71 in Vergessenheit gebracht hatten. Deshalb blieb er dem neuen Geiste gegenüber unzugänglich und ablehnend. Er war 1 ) gewappnet gegen die Irrlehren, die die modernen Historiker, die Poli tiker, die Dichter, die Presse nsw. yortrugen. . .. Ich blieb zuerst gleichgültig gegenüber den Schriften, die meine Mitschüler begeisterten; dann verabscheute ich sie, als ich die blutigen Ereignisse vom Juli 1830 daraus hervorgehen sah, die sich seitdem so oft wiederholt haben. Also immer Ablehnung und Verabscheuung der modernen Ideen, die allein für das nationale Unglück haftbar gemacht wurden. Daneben finden wir bei Le Play schon früh jene ausgeprägte „hierarchische“ Auffassung vom Staats- und Gesellschaftsleben, d. h. die Vorstellung von über- und untergeordneten Gesellschafts klassen, die ihm ebenfalls vollkommen in Fleisch und Blut über gegangen war. Auch in seinem Privatleben zeigt sich diese Auf fassung von der Überordnung des einen über den anderen. Als er mit seinem Freunde Reynaud in Deutschland reiste, ergaben sich oft lebhafte Meinungsverschiedenheiten; aber die hierarchischen Gewohnheiten bestimmten mich dazu, die manchmal etwas scharfen Wendungen des „Älteren“ gern hinzunehmen 2 ). Wie wir in der Jugend diese Auffassung schon wahrnehmen können, so finden wir sie später wieder, bis in die Einzelheiten systematisch ausgebaut. Eine solche organische Auffassung des Volkslebens hatte ihre volle Berechtigung; aber indem jede andere Auffassung von vornherein abgewiesen wurde, entstand ein „Vorurteil“. Er hätte die Notwendigkeit der „hierarchischen“ Gliederung beweisen müssen. Le Play wußte wohl, daß auch er sich vor „opinions precongues“ zu hüten habe 3 ); aber er dachte dabei je länger, um so weniger an jene ihm in der Jugend eingepflanzten Vorstellungen, an die ganze Richtung seiner eigenen Erziehung, sondern an gewisse sein Volk und seine Zeit beherrschenden Vorstellungen, vor allem an die Überschätzung des Reichtums, an die demokratischen Anschauungen der großen Revolution. Sie suchte er bei sich zurückzudrängen, weil er sie als Hemmungen seiner wissenschaftlichen Arbeit be trachtete. Er sah die Gefahr immer nur auf der einen Seite, so sehr stand er selbst auf der anderen. Dieser Standpunkt, zu dem ') 0. E. I, 619. 2 ) 0. E. I, 39. 3 ) Ref. soc. I, 65.