er  dadurch  Lohn  erspart,  das  heißt
wenn  die  neuen  Maschinen  mehr  Arbeitslohn  ersparen  als  ihr  Anschaffungspreis ­
  ausmacht.  Denn  sonst  könnten  sie  ja  eben  nicht  angewendet  werden."
„Aha,  ich  sehe  schon  wo  du  hinauswillst,"  unterbrach  mich  Karl  lebhaft. ­
  „Wenn  der  Kapitalist  seine  Ersparnisse  anwendet,  um  neuartige
Maschinen  aufzustellen,  die  ihm  Arbeitslöhne  ersparen  sollen,  dann  steckt
er  sein  Geld  eben  ganz  oder  fast  ganz  in  die  neuen  Maschinen  und  in  den
vermehrten  Rohstoff,  der  verarbeitet  wird;  die  Auslagen  für  Arbeitslöhne
werden  aber  nicht  vermehrt."
„Aber  wenn  das  immer  so  fortgeht,"  meinte  nun  Wilhelm  nachdenklich,
„dann  muß  doch  der  Anteil  des  Kapitals,  der  für  Maschinen,  Bauten  und
Rohstoffe  ausgelegt  wird,  immerfort  im  Verhältnis  zunehmen,  der  Anteil
der  Arbeitslöhne  aber  immer  zurückgehen."
„Und  ist  denn  das  nicht  wahr?",unterbrach  ihn  Karl  mit  Eifer.  „Du
rveißt  doch,  bei  uns  war  kürzlich  großes  Fabriksfest,  weil  die  Bude  jetzt
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        —  f)4  —
25  Jahre  lang  steht.  Da  wurde  jedem  Arbeiter  feierlich  ein  Heft  eingehändigt, ­
  in  dem  die  Geschichte  des  Werks  erzählt  war.  Natürlich  war
schrecklich  viel  Lobhudelei  für  den  Fabrikanten  dabei;  aber  interessiert  hat
es  mich  doch,  weil  aus  dem  kleinen  Betrieb  die  jetzige  Riesenfabrik  geworden
ist.  Und  da  sieht  man  deutlich,  wie  die  lebendige  Arbeit  fortwährend  zurückgedrängt ­
  worden  ist  durch  die  kalten,  herzlosen  Maschinen.  Der  Wert  der
Anlagen  ist  heute  zehnmal  so  groß  als  vor  25  Jahren.  Die  Zahl  der  Arbeiter
hat  sich  in  dieser  Zeit  nur  verdoppelt."
„Dann  sollte  man  doch  meinen,"  warf  hier  Wilhelm  ein,  „daß  auch
der  in  der  Fabrik  erzeugte  Wert  nur  doppelt  so  groß  ist  als  vor  25  Jahren,
wenn  dort  jetzt  nur  doppelt  so  viele  Arbeiter  sind  als  damals.  Nach  dem
Wertgesetz  wenigstens  müßte  es  doch  so  sein."
„Na,  ganz  genau  so  nicht",  erwiderte  ich.  „Die  200  Arbeiter  zum  Beispiel ­
  von  heute  setzen  dem  Rohmaterial  doppelt  soviel  neuen  Wert  zu  als
die  100  Arbeiter  vor  25  Jahren.  Aber  ihr  dürft  nicht  vergessen,  daß  erstens
beute  vielleicht  das  Zwanzigfache  an  Rohmaterial  von  den  200  Arbeitern
verarbeitet  wird  im  Vergleich  zu  dem,  was  damals  die  100  verarbeiteten,
und  durch  die  Verarbeitung  geht  ja  der  Wert  der  Rohstoffe  auf  das  Produkt
über,  und  daß  zweitens  nicht  nur  der  Wert  des  Rohmaterials  auf  das
Produkt  übertragen  wird,  sondern  auch  der  Wert  der  Abnutzung  der  Maschinen ­
  u.  s.  w.  Und  das  ist  natürlich  bei  dem  jetzigen  Riesenbetrieb  eine
viel  höhere  Summe  als  damals  bei  dem  soviel  kleineren  Werk.  Aber  neugeschaffen ­
  wird  tatsächlich  in  der  heutigen  Fabrik  nur  doppelt  soviel  Wert
wie  damals."
„Ja,  aber  dann  wäre  doch  diese  Erweiterung  des  Betriebes  ein  reiner
Unsinn  gewesen",  warf  Karl  ein.  „Wenn  der  Kapitalist  damals  zum  Beispiel
eine  Kapitalsanlage  von  100.000  Mark  hatte  und  ihm  die  Arbeiter  einen
Wert  vor,  sagen  wir,  10.000  Mark  über  ihren  Lohn  hinaus  schafften,  dann
hatte  er  doch  einen  Profit  von  10  Prozent.  Wenn  heute  aber  in  der  Fabrik
eine  Million  angelegt  ist  und  die  Arbeiter  jetzt  das  Doppelte  schaffen,  also
20.000  Mark,  dann  ist  sein  Profit  nur  mehr  2  Prozent  (1,000.000  :  20.000).
Mit  all  seiner  eifrigen  Tätigkeit  hätte  also  unser  erlauchter  Herr  Chef  nur
erreicht,  daß  er  jetzt  einen  geringeren  Profit  macht  als  vor  25  Jahren.  Danach
sieht  es  aber  gar  nicht  aus.  Es  scheint  ihm  recht  gut  angeschlagen  zu  haben."
„Vor  allem  hast  du  einen  kleinen  Rechenfehler  gemacht",  erwiderte  ich;
„denn  wenn  die  Arbeiter  jetzt  den  doppelten  Wert  neu  schaffen,  so  ist  ja
damit  noch  nicht  gesagt,  daß  sie  auch  den  doppelten  Lohn  erhalten."
„Und  das  ist  auch  nicht  einmal  wahrscheinlich",  warf  Wilhelm  hastig
dazwischen.  „Je  mehr  Maschinen  angewendet  werden,  desto  billiger  werden
die  Waren,  und  so  kann  der  Geldlohn  des  Arbeiters  sinken,  während  das,
was  er  sich  dafür  kaufen  kann,  vielleicht  sogar  mehr  wird."
„Na,  ich  glaube  zwar  nicht,  daß  das  wirklich  geschehen  ist,  denn  mir
scheint  eher,  daß  alles  teurer  geworden  ist",  antwortete  Karl;  „aber  die  Möglichkeit ­
  gebe  ich  schon  zu.  Es  ist  wahr,  daß  ich  daran  nicht  gedacht  habe.
Aber  nehmen  wir  einmal  an,  daß  die  10.000  Mark,  welche  die  Arbeiter  früher
dem  Chef  als  Profit  lieferten,  zum  Beispiel  die  Hälfte  des  von  ihnen  neu
geschaffenen  Wertes  ausmachte  und  die  andere  Hälfte,  also  ebenfalls  10.000
Mark,  als  Lohn  ihnen  selbst  zufiel,  und  daß  jetzt  sogar  drei  Viertel  von
dem  neu  geschaffenen  Wert  (also  von  40.000  Mark,  dem  Doppelten  der
früheren  20.000  Mark)  dem  Kapitalisten  und  nur  ein  Viertel  den  Arbeitern
zufallen,  so  hätte  jetzt  der  Unternehmer  doch  nur  auf  eine  Million  Anlage-
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        ...  •  h  J/.&amp;lt;.-r 22 #v.*.y  it  4  £,  JB.4-;  4  -;:  3,  ^  ,&amp;lt;#  «v  L
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kapital  einen  Profit  von  30.000  Mark,  also  ganze  3  Prozent;  sein  Gewinn
^ a i e  a^o  nod)  immer  von  10  auf  3  Prozent  gesunken.  Das  kann  ich  aber
doch  nicht  glauben  Da  müßte  er  doch  verrückt  sein,  um  das  zu  tun,  und
das  ist  er  gewiß  nicht.  Der  ist  ein  ganz  schlauer  Patron."
^ m ® e  ^  nuv '“  lvarf  ich  ein,  „ob  er  das  freiwillig  getan  hat."
0  -.xsd)  weiß  schon,  worauf  du  anspielst",  bemerkte  Wilhelm,  der  eine
Zeitlang  nachdenklich  geschwiegen  hatte.  „Ich  erinnere  mich  ganz  gut:  als
wir  von  der  Einführung  der  Maschinen  überhaupt  sprachen,  da  fanden  wir,
uiB  die  Kapitalisten  durch  die  Konkurrenz  gezwungen  werden,  immerfort
neue  Maschinen  einzustellen,  und  daß  sie  dabei  nur  so  lange  einen  besonderen
Vorteil  haben,  als  ste  ihren  Konkurrenten  voraus  sind.  Ist  die  neue  Maschine
allgeinein  eingeführt,  dann  hat  keiner  mehr  einen  Vorteil  davon.  Jetzt
Ktietnt  sick)  aber  sogar  herauszustellen,  daß  alle  zusammen  nicht  nur  keinen
Vorteil  haben,  sondern  einen  direkten  Nachteil,  wenn  nach  der  Ausgleichung
i  H  Profit  tm  Verhältnis  zum  angelegten  Kapital  kleiner  geworden  ist."
t  ..  »Ja,  aber  bei  meinem  Chef  kann  ich  das  doch  nicht  glauben",  erwiderte ­
  Karl;  „der  ist  dabei  ein  reicher  Mann  geworden.  Wenn  aber  unsere
vorige  Berechnung  richtig  wäre,  hätte  er  doch  verarmen  müssen."
r  'k^uN'  gar  so  schlimm  sah  es  doch  nicht  aus",  erwiderte  Wilhelm
mchend.  -Mach  unserer  Rechnung,  hat  er  doch  gegen  10.000  Mark  Prosit  von
damals,  letzt  oO  OM  Mark.  Das  ist  nicht  gerade  zum  Verhungern.  Aber  das
yn  ^ m L toa J ll: '  ^  eme  merkwürdige  Geschichte  ist:  denn  um  diese
.  0.000  Mark  zu  verdienen,  muß  er  jetzt  zehnmal  soviel  Kapital  anwenden
wie  früher.
„Ihr  vergeßt  beide,"  fiel  ich  ein,  „daß  der  Profit  nicht  in  dem  be-^f?ltenden
  Betrieb  allein  erzeugt  wird,  sondern  daß  der  in  der  ganzen  Gesell-Eaft
  ne»  erzeugte  Wert,  soweit  er  nicht  als  Lohn  an  die  Arbeiter  selbst
K'^uckbezahlt  wird,  durch  die  Konkurrenz  ziemlich  gleichmäßig  auf  alle
Kapitalien  verteilt  wird.  Es  kommt  also  dabei  nicht  nur  auf  das  Verhältnis
zwilchen  totem  Kapital  und  Arbeitslohn  in  Karls  Fabrik  an,  sondern  auf
das  tm  ganzen  Wirtschaftsgebiet,  also  zunächst  im  Deutschen  Reich  Im
allgemeinen  ist  aber  die  Entwicklung  noch  nicht  so  weit  fortgeschritten  wie
in  Karls  Fabrik,  der  Profit  ist  daher  auch  noch  nicht  so  stark  gesunken,  wie
es  unsere  Rechnung  ergeben  hat."

"Noch  nicht!"  riefen  Karl  und  Wilhelm  zugleich.  „Aber  mit  der  Zeit
mich  es  ,  denn  doch  dazu  kommen",  fuhr  Karl  fort.  „Denn  die  Konkurrenz
zwingt  ia  die  Kapitalisten  fortwährend,  Arbeiter  durch  Maschinen  zu  verdrangen:
  aber  dadurch  wirft  das  Kapital  nicht  nur  Arbeiter  aufs  Pflaster,
dadurch  ichadet  es  sich  selbst,  denn  es  verkürzt  immerfort  den  eigenen
Profit."

..  »Dadurch  aber,"  ergänzte  ich,  „wird  der  Prozeß,  in  dem  die  Großen
me  Kleinen  auffressen,  noch  beschleunigt:  denn  wir  haben  ja  gesehen,  daß
die  Konkurrenz  jeden  Kapitalisten  umbringt,  der  nicht  fortwährend  seinen
betrieb  ausbaut  und  vergrößert.  Je  kleiner  aber  der  Profit  im  Verhältnis
3um  angelegten  Kapital  wird,  desto  schwieriger  wird  es  für  den  kleineren
Kapitalisten,  so  große  Ersparungen  zu  machen.  Denn  abgehen  lassen  will
er  sich  iß  auch  nichts.  Natürlich,  beim  Riesenkapital,  da  spielen  die  paar
Lausende,  die  der  Kapitalist  für  sich  verbraucht,  kaum  eine  Rolle-  das  vermehrt ­
  sich  rapid,  auch  wenn  der  Profit  im  Verhältnis  kleiner  wird.  Der
kleinere  Kapitalist  aber  zehrt  seinen  ganzen  Profit  auf,  es  bleibt  nichts
übrig,  womit  er  seinen  Betrieb  vergrößern  könnte."
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        „Holloh!"  schrie  jetzt  Karl  ganz  aufgeregt.  „Wenn  das  alles  richtig  ist,
dann  würde  das  ja  bedeuten,  daß  sich  der  Kapitalismus  selbst  umbringt.
Denn  durch  sein  eigenes  Wachstum  verringert  er  seinen  eigenen  Prosit.
Von  dem  aber  lebt  er.  Wenn  das  so  fortgeht,  dann  wird  man  noch  einmal
in  der  Zeitung  unter  den  Todesnachrichten  lesen  können:  „Gestern  hat
der  Herr  Kapitalismus  nach  langem,  schwerem  Leiden  seinem  Leben  durch
Erwürgen  selbst  ein  Ende  gemacht.  Friede  seiner  Asche."  Das  wird  lustig
sein!"  Und  Karl  lachte  über  das  ganze  Gesicht.

Die  Ueberproduktion.
Als  ich  von  einer  längeren  Reise  zurückkehrte,  traf  ich  bald  wieder
meine  beiden  jungen  Freunde.  Kaum  waren  wir  wieder  beisammen  und
hatten  uns  eben  begrüßt,  so  begann  Karl:  „Während  deiner  Abwesenheit
haben  wir  uns  viel  gestritten,  wir  sind  aber  bis  heute  noch  zu  keiner  Einigung ­
  gekommen.  Wilhelm  warf  nämlich  die  Frage  auf,  wo  denn  eigentlich
die  ungeheuren  Warenmassen  alle  hinkommen,  die  Jahr  für  Jahr  produziert ­
  werden?  Wir  haben  gesehen,  daß  die  Fabrikanten  fortwährend  neue
Maschinen  einstellen,  und  daß  sie  das  tun  müssen,  wenn  sie  nicht  von  anderen
Konkurrenten  unterboten  werden  wollen.  Da  nmß  aber  doch  die  Produktion
von  Jahr  zu  Jahr  steigen,  und  zwar  sehr  schnell.  Wo  kommt  das  alles  hin?
Die  Zahl  der  Arbeiter  und  ihr  Lohn  wachsen  doch  lange  nicht  so  schnell  wie
die  Erzeugung  von  Waren.  Und  schließlich  können  die  Kapitalisten  allein
doch  nicht  soviel  aufzehren.  Sie  treiben  ja  allen  möglichen  Luxus;  aber
gerade  die  Massenartikel  werden  doch  nicht  von  den  reichen  Leuten  verbraucht, ­
  sondern  von  den  ärmeren,  besonders  von  den  Arbeitern.  Wer  kaust
also  die  Unmengen  von  Waren?
Diese  Frage  hat  uns  viel  zu  denken  und  zu  streiten  gegeben.  Zuerst
meinte  ich,  daß  doch  ein  sehr  großer  Teil  der  Arbeit  gar  nicht  auf  Lebensmittel, ­
  Wohnhäuser  u.  s.  w.  verwendet  wird,  also  aus  Sachen,  die  von  den
Menschen  unmittelbar  verbraucht  werden,  sondern  daß  ein  großer  Teil  der
jährlichen  Arbeit  zur  Herstellung  von  Maschinen,  Eisenbahnen,  Fabrik-'
  gebäuden,  Bergwerken  u.  s.  w.  verwendet  wird,  und  nach  diesen  ist  der  Bedarf
unbeschränkt.  AIs  ich  das  aber  Wilhelm  sagte,  wandte  er  ein,  daß  so  die
Schwierigkeit  nicht  beseitigt  wird,  sondern  nur  hinausgeschoben.  Denn  alle
diese  Maschinen  u.  s.  w.  dienen  doch  dazu,  noch  mehr  Waren  für  den
Lebensbedarf  herzustellen,  und  so  wird  die  Schwierigkeit  immer  größer
statt  kleiner."
„Ich  finde  die  Sache  gar  nicht  so  furchtbar  schwierig",  unterbrach
Wilhelm  seinen  Freund;  „ich  habe  dir  ja  schon  öfters  gesagt:  gerade  daraus,
daß  soviel  produziert  wird,  was  bei  uns  nicht  verkäuflich  ist,  geht  hervor,
wie  notwendig  es  ist,  daß  exportiert  wird.  Im  Inland  lassen  sich  die  Waren
nicht  mehr  absetzen,  so  schickt  man  sie  eben  ins  Ausland."
„Aber  wäre  es  denn  da  nicht  viel  besser,  die  Löhne  der  Arbeiter  würden
erhöht,  damit  die  Arbeiter  selbst  mehr  kaufen  können?"  warf  Karl  ein.
„Siehst  du,"  wandte  er  sich  an  mich,  „so  streiten  wir  jetzt  schon  die  ganze
Zeit  herum.  Wilhelm  will  immer  beweisen,  wie  wichtig  der  Aussuhrhandel
ist,  und  ich  will  ihm  beweisen,  wie  notwendig  es  wäre,  daß  die  Arbeitslöhne
erhöht  werden."
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        —  97  —
r  rr  ich  ja  gar  nicht",  fiel  Wilhelm  hitzig  ein.  „Natürlich
sollen  die  Arbeitslöhne  erhöht  werden.  Das  wäre  gewiß  auch  für  den  Absatz
Waren  gut.  Wenn  die  Arbeiter  mehr  Geld  hätten,  würden  sie  gewiß
&amp;lt;  r  E^ufen  und  unser  Geschäft  würde  sich  heben.  Aber  wir  sprechen
doch  nicht  davon,  was  schön  wäre  und  was  wir  uns  wünschen,  sondern  davon,
^^"^chchoschleht.  Tatsächlich  werden  die  Löhne  nicht  oder  sehr  wenig
erhöht  und  die  Waren  finden  doch  Absatz.  Da  bleibt  also  nur  übrig,  daß  sie
entweder  von  den  reichen  Leuten  selbst  gekauft  oder  daß  sie  exportiert
to ' C lK n -  „w“  °ber  gerade  vorhin  selbst  gesagt,  daß  die  reichen  Leute
nicht  so  viele  Massenartikel  kaufen.  So  bleibt  also  mtr  die  Ausfuhr  übrig."
„-vM,  ober  erlaub  einmal  die  Frage,"  warf  ich  nun  ein,  „werden  denn
unsere  exportierten  Waren  verschenkt?"
„Natürlich  nicht",  erwiderte  Wilhelm  unwillig.  „Im  Ausland  werden
sie  eben^gut  verkauft,  sonst  würde  man  sie  doch  nicht  ausführen."
r,  "Schön",  erwiderte  ich;  „aber  wenn  die  Waren  verkauft  und  nicht
verichenkt  werden,  dann  sehe  ich  nicht  ein,  wieso  dadurch  die  Schwierigkeit
behoben  werden  soll,  die  euch  soviel  zu  denken  gibt.  Denn  für  das  Geld
Serben  wieder  tm  Auslande  Waren  eingekauft  und  zu  uns  eingeführt.
Tatsächlich  gleichen  sich  ja  Ausfuhr  und  Einfuhr  der  meisten  Länder  im
Werte  annähernd  aus.  So  werden  zum  Beispiel  aus  Deutschland  Waren
nn  Werte  von  8000  Millionen  Mark  im  Jahre  ausgeführt  und  für  9000
Millionen  eingeführt.  Ihr  seht  also,  die  Schwierigkeit  wird  durch  den
Handel  nach  fremden  Ländern  nicht  geringer,  sondern  eher  größer."
Art  wäre  es  dann  wohl  das  Gescheiteste",  erwiderte
Wilhelm  lachend,  man  würde  Jahr  für  Jahr  etliche  Millionen  zuni  Beispiel
rns  Meer  trerfen,  damit  auf  dem  Warenmarkt  Luft  wird.  Ihr  seht  aber,
es  geht  auch,  ohne  daß  das  geschieht.  Ich  habe  wenigstens  noch  nichts  davon
gehört,  daß  die  Kapitalisten  miteinander  übereingekommen  wären,  jährlich
etliche  Millionen  ins  Meer  zu  versenken.  Früher  soll  ja  so  etwas  zuweilen
vorgekommen  sein.  So  habe  ich  kürzlich  gelesen,  daß  die  Holländer  ganze
Schiffsladungen  von  kostbaren  Gewürzen  ins  Wasser  geworfen  haben,  um
die  Preise  hoch  zu  halten.  Heute  geschieht  so  etwas  aber  doch  nicht  mehr  "
„Da  irrst  du  dich  aber  gründlich",  antwortete  ich.  „Gerade  heute  ge-Ichieht
  dasein  noch  viel  größerem  Maßstabe  als  jemals  früher,  und  dabei
listet "  ^ aCf,e  ' tt,rau  gemacht,  daß  sie  die  Kapitalisten  selbst  fast  nichts
„Da  bin  ich  aber  neugierig,  wo  und  wann  das  geschehen  soll",  unter-•‘Jsr
  nn $  Wilhelm.  „So  etwas  ließe  sich  doch  nicht  heimlich  machen.  Du
willst  uns  einen  Bären  aufbinden."
„Das  geschieht  auch  gar  iiicht  heimlich,"  antwortete  ich  ruhig,  .sondern
vor  aller  Augen.  Das  Parlament  berät  jedes  Jahr,  wie  viele'  Millionen
wieder  ins  Wasser  geworfen  werden  sollen;  oft  bestimmt  es  die  Summen
schon  auf  Jahre  voraus.  Die  Kosten,  die  daraus  entstehen,  werden  dann
durch  indirekte  Steuern  aufgebracht,  das  heißt:  die  Lebensmittel  werden  ver-'
teuert,  und  auf  diese  Weise  muß  die  große  Masse  der  armen  Leute  bezahlen ­
  was  die  Kapitalisten  ins  Wasser  werfen.  Und  es  handelt  sich  dabei
gar  nicht  etwa  um  geringfügige  Summen,  sondern  um  Hunderte  von
Millionen."
„Aha,  jetzt  verstehe  ich  schon,  wc&amp;gt;s  Giistav  meint",  fiel  hier  Karl
lächelnd  ein.  „Es  ist  unsere  Kriegsmarine.  Da  werden  wirklich  Jahr  für
isnfir  Hunderte  von  Millionen  ins  Wasser  geworfen,  ohne  daß  wir  jemals
etwas  dafür  zurückbekommen  wie  beim  Außenhandel.  Aber  gerade  so  wie
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        98

die  Marine  kannst  du  doch  dann  auch  unsere  übrigen  militärischen
Rilstnngen  heranziehen.  Die  verschlingen  doch  Jahr  für  Jahr  noch  viel
größere  Summen,  für  die  nie  etwas  zurückkommt.  Daran  dachte  ich  freilich ­
  noch  nie,  daß  der  Militarismus  ja  eine  ungeheure  Erleichterung  auf  den
Warenmarkt  schaffen  muß.  Da  wird  uns  immer  erzählt,  daß  das  Vaterland ­
  in  Gefahr  ist  und  daß  wir  deshalb  rüsten  und  hohe  Steuern  zahlen
müssen.  Dabei  hat  aber  die  ganze  Geschichte  den  Zweck,  den  Kapitalisten
Absatz  zu  verschaffen."
„Halt",  rief  Wilhelm  dazwischen.  „Ihr  wollt  mich  t&amp;gt;a  beschummeln.
Werden  denn  die  Kriegsschiffe,  Kanonen,  Munition,  Lebensmittel  und  Ausrüstungsstücke ­
  für  die  Soldaten  u.  s.  w.  nicht  ebenso  bezahlt,  als  ob  sie  ins
Ausland  gingen?  Wenn  also  der  Export  keine  Erleichterung  schasst,  dann
tun  es  doch  die  Militärausgaben  auch  nicht."
„Freilich  werden  diese  schönen  Dinge  alle  bezahlt,  und  zwar  recht  gut",
antwortete  ich;  „aber  wo  kommt  das  Geld  dazu  her?  Aus  den  Steuern
und  Zöllen.  Die  Sache  ist  also  so,  daß  die  großen  Massen  des  Volkes  das
Geld  zusammenschießen  müssen,  um  den  großen  Fabrikanten  Panzerplatten,
Kanonen,  Uniformen  u.  s.  w.  abzukaufen  und  diese  schönen  Dinge  dann
wegzuwerfen  oder  vielmehr  mit  ihnen  Jahr  für  Jahr  ein  paar  hunderttausend ­
  junge,  arbeitskräftige  Männer  mit  anstrengendem  Nichtstun  zu  beschäftigen. ­
  Würde  man  alle  diese  jungen  Leute  in  der  Produktion  beschäftigen,
statt  sie  durch  zwei  Jahre  in  geschäftigem  und  anstrengendem  Müßiggang
zu  erhalten,  dann  würde  die  Produktion  noch  viel  rascher  wachsen,  als  sie  es
schon  tut.  Dann  würde  die  Gesellschaft  noch  mehr  in  ihrem  Warenüberfluß
ersticken."
„Das  wäre  aber  auch  ein  Unglück!"  rief  Karl  ganz  grimmig  dazwischen.
„Es  können  doch  gar  nicht  zuviel  Waren  da  sein.  Es  gibt  noch  so  viele
Leute,  die  hungern  und  frieren,  die  kein  Dach  über  dem  Kopfe  haben  und
in  Lumpen  gehen.  Und  da  soll  es  eine  Ueberproduktion  geben?  Sollen  nur
die  Kapitalisten  die  Löhne  erhöhen,  dann  werden  sic  gleich  Absatz  für  ihre
Waren  haben!  Dann  brauchen  wir  den  ganzen  Militarismus  nicht  mehr."
„Ja,  seht  ihr,"  erwiderte  ich,  „wenn  es  wirklich  das  Ziel  und  der
Zweck  unserer  Wirtschaft  wäre,  die  Bedürfnisse  der  Menschen  zu  befriedigen,
dann  wäre  die  Sache  sehr  einfach,  dann  gäbe  es  die  Frage  der  Ueberproduktion ­
  überhaupt  nicht.  Dann  ginge  es  allen  Menschen  um  so  besser,
je  mehr  Güter  erzeugt  würden;  denn  um  so  mehr  entfiele  dann  auf  den  einzelnen. ­
  So  wäre  es  in  einer  sozialistischen  Gesellschaftsordnung.  Heute  aber
wird  die  ganze  Produktion  nur  von  dem  Streben  nach  Profit  beherrscht.
Es  fragt  sich  nicht,  ob  die  Produkte  nützlich  sind,  sondern,  ob  sie  mit  großem
Nutzen  verkauft  werden  können.  Darum  wird  zum  Beispiel  riesig  viel
Kapital  und  unmittelbare  Arbeit  auf  die  Schnapsbrennerei  verwendet,  obgleich ­
  der  Schnaps  gar  nichts  Nützliches,  sondern  ein  gefährliches  und  schädliches ­
  Gift  ist,  während  zugleich  eine  Menge  Menschen  hungern,  die  von  dem
Getreide  und  den  Kartoffeln,  die  jetzt  gebrannt  werden,  ganz  gut  leben
könnten.
Da  nun  aber  die  Höhe  des  Profits  in  unserer  Wirtschaft  das  Ausschlaggebende ­
  ist,  rönnen  sich  die  Kapitalisten  natürlich  mit  einer  Maßregel
nicht  befreunden,  die  diesen  Profit  schmälert.  Eine  Erhöhung  der  Löhne  tut
das  aber,  wie  wir  gesehen  haben.  Daher  ist  es  den  Kapitalisten  viel  lieber,
Jahr  für  Jahr  Hunderte  von  .Millionen  ins  Meer  zu  werfen  oder  in
Kanonen,  Festungen  u.  s.  to.  zu  stecken,  die  ja  doch.fast  ganz  von  der  großen
Masse  des  armen  Volkes  bezahlt  werden  müssen,  als  die  Arbeitslöhne  zu
        <pb n="101" />
        99

erfjofycn  imb  dadurch  ihren  Profit  noch  weiter  zu  schmälern,  als  er  durch  die
natürliche  Entwicklung  des  Kapitalismus  selbst  schon  herabgedrückt  wird,
xcu  ist  ^onn  auch  einer  der  Hauptgründe  dafür,  daß  die  bürgerlichen
Parteren  durchweg  für  Kriegsrustungen  sind,  wir  aber  mit  aller  Kraft  dem
entgegentreten.  1

Die  Krisen.
i.
.  "Nun  höre  aber  einmal,  Gustav,"  begann  Wilhelm  wieder,  nachdem
££  S^tlong  nachdenklich  vor  sich  hingeblickt  hatte,  „du  sagst,  die  großen-Massen
  der  neu  erzeugten  Waren  könnten  deshalb  nicht  aufgebraucht  werden, ­
  weil  dre  Lohne  nicht  in  demselben  Verhältnis  steigen  wie  die  Warenerzeugung,
  die  Kapitalisten  aber  für  ihren  persönlichen  Bedarf  nicht  Massenartikel
  verbrauchen,  sondern  Luxuswaren.  Deshalb,  sagst  du,  bleiben  Massenarnkel
  übrig  oder  sie  müssen  dann  „ins  Meer  geworfen",  das  heißt  für
militärische  Zwecke  verwendet  werden."
'^un,  was  dn  zum  Schluß  sagst,  ist  nicht  ganz  richtig",  unterbrach  ich
ihn.  Die  Massenartikel  werden  nicht  zuerst  blind  darauslos  erzeugt  und
dann  für  militariiche  Zwecke  u.  s.  to.  verwendet,  sondern  die  Produktion  selbst
wird  schon  für  diese  Zwecke  eingerichtet."
„Schön,"  antwortete  Wilhelm,  „das  führt  sogar  noch  näher  zu  der
Frage,  die  ich  dir  stellen  wollte:  Warum  werden  nicht  einfach  Luxuswaren
iur  den  Bedarf  der  Neichen  erzeugt  statt  der  Massenartikel,  die  sich  dann  als
unverkäuflich  Herausstellen?  Wenn  die  Produktion  für  die  Zwecke  des
Militärs  eigens  eingerichtet  werden  kann,  so  muß  das  doch  auch  für  die
Luxuswaren  möglich  sein.  Geschieht  das  aber,  dann  gibt  es  gar  keine
Ueberproduktion  mehr."
.  "Das  ist  eigentlich  ganz  richtig",  siel  Karl  beistimmend  ein.  „Wenn
zuviel  Massenartikel  und  zu  wenig  Luxuswaren  erzeugt  werden,  dann  muß
doch  der  Preis  der  Luxuswaren  steigen,  und  so  wird  es  lohnend,  sie  zu  produzieren. ­
  Damit  wäre  doch  eigentlich  die  ganze  Schtvierigkeit  gelöst."
„Das  sieht  allerdings  sehr  überzeugend  aus",  antwortete  ich.  „Aber
sehen  wir  einmal  etwas  genauer  zu,  wie  es  denn  zu  dieser  ungeheuren
Steigerung  der  Produktion  eigentlich  kommt.  Warum  erzeugen  denn  die
Kapitalisten  überhaupt  so  viel,  daß  sie  dann  nicht  wissen,  wohin  mit  all  dem
Legen?
_  .  --Weil  jeder  die  Preise  des  anderen  unterbieten  will  und  deshalb
semen  Betrieb  erweitern  muß;  denn  tip  großen  ist  die  Produktion  immer
billiger  als  im  kleinen",  antwortete  Karl.
,Manz  richtig",  erwiderte  ich;  „wir  haben  aber  auch  gesehen,  welche
große  Rolle  dabei  die  Einführung  von  neuen  Maschinen  spielt.  Ihr  werdet
euch  erinnern,  daß  der  Kapitalist,  der  eine  neue  arbeitsparende  Maschine
einfuhrt,  dadurch  einen  Extraprofit  macht.  Dadurch  zwingt  er  aber  die  anderen ­
  Kapitalisten,  ebenfalls  solche  neue  Maschinen  einzuführen,  und  so
wird  die  Produktion  gerade  in  den  mit  Maschinen  betriebenen  Industrien
ungeheuer  schnell  gesteigert.  Der  kleine  Gewinn,  der  durck  die  Steigerung
der  Preise  für  Luxuswaren  erzielt  werden  kann,  kommt  kaum  in  Betracht
neben  den  nesigen  Extraprofiten,  die  von  den  einzelnen  Kapitalisten  durch
Einführung  von  neuen  Maschinen  gemacht  werden  können.  So  erklärt  es
l*
        <pb n="102" />
        100

sich,  daß  die  Produktion  von  Massenartikeln  viel  rascher  wächst  als  die  von
Luxuswaren,  und  dadurch  kommt  es  fortwährend  zur  Ueberproduktion,  und
die  kapitalistische  Welt  weiß  dann  nicht,  wohin  mit  dem  billigen  Zeug."
„Aber  bleibt  da  nicht  noch  immer  ein  Ausweg?"  fragte  Wilhelm
zögernd.  „Kann  man  nicht  die  Massenartikel  ins  Ausland  exportieren  und
dafür  Luxuswaren  eintauschen?"
„Das  wollen  aber  doch  alle  Völker  zugleich,"  wandte  Karl  ein;  „das
kann  doch  nicht  gehen."
„Was  Wilhelm  da  sagt,  ist  gar  nicht  so  uneben,"  erwiderte  ich.  „Freilich, ­
  Industrieländer  können  nicht  so  miteinander  tauschen,  daß  jedes  die
Massenartikel  hergibt  und  dafür  Luxuswaren  bezieht.  Wohl  aber  ging  das
lange  Zeit  mit  den  wirtschaftlich  rückständigen  Völkern  und  geht  auch  heute
•  noch  zum  Teil  so.  So  führt  Deutschland  zum  Beispiel  große  Mengen  billiger
Baumwollwaren  nach  China  und  Afrika  aus  und  erhält  dafür  von  dort
Seide,  Gold,  Elfenbein  und  andere  Luxusartikel  für  den  Bedarf  der
Reichen.  Früher  wurde  der  ganze  Handel  nach  den  Ländern  des  fernen
Osten,  nach  Indien,  China,  Japan,  nach  den  Südsecinseln  u.  s.  W.  in  dieser
Weise  geführt.  Aber  seit  die  Riesendampfer  den  Verkehr  vermitteln  und
jene  fernen  Länder  sich  nun  auch  für  den  Export  im  großen  eingerichtet
haben,  sind  eine  Reihe  von  Artikeln,  die  früher  nur  für  die  Reichen  da
waren,  auch  in  den  Verbrauch  der  ärmeren  Leute  übergegangen,  wie
Kaffee,  Tee,  Kakao,  Pfeffer,  Bananen  u.  s.  to.  Ferner  aber  werden  jetzt
eine  Unmenge  Rohprodukte  für  unsere  Industrie  aus  jenen  Gegenden  oder
aus  Afrika  geholt,  wie  zum  Beispiel  Baumwolle,  Kautschuk,  Kokosnüsse,  aus
denen  Pflanzenfett  gewonnen  wird,  und  viele  andere.  Endlich  aber  fangen
einige  von  diesen  Ländern  jetzt  sogar  schon  an,  selbst  Jndustrieartikel  für
den  Masfenexport  zu  fabrizieren.  Daher  wird  diese  Möglichkeit  für  das
Kapital,  Massenartikel  im  Ausland  gegen  Luxuswaren  einzuhandeln,
immer  geringer."
„Ja,  das  ist  schon  wahr,"  meinte  Wilhelm.  „Mit  Luxusartikeln
allein  könnte  man  unsere  Riesendampfer  auf  ihrer  Heimreise  von  ben
überseeischen  Ländern  nicht  befrachten.  Uebrigens  würde  doch  unsere  Industrie ­
  zugrunde  gehen  ohne  die  fremden  Rohstoffe.  Wenn  ich  nur  zum
Beispiel  meinen  Anzug  anschaue,  muß  ich  das  schon  einsehen.  Mein  Hemd
ist  aus  Baumwolle  gemacht,  und  die  kommt  aus  Aegypten,  Indien  und
Amerika.  Das  Tuch  zu  meinem  Rock  ist  vielleicht  aus  australischer  Schafwolle ­
  gewebt;  das  Leder  zu  meinen  Stiefeln  stammt  vielleicht  aus  Indien.
Eigentlich  muß  man  staunen,  daß  diese  Länder  noch  immer  so  viel  Rohstoffe ­
  liefern  können.  Unsere  Industrie  dehnt  sich  doch  riesig  rasch  aus;
ich  weiß  gar  nicht,  wie  diese  zurückgebliebenen  Länder  mit  ihrer  Landwirtschaft ­
  nachkommen  können.  Wird  denn  die  ebenso  rasch  verbessert  wie
bei  uns  die  Industrie?"
„Durchaus  nicht,"  erwiderte  ich.  „In  Aegypten  zum  Beispiel  pflügen
heute  die  Bauern  nicht  viel  besser  als  ihre  Vorfahren  vor  2000  Jahren;
in  Indien  ist  es  kaum  anders.  Aber  der  alte  Ackerbau  für  den  Bedarf
der  Eingeborenen  wird  in  diesen  Ländern  stark  zurückgedrängt,  und  dafür
werden  immer  weitere  Gebiete  mit  Baumwollstauden,  mit  Kaffeebäumen,
Teesträuchern  u.  s.  w.  bebaut.  Die  fortwährenden  entsetzlichen  Hungersnöte ­
  in  Indien  sind  zum  großen  Teil  dadurch  bewirkt."
„Aber  das  muß  doch  seine  Grenzen  haben,"  fiel  Karl  ein.  „Man
kann  doch  den  Bauern  ihr  Land  nicht  ganz  wegnehmen,  sie  müssen  doch
        <pb n="103" />
        101

Kttouf  ,  ^  n  tnr  nS  Ct s  der  Bedarf  nach  Baumwolle,
ti 0 ^ r « 0  toQd)  ' r  s°  mußte  doch  das  Gebiet  auch  fortwahrend
  wachsen,  das  mit  Baumwollstauden  und  Gummibäumen  bepflanzt

©orm^fir  unforo  ri to  frf+'  ontwortete  ich.  „Es  ist  auch  eine  ständige
stüffpir  hw.  f  J  nt  n i tnta  rj t r t r n '  die  ungeheuren  Massen  von  Rohn
  Shipn  b,  l U]  hernehmen.  Darum  werden  die  Bauern
m  Indien,  Aegypten  und  anderen  Landern  immer  mehr  gezwungen  statt
.Handelspflanzen  anzubauen,  und  trotzdem  da  oft
geradezu  Raubbau  getrieben  wird,  das  heißt  obwohl  die  Bodemckätze  ausgebeutet ­
  werden  ohne  Rücksicht  auf  die  kommenden  Liten  wÄst  doch
immerfort  die  Verlegenheit  um  das  Rohmaterial."  ^
„Wer  da  ist  doch  ein  großer  Unterschied,"  entgegnete  Karl  „Ein
großer  Teil  der  Rohmaterialien,  die  in  der  Industrie  verarbeitet  werden
Ichmmt  doch  aus  Bergwerken  zum  Beispiel  das  Eisen,  aus  dem  unsere
^Ä^n^omacht  werden,  ist  aus  Eisenerzen  gewonnen.  Die  kann  man
aber  graben,  io  viel  man  will.  Bei  den  Kohlen  ist  es  doch  auch  so."
iw  sh  "sAs  6anz^richtig,"  ^  erwiderte  ich;  „denn  die  Gewinnung
der  Erze  und  Kohlen  wird  um  so  teurer,  je  tiefer  man  in  die  Erde  vorringen
  muß.  Aber  jo  viel  ist  schon  richtig,  daß  Erfindungen,  Einführung
neuer  Maschinen  u  s.  to.  diese  Gewinnung  wieder  sehr  fördern  und  verbilligen, ­
  und  man  kann  beinahe  davon  sprechen,  daß  man  jederzeit  soviel
Esten  und  Kohlen  gewinnen  kann,  wie  man  braucht.  Aber  bei  den  pflanzlochen
  und  tierischen  Stoffen  liegt  die  Sache  anders.  Auch  da  kann  man
naturlia,-  die  Flache  ausdehnen,  auf  denen  die  Pflanzen  angebaut,  die
gLZuchtet  werden,  und  man  kann  auch  durch  Anwendung  von  derbesserten
  Methoden  den  Ertrag  der  Grundstücke  steigern.  Aber  das  geht
lange  nicht  so  schnell,  wie  es  die  Industrie  erfordern  würde."
„Aber  dann  müssen  doch  die  Bodenprodukte,  besonders  die  pflanzlichen ­
  und  tierischen  Rohstoffe,  stark  im  Preise  steigen",  wandte  Wilhelm ­
  ein.

„Das  tun  sie  auch,  besonders  zeitweilig",  antwortete  ich.
"Wieso  denn  zeitweilig  mehr  als  sonst?"  fragte  nun  Wilhelm  erstaunt,
  „xzch  hatte  gedacht,  daß  dann  eben  die  Preise  überhaupt  immer
steigen  müssen,  nicht  nur  manchmal."
„Es  ist  aber  doch  so",  antwortet^  ich,  „nnd  ihr  werdet  gleich  einsehen
woher  das  kommt.  Nehmen  wir  zum  Beispiel  an,  daß  der  Kaffecpreis
zu  irgendeiner  Zeit  sehr  hoch  steht.  Nun  erscheint  es  vielen  Besitzern  von
Pstanzungen,  aus  denen  bisher  etwa  Tee  oder  Kakao  oder  Getreide  angebaut
  wurde,  lohnender,  Kaffeebäume  anzupflanzen,  aber  diese  Bäumchen
brauchen  mehrere  Jahre  bis  sie  Früchte  liefern.  Während  dieser  Zeit
bleibt  der  Drew  noch  immer  hoch  und  steigt  wahrscheinlich  sogar  noch.  Nach
^ un  ^ohren  aber  fangen  alle  diese  jungen  Bäumchen  auf  einmal
an,  Bohnen  zu  liefern;  nun  übersteigt  auf  einmal  das  Angebot  die  Nachsrage,
  es  werden  mehr  Kaffeebohnen  aus  den  Markt  gebracht,  zum  Kauf
angeboteil,  als  zu  dem  alten  hohen  Preis  verlangt  werden,  und  nun  beginnen
  stch  die  Kasseepflanzer  gegenseitig  zu  unterbieten,  die  Preise  sinken.
Bon  ^ahr  zu  st&amp;gt;ahr  wächst  aber  die  Kaffeernte,  und  so  sinken  die  Preise
immer  tiefer.  Jetzt  will  niemand  mehr  Kasfeebäume  anpflanzen,  denn
die  Preise  ltohen  so  schlecht,  daß  sich  andere  Pflanzen  noch  immer  viel
besser  lohnen.  Wenn  aber  die  Kaffeebäumchen  etwa  20  Jahre  alt  sind.
        <pb n="104" />
        102

liefern  sie  keine  brauchbare  Ernte  mehr.  Plötzlich  werden  wieder  viel
weniger  Kaffeebohnen  auf  den  Markt  gebracht  als  früher,  und  so  steigt
wieder  ihr  Preis,  und  die  Geschichte  kann  von  vorn  beginnen.  Uebrigens
habe  ich  dieses  Beispiel  nicht  erfunden-,  sondern  die  Sache  hat  sich  tatsächlich
oft  so  abgespielt."
II.

„Aber  gilt  denn  das,  was  du  da  von  den  Kaffeebäumen  erzählst,  nicht
ebenso  auch  für  Fabrikanlagen,  große  Maschinen  u.  s.  to.?"  fragte  Karl  nach
einigem  Nachdenken.  „Der  Bau  unserer  Fabrik  zum  Beispiel  und  die  Konstruktion ­
  der  Maschinen  würde  ein  paar  hübsche  Jahre  dauern.  Wenn  also
zum  Beispiel  der  Preis  all  der  Eisenwaren,  die  bei  uns  erzeugt  werden,  steigt
und  ein  Kapitalist  jetzt  eine  neue  Fabrik  errichten  will,  braucht  er,  wenn
er  die  Maschinen  fertig  kauft,  mindestens  ein  paar  Monate,  bis  er  Waren
liefern  kann,  und  unterdessen  können  die  Preise  sich  schon  längst  wieder
geändert  haben."
„Ganz  richtig,"  bestätigte  ich,  „aber  wenn  viele  Kapitalisten  das  zugleich
tun  wollen,  dann  können  sie  nicht  alle  die  Maschinen  fertig  kaufen,  dann
müssen  diese  erst  bestellt  und  gebaut  werden.  Das  kann  Jahre  dauern.  Man
muß  ja  auch  rechnen,  daß  bei  starker  Steigerung  des  Bedarfes  an  Maschinen
erst  der  Stahl,  aus  dem  sie  gebaut  werden  sollen,  bereitet  werden  muß.
Es  müssen  also  vielleicht  erst  Hochöfen  und  Stahlwerke  gebaut,  am  Ende
gar  neue  Bergwerke  angelegt  werden.  Darüber  werden  gewiß  Jahre  vergehen." ­

„Ja,  aber  können  da  nicht  ein  ganze  Menge  Kapitalisten  zugleich  solche
Werke  anlegen,"  meinte  Wilhelm,  „weil  sie  die  hohen  Preise  ausnützen
wollen?  Einer  weiß  nichts  vom  anderen,  alle  bauen  drauf  los.  Und  wenn
es  dann  dazu  kommt,  daß  einer  fertig  ist  und  feine  Waren  zum  Verkauf
bringt,  sind  die  anderen  auch  geradeso  weit,  und  dann  stehen  sie  alle  mit
langen  Gesichtern  da."
„Das  kann  nicht  nur  geschehen,"  bestätigte  ich,  „das  geschieht  tatsächlich ­
  oft  genug.  Nehmen  wir  als  Beispiel  den  Bau  einer  neuen  Eisenbahnlinie. ­
  Da  werden  Eisenbahnschienen  gebraucht  und  Schwellen,  aber  auch
neues  „rollendes  Material",  also  Wagen  und  Lokomotiven.  Für  die  Stationsgebäude ­
  werden  Ziegel  gebraucht,  für  die  Brücken  Eisenkonstruktionen.
Zugleich  werden  aber  eine  Menge  Arbeiter  in  die  Gegend  gezogen.  Die
brauchen  Kleider,  Lebensmittel  u.  s.  w.  Jetzt  fängt  unter  den  Kapitalisten
ein  Wettlauf  an.  Wer  zuerst  imstande  ist,  die  großen  Aufträge  auszuführen,
der  ist  im  Vorteil.  Hals  über  Kopf  wird  gearbeitet.  Hochöfen  werden  errichtet,
Walzwerke  angelegt,  Sägewerke,  Ziegelöfen  errichtet,  Bäckereien,  Fleischereien ­
  erweitert  u.  s.  f.  Handelt  es  sich  nur  um  eine  neue  Linie,  so  läßt  sich
vielleicht  noch  halbwegs  überblicken,  wieviel  gebraucht  werden  wird  und
welche  Vorbereitungen  zu  treffen  sind.  Aber  oft  treffen  viele  solche
Anlagen  in  einer  Zeit  zusammen,  und  dann  ist  es  fast  unmöglich,  Nachfrage
und  Angebot  zu  überblicken;  denn  unsere  ganze  Produktion  wird  ja  nicht
einheitlich  geleitet,  sondern  jeder  einzelne  Produzent  wird  nur  von  dem
Verlangen  getrieben,  möglichst  viel  Profit  zu  machen."
„Da  ist  es  aber  doch  gar  nicht  zu  vermeiden,  daß  manchmal  zu  viel
und  dann  wieder  zu  wenig  produziert  wird",  meinte  nun  Wilhelm  nachdenklich. ­
  „Solange  es  sich  um  Waren  handelte,  die  mit  geringem  Kapital,
mit  Handbetrieb  oder  mit  nur  wenigen  Maschinen  erzeugt  wurden,  da
konnten  die  Preise  ganz  gut  die  Erzeugung  regeln;  stiegen  die  Preise,  dann
        <pb n="105" />
        103

tourben  eben  sofort  mehr  Waren  dieser  Art  erzeugt,  großer  Vorbereitungen
bedurfte  es  dazu  nicht;  und  dann  sanken  die  Preise  wieder.  Sanken  sie
zu  stark,  so  wurde  d:e  Erzeugung  dieser  Waren  nicht  mehr  lohnend,  sie  wurde
eingeschränkt,  und  die  Preise  stiegen  wieder.  Aber  jetzt  liegt  doch  die  Sache
Tonnen  Jahre  vergehen,  bis  die  Fabriken  gebaut  sind  und
dre  Waren  erzeugt  und  verkauft  werden  können.  In  der  Zwischenzeit  weiß
keln?  ensch,  ob  die  Bauten  und  Maschinen,  die  da  errichtet  werden,  später
verkäufliche  Waren  erzeugen  werden  oder  etwas,  wonach  dann  gar  keine
oder  nur  mehr  eine  geringe  Nachfrage  sein  wird,  oder  ob  nicht  soundso  viele
Konkurrenten  zugleich  auch  solche  Werke  bauen  und  dadurch  die  Preise
drucken  werden."  1
„  "So,  aber  wie  ist  es  denn  dann  erst,  wenn  die  Preise  nachher  wirklich
unten.  fragte  Karl.  „Wenn  alle  diese  Bauten  und  Maschinen  dastehen,
kann  man  fte  doch  nicht  einfach  ruhen  lassen.  Da  stecken  doch  Dttllionen  drin.
Der  Schneider,  Schuhmacher  oder  Bäcker  entläßt  ein  paar  Gehilfen  und
schrankt  seinen  Betrieb  em.  Er  macht  dann  natürlich  weniger  Gewinn,  aber
™  T  E 1 . 0 «)  'einen  direkten  Schaden.  Aber  wenn  zum  Beispiel  in  unserem
Werke  die  Maschinen  stillstehen  müßten,  dann  wäre  das  ein  schöner  Schaden
für  die  Besitzer.  Die  Maschinen  werden  durch  das  Stillstehen  nicht  besser.
Vor  allem  aber  muß  das  Kapital,  das  in  ihnen  steckt,  verzinst  werden.
Woher  aber  die  Zinsen  nehmen,  wenn  nicht  gearbeitet  wird?  Was  geschieht
also  dann,  wenn  das  wirklich  eintritt,  was  du  uns  da  erzählt  hast,  wenn  zu
bl - e l e ,  N?^n  errichtet  worden  sind  und  jetzt  infolgedessen  ihre  Produkte
nicht  absetzen  können?"
„Dann  kommt  der  große  Krach,"  antwortete  ich,  „die  Krise.  Sobald
die  Preiw  anfangen  zu  sinken,  wird  jeder  einzelne  Fabrikant  erst  recht
darauf  aus  fern,  möglichst  viele  Aufträge  zu  ergattern,  denn  je  größer  die
Produktion  um  so  billiger,  und  um  so  niedrigere  Preise  kann  der  Fabrikant
daher  gewahren.
„Stber  da  jagen  sich  die  Fabrikanten  ja  selbst  nur  nach  schneller  ins
Verderben",  rief  Wilhelm  ganz  entsetzt.
,  „Freilich  tun  sie  das,"  erwiderte  ich,  „aber  das  ist  ja  nicht  das  erstemal,
daß  wir  bemerken,  wie  die  Kapitalisten  dadurch  ins  Verderben  rennen  daß
seder  den  anderen  zii  besiegen,  ihm  einen  Vorteil  abzujagen  sucht.  Und  so
sehen  wir  das  hier  wieder  bestätigt.  Natürlich  muß  dann  der  Krach  mit  um
io  größerer  Wucht  kommen.  Dann  können  die  Fabrikanten  auf  einmal  ihre
Rechnungen  nicht  mehr  zahlen,  sie  stellen  die  Zahlungen  ein,  die  Werke
stehen,  die  Arbeiter  werden  entlassen.  Natürlich  suchen  die  jetzt  anderswo
unterzmommen  und  drücken  dadurch  auch  die  Löhne  der  anderen  Arbeiter
Diese  können  daher  keine  neuen  Kleider,  Schuhe,  Wäsche,  Möbel  u.  s.  w.  anichaifen
  und  müssen  ihren  Bedarf  an  Lebensmitteln  soweit  wie  nur  irgend
möglich  einschränken.  Dadurch  werden  jetzt  die  Weber  die
Schneider,  die  Schuhmacher,  die  Näherinnen,  die  Tischler,  Bäcker,
Fleischer  u.ß  w.  weniger  beschäftigt,  auch  hier  werden  Arbeiter  entlassen,
viele  Fabnranten  können  ihren  Verbindlichkeiten  nicht  mehr  nachkommen
und  gehen  zugrunde.  So  tritt  eine  allgemeine  Stockung  ein.  Die  Fabrikanten,
  die  bisher  für  die  jetzt  verkrachten  Werke  geliefert  haben,  finden
für  ihre  Waren  keinen  Absatz  mehr,  und  zugleich  werden  ihre  früheren
Rechnungen  Nicht  bezahlt.  So  reißt  einer  den  anderen  mit,  Not  und  Jammer
werden  allgemein.  Am  schwersten  haben  natürlich  die  Arbeiter  zu  leiden.
Solange  die  Geschäfte  gut  gingen,  hatten  sie  oft  Ueberzeit  zu  arbeiten,  sie
mußten  sich  atemlos  schinden  und  plagen.  Jetzt  haben  sie  Zeit,  sich  auszu-
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        104

ruhen.  Ratlos  irren  sie  von  einer  Werkstatt  zur  anderen,  überall  heißt  es,
daß  auch  hier  Arbeiter  entlassen,  aber  keine  neuen  eingestellt  werden.  Und
während  der  Schneidermeister  zugrunde  geht,  weil  er  seine  fertigen  Anzüge
nicht  verkaufen  kann,  muß  er  seine  Arbeiter  entlassen,  und  diese  haben  b-ald
ebenso  wie  ihre  Leidensgefährten  aus  anderen  Berufen  keinen  ganzen  Rock
mehr  anzuziehen."
„Aber  auf  diese  Weise  miißte  doch  alles  zugrunde  gehen",  rief  da
Wilhelm  dazwischen.  „Einer  reißt  den  anderen  mit  und  so  wird  alles  vernichtet. ­
  Ist  denn  das  wahr?"
„Seitdem  der  Kapitalismus  herrscht,"  erwiderte  ich,  „sind  die  Krisen
eine  regelmäßige  Erscheinung  geworden.  Europa  sah  große  Krisen  in  den
Jahren  1815,  1825,  1836/1847  (die  letztere  leitete  die  Revolution  ein),  1857,
1873,  1882,  1891,  1895,  1900  und  1907."
„Aber  das  geht  ja  wirklich  fast  ganz  regelmäßig",  erwiderte  Karl
erstaunt.  „Aber  wieso  erholt  sich  denn  die  Wirtschaft  doch  immer  wieder?"
„Die  Krise  selbst,"  antwortete  ich,  „bewirkt  schon  den  neuen  Aufschwung.
Während  der  Krisenzeit  braucht  jeder  notwendig  Geld,  um  Zahlungen  zu
leisten.  Geborgt  wird  nichts  mehr.  Jetzt  müssen  die  Waren  um  jeden  Preis
losgeschlagen  werden,  oft  tief  unter  dem  Werte.  Aber  auch  die  Fabrikanlagen ­
  selbst  müssen  oft  Hals  über  Kopf  verkauft  werden.  Wer  sie  nun
billig  ersteht  und  auch  die  Rohmaterialien  und  Hilfsstoffe  um  einen  Spottpreis ­
  kaufen  kann  und  die  Arbeiter  billig  bekommt,  der  vermag  selbst
unter  den  herrschenden  schlechten  Absatzbedingungen  noch  mit  Gewinn  zu
produzieren.  Dadurch  beginnt  aber  das  ganze  Geschüftsleben  sich  wieder  zu
heben.  Die  Arbeiter  sind  nicht  mehr  arbeitslos  und  können  sich  allmählich
wieder  aus  ihrem  tiefsten  Elend  emporarbeiten:  sie  kaufen  Kleider,
Möbel  u.  s.  w.  Die  Fabrikanten  kaufen  wieder  Rohstoffe.  Jetzt  werden  neue
Fabriken  gebaut,  neue  Maschinen  aufgestellt,  um  dem  gesteigerten  Bedarf
zu  genügen,  und  so  beginnt  die  Geschichte  wieder  von  vorne."
„Wenn  sich  das  aber  schon  so  oft  abgespielt  hat,"  warf  Karl  ein,  „wieso
wissen  denn  die  Kapitalisten  noch  nicht,  daß  es  zum  Krach  kommen  muß?"
„Die  wissen  das  schon",  entgegenete  ich,  „aber  gerade  deshalb  sucht
jeder  um  so  schneller  sein  Schäfchen  ins  trockene  zu  bringen.  Jeder  sucht  so
viel  Extraprofit  zu  machen  wie  nur  möglich.  Darum  werden  die  Betriebe
ausgedehnt,  neue  Maschinen  aufgestellt,  jeder  sucht  die  anderen  zu  überflügeln. ­
  Je  mehr  Maschinen  in  einer  Industrie  verwendet  werden,  um  so
eher  sind  solche  Ertragewinne  in  ihr  zu  machen,  um  so  mehr  Kapital  fließt
ihr  zu.  Aber  wie  wir  gesehen  haben,  dauert  es  gerade  bei  diesen  Industrien ­
  oft  jahrelang,  bis  sie  die  neuen  Produkte  verkäuflich  liefern
können.  Bis  dahin  stehen  natürlich  die  Preise  immer  noch,  hoch.  Die  Maschinen ­
  und  Fabrikbauten,  die  errichtet  werden,  erfordern  eine  Menge  Rohmaterial ­
  und  beschäftigen  eine  Menge  Arbeiter.  So  blüht  das  ganze  Geschäft, ­
  besonders  die  Massenartikel  finden  reißenden  Absatz.  Sind  doch  jetzt
die  Löhne  vergleichsweise  hoch.  Das  geht  längere  Zeit  so  fort.  Die  Erzeugung ­
  von  Massenartikeln  wächst  immer  rascher.  Endlich  aber  muß  sich
doch  herausstellen,  daß  zuviel  Massenartikel  produziert  worden  sind,  daß
sich  keine  Käufer  dafür  finden.  Jetzt  beginnt  die  Sache  auf  einmal  zu
stocken.  Irgendwo  hat  ein  großer  Fabrikant  seine  Waren  nicht  mehr  verkaufen ­
  können,  er  kann  daher  seine  Rechnungen,  nicht  bezahlen,  dadurch
kommt  der  andere  in  Verlegenheit,  und  so  reißt  einer  den  anderen  mit,  die
Krise  ist  da."
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        105

Kartelle  und  Truste.
„Du  erzählst  uns  da,  daß  in  den  letzten  hundert  Jahren  die  Krisen
regelmäßig  sich  immer  wiederholt  haben",  begann  Wilhelm  nachdenklich.
„Da  müssen  aber  doch  die  Kapitalisten  selbst  auch  daraufgekommen  fein,
was  die  Ursachen  der  Krisen  sind.  Darum  kann  ich  nicht  verstehen,  daß  sie
nicht  versucht  haben  sollten,  dem  Uebel  zu  begegnen,  die  Krisen  zu  vermindern. ­
  Sie  brauchten  doch  nur  untereinander  zu  vereinbaren,  wieviel
von  jeder  Warengattung  erzeugt  werden  sollte,  und  die  Gefahr  der  Krisen
war  beseitigt."
„Nur!"  höhnte  Karl;  „glaubst  du  denn,  das  sei  so  einfach,  die  Kapitalisten ­
  brauchten  „nur"  zu  vereinbaren,  wieviel  produziert  werden
sollte?"
„Und  doch  hat  Wilhelm  nicht  so  ganz  unrecht",  warf  ich  ein.  „Allerdings ­
  haben  die  Kapitalisten  auch  heute  noch  die  wahren  Ursachen  der
Krisen  recht  wenig  erkannt.  Die  einen  glauben,  es  werde  überhaupt  zu
viel  produziert,  andere  glauben,  es  fehlt  an  Bargeld,  wieder  andere  meinen,
die  Banken  seien  an  den  Krisen  schuld  u.  s.  w.  Gerade  die  Lehren  von  den
Krisen  gehört  zu  den  allernmstrittensten  Gebieten  der  Nationalökonomie:
aber  daß  die  regellose  Konkurrenz  für  die  Beteiligten  oft  große  Gefahren
und  Nachteile  hat,  das  mußten  selbst  die  Blindesten  erkennen.  Ein  sehr
hübsches  Beispiel  dafür  liefern  die  Dampferlinien  auf  den  großen  amerikanischen ­
  Flüssen.  Die  unterboten  sich  früher  gegenseitig  in  den  Preisen  für
Frachten-  und  Personenbeförderung  und  überboten  sich  besonders  in  der
Schnelligkeit  der  Fahrten.  Das  artete  so  aus,  daß  oft  die  tollsten  Wettfahrten ­
  erfolgten  und  dabei  durch  Kesselexplosionen  und  Auffahren  auf
Sandbänke  Schiffe  und  Menschen  zugrunde  gingen.  Endlich  fanden  die
Unternehmer  aber  doch,  daß  es  für  sie  alle  besser  ist,  wenn  sie  sich  vertrugen,
statt  sich  gegenseitig  niederzukonkurrieren.  Sie  vereinigten  sich  und  setzten
die  Preise  hinauf,  die  Geschwindigkeit  herunter.  Natürlich  machten  sie  jetzt
viel  bessere  Geschäfte."
„Nun  also,  da  hast  du  es  ja",  wandte  sich  Wilhelm  triumphierend  au
Karl.  „Und  wenn  dort  Vereinbarungen  möglich  waren,  so  sind  sie  es  doch
sonst  auch."
„Das  ist  bis  zu  einem  gewissen  Grade  richtig,"  antwortete  ich,  „und
heute  gibt  es  schon  eine  Unmenge  von  Vereinbarungen  zwischen  den  Unternehmern; ­
  oft  haben  sie  sogar  zu  noch  viel  engerem  Zusammenschluß  geführt. ­
  Da  braucht  zum  Beispiel  ein  Stahlwerk  Roheisen  und  Kohle  in
großen  Mengen.  Um  sich  von  den  Preisschwankungen  unabhängig  zu
machen,  schließt  der  Besitzer  des  Stahlwerks  mit  den  Besitzern  von  Hochöfen
und  Kohlengruben  Verträge  auf  Jahre  hinaus,  daß  sie  ihm  zu  einem  bestimmten ­
  Preis  liefern  werden.  Oft  aber  bleibt  es  dabei  nicht  stehen.  Er  vereinbart ­
  zum  Beispiel  mit  ihnen,  daß  sie  keinem  anderen  Werk  liefern  als  nur
ihm.  Dafür  muß  er  sich  aber  verpflichten,  eine  bestimmte  Menge  von
Eisen  und  Kohle  abzunehmen.  Jetzt  sind  die  Besitzer  der  Hochöfen  und
Kohlengruben  auch  an  dem  Gedeihen  des  Stahlwerks  stark  interessiert:
denn  wenn  dieses  schlecht  geht,  kann  es  ihnen  das  Roheisen  und  die  Kohlen
nicht  abnehmen.  So  wird  der  Zusammenhang  zwischen  diesen  Werken
immer  inniger,  oft  bilden  sie  schließlich  wirklich  eine  Gesellschaft,  oder  der
Besitzer  des  Stahlwerks  zum  Beispiel  kauft  die  Hochöfen  und  Kohlengruben
und  vereinigt  sie  mit  seinem  Werk.  Dasselbe  Ergebnis  tritt  ein,  wenn  zum
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        Beispiel  der  Besitzer  eines  Hochofens  das  Roheisen  nicht  verkaufen  will,
sondern  sich  selbst  ein  Stahlwerk  errichtet  und  erst  den  Stahl  verkauft
Solche  Verbindungen  gibt  es  in  größter  Mannigfaltigkeit.  So  haben  sich
zum  Beispiel  viele  große  landwirtschaftliche  Betriebe  Spiritusbrennereien
oder  Zuckerfabriken  angegliedert.  Das  großartigste  Beispiel  solcher  Kombination ­
  bieten  aber  die  Elektrizitätswerke,  die  sich  nicht  nur  darauf  eingerichtet ­
  haben,  die  Kupferdrähte  selbst  zu  erzeugen,  die  sie  brauchen,  sondern ­
  sich  ganze  Kabelwerke  angegliedert  haben:  sie  stellen  aber  auch  zugleich
elektrische  Maschinen  her  und  haben  zu  diesem  Zweck  große  Maschinenfabriken ­
  errichtet:  sie  erzeugen  aber  auch  Trambahnwagen,  dadurch  kommen
sie  in  die  Holzindustrie  u.  s.  w.  Um  es  aber  den  Gemeinden  zu  erleichtern,
sich  Elektrizitätswerke,  elektrische  Straßenbahnen  u.  s.  w.  anznschafsen
strecken  ihnen  die  großen  Elektrizitätsfirmen  Geld  vor,  und  dazu  haben  sie
wieder  ihre  eigenen  Banken."
„Aber  das  ist  doch  etwas  ganz  anderes  als  das  Beispiel  der  amerikanischen ­
  Dampferlinien,  das  du  vorhin  angeführt  hast",  unterbrach  mich  hier
Karl.  „Du  sprichst  hier  von  Vereinigungen  von  Werken,  die  sich  keine  Konkurrenz ­
  machen.  Dort  aber  handelte  es  sich  um  die  Verhinderung  der  Konknrrenz."

„Ganz  richtig,"  bestätigte  ich,  „aber  wir  sprachen  ja  über  die  Frage
der  Regelung  der  Produktion  überhaupt;  und  diesem  Zwecke  dienen  eben
auch  jene  Verabredungen  und  Vereinigungen,  von  Lenen  wir  bisher  gesprochen ­
  haben.  Aber  noch  wichtiger  als  sie  sind  jene  Verträge  zwischen
selbständigen  Unternehmern,  welche  die  Konkurrenz  verhindern  oder  doch  abschwächen ­
  und  beschränken  sollen.  So  schließen  zum  Beispiel  die  großen
Stahlwerke  unter  sich  einen  Vertrag,  daß  sie  nur  eine  bestimmte  Produktionsmenge ­
  erzeugen  und  ihre  Produkte  nicht  unter  einem  bestimmten  Preise
verkaufen,  oder  daß  sie  Roheisen  und  Kohlen  nicht  über  einen  bestimmten ­
  Preis  kaufen  wollen.  Aber  so  wie  im  früher  besprochenen  Falle
können  auch  hier  die  Verabredungen  viel  weitergehen;  demnach  unterscheidet
man  auch  die  loseren  Verbindungen,  bei  denen  die  einzelnen  Unternehmer
ihre  geschäftliche  Selbständigkeit  noch  größtenteils  behalten,  als  sogenannte
„Kartelle"  von  den  engeren  Verbindungen,  bei  denen  die  ganze  Produktion
von  einer  Zentralstelle  geleitet  wird,  den  Trusten".  Das  sind  eigentlich
Gesellschaften,  welche  die  gesamte  Erzeugung  und  den  Verkauf  bestimmter
Waren  einheitlich  regeln  und  durchführen.  Diese  Vereinbarungen  beschranken ­
  sich  aber  nicht  auf  die  Festsetzung  der  Produktionsmengen  und  der
Preise,  sie  besagen  auch  oft,  daß  die  Löhne  nicht  über  eine  gewisse
Grenze  erhöht  werden,  oder  daß  von  einem  Werk  entlassene  Arbeiter
oder  Angestellte  in  keinem  anderen  angestellt  werden  dürfen."
„Aber  das  ist  ja  eine  Niederträchtigkeit",  unterbrach  mich  hier  Wilhelm. ­
  „So  ein  Arbeiter,  der  zum  Beispiel  als  Metallarbeiter  einen  hohen
Lohn  bekommt,  findet  dann  überhaupt  kein  Brot  mehr,  wenn  er  von  allen
Metallfabriken  ausgesperrt  ist.  Da  sind  ja  die  Arbeiter  an  Händen  und
Fußen  gebunden  ihren  Zwingherren  ausgeliefert."
»Oho!"  rief  Karl  dazwischen.  „Du  vergißt  die  Gewerkschaften.  Wenn
sich  auf  der  einen  Seite  die  Unternehmer  organisieren,  so  auf  der  anderen
Seite  die  Arbeiter.  Gerade  dadurch  ist  es  um  so  notwendiger  geworden,
daß  die  Arbeiter  fest  zusammenhalten  und  einer  für  den  anderen  einsteht."
^  »Das  ist  schon  wahr,"  bestätigte  ich,  „aber  der  Kampf  der  Gewerkschaften ­
  um  bessere  Arbeitsbedingungen  wird  immer  schwerer,  und  nur  das
        <pb n="109" />
        107

eiserne  Zusammenhalten  kann  die  Arbeiter  vor  der  völligen  Vernichtung
ihrer  besten  Waffe,  ihrer  Verbände,  bewahren.  Denn  die  Gegner  werden
immer  mächtiger.  So  wie  sich  Erzbergwerke,  Hochöfen,  Stahlwerke  und
Kohlengruben  oft  zu  sogenannten  „kombinierten  Werken"  zusammenschließen ­
  und  dem  Willen  einer  Zentralleitung  unterstehen,  so  werden  auch
die  zuerst  lockeren  Vereinigungen  der  Unternehmer  derselben  Industrie
immer  fester,  auch  hier  tritt  schließlich  eine  Verschmelzung  ein.  Vorhin
zeigte  ich  euch  zum  Beispiel,  wie  sich  die  großen  Elektrizitätswerke  den  verschiedensten ­
  Fabriken  und  Banken  angliedern.  Zugleich  haben  sich  aber
auch  diese  Werke  selbst  immer  mehr  zusammengeschlossen  und  nicht  nur  in
einzelnen  Staaten,  sondern  in  der  ganzen  Welt.  Es  gibt  heute  nur  noch
vier  riesige  Elektrizitätsfirmen,  die  sich  in  die  Welt  geteilt  haben  und  unter*
I  einander  wieder  durch  Verträge  und  Vereinbarungen  verbunden  sind.  In
ähnlicher  Weise  wird  heute  fast  die  ganze  Petroleumproduktion  der  Welt
einheitlich  geleitet.  Herr  Rockefeller  in  Amerika  ist  der  fast  absolute  Herr
nicht  nur  über  die  Petroleumproduktion  des  größten  Teils  der  Erde,  ihm
oder  vielmehr  der  Finanzgruppe,  die  er  vertritt,  gehören  Schiffahrtslinien
und  Eisenbahnen,  er  besitzt  Erzgruben  und  Hochöfen."
„Ja,  aber  auf  diese  Weise  besitzen  ja  wirklich  ein  paar  Leute  die  Herrschaft ­
  über  die  wichtigsten  Produktionszweige  der  Welt",  unterbrach  mich
Wilhelm.  „Da  ist  doch  wirklich  nicht  abzusehen,  warum  die  nicht  untereinander ­
  Abkommen  treffen,  wieviel  jeder  produzieren  soll,  so  daß  dadurch  die
Krisen  unmöglich  gemacht  werden."
„So  weit  sind  wir  vorläufig  doch  noch  lange  nicht",  antwortete  ich.
„In  Amerika  nehmen  allerdings  die  Kartelle  und  die  Truste  sehr  rasch  zu;
aber  selbst  dort  sind  eine  Menge  Industrien  nicht  so  weit  organisiert.  Ihr
dürft  ja  nicht  vergessen,  daß  diese  Vereinbarungen  um  so  schwieriger  werden,
je  mannigfaltiger  die  Artikel  sind,  auf  die  sie  sich  erstrecken.  Es  ist  leicht,
den  Preis  von  Stabeisen,  von  Zncker,  von  Petroleum,  Spiritus  u.  s.  w.  zu
vereinbaren:  viel  schwieriger  aber  ist  das  zum  Beispiel  bei  Maschinen,  fast
unmöglich  bei  Luxusartikeln.  Ebenso  ist  eine  Vereinbarung  zwischen  gleich
Starken  viel  leichter  als  zwischen  Unternehmern  von  ganz  verschiedenen
Kräften.  Die  kleinen  werden  da  eben  meist  nur  gewaltsam  gezwungen,  sich
anzuschließen,  auch  wenn  sie  von  der  Vereinbarung  eher  Schaden  als  Nutzen
haben,  oder  sie  werden  ruiniert.  Der  Terrorismus,  der  hier  herrscht,  ist
unvergleichlich  stärker  als  der  Zwang,  den  hie  und  da  Gewerkschafter  auf
unorganisierte  Arbeiter  ausüben,  sich  dem  Verein  anzuschließen,  an  dessen
Vorteilen  sie  jedenfalls  teilnehmen.  In  Europa,  mit  seinen  verhältnismäßig ­
  kleinen  Staaten,  mit  seinen  ungeheuren,  durch  das  Militär  verursachten ­
  Stenerlasten,  mit  seiner  Politik,  die  den  Kleinbetrieb  aufrechterhalten ­
  will,  mit  seinen  altererbten  Gewohnheiten,  geht  die  Entwicklung
trotz  aller  industriellen  Umwälzungen  doch  nicht  so  rasch  wie  in  dem  jungen,
dirrch  keinerlei  Rücksichten  gehemmten  Amerika."
„Nun  gut",  warf  Wilhelm  hier  ein.  „Wenn  auch  die  Entwicklung
noch  nicht  so  weit  ist,  so  gibst  du  doch  selbst  zu,  daß  sie  in  dieser  Richtung
vor  sich  geht,  daß  also  immer  mehr  die  Produktion  der  ganzen  Welt  einheitlich ­
  wird.  Da  wäre  es  also  doch  möglich,  die  Krisen  auszuschließen?"
„Undenkbar  ist  das  freilich  nicht,"  antwortete  ich,  „aber  das  würde
voraussetzen,  daß.  nicht  nur  die  Unternehmer  in  jedem  Staate  sich  zu  ungeheuren ­
  Verbänden  zusammenschließen,  die  die  Leitung  ihrer  Betriebe
einer  Zentralstelle  überlassen,  sondern  daß  diese  Vereinigungen
        <pb n="110" />
        108

international  werden,  und  daß  zugleich  diese  Riesenverbände  untereinander
wieder  Abmachungen  treffen.  Schließlich  bliebe  dann  nur  noch  eine  Zentralstelle
  übrig,  die  die  Produktion  der  ganzen  Welt  einheitlich  reguliert.
Dann  wären  allerdings  die  Krisen  ausgeschlossen,  die  ja  auf  der  Planlosigkeit
unserer  Wirtschaft  beruhen."

Die  soziale  Revolution.
i.
„Was  du  da  das  letztemal  gesagt  hast,"  begann  Wilhelm  die  Unterhaltung, ­
  als  wir  uns  nach  längerer  Unterbrechung  wieder  trafen,  „das  hat
mir  viel  zu  denken  gegeben.  Wenn  man  sich  vorstellt,  daß  die  ganze  Wirtschaft ­
  der  Welt,  die  ganze  Produktion  von  einer  Zentralstelle  aus  geleitet
wird,  und  wenn  man  sich  diesen  Zustand  auszumalen  versucht,  dann  ist
diese  Borstellung  doch  etwas  Schreckliches.  Dann  wäre  doch  die  ganze
Menschheit  nur  mehr  eine  Herde  von  Sklaven,  die  für  die  Leiter  dieser  j
Zentralstelle  schuften  müssen.  Jeder  eigene  Wille  müßte  dann  aufhören,  ■
die  ganze  Welt  wäre  ein  Zuchthaus.  Ich  kann  nicht  glauben,  daß  uns  das  ;
wirklich  bevorsteht.  Und  doch,  wenn  ich  mir  wieder  überlege,  wie  jetzt  alles  ;
zur  Bildung  riesiger  Vermögen  drängt,  wie  die  Großen  immer  mehr  die
Kleinen  fressen  oder  doch  unterdrücken  und  dann  selbst  wieder  von  noch
Größeren  gefressen  oder  ausgebeutet  werden;  wenn  ich  bedenke,  wie  sich
diese  ganz  großen  Raubtiere  immer  mehr  in  Rudeln  zusammentun,  die
Kartelle  oder  Truste  oder  sonstwie  heißen;  wenn  ich  mir  das  alles  vergegen-  ;
wältige,  dann  sehe  ich  keine  andere  Möglichkeit,  dann  muß  ich  glauben,  daß
du,  Gustav,  recht  hast  und  wir  diesem  Zustand  der  allgemeinen  Sklaverei
entgegengehen."
„Ja,  das  hat  mir  Wilhelm  auch  schon  auseinandergesetzt,"  begann  nun
Karl,  „und  das  ist  mir  auch  viel  im  Kopf  herumgegangen.  Aber  ich  glaube  :
doch,  Wilhelm  kann  da  nicht  recht  haben;  das  darf  nicht  sein.  Gutwillig
werden  sich  die  Arbeiter  das  nicht  gefallen  lassen.  Sie  sind  ja  heute  schon
abhängig  und  unterdrückt  genug.  Aber  dann  wäre  ihre  Lage  doch  ganz  ;
hoffnungslos.  Heute  können  sie  doch  wenigstens  den  Unternehmer  wechseln,
von  bent  sie  sich  ausbeuten  lassen,  und  durch  die  Gewerkschaften  können  sie  I
eine  Verbesserung  ihres  Loses  erringen.  Aber  dann?  Dann  gäbe  es  doch  i
nur  mehr  einen  Riesennnternehmer,  und  wer  bei  dem  nicht  in  Gnade  !
steht,  der  ist  rettungslos  verloren,  der  findet  überhaupt  kein  Brot."
„Und  die  Gewerkschaften  können  dann  auch  nichts  inehr  machen,"  ]
unterbrach  hier  Wilhelm  seinen  Freund.  „Wenn  alle  Kapitalisten  zusam-  1
menhielten,  könnten  die  Gewerkschaften  heute  auch  schon  nicht  mehr  viel
ausrichten:  Und  je  größer  und  stärker  die  Verbände  und  Organisationen
der  Unternehmer  werden,  desto  schwieriger  wird  der  Gewerkschaftskampf.
Das  hast  du  mir  selber  neulich  auseinandergesetzt,  Karl,  als  ich  dich  nach
eurer  Vereinsversammlung  traf  und  du  mir  erzähltest,  was  der  Redner  dort
ausgeführt  hatte."
„Das  ist  schon  richtig,"  gab  Karl  kleinlaut  zu,  „aber  trotzdem  kann  ich
nicht  glauben,  daß^sich  die  Arbeiter  das  ruhig  gefallen  lassen  werden,  wenn
man  sie  ganz  zu  Sklaven  macht."
        <pb n="111" />
        109

„Wie  soll  das  aber  gehindert  werden?"  warf  Wilhelm  ein.  „Können
die  Gewerkschaften  znm  Beispiel  die  Bildung  von  Kartellen  vereiteln?
.Können  sie  verhindern,  daß  der  Große  den  Kleinen  frißt?"
„Nein,  das  können  sie  gewiß  nicht,"  entgegnete  Karl  finster,  „aber
wenn  es  zum  Aenßersten  kommt,  wenn  die  Arbeiter  zur  Verzweiflung  getrieben ­
  werden,  dann  können  die  Arbeiter  die  Fabrikanten  hinauswerfen
und.selber  das  Werk  weiterführen.  Glaubt  ihr  zum  Beispiel,"  fuhr  er  erregt ­
  fort,  „wir  könnten  nicht  unsere  Fabrik  auch  ohne  die  Herren  Aktionäre
fortführen?  Ein  paar  Ingenieure  würden  schon  zu  uns  halten,  und  bei
uns  sind  genug  tüchtige  Kerle,  die  die  Kunst  und  Wissenschaft  bald  heraus
hätten."
„Nun  ja,"  mischte  ich  mich  wieder  in  das  Gespräch,  „das  ist  ja  ganz
schön,  was  du  da  sagst.  Aber  ich  weiß  nur  nicht,  ob  damit  allzuviel  gewonnen ­
  wäre."
„Na,  hörst  du,"  unterbrach  nnch  Karl  entrüstet.  „Damit  soll  nicht  geholfen ­
  sein,  wenn  die  Fabrik  jetzt  den  Arbeitern  selbst  gehört  und  nicht  mehr
den  Aktionären?  Dann  würden  wir  doch  auch  den  ganzen  Ertrag  der
Fabrik  unter  uns  teilen  können.  Wir  bekämen  also  alles,  was  heute  die'
Herren  Aktionäre  und  Direktoren  einstecken.  Und  das  soll  kein  Vorteil  sein?"
„Das  bestreite  ich  gar  nicht",  erwiderte  ich.  „Die  Frage  ist  nur,  wie
lange  die  Herrlichkeit  dauern  könnte.  Es  sind  ja  solche  Versuche  genossenschaftlicher ­
  Fabriken  schon  oft  gemacht  worden:  aber  sie  sind  fast  alle  zugrunde ­
  gegangen,  oder  die  Genossenschaften  haben  sich  in  Aktiengesellschaften
umgewandelt.  Und  das  ist  auch  begreiflich."
„Na,  da  bin  ich  aber  neugierig",  rief  Karl  kampfbereit.
„Sind  bei  euch  immer  gleich  viele  Arbeiter  beschäftigt?"  Mit  dieser
Frage  wandte  ich  mich  nun  an  ihn.
„Nein,"  erwiderte  er.  „Es  ist  ein  fortwährendes  Kommen  und  Gehen,
je  nachdem,  wie  die  Geschäftslage  ist.  Geht  das  Geschäft  gut,  so  werden
mehr  Arbeiter  eingestellt.  Geht  es  schlechter,  so  werden  welche  entlassen.
Werden  neue  Maschinen  aufgestellt,  so  werden  alte  Arbeiter  weggeschickt
und  neue  bei  der  Maschine  eingestellt,  natürlich  weniger,  als  früher  da
waren.  Steigt  dann  wieder  die  Produktion,  so  werden  wieder  mehr  Arbeiter ­
  herangezogen.  So  schwankt  die  Zahl  fortwährend."
„Schön,"  erwiderte  ich.  „Was  geschähe  aber,  wenn  die  Arbeiter  Genossenschafter ­
  wären?  Dann  kann  doch  keiner  „entlassen"  werden."
„Statt  dessen  müßten  dann  eben  alle  kürzere  Zeit  arbeiten",  warf
Wilhelm  ein.
„Nein,  so  einfach  geht  _  es  doch  nicht,"  erwiderte  Karl  nachdenklich:
„wenn  zum  Beispiel  bei  uns  in  der  Fabrik  kürzere  Zeit  gearbeitet  würde,
bapn  müßten  die  Maschinen  u.  s.  w.  um  soviel  länger  ruhen.  Dadurch  wird
aber  das  ganze  Unternehmen  unrentabel:  und  wenn  das  länger  dauert,  dann
müßte  die  Fabrik  zugrunde  gehen,  auch  wenn  sie  den  Arbeitern  selbst  gehört.
Ferner  aber,  was  soll  man  tun,  wenn  sich  das  Geschäft  hebt?  Soll  man
da  Ueberzeit  arbeiten  oder  sollen  mehr  Genossenschafter  eintreten,  die  dann
in  schlechten  Zeiten  nicht  genug  zu  tun  haben?"
„Nun,  da  gäbe  cs  ja  ein  einfaches  Auskunftsmittel,"  warf  Wilhelm
ein.  „Wenn  sich  das  Unternehmen  ausdehnt,  werden  einfach  zunächst  Lohnarbeiter ­
  ^eingestellt,  und  erst  wenn  man  sich  überzeugt  hat,  daß  sich  die  Sache
halten  läßt,  daß  die  Ausdehnung  des  Betriebes  von  Dauer  ist,  dann  läßt
man  sie  an  der  Genossenschaft  teilnehmen."
        <pb n="112" />
        „Aber,  Wilhelm,"  rief  Karl  vorwurfsvoll,  „was  fällt  dir  denn  da
ein!  Wenn  alle  Fabriken  den  Arbeitern  gehören,  da  gibt  es  doch  keine
Lohnarbeiter  mehr.  Wenn  es  aber  selbst  gelänge,  welche  aufzutreiben,  dann
hätte  ja  Gustav  recht  mit  seiner  Behauptung,  daß  sich  die  Produktionsgenossenschaft ­
  in  eine  Aktiengesellschaft  verwandeln  würde.  Dann  gäbe  es
wieder  Unternehmer  und  Arbeiter,  die  „Genossenschafter"  würden  sich  in
den  Profit  teilen,  den  sie  durch  die  Ausbeutung  ihrer  Lohnarbeiter  erzielt
haben."
„Woran  liegt  es  also  nun,"  fragte  ich,  „daß  sich  die  Sache  nicht  so  einfach ­
  machen  läßt,  wie  Karl  gemeint  hat?"
„An  den  Schwankungen  der  Geschäftslage,  der  Konjunktur,"  antwortete ­
  dieser.
„Wenn  also  die  Arbeiter  das  Joch  des  Kapitalismus  abschütteln
wollen,"  fuhr  ich  fort,  „wenn  sie  die  Produktion  selbst  in  die  Hand  nehmen
wollen,  um  für  sich  selbst  zu  produzieren,  dann  genügt  es  nicht,  daß  sie  die
einzelnen  Fabriken,  in  denen  sie  arbeiten,  an  sich  bringen  und  weiter  betreiben, ­
  dann  muß  die  ganze  Art  der  Wirtschaft  geändert  werden.  Dann
darf  nicht  mehr  der  Profit  ausschlaggebend  sein,  ob  er  jetzt  von  den  Unternehmern ­
  oder  von  den  Arbeitern  eingesteckt  wird,  sondern  der  Bedarf  der
großen  Masse.  Dann  muß  die  Anarchie,  die  Planlosigkeit  aufhören,  die
heute  unser  Wirtschaftsleben  beherrscht,  und  statt  dessen  muß  die  ganze
Wirtschaft  einheitlich  geregelt  werden;  freilich  nicht  zum  Vorteil  einiger
weniger  Kapitalmagnaten,  sondern  zum  Nutzen  der  Gesamtheit."
„Aber  das  ist  doch  der  reine  Unsinn,  was  wir  da  reden,"  mischte  sich
nun  Wilhelm  wieder  in  das  Gespräch.  „Ihr  tut  so,  als  ob  das  so  eine  einfache ­
  Sache  wäre,  die  Kapitalisten  aus  ihrem  Besitz  zu  _  vertreiben.  Ihr
vergeht  dabei  nur  die  Kleinigkeit,  daß  es  noch  eine  Polizei  gibt,  um  das  zu
verhindern,  und  wenn  die  schon  nicht  mehr  ausreicht,  dann  kommt  eben  das
Militär.  Und  gegen  das  sind  die  Arbeiter  doch  machtlos,  dagegen  kommen
sie  nicht  auf.  Wer  also  den  Arbeitern  solche  Ratschläge  gibt,  wer  sie  dazu
anreizt,  sich  der  Fabriken  zu  bemächtigen,  der  begeht  ein  Verbrechen,  nicht
nur  an  den  Fabrikanten,  sondern  vor  allem  an  den  Arbeitern^  die  er  zur
Schlachtbank  und  ins  Zuchthaus  treibt.  Das  sagt  mein  Vater  immer,  und
ich  kann  nur  finden,  daß  er  recht  hat."
II.
„Nun,  da  hat  dein  Vater  nicht  unrecht,"  erwiderte  ich,  „wenn  er  sagt,
daß  der  ein  Narr  oder  ein  Verbrecher  fein  muß,  der  den  Arbeitern  heute
den  Rat  gibt,  die  Fabriken  einfach  für  sich  zu  nehmen  und  die  Besitzer  zu
verjagen.  Denn  erstens  würden  sie  damit  doch  nicht  zum  Ziel  kommen,  wie
wir  gesehen  haben,  und  dann  würden  sie  sich  an  dem  Widerstand  der  Staqtsgewalt
  den  Schädel  einrennen."
„Aber  wer  ist  denn  diese  Staatsgewalt?"  rief  nun  Karl.  „Wer  sind
denn  die  Polizisten  und  Soldaten?  'Das  sind  doch  wieder  Proletarier.
Werden  sich  die  denn  immer  dazu  gebrauchen  lassen,  die  Rechte  der  Unterdrücker ­
  zu  verteidigen  gegen  ihre  eigenen  Leidensgefährten?  Und  wird
denn  das  Proletariat  nicht  auch  immer  stärker  und  mächtiger?  Die  Städte
werden  immer  größer,  und  in  den  Städten  wächst  die  Organisation  doch
noch  rascher  als  auf  dem  Lande.  Aber  auch  dort  breitet  sie  sich  aus.  Die
jungen  Leute,  die  heute  zum  Militär  kommen,  sind  darum  auch  keine
Dklavenseelen  mehr.  Das  weiß  ich:  wenn  ich  einmal  einrücken  muß,  ich
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        werde  mich  nicht  dazu  gebrauchen  lassen,  auf  Proletarier  zu  schießen,  nur
um  den  Geldsack  zu  verteidigen.  Lieber  lasse  ich  mich  selber  erschießen."
„Recht  hast  du",  stimmte  Wilhelm  begeistert  zu.  „Ich  bin  kein  Sozia!-demokrat.
  Aber  ich  bin  auch  keine  Sklavenseele.  Sollen  doch  die  Reichen  ihre
Angelegenheiten  selber  mit  den  Armen  ausmachen!  Ich  bin  nicht  dazu  da,
sie  vor  den  Folgen  ihrer  eigenen  Habsucht  zu  schützen.  Was  sie  sich  eingebrockt ­
  haben,  das  sollen  sie  nur  auch  selber  essen."
„Nun,  nun,"  beschwichtigte  ich,  „ihr  redet  ja  beide,  als  sollte  morgen
die  blutige  Revolution  ausbrechen.  Das  kommt  aber  daher,  daß  Karl  meinte,
es  gäbe  keinen  anderen  Ausweg  aus  der  immer  ärger  werdenden  Sklaverei
als  die  Besetzung  der  Fabriken  dnrch.die  dort  tätigen  Arbeiter."
„Was  soll  es  denn  aber  sonst  noch  für  einen  Ausweg  geben?"  fragten
nun  Karl  und  Wilhelm  wie  aus  einem  Munde.
„Du  sagtest  vorhin,  Wilhelm,"  fuhr  ich  fort,  „der  Staat  werde  es  nicht
zulassen,  daß  die  Arbeiter  von  den  Fabriken  Besitz  ergreifen.  Warum  glaubst
du  das  eigentlich?"
„Aber  das  wäre  doch  Revolution!"  erwiderte  Wilhelm.  „Der  Staat
kann  doch  nicht  erlauben,  daß  einer  dem  anderen  fein  Eigentum  wegnimmt.
Da  würde  doch  alle  Rechtssicherheit  aufhören."
„So?"  gab  ich  scharf  zurück.  „Glaubst  du  das  wirklich?  Als  die  Bauern,
dein  eigener  Urgroßvater,  bei  ihrer  „Befreiung"  um  einen  großen  Teil  ihres
Landes  gebracht  wurden,  als  Karls  Großvater  durch  den  Möbelhändler,  sein
Großonkel  durch  den  Bauspekulanten  um  Hab  und  Gut  gebracht  wurden,
als  mein  Vater  um  den  Ertrag  seiner  Erfindung  geprellt  wurde:  wo  wa«
denn  da  der  Staat?  Hat  ep  sich  da  auch  um  die  „heiligen  Rechte  des  Eigentums" ­
  gekümmert?"
„Das  ist  aber  doch  etwas  ganz  anderes",  erwiderte  Wilhelm  etwas
verlegen.  „All  dieses  Unrecht,  das  du  da  erwähnst,  ist  doch  in  rechtlicher
Form  geschehen;  die  das  Unrecht  verübten,  haben  doch  kein  Gesetz  übertreten.
Die  Arbeiter  aber,  die  den  Fabrikanten  seiner  Fabrik  berauben,  begehen
doch  damit  ein  Verbrechen."
„Warum  ist  aber  gerade  das  ein  Verbrechen,"  unterbrach  Karl  lebhaft,
„das  Ruinieren  eines  armen  Tischlers  oder  Chemikers  ist  aber  keines?  Weil
eben  dieselben  Leute,  die  den  armen  Bauern,  den  Tischler,  den  kleinen  Schlosser
u.  s.  w.  ausplündern,  selbst  die  Gesetze  machen.  Darum  erklären  sie,  es  ist
kein  Verbrechen,  die  Armen  auszuplündern,  es  ist  aber  eines,  den  Reichen
etwas  wegzunehmen."
„Nun  ja,"  erwiderte  Wilhelm  lachend,  „wenn  einmal  die  Arbeiter
Gesetze  machen,  dann  werden  sie  den  Spieß  umdrehen.  Dann  wird  es  ein
Verbrechen  sein,  den  Armen  zu  schaden,  sie  auszubeuten,  und  es  wird  keines
sein,  den  Reichen  etwas  wegzunehmen."
„Du  brauchst  darüber  gar  nicht  zu  lachen",  entgegnete  ich.  „Jede  Klasse,
die  über  den  Staat  herrscht,  macht  ihn  zu  ihrem  Werkzeug.  Deshalb  ist  es
für  das  Proletariat  eben  unbedingt  vor  allem  notwendig,  die  Staatsgewalt
an  sich  zu  bringen,  um  dadurch  dem  Unternehmertum  seine  Machtmittel  zu
entwinden."
„Aha,  jetzt  verstehe  ich,  warum  die  Sozialdemokraten  so  ein  großes
Gewicht  auf  die  Reichstags-  und  Landtagswahlen  legen",  meinte  nun  Karl
nachdenklich.  „Die  Zahl  ihrer  Stimmen  und  ihrer  Mandate  schwillt  immer
mehr  an,  und  so  müssen  sie  doch  mit  der  Zeit  die  Mehrheit  bekommen,  und
dann  machen  sie  die  Gesetze."
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        112

„Und  du  glaubst  wirklich,  die  Kapitalisten  würden  da  ruhig  gehorchen,
wenn  zum  Beispiel  ein  roter  Reichstag  beschließen  würde,  alle  Fabriken
sollen  den  Arbeitern  gehören,  die  in  ihnen  arbeiten?"  erwiderte  Wilhelm.
Glaubst  du  denn,  die  Negierung  würde  es  überhaupt  so  weit  kommen
lassen?  Da  würde  sie  schon  früher  das  Parlament  auseinandersprengen."
„Und  glaubst  du,  das  würden  wir  uns  gefallen  lassen?"  schrie  nun
Karl  wieder  aufgeregt.  „Wenn  das  geschieht,  da  haben  nicht  dw  Arbeiter,
die  Sozialdemokraten,  die  Revolution  angezettelt,  sondern  die  Regierung,
die  Kapitalisten.  Dann  würden  wir  aber  unser  Recht  zu  verteidigen  wissen."
„Das  hoffe  ich  auch,"  erwiderte  ich.  „Aber  besser  ist  es  natürlich,  wenn
wir  es  nicht  auf  solche  Kraftproben  ankommen  lassen  müssen.  Gerade  deshalb ­
  sind  unsere  Organisationen  und  die  Wahlen  so  ungeheuer  wichtig^  Sie
zeigen  unseren  Gegnern,  aber  auch  uns  selbst,  unsere  Macht  und  Stärke.
Unsere  Abgeordneten  in  den  Parlamenten  haben  ein  so  gewichtiges  Wort  zu
reden,  weil  jeder  weiß,  daß  die  ungeheure  Masse  nicht  nur  der  Wähler,
sondern  insbesondere  der  Organisierten  hinter  ihnen  steht.  Je  stärker  wir
sind  und  je  stärker  wir  uns  zeigen,  um  so  weniger  werden  die  Gegner  es
wagen,  uns  anzugreifen.  Bei  uns  bewahrheitet  sich  wirklich  das  alte  Wort,
das  für  die  Beziehungen  der  Staaten  ganz  falsch  geworden  ist:  Wenn  du
den  Frieden  willst,  mußt  du  zum  Kriege  rüsten."
„Wie  kommt  es  denn  aber  eigentlich,"  meinte  nun  Wilhelm  nachdenklich, ­
  „daß  überall  auf  der  ganzen  Welt  die  sozialdemokratischen  Stimmen
und  die  Zahl  der  Organisierten  zunehmen?  Ich  habe  erst  kürzlich  in  einer
Zeitungsnotiz  die  Zahlen  gelesen:  aber  dieses  Anwachsen  der  Sozialdenwkratie
  ist  doch  Wohl  nur  ein  Zufall."
„Durchaus  nicht,"  fiel  Karl  ein.  „Unsere  Agitation  klärt  eben  immer
weitere  Schichten  des  Proletariats  auf  und  zeigt  ihnen,  welche  Partei  ihre
Interessen  verficht  und  nie  verrät.  Da  ist  es  doch  kein  Wunder,  daß  sich
immer  mehr  Arbeiter  dieser  Partei  anschließen,  die  immer  für  sie  eintritt."
„Das  ist  aber  nicht  alles,"  ergänzte  ich.  „Ter  stärkste  und  inächtigstc
Agitator  und  Organisator  der  Sozialdemokratie,  der  nie  erlahmt  und
ermüdet,  das  ist  der  Kapitalismus  selbst:  denn  er  läßt  zwar  die  Betriebe
immer  größer  werden,  er  vereinigt  immer  kolossalere  Vermögensmassen  in
wenigen  Händen,  er  macht  die  Rolle  des  Kapitalbesitzers  immer  überflüssiger,
weil  die  Leitung  dieser  Riesenbetriebe  immer  mehr  von  bezahlten  Lohnarbeitern ­
  besorgt  wird,  von  den  Ingenieuren,  Buchhaltern,  Direktoren
u.  s.  w.:  zugleich  aber  vereinigt  der  Kapitalismus  immer  gewaltigere  Arbeitermassen ­
  in  diesen  Betrieben  und  gewöhnt  sie  an  organisiertes  Zusammenarbeiten, ­
  an  Disziplin  und  Manneszucht,  er  vereinigt  ^  immer
kolossalere  Massen  solcher  Arbeiter  in  den  Großstädten,  wo  sie  miteinander
in  Verkehr  treten  und  sich  gewerkschaftlich  und  politisch  zusammenschließen.
Darum  hatten  Marx  und  Engels  recht,  als  sie  irrt  „Kommunistischen
Manifest"  schon  im  Jahre  1847  voraussagten:  „Die  Bourgeoisie  hat  nicht
nur  die  Waffen  geschmiedet,  die  ihr  den  Tod  bringen,  sie  hat  ottcE^  die
Männer  gezeugt,  die  diese  Waffen  führen  werden  —  die  modernen  Arbeiter,
die  Proletarier."  Karl  Marx  hat  diesen  Gedanken  später  in  seinem  gewaltigen
Werk,  dem  „Kapital"  weiter  ausgeführt.  Und  die  Sätze,  in  denen  er  dort
seine  Anschauungen  zusammenfaßt,  sind  seither  weltberühmt  geworden.
Ich  will  sie  euch  vorlesen."
Ich  nahm  den  ersten  Band  des  „Kapital"  vom  Bücherregal,  schlug
Seite  727  auf  und  las  meinen  gespannt  lauschenden  Hörern  vor:
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        cchen,
iriten
Helm,
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gen."
nun
eitet,
rung,
ffcn."
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ähler,
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Wort,
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‘triebe
sen  in
isiger,
Lohnftoren

:e  Ar-'§
  Zu-:mmet

tnnber
liessen,
tischen
;  nicht
ns)  die
beiter,
iltigen
r  dort
orden.
schlug

-  118  -
die  matttÄllen  Höhepunkt  bringt  die  kleingewerbliche  Produktionsweise
rto/n  ficB  IrSftP  $  t  e'genen  Vernichtung  zur  Welt.  Von  diesem  Augenblick
fessett  füBlfn  lie  hP?Ä f  f n ^ ,n l  Gesellschaftsschobe.  welche  sich  von  ihr  gelabten.
  Ute  mutz  vernichtet  werden,  sie  wird  vernichtet  dlbre  Vernicbtunu
ZN  L  sd'SH
hinreichend  zersetzt  hat,  sobald  die  Arbeiter  in  Proletarier?ihre  Arbeits'
bedingungen  in^  Kapital  verwandelt  sind,  sobald  die  kapitalistische  Produktionsweise
auf  eigenen  putzen  sieht,  gewinnt  die  weitere  Vergesellschaftung  der  Arbeit  und
weitere  Verwandlung  der  Erde  und  anderer  Produktionsmittel  in  gesellschaftlich  aus-^ö^utete
  also  gemeinschaftliche  Produktionsmittel,  daher  die  weiwre  Expropriation
Hl  !S ,senun l er '  C i ne  neue  Form...  Je  ein  Kapitalist  schlägt  viele  tot  Msi
der  beständig  abnehmenden  Zahl  der  Kapitalinagnaten,  welche  alle  Vorteile  dieses
llmwandlungsprozesies  usurpieren  (an  sich  reihen)  und  monopolisieren  (allein  bel?"chsi
  die  Masse  des  Elends,  des  Druckes,  der  Knechtschaft,  der  Entartuna
der  Ausbeutung,  aber  auch  die  Empörung  der  stets  anschwellenden  und  durch  den
Mechanismus  des  kapitalistischen  Produktionsprozeffes  selbst  geschulten  vereinten
Arbeiterklaffe.  Das  Kapitalmonopol  wird  zur  Fessel  der  Produktionsweise, ­
  die  mit  und  unter  ihm  aufgeblüht  ist.  Die  Zentralisation  der  Vrodnt
tionsmittel  und  d,e  Vergesellschaftung  der  Arbeit  erreichen  einen  Punkt  wolw  u-  '
werden  mit  ihrer  kapitalistischen  Hülle.  Sie  wird  gesprengt  Dw  Stunde
des  kap,tal&amp;gt;,t',che.i  Privateigentums  schlägt.  Die  Expropriateur?werde,,  expropriiert"
(  ,  1IL
^^Ibendet  hatte,  saßen  meine  beiden  jungen  Freunde  zuerst  eine
Beülong  nachsinnend  da;  dann  ergriffen  sie  das  Buch  und  lasen  die  Stelle
nochmals  aufmerksam  durch.  Endlich  sagte  Karl:  „So  ganz  leicht  ist  es  4 a
(ÄS  rSS'« «■eint.  Ich  gimchch  das  Smt  6aU”
(iR  hier  so  titele  Gedanken  tu  ein  paar  Satze  zusammengedrängt  sind.  Aber
nach  dem,  was  totr  zusatninen  besprochen  haben,  glaube  ich  die  Sache  schon
Erstehen.  Der  Kapitalismus  ist  dadtlrch  in  die  Höhe  aekommen,  daß
V  .felbitQnbtgen  Bauern  unb  Handwerker  ausgeplündert"  ertorotirnert''
bnt.  D,e  kapttalisttsche  Fabrik  nun  arbeitet  nicht  mehr  für  bestimmte  Kunden
jonbern  für  den  Markt,  für  unbekannte  Käufer.  Dadurch  hört  aber  die  Fabri-5Sr
 aU f'- Cn s e  pL m a lr  Angelegenheit  zu  sein,  wie  etwa  die  Erzeugung  von
«tufeln  für  den  Nachbarn  durch  den  Handwerker,  und  wird  immer  mehr
bE  Angelegenheit  der  Gesellschaft.  Nun  habe.i  wir  aber  gesehn  laiche
sS?,L5nft.hrung  der  Maschinen  gehabt  hat,  wie  nun  die  ganze  ©irt«
unsicher  wurde,  tote  sie  zu  Krisen  und  zur  Bildung  von  Kartellen  ae-^"h^
  hat,  tote  der  Profit  im  Verhältnis  zum  Kapital  immer  kleiner  wird
SÄ  ?8 er JS? ,t §S SmU f S  f ?  begonnen  hat,  sich  selbst  zu?rwiirgen.  So  tiersiehe
  ich  es,  wenn  Marx  lagt,  das  Kapitalmonopol  wird  zur  Fessel  der  Prodnktionsweise,
  die  mit  und  unter  ihm  aufgeblüht  ist."
e,  .  ,  ‘  beginne  ich  auch  etwas  zu  verstehen,  was  mir  schon  lange  im
innvJ"  horumgeht,  ohne  daß  uh  mir  bisher  recht  darüber  klar  geworden
sich  selbst  er^r^^  sE/^  e"®'/  fpmrf)en  bopon '  daß  der  „Kapitalismus
iicy  leibst  erwürgt  .  Aber  ich  konnte  nur  me  recht  vorstellen  wie  denn  hnü
zum  Kol  fA e S'  ^&amp;gt;in  der  Prosit  i,inner  kleiner  wird'im  Verhältnis
zilm  Kapital,  schadet  das  den  Kapitalisten,  und  die  Vergrößerung  ihrer
Kapitalien  wird  langsamer.  Wenn  Krisen  hereinbrechen,  dann  gehen  riesige
        <pb n="116" />
        114

Werte  zuarunde.  Aber  trotz  alledem  wäre  damit  der  Kapitalismus  iclbst
noch  nicht  immöglich  geworden.  Aber  letzt  sehe  ich  ein,  ich  habe  das  Wichtiaste
  dabei  vergessen  oder  doch  nicht  daran  gedacht,  die  Arbeiter,  chenn  dav
Kapital  in  den  Händen  von  wenigen  liegt,  wenn  dre  Arbeit  immer  mehr
von  Maschinen  verdrängt  wird,  wenn  Krisen  wnndso  viele  Firmen  zugrunde
richten  und  ioundso  viele  wieder  von  den  Kartellen  verschlungen  werden,
dann  leiden  die  Arbeiter  unter  all  dem  am  meisten.  Aber  ich  habe  letzt  einsehen ­
  gelernt,  daß  die  Sache  ihre  zwei  Seiten  hat.  Denn  geraoe  durch  diese
Vorgänge  werden  die  Arbeiter,  wie  Marx  sagt,  „„durch  den  „pechanminus
des  kapitalistischen  Produktionsprozesses  selbst  geschult,  vereint  und
organisiert"  zum  Kampfe  gegen  das  Unternehmertum.  .  r
„Und  vor  allem  gegen  den  Staat",  fuhr  Karl  fort.  Erst  p-tzt  verstehe
ich  recht  den  Wert  der  politischen  Forderungen  der  Sozialdemokraten,  ^zhre
Durchsetzung  würde  bedeuten,  daß  die  Proletarier  die  Macht  m  die  Hand
bekommen/Wenn  wir  wirklich  in  Deutschland  mn  allgemeines  und  gleiches
Wahlrecht  für  alle  Lertretungskörper  hätten,  nicht  ein  durch  Wahltreisungleichheit ­
  und  durch  Klassenwahlrecht  verhunztes  i  wenn  wir  Volksbewafsnunq
  imb  Vereins-  und  Versammlungsfreiheit  hatten,  so  daß  Polizei
und  Militär  nicht  mehr  gegen  Streikende  auftreten  konnten,  dann  wurde
es  nicht  lange  dauern,  bis  die  Arbeiterschaft  von  Stadt  und  Land  die  Herrschaft ­
  in  der  Hand  hätte."  s
Aber  was  würden  sie  damit  anfangen?  fragte  Wilhelm.  „Wurde  sich
dann  wirklich  lo  viel  ändern?  Könnten  denn  die  Arbeiter  verhindern,  daß
der  Kapitalismus  seinen  Weg  weitergeht?"  *  v  ,  „  ,  ,  _  r
„Nun,  jedenfalls  würde  es  besser  werden  als  heute,  entgegnete  Kart.
Stellen  wir  uns  einmal  vor,  wir  drei  wären  die  sozialdemokratische  Parlamentsfraktion ­
  und  hätten  die  Mehrheit  im  Reichstag  Das  erste,  was  ich
da  diirchsetzen  würde,  wäre  eine  ausgiebige  Altersrente.  Mein  Vater  und
meine  Mutter  haben  sich  schon  lange  geiiug  geplagt,  ^etzt  konnte  ihnen  schon
der  Staat  sine  ordentliche  Rente  geben."
Ich  glaube,"  meinte  Wilhelm,  „es  wäre  doch  noch  wichtiger,  die
Arbeitszeit  abzukürzen,  dann  würden  die  Arbeiter  nicht  so  friih  alt  werden
Und  bessere  Schutzvorrichtungen,  bessere  Ventilation  der  Werkstatt
inüfeft"  eingeführt  werden,"  setzte  Karl  eifrig  sein  Programm  fort,  „und  em
Minimallohn  müßte  festgesetzt  werden.  Weniger  als  dieser  ourfte  sur  keine
Arbeit  gezahlt  werden."  .  ,  ^  £  „  t-,
„Nein,  ich  glaube,  das  Wichtigste  ist  doch  die  steuerfrage,^  fiel
Wilhelm  eifrig  ein.  „Heute  wird  ein  sehr  großer  Teil  der  Gelder  fur  den
Staat  durch  Zölle  und  indirekte  Steuern  hereingebracht,  die  die  Lebensmittel
verteuern.  Wenn  wir  einmal  das  Heft  in  der  Hand  hätten,  dann  nahmen
wir  die  reichen  Leiste  hoch:  ich  würde  hohe  Einkommensteuern  einfuhren
ilnd  Erbschaftssteuern,  und  wenn  das  nicht  langt,  dann  sollen  die  großen
Kapitalisten  nur  etwas  von  ihrem  Vermögen  hergeben."
„Aber  Donnerwetter,  Wilhelm'"  rief  Karl  ganz  erstaunt;  „dii  bist  ja
auf  einmal  ganz  revolutionär  geworden."
Das  kommt  davon,"  entgegnete  Wilhelm,  „wenn  man  einmal  anfangt,
seinen  Wilnschzettel  aufzustellen.  Solange  man  glaubt,  alles  muß  so  bleiben,
inte  es  ist,  da  fallen  einem  solche  Forderiingen  gar  nicht  mn.  Wenn  man
aber  begriffen  hat,  daß  die  Arbeiter  auch  einmal  zum  Kommaiidleren  drankommen ­
  inüssen,  da  fallen  einem  auch  gleich  alle  möglichen  schonen  und  guten
Dinge  ein,  die  man  diirchsetzen  möchte."
        <pb n="117" />
        —  115  —
„Nun,  ihr  habt  so  da  einen  recht  großen  Wunschzettel  zusammengestellt/' ­
  mischte  ich  mich  wieder  ins  Gespräch,  „aber  wenn  das  Proletariat
wirklich  einmal  zur  Macht  gelangt,  und  das  wird  es,  dann  werden  es  sicherlich ­
  solche  Forderungen  sein,  die  es  zuerst  durchzusetzen  suchen  wird.  Was
bleibt  aber  dann  noch  von  der  ganzen  kapitalistischen  Herrlichkeit?  Durch
euer  schönes  Programm  würde  ja  der  ganze  Profit  der  Kapitalisten  aufgezehrt: ­
  diese  könnten  daher  die  Produktion  gar  nicht  fortsetzen."
„Das  werden  wir  dann  schon  besorgen,"  rief  da  Karl  lachend.  „Die
»Mühe  werden  wir  den  Herren  gern  abnehmen."
„Aber  trifft  denn  dann  nicht  doch  wieder  das  zu,  was  du  vorhin  dagegen ­
  eingewendet  hast,  daß  die  Arbeiter  die  Fabriken  in  Besitz  nehmen?"
meinte  nun  wieder  Wilhelm  zweifelnd.
„Durchaus  nicht,"  ntaegnete  ich.  „Denn  diese  Bedenken  gelten  ja  nur
für  den  Fall,  daß  die  Arbeiter  der  einzelnen  Fabriken  von  diesen  Besiß  einreisen. ­
  Wenn  aber  die  von  den  Arbeitern  beherrschte  Staatsgewalt  das  int.
dann  wird  eben  auch  nicht  mebr  kavitaliftisch  produziert,  sondern  sarialtftifch.
Dann  wird  die  ganze  Broduktion  einheitlich  gereartt,  aber  nicht  im  Interesse
einiger  weniger,  sondern  im  Interesse  der  Gesamtheit  der  arbeitenden
Menschen."
..Werden  dann  aber  auch  die  Arbe7tsbr&amp;gt;dinaunaen  wesentltw,  aebetfprt
werde!'  können?"  inarf  Wilbelm  nachdenklich  ein.  ..Wenn  wirklich,  wie  du
sagst,  der  ganze  Profit  durch  unsere  Forderungen  weggenommen  und  aufgebraucht ­
  wird,  dann  find  natürlich  die  Arbeitsbedingungen  besser  geworden:
die  Arbeitszeit  ist  verkürzt,  die  Löbne  sind  durch  die  ungehinderte  Wirksamkeit ­
  der  Gewerkschaften  gesteigert.  Schubvorrichtunaen.  Bentilationen  u.  s.  w.
find  besser.  Aber  so  sebr  groß  kann  doch  der  llnterschted  gegen  beute  n'cht
fein:  denn  wenn  man  heute  den  ganzen  wrofit  auf  alle  Arbeiter  aufteilen
würde,  bekäme  doch  der  einzelne  nicht  besonders  viel."
„So  liegt  aber  auch  die  Sache  nicht,"  erwiderte  ich.  „Davon  ist  doch
eben  nicht  die  Nede,  daß  so  weitervroduziert  wird  wie  beute,  daß  nur  das
Produkt  anders  verteilt  wird.  Dann  wäre  dein  winwand  berechtigt.  Aber
bedenkt,  wieviel  heute  dilrch  Krisen,  durch  die  Konkurrenz  überhaupt  verlorengeht. ­
  was  für  Neklame  u.  s.  w.  aufgewendet  Wird,  ferner  wieviel  unverkäuflich ­
  bleibt  und  verdirbt,  vor  allem  aber,  wie  schlecht  noch  immer  produziert ­
  wird.  Würde  alles,  was  heute  noch  in  kleinen  Werkstätten  erzeugt
wird,  in  großen  Fabriken  hergestellt,  so  wäre  nur  ein  kleiner  Bruchteil  ber
Arbeiter  notwendig.  Heute  wäre  das  für  die  Arbeiter  ein  llnalück.  denn
viele  würden  entlassen  werden,  und  dadurch  würde  auch  der  Lobn  der  übrigen
noch  gedrückt.  In  einer  vernünftig  eingerichteten,  in  einer  sozialistischen  Gesellschaft ­
  aber  wäre  das  ein  Glück  für  die  Arbeiter:  denn  dann  könnte  eben
die  Arbeitszeit  für  alle  wesentlich  abgekürzt  und  dabei  doch  der  Vorrat  guter
Produkte  erhöht  werden."
„Ja,  das  ist  wahr",  gab  Wilhelm  zu.  „Erst  wenn  man  sich  so  eine  vernünftige ­
  Wirtschaft  vorstellt,  sieht  man  so  recht,  wie  unvernünftig,  wie  wahnsinnig ­
  unsere  heutige  Wirtschaft  ist.  Aber  diese  Erkenntnis  hat  jetzt  nichts
Niederdrückendes  nlehr:  denn  wir  sehen  ja  zugleich  den  Ausweg  aus  dieser
Wüste,  wir  sehen  das  gelobte  Land,  wohin  uns  die  Sozialdemokratie
führen  will."
        <pb n="118" />
        116

♦

Was  sollen  wir  lesen?
„Wilhelm!"  rief  Kcirl  erfreut,  als  er  feinen  Freund  so  sprechen  hörte.
„Du  kannst  es  doch  nicht  mehr  leugnen,  du  bist  endlich  ein  Sozialdemokrat
geworden.  Wer  so  denkt  und  spricht  wie  du  jetzt,  der  ist  unser  Genosse."
„Nun  ja,"  gab  Wilhelm  zögernd  Bit,  „manchmal  glaube  ich  es  selber,
manchmal  zweifle  ich  wieder,  ob  ich  es  bin.  Was  wir  drei  jetzt  in  dieser
langen  Zeit  miteinander  besprochen  haben,  hat  mir  viel  zu  denken  gegeben
und  mich  auch  überzeugt,  daß  die  Sozialdemokraten  mit  ihren  Theorien  und
ihren  Forderungen  recht  haben.  Mer  dann  höre  ich  wieder  meinen  Vater,
wie  er  die  Treue  gegen  Kaiser  und  Reich  preist  und  den  Sozialdemokraten
vorwirft,  daß  sie  das  Vaterland  wehrlos  machen  und  verraten:  ich  spreche  mit
meinen  Kollegen  im  Geschäft  und  höre  sie  von  der  Herrlichkeit  der  deutschen
Nation  reden  und  wie  die  internationalen  Roten  dafür  kein  Verständnis
haben.  Neulich  spielte  auch  unser  Lehrer  in  der  Handelsschule  darauf  an,
daß  die  Arbeiter  doch  viele  Interessen  mit  ihren  Chefs  gemeinsam  haben.
Bei  all  dem  weiß  ich  dann  nicht  jedesmal  gleich  eine  Antwort,  und  so  werde
ich  immer  wieder  schwankend,  und  deshalb  kann  ich  eigentlich  nicht  sagen,
daß  ich  ein  wirklicher  Sozialdemokrat  bin."
„Nun,  gegen  dieses  Leiden  gibt  es  ein  einfaches  Mittel,"  entgegnete
ich  Wilhelm,  „du  mußt  dich  eben  mit  den  Dingen  besser  vertraut  machen,
sie  genauer  studieren,  alle  Einwände  prüfen.  Da  wirst  du  mit  der  Zeit  zu
einer  selbstgebildeten  Ueberzeugung  gelangen,  die  hieb^  und  sttchfest  ist."
„Ja,  das  ist  ganz  schön,"  meinte  Wilhelm  ,„aber  wie  soll  ich  denn  das
machen?  Du  wirst  wohl  auch  nicht  immer  Zeit  haben,  uns  bei  jedem  Bedenken ­
  Rede  und  Antwort  zu  stehen."
„Was  glaubst  du  denn  eigentlich,  wozu  der  Herr  Gutenberg,  oder
wer  es  sonst  war,  die  schwarze  Kunst  der  Buchdruckerei  erfunden  hat?"
fräste  ich  lachend.  .  _  „  „
„Du  hast  gut  spotten,"  warf  Karl  ein.  „Neulich  hast  du  uns  ein  Stuck
aus  dem  „Kapital"  von  Marx  zu  lesen  gegeben,  aber  wenn  das  ganze  Buch
so  schwer  ist,  da  traue  ich  mich  nicht  daran."
',  Mit  dem  „Kapital"  kann  man  freilich  nicht  den  Anfang  machen,"
antwortete  ich.  „Aber  wenn  man  vorher  leichter  verständliche  Schriften
gelesen  hat,  darf  man  sich  nachher  schon  auch  an  die  großen  Hauptwerke
heranmachen."
„Also  aut,"  unterbrach  mich  Wilhelm,  „dann  sage  uns,  womit  wir  den
Anfang  machen  sollen.  Ich  glaube,  vor  allem  müssen  wir  doch  genauer
wissen,  was  die  Sozialdemokraten  wollen  und  verlangen,  wir  müssen  doch
ihr  Programm  einmal  vornehmen.  Wenigstens  für  mich  ist  das  sehr  wichtig,
damit  ich  doch  endlich  weiß,  ob  ich  ein  Sozialdemokrat  bin  oder  nicht."
„Da  hast  du  ganz  recht,"  erwiderte  ich.  „Darum  ist  es  gewiß  am  besten,
wenn  ihr  zunächst  das  Buch  von  Kautsky  lest:  Das  ist  „Das  Erfurter
Programm"^).
„Ist  das  aber  auch  wirklich  leicht  verständlich?"  fragte  Karl  zweifelnd.
Dieses  Buch  hat  mir  schon  einmal  der  „rote  Max"  zu  lesen  gegeben,  ein
Arbeiter  in  unserer  Fabrik,  von  dem  ich  schon  öfters  gesprochen  habe,  und
da  fand  ich  die  Lektüre  doch  nicht  gar  leicht."

i)  Stuttgart,  I.  H.  W.  Dieh  Nachs.  Preis  2  Mk.
        <pb n="119" />
        „Ja,  wie  ein  Roman  sind  wissenschaftliche  Bücher  freilich  nicht  zu  lesen,"
erwiderte  ich.  „Etwas  anstrengen  muß  man  sich  besonders  im  Anfang
immer.  Aber  nachdem  wir  jetzt  alle  diele  Dinge  so  ausführlich  durchgesprochen
haben  und  ihr  unsere  Gespräche  auch  iwch  in  der  „Arbeiter-Jugend"  nachlesen ­
  könnt,  wird  euch  Kautskys  Buch,  glaube  ich,  keine  Schwierigkeiten
machen,  wenn  ihr  es  aufmerksam  lest.  Vielleicht  tut  ihr  das  am  besten
zusammen,  so  daß  ihr  miteinander  diskutieren  könnt.  Ich  würde  euch  aber
raten,  dann  auch  gleich  die  Schrift  von  Robert  Danneberg  zu  lesen
„Das  sozialdemokratische  Programm"^),  denn  sie  bietet  eine  sehr  gute
Ergänzung  zu  Kautskys  Buch,  und  beide  zusammen  sind  viel  leichter  verständlich ­
  als  jedes  für  sich.  Dann  könnt  ihr  aber  auch  gleich  eine  kleine  Schrift
von  Marx  lesen,  die  nicht  schwer  zu  verstehen  ist,  denn  sie  gibt  einen  Vortrag
wieder,  den  Marx  selbst  vor  Arbeitern  gehalten  hat:  sie  heißt  „Lohnarbeit
und  Kapital"^).
„Könnten  wir  da  nicht  gleich  das  „Kommunistische  Manifest"  lesen?"
unterbrach  mich  Karl,  offenbar  stolz  darauf,  daß  er  es  kannte.  „Das  ist  doch
auch  nur  eine  kleine  Broschüre  von  Marx  und  Engels."
„Freilich  ist  es  eine  kleine  Broschüre,"  erwiderte  ich,  „aber  sie  enthält
doch  schon  die  wesentlichsten  Gedanken,  die  Marx  und  Engels  später  in  dicken
Bänden  ausgeführt  haben.  Gerade  deshalb  ist  das  „Manifest"  gar  nicht  so
leicht  zu  verstehen,  aber  es  ist,  wenn  man  einmal  zum  Verständnis  gekommen
ist,  ein  um  so  höherer  Genuß.  Da  enthält  jeder  Satz  einen  großen  Gedanken.
Darum  ist  es  notwendig,  daß  man  sich  für  diese  konzentrierte  Nahrung  vorher
noch  etwas  besser  vorbereitet.  Ich  würde  euch  daher  empfehlen,  zunächst  das
Buch  „Die  Gesellschaftsklassen  in  Deutschland"  von  Paul  Kampffmeyer^)
zu  lesen,  dann  aber  auch  Bebels  berühmtes  Werk  „Die  Frau  und  der
Sozialismus"^.
„Ja,  was  hat  denn  das  da  zu  tun?"  fragte  Wilhelm  ganz  erstaunt.
„Auf  einmal  kommst  du  mit  einem  Buch  über  die  Frauen.  Was  haben  denn
die  mit  dem  „Kommunistischen  Manifest"  zu  schaffen?"
„Das  Manifest,"  entgegenete  ich,  „gibt  in  ganz  knappen  Aügen  ein
Bild  von  der  Entwicklung  der  menschlichen  Gesellschaft  vom  Mittelalter  zur
neuesten  Zeit,  zum  Kapitalismus,  und  zeigt,  wie  die  Wirtschaft  über  den
Kapitalismus  hinausdrängt  zum  Sozialismus.  Das  Buch  von  Kampfmeyer
legt  die  wirtschaftliche  Entwicklung  für  Deutschland  etwas  ausführlicher  dar.
Bebels  „Frau"  aber  schildert  eigentlich  den  Verlauf  der  ganzen  menschlichen
Entwicklung  in  sehr  lebendiger  und  eindringlicher  Darstellung.  Wenn  ihr
das  gelesen  habt,  dann  könnt  ihr  an  die  Lektüre  des  „Kommunistischen
Manifestst  gehen.  Den  Abschnitt  III  „Sozialistische  und  kommunistische
Literatur  laßt  ihr  aber  besser  vorläufig  weg.  Um  den  zu  verstehen,  muß  man
die  Geschichte  des  Sozialismus  kennen.  Vielleicht  unterhalten  wir  uns  später
einmal  über  diese;  vorläufig  würde  ich  euch  jedoch  raten,  diesen  Abschnitt

2 )  Wien  1920,  Jg.  Brand  u.  Co.  Preis  5  Kr.
3 )  Berlin,  Vorwärts.  Preis  25  Pf
4 )  Berlin,  Vorwärts.  Preis  Mk.  2'50.
5 )  Stuttgart,  I.  H.  W.  Dietz  Nachf.  Preis  geb.  Mk.  2-50
6)  Berlin,  Vorwärts.  Preis  20  Pf.
        <pb n="120" />
        —  118  —
nicht  zu  lesen.  Aber  das  sage  ich  euch  gleich;  zum  Lesen  des  „Manifests"
braucht  man  viel  Zeit.  Wer  die  kleine  Broschüre  nur  durchfliegt,  hat  gar
nichts  davon.
Wenn  ihr  soweit  seid,  dann  könnt  ihr  sogar  an  die  Lektüre  des
„Kapitals"  selbst  denken;  aber  das  ist  eine  schwierige  Sache.  Darum
empfiehlt  es  sich,  daß  ihr  vorher  noch  das  erläuternde  Buch  von  Kautsky
■&amp;lt;  lest  „Marx'  Oekonomische  Lehren"^).  Das  empfiehlt  sich  besonders  auch  deshalb, ­
  weil  im  1.  Band  des  „Kapitals"  gerade  die  ersten  einleitenden  Kapitel
sehr  schwer  verständlich  geschrieben  sind.  Habt  ihr  aber  die  angeführten
Bücher  und  Schriften  gelesen,  dann  könnt  ihr  im  „Kapital"  zunächst  die
Kapitel  1  bis  4  überschlagen  und  bei  Kapitel  5  beginnen.  Erst  wenn  ihr  den
ersten  Band  zum  erstcnnml  ausgelesen  habt,  dann  beginnt  nochmals  mit
dem  ersten  Kapitel."
„Ja,  isieinst  du  denn,  wir  sollen  das  dicke  Buch  mehrmals  lesen?"  fragte
Karl  mit  einem  gewissen  Entsetzen.
„Das  wird  wohl  notwendig  sein,"  erwiderte  ich.  „Natürlich  kann  malt
ein  sehr  guter  Sozialdemokrat  sein,  ohne  das  „Kapital"  überhaupt  gelesen
zu  hohen.  Aber  wenn  man  in  die  Theorie,  in  die  grundlegenden  Anschauungen
  wirklich  eindringen,  wenn  man  sie  ernstlich  verstehen  will,  dann  niuß
man  das  „Kapital"  nicht  nur  lesen,  sondern  studieren.  Man  muß  viele
Stellen  mehrmals  lesen,  denn  oft  bemerkt  man  erst  später,  daß  man  eine
friihere  Stelle  nicht  richtig  verstanden  hat,  oder  umgekehrt,  sie  wird  einem
erst  im  weiteren  Verlauf  der  Lektüre  ganz  klar.  Aber  so  oft  man  eins  von
den  großen  Büchern  der  Weltliteratur  wieder  studiert,  und  das  „Kapital"
von  Marx  gehört  zu  den  allergrößten,  hat  man  nicht  nur  reichen  Gewinn,
sondern  auch  hohen  Genuß  davon."
„Aber  es  sind  doch,  so  viel  ich  weiß,  drei  Bände,"  warf  Wilhelm  ein.
„Genügt  es.denn,  wenn  man  nur  den  ersten  liest?"
„Der  erste  ist  freilich  besonders  für  Arbeiter  der  wichtigste,  weil  er
den  Produktionsprozeß  behandelt,  das  heißt  weil  er  zeigt,  dirrch  welche
wirtschaftlichen  Gesetze  unter  der  Herrschaft  des  Kapitalismus  die  Erzeugung ­
  der  Waren  beherrscht  und  geleitet  wird.  Der  Arbeiter  ist  aber  gerade
an  der  Erzeugung,  der  Produktion,  beteiligt:  von  seinen  Leiden,  aber  auch
von  seinen  Hoffnungen  ist  darum  vor  allem  im  ersten  Band  die  Rede.  Darum
ist  auch  int  Jahre  1914  eine  Volksausgabe  des  ersten  Bandes  erschienen,
welche  die  Lektüre  einigermaßen  erleichtert.
Wenn  man  aber  das  große  kapitalistische  Getriebe  gründlich  verstehen
will,  dann  muß  man  freilich  auch  die  anderen  beiden  Bände  studieren,  besonders ­
  sind  einige  Partien  der  späteren  beiden  Bände  zum  vollen  Verständnis
auch  des  ersten  Bandes  unerläßlich.  Bevor  man  an  das  eingehende  Studium
des  ganzen  großen  Werkes  geht,  empfiehlt  es  sich  darum,  nach  der  Lektüre
des  ersten  Bandes  zunächst  die  Kapitel  1,  2,  3,  5,  7  und  8  des  zweiten
Bandes  und  hierauf  die  Kapitel  1  bis  4,  8  bis  11,  und  13  bis  15  des  dritten
Bandes  zu  lesen,  dann  die  Kapitel  20  und  36,  endlich  die  Kapitel  37,  38,  45
und  47  des  dritten  Bandes.
Am  schwierigsten  ist  wohl  der  zweite  Band,  besonders  die  letzten,  dabei
aber  wichtigsten  Teile;  ihre  Lektüre  wird  wird  wohl  auch  am  besten  zum
7 )  Stuttgart,  I.  H.  W.  Dietz  Äiachf.  Preis  2  Mk.
        <pb n="121" />
        Schluß  vorgenommen.  Die  Kapitel  18  bis  21.  des  zweiten  Bandes  sind  sehr
schwer,  ober  auch  höchst  wertvoll.  Sie  schildern  den  Kreislauf  des  gesellschaftlichen ­
  Gesa.ntkapitals.  Hat  man  sich  auch  durch  sie  durchgearbeitet,  dann
kehrt  mau  am  besten  zrrnl  dritten  Band  zuriick  und  liest  die  das  ganze  Werk
abschließenden  Kapitel  48  bis  52."
„Aber  um  Gottes  willen,  das  ist  ja  ganz  entsetzlich,"  rief  Karl  da  bestürzt. ­
  .„Warum  hat  denn  Marx  das  nicht  selber  in  der  Reihenfolge  geschrieben, ­
  in  der  man  sein  Buch  lesen  soll?  Warum  mutz  man  jetzt  darin
herumhüpfen  wie  der  Frosch  im  Teich?"
„Marx  hat  sein  Werk  nicht  als  Lehrbuch  geschrieben,"  eutgegnete  ich,
„er  hat  ein  wissenschaftliches  Systenr  aufgestellt.  Wenn  man  einmal  das
Ganze  begriffen  hat,  dann  sieht  inan  auch  die  Folgerichtigkeit  dieses  Systems
ein.  Aber  zur  ersten  Orientierung  dürfte  es  wohl  am  besten  sein,  die  Kapitel ­
  in  der  Reihenfolge  zu  lesen,  wie  ich  sie  euch  angegeben  habe.  Natürlich
muß  man  dann  das  gaiize  Werk  nochmals  durchnehmen."
„Ach,  jo  alt  werde  ich  in  meinem  Leben  nicht,"  seufzte  Karl.
„Aller  Anfang  ist  bekanntlich  schwer,"  erwiderte  ich  beruhigend.  „Nicht
jeder  mutz  und  nicht  jeder  kann  die  großen,  grundlegenden  lvissenschaftlichen
Werke  selbst  studieren.  Unsere  Volksschulen  sind  so  mangelhaft,  daß  es  den
Schülern  später  schon  sehr  schwer  fällt,  wissenschaftliche  Bücher  zu  lesen.  Die
Arbeit  des  Proletariers  aber  saugt  ihm  noch  dazu  so  alle  Kräfte  aus,  daß
er  meist  nicht  imstande  ist,  seine  spärliche  freie  Zeit  noch  anstrengender
geistiger  Arbeit  zu  widmeii.  Trotzdem  aber  haben  es  doch  einzelne  Arbeiter
fertig  gebracht,  sich  in  die  schwierigsten  wissenschaftlichen  Arbeiten  zu  vertiefen. ­
  Höchste  Ehre  ihrem  Streben,  ihrem  Eifer,  ihrer  bewunderungswürdigen ­
  Zähigkeit!  Ob  ihr  imstande  sein  werdet,  so  Außerordentliches  zu
leisten,  das  weiß  ich  ja  nicht;  aber  streben  werdet  ihr  gewiß  danach,  zu  leisten,
was  in  euren  Kräfte,:  steht.  Ich  kann  dabei  nicht  mehr  tun,  als  euch  den
Weg  zeigen,  den  ich  für  den  besten  und  den  gangbarsten  halte."
„Aber  ist  nicht  seit  Marx'  Tod  vieles  geschehen,  was  er  doch  nicht  voraussehen ­
  konnte?"  wandte  Wilhelm  schüchtern  ein.  „Fst  es  nicht  notwendig,
auch  darüber  etwas  zu  erfahren?"
„Ganz  richtig,"  erwiderte  ich.  „In  dieser  Hinsicht  ist  Marx'  Werk  auch
in  letzter  Zeit  ergänzt  worden.  In  populärer  Weise  haben  das  Otto  Bauer
in  seiner  Schrift  „Die  Teuerung"  und  Parvus  in  seiner  Broschüre  „Die
Banken,  der  Staat  und  die  Industrie"  getan;  in  streng  wissenschaftlicher
Form  Rudolf  Hilferdings  in  seinem  großen  Werk  „Das  Finanzkapital".  Das
ist  freilich  auch  nicht  leicht  zu  lesen.  Wenn  man  aber  Marx  studiert  hat,  dann
kann  man  auch  ohne  Schwierigkeit  besonders  die  Kapitel  7  und  12  bis  15
lesen,  die  für  uns  die  wichtigsten  sind;  und  verhältnismäßig  leicht  verständsich
  ist  der  letzte  Abschnitt,  der  die  Wirtschaftspolitik  der  großen  Kapitalmächte
behandelt.  Erst  wenn  man  sie  versteht,  kann  man  voll  begreifen,  was  für
Kräfte  heute  die  Politik  der  Welt  beherrschen;  wie  sich  alles  immer  mehr  zuspitzt
  zu  einem  furchtbaren  Entscheidungskampf  zwischen  den  Kapitalisten
und  Arbeitern.  Ueber  die  laufenden  Fragen  der  Wirtschaft  und  Politik  finbet
  ihr  am  besten  Aufschluß  in  der  Lektüre  der  „Neuen  Zeit"  und  des
„Kampf",  des  wissenschaftlichen  Organs  unserer  österreichischen  Bruderparte,.
        <pb n="122" />
        Ihr,  meine  Freunds,  seid  noch  jung,  vor  euch  liegt  die  Zukunft.  Wie
sie  aussehen  wird,  ob  sie  unter  stets  schwererer  Knechtschaft  seufzen,  ob  sie
in  Freiheit  und  Glück  jubeln  wird,  das  hängt  mit  von  euch  ab,  von  eurem
Mut,  eurer  Ausdauer,  cum-  Kraft  und  vor  allem  eurer  Erkenntnis.  Denn
diese  ist  die  mächtigste  Waffe.  Nur  wer  des  Feindes  Kräfte  kennt  und  die
eigenen,  und  wer  den  richtigen  Augenblick  erkennt  und  ihn  benutzt,  um  alle
seine  Kraft  auf  den  richtigen  Punkt  zu  sammeln,  der  ist  ein  furchtbarer
Gegner,  ihm  gebührt  der  Sieg,  ihm  kann  er  nicht  entgehen.
Der  einzelne  Arbeiter  ist  schwach,  er  wird  wehrlos  vom  Kapital  erdrückt. ­
  Nur  wenn  er  mit  seinen  Leidensgefährten  eisern'^,nsammenhält  und
wenn  sic  alle  zusammen  ihre  Kräfte  in  die  Richtung  der  wirtschaftlichen
Entwicklung  einstellen,  dann  können,  dann  müssen  sie  siegen.  Darum,  meine
jungen  Freunde,  wappnet  euch  zum  großen  Kampf  durch  Solidarität  und
durch-  Erkenntnis,  und  zeigt  mutvolle  Entschlossenheit  im  Augenblick,  der  als
der  richtige  zum  Handeln  erkannt  ist.
        <pb n="123" />
        Danneberg  Robert
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17.  Auflage.  —  Wien  1920.  —  208  Seiten.  —  Kr.  5  —
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84  Seiten.  Wien  1918.  Kr.  3-60
Die  Diktatur  des  Proletariats
4.  Auflage.  64  Seiten.  Wien  1919.  Kr.  3  —
Dr.  phil.  Rosenberg
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Eine  kritische  Studie.
Wien  1904.  128  Seitru.  Kr.  5  40
Grigoroviei  Tatjana
Vie  lvertlehre  bei  fllarf  mb  £a)ialle
Beitrag  zur  Geschichte  eines  wissenschaftlichen  Mißverstöndnisfes.
Separatabdruck  aus  Marx-Studien,  Band  III.
Wien  1910.  96  Seiten.  Kr.  3  60
Luzzatto  Elisabeth
Mtfliing  uni  wesen  Den  WsllMiis
SozlaliftisSe  Bewegungen  und  Lysteme  bis  zum  Sabre  1848.
Wien  1910.  441  Seiten.  Kr.  7'20
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Wiener  Volksbuchhandlung  Ignaz  Brand  &amp;amp;  Co.
Wien  VI,  Gump  endorferstratz  e  18.
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        81

„-3a,
sind  davon
kommen  si  I
zustande  so?
„9iurfr»  S
um  zu  jen”3l
die  Kapital
gesehen,  w
zuwenden,
„Abc
warf  Wilh
die  Kapita
sein.  Wir
„Oho
von  Maschl
haben,  je  r
vor,  alle  M
arbeiten.  T
genießen  h.
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für  alle  he
leicht  nur
mehr  und
„Ja,
nicht.  Je  m
den  Arbeit
„Das
gehören,  so
„Nun
wem  die  A
ganze  Prod
zu  befriedi
also  erst  sti
man  unters
also  gesehei
viel  Wert  z
Arbeitsmits
zu  behalten
der  Löhne  j
gewinnen,  I
Maschinerie
Betriebskos
Kapital  bei
allem  jedock
„Aber
„dein  erster
längerung  i
Kapitalister
so  gut  sie  n
„Und
Hinschauen,

*irl,  „dieses  Bedenken  ist  mir  auch  gekommen.  Wir
;,  zu  untersuchen,  wie  die  Arbeiter  ins  Elend  geen
  dafür  gelernt,  wie  der  Profit  der  Kapitalisten
ch,  „vielleicht  war  das  gerade  der  notwendige  Weg,
ling  zu  kommen.  Wir  haben  jetzt  gesehen,  warum
mehr  Maschinen  anwenden,  und  wir  haben  auch
cen  Profit  wirkt.  Jetzt  können  wir  uns  der  Frage
fine  auf  die  Lage  des  Arbeiters  wirkt."
'ir  uns  doch  den  langen  Umweg  ersparen  können,"
l  p  hätten  wir  doch  gleich  untersuchen  können.  Was
.  Maschinen  haben,  das  kann  uns  doch  gleichgültig
Kapitalisten."
l-»ch.  „So  liegt  die  Sache  doch  nicht.  Die  Anwendung
e  allerverschiedensten  Wirkungen  für  die  Arbeiter
sie  gehören,  wer  ihre  Anwendung  leitet.  Stellt  euch
ten  den  Arbeitern  selbst,  die  für  sich  selbst  mit  ihnen
^  Nenschen  um  so  weniger  zu  tun  und  um  so  mehr  zu
Maschinen  da  sind;  wenn  zum  Beispiel  die  Schneider
beiten  mußten,  um  mit  der  bloßen  Hand^  Kleider
jverden  sie  nach  Einführung  der  Nähmaschine  vielzu
  arbeiten  brauchen,  und  dabei  werden  noch  alle
|  I  haben/'
i:  lichkeit,"  warf  Wilhelm  ein,  „stimmt  das  doch  gar
::  eingeführt  werden,  desto  schlechter  geht  es  meistens
jderte  Karl,  „weil  die  Maschinen  nicht  den  Arbeitern
pitalisten."
-gänzte  ich,  „daß  es  eben  gar  nicht  gleichgültig  ist,
i;  rett  und  welchem  Zwecke  sie  dienen.  Heute  hat  die
:r  Linie  nicht  den  Zweck,  die  Bedürfnisse  der  Masse
PP  Isis  r :  &amp;gt;en  Profit  der  Kapitalisten  zu  erhöhen.  Man  muß
jr  Profit  beschaffen  ist  und  was  ihn  erhöht,  damit
tc  die  Maschine  auf  den  Arbeiter  wirkt.  Wir  haben
Kapitalisten  darauf  ankommen  muß:  1.  möglichst
so  möglichst  lange  Arbeitszeit  und  Ausnutzung  der
"lent  neu  erzeugten  Wert  möglichst  viel  für  sich  selbst
f  _  wenig  herzugeben,  daher  vor  allem  Herabdrückung
litalistischen  Konkurrenten  den  Vorsprung  abzu-3
  «duzieren  als  er,  daher  steigende  Verwendung  von
Herabdrückung  der  Löhne;  4.  nach  Möglichkeit  an
n,  damit  sich  der  Profit  auf  ein  möglichst  kleines
iher  billiger  Einkauf  von  Rohmaterial  u.  s.  to.,  vor
rabdrückung  der  Löhne."
|  schrecklich,"  rief  Wilhelm  ganz  entsetzt  dazwischen;
irittenS  und  viertens,  alles  läuft  hinaus  auf  Ver°
und  Verkürzung  des  Arbeitslohnes.  Also  hätten  die
in  anderes  Interesse,  als  die  Arbeiter  zu  schinden.

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ii  tor!"  bestätigte  Karl.  „Du  kannst  in  unserer  Fabrik
;,lst,  alles  ist  darauf  angelegt,  entweder  Arbeiter  zu
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</TEI>
