68 ständig umzuarbeiten. Er ist aber nicht mehr dazu gekommen, und erst seine Schüler haben versucht, sein Werk fortzusetzen. Ursachen dieser Schwierigkeiten. Selbst den unmittelbaren Schülern Le Play’s, die nach seiner Methode arbeiteten und in den methodischen Zusammenhang zwischen System und Materialsammlung einzudringen suchten, ist es nie ganz einwandfrei gelungen, den Zusammenhang klarzulegen. Sie sind alle überzeugt, daß ein enges Band vorhanden ist; es tritt aber nach außen nicht in die Erscheinung. ­ So kam es, daß Le Play selbst von vielen ihm Nahestehenden verkannt wurde, und daß „La reforme sociale en France“ als das „Ergebnis hoher Philosophie“ angesehen wurde. Paul deßousiers 1 ) gibt einige Gründe an, die diesen methodischen Mangel erklären sollen. Zunächst, meint er, mußte Le Play für sich selbst erst einmal eine Arbeitsmethode finden, ehe er daran denken konnte, die Methode zu lehren. Das ist richtig. Aber die Nichtlehrbarkeit ist ja nicht der Vorwurf, der Le Play gemacht wird, sondern die Nichtsichtbarkeit ­ der Methode. Es ist viel wichtiger, daß eine neue Methode zunächst einmal sichtbar ist; lehrbar wird sie erst im weiteren Verlauf ihrer Entwicklung, nämlich wenn sie einen typischen, allgemein gültigen Charakter angenommen hat. Deßousiers gibt aber einen Fingerzeig dafür, weshalb Le Play die Methode, auf die er im Anfänge so viel Wert gelegt und Arbeit verwendet hat, später vernachlässigte: die ßeformarbeit wurde in Frankreich immer dringender; sie drängte das streng wissenschaftliche Verfahren in den Hintergrund. Er sagt 2 ): Zwanzig Jahre lang wurden seine dauernden Bemühungen, in das Geheimnis ­ des ßesellschaftslebens einzudringen, durch den Wunsch lebendig gehalten, ­ die für das Heil seines Vaterlandes nützlichen Wahrheiten zu erkennen. Als er so weit war, die Grundlagen der .Reform in Frankreich klar zu sehen, machte er sich zunächst daran, sie aufzuzeigen und die wissenschaftliche Sorge um die Methode sah sich an die zweite Stelle gedrängt. Ein zweiter Grund, den de ßousiers angibt, hält mit Tourville dem Genie Le Play’s die Vernachlässigung der Methode zugute: de ßousiers macht einen scharfen Unterschied zwischen Le Play und seinen Schülern. Der Meister sah in der Monographie der Arbeiterfamilie die ganze Gesellschaft vor sich; schon ehe er die Auswahl einer Familie vornahm, war er über die sozialen Verhältnisse ­ gut unterrichtet; er besaß den großen Überblick über das *) La Science sociale 1904, S. 18 ff. 2 j 1. c. S. 21.